The Project Gutenberg eBook, Die Familie Pfaeffling, by Agnes Sapper This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at www.gutenberg.net Title: Die Familie Pfaeffling Author: Agnes Sapper Release Date: February 2, 2004 [eBook #10917] Language: German Character set encoding: US-ASCII ***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE FAMILIE PFAEFFLING*** E-text prepared by Olaf Voss, Michael Wymann-Boeni, and Project Gutenberg Distributed Proofreaders Die Familie Pfaeffling Eine deutsche Wintergeschichte von Agnes Sapper 1909 Meiner lieben Mutter zum Eintritt in das 80. Lebensjahr. Die Familie Pfaeffling muss *Dir* gewidmet sein, liebe Mutter, denn was ich in diesem Buche zeigen moechte, das ist Deine eigene Lebens-Erfahrung. Du hast uns vor Augen gefuehrt, welcher Segen die Menschen durchs Leben begleitet, die im grossen Geschwisterkreis und in einfachen Verhaeltnissen aufgewachsen sind, unter dem Einfluss von Eltern, die mit Gottvertrauen und froehlichem Humor zu entbehren verstanden, was ihnen versagt war. Noch jetzt, wo wir Deinem 80. Geburtstag entgegengehen, steht die Erinnerung an Deine Kinderzeit Dir lebendig vor der Seele, und wenn Du die Beschwerden und Entbehrungen des Alters in geduldiger, anspruchsloser Gesinnung ertraegst so ist das nach deinem eigenen Ausspruch noch immer eine Wirkung, die ausgegangen ist aus einer entbehrungsreichen und dennoch glueckseligen Jugendzeit. Nicht eben *Deine* Familie, aber eine von demselben Geist beseelte moechte ich in diesem Buch der deutschen Familie vorfuehren. Herbst 1906. Die Verfasserin. * * * * * Inhalt 1 Wir schliessen Bekanntschaft 2 Herr Direktor 3 Der Leonidenschwarm 4 Adventszeit 5 Schnee am unrechten Platz 6 Am kuerzesten Tag 7 Immer noch nicht Weihnachten 8 Endlich Weihnachten 9 Bei grimmiger Kaelte 10 Ein Kuenstlerkonzert 11 Geld- und Geigennot 12 Ein Haus ohne Mutter 13 Ein fremdes Element 14 Wir nehmen Abschied 1. Kapitel Wir schliessen Bekanntschaft. Ihr wollt die Familie Pfaeffling kennen lernen? Da muss ich euch weit hinausfuehren bis ans Ende einer groesseren sueddeutschen Stadt, hinaus in die aeussere Fruehlingsstrasse. Wir kommen ganz nahe an die Infanteriekaserne, sehen den umzaeunten Kasernenhof und Exerzierplatz. Aber vor diesem, etwas zurueck von der Strasse, steht noch ein letztes Haus und dieses geht uns an. Es gehoert dem Schreiner Hartwig, bei dem der Musiklehrer Pfaeffling mit seiner grossen Familie in Miete wohnt. Um das Haus herum, bis an den Kasernenhof, erstreckt sich ein Lagerplatz fuer Balken und Bretter, auf denen Knaben und Maedchen froehlich herumklettern, turnen und schaukeln. Meistens sind es junge Pfaefflinge, die da ihr Wesen treiben, manchmal sind es auch ihre Kameraden, aber der eine Kleine, den man taeglich auf den obersten Brettern sitzen und dabei die Ziehharmonika spielen sieht, das ist sicher kein anderer als Frieder Pfaeffling. Um die Zeit, da unsere Geschichte beginnt, ist uebrigens der Hof verlassen und niemand auf dem weiten Platz zu sehen. Heute ist, nach den langen Sommerferien, wieder der erste Schultag. Der Musiklehrer Pfaeffling, der schlanke Mann, der noch immer ganz jugendlich aussieht, war schon fruehzeitig mit langen Schritten den gewohnten Weg nach der Musikschule gegangen, um dort Unterricht zu geben. Sechs von seinen sieben Kindern hatten zum erstenmal wieder ihre Buecher und Hefte zusammengesucht und sich auf den Schulweg gemacht. Die lange Fruehlingsstrasse mussten sie alle hinunterwandern, aber dann trennten sich die Wege; die drei aeltesten suchten weit drinnen in der Stadt das alte Gymnasiumsgebaeude auf, die zwei Schwestern hatten schon etwas naeher in die Toechterschule und Frieder, der noch in die Volksschule ging, haette sein Ziel am schnellsten erreichen koennen, aber das kleine runde Kerlchen pflegte in Gedanken verloren dahinzugehen und sich mehr Zeit zu lassen als die andern. Im Hause Pfaeffling war nach dem lauten Abgang der sieben Familienmitglieder eine ungewohnte Stille eingetreten. Es blieb nur noch die Mutter zurueck, und Elschen, das juengste niedliche Toechterchen, sowie die treue Walburg, die in der Kueche wirtschaftete. Frau Pfaeffling atmete auf, die Stille tat ihr wohl. Was war das fuer ein Sturm gewesen, bis der letzte die Tuere hinter sich zugemacht hatte, und was fuer eine Unruhe all die Ferienwochen hindurch! Waehrend sie ordnend und raeumend von einem Zimmer ins andere ging, war ihr ganz festtaeglich zu Mute. Sie war von Natur eine stille, nachdenkliche Frau und gern in Gedanken versunken, aber das Leben hatte sie als Mittelpunkt in einen grossen Familienkreis gestellt, und es drehten sich lauter lebhafte, plaudernde, fragende, musizierende Menschen um sie herum. Waehrend nun die Mutter sich der Ruhe freute, wusste Elschen gar nicht, wo es ihr fehlte. Allein zu spielen hatte sie ganz verlernt. So ging sie hinunter in den Hof, wo die grossen Balken lagen. Oft hatte sie sich in den letzten Wochen geaergert, wenn sie aengstlich auf den glatten Balken kleine Schrittchen machte, dass die Brueder das so flink konnten und sie ihnen immer Platz machen sollte. Jetzt hatte sie alle die Baumstaemme allein zu ihrer Verfuegung, aber nun machten sie ihr keine Freude. Sie ging weiter zu den Brettern, die uebereinander aufgestapelt lagen. Dort oben, wo ein kleines dickes Brett querueberlag, war Frieders Lieblingsplatz, auf dem er immer mit der Ziehharmonika sass. Wenn er gar zu lang spielte und sie nicht beachtete, war sie manchmal ungeduldig geworden und hatte sogar einmal gesagt, die Harmonika sei eine alte Kroete. Aber jetzt, wo es ueberall ganz still war, haette sie auch die Harmonika gern gehoert. Sie setzte sich auf Frieders Platz und dachte an ihn. Es war so langweilig heute morgen--fast zum weinen! Da tat sich oben im Haus ein Fenster auf und der Mutter Stimme rief: "Elschen, flink, Essig holen!" Einen Augenblick spaeter wanderte auch Else die Fruehlingsstrasse hinunter, zwar nicht mit den Buechern in die Schule, aber mit dem Essigkrug zum naechsten Kaufmann. Im untern Stock des Hauses wohnte der Schreiner Hartwig mit seiner Frau. Es waren schon aeltere Leute und er hatte das Geschaeft abgegeben. Sie war eine freundliche Hausfrau, die aber auf Ordnung hielt und auf gute Erhaltung des Besitzes. Als diesen Morgen die Pfaefflinge nacheinander die Treppe hinunter gesprungen waren, hatte sie zu ihrem Mann gesagt: "Hast du schon bemerkt, wie die Treppe abgenutzt ist? Seit dem Jahr, wo Pfaefflings bei uns wohnen, sind die Stufen schon so abgetreten worden, dass mir wirklich bang ist, wie es nach einigen Jahren aussehen wird." "Verwehr's ihnen, dass sie so die Treppen herunterpoltern," sagte der Hausherr. "Ich will gar nicht behaupten, dass sie poltern, sie sind ja ruecksichtsvoll, aber hundertmal springen sie auf und ab und es pressiert ihnen allen so, ein Gehen gibt's bei denen gar nicht, sie muessen immer springen. Ich will sie aber gleich heute aufmerksam machen auf die abgetretenen Stellen." "Tu's nur, aber das Springen wirst du ihnen nicht abgewoehnen, springt doch der Vater selbst noch wie ein Junger. Wir haben doch nicht gewusst, was es um so eine neunkoepfige Musikersfamilie ist, wie wir ihnen voriges Jahr selbst unsere Wohnung angeboten haben in ihrer Wohnungsnot. Und jetzt haben wir sie, und zu kuendigen braechtest du doch nicht uebers Herz." "Nein, nie! Aber du auch nicht." "Dann sprich nur beizeiten mit deinem Schwager, dass er Bretter fuer neue Boeden bereit haelt," sagte der Hausherr und die Frau ging hinaus, stand bedenklich und sinnend vor der Treppe, wischte mit einem Tuch ueber die Stufen, aber sie blieben doch abgetreten. Die Vormittagsstunden waren endlich voruebergegangen, die kleine vereinsamte Schwester stand am Fenster, sah die Strasse hinunter und erkannte schon von weitem den Vater, der mit raschen Schritten auf das Haus zukam. Bald darauf tauchten zwei Maedchengestalten auf, das waren die Zwillingsschwestern, die elfjaehrigen, Marie und Anna, die der Bequemlichkeit halber oft zusammen Marianne genannt wurden. So rief auch Else jetzt der Mutter zu: "Der Vater ist schon im Haus und Marianne sehe ich auch, aber sie stehen bei andern Maedchen und machen gar nicht voran. Aber jetzt kommt der Frieder und dahinter die drei Grossen, jetzt muss ich entgegen laufen." Die Schwestern hatten sich den Bruedern zugesellt und so kamen sie alle zugleich ins Haus herein, wo ihnen die Kleine laut lachend vor Vergnuegen entgegenrief: "Alle sechs auf einmal!" Sie wollte zu Frieder, der zu hinterst war, aber die Schwestern hatten sie schon an beiden Haenden gefasst und alle draengten der Treppe zu, als die Tuere der untern Wohnung aufging und Frau Hartwig herbeikam. Flugs zogen die Brueder ihre Muetzen, denn die Ruecksicht auf die Hausleute war ihnen zur heiligen Pflicht gemacht, und die ganze Schar stand seit dem letzten Umzug in dem Bewusstsein, durchaus keine begehrenswerte Mietspartei zu sein. So blieben sie auch alle stehen, als Frau Hartwig ihnen zurief: "Wartet ein wenig, Kinder, ich muss euch etwas zeigen. Schaut einmal die Treppe an, seht ihr, wie die Stufen in der Mitte abgetreten sind? Voriges Jahr war davon noch keine Spur, wer hat das wohl getan?" Eine peinliche Stille, lauter gesenkte Koepfe. "Das habt ihr getan," fuhr die Hausfrau fort, "weil ihr mit euern genagelten Stiefeln hundertmal auf und ab gesprungen seid. Wenn ihr nicht Acht gebt, dann richtet ihr mir in _einem_ Jahr meine Treppe ganz zugrunde." Sie standen alle betreten da, die Blicke auf die Treppe gerichtet. So schlimm kam ihnen diese wohl nicht vor, aber die Hausfrau musste es ja wissen! In diesem kritischen Moment kam Karl, dem grossen, der Mutter Hauptregel ins Gedaechtnis: nur immer gleich um Entschuldigung bitten! "Es ist mir leid," sagte er, und alle Geschwister wiederholten das erloesende Wort: "Es ist mir leid", und darauf fing Karl, der grosse, an, langsam und behutsam die Treppe hinaufzugehen, ihm folgte Wilhelm, der zweite und Otto, der dritte. Ihnen nach schlichen unhoerbar Marie und Anna mit Elschen. Nur Frieder, der vorhin zuhinterst gestanden war und deshalb den Schaden an der Treppe noch nicht hatte sehen koennen, der verweilte noch und betrachtete nachdenklich die Stufen. Dann sagte er zutraulich zu der Hausfrau: "Nur in der Mitte sieht man etwas, warum denn nicht an den Seiten?" "Kleines Dummerle," sagte Frau Hartwig, "kannst du dir das nicht denken? In der Mitte geht man wohl am oeftesten." "So deshalb?" sagte der Kleine, "dann gehe ich lieber an der Seite," und indem er dicht am Gelaender hinaufstieg, rief er noch freundlich herunter: "Gelt, so wird deine Treppe schoen geschont?" "Ja, so ist's recht," sagte die Hausfrau und indem sie wieder in ihre Wohnung zurueckkehrte, sprach sie so fuer sich hin: den guten Willen haben sie, was kann man mehr verlangen? Oben an der Treppe hatte Elschen schon auf Frieder gewartet, sie zog ihn ins Zimmer und rief vergnuegt: "Jetzt sind sie alle wieder da!" Den Esstisch hatte Frau Pfaeffling gedeckt, ihr Mann war dabei lebhaft hin und hergelaufen und hatte ihr erzaehlt, was Neues von der Musikschule zu berichten war. Je mehr aber Kinder hereinkamen, um so oefter lief ihm eines in den Weg, so gab er das Wandeln auf und klatschte mit seinen grossen Haenden, was immer das Zeichen war, zu Tisch zu gehen. Da gab es schnell ein Schieben und Stuhlruecken und einen Augenblick lautloser Stille, waehrend die Mutter das Tischgebet sprach. Es war nicht alle Tage dasselbe, sie wusste viele. Sie fragte manchmal den Vater, manchmal die Kinder, welches sie gerne hoerten und richtete sich darnach. Heute sprach sie den einfachen Vers: "Du schickst uns die Arbeit, du goennst uns die Ruh, Herr gib uns zu beidem den Segen dazu." Das Essen, das die grosse Walburg aufgetischt hatte, schmeckte allen, aber das Tischgespraech wollte heute den Eltern gar nicht gefallen. Sie kannten es schon, es war immer das gleiche beim Beginn des Wintersemesters. "Wir muessen jetzt ein Physikbuch haben." "Die alte Ausgabe von der Grammatik, die ich von Karl noch habe, darf ich nimmer mitbringen." "Zum Naehtuch brauchen wir ein Stueck feine neue Leinwand." "Bis Donnerstag muessen wir richtige Turnanzuege haben." "In diesem Jahr kann ich mich nicht wieder ohne Atlas durchschwindeln." "Mein Reisszeug sei ganz ungenuegend." So ging das eine Weile durcheinander und als das Essen vorbei war, umdraengten die Plaggeister den Vater und die Mutter; nur Frieder, der kleine Volksschueler, hatte keine derartigen Wuensche, er nahm seine Ziehharmonika und verzog sich; Elschen folgte ihm hinunter auf den Balkenplatz, wo eine freundliche Herbstsonne die Kinder umfing, die sich noch sorgenlos in ihren Strahlen sonnen konnten. Herr Pfaeffling suchte sich dem Draengen seiner Grossen zu entziehen, indem er hinueberfluechtete in das Eckzimmer, das sein Musik- und Stundenzimmer war. Dort wartete ein Stoss neuer Musikalien auf ihn, die er pruefen sollte. Aber es waehrte nicht lang, so folgten ihm seine drei Lateinschueler nach, und ein jeder brachte wiederholt sein Anliegen vor und suchte zu beweisen, dass es dringend sei. "Ich glaube es ja," sagte der Vater, "aber alles auf einmal koennen wir nicht anschaffen, ihr muesst eben warten, bis sich wieder Geld angesammelt hat. Woher sollte denn so viel da sein eben jetzt, nach den langen Ferien? Wenn sich nun wieder Stundenschueler einfinden und Geld ins Haus bringen, dann sollt ihr Atlas, Reisszeug und die neuesten Ausgaben der Schulbuecher bekommen, aber jetzt reicht es nur fuer das dringendste." Herr Pfaeffling zog eine kleine Schublade seines Schreibtisches auf, in der Geld verwahrt war, "Schaut selbst herein und rechnet, wie weit es langt," sagte er. Es war nicht viel in der Schublade. Jetzt fingen die Jungen an zu rechnen und miteinander zu beraten, was das Unentbehrlichste sei. "Fuer Marianne muss auch noch etwas uebrig bleiben," bemerkte der eine der Brueder, "bei ihr gibt es sonst gleich wieder Traenen. Leinwand zu einem Naehtuch wollen sie, ob das wohl recht viel kostet?" So unterhandelten sie miteinander, gaben von ihren Forderungen etwas ab und waren froh, dass das Geld wenigstens zum Allernotwendigsten reichte. Es blieb kein grosser Rest mehr in der kleinen Schublade. Als kurze Zeit darauf die Lateinschueler und die Toechterschuelerinnen sich wieder auf den Schulweg gemacht hatten, kam Frau Pfaeffling zu ihrem Mann in das Musikzimmer, wo sie gerne nach Tisch ein Weilchen beisammen sassen. "Sieh nur, Caecilie," sagte er zu ihr, "die trostlos leere Kasse. Es ist hoechste Zeit, dass wieder mehr hineinkommt! Wenn sich nur auch neue Schueler melden, die besten vom Vorjahr sind abgegangen und es sind jetzt so viele Musiklehrer hier; von der Musikschule allein koennten wir nicht leben." "Es werden gewiss welche kommen," sagte Frau Pfaeffling, aber sehr zuversichtlich klang es nicht und eines wusste von dem andern, dass es sorgliche Gedanken im Herzen bewegte. In die Stille des Eckzimmers drang vom Zimmermannsplatz herauf der wohlbekannte Klang der Harmonika. Frau Pfaeffling trat ans offene Fenster und sah die beiden kleinen Geschwister auf den Brettern sitzend. "Es ist doch schon 2 Uhr vorbei," sagte sie, "hat denn Frieder heute nachmittag keine Stunde?" und sie rief dieselbe Frage dem kleinen Schulbuben hinunter. Die Harmonika verstummte, die Kinder antworteten nicht, sie sahen sich nur bestuerzt an und die Eile, mit der sie von den Brettern herunterkletterten und durch den Hof rannten, dem Haus zu, sagte genug. "Er hat wahrhaftig die Schulzeit vergessen," rief Herr Pfaeffling, "daran ist wieder nur das verwuenschte Harmonikaspielen schuld!" Als Frieder die Treppe heraufkam--ohne jegliche Ruecksicht auf abgetretene Stufen--streckte der Vater ihm schon den Arm entgegen und nahm ihm die geliebte Harmonika aus der Hand mit den Worten: "Damit ist's aus und vorbei, wenn du sogar die Schulzeit darueber vergisst!" Frieder beachtete es kaum, so sehr war er erschrocken. "Sind alle andern schon fort? Ist's