The Project Gutenberg EBook of Eine vornehme Frau, by Hermann Heiberg This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at www.gutenberg.net Title: Eine vornehme Frau Author: Hermann Heiberg Release Date: April 22, 2004 [EBook #12113] Language: german Character set encoding: UTF-8 *** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EINE VORNEHME FRAU *** Produced by Charles Franks and the PG Distributed Proofreaders Team Eine vornehme Frau. von Hermann Heiberg. 1886 Seiner theuren Mutter, Asta, geb. Gräfin von Baudissin gewidmet. Große, kleine Städte! Wir sind in einer mittleren Stadt von kaum zwanzigtausend Einwohnern, immer noch winzig genug, daß alles, was nicht diente, hämmerte oder ackerte, eine große Familie bildete, in der man sich kannte und sich miteinander befaßte. Und doch trennte sich die gebildete Gesellschaft in verschiedene Klassen: und wie stets und überall hielt die eine sich aus besserem Teig gebacken als die andere. Als der Krieg von 1866 beendet war, empfing die nunmehr preußische Stadt eine Garnison; es wurden, neben Infanterie, einige Schwadronen Husaren nach C. verlegt. Aber die Offiziersfamilien sonderten sich, zumal da sie noch Fremdlinge waren, gänzlich ab, und nur zu den höheren Beamten und dem Adel nahmen sie diejenige Fühlung, welche ihnen gleichsam vorgeschrieben war. Im übrigen konnte die Bürgerschaft mit der stehenden Einquartierung wohl zufrieden sein, denn unter den Husaren befanden sich wohlhabende, sogar reiche Leute, welche das Geld nicht in die Schublade versteckten. Die neuen Verhältnisse waren dem Städtchen günstig. Der Geschäftsgeist regte sich, und besonders die Bautätigkeit erwachte. Die Bürger verdienten Geld und fanden sich rascher in die neuen Dinge, als man erwartet hatte. Und so verging die Zeit mit ihrem Wechsel, und so lebte die Einwohnerschaft mit ihrem Spott, ihrer Neugierde und ihrem Gerede über ihre Nebenmenschen wie allerorten in dieser unvollkommenen Welt. Eines Tages ward die Stadt C. durch eine Annonce überrascht, welche sich in dem täglich erscheinenden Blättchen, scharf umrändert und groß gedruckt, auf der letzten Seite befand: „Gesucht sofort eine große Wohnung von zwölf bis fünfzehn Zimmern mit Stallung und Nebengelassen. Eventuell wird auf ein ganzes Haus reflektiert. Man beliebe sich--“ u.s.w. Die Neugierde, welche sich zunächst an den Stammtischen der Ressourcen kundgab, ward nicht sogleich befriedigt. Selbst der Redakteur der C.schen Zeitung wußte keine Auskunft zu geben. Endlich lösten sich die Zweifel. Einer der Husarenoffiziere war vor einiger Zeit versetzt worden, und in dem Wohnungssuchenden entdeckte man den neuen Rittmeister. Zu gleicher Zeit verbreiteten sich allerlei Gerüchte über die Ankömmlinge, welche geeignet waren, die Gemüter zu beschäftigen. Von ihm wurde behauptet, daß er zwar ein vollendeter Kavalier und ein gerechter Vorgesetzter sei, aber von einer so finsteren Schwermut beherrscht werde, daß er den Umgang mit Menschen ängstlich meide, während man ihr neben großer frappanter Schönheit Verschwendungs- und Vergnügungssucht, ja sogar einen leichtfertigen Lebenswandel nachsagte. Erhebliche Erbschaften sollten schon durch ihre Finger geglitten sein, und es ward als ein Glück bezeichnet, daß sich der übrigens große Reichtum des Grafen auf unantastbare Fideikommißkapitalien stütze. Die Frau Gräfin gliche, hieß es, einer heißbrennenden Sonne, vor welcher der eisigste und umfangreichste Goldhügel zerschmelzen müsse. In jedem Fall war man sehr gespannt auf die neue Bekanntschaft, und in Offizierskreisen ward eifrig überlegt, welche Stellung man zu einer Frau einnehmen solle, der ein solcher Ruf voranging. Sehr angenehm ward von diesem Wechsel ein Bauunternehmer berührt, der eine von einem parkähnlichen Garten umschlossene große Villa gleich vor der Stadt besaß und nun um einen hohen Preis einem Mieter fand. Der Graf ließ sich Zeichnungen und genaue Beschreibungen einsenden und bewilligte eine ganz erhebliche Summe zur Verschönerung der inneren, ursprünglich für einfachere Ansprüche berechneten Räume. So wurden beispielsweise sämtliche Gesellschaftszimmer in mattgrüner und blauer Seide tapeziert, und das ganze Haus erhielt einen genau im Muster übereinstimmenden, hellen Teppich in Flur und sämtlichen Gemächern. Aber auch sonst wurden Veränderungen getroffen, welche das Besitztum zu einem fast fürstlichen Aufenthalt umwandelten. Die Thüren mußten ebenholzdunkel gemalt und mit Arabesken in Gold versehen werden. Die Öfen wichen zum Teil Kaminen aus schwarzem oder rotem Marmor, und die Außenwände der Villa wurden durch eine zartgraue Ölfarbe verschönt, wodurch sich das „Schlößchen“ reizend von den umgebenden grünen Bäumen abhob. Geradezu Bewunderung erregten aber die Pferdeställe. Es erschien zum Zweck ihres Ausbaues ein Lieferant aus Berlin, der rasch alles ausmaß und in kürzester Zeit das Innere derartigen Veränderungen unterwarf, daß die Einwohner von C., und unter ihnen besonders alle Sportfreunde, neugierig herbeigeeilt kamen, um diesen Musterstall in Marmor, Mahagoni und Gußeisen in Augenschein zu nehmen. Es hieß, die ganze Einrichtung sei auf einer der letzten Weltausstellungen prämiiert worden. Und dann trafen endlich auch die Möbel und sonstigen Einrichtungsgegenstände ein. Der Tapezierer berichtete Wunderdinge von den Gemälden, Bildern, ausgelegten Schränken, Bronzen und sonstigen kostbaren Kunstsachen. Die Portièren und Gardinen waren meistens aus geblümtem chinesischem Seidenstoff gefertigt, und kein Tisch, kein Stuhl befand sich in der Sendung, der nicht hätte als ein Musterstück gelten können. Aber--und das erfüllte den Handwerksmeister mit gerechtem Erstaunen--fast nichts war heil und ganz, mit Ausnahme der ohne Zweifel dem Gebrauch des Grafen dienenden Möbel. Eine solche Beschädigung konnte nicht durch den Umzug entstanden sein, sie war sicher das Ergebnis einer grenzenlosen Unordnung und Vernachlässigung. Auf geschehene Meldung und Anfrage erfolgte keine Antwort, wohl aber erschien nach einigen Tagen der Haushofmeister, ein hagerer, ernst dreinblickender Mann, der erklärte, daß die gräfliche Familie ihm auf dem Fuße folge und jetzt keine Zeit mehr für Reparaturen vorhanden sei. Diese müßten später vorgenommen werden. An einem Maitage des Jahres 1867 traf die Familie ein. In ihrem Gefolge befand sich eine große Dienerschaft und neben zahlreichen edlen Pferden, auch ein paar herrliche Hunde, die beim Abladen der schier unzähligen Koffer einen gewaltigen Lärm anstimmten und von der graziösen Frau, die mit sechs schlanken Kindern dem Wagen entstieg, wie nach langer Trennung gehätschelt und geliebkost wurden. Sie vergaß darüber das Haus und den Eintritt, bis sie die Augen aufschlug und bei dem Anblick der Villa und des Parkes ihrer frohen Überraschung in lebhafter Weise Ausdruck verlieh. Dabei redete sie auch ihre Dienerschaft an und ermunterte diese, in ihre Bewunderung einzustimmen. Währenddessen war der Rittmeister in das Haus getreten und rief aus einem Fenster des Hochparterre ungeduldig und streng: „Ange, komm nun doch und kümmere Dich um die Kinder!“ Etwas Eigenartigeres als diese konnte man nicht sehen. Eins war schöner als das andere. Alle waren blond, aber das Haar hatte jenen goldig schimmernden Anhauch und die Körperhaut jene unnachahmliche Farbe, welche wir an den Menschen des Nordens im Gegensatz zu den Bewohnern des Südens bewundern. Wie schon ein Sonnenstrahl seine Spuren auf dem Milchweiß der Blonden zurückläßt, so flammt auch sichtbarer, und durch den rosenfarbenen Schimmer reizvoller, das Blut durch die Wangen dieser von der Natur bevorzugten Geschöpfe. Wenn Mutter und Kinder beisammen standen, konnte man sie für Geschwister halten. Frau von Clairefort glich einem menschgewordenen Engel; sie trug mit Recht ihren Namen. Und sie ging auch mit ihren Kindern um, als sei sie selbst noch ein unselbständiges Wesen. Sie blickte sie erstaunt und in ein plötzliches lächeln ausbrechend an, sie tummele sich mit ihnen und lag spielend auf dem Teppich, auf welchem auch die Hunde umhersprangen. Fehlte dies oder das, so riß sie wohl ein Tüchelchen von ihrem vornehm gebauten Hals, statt das fehlende Garderobestück herbeizuholen; und wenn die Kinder sie küßten und um Freiheit bettelten, statt nach der Anweisung der Gouvernante an die Schularbeiten zu gehen, lief sie gar mit ihnen fort und versteckte sich und jene vor den drohenden Stirnfalten der Erzieherin. Morgens ruhte sie mit der ganzen herbeigeeilten Schar in einem spitzenbedeckten Bett und ließ sich umhalsen und hätscheln. Es war, als ob der eben erwachte Frühling seine Kinder um sich versammelt habe. Was so bezaubernd wirkte, war der naive, unbewußte Liebreiz aller dieser zartgearteten Menschen, und doch war die Gräfin Ange so stählern abgehärtet, ward so wenig beeinflußt von jedweder Anstrengung, daß sie den Schlaf fast wie eine überflüssige Gewohnheit an sich herantreten ließ. Wo sie erschien, ward alles hell, denn ihr süßes Gesicht, ihre klugen Augen, ihre anmutigen Gebärden, ihr silberhelles Lachen und ihre durch keine Künstelei beeinflußte lebhafte Fröhlichkeit riß die Umgebung fort. Und doch war's niemals eine närrische Laune, von der sie sich leiten ließ, und ihr nicht erst durch Grübeln geweckter Verstand kleidete jeden Gedanken in eine graziöse Form. Ihr Ernst war so tiefsinnig und ihr Urteil über Menschen und Dinge oft so zutreffend, daß man es nicht für möglich hielt, dieselbe Frau habe eben mit kindlich-hilfloser Naivetät die tausend Unarten ihrer kleinen Schar ertragen, sich zuletzt machtlos in einen Winkel vergraben und bitterlich ausgeweint. „Bitte, bitte, sei artig, Carlitos,“ flehte sie, und trotzig warf Carlitos den stolzen Kopf in den Nacken und beging dieselbe Unart. Aber zornig gegen ihre Engelschar konnte sie überhaupt nicht werden, viel weniger hatte sich ihre Hand jemals zum Schlage gegen diese erhoben, obgleich Ange mit ihrem starken, gestählten Handgelenk das wildeste Pferd zu zähmen imstande war. Reiten und Fahren war Ange Claireforts Leidenschaft. Sie hatte den edelsten Renner im Stall, und nicht minder zärtlich klopfte sie den Hals von „Blitz“, ihrem Lieblingspferd, als die schlanken Glieder ihrer beiden Windhunde.-- Carlitos, der Älteste, war ein wilder, schlanker Bursche mit vielen impertinenten Sommersprossen auf der feingeschnittenen Nase und mit dunklem, gleichsam boshaft leuchtendem Haar in rotem Schimmer. Dann kamen Zwillinge, zwei Mädchen von einer solchen sanften Schönheit und so mädchenhaft in der Erscheinung, daß die Menschen auf der Gasse stillstanden, um ihnen nachzuschauen. Diesen folgten wieder zwei Knaben. Sie hatten lange, in der Mitte gescheitelte goldblonde Haare, waren tannenschlank gewachsen, lebhaft, ausgelassen, aber doch voll Herzensgüte und schüchtern gegen Fremde. Wenn sie bisweilen mit ihren vornehmen Gesichtern so scheu dreinblickten, ward man unwillkürlich an die Söhne Eduards erinnert. Die kleine Ange war das Ebenbild der Mutter, nur erschien sie fast noch graziöser. Eine Elfengestalt, dabei träumerisch, für sich, und mit jenem vorwurfsvoll-ernsten Ausblick, der zögern läßt, sich solchen Kindern zu nähern. Nach vier Wochen redete man in C. von nichts anderem als von dem Grafen Clairefort und seiner schönen Gemahlin. Die bösen Reden waren verstummt, nachdem man sie ein einiges Mal gesehen hatte. Der Graf entsprach dem Bilde, das man sich von ihm gemacht hatte. Er war nur noch zurückhaltender, als er geschildert ward. Man fand einen äußerst aristokratischen, wortkargen, aber im Verkehr mit den feinsten Manieren ausstatteten Mann, der es mit seinen militärischen Obliegenheiten so streng nahm, daß diese Strenge an Härte streifte. Natürlich zerbrach sich auch alle Welt den Kopf, wie wohl zwei so verschieden geartete Menschen miteinander lebten. Stärkere Gegensätze waren nicht denkbar. Er ein ernster, pedantischer, kränklicher Mann, dem sich zu nähern, Überwindung kostete, und der in seinen Gedanken, Anschauungen und Lebensgewohnheiten völlig von dem Durchschnitt der Menschen abwich. Sie dagegen ein frisches, gesundes, liebenswürdiges, ein naiv-kluges Geschöpf, mit einem hinreißenden Temperament und einer nicht minder hinreißenden, ja gefährlichen Schönheit; dazu sorglos, ganz von dem Eindruck des Augenblicks beherrscht und oft spottend allen Regeln der eingebürgerten Sitte. Wenn sie etwas besonders anregte oder beschäftigte, wenn sie zum Beispiel ausreiten wollte, vergaß sie alles. Da gab's keine Innehaltung einer Zusage oder Verabredung. Da schwiegen alle gewöhnlichen häuslichen Pflichten, da verfingen nicht die strengen Mienen des Grafen. Sie flog ihm an den Hals und herzte ihn.--„Laß, laß, Schatz!--Sei gut, gieb mir meinen Willen.--Du weißt ja doch, daß Du mir nichts abschlägst.--Weshalb mich quälen?--Nein?--Du versagst mir die kleine Freude?--Dann küsse ich Dich niemals mehr auf Deine treuen Hände, auf Deinen verschwiegenen Mund!“--Und ehe er sich's versah, ehe er es hindern konnte, schlang sie sich zu ihm empor und liebkoste seine Wange. Oft mußten die Kinder helfen, diese wilden, zarten, sanftmütigen Geschöpfe in ihrem seltsamen Gemisch. Und sie thaten alles, was sie wünschte; immer nahmen sie für ihre Mama Partei und umringten den bleichen ernsten Mann, bis sich zuletzt ein Lächeln um den geschlossenen Mund stahl. Und dieses Lächeln war Zustimmung. „Wenn Du wüßtest, wie schön Du bist, wenn Du lächelst,“ sagte Ange oft: „warum bist Du doch immer so ernst, so bärbeißig, Lieber! Bin ich nicht um Dich, Ange Clairefort, geborene Butin, Herrin auf Schwarzensee und Dürenfort?“ Dazu lachte sie und stolzierte, ihm Kußhände zuwerfend und hinter sich schauend, als ob sie ihre Schleppe betrachte, von dannen. Er neigte dann schwermütig das Haupt und zog sich in seine Gemächer zurück. Oft war's, als ob der strenge Soldat sich vor dem Kinderlärm und der ausgelassenen Unart seiner Umgebung flüchte, als ob jeder Nerv in ihm zucke, ihm Ruhe und Einsamkeit allein wohlthue. In der That hatten Claireforts schon viel Herzeleid erfahren. Sie verloren beide früh ihre Eltern und standen ohne Verwandte in der Welt. Des Rittmeisters Stammvorfahr, ein Franzose, war nach Deutschland übergesiedelt, um seiner Gemahlin, einer Rheinländerin, zu folgen, und die Butins, wenn auch seit Menschengedenken in deutschen Gauen ansässig, stammten ebenfalls aus französischem Blut. Gerade als Clairefort um die alleinstehende, blutjunge Baronin von Butin anhielt, starb ihr bisheriger Vormund, und dies veranlaßte die später Mündigwerdende, die Gutsbesitzungen zu veräußern; den Erlös brachte sie ihrem Manne als Mitgift in die Ehe. Claireforts hatten ihre Besuche gemacht und empfingen solche. Es nahm sehr für sie ein, daß sie ihre Visiten nicht auf den vornehmeren und engeren Kreis beschränkten, in welchem die übrigen Familien verkehrten; sie gaben auch ihre Karten bei den angesehenen Einwohnern der Stadt ab und entzückten durch ihre Liebenswürdigkeit alle Welt, mit der sie in Berührung traten. Besonders lebhaft aber entwickelte sich der Verkehr zwischen den unverheirateten Offizieren der Garnison und den Neuangekommenen. Nach wenigen Wochen waren diese fast tägliche Gäste der Villa, in der stets ein Frühstückstisch bereit stand und in der man--auch unangemeldet--immer eine vortreffliche Tafel mit auserlesenen Weinen fand. Es vollzog sich dort alles wie durch Zauberhand geschaffen, und doch war Ange die denkbar schlechteste Hausfrau. Aber Ernst Tibet, der Kammerdiener, sorgte für alles. Dieser Haushofmeister war ein Mustermensch. So unruhig und wenig umsichtig, so ungleich und lebendig die Gräfin, ebenso ernst, besonnen und zuverlässig war Tibet, ein Mann mit angeborener Würde und höflicher Zuvorkommenheit zugleich. „Tibet, bester, goldener Tibet, was beginnen wir? Eben haben sich zehn Personen angesagt! Die Uhr ist zwei! Um fünf wollen wir speisen!