The Project Gutenberg EBook of Ohne den Vater, by Agnes Sapper This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at www.gutenberg.net Title: Ohne den Vater Erzaehlung aus dem Kriege Author: Agnes Sapper Release Date: March 22, 2004 [EBook #11677] Language: German Character set encoding: ASCII *** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK OHNE DEN VATER *** Produced by Charles Franks and the DP Team [Transcriber's Note: There is no seventh chapter in the printed book from which this etext was made.] Ohne den Vater Erzaehlung aus dem Kriege von Agnes Sapper Erstes Kapitel. Im gemuetlichen Wohnzimmer eines Forsthauses in Ostpreussen sass ein kleiner Familienkreis eng und traulich beisammen: der Foerster Stegemann mit seiner noch ganz jungen, lieblichen Frau, die ihr Kindchen in den Armen hielt und versuchte, mit zaertlichen Worten und dem Spiel ihrer Finger dem kleinen Geschoepf das erste Laecheln zu entlocken. Neben ihr lehnte Gebhard, ein kraeftiger, etwa zehnjaehriger Junge; er sah nach dem Schwesterchen, das so wohlig in der Mutter Armen ruhte, und wartete gespannt, ob es noch einmal gelaenge, das Laecheln hervorzuzaubern, das vorhin wie ein Sonnenstrahl ueber das Kindergesichtchen gehuscht war. Als es gelang, sah er die Mutter beglueckt an und wandte sich lebhaft an seinen Vater: "Hast du es diesmal gesehen?" Nein, er hatte es wieder nicht gesehen, weil ihm etwas anderes noch anziehender war, als das erste Laecheln seines Toechterchens. Er hatte auf Mutter und Sohn gesehen. Ihn freute, dass diese beiden sich so gut verstanden. Es war noch nicht lange her, dass er diese junge Frau heimgefuehrt hatte, nachdem seine erste Frau, Gebhards Mutter, gestorben war. Eine lange Reihe stiller Jahre hatte er mit dem Knaben verlebt, den eine treue Magd schlicht und streng erzog. Innig nah standen sich Vater und Sohn, ernst und pflichttreu war der Foerster, anspruchslos der Junge. Kraeftig wuchs er in der frischen Waldluft heran und machte von seinem sechsten Lebensjahr an taeglich einen stundenlangen Weg, um auf einem benachbarten Gut an dem Unterricht mit den Knaben des Gutsbesitzers teilzunehmen. Auf diesem Weg begleitete ihn ein treuer Hund des Foersters, der schon immer sein Spielkamerad gewesen und jetzt sein Beschuetzer auf einsamen Waldwegen war. Bei einem Besuch seiner Mutter, die in Sueddeutschland lebte, hatte der Foerster das froehliche, liebevolle Maedchen kennen gelernt, das dann seine zweite Frau geworden war. Noch immer war's ihm wunderbar und erfreute ihn in tiefster Seele, dass solch ein neues Familienglueck in seinem Forsthaus erblueht war; und so sah er auch jetzt mit Wonne auf die junge Frau, ohne dass diese es bemerkte, denn sie war ganz von der Kleinen hingenommen. Jetzt stund sie auf und legte das Toechterchen sorgsam in den Korbwagen. "So Juengferlein," sagte sie, "nach dieser grossen Leistung, nachdem du zweimal gelaechelt hast, wirst du herrlich schlafen, draussen am offenen Fenster!" Sie fuhr sachte den Wagen in das Schlafzimmer. Gebhard wandte sich dem Vater zu. "Es ist so nett, wenn die Mutter "Juengferlein" sagt zu einem so kleinen Kind, hoerst du das nicht auch so gern, Vater? Ueberhaupt ist es jetzt so eine schoene Zeit! So soll's immer bleiben, wie es jetzt ist!" Stegemanns Gedanken wurden durch diesen Wunsch herausgerissen aus der friedlichen Umgebung. "Gebhard, du denkst nicht an den Krieg, sonst koenntest du nicht von einer schoenen Zeit reden, die bleiben soll." "Aber wir siegen doch, und das gibt dann die allergroesste Freude." "Vorher werden viele Tausende von unsern deutschen Soldaten sterben!" "Viele Tausende?" Gebhard wiederholte sinnend diese Worte und blieb eine Weile ganz nachdenklich. Dann aber trat er dicht an den Vater heran und begann mit eifrigen Worten: "Das darf man doch nicht so traurig sagen, Vater? Die Soldaten ziehen doch gern in die Schlacht und wollen fuers Vaterland sterben? Wenn ich nur schon aelter waere, und wenn du noch juenger waerst, dann zoegen wir miteinander in den Krieg, du waerst ein Offizier und ich dein liebster Soldat und wenn du befiehlst: 'Freiwillige vor!' komme ich zu allererst. Aber mit zehn Jahren geht das noch nicht, und du, Vater, gelt du bist schon zu alt, du hast doch schon ein wenig graue Haare!" "Die grauen Haare machen nichts; vielleicht komme ich doch noch daran. Aber sei still, wir wollen damit der Mutter nicht angst machen." Sie sahen beide nach der Tuere, durch die die junge Frau eben wieder hereintrat. Es lag noch der Schimmer muetterlicher Zaertlichkeit auf ihrem Gesicht, als sie sagte: "Mein Juengferlein schlummert schon." "_Dein_ Juengferlein, Helene? Mir gehoert es auch!" Er zog seine Frau zaertlich an sich. "Und ein wenig gehoert es auch mir, nicht, Mutter?" "Freilich. Du wirst sehen, die kleinen Maedchen moegen die grossen Brueder am allerliebsten, lustig wird's, wenn sie erst mit dir spielen kann!" Das konnte sich nun Gebhard noch nicht recht vorstellen, aber lustig war's ihm schon jetzt zumute und er sprang hinaus und hinunter in den Hof, mit seinem Leo zu tollen, seinem liebsten Kameraden. Bald ging auch der Foerster, den sein Beruf oft halbe Tage lang abrief, und Helene blieb allein. Der Forsthof lag einsam am Waldessaum, nahe der russischen Grenze; nur ein paar Niederlassungen waren in der Naehe, von denen die eine dem Strassenwaerter gehoerte, der die Grenzstrasse zu hueten hatte, die andere einem alten Waldhueter, der mit seiner Familie da hauste. Sonst waren weit und breit keine menschlichen Ansiedelungen zu sehen, dunkler Wald nach allen Seiten und grosse Stille. Die da heimisch waren--wie der Foerster und sein Junge--, die liebten diese Waldeinsamkeit, aber Fremden kam sie unheimlich vor. Auch Helene, als sie aus ihrer sueddeutschen Heimat, aus staedtischen Verhaeltnissen hieher versetzt worden war, hatte anfangs furchtsam nach dem Waldesdunkel hinuebergeschaut und die Stille, waehrend ihres Mannes und Gebhards Abwesenheit, hatte sie bedrueckt. Aber in ihren vier Waenden war es ihr doch bald wohl geworden, denn da war sie von ruehrender Liebe und Verehrung umgeben. Nicht nur Mann und Sohn, auch Knecht und Magd, ja sogar die Hunde, vom grossen Kettenhund bis herunter zum kleinen Dackel, alle zeichneten sie aus, wie wenn sie sich immer daran freuten, dass etwas so feines, sonniges, froehliches in ihre Waldeinsamkeit gekommen war. Und jetzt, seitdem sie Mutter geworden und ihr Kindchen jede Stunde um sich hatte, jetzt konnte das Gefuehl der Einsamkeit gar nicht mehr aufkommen. Sie war voll Glueck und Wonne, ja so sehr, dass sie manchmal das schwere Geschick des Vaterlandes fast vergass. Kam es ihr dann in den Sinn, so machte sie sich im stillen Vorwuerfe, sagte sich: kannst du denn gar nicht ungluecklich sein mit den vielen, die jetzt in Sorge und Herzeleid sind? Dann legte sie schnell das Tragroeckchen beiseite, das sie besticken wollte, nahm den groben Soldatenstrumpf zur Hand, setzte sich neben den Kinderwagen, strickte und strickte, sah dabei auf das kleine Menschenknoespchen, das neben ihr schlummerte, und war eben wider Willen doch gluecklich. Aber der Krieg mit seinen Schrecken und Aengsten, mit Sorgen und Jammer kam bald genug, ihr Glueck zu stoeren. Zweites Kapitel. Es war eine stille Sommernacht zu Ende August, der Forsthof lag friedlich, Mensch und Tiere hatten sich zur Ruhe begeben. Der Foerster allein war noch auf; die Zeitungen, die er diesen Abend erhalten hatte, lagen vor ihm. Sie sagten ihm, wie nahe die Gefahr eines feindlichen Einbruchs fuer das Grenzland war. Auch einen amtlichen Brief hatte er von seiner vorgesetzten Behoerde erhalten, den Befehl, zunaechst noch auf seiner Stelle zu verharren. "Zunaechst;" demnach konnte in Baelde die Anweisung kommen, den Forsthof zu verlassen. Darauf wollte er alles vorbereiten. Er ordnete Papiere und Wertsachen, um im Notfall alles Wichtige rasch bei der Hand zu haben, und dann schrieb er an seine Mutter. Sie stand ihm sehr nahe, hatte jedes Jahr in der Zeit seiner Vereinsamung die weite Reise von Sueddeutschland unternommen, um nach ihm und seinem mutterlosen Kleinen zu sehen. Bei ihr fragte er an, ob Frau und Kinder Zuflucht finden koennten, wenn sie die Heimat verlassen muessten und er selbst sich dem Vaterland zur Verfuegung stellen wuerde. Er hatte einst gedient und es war ihm selbstverstaendlich, dass er an dem grossen Kampf Teil nehmen wuerde, sobald ihn sein Amt im Forsthaus nicht mehr zurueck hielt. So sass er heute bis spaet in die Nacht hinein am Schreibtisch, waehrend seine Frau sorglos schlief. Er hatte ihr nichts mitgeteilt von seinen Vorbereitungen. Sie kam ihm so jung und zart vor, besass nicht die starke Natur, die er selbst von seiner Mutter geerbt hatte, schien so recht fuer Glueck und Sonnenschein geschaffen. Wie sie mit Schwerem zurecht kaeme, wie sie Leid und Entbehrungen ertragen wuerde, konnte er sich nicht vorstellen. So wollte er ihr keine Last auflegen, so lange er allein sie tragen konnte. Mitternacht war es geworden, aber nun lagen auch alle Briefe und Papiere geordnet und ueberschrieben vor ihm. Er hatte getan was geschehen konnte und griff nun nach dem Neuen Testament; denn es trieb ihn, eines von den Jesusworten zu lesen, die ihm oft schon Kraft gegeben hatten. "Nicht mein sondern dein Wille geschehe." Er versenkte sich in die Erzaehlung vom Kampf Jesu in Gethsemane. Ploetzlich wurde die Stille des Forsthofes gestoert durch das Bellen des Hofhunds. Stegemann horchte auf, hoerte nichts, was den Hund beunruhigt haben konnte. Aber das Bellen wurde lauter und auch die andern Hunde taten mit. Stegemann oeffnete das Fenster, schaute hinaus in die stille Sommernacht, ging dann hinunter in den umzaeunten Hof, rief die Hunde, die unwillig knurrten, zur Ruhe und lauschte. Jetzt unterschied auch sein Ohr das Geraeusch von sich naehernden schweren Tritten draussen auf der Landstrasse. Wer kam da bei Nacht? War es Freund oder Feind? Ihm ahnte nichts Gutes. Er eilte rasch ins Haus zurueck und nahm den Revolver zu sich. Auch den Knecht wollte er rufen; der war aber durch das Gebell schon wach geworden und trat mit der Laterne in der Hand zum Foerster. "Wenn's Russen sind, dann gnad uns Gott!" sagte der Knecht. "Mach die Kettenhunde los; sie lassen keinen ueber den Zaun."-- Wuetend bellten die zwei grossen losgelassenen Hunde und liefen aufgeregt am Zaun hin und her. Von aussen am geschlossenen Hoftor ertoente die Glocke. Herr und Knecht sahen sich an. Wie aus einem Munde riefen sie: "Russen sind das nicht, die klingeln nicht, die schlagen mit dem Kolben an." Der Foerster trat naeher. "Wer ist draussen?" rief er. Und gut deutsch klang die Antwort: "Preussische Infanteristen mit einem Befehl an den Foerster." Noch ein paar Fragen und Antworten wurden zu groesserer Sicherheit gewechselt. Dann rief der Foerster dem Knecht zu: "Mach die Hunde fest." Erst als die aufgeregten Tiere angekettet waren, konnte man wagen, das Hoftor zu oeffnen und die Soldaten einzuladen, die draussen harrten. Eine Patrouille von fuenf Maennern war es, angefuehrt von einem jungen Leutnant. Statt der gefuerchteten Feinde unverhofft einen Trupp wackerer Feldgrauer auf dem einsamen Forsthof zu haben, das war ein Hochgefuehl, vor allem auch fuer die geaengstigte junge Frau, die wie auch Gebhard vom Laerm der Hunde erwacht war und mit dem Knaben am Fenster stehend den Vorgang im Hof beobachtet hatte. "Preussen sind's, Preussen!" rief Gebhard, der zuerst beim Laternenschein die Uniform erkannte. "Wirklich! Gott Lob und Dank," antwortete die Mutter und machte sich in fliegender Eile zurecht, um die unverhofften Gaeste zu begruessen und fuer sie zu sorgen. Aber noch ehe sie so weit war, suchte ihr Mann sie auf. "Ich komme schon," rief sie ihm eifrig entgegen, "wollen die Soldaten bei uns uebernachten? Soll ich Betten richten?" "Das nicht, sie halten nur kurze Rast; dann geht ihr Marsch weiter und ich, ich muss sie begleiten." "In der Nacht? Wohin?" "Das darf ich dir nicht sagen; es ist eine Vertrauenssache, ein geheimer Befehl, von dem auch nur der Offizier weiss." "Wie unheimlich, Rudolf! Wann kommst du wohl wieder?" "Vielleicht schon in ein paar Stunden.--Wenn du nur schnell helfen wolltest, Tee fuer die Leute zu machen. Die Soldaten haben schon Auftrag erhalten, den Herd zu heizen und Wasser aufzusetzen." "Die Soldaten heizen unsern Herd? Das muss ich sehen. Komm, Gebhard, geh' mit mir hinunter! Ich habe noch nie Soldaten kochen sehen. Mit fuenf Koechen, das muss ja schnell gehen!" Ja, nach zehn Minuten war der Tee auf dem Tisch und nach weiteren zehn Minuten war gegessen und getrunken, was eiligst aufgetragen worden; und die fuenf Mann bedankten sich bei der jungen, froehlichen Foerstersfrau. Der Foerster mit Flinte und Jagdhund sah aus, als wenn er auf die Jagd ginge. Im letzten Augenblick nahm er seine Frau beiseite: "Behalte Knecht und Magd bei dir, stelle dich aengstlich, rufe sie herein, lass sie Tee trinken. Ich will nicht, dass uns jemand folgt. Kein Mensch soll wissen, in welcher Richtung wir gehen." Er gab rasch seiner jungen Frau einen Abschiedskuss--das war nichts besonderes; aber dass er im Vorbeigehen auch Gebhard einen Kuss gab, das kam dem Kind sehr verwunderlich vor, denn Zaertlichkeiten waren zwischen Vater und Sohn nicht ueblich.-- "Wegen ein paar Stunden Trennung kuesst man sich doch nicht?" sagte sich Gebhard und war sehr nachdenklich, waehrend er in sein Schlafzimmer ging, um sich wieder zu legen. Zum erstenmal waren Soldaten ins Haus gekommen; der Offizier hatte mit dem Vater Kriegsgeheimnisse besprochen, die kein anderer Mensch erfahren durfte. Ein wenig unheimlich war die Sache, aber doch sehr spannend. Heute Nacht war der Krieg ins eigene Haus gedrungen, jetzt erst fing er so recht an fuer Gebhard. Und die junge Mutter konnte, nachdem sie Knecht und Magd entlassen, lange nicht wieder den Schlaf finden. An der Seite ihres Mannes hatte sie noch nie den Krieg gefuerchtet; aber ohne ihn ueberkam sie eine grosse Angst. Es war so finster, so still und schwuel. Vielleicht konnte sie besser schlafen, wenn sie die Tuere aufmachte ins Nebenzimmer, zu Gebhard. Sie tat es leise, um ihn nicht zu wecken, und freute sich doch, als sie bemerkte, dass er noch nicht schlief. "Bist du es, Mutter?" rief er und richtete sich ganz munter auf. "Ja, es ist so schwuel; ich will die Tuere ein wenig offen lassen." "Das ist nett, dann koennen wir plaudern. Ich moechte so gerne erraten, warum der Vater mit den Soldaten gegangen ist. Aber vielleicht ist es besser, wenn wir es nicht erraten; weil es doch ein Kriegsgeheimnis ist. Nur der Vater darf es wissen; er muss stolz darauf sein. Ich waere auch stolz darauf und wuerde das Kriegsgeheimnis niemand verraten; ausser vielleicht dir, Mutter. Oder darf ich's auch dir nicht verraten?" "Du weisst es ja gar nicht, Gebhard," sagte die Mutter und lachte froehlich. Die Luft kam ihr schon nicht mehr schwuel vor; und bald schliefen Mutter und Sohn ebenso ruhig wie das Kindchen im Korbwagen und ahnten so wenig wie dieses, dass sie zum letzten Mal im Forsthaus schliefen. Am Morgen des folgenden Tages kam, angestrengt von langem, eiligem Marsch, Stegemann zurueck. Nach der schlaflosen Nacht sollte er sich mit einem guten Fruehstueck staerken und die verlorene Nachtruhe nachholen, das war der Wunsch seiner jungen Frau; ungesaeumt wollte sie fuer seine Bewirtung sorgen. Er aber hielt sie zurueck: "Das ist jetzt Nebensache," sagte er eilig, "wir haben viel Wichtigeres zu tun. Leutnant N. riet mir dringend, heute noch mit Frau und Kind und, soweit moeglich, mit Hab und Gut abzuziehen. Erschrick nicht so, Liebste, die Strasse ist noch frei von Feinden; aber wir wollen auch gar keine Zeit verlieren. Jetzt gilt es aufpacken, was das Noetigste und Wertvollste ist, um so schnell es nur irgend geht, an die Bahn zu kommen. Ich sage gleich den Leuten, sie sollen helfen, auch sie muessen fliehen. Es kann sein, dass die Russen der Spur der Patrouille folgen, die heute