The Project Gutenberg EBook of Eine vornehme Frau, by Hermann Heiberg This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at www.gutenberg.net Title: Eine vornehme Frau Author: Hermann Heiberg Release Date: April 22, 2004 [EBook #12113] Language: german Character set encoding: ASCII *** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EINE VORNEHME FRAU *** Produced by Charles Franks and the PG Distributed Proofreaders Team Eine vornehme Frau. von Hermann Heiberg. 1886 Seiner theuren Mutter, Asta, geb. Graefin von Baudissin gewidmet. Grosse, kleine Staedte! Wir sind in einer mittleren Stadt von kaum zwanzigtausend Einwohnern, immer noch winzig genug, dass alles, was nicht diente, haemmerte oder ackerte, eine grosse Familie bildete, in der man sich kannte und sich miteinander befasste. Und doch trennte sich die gebildete Gesellschaft in verschiedene Klassen: und wie stets und ueberall hielt die eine sich aus besserem Teig gebacken als die andere. Als der Krieg von 1866 beendet war, empfing die nunmehr preussische Stadt eine Garnison; es wurden, neben Infanterie, einige Schwadronen Husaren nach C. verlegt. Aber die Offiziersfamilien sonderten sich, zumal da sie noch Fremdlinge waren, gaenzlich ab, und nur zu den hoeheren Beamten und dem Adel nahmen sie diejenige Fuehlung, welche ihnen gleichsam vorgeschrieben war. Im uebrigen konnte die Buergerschaft mit der stehenden Einquartierung wohl zufrieden sein, denn unter den Husaren befanden sich wohlhabende, sogar reiche Leute, welche das Geld nicht in die Schublade versteckten. Die neuen Verhaeltnisse waren dem Staedtchen guenstig. Der Geschaeftsgeist regte sich, und besonders die Bautaetigkeit erwachte. Die Buerger verdienten Geld und fanden sich rascher in die neuen Dinge, als man erwartet hatte. Und so verging die Zeit mit ihrem Wechsel, und so lebte die Einwohnerschaft mit ihrem Spott, ihrer Neugierde und ihrem Gerede ueber ihre Nebenmenschen wie allerorten in dieser unvollkommenen Welt. Eines Tages ward die Stadt C. durch eine Annonce ueberrascht, welche sich in dem taeglich erscheinenden Blaettchen, scharf umraendert und gross gedruckt, auf der letzten Seite befand: "Gesucht sofort eine grosse Wohnung von zwoelf bis fuenfzehn Zimmern mit Stallung und Nebengelassen. Eventuell wird auf ein ganzes Haus reflektiert. Man beliebe sich--" u.s.w. Die Neugierde, welche sich zunaechst an den Stammtischen der Ressourcen kundgab, ward nicht sogleich befriedigt. Selbst der Redakteur der C.schen Zeitung wusste keine Auskunft zu geben. Endlich loesten sich die Zweifel. Einer der Husarenoffiziere war vor einiger Zeit versetzt worden, und in dem Wohnungssuchenden entdeckte man den neuen Rittmeister. Zu gleicher Zeit verbreiteten sich allerlei Geruechte ueber die Ankoemmlinge, welche geeignet waren, die Gemueter zu beschaeftigen. Von ihm wurde behauptet, dass er zwar ein vollendeter Kavalier und ein gerechter Vorgesetzter sei, aber von einer so finsteren Schwermut beherrscht werde, dass er den Umgang mit Menschen aengstlich meide, waehrend man ihr neben grosser frappanter Schoenheit Verschwendungs- und Vergnuegungssucht, ja sogar einen leichtfertigen Lebenswandel nachsagte. Erhebliche Erbschaften sollten schon durch ihre Finger geglitten sein, und es ward als ein Glueck bezeichnet, dass sich der uebrigens grosse Reichtum des Grafen auf unantastbare Fideikommisskapitalien stuetze. Die Frau Graefin gliche, hiess es, einer heissbrennenden Sonne, vor welcher der eisigste und umfangreichste Goldhuegel zerschmelzen muesse. In jedem Fall war man sehr gespannt auf die neue Bekanntschaft, und in Offizierskreisen ward eifrig ueberlegt, welche Stellung man zu einer Frau einnehmen solle, der ein solcher Ruf voranging. Sehr angenehm ward von diesem Wechsel ein Bauunternehmer beruehrt, der eine von einem parkaehnlichen Garten umschlossene grosse Villa gleich vor der Stadt besass und nun um einen hohen Preis einem Mieter fand. Der Graf liess sich Zeichnungen und genaue Beschreibungen einsenden und bewilligte eine ganz erhebliche Summe zur Verschoenerung der inneren, urspruenglich fuer einfachere Ansprueche berechneten Raeume. So wurden beispielsweise saemtliche Gesellschaftszimmer in mattgruener und blauer Seide tapeziert, und das ganze Haus erhielt einen genau im Muster uebereinstimmenden, hellen Teppich in Flur und saemtlichen Gemaechern. Aber auch sonst wurden Veraenderungen getroffen, welche das Besitztum zu einem fast fuerstlichen Aufenthalt umwandelten. Die Thueren mussten ebenholzdunkel gemalt und mit Arabesken in Gold versehen werden. Die Oefen wichen zum Teil Kaminen aus schwarzem oder rotem Marmor, und die Aussenwaende der Villa wurden durch eine zartgraue Oelfarbe verschoent, wodurch sich das "Schloesschen" reizend von den umgebenden gruenen Baeumen abhob. Geradezu Bewunderung erregten aber die Pferdestaelle. Es erschien zum Zweck ihres Ausbaues ein Lieferant aus Berlin, der rasch alles ausmass und in kuerzester Zeit das Innere derartigen Veraenderungen unterwarf, dass die Einwohner von C., und unter ihnen besonders alle Sportfreunde, neugierig herbeigeeilt kamen, um diesen Musterstall in Marmor, Mahagoni und Gusseisen in Augenschein zu nehmen. Es hiess, die ganze Einrichtung sei auf einer der letzten Weltausstellungen praemiiert worden. Und dann trafen endlich auch die Moebel und sonstigen Einrichtungsgegenstaende ein. Der Tapezierer berichtete Wunderdinge von den Gemaelden, Bildern, ausgelegten Schraenken, Bronzen und sonstigen kostbaren Kunstsachen. Die Portieren und Gardinen waren meistens aus gebluemtem chinesischem Seidenstoff gefertigt, und kein Tisch, kein Stuhl befand sich in der Sendung, der nicht haette als ein Musterstueck gelten koennen. Aber--und das erfuellte den Handwerksmeister mit gerechtem Erstaunen--fast nichts war heil und ganz, mit Ausnahme der ohne Zweifel dem Gebrauch des Grafen dienenden Moebel. Eine solche Beschaedigung konnte nicht durch den Umzug entstanden sein, sie war sicher das Ergebnis einer grenzenlosen Unordnung und Vernachlaessigung. Auf geschehene Meldung und Anfrage erfolgte keine Antwort, wohl aber erschien nach einigen Tagen der Haushofmeister, ein hagerer, ernst dreinblickender Mann, der erklaerte, dass die graefliche Familie ihm auf dem Fusse folge und jetzt keine Zeit mehr fuer Reparaturen vorhanden sei. Diese muessten spaeter vorgenommen werden. An einem Maitage des Jahres 1867 traf die Familie ein. In ihrem Gefolge befand sich eine grosse Dienerschaft und neben zahlreichen edlen Pferden, auch ein paar herrliche Hunde, die beim Abladen der schier unzaehligen Koffer einen gewaltigen Laerm anstimmten und von der grazioesen Frau, die mit sechs schlanken Kindern dem Wagen entstieg, wie nach langer Trennung gehaetschelt und geliebkost wurden. Sie vergass darueber das Haus und den Eintritt, bis sie die Augen aufschlug und bei dem Anblick der Villa und des Parkes ihrer frohen Ueberraschung in lebhafter Weise Ausdruck verlieh. Dabei redete sie auch ihre Dienerschaft an und ermunterte diese, in ihre Bewunderung einzustimmen. Waehrenddessen war der Rittmeister in das Haus getreten und rief aus einem Fenster des Hochparterre ungeduldig und streng: "Ange, komm nun doch und kuemmere Dich um die Kinder!" Etwas Eigenartigeres als diese konnte man nicht sehen. Eins war schoener als das andere. Alle waren blond, aber das Haar hatte jenen goldig schimmernden Anhauch und die Koerperhaut jene unnachahmliche Farbe, welche wir an den Menschen des Nordens im Gegensatz zu den Bewohnern des Suedens bewundern. Wie schon ein Sonnenstrahl seine Spuren auf dem Milchweiss der Blonden zuruecklaesst, so flammt auch sichtbarer, und durch den rosenfarbenen Schimmer reizvoller, das Blut durch die Wangen dieser von der Natur bevorzugten Geschoepfe. Wenn Mutter und Kinder beisammen standen, konnte man sie fuer Geschwister halten. Frau von Clairefort glich einem menschgewordenen Engel; sie trug mit Recht ihren Namen. Und sie ging auch mit ihren Kindern um, als sei sie selbst noch ein unselbstaendiges Wesen. Sie blickte sie erstaunt und in ein ploetzliches laecheln ausbrechend an, sie tummele sich mit ihnen und lag spielend auf dem Teppich, auf welchem auch die Hunde umhersprangen. Fehlte dies oder das, so riss sie wohl ein Tuechelchen von ihrem vornehm gebauten Hals, statt das fehlende Garderobestueck herbeizuholen; und wenn die Kinder sie kuessten und um Freiheit bettelten, statt nach der Anweisung der Gouvernante an die Schularbeiten zu gehen, lief sie