The Project Gutenberg eBook, Der Mann im Nebel, by Gustav Falke This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at www.gutenberg.net Title: Der Mann im Nebel Author: Gustav Falke Release Date: February 13, 2004 [eBook #11075] Language: German Character set encoding: US-ASCII ***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER MANN IM NEBEL*** E-text prepared by Project Gutenberg Distributed Proofreaders Der Mann im Nebel Roman von Gustav Falke Hamburg 1916 Seinen lieben Freunden Karl Ernst Knodt und Frau Kaethe herzlichst zugeeignet Erstes Buch 1. Liebster Doktor! Wie vermisse ich Sie, Sie Ausreisser. Nach wie vor fuehrt mich mein Berufsweg zweimal in der Woche an Ihrem alten Heim vorueber, und ich werfe betruebte Blicke nach dem Eckfenster hinauf. Wie schoen war's da oben: ich auf Ihrem breiten etwas eingesessenen Sofa, Sie mir gegenueber auf dem Stuhl, zwischen uns auf dem buecherbeladenen Tisch eine Tasse Kaffee, ein Glas Bier oder ein Aquavit. Und dann ging's los, ueber Literatur, Kunst und tausend Sachen. Und Ihre alte Wirtin, die Frau Obersteuerkontrolleurswitwe, der man diesen imponierenden Titel nicht ansah, mit ihrem roten Gesicht, ihrer etwas waschfrauenmaessigen Hausuniform und ihrer hastigen, stossenden Sprechweise. Und das einzige Likoerglas, das kleine blaue Henkelglas, worin sie einer ganzen Korona Aquavit kredenzte, von Mund zu Mund: "Is nich'n huebsches Glas? Is aus Travemuende. Hab ich selbst mitgebracht. Huebsches Glas. Ist es nich? Aus Travemuende. Hab'n Schwester da, wissen Sie. Ja, 'n Schwester." Sie laesst bestens gruessen. Sie hat jetzt ihre beiden Zimmer an einen Zoellner vermietet, einen jungen "soliden" Menschen. Sie wissen, die Frau Kontrolleur gibt viel auf das Solide. Na, in Punkto Soliditaet. Unsolide waren wir nicht. Aber der Zoellner wird uns ueber sein. Ich vegetiere nun schon eine ganze Zeit lang so hin. Kein Vers, keine Zeile. Lyrisch alles tot. Was Sie ueber meinen letzten Roman schrieben, hat mich sehr erfreut. Ja, es steckt viel Beobachtung darin. Aber es ist doch nichts mit diesem nuechternen Realismus. Ich moechte nun endlich mal schreiben, was Sie meinen Pan-Roman nennen. Mich auch mal lyrisch ausgeben. Stimmung. Psychologie. Alles moegliche. Solche Dreiecksnatur, Sie brauchten den Ausdruck einmal, so ein Portraet von Ihnen, Liebwertester, ein Individuum, das sich zwischen den drei Punkten Weib, Kunst und Natur aufreibt, seine Ringkaempfe mit sich auffuehrt. Ihre gefaehrlichen Anlagen potenziert, so dass ein Ungeheuer daraus wird. Aber geben Sie mir einen freundschaftlichen Stoss, dass ich kopfueber in die Tinte schiesse, sonst wird's doch wieder nichts damit, und es bleibt alles beim guten--Willen darf ich's gar nicht mal nennen, denn wie gesagt, es sind tote Tage bei mir, Nebeldruck, Muedigkeit, Stumpfsinn, wie immer, wenn ich eine Arbeit hinter mir habe und eine neue sich erst heimlich vorbereitet wie das Saatkorn unter der Wintererde. Pan, ja Pan! Sie sitzen nun mitten drin, haben alles, was ich ersehne, liegen auf dem Ruecken und hoeren die Mittagsmusik des bocksbeinigen Gottes, waehrend ich hier Staub schlucke, Federn kaue und Kindergeschrei anhoere. Hier etwas, was ich aus dem Papierkorb fuer Sie wieder ausgrub, weil es gerade hierherpasst. Etwas Boecklin-Nietzsche mit einem Stich ins Scheerbartsche. Nichts Urgeborenes, also der Vernichtung gehoerig. Herzlichst Ihr Gerd Gerdsen. * * * * * Tanz. Pan blaest. Lass uns tanzen, du und ich. Auf der Sommerwiese, in der Morgensonne lass uns tanzen, wo die weichen Winde sich deines wehenden Blondhaares freuen werden. Komm auf die Wiese! Blumen werden sich unter unsere Fuesse draengen und aufgescheuchte Schmetterlinge unsern Tanz umtanzen, weisse und gelbe Schmetterlinge, leuchtend in der Helligkeit des wachsenden Lichtes. Pan lockt. Wir wollen tanzen zu diesen Toenen. Und die Wiese tanzt, und der Wald tanzt, die schwarzen Fichten mit dem roten Morgenkleid aus Sonne und die braeutlichen Birken mit den jungfraeulichen Gewaendern aus Silberseide. Und die weissen Laemmer auf der blauen Himmelswiese werden huepfen, umeinander huepfen, leichtwolliges Sommervolk, zu der Floete des Hirten. Und die Sonne wird tanzen, die lachende Sonne, dass ihre Strahlen auseinander wirbeln, uns umwirbeln, ein flimmernder, blitzender, glitzernder Schleier, in dem wir uns im Kreise drehen, du und ich in unserer nackten Schoenheit und in unserer nackten Freude. Komm, komm! Pan blaest. Die Bocksfuesse uebereinandergeschlagen, hockt er im Fichtenschatten, Zottelbart, Waldschreck den Furchtsamen. Wir aber tanzen vor ihm, nackt, ueber Blumen, zwei weisse Schmetterlinge, trunken in Lust, trunken in nackter Lust. 2. Lieber Gerdsen! Herzlichen Dank fuer Ihren liebenswuerdigen Brief. Ja, schreiben Sie, Ihr Plan ist vorzueglich. Ich stelle mich Ihnen ganz zur Verfuegung, Eigentlich Pan-Roman, wie ich es meinte, wird es vielleicht nicht. Aber einerlei. Sie haben recht: ab von dem Realismus Ihres letzten Romans. Sie wissen, wie sehr ich ihn schaetze, hochwerte, diesen Realismus: kuenstlerisch, aufrichtig, schlicht, ohne weitere Absichten als die des treuen Bildners und Darstellers. Und dann der Humor, den Sie haben, und ohne den es nicht gehen wuerde. Aber selbst dieser Humor macht diese misera plebs, diese Kellerleute, Kaesekraemer und Ladenmaedchen nicht auf die Dauer geniessbar. Lassen Sie diese Nullen, die kein Genie zu Zahlen machen kann. Natur! Natur! Aristokratie!! Hoehenmenschen. Was wollen Sie Duenger karren, statt uns Edelgewaechse zu ziehen. Koennt ich's nur, wie Sie. Aber bei mir ist alles nur Wollen, ohnmaechtiges Wollen. So muss ich mich denn mit der Natur begnuegen, dem einzigen, was Ersatz fuer mangelnde Produktivitaet gibt, die Natur, die uns erhebt, indem sie uns vernichtet. Die grosse Natur, die Herrscherin, die Zerstoererin, die am groessten ist, wenn sie toetet. Das ist es, was ich an der Natur so liebe: ihre Grausamkeit! Oder besser ihre Gleichgueltigkeit! ihre voellige Verachtung des Menschen! Das Meer! Nordsee! Sylt! Skagen! Nach Skagen muessen wir mal zusammen. Hier ist es mir zu friedlich. Diese ewigen Wald- und Kornlandschaften, diese sanften Huegel. Alles riecht hier nach Arbeit, nach Schweiss. Unser taeglich Brot gib uns heute. Amen. Ich will die Natur gross, frei, und den freien Menschen darin, nicht den Sklaven. Brot, Speck und Gotteswort. Und ueber allem der Gendarm. Und doch kann ich hier nicht wegfinden, liege hier so in einer Art Halbschlaf, der alle Energie lahmt und keine Entschluesse aufkommen laesst, Hans der Traeumer! Nette, liebe, einfache Leute hier, fromm und bieder. _Landvolk_! Nicht dieser ekelhafte Stadtpoebel, keine oede Sozialdemokraterei, diese Weltanschauung aus Frechheit, Hunger, Halbbildung und Borniertheit zusammengeschweisst. Eine Weltanschauung, die riecht. Ich gehe mit dem Plan um, Einsiedler zu werden. Ich brauche nicht viel; was ich von meiner Grosstante geerbt habe, reicht aus fuer zehn, zwanzig Jahre; so lange wird die Maschine wohl aushalten. Haelt sie laenger vor als das Oel, so muss man sie zerschlagen. Das ist das beste am Leben, dass wir's wegwerfen koennen. Sie kennen mein Ideal: einige Jahre Blockhauseinsamkeit am Meer, zwischen den Schaeren Norwegens, am Amazonas oder irgendwo insulares Suedseeparadies. Und ein Weib, das Chopin spielt und Saint Saens. Danse macabre. Und draussen orgelt der Sturm und die Moeven schreien, oder die Affen. Schreiben sie bald, meine Adresse ist bis auf weiteres die hiesige. Ihr Randers. 3. Acht Tage war Randers schon in diesem Waldwinkel, statt an die See zu gehen, wie es seine Absicht war. Wenn ihm jemand vorhergesagt haette, er wuerde eine ganze Woche zwischen Feld und Wald in einem einsamen Schulhause leben, wuerde er ihn ausgelacht haben. Er war kein Idylliker. Er liebte weite Horizonte, Groesse, Erhabenheit in der Natur. Er liebte das Meer. Was hielt ihn nur hier fest unter dem langgestreckten Ziegeldach des niedrigen Schulhauses mit dem kleinen baeuerischen Vorgarten voll greller Astern und plumper Georginen? Das sah ja von der Landstrasse aus ganz traulich und anheimelnd aus. Aber auf die Dauer war doch alles so eng, kleinlich, so muffig. Dazu die zwei langen Blitzableiter auf dem Dach, die dem ganzen so einen offiziellen Anstrich gaben: Dies ist eine Schule. Und dann die Familie des Lehrers! Doch die gefiel ihm, er hatte wirklich nichts gegen sie. Gute, brave, einfache Leute, und voller Aufmerksamkeit gegen ihren Sommergast. Sie hatten einen solchen gesucht. Er hatte es unterwegs im Provinzboten gelesen. Dann war er ihnen gleich vor die Tuer gefahren. Auf ein paar Tage. Sie hatten ihn erst auf so kurze Zeit nicht aufnehmen wollen. Aber er versprach zu raeumen, wenn sie das Quartier besser vermieten koennten. Mit weicher Neugier hatten sie ihn ausgefragt. Nicht auf einmal, aber so nach und nach. Sie mussten doch wissen, was er eigentlich war. Ja, was war er? Eigentlich nichts. Aber das haetten sie nicht verstanden, er fuehlte instinktiv, dass diese Leute von seiner Jugend irgend eine nuetzliche Taetigkeit verlangen wuerden. Freilich, er war ihnen ja keine Rechenschaft schuldig. Aber es genierte ihn doch. Und so wollte er sich denn als Journalist vorstellen, besann sich aber und sagte Schriftsteller. "Sie schreiben wohl fuer Blaetter?" "Ja, fuer Blaetter." Alle sahn ihn mit unverhohlener Neugier an, nicht ohne Misstrauen. Und der Lehrer sagte nochmal: "So, f--ff--fuer die Blaetter." Er hatte eine ungelenke Zunge. Er umging das Stottern, indem er die widerspenstigen Laute vorsichtig anfasste und bedaechtig zoegernd wieder entliess. Randers hatte schon am dritten Tag den Koffer wieder packen wollen, hatte es einen Tag aufgeschoben, weil es gerade regnete, einen andern, weil es zu heiss war und er sich muede und unlustig fuehlte. Und nun war er immer noch hier, hatte sich unmerklich eingewoehnt und liess es gehen, wie es ging. Tagsueber lag er auf dem Ruecken im Waldmoos, eingelullt von dem leisen Rauschen des Buchenlaubes, dem einzigen Geraeusch, das ihm einigermassen den eintoenigen Gesang des Meeres ersetzen konnte, oder er draengte sich mit seiner langen, hageren Figur durch das dichte Unterholz, auf schmalen, verwilderten Fusssteigen, wo es ihm besser gefiel als unter den hohen Buchen, die er freilich nirgends so praechtig gefunden hatte wie hier, ausgenommen natuerlich in Daenemark, seinem geliebten Daenemark. Aber das niedere Dickicht hatte es ihm angetan. So ganz eingeschlossen in der gruenen Wildnis, die ihn in Kopfhoehe ueberdachte, in unmittelbarer Beruehrung mit diesem Gewirr von Zweigen und Blattwerk, so ganz in dieser gruenen Enge eingeschlossen war es ihm erst wohl. Einmal in diesen acht Tagen hatte ihn seine Sehnsucht an die Ostsee gefuehrt, die ein paar Stunden von hier ihre schlaefrigen Wellen auf den Sand des flachen, langweiligen Strandes warf. Da hatte er ein Bad genommen und hatte dann fast zwei Stunden lang auf dem Ruecken im warmen Sand gelegen, die kuehle Seeluft geatmet, Verse gemacht und an ein kleines Maedchen in rotem Wollkleid gedacht. Gedanken, die nicht tief herkamen, die aber hartnaeckig waren. Es war eigentlich nur das rote Wollkleid gewesen, das ihn beschaeftigt hatte. Diese grelle, rote Farbe, die wie ein Fleck auf allem lag, wohin er sah, auf dem Wasser, auf dem gelben Sand, und in der hellen zitternden Luft tanzte. Ja, ja, das kam noch auf das bewusste Konto. Hallucinationen. Er hatte auch gar zu wuest gelebt, den ganzen Winter. Aber er sollte ja auch nur darueber hinweg kommen. So ein Abschied fuer immer ist keine Kleinigkeit. Und es hatte doch tiefer bei ihm gesessen. Schliesslich geht's auf die Nerven. Erst dies Verhaeltnis, dann der Alkohol, Kopfschmerz, Schlaflosigkeit, Gespenster. Es war nicht mehr zum aushalten gewesen. Er hatte zuletzt mit dem Arzt sprechen muessen. Der untersuchte ihn gruendlich; kerngesund. Aber hier oben, mein Lieber, diese Knoten auf dem Kopf da. Sehen sie sich vor. Etwas weniger Spirituosen. Es ist weiter nichts als das. Gehen Sie ein paar Wochen an die See. Immer draussen. Oder machen Sie eine Fusstour. Aber wie gesagt: hoechstens zwei Glas! Das war's, was ihn seinen Koffer hatte packen lassen. Der Arzt hatte recht, es ging wirklich nicht so weiter, wollte er noch ein paar Jahre leben. Und das wollte er. Sein Leben lag doch noch vor ihm, das Leben, das seiner Natur gemaess waere. Und das war ja sein einziges Streben, sich mal ausleben zu koennen, ein paar Jahre nur, ganz souveraen, keinem willig und gehorsam als nur den Geboten seiner Natur. Und dazu bedurfte er der Gesundheit. Es kaeme ja sonst nicht darauf an, ein paar Jahre frueher oder spaeter abzutreten. Aber nur jetzt noch nicht, jetzt, wo er endlich die Mittel hatte, sich sein Leben nach seinen Wuenschen einzurichten. Zehn Jahre wuerde sein kleines Kapital ausreichen, zehn Jahre ungebundenen Sichauslebens. Die wollte er geniessen. Und dann? Er war nicht der Mann sich mit dem zu beschaeftigen, was nach zehn Jahren sein koennte. 4. Randers sass in halbliegender Stellung auf der Bank unter den alten Buchen, die dem Schulhause gegenueber ihre hohen teilweise abgestorbenen Kronen allen Winden aussetzten. Diese Buchen, einen geraeumigen Rundplatz einfassend, bildeten gleichsam das Portal zu dem Unterholz, das sich an dem ausgefahrenen Landweg hinzog und sich in einer Tiefe von einer Viertelstunde Wegs vor dem huegeligen Hochwald lagerte. Die Moosdecke dieses Platzes war schadhaft und zeigte Spuren von Kinderspielen. Um die Bank herum war jede Vegetation von den Fuessen niedergetreten. Das nackte Erdreich bildete eine harte Tenne. Da lagen Papierfetzen und allerlei Abfall umher, der anzeigte, dass die weiblichen Mitglieder der Lehrerfamilie hier oft ihren Aufenthalt nahmen und einen Teil der haeuslichen Taetigkeit hierherverlegten. Randers aergerte sich ueber diese Verunzierung des huebschen Waldplatzes, diese "Besudelung der Natur" mit menschlichem Krimskram. Einen grellbunten Fetzen eines schottischen Kleiderstoffes, der ihn besonders erboste, hatte er wuetend mit der Spitze seines Spazierstockes hinter sich geschleudert. Er wehte lustig, ein bunter Wimpel, in den Zweigen eines jungen weissstaemmigen Birkenbaeumchens. Randers haette das Faehnlein gerne da heruntergeholt, aber es war ihm zu muehsam, darum aufzustehen. Er hatte gelesen, oder vielmehr zu lesen versucht: Storms "Waldwinkel". Aber die unruhigen Schatten des leicht bewegten Laubes, die auf den Blaettern des Buches einen Zittertanz auffuehrten und die Buchstaben mit hineinrissen, und das leise Laubgelispel um ihn her stoerten ihn. Auch das Schwaermen der Bienen belaestigte ihn. Es war ein ununterbrochenes Summen um ihn. Aus den Stoecken des Lehrers kamen sie, ueber die Blumen des Gartens und die Honigtraeger am Grabenrand der Landstrasse her, nach dem breiten Waldsteig, wo Bienensaug, Brombeerbluete und hundert andere suesse Schuesseln lockten. Und dann war noch ein andres, was ihn ablenkte. Seine Gedanken kehrten immer wieder zu Gerd Gerdsens Brief zurueck, den er heute morgen beantwortet hatte. Ja das koennte etwas werden! Das wuerde ihm Spass machen. Spass? Nein, durchaus ernst wollte er es nehmen. Was gab es da nicht alles zu berichten und zu--beichten. Er geriet in ein Gruebeln ueber sich und sein Schicksal, und ging hier einen Weg zurueck und da einen anderen, um auf die Anfaenge dieser und jener Richtung in seinem Charakter zu stossen. Und die Wege fuehrten ihn zurueck in die Kindheit, in das kleine Fischerdorf an der Ostsee. Er sah das vaeterliche Pfarrhaus vor sich, mit den wilden Rosen um Tuer und Fenster, mit dem kleinen Blumengarten vorn und dem grossen Kuechengarten hinten, der an den Deich stiess. Er sah das bunte, rote Laub der Weinlaube, die weissen