The Project Gutenberg EBook of Mary, Erzaehlung, by Bjornstjerne Bjornson This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at www.gutenberg.net Title: Mary, Erzaehlung Author: Bjornstjerne Bjornson Release Date: December 20, 2003 [EBook #10507] Language: German Character set encoding: ISO Latin-1 *** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MARY, ERZAEHLUNG *** Produced by Juliet Sutherland, Brett Koonce and PG Distributed Proofreaders MARY, ERZAeHLUNG von BJORNSTJERNE BJORNSON * * * * * Das Gut und die Familie Die Kuestenlinie des suedlichen Norwegen ist haeufig unterbrochen. Daran sind die Berge und die Fluesse schuld. Das Gebirge laeuft in Huegel und Landzungen aus, denen oft Inseln vorgelagert sind; die Stroeme haben Taeler gegraben und muenden in Buchten. In solch einer Bucht, dem "Kroken", lag das Gehoeft. Urspruenglich hiess der Hof Krokskog, woraus die daenischen Beamten in ihren Protokollen "Krogskov" machten; jetzt heisst er Krogskog. Die Besitzer nannten sich einstmals Kroken; Anders oder Hans Kroken, das waren die Hauptnamen. Spaeter nannten sie sich Krogh, der General vom Geniekorps sogar von Krogh. Jetzt heissen sie recht und schlecht Krog. Alle Leute, die auf den kleinen Dampfern von oder nach der nahen Stadt hier vorbeikamen und an der Landungsbruecke unterhalb der Kapelle anlegten, wussten davon zu erzaehlen, wie behaglich und traulich geborgen Krogskog doch dalaege. Die Berge am Horizont nahmen sich grossartig aus; hier vorn aber waren sie niedriger. Zwischen zwei vorspringenden, bewaldeten, langgestreckten Huegelruecken lag der Hof. So dicht draengten sich die Haeuser an die Anhoehe zur Rechten, dass es den Dampferpassagieren vorkam, als koenne man vom Dach des Hauses auf den Huegel hinueberspringen; der Westwind fand hier keinen Einlass; wie beim Versteckspiel konnte man zu ihm sagen: "Ein Haus weiter!" Das gleiche konnte man auch zum Nord- und Ostwind sagen. Einzig der Sturm von Sueden her kam zu Gast, aber auch nur in aller Bescheidenheit. Die Inseln, eine grosse und zwei kleine, hielten ihn auf und stutzten ihn zurecht, bis sie ihn weiterziehen liessen. Die hohen Baeume vor dem Hause wiegten nur gerade rhythmisch ihre hoechsten Wipfel; die Haltung verloren sie nicht. Diese stille Bucht hatte den besten Badestrand der ganzen Gegend. Besonders die Jugend kam im Sommer an den Samstagabenden oder Sonntags aus der Stadt, um im Wasser auf dem sandigen Grunde herumzutollen oder nach der Grossen Insel hin und zurueck zu schwimmen. Von Krogskog aus gesehen, lag der Badestrand zur Linken, da, wo der Fluss muendete, wo die Landungsbruecke war, und wo, ein wenig hoeher und dem Huegel naeher, auch die Kapelle sich befand, umgeben von den Krogschen Familiengraebern. Von da bis hinauf zu den Haeusern rechts war es ein gutes Stueck. Hier oben war kaum je der Laerm der Badenden und Spielenden zu hoeren. Anders Krog aber kam gern selbst hinunter, um ihnen zuzusehen, wenn sie auf der Sandbank oder im Walde draussen auf der Landspitze Feuer angezuendet hatten. Er kam vermutlich, um ein Auge aufs Feuer zu haben. Aber davon hoerte und merkte niemand etwas. Er war bekannt als "der hoeflichste Mann der Stadt", oder "der erste Gentleman der Stadt." Seine grossen, eigentuemlich leuchtenden Augen glitten wie ein freundlicher Willkommgruss ueber alle Gesichter; die wenigen Worte, die er sprach, enthielten nichts als gute Wuensche. Er selbst stieg den Huegel weiter hinan auf seinem gewohnten, langsamen Rundgang. Seine hohe, leicht vornuebergebeugte Gestalt war oben im Wald zu sehen, und so lange blieb es still. Aber was hatten sie hier sonst fuer einen Spass. Meist waren es Arbeiter und Handwerker aus der Stadt, Turnvereine, Gesangvereine, Kinder. Sie scharten sich bei der Landungsbruecke und bei der Kapelle; da zogen sie sich aus. Die Strandstrasse fuehrte unmittelbar daran vorbei. Aber im Sommer fuhr selten jemand dort entlang; da fuhr man lieber mit den kleinen Dampfern oder in Booten. Wenn die Badenden oben auf dem Huegel einen Posten aufstellten, waren sie sicher, dass keiner sie ueberrasche. Oben auf dem Hof selbst war es still, immer still. Die schoenste Vorderfront des Hauptgebaeudes sah nicht einmal auf die Bucht hinaus, sondern aufs Feld. Das Haus bestand aus zwei hohen Stockwerken mit abgestumpften Dachecken. Ein langes, breites Haus. Die Grundmauer vorn war ziemlich hoch; eine bequeme Treppe fuehrte hinauf. Das ganze Gebaeude war weissgestrichen, die Grundmauer aber und die Fenster schwarz. Die Nebenhaeuser lagen naeher dem Huegel zu; vom Dampfer aus waren sie nicht zu sehen. Zu beiden Seiten des Hauptgebaeudes grosse Gaerten. Der Garten nach der See zu stand voller Obstbaeume, der links vom Hause war ausschliesslich Blumen- und Kuechengarten. Zwischen den Hoehen lag ein laenglicher Streifen flachen Wiesenlandes. Es war vorzueglich bestellt. Die grossen hollaendischen Kuehe hatten es gut hier. Die Geschichte des Gutes und der Familie hatte der Wald vorausbestimmt. Der Wald war gross und ueppig und war gluecklicherweise fruehzeitig unter hollaendische Pflege und Sparsamkeit geraten, damals als hollaendische Kuffs die Waldbesitzer in Norwegen aufsuchten. Hier bekamen sie ihre Holzladung und versorgten die Norweger dafuer mit ihrer Kultur und deren Erzeugnissen. Krogskog hatte besonderes Glueck dabei; denn vor nun dreihundert Jahren geschah es, dass der Besitzer eines Kuffs, der in der Bucht lag und lud, sich in des Bauern blondhaarige Tochter verliebte. Das Ende vom Liede war, dass er die ganze Herrlichkeit kaufte. Ein wundervoll gemaltes Bild von ihm und ihr haengt noch in der guten Stube, der Eckstube nach der Bucht hinaus. Das Portraet zeigt einen langen, hageren Mann mit ungewoehnlich leuchtenden Augen. Er war dunkelhaarig und ein wenig krummnackig. Der Stamm muss kraeftig gewesen sein, denn so sehen die Krogs noch heutigentags aus. Der erste hollaendische Besitzer hiess nicht Krog; er wohnte auch nicht hier; aber der Sohn, der den Hof uebernahm, war nach seinem Grossvater muetterlicherseits Anders Krog getauft, und er nannte seinen Sohn nach seinem eigenen Vater Hans. Fortan wechselten die beiden Namen miteinander ab. Wenn noch mehr Soehne da waren, hiess einer Klas und einer Juerges, woraus im Lauf der Zeit Klaus und Juergen wurde. Die Mischehen mit den hollaendischen Verwandten setzten sich naemlich fort, so dass die Familie zu gleichen Teilen hollaendisch und norwegisch war; der Haushalt wurde lange Zeit ganz hollaendisch gefuehrt. Aber es war, als wenn sich die Rassen trotzdem nicht vermischten. Wahrscheinlich weil das hollaendische Element nicht rein hollaendisch war,--in diesem Falle haette es sich leichter mit dem norwegischen Element verschmolzen,--sondern mit spanischem Blut durchsetzt war. Das schwarze Haar, die leuchtenden Augen, der hagere Koerper vererbten sich von Glied zu Glied bei den Maennern; das blonde Element aber und die kraeftig gebaute Gestalt blieb den Frauen eigen; in ihnen floss norwegisches Blut, vermengt mit hollaendischem. Selten sah man ein andres Zugestaendnis der maennlichen Linie an die weibliche oder umgekehrt, als dass helles und dunkles Haar sich in rotem fanden, oder dass die leuchtenden Augen auch einmal auf ein Frauenantlitz uebergingen. Es war eine Eigentuemlichkeit der Familie, dass in allen Ehen mehr Maedchen als Knaben geboren wurden. Die Krogs waren schoene Menschen und durchgehend wohlhabend; infolgedessen war die Familie weitverbreitet und angesehen. Man sagte ihnen nach, sie hielten ihre Leute und ihre Habe gut zusammen. Ihnen allen gemeinsam war ein weises Masshalten. In Norwegen ist es ja allgemein, dass ein Vermoegen nicht durch drei Generationen besteht. Wird es nicht in der zweiten vergeudet, dann sicherlich in der dritten. Hier hielt es sich. Fuer den Hauptsitz der Familie waren die Waelder heute eine ebensolche Quelle des Reichtums wie vor dreihundert Jahren. Erblich in der Familie war der Hang zum Wandern. In der Bibliothek des Hofes waren mehr Reisebeschreibungen als Werke aus anderen Gebieten, und es wurden ihrer bestaendig mehr. Schon die Kinder hatten am Reisen Interesse, d.h. sie machten Plaene nach Buechern, Bildern und Karten. Sie spielten reisen auf den Tischen. Sie wanderten von der einen Stadt, die aus farbigen Papierhaeusern aufgebaut war, zu den andern gleicher Art. Sie schoben Schiffe hin und her, die auch aus buntem Papier waren und die Bohnen, Kaffee, Salz und Hoelzer fuehrten. Draussen auf der Bucht ruderten, segelten und schwammen sie von der Landungsbruecke zu den Inseln hinueber. Von Europa nach Amerika, von Japan nach Ceylon. Oder sie zogen ueber die Huegelruecken, d.h. ueber die Kordilleren zu den allerdenkwuerdigsten Indianerstaedten. Kaum waren sie erwachsen, so ging es auf die Wanderschaft; es fing meistens mit einer Reise zu den hollaendischen Verwandten an. So kam vor vielleicht zweihundert Jahren ein Mann dahin, der freilich sofort mit einem hollaendischen Ostindienfahrer weiterreiste, aber nach Amsterdam zurueckkehrte in dem Wunsch, Baumeister und Ingenieur zu werden, was damals zusammengehoerte. Er zeichnete sich aus und wurde spaeter als Lehrer in seinem Fach nach Kopenhagen berufen. Da ging er zum Heer ueber und wurde schliesslich General im Geniekorps. Durch Erbschaft und Arbeit hatte er sich ein Vermoegen erworben, nahm den Abschied und siedelte sich in Krogskog an, das er einem kinderlosen Bruder abkaufte. Er nannte sich Hans von Krogh. Er baute das jetzige Hauptgebaeude aus Stein, eine wenig gebraeuchliche Bauart in einer norwegischen Waldgemeinde. Der alte Ingenieur wollte seinen Spass haben. Obwohl er nicht verheiratet war, baute er es geraeumig "fuer die Kommenden." Alle Haeuser des Gehoefts baute er um; er grub und pflanzte; er liess einen Gaertner aus Holland kommen, den alten Siemens, von dessen strengem Wesen und heissem Streben nach Reinlichkeit und Ordnung noch heute berichtet wird. Fuer ihn baute der General das Treibhaus und die Gaertnerwohnung. Der General wurde sehr alt. Nach ihm geschah nichts Besonderes, bis der Juengere von zwei Bruedern nach Amerika ging und sich dicht am Michigansee ansiedelte, wo damals noch Neuland war. Das wurde als ein grosses Ereignis angesehen. Er hiess Anders Krog, und es ging ihm gut da drueben. Nur wunderte man sich, dass er sich nicht verheiratete. Er wollte einen seiner Neffen zu sich nehmen, um ihm seinen Besitz zu ueberlassen. So kam es, dass der aeltere Bruder des jetzigen Eigentuemers von dannen zog. Er hiess Hans. Aber siehe da, ein jung norwegisch Maedchen, auch eine Verwandte, kam genau zur selben Zeit hin, und in sie verliebte sich der alternde Onkel. Er bot seinem Neffen an, ihm die Kosten der Rueckreise zu erstatten. Dem jungen Mann aber erschien das unwuerdig. Er blieb und fing ein eigenes Geschaeft an, und zwar einen Holzhandel, denn darauf verstand er sich. Das Geschaeft ging ausserordentlich gut. Als er nach dem Tode seines Vaters nach Hause sollte und den Hof uebernehmen, wollte er nicht. Der juengere Bruder Anders war inzwischen Kaufmann geworden; er betrieb das groesste Kolonialwarengeschaeft der Stadt. Jetzt musste er auch den Hof uebernehmen. Ein eigentlicher Geschaeftsmann war der junge Anders Krog nicht. Aber seine Gewissenhaftigkeit ohnegleichen und sein ruecksichtsvolles Wesen bewirkten, dass bald alle bei ihm kauften. Ein andrer haette reich dabei werden muessen; aber das wurde er nicht. Als er Krogskog uebernahm, war sowohl das Geschaeft in der Stadt wie vor allem auch der Hof erheblich verschuldet. Keins von beiden hatte er billig bekommen. Reisen hatte er freilich auch muessen, aber es waren jedes Jahr nur vier Wochen gewesen, einmal nach England, ein andermal nach Frankreich usw. Sein groesster Wunsch war allerdings, einmal bis nach Amerika zu kommen, aber dazu hatte er denn doch nicht den Mut. Er begnuegte sich damit, von dem neuen Wunderlande zu lesen; Lesen war seine groesste Freude; nach ihr kam das Hantieren im Garten. Das verstand er besser als der Gaertner. Dieser stille Mann mit den leuchtenden Augen war schuechtern wie ein Maedchen von vierzehn Jahren. An jedem Werktag morgen suchte er sich einen einsamen Platz--d.h. wenn so einer da war--auf dem kleinen Dampfer, der ihn nach der Stadt brachte, solange die Bucht nicht zugefroren war. Beim Aussteigen war er voll Ruecksicht gegen die andern; ehrerbietig gruessend eilte er an ihnen vorbei, wenn er an Land gekommen war,--und war dann in seinem Hause am Markt zu finden bis zum Abend, wo er auf die gleiche Weise heimkehrte. Das heisst: wenn er nicht radelte. Im Winter fuhr er mit dem Wagen oder uebernachtete in der Stadt, wo er in seinem eigenen Hause zwei bescheidene Mansardenstuben bewohnte. Er hatte das Zeug zu dem besten Ehemann, den man sich in der Stadt vorstellen konnte. Aber seine unueberwindliche Bescheidenheit machte jede Annaeherung unmoeglich,--bis die rechte kam. Da war er aber schon ueber vierzig Jahr. Es ging ihm wie seinem Namensvetter, dem Onkel am Michigansee, dass ein junges Maedchen aus seiner eigenen Familie erschien und ihn eroberte. Und das war ausgerechnet das einzige Kind dieses Onkels. Er stand eines Sonntag morgens in Hemdsaermeln in seinem Kuechen- und Blumengarten an der Nordseite des Hauses, als ein junges Maedchen mit einem grossen Strohhut die beiden unbehandschuhten Haende auf das weisse Staket legte und zwischen den grossen Knaufen des Gitters hindurchschaute. Anders Krog, der vor einem Blumenbeet kauerte, hoerte ein schelmisches "Guten Tag" und fuhr in die Hoehe. Seine Augen nahmen das Maedel wie eine Offenbarung in sich auf. Sprachlos und unbeweglich stand er mit seinen erdigen Haenden da und starrte sie an. Sie lachte und sagte: "Wer bin ich?" Da kam ihm die Besinnung zurueck. "Sie sind--Sie sind sicher--", er kam nicht weiter, aber sein Laecheln hiess sie willkommen. "Wer bin ich?"--"Marit Krog aus Michigan." Er hatte von seiner Schwester, die jenseits des linken Huegelrueckens wohnte, gehoert, Marit Krog sei unterwegs. Aber er hatte nicht geahnt, dass sie schon da war.--"Und Sie sind der Bruder meines Vaters", antwortete sie in etwas englischem Tonfall. "Wie Ihr beide Euch aehnlich seid!--Nein, wie Ihr Euch aehnlich seid!"--Sie stand und starrte ihn an. "Darf ich nicht hineinkommen?"--"Ja, selbstverstaendlich,--aber erst--erst muss ich doch--", er blickte auf seine Haende und auf die Hemdsaermel.