gar mit ihnen fort und versteckte sich und jene vor den drohenden Stirnfalten der Erzieherin. Morgens ruhte sie mit der ganzen herbeigeeilten Schar in einem spitzenbedeckten Bett und liess sich umhalsen und haetscheln. Es war, als ob der eben erwachte Fruehling seine Kinder um sich versammelt habe. Was so bezaubernd wirkte, war der naive, unbewusste Liebreiz aller dieser zartgearteten Menschen, und doch war die Graefin Ange so staehlern abgehaertet, ward so wenig beeinflusst von jedweder Anstrengung, dass sie den Schlaf fast wie eine ueberfluessige Gewohnheit an sich herantreten liess. Wo sie erschien, ward alles hell, denn ihr suesses Gesicht, ihre klugen Augen, ihre anmutigen Gebaerden, ihr silberhelles Lachen und ihre durch keine Kuenstelei beeinflusste lebhafte Froehlichkeit riss die Umgebung fort. Und doch war's niemals eine naerrische Laune, von der sie sich leiten liess, und ihr nicht erst durch Gruebeln geweckter Verstand kleidete jeden Gedanken in eine grazioese Form. Ihr Ernst war so tiefsinnig und ihr Urteil ueber Menschen und Dinge oft so zutreffend, dass man es nicht fuer moeglich hielt, dieselbe Frau habe eben mit kindlich-hilfloser Naivetaet die tausend Unarten ihrer kleinen Schar ertragen, sich zuletzt machtlos in einen Winkel vergraben und bitterlich ausgeweint. "Bitte, bitte, sei artig, Carlitos," flehte sie, und trotzig warf Carlitos den stolzen Kopf in den Nacken und beging dieselbe Unart. Aber zornig gegen ihre Engelschar konnte sie ueberhaupt nicht werden, viel weniger hatte sich ihre Hand jemals zum Schlage gegen diese erhoben, obgleich Ange mit ihrem starken, gestaehlten Handgelenk das wildeste Pferd zu zaehmen imstande war. Reiten und Fahren war Ange Claireforts Leidenschaft. Sie hatte den edelsten Renner im Stall, und nicht minder zaertlich klopfte sie den Hals von "Blitz", ihrem Lieblingspferd, als die schlanken Glieder ihrer beiden Windhunde.-- Carlitos, der Aelteste, war ein wilder, schlanker Bursche mit vielen impertinenten Sommersprossen auf der feingeschnittenen Nase und mit dunklem, gleichsam boshaft leuchtendem Haar in rotem Schimmer. Dann kamen Zwillinge, zwei Maedchen von einer solchen sanften Schoenheit und so maedchenhaft in der Erscheinung, dass die Menschen auf der Gasse stillstanden, um ihnen nachzuschauen. Diesen folgten wieder zwei Knaben. Sie hatten lange, in der Mitte gescheitelte goldblonde Haare, waren tannenschlank gewachsen, lebhaft, ausgelassen, aber doch voll Herzensguete und schuechtern gegen Fremde. Wenn sie bisweilen mit ihren vornehmen Gesichtern so scheu dreinblickten, ward man unwillkuerlich an die Soehne Eduards erinnert. Die kleine Ange war das Ebenbild der Mutter, nur erschien sie fast noch grazioeser. Eine Elfengestalt, dabei traeumerisch, fuer sich, und mit jenem vorwurfsvoll-ernsten Ausblick, der zoegern laesst, sich solchen Kindern zu naehern. Nach vier Wochen redete man in C. von nichts anderem als von dem Grafen Clairefort und seiner schoenen Gemahlin. Die boesen Reden waren verstummt, nachdem man sie ein einiges Mal gesehen hatte. Der Graf entsprach dem Bilde, das man sich von ihm gemacht hatte. Er war nur noch zurueckhaltender, als er geschildert ward. Man fand einen aeusserst aristokratischen, wortkargen, aber im Verkehr mit den feinsten Manieren ausstatteten Mann, der es mit seinen militaerischen Obliegenheiten so streng nahm, dass diese Strenge an Haerte streifte. Natuerlich zerbrach sich auch alle Welt den Kopf, wie wohl zwei so verschieden geartete Menschen miteinander lebten. Staerkere Gegensaetze waren nicht denkbar. Er ein ernster, pedantischer, kraenklicher Mann, dem sich zu naehern, Ueberwindung kostete, und der in seinen Gedanken, Anschauungen und Lebensgewohnheiten voellig von dem Durchschnitt der Menschen abwich. Sie dagegen ein frisches, gesundes, liebenswuerdiges, ein naiv-kluges Geschoepf, mit einem hinreissenden Temperament und einer nicht minder hinreissenden, ja gefaehrlichen Schoenheit; dazu sorglos, ganz von dem Eindruck des Augenblicks beherrscht und oft spottend allen Regeln der eingebuergerten Sitte. Wenn sie etwas besonders anregte oder beschaeftigte, wenn sie zum Beispiel ausreiten wollte, vergass sie alles. Da gab's keine Innehaltung einer Zusage oder Verabredung. Da schwiegen alle gewoehnlichen haeuslichen Pflichten, da verfingen nicht die strengen Mienen des Grafen. Sie flog ihm an den Hals und herzte ihn.--"Lass, lass, Schatz!--Sei gut, gieb mir meinen Willen.--Du weisst ja doch, dass Du mir nichts abschlaegst.--Weshalb mich quaelen?--Nein?--Du versagst mir die kleine Freude?--Dann kuesse ich Dich niemals mehr auf Deine treuen Haende, auf Deinen verschwiegenen Mund!"--Und ehe er sich's versah, ehe er es hindern konnte, schlang sie sich zu ihm empor und liebkoste seine Wange. Oft mussten die Kinder helfen, diese wilden, zarten, sanftmuetigen Geschoepfe in ihrem seltsamen Gemisch. Und sie thaten alles, was sie wuenschte; immer nahmen sie fuer ihre Mama Partei und umringten den bleichen ernsten Mann, bis sich zuletzt ein Laecheln um den geschlossenen Mund stahl. Und dieses Laecheln war Zustimmung. "Wenn Du wuesstest, wie schoen Du bist, wenn Du laechelst," sagte Ange oft: "warum bist Du doch immer so ernst, so baerbeissig, Lieber! Bin ich nicht um Dich, Ange Clairefort, geborene Butin, Herrin auf Schwarzensee und Duerenfort?" Dazu lachte sie und stolzierte, ihm Kusshaende zuwerfend und hinter sich schauend, als ob sie ihre Schleppe betrachte, von dannen. Er neigte dann schwermuetig das Haupt und zog sich in seine Gemaecher zurueck. Oft war's, als ob der strenge Soldat sich vor dem Kinderlaerm und der ausgelassenen Unart seiner Umgebung fluechte, als ob jeder Nerv in ihm zucke, ihm Ruhe und Einsamkeit allein wohlthue. In der That hatten Claireforts schon viel Herzeleid erfahren. Sie verloren beide frueh ihre Eltern und standen ohne Verwandte in der Welt. Des Rittmeisters Stammvorfahr, ein Franzose, war nach Deutschland uebergesiedelt, um seiner Gemahlin, einer Rheinlaenderin, zu folgen, und die Butins, wenn auch seit Menschengedenken in deutschen Gauen ansaessig, stammten ebenfalls aus franzoesischem Blut. Gerade als Clairefort um die alleinstehende, blutjunge Baronin von Butin anhielt, starb ihr bisheriger Vormund, und dies veranlasste die spaeter Muendigwerdende, die Gutsbesitzungen zu veraeussern; den Erloes brachte sie ihrem Manne als Mitgift in die Ehe. Claireforts hatten ihre Besuche gemacht und empfingen solche. Es nahm sehr fuer sie ein, dass sie ihre Visiten nicht auf den vornehmeren und engeren Kreis beschraenkten, in welchem die uebrigen Familien verkehrten; sie gaben auch ihre Karten bei den angesehenen Einwohnern der Stadt ab und entzueckten durch ihre Liebenswuerdigkeit alle Welt, mit der sie in Beruehrung traten. Besonders lebhaft aber entwickelte sich der Verkehr zwischen den unverheirateten Offizieren der Garnison und den Neuangekommenen. Nach wenigen Wochen waren diese fast taegliche Gaeste der Villa, in der stets ein Fruehstueckstisch bereit stand und in der man--auch unangemeldet--immer eine vortreffliche Tafel mit auserlesenen Weinen fand. Es vollzog sich dort alles wie durch Zauberhand geschaffen, und doch war Ange die denkbar schlechteste Hausfrau. Aber Ernst Tibet, der Kammerdiener, sorgte fuer alles. Dieser Haushofmeister war ein Mustermensch. So unruhig und wenig umsichtig, so ungleich und lebendig die Graefin, ebenso ernst, besonnen und zuverlaessig war Tibet, ein Mann mit angeborener Wuerde und hoeflicher Zuvorkommenheit zugleich. "Tibet, bester, goldener Tibet, was beginnen wir? Eben haben sich zehn Personen angesagt! Die Uhr ist zwei! Um fuenf wollen wir speisen!" "Es wird alles nach Ihren Wuenschen sein, Frau Graefin," erwidert Tibet, verbeugt sich und geht seiner Arbeit nach. Und wenn Tibet das sagt, dann kann wohl eine kleine Welt einstuerzen, aber wenn sie nicht einstuerzt, ist alles auf die Minute, wie er versprochen. Seltsamerweise bekuemmerte sich auch der Graf nicht um das Haus, wenig auch um die Kinder, ebensowenig um seine schoene Ange. Man fragte sich oft, was eigentlich ihn beschaeftige, wofuer er sich interessiere, welche Gedanken hinter seiner hohen Stirn auf- und abwandern moechten. Niemand vermochte darauf eine zutreffende Antwort zu geben. Es blieb ihm ausser seiner dienstlichen Beschaeftigung noch viel Zeit, aber man fand ihn weder haeufig lesend noch schreibend. Er sass meistens zurueckgelehnt in einem alten Erbstuhl des fuenfzehnten Jahrhunderts, der vor