und lila Sterne der Astern, den ganzen farbigen Herbstgarten. Warum er nur die Heimat immer im Herbstschmuck sah? Weil da die Aepfel reif waren? Oder waren es nicht die Aepfel, sondern nur die Aussicht auf die See, die er auf dem luftigen Sitz im Apfelbaum genoss, was ihm diese Erinnerung so wert machte? Die Kronen der alten krummaestigen Baeume ragten ueber den niedrigen Deich hinueber, und es war lustig, da oben zu sitzen und mit den Blicken den Segeln draussen zu folgen. Aber lustiger noch war es auf der alten Pappel, lustiger und hoeher. Wie er das erstemal da hinauf geklettert war und so hoch ueber der Erde, ganz den Blicken entzogen, auf die weite See hinaussah, war ihm zum ersten Mal das Gefuehl romantischer Einsamkeit mit suessen Schauern aufgegangen. Wie oft hatte er da oben gesessen und sich seinen Traeumen ueberlassen, Traeumen, die ihn hinaustrugen auf das weite Meer, in fremde Laender, auf einsame Inseln, durch Sturm und Gefahren. Ja, da oben war er zu dem geworden, was er war, da oben hatte er diese Liebe zur Freiheit eingesogen, den Drang, sich abzusondern, immer in Pappelhoehe ueber der Menge. Was konnte er von da oben nicht alles uebersehen! Den kleinen Fischerhafen, die kleine Flotte der Fischerkutter. Er kannte jedes Fahrzeug, jedes Segel. Da lag auch des alten Joenksen Boot, des alten Schweden, von dem er den ersten Schluck Branntwein bekam, und da lag, wenn er sich auf seinem hohen Sitz umdrehte, die Huette des alten Joenksen, nur durch zwei andere Huetten vom Pastorat getrennt. Man konnte von dem hinteren Pfarrgarten ueber die kleinen Nachbargaerten hinweg in Joenksens Garten sehen, wo immer Waesche hing, Waesche, fuer die Randers ein besonderes Interesse hatte, denn sie war von Inge Joenksen da hingehaengt. Inge, die fuenfzehnjaehrige Inge Joenksen! Das war seine erste Liebe gewesen. Ach, die Romantik dieser ersten Liebe, die ihre junge Brust dem Meerwind bot, und sich auf den Wellen schaukelte, oder klopfenden Herzens hinter dem Zaun des vaeterlichen Gartens stand und hinueberlugte, wo Inges blonder Zopf schwankte und ihre braunen Arme sich hoben und senkten und grobe blaue Wollhemden, dicke graue Struempfe, und verwaschene Schuerzen, alles vielfach gepflickt und gestopft, ueber die Waescheleine klammerten. Aber am schoensten war es doch, wenn sie zusammen in ihres Vaters Boot hinausfuhren und sich unter das braune Segel duckten, wenn der Alte den Kurs aenderte und das breite Tuch klatschend herumschlug. Wie lustig das war! Wie die Inge lachen konnte! Und wobei gibt es wohl mehr zu lachen, als wenn zwei junge Menschenkinder, die sich gerne haben, gezwungen werden, schnell die Koepfe zusammenzustecken. "Achtung! Kopf weg!" O, was konnte er Gerd Gerdsen alles von Inge und dieser schoenen Zeit erzaehlen. Daraus konnte der allein einen rechtschaffenen Roman zimmern. Wie lebendig stand alles vor ihm, die ganze Idylle seiner gluecklichen Jugend in dem kleinen Fischerhafen. Er wollte das festhalten fuer Gerd Gerdsen, heute nachmittag noch. Und er wollte alles unterstreichen fuer den Chronisten seines Lebens, was einen Keim trug zu seiner spaeteren Entwickelung. Die See mit ihrem Einfluss, das fromme, aber nicht strenge Leben im Elternhaus, das ungebundene Treiben mit den Dorfkindern, die Pappel; ja die vor allem! Merkwuerdig, er sah immer diese Pappel vor sich, als waere sie der Mittelpunkt seiner ganzen Jugendzeit, der Mast, um den sich dieses ganze lustige Karussell drehte. Und dann die Schnapsflasche des alten Joenksen. Brrr! Er erinnerte sich noch des ersten Schluckes und seiner hoellischen Wirkung. Auch diese Schnapsflasche durfte er seinem Chronisten nicht unterschlagen, sie gehoerte mit zu den "Quellen". Und darauf kam es ja an, alle Quellen bloss zu legen, aus denen sein Leben sich speiste, alle Baeche und Baechlein, die zusammenflossen zu dem einen raetselhaften Gewaesser voller Klippen und Untiefen, das sich der Charakter des Doktors der Philosophie Henning Randers nannte. Ja, es sollte dem Freund nicht an Daten und Dokumenten fehlen. Er wollte ihm sitzen geduldig und nackt, ohne Schleier. Und dann wuerde es etwas werden, wovor jeder die Augen aufreissen wuerde, und er selbst wollte mit einer wehmuetigen Lust vor seinem Bilde stehn, und mit einer diabolischen Freude ueber diese Selbstprostituierung. Dieser Gedanke machte ihn mit einmal lebendig. Er steckte das Buch zu sich und ging mit dem Ausdruck eines Menschen, der in einer wichtigen Sache einen guten Entschluss gefasst hat, leicht und schnell den Waldweg hinauf. Einen Augenblick zoegerte er beim ersten Jaegersteig, der in das Buschwerk abbog und dessen dunkle Oeffnung ihn so einladend ansah, aber er blieb diesmal auf dem breiten Weg, dem Holz, und Wildfuhren tiefe Furchen eingegraben hatten. Der Weg war sonnig. Das niedre Seitenholz warf seinen Schatten um diese vorgerueckte Morgenstunde kaum einen Fuss breit. Da gab es Bienensaug und gelben Loewenzahn, und roten und weissen Klee, und Maennertreu und wilde Stiefmuetterchen. Hin und wieder an feuchten Grabenstellen Vergissmeinnicht, in grossen Mengen bei einander. Und ueberall am Waldrand hin Farren und Feldschachtelhalm. Und ueberall Bienen und Schmetterlinge. Um einen Brombeerstrauch, der an seinem schattigen Platz etwas zurueckgeblieben war und fast noch ganz in Bluete stand, gaukelte ein Schwarm Kohlweisslinge, darunter zwei himmelblaue Zwergfalter. Randers blieb stehen und sah eine Weile diesen leuchtenden, flimmernden, lautlosen Schmetterlingsspielen zu. Es unterhielt ihn, belustigte ihn, wie sich Schmetterlinge und Bienen die suessen Tropfen streitig machten. Es war ein aehnliches Behagen, wie das, womit er zusah, wenn sich zwei Jungen balgten. Wer ist der staerkere? Ha! Bravo! Der sitzt! Recht so, zeig's ihm! So stand er und sah laechelnd in diese Fluegelschlacht. Es war ein bestaendiges Kommen und Fliehen und das Gezitter und Gefaechel aller dieser weissen Fluegel ueber den weissen Blueten in der hellen weissen Sonne blendete ihn zuletzt. Es war ganz still. Man hoerte nichts als das anheimelnde Summen der Bienen. Hin und wieder das Geraeusch knackender Zweige, wenn ein Tannenzapfen zu Boden fiel, oder ein Taubengurren, und von den entfernten Weiden her das gedaempfte Bruellen der Rinder. 5. Am Lohteich traf Randers auf Claus Mumm, den Holzfaeller. Der Lohteich war ein kleiner Waldsee, ganz von hohen Buchen umgeben, deren weitueberhaengende Zweige sich nach den weissen Wasserrosen zu sehnen schienen, die in ihrem Schatten auf dem stillen Wasserspiegel schwammen. Im Schilfguertel standen ein paar hohe gelbe Schwertlilien, leuchtend in dem saftigen Gruen um sie her. Randers kaempfte mit der Lust eine besonders praechtige Lilie zu pfluecken, als Claus Mumm heranschluerfte und seine Aufmerksamkeit ablenkte. Der Alte ging gebueckt unter einer Last duerren Zweigholzes und gestuetzt auf einem derben Knueppel, den er irgendwo aufgelesen haben mochte. Er rueckte mit der Hand etwas an seiner grauen Wollmuetze und sah mit scheuem Blick aus den kleinen, trueben, rotumraenderten Augen zu Randers auf. Ein stummer unterwuerfiger Gruss, in dem viel Druck lag. Der Alte seufzte unter mehr als unter der Last des seinem muerben Ruecken aufgeladenen Holzes. "Dag Mumm, wo geit?" Der Alte blieb stehen. "Na, woans is dat? hebben Se noch nix huert?" "Ne Herr! He sitt ja nu erst." Er sah kaum auf beim Sprechen, seine Stimme klang engbruestig, pfeifend. Eine traurige, gedrueckte Stimme, die zu den scheuen, traurigen, kranken Augen passte. "Hebben Se denn Hoffnung?" fragte Randers Ein kurzer Aufblick der mueden Augen war die ganze Antwort. Dann setzten sich die alten Beine in schluerfende Bewegung. Es lag etwas Hoffnungsloses in diesem stummen Abbrechen. "Adjues Mumm," rief Randers ihm nach. "Laten Se man den Mood nicht sinken." Petersen, der Lehrer, hatte ihm von dem Alten erzaehlt, dessen einziger Sohn wegen Mordes in Untersuchungshaft sass. Es war nur eine halbe Erzaehlung geworden, durch Dazwischenkunft anderer gestoert. Nachher waren sie nicht wieder darauf zurueckgekommen. Jetzt war Randersens Neugier durch diese Begegnung wieder rege geworden. Den Alten selbst hatte er nicht ausfragen moegen. Es war ein Maedchenmord, an der eigenen Geliebten begangen, die unverstaendliche Tat eines ueberall beliebten, unbescholtenen Burschen. Ein Raetsel. Um eine aeltere Verpflichtung gegen eine andere, die ein Kind von ihm trug, erfuellen zu koennen, hatte er den Mord begangen. Warum toetete er nicht die ungeliebte, unbequeme Mahnerin? Randers dachte sich in die Seele dieses einfachen Knechtes hinein. Der Fall interessierte ihn. Es war etwas fuer seinen psychologischen Spuersinn. Und nun kombinierte er sich so eine Bauernpsyche nach seinem Bilde, und es lag ihm alles so klar auf der Hand, und er wollte eine Novelle daraus machen, er oder Gerd Gerdsen. So eine moderne Bauernnovelle fuer die Feinschmecker. Er lachte bitter auf bei dem Gedanken. Da wollte er mal wieder etwas. Was wollte er nicht alles. Er wuerde auch diesmal nicht ueber den Plan hinauskommen, er der grosse Woller und Nichtskoenner. Aber einerlei, vielleicht glueckte es diesmal. Hier war ein bestimmter Fall, hier lagen Tatsachen vor, Dokumente. Petersen musste noch mal heran. Der erzaehlte so nett umstaendlich, mit allem Drum und Dran, was einen andern zur Verzweiflung bringen musste, aber fuer den Psychologen gerade das rechte war, weil es ihm Faeden in die Hand gab. Auf huegeligen Wegen hatte Randers allmaehlich auch den Hochwald durchquert. Der schmale Waldstieg muendete durch einen Wallausschnitt in einen sanftabfallenden Landweg. Reifender Roggen dehnte sich weit aus, ein gelbes, unbewegtes Feld, dahinter ein Schlag noch graugruenen Hafers, dann, aus einer Talmulde heraus, Strohdaecher, ein ganzes Dorf. Ganz hinten Wald, lang ausgestreckt. Randers erkletterte den buschigen Wall, um besser Rundschau halten zu koennen. "Ob man weiter geht?" sagte er laut. Eine heisse Luft lag ueber den Feldern, ein flimmernder Dunst. Der Himmel spannte sich wolkenlos darueber. Randers stand regungslos und sah in die sonnige Landschaft hinein, wie hypnotisiert von dem Meer von Licht da draussen. "Die Sonne bei der Arbeit," sprach er halblaut. "Die Sonne beim Brutgeschaeft. Diese grosse Muttertaetigkeit." Es lag ein leiser Widerwille im Ton. "Diese ewige Zeugung, dieses unendliche Gebaeren. Sinnlos, zwecklos. Wozu? Diese ekelhafte Geilheit der Natur." Nein, er wollte da nicht hinein in diese Bruthitze. Er wollte zurueck in den Wald. Da draussen war ein Schweissduft ueber der ueppigen Kornlandschaft. Muehseliges Sichabrackern ums taegliche Brot. Im Wald roch er wenigstens den Menschen nicht. Er wandte sich ab und sprang mit geschlossenen Beinen, etwas steif von dem Wall herunter, dass das trockene Bodenlaub unter seinen Fuessen aufraschelte und die duerren Zweigabfaelle knackten. Er ging ziellos durchs Unterholz und traf auf einen Himbeerstand. Er erinnerte sich, dass Schullehrers Christine ihm von einem solchen gesprochen hatte. In der Naehe des Lohteiches sollte er sein. Es war ein ganzes Himbeerfeld, mehr ein kleiner Himbeerwald. Busch an Busch, voller roter, reifer Fruechte. Er naschte. Er gab nicht viel um dergleichen Schmaus. Aber er konnte die Dinger doch nicht haengen sehen, ohne zu pfluecken, wahllos, wie sie ihm am naechsten hingen. Dann bekam er es satt und legte sich auf den Ruecken. Der Boden war stellenweise glatt und sauber, zum Ruhelager wohl geeignet. Es standen nur wenige grosse Baeume hier, und er hatte einen freien Blick auf ein grosses Stueck Himmel. Es hing nur ein einziges Woelkchen da oben, wie vergessen. Eine weisse, duftige Feder, zierlich geschweift, ein Flaum. 6. Randers lag im Schatten, die Arme unter dem Genick verschraenkt, und starrte in die Sonne hinaus. Und da waren gleich wieder die roten Flocken, tanzten vor seinen Augen. Das rote Roeckchen von Schullehrers Christine. Sie hatte gestern hier Himbeeren geholt. Ob sie heute wieder pfluecken wuerde? Und er sah sie vor sich, in ihrem roten, etwas kurzen Kleid, aus dem die Fuenfzehnjaehrige herausgewachsen war, mit ihren zwei schweren, schwarzen Zoepfen, und der adretten, etwas kecken Haltung, frisch, kernig, gesund. Sie war ihm gleich aufgefallen, und er mochte das huebsche Ding leiden. Das Kind! Und er hatte es sie unverhohlen merken lassen, indem er sie mit etwas onkelhafter Guete behandelte. Aber neulich, vor drei Tagen, als sie in spaeter Abendstunde neben ihm vor der Haustuer stand, ein Gewitter hatte sie laenger wach gehalten, da hatte sie so eigen mit ihren grossen schwarzbraunen Augen zu ihm aufgesehn und auf seine Reden immer nur verschaemte wortkarge Gegenrede gewusst. Auch jetzt sah er diese grossen, dunklen Kinderaugen mit diesem wunderlichen halb scheuen halb fragenden Ausdruck so aus dem Leeren auf sich gerichtet. Dann schoss das andere so zusammen, und zuletzt haette er sie zeichnen koennen, so deutlich sah er sie vor sich: das rote Roeckchen mit dem verschaemten Flicken unten am Saum, die etwas grossen Fuesse in den Holzpantoffeln, die grauen, groben Struempfe um die vollen festen Waden. Als er so an sie dachte, kam sie, kam wie gerufen. Er erstaunte nicht mal darueber. Nur ein fluechtiges Laecheln, ein leises vergnuegtes Schmunzeln ging ueber sein Gesicht, und den Kopf ein wenig erhoben, um besser sehen zu koennen, nickte er wie zur Bestaetigung eines unausgesprochenen Gedankens. Sie war ohne Hut, ganz wie sie im Hause, in der Wirtschaft ging, aber in Stiefeln, statt in Pantoffeln. Sie trug einen grossen, braunen Henkelkrug, aus dem sie naschte. Sie mochte schon unterwegs Beeren gepflueckt haben, sie standen ueberall reichlich, freilich nirgend so wie hier. Sie sah ihn nicht und fing gleich an zu pfluecken. Ob er sie anrief? Es machte ihm Spass, sie so heimlich zu beobachten. Alle Augenblicke warf sie eine der vollen Flechten ueber die Schulter zurueck. Immer, wenn sie sich tiefer bueckte, fiel wieder eine nach vorne. Zuletzt liess sie sie haengen, wie sie wollten. Er lag ganz still und freute sich des Augenblicks, wo sie ihn gewahr wuerde und einen Schrecken bekaeme. Aber seine Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt. Die Kleine suchte gruendlich Busch fuer Busch ab und entfernte sich dabei immer mehr von ihm. Zuletzt hielt er's nicht mehr aus und klatschte laut in die Haende. Erschrocken fuhr sie mit dem Kopf herum, sah nach allen Seiten, mit grossen neugierigen Augen, aber durchaus nicht aengstlich. Sie war augenscheinlich das einsame Umherstreifen gewohnt und kannte keine Furcht. Wenn nun ein andrer hier laege? Sie war doch schon in dem Alter. Und dann gingen ihm fluechtig allerlei Gedanken an Mord und Verbrechen durch den Kopf und die Geschichte mit dem jungen Mumm. Er klatschte noch einmal, richtete sich halb auf und lachte ihr hell ins Gesicht. "Nein, aber Gott doch, was haben Sie mich erschreckt," rief sie, lachte aber vergnuegt ueber den Spass und kam gleich zu ihm hin. "Sehen Sie mal, so viele." Sie hielt ihm mit kindlicher Freude den schon halbgefuellten Topf hin. Er fuhr mit der Hand hinein, so dass sie mit einem kleinen Aufschrei das Gefaess zurueckzog. "Die gehn ja alle kaputt," schalt sie. Dann liess sie sich ungeniert vor ihm aufs Knie nieder und hielt ihm den Topf bequem, leicht schuettelnd, dass ihm die losen Beeren in die geoeffneten Haende rollten. "Noch'n paar," draengte sie, aber er wollte nicht mehr. "Nun setz dich erst mal'n bisschen hierher," sagte er. Sie war gerade aufgestanden und sah ihn etwas verschaemt an. Aber sie lachte dabei, und ihre Augen verrieten, dass sie wohl Lust haette. Er rueckte ein wenig beiseite, und diese stumme Aufforderung genuegte. Sie setzte sich zu ihm in schrittweiter Entfernung, fing auch frischweg