schon arg spaet?" fragte er, waehrend er ins Zimmer lief, um seine Buecher zu holen. Elschen stand zitternd und strampelnd vor Aufregung dabei, waehrend er seine Hefte zusammenpackte, rief immer verzweifelter: "Schnell, schnell, schnell!" und hielt ihm seine Muetze hin, bis er endlich ohne Gruss davoneilte. Auf halber Treppe blieb er aber noch einmal stehen und rief klaeglich herauf: "Mutter, was soll ich denn zum Lehrer sagen?" "Sage nur gleich: es tut mir leid," rief sie ihm nach. So rannte er die Fruehlingsstrasse hinunter und rief in seiner Angst immer laut vor sich hin: "Es tut mir leid." Die Voruebergehenden sahen ihm mitleidig laechelnd nach--es war leicht zu erraten, was dem kleinen Schulbuben leid tat, denn es schlug schon halb drei Uhr, als er um die Ecke der Fruehlingsstrasse bog. Herr Pfaeffling nahm die Harmonika und besah sie genauer, ehe er sie in seinen Schrank schloss. "Redlich abgenuetzt ist sie," sagte er sich, "sie wird bald den Dienst versagen und den kleinen Spieler nimmer in Versuchung fuehren. Es hat wohl auch keinen Tag gegeben in den letzten zwei Jahren, an dem er sie nicht benuetzt hat. Er ist ein kleiner Kuenstler auf dem Instrument, aber er weiss es nicht und das ist gut und von den Geschwistern hoert er auch keine Schmeicheleien, sie aergern sich ja nur ueber den kleinen Virtuosen. Ich wollte, ich haette auch nur _einen_ Schueler, der so begabt waere wie Frieder! Aber dass er seine Schule ueber der Musik versaeumt oder ganz vergisst wie heute, das ist doch ein starkes Stueck am ersten Schultag, das geht doch nicht an," und nun wurde die Harmonika eingeschlossen. War Frieder als letzter in die Schule gekommen, so kam er auch als letzter heraus. Die Geschwister daheim hoerten von der kleinen Schwester, was vorgefallen war, und berieten, wie es ihm in der Schule ergangen sein mochte. Sie hatten viel Erfahrungen bei allerlei Lehrern gesammelt, und die Wahrscheinlichkeit sprach ihnen dafuer, dass es glimpflich abgehen wuerde. Aber Frieder hatte einen neuen Lehrer, den kannte man noch nicht und die neuen waren oft scharf. Als nun endlich der Juengste heimkam und ins Zimmer trat, wo sie alle beisammen waren, sahen sie ihn begierig, zum Teil auch ein wenig spoettisch an. Aber das Spoettische verging ihnen bald beim Anblick des kleinen Mannes. Er sah so klaeglich verweint aus! Keine Frage, der Lehrer war scharf gewesen. Zuerst wollte Frieder nicht recht herausruecken mit der Sprache, denn der Vater war auch im Zimmer und das war in Erinnerung an sein zuernendes Gesicht und die weggenommene Harmonika nicht aufmunternd fuer Frieder. Aber Herr Pfaeffling ging ans Fenster, trommelte einen Marsch auf den Scheiben und achtete offenbar nicht auf die Kinder. Da hatte Marie bald alles aus dem kleinen Bruder herausgefragt, denn sie hatte immer etwas Muetterliches gegen die Kleinen, auch der Mutter Stimme. So erzaehlte denn Frieder, dass der Lehrer ihm zuerst nur gewinkt haette, sich auf seinen Platz zu setzen, aber nach der Schule hatte Frieder vorkommen muessen, ja und dann--dann stockte der Bericht. Aber die Geschwister kannten sich aus, sie nahmen seine Haende in Augenschein, die waren auf der Innenseite rot und dick. "Wieviel?" fragte Marie. "Zwei." "Das geht noch an," meinte Karl, der grosse. "Es kommt darauf an, ob's gesalzene waren," und nun erzaehlte Wilhelm, der zweite: "Bei uns hat einer auch einmal die Schule vergessen, dann hat er zum Lehrer gesagt, er habe Nasenbluten bekommen und so ist er ohne alles durchgeschlupft, der war schlau!" Da hoerte auf einmal das Trommeln an den Fensterscheiben auf, der Vater wandte sich um und sagte: "Der war ein Luegner und das ist der Frieder nicht. Geh her, du kleines Dummerle du, wenn dir der Lehrer selbst deinen Denkzettel gegeben hat, dann brauchst du von mir keinen, du bekommst deine Harmonika wieder, aber--" Die gute Lehre, die dem kleinen Schulknaben zugedacht war, unterblieb, denn in diesem Augenblick kam durchs Nebenzimmer Frau Pfaeffling und sagte eilfertig: "Kinder, warum macht ihr nicht auf? Ich habe hinten im Buegelzimmer das Klingeln gehoert und ihr seid vornen und achtet nicht darauf!" Schuldbewusst liefen die der Tuere am naechsten Stehenden hinaus und riefen bald darauf den Vater ab, in freudiger Erregung verkuendend: "Es handelt sich um Stunden! Eine vornehme Dame mit einem Fraeulein ist da!" "Und ihr habt sie zweimal klingeln lassen! Wenn sie nun fortgegangen waeren!" sagte die Mutter vorwurfsvoll. "Manchmal ist's recht unbequem, dass Walburg taub ist," meinte Anne und Else fuegte altklug hinzu: "Es gibt Dienstmaedchen, die hoeren ganz gut, die hoeren sogar das Klingeln, wenn wir so eine haetten!" "Seid ihr ganz zufrieden, dass wir unsere Walburg haben," entgegnete Frau Pfaeffling, "wenn sie nicht bei uns bleiben wollte, koennten wir gar keine nehmen, sie tut's um den halben Lohn. Und _wieviel_ tut sie uns! Es ist traurig, zu denken: weil sie ein solches Gebrechen hat, muss sie sich mit halbem Lohn begnuegen. Wenn ich koennte, wuerde ich ihr den doppelten geben." Unvermutet ging die Tuere auf und die, von der man gesprochen hatte, trat ein. Unwillkuerlich sahen alle Kinder sie aufmerksamer an als sonst, sie bemerkte es aber nicht, denn sie blickte auf das grosse Brett voll geputzter Bestecke und Tassen, das sie aus der Kueche hereintrug. Walburg war eine ungewoehnlich grosse, kraeftige Gestalt und ihr Gesicht hatte einen guten, vertrauenerweckenden Ausdruck. Vor ein paar Jahren war sie aus einem Dienst entlassen worden wegen ihrer zunehmenden Schwerhoerigkeit, die nun fast Taubheit zu nennen war. Als niemand sie dingen wollte, war sie froh, bei kleinem Lohn in der Familie Pfaeffling ein Unterkommen zu finden. Seitdem sie nicht mehr das Reden der Menschen hoerte, hatte sie selbst sich das Sprechen fast abgewoehnt. So tat sie stumm, aber gewissenhaft ihre Arbeit, und niemand wusste viel von dem, was in ihr vorging und ob sie schwer trug an ihrem Gebrechen. Durch der Mutter Worte war aber die Teilnahme der jungen Pfaefflinge wach geworden und mit dem Wunsch, freundlich gegen sie zu sein, griff Marie nach den Bestecken, um sie einzuraeumen; die andern bekamen auch Lust zu helfen, und im Nu war das Brett leer und Walburg sehr erstaunt ueber die ungewohnte Hilfsbereitschaft. "Freundlichkeit ist auch ein Lohn," sagte Frau Pfaeffling, "wenn ihr den alle sieben an Walburg bezahlt, dann--" "Dann wird sie kolossal reich," vollendete Karl. Unser Musiklehrer kam vergnuegt aus seinem Eckzimmer hervor: "Ein guter Anfang des Schuljahrs," sagte er. "Die Dame hat mir ihre Tochter als Schuelerin angetragen. Zwei Stunden woechentlich in unserem Haus. Das Fraeulein mag etwa 17 Jahre alt sein und kommt mir allerdings vor, als sei es noch ein dummes Gaenschen, aber ein freundliches, es lacht immer, wenn nichts zu lachen ist, und kam in Verlegenheit, als die Frau Mama nach dem Preis fragte mit der Bemerkung, sie zahle immer voraus. Sie zog auch gleich ein hochfeines Portemonnaie und zaehlte das Geld auf den Tisch. 'Wenn es auch nur eine Bagatelle ist,' sagte die Dame, 'so bringt man doch die Sache gerne gleich in Ordnung.' Darauf empfahl sie sich, das Fraeulein knixte und lachte und morgen wird die erste Stunde sein. Da ist das Geld, wirst's noetig haben," schloss Herr Pfaeffling seinen Bericht und reichte seiner Frau das Geld hin. Die Kinder drueckten sich an die Fenster, sahen hinunter und bewunderten die Dame, die mit ihrem seidenen Kleid durch die Fruehlingsstrasse rauschte, begleitet von der Tochter, die mehr noch ein Kind als ein Fraeulein zu sein schien. "Hat je eines von euch schon diesen Namen gehoert?" fragte Herr Pfaeffling und hielt ihnen die Visitenkarte der Dame hin. Sie schuettelten alle verneinend, der Name war ganz schwierig herauszubuchstabieren, er lautete: _Frau Privatiere Vernagelding_. 2. Kapitel Herr Direktor? November! Du duesterer, nebeliger, nasskalter Monat, wer kann dich leiden? Ich glaube, unter allen zwoelfen hast du die wenigsten Freunde. Du machst den Herbstfreuden ein Ende und bringst doch die Winterfreuden noch nicht. Aber zu etwas bist du doch gut, zur ernsten, regelmaessigen Arbeit. Was wurde allein in der Familie Pfaeffling gearbeitet an dem grossen Tisch unter der Haengelampe, die schon um 5 Uhr brannte! Von den vier Bruedern schrieb der eine griechisch, der andere lateinisch, der dritte franzoesisch, der vierte deutsch. Der eine stierte in die Luft und suchte nach geistreichen Gedanken fuer den Aufsatz, der andere blaetterte im Lexikon, der dritte murmelte Reihen von Zeitwoertern, der vierte kritzelte Rechnungen auf seine Tafel. Dazwischen wurde auch einmal geplaudert und gefragt, gestossen und aufbegehrt, auch gehustet und gepustet, wie's der November mit sich bringt. Die Mutter sass mit dem Flickkorb oben am Tisch, neben sich Elschen, die sich still beschaeftigen sollte, was aber nicht immer gelang. Marie und Anne, die Zwillingsschwestern, sassen selten dabei. Sie hatten ein Schlafzimmer fuer sich, und in diesem ihrem kleinen Reich konnten sie ungestoert ihre Aufgaben machen. Zwar war es ein kaltes Reich, denn der Ofen, der darin stand, wurde nie geheizt, aber die Schwestern wussten sich zu helfen. Sie lernten am liebsten aus einem Buch, dabei rueckten sie ihre Stuehle dicht zusammen, wickelten einen grossen alten Schal um sich und waermten sich aneinander. Nur mit der Beleuchtung hatte es seine Schwierigkeit. Eine eigene Lampe wurde nicht gestattet, es waere ihnen auch nicht in den Sinn gekommen, einen solchen Anspruch zu machen. Aber im Vorplatz auf dem Schraenkchen stand eine Ganglampe. Sie musste immer brennen wegen der Stundenschueler, die den langen Gang hinunter gehen mussten bis zu dem Eckzimmer, in dem Herr Pfaeffling seine Stunden gab. Hatte aber ein Schueler den Weg gefunden und hinter sich die Tuere des Musikzimmers geschlossen, so konnten die Maedchen wohl auf eine Stunde die Ganglampe rauben. Dann war es freilich stockfinster im Vorplatz und manchmal stolperte eines der Geschwister, wenn es ueber den Gang ging und begehrte ein wenig auf, aber das nahmen die Schwestern kuehl. Schlimmer war's, wenn sie etwa ueberhoerten, dass die Musikstunde vorbei war und die Schueler im Finstern tappen mussten. Dann erschraken sie sehr, stuerzten eilig hinaus, um zum Schluss noch zu leuchten, entschuldigten sich und waren froh, wenn der Vater es nicht bemerkt hatte. Am 1. November ging die Sache nicht so gut ab. Fraeulein Vernagelding hatte Stunde, die Ganglampe war weg. Aus der Ferne hoerten die Maedchen das Spiel. Jetzt wurde es still, rasch gingen sie hinaus mit der Lampe. Aber die Stunde war noch nicht aus, sie lauschten und hoerten den Vater noch sprechen: "das ist doch nicht e, wie heisst denn diese Note?" "Sie sind noch nicht fertig," sagten sich die Schwestern und gingen wieder an ihre Arbeit. Aber Herr Pfaeffling sagte nur noch etwas rasch zu seiner Schuelerin: "Ich glaube, es ist genug fuer heute, besinnen Sie sich daheim, wie diese Note heisst," und gleich darauf kam Fraeulein Vernagelding heraus und stand in dem stockfinsteren Gang. Jede andere haette ihren Rueckweg im Dunkeln gesucht, aber das Fraeulein gehoerte nicht zu den tapfersten, sie kehrte um, klopfte noch einmal am Eckzimmer an und sagte mit ihrem gewohnten Lachen: "Ach bitte, Herr Pfaeffling, mir graut so vor dem langen dunkeln Gang, wuerden Sie nicht Licht machen?" Da entschuldigte sich der Musiklehrer und leuchtete seiner aengstlichen Schuelerin, aber gleichzeitig rief er gewaltig: "Marianne!" und die Schwestern mit der Lampe kamen erschrocken herbei. Sie wurden noch in Gegenwart von Fraeulein Vernagelding gezankt, so dass dieser ganz das Lachen verging und sie so schnell wie moeglich durch die Treppentuere verschwand. Das Arbeiten im eigenen Zimmer musste also mit mancher Aufregung erkauft werden, aber sie mochten doch nicht davon lassen. So lernten denn die jungen Pfaefflinge an den langen Winterabenden, der eine mehr, der andere weniger, im ganzen hielten sie sich alle wacker in der Schule, machten ihre Aufgaben ohne Nachhilfe und brachten nicht eben schlechte Zeugnisse nach Hause. An einem solchen Novemberabend war es, dass Herr Pfaeffling in das Zimmer trat und seiner Frau zurief: "Caecilie, komme doch einen Augenblick zu mir herueber, aber bitte gleich!" und er hatte kaum hinter ihr die Tuere zugemacht, als er ihr leise sagte: "Ein hochinteressanter Brief!" Sie folgte ihm ueber den Gang, dieser war wieder stockfinster, aber sie beachteten es nicht. Im Musikzimmer, wo die Klavierlampe brannte, lag auf den Tasten ein Brief. Lebhaft reichte er ihn seiner Frau: "Lies, lies nur!" und als er sah, dass sie mit der fremden Handschrift fuer seine Ungeduld nicht schnell genug vorwaerts kam, sprach er: "Die erste Seite ist nebensaechlich, die Hauptsache ist eben: Kraussold aus Marstadt schreibt, es solle dort eine Musikschule gegruendet werden, und er wolle mich, wenn ich Lust haette, als Direktor vorschlagen. Ob ich Lust haette, Caecilie, wie kann man nur so fragen! Ob ich Lust haette, in einer groesseren aufbluehenden Stadt eine Musikschule zu gruenden, alles nach meinen Ideen einzurichten, ein mit festem Gehalt angestellter Direktor zu werden, anstatt mich mit Vernagelding und aehnlichen zu plagen; Caecilie, hast du Lust, Frau Direktor zu werden?" Da wiederholte sie mit froehlichem Lachen seine eigenen Worte: "Ob ich Lust haette? Wie kann man nur so fragen!" Und nun setzten sie sich zusammen auf das kleine altmodische Kanapee und besprachen die Zukunftsaussicht, die sich so ganz unvermutet eroeffnete. Und sprachen so lang, bis Elschen heruebergesprungen kam und rief: "Walburg hat das Abendessen hereingebracht und nun werden die Kartoffeln kalt!" "Eine ganz pflichtvergessene Hausfrau," sagte Herr Pfaeffling neckend, folgte Mutter und Toechterchen und war den ganzen Abend voll Froehlichkeit, ging singend oder pfeifend im Familienzimmer hin und her, und die glueckliche Stimmung teilte sich allen mit, obwohl nach stiller Uebereinkunft die Eltern zunaechst vor den Kindern noch nichts von dem unsicheren Zukunftsplan erwaehnten. Herr Kraussold aus Marstadt, der durch seinen Brief so freudige Aufregung hervorgebracht hatte, war Herrn Pfaeffling aus frueheren Jahren gut bekannt, doch hatte er die Familie Pfaeffling noch nie besucht. Bei diesem Anlass nun kuendigte er sich zur Vorbesprechung der Angelegenheit auf den naechsten Mittwoch an. Zeitig am Nachmittag wollte er eintreffen und mit dem fuenf Uhr Zug wieder abreisen. Herr Pfaeffling war in einiger Aufregung wegen des Gastes. "Er ist ein etwas verwoehnter Herr," sagte er zu seiner Frau, "ein Junggeselle, der nicht viel Sinn fuer Kinder hat, am wenigsten fuer sieben auf einmal. Sie sollten ganz in den Hintergrund treten." "Du wirst ihn wohl im Musikzimmer empfangen, dann stoeren die Kinder nicht," sagte Frau Pfaeffling. "Aber zum Tee moechte ich ihn herueber ins Esszimmer bringen. Die Kinder koennen ja irgendwo anders sein, dann richtest du fuer uns drei einen gemuetlichen Teetisch." Am Mittwoch wurde bei Tisch den Kindern mitgeteilt, dass sie an diesem Nachmittag moeglichst unhoerbar und unsichtbar sein sollten wegen des erwarteten Gastes. Um der Sache mehr Nachdruck zu geben, sagte der Vater zu den Kleinen: "Lasst euch nur nicht blicken, wer weiss, wie es euch sonst geht, wenn der Kinderfeind kommt!" Zunaechst mussten alle zusammen helfen, die schoenste Ordnung herzustellen, bis der Vater mit dem Fremden vom Bahnhof herein kaeme. Das Wetter war leidlich, sie wollten sich unten im Hof aufhalten. Am Fenster stand immer einer der Brueder als Posten und als nun der Vater in der Fruehlingsstrasse in Begleitung eines kurzen, dicken Herrn auftauchte, rannte die ganze junge Gesellschaft die Treppe hinunter und verschwand hinter dem Haus. Dort war der Boden tief durchweicht und mit dem zaeh an den Fusssohlen haftenden Lehm liess sich nicht gut auf den Balken klettern. Elschen fiel gleich beim ersten Versuch herunter und weinte klaeglich, denn sie sah uebel aus. Die