seinem Schreibtisch stand, staeubte die Buecher und die vielen kleinen Nippesgegenstaende ab, rauchte, erhob sich wohl einmal, griff sich, wie um einen Schmerz zu bannen, an den Kopf, schaute in den bluehenden Garten und gruebelte weiter ueber etwas, was keiner zu ergruenden vermochte. Tibet war jeden Tag eine Stunde, oft laenger bei ihm. Er legte Rechnungen vor, holte sich Anweisungen, empfing Geld, brachte solches, musste auch wohl Briefe schreiben, Telegramme besorgen und Gaenge machen, ueber die er nie Auskunft gab. Tibet war alles in allem, auch bei dem Grafen, und niemandem begegnete dieser so hoeflich wie seinem Kammerdiener, wenn er auch ihm gegenueber die Formen beiseite liess. Unter den Offizieren, die im Clairefortschen Hause verkehrten, befand sich ein Rittmeister mit Namen von Teut. Alle Welt war erstaunt, dass dieser allem Familienverkehr abholde, nur seinem Dienst, dem Pferdesport, der Jagd und starken Gelagen geneigte, keineswegs mehr junge Mann das Haus des Grafen aufgesucht hatte. Ange war die Veranlagung gewesen. Bei einem Diner, welches der Oberst gab, zwang sie ihn, sich mit ihr zu beschaeftigen, wies ihm scherzend nach, dass sie vom Urgrossvater her ein wenig verwandt seien, und fesselte ihn in solchem Masse, dass er beim Nachhausegehen gegen seine Umgebung in die Worte ausbrach: "Schoen wie eine Rose, klug wie ein Pferd, naiv wie ein Kind, zudem eine Dame--ein vollendetes Geschoepf!" Von Teut war ein seltsamer, unberechenbarer Mensch im Verkehr, aber nach uebereinstimmendem Urteil ein Kavalier vom Scheitel bis zur Sohle. Sein Reichtum erlaubte ihm die Ausuebung der kostspieligsten Liebhabereien. Zu diesen gehoerten vor allem Jagd und Pferde. Und dieser Umstand genuegte allein schon, sich Ange Clairefort zu naehern. Oft schlug er eine Kleinigkeit ab, war unduldsam gegen seine Umgebung, und dann, wenn ihn Laune oder Herzensdrang trieben, verschenkte er grosse Summen. So hatte er einmal einem Kellner im Kasino, der sich selbstaendig machen und heiraten wollte, ein nicht unbedeutendes Kapital darlehensweise ueberlassen, und als der erste kleine Weltbuerger erschien und jener ihn als Pate einlud, sandte er ihm den quittierten Schuldschein und schrieb darunter: "Axel von Teut sendet Axel Dorn diese Patengabe und hofft, dass er einst ein braver Buerger und--kommt Zeit und Anlass--auch ein treuer Koenigssoldat sein wird." Als dies bekannt wurde, sah sich Teut mit Bittschriften ueberschuettet. Da las man eines Tages in der Zeitung: "Fortan lasse ich alle Bitt- und Bettelbriefe uneroeffnet zurueckgehen. Man spare sich die Muehe! Wer meint, ich saeh's ihnen nicht an, irrt sich. Eine solche Uebung, wie ich sie habe, macht erfahren. Baron von Teut-Eder, Rittmeister und Eskadronschef." * * * * * Beim Oberst war eine grosse Fete angesagt. Ange begann auch heute mit ihrer Toilette zu einer Zeit, in der andere Frauen bereits die Handschuhe knoepfen und das Kopftuch um das Haar schlingen. Das kannte Clairefort, seit ihm das schoene Fraeulein von Butin das Jawort gegeben, und das ertrug er mit jener Resignation, die entweder einer starken Selbstbeherrschung entspringt oder die sich zuletzt in das Unvermeidliche machtlos fuegen muss. "Ange, bist Du bereit? Schon seit einer viertel Stunde wartet der Wagen!" rief der Rittmeister und klopfte ungeduldig an die Thuer. "Gleich, gleich, bester Carlos!" schmeichelte Ange zurueck, huschte freilich erst in diesem Augenblick aus ihrem Hauskleid und steckte, da sie das unruhige Auf und Ab ihres erzuernten Tyrannen hoerte, auf einen Augenblick das Koepfchen durch die Oeffnung, um ihn mit einem ihrer bezaubernden Blicke zu beruhigen. Das Gemach, in welchem Ange ihre Toilette machte, glich bezueglich des hastigen und bunten Durcheinander dem Ankleidegemach einer Buehnenkuenstlerin. Hier waren Schubladen geoeffnet, in denen die Gegenstaende wild durcheinander geworfen waren, dort lagen auf Diwan und Stuehlen Ballkleider und Spitzenroecke. Wenige Minuten hatten hingereicht, um hier und in die Garderobenschraenke eine heillose Verwirrung zu bringen. Aber immer war diese lebhafte, unruhige und der Zeiteinteilungen spottende Frau in ihrer Erscheinung gleich reizend. Wo war der Kuenstler, um diesen feingeschnittenen Kopf mit dem tief auf die Schultern herabgefallenen Seidenhaar zu malen, diese zarte, in den Formen vollendete Fuelle, dieses entzueckende Weiss des Nackens, der Arme, der Haende, vornehmlich aber diesen wahrhaft bezaubernden Koerperwuchs mit seinen vornehmen Linien? Bei der Hast, mit der Ange selbst Hand an die Toilette legte oder ihre Umgebung anwies, roeteten sich ihre Wangen, die feinen Nasenfluegel vibrierten und ihre Kinderhaende zupften, zerrten und knoepften an den durchsichtigen, spitzenbesetzten Gewaendern umher, als ob tausend unruhige Funken aus ihren Fingern spruehten. Waehrend ihr Haar geflochten ward, sass sie vor dem Trumeau, oeffnete den Mund, betrachtete mit kindlicher Neugier die untadelhaften Reihen ihrer unter dem Rosarot hervorschimmernden Zaehne und lachte in den Spiegel hinein oder neigte mit leisem Aufschrei das Koepfchen vor dem ungeschickten Strich des Kammes in dem widerspenstigen Haar. Und dabei erschienen auch Fuesschen, die einem Kinde anzugehoeren schienen und die nun von der Jungfer mit seidenen Schuhen bekleidet wurden. Als Ange endlich auch in das kostbare pfirsichfarbene Kleid eingespannt war, als sie durch das Zimmer schritt und die einer Koenigin wuerdige Schleppe hinter ihr herrauschte, als endlich alle die Perlen und Diamanten in ihrem Haar und an ihrer Brust, die blitzenden Agraffen an dem Stoffe befestigt waren, sahen selbst die Dienerinnen mit einem Blick der Bewunderung auf das Kunstwerk, das unter ihren Haenden entstanden war. "Sieht's gut aus? Sitzt die Taille?" fragte Ange naiv, und ein glueckliches Laecheln flog ueber ihr Gesicht, als jene lebhaft bestaetigten, was sie zu hoeren wuenschte. "Ange, Ange!" klopfte es nun abermals. "Die Uhr ist halb neun, und Du bist noch nicht--" "Ich bin fertig, lange fertig, Carlos! Ich warte ja auf Dich!" rief sie, blinzelte den Frauen bei ihrer unschuldigen Luege laechelnd zu und oeffnete die Thuer. Aber nun kamen noch die Kinder, die doch eigentlich im Bett liegen sollten. Jorinde weinte und Ben stand muerrisch da. Allerlei Wuensche wurden laut. "Gewiss, gewiss, sei ruhig, mein Liebling! Ja, ja, Carlitos!--Ah, mein Riechflaeschchen und der Faecher, Maria!--Wie, was? Ja, gleich!" Sie eilte fort und suchte in irgend einer Schublade nach den Bonbons und Leckereien, mit denen sie ihre ungeduldige Schar zu beruhigen pflegte. "Nehmen Sie die Schleppe, Rosa!--Ich komme ja, ich komme, Carlos, geh nur voraus!" Nun mussten die Kinder noch einmal umarmt und gekuesst werden. Ein Handschuhknopf war abgesprungen, auch eine Naht beim hastigen Anziehen gerissen. "Schnell ein anderes Paar! Im Schubfach links! Fleischfarbene, Maria, fleischfarbene! Hoerst Du?" Ange eilte hinab. "Endlich!" sagte Carlos. "Vorwaerts!" Der Diener, die Hand am Hute, schlug den Wagen zu und schwang sich auf den Bock. "Halt! halt--noch einen Augenblick!" rief Ange und klopfte ungestuem an die Scheiben. Die Jungfer kam atemlos mit den Handschuhen. "Zu Befehl, Frau Graefin!" So, nun raste endlich der Wagen mit dem Grafen und Ange davon, und die Dienerschaft wandte sich ins Haus zurueck. Auf dem Flur, auf der Treppe wehte noch der Duft ihrer Gewaender. In allen Zimmern brannten die Kandelaber--ueberall die Spuren ihrer lebhaften Unruhe. Die Kinder schmollten, dass sie nun, weniger ruecksichtsvoll angehalten als vorher, ins Bett getrieben wurden: und ins heisse, schwuele, von Parfuem erfuellte Ankleidezimmer der Gebieterin, in dem ein halb Dutzend goldene und silberne Leuchter entzuendet waren, in welchem die geoeffneten Schmuckkaestchen mit all ihren zurueckgebliebenen Herrlichkeiten achtlos umherstanden und in dem die Luft, die eine schoene, vornehme Frau ausatmet, wie ein unsichtbarer Hauch die Gegenstaende zu umhuellen schien, traten die Frauen, um alles an seinen Platz zu bringen.