“ „Es wird alles nach Ihren Wünschen sein, Frau Gräfin,“ erwidert Tibet, verbeugt sich und geht seiner Arbeit nach. Und wenn Tibet das sagt, dann kann wohl eine kleine Welt einstürzen, aber wenn sie nicht einstürzt, ist alles auf die Minute, wie er versprochen. Seltsamerweise bekümmerte sich auch der Graf nicht um das Haus, wenig auch um die Kinder, ebensowenig um seine schöne Ange. Man fragte sich oft, was eigentlich ihn beschäftige, wofür er sich interessiere, welche Gedanken hinter seiner hohen Stirn auf- und abwandern möchten. Niemand vermochte darauf eine zutreffende Antwort zu geben. Es blieb ihm außer seiner dienstlichen Beschäftigung noch viel Zeit, aber man fand ihn weder häufig lesend noch schreibend. Er saß meistens zurückgelehnt in einem alten Erbstuhl des fünfzehnten Jahrhunderts, der vor seinem Schreibtisch stand, stäubte die Bücher und die vielen kleinen Nippesgegenstände ab, rauchte, erhob sich wohl einmal, griff sich, wie um einen Schmerz zu bannen, an den Kopf, schaute in den blühenden Garten und grübelte weiter über etwas, was keiner zu ergründen vermochte. Tibet war jeden Tag eine Stunde, oft länger bei ihm. Er legte Rechnungen vor, holte sich Anweisungen, empfing Geld, brachte solches, mußte auch wohl Briefe schreiben, Telegramme besorgen und Gänge machen, über die er nie Auskunft gab. Tibet war alles in allem, auch bei dem Grafen, und niemandem begegnete dieser so höflich wie seinem Kammerdiener, wenn er auch ihm gegenüber die Formen beiseite ließ. Unter den Offizieren, die im Clairefortschen Hause verkehrten, befand sich ein Rittmeister mit Namen von Teut. Alle Welt war erstaunt, daß dieser allem Familienverkehr abholde, nur seinem Dienst, dem Pferdesport, der Jagd und starken Gelagen geneigte, keineswegs mehr junge Mann das Haus des Grafen aufgesucht hatte. Ange war die Veranlagung gewesen. Bei einem Diner, welches der Oberst gab, zwang sie ihn, sich mit ihr zu beschäftigen, wies ihm scherzend nach, daß sie vom Urgroßvater her ein wenig verwandt seien, und fesselte ihn in solchem Maße, daß er beim Nachhausegehen gegen seine Umgebung in die Worte ausbrach: „Schön wie eine Rose, klug wie ein Pferd, naiv wie ein Kind, zudem eine Dame--ein vollendetes Geschöpf!“ Von Teut war ein seltsamer, unberechenbarer Mensch im Verkehr, aber nach übereinstimmendem Urteil ein Kavalier vom Scheitel bis zur Sohle. Sein Reichtum erlaubte ihm die Ausübung der kostspieligsten Liebhabereien. Zu diesen gehörten vor allem Jagd und Pferde. Und dieser Umstand genügte allein schon, sich Ange Clairefort zu nähern. Oft schlug er eine Kleinigkeit ab, war unduldsam gegen seine Umgebung, und dann, wenn ihn Laune oder Herzensdrang trieben, verschenkte er große Summen. So hatte er einmal einem Kellner im Kasino, der sich selbständig machen und heiraten wollte, ein nicht unbedeutendes Kapital darlehensweise überlassen, und als der erste kleine Weltbürger erschien und jener ihn als Pate einlud, sandte er ihm den quittierten Schuldschein und schrieb darunter: „Axel von Teut sendet Axel Dorn diese Patengabe und hofft, daß er einst ein braver Bürger und--kommt Zeit und Anlaß--auch ein treuer Königssoldat sein wird.“ Als dies bekannt wurde, sah sich Teut mit Bittschriften überschüttet. Da las man eines Tages in der Zeitung: „Fortan lasse ich alle Bitt- und Bettelbriefe uneröffnet zurückgehen. Man spare sich die Mühe! Wer meint, ich säh's ihnen nicht an, irrt sich. Eine solche Übung, wie ich sie habe, macht erfahren. Baron von Teut-Eder, Rittmeister und Eskadronschef.“ * * * * * Beim Oberst war eine große Fête angesagt. Ange begann auch heute mit ihrer Toilette zu einer Zeit, in der andere Frauen bereits die Handschuhe knöpfen und das Kopftuch um das Haar schlingen. Das kannte Clairefort, seit ihm das schöne Fräulein von Butin das Jawort gegeben, und das ertrug er mit jener Resignation, die entweder einer starken Selbstbeherrschung entspringt oder die sich zuletzt in das Unvermeidliche machtlos fügen muß. „Ange, bist Du bereit? Schon seit einer viertel Stunde wartet der Wagen!“ rief der Rittmeister und klopfte ungeduldig an die Thür. „Gleich, gleich, bester Carlos!“ schmeichelte Ange zurück, huschte freilich erst in diesem Augenblick aus ihrem Hauskleid und steckte, da sie das unruhige Auf und Ab ihres erzürnten Tyrannen hörte, auf einen Augenblick das Köpfchen durch die Öffnung, um ihn mit einem ihrer bezaubernden Blicke zu beruhigen. Das Gemach, in welchem Ange ihre Toilette machte, glich bezüglich des hastigen und bunten Durcheinander dem Ankleidegemach einer Bühnenkünstlerin. Hier waren Schubladen geöffnet, in denen die Gegenstände wild durcheinander geworfen waren, dort lagen auf Diwan und Stühlen Ballkleider und Spitzenröcke. Wenige Minuten hatten hingereicht, um hier und in die Garderobenschränke eine heillose Verwirrung zu bringen. Aber immer war diese lebhafte, unruhige und der Zeiteinteilungen spottende Frau in ihrer Erscheinung gleich reizend. Wo war der Künstler, um diesen feingeschnittenen Kopf mit dem tief auf die Schultern herabgefallenen Seidenhaar zu malen, diese zarte, in den Formen vollendete Fülle, dieses entzückende Weiß des Nackens, der Arme, der Hände, vornehmlich aber diesen wahrhaft bezaubernden Körperwuchs mit seinen vornehmen Linien? Bei der Hast, mit der Ange selbst Hand an die Toilette legte oder ihre Umgebung anwies, röteten sich ihre Wangen, die feinen Nasenflügel vibrierten und ihre Kinderhände zupften, zerrten und knöpften an den durchsichtigen, spitzenbesetzten Gewändern umher, als ob tausend unruhige Funken aus ihren Fingern sprühten. Während ihr Haar geflochten ward, saß sie vor dem Trumeau, öffnete den Mund, betrachtete mit kindlicher Neugier die untadelhaften Reihen ihrer unter dem Rosarot hervorschimmernden Zähne und lachte in den Spiegel hinein oder neigte mit leisem Aufschrei das Köpfchen vor dem ungeschickten Strich des Kammes in dem widerspenstigen Haar. Und dabei erschienen auch Füßchen, die einem Kinde anzugehören schienen und die nun von der Jungfer mit seidenen Schuhen bekleidet wurden. Als Ange endlich auch in das kostbare pfirsichfarbene Kleid eingespannt war, als sie durch das Zimmer schritt und die einer Königin würdige Schleppe hinter ihr herrauschte, als endlich alle die Perlen und Diamanten in ihrem Haar und an ihrer Brust, die blitzenden Agraffen an dem Stoffe befestigt waren, sahen selbst die Dienerinnen mit einem Blick der Bewunderung auf das Kunstwerk, das unter ihren Händen entstanden war. „Sieht's gut aus? Sitzt die Taille?“ fragte Ange naiv, und ein glückliches Lächeln flog über ihr Gesicht, als jene lebhaft bestätigten, was sie zu hören wünschte. „Ange, Ange!“ klopfte es nun abermals. „Die Uhr ist halb neun, und Du bist noch nicht--“ „Ich bin fertig, lange fertig, Carlos! Ich warte ja auf Dich!“ rief sie, blinzelte den Frauen bei ihrer unschuldigen Lüge lächelnd zu und öffnete die Thür. Aber nun kamen noch die Kinder, die doch eigentlich im Bett liegen sollten. Jorinde weinte und Ben stand mürrisch da. Allerlei Wünsche wurden laut. „Gewiß, gewiß, sei ruhig, mein Liebling! Ja, ja, Carlitos!--Ah, mein Riechfläschchen und der Fächer, Maria!--Wie, was? Ja, gleich!“ Sie eilte fort und suchte in irgend einer Schublade nach den Bonbons und Leckereien, mit denen sie ihre ungeduldige Schar zu beruhigen pflegte. „Nehmen Sie die Schleppe, Rosa!--Ich komme ja, ich komme, Carlos, geh nur voraus!“ Nun mußten die Kinder noch einmal umarmt und geküßt werden. Ein Handschuhknopf war abgesprungen, auch eine Naht beim hastigen Anziehen gerissen. „Schnell ein anderes Paar! Im Schubfach links! Fleischfarbene, Maria, fleischfarbene! Hörst Du?“ Ange eilte hinab. „Endlich!“ sagte Carlos. „Vorwärts!“ Der Diener, die Hand am Hute, schlug den Wagen zu und schwang sich auf den Bock. „Halt! halt--noch einen Augenblick!“ rief Ange und klopfte ungestüm an die Scheiben. Die Jungfer kam atemlos mit den Handschuhen. „Zu Befehl, Frau Gräfin!“ So, nun raste endlich der Wagen mit dem Grafen und Ange davon, und die Dienerschaft wandte sich ins Haus zurück. Auf dem Flur, auf der Treppe wehte noch der Duft ihrer Gewänder. In allen Zimmern brannten die Kandelaber--überall die Spuren ihrer lebhaften Unruhe. Die Kinder schmollten, daß sie nun, weniger rücksichtsvoll angehalten als vorher, ins Bett getrieben wurden: und ins heiße, schwüle, von Parfüm erfüllte Ankleidezimmer der Gebieterin, in dem ein halb Dutzend goldene und silberne Leuchter entzündet waren, in welchem die geöffneten Schmuckkästchen mit all ihren zurückgebliebenen Herrlichkeiten achtlos umherstanden und in dem die Luft, die eine schöne, vornehme Frau ausatmet, wie ein unsichtbarer Hauch die Gegenstände zu umhüllen schien, traten die Frauen, um alles an seinen Platz zu bringen.-- Unwillkürlich verstummte das laute Gespräch in den Sälen, unwillkürlich traten die Reihen der Gäste zurück und unwillkürlich mußten auch die eifersüchtigsten Frauen emporblicken, als die Gräfin Ange von Clairefort an der Seite ihres Mannes die Räume in dem Hause des Obersten betrat. Es giebt Frauen, deren Erscheinung in der Gesellschaft wirkt, als ob plötzlich ein Schwan mit lautem Flügelschlag vorüberrauscht. Ange war nach wenigen Minuten umgeben und umschwirrt von der halben Gesellschaft. Nein, von der ganzen Gesellschaft! Denn diejenigen, die sich ihr nicht näherten, fanden nur nicht den Mut, der schönen, strahlenden Frau auszudrücken was sie bei ihrem Anblick empfanden. Immer birgt die Gesellschaft Zaghafte; sie werden nie aussterben; sie bleiben und gleichen Kindern, welche nur nach wiederholter Ermunterung ein Händchen reichen. Ange hörte, daß man allein auf sie gewartet habe. Sie rief ein bedauerndes „O! o!“ huschte zu der Frau des Obersten und stellte ihr durch die bezaubernde Art ihrer Abbitte rasch die gesunkene Gesellschaftslaune wieder her. Und da sie in der Zerstreuung den ersten Tanz nicht vergeben hatte und dies zu ihrer freudigen Überraschung bemerkte, schlüpfte sie durch die sich drängenden und sich arrangierenden Paare bis zum Gastgeber und legte sanft den Arm in den seinigen. „Gnädige Frau?!“ „Den ersten Tanz habe ich wohl ein dutzendmal abgeschlagen, Herr Oberst, da ich ihn für Sie bestimmt hatte. O, ich bitte, kein Refus! Es ist ja eine Polonaise.“ schmeichelte sie und zog den nur leise Widerstrebenden mit sich fort. Selten mischte sich Ange in die Reihen der Tanzenden, ohne daß die pausierenden Paare ihr zuschauten. Man mußte sie ansehen, denn eine Grazie schien sich unter die Menschen gemischt zu haben. Nichts Anmutigeres konnte es geben, als sie einen Walzer tanzen zu sehen, wenn das ihr eigene, halb verlegene, halb glückliche Lächeln über die sanften Züge flog und sie das Köpfchen zur Seite neigte. Es lag in dieser Zurückhaltung gleichsam eine Andeutung, daß sie sich zwar jeder Laune ihres Tänzers füge, doch nur dem Zwange folgend, ihm erlaube, den schlanken Leib zu umfassen. Sobald sie sich aber aus dem Arm ihres Kavaliers gelöst hatte, verschwand diese fast mädchenhafte Schüchternheit, und ihr lebhaftes Temperament riß sie wieder fort. Sie schwatzte, lachte und zeigte ein schelmisches Gesicht, sie nickte und hörte mit neugieriger Aufmerksamkeit zu. Beim Souper richteten sich abermals aller Augen auf Ange. Eine feine Blässe war auf ihr Gesicht getreten. Der wunderbare Abstand der dunklen Augen und Augenbrauen gegen das Goldblond ihres Seidenhaares wirkte neben dem mattseidenen, an dem Ausschnitt mit echten weißen Spitzen besetzten Kleide so überraschend schön, daß man den Blick nicht von ihr zu wenden vermochte. Und dabei funkelten und blitzten die Steine an Hals und Ohren, und oft zitterte ein wahrer Sprühregen aus den Diamanten, mit denen ihr Haupt geschmückt war. Die Menschen fühlten sich geehrt und beglückt, wenn Ange sie mit ihren treublickenden Augen ansah, und ihre Bescheidenheit machte es unmöglich, daß häßliche Regungen der Mißgunst neben ihr emporstiegen. Nach Aufhebung der Tafel, nachdem der Champagner Ange ganz in ein fröhliches, nur von der Lust beherrschtes Kind verwandelt hatte, als die ersten Takte eines stürmischen Galopps vom Saale herüberklangen, hielt es sie nicht mehr neben dem Gastgeber, und mit einem seine Verzeihung einholenden Blick entschlüpfte sie, um einem jüngeren Kavalier zu folgen. Einmal riß eine Perlenschnur, und die kostbaren Schätze rollten unter die Tanzenden. Ein kleines Vermögen stand auf dem Spiel, Ange jedoch lachte und nahm mit entschuldigendem Dank entgegen, was eifrig Suchende gefunden hatten und ihr überreichten. Wiederholt drängte der Rittmeister zum Aufbruch. Aber die Offiziere umstürmten die reizende Frau, und sie bat wie ein junges Mädchen, das zum erstenmal den Ball besucht, um Aufschub. Während sie davoneilte, guckte sie ihn über ihre Schulter an und holte sich durch bittende Blicke sein nachträgliches Jawort ein. Und als sie endlich zurückkehrte und er, die zerrissenen Spitzen der Schleppe betrachtend, kopfschüttelnd dreinschaute, streifte sie rasch zu seiner Beruhigung die Handschuhe ab, lehnte sich mit einem: „Nicht schelten! Gut sein! Carlitos, bitte!“ an ihn und bettelte so lange, bis er ihr noch die kleine Abkühlungspause zugestand. Von der Bewegung beim Tanzen war ihr Haar ein wenig gelockert und ein feines Strähnchen auf die Stirn gefallen, auch einige prachtvolle Rosen, die an ihrer Brust saßen und einen blitzenden Diamant umschlossen, hatten sich entblättert. Ihr Atem glühte, ihre Brust hob und senkte sich unter der zarten Seide, und während der Fächer in heftiger Bewegung war, neigte sie den Körper mit jener elastischen Biegsamkeit, die Frauen so verführerisch macht. „Nein, komm, komm, Ange.“ drängte Carlos, von ihrer Schönheit hingerissen und nur von dem einzigen Gedanken beherrscht, sie den zudringlichen Blicken ihrer Bewunderer zu entreißen. Sein Auge ruhte mit einem eifersüchtig verlangenden Ausdruck auf ihr, und sie erwiderte seinen Blick mit jenen träumerischen Augen, mit denen sie ihm einst ihre Liebe verraten hatte. „Ach, es war himmlisch! Ich habe mich prachtvoll amüsiert! Schade, daß es schon vorüber ist!“ seufzte die junge Frau, als sie, nach Hause zurückgekehrt, sich in sanfter Erschöpfung in einen Sessel zurücklehnte. „Aber Du, Armer, hast Dich gelangweilt! Nicht so, Carlos?“ Sie sah ihn zärtlich an. Er schüttelte schwermütig das Haupt und sagte: „Nicht doch, Ange!“ Und nach einer Weile flüsterte er leise: „Hast Du mich noch lieb, Ange?“ Da stand sie auf und flog ihm an den Hals. * * * * * Acht Monate waren vergangen. Teut war ein täglicher Gast im Clairefortschen Hause geworden, verkehrte mit Frau Ange und der Familie, als ob er sie von Kindesbeinen an kenne, und schien überhaupt von Claireforts fortan unzertrennlich. Dieser engere Verkehr führte mit sich, daß er bald in alle Verhältnisse eingeweiht wurde, und daß man ihn, da er neben seiner Einsicht eine entschiedene Art an den Tag legte, auch häufig um Rat fragte. Aber er nahm sich in seiner ehrlichen und derben Weise auch die Erlaubnis, zu tadeln. „Schlecht, mordschlecht erziehen Sie die kleine Gesellschaft!