an zu plaudern, kindlich ungeniert: wie heiss es heute waere, und ob er schon lange hier laege, und ob er ueber den Fuchsberg gekommen waere oder am Lohteich laengs. Als sie den Fuchsberg nannte, wollte er fragen, wo der sei, er hatte ihn neulich vergeblich gesucht. Aber die Erwaehnung des Lohteichs brachte ihn wieder davon ab und auf den alten Mumm. "Sag mal," fragte er, "was ist das eigentlich mit dem Mumm fuer eine Mordgeschichte?" "Nicht wahr, wie schrecklich?" sagte sie. "Der hat seine Braut ermordet, was?" "Ja, die eine." "Die eine?" fragte er. Er musste lachen. "Hat er denn mehr gehabt?" Sie wurde ganz rot, halb aus Verlegenheit, weil sie aus seinem Lachen entnahm, dass sie wohl eine Dummheit gesagt hatte, halb aus Scham, der Sache wegen. "Ist das hier passiert, in diesem Holz?" fragte er. "Etwas weiter laengs." Sie zeigte mit der Hand nach links: "Im Schreiberholz; wissen Sie?" Er wusste. "Ob sie ihm nun wohl was tun?" meinte sie. "Wenn er es getan hat." "Moechten Sie das wohl sehen?" "Moechtest du das?" Sie besann sich einen Augenblick, waehrend ihre Augen sich vergroesserten. "Gitt e gitt," rief sie affektiert und wandte sich wie vor etwas Entsetzlichem ab. Aber ihre Augen straften sie Luegen. Er merkte es wohl. Aber das "Gitt e gitt" kam so komisch heraus, dass er lachen musste. Sie lachte ganz lustig mit, aus Lust am Lachen. Das war ihm gerade recht. Was sprach er auch mit ihr von Mord und Hinrichtung. War das eine Unterhaltung fuer sie? Er waelzte sich mit einer Schwenkung naeher und lag jetzt auf dem Bauche, die Ellenbogen aufgestuetzt und, die Haende gefaltet. Sie hatte einen Himbeerfleck auf der Schuerze, und er machte sie darauf aufmerksam. Sie verzog den Mund etwas. "Das macht nichts." "Und genascht hast du auch," fuhr er fort. "Da sieht man's." Er zeigte mit dem Finger nach einem Fruchtfleck auf ihrer linken Backe. Sie bog sich zurueck und schlug nach seiner Hand. "Wo?" fragte sie und machte einen vergeblichen Schielversuch nach dem Fleck. Er tupfte nochmal mit dem Finger nach ihrem Gesicht, und da sie es nicht dulden wollte, fing er ihre Haende ein, hielt sie mit einer Hand umklammert, richtete sich halb auf und beruehrte etwas unsanft mit dem Zeigefinger die Stelle auf ihrer runden, weichen Wange. Sie kreischte auf und rang mit ihm. "Du Racker." Er hatte wirklich Muehe sie zu halten. Er lag auf den Knieen vor ihr. Auf einmal riss er sie fest an sich und kuesste sie. Sie schrie auf und schnellte zurueck, als er sie los liess. Sie war mehr erschrocken als gekraenkt, und sah mit einem etwas duemmlichen Lachen auf ihre Schuerze. Ihre Schulmaedchenhaftigkeit machte ihn vor sich selbst laecherlich. Wie kam er dazu, dieses Kind zu kuessen. Er fuehlte das Beduerfnis, sich vor sich selbst zu entschuldigen. "Siehst du, das ist die Strafe," sagte er aufstehend. "Wofuer?" fragte sie patzig. "Fuer das Naschen." "Ach Sie!" Sie machte eine eigensinnige Schulterbewegung und rieb mit dem Schuerzenzipfel, den sie unbedenklich mit der Zunge befeuchtete, den Fruchtflecken auf ihrer Backe. "Na, adieu Kind," sagte er und reichte ihr die Hand. "Nun pflueck auch fleissig." "Wollen Sie schon gehen?" Er sah in ihren Blicken, dass sie gerne gesehen haette, wenn er noch bei ihr bliebe. Aber er nickte ihr freundlich zu und ging. Verdutzt sah sie ihm nach. Enttaeuschung malte sich auf dem huebschen Kindergesicht, Unmut und Uebellaunigkeit. Und die Spitze des rechten Daumens zwischen die festen weissen Zaehne geklemmt, stand sie noch eine ganze Weile fast regungslos und sah mit grossen Augen in die Richtung, wo er verschwand. 7. Mutter Petersen stand vor der Haustuer und trieb Randers mit Haendeklatschen zur Eile an. Er hatte sich verspaetet, sie warteten schon auf ihn, die Suppe stand auf dem Tisch. Waehrend des Tischgebetes, das jeder leise vor sich hinsprach, sah er in seinen Teller. Er hatte schon lange kein Tischgebet mehr gesprochen. Es war ihm schon im Elternhause, wo es die Reihe herumging, zu einer leeren Form geworden. "Liebster Jesu! sei unser Gast Und segne, was du bescheret hast Amen!" Gesegnete Mahlzeit! Auch so eine Redensart. Spaeter war es ihm geradezu gegen den Geschmack. Es war ihm wuerdelos, unanstaendig, der unpassendste Augenblick, Gottes Wort oder nur seinen Namen in den Mund zu nehmen, wenn in diesem Mund schon das Wasser zusammenlief nach dem Braten, und der dampfende Kohl die Nase kitzelte. Aber anfangs hatte es ihn doch angeheimelt, das erste Mal und einige Tage lang, als sie hier alle die Koepfe senkten und andachtsvoll auf die gefalteten Haende in den Schoss sahen, bevor sie mit dem Loeffel in die Suppe fuhren. Das war so patriarchalisch, schlicht und einfaeltig. Er tauchte in diese einfaeltige Froemmigkeit mit unter, es kam ein Gefuehl des Geborgenseins und des Vertrauens ueber ihn, wie im Elternhaus, und er empfand einen grossen Respekt vor diesen einfachen Leuten. Aber zuletzt war es ihm doch wieder komisch vorgekommen, dieses beinahe marionettenhafte stumme Beten. Er hatte verstohlen beobachtet. Der Schullehrer machte es einfach, still, fast demuetig. Es lag eine gewisse Wuerde in seinem Tun. Aber Mutter Petersen machte es mit einer gewissen Ostentation, ruckweise, mit strammen, kurzen Bewegungen, gleichsam taktmaessig, im Paradeschritt vor ihrem Herrn und Heiland. War sie fertig, griff sie sofort munter zum Loeffel, waehrend ihr Eheherr auch darin eine gemessene Wuerde bewahrte, langsam, zoegernd nach dem Loeffel langte, als schaeme er sich, Profanes und Heiliges so unvermittelt an einander zu koppeln. Christine machte es nach Kinderart, gruendlich, als sagte sie alle Gebete her, die sie wusste. Aber ihre Augen gingen dabei verstohlen von einem zum andern, und nie hoerte sie vor den Eltern zu beten auf. Heute sass sie verlegen vor ihrem Teller. Randers wusste warum. "Es war sehr jungshaft von dir," dachte er. "Wie konntest du dieses Gaenschen da kuessen." Er schaemte sich. Nach Tisch lag er wieder auf der Bank unter den Buchen. Da lag er lange, erst im Halbschlaf, die Stimmen der Schulkinder hoerend und das Geklapper ihrer Holzpantoffeln. Der Lehrer klatschte in die Haende, das Signal, womit er den Anfang der Schulstunde verkuendete und die Saeumigen von der Landstrasse und dem Spielplatz hinter dem Schulhause in die Klasse rief. Randers versuchte etwas zu lesen, fiel aber wieder in den dumpfen Zustand zwischen Wachen und Traeumen zurueck, bis er sich gewaltsam aufraffte und die Muedigkeit abschuettelte. Er steckte sich eine Cigarre an und begann in sein Notizbuch zu kritzeln, Verse, die er den ganzen Morgen mit sich herumgetragen: Umzwitschert rings von muntern Vogelscharen, Steht mir vor Augen einer Laube Bluehen, Und vor dem Tische unter goldnen Haaren Seh flutentief ein Auge ich ergluehen. Was trieb es mich, mit Glueck und Stern zu sparen Und mich zu weihen toerichtem Bemuehen? Nun schuere ich in Aschen, die vor Jahren Geglueht, und seh sie in die Winde spruehen. Er hatte wieder die Sicilianenwut. Eine ganze Reihe von diesen Dingern hatte er in der letzten Woche hingekritzelt, mit Blei, in kaum lesbarer Schrift. Es stand alles bunt durcheinander! Einfaelle ueber Kunst und Literatur, Schuldenberechnungen, Waeschenotizen, und allerlei gleichgueltige Aufzeichnungen fuer den Tag. Manchmal war ein kraeftiges Urteil quer darueber geschrieben, wie: Unsinn! Bloedsinn! Gewaesch! Randers hatte eigentlich Notizen fuer Gerd Gerdsen machen wollen an diesem Nachmittag. Aufzeichnungen aus seiner Jugendzeit. Aber er wollte es nun lieber bis morgen lassen. Es traeumte sich so nett hier. Vom SchuelhauseSchulhauselangen abgerissene Toene eines Kirchenliedes, helle Kinderstimmen, und ab und an der harte, heisere Bass des Lehrers. 8. Abends kam ein Gewitter. Es war schnell heraufgezogen. Aus der alten Wetterecke hinter dem Schulhause und dem Lehreracker, wo die Wildkoppel und das Fuerstenholz in einem stumpfen Winkel zusammenstiessen, kam es her, eine schwarze Wand, die sich gleichmaessig vorschob. Eben hatte noch die Sonne hinter dem Fuerstenberg ein rotes Feuer angezuendet, und jetzt war alles finster. Eine unheimliche Stille. Kein Blatt ruehrte sich. Alles war wie verstummt und erstarrt vor Angst. Dann ein dumpfes Grollen, einmal, langhinrollend, dann Tropfen, zoegernd, schwer auffallend, gleichsam versuchsweise. Randers lag in seinem Zimmer auf dem Sofa und sah durch das offene Fenster auf die dunkle Landstrasse. Draussen zerrte der Schullehrer seine beiden Kuehe hinter sich her. Die Ketten klirrten und die schweren Holzpfloecke schleiften ueber den Kies des Gartens. Dann kam der erste Blitz und ein heller, knatternder Donner. Und die Holunderbuesche im Garten legten sich fast ganz auf die Seite und die Fensterfluegel ruettelten in den Angeln und eine Tuer schlug zu. Und dann rauschte der Regen herab. War das ein Platschen und Klatschen, und Spritzen und Tropfen, von allen Zweigen, von der Dachrinne, vom Gesimse. Drueben warf der Wind die Kronen der hohen Buchen hin und her. "Wie ein Schiff im Sturm," sagte Randers. Und er sah dieses Schiff, sah es ganz deutlich. Es war ein grosser Dampfer. Die Wellen stuerzten aufs Deck. Die Masten krachten, er sah die entsetzten Passagiere, hoerte ihr Schreien. Und er sah den Kampf um die Rettungsguertel. Aber das alles verlor sich, verwirrte sich ihm in ein undeutliches Gewimmel. Klar sah er nur den Kapitaen auf der Bruecke. Der ist blass bis unter die Muetze, die mit dem Sturmband unterm Kinn befestigt ist. Aber wie aus Erz steht der Mann da, festgeklammert mit der Eisenfaust an dem Gelaender der Kommandobruecke. Jetzt beugt er sich nieder. Er kritzelt etwas auf ein Blatt Papier, reicht es dem Lotsen. Der winkt ihm mit heftigen, ueberredenden Gebaerden. Er schuettelt den Kopf, er will nicht weichen. Nicht vom Platz! "Der Held! Der Held der!" Randers rief es ganz laut. Er gluehte vor Aufregung. Koennte er da oben stehen. Sein Leben dafuer! Bis zum letzten Atemzuge da oben, einen letzten Gruss an Weib und Kind, und hinein in den bruellenden, schaeumenden, herrlichen Mannestod. Randers sass aufrecht auf dem Sofa und starrte wie geistesabwesend in die Blitze und auf die sturmgepeitschten Baeume, als Mutter Petersen ins Zimmer stuerzte und um Christine jammerte. Sie sei nach Schoenfelde gegangen, um etwas vom Kraemer zu holen. Nun sei sie gewiss bei dem Unwetter unterwegs. "So'n Goer is ja zu dumm!" Randers sprang auf, er wollte der Kleinen entgegen. Mutter Petersen wollte das nicht dulden. "Nein, mein Mann soll. Aber wo is er nur? Er wird bei's Vieh sein!" Aber Randers war schon draussen. Sie lief ihm nach, ob er denn keinen Schirm mitnehmen wolle. Aber er hoerte nicht, er lief nur immer darauf los. Was hatte er auch da auf dem Sofa zu liegen. Warum war er nicht gleich hinausgelaufen? Er atmete in tiefen Zuegen die feuchte Luft, liess sich den Regen auf die feuchten Wangen klatschen und den Wind um die Ohren sausen. Welch ein, Aechzen und Knarren und Sausen und Donnern in den alten Buchen und Eichen, Ja, das war Musik, die er liebte. Er vergass vor lauter Lustgefuehl beinah, weshalb er eigentlich hier bei dem Unwetter die Landstrasse entlang lief, beinahe wirklich lief, als gaelte es ein Unglueck zu verhueten. Er stuermte nur immer gerade aus und dachte nichts anderes als: wie koestlich, wie ganz koestlich! Bis er auf Christine traf. Na, ja, das war's ja! Die Kleine war also doch unterwegs. Aber sie hatte sich unter ein Nussgebuesch gefluechtet. Sie hatte den roten Rock von hinten ueber den Kopf genommen, und vorne aufgehoben und ihre Kraemerpakete hineingewickelt, um sie vor dem Regen zu schuetzen. So machte sie eine wunderliche Figur in dem groben, grauen Wollunterroeckchen, Ihr erhitztes Gesicht lugte nur eben aus der kuenstlichen Kapuze hervor, so sehr hatte sie sich eingemummelt. Ihre grossen schwarzen Augen blitzten auf, als sie Randers gewahrte. "Nein, aber, wo wollen Sie denn hin in diesem Wetter? Sie werden ja ganz nass!" "Ich will dich holen, sie aengstigen sich schon um dich." "Was 'n Unsinn!" Er stand neben ihr, triefend. Was nun? Er haette doch lieber einen Schirm mitnehmen sollen. Jetzt wurden zwei nass. Aber sie hatte doch Begleitung, Schutz. Wovor? Sie sah nicht aus, als ob sie sich fuerchtete. Sie sagte nichts weiter, sie schien noch immer in der Erinnerung an die kleine Geschichte vom Vormittag verlegen zu sein. "Wir koennen hier doch nicht stehen bleiben," meinte er. "Aber es regnet ja noch so." Da fiel ihm ein, dass er sie mit unter seinen Regenrock nehmen koennte; sie reichte ihm gerade bis zur Achselhoehle. Das kam ihm so lustig vor. Er sagte es ihr. Sie wollte nicht, sie zierte sich, obwohl sie Lust dazu hatte. Das sah er ihr an. "Dummes Zeug! komm! Du wirst ja bis auf die Haut nass. So. Nimm meinen Arm." Sie wehrte auch nicht laenger ab, sondern lachte herzlich ueber diesen Spass. "Aber Sie machen so lange Schritte," sagte sie, bemueht, mit ihm Takt zu halten. Er passte sich ihren Trippelschritten an, und so stapften sie etwas unsicher unter einem Mantel auf der nassen Landstrasse hin. Sie sprach vom Wetter, wie schrecklich es regnete, wie schoen die Blitze seien, und wenn ein besonders lauter, krachender Donner folgte, meinte sie: das hat gewiss eingeschlagen. Ihm war es wunderlich zu Mut mit dem jungen Ding allein auf der stuermischen Landstrasse. Er hatte der Bequemlichkeit wegen seinen rechten Arm um ihren Nacken gelegt. Er fuehlte jede Bewegung des jungen, lebenswarmen Koerpers. Eine keusche Zaertlichkeit ueberkam ihn. Er war jetzt ihr Beschuetzer. "Geht's so? Gehst du auch trocken?" "Wunderschoen!" Er fuehrte sie vorsichtig um jede Pfuetze herum, so dass sie ueber seine aengstliche Vorsorge lachte. "Ich hab doch schon nasse Fuesse." "Das geht aber nicht." "Das macht mir nichts." Ihr huebsches Gesichtchen lachte aus seinem schwarzen Gummimantel heraus. "Kiek! Seh ich nicht gelungen aus?" Ob sie gar nicht mehr an den Kuss dachte? So brachte er sie leidlich trocken nach Haus. Nachher konnte er nicht einschlafen, trotzdem die Fenster offen standen und die kuehle, nach dem Gewitter erquicklich erfrischte Luft ins Zimmer Hessen. Ihm war sonderbar schwuel zu Mute. Als er endlich einschlief, aengsteten ihn wirre Traeume. Er sieht immer Christinens schwarze Augen mit einem seltsamen Ausdruck auf sich gerichtet. Immer starren sie ihn an, zum Verruecktwerden! Er schlaegt danach, er stuerzt sich auf sie. Er packt sie am Hals, sie laechelt, er wuergt sie wie wahnsinnig und empfindet dabei eine namenlose Angst. Und dann ist es nicht Christine, die er gewuergt hat, sondern die graue Dame vom Steg, sein Gespenst! Sie liegt ganz blass vor ihm, mit geschlossenen Augen, wie eine Wachspuppe. Er dreht sie um wie einen leblosen Gegenstand; sie hat lederne Beine und lederne Arme. Es ist die Puppe seiner Schwester. Und dazu blitzt es unaufhoerlich. Und dann tritt jemand zu ihm und sagt ihm, er muesse jetzt nach oben kommen, es waere hoechste Zeit, das Schiff wuerde gleich sinken. Und er stuerzt nach oben, stoesst die Knie an den harten messingbeschlagenen Stufen der schmalen Kajuetentreppe. Und oben steht der Kapitaen auf der Kommandobruecke und schreit ihm etwas zu, schreit wie wild und zeigt immer mit hastigen Stoessen nach seinen Haenden. Randers sieht seine Haende an, die sind ganz rot, ganz rot von Blut. Er erschrickt. Nun stecken sie dich ein. Und das alte bloede Gesicht Vater Mumms taucht vor ihm auf und sieht ihn mit den halberloschenen Augen so traurig und vorwurfsvoll an. Und eine entsetzliche Angst packt ihn, eine wahnsinnige Angst. Er will fliehen und kann nicht. Jemand haelt seine Beine umklammert. In Schweiss gebadet wachte Randers auf, Der Mond stand noch fast auf derselben Stelle ueber dem Buchenportal. Randers konnte nicht lange geschlafen haben, keine Viertelstunde. Diese wuesten Traeume. Wie sich das alles durcheinanderwirrte! Und nun gar dieser Mord! Welche wahnsinnige, boshafte Freude hatte er dabei empfunden, als er diesen weissen Hals wuergte, dass diese dummen, glotzenden schwarzen Augen weit aus ihren Hoehlen traten. Ihm schauderte. Lag das wirklich in ihm? Koennen Traeume etwas in uns hineintragen, holen sie nicht nur aus uns heraus? War es nur die Mummsche Geschichte, die diesen Traum ausloeste? Ausloeste? Also mussten Mordgelueste in ihm verborgen sein! Er meinte nicht ausloesen, er meinte es anders. Es war natuerlich nichts als ein Erinnerungsbild. Aber er hatte doch etwas empfunden dabei, und so intensiv wie kaum je beim Wachen. Es liegt in uns allen, wir haben alle diese Mordgelueste in uns. Und er glaubte jetzt auch zu verstehen, warum der junge Mumm seine Geliebte ermordet hatte. Wenigstens verstand er die Moeglichkeit, wenn auch noch nicht das Motiv. Und er lag und gruebelte weiter nach, verbohrte sich hartnaeckig darin. Und zuletzt kam es ihm doch wieder zu raetselhaft vor. Oder konnte Liebe in ploetzliche Mordlust umschlagen? Ja, gewiss! Ein ganz bestimmtes Gefuehl bejahte das in ihm. Aber die Faeden bloss legen, wie sich das zusammenspinnt. Die allmaehlichen Uebergaenge. Es geschieht da nichts sprungweise. Ein Weib aus Liebe zu Tode peinigen! Er schlief zuletzt wieder ein ueber diese Gruebeleien. 