-- Unwillkuerlich verstummte das laute Gespraech in den Saelen, unwillkuerlich traten die Reihen der Gaeste zurueck und unwillkuerlich mussten auch die eifersuechtigsten Frauen emporblicken, als die Graefin Ange von Clairefort an der Seite ihres Mannes die Raeume in dem Hause des Obersten betrat. Es giebt Frauen, deren Erscheinung in der Gesellschaft wirkt, als ob ploetzlich ein Schwan mit lautem Fluegelschlag vorueberrauscht. Ange war nach wenigen Minuten umgeben und umschwirrt von der halben Gesellschaft. Nein, von der ganzen Gesellschaft! Denn diejenigen, die sich ihr nicht naeherten, fanden nur nicht den Mut, der schoenen, strahlenden Frau auszudruecken was sie bei ihrem Anblick empfanden. Immer birgt die Gesellschaft Zaghafte; sie werden nie aussterben; sie bleiben und gleichen Kindern, welche nur nach wiederholter Ermunterung ein Haendchen reichen. Ange hoerte, dass man allein auf sie gewartet habe. Sie rief ein bedauerndes "O! o!" huschte zu der Frau des Obersten und stellte ihr durch die bezaubernde Art ihrer Abbitte rasch die gesunkene Gesellschaftslaune wieder her. Und da sie in der Zerstreuung den ersten Tanz nicht vergeben hatte und dies zu ihrer freudigen Ueberraschung bemerkte, schluepfte sie durch die sich draengenden und sich arrangierenden Paare bis zum Gastgeber und legte sanft den Arm in den seinigen. "Gnaedige Frau?!" "Den ersten Tanz habe ich wohl ein dutzendmal abgeschlagen, Herr Oberst, da ich ihn fuer Sie bestimmt hatte. O, ich bitte, kein Refus! Es ist ja eine Polonaise." schmeichelte sie und zog den nur leise Widerstrebenden mit sich fort. Selten mischte sich Ange in die Reihen der Tanzenden, ohne dass die pausierenden Paare ihr zuschauten. Man musste sie ansehen, denn eine Grazie schien sich unter die Menschen gemischt zu haben. Nichts Anmutigeres konnte es geben, als sie einen Walzer tanzen zu sehen, wenn das ihr eigene, halb verlegene, halb glueckliche Laecheln ueber die sanften Zuege flog und sie das Koepfchen zur Seite neigte. Es lag in dieser Zurueckhaltung gleichsam eine Andeutung, dass sie sich zwar jeder Laune ihres Taenzers fuege, doch nur dem Zwange folgend, ihm erlaube, den schlanken Leib zu umfassen. Sobald sie sich aber aus dem Arm ihres Kavaliers geloest hatte, verschwand diese fast maedchenhafte Schuechternheit, und ihr lebhaftes Temperament riss sie wieder fort. Sie schwatzte, lachte und zeigte ein schelmisches Gesicht, sie nickte und hoerte mit neugieriger Aufmerksamkeit zu. Beim Souper richteten sich abermals aller Augen auf Ange. Eine feine Blaesse war auf ihr Gesicht getreten. Der wunderbare Abstand der dunklen Augen und Augenbrauen gegen das Goldblond ihres Seidenhaares wirkte neben dem mattseidenen, an dem Ausschnitt mit echten weissen Spitzen besetzten Kleide so ueberraschend schoen, dass man den Blick nicht von ihr zu wenden vermochte. Und dabei funkelten und blitzten die Steine an Hals und Ohren, und oft zitterte ein wahrer Spruehregen aus den Diamanten, mit denen ihr Haupt geschmueckt war. Die Menschen fuehlten sich geehrt und beglueckt, wenn Ange sie mit ihren treublickenden Augen ansah, und ihre Bescheidenheit machte es unmoeglich, dass haessliche Regungen der Missgunst neben ihr emporstiegen. Nach Aufhebung der Tafel, nachdem der Champagner Ange ganz in ein froehliches, nur von der Lust beherrschtes Kind verwandelt hatte, als die ersten Takte eines stuermischen Galopps vom Saale herueberklangen, hielt es sie nicht mehr neben dem Gastgeber, und mit einem seine Verzeihung einholenden Blick entschluepfte sie, um einem juengeren Kavalier zu folgen. Einmal riss eine Perlenschnur, und die kostbaren Schaetze rollten unter die Tanzenden. Ein kleines Vermoegen stand auf dem Spiel, Ange jedoch lachte und nahm mit entschuldigendem Dank entgegen, was eifrig Suchende gefunden hatten und ihr ueberreichten. Wiederholt draengte der Rittmeister zum Aufbruch. Aber die Offiziere umstuermten die reizende Frau, und sie bat wie ein junges Maedchen, das zum erstenmal den Ball besucht, um Aufschub. Waehrend sie davoneilte, guckte sie ihn ueber ihre Schulter an und holte sich durch bittende Blicke sein nachtraegliches Jawort ein. Und als sie endlich zurueckkehrte und er, die zerrissenen Spitzen der Schleppe betrachtend, kopfschuettelnd dreinschaute, streifte sie rasch zu seiner Beruhigung die Handschuhe ab, lehnte sich mit einem: "Nicht schelten! Gut sein! Carlitos, bitte!" an ihn und bettelte so lange, bis er ihr noch die kleine Abkuehlungspause zugestand. Von der Bewegung beim Tanzen war ihr Haar ein wenig gelockert und ein feines Straehnchen auf die Stirn gefallen, auch einige prachtvolle Rosen, die an ihrer Brust sassen und einen blitzenden Diamant umschlossen, hatten sich entblaettert. Ihr Atem gluehte, ihre Brust hob und senkte sich unter der zarten Seide, und waehrend der Faecher in heftiger Bewegung war, neigte sie den Koerper mit jener elastischen Biegsamkeit, die Frauen so verfuehrerisch macht. "Nein, komm, komm, Ange." draengte Carlos, von ihrer Schoenheit hingerissen und nur von dem einzigen Gedanken beherrscht, sie den zudringlichen Blicken ihrer Bewunderer zu entreissen. Sein Auge ruhte mit einem eifersuechtig verlangenden Ausdruck auf ihr, und sie erwiderte seinen Blick mit jenen traeumerischen Augen, mit denen sie ihm einst ihre Liebe verraten hatte. "Ach, es war himmlisch! Ich habe mich prachtvoll amuesiert! Schade, dass es schon vorueber ist!" seufzte die junge Frau, als sie, nach Hause zurueckgekehrt, sich in sanfter Erschoepfung in einen Sessel zuruecklehnte. "Aber Du, Armer, hast Dich gelangweilt! Nicht so, Carlos?" Sie sah ihn zaertlich an. Er schuettelte schwermuetig das Haupt und sagte: "Nicht doch, Ange!" Und nach einer Weile fluesterte er leise: "Hast Du mich noch lieb, Ange?" Da stand sie auf und flog ihm an den Hals. * * * * * Acht Monate waren vergangen. Teut war ein taeglicher Gast im Clairefortschen Hause geworden, verkehrte mit Frau Ange und der Familie, als ob er sie von Kindesbeinen an kenne, und schien ueberhaupt von Claireforts fortan unzertrennlich. Dieser engere Verkehr fuehrte mit sich, dass er bald in alle Verhaeltnisse eingeweiht wurde, und dass man ihn, da er neben seiner Einsicht eine entschiedene Art an den Tag legte, auch haeufig um Rat fragte. Aber er nahm sich in seiner ehrlichen und derben Weise auch die Erlaubnis, zu tadeln. "Schlecht, mordschlecht erziehen Sie die kleine Gesellschaft!" rief er Ange kopfschuettelnd zu, wenn die Kinderschar--ungezogen und trotzkoepfig--ihren Hoellenlaerm anstimmte, die Moebel mit Stoecken und Peitschen bearbeitete und gar auf dem Teppich des Wohnzimmers mit Sand wirtschaftete. Die Dienerschaft war machtlos, denn sie fand keine Unterstuetzung bei der Graefin. Entweder erliess sie Verbote, deren Zuruecknahme sie sich im naechsten Moment wieder abbetteln liess, oder sie troestete Jorinde und Erna, wenn diese von der Gouvernante eine Strafe erhalten hatten. Nun war eben das Mobiliar--ein Gemach nach dem anderen--neu aufgeputzt, zum Teil mit kostbaren Stoffen ueberzogen, alles mit einem wahrhaft verschwenderischen Luxus hergestellt worden, und schon zeigten sich deutliche Spuren von uebermuetigen Gewaltthaetigkeiten. Der Graf war mehrmals in einen heftigen Zorn ausgebrochen, hatte Ange ihren Mangel an Ordnungsliebe und ihre grenzenlose Schwaeche gegen die Kinder in den haertesten Worten vorgeworfen. Hin und wieder rief er den schnell liebgewonnenen Freund und Vertrauten zum Zeugen an, wie unvernuenftig, wie unverstaendig seine Frau sei und wie ihn ihre Eigenschaften mit den Rueckwirkungen auf die Kleinen zum Tadel reizen muessten. Einmal brach es ungestuem aus ihm heraus, als Teut seine Bewunderung ueber Ange ausdrueckte. "Ja, Freund," rief er, "Sie sind nicht mit ihr verheiratet! Sie erfreuen sich an dem Guten, das sie Ihnen entgegentraegt, und schuetteln das Unbequeme leicht ab, um so leichter, als Sie nur indirekt davon beruehrt werden! Ich aber lebe taeglich, stuendlich mit ihr, ich kaempfe seit Jahren gegen ihre Schwaechen ohne Erfolg und habe doch fuer alles die Verantwortung zu tragen! Ange wuerde jedes Jahr eine Million verschenken, wenn sie dieselbe zur Verfuegung haette, und eine ganze Weltordnung in Verwirrung bringen, wenn sie ueber den Wolken herrschte! Jeder ruft mir entgegen: Welch ein reizvolles Geschoepf! und jeden Tag werde auch ich entwaffnet durch den Zauber ihrer Liebenswuerdigkeit. Aber sie bringt vermoege ihrer untilgbaren, durch eine grenzenlos verkehrte Erziehung hervorgerufenen Fehler den ruhigsten, besonnensten und geduldigsten Mann zur Verzweiflung. Die groessten und besten Eigenschaften eines Menschen verwandeln sich in das Gegenteil, wenn ihnen das Mass fehlt. Sanftmut und Liebenswuerdigkeit sinken zur Charakterlosigkeit herab, Herzensguete wird Thorheit, Geist und Verstand streifen an Insanie und je schoener die Huelle, desto groesser der Schmerz, dass sich unter so vollendeten Formen ein so ungeordneter Geist verbirgt." "Sie uebertreiben, Clairefort!" rief Teut warm. "Ihre Frau ist ein Engel! Ihre Fehler sind nicht so schlimmer Art; ja, ich behaupte, sie sind auch Tugenden! Weint sie nicht wie ein Kind, wenn man ihr vom Unglueck berichtet, moechte sie nicht stets helfen? Hilft sie nicht? Ist sie nicht ruehrend besorgt um ihre Kinder und sitzt sie nicht wie juengst, als Carlitos krank war, Tag und Nacht an ihrem Bett? Ist sie nicht stets liebevoll gegen Sie, Clairefort, sieht sie nicht zu Ihnen empor wie zu einem Hoehergearteten und nimmt jeden Tadel, jedes Scheltwort ohne Murren entgegen? Ist sie nicht ohne Beispiel selbstlos? Verlangt sie je etwas fuer sich? Ist es nicht nur immer der Gedanke an andere, der ihre Entschluesse bestimmt? Sah man je ein so glueckliches Gemisch von natuerlichem Verstand und Herzensguete?