“ rief er Ange kopfschüttelnd zu, wenn die Kinderschar--ungezogen und trotzköpfig--ihren Höllenlärm anstimmte, die Möbel mit Stöcken und Peitschen bearbeitete und gar auf dem Teppich des Wohnzimmers mit Sand wirtschaftete. Die Dienerschaft war machtlos, denn sie fand keine Unterstützung bei der Gräfin. Entweder erließ sie Verbote, deren Zurücknahme sie sich im nächsten Moment wieder abbetteln ließ, oder sie tröstete Jorinde und Erna, wenn diese von der Gouvernante eine Strafe erhalten hatten. Nun war eben das Mobiliar--ein Gemach nach dem anderen--neu aufgeputzt, zum Teil mit kostbaren Stoffen überzogen, alles mit einem wahrhaft verschwenderischen Luxus hergestellt worden, und schon zeigten sich deutliche Spuren von übermütigen Gewaltthätigkeiten. Der Graf war mehrmals in einen heftigen Zorn ausgebrochen, hatte Ange ihren Mangel an Ordnungsliebe und ihre grenzenlose Schwäche gegen die Kinder in den härtesten Worten vorgeworfen. Hin und wieder rief er den schnell liebgewonnenen Freund und Vertrauten zum Zeugen an, wie unvernünftig, wie unverständig seine Frau sei und wie ihn ihre Eigenschaften mit den Rückwirkungen auf die Kleinen zum Tadel reizen müßten. Einmal brach es ungestüm aus ihm heraus, als Teut seine Bewunderung über Ange ausdrückte. „Ja, Freund,“ rief er, „Sie sind nicht mit ihr verheiratet! Sie erfreuen sich an dem Guten, das sie Ihnen entgegenträgt, und schütteln das Unbequeme leicht ab, um so leichter, als Sie nur indirekt davon berührt werden! Ich aber lebe täglich, stündlich mit ihr, ich kämpfe seit Jahren gegen ihre Schwächen ohne Erfolg und habe doch für alles die Verantwortung zu tragen! Ange würde jedes Jahr eine Million verschenken, wenn sie dieselbe zur Verfügung hätte, und eine ganze Weltordnung in Verwirrung bringen, wenn sie über den Wolken herrschte! Jeder ruft mir entgegen: Welch ein reizvolles Geschöpf! und jeden Tag werde auch ich entwaffnet durch den Zauber ihrer Liebenswürdigkeit. Aber sie bringt vermöge ihrer untilgbaren, durch eine grenzenlos verkehrte Erziehung hervorgerufenen Fehler den ruhigsten, besonnensten und geduldigsten Mann zur Verzweiflung. Die größten und besten Eigenschaften eines Menschen verwandeln sich in das Gegenteil, wenn ihnen das Maß fehlt. Sanftmut und Liebenswürdigkeit sinken zur Charakterlosigkeit herab, Herzensgüte wird Thorheit, Geist und Verstand streifen an Insanie und je schöner die Hülle, desto größer der Schmerz, daß sich unter so vollendeten Formen ein so ungeordneter Geist verbirgt.“ „Sie übertreiben, Clairefort!“ rief Teut warm. „Ihre Frau ist ein Engel! Ihre Fehler sind nicht so schlimmer Art; ja, ich behaupte, sie sind auch Tugenden! Weint sie nicht wie ein Kind, wenn man ihr vom Unglück berichtet, möchte sie nicht stets helfen? Hilft sie nicht? Ist sie nicht rührend besorgt um ihre Kinder und sitzt sie nicht wie jüngst, als Carlitos krank war, Tag und Nacht an ihrem Bett? Ist sie nicht stets liebevoll gegen Sie, Clairefort, sieht sie nicht zu Ihnen empor wie zu einem Höhergearteten und nimmt jeden Tadel, jedes Scheltwort ohne Murren entgegen? Ist sie nicht ohne Beispiel selbstlos? Verlangt sie je etwas für sich? Ist es nicht nur immer der Gedanke an andere, der ihre Entschlüsse bestimmt? Sah man je ein so glückliches Gemisch von natürlichem Verstand und Herzensgüte?--Ja, sie ist sorglos, kannte nie eine Einschränkung, weiß nichts von materiellen Sorgen, giebt mit vollen Händen, oft vielleicht unverständig--“ Hier unterbrach Clairefort den Sprechenden, und indem er ihn mit einem Blick anschaute, durch den man eine vertrauensvolle Äußerung einzuleiten und sich Verschwiegenheit zu sichern pflegt, sagte er: „Nein, nein! Immer, immer unverständig! Maßlos, Freund! Ihre Verschwendung ist grenzenlos. Wie soll das überhaupt werden? Unter uns: Wenn das meine Frau noch einige Jahre so forttreibt, bin ich ruiniert. Schon lange war ich gezwungen, mein Kapital anzugreifen.“ Teut schwieg. Was er hörte, überraschte und beunruhigte ihn aufs höchste. Unwillkürlich drängte sich ihm der Gedanke auf, weshalb der Mann, wenn die Dinge so lagen, sein Hauswesen, seine Geselligkeit nicht einschränke, die zahllose, meist überflüssige Dienerschaft nicht entlasse und Ange, die ihrer Eigenart nach auch in einfacheren Verhältnissen zufrieden leben würde, die Gelegenheit nähme, so thöricht zu wirtschaften. Aber er fand sich doch nicht berechtigt, dergleichen auszusprechen, und während seines Schwankens kam ihm Clairefort zuvor: „Ich weiß, was Sie mir erwidern werden, Teut,“ hob er, unter der Bestätigung seiner Gedanken wiederholt das Haupt bewegend, an. „Sie meinen, ich sei nicht minder schuld als Ange. Wir könnten uns anders einrichten und dadurch Einnahmen und Ausgaben in das richtige Gleichgewicht bringen. Auch Tibet drängt mich seit Jahr und Tag, aber dann--dann--“ Er hielt inne. Ein ängstlich unschlüssiger Ausdruck trat in seine Mienen, und nur mit Überwindung lösten sich die Worte aus seinem Munde: „Sehen Sie! Es wird Ihnen rätselhaft erscheinen,“ fuhr er endlich abgerissen und in Pausen sprechend, fort. „Ich liebe meine Frau grenzenlos. Ich fürchte dann--ich fürchte--daß sie sich mir entfremden könnte. Eine unbeschreibliche Angst überfällt mich, ich könnte ihre Liebe einmal verlieren--durch einen Wandel der Verhältnisse. Ich sinne selbst ratlos darüber nach, was in meiner Seele vorgeht. Tausend Gedanken bestürmen mich. Oft habe ich schon gedacht: Wenn sie doch einmal das Leben so liebt--ich möchte es ihr erhalten--ihre Fröhlichkeit ist doch lauter Sonnenschein;--und dann--dann--möchte ich, daß sie der Himmel früh zu sich nähme, damit sie Sorge und Kummer nie kennen lernt. Aber kann man eines geliebten Menschen Tod wünschen? Das ist doch unfaßbar. Ich weiß nicht, was in mir vorgeht. Ich möchte ändern und vermag es nicht--vermag es durchaus nicht. Die Schwächen, die meiner Liebe entspringen, sind größer als meine bessere Einsicht.“ Teut saß stumm und schaute vor sich nieder, denn neben ihm seufzte der Mann in tiefer Bewegung auf.--Welch ein Einblick in das Seelenleben eines Menschen. Voll Klarheit, ja voll Ungeduld und Tadel über unhaltbare Zustände, und doch aus eifersüchtiger angstvoller Liebe zu schwach, um beizeiten ein zweifellos hereinbrechendes Unglück von sich, seinem Weibe und seinen Kindern abzuwenden?! Einmal zuckte Teut unbehaglich zusammen, denn plötzlich stieg die Zukunft vor ihm auf. Die unabweisbaren Folgen solcher Verhältnisse traten unheimlich vor seine Seele. Vielleicht war ihm in dem Clairefortschen Hause eine große, undankbare Aufgabe beschieden, und jene Selbstliebe, die Unbequemes von sich stößt und nur unbehelligt genießen will, behielt die Oberhand. Was scherten ihn am Ende die fremden Menschen, dieser Mann mit seiner Unschlüssigkeit, seiner Melancholie und seinem ehelichen Unbehagen, diese in den Tag lebende Frau mit ihrer Unerfahrenheit und ihrem sorglosen Lebenswandel? Aber das war nur eine schnell vorübergehende Regung. Er sprang auf, faßte Claireforts Hand und sagte: „Und trotz alledem muß geschehen, was Sie für Recht erkennen, lieber Clairefort! Ich bin bereit, Ihnen zu helfen, soweit es in meinen Kräften steht. Soll ich einmal mit Frau Ange reden?“ Bei diesem Anerbieten bohrte sich ein eigentümlicher Blick aus den Augen des Grafen auf den Sprechenden. Aber zum Glück bemerkte Teut ihn nicht, und als die Männer nach längerer Auseinandersetzung schieden, ging jener unter dem Eindruck, daß Clairefort, selbst machtlos zum Handeln, die dargebotene Hand aufs dankbarste ergriffen habe. Wohlan denn! Teut war beiden näher getreten als kaum anderen Menschen je zuvor; er liebte Ange und die Kinder, die deshalb ein Recht auf ihn gewonnen hatten. Er wollte handeln--handeln wie ein Mann, aber auch wie ein kluger, besonnener Mann! * * * * * Seit Stunden ging Teut in seinem Zimmer auf und ab. Immer neue Gedanken durchkreuzten sein Gehirn. Oft warf er sich in einen Stuhl, schlug nach seiner Gewohnheit, wenn ihn etwas erregte, heftig mit den Hacken seiner Reitstiefel aneinander und strich lebhaft seinen langen, blonden Schnurrbart. Die Backenknochen seines stark markierten, mageren Gesichtes traten scharf hervor, und fortwährend ließ er das Glas, das in seinem linken Auge steckte, fallen, um es im nächsten Augenblick wieder an seinen Platz zu schieben. Wenn dies, der neueren Zeit angehörende Monocle nicht sein Gesicht verunziert, und wenn er nicht den Husarenrock getragen hätte, würde man geglaubt haben, einen Ritter früherer Zeiten vor sich zu sehen. Diese hohe, wettergebräunte und schon etwas stark gefurchte Stirn, diese blitzenden, unheimlich kühnen Augen, dieser sarkastische Mund und dieser halbschlanke, große, starke, geschmeidige Körper erinnerten an die Gestalt eines Recken vergangener Jahrhunderte. „Der Teufel werde klug aus der Geschichte!“ murmelte er, endlich sein Sinnen unterbrechend, griff in eine Kiste mit schweren Cigarren, entzündete eine, verschluckte den Rauch und stieß ihn in einer mächtigen Säule wieder von sich. In diesem Augenblick öffnete sein Diener Jamp die Thür und überreichte die Rechnung eines Blumenhändlers in Höhe von einigen hundert Thalern. Es war der aufgesummte Betrag für die frischblühenden Bouquets, welche Ange ausnahmslos jeden Tag in ihren Zimmern fand. Teut prüfte, zog das Schubfach und fügte der Zahlung ein reichliches Trinkgeld bei. Nun schloß sich wieder die Thür und nun waren auch Teuts Gedanken wieder bei Ange. Er rief sich die letzte Unterredung mit Clairefort ins Gedächtnis zurück und alles das, was vorhergegangen war. Oft erschien ihm wie ein Traum, was er in den letzten zehn Monaten erlebt, vornehmlich das, was er an sich selbst erfahren hatte. Als jüngerer Offizier, kurz bevor ihm das Vermögen seines Vaters und seiner Geschwister zugefallen war, hatte er um ein junges Mädchen aus bürgerlichem Stande geworben und seine Heiratspläne unter Umständen aufgeben müssen, die ihm das weibliche Geschlecht verächtlich gemacht hatten. Er sah fortan in den Frauen nur ein Spielzeug, fast weniger als das. Nun war er Ange Clairefort begegnet und liebte sie nach acht Tagen mit einer brennenden Leidenschaft. Wenige Tage nach dem erwähnten Gespräch ritt er mit Ange aus. Es war ein wundervoller Herbsttag, einer jener Tage, an denen Frühling und Sommer noch einmal auf die verlangende Erde zurückzueilen und alle ihre Schönheit reifer und gemilderter zugleich über die Welt auszuströmen scheinen. Die Sonne funkelte in den Bäumen, verwandelte mattes Gelb in glänzendes Gold und braune Blätter in goldkupfernes Metall. Die ganze Natur durchströmte sie mit einer durchsichtigen Helle, mit einer Klarheit, als sei jedes unreine Stäubchen von erfrischenden Lüften fortgeweht, und als seien diese selbst herabgestiegen aus kühlen, stillen Himmelshöhen. Teut war kein Mensch, der sich jemals in Gefühlsäußerungen erging. Er empfand alles Schöne und Gute, aber es lag nicht in seiner Natur oder es fehlte ihm der Drang, seine Empfindungen in Worte zu übersetzen. Anders Ange. Die sanften Farben auf ihren Wangen glühten, sie sog die Luft ein, hielt das seit einer Viertelstunde rasch dahintrabende Pferd an und warf einen fragenden Blick auf ihren Begleiter. Sie hatten, seitdem sie das Haus verlassen, kein Wort gewechselt. Niemals war Teut so stumm gewesen wie heute. „Drüben!“ sagte er und zeigte auf ein kleines unter den Bäumen verstecktes Häuschen. Er hielt nicht, wie Ange, sein Pferd an. „Weiterreiten?“ fragte sie, als ob sie ihn nicht verstanden. Sie ärgerte sich über seine formlose Art, die sie ihm schon häufig im stillen vorgeworfen hatte. Teut nickte, ohne etwas hinzuzufügen. So erreichten sie beide--Ange in einer etwas unbehaglichen Stimmung--das Wirtshaus. Ehe der Stallknecht herbeieilen konnte, war Teut herabgesprungen und hatte Ange vom Pferde gehoben. Es war, als ob Christophorus das Jesukindlein über den Fluß tragen wolle. Wie ein zartes Püppchen lag sie ihm im Arm, und wie ein Riese setzte er sie nieder. „Drüben ist eine herrliche Aussicht. Wollen wir gehen?“ fragte er artig und reichte ihr den Arm. Aber sie dankte, schürzte das Reitkleid und schritt neben ihm durch einen linksseitig einbiegenden, mit Bäumen besetzten Weg. Nach wenigen Augenblicken berührten sie eine Kirche und einen Gottesacker. Es sah recht verwildert dort aus. Aus der zerbrochenen eisernen Einfriedigung hingen Schlingpflanzen in den Farben des Herbstes, und Unkraut wucherte auf den Gräbern. Dann stiegen sie eine leichte Anhöhe empor und schritten auf einen Eichenwald zu. Kleines, kurzes Gebüsch drängte sich über den Fußpfad, es ging unregelmäßig bergauf, bergab. Endlich umfing sie der Herbstwald und die Kühle. Hier glänzte es hell durch die Bäume; lange, wundervolle Lichtstreifen lagen auf dem grünen Erdboden. Dort flimmerte es im dichteren Gebüsch, als ob kleine versteckte Sonnen vergeblich hervorzubrechen versuchten, und einmal, bei einem Durchblick zur Rechten, schauten sie in einen verlassenen, gänzlich abgeschlossenen, mit Gras dicht bewachsenen Feldweg, auf dem die Einsamkeit einen märchenhaften Schlaf zu träumen schien. Aber sie schritten weiter, erreichten endlich eine Bank auf einer von blätterreichen Eichen umstandenen Anhöhe, und sahen nun meilenweit ins Land. Es ging ein sanftes Jubilieren durch die blaue, durchsichtige Luft. Die letzten Vögel zwitscherten, und riesige Lichtströme warf die Sonne über Wiesen, Felder und ferne Wälder. Hier und dort glitzerten Streifen eines in malerischen Windungen auftauchenden Flusses zwischen den sanft dahingestreckten Matten, als ob plötzlich die Erde ausgebrochen sei und flüssiges Silber seine Bahn suche. Ange ward gedrängt, ihrem Entzücken Ausdruck zu geben, aber ihr Begleiter war scheinbar noch ebenso mißmutig wie vorher. „In welch schlechter Laune haben Sie mich heute begleitet?“ hob sie an und richtete ihren lebhaften Blick auf sein unbewegliches Gesicht. „Nein!“ erwiderte er. „Aber ich habe einiges auf dem Herzen, und hier“--er lud sie zum Sitzen ein--„will ich Ihnen einmal sagen, wozu bisher stets der rechte Augenblick gefehlt hat.“ Die feine Röte auf Anges Gesicht wich einer leichten Blässe. Ein halb zaghafter, halb ungeduldiger Ausdruck stahl sich in ihre Mienen, und sie faßte die Reitgerte fester. Aber sie überwand sich und sagte ungezwungen: „Wohlan, setzen wir uns und erzählen Sie mir etwas. Aber nichts, nichts Unangenehmes heute, lieber Teut. Ein andermal. Ich bin fröhlich; weshalb mir das nehmen? O, ich bin glücklich hier in dieser schönen Welt. Bitte!“ Teut zuckte zusammen. Immer, wenn sie in diesem zärtlichen und bittenden Tone sprach, zögerte er, ihr auch nur durch tadelnden Blick eine Verstimmung zu bereiten. Wieviel besser verstand er jetzt Claireforts Zaudern als ehedem! Dieses unschuldsvolle Kind mit seiner sorglosen Fröhlichkeit und seiner Freude am Leben erschien ihm wie ein eben aus der Hand des Schöpfers hervorgegangenes Kunstwerk. Und diesen reinen Spiegel sollte er trüben, gar zersplittern? Aber einmal mußte es doch geschehen. Er strich wiederholt den Schnurrbart und sagte endlich: „Liebe Frau Ange! Hören Sie zu. Ich bitte Sie bei unserer Freundschaft darum.“ Etwas ganz Besonderes mußte es doch sein. In Anges Gesicht trat ein hilfloser Ausdruck, und ein eigener Glanz schimmerte in ihren sanften Augen. „Ich höre!“ sagte sie leise und legte die Hände ineinander. „Sehen Sie, liebe Ange--Darf ich Sie so nennen?