nacht hier war. Nun, Gebhard, hilf der Mutter!" In wenigen Minuten war der stille Forsthof erfuellt von laermendem, hastigem Treiben. Der Knecht fuhr den Wagen vor und lud auf, was ihm zugereicht wurde: Betten, Kleider, Waesche, auch allerlei Vorraete aus Kueche und Kammer. Gebhard lief aus und ein, fast froehlich in der eifrigen Taetigkeit. Knecht und Magd trugen ihre Buendel herbei. Keine halbe Stunde war verflossen; da suchte der Foerster seine Frau auf, die an ihrem Waescheschrank stand und trieb zur Abfahrt: "Es ist genug, lass alles andere, wir fahren!" Ganz erstaunt schaute sie auf: "Dass du so aengstlich bist! Auf eine Viertelstunde kommt es doch nicht an; die kleine Aussteuer vom Juengferlein--" sie unterbrach sich: "Horch!" Die Hunde bellten, der Foerster eilte ans Fenster. Er wandte sich sofort wieder zurueck: "Es ist schon zu spaet," sagte er, "die Russen kommen!" Er sprach ruhig; aber sein Gesicht verlor alle Farbe. Auch seine Frau trat ans Fenster und fuhr erschreckt zurueck: "Um Gottes willen, was sollen wir tun?" rief sie in Todesangst. "Geh da hinein und schliesse dich ein!" rief ihr Mann. Er fasste sie schnell, drueckte sie an sein Herz, kuesste sie stuermisch und fuehrte sie in das Schlafzimmer zu ihrer Kleinen. "Gott behuete euch," rief er, "schliesse zu!" Sie schob den Riegel vor. In diesem Augenblick kam Gebhard atemlos: "Vater, russische Reiter sind im Hof, sie fragen nach dem Foerster. Was wollen sie denn von dir?" Herr Stegemann zog sein Kind leidenschaftlich an sich: "Sie wollen vielleicht wissen, wohin unsere Soldaten heute nacht gegangen sind." "Aber das darfst du ihnen doch nicht sagen?" "Nein." "Was wird dann, Vater?" "Was Gott will." Der Anfuehrer der russischen Truppe, die aus etwa 15 Mann bestand, trat in das Zimmer, den Revolver in der Hand; einige seiner Leute folgten, andere hielten Wacht an der Tuere. Es kam, wie der Foerster vorausgesehen. Der russische Offizier wollte wissen, wohin die deutsche Patrouille, deren Spur sie gefunden hatten, gezogen sei. Offenbar war seine Absicht, ihr zu folgen, sie abzufangen, ehe sie ihren Zweck erfuellen und ueber ihre Erkundung den Deutschen Nachricht geben konnte. Ein polnischer Waldarbeiter hatte ihm verraten, dass der Foerster die Patrouille gefuehrt hatte. Und nun sollte er die Feinde fuehren, die zu Pferd die deutschen Fussgaenger leicht einholen wuerden. Der Foerster, die Rechte auf den Tisch gestuetzt, hoerte die Forderung. Fest klang seine Antwort: "Sucht sie selbst. Ihr koennt vom deutschen Mann nicht verlangen, dass er die Deutschen verrate." Neben dem Vater stand Gebhard mit gluehenden Wangen. Wie ein Held erschien ihm der Vater, da er dem russischen Offizier kurz und fest den Dienst verweigerte. Der Russe aber lachte hoehnisch, im Gefuehl der Uebermacht: "Sie sind ein Tor. Wollen Sie nicht, so sind Sie mit Weib und Kind in 5 Minuten niedergemacht." Tief aufatmend antwortete der Foerster: "Ich werde nicht zum Verraeter." Dem Offizier stieg der Zorn auf, aber ihm lag daran, einen willigen Fuehrer zu gewinnen, so bezwang er sich. "Nehmen Sie Vernunft an," sagte er. "Sie entschuldigt die Not. Sie sind machtlos in unseren Haenden. Entschliessen Sie sich rasch, dass uns die kostbare Zeit nicht verloren geht. Dann sollen Sie, auf Offiziersehre, unversehrt zurueckkehren, sobald wir die Deutschen erreicht und noch ehe sie Sie gesehen haben. Weib und Kind koennen Sie in Sicherheit bringen, Ihr Hab und Gut soll unberuehrt bleiben." Der Foerster schwieg. "Vater, tu's nicht!" rief Gebhard leidenschaftlich. Der Offizier wandte sich heftig gegen den Knaben, packte ihn, schob ihn beiseite und rief: "Der soll der erste sein, der vor Ihren Augen erstochen wird, wenn Sie nicht augenblicklich folgen."--"Haltet den Buben!" befahl er den Soldaten. Die ergriffen Gebhard mit rauher Hand. Wuetend setzte er sich zur Wehr; doch sie packten ihn so fest, dass er kein Glied mehr ruehren konnte; aber das konnten sie nicht hindern, dass er immer lauter rief: "Vater, tu's nicht!" Der Foerster biss die Zaehne aufeinander; noch schien er unentschlossen. Aber in diesem Augenblick wurde der Tuerriegel des Nebenzimmers zurueckgeschoben und unter der halbgeoeffneten Tuere erschien seine Frau. Ihr junges, rosiges Gesicht war totenblass; sie hatte gehoert, was die Maenner verhandelten und wusste, dass ihr Leben und das von Mann und Kindern auf dem Spiel stand. Bebend vor Angst wagte sie nicht, die Schwelle zu ueberschreiten, hielt die Tuerklinke in der Hand und rief ihrem Mann flehend zu: "Ich bitte dich um Gottes Willen, rette uns, o denke an die Kinder!" Der Russe nahm seinen Vorteil wahr. Er gruesste die Dame des Hauses: "Ja, gnaedige Frau, sprechen Sie Ihrem Gemahl zu. Geht er mit uns, so moegen Sie unbehelligt von hier fliehen, und Ihr Mann wird in kurzer Zeit nachfolgen, auf Offiziersehre. Tut er es nicht, so gebe ich Sie meinen Soldaten preis." Schaudernd zog sich die geaengstigte Frau vor den Blicken der rohen Soldaten zurueck. "Ich gehe!" laut und fest sagte es der Foerster und wandte sich der Tuere zu. "Vater, tu's nicht!" Noch einmal kam der Ruf von Gebhard, der noch immer umklammert war von harten Soldatenfaeusten. Der Vater wandte sich an den Offizier: "Lassen Sie mein Kind frei, nach Ihrem Ehrenwort." Ein Wink des Offiziers und die Soldaten liessen den Knaben los; aber sie draengten sich zwischen ihn und den Foerster und liessen die beiden nicht zueinander kommen. Nur konnten sie nicht verhindern, dass ein letzter Blick vom Vater zum Sohn ging, ein Blick voll Liebe und Stolz. "Vorwaerts!" befahl der Offizier. Sie verliessen das Zimmer; Gebhard rannte nach der Schlafzimmertuere, die wieder verriegelt war. "Mach auf, Mutter, sie sind fort!" und ausser sich vor Zorn und Jammer rief er. "Der Vater ist doch mit ihnen gegangen! Jetzt muss er die Deutschen verraten!" Helene war erschuettert durch die Verzweiflung des Knaben. Sie versuchte ihn zu troesten, zog ihn in muetterlicher Zaertlichkeit an sich: "Der Vater kommt morgen schon zurueck, der Offizier hat's auf Ehre versprochen. Sieh, wenn er nicht nachgegeben haette, waeren wir alle umgebracht worden. Er hat mitgehen muessen, er hat doch nicht anders gekonnt!" "Aber der Vater darf doch die Deutschen nicht verraten," schluchzte das Kind. "Denke nicht mehr _daran_. Denke, dass wir jetzt alle grausam misshandelt und getoetet wuerden. Gott Lob, dass der Vater uns davor behuetet hat." Gebhard konnte sich nicht fassen, zornig stampfte er und rief: "Der Vater darf doch kein Verraeter sein!" Die Mutter sah den Knaben starr an: "Hast du kein Herz fuer den Vater, fuer mich und fuer unsere Kleine? Wolltest du, wir waeren grausam hingemetzelt, du und wir alle?" Heftig antwortete Gebhard: "Ja, ja, viel lieber moechte ich das." Der Mutter graute. Sie konnte das Kind nicht verstehen, und war im tiefsten Herzen gekraenkt durch seine Antwort. Aber weiter mit ihm zu reden war nicht moeglich; denn unter der Tuere erschien die Magd, schreckensbleich mit verweinten Augen: "Der Knecht sagt, wir muessen eilen, dass wir fortkommen, der Herr hat's ihm noch zugerufen. Unser armer, armer Herr, sie haben ihn fortgefuehrt! Auf einem Russenpferd, mitten unter den Feinden ganz allein! Und er hat sich noch so tapfer umgeschaut, so todesmutig ist er davon geritten! Der arme Herr, was werden sie mit ihm tun?" Helene hatte auf den Lippen zu sagen: "Es geschieht ihm nichts, morgen wird er uns nachkommen;" aber sie unterdrueckte die Worte. Die Leute durften nicht wissen, dass der Herr sich bereit erklaert hatte, mit den Feinden zu gehen. Schwer fiel ihr auf die Seele: Kein Deutscher durfte das je erfahren. Es war ja Verrat, was ihr Mann beging. Ihr zuliebe tat er's; nicht aus Angst ums eigene Leben, der tapfere, treue Mann! Wie wollte sie ihm das danken ihr Leben lang! Die Magd mahnte noch einmal zur Eile. "Was ist noch aufzuladen?" Hastig griff Helene nach diesem und jenem, beladen eilte die Magd die Treppe hinunter, rief Gebhard zur Hilfe; wie im Traum nahm er, was ihm hingereicht wurde. Die Mutter aber suchte in Eile nach einem Blatt Papier, sie musste ihm noch ein Wort schreiben, das sollte er finden, wenn er in sein veroedetes Haus zurueckkaeme, mit einer schweren Last auf dem Gewissen, einer Last, die er ihr zuliebe durchs ganze Leben tragen musste. In fliegender Eile schrieb sie mit zitternder Hand: "Komm bald zu mir, herzliebster Schatz, hab tausendmal Dank, dass Du uns das Leben gerettet hast!" Mitten auf den Tisch legte sie das Blatt, dann noch daneben, was ihn staerken sollte, Brot und eine Flasche Wein. Wieder kam die Magd unter die Tuere: "Jetzt ist angespannt." "Ich komme!" Sie nahm ihr Kindchen, das liebevoll eingehuellte. Die Magd bemerkte Brot und Wein, wollte beides mitnehmen. Helene liess sie nicht an den Tisch. "Das bleibt!" rief sie. "Kein Wunder, dass die arme, junge Frau ganz verwirrt ist," dachte das Maedchen. Im Hof war alles zur Flucht bereit. Die Hunde sprangen um den Wagen. Sie sollten mitlaufen bis zum Haus des Strassenwaerters, meinte der Knecht, der solle sie aufnehmen. "Aber Leo gebe ich nicht her, den nehme ich mit!" erklaerte Gebhard. Der Knecht machte Einwendungen. Unmoeglich sei das auf der langen Reise, bei den ueberfuellten Zuegen. Ein Unverstand waere es. Die Mutter sah ein, dass er recht hatte, aber sie wusste auch, was es fuer Gebhard bedeutete, sich von seinem Leo zu trennen. Der Vater hatte ihm vor Jahresfrist das junge Tier geschenkt; ihm gelehrt, es zu behandeln; zu einem folgsamen, anhaenglichen Kameraden war es herangewachsen und von seinem kleinen Herrn unzertrennlich gewesen. Auch jetzt standen sie dicht beisammen, Gebhard und sein Hund, sahen sich an und das kluge Tier schien zu merken, dass ueber sein Schicksal entschieden wurde. Ein ungewohntes, kurzes Bellen gab es von sich. Die Mutter wandte sich an den Knecht. "Wir wollen es doch versuchen, ob wir Leo mitnehmen koennen!" "O ja, bitte, Mutter!" Der Wagen setzte sich in Bewegung. Das Toechterlein auf der Mutter Schoss, weich gebettet, schlief sanft ein. Gebhard sass der Mutter gegenueber. Sie hielten bald bei dem Strassenwaerter, dann ging die Fahrt weiter, der Bahn zu. Laengs der Strasse zog sich der Wald hin, aus dem jeden Augenblick die Feinde auftauchen und die Wehrlosen ueberfallen konnten. Und in den Haenden dieser Feinde war der geliebte Mann, der treue Vater. "Gebhard," sagte die Mutter leise, dass es der Knecht auf dem Bock nicht hoere, "Gebhard, du hast doch auch gehoert, dass der russische Offizier gesagt hat: 'auf Offiziersehre.'" "Ja. Zweimal hat er das gesagt." "Solch ein Schwur wird doch sicher auch im Krieg gehalten," sagte Helene und fuegte bei: "Also kommt der Vater sicher morgen oder spaetestens uebermorgen. Wenn es nur schon morgen waere!" Gebhard wandte sich ab und sagte kein Wort darauf. Mit fest geschlossenem Mund sah er durchs Fenster. Die Stille bedrueckte die Mutter. Sie redete ihn nach einer Weile wieder an: "Warum bist du so still, Gebhard? Hast du Angst, dass die Russen aus dem Wald kommen? Wir sind jetzt schon nahe der Station, hier ist's nicht mehr so gefaehrlich." "Ich habe keine Angst." "Hast du Heimweh nach dem Forsthof? Nach dem Frieden kommen wir alle wieder zurueck." Aber Gebhard schwieg und die Mutter sah wohl, dass er kaempfte, die Traenen zurueckzuhalten, die ihm in die Augen kamen. Sie streckte die Hand nach ihm aus. "Komm, setze dich neben mich, Gebhard; komm her zu mir, sage mir, was dir so traurig ist. Der Vater kommt uns doch morgen nach." Nun kam es unter lautem Schluchzen bebend heraus: "Ich kann mich ja nicht auf den Vater freuen. Ich kann jetzt doch den Vater nie mehr lieb haben und habe ihn doch so lieb!" Helene erschrak in tiefster Seele. Sie selbst war so voll Liebe und Sehnsucht nach ihrem Mann, sie hatte das innigste Verlangen nach ihm und Gebhard, sein geliebter Bub, sprach solche Worte! "Wie darfst du so reden, Gebhard," rief sie erregt, "wo er doch alles nur uns zuliebe getan hat. Er konnte ja auch gar nicht anders!" "Doch, Mutter, weisst du nicht mehr? Zuerst hat er ganz fest nein gesagt; aber dann hast du die Tuere aufgemacht und hast gerufen 'rette uns'. Dann hat dich der Vater angesehen. O haettest du doch die Tuere nicht aufgemacht, dann waere der Vater kein Verraeter!" Die Mutter erblasste und liess seine Hand los. Nach einer kleinen Weile sagte sie in einem ernsten, fremden Ton: "Wenn der Vater zurueckkommt, so sage so etwas nie zu ihm, sonst machst du ihn ganz ungluecklich. Nie sollst du zu irgend jemand wieder so reden!" Dann wandte sie sich ab und er fuehlte, dass es ihr jetzt lieb waere, wenn er nicht neben ihr saesse, ging auf seinen ersten Platz zurueck und dachte: "Die Mutter kann mich jetzt nicht mehr lieben und ich kann den Vater nicht mehr lieb haben, alles, was schoen war, ist vorueber." Er sass wieder an seinem Fensterplatz, Wald war nicht mehr zu sehen, unbekanntes Land, alles, alles anders. Eine Stunde darnach langten sie an der Station an, waren bald im aergsten Gewuehl, hatten aber noch die Hilfe von Knecht und Magd, die erst spaeter in anderer Richtung abfahren konnten. Am Schalter draengten sich die Leute. Helene verlangte Karten fuer sich und Gebhard. "Und eine Hundekarte." "Das gibt's jetzt nicht." "Darf er mit in den Personenwagen?" "Keine Rede. Wir sind froh, wenn wir die Menschen unterbringen. Weiter!" Helene wurde von den Nachdraengenden ungeduldig weggeschoben. Was war nun zu tun mit Leo? Der Knecht troestete Gebhard, versprach ihm, den Hund gut unterzubringen. Und Gebhard sah ein, dass es nicht anders sein konnte; die Reisenden umdraengten Mutter und Kinder, im Strom wurden sie fortgeschoben, keine Zeit zum Abschiednehmen von den treuen Dienstboten, auch nicht von dem geliebten Hund. Ein Winseln hoerte Gebhard noch--er wusste, das galt ihm. Eingepfercht in den Wagen sassen unsere Fluechtlinge, mit Muehe hatten sie noch Sitzplaetze erlangt. Immer mehr Reisende draengten herein. Gebhard sah durchs Fenster in das Gewuehl. Endlich leerte sich der Bahnsteig, das Zeichen zur Abfahrt wurde gegeben und eben in diesem Augenblick sah Gebhard ploetzlich noch einmal seinen Leo auftauchen. Er hatte sich von der Hand des Knechts losgerissen, raste auf den Wagen zu, aus dem Gebhard sah, sprang blitzschnell auf und ueber alle Hindernisse hinweg zwischen scheltenden Menschen hindurch bis in das Abteil, wo er sich sofort unter den Sitz seines kleinen Herrn duckte und so fuer sich selbst die Frage loeste, ob Hunde mitfahren duerften. Gebhard war so ausser sich vor Freude, dass auch Helene, die zuerst ueber den Eindringling erschrocken war, freundlich dem Tier zunickte, das ihr gegenueber unter dem Sitz aengstlich hervorsah, nicht ganz sicher, ob es geduldet wuerde. Allerdings versuchte auch ein Herr Einsprache zu erheben. "Es gehoert sich nicht, dass solch ein grosser Hund in den Wagen genommen wird." Aber ein aelterer Mann ergriff Partei fuer das Tier oder mehr noch fuer die Familie. "Freilich gehoert sich's nicht," bemerkte er, "aber es gehoert sich auch nicht, dass so ein junges Frauchen mit dem kleinen Kind fluechten muss. Und um eine Flucht wird sich's wohl handeln. Nach Vergnuegungsreisenden sehen sie nicht aus. Habe ich's erraten?" Helene konnte nur gegen Traenen ankaempfend mit unsicherer Stimme bejahen. "Nun also; dann wird Ihnen auch niemand den Hund absprechen; so ein treues Tier ist auch ein Schutz." So blieb der Hund unbeanstandet und bewaehrte sich auf der Fahrt als kluges Tier. "Hast du bemerkt, Mutter, wie Leo so schlau ist und sich still haelt, wenn der Schaffner hereinkommt?" fragte Gebhard. Nein, Helene hatte das nicht beachtet. Sie sass in schwere Gedanken versunken. Zuerst hatte nur die Sorge sie bedrueckt, ob auch gewiss der geliebte Mann morgen zurueckkaeme. Allmaehlich aber legte sich ihr schwer aufs Herz der Gedanke, dass er wohl zurueckkommen koennte, aber mit einer Schuld auf dem Gewissen, die nie, nie mehr zu tilgen war. Wenn schon Gebhard diesen Verrat so tief empfand, wieviel