--Ja, sie ist sorglos, kannte nie eine Einschraenkung, weiss nichts von materiellen Sorgen, giebt mit vollen Haenden, oft vielleicht unverstaendig--" Hier unterbrach Clairefort den Sprechenden, und indem er ihn mit einem Blick anschaute, durch den man eine vertrauensvolle Aeusserung einzuleiten und sich Verschwiegenheit zu sichern pflegt, sagte er: "Nein, nein! Immer, immer unverstaendig! Masslos, Freund! Ihre Verschwendung ist grenzenlos. Wie soll das ueberhaupt werden? Unter uns: Wenn das meine Frau noch einige Jahre so forttreibt, bin ich ruiniert. Schon lange war ich gezwungen, mein Kapital anzugreifen." Teut schwieg. Was er hoerte, ueberraschte und beunruhigte ihn aufs hoechste. Unwillkuerlich draengte sich ihm der Gedanke auf, weshalb der Mann, wenn die Dinge so lagen, sein Hauswesen, seine Geselligkeit nicht einschraenke, die zahllose, meist ueberfluessige Dienerschaft nicht entlasse und Ange, die ihrer Eigenart nach auch in einfacheren Verhaeltnissen zufrieden leben wuerde, die Gelegenheit naehme, so thoericht zu wirtschaften. Aber er fand sich doch nicht berechtigt, dergleichen auszusprechen, und waehrend seines Schwankens kam ihm Clairefort zuvor: "Ich weiss, was Sie mir erwidern werden, Teut," hob er, unter der Bestaetigung seiner Gedanken wiederholt das Haupt bewegend, an. "Sie meinen, ich sei nicht minder schuld als Ange. Wir koennten uns anders einrichten und dadurch Einnahmen und Ausgaben in das richtige Gleichgewicht bringen. Auch Tibet draengt mich seit Jahr und Tag, aber dann--dann--" Er hielt inne. Ein aengstlich unschluessiger Ausdruck trat in seine Mienen, und nur mit Ueberwindung loesten sich die Worte aus seinem Munde: "Sehen Sie! Es wird Ihnen raetselhaft erscheinen," fuhr er endlich abgerissen und in Pausen sprechend, fort. "Ich liebe meine Frau grenzenlos. Ich fuerchte dann--ich fuerchte--dass sie sich mir entfremden koennte. Eine unbeschreibliche Angst ueberfaellt mich, ich koennte ihre Liebe einmal verlieren--durch einen Wandel der Verhaeltnisse. Ich sinne selbst ratlos darueber nach, was in meiner Seele vorgeht. Tausend Gedanken bestuermen mich. Oft habe ich schon gedacht: Wenn sie doch einmal das Leben so liebt--ich moechte es ihr erhalten--ihre Froehlichkeit ist doch lauter Sonnenschein;--und dann--dann--moechte ich, dass sie der Himmel frueh zu sich naehme, damit sie Sorge und Kummer nie kennen lernt. Aber kann man eines geliebten Menschen Tod wuenschen? Das ist doch unfassbar. Ich weiss nicht, was in mir vorgeht. Ich moechte aendern und vermag es nicht--vermag es durchaus nicht. Die Schwaechen, die meiner Liebe entspringen, sind groesser als meine bessere Einsicht." Teut sass stumm und schaute vor sich nieder, denn neben ihm seufzte der Mann in tiefer Bewegung auf.--Welch ein Einblick in das Seelenleben eines Menschen. Voll Klarheit, ja voll Ungeduld und Tadel ueber unhaltbare Zustaende, und doch aus eifersuechtiger angstvoller Liebe zu schwach, um beizeiten ein zweifellos hereinbrechendes Unglueck von sich, seinem Weibe und seinen Kindern abzuwenden?! Einmal zuckte Teut unbehaglich zusammen, denn ploetzlich stieg die Zukunft vor ihm auf. Die unabweisbaren Folgen solcher Verhaeltnisse traten unheimlich vor seine Seele. Vielleicht war ihm in dem Clairefortschen Hause eine grosse, undankbare Aufgabe beschieden, und jene Selbstliebe, die Unbequemes von sich stoesst und nur unbehelligt geniessen will, behielt die Oberhand. Was scherten ihn am Ende die fremden Menschen, dieser Mann mit seiner Unschluessigkeit, seiner Melancholie und seinem ehelichen Unbehagen, diese in den Tag lebende Frau mit ihrer Unerfahrenheit und ihrem sorglosen Lebenswandel? Aber das war nur eine schnell voruebergehende Regung. Er sprang auf, fasste Claireforts Hand und sagte: "Und trotz alledem muss geschehen, was Sie fuer Recht erkennen, lieber Clairefort! Ich bin bereit, Ihnen zu helfen, soweit es in meinen Kraeften steht. Soll ich einmal mit Frau Ange reden?" Bei diesem Anerbieten bohrte sich ein eigentuemlicher Blick aus den Augen des Grafen auf den Sprechenden. Aber zum Glueck bemerkte Teut ihn nicht, und als die Maenner nach laengerer Auseinandersetzung schieden, ging jener unter dem Eindruck, dass Clairefort, selbst machtlos zum Handeln, die dargebotene Hand aufs dankbarste ergriffen habe. Wohlan denn! Teut war beiden naeher getreten als kaum anderen Menschen je zuvor; er liebte Ange und die Kinder, die deshalb ein Recht auf ihn gewonnen hatten. Er wollte handeln--handeln wie ein Mann, aber auch wie ein kluger, besonnener Mann! * * * * * Seit Stunden ging Teut in seinem Zimmer auf und ab. Immer neue Gedanken durchkreuzten sein Gehirn. Oft warf er sich in einen Stuhl, schlug nach seiner Gewohnheit, wenn ihn etwas erregte, heftig mit den Hacken seiner Reitstiefel aneinander und strich lebhaft seinen langen, blonden Schnurrbart. Die Backenknochen seines stark markierten, mageren Gesichtes traten scharf hervor, und fortwaehrend liess er das Glas, das in seinem linken Auge steckte, fallen, um es im naechsten Augenblick wieder an seinen Platz zu schieben. Wenn dies, der neueren Zeit angehoerende Monocle nicht sein Gesicht verunziert, und wenn er nicht den Husarenrock getragen haette, wuerde man geglaubt haben, einen Ritter frueherer Zeiten vor sich zu sehen. Diese hohe, wettergebraeunte und schon etwas stark gefurchte Stirn, diese blitzenden, unheimlich kuehnen Augen, dieser sarkastische Mund und dieser halbschlanke, grosse, starke, geschmeidige Koerper erinnerten an die Gestalt eines Recken vergangener Jahrhunderte. "Der Teufel werde klug aus der Geschichte!" murmelte er, endlich sein Sinnen unterbrechend, griff in eine Kiste mit schweren Cigarren, entzuendete eine, verschluckte den Rauch und stiess ihn in einer maechtigen Saeule wieder von sich. In diesem Augenblick oeffnete sein Diener Jamp die Thuer und ueberreichte die Rechnung eines Blumenhaendlers in Hoehe von einigen hundert Thalern. Es war der aufgesummte Betrag fuer die frischbluehenden Bouquets, welche Ange ausnahmslos jeden Tag in ihren Zimmern fand. Teut pruefte, zog das Schubfach und fuegte der Zahlung ein reichliches Trinkgeld bei. Nun schloss sich wieder die Thuer und nun waren auch Teuts Gedanken wieder bei Ange. Er rief sich die letzte Unterredung mit Clairefort ins Gedaechtnis zurueck und alles das, was vorhergegangen war. Oft erschien ihm wie ein Traum, was er in den letzten zehn Monaten erlebt, vornehmlich das, was er an sich selbst erfahren hatte. Als juengerer Offizier, kurz bevor ihm das Vermoegen seines Vaters und seiner Geschwister zugefallen war, hatte er um ein junges Maedchen aus buergerlichem Stande geworben und seine Heiratsplaene unter Umstaenden aufgeben muessen, die ihm das weibliche Geschlecht veraechtlich gemacht hatten. Er sah fortan in den Frauen nur ein Spielzeug, fast weniger als das. Nun war er Ange Clairefort begegnet und liebte sie nach acht Tagen mit einer brennenden Leidenschaft. Wenige Tage nach dem erwaehnten Gespraech ritt er mit Ange aus. Es war ein wundervoller Herbsttag, einer jener Tage, an denen Fruehling und Sommer noch einmal auf die verlangende Erde zurueckzueilen und alle ihre Schoenheit reifer und gemilderter zugleich ueber die Welt auszustroemen scheinen. Die Sonne funkelte in den Baeumen, verwandelte mattes Gelb in glaenzendes Gold und braune Blaetter in goldkupfernes Metall. Die ganze Natur durchstroemte sie mit einer durchsichtigen Helle, mit einer Klarheit, als sei jedes unreine Staeubchen von erfrischenden Lueften fortgeweht, und als seien diese selbst herabgestiegen aus kuehlen, stillen Himmelshoehen. Teut war kein Mensch, der sich jemals in Gefuehlsaeusserungen