“ Er wandte sich zu ihr, sah sie fragend an und über sein edles, männliches Gesicht flog ein hinreißender Zug von Herzensgüte. Und sie nickte mit einer Miene und bejahte mit einem Blicke, als ob sie ein Engel sei, der einem Sünder Gottes Verzeihung überbringe. „Wir kennen uns nun schon fast ein Jahr. Durch Sie hat sich mein Leben fast ganz verändert. Ich hatte bereits von allem Abschied genommen, was Haus und Familie heißt, und mich in die Rolle eines alten Junggesellen hineingefunden. Meine dienstliche Beschäftigung, der Umgang mit den Kameraden, die Befriedigung allerlei berechtigter und unberechtigter Passionen, nach Umständen einmal ein Stück ungehinderter Freiheit--ich könnte ja ganz ein freier Mann sein und meinen Neigungen leben, aber ich fühle Pflichten in mir gegen mein Vaterland und meinen König--genügte mir. Da sah ich Sie, Ange; und weshalb sollte ich es verhehlen--ich liebte Sie bei unserer ersten Begegnung und werde Sie lieben, solange ein Atem in mir ist.“ Er sah sie nicht an, während er sprach. Wenn er emporgeschaut hätte, würde er bemerkt haben, daß sie wie träumend ins Land und in die Ferne schaute; aber er würde auch in ihrem Angesicht gelesen haben, wie sie alle seine Worte verschlang und wie die letzten sie erbeben machten. Ein feuchter Glanz verdunkelte auf Augenblicke ihre Augensterne, und versteckt strichen ihre kleinen Finger über die Wimpern. „Aber weil ich Ihnen so gut bin--Sie wie ein Bruder und Freund liebe,“ fuhr Teut fort, „muß ich Ihnen etwas sagen, was Ihr Glück betrifft.“ Und nun sprach er in langer Rede auf sie ein. Er tadelte und tröstete, er forderte und flehte. Er teilte ihr Carlos' Worte an jenem Tage mit, klärte sie über ihre Verhältnisse auf und ließ das Bild einer düsteren, vielleicht durch ihre Handlungsweise heraufbeschworenen Zukunft vor ihr Auge treten. Atemlos horchte sie auf und erbebte. Welch drohende, vernichtende Wolken hingen über ihrem ahnungslosen Haupt! Nachdem er geendet, saß sie lange stumm und sprach kein Wort. Aber als dann aus seinem Munde ihr Name drang: „Liebe Ange, liebe Freundin, zürnen Sie mir?“ da überwältigte sie ihr Gefühl und sie neigte das Haupt und schluchzte. Er wagte es: er strich sanft über ihr Haar; er that, als ob er nichts anderes fühle als Mitleid, nichts anderes geben wolle als Trost, und doch bedurfte er seiner ganzen Kraft, um sie nicht in dem Ausbruch unterdrückter Leidenschaft ans Herz zu ziehen. * * * * * Am nächsten Tage nach diesem Ausflug traten Clairefort und Teut nach Tisch--es waren heute ausnahmsweise nur drei Gedecke, da die Kinder früher speisten--in des ersteren Gemach. Clairefort schien düsterer als je, es war während der Tafel, bei welcher Tibet mit seinem geräuschlosen Schritt bedient hatte, fast keine Silbe über seine Lippen gekommen, und Ange--noch unter dem Eindruck der jüngsten Unterredung--verhielt sich ebenso einsilbig. In dem matt erleuchteten, dunkel tapezierten Zimmer kam es Teut heute fast unheimlich vor. Seltsam schaute der Marmorkopf einer Venus aus dem Dunkel hervor, und düster starrten ihm die Arabesken aus dem Teppich entgegen, der den Fußboden bedeckte. Eine Weile saßen beide Männer rauchend und ohne zu reden, nebeneinander. Jedem lagen Worte auf der Zunge, keiner wollte zuerst sprechen. Endlich sagte Clairefort tonlos: „Sie haben gestern mit Ange gesprochen, Teut?“ Der Angeredete nickte, ohne etwas zu erwidern. Clairefort wiederholte nun seine Frage. „Ja,“ sagte Teut, „ich habe mit Ihrer Frau geredet.“ „Was sagte sie, bitte?“ Ohne auf diese Frage unmittelbar zu antworten, entgegnete Teut: „Hat sie Ihnen keine Mitteilung gemacht?“ „Nun--ja und nein! Sie sprach sehr unzusammenhängend. Sie hing sich an meinen Hals, weinte und rief: ‚Ich will mich bessern, Carlos!‘ Ich vermutete, daß diese Äußerung aus dem Gespräch mit Ihnen hervorgegangen sei. Gesagt hat mir Ange nichts.“ Teut horchte auf.--Wie rührend! Welch eine liebenswürdige Reue lag in diesen paar Worten! „Gut! Warten wir also ab, Clairefort!“ „Ja--“ sagte dieser gedehnt und offenbar unbefriedigt. Jetzt sah Teut Clairefort versteckt ins Auge. Ein verdrossener, nervöser Zug lag auf seinem Gesicht. Plötzlich stieg in Teut ein beunruhigender Gedanke auf. War Clairefort eifersüchtig? Was stand ihm und Ange bevor, wenn seine Vermutung sich betätigte? Und zugleich überfiel ihn ein gefährlicher Drang, diesen Verdacht zu lösen und zu bekämpfen. Er wollte Vertrauen, er wollte für Freundschaft und Hingebung nicht Mißtrauen, Verstimmung--vielleicht weit Schlimmeres noch. „Clairefort--!“ hob er durch die peinvolle Stille an. „Clairefort, ich bin Ihr Freund! Sie hatten wohl nie einen aufrichtigeren Freund! Glauben Sie das?“ Clairefort erhob den Blick und sah Teut verlegen an. „Ja, lieber Teut! Weshalb fragen, weshalb--beteuern Sie?“ Der letzte Satz kam zögernd hervor. Die Worte verfehlten auch ihre Wirkung nicht, denn Teut sagte abweisend: „Ich beteuerte nichts! Ich wollte Ihnen nur einmal, ein einziges Mal, nachdem Sie mir ein Vertrauen schenkten, das man höchstens etwa seinem Bruder in ähnlichen Verhältnissen zuwendet, sagen, daß Sie--was immer sich ereignen könnte--darauf rechnen dürfen, daß ich Ihr wirklicher Freund bin und stets als ein solcher handeln werde. Verstehen wir uns jetzt?“ „Ja,“ nickte Clairefort; er schien aber keineswegs überzeugt. Teut sprang auf. Er trat auf Clairefort zu und faßte seine Hand. „Armer Clairefort,“ sagte er. „Ich bedauere Sie aus tiefster Seele, um so mehr, weil ich verstehen kann, was Sie bedrängt. Aber niemals begegnete ein Mensch einem anderen mit ungerechterem Mißtrauen. Und nun noch einen Rat, bevor wir heute scheiden. Erleichtern Sie Ihrer Frau die Entschlüsse. Handeln Sie, Clairefort, und seien Sie dabei ein Mann und ein wohlwollender Freund zugleich. Verstehen Sie?“ Clairefort antwortete nichts. Ein tiefer Seufzer entrang sich seiner Brust. Teut wandte sich zur Thür. Als er eben das Zimmer verlassen wollte, erhob sich ersterer rasch, berührte Teuts Schulter und sagte leise: „Verzeihung, Teut! Ich danke Ihnen von ganzem Herzen!“ Die Erinnerung an diesen Vorfall beschäftigte Teuts Gedanken. Aber doch begriff er eins nicht, und deshalb grübelte er hin und her. Ange hatte ihm erklärt, die Sorgen ihres Mannes seien sicher ungerechtfertigte. Schon seine Mutter habe unter dem Wahne gelebt, sie könne nicht auskommen und sei doch im Besitz eines ungewöhnlich großen Vermögens gewesen. Dies wäre eine Krankheit aller Claireforts. Es sei ungenau, behauptete sie, daß die Zinsen nicht genügten, um alle Ausgaben zu bestreiten. Sie glaube im Gegenteil zu wissen, daß Tibet vierteljährliche Überschüsse, von denen ganze Familien bequem würden leben können, zum Banquier trage. Auch habe sie selbst ein völlig unberührtes, nach ihrem Tode den Kindern zufallendes Vermögen, das ausreiche, eine Familie mit größeren Ansprüchen zu befriedigen. Trotzdem gebe sie aber zu, daß ihr Aufwand ein großer sei, daß sie vieles verschwende, und daß es verständig sei, alles einschränken. Sie bat Teut, da ihr Mann Geldverhältnisse, wer weiß aus welchen Gründen, niemals gegen sie berühre, ihn auszuforschen und ihr zu berichten. Sie könne, fügte sie hinzu, auch Tibet fragen, aber dieser sei in solchem Punkte stets verschlossen. Zudem erachte sie es als nicht angemessen, einen Untergebenen zwischen sich und ihren Gemahl zu stellen. Bei der nächsten Begegnung zwischen Clairefort und Teut nahm sich letzterer vor, diesen Punkt schon deshalb durch eine Frage aufzuklären, weil alle Maßnahmen danach zu treffen waren. Falls Clairefort die Wahrheit gesprochen, mußte Teut, um nicht auf halbem Wege stehen zu bleiben, auf sofortige Einschränkungen dringen, und diese konnten doch, wie die Dinge lagen, nur von Ange ausgehen. An einem der nächsten Tage, an welchem Clairefort Teut in der alten herzlichen Weise begegnete, knüpfte letzterer an diesen Zwischenfall an und sagte: „Sie haben mich, Clairefort, in Ihre intimsten Verhältnisse eingeweiht. Ich habe nicht nach den Gründen gefragt. Entweder war es die Folge jenes natürlichen Dranges, der uns in schweren Nöten zur Mitteilung treibt, oder Sie erkannten Ihre Machtlosigkeit und fühlten das Bedürfnis, sich einer Freundeshilfe zu bedienen. Gleichviel! Sie schenkten mir Ihr Vertrauen, und ich gab Ihnen mein Wort, dieses nach bestem Vermögen zu rechtfertigen. Unter solchen Umständen ist nun aber völlige Offenheit eine unbedingte Notwendigkeit.“ In Claireforts Augen blitzte es bei dieser Anrede auf. Eine seltsame Spannung malte sich in seinen Zügen; offenbar mißdeutete oder überschätzte er den Sinn der Worte. Teut verstand nicht, was Clairefort beunruhigte, aber um so mehr beeilte er sich, fortzufahren: „Eines ist noch der Aufklärung bedürftig,“ sagte er in gelassenem Tone, „und ich bitte meine Frage nicht als eine ungerechtfertigte Einmischung zu betrachten. Ange behauptet, daß Sie nur eine übertriebene Sorge beherrsche, daß Ihre und ihre eigenen Renten so groß seien, daß jährlich erhebliche Überschüsse aus den Zinsen zurückgelegt werden könnten.“ „Nun,“ rief Clairefort, offenbar erleichtert, aber immerhin erregt, und in dieser Erregung nur den letzten Äußerungen Teuts Gehör schenkend, „ich denke, daß wir keine Kinder sind! Es ist, wie ich Ihnen sagte. Mein Ehrenwort darauf,--das ich indes nur erhärtend hinzufüge, weil die Behauptung meiner Frau der meinigen gegenübersteht. Durch den Sturz eines Bankhauses habe ich große Summen verloren, wodurch mein Vermögen ganz außerordentlich zusammengeschmolzen ist. Das weiß auch Ange, denke ich--“ „Nein! Sie weiß gar nichts! Aber gut,“ sagte Teut, „wenn dem so ist, dann werde ich mit Ihrer Erlaubnis handeln!“ * * * * * Kurze Zeit darauf hatte Teut Gelegenheit, noch einmal mit Ange zu sprechen. Ein Vorfall, der nur allzu bezeichnend für sie war, gab dazu Veranlassung. Er trat am Spätnachmittag ins Haus und fand sie bei der Besichtigung eines seidenen Kleides, das sie gerade der Jungfer mit den Worten zurückgab: „Nein, auch das geht nicht. Ich werde mir dann für das Fest ein neues machen lassen und heute noch ausfahren, um den Stoff auszusuchen.“ „Ich störe wohl, Frau Gräfin--“ hob Teut, rücksichtsvoll ins Zimmer tretend, an. Sie schüttelte ihren Kinderkopf, raffte errötend und verlegen allerlei auf den Stühlen umherliegende Garderobengegenstände auf, schob sie der Kammerjungfer über den Arm und hieß sie und Erna, welche eben, die Thür sperrweit offen lassend, ins Zimmer gestürmt kam, gehen. „Nein, halt! Warten Sie, Charlotte!“ unterbrach sie aber doch ihren Befehl. „Der Herr Rittmeister mag entscheiden.“ Die Jungfer that, wie ihr gesagt wurde. Sie legte die Kleider auf einen Stuhl und suchte unter den überreichen Ballroben eine hervor, die sie ihrer ungeduldig wartenden Herrin überreichte. „Ich verstehe von Kleidern gar nichts,“ sagte Teut schroff. Es störte ihn, daß Ange in Gegenwart der Zofe mit ihm dergleichen Dinge besprechen wollte. Ange sah ihn mißmutig an, wollte etwas erwidern, unterdrückte aber die Entgegnung. Inzwischen nahm Erna eines der Kleider an sich, fuhr mit den Armen hinein, schob die Schleppe mit den Füßen ungeschickt hin und her, so daß sie diese mit den bestäubten Schuhen berührte, und rief endlich laut: „Mama, Mama, sieh einmal!“ „Aber Erna, Erna!“ flehte Ange und eilte erschrocken hinzu. Das Kind aber hob den seidenen Rock empor, lief rasch davon und rief: „Das müssen Jorinde und Ange sehen! Nein, nein, ich gebe es nicht!“ Ange ließ denn auch das Kind gehen und machte der Zofe ein Zeichen, nachzueilen. Als sie zu Teut emporblickte, begegnete sie seiner mißbilligenden Miene. „Unverbesserlich sind Sie, liebe Gräfin,“ sagte er und schüttelte den Kopf. „Nicht schelten!“ bettelte sie und sah ihn mit ihrem bezaubernden Blicke an. „Aber doch ernsthaft raten! Sehen Sie, liebster Teut, das ist mein bestes Kleid, und darin kann ich doch den Ball nicht besuchen, nicht wahr?“ Allerdings: das Kleid war unverantwortlich behandelt. Die Spitzen, mit denen man es besetzt hatte, waren zerrissen; die Schleppe war besudelt, an der Taille fehlten Knöpfe. Im übrigen war der Stoff eine mit anmutigen Blumenbouquets durchwirkte weiße Seide, einer Königin würdig. „Man könnte die Robe einer geschickten Schneiderin übergeben, sie mit neuen Spitzen garnieren und säubern lassen,“ sagte Teut phlegmatisch. Er war selbst erstaunt über den Umfang seiner Kenntnisse und über seine praktischen Ratschläge. „Nein, nein!“ sagte Ange, als ob es sich um ein Puppenkostüm handle. „Hier ist ja sogar ein großes Loch!“ und sie zeigte ihm den Rock, in welchem übrigens nur die Naht hinten seitlich eingerissen war. „Kann genäht werden!“ entschied Teut mit seiner stoischen Ruhe. „Ach, mit Ihnen über Toilette sprechen! Kommen Sie, Teut! Wir haben wundervolle Melonen erhalten. Der Frühstückstisch ist gedeckt.“ „Nein,“ sagte er, „erst muß ich Sie sprechen. Heute ist die erste Lektion.“ Sie sah ihn mit ihrem naiven Blick an, dann glitt ein ungeduldiger Ausdruck über ihr Gesicht. „Wieder eine Waldpredigt! Nein, heute mag ich nicht; weshalb quälen Sie mich! Ach, wie war ich sonst glücklich! Nun stehen Sie neben mir wie ein Schulmeister; ich bin doch kein Kind mehr!“ „Doch, ja,“ sagte Teut kurz. Und dann weicher: „Sie sind ein Kind, ein liebes, reizvolles Kind. Aber nun kommen Sie! Lassen Sie uns noch einmal reden!“ Er stand auf und schloß die Thür. Ange graute bei diesen Vorbereitungen. „Zuerst, liebe Freundin--bitte, setzen Sie sich doch mir gegenüber, dort in den Fauteuil“ (sie that es schmollend und zerpflückte eine spät erblühte weiße Rose, deren Blätter sie auf den Teppich fallen ließ)--„ein sehr ernstes Wort! Ich habe mit Clairefort gesprochen; es ist, wie er sagt. Sie besitzen heute nur einen Teil Ihres beiderseitigen Vermögens.“ Er hielt einen Augenblick inne und beobachtete die Wirkung seiner Worte. „Und wie ist dies zugegangen?“ fragte Ange mehr neugierig als erschrocken. „Ein Banquier, bei dem Clairefort seine Papiere niedergelegt hatte, mußte seine Zahlungen einstellen. Es ging dort alles verloren.“ „Der arme, arme Clairefort! Ist er sehr betrübt?“ hob sie besorgt an. Sie forschte ängstlich in Teuts Angesicht; sie dachte nur an ihren Mann, wie er die Sache aufgenommen, in welcher Stimmung er sei. Ob sie gehen solle, um ihn zu trösten, ihm zu sagen, daß sie auch fortan sparsamer sein wolle. Es bliebe dann gewiß noch genug, schloß sie. „Ja, das ist es. Nun sehen Sie doch ein, daß Sie ganz anders leben müssen, daß Sie den großen, überflüssigen Hausstand einschränken, die Kinder regelmäßig in die Schule schicken und sich sorgsamer um Ihre Wirtschaft bekümmern müssen!“ sagte Teut ernst. Sie nickte wie ein Kind, das gescholten wird, das voll guter Vorsätze ist, zerknirscht anhört, was es verbrochen hat, bis Natur und Freiheit, bis Spiel und Tändelei alles wieder verwischen. „Das erste wird sein, daß wir auch Tibet ins Vertrauen ziehen. Wir werden überlegen müssen, wer von der Dienerschaft bleiben kann, welche Ausgaben überflüssig sind, wie die Geselligkeit zu beschränken, wie Fuhrwerk und Pferde drunten--“ „Meine himmlischen Pferde auch?“ rief Ange „Und gar die Hunde? Müssen wir ein anderes Haus, eine andere Wohnung beziehen? Ach, Teut, sagen Sie, ist's denn so schlimm? Besitzen wir nichts, gar nichts mehr? Sprechen Sie ein Trostwort!“ Mit tränendem Blick sah sie zu ihm empor und erwartete zitternd seine Antwort. Umfang und Bedeutung der eingetretenen Verhältnisse überschätzte sie nun so sehr, daß sie sich, wie ihre weiteren Fragen ergaben, schon in einem kleinen, beschränkten Häuschen sah und mit Ängsten an ihre Kinder dachte, die dadurch Entbehrungen erleiden würden. Teut erkannte besorgt, welchen Eindruck seine Worte hervorgerufen, welche Schreckbilder er unbeabsichtigt heraufbeschworen hatte. „Sie sollen nichts entbehren, liebe Freundin!