9. Am folgenden Tage waren alle Wege aufgeweicht. Auf der Landstrasse standen grosse Pfuetzen, und im Garten, gerade vor der Haustuer, hatte sich ein kleiner See gebildet. Als Randers, halb angezogen, durchs offene Fenster die erquickende Morgenluft einatmete, sah er Christine vor diesem See stehen und ihren Holzpantoffel mit der Spitze des Fusses wie einen Kahn uebers Wasser lenken. Sie war ganz vertieft in diese kindliche Unterhaltung, so dass sie das Kommen der Mutter nicht hoerte. Auf einmal hatte sie eine kraeftige Ohrfeige weg. Es war Randers, als haette er sie selbst bekommen. "Verdammte Deern, das sag ich aber Vater. Das is doch rein zu arg!" Randers trat bei diesen Scheltworten vom Fenster zurueck. Dann hoerte er Weinen und das Klappern sich entfernender Holzpantoffel. Wie konnte man ein so grosses Maedchen noch schlagen. Er war erbost darueber. Am Kaffeetisch war er wortkarg vor Aerger. Christine nahm nicht teil am Fruehstueck, sie erhielt ihre Milch und ihr Brot wie immer in der Kueche. Nachher traf er sie auf dem Hofplatz. Sie stand hochaufgeschuerzt, mit blossen Armen, und scheuerte die Milcheimer mit einem kurzen Reisbesen. Sie war heiss von der Arbeit und ihre Backen gluehten. Sie gruesste ihn sehr verlegen und sah kaum auf von ihrer Arbeit. Er hatte den wunderlichen Gedanken, auf welche Backe sie wohl den Schlag empfangen haette. Ein richtiges Ohrfeigengesicht, dachte er. Sie kam ihm so "tumpig" vor, wie sie so verschaemt dastand. Und er empfand gar nichts fuer sie. Den Vormittag benutzte er zum Briefschreiben. So sehr er das feuchte Wetter liebte, diese Wege waren ihm doch zu kotig. Vielleicht war's am Nachmittag besser, wenn die Sonne ihre Arbeit getan hatte. Sie stand hell am Himmel und trank die Feuchtigkeit der Luft. Ein leichter Dampf lag ueber dem Lehrersacker, ueber der Waldwiese, die mit einem Zipfel den Landweg beruehrte, und ueber der feuchten, schwarzen Gartenerde, den Reseda-, Astern- und Stiefmuetterchenbeeten. 10. (Tagebuchblaetter.) Heute an Gerdsen geschrieben, wegen des Romans. Eigentlich eine schnurrige Idee. * * * * * Mit Petersen beim Lehrer in Suessen gewesen. Unterwegs der jungen Komtesse von Rixdorf begegnet. Lenkte selbst ihre Ponies. Sah leider nur ihren Ruecken. Wer auch so fahren koennte! In Suessen Kaffee und Kuchen. Junge, leidlich huebsche Frau, sauber, appetitlich. War auch ein "Gemeinderat" da, ein Ziegeleibesitzer und Hufner, ein gutmuetiger Riese. Streit ueber das neue Gesangbuch. Die Lehrer waren dafuer. Der Suessener war fuer die neuen, frischeren Melodieen. Er spielte ein paar auf dem Klavier. Eine klang wie ein Jaegerlied. Der Koloss polterte dagegen. Die Bauern wollten kein neues Gesangbuch, wollten sich das alte nicht nehmen lassen. Es ist so lange gut gewesen, in Freud und Leid, ist ein Stueck ihrer Seele geworden. Woraus ihre Eltern und Grosseltern und Urgrosseltern Trost und Erbauung geholt, auf einmal sollte das nicht mehr gelten? "Ne min Gesangbook lat ik mi nich nehmen. Ik lat mi nich voerschriewen, wat ik singen und beeden schall. Doran lat ik mi nich roegen. Dat is min Religion. Wat waer dat foer'n Religion, de man so quantswies alle fif Johr mal aennert warden kuennt! Haew ik recht?" Ich hatte den Mann lieb in seinem beschraenkten Eifer. Ja, daran soll man nicht ruehren, oder es faellt alles zusammen. So was muss alt sein, ehrwuerdig, durch jahrhundertlange Tradition geheiligt. Das Neue ist den Leuten nichts. Bibel und Gesangbuch muessen auch aeusserlich alt sein, abgegriffen, blank von vielem Gebrauch, stockfleckig und gesaettigt mit dem Parfuem von Familien- und Krankenstuben. * * * * * Bin ich nicht eigentlich ein Erzreaktionaer? Adel und Kirche. Obgleich ich im tiefsten Grunde (luege nicht, Randers!) an diese frommen Dinge nicht glaube. Aber man ist heute so huebsch isoliert damit, so huebsch in der Minoritaet. Und Minoritaet ist vornehm, ist aristokratisch. Majoritaet ist der Poebel. Ich koennte aus Opposition gegen den Poebel in das letzte Kloster gehen. In andern Zeiten wuerde ich wahrscheinlich Freigeist sein, aus Opposition, aus angeborenem Beduerfnis, mich von der Masse abzusondern, aus aristokratischen Instinkten. Ich koennte Demokrat werden aus Aristokratismus. Unsinn! Na! * * * * * Heute Nacht von Berta getraeumt. Ich habe sie doch lieb gehabt. Es war nicht nur, weil sie sich schick zu kleiden wusste und ein so damenhaftes Benehmen hatte. Sie war so durch und durch anstaendig und so ruehrend in ihrem tapfern Kampf. Eine junge, huebsche Direktrice mit kaerglichem Gehalt, ohne Familienanschluss, in einer Stadt wie Hamburg. Man weiss, was das sagen will. Und sie war in einem juedischen Geschaeft angestellt. Nicht, dass sie jemals geklagt haette. Im Gegenteil. Aber ich habe nun mal diese Animositaet gegen Israel. Sie lachte mich oft deswegen aus. Sie war eine vornehme Natur und ein Labsal nach all diesen Paulas und Ellas und Friedas, bei denen ich meine Gefuehle fuer das Weib "an den Mann zu bringen" suchte. Sie hatte sogar Maessigkeitseinfluss auf mich. Es war meine Temperenzlerperiode. Aber da ich sie nicht heiraten konnte, verlangte sie zuletzt Schluss. Entweder, oder! Und ich konnte sie nicht heiraten. Es waere ein Hungerleben geworden. Eine der Ehen, die nichts sind, als ein langsameres oder schnelleres, aber immer sicheres und qualvolles Hinsiechen der Liebe. Sie sah das ein. Ohne Vorwurf, ohne Klage reiste sie ab. Ein Charakter, eine vornehme Seele. Eine Aristokratin! Dieses Denkmal hast du verdient, Berta! * * * * * Wie wohl fuehl ich mich allmaehlich in diesen einfachen Verhaeltnissen hier, und taeglich wird mir klar, was mir in der Stadt wie ein Strick um den Hals lag und schnuerte und schnuerte. Es ist die ganze widerliche Luege jenes Lebens und Treibens. Hier ist alles auf Wahrheit gegruendet, auf Natur. Nichts ohne Zweck, und der Zweck ehrwuerdig, weil notwendig und natuerlich. Hier hat jeder noch ein Verhaeltnis zu seiner Arbeit, ist mit ihr verwachsen. Was hat der Kaufmann, der Kraemer, fuer ein Verhaeltnis zu seiner Ware? Sie ist ihm nur Mittel Geld zu machen; bringt ihm die schlechte mehr ein, ist sie ihm lieber als die gute. Und diese ganze Vermittlergesellschaft, die ihr Brot durch Laufen und Schwatzen verdient. Diese ganze, hohle, windige Gesellschaft. Wie lob ich mir den Handwerker, der mit seiner Arbeit, seinem Topf, seinem Schmiedewerk, seinem Stuhl, ein Stueck seines Ichs hingibt, des erhaltenen Lohnes wuerdig! Da haengt Schweiss daran, Liebe, Freude, Ehre. Und hier der Bauer! Welche Tuechtigkeit, welche Natuerlichkeit, welche innere urheilige Notwendigkeit in all seinem Tun. Der Adel der Arbeit! Und dann sind hier keine Juden. Juden und Sozialdemokraten, die haben jetzt das grosse Wort. Scheidewasser! Zersetzende Elemente. Ohne Produktivitaet. Waere Gott ein Jude, waere die Welt nicht. Ein Jude kann kein Gott sein. Der Jude hat Witz, ein Gott nie. Ein witziger Gott! Ein goettlicher Witz! Widerspruch in sich. * * * * * Ihr verdreht dem Volk nur die Koepfe. Bildung in die Menge bringen! Eure Art "Bildung". Die Menge kann immer nur halbgebildet sein, und Halbbildung ist gar keine Bildung, ist schlimmer als Unbildung. Die Halbbildung glaubt alles zu verstehen, ist duenkelhaft. Und sind wir nicht ganz zerfressen von dieser "Bildung". Ueberall, in Literatur Kunst, Gesellschaft? Jeder schwaetzt ueber jedes! Wo ist Ehrfurcht, Schweigen, Bewunderung, Freude? Alles, das Hoechste und Groesste wird auf das Allerweltsniveau von Mueller und Schultze herabgeschwaetzt, und der Ladenjuengling spricht von Darwin und Ibsen mit derselben Zungengelaeufigkeit wie von der neuesten Mode und dem grossen Preis von Hamburg. Wie kocht es in mir, hoer ich so ein Daemchen ueber die neueste Richtung raesonieren, oder so einen Kraemerkommis ueber die moderne Malerei. Rede einmal so dumm weg ueber ihre Ware, ihre Stiefel, ihre Seidenstruempfe, gleich verklagen sie dich beim Staatsanwalt, dass du sie diskreditierst, ihr Geschaeftchen schaedigst. Aber die Kunst, die Literatur, die sind vogelfrei, da kann jeder Hans Narr seinen Mist darauf werfen, dem Dichter, dem Maler, dem Musiker seinen guten Namen nehmen, seinen Ruf, sein Brot. Und sie wagen sich an alles, diese "Gebildeten!" Es gibt ueberhaupt gar keine Bildung mehr. Es gibt nur Vielwisser, Halbwisser und--Alleswisser natuerlich. Ausserdem die Dummheit. Und nur unter den "Dummen" trifft man ab und an mal ein paar Gebildete. * * * * * Gestern rote Gruetze, heute rote Gruetze, morgen rote Gruetze, rote Gruetze in alle Ewigkeit. Amen! Das Leben geht hier seinen hoellisch gleichmaessigen Gang. * * * * * "Wat schall all dat Lihren, Herr. Wenn se sik man foer't Fueer wohren und sik man in acht naehmen, dat se nich int' Water lopen, wat brukt se mehr to weten. All koent wie doch nich klook waren." Hest recht, oll Juers. Wat schall all dat Lihren. * * * * * Petersen bat mich, keine Pfennige wieder in die "Grabbel" zu werfen. "Das v--v--verdirbt die Kinder nur." Er hat recht. Aber ich hatte diabolisches Vergnuegen daran, wie sie sich balgten, uebereinanderkollerten, Buben und Maedel im Staub der Landstrasse. Wie die Hunde um einen Knochen. Vor zwei Jahren--ich warf mal Bonbons vom Wagen herab, unter die Dorfjugend. Koestlich! Aus dem Staub, dem Schmutz in den Mund. Brrr! Muessen wir nicht alle unsere kleinen Freuden und Suessigkeiten aus dem Schmutz klauben? Und die groesste Suessigkeit (?), die Liebe, ist sie nicht eine Sumpfpflanze?-- Gott muss keinen Ekel kennen. * * * * * Petersen fragte mich heute zum drittenmal, ob ich noch nicht auf dem Aussichtsturm gewesen sei, auf dem Fuerstenberg. Aber zum Teufel, ich will da nicht hinauf. Ich hasse Aussichtstuerme und jede Art Kletterei, um moeglichst viel auf einmal zu sehen. Wenn es noch ein Leuchtturm waere. Oder meine alte Pappel zu Hause. Aber da ist es nicht der Aussicht wegen, weshalb ich da hinaufsteige. Die Poesie des Leuchtturms, wenn draussen der Sturm tobt und die Voegel gegen die Laterne stossen. Was soll ich hier sehen? Wald und Feld und wieder Wald und Feld, Kuehe, Schnitter, Erntewagen. Immer dasselbe. Von einem Knick zum andern. Und das ganze laeuft nur darauf hinaus, dass man so weit sehen kann, so weit, bis nach Luebeck hin. Und dann die Herzen und Pfeile, und die Muellers und Lehmanns. Vielleicht noch gar ein Fremdenbuch mit albernen Versen. * * * * * Ich sehne mich ein Bad zu nehmen, in der offenen See. Darueber geht doch nichts. Nackt dem Element hingeben. Direktestes Naturgefuehl, Einsgefuehl mit der Natur! * * * * * Diese dumme Kuesserei! Es kam so ueber mich. Und so tolpatschig, wie nur ich bei solchen Sachen bin. Eine ganz unschuldige Regung der Zaertlichkeit. Mancher kuesst im Vorbeigehen jedes Maedel, das ihm gerade gefaellt, und sie lachen beide und denken sich weiter nichts dabei. Es ist alles so naiv, harmlos, wie Blumenpfluecken. Bei mir wird immer eine Haupt- und Staatsaktion daraus. Ich bin zu schwerfaellig, nicht leichtherzig, nicht leichtsinnig genug. Meine onkelhaftesten Regungen und Handlungen unterliegen der Missdeutung. Haette ich uebrigens geahnt, dass die Kleine auf einen Kuss so reagierte--und ihr Platz auf der Schulbank ist noch warm. * * * * * Ich kann uebrigens jetzt an sie denken, ohne dass mir diese roten Flecken vor den Augen schimmern. Sollte das doch tiefer gelegen haben? Eine etwas umstaendliche Art, mich zum Kuss zu bringen. Die Natur waehlt sonst kuerzere Wege, um zu ihrem Willen zu kommen. * * * * * Heute Nacht wieder diese wuesten Traeume. Es ruehrt doch daher. Naturam expellas furca ... Ich habe zu lange gefastet! Uebrigens die Mummsche Geschichte--alles schon dagewesen! Er wollte sie keinem andern mehr goennen. Es war genug, dass er mit der andern ungluecklich war. Auch das noch ertragen, die Geliebte im Besitz eines anderen zu wissen, eines Gluecklicheren, das ging ueber sein Vermoegen. Es ist doch etwas Herrliches um solche Kraft und Leidenschaft! Wir zahmen, moralischen Schwaechlinge resignieren lieber, ehe wir auch nur einen Tropfen Blutes vergiessen. O, nur einmal einer solchen Leidenschaft faehig sein: Aber das wird uns nur einmal im Traum beschert. Meine graue Dame vom Steg habe ich hoffentlich fuer immer abgewuergt. Diese Empfindung, als ich ihren Hals zwischen meinen Fingern hatte. Ein Kuss ist nur ein Glas Wasser dagegen, und jede andere Art Wollust. Armer Mumm! Man muss den Gespenstern nur ueber den Hals kommen, allen Arten Gespenstern. Sie sind schliesslich alle nur Puppen, mit Saegespaenen ausgestopft, und wenn man sie um den Leib fasst, quietschen sie. * * * * * Uebrigens zur Notiz fuer Gerdsen: Ich sah bei einem Uebergang ueber einen schmalen Wassergraben eine Dame auf dem Steg stehen. Ganz in Grau gekleidet. Sie starrte ins Wasser ohne mich zu bemerken. Es war ein trueber, nebliger Novembernachmittag. Das Bild praegte sich mir wunderlicher Weise so ein, dass es mich schlafend und wachend verfolgte. Seltsamste Hallucination. Oft, in aufgeregtem Zustand, oder in Traumstimmung, zur Daemmerzeit sah ich sie manchmal vor mir, zum greifen; ich habe mich in das Gespenst verliebt, mit einer Art Graeberliebe, Gruselliebe. Sie hatte mich uebrigens lange nicht besucht. Heute Nacht war sie wieder da. Ob sie nun tot ist? 11. Randers ging am Nachmittag mit dem Lehrer zum Aussichtsturm. Petersen liess ihm keine Ruhe mit dem "verdammten" Turm. Der Waldhueter, der seine Wohnung am Fusse des alten runden Granitbaues hatte, bewahrte die Schluessel. Der Mann stand vor der Tuer und klopfte einer zierlichen schwarzen Stute schmeichelnd den schlanken Hals. Ein hochbeiniger Fuchshengst legte seine Nase auf den Hals der Gefaehrtin und schnupperte, als wuensche er an den Liebkosungen teilzunehmen. "Der Graf ist oben," sagte Petersen. "Darf man denn hinauf?" fragte Randers. "Ei gewiss!" Randers brannte vor Neugier, den Grafen kennen zu lernen. Der Damensattel auf der Stute kuendigte auch die Anwesenheit der Komtesse an. Randers nahm unwillkuerlich eine strammere Haltung an, knoepfte seinen Rock zu und rueckte nervoes an seinem Kneifer. "Wollen Sie mich bitte vorstellen," bat er. "Liebenswuerdiger Mann, gar nicht hoch--m--m--muetig," sagte Petersen. Oben trafen sie einen Herrn von ungefaehr fuenfzig Jahren, in leichtem hellen Reitanzug. Er betrachtete durch einen kleinen Feldstecher die Landschaft und wandte sich nur laessig, kaum das Glas