The Project Gutenberg EBook of Reise durch England und Schottland by Johanna Schopenhauer This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at www.gutenberg.net Title: Reise durch England und Schottland Author: Johanna Schopenhauer Release Date: January 24, 2004 [EBook #10823] Language: German Character set encoding: ASCII *** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK REISE DURCH ENGLAND UND SCHOTTLAND *** Produced by Tina Gr"we Reise durch England und Schottland Johanna Schopenhauer ENGLAND VORLAeUFIGE BEMERKUNGEN UeBER ENGLAND Es ist eigentlich recht erfreulich, in diesem Lande zu reisen. Die schoensten Landschaftsgemaelden aehnlichen Parks, die Gaerten, die zweckmaessige Einrichtung der Haeuser, der raffinierte Luxus, die Nettigkeit der Ordnung ueberall, die selbst in dem unbedeutendsten Hausgeraete sich zeigende Eleganz und Bequemlichkeit, machen Einen frohen Eindruck auf den Besuchenden. Man wuenscht sich alle diese Dinge nicht, weil man ihrer nicht gewohnt ist, oft nicht einmal ihren Gebrauch kennt; aber man bekommt ein Gefuehl von heiterem Lebensgenusse. Nur den Wunsch, sich der Kunstwerke recht zu erfreuen, sie zu studieren, vielleicht etwas zu kopieren, muss man nicht aufkommen lassen; denn seine Erfuellung ist in diesem Lande mit so vielen Schwierigkeiten umgeben, dass sie fast undenkbar wird. Von den Schoenheiten des Landes und der Wege, von den bequemen Gasthoefen, die man auch in den abgelegensten Gegenden findet und in welchen man nur einen wohlgefuellten Beutel braucht, um gleich so gut und vielleicht besser als zu Hause zu sein, von der trefflichen Einrichtung des Postwesens ist ueberall viel gesagt und geschrieben, und dennoch nicht zu viel, um dieses in seiner Art vollkommenste Ganze gehoerig zu loben. Fuer jetzt wollen wir uns aber darauf beschraenken, eine allgemeine Idee eines englischen grossen Landhauses mit seinen Umgebungen aufzustellen und alsdann versuchen zu beschreiben, was wir auf einer Reise von London durch das noerdliche England nach Schottland zu sehen Gelegenheit hatten. Ein englischer Park ist von dem, was man sich in Deutschland unter diesem Namen denkt, merklich verschieden. Er umfasst die das Wohnhaus oder Schloss zunaechst umgebenden, eigentlich zu demselben gehoerigen Laendereien und ist gewoehnlich von ziemlichen Umfange. Aecker und Wiesen, mit lebendigen Hecken zierlich eingefasst, durchschnitten von wohlgehaltenen Kieswegen zum Gehen und Fahren, liegen in seinem Bezirk, sowie auch einzelne Wirtschaftsgebaeude von gefaelliger, aber doch ihre Bestimmung andeutender Form. Ueberall hat man nach malerischen Effekten gestrebt, und die sanften Anhoehen und Vertiefungen dieses Landes erleichtern dieses Streben; aber immer ist das Nuetzliche mit dem Schoenen vereint. Der hoechste Schmuck dieses Parks sind die ueppige Vegetation der wohlbestellten Aecker, die unvergleichlich schoenen gruenen Wiesen und die praechtigen Baeume, groesstenteils Eichen und Buchen, welche ueberall in Gruppen verteilt stehen. In England haben die Baeume das Eigne, dass sie mehr als in anderen Laendern gleich von der Wurzel an ausschlagen und kleinere Zweige treiben. Enge, durch dichte Schatten und Gebuesche sich hinschlaengelnde Gaenge findet man in keinem Parke; auch Gehoelze sind, wie ueberall in England, selten. Man koennte sagen, es fehle Schatten, wenn nicht gerade in diesem Lande, wo bei sehr milder Luft dennoch die Sonne selten recht heiss und hell scheint, der Schatten entbehrlicher waere als anderswo. Die Kioske, Tempel, Einsiedeleien unserer Parks fehlen dort ebenfalls; alle diese zur Zierde dienenden Gebaeude sind in die vom Park ganz verschiedenen, das Haus naeher umgebenden Anlagen, in die sogenannten Pleasure-Grounds verwiesen. Nur in sehr grossen Parks, wie die von Blenheim oder Stowe, steht hier und da ein Obelisk, eine Pyramide oder ein Turm, um vom Schloss aus eine Ansicht zu gewaehren. An Wasser darf es nie fehlen. Kuenstliche Wasserfaelle kennt man nicht Und noch weniger Springbrunnen. Fliesst aber ein kleiner Fluss oder nur ein betraechtlicher Bach in der Naehe einer solchen Besitzung, so muss er, wenn auch mit grossen Kosten herbeigefuehrt, sich in mannigfaltigen Kruemmungen hindurchschlaengeln. Fehlt es an lebendigem Wasser, so sucht man wenigstens einem stehenden Kanale den Schein davon zu leihen. Man gibt ihm eine leichte, natuerliche Kruemmung, verdeckt Anfang und Ende mit ueberhaengendem Gebuesche, wirft schoene Bruecken darueber und taeuscht so das Auge, oder man verwandelt die Ufer eines Teichs in die unregelmaessigen Umgebungen eines kleinen Sees. Ueberall strebt man nach dem Schoenen und flieht das Gesuchte, Steife, Pretioese. Die Staffage vollendet diese lebendige Landschaft. Hunderte von halbzahmen Hirschen und Rehen weiden beinahe ganz furchtlos auf den gruensten Wiesen der Welt; mit ihnen die schoensten Pferde, Kuehe und Ziegen, besonders in der Naehe des Hauses, wo sich die Wiesen rings umher wie ein Teppich auf das herrlichste ausbreiten. Die schoenen Gestalten dieser Tiere, ihre leichten freien Bewegungen, ihr Wohlsein geben dem Ganzen einen unbeschreiblichen Reiz. Immer liegt das Wohnhaus auf einer sanften Anhoehe, alle Baeume sind aus seiner naechsten Naehe verbannt, damit Licht, Luft und Sonne kein Hindernis finden. Dennoch ist es nicht heiss in den Zimmern, teils weil es ueberhaupt in England nicht heiss ist, teils wegen der wenigen Fenster, die aber so verstaendig angebracht sind, dass jeder Teil des Gebaeudes sein hinlaengliches Licht hat. Die aeussere Ansicht der englischen Landhaeuser ist aus unzaehligen Kupferstichen bekannt genug. Selten herrscht ein ganz reiner Geschmack darin, oft sind sie mit Verzierungen ueberladen. Die Hauptfassade ist gewoehnlich mit Saeulen geziert. Sind gleich die Verhaeltnisse derselben nicht immer die richtigsten, scheinen sie oft muessig dazustehen, so gewaehren sie doch immer ein angenehmes, schattiges Plaetzchen vor dem Hause, von welchem man recht behaglich ins Freie ueber den gruenen Wiesenplan hinaussieht. Unter und vor diesen Saeulen stehen unzaehlbare fremde Gestraeuche und Blumen in Vasen, teils auf schoenen Gestellen uebereinander getuermt, teils auf den Stufen des Eingang und den Gelaendern zierlich geordnet. Der Luxus, den man mit diesen Pflanzen treibt, ist unglaublich. Taeglich muessen die verbluehten hinweggeschafft und andere an ihre Stelle gesetzt werden. Hoechst reizend ist der Anblick dieser Shrubberies. Florens Schaetze werden aus allen Laendern der Welt hierher gezaubert. Doch auch ueber diese schoensten Kinder der Natur herrscht in England das eiserne Zepter der Mode. In der Zeit, aus welcher diese Beschreibung stammt, hatte sie gerade die Eriken oder Heidekraeuter ihrer besonderen Huld gewuerdigt. Man gab wohl fuenfzig und mehr Guineen fuer so ein geruch-, oft farbenloses Kraut hin, wenn es nur aus einem recht entfernten Winkel der Erde herstammte. Grosse Orangerien sind in England, ausser in den koeniglichen Gaerten, selten anzutreffen. Die innere Einrichtung der Haeuser richtet sich hier, wie ueberall, nach dem Reichtum und Geschmacke des Erbauers, des Bewohners und des Zeitalters, in welchem sie entstand. Die meisten haben grosse, vollkommen erleuchtete und hohe Souterrains, in welchen sich die Kueche, die Gewoelbe zur Bewahrung der Vorraete nebst den Bedientenzimmern befinden. Letztere sind durchaus gut moebliert, ja die der Haushaelterin und des Haushofmeisters (in England Butler genannt) sogar elegant, huebsch tapeziert, mit Mahagonimoebeln und guten Fussteppichen. Auch bei den Bedienten wird die englische Sitte beobachtet, dass sie ausser ihren Schlafzimmern noch Wohnzimmer und Speisezimmer haben. Aus dem Garten tritt man gewoehnlich zuerst in eine grosse, hohe, oefters von oben beleuchtete Halle, die mit Gemaelden oder Statuen, Basreliefs oder Vasen geziert ist. Zu beiden Seiten liegen die verschiedenen Putz- und Wohnzimmer; ein langes Zimmer enthaelt die Bibliothek, deren schoene Schraenke und zierliche Einbaende sie zu einem der elegantesten Zimmer des Schlosses machen. In vielen Haeusern ist es Sitte, dass die Familie sich zum Fruehstueck darin versammelt. Sonst gibt es noch Fruehstueckszimmer, Arbeitszimmer, Musikzimmer, Gesellschaftszimmer, (Drawingrooms), Wohnzimmer (Parlours), Speisezimmer, Spielzimmer in Menge, doch selten von ausgezeichneter Groesse. Ueberall einfache Pracht, Fussboeden, Treppen und Vorplaetze mit schoenen Teppichen belegt. In vielen Haeusern wechselt man im Sommer die warmen Winterteppiche mit kuehlen, von gemalter Wachsleinwand, welche von betraechtlicher Dicke eigens dazu fabriziert wird. Mahagoniholz sieht man meistens nur an Treppengelaendern, grossen Esstischen, Bettstellen; die Moebel in den herrschaftlichen Zimmern sind von fremden koestlicheren oder kunstreich lackierten Hoelzern. Man findet es buergerlich, unmodisch, laecherlich, die Moebel an den Waenden hinzustellen, wie es in Deutschland gebraeuchlich ist; in den Wohn- und Gesellschaftszimmern stehen alle in einem grossen Kreis umher, so dass noch ein betraechtlicher Raum zum Spazieren zwischen den Stuehlen, Sofas, Tischen und den Waenden uebrig bleibt. Die Schreibtische sowohl als die Pianofortes sind immer mitten im Zimmer, wo eben das Licht am guenstigsten faellt und man nicht von der Hitze nahe am Kamin oder vom Zug nahe am Fenster leidet. Noch muessen wir der Kamine gedenken, die, kuenstlich in Marmor gearbeitet oder mit brillantiertem Stahl geschmueckt, eine der groessten Zierden der Zimmer ausmachen. Schoene Vasen und praechtige Kandelaber prangen auf ihren Gesimsen. Der zweite Stock enthaelt die Schlafzimmer, welche indessen den Fremden nur selten gezeigt werden. Diese, besonders die der Damen, sind ein Heiligtum, in welches kein sterbliches Auge dringen darf. Oft hoerten wir Englaenderinnen mit wahrem Grausen von der Sitte der Franzoesinnen sprechen, welche gerade ihre Schlafzimmer zum Besuchszimmer vorzugsweise erwaehlen. So viel von der inneren Einrichtung der englischen Villen im allgemeinen. Kehren wir jetzt zurueck zu den naechsten aeusseren Umgebungen derselben. Die Obst- und Gemuesegaerten, die Treibhaeuser liegen mit allen zur inneren Oekonomie gehoerigen Gebaeuden ganz nahe am herrschaftlichen Hause, werden aber durch mancherlei Vorkehrungen dem Auge entzogen. Diese Bezirke sind es, was der Englaender eigentlich Gaerten (Gardens) nennt. Der zur Fusspromenade bestimmte Teil der Besitzung heisst Pleasure-Ground und liegt ganz nahe am Hause. Hier trifft man Aehnlichkeit mit den deutschen Parks: Gaenge, die sich bald durch dichte Schatten, bald mehr im Freien hinschlaengeln, Tempel, Saeulen, Denkmaeler, Ruheplaetze und den ganzen architektonischen Reichtum der neueren Gartenkunst. Alle Gebaeude sind von Stein, alle Gelaender und Tueren von schoenem eisernen Gitterwerk. Hier bluehen und gruenen die vielen einheimischen Gestraeuche, Baeume und Blumen neben den aus fremden Laendern heruebergebrachten, die stark genug sind, den Winter im Freien zu ertragen. Viele Pflanzen, die wir in Deutschland sorgfaeltig vor der Kaelte schuetzen muessen, halten den durch Seeluft gemilderten englischen Winter aus, zum Beispiel der Laurus Tinus, da Heliotropium und der Jasmin (Jasminum officinale). Die beiden letzteren haben wir oft in einer Hoehe von sechs bis acht Fuss sich an den Mauern hinziehen sehen. Obstbaeume aller art werden aus diesen Anlagen verbannt. Die verstaendige Weise, mit welcher alle Baeume mit Hinsicht auf Hoehe, Wuchs und die dunklere oder hellere Farbe ihres Laubes geordnet sind, gibt dem Ganzen einen Zauber, den man fuehlt, ohne sich ihn gleich erklaeren zu koennen. Alles ist zur schoensten befriedigenden Einheit gebracht. Das Auge wird sogar in Hinsicht der Entfernung eines Gegenstandes oft getaeuscht. Die englischen Gaertner sind wahre Landschaftsmaler im Grossen, ja wir moechten sie fast fuer die einzigen eigentlichen Kuenstler der Nation erklaeren. Jeden Vorteil, den Optik und die Regeln der Perspektive ihnen darbieten, wissen sie gar gut zu benutzen, ohne doch ins Kleinliche zu fallen. Mit den Nadelhoelzern aller Art, den verschiedenen, uns zum Teil in Deutschland unbekannten, immergruenen Stauden und Straeuchern, deren einige sogar bisweilen im Dezember bluehen, werden sehr schoene Effekte hervorgebracht. Gewoehnlich sieht man davon in der Naehe des Hauses eine Art Wintergarten an einem sonnigen Platz angelegt, in welchem man sich bei winterlichem Sonnenschein ergehen und, von allen Seiten durch das Gruen getaeuscht, in den Fruehling hineintraeumen kann. Solche Anstalten sind auf jener Insel notwendiger als bei uns: denn derselbe wunderliche Geist, der die Einwohner dieses Landes die nacht zum Tage umzuschaffen bewog, verwirrte auch den Lauf der Jahreszeiten. Der Winter herrscht in Hinsicht auf Kleidung und Vergnuegen bis ueber die Mitte des Junius hinaus. Dann faengt der Fruehling erst an, und so muss der Sommer und mit ihm der Aufenthalt auf dem Lande, welcher in der Regel erst im August und noch spaeter beginnt, bis nach Weihnachten verlaengert werden, damit jedem neben dem Unrecht auch sein Recht geschehe. Der Haupteingang zum Park, ein oft sehr praechtiges Tor, hat zu beiden Seiten zwei kleine Gebaeude, die Wohnung des Tuerhueters und seiner Familie, bei welchem sich jeder Einlassbegehrende vermittelst einer Glocke meldet. Dieses Tor mit seinen Gebaeuden, the Lodge genannt, ist eine Hauptzierde des Parks. Die beiden Pavillons sind bald im gotischen Geschmacke, bald im aegyptischen; sie stellen Tuerme, griechische Tempel oder auch nur artige, moderne Gartenhaeuschen vor, je nachdem der Geschmack des Erbauers war. Immer hat der Tuerhueter eine freundliche, artige Wohnung darin, mit Kueche und Keller und allem, wessen er bedarf, wohl versehen, und manche angesehene Familie in Deutschland wuerde zufrieden sein, einen solchen Sommeraufenthalt zu besitzen. Woburn-Abbey [Fussnote: Johanna trat die Reise nach laengerem Aufenthalt in London mit ihrem Gatten am 30. Juni oder 31. Juli 1803 an] Dieser Landsitz, der erste, welchen wir besuchten, ist das Eigentum des Herzogs von Bedford, des reichsten Particuliers und zugleich des groessten Oekonomen in England. Sein Bruder, der Oekonomie mit noch groesserem Eifer ergeben, starb vor wenigen Jahren, sechsunddreissig Jahre alt, und hinterliess dem jetzigen Besitzer, welcher sich dem geistlichen Stande gewidmet hatte, das grosse Vermoegen. Woburn liegt eine Tagesreise von London entfernt. Das erste, was man uns hier zeigt, waren natuerlicherweise die Wirtschaftsgebaeude, vor allem die Viehstaelle: denn der Herzog, wie seine Vorgaenger, beschaeftigt sich hauptsaechlich mit diesem Zweige der Landwirtschaft. Auch machen die vierbeinigen Eleven aller Art ihrem Erzieher Freude und Ehre. Sie tragen bei den in England gewoehnlichen Preisbewerbungen in Hinsicht der Groesse, Schoenheit und des Gedeihens gewoehnlich ueber alle anderen Mitbewerber den Preis davon. Dafuer wird auch alles getan, um ihr Andenken nach ihrem leider fast immer gewaltsamen Tode zu verewigen. Im Schloss wimmelt es von gemalten oder in Stein gehauenen aehnlichen Bildnissen der wohlgeratensten unter ihnen. Viele davon sind sogar in Kupfer gestochen, und ihr Portraet prangt in den Londoner Kupferstichlaeden neben anderen beruehmten Portraets von grossen Gelehrten oder Ministern. So wenig wir auch vom Landhaus verstehen mochten, so war es uns doch unmoeglich, die Ordnung ueberall und die zweckmaessigen Einrichtungen ohne Vergnuegen und Bewunderung zu sehen. Man zeigte uns viele in diesem Lande der Industrie erfundenen Maschinen, um die laendliche Arbeit zu vereinfachen, zu erleichtern und eintraeglicher zu machen. Zum Beispiel eine Dreschmaschine; eine andere um das Getreide abzuschaelen, damit kein Mehl in den Kleien verlorengehe; noch eine, womit man in der Muehle vier Sorten Mehl mit einem Mal durchbeutelt, und noch manches andere von dieser Art. In den Viehstaellen herrscht eine unglaubliche Reinlichkeit, besonders da, wo wir sie am wenigstens vermuten