“ beruhigte er, hingerissen von Anges Anmut, von ihrem bei alten diesen Erörterungen hervortretenden selbstlosen Wesen, und strich in heftiger Bewegung den Schnurrbart. „Nichts, meine teure Freundin! Ich stehe dafür! Nur Überflüssiges, Thörichtes wollen wir beseitigen. Schon um der Kinder willen werden wir--“ Er betonte die Worte und stockte. Sie schaute ihn an. Was lag alles in diesen guten, klugen Augen, die sich mit solcher Innigkeit auf sie richteten. Und da riß es sie fort; sie schnellte empor und umschlang den tröstenden Freund in stürmischer Freude mit ihren Armen. In diesem Augenblick öffnete sich die Thür; beide flogen auseinander. Clairefort aber, der sich zeigte, sagte mit einem eisigen Blick: „Ach, ich störe wohl?“ „Carlos, Carlos!“ rief Ange, ahnend, daß sich etwas Furchtbares ereignen würde, und stürmte dem Fortgegangenen nach. Teut aber schlug heftig mit den Hacken der Reiterstiefel zusammen und seufzte einige Male tief auf. * * * * * „Wann kann ich die Ehre haben, Sie zu sprechen? von Clairefort.“ „Bitte, kommen Sie rasch! Ange.“ Teut blickte gedankenvoll auf zwei Blättchen, die er empfangen hatte und die diese Worte enthielten. Seit einigen Tagen war er nicht zu Claireforts zurückgekehrt; nun war geschehen, was er hatte kommen sehen. Er übersetzte sich die Worte seiner Freunde in seine Sprache. „Rechtfertigen Sie sich!“ lauteten diese.--„Eilen Sie, ich bin sehr unglücklich und bedarf Ihres Trostes!“ deutete er sich jene. Lange Zeit saß Teut grübelnd da und ließ alles, was geschehen war, noch einmal an seinem Geist vorübergehen. Hin und wieder erhob er den Blick, und dieser haftete mechanisch an den vielen Gegenständen, die seine Gemächer ausfüllten. In einem genialen Durcheinander sah man die widersprechendsten Dinge. Auf einem seidenbezogenen Sessel lag ein neuer, ungebrauchter Sattel, an den Wänden zur Linken hingen, flankiert von ausgestopften Vogel- und anderen Tierköpfen, Pistolen, Säbel und sonstige alte und neue Waffen. Die rechte Wandseite nahm ein übergroßes, wundervoll ausgeführtes Frauenbrustbild in der zarten Manier Angelika Kaufmanns ein; daneben waren in unregelmäßigen Abständen Photographieen, zahlreiche Kupferstiche und Lithographieen aufgehängt, teils Porträts, teils Jagd- und Reiterbilder: hier ein Sturz vom Pferde beim Rennen, dort rote Röcke mit Trara hinter dem fliehenden Wild im Walde. Auf den Tischen lagen Berge von Handschuhen, vertrocknete Blumen, aufgerufene Kartons und Jagdutensilien. Auf einem chinesischen Kästchen erhob sich eine Bronzefigur Napoleons I. mit verschränkten Armen. Ihm zur Seite stand eine halbnackte, zum Sprung ins Bad bereite Frauengestalt aus weißem Marmor. Auf einer an den Tisch gerückten Etagère lagen in merkwürdiger Ordnung zahlreiche Cigarrenetuis: viele mit Wappen in Silber oder Elfenbein; auch kostbar gebundene Bücher; daneben erhoben sich einige Medaillonbilder auf zierlichen Gestellen--und all diese Gegenstände beherrschte eine weißschimmernde marmorne Klytia mit dem schwermütig sanften Blick. Auf dem grünen Teppich, der das ganze Zimmer bedeckte, war vor einem Schreibtisch das riesige Fell eines Eisbären ausgebreitet, und den ersteren bedeckten zahlreiche Schriften, Papier, aufgeschnittene Bücher und Schreibmaterialien, die sich um eine alte französische Uhr gruppierten, welche hier Platz gefunden hatte. Und ringsum saubere hellpolierte oder tiefschwarze Möbel; auch einige primitiv gearbeitete, aber praktisch eingerichtete Schränke, aus deren geöffneten Schubladen Rehposten, Patronen und Pulversäcke hervorschauten. Endlich stand in der Mitte des Zimmers ein mit einem Tigerfell behangener Chaiselongue, der aber selten benutzt zu werden schien, denn eine ganze kleine Bibliothek war hier aufgeschichtet. Früher hatte Teut täglich viele Stunden in seiner Wohnung zugebracht. Er blätterte in den Journalen, las die neuesten deutschen und französischen Romane, empfing Billetdoux und beantwortete sie, schraubte wohl mit zufriedenem Lächeln einen Flintenlauf vom Kolben oder drückte an dem Schloß und freute sich der schönen Ciselierungen am Rohr. Oder er richtete im Nebengemach, im Eßzimmer, ein Abendessen, bereitete selbst die Bowle und stand in lederner Hausjoppe neben Flaschen und Gläsern. Aber alles hatte seinen Reiz verloren. Jede Stunde, die er nicht im Dienst war, floh er die Räume und eilte zu Ange. Aber noch mehr. Die rechte Freude am Dasein war dahin; es gab nur noch Kämpfe, Sorgen, Selbstüberwindungen, um ein gegebenes Wort zu erfüllen. Ihr guter Geist wollte er ja fortan auf Erden sein, das hatte er geschworen--ihr Freund--ihr stumm verzichtender Verehrer.-- „Kleine Ange, kleine liebe Ange,“ flüsterte der Mann und grub die Zähne in die Lippen, um seiner innerlichen Erregung Herr zu werden. „Nun beginnt der große Roman--der Roman unseres Lebens!“ * * * * * Teut beantwortete beide Briefe zugleich. Ange schrieb er: „Auch von Carlos erhielt ich einige Zeilen. Der kurze formelle Inhalt läßt mich schließen, daß es sich um nichts Gutes handelt! Ich komme bestimmt heut abend. Dann sieht Sie Ihr getreuer Teut.“ Dem Freunde aber sandte er nur seine Karte und schrieb: „Ich besuche Sie kurz vor der Theestunde in Ihrem Zimmer. v.T.“ Als aber der Nachmittag kam, änderte Teut seinen Entschluß. Es fiel ihm ein, daß er den Kameraden versprochen hatte, abends den Besuch eines Freundes im Kasino zu feiern. Er ging deshalb früher zu Claireforts. Als er die Wohnung erreichte, stieg er, in Gedanken verloren und ohne sich umzusehen, die Treppe empor. Er wünschte, obgleich er das Richtige zu vermuten glaubte, zunächst von Ange zu erfahren, was vorgefallen sei, und dann Clairefort aufzusuchen. Zu seiner Überraschung fand er alle Thüren offen und weder jemanden im Empfangssalon noch in Anges Gemächern, überall aber eine große Unordnung. Hier stand das Schaukelpferd eines der Knaben, dort hing, neben fortgeworfenem Spielzeug, eine Puppe mit gesenktem Kopf und schlaffen Armen rückwärts über einem Stuhlpolster. Auf dem Tisch des Wohngemaches lagen Kinderhüte und der hastig abgestreifte Paletot eines der Kinder. In Anges Schreibtisch war eine Schublade aufgezogen, und eine Sammlung von zartgefärbten Handschuhen lag in wilder Unordnung durcheinander. Einer hing mit schlaffen Fingern über den Rand des Schubfaches hinaus. Teut schritt weiter bis an die Kinderzimmer. Er fand auch hier niemanden, aber ein ähnliches Durcheinander. Die Wohnung machte den Eindruck, als ob eine Familie in fliegender Hast, vor einer Gefahr flüchtend und alles im Stiche lassend, davongeeilt sei. Kopfschüttelnd ging Teut weiter und trat gegenüber in Claireforts Privatgemach. Er klopfte. Keine Antwort. Er öffnete behutsam. Hier fand er es wie stets: dieselbe peinlich-übertriebene Ordnung, derselbe düstere Ernst, derselbe Mangel an freundlichen, belebenden Eindrücken. Keine Blume, keine lebhaften Bilder! Ein Hauch von Schwermut lag über dem Gemach ausgebreitet und nur allzu deutlich drückte sich in den Räumen der Charakter seines Bewohners aus. Natürlich that auch die Dienerschaft, unter solchem Beispiel und keine strenge Hand über sich fühlend, was sie wollte. Nirgends ein männliches oder ein weibliches Wesen, das nach dem Fortgang der Herrschaft die Thüren geschlossen und in den Zimmern Ordnung geschaffen hätte. Teut wandte sich zurück, und während er noch überlegte, ob er nach Hause zurückkehren oder warten solle, bis die offenbar auf einer Ausfahrt begriffene Familie wiederkommen werde, hörte er Schritte. Er horchte auf und trat einen Augenblick beiseite. Es war Tibet, der geschäftig ausräumte, hier sich nach einem Spielzeug, dort nach einem Kleidungsstück bückte und ordnend die Hand an Tisch und Stühle legte. Ja, Tibet, Tibet! Er übernahm die Pflichten aller. „Die Herrschaften sind aus gefahren?“ fragte Teut, nun hervortretend und den Kammerdiener begrüßend. „Jawohl, Herr Baron. Frau Gräfin macht Besuche mit den Kindern; der Herr Graf ist schon früher fortgeritten.“ Er sprach in seiner gewohnten ehrerbietigen Weise und schob eine Puppe, die er gerade in der Hand hatte, verlegen hinter sich. Teut nickte und ließ sich nieder. Es kam ihm sehr gelegen, den Vertrauten des Hauses einmal allein zu treffen, und er beschloß, ein Gespräch mit ihm anzuknüpfen. „Wie lange sind Sie eigentlich schon in der gräflichen Familie, Tibet?“ „Seit meinem fünfundzwanzigsten Jahre,“ erwiderte dieser mit einem melancholischen Anflug in der Stimme. „Im Hause der Familie Butin oder bei Claireforts?“ „Bei Claireforts.“ „Und Sie hatten nie eine andere Beschäftigung oder Tätigkeit?“ „Doch, Herr Baron!“ „Und welche?“ „Ich wollte mich ursprünglich dem Kaufmannsstande widmen.“ „So so! Hatten Ihre Eltern schon Beziehungen zu der Familie?“ „Nein, Herr Baron.“ „Sie sind wohl schon ein guter Vierziger, Tibet?“ „Ja, Herr Baron.“ Nein--ja, Herr Baron! Auch im Verfolg des Gespräches gab er diese einsilbigen Antworten. Dieser Mensch sprach nur, wenn man ihn fragte, und dann lediglich das Notwendigste. Teut beschloß, es anders anzufangen, und indem er in bekannter Weise die Stiefelhacken zusammenschlug und den Schnurrbart drehte, sagte er mit starker Betonung. „Tibet!“ „Herr Baron!“ „Ich weiß, daß Sie eine große Anhänglichkeit an den Herrn Grafen und besonders auch an die Frau Gräfin haben. Sie wissen zugleich, daß ich ein aufrichtiger Freund der Familie bin. Nicht wahr, Sie glauben das?“ Statt zu antworten, sah Tibet Teut einen Augenblick mit höchster Befremdung an. „Ja, ich verehre die Frau Gräfin wie niemand sonst.“ Die zweite Frage überging er. „Gut. So dachte ich. Aber zu mir haben Sie wenig Vertrauen, Tibet, nicht wahr?“ lächelte Teut. „Ich verstehe nicht, Herr Baron.“ Tibet schlug verlegen die Augen zu Boden. „Sie verstehen recht gut. Sprechen wir einmal offen miteinander.“ Tibet stand noch immer mit der Puppe in der Hand, die wie gelähmt Arme und Beine hängen ließ. Wenn man diesen großen, hageren, ernsthaft dreinschauenden Mann in der dunklen Kleidung so dastehen sah, mußte man unwillkürlich lächeln. Als Teut die letzten Worte sprach, überfiel Tibet--man sah es deutlich--ein starkes Unbehagen. Zuletzt malten sich eine gewisse Abwehr, ja Trotz in seinen Mienen. „Also, Tibet,“ fuhr Teut unbekümmert fort, „ohne Umschweife! Hier im Hause ist nicht alles, wie es sein soll. Die Gräfin weiß keine Wirtschaft zu führen, der Graf leidet darunter--nicht nur in seiner Schatulle. Sie wissen das alles.--Das muß anders werden. Beide wünschen es auch, aber die Gräfin versteht es nicht zu ändern, und den Grafen halten andere Gründe zurück. Ich möchte bei Zeiten etwas verhindern, was sonst unabänderlich scheint. Wollen Sie mir helfen?“ „Ich?“ fragte Tibet kurz, starrköpfig und fast aus der Rolle des Untergebenen fallend. „Ich bin ein Diener! Wie dürfte ich wagen, mich in die Angelegenheiten meiner Herrschaft zu mischen?“ „Sie sind kein Diener hier im Hause, sondern ein Freund, zudem ein braver, ehrlicher Mann, Tibet. Versprechen Sie mir, um dieser Freundschaft willen, die Sie für die Familie hegen, mein treuer Verbündeter zu werden!“ Einige Augenblicke stand Tibet unbeweglich; die Puppe war jetzt so tief herabgesunken, daß die kleinen lackledernen Schuhe mit Kreuzbändern den Fußboden berührten. Endlich sagte er aufschauend: „Herr Baron, ich will es mir überlegen. Ich danke Ihnen für Ihre gute Meinung. Gestatten Sie mir indessen jetzt--Ah, da kommen die Herrschaften bereits!“ Und offenbar erleichtert und mit einer entschuldigenden Bewegung eilte er ans Fenster, guckte rasch hier- und dorthin und entfernte sich endlich, alle Siebensachen unter den Arm raffend, durch die nach dem Ausgang führende Thür. Teut sah nach der Uhr. Es war Tischzeit geworden und für seine Absichten somit zu spät. Während er noch zauderte, trat Clairefort von der entgegengesetzten Seite in den Salon, blickte überrascht auf, als er Teut in dem Stuhl sitzend fand, schritt förmlich auf ihn zu und sagte gezwungen: „Ah, ich glaubte Sie erst heut abend erwarten zu dürfen! Aber wenn es Ihnen gefällig ist--Zugleich meinen Dank für Ihre Artigkeit. Ich wäre natürlich zu Ihnen--“ „Bitte, bitte!“ erwiderte Teut in seiner kurzen Weise. „Ich bin ja Ihr täglicher Gast! Weshalb wollten Sie sich zu mir bemühen? Ich stehe also ganz zu Ihrer Verfügung.“ Mit diesen Worten machte er einige Schritte, Clairefort zu folgen. Aber zu gleicher Zeit öffnete sich auch die Thür und Ange, in einem reizenden Promenadenkostüm, das goldene Haar rückwärts in zwei nachlässige Knoten geschlungen, die Wangen von der kalten Luft sanft gerötet, das Gesicht ganz umrahmt von einem kleinen, rosaseidenen Hütchen, trat rasch und lebhaft ins Zimmer. Ihr folgte die Schar ihrer Engel, eins schöner; graziöser und vornehmer als das andere. In der That ein entzückender Anblick. Des Grafen nicht achtend, ganz beschäftigt mit dem Bilde, das sich ihm bot, eilte ihr Teut entgegen, und sie begrüßten sich mit einer Herzlichkeit, als ob sie eine lange Zeit getrennt gewesen wären. Aber in demselben Augenblick und während die Kinder Teut jubelnd umringten, veränderten sich Anges Züge und erhielten einen furchtsamen Ausdruck. Da stand der Graf, finster, bleich, und biß sich auf die Lippen. Da stand er, der Herr des Hauses und weder Frau noch Kinder näherten sich ihm. Aber alle umringten ihn--ihn, den Hausfreund, dem auch er sein größtes Vertrauen geschenkt und den er doch in diesem Augenblick mehr haßte als den Tod. „Wartet mit dem Essen!“ sagte Clairefort, seinen Unmut schlecht verbergend, und machte eine Bewegung gegen Teut, ihm zu folgen. Letzterer sah noch Anges erbleichendes Gesicht und warf ihr einen beruhigenden Blick zu. Dann schloß sich hinter beiden Männern die Thür. Als sie Platz genommen, knöpfte Clairefort den Rock auf und holte tief Atem. Teut aber sagte nachlässig und mit einem Anflug von Ungeduld: „Nun, was steht zu Diensten, Clairefort?“ Durch diesen Ton war jener schon halb entwaffnet; jedenfalls fand er nicht gleich das Wort. Und als er es noch immer nicht fand und, um es zu gewinnen, aufstand und das Fenster öffnete, obgleich von draußen der Spätherbstnachmittag kühl ins Zimmer drang, erhob sich Teut und sagte: „Nun, Clairefort, dann will ich zuerst sprechen. Sie wünschen abermals über Ihre Frau mit mir zu reden, oder richtiger über Ihre Frau und mich, und Sie wollen mir sagen, daß es besser ist, wenn alles beim alten bleibt, ja noch mehr, daß Sie mich mehr aus der Entfernung schätzen als in Ihrer Nähe und deshalb--nein, ich bitte, lieber Clairefort, wir wollen einmal deutsch sprechen!--und deshalb wünschen, daß ich meine Besuche einstelle. Sie sind in blinder, thörichter Eifersucht befangen und zeigen dadurch, wie wenig Sie den Charakter Ihrer edlen Frau zu schätzen wissen, wie gering Sie auch von mir denken. Aber da ich Ihnen nachfühlen kann, ja heute mich ganz hineinzuversetzen vermag, weshalb es Ihnen schwer wird, zu thun, was Sie als recht befunden, was auszuführen aber eine heilige Pflicht ist gegen Ihre Familie, gegen Ihr künftiges Wohlergehen, deshalb sagte ich als Freund, der Ihre Frau wie eine Schwester liebt und der Ihnen warm und herzlich zugethan ist: ‚ich will Dir helfen. Lasse mich handeln, und wenn's gelungen ist, dann heiße mich meinethalben gehen.‘ So wollte ich es, so dachte ich es! Sie, Clairefort, zweifelten schon bei dem ersten Schritt, den ich that, wie mir scheinen will, an meiner Aufrichtigkeit und an der Reinheit meiner Gesinnungen. Als Ihre Frau mir dankte und es in ihrem kindlichen Herzen überströmte, standen Sie da wie ein zorniger Brigant und kämpften nur mühsam Ihre Leidenschaft nieder. Und nun noch eins! Jederzeit bin ich für Ihre Frau auf der Welt--für sie und ihre Kinder! Aber ich bitte Sie auch um derentwillen, unterdrücken Sie so falsche, durch nichts gerechtfertigte Regungen! Habe ich durch meine Rede unangenehme Empfindungen geweckt, habe ich Ihnen gar wehe gethan, Clairefort, so sehen Sie mir dies nach! Vergessen Sie! Es mußte Klarheit zwischen uns sein! So, und jetzt lassen Sie mich gehen. Ich wünsche noch, Ihrer Frau zu sagen, daß wir uns als Männer ausgesprochen haben. Ich wünsche es, weil ich den furchtsamen Blick in ihrem lieben Gesicht beobachtete und sie niemals leiden sehen möchte, wo immer es in meiner Macht steht, dies zu verhindern.