erging. Er empfand alles Schoene und Gute, aber es lag nicht in seiner Natur oder es fehlte ihm der Drang, seine Empfindungen in Worte zu uebersetzen. Anders Ange. Die sanften Farben auf ihren Wangen gluehten, sie sog die Luft ein, hielt das seit einer Viertelstunde rasch dahintrabende Pferd an und warf einen fragenden Blick auf ihren Begleiter. Sie hatten, seitdem sie das Haus verlassen, kein Wort gewechselt. Niemals war Teut so stumm gewesen wie heute. "Drueben!" sagte er und zeigte auf ein kleines unter den Baeumen verstecktes Haeuschen. Er hielt nicht, wie Ange, sein Pferd an. "Weiterreiten?" fragte sie, als ob sie ihn nicht verstanden. Sie aergerte sich ueber seine formlose Art, die sie ihm schon haeufig im stillen vorgeworfen hatte. Teut nickte, ohne etwas hinzuzufuegen. So erreichten sie beide--Ange in einer etwas unbehaglichen Stimmung--das Wirtshaus. Ehe der Stallknecht herbeieilen konnte, war Teut herabgesprungen und hatte Ange vom Pferde gehoben. Es war, als ob Christophorus das Jesukindlein ueber den Fluss tragen wolle. Wie ein zartes Pueppchen lag sie ihm im Arm, und wie ein Riese setzte er sie nieder. "Drueben ist eine herrliche Aussicht. Wollen wir gehen?" fragte er artig und reichte ihr den Arm. Aber sie dankte, schuerzte das Reitkleid und schritt neben ihm durch einen linksseitig einbiegenden, mit Baeumen besetzten Weg. Nach wenigen Augenblicken beruehrten sie eine Kirche und einen Gottesacker. Es sah recht verwildert dort aus. Aus der zerbrochenen eisernen Einfriedigung hingen Schlingpflanzen in den Farben des Herbstes, und Unkraut wucherte auf den Graebern. Dann stiegen sie eine leichte Anhoehe empor und schritten auf einen Eichenwald zu. Kleines, kurzes Gebuesch draengte sich ueber den Fusspfad, es ging unregelmaessig bergauf, bergab. Endlich umfing sie der Herbstwald und die Kuehle. Hier glaenzte es hell durch die Baeume; lange, wundervolle Lichtstreifen lagen auf dem gruenen Erdboden. Dort flimmerte es im dichteren Gebuesch, als ob kleine versteckte Sonnen vergeblich hervorzubrechen versuchten, und einmal, bei einem Durchblick zur Rechten, schauten sie in einen verlassenen, gaenzlich abgeschlossenen, mit Gras dicht bewachsenen Feldweg, auf dem die Einsamkeit einen maerchenhaften Schlaf zu traeumen schien. Aber sie schritten weiter, erreichten endlich eine Bank auf einer von blaetterreichen Eichen umstandenen Anhoehe, und sahen nun meilenweit ins Land. Es ging ein sanftes Jubilieren durch die blaue, durchsichtige Luft. Die letzten Voegel zwitscherten, und riesige Lichtstroeme warf die Sonne ueber Wiesen, Felder und ferne Waelder. Hier und dort glitzerten Streifen eines in malerischen Windungen auftauchenden Flusses zwischen den sanft dahingestreckten Matten, als ob ploetzlich die Erde ausgebrochen sei und fluessiges Silber seine Bahn suche. Ange ward gedraengt, ihrem Entzuecken Ausdruck zu geben, aber ihr Begleiter war scheinbar noch ebenso missmutig wie vorher. "In welch schlechter Laune haben Sie mich heute begleitet?" hob sie an und richtete ihren lebhaften Blick auf sein unbewegliches Gesicht. "Nein!" erwiderte er. "Aber ich habe einiges auf dem Herzen, und hier"--er lud sie zum Sitzen ein--"will ich Ihnen einmal sagen, wozu bisher stets der rechte Augenblick gefehlt hat." Die feine Roete auf Anges Gesicht wich einer leichten Blaesse. Ein halb zaghafter, halb ungeduldiger Ausdruck stahl sich in ihre Mienen, und sie fasste die Reitgerte fester. Aber sie ueberwand sich und sagte ungezwungen: "Wohlan, setzen wir uns und erzaehlen Sie mir etwas. Aber nichts, nichts Unangenehmes heute, lieber Teut. Ein andermal. Ich bin froehlich; weshalb mir das nehmen? O, ich bin gluecklich hier in dieser schoenen Welt. Bitte!" Teut zuckte zusammen. Immer, wenn sie in diesem zaertlichen und bittenden Tone sprach, zoegerte er, ihr auch nur durch tadelnden Blick eine Verstimmung zu bereiten. Wieviel besser verstand er jetzt Claireforts Zaudern als ehedem! Dieses unschuldsvolle Kind mit seiner sorglosen Froehlichkeit und seiner Freude am Leben erschien ihm wie ein eben aus der Hand des Schoepfers hervorgegangenes Kunstwerk. Und diesen reinen Spiegel sollte er trueben, gar zersplittern? Aber einmal musste es doch geschehen. Er strich wiederholt den Schnurrbart und sagte endlich: "Liebe Frau Ange! Hoeren Sie zu. Ich bitte Sie bei unserer Freundschaft darum." Etwas ganz Besonderes musste es doch sein. In Anges Gesicht trat ein hilfloser Ausdruck, und ein eigener Glanz schimmerte in ihren sanften Augen. "Ich hoere!" sagte sie leise und legte die Haende ineinander. "Sehen Sie, liebe Ange--Darf ich Sie so nennen?" Er wandte sich zu ihr, sah sie fragend an und ueber sein edles, maennliches Gesicht flog ein hinreissender Zug von Herzensguete. Und sie nickte mit einer Miene und bejahte mit einem Blicke, als ob sie ein Engel sei, der einem Suender Gottes Verzeihung ueberbringe. "Wir kennen uns nun schon fast ein Jahr. Durch Sie hat sich mein Leben fast ganz veraendert. Ich hatte bereits von allem Abschied genommen, was Haus und Familie heisst, und mich in die Rolle eines alten Junggesellen hineingefunden. Meine dienstliche Beschaeftigung, der Umgang mit den Kameraden, die Befriedigung allerlei berechtigter und unberechtigter Passionen, nach Umstaenden einmal ein Stueck ungehinderter Freiheit--ich koennte ja ganz ein freier Mann sein und meinen Neigungen leben, aber ich fuehle Pflichten in mir gegen mein Vaterland und meinen Koenig--genuegte mir. Da sah ich Sie, Ange; und weshalb sollte ich es verhehlen--ich liebte Sie bei unserer ersten Begegnung und werde Sie lieben, solange ein Atem in mir ist." Er sah sie nicht an, waehrend er sprach. Wenn er emporgeschaut haette, wuerde er bemerkt haben, dass sie wie traeumend ins Land und in die Ferne schaute; aber er wuerde auch in ihrem Angesicht gelesen haben, wie sie alle seine Worte verschlang und wie die letzten sie erbeben machten. Ein feuchter Glanz verdunkelte auf Augenblicke ihre Augensterne, und versteckt strichen ihre kleinen Finger ueber die Wimpern. "Aber weil ich Ihnen so gut bin--Sie wie ein Bruder und Freund liebe," fuhr Teut fort, "muss ich Ihnen etwas sagen, was Ihr Glueck betrifft." Und nun sprach er in langer Rede auf sie ein. Er tadelte und troestete, er forderte und flehte. Er teilte ihr Carlos' Worte an jenem Tage mit, klaerte sie ueber ihre Verhaeltnisse auf und liess das Bild einer duesteren, vielleicht durch ihre Handlungsweise heraufbeschworenen Zukunft vor ihr Auge treten. Atemlos horchte sie auf und erbebte. Welch drohende, vernichtende Wolken hingen ueber ihrem ahnungslosen Haupt! Nachdem er geendet, sass sie lange stumm und sprach kein Wort. Aber als dann aus seinem Munde ihr Name drang: "Liebe Ange, liebe Freundin, zuernen Sie mir?" da ueberwaeltigte sie ihr Gefuehl und sie neigte das Haupt und schluchzte. Er wagte es: er strich sanft ueber ihr Haar; er that, als ob er nichts anderes fuehle als Mitleid, nichts anderes geben wolle als Trost, und doch bedurfte er seiner ganzen Kraft, um sie nicht in dem Ausbruch unterdrueckter Leidenschaft ans Herz zu ziehen. * * * * * Am naechsten Tage nach diesem Ausflug traten Clairefort und Teut nach Tisch--es waren heute ausnahmsweise nur drei Gedecke, da die Kinder frueher speisten--in des ersteren Gemach. Clairefort schien duesterer als je, es war waehrend der Tafel, bei welcher Tibet mit seinem geraeuschlosen Schritt bedient hatte, fast keine Silbe ueber seine Lippen gekommen, und Ange--noch unter dem Eindruck der juengsten Unterredung--verhielt sich ebenso einsilbig. In dem matt erleuchteten, dunkel tapezierten Zimmer kam es Teut heute fast unheimlich vor. Seltsam schaute der Marmorkopf einer Venus aus dem Dunkel hervor, und duester starrten ihm die Arabesken aus dem Teppich entgegen, der den Fussboden bedeckte. Eine Weile sassen beide Maenner rauchend und ohne zu reden, nebeneinander. Jedem lagen Worte auf der Zunge, keiner wollte zuerst sprechen. Endlich sagte Clairefort tonlos: "Sie haben gestern mit Ange gesprochen, Teut?" Der Angeredete nickte, ohne etwas zu erwidern. Clairefort wiederholte nun seine Frage. "Ja," sagte Teut, "ich habe mit Ihrer Frau geredet." "Was sagte sie, bitte?" Ohne auf diese Frage unmittelbar zu antworten, entgegnete Teut: "Hat sie Ihnen keine Mitteilung gemacht?" "Nun--ja und nein! Sie sprach sehr unzusammenhaengend. Sie hing sich an meinen Hals, weinte und rief: 'Ich will mich bessern, Carlos!' Ich vermutete, dass diese Aeusserung aus dem Gespraech mit Ihnen hervorgegangen sei. Gesagt hat mir Ange nichts." Teut horchte auf.