konnten, im Schweinestalle. Die Bewohner dieses Orts hatten aber auch ein so gesegnetes Gedeihen, waren so gross und von der Last ihres Fettes so niedergedrueckt, dass sie uns voellig lebensmuede erschienen. Noch zeigte man uns verschiedene ihrer Schoenheit wegen beruehmte Stiere und einige indianische Kuehe. Letztere haben einen geraderen Ruecken und einen kleineren Kopf, uebrigens sehen sie wie andere Kuehe aus. Der Park mit seinen herrlichen Wiesen und den ehrwuerdigen Baeumen ist von pittoresker Schoenheit. Herden zahmer Hirsche und Rehe grasten darin umher, zu achtzig Stueck und mehrere zusammen, mitten unter ihnen die schoensten, groessten Schafe, einige asiatische mit dicken Fettschwaenzen. Die furchtlose Ruhe dieser Tiere von so verschiedenen Gattungen erfreute uns jedes Mal, so oft wir den lieblichen Anblick auch sahen; sie fuehrte ein Bild der schoenen goldenen Zeit vor die Seele. Das an sich grosse Schloss zeichnet sich vor andren weder durch besondere Pracht noch grosse Schoenheit aus. Es ist zu neu, um ehrwuerdig, zu alt, um elegant zu erscheinen. Nur montags steht es Fremden offen; fuer uns traf es sich diesmal sehr gluecklich. Wir durchliefen eine Menge Zimmer voll Gemaelden, groesstenteils Portraets. Sechs grosse wunderschoene van Dycks, ganze Gestalten in Lebensgroesse, fielen uns besonders auf. Dann auch das Portraet des ungluecklichen Grafen Essex, ebenfalls in Lebensgroesse. Er hatte eine schlaue, hoechst bedeutende Physiognomie und einen ganz roten Bart. Ihm gegenueber haengt das Portraet der Koenigin Elisabeth, im geschmacklosesten, uebertriebensten Putz, ohne allen weiblichen Reiz. Der historischen Gemaelde und Landschaften, groesstenteils aus der niederlaendischen Schule, sind eine grosse Anzahl, und darunter gewiss Stuecke von hohem Werte. Auch eine sehr elegante Bibliothek befindet sich im Schlosse. Das Orangeriehaus ist einfach praechtig. Acht grosse Marmorsaeulen tragen in der Mitte desselben eine von oben erleuchtete Kuppel und umgeben eine grosse, mit Basreliefs geschmueckte antike Marmorvase, ueber die man ein ganzes Buch schreiben koennte und an der wir fluechtig voruebereilen mussten. Zu beiden Seiten der Orangerie ist eine oben bedeckte Promenade angebracht: sie bildet einen halben Kreis und dient zum Spazierengehen bei schlechtem Wetter und im Winter. Geissblatt, Rosen, echter Jasmin, Heliotrop und viele andere aehnliche Gewaechse umranken die Pfeiler und die auf ihnen ruhenden Bogen, welche die Bedachung tragen; unzaehlige seltene und schoene Blumen und Gewaechse stehen in Vasen, der Promenade entlang. Ganz in der Naehe ist das Reithaus, ein anderes Haus zum Ballschlagen und eine Art von Pracht-Milchkammer, mit Fenstern von gemaltem Glase. Alle zur Milcherei gehoerigen Gefaesse sind darin von seltenem japanischen und chinesischen Porzellan--Die eigentlichen Spaziergaenge fanden wir, im Vergleich mit den uebrigen, weder gross noch praechtig, aber geschmackvoll angelegt. Stowe's Garden Landsitz des Marquis von Buckingham Diese Gaerten werden mit Recht fuer die schoensten und praechtigsten in England gehalten und liegen in nicht gar grosser Entfernung von Woburn. Wir erreichten sie noch denselben Abend, nachdem wir nachmittags Woburn verlassen hatten, und fanden in dem dicht daneben liegenden Gasthofe sehr gute Bedienung. Stowe's Garden enthaelt einen Reichtum von Tempeln, Obelisken, Saeulen, Pavillons aller Art. In jedem beschraenkteren Platze ist freilich weise Sparsamkeit mit solchen Verzierungen nicht genug zu empfehlen; aber hier in diesem grossen Raume faellt die Anzahl der Gebaeude nur auf, weil man jedesmal die glueckliche Wahl bewundern muss, mit der sie angebracht sind, und zugleich den Reichtum, der die Mittel darbot, auf eine so kostbare Weise eines der natuerlich schoensten Plaetzchen der Erde noch zu verschoenern. Unmoeglich ist's, diese Gaerten durch blosse Worte darzustellen, man muss sie gesehen haben, um sie sich denken zu koennen. Sie bilden die schoenste, lieblichste Landschaft, die nur eine Dichter-Phantasie erfinden konnte. Auch wandelt man hier auf klassischem Boden. Lord Cobham, dem sie hauptsaechlich ihre Verschoenerung verdanken, lebte hier in der glaenzendsten Zeit der englischen Literatur. Die besten Koepfe Britanniens waren seine Freunde und teilten in diesem reizenden Aufenthalte frohe Tage mit ihm. Auch ist alles getan worden, um hier das Andenken jenes seltenen Vereins zu erhalten. In einem der Freundschaft gewidmeten Tempel stehen Cobhams und seiner Freunde Buesten in Marmor, eine Art halboffener Rotunde enthaelt die Buesten merkwuerdiger Menschen, die zu verschiedenen Zeiten sich um das Vaterland verdient gemacht haben. Koenig Alfred, Koenigin Elisabeth, Pope, Newton, Franz Drake und mehrere andere, durch Jahrhunderte voneinander getrennt, sieht man hier, wo nur das allen gemeinsame Streben gilt, in geschwisterlichem Vereine. Eine hohe Saeule, welche Lord Cobham zu erbauen anfing, ist von seinem Nachfolger Lord Temple vollendet und seinem Andenken gewidmet. Sie ist inwendig hohl und enthaelt eine hundertsiebzig Stufen hohe Wendeltreppe. Man geniesst oben einer vortrefflichen Aussicht nach Oxford zu. Eine andere Saeule steht hier zum Andenken des General Wolf; eine kleinere, mit einem Globus verziert, zu Ehren des Weltumseglers Kapitaen Cook. Noch muessen wir eines gotischen Tempels gedenken, mit Fenstern von gefaerbtem Glase, durch welche die Gegend umher sich wunderbar ausnimmt. Diese Anlagen sind reich an schoenen alten Baeumen, besonders Eichen und Zypressen; ein ungeheuer grosser Taxusbaum zeichnet sich besonders aus. Schattige Gaenge ziehen sich um einen kleinen See. Einige natuerliche Wasserfaelle, schoene malerische Bruecken, alles ist hier vereint, was einen solchen Platz nur zu verschoenern vermag. Das Haus besteht aus einem zwei Stock hohen Hauptgebaeude und zwei Fluegeln von einem Stock. Unter einer von Marmorsaeulen getragenen, weit vorspringenden Attika bluehen die seltensten Pflanzen in Blumentoepfen. Von hier tritt man in die praechtige, durch eine Kuppel von oben erleuchtete Halle. Am Friese ist ein roemischer Triumphzug in Marmor abgebildet. Marmorsaeulen zieren ringsumher diese Halle; zwischen ihnen stehen marmorne Statuen. Aus der Halle tritt man in einen kleineren, mit antiken Buesten verzierten Saal, in dessen Mitte ein schoener Apoll aufgestellt ist. Diese Statue sowohl als der groesste Teil der in der Halle befindlichen, sind Antiken. Die nicht ganz modern dekorierten Zimmer enthalten einen Reichtum an Gemaelden, meist Niederlaendern, namentlich Rembrandts, unter anderem das eigene Portraet dieses Meisters, dessen Arbeiten in England besonders hochgeschaetzt werden. Ein Kabinett voller Portraets, groesstenteils aus dem merkwuerdigen Kreise, den Lord Cobham hier um sich versammelte, ist sehr sehenswert. Hier findet man Pope, Swift, Steele, Addison, der ein hoechst gutmuetiges Gesicht hat, und viele andere; auch ein Originalportraet der ungluecklichen Maria Stuart. Sie ist in wunderlicher Kleidung mit einem sehr hohen Halskragen dargestellt und erscheint weit weniger schoen, als man sie sich zu denken gewohnt ist; doch mag auch wohl die nicht ausserordentliche Kunst des Malers daran schuld sein. Lady Buckingham und ihre Tochter beschaeftigen sich auch mit der Malerei. Die Mutter malt in Oel, die Tochter Pastell; sie haben ein ganzes Zimmer mit ihren Arbeiten dekoriert, von denen sich uebrigens nichts weiter sagen laesst, als dass es von solchen Damen doch lobenswert ist, wenn sie ihre Zeit auf diese Weise hinzubringen suchen. Wir fuhren denselben Abend, an welchem wir uns in Stowe umgesehen hatten, nach Woodstock, einem Staedtchen, das auf vielfache Weise bekannt ist. Das praechtige Schloss Blenheim, welches die Koenigin Anna ihrem Lieblinge, dem Herzog von Marlborough [Fussnote: John Churchill (1650-1722), Staatsmann und Feldherr, gewann vor allem durch den Einfluss seiner Frau Sarah auf die Koenigin Anna, die letzte Herrscherin aus dem Hause Stuart (1702-14), hoechste politische Macht.], zum Dank fuer seine erfochtenen Siege schenkte und nach einem der glaenzendsten benannte, liegt ganz nahe daran. Auch werden hier die vorzueglichsten, in ganz England beliebten Stahlarbeiten nicht fabrikmaessig, sondern von einzelnen Arbeitern in ihren Haeusern verfertigt. Wir besuchten einen der geschicktesten, um einiges von ihm zu kaufen. Wie ein Maler, der sein Lieblingsbild mit Gold weggeben muss, so betrachtete der gute Alte seine besten Scheren und Messer mit wahrem Kuenstlerschmerz, ehe er sie uns uebergab und ermahnte uns noch beim Schneiden, sie ja gut zu bewahren und zweimal des Tages mit Wolle abzureiben: denn ihm schienen sie das Wichtigste, was uns beschaeftigen koennte. In historischer Hinsicht ist Woodstock besonders merkwuerdig. Auf einer Wiese, die jetzt zum Park von Blenheim gezogen ist, stand einst ein Landhaus, in welchem die Koenigin Elisabeth in ihrer Jugend erzogen, ja gleichsam gefangen gehalten ward. Sie konnte damals nicht hoffen, dass ihre Ansprueche an die Krone von England einst geltend werden wuerden; und eben diese Ansprueche, die sie gewiss oft in jenen Zeiten bitter beweinte, waren es, die ihr Freiheit, Umgang mit Menschen und jede Jugendfreude raubten. Hier erwarb sie sich alle die Kenntnisse, die Festigkeit, Klugheit, welche sie spaeterhin zur weisen, gluecklichen Regentin machten. Wie war es aber moeglich, dass diese fruehere Erfahrung des Ungluecks, diese Einsamkeit, diese Bekanntschaft mit allen Guten und Grossen, was weise Maenner vor ihrer Zeit dachten und schrieben, sie nur klug, nicht auch gut machten? Sie, die einst auch gefangen war, wie konnte sie ihre unglueckliche Schwester Leiden fuehlen lassen, welche sie selbst nur zu gut aus Erfahrung kannte und sie zuletzt dem fuerchterlichen Tode auf dem Blutgeruest weihen! Die Nachwelt ist gerecht. Jeder Englaender spricht noch jetzt von Elisabeth, dem Weibe, und der Name der ungluecklichen Maria wird noch ueberall mit Liebe und Mitleid genannt. Die Fehler der Stuart sind vergessen, aber ihr Unglueck und ihre Liebenswuerdigkeit lebt noch in allen Herzen. Blenheim Als wir uns in Woodstock morgens frueh anschickten, nach unserer Gewohnheit vor's erste den Park zu durchwandern, sahen wir mit Erstaunen, dass ein himmelhoher Phaeton [Fussnote: leichter, eleganter Wagen], mit zweien ziemlich unbaendig scheinenden Schimmeln bespannt, unser vor der Tuer des Gasthofes harrte. Die Wirtin versicherte uns mit der in solchen Faellen gebraeuchlichen Eloquenz, es waere geradezu unmoeglich den Park zu Fusse zu sehen. Wir fuegten uns also ihrer Einrichtung, bestiegen das so gefaehrlich aussehende Fuhrwerk und hatten alle Ursache, mit diesem Entschlusse zufrieden zu sein. Der Park ist so gross, dass kaum anderthalb Stunden zu der Fahrt hinreichten. Die Schimmel waren weniger unbaendig, als sie zuerst schienen, und die grosse Hoehe des jetzt aus der Mode gekommenen ganz unbedeckten Fuhrwerks erleichterte gar sehr das Umsehen nach allen Seiten und den Genuss der verschiedenen sich darbietenden Aussichten. Uebrigens wird Blenheim auf eine noch umstaendlichere und dadurch auch kostspieligere Weise gezeigt, als es bei anderen Landsitzen gebraeuchlich ist. Der Geist der stolzen Frau ihrer Zeit, der Lady Sarah, Marlboroughs Gemahlin, scheint noch jetzt auf die in ihrem ehemaligen Wohnsitze uebliche Etikette Einfluss zu haben. Ein grosses, praechtiges Tor mit zwei Nebengebaeuden, die Wohnung des Tuerwaerters, dient dem Park zum Haupteingange; eine Inschrift auf einer darueber angebrachten Marmorplatte belehrte uns, dass Lady Sarah diese Art von Triumphbogen ihrem verstorbenen Gemahl zu Ehren erbaute. Der Tuerhueter empfing uns mit einer wahrscheinlich fuer diesen Zweck ein fuer allemal auswendig gelernten Anrede, ging ganz ernsthaft etwa fuenfzig Schritte neben dem Wagen her, dann liess er ihn halten. "Dies ist die erste Aussicht", rief er uns zu; "da drueben sehen Sie ein Wasser mit einer schoenen geraden Bruecke; daneben rechts steht ein hoher Obelisk, des Herzogs taten, die Schlachten, die er schlug und gewann, sind daran zu lesen; seine Statue steht auf der Spitze des Obelisks und ist zehn Fuss hoch, so klein sie auch von hier aus erscheint." So ging es eine feine Weile; uns ward langweilig zu Mute: denn alles, was wir spaeter in der Naehe sehen sollten, ward hier von weitem gezeigt, ohne dass man uns Zeit gelassen haette, der wirklich mannigfaltigen und lieblichen Aussicht uns zu erfreuen. Dennoch war es unmoeglich, dem Strome dieser eingeuebten Rede Einhalt zu tun. Endlich waren wir an dem Orte, wo der laestige Redner, nach der hergebrachten Regel dieses Hauses, von uns scheiden musste. Er uebergab uns einem Foerster, der uns zu Pferde begleitet, legte uns noch zum Beschluss, trotz der herzoeglichen Livree, die er trug, den endlichen Zweck aller seiner Redekunst, besonders an's Herz und schied, nachdem er ihn erreicht hatte. Sein Nachfolger war zum Glueck weniger beredt; bescheidentlich ritt er neben uns her und sprach nur, wo es notwendig war. Der Park ist einer der schoensten in England. Sanfte Anhoehen, liebliche Taeler in freundlicher Abwechslung, bedeckt mit dem schoensten Grase, werden von vielen hundert Rehen und Damhirschen belebt. Mehrere schoene steinerne Bruecken fuehren ueber einen Kanal, welchem man sehr taeuschend das Ansehen eines sanft sich hinwindenden Stroms zu geben wusste. Einige zerstreut liegende Tempel und andere Gebaeude, der Obelisk mit der Statue des grossen Marlborough und unzaehlige alte herrliche Baeume gaben ihm einen unbeschreiblichen Reiz. Ueberall sind mannigfaltige Aussichten auf das Schloss, das Wasser, die Bruecken, die Gebaeude mit Auswahl und bescheiden sich verhuellter Kunst veranlasst. Nachdem wir alles gehoerig bewundert und uns auch mit dem Foerster abgefunden hatten, uebergab uns dieser dem Gaertner, welcher uns in den das Schloss in der Naehe umgebenden, zum Spazierengehen bestimmten Anlagen herumfuehrte. Auch diese sind sehr reizend und lieblich, aber bei weitem nicht so praechtig als die von Stowe. Ihre zierliche Einfachheit muss zwar gefallen, doch duenkte uns, sie wuerde sich besser zu jenem kleineren, in prunkloserem Stil erbauten Schlosse schicken, und dagegen die mit so viel Reichtum ausgestatteten Gaerten von Stowe zum Prachtpalaste von Blenheim. Eine wasserreiche, immer laufende Kaskade, ein lieblicher Weg um einen kleinen See herum und viele vorzueglich grosse, schoene Baeume bilden hier die schoensten Partien. Als wir des nachmittags hingingen, das Schloss zu sehen, wurden wir am Eingange des zweiten Hofes von einer alten Frau empfangen, die wir anfangs fuer die Haushaelterin hielten, welche uns, wie das in England gebraeuchlich ist, die Zimmer zeigen sollte. Sie machte, wie alle Englaenderinnen der unteren Klasse, einen kleinen wunderlichen Knicks bei jedem Worte, das wir zu ihr sprachen, und fuehrte uns mit grosser Redseligkeit bis an das Schloss. Hier nahm sie wieder mit unzaehligen Knicksen Abschied und belehrte uns, ihr Amt waere, die hohen Herrschaften (the Quality nannte sie es) mit gebuehrendem Respekt zu empfangen und dahin zu sehen, dass sie, wie es sich gehoere, ueber den Hof begleitet wuerden. Wir gaben ihr lachen ein paar Schilling und das Zeugnis, dass sie ihrem Amte trefflich vorstehe, und so schieden wir mit wechselseitiger Zufriedenheit voneinander. Das Schloss ist ein durch seine Groesse imponierendes Gebaeude; uebrigens schwer, bunt, kraus, mit einer Unzahl von Saeulen, Vasen, Treppen, Gelaendern und Tuermen verziert oder verunziert. Die grosse Halle, in welche man zuerst im Schlosse tritt, ist sehr hoch, sehr gross und, wie die in Stowe, ebenfalls von oben erleuchtet. Sie hat einen schoen gemalten Plafond, den marmorne Saeulen unterstuetzen, schoene, zum Teil antike Statuen stehen ringsumher. Die uebrigen Zimmer sind von altmodischer Pracht, alles solid und koestlich, wie man es an diesem Orte erwarten muss. Franzoesische Hautelisse-Tapeten schmuecken mehrere Saele, alle stellen des grossen