Schwestern bemuehten sich, mit Wischen und Reiben ihr Kleid wieder zu saeubern. Da tat sich ein Fenster auf im unteren Stock und die Hausfrau rief: "Kinder, ihr macht das ja immer schlimmer, das kann ich gar nicht mit ansehen, kommt nur herein, ich will euch helfen. Es ist doch auch so kalt, geht lieber hinauf!" "Es ist ja der Kinderfeind droben!" rief Elschen klaeglich. "O weh!" sagte die Hausfrau mit freundlicher Teilnahme, "was tut auch ein Kinderfeind bei euch! Dann kommt nur zu mir, aber streift die Fuesse gut ab." Die Maedchen liessen sich's nicht zweimal sagen. Aber Frieder wusste nicht recht, ob er auch mit der Einladung gemeint sei. Er sah sich nach den Bruedern um, die waren hinter den Balken verschwunden. So wollte er doch lieber mit hinein zu der Hausfrau. Inzwischen waren aber auch die Schwestern weg und bis er ihnen nach ins Haus ging, hatten sie eben die Tuere hinter sich geschlossen. Anklingeln wollte er nicht extra fuer seine kleine Person. So hielt er sich wieder an seine treueste Freundin, die Ziehharmonika, und bestieg mit ihr den Thron, hoch oben auf den Brettern. Im neuen Schuljahr wurden neue Choraele eingeuebt, die wollte er auf seiner Harmonika herausbringen. Darein vertiefte er sich nun und hatte kein Verlangen mehr nach den Bruedern, obwohl er sie von seinem hohen Sitz ans gleich entdeckt hatte. Die drei standen an dem Zaun, der den Balkenplatz von dem Kasernenhof und Exerzierplatz trennte. Im Oktober waren neue Rekruten eingerueckt, die nun taeglich ihre Turnuebungen ganz nahe dem Zaune machten. Unter diesen Soldaten war ein guter Bekannter, ein frueherer Lehrling des Schreiners Hartwig, der zugleich ein Verwandter der Hausfrau war und bei ihr gewohnt hatte. Diesen nun in Uniform zu sehen, ihm beim Turnen und Exerzieren zuzuschauen, war von grossem Interesse. Er kam auch manchmal an den Zaun und plauderte freundschaftlich mit Karl. Aufmerksam sahen die jungen Pfaefflinge nach dem Turnplatz hinueber. Unter den Rekruten, die jetzt eben am Turnen waren und den Sprung ueber ein gespanntes Seil ueben sollten, waren drei, die sich gar ungeschickt dazu anstellten. Der eine zeigte wenigstens Eifer, er nahm immer wieder einen Anlauf, um ueber die Schnur zu kommen und wenn es ihm fuenfmal misslungen war, so kam er doch das sechste mal darueber und der Schweiss redlicher Anstrengung stand ihm auf der Stirne. Die beiden anderen Ungeschickten machten gleichgueltige, stoerrische Gesichter und traege Bewegungen. Als die Abteilung zur Kaserne zurueck kommandiert wurde, mussten sie nachexerzieren. Das war nun kein schoener Anblick. Dazu fing es an zu regnen, grosse waesserige Schneeflocken mischten sich darunter, und die kleinen Zuschauer entfernten sich im lebhaften Gespraech ueber die unbeholfenen Turner. So wollten sie sich einmal nicht anstellen. Sie wollten all diese Uebungen schon vorher machen, gleich morgen sollte da, zwischen den Balken, ein Sprungseil gespannt werden. Sie kamen an Frieder vorbei; der hatte auch bemerkt, dass Schnee und Regen herunter fielen und kletterte von seinem Brettersitze. Nun besprachen sich die Brueder ueber ihn. Er wuerde vielleicht auch einmal so ein Ungeschickter. Welche Schande, wenn ein Pfaeffling so schlecht auf dem Turnplatz bestuende. Es durfte nicht sein, dass er immer nur Harmonika spielte, sie wollten ihn auch springen lehren, er musste mittun, gleich morgen. Er sagte auch ja dazu, aber es war ihm ein wenig bedenklich und mit Recht: drei eifrige Unteroffiziere gegen _einen_ ungeschickten Rekruten! Als sie ans Haus kamen, fiel ihnen erst wieder der Gast ein, der droben die Gegend unsicher machte. War er vielleicht schon fort? Die Maedchen, die noch bei der Hausfrau waren, wurden gerufen und beschlossen, dass sie erkundigen sollten, wie es oben stuende. Marie wagte sich hinauf, erschien bald wieder an der Treppe und winkte den anderen, leise nachzukommen. Elschen folgte nur zaghaft den Geschwistern, sie stellte sich den Kinderfeind als eine Art Menschenfresser vor. "Er ist im Wohnzimmer," fluesterte Marie, "wir gehen in das Musikzimmer, da hoert man uns nicht." Auf den Zehen schlich sich die ganze Kindergesellschaft in das Eckzimmer. Dort fuehlten sie sich in Sicherheit. Nur war von allem, was sie gerne gehabt haetten, von Buechern und Heften oder Spielen hier nichts zu haben. So standen sie alle sieben herum, warteten und fingen an, in dem kuehlen Zimmer zu frieren, denn sie waren nass und durchkaeltet. "Wir wollen miteinander ringen, dass es uns warm wird," schlug Wilhelm vor und Otto ging darauf ein. Karl war auch dabei: "Ich nehme es mit der ganzen Marianne auf," rief er, "kommt, du Marie gegen meine rechte Hand, du Anne gegen meine linke, Frieder, Elschen, stellt die Stuehle aus dem Weg." Sie taten es und dann machten sie es den grossen Geschwistern nach. Das gab ein Gelaechter und Gekreisch und aber auch einen grossen Plumps, weil Otto und Wilhelm zu Boden fielen. In diesem Augenblick ging die Tuere auf; Herr Pfaeffling hatte ahnungslos seinen Besuch aufgefordert, das Klavier zu probieren und so traten sie miteinander ins Musikzimmer. Nein, auch fuer einen Kinderfreund waere dieser Knaeuel sich balgender Knaben und ringender Maedchen kein schoener Anblick gewesen, und nun erst fuer den Kinder_feind_! Er prallte ordentlich zurueck. Elschen schrie beim Anblick des gefuerchteten Fremden laut auf und ergriff eiligst durch den anderen Ausgang die Flucht, alle Geschwister ihr nach. Aber noch unter der Tuere besann sich Karl, kehrte zurueck, gruesste und sagte: "Entschuldige, Vater, wir wollten drueben nicht stoeren, deshalb sind wir alle hier gewesen," dann stellte er rasch die Stuehle an ihren Platz und rettete dadurch noch einigermassen die Ehre der Pfaefflinge, die sich wohl noch nie so unguenstig praesentiert hatten, wie eben diesem Fremden gegenueber. Eine kleine Weile darnach reiste der Gast ab, von Herrn Pfaeffling zur Bahn geleitet. Die Kinder nahmen wieder Besitz von dem grossen Tisch im Wohnzimmer und sassen bald in der gewohnten Weise an ihren Aufgaben, doch war ihnen allen bang, wie der Vater wohl die Sache aufgenommen habe und was er sagen wuerde bei seiner Rueckkehr von der Bahn; die Mutter war ja nicht dabei gewesen, sie konnte es nicht wissen. Nun kam der Vater heim. Eine merkwuerdige Stille herrschte im Zimmer, als er ueber die Schwelle trat. Er blieb einen Augenblick stehen und betrachtete das friedliche Familienbild. Dann sagte er: "Da sitzen sie nun wie Musterkinder ganz brav bei der Mutter, sanft wie unschuldige Laemmlein, nicht wieder zu erkennen die wilde Horde von drueben!" Bei diesem Scherzenden Ton wurde ihnen allen leicht ums Herz, sie lachten, sprangen dem Vater entgegen und Elschen fragte: "Ist der Herr weit weggereist, Vater, und bleibt der jetzt schoen da, wo er hin gehoert?" "Jawohl, du kannst beruhigt sein, er kommt nicht mehr. Und wenn er kaeme oder wenn ein anderer kommt," setzte Herr Pfaeffling hinzu, indem er sich an seine Frau wandte, "dann geben wir uns gar keine Muehe mehr, unser Hauswesen in stiller Vornehmheit zu zeigen und in kuenstliches Licht zu stellen, denn so ein kuenstliches Licht verloescht doch ploetzlich und dann ist die Dunkelheit um so groesser." Ein paar Stunden spaeter, als Elschen laengst schlief, die Schwestern Gute Nacht gesagt hatten und Frieder mit Wilhelm und Otto im sogenannten Bubenzimmer ihre Betten aufsuchten, sass Karl noch allein mit den Eltern am Tisch. Seit seinem fuenfzehnten Geburtstag hatte er dies Vorrecht. Es wurde allmaehlich still im Haus. Auch Walburg hatte Gute Nacht gewuenscht; manchmal lag kein anderes Wort zwischen ihrem "Guten Morgen" und "Gute Nacht". Die drei, die nun noch am Tische sassen, waren ganz schweigsam und bewegten doch ungefaehr denselben Gedanken. Herr Pfaeffling dachte: Wenn nur Karl auch zu Bett ginge, dass ich mit meiner Frau von Marstadt reden koennte. Die Kinder sollen ja noch nichts davon wissen. Er zog seine Taschenuhr--es war noch nicht spaet. Dann ging er auf und ab, sah wieder nach der Uhr und wurde immer ruheloser. Frau Pfaeffling dachte: Meinem Mann ist es laestig, dass wir nicht allein sind, aber er moechte Karl doch nicht so frueh zu Bett schicken. Nein, diese Unruhe! Und dagegen die Ruhe, mit der Karl in sein Buch schaut und nicht ahnt, dass er stoert. Darin taeuschte sich aber Frau Pfaeffling, denn Karl dachte: Der Vater schweigt und die Mutter schweigt. Wenn ich zur Tuere hinausginge, wuerden sie reden, ueber Herrn Kraussold aus Marstadt, denn mit diesem hat es eine besondere Bewandtnis. Nun zieht der Vater zum drittenmal in fuenf Minuten seine Uhr. Er moechte mich fort haben und doch nicht fortschicken. Und die Mutter auch. Da ist's wohl angezeigt, dass ich freiwillig gehe. Er klappte das Buch zu, stand auf und sagte: "Gute Nacht, Vater, gute Nacht, Mutter, ich will jetzt auch gehen." "Gute Nacht, Karl." Sie waren ueberrascht, dass er so bald aufbrach. "Es ist Zufall," sagte Herr Pfaeffling. "Oder hat er gemerkt, dass er uns stoert," meinte die Mutter. "Woran sollte er das gemerkt haben? Wir haben nichts gesagt und er hat gelesen." "Dir kann man so etwas schon anmerken," erwiderte Frau Pfaeffling laechelnd. "Das muss ich noch erfahren," sagte Herr Pfaeffling lebhaft und rief seinen Jungen noch einmal zurueck: "Sage offen, warum du so bald zu Bett gehst?" Einen Augenblick zoegerte Karl, dann erwiderte er schelmisch: "Weil du dreimal auf deine Uhr gesehen hast, Vater." "Also doch? So geh du immerhin zu Bett, Karl, es ist nett von dir, dass du Takt hast--uebrigens, wenn du Takt hast, dann kannst du ebensogut hier bleiben, dann wirst du auch nicht taktlos ausplaudern, was wir besprechen." "Das meine ich auch," sagte Frau Pfaeffling, "er wird nun bald sechzehn Jahre. Komm, Grosser, setze dich noch einmal zu uns." Dem Sohn wurde ganz eigen zumute. Mit einemmal fuehlte er sich wie ein Freund zu Vater und Mutter herbeigezogen, und in dieser Abendstunde erfuhr er, was seine Eltern gegenwaertig freudig bewegte. Als er sich aber eine Stunde spaeter leise neben seine Brueder zu Bette legte, da besann er sich, ob irgend etwas auf der Welt ihn bewegen koennte, das Vertrauen der Eltern zu taeuschen, und er fuehlte, dass keine Lockung noch Drohung stark genug waere, ihm das anvertraute Geheimnis zu entreissen. In aller Stille reiste am folgenden Sonntag unser Musiklehrer nach Marstadt, um sich dort den Herren vorzustellen, die ueber die Ernennung des Direktors fuer die neu zu gruendende Musikschule zu entscheiden hatten. Es kam noch ein anderer, juengerer Mann aus Marstadt fuer die Stelle in Betracht, und nun musste sich's zeigen, ob Herr Pfaeffling wirklich, wie sein Freund Kraussold meinte, die besseren Aussichten habe. Unterwegs nach der ihm unbekannten Stadt wurde Herr Pfaeffling immer kleinmuetiger. Warum sollten sie denn ihn, den Fremdling, waehlen, statt dem Einheimischen? Sie konnten ja gar nicht wissen, wie eifrig er sich seinem neuen Beruf widmen wollte und wie ihm dabei all seine seitherigen Erfahrungen an der Musikschule zustatten kommen wuerden! In Marstadt angekommen, machte er Besuche bei den Herren, die sein Freund Kraussold ihm nannte. War er bei dem ersten noch verzagt, so wuchs seine Zuversicht bei jedem weiteren Besuch, denn wie aus _einem_ Munde lautete das Urteil ueber seinen Mitbewerber: "Zu jung, viel zu jung zum Direktor" Und einmal, als er in Begleitung seines Freundes ueber die Strasse ging, sah er selbst den Juengling, der sein Mitbewerber war, und von da an war er beruhigt; das war noch kein Mann fuer solch eine Stelle, der sollte nur noch zehn Jahre warten! In froher Zuversicht konnte unser Musiklehrer die Heimreise antreten. Am Bahnhof von Marstadt bot ein Maedchen Blumen an. In seiner hoffnungsfreudigen Stimmung gestattete er sich einen bei ihm ganz unerhoerten Luxus: Er kaufte eine Rose. Sein Freund Kraussold sah ihn gross an: "Zu was brauchst _du_ so etwas?" "Fuer die zukuenftige Frau Direktor," antwortete Herr Pfaeffling froehlich, und als sein Freund noch immer verwundert schien, setzte er ernst hinzu: "Weisst du, sie hat es schon manchmal recht schwer gehabt in unseren knappen Verhaeltnissen." Sie verabschiedeten sich und Kraussold versprach, am naechsten Donnerstag gleich nach Schluss der Sitzung ihm den Entscheid ueber die Besetzung der Stelle zu telegraphieren. Als bei seiner Heimkehr Herr Pfaeffling seiner Frau die Rose reichte, wusste sie alles, auch ohne Worte: seine glueckselige siegesgewisse Stimmung, seine Freude, dass er auch ihr ein schoeneres Los bieten konnte, das alles erkannte sie an der unerhoert verschwenderischen Gabe einer Rose im November! Die Sache blieb nicht laenger Geheimnis. Herr Pfaeffling besprach sie mit seinem Direktor, in der Zeitung kam eine Notiz aus Marstadt ueber die geplante Musikschule und die zwei Bewerber um die Direktorstelle. Auch die Kinder hoerten nun davon, die Hausleute erfuhren es und Walburg wurde es ins Ohr gerufen. Je naeher der Donnerstag kam, um so mehr wuchs die Spannung auf den Entscheid. Am Vorabend lief noch ein Brief von Kraussold ein, der keinen Zweifel mehr darueber liess, dass Pfaeffling einstimmig gewaehlt wuerde. Gegen Mittag konnte das Telegramm einlaufen. Es war noch nicht da, als Herr Pfaeffling aus der Musikschule heimkam. So setzten sie sich alle zu Tisch wie gewoehnlich, aber die Kinder stritten sich darum, wer aufmachen duerfte, wenn der Telegraphenbote klingeln wuerde. Die Mutter hatte das aufmerksame Ohr einer Hausfrau, sie legte den Loeffel aus der Hand und sagte: "Er kommt." Einen Augenblick spaeter klingelte es, und von den dreien, die hinaus gerannt waren, brachte Wilhelm das Telegramm dem Vater, der rasch den Umschlag zerriss. Es war ein langes, ein bedenklich langes Telegramm. Es besagte, dass noch in der letzten Stunde der Beschluss, im naechsten Jahre schon eine Musikschule zu gruenden, umgestossen worden sei und man eines guenstigen Bauplatzes wegen noch ein paar Jahre warten wolle! Herrn Pfaeffling war zumute, wie wenn man ihm den Boden unter den Fuessen weggezogen haette, als er las, dass die ganze Musikschule, die er dirigieren wollte, wie ein Luftschloss zusammenbrach. O, diese traurige Tischgesellschaft! Wie bestuerzt sahen die Eltern aus, wie starrten die Buben das unheilvolle Telegramm an, wie flossen den Maedchen die Traenen aus den Augen, wie schaute Elschen so ratlos von einem zum andern, weil sie gar nichts von dem allen verstand! Frieder, der neben der Mutter sass, wandte sich halblaut an sie: "Es waere viel freundlicher gewesen, wenn sie das mit der Musikschule schon vorher ausgemacht haetten, und das mit dem Vater erst nachher." "O Frieder," rief der Vater und fuhr so lebhaft vom Stuhl auf, dass alle erschraken, "wenn die Marstadter nur so klug waeren wie du, aber die sind so--ich will gar nicht sagen wie, das _kann_ man ueberhaupt gar nicht sagen, dafuer gibt es keinen Ausdruck!" Frau Pfaeffling nahm das Telegramm noch einmal zur Hand: "Ein paar Jahre wollen sie warten," sagte sie, "vielleicht nur zwei Jahre, dann waere es ja nicht so sehr ferne gerueckt!" "Es koennen auch fuenf daraus werden und zehn," entgegnete Herr Pfaeffling, "inzwischen kommen die, die jetzt noch zu jung waren, ins richtige Alter und ich komme darueber hinaus. Nein, nein, da ist nichts mehr zu hoffen, Direktor bin ich _gewesen_." Mit diesen Worten verliess er das Zimmer, und man hoerte ihn ueber den Gang in das Musikzimmer gehen. Die Kinder assen, was auf ihren Tellern fast erkaltet war. "Ich wollte, Herr Kraussold waere gar nie in unser Haus gekommen!" sagte Anne. Da stimmten alle ein und der ganze Zorn entlud sich ueber ihn, bis die Mutter wehrte: "Herr Kraussold hat es nur gut gemeint. Ihr Kinder habt ueberdies allen Grund, froh zu sein, dass wir hier bleiben. Ihr bekommt es nirgends mehr so gut wie hier aussen in der Fruehlingsstrasse. Fuer euch waere es kein Gewinn gewesen." "Aber fuer den Vater und fuer dich," sagte Karl, und er dachte an den schoenen Abend, an dem die Eltern ihm die frohe Zukunftsaussicht anvertraut