--Wie ruehrend! Welch eine liebenswuerdige Reue lag in diesen paar Worten! "Gut! Warten wir also ab, Clairefort!" "Ja--" sagte dieser gedehnt und offenbar unbefriedigt. Jetzt sah Teut Clairefort versteckt ins Auge. Ein verdrossener, nervoeser Zug lag auf seinem Gesicht. Ploetzlich stieg in Teut ein beunruhigender Gedanke auf. War Clairefort eifersuechtig? Was stand ihm und Ange bevor, wenn seine Vermutung sich betaetigte? Und zugleich ueberfiel ihn ein gefaehrlicher Drang, diesen Verdacht zu loesen und zu bekaempfen. Er wollte Vertrauen, er wollte fuer Freundschaft und Hingebung nicht Misstrauen, Verstimmung--vielleicht weit Schlimmeres noch. "Clairefort--!" hob er durch die peinvolle Stille an. "Clairefort, ich bin Ihr Freund! Sie hatten wohl nie einen aufrichtigeren Freund! Glauben Sie das?" Clairefort erhob den Blick und sah Teut verlegen an. "Ja, lieber Teut! Weshalb fragen, weshalb--beteuern Sie?" Der letzte Satz kam zoegernd hervor. Die Worte verfehlten auch ihre Wirkung nicht, denn Teut sagte abweisend: "Ich beteuerte nichts! Ich wollte Ihnen nur einmal, ein einziges Mal, nachdem Sie mir ein Vertrauen schenkten, das man hoechstens etwa seinem Bruder in aehnlichen Verhaeltnissen zuwendet, sagen, dass Sie--was immer sich ereignen koennte--darauf rechnen duerfen, dass ich Ihr wirklicher Freund bin und stets als ein solcher handeln werde. Verstehen wir uns jetzt?" "Ja," nickte Clairefort; er schien aber keineswegs ueberzeugt. Teut sprang auf. Er trat auf Clairefort zu und fasste seine Hand. "Armer Clairefort," sagte er. "Ich bedauere Sie aus tiefster Seele, um so mehr, weil ich verstehen kann, was Sie bedraengt. Aber niemals begegnete ein Mensch einem anderen mit ungerechterem Misstrauen. Und nun noch einen Rat, bevor wir heute scheiden. Erleichtern Sie Ihrer Frau die Entschluesse. Handeln Sie, Clairefort, und seien Sie dabei ein Mann und ein wohlwollender Freund zugleich. Verstehen Sie?" Clairefort antwortete nichts. Ein tiefer Seufzer entrang sich seiner Brust. Teut wandte sich zur Thuer. Als er eben das Zimmer verlassen wollte, erhob sich ersterer rasch, beruehrte Teuts Schulter und sagte leise: "Verzeihung, Teut! Ich danke Ihnen von ganzem Herzen!" Die Erinnerung an diesen Vorfall beschaeftigte Teuts Gedanken. Aber doch begriff er eins nicht, und deshalb gruebelte er hin und her. Ange hatte ihm erklaert, die Sorgen ihres Mannes seien sicher ungerechtfertigte. Schon seine Mutter habe unter dem Wahne gelebt, sie koenne nicht auskommen und sei doch im Besitz eines ungewoehnlich grossen Vermoegens gewesen. Dies waere eine Krankheit aller Claireforts. Es sei ungenau, behauptete sie, dass die Zinsen nicht genuegten, um alle Ausgaben zu bestreiten. Sie glaube im Gegenteil zu wissen, dass Tibet vierteljaehrliche Ueberschuesse, von denen ganze Familien bequem wuerden leben koennen, zum Banquier trage. Auch habe sie selbst ein voellig unberuehrtes, nach ihrem Tode den Kindern zufallendes Vermoegen, das ausreiche, eine Familie mit groesseren Anspruechen zu befriedigen. Trotzdem gebe sie aber zu, dass ihr Aufwand ein grosser sei, dass sie vieles verschwende, und dass es verstaendig sei, alles einschraenken. Sie bat Teut, da ihr Mann Geldverhaeltnisse, wer weiss aus welchen Gruenden, niemals gegen sie beruehre, ihn auszuforschen und ihr zu berichten. Sie koenne, fuegte sie hinzu, auch Tibet fragen, aber dieser sei in solchem Punkte stets verschlossen. Zudem erachte sie es als nicht angemessen, einen Untergebenen zwischen sich und ihren Gemahl zu stellen. Bei der naechsten Begegnung zwischen Clairefort und Teut nahm sich letzterer vor, diesen Punkt schon deshalb durch eine Frage aufzuklaeren, weil alle Massnahmen danach zu treffen waren. Falls Clairefort die Wahrheit gesprochen, musste Teut, um nicht auf halbem Wege stehen zu bleiben, auf sofortige Einschraenkungen dringen, und diese konnten doch, wie die Dinge lagen, nur von Ange ausgehen. An einem der naechsten Tage, an welchem Clairefort Teut in der alten herzlichen Weise begegnete, knuepfte letzterer an diesen Zwischenfall an und sagte: "Sie haben mich, Clairefort, in Ihre intimsten Verhaeltnisse eingeweiht. Ich habe nicht nach den Gruenden gefragt. Entweder war es die Folge jenes natuerlichen Dranges, der uns in schweren Noeten zur Mitteilung treibt, oder Sie erkannten Ihre Machtlosigkeit und fuehlten das Beduerfnis, sich einer Freundeshilfe zu bedienen. Gleichviel! Sie schenkten mir Ihr Vertrauen, und ich gab Ihnen mein Wort, dieses nach bestem Vermoegen zu rechtfertigen. Unter solchen Umstaenden ist nun aber voellige Offenheit eine unbedingte Notwendigkeit." In Claireforts Augen blitzte es bei dieser Anrede auf. Eine seltsame Spannung malte sich in seinen Zuegen; offenbar missdeutete oder ueberschaetzte er den Sinn der Worte. Teut verstand nicht, was Clairefort beunruhigte, aber um so mehr beeilte er sich, fortzufahren: "Eines ist noch der Aufklaerung beduerftig," sagte er in gelassenem Tone, "und ich bitte meine Frage nicht als eine ungerechtfertigte Einmischung zu betrachten. Ange behauptet, dass Sie nur eine uebertriebene Sorge beherrsche, dass Ihre und ihre eigenen Renten so gross seien, dass jaehrlich erhebliche Ueberschuesse aus den Zinsen zurueckgelegt werden koennten." "Nun," rief Clairefort, offenbar erleichtert, aber immerhin erregt, und in dieser Erregung nur den letzten Aeusserungen Teuts Gehoer schenkend, "ich denke, dass wir keine Kinder sind! Es ist, wie ich Ihnen sagte. Mein Ehrenwort darauf,--das ich indes nur erhaertend hinzufuege, weil die Behauptung meiner Frau der meinigen gegenuebersteht. Durch den Sturz eines Bankhauses habe ich grosse Summen verloren, wodurch mein Vermoegen ganz ausserordentlich zusammengeschmolzen ist. Das weiss auch Ange, denke ich--" "Nein! Sie weiss gar nichts! Aber gut," sagte Teut, "wenn dem so ist, dann werde ich mit Ihrer Erlaubnis handeln!" * * * * * Kurze Zeit darauf hatte Teut Gelegenheit, noch einmal mit Ange zu sprechen. Ein Vorfall, der nur allzu bezeichnend fuer sie war, gab dazu Veranlassung. Er trat am Spaetnachmittag ins Haus und fand sie bei der Besichtigung eines seidenen Kleides, das sie gerade der Jungfer mit den Worten zurueckgab: "Nein, auch das geht nicht. Ich werde mir dann fuer das Fest ein neues machen lassen und heute noch ausfahren, um den Stoff auszusuchen." "Ich stoere wohl, Frau Graefin--" hob Teut, ruecksichtsvoll ins Zimmer tretend, an. Sie schuettelte ihren Kinderkopf, raffte erroetend und verlegen allerlei auf den Stuehlen umherliegende Garderobengegenstaende auf, schob sie der Kammerjungfer ueber den Arm und hiess sie und Erna, welche eben, die Thuer sperrweit offen lassend, ins Zimmer gestuermt kam, gehen. "Nein, halt! Warten Sie, Charlotte!" unterbrach sie aber doch ihren Befehl. "Der Herr Rittmeister mag entscheiden." Die Jungfer that, wie ihr gesagt wurde. Sie legte die Kleider auf einen Stuhl und suchte unter den ueberreichen Ballroben eine hervor, die sie ihrer ungeduldig wartenden Herrin ueberreichte. "Ich verstehe von Kleidern gar nichts," sagte Teut schroff. Es stoerte ihn, dass Ange in Gegenwart der Zofe mit ihm dergleichen Dinge besprechen wollte. Ange sah ihn missmutig an, wollte etwas erwidern, unterdrueckte aber die Entgegnung. Inzwischen nahm Erna eines der Kleider an sich, fuhr mit den Armen hinein, schob die Schleppe mit den Fuessen ungeschickt hin und her, so dass sie diese mit den bestaeubten Schuhen beruehrte, und rief endlich laut: "Mama, Mama, sieh einmal!" "Aber Erna, Erna!" flehte Ange und eilte erschrocken hinzu. Das Kind aber hob den seidenen Rock empor, lief rasch davon und rief: "Das muessen Jorinde und Ange sehen! Nein, nein, ich gebe es nicht!" Ange liess denn auch das Kind gehen und machte der Zofe ein Zeichen, nachzueilen. Als sie zu Teut emporblickte, begegnete sie seiner missbilligenden Miene. "Unverbesserlich sind Sie, liebe Graefin," sagte er und schuettelte den Kopf. "Nicht schelten!" bettelte sie und sah ihn mit ihrem bezaubernden Blicke an. "Aber doch ernsthaft raten! Sehen Sie, liebster Teut, das ist mein bestes Kleid, und darin kann ich doch den Ball nicht besuchen, nicht wahr?" Allerdings: das Kleid war unverantwortlich behandelt. Die Spitzen, mit denen man es besetzt hatte, waren zerrissen; die Schleppe war besudelt, an der Taille fehlten Knoepfe. Im uebrigen war der Stoff eine mit anmutigen Blumenbouquets durchwirkte weisse Seide, einer Koenigin wuerdig. "Man