--"Ich kann ja ins Haus gehen?" sagte sie unternehmungslustig. "Das koennen Sie,--selbstverstaendlich! Gehen Sie bitte durch die Haupttuer hinein. Ich werde das Maedchen schicken",--und er begab sich eilig nach der Kueche. Sie lief vorn vor das Gebaeude und die Treppe hinauf. Sie musste einen ungeheuer grossen Schluessel, der wie der ganze Eisenbeschlag ein altes Kunstwerk war, umdrehen, um in das Vorzimmer zu gelangen, das sehr viel Licht hatte. In ihr steckte ein Stueck von einem Maler, sie hatte Augen fuer so etwas. Sie sah sofort, dass all diese grossen und kleinen Schraenke wunderschoene hollaendische Arbeit waren, und dass das Zimmer groesser war, als es den Anschein hatte; denn die Moebel nahmen viel Platz ein. Eine schoene altertuemliche Treppe mit Schnitzwerk fuehrte zu ihrer Rechten in das zweite Stockwerk hinauf. Geradeueber musste der Eingang in die Kueche sein; sie dachte es sich und sie roch es auch. Das bestaetigte sich ihr, als das Maedchen herauskam. Durch die offne Tuer sah sie in eine Kueche hinein, deren Fussboden mit Marmorfliesen belegt war; die Waende waren mit blaubemalten Kacheln bekleidet, und auf dem Gesims, das die Wand in zwei Haelften teilte, stand blankgeputztes Kupfergeschirr in allen Groessen. Eine hollaendische Kueche. Hier im Vorzimmer stand sie auf Teppichen so dick, wie sie noch nie welche betreten hatte. Ebenso schwer waren die Teppiche auf der Treppe, die von Messingstangen gehalten wurden, wie sie dicker nie welche gesehen hatte. Hier gehen die Menschen auf Kissen, dachte sie, und ihr kam gleich das Bild in den Sinn, das Haus sei ein ungeheures Bett. Spaeter nannte sie es immer "das Bett." "Wollen wir jetzt nach Hause ins Bett?" sagte sie dann lachend. Zu beiden Seiten sah sie Tueren und malte sich die Zimmer dahinter aus. Links von ihr, d. h. an der rechten Seite des Hauses, komme erst ein kleineres Zimmer nach vorn und dahinter, nach der Bucht hinaus, ein grosser Raum ueber die ganze Breite des Hauses. Und das traf zu. Zur Rechten stellte sie sich das Haus der Laenge nach in zwei Zimmer geteilt vor. Auch das stimmte. Es war nicht weiter verwunderlich, denn ihres Vaters Haus am Michigansee war nach diesem Bau eingerichtet. Oben dachte sie sich einen breiten Gang quer durch das Haus und kleinere Zimmer zu beiden Seiten des Flurs. Waren aber hier unten schon unglaublich dicke Teppiche, so waren sie da oben womoeglich noch dicker, richtige Kissen. Dies Haus liess kein Geraeusch aufkommen. Hier lebten stille Menschen. Das Maedchen hatte die Tuer an der Seite geoeffnet, die zur See hinausging. Marit trat ein und sah sich alle Malereien und Schnurrpfeifereien im Zimmer an; es war allerdings ueberladen, aber jedes einzelne Stueck war sorgfaeltig ausgesucht, zum Teil mit intimem Geschmack; das sah sie sofort. Hier waren unter anderem Gemaelde, die einen hohen Wert haben mussten. Was sie aber besonders beschaeftigte, war der Gedanke, dass sie erst jetzt ihren alten Vater verstand, obwohl sie von klein an mit ihm zusammengelebt hatte, ganz allein mit ihm; ihre Mutter hatte sie frueh verloren. Aus so viel Feinem und Kostbarem war er zusammengesetzt. Ein bisschen bunt durcheinander und daher unbeachtet. War's nicht, als komme er jetzt und stelle sich neben sie und laechele sein diskretes, warmes Laecheln, weil er sich verstanden wusste? Da kam er ja! Durch die offne Tuer sah sie ihn die Treppe herunterkommen. Juenger zwar, aber das tat nichts, die Augen waren nur noch schoener und inniger,--er kam daher mit demselben Gang, denselben Armbewegungen, genau so vornuebergebeugt und behutsam sich naehernd. Und wie er sie jetzt ansah und mit ihr sprach und sie willkommen hiess ... mit den gleichen abgetoenten Worten, da ahnte sie in alldem die tiefe Achtung vor dem Individuellen, die in ihren Augen ihren Vater vor allen auszeichnete, die sie kannte. Der Vater hatte duenneres Haar, sein Gesicht war runzlig, der Mund hatte nicht mehr alle Zaehne, die Haut war verschrumpft ... Gerade diese Erinnerung fuellte ihre Augen mit Traenen. Sie blickte empor in seine juengeren Augen, hoerte seine frischere Stimme, fuehlte den Druck seiner waermeren Hand. Sie konnte nicht dafuer, sie schlang beide Arme um Anders Krogs Hals, schmiegte sich an seine Brust und weinte. Nun, damit war es entschieden. Er stand fuer nichts mehr. Nach einer Weile sassen sie beide zusammen in dem Boot, mit dem sie gekommen war. Sie ruderte um die Landspitze herum. Teils um seiner selbst willen, teils auch wegen der Badenden, die zusahen, hatte er ein paar schuechterne Versuche gemacht, ihr das Ruder abzunehmen. Aber seit dem Augenblick, da sie beide Arme um seinen Hals legte, hatte er sich seiner Macht begeben. Er wusste im voraus, dass er so tun musste, wie dies reiche rote Haar es wuenschte. Er sass und sah in ihr sommersprossiges Gesicht und auf die sommersprossigen Haende, auf ihre praechtige Gestalt und ihren frischen Mund. Er sah ueber dem Halskragen die feinste weisse Haut; es war etwas in den Augen, das genau dazu passte. Er wurde nicht fertig, bis sie am Ziel waren. Auch auf dem Wege zum Hof der Schwester wurde er nicht fertig, weder mit ihrer weichen Stimme, noch mit ihrem Gang, noch mit ihren Fuessen, noch mit ihrer Kleidung, noch mit den Zaehnen und dem Laecheln und am allerwenigsten mit dem, was sie da holterdipolter erzaehlte,--es war etwas Verwirrendes in allem. Am naechsten Morgen fuhr er nicht in die Stadt. Sowie der Dampfer, auf dem er haette sein muessen, um die Landspitze herum war, kam ihr weisses Boot. Sie hatte eine Magd bei sich, die Wache halten sollte, denn jetzt wollte auch sie baden. Als sie fertig war, kam sie herauf. Sie wollte bis Mittag bleiben. Nachher gingen sie zusammen ueber den Huegelsattel zurueck, das Boot hatten sie nach Hause geschickt. Am andern Tage fuhr sie mit ihm in die Stadt. Tags darauf musste auch die Tante mit, aber diesmal wollte sie mit dem Wagen fahren. Und so jeden Tag etwas Neues. Die beiden Geschwister lebten nur fuer sie. Sie nahm es hin, als muesse es so sein. Als sie drei Wochen so mit ihnen gelebt hatte, kam ein Kabeltelegramm vom Bruder Hans mit der Nachricht, Onkel Anders sei ploetzlich gestorben; Marit solle vorbereitet werden. Dies war der schwerste Gang, den Anders Krog je gegangen war,--ueber den Huegelruecken zur Schwester, mit diesem Telegramm in der Tasche. Gerade als er das trauliche gelbe Haus, umgeben von Wirtschaftshaeusern und Baeumen, drunten in der Ebene vor sich liegen sah, hoerte er die Essensglocke vergnueglich in den heiteren, sonnigen Tag hinaustoenen. Da wartete der gedeckte Tisch. Er setzte sich hin; er hatte das Gefuehl, als koenne er nicht weiter. Er musste ja hinunter und den frohen Tag morden. Als er endlich auf den Hof gelangte, ging er zusammen mit einigen Arbeitern, die von weither zum Mittagessen kamen, zur Hintertuer hinein. Hier traf er die Schwester, die ihn ins Hinterzimmer hineinnoetigte. Ebenso wie er erschrak sie und wurde traurig; aber sie war eine mutigere Natur und uebernahm es, Marit, die nicht zu Hause war, aber jeden Augenblick kommen musste, die Mitteilung zu machen. Vom Hinterzimmer aus hoerte Anders Krog dann nachher einen Ruf und einen Aufschrei, den er nie wieder vergass. Er sprang bei diesem Schmerzenslaut auf, konnte sich aber nicht ueberwinden, das Zimmer zu verlassen; ein wehes Schluchzen von drinnen hielt ihn fest. Es wurde staerker und staerker, unterbrochen von kurzen Ausrufen. Die gleiche unmittelbare Kraft in ihrem Schmerz wie in ihrer Freude. Es jagte ihn in der Stube umher, bis die Schwester die Tuer oeffnete: "Sie moechte Dich sehen." Da musste er hinein; mit Aufbietung all seiner Willenskraft zwang er sich dazu. Sie lag auf dem Sofa; aber er liess sich kaum sehen, als sie sich aufrichtete und die Arme ausstreckte: "Komm, komm! Jetzt bist Du mein Vater."--Er eilte hin und beugte sich ueber sie; sie legte den Arm um seinen Hals und drueckte ihn fest an sich; er musste hinknien. "Du darfst mich nie mehr verlassen! Nie, nie!" "Nie!" entgegnete er feierlich. Sie drueckte ihn fest an sich, ihre Brust wogte an seiner, ihr Gesicht lag feucht und gluehend an seinem. "Du darfst mich nie verlassen!"--"Nie!" wiederholte er aus tiefstem Herzen und schlang die Arme um sie. Sie legte sich wie getroestet wieder hin und hielt seine Hand; sie wurde ruhiger. Wenn die Anfaelle kamen und er sich mit zaertlichen Worten ueber sie beugte, wirkte es besaenftigend. Er wagte nicht nach Hause zu gehen; er blieb die Nacht ueber da. Sie konnte nicht schlafen, und er musste bei ihr sitzen bleiben. Erst am naechsten Tage hatte sie sich klar gemacht, was nun geschehen solle. Sie wollte hinreisen, und er sollte mit. Das kam ihm hoechst unerwartet. Aber weder er noch seine Schwester wagten, ihr zu widersprechen. Da gelang es der Schwester, sie auf andre Gedanken zu bringen. Sie sagte: "Ihr solltet Euch erst verheiraten." Marit sah sie an und sagte: "Ja, das ist richtig. Das sollten wir wahrhaftig tun!" Und nun beschaeftigte sie das so stark, dass es sie von ihrem Schmerz ablenkte. Anders war nicht gefragt worden; aber das war auch nicht noetig. Dann kam der erste Brief von Hans. Er hatte alles mit dem Begraebnis des Onkels geordnet und erzaehlte, in welcher Weise. Er erbot sich, das Geschaeft und den Besitz des Onkels zu uebernehmen. Anders hatte zu seinem Bruder unbegrenztes Vertrauen; er nahm das Angebot an, und damit wurde die Reise ueberfluessig. Sobald Hans einen Ueberblick ueber den ganzen Nachlass hatte, setzte er die Kaufsumme fest und fragte bei dem Bruder an, ob er sich mit diesem Betrage an Hansens Geschaeft beteiligen wolle. Der Betrag, der in Bankguthaben und Aktien bestand, wurde sofort ausgezahlt. Schon diese Summe war gross genug, um nicht allein Anders schuldenfrei zu machen, sondern um auch Marit zu gestatten, nach Herzenslust herumzuwirtschaften und zu reformieren. Er wuenschte, sie solle das ganze Erbe fuer sich behalten, aber darueber lachte sie. Er wurde also Kompagnon seines Bruders und war fuer norwegische Verhaeltnisse fortan ein recht wohlhabender Mann. In ihrer Ehe ging nach einigen Monaten eine Veraenderung mit Marit vor. Sie gab sich wunderlichen Einfaellen hin; die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit verwischten sich. Dabei wollte sie alles umgestalten, was unter ihrer Aufsicht stand, sowohl in ihrem Heim hier draussen, wie in dem Stadthause. Aus diesem Hause mussten die Mieter hinaus. Sie wollte es fuer sich allein haben. Seine Zeit war ausgefuellt von all ihren Einfaellen, besonders aber von ihr selbst. Seine Dankbarkeit fand nur kaergliche Worte, aber sie lag in seinen Augen, in seiner Hoeflichkeit, die an Umfang noch zugenommen hatte; vor allem aber lag sie in seiner sorglichen Achtsamkeit. Er hatte Angst, das wieder zu verlieren, was so unerwartet gekommen war; oder dass irgend etwas Schaden nehmen koenne. Seiner bescheidenen Natur schien das Glueck unverdient. Sie schmiegte sich auch immer enger an ihn. Sie hatte eine Formel gefunden, die sie haeufig wiederholte: "Du bist mein Vater--und mehr!" Und eine andere: "Du hast die herrlichsten Augen von der Welt, und die gehoeren mir." Mit der Zeit gab sie manches von dem auf, womit sie sich beschaeftigte; statt dessen wollte sie ihm vorlesen. Von klein auf hatte sie ihrem Vater vorgelesen; das sollte wieder aufgenommen werden. Sie las ihm englisch-amerikanische Buecher vor, besonders Verse. Sie hatte die klangvolle Vortragsweise, in der englische Verse gesprochen werden muessen, und machte sie wahr durch ihre eigene glaubwuerdige Art. Sie hatte eine weiche Stimme, die die Worte behutsam und still wie aus der Erinnerung heraus anfasste. Als die Zeit fortschritt, mussten sie beide taeglich zusammen ins Treibhaus. Die Blumen darin waren ihr Vorboten dessen, was in ihr wuchs; sie wollte jeden Tag nach ihnen sehen. "Ob sie wohl darueber reden?" Und dann eines Tages, als das erste Anzeichen da war, dass der Winter hier von der Kueste weichen wollte, und sie gemeinsam oben am sonnigen Hang das erste Gruen gepflueckt hatten, da merkte sie, dass sie schwach wurde; jetzt kam ihre grosse Stunde. Ohne sonderliche Schmerzen vorher, ihre Hand in seiner, gebar sie eine Tochter. Die gerade hatte sie sich gewuenscht. Aber es war ihr nicht bestimmt, das Kind aufzuziehen; denn drei Tage spaeter war sie tot. * * * * * Die neue Marit Der Arzt befuerchtete lange, Krog wuerde auch sterben. Rein an Ueberanstrengung. In seiner langen Einsamkeit war er nicht daran gewoehnt gewesen, sich so hinzugeben oder so unendlich viel zu empfangen, wie ihm das Zusammenleben mit ihr gebracht hatte. Erst ihr Tod offenbarte, wie schwach er geworden war, wie wenig Widerstandskraft er noch hatte. Der schwache Rest brauchte Monate, um sich so weit zu erholen, dass er die Naehe anderer Menschen ertrug. Man erzaehlte ihm, das Kind sei zu seiner Schwester gebracht. Sie fragten ihn, ob er es sehen moechte. Fast unwillig wandte er sich ab. Das erste, was er ernstlich erwog, als er sich kraeftiger fuehlte, war, sich von dem Geschaeft zu befreien. Er beriet sich darueber mit "Onkel Klaus", einem Verwandten, einem wunderlichen alten Junggesellen, der allgemein so genannt wurde. Durch seine Vermittlung wurde das Geschaeft veraeussert. Nicht aber das Haus, in dem es sich befand,--das sollte in allen Teilen zur Erinnerung an sie unveraendert bleiben. Anders Krogs erster Gang war zur Kapelle und zum Grabe, und das griff ihn so an, dass er wieder krank wurde. Sobald er sich erholt hatte, gab er seine Absicht kund, auf Reisen zu gehen und fortzubleiben. Seine Schwester kam erschrocken zu ihm herueber; das sei doch wohl nicht wahr? "Du willst uns und das Kind doch nicht verlassen?"--"Ja, ich kann es in meinen eigenen Stuben nicht aushalten", antwortete er und brach in Traenen aus.--Aber er muesse doch auf jeden Fall das Kind erst sehen?--"Nein, nein! Das am allerwenigsten." Er reiste ab, ohne es gesehen zu haben. Aber natuerlicherweise war es das Kind, das ihn wieder nach Hause zog. Als es drei Jahr alt war, wurde es photographiert,--und diese Photographie ... solch einer Aehnlichkeit mit der Mutter, solchem kindlichen Liebreiz konnte er nicht widerstehen. Von Konstantinopel aus, wo er sich gerade aufhielt, schrieb er: "Jetzt habe ich bald drei Jahre gebraucht, um das, was ich in einem erlebt habe, noch einmal zu durchleben. Ich kann nicht sagen, dass ich es mir schon ganz zu eigen gemacht habe. Namentlich wird viel Neues hinzukommen, wenn ich die Staetten wiedersehe, wo wir zusammen waren. Aber soweit bin ich durch das tiefere Hineinleben dieser Jahre doch gekommen, dass ich diese Staetten nicht mehr scheue; im Gegenteil, ich sehne mich jetzt nach ihnen." Die Begegnung mit der neuen Marit wurde ein Fest fuer ihn. Nicht sofort; denn zuerst hatte sie natuerlich Angst vor dem fremden Mann mit den grossen Augen. Aber es erhoehte seine Freude, wie sie vorsichtig, nach und nach ihm naeher kam. Als sie schliesslich auf seinen Knien sass mit den beiden neuen Puppen, einem Tuerken und einer Tuerkin, und ihm diese in die Nase steckte, damit er niesen sollte, weil die Tante das auch getan hatte, da sagte er mit Traenen in den Augen: "Ich habe nur eine Begegnung erlebt, die noch herrlicher war." Sie siedelte also mit dem Kindermaedchen in sein Haus ueber. Ihr erster gemeinschaftlicher Gang war zum Grabe der Mutter, auf das sie Blumen legen sollte. Das tat sie auch; aber sie wollte sie wiederhaben. Nichts half, was sie auch versuchten. Das Maedchen pflueckte ihr schliesslich andere; aber die wollte sie nicht; sie wollte ihre eignen. Sie mussten ihr also die Blumen lassen und die neuen aufs Grab legen. Er dachte: "Das ist nicht die Mutter." Der Versuch wurde wiederholt. Jeden Tag sollte das Grab der Mutter mit Blumen geschmueckt werden, und von ihr. Er teilte die Blumen in zwei Teile; die eine Haelfte trug er, die andere sie. Er wuenschte, sie solle ihre hinlegen und seine wieder mit nach Hause nehmen. Aber es gelang nicht. Ja, schlimmer als das; denn als sie den Kirchhof verliessen, bestand sie darauf, er sollte seine Blumen auch wieder mit nach Hause nehmen. Und er musste nachgeben. Am naechsten Tage versuchte er etwas anderes. Sie trug ihre Blumen zu der Mutter Grab, er aber gab ihr Zuckerwerk, damit sie die Blumen liegen lassen sollte. Wirklich, sie gab die Blumen gegen das Zuckerwerk ab, das sie in den Mund steckte. Aber als sie gingen, wollte sie die Blumen auch noch haben. Das verstimmte ihn. Dann kam er auf den Einfall, die Mutter froere, Marit muesse sie zudecken. Da meinte sie, Mutter solle doch heraufkommen, in ihr eigenes Bett. Er hatte ihr naemlich gesagt, das leere Bett neben seinem sei Mutters, und sie fragte bestaendig, ob Mutter nicht bald komme. Sie koenne nicht kommen, sagte er; sie liege da draussen und froere. Das fuehrte schliesslich zum Ziel. Sie breitete selbst die Blumen ueber die Grabstaette und liess sie liegen. Auf dem Heimweg wiederholte sie mehrmals: "Jetzt friert Mutter nicht mehr." Er ueberlegte, was sie unter Mutter verstehen mochte. Er wuenschte, sie solle die Bilder ihrer Mutter kennen, uebte aber vorher ihren Sinn an Bildern von Tieren und Gegenstaenden. Dann ging er zu Bildern von seiner Schwester und von sich selbst und von Personen ueber, die sie kannte. Als sie damit ziemlich vertraut war, kam das erste Bild der Mutter an die Reihe. Es machte keine Schwierigkeiten; sie durfte noch mehrere sehen und lernte sie schnell von anderen unterscheiden. Nach Tisch, als sie schlafen ging, wollte sie Mutter im Arm haben. Er verstand sie erst nicht, und sie wurde ungeduldig. Da brachte er ihr das erste Bild der Mutter; sie nahm es gleich in den