mehr sein Vater! Und dazu hatte _sie_ ihn veranlasst! Sein ganzes Leben hatte sie verdorben! Und nun kamen noch andere schwere Ueberlegungen. Sie konnte sich nicht entschliessen--wie es ihres Mannes Wunsch gewesen--zu seiner Mutter zu gehen. Diese war eine tapfere aber auch strenge Frau. Helene fuehlte nicht den Mut, ihr zu erzaehlen, was vorgefallen war, und es kam ihr unmoeglich vor, ihr unter die Augen zu treten. So ueberlegte sie und beschloss, bei ihrem Bruder Zuflucht zu suchen. Er und seine Frau hatten sich schon bei Kriegsausbruch freundlich erboten, Helene mit dem Toechterchen aufzunehmen. Damals hatte sie sich nicht von ihrem Manne trennen wollen. Jetzt war es anders. Sie wollte dorthin, aber wohin wuerde ihr Mann sich wenden? In diesen Gedanken hatte Gebhards Frage sie unterbrochen. Nun sah er die Mutter aufmerksam an und seinem teilnehmenden Blick fiel auf, wie veraendert sie aussah. Sie hatte doch immer so helle Augen gehabt und einen froehlichen Mund. Nun waren die Augen truebe und der Mund zuckte wie von verhaltenem Schmerz. Gebhard dachte an seinen Vater. Wenn der jetzt erschiene, ja dann wuerde die Mutter wieder so strahlend aussehen wie sonst. Gerne haette er das auch so zustande gebracht wie der Vater, aber das konnte er nicht; im Gegenteil: dass sie so veraendert aussah, war wohl seine Schuld; seit dem Gespraech im Wagen war sie so still. Er haette vielleicht das nicht sagen sollen, was er gesagt hatte. Was konnte er aber jetzt machen? Lauter fremde Leute sassen herum, man konnte gar nichts Liebes zu der Mutter sagen. Eine ganze Weile blieb er still und nachdenklich, aber auf einmal kam ihm, was er suchte. "Mutter, unser Juengferlein schlaeft so sanft, sieh nur, wie rosig ihre Baeckchen sind!" Die Mutter blickte auf das Kind, streichelte die weichen Baeckchen, aber dabei fuellten sich ihre Augen mit Traenen. Auch das Juengferlein konnte die Freude nicht hervorlocken? Ja, dann wusste Gebhard keinen Rat. Es ging eben nicht ohne den Vater! Drittes Kapitel. Im Verlauf der langen, muehseligen Reise erfuhr Gebhard, dass nicht der Grossmutter Haus das Reiseziel sein sollte; in der Mutter Heimat, bei Onkel und Tante Kurz, sollten sie ihre Zuflucht suchen. Es war eine Enttaeuschung fuer ihn; die Grossmutter kannte und liebte er, die Verwandten der Mutter waren ihm fremd. Helene suchte ihm Lust zu machen. "Onkel und Tante haben uns laengst eingeladen; sie koennen uns viel leichter aufnehmen als die Grossmutter; sie haben ein eigenes Landhaus vor der Stadt, mit einem Garten; du wirst sehen, dass wir's gut bei ihnen haben." "Aber wenn der Vater zurueckkommt, der wird uns bei der Grossmutter suchen!" "Wir schreiben der Grossmutter, wo wir sind!" "Kommt dann der Vater zu uns, weiss er, wo das ist?" "Aber freilich weiss er das, Gebhard. Bei meinem Bruder und seiner Frau war ja unsere Hochzeit, dort hat mich der Vater geholt, weil ich keine Eltern mehr habe. Mein Bruder hat mich auch so lieb, weisst du, fast wie wenn ich sein Kind waere. Er ist viel aelter als ich." Gebhard ueberlegte. "Ja, dann kann ich das schon begreifen, dass du zu ihm moechtest." Seufzend ergab er sich. Nach manchem unfreiwilligen Aufenthalt und schier unertraeglicher Fahrt kam Helene mit den beiden Kindern am spaeten Abend an ihrem Bestimmungsort an. Wohl hatte sie ihr Kommen angekuendigt, aber Tag und Stunde voraus anzugeben, war in dieser Zeit unmoeglich. So stand sie nun in dunkler Nacht, mit den uebermuedeten Kindern, mit dem Hund und vielem Gepaeck auf dem Bahnsteig, und wusste nicht, wie sie nun bis in ihres Bruders Haus kommen sollte. Alles an dem Bahnhof hatte ein anderes Aussehen als frueher. Befremdet sah Helene um sich. Sie hatte nicht gedacht, dass auch auf dem Bahnhof dieser kleineren Stadt die Kriegszeit sich so bemerklich machte. An ihr vorbei eilte eine weibliche Gestalt in grosser, weisser Schuerze, am Aermel mit dem Roten Kreuz gezeichnet. Einen Eimer heissen Tee am Arm ging sie von Wagen zu Wagen und bot den durchreisenden Soldaten die Labung an. Einer derselben, ein Landwehrmann, lehnte dankend ab. "Wir haben erst in der vorigen Station Tee bekommen, aber wenn Sie sich um die junge Frau mit den Kindern da drueben annehmen wollten, die haben mich schon lang gedauert, sie sind aus ihrer Heimat vertrieben!" Die Helferin wandte sich nach der bezeichneten Stelle, sah die hilflose Gruppe und ging sofort darauf zu. "Reihen Sie noch weiter, kann ich Ihnen helfen?" frug sie Helene. Aber als sie dicht voreinander standen, erkannten sich die beiden Frauen. Sie waren einst zusammen in die Schule gegangen. "Ich habe dich gar nicht gleich erkannt, Helene; ist das dein Kindchen? Hast du allein reisen muessen? Dein Mann ist wohl einberufen? Du Aermste, du siehst so angegriffen aus. Wirst du nicht abgeholt? Nein? Warte nur ein klein wenig, ich helfe dir. Sieh, dort ist eine Bank, setzt euch einstweilen!" Sie eilte wieder an den Zug, da und dort wurde sie angerufen und um Tee gebeten. Ein blutjunger Freiwilliger reichte eine Postkarte heraus, bat, man moechte ihm die Liebe erweisen, sie einzuwerfen, weil seine Mutter sich gar so sehr um ihn sorge. So war sie voller Taetigkeit, bis der Zug wieder davon fuhr. Dann aber eilte sie zu der kleinen Gruppe mueder Menschen, die auf sie harrten, und es gelang ihr, einen Wagen fuer sie aufzutreiben und sie samt Gepaeck und Hund gluecklich darin unterzubringen. "Zu Fabrikant Kurz," lautete die Anweisung fuer den Kutscher. Die Fahrt ging durch dunkle Strassen, denn an den Laternen wurde gespart in dieser Kriegszeit. Fast Mitternacht war es, bis sie am Haus hielten, aber doch war ein Fenster noch erleuchtet und wurde bei dem Anfahren des Wagens geoeffnet. "Wer kommt?" rief eine Stimme von oben. "Wir sind's, Bruder!" Einen Augenblick spaeter wurde die Haustuere geoeffnet und der Bruder, Fabrikant Kurz, hiess seine naechtlichen Gaeste willkommen. "Verzeih, dass wir euch so spaet bei Nacht ins Haus fallen," sagte Helene, "es liess sich nicht aendern." "Es ist fuer mich nicht spaet, ich habe jetzt oft bis in die Nacht hinein zu arbeiten. Aber gehoert denn der Hund auch zu euch? Den habt ihr mit hieher gebracht?" Missfaellig betrachtete er Leo, der sich an Gebhard draengte. "Es ist Gebhards Liebling, sie sind so anhaenglich aneinander!" Herr Kurz beachtete jetzt erst seinen kleinen Neffen. "Das ist also Gebhard? Wir waren eigentlich der Meinung, er kaeme zu seiner Grossmutter; aber kommt nur herauf, es sind zwei Gastzimmer gerichtet. Was ist mit deinem Mann, ist er einberufen?" "Nein; er wird bald nachkommen." "Warum hat er dich nicht auf der langen Reise begleitet? Muss er noch im Forsthaus bleiben?" Helene zoegerte mit der Antwort. "Ich erzaehle dir das morgen. Wir sind so muede, wenn wir uns vielleicht gleich legen duerften!" "Ihr muesst doch vorher essen!" "Danke, wir bekamen unterwegs was wir brauchten, nur Ruhe moechten wir." Der Hausherr hatte dem Stubenmaedchen geklingelt, das erschien nun um an Stelle der Hausfrau, die nicht gestoert werden sollte, fuer die Gaeste zu sorgen. Ein schoenes Gastzimmer mit allen Bequemlichkeiten war fuer Helene gerichtet, auch ein Kinderwagen stand bereit. Geruehrt dankte sie dem Bruder fuer diese Fuersorge. Die Kleine, die schlafend angekommen war, erwachte jetzt und fing kraeftig an zu schreien. Der Hausherr, der selbst keine Kinder hatte, sah ratlos auf das kleine, ungebaerdige Wesen, befahl dem Maedchen alles weitere zu besorgen und wuenschte der Schwester gute Nacht. Gebhard nahm er mit sich, Leo folgte. "Wenn nur der Hund die Nachtruhe nicht stoert!" sagte der Onkel, waehrend sie die Treppe hinauf gingen. "Vor meiner Tuer wird er gewiss ruhig liegen bleiben," versicherte Gebhard. "Das wird sich zeigen. Wenn Hunde in fremde Umgebung kommen, heulen sie oft. Mich wundert, dass dir dein Vater erlaubt hat ihn mitzunehmen!" "Der Vater war gar nicht da, als wir abgereist sind." Gebhard hatte das kaum gesagt, so merkte er, dass er besser darueber geschwiegen haette. "Wo ist denn dein Vater?" Was sollte Gebhard darauf antworten? Er wusste es nicht. "Ich meine wo dein Vater war, als ihr fluechten musstet? Blieb er im Forsthaus zurueck?" "Nein." Die sichtliche Verlegenheit des Knaben fiel dem Manne auf. Es musste etwas geschehen sein, was Mutter und Sohn nicht gern sagten. Er wollte nicht weiter in das Kind dringen. Im oberen Stock des Hauses war ein zweites Gastzimmer bereitet, fein und vornehm war auch hier die Einrichtung. "Kommst du allein zurecht?" fragte der Onkel, "oder soll ich dir das Stubenmaedchen heraufschicken?" "Nein danke, ich kann alles allein machen. Aber bitte, Onkel, wenn ich Leo eine Strohmatte oder eine Decke vor meine Tuer legen duerfte; er versteht dann, dass er da hingehoert." Es fand sich eine Matte und der Hund nahm verstaendig seinen Platz ein. Onkel und Neffe wuenschten sich gute Nacht. Gebhard lag bald in dem feinen Gastbett. Aber unter dem fremden Dach in dem einsamen Schlafgemach ueberfiel ihn ein bitteres Heimweh und trotz aller Muedigkeit konnte er nicht einschlafen. So weit, weit weg war er vom Forsthaus! Und der Vater, wo war der? Der Vater, von dem man jetzt gar nicht reden konnte, waehrend man frueher so stolz auf ihn war! Dem kleinen Burschen war zumute, wie wenn ihm der Boden unter den Fuessen wankte, da mit der Heimat zugleich die klaren Verhaeltnisse der gluecklichen Kinderzeit schwanden, in denen er festgewurzelt war. Wenn wenigstens die Mutter nebenan schliefe oder etwas von der Kleinen zu hoeren waere, aber gar so einsam war es hier oben! Lange wehrte sich Gebhard als tapferer, kleiner Mann gegen die Traenen; endlich kamen sie doch, das Schluchzen liess sich nicht mehr unterdruecken und schuettelte seinen Koerper. Mitten in der naechtlichen Stille wurde ein Laut hoerbar. Gebhard setzte sich auf, lauschte und vernahm ein leises Winseln vor der Tuere. Sicher hatte das wachsame Tier seines kleinen Herrn Schluchzen vernommen und war beunruhigt. Oder hatte es selbst Heimweh? Noch einmal derselbe ungewohnte Laut. Es klang so traurig! Da musste Gebhard troesten. Er tastete sich in der Finsternis an die Tuere und hatte kaum einen Spalt geoeffnet, so zwaengte sich der Hund herein und draengte sich mit freudigem Bellen an seinen Herrn. "Still, still!" mahnte Gebhard und das gut gezogene Tier verstummte sofort, aber es wedelte und bezeugte seine groesste Freude. "Ja, ja, du darfst hier bleiben," fluesterte Gebhard, "du hast Heimweh; komm her!" Er holte leise die Matte herein und legte sie neben sein Bett. "So, dann sind wir beisammen, ganz nahe. Leg dich!" Vom Bett aus konnte Gebhard seinen Leo streicheln. Nun wich das Gefuehl der Einsamkeit, vorbei war's mit den naechtlichen Traenen. Schon nach wenigen Minuten hatten die beiden guten Kameraden den Schlaf gefunden. In der Fruehe des naechsten Morgen, noch ehe es heller Tag war, schreckte Helene auf durch ein Klingeln an der Haustuere. Wer kam so fruehe? Sicher ihr Mann oder doch eine Nachricht von ihm! Im Nu warf sie einen Morgenrock um, eilte hinaus an die Treppentuere, denn sie selbst wollte ihm oeffnen, ihn hereinfuehren in ihr Zimmer, ihn lieb haben. Ach--beschaemt stand sie vor dem Milchmann und vor dem Kuechenmaedchen, die beide mit erstaunten Augen auf die junge Frau schauten; ohne ein Wort kehrte sie in ihr Schlafzimmer zurueck. Das war die erste Enttaeuschung und es folgten jede Stunde neue, denn der sehnlich Erwartete kam nicht, und keine Post brachte Nachricht von ihm. Bruder und Schwaegerin liessen sich's einen ganzen Tag gefallen, im Unklaren zu bleiben ueber das Schicksal, das die Familie Stegemann getrennt hatte; sahen sie doch, wie verstoert Mutter und Sohn waren und dass sie sich nicht entschliessen konnten, von dem Erlebten zu sprechen. Die Schwaegerin war eine gutmuetige Frau, hatte Helene lieb und wollte, dass die Vertriebenen sich wohl fuehlten in ihrem Haus. Es war ja auch alles in Huelle und Fuelle da und keine Kriegsnot zu verspueren; denn in der Kurz'schen Fabrik, die in Friedenszeit allerlei feine Stahlwaren herstellte, wurden nun Granaten gemacht; der Betrieb war Tag und Nacht im Gang und es ging mehr Geld ein als je in frueheren Zeiten. Viele beneideten die Familie Kurz und wollten ihr den wachsenden Reichtum missgoennen. So kam es dem Fabrikherrn und seiner Frau ganz erwuenscht, dass die Vertriebenen bei ihnen Zuflucht suchten. Jedermann konnte nun sehen, dass von diesem Reichtum guter Gebrauch gemacht wurde. Aber unbequem waren die Fragen der Bekannten nach den Schicksalen der jungen Familie, nach dem Verbleib des Foersters Stegemann. Was sollte man antworten, wenn man selbst nichts wusste? Herr Kurz sprach mit seiner Frau. "So kann das nicht weiter gehen; Helene weicht allen Fragen aus und sieht gleich so ungluecklich aus, dass ich nicht in sie dringen mag; und der Bub hat etwas trotzig Zurueckhaltendes, das einem die Lust nimmt, ihn zu fragen. Helene schrieb immer so beglueckt ueber ihn, ruehmte sein offenes, zutunliches Wesen. Ich finde nichts davon und wollte, er waere samt dem Hund anderswo untergebracht. Aber nun, da er bei uns wie ein Kind vom Haus aufgenommen ist, kann man wenigstens von ihm Antwort auf berechtigte Fragen erwarten. Nimm du ihn einmal vor. Er soll sagen, wo sein Vater ist. Ich will das wissen." "Du hast ganz recht, habe nur Geduld, ich will es schon herausbringen," sagte Frau Kurz beschwichtigend. An diesem Tag, waehrend ihr Mann in der Fabrik war, und Helene auf Zureden der Schwaegerin sich auf ihr Ruhebett gelegt hatte, ergab sich's, dass Tante und Neffe allein beisammen waren und sie benuetzte die Gelegenheit, brachte die Sprache auf das Forsthaus, fragte, ob dieses nun ganz leer stehe, ob wohl Gebhards Buecher und Spiele alle mitgekommen seien oder sie ihm neue kaufen solle. Da wurde Gebhard vertraulich und mitteilsam; schilderte, wie hastig Hab und Gut aufgepackt worden seien und dass das meiste zurueckgeblieben sei. "Was dir oder der Mutter fehlt, werde ich euch alles neu kaufen," sagte die Tante guetig, und der kleine, wohlerzogene Mann kuesste ihr dankbar die Hand. Nun fragte die Tante weiter: "Hat dein Vater seine eigenen Sachen selbst aufgepackt, und hat er euch begleitet bei der Abfahrt?" "Nein," sagte Gebhard und wandte sich schon von der Tante ab, der Tuere zu. Sie merkte, er wollte weiteren Fragen ausweichen. Aber so hatte sie es nicht gemeint. Sie griff nach seiner Hand. "Nun bleibe noch da, Gebhard, und erzaehle mir ganz genau, wann dein Vater fortgegangen ist, warum und wohin. Das muessen wir wissen, dein Onkel und ich." Da Gebhard schwieg, fuhr sie fort: "Die Mutter ist doch so traurig, das siehst du ja und wenn sie ueber den Vater spricht, regt es sie auf, darum will ich sie nicht fragen. Willst du ihr das abnehmen und ihr zulieb mir alles sagen?" "Nein, ich kann nicht!" rief Gebhard gequaelt und wollte entweichen. Aber die Tante hielt ihn fest. "Weisst du, dass du recht unartig bist? Nun haben wir die Mutter mit der Kleinen und dich und sogar deinen Hund mitten in der Nacht bei uns aufgenommen und sorgen fuer euch, weil ihr gar keine Heimat habt und du willst mir nicht einmal anvertrauen, wo der Vater ist? So undankbar willst du sein?" "Nein, ich will nicht undankbar sein, aber ich kann's nicht sagen," rief der Knabe entschieden und suchte sich loszumachen. Frau Kurz verlor die Geduld, packte ihn fest und rief: "Gebhard, du musst!" Da riss er sich mit Gewalt los, rief in heller Verzweiflung: "Ich will die Mutter fragen, ob ich muss," und stuerzte aus dem Zimmer, hinueber in das der Mutter. Die schrak aus ihrer Mittagsruhe auf, als Gebhard ungestuem auf sie zukam und laut schluchzend rief: "Mutter, muss ich den Vater verraten? Muss ich?" Erschreckt zog Helene das ganz erschuetterte Kind an sich und wollte ihm troestend zusprechen, aber durch die offengebliebene Tuere war die Tante dem Fluechtling gefolgt und hatte Gebhards Ausruf gehoert. "Du hast ihn ja schon verraten," sagte sie, "geh jetzt hinaus, ich weiss genug. Geh in dein