hatten. "Ja," sagte die Mutter, "aber der Vater und ich kommen darueber weg. In der ersten Viertelstunde ist man wohl betroffen, aber dann stemmt man sich gegen das Ungemach und sagt sich: dies gehoert auch zu den Dingen, die uns zum besten dienen muessen, wie alles, was Gott schickt, und dann besinnt man sich: wie muss ich's anpacken, damit es mir zum besten dient?" Die Mutter versank in Gedanken. "Seid ihr satt, Kinder?" fragte sie nach einer kleinen Weile. "Dann deckt den Tisch ab, ich will ein wenig zum Vater hinuebergehen. Nehmt auch die Rose mit hinaus, die Blaetter fallen ab." Im Eckzimmer wanderte Herr Pfaeffling auf und ab und wartete auf seine Frau, denn er wusste ganz gewiss, dass sie zu ihm kommen wuerde. Sie hatten schon manches Schwere miteinander getragen, und nun musste auch diese Enttaeuschung gemeinsam durchgekaempft werden. Als Frau Pfaeffling eintrat, hatte ihr Mann ein Blatt Papier in der Hand und reichte es ihr mit schmerzlichem Laecheln: "Da sieh, gestern abend war ich so zuversichtlich, da habe ich fuer dich ein kleines Lied komponiert, das wollte ich dir heute abend mit der Guitarre singen. Die Kinder haetten im Chor den Schlussreim mitsingen duerfen, auf den jeder Vers ausgeht: "'Drum rufen wir mit frohem Sinn: Es lebe die Direktorin!' "Nun muss es heissen: "'Schlag dir die Ehre aus dem Sinn Du wirst niemals Direktorin.'" "Nein, nein," wehrte Frau Pfaeffling, "du musst es anders umaendern, es muss ausgedrueckt sein, dass wir trotz allem einen frohen Sinn behalten." "Fuer den Gedanken finde ich jetzt noch keinen Reim," sagte er truebselig, "ich brauche auch keinen, mit dem Lied kannst du Feuer machen." Sie sprachen noch lange von der grossen Enttaeuschung, und dann kamen sie auf den beginnenden Winter zu sprechen, fuer den noch nicht so viel Stunden angesagt waren als noetig erschien, um gut durchzukommen. So erschien ihnen die Zukunft grau wie der heutige Novemberhimmel. Inzwischen war wohl eine halbe Stunde vergangen. Da fragte vor der Tuere eine Kinderstimme: "Duerfen wir herein?" "Was wollt ihr denn?" rief dagegen, wenig ermutigend, der Vater. Unter der Tuere erschienen die drei Schwestern; voran die Kleine mit strahlendem Ausdruck, dann Marie und Anne. Sie trugen zwei Tassen, Kaffee- und Milchkanne und stellten das alles vorsichtig auf den Tisch. Die zwei Grossen sahen zaghaft aus, wussten nicht recht, wie die Ueberraschung wohl aufgenommen wuerde. "Was faellt euch denn ein, Kinder?" fragte die Mutter. Marie antwortete, aber ihre Stimme zitterte und die Traenen wollten kommen: "Wir haben auf heute einen Kaffee gemacht, weil ihr fast nichts gegessen habt!" und Anne fluesterte der Mutter zu: "Von unserem Geld, du darfst nicht zanken." Schnell gingen sie wieder hinaus und hoerten eben unter der Tuere, wie die Mutter freundlich sagte: "Dann kann ich freilich nicht zanken," so war also die Ueberraschung gut aufgenommen worden. Solch ein Kaffee nach Tisch war eine Liebhaberei von Herrn Pfaeffling, die er sich nur an Festtagen gestattete. So kam es ihm auch wunderlich vor, sich gerade heute mit seiner Frau an den Kaffeetisch zu setzen, er war sich keiner festtaeglichen Stimmung bewusst! Aber man musste es doch schon den Kindern zuliebe tun, sicher wuerde Marie, das Hausmuetterchen, gleich nachher visitieren, ob auch die Kannen geleert seien. Diesem festtaeglichen Kaffee gegenueber wich die graue Novemberstimmung unwillkuerlich, und bei der zweiten Tasse sagte unser Musiklehrer zu seiner Frau: "Man muesste eben den Schlussreim so veraendern: "'Direktor her, Direktor hin, Wir haben dennoch frohen Sinn.'" Der letzte Schluck Kaffee war noch nicht genommen, da klingelte es. Frau Pfaeffling horchte und rief erschrocken: "Kann das Fraeulein Vernagelding sein?" "Donnerstag? Freilich, das ist ihr Tag. O, die unglueckselige Stunde, die hatte ich total vergessen, muss die auch gerade heute sein! Wenn ich die jetzt vertrage, Caecilie, dann bewundere ich mich selber. Du glaubst nicht, wie unmusikalisch das Fraeulein ist!" Frau Pfaeffling hatte das Kaffeegeschirr rasch auf das Brett gestellt und war laengst damit verschwunden, bis Fraeulein Vernagelding im Vorplatz am Kleiderhalter und Spiegel Toilette gemacht und ihre niedlichen Loeckchen zurechtgesteckt hatte. Herr Pfaeffling nahm sich gewaltig zusammen, als diese unbegabteste aller Schuelerinnen sich neben ihn ans Klavier setzte und mit holdem Laecheln sagte: "Heute duerfen Sie es nicht so streng mit mir nehmen, Herr Pfaeffling, ich konnte nicht so viel ueben, denken Sie, ich war gestern auf meinem ersten Ball. Es war ganz reizend. Ich war in Rosa." "Freut mich, freut mich," sagte Herr Pfaeffling und trippelte bereits etwas nervoes mit seinem rechten Fuss. "Aber jetzt wollen wir gar nicht mehr an den Ball denken, sondern bloss an unsere Tonleiter. G-dur. Nicht immer wieder f nehmen statt fis, das lautet greulich fuer mich. Schon wieder f! Wieder f! Aber Sie nehmen ja jedesmal f, Sie denken wieder an den gestrigen Ball!" "Nein, Herr Pfaeffling," entgegnete sie und sah ihn strahlend an, "ich denke ja an den morgigen Ball, was sagen Sie dazu, dass ich morgen schon wieder tanze! Diesmal in Meergruen. Ist das nicht suess?" Herr Pfaeffling sprang vom Stuhl auf. "Suess, ja suess!" wiederholte er, "aber zwischen zwei Baellen Sie mit der G-dur Tonleiter zu plagen, das waere grausam, vielleicht auch gegen mich. Da gehen Sie lieber heim fuer heute." "Ja, darf ich?" sagte sie aufstehend, und die hoffnungsvolle Schuelerin empfahl sich mit dankbarem Laecheln und Knix. Als Frau Pfaeffling durch den Vorplatz ging, sah sie mit Staunen, dass Fraeulein Vernagelding schon wieder am Spiegel stand. Sie hatte diesmal entschieden mehr Zeit am Spiegel als am Klavier verbracht. Herr Pfaeffling erzaehlte, dass ihm die Geduld ausgegangen sei, er glaube aber nicht, dass es das Fraeulein uebelgenommen habe. "Aber Frau Privatiere Vernagelding wird um so mehr gekraenkt sein," sagte Frau Pfaeffling besorgt. Unnoetige Sorge! Als das tanzlustige Fraeulein daheim von der abgekuerzten Stunde berichtete, sagte die Mutter: "Dies ist ein einsichtsvoller Herr. Er goennt doch auch der Jugend ihr unschuldiges Vergnuegen. Wir muessen ihm gelegentlich ein Praesent machen, Agathe." 3. Kapitel Der Leonidenschwarm. Samstag nachmittag war's und eifrige Taetigkeit in Haus und Hof. Frau Pfaeffling und Walburg hatten viel zu putzen und zu ordnen und auf die Hilfe von Marie und Anne wurde dabei schon ganz ernstlich gerechnet. Ob sie gerne das Geschirr in der Kueche abtrockneten und mit Vorliebe den Staub wischten, ob sie mit Lust die Leuchter putzten und mit Freuden die Lampen, das wusste niemand, aber das wussten alle, dass diese Arbeiten geschehen mussten und Walburg nicht mit allem allein fertig werden konnte. Die Brueder hatten auch fuer etwas einzustehen im Haus: Sie mussten sorgen, dass in der Holzkammer stets fein gespaltenes Holz vorraetig war. Das hatten sie aber heute schon besorgt und nun waren sie in froehlicher Taetigkeit auf dem Balkenplatz. Der Schreinersgeselle, Remboldt, der als Soldat diente und durch den Zaun die Freundschaft mit den jungen Pfaefflings pflegte, hatte gesehen, wie sie sich muehsam ein Sprungseil zu spannen versuchten und nicht zurecht damit kamen. Darauf hatte er ihnen versprochen, ihnen zu helfen, sobald er frei habe, und nun war er heruebergekommen. Mit seiner Hilfe ging die Sache anders vonstatten. Zwei Pfaehle wurden eingerammelt, an denen sich das Seil in verschiedener Hoehe spannen liess, ganz wie drueben auf dem Militaerturnplatz, nur dass auf kleinere Turner gerechnet werden musste. Frieder wurde herbeigeholt. Er war fuer einen Achtjaehrigen noch ein kleiner Kerl und nicht so gewandt wie seine leichtfuessigen Brueder. Es zeigte sich, dass man das Seil noch viel naeher am Boden spannen musste, und als er seine ersten Sprungversuche machte und fest auf das Seil, anstatt darueber sprang, lachten sie alle und nannten ihn, wie in seinen frueheren Kinderjahren, das kleine Dummerle. Er nahm das aber nicht uebel, um so weniger als Remboldt, der inzwischen Frieders Harmonika genommen und umsonst probiert hatte, etwas Wohlklingendes herauszulocken, bewundernd sagte: "Wie der Kleine nur so umgehen kann mit dem grossen Instrument, gestern haben ihm viele Soldaten zugehoert, da hat's geklungen wie das Lied: 'Wachet auf, ruft uns die Stimme'." "Ja, das war's," sagte Frieder, "das lernen wir jetzt in der Schule." "Was sagt denn dein Lehrer dazu, wenn du die Lieder so spielen kannst?" "Ich nehme doch die Harmonika nicht mit in die Schule!" sagte Frieder ganz erstaunt. "Nimm sie doch einmal mit," entgegnete Remboldt, "da wirst du sehen, wie der Lehrer Respekt vor dir bekommt und alle deine Mitschueler." Frieder machte grosse Augen. Daheim war eigentlich immer nur eine Stimme des Aergers ueber sein Spiel, und nun meinte Remboldt, er sollte seine Harmonika absichtlich dahin mitnehmen, wo recht viele sie hoeren wuerden? Zweifelnd sah er auf seine alte, treue Begleiterin. Bisher hatten sie sich immer moeglichst miteinander entfernt von allen Menschen, und nun sollten sie sich vordraengen? Ihm kam es unbescheiden vor, aber doch auch lockend, und so ging er nachdenklich davon, waehrend seine Brueder sich noch mit Remboldt unterhielten. Dieser erzaehlte gern von seinem Soldatenleben, bei dem er mit Leib und Seele war. Und heute hatte er Neues zu berichten: "Heute nacht war ich auf der Wache," sagte er, "vor dem Kasernentor. Da blaest einem der Wind eisig um die Ohren und die Fuesse werden steif, wenn man nicht immerzu hin und her laeuft. Man hoert auch gern seinen eigenen Tritt, weil's so totenstill ist, man meint, man sei ganz allein auf der Welt. Es war so eine finstere Nacht, kein Mondschein am Himmel und im Westen eine schwarze Wand, nur im Osten war's hell und ein paar Sterne am Himmel. Vor mir war der weite, leere Kasernenhof, hinter mir die lange, schwarze Kasernenmauer, ganz unheimlich, sage ich euch. Da, nach Mitternacht, hat sich der Wind gelegt und der Himmel ist klarer geworden. Wie ich nun so hinausschaue, wie immer mehr Sterne herauskommen, da fliegt einer in grossem Bogen ueber den halben Himmel, und wie ich dem nachschaue, kommt wieder einer und zwei auf einmal und so ging's fort und mir war's gerade, wie wenn mir zuliebe so ein himmlisches Feuerwerk veranstaltet waere, denn, dachte ich, es sieht's ja sonst niemand als du. Mir war's ganz feierlich zumute. Ich nahm mir aber vor: den Kameraden erzaehlst du das nicht, sie meinen sonst, du flunkerst. Aber da kam morgens eine Abteilung von einer naechtlichen Felddienstuebung heim und die hatten es auch beobachtet und fingen gleich davon an zu erzaehlen. Ihnen hat ihr Hauptmann erklaert, dass alle Jahre in den Naechten um den 12. bis 15. November herum so ein Sternschnuppenschwarm sei, der heisse der Leonidenschwarm. In manchen Jahren sei er besonders reich und so in diesem. Aber erst nach Mitternacht und man sehe es nur selten so schoen wie in der vergangenen Nacht, weil die Novembernaechte meistens trueb seien. Wenn's heute nacht hell waere, ich wollte gleich wieder auf die Wache ziehen um den Preis." Karl, der grosse, Wilhelm, der zweite, Otto, der dritte, sie kamen alle mit _einem_ Gedanken vom Hof herauf: den Leonidenschwarm mussten sie sehen! Heute oder morgen wollten sie nach Mitternacht hinuntergehen und von dem Balken aus die Sternschnuppen beobachten. Wenn nur die Erlaubnis der Eltern zu bekommen war. Oder konnte man's ungefragt unternehmen? Es war ja nichts Schlimmes. Sie berieten miteinander. Die Schwestern kamen dazu und wurden eingeweiht in den Plan. Da entschied Marie, das praktische Hausmuetterchen: "Ohne Erlaubnis geht das nicht, weil es nicht ohne Hausschluessel geht, die Haustuere wird nachts geschlossen." Also musste man bittend an die Eltern kommen. Der Vater wollte nicht gern der Jugend den Hausschluessel anvertrauen und die Mutter meinte, so vom Bett in die Novembernacht hinaus wuerden sie sich erkaelten. Und alle beide fuerchteten sie, die Hausleute moechten bei Nacht gestoert werden. Dagegen sagte der Vater, seine Buben duerften nicht so zimperlich sein, dass sie nicht eine Stunde draussen in der Winternacht aushalten koennten, und die Mutter erzaehlte, dass sie schon von ihrer Jugend an den Wunsch gehabt haette, so einen Sternschnuppenschwarm zu sehen, die drei Brueder versicherten, dass sie lautlos die Treppe hinunterschleichen wuerden. Da machte die kleine Else, die gespannt zugehoert hatte, ob die Brueder mit ihrer Bitte wohl durchdringen wuerden, den Schluss, indem sie erklaerte: "Also dann duerft ihr!" Da lachten sie alle und niemand widersprach. Aber doch war es nur so eine halbe Erlaubnis, und die Brueder hielten es fuer klug, nimmer auf das Gespraech zurueckzukommen. Ueberdies fing es am Abend an zu regnen, ja es regnete auch noch den ganzen Sonntag und niemand dachte mehr an die Sternschnuppen. Als aber am Sonntag abend Karl zu Bett ging, bemerkte er, dass am Himmel ein paar Sterne sichtbar waren. Wenn es nun doch moeglich wuerde? Er richtete seine Weckuhr auf 1 Uhr und konnte vor Erwartung kaum einschlafen. Waehrend nun Stille im ganzen Haus wurde und die Nacht weiter vorrueckte, loesten und verteilten sich am Himmel immer mehr die schweren Wolken, ein Stern nach dem andern leuchtete hervor und als, vom Wecker aufgeschreckt, Karl ans Fenster huschte um zu sehen, ob etwas zu hoffen waere, strahlte ihm der klarste Himmel entgegen, ja, er meinte sogar ein kurzes Leuchten wie von einer fliegenden Kugel gesehen zu haben. Es war nun keine kleine Aufgabe, Wilhelm und Otto zu wecken, ohne dabei das ganze Haus aufzumuntern. Zum Glueck lag das Bubenzimmer nicht neben dem Schlafzimmer der Eltern. Die verschlafenen Brueder hatten nicht einmal mehr Lust zu dem naechtlichen Unternehmen, aber die stellte sich wieder ein, sobald sie ganz wach waren, und nun richteten sich die Drei in aller Stille. Nebenan schliefen die Schwestern. Ploetzlich ging die Tuere leise auf, ein Arm streckte sich herein und ein geheimnisvolles: "Gelt ihr geht? Da habt ihr unsern Schal!" wurde gefluestert; das grosse warme Tuch flog herein, die Tuere ging leise wieder zu. Mit klopfendem Herzen nahm Karl den Hausschluessel vom Nagel, in Struempfen, die Stiefel in der Hand, schlichen sie alle Drei ueber den Gang, und die Treppe hinunter. Aber ehe sie hinaustraten in den nassen Hof, mussten doch die Stiefel angezogen werden und das ging nicht so ganz ohne jegliches Geraeusch, nicht ohne Gefluester. Auch der Schluessel bewegte sich nicht ohne metallenen Klang im Schloss und die Tuere nicht ohne Knarren in den Angeln. Hingegen ging sich's lautlos auf dem bodenlosen Weg nach dem Balken, und als die Drei erst hinter den Brettern, nahe dem Kasernenzaun waren, schien ihnen das Unternehmen gelungen. Das wachsame Ohr von Frau Hartwig, der Hausfrau, hatte aber etwas gehoert. Sie wusste zunaechst selbst nicht, an was sie erwacht war, aber sie hatte das Gefuehl: Irgend etwas ist nicht in Ordnung. Sie setzte sich im Bett auf, horchte, vernahm ganz deutlich den ihr wohlbekannten Ton der sich schliessenden Haustuere und dann ein Fluestern ausserhalb derselben. "Es ist jemand hinausgegangen," sagte sie sich, "wer hat nachts um 1 Uhr hinauszugehen?" Sie besann sich, es war ihr unerklaerlich. "Es ist ungehoerig," sagte sie sich, "wer solch naechtliche Spaziergaenge macht, der soll nur draussen bleiben," und rasch entschlossen ging sie hinaus und schob den Nachtriegel an der Haustuere vor. Dann legte sie sich beruhigt wieder, nun konnte niemand ins Haus herein, ohne anzuklingeln; auf diese Weise wollte sie schon herausbringen, wer hinausgeschluepft war. War es jemand mit gutem Gewissen, der mochte klingeln. Auf Frieders hohem Brettersitz sassen die drei Brueder in der Stille der Nacht und sahen erwartungsvoll hinauf nach dem Sternenhimmel. In wunderbarer Klarheit woelbte er sich ueber ihnen. Das war ein Schimmern und Leuchten aus unendlichen Fernen! Keiner von ihnen hatte es je so schoen gesehen. "Wenn