von den Augen absetzend, der Treppe zu, als Randers und sein Begleiter die Plattform betraten. "Aristokrat vom Scheitel bis zur Sohle," dachte Randers und musterte die schlanke, vornehme Gestalt des Grafen mit neugierigen und befriedigten Blicken. Wo mochte aber die Dame sein? Die Stute trug doch einen Damensattel! Die letzte kuppelartige Kroenung des Turmes, zugleich die Bedachung der Treppe, ueberragte die Plattform noch etwas und mochte die Komtesse verdecken. Oder war sie ueberhaupt nicht mit hinaufgestiegen? Der Lehrer trat mit einem tiefen Bueckling an den Grafen heran. "Guten Tag, Herr Graf. Wundervoller Blick heute." Er kam ohne Anstoss ueber die Anrede hinweg. "Ah, Sie sind es, mein Lieber." Der Graf reichte ihm die Hand und machte Randers eine leichte Verbeugung. "Die Aussicht ist keineswegs wundervoll heute," sagte er. "Die Feuchtigkeit, der Dunst in der Luft." "Ja, ja, zu f--feucht, Herr Graf, zu dicke Luft," beeilte sich Petersen zuzustimmen. "Mein Name ist Randers," schnarrte sein Begleiter und verbeugte sich gegen den Grafen. "Herr Dr. Randers," wiederholte Petersen hastig, als haette er ein wichtiges Versaeumnis gut zu machen. "Sehr angenehm. Zum Besuch hier in unserer Gegend? Ich meine gehoert zu haben, Ihr Gast, lieber Petersen, nicht wahr?" "Sehr schoen, sehr schoen," fuhr er mit einer gewissen, gleichgueltigen Lebhaftigkeit fort. "Wie gefaellt es Ihnen bei uns? Schoenes fruchtbares Land." Er zeigte mit einer ausholenden Armbewegung auf das Panorama. Er wartete keine Antwort ab, sondern nahm das Glas wieder vor die Augen und sah den Horizont ab. Diese kurze, zwar freundliche, aber doch abweisende Art gefiel Randers; so war es recht, so war es aristokratisch, immer zehn Schritt vom Leibe, immer reserviert. Aber wo blieb denn die Dame? Er blickte sich bestaendig um, ging einige Schritte weiter, aber umsonst. Wahrscheinlich ging sie immer vor ihm auf, in derselben Richtung. Am besten ist es, du bleibst stehen, dachte er. Ist sie hier oben, wird sie schon zum Vorschein kommen. Aber Petersen zupfte ihn am Arm. "Sehen Sie dort die Ostsee dahinten?" "Ja," sagte Randers, sah aber nichts. "Und das ist Ploen, sehen Sie? Nein, hier, grad ueber meinen Stock." "Ja, ja, ich sehe," log Randers. Was war ihm Ploen! Er wollte die Komtesse sehen. Die Stute hatte doch einen Damensattel. "Papa!" rief mit einmal eine volle, tiefe Maedchenstimme. Eine schlanke Gestalt in enganliegendem schwarzen Reitkleid kam um den Kuppelaufsatz herum, stutzte, als sie Randers sah, und machte Kehrt. "Die Komtesse," belehrte Petersen. Randers ging sogleich anders herum. Er wollte sie sehen. Was hatte dieses Maedchen fuer eine Stimme! Die Komtesse stand neben ihrem Vater und schien etwas sagen zu wollen, aber durch Randers gestoert, sah sie auf, ihm gerad ins Gesicht. Ein fluechtiger, musternder Blick. Randers zog den Hut sehr tief und sah fragend den Grafen an. Wirst du mich vorstellen? Aber der Graf stellte ihn nicht vor, die Komtesse trat einen Schritt zurueck: bitte, wenn's beliebt, mein Herr. Die Passage ist frei. Er musste wirklich voruebergehen, musste wieder um den Turm herumgehen und sich von Petersen die Luebecker Tuerme zeigen lassen. Nicht ein Wort war ihm eingefallen, womit er eine Unterhaltung haette anknuepfen koennen. Da er dem Grafen vorgestellt war, haette er es ungezwungen wagen duerfen. Aber was sollte er diesen Augen gegenueber sagen? Augen, die zu dieser Stimme passten, Augen mit demselben vollen, tiefen Klang. Augen wie ein norwegisches Berglied. "Sie hat eine norwegische Stimme und norwegische Augen," sagte er zu Petersen. Der Lehrer sah ihn verstaendnislos an und laechelte: "Norwegische Augen?" "Ja, Fjordaugen," erklaerte Randers. In diesem Augenblick ging die Komtesse mit den norwegischen Augen und der norwegischen Stimme an ihnen vorueber. Der Graf folgte und nickte, seinen Hut lueftend, freundlich Abschied. Und Randers hoerte die Schleppe des schwarzen Reitkleides die Steinstufen hinabrauschen, hoerte von unten herauf noch einmal kurz ihre volle, riefetiefeme, ein Lachen, und horchte angestrengt nach dem Hufschlag der Pferde. Aber der weiche Waldboden verschlang den Laut. Nur einmal klang ein kurzes, helles Hufgeklapper herauf. Es mussten da irgend wo Steine liegen. Randers stand, weit ueber die Bruestung gelehnt, und sah hinab. Er konnte nichts als das leise, schwankende Laubdach der hohen Buchen sehen. Er konnte nicht mal den Weg verfolgen, den sie jetzt ritt. Er wusste nur, da unten irgendwo unter diesem rauschenden, lispelnden, wogenden, gruenen Zelt leuchten zwei schoene, tiefe klare Augen. Fjordaugen! Aber vier schnelle Fuesse fuehren sie in die Ferne. Dort hinten, weit hinten, hinter den Huegeln lag Rixdorf. Aber nein, diese Augen blieben ja, blieben ja bei ihm. Ihre Augen liess sie ihm. Er sah sie immer dicht vor sich. Grosse stahlblaue Augen. Von einer fast schwarzen Tiefe, aber mit einem gruengoldigen Leuchten darueber. Fjordaugen! Steil steigen die finstern Felsen auf, aber zu ihren Fuessen liegt das Wasser in wundervoller Klarheit und Tiefe. Der Himmel mischt sein Blau mit dem Schwarz der Felsenschatten. Eine Moewenschwinge zuckt hell darueber hin. Und eine so wundervolle Stille in dieser versteckten Bucht! Ein maerchenhaftes Grauen ueberfaellt ihn. Das kleine Boot gleitet ganz langsam durch die klare Flut, durch den Himmel. Es war wie ein Schweben zwischen Meer und Himmel, oder wie zwischen zwei Himmeln. Oben, unten dieselbe Tiefe, dieselbe Hoehe, unergruendlich, aber klar, ruhig, ganz friedlich, als gaebe es keine Stuerme. Und jetzt ploetzlich von oben herab, sanft herunterschwebend, ein Lied. Der Gesang einer Hirtin, einer Sennerin. Tiefe feierliche Klaenge, tief und feierlich wie das ruhige Meer. "Es w--w--wird w--wohl Zeit," meinte Petersen. Randers schreckte auf. "Ja, ja," sagte er hastig. Unten musste Randers durchaus etwas trinken. Er hatte Durst. Der Waldhueter hatte Schenkrecht. Es gab freilich nur Schnaps und Bier. Randers bestellte beides, fuer drei Personen. Sie stiessen an. Randers trank hastig. "Suend woll lang nich hier wesen," fragte Petersen den Waldhueter. "Ne, dat is't erste Mal in duessen Sommer. Suess koemen se oefter mal." "Ist es weit bis Rixdorf?" fragte Randers. "Anderthalb Stunden," sagte Petersen. "Zu Pferde?" "Ne, zu Fuss, wenn der Herr stramm geht," sagte der Waldhueter. Randers wollte noch ein Glas trinken, und die andern mussten ihm Bescheid tun. Nach dem dritten Glas sagte er: "Verdammt huebsches Frauenzimmer! Noch jung, was?" "Na, wo olt mag se sin?" fragte der Waldhueter den Lehrer. "So negentein, twintig." "Ne, wo wull du hen? Dre und twintig is se gewiss all." "Ach, noch 'n Glas, Herr Wirt," bat Randers. Petersen lachte ihn an, und Randers lachte Petersen an. Er war ganz rot, ganz erhitzt. "Das ist doch das Wahre," sagte er, das frische, schaeumende Glas pruefend gegen das Licht haltend. "Vornehm, souveraen, aristokratisch." Er nahm eine hochmuetige Miene an und naeselte wie ein Gardeleutnant. "Aeh, ich lach auf die Welt!" Der Waldhueter sah ihn belustigt an: Wat buest du foer een? "Nein, im Ernst, meinen Sie nicht auch, Herr Lehrer," eiferte Randers. "Da ist doch noch Rasse, Edelzucht von Geschlechtern her." "Ja, es hat was f--f--f--fuer sich," stotterte Petersen. Randers sah tiefsinnig ins Glas, und der Waldhueter sah ihn an, wie einen, dem nicht zu trauen ist. "Sagen Sie selbst, meine Herren," rief Randers wieder aufschnellend, "hab ich nicht recht?" "Ach wat," brummte der Waldhueter aergerlich. "So'n Luee moeten sin, un anner Luee moeten ok sin. Vor uns Herrgott sind wie all gliek." "Ja, lieber Herr, das ist ja ganz recht," rief Randers. "Das ist ja aber eine Sache fuer sich." "Ja Mau, du v--v--versteihst den Herrn f--f--f--falsch," legte sich der Lehrer ins Mittel. "Dat mag sin, ik meen aber man. Ik buen man 'n schlichten eenfachen Kirl, dat heet, min Geschaeft haew ik ook liert, da kann mi nuems nich watt in seggen. Aber dat meen ik man, so 'n Luee--na ja, du versteihst mi, Petersen." Randers sah finster vor sich nieder, nahm seinen Kneifer ab und putzte an ihm herum. "Zweimalhundertausend Mark jaehrlich zu verzehren," stiess er nach einer Pause heraus. "So viel muss man haben, um anstaendig leben zu koennen." Nun lachte der Waldhueter aus vollem Hals. "Tweemalhunnertdusend Mark! Das is nich veel, dat is man grad, um de Botter dorbi to hebben." Randers lachte mit, und Petersen machte vergebliche Versuche, zu Wort zu kommen. "Herr Doktor!" rief er, "Herr Doktor! W--w--wissen Sie--Herr Doktor--w--w--w--". Aber er kam nicht zustande damit. Als aber das Gelaechter sich etwas gelegt hatte, fing er noch einmal an: "Herr Doktor, wissen Sie, was ich m--m--mir dann kaufte? Die W--w--welt kaufte ich m--mir! Die W--welt, Herr Doktor!" * * * * * Zweites Buch 1. Randers war eines Tages in Rosenhagen aufgetaucht. Rosenhagen gehoerte zu Rixdorf, beide bildeten eigentlich ein Dorf, waren nur fuenf Minuten von einander entfernt. Rosenhagen bestand nur aus dem Krug und einigen Tageloehnerkaten. In Rixdorf gab es kein Wirtshaus. So hatte Randers im Krug Quartier genommen. Der Wirt war nicht auf Logierbesuch eingerichtet und hatte sich gestraeubt. Aber Randers hatte ihn ueberredet, mit Worten und mit Geld. Die Rosenhagener wunderten sich und die Rixdorfer wunderten sich. Was wollte er hier bei ihnen? Seeluft geniessen und baden, sagte Randers. Das konnte er hier ja haben, aus erster Hand, reine unverfaelschte Seeluft. Baden muesse er freilich so, von freiem Strand aus. Badekarren gaebe es hier nicht. Nur die eine herrschaftliche. Bisher war noch kein Mensch auf den Einfall gekommen, die Seeluft gerade in Rosenhagen geniessen zu wollen. Dazu waren doch die vielen Baeder da, laengs der ganzen Kueste. Von Rosenhagen fuehrte ein schmaler Feldweg bis hart ans hochgelegene Ufer, schlaengelte sich eine Strecke daran hin und fuehrte dann allmaehlich zum flachen Strand hinab. Randers benutzte diesen Weg nicht oft, er machte gewoehnlich den Umweg ueber Rixdorf, ging durch den Park, wozu er sich die Erlaubnis erbeten hatte, verfolgte den Fusssteig durch das grosse, zum Schlossgut gehoerende Roggenfeld bis zum kleinen Aussichtspavillon, den der Graf auf der hier steil abfallenden Uferhoehe erbaut hatte, und stieg dann eine bequeme Treppe zum Strand hinab. Jeden Morgen, mit Sonnenaufgang, nahm Randers ein Bad. Er hatte sich eine schoene, steinfreie Stelle ausgesucht. Er musste freilich etwas weit waten, bis ihm das Wasser zum Schwimmen reichte. Aber dann war es herrlich! So ganz allein im weiten Umkreis, hoechstens in der Ferne ein weisses Segel, das die See mit ihm teilte. Nur die Wellen entbehrte er, die rollenden Nordseewellen, diese erfrischenden Sturzbaeder. Und dies reine absolute Naturgefuehl, sich so den spielenden Wellen ueberlassen zu koennen, Welle mit den Wellen sein, oder der staehlende Kampf mit ihnen. Hier war es meistens ruhig und glatt, nur bei anhaltendem Ostwind gab es einmal etwas Wellengang. Doch der Ostwind wollte sich nicht einstellen. Aber erquicklich war es doch, dieses fruehe Morgenbad, wenn die See in der ersten Sonne flimmerte und glitzerte. Tagsueber ging er viel spazieren, gewoehnlich in der Richtung durch den Rixdorfer Park. Der Weg war so viel huebscher als nach der Rosenhagener Seite hinaus; und er musste doch die Komtesse einmal sehen! "Uns Fraeulein" sagten die Leute und "uns Herr". Das beruehrte ihn so patriarchalisch. Abends sass Randers mit den Tageloehnern im Krug. Er hatte gleich in den ersten Tagen in alle Katen gesehen, kannte alle Frauen, alle Kinder und hatte sein Vergnuegen daran, die Hunde zu necken. Alle Leute waren einig, dass es mit ihm nicht ganz richtig sein koenne. "He is ja bi Verstand, sin richtigen Verstand haett he ja. Aber wat will he hier?" sagten sie. Aber sie kamen gut mit ihm aus. Er war nicht hochmuetig, er verstand sie, er trank mit ihnen und hatte mal ein Zehnpfennigstueck fuer die Kinder uebrig. Randers hatte lange nicht so viel getrunken wie in Rosenhagen. Die Leute hatten es gerne, wenn man sich mit ihnen abgab. Was sollte er da machen? Er musste wohl trinken. Und sie merkten bald, dass er etwas vertragen konnte. Eines Abends wurde es aber doch zu viel. Er hatte zum erstenmal Fides im Park gesehen, sie ueber breite Maisrabatten hinweg ehrfurchtsvoll begruesst und hatte einen verwunderten Gruss zurueckerhalten. Nachher hatten die Kinder und die Hunde einen guten Tag, diese liess er in Frieden und jene beschenkte er reichlich. Und abends tat er den Kaetnern im Krug mehr Bescheid als sonst und gab zwei Runden Schnaps aus; ging auch nachher, statt ins Bett, in die Felder hinaus. Und da stand er mitten im Roggen, singend und mit beiden Armen gestikulierend, so dass er sich von fern gespenstisch ausnahm in der Dunkelheit, wie ein Vogel, der vergebliche Flugversuche macht, oder wie eine Windmuehle, die in stossweisem Winde alle Augenblicke ein paar Drehungen macht und dann wieder stillsteht. Ein paar Schritte torkelte er vorwaerts, dann stand er wieder still, warf sich in die Brust und sang mit lauter Stimme und tiefer Inbrunst eine heldenhafte Phrase aus einem alten daenischen Liede. Immer dieselbe Phrase, unermuedlich und mit einer tiefen knurrenden Kadenz auf der Schlussnote, gleich dem heiseren, ingrimmigen Bruellen eines gereizten Stieres. Am Morgen hatte er Kopfschmerzen. Aber das ging nicht, er sah das ein. Er durfte nicht soviel trinken, vor allem keinen Schnaps. Wollte er wieder krank werden? Freilich lief er ja den ganzen Tag da draussen herum, "verarbeitete" es wieder. Aber er musste doch vorsichtig sein. Randers war acht Tage in Rosenhagen, hatte waehrend der Zeit Fides zweimal gesehen, den Grafen aber noch nicht zu Gesicht bekommen. Er hielt es jetzt an der Zeit und fuer seine Pflicht, seinen Besuch im Schloss zu machen. Was muessen sie denken, dass du dich hier laengere Zeit aufhaeltst, auf ihrem Grund und Boden, um Erlaubnis nachsuchst, den Park betreten zu duerfen, und es nicht einmal fuer der Muehe wert haeltst, deine Aufwartung zu machen. Und obendrein bist du dem Grafen schon mal vorgestellt. Man wird dich fuer einen Flegel halten. Er schob aber den Besuch trotzdem noch etwas auf, von einem Tag zum andern. Aber eines Vormittags zog er seine Handschuhe an, graue Zwirnhandschuhe; der eine hatte eine geplatzte Daumennaht, und er nahm ihn deshalb in die Hand. Sein wichtiges Vorhaben praegte sich in seiner ganzen Haltung aus. Die Frauen in den Katentueren sahen ihm laenger nach als sonst, die Kinder hoerten auf zu spielen, und die Hunde liefen nur ein paar Schritte hinter ihm her und blafften. Er hatte heute keine Zeit fuer sie. Nachmittags sah man ihn mit dem Grafen durchs Dorf gehen, im eifrigen Gespraech, mit einer haeufigen ehrfurchtsvollen Halbwendung nach seinem Begleiter. Und er sprach sehr laut und etwas durch die Nase. Die Leute auf den Feldern sahen sie und die Melkmaedchen auf der Koppel. Abends im Krug wollte die Unterhaltung nicht so recht in Gang kommen. Sie sprachen nicht so laut wie sonst, und Randers hatte das Gefuehl, als ob er sie geniere. 