The Project Gutenberg EBook of Drei Gaugoettinnen, by E. L. Rochholz This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at www.gutenberg.net Title: Drei Gaugoettinnen Author: E. L. Rochholz Release Date: April 13, 2004 [EBook #12012] Language: German Character set encoding: ASCII *** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DREI GAUGOeTTINNEN *** Produced by Delphine Lettau and PG Distributed Proofreaders Drei Gaugoettinnen Walburg, Verena und Gertrud als deutsche Kirchenheilige. Sittenbilder aus dem germanischen Frauenleben von E.L. Rochholz. 1870 * * * * * Vorwort. Den ersten fruehzeitigen Anlass, in den drei heiligen Frauen, deren Namen die nachfolgende Schrift am Titel traegt, drei naechstverwandte Wesen aus der deutschen Goetterlehre zu erblicken, hat der Verfasser in den Perioden seines akademischen Juenglingsalters und waehrend der ersten Jahre seines Berufslebens empfangen, als er noch auf Jagdgaengen, Ferienreisen und Abteibesuchen der Erkundung oertlicher Alterthuemer nachzog und in andauerndem Verkehre mit der Natur und der Bevoelkerung den damals herrschend gewesnen Glauben theilte, das Volksgedaechtniss sei ein Archiv, welches dem Forscher den Mangel an Urkunden ergaenzen helfe. Waehrend sich ihm letzteres bald als eine gemuethliche Taeuschung erweisen musste, war ihm darueber doch das Glueck beschert, reichliche, nachhaltige Anschauungen in sich anzusammeln, deren freundlich fesselnde Gewalt einen einmal in uns erwachten Plan auch unter unerwartet eintretenden Lebensaenderungen nicht mehr veralten laesst. Und so erklaert sich der Ursprung unseres Buches als eine frueh erworbene, in langer Zeitdauer gereifte und hier erst spaet zur Mittheilung gebrachte Lebensanschauung der Art, von welcher bei Goethe (Bd. 44, 193) das runde Wort steht: "Was man nicht gesehen hat, gehoert uns nicht und geht uns eigentlich nichts an." Als uns vor nun bald vierzig Jahren in den heimatlichen Thaelern der Altmuehl und des Mains der hier sesshafte Cultus der hl. Walburgis und Gertrud begegnete und nicht lange hernach in den schweizerischen der Aare und des Oberrheins uns ebenso derjenige der hl. Verena naeher bekannt wurde, zeigten schon die bestimmt abgegrenzten Landschaftsmarken, innerhalb deren der Cult jeder dieser drei Heiligen seit aeltester Zeit bis auf die Gegenwart herrschend geblieben ist, dass diese Drei hier nicht etwa die Patrone oder Lieblingsheiligen ihres Bisthums, sondern die Schutzheiligen ihres politischen Gaues in einer Periode gewesen waren, als dessen politische Grenzen noch keineswegs mit denen des Kirchensprengels zusammenfielen. Waren die Heiligen aber dieses und also zeitgenoessisch gewesen mit der aeltesten Gaueintheilung dieser Landstriche selbst, so war hier ihr Bestand ueberhaupt ein aelterer, als der durch die Kirche veranlasste je hatte sein koennen. Und also fuehrte uns die _Gauheilige_ in rueckschreitender Metamorphose auf die _Gaugoettin_. Gegen diese Folgerung, die selbst von der kirchlich approbirten Gestalt der Legende mit historischen Angaben unterstuetzt wird, laesst sich mit ferner versuchten Einwaenden nicht weiter mehr aufkommen. Auch fuehrt ja die Gaugoettin ihre bei uns verblasste Herrschaft ueber Christenmenschen anderwaerts immer noch ungeschwaecht und persoenlich fort, so z.B. in der Normandie, wo nach dem Zeugnisse von Amelie Bosquet die Aufsicht ueber das Land den Feen gehoert, jede einen einzelnen Kanton, hier jeden einzelnen Einwohner beaufsichtigt und dessen Loos bei der allabendlichen Versammlung in dem gemeinsamen Schicksalsbuche je mit einem weissen oder schwarzen Punkte bezeichnet. Jede Gottheit war, ein vom Heidenglauben verwirklicht gedachtes Idealbild menschlicher Thaetigkeitgewesen. Wie der Mensch, so sein Gott. Die dem Germanen eigenthuemliche Auffassung des Eherechtes, welche ihn vor allen Kulturvoelkern des Alterthums auszeichnet, der von ihm dem Weibe beigelegte ahnungsreiche; auf das Heilige gerichtete Sinn (Tac. Germ. c. 8) hatte bei ihm solcherlei weibliche Gottheiten bedingt, welche Waechterinnen der zuechtigen Geschlechterliebe, der haeuslichen Ordnung, des Fleisses und Friedens waren. Eine naechste Folge hievon war es, dass die Frau in ihrem Hause das Amt der Herrin (dies besagt das Wort frowa, frauja), in ihrem Stamme dasjenige der Itis oder weisen Frau bekleiden und als solche die Geschaefte der Tempeljungfrau, Priesterin, Heilraethin oder Aerztin verwalten konnte. Auf diesem Bildungswege einer langen Selbsterziehung wurde die Nation erst politisch gehemmt durch furchtbare Eroberungskriege, die sie erlitt und vergalt, dann geistig ueberrascht durch das in barbarischer Form ueberlieferte roemische Kirchenthum. Durch den ersten Vorgang wurden die Germanengoettinnen kriegerisch umgewandelt, militarisirt, durch den zweiten aber vollends satanisirt, zwei Umgestaltungen des Glaubens und Mythus, von denen unser Buch in allen Abschnitten sittengeschichtliche Zeugnisse bietet. Und nicht bloss die Richtschnur des oeffentlichen Glaubens, sondern ebenso die des Privatlebens wurde dabei mit in die tiefste Erniedrigung herabgezogen. Zwar blieben echtmenschliche Tugenden der Heidin ein allerdings noethigender Grund, sie spaeter einmal zu Christentugenden zu subtilisiren und eine Walburg, eine Verena oder Gertrud zu Kirchenheiligen zu erheben; allein diese Vereinbarung war und blieb eine erzwungene, innerlich unwahre, und verfaelschte den sittlichen Kern des Mythus bis zu dem Grade, dass es den irrigen Anschein gewann, als ob hier die Legende aus dem Christencultus entsprungen waere, anstatt dass umgekehrt dieser bloss entlehnend dem Mythus nachfolgte und ihn legendarisch einkleidete. Ihm selbst aber durfte ein ehefeindlicher Klerus, der dem Coelibat den uebertriebnen Werth einer vollkommnen Tugend zuschrieb und nur ein einziges Weib als solches anerkannte, die Himmelsherrin, auf das ganze uebrige Geschlecht aber die Ursache des Suendenfalles zu waelzen fortfuhr, einem solchen, die Frauenwuerde verkuendenden Mythus durfte der Moench kein Recht belassen, sondern musste ihn so weit und so unablaessig herabwuerdigen, dass die Folgen davon bis heute den Aberglauben aufzureizen vermoegen. Wenn daher zwar auf einer Seite die Jungfrau, welche schmerzenstillendes Oel unter Segensspruechen bereitete, als oelschwitzende Heilige kanonisirt worden ist, so ist sie auf der andern Seite zugleich zur Hexenmutter satanisirt: Zaubertraenke brauend, Seuchen und Misswachs herabbeschwoerend, Besen salbend, das aller Zeugung feindselige Kebsweib des Teufels in der Walburgisnacht. Dorten war sie die ehestiftende Liebesgoettin gewesen, hier eine Frau Mutter des Frauenhauses (S. 82. 154). Dorten trank der Mensch auf ihren Namen die Minne, sie selbst reichte dem in den Himmel eingehenden Helden den Unsterblichkeitstrank; hier wird sie zwar auch eine Himmlische, aber nur weil sie vorher als "Wirthskellnerin" tugendhaft geblieben war (S. 149). So urspruenglich schon steckt in dem Legenden erzaehlenden Moench ein Blumauer, der die Aeneide travestirt. Ihm haust da ein spukender Waldteufel, wo in der fraenkischen Waldeinsamkeit des Hahnenkamms und Spessarts die Haingoettin an ihren Maibronnen gewaltet hatte; die Fruehlingsgoettin Walburg wird ihm zum Blocksbergsgespenste, die Seelenherrin Gertrud zur Leichenfrau, und zur landverwuestenden Riesin wird die im Firnengolde des unerreichten Gletschers thronende Verena --auf des gefuerchteten Gipfels Schneebehangener Scheitel, Den mit Geisterreigen Kraenzten ahnende Voelker. Wie sonderbar doch dieser Lohn ist, der dem deutschen Weibe dafuer ertheilt wurde, dass es in unserem Volke zuerst, unter dem Widerstreite der Maennerwelt, rein aus Froemmigkeitsbeduerfniss und Kinderliebe sich an die neue Kirche ergab! Fuer treues Ausharren in den Pruefungen des Lebens, fuer opferbereites, demuethiges Dulden zum Wohle der Mitmenschen war ihm einst der Himmel zugesagt gewesen, es hatte ihn durch eigne Seelengroesse erobert und sogar den Preis der Vergoetterung sich erworben. Dieser Himmelsgenuss hiess der Kirchenlegende ein unverdienter, das heroische Streben des Weibes, sich zur Wuerde der Gottheit empor zu heben, ein frevelhaftes. Es wurde daher noch einmal in die Leidensschule der gemeinen Leiblichkeit zurueckversetzt, um nun erst durch ein Mirakel erloest zu werden. Denn von nun an sollte es nicht mehr auf das persoenliche Verdienst, sondern auf das Geheimniss der Gnade angewiesen bleiben. Diesen zweimaligen Bildungsweg, den das deutsche Weib in der Vorzeit einzuschlagen hatte, haben wir als "Sittenbilder aus dem germanischen Frauenleben" bezeichnet und nach dem doppelten Material der Mythe und der Legende von drei heiligen Frauen zur Darstellung gebracht. Dies ist der wissenschaftliche und patriotische Zweck unsrer Schrift, die sich hiemit dem Antheil vorurtheilsfreier Landsleute empfiehlt. Aarau 1. Mai, Walburgistag 1870. E.L.R. * * * * * Inhalt. Vorwort. I. Walburg mit drei Aehren, die Ackergoettin. Erster Abschnitt. _Quellen und Inhaltsangabe der Walburgislegende_. Walburgs und ihrer drei Brueder Taufbrunnen, Klosterstiftungen, Grabstaetten und Reliquien.--Oel, aus Stein und Bein der Walburgisgruft fliessend; aehnliches kirchlich verehrtes Wunderoel. Abbildungen und Embleme Walburgis. Zweiter Abschnitt. _Walburgis Hunde, Walburgis Aehren in kirchlichen Abbildungen und Hymnen_. Der Hund, ein Geleitsthier etlicher Fruchtbarkeitsgoettinnen und Heiligen; verehrt als saatenfressender Sturmwind und als breigefuettertes Windspiel der Wilden Jagd, genannt Nahrungshund. Nackte und suesse Huendlein als Zweckspeisen beim Dreschermahl.--Walburgis Emblem der Aehre und der Garbe, ihre Erscheinungsweise in den Sagen, ihre Verduesterung in dem Elbenglauben. Das Rechtssymbol der drei Aehren. Walburgs Eulogienbrode. Dritter Abschnitt. _Walburgistag, des Meien hochgezit_. Scenischer Zweikampf des Sommers und Winters, genannt den Tod austragen, den Sommer ins Land reiten. Maienfahrt, Laubeinkleidung und Ruthenzug.--Maigraf und Maigraefin. Das Mailehen ausrufen. Nachtsprueche und Liebesorakel beim Maiensetzen. Feier des Valentinstages: saemmtliches als Abbilder eines goettlichen Werbungs- und Vermaehlungsmythus, welcher im Fruehlings- und Erntevorgang spielt. Vierter Abschnitt. _Maiengeding und Walbernzins_. Walburgis und Martini, die beiden Jahresgedinge der ungebotenen Gerichte, gezeigt aus den Weisthuemern.--Urkundliche Berechnung der Gerichtskosten eines oberdeutschen Maiengedings.--Der Rutscherzins, die Walpersmaennchen und Walperherren.--Aus der mit der Zinspflichtigkeit verbundnen Nutzniessung bildet sich die Sage von einer auf den Zinstag fallenden Befreiungsgeschichte der Landschaft. Fuenfter Abschnitt. _Der Mythus vom Maienthau_. Landwirthschaftliche Erbsaetze ueber den Maienthau. Thau als Quelle von Leben, Lebensdauer und Koerperschoenheit, angewendet als Heilbad, Staerke- und Minnetrunk.--Bannbeschreitung, Oeschprozession um die Flurzelgen und Mairitt durch die Saat. Der Mythus vom Thau-abstreifen in seiner naturgeschichtlichen Begruendung. Thauschlepper und Thaustreicher als zaubernde Butter- und Milchgewinner. Walburg in den Riesen- und Hexensagen. Sechster Abschnitt. _Walburg, die Goettin der Zeugung und Ernaehrung_. Die westfaelische Walburg. Die phallischen Goetzenbilder zu Antwerpen und Emmetsheim, um Kindersegen angerufen. Naive Arglosigkeit der bildlichen Darstellung der Lebens- und Zeugungssymbole, deren Wiederanwendung in den Gebildbroden zur Mittwinter- und Fruehlingszeit. Etymologische Erklaerung des Namens Walburg nach dessen freundlicher und feindlicher Anwendung.--Schluss: die Goetterjungfrau kredenzt den aus Thau, Honig, Meth, Ael und Oel gewuerzten Unsterblichkeitstrank. II. Verena mit dem Kamme, die Kindsmutter. Erster Abschnitt. _Verena, eine alemannische Gauheilige_. Kirchliche Gestaltung und geographische Ausbreitung der Verenalegende; ersteres bedingt durch die Legende von der thebaischen Legion, letzteres durch die Ausdehnung des Konstanzer Bisthums. Verenas Weihkirchen und Altaere in der Schweiz, ihr Doppelgrab und ihre Reliquien in Zurzach. Mittelhochdeutsches Gedicht: Von sand Verene. Zweiter Abschnitt. _Verena, die Muellerpatronin_. Ihre Attribute: der schwimmende Muehlstein; ihre oertlichen Kleinkindersteine. Die Muellerpatronin als Ehegoettin. Der in Stein verwandelte Brodkipf und die unerschoepflichen Mehlsaecke. Wirthschaftsregeln am Verenentage. Dritter Abschnitt. _Verena, die Geburtshelferin_. Ihre oertlichen Kleinkinderbrunnen, Taufbrunnen und Wasserkirchen; die ihr geopferten Maedchen- und Brautkraenze; ihr Geburtsguertel, Haarkamm und Waschkrug; ihre landschaftlichen und kirchlichen Heilquellen. Gesundheitsregeln am Verenentage. Mythische Nachklaenge von der Gewitterriesin: das Vrenelisgaertli am Glaernischgletscher. Vierter Abschnitt. _Verena als Frau Venus_. Das Tannhaeuserlied in aargauischer Version; die Frau Venus-Vrene des Volksliedes. Die Venus-, Feens- und Vrenenberge, sowie die Venus- und Vrenenhaeuser, zurueckgefuehrt aus ihrer gegenseitigen Namensvertauschung auf den urspruenglichen Mythus. III. Gertrud mit der Maus, die Allerseelenherrin. 1) Die hl. Gertrud, heidnisch nach Namen, Legende und Attributen. Ihre altkirchlichen Abbildungen mit der Beigabe des Wagens, Schiffes, Stabes, der Spindel und der Maeuse. 2) Der Gertrudentag mit seinen Kalenderregeln und Zeitthieren: Specht, Kukuk und Schnecke; letztere tragen zu dritt den Namen der Heiligen und werden in deren Namen berufen als Lebens- und Todesboten. 3) Gertrud als Seelenherrin. Die Abgeschiedenen werden wieder zu Elben und erscheinen in Thiergestalt. Die Maus als ausfahrende, umwandernde Menschenseele, sowie als Rachegeist Abgeschiedner; der ihr geopferte Wechselzahn. Einschlaegige volksmedicinische Braeuche. 4) Die Rolle der Maus bei den Erntebraeuchen, die in Mausform gebackenen Zweckbrode. Gertrudens Maeusegespann, wiederkehrend in den Ortssagen. Das Trinken der Gertruden-Minne, Gertrud als Fylgja und Walkuere. _Symbole_. Die Terracotta-Maus aus dem Grabfelde zu Rheinzabern. Das Oxforder Weihnachtsbrod. Die Schnitternudel der Suessen Maeuschen. Das Kalenderzeichen des Gertrudentages. Nachtraege Wortregister * * * * * I. Walburg mit drei Aehren, die Ackergoettin. * * * * * Erster Abschnitt. Quellen und Inhaltsangabe der Walburgislegende. Dem allgefeierten ersten Mai geht die Walburgisnacht unmittelbar voraus, der heitersten Naturfreude die verderbenbringende Hexennacht. Hier eine jungfraeuliche Maikoenigin, aus dem frischen Gruen der Haine ueber den thauigen Anger her in unser Dorf einziehend, empfangen und umjubelt von der maientragenden Kinderschaar; dorten aber auf finsterer Berghoehe die entsetzliche Nachtkoenigin, Hagel und Schlossensturm, Misswachs und Seuche brauend, unkeusche Satanstaenze abhaltend, eine Feindin des Wachsthums und der Zeugung: welch ein Contrast binnen vierundzwanzig Stunden, welche Paarung der Brokenhexe und der Kirchenheiligen unter einem und demselben Namen! Die nachfolgende Untersuchung strebt den Zusammenhang dieser zwei getrennten, so hart sich widersprechenden Haelften eines urspruenglich einheitlichen Wesens aufzuweisen und dieselben zur wuerdigen Gesammtheit eines germanischen Goetterbildes zu vereinbaren. Zu diesem Zwecke wird hier eine Skizze der Walburgislegende nach deren aeltester Aufzeichnung, unter Weglassung der ausschmueckenden kirchlichen Zuthaten, vorangestellt. Quelle und Schauplatz der Legende ist baierisch Franken, zugleich die Heimat des Verfassers vorliegender Ausarbeitung. Die Quellen, auf weiche sich die Untersuchung wiederholt zu berufen hat, sind nachfolgende. Das Hodoeporicon oder Itinerarium (so benannt, weil es Wilibalds Reise nach Jerusalem enthaelt) schrieb eine Landsmaennin und Zeitgenossin Wilibalds aus ihrer eignen und der Diakone Erinnerung. Sie heisst die Heidenheimer ungenannte Nonne, und war 762 ins Heidenheimer Kloster eingetreten, also noch zu Walburgis Lebzeiten. Das Original ist erst seit Canisius und Mabillon bekannt geworden und steht gedruckt bei Falkenstein Cod. dipl. 447. Bei der franz. Invasion des Bisthums commandirte der zu Marschal Ney's Armee gehoerende General Dominik Joba etliche Wochen in Eichstaedt, beruechtigt als Inkunabeln- und Gemaeldedieb; er liess durch seinen Sohn am 16. Juli 1800 die Handschrift im Chorherrenstifte Rebdorf stehlen, seitdem ist sie verloren. Sax, Gesch. des Hochstifts Eichstaedt, S. 365. Dies ist die Hauptquelle fuer alle uebrigen Aufzeichnungen der Walburgislegende. Die naechstfolgende Biographie Walburgis verfasste zu Ende des 9. Jahrhunderts der Moench Wolfhard zu Hasenried, das spaetere Herrieden a.d. Altmuehl, einer im J. 888 durch Kaiser Arnulf an das Eichstaedter Bisthum vergabten Abtei. Im J. 1309 schrieb der Bischof von Eichstaedt Philipp von Rathsamhausen Wilibalds und 1313 auch Walburgs Legende, um deren Abfassung ihn Koenigin Agnes, des ermordeten Albrecht Tochter, von ihrem Stifte Koenigsfelden aus brieflich angegangen hatte. Der Bischof ueberschickt ihr und ihrem Convente das verlangte Werk, betitelt: Leben, Thaten, Tod und Wunderwerke der _seligen_ Jungfrau Walburg; die Zuschrift steht gedruckt in der Ztschr. Argovia 5, 25. Dies Werk ist zwar schon die fuenfte, aber die erste _umfassendere_ Erzaehlung der Legende, sagt Gretser X, 906b. Der bischoefliche Verfasser war von Kolmar im Elsass gebuertig und starb 1322. Bolland. 