auch weiter gar nichts zu sehen waere," sagte Karl, "so wuerde mich's doch nicht reuen, dass ich aufgestanden bin." "Mich reut's auch nicht," sagte Wilhelm, "obwohl ich's gar nicht glaube, dass einer von den Sternen auf einmal anfaengt zu fliegen. Die stehen da droben alle so fest!" "Seht, seht da!" rief in diesem Augenblick Otto und deutete nach Osten. Ein heller, weissglaenzender Stern schoss am Firmament in weitem Bogen dahin und war dann ploetzlich verschwunden. In einem Nu hatte er die riesige Bahn durchflogen, wie weit wohl? Ja, das mochte wohl eine Strecke gewesen sein, groesser als das ganze Deutsche Reich. Staunend sahen die Kinder hinauf: da--schon wieder eine Sternschnuppe, groesser als die vorige, in gelbem Licht strahlend, und nach wenigen Minuten wieder eine. Die meisten kamen aus derselben Himmelsgegend und flogen in gleicher Richtung. Die Kinder fingen an zu zaehlen, aber als die Zeit vorrueckte und es auf den Turmuhren 2 Uhr geschlagen hatte, wurden die Sternschnuppen immer haeufiger, oft waren zwei oder drei zugleich sichtbar, es war ueber alles Erwarten schoen. Allmaehlich schoben sich aber von Westen herauf immer groessere Wolkenmassen und fingen an, die Sterne zu verdunkeln. Endlich kam das Gewoelk bis an die Himmelsgegend, von der die meisten Sternschnuppen ausgingen, und wie wenn den staunenden Blicken nicht laenger das schoene Schauspiel vergoennt sein sollte, zog sich eine dichte Decke ueber die ganze Herrlichkeit. Noch standen die Kinder auf ihrem Posten und hofften, die Wolken wuerden sich wieder verteilen. Da und dort schimmerte zwischendurch ein einzelner Stern. "Sie sind alle noch da und fliegen herum," sagte Otto, "nur die Wolken sind davor." Nun wurde es vollstaendig Nacht, und die Brueder empfanden auf einmal, dass es kalt war und sie selbst mued und schlaefrig. Jetzt ins warme Bett zu schluepfen, musste koestlich sein! Also kletterten sie herunter und gingen in der Stockfinsternis dem Haus zu. "Hast du doch den Schluessel, Karl?" "Jawohl, da ist er." "Das waere kein Spass, wenn du den verloren haettest und wir muessten da draussen bleiben in der Kaelte!" Sie kamen nun nahe an das Haus, schlichen sich leise und schweigend an die Tuere. Karl schloss auf und klinkte an der Schnalle, aber die von innen verriegelte Tuere ging nicht auf. "Was ist denn das?" fluesterte Karl, drehte den Schluessel noch einmal im Schloss auf und zu und klinkte und drueckte gegen die Tuere, aber die gab nicht nach. "Lass doch mich probieren," sagte Wilhelm leise, "du hast wohl falsch herumgedreht," er brachte ebensowenig zustande und Otto nicht mehr. "Lasst doch, ihr verdreht das Schloss noch," sagte Karl, "ihr seht doch, es geht nicht. Was kann denn aber schuld sein? Das Schloss ist doch in Ordnung, was haelt die Tuere zu?" In leisem Fluesterton gingen nun die Vermutungen hin und her. "Jemand hat etwas vor die Tuere gestellt, damit wir nicht hereinkoennen." "Oder den Riegel vorgeschoben." "Ja, ja, den Riegel. Natuerlich, der Riegel ist vorgeschoben! Wer hat das getan? Wer hat uns hinausgeriegelt?" Da meldete sich das Gewissen: "Vielleicht der Vater, weil wir nichts gesagt haben!" "Aber er hat es doch erlaubt!" "Ich weiss nicht mehr so recht, hat er's wirklich erlaubt?" "Wir haetten vielleicht um den Hausschluessel bitten sollen." "So wird's sein: Der Vater hat den Wecker gehoert, hat gemerkt, dass wir ungefragt fortgehen und hat hinter uns zugeriegelt. Es muss ja so sein, wer haette es sonst tun sollen?" Nach einigem Nachdenken ueber diese traurige Lage sagte Karl: "Klingeln duerfen wir nicht, gehen wir wieder hinter auf den Platz, wickeln uns in den warmen Schal und legen uns auf ein Brett, da kann man schon schlafen." So schlichen sie noch einmal wie drei kleine Suender ums Haus herum und suchten sich ein Lager zu machen auf den Brettern. Wenn es nur nicht so stockfinster gewesen waere und die Bretter so nass und so hart und so unbequem und wenn es nur vor allem nicht so bitter kalt gewesen waere! Karl blieb nur einen Augenblick liegen, dann sprang er auf: "Der Schal reicht doch nicht fuer drei, ihr koennt ihn haben und ich laufe lieber hin und her, wie wenn ich Wache haette. Wer weiss, in drei Jahren muss ich's ganz im Ernst tun." Er wickelte die Brueder in das Tuch, wanderte stramm hin und her, war ganz wohlgemut und dachte an das Soldatenleben. Aber nach einer kleinen Weile hoerte er einen seltsamen Ton. Was war denn das? Er kam naeher zu den Bruedern her--wahrhaftig, Otto schluchzte und weinte ganz laut. Er hatte ein wenig geschlafen und war nun aufgewacht und klagte, es tue ihm alles weh. Auch Wilhelm erhob sich wieder aus seiner unbequemen Lage und schien ebenso nahe am Weinen. Da fuehlte sich Karl als Aeltester verantwortlich: "Die muessen ins Bett," sagte er sich, "sonst werden sie krank. Kommt, wir wollen sehen, ob wir nicht die Marianne wach rufen koennen, damit sie uns ausriegelt." Da waren die Verschlafenen gleich wieder munter. Sie gingen nach der Seite des Hauses, wo das Schlafzimmer der Maedchen lag, und nun galt es so laut zu rufen, dass diese aufwachten, und zugleich so leise, dass Hartwigs, die unter ihnen schliefen, nichts hoerten. "Marianne, Marianne," klang es zuerst leise und allmaehlich lauter. Es ging aber umgekehrt, als es haette gehen sollen, die Schwestern hoerten nichts und die Hausleute wachten auf. Die Hausfrau laechelte ganz befriedigt. "Aha," sagte sie sich, "nun moechte man wieder herein." Sie erzaehlte ihrem Mann von der verriegelten Tuere. Er machte das Fenster auf: "Wer ist da?" rief er. Die Brueder erschraken, als sie des Hausherrn Stimme hoerten. Keiner ruehrte sich, keiner antwortete. Der Hausherr starrte in die Dunkelheit hinaus, lauschte--sah nichts, hoerte nichts und schloss das Fenster. Eine gute Weile blieben unsere drei Ausgestossenen wie angewurzelt stehen. "Wir wollen etwas an das Fenster hinaufwerfen," schlug Karl vor, und sie tasteten nach Steinchen und warfen. Aber sie trafen ganz schlecht in der Dunkelheit, fingen wieder an "Marianne" zu rufen und fanden es unbegreiflich, dass die Schwestern so fest schliefen. "Ich habe ganz deutlich die Stimme von einem Pfaeffling erkannt," sagte die Hausfrau zu ihrem Mann, "es wird doch keines von den Kindern draussen sein in der kalten Nacht? Lass mich mal rufen, mich kennen sie besser!" und leise oeffnete sie das Fenster und rief freundlich: "Seid Ihr es, Kinder?" Auf diesen Lockton gingen sie. "Ja wir sind's," riefen sie dreistimmig, naeherten sich dem Fenster und sagten: "Wir wollten nur Marianne rufen, damit sie uns hereinlaesst." Die Hausfrau erschrak. So hatte sie die Kinder hinausgeschlossen. An die Boesen hatte sie gedacht, denen es recht geschah, an die Guten, die klingeln wuerden, aber nicht an die Bescheidenen, die nicht klingeln mochten. "Ich mache euch gleich auf, Kinder," sagte sie, "wie kommt ihr nur hinaus?" "Wir haben den Leonidenschwarm angesehen." "Aber Kinder!" rief sie vorwurfsvoll und schloss das Fenster. "Was haben sie angesehen? Den Leonidenschwarm?" fragte der Hausherr, "was ist denn das wieder? Eine Studentenverbindung? Ein Verein? Und da schwaermen die Buben hinaus ohne ihren Vater und bleiben bis gegen Morgen?" Herr Hartwig war sehr aufgebracht. "Bleibe du nur da," sagte er zu seiner Frau, "ich will selbst hinaus, und ihnen sagen, was noetig ist. Wenn man nicht mehr seine Nachtruhe hat, nicht weiss, ob das Haus nachts geschlossen bleibt, dann hoert ja alles auf. Fuer solche Mietsleute bedanke ich mich!" Mittlerweile hatte der Hausherr sich angekleidet, kam heraus und schob den Riegel der Haustuere zurueck. Die drei frierenden, uebernaechtigen Kameraden sahen nicht erfreulich aus und Schreiner Hartwig mass sie mit so veraechtlichem Blick, dass ihnen sogar die gewohnte Entschuldigung entfiel, sie standen vor ihm wie das boese Gewissen. Er schob sie von der Tuere weg und den Riegel mit Gewalt wieder vor und dann sprach er ruhig und deutlich den _einen_ Satz: "Sagt eurem Vater, auf ersten Januar sei ihm die Wohnung gekuendigt." Ach, auf den nassen, harten Brettern draussen in der Winterkaelte war es den drei Bruedern nicht so elend zumute gewesen als in den eigenen Betten, in die sie ganz vernichtet sanken. Sie waren ja noch immer der Meinung, der eigene Vater habe den Riegel vorgeschoben; hatte er ihr Fortgehen schon so schlimm aufgenommen, wie musste er erst zuernen, wenn er erfuhr, was daraus entstanden war! Und wie deutlich erinnerten sie sich der Wohnungsnot vor zwei Jahren, wo der Vater von einem Haus zum andern gegangen und von jedem Hausherrn abgewiesen war, weswegen? Wegen der sieben Kinder! Und nun war durch sie die Kuendigung herausbeschworen, in ihren Augen das groesste Familienunglueck! Wilhelm und Otto schliefen trotz allem bald ein, denn sie fuehlten sich ein wenig gedeckt dadurch, dass Karl, der grosse, der Anfuehrer gewesen war. Um so schwerer lag diesem die Sache auf, und er konnte sich nicht vorstellen, wie er am Morgen den Eltern unter die Augen treten sollte. Er fand nur einen kurzen, unruhigen Schlaf. Frieder hatte von allem, was seine Schlafkameraden erlebt hatten, keine Ahnung. Er wunderte sich aber am Morgen, dass sie alle schwer aus dem Bett kamen, bedrueckt und einsilbig waren, und wunderte sich noch mehr, als die Schwestern durch die Tuerspalte hereinriefen: "War's recht schoen heute nacht?" Als er aber gern erfahren haette, von was die Rede sei, bekam er ungeduldige Antwort: "Sei nur still, du wirst noch genug davon hoeren." Sie waren sonst alle flinker als Frieder, heute aber kam dieser zuerst ins Wohnzimmer, wo die Eltern schon mit den Schwestern beim Fruehstueck waren und von Marie und Anne wussten, dass die Brueder in der Nacht fort gewesen waren. Diese zoegerten aber immer noch, zu kommen. Endlich sagte Karl: "Es hilft uns ja doch nichts, einmal muss es gesagt werden, kommt!" Er ging tapfer voran, Wilhelm und Otto hinter ihm. So traten sie in das Wohnzimmer, wo Herr Pfaeffling sich gleich lebhaft nach ihnen umwandte. "Nun," fragte er, "ist eure Expedition geglueckt? Heute nacht um 11 Uhr hat sich der Himmel so schoen aufgeklaert, da dachte ich an euch, war aber der Meinung, ihr wuerdet die Zeit verschlafen. War's denn nun schoen?" Die drei waren so betroffen ueber die unerwartet freundliche Anrede, dass sie zunaechst gar keiner Antwort faehig waren. Frau Pfaeffling ahnte gleich Boeses. "Ihr seht alle so schlecht aus," sagte sie, "ist's euch nicht gut? Oder habt ihr den Hausschluessel verloren?" "Das nicht." "Also, was sonst, redet doch!" rief der Vater. Da trat Karl naeher und sagte: "Ich will es ganz erzaehlen wie es war. Um ein Uhr sind wir hinunter gegangen, ganz leise, ohne Stiefel. Sind auf den Balken gewesen--wie schoen es da war, sage ich spaeter. Um halb drei Uhr etwa wollen wir wieder ins Haus, da ist die Tuere von innen zugeriegelt." "Aber wie abscheulich! wer hat das getan!" riefen die Schwestern wie aus einem Mund. "Klingeln mochten wir nicht, so gingen wir wieder zurueck, wollten auf den Brettern schlafen, aber es war zu kalt. So schlichen wir unter Mariannens Fenster und wollten sie wecken. Wir riefen ihr leise, das hoerte die Hausfrau und fragte durch's Fenster, ob wir's seien. Wir sagten, wo wir herkaemen und dass wir nicht hereinkoennten. Da riegelte Herr Hartwig die Haustuere auf und liess uns herein." Karl hielt inne. "So habt ihr richtig die Hausleute gestoert!" sagte Frau Pfaeffling. "Haettet ihr mir doch gesagt, dass ihr in dieser Nacht fort wollt, ich wuerde euch vorher hinunter geschickt haben, damit sie davon wissen. So aber waren sie wohl aengstlich, als sie etwas hoerten und haben deshalb geriegelt. Habt ihr euch recht entschuldigt?" "Er hat uns dazu gar keine Zeit gelassen." Sie senkten die Koepfe. Herr Pfaeffling sah seine Soehne aufmerksam an. "Kinder, ihr habt noch nicht alles gesagt." "Nein." Da trat eine bange Stille ein, bis Karl sich ermannte und die schlimme Botschaft aussprach: "Der Hausherr laesst dir sagen, auf 1. Januar sei gekuendigt." Ein Ausruf des Schreckens entfuhr der Mutter, und den Schwestern der Jammerschrei: "O haetten wir doch das Rufen gehoert, waeren wir doch aufgewacht!" Herr Pfaeffling aber straeubte sich, die Nachricht zu glauben. "Es ist doch gar nicht moeglich, dass das sein Ernst ist, glaubst du das, Caecilie? Kann das wirklich sein? Kuendigt man, weil man einmal im Schlaf gestoert wird? Taeten wir das? Mich duerfte man zehnmal wecken und ich daechte noch gar nicht an so etwas. War er denn im Zorn, was hat er denn sonst noch gesagt?" "Kein Wort weiter, aber das so langsam und deutlich, wie wenn er sich's schon vorher ausgedacht haette." "Und ihr habt euch nicht entschuldigt, habt kein Wort gesagt, um ihn zu beguetigen? Ihr Stoepsel! Und warum habt ihr denn nicht lieber geklingelt? Ist unsere Hausglocke zum Schmuck da oder zum Laeuten? Die Marianne rufen! Der Einfall! Die schlafen doch wie Murmeltiere!" Frau Pfaeffling unterbrach die immer lebhafteren Ausrufe ihres Mannes: "Es ist gleich Schulzeit und ich meine, wenn es die Buben auch nicht verdient haben, sollten sie doch einen warmen Schluck trinken, ehe sie in die Schule gehen, sieh, wie sie aussehen." "Wie die Leintuecher," sagte der Vater, "schnell, setzt euch, fruehstueckt!" So waren die drei doch wieder zu Gnaden am Tisch angenommen und konnten wirklich ihr Fruehstueck brauchen, nach dieser Nacht! Wilhelm und Otto verschlangen ihr Teil mit wahrem Heisshunger, und als sie damit fertig waren, griffen sie noch ueber zu dem Teil ihres Frieders, der vor Horchen und Staunen noch gar nicht ans Essen gekommen war und sich auch nicht wehrte gegen den Uebergriff; so etwas kam hie und da vor und heute fuehlte er, dass es so sein muesse. Herr Pfaeffling umkreiste noch eine Weile den Tisch in heftiger Erregung, so dass es seiner Frau schier schwindelte, endlich atmete er tief auf, seufzte: "O Marstadt, Marstadt!" und verliess das Zimmer, um sich zum taeglichen Gang nach der Musikschule zu richten. Rascher noch als sonst eilte er durch den untern Hausflur, er hatte keine Lust, den Hausherrn zu begegnen. Aber da waere gar keine Gefahr gewesen, auch der Schreiner wuenschte keine Begegnung und wartete ab, bis alle Glieder der Familie Pfaeffling auf dem Schulweg waren, ehe auch er das Haus verliess. So gab es zwei Maenner im Haus, die sich mieden, aber es gab auch zwei Frauen, die sich suchten. Frau Hartwig tat das Herz weh bei dem Gedanken an die Sorge, die der Familie Pfaeffling auferlegt wurde, jetzt bei Beginn des Winters und nach der eben erlebten Enttaeuschung durch die Direktorsstelle. Und es kraenkte sie, dass ihr Mann mit Recht von der leichtsinnigen Gesellschaft da droben sprechen konnte. Sie hatte so viel von der Familie gehalten, ja, sie spuerte es erst jetzt recht deutlich, eine wahre Liebe hatte sie fuer sie alle empfunden, ganz anders als je fuer fruehere Mietsleute. Sie musste das alles mit Frau Pfaeffling besprechen. Aber ihr Mann war dagegen, dass sie hinaufging. Frau Pfaeffling ihrerseits war ganz irre geworden an den Hausleuten. Sie hatte so viel Vertrauen in sie gehabt und sie hochgeachtet wegen des echten christlichen Sinnes, den sie jederzeit bewaehrt hatten. Wie stimmte dazu die Lieblosigkeit, die Kinder in die kalte Nacht hinauszuschliessen und dann noch zu kuendigen, und das alles bloss wegen einer gestoerten Nachtruhe! Sie musste sich das erklaeren lassen von Frau Hartwig, aber mit ihr _allein_ wollte sie sprechen. So strebten die beiden Frauen zusammen, und wo ein Wille ist, findet sich bald ein Weg. Im obersten Stock des Hauses war ein Revier, das beide Familien benuetzten. Das war der grosse Bodenraum, wo die Seile gezogen waren zum Waeschetrocknen und die Mange stand, zum Mangen und Rollen des Weisszeugs. Die Hausfrau war mit einem kleinen Korb Waesche hinaufgegangen, fing an, das Rad zu drehen und zu mangen. Frau Pfaeffling konnte das unten gut hoeren. Nicht lange, so stieg auch sie hinauf. Vom Drehen des Rades war bald nichts mehr zu hoeren. Nach einer guten Weile kamen die beiden