Zimmer, du machst ja dein Muetterchen noch krank mit deinem Ungestuem!" Beschaemt und traurig zog Gebhard sich zurueck. In seinem Zimmer sass er still, wusste nicht, wie es gekommen war, dass die Tante sagen konnte, er habe den Vater verraten und er mache die Mutter krank, mochte sich selbst nicht mehr leiden und wusste sich keinen Rat. Inzwischen hatte Frau Kurz sich neben die junge Schwaegerin gesetzt, troestete sie freundlich und brachte allmaehlich durch teilnehmende Fragen und dringendes Zureden alles heraus, was sie wissen und ihrem Mann berichten wollte. Dieser empfand wohl volle Teilnahme fuer seine Schwester, aber er dachte auch an sich selbst, an die Familienehre und an das Geschaeft. Es war eine boese Sache. Er fuerchtete, die militaerischen Auftraege koennten ihm entzogen werden, wenn des Schwagers Verrat ruchbar wuerde. Aufgeregt ging er in seinem Zimmer auf und ab, waehrend er seiner Frau diese Gefahr auseinander setzte. "Nie haette ich gedacht, dass durch Stegemann Unehre in die Familie kaeme. Wie sah Helene an ihm hinauf, wie stolz sprach sie von seinen und seiner Mutter edlen Grundsaetzen! Wie wenn die Familie Stegemann viel hoeher stuende als unsere eigene! Nun, wenn wir auch nuechterne Leute sind und unsern Geschaeftsvorteil wahren, einen Vaterlandsverraeter haben wir doch nie in unserer Familie gehabt!" "Sprich nur nicht laut davon," mahnte seine Frau, "das bleibt ganz verschwiegen. Ich glaube nicht, dass ihn die Russen frei gegeben haben und wenn ja, dann kann er nicht wagen, sich in Deutschland blicken zu lassen, nach dem was er getan. Mach dir keine Sorgen. Wer sollte das verraten? Helene nicht und der Bub auch nicht, auf den kannst du dich verlassen!" So beruhigte sie ihren Mann. Und es kam so, wie sie gesagt, niemand erfuhr mehr von dem Vermissten als was sie selbst von ihm aussagten: er sei im Krieg und man warte vergeblich auf Nachrichten. Viertes Kapitel. Die Tage, die Wochen vergingen--vom Foerster Stegemann drang keine Kunde zu seiner Frau. Sie lebte still und eingezogen. Vom Krieg wollte sie nichts hoeren, nichts lesen und wenn jemand sie darauf hinwies, dass gar viele Frauen ihre Maenner, ihre Soehne vermissen mussten, so war ihr das kein Trost. Andere Frauen durften stolz sein auf das, was ihre Maenner taten fuers Vaterland--sie musste sich schaemen; die andern waren unschuldig--sie hatte eine Schuld auf dem Gewissen. Wenn Gebhard sie traurig ansah, musste sie an sein Wort denken: Haettest du die Tuere nicht aufgemacht! Gebhard ging in die Schule, aber er stand einsam unter den Mitschuelern, fremd dem Lehrer gegenueber. Der sprach von Krieg und Sieg, von Vaterlandsliebe und Heldentod--das konnte Gebhard nur mit bitterer Scham anhoeren; und wenn die Kameraden von ihren Angehoerigen im Feld erzaehlten, dann hatte er Angst vor ihren Fragen, ging ihnen aus dem Weg, spielte lieber daheim mit Leo, seinem treuen, schweigsamen Freund aus der alten Heimat. Eines Abends, als er still und spaeter als sonst an seinen Schulaufgaben in dem Zimmer neben dem Esszimmer sass und ihn wohl niemand dort vermutete, hoerte er Onkel und Tante sprechen, was nicht fuer ihn bestimmt war. Der Onkel sagte: "Das Beste waere, Stegemann bliebe verschollen, er wuerde doch nur Schande bringen in unsere Familie." "Ja," sagte die Tante, "aber ich denke, er ist laengst tot, wenn man es nur bestimmt erfahren koennte." Da tat dem kleinen Burschen nebenan das Herz so weh, wie noch nie und er fuehlte, wie lieb er seinen Vater hatte, trotz allem was geschehen war, und dass er ganz zu ihm gehoerte. Und ein Zorn kochte in ihm auf gegen die Menschen, die den Vater gern gestorben wuessten. Aber er durfte ja nichts sagen, denn gar oft schon hatte die Mutter ihm vorgehalten, wie dankbar sie gegen Onkel und Tante sein muessten. In diesem Augenblick kam die Mutter zu ihm herein, hatte ihr Toechterchen im weissen Nachtgewand im Arm und zeigte sie Gebhard: "Sieh, wie die Kleine nett aussieht, sie soll noch der Tante gute Nacht sagen, komm mit." Ungern folgte Gebhard. Im Esszimmer wurde der kleine Liebling bewundert. Der Onkel, der fuer gewoehnlich um diese Zeit nicht da war und das Kind selten sah, freute sich an dem netten Anblick, wollte auch der Mutter eine Freude machen und sagte schmeichelnd zu der Kleinen: "Willst du denn auch einmal zu mir kommen, mein schoenes Juengferlein?" "Nein, sie soll nicht!" rief ploetzlich mit rotem Kopf in aufbrausendem Zorn Gebhard. Erschrocken wandten sich alle nach ihm um, aber er achtete nicht auf die vorwurfsvollen Blicke. "Es ist nicht dein Juengferlein," rief er, "es ist dem Vater sein Juengferlein, und mir gehoert sie auch mit. Gib sie mir, Mutter, mir, nicht dem Onkel!" Er draengte sich an die Mutter, die ganz blass geworden war. "Was faellt dir ein, Gebhard!" und sie wandte sich an den tief gekraenkten Bruder: "Verzeih, ich weiss gar nicht, was dem Kind in den Sinn kommt!" Die Schwaegerin sah, wie ihrem Mann der Zorn aufstieg. Sie wandte sich an Helene: "Wenn du irgend etwas von Erziehung verstehst, so musst du das Toechterchen dem Onkel geben und musst den unartigen Jungen zur Tuere hinausstecken!" "Ja freilich, du hast ganz recht," sagte Helene. Sie sah ein, dass sie einen solchen Ton nicht dulden durfte, aber sie fuehlte durch, und sah es Gebhard an, dass er tief erregt war, und er tat ihr so leid. Sie konnte ihn nicht verstehen. Es war doch gar nichts vorgefallen, was ihn so aufbringen und seine Rede entschuldigen konnte. So zog sie das Kindchen zurueck, nach dem er noch immer begehrte, reichte es dem Onkel hin, und sagte unsicher: "Ich muss dich aus dem Zimmer weisen, Gebhard!" Er sah sie einen Augenblick erstaunt an, weil er so etwas noch nie von ihr erfahren hatte, dann folgte er ohne Widerspruch. Unter der Tuere blickte er noch einmal zurueck und sah die Mutter mit Onkel und Tante beisammen stehen, das Schwesterchen auf des Onkels Arm. Da war's ihm, als gehoerten diese vier zusammen, er aber gehoerte nicht zu ihnen, sondern zu dem armen, armen Vater, der so weit fort war und den er doch ueber alles in der Welt liebte. So wuchs allmaehlich eine Scheidewand zwischen ihm und der Mutter auf. Es fehlte der Vater, der die beiden so innig verbunden hatte. Aber es kam Hilfe von anderer Seite. Frau Dr. Stegemann, Gebhards Grossmutter, kannte Helene nur wenig, aber sie hatte sie vor Jahr und Tag herzlich als Schwiegertochter willkommen geheissen, manchen Brief mit ihr gewechselt und sich innig gefreut ueber das Glueck, das sie ihrem Sohn und Enkel von Herzen goennte. Sie konnte sich vorstellen, wie schwer die junge Frau unter der Trennung von dem Gatten leiden musste. Aber sie begriff nicht, warum die Schwiegertochter ihr jetzt nur selten und kurz schrieb, ihr, der Mutter, die doch am besten mit ihr fuehlen konnte und die laengst gebeten hatte, ihr die genaueren Umstaende ueber die Verschleppung ihres Sohnes zu berichten. Die Schwiegertochter entschuldigte sich damit, dass es sie zu sehr angreife, von diesem schrecklichsten Tag ihres Lebens zu erzaehlen; aber Frau Dr. Stegemann gab sich nicht laenger mit diesem Bescheid zufrieden. Als es Winter wurde und immer dieselben duerftigen, traurigen Briefe kamen, schrieb sie der Schwiegertochter, wofern sie und die Kinder gesund seien, moege sie mit ihnen in Gebhards Weihnachtsferien zu ihr kommen. Es klang mehr wie ein Verlangen als wie eine Bitte oder Einladung. Helene zeigte den Brief ihren Geschwistern. "Du haettest deiner Schwiegermutter laengst den ganzen Sachverhalt mitteilen sollen," meinte der Bruder, "sie als Mutter kann erwarten, dass ihr nichts vom Schicksal ihres Sohnes verschwiegen wird." "Aber es kann ihr doch nur schrecklich sein! Sie hat uns bei Beginn des Krieges voll gluehender Vaterlandsliebe geschrieben. Und dann--ich traue mich nicht, ihr zu sagen, wie das alles gekommen ist, sie wird mich verachten, denn sie ist so eine tapfere, strenge Frau!" Die Schwaegerin fiel ihr ins Wort: "Immer quaelst du dich wieder so unnoetig mit Vorwuerfen. Jede Frau haette so wie du fuer ihr und ihrer Kinder Leben gebeten!" "_Sie_ nicht!" sagte Helene bestimmt. Der Bruder wurde aergerlich. Er war immer ein wenig eifersuechtig gewesen und hatte nie recht vertragen koennen, dass seine geliebte Schwester eine so hohe Meinung von der Familie Stegemann hatte. "Du bist nicht schuld," sagte er; "ein Mann muss selbst wissen, was er zu tun hat; es waere ohne deine Einrede wohl alles ebenso gegangen!" Aber jetzt ereiferte sich Helene. "Nein, nie, ganz gewiss nicht. Ich begreife mich selbst nicht mehr, warum ich nicht lieber mit meinem Kind sterben wollte: der Tod ist nicht das schlimmste!" Sie brach in Traenen aus. Der Bruder suchte sie zu beruhigen. "Du brauchst deiner Schwiegermutter nicht zu erzaehlen, was _du_ bei der Sache gesprochen hast. Darueber schweigst du einfach!" "Ach, das kann ich nicht, wenn sie mich mit ihren klaren Augen ansieht, so muss ich die ganze Wahrheit sagen. Sie wuerde es doch gleich merken, dass mir noch etwas auf der Seele liegt." "Ei, so bleibe hier!" riet die Schwaegerin. "Schicke ihr Gebhard allein, sage, du koennest mit der Kleinen im Winter nicht reisen und ohne das Kind nicht fort. Zwar waere sie ja bei mir und dem Maedchen wohl versorgt, aber es ist doch eine gute Ausrede; versprich deinen Besuch fuers Fruehjahr, dann wollen wir weiter sehen." "Ja, das wird das Beste sein," sagte der Bruder, "sie kann die Winterreise und dazu solch eine Aufregung nicht von dir verlangen und Gebhard wird sehr gern zu seiner Grossmutter gehen mit seinem Hund, na--er kann auch ganz dort bleiben, wenn sie es wuenscht." "Er wird sich nicht gern von mir trennen wollen!" "Das bildest du dir ein, so ist er nicht." "Meinst du?" Nachdenklich fuegte sie hinzu: "Ja, es kann sein, dass er mich nicht vermisst. Es ist alles nicht mehr so, wie es war. Aber dann werden wir uns ganz fremd!" "Du musst dich an dein Toechterchen halten, das wird alle Tage netter und gehoert dir ganz und gar." Aber die junge Mutter konnte sich nicht gleich mit dem Gedanken troesten, dass ihr der kleine Liebling blieb. Es tat ihr weh, zu denken, Gebhard werde sie nicht vermissen. Sie war doch so stolz gewesen auf des Knaben Liebe und seine ruehrende Verehrung. "Ich will selbst Gebhard die Einladung der Grossmutter ausrichten," sagte der Bruder, die Beratung abschliessend. "Ruhe du dich ein wenig aus und dann schreibe deiner Schwiegermutter. Gebhard ist ja bei ihr gut versorgt und fuer dich wird es so am besten sein, meinst du nicht?" "Ich weiss nicht," sagte Helene, "aber ich will es so machen, wie ihr meint, ich danke euch, ihr seid so nachsichtig gegen mich." Sie ging in ihr Zimmer und tat, wie man ihr geraten, legte sich auf ihr Ruhebett. Ach, sie meinten es so gut mit ihr, aber sie hatten ja gar keine Ahnung, wie traurig sie war, wie heiss ihre Sehnsucht nach dem verlorenen Glueck. Herr Kurz hatte es gut verstanden, Gebhard die Reise zur Grossmutter verlockend darzustellen. Davon, dass er vermutlich dauernd bei ihr bleiben sollte, hatte er nichts erwaehnt, das hatte noch Zeit. So behielt der Onkel recht. Gebhard war nur vergnuegt ueber die Einladung fuer die Weihnachtsferien, dachte gar nicht an die Trennung von der Mutter. Es war ja natuerlich, dass das Kind sich freute zur Grossmutter zu kommen, die in den Jahren der Einsamkeit im Forsthaus treulich jeden Sommer gekommen war und ihm laengst nahe stand, ehe Helene zur Familie gehoerte. Heute ging die Mutter mit ihm hinauf in sein Zimmer, um mit ihm einzupacken. Frohgemut reichte er ihr zu, was sie verlangte, aufmerksam verfolgte Leo dieses ungewohnte Treiben. "Jetzt deine Schulbuecher, Gebhard?" "Soll ich die mitnehmen?" Verwundert sah er die Mutter an und bedenklich klang seine Frage: "Muss ich denn lernen in den Weihnachtsferien?" "In den Ferien nicht, aber nachher, wenn die Schule wieder anfaengt, musst du doch deine Buecher haben." "Nach den Ferien komme ich doch wieder hieher?" "So war's nicht gemeint, Gebhard. Die Grossmutter wird dich gerne behalten. Hat dir davon der Onkel nichts gesagt?" "Nein." Er wurde sehr nachdenklich. Die Mutter stand vor dem Koffer, hatte die Hand ausgestreckt nach den Schulbuechern, die nicht kamen. Sie sah, wie Gebhards Gesicht truebselig wurde. Jetzt schmiegte er sich an sie. "Mutter, kannst du nicht mitkommen zu der Grossmutter? Hat sie bloss mich ganz allein eingeladen?" "Nein, aber das Schwesterchen ist noch zu klein fuer solch eine Winterreise und sie braucht mich doch!" "Ja, aber Mutter, du hast viel frueher einmal zu mir gesagt, wir blieben jetzt immer beisammen, der Vater und du und ich; das war so schoen. Und jetzt ist der Vater fort und dann habe ich auch keine Mutter mehr!" "O doch, Gebhard, ich bleibe ganz gewiss deine treue Mutter!" Aber Gebhard entgegnete trotzig: "So eine Mutter, die nicht bei mir ist, hilft mir gar nichts. So eine habe ich immer schon gehabt, im Himmel, aber ich moechte eine, die bei mir bleibt." "Spaeter, Gebhard, kommen wir gewiss wieder zusammen, aber jetzt hast du einstweilen die Grossmutter. Bei ihr warst du doch frueher so gern; und hier--warst du denn gerne hier im Haus, bei Onkel und Tante?" "Nein, gar nicht gern, weil sie den Vater nicht moegen. Neulich haben sie so etwas Schreckliches ueber den Vater gesagt, das darfst du gar nicht hoeren, Mutter. Darum mag ich sie gar nicht mehr!" Traenen des Zorns kamen dem Kind bei der Erinnerung. "Wann war denn das?" "An dem Abend, wo der Onkel das Juengferlein wollte!" "Ach, damals? Gebhard, sieh, du wirst gluecklicher sein bei der Grossmutter. Sie hat den Vater so lieb und sie nimmt dich mit deinem Leo so gerne zu sich!" "So? hat sie das geschrieben?" Langsam machte er sich von der Mutter los. "Da sind meine Schulbuecher." Still vollendeten sie das Geschaeft des Einpackens; aber beunruhigt lief der Hund hin und her, er merkte, dass Ungewohntes vor sich ging. "Du darfst mit mir gehen, Leo, sei nur zufrieden, wir zwei trennen uns nicht!" Bei diesen Worten nahm Gebhard den schmalen Kopf des Hundes zwischen seine Haende. Ein leises Bellen bezeugte das Einverstaendnis des klugen Tiers; es legte sich nun still neben den Koffer, bereit Hab und Gut seines kleinen Herrn zu bewachen. Sie waren fertig, das Zimmer sah oede aus. "Komm nun, Gebhard," sagte die Mutter und es war ihr wehmuetig ums Herz in dem leeren Zimmer, "komm, wir wollen nach dem Schwesterlein sehen." Er griff nach ihrer Hand, sah zu ihr auf und merkte, dass sie traurig war. "Mutter," begann er, "jetzt denkst du an den Vater, das sehe ich dir immer an. Aber du hast noch dein Juengferlein, das ist dir doch das allerliebste und das bleibt bei dir." Sie drueckte fest seine Hand. Nein, sie hatte jetzt eben nicht an ihren Mann gedacht, sondern an den kleinen Mann, der da so liebevoll an ihrer Hand ging und sie noch troestete, obwohl sie ihn von sich schickte. Schon vor der Zimmertuere hoerten sie die Tante, die ihren Spass hatte mit der Kleinen. Die lachte laut und uebermuetig vor Vergnuegen. Das lustige Toechterlein--der traurige Bub--es gab der Mutter zu denken. Am fruehen Morgen des folgenden Tags trat Helene in Gebhards Schlafzimmer. Er erwachte bei ihrem Eintritt. Frisch und tatkraeftig stand die Mutter vor ihm, wie schon lange nicht mehr. "Gebhard, steh auf, es ist Zeit, dass wir reisen, wir zwei miteinander!" Und als er sie mit grossen, fragenden Augen ansah, lachte sie hell, setzte sich zu ihm auf den Bettrand und sagte: "Ich habe mir heute Nacht gedacht: das Juengferlein ist schnoede, es macht sich gar nichts daraus, wenn ich fortgehe, es jauchzt bei der Tante wie bei mir. Aber mein Bub, der moechte mich gern bei sich haben; so will ich wenigstens fuer eine Woche mit ihm gehen!" Da wurde die junge Frau stuermisch umarmt und gekuesst und musste an ihren Mann denken. Eine Stunde spaeter waren sie auf der Reise. Fuenftes Kapitel. Unsere zwei Reisenden waren diesmal allein im Abteil: Leo hatte sich nicht eingedraengt; ganz verstaendig hatte er sich darein gefunden, in dem fuer seinesgleichen bestimmten Raum Platz zu nehmen. Gebhard stand eine ganze Weile am Fenster und sah in die Winterlandschaft hinaus; ihm war so wunderlich gluecklich zu Mute, wie wenn ihm erst jetzt die Mutter wieder gehoerte. Er haette nur gern gewusst, wie es ihr ums Herz war! Schon einmal hatte er sich nach ihr umgewandt, sie sinnend angeschaut, aber nicht die Worte finden koennen zu einer Frage. Nun sah er sie wieder an. "Willst du etwas?" fragte sie. "Nein.