25. Febr., tom. III, 512b. Sein Werk uebersetzte der Eichstaedter Stadtschreiber David Woerlein und dedicirte es dem damaligen Bischof Konrad von Gemmingen; gedruckt zu Ingolstadt 1608 bei Andrae Angermayer. Auf diese beiden Schriften stuetzen sich nachfolgende, von uns gleichfalls benutzte Sammelwerke: Acta Sanctorum, saec. 3, pars secunda 287.--Bollandisten tom. 3., 25 Febr.--Gretser, Vitae Sanctor. tom. X.--Matth. Rader, Bavaria sancta, 1704.--Alle nennenswerthe weitere Literatur ueber die Walburgislegende ist verzeichnet in Rettbergs Kirchengesch. 2, 347 und 356. Winfrid-Bonifacius, der Apostel der Deutschen, geb. 680 zu Cirton oder Krediton in der englischen Grafschaft Devonshire, hatte bereits bei Friesen, Sachsen und Franken das Evangelium gepredigt, als er im Auftrage des Pabstes Gregor II. nach Thueringen und Baiern kam und in diesem letzteren Lande zu dem damals schon vorhandenen Bisthum Passau diejenigen zu Regensburg, Freising, Wuerzburg und Eichstaedt gruendete. Eine Schaar gebildeter Maenner und Frauen aus dem Angelsachsenvolke begleitete ihn dahin und uebernahm die Leitung der neuen Stiftungen. Kunigild und ihre Tochter Bertgit verwendete er als Abtissinnen in Thueringen, Kunitrud und Tekla setzte er ins Kloster nach Kissingen, Lioba nach Bischofsheim an der Tauber, Walburg nach Heidenheim am Hahnenkamm. Walburg, die Tochter des angelsaechsischen Fuerstenpaares Richard und Wunna, die Schwester von Oswald, Wunnibald und Wilibald, war auf ihres Oheims Winfrid Rath durch Thueringen nach Baiern gereist und hier im Sualafelder Gau mit den drei Bruedern zusammengetroffen. Dieser Gau, in dem sie sich nun zusammen niederliessen, reichte vom Bergzuge des Hahnenkamms in das Altmuehlthal nach dem jetzigen Eichstaedt, schloss auf einer Seite das Weissenburger Gebiet mit Gunzenhausen und Eschenbach in sich, auf der andern Seite die Pappenheimer Mark im Ries. Hier hatte Bruder Wilibald schon vorher im J. 740 bei Eichstaedt ein Kloesterlein in der Regel des hl. Benedict gegruendet und war fuenf Jahre nachher auf der Mainzer Synode (nach Rettberg 1, 353 schon im J. 741) zum ersten Bischof von Eichstaedt eingesetzt worden. Zusammen mit Bruder Wunnibald erbaute er dann am Hahnenkamm zu Heidenheim ein gleiches Kloster, fuegte demselben 760 einen Frauenkonvent in der Benedictinerregel bei und uebergab dessen Leitung an Walburg. Die Stellen zu den neuen Kirchenbauten pflegten die Geschwister sich da auszuwaehlen, wo ihr Reiseross jeweilen stetig wurde oder eine Quelle fand. Solcher jetzt noch fuer heilkraeftig gehaltener Quellen zaehlt man in der Eichstaedter Landschaft sechse. Ein Wilibaldsbrunnen liegt ob dem Eichstaedter Forellenweiher an der Landstrasse im Weissenburger Walde und heisst Roemleins- oder Rimleinsbrunnen, weil der glaubenseifrige Bischof hier Roemer getauft haben soll. Der Waldberg, aus dem die Quelle fliesst, ist in der Fronte bis zur Hoehe aufgemauert und mit Quadern, einem Thore gleich, eingefasst; eine Abbildung giebt Falkenstein, Nordgau. Alterth. 1, cap. 1, S. 14. Der zweite Wilibaldsbrunnen liegt zunaechst dem Kloster Bergen; als der Heilige hier heranritt, sprudelte der Quell unter dem Tritt des Rosses aus einem Felsen von 16 F. Umfang auf und versiegt seitdem bei keiner Sommerduerre. Der dritte liegt ob der Wilibaldsburg auf einem der zwei gruenen Hoehenzuege, die den Eichstaedter Thalkessel umgeben. Dazu kommt noch am Wege nach dem Dorfe Titing die Wilibaldsruhe, wo eine neuerlich abgegangene Feldkapelle mit des Heiligen Bildnisse stand. Ferner erbaute er das Stift Heilsbronn, nach jener maechtigen "Hails- oder auch Hagelsquelle" zubenannt, die hier in einen dreikaestigen Brunnen gefasst wurde und aus 32 Roehren sprang; sie stand im vorderen Kreuzgange und wurde im Schwedenkriege zerstoert. Eben so liess sich die Schwester Walburg im mittelfraenkischen Staedtchen Heidenheim beim Ortsbrunnen nieder, welcher der Schoen- und Heidenbrunnen heisst. Als aber Wunnibald hieher auf Besuch kam, entsprang im Klostergarten (jetziges Rentamt) auch der Kaesbrunnen, ein Hungerquell, an welchem die Heidentaufen vorgenommen wurden. Bruder Oswald erbaute sich beim Schlosse Hohentruedingen das Stift Auhausen; seine Wunderbrunnen liegen jedoch nicht hier, dagegen ist ihm in Tirol beim Dorfe Oswald am Ifinger einer der drei "Jungbrunnen" dieses Landes geweiht und er selbst gilt dorten als ein gewaltiger Wetterherr. Zingerle, tirol. Sitt. no. 794. 936. Ueber Jahr und Tag des Todes der Geschwister widersprechen sich die Kirchenhistoriker Gretser, Rader, Falkenstein und Pater Luidl. Nach den neuesten und scharfsinnigen Untersuchungen von D. Popp, Errichtung der Dioecese Eichstaedt, wird von nun an Folgendes zu gelten haben. Wunnibald stirbt 18. Dec. 761; Walburg 25. Febr. 779; Wilibald 7. Juli 781. Letzterer wurde in der Eichstaedter Kathedrale, die beiden ersteren im Kloster Heidenheim beigesetzt. Hier liess nachmals Abt Otkar Walburgis Erdgrab eroeffnen und erblickte drinnen die Leiche unverwest und thaufrisch: "totum corpus rore perfusum cernebatur". Am 21. Sept. 870 tragen zwei zusammen gebundene Rosse den Sarg nach Eichstaedt und bleiben hier freiwillig vor der Kirche zum hl. Kreuz stehen. Also liess Otkar die Leiche hier bestatten und den Tempel Walburgiskirche benennen. Schon auf dem Wege hieher hatten zwei Epileptische den Sarg beruehrt und wurden dadurch geheilt. Ein Lahmer geht auf Kruecken voran in die Kirche zu Wilibalds Grab und ruft da: Wilibald, gib mir das Botenbrod, deine Schwester kommt! Darueber laesst er die Kruecken fallen und ist geheilt. Gretser 739. Gegen das eben genannte Jahr dieser Versetzungsgeschichte streitet indess die weiter gehende Erzaehlung von der Theilung der Walburg-Reliquien. Als naemlich Walburg gestorben war, hatte ihre Gefaehrtin Lioba kein Gefallen mehr an Heidenheim, sondern gruendete aus ihren reichen Mitteln im J. 870 zu Monheim ein Frauenstift in der Benedictinerregel, und die von ihr nach Eichstaedt abgegebenen Walburgisreliquien mussten nun mit dem neuen Stifte Monheim getheilt werden. Als man sie desshalb im J. 893 zu Eichstaedt wiederum aufgrub, zeigten sie sich mit einer wundersamen Fluessigkeit ueberzogen, die bei Beruehrung nicht an den Fingern kleben blieb: cineres lympha tenui madefactos, ut quasi guttatim ab eis roris stillae extorqueri valerent (A. SS. 11, 293). Beide eben citirte Stellen sind in so ferne von Belang, weil sie die ersten Andeutungen des nachmals so beruehmt gewordnen Oelflusses enthalten. So blieb also ein Theil der Reliquien zu Eichstaedt, der andere kam nach Monheim und wurde hier an jedem Jahrestage durch vier Stadtraethe in einem silberueberzogenen Saerglein in gewohnter Prozession umhergetragen. Als aber durch die Reformation die Kloester des Sprengels der Reihe nach aufgehoben wurden: Solenhofen, Wuelzburg, Baring, Heidenheim, Monheim, zerstoerte der Bildersturm (haereticorum furor, sagt Rader 3, 48) auch die hl. Gruefte, so dass Wunnibalds Sarg in Heidenheim und die silberbeschlagne Arche in Monheim spurlos verloren giengen. Letzteres geschah erst 1542. Man sagt, Walburgis dort verwahrt gewesener bischoeflicher Stab, auf dessen Beruehrung Blinde das Augenlicht wieder erhielten, sei spaeter auf dem Walpersberge bei Koeln von den Jesuiten verwahrt worden und alljaehrlich am 1. Mai im Flurumgang durch die Felder getragen worden. A. SS. pg. 302. Wir werden spaeter darauf noch zurueckkommen. Von den Koerpertheilen Walburgis ist in ihrer Gruft zu Eichstaedt nichts anderes mehr als nur das Brustbein vorhanden. Dasselbe liegt dorten im Altar der Gruftkapelle der schon 1040 renovirten und 1631 neugebauten Walburgiskirche. Dieser Altar, ein laenglichter Steinwuerfel, ist in seinem Fundament nach aussen viereckig ausgehauen, so dass er als ein auf seine Breitseite umgelegter aelterer Steinsarg erscheint. Sein Material ist Sandstein, wie ihn die Brueche vom benachbarten Pleinfelden ergeben. Durch seine Hoehlung geht der Laenge nach eine ebne ungeschliffene Kalksteinplatte von der Art des naechsten Eichstaedterbruches, aufgesetzt auf zwei kurze Traeger aus Sandstein. Diese Bank heisst der Gnadenstein, denn auf ihrer nackten Flaeche liegt Walburgis Brustbein. Anfangs Oktober faerbt sie sich blaulicht und ueberlaeuft mit dunstigem Stoff, der zu erbsengrossen Perlen gerinnt und tropfenweise ehedem in einem viereckig ausgehauenen Mittelraume sich sammelte. So beschreibt es Gretser X, 907 (gestorben 1625); der spaetere Falkenstein, Nordgau. Alterth. 1, 31 sagt, dass diejenigen Tropfen, die nicht von oben her, sondern von der Seite der Steinbank hervordringen, durch silberne Abzugsrinnen in eine darunter stehende Goldschale geleitet werden, und so schildert es auch die Bavaria (3, Abth. 2, 979) als heute noch bestehend. Der Innenraum des Gruftsteins ist durchweg mit Silberblech ueberzogen, die Vorderseite wird mit einer von innen silberbeschlagenen Eisenthuere verschlossen. Dies ist das Mirakel des Oelthauens, von der Kirche das stillicidium genannt. Das Oel ist weiss und hell, geruch- und geschmacklos und schnell verfluechtigend; unaufgesammelt soll es am Gruftstein wie griesiges Schmalz in sich selber verstocken: Es wird von den Klosterfrauen in kleine, langhalsige; mit Wachs verschlossne Glasflaeschlein zum Verkauf umgeleert: An Ort und Stelle hat der Verfasser dieses in seiner Jugend eine messingene Eichel, vergoldet und am Napfdeckel aufzuschrauben, den Klosterfrauen abgekauft; sie enthielt wohlriechende, in dies Oel getauchte Baumwolle nebst einem gedruckten Gebrauchszettelchen, wornach man unter bestimmten Gebeten diese Wolle in schmerzende Zaehne und Ohren steckt. Frauen tragen derlei geweihte Metalleicheln an dem silbernen Schnuerwerk des Mieders. Der erste Mai galt durchgehends als der Tag, da das Stillicidium begann. Joh. Georg Keysler, ein kirchlich unbetheiligter, in seinen Forschungen sehr genauer Autor, weiss in seinen Antiquitates Septentr. (Hannoverae 1720) S. 88 noch nicht anders, als dass dieser Oelfluss erfolge cum die prima Maji. Allein dieser Termin behagte den kirchlichen Skribenten nicht, vielmehr scheint seit dem 17. Jahrhundert, da Gretser die Geschichte der Eichstaedter Bischoefe und dieses Mirakels schrieb, folgende Zeit dafuer zur Geltung gebracht worden zu sein: Mit dem 12. Oktober, als dem Tage, da Walburgis Gebeine von Heidenheim in die Gruft nach Eichstaedt uebertragen wurden, beginnt das Oel zu fliessen und fliesst fort bis 25. Februar, als der Heiligen Todestag; alle uebrigen Monate, heisst es, bleibe der Gnadenstein unter jedem Witterungswechsel trocken. Allein im Widerspruche mit dieser Berechnung sagt die aelteste Aufzeichnung der Legende ausdruecklich: die apostolorum Philippi et Jacobi celebratur usque hodie festum canonizationis Walpurgae; eodem die omni anno stillicidium ejusdem sanctae virginis ad potandum administratur (Gretser X, 898b). Philipp und Jacobi fallen bekanntlich auf 1. Mai, dessen altheidnische Feier gildenweise mit dem Aeltrinken begangen wurde. Um nun diesen paganen Brauch vollends hier aus der Kirche zu entfernen, suchte man zu erweisen, dass der 1. Mai weder Geburts- noch Todestag, sondern nur der Canonisationstag Walburgis sei, und kuemmerte sich nicht weiter darum, dass das Walburgisfest in verschiednen Gegenden Deutschlands schon seit alter Zeit zu fuenf verschiednen Monaten und Tagen kirchlich begangen wurde[1]. Ein fernerer Grund, der hier verschiedene Male noethigte, den solennen Beginn des Oelflusses auf andere Termine anzusetzen, liegt in der Eichstaedter Oelquelle selbst, die eine intermittirende ist und ausserdem in frueheren Jahrhunderten viel reichlicher floss als heute. Oftmals bleibt sie sogar ganz aus. So schon unter Bischof Friedrich II., welcher 1237 sammt seinem Domkapitel von der Buergerschaft verjagt wurde. Die versperrte Domsakristei wurde aufgesprengt und verwuestet, das Walburgisoel hoerte auf zu fliessen. Sicherer jedoch ist derselbe Fall, da 1713 zum groessten Schrecken des Klosters vom 15. Februar bis 9. Maerz fast kein Tropfen Fluessigkeit an dem Gnadensteine bemerkbar war; nach einer alten Tradition schob man die Schuld auf die im Convent der Schwestern ausgebrochne Uneinigkeit. Sax, Gesch. des Hochstifts Eichstaedt, S. 283. In der Leichenrede, die der Jesuite Jos. Giggenbach beim Tode der dortigen Abtissin Maria Anna Barbara hielt (gedruckt zu Eichstaedt 1730, 4 deg.), heisst es S. 27: Walburg lasse das Oel in solchem Masse aus ihrem Brustbeine entquellen, dass man damals ein hohes grosses Glas voll davon im Kloster zurueck gestellt hatte; zur Haelfte trank es die erkrankte Abtissin weg und sprach: Deine Kinder, o Heilige, haben sich so stark vermehrt, dass sie entweder dursten und hungern muessen, oder du ihnen die Muttermilch vermehren musst! worauf jenes halbgeleerte Gefaess sich sogleich wieder ganz mit Oel anfuellte.--Der Eichstaedter Bischof Philipp von Rathsamhausen, Verfasser der drittaeltesten Walburgislegende, erzaehlt, wie er es selbst becherweise gegen seine Krankheit getrunken: praecepimus nobis copiosius (de oleo) adferri, et desiderabili haustu phialam plenam ebibimus. A. SS. saec. III. P. II, 306. Als es einst ein ganzes Jahr nicht mehr geflossen war und die darob verzagten Eichstaedter ihren Sittenwandel besserten, brach es so reichlich los, dass man ein Weinlaegel von einer halben Pinte, also ein wirkliches Fass, damit anfuellen konnte. Ibid. pag. 307. So verwundert sich auch "das Buch vom Aberglauben" (von H.L. Fischer) Hannover 1794, Bd. 3, 118 ueber "die ungeheure Menge" Walburgisoel zu Eichstaedt, die in alle Gegenden verschickt und in schweren Krankheiten statt Arzenei verbraucht wird; es soll, sagt der Verf., wirkliches Bergoel von grosser Durchsichtigkeit und sehr fluechtig sein; wer es bei sich trage, behaupten die Moenche, muesse sich im Stande der Gnaden befinden, damit es nicht sogleich verfliege. Dass das Oel hier nicht aus der Reliquie, sondern aus dem Tragsteine derselben quillt, hatte die Kirche urspruenglich nicht verheimlicht. Schon Gregor von Nazianz sagt, nicht nur der Maertyrer Asche und Gebein, sondern auch andere den Reliquien nahegebrachte Dinge sind heilkraeftig, und so auch das Oel, das aus den Heiligengebeinen "oder aus ihren Grabsteinen herausfliesst." Vom Grabe der hl. Katharina erzaehlt Reinfrit von Braunschweig (Grimm, Altd. Waelder 2, 185), wie ole von irme libe vloz; und das Gedicht von Katharinens Marter (Pfeiffer, Germania 8, 179) fuegt erklaerend bei: uz dem sarksteine, da inne lit diu reine, vil heilic ol vluzet, des diu werlt vil genuzet. der iht siecheite hat, des wirt al ze hant rat, als man ez dar an strichet. In Tirol kennt man kirchlich zwei solcher oelspendenden Steine; der eine lag ehmals in der alten Kirche zu Niedervintl und trug die Inschrift: Brunnen des Oels, 1500; der andere ist noch im Kirchlein St. Kosmas und Damian, bei Bozen. Aus einer Eintiefe an seiner Oberflaeche quoll Heiloel und wurde von zahlreichen Pilgern begehrt, doch es vertrocknete fuer immer, als der Eigenthuemer der Kapelle damit Wucher zu treiben begann. Zingerle, Tirol. Sag. no. 624. 