Frauen froehlichen Sinnes miteinander herunter, zwischen ihnen gab es kein Missverstaendnis mehr und sie waren der guten Zuversicht, dass sich auch die beiden Maenner miteinander verstaendigen wuerden. Frau Hartwig sagte an diesem Mittag zu ihrem Mann: "Hat dir nicht gestern Remboldt erzaehlt von den vielen Sternschnuppen, die er auf der Wache gesehen hat?" "Ja, du warst ja dabei." "Weisst du, wie man diese Sternschnuppen heisst? Ich habe es heute zum erstenmal gehoert, die heisst man 'den Leonidenschwarm'." Weiter sagte Frau Hartwig gar nichts. Aber sie beobachtete, wie dieses Wort ihrem Mann zu denken gab. Sie wusste ja, dass mit dem richtigen Verstaendnis des Wortes sein ganzer Zorn gegen die Familie Pfaeffling schwinden musste. Sie wollte ihm gar nicht zureden, sein eigenes Gefuehl wuerde ihn treiben, zu tun, was recht war. Am Nachmittag fasste er die drei Lateinschueler ab, als sie heimkamen. Er liess sich von ihnen genau erzaehlen, wie herrlich der Sternenhimmel gewesen sei, und wollte auch wissen, warum die Sternschnuppen der Leonidenschwarm hiessen. Das wusste Karl: weil diese Sternschnuppen, die da im November so massenhaft fielen, aus dem Sternbild des Loewen ausgingen. Waehrend sie zusammen sprachen, bemerkten die Kinder wohl, dass der Hausherr sie wieder ganz anders ansah, als in der vergangenen Nacht, und fingen an, auf seine Verzeihung zu hoffen, und wirklich sagte er nun mit all seiner frueheren Freundlichkeit: "Seht, ich weiss eben gar nichts von der Sternkunde, ich habe den Leonidenschwarm fuer einen Verein oder dergleichen gehalten, mit dem ihr euch nachts herumtreibt. Und so etwas dulde ich nicht in meinem Haus. Aber ich werde euch doch nicht boes sein, wenn ihr nach dem Himmel schaut? Nein, wir sind nun wieder gute Freunde. Sagt nur eurem Vater: die Kuendigung gilt nicht!" Nach dieser offenen Aussprache herrschte wieder Friede und Eintracht, Freundschaft und Froehlichkeit im ganzen Haus. Als gegen Abend die Kinder von ihren Turnuebungen zurueckkehrten, trafen sie an der Treppe mit Frau Hartwig zusammen, die eben aus dem Keller einen Vorrat Aepfel herausgeholt hatte. "Ihr kommt mir gerade recht," sagte sie und gab jedem einen Apfel. "Hausfrau," sagte Frieder, "wir haben miteinander etwas ausgemacht, damit deine Treppe geschont wird, sieh einmal her. Die Schwestern gehen jetzt immer ganz nahe am Gelaender und wir Buben muessen ganz dicht an der Wand gehen, dann werden deine Stufen in der Mitte geschont. Sieh, so hinauf und so wieder herunter." Um recht dicht an der Mauer zu gehen, setzte er einen Fuss vor den andern, verlor das Gleichgewicht und kollerte den ganzen Rest der Treppe hinunter, gerade vor die Fuesse der erschrockenen Hausfrau. Geschadet hat es ihm nichts. Aber als Frau Hartwig in ihre Wohnung zurueckkehrte, sagte sie zu sich: "Da ist gar nichts zu machen. Je besser sie's meinen, um so aerger poltert's." 4. Kapitel Adventszeit. "Wer darf den letzten Novemberzettel vom Block reissen, das duenne Blaettchen, das allein noch den Weihnachtsmonat verhuellt?" Die jungen Pfaefflinge standen alle in die eine Ecke gedraengt, wo der Kalender hing, und stritten sich, halb im Spass, halb im Ernst darum, wer den Dezember aufdecken duerfe. Die Eltern, am Fruehstueckstisch, sahen auf. "Buben, galant sein!" rief der Vater. Da traten die vier Brueder vom Kampfplatz zurueck. Elschen konnte den Kalender noch gar nicht erreichen, so kam das Vorrecht an die Zwillingsschwestern. "Wir machen es miteinander," sagten sie. Da kam denn der erste Dezember zum Vorschein, und zwar rot, denn es war Sonntag, und kein gewoehnlicher Sonntag, sondern der erste Advent. Die schoenste Weihnachtsstimmung stieg auf mit diesem Tag und nicht nur bei den Kindern. Herr Pfaeffling stimmte unvermutet und ohne Begleitung an: "Wie soll ich dich empfangen und wie begegnen dir, O aller Welt Verlangen, o meiner Seele Zier!" Alle Kinder sangen mit, erste Stimme, zweite Stimme, je nach Begabung, auch die Mutter, aber sie recht leise, denn sie allein von der ganzen Familie war vollstaendig unmusikalisch und sang, wie Frieder einmal gesagt hatte etwas anderes als die Melodie. Bald darauf war es fuer diejenigen, die zur Kirche gehen wollten, Zeit sich zu richten. Ein Teil pflegte vormittags zu gehen, einige nachmittags oder in den Kindergottesdienst. Frau Pfaeffling wollte heute mit ihrem Mann gehen, unter den Kindern gab es ein Beraten und Fluestern. Als nach einer Weile die Eltern, zum Ausgang gerichtet, an der Treppe standen und sich von den Zurueckbleibenden verabschieden wollten, fand sich's, dass es heute gar keine solchen gab, dass alle sieben bereit standen, mitzugehen. Das war noch nie so gewesen. "Wer soll dann aufmachen, wenn geklingelt wird?" fragte Frau Pfaeffling bedenklich. "Es klingelt fast nie waehrend der Kirchenzeit," versicherte der Kinderchor. "Aber wir koennen doch nicht zu neunt aufziehen, das ist ja eine ganze Prozession!" wandte Herr Pfaeffling ein. "Wir gehen drueben, auf der anderen Seite der Strasse," sagten die Buben. "Aber Walburg muss wenigstens wissen, dass sie ganz allein zu Hause ist, hole sie schnell, Elschen," rief Frau Pfaeffling. Als das Maedchen die ganze Familie im Begriff sah, auszugehen, wusste sie schon, was man von ihr wollte, und sagte in ihrer ernsthaften Weise: "Ich wuensche gesegnete Andacht". Draussen schien die Wintersonne auf bereifte Daecher, Sonntagsruhe herrschte in der Vorstadt und die Familie, die hier den Weg zur Kirche einschlug, hatte die Adventsstimmung schon im Herzen. Die vier Buben liessen aber, ihrem Versprechen gemaess, die ganze Breite der Fruehlingsstrasse zwischen sich und den Eltern und Schwestern, bis nach einer Weile Elschen dem Frieder immer dringlicher winkte. Da konnte er nicht laenger widerstehen und gesellte sich der kleinen Schwester zu. Adventsstimmung, Weihnachtsahnung wehten heute den ganzen Tag durchs Haus. Wenn im November eines der Kinder vom nahen Weihnachtsfest sprechen wollte, hatte die Mutter immer abgewehrt und gesagt: "Das dauert noch lange, lange, davon reden wir noch gar nicht, sonst werden die Kleinen ungeduldig." So haette sie auch gestern noch gesagt, aber heute war das etwas ganz anderes, man feierte Advent, Weihnachten war ueber Nacht ganz nahe gerueckt. Im Daemmerstuendchen zog Frau Pfaeffling Elschen zu sich heran und fragte selbst: "Weisst du denn noch, wie schoen der Christbaum war?" Sie wusste es wohl noch, und als nun die Geschwister ueber Weihnachten plauderten, da konnte sie mittun, ja in der Freude auf Weihnachten stand sie nicht hinter den Grossen zurueck, im Gegenteil, wenn sie mit leuchtenden Augen vom Christkindlein sprach, so war sie die kleine Hauptperson, die allen die Freude erhoehte. Bald taten sich in einer Ecke die Geschwister zusammen und berieten fluesternd, was sie den Eltern zu Weihnachten schenken koennten. Es durfte kein Geld kosten, denn Geld hatten sie nicht. Von Geschenken, die Geld kosteten, sprachen sie ganz veraechtlich. "Es ist keine Kunst, in einen Laden zu gehen und etwas zu kaufen, aber ohne Geld etwas recht Eigenartiges, Schoenes und Nuetzliches zu bescheren, das ist eine Kunst!" Ja, eine so schwere Kunst ist das, dass sich die Beratung sehr in die Laenge zog. Frieder nahm nicht lange daran teil, ihm klang heute immer der Adventschoral im Ohr: "Wie soll ich dich empfangen," er musste ihn ausstudieren. Er fing an zu spielen, und als er merkte, dass ungnaedige Blicke auf seine Ziehharmonika fielen, zog er sich hinaus in die Kueche, wo Walburg sass und in ihrem Gesangbuch las. Sie hoerte diese Toene, und da sie sich in ihrer Taubheit ueber alles freute, was bis an ihr Ohr drang, schob sie ihm den Schemel hin, zum Zeichen, dass er sich bei ihr niederlassen sollte. So kam die Adventsstimmung bis in die Kueche. Am naechsten Tag mussten freilich die Weihnachtsgedanken wieder in den Hintergrund treten, denn in die Schule passten sie nicht. Nur Frieder wollte sie auch dorthin bringen; was Remboldt ihm einmal gesagt, hatte er nicht vergessen, er wollte seine Harmonika mit in die Schule nehmen und dort den Adventschoral vorspielen. Die Mutter hoerte es und wunderte sich: Er hatte sich noch nie zeigen oder vordraengen wollen mit seiner Kunst, nun kam ihm doch die Lust, sich hoeren zu lassen. Sie mochte es ihm nicht verbieten, aber es war ihr fremd an ihrem kleinen, bescheidenen Frieder. So zog er mit seiner grossen Harmonika in der Hand, den Schulranzen auf dem Ruecken, durch die Fruehlingsstrasse. Freilich, als er sah, welches Aufsehen es bei den Schulkameraden machte, bereute er es fast. Er hatte sein Instrument verbergen wollen bis zu der grossen Pause um 10 Uhr, wo die Lehrer ihre Klassenzimmer verliessen und die Schueler sich in dem weiten Schulhof zerstreuten. Aber es ging nicht so. Der Lehrer war kaum in das Schulzimmer getreten, so riefen ihm auch schon ein paar kecke Buerschchen zu: "Der Pfaeffling hat seine Ziehharmonika mitgebracht." Da verlangte er sie zu sehen und fragte, ob Frieder denn mit dem grossen Instrument zurechtkaeme. Nun stiessen ihn die Kameraden von allen Seiten: "Spiel doch, gelt, du kannst es nicht? Spiel doch etwas vor!" Darauf spielte Frieder seinen Adventschoral, vergass seine vielen Zuhoerer, vergass die Schulzeit und sagte, nachdem er fertig war: "Jetzt kommt: Wachet auf, ruft uns die Stimme." Der Lehrer liess ihn gewaehren, denn er sah, wie gern ihm alle zuhoerten und wie der kleine Musiker ganz und gar bei seinen Liedern war. "Hast du das bei deinem Vater gelernt?" fragte er ihn jetzt. "Nein," sagte Frieder, "Harmonika muss man nicht lernen, das geht von selbst." "Das geht vielleicht bei euch Pfaefflingen von selbst, aber bei anderen nicht. Was meinst du," sagte er zu dem, der am naechsten stand, "koenntest du das auch?" "O ja," sagte der, "da darf man nur auf- und zuziehen." "Du wirst dich wundern, wenn du es probierst!" entgegnete der Lehrer, "aber jetzt: auf eure Plaetze." Um 10 Uhr, in einer Ecke des Schulhofs, wurde Frieder umringt und musste spielen. Es kamen auch groessere Schueler von anderen Klassen herbei und die wollten nicht nur hoeren, die wollten es auch probieren. Die Harmonika ging von Hand zu Hand. Sie zogen daran mit Unverstand, einer riss sie dem andern mit Gewalt weg und der sie nun hatte, der sagte: "Sie geht ja gar nicht, ich glaube, sie ist zerplatzt." Da bekam sie Frieder zurueck und als er sie ansah, wurde er blass und als er sie zog, gab sie keinen einzigen Ton mehr. Da wurden sie alle still und sahen betroffen auf den kleinen Musikanten. "Wer hat's getan?" hiess es nun. Die Frage ging von einem zum andern und wurde zum Streit, aber Frieder kuemmerte sich nicht darum, er verwandte keinen Blick von seiner Harmonika, er strich mit der Hand ueber sie, er drueckte sie zaertlich an sich, er probierte noch einmal einen Zug, aber er wusste es ja schon vorher, dass ihre Stimme erloschen war und nimmer zum Leben zu erwecken. Nach der Schule lief er all seinen Kameraden, die ihn teilnehmend oder neugierig umgaben, davon, er mochte nichts hoeren und nichts sehen von ihnen. Er trug seine Harmonika im Arm, lief durch die lange Fruehlingsstrasse nach Hause, rief die Mutter und drueckte sich bitterlich weinend an sie mit dem lauten Ausruf: "Sie ist tot!" Eine ganze Woche schlich Frieder ruhelos im Hause umher wie ein Heimatloser. Immer fehlte ihm etwas, oft sah er auf seine leeren Haende, bewegte sie wie zum Ziehen der Harmonika und liess sie dann ganz enttaeuscht sinken. Das bitterste an seinem Schmerz war aber die Reue. Er selbst hatte ja seine Freundin den boesen Buben ausgeliefert. Haette er sie in der Stille fuer sich behalten und nicht mit ihr Ruhm ernten wollen, so waere sie noch lange am Leben geblieben. Dagegen half kein Trost, nicht einmal die Vermutung der Geschwister, dass er vielleicht eine neue Harmonika zu Weihnachten bekommen wuerde. Aber etwas anderes half ganz unvermutet. Es war wieder Sonntag, der _zweite_ Advent, und wieder standen die Kinder beisammen, noch immer ratlos wegen eines Weihnachtsgeschenks fuer die Eltern. Diesmal lief aber Frieder nicht weg, wie er vor acht Tagen getan hatte, er konnte ja kein Adventlied mehr ueben, so zog ihn nichts ab. Er hatte still zugehoert, wie allerlei Vorschlaege gemacht und wieder verworfen wurden, nun mischte er sich auch ein: "Unten," sagte er, "auf den Balken, da kann man sich alles ausdenken, aber da oben nicht." "So geh du hinunter und denke dir etwas fuer mich aus," sagte eines der Geschwister. "Fuer mich auch!" "Und fuer mich," hiess es nun von allen Seiten. Er war gleich bereit dazu. Die Schwestern gaben ihm ihren grossen Schal mit hinunter. Er ging auf das Plaetzchen, das er so gern mit seiner Harmonika aufgesucht hatte. Es war kalt heute und er wickelte sich ganz in das grosse Tuch, sass da allein, war vollstaendig erfuellt von seiner Aufgabe, zweifelte auch gar nicht daran, dass er sie loesen wuerde. Auf der Harmonika war ihm hier unten auch alles gelungen, was er versucht hatte. Der kleine Kopf war fest an der Arbeit. Als Frieder wieder heraufkam, sammelten sich begierig alle Geschwister um ihn, und er, der in ihrem Rat noch nie das grosse Wort gefuehrt hatte, streckte nun seine kleine Hand aus und sagte so bestimmt, wie wenn da nun gar kein Zweifel mehr sein koennte: "Du, Karl, musst ein Gedicht erdichten und du, Wilhelm, auf einen so grossen Bogen Papier schoene Sachen abzeichnen und Otto muss so laut, wie es der Rudolf Meier beim Maifest getan hat, vom Bismarck deklamieren und Marianne soll das schoenste Lied vom Liederbuch zweistimmig vorsingen. Aber wir zwei koennen nichts," sagte er, indem er sich an Elschen wandte, "darum muessen wir solche Sachen sammeln zum Feuer machen, wie es manchmal Walburg sagt, Nussschalen und Fadenrollen, Zwetschgensteine und alte Zuendhoelzer, einen rechten Sack voll." Jedes der Kinder dachte nach ueber den Befehl, den es erhalten hatte, und fand ihn ausfuehrbar. "Ich weiss, was ich zeichne!" rief Wilhelm, "dich zeichne ich ab, Frieder, wie du mit deiner Harmonika immer da gestanden bist." "Und ich mache ein Gedicht ueber unsern Krieg in Afrika, wenn der Morenga darin vorkommt, dann gefaellt es dem Vater." Sie waren alle vergnuegt. "Frieder," sagte Karl, "es tut mir ja leid fuer dich, dass du deine Harmonika nimmer hast, aber mir bist du lieber ohne sie." Die andern stimmten ein und Frieder machte nimmer das trostlose Gesicht, das man die ganze Woche an ihm gesehen hatte, zum erstenmal fuehlte er sich gluecklich auch ohne Harmonika. Zwischen den Adventssonntagen lag ernste Lernzeit, denn da galt es, viele Probearbeiten anzufertigen, von denen das Weihnachtszeugnis abhing. Die Fest- und Ferienzeit wollte verdient sein. Unter den jungen Pfaefflingen war Otto der beste Schueler, und er galt viel in seiner Klasse. Nun sass hinter ihm ein gewisser Rudolf Meier, der machte sich sehr an Otto heran, obwohl dieser ihn nicht eben lieb hatte. Er war der Sohn von dem Besitzer des vornehmen Zentralhotels und machte sich als solcher gern ein wenig wichtig. Alle Kameraden mussten es erfahren, wenn hohe Persoenlichkeiten im Hotel abgestiegen waren, und wenn gar Fuerstlichkeiten erwartet wurden, fuehlte er sich so stolz, dass sich's die andern zur Ehre rechnen mussten, wenn er sich an solchen Tagen von ihnen die Aufgaben machen liess. Er war aelter und groesser als alle andern, weil er schon zweimal eine Klasse repetiert hatte; dessen schaemte er sich aber keineswegs, sondern sagte gelegentlich von oben herab: "In solch einem Welthotel muesse selbstverstaendlich die gewoehnliche Schularbeit manchmal hinter wichtigerem zurueckstehen." Dieser Rudolf Meier hatte seine guten Gruende, warum er heute ein ganzes Stueck Weges mit Otto ging, obwohl das Zentralhotel der Fruehlingsstrasse entgegengesetzt lag. Sie sahen gar nicht wie Schulkameraden aus, diese beiden. Otto in kurzem, schlichtem, etwas ausgewaschenem Schulbubenanzug, Rudolf Meier ein feines junges Herrchen, mit tadellos gestaerkten Manschetten und Kragen nach neuester Fasson. Und doch