Herzogs Siege vor, sind aber leider sehr verblichen. Die Gemaeldesammlung ist sehr gross; eine Magdalena von Tizian und eine heilige Familie von Leonardo da Vinci, zwei Marattis, Bettelbuben vorstellend, einige Portraets von van Dyck sind uns bei dem schnellen Durchfliegen noch einigermassen im Gedaechtnisse geblieben; Raffaele zeigte man uns wenigstens ein halb Dutzend, von denen dieser grosse Meister selbst wahrscheinlich nie einen sah. Treffliche Niederlaender sind hier, verschiedene Gemaelde von Rubens, Bauernstuben voll Leben und Wahrheit von Ostade, Steen und anderen. Gewaltsam mussten wir uns von diesen, in engen Banden gehaltenen Schaetzen wegwenden. Ein grosses Gemaelde von Sir Joshua Reynolds, den jetzigen Herzog und seine Familie vorstellend, haengt auch hier; aber die Nachbarschaft sowohl als das Kostuem tut ihm Schaden. Noch ein grosser, hoher, von oben erleuchteter Saal, von la Guerre mit vieler Wahrheit gemalt, duenkt uns des Erwaehnens wert. Der Plafond stellt den Herzog vor, wie Zeit und Friede ihn in seinem Triumphwagen aufhalten. Die Waende sind wie eine offene Halle gemalt; rundum laeuft ein Gelaender, hinter welchem alle europaeischen Nationen mit charakteristischer Physiognomie und Kleidung in verschiedenen Stellungen stehen. Die Figuren, etwas ueber Lebensgroesse, uebrigens von taeuschender Wahrheit, ragen halb ueber das Gelaender vor. Die Bibliothek, ein sehr langes schmales Zimmer, soll an siebzigtausend Baende enthalten. Am Ende derselben steht die marmorne Statue der Koenigin Anna in voelliger Staatstracht; mit dem Koenigsmantel, dem langen, ueber einen oben schmalen, unten breiten Reifrock gespannten Kleide, dem hohen Halskragen und der Krone auf dem Haupte, sieht sie wie eine grosse Weihnachtspuppe aus; Spitzen und Stickereien aber sind mit bewundernswuerdigem Fleisse in den harten Stein gearbeitet. Auch in der Bibliothek haengen viele Portraets; der grosse Herzog und seine Sarah sind hier abgebildet; sie haelt die herzogliche Krone recht fest und schaut keck und uebermuetig in die Welt hinein. In der Schlosskapelle zeigte man uns das grosse Grabmal, welches Lady Sarah sich, ihrem Gemahl und ihren zwei Kindern noch bei Lebzeiten setzen liess. Die Familie ist in Lebensgroesse darauf zu sehen, nebst einem ansehnlichen Gefolge von Tugenden und Genien. Es ward in London gefertigt und sehr teuer bezahlt; das ist alles, was wir davon zu sagen wissen; weder der Gedanke noch die Ausfuehrung zog uns an. Des fluechtigen Sehens ueberdruessig, ermuedet von dem Stehen und Gehen in den vielen grossen Zimmern, eilten wir in unseren Gasthof zurueck und entsagten einer Sammlung von altem echten japanischen und chinesischen Porzellan, die man uns als etwas sehr Merkwuerdiges zu zeigen sich erbot. Birmingham und Soho Wir reisten jetzt auf Birmingham [Fussnote: heute einer der groessten Industriestaedte der Welt mit ueber 1 Million Einwohnern, hatte zur Zeit Johannas etwa 75 000] zu. Die Gegend verschoente sich mit jeder Meile, Berge wechselten mit lachenden Taelern. Wir mussten zuweilen die Raeder einhemmen, weil der Weg zu steil bergab fuehrte. Die Aussichten von der Hoehe sind sehr reizend. In Birmingham selbst erklommen wir noch einen steilen Berg, der uns lebhaft an den Hradschin in Prag erinnerte, ehe wir zu dem grossen eleganten Gasthofe gelangten. Dieser heisst noch immer "Zur Henne mit den Kuechlein", obgleich der Wirt in unseren, immer vornehmer werdenden Zeiten sich alle Muehe gibt, ihn zu Lloyd's Hotel umzustempeln. Birmingham ist durch seine Fabriken weit und breit beruehmt, ja man koennte fast behaupten, es gaebe kein Dorf im kultivierten Europa, vielleicht kein Haus, in welchem nicht irgendein Produkt der Industrie dieser Stadt zu finden waere, sei es auch nur ein Knopf, eine Nadel oder ein Bleistift. Die Stadt selbst ist schon durch ihre bergige Lage nicht schoen; der Rauch der vielen Fabriken und Werkstaetten, die hier ihr Wesen treiben, gibt ihr ein duesteres, schmutziges Ansehen. Ueberall hoert man haemmern und pochen, alles laeuft am Tage geschaeftig hin und wider, niemand hat Zeit, solange die Sonne leuchtet. Dafuer hallen des abends die Strassen vom Geschrei und von Gesaengen derer wider, die sich den Tag ueber unter der schweren Last des Lebens abarbeiteten. In den wenigen Stunden, die sie dem alle Sinne laehmenden Schlafe des ermuedeten Arbeiters abstehlen koennen, suchen sie in Tavernen und Spielhaeusern die Freude zu haschen, an die sie den Tag ueber nicht denken konnten. Den Tag nach unserer Ankunft eilten wir, den merkwuerdigsten Punkt dieser Gegend, Soho, das zwei Meilen von Birmingham gelegene Etablissement des Herrn Boulton [Fussnote: Matthew (1728-1809) gruendete mit James Watt die erst Dampfmaschinenfabrik der Welt; die Fabrikanlagen in Soho gruendete er 1762], zu besuchen. Wir finden in ganz England, vielleicht in ganz Europa keinen glaenzenderen Beweis von dem, was Industrie, Fleiss und anhaltendes Streben nach einem Ziele vermoegen, als diesen kleinen freundlichen Fleck. Herzlich freuten wir uns, seinen Schoepfer, den achtzigjaehrigen Boulton, noch in voelliger Geisteslebendigkeit kennen zu lernen, obgleich sein Koerper der Krankheit, dem Alter und der unermuedeten Arbeit laengst unterlag. Wir fanden ihn durch Steinschmerzen voellig gelaehmt; im Hause liess er sich durch zwei ruestige Bediente herumtragen; im Freien fuhr er sich selbst in einem der kleinen bequemen Fuhrwerke, die in England zum Troste der dort so haeufigen Lahmen und Gebrechlichen erfunden wurden. Alles dies hinderte ihn nicht, uns, die wir ihm durch einen seiner Freunde empfohlen waren, ueberall selbst hinzubegleiten. Sein dunkles Auge blitzte von Jugendfeuer, als er uns erzaehlte, wie er alle die vielen sich ihm entgegenstellenden Schwierigkeiten mutig bekaempfte und gluecklich ueberwand. Freundlich erklaerte und zeigte er uns alles. Und als wir in die dortigen Anlagen traten, die er mit Hilfe einer Dampfmaschine dem unfruchtbaren Sumpfe abgewann, sprangen uns seine bluehenden Enkel entgegen, spannten sich vor sein Waegelchen und fuhren den gluecklichen Greis wie im Triumph davon. Achthundert Menschen finden in Soho taeglich Arbeit und Brot. Hier werden englische Kupfermuenzen und auslaendische, fuer die ostindische Compagnie, fuer Amerika und manche fremde Hoefe gepraegt. In Deutschland sagt das Geruecht: Boulton lasse auch die vielen falschen Muenzen fabrizieren, die von England aus Deutschland ueberschwemmen. Dem ist aber nicht so, er hat an dem gesetzlichen Wege mehr Arbeit, als er bestreiten kann, und ist zu rechtlich, zu reich, um sich einem so gefaehrlichen Handwerke zu unterziehen. Vor diesem war das Nachpraegen fremder Muenzen, wenn nicht erlaubt, doch in England toleriert; sie wurden wie Rechenpfennige angesehen und in grosser Menge, meistens auf Bestellung spekulativer Koepfe in Deutschland und anderen Laendern, ziemlich oeffentlich fabriziert. Seitdem aber der Galgen so gut auf diesen Zweig der Industrie gesetzt ist wie auf das Nachmachen englischer Banknoten und Muenzen, wird dieses Geschaeft nur ganz heimlich betrieben. Es soll indessen in Birmingham an dergleichen Fabriken, welchen oft eine Knopffabrik zum Aushaengeschild dient, nicht fehlen. Ausser der Muenze enthaelt Soho noch eine grosse Fabrik von plattierten Waren aller Art, eine Glasfabrik und eine von Dampfmaschinen. Die erstaunenswuerdigste Erfindung der letzteren, bei dem Reichtum an Steinkohlen fuer England von unermesslichem Wert, hat Boulton erst auf den Gipfel von Vollkommenheit gebracht, auf welchem sie jetzt steht. Er verfertigt Dampfmaschinen fuer ganz Europa und Amerika, laesst aber diese Fabrik niemanden sehen, weil sich oft Leute bei ihm einschlichen, die seine Gastfreundschaft missbrauchten und muehsam errungenen Vorteile ihm abzusehen strebten, waehrend er sie freundlich bei sich aufnahm. Er sagte uns, wir wuerden es unartig gefunden haben, dass er in allen Gasthoefen, viele Meilen um Birmingham her, ein Avertissement anschlagen liess, in welchem er bekanntmachte: dass ohne besondere Empfehlung an ihn keinem Fremden sein Etablissement gezeigt werden. Durch den ewigen Zulauf von Fremden, der ihm oder doch einem seiner Associes alle Zeit raubte und unter seinen Arbeitern ewige Stoerungen veranlasste, wurde er zu diesem Schritte gezwungen, den er hoechst ungern tat. "Nichts ist unertraeglicher", sagte er, "als ein Haus zu besitzen, das eine Sehenswuerdigkeit ist (a rare show) oder gar selbst eine zu sein; beides war mein Fall, denn jeder, der Soho gesehen hatte, glaubte schon aus Hoeflichkeit dessen Stifter in Augenschein nehmen zu muessen, und so wusste ich mir am Ende nicht anders zu helfen, als auf diese unfreundliche Weise." Das Wohnhaus in Soho ist ein huebsches, bequemes und grosses Gebaeude, ueberall Sauberkeit und Eleganz, nirgends Pracht, nirgends ein Streben, mit den praechtigen Villen der Grossen des Landes zu wetteifern. Es liegt sehr angenehm: aus den vorderen Zimmern uebersieht man eine sehr schoene, reiche Gegend, im Vordergrunde die Stadt; fruchtbare angebaute Huegel steigen ueber ihr empor. Dicht vor dem Hause liegt ein huebscher Garten voll Blumen und fremder Pflanzen und hinter dem Hause eine reizende Promenade, laengs den Ufern eines kleinen Sees, welchen Boulton schuf, indem er vermittelst der Dampfmaschine die alten Suempfe austrocknete und das Wasser hier sammelte. In einer Ecke desselben ergiesst sich ein Wasserfall von einem mit schoenen Blumen und Baeumen gezierten Huegel. Alles dieses war vor ungefaehr zwanzig Jahren eine oede, sumpfige Heide. Die Fabrik von plattierten Sachen erschien uns besonders interessant. Es ist unmoeglich, schoenere Formen und bessere Politur zu sehen, als dem Silber hier gegeben wird. Man kann das Plattierte von dem ganz Silbernen durch's Auge allein nicht unterscheiden, und es gibt auch, auf die Weise wie hier gearbeitet, dem Silber an Dauer wenig nach. Auf ein Stueck Kupfer, etwa eine halbe Elle lang und eine Achtelelle im Durchmesser, werden Laengen aus zwei Platten von ganz reinem Silber, etwa den zehnten Teil so dick als Kupfer ist, oben und unten aufgeschmolzen. Dann wird es durch Walzen, von einer Dampfmaschine getrieben, zu Blech ausgedehnt, so duenne man es bedarf. Das Silber bleibt dabei immer mit dem Kupfer im naemlichen Verhaeltnisse. Dieses Blech braucht man zur Verfertigung der Leuchter, Kannen und allen Silbergeraetes, welches eine Flaeche bietet; zu den Henkeln, Fuessen und dergleichen nimmt man eine runde, mit Silber belegte Stange Kupfer, die auf die naemliche Weise, wie wir oben beschrieben, behandelt wird. Die aeusseren Ecken werden den Gefaessen von massivem Silber angesetzt; auch sind die meisten Verzierungen daran ganz Silber. Die Glasschleiferei ist ebenfalls merkwuerdig. In einem sehr langen Zimmer sieht man eine Menge Schleifsteine unaufhoerlich schnell sich drehen. Eine lange hoelzerne, am Boden horizontal liegende Walze, welche durch eine unter dem Zimmer sich befindende Dampfmaschine getrieben wird, setzt sie alle in Bewegung. Mit der groessten anscheinenden Leichtigkeit schleifen die Arbeiter die schoensten Muster auf die Glaeser mit einer bewundernswuerdigen Genauigkeit, ohne alle Vorzeichnung, indem sie dieselben an die wie von Zauberei getriebenen Scheiben halten. Von hier aus kommen groesstenteils die schoenen Girandolen, Luester, Trinkglaeser und Prachtvasen, die glaenzendste Zierde grosser Tafeln, welche wir oft in den, bei naechtlicher Beleuchtung einem Feenschloss aehnlichen, flimmernden Glaslaeden Londons nicht genug bewundern konnten. Die letzte Politur wird dem Glase vermittelst einer hoelzernen Scheibe, statt des Schleifsteins, gegeben. Die Muenze arbeitete gerade diesen Tag nicht. Herr Boulton liess aber einige kleine Geldstuecke praegen, um uns den Mechanismus zu zeigen. Acht Praegstoecke werden hier ebenfalls von einer Dampfmaschine getrieben; jeder derselben praegt in einer Minute dreissig bis einhundertzwanzig Stuecke aus, je nachdem sie groesser oder kleiner sind, und zwar auf beiden Seiten zugleich. Bei jedem Stempel ist eine hoechst sinnreich erfundene Maschine angebracht, die mit Blitzesschnelle das eben gepraegte Stueck fort und ein noch ungepraegtes an dessen Stelle einschiebt. Alles dieses scheint wie von unsichtbaren Geistern getrieben. Das Gepraege der Muenzen ist durchgaengig schoen. Sie sind alle vollkommen rund, von gleicher Groesse und moeglichst gleichem Werte. In einem anderen Zimmer werden die Muenzen geschnitten, ehe sie gepraegt werden; noch in einem anderen nach dem Praegen gereinigt, indem sie in langen leinenen Saecken hin und her geschwungen werden. Auch diese Operation wird durch die Dampfmaschine bewerkstelligt. Zum Abschiede statteten wir noch der Dampfmaschine selbst einen Besuch ab. Wir sahen in einem unterirdischen Gewoelbe eine Pumpe durch den Dampf des darunter in einem verschlossenen, eingemauerten Kessel kochenden Wassers unaufhoerlich in Bewegung gesetzt. Diese Pumpe trieb einige grosse Raeder, diese Raeder kommunizierten mit den vielen, in den oberen Zimmern befindlichen mannigfaltigen Maschinen und brachten alle die Wunder hervor, die uns oben in Erstaunen gesetzt hatten. Das ist alles, was wir durch's blosse Anschauen von dieser bewundernswerten Erfindung begriffen. Das Wasser muss das ganze Jahr im Kochen erhalten werden, damit die Maschine nie stocke. Herr Boulton versicherte uns, es gehoere weit weniger Feuerung dazu, als man auf den ersten Augenblick glauben moechte. Burton und Derby Von Birmingham reisten wir ueber Burton [Fussnote: Burton-upon-Trent, beruehmte Brauereistadt, die ihre Entstehung den braukundigen Moenchen der Burton Abbey im 11. Jahrhundert verdankt. Die Guete dieses Bieres wird auf die Qualitaet des Wasser zurueckgefuehrt] nach Derby. Burton ist ein freundliches Staedtchen, weltberuehmt durch das Ale [Footnote: helles, alkoholreiches, stark gehopftes Bier mit bitterem Geschmack und kraeftigem Schaum], welches nirgends so gut gebraut wird als hier. In Friedenszeiten gehen jaehrlich grosse Sendungen davon nach ganz Europa, besonders nach Russland. Auch nach Amerika ward viel davon verschifft. In England trinkt man es, wenn es einige Jahre gelegen hat, in buergerlichen Haeusern zum Dessert. Auch ist es dann durch die Zeit so stark, dass es sich mit jedem Wein an Geist messen kann und den Biergeschmack ganz verliert. Derby ist eine ziemlich grosse, aber nicht schoene Stadt. Sie enthaelt viele Fabriken, unter anderen eine Seidenspinnerei; am ausgezeichnetsten ist die Porzellanfabrik. An Feinheit des Tons mag das hiesige Porzellan wohl dem Meissner und Sevres nachstehen; aber in Hinsicht auf Farben, Vergoldung und Schoenheit der Form in den verschiedenen Vasen und Geschirren laesst es nichts zu wuenschen uebrig. Die Figuren von Biskuit bleiben weit hinter den saechsischen zurueck, sowohl in der Erfindung als der Ausfuehrung. Auch hier sieht man deutlich, wie der englische Kunstsinn nur das gerade Nuetzliche und Bequeme hervorzubringen vermag; doch dieses auch in der hoechsten Vollkommenheit. Zum erstenmal in England mussten wir bei unserer Abreise auf Pferde warten, und endlich erschienen um sechs Uhr abends zwei, die des Tages Last reichlich getragen hatten. Wir wollten nach Matlock, einem siebzehn Meilen von Derby im gebirgigen Derbyshire gelegenen Badeorte. Siebzehn Meilen sind in England gewoehnlich in zwei bis drei Stunden abgefahren; daher achteten wir den heftigen Regen nicht, der uns ohnehin in unsere Zimmer eingekerkert haette, und reisten ab. Die Pferde waren sehr muede: der Postillon konnte sie ungeachtet allen Treibens kaum von der Stelle bringen; langsam schlichen sie fort, Schritt vor Schritt. Uns war, als waeren wir auf irgendeiner Poststrasse in der Mark. Wir fuerchteten, die armen Tiere wuerden zuletzt aus Ermuedung ganz stille stehen. Der Regen stroemte heftiger, und die Nacht brach sehr finster herein, obgleich wir uns in der ersten Haelfte des Junius-Monats befanden. Der Weg war sehr bergig, hohe Felsen tuermten sich vor uns auf; wir