Arm, deckte es zu und schlief ein. Aber erst als sie mit vier Jahren einmal in der Kueche eine Mutter sich um ihr krankes Kind muehen sah, ueberzeugte er sich, dass sie wusste, was eine Mutter sei; denn sie sagte: "Warum kommt meine Mutter nicht und zieht mich an und aus?" Mit der Zeit wurden Vater und Tochter sehr gute Freunde. Noch mehr Freude aber machte es ihm, als sie gross genug war, dass er ihr von Mutter erzaehlen konnte. Von Mutter, die uebers Meer herueber zu Vater gekommen sei und Maritchen mitgebracht habe. Wo Vater und Mutter zusammengegangen waren, gingen sie nun beide; jeden Spazierweg. Er ruderte sie, wie Mutter ihn gerudert hatte; sie fuhren zusammen zur Stadt, wie sie beide getan hatten. Dort sass Marit auf den Stuehlen, die Mutter gekauft, und auf denen sie gesessen hatte. Bei Tisch hatte sie Mutters Platz, bei den Blumen im Treibhaus und im Garten war sie die Mutter, und sie half, wie Mutter es getan hatte. Ein gar kluges, schoenes Kind! Mit dem roten Haar und der schimmernd weissen Haut der Mutter, mit ihren grossen Augen und denselben fein geschwungenen Brauen. Vermutlich wuerde sie auch ihre gebogene Nase bekommen. Die Haende mit den langen Fingern hatte sie nicht von der Mutter, auch die Gestalt nicht. Der Uebergang vom Kopf zum Nacken mit der sanften Neigung stammte eher vom Vater. Die Schultern hatten nicht die schoene geschwungene Linie wie der Mutter Schultern, sondern waren mehr abfallend, und die Arme flossen sanfter daraus hervor. Es trieb ihn jeden Abend nach oben, zuzusehen, wenn sie ausgezogen wurde. Die Verschmelzung des maennlichen und des weiblichen Typus der Krogs, die bisher so selten gewesen, die aber schon teilweise von der Mutter repraesentiert worden war, gab es hier in der Vollendung. Marit schoss hoch auf, ihre Augen waren gross und der Kopf fein geformt. Er konnte sie nicht dazu bewegen, mit Kindern umzugehen; das langweilte sie. Sie gingen nicht schnell genug auf ihre Ideen ein, die freilich recht eigentuemlich waren. Die Felder hier waren doch ein Zirkus; der Vater hatte ihr von Buffalo Bill erzaehlt. Indianer sprengten durch die Arena, sie selbst an der Spitze auf einem weissen Pferde. Die Huegel waren die Logen, die voll Menschen waren. Das konnten die anderen Kinder nicht sehen. Auch das Reisenspielen auf dem Tisch, das ihr Vater sie gelehrt hatte, verstanden sie nicht. Als Siebenjaehrige noetigte sie ihren Vater, ihr ein Rad zu kaufen und sie fahren zu lehren; er selbst fuhr ausgezeichnet. Das war aber doch der Tropfen, der den Becher zum Ueberlaufen brachte und ihn bestimmte, sich nach Unterstuetzung umzusehen. Er hatte in Paris eine entfernte Verwandte kennen gelernt, eine Frau Dawes; sie war in England verheiratet gewesen; als aber ihr einziges Kind starb, hatte sie sich scheiden lassen und lebte in Paris als Pensionsinhaberin. In dieser Pension hatte er sie taeglich bewundert. Er war kaum je einem kluegeren Menschen begegnet. Er fragte bei ihr an, ob sie zu ihm kommen, seinem Hause vorstehen und sein Kind erziehen wolle. Sie sagte ohne Zoegern telegraphisch zu, und in weniger als einem Monat hatte sie alles verkauft, war abgereist und hatte sich in ihren neuen Wirkungskreis begeben. Ein Hueftleiden, das sie schon lange plagte, hatte sich verschlimmert, so dass ihr das Gehen schwer fiel. Aber von ihrem Rollstuhl aus, den sie mitgebracht hatte, und den ihre behaebige Person vollstaendig ausfuellte, leitete sie das ganze Haus, ihn selbst inbegriffen. Er war ganz erschrocken ueber ihre Tuechtigkeit. Sie kam selten aus ihrem Stuhl heraus, aber trotzdem wusste sie alles, was geschah. Waende hemmten ihren Blick nicht, eine Entfernung gab es nicht fuer sie. Groesstenteils liess sich das aus der Schaerfe ihrer Sinne erklaeren, aus ihrer Faehigkeit, Worte und Zeichen zu deuten, in Mienen und Augen zu lesen, zu riechen und zu hoeren, Schluesse zu ziehen aus dem, was sie wusste,--und siebentens und letztens daraus, dass sie zu fragen verstand. Aber einiges war auch nicht zu erklaeren. Drohte einem, den sie lieb hatte, eine Gefahr, so fuehlte sie das, wo sie auch war. Sie schrie auf--in solchen Augenblicken sprach sie immer englisch--und war auf den Beinen und Feuer und Flamme. So zum Beispiel an dem denkwuerdigen Tage, da Marit mit ihrem Rad in den Fluss gefallen war und durch Maenner vom Dampfer aus aufgefischt wurde; denn unten an der Landungsbruecke, wohin sie gewollt hatte, war das Unglueck geschehen. Da stiessen sie und Frau Dawes aufeinander, die eine triefend von Naesse und heulend, die andere triefend von Schweiss und auch heulend. Frau Dawes machte taeglich ihre Runde durch das Haus und, wenn es noetig war, auch um das Haus herum. Weiter kam sie selten. Auf diesem Rundgang sah sie alles, auch das, was erst spaeter geschah, versicherten die Maegde. Sie hatte etwas Schwimmendes an sich. Sie schwamm bestaendig in Papier. Ihre Korrespondenz, die, wie Anders Krog behauptete, alle Personen umfasste, die sie einmal in Pension gehabt hatte, setzte sie ununterbrochen fort. In allen Sprachen und ueber alle Dinge; denn ihre zweite Hauptbeschaeftigung war: das, was sie las--und sie las bis tief in die Nacht hinein--in ihre Korrespondenz hineinzubringen. Sie drehte sich nach dem Tisch mit dem Schreibpult um, sie wandte sich fort vom Tisch, um zu lesen. An der Stuhllehne war eine Lesepultmechanik angebracht, worauf das Buch lag; in der Hand hielt sie es selten. Sie zog Memoiren jeder andern Lektuere vor, und davon plauderte sie nachher in ihren Briefen. In zweiter Reihe kamen Kunstzeitschriften und Reiseliteratur. Sie hatte ein kleines Vermoegen und kaufte sich alles, was ihr gefiel. Das Kind unterrichtete sie nebenbei. In der Wohnstube an dem grossen Tisch sassen sie, "Tante Eva" in ihrem Thronsessel, die Kleine ihr gegenueber. Immer aber, wenn es noetig war, musste Marit an Tante Evas Pult kommen. Der Unterricht ging so leicht vonstatten, dass die Kleine oft vergass, dass es Schule war. Ja, selbst der Vater, der seine Bibliothek dicht daneben hatte, vergass es oft, wenn er hereinkam und das Gespraech oder die Erzaehlung mit anhoerte. War der Unterricht leicht, so waren andre Dinge sehr schwierig und fuehrten zu Kaempfen. Das ganze Verhalten des Kindes wollte sie aendern, und da war ihr der Vater im Wege. Aber er wurde natuerlich geschlagen, und noch ehe er ahnte, was Frau Dawes beabsichtigte. Marit sollte gehorchen lernen, sie sollte einen Begriff von bestimmter Zeiteinteilung, von Ordnung, von Hoeflichkeit, von Takt bekommen. Sie sollte jeden Tag Klavier ueben, sie sollte bei Tisch huebsch gerade sitzen und sich die Haende unzaehlige Male am Tage waschen; sie sollte immer sagen, wohin sie gehe. Und nichts von all dem wollte sie. Eigentlich auch der Vater nicht. Frau Dawes hatte einen einzigen festen Punkt, von dem sie ausgehen konnte. Das war der unerschuetterliche Glaube des Kindes an die Vollkommenheit seiner Mutter. Frau Dawes wusste sie davon zu ueberzeugen, dass die Mutter nie spaeter als um acht Uhr schlafen gegangen sei. Sie habe immer vorher ihre Kleider ordentlich auf einen Stuhl gelegt und ihre Schuhe vor die Tuer gestellt. Von dem, was die Mutter getan und bis zur Vollkommenheit getan hatte, ging sie zu dem ueber, was die Mutter getan haette, wenn sie an Marits Stelle gewesen waere; und vor allem, was sie _nicht_ getan haette, wenn sie Marit waere. Das war schwieriger. So als Frau Dawes versicherte, die Mutter sei immer nur so weit geradelt, wie man sie sehen konnte. "Woher weisst Du das?" fragte Marit.--"Ich weiss es daher, dass Dein Vater und Deine Mutter nie voneinander getrennt waren."--"Das ist wahr, Marit", fiel der Vater ein, froh, dass er auch einmal zu dem ja sagen konnte, was Frau Dawes einfiel; denn das meiste war doch durchaus nicht wahr. Je weiter der Unterricht fortschritt, desto mehr Freude machte es Frau Dawes selbst, und desto groesseren Einfluss gewann sie auf das Kind. Sie machte es sich zur Aufgabe, das Traumleben Marits auszuroden, das ein Erbteil der Mutter war und in ueppiger Bluete stand, solange der Vater zuhoerte und seinen Spass daran hatte. Einmal im Fruehjahr kam Marit schnell herein und erzaehlte ihrem Vater, in dem alten Baum zwischen den Graebern der Mutter und der Grossmutter sei ein kleines Nest und in dem Nest seien ganz, ganz kleine Eier. "Das ist ein Gruss von Mutter, nicht?" Er nickte und ging mit ihr, um es zu besehen. Als sie aber naeher kamen, flog der Vogel auf und piepte jaemmerlich. "Mutter sagt, wir sollen nicht naeher heran?" fragte sie ihren Vater.--Er bejahte es. "Dann wuerden wir Mutter stoeren?" fragte sie weiter. Er nickte.----Sie gingen seelenvergnuegt wieder nach Hause und sprachen den ganzen Weg von Mutter. Als Marit Frau Dawes hiervon erzaehlte, sagte sie: "Das sagt Dein Vater nur, um Dich nicht zu betrueben, Kind. Koennte Deine Mutter Dir eine Botschaft senden, so kaeme sie selbst."--Die Revolution, die diese wenigen grausamen Worte anrichteten, war nicht abzusehen. Sie veraenderten auch das Verhaeltnis zum Vater.---- Die Schule ging ihren regelrechten Gang, die Erziehung auch, bis Marit nahezu dreizehn Jahr alt war, lang und duenn und grossaeugig mit ueppigem, rotem Haar und weisser, zarter Haut ohne Sommersprossen, was Frau Dawes' besonderer Stolz war. Da kam der Vater eines Tages aus der Bibliothek herein und unterbrach den Unterricht. Das war in den ganzen Jahren nicht ein einzigesmal geschehen. Marit bekam frei; Frau Dawes ging mit dem Vater in die Bibliothek. "Bitte lesen Sie diesen Brief!"-- Sie las und erfuhr,--wovon sie nicht die leiseste Ahnung gehabt hatte,--dass der Mann, der vor ihr stand und ihr Gesicht waehrend des Lesens beobachtete, ein Millionaer war, kein Kronen-, nein, ein Dollarmillionaer. Er hatte seit dem Tode des Onkels nach der ersten vorlaeufigen Ausbezahlung der Bankguthaben und Aktien als Kompagnon des Bruders nichts wieder abgehoben,--und dies war das Resultat. "Ich gratuliere Ihnen", sagte Frau Dawes und fasste seine rechte Hand mit ihren beiden. Ihr standen die Traenen in den Augen. "Ich verstehe Sie, lieber Krog; Sie wuenschen, dass wir jetzt auf Reisen gehen?" Er sah sie mit seinen leuchtenden Augen lachend an. "Haben Sie etwas dagegen, Frau Dawes?"--"Durchaus nicht, wenn wir die noetige Bedienung mitnehmen; ich bin ja einmal so schlecht zu Fuss."--"Das sollen Sie haben, und ueberall halten wir uns einen Wagen. Der Unterricht kann fortgesetzt werden, nicht wahr?"--"Ob er kann! Nur um so besser!" Sie lachte und weinte zugleich, und sie sagte selbst, so gluecklich sei sie noch nie gewesen. Vierzehn Tage spaeter hatten die drei mit einem Diener und einem Maedchen Krogskog verlassen. * * * * * Der Thronwechsel So gingen zweieinhalb Jahre hin, in denen der Vater einige Male in Norwegen war, aber die anderen nicht. Dann dachten sie ernstlich daran, einen Sommer in Krogskog zu verbringen. Aus diesem Grunde standen sie alle drei in einem Konfektionsgeschaeft in Wien. Frau Dawes und Marit sollten neue Kleider haben, besonders Marit, die aus ihren herausgewachsen war. Es war in den ersten Tagen des Mai, und es handelte sich um Sommerkleider. "Dein Vater und ich, wir finden beide, Du musst jetzt lange Kleider haben. Du bist schon so gross." Marit blickte zu ihrem Vater hin, aber die Stoffe, die vor ihnen ausgebreitet lagen, hielten seinen Blick fest. Frau Dawes sprach statt seiner. "Dein Vater hat oft gesagt, wenn Du mit ihm gehst, sehen die Herren Dir so nach den Beinen."--Der Vater wurde unruhig; selbst das Fraeulein hinter dem Ladentisch merkte, dass ein Gewitter in der Luft lag. Sie verstand die Sprache nicht, aber sie sah die drei Gesichter. Schliesslich hoerte der Vater Marit mit einer fremden, aber freundlichen Stimme antworten: "Soll ich jetzt lange Kleider haben, weil Mutter, als sie in meinem Alter war, auch welche trug?"--Frau Dawes sah erschrocken Anders Krog an; er aber wandte sich ab. Dann wieder Marit: "Tante Eva, Du warst doch natuerlich mit Mutter zusammen, als sie damals lange Kleider bekam? Oder Vater vielleicht?" Dann wurde nicht mehr von langen Kleidern gesprochen. Es wurde ueberhaupt nicht mehr gesprochen. Sie gingen fort. Weiter geschah nichts. Es ergab sich von selbst, dass sie am naechsten Tage, statt zum Unterricht zu kommen, mit dem Vater ausfuhr, um die Sache mit den Kleidern zu ordnen. Des weiteren, dass sie sich von dort in die Museen begaben. Sie setzten diese taeglichen Ausfahrten bis zur Abreise fort. Mit dem Unterricht war es vorbei. Als sei nichts vorgefallen, gingen sie jeden Abend zu Dreien ins Konzert oder in die Oper oder ins Schauspiel. Sie wollten die Zeit, die ihnen noch blieb, ausnutzen. In den ersten Tagen des Juni waren sie in Kopenhagen. Hier erwartete sie ein Brief von Onkel Klaus. Joergen Thiis, sein Pflegesohn, sei Leutnant geworden; Klaus wolle draussen in seinem Landhause einen Fruehlingsball geben, aber er warte damit, bis sie heimkaemen. Wann sie kaemen? Darauf freute sich Marit sehr. Den schoenen, schlanken Joergen kannte sie. Er war der Sohn des Bezirksamtmanns, seine Mutter war Klaus Krogs Schwester. Also musste jetzt ein Ballkleid komponiert werden; die Erwaegungen waren sehr kurz, keiner sagte vorlaeufig ein Wort. Das Spannende der Sache, ob dieses Kleid wohl lang sein werde, verschloss jeder in seiner Brust. Als der grosse Augenblick des Massnehmens kam, fragte die Dame, die es tat: "Das gnaedige Fraeulein soll doch ein langes Kleid haben?" Marit sah zu Frau Dawes hin, die rot wurde. Was aber schlimmer war: die Dame selbst wurde auch rot. Sie nahm eilig nach dem kurzen Kleide Mass, das Marit anhatte. Am zwanzigsten Juni fand also der Ball statt. Ein schwueler Tag ohne Sonne. Die Gaeste standen im Garten vor dem grossen Landhause, als das Boot anlegte, mit dem Marit und ihr Vater kamen; sie waren die letzten. Sie stieg allein aus. Der alte Klaus stapfte lang und duerr und mit ungeheuer weiten Beinkleidern zu ihr hinunter, ohne Hut mit blanker Glatze und feuchtglaenzendem Gesicht. Er hielt sie durch eine Handbewegung zurueck, waehrend er zu Anders Krog im Boot hinuntersah: "Willst Du nicht heraufkommen?"