625. Als zu Eichstaedt 1309 die Gebeine des hl. Gundacar erhoben wurden, ergaben sowohl sie wie der Deckel des Steinsarges eine so reichliche Menge fliessenden Oeles, dass der damalige Bischof Philipp von Rathsamhausen hievon zwei Gefaesse fuer die Kranken anfuellen liess. Sax, Eichstaedt. Hochstift S. 101. Die von Rom nach Tegernsee gebrachten Gebeine des hl. Quirinus ergaben in dortiger Quirinuskapelle ein Heiloel, das in kleinen Flaeschlein an die Glaeubigen verkauft wurde. Heute steht diese "Oelkapelle" noch; einige Quellen olivengruenes Naphta entspringen unter ihrem Dache; man sammelt jaehrlich davon gegen 40 Mass. Steub, Bair. Hochland, 196. Die im Reliquiencultus so unenthaltsam gewesne Kirche hat sich indessen auf solcherlei Steinoel allein nicht beschraenken moegen. Schon zu Justinians Zeit fliesst Oel aus Heiligenknochen (Grimm, GDS. 140); von Orosius an meldet eine Reihe mittelalterlicher Schriftsteller, welche in Massmanns Kaiserchronik 3, 556 aufgefuehrt sind, zu Rom sei bei Christi Geburt ein Oelbrunnen entsprungen und habe sich in die Tiber ergossen. Zugleich faellt damals auch ein Honigregen. Sechzehn Heilige und achterlei heilige Jungfrauen zaehlt Matth. Rader, Bavaria sancta 3, 49 auf, aus deren Gebeinen nunmehr wunderthaetiges Oel fliesst. Kaspar Lang, Histor. theolog. Grundriss 1692. 1, 84 und Abraham a Sta Clara (im Judas der Erzschelm 4, 42) setzen diese Zaehlung noch weiter fort. Mit dem Oel der hl. Helena einen Kristall zu betraeufen, um damit den Dieb zu entdecken, raeth Felix Hemmerlin (1454) in seiner Schrift de exorcismo. Gretser X, 907 nennt ferner die hl. Elisabeth in Thueringen, die Martyrknaben zu Novara und noch andere, deren Gebein, in Kirchenaltaeren ausgesetzt, Oel giebt, und Rader 3, 41 fuegt bei, Gleiches stehe der Walburgis um so mehr zu, als sie eine im Dienste Gottes streitende Jungfrau gewesen sei und also in diesem taeglichen Faustkampfe Oel habe schwitzen muessen: Cur oleae stillat Walpurgis ab artubus humor? In cavea Martis num pugil illa fuit? Im Stil der Kirchenvaeter wird der mit dem Satan ringende Christ mit dem Athleten in der Arena verglichen, dessen Leib mit dem Oele des Gebetes gesalbt ist, damit der Feind ihn nicht fassen koenne. So sagt Pseudo-Ambrosius (de sacram. I, 2): Venimus ad fontem--Unctus es quasi athleta Christi. Denselben Gedanken aeussert auch Chrysostomus in seiner 6. Homilie ueber den Brief an die Coloss.--Nork, Realwoertb. 3, 301. Von der Wunderwirkung des zu Eichstaedt fliessenden Oeles sagen die Acta SS. 1. c. pg. 306, dass es Blinde, Taube und besonders haeufig Lahme geheilt habe; Gretser fuegt bei, X, 917, es foerdere die Geburten, auch lutherische Frauen haetten in Kindesnoethen damit den Versuch gemacht und seien darueber wieder der alten Kirche beigetreten. Medibards Hymnen (bei Gretser 801, dritte Reihe) wissen, dass es besonders den Wolfshunger heilt: Hinc quendam fastidiosum Fame paene mortuum Alloquens per visionem Monet, ut de calice Ejus biberet; quo facto Esuriit solito. Der Monheimer Knabe Beretgis, seit 3 Jahren an beiden Fuessen lahm, wurde von seiner Mutter Ratila zum Walburgisgrabe in Monheim getragen und da auf ihr Gebet sogleich hergestellt; worauf sie ihn der Kirche, durch die er seine Koerperkraft wieder erlangt hatte, zu lebenslaenglicher Leibeigenschaft uebergab. A. SS. ibid. pag. 304. Die mystische Kraft, welche dem Walburgisoel beigelegt wurde, erklaert sich Jac. 5, 14: Ist einer unter euch krank, so rufe er die Aeltesten der Gemeinde herbei, dieselben sollen ueber ihn beten, nachdem sie ihn mit Oel gesalbt im Namen des Herrn--und der Herr wird ihn aufrichten. Da Walburgs Reliquien in vielerlei Kirchen zerstreut worden sind (per totum mundum, ad diversas Francorum provincias S. Walpurgis reliquiae dispersae sunt. A. SS. l.c. 306), so ist auch in vielen Provinzen das Wunderoel zu haben gewesen. Oel, Knochen, fuenf Zaehne und ein Gewandrest Walburgis wurden zu Wittenberg jaehrlich am Montag nach Misericordias ausgestellt, wobei ein Glas voll von demjenigen Oele mit hergezeigt wurde, das aus den Gebeinen der hl. Elisabeth, Landgraefin von Hessen, geflossen war. Das Glas ging an Luther ueber, der wie J. Mathesius erzaehlt, es einst seinen Joachimsthaler Gaesten zu einem andaechtigen Tischtrunk aufstellte. Karl der Kahle hatte in der Kaiserpfalz zu Attigny (Champagne) eine Walburgiskirche erbaut; noch im J. 1720 kamen daselbst die Geistlichen von mehr als vierzig Pfarreien am 1. Mai zusammen, um das Walburgisoel auszuspenden. Odo, Abt zu Clugny, (Burgund) kannte in seiner Nachbarschaft eine Walburgiskirche, in welcher die dortigen Partikeln etliche Tage des Jahres Oel schwitzten; die Heilige hiess dorten Sainte Vaubourg und Gualbourg. Gretser pg. 906. Bolland. 518b. 519a. A. SS. II, pg. 307. 308. Von altkirchlichen Abbildungen Walburgis sind folgende zu nennen. Im Schiff der Heidenheimer Klosterkirche, die waehrend der Reformation verwuestet wurde (more Lutheranae sectae, quae omnia sacra polluit, sagt Rader 3, 45) liegt gegen das Chor zu ein 2-1/2 F. hoher Grabstein, auf welchem Walburg in ganzer Figur ausgehauen ist, in der rechten Hand einen Stab haltend, auf dessen Wirbel ein kleines Kreuz sitzt, in der linken ein Buch, zu Fuessen ein Wappenschild. Dieser saeulengeschmueckte Aufbau mit Perlenfries gehoert den Werken der romanischen Periode an (Bavaria 3, 863). Auf einem gegenueber liegenden aehnlichen Grabstein ist Wunnibald ausgehauen; drunter steht die Inschrift: sepulcrum stae Walburgis 1484. Eine Abbildung davon erschien bei Bruegel in Ansbach und im Jahresberichte des histor. Vereins fuer Mittelfranken 1843. Der hl. Wilibald mit seiner ganzen Verwandtschaft ist dargestellt auf einem Teppich, welcher urspruenglich in der Eichstaedter Kirche aufbewahrt wurde und nun im Muenchner Nationalmuseum ist.--Auf folgenden Stichen erscheint die Heilige als Abtissin mit dem Stab, das Oelflaeschlein in der Hand haltend: Fons olei Walpurg. a Jacobo Gretser, S.J. Ingolst. 1629.--P. Emil de Novara, capuccino. Breve ristretto della Sta. principessa Walpurga. Eichst. 1722.--Matth. Rader, Bavaria sancta. Muenchen 1704 (wiederholt das Grabmal).--P. Goudin, Unerschoepflicher Gnadenbrunnen der hl. Walburgis. Regensb. 1708. Besondere Weihkirchen und Kapellen besitzt die hl. Walburg auf dem Gebiete der Baiern, Alemannen, Franken, Burgundionen, Niedersachsen und Friesen; soweit durch dieselben der hier zu behandelnde Stoff vervollstaendigt wird, wird von ihnen im Einzelnen ferner hier die Rede sein. Eben dieselbe Bemerkung hat auch von den an vielfachen Orten aufbewahrten und verehrten Walburgsreliquien zu gelten. Auf dem bairischen Lechfelde liegt in der Gemeindeflur von Kaufering eine sehr alte Walburgskapelle, auf ihrem eignen Huegel stehend, von Linden beschattet, von einer Mauer eingefriedet. Der Eintritt fuehrt drei Stufen abwaerts, die Wand ist schwarz, das Innere finster. Im Anbau steht der Pestkarren, die Raeder sind mit Filz beschlagen, um die zur Pestzeit gehaeuften Leichen geraeuschlos abzufuehren. Walburg hat jener Pest gewehrt. Diese Kirche, sagt das Volk, sei heidnischen Ursprungs, man habe hier noch den Goetzen geopfert. Schoeppner, Bair. Sagb. no. 889. Bairische Ortschaften, vom Namen Walburg ableitend, zaehlt das topographisch-statistische Handbuch des Koenigreichs (Muenchen 1868) folgende auf: Walbenhof, Einoede bei Neustadt a.d. Waldnab; Walbenreuth, Dorf bei Tirschenreuth; Dorf Walberngruen bei Stadtsteinach; Walbertsberg bei Kunreut; hier wird neben der Walburgskapelle unter den Linden ein Maimarkt abgehalten, zu welchem die Landleute bis auf zehn Stunden weit zusammen kommen. (Reynitzsch, Truhtensteine 187.) Walburgskirchen, Dorf bei Pfarrkirchen; Walburgsreut, Weiler bei der Stadt Hof; Walburgswinden, Einoede bei Neustadt a.d. Aisch; Walpenreuth, Dorf bei Berneck; Walpersberg, Dorf bei Bogen; Walpersdorf, ein Weiler bei Rosenheim, und zwei gleichnamige Doerfer bei Rottenburg und bei Schwabach; Walpershof, Dorf bei Eschenbach; Walpersreuth, Weiler bei Neustadt a.d.W.; Walperstetten, Dorf bei Dingolfing; Walperstorf, bei Landshut; Walpertshofen, Weiler bei Dachau; Walpertskirchen, Pfarrdorf bei Erding; Woelbersbach, Dorf bei der Stadt Hof; Wolpersreut, Dorf bei Kulmbach; Wolperstetten, Dorf bei Dillingen; Wolpertsau, Einoede bei Neuburg an der Donau. Diese Liste laesst sich jedoch noch um vieles vermehren, wenn man dabei die mundartlichen Formen des Namens Walburg mitverwerthet. Er lautet im Altmuehlthale Buergli, in altbairisch-oberpfaelzischer Mundart Walberl (nicht zu verwechseln mit Waberl, Wawl, Wabm, was in Altbaiern und Mittelfranken Barbara ist), im tiroler Zillerthal Purgel u.s.w. Einer der Hauptberge am oberbaierischen Tegernsee wird 1420 in einem Lateingedichte des Peter v. Rosenheim als Walber foecundissimus begruesst. Schneller Woertb. 4, 61. Das schwaebische Rittergeschlecht von Waldburg, einst Truchsessen, nunmehr wuertembergische Standesherren, theilt sich in die Linien Hohenlohe-Wb., Waldburg-Zeil, Wb.-Wurzach, Wb.-Wolfegg. Ihr Stammschloss ist die beim gleichnamigen Pfarrdorf gelegne Veste Waldburg, suedoestlich von Ravensburg. Vier Treppen hoch in dieser Burg liegt die Walburgiskapelle. Von den zu Koeln bei den Jesuiten aufbewahrten Wb.-Reliquien hatten sich die Grafen Einiges erbeten, jedoch erfolglos. Bolland. 3, 518. Im Elsass hat Walburg drei Kirchen: 1) diejenige bei Leimen mit der Wallfahrt zum Helgenbronn, von welcher weiter unten die Rede sein wird; 2) zu Knoersheim bei Maurmuenster; 3) bei Biblisheim, unfern der Stadt Hagenau; sie wird im J. 1085 als Kloster genannt (Trithem. Chron. Hirsaug. 1, 280) und 1102 vom Schwabenherzog Friedrich I. zur Abtei erhoben. Neugart, Episc. Const. 2, 8. Auf einer Halbinsel der Seine stand in der Normandie eine Walburgskapelle, diejenige Stelle bezeichnend, wo die Heilige auf ihrem Wege aus England nach Deutschland ausgeruht hat. Gretser, 906. Der groessere Theil der aeltesten Kirchen Niederdeutschlands ist derselben Heiligen geweiht, so zu Groeningen, Veurne, Utrecht, Antwerpen, Arnheim, Aldenaerde, Bruegge, Zuetphen, Harlem; von ihnen wird im Einzelnen spaeter noch zu handeln sein. Reliquienpartikeln von der hl. Walburgis lagen laut Falkenstein, Nordgau. Alterth. 1, 29 im vorigen Jahrhundert in folgenden Kirchen. In Baiern zu Augsburg, zu Monheim und im Kloster Andechs. Ferner zu Mainz in der Gereonskirche zu Koeln ein Finger, in der Jesuitenkirche daselbst die Hirnschale, welche dahin kam vom benachbarten Walpersberg, einem vormaligen Kloster. In Frankreich zu Attigny und Clugny. Die Acta fundationis monasterii Murensis (Kloster Muri im Aargau ist 1027 gegruendet) nennen bei Herzaehlung der daselbst verwahrten Reliquien zu dreien malen Knochen und Asche vom Leib der hl. Walburg. Reliquienpartikeln des hl. Wilibald und Wunnibald und Richardis uebersendete 1482 der Eichstaedter Bischof Wilhelm von Reichenau an Koenig Heinrich VII. von England, der sie in Canterbury verwahren liess. Ueber diese Reliquien und die der Walburg gewidmeten Kirchen hat der Jesuite Godefredus Henschenius in Actis SS. ausfuehrlich berichtet. * * * * * FUSSNOTEN: [1] Die folgenden nennt Gretser, Vitae SS. tom. X. 25. Febr., Walburgis Todestag, wird begangen zu Eichstaedt in der Kathedrale, und zu Antwerpen in der Basilica.--20. Maerz: Gretser l.c. pag. 907. 1. Mai, Walburgis Translation von Heidenheim nach Eichstaedt; gefeiert in der Eichstaedt. Kathedrale und zu Antwerpen in der Basilica. Bollandisten, 25. Febr., tom. III, 513a. Das Martyrologium des schweiz. Klosters Rheinau stammt aus dem X. Jahrh. und setzt auf 1. Mai die Feier: Philippi et Jacobi et S. Waldp. uir(go). Marzohl-Schneller, Liturgia 4, 768. 4. Aug.: exitus Walburgis ex Anglia, gefeiert zu Eichstaedt (Bollandisten ibid. 514b); zu Tornacum, Gandanum, Antwerpen und Aldenaerde: Bolland. 522; zu Veurne, in der flandr. Dioecese Ypern: Gretser X, 912. 12. Okt.: Antwerpner Basilica und Eichstaedter Walb.kloster. * * * * * Zweiter Abschnitt. Walburgis Hunde, Walburgis Aehren. Unter den kirchlich sehr korrekt gehaltenen Abbildungen, mit denen die bairischen Hofmaler und Kupferstecher Sadler, Vater und Sohn, des Matthaeus Rader Bavaria Sancta (1615) ausgeschmueckt haben, ist Bd. 3 auch das Eichstaedter Grabmal Walburgis dargestellt; wunderlich aber liegt da zwischen den Andaechtigen neben den Stufen des Steinsarges ein grosser Hofhund, ruhig schlafend. Dass der Hund das Geleitsthier unsrer Jungfrau gewesen, ist kirchlich in Vergessenheit gerathen; die Acta SS. (saec. 3, tom. II, 291) und die Bollandisten, (tom. 3, 560a) wissen jedoch noch davon. Walburga nuncupor, spricht die Heilige, die Nachts an die Thuere des reichen Hofbauern kommend, von den scharfen Rueden angefallen wird; auf dieses Wort werden sie zahm; und darum, erzaehlt Bischof Philipp (gestorben 1320), habe man seiner Zeit Walburg gegen den Biss toller Hunde angerufen. Es laesst sich indess dieses Attributthier der Heiligen als anderen Ursprunges und aus einer viel frueheren Zeit nachweisen. Die Vorgeschichte des Bisthums Eichstaedt spielt nicht in dieser Stadt, sondern in einem Orte, welcher roemisch Aureatum heisst und schon seit Aventins Zeiten, der 1519 diese Gegenden im historischen Interesse mit einem Empfehlungsbriefe seines bair. Herzogs bereiste, zwischen den beiden Doerfern Rothenfels und Nassenfels an der Neuburger Heerstrasse gesucht wird. Nach diesem Aureatum benannten sich die Eichstaedter Bischoefe Aureatensis ecclesiae episcopi, und Walburg wird ebenso von Celtes im 2. Buche seiner Oden die Zierde der Aureatensischen Landschaft geheissen. An den beiden Umfangsmauern des Kirchhofs zu Nassenfels sind Votivsteine des Mars und der Victoria eingemauert und ein dritter der Fortuna geweihter ebendaselbst wurde 1866 in das Antiquarium nach Muenchen gebracht. Die dortigen Feldbreiten liegen voll roem. Geschirrtruemmer und Reste von Brennoefen, deutlich unterscheidet man noch den Lauf der Roemerstrasse. Als nun der gelehrte Jesuite Gretser 1620 von der Universitaet Ingolstadt aus Nassenfels besuchte, fand er an dortiger Dorfkirche ein im Boden steckendes Standbild, das eine Frau vorstellte, zu deren Fuessen, von Erde ueberschuettet, angeblich ein Hund liegen sollte. Gretser schloss auf ein Dianenbild. Solcherlei Steinbilder, eine Frau darstellend mit dem Hunde zu deren Fuessen, sind seit dem J. 1647 bis auf die Neuzeit in niederrhein. Gegenden viele entdeckt worden und tragen dorten in ihren Inschriften den Namen der Nehalennia, eines zwar von Roemerhaenden gemeisselten, aber deutschen Goetterbildes der Fruchtbarkeit. In Keyslers Antiquitat. Septentr. 236, und in Wolfs Beitraegen 1, 149 sind diese Bildwerke beschrieben. Aber derselbe typische Hund fehlt nun auch in der Krypta der Heidenheimer Kirche nicht, wo Walburgis fruehestes Grab gewesen war. Panzer, bair. Sag. 1, S. 132 beschreibt diese Krypta als einen Bau, dessen Formen auf den fruehesten romanischen Stil hinweisen. Eine in der Wand der Gruft angebrachte steinerne Console, die ehedem ein Steinbild getragen haben musste, zeigt einen Wappenhelm mit der Helmzier des Brackenhauptes, dessen herabhaengende Ohren von zwei Jungfrauen mit den Haenden beruehrt werden. Man sagt, hier seien die Abkoemmlinge des Rittergeschlechtes Hund begraben. Die benachbart sesshaften Grafen von Oettingen-Spielberg fuehren dasselbe Brackenhaupt im Wappen, schwarz und weiss quadrirt, also genau in Form und Farbe des Hohenzollerschen Helmkleinods: caput et collum molossi genannt in Speners Wappenwerk. Lepsius, Kl. Schrift. 