sahen ihre kolossalen Konturen nur schwach durch die dunkle Nacht. Nah und fern flammten Feuer aus den Ziegelbrennereien ringsumher, feurigen Gespenstern gleich, was uns die Finsternis nur auffallender machte, ohne sie zu erleuchten. Die Pferde scheuten sich einigemal davor. Wir fuhren steile Abhaenge hinab und hinauf, tief unten brausende Waldstroeme liessen uns Abgruende neben dem Wege ahnen. Das Geklapper der vielen Muehlen, das Brausen der vom Wasser getriebenen Raeder aller Art in dieser fabrikreichen Gegend, das Sausen der Gewaesser ringsumher, der Wind, der Regen, die flammenden Limekilns (Kalkoefen), alles vereinte sich, diese Nacht zu einer der schauerlichsten zu machen. Die Situation war romantisch, das ist nicht zu leugnen; wir freuten uns indessen doch sehr, nach elf Uhr ihr Ende und das Ziel unserer Reise erreicht zu haben. Im alten Bade in Matlock fanden wir allen Komfort, den man nur in einem englischen Gasthofe erwarten kann, und die abenteuerliche, ermuedende Reise machte ihn uns doppelt angenehm. Badeorte Es wimmelte in England von Badeorten aller Art. Jeder am Ufer des Meeres gelegene Ort, dessen Strand und andere Umgebungen es erlauben, ist zum Bade eingerichtet. In allen findet man mehr oder weniger, vornehmere oder geringere Gesellschaft, je nachdem die Mode es gewollt hat. Zu diesen Badeplaetzen sowohl als zu den im Lande gelegenen mineralischen Quellen fluechtet jeder, der keine eigene Villa besitzt, oder auf keiner eingeladen ist, und doch der Schande entgehen will, im Sommer in London gesehen zu werden. Bekanntlich ist dann die Stadt (so heisst London vorzugsweise in ganz England) leer, obgleich die Strassen von Menschen wimmeln und der Fremde diese angebliche Oede gar nicht bemerkt. Alle Leute, welche man vom Anfang Julius bis gegen Weihnachten in London sieht, sind sogenannte Niemands (Nobodies) und werden gar nicht gerechnet. Die feinere Welt, die Muessigen, die Reichen, die Gluecksritter, alles fluechtet aufs Land oder ins Bad. Die Seebaeder sind im ganzen die besuchtesten und luxurioesesten. Die mineralischen Quellen werden oefter von der mittleren Klasse besucht, welche dort mehr laendliche Freuden als rauschende Ergoetzlichkeiten sucht. Bath macht hiervon eine Ausnahme: im Sommer besuchen es die wahrhaft Kranken, die Lahmen und Gichtbruechigen der warmen Quellen wegen. Die eigentliche Saison aber faengt dort erst im Dezember an und waehrt bis zum Fruehjahr. Alle Londoner Freuden sind alsdann wohlfeiler und nach verjuengtem Massstabe auch in Bath zu finden. Deshalb eilen die dorthin, welche gern gross und vornehm leben moechten und doch nicht reich genug sind, um dieses in London zu koennen. Viele grosse Familien bringen einige Winter in Bath zu, um durch diese Oekonomie ihren zerruetteten Finanzen wieder aufzuhelfen. Nach Bristol hingegen treibt selten die Freude, oefter die Not, so ausgezeichnet schoen auch die dortige Gegend ist. Man weiss, wie viele Opfer die Schwindsucht jaehrlich in England hinwegrafft. Bristols Quelle wird gewoehnlich als der letzte Versuch der Rettung von den englischen Aerzten angeraten. Dass es wirklich oft der letzte sei, bezeigen die vielen Denkmaeler auf dem dortigen Gottesacker. An allen diesen Plaetzen ist die Lebensweise sehr verschieden: in den kleinen Baedern, wie in Matlock, lebt man still und ruhig, geselliger zwar, wie es sonst in England unter Unbekannten gebraeuchlich ist, aber dennoch weit weniger so als in Deutschland in aehnlichen Verhaeltnissen. In den grossen, von den Vornehmen besuchtesten Baedern herrscht eine strenge, wunderliche Etikette. Wir werden weiterhin Gelegenheit finden, hiervon ausfuehrlicher zu sprechen. Vorjetzt kommen wir zu Matlock und seinen Umgebungen. Matlock Freundlich und dennoch erhaben, einsam und dennoch voll regen Lebens, ist dieses liebliche Tal eines der schoensten Plaetzchen Britanniens. Sei es immer, dass seine Heilquelle wenig wirksam ist, es braucht ihrer nicht, um in dieser himmlischen Gegend neue Lebenskraft zu finden. Auch sahen die fuenfzig oder sechzig Badegaeste, die wir hier fanden, gar nicht aus, als ob Aeskulap sie mit seinem Schlangenstabe hierher gebannt haette. Sie schienen sich vor dem wilden, unsteten Treiben des Lebens hergefluechtet zu haben, um einmal ruhig Atem zu schoepfen und dann mit frischem Mute wieder an ihr Werk zu gehen. Der eigentliche Badeort besteht nur aus drei schoenen grossen Gasthoefen und zwei Logierhaeusern. Das Dorf Matlock liegt etwa anderthalb Meilen davon. Es ist unmoeglich, dies reizende Tal durch blosse Beschreibung anschaulich darzustellen: so still, so heimlich liegt es da, durchrauscht von der Derwent, umgeben von hohen, kuehnen Felsen, die bald schroff und nackt gen Himmel starren, oefter noch ihre mit den schoensten Baeumen gekroenten Gipfel freundlich erheben. Wir schifften in einem Nachen auf der Derwent umher, so weit sie befahrbar ist; freilich nur eine kleine Strecke; denn es ist ein wildes Bergwasser, voll Faellen und Strudeln. Die Felswaende zogen sich enger zusammen, als wollten sie uns den Weg versperren; die Straeucher am Ufer bildeten Lauben ueber den Nachen, und drohend schauten die Felsspitzen von oben hinein. Dann traten sie wieder zurueck, und wir sahen freundliche Huetten, mit Gaertchen und Wiesenplaetzchen untermischt, an ihrer Seite hangen; stattliche Haeuser, grosse Fabrikgebaeude, zu ihren Fuessen liegen. Kunstlose, wie von der Hand der Natur geschaffene Spaziergaenge ziehen sich an beiden Ufern zwischen Wald und Fels dahin, bis zurueck zu unserem Gasthofe. Ihm gegenueber erhebt sich der hoechste Fels dieser Gegend. Die Landleute nennen ihn High Tor. Auf einem groesstenteils schattigen, nicht sehr beschwerlichen Wege stiegen wir hinauf. Wir erblickten oben von einer Seite das enge Tal in der ganzen Pracht seiner ueppigen Vegetation. Mitten hindurch gaukelt der Strom; an dem gegenueberstehenden, waldbewachsenen Fels lehnen die netten Gebaeude des Bades und geben ein freundliches Bild des bequemen, geselligen Lebens in dieser Abgeschiedenheit. Von der entgegengesetzten Seite blickten wir in ein zweites Tal. Als ob noch nie ein menschlicher Fuss bis hierher gedrungen waere, so heimlich in verborgener Stille liegt es da, rings umgeben von gruenen Bergen. Schoene Herden weideten ohne Hirten im hohen Grase. Nirgends sahen wir die wilde, einfache Schoenheit der Natur gluecklicher mit hoher Kultur vereint als hier am Ufer der Derwent. Die Freuden der Badegaeste beschraenken sich groesstenteils auf den Genuss dieser herrlichen Natur; denn ein Bowling green [Fussnote: dazu Johanna in einer Anmerkung: "Ein gruener, solgfaeltig mit Walzen geglaetteter Rasenplatz, zu einem nur in England gebraeuchlichen Spiele mit Kugeln."] und einige Billard-Tafeln sind alles, was die Kunst zu ihrem Ergoetzen ihnen hier darzubieten wagt. Getanzt wird selten und nur auf Veranlassung der Badegaeste selbst: denn der Spekulationsgeist der hiesigen Wirte reicht nicht so weit. Dem Wasser erzeigt man die Ehre, es warm zu nennen, wir fanden es kaum lau; es schmeckt recht gut und ist sehr klar. Die Baeder sind so bequem und reinlich eingerichtet, wie man es nur in diesem Lande erwarten kann. Fuer den Geologen ist Matlock hoechst interessant, die verschiedenen Steinarten, Flussspate, Stalaktiten usw., welche Derbyshire hervorbringt, sind allbekannt. In Matlock findet man sie in zwei eleganten Laeden in aller ihrer Mannigfaltigkeit zum Verkaufe und zum Anschauen ausgestellt, zum Teil roh in sehr schoenen Exemplaren fuer den Liebhaber und Sammler, der auch zu Kaminen, Urnen, Vasen, Schreibzeugen und unzaehligen anderen Dingen verarbeitet wird. Alle diese Sachen werden zu niedrigen Preisen hier verkauft, sie sind vortrefflich poliert, von schoener Form und sehen ungemein glaenzend und elegant aus. Leider ist es wegen ihrer Zerbrechlichkeit schwer, sie weit zu verfuehren. Noch ist eine versteinernde Quelle [Fussnote: kalksinterhaltiges Wasser] hier merkwuerdig. Alles, was man hineinlegt, wird in kurzer Zeit inkrustiert, und wenn es laenger liegt, ganz in Stein verwandelt. Der Waechter dieser Quelle zeigte uns eine auf diese Weise verewigte Peruecke und einen Haarbesen, die beide in dieser Gestalt gar wunderlich aussahen. Jenseits der Derwent, dem Dorfe schraeg gegenueber, liegt Cromford Mill, die Baumwollspinnerei des Sir Richard Arkwright [Fussnote: (1732-92), urspruenglich Barbier, baute 1769 die erste brauchbare Spinnmaschine, die wegen der Anwendung von Wasserkraft auch Wassermaschine genannt wurde], die erste, welche er,der eigentliche Erfinder der in ihren Wirkungen ans Wunderbare grenzenden Spinnmaschinen, erbaute. Dieser durch seine mechanische Geschicklichkeit und seinen ausdauernden Mut so merkwuerdige Mann war urspruenglich ein Barbier; er hatte bei seinen Unternehmungen Schwierigkeiten zu bekaempfen, denen ein gewoehnlicher Mann unterlegen waere. Er verdiente, maechtige Freunde zu finden, die ihm hilfreich beistuenden, und er fand sie; sein grosses Unternehmen gelang, und er selbst lebte lange genug, um im hohen Wohlstande sich dessen zu erfreuen. Noch heute ist diese Fabrik, welche jetzt aus drei Spinnmaschinen besteht, im Besitz der Familie Arkwright, welche die ganz nahe dabei gelegene schoene Villa Wellersley bewohnt. Das von weissen Steinen massiv erbaute Wohnhaus sowohl als die grossen Fabrikgebaeude am Ufer des Stromes, beschirmt von maechtigen Felsen, erhoehen die Schoenheit der Gegend. Noch erfreulicher aber ist der Anblick des Wohlstands, der durch sie ringsumher unter den Einwohnern des Tals verbreitet wird. Wir sahen mit wahrer Freude an einem Sonntagabend die wohlgekleideten Arbeiter mit ihren geputzten Weibern und Maedchen spazieren gehen, umspielt von schoenen reinlichen Kindern. Die englischen Bauernmaedchen und jungen Weiber sind durchgaengig schoene Gestalten, aelter werden sie oft zu dick. In ihrem Putze sehen sie gewissermassen vornehm und damenhaft aus. Ein feiner Strohhut, mitfarbigem Bande geschmueckt, auf einem kleinen schneeweissen Haeubchen, steht den artigen bescheidenen Gesichtern sehr gut. Dazu grosse, weisse musselinene Halstuecher, ein Rock von durchgestepptem Zeug von eine hellen Farbe, himmelblau oder rosenrot bei den Eleganten, und ein vorn offenen kattunenes langes Kleid, hinten kuenstlich mit Nadeln aufgesteckt, alles blendend rein bis auf die feinen weissen gewebten Struempfe [Fussnote: dazu Johanna in einer Anmerkung: "Nur die aermsten Englaenderinnen stricken; diese Arbeit wird bei ihnen fuer schimpflich gehalten]. Dies ist ihr Sonntagskostuem, von welchem das der Wochentage nur durch dunklere Farben und schlechteren Stoff abweicht. Hinter dem Wohnhause von Wellersley strecken sich die dazu gehoerigen grossen, wohlangelegten Promenaden hoch den Berg hinan. Die mannigfaltigen Ansichten des Tales von oben herab sind wunderschoen. Die Gaerten enthalten Treibhaeuser und eine huebsche Orangerie. Ueberall sieht man die segensreichen Fruechte des Fleisses und der Industrie. An einem fruehen Morgen verliessen wir endlich ungern das freundliche Matlock. Lange noch zog sich der Weg durch das Tal am Ufer der bald ruhig hinfliessenden, bald ueber Felsstuecke wild daherbrausenden Derwent. Dann wand sich der hohe Berge hinan, deren Gipfel uns eine weite Aussicht auf das fruchtbare, durch unzaehlige Fabriken und Haeuser belebte Land eroeffneten. Jetzt fuehrte der Weg abwaerts; im Morgenlicht schimmerte uns ein praechtiges Gebaeude entgegen. Es war Chatsworth [Fussnote: das Schloss wurde 1687-1706 vom Herzog von Devonshire in italienischem Spaetrenaissancestil erbaut, anstelle eines aelteren Schlosses, in dem Maria Stuart gefangen gehalten worden war; 1820 wurde der Nordfluegel angebaut. Das Zimmer, das Johanna hier beschreibt, ist also nicht das urspruengliche Zimmer Marias gewesen.], seit zweihundert Jahren der Landsitz der edlen Familie von Cavendish, jetzt ihrer Abkoemmlinge, der Herzoege von Devonshire. Das Schloss liegt romantisch in einem weiten tiefen Tale. Hinter demselben erhebt ein hoher Fels den stolzen, waldgekroenten Scheitel. Vor dem Schlosse windet sich silbern die Derwent durch das lachende Gruen, eine sehr schoene steinerne Bruecke fuehrt hinueber. Wir fuhren durch den Park; neugierig guckten seine Bewohner, die Hirsche und Rehe, von beiden Seiten des Wegs in unsere Postchaise. Chatsworth Landsitz des Herzogs von Devonshire Das in einem edlen Stil erbaute Haus ist von aussen eines der groessten und praechtigsten in England und seine Front einhundertzweiundachtzig Fuss lang. Die auswaerts stark vergoldeten Fensterrahmen, welche wir sonst nirgends in England sahen, flimmerten im Sonnenstrahle und gaben ihm ein wunderbares feenartiges Ansehen. Diese aeussere Pracht sticht auffallend ab gegen die grosse Stille und Einsamkeit der wilden Gegend umher; es ist, als ob ein Zauberer dieses Schloss hier zu eigenen Zwecken entstehen liess. Auch hatte es einst eine traurige Bestimmung. Maria Stuart beweinte hier sechzehn Jahre lang ihre Freiheit, jedes Glueck des Lebens entbehrend. Ihre grausame Feindin sandte sie zuerst nach Chatsworth in enge Gefangenschaft; nach sechzehn Jahren brachte man sie dann nach Fotheringhay in Northumberland, wo sie hingerichtet ward. Die innere Einrichtung des Schlosses von Chatsworth enthaelt wenig Merkwuerdiges. Seit Jahren von den Eigentuemern nicht besucht, zeigt es ueberall nur Spuren alter, allmaehlich hinsinkender Pracht; dennoch wird es im ganzen wohl unterhalten, nur nichts Neues hinzugefuegt, und so fehlt ihm die Frischheit, die sonst die englischen Landhaeuser so angenehm macht. Fuer uns hatte es dennoch ein hohes Interesse. Im zweiten Stock des aeltesten Teils des Schlosses findet man das Zimmer der ungluecklichen Maria Stuart, ganz so eingerichtet und moebliert, wie sie es bewohnte. Es ist sehr gross und hoch; alte gewirkte Tapeten, die ihm ein finsteres, schauerliches Ansehen geben, haengen an den Waenden. Ein hoher Betstuhl steht in der Naehe eines Fensters, die Aussicht aus demselben ist nicht erheiternd: man sieht ihn eine zwar schoene, aber hoechst einsame, von Bergen eingeschlossene Gegend. Alle Moebel im Zimmer, die hohen schweren Stuehle mit kleinen Treppen davor, die eichenen und nussbaumenen unbeweglichen Tische versetzten uns in jene trueben Tage, welche die schoenste und ungluecklichste Frau ihrer Zeit hier verlebte. Ihr Bette mit schweren rotsamtenen Gardinen, die mit breiten silbernen Tressen besetzt sind, stand noch da; uns war, als saehen wir noch die Spuren der einsamen Traenen, die sie hier verweinte. Der Garten von Chatsworth ist sehr alt und in einem der jetzigen Zeit fremden Geschmack angelegt. Man koennte ihn altfranzoesisch nennen, wenn er regelmaessiger waere, doch mag er dies wohl eher gewesen sein; denn es ist sichtbar, dass viele Anlagen, Alleen, Parterres, Berceaus und dergleichen eingegangen sind. Was ihn im ganzen Lande beruehmt macht, sind die Wasserkuenste, die aber mit denen von St.