--Ja doch. Ich moechte nur wissen, ob es dich nicht friert?" "Nein; warum meinst du? Kommt es dir kalt vor?" "Mir gar nicht. Der Onkel meinte nur, du koenntest dich erkaelten; aber gelt, es ist behaglich warm? Heute gefaellt mir das Fahren so gut, dir auch, Mutter?" Sie laechelte ihn freundlich an und schob die Reisetasche beiseite, die neben ihr lag. "Setze dich zu mir her, Gebhard." Dieser folgte schnell der Aufforderung und sie rueckten nahe zusammen. "Gelt, das Juengferlein ist ganz vergnuegt bei der Tante?" sagte er. "Ja freilich, das vermisst uns nicht." "Das gefaellt mir eben so besonders gut, dass ich dich einmal ganz fuer mich allein habe," erklaerte er, "da koennen wir auch vom Vater sprechen, wenn wir wollen. Aber die Tante hat gesagt, ich soll dich nicht aufregen; also reden wir lieber von etwas anderem. Sie hat mir auch Essvorrat mitgegeben in meine Buechse; wollen wir das einmal ansehen?" "Ja, sagte die Mutter, schauen wir nach den guten Sachen, das wird mich ganz gewiss nicht aufregen." Sie lachte ihn freundlich an. "Du siehst heute so aus, Mutter, wie frueher, so nett." Aber das haette er nicht sagen sollen; denn auf einmal kamen ein paar Traenen in ihre hellen Augen. Da packte er schnell die Buechse aus; und weil ihm dabei ein Apfel auf den Boden kollerte und waehrend er sich darnach bueckte eine ganze Anzahl Nuesse folgten, musste sie lachen und er lachte mit und sie waren zum erstenmal froehlich miteinander ohne den Vater. Gegen das Ende der Reise, waehrend Gebhard sich schon ungeduldig auf das Wiedersehen mit der Grossmutter freute, wurde der jungen Frau das Herz wieder schwer. Sie hatte sich wohl auf ihres Bruders Zureden vorgenommen, nichts davon zu erzaehlen, dass sie ihren Mann ueberredet hatte, mit den Russen zu gehen, und so durfte sie ja sicher sein, bei ihrer Schwiegermutter nur Teilnahme zu finden und keinen Vorwurf zu hoeren. Aber eben dieses Verschweigen und vorsichtige Ausweichen lag nicht in ihrer Natur und deshalb bangte ihr vor dem Zusammentreffen mit der Mutter. Helene wusste, dass sie nicht erwartet wurde; nur Gebhard mit seinem treuen Gefaehrten Leo war angekuendigt. Als die Reisenden in die Bahnhofhalle einfuhren, fiel ihnen die Leere des Bahnsteigs auf. Er war fuer die Menge gesperrt, da in Kuerze ein Lazarettzug mit einer grossen Anzahl Verwundeter ankommen sollte. Eine ganze Reihe Sanitaeter mit Tragbahren erwartete den naechsten Zug; aber mitten unter ihnen stand eine einzelne grosse Frau in langem Mantel mit warmem Pelzzeug; unter ihrem schwarzen Samthut sahen schlichte graue Haare hervor und forschende Augen blickten dem einfahrenden Zug entgegen. Dies war Frau Dr. Stegemann, die sich bei dem Kommandanten den Zutritt erbeten hatte, um ihren allein reisenden Enkelsohn abzuholen. Gebhard erkannte die Grossmutter sofort und eilte auf sie zu. "Mein lieber, grosser Bub!" rief sie, "ich bin froh, dass du zu mir gekommen bist. Und dein schoener Leo ist auch da! Nun komm nur gleich, wir muessen moeglichst schnell den Bahnsteig verlassen." "Aber die Mutter ist auch hier, ich bin nur vorausgesprungen!" "Die Mutter? Kommt sie doch mit?" Ja, sie kam eben zu den beiden und sah deutlich, dass bei dem unerwarteten Wiedersehen das ernste Gesicht der Grossmutter freudig aufleuchtete. "So kommst du doch," sagte sie und streckte der jungen Frau die Hand entgegen, "dann ist ja alles schoen und gut; wir gehoeren doch zusammen in dieser Zeit!" Das empfand auch Helene in diesem Augenblick. Wie wenn sie ihrem Manne naeher waere, so war ihr zumute. Sie hatte gar nicht mehr gewusst, dass Mutter und Sohn ganz die gleichen, klaren, seelenvollen Augen und dieselbe tiefe Stimme hatten. Sie gingen miteinander hinaus auf den Bahnhofplatz. Dort war die Haltestelle der Elektrischen; das Mitnehmen von Hunden war aber nicht gestattet. "Kann Leo nachspringen?" fragte die Grossmutter. "Er kann wohl," sagte Gebhard, "aber der Vater laesst ihn nie gern neben dem Wagen springen." "Dann gehst du mit ihm zu Fuss; erinnerst du dich des Weges? Du hast ihn vor zwei Jahren gemacht." "Nicht so recht," meinte Gebhard bedenklich. "Wir sollten vielleicht eine Droschke nehmen und den Hund zu uns hereinlassen," schlug Helene vor. "Bewahre. Ein grosser Bub mit solch gutem Hund _sucht_ sich eben seinen Weg. Merke auf, Gebhard. Du folgst den Schienen der Elektrischen immer zu bis an den Marktplatz. Dann fragst du. Weisst du Strasse und Nummer?" "Jawohl, Johannessteg 5." Die beiden Frauen stiegen ein und Gebhard ging mit seinem treuen Begleiter zu Fuss. Helene wunderte sich ueber die Grossmutter, die dem geliebten Enkel gleich Zumutungen machte. Ja, das war wieder die Strenge, die sie in Erinnerung hatte; nicht der gutmuetige, weichherzige Ton, den sie von den Ihrigen daheim gewohnt war. Nun wusste sie wieder, warum ihr bange gewesen, und es ueberkam sie eine beklemmende Angst vor der Unterredung, die nicht ausbleiben konnte. Frau Dr. Stegemann bewohnte den obersten Stock eines Hauses in der Altstadt. Die schoenen, bequemen Einrichtungen der Neuzeit fehlten dieser Wohnung, hingegen war sie geraeumig, hatte viele Zimmer, Kammern und Gaenge. Aus den altmodisch kleinen Fenstern blickte man hinweg ueber die Daecher der gegenueberliegenden Haeuser, ueber Gassen und Strassen hinaus ins Weite, wo Gaerten und Felder die Stadt begrenzten. Der letzte Sonnenstrahl fand noch seinen Weg in die hochgelegene Wohnung. Ausser einem Dienstmaedchen hatte Frau Dr. Stegemann noch zwei junge Hausgenossinnen, zwei Enkeltoechter, die hier in der groesseren Stadt eine Toechterschule besuchten. Von ihnen erzaehlte sie Helene, nachdem sie die Elektrische verlassen und dem Haus zugingen, denn beide mochten nicht auf der Strasse von dem sprechen, was ihre Herzen am meisten bewegte. Waehrend sie im Haus angekommen Stockwerk um Stockwerk hinaufstiegen, wunderte sich Helene ueber die Sechzigerin, die nichts von der Anstrengung zu merken schien. "Mutter, wie du steigen kannst!" "Das macht die Gewohnheit." "Aber ist dir's nicht laestig? Du duerftest dir's wohl auch leichter machen." "Warum? Ich bleibe gern in der Uebung. Solange ich gesund bin, schadet mir das Steigen nichts. Es waere nichts als Bequemlichkeit, wenn ich es nicht mehr tun wollte." Ruestig stieg sie voraus. Oben angekommen wurden sie vom Dienstmaedchen empfangen mit der Nachricht, dass ein fremdes Fraeulein schon lange auf sie warte und sie sprechen moechte. Gleichzeitig kamen eilig und lebhaft die beiden Schwestern, Grete und Else, grosse Maedchen mit blonden Zoepfen und frischen, froehlichen Gesichtern. Sie waren ueberrascht, statt des erwarteten kleinen Vetters ihre Tante Helene zu sehen, die sie nur nach dem Bild kannten. "Macht es der Tante behaglich, Kinder," sagte die Grossmutter zu ihnen, "und du, Helene, lass dich nicht abschrecken, wenn es bei mir unruhig zugeht; das ist eben so in diesem Kriegsjahr. Es gibt so viele Maedchen, die im Ausland waren und jetzt stellenlos sind, die wenden sich an uns 'Freundinnen der jungen Maedchen'. Um so etwas wird es sich auch jetzt handeln." Sie verliess das Zimmer. Helene war verwundert. Sie hatte sich das Leben der Grossmutter still und abgeschlossen gedacht, merkte jetzt, dass diese noch mitten im Leben und Wirken stand und sah bald, dass auch die beiden Enkelinnen an allerlei Kriegshilfe teilnahmen und vom Geist der Grossmutter beseelt waren. Sie wandten sich jetzt lebhaft an die junge Tante, deren liebliche Erscheinung ihnen gar sehr gefiel, halfen ihr ablegen, plauderten zutraulich und kamen bald auf das zu sprechen, was sie erfuellte. "Duerfen wir dir unsere Vorratskammer zeigen? Wir haben einen ganzen Stoss Kinderwaesche genaeht fuer die vertriebenen Ostpreussen und haben Handschuhe und Socken fuer die Soldaten gestrickt, magst du es ansehen?" Gerne folgte Helene den eifrigen Maedchen in ihre Stube und liess sich an das altmodische Pfeilerschraenkchen fuehren, in dem allerlei Arbeiten aufgestapelt waren. Mitten in dieser Betrachtung kam, von seinem Hund begleitet, Gebhard an. Er hatte sich nicht gern von seiner Mutter getrennt; denn er wusste, sie war nur ihm zuliebe hieher gekommen, auch hatte er so ein unbestimmtes Gefuehl, dass ihr bangte vor dem Zusammensein mit der Grossmutter. So war er im Galopp mit seinem Hund der Elektrischen gefolgt, hatte schnell den Weg zum Haus gesucht und trat nun angeregt vom raschen Lauf, mit frischen, roten Backen ins Zimmer. Grete und Else waren gleich fuer diesen kleinen Vetter eingenommen und auch der Hund war ihnen anziehend. Sie hatten noch nie einen solchen als Hausgenossen gehabt, wollten mit ihm Bekanntschaft schliessen, wichen ihm aber doch aus, als er sie beschnueffelte. Es dauerte aber nicht lang, so streckte sich Leo behaglich mitten unter der Gesellschaft aus. "Jetzt ist er schon heimisch," sagte Gebhard befriedigt, "er merkt, dass wir nicht bei Fremden sind; in einem fremden Haus legt er sich nie von selbst nieder." Das gefiel den Baeschen und freute Gebhard. Wo er gern war und wo es Leo behagte, musste sich doch auch sein Muetterlein heimisch fuehlen. Nach kurzer Zeit kam auch die Grossmutter wieder. Sie hatte dem jungen Maedchen Bescheid gegeben, das in England Erzieherin gewesen war, in reichem Haus, bei einem einzigen Knaben; jetzt war ihr eine Stelle angeboten, in einfacher Familie bei vier Knaben. Den juengsten sollte sie selbst ausfahren, das passte ihr nicht. "Ich habe ihr Mut gemacht," sagte Frau Dr. Stegemann, "im Krieg muss man froh sein, wenn man irgendwo unterschlupfen darf, und uebrigens moechte ich jetzt lieber zehn Deutsche erziehen als einen Englaender. Und warum nicht den kleinen Buben ausfahren? Wir muessen ja froh sein, wenn es recht viele deutsche Buben gibt! Sie will es nun versuchen und mir am Sonntag berichten wie es geht. Aber nun kommt zum Tee!" Sie fuehrte die Schwiegertochter ueber den langen, dunkeln Gang. Helene dachte unwillkuerlich an die hell erleuchteten Raeume in ihres Bruders Haus. "Ueberall merkt man den Krieg," sagte Frau Stegemann. "Das Petroleum wird bei euch auch knapp sein." "Ich weiss nicht, es war nicht die Rede davon." "Nicht? Es ist eine grosse Entbehrung fuer viele Leute. Manche Familien koennen abends ihr Zimmer gar nicht beleuchten. Fuer solche ersparen wir immer etwas von dem Petroleum, das auf uns kommt. Warum sollten wir auch nicht ein wenig im Dunkeln tappen? Unsere Soldaten muessen sich auf ganz anders schwierigen Wegen im Finstern zurecht finden." Gebhard horchte hoch auf bei diesen und aehnlichen Aeusserungen der Grossmutter. Waehrend des einfachen Abendessens erklaerten ihm die Schwestern, was kriegsmaessig sei und was nicht; was sich die Familie zugunsten des Vaterlandes versagte und wie sie beflissen war, sich von dem zu naehren, was reichlich vorhanden und in Gefahr war, zu verderben. Da nun Else und Grete sahen, wie neu ihm das alles war und dass er gluehenden Eifer zeigte fuer alles Gemeinnuetzige, fragten sie, ob er mittun wuerde, wenn sie naechsten Sonntag mit der Rotkreuzbuechse durch die Strassen gingen, um Karten und Blumen zugunsten der Verwundeten anzubieten. Er hatte das schon manchmal gesehen, aber nie daran gedacht, dass man auch ihn irgendwie fuer solch vaterlaendische Taetigkeit brauchen koennte. Stolz war er, gluecklich ueber diese neuen Aussichten. "Grossmutter," rief Else, "das wird fein! Gebhard traegt die Buechse, wir die Blumen und wir sagen zu allen, die uns begegnen: 'Hier, unser Vetter, ist selbst ein Vertriebener, ein Fluechtling aus Ostpreussen!' Da gibt uns jedermann doppelt so gern!" "Und den Hund nehmen wir auch mit," schlug Grete vor, "er sieht so polizeimaessig aus, mit ihm koennen wir uns in alle Winkel der Stadt wagen!" Die drei verwandten Kinder verbanden sich nach kurzer Bekanntschaft und waren gluecklich miteinander. Helene staunte, wie schnell Gebhard sich heimisch fuehlte. Am reichbesetzten Tisch ihrer Geschwister hatte sie ihn nie so befriedigt gesehen, wie hier; das Wohlleben hatte ihm weniger behagt, als die einfachen Verhaeltnisse, die er von Hause aus gewoehnt war, und wie heimische Luft empfand er die vaterlaendische Gesinnung, die auch im Forsthaus der herrschende Geist gewesen war. Sechstes Kapitel. Die Teestunde war vorueber, endlich musste auch der Augenblick kommen, auf den Helene sich gefuerchtet hatte, die Aussprache ueber das, was im stillen Herzen beide Frauen mehr beschaeftigte als all die Dinge, ueber die sie sich mit den Kindern unterhalten hatten. "Ich moechte jetzt ungestoert ein Stuendchen mit Tante Helene sein," sagte Frau Dr. Stegemann zu den Schwestern. "Wer etwa kommt und nach mir fragt, soll warten oder spaeter wiederkommen. Gebhard kann bei euch bleiben; komm, Helene, wir gehen in dein Zimmer." Aber Helene griff unwillkuerlich nach Gebhards Hand und hielt sie fest. Die Grossmutter sah die fast aengstliche Bewegung der jungen Frau. "Du moechtest Gebhard mitnehmen?" fragte sie erstaunt. "O ja, bitte. Wir haben das alles miteinander erlebt." "So komm mit, Gebhard. Ich zeige dir gleich deine Schlafstaette." Vor der Tuere wartete der Hund, er schloss sich seinem kleinen Herrn an. Frau Dr. Stegemann ging voran, fuehrte ihre Gaeste bis an das Ende eines langen Ganges. "Hier ist das Gastzimmer, das wird fuer dich gerichtet, Helene; wir wussten ja nicht, dass du kommst. Und hier gegenueber, ist deine Kammer, Gebhard, sieh." Sie traten in eine grosse, helle Kammer. Ein schlichtes Feldbett stand darin. "Wie fuer einen richtigen Soldaten," sagte die Grossmutter, "nur dass es ein Kopfkissen und ein Federbett hat. Das bekommen ja die Soldaten nicht, aber du bist ja auch noch keiner, sondern willst erst einer werden." "Schlafen sie ganz ohne Federbetten, die Soldaten?" fragte Gebhard nachdenklich, "dann will ich's doch auch ohne versuchen." "Willst du? Das ist recht! Weisst du, Federn sind so etwas weiches, warmes, je weniger ein Bub davon wissen will, um so besser." "Also weg damit!" rief der kleine Mann, "Grossmutter, wohin?" Er packte das Federbett. Aber Helene legte die Hand darauf. "O, bitte, Mutter," sagte sie, "es ist doch zu kalt fuer das Kind, er ist es nicht gewoehnt." "So lassen wir das Bett hier. Du kannst es Nachts damit halten wie du willst. Und sieh, da habe ich Platz gemacht fuer deine Kleider." Sie schloss einen grossen, altertuemlichen Kleiderschrank auf. "Hier herein kannst du deine Kleider haengen." "Ich will ihm helfen, sie einzuraeumen," sagte Helene. Ihr war jeder Vorwand erwuenscht, die Aussprache weiter hinaus zu schieben. Waehrend sie nun an den geoeffneten Schrank trat, erhob sich Leo, der sich schon neben Gebhards Bett gelegt hatte, folgte ihr, wurde unruhig, schob seine Nase in den Schrank und fing an, zu winseln. Sie bemerkten alle das wunderliche Gebahren. "Was ist da hinten in dem Schrank, Grossmutter," fragte Gebhard. Sie griff hinein. "Es sind nur Kleidungsstuecke." Sie holte von den Haken, was da hing, ein Regenmantel, ein paar Sommerkleider; immer aufgeregter folgte der Hund ihren Bewegungen und jetzt, da sie wieder ein Kleidungsstueck hervorzog, eine Herrnjuppe, jetzt sprang das Tier hoch und steckte seinen Kopf hinein. "Ach, das ist noch eine Juppe von deinem Vater, ist's moeglich, dass er die erkennt?" "Aber freilich, Grossmutter, sieh nur, wie er schnueffelt, wie er sich freut und daran zerrt!" Ein Ruck--und der Hund hatte die Juppe auf den Boden gezogen. Er legte sich daneben, streckte die Vordertatzen in ganzer Laenge darueber, wuehlte mit Behagen den Kopf in das Kleidungsstueck und nahm so fest Besitz davon, dass es nicht