3, 164. War hier nun wirklich die Erbgruft der adeligen Hund gewesen, so leitete bei der Wahl derselben jedenfalls die Verwandtschaft zwischen dem Wappenthiere jenes Geschlechtes und dem Gefolgsthiere Walburgis. Denn Heidengoettinnen und hl. Jungfrauen sehen wir stabil vom Hunde gefolgt. Aller Hunde erster ist Garmr, besagt die Edda von Odhinns Hund. Grauhunde begleiten die drei Nornen. Die Fruchtbarkeitsgoettinnen Frau Harke, Frau Gode und Frau Frick haben stets den Hund bei sich; die zu Weihnachten bescherend umziehende Frau Berchte heisst davon in Steiermark die Pudelmutter (Weinhold, Weihnachts-Sp. S. 11). Die 24 Toechter der Fru Gauden umbellen den Jagdwagen ihrer Mutter als eben so viele Huendinnen. Colshorn, Maerch. u. Sag. no. 75. Das Huendchen der hl. drei Schwestern zu Schlehdorf war daselbst auf einem alten Altarbilde mitgemalt zu sehen, und die drei _steinernen_ Jungfrauen zu Velburg erschienen gefolgt von einem Hunde, welcher gleich ihnen zu Stein geworden war. Panzer, Bair. Sag. 1, S. 25. 289. 290. Es ist daher kein Absprung, wenn die Sage das ueberirdische Huendchen auch der Jungfrau Maria zum Gesellschafter giebt; Belege hiefuer: Schmitz Eiflersagen vom J. 1847, 43. Hocker, Moselsag. 168. Das hoelzerne Altarbild Marias in der Kapelle Marienbrunn zu Baden-Baden steht gerade ueber der daselbst sprudelnden Quelle, neben demselben ist der Hund in Stein gehauen, der das Bild aus dem Brunnen gescharrt hat. Baader, Bad. Sag. 131. Aus diesem Grunde ist der Hund nicht bloss das Wahrzeichen der Burgen gewesen (so am Schlosse Hornberg: Schnezler, Bad. Sagb. 2, 591), sondern steht auch an Kirchen ausgehauen, wie an der Laurentiuskirche zu badisch Bretten und an der eben erwaehnten Kapelle zu Marienbrunn; derselbe galt da von so alter Abkunft, dass man, z.B. von der Hundskapelle bei Innsbruck sagt, sie sei ein Heidentempel gewesen. Zingerle, Tirol. Sitt. no. 950. Ueber die Farbe dieses Huendchens belehrt uns die Farbensymbolik; als das freundlich-wohlthaetige Geleitsthier der schoenen Weissen Frau ist es gleichfalls ein weisses, aber die Hunde der Sturmnacht sind schwarz, die des Gewitters feuerroth. So erklaert es sich in Mythe und Opfer. Der Rost, der waehrend der Hitze der Hundstage das Getreide befaellt, war dem Roemer versinnlicht durch das Goetterpaar des Robigus und der Robigo, die beide den Namen des Kornbrandes tragen und in der umbrisch-etruskischen Goetterlehre Rupinie und Hunta hiessen. Ihnen war das Fest der Rubigalien geweiht, indem man in den Tagen vom Entstehen des Getreidekorns in seiner Huelse bis zu seinem Heraustreten aus der Fruchtscheide durch den Priester zu Rom am Hundsthore (Catularia porta) rothe Huendchen schlachten und verbrennen liess. Damit suchte man den Brand in Rebe und Kornaehre abzuwehren, weil man den gluehenden Hundsstern fuer die Ursache des Getreidebrandes hielt. Erklaerend sagt daher Ovid. Fast. 4, 941: Fuer den Hund des Gestirns wird Dieser geopfert am Altar, Und erleidet den Tod wegen des Namens allein. Aus aehnlichem Grunde musste in Deutschland der Frohnknecht alljaehrlich zur Zeit der Hundstage die ueberalten Hunde todtschlagen, zu Leipzig im April und August, in Norddeutschland zur Fasnacht. J.P. Schmidt, Fastelabendgebraeuche. Rostock 1793, 150. 153. Waren diese fuer die Landwirthschaft gefaehrlichen Fristen vorueber, so vergoetterte man das Thier als den Vermittler der Fruchtbarkeit (Cicero I de nat. Deor.), oder man streute ihm Brod und Mehl. Zu Niederoesterreich wird am 28. Dec. (Kindleinstag) Mehl und Salz gemengt zur Dachfirst hinausgestellt; das wird das Wind- und Feuerfuettern genannt. Zerfuehrt der Wind dies Opfer, so sind im naechsten Jahre keine schaedlichen Stuerme zu befuerchten. Ein Weib in Munderkingen setzte schwarzes Mus zum Dache hinaus: "man muesse die Windhunde fuettern." Birlinger, Schwaeb. Sag. 1, 191 und no. 301. Das eben angefuehrte Beispiel zeigt, dass man dies den Winden gebrachte Spendopfer sprachlich missverstehend auf die Windhunde anwendete, da das Wort Wind in unsrer Sprache beides bezeichnet ventus und velter. War der erste Schnee gefallen, ehe Frost und Sturm die keimende Saat beschaedigen konnten, so sagte unsre Vorzeit: gib den winden brot, ez hat gesniget. Grimm RA. 256. Hatte man den Hund (Sturmwind) des W. Jaegers Hackelberg in ein Haus herein gelassen, so lag er da den Winter ueber an der Herdstelle und frass nichts als Asche; zum Ersatz aber war ein so mildherziges Haus im Fruehjahr drauf mit Milch und Butter reichlich gesegnet. Haupt, Ztschr. 6, 117. Kuhn Nordd. Sag. no. 2. Dazu galten noch bestimmte Pflichtigkeiten der Lehensleute. Moscherosch im Phil. von Sittewald (Strassburg 1665) 2, 167 schreibt: Die Eylff Hunde (erhalten) jeder 4 Mietschen (franzoes. miche). Eine Offnung von 1469 verpflichtet die Lehensleute gegen den aufreitenden Vogt: vnd haet er zwen wind mit jm traben, denen soellent sy geben ain huslaib. So bildet sich aus der Vorstellung vom Windhund der W. Jagd der Begriff des sogenannten Nahrungshundes, ein Name, der am Ober- und Mittelrhein fuer jeden geheimnissvollen Haussegen gilt. Hat man ausgedroschen, so erhalten die oberdeutschen Drescher zum Schlussmahl gekochte Mehlspaetzlein, die man in Baiern Nackete Huendlein heisst; wer aber bei der Arbeit einen Toelpelstreich gemacht hat, bekommt eine Strohpuppe, die Hundsfud; beiderlei Namen sind Sinnbilder der Fruchtbarkeit. Gebackene Huendlein wirft man zur Abwehr der Feuersbrunst in die Flammen. Panzer, Bair. Sag. 2, 516. Von den die Saaten zerwuehlenden Hunden des Windes sprang die Vorstellung ueber auf den Biss der wuethenden Hunde, hielt aber in beiden Faellen die Kornaehre und das Brod noch immer als Bindemittel fest. Sieht man im Felde zum ersten Male Roggen bluehen (dies faellt auf Walburgistag), so nimmt man drei bluehende Aehren und streicht sie stillschweigend durch den Mund, dann wird man nie von tollen Hunden gebissen. Curtze, Waldeck. Volksueberlief. S. 402. Ein latein. Gebetbuechlein: Cultus divae Walburgae, Augsb. 1751, bringt S. 23 einen also beginnenden Hymnus: Walburga venit: cedite vesane grex, molossi! Cedunt, pavent, obmutuit os impotens latrandum. Um Amberg sagt man zu den Kindern, die ausgehen: Nehmt Brod mit, dass euch kein Hund anbellt (Bavaria 2, 305); in Schwaben lautet dieselbe Formel: Ich will Brod mitnehmen, damit mich kein Hund beisst. Birlinger, Schwaeb. Sag. 1, no. 706. So pflegten schon die phigalischen Arkadier nach dem Festessen die Hand an den Brodresten abzuwischen und diese beim Heimgehen einzustecken, damit ihnen auf dem naechsten Kreuzwege die Hekate mit ihren Hunden nichts anhaben konnte (Athenaeus 4, 149 C.). Denn auch dieser Hekate fielen Hundeopfer, von denen sie Dea canicida, canivora genannt war. Coleri Oeconomia, Mainz 1645, lib. XI, pg. 403. 410 schreibt vor: Um thoerichter Hunde Biss an Menschen und Vieh zu kuriren, gieb meyische Butter auf ein Stueck Brod gestrichen. Item, schneide einen Meywurm entzwei, mach ein Loechlein ins Brod, steck ihn hinein, kleib es oben mit Brod zu, schmiere Meyenbutter drueber, lass es aufessen. Dies ist ao. 1591 zweimal probiert worden an Hunden. Bisweilen werden die Kuehe toll; reissen an den Straengen, zittern und beben, als ob einer mit der Axt vor ihnen staende und sie erschlagen wollte. Da gebe man ihnen eine Butterschnitte zu essen und lasse sie im Namen Gottes immerhin laufen. Die Mecklenburger Bauern, bemerkt Coler ebenda, lib. XII, 479, geben den Hunden geschabet Silber (Abschabsel einer Silbermuenze) auf Butterbrod, so sollen sie nicht toll werden.--Die Fortdauer dieses Brauches in Sueddeutschland besteht darin, dass man am 1. Mai das Festmahl der Ankenschnitten, sg. Ankebruet bereitet, Schnitten mit Butter und Honig reichlich bestrichen, und auch dem Vieh beim ersten Austrieb davon verabreicht, damit es in keinen boesen Wind komme. Wir werden hievon im fuenften Kapitel unter der Form der berittenen Ankenschnittenprozession von Beromuenster noch einmal zu handeln haben. Unter den von Walburg gewirkten Mirakeln wird eines in Lateinversen von einem unbekannten Bruder Medinbard besungen; diese Rhythmen "ex pervetusto codice" stehen abgedruckt bei Gretser (tom. X, pg. 803) und erzaehlen von einem am Wolfshunger leidenden Maedchen, das an Walburgs Grab zu Monheim mittelst eines Bissens Brodes so geheilt wird, dass sie fortan keine andere Nahrung mehr geniesst als Kaese und Milch. Sualaveldico in pago Fuit quaedam faemina, Quae languore fortissimo Aegrotare coeperat. Namque tam intemperata Edendi ingluvies Incessit semisanatam, Ut nulla edulii Abundantia valeret A suis saturari, Exhaustis jam parentibus, Sed fame accrescente Anxiata hinc dolore Hinc pudore maximo. Tandem divinitus tale Occurrit consilium. Rogat suos se deferri Ad Walpurgae gratiam. Quo delata, biduanis Incumbebat precibus, Quibus exorata virgo Gradiendi miserae, Qua privata diu fuit, Sospitatem reddidit. Bona quaedam monialis, Vocato preabytero, Benedici panem fecit Redditque famelicae. Quo gustato nequam illa Fames voracissima, Virgine sacra favente, Coepit se subtrahere, Sic paulatim decrescendo, Ut prius accreverat. Sic crescente fastidio, Pro mira esurie, Tandem nil aliud cibi Praeter solum caseum, Nihil de potu gustare Nisi tantum lac poterat. Dieses Wunder des geheilten Wolfshungers und die Baendigung der Hundswuth gab Anlass, Walburgis Haupt-Emblem, das der Aehre, dahin misszuverstehen, als ob dasselbe sich nur auf diesen Einzelfall beziehe. So behauptet es die Schrift Christliche Kunstsymbolik, Frankf. 1839. Allein die den winterlichen Sturmwinden wehrende Maigoettin muss nothwendig auch die Korngoettin selbst sein und als solche ist sie kirchlich wirklich dargestellt worden. "Der Heiligen Leben, das Summerteil" (Augsb. 1482) bildet Bl. 51 Walburgis ab mit einem Bueschel in der Hand, welcher Kornaehren bezeichnet. Ebenso verzeichnet M. Hubers Hdb. d. Kupferstecher VII, 79, no. 5 die Abbildung Mariae als "Nostre Dame de trois epis", mit drei Aehren in der Hand einem Landmanne erscheinend. Die Bedeutung dieses Attributes liegt in folgenden Saetzen der Landwirthschaft ausgesprochen: "Korn wird gesaeet auf Mariae Geburt und schosset vmb Waldpurgi" Koenig, Schweiz. Haussbuch, Basel 1706, 142. "Wenn der Roggen vor Walburgis schosset und vor Pfingsten blueht, so wird er vor Jacobi nicht reif." Praetorius, Blockesberg S. 558. Betrachte man diese Erbsaetze nun auch in den nachfolgenden Legenden. Maria bittet ihren ueber das suendige Menschengeschlecht erzuernten Sohn, nicht alle Feldfrucht zumal zerstoeren zu wollen, sondern doch noch so viel an den Aehren stehen zu lassen, als genug ist fuer Hund und Katze, d.h. fuer ein ganzes Hausgesinde. Der Heiland thuts, und seitdem wallfahrtet man zur Muttergotteskirche von Dreienaehren, die beim elsaess. Stifte Katzenthal gelegen ist. Ebenso laesst Maria da, w sie sich die Stelle zu ihrer Wallfahrt im Pinzgauer Kirchthale erwaehlt, mitten aus dem Winterschnee drei Aehrenhalme hervorwachsen, welche nun ihr dortiges Altarbild in der Hand traegt. Kaltenbaeck, Mariensag. no. 122. Den Halm einer Kornaehre brachen und vereinigten die roemischen Brautpaare und benannten nach demselben den Eheabschluss stipulatio. Traeumt man von geschnittnem Korn, so bedeutet es, dass man die Liebste verlieren werde. Denselben Doppelsinn des ehelichen und des Ackersegens hat nun auch der Aehrenbueschel in Walburgis Hand. Wenn sie in der Walburgisnacht vom reitenden W. Jaeger verfolgt wird, sie, der Fruehlings-Genius der aufkeimenden Pflanzenwelt, von dem noch einmal losbrechenden Frostriesen verfolgt, so verbirgt sie sich in den innersten Fruchtkeim des jungen Saatfeldes. Denn, sagt der Volksglaube, man kann der W. Jagd nur entgehen, wenn man in ein Kornfeld fluechtet. So birgt nach dem faeroeischen Volksliede auch Wodan den Bauernsohn vor des Riesen Verfolgung ins Fruchtkorn: Ein Kornfeld liess da Wodans Macht Geschwind erwachsen in einer Nacht. In des Ackers Mitte verbarg alsbald Wodan den Knaben in Aehrengestalt. Als Aehre ward er mitten ins Feld, In die Aehren mitten als Korn gestellt: "Nun steh hier ohne Furcht und Graus, Wenn du mich rufst, fuehr ich dich nach Haus!" Neun Naechte vor dem 1. Mai (erzaehlt Grohmann, Boehm. Sagb. 1, 44) ist die hl. Walburgis auf der Flucht, unaufhoerlich verfolgt von wilden Geistern und von Dorf zu Dorf ein Versteck suchend. Man laesst ihr daher im Hause einen Fensterschalter offen, hinter dessen Fensterkreuz, sie vor den daher brausenden Feinden gesichert ist. Dafuer legt sie ein kleines Goldstueck auf das Gesimse und flieht weiter. Ein Bauer, der sie einst auf ihrer Flucht im Walde traf, beschreibt sie als eine Weisse Frau mit langwallendem Haare, eine Krone auf dem Haupte, ihre Schuhe sind feurig (golden), in den Haenden traegt sie einen dreieckigen Spiegel (der alles Zukuenftige zeigt) und eine Spindel (wie Berchta). Ein Trupp weisser Reiter (Schimmelreiter) strengte sich an, sie einzuholen. So sah sie auch ein anderer Bauer, welcher Regen fuerchtend Nachts noch sein Getreide einfuehrte (das mandelweise aufgeschobert noch draussen lag). Die Heilige bat ihn, sie in eine Garbe zu verstecken. Kaum hatte ihr der Bauer willfahrt, als die Reiter vorueber brausten. Des andern Morgens fand er in den heimgefuehrten Aehren statt Roggen Goldkoerner. Daher wird die Heilige auch abgebildet mit einer Garbe. So sieht man ferner, erzaehlt Vernaleken, Alpensag. S. 75, zwischen den Orten Strass und Lind in Untersteiermark neben einem Tannenwalde zur Zeit des Vollmondes eine Gestalt gehen, die statt des Kopfes eine feurige (goldne) Garbe traegt. Diese Erscheinungsweise war in den kleinen Staedten des bair. Frankenwaldes am Walburgistag Anlass zu einer gemeinsamen Volksbelustigung gewesen. Plaetze, Strassen und Haeuser waren da mit Birkenreisern besteckt: Den Festumzug eroeffnete der Walber, ein vom Scheitel bis zur Zehe in Stroh gewickelter Mann, dem die Aehren in Form einer Krone ueber dem Kopfe zusammengebunden waren. Alle Gewerksleute mit den Emblemen ihres Handwerkes begleiteten ihn, zu Spott und Trutz (gegen den hinter den Ofen treibenden Winter) ihre Hantierung ausuebend. Heute gilt dorten nur noch der vor dem Wirthshause aufgepflanzte Walberbaum, den der zum Spassmacher herabgesunkene Stroh-Walber umtanzt: Bavaria III, 1, 357. In Niederoesterreich sind besonders die Erntetage der hl. Walburg geweiht, sie durchgeht da alle Aecker, Matten und Gaerten und traegt die schon vorhin erwaehnte Spindel mit sich, die mit einem sehr feinen Faden vollgeweift ist. Nachdem sie auch hier auf ihrer Flucht vor dem Schimmelreiter vom erntenden Bauern in eine Garbe gebunden und auf den Wagen geladen ist, bekommt dieser des andern Tages statt Korn Gold auszudreschen. Vernaleken, Alpensag. S. 110. 