-Cloud, von Herrenhausen und der Wilhelmshoehe bei Kassel keinen Vergleich aushalten. Nur dass sie die einzigen im Lande sind, macht ihren Ruhm aus. Eine kuenstliche, zwei- bis dreihundert Fuss hohe Kaskade mit Stufen, der es aber, wie den meisten dieser Art, an hinlaenglichem Wasser fehlt, wird zuerst gezeigt. In einem anderen Bassin muss das Wasser die Gestalt einer glaesernen Glocke annehmen. Neben dieser Glocke steht noch ein dem Ansehen nach verdorrter Baum; er ist aus Kupfer kuenstlich gebildet, das Wasser spritzt schaeumend aus seinen Zweigen, er sieht dann ganz artig aus, als ob er mit grossen Eiszapfen und Schnee bedeckt waere, kleine Wasserstrahlen steigen ringsumher aus der Erde empor. Zwei andere Springbrunnen werfen den Wasserstrahl neunzig Fuss hoch gen Himmel und machen eine recht huebsche Wirkung. Die Englaender, welche in den ringsumher liegenden Baedern hausen, wallfahrten fleissig her, staunen das nie zuvor Gesehene an und erheben Chatsworth zu einem Wunder der Welt. Castleton Voll von Mariens Schicksale und stolz, dass unser Schiller den Briten den Rang abgewann und ihrem Andenken das schoenste Denkmal schuf, verliessen wir das traurig schoene Chatsworth. Nur kurze Zeit noch und die zwar einsame, aber dennoch reiche Gegend verschwand. Ein enges, schauerliches Tal empfing uns: kein Baum, keine Spur von Vegetation, nur nackte und steile Felsen, zwischen denen wir uns aengstlich hindurchwinden mussten, die jeden Augenblick den Weg zu versperren schienen. Zu Anfange sahen wir noch zwischendurch ansehnliche Fabrikgebaeude von grossem Umfange; auch diese oedeste, schauerlichste Gegend in England, die Bleiminen von Derbyshire. Es waren deren unzaehlige von allen Seiten zu sehen, zwischendurch die aermlichsten, aus Feldsteinen aufgetuermten Huetten, vor ihnen langsam wandelnde bleiche Gestalten, Bewohner dieser Oede, von der schrecklichen Arbeit in den Bleiminen entkraeftet. Zu Mittage langten wir in Castleton an, einem so armen, kleinen Staedtchen, wie wir noch keines in England sahen. Wir bestellten in dem aermlich aussehenden Gasthofe unser Mittagessen und eilten nach der Peakshoehle mit einem Fuehrer, der sich gleich beim Aussteigen aus dem Wagen unserer bemaechtigt hatte. Die Peaks Hoehle Diese sehr beruehmte Hoehle liegt nahe vor der Stadt, der Eingang derselben ist wahrhaft gross und imposant. Eine Reihe meist senkrecht steiler Felsen von wunderbar zackiger Form erhebt die mit Baeumen gekroenten Scheitel. In einem derselben hat die Natur ein schauerliches, zweiundvierzig Fuss hohes und einhundertzwanzig Fuss breites Tor gewoelbt, durch welches man in undurchdringliches Dunkel zu blicken waehnt. Langsam fliesst ein schwarzes, ziemlich breites Wasser aus der Unterwelt an's Tageslicht hervor. Vor der Woelbung haengen ungeheure, bizarr geformte Tropfsteine; wildes Gestraeuch rankt dazwischen, Efeu umwindet sie und flattert in leichten Kraenzen darum her. Felsenstuecke haengen herab, Untergang drohend dem Haupte dessen, der vorwitzig in die Geheimnisse der Unterwelt dringen will. Wir traten in die Hoehle, die dunkle Nacht war dem allmaehlich sich daran gewoehnenden Auge zur Daemmerung. Bald unterschieden wir darin eine Menge Weiber und Kinder, emsig spinnend, die aermlichsten Gestalten, welche die Phantasie nur erdenken kann. Gnomen gleich hocken sie in dieser kalten feuchten Dunkelheit und fristen kuemmerlich ihr armes leben; des nachts schlafen sie in kleinen bretternen Huetten, die sie sich in der Hoehle erbauten und deren wir eine ziemliche Anzahl umherstehen sahen. Ungestuem bettelnd umgaben sie uns, sowie sie uns gewahrten; wir waren froh, nach dem Rate der Wirtin in Castleton, eine Menge Kupfergeld eingesteckt zu haben, um uns loszukaufen. Dies ist die unterirdische Stadt, von der mancher Reisende gefabelt hat. Die Waerme der Hoehle im Winter, die ein eigentliches Haus entbehrlich macht, der kleine Gewinn, den die neugierigen Fremden ihnen gewaehren, besonders aber die Freiheit von Abgaben, welche nur auf der Oberwelt, im Sonnenlichte gefordert werden, bewegen diese Armen, eine so unfreundliche Wohnung zu waehlen. Wie wir uns selbst erst von ihrem Ungestuem losgekauft hatten, kauften wir Lichter. Jeder von uns musste eins tragen, der Fuehrer trug deren zwei voraus, und so ging es denn weiter in den ganz finsteren Hintergrund der Hoehle. Der Fuehrer machte uns auf einige ungeheuer grosse Tropfsteine aufmerksam, welchen er allerhand Namen gab, ohne dass wir die Aehnlichkeit mit den dadurch bezeichneten Dingen finden konnten. Dann oeffnete er eine schmale niedrige Tuer, und wir standen in einem grossen Gewoelbe, von dessen Decke grosse Felsenstuecke, drohender als je, ueber unsere Haeupter herabhingen. Der Schimmer der flackernden Lichter machte sie noch grausenvoller, sie schienen sich zu bewegen. Jetzt ward das Gewoelbe ganz niedrig. Gebueckt, mit unsicherem Tritte auf dem schluepfrigen unebenen Boden, mussten wir uns lange durch eine enge Felsenspalte winden; bald ging es steil in die Hoehe, bald ebenso hinunter. Wir stiessen von allen Seiten an die vorragenden Felsen; ein einsames Licht brannte hin und wieder und diente nur, das Grabesdunkel noch sichtbarer zu machen; die Luft war schwer, wir moechten sagen zaehe, denn ihr Widerstand schien uns fuehlbar. Endlich konnten wir unsere Haeupter erheben, wir befanden uns in einem kleinen Gewoelbe und bald am Ufer des unterirdischen Stroms, der hier, wie der Styx, kalt und stumm in ewiger Nacht die schwarzen Wellen langsam dahinwaelzt. Wir fanden einen mit Stroh angefuellten Kahn, in welchem zwei Personen ausgestreckt nebeneinander liegen konnten. Der Fuehrer stieg ins Wasser, welches ihm fast bis an die Huefte ging, so schob er den Kahn vor sich hin, in welchem wir auf dem Stroh lagen und kaum zu atmen wagten. Es ging unter Felsen weg, die nur eine Hand breit von unserem Haupte entfernt, alle Augenblicke einzustuerzen schien; von beiden Seiten war kein Zoll breit Ufer, um darauf fussen zu koennen. Nie war uns die Idee eines lebendig Begrabenen anschaulicher als hier in dem sargaehnlichen Kahne mit der schwarzen, schweren Felsendecke ueber uns. Der Fuehrer musste ganz gebueckt waten, ein Stoss an einen der Felsen, der ihn besinnungslos gemacht haette, und wir waren verloren auf die entsetzlichste Weise. Mit diesen erbaulichen Gedanken beschaeftigt, schwammen wir eine ziemliche Zeit, bis wir landen konnten, immer das Licht in der Hand. Endlich stiegen wir aus unserem Sarge. Schwindlig von der Fahrt, mussten wir uns erst eine Weile erholen, ehe wir um uns blicken konnten, und fast waeren wir es beim ersten Umherschauen von neuem geworden. In einem ungeheuren Dom, der nach der Aussage des Fuehrers einhundertzwanzig Fuss hoch, zweihundertsiebzig lang und zweihundertzehn breit war, funkelten eine Menge hin und wider zerstreuter Lichter wie Sterne, die nicht leuchten. Hier ist der Tempel des ewigen Schweigens, zu dem noch nie ein Strahl der sonnigen Oberwelt, ein Laut der Freude drang. In dieser unabsehbaren Hoehle war uns noch baenglicher als in den engen kleinen; die Entfernung von allem Leben war hier fuehlbarer durch den Raum, der uns sichtbar davon trennte. Muehsam kletterten wir ueber abgerissene, rauhe Felsstuecke und kamen wieder an das Wasser; wir standen still, es war als ob Toene einer sehr fernen Musik zu uns herueberschluepften. Der Fuehrer stieg abermals ins Wasser und trug einen nach dem anderen eine ziemliche Strecke auf den Schultern hindurch. In einer kleinen runden Hoehle, in welcher das Wasser tropfenweise von allen Seiten unaufhoerlich niedersinkt, und die deshalb Rogers Regenhaus heisst, fanden wir eben in diesem ewigen Troepfeln die Ursache jener Toene, die uns zuvor wie Musik aus der Ferne schienen. Der Fussboden war mit tausend wunderlichen Schnoerkeln aus Tropfstein bedeckt, und das Gehen darauf hoechst beschwerlich, besonders da die ewige Naesse ihn schluepfrig macht. Die Luft war hier noch unangenehmer kalt und feucht als zuvor. So gut als es anging, eilten wir weiter, und in einer hoeheren, gewoelbten Abteilung der Hoehle harrte unser eine sonderbare Ueberraschung. Ein Chor von Maennern empfing uns mit einem langsamen, eintoenigen Gesang. Lichter in den Haenden haltend, die sie hin und her schwenkten, standen sie fuenfzig Fuss hoch ueber uns in einer Art von Nische, welche die Natur in einer der Seitenwaende geschaffen hatte. Ihr Gesang war rauh, aus wenig Toenen zusammengesetzt, wild und klagend, aber dennoch nicht unangenehm. Nach diesem wunderlichen Empfange ging es weiter. Aengstlich gebueckt schlichen wir unter und ueber Felsenmassen bis zu einem kleinen Gewoelbe, noch grausender und schauerlicher als alle uebrigen, und ein schwarzer Abgrund, zu welchem wir schaudernd hinableuchteten, gaehnte dicht vor unseren Fuessen. Der Fuehrer zeigte uns den steilen, furchtbaren Fusssteig, welcher ueber schluepfrige Tropfsteine hinabfuehrt. "Dies ist der Teufelskeller", sagte er, und indem er ploetzlich einen von uns beim Arm ergriff: "Hier bin ich Herr", sprach er widerlich lachend, "hier kann ich tun, was ich will; ich wollte, ich haette Napoleon hier!"-- Wir koennen's nicht leugnen, wir erschraken, denn er war nur zu sichtbar Herr, und wir hatten es laengst gemerkt, dass er uns fuer Franzosen hielt. Indessen fassten wir uns bald und antworteten ihm, dass wir ihm die Erfuellung dieses Wunsches gern goennen wollten, wenn nur Napoleon [Fussnote: zur Zeit von Johannas Reise stand England im Krieg mit Frankreich] nicht die Gewohnheit haette, immer mit starker Begleitung zu kommen; schon unsere Begleiter, die, wie er wohl wisse, draussen geblieben waeren, wuerden ernstlich nachforschen, wenn uns hier ein Unglueck widerfuehre. Dies Argument schien ihm deutlich und machte ihn etwas hoeflicher. Unser Erschrecken ueber das wunderliche Benehmen des Fuehrers waere indessen weit heftiger gewesen, wenn wir damals schon gewusst haetten, was wir spaeter erfuhren, dass vor mehreren Jahren ein Herr und eine Dame in einem einspaennigen Whisky ohne andere Begleitung ankamen, gerade vor die Hoehle fuhren, das Pferd anbanden, hineingingen und nie wieder gesehen wurden. Der Fuehrer leuchtete jetzt in den Abgrund vor uns hinab. Die wenigsten Wanderer wagen sich den steilen Pfad hinunter, der einhundertfuenfzig Fuss tiefer fuehrt; sie lassen bloss den Fuehrer mit einigen Lichtern hinabgehen und begnuegen sich mit dem schauerlichen Anblicke von oben. Wir taten dies auch. Kuehne, bogenaehnliche Vertiefungen, emporstrebende Saeulen, geformt von der Hand der Natur, sahen wir im flimmernden Lichte, das Wasser plaetscherte lebendiger im tiefsten Grunde. Der Fuehrer sagte uns, es waere dort von kristallener Helle. Endlich stieg er wieder herauf, wir traten den Rueckweg an, ein ferner Schimmer des Tages, den unser, an die Dunkelheit gewoehntes Auge jetzt in der zweiten Hoehle vom Eingang entdeckte, erfreute uns unbeschreiblich. Zwei Stunden waren wir in der Wohnung der Nacht und des ewigen Schweigens geblieben. Wie wir nun wieder hinaustraten an's erfreuliche Sonnenlicht, wie uns wieder die milde, schmeichelnde Sommerluft warm und lebendig empfing, da war uns, als erwachten wir von einem beaengstigenden Traume; alles umher, die ganze Gegend in ihrer wilden Pracht erschien uns in himmlischem Glanze. Es freue sich, riefen wir mit Schiller: Es freue sich, was da lebet im rosigen Licht! Dort unten aber ist's fuerchterlich Und der Mensch versuche die Goetter nicht. Wir fuhren weiter nach Buxton, einem Badeorte, wo wir uebernachten wollten. Die Aussicht vom Gipfel eines hohen steilen Berges, dicht hinter Castleton, ueber welchen der Weg fuehrt, ist des Verweilens wert. Man erblickt das fruchtbare, bebaute Tal und von beiden Seiten die wunderbar gestalteten Felsen, die es umschliessen. Einer dieser Berge heisst Win Hill, der andere Lose Hill, von einer Schlacht, die hier in uralten Zeiten gefochten worden sein soll. Der merkwuerdigste unter ihnen ist der Mam Tor, auch der Shivering Hill, der schaudernde Berg genannt. Die Sage geht, dass seine Oberflaeche sich immer aufloese und wie Sand herabkruemle, ohne dass er dadurch abnehme. Der schaudernde heisst er, weil das Herabrieseln des Sandes von weitem aussieht, als ob er zusammenschaudre. Die Wahrheit ist, dass Regen und Wetter jaehrlich groessere und kleinere Fragmente von Mam Tor abloesen, indem er ungewoehnlich schroff und steil ist, aber auch, dass er, genauen Beobachtungen zufolge, allerdings kleiner dadurch wird. Die Landleute bleiben indes bei ihrem alten Glauben und rechnen ihn zu einem der sieben Wunder des Peaks Gebirge. Ueber unfruchtbare Felsen, oede Heiden ging es fort bis Buxton, welches wir noch zu guter Tageszeit erreicht. Buxton Ebenfalls ein Badeort, aber wie himmelweit verschieden vom zauberisch schoenen Matlock! Rund umgeben von kahlen Felsen, liegt es wie in einem Kessel. Wild und traurig ist die ganze Gegend umher, grosse Schaetze verbarg die Natur hier tief im Schosse der Erde, aber dem Wanderer laechelt sie nicht freundlich entgegen. Eine Meile von Buxton liegt die ebenfalls beruehmte Pools Hoehle; man versicherte uns, sie waere nach der von Castleton kaum sehenswert und ueberdies noch beschwerlicher zu besuchen. So viel bedurfte es nicht einmal, um uns von dem Unternehmen, sie zu sehen, abzuschrecken. Buxton, sonst ein unbedeutendes Dorf, ist durch seine warme Heilquelle, welche die Roemer schon gekannt haben sollen, ein ziemlich ansehnlicher Ort geworden. Das Wasser ist lauwarm, schmeckt nicht uebel, und wird sowohl zum Trinken als zum Baden gegen Gicht, Skorbut und viele andere Uebel gebraucht. Man lebt hier ziemlich einfach und langweilig. Der Morgen wird mit Promenieren im Crescent, einer im Halbzirkel gebauten Reihe zierlicher Haeuser, hingebracht. Letztere enthalten viele huebsche Wohnungen fuer die Brunnengaeste und ein paar elegante Gasthoefe, in welchen sich die zu Baellen und Assembleen bestimmten Saele befinden. Dessen ungeachtet haben sie das Ansehen eines einzigen grossen Prachtgebaeudes von mehr als dreihundert Fenstern in der Front. Elegante Laeden, ein paar Leihbibliotheken, in welchen man nach englischem Badegebrauch von der Promenade ausruht, und einige Kaffeezimmer erfuellten das Erdgeschoss, ringsumher laeuft ein oben bedeckter Saeulengang fuer die Spaziergaenger, zum Schutze bei dem hier sehr gewoehnlichen Regenwetter. Das Brunnengebaeude und die Baeder liegen ganz in der Naehe. Nach der Morgenpromenade wird die uebrige Zeit des Tages mit Spazierenfahren und Reiten zugebracht, obgleich die Gegend eben nicht einladend ist. Die Jagd macht hier fuer die Herren eine Hauptergoetzlichkeit aus. Liebhaber davon koennen auf eine Koppel Jagdhunde, die dazu gehalten wird, subskribieren. In England fehlt es ueberhaupt am Wilde, hier aber in dieser oeden Wuestenei gibt es noch bisweilen Hasen und Fuechse, auch wilde Enten und andere Wasservoegel in Menge auf den nahegelegenen Suempfen des Stroemchens Wye. Des Abends ist Ball oder Spiel-Assemblee, und dreimal die Woche Schauspiel in einer zu diesem Behufe ganz artig aufgeputzten Scheune. Die groesste Merkwuerdigkeit sind hier die praechtigen, vom Herzog von Devonshire erbaute Pferdestaelle; man haelt sie fuer die schoensten und in ihrer Art vollkommensten in Europa, und unseres Wissens moegen sie diesen Ruhm wohl verdienen. Im Zirkel gebaut, umgeben von einer Kolonnade, unter welcher die Pferde, geschuetzt vor Wind und Regen, den ganzen Tag nach englischer Weise gepflegt, geputzt und gestriegelt werden, umschliessen sie eine sehr schoene, bequeme Reitbahn. Ein Teil des Gebaeudes enthaelt Wagen-Remisen, und das Ganze ist von betraechtlicher Groesse, so dass es aussieht, als ob die vierbeinigen Brunnengaeste hier die Hauptpersonen waeren. Ein daran hinfliessender Bach dient dazu, diese Prachtstaelle reinlich zu halten und fast allen ueblen Geruch zu verbannen. Das Interessanteste fuer uns war eine Fensterscheibe in der Halle, dem aeltesten Absteigequartier in Buxton, in welchem Maria Stuart auf ihrer ungluecklichen Reise von Schottland verweilte. Sie schrieb mit prophetischem Sinn folgende Zeiten darauf: "Buxton! whose fame thy baths shall ever tell; which I perhaps shall see no more, farewell!" Manchester [Fussnote: eines der bedeutendsten Industriezentren Englands. Die industrielle Umwaelzung, die Johanna voll miterlebte, brachte der Stadt einen ungeheuren Aufschwung. Die Bevoelkerung stieg von 20 000 um 1750 auf 100 000 Einwohner im Jahre 1803] Fruehmorgens verliessen wir Buxton und erreichten gegen Mittag diese beruehmte, grosse Fabrikstadt. Dunkel und vom Kohlendampfe eingeraeuchert, sieht sie einer ungeheuren Schmiede oder sonst einer Werkstatt aehnlich. Arbeit, Erwerb, Geldbegier scheinen hier die einzige Idee zu sein, ueberall hoert man das Geklapper der Baumwollspinnereien und der Webstuehle, auf allen Gesichtern stehen Zahlen, nichts als Zahlen. An Freude und Vergnuegen zu denken, hat das arbeitsame Voelkchen hier eben nicht viel zeit, doch sind einige Anstalten dazu getroffen. Es gibt hier ein Theater, einen Konzert- und einen Assembleesaal, in welchem sich winters die Subskribenten zum