wandte sich nun der um einen Kopf Groessere bittend zu dem Kleinen und sagte: "Ich bin etwas in Verlegenheit, Pfaeffling, wegen der griechischen Arbeit, die wir morgen abliefern sollen. Es ist gegenwaertig keine Moeglichkeit bei uns, all dies Zeug zu machen, ich habe wahrhaftig wichtigeres zu tun. Wuerdest du mir nicht heute nachmittag dein Heft mitbringen, dass ich einige Stellen vergleichen koennte?" "Von mir aus," sagte Otto, "nur wenn du mir wieder einen Klex hineinmachst, wie schon einmal, dann sei so gut und setze deine Unterschrift unter den Klex." Rudolf Meier wollte auch die Mathematikaufgabe ein wenig vergleichen. "Was tust du eigentlich den ganzen Tag, wenn du gar nichts arbeitest?" sagte Otto aergerlich, "mir ist's einerlei, wenn du auch alles abschreibst, aber ich kann dich gar nicht begreifen, dass du das magst." "Weil du nicht weisst, wie es bei uns zugeht, Pfaeffling, anders als bei euch und das kannst du mir glauben, ich habe oft mehr zu leisten als ihr. Da ist zum Beispiel vorige Woche eine russische Familie angekommen, Familie ersten Rangs, offenbar steinreiche Leute, gehoeren zur feinsten Aristokratie. Haben fuenf Zimmer im ersten Stock vorn heraus gemietet. Sie beabsichtigen offenbar lange zu bleiben, sieben riesige Koffer. Werden wohl die Revolution fuerchten, haben ihr Geld gluecklich noch aus Russland herausgebracht und warten nun in Deutschland ab, wie sich die Dinge in Russland gestalten. Gegen solche Gaeste ist man artig, das begreifst du. Da sagt nun gestern die Dame zu meinem Vater, sie moechte ihren beiden Soehnen Unterricht geben lassen von einem Professor, welchen er wohl empfehlen koennte? Mein Vater verspricht ihr sofort Auskunft, kommt natuerlich an mich. Ich sitze an meiner Arbeit. Nun heisst es: 'Rudolf, mach deine Aufwartung droben. Besprich die Unterrichtsfaecher, gib guten Rat, nenne feine Professoren mit liebenswuerdigen Umgangsformen. Erbiete dich, die Herrn Professoren aufzufordern und den Unterricht in Gang zu bringen.' "Ich mache feinste Toilette, mache meine Aufwartung. So etwas ist keine Kleinigkeit, besonders bei solchen Leuten. Du spuerst gleich, dass du mit wirklich Adeligen zu tun hast, und der grosse Herr mit seiner militaerischen Haltung und strengem Blick, die Dame in kostbarem Seidenkostuem imponieren dir, du musst dich schon zusammennehmen. Die zwei jungen Herrn sehen dich auch so an, als wollten sie sagen: Ist das ein Mensch, mit dem man sich herablassen kann zu reden oder nicht? "Nun, ich kenne ja das von Kind auf und lasse mich nicht verblueffen. Es hat ihnen denn doch imponiert, wie ich von meinem Gymnasium und meinen Professoren gesprochen habe. Aber du kannst dir denken, dass ich genug zu laufen hatte, bis ich die Sache in Gang brachte, und nun bin ich wohl noch nicht fertig, denn sie haben gestern ein Pianino gekauft, eine Violine haben sie auch, da wird sich's um Musikunterricht handeln." Bei diesem Wort horchte Otto; Musikunterricht--wenn das ein Pfaeffling hoert, so klingt es ihm wie Butter aufs Brot. "Wer soll den Musikunterricht geben?" fragte er. "Weiss ich nicht." "Meier, da koenntest du meinen Vater empfehlen." "Warum nicht, das kann man schon machen. Das heisst, fuer solche Herrschaften muss man immer das feinste waehlen." "Du kannst dich darauf verlassen, mein Vater gibt feinen Unterricht." "Wohl, wohl, aber so ein _Titel_ fehlt, Professor oder Direktor oder so etwas, das hoeren sie gern." "Jetzt will ich dir etwas anvertrauen, Meier. Mein Vater kommt als Direktor nach Marstadt, sobald es mit der Musikschule dort im Reinen ist. Er hat schon seine Aufwartung dort gemacht und alle Stimmen waren fuer ihn. Nur ist es noch nichts geworden, weil erst gebaut werden muss." "Dann kann ich wohl etwas fuer ihn tun," sagte Rudolf Meier herablassend, "vorausgesetzt, dass sie sich bei mir nach dem Musiklehrer erkundigen und nicht bei den Professoren." "Dem musst du eben zuvorkommen, gleich jetzt, wenn du heimkommst, musst du mit den Russen sprechen." "Meinst du, da koennte ich so aus- und eingehen, wann ich wollte? Du hast keinen Begriff von Umgangsformen." "Nein," sagte Otto, "wie man das machen muss, weiss ich freilich nicht, aber wenn _du das_ nicht zustande bringst, dann moechte ich wohl wissen, was du kannst: dein Griechisch ist nichts, deine Mathematik ist gar nichts und dein Latein ist am allerwenigsten, wenn du also nicht einmal in deinem Zentralhotel etwas vermagst, dann ist deine ganze Sache ein Schwindel." "Ich vermag viel im Hotel." "So beweise es!" "Werde ich auch. Vergiss nicht, dass du mir deine Hefte versprochen hast." So trennten sich die Beiden. Otto aber rannte vergnuegt heim, rief die Geschwister zusammen und erzaehlte von der schoenen Moeglichkeit, die sich fuer den Vater auftat, die reichen Russen aus dem Zentralhotel zum Unterricht zu bekommen. Sie trauten aber diesem Rudolf Meier nicht viel zu und kamen ueberein, dass sie den Eltern zunaechst kein Wort sagen wollten, es sollte nicht wieder eine Enttaeuschung geben. Am Nachmittag empfing Rudolf Meier die beiden Hefte. Am naechsten Tag, in einer Unterrichtspause sagte er leise zu Otto: "Wenn ich deinen Vater empfehle, gibst du mir dann deinen Aufsatz abzuschreiben?" "_Zehn_ Aufsaetze," sagte Otto, "mach aber, dass es _bald_ so weit kommt." Einen Augenblick spaeter traf Otto im Schulhof seinen Bruder Karl und erzaehlte ihm das. Da wurde Karl nachdenklich, und noch ehe die Pause vorueber war, fasste er Otto ab, nahm ihn beiseite und sagte: "Du solltest das zuruecknehmen, so eine Handelsschaft gefiele dem Vater nicht. So moechte er die Stunden gar nicht annehmen. Sag du dem Rudolf Meier, er soll seine Aufsaetze selbst machen, zu solch einem Handel sei unser Vater viel zu vornehm." Das sagte Otto und noch etwas dazu, was ihm nicht der Bruder, sondern der Aerger eingegeben hatte: "Du bist nichts als ein rechter Schwindler." So ging die Sache aus und die Kinder waren nur froh, dass sie darueber geschwiegen hatten. Sie dachten laengst nicht mehr daran, als eines Nachmittags Wilhelm meldete: "Vater, der Diener vom Zentralhotel hat diesen Brief fuer dich abgegeben, er soll auf Antwort warten." Frau Pfaeffling begriff nicht die Blicke gluecklichen Einverstaendnisses, die die Kinder wechselten, waehrend ihr Mann die Karte las, auf der hoeflich angefragt wurde, ob er sich im Zentralhotel wegen Violin- und Klavierstunden vorstellen moechte. Die Karte war an Herrn Direktor Pfaeffling adressiert, und als die Brueder diese Aufschrift bemerkten, fluesterten sie lachend einander zu: Ein Schwindler ist er trotzdem, der Rudolf Meier! Der Diener des Zentralhotels bekam fuer die Ueberbringung einer so erwuenschten Botschaft ein so schoenes Trinkgeld, wie er es von dem schlichten Musiklehrer nie erwartet haette, und als er Herrn Meier senior ausrichtete, dass Herr Direktor Pfaeffling noch diesen Nachmittag erscheinen werde, fuegte er hinzu: "Es ist ein sehr feiner Herr." Bei Pfaefflings war grosse Freude. Otto erzaehlte alles, was Rudolf Meier von dem Fremden berichtet hatte, die Eltern und Geschwister hoerten ihm zu, er war stolz und gluecklich und konnte gar nicht erwarten, bis der Vater sich auf den Weg nach dem Zentralhotel machte. Aber so schnell ging das nicht, im Hausgewand konnte man dort nicht erscheinen. Herr Pfaeffling suchte hervor, was er sich neulich zu seiner Vorstellung in Marstadt angeschafft hatte. "Wenn es nur nicht wieder eine Enttaeuschung gibt," sagte er, waehrend er sich eine seine Krawatte knuepfte, "wer weiss, wie die hohen Aristokraten sich in der Naehe ausnehmen, mit denen dieser Rudolf Meier prahlt!" Frau Pfaeffling hatte aber gute Zuversicht: "Das erste Hotel hier ist es immerhin," sagte sie, "und die Russen gelten fuer ein sehr musikalisches Volk, da wirst du hoffentlich bessere Schueler bekommen als Fraeulein Vernagelding." "Ach, die Unglueckselige kommt ja heute nachmittag," seufzte Herr Pfaeffling, "ich werde aber zu rechter Zeit wieder zurueck sein, fuer meine Marterstunde." Er ging, und sie sahen ihm voll Teilnahme nach, Otto noch mehr als die andern, er fuehlte sich doch als der Anstifter des ganzen. Unser Musiklehrer blieb lange aus. Der kurze Dezembernachmittag war schon der Abenddaemmerung gewichen, die Lampe brannte im Zimmer, auch die Ganglampe war schon angezuendet und von Marie und Anne in ihr Stuebchen geholt worden. Um fuenf Uhr war Fraeulein Vernageldings Zeit. Frau Pfaeffling wurde unruhig. So gewissenhaft ihr Mann sonst war, heute schien er sich doch zu verspaeten. Nun schlug es fuenf Uhr, es klingelte, Marie und Anne eilten mit der geraubten Lampe herbei. Zwischen Fraeulein Vernagelding und den Zwillingen hatte sich allmaehlich eine kleine Freundschaft angesponnen. Wenn die Schwestern so eilfertig herbeikamen mit der Lampe und gefaellig Hilfe leisteten bei dem Anziehen der Gummischuhe, dem Zuknoepfen der Handschuhe und dem Aufstecken des Schleiers, so freute dies das Fraeulein und es plauderte mit den viel juengern Maedchen wie mit ihresgleichen. Als sie nun heute hoerte, dass Herr Pfaeffling noch nicht da sei, schien sie ganz vergnuegt darueber, lachte und spasste mit den Schwestern. "Herr Pfaeffling ruft immer 'Marianne'," sagte sie, "welche von Ihnen heisst so?" "So heissen wir bloss miteinander," antworteten sie, "wir koennen es eigentlich nicht leiden, jede moechte lieber ihren eigenen Namen, Marie und Anne, aber so ist's eben bei uns." Das fand nun Fraeulein Vernagelding so komisch, dass ihr etwas albernes Lachen ueber den ganzen Gang toente. Sie hatte inzwischen abgelegt. "Mutter sagte, Sie moechten nur einstweilen anfangen, Klavier zu spielen," richtete Marie aus. "Ach nein," entgegnete das Fraeulein, "ich moechte viel lieber mit Ihnen plaudern. Klavierspielen ist so langweilig. Aber es muss doch sein. Es lautet nicht fein, wenn man gefragt wird: Gnaediges Fraeulein spielen Klavier? und man muss antworten: nein. So ungebildet lautet das, meint Mama. Mein voriger Klavierlehrer war so unfreundlich, er sagte immer, ich sei unmusikalisch. Herr Pfaeffling ist schon mein vierter Lehrer. Die Herrn wollen immer nur musikalische Schuelerinnen, es kann aber doch nicht jedermann musikalisch sein, nicht wahr? Man muss es doch auch den Unmusikalischen lehren, finden Sie nicht?" "Bei uns ist das anders," sagte Anne, "wir sind sieben, da waere es doch zuviel fuer den Vater, wenn wir alle Musik treiben wollten; er nimmt bloss die, die recht musikalisch sind." Die drei Maedchen, an der Tuere stehend, fuhren ordentlich zusammen, so ploetzlich stand Herr Pfaeffling bei ihnen. Im Bewusstsein seiner Verspaetung war er mit wenigen grossen Saetzen die Treppe heraufgekommen. Fraeulein Vernagelding tat einen kleinen Schrei und rief: "Wie haben Sie mich erschreckt, Herr Pfaeffling, aber wie fein sehen Sie heute aus, so elegant." Herr Pfaeffling unterbrach sie: "Wir wollen nun keine Zeit mehr verlieren, bitte um Entschuldigung, dass ich Sie warten liess." "O, es war ein so reizendes Viertelstuendchen," hoerte man sie noch sagen, ehe sie mit ihrem Lehrer im Musikzimmer verschwand und einen Augenblick nachher wurde G-dur gespielt ohne jegliches Fis, was immer ein sicheres Zeichen war, dass Fraeulein Vernagelding am Klavier sass. "Habt ihr dem Vater nichts angemerkt, ob er befriedigt heimgekommen ist?" wurden Marie und Anne von den Bruedern gefragt. Sie wussten nichts zu sagen, man musste sich noch eine Stunde gedulden. Das fiel Otto am schwersten, und er passte und spannte auf das Ende der Klavierstunde, und im selben Augenblick, wo Fraeulein Vernagelding durch die eine Tuere das Zimmer verliess, schluepfte er schon durch den andern Eingang hinein und fragte: "Vater, wird etwas aus den Russenstunden?" Herr Pfaeffling lachte vergnuegt. "Wo ist die Mutter," sagte er, "komm, ich erzaehle es euch im Wohnzimmer," und schon unter der Tuer rief er: "Caecilie, Caecilie," und seine Frau konnte nicht schnell genug aus der Kueche herbeigeholt werden. Sie kannte aber schon seinen Ton und sagte: "Wenn ich kaum meine Tassen abstellen darf, dann muss es auch im Zentralhotel gut ausgefallen sein!" "Ueber alles Erwarten," rief Herr Pfaeffling, "eine durch und durch musikalische Familie, die beiden Soehne feine Violinspieler, ich glaube kaum, dass wir _einen_ solchen Schueler in der Musikschule haben, und ihre Mutter spielt Klavier mit einer Gewandtheit, dass es ein Hochgenuss sein wird, mit ihr zusammen vierhaendig zu spielen. Aber nun will ich euch erzaehlen. Im Vorplatz des Zentralhotels hat mich ein junges Herrchen empfangen, den ich nach deiner Beschreibung, Otto, gleich als Rudolf Meier erkannt habe. Der fuehrt mich nun in einen kleinen Salon, spricht mit mir wie ein Herr, das versteht er wirklich, der Schlingel, kein Mensch denkt, dass man einen Schuljungen vor sich hat, der von so einem Knirps, wie du daneben bist, seine Aufgaben abschreibt. Der sagte mir nun, er habe es fuer besser gehalten, mich als Herr Direktor einzufuehren, und ich moechte nur auch meine Honoraransprueche darnach richten, die Familie wuerde sonst nicht an den Wert meiner Stunden glauben, solchen Leuten gegenueber muesse man hohe Preise machen. Dann geleitete er mich die breite, mit dicken Teppichen belegte Treppe hinauf. Rudolf Meier fuehlte sich ganz als mein Fuehrer, klopfte fuer mich an und stellte mich dem russischen General als Herrn Direktor Pfaeffling vor. Eine Weile blieb er noch im Zimmer, als aber niemand von ihm Notiz nahm, empfahl er sich. "Der General ist schon ein aelterer Herr mit grauem Bart und ist nicht mehr im Dienst, aber er hat eine imponierende Haltung und einen durchdringenden Blick. Er stellte mich seiner Frau und seinen zwei jungen Soehnen vor und bot mir einen Platz an. Aber sie waren alle ziemlich zurueckhaltend, vielleicht hatten sie nicht viel Vertrauen in die Empfehlung von Rudolf Meier. Sie sprachen nur ganz unbestimmt davon, dass die Soehne spaeter vielleicht einige Violinstunden nehmen sollten, und ich hatte das Gefuehl: es wird nichts daraus werden. Die Unterhaltung war auch ein wenig schwierig, sie sprechen nicht gelaeufig Deutsch, versuchten es mit Franzoesisch, als sie aber mein Franzoesisch hoerten, da meinte die Dame, es gehe eher noch Deutsch. "Mir wurde die Sache ungemuetlich, es beengten mich auch die ungewohnten Glacehandschuhe, dazu musste ich in einem weich gepolsterten, niedrigen Lehnsessel ruhig sitzen und wusste gar nicht, wohin mit meinen langen Beinen, dabei war es mir immer, als muessten sie mir ansehen, dass ich kein Direktor bin. Endlich hielt ich es nimmer aus, sprang auf, worueber allerdings die Dame ein wenig erschrak, zog meine Handschuhe herunter und sagte: 'Ich denke, es ist besser, wir machen ein wenig Musik, dabei lernt man sich viel schneller kennen,' und ich fragte die Dame, fuer welchen deutschen Komponisten sie sich interessiere? Sie schien etwas ueberrascht, nannte aber gleich Wagner, was mir recht war. Da ging ich ohne weiteres an das Instrument, machte es auf und fragte, aus welcher Oper sie etwas hoeren wollte? 