371. Der den Lohjungfern und Moosfraeulein nachsetzende Schimmelreiter, der sie quer ueber sein Ross legt und die sich Straeubenden in Stuecke reisst, hat sich in der franzoesischen Legende zweimal verkoerpert und kirchlich lokalisirt. Um die Liebe Solangia's, einer Winzerstochter aus dem suedfranzoes. Dorfe Villemont, hatte der Oberherr der Provence vergebens geworben, er jagte ihr daher zu Pferde nach, holte sie ein, warf sie auf sein Ross und sprengte mit seiner Beute der Stadt zu. Als sie sich beim Uebersetzen eines Fluesschens herabschwang und entfloh, wurde sie, abermals ereilt und mit einem Schwerthiebe enthauptet. Nunmehr werden zweimal jaehrlich im Fruehling ihre Reliquien prozessionsweise um die Fluren getragen in der Voraussetzung, dass sie Unwetter und Wind stillt und dem Flachs- und Reblande Gedeihen gibt. Godefrid. Henschenius, Acta SS. tom. II, ad diem 10. Maii. Ein gleiches Prozessionsfest begeht am 1. Mai das Pfarrdorf Mazorit in der Auvergne zu Ehren der hl. Jungfrau Florina. (Rom feierte vom 28. April bis 1. Mai das Floralienfest zur Erinnerung an die vergoetterte sabinische Nymphe Flora, die einst im Fruehling umherirrend sich dem Zephyr ergab und daher die Macht ueber die Bluethen der Baeume und Blumen bekam). Florina, ein Bauernmaedchen aus dem Weiler Estourgoux, verbarg sich, um den ihr nachstellenden Buhlern zu entrinnen, in der Felseinoede des dortigen Cousathaelchens, und als ein Versucher sie hier aufspuerte, schwang sie sich von einem der Felsen auf den gegenueberstehenden des rechten Cousa-Ufers durch die Luft und liess in beiden ihre Fusstapfen zurueck, die nun mit Kreuzen gekroent sind. Unter grossem Zudrange des Volkes werden jaehrlich am 1. Mai die Gebeine der Heiligen aus der Kirche zu Mazorit bis zur Einsiedelei dieses Thaelchens getragen, und mag der Himmel an diesem Tage noch so regendrohend aussehen, so hat noch stets ein guenstiger Wind das Gewoelk vertrieben, sobald jener Umgang von Mazorit heran zu ruecken pflegt. A. SS. Henschenii tom. I, ad diem 1. Maii, de S. Florina, Virg. et Mart. Die in der Walburgisnacht auf den Wiesen tanzenden und auf den Blocksberg fahrenden Hexen sind arge Truebungen einer urspruenglich edleren Vorstellung von guetig gesinnten und fuer den Erntewachsthum bemueht gewesenen Geistern. Sie alle theilen, bei naeherer Untersuchung, emsig das Geschaeft ihrer Herrin Walburgis. In einer siebenbuergner Sage bei Mueller, S. 382, stoesst ein Bauer, der seinen Sack Mehl aus der Muehle heimtraegt, auf einen Trupp Truden, die auf dem Erlenanger tanzen. Er gruesst sie: Gott vermir ich iren danz, Gott vermir ich iren kranz! Freundlich antworten sie: Gott segne euch den Sack, dass er nie des Mehles ledig wird! Der Volksglaube sagt zwar, die Trud nehme die unholden Gestalten an von Kehrwisch, Flederwisch und Besenreis (Schoenwerth, Oberpfalz 1, 209); allein damit verbuergt er nur, dass man der Fruehlingsgoettin nach ueberstandenem Winter Besen, Kehrwisch und Ofengabel als abgebraucht beim Freudenfeuer verbrannte und noch verbrennt. Auf der Stelle, wo die Nachtmahr ausruht, heisst es ferner, da waechst im Korn schwarzer Raden, am Baume der Maerentakken (Mistel) und der Hopfen wird brandig (Wolf, Ndl. Sag. S. 689). Aber gerade damit wird nur in aberglaeubischer Verduesterung wiederholt, was sonst von dem segensreichen Charakter des Alb und der Elbin gilt, dass sie unter verschiedenen Namen als Mittagsgespenst (Meridiana), Roggenmuhme, Tremsemutter, Alte, Kornbaby, Kornkind und Kornengel, Preinscheuche im wogenden Kornfelde umgehen, geisterhaft auf der Spitze der Aehren ausruhen, oder in Liebe des Schutzgeistes reinen Juenglingen und Jungfrauen sich zugesellen. Nur etwas braucht man von ihnen zu haben, um sie festzuhalten; der im Bette Erwachende findet dann statt des von ihm ergriffnen Strohhalms oder Federflaums eine schoene, bis auf den Schleier splitternackte Jungfrau bei sich im Schlafgemache. Spricht der Aberglaube vom Trudenfuss, Flederwisch und Federkiel der Mahr, von der Schmetterlingsgestalt des Toggeli, nennt man in Augsburger Mundart den Schmetterling Kohlweissling _Milchtrut_, anderwaerts Molkendieb (Weinhold, Schles. Woertb. 62): so wird damit einbekannt, dass statt des Gespenstes einst eine Valkuere galt, die in Schwanenhemd und Vogelgewand allueberall ihren Schuetzling umflog, wesshalb noch der Fuenfort, Alpfuss oder Trudenfuss, ndl. marevoet, an die Stubenthueren gekreidet wird, zwei in umgekehrter Richtung der Winkel stehende Dreiecke. So tummelt das Nachtschraettelein die Stallrosse und zoepft ihnen Schweif und Maehne, dass sie schwitzen; denn es ist gleichfalls nur die laecherliche Verschrumpfung jener himmlischen Valkuere, die auf den Thaurossen des Morgens heranritt, Helden Hilfe bringend und dem Felde die Frucht. Solcher Abkunft dunkel noch eingedenk, schreibt der Volksglaube vor, gegen den Besuch der Nachtmahr _zwei Sicheln_ gekreuzt vors Bette zu legen. Die Rechtsformel Drei Halme bedeutete drei Jahre und drei Jahresernten; das Sinnbild dreier Aehren ebenso das Obereigenthum und Erbgut. Die zu Lucca Erblehen vom dortigen Waisenhause hatten, mussten dahin am 1. Mai einen reichlich geschmueckten Maibaum ueberbringen und verloren ihr Lehen, wenn daran die drei vorgeschriebnen Kornaehren mangelten: Grimm, RA. 128. 205. 361. Der oberpfaelzer Bilmesschnitter pflueckt _drei_ Aehren vom fremden Acker, damit fliegt ihm dessen Ernte in seine eigne Scheune. Schoenwerth 1, 432. Hier zum Schlusse dieses Abschnittes ein Kirchenwunder von Walburgis Eulogienbroden. Eulogia nannte man beim Gottesdienste der ersten Christengemeinden jede zur Kirche mitgebrachte Brod- und Weinration, die man hier priesterlich einsegnete und zum Schlusse mit allen Anwesenden gemeinsam verzehrte. Es war ein Liebesmahl zu dem Zwecke, die Ungleichheit vor dem weltlichen Gesetze und den Unterschied von Arm und Reich mindestens bei den religioesen Zusammenkuenften aufzuheben und zu bekennen, dass Alle vor ihrem gemeinsamen Gotte gleich seien. Ein aehnlicher Brauch war nun auch dem deutschen Heidenthum gelaeufig gewesen und dauerte noch lange fort in dem Bruderschaftswesen der Geldonien, deren angelsaechsischer Name Friedensbuergschaft hiess. In ihnen stand Einer fuer Alle; Gott, auf dessen Namen jede Geldonie beschworen war, sollte Alle bei ihrem Rechte bewahren. Eine natuerliche Folge hievon war die Pflege und Versorgung derjenigen Vereinsmitglieder, die unverschuldet in Duerftigkeit geriethen. Die reichlichen Brod- und Fleischvertheilungen, die mit den Germanenopfern nachweisbar verbunden waren, verbuergen dies, und ausserdem war es eine Sache der Nothwendigkeit, fuer die Mahlzeit derjenigen reichlich zu sorgen, welche in unwirthlichen, gering bevoelkerten Landstrichen und unter der Ungunst der Witterung weite Maersche auf sich nehmen mussten, um sich bei den allgemeinen Versammlungen rechtzeitig einfinden zu koennen. Das Christenthum vermochte daher diese religioesen Mahlzeiten der Germanen nicht abzuschaffen, sondern suchte sie dem kirchlichen Cultus nur anzupassen: "Es ist durchaus nothwendig," schreibt Pabst Gregor d. Gr. an die angelsaechsischen Bischoefe (Beda Ven., hist. Angl. lib. 1, c. 30), "dass man diese Feier der Heiden bestehen laesst, nur muss man ihr einen andern Grund unterschieben, sie auf die Kirchweihen verlegen, den Festplatz mit gruenen Maien umstecken, Thiere schlachten und ein kirchliches Gastmahl veranstalten. Doch soll man nicht ferner zu Ehren des Satans Thieropfer bringen, sondern das Geschlachtete zum Lobe Gottes und um der Saettigung willen geniessen." An die Stelle solcher Gesammtmahlzeiten trat spaeter vorzugsweise das blosse Brod, so wie es heute noch in den Kirchen der romanischen Laender an den Gedaechtniss- und Festtagen unter dem Namen Eulogienbrod (deutsch Oblei, franz. pain beni) ueberreichlich an Jedermann ausgetheilt wird. Bevor diese Reduction allgemein durchgesetzt war, gab die Kirche ihren Beduerftigen jeglicherlei Gattung von Speise. So wurde in der Monheimer Kirche unmittelbar nach dem daselbst erfolgten Begraebnisse Walburgis Fleisch, Brod, Kaese, Fische, und Bier unter die Wallfahrer _als Eulogie_ ausgetheilt (A. SS. saec. 3. II, pg. 302), und ebenso wurden von den Letzteren Esswaare und Getraenk jeder Art in die dortige Kirche getragen, um daselbst theils aufgeopfert, theils zum eignen Genusse in Gesellschaft der Andaechtigen gebraucht zu werden. Rinder, Schweine, Brodsaecke und Trinkgeschirre werden genannt, die den Wallfahrern hier entwendet, dann aber unter der Patronin Beistand wunderbar wieder aufgefunden wurden. Der Nachdruck der hievon handelnden Erzaehlungen verbleibt jedoch immer auf dem geweihten Brode. Hierueber hat der unbekannte Bruder Medinbard verschiedene Lieder gesungen, von denen ein kuerzeres hier nachfolgt. Die Begebenheit ist diese. Ein blindgebornes Maedchen zu Kempten hoert Nachts im Traume sagen: Willst du den Wucher der Himmelswolke einmal erblicken und die gruene Breite der Gefilde, so back weisse Spendbrode und trage sie zum Walburgisgrab in Monheim. Das Maedchen thats, ueberbrachte dahin die Brode und liess sie auf den Altar legen. Da erschienen zwei Klosterhuehner am Altare, "duae gallinae, id est Sanctimoniales geminae", welche sie bereits in ihrem Traume erblickt hatte, frassen die Brode weg, untersuchten den Grund des Erscheinens der Blinden somit angelegentlich und das Maedchen war darueber sehend geworden (ibid. pag. 300). Verwunderlich bleiben hier diese auf dem Altar weidenden Huehner. Sie lassen nicht auf die gewoehnlichen Zinshuehner schliessen, von denen in der lex Alam. 22 gesagt ist, dass die Leibeignen regelmaessig fuenfe der Kirche zu entrichten haben (Grimm RA. 374), denn deren Weideplatz ist nicht der Altar; es muessen vielmehr heilige gewesen sein, und als solche galten einst die weissen (Troll, Gesch. von Winterthur 7, 183) und gelten noch die schwarzen. Letztere werden noch fuer heilsame Thiere gehalten (Schoenwerth, Oberpf. Saga 1, 346), der Gefahr entgangen sein und ein schwarzes Huhn kirchlich geopfert haben ist altbairisch synonym. Schmeller Wtb. 2, 199. Im Uebrigen ist das Huhn, sowie das Ei, allgemeines Symbol der Fruchtbarkeit, besonders der ehelichen. Des Morgens nach der Brautnacht wurde dem Ehepaar das gebratene Braeutel- und Minnehuhn vors Bette gebracht. RA. 441. Puella quaedam ab ipsis Heu caeca cunabulis, Audita opinione Virginis eximiae, Desiderio flagravit Veniendi maximo. Quam quidam in visione Nocturna submonuit, Oratorium adiret Tanti desiderii, Oblatas mundas offerret, Altari imponeret. Quas illatas statim binae Gallinae comederent; Quibus pastae deservirent Matris excubiis. Venit, attulit, imponit, Preces fudit intimas. Astant duae moniales Gallinae videlicet, Praevisae in visione, Quae oblatas colligunt, Et requirunt diligenter Quae, unde, cur venerit. Quibus illa dum exponit Singula veraciter, Domino propitiante Et beata Virgine, Incognitum lumen coeli Novis hausit oculis. * * * * * Dritter Abschnitt. Walburgistag, des Meien hochgezit. Der meie der ist riche, er fueeret sicherliche den walt an siner hende, der ist nu niuwes loubes vol: der winter hat ein ende. Neidhart von Reuenthal (1234). Sommer und Winter waren einstmals unter die Zahl der goettlichen Wesen unsrer Vorzeit gerechnet gewesen; die Volkssitte im Verein mit unsrer aelteren Sprachweise laesst hierueber keinen Zweifel uebrig. Die Edda nennt den Sumar den Sohn des selig freundlichen Mannes Svasudhr; der Winter dagegen (Vetr) hat den Vindloni und Vindsvalr zum Vater, den Windkuehl und Windschweller, der selbst wieder vom feuchten und nassen Vasadhr abstammt. Koberstein, Weimar. Jahrb. 5. Sommer und Winter messen sich in einem Zweikampfe, und dessen scenische Auffuehrungen waren ein Brauch, welcher sich von Schweden und Gothland an bis nach Suedbaiern und der Schweiz erstreckt hat. Der Mai wird aus dem Walde in den Heimatsort herein abgeholt; dies geschieht jedoch nicht ohne heftigen Widerspruch des Winters, der es erst auf einen foermlichen Kampf ankommen laesst. Deshalb muss der knabenhafte Mai bewaffnet und unter kriegerischem Laerm die Landschaft betreten. Er entbietet ein grosses Turnier und kommt gewappnet auf den Plan: sein panzer was ein grueenes graz, sein koller darauf ein weisser klee, sein halsperg was veyolvar, sein bugler wag von rosenbluet. er fueert in seiner hende ein sper, was michel lanc vnd was eitel voegelingesang. A. Keller, Altd. Erzaehlungen, pg. 85. Dieser Aufzug des in Laub gekleideten, zu Rosse einziehenden Maikoenigs geschah auf Walburgis oder 1. Mai und hiess: _den Sommer in das Land reiten_.[Nachtrag 1] In Daenemark war er der Maigraf genannt, der sich aus den Jungfrauen des Ortes seine Maigraefin, die Majinde, erwaehlte, indem er seinen Blumenkranz von der Schulter ihr zuwarf; in Thueringen war es der in Pappellaub eingebundne Graskoenig, der im Dorfe vom Rosse stieg, sein Laubgewand aufschnitt und dessen befruchtende Zweige auf die Saatfelder steckte. Oder es kam da, wo Pfingsten den Anfang des Lenzes bezeichnet, der Pfingstkoenig auf die Brautwerbung geritten und fuehrte die im Busche versteckt, gehaltene Prinzessin im Triumphe heim; sie heisst in Flandern Pfingstblume, Pinxterbloem, in England the queen of the May, in der Provence Rosenmaedchen, Mayo, zu Thann im Elsass Maienroeslein. An diesem letzteren Orte traegt am Walburgistage ein Kind einen baendergeschmueckten Maien um, ein anderes mit einem Korbe nimmt die Gaben in Empfang, und das Gefolge singt vor den Haeusern: Maienroeslein, kehr dich dreimal 'rum, Lass dich beschauen 'rum und 'num. Maienroeslein, komm in gruenen Wald hinein, Wir wollen alle lustig sein; So fahren wir vom Maien in die Rosen. Im Verlaufe des Liedchens wird den Leuten, die nicht Eier, Brod, Wein, Oel spenden wollen, angewuenscht, dass der Marder die Huehner nehme, der Stock keine Trauben, der Baum keine Nuesse, der Acker keine Frucht mehr trage; denn das Ertraegniss des Jahres haengt von dem kleinen Fruehlingsopfer ab. Stoeber, Elsaess. Volksb. 1842, 56. Faellt der Nachdruck der scenischen Festauffuehrung auf das Vertreiben des Winters, so nennt man dasselbe den Tod austragen, oder wie im boehmischen Saazer Kreise, mit dem Baendertod herumgehen, weil der Zug der Knaben Hut und Brust mit Baendern geschmueckt hat. Dabei traegt der Koenig einen mit Goldpapier beklebten Rockenstiel als Scepter, zwischen zwei Brauthuetern folgt ihm sein Toechterlein. Letztere melden, dass der Tod um die Koenigstochter werben lasse. Hierauf erscheint dieser selbst, statt der Waffe ein Buendel Lichtspaene (Schleissen) in der Hand tragend, und wird vom erzuernten Vater niedergestochen. In Suedschweden rueckten am 1. Mai zwei Reiterschaaren von verschiednen Seiten in die Staedte, die eine angefuehrt vom Winter, der in Pelze gehuellt, mit Handspiessen bewaffnet, Schneeballen und Eisschollen auswarf, die andere vom Blumengrafen, der mit Laub und Erstlingsblumen bekleidet war; sie hielten ein Speerstechen, worin der Sommer den Winter ueberwand und durch Ausspruch des umstehenden Volkes fuer den Sieger erklaert wurde. War die Witterung des Tages recht rauh, so legte der Winter den Spiess ab, streute gluehende Asche aus einem Eimer und liess von seiner Rotte Feuerkugeln unter die Zuschauer werfen. War Sonnenschein, so nahm dies der Blumengraf auf seine Ehre und rueckte mit frischen Birken- und Lindenzweigen hervor, die man lange zuvor in den warmen Stuben mit Muehe zum Gruenen gebracht hatte. Ein Gastmahl und Trinkgelage, glaenzender als es durch Speerkaempfe errungen wird, schloss das Turnier. So die Beschreibung bei Olaus Magnus, Bischof von Upsala, Schwed. Chronik (verdeutscht 1560) 15 Buch, Kap. 4. Geschichtlich denkwuerdig (schreibt Uhland, Pfeiffer's Germania 5, 276. 