Spiel, mitunter zum Tanze versammeln; und damit der liebe Gott doch auch sein Teil bekomme, hat man ihm ganz kuerzlich eine neumodische tempelartige Kirche erbaut, die aber ziemlich schwerfaellig geraten ist. Im Ganzen blieb der feine Geist der Geselligkeit Manchester, wie anderen bloss von Fabriken lebenden Staedten, ziemlich fremd. Die Maenner erholen sich in Tavernen bei der Bouteille von der ermuedenden Arbeit, die Frauen haben ihre Zirkel unter sich. Wie amuesant aber solch eine Gesellschaft von lauter Englaenderinnen sein mag, wuenschten wir lieber zu erraten, als zu erfahren. Die Gegend rings um Manchester hat wenig Einladendes. Die oeffentliche Promenade in der Stadt, eine Art von botanischem Garten, waere nicht uebel, fuehrte sie nur nicht immer dicht am Kranken- und Irrenhause auf und ab; so aber hoert man unaufhoerlich das Geschrei und Geplapper der armen Verrueckten, sieht sie auch mitunter, wie sie gewaltsam in dem am Irrenhause dahinfliessenden Wasser zu ihrer Heilung gebadet werden. Dies ist, wie man wohl denken kann, eben nicht ergoetzlich; doch die Einwohner von Manchester scheinen sich daran gewoehnt zu haben und lassen sich durch solche Kleinigkeiten nicht in ihrer Promenade stoeren. Wir besuchten eine der groessten Baumwollspinnereien. Eine im Souterrain angebrachte Dampfmaschine setzte alle die fast unzaehligen, in vielen uebereinander getuermten Stockwerken angebrachten Raeder und Spindeln in Bewegung. Uns schwindelte in diesen grossen Saelen bei dem Anblicke des mechanischen Lebens ohne Ende. In jedem derselben sahen wir einige Weiber beschaeftigt, die nur selten reissenden Faeden der unaufhoerlich sich drehenden Spindeln wieder anzuknuepfen; Kinder wickelten und haspelten das gesponnene Garn. In einem grossen Saale reinigte man die noch ungesponnene Baumwolle; in grossen viereckigen, watteaehnlichen Stuecken lag sie ausgebreitet auf grossen Tischen; eine Menge Weiber und Maedchen, in jeder Hand mit einem duennen Stecken bewaffnet, pruegelten lustig darauf los; in einem anderen Saale ward sie durch eine einem ungeheuren Kamme aehnliche Maschine getrieben und glich nun einem aeusserst duennen, aber doch zusammenhaengenden Gewebe; noch in einem anderen ward sie zu einem lockeren, fast zwei Finger dicken Faden gesponnen, und so durch viele Saele hindurch, immer feiner, bis zu der Feinheit eines Haares. Alles wird hier auf die leichteste Weise durch Maschinen bewirkt, deren jede uns ein Wunder der Industrie erschien. So sahen wir zum Zusammendrehen und Einpacken der fertigen Stuecke Garn ganz eigene Vorrichtungen. Eine andere, einer Schnellwaage aehnliche Maschine zeigte vermittelst eines Zeigers die Nummer und zugleich den Grad der Feinheit der daran gehaengten Garnspule. Alles in der Fabrik, auch das Geringste, geschieht mit bewundernswerter Genauigkeit und Zierlichkeit, dabei mit Blitzesschnelle. Am Ende schien es uns, als waeren alle diese Raeder hier das eigentlich Lebendige und die darum beschaeftigten Menschen die Maschinen. Betaeubt von den gesehenen Wundern verliessen wir das Haus und bestiegen den Wagen, der uns zu einem anderen Wunder, dem vom Herzog von Bridgewater angelegten Aquaedukt [Fussnote: Bridgewater Kanal, verbindet Manchester mit Liverpool und wurde 1758-71 von Brindley erbaut; nicht zu verwechseln mit dem 1894 eroeffneten Manchester Schiffskanal, der die Stadt direkt mit dem Meer verbindet], bringen sollte. Dieser Herzog hat sich um sein Vaterland, besonders um Manchester, unsterblichen Verdienst erworben, sowohl durch Anlegung der Kanaele, die hier den Warentransport so sehr erleichtern, als durch die Verbesserung und Bearbeitung der benachbarten Kohlenminen, die denn doch die Seele des hier waltenden mechanischen Lebens sind. Der Aquaedukt, zu welchem wir jetzt fuhren, ist des Herzogs hoechster Triumph und erschien uns ein Werk, wuerdig der Zeiten der alten Roemer. Der Anblick war in der Tat feenhaft. Wie in der Luft sahen wir ein Kohleschiff mit vollen Segeln hinschweben, waehrend ein anderes in entgegengesetzter Richtung darunter hinfuhr. Dies seltene Schauspiel traf durch den gluecklichsten Zufall von der Welt grade mit dem Moment unserer Ankunft bei dem Kanale zusammen. Nachdem die Wirkung des ersten Erstaunens vorueber war, besahen wir uns die Sache naeher. Ein schiffbarer Fluss stroemt zwischen hohen Ufern dahin; ein Kanal fuehrt auf dem hoeheren Lande in einer ihn gerade durchkreuzenden Richtung. Ueber den Fluss ist eine auf drei ungeheuren Bogen ruhende schnurgerade Bruecke (anders wissen wir es nicht zu nennen) gebaut. Diese, Gott weiss wie? wasserdicht gemacht, empfaengt den Kanal in einem Bette, welches tief genug ist, um nicht bloss Kaehne, sondern auch Schiffe von ziemlicher Groesse zu tragen. Zu beiden Seiten des Kanals ist noch ein breiter Fusssteig gelassen. Wenn man oben wandelt und nicht gerade hinunter blickt, so ahnt man nicht das Dasein der Bruecke, sondern glaubt noch immer auf festem Lande zu sein. Jetzt ging es zu den nicht gar weit entfernten, sehr betraechtlichen Kohlenminen. Die wilden, in den Bergwerken sich ansammelnden Wasser, die sonst dem Bergmann soviel Not machen, wurden auf Angabe des Herzogs in einem, Meilen weit in das Innere der Erde sich erstreckenden, fuer ziemlich grosse Kaehne schiffbaren Kanal gesammelt. Tief und weit unter der Oberflaeche fuehrt er in verschiedenen Richtungen hin, an einigen Stellen breit genug fuer zwei einander begegnende Kanaele. Ueber ihm woelbt sich die nicht gar hohe, teils gemauerte, teils in den Felsen gehauene Decke. So wie er an's Licht des Tags kommt, ist er mit anderen das Land durchkreuzenden Kanaelen in Verbindung. Der Eingang zu diesem Reiche der Unterwelt ist imposant: ein grosses Tor, in einen senkrecht steilen, majestaetisch hohen Felsen eingehauen. Wir bestiegen einen langen schmalen Kahn, der sonst zum Kohlentransporte dient; mit Brettern und Kissen waren ziemlich bequeme Sitze fuer uns darin bereitet, am Rande und im Boote selbst kleine Leuchter mit brennenden Lichtern angebracht; so schifften wir hinab auf der schwarzen, stillen Flut. Unser Fuehrer war ueber die Massen redselig und wir merkten bald, dass er sich ein wenig zu sehr gegen die kalte unterirdische Luft versehen hatte; doch war hier an keine Gefahr zu denken. Immerfort perorierend bugsierte er uns langsam weiter, indem er sich von Zeit zu Zeit gegen die Waende des Gewoelbes stemmte. Nach einer Viertelstunde verschwand jeder Schein des goldenen Tageslichts, kalt, duester, unheimlich war es um uns her. An der ersten Mine kletterten wir aus dem Kahne. Eine Menge gewoelbter Gaenge in verschiedenen Richtungen durchkreuzten sich hier, alle so niedrig, dass man nur mit Muehe ganz gebueckt durchkriechen kann. Die Kohlen liegen ganz frei da und wurden von halbnackten, bald knienden, bald auf dem Ruecken liegenden Maennern mit einer Bergmannshaue losgebrochen. Die Arbeit schien uns hoechst muehsam und beschwerlich, auch ist sie nicht ohne Gefahr, und viele Menschen verlieren hier ihr Leben. Giftige Daempfe entstehen ploetzlich und ersticken den Arbeiter, oder entzuenden sich an seinem Grubenlichte und verbrennen ihn, wenn er sich nicht mit dem Gesichte platt auf die Erde wirft, sobald er gewahr wird, dass die Flamme seines Lichts blau brennt. Der naechste Augenblick ist gewoehnlich schon zu spaet. Nachdem jedes von uns ein Stueck Kohle heruntergeschlagen hatte, was wir zum Wahrzeichen mitnehmen mussten, waren wir nicht ferner begierig, tiefer ins Innere der Erde zu dringen. Wir eilten zurueck in unser illuminiertes Boot, zu unserem noch besser illuminierten Fuehrer und erblickten bald darauf wieder das schoene Licht der Sonne. Auf dem Rueckwege nach Manchester hielten wir uns noch in einer ganz allein liegenden Bleistiftfabrik auf. Den Eignern schien unser Besuch nicht viel Freude zu machen; doch liess man uns, auf die Fuersprache unseres Begleiters von Manchester, die ganze Verfahrensweise dabei sehen. Ein Mann hobelte die kleinen, etwa eine halbe Elle langen und breiten Brettchen von Zedernholz ganz glatt; ein anderer schnitt sie in Streifen zu viereckigen Bleistiften und machte mit einem Instrument die Spalte, welche das Blei aufnehmen sollte; ein dritter setzte das Blei hinein. Es waren etwa vier Zoll lange und halb so breite Stuecke, gerade so dick, dass sie in die Spalte passten. Vorher wurden sie in eine schwaerzliche Fluessigkeit getaucht und, wenn sie in die Spalte gefuegt waren, mit einem sehr scharfen Messer dicht am Holze glatt abgeschnitten. Ein vierter Arbeiter leimte kleine, dazu abgepasste Spaene hinein, die das Blei bedeckten. Zuletzt ward der bis jetzt viereckige Bleistift auf einer Maschine rund gemacht. Das Ganze ging blitzschnell und war gar leicht und artig anzusehen. Leeds Den folgenden Morgen setzten wir unsere Reise fort nach Leeds in Yorkshire. Traurig war die erste Haelfte des Weges, wieder mussten wir steile, himmelhohe Felsen erklimmen. Wie sehr irrt der Bewohner des festen Landes, der sich gewoehnlich ganz England als ein schoenes, fruchtbares, einem Garten aehnliches Land denkt. Oede, unangebaut, ohne Spur freudiger Vegetation war die Gegend umher; hier muessen, wie auf den westfaelischen Steppen, durch die wir frueher gekommen, die Jahreszeiten ebenso unmerkbar fuer die Bewohner hinschwinden: denn keine bringt ihnen Gaben, womit sie gluecklichere Erdstriche erfreuen. Kein Baum, kein Kornfeld, keine laendlichen Gaerten, aber ueberall Blei- und Kohlenminen, Steinbrueche, Schmelzoefen, Ziegelfabriken, unterbrochen von grossen, einzeln liegenden Baumwollspinnereien und anderen Manufakturgebaeuden. Die Luft war schwarz und dick vom Kohlendampfe; ueberall sahen wir den Armen arbeiten, um den Reichen noch reicher zu machen, waehrend jener selbst nur kuemmerlich sein armes Leben dabei fristet. Ein Gemaelde menschlichen Fleisses, doch nicht von der erfreulichen Seite. Wie erheiternd ist doch der Anblick des ruestigen Landmanns, der im Schweisse seines Angesichts der Erde sein Brot abgewinnt, indem er sie schmueckt! Wie traurig sieht dagegen der bleiche, schmutzige Bewohner der Minen aus, der wie ein Maulwurf in ihr Inneres sich hinein wuehlen muss, um nur wenige Jahre elend zu leben! Ein beaengstigendes Gefuehl des Mitleids draengte sich uns unwillkuerlich auf bei diesem Schauspiele, das wir bis jetzt nur zu oft und zu lange gehabt hatten. Bei Wakefield war die Gegend freundlicher und laendlicher; wir dachten des guten Vikars, der uns allen aus Goldsmiths [Fussnote: Oliver (1728- 74) "The Vicar of Wakefield", 1766] gemuetlicher Dichtung bekannt ist, aber vergebens suchten wir hier sein Doerfchen, sein wirtliches Dach. Wakefield ist ein Staedtchen voll Fabriken. Gegen Abend erreichten wir Leeds, eine ziemlich grosse Stadt, welche hauptsaechlich aus Tuchmanufakturen besteht. Unser Eintritt war von einer hoechst traurigen, herzzerreissenden Szene begleitet. Wir bemerkten mit Erstaunen, dass der Wegegeldeinnehmer am Schlagbaum, dicht vor der Stadt, heftig weinte; neben ihm stand seine Frau mit der Gebaerde trostloser Verzweiflung; zwei ganz kleine Maedchen blickten stumm und verwundert auf Vater und Mutter. "Gute Leute, was fehlt euch?" fragten wir mitleidig. "Unser einziger Sohn ist eben ertrunken", antwortete der Mann mit halb erstickter Stimme. Nun machte das verzweifelnde Mutterherz sich Luft, mit Haenderingen rief sie: "Ach, er war der schoenste Knabe im Ort, vierzehn Jahre alt, immer gehorsam und fleissig; heute um vier Uhr kam er mit gutem Zeugnis froehlich aus der Schule, und nun--." Wir fuhren mit schwerem Herzen und nassen Augen weiter; denn wer von uns konnte es wagen, hier troesten zu wollen? Wunderbar ist's, dass in England nicht unendlich viel Kinder verungluecken; nirgends scheint der alte fromme Glaube, dass jedes seinen eigenen Engel habe, der es beschuetzt, einheimischer als hier; denn nirgends werden sie mehr ohne sichtbare Aufsicht sich selbst ueberlassen. In den Staedten und Doerfern, auf den volkreichsten Strassen kriechen kleine, kaum zweijaehrige Saeuglinge in den Fahrwegen umher, groessere Kinder laufen ohne Furcht im Gewuehle zwischen Raedern und Pferden durch, und der Reisende sitzt aengstlich im pfeilschnell rollenden Wagen und zuernt ueber die unachtsamen Muetter. Die Tuchfabrikanten machen den groessten Teil der Einwohner von Leeds aus; sie haben hier eine eigene Halle, in welcher jedem sein bestimmter, mit seinem Namen bezeichnete Platz angewiesen ist, auf welchem er an Markttagen seine Waren zur Schau legt und feil haelt. Diese Halle, ein grosses, ganz bedecktes Gebaeude, schliesst einen geraeumigen Hof von allen vier Seiten ein und ist einer Boerse nicht unaehnlich. Man macht sehr huebsche Teppiche in Leeds, sie werden auf gewoehnlichen Webstuehlen gearbeitet. Es war lustig zu sehen, wie schnell die schoenen Blumen und Muster in reicher Farbenpracht vor unseren Augen entstanden. Bei den breiten Fussdecken fuer die Zimmer arbeiten immer zwei Personen an einem Webstuhle; bei den schmalen zu Treppen und Vorplaetzen nur einer. Studley Park. Fountain's Abbey. Hackfall Ripon, ein freundliches, reinliches Landstaedtchen, liegt in einer zwar bergigen, aber angenehmen fruchtbaren Gegend. Es ist ein Borough [Fussnote: urspruenglich Bezeichnung fuer eine Burg oder eine befestigte Stadt; Kreisstadt, die im Parlament vertreten ist: Parliamentary Borough] und hat also das Recht, bei jeder Parlamentswahl ein Mitglied zu waehlen und nach London zu schicken. Nun gehoeren alle Haeuser in Ripon einer alten achtzigjaehrigen Dame, die unermesslich reich, auch die Besitzerin von Studley Park, Hackfall und mehrerer Gueter im fruchtbaren Yorkshire ist. Sie allein, als die einzige Grundbesitzerin in Ripon, waehlt also dies Mitglied, und das Gewicht, welches sie hierdurch in der Nachbarschaft, ja im ganzen Koenigreich erhaelt, ist fast nicht zu berechnen. Nach ihrem, wahrscheinlich jetzt schon erfolgten Tode erbt eine Miss Lawrence alle ihre Reichtuemer und Rechte. Diese Dame, obgleich auch schon laengst ueber die Jugendjahre hinaus, wird, wie man leicht denken kann, von Anbetern und Freiern umlagert, wie weiland Penelope, sie aber widersteht allen und erklaert laut: sie wuerde jetzt keinen heiraten, weil niemand sich um sie bewarb, ehe sie die reiche Erbin war, welche sie erst kuerzlich durch den unerwarteten Tod ihres Bruders wurde. Miss Lawrence ward uns uebrigens als sehr gut und auch im Aeussern nicht unliebenswuerdig geschildert. Wir fuhren nach dem nicht weit entlegenen Studley Park: das Haus enthaelt nichts besonders Sehenswertes, auch die Aussenseite desselben zeichnet sich auf keine Weise aus. Die sehr weitlaeufigen Spaziergaenge gehoeren aber zu den schoensten in England. Der Park hat einen, ihn von den gewoehnlichen Parks unterscheidenden ernsteren Charakter. Freie sonnige Partien, gruene Rasenplaetze trifft man weniger, aber herrliche Schattengaenge, unter dem Schutze himmelhoher Buchen und Eichen, am Abhange der bewachsenen Felsen, auf lachenden Hoehen und in duftigen Taelern. Mit unbeschreiblichem Vergnuegen wandelten wir hier und ahnten nicht, dass die Krone des Ganzen uns noch erst wunderbar ueberraschen sollte. Unser Fuehrer, ein alter vernuenftiger, eisgrauer Gaertner, seit mehr als vierzig Jahren hier in Dienst, oeffnete ploetzlich eine kleine, unscheinbare Gartentuer, und wir erblickten in einem lieblichen gruenen Tale die schoensten gotischen Ruinen, die wir je sahen. Vom Morgenstrahl geroetet lagen sie da in stiller, feierlicher Pracht. Es waren die Ueberbleibsel von Fountains Abbey [Fussnote: in seinem Grundriss einer der gewaltigsten Klosterbauten Englands. Zisterziensergruendung: 1132. Die Anlage verfiel unter der Regierungszeit Heinrichs VIII.; die Ruinen zaehlen zu den eindrucksvollsten der Welt], einem im zwoelften Jahrhundert erbauten Kloster, nun schon seit zweihundertfuenfzig Jahren in Truemmern. Diese zeugen vom ehemaligen ungeheuren Umfange. Das Dach fehlt gaenzlich, die Seitenwaende groesstenteils auch; aber noch stehen, wie trauernde Geister auf dem Grabe der