--"Nein, nein! Tausend Dank!" Das Boot stiess ab. Jetzt erst sah er Marit an, die Frau Dawes in ihrem langen Brief als die groesste Schoenheit beschrieben hatte, die sie je gesehen. Er starrte sie an, verbeugte sich und kam naeher; er roch nach Tabak und schmunzelte mit seinem grossen, weit offnen, unappetitlichen Munde. Bot ihr dann seinen Arm. Sie aber in ihrem langen aermellosen Mantel tat, als bemerkte sie es nicht. Er stutzte, folgte ihr aber zu den andern. Und dann sagte er: "Hier bringe ich die Ballkoenigin." Das verletzte sie und verletzte alle, so dass der Anfang nicht vielversprechend war. Joergen, der Held des Abends, draengte sich vor, um sich zu erbieten, ihr Hut und Mantel abzunehmen. Sie aber gruesste obenhin und ging weiter. Es lag Stil darin. Unter den Zurueckbleibenden entstand sofort ein Gefluester. Die Art, wie sie vorueberging, ihr Gesicht, ihre Haltung, ihr Gang, die blendend schoene Haut, die leuchtenden Augen, die Woelbung darueber, die feingeformte Nase ... das war alles aus einem Guss und alles vollendet. Joergen Thiis war hin. Er selbst war ein grosser, schlanker Mensch vom Krogschen Typ; nur die Augen waren ganz anders. Jetzt hingen sie wie festgenagelt an der Tuer, hinter der sie verschwunden war. Er wartete auf der Treppe. Und wie sie wieder heraus und auf ihn zukam, um an seinem Arm zu den andern hinunter zu gehen,--in einem kurzen Kleide aus lichtem, wasserblauem Krepp mit durchbrochnen seidenen Struempfen von derselben Farbe und in Silberbrokatschuhen mit antiken Schnallen, war sie ein Bild. Die Bewunderung war einstimmig. Es wurde von nichts anderem gesprochen, bis man zu Tisch ging. Auch da hoerte es noch nicht auf; es gab Gespraechsstoff fuer die ganze Stadt. Dass ein so klassisch geschnittenes Gesicht mit so leuchtenden Augen in dem weissen, weissen Teint obendrein noch in einem Glorienschein von rotem Haar stand! Das Ganze war harmonisch zu der hohen Gestalt mit den leicht abfallenden Schultern und einer Bueste, die noch nicht voll entfaltet, aber von einer Freiheit und Unabhaengigkeit war, als koenne sie losgeloest werden. Die Arme, die Handgelenke, die Hueftbildung, die Fuesse ... es wurde beinahe komisch; denn einige junge Herren stellten mit dem groessten Eifer die Behauptung auf, die Knoechel seien das Allerschoenste. Sie haetten nicht ihresgleichen. So duenn,--und mit dieser schwellenden Rundung nach oben--? Nein, nirgends! Joergen Thiis vergass das Reden, ja sogar eine Zeitlang das Essen, das ihm sonst doch das Schoenste auf der Welt war. Er ging wie ein Schlafwandler mit ihr. Wenn man sie sah, war er an ihrer Seite oder hinter ihr her. Wegen des Balles hatten sich ihr Vater und Frau Dawes nach dem Hause in der Stadt begeben. Sie wurden beim Morgengrauen geweckt von lautem Schwatzen und Lachen vor dem Hause und schliesslich gar maennlichen und weiblichen Hurrarufen; die Ballgaeste hatten Marit nach Hause begleitet. Am aendern Tage bekamen die Alten Besuch von Verwandten und Freunden. Die aelteren Leute, die auf dem Ball gewesen waren, erklaerten Marit fuer die Schoenste, die sie seit Menschengedenken gesehen haetten. Der alte Klaus war abends um neun noch in die Stadt gerudert und zu einigen Freunden gepilgert, bloss weil sie kommen und sehen sollten. Am Nachmittag praesentierte sich Joergen in Uniform und mit neuen Handschuhen. Er wollte sich erlauben, nach dem Befinden des gnaedigen Fraeuleins zu fragen. Das gnaedige Fraeulein habe noch nichts von sich hoeren lassen. Als sie schliesslich kam, war sie von etwas ganz andrem erfuellt als von dem gestrigen Tage. Das merkte Frau Dawes sofort. Auch erzaehlte die Ballkoenigin nicht das geringste von dem Balle. Sie beschraenkte sich darauf, zu fragen, ob sie aufgeweckt worden seien. Dann ass sie. Als sie fertig war und wieder hereinkam, erzaehlte ihr Vater, Joergen sei dagewesen, um zu fragen, wie es ihr gehe. Marit laechelte. Frau Dawes: "Findest Du Joergen nicht nett?"--"Doch."--"Worueber laechelst Du denn?"--"Er hat so viel gegessen."--Jetzt fiel der Vater lachend ein: "Das macht sein Vater, der Amtmann, auch so! Und regelmaessig sucht er sich die besten Stuecke aus."--"Freilich." Frau Dawes sass und wartete auf das, was jetzt kommen wuerde; denn es kam etwas. Marit ging hinaus; nach einer Weile erschien sie mit Hut und Sonnenschirm wieder. "Willst Du ausgehen?" fragte Frau Dawes. Marit stand da und zog sich die Handschuhe an. "Ich gehe aus und bestelle mir Visitenkarten."--"Hast Du keine Visitenkarten?"--"Doch; aber die alten gefallen mir nicht mehr."--"Warum nicht?" fragte Frau Dawes sehr verwundert; "Du hast sie doch damals in Italien so huebsch gefunden?"--"Ja;--aber der Name gefaellt mir nicht mehr, meine ich."--"Der Name?" Beide blickten auf. Marit: "Es ist gerade, als wenn er gar nicht mehr zu mir gehoert,--meine ich."--"Marit gefaellt Dir nicht?" fragte Frau Dawes. Der Vater warf leise hin: "Es war der Name Deiner Mutter." Sie antwortete nicht gleich; sie fuehlte die entsetzten Augen des Vaters.--"Wie moechtest Du denn heissen, Kind?" Das war wieder Frau Dawes, die sprach. "Mary."--"Mary?"--"Ja. Das passt besser,--meine ich." Die stumme Verwunderung der andern bedrueckte sie augenscheinlich. Sie sagte: "Wir wollen ja jetzt doch nach Amerika. Da sagt man Mary."--"Aber Du bist Marit getauft", sagte ihr Vater schliesslich zaghaft.--"Was schadet das?"--Frau Dawes: "Es steht in Deinem Taufschein, Kind; es ist Dein Name."--"Ja, in den Urkunden steht es vielleicht, aber nicht in mir." Die beiden andern starrten sie an. "Es tut Deinem Vater weh, Kind."--"Vater kann mich ja ruhig weiter Marit nennen."--Frau Dawes blickte sie traurig an, sagte aber nichts weiter. Marit war mit ihren Handschuhen fertig. "In Amerika werde ich Mary genannt. Das weiss ich. Hier habe ich eine Probekarte. Es macht sich doch gut?" Sie holte eine ganz kleine Karte aus der Tasche. Frau Dawes besah sie und reichte sie Anders Krog hin. Mit feiner Schrift stand auf feinem Papier: "Mary Krog." Der Vater schaute lange, schaute immer wieder auf die Karte. Legte sie dann auf den Tisch, nahm seine Zeitung und tat, als lese er. "Es tut mir leid, Vater, dass Du es so auffasst."--Anders Krog wiederholte leise, ohne von der Zeitung aufzusehen: "Marit ist der Name Deiner Mutter."--"Ich habe Mutters Namen auch lieb.--Er passt aber nicht fuer mich." Damit ging sie leise hinaus. Frau Dawes, die am Fenster sass, blickte ihr die Strasse entlang nach. Anders Krog legte die Zeitung hin; er konnte nicht lesen. Frau Dawes versuchte, ihn zu troesten. "Es ist was Wahres dran", sagte sie. "Marit passt nicht mehr fuer sie." "Der Name ihrer Mutter", wiederholte Anders Krog, und die Traenen liefen ihm ueber das Gesicht. * * * * * Drei Jahre spaeter Drei Jahre spaeter fuhr Mary nach langem Regen an einem schoenen Fruehlingstage mit einer Verwandten, Alice Clerq, in Paris die Avenue du Bois de Boulogne hinunter auf das vergoldete Parktor zu. Sie hatten sich in Amerika kennen gelernt und sich hier in Paris im vorigen Jahre wiedergetroffen. Alice Clerq wohnte jetzt mit ihrem Vater in Paris. Der alte Clerq war frueher der bedeutendste Kunsthaendler von New York gewesen und hatte eine Norwegerin aus der Familie Krog geheiratet. Nach dem Tode seiner Frau verkaufte er sein riesiges Geschaeft. Die Tochter war mit der Kunst aufgewachsen und hatte eine gruendliche Ausbildung darin genossen. Sie hatte die Museen der ganzen Welt gesehen, hatte ihren Vater sogar bis nach Japan geschleppt. Ihr Hotel in den Champs Elysees war voll von Kunstgegenstaenden. Dort hatte sie auch ihr Atelier; sie war naemlich Bildhauerin. Alice war nicht mehr jung, eine kraeftige, rundliche Person, gutmuetig und lustig. Dies Jahr kam Anders Krog mit seiner Begleitung aus Spanien. Die beiden Freundinnen sprachen gerade ueber ein Bild Marys, das aus Spanien an Alice geschickt war und nach Norwegen weiter wanderte. Alice behauptete, der Kuenstler habe es offenbar auf eine Aehnlichkeit mit Donatellos "Heiliger Caecilie" abgesehen. Durch die Stellung des Kopfes, die Form der Augen, die Linie des Halses und den halb geoeffneten Mund. Aber so interessant dieser Versuch sein moege, fuer die Aehnlichkeit sei er von Schaden. Zum Beispiel sei es ein Verlust fuer das Bild, dass die Augen nicht zu sehen seien; die habe sie ja niedergeschlagen wie bei Donatello. Mary lachte. Gerade um diese Aehnlichkeit herauszubekommen, habe sie ihm gesessen. Nun erzaehlte Alice von einem norwegischen Genieoffizier, den sie kennen gelernt habe, als sie mit seiner Mutter im Sommer in Norwegen gewesen sei. Er habe das Bild bei ihr gesehen und sich ganz in dieses Portraet verliebt.--"So", sagte Mary wie abwesend.--"Es ist kein gewoehnlicher Mensch, kannst Du glauben, und auch kein gewoehnliches Verliebtsein." --"Nanu?"--"Ich bereite Dich vor. Er kommt natuerlich bei mir mit Dir zusammen."--"Ist das noetig?"--"Sehr. Denn sonst muss ich es ausbaden." --"Ist er denn gefaehrlich?" Alice lachte: "Mir wenigstens."--"Sieh einer an! Ja, das ist etwas anderes."--"Jetzt verstehst Du mich falsch. Warte, bis Du ihn siehst."--"Ist er so schoen?"--Alice lachte: "Nein, er ist geradezu haesslich!--Na, warte nur ab."--Sie fuhren weiter, das Gedraenge wurde groesser; es war einer der Haupttage.--"Wie heisst er?" --"Franz Roey."--"Roey? So heisst unsere Aerztin auch. Fraeulein Roey." --"Ja, das ist seine Schwester; er spricht oft von ihr."--"Sie hat eine herrliche Figur."--Da richtete Alice sich auf: "Und er? Wenn ich mit ihm ueber die Strasse gehe, drehen die Leute sich um, weil sie ihn noch einmal sehen wollen. Ein richtiger Riese! Aber keiner von den fettgepolsterten. Nein, sehr gross und geschmeidig." --"Also gut trainiert?"--"Riesig. Auf nichts ist er so stolz wie auf seine Kraft, und nichts zeigt er so gern!"--"Ist er denn dumm?"--"Dumm? Franz Roey?" --Sie lehnte sich wieder zurueck, und Mary fragte nicht weiter. Sie kamen spaet draussen an; endlose Wagenreihen zogen an ihnen vorbei heimwaerts aus dem Bois. Die drei breiten Fahrwege der Avenue waren gedraengt voll. Je naeher sie dem eisernen Tor kamen, wo die Wege zusammenliefen, desto dichter wurden die Wagenreihen. Diese Zurschaustellung von hellen und bunten Fruehjahrstoiletten an dem ersten sonnigen Tage nach dem Regen war ein einzigartiges Schauspiel. Zwischen den neubelaubten Baeumen wirkten die Wagen wie gefuellte Blumenkoerbe im Gruen, einer hinter dem andern, einer neben dem andern, ohne Anfang und ohne Ende. Am Tor kamen sie in die Naehe der wogenden Menge von Fussgaengern. Aber kaum waren sie mitten drin, als sich von rechts nach links hinueber eine unruhige Bewegung fortpflanzte. Dort rechts mussten die Leute etwas sehen, was von hier aus nicht zu sehen war. Einige schrien und zeigten nach den Seen hinueber, die Wagen fuhren auf Kommando zur Seite oder in die Querwege hinein, die Bewegung wuchs, bald war sie allgemein. Schutzleute und Parkwaechter rannten hin und her, die Wagen stauten sich so dicht, dass keiner mehr vom Fleck kam. Ein breiter Mittelgang war bald weit hinunter frei. Alle spaehten und fragten,--da kam es! Ein paar durchgegangene Pferde mit einem grossen Wagen. Auf dem Bock sah man den Kutscher und den Groom. Es musste sich ein Kampf abgespielt haben, so dass man Zeit bekam, den Weg frei zu machen, oder die Pferde mussten in sehr grosser Entfernung scheu geworden sein. Hier, diesseits des Tores, waren alle Gefaehrte aus dem Mittelweg verschwunden; Alices Wagen stand beinahe zu aeusserst am linken Fussweg. Hinter sich hoerten sie Geschrei; vermutlich wurde die ganze Avenue freigemacht. Aber niemand blickt dahin, alles sieht nach vorn. Ein stattliches Gespann kommt in rasender Fahrt auf sie zu. Von Neugier getrieben, wogen zu beiden Seiten die Massen vor und zurueck. Aengstliche Menschen draussen vor dem Tor riefen: "Schliesst das Tor!"--Ein rasender Protest, ein tausendstimmiger Hohn von drinnen antwortete ihnen. Alle Wageninsassen hatten sich erhoben, manche standen auf den Sitzen. Auch Alice und Mary. Es machte den Eindruck, als werde die Fahrt toller, je naeher die Tiere kamen. Kutscher und Groom rissen aus Leibeskraeften an den Zuegeln; aber das stachelte die Tiere nur an. Ein Mann im Zylinder beugte den Oberkoerper aus dem Wagen, vermutlich um festzustellen, wo er sich den Hals brechen werde. Ein paar Hunde liefen mit eifrigem Protest hinterher, hier oben lockten sie noch mehrere andere auf die Bahn hinaus, die sich aber nicht weit vorwagten. Die zwei oder drei, die es taten, prallten gegeneinander, dass einer sich ueberstuerzte und ueberfahren wurde, der Wagen machte einen Satz, der Hund heulte auf,--seine Kameraden hielten eine Weile inne. Da loest sich ein Mann aus den Massen am eisernen Portal und tritt mitten auf den Weg. Man schrie, man schwang Stoecke und Regenschirme und drohte ihm. Ein paar Schutzleute wagten sich einige Schritte hinter ihm her und winkten und riefen; das gleiche tat diesseits ein Parkwaechter, lief aber in Todesangst wieder zurueck. Statt auf die Rufe und Drohungen zu achten, nahm der Mann die Pferde aufs Korn, trat nach links, dann nach rechts, dann wieder nach links ... offenbar um sich ihnen entgegenzuwerfen. Sowie die Menge das erfasst hatte, wurde sie still, ja, es wurde so still, dass man die Voegel in den Baeumen singen hoeren konnte, hoeren auch das ferne, dumpfe Getoese der nimmer stillen Riesenstadt, das vom Winde heruebergetragen wurde. Es gab dem Vogelgezwitscher einen einfoermigen Unterton. Merkwuerdig, dass die Pferde genau so gespannt dastanden wie die Menschen; sie ruehrten keinen Fuss. Nur die Hunde waren wieder in Bewegung. Nun hatte der wilde Zug den Mann mitten auf der Strasse erreicht. Er drehte sich pfeilschnell nach derselben Seite wie die Pferde, lief neben ihnen her und warf sich dann dem naechsten in die Flanke ... "Das ist er!" rief Alice mit leichenblassem Gesicht und packte Mary so krampfhaft, dass sie beide ins Stolpern kamen. Schrill und wild kreischten weibliche Stimmen auf. Ein dumpfes Gebruell von Maennerstimmen folgte. Jetzt hing er an dem einen Pferde. Alice schloss die Augen, Mary wandte sich ab. Lief er mit oder wurde er geschleift? Sie anhalten konnte er nicht. Wieder einige Sekunden lang eine fuerchterliche Stille, nur die Hunde und die Hufe der Pferde hoerte man. Dann ein kurzer Aufschrei und dann tausende, und dann Jubel, wilder, endloser Jubel. Wehende Taschentuecher, Huete und Sonnenschirme. Die Menge stroemte zu beiden Seiten wie eine Sturmflut wieder in die Avenue hinein. Hier oben war die Strasse in einem Augenblick gedraengt voll. Die rasenden Tiere standen schaumbedeckt und zitternd dicht bei Alices Wagen. Sie sah einen grauen Englaender, einen schlanken alten Herrn mit weissem Bart und im Zylinder, und sie sah eine junge schlanke Dame an seinem Arm haengen und hoerte den Alten sagen: "Well done, young man!" Ein schallendes Gelaechter folgte. Und jetzt erst sah sie ihn, dem die Worte gegolten hatten, wie er die Pferde bei den Nuestern gepackt hatte, ohne Hut, mit aufgerissener Weste und blutenden Haenden, jetzt aber das schweissbedeckte, aufgeregte Gesicht lustig dem Englaender zuwandte. Gerade im selben Augenblick gewahrte er Alice. Sie stand ja noch immer auf dem Sitz ihres Wagens. Ohne Zoegern liess er Pferde und Wagen mitsamt dem Englaender stehen und bahnte sich den Weg zu ihr: "Verehrteste, bringen Sie mich fort aus diesem Wirrwarr!" sagte er laut in seiner breiten ostlaendischen Mundart. Ehe sie antworten, ja noch ehe sie vom Sitz herunterkommen, geschweige ehe der Groom sich vom Bock herabschwingen konnte, hatte er die Wagentuer geoeffnet und war bei ihnen im Wagen. Er half erst Alice von der Bank herunter, dann ihrer Freundin. Darauf sagte er auf franzoesisch zum Kutscher: "Fahren Sie mich nach Hause, so schnell Sie loskommen koennen. Sie wissen die Adresse wohl."--"Ja, Herr Hauptmann", antwortete der Kutscher mit ehrerbietigem Gruss und bewundernden Blicken. Als Franz Roey sich hinsetzen wollte, verzog er das Gesicht und rief, indem er sich an den Fuss fasste: "Au, Donnerwetter, das Ekel hat mich getreten. Jetzt merke ich es erst." In diesem Augenblick begegnete er Marys grossen, verwunderten Augen; er hatte sie bisher nicht angesehen, nicht einmal, als er ihr vom Sitz heruntergeholfen hatte. Die Veraenderung in seinem Gesichtsausdruck war so gewaltig und so ueberwaeltigend komisch, dass die beiden Damen in lautes Lachen ausbrachen. Er fasste mit der blutigen Hand an seinen Hut--und merkte, dass er keinen aufhatte. Da lachte er auch. Der Kutscher hatte inzwischen den Wagen ein paar Meter vorwaerts bugsiert, nun versuchte er zu wenden. "Ja, ich brauche wohl nicht erst zu sagen, wer das ist?" lachte Alice. "Nein!" sagte er und starrte Mary an, dass sie rot wurde. "Aber, mein Gott, wie konnten Sie das wagen!"--Alices Stimme war's.--"Ach, das ist nicht so gefaehrlich, wie es aussieht", antwortete er, ohne ein Auge von Mary zu wenden. "Es ist bloss ein Kniff. Ich habe es schon vorher zweimal gemacht." Er sprach nur zu Mary. "Diesmal sah ich gleich, dass bloss das eine Pferd den Verstand verloren hatte; das andere wurde nur mitgerissen. Ja, da nahm ich mir also das tolle vor. Pfui Teufel, wie sehe ich aus!" Jetzt erst entdeckte er, dass seine Weste zerrissen, dass seine Uhr weg war, und dass seine blutende Hand ihn beschmutzte. Mary bot ihm ihr Taschentuch an. Er blickte auf das feine, gestickte Gewebe und dann auf sie: "Nein, gnaediges Fraeulein, das waere, als wollte man Baumrinde mit Seide flicken." Gleich draussen vor dem Tor an der rechten Seite wohnte er, also war es keine Entfernung. Mit herzlichem Dank, ohne die blutige Hand darzubieten, stieg er aus. Als er schlank und riesig ueber den Fussweg von dannen hinkte und der Wagen wendete, sagte Alice leise auf englisch: "Wer so ein Modell haben koennte, Mary!"--Mary sah sie verwundert an: "Ja, laesst sich denn das nicht machen?"