'Bitte, etwas aus den Nibelungen, Herr Direktor,' antwortete sie, da drehte ich mich rasch noch einmal nach ihr um und sagte: 'Nennen Sie mich nur mit meinem Namen Pfaeffling; ich waere allerdings fast Direktor geworden, werde es auch vielleicht einmal, aber zur Zeit habe ich noch kein Recht auf diesen Titel.' Dann spielte ich. "Es war ein praechtiges Instrument; die beiden jungen Herren kamen immer naeher heran und hoerten mit sichtlichem Interesse zu, ich merkte, dass wir uns verstanden, und bald war alles gewonnen. Sie spielten dann Violine, und die Dame versicherte mich, dass vierhaendiges Klavierspiel ihre groesste Passion sei und endlich wurde ich aufgefordert, jeden Tag ein bis zwei Stunden zu kommen. Zuletzt fragte der General noch nach dem Preis, der war ihnen auch recht, eine unbescheidene Forderung mochte ich nicht machen; das kann Herr Rudolf Meier tun, wenn er seine Hotelrechnung stellt, aber ich kann das nicht so. Als ich fortging, begleiteten die Herren mich ganz freundlich an die Tuere, alle Steifheit war vorbei und die Dame reichte mir noch die Handschuhe, die ich vergessen hatte. "Hinter einem Pfeiler im Treppenhaus kam Rudolf Meier zum Vorschein. Er hat offenbar die Verhandlungen von aussen beobachtet und wird morgen in der Klasse wieder versichern, zum Arbeiten habe er keine Zeit gehabt. Er ist aber, wie mir scheint, nebenbei ein gutmuetiger Mensch, schien sich wirklich zu freuen, dass die Sache gut abgelaufen war, und fluesterte mir zu: 'Sie sind von allen drei Herren zur Tuere begleitet worden, diese Ehre ist keinem der Professoren zuteil geworden.' Ich habe ihm auch gedankt fuer seine Vermittlung, und wenn ich ihn oefter sehe, werde ich ihm einmal sagen: Sei doch froh, dass du noch ein junger Bursch bist, gib dich wie ein solcher und wolle nicht mehr vorstellen, als du bist! Er macht sich ja nur laecherlich; wer verlangt von ihm das Auftreten eines Geschaeftsmannes? Der General hat ihn natuerlich laengst durchschaut." "Ja, ja," stimmte Frau Pfaeffling zu, "er soll von dir lernen, dass man sich sogar klein macht, wenn andere einen zum Direktor erhoeht haben." "Ja," sagte Pfaeffling vergnuegt, "und dass man trotz allem Stunden bekommt. Kinder, kommt mit herueber, jetzt muss noch ein gehoeriges Jubellied gesungen werden!" Waehrend im Haus Pfaeffling in froehlichem Chor gesungen wurde, sagte der General im Zentralhotel zu seiner Familie: "Der Mann ist ein ehrlicher Deutscher." Rudolf Meier sagte zu sich selbst: "Der Pfaeffling wird mir morgen meinen Aufsatz machen." Und Fraeulein Vernagelding sprach an diesem Abend zu ihrer Mama: "Die Marianne ist suess, ich moechte ihr etwas schenken." Da ueberlegte Frau Privatiere Vernagelding und entschied: "Das beste sind immer Glacehandschuhe." 5. Kapitel Schnee am unrechten Platz. Der Dezember war schon zur Haelfte vorueber, bis endlich, endlich der erste Schnee fiel. Der richtige Schnee, der in feinen, dichten Floeckchen stundenlang gleichmaessig zur Erde faellt und in einem einzigen Tag das ganze Land ueberzieht mit seiner weichen, weissen Decke; der alles verhuellt, was vorher braun und haesslich war, der alles rundet und glaettet, was rauh und eckig aussah. Immer ist sie schoen, die Schneelandschaft, aber am allerschoensten doch, wenn das lautlose Fallen des Schnees sich verbindet mit dem geheimnisvollen Reiz der deutschen Weihnacht. Dezember--Schnee--Tannenbaum--Weihnacht, ihr gehoert zusammen bei uns in Deutschland. In manchen Laendern hat man versucht, unsere Feier nachzumachen, und wir wollen ihnen auch die Freude goennen, aber solch eine Sitte muss aus dem Boden gewachsen sein. Wenn man sie kuenstlich verpflanzt, wird etwas ganz anderes daraus. Es wurde einmal eine junge Deutsche in die Fremde verschlagen, um die Weihnachtszeit. "Wir kennen auch den Christbaum," sagten die fremden Kinder zu ihr, "wir bekommen einen." Die Deutsche freute sich. Aber wie wurde es? Viele Kinder waren eingeladen worden und fuhren an in hellen Kleidern. Sie versammelten sich, und als der Baum hineingetragen wurde, klatschten sie Beifall wie im Theater. Sie nahmen die kleinen Geschenke herunter, die man fuer sie hinaufgehaengt hatte. Dann wurden die Lichter ausgeblasen, damit kein Aestchen anbrenne und der Diener gerufen, dass er sogleich den Baum, der in einem Kuebel voll Erde steckte, zuruecktrage zu dem Gaertner, von dem er gemietet war. Keine Stunde war der Christbaum im Haus gewesen, keinen Duft hatte er verbreitet. "Bei uns bleibt der Christbaum bis nach Neujahr," sagte die junge Deutsche und sah ihm wehmuetig nach. Es wurde ihr entgegnet, das sei doch unpraktisch, er nehme ja so viel Platz weg. Ja, das tut er allerdings, aber welche deutsche Familie goennt dem Christbaum nicht den Platz? * * * * * Im Dunkel des fruehen Dezembermorgens waren die jungen Pfaefflinge durch den frischgefallenen Schnee in ihre Schulen gegangen und mit dickbeschneiten Maenteln und Muetzen angekommen. Im Schulhof flogen die Schneeballen hin und her, und bis zu der grossen Pause um 10 Uhr waren die zahllosen Spuren der Kinderfuesse schon wieder von frischem Schnee bedeckt und die groessten Schneeballenschlachten konnten ausgefuehrt werden. Daheim hatte Elschen sich einen Stuhl ans Fenster gerueckt, kniete da und sah vom Eckzimmer aus hinunter nach den Brettern und Balken, die wie ein grosser weisser Wall vor dem Kasernenzaun aufgetuermt lagen. Und von diesem Zaun hatte jeder Stecken sein Kaeppchen, jeder Pfosten seine hohe Muetze auf. Frau Pfaeffling suchte die Kleine. "Elschen, komm, du darfst etwas sehen," und schnell fuehrte sie das Kind mit sich in das Wohnzimmer und oeffnete das Fenster. Eine frische Winterluft strich herein. Am Haus vorbei, nach der Stadt zu, fuhr eine ganze Reihe von Leiterwagen, alle beladen mit Christbaeumen. "Christbaeume, Christbaeume," jubelte Elschen so laut, dass einer der Fuhrleute, der selbst wie ein Schneemann aussah, herausschaute, und als er das glueckselige Kindergesicht bemerkte, rief: "Fuer dich ist auch einer dabei!" Die Kleine ergluehte vor Freude und winkte dem Schneemann nach. Aber alles auf der Welt ist nur dann schoen und gut, wenn es an seinem richtigen Platz ist, das gilt auch von dem Schnee. Eine einzige Hand voll von diesem schoenen Dezemberschnee kam an den unrichtigen Platz und richtete dadurch Unheil an. Das ging so zu: Im Heimweg von der Schule an einer Strassenecke, wo einige Lateinschueler mit Realschuelern zusammentrafen, gab es ein hitziges Schneeballengefecht. Wilhelm Pfaeffling war auch dabei. Einer der Realschueler hatte ihn und seine Kameraden schon mehrfach getroffen, indem er sich hinter der Strassenecke verbarg, dann rasch hervortrat, seinen Wurf tat und wieder hinter dem Eckhaus verschwand, ehe die anderen ihm heimgeben konnten. Nun aber wollten sie ihn aufs Korn nehmen. Es waren ihm einige tuechtige Schneeballen zugedacht, wurfbereit warteten sie gespannt, bis er sich wieder blicken liesse. Jetzt wurde eine Gestalt sichtbar, die Ballen sausten auf sie zu. Aber es war nicht der Realschueler gewesen, sondern ein gesetzter Herr. Zwei Schneeballen flogen dicht an seinem Kopf vorueber, zwei trafen ihn ganz gleichmaessig auf die rechte und linke Achsel. Und das war nicht der richtige Platz fuer den Schnee! Herr Sekretaer Flossmann, der so ahnungslos um die Ecke gebogen war und so schlecht empfangen wurde, stand still, warf boese Blicke und kraeftige Worte nach den Jungen. Dass sie ihn getroffen hatten, war ja nur aus Ungeschick geschehen, dass nun aber einige laut darueber lachten und dicht an ihm vorbei weiter warfen, das war Frechheit. Zu den ungeschickten hatte auch Wilhelm gehoert, zu den frechen nicht. Nach Pfaefflingscher Art ging er zu dem Herrn, entschuldigte sich und erklaerte das Versehen, half auch noch die Spuren des Schnees abschuetteln. Der Herr schien die Entschuldigung gelten zu lassen und Wilhelm ging nun seines Wegs nach Hause. Er sah nicht mehr, dass Herr Sekretaer Flossmann, als er ein paar Haeuser weit gegangen war, einem Schutzmann begegnete, sich bei ihm beschwerte und verlangte, er solle die Burschen aufschreiben und bei der Polizei anzeigen. Das war nun freilich nicht so leicht zu machen, denn alle, die den Schutzmann kommen sahen, liefen auf und davon. Aber einen von Wilhelms Kameraden fasste er doch noch ab und fragte nach seinem Namen. Der zoegerte mit der Antwort und sah sich um, keiner der Kameraden war noch so nahe, um seine Antwort zu hoeren. "Also, dein Name," draengte der Schutzmann. "Wilhelm Pfaeffling," lautete die Antwort, die vom Schutzmann aufgeschrieben wurde. "Die Wohnung?" "Fruehlingsstrasse." "Jetzt rate ich dir, heim zu gehen, wenn du nicht lieber gleich mit mir auf die Polizei willst." Er liess sich's nicht zweimal sagen. Ein "Wilhelm" war er allerdings auch, aber kein Pfaeffling. Baumann war sein Name. "Das hast du klug gemacht," sagte er bei sich selbst. "Dem Pfaeffling schadet das nichts, der ist ueberall gut angeschrieben, aber bei mir ist das anders, wenn ich noch eine Rektoratsstrafe bekomme, dann heisst's: fort mit dir. Ich sehe auch gar nicht ein, warum gerade ich aufgeschrieben werden sollte, der Pfaeffling hat ebensogut geworfen wie ich." Ahnungslos und mit dem besten Gewissen sass am naechsten Abend unser Wilhelm an seiner lateinischen Aufgabe. Vielleicht war er ein wenig zerstreuter als sonst, denn er hatte sich heute bemueht, seinen Frieder, mit der Harmonika in der Hand, abzuzeichnen, und da war Frieders Gesicht so ausgefallen, dass allen davor graute. Nun musste er unwillkuerlich auf seinem Fliessblatt Studien machen ueber des kleinen Bruders gutmuetiges Gesichtchen, das sich ueber die biblische Geschichte beugte, die vor ihm lag. Dazu kam, dass die Mutter und Elschen nicht am Stricken und Flicken sassen, wie sonst, sondern Zwetschgen und Birnenschnitze zurichteten zu dem Schnitzbrot, das alle Jahre vor Weihnachten gebacken wurde. So waren Wilhelms Gedanken heute zwischen Weihnachten und Latein geteilt; er achtete gar nicht darauf, dass Herr Pfaeffling eintrat und gerade hinter seinen Stuhl kam. "Du, Wilhelm, sieh mich einmal an!" sagte er. Der wandte sich, sah ueberrascht auf und begegnete einem scharfen, durchdringenden Blick. "Was ist's, Vater?" fragte er. "Das frage ich dich," sagte Herr Pfaeffling, "ein Polizeidiener war da und hat dich vorgeladen, fuer morgen, auf die Polizei. Was hast du angestellt?" "Gar nichts," rief Wilhelm und dann, nach einem Augenblick: "es kann doch nicht sein, weil wir gestern beim Schneeballen einen Herrn getroffen haben, der gerade so ungeschickt daher gekommen ist?" "Der Herr wird wohl nicht ungeschickt gekommen sein, sondern ihr werdet ungeschickt geworfen haben. Koennt ihr nicht aufpassen?" rief Herr Pfaeffling, und bei dieser Frage kam Wilhelms Kopf auch so ungeschickt an des Vaters Hand, dass es klatschte. "Aber, Wilhelm," rief die Mutter und schob ihr Weihnachtsgeschaeft beiseite, "warum hast du dich denn wieder nicht entschuldigt?" Aber auf diesen Vorwurf versicherte Wilhelm so eifrig, er habe darin sein Moeglichstes getan, dass man ihm glauben musste. Die ganze Geschwisterschar fing nun an, aufzubegehren ueber den unguten Mann, der trotzdem auf der Polizei geklagt habe, bis die Mutter sie zur Ruhe wies; sie wollte noch genau hoeren, wie die Sache sich zugetragen, und woher man seinen Namen gewusst habe. Das letztere konnte aber Wilhelm nicht erklaeren. "Muss ich denn wirklich auf die Polizei?" fragte er, "um welche Zeit?" "Um 11 Uhr." "Aber da kann ich doch nicht, da haben wir Griechisch. So muss ich es dem Professor sagen, dann erfaehrt es der Rektor und schliesslich kommt die Sache noch ins Zeugnis!" "Natuerlich erfaehrt das der Rektor," sagte Herr Pfaeffling, "die anderen sind jedenfalls auch vorgeladen. Warum machst du so dumme Streiche!" Es war eine Weile still, jedes dachte ueber den Fall nach. "Koenntest du nicht etwa mit ihm auf die Polizei gehen," sagte Frau Pfaeffling zu ihrem Mann, "und ein gutes Wort fuer ihn einlegen?" Herr Pfaeffling ueberlegte. "Morgen, Freitag? Da ist Probe in der Musikschule, da kann ich unmoeglich fort. Das muss er schon allein ausfechten. Es kann ihm auch nicht viel geschehen, wenn es sich nur um einen Schneeballen an die Schulter handelt; war auch gewiss sonst gar nichts dabei, Wilhelm, ich kann es kaum glauben!" "Gar nichts, als dass die andern gelacht und ungeniert weitergeworfen haben, dicht um den Herrn herum, das hat ihn am meisten geaergert. Besonders der Baumann war so frech, du kennst ihn ja, Karl." "Warum treibst du dich auch mit solchen herum? Da heisst es mitgefangen, mitgehangen." Elschen drueckte sich an die Mutter und sagte klaeglich: "Jetzt wird Weihnachten gar nicht schoen." Und es widersprach ihr niemand, fuer diesen Abend wenigstens war die ganze Weihnachts-Vorfreude aus dem Hause gewichen. Noch spaet abends, im Bett, fluesterten die beiden Schwestern zusammen, berieten, ob Wilhelm bei Wasser und Brot in den Arrest gesperrt wuerde, und als Anne eben im Einschlafen war, rief Marie sie noch einmal an und sagte: "Das aergste ist mir erst eingefallen! Wenn Herr Hartwig von der Polizei hoert, dann kuendigt er uns!" Da war es denn schon wieder in der Familie Pfaeffling, das Schreckgespenst, die Kuendigung! So bangen Herzens, wie am naechsten Morgen, hatte sich Wilhelm noch nie auf den Schulweg gemacht. Zwar hatte der Vater ihm an den Professor ein Briefchen mitgegeben, und die Mutter hatte ihm gesagt: "Habe nur keine Angst, ein Unrecht ist's nicht, was du getan hast," aber er hatte ihr doch angemerkt, wie unbehaglich es ihr selbst zumute war, und hatte zufaellig gehoert, wie der Vater zu ihr gesagt hatte: "Eine Mutter von vier Buben muss sich auf allerlei gefasst machen." In der Schule war es sein erstes, sich nach den anderen Uebeltaetern zu erkundigen. "Muesst ihr auch auf die Polizei?" fragte er Baumann und die uebrigen Kameraden, die mitgetan hatten. Kein einziger war vorgeladen! "Du wirst wohl auch noch vorgeladen werden," sagte ein dritter zu Baumann, "dich hat der Schutzmann aufgeschrieben." "Es ist nicht wahr." "Freilich ist's wahr, ich war doch noch ganz in der Naehe und habe es deutlich gesehen." Baumann leugnete und wurde grob, und es war ein erbitterter Streit, als der Professor in die Klasse trat. Er bemerkte gleich die Erregung seiner Schueler und hatte keine Freude daran. Als ihm Wilhelm nun Herrn Pfaefflings Brief reichte und er las, um was es sich handelte, erkundigte er sich gleich, ob noch mehrere vorgeladen seien, und als er hoerte, dass Pfaeffling der einzige sei, sagte er: "Dann moechte ich mir auch ausbitten, dass die anderen sich nicht darum kuemmern. Es ist schon stoerend genug, dass einer vor Schluss der Stunde fort muss, gerade heute, wo die letzte griechische Arbeit vor Weihnachten gemacht wird. Wer sich sein Zeugnis nicht noch verderben will, der nehme seine Gedanken zusammen!" So wurde aeusserlich die Ruhe in der Klasse hergestellt, und es war nicht zu bemerken, wie dem einen Schueler das Herz klopfte vor innerer Entruestung, dass er allein zur Strafe gezogen werden sollte, dem anderen vor Angst darueber, dass sein Betrug an den Tag kommen wuerde. Kurz vor elf Uhr verliess Wilhelm auf einen leisen Wink des Professors das Zimmer. Unheimlich still kam es ihm vor auf den sonst so belebten Gaengen und auf der breiten Treppe, die nicht fuer so ein einzelnes Buerschlein berechnet war, sondern fuer einen Trupp froehlicher Kameraden. Heute begleitete ihn keiner, den sauern Gang auf die Polizei musste er ganz allein tun. Und nun betrat er das grosse Gebaeude, in dem er ganz fremd war, hielt sein Vorladungsformular in der Hand und las: Erster Stock, Zimmer Nr. 12. Leute gingen hin und her, keiner kuemmerte sich um ihn; vor mancher Zimmertuere standen Maenner und Frauen und warteten. Nun war er bei Nr. 10, die uebernaechste Tuere musste die richtige sein, Nr. l2. Vor diesem Zimmer stand ein Mann--und das war Herr Pfaeffling. "Vater!" rief Wilhelm, "o Vater!" und in diesem Ausruf klang die ganze Qual, die Angst und die ganze Wonne der Erloesung. Herr Pfaeffling fasste ihn bei Hand. "Ich habe mich doch auf eine Viertelstunde los gemacht," sagte er, "jetzt komm nur schnell herein, dass wir bald fertig werden!" Im Zimmer Nr. 12 sass ein Polizeiamtmann. Nach einigen Fragen und Antworten kam die Hauptsache zur Sprache: Wilhelm war angezeigt worden, weil er Herrn Sekretaer Flossmann mit Schneeballen getroffen, darnach in frecher Weise gelacht und das Schneeballenwerfen in unmittelbarer Naehe fortgesetzt habe. "So hat sich's verhalten, nicht wahr?" fragte der Amtmann. "Getroffen habe ich einen Herrn aus Versehen," sagte Wilhelm, "aber weiter nichts." Nun mischte sich Herr Pfaeffling ins Gespraech: "Du hast mir erzaehlt, dass du dich ausdruecklich entschuldigt habest und sofort heimgegangen seiest." Da laechelte der Amtmann und sagte: "Damit sollte wohl der Vater besaenftigt werden, in Wahrheit verhielt sich's aber, nach der Aussage des Herrn Sekretaers und des Schutzmanns ganz anders, und Sie werden begreifen, das