Vergangenheit, viele, reich mit Skulptur gezierte Saeulen, die weiland das Schiff der Kirche ausmachten; feste Gewoelbe, hohe Bogenfenster trotzen noch der Zerstoerung, alles bezeichnet ehemalige hohe geistliche Pracht. Einige alte steinerne Saerge stehen umher, gewaltsam ans Licht der Sonne gezogen. Deutlich zu unterscheiden ist noch die Stelle, wo sonst der Hochaltar war, so auch die Kreuzgaenge, das Refektorium, der Versammlungssaal. Viele unterirdische Gaenge und Gewoelbe sind fast noch unversehrt; auch erkennt man eine Kueche, und an dem die Wand schwaerzenden Rauche die Stelle, wo sonst der Herd stand. Fountains Abbey ist ein grosses Grab vergangener Zeiten, dennoch draengt sich ueberall das frische Leben der ewig jungen Natur ueppig hervor. Efeu umschlingt die verwitternden Pfeiler und kleidet sie in die Farbe der Hoffnung, junge Blumen und Straeuche nicken aus den hohen Bogenfenstern und von den Kapitellen der Saeulen. In der Kirche wandelt man unter dem Schatten bejahrter Baeume. Ueberall neues Entstehen mitten unter den Truemmern der Zerstoerung, ueberall die Lehre, Menschenwerk ist vergaenglich, wie Menschenleben, aber der Geist der schaffenden Natur waltet fort, kennt weder Vernichtung noch Grenzen. Welche Verzierungen fuer einen Park sind diese Ruinen, wie sinkt alles so kleinlich dagegen zusammen, was selbst grosse Fuersten auf ihren Landsitzen unternehmen, um nur etwas aehnliches zu erkuensteln! Der vorige Besitzer von Studley Park erkaufte sie freilich fuer eine grosse Summe, aber er gab seinen Besitztum dadurch einen hohen, einzigen Wert und sicherte zugleich diese heiligen Ueberreste zwar nicht gegen den langsam zerstoerenden Zahn der Zeit, aber doch gegen vernichtenden Mutwillen, der leider ueberall dem Schoenen droht. Von Studley Park ging es nach Hackfall. Alle Parks, die wir bis jetzt sahen, erschienen uns als freundliche Punkte unserer Reise, an die wir noch nach Jahren gern zurueckdenken werden; hier aber fuehlten wir das Trostlose des Geschicks des Reisenenden, nur fluechtig am Schoenen vorueberstreifen zu koennen und es nur im Bilde davonzutragen. Hier wuenschten wir Huetten zu bauen. Wie schoen muss sich's in diesem heimliche verborgenen Tale wohnen! Gruenend, bluehend liegt es zwischen malerisch geformten und bewachsenen Felsen. Wege schlaengeln sich bald in schwindelnder Hoehe, bald tiefer in lieblichen Schatten an den Bergen hin; ganz unten braust und blinkt und wogt ein spiegelheller Fluss, von allen Felsen rauschen und gaukeln Baeche zu ihm hinab, bald sprudelnd und schaeumend, bald wie im leichten Tanz. Endlich gelangt man hinauf zur hoechsten Hoehe. Ein Pavillon ziert sie. Von dort aus blickt man weit ins offene fruchtbare Land. Da liegt die Welt vor uns und ihr unruhiges Treiben, und zu unseren Fuessen das Tal mit seinem stillen Frieden. Zoegernd, wider Willen, verliessen wir abends diesen lieblichen Ort, ueber Berg und Tal rollten wir hin durch den schoenen, fruchtbaren Teil von Yorkshire, bis Catterick Bridge, einem grossen, ganz isoliert liegenden Gasthofe. Englische Gasthoefe Die Annehmlichkeiten eines solchen Gasthofes in England kennt man auf dem festen Lande nicht; darum erlauben wir uns hier einiges darueber zu sagen. Durchgaengig, auch in den Staedten, sind die englischen Gasthoefe sehr lobenswert: Zimmer, Betten, Bedienung, Reinlichkeit uebertreffen alles, was man in anderen Laendern in dieser Art antrifft, aber wir moechten fast behaupten, dass die guten Gasthoefe auf dem Lande wieder die in Staedten in dem Masse uebertreffen wie jene die deutschen. Die Teuerung ist auch nicht so gross, als man denken moechte, wenn man nur erst die Sitte kennt. Der Umstand, dass man durchaus nicht portionsweise speist, ist freilich unangenehm. Alle Vorraete des Hauses an Fleisch, Fischen, Gemuesen und dergleichen sind mit der hoechsten Sauberkeit und mit einer Art Eleganz in einem auf dem Flur befindlichen, mit Glasfenstern versehenden Kabinett zur Schau gestellt. Hier trifft man gewoehnlich die Wirtin oder ihre Stellvertreterin an. Ausser einigem Backwerk findet man nichts fertig zubereitet; die Haeuser, in welchen die oeffentlichen Fuhrwerke zu bestimmten Stunden einkehren, machen jedoch hiervon eine Ausnahme. In diesen ist mittags oder abends der Tisch gedeckt, an welchem die ankommenden Reisenden um einen festgesetzten Preis in Gesellschaft speisen koennen. Ausser diesem aber muss der einzelne Fremde in jenem Vorratsmagazine seine Mahlzeit und die Art der Zubereitung selbst waehlen und geduldig warten, bis sie fertig ist. Waehlt man nun einen Hammel- oder Rinderbraten oder sonst ein grosses Stueck, so bekommt man es ganz auf den Tisch und muss es auch ganz bezahlen, wenn es gleich kaum angeschnitten wieder abgetragen wuerde. Dies ist freilich nicht angenehm, aber der Landeskundige weiss sich einzurichten und bestellt kleinere, leichter zu bereitende Gerichte. Das Logis ist nicht teuer. Fuer das Zimmer, in welchem man speist und den Tag zubringt, wird, auch bei laengerem Aufenthalt, gewoehnlich nichts gerechnet, es sei denn, dass man nur im Hause wohne und immer auswaerts speise. Im Schlafzimmer bezahlt man nur das Bette, und dieses kostet selten mehr als einen Schilling die Nacht. Und welch ein Bett! Die schoensten Matratzen, die feinsten Bettuecher und Decken. Schoene Vorhaenge umgeben das Bett, ein huebscher kleiner Teppich liegt davor, eine feine weisse Nachtmuetze und ein Paar Pantoffeln fehlen auch nie dabei, deren sich reisende Englaender, die immer wenig Gepaeck mit sich fuehren, ohne alle Scheu bedienen. Es ist uns immer aufgefallen, wie dieses Volk, bei aller Reinlichkeit, tausend kleine Ruecksichten nicht kennt, die dem Deutschen, noch mehr dem Franzosen, zur Natur geworden sind. Kein Englaender, zum Beispiel, der nicht zu den vornehmsten Klassen gehoert, wird sich weigern, mit andern aus einem Glase oder Porterkruge zu trinken, oder mit Bekannten, auch wohl Fremden, in einem Bette zu schlafen, wenn es im Hause an Raum fehlt. Auch in den Staedten erscheint der Wirt gleich, um den Fremden beim Austritte aus dem Wagen zu empfangen, aber auf dem Lande ist's, als kaeme man zu einem laengst erwarteten Besuch. Der Wirt oeffnet selbst den Schlag und hilft dem Reisenden heraus; in der Tuer steht die Wirtin; mit dem freundlichsten Gesichte von der Welt knickst sie ein halbes Dutzend Mal kurz hintereinander, bemaechtigt sich der reisenden Damen sogleich, fuehrt sie in ein besonderes Zimmer und sorgt auf alle Weise fuer ihre Bequemlichkeit, waehrend ihr Mann bei den Herren die Honneurs macht. Wenn man auch nur die Pferde wechselt, ohne das geringste zu verzehren, so bleibt diese Hoeflichkeit sich dennoch gleich: Wirt und Wirtin begleiten die Reisenden an den Wagen, danken fuer die erzeigte Ehre und bitten, bald wieder zu kommen. Freilich haben die Wirte auf jeden Fall einigen Nutzen von den Reisenden, da sie die Post fuer eigene Rechnung bedienen. Je weiter man in's noerdliche England dringt und sich Schottland naehert, je mehr nimmt diese Aufmerksamkeit der Wirte zu, verbunden mit einer Art Kordialitaet, die unangenehm auffaellt. Der Wirt bringt immer die erste Schuessel auf den Tisch, sei sein Gasthof noch so gross und ansehnlich; ihm folgt seine Frau, selbst alle Kinder des Hauses, die nur einigermassen sich dazu schicken, folgen dem Alter nach in Prozession, alle bringen etwas; oft sahen wir zuletzt so einen kleinen goldlockigen Cherub von drei, vier Jahren geschaeftig mit einem Pfefferbuechsen dahergetrippelt kommen. Die Aufwaerter, Waiters, scheinen Fluegel zu haben, so schnell kommen sie auf jeden Klingelzug, und in allen Zimmern haengen gute, gangbare Klingeln, welche der reisende Englaender nach Herzenslust handhabt. So wie es keine aufmerksameren Wirte gibt, so gibt es auch keine viel verlangerenden Gaeste als in England. Das Wirtschaftswesen wird aber gewissermassen fabrikmaessig betrieben: jeder hat sein Departement, und so geht alles in schneller Ordnung. Die Pferde besorgt der Stallknecht, Hostler genannt, hat aber wohl im Stalle seine Untergebenen zum eigentlichen Dienste, denn er selbst sieht zu elegant dazu aus; er nimmt nur die Befehle der Fremden an und fuehrt die Pferde vor. Dann ist noch der Stiefelwichser; dieser, gewoehnlich der pfiffigste und gescheiteste vom ganzen dienenden Personal, wird schlechtweg Boots, Stiefel, gerufen, und ist eine sehr wichtige Person im Hause. Er besorgt gewissermassen die auswaertigen Angelegenheiten, bestellt Kommissionen, fuehrt die Fremden im Orte herum und gibt von allem Rede und Antwort. Unaufhoerlich hoert man in einem ganz eigenen, hellklingenden Fistelton durchs ganze Haus "Boots!" rufen, und immer ist er zur Hand. Abends beim Zubettegehen wird jedesmal das Kammermaedchen, Chambermaid, gerufen, sie erscheint im feinen kattunenen Kleide, mit einer schneeweissen Musselinschuerze, einem artigen Spitzenhaeubchen, kurz, so nett und damenhaft gekleidet als moeglich. Ihr Amt ist, den Fremden, ohne Unterschied der Person und des Geschlechts, einen Nachttischleuchter mit einem Wachslicht anzuzuenden, ihn in's Schlafzimmer zu fuehren und zuzusehen, dass es ihm an keiner Bequemlichkeit mangle. Dies geschieht jeden Abend, und wenn man Monate lang im Haus verweilte. Beim Abschiede erscheinen dann Waiter und Hostler und Boots, ganz zuletzt noch bittet die Chambermaid mit einem artigen Knicks, ihrer nicht zu vergessen, don't forget the Chambermaid. Man gibt diesen Leuten nicht viel, wenn man die Teuerung des Landes bedenkt, und man gibt gern, denn man wurde gut bedient. Nach dieser Digression kehren wir zurueck nach Catterick Bridge. Krankheitshalber mussten wir einige Tage dort verweilen und wurden gewartet und gepflegt, als waeren wir unter Bekannten und Freunden. Die Wirtin, Mistress Ferguson, wich nur aus dem Krankenzimmer, wenn ihre Geschaefte es notwendig machten; ihr Mann ritt selbst nach dem vier Meilen entlegenen Staedtchen Richmond, um den Apotheker des Orts zu holen, und der Sohn des Hauses, ein Landgeistlicher aus der Nachbarschaft, schleppte seine halbe Bibliothek herbei, um Kranken und Gesunden Unterhaltung zu verschaffen. Der Apotheker war ein vernuenftiger, guter Arzt, und das Uebel wich seinen Heilmitteln bald. In ganz England sind die Apotheker die am meisten gesuchten Aerzte; man nennt sie auch Doktor. Besuche der eigentlichen Aerzte werden, ausser bei reichen vornehmen Kranken, nur bei sehr grosser Gefahr gefordert. Sie sind zu kostbar: weniger als eine Guinee dar man keinem fuer jede einzelne Visite bieten. Diese wird ihnen gewoehnlich jedes Mal beim Abschiednehmen in die Hand gedrueckt. Eine Konsultation des Arztes in seinem eigenen Hause kostet die Haelfte. Die Apotheker werden ungefaehr wie die Aerzte in grossen deutschen Staedten bezahlt. Uebrigens wimmelt's nirgends so von Quacksalber wie in England; dies bezeugen die oeffentlichen Blaetter, deren groesste Haelfte aus Ankuendigungen von Arkanen besteht. Richmond Gaenzlich hergestellt kamen wir nach Richmond, einer kleinen Landstadt, am Abhange eines Felsens erbaut. Die Ruinen des uralten Schlosses Richmond, von welchem die jetzigen Herzoege von Richmond zwar den Namen fuehren, aber keine fuenfzig Pfund Einnahme haben, stolzieren hoch auf dem Gipfel desselben ueber die Stadt. Letztere liegt hoechst malerisch, und die Ruinen der sie umgebenden alten ehemaligen Waelle gewaehren eine weite herrliche Aussicht. Wald, Wiese, huebsche Landhaeuser, Gaerten, Doerfer, kleine fruchtbare Anhoehen wechseln auf eine unbeschreibliche anmutige Weise ringsumher, und ein Strom, ueber den eine steinerne Bruecke fuehrt, belebt das Ganze. Jeder Schritt entdeckt neue Schoenheiten; der wilde Fels, auf dem Schloss und Stadt erbaut sind, bildet einen wunderbaren Kontrast mit den lieblichen Umgebungen. Die Ruinen, zwar in einem ganz anderen Geschmack und weniger praechtig als die von Fountains Abbey, zeugen dennoch von ehemaliger Groesse und gesunkener Herrlichkeit. Sie werden gar nicht unterhalten und drohen stuendlichen Einsturz, zur grossen Gefahr fuer die an ihrem Fusse liegenden Wohnhaeuser. Ein einziger Turm steht erhalten da, alles uebrige sind nur hohe, ueppig mit Efeu bewachsene Mauern. Die Abteilungen der Gemaecher sieht man noch deutlich und die hohen Bogenfenster, aber das Dach fehlt gaenzlich; Regen und Wind haben ueberall freien Zugang. Aukland, Durham, Sunderland und Newcastle Von Richmond nach Aukland kamen wir in wenigen Stunden; es ist der Sitz des Bischofs von Durham. Sein Wohnhaus, ein grosses gotisches Gebaeude, zwar recht nett, aber doch ganz buergerlich und einfach moebliert, zeigt keine Spur geistlicher Pracht, alles ist, so wie es sich eigentlich fuer einen solchen Oberhirten schickt. Der zu dem Hause gehoerige Garten ist in Hinsicht der darauf verwendeten Kunst kaum nennenswert, aber von Natur eines der schoensten, lieblichsten Fleckchen der Erde. Er vereinigt Fels und Wald; ein rauschender Fluss stuerzt bald gaukelnd, bald unwillig ueber wildes Gestein, das sich ihm vergeblich in den Weg wirft. Unendlich viel Schoenes koennte hier mit Geld und Geschmack hervorgebracht werden, und doch, wenn man diese ungeschminkte Natur sieht, muss man unwillkuerlich wuenschen, dass alles so bleibe, wie es ist. Wir fuhren durch den grossen, sehr angenehmen Park nach der Stadt Durham. Sie ist eine der aeltesten, wenngleich nicht der groessten in England und liegt sehr malerisch in einem reizenden, von fruchtbar angebauten Bergen umgebenen Tale. Den folgenden Morgen gingen wir ueber Sunderland nach Newcastle. Sunderland ist wegen einer eisernen Bruecke, der groessten in England, sehr merkwuerdig. Ein einziger ungeheurer Bogen woelbt sich hundert Fuss hoch ueber die Flaeche des Wassers, so dass ein Schiff, ohne die Masten umzulegen, darunter hinsegeln kann. Nie sahen wir Zierlichkeit und Staerke so vereint. Wie ein Zauberwerk scheint die Bruecke in der Luft zu schweben. Nur der Bogen, auf welchem sie ruht, und die Gelaender, die sie an beiden Seiten einfassen, sind von Eisen, sie selbst ist von Stein. Auf einem bequemen Platze unter der Bruecke konnten wir den Mechanismus derselben recht betrachten. Sechs nebeneinander parallel hinlaufende Bogen vereinigen sich zu einem Ganzen. Jeder dieser Bogen besteht aus einer dicken eisernen Stange, die auf einer Menge nebeneinander aufrecht gestellter, ebenfalls eisernern Ringe ruht, von welchen jeder fuenfzehn Fuss im Diameter haelt. Diese Ringe ruhen unten wieder auf einer der oberen aehnlichen Stange; verschiedene Eisen sind symmetrisch angebracht, um die sechs Bogen nebeneinander zu verbinden. Das Ganze liegt an beiden Enden auf zwei mehr als armdicken eisernen Querstangen, die aber inwendig hohl sind. Der zierliche Anblick dieses Kunstwerks ist unbeschreiblich; augenscheinlich sieht man, wie viel mehrere schwache Kraefte vereinigt tragen koennen. Wenn auch etwas an diesen Bogen durch Zeit oder Gewalt zerstoert wuerde, so bleibt doch immer genug uebrig, das Ganze zu erhalten, und man moechte fast behaupten, es koenne nie sehr baufaellig werden, weil man mit leichter Muehe jedem kleinen Schaden bald abhelfen kann. Es wohnt hier ein eigener Waechter neben der Bruecke, der darauf zu sehen hat, dass sie immer im Stande erhalten werde. Man hat einen auch in Deutschland bekannten grossen Kupferstich, welcher den Kunstbau dieser wahren Wunderbruecke sehr gut und deutlich darstellt. In Newcastle, wohin uns jetzt unser Weg fuehrte, fanden wir nichts zu tun als auszuschlafen. Die Stadt ist ziemlich gross, hat neben vielen engen und winkligen auch einige huebsche Strassen und ist, besonders wegen des Steinkohlenhandels, fuer Grossbritannien sehr wichtig. Aber alles hat auch das Ansehen und den Geruch dieses Geschaefts und also fuer den bloss zum Vergnuegen Reisenden wenig Einladendes. Alnwick Castle und Berwick Alnwick, diesen alten Sitz der Herzoege von Northumberland, erreichten wir einige Stunden, nachdem wir Newcastle verlassen hatten. Der Anblick dieses Schlosses aus der Ferne versetzte uns zurueck in laengst vergangene Tage, wir glaubten eine