--Alice gab Mary den Blick noch verwunderter zurueck: "Nackt meine ich." Mary machte beinahe einen Luftsprung, beugte sich dann nach vorn und sah Alice gerade ins Gesicht. Alice begegnete ihren Augen mit einem schelmischen Lachen. Mary lehnte sich zurueck und starrte vor sich hin. * * * * * Franz Roey musste sich wegen seines Fusses einige Tage Schonung auferlegen. Als er sich wieder bei Alice meldete, wurde verabredetermassen Mary benachrichtigt. Aber es ueberkam sie eine solche Unruhe, dass sie sich nicht hinzugehen getraute. Beim naechsten Mal trieb die Neugier, oder was es sonst war, sie hin. Aber sie kam sehr spaet, und kaum stand sie ihm gegenueber, da wuenschte sie, sie waere nie gekommen. Er hatte etwas so Intensives, dass die vornehme Dame es als Aufdringlichkeit, ja fast als Beleidigung empfand. Ihr Wesen war in Aufruhr, sie folgte ihm mit den Augen, mit den Ohren; die Gedanken sausten in ihr und das Blut auch. Es muss doch mal voruebergehen, dachte sie. Aber das war nicht der Fall. Alices Verzauberung oder richtiger ihre Verliebtheit erhoehte das Schwindelgefuehl. War er eigentlich so haesslich? Diese breite, steile Stirn, diese kleinen, spruehenden Augen, der zusammengekniffene Mund, das vorspringende Kinn, das hatte alles in allem etwas ungewoehnlich Kraftvolles, aber es wurde spasshaft, weil er beinahe gar keine Nase hatte. Spasshaft war auch das meiste, was er sagte. So immer aufgelegt und lustig, dass um ihn her bestaendig Heiterkeit war, so unerschoepflich voller Einfaelle. Seine Manieren hatten nichts Gewaltsames; er war im Gegenteil die Hoeflichkeit selbst; er war aufmerksam, zuweilen sogar galant. Es lag nur an dem Ueberwaeltigenden in ihm. Seine Sprache und seine Augen allein waren wie ein Gewitter. Aber auch seine Gestalt tat das ihre, diese kraftvolle Hand, dieser massige Fuss, der fast nur Spann war, diese Schultern, der Nacken, der Brustkasten, das alles sprach mit, wirkte erdrueckend, demonstrierte. Man kam keinen Augenblick davon los. Und seine Rede floss unaufhaltsam. Mary kannte nur die Unterhaltungsform der internationalen Gesellschaft. Eine leichte Konversation ueber Wind und Wetter, ueber die Tagesereignisse, ueber Literatur und Kunst, ueber Zufaelligkeiten auf Reisen und beim Aufenthalt, das ganze immer mit anderthalb Ellen Abstand. Er dagegen war ganz individuell und nahebei. Dabei fuehlte sie, dass sie selbst auf ihn wirkte wie Wein. Er wurde immer berauschter und immer uebermuetiger. Das regte auf und machte unruhig. Sobald sie anstandshalber fort konnte, verschwand sie, benommen, verwirrt und eigentlich in einer wilden Flucht. Sie gab sich selbst das feierliche Versprechen, nie wiederzukommen. Erst spaeter am Tage ging sie zu ihrem Vater und zu Frau Dawes hinein. Sie erwaehnte kein Wort von ihrer Begegnung. Das hatte sie das vorige Mal auch nicht getan. Frau Dawes sagte, sie solle sich einmal die Karte ansehen, die auf dem Tisch liege.--"Joergen Thiis? Ist denn der hier?"--"Er ist den ganzen Winter hier gewesen. Jetzt hat er erst erfahren, dass wir angekommen sind."--"Er bat um Gruesse an Dich", warf der Vater ein, der wie gewoehnlich sass und las. Es war wirklich eine Erholung, an Joergen Thiis zu denken. Im vorigen Winter war sie verschiedentlich mit ihm hier in Paris zusammengewesen. Bei mehreren Gelegenheiten war er ihr Kavalier, so zum Beispiel bei den offiziellen Baellen im Elysee und im Hotel de Ville. Ein Kavalier, mit dem sie in allen Stuecken Ehre einlegte. Huebsch, elegant, zuvorkommend. Der Vater erzaehlte, Joergen wolle zur Diplomatie uebergehen. "Dazu gehoert doch wohl Kapital?" sagte Mary. "Er wird Onkel Klaus beerben", antwortete Frau Dawes. "Weisst Du das bestimmt?"--"Bestimmt nicht."--"Ist es denn wahr, dass Onkel Klaus in letzter Zeit mehrfach Verluste gehabt hat?" Frau Dawes schwieg. Der Vater antwortete: "Das kann schon sein."--"Ja, unterstuetzt er ihn denn?" Keiner antwortete. "Dann kann ich nicht finden, dass Joergens Aussichten so glaenzend sind", sagte sie abschliessend.-- Franz Roey war im Auftrage der Regierung in Paris und war infolgedessen oft abwesend. Das war gerade jetzt der Fall, so dass Mary sich sicher fuehlte. Aber als sie eines Morgens frueh zu Alice kam,--sie wollten zusammen in die Stadt,--sass er da! Er sprang auf und eilte ihr entgegen. Seine Augen ueberschuetteten sie mit Bewunderung und Freude, er nahm ihre Hand in seine beiden Haende. Etwas strahlend Gluecklicheres hatte sie nie gesehen. Mary fuehlte, wie sie rot wurde. Alice lachte, was die Sache noch schlimmer machte. Aber seine Redseligkeit, die heute selbst fuer seine Verhaeltnisse aussergewoehnlich war, half ihnen darueber weg. Jetzt stuerzte er sich in eine kolossale Fabrik hinein, von der er direkt herkam, und riss sie mit. Die halbnackten Maenner mit ihren Haken an dem Strom des siedenden, rotgluehenden, wallenden Eisenerzes,--die Gewalt der Maschinen und die Menschen dazwischen wie vorsichtige Ameisen in einem Wald von Riesen. Er versuchte ihnen das auch in den Einzelheiten zu erklaeren. Es gelang voellig; aber es dauerte lange und hielt vor, bis die beiden Freundinnen fort mussten. Als sie im Wagen sassen, war Alice aeusserst aufgeraeumt. Es war naemlich ganz klar, heute hatte er einen starken Eindruck gemacht.-- Am Tage darauf verliess Mary mit einem amerikanischen Ehepaar Paris im Automobil. Sie blieb mehrere Tage fort. Aber es war ihr erstes, als sie wieder zurueckkam, Alice aufzusuchen. Wahrhaftig: Franz Roey war da. Er und Alice sprangen in lebhafter Freude auf, Alice kam ihr entgegen und umarmte und kuesste sie: "Du Ausreisser, Du Ausreisser!" rief sie. Dass Franz Roeys Augen funkelten, ist zu wenig gesagt; sie schossen foermlich Salut. Von dem Augenblick an, da sie ihn begruesste, stand sein Mund nicht mehr still. Er benahm sich so toericht verliebt, dass es Alice ganz angst wurde. Gluecklicherweise musste er ein Ende machen; er hatte eine Konferenz. Mary war nachher wieder ganz aufgeruehrt; die See wollte sich nicht legen. Alice sah es und wollte sie beruhigen mit eifrigen, aengstlichen Versuchen, ihn ihr zu erklaeren. Aber das verwirrte nur noch mehr; Mary ging. Am Nachmittag, als sie zu den andern ins Zimmer trat--sie hatte ein wenig geruht, es hatte ihr notgetan--hoerte sie Klavierspiel. Sie wusste sofort, dass es Joergen Thiis war, der den beiden Alten Gesellschaft leistete. Er war wirklich ein Kuenstler, und er hatte eine Vorliebe fuer den Fluegel, den sie hatten. Den wollten sie mit nach Norwegen nehmen. Sie ging gleich zu ihm hin und dankte ihm, dass er so aufmerksam gegen ihren Vater und Tante Eva sei; leider muessten die beiden so oft allein bleiben. Er antwortete, es sei ihm eine unendliche Freude, dass sie seine Musik schaetzten, und das Klavier sei zu verlockend, in der Tat ersten Ranges. Die Unterhaltung bei Tisch und nachher zeigte Mary, wie die drei zusammenstimmten; sie war entbehrlich. Sie war wirklich dankbar dafuer, so dass es ein gemuetlicher Abend wurde. Es wurde viel von der Heimat gesprochen, nach der die beiden Alten Sehnsucht hatten. Kaum war er fort, so sagte Frau Dawes: "Was ist Joergen doch fuer ein gemuetlicher, gebildeter Mensch, liebes Kind!"--Der Vater blickte Mary an und laechelte. "Worueber lachst Du, Vater?"--"Ueber nichts", er lachte noch mehr. "Du moechtest wissen, wie er bei mir angeschrieben ist?"--"Ja, wirkt er auf Dich?" Frau Dawes war ganz Ohr. "A--ach."--"Das kommt ja so gedehnt heraus?"--"N--n--nein."--"Nun also?"--"Im Grunde gefaellt er mir gut."--"Doch es ist ein Aber dabei--?" Jetzt laechelte sie. "Ich mag nicht, dass seine Augen sich foermlich an mir festsaugen." Der Vater lachte: "Genau wie beim Essen, nicht?"--"Ja freilich!"--"Ein Lebemann, siehst Du, wie sein Vater."--"Aber genau wie sein Vater hat er auch viele gute Eigenschaften", warf Frau Dawes ein. "Das hat er", sagte Anders Krog ernsthaft. Mary antwortete nicht. Sie sagte Gutnacht und bot ihm die Stirn zum Kuss.---- Ein paar Tage spaeter, ganz frueh am Morgen, suchte Mary Alice in ihrem Atelier des Hinterhauses auf. Anders Krog hatte irgendwo altes chinesisches Porzellan gesehen, auf das er Lust bekommen hatte; aber Alices guter Rat war hierzu von groesster Wichtigkeit. Mary war ueberzeugt, sie allein zu treffen, in der Regel freilich mit irgendeinem Modell. Sie ging direkt hinein, ohne mit dem Pfoertner zu sprechen. Alice oeffnete ihr selbst. Sie hatte ihren Atelierkittel an, und ihre Haende waren schmutzig, sie konnte sie Mary nicht geben. "Hast Du ein Modell da?" fluesterte sie. "Ich wollte gerade anfangen," antwortete Alice leise mit einem seltsamen Laecheln, "das Modell wartet im Zimmer nebenan. Aber komm nur!" Als Mary hinter dem Vorhang hervortrat, erkannte sie den Grund, warum das Modell im Zimmer nebenan wartete; Franz Roey sass in diesem Zimmer. So frueh am Morgen und tief in Gedanken. Er bemerkte nicht einmal, dass sie hereinkamen. Es war das erstemal, dass Mary ihn ernst sah. Das stand der maennlichen Gestalt und seinem kraftvollen Gesicht ungleich besser als jene ausgelassene Lustigkeit. "Sehen Sie, wer da kommt!" sagte Alice. Er sprang auf.---- Die Unterhaltung heute war sehr ernst. Er war in gedrueckter Stimmung. Mary konnte unschwer erraten, dass die anderen von ihr gesprochen hatten. Sie waren deshalb alle drei etwas befangen. Bis Alice ein Thema aus der Morgenzeitung aufgriff. Zwei Morde aus Eifersucht, von denen der eine geradezu entsetzlich war, hatten sie alle erschuettert, besonders Franz Roey. Er behauptete, die Auffassung von der Ehe stamme bei den romanischen Voelkern aus einer Zeit, da die Frau Eigentum des Mannes war und Untreue folglich mit dem Tode bestraft wurde. Durch das Christentum sei freilich spaeter der Mann auch Eigentum der Frau geworden. Hierueber entstand eine lebhafte Diskussion. Mary stimmte ihm darin bei, dass keiner der Eheleute dem aendern gehoere. Sie seien freie Individuen und koennten ueber sich selbst bestimmen. In der Ehe wie vor der Ehe. Nur die Liebe sei entscheidend. Hoere die Liebe auf, weil der eine Teil oder auch beide durch die Entwicklung anders geworden seien, als sie bei Begruendung der Ehe waren, oder treffe einer von ihnen einen Menschen, der seine Seele und seine Gedanken gefangen nehme und seinem Leben eine andere Richtung gebe, dann muesse der Verlassene resignieren. Nicht verdammen oder toeten. Aber ihre Meinung und Franz Roeys Ansicht gingen auseinander, als sie erwogen, was zwei Eheleute von Rechts wegen scheiden duerfe. Namentlich als sie darauf kamen, was davon zurueckhalten muesse. Sie war hier viel bedenklicher als er. Er schlug scherzend vor, sie solle doch sagen: "Eheleute haben volle Freiheit, sich scheiden zu lassen; aber sie duerfen keinen Gebrauch davon machen." Sie schlug vor, er solle sagen: "Eheleute muessen in der Regel geschieden werden; haben sie keinen wirklichen Grund, muessen sie sich einen pumpen." Sie kamen in diesem Gespraech tiefer als bis zu den Worten. Es bezauberte ihn wie eine neue Art von Schoenheit an ihr, wie souveraen sie war. Das gab ihrer Erscheinung einen neuen Glanz. Es war keine Herrschsucht darin. Es war nur eine Schutzwehr, aber die hoechste. Ihr ganzes Wesen war darin konzentriert. Ein "Ruehr' mich nicht an!" in Augen, Stimme und Haltung. Vielleicht, wenn es sein musste, bereit zur Maertyrerglorie. Sie wurde viel groesser. Aber auch hilfloser. Gerade solche Wesen stehen zu hoch und stolpern beim ersten Schritt. Dann pflegen sie furchtbar zu fallen. Er starrte sie an und vergass zu antworten, vergass, wo er war. Ihm war, als rufe ihm einer zu: "Gib acht auf sie!" In seine Liebe zog mit gebieterischem Kommando die Ritterlichkeit ein. Sie sah, wie er sich dem Gespraech fernhielt; aber das hinderte sie nicht; das Thema war ihr zu lieb. Als er wieder bei der Sache war, hoerte er, wie sie ihr Innerstes enthuellte, zweifellos ohne es zu ahnen. Sie sprach aus, was sie gedacht hatte, seit sie sich so etwas hatte klar machen koennen. Es war ihr so natuerlich, wie das Kleid zu heben, wenn es schmutzig war, oder draussen im Meer zu schwimmen, wenn der Fuss keinen festen Boden mehr fand. Die Individualitaet muss frei werden, muss wachsen, darf nicht gebeugt und nicht befleckt werden; das war das Erste und das Letzte. Aber gleichzeitig fuehlte sie sich seltsam zu dem Menschen hingezogen, der sie zu bewegen vermochte, das auszusprechen. Sie hatte es so lange nicht mehr getan. Sie wusste nicht, dass die Persoenlichkeit, die unsere Gedanken erloest, selbstverstaendlich Macht ueber uns hat. Sie fuehlte nur, dass sie sprechen musste--und sich mit sich selbst beschaeftigen. Eine wundersuesse Empfindung, die sie zum erstenmal hatte. Folglich wurde das Thema ausgesponnen. In Worten, die immer weiter und weiter in sie selbst hineinschluepften und schliesslich sich in einer Stille von Blicken und Atemzuegen verloren. Alice war zu ihrem Modell hineingegangen. Sie waren befangen, als sie merkten, dass sie allein waren. Sie verstummten, und ihre Blicke wichen sich aus. Nach fluechtigem Verweilen bald auf dem einen, bald dem anderen der vielen Kunstgegenstaende, richtete sich ihre Aufmerksamkeit auf einen Faun ohne Arme, der sie angrinste. Sie sprachen ueber dieses Stueck alter Kunst, nur um nicht zu schweigen. Wo der gefunden sein mochte? Aus welcher Zeit er stamme? Er sei gewiss sehr teuer gewesen. Sie sprachen in gedaempften Worten mit liebkosender Stimme, und die Augen glitten umher. Sie standen auch nicht auf ganz sicheren Fuessen. Sie fuehlten sich leichter, wie wenn sie sich in hoeheren Luftschichten befaenden. Dabei die Empfindung, dass alles, was sie dachten, offen daliege, und dass sie selbst durchsichtig seien. Jetzt kam Alice wieder. Sie blickte sie mit Augen an, die die beiden aufweckten. "Sind Sie jetzt mit der Ehe fertig?" fragte sie; denn sie hatten ja ueber die Ehe gesprochen, als sie hinausgegangen war. --Mary fiel ein, sie habe etwas zu besorgen, und ihr Wagen warte. Franz Roey erinnerte sich auch seiner Obliegenheiten. So gingen sie zusammen fort, durch den Hofraum, durch das Vestibuel und die Tuer auf den Wagen zu. Aber sie fanden den Ton von vorhin nicht wieder, und sprachen deshalb nicht. Den Hut in der Hand, oeffnete er ihr den Schlag. Sie stieg ein, ohne aufzublicken. Als sie sich hingesetzt hatte und ihm zunicken wollte, harrten ihrer die heissesten Augen, in die sie je geblickt hatte. Voll Leidenschaft und voll Ehrerbietung. Zwei Stunden darauf war er wieder bei Alice. Laenger hatte er mit seinen himmelstuermenden Hoffnungen nicht allein sein koennen. Wo er in der Zwischenzeit gewesen sei? In der Stadt, um sich einen Abguss von Donatellos Heiliger Caecilia zu kaufen. Er muesse vergleichen. Aber Alice koenne sich im voraus denken, dass Donatellos Caecilia klaeglich durchgefallen sei. Jetzt bekam Alice ernstlich Angst: "Lieber Freund, Sie werden sich noch alles verderben. Das liegt in Ihrer Natur." Er sagte stolz: "Ich habe mir noch nie im Ernst ein Ziel gesteckt, das ich nicht erreicht haette."--"Das glaube ich gern. Sie koennen arbeiten, Sie koennen Hindernisse ueberwinden, Sie koennen auch warten."--"Das kann ich!"--"Aber Sie koennen sich nicht beherrschen, Sie koennen nicht abwarten, dass sie zu Ihnen kommt."--"Was soll das heissen, Alice?"--Es tat ihm weh. "Es soll Sie daran erinnern, lieber Freund, dass Sie Mary nicht kennen. Sie kennen die Welt nicht, in der sie lebt. Sie sind ein Waldbaer."--"Kann sein, dass ich ein Waldbaer bin. Dagegen sage ich nichts. Aber wenn sie nun Freude an einem Waldbaeren hat? Man kann sich in solchen Dingen nicht taeuschen." Er wollte sich seine festliche Stimmung nicht trueben lassen. Darum kam er bittend auf sie zu; er wollte sie sogar umarmen; er hatte es sehr mit dem Umarmen. "Nein, seien Sie artig, Franz! Uebrigens stoeren Sie mich schon zum zweitenmal."--"Sie sollen auch gestoert werden, Sie sollen nicht die da drin in Ihrem Gefaengnis modellieren. Liebe Alice, Sie mein einziger Freund, Sie sollen mir mein Glueck modellieren!"--"Ja, was kann ich weiter fuer Sie tun, als ich getan habe?"