2. Randers an Gerdsen. Dank fuer Ihre lustige Postkarte. Aber bitte, bis auf weiteres nichts mehr auf Karte. Wie Sie sehen, bin ich nicht mehr im Schulhaus zu Grashof. Wie ich hierherkam? Durch Zufall und Frechheit! Naechstens davon. Feudales Weib! Hocharistokratisch, Daenenblut! Die ganze Familie _hocharistokratisch_, immens reich. Bruckner-Rixdorf, Seitenlinie in Daenemark verzweigt. Es ist nichts mit den Direktricen. Ueberhaupt alle anderen Weiber--Imitation! Rasse, Vornehmheit, das ist es. Edelzucht, von Geschlechtern her. Augen wie ein Maerchen. Nordseeaugen! Das macht das Daenische. Herrgott, was fuer ein betrunkener Brief! Naechstens mehr von Ihrem R. 3. Gerd Gerdsen an Randers. Liebster Doktor! Hat Ihr Daemon Sie endlich in die Arme einer Aristokratin gefuehrt? Der Mensch entgeht seinem Schicksal nicht, und Sie sind auf den Adel zugeschnitten. Vielleicht auch auf den russischen Staatsrat. Alle Ihre Talente weisen auf den Baron hin, den Lebemann--im feinsten Sinne. Sie fuehren doch Tagebuch in Rixdorf? Ich brauche Dokumente. Der Roman des Herrn Dr. phil. Henning Randers wird geschrieben, ein Spiegel fuer ihn, ein Kuriositaetenkabinett fuer den Leser und eine Kurzweil fuer seinen Verfasser. Aber Dokumente, Dokumente! Meine Imagination, meine Psychologie allein reicht Ihnen gegenueber nicht aus, Sie muessen mir helfen, Sie zu greifen. Sie lasen mir mal Verse vor. Haben Sie noch davon? Haben Sie sonst etwas Schriftliches? Confessions? Uebrigens, was den russischen Staatsrat anbelangt, erinnern Sie sich noch unseres Gespraechs vor Ihrer Abreise? Sie wollten einen Artikel ueber Alexander den Dritten schreiben und sahen in der Ferne einen Orden. Es war ein klein wenig Ernst bei dem Scherz. Sie hatten Sympathieen fuer den ungluecklichen Autokraten, und nicht nur fuer den Gemahl der daenischen Dagmar. Wie eintraechtig stand auf Ihrem Schreibtisch die Photographie der kaiserlichen Familie, Alexander an seinem Arbeitstisch, im Vordergrund die Kaiserin und ihre Schwester, wie eintraechtig stand dieses Bild neben dem Portraet der--Dolgorucki! Sie _muessen_ einen Tropfen Daenenblut in Ihren Adern beherbergen und auch einmal etwas mit der Zunge eines Ihrer Urahnen sich an Talglichtern delektiert haben. Daenischen Frauenzimmern und russischer Musik gegenueber sind Sie Wachs. Und was das Russische anbelangt, Ihre Instinkte gehen auf die Knute. Das heisst, Sie wuerden vor der Anwendung zurueckschrecken, aber im Prinzip haben Sie nichts dagegen. So ein herzlicher Patriarchismus mit dem Recht der Knute, da wo es noetig waere, und sonntags abwechselnd Gottesdienst und--nihilistische Vorlesungen. Lachen Sie? Ich auch! Aber zu einem solchen Bilde kommt man, wenn man versucht, sich eines von Ihnen zu machen. Es sind so viele Faeden, die ich alle einzeln in der Hand habe. Aber es wird kein rechtes Gewebe daraus. Also Dokumente, Dokumente! Sonst werden Sie am Ende in meinem Roman zu einem Kirgisen oder Tataren. Mit der Liebe, die der Gelehrte fuer den Schmetterling hat, den er fuer seine Sammlung aufspiesst, bin ich Ihr getreuer Gerd Gerdsen. 4. Fides sass vor einem Stickrahmen in der offenen Verandatuer. Draussen band der Gaertner einen Zweig praechtiger Marechal Niel, der sich unter der Last der Blueten tief herabbeugte, an den Stock. Ein paar Tauben liefen auf dem weissen Kiesplatz vor der dreistufigen Steintreppe, die in den Garten hinabfuehrte, jagten sich, scharrten und warfen sich in die Brust und gurrten. Alles lag in warmer, heller Sonne. Breit flutete ein Streifen goldenen Lichtes durch die offene, weinumrankte Veranda ins Zimmer hinein, machte die Silberschnallen auf Fides kleinen Bronzeschuhen blitzen und funkeln, die Ringe an ihrer schlanken, etwas grossen Hand, und den Silberpfeil, der den schweren Knoten des vollen blonden Haares hielt. Auch dieses weiche seidenweiche Blondhaar leuchtete, und die kleinen Ringel- und Kraeuselloeckchen ueber der Stirne sahen ganz goldig aus. Und die bunte Seide in ihrem Koerbchen, die fast vollendete Stickerei im Rahmen, leuchteten und schillerten in tausend Nuancen. Der suesse Duft der Rosen drang durch die offene Tuer und erfuellte den ganzen Raum, bis zu Randers, der am Fluegel sass und phantasierte. Ganz in sich zusammengesunken, das Kinn auf die Brust gesenkt, mit starrem Blick auf die Tasten, als wollte er sie auch mit den Blicken baendigen, sass er da; die Haende waren in rastloser Bewegung, eine eigenartige, steigende Bewegung, storchartig. Schon eine halbe Stunde sass er am Instrument. Monotone, chaotische Phantasieen wie das endlose Auf- und Abwogen einer kochenden, gluehenden Fluessigkeit. Eine dumpfe, verhaltene Leidenschaftlichkeit, die sich in wirren Selbstgespraechen verzehrte. Fides wagte nicht, ihn zu unterbrechen, Sie konnte diesem Spiel nicht mehr folgen. Ihre Aufmerksamkeit war in ein verwundertes Staunen uebergegangen, dann hatte sie leise gelaechelt. Ihr verwoehntes, geschultes Ohr konnte wohl eine Zeitlang an diesem Sturm und Drang einer naturalistischen Musikbegabung ein erstauntes Gefallen finden, dann aber ermuedete sie. Die Formlosigkeit dieser wild durch einandertaumelnden, schluepfenden und kriechenden Tonfiguren, und das gleichmaessige Forte heftiger, boeser Akkorde, die grollten und schalten und um sich bissen, tat ihr weh. Aber sie mochte ihn nicht stoeren, ihn nicht kraenken. Es war das erste Mal, dass er sich unaufgefordert an den Fluegel gesetzt hatte und seine Versicherung, er koenne nicht spielen, Luegen strafte. Er hatte sich bisher immer nur begnuegt, ihr zuzuhoeren, im Schaukelstuhl liegend, die Beine lang von sich gestreckt, und mit geschlossenen Augen sich gegen die Aussenwelt absperrend. Fides stand jetzt leise auf, stellte den Stickrahmen beiseite und trat in die Veranda hinaus. Sofort hoerte er auf. Er hatte ihren Schatten durchs Zimmer gleiten sehen. Er fuehlte es, dass sie ging, fuehlte es koerperlich. Fides wollte die Stufen in den Garten hinuntergehen, als sie ihn hinter sich hoerte. Sie wandte sich um, mit laechelndem, fragenden Blick. "Sie spotten," sagte er, "ich habe Sie gequaelt mit meinem Unsinn." "Sie spielen also doch," sagte sie ausweichend. Er lachte gutmuetig, etwas verlegen. "Nicht der Rede wert, gnaedigste Komtesse. Was haben Sie nur von mir gedacht. Aber ich finde nie ein Ende, verliere mich so leicht." "In alle Tiefen," scherzte sie. Sie gingen in den Garten hinab. Sie standen vor den Rosen, und Fides bog einen vollen Zweig zu sich herab und sog den suessen Duft ein. Die Zweige schmiegten sich ihr an Stirn und Wangen, legten sich mit ueppigen gelben Kelchen und zarten schimmernden Knospen auf das helle Gold ihres blonden Scheitels, das in der Sonne einen roetlichen Glanz annahm und ihn an das Familienportraet im Speisesaal erinnerte. Dasselbe rote Goldblond, derselbe weisse durchsichtige Teint, der doch nichts Krankhaftes hatte. Nur ernster, stolzer war das Gesicht der Mutter; etwas nordisch Strenges war in den Zuegen der daenischen Baronin, die dem Grafen eine Tochter schenkte und starb. In dieser schlanken Maedchengestalt vor ihm war das Strenge und Stolze durch die Anmut der Jugend gemildert. Wie entzueckend sah sie in dem leichten, hellblauen Kleid aus. Der Aermel war leicht zurueckgefallen, als sie die Hand nach den Rosen ausstreckte, und der weisse Sammet ihres bei aller Fuelle doch schlanken Armes leuchtete mit warmem, matten Glanz. Fides bat ihn, ihren Gartenhut zu holen. Ob sie nicht einen Spaziergang machen wollten. Er ging, den Hut zu holen, der auf dem Esstisch lag. Er zoegerte drinnen einen Augenblick und verschlang vom Fenster aus ihre Gestalt mit den Blicken. In der Veranda fand er seine Muetze, eine schon etwas mitgenommene, einst weisse Strandmuetze. Er befestigte das schmale lederne Sturmband unterm Kinn, obgleich das schoenste Wetter war und nur ein ganz schwaches Lueftchen wehte. "Warum tragen Sie eigentlich immer dieses Sturmband?" fragte sie. "Ich finde es haesslich." "O," sagte er leicht erroetend. "Moegen Sie es nicht? Ich finde, es sieht so--maennlich aus." Er fand nicht gleich einen andern Ausdruck. Sie lachte. "Was ist denn da maennliches dabei?" "Das hat mir als Kind schon immer so imponiert," erklaerte er. "Bei den Kapitaenen und nachher bei den Militaers. Ich denke dabei immer an einen Mann im Sturm. Es ist gleichsam, als saesse nun mit der Muetze auch der Kopf fester. So, nun kommt her, ich biete euch die Stirn!" Sie lachte wieder. "Fuerchten Sie, so leicht den Kopf zu verlieren?" "Aber im Sturm." "Aber es weht ja gar nicht." "Das macht ja nichts." "Aber es sieht so komisch aus, jetzt bei Sonnenschein und ruhigem Wetter. Und ich mag nichts am Manne, was nach Affektation aussieht." "So duerfen Sie es nicht nennen," verteidigte er sich, obgleich er sich getroffen fuehlte. Es war wirklich ein wenig der Wunsch gewesen, ihr zu imponieren, der ihm das Band unters Kinn gezogen hatte. "Sehen Sie, es steckt ein Seemann in mir, und der macht sich in so kleinen Aeusserlichkeiten Luft. Der unterdrueckte Seemann in mir." Sie sah ihn von der Seite an. Er hatte wirklich nichts Seemaennisches, wie er so neben ihr herstieg; diese eckige, hagere, hohe Figur, und das Pincenez! Aber er erzaehlte ihr, dass es sein groesster Wunsch gewesen waere, zur See zu gehen, Kapitaen zu werden, aber dass ihn die Umstaende, vor allem seine Kurzsichtigkeit, auf eine andere Bahn gedraengt haetten. "Ein bebrillter Seemann, wie laecherlich!" rief er aus. Aber dann entwarf er ein glaenzendes Bild von dem Leben eines Seemannes, von seiner Freiheit, seinem Mut, seinem Heldentum, und er berauschte sich an seinen grossen Worten. "Sie, als Aristokratin, muessen mir das nachempfinden koennen, Komtesse," eiferte er. "Gibt es einen aristokratischeren Beruf als den des Kapitaens." Ihre Augen leuchteten ihn an. War das in ihm? Er hatte bisher keinen heldenhaften Eindruck auf sie gemacht. Jetzt sprach er wie ein alter Wikinger von Sturm und Kampf, und sie hoerte aus dem Klang seiner Stimme den Ton echter Leidenschaft und Sehnsucht. Er hatte das Sturmband nicht geloest. Sie freute sich darueber. Er war wenigstens nicht eitel. Und er hatte Charakter, liess sich seine kleinen Eigenheiten und Liebhabereien nicht einfach von einer absprechenden Kritik wegblasen. Und wie er so neben ihr ging, das scharfe Profil mit der etwas langen, geraden Nase und dem runden festen Kinn halb von dem Muetzenschirm beschattet, die breiten knochigen Schultern etwas hinaufgezogen, als stemmten sie sich gegen eine unsichtbare Last, fand sie auf einmal, dass er doch maennlicher aussehe, als wie er ihr bisher vorgekommen war. Sie konnte sich ihn trotz der Brille recht gut auf der Kommandobruecke denken, den Suedwester auf, oder die goldbordierte Muetze des Kommandeurs, natuerlich mit dem Sturmband unterm Kinn. Aber was daran so aristokratisch waere, fragte sie. "Vor allem die Exklusivitaet seiner Stellung, seine absolute Souveraenitaet. Er ist Herr ueber Leben und Tod. Alle Verantwortung traegt er allein. Welch ein Gefuehl fuer einen Mann! Welch ein Kraft- und Machtbewusstsein, welch ein Lebensbewusstsein! Und nehmen Sie dazu das Meer. Im Sturm! Der Kampf der Elemente! Er zittert nicht, er beherrscht das Meer, er fuerchtet es nicht. Und wenn er unterliegt in diesem Kampf, wie weiss er zu sterben. Ein Held. Bis zum letzten Atemzug auf seinem Posten. Sehen Sie, das ist der Mann in seiner ganzen Maennlichkeit, in seiner Groesse, der heldische Mann, die aristokratische Natur!" Sie laechelte ueber seinen Eifer, aber sie hoerte ihm aufmerksam zu und streifte ihn wieder mit einem bewundernden Blick. Aber er hatte ihr Laecheln bemerkt und lachte nun auch, lachte laut und gutmuetig. Da war er mal wieder in Feuer gekommen! Aber er hatte doch recht, und er wollte es von ihr bestaetigt haben. Und sie sagte: "Ja, ja. Sie wissen das so wunderhuebsch zu sagen. Man wird ganz warm dabei. Es ist wie ein Gedicht. Es ist wirklich schade, dass Sie kein Seemann geworden sind." Sie hatten den Park verlassen und gingen auf dem schmalen Fusssteig durchs Roggenfeld. Die See wurde sichtbar. Ein Segel schien an dem Horizont festgeklebt. Die See glitzerte und flimmerte, das Segel leuchtete. Ein Paar Moewen kreisten bis uebers Feld. Randers, der jetzt hinter Fides ging, rupfte eine Aehre nach der andern und zerpflueckte sie. Und dann fing er wieder von der See an, von der Nordsee. "Was meinen Sie zu einem Blockhaus an der See, in den Duenen, oder oben in den norwegischen Schaeren?" "Was Sie fuer Einfaelle haben. Warum gerade ein Blockhaus?" "Weil es sich der Natur anschmiegen muss. Einsam, versteckt, grau in grauer Wildnis. Aber innen muss es natuerlich behaglich sein." "Kienruss und Tran, und gedoerrte Fische an den Waenden," spottete sie. Er lachte. "Warum nicht auch so? Aber ich dachte es mir doch anders. Comfortable. Mit Teppichen. Und ein Bechstein darf nicht fehlen. Und Sie spielen Chopin." "Ich?" "Ja, waere das nicht schoen? So ganz weltfern, nur die Einsamkeit, die Natur. Musik, Buecher--" "Sie sind ja der reinste Romantiker," unterbrach sie ihn. "Aber denken Sie sich mal da hinein. Diese wundersamen Spaziergaenge in den Duenen, am Abendstrand." "Und wenn wir heimkommen, schaelen wir gemeinschaftlich Kartoffel, roesten einen Seehund am Spiess und kochen Tee." "Sie spotten wieder." Er war wirklich etwas gereizt. Sie lachte hell heraus. "Das empfinden Sie nun als Spott, wenn ich praktisch an das Noetigste denke. Sie waeren imstande, ein Haus ohne Speisekammer zu bauen." "Die soll ja auch da sein." "Dann hoert sich's schon anders an. Also nicht nur Musik und Sentiments. Ja, ich will es mir doch ueberlegen. Es waere mal etwas anderes. Am Ende faenden sich noch welche, die sich anschloessen." "Um Gottes Willen! Keinen dritten! Das ist ja gerade die Hauptsache, nur zu zweien." "Nur wir beide?" Er sagte nicht ja. Er lachte nur. Welcher Einfall, ihr das alles zu sagen. Und empfindlich zu sein, dass sie es nicht ernst nahm! 5. Randers ueberlegte, ob es nicht besser waere, er reiste ab. Wollte er warten, bis er sich wirklich in sie verliebt hatte? Heiraten konnte er sie doch nicht. Er wuerde sie auch nicht heiraten, selbst wenn er sicher waere, keinen Korb zu bekommen. Er hatte seinen Stolz, und er hatte seine ganz besonderen Ansichten ueber Mesalliancen. Er hatte Grundsaetze, die eine Ehe mit ihr ausschlossen. Also nur ihr nachlaufen, wie ein verliebter Gymnasiast? Er dankte. Vorlaeufig war das ja auch noch keine Liebe, nur aesthetisches Gefallen, Hochachtung und alles andere. Aber die Gefahr hatte um die Ecke gesehen. Gestern, zwischen den Aehren, als sie vor ihm herging, ganz in Sonne getaucht, von Zeit zu Zeit den Kopf nach ihm wendend, dass er den warmen, leuchtenden Sammet ihrer weichen Wangen sah, die grazioese Biegung des Halses--er hatte eine Aehre nach der andern gerupft und die Koerner durch die Finger gleiten lassen, um die Regung zu unterdruecken. Ja, er wollte weg. Die ganze Geschichte hatte keinen Zweck. Aber in ein paar Tagen sollte die Jagd eroeffnet werden, der Graf hatte ihn dazu eingeladen, und er hatte sich so darauf gefreut. "Kindisch," wie er zu Fides gesagt hatte. Wenn er nun so ploetzlich abreiste, welchen Grund sollte er angeben? Nun, hundert Gruende. Da gab es allerlei, was ihn abrufen konnte. Aber vielleicht sah es doch nach Flucht aus, oder nach Gleichgueltigkeit. Also noch ein paar Tage, ein paar Jagdtage. Dann aber weg von hier! Er hatte nun doch ernstlich Sehnsucht nach der Nordsee. Dies alles lag ja so gar nicht in seinem Plan. Ein paar Wochen hatte er schon in Grashof verloren. Und schliesslich musste sie doch denken, es sei nur ihretwegen. Denn war es nicht Wahnsinn, sich ohne vernuenftigen Grund in diesen Krug einzupferchen? 