“ Clairefort hatte das Fenster wieder geschlossen. Er stand, das Gesicht der Scheibe zugewendet, bewegungslos. Einigemal hatte es in seinem Körper gezuckt, mehreremal ballte er die Faust--aber er hatte kein Wort entgegnet und sprach auch jetzt nicht. Als Teut sich zur Thür wandte, als sich in seinem langsamen Schritt nicht Zwang, wohl aber die Erwartung einer Erwiderung von jener Seite ausdrückte, kehrte sich Clairefort zu ihm. Es war feucht in seinen Augen, ein unsagbarer Schmerz irrte um seine zuckenden Mundwinkel, und er sah Teut mit einem so hilflosen Blicke an, daß dieser auf ihn zueilte und ihm die Hand drückte.-- War nun endlich alles im alten Geleise? Teut war darüber nicht im klaren. Ange aber schmiegte sich ängstlich und fragend an den Freund, als er ihr Gemach betrat. Sobald er aber auf ihre hastigen Fragen mit jener vertrauenerweckenden Ruhe antwortete, die ihn so anziehend machte, entwichen die ernsten Schatten auf ihrem Gesicht, wiederbelebte Hoffnung verschönte ihre Züge und in ihrem unzerstörbaren Sanguinismus glaubte sie schon wieder das Beste. „Sie bleiben heute nicht zu Tisch, Teut? Wann kommen Sie? Wann reiten wir aus? Sie sind doch morgen bei dem Diner? Sehen wir uns noch?“ So fragte sie und so schien bereits alles wieder verwischt, was sie noch eben so zaghaft berührt hatte. * * * * * Die Zeit war vergangen. Teut hatte durchgesetzt, was er wollte. Der größte Teil der Dienerschaft wurde entfernt. In das Hauswesen, in Küche und Keller kam eine andere Ordnung, in die Erziehung der Kinder ein anderer Geist. Die neue Gouvernante erhielt die gemessensten Befehle und empfing Vollmachten, die verhinderten, daß das frühere planlose Treiben fortgesetzt wurde. Unter dem Vorgeben, daß ein trauriges Familienereignis verbiete, Gesellschaften mitzumachen und in gewohnter Weise Besuch im Hause zu empfangen, ward auch diese kostspielige Seite des bisherigen Lebens einschränkt, und Ange mußte sich dazu verstehen, mit einer streng begrenzten Summe die eigene Toilette und die ihrer Kinder zu bestreiten. Das alles schaute sie mit harter Nüchternheit an; die Schule des Lebens schlägt ihre Pfade nicht durch blühende Büsche, sie fordert Entbehrungen und Kämpfe. „Wo sind die Kinder?“ fragte Ange, und die Antwort hieß: „Sie lernen, sie haben Unterricht.“ Wenn sie den Kopf in die Thür steckte, sah sie das strenge, unbewegliche Gesicht der neuen Gouvernante und oft genug ein Thränlein in den Augen ihrer Lieblinge. Die Befriedigung augenblicklicher Neigungen stieß auf Schwierigkeiten. Wenn sie Einkäufe gemacht hatte und die Rechnung vorgelegt wurde, gab es Szenen mit Carlos. Er sandte den Diener ohne Geld zurück und dieser stand ratlos da. Tibet lief mit bedrückter Miene hin und her, und durch die offene Thür sah Ange den wartenden Boten, der nicht befriedigt wurde, und die betroffenen Gesichter ihrer Umgebung, die ihre stummen Bemerkungen machten. „Konrad soll anspannen!“ befahl sie, und wenn sie zum Ausfahren gerüstet, hinabsteigen wollte, stand statt des Wagens der Kutscher vor ihr und erklärte, das eine Pferd sei krank. Ange fragte nicht, weshalb man statt der Schimmel nicht die Braunen anspanne; die Braunen waren verkauft worden. Wenn es ihr plötzlich durch den Kopf fuhr, wie früher Freunde um sich zu versammeln, schüttelte Carlos den Kopf, und statt des reich beladenen Frühstückstisches, welcher für gern gesehene Gäste immer bereit gewesen war, standen nun kleine Brotschnittchen neben einer bereits angebrochenen Flasche Wein auf der sauber gedeckten, aber kargen Tafel. Nichts durfte mehr angeschrieben werden. Tibet erklärte, lediglich Geld für die täglichen Bedürfnisse zu haben und besondere Ausgaben nur nach Rücksprache mit dem Grafen bestreiten zu können. Drunten in Küche und Stall begegnete man mürrischen Mienen. Teils wirkte die Kündigung nach, teils verglich man die alten Zeiten mit den neuen und fand sich enttäuscht. Die reichlichen Trinkgelder, welche die Gäste bei dem täglichen Verkehr und nach den vielen Gesellschaften in die Hände der Dienerschaft hatten gleiten lassen, blieben jetzt aus. Die Familie Clairefort ward von ihrer eigenen Umgebung hämisch und tadelnd beschwatzt, und an die plötzlichen Veränderungen und Einschränkungen knüpften sich zudem die übertriebenen Vermutungen. Bisweilen wandte sich Ange in ihrer Ratlosigkeit an Carlos und bat ihn, in einigen Dingen nachzugeben. Sie schilderte ihm die vielen kleinen Ungelegenheiten, berichtete von diesem und jenem und forderte Abhilfe. Wenn sie dann so eindringlich auf ihn einsprach und mit ihrer bezaubernden Art durchzusetzen versuchte, was sie wünschte, gab er wohl nach; ja einigemal brauste er sogar auf, und böse Worte gegen Teut entschlüpften ihm. Aber nur, wenn Erinnerungen an frühere Zeiten seinen Stolz weckten, wenn er Teuts Hand allzu deutlich zu erkennen glaubte, dann überfiel ihn ein eigensinniger Widerstand, und die Eifersucht verführte ihn zu falschen Deutungen. Es erfolgten dann Auseinandersetzungen mit dem Rittmeister, der aber stets ruhig blieb und immer wieder auf die festen Abmachungen verwies, welche von Anbeginn vereinbart waren. Anges Klagen entstanden freilich immer nur aus Hilflosigkeit; sie dachte niemals an sich. Wenn aber das Schluchzen der Kinder über die ihnen geraubte Freiheit an ihr Ohr schlug, verließen sie alte guten Vorsätze. Oft flüchtete sie sich mit ihrem Kummer in ein entfernteres Gemach und weinte sich dort aus. Es gab Augenblicke, wo sie hätte Teut hassen können. Aber dieser feste Charakter ließ sich nicht beirren. Es schien, als ob er unempfindlich sei gegen jeden Angriff, jeden Vorwurf und Tadel. In seiner kurzen, bestimmten Art verteidigte er seinen Standpunkt, ließ sich nicht überreden und nicht überzeugen, und nur einmal, als es ihm gar zu arg wurde, riß er an dem langen Schnurrbart und rief: „Entweder--oder! Ich habe Euer beiderseitiges Wort! Reut es Euch, macht's nach Eurem Behagen!“ Freilich sah Teut auch, nachdem er alles geordnet, daß die Fröhlichkeit ihren. Auszug aus dem Hause gehalten hatte. Clairefort ward ernster, mißmutiger, unzugänglicher als je, und Ange, der leichtbeschwingte Vogel, der Freiheit und Bewegung, Licht und Luft um sich fühlen mußte, ließ die Flügel hängen. Einigemal griff sich Teut an die Stirn und überlegte, ob er auch recht gehandelt habe. Allerdings, verständige Verhältnisse waren geschaffen, aber alles schien in dem Hause geknickt. Die Kinder, diese frischen, ungebundenen und zärtlichen Geschöpfe, schlichen eingeschüchtert und befangen umher. Die Zucht in den Schulstunden, die Arbeiten, die sie außer diesen beschäftigten, der jetzt fehlende fröhliche Trost, den sie früher bei Mama Ange fanden, machte sie verdrossen und verschlossen, und es zeigte sich, daß sie der Geist der Mutter beherrsche, der nun einmal nur im hellen Sonnenlicht und in der Freiheit gedeihen konnte. Und die Rückwirkung blieb auch bei Teut trotz äußerer Unempfindlichkeit nicht aus. Mit Wehmut sah er, wie ernst Ange geworden war und wie sie sich nach dem alten, zwanglosen Leben zurücksehnte. Selten noch tönte ihr helles, herzliches Lachen durch die Räume. Einmal fand er sie weinend unter den Kindern sitzen und sich mühend, ihnen bei ihren Arbeiten zu helfen. Kein heiterer Zug glitt über ihr Gesicht, als Teut sich näherte, und die wohlerzogenen Kleinen erhoben sich, gaben ihre Händchen und machten ihre Knixe, statt wie früher stürmisch auf ihn zuzueilen und ihn zu umschlingen. Jeden Tag sandte Teut das frische Bouquet, jeden Tag nahm es Ange entgegen, aber sie hatte keine Freude mehr daran. „Ach, schicken Sie doch nicht die schönen Blumen, Teut; sie verwelken ja doch--und es ist überflüssig--und kostspielig--“ Sie wandte sich ab und suchte ihre Thränen zu verbergen. „Ange! Ange!“ rief Teut. „Das von Ihnen? Sagen Sie mir, was Sie bekümmert, weshalb Sie so hart, so ungerecht gegen mich sind?“ „Schaffen Sie die Gouvernante aus dem Hause; ich hasse die Person!“ rief Ange in furchtbarer Erregung. „Aber bald, bald, sonst passiert ein Unglück! Sie vergiftet meine süßen Kinder mit ihrer Strenge, ihrer Pedanterie und ihrer scheinheiligen Christenlehre. Sehen Sie doch--was man aus ihnen gemacht hat? Ist das noch mein feuriger Carlitos, sind das meine Erna und Jorinde; und die beiden besten Kinder, Ben und Fred? Was ist aus ihnen geworden? Ange habe ich ihr schon entzogen! Sie hat das kleine Geschöpf mit einem Lineal geschlagen! O, ich erwürge diese Person nächstens!“ „Ange, Ange, beruhigen Sie sich! Vieles kann ja nach Ihren Wünschen geschehen! Carlos wird gewiß gutheißen, was Sie verständigerweise anordnen.“ „Er? Der? Sitzt er nicht auf seinem Zimmer und grübelt den ganzen Tag? Sehen wir ihn anders als bei den Mahlzeiten? Ist er noch mein bester, heißgeliebter Mann?--Ein verdrießlicher Hypochonder, ein rauher, abwehrender Mensch hockt drüben, der an nichts Freude hat--nicht einmal“--jetzt traf bitterliches Schluchzen Teuts Ohr--„an seiner Familie, an seinen Kindern! O, wie grenzenlos unglücklich bin ich! Wo ist die alte, gute Zeit geblieben! Unser Haus ist ja eine Totengruft geworden!“ Unter heftiger Bewegung hörte Teut das alles an. Trug er denn die Schuld? Hatte er das alles heraufbeschworen?--Vielleicht! Er erkannte, daß meistens nur die Not selbst zur Lehrmeisterin der Menschen wird. Er hatte eingegriffen in die Pläne des Schicksals. Statt aus dem Regen den Sonnenschein von neuem hervorbrechen zu lassen, hatte er diesem zu frühzeitig ein Dach gebaut, und ein Dach, welches das goldene Licht verscheuchte. * * * * * Teut saß in seinem Zimmer und arbeitete. Seit Stunden war er nicht vom Schreibtisch gewichen, und einige Male lehnte er sich zurück und blickte sinnend und verloren die Pinselstriche der flüchtigen Malerei zählend, zur Decke empor. Die letzten Vorgänge hatten einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht. Er litt mit seiner geliebten Ange und verstand alles und sann, wie ihr zu helfen sei. Aber konnte er ihr die sorglose Fröhlichkeit zurückgeben? Konnte er sie wieder jung machen? Was sie innerlich litt, übertrug sich auf ihre Erscheinung. Schon begann sich etwas von dem holden Zauber zu lösen, der sie vor Jahren so unwiderstehlich gemacht hatte. Und dann sagte er sich doch, daß nicht die veränderte Lebensweise schuld sein könne, sondern ganz andere Dinge Ange beschäftigen müßten. Ja, das war es! Sie war nicht glücklich in ihrer Ehe, und den Ersatz, welchen sie früher in ihren Kindern fand, entbehrte sie jetzt doppelt, da man sie ihr halb genommen hatte. Aber das letztere konnte doch wieder ins rechte Geleis gebracht werden. Ein Wechsel in der Persönlichkeit, die den Unterricht erteilte, war schnell zu bewerkstelligen. Es brauchte nicht alles wie bisher auf die Spitze getrieben zu werden: es gab auch freundliche Ermahnungen statt rücksichtslose Strenge, und es handelte sich nicht um Lernen und Wissen allein. Der gute Mittelweg war auch hier der richtige, und indem man diesen einschlug, würde wiederkehren, wonach Ange verlangte. Eines stand fest in Teut: auch jetzt mußte er eingreifen, da Clairefort zu keiner Initiative zu bewegen war. Wie oft hatte Ange geklagt, daß sie nicht auszukommen vermöge, wie sehr sie sich einschränken müsse. Clairefort blieb bei alledem taub. Aus ihm war jetzt ein ängstlicher Sparer, ein Geizhals geworden. „Kann ich Sie heute einmal ruhig sprechen? Sind Sie zu hören aufgelegt, liebe Ange?“ fragte Teut an einem der nächsten Tage. Sie nickte und legte die Hände in den Schoß. Seltsam! Teut bemerkte, daß sie sich vernachlässigte, keinen sonderlichen Wert mehr auf ihr Äußeres legte: auf Blumen und Schmuck wie früher. Auch heute sah sie unvorteilhaft aus. Das graue Hauskleid stand ihr nicht eben gut, und das wundervolle Haar saß versteckt unter einer Haube, die sie um viele Jahre älter machte. „Ich wollte Ihnen nach unserem letzten Gespräch eine Bitte vorlegen,“ fuhr Teut fort. „Ich habe viel über das nachgedacht, was Sie mir gesagt haben.“ Sie neigte das Haupt, ohne Ausdruck in ihrem stillen Gesicht. „Ich höre, daß Carlos seinen Abschied nehmen will, daß er ihn nehmen muß--“ „Wie?“ unterbrach ihn Ange ängstlich. „Ja! Sein Zustand--sein hartnäckiges Nervenleiden macht ihm die Ausübung seiner militärischen Pflichten unmöglich. Besser denn, bei Zeiten die anstrengende Thätigkeit einstellen. Aber--dadurch wird sich--Ihre Einnahme noch mehr verkleinern, Ange--“ „Ja gewiß!“ sagte sie tonlos. „Da wollte ich denn--“--er zögerte, riß an seinem Schnurrbart und eine seltsame Röte trat auf seine starken Backenknochen--„Sie bitten, Ange. daß Sie mich wie einen Bruder ansehen mögen, daß Sie--ich weiß nicht, ob Sie mich verstehen, Ange--daß wenn Sie etwa einmal einen Wunsch haben--etwa für die Kinder einen Wunsch haben sollten--wenn--wenn--Sie hören nicht, Ange?“ „O, o!“ hauchte die junge Frau. „Nicht weiter!“ Ihre Stimme versagte vor Rührung; sie vermochte nicht zu sprechen, und sie trocknete die Thränen mit dem Tüchelchen, das sie hervorgezogen hatte. „Doch, doch,“ sagte Teut weich und ergriff ihre Hand, ihre kleine Hand, die so schmal und krank heute aussah. Aber weiter wagte er nicht zu sprechen; es trat eine längere Pause ein. Die Dinge ringsum erschienen noch ernster, stummer als sonst. Es wehte ein Hauch von trostloser Öde durch das Haus, in dem das Lachen erstorben war. „Und die Gouvernante? die Gouvernante? Schicken wir sie fort?“ flüsterte Ange zaghaft. Sie dachte nicht an sich: immer waren es die Kinder, mit denen sie sich in ihren Gedanken beschäftigte. „Gewiß, gewiß!“ betätigte Teut lebhaft. „Noch heute spreche ich mit Carlos! Alles, alles soll sich nach Ihren Wünschen gestalten! Alles, was Sie, meine teure Ange, wieder fröhlich--und glücklich machen kann!“ „Ein Gott, kein Mensch sind Sie!