279) ist ein westfaelischer Mairitt, welchen die Buerger von Soest im J. 1446 waehrend ihrer Fehde gegen den Bischof von Koeln ausfuehrten. Auf Walburgistag, "da man nach alter Sitte in den Maien zu reiten pflegte", wollten die Soester dies nicht unterlassen; wiewohl sie sich vor ihren Feinden zu wahren hatten. Sie zogen mit grosser Kriegsmacht aus der Stadt in den Arnsberger Wald, wo sie ihre Schaaren ordneten, fielen dann mit Raub und Brand in die Grafschaft Arnsberg, zerstoerten Doerfer und Vesten, fuehrten Heerden, Gueterwagen, selbst aufgefangene Frauen, die jedoch vor der Stadt wieder frei gelassen wurden, mit hinweg und kamen, nachdem sie der verfolgenden Feinde sich erwehrt, mit Frieden und Freude "unter dem gruenen Maien" nach Hause. Wie hier der gruene Mai, unter welchem das Kriegsheer einreitet, im Arnsberger Walde gehauen wird, so ruecken am Fruehlingsfeste die Knabenschaften an zahlreichen Orten Oberdeutschlands in ihre Gemeindewaelder bewaffnet aus und hauen sich zum Feste die Ruthen und Staebe, wornach dorten das Maifest der Stabtag oder Ruthenzug heisst. Diese Kadettenzuege sind beschrieben im _Alemann. Kinderlied_ und _Kinderspiel_, pg. 490. Haeufig knuepft sich eine Ortssage daran von einem zu derselben Zeit einst gegen den Feind erfochtenen Siege, wornach der mit Uebermacht eingedrungene Gewalts- und Zwingherr erschlagen und ihm die schon erbeutete Rinderheerde wieder abgejagt worden, oder wornach seine Zwingburg listig erstiegen, er sammt seiner Mannschaft niedergemacht und so Landschaft und Ort in einem Wurfe befreit worden sein sollen. Hievon wird im Abschnitte _Maiengeding_ noch besonders die Rede sein. Der Brauch des Mailehen-Ausrufens ist bis auf die Gegenwart in der Eifel, Rheinpfalz und Hessen ein Innungsrecht der oertlichen Knabenschaften gewesen. Um Kirchheimbolanden, Stetten u.s.w. in der Pfalz werden in der ersten Mainacht, die heiratsfaehigen Maedchen in oeffentlicher Versammlung zur "Versteigerung" einzeln ausgerufen und dem Hoechstbietenden zugeschlagen. Der Erloes ist kein unbedeutender (Bavaria IV. 2, 364). Ebenso werden sie in der Gegend der Ahr zum "Mailehen" ausgeboten und den Kaeufern einzeln zugetheilt. Die fuer beide Theile daraus entspringende Verpflichtung ist gegenseitige Zucht; eigene Hueter "Schuetzen" sind beauftragt, Uebertretungen beim Sittengerichte der Knabenschaft zur Anzeige und Bestrafung zu bringen, ein Sittengesetz, das ehmals im ganzen Eifellande ueblich gewesen war (Schmitz, Eifl. Sag. 1, 32). In der Hessischen Lahn- und Schwalmgegend werden die Maedchen unter Peitschenknall, Freudenfeuern und Pistolenschuessen gleichfalls ins Mailehen gegeben und in der Walburgisnacht einzeln ausgerufen. Lynker, Hess. Sag. no. 317[2]. Den Brauch, die Jungfrauen ins Mailehen zu geben und die Wittwen mit zum Brautkauf auszurufen, kann man nunmehr aus dem Leben der hl. Bilihildis nachweisen, ueber deren Zeitalter freilich sich nur das mit Bestimmtheit sagen laesst, dass ihr Name in den Martyrologien des 10. Jahrhunderts genannt wird. Rettberg, Kirchengesch. 2, 303. Sie war als Heidenmaedchen einer Adelsfamilie aus Veitshochheim in die Klosterschule nach Wuerzburg gethan worden und sah hier das beruehmte Maispiel mit an, das die gleichfalls noch heidnischen Mainfranken alljaehrlich zu begehen pflegten. Dasselbe findet sich beschrieben in der von Herbelo metrisch verfassten Vita S. Bilihildis (Ignaz Gropp, Collectio Scriptor. Wirceburg. 1741, 791). Statt dieses breiten unbeholfenen Berichtes, der ohnedies wie ein Polizeibericht des vorigen Jahrhunderts ueber unsre Volkssitten lautet, folgt hier bloss ein sachgetreuer Auszug. Nach altem Herkommen, das wie eine religioese Satzung galt, hielt das Frauengeschlecht der Mainfranken alljaehrlich im Fruehling zu Ehren der Venus und der Vesta ein Spiel ab, wobei ohne Mann und nackt getanzt wurde. Saemmtliche Wittwen unter fuenfzig Jahren und alle mannbaren Maedchen traten mit auf, nackt, in bunten Farben schimmernd, Blumen- und Laubgewinde in den Haenden tragend. Waehrend eine Schaar den Reihen fuehrte, ergoetzte sich die andere am Anblick der Gespielinnen und fuehlte sich zu frischem Beginne angespornt. Das Maennervolk machte dabei den Zuschauer. Den Vornehmen ergoetzte die vornehme Haltung, den Bauern die laendliche oder volksthuemliche. Ein Jeder erlas sich unter ihnen die kuenftige Gattin, und wenn auch noch nicht vertraut mit ihrem Gemuethe, traf er hier nach ihrer Wohlgestalt bereits im voraus seine Wahl. Alle bei diesem Feste geschlossnen Ehevertraege hatten das Jahr ueber ihre Geltung bis zum Herbstfeste, das man unter abermaligem Tanze in einer Scheune begieng. Indem so der Mann sich eine Frau erwaehlte, die er noch nicht naeher als vom blossen Anblick kennen gelernt hatte, beobachtete er ein heidnisches Herkommen, fuer dessen Gesetzgeber und "_Koenig_" er sich selber hielt. Jedoch keineswegs mit dem gleichen Erfolg konnten diese Maedchen sich den Titel der "_Koenigin_" beilegen, wenn eben diejenigen Maenner, welche hier beim Tanze mit der Brautfackel der Venus gefangen worden waren, ueber dieses Spiel als ueber einen blossen Scherz nachher tausendmal gelacht haben. Ganz anders that daher die selige Bilihildis, die nicht spielend, sondern allein kirchlich die Verlobte eines Mannes werden wollte: unter Thraenen bewog sie ihren Vater, beim Koenig Chlodwig Anzeige zu machen von diesem sittenwidrigen Frauentanze, worauf alsdann der Regent durch ein Edikt dem deutschen Venusspiel ein Ende machte. So weit Herbelo's Nachricht. Der Ehemann, welcher, hier _Koenig_ genannt wird, ist im heutigen Fruehlingsspiele der Maigraf oder Lauchkoenig, die von ihm erwaehlte Braut die Maikoenigin oder Prinzessin. Die Jungfrauen und Wittwen versammeln sich zum vorbestimmten Festtanze, um unter die zuschauenden Maenner ins Mailehen vertheilt zu werden. Sie sind bemalt und bekraenzt, tragen Laubguirlanden, Abends Fackeln: lauter Einzelzuege unsrer heutigen Fruehlingsbraeuche. Damit erledigt sich auch die von Herbelo wiederholt genannte nuda cohors muliebris in ludo nudo ludens; denn diese besteht keineswegs aus nackten, sondern aus entbloessten Taenzerinnen, d.i. aus solchen, die als Botinnen des Fruehlings Frauenmantel und Haube abgelegt haben, hochgeschuerzt, blossarmig und baarhaeuptig in den Reihen treten, ums fliegende Haar den Kranz aus Walburgiskraut geflochten (Osmunda lunaria und Botrychium lun.). Ist hier von der Moenchsphantasie ein zuechtiger Fruehlingstanz schon zum nackten Ball gemacht, gegen den der angebliche Frankenkoenig Chlodwig einschreiten muss, so haben auch die Orgien der nackten Weiber am Blocksberge keine andere Entstehungsquelle, als eben dieses grausame Missverstaendniss von Seite des Klerus. Doch wir kehren zurueck zu den ferneren Volksbraeuchen der Walburgisfeier. In derselben Mainacht werden glattgeschaelte, schmuckbehangene Baeumchen auf die Dorfbrunnen und der Liebsten vors Fenster gesteckt, damit jene das Jahr ueber klar fliessen, und diese eben so lange wieder frisch und schoen bleibt. Man waehlt dazu besonders die Zweige der Eberesche mit ihren rothen Beeren, davon heisst sie selber der Wolbermay (Praetorius, Blockesberg, 460). Die Reime, die man an den Baum haengt oder vor dem Kammerfenster des Maedchens hersagt, ergehen sich in den gleichen Sinnbildern: Gruess dich Gott durch eine Hand voll Seiden, Alle frischen Herzen will ich deiner wegen meiden. Gruess dich Gott durch einen Seidenfaden, Gott bewahre dich im finstern Gaden. I loss sie grueessen durh e hoechi Tanne, die Zit isch cho zum Wiben--und zum Manne, I loss sie grueessen durh es Haempfeli Thau: i woett, mi Holdi waer mi Frau. Rosmeri und Zypresse, ass i de nit vergesse; Rosmeri und Naegeli dri, g'hoersch, i moecht gern bi der si! bi der si, wie's Roesli hockt am-ene einige Stengel: Der Herr ist schoen, si Frau ist schoen und s' Chind ist wie ne Engel. Aber dieser Maibaum wird nur der Getreuen gesetzt, "ein duerrer Walberbaum" kommt zur schmerzlichen und entehrenden Ueberraschung vor das Fenster der Verfuehrten (Bavaria II, 269), oder ein Strohpopanz, Namens Walburg, wird der Faulen aufgesteckt, die zu dieser Zeit ihr Land noch nicht umgegraben hat. Kuhn, Nordd. Sag. S. 376. Inzwischen erforscht zur selbigen Nacht das Maedchen ihre Zukunft aus mehrfachen von Walburg selbst herruehrenden Liebesorakeln. Die Heilige traegt eine aufgeweifte Spindel. Auf diese bezieht sich der oesterreichische Brauch des Fadenziehens, welchen Vernaleken, Alpensag. no. 92. 93 meldet. Die Maedchen, welche Lust haben, ihres Zukuenftigen Beschaffenheit vorauszuwissen, setzen sich Mitternachts in einen Kreis und nehmen einen feinen Gespinnstfaden ihrer eignen Arbeit, der jedoch drei Tage vorher hinter einem Mariabilde gehangen hat. Waehrend er im Kreise herum durch die Finger laeuft, spricht man stille und mit geschlossnen Augen: Voaten, i ziech di, Walpurga, i bid di, zag von main Man alle Seiten an. Wie dabei der Faden sich anfuehlt, weich und glatt, hart und fest, so werden des einstigen Mannes Eigenschaften sein. Das oberpfaelzer Bauernmaedchen schleudert ungesehen ihren Schuh ueber den Peuntbaum und horcht, aus welcher Gegend her wiederholtes Hundegebell herueberschallt; eben daher wird einst der Werber zu ihr kommen. Ihr Spruch lautet: Hunderl, ball, ball, ball ueber neunmal, ball ueber's Land, wau mein feins Liab wahnd. Schoenwerth, Oberpf. Sag. 1, 139. So verhilft hier der Hund, Walburgs Geleitsthier, und dorten Walburgs Flachsfaden zum Gelingen des Liebeszaubers. Das vorhin geschilderte Mailehen, die Vertheilung der mannbaren Maedchen an die jungen Ortsburschen, fand bei den Moselfranken nicht am 1. Mai, sondern am ersten Sonntag in Fastnachten statt und hiess daselbst der _Valentinstag_; es wurde 1799 polizeilich verboten (Hocker, Moselthal 24). Eine Waldhoehle bei Ebersberg in Oberbaiern mit einer dabei stehenden Linde hatte dem umwohnenden Volke zum Versammlungsorte gedient, um hier den Teufel (Valant) heidnisch zu verehren. Ein heiliger Mann, Konrad von Heuwa, zerstoerte beide von Grund aus und liess an der Stelle ein _Valentins_kirchlein erbauen. Schoeppner, B. Sagb. no. 70. Dies fuehrt uns auf den am 14. Febr. in England gefeierten Valentinstag, das eigentl. Fest, der Jugend und der Liebe hier, wie im noerdlichen Frankreich, in Belgien und den Niederlanden. Es ist ein vorausbegangner, vordatierter Maitag oder Walburgistag. Eine alte Stadtsage Londons erklaert, dass sich am 14. Febr. die Voegel zu paaren beginnen, und ein gleichfalls alter Sprachgebrauch nennt darum das Maennchen Valentin, das Weibchen Valentinne, sprich Wallen-tein. Dies trifft genau zusammen mit dem von Russwurm veroeffentlichten Holzkalender der Inselschweden, in welchem der 1. Mai mit folgender Kalenderrune verzeichnet steht: ein nach oben gekehrter Halbring, in dessen Mitte ein kleinerer liegt, ist das Sinnbild des Eies im Neste der zu dieser Zeit wieder bruetenden Voegel. Alles ueberschickt sich in England an diesem Tage kleine Geschenke und anonyme Liebeserklaerungen. Es liegt uns ein Bericht des Londoner Postamtes vom Valentinstag 1857 vor. Um 9 Uhr Morgens wurden 150,000 Briefe aufgegeben; um 10 Uhr 25,000; um 11 Uhr 175,000; Mittag 12,000--bis zum Abend noch einmal weitere 60,000, so dass an diesem Tage (ausser den vielen bezueglichen Inseraten der 145,000 Zeitungsnummern) 422,000 Briefe ausgetragen wurden, d.h. zwei- bis dreimalhunderttausend mehr, als an allen uebrigen Tagen des Jahres. Dafuer zum Entgelt erhalten dieses Tages die Brieftraeger eine besondere Mahlzeit, bestehend aus Rostbraten und Ale (Schweizerbote, Zugabe no. 6, 11. Febr. 1860). Auch dabei galt ehemals die Sitte, Liebsten und Liebste durchs Loos zu ziehen und daran die Verpflichtung gegenseitigen Wohlwollens oder sogar bleibender Treue zu knuepfen. Allbekannt ist das dahin zielende Liebeslied der Hamletischen Ophelia: Guten Morgen, es ist St. Valentinstag so frueh vor Sonnenschein, ich junge Maid am Fensterschlag will euer Valentin sein. Noch heute, berichtet Reinsberg (Festl. Jahr, 34) sind Landmaedchen des festen Glaubens, der erste Mann, den sie am Morgen dieses Tages erblicken, werde ihr Valentin und einst ihr Ehemann, vorausgesetzt, dass er nicht mit ihnen im gleichen Hause wohne, nicht ihr Anverwandter und kein Verheirateter sei. Daher stellen sich junge Maenner oft schon vor Sonnenaufgang in der Naehe des Hauses oder an der Strasse auf, wo ihre Geliebten vorueber kommen muessen, und diese wiederum gehen bei ihren Gaengen lieber eine halbe Stunde um, wenn sie dadurch einem Nichtersehnten aus dem Wege gehen koennen, oder sitzen mit zugemachten Augen den halben Morgen hinter dem Fenster, bis sie die Stimme desjenigen hoeren, den sie gern moechten. Suchen wir die Erklaerung und den Zusammenhang des also gefeierten Valentintages sammt den vorausgeschilderten Maibraeuchen, so finden wir dafuer den nordischen Natur-Mythus von der Brautwerbung der Goetter. Das in zwei Haelften getrennte Sonnenjahr wird gelenkt von zwei Mit-Odhinen. Erst hat sich der winterliche Uller-Odhin zum Alleinherrscher der Erde aufgeworfen. Vergebens will ihn Wali-Odhin verdraengen, er ist noch kinderlos. Da wirbt er um Rinda (die hart gefrorne Wintererde), sproede straeubt sie sich gegen seine Liebe, bis er sie mit dem Zauberstab des Lichtpfeils geruehrt hat. Als sie ihm darauf den gleichnamigen Sohn Wali gebiert, entflieht Uller-Odhin, gehuellt in Pelze und dahinschreitend auf Schlittschuhen, in den Hochnorden zurueck. Dies der aeusserlichste Umriss der Mythe; volle Gestalt gewinnt sie erst durch unsere altdeutschen Gottheiten und Stammhelden, und alle Einzelzuege der spaeteren Sagen und Braeuche finden dabei ihr ueberraschendes Verstaendniss. Mit der aufsteigenden Fruehlingssonne wird Wuotans, und Frouwas Hochzeitsfest gefeiert, wird Gerda von Freyr, Brunhilde von Gunther und Sigfried durch Wettspiele erworben, in dieser wonnigsten Zeit des Jahres gruenen und schimmern dann alle Hoehen von den bei der Goetterhochzeit abgehaltenen Festtaenzen. Dann sagen sich die Menschen, das sei der Zug aller Zauberweiber zum Broken, an diesem ersten Maitage muessten die Hexen den letzten Schnee vom Blocksberge wegtanzen (Kuhn, Nordd. Sag. 376), oder ebenso an Mariae Lichtmess muessten unsre Frauen im Sonnenschein tanzen, damit die Schneeflocken am Pilatusberge vergehen und der Flachs so hoch wachse wie die Spruenge der Taenzer sind. Ob dabei das Fest auf 14. Februar, oder auf Walburgis und 1. Mai, oder auf 12. Mai, oder gar erst auf Pfingsten angesetzt wird, verschlaegt nichts und ist eine blosse Folge spaeterer Zeiteintheilung. In den Volksbraeuchen ist noch vielfach die Rechnung nach dem alten Kalender beibehalten und folglich wird da der 12. Mai als der fruehere erste begangen und der Tag Pancratius hat uebernommen, was sonst vom Tage Walburgis galt. Da muss man Lein saeen und dabei recht lange Schritte machen (Thueringen, Hessen); oder die aelteste Jungfrau des Hauses muss am Fasnachtstage (Harz), oder an Lichtmess (Meklenburg) rueckwaerts vom Tische springen; oder die Hausfrau muss einige Stuecke tanzen und dabei recht hoch springen (Schlesien, Mark); oder man steckt beim Saeen die Harke oder grosse Hollunderzweige senkrecht in die Erde (Meklenburg, Thueringen)--alles, damit der Flachs gut gerathe und eben so hoch wachse. Wuttke, Volksabergl. Aufl. 1, S. 184. Hauptgehalt aller dieser Braeuche aber bleibt in gleicher Wiederkehr der erneute Wucher des Erdreiches und die Fruchtbarkeit der neuen Liebesbuendnisse. Von der deutschen Heldensage an bis hinab in das Kindermaerchen vom Dornroeschen wird hievon gesungen und gesagt. Denn wenn die in der Waberlohe schlummernde Brunhilde von Sigfried aus dem Zauberschlafe geweckt und zum Weibe erworben wird, so ist diese Waberlohe das im Mittagsstrahle flimmernde, traeumerisch nickende Aehrenfeld, Brunhilde ist die darin ruhende Naehrkraft. Sigfried, von dem gesagt ist, dass wenn er durchs Kornfeld schritt, die Aehren nur an den Thauschuh seiner Schwertspitze reichten, ist die grosse Gestalt des Schnitters. Voranschreitend zertheilt er die Halme, hinter ihm schlagen sie wieder zusammen, bis seine Sichel alle gefaellt hat. Dies heisst in der Edda: Sigfried sprengt zu Ross in die von Feuer umgebne Burg, nimmt der Schlafenden den Helm vom Haupte, schneidet ihr mit seinem Schwerte den Panzer, der weder Haken noch Nesteln hat, von Brust und Armen, worauf sie erwacht, ein Trinkhorn mit Meth fuellt, dem Befreier ueberreicht und ihn die Runen gebrauchen lehrt, die Sieg-, Meth-, Sturm-, Rechts- und Machtrunen. Solche Weisheit bewundernd ruft Sigfried: Keine andere als dich will ich zum Weibe haben! Wohin aber in diesem sagenhaften Goettergewimmel mit Walburgis? Auch sie, obschon sie unter dem Einflusse der Kirche eine ehelos lebende Heilige geworden ist, war einst eine Schoenheitsgoettin gewiesen, von welcher das Glueck der ehelichen Liebe und das Gedeihen der laendlichen Arbeiten ausgieng. Von ihrer Frauenschoenheit berichtet noch eine oberpfaelzische Sage (Schoenwerth 1, 389), die alle Spuren hohen Alterthums an sich traegt. Bekanntlich pflegten sich Heiden- und Christenpriester gegenseitig in Religionsdisputationen ueber die Vorzuege ihrer Himmel und Himmlischen zu messen, und der Streit endete manchmal damit, dass beide Theile es auf einen Augenschein, auf ein visum repertum ankommen liessen. So kommt es zwischen einem Priester und einem Heidenweibe (Hexe) denn auch einmal zur Frage, wer schoener sei, die Heidengoettin Walburg oder die Himmelsjungfrau Maria. Der Vorgang ist folgender. Eine Hexe beichtet ihren Stand einem Geistlichen, erklaert aber auf dessen Abmahnen, ihren Versammlungen wohne die Mutter Gottes leibhaftig bei, er moege sie nur bei der naechsten Ausfahrt begleiten und sich selber ueberzeugen. Am bestimmten Tage setzt sich der Mann mit der Hexe in einen Wagen und faehrt durch die Luefte, bis man Glocken laeuten hoert. Da senkt sich der Wagen und man steht in der Mitte einer prachtvollen, mit einer zahllosen Menge angefuellten Kirche: In der That wandelte auch die Mutter Gottes leibhaftig auf dein Altar herum, voll Glanz und Schoenheit. Doch dem Priester schien sie zu ueppig und verfuehrerisch, er sprang auf den Altar und hob ihr ein verborgen gehaltenes Crucifix mit den Worten unter die Augen: Bist du die Mutter des Herrn, so sieh hier deinen Sohn! Da erloschen mit einem mal saemmtliche Lichter, dichte Finsterniss und Stille herrschte, der Pater stiess sich an rauhen Steinen und als es gegen Tag gieng, befand er sich im Gemaeuer eines Galgens.