--"Sie koennen mir den Zutritt zu ihrem Hause verschaffen." Alice ueberlegte. "Das ist nicht so leicht."--"O,--Sie werden schon etwas ausfindig machen. Sie muessen, Sie muessen es!" Er redete und bettelte und umarmte sie solange, bis sie nachgab und es ihm versprach. Ob sie es nun falsch anstellte,--jedenfalls ging es schief. "Wenn ich meinen Vater bitte, einen jungen Herrn zu empfangen, der ihm nicht vorgestellt ist, muss er es falsch auffassen", sagte Mary. Alice gab das ohne weiteres zu. Sie war wuetend auf sich selbst, dass sie daran nicht gedacht hatte. Anstatt mit Mary zu ueberlegen, ob sich die Sache nicht anders machen lasse, gab sie es ganz auf. Sie war noch aergerlich, als sie Franz Roey das Ergebnis mitteilte; sie habe das Gefuehl, sagte sie, Mary wuensche keinen Vermittler. Sie schaerfte ihm wieder ein, vorsichtig zu sein. Franz Roey war ganz ungluecklich. Alice versuchte auch nicht, ihn zu troesten. Tags darauf kam er wieder. "Ich kann's nicht aufgeben", sagte er. "Ich kann auch an nichts anderes denken." Solange sass er und so oft wiederholte er dieselbe Litanei in allen Tonarten, und so ungluecklich war er, dass er der gutmuetigen Alice leid tat. "Hoeren Sie," sagte sie, "ich werde Sie zusammen einladen. Dann kommt vielleicht die Einladung zu Krogs von selbst."--Er sprang auf. "Das ist eine herrliche Idee. Tun Sie das, Liebste!"--"Ich kann es nicht gleich tun. Anders Krog ist unwohl. Wir muessen warten." Er starrte sie enttaeuscht an. "Aber koennen Sie uns beide nicht mal wieder zusammenbringen?"--"Ja, das kann ich."--"So tun Sie es,--sobald wie moeglich! Sie Liebste, Beste, sobald wie moeglich!" Das gelang. Mary war gleich zu einem Wiedersehen bereit. Sie trafen sich bei Alice, um zusammen in die Ausstellung in den Champs-Elysees zu fahren. Zusammen vor Kunstwerken zu stehen, ist wie ein Gespraech ohne Worte. Die wenigen Worte; die gesprochen werden, rufen hundert andere wach. Aber die werden nicht ausgesprochen. Der eine fuehlt durch den andern, oder glaubt es zu tun. Sie begegnen sich in einem Bilde, um in einem anderen wieder getrennt zu werden. Dabei lernen sie sich in einer Stunde besser kennen als sonst in Wochen. Alice fuehrte sie von Bild zu Bild; aber sie selbst war mit sich beschaeftigt,--je laenger, je vollstaendiger. Sie sah alles mit Kuenstleraugen an. Die beiden andern, die mit den Bildern anfingen, gingen immer mehr dazu ueber, durch die Bilder einander zu erforschen. Es wurde ein Fluesterspiel mit schnellen Blicken, knappen Worten und leicht andeutenden Fingern. Die aber, die sich auf heimlichen Wegen zueinander hintasten, haben zugleich eine unermessliche Freude daran. Und lassen diese Freude auch wohl ahnen. Ein Spiel wie bei Voegeln, die unter dem Wasser schwimmen und weit hinten emportauchen,--um dann wieder zueinander hinzustreben. Das Glueck der Stunde wurde erhoeht durch die vielen Augen, die auf ihnen ruhten. Unten bei den Skulpturen fuehrte Alice sie ganz nach vorn in den Mittelbau. Sie blieb vor einem leeren Sockel stehen und wandte sich an den Aufseher. "Ist der Athlet noch nicht in Ordnung?"--"Nein, gnaediges Fraeulein, leider nicht", antwortete er. "Dann ist es wohl noch einmal schief gegangen?"--"Ich weiss nicht, gnaediges Fraeulein." Alice erklaerte Mary, die Statue eines Athleten sei bei der Aufstellung zerbrochen. "Ein Athlet?" fragte Franz Roey, der etwas abseits stand und jetzt eilig herzukam. Die beiden andern laechelten. "Ein Athlet? Sprachen Sie nicht von einem Athleten?"--"Ja", sagten sie und lachten. "Ist dabei etwas zu lachen?" fragte er. "Ich habe einen Vetter, der ist Athlet." Nun lachten die beiden Damen erst recht. Franz Roey war hoechlichst erstaunt. "Ich kann Ihnen versichern, er ist der praechtigste Mensch, den ich kenne. Und so erstaunlich tuechtig. Das liegt in unserer Familie. Als Knabe war ich zwei Sommer bei ihm im Zirkus." Die andern lachten. "Worueber zum Teufel lachen Sie? Ich habe in meinem Leben keine herrlicheren Tage erlebt als im Zirkus." Die beiden Damen eilten unter Lachen in wilder Flucht dem Ausgang zu. Er musste ihnen folgen; aber er war beleidigt. "Ich begreife nicht, worueber Sie lachen", sagte er, als sie alle im Wagen sassen, lachte aber mit. Das kleine Missverstaendnis hatte die Folge, dass sie alle in der besten Stimmung waren, als sie vor Marys Wohnung hielten. Alice und Franz Roey fuhren ohne sie weiter. Er wandte sich uebergluecklich zu Alice und fragte, ob er heute nicht ein braver Junge gewesen sei? Ob er sich nicht im Zaum gehalten habe? Ob seine "Affaere" nicht brillant staende? Er liess sich nicht Zeit, auf ihre Antwort zu hoeren, er lachte und schwatzte und wollte sie schliesslich nach oben begleiten. Hiervon wollte Alice aber nichts wissen. Da verlangte er als Belohnung, wenn er es sein lasse, dass Alice sie beide auf eine Spazierfahrt ins Bois de Boulogne mitnehmen solle, nach Schloss Bagatelle hinaus. Die Fahrt muesse morgens um neun Uhr gemacht werden. Da dufte der Wald am staerksten, da sei der Gesang der Voegel am schoensten und da seien sie noch allein. Sie versprach es ihm. Am naechsten Freitag holte Alice Mary kurz vor neun Uhr morgens ab, dann fuhren sie weiter zu Franz Roey. Schon von weitem sah Alice ihn auf dem Fussweg auf und ab wandern. Aus Gang und Haltung ahnte ihr Boeses. Mary konnte ihn nicht sehen, bis sie hielten. Da aber warf all die Glut seines Gesichts eine Flamme auf ihres. Er schwang sich auf den Wagen wie auf ein erobertes Schiff. Alice suchte eilig seine Aufmerksamkeit in Anspruch zu nehmen, um es nicht gleich zu einem Ausbruch kommen zu lassen. "Was fuer ein herrlicher Morgen," sagte sie, "gerade weil er nicht ganz sonnenklar ist. Nichts ist schoener als ein gedaempfter Ton ueber einer so farbenfrohen Landschaft wie der, durch die wir jetzt kommen." Aber er hoerte nicht, er fasste nichts ausser Mary. Der weisse Schleier, der von ihrem roten Haar zurueckgeschlagen war, der halbgeoeffnete, frische Mund brachte ihn um den Verstand. Alice meinte, der Wald dufte viel staerker, seit die japanischen Baumarten herangewachsen seien. Immer, wenn diese Baeume berauschende Wellen in den hergebrachten europaeischen Waldduft hineingoessen, sei's, als floegen fremde Voegel mit fremdartigem Schrei zwischen den Baeumen auf. Sofort behauptete Franz Roey energisch, die heimischen Voegel des Waldes haetten davon einen anderen Gesang bekommen. So wunderbar schoen, wie sie diesen Morgen saengen, meinte er, haetten sie noch nie gesungen. Alices Angst vor einer Explosion stieg. Sie wollte ihn ablenken, indem sie ihn auf die Farbenkontraste von Wald und Wiese und Fernsicht aufmerksam machte. Gerade der Weg nach Bagatelle hinaus ist so reich daran. Aber Franz Roey sass rueckwaerts und musste sich jedesmal erst umdrehen, bis er sehen konnte, was Alice ihm zeigen wollte. Das machte ihn ungeduldig, um so mehr als Mary und er jedesmal in ihrem Gespraech unterbrochen wurden. "Wollen wir nicht lieber aussteigen und ein Stueck gehen?" fragte er. Aber davor hatte Alice die meiste Angst; auf was fuer Gedanken konnte er da nicht kommen?! "Sehen Sie sich doch um!" rief sie ihm zu. "Ist es nicht, als wenn die Farben hier Choere singen?"--"Wo?" fragte er gereizt.--"Herrgott, sehen Sie doch bloss das verschiedene Gruen in demselben Wald! Sehen Sie doch nur! Und daneben wieder das Gruen der Wiese!"--"Mir liegt nichts daran, das zu sehen! Nicht ein Deut!" Er drehte sich wieder zu den Damen um und lachte. "Waere es nicht doch besser, auszusteigen?" bestuermte er sie wieder. "Es ist doch was anderes, im Walde herumzulaufen, als ihn anzusehen. Ebenso mit dem Rasen."--"Das Betreten des Rasens ist verboten!"--"Zum Donnerwetter, so gehen wir eben auf der Landstrasse und besehen uns alles. Das ist viel schoener, als in dem engen Wagen zu sitzen!" Mary stimmte ihm zu. "Zum Spazierengehen habe ich Sie aber nicht hier herausgefahren. Wir wollten den Anblick des historischen Schlosses Bagatelle geniessen und den Wald, in dem es liegt. So was gibt es nicht wieder. Und dann wollten wir doch soweit wie moeglich hinaus. Daraus wird aber nichts, wenn wir gehen." Dieser Appell hielt sie eine Weile im Schach. Die Besitzerin des Wagens musste doch den Ausschlag geben. Aber Mary war mittlerweile auch uebermuetig geworden. Ihre Augen, die gewoehnlich etwas Nachdenkliches hatten, leuchteten vor Lebenslust. Heute lachte sie ueber seine vielen drolligen Einfaelle; sie lachte ueber das Geringfuegigste. Sie wollte in einemfort Blumen haben, wenn sie welche sah. Jedesmal musste angehalten werden, um Blumen und Laub zu pfluecken. Sie packte den Wagen voll, so dass Alice schliesslich protestierte. Da warf sie alles miteinander hinaus und verlangte energisch, selbst auch hinauszukoennen. Sie hielten und stiegen aus. Sie waren jetzt weit ueber Bagatelle hinaus und liessen den Wagen umkehren. Er solle langsam ein Stueck zurueckfahren, sie kaemen nach. Kaum waren sie ein paar Schritte gegangen, als Franz Roey anfing, Rad zu schlagen, d.h. er warf sich seitlings auf den Haenden herum, um wieder auf die Fuesse zu fallen, dann wieder auf die Haende und so weiter, schneller und immer schneller. Dann drehte er um und kam auf dieselbe Weise zurueck. "Das ist eins von meinen Zirkuskunststuecken", sagte er strahlend. "Jetzt kommt ein anderes!" Er warf sich in der Luft herum und kam wieder auf die Fuesse genau an derselben Stelle, wo er hochgesprungen war. Dann noch einmal. "Sehen Sie? Genau wo ich hochgesprungen bin!" Er triumphierte und machte es noch zwei-, noch drei-, vier-, fuenfmal vor. Sie bewunderten ihn. Es war auch bewundernswert, wie der grosse, starke Mann das mit einer Leichtigkeit ausfuehrte, dass es wirklich schoen aussah. Angefeuert durch ihr Lob fing er an, sich mit solcher Geschwindigkeit herumzuwirbeln, dass den andern beim blossen Zusehen schlecht wurde. Schoen war es auch nicht. Sie wandten sich ab und schrien. Das machte ihm furchtbaren Spass. Aergerlich rief Alice: "Sie sind wahrhaftig wie ein Schuljunge von siebzehn Jahren!"--"Wie alt sind Sie eigentlich?" fragte Mary. "Ueber dreissig." Da lachten sie aus vollem Halse. Das haetten sie nicht tun sollen. Dafuer musste er sie strafen. Ehe Alice es ahnen konnte, fasste er sie um die Taille und tanzte mit ihr im rasendsten Galopp die Chaussee hinunter, dass der Staub aufwirbelte. Die schwerfaellige Alice wehrte sich aus Leibeskraeften und schrie. Aber es half nichts; es machte ihm nur Spass. Ihr Hut fiel zu Boden, ihr Schal flog hin, Mary lief hinterher und nahm beides auf, aber sie kruemmte sich vor Lachen. Denn diese plumpen, voellig nutzlosen Widerstandsversuche waren nicht mitanzusehen. Schliesslich machte er Kehrt, und sie kamen in dem gleichen rasenden Trab wieder zurueck und machten bei Mary Halt. Alices Gesicht ganz verstoert, schweisstriefend und rot. Ihre kurzatmige Wut, die keine Worte fand, liess Mary kreischen vor Lachen. Franz sang ihr: "Hopsa--sa! hop--sa--sa!" vor, bis sie sprechen und ihn tuechtig ausschelten konnte. Da lachte er. "Und Sie?" wandte Mary sich jetzt an Franz Roey, "hat es Sie gar nicht angestrengt?"--"Nicht sonderlich. Ich koennte gleich mit Ihnen dieselbe Tour machen!" Mary erschrak. Sie hatte Alice gerade den Hut gegeben und stand nun da mit dem Schal und ihrem eigenen Hut, den sie abgenommen hatte, in der Hand, warf aber mit einem Aufschrei die beiden Gegenstaende hin und sauste nach der entgegengesetzten Seite davon, dahin, wo der Wagen hielt. Keinen Augenblick war es Franz Roey in den Sinn gekommen, seine Drohung auszufuehren. Es war nur Scherz gewesen. Aber als er sie laufen sah, und zwar mit einer Geschwindigkeit, die er weder ihr noch ueberhaupt einer Dame zugetraut haette, war das fuer sein Offiziersherz wie eine Herausforderung. Alice merkte es und sagte schnell: "Tun Sie's nicht!" Die Worte stellten sich ihm so eindringlich in den Weg, dass er zweifelnd stehen blieb. Mary aber dahinten auf der Strasse in dem weissen Kleide und dem roten Haar darueber, mit einem so geschwinden und leichten Tanz der Fuesse, dass allein dieser Rhythmus schon lockte, ja, das raubte ihm die Besinnung, das schleuderte ihn in die Bahn, eh' er selbst es wusste. Gerade als Alice zum zweitenmal und ganz verzweifelt rief: "Tun Sie's nicht!" Der helle Streifen da vorn ueber dem Strassenstaub fiel wie Sonne in seine Augen und in seine Phantasie. Er blendete ihn. Er lief ganz bewusstlos weiter. Er lief, als rufe da vorn immerzu jemand: "Fang mich! Fang mich!" Er lief, als gelte es des Lebens hoechsten Preis, sie einzuholen. Sie hatte einen bedeutenden Vorsprung. Gerade das spornte seine ganze Kraft bis zum aeussersten an. Ein Wettlauf ums Glueck mit einer, die gefangen werden moechte. Siedend heiss brauste ihm das Blut in den Ohren, die Begierde wallte auf. Die stuermische Sehnsucht all dieser Tage und Naechte trieb vorwaerts zum Sieg. Wollte endlich einmal reden. Oder richtiger,--da bedurfte es keines Redens; er wuerde sie in seinen Armen haben! Jetzt wandte sie den Kopf,--sah ihn, stiess einen Schrei aus, raffte das Kleid zusammen,--jetzt setzte sie die Fuesse wahrhaftig noch schneller! Er war wie toll. Er hielt ihren Schrei fuer einen Lockruf. Er sah sie nach vorn winken und glaubte, das solle bezeichnen, wo sie stehen bleiben wolle und frei sein. Es hiess also sie einzuholen, bis sie dahin kam. Auch er gab sich den letzten Sporn, und der brachte ihn im Nu dicht in ihre Naehe. Er meinte, ihren Duft zu spueren, bald musste er ihren Atem hoeren. Er war so erregt, dass er gar nicht wusste, er beruehre sie, bis sie sich umsah. Sie liess sofort das Kleid los und nach ein paar Saetzen stand sie still. Sein Arm legte sich um ihre Taille, er gluehte und zog sie leidenschaftlich an sich,--da hoerte er ein sehr bitteres: "Lassen Sie mich los!" Die Atemnot machte es so eigen scharf. Er war ganz entsetzt, dachte aber, er muesse sie stuetzen, bis sie wieder zu Atem gekommen sei, und deshalb hielt er sie fest. Da, mit der gleichen schneidenden Schaerfe der Atemnot: "Sie sind kein Kavalier!" Er liess sie los. Man hoerte Huf schlag, der Wagen kam rasch heran. Die beiden auf dem Bock mussten den Vorgang mitangesehen haben; ihnen hatte sie gewinkt. In seiner blinden Hetze hatte er nur sie gesehen. Jetzt ging sie auf den Wagen zu; sie hielt sich das Taschentuch vors Gesicht; sie weinte. Der Diener sprang vom Bock und oeffnete ihr den Schlag. Er liess sie stehen, trostlos, wie gelaehmt in seinem Denken. Da kam Alice. Sie hatte ihren Schal und Marys Hut in der Hand und ging direkt auf den Wagen zu, ohne ihn zu beachten. Als er zu ihr hin wollte, winkte sie ihm ab. * * * * * Am dritten Tage nach diesem Ereignis liess er sich bei Alice melden. Sie sei nicht zu Hause. Am Tage darauf bekam er denselben Bescheid. Dann musste er auf einige Tage verreisen. Aber sowie er zurueckkam, meldete er sich wieder. Sie sei eben fortgegangen, antwortete der Diener. Da schob er ohne weiteres den Diener beiseite und ging hinein. Alice war ganz in Anspruch genommen von einer Reihe von Kunstgegenstaenden, die auf Tischen und Stuehlen lagen oder standen. "Aber Alice?" sagte er leise und schmerzlich. Sie war erschrocken; doch er gewahrte im gleichen Augenblick ihren Vater hinter ihr. Da tat er, als habe er nichts gesagt, und trat naeher. Die Kunstgegenstaende wurden beiseite gestellt; Franz Roey half dabei. Der Vater verliess das Zimmer. "Aber Alice?" wiederholte Franz Roey nun vorwurfsvoll. "Sie wollen mir doch wohl nicht Ihr Haus verschliessen? Und gerade, wo ich so ungluecklich bin?" Sie antwortete nicht. "Wir sind doch immer so gute Kameraden gewesen und haben uns so gut vertragen!" Sie stand abgewandt und gab keine Antwort. "Selbst wenn ich mich dumm benommen habe, kennen wir beide uns doch zu gut, als dass es uns trennen koennte?"--"Es muss doch Grenzen geben", hoerte er sie sagen.--Er bedachte sich eine Weile: "Grenzen? Grenzen? Aber hoeren Sie mal, Alice, zwischen uns ist doch nichts."--Ehe er weiterreden konnte, warf sie schnell ein: "Es geht doch nicht an, sich im Beisein anderer so zu benehmen!" Sie war feuerrot.