Burg aus jenen Zeiten vor uns zu sehen, in welchen das Faustrecht noch galt, und jeder gegen feindliche Nachbarn mit eigener Kraft sich zu schuetzen suchen musste. Die wunderbare Erhaltung dieses grossen altertuemlichen Gebaeudes, an welchem durchaus nichts Verfallenes oder Ruinenartiges zu erblicken war, fiel uns vor allem auf. Die durchaus altertuemliche Burg mit ihren runden Ecktuermen, ihren mit Schiessscharten versehenen Ringmauern, ihren Brustwehren, ihren Toren, ihren ueber dem Schlossgraben fuehrenden Zugbruecken, schien wie durch ein Wunder der Gewalt der Elemente wie der gegen sie anstuermenden Feinde Jahrhunderte lang auf unbegreifliche Weise getrotzt zu haben. Es war eine Taeuschung, aber die gelungenste, die uns in dieser Art jemals vorgekommen ist. Alnwick Castle [Fussnote: eines der schoensten Feudalschloesser Englands, letzte, weitgehende Restaurierung im 19. Jahrhundert; durchaus nicht "ganz modernen Ursprungs", sondern nur oft und manchmal recht ungluecklich restauriert] ist ganz modernen Ursprungs und verdankt seine altertuemliche Gestalt nur der seltsamen Laune des Herzogs von Northumberland. Auf den Zinnen der Mauer und der Tuerme stehen alte Krieger in drohender Stellung, von Stein gehauen, in Lebensgroesse. So viel wir von unten davon urteilen konnten, sind diese Figuren recht gut gearbeitet. Ueber jedem Tor steht einer davon in gebueckter Stellung, mit beiden Haenden einen grossen Stein haltend, als waere er im Begriff, den Eintretenden damit zu zerschmettern. Die Idee kann man eben nicht gastfreundlich nennen; aber diese ganze Verzierung, so wunderlich und einzig in ihrer Art sie ist, macht einen grossen Effekt. Von weitem glaubt man fast, die Geister der alten Krieger, die einst hier hausten, waeren zurueckgekehrt und wollten der Neugier den Eintritt in ihr Heiligtum wehren: in so drohender mannigfaltiger Bewegung und Gebaerde stehen sie da. Auch sind sie nicht so harmlos, als man denken moechte. Mancher dieser Helden kam schon ungerufen herunter, wenn es ihm oben zu windig ward, und richtete auf der Erde Schaden und Unfug an. Das Innere der Burg ist ebenfalls im Geist der Vorzeit gehalten: hohe gewoelbte Zimmer mit Bogenfenstern voll kuenstlicher gotischer Verzierungen und Schnoerkeln, ungeheure Pfeiler und Mauern, lange sich durchkreuzende Galerien, dunkle, krumme Gaenge wuerden ein sehr schauerliches Ganzes machen, waeren die Zimmer nicht mit hellen Farben heiter und lustig aufgemalt. Indessen glauben wir doch, dass einer der englischen Schauerromane, einsam um Mitternacht hier gelesen, seine Wirkung nicht verfehlen wuerde. Wir eilten fort, hinaus in den freundlichen Sonnenschein, in den artigen, die Burg umgebenden, ganz modernen Garten, zu den wohl angelegten Treibhaeusern, in welchen wir uns zu unserer Freude, da der Herzog nicht da war, mit Weintrauben und Melonen fuer die Reise versorgen konnten. Den Park, der sich eben durch nichts von anderen Parks auszeichnet, sahen wir nur von weitem aus den Fenstern der Burg. Man wollte uns nicht erlauben hindurchzufahren, was doch bei anderen Parks selten Schwierigkeit findet. Jetzt fuehrte der Weg laengs der Kueste des Meeres, das wir fast nie aus dem Gesichte verloren, nach der uralten Stadt Berwick, an der aeussersten Spitze Northumberlands. In Northumberland, besonders in Berwick, der letzten englischen Stadt, fiel uns die Sprache der Einwohner auf. Das wunderliche allgemeine Schnarren, womit sie den Buchstaben R aussprechen, und die vielen ganz unbekannten Provinzialausdruecke, welche sie einmischen, machten, dass wir Muehe hatten, sie zu verstehen. Schon nach Newcastle spricht man das Englische sehr fehlerhaft, fast wie plattdeutsch aus. SCHOTTLAND Die Fahrt von Berwick nach Edinburgh, vierundfuenfzig englische Meilen, fast immer im Angesichte des Meeres, waere allein die Reise wert; von so seltener, wunderbarer Schoenheit ist die Gegend, aber deshalb wohl umso unbeschreibbarer. Bis dicht hinab an die Wellen der Kueste bebaut wie ein Garten: Kornfelder, Wiesen mit Herden bedeckt, Obst- und Gemuesegaerten wechseln, alles in der Pracht der ueppigsten Vegetation. Dazwischen kleine Gehoelze, duftende, bluehende Hecken, und in ihrer Mitte Doerfer, die umso malerischer erscheinen, da sie schon ein laendlicheres Ansehen haben und nicht, wie die englischen, kleinen Staedten aehnlich sind. Das Land ist nicht bergig, aber auch nicht flach; wellenfoermig erhebt es sich zu kleinen Anhoehen und sinkt wieder zu lieblichen Gruenden hinab. Freundliche, einzelne Landhaeuser liegen ueberall zerstreut, ehrwuerdige, efeubewachsenen Ruinen der Vorzeit erheben ihre alten Mauern und zeugen von vergangener Groesse. Und nun noch der Anblick des Meeres, dieses ewig wechselnden Elements, das jeder Gegend, auch der oedesten, Leben gibt! Kleine Inseln mit Leuchttuermen, entfernte blaue Felsen, die zackig und wild am Horizonte sichtbar werden, alles, alles vereint sich hier, um ein Ganzes voll wunderbarer Schoenheit zu bilden. Zwei Lager (Fussnote: in England befuerchtete man eine Invasion der Franzosen], jedes von ungefaehr dreitausend Mann, die eben hier die Kueste bewachen, kontrastieren mit der laendlichen Anmut rings umher. Der Anblick dieser Krieger, ihre Zelte, ihre glaenzenden Waffen und Uniformen, brachten ein neues, fremdes Leben in diese entzueckende Gegend. Schon hier, so nahe an der englischen Grenze, fiel uns der Unterschied zwischen dem englischen und schottischen Volke merklich auf. Freundliches, gutmuetiges Zuvorkommen, Treuherzigkeit, verbunden mit grosser, aber froehlicher Armut, erinnerte uns immer an die Bewohner deutscher Gebirge. Schuhe und Struempfe, ohne welche man in England keinen Bettler erblickt, sind hier schon hoher Luxus. Die arbeitende Klasse und der groesste Teil der Kinder, selbst wohlhabender Eltern, laufen Sommer und Winter barfuss; vielleicht geschieht dies fast ebenso oft aus Gewohnheit als aus Armut; aber es faellt sehr auf, wenn man aus England kommt, wo dergleichen unerhoert ist. Edinburgh In keinem der vielen schoenen Gasthoefe dieser Stadt konnten wir unterkommen. Es waren eben die letzten Tage der Woche, in welcher dort alljaehrlich Pferderennen gehalten werden. Wir fanden alles vollgepfropft von Fremden, die teils jenes edle Vergnuegen, teils die es begleitenden Lustbarkeiten, das Theater, die Baelle, Konzerte und tausend andere Freuden herbeigezogen hatten. Da wir bald eine artige Wohnung bei einem Kupferstichhaendler, einem der unzaehligen Mackintoshes, fanden, waren wir es wohl zufrieden, das Volk einmal in seiner Nationalfreude zu sehen. Die Stadt Edinburgh, von betraechtlicher Groesse, ist eine der schoensten und haesslichsten Staedte zugleich und verdient in dieser Hinsicht mit Marseille verglichen zu werden. Die Altstadt, ein grauen- und ekelerregender Klumpen alter, schmutziger, den Einsturz drohender Haeuser, die anscheinen ohne Ordnung in engen, winkligen Strassen an- und uebereinandergeworfen zu sein scheinen; die neue Stadt dagegen wetteifernd mit den schoensten Staedten Europas. Edinburghs ganze Lage ist einzig in ihrer Art, von hoher romantischer Schoenheit. An den Seiten eines hohen Felsens, der sich an eine lange, majestaetische Reihe anderer Felsen anschliesst, liegen die Haeuser der alten Stadt, wie Schwalbennester angeklebt, unter- und uebereinander; einige dieser Haeuser haben, von einer Strasse aus gesehen, zehn Stockwerke, waehrend sie von der anderen Seite deren nur zwei oder drei zaehlen, und man aus dem vierten oder fuenften Stock der niedriger liegenden Seite auf der hohen geraden Fusses ins Freie in eine andere Strasse geht. Wie krumm, wie eng, wie winklig der groesste Teil dieser Strassen ist, laesst sich schwer beschreiben. Einige derselben fuehren steile und hohe Berge hinauf und hinab, auf die allerbeschwerlichste Weise. Auf den hoechsten Gipfel dieser Felsenkette thront die uralte Wohnung der schottischen Koenige, das Kastell, hoch ueber den Haeusern der uebrigen Einwohner. Eine tiefe Kluft, aus welcher jene Felsen steil, fast senkrecht emporsteigen, trennt die alte Stadt von einer Anhoehe, auf welcher die neue Stadt erbaut ist. Einige schoene steinerne Bruecken fuehren hinueber und vereinigen beide Staedte. Tief im Abgrunde sieht man von einer dieser Bruecke Strassen, die dort unten liegen, wie im Erebus, denen Sonne und Mond fast nie scheinen, und deren Daecher noch lange nicht bis zu der Grundlage der Bruecke hinaufreichen. Die Menschen, die dort wandeln, erscheinen, von oben gesehen, wie Gnomen. Es ist unbegreiflich, wie man im Angesichte der schoenen, neueren Stadt diese unfreundlichen Wohnungen ertragen kann. Nur ein Teil dieser Kluft ist bebaut, der uebrige wird zum Teil als Viehweide benutzt, zum Teil liegt er steinig und unfruchtbar da. Die neue Stadt kann sich in Hinsicht der Regelmaessigkeit und Breite der wohlgepflasterten, mit breiten Fusswegen auf beiden Seiten versehenden Strassen mit den schoensten Staedten Europas messen; in Hinsicht der Schoenheit, der Soliditaet und des guten Geschmacks der aus Quadersteinen erbauten Wohnhaeuser uebertrifft sie solche vielleicht. Wie in London gibt es auch hier grosse Plaetze, umgeben von schoenen Gebaeuden, und in ihrer Mitte einen mit eisernem Gelaender eingefassten artigen Garten oder einen schoenen Grasplatz. Fast alle Strassen bieten Aussicht auf's Meer. Dieses grosse, ewig wechselnde, ewig neue Schauspiel erhaelt hier noch durch eine Menge kleiner, zerstreut liegender Inseln neuen Reiz. Ferne, blaue Berge begrenzen von der einen Seite die grosse Perspektive, die von der anderen sich in's Unendliche ausbreitet. Unvergesslich bleibt uns ein Abend, den wir in Princes Street bei einem unserer Bekannten zubrachten. Diese, eine englische Meile lange Strasse besteht nur aus einer Reihe sehr schoener Haeuser; gegenueber begrenzt eine eiserne Balustrade jene Kluft, welche die alte Stadt von der neuen scheidet, und welche, gerade hier unbebaut, Kuehen und Ziegen zur Weide dient. Senkrecht steigen daraus die ganz nackten Felsen empor, wild, zackig, in schoenen, wechselnden Formen. Hoch liegt die alte Koenigsburg und andere alte Gebaeude; ueber ihnen droht, von blauen Nebeln umwoben, Koenig Arthurs Sitz, ein wunderbar geformter Fels, fast wie ein Thron gestaltet. Von ihm erzaehlt sich das Volk manche schauerliche Sage der Vorzeit. In seiner Naehe erblickt man auf einem anderen Felsen die Ruine eines alten Schlosses, in welchem die unglueckliche Maria Stuart von ihrem eigenen Volke gefangen gehalten ward, ehe sie nach England in den Tod ging. Das Meer begrenzt die Aussicht am Ende der Strasse. Hier sahen wir die sinkende Sonne die Spitzen der Felsen roeten, spaeter den Mond die Wellen des Meeres versilbern, und schieden mit der Ueberzeugung, dass nicht leicht eine andere grosse, volkreiche Stadt uns ein aehnliches Schauspiel darbieten wird. Die dritte Abteilung von Edinburgh ist Leith. Eigentlich eine Stadt fuer sich, aber, fast mit Edinburgh zusammenhaengend, kann sie doch dazugerechnet werden. Leith liegt in der Tiefe, hart am Hafen, in einer niedrigen, etwas sumpfigen, unangenehmen Lage. Hier sind die Schiffswerften, Magazine, Comptoire und die Wohnungen derer, die mit allen diesen Dingen sich beschaeftigen. Hier gibt's des Draengens, Stossens, Treibens genug. Leith ist nicht so bergig, aber fast so haesslich als die Altstadt Edinburgh; die Strassen sind voll Gewuehl und Getuemmel; wir waren froh, bald zu entkommen. Das schoenste Gebaeude in Edinburgh ist das Register Office; es dient zu mannigfaltigen oeffentlichen Zwecken. In einer durch eine Kuppel von oben erleuchteten Rotunde sahen wir hier die marmorne Statue des Koenigs Georg des Dritten. Mrs. Damer, eine Dame von Stande in London, hat sie der Stadt geschenkt, und, was das Merkwuerdigste dabei ist, sie hat sie selbst verfertigt. Man muss ihren guten Willen ehren, die Statue selbst ist ein unfoermiges Machwerk. Das Kastell ist ehrwuerdig durch seine ehemalige Bestimmung, sein Alter und seine imposante Lage, hoch auf dem Gipfel des Felsens. Holyrood House, die Residenz des Koenigs von Grossbritannien, wenn er einmal nach Edinburgh kommen sollte, ist ein grosses, ganz gewoehnliches altmodisches Schloss, welches sich auf keine Weise auszeichnet, aber dennoch dem Palaste von St. James in London vorzuziehen. Verschiedene Privatpersonen, denen der Koenig die Erlaubnis dazu gab, bewohnen es jetzt; auch war es die Residenz des Grafen Artois, spaeterhin Koenig Karl der Zehnte. Die Wohnungen im Schlosse und dem es zunaechst umgebenden Bezirke haben das Vorrecht, dass niemand schuldenhalber darin arretiert werden kann. Sie werden deshalb sehr gesucht, besonders, wie man uns versicherte, vom schottischen Adel. Graf Artois [Fussnote: als Karl X. Koenig von Frankreich (1824-30). Er gruendete nach dem Sturm auf die Bastille mit dem Prinzen Conde die Emigration. In dieser Eigenschaft fuehrte er mehrere Feindhandlungen gegen Frankreich. Von 1795-1813 lebte er im englischen Exil von einer Pension, die ihm das englische Parlament bewilligt hatte.] lebte hier, soviel moeglich wie weiland zu Versailles. Zweimal die Woche speiste er oeffentlich, allein, wie es die Etikette fordert. Dreimal die Woche hielt er Lever vor einem Hofe von Emigranten, die er um sich versammelte. Wir sahen seine Zimmer; sie sind so ganz buergerlich einfach, dass sie ihn doch oft an die Vergaenglichkeit aller irdischen Dinge erinnert haben muessen. Uns waren nur drei Gegenstaende darin merkwuerdig: das Bildnis der Tochter Ludwigs des Sechzehnten, das ihrer Tante, der Prinzessin Elisabeth, und eine Aussicht auf Malta, welche diese unglueckliche Dame zu Paris im Temple [Fussnote: hier wurden die Mitglieder des Koenigshauses gefangengehalten] malte, und hoffentlich so, unterm Schutze der ewig heiteren Kunst, wenigstens einige Stunden den grossen Schmerz vergass, der schwer auf ihr lastete. Bei aller romantischen Pracht und Schoenheit eignet sich die Lage Edinburghs dennoch wenig zu Spaziergaengen. Es fehlt in der Naehe an Schatten, an laendlicher Lieblichkeit; doch findet man auch diese, wenn man sich nur die Muehe geben will, sie ein oder zwei Stunden weit aufzusuchen. Das Pferderennen, das man wohl den Karneval der Briten nennen darf, erfuellte waehrend der ersten Tage unseres Aufenthalts daselbst die ganze Stadt Edinburgh mit ungewoehnlichem Leben. Die Vergnuegungen jagten einander in dieser Woche. Sonst lebt man hier stiller, einfacher als in London, mehr ein Familienleben auf deutsche Weise. Die Kinder werden nicht, wie es dort durchaus gewoehnlich ist, in Pensionen erzogen, sie wachsen im Hause unter den Augen der Eltern heran. Die aeussere Froemmigkeit und besonders die Feier des Sonntags wird hier noch strenger beobachtet als dort. Einer unserer Bekannten, welcher uns an einem Sonntagmorgen zu einer Spazierfahrt abholte, schloss sorgfaeltig die Jalousien an seinem Wagen, solange wir in der Stadt fuhren; weil er sich scheute, den Leuten, die in die Kirchen gingen, zu zeigen, dass er in einer Stunde spazieren fahre, welche eine so heilige Bestimmung hat. Am Sonntagmorgen werden alle musikalischen Instrumente, alle Buecher, die nicht religioesen Inhalts sind, alle Spielkarten, alle Handarbeiten, auch die unbedeutendsten, sorgfaeltig weggeschlossen, damit auch selbst ihr Anblick nicht stoerend werde. Jedermann geht in die Kirche und haelt Andachtsuebungen zu Hause, wobei die Hausgenossen bis auf die geringsten Bedienten erscheinen muessen. Jede Ergoetzung ist hoch verpoent; den Herren bleibt nur die Flasche, bei der sie an diesem Tage noch laenger als sonst nach Tische verweilen, und den Damen der Teetisch. Zuvorkommende, gutmuetige Freundlichkeit und ein gewisses treuherzig- froehliches Wesen unterscheiden den Schotten merklich vom Englaender. Man achtet hier die Fremden mehr als in England, ist bekannter mit ihren Sitten und Gebraeuchen; denn Armut zwingt den Schotten oft, in der weiten Welt ein Fortkommen zu suchen, und er sucht es lieber recht fern, als in England, wo man sein geliebtes Vaterland mit ungerechter