raetlich schien, es ihm wegzunehmen. Gebhard warf sich neben seinem Hund auf den Boden, streichelte ihn und redete mit ihm: "Wo ist denn der Herr, wo ist dein guter Herr? Leo, denkst du an den Herrn?" Das Tier wedelte. Geruehrt von der Treue des Hundes wandte sich Helene ab, liess sich ueberwaeltigt von Sehnsucht und Schmerz auf dem Feldbett nieder und weinte bitterlich. Frau Dr. Stegemann setzte sich neben die junge, von Schluchzen erschuetterte Frau und redete ihr in einem weichen, muetterlichen Ton zu, den Helene noch nie von ihr gehoert hatte. Da schwand allmaehlich ihre Furcht und es ueberkam sie der Trieb, der Mutter ihres Mannes das ganze Leid anzuvertrauen. Sie raffte ihre Kraft zusammen. "Mutter," sagte sie, "es ist ja alles viel, viel schrecklicher, als du ahnst!" "Wie so? Weisst du mehr, als was du mir geschrieben hast? Hast du Nachricht von Rudolf? Schlechte Nachricht?" "Nein, nein; kein Wort habe ich von ihm gehoert seit jenem Tag. Aber es war anders als du denkst, ich kann es so schwer ueber die Lippen bringen!" Frau Dr. Stegemann richtete sich stramm auf und der weiche Ton war nicht mehr in ihrer Stimme als sie, gefasst auf die schlimmsten Mitteilungen, zur Schwiegertochter sprach: "Rede endlich, Helene. Wir duerfen nicht feig sein in dieser harten Zeit. Ich kann alles hoeren, auch das grausamste. Und du musst jede Wahrheit aussprechen koennen. Sei doch auch tapfer, was hilft das Weinen?" Bei diesen Worten stand Gebhard, der neben dem Hund gelegen, auf, trat rasch an Helenens Seite und streichelte ihre Hand. "Grossmutter," rief er, "die Mutter kann nicht so tapfer sein wie du meinst, der Vater hat mir gesagt, sie ist nicht aus so hartem Holz geschnitzt wie wir Stegemanns. Man muss sie immer ganz zart behandeln!" Da schlang die junge Frau den Arm um ihren Verteidiger und sagte zu ihm: "Die Grossmutter hat aber doch recht und ich will ja auch, dass sie alles erfaehrt. Gebhard, erzaehle du es, du warst ja dabei und du musst nicht immer so weinen, wie ich!" "Ja," sagte Gebhard, "die Grossmutter darf das wissen, sonst niemand auf der Welt!" Der kleine Mann gab sich einen Ruck, dass er stramm da stand und fing an: "Grossmutter, so war's: Zuerst kam ein deutscher Offizier mit fuenf Soldaten und besprach etwas ganz im geheimen mit dem Vater. Einstweilen kochten die Soldaten auf unserm Herd und wir halfen ihnen. Dann sagte uns der Vater, er muesse sie begleiten, aber kein Mensch duerfte wissen wohin. Sie zogen bei Nacht miteinander fort. Am naechsten Tag kam der Vater allein zurueck und sagte, wir muessten schnell fliehen, die Russen koennten bald kommen. Wir fingen gleich an, unsere Sachen auf die Wagen im Hof zu laden, aber mitten hinein kam ein ganzer Trupp Russen mit einem Offizier. Sie gingen die Treppe hinauf und ich ihnen nach. Im Wohnzimmer war der Vater, aber die Mutter mit dem Juengferlein war nicht da. Der russische Offizier fragte, wohin die deutsche Patrouille gegangen sei, die heute Nacht im Forsthaus eingekehrt sei und die der Vater begleitet habe. Ich weiss nicht mehr genau, was der Vater zuerst sagte, aber als der Offizier verlangte, er solle mit ihm gehen und ihn denselben Weg fuehren, da sagte der Vater: "Nein, ich bin ein guter Deutscher und werde nicht zum Verraeter." Aber der Offizier hat ihm gesagt: er koenne doch nichts machen gegen so viele und er hat ihm versprochen, er duerfte gleich wieder heimkommen, und uns allen solle gar nichts geschehen; aber wenn er ihnen den Weg nicht zeige, muessten wir alle sterben. Der Vater hat aber nicht nachgegeben und es war schrecklich, wie zornig da der Offizier geworden ist, und weil ich auch gerufen habe, der Vater soll nichts verraten, haben mich die Soldaten ganz wuetend gepackt und fest gehalten, da oben am Arm, wo es so weh tut, und ich habe vor lauter Zorn nur immer geschrien: "Vater, tu's nicht! Aber dann--" Gebhard stockte. Er sah die Mutter an. "Soll ich denn alles sagen, Mutter, alles?" "Alles, Gebhard!" "Dann hat die Mutter die Schlafzimmertuere aufgeriegelt und hat von ferne gerufen und gebeten, der Vater soll uns nichts geschehen lassen. Der Vater hat auf die Mutter hingeschaut und dann hat er nicht mehr 'nein' sagen koennen. Er ist mit ihnen gegangen und hat versprochen, sie zu fuehren. Sie sind dann fortgeritten und wir haben gedacht, der Vater kaeme am Abend wieder, der Offizier hat es ihm doch auf Ehrenwort versprochen. Das Ehrenwort muss doch ein Offizier auch im Krieg halten, nicht, Grossmutter?" Er bekam keine Antwort. Die Grossmutter, die still mit verhaltenem Schmerz den Bericht angehoert hatte, sah ins Weite, wie wenn ihre Augen den Sohn suchten, den sie verloren hatte. Helene griff nach ihren Haenden und bat leise: "Mutter, verzeih mir und verachte mich nicht ganz. Ich weiss, du waerest heldenmuetig gewesen und ich war feig, war in Todesangst; das hat er nicht mit ansehen koennen und mir zuliebe ist er zum Verraeter geworden. Ich bin schuld, dass nun diese Schuld auf seinem Gewissen liegt. Darum habe ich mich nicht entschliessen koennen, dir zu schreiben. Ich weiss ja, wie du mich verachten musst, dass ich deinen edlen Sohn dazu gebracht habe." "Du hast ihn _nicht_ dazu gebracht, Helene, du irrst dich. Nichts auf der Welt haette ihn dazu bringen koennen. Ich kenne ihn. Er hat das nicht getan!" Heftig erregt erhob sie sich. Ihr Blick fiel auf Gebhard. "Schon als Kind in deinem Alter haette er das nicht getan, wie viel weniger als Mann! Du hast das von deinem Vater geglaubt?" "Ich habe es gehoert, Grossmutter, dass er 'ja' gesagt hat, und habe es selbst gesehen, dass er mit den Russen gegangen ist!" "Ja. So hat er euch das Leben gerettet und die Bande fortgebracht vom Forsthof. Eine Kriegslist war das. Ja, er ist mit ihnen geritten, aber wohin? Dahin, wo die deutsche Patrouille nicht war! Gebhard, kennst du deinen Vater so wenig?" Der Knabe senkte nicht den Blick vor dem strengen Ausdruck der Grossmutter; ein glueckliches Leuchten flog ueber sein Gesicht. "So ganz gewiss weisst du das, Grossmutter? kann es gar nicht anders moeglich sein?" "Gebhard, wird es jemandem gelingen, deinen Leo, dies treue Tier, gegen _dich_ zu hetzen? Wenn man ihn lockt, ihm droht? Schaeme dich, zu denken, dass irgend etwas auf der Welt deinen Vater vermocht haette, die Deutschen an ihre Feinde zu verraten!" Zaghaft warf Helene ein: "Mein Bruder sagt, wer einmal in den Haenden der Russen ist, der wird muerbe gemacht, wenn er noch so tapfer waere!" "Dein _Bruder_ kann das sagen, er hat Rudolf kaum gekannt, aber du?" Nachdenklich sah sie auf Helene und dachte unwillkuerlich an die Worte: "Aus anderem Holz geschnitzt." Wie biegsam war die junge Gestalt, wie weich die Zuege und sanft der Blick! Nachsichtig sprach sie zu ihr. "Weil du selbst in jener Stunde schwach warst, hast du auch ihn fuer schwach gehalten und hast doppelt darunter gelitten. Aber jetzt glaube du mir und lass dich durch keine Einrede mehr irre machen. Dein Mann ist _kein_ Verraeter. Von den Treusten einer ist er. Glaube an ihn; ein Maertyrer kann er geworden sein, ein Verraeter nicht!" Tief erregt wandte sie sich an Gebhard. "Gott gebe, dass du so wirst wie dein Vater! Einen besseren Wunsch weiss ich nicht fuer dich!" Erschuettert verliess sie das Gemach, sie musste jetzt fuer sich allein sein. Ihr starker Glaube ging in dieser Stunde ueber in die Seele von Mutter und Kind; die schwerste Last war der jungen Frau vom Herzen genommen. Es blieb die Trauer um den Helden, aber das war ein edler Schmerz, der ihr Herz erhob. "Gebhard," sagte sie, "wie waren wir so verblendet und wie wollen wir von jetzt an stolz sein auf den Vater!" Und die beiden waren fast gluecklich zu nennen in diesem Augenblick. Aber die Mutter des Helden kaempfte jetzt in ihrem Zimmer allein mit der tiefen Bewegung, in die diese Unterredung sie versetzt hatte. Sie war ueberwaeltigt von dem Gedanken an das Leiden ihres Sohnes. Was mochten die Feinde ihm angetan haben in der Wut darueber, dass er ihnen nicht den rechten Weg wies? Das graesslichste, das sie ersinnen konnten. O wie grausig waren die Bilder, die ihr vorschwebten! Hin und her ging sie in ihrem Zimmer und sprach halblaut mit ihrem Sohn, wie wenn er sie hoeren koennte: "Du mein guter, tapferer, treuer Sohn! So ganz allein. So weit fort von mir. Was haben sie dir getan? Wirst du noch immer gequaelt und gepeinigt? Oder bist du erloest von allem Leid, selig aufgenommen als einer, der reinen Herzens ist und Gott schauen darf? O, die schreckliche Ungewissheit!" An der Zimmertuere wurde geklopft, das Dienstmaedchen rief: "Frau Doktor, die Schustersfrau aus dem Hinterhaus ist da und fragt nach Ihnen." "Sie soll morgen kommen." "Aber sie tut ganz verzweifelt. Sie hat schlechte Nachrichten." "Ich habe auch schlechte und kann ihr keine guten verschaffen." Das Maedchen wagte nichts mehr einzuwenden; aber dem fassungslosen jungen Weib, das auf Trost und Hilfe wartete, gab sie auf eigene Verantwortung den Bescheid: "Frau Doktor kommt gleich." Sie kannte ja ihre Frau; die konnte wohl einmal schroff und abweisend sein, aber schliesslich half sie doch immer. Auch diesmal. Nach kurzer Zeit kam sie ruhig und gefasst heraus; kaum war ihr noch anzumerken, wie sie mit sich gekaempft hatte, um wieder tapfer zu sein. Frau Siebel, die Schustersfrau, merkte jedenfalls nichts davon; sie war vollstaendig vom eigenen Leid hingenommen. Ihr lauter Jammer hatte auch Helene und die Kinder herbeigerufen. Schluchzend zeigte sie eine Postkarte, die besagte, dass ihr Mann schwer verwundet in der Pfalz liege und sich nach einem Besuch von ihr sehne. "Sicher ist er schon tot," rief die junge Frau und hoerte gar nicht auf die ermutigenden Worte, mit denen ihr von allen Seiten zugesprochen wurde. Sie wusste ganz gewiss, ihr Mann war tot. "Dann wollen Sie also nicht in das Lazarett reisen?" fragte Frau Dr. Stegemann kurz. "Ei doch," sagte Frau Siebel, "deshalb wollte ich ja Frau Doktor um Rat fragen, ich waere so gern noch diese Nacht abgereist." "So, nun sehen Sie, Sie glauben ja selbst, dass Ihr Mann noch lebt. Nun lassen Sie auch das Weinen, dazu haben Sie Zeit in der Bahn; jetzt muessen Sie fuer Ihr Kind sorgen, was machen Sie mit dem?" "Das ist's ja eben, ohne mein Buberl kann ich nicht fort. Ich habe es die neun Monate nie aus der Hand gegeben. Ich vergehe vor Angst, wenn ich das Kind hier lasse!" "So wollen Sie es mit auf die weite Reise nehmen?" "Nein, nein, das waere gar nicht auszuhalten, es zahnt und schreit so viel!" "Dann muessen wir eben eine Unterkunft suchen fuer den Kleinen. Am besten in der Krippe." "Mein Kind in die Krippe? Ach Gott, ich vergehe vor Heimweh nach dem Kind!" "Wenn Sie unter allen Umstaenden vergehen, kann ich Ihnen auch nicht helfen," entgegnete Frau Stegemann ungeduldig. "Entweder mitnehmen oder hier lassen--eines von beiden muessen Sie doch tun. Oder wissen Sie einen dritten Weg?" "Ach nein--aber--" "Nun also. Seien Sie recht dankbar, dass wir eine Krippe haben, in der man so einen kleinen Schreihals freundlich aufnimmt. Fuer heute nacht will ich das Kind nehmen und morgen in der Krippe nachfragen. Jedenfalls sorge ich fuer eine gute Unterkunft." "Aber kann ich Ihnen denn das zumuten? Es ist doch gar zu viel!" "Im Krieg hilft man zusammen. Ihr Mann ist ja auch fuer uns im Kugelregen gestanden! So sorgen wir auch fuer sein Kind. Haben Sie denn das Reisegeld?" "Ich hoffe, dass es reicht!" "Mit Hoffnungen kommen Sie am Schalter nicht aus. Ich will im Kursbuch nachsehen und Ihnen im Notfall etwas vorstrecken. Gehen Sie einstweilen und richten Sie alles!" "Ach, ich bin ganz wirr im Kopf vor Schrecken!" "Das passt jetzt gar nicht. Im Gegenteil, Sie muessen Ihre Gedanken fest zusammennehmen, damit Sie nichts vergessen." Die Frau eilte davon, Frau Dr. Stegemann ging in die Kueche zum Maedchen. Das hatte die Verhandlung gehoert. "Frau Doktor," sagte sie, "wenn ich nur haette dazwischen reden duerfen. Das Kind ist nicht gut zu haben, die Frau ist so unvernuenftig mit ihm, traegt es und kocht ihm bei Nacht, alle Leute im Hinterhaus sagen es. Frau Doktor, jetzt wird's doch zuviel fuer uns!" "Zuviel? Liese, im Kriegsjahr gibt's kein 'zuviel' fuer mich, und fuer Sie hoffentlich auch nicht!" "Aber seine Nachtruhe kann man doch wenigstens verlangen." "Meinen Sie? Fragen Sie doch Ihren Braeutigam, ob er sagen darf: 'Bei Nacht wird mir das Schiessen zuviel, da will ich meine Ruhe!'" "Wenn man auch immer an den Krieg denkt! Das tun nur Sie, Frau Doktor!" "Sie doch auch, Liese? Haben wir nicht miteinander zuerst das Backen abgestellt, und die Kuebel fuer das Schweinefutter eingefuehrt, und nicht geruht, bis sie nach und nach in der ganzen Strasse herauskamen? Ich moechte jetzt gar keinen Menschen um mich haben, der nicht immerfort fuehlt: 'Jetzt ist Krieg, wie helfe ich?'" Liese ueberlegte. "Dann will ich eben den kleinen Balg nehmen bei Nacht." "Den nehme ich schon selbst, denn Sie muessen morgens frueh heraus." Aber weder die Frau noch die Magd bekamen den kleinen "Balg" ans Bett, denn, als Frau Siebel das schlafende Kind brachte, streckte Helene die Arme nach ihm aus, fand es reizend in seiner Unschuld und bat so herzlich es ihr zu ueberlassen, dass niemand ihr die Freude nehmen wollte. Getrost konnte Frau Siebel ihren Liebling verlassen. In spaeter Abendstunde setzten Mutter und Schwiegertochter sich noch ein wenig zusammen. "Mir ist es, wie wenn ich in eine andere Welt versetzt waere," sagte Helene. "In deinem Haus weht ein ganz anderer Geist als bei uns. Ihr alle steht im Zeichen des Krieges. In meines Bruders Haus ist das nicht so, er ist von seinem Geschaeft hingenommen; auch wusste er, dass ich nichts hoeren wollte vom Krieg. Ja, ich gestehe dir's, nicht einmal an den Siegen konnte ich mich freuen, weil ich immer dabei empfand: mein Mann gehoert nicht zu den Helden, ich selbst habe ihn hinausgedraengt aus der tapferen Schar. Jetzt aber hast du diesen Druck von mir genommen; ich bin so gluecklich und bitte dich: verachte mich nicht um meiner Feigheit willen. Vielleicht kann ich auch noch tapfer werden; meinst du nicht?" Liebevoll zog die Mutter sie an sich. "Wer weiss," sagte sie, "ob ich als junge Frau die Probe bestanden haette, angesichts der rohen Maenner, die mit ihren Scheusslichkeiten die Frauen bedrohen. Niemand soll da ueber andere urteilen. Du wirst noch viel Gelegenheit haben, dich in Tapferkeit zu ueben, und ich auch. Wie lange werden wir in Unsicherheit bleiben muessen ueber das Schicksal unseres Helden. Und wenn eine Nachricht kommt, dann lautet sie vielleicht so grauenvoll, dass wir allen Mut brauchen, um sie zu ertragen. Aber es wird uns leichter werden, weil wir uns jetzt zusammen gefunden haben. Es ist gut, dass du gekommen bist!" "Ich moechte in dieser Zeit viel lieber bei dir leben. Aber ich muss doch bei der Kleinen bleiben, und die macht so viel Arbeit mit der Waesche und mit dem Ausfahren. Bei meinen Geschwistern mit den beiden Dienstmaedchen geht das viel leichter als hier. Sie nehmen mir alle Arbeit ab; meine Schwaegerin ist ruehrend besorgt und verwoehnt mich ganz." "Ich bin nicht fuer solch ruehrend verwoehnende Liebe," war der Mutter Antwort. "Aber," fuegte sie hinzu, "richte du dein Leben ein, wie du es fuer richtig haeltst." Helene wurde nachdenklich. Nach einer Weile sagte sie: "Fuer Gebhard ist es ja viel schoener hier. Meinen Geschwistern ist er fremd geblieben und er war auch gegen mich nicht mehr so zutraulich wie frueher. Erst hier ist er wieder ganz mein lieber, praechtiger Bub. Mutter, lass ihn mir nicht fremd werden!" Helene blieb bis ueber die Weihnachtsferien und fuehrte selbst noch Gebhard in die Schule ein. Sie sah, wie er jetzt dem Lehrer und den Mitschuelern frei und offen gegenuebertrat, da er nichts mehr zu verheimlichen hatte, und dass dem Kind warme Teilnahme entgegengebracht wurde. Und als er am zweiten Tag in der Pause seinen Leo holte, um ihn den Kameraden vorzustellen, da wusste sie, dass er heimisch wurde unter diesen. Sie konnte ihn getrost