“ tönte es von Anges Lippen. Sie verbarg ihr Gesicht in den Händen und schluchzte. Teut stand auf und trat ihr näher. Sie erhob den Blick--einen Blick, in dem der Abglanz ihrer Seele sich spiegelte, einen Blick, in dem der Mann alles fand, was er je zu hoffen gewünscht, und alles, was im Austausch Liebe gegen Liebe zu geben vermag! Es war vorauszusehen, daß von dem, was sich im Laufe der Zeit in der Clairefortschen Familie zugetragen hatte, mancherlei hinausdrang, und daß die öffentliche Meinung sich begierig und mit wenig Wohlwollen eines Gegenstandes bemächtigte, der zu so verschiedenen Deutungen Anlaß gab. In erster Linie ward das Verhältnis Teuts zu Frau Ange besprochen, und es fand kaum ein mündlicher Austausch in den C.schen Gesellschaftskreisen statt, ohne daß die holde Frau mit bösen Nachreden überschüttet ward. Wie der Sturm rücksichtslos über ein in seinem unschuldigen weißen Blütenschmuck stehendes Bäumchen dahinwütet, so zerpflückte man Anges Ehre und guten Ruf. Da der Graf, hieß es, ein bedauernswerter, durch sein Nervenleiden kaum mehr zurechnungsfähiger Mann wäre, sei es nicht zu verwundern, daß das empörende Treiben ungeahndet unter seinen Augen sich vollziehe. Auch könne man es einem lebenslustigen, unverheirateten Husarenrittmeister nicht verübeln, wenn er die süßen Früchte, welche eine so verführerische und gefallsüchtige Frau ihm darbiete, nicht zurückweise. Ärgererregend genug sei es, daß er nicht einmal die gewöhnlichen Rücksichten beobachte und das Verhältnis so offen zu Tage treten lasse; aber auch das werde durch ihr exzentrisches und leichtfertiges Wesen eher entschuldigt. In dieser und ähnlicher Weise erging sich die Gesellschaft in ihrem Urteil und hielt es--selbst nur allzu erprobt in Dingen, die man jenen unterzuschieben sich unterfing--für unmöglich, daß Menschen etwas anderes verbinden könne als eine strafbare Leidenschaft. Aber man blieb dabei nicht stehen. Die Vermögensverhältnisse Claireforts wurden gleichfalls einer Beurteilung unterzogen. Es sei nichts mit dem großen Reichtum! Nur der maßlosen Verschwendungssucht der Frau widerstandslos nachgebend, habe Clairefort die Villa in solcher luxuriösen Weise herrichten lassen und einen Aufwand gutgeheißen, der jeder Beschreibung spotte. Nun sei der Rückschlag bereits eingetreten. Niemand wolle mehr Kredit geben; ja, man habe den Dienstboten, welche man entlassen mußte, kaum den Lohn zahlen können. Des Grafen schwermütiges Leiden sei auf diese mit täglicher Sorge verknüpften Verhältnisse zurückzuführen, und wenn von seinem Abschied die Rede, so sei dieser wohl kein freiwilliger. Ah, und diese Kinder! Habe man jemals eine unverantwortlichere Erziehung erlebt? Wie die Affen wandelten sie einher und erregten Ärger bei alt und jung durch ihre Geziertheit und ihr hochmütiges Auftreten. Zuletzt gedachte man auch noch des geheimnisvollen Verhältnisses zwischen Tibet und dem Grafen und bezeichnete den Kammerdiener als einen gefährlichen Menschen, der im Trüben fische und das sonderbar erscheinende Vertrauen, das man ihm schenke, lediglich zu seinem Vorteil ausbeute. Bisher war Teut nichts von allen diesen Dingen zu Ohren gekommen. Es lag auch in der Natur der Sache, daß man gegen ihn Verhältnisse nicht berührte, in denen er selbst eine so hervortretende Rolle spielte. Inzwischen aber ereignete sich etwas, das ihm über die Anschauungen der Menge die Augen öffnete und was nicht ohne Rückwirkung auf ihn selbst blieb. Die Offiziere verkehrten häufig in der Familie eines Herrn von Ink, eines Gutsbesitzers, der vor längeren Jahren, bei Gelegenheit einer zweiten Heirat, seinen Besitz verkauft und eine Übersiedelung in die Stadt bewirkt hatte. Er war ein mehr als harmloser Mensch, der niemandem sonderlich gefiel, aber auch niemandem im Wege stand. Seine Gattin dagegen gehörte zu jenen Frauen, deren rücksichtsloser Egoismus und deren mit einem bedeutenden Verstand verbundene Thatkraft oftmals bedauern lassen, daß ihnen nicht eine andere Stellung und ein anderer Wirkungskreis in der Welt angewiesen ist. Frau Olga konnte nur hassen oder lieben; richtiger gesagt: nur hassen oder die Menschen sich dienstbar machen, denn sie besaß neben einem übertriebenen Hochmut, wenig Herz und zertrat ohne Bedenken, was sich ihr hindernd in den Weg stellte. Es war indessen bei allen diesen Eigenschaften bezeichnend, daß sie gegen Menschen, die eine Stellung in der Gesellschaft einnahmen, sich von einer geschmeidigen Höflichkeit zeigte und nicht ruhte, bis es ihr gelang, in einen engeren Verkehr mit ihnen zu treten. Ihr Hauswesen war musterhaft geordnet; man amüsierte sich gut in dem Inkschen Hause. Frau Olga befolgte eine weise Lehre, die so wenigen bekannt ist und jedenfalls selten befolgt wird. Sie betrachtete den Gast wie einen Vogel, der sich nach seiner Neigung hier oder dort unter den Baum flüchtet, nascht, zwitschert und nach Geschmack und Laune wieder davonfliegt. Der Verkehr mit dem sprichwörtlich reichen Rittmeister Baron von Teut-Eder war seit Jahren für Frau Olga eine unerfüllte Hoffnung geblieben. Alle ihre Versuche, ihn heranzuziehen, scheiterten an seiner höflichen, aber entschiedenen Abwehr. Dies reizte Frau von Ink um so mehr, als Widerstand in solchen Fällen den Wert erhöht. Überdies besaß sie drei Töchter, von denen eine aus der ersten Ehe ihres Gatten stammte. Klara von Ink, ein blasses, äußerst graziöses, aber nicht mehr ganz junges Mädchen, sah man häufig mit verweinten Augen. Zwei Menschen konnten sich nicht ehrlicher hassen als Mutter und Stieftochter, aber selten fand man auch zwei so verschiedene Charaktern. Klara war eine offene, aufrichtige, allem Schein abgeneigte Natur, während die Tiefen der Seele einer Frau Olga noch niemand ergründet hatte. Natürlich wünschte Frau von Ink ihre beiden recht hübschen Kinder zu verheiraten, aber nicht minder lag ihr daran, sich endlich Klaras zu entledigen. Teut war eine überaus glänzende Partie. Beide paßten im Alter zusammen, und aus dieser Verbindung konnten sich ebensoviele Annehmlichkeiten entwickeln, wie jetzt Mißhelligkeiten an der Tagesordnung waren. Im übrigen würde Frau Olga auch ihrer Tochter gleichen Namens oder der hübschen Eva nichts in den Weg gestellt haben, obgleich der Rittmeister fast deren Vater hätte sein können. Ink und Teut hatten sich neuerdings bei einem Pferdehandel berührt. Daraus entwickelte sich eine mehrfache Begegnung, die mit sich führte, daß Herr von Ink den Rittmeister eines Vormittags in sein Haus einzutreten und ihn an dem eben servierten Frühstück teil zu nehmen bat. Teut konnte sich dem nicht entziehen, und nun hatte die ehrsüchtige Frau endlich ihren Wunsch erreicht! Bevor der Gast Abschied nahm, mußte er wohl oder übel noch eine Einladung zu einem unmittelbar bevorstehenden Diner annehmen. Welch ein Triumph für Frau Olga, die sicher eine der gewohnheitsmäßigen Absagen im letzten Augenblick gefürchtet hatte, als der vielbesprochene Baron wirklich zu der festgesetzten Stunde eintraf und damit dauernd für das Inksche Haus gewonnen zu sein schien. Aber auch noch einen anderen längst verfolgten Plan hoffte Frau Olga durch die Annäherung an den Rittmeister zu erreichen. Auch Claireforts gehörten zu den Personen, mit denen es ihr nicht gelungen war, in nähere Berührung zu treten, und nun fand sie eine bequeme und, wie sie vermeinte, sichere Anknüpfung durch Teut. Die gräfliche Familie einmal bei sich zu sehen, einen Blick in das dortige Hauswesen werfen zu können oder gar mit Claireforts dauernd zu verkehren, gehörte zu jenen sehnsüchtigen Wünschen, deren Erfüllung sie kaum zu hoffen gewagt. Schon bei dem Mittagessen--Teut hatte als letzter eingetretener Gast die Ehre, die Frau des Hauses zu führen--brachte Olga das Gespräch auf Claireforts, aber dieser wich geschickt aus. Er erzählte kurz und bedauernd, daß es seinem Freunde körperlich und geistig schlecht gehe, daß die Frau Gräfin sich infolgedessen mehr und mehr von aller Geselligkeit habe zurückziehen müssen und im übrigen die vollendetste Frau unter Gottes Sonne sei. Er ließ auch einiges über seine Person und seine Verhältnisse fallen und erwähnte, daß die Verwaltung seiner Besitztümer durch fremde Hand manche Unzuträglichkeiten mit sich führe. Er sei aber, wie er hinzufügte, ein Gewohnheitsmensch und zudem ein eingereichter Soldat, der nur sein Handwerk, seine Pferde und die Jagd liebe und dabei doch so bequem werde, daß er beispielsweise eine Einladung seines Vetters zu einem auf acht Tage berechneten Feste auf dessen Gütern ausgeschlagen habe. Nur eins hätte ihn bestimmen können, seines Verwandten Aufforderung Folge zu leisten, und zwar der Wunsch, darauf hinzuwirken, daß dieser unverbesserliche Junggeselle nun endlich heirate. „Ah, das sagen Sie?“ rief Frau von Ink, von diesem Gespräch besonders gefesselt, „Sie, der Sie ja fast ein Weiberfeind sind, das heißt--mit einer Ausnahme,“ fügte sie lächelnd hinzu. „Ich bestreite dies entschieden, gnädige Frau,“ erwiderte Teut, ohne den Schlußsatz zu beachten. „Ich verehre die Frauen wie alles Schöne auf der Welt, aber ich habe kein Glück und kein Geschick im Verkehr mit ihnen. Zudem--je älter man wird--“ „Sie sprechen von Alter!?“ Teut nickte. „Gewiß, wie hoch schätzen Sie mich, gnädige Frau?“ „Nun, jedenfalls sind Sie in dem besten--im Heiratsalter. Was, liebes Kind?“ unterbrach sie sich entschuldigend, als plötzlich Eva hinter ihren Stuhl trat und eine Frage an sie richtete. Teut schob sich artig zurück, während die Damen einige Worte austauschten, und zugleich beobachtete er Olgas Tochter genauer. Eva glich einer wilden Rose in ihrer Erscheinung: sie war in der That sehr hübsch, aber das Gesicht war geistlos. „Ich bitte um Verzeihung!“ wandte sich Frau Olga wieder zu ihrem Gast. „Ein schönes junges Mädchen,“ sagte Teut verbindlich und von einer gewissen Absicht beherrscht. „Sie haben hier gleich einen Beweis, daß es unmöglich ist, die Frauen nicht zu verehren.“ Frau Olga sah mit einem Anflug angenehmer Überraschung den Sprechenden an. Hatte sie recht gehört? Sie wußte von Teut, daß er wohl Derbheiten, aber selten Artigkeiten zu sagen pflegte. „Ah, Sie Spötter!“ erwiderte sie, in der Absicht, mehr zu hören. Teut aber lächelte und schwieg. Es gefiel ihm, sie in Zweifel zu lassen. Endlich sagte er: „Ihre beiden Jüngsten--Zwillinge, wenn ich nicht irre?--sind gleich liebreizend. Das ist sehr schlimm.“ „Schlimm? Wie so? selbst unter der Voraussetzung der Richtigkeit Ihrer schmeichelhaften Behauptung.“ „Nun schlimm insofern, gnädige Frau! als doch niemand beide Damen zu heiraten vermag, und weil eine von ihnen zu wählen, neben der höchsten Befriedigung des Besitzes zugleich den höchsten Schmerz über einen sicheren Verlust hervorrufen würde.“ „Ich vermute, Sie wollen ein wenig Spott treiben,“ sagte Frau Olga. „Überhaupt--und damit zugleich ein offenes Bekenntnis--, nachdem ich endlich das Glück habe, Sie näher kennen lernen zu dürfen, finde ich doch die Bestätigung dessen, was man mir so oft erzählt hat.“ „Nur eine Bestätigung?“ scherzte Teut. „Ich hatte gehofft, daß meine Person die Beschreibung weit überträfe, denn ich bin überzeugt, Sie finden nur Gutes.“ „Wer weiß! Sie sind der erste Mann, der mir im Leben begegnet ist, vor dessen Sarkasmus ich mich fürchte.“ Dergleichen halbe Artigkeiten und halben Tadel enthaltende Äußerungen liebte Frau Olga. Sie hatte unzählige bereit, wenn sie jemanden fesseln wollte. Zu ihrem Erstaunen sagte Teut ernst: „Es liegt vielleicht etwas Berechtigtes darin, gnädige Frau. Ich bin ein so ehrlicher Hasser der gesellschaftlichen Lüge und Vergeltung, daß ich rücksichtslos meine Meinung, oft genug meinen Abscheu dagegen ausspreche. Und natürlich, jeder, der nicht mit Komödie spielt, wird naturgemäß gefürchtet.“ Frau Olga kam in eine etwas unbequeme Stimmung; es war ja fast undenkbar, daß ein Mann von so guter Erziehung wie Teut diese Bemerkung gegen sie persönlich zugespitzt hatte, aber andererseits konnte sie kaum anders, als diese auf sich beziehen. Es lag auch in ihrer Art, dergleichen nicht zu übergehen, denn ihre Klugheit verließ sie nur allzu häufig, wenn ihre Empfindlichkeit oder ihre Eitelkeit verletzt wurden. Sie entgegnete deshalb in einem recht schroffen Tone: „Nein, meine Furcht stützt sich auf etwas anderes, Herr Rittmeister. Was Sie hervorheben, könnte ja in unserem Verkehr überhaupt keinen Anlaß zu einer solchen geben!“ „Natürlich,“ sagte Teut ernsthaft, ließ aber einen infam ironischen Zug um seine Mundwinkel spielen. „Und bitte, weiter, meine Gnädige?“ Frau Olga hob in einiger Erregung das Glas empor, das Teut eben gefüllt hatte, trank es hastig aus und erwiderte, mühsam ihren Unmut versteckend: „Ich liebe die Gradheit und Offenheit wie Sie. Diese kann mich nur mit Respekt erfüllen und wird mir nie Unbehagen einflößen. Aber Ihre--“ Sie stockte. „Nun, gnädige Frau?“ „Ah, gleichviel!“ machte Olga und zuckte die Achseln. „Wie, meine gnädige Frau,“ sagte Teut in einem verbindlichen Tone und doch mit demselben teuflischen Lächeln, „Sie laden mich in Ihr sonst so unvergleichliches Haus und wollen mich auf die Folter spannen? Ist das christlich? Ich bitte--wenn nicht etwas Bedenkliches für mich die Folge sein soll--“ „Ja, ja! Das ist es! Sie sind boshaft! Sie sind's auch jetzt! Das ist eine Eigenschaft, die mir allerdings Furcht einflößt, ja, die ich hasse, denn es giebt gegen diese keine Waffen.“ In diesem Augenblick schlug Herr von Ink ans Glas und brachte eine seiner gewöhnlichen geistlosen Gesundheiten aus. Auch das reizte Frau Olga. „Sehr, sehr hübsch!“ warf Teut hin und bewegte den Kopf. Frau Olga hätte ihn mit dem silbernen Fischmesser töten können. Nach dem Diner ging man in den Garten und nahm den Kaffee. Sodann wurde ein Ausflug zu Pferde und Wagen geplant. Vor dem Inkschen Hause hielten bereits die Stallknechte mit den Reitpferden, und die Kutscher warteten auf dem Bock. Teut, der meistens in einem zierlich gebauten, für zwei Personen berechneten Wagen kutschierte und dessen langgeschweifte, dunkelschwarze Renner ihm allseitig beneidet wurden, bot Frau Olga den Platz in seinem Wagen an. Sie war sehr glücklich über diese Auszeichnung, um so mehr, als bisher nur Frau Ange Clairefort eine solche genossen, freilich so oft genossen hatte, daß der verleumdungssüchtige Mund der Stadt dies Fuhrwerk schon mit einem Spottnamen belegt hatte. Der Nachmittag war herrlich. Man hatte mit Rücksicht auf den Ausflug früher gespeist, und es winkten angenehme Stunden. Als alles sich passend zusammengefunden hatte, gab Rittmeister von Zirp, der häufigste Gast des Hauses, ein nicht ganz übler, aber wegen seiner unbedachtsamen Schwätzereien Teut nicht allzu sympathischer Kamerad, das Zeichen zum Aufbruch, und die lustige Kavalkade setzte sich in Bewegung. Schon bei der Abfahrt hatte sich viel Volk zusammengefunden, das die Kutscher in ihren bunten Livreen und die prächtigen Reitpferde anstaunte. Allen voran fuhr Teut mit Frau Olga. Seine Renner flogen dahin, und in der That war es begreiflich, daß die Augen der Einwohner sich besonders auf dieses Gefährt richteten. War man doch gewohnt, nur Ange an der Seite des Rittmeisters zu sehen, während jetzt die nicht minder viel besprochene Frau von Ink neben dem bizarren Rittmeister dahinkutschierte. Mit einer großen Spannung sah Olga dem Augenblick entgegen, wo sie an der Clairefortschen Villa vorbeifahren würden. Ob Teut wohl hinüberschauen, ob wohl zufällig die Gräfin auf dem Balkon oder im Garten sein werde? Olgas Triumph über die viel beneidete Frau wäre ein vollendeter gewesen! Aber als sie die Villa erreichten, lag das Haus inmitten seines herrlichen Parkes wie ausgestorben. Nicht einmal eins der Kinder, auch niemand von der Dienerschaft war sichtbar. Plötzlich machten die Pferde--gewohnt, hier zu halten--eine rasche Seitenbewegung, und Olga ergriff unwillkürlich Teuts Arm, indem sie einen leisen Schrei ausstieß. „Was ist, meine Gnädige?“ fragte Teut kurz und wandte den Blick in raschem Wechsel von der Villa zu den Tieren und von diesen zu ihr. Olga erklärte entschuldigend, und der Wagen eilte weiter. „Sie scheinen etwas ängstlich zu sein! Wünschen Sie, daß ich langsamer fahre?“ fuhr er fort und zog die Zügel an. Olga verneinte, obgleich das Gegenteil der Fall war. „Neben einem so vollendeten Pferdelenker kann man keine Furcht empfinden,“ sagte sie, in ihren schmeichelnden Ton zurückfallend; aber sie bereite, gerade dieses Wort gebraucht zu haben, denn Teut fiel ein und rief lachend: „Ah, also auf dem Bock bin ich nicht gefährlich, gnädige Frau? Wenn Sie sich nur nicht täuschen werden!“ Nach einigen Zwischengesprächen brachte Olga nochmals die Rede auf Ange. Sie wollte durchaus etwas Näheres über sie aus seinem Munde hören. „Frau von Clairefort ist wohl eine treffliche Reiterin und soll, wie ich höre, selbst mit Vieren erstaunlich sicher fahren?“ „Allerdings, sie sucht ihresgleichen!