6. Im Schloss war Besuch angekommen. Randers hoerte es unterwegs von den Leuten auf dem Felde. Besuch in einem Segelboot. Ob er hinginge? Er war doch neugierig. Besuch, der in einem Segelboot kam. Das war doch interessant. Er interessierte sich so fuer das Segeln. Und wer mag das sein, der hier ein Segelboot hat. Er traf nur Fides im Salon und eine fremde Dame, eine kleine, lebhafte, unscheinbare Person mit vollen Formen, ganz huebschen, braunen Augen und einem etwas groben und lebhaften Teint. "Sieht die gesund aus," dachte er. "Fraeulein Krueger," stellte Fides vor. Also nichts Adeliges. Eine leise Enttaeuschung. Das Fraeulein sah ihn mit unverhohlener Neugier an. Er las deutlich aus ihren Blicken: "Also das ist er?" "Ich habe Fraeulein Krueger von Ihnen erzaehlt," sagte Fides gleich. Randers verbeugte sich. "Sie halten sich zu Ihrer Gesundheit hier auf, Herr Doktor?" fragte das Fraeulein. "Das nicht gerade." "Ich meinte das." Sie sah Fides fragend an. "Allerdings," sagte er schnell. Wenn Fides so gesagt hatte, wollte er nicht anders sagen. "Ich reise ueberhaupt zu meiner Erholung oder Zerstreuung, was ja oft dasselbe ist." "Der Herr Doktor schwaermt fuer die See," sagte Fides. "Die haben Sie ja erster Hand hier," meinte das Fraeulein. Wie gewoehnlich sie sich ausdrueckt, dachte Randers. Und ihre Stimme klingt wie eine verrostete Schiffsglocke. "Sie sind mit dem Segelboot gekommen, gnaediges Fraeulein?" "Ja, haben Sie es gesehen?" "Ich hoerte es von den Leuten. Mit Ihrem Herrn Gemahl?" "Mein Bruder." Beide Damen unterdrueckten muehsam ein Laecheln. Er nannte sie Fraeulein und fragte nach ihrem Herrn Gemahl. "Ach so! Pardon," entschuldigte er sich und wurde ueber und ueber rot. "Der Herr Doktor ist ein grosser Seemann," sagte Fides. "Es ist ein Kapitaen an ihm verloren gegangen." War das Spott? Er laechelte etwas gezwungen. "Da werden Sie sich gewiss unsre Jacht ansehen; sie ist ganz neu, ein ausgezeichnetes Seeboot," sagte die Schiffsglocke. "Wenn Sie erlauben, es wuerde mich sehr interessieren." "Vielleicht machen Sie mal eine Fahrt mit Herrn Krueger?" fragte Fides. "Er wuerde sich gewiss freuen, er ist so stolz auf seine Jacht und hoert sie gerne loben." "Ja, das ist seine schwache Seite," bekraeftigte das Fraeulein. "Ich wollte eigentlich morgen abreisen," sagte Randers. Er war durchaus noch nicht entschlossen, aber es kam ploetzlich ueber ihn, er musste es sagen, er wollte sehen, wie sie es aufnaehme. "So ploetzlich?" rief Fides. Sie schien ernstlich ueberrascht. "Aber warum so schnell? Gefaellt es Ihnen nicht mehr bei uns? Ich meinte, Sie wollten die Jagd mitmachen?" "Ja so, daran dachte ich nicht," sagte er. "Sehen Sie," rief sie triumphierend. Es lag ihr also an seinem Bleiben. Und sie machte daraus kein Hehl, selbst in der Gegenwart der Fremden. "Papa hat uebrigens Ihr Wort," sagte Fides. "Dann freilich." Nachher besahen sie alle zusammen die Jacht. Randers bewunderte den jungen Gutsbesitzer, einen grossen schoenen Mann, schlank, muskuloes, mit gutmuetigem, wettergebraeunten Gesicht. Er sah ganz aus wie ein Seemann. Ein buschiger, dunkelblonder Schnurrbart verdeckte etwas das einzig Unschoene in diesem Gesicht, den grossen Mund. Der junge Mann lachte oft und laut, wie seine Schwester, und dann zeigte er zwei praechtige Reihen weisser, fester Zaehne. Der kann ein Segeltau durchbeissen, dachte Randers. Jedesmal, wenn der junge Mann lachte, kam ihm die Vorstellung: "Er kann ein Segeltau durchbeissen." "Was meinen Sie?" fragte Fides. Randers erschrak und wurde rot. Hatte er es denn laut gesagt? "Ich meine, ob man wohl ein Segeltau durchbeissen kann." Sie sah ihn erstaunt an, lachte kurz auf und sagte: "Was Sie fuer sonderbare Einfaelle haben." Die Jacht war wirklich sehr huebsch. Sie war ganz weiss angestrichen, hatte eine kleine Kajuete an Bord, trug am Mast einen langen, rotseidenen Wimpel. Am Spiegel stand mit goldenen Buchstaben: Seeschwalbe. "Ein huebscher Name," sagte Randers. "Es ist das schnellste Boot hier herum," erklaerte Herr Krueger. "Es laeuft seine zwoelf bis dreizehn Meilen in der Stunde." Er sprach hauptsaechlich zu Randers und schien ihn fuer einen grossen Kenner zu halten. Randers musste sehr vorsichtig sein, wenn er sich nicht blossstellen wollte. Einmal wollte er sagen: "Ich verstehe so viel nicht davon." Und er haette es auch gesagt, wenn Fides nicht dabei gewesen. Aber jetzt sagte er es nicht, sondern nickte nur immer mit dem Kopf, wenn der andre wieder einen technischen Ausdruck gebrauchte, den er nicht verstand. Sie hatten beide gleiche Muetzen auf, weisse Schirmmuetzen, und sie hatten beide das Sturmband unterm Kinn. Ob Fides darauf achtete? Der Graf fragte Randers, was er in den letzten beiden Tagen getrieben haette, er haette sich ja gar nicht sehen lassen. Ja, was hatte er getrieben? Er hatte einige Stunden am Strand gelegen und auf die See hinausgetraeumt, und war ein paar Stunden spazieren gelaufen. "Bis nach Grossenbrode." "Da haetten Sie ja gleich zu uns herueber kommen koennen," meinte Fraeulein Krueger. "Waren Sie schon auf Fehmarn?" "Nein." "Aber kommen Sie doch mal," lud der junge Mann ein. "Ich bringe Sie mit dem Boot zurueck. Ich hole Sie auch ab." "Sie sollten das tun," redete der Graf zu. "Sie lernen zugleich im Sassnitzer Gut eine Musterwirtschaft kennen." Herr Krueger lachte gutmuetig, halb geschmeichelt, halb bescheiden abweisend. "Lassen Sie gut sein, lieber Krueger. Alles was recht ist. Durchaus musterhaft," sagte der Graf. Also ein Mustermensch, dachte Randers, und ein huebscher Kerl. Was hat er fuer Zaehne! Und obendrein hat er eine Jacht! Randers bekam mit einmal Lust, ihm ein Schiffstau zwischen die Zaehne zu schieben. Was er wohl fuer ein Gesicht machen wuerde? Randers musste lachen. Der Einfall war zu albern, aber er konnte ihn nicht wieder los werden. Er musste immer an das Gesicht des jungen Mannes denken, wenn er ihm ein Schiffstau zwischen die Zaehne schieben wuerde. Er durfte ihn zuletzt gar nicht mehr ansehen. Als die Gesellschaft sich wieder ins Schloss begab, empfahl Randers sich. Die Geschwister lachten ihm zu viel. Und er mochte keine Mustermenschen leiden. Niemand bat ihn zu bleiben, auch Fides nicht. Er war also ueberfluessig. Mochten sie unter sich bleiben! 7. Als die Jacht zwei Stunden spaeter gegen den Wind weit in die See hinauslief, lag Randers am Strand und sah ihr nach. Es war eine stramme Nordostbrise, die auf das Segel drueckte. Wie ein Pfeil schoss das weisse Fahrzeug durch die Wellen. Es leuchtete auf dem tiefen Blau des Wassers. Wenn Randers die Augen zusammenkniff, machte es ihm den Eindruck eines grossen, weissen Vogels, der dicht ueber die Wellen hin pfeilte. Die Jacht lag ganz nach rechts. Wenn sie umschluege? Ob sie schwimmen koennten? Bei diesem Wellengang wuerde es ihnen nichts nuetzen und in dieser Entfernung. Der junge Mann war sicher ein guter Schwimmer, aber es wuerde ihm nichts nuetzen, er wuerde hinunter muessen. "Dann kann er Fides nicht heiraten." Randers sagte das ganz laut. Er verfolgte jede Bewegung der Jacht. Jetzt legten sie um. "Brillant!" rief er und richtete sich halb auf. Wie ein Pfeil schoss die Seeschwalbe wieder auf die Rosenhagener Ufer zu. Da sass er nun am Steuerruder, lachte und zeigte die grossen, weissen Zaehne. Lachte vielleicht ueber ihn, ueber eine Bemerkung der rostigen Schiffsglocke ueber ihn. Vielleicht sprachen sie auch ueber Fides. Sie waren sehr vertraut mit Fides gewesen, kamen gewiss oft von Sassnitz herueber. Uebrigens kein uebler Geschmack von dem jungen Mann. Aber zum Teufel! Was waren das fuer Gedanken? War er denn eifersuechtig? Wollte er, Henning Randers, denn Fides Bruckner heiraten? Und dann, wie laecherlich! Die schoenen Zaehne und die Musterwirtschaft machten den jungen Mann noch nicht ebenbuertig. Komtesse Fides Bruckner und Herr Krueger, Gutsbesitzer auf Fehmarn. Die Jacht lief jetzt wieder seewaerts. Randers kletterte die steile Uferhoehe hinan. Er wollte dem Musterwirt nicht laenger nachgaffen. "Morgen gehst du. Das ist ja alles Unsinn!" sagte er laut. Er war an ein grosses Brachfeld gekommen, ging quer hinueber, kletterte ueber ein Hecktor und verfolgte einen schmalen Fusssteig laengs einer Weide, wo ein paar Kaetnerkuehe lagen und wiederkaeuten. Wie dumm die Tiere glotzten. Er stellte sich vor sie, glotzte sie wieder an und ahmte ihr Kauen nach. Sie liessen sich nicht irre machen, kauten und bewegten die Ohren. "Glueckliches Rind," sagte Randers laut. "Ewiger Gleichmut, satte Zufriedenheit." Aus dem Knick sprang ein kleiner, barfuessiger Bengel, den das laute Sprechen anlockte. "Sind dat din Koeh?" fragte Randers. "Nee." "Hoert de to 'n Haf?" "Nee." "Wen hoert se denn?" "Peemoeller sin." "Wat deihst du hier denn?" Der Junge wandte sich verlegen ab. "Muggst du woll gern 'n Groschen hebben?" Das Gesicht des Kleinen strahlte, aber er schwieg. Randers schenkte ihm ein Zehnpfennigstueck und ging weiter. Als er auf die Landstrasse hinaus kam, zoegerte er. Das Dach des Rixdorfer Herrenhauses leuchtete in der Abendsonne zwischen den hohen Parkbaeumen herueber. Er fuehlte ein Verlangen nach Fides, ein eifersuechtiges Verlangen, mit ihr ueber die Sassnitzer zu sprechen. Aber es gab keinen Vorwand, der einen zweiten Besuch an diesem Tage entschuldigt haette. Er ging in den Krug, trank einen Schnaps und setzte sich in die kleine Laube hinter dem Hause. Es roch hier nach dem Schweinestall, und die Huehner kamen und bettelten. Sch, sch, jagte er sie. Sie blieben in einiger Entfernung stehen, auf einem Bein, drehten die Haelse und blinzelten ihn an. Aber er hatte nichts fuer sie uebrig. Er kritzelte in sein Tagebuch. 8. Ein paar warme, weiche Regentage kamen, und Randers war in bester Laune. Es war, als haette ihm nur dieser Regen gefehlt. Der Himmel war gleichmaessig bewoelkt, alles Laub feucht und glaenzend. Bestaendig troepfelte es von den Baeumen, von den Hecken, hing in tausend blitzenden Perlen an den Graesern, an den Aehren, die noch ungeschnitten auf den Feldern standen, und an den Aehren, die schon in Garben zusammengehockt waren. Und die Rosen im Park wussten nicht, wohin mit all dem Nass, neigten sich und liessen es in grossen, schweren Tropfen auf die schwarzen Beete fallen. Und von dem vorspringenden Dach der Veranda troepfelte es in ungleichem Rhythmus auf die Steinstufen der Gartentreppe, gluckste in der Regentraufe und plaetscherte aus der Traufe in die grosse Tonne. Randers hatte seinen Stuhl dicht an die Treppe gerueckt, sass vornueber gebeugt, die Haende zwischen den Knieen gefaltet, und trank diese weiche Regenmusik mit entzuecktem Ohr. Er war ganz gluecklich in einer sanften, zufriedenen, dankbaren Stimmung. Er war nun schon zwei Tage im Schloss. Sie hatten ihn bei diesem Wetter durchaus nicht in seiner armseligen Behausung lassen wollen. Er hatte endlich die Einladung wenigstens fuer einen Tag angenommen und war dann doch fuer die Nacht geblieben. Und welch eine Nacht. Er hatte sie halb am offenen Fenster vertraeumt, voll von den Gespraechen des Abends, voll von den Glockenlauten ihrer Stimme und erhellt von dem Lichte ihrer Augen. Sie hatten ueber die Kruegers gesprochen, ueber den Segelsport, und er war wieder in seine nautische Schwaermerei verfallen und war wieder auf seine Kapitaensaristokratie im besonderen und auf den Adel im allgemeinen gekommen. Er hatte eine Lanze gebrochen fuer die Geschlechter gegen die plebejische Masse, gegen diesen Mischmasch der Allzuvielen, ohne Tradition, ohne Erziehung, ohne Kultur. Er war heftig und ungerecht geworden, so dass sie ihm wiedersprachen. Warum er aristokratischer als sie selbst sein wolle? Der Graf hatte dem Geistesadel seine Reverenz gemacht. Nur der Geldadel kam bei ihnen allen gleich schlecht weg. Randers aber kam hartnaeckig immer wieder auf den Geburtsadel zurueck. "Da ist die lange Tradition, die Zucht von Geschlechtern her, da sind die feinsten, hoechsten Kraefte der Familie, des Stammes, der Rasse bis zur Bluete getrieben." "Bis zur Ueberkultur!" warf der Graf ironisch ein. Aber Randers liess sich nicht irre machen. "Da ist Harmonie nach innen und aussen," fuhr er fort. "Die Ruhe, die vornehme Sicherheit, die Standesbewusstsein, Machtbewusstsein und Besitz verleihen. Mit einem Wort Kultur. Und der Adel sollte diese seine hoechsten Gueter nicht preisgeben, seine Exklusivitaet bewahren. Da darf sich nichts eindraengen, was nicht hineingehoert, nichts Fremdes, Zerstoerendes, Nivellierendes." "Sie plaidieren fuer standesgemaesse Verbindung," warf Fides etwas spoettisch ein. Ihr Spott kraenkte und reizte ihn. "Ja," sagte er. "Auch bis zur letzten Konsequenz?" "Ja, wie so?" "Sie wuerden selbst unter keinen Umstaenden eine Aristokratin heiraten?" "Nein." Randers erinnerte sich nicht genau mehr aller Worte, aber es war sehr beredt gewesen, schroff und unerbittlich. Es war ihm jetzt ganz leicht ums Herz. Er hatte nun einen Schutzwall aufgerichtet zwischen sich und ihr; sie wusste jetzt, wie sie mit ihm daran war, dass er sich durchaus nicht mit laecherlichen Absichten und ueberhebenden Hoffnungen trug. Jetzt konnte er ihr auch ruhig sagen, dass sie Fjordaugen habe und die Stimme einer norwegischen Hirtin. Und er sagte es ihr, sich halb nach ihr umwendend, ganz unvermittelt. "Ich habe alle diese Zeit darueber nachgedacht. Sie haben Fjordaugen, Komtesse." Fides sass mit ihrer Handarbeit neben ihm, ein wenig zurueck, um von den Tropfen, die von dem Verandadach fielen, nicht bespritzt zu werden. "Fjordaugen?" fragte sie und lachte. "Was ist nun das wieder?" "Sie waren nie in Norwegen?" "Nein." "Dann kennen Sie auch nicht diesen wunderbaren Wasserspiegel zwischen den Schaeren. Klar und blank, und blau, als laege der Himmel zu ihren Fuessen, und doch von einer Tiefe, von einer dunklen, schwarzen Tiefe, die wundersame, beaengstigende Geheimnisse zu bergen scheint. Und ueber dieser Tiefe das goldige, gruengoldige Flimmern der Sonne, und in diesem Spiegel die Felsen, die Waelder, die Wolken. Und mitten dazwischen ein kleines Boot, das sich wiegt, wie zwischen zwei Himmeln. Und dann die Stille, die grosse feierliche Stille umher. Ich kann es Ihnen nicht so sagen, wie es ist." "Und das alles finden Sie in meines Augen?" Sie laechelte und sie erroetete. "Und in Ihrer Stimme," sagte er. "Das wird immer wunderlicher. Was Sie fuer Einfalle haben." Randers lachte. Sein gutmuetiges, ueberlegenes Lachen. Dann nach einer Pause: "Ich habe einmal aehnliche Augen gesehen." Also doch, dachte Fides. "Die erinnerten mich an die Kirche von Drontheim." "Also Kirchenaugen," lachte sie. "Ja, Kirchenaugen." Der Ausdruck gefiel ihm. "Haben Sie die Dolgorucki gehoert?" fragte er. "Die Dolgorucki? Die--(sie suchte nach einem Ausdruck) die Musikantin? Nein, ich hatte nicht die Ehre." "Warum sprechen Sie so veraechtlich von ihr?" "Nun, ich bitte!" Er runzelte die Stirn und sah auf seine Stiefelspitzen. "Warum verurteilen Sie sie? Hat es nicht etwas Imponierendes, dieses stolze Sichhinwegsetzen ueber Familie und Gesellschaft, ueber alle Vorurteile ihres Standes und ihrer Geburt? Nur der Kunst zu Liebe. Liegt darin nicht auch wieder etwas echt Aristokratisches?" "Sie scheinen diesen Begriff sehr weit zu dehnen," sagte sie. "Sie vergessen die Kuenstlerin." "Wenn es nur das waere." "Etwas Trotz, abenteuerlicher Sinn--" "Also." Eine lange Pause entstand. Er fuehlte, dass sich das alles nicht so ganz mit seinen gestrigen Auseinandersetzungen vereinigte. "Sie vergessen die Kuenstlerin," wiederholte er. Sie laechelte ueber seine Hartnaeckigkeit. "Und diese Kuenstlerin hatte die Kirchenaugen?" fragte sie. "Ich konnte diese Augen nicht sehen, ohne an die Kirche von Drontheim zu denken. Das heisst, nur wenn die Fuerstin spielte. Dann war ein wunderbares, geniales Feuer in diesen Augen; sie waren ganz leuchtend blau, und ich hatte denselben Eindruck wie bei meinem ersten Eintritt in diese Kirche, die ganz aus blaeulichem Stein erbaut ist. Die blauen Pfeiler, die blaue Woelbung, es ist, als ob Sie den Himmel sehen." "Mir scheint, es steckt ein Dichter in Ihnen. Ich habe Sie in Verdacht, Verse zu machen," sagte Fides. 