verlassen. Sie selbst aber vermisste auf der Heimfahrt ihren kleinen Reisekameraden und es war ihr, als entfernte sie sich noch mehr von ihrem Mann, indem sie seinen Sohn und seine Mutter verliess. Aber daneben wurde doch die Sehnsucht nach dem Toechterlein immer lebhafter. Es schlief, als sie heim kam. Beim Erwachen sah es befremdet nach der Mutter; fuer das kleine Menschenkind war die Zeit lang genug gewesen, um sie zu vergessen; aber die Erinnerung erwachte bald wieder. Es war ein lieblicher Anblick, wie die junge Mutter mit Kosen und Schmeicheln das Fremdsein besiegte und endlich von ihrem kleinen Ebenbild durch strahlendes Laecheln und zaertliche Hingabe wieder anerkannt wurde. Die Geschwister hatten es mit angesehen. "Wie erfrischt du aussiehst!" sagte der Bruder, "du hast dich so schwer zu der Reise entschlossen, aber sie hat dir sichtlich gut getan." "Ja, ja. Das Schwerste, was mich am meisten bedrueckt hatte, das hat mir die Mutter abgenommen. Ich habe ihr alles, alles anvertraut und das war gut, denn es ist ganz anders, als wir uns gedacht hatten: Nur um die Russen vom Haus wegzubringen und um sie falsch zu fuehren, ist mein Mann mit ihnen gegangen. Er hat ihnen nichts verraten!" "Woher habt ihr Nachricht bekommen? Erzaehle doch!" riefen die Geschwister. "Nachricht haben wir nicht, aber die Mutter weiss es dennoch, so gewiss wie wenn sie Nachricht haette. Sie kennt ihn und weiss, dass es ihm ganz unmoeglich ist, die Deutschen zu verraten." "Ach so!" sagte der Bruder gedehnt. Enttaeuschung und Unglaube lag in seinem Ton. Aber Helene sprach eifrig weiter: "Und ich bin auch fest ueberzeugt, dass sie recht hat. Sie hat mir erzaehlt, wie er schon als Bub so tapfer und treu war, aehnlich wie ja auch Gebhard ist, durch und durch zuverlaessig. Ich haette es ja selbst wissen koennen, aber ich war wie verblendet, weil ich selbst feig gewesen bin und mir das so schwer auf dem Gewissen lag." Bruder und Schwaegerin schwiegen. Helene fuehlte, sie waren nicht ueberzeugt. Was konnte sie noch sagen? "Wenn ihr nur selbst seine Mutter gehoert haettet, und sie sehen koenntet, wie sie so fest und wahr ist und wie sie und ihr ganzes Haus von dem erfuellt ist, was fuer den Krieg, fuers Vaterland geschehen muss. Ein ganz anderer Geist weht bei ihr als bei uns!" "Bitte sehr," wehrte der Bruder, "bei uns geschieht alles was recht ist und noch nie ist einer aus unserer Familie wegen Verrat in Verdacht gekommen!" "Ihr sollt auch von meinem Mann nichts Schlechtes mehr glauben, nein ihr duerft es gar nicht mehr fuer moeglich halten, das kann ich nicht mehr ertragen!" Sie zitterte vor Erregung. Die Schwaegerin beruhigte sie: "Rege dich nicht auf, Helene, ich glaube dir ja, aber von deinem Bruder kannst du das nicht gleich verlangen; Maenner geben nicht so viel darauf, wenn eine Mutter sagt: das kann mein Sohn nicht getan haben, denn keine Mutter will Schlechtes von ihrem Sohn glauben. Maenner glauben erst, wenn Beweise vorliegen." Beweise? Nein, _Beweise_ fuer seine Unschuld hatte Helene nicht, nur den Glauben daran; den Glauben, der sie so gluecklich gemacht hatte. O, nur fest daran halten und sich nicht irre machen lassen! Sie sprachen nicht weiter darueber, denn keines wollte das andere reizen. Freundlich fuehrte Herr Kurz seine Schwester an den reich besetzten Tisch. Aber was sie noch vor wenigen Tagen harmlos angenommen hatte, machte ihr jetzt Bedenken. Kriegsmaessig war das nicht, was hier aufgetischt wurde. Die Geschwister liessen sich nichts abgehen, dachten auch nicht weiter daran, welche Nahrungsmittel knapp waren im Land, welche verbraucht werden sollten. Doch wagte sie nicht, dem Bruder wieder das Haus Stegemann als Vorbild zu ruehmen. So schwieg sie darueber. Aber waehrend sie die ueppige Mahlzeit mit ihnen teilte, bedrueckte es sie, die Gastfreundschaft zu geniessen von Menschen, die ihrem Mann Schlechtes zutrauten; sie konnte sich nicht wohl fuehlen bei ihnen, trotz aller Liebe, die sie ihr erwiesen. In den Wochen, die nun kamen, kaempfte sie einen schweren Kampf gegen das Heimweh nach ihrem verlorenen Glueck und gegen die Sehnsucht bei denen zu sein, die mit ihr durch die Liebe zu ihrem Manne verbunden waren. Sie klammerte sich an den Trost, den ihr die treuen Briefe der Mutter brachten, und schrieb fast taeglich an sie und an Gebhard. In seinen kindlichen Briefen suchte sie nach den seltenen Worten, die etwas von der Anhaenglichkeit aussprachen, die ihr so kostbar war. So vergingen ihr die dunklen Wintermonate langsam und schwer. Achtes Kapitel. Unter dem offenen Tor des Schulhofes stand Gebhard mit einigen Kameraden. Auch Leo war dabei. Er war heute wie so manchesmal gekommen, seinen kleinen Herrn abzuholen. Es genuegte, dass Frau Dr. Stegemann dem Tier die Tuere oeffnete und sagte: "Such den Herrn!" Er sprang dann in grossen Saetzen der Schule zu, wartete am Hoftor, bis sich die Klassen entleerten, erkannte sofort die Klasse, zu welcher Gebhard gehoerte, draengte sich zwischen den Schuljungen hindurch zu dem einen, dem er angehoerte. Viele der Kameraden hatten ihren Spass daran, einer beachtete den Hund noch ganz besonders; ein lebhafter Pfaelzer war es. Er hatte einen Vetter, der Sanitaetshundefuehrer gewesen, jetzt aber verwundet im Lazarett untergebracht war. Dem hatte er schon oft von Gebhards Hund gesprochen, und ebenso erzaehlte er Gebhard viel von den Leistungen des Hundefuehrers. So waren die beiden laengst begierig, sich kennen zu lernen. Heute nun, als Gebhard aus dem Schulhof trat, stand da an der Mauer ein Feldgrauer, den Arm in der Binde. Ein ganz junger Soldat war es, sah stramm und gesund aus. "Das ist der Sanitaetshundefuehrer," sagte der kleine Pfaelzer und der Soldat begruesste Gebhard freundlich: "Ich wollte mir nur einmal deinen Hund besehen," sagte er, "ich muss sagen, er gefaellt mir wohl! Wie ein Pfeil ist er die Strasse daher gesaust und dann regungslos am Tor stehen geblieben. Die Buben von der andern Klasse hat er gar nicht beachtet. Es ist ein gut gezogenes Tier. Ich gehe naemlich wieder als Hundefuehrer hinaus und da muss ich mich halt jetzt umsehen nach einem andern Hund, denn der meinige ist im Feld geblieben." Gebhard sah den Soldaten, der immer pruefend auf den Hund blickte, mit grossen Augen an. "Aber meinen gebe ich nicht her!" Der Hundefuehrer wandte sich an seinen jungen Vetter. "Ich war der Meinung, er sei zu verkaufen, du hast doch so etwas gesagt?" Der Schlingel lachte. "Bloss damit du einmal an die Schule kommst und den Hund anschaust, ob der wohl zum Sanitaetshund gut waere." "Ja," sagte Gebhard, "dann ginge ich, wenn ich gross bin auch als Fuehrer mit ihm in den Krieg." Der Feldgraue lachte: "O Buben, was schwaetzt ihr! Bis ihr gross seid, ist doch der Krieg laengst aus und _so_ aus, dass nicht gleich wieder jemand sich traut mit uns anzubinden. Und der Hund waere auch bis dahin zu alt, jetzt waere er gerade recht. Aber ich glaub's gern, dass du ihn nicht hergibst," sagte er freundlich zu Gebhard, dessen Hand streichelnd auf Leos Kopf ruhte. Dieser Ton ermutigte Gebhard zu Fragen, die ihn laengst beschaeftigt hatten. "Ich kann mir gar nicht denken," sagte er, "wie ich meinen Hund lehren sollte, dass er Fremde aufsucht, Verwundete. Wie haben Sie denn das gemacht?" "Das ist nicht so schnell gesagt und hat ja fuer dich auch keinen Wert." "Ich haette es nur so gern gewusst." Der kleine Vetter legte sich ins Mittel. "Du kannst es ihm doch sagen!" "Wenn ihr einmal herauskommt auf das Gelaende hinter dem Lazarett, kann ich's euch zeigen." "Vielleicht gleich naechsten Mittwoch? Da haben wir frei," rief Gebhard. "Nun also, Mittwoch, um 3 Uhr. Ausgemacht!" Gebhard kam ganz im Glueck ueber diesen Vorschlag nach Hause. Die Grossmutter war gleich fuer den Plan zu haben. Aber am Mittwoch Nachmittag wirbelte Schnee und Regen durcheinander, es war zweifelhaft, ob der Verwundete bei diesem Unwetter ausgehen durfte. Missmutig stand Gebhard am Fenster, schaute hinunter auf die Strasse, ob es denn wirklich so schlimm aussaehe. Nur wenige Menschen waren zu sehen, unter diesen aber ein Soldat, ein junger Feldgrauer, und der--Gebhard sah es mit zunehmender Erregung--der war kein anderer als der Hundefuehrer und kam geradewegs auf das Haus zu, drueckte auch schon auf den Klingelknopf! Gebhard stuerzte hinaus, oeffnete und wurde ganz rot vor stolzer, freudiger Erregung, dass dieser Feldgraue zu ihm kam. Zwar wollte der nicht ins Zimmer hereinkommen, sondern bloss sagen, dass er bei dem schlechten Wetter die Uebung leider nicht machen duerfe; aber er wurde bald mit warmen Worten von Frau Dr. Stegemann wie von den beiden Enkelinnen ueberredet, in das Wohnzimmer zu kommen und sich an den Kaffeetisch zu setzen. Einen Feldgrauen zu Gast zu haben, war immer eine Freude und so ein Sanitaetshundefuehrer war noch ganz besonders willkommen. Die Hausfrau verstand es, den bescheidenen jungen Mann zum Sprechen zu bringen. Im September war es gewesen, da hatte er, der siebzehnjaehrige Freiwillige, zum erstenmal seinen Hund erproben koennen. "Das war im Gefecht bei Ch.," erzaehlte er, "die Unsrigen hatten einen harten Stand gegen die Uebermacht; aber am Nachmittag musste der Feind weichen. Unsere Kompagnie sammelte sich, die Sanitaeter suchten die Verwundeten auf und die Kameraden trugen die Toten zusammen. Am Abend wurden alle Namen festgestellt; da hiess es: Es fehlen noch 5 Mann. Jetzt, wo sind die? Niemand konnte Auskunft geben. Auf dem Feld lag keiner mehr, aber vielleicht im Wald. Von dem Argonnerwald macht man sich aber bei uns keinen Begriff, der ist so dicht mit Unterholz und Gestruepp verwachsen, dass man gar nicht vorwaerts kommt; wenigstens ist's so in der Gegend, wo wir waren. Wenn sich da ein Mensch hinein verschlupft, sieht man ihn beim hellen Tag nicht, geschweige in der Nacht. Also fuenf fehlen. Soll man die liegen lassen? Vielleicht verbluten sie sich oder holen sie sich den Tod auf dem nassen, kalten Waldboden. Ich war bei unserer Truppe der einzige, der einen Hund hatte. Jetzt, denke ich, muss der seine Kunst zeigen. Ich fuehre ihn in der Dunkelheit bis dicht an den Wald, dann mache ich ihn los vom Strick und geb ihm den Befehl: 'Such verwundet.' Der Hund saust gleich davon, in den Wald hinein. Eine Weile hoere ich noch rascheln und knacken, dann wird's ganz still und ich steh da im Nebel und es rieselt eiskalt auf mich herunter und wird mir ganz unheimlich, so allein in der stockfinsteren Nacht. Mein elektrisches Laempchen habe ich wohl in der Tasche, aber das spart man fuer die aeusserste Not. Ich weiss nicht, wie lang das waehrte, mir kam's eine Ewigkeit vor, da hoere ich in der Ferne so ein kurzes, wiederholtes Bellen und merke gleich: Mein Tell hat einen gefunden! Da ist mir's siedheiss vor Freude aufgestiegen, ich pfeife und lass mein Laempchen in den Wald blitzen und jetzt knistert und kracht es wieder und mein Tell kommt mit einer Soldatenmuetze im Maul. Schnell lege ich ihm die Leine an und rufe ihm zu: 'Fuehr mich!' Er zieht an und fuehrt mich durchs Dickicht am Waldessaum eine ganze Strecke. Da bleibt er ploetzlich stehen. Ich hoere ein Stoehnen und sehe vor mir einen unserer Vermissten, ein Landwehrmann war's. Wie hat der Mensch sich gefreut und wie war er dankbar fuer einen Schluck aus meiner Feldflasche! Einen Schuss in den Oberschenkel hatte er, und so grossen Blutverlust, er hat sich nicht ruehren koennen vor Schwaeche und Schmerzen. Ich habe ihm einen Notverband angelegt, habe ihn mit seinem Mantel gut zugedeckt und ihm versprochen, dass ihn die Traeger holen wuerden. Allein haette ich ja den Weg in der Nacht nicht zurueckgefunden, es war mir selbst wie ein Wunder, dass mich mein Tell wieder herausgeleitet hat aus dem finstern Wald und bis zur Truppe. Dort waren gleich ein paar von unseren Leuten bereit, den Verwundeten mit der Bahre zu holen. Mein Tell hat uns wieder gefuehrt und wir haben unsern Landwehrmann gluecklich zum Verbandplatz gebracht. In derselben Nacht haben wir noch einen zweiten aufgespuert und errettet. Die andern fand Tell gegen Morgen; einer war aber schon verblutet. Haetten wir mehr Hunde mit Fuehrern gehabt, waere der vielleicht auch noch gerettet worden." Der Soldat schien fertig mit seiner Erzaehlung; aber alle haetten gern noch mehr gehoert. "Bei welcher Gelegenheit sind Sie denn zu Ihrer Verwundung gekommen?" fragte Frau Dr. Stegemann. "Ja, das war eben einmal, wo unsere Verwundeten ganz nahe am Feind lagen. Das ist immer das gefaehrlichste. Wenn es so steht, dann bindet man den Hunden den Fang zu, dass sie keinen Laut geben koennen; das haben sie zwar nicht gern. Mein Tell hat sich's anfangs gar nicht gefallen lassen; aber er hat es doch gelernt. Auch wie ich das letzte Mal mit ihm draussen war und mit den Traegern ganz nahe an den vordersten Schuetzengraben der Franzosen gekommen bin, hat er uns nicht verraten, sondern hat uns lautlos herangefuehrt; aber die Verwundeten haben gestoehnt und um Hilfe gerufen, wie sie uns bemerkten. Darauf ist die Schiesserei bei den Franzosen losgegangen. Sie haben aber nur mich getroffen, so dass ich noch selbst habe zurueckgehen und mit der linken Hand den Hund fuehren koennen; unsere Leute haetten sonst in der Nacht nicht zurueckgefunden. So haben wir doch unsere Verwundeten noch gerettet, das hat mich riesig gefreut. Nachher bin ich ohnmaechtig geworden; und wie ich im Lazarett aufgewacht bin, haben mir die Kameraden gleich zugerufen, ich bekaeme das Eiserne Kreuz. Nun, ich will's spaeter noch besser verdienen; sobald es nur angeht, ziehe ich wieder hinaus. Mein Tell wird jetzt von einem Kameraden gefuehrt, und ich muss schauen, dass ich wieder einen Hund abrichte. Er muss halt folgen und klug sein, bissig darf er auch nicht sein und nicht mit andern Hunden raufen oder auf Wild jagen. Es gibt nicht viele solche und wer so ein Tier hat, der verkauft's nicht, gelt du?" Er wandte sich mit dieser Frage an Gebhard. Aber Grete und Else, die beiden lebhaften Maedchen, die nicht weniger eifrig als Gebhard dem Soldaten zugehoert hatten, liessen ihn nicht zur Antwort kommen: "Ich wuerde meinen Hund gleich verkaufen!" rief Grete mit Begeisterung! Und Else: "Ich auch, recht teuer; um das Geld wuerde ich lauter Sockenwolle, Zigarren und Schokolade kaufen und Paeckchen an die Soldaten schicken oder ich gaebe es fuer die Ostpreussen." "Die Fraeulein haben gut reden," sagte der Soldat, "die haben keinen Hund und wissen nicht, wie lieb man solch ein Tier hat. Ich haette meinen Tell auch um viel Geld nicht hergegeben, ich kann's von einem andern auch nicht verlangen. Wo hast du denn deinen Leo?" "Im Hof." "Da hast du recht. Lass ihn nicht viel ins Zimmer, sonst wird er verweichlicht." Der Soldat hatte sich neben dem Erzaehlen den Kaffee wacker schmecken lassen; Frau Dr. Stegemann nahm die leere Kanne, ging hinaus, zu sehen, ob draussen noch Vorrat waere. Gebhard folgte ihr in die Kueche. "Grossmutter, gelt, ich muss meinen Leo nicht hergeben?" "Niemand kann das von dir verlangen." "Grossmutter, gelt der Soldat hat recht, Grete und Else wissen nicht, wie gern ich meinen Leo habe, aber du weisst es doch, Grossmutter!" "Ich weiss es freilich, er ist dein liebster, treuster Kamerad! Und er ist dir auch ein Andenken an den Vater, ans Forsthaus, an die liebe, alte Heimat. Du wuerdest ihn alle Tage vermissen, weil dein Herz an ihm haengt." "Ja, ja, gerade so ist's wie du dir's denkst, Grossmutter. Leo koennte es auch gar nicht verstehen. Vorhin war's mir, als muesste ich ihn hergeben, weil man ihn im Krieg so noetig brauchen koennte, aber ich bin froh, dass du selbst sagst, ich soll ihn behalten." "Das habe ich nicht gesagt, Gebhard, und kann es auch nicht sagen. Nur du selbst kannst wissen, ob du dein Liebstes fuers Vaterland hergeben musst oder nicht!" "Nein, Grossmutter, sage mir, was du meinst." "Ich meine, du gehst jetzt einmal hinunter zu deinem Leo und ich trage den Kaffee in das Zimmer!" "Ich will aber doch wissen, was du denkst!" Die Grossmutter ueberhoerte den