koennte die Robe einer geschickten Schneiderin uebergeben, sie mit neuen Spitzen garnieren und saeubern lassen," sagte Teut phlegmatisch. Er war selbst erstaunt ueber den Umfang seiner Kenntnisse und ueber seine praktischen Ratschlaege. "Nein, nein!" sagte Ange, als ob es sich um ein Puppenkostuem handle. "Hier ist ja sogar ein grosses Loch!" und sie zeigte ihm den Rock, in welchem uebrigens nur die Naht hinten seitlich eingerissen war. "Kann genaeht werden!" entschied Teut mit seiner stoischen Ruhe. "Ach, mit Ihnen ueber Toilette sprechen! Kommen Sie, Teut! Wir haben wundervolle Melonen erhalten. Der Fruehstueckstisch ist gedeckt." "Nein," sagte er, "erst muss ich Sie sprechen. Heute ist die erste Lektion." Sie sah ihn mit ihrem naiven Blick an, dann glitt ein ungeduldiger Ausdruck ueber ihr Gesicht. "Wieder eine Waldpredigt! Nein, heute mag ich nicht; weshalb quaelen Sie mich! Ach, wie war ich sonst gluecklich! Nun stehen Sie neben mir wie ein Schulmeister; ich bin doch kein Kind mehr!" "Doch, ja," sagte Teut kurz. Und dann weicher: "Sie sind ein Kind, ein liebes, reizvolles Kind. Aber nun kommen Sie! Lassen Sie uns noch einmal reden!" Er stand auf und schloss die Thuer. Ange graute bei diesen Vorbereitungen. "Zuerst, liebe Freundin--bitte, setzen Sie sich doch mir gegenueber, dort in den Fauteuil" (sie that es schmollend und zerpflueckte eine spaet erbluehte weisse Rose, deren Blaetter sie auf den Teppich fallen liess)--"ein sehr ernstes Wort! Ich habe mit Clairefort gesprochen; es ist, wie er sagt. Sie besitzen heute nur einen Teil Ihres beiderseitigen Vermoegens." Er hielt einen Augenblick inne und beobachtete die Wirkung seiner Worte. "Und wie ist dies zugegangen?" fragte Ange mehr neugierig als erschrocken. "Ein Banquier, bei dem Clairefort seine Papiere niedergelegt hatte, musste seine Zahlungen einstellen. Es ging dort alles verloren." "Der arme, arme Clairefort! Ist er sehr betruebt?" hob sie besorgt an. Sie forschte aengstlich in Teuts Angesicht; sie dachte nur an ihren Mann, wie er die Sache aufgenommen, in welcher Stimmung er sei. Ob sie gehen solle, um ihn zu troesten, ihm zu sagen, dass sie auch fortan sparsamer sein wolle. Es bliebe dann gewiss noch genug, schloss sie. "Ja, das ist es. Nun sehen Sie doch ein, dass Sie ganz anders leben muessen, dass Sie den grossen, ueberfluessigen Hausstand einschraenken, die Kinder regelmaessig in die Schule schicken und sich sorgsamer um Ihre Wirtschaft bekuemmern muessen!" sagte Teut ernst. Sie nickte wie ein Kind, das gescholten wird, das voll guter Vorsaetze ist, zerknirscht anhoert, was es verbrochen hat, bis Natur und Freiheit, bis Spiel und Taendelei alles wieder verwischen. "Das erste wird sein, dass wir auch Tibet ins Vertrauen ziehen. Wir werden ueberlegen muessen, wer von der Dienerschaft bleiben kann, welche Ausgaben ueberfluessig sind, wie die Geselligkeit zu beschraenken, wie Fuhrwerk und Pferde drunten--" "Meine himmlischen Pferde auch?" rief Ange "Und gar die Hunde? Muessen wir ein anderes Haus, eine andere Wohnung beziehen? Ach, Teut, sagen Sie, ist's denn so schlimm? Besitzen wir nichts, gar nichts mehr? Sprechen Sie ein Trostwort!" Mit traenendem Blick sah sie zu ihm empor und erwartete zitternd seine Antwort. Umfang und Bedeutung der eingetretenen Verhaeltnisse ueberschaetzte sie nun so sehr, dass sie sich, wie ihre weiteren Fragen ergaben, schon in einem kleinen, beschraenkten Haeuschen sah und mit Aengsten an ihre Kinder dachte, die dadurch Entbehrungen erleiden wuerden. Teut erkannte besorgt, welchen Eindruck seine Worte hervorgerufen, welche Schreckbilder er unbeabsichtigt heraufbeschworen hatte. "Sie sollen nichts entbehren, liebe Freundin!" beruhigte er, hingerissen von Anges Anmut, von ihrem bei alten diesen Eroerterungen hervortretenden selbstlosen Wesen, und strich in heftiger Bewegung den Schnurrbart. "Nichts, meine teure Freundin! Ich stehe dafuer! Nur Ueberfluessiges, Thoerichtes wollen wir beseitigen. Schon um der Kinder willen werden wir--" Er betonte die Worte und stockte. Sie schaute ihn an. Was lag alles in diesen guten, klugen Augen, die sich mit solcher Innigkeit auf sie richteten. Und da riss es sie fort; sie schnellte empor und umschlang den troestenden Freund in stuermischer Freude mit ihren Armen. In diesem Augenblick oeffnete sich die Thuer; beide flogen auseinander. Clairefort aber, der sich zeigte, sagte mit einem eisigen Blick: "Ach, ich stoere wohl?" "Carlos, Carlos!" rief Ange, ahnend, dass sich etwas Furchtbares ereignen wuerde, und stuermte dem Fortgegangenen nach. Teut aber schlug heftig mit den Hacken der Reiterstiefel zusammen und seufzte einige Male tief auf. * * * * * "Wann kann ich die Ehre haben, Sie zu sprechen? von Clairefort." "Bitte, kommen Sie rasch! Ange." Teut blickte gedankenvoll auf zwei Blaettchen, die er empfangen hatte und die diese Worte enthielten. Seit einigen Tagen war er nicht zu Claireforts zurueckgekehrt; nun war geschehen, was er hatte kommen sehen. Er uebersetzte sich die Worte seiner Freunde in seine Sprache. "Rechtfertigen Sie sich!" lauteten diese.--"Eilen Sie, ich bin sehr ungluecklich und bedarf Ihres Trostes!" deutete er sich jene. Lange Zeit sass Teut gruebelnd da und liess alles, was geschehen war, noch einmal an seinem Geist voruebergehen. Hin und wieder erhob er den Blick, und dieser haftete mechanisch an den vielen Gegenstaenden, die seine Gemaecher ausfuellten. In einem genialen Durcheinander sah man die widersprechendsten Dinge. Auf einem seidenbezogenen Sessel lag ein neuer, ungebrauchter Sattel, an den Waenden zur Linken hingen, flankiert von ausgestopften Vogel- und anderen Tierkoepfen, Pistolen, Saebel und sonstige alte und neue Waffen. Die rechte Wandseite nahm ein uebergrosses, wundervoll ausgefuehrtes Frauenbrustbild in der zarten Manier Angelika Kaufmanns ein; daneben waren in unregelmaessigen Abstaenden Photographieen, zahlreiche Kupferstiche und Lithographieen aufgehaengt, teils Portraets, teils Jagd- und Reiterbilder: hier ein Sturz vom Pferde beim Rennen, dort rote Roecke mit Trara hinter dem fliehenden Wild im Walde. Auf den Tischen lagen Berge von Handschuhen, vertrocknete Blumen, aufgerufene Kartons und Jagdutensilien. Auf einem chinesischen Kaestchen erhob sich eine Bronzefigur Napoleons I. mit verschraenkten Armen. Ihm zur Seite stand eine halbnackte, zum Sprung ins Bad bereite Frauengestalt aus weissem Marmor. Auf einer an den Tisch gerueckten Etagere lagen in merkwuerdiger Ordnung zahlreiche Cigarrenetuis: viele mit Wappen in Silber oder Elfenbein; auch kostbar gebundene Buecher; daneben erhoben sich einige Medaillonbilder auf zierlichen Gestellen--und all diese Gegenstaende beherrschte eine weissschimmernde marmorne Klytia mit dem schwermuetig sanften Blick. Auf dem gruenen Teppich, der das ganze Zimmer bedeckte, war vor einem Schreibtisch das riesige Fell eines Eisbaeren ausgebreitet, und den ersteren bedeckten zahlreiche Schriften, Papier, aufgeschnittene Buecher und Schreibmaterialien, die sich um eine alte franzoesische Uhr gruppierten, welche hier Platz gefunden hatte. Und ringsum saubere hellpolierte oder tiefschwarze Moebel; auch einige primitiv gearbeitete, aber praktisch eingerichtete Schraenke, aus deren geoeffneten Schubladen Rehposten, Patronen und Pulversaecke hervorschauten. Endlich stand in der Mitte des Zimmers ein mit einem Tigerfell behangener Chaiselongue, der aber selten benutzt zu werden schien, denn eine ganze kleine Bibliothek war hier aufgeschichtet. Frueher hatte Teut taeglich viele Stunden in seiner Wohnung zugebracht. Er blaetterte in den Journalen, las die neuesten deutschen und franzoesischen Romane, empfing Billetdoux und beantwortete sie, schraubte wohl mit zufriedenem Laecheln einen Flintenlauf vom Kolben oder drueckte an dem Schloss und freute sich der schoenen Ciselierungen am Rohr. Oder er richtete im Nebengemach, im Esszimmer, ein Abendessen, bereitete selbst die Bowle und stand in lederner Hausjoppe neben Flaschen und Glaesern. Aber alles hatte seinen Reiz verloren. Jede Stunde, die er nicht im Dienst war, floh er die Raeume und eilte zu Ange. Aber noch mehr. Die rechte Freude am Dasein war dahin; es gab nur noch Kaempfe, Sorgen, Selbstueberwindungen, um ein gegebenes Wort zu erfuellen. Ihr guter Geist wollte er ja fortan auf Erden sein, das hatte er geschworen--ihr Freund--ihr stumm verzichtender Verehrer.-- "Kleine Ange, kleine liebe Ange," fluesterte der Mann und grub die Zaehne in die Lippen, um