9. Es war der dritte Regentag. Aber es regnete nicht mehr so anhaltend. Nur hin und wieder fielen kurze Regenschauer. Aber es war kuehl und windig, und zerrissene Wolkenfetzen jagten am Himmel hin, wie Fluechtlinge eines zersprengten Heeres. "Was ist das Leben? All dieses Leben nach aussen hin, welche Befriedigung gewaehrt es zuletzt?" sagte Randers. "Ist nicht alles so verzweifelt farblos, oede, wenn wir nicht etwas Farbe hinzutun--aus unsern innern Farbtoepfen, etwas Goldschaum dran wenden, einen bunten Schleier darueber decken?" Fides sass am Fluegel, die Haende in dem Schoss, mit dem Ruecken gegen das Instrument. "Die Philosophie eines Traeumers, die nur Traumfruechte pfluecken wird. Wie wollen Sie sich ein Leben zimmern, ein Haus bauen? In Luftschloessern kann man doch nicht wohnen." "Oho, gewiss kann man das! Leben wir nicht alle in Luftschloessern? Unser eigenstes, hoechstes und feinstes Leben--" "Ich bin praktischer," unterbrach sie ihn lachend, "ich halte es mit der Wirklichkeit. Ich lobe mir die Realitaeten. Wuensche und Traeume haben wir ja alle. Aber wir suchen und wollen doch ihre Verwirklichung." "Wenn sie sich aber nicht verwirklichen lassen?" "Dann resigniert man eben." "Oder begnuegt sich mit dem Traum der Erfuellung." "Das versteh ich nicht." "Was Sie nicht in der Wirklichkeit besitzen koennen Sie doch im Traum besitzen, in der Einbildung." "Um nachher doppelt enttaeuscht zu werden?" Er zuckte die Achseln. "Man muss Philosoph oder Dichter sein, um leben zu koennen," sagte er. "Oder Eroberer." Er sah sie gross an. "Wenn einem aber hierzu die Kraft fehlt?" "Dann muss man nicht auf Eroberungen ausgehen und sich an der Philosophie genuegen lassen." "Also." Eine Pause, die sie mit ein paar Laeufen ausfuellte. "Im Besitz liegt das Glueck doch nicht," stiess er hervor. "Aber man will doch schliesslich besitzen." "Glueck ist Sehnsucht, Erfuellung ist Tod." "Ist das von Ihnen?" "Wie so?" "Das klingt wie aus einem Gedicht." "Wie ist es zum Beispiel mit der Liebe?" rief er, warm geworden und auf ihre Bemerkung nicht eingehend. "Sie meinen, die hoert mit dem Besitz auf?" fragte sie. "Ja." "Sprechen Sie aus Erfahrung?" Sie lachte ein wenig spoettisch und ueberlegen, als wuesste sie das besser. Und er lachte auch. Was sollte er darauf antworten? "Ausnahmen gebe ich ja zu," sagte er. "Also doch." "Die Liebe kennt ueberhaupt keine Regeln, sie kennt nur Ausnahmen." "Also Streit um des Kaisers Bart." "Sie haben recht. Spielen Sie mir lieber noch etwas Chopin. Oder den Totentanz." "Ihr ewiger Totentanz." Sie praeludierte ein paar kurze Takte und spielte Webers "Aufforderung zum Tanz". Er schuettelte missbilligend den Kopf. Er liebte diese Musik nicht. Er erhob sich leise und trat in die offene Verandatuer und sah in den windbewegten Park hinaus. Ob sie es gemerkt hatte? Sie hielt mitten im Stueck auf. "Es ist nichts," sagte sie. "Ich mag heute nicht spielen." 10. Der naechste Tag war ein Sonntag. Ob er mit in die Kirche wolle? Ja. Er sah, dass seine Bereitwilligkeit sie etwas in Erstaunen setzte, obgleich sie kein Wort darueber verlor. Sie musste ihn natuerlich fuer einen Freigeist halten, fuer einen Religionsveraechter. Darueber musste er sie doch gelegentlich aufklaeren. Da machte sie sich ein ganz falsches Bild von ihm. Glaubte sie, er waere aus so grobem Stoff, wie diese "aufgeklaerten" Leute, die an dem Einmaleins und der Entdeckung der Bazillen genug haben, und glauben, sie haetten jetzt den lieben Gott aus der Welt hinausgerechnet und hinausexperimentiert? Den Weg zum Christentum freilich faende er wohl nicht wieder zurueck. Aber das Goettliche vermochte er doch nicht zu leugnen. Was ihm, dem Doktor Philosophiae Henning Randers, ausreichte, genuegte deshalb noch lange nicht fuer Claus Piepenbrink. Claus musste etwas Greifbares in die Hand bekommen, ein Seil, woran er sich laengs tasten konnte. Und dieses Seil war die christliche Religion, dieses Seil drehte ihm die Kirche. Und nun gar ein Weib ohne Religion! Natuerlich liebte er nicht die Betschwestern. Aber er hasste diese "aufgeklaerten," wissenschaftlichen, bebrillten Blaustruempfe. Und das war seine innerste Ansicht von der Sache und seine festgegruendete Ueberzeugung, nicht etwa eine augenblickliche, sentimentale Wallung, veranlasst durch die Tatsache, dass Fides die Kirche besuchte. Er war durchaus unabhaengig von Fides, wenn er auch die Wahrheit seiner Ansichten nie so empfunden hatte, wie jetzt, wo sie neben ihm im Kirchenstuhl sass, mit gleichmaessiger, stiller Aufmerksamkeit der Predigt folgte und unbekuemmert um seine Anwesenheit laut und innig die Choraele mitsang. Sie schob ihm dabei ihr Gesangbuch etwas zu, und er mischte schuechtern seine harte, modulationslose Stimme in ihre tiefen Glocken. Und es war ihm, als truege sie ihn, wie ihre Stimme seine Stimme trug. Als haette sie ihn an der Hand gefasst, als fuehlte er eine treue, sichere Hand, die ihn einen ruhigen, sonntaeglich schoenen Weg fuehrte, dorthin, wo Friede war und Glueck und Wunschlosigkeit und Dankbarkeit, das kindliche Gefuehl der Geborgenheit. Und er sang zuletzt ganz laut und tapfer die schlichten, innigen Verse des alten Paul Fleming mit. Lass dich nur ja nichts dauern Mit Trauern! Sei stille! Wie Gott es fuegt, So sei vergnuegt, Mein Wille. Was willst du heute sorgen Auf morgen? Der Eine Steht allem fuer; Der gibt auch dir Das deine. Sei nur in allem Handeln Ohn Wandeln, Steh feste! Was Gott beschleusst, Das ist und heisst Das Beste. Und als sie aufsahen und ihre Blicke sich trafen, wunderte er sich, dass diese junge Dame neben ihm die Komtesse Fides Bruckner war. Ihm war, als haette er sie schon jahrelang gekannt, so nah waren sie sich durch diesen gemeinsamen Gesang gekommen. Es war ein ruhiges Gefuehl der Zugehoerigkeit, wie zwischen Bruder und Schwester. Dies war der schoenste Tag, der ihm seit Jahren geschenkt worden war. Er trug nachher ihr Gesangbuch und behielt es auch waehrend der ganzen Rueckfahrt, und er hielt es zaertlich wie einen geliebten Gegenstand. Das war der schoenste Tag! 11. Randers wollte abreisen und blieb, wollte wieder abreisen und blieb, bis es ihm eines Tages schwer aufs Herz fiel: Wie wirst du dich von all diesem trennen koennen? Das ist es, was du dir unter einer Ehe denkst, dies harmonische Nebeneinander, Miteinander, ohne Verpflichtungen. Aber auf die Dauer geht so etwas nicht ohne Standesamt. Und das ist eine Unmoeglichkeit! Es kamen Briefe aus Hamburg, die ihn neckten und welche, die ihn beneideten. Und er antwortete mit ernsthaften und langen Auseinandersetzungen ueber die Ehe, eine Ehe, auf die sich nur ein ganz vorurteilsloses, aristokratisches Weib einlassen wuerde. Er glaube dieses Weib in Fides gefunden zu haben, aber er daechte zu aristokratisch, um ihr eine Mesalliance zuzumuten. Und so wie sich eine wirkliche Gefahr zeige, wuerde er abreisen. Und Gerdsen schrieb: "Die Ehe, die Sie wollen, ist keine Ehe, liebster Doktor. Ich wuerde noch mehr Worte darueber verlieren, wenn mir irgendwie ueber den Ausgang Ihrer jetzigen kleinen 'Episode' bange waere. Uebrigens wissen Sie, dass ich Ihre Aristokratismen nicht teile. Ein bisschen buergerliche Auffrischung kann dem Adel nur gut sein. Aber ob Sie der sind, von dem eine Auffrischung zu erwarten ist, daran darf ich wohl in aller Freundschaft zweifeln. "Ich wuensche Ihnen ein gesundes Verhaeltnis mit einem Bauernmaedel. Ich wuerde Sie gerne auf lange Zeit in irgend eine laendliche, urbaeuerliche Einsamkeit verbannen, oder meinetwegen zwischen Ihre geliebten norwegischen Schaeren, damit die Natur Sie einmal derb beim Wickel naehme und Ihre ganze platonische Phantasieerotik mit kraeftigem Besen auskehrte. "Nichts fuer ungut. Aber ich musste es mal sagen, obgleich es nichts nuetzt. Sie muessen nun so verbraucht werden." "Sie haben recht," schrieb Randers zurueck, "Es ist alles Unsinn! Ich werde ueberhaupt nicht heiraten." 12. "Was haben Sie denn da?" fragte Fides, als Randers mit einigen beschriebenen Blaettern in der Hand eintrat, froh, Fides allein zu finden. "Sie haben mich neulich mit meinem Blockhaus ausgelacht," sagte er. "Hier ist es." "Das da?" "Ja, ich habe es heute Nacht aufgezimmert, und ich bin neugierig, wie es Ihnen gefallen wird." "Da bin ich doch auch neugierig." "Ich finde es uebrigens gar nicht huebsch von Ihnen," setzte sie scherzend hinzu, "dass Sie immer noch an Ihrem Blockhaus festhalten. Es gefaellt Ihnen hier bei uns also nicht so gut, dass Sie es vergessen koennten." "Oh," sagte er betroffen. "Doch! ich bitte! Es ist so schoen bei Ihnen. Und dann ist es ja nur eine Idee, eine fixe Idee. Es wird ja nie etwas daraus werden." "Ich goennte es Ihnen schon, damit Sie gruendlich von Ihrer Romantik geheilt wuerden." Er lachte. Und dann bat er sie, in sein Blockhaus einzutreten, und sie legte sich mit einem gespannten Ausdruck, halb neugierig, halb belustigt, in ihren Stuhl zurueck und hoerte ihm zu. "Ein Blockhaus, halb vergraben unter den Sandwehen des Novembersturmes, in dem wilden Lister Duenengebirge." Der Grossstadt entronnen, fallen mit mir drei phantastisch wilde Gesellen in die hellerleuchtete Huette ein, und wir richten uns bei ueberfliessendem Nord-Nordgrog in der Winterwildnis ein. Und ich bin der Herr im Hause! Und schliesslich werfe ich sie alle hinaus. Denn ich erwarte andern Besuch. Eine Kuenstlerin, nicht dem Beruf nach, sondern in ihrer eigensten, inneren Natur. Der aeusseren Konvenienz fragt sie nicht nach; aber die trennende Schranke schafft sie sich durch die eigenstolze Natur. Der Bechsteinsche Fluegel steht schon bereit; unsere drei Zimmer sind mit dichten Damastdecken ausgelegt; kein Schritt ist auf den dunklen Teppichen hoerbar. Mattes Ampellicht. Ich habe einen Samowar besorgt; die Behaglichkeit des dampfenden Kessels soll uns nicht fehlen. Was werden wir lesen? Ich habe Turgenjeff verschrieben: sie erinnert in ihrer stolzen Selbstherrlichkeit an russische Frauengestalten! Und dann spielen und singen wir! Keine Miniaturlieder. Sentimentalitaeten sind verbannt! Franz Schubert, einiges wenige von Schumann, die Norweger, Grieg vor allem, und dann Loewes unvergleichliche Balladen "Herr Olaf" und "Edward". Wie das wohl ueber die Heide klingen wird: Dein Schwert wie ist's von Blut so rot, Dein Schwert wie ist's von Blut so rot, Edward! Edward! Und dazu die messerscharfen, schneidenden Akkorde der Verzweiflung, die jagende Sechzehntelfigur der Begleitung, die sich schliesslich immer mehr verdichtet, bis sie wie zu einem hoellischen Furientanze zusammenwaechst. Das sind Lieder, wie sie der novembersturmgepeitschten Nordseewelle gemaess sind. Wir lesen, wir spielen, wir wandern, wir schweigen auch viel, schweigen, und ich greife hin und wieder einen halbverlorenen phantastischen Akkord. Der Sturmwind heult und ruettelt an den verschlossenen Laeden. Jeweilig ist das Schweigen so sonderbar zwischen uns, so beredt, zu beredt fast, so dass wir zu reden beginnen. Wie denken Sie ueber Rebekka West? So hat sie ihr langes Zusammenleben mit Rosmer doch zur Liebe gefuehrt! Ihre Lippen zucken veraechtlich. Dass Rebekka liebt, dass sie zu lieben vermeint, ist nichts weiter, wie das Gefuehl der Schuld, das Rosmer gegenueber auf ihr lastet! Von dem Gefuehl der frueheren Gewissenlosigkeit gepeinigt, taeuscht sie sich ueber sich selbst. Ein Glueck, dass sie in den Muehlgraben gehen kann. Sonst wuerde sie bald erkennen, dass sie ihre eigenste, bessere Natur verloren! Und dann ginge sie auch in den Muehlgraben. Ihre Lippen haben wieder den strengen, sibyllinischen Zug! Ich schweige lange! Und ihr Lieblingsschriftsteller Jens Peter Jakobsen! Was sagen Sie zu Edele Lyhne? Ich habe sie einmal mit Edele verglichen. Sie liebt die Anspielung nicht. Sie wissen, dass ich mir Anzueglichkeiten verbitte. Dass der Dichter schliesslich von Edele nichts besseres weiss, als eine Backfischliebe, die sie schweigend mit sich herumgetragen, dafuer kann nicht Edele, dafuer kann nur der Dichter, nur die Maenner, jaemmerliche, sentimentale Schwaechlinge, die ihr seid! Und nun Sie! Was reden Sie hier von Liebe! Und ihre Lippen begannen herbe und spoettisch zu laecheln. Und Sie wollen der Schoenheit des Meeres als einem Fluch anheim gefallen sein! Hat Sie das Meer noch nicht gelehrt, schwachmuetige Sentimentalitaeten als das zu betrachten, was sie sind? Sie Aermster Sie! Und sie reicht mir halb bedauernd die Hand, und ich Tor schlage ein. Und lassen Sie Ihre albernen Gedanken und kommen Sie rasch zur Duene herauf. Wir klimmen mit Muehe gegen den Sturmwind, um uns stieben schneesturmgleich die Sandwehen. Finster leuchtet das Schwarz der ungefuegen Wolkengebilde, ein mattfahler Schwefelstreifen leckt an ihnen empor; geisterhaft verschaeumt die tobende Brandung. Ein verlorner Moewenschrei! Der Sturmwind presst uns nahe aneinander; ich fuehle ihre Schulter an meiner Brust. Ihre Zuege sind schoener als je, aber unbeweglich, und geisterhaft weiss wie Marmorstein! Und ihre Zaehne pressen leise die Unterlippe. Weltverschollen, in engster Naehe, und doch kluefteweit getrennt! Und dann schreiten wir stumm hernieder. Und das Licht brennt noch lange bei mir, waehrend das Dunkel schon stundenlang in ihrem Zimmer wob! Heute ist ihr Geburtstag! ich habe Rosen bestellt! Dunkelblutrot und schneeweiss. Zwei Koerbe duften vor mir. Wahllos streue ich aus dem einen Korb hierhin und dorthin. Sie liebt diese verschwenderische Fuelle. Den andern Korb schicke ich ihr hinauf. Eine halbe Stunde spaeter ist sie unten. Sie Boeser, wie gut Sie sind. Und ihre wunderbaren Augen sprechen, und sie reicht mir beide Haende. Wie gut Sie sind! Und wir sitzen am Kaffeetisch. Sie sorgt mit hausmuetterlichem Eifer. Sie spricht dieses und jenes und fast, als ob sie ein Gefuehl der Schuld bedruecke. Und schliesslich stuetzt sie ihren Kopf in die Hand und sieht mich an! und nickt mir leise zu, und dann liegt ihre Hand einen Augenblick weich auf der meinen. Und nun, Lieber, wollen wir hinaus! Ich habe uebrigens noch eine Neuigkeit fuer Sie. Mein Freund kommt zu Besuch. Sie wissen, dessen Gedichte ich Ihnen neulich vorlas. Sie wollten ihn gerne kennen lernen, Jolanthe. Sie schweigt! Nun, was sagen Sie? Warum ein dritter in unserm Beisammensein? Und ihre Augen leuchten weich. Nun, wie Sie wollen! Und ihre Stimme klingt ploetzlich hart. Und sie wendet sich und geht, um sich zum Spaziergang fertig zu machen. Ich weiss nicht, was sie will! Aber naechstes Jahr ueberlasse ich ihr mein Haus. Mag sie mit einem andern Freunde hausen; sie hat recht, das Meer soll mich nicht lieben lehren! Ich gehe nach Fanoe! Mag sie sehen! Und ich stampfe entschlossen mit dem Fusse und greife nach der Rose, die ihrer Hand entfallen." "Die arme Jolanthe," sagte Fides mit einem Ton spoettischen Bedauerns, als Randers schloss. Er lachte und zuckte die Achseln. "Hoffentlich nimmt sie Ihr Blockhaus fuer das naechste Jahr nicht an," sagte Fides. "Sie wird an dieser Erfahrung genug haben." "Ja, aber er will ja eben nicht heiraten, sich nicht sentimental binden." "Er ist eben ein Phantast," erwiderte sie mit besonderer Betonung, "der sich unmoegliche Verhaeltnisse ertraeumt." "Sagen Sie das nicht." "Aber ich bitte Sie! Uebrigens wissen Sie das wunderschoen auszumalen." "Ist es nicht schoen?" "Sie sind ein Dichter." "Nicht doch!" "Sie koennen einem ordentlich den Mund waessern machen." "Sehen Sie!" 13. Randers hatte Rosen auf seinem Zimmer gefunden. Er lief durch die Felder und dachte an diese Rosen. Wie kommt sie dazu, dir Rosen zu schicken? Hat sie dich denn nicht verstanden? Glaubt sie, du meinst es nicht ernst? Du wuerdest nicht nach Fanoe gehen und Jolanthe einem andern ueberlassen? Ganz gewiss, meine Gnaedigste, ich will Jolanthe nicht heiraten, und Sie nicht, und keine andere! Oder wollten Sie mir mit den Rosen Ihre Anerkennung fuer meine Standhaftigkeit bezeigen? Eine Tugendrose? Er pflueckte einen grossen Feldstrauss, allerlei Graeser und letzte Sommerblumen, reifende Haselnuesse und einen Zweig fast schon schwarzer Brombeeren und brachte ihn Fides. "Fuer die Rosen," sagte er. "Wie schoen! Ich danke Ihnen."