--"Ja, was meinen Sie--?" Er verstand sie nicht. Sie wandte sich ab: "Mich im Beisein anderer so zu behandeln ..." ergaenzte sie. "Was muss Mary denken?"--Jetzt erst ging ihm ein Licht auf, dass er sich auch gegen sie, gegen Alice nicht richtig benommen habe; er hatte die ganze Zeit nur an Mary gedacht. Jetzt schaemte er sich. Schaemte sich ganz entsetzlich und ging auf sie zu. "Ich bitte Sie um Verzeihung, Alice, ich war so froh, dass ich nichts ueberlegt habe. Erst jetzt kommt mir das zum Bewusstsein. Verzeihen Sie mir armem Suender! Nein, sehen Sie mich an!" Sie wandte ihm das Gesicht zu, ihre Augen waren ungluecklich und standen voll Traenen; sie begegneten den seinen, die auch ungluecklich, aber flehend waren. Da dauerte es nicht lange, bis ihre und seine eins waren. Er streckte die Arme aus, umarmte sie und wollte sie kuessen; aber das durfte er nicht. "Alice, liebe, suesse Alice, Sie wollen mir doch wieder helfen?"--"Es hat keinen Zweck. Sie zerstoeren alles."--"Ich will fortan jedes bisschen tun, was Sie wuenschen."--"Das haben Sie frueher auch schon versprochen."--"Aber jetzt habe ich zugelernt. Jetzt halte ich es. Auf Ehre!"--"Man kann sich nicht auf Ihre Versprechungen verlassen. Denn Sie haben eben kein Verstaendnis."--"Kein Verstaendnis?"--"Nein, Sie ahnen ja nicht, wie sie ist!"--"Ich gebe zu, dass ich mich getaeuscht haben muss; denn noch in diesem Augenblick ist mir nicht klar, worueber sie so boese wurde."--"Das kann ich mir denken."--"Ja, denn als sie alles hinwarf und fortlief, glaubte ich tatsaechlich, sie tue es, damit ich hinterherlaufe."--"Hoerten Sie denn nicht, dass ich zweimal rief: 'Tun Sie's nicht!'"--"Ja; aber ich verstand auch das nicht."--Alice setzte sich entmutigt hin. Sie sagte nichts mehr; es half ja doch nichts. Er nahm ihr gegenueber Platz: "Erklaeren Sie mir's, Alice! Haben Sie nicht gesehen, wie sie lachte, als ich mit Ihnen davontanzte?"--"Haben Sie noch nicht begriffen, was fuer ein kolossaler Abstand zwischen ihr und uns andern ist?"--"Mary Krog ist nicht anspruchsvoll und nicht uebermuetig. Nicht im geringsten."--"Nein, das ist sie nicht. Sie verstehen mich schon wieder falsch. Waehrend wir andern gewoehnliche Sterbliche sind, die ruhig mal derb angefasst werden koennen, lebt sie in einer Ferne, der bis jetzt niemand auch nur um einen halben Meter naehergekommen ist. Nicht aus Stolz oder aus Einbildung."--"Nein, nein!"--"So ist sie eben. Waere sie nicht so, dann waere sie laengst gekapert und verheiratet. Sie werden doch nicht glauben, dass es ihr an Bewerbern gefehlt hat?"--"Nein, das lasst sich denken."--"Fragen Sie Frau Dawes! Sie fuehrt in ihren tausend Briefen Buch darueber. Sie schreibt jetzt von nichts anderem." "Aber wie ist das zu verstehen, liebe Alice?"--"Das ist ganz leicht zu verstehen. Sie ist freundlich und umgaenglich und gefaellig, was sie wollen. Aber sie lebt in einem Elfenlande, das niemand betreten darf. Darueber wacht sie mit der unverbruechlichsten Sorgfalt und dem feinsten Takt!"--"Also unberuehrbar?"--"Absolut! Dass Sie das noch nicht einmal gemerkt haben!"--"Ich hatte es gemerkt,--aber ich vergass es." Franz Roey sass da, als lausche er in die Ferne. Er hoerte wieder diesen hellen Angstruf, der durch die Luft zitterte, als er ihr naeher kam; er sah das aufgeregte Winken nach dem Wagen, er fuehlte ihren zitternden Koerper, er vernahm den Zornesausbruch, der mit aller Kraft, die sie noch hatte, herausgeschleudert wurde; er sah sie weinend fortgehen. Mit einemmal begriff er! Was fuer ein dummer, brutaler Verbrecher er doch war! Er blieb sitzen, stumm und tief ungluecklich. Aber es lag nicht in seiner Natur, sich zu ergeben. Bald erhellte sich sein Gesicht. "Schliesslich war es doch nur ein Spiel, liebe Alice."--"Fuer sie war es mehr. Daran zweifeln Sie doch auch wohl nicht mehr?"--"Ihr ist schon oefter nachgestellt worden, meinen Sie?"--"Auf alle moegliche Weise!"--"Darum ging die Phantasie mit ihr durch?"--"Natuerlich. Das sahen Sie doch?"--Er schwieg. "Aber hoeren Sie mal, lieber Franz,--war es fuer Sie nicht auch mehr als ein Spiel? War es nicht das Entscheidende?" Er liess beschaemt den Kopf sinken. Dann ging er ein paarmal auf und ab und kam zu ihr zurueck. "Sie ist souveraen. Sie will nicht erobert sein. Ich haette stehen bleiben sollen--?"--"Sie haetten ihr ueberhaupt nicht folgen sollen. Und sie waere jetzt Ihr eigen gewesen." Er setzte sich wie mit einer schweren Last auf den Schultern wieder hin. "Hat sie etwas gesagt?" fragte Alice mit forschendem Blick.--Er haette lieber geschwiegen, aber die Frage wurde wiederholt. "Sie sagte, ich sei kein Kavalier." Alice fand das sehr schlimm. Darauf fragte er, ob Mary zu ihr etwas gesagt habe. Im Wagen? "Kein Wort. Aber ich habe geredet. Ich schalt auf Sie. Tuechtig."--"Sie hat auch spaeter nicht mehr davon gesprochen?" --Alice schuettelte den Kopf. "Ihr Name ist aus dem Woerterbuch gestrichen, mein Freund."---- * * * * * Einige Tage spaeter bekam er einen Rohrpostbrief, der ihn in aller Eile davon unterrichtete, sie seien vormittags elf Uhr wieder in der Ausstellung der Champs Elysees. Als er das Billet bekam, war die Uhr schon elf. Mary war zu Alice gekommen mit der Bitte, sie zu begleiten. Sie solle ihr Urteil ueber eine hollaendische Kuestenlandschaft abgeben, die ihr Vater kaufen wolle. Der Preis erscheine ihnen allen recht hoch, moeglicherweise koenne Alice guenstigere Bedingungen erzielen. Marys Wagen hielt unten. Alice liess sie allein, schrieb eilig an Franz Roey und machte sich dann fertig, was gegen ihre Gewohnheit heute sehr lange Zeit in Anspruch nahm. Sie kamen in die Ausstellung, suchten das Bild auf und gingen ins Bureau, wo sie warten mussten, machten dann ihr Angebot, gaben ihre Adresse auf und begaben sich wieder ins Parterre; denn sie wollten den Athleten suchen. Jetzt stand er da in seiner ganzen maennlichen Kraft. Alice trat zuerst davor hin und rief: "O Gott, das ist ja--" hielt aber inne und wandte sich von Mary ab. Sie besah die Statue von allen Seiten, immer und immer wieder, ohne ein Wort zu sagen. Gerade das, was an Franz Roey auffiel, dass seine Kraft nicht aeusserlich in Muskelkissen sichtbar war, sondern als Spannkraft in dem wohlgeformtesten, geschmeidigen Koerper lag, fand sich hier wieder. Das war Franz Roeys Haltung und seine Kopfstellung, seine breite, schraeg ansteigende Stirn, seine Hand, sein kurzer, kraeftiger Fuss,--alles war hier! Die Statue wirkte wie ein Schlachtgesang. Zum erstenmal fand sie ein Wort dafuer, wie Franz Roey wirkte. Dies hier riss sie mit wie der Rhythmus eines Marsches. Genau das, was sie oft empfunden hatte, wenn sie Franz Roey gehen sah. War diese Aehnlichkeit ein sonderbarer Zufall, oder hatte wirklich Franz Roey ... ihr wurde heiss, und sie musste ein Stueck von der Statue fort--zu einer andern hin. Mary hatte sich die Zeit ueber hinter Alice gehalten, die sie ganz vergessen hatte. Nun, da Alice allein stand, stieg unwillkuerlich die Frage in ihr auf: begreift Mary, was sie sieht? Alice wartete eine Weile, ehe sie zu beobachten anfing. Mary stand jetzt lange unbeweglich vor der Statue mit dem Ruecken nach Alice. Alice wurde neugierig. Sie ging auf einem Umwege zwischen andern Skulpturen hindurch nach drueben, setzte ihr Pincenez auf und sah hin. Marys Augen waren halbgeschlossen, ihre Brust wogte. Sie ging langsam im Kreise um die Statue herum, trat etwas zurueck, kam wieder naeher und blieb halb seitlich davor stehen. Da sah sie sich nach Alice um und erblickte sie, wie das Pincenez gerade auf sie gerichtet war; Alice hielt es sogar noch fest, um deutlicher zu sehen. Man konnte sich nicht taeuschen: Alices Gesicht war ein einziges Schelmenlachen. Es gibt Dinge, von denen keine Frau will, dass eine andere sie versteht: Marys Blut geriet in Wallung; geaergert und gekraenkt, empfand sie Alices Blick wie eine "insulte"--das Wort wurde franzoesisch gedacht. Sie drehte schnell dem Athleten den Ruecken und ging nach dem Ausgang zu. Aber sie blieb hier und da stehen, um sich den Anschein zu geben, als betrachte sie andere Kunstwerke. In Wirklichkeit, um ihrer Erregung Herr zu werden. Endlich hatte sie den Ausgang erreicht. Sie blickte sich nicht um, ob Alice nachkomme; sie ging in die Vorhalle hinaus und von da weiter. Aber gerade, als sie draussen stand, kam Franz Roey dahergestuermt. So eilig, als sei er hinbestellt und habe sich verspaetet. Franz Roey riss den Hut vom Kopf, bekam aber kein Nicken als Antwort, nur ein paar kuehle Augen. "Aber nein, jetzt muessen Sie auch nicht mehr boese sein!" sagte er gutmuetig und knabenhaft in seinem breitesten Ostlaendisch. Sie taute auf, ja, sie konnte nicht anders, sie laechelte sogar und war tatsaechlich nahe daran, seine ausgestreckte Hand zu fassen,--als sie sah, wie seine Augen blitzschnell an ihr vorbeiglitten und mit einem ganz, ganz kleinen Triumph wieder zurueckkehrten. Da wandte auch sie den Kopf und begegnete Alices Augen. In ihnen lag eine ganze Welt von Schelmerei und Freude. Eine abgekartete Sache also! Da ging eine Verwandlung mit Mary vor. Wie von der hoechsten Kirchturmspitze blickte sie auf die beiden hinunter--und liess sie stehen. Ihr Wagen hielt in einiger Entfernung; sie winkte, und er kam in grossem Bogen heran. Ihr Vater hatte auf seinem Wagen keinen Diener; sie machte sich selbst den Schlag auf, ehe Franz Roey hinzuspringen konnte. Sie stieg ein, als sei kein Mensch da. Von ihrem Sitz aus sah sie sich nach Alice um,--an Franz Roey vorbei. Die korpulente Alice kam langsam herangewatschelt. Schon von weitem war zu sehen, dass sie einen harten Kampf mit unterdruecktem Lachen zu bestehen hatte. Und als sie herangekommen war und Mary vornehm dasitzen sah, den Kopf nach der andern Seite gewandt, waehrend auf dieser Seite Franz Roey, der Riese, wie ein verdonnerter Rekrut stand, da konnte sie sich nicht laenger halten, sie brach in ein Gelaechter aus, das ihre ganze behaebige Person von Grund auf erschuetterte. Sie lachte, dass ihr die Traenen ueber die Backen liefen. Sie lachte so, dass sie nur mit Not und Muehe und nicht ohne Hilfe das Trittbrett fand und sich hinaufzog. Sie sank laut lachend neben Mary auf den Sitz, dass der Wagen wackelte. Sie hielt das Taschentuch vors Gesicht und prustete hinein. Sie sah Marys purpurrotes Beleidigtsein und Franz Roeys blasses Entsetzen, sie lachte nur immer mehr. Sogar der Kutscher musste mitlachen; er wusste den Teufel warum. So fuhren sie ab. Wieder eine missglueckte Expedition nach den kuehnsten Hoffnungen! Es dauerte lange, bis Alice etwas sagen konnte. Natuerlich fing sie damit an, Franz Roey zu bedauern. "Du bist zu streng gegen ihn, Mary. Gott, wie ungluecklich er aussah!" Und wieder ueberkam sie das Lachen. Mary aber, die die ganze Zeit ueber dagesessen und nur auf eine Gelegenheit gewartet hatte, brach jetzt los: "Was geht mich Dein Protege an?" Und als sei das nicht genug, beugte sie sich vor und sah in Alices lustige Augen hinein. "Du verwechselst uns beide wohl. Du bist selbst in ihn verliebt. Meinst Du, ich habe das nicht lange gesehen? Ihr muesst ja selbst am besten wissen, in was fuer einem Verhaeltnis Ihr zueinander steht. Mich geht es nichts an. Aber das 'Sie', an dem Ihr festhaltet,--ist doch wohl nur ein Deckmantel?" Alices Lachen erstarb. Sie wurde blass, so blass, dass Mary erschrak. Mary wollte die Augen wieder abwenden, konnte es aber nicht. Alices Augen hielten sie waehrend des schmerzlichen Ueberganges fest, bis sie erloschen. Da sank Alices Kopf mit einem langen, schweren Seufzer hintenueber. Wie das Stoehnen eines verwundeten Tieres. Mary sass daneben, erschrocken ueber den eigenen Schuss. Aber es war geschehen. Unerwartet und hastig hob Alice den Kopf und liess den Kutscher halten. "Ich muss in dies Hotel." Der Wagen hielt, sie oeffnete die Tuer, stieg aus und schloss sie hinter sich. Mit einem langen Blick auf Mary sagte sie: "Good bye!"--"Good bye!" war die leise Antwort. Beide fuehlten, es war fuer immer. Mary fuhr weiter. Sowie sie zu Hause war, ging sie geradenwegs in den Salon; sie wollte ihrem Vater etwas sagen. Schon draussen vor der Tuer hoerte sie Klavierspiel und wusste, dass Joergen Thiis da war. Aber das hielt sie nicht zurueck. In Hut und Sommermantel stand sie ploetzlich unerwartet im Zimmer. Joergen Thiis sprang vom Klavier auf und ging ihr entgegen, seine Augen waren voll Bewunderung; sie gluehte naemlich vor Erregung. Aber etwas Stolzes und Abweisendes in all dem Funkeln bewirkte, dass er es aufgab, sich ihr zu naehern. Da bekamen seine Augen das Saugende, Gierige, das sie so tief verabscheute. Mit leichtem Gruss ging sie an ihm vorbei auf den Vater zu. Er sass wie gewoehnlich in einem grossen Stuhl mit einem Buch auf den Knien. "Du Vater, was meinst Du, wollen wir jetzt nach Hause reisen?" Alle Gesichter hellten sich auf. Frau Dawes rief: "Denk nur, Joergen Thiis hat gerade gefragt, wann wir reisen; dann will er mit."--Mary wandte sich nicht zu Joergen Thiis, sondern fuhr fort: "Ich glaube, das Schiff faehrt morgen von le Havre ab."--"Ja, ganz recht," antwortete ihr Vater, "aber bis dahin werden wir wohl nicht fertig?"--"Doch, das werden wir," sagte Frau Dawes, "wir haben ja den ganzen Nachmittag."--"Ich will mit Vergnuegen helfen", sagte Joergen Thiis. Dafuer bekam er einen freundlichen Blick von Mary, ehe sie ueber den Preis Bericht erstattete, den Alice fuer die hollaendische Kuestenlandschaft, die ihr Vater haben wollte, angesetzt hatte. Dann ging sie hinaus, um ihre eigenen Sachen einzupacken. Sie trafen sich alle vier um halb acht im Hotel beim Diner. Mary fand sich, etwas abgespannt, auch ein; Joergen Thiis ging ihr entgegen und sagte: "Gnaediges Fraeulein haben doch diesmal Franz Roey kennen gelernt?"--Der Vater und Frau Dawes waren ganz Aufmerksamkeit; sie verrieten dadurch, dass Joergen soeben mit ihnen darueber gesprochen haben musste. Immer wenn sie die Bekanntschaft eines Herrn machte, bekamen naemlich die beiden Angst. Mary wurde rot; sie fuehlte es, und daher vertiefte sich das Rot noch. Die beiden starrten sie an. "Ich habe ihn bei Miss Clerq gesehen", antwortete Mary. "Miss Clerqs Mutter und sie sind mehrere Sommer in Norwegen gewesen und dort mit Franz Roeys Familie zusammengetroffen; sie sind aus einer Stadt. Soll ich noch weitere Aufklaerungen geben?" Joergen Thiis erschrak. Die andern starrten sie an. Er sagte eilig: "Ich habe gerade zu Ihrem Vater und zu Frau Dawes gesagt, dass unter uns juengeren Offizieren Franz Roey als der beste gilt, den wir ueberhaupt haben. Ich habe es also nicht boese gemeint."--"Das habe ich auch nicht von Ihnen gedacht. Aber wenn ich selbst von dieser Bekanntschaft hier nicht gesprochen habe, darf es auch von keinem Fremden zugetragen werden, finde ich."--Ganz erschrocken sagte Joergen Thiis, dass ... dass ... dass er keine andere Absicht dabei gehabt habe als, als, als ... "Das weiss ich", schnitt sie ihm das Wort ab. Dann gingen sie zusammen hinunter. Bei Tisch--sie hatten einen fuer sich allein--nahm Joergen Thiis das Thema natuerlich wieder auf. Das koenne nicht so abgetan werden. Die Offiziere, sagte er, bedauerten, dass Franz Roey zum Geniekorps uebergegangen sei. Er sei ein hervorragender Stratege. Ihre Uebungen, sowohl die theoretischen wie die praktischen, haetten ihm Gelegenheit gegeben, sich auszuzeichnen. Joergen fuehrte Beispiele an, die sie aber nicht verstanden. Da wartete er mit Anekdoten ueber Franz Roey auf. Aus dem Leben mit den Kameraden, aus seinem Beruf. Die sollten beweisen, wie beliebt und wie schneidig er sei; Mary aber fand, sie bewiesen eher, wie jungenhaft er sei. Joergen trat also den Rueckzug an: er habe es nur erzaehlen hoeren; Franz Roey sei ja aelter als er. "Wie finden Sie ihn denn?" fragte er ploetzlich sehr unschuldig. Mary zoegerte, die aendern blickten auf. "Er redet so sehr viel."--Joergen lachte. "Ja, was soll er machen? Er hat soviel Kraft."