--Wir werden dieselbe hl. Walburg ebenso noch als heidnisch verehrte Venus von der Kirche selbst angeben hoeren; denn allerdings sind schon die bisher von ihr gemeldeten Zuege unkirchlich genug: der Hund an der Kette und der Flachsfaden auf der Spindel sind ihre Orakel; ihre naechtlichen Hoehenfeuer leuchtendem Reihentanze der Liebenden und diese werden ohne Priester zusammen gegeben; ihr Heilbad ist der Maienthau, ihr Keiltrunk der Maibrunnen und das frische Oel des Feldes; statt eines Marterwerkzeuges traegt sie Garbe und Aehre, gleich ihrem Bruder Oswald. Sie wandelt das Saatkorn in Gold, sie geht in goldnem Schuh und traegt eine goldne Krone, sie ist selber das reifende Aehrenfeld. Ihr antikes Abbild ist Pindars "roethlichfuessige Demeter" (Olymp. 6, 94) und die roemische Ceres rubicunda, die in rothgelben Grannen reifende Gerstensaat. * * * * * FUSSNOTEN: [2] Der immer gleichlautende Auskuendungsspruch: Heut zum Lehen, Morgen zur Ehe, Ueber ein Jahr zu einem Paar-- steht schon in Lersners Frankf. Chronik 3 B. 6 K. und wird dorten dem von den Kaisern ausgeuebten Ehezwangsrechte unterschoben, welches von Heinrich VII. 1232 aufgehoben worden sein soll. * * * * * Vierter Abschnitt. Maiengeding und Walbernzins. Je nach der Eintheilung des Jahres in zwei, drei oder vier Jahreszeiten waren eben so viele Volksversammlungen (Allding), allgemeine Opferfeste und Gerichtszeiten des Jahres anberaumt. Zu zweit auf Sommer und Winter verlegt, hiessen die Gerichte Maigeding und Herbstgeding, nach spaeterer christlicher Benennungsweise Walburgis und Martini. Seit den karolingischen Kapitularien werden drei ungebotene Gerichte durchgehends ueblich (tria generalia placita) und fallen auf Sommer (Walburgis), Herbst (Martini), und Winter (Weihnachten). Ungebotene Gerichte hiessen sie im Gegensatze der vom Gerichtsherrn den Unterthanen gebotenen, weil erstere in ihrem Zusammentreffen mit gleichmaessig vorausbestimmten Fristtagen allgemein gewusst waren und keiner vorgaengigen Ansagung bedurften. Sie entschieden nicht bloss ueber Mein und Dein, sondern auch ueber die Idealgueter von Freiheit und Ehre, somit ueber Krieg und Frieden, und ihre Aussprueche waren die allgiltigen der Volkssouveraenetaet, wie sie unsre Zeit in ihren Landsgemeinden, Staendeversammlungen und Parlamenten anerkennt. Sie benannten sich nach Naechten, weil der Tag sich aus der Nacht gebiert und daher der landwirthschaftliche Kalender nach Neumond und Mondabnahme rechnet. Die Zeit der Zwoelften (Weihnachten bis Dreikoenig) nennt man in Schwaben und dem angrenzenden Theile der Schweiz Kloepfleinsnaechte und Nidelnaechte; in Baiern Rauch-, Loeselnaechte und Gennachten; in Deutschboehmen Undernaechte; bei den heidnischen Angelsachsen hiessen sie Mutternaechte. In gleicher Analogie spricht man von Fasnacht, Rumpelnacht und der durch die Ortspolizei gewaehrten Freinacht. So hiess denn auch das Maigericht Walburgisnacht, daenisch noch Valdborg aften (Abend). "An sant Walipurg abent ze ingaende maien" pflegt die Zeitbestimmung zu lauten in den Klingnauer Urkunden aus dem 14. Jahrhundert. Anfaenglich steht das Walburgsgericht noch zu Zweit mit dem Wintergerichte zusammen, erst spaeter auch mit dem Herbstgerichte zu Dritt. Die Offnung des Dorfgerichtes zu Sondernau von 1615 setzt zweimaliges Jahresgericht fest, das Mertensgericht (11. Nov.) und das Welbermael, Walburgismahlzeit am 1. Mai. Zoepfl, Alterth. des Deutsch. Reichs und Rechts 1, 306. Dagegen sagt die Offnung des Dorfes Wettingen (gedruckt im Wetting. Archiv 125): "Wir soellend ouch dry rechte geding da haben, der soll eines sin vff Sannt Waldpurgen tag in Meyen acht tag vor oder meh, das andere vff Sannt Martinstag, das dritt vff sannt Hilarien." Dieselbe Bestimmung in dem Dinggerichte zu Dietikon und Schlieren v.J. 1259 steht verzeichnet: Argovia 1, 78. Dabei blieb Walburgis auch spaeter in den Staedten ein Termin der Aemter-Erneuerung; "jerlichen zu Meyen, wann Statt und Ampt Raeth zusammen schwerend", heisst es im Zuger Recht 1566. Hds. Sammlung der Aargau. Histor. Gesellsch. Die Tagloehner-Ordnung von Oppenheim von 1523 bestimmt nach derselben Frist den Beginn der Zwischenrast bei der taeglichen Handarbeiten: "dass sich die tagloner ein stund schlafens underziehen an iren tagarbeiten und das anheben, so der stock ein blatt ueberkompt, dass einer ein aug domit bedecken muege, nemlich von Philipp Jacobi (1. Mai) bis uf Margaretha (13. Juli)." Mone, Oberrhein. Ztschr. 1, 196. Im Alterthum hatten die Gerichtsversammlungen mit Fest- und Trinkgelagen geendet, die fuer die Verkoestigung der weither gekommenen Mannschaft nicht zu umgehen waren. Daraus entsprang der Brauch bei den spaeteren Land- und Markgerichten, den Gerichtsherrn und seine Leute zu bekoestigen, den Schoeffen Trank und Speise zu verabreichen und ihnen einen Zinskuchen mit dem hineingebackenen Trinkpfenning auf den Heimweg zu verehren. Die Kosten wurden aus den eingezogenen Bussen bestritten. Hier folgt eine Kostenberechnung des Maiengerichtes im Fronhof zu Wolen in den Freienaemtern, v.J. 1620, handschriftl. im Archiv Muri, Scrin. L, I. Das Stift Muri war zu Wolen Lebens- und Untergerichtsherr; der obergerichtliche Entscheid stand beim Landvogt zu Baden, der daher nebst Landschreiber, Weibel und Substituten mit anwesend sein musste. Das Stift hatte ausser in Wolen auch noch in den Doerfern Muri, Boswil und Buenzen dieselbe Judicatur. Wie hoch sich nun die Kosten dieser hier jaehrlich _achtmal_ wiederholten Gerichtstage fuer den Lehensherrn beliefen, zeigt folgendes Aktenstueck. Rechnung was Ao. 1620 im Meyengricht zu Wollen verzert und verbrucht worden. Dass mal vnd Abentrunk 23 Gld. 38 Sch.--Ueberzehrung ob Ihr Herren verritten 2 Gld. 10 Sch.--Durch die HHn. Landvogt, Landschryber, ire Diener, Pfarer vnd Weibel am Nachtmal verzert 3 Gld. 10 Sch.--fuer Hoeuw vnd Haber ueber Nacht 1 Gld. 8 Sch.--Hrn. Landvogt Braemen v. Zuerich verehrt an einem Goldstuck 14 Gld. 2 Pf.--Sinem Diener 1 Kronen.--Hn. Landschryber Zur Louben an einer Spanischen Dublon 7 Gld. 1 Pf.--Sinem Substituten 1 Gld.--In die Kuchj 1 Gld. Summa 55 Gld. 36 Sch. Alterthuemlich und von naiver Umstaendlichkeit waren die Braeuche, unter denen die Ortschaften jeweilen ihren Zins zu ueberbringen hatten. Der Walpertszins musste vom hessischen Dorfe Salzberg am Knuetl alljaehrlich am Walburgistag zu Buchenau in Betrag von sechs Hellern alter hessischer Muenze bezahlt werden. Der Gemeindemann, der ihn ueberbrachte, hiess das Walpertsmaennlein. Er musste des Morgens frueh Schlag sechs Uhr in Buchenau eintreffen und auf einem besondern Stein an der Schlossbruecke sich niedersetzen. Verspaetete er sich, so verdoppelte sich progressiv mit jeder Stunde der Zins, am Abend haette ihn die ganze Gemeinde nicht mehr zu zahlen vermocht. Vorsichtshalber schickte daher die Gemeinde stets zwei Abgeordnete zusammen ab. Hatte das Walpertsmaennchen seine sechs Heller im Schloss bezahlt, so wurde es nach Vorschrift hier drei Tage lang bewirthet. Schlief es waehrend dieser Zeit nicht ein, so waren die Zinsherren verpflichtet, es lebenslaenglich zu verpflegen; geschah jedoch das Gegentheil, so wurde es augenblicklich aus dem Schlosse hinausgeschafft. Schon an dreihundert Jahre war diese Zinszahlung im Gebrauche und bestand noch im Anfange dieses Jahrhunderts. Lynker, Hess. Sag. no. 338. Grimm RA. 388. Dies war der sg. Rutscherzins, welcher, wenn an vorbestimmter Tages- und Stundenfrist abzutragen verabsaeumt, nach Tagen und Stunden wuchs. Blieb der Braunschweigische Maigassenzins, der nur 3 Mgr. 2 Pf. betrug, am Zinstage aus, so verdoppelte er sich von Tag zu Tag. Im Dorfe Schernberg hatte man ihn auf Philipp-Jacobi Mann fuer Mann auf einen breiten Stein unter freiem Himmel zu erlegen, wer sich hier um eine weitere Stunde zu spaet einstellte, bezahlte ihn je doppelt und dreifach. (Grimm ibid.). Aber auch dabei kamen dem Verspaeteten noch mancherlei kleine Hilfsmittel zu gut, welche gesetzlich erlaubt waren und ihn der drohenden Busse wieder enthoben. Dass der Zinsende nach Herkommen ein Gegengeschenk erhielt, welches mit der Zeit fuer ganze Gemeinden zu nicht unbetraechtlichen Nutzniessungen sich gestaltete, lehren folgende Braeuche und Sagen. Walperherren hiessen vormals die vier Rathsmeister Erfurts, die jaehrlich an Walburgis nach altem Rechte hinaus in den Wald Wagweide zogen, welcher dem Churfuersten von Mainz zugehoerte, und sich 4 Eichen schlugen. Gleichzeitig kam dann saemmtliche Buergerschaft ihnen dahin nach und hielt in dem fuerstlichen Schlosse ein dreitaegiges Einlager bei Musik, Tanz und Schmauss. Heut zu Tage begeben sich schon an Walburgis Vormittag alle hammerfuehrenden Gewerke der Stadt in jenen Wald und halten da bei Tanz und Gesang bis tief in die Nacht aus, Bier wird faesserweise mitgefahren. Mit Eichlaub bekraenzt singt der heimkehrende Zug: Willst du mit nach Walpern gehn, Willst du mit, so komm! Dies nannte man den Gruenenmaitag. Aehnlich begeht daselbst die Schusterzunft den gruenen Montag, welcher der erste ist nach Jacobi. Sie bekraenzt nebst ihren Wohnhaeusern die Strassen zum Paul, zu den Predigern und die Schuhgasse. Dies Ehrenrecht soll ihnen von Kaiser Rudolf fuer die Tapferkeit ertheilt worden sein, mit der sie und die uebrigen hammerfuehrenden Gewerke ein Raubschloss im Steigerwalde zerstoerten, von dem aus die Orte des Thueringerwaldes lange belaestigt worden waren. Zwei Knaben, mit Goldketten und anderem Geschmeide geschmueckt, pflegte man sonst zu Pferde in der Stadt herum zu fuehren, es sollen die zwei Soehnlein der Edelfrau jenes Schlosses gewesen sein (man benennt es wechselnd bald Dienstberg, bald Greifenberg), die mit all ihren Kostbarkeiten behaengt die Sieger fussfaellig um Schonung ihres Lebens anflehten und Gnade fanden. So die Sage. Allein was in dieser die angeblichen Raubritter geworden sind, waren urspruenglich die Winterunholde, denen der Sommer abgewonnen wird. Denn die staedtischen Urkunden, so sagt der Erfurt. Stadt- und Landbote v. 1846, enthalten nichts, was dieser Geschichte einer zerstoerten Raubburg aufhelfen koennte, wohl aber dass der Gruenenmaitag ein Ueberrest des sg. Schwoertages ist, an welchem die Handwerker jaehrlich der vom Mainzer Bischof neugesetzten Obrigkeit huldigen mussten. Der Bischof bestaetigte ihnen dagegen neuerdings ihre Rechte, wofuer die Schuster dem Schultheissen zwei Paar bunte Schuhe ueberreichten, gemacht aus dem Filz, den die Hutmacher gleicherweise abzuliefern hatten. Berlepsch, Chron. d. Gewerke 4, 157. Der Sinn solcher pseudohistorischer Sagen von einem gelungenen Kriegszuge der Buerger und Bauern gegen das Herrenschloss, oder einer militaerischen Execution gegen den Herrschaftswald ist einfach der, dass mit dem Entrichten des Walburgiszinses oertliche Holzrechte verbunden waren. In einem niederl. Volksliede (Uhland in Pfeiffers Germania V.) bringt der Zinsbauer (wahrscheinlich fuer die Nutzung ueberlassener Laendereien) seinem Lehensherrn ein Fuder Holz und zugleich der Frau "den kuehlen Mai". Wie sich der Sieg Gideons ueber die Midianiter (Richter 6, 37) an den Thau knuepft, der auf Gideons ausgebreitetes Fell so reichlich faellt, dass man des Morgens eine Schale Wassers daraus zu fuellen vermag, so ist auch in den deutschen Lokalgeschichten aus dem Glauben an die Wunderkraeftigkeit des Maienthaues, und aus dem Brauche, beim Maigerichte bewaffnet zu erscheinen, den Walburgiszins Mann fuer Mann gemeindeweise zu entrichten, die haeufig sich wiederholende Tradition entstanden, dass an eben diesem Zinstage die politische Unabhaengigkeit der Landschaft durch einen gluecklichen Waffenstreich errungen worden sei. Die Maifahrt wird zur Kriegsfahrt umgestempelt. Die Friesen- und die Schweizersage trifft hier zusammen. Den Unterwaldnern werden die "Walperkuehe" (Grimm, RA. 822), die sie dem Zwingherrn zinsen, der Anlass, die Voegte auf Sarnen und Rozberg zu vertreiben und deren Burgen zu brechen; die Ditmarschen datiren ihren Freiheitstag von dem Zinskorn, das sie nicht laenger auf das Schloss der Walburgsaue liefern wollen. Die Unterwaldnersage ist allbekannt, noch unbeachtet aber folgende ditmarsische, die in Neocorus Chronik steht, Ausgabe von Dahlmann. Das aelteste und festete Gebaeu im Ditmarschenlande war die Grafenburg Bocklenburg in der Wolberaue gelegen. Ihr aelterer Name war Walburg, sagt Dahlmann im Neocorus 1, 565; ein Eigenthum der Grafen von Stade, in unmittelbarer Naehe des jetzigen Kirchdorfes Burg; ihre Zerstoerung durch die aufstaendischen Bauern faellt 15. Maerz 1145. Muellenhoff, Glossar zum Quickborn 1856, S. 315. Der Graf hatte den reichen Bauern Heine zu Gast geladen, ihn reichlich bewirthen und mit Saitenspiel ergoetzen lassen, wofuer der Bauer nun wiederum den Grafen zu sich bat. Aber statt auf die Polsterbank setzte er ihn auf strotzende Kornsaecke, statt der Tafelmusik musste Schwein, Schaf, Kuh und Ross den Hof durchlaermen. Solcher Wohlstand reizte die habsuechtige Graefin Walburg und sie beredete ihren Gemahl, dass er die Schatzung, die er den Bauern schon seit Jahren nachgesehen hatte, gerade jetzt zur Zeit einer Theuerung in allen Rueckstaenden einforderte. Am Martinsabend fuehrten denn die Bauern eine lange Reihe von Kornwagen zum Schlosse hinauf. Auf dem ersten sass eine schoene Dirne, dem Grafen zu Willen bestimmt; allein in den Saecken des zweiten Wagens lagen Bewaffnete eingenaeht. Als der Zug das Schlossthor erreicht und gesperrt hatte, ertoente das Losungswort: Ruehret die Haende, Zerschneidet die Gebaende! Damit schnitten die Verborgnen sich aus den Kornsaecken, zuckten die Waffen und nahmen das Schloss ein. Der Graf war in das innerste Gemach entsprungen, allein seine zahme Elster kam schreiend ihm nachgeflogen und verrieth ihn, er wurde aus dem Verstecke gerissen und erstochen. Die Graefin sprang aus dem Fenster in die vorbeifliessende Aue hinab und hat mit ihrem Tode dieser Trift den Namen Wolbersaue gegeben. Und dieses Landstueck, fuegt Neocorus bei 1, 264, ist von solcher Fruchtbarkeit gewesen, dass man einmal 14 Tonnen Buchweizen darauf erntete. Auch eine Wallfahrt zum Haupte St. Peters war daselbst. Ein kupfernes Kreuz, das dorten ein Bauer aus dem Boden gepfluegt und daheim aufbewahrt hatte, entsprang ihm wieder und stellte sich in die Wallfahrtskirche, wo es heilkraeftige Wirkungen that: it wolde in de Kerken unnd S. Peter sterken. So wird Walburgs Goettermythe zur Kirchenlegende, ihre Burg zur Wallfahrtskirche, sie selbst zur hartherzigen Gaugraefin und Burgfrau, mit deren Untergang die Steuer der Leibeignen aufhoert und die politische Selbstaendigkeit des Gaues beginnt. Noch ein kleiner Schritt weiter, und die hartherzig Zins eintreibende Graefin Walburg verwandelt sich an einem oder jedem der drei altgebotenen Zinstage zur saatenvertilgenden Walburgishexe, aus der Tagfahrt zu Gericht wird eine Nachtfahrt auf den Broken. _Dreimal_ des Jahres muessen die Hexen ihre drei hohen Tagsatzungen abhalten, sagt Praetorius Blockesberg (1668) 499, und zergruebelt sich ueber die Frage, warum doch dieser Heiligen Kirchtag so sehr vom Teufel entweiht werde; darum wohl, meint er, weil diese Heilige dem Satan so viel Abbruch gethan; nun halte er alle Jahre Abrechnung mit ihr und lasse von seiner Burse ihren Feiertag verschimpfiren. Eine aehnliche Fruehlingssage, bei welcher jedoch noch deutlicher der Nachdruck auf das Walburgisfeuer und die Maibraut faellt, theilt W. Menzel (Vorchristl. Unsterblichkeitslehre 1, 128) mit aus Curickens Beschreibung von Danzig 1688 S. 39, und aus Temme-Tettau's Ostpreuss. Sag. no. 208. 