aergerlichen Ausruf ihres Enkels und kehrte in das Zimmer zurueck. Gebhard stand noch einen Augenblick voll Aerger und Unmut da, dann tat er doch, was die Grossmutter gesagt; er ging hinunter in den Hof, an dessen Zaun der Hund sofort hoch sprang und freudig seinen kleinen Herrn begruesste, der ihn diesmal mit stuermischer Zaertlichkeit umschlang und ihm einmal ums andere zurief: "Du wirst nicht verkauft, Leo, nein, nein! Wir zwei bleiben beisammen!" Droben im Zimmer machte der bescheidene junge Gast Umstaende, noch weiter dem Kaffee zuzusprechen und noch laenger zu verweilen. "Ich meine," sagte die Grossmutter, "nach dem wochenlangen Lazarettleben duerfen Sie sich's wohl einmal wieder behaglich machen in einem Familienzimmer. Sagen wir: noch eine Tasse, eine Zigarre und eine Viertelstunde plaudern, und dann soll's genug sein. Wir gehen dann auch wieder an unsere Arbeit." "Ja, so ist's fein," meinte der junge Mann, sah auf seine Taschenuhr und gab sich noch einmal dem seltenen Genuss hin, am behaglichen Familientisch zu sitzen und von seinem Elternhaus erzaehlen zu duerfen. Die Viertelstunde war fast verstrichen, da kam auch Gebhard wieder herauf und trat ins Zimmer, seinen Leo an einer kurzen Leine fuehrend. Stramm ging er auf den Soldaten zu, hochgemut leuchteten seine Augen; er glich selbst schon einem Fuehrer, der mit seinem Hund einen schweren Gang wagen will. Der Soldat unterbrach seine Erzaehlung und wandte sich dem Knaben zu. Der trat dicht heran und rief seinem Hund zu: "Leo leg dich still!" Das Tier legte sich gehorsam neben den fremden Mann. Nun reichte Gebhard dem Soldaten die Leine und sagte fest: "Ich schenke meinen Leo dem Vaterland." Er liess die Leine los, sie lag nun in des Fuehrers Hand. Der junge Soldat fand gar nicht gleich Worte, so ueberrascht war er, so bewegt, als er sah, wie Gebhard zu seiner Grossmutter trat und zu ihr sagte: "Ich habe es _doch_ tun muessen, Grossmutter!" Sie zog ihn an sich heran. "Es wird dich nicht reuen," sagte sie. Aber der Feldgraue machte Einwaende: "Ich kann das gar nicht annehmen von dem Kind, es tut ihm weh. Nein, das Opfer ist zu gross!" "Ei was, wer wird darueber so viel Worte machen," wehrte Frau Stegemann und wandte sich an Gebhard: "So ein kleiner Bursche wie du hat nicht leicht das Glueck, dass er dem Vaterland etwas wertvolles opfern kann, das darf wohl auch wehtun, sonst waere es ja gar kein Opfer!" "Es tut weh, Grossmutter!" "Ich glaube dir's wohl, mein lieber Bub!" Sie sah, dass der kleine Mann sich mit aller Macht wehrte, die Traenen zurueckzuhalten und kam ihm zu Hilfe, indem sie sich an den Soldaten wandte. "Nun werden Sie erst erproben muessen, ob Leo wirklich brauchbar ist als Sanitaetshund." "Ja, aber ich zweifle nicht, es wird sich bald zeigen. Ein feines Tier ist das. Ich kann's gar nicht so aussprechen, wie dankbar ich dafuer bin. Nach dem Krieg--wenn wir's erleben--bringe ich dir aber deinen Leo zurueck, Gebhard, dann soll er wieder dir gehoeren." Das war eine schoene Hoffnung, Gebhard sah schon wieder froehlich aus. "Und schreiben will ich dir auch und dir berichten, wieviel er leistet." "Ja, ob er solche Verwundete aufspuert, die sonst umgekommen waeren." "Gebhard saehe wohl gerne zu, wenn Sie den Hund abrichten. Koennten Sie das einrichten?" fragte die Grossmutter. "Aber natuerlich, das wollen wir schon so machen. Ich kann ja an das Schulhaus kommen, dann verabreden wir es miteinander. Zuerst muss ich es im Lazarett melden, so lange bleibt dir dein Leo noch. Lass doch sehen, ob er sich nicht losreisst von mir, wenn du hinausgehst." Gebhard ging auf die Tuere zu, der Hund erhob sich, zog an der Leine, wollte folgen.--"Leo, liegen bleiben!" rief ihm sein kleiner Herr zu, und verliess das Zimmer. Das Tier legte sich, aber es winselte leise. "Er ist doch sonst hie und da im Zimmer ohne Gebhard, da winselt er nie!" bemerkte Else. "Er merkt, dass mir die Leine uebergeben ist und das beunruhigt ihn, Sie werden gleich sehen!" Der Soldat liess die Leine zu Boden gleiten, sofort war der Hund still. "Ein kluges Tier! Und so fein erzogen!" "Mein Sohn versteht das, Gebhards Vater." "Ist Ihr Herr Sohn auch im Feld?" "Im Feld nicht, aber in russischen Haenden. Was sie ihm getan haben und ob er noch lebt, das wissen wir nicht." "Oh, ich habe keine Ahnung gehabt, dass Sie so eine Sorge haben," sagte der junge Mann und stand auf. "Da sitze ich und plaudere Ihnen vor, und nehme dem Kind noch seine groesste Freude weg, das geht doch nicht." "Es geht schon. Gebhard ist ein tapferer, kleiner Mann, nach seinem Vater geraten. Es ist gut, sich schon in jungen Jahren an Opfer und Entbehrungen zu gewoehnen, so wachsen Helden heran." Der Soldat verabschiedete sich, Gebhard gab ihm noch ein Stueck Weges das Geleite. Der Hund ging zwischen ihnen, die Leine wanderte unversehens von einer Hand in die andere. Soldaten gingen vorueber, gruessten den Kameraden mit dem Hund, sahen auch freundlich nach dem kleinen Burschen, denn der gruesste heute einen jeden. Er konnte gar nicht anders. Hatte er doch den Soldaten zu lieb seinen Leo geopfert, so sah er sie alle mit dem Gedanken an: Vielleicht rettet er euch einmal das Leben! Neuntes Kapitel. Wochen waren vergangen. Helene lag auf ihrem Ruhebett, das letzte Briefchen Gebhards in der Hand. Sie hatte sich allmaehlich daran gewoehnt, manche Stunde so liegend zu vertraeumen. Arbeit gab es nicht fuer sie in diesem Hause; fuer ihr Toechterchen war ein Kindermaedchen gedungen worden; denn die Geschwister wuenschten nicht, dass sie das Kind selbst ausfahre; an dem geselligen Verkehr ihrer Schwaegerin mochte sie nicht teilnehmen, dazu war ihr Herz zu schwer. Heute war fuer sie ein besonders wehmuetiger Tag, ihr Hochzeitstag jaehrte sich zum zweiten Mal. Und sie wusste nicht: war sie Witwe oder lebte der noch, der ihr ganzes Glueck gewesen? Nichts war ihr aus jener Zeit geblieben als das Kleine, das neben ihr lag und schlief. Sie schaute nach dem Kind, aber sie konnte es nicht mehr mit derselben Freude ansehen wie frueher, sie bedauerte es. Ohne den Vater sollte es aufwachsen, mit einer Mutter, die nicht mehr frisch und froehlich war wie einst. Sie kam sich selbst wie ein fluegellahmer Vogel vor. Mutlos sank sie wieder auf ihr Ruhebett zurueck. Eine Weile spaeter trat leise das Kindermaedchen ein, blickte nach der schlafenden Kleinen. "Ich will nicht stoeren," sagte das Maedchen, "wollte nur die Post bringen." Sie gab einen Brief ab und verliess das Zimmer. Gleichgiltig oeffnete Helene den Umschlag. Es war ihr alles so einerlei, nur wenn von seiner Mutter ein Brief kam, das freute sie, darin wehte immer etwas von seinem tapfern Geist. Aber dies schien von einer Maedchenhand geschrieben. Liegend las sie; es waren nur ein paar Worte, aber Worte, die sie auffahren liessen, ihr Herz klopfen machten, ihr schier unglaublich schienen, so dass sie ihren Augen nicht traute und einmal ums andere las, was da stand: "Ihr Mann lebt und gruesst Sie tausendmal!" So lebhaft war Helene aufgesprungen, dass ihr Toechterchen davon erwachte. "Mam-mam," klang es aus dem Korbwagen. "Mam-mam? Ja, und Pa-pa! Juengferlein, der Papa lebt und laesst uns tausendmal gruessen!" Sie nahm das Kind heraus, drueckte es jubelnd an sich und lachte so, dass das Kleine auf ihrem Arm ganz uebermuetig wurde. Aber nach dieser ersten ueberquellenden Freude kamen der jungen Frau allerlei Fragen.--Warum schrieb ihr Mann nicht selbst? Konnte er nicht? War er so krank? Wenn man nur mehr wuesste! Aber es war doch eine Spur aufgefunden, die konnte man verfolgen. Das musste sie mit seiner Mutter besprechen, zu der gehoerte sie jetzt. Ein heisses Verlangen trieb sie zu ihr und zu Gebhard; wie wuerde der jubeln! Sie eilte hinaus, um Bruder und Schwaegerin den Brief zu zeigen und sich mit ihnen zu beraten. Die Geschwister konnten zwar nicht einsehen, dass Helene auf diese Nachricht hin unbedingt abreisen muesse, aber sie hatten beide den Eindruck, dass gegen diesen stuermischen Wunsch gar nichts zu machen sei. Sie war ja wie verwandelt, die vorher so matte, niedergeschlagene Frau. Man musste sie gewaehren lassen. So folgte Helene dem Drang ihres Herzens und frug bei der Mutter an, ob sie zu ihr kommen duerfe mit dem Toechterchen und bei ihr bleiben, damit sie alle beisammen waeren, wenn ihr Mann kaeme. Er lebte--also kam er, wer konnte wissen, wie bald! Frau Dr. Stegemann antwortete sofort und hiess Helene mit dem Kind willkommen. In Eile wurden die Reisevorbereitungen getroffen. Helene war beim Abschied bewegt. Wie gastfreundlich hatten die Geschwister sie aufgenommen. "Ihr wart so geduldig mit mir in dieser langen, truebseligen Zeit," sagte sie. "Uns war es nicht zu lange," erwiderte der Bruder mit Herzlichkeit. "Du kannst jederzeit wiederkommen, du weisst, wir haben dich lieb!" "Und ich euch, von Herzen. Aber mein Mann gehoert auch dazu. Wenn ich ihn erst wieder habe, muesst ihr ihn recht kennen lernen. Dann wird alles ganz schoen!" "Gott gebe es!" Die Geschwister trennten sich, der Zug fuhr ab. Und kaum war Helene mit ihrem Toechterlein allein, so zog sie wieder ihren Brief aus der Tasche; denn sie konnte nicht oft genug die Worte lesen: "Ihr Mann lebt und gruesst Sie tausendmal!" Helene hatte nichts mitgeteilt von der Botschaft, die sie erhalten hatte. Muendlich wollte sie der Mutter die Nachricht ueberbringen, wollte ihre und Gebhards Freude miterleben. Da sie nun mit einem frueheren Zug, als man sie erwartet hatte, ankam, fand sie die Wohnung fast leer, nur das Maedchen empfing sie. So richtete sie sich ein in dem Gastzimmer, besorgte ihr Kindchen und wartete gespannt, wer zuerst heimkaeme. Immer wieder trat sie ans Fenster, sah endlich ein paar Schuljungen auf das Haus zukommen und erkannte unter ihnen Gebhard. Die Kameraden hatten sich viel zu sagen, konnten sich lange nicht trennen, sie hatten eben einer Uebung des Sanitaetshundes Leo beigewohnt und waren noch erfuellt davon. Die junge Frau konnte nicht laenger warten, oeffnete das Fenster und rief Gebhards Namen; der blickte auf, loeste sich aus der Gruppe, rannte der Haustuer zu und oben angekommen umschlang er die Mutter, die strahlend vor Freude vor ihm stand. Er hatte gar nicht mehr gewusst, dass sie so lieblich aussah, wie jetzt in ihrem Glueck, und es ueberkam ihn so ploetzlich die Erinnerung, wie Vater und Mutter beisammen gewesen, dass ihm Traenen in die Augen stiegen. Er begriff nicht, was ihn so bewegte und sagte hilflos: "Ich freue mich doch so, aber das ist immer so dumm, wenn man sich freuen will, dann kann man's nicht, ohne den Vater!" "Doch Gebhard, jetzt koennen wir's wieder! Denn wir wissen jetzt, dass der Vater lebt. Sieh nur, den Brief habe ich bekommen, darin steht: Der Vater lebt und gruesst uns tausendmal!" Kaum hatte Gebhard die Nachricht erfasst, so erklang draussen ein wohlbekanntes Klingeln: "Das ist die Grossmutter, darf ich's ihr sagen, Mutter?" "Wir miteinander!" Sie nahmen sich an der Hand, Gebhard lachte, wie die Mutter so leichtfuessig mit ihm springen konnte. Sie kamen dem Maedchen noch zuvor. Die Grossmutter wurde von beiden Seiten umfangen und hoerte nichts als: Er lebt und gruesst uns tausendmal! Auf diese freudige Erregung folgten Wochen des Wartens. Aber sie brachten fuer Helene nicht mehr vertraeumte Stunden auf dem Ruhebett; in diesem altmodischen Haus gab es ueberhaupt gar kein Ruhebett. Frau Dr. Stegemann kannte auch keine Mittagsruhe. Sie war der Meinung, dass es fuer gesunde Menschen genuege, bei Nacht zu ruhen und begriff nicht, dass junge Menschen so viele Stunden ihres Lebens ohne Arbeit oder Vergnuegen, in blossem Nichtstun zubringen mochten. Helene fand sich schnell in diese Auffassung und kam durch Arbeit hinweg ueber die Enttaeuschung, dass der ersten Nachricht keine zweite folgte und alle Nachforschungen fruchtlos blieben. Sie besorgte ihr Kindchen selbst und war bald auch in allerlei Arbeit fuer andere mit hineingezogen. Zuerst durch die junge Schustersfrau, die inzwischen Witwe geworden war. Ihr musste man helfen Verdienst zu suchen, und dabei hoerte man von anderen, die in aehnliche Not geraten waren. Da gab es fuer Helene viele Gaenge zu machen, aufzumuntern und Hilfe zu schaffen. Ihre beiden jungen Nichten, Else und Grete, waren eifrige Woll- und Metallsammlerinnen fuers Vaterland, hatten auch Gebhard mit hereingezogen und so gab es in der ganzen Familie kaum eine Taetigkeit, selten ein Gespraech, das nicht mit dem Krieg zusammenhing. Ueber all dem verstrich rasch die Wartezeit und ging der kalte Vorfruehling ueber in einen Mai, so wonnig, dass all die Krieger im Feld und ihre Treuen daheim aufatmeten nach dem schweren Winter. Und einer dieser wonnigen Maitage loeste auch das geheimnisvolle Dunkel, das bisher ueber dem Schicksal des Foersters gewaltet hatte. Helene war mit ihrem Toechterchen und den grossen Kindern den Nachmittag im Wald gewesen, nun kamen sie zurueck mit grossen Straeussen von Waldblumen und jungem Gruen; ein ganzer Fruehlingseinzug war es, als all diese Jugend heimkehrte und froehlich die Grossmutter begruesste. Die musste sich gleichzeitig von jedem erzaehlen lassen, wie schoen es im Wald gewesen, musste die Straeusse in Empfang nehmen, die fuer sie gepflueckt waren, und konnte sich in all der Kinderunruhe kaum Gehoer verschaffen. Aber als Helene mit den Kindern in die grosse Wohnstube ging, da folgte ihnen die Grossmutter nicht, sondern bemerkte nebenbei zur Schwiegertochter: "Wenn du die Kleine besorgt hast, so komm zu mir herueber. Ich habe dir etwas zu sagen." Helene sah die Mutter an und ein einziger Blick verriet ihr, dass sie eine tiefe Bewegung beherrschte. Sie wusste: eine Nachricht war gekommen! "Else, Grete," bat sie, "tut ihr mir's zuliebe, die Kleine auszuziehen, Gebhard hilfst du?" Und ehe noch Antwort gekommen, setzte sie das Kind, das sie auf dem Arm gehabt, mitten unter die drei Grossen auf den Boden und folgte der Mutter. "Ist ein Brief gekommen? Von ihm? An mich?" "An mich, aber deswegen nicht weniger an dich. Komm, setze dich zu mir. Und sei tapfer, Helene!" Bei diesem Wort wurde die junge Frau blass. "Sind es keine guten Nachrichten?" "Wie kannst du _gute_ Nachrichten erwarten? Nicht wahr, wir haben uns laengst gesagt, dass wir aufs Schlimmste gefasst sein muessen. Aber er lebt doch und wird wiederkommen!" Sie nahm den Brief zur Hand. "Er ist von einer Pflegeschwester geschrieben, aus einem Berliner Lazarett, Rudolf hat ihn diktiert. Ich will dir ihn vorlesen." Sie las mit fester Stimme: "Liebe Mutter, wie ein Traum ist mir's noch, dass ich dir einen Brief schicken kann, wie ein Wunder, dass ich wieder im deutschen Vaterland bin. Noch vor kurzem hatte ich keine Hoffnung, je aus dem Feindesland herauszukommen. Fremde Menschen haben sich meiner angenommen, mich mit eigener Lebensgefahr ueber die Grenze gebracht. Aber bald, bald werde ich dir das alles muendlich erzaehlen, nur auf eines soll dich dieser Brief vorbereiten, ehe du mich wiedersiehst. Deine starke Seele wird es ertragen, wenn ich dir sage, was mir geschehen ist. Die Russen haben grausame Rache an mir veruebt, als ich ihnen die Stellung der Deutschen nicht verraten wollte. Mutter, sie haben mir das Augenlicht genommen. Ich bin blind. Und nicht nur das, ich bin auch, das weiss ich, ein grauenvoller Anblick, und dies quaelt mich vor allem bei dem Gedanken an meine junge, weiche, fein empfindende Frau, die so etwas nicht ertragen kann." Das Vorlesen wurde unterbrochen durch einen schmerzlichen Aufschrei: "O Mutter, wie grausig!" Laut schluchzend drueckte Helene beide Haende vor das Gesicht, wie wenn sie verdecken wollte, was sie im Geist vor sich sah. Sie weinte bitterlich, es war nicht moeglich, weiter vorzulesen. Mitleidig sah die Mutter auf die Trostlose. "Fasse dich, Helene; nicht wahr, wir wussten schon lange, dass er in den Haenden grausamer Feinde war, und hatten uns auf das Schlimmste vorbereitet." "Ich nicht, Mutter, ich habe mir solch schreckliche Gedanken immer fern gehalten." Das konnt