--"Muss die sich an uns andern auslassen?" Darueber lachten sie alle, und damit war die Spannung geloest, in der bis jetzt alle befangen waren. Krog und Frau Dawes fuehlten sich sicher vor Franz Roey. Auch Joergen Thiis. Sie kamen um halb neun wieder nach oben. Mary entschuldigte sich,--sie sei muede. Von ihrem Zimmer aus hoerte sie Joergen Thiis spielen. Sie lag und weinte. * * * * * Der naechste Abend auf dem weiten, stillen Meer. Es daemmerte leise der Sommernacht entgegen; zwei Rauchsaeulen in der Ferne,--sonst nichts. Ein ununterbrochenes helles Grau oben und unten. Mary lehnte sich an die Reeling. Kein Mensch weiter war zu sehen; das Stampfen der Maschine war der einzige Laut. Sie war eben unten beim Konzert gewesen, war aber vor den andern nach oben gegangen. Ein Gefuehl unsaeglicher Einsamkeit trieb sie hinauf zu diesem inhaltlosen Ausblick. Ueberall Wolken als Grenze. Nichts als Wolken; nicht einmal ein Widerschein der untergegangenen Sonne. Was war ihr selbst von dem Glanz der Welt geblieben, aus der sie kam? War nicht in ihr und um sie herum die gleiche Leere? Das Wanderleben war jetzt vorbei; weder ihr Vater noch Frau Dawes konnten oder wollten es fortsetzen; das wusste sie. In der Bucht, wo sie wohnten, war kein Nachbar, an dem ihr lag. In der Stadt eine halbe Stunde davon kein Mensch, an dem sie hing. Sie hatte sich keine Zeit dazu gelassen. Sie war nirgends heimisch. Ihr Leben war keins, das aus der Scholle herauswaechst und mit allem verknuepft ist, was daran haengt. Wo sie hinkam, schien die Unterhaltung zu stocken, damit ein anderes Thema, das ihr angepasst war, aufgenommen werden konnte. Die Globetrotter, die mit ihr durch die Welt zogen, sprachen von Reiseerlebnissen, von Museen und Musik an den Orten, die sie zusammen aufgesucht hatten. Manchmal auch ueber Probleme, die mit ihnen schwammen, wohin sie auch fuhren. Aber kein einziges darunter, das ihr nahe ging. Die Redensarten, auf die es ankam, konnte sie auswendig. Es war eigentlich eine Art Sprachuebung oder ein zweckloses, muessiges Geschwaetz. Die Huldigungen, die ihr dargebracht wurden, und die bisweilen in einen Kultus ausarteten, fingen schon an, als sie noch ein Kind war und es fuer Spiel ansah. Spaeter war es ihr so zur Gewohnheit geworden wie die Touren eines Kontres. Ein einzelner Zwischenfall, der die ganze Familie in Aufregung gebracht hatte, ein paar Faelle, die weh getan hatten, waren laengst vergessen; das ganze war jetzt Alltaeglichkeit ohne Ernst. Sie stand einsam und mit leeren Haenden da. Es ging ein Zucken durch ihren Koerper, als ihr Franz Roeys riesige Gestalt vor Augen trat. So deutlich, so scharf in allen Einzelheiten, dass ihr war, als koenne sie sich nicht vom Fleck ruehren. Er war nicht wie die anderen. Hatte das sie in Aufregung gebracht? Bei dem blossen Gedanken an ihn zitterte sie. Ohne dass sie es wollte, stand Alice neben ihm in ihrer ueppigen Luesternheit, mit frivolen Augen ... In was fuer einem Verhaeltnis standen die beiden? Es wurde ihr dunkel vor den Augen, es stach, es kochte in ihr. So stand sie und weinte. Sie hoerte ein dumpfes Brausen von etwas Gewaltigem. Sie wandte sich nach der Richtung. Ein Ozeansteamer kam ihnen entgegen, so unvermutet und so ungeheuer gross, dass sie den Atem anhielt. Er wuchs aus dem Meer heraus ohne Warnungssignal. Er schoss in rasender Fahrt auf sie zu, wurde groesser und immer groesser, ein Feuerberg von grossen und kleinen Lichtern. Unter schaeumendem Brausen kam er und zog er vorbei. Nur einen Augenblick, und er war ein Bild in der Ferne. Wie das sie ergriff! Dies vorueberrauschende Leben, das von Erdteil zu Erdteil eilt, voll Arbeit und Gedanken in ewigem, fruchtbarem Austausch. Waehrend sie hier in einer kleinen Tonne umherschwamm, die von den Wellen des Weltkolosses geschaukelt wurde, dass man sich festhalten musste. Sie stand wieder allein in der grossen Wueste. Wie verraten. Es war doch wie ein Verrat, wenn alles, was sie in drei Erdteilen gesehen und gehoert hatte an Volksleben und Festen, kirchlichen wie nationalen, an Kunstwerken und an Musik,--gewissermassen zurueckblieb, wo sie es gesehen und gehoert hatte, waehrend sie einsam in einer unheimlichen, bewegungslosen Einoede stand. * * * * * Daheim Es kam erstaunlich anders. Schon als sie an Land stieg, sah sie bei Jung und Alt die ungeheucheltste Freude ueber das Wiedersehen. Alle Gesichter strahlten. Ebenso auf dem Wege zum Marktplatz; jeder freute sich; jeder gruesste. Waehrend sie keinen Gedanken fuer diese Leute gehabt hatte, hatten sie ihrer gedacht. Vom Haus am Markt wollten sie spaeter am Tage mit dem Kuestendampfer nach Krogskog weiterfahren. In der Zwischenzeit bekamen sie Besuch von ihren Verwandten. Die mussten ihnen doch sagen, wie froh sie seien, sie endlich wiederzusehen. Sie mussten auch von der Freude berichten, die das spanische Bild Marys hervorgerufen hatte, erst hier, dann in der Hauptstadt und jetzt auf einer Rundreise durch das Land mit anderen Bildern. Man schreibe,--ja, sie habe doch gelesen, was man schreibe?--Nein, sie habe ueberhaupt keine Zeitungen gelesen, nur hier und da ein Blatt, das an ihrem jeweiligen Aufenthaltsort erschienen sei. "Liest Du denn keine hiesigen Zeitungen?"--"Doch, wenn Vater sie mir zeigt." Ob ihr denn ihr Vater nichts davon erzaehlt habe, und Frau Dawes auch nicht?--"Nein."--"Ja, nun sei sie in ganz Norwegen bekannt. Dies sei doch das dritte Bild von ihr; oder gar das vierte? Und dies sei das schoenste. Die illustrierten Zeitschriften haetten es gebracht. Ein englisches Kunstjournal, "The Studio", habe es auch reproduziert. Ob sie das nicht wisse?"--"Nein."--Die Jugend sei ganz stolz auf sie. Darum haetten sie mit ihrem Fruehlingsfest bis zu ihrer Heimkehr gewartet. "Da soll Staat mit Dir gemacht werden."--"Mit mir?"--"Wir wollen nach Marielyst, der Dampfer von hier und einer aus der Nachbarstadt, wir treffen uns dort. Joergen Thiis hat von Paris aus den ganzen Plan entworfen."--"Joergen Thiis?"--"Ja, hat er nichts davon gesagt?"--"Nein." Kaum war sie allein, so ging sie zu ihrem Vater ins Zimmer, der im Begriff war, einige Kunstgegenstaende auszupacken, die er gekauft hatte, und die hier aufgestellt werden sollten. "Vater, hast Du die Bilder von mir ausstellen lassen?" Er laechelte und sagte unschuldig: "Ja, allerdings habe ich das getan, liebes Kind. Und viele haben ihre Freude daran gehabt. Man hat mich uebrigens darum gebeten. Man hat mich jedesmal darum gebeten." Er sagte es so nett. Dass er ihr nichts davon gesagt hatte und auch Frau Dawes und gleichzeitig wohl auch Joergen Thiis es verboten hatte, fand sie reizend. Sie tat etwas, was sie sonst sehr selten tat, sie ging hin und gab ihm einen Kuss. Also das war es, worueber ihr Vater so eifrig mit Frau Dawes und Joergen Thiis getuschelt und gefluestert hatte? Deshalb waren die Zeitungen aus der Heimat ihr vorenthalten worden. Alles war verabredet,--sogar der Vorschlag, gerade jetzt nach Hause zu reisen! Sie hatte Joergen Thiis beinahe lieb. Als sie nach Krogskog abfuhren, hatte sich eine Menge Jugend auf der Bruecke eingefunden. Sie riefen: "Auf Wiedersehen am Sonntag!" Sie fand die Landschaft hinreissend schoen. Die kleine halbe Stunde bis Krogskog war wie ein Begruessen guter alter Bekannter, ein fortwaehrendes Begruessen. Jetzt war auch die partielle Verlegung der Strandstrasse an der Kueste entlang fertig. Es war wirklich lustig, wie sie sich um die Landzungen herumschlaengelte und oft in die Felsen hineinschnitt. Ueber Krogskog fuehrte der Weg wie frueher durch die Ebene von einer Landspitze zur andern, dicht an der Landungsbruecke vorbei und dicht unter der Kapelle mit dem Kirchhof. Nein, wie behaglich Krogskog dalag: Sie hatte behalten, wie einsam es lag; aber sie hatte vergessen, wie reizvoll es war! Diese stille, blanke Bucht mit den Seevoegeln! Das Gekraeusel da hinten, wo der Fluss muendete, die grosse Ebene hoch oben zwischen den Huegeln, und die Hoehen so gruenbewachsen. Waren die Baeume vor dem Wohnhause wirklich nicht hoeher? Wie gut sich das langgestreckte Haus machte mit den schwarzen Fenstern und der schwarzen Grundmauer. Aus dem einen Schornstein stieg dichter Rauch auf; er wirbelte ein lustiges Willkommen in die Luft. Sie sprang vor den andern an Land und lief hinueber. Ein Maedchen von neun, zehn Jahren kam heruntergerannt, blieb, als sie Mary gewahrte, stehen, machte Kehrt und rannte all was sie konnte zurueck. Mary aber holte sie vor der Treppe ein. "Jetzt hab' ich Dich!" sie drehte sie zu sich herum: "Wie heisst Du?" Es war ein hellhaariges, lachendes Ding, das nicht antwortete. Auf der Treppe standen die Maedchen und eine von ihnen sagte, sie heisse Nanna und sei hier Laufmaedchen. "Dann sollst Du mein Maedchen sein!" sagte Mary und nahm sie die Treppe mit hinauf. Sie nickte jeder einzelnen zu, merkte aber, wie enttaeuscht sie waren, als sie eilig weiterging, ohne mit ihnen zu sprechen. Sie sehnte sich danach, den Fuss auf die dicken Teppiche zu setzen, die seltsame Beleuchtung im Vorzimmer um sich zu fuehlen, die grossen, kostbaren Schraenke und alle Malereien und Raritaeten aus der hollaendischen Zeit wiederzusehen. Sie sehnte sich mehr noch danach, hinauf in ihr eigenes Gemach zu kommen. Diese Lautlosigkeit auf der Treppe und nachher auf dem langen, daemmerigen Gang--die hatte nie ein solches Fluesterspiel mit ihr getrieben wie heute. Etwas Weiches, Halbverstecktes, Vertrautes und Nahes zugleich. Das redete noch zu ihr, als sie vor der Tuer zu ihrem Zimmer stand, es hielt sie so fest, dass es eine Weile dauerte, bis sie die Tuer oeffnete. Ah, der Raum lag in vollem Sonnenlicht, es kam von dem Fenster an der Laengswand, das auf die andern Haeuser und auf die Anhoehe hinausging. Blasseres Licht vom Fenster gerade gegenueber, das auf den Obstgarten und drunten auf die Bucht sah. Die blinkte durch die Baeume. Ueber den Baeumen sah man die Inseln und das hellgraue Meer. Vom Huegel aber, der im schoensten Blueten- und Laubschmuck stand, zog Fruehlingsduft herein. Das Zimmer selbst in seiner weissen Reinheit lag da wie ein Schoss, der all dies aufnahm. Hier drinnen scharte sich alles ehrerbietig um das Bett, das mitten in der Stube stand. Es war nicht nur wie fuer eine Prinzessin; es war die Prinzessin selber; alles andere neigte sich davor. * * * * * Der Ausflug nach Marielyst war in jeder Beziehung wohlgelungen. Aber an dem Tage kam zwischen Mary und Joergen eine Verstimmung auf. Das ging so zu. Joergen Thiis kam mit einer grossen, starken Dame an Bord--ihre breite Stirn, die warmen Augen, die kleine Nase und das vorspringende Kinn trieben ein leichtes Rot in Marys Wangen, das sie zu verbergen suchte, indem sie sich erhob und fragte: "Sie sind doch die Schwester des Hauptmanns im Geniekorps Franz Roey?"--"Ja", antwortete Joergen Thiis; "wir haben der Sicherheit halber einen Arzt mitgenommen." ---Mary: "Das freut mich sehr; ich habe natuerlich durch Ihren Bruder von Ihnen gehoert. Er hat Sie sehr lieb."--"Das tun wir ueberhaupt alle", versicherte Joergen Thiis und entfernte sich. Fraeulein Roey selbst hatte nichts gesagt, aber ihre forschenden Augen ueberstroemten Mary mit Bewunderung. Jetzt setzte sie sich neben sie. "Bleiben Sie lange daheim?"--"Das weiss ich nicht. Vielleicht reisen wir ueberhaupt nicht mehr; mein Vater ist zu schwach."--Fraeulein Roeys kluge Augen notierten das foermlich. Sie sagte eine ganze Weile nichts mehr. Mary aber dachte bei sich: wie taktvoll, dass sie nicht von ihrem Bruder anfaengt. Die beiden gingen waehrend des Ausflugs einander nicht von der Seite. Sie standen auch zusammen, als nachher im Freien Erfrischungen gereicht und Reden gehalten wurden. Die Festfreude stieg Joergen Thiis zu Kopf. Man kam zu ihm und stiess mit ihm an, und er wurde sentimental und redete. Auf das Ideal, das ewige Ideal. Gluecklich der Mann, dem es schon in seiner Jugend begegne! Er trage es in seiner Brust wie einen wegweisenden, unausloeschbaren Scheinwerfer auf dem Pfade des Lebens!--Er trank das Glas bis zum Grunde aus und schleuderte es bleich und bewegt zu Boden. Dieser fuerchterliche Ernst kam den froehlichen Menschen so unerwartet, dass sie lachen mussten. Alle miteinander! Fraeulein Roey sagte zu Mary: "Sie sind doch viel mit Leutnant Thiis zusammen gewesen?"--"Diesen Winter und im vorigen auch", antwortete Mary leichthin und ass ihr Eis. Ein junges Maedchen stand daneben. "Es ist eine merkwuerdige Sache mit Joergen Thiis", sagte sie. "Zu uns ist er so nett; aber gegen die Soldaten soll er so schlecht sein." Erstaunt wandte Mary sich zu ihr um. "Wieso schlecht?"--"Er soll sie so quaelen, soll so furchtbar streng sein und so ganz sonderbar, und um das kleinste strafen." Mary richtete ihre allergroessten Augen auf Margrete Roey. "Ja, das ist Tatsache", antwortete die leichthin; sie ass auch ihr Eis. Als gegen Abend der Tanz zu Ende war und sie zum Schiff hinunterzogen, Mary an Joergens Arm, da sagte sie zu ihm: "Ist es wahr, dass die Mannschaften Ihres Kommandos ueber Sie klagen?"--"Das kann schon sein, gnaediges Fraeulein." Er lachte.--"Ist das zum Lachen?"--"Ja, zum Weinen jedenfalls nicht, gnaediges Fraeulein", er war so recht vergnuegt, er haette sie am liebsten in den Arm genommen und waere mit ihr nach der Landungsstelle hinunter getanzt; das taten viele andere auch. Aber Mary weigerte sich. "Mir hat es weh getan, das zu hoeren", sagte sie. Da merkte er, dass es ihr Ernst war. "Ich will Ihnen sagen, gnaediges Fraeulein, der Norweger weiss im grossen und ganzen nicht, was Gehorsam und Disziplin sind. In der kurzen Zeit, da wir ihn unter unserm Kommando haben, muessen wir es ihm beibringen."--"Auf welche Weise?"--"Mit Kleinigkeiten natuerlich."--"Indem Sie ihn mit Kleinigkeiten quaelen?"--"Ja. Ganz recht."--"Mit Dingen, deren Notwendigkeit er nicht einsieht?"--"Ja gewiss. Er soll sich das Raesonnieren abgewoehnen. Er soll gehorchen. Und das, was er tut, soll er korrekt tun. Absolut korrekt." Mary antwortete nicht. Aber als jetzt ein Paar an ihre Seite kam, sprach sie mit denen und setzte das fort, bis sie die Landungsbruecke erreicht hatten. Auf dem Schiff sah sie, dass Joergen Thiis verstimmt war. Als sie von Bord gingen, stand er nicht an der Landungsbruecke. Ohne jede Verabredung begleitete die ganze Gesellschaft sie heim nach dem Haus am Markt. Sie sangen und laermten vor der Tuer, bis sie auf den Altan heraustrat und Blumen ueber sie streute,--die mitgebrachten und alle, die sie irgend fand. Sie gingen lachend und geraeuschvoll auseinander. Aber als sie von dannen zogen, suchte sie unter ihnen nach Joergen; er war nicht da. Das tat ihr leid; sie hatte ihm einen der schoensten Tage ihres Lebens schlecht gelohnt. Alle waren so reizend zu ihr gewesen. Groessere und kleinere gesellschaftliche Zusammenkuenfte loesten jetzt einander ab; aber Joergen Thiis war verschwunden. Zuerst war er eine Zeitlang daheim bei seinen Eltern gewesen, jetzt war er in Kristiania. Mary hatte nie weiter an Joergen Thiis gedacht; aber nun, da er sich fernhielt, besann sie sich darauf, wieviel von jenen schoenen Begegnungen mit ihren Altersgenossen auf sein Konto kam. Der wunderliche Toast, den er auf die "Treue gegen das Ideal" ausgebracht hatte, ... als er sprach, da hatte sie nur gedacht: wie sentimental Joergen Thiis doch sein kann! Jetzt dachte sie: vielleicht galt das mir? Sie war an solche Uebertreibungen gewoehnt, und sie machte sich absolut nichts aus Joergen Thiis. Aber wenn sie ueberlegte, wie rasend verliebt er schon bei ihrem ersten Zusammentreffen gewesen war, und dass er in all diesen Jahren genau so geblieben war, wann und wo sie sich auch begegneten, da wurde das doch ein wenig mehr. Die gierigen, verzehrenden Augen bekamen dadurch beinahe etwas Ruehrendes. Dass er es nicht ertrug, mit ihr zusammen zu sein, wenn sie das geringste gegen ihn hatte, bewies ja auch, wie gern er sie hatte. Dass er nichts sagte, sondern einfach fortblieb, gefiel ihr. Da kam eines Tages Mille Falke, die huebsche, sanfte Frau des lungenkranken Oberlehrers, zu ihr heraus. Sie habe einen Brief von Joergen Thiis bekommen. Eine Gesellschaft von zehn Personen in Kristiania habe eine Fahrt nach dem Nordkap ge