“ erwiderte Teut, kurz abbrechend, machte Olga--mit der Peitsche in die Ferne weisend--auf einen hübschen Punkt aufmerksam und erging sich über diesen und die Umgegend in lebhafte Lobeserhebungen. Olga verstand. Er wollte nicht von Claireforts sprechen. Es ärgerte sie, daß er diese Menschen gleichsam wie seine Domäne betrachtete und durch Sein Ausweichen den Abstand andeuten zu wollen schien, der zwischen ihr und Ange lag. Sie beschloß aber doch noch einen Versuch zu machen. Vielleicht stand sie auch nur unter einem Vorurteil! Sie nahm letzteres an, weil sie es wünschte. „Es interessiert mich sehr, etwas über Frau von Clairefort zu erfahren,“ begann sie. „Ich erinnere mich nicht, jemals einer so schönen und interessanten Frau begegnet zu sein, und würde es als eine Bevorzugung ansehen, ihr einmal persönlich näher treten zu dürfen. Sie soll neuerdings sehr ernst geworden sein und sich fast ausschließlich der Erziehung ihrer Kinder widmen? Übrigens, welch eine Schar von entzückenden Geschöpfen!“ Teut fiel bei diesen Worten Anges Trauer und alles das wieder ein, was ihn so lebhaft beschäftigte. Auch reizte ihn die etwas zudringliche Art Olgas, nachdem er hinlänglich an den Tag gelegt hatte, daß er über seine Freunde nicht sprechen wollte. Er sagte deshalb, ganz entsprechend seiner Art: „Meine Freunde haben ihren Umgang aus vorher schon erwähnten Gründen wesentlich eingeschränkt und leben sehr zurückgezogen. Ich würde sonst mit Vergnügen bereit sein, der Frau Gräfin Ihre Wünsche zu übermitteln, gnädige Frau, und bin überzeugt, daß Sie bestätigt finden würden, was ich Ihnen bereits bei Tisch über die Familie mitteilte. Überdies ist es möglich, daß uns Claireforts verlassen werden, sobald der Graf seinen Abschied genommen hat.“ „Nimmt er seinen Abschied?“ fragte Olga, zugleich durch eine Bewegung ihren Dank für Teuts Bereitwilligkeit ausdrückend. „Ich denke, man giebt ihn dem Herrn Grafen.“ „Wer sagt das?“ fuhr Teut auf und lenkte mit rascher Biegung in einen Seitenpfad. „Nun, ich hörte so, Herr Rittmeister. Ich bin indes durch den Ton Ihrer Frage belehrt und bitte um Verzeihung. Übrigens zirkulieren über die Clairefortsche Familie so viele widersprechende Nachrichten und sie bildet so oft den Gegenstand des Gespräches, daß es schwer ist, sich ein einigermaßen zutreffendes Bild von derselben zu entwerfen.“ Teut horchte gespannt auf. Beide Hände waren beschäftigt; nur allzu gern hätte er seinen Schnurrbart gedreht. „Wie? Meine ruhig lebenden, liebenswürdigen Freunde werden so viel besprochen? Es ist das erste Mal, daß ich dies höre. Nun, ich denke, man kann nur Gutes von ihnen sagen, gnädige Frau,“ entgegnete er mit gezwungener Sorglosigkeit. Olga schwieg. Da sie ihre Pläne vereitelt sah, wollte sie wenigstens ihre kleine Frauenrache. Teut ließ die Pferde im Schritt gehen, sah mit einem nicht mißzuverstehenden Blick seine Begleiterin an und sagte: „Sie schweigen, meine gnädige Frau. Ich bitte da Sie selbst das Thema berührten.“ Nun gut! dachte Olga und fuhr laut fort: „Setzt es Sie in Verwunderung, daß man über eine Dame spricht, die so abweichende Gewohnheiten hat wie Frau von Clairefort, die reitet und selbst auf dem Bock sitzt, die so schön und so lebhaft ist, deren Mann sich vor der Welt mit seinem geheimnisvollen Kammerdiener verschließt, und der mit einem so ungewöhnlichen Aufwande sein Hauswesen einrichtete, um plötzlich man sagt so--eine fast ängstliche Sparsamkeit einzuführen?“ Olga brach ab. Was sie sagte, war nicht verletzend, aber sie wußte, daß jedes Wort Teut kränken mußte. „Sie sprachen noch nicht von mir. Ich gehöre doch auch zu den Gegenständen dieser sehr überflüssigen Betrachtungen des verehrlichen Publikums. Wollen Sie nicht die Güte haben, nun auch die Ansichten über mich beizufügen,“ erwiderte Teut, ohne eine Miene zu verziehen. „Ich glaube nur die Thatsachen, aus denen Urteile und Ansichten sich folgern, wiedergegeben zu haben, Herr Rittmeister.“ „Ganz recht, meine Gnädige. Und die Thatsachen, die sich auf mich beziehen?“ „Sie sind täglicher Gast im Hause und erscheinen öffentlich stets neben Frau von Clairefort--“ „Allerdings, und weiter, wenn ich bitten darf?“ „Nun, deshalb glaubt das Publikum ein Recht zu haben, Bemerkungen zu machen, die freilich und natürlich jeder Unbefangene verdammt.“ „Ah, vortrefflich! Und zu diesen Unbefangenen gehören auch Sie, gnädige Frau, und der Intimus Ihres Hauses, Herr von Zirp?“ Der Ton, in dem Teut diese Worte sprach, war allerdings impertinent, ja beleidigend; aber der Blick, mit dem Olga erwiderte, gab nichts nach. Das Gespräch verstummte, und unter einer recht peinlichen Stimmung legten beide den übrigen Teil des Weges zurück. Vor Teut war ein Vorhang zurückgezogen, dessen Hintergrund ihn erschreckte. Er biß sich auf die Lippen und knirschte mit den Zähnen. Diesen Engel hatte man zu verdächtigen gewagt, und eine Frau wie seine Begleiterin fand eine boshafte Freude an der Wiedergabe solchen Geschwätzes. Teut durchschaute Olga nur zu gut. Da er ihr die Aussicht genommen, mit Ange in Berührung zu treten, ließ sie die Maske fallen und zeigte ihr wahres Gesicht-- Ärger und Reue wühlten in ihr. Sie fühlte, daß sie durch dieses Gespräch alles verloren hatte. Ihr entging vielleicht sogar das, was sie mit etwas mehr Selbstbeherrschung sich hätte erhalten können: der künftige Umgang mit dem für sie doch allzu interessanten Rittmeister. Und diese Einsicht, aber auch die Hoffnung, daß er vielleicht vergessen könne, veranlaßte sie, zuerst wieder das Wort zu ergreifen und in möglichst unbefangener Weise gleichgültige Gesprächsgegenstände zu berühren. Es ward ihr dies erleichtert, da man inzwischen nahe dem Ziele war, und einige Herren, darunter mehrere von Teuts Kameraden, herangaloppierend, sich dem Wagen näherten. „Wir fürchteten schon, daß Herr Rittmeister von Teut Sie zu entführen gedenke, gnädige Frau!“ rief einer von ihnen, ein junger Assessor. „Sie waren uns gänzlich entrückt, und wir haben Mühe gehabt, Sie einzuholen. Aber da kommen auch die übrigen,“ fuhr er fort, und in der That stob eine Wolke auf, in deren grauem Staubnebel man Pferdeköpfe, blitzende Knöpfe und blanke Uniformen erkannte. Teut, der an alles dachte, hatte seinen Reitknecht vorausgesandt. Als man am Bestimmungsort eintraf, stand dieser schon wartend da und nahm das Gefährt in Empfang. Während Teut Olga vom Wagen hob, drückte sie ihm leicht die Hand und flüsterte: „Sie sind verstimmt, Herr Rittmeister. Unsere gute, eben begonnene Freundschaft hat doch keinen Stoß erlitten? Ich hoffe es nicht.“ Teut aber sagte: „Sie hatten doch recht mit Ihrer Befürchtung, meine gnädige Frau. Ich nehme den halben Zweifel, den ich bei Tisch aussprach, jetzt ganz zurück.“ Nach diesen Worten verbeugte er sich artig und ließ Olga betroffen und nach einer Deutung seiner Worte suchend, stehen. Wie sehr deren Laune durch diesen Zwischenfall gelitten hatte, davon erhielt Klara einen nachdrücklichen Beweis, die, einer guten Regung folgend, auf sie zugeeilt kam, und sich nach ihrem Befinden erkundigte. Ohne ihr darauf zu antworten oder gar zu danken, herrschte Olga sie an: „Mein Gott, wie Dir nur wieder der Hut sitzt und wie Du Dein Kleid zugerichtet hast! Sieh nur! Wie ein Harfenmädchen siehst Du aus! Geh und ordne Deine Toilette!“ Und unmittelbar nach diesen in einem empörenden Ton gesprochenen Worten wandte sie sich mit ihrem liebenswürdigen Lächeln zu einem der Herren, der an sie herantrat und ihr den Arm bot. Klara stand einen Augenblick leichenblaß. Ihre Augen füllten sich mit Thränen des Zorns, und ihr Gesicht glühte vor Erregung. Die Gesellschaft nahm nach einem kurzen Spaziergang, dessen Ziel ein hübsches Wäldchen gewesen war, das Abendessen auf einer Terrasse ein, welche einen zu dem Wirtshause gehörenden Garten begrenzte. Links- und rechtsseitig von derselben zog sich die Landstraße hin, und geradezu schaute man auf den Fluß. Es war in der That ein außerordentlich schöner Punkt. Langsam zogen, von der Abenddämmerung schon halb verschlungen, große Segelfahrzeuge vorüber, die, aus der Flut geheimnisvoll auftauchend, einem Traumbilde anzugehören, nicht aber die Vermittler harten Tagewerkes zu sein schienen. Aber drüben sah man auf der stahlgrauen, vom zarten, rötlichen Abendsonnenschein umrahmten Wasserfläche die größeren Segelfahrzeuge wie abgelöst von der spiegelstillen Flut, und die zwischen ihnen hin- und herirrenden kleineren Böte erhöhten durch den Gegensatz die majestätische Ruhe ihrer Erscheinung. Im Nachtschlaf ruhten schon die Wälder, von drüben erscholl friedlicher Gesang, mitunter ertönte auch ein helles Hallo über das Wasser; und vom jenseitigen Ufer, an dem die glitzernden Lichter der Wirtshäuser aufblitzten, drang einmal leise Militärmusik herüber. Und über all diesem: über der silbernen Stahlflut, über den stummen Gebüschen, über den traumselig dahingleitenden Fahrzeugen, über den Menschen mit ihren ernsten oder sorglosen Gedanken, schwamm der Mond am blaudunklen Himmel und sandte sein weltdurchleuchtendes, geisterhaftes Licht herab. Im ganzen weiten Umkreis eine einzige gewaltige, schneeweiße Wolke mit Riesenfangarmen und Flügeln, unmittelbar über der Mondscheibe schwebend, gebannt, unbeweglich, gleichsam im Schönheitszauber erstarrt. Teut stand an dem Rande der Brüstung und überschaute die Landschaft. Auch die übrigen hatten sich erhoben, denn nun rasselte es über der nahen Brücke, und in überschnellem Lauf flog ein Wagen dahin. Deutlich waren Menschen und Dinge noch erkennbar. Und dann plötzlich erscholl aus Kindermund der laute und jubelnde Ruf: „Onkel Axel! Onkel Axel!“ und aus dem vorübereilenden Wagen winkten Händchen, und eine schöne junge Frau, die den Wagen lenkte, nickte lebhaft, und neigte, die Gesellschaft bemerkend, mit verlegener Artigkeit das Haupt. Es war Ange, die, von einem ihrer Ausflüge heimkehrend, jetzt rasch nach Hause drängte. Wie sie so dasaß mit dem vornehmen, auf den feinen Schultern ruhenden Kopf, umweht von dem weißen Schleier, der in die Abendluft hinausflatterte, so leicht und graziös in der Erscheinung und doch so fest und sicher die Zügel der raschen und ungeduldigen Pferde regierend, mußte sie die Blicke der Menschen fesseln. In wenigen Sekunden jedoch war sie den Nachschauenden entschwunden, und unwillkürlich wandten sich aller Augen auf Teut. Es gab wohl niemanden in der Gesellschaft, den nicht der gleiche Gedanke beherrschte, und einer von ihnen gab diesem auch Ausdruck. Es war der Assessor, der mit zudringlicher Vertraulichkeit an Teut herantrat und leicht hinwarf: „Da war ja Ihre kleine, entzückende Gräfin, Herr Rittmeister--“ Aber er sprach nicht aus, denn Teut wandte sich mit seinem starkknochigen Gnugesicht zu ihm, und indem er den Sprechenden mit einem Blicke musterte, vor dem jener unwillkürlich den seinigen zu Boden senkte, sagte er mit schneidender Zurückweisung: „Da war die Frau Gräfin Ange von Clairefort, mein Herr! Der von Ihnen beliebte Ausdruck war respektwidrig und äußerst unpassend! Sie werden die Güte haben, sich dies für kommende Fälle zu merken!“ Und dann drehte er dem gemaßregelten Assessor den Rücken und ging auf Klara von Ink zu, mit der er sich, ohne die übrige Gesellschaft für den Rest des Abends sonderlich zu beachten, ausschließlich beschäftigte. Auch bot er, den Augenblick erspähend, wo Olga einen Platz neben Baron von Zirp wählte, jener seinen Wagen an und kutschierte, seinen Reitknecht hinter sich, eilend in die Stadt zurück. Seine Verabschiedung von Inks war überaus höflich, aber förmlich. Auch lehnte es Teut ab, an diesem Abend der Aufforderung seiner Kameraden zum weiteren Beisammenbleiben zu folgen. Als der Wächter die Morgenstunde abrief, saß er, die Hand an die Stirn gestützt, noch immer grübeln in seinem juchtenduftenden Arbeitszimmer. Ein wilder Kampf von Empfindungen, der in seiner Brust tobte, raubte ihm Ruhe und Schlaf. * * * * * Ange ward, als sie dem Wagen entstieg und ihre kleine Schar von der Dienerschaft herabgehoben wurde, von dem ernsten Ausdruck überrascht, der sich in Tibets dienen widerspiegelte. Er stand, wie immer, wenn sie zurückkehrte, vorn auf dem Treppenausbau der Villa und öffnete ehrerbietig die Thür. „Was ist?“ fragte sie ängstlich und hieß ihn durch ihre lebhaften Gebärden rascher sprechen, als es seine Gewohnheit war. „Carlitos hat heute nachmittag einen heftigen Anfall von Ohnmacht und Erbrechen gehabt; wir haben ihn gleich ins Bett gebracht, Frau Gräfin.“ Ange schrie auf und flog die Stufen empor. „War der Arzt schon da? Ist der Graf in seinem Zimmer?“ redete sie hastig im Vorübereilen die Kammerjungfer an, ohne die Antwort abzuwarten. Sie durcheilte die Wohnräume und erreichte das Kinderzimmer. Hinter ihr schoß wie immer der Strom der Kleinen, die rasch abgezogenen Kleider und Hüte in den Händen und achtlos nach sich schleifend. „Stille, stille, süße Kinder! Unser Carlitos ist nicht wohl!“ dämpfte sie, als jene ins Gemach stürmten. Sie saß bereits an dem Bett ihres Knaben und ließ die Hand auf seiner heißen Stirn ruhen. „Wachst Du, mein Carlitos?“ flüsterte sie und neigte sich zu ihm herab. Er wachte nicht und er schlief nichts; er wälzte sich unruhig hin und her, und die Hände erglühten in trockener Fieberhitze. Ange übergab die lebhafte Jorinde und die übrigen Kinder der eintretenden Jungfer und hieß sie ins Speisezimmer hinübergehen. Sie selbst eilte, nachdem sie kühle Tücher über Carlitos' Stirn gelegt, zunächst in das Zimmer ihres Mannes. Der Graf saß--ein schmerzerweckender Anblick--in seinem großen Stuhl und hatte den Kopf in die Hände vergraben. Die Vorhänge waren fest zugezogen, die mit einem grünen Schirm umgebene Lampe verbreitete ein mattes, schwermütiges Licht, und eine atembeengende Luft erfüllte das Gemach. Dazu die unheimliche Stille und diese peinliche, den Dingen ihr fröhliches Gesicht raubende Ordnung. Ange erschien der dumpfe Raum wie eine Gruft; unwillkürlich schrak sie zusammen. Und kein Lebenszeichen von ihm, als sie die Thür öffnete. Er war entweder eingeschlafen oder eine Erschöpfung hatte ihn in einen halbwachen, willenlosen Zustand versetzt. „Lieber Carlos!“ sagte Ange weich und trat an den Stuhl, in dem die große gebrochene Gestalt ruhte. „Du wünschest?“ fragte eine tiefe Stimme. „Weißt Du denn nicht, daß unser Carlitos krank ist? Ich komme, Dich zu fragen, was der Arzt gesagt hat. Ich bin in großer Sorge.“ Er neigte langsam und müde den Kopf zur Bestätigung. „Es ist bis jetzt alles geschehen, was er angeordnet hat. Ich war bei unserem Knaben. Er schläft. Der Doktor meint, man müsse die Nacht abwarten, es würden vielleicht kalte Bäder nötig sein.“ „Und was ist es?“ fragte Ange äußerlich ruhig, innerlich von einer unbeschreiblichen Angst verzehrt. „Ich weiß es nicht,“ sagte Clairefort tonlos und ließ das Haupt wieder in die gestützte Rechte zurückfallen. Sie sank neben ihm herab und ergriff die schlaff herabhängende Linke. „Mein Carlos!“ hauchte sie leise und innig. Er gab den Druck sanft zurück, aber er hob sie nicht auf, und für Augenblicke schien es in dem Gemach wie ausgestorben. Nur ein leises Schluchzen war vernehmbar, das aus Anges bedrängter Seele emporstieg. Sie wußten beide, um was es sich handelte, weshalb sie neben ihm hingesunken war und weinte. War das derselbe Mann, der einst um Ange von Butins Hand geworben, der kräftige Mann, aus dessen Augen das Leben blitzte? Wie hatte man Ange ihr Glück geneidet! Er hatte sie umworben wie kaum ein Mann ein Weib zuvor. Ihr Lächeln, ihr sanfter Blick berauschten ihn, ihre Fröhlichkeit riß auch ihn mit fort, und jede noch so thörichte Hoffnung auf eine ewige Dauer des Glückes teilte er mit ihr. Und wie Carlitos geboren ward und später Jorinde und Erna-