209. Auf dem Hagelsberge, an dessen Fusse nun Danzig liegt, hatte der boese Koenig Hagel eine Burg erbaut, von wo aus er die Fischer an der Weichselmuendung brandschatzte und ihre Weiber und Toechter entehrte. Dazu hatte er seine eigne Tochter Berchta dem Sohne des Schultheissen Hulda verlobt, weigerte sich aber nachher, sie ihm zu geben. Da kam der Abend, an welchem der Sitte gemaess ein grosses Feuer auf dem Berge angezuendet und der uebliche Reigentanz um das Feuer gehalten wurde. Diesen unschuldigen Vorwand benutzte Hulda mit andern Juenglingen, sich der Burg zu naehern und dieselbe ploetzlich zu ueberfallen. Koenig Hagel, der dem Tanze des Volkes mit Vergnuegen zugesehen hatte, wurde ermordet und rief sterbend: O Tanz, o Tanz, wie hast du mich verrathen! Und davon soll das nachmals erbaute Danzig seinen Namen erhalten haben. Der Name der Fruehlingsgoettin Holda-Berchta ist hier in der Sage zwischen Braeutigam und Braut getheilt. Damit diese Beiden, nachdem sie bereits ins Mailehen gegeben sind, ein Paar werden koennen, wird der winterliche Tyrann, Koenig Hagel, vertrieben und seine Burg beim Walburgisfeuer zerstoert. An ihre Stelle tritt eine gewerbfleissige grosse Stadt. * * * * * Fuenfter Abschnitt. Der Mythus vom Maienthau. Von der Adventzeit bis zu Ostern laesst die katholische Kirche taeglich die Rorate-Messe singen, die ihren Namen traegt von der Stelle Jesaia's 45, 8: Rorate, coeli, desuper et nubes pluant justum; thauet, Himmel, den Gerechten! Wolken, regnet ihn herab! Diesen vom Himmel fallenden Segen erhoffte das Heidenthum von der Thaugoettin selbst und sah ihn erfuellt mit deren Ankunft in der Walburgis- und Johannisnacht. Nur von der ersteren ist hier die Rede. Mit banger Erwartung geht unser Landmann in der Walburgisnacht zu Bette und beim ersten Tageslicht tritt er vor sein Haus; ist da kein reichlicher Thau zu sehen oder hat es gereift, so ist seine Hoffnung auf eine erkleckliche Jahresernte schon halb dahin. Selbst wenn ihm im Heumonat darauf noch soviel Futter waechst, er traut demselben keine Nahrungskraft zu, es hat ja keinen Maithau bekommen; es ist ohne Salz und Schmalz. Lieber ist er daher nur mit halb so viel Heu zufrieden, als mit einem doppelten Heuertraegniss ohne Maienthau oder ohne Regen an Walburgis. "Regen auf Walburgisnacht hat stets ein gutes, Jahr gebracht. Walburgisfrost ist schlimme Post". In Meklenburg heisst es vom Walburgisregen, er bringe ein unfruchtbares Jahr, weil mit ihm (vgl. Wolf, Beitr. 2,367) von den goettlichen Maechten die Festfeuer zurueckgewiesen werden. Wenn es dagegen an den drei ersten Maitagen reichlich thauet, so braucht es den ganzen Monat ueber keinen mehr. Maienthau macht gruene Au. Oder, der Bauer rechnet auch in arithmetischer Progression also: Thaut es im Mai fuenfmal, so erwartet man eine Viertelsernte; zehnmal, so giebts eine halbe; fuenfzehnmal, so giebts eine volle Ernte. Thau auf der Wiese ist Geld in der Truhe. Als Koenig Gustav III. von Schweden einem ostgothlaender Bauern, der ihm vorgestellt wurde, einen kostbaren Ring zeigte und ihn ueber dessen muthmasslichen Werth befragte, meinte der Landmann laechelnd: doch wohl nicht so viel, wie ein Schauer Regen im Mai. Kann man, sagt der Aargauer, am ersten Mai genugsam Thau gewinnen, so kann man daraus Gold laeutern. Daher traegt die hl. Walburg feurige (goldne) Schuhe (Vernaleken, Alpensag. S. 92); daher traegt bei den Hexenversammlungen eine der Frauen am rechten Fusse den Goldschuh (Grimm, Myth. 1025); daher redet das Kindermaerchen (Grimm 3, no. 99) von der Lebenstinctur des Goldwassers; daher taucht in der Walburgisnacht im Gewaesser der Bode die goldne Krone der Prinzessin Brunhilde hervor und schwimmt bis zum Morgen obenauf. Kuhn, Nordd. Sag. no. 193; "daher sammeln die Alchimisten im Majo Regenwasser in grosse Kruege, dass sie sich das ganze Jahr durch nach Beduerfniss damit behelfen koennen." Coler, Almanach (Mainz 1645, 59). Den Slaven ist in einem einzigen Tropfen Thau eine Wunderwelt enthalten, er soll des Menschen ganze Lebensgeschichte enthuellen, wenn man ernstlich hineinschaut. Haupt-Schmaler, Wend. Volksl: 1, S. 381. Die Perlenmuschel hat ihre Perlen nicht vom Meer, sondern vom Himmel selbst, schreibt Konrad von Megenberg im Buch der Natur (Augsb. bei H. Schoensperger 1499, Bl. pj und piij): sy begeret des hymeltawes, recht als ein fraw jres liebes begert. das ist, da das taw allermeyst fellt, so trinken sie das begeret taw in sich und werdent schwanger. ist das taw klar vnd lauter, so werdent die margariten gar fein. Aehnlich in Fr. Rueckerts Vierzeilen: Die Rose stand in Thau, Es waren Perlen grau; Als Sonne sie beschienen, Da wurden sie Rubinen. Aus Erde und Thau formte der Schoepfer Adams Fleisch und Blut; so sagen die Evangelien der Vorauer Handschrift (ed. Diemer, Deutsche Ged. S. 319-330): uon dem leime gab er ime daz fleisch, der tow becechenit den sweihc. uebereinstimmend mit der Bibelstelle: Ich will Israel wie ein Thau sein, dass es soll bluehen wie eine Rose. In das Fruchtholz des Waldes fluechten beim Weltuntergange die beiden letzten Menschen Lif und Lifthrasir, Leben und Lebenskraft, und fristen sich da vom Morgenthau, bis neue Menschengeschlechter aus ihnen hervorgehen. Das Fruchtholz, die Oesch, kann ohne Thau nicht tragen; kein Maienthau, kein Holzwuchs, heisst es; wenn man einen Baum im Maienthau schuettelt, so stirbt er ab. Der Ritter, der die drei letzten Baeume bei seinem Hause faellen will, sieht des Morgens unter ihnen drei Jungfrauen sitzen, die ueber den Untergang des Waldes klagen und mit den zerrinnenden Thautropfen verschwinden. Er liess hierauf die Baeume stehen und sein Geschlecht blieb in Wohlstand. Wenn die Engel im Himmel weinen, um Gottes Erbarmen fuer die Menschen rege zu halten, so entsteht daraus unser Thau; dies lautet in Grieshabers Deutsch. Pred. 1, S. 42: wer sint diu wazzer ob dem firmamente? daz sint die erwelten und die behaltenen. sieh und merke ain groz wunder. diu wazzer ob dem himmel, der kumet ain zeher niemer noch niemer her ab, wan daz, sumeliche maister wen, daz daz tov daruz werde. Ein unbethaut bleibender Ort ist ein verwuenschter, wie hier hernach noch des Weiteren zu berichten sein wird. Da Jonathan und Saul in der Schlacht gefallen sind, wehklagt David: Ihr Berge zu Gilboa, es muesse weder thauen noch regnen auf euch, Jonathan ist auf deinen Hoehen erschlagen! 2 Sam. 1, 21. Wo Gespenster und Hexen umgehen, waechst kein Gras; daher in G. Buergers Romanze: Im Garten des Pfarrers von Taubenheim, Da ist ein Plaetzchen, da waechst kein Gras, Das wird von Thau und von Regen nicht nass. Wo neun Tage hinter einander kein Thau liegt, da liegt ein Schatz (verzaubert) vergraben. Coler, Oeconomia. Auf dem Wiesenweg, welcher der Sibilla Weiss Kirchgang gewesen, bleibt kein Thau und Reif behangen. Panzer, BS. 2, pg. 54. Maienthau ist eine Quelle der Koerperschoenheit, des Liebreizes und der Langlebigkeit. Daher der Kinderspruch: Wenns thaut, wirds groen, werden alle Jungfern schoen. Mairegen, mach mich gross! pflegen die im Regen laufenden Knaben auf der Gasse zu rufen. Eos hat taeglich ihren altersgrauen Gatten Titon mit Thau neu zu beleben. Hellfunkelnder Thau trieft perlend hernieder und frischgruenende Hyacinthen sprossen empor, wo auf dem Ida Zeus die Hera umarmt. Mit dem Wasser aus dem Paradiese, erzaehlt Konrad v. Wuerzburg in seinem Trojan. Krieg--verjuengt Medea Jasons alten Vater. Die drei Marien gehen zu des Herren Grab durch den Thau (Uhland, Volksl. 832, 3): Es giengen drei heilige Frawen zu Morgens in dem Tawe. So schoen ist die Geliebte, dass der Minnesaenger Christian von Hameln dem bethauten Anger keine hellere Zier zu schenken weiss als ihren nackten Fuss darauf: Her Anger, bitet, daz mir swaere sul buozen ein wip, nach der min herze ste; so wuensche ich, daz si mit blozen fueezen noch hiure mueeze uf iu ge. Man bereitete daher im Mittelalter aus dem Thau der Blumen verschiedene kosmetische Mittel, z.B. aus der Pflanze Sonnnenthau einen nach ihr genannten Liqueur Ros solis, nun Rossoglio genannt. Der Zierbaum, den man im bair. Lechrain in der Mainacht der Liebsten vors Kammerfenster setzt, muss nebst Aepfeln und Baendern stets mit einer vollen Rosogliflasche behangen sein. Leoprechting, Lechrain 177. Ans den Blumen der zum Johannisfeste geflochtnen Johanniskronen kocht man in Sachsen einen heilkraeftigen Thee. Sommer, Thuering. Sag. 148. 156. Die Alchemilla vulgaris, Thaumantel, Thauschuessel, Parasol und Frauenmaentelchen genannt, bietet dem Sennen nicht nur das milchergiebigste Gras, man destillirt das in ihrem Kelche sich sammelnde Wasser als Heilmittel; zehn solcher Blumenkelche voll Thau stillen Jedem den Durst. Schoenwerth, Oberpfalz 2, 132. Die Salbe Oli-ronge wird zu Saintes Maries in der Provence bereitet, indem man an Johannis zwischen Morgenroethe und Sonnenaufgang aromatische Kraeuter sammelt und sie in Olivenoelflaschen verschliesst. Wolf, Beitr. 2, 394. Um das ganze Jahr frische Rosen im Zimmer zu haben, legt man Rosenknospen in einen mit Wein gefuellten und verschlossnen "Walburgischen Krauss." Kunst- und Wunderbuechlein, S. 233. Um seltne Kuechenkraeuter jahrelang frisch und schmackhaft zu haben, verordnet die Kuchemaistrey (Incunabel o.O.D.u.J.) Blatt 22: vach tawwasser mit einem reinen neugewaschnen leinentuch, das keg auf einer wisen hin vnd her, druck es auz in ein sauber kandel vnd bayz (beize) die kreueter darinnen. Eben diese Gewinnungsweise schreibt Konr. v. Megenberg, Bl. e'3 gegen Ausschlag vor: so (der mensch) sich denn wescht mit dem taw vnd darinn waltz des morgens, ee die Sunn den taw benimpt, so wirt er rein an seiner haut. o Maria, hilf vnd taw mit genaden auf vns reuedige menschen! Eine Bernersage aus dem Habkerenthal wird mir also mitgetheilt. In einer Hoehle des Berges Harder, die vom Pfarrhause des Dorfes Habchen aus erblickt wird, lebten ehemals Zwerge. Die Bauernschaft im Thale stand mit diesen Erdmaennlein in gutem Einvernehmen und nach altem Brauch stellte man ihnen jedes Fruehjahr einen Krug Maienthau an einen bestimmten Ort, wo ihn die Zwerge abholten und in die Hoehle trugen. Sie badeten damit ihre neugebornen Kinder und wuschen sich Windeln und Weisszeug; zum Entgelt dafuer ueberschickten sie den Bauern Honigthau, worauf die Bienenzucht im Thale besonders gedieh. Nun, nachdem die Zwerge ausgewandert oder gestorben sind, haengt ihre Hoehle voll milchweisser Steinzapfen, lauter im Bad verspritzter Maienthau, der sich zu Milch versteinert hat, und heisst davon das Mondmilchloch. In der Normandie, der Bretagne und den Pyrenaeen badet das Volk die Fieber ab, indem es sich am Johannistage nackt im Thau des Haberfeldes waelzt: se rouler ce jour-la le matin dans la rosee, ou se baigner dans une fontaine guerit de la gale et de toutes maladies cutanees. De Nore, Coutumes, mythes et traditions. 127. 231. 262. Dasselbe thun die Saalfeldischen Maedchen Nachts in den Flachsfeldern. Grimm, Myth. Abgl. no. 519. "Ich werde," schreibt Coler, Almanach 62, "von erfahrnen Leuten berichtet, dass der Maienthau grindichten, scherbichten Leuten gesund sein soll, wenn sie sich frueh nacket drein waelzen. Die Medici nennen solchen Thau rorem matutinum in vere, S. Walpurgisthau."--Islaender und Schweden pflegten in Thau zu baden, um damit Krankheiten wundersam zu heilen: Finn Magnusen, Lexikon mythol. 72. Die Englaender setzten eine Metze Haber oder eine Korngarbe unter den Nachthimmel und wuschen sich mit dem darauf gefallnen. Thau gegen Pestansteckung. Liebrecht, Gervas. Tilbur. pg. 2. Der Altbaier waescht sich im Maienthau, dazu sprechend: Das hilft fuer's Gah, fuer's Blaeh, fuer'n U'flat. Das Gah ist gaeher Tod und fallendes Uebel; Blaeh die Rinderaufgelaufenheit, Stillfuelli; Unflat der Aussatz. Panzer, BS. 2, 30. "Morgenthau ist gut fuer abgehauene Fuesse, gut fuer abgehauene Arme, fuer ausgestochene Augen", so sprechen die drei himmlischen Jungfrauen, bestreichen den Verstuemmelten und alsbald ist er wieder ganz und heil. "Benetze deine Augenhoehlen mit Morgenthau, der auf den Baumblaettern liegt", sprechen die drei Schwaene zu dem von der Stiefmutter geblendeten Maedchen. Haltrich, Siebenbuerg. Maerch. S. 36. 216. "Heute Nacht faellt ein Thau, sagt die Kraehe, so wunderheilsam: wer blind ist und bestreicht seine Augen damit, der erhaelt sein Gesicht wieder." Grimm, KM. no. 107. Dies ist der im boehmischen Maerchen "Nachttraum der hl. Walburgis" allen Geblendeten verkuendete Heilthau (bei Gerle 1, no. 7, citiert in Grimms KM. 3, 342). So geschah es nach Ostern in der Weissen Woche in Beisein des Frankengrafen Adalbert zu Monheim, dass ein Blinder am dortigen Grabe Walburgis ploetzlich wieder sehend geworden war. Act. SS. saec. 3, pars 2, pag. 305. Alle schwer Genesenden pflegt man gemeinlich auf den naeher rueckenden Mai zu vertroesten als auf die Zeit ihrer gaenzlichen Herstellung. Stillschweigend ist also vorausgesetzt, dass dieser Termin die besonderen Mittel gewaehre, welche bislang dem Kranken gemangelt haben. Da bereitet man folgende Nervensalbe. Man schneidet am 1. Maimorgen Halme und Blaetter aus dem Kornacker, zerwiegt sie und presst sie mit heisser Maibutter zu einem Pflaster. Gegen Augenentzuendung blickt man eine halbe Stunde unbeschrieen in den Maithau. Gegen den Wolf (fratte Schenkel) sitzt man nackt ins Feld hinein. Das Rind, das an der Blutschwine, Abzehrung, leidet, wird in den Thau gestellt, das Zugvieh und das Ross hineingetrieben, wenn es einen "Hauptfehler" hat. Die Sommersprossen, Leberflecken und Merzensprickeln, die einem der Merz ins Gesicht gespieen hat, reibt man am Maimorgen mit einem thaugetraenkten Tuechlein wieder weg. Vom Dorfe Leimen, im elsaess. Sundgau, eine halbe Stunde entfernt, fliesst im Orte Helgenbronn neben der dortigen Walburgiskapelle ein kraeftiger Wasserquell, Helgenbronn und Kinderbrunnen genannt. Am 1. Mai kommen die Muetter mit ihren siechen Kindern hieher, um sie zu baden; haeufiger noch geschieht es auch an Johannis, 24. Juni, dass man hier die durch Sommersprossen verunstaltete Haut waescht. A. Stoebers briefl. Mittheil. Kaspar Scheidt, Mayenlob (abgedruckt in Hubs Volksbb. des XVI. Jahrh. S. 316) beschreibt die allgemeine Sitte ausfuehrlich und anmuthig, ins Maienbad zu reisen; die Bresthaften, die ihre Haeuser nicht verlassen koennen, lassen sich im Mai daheim warme Baeder zurichten, es fahren die jungen Weiber darein, wenn sie noch keine Frucht zu erlangen vermochten, und wenn man daher ein Bild des Maien malt, so pflegt man zwei Eheleute beisammen im Wasserbade abzubilden, oder ein mit froehlichen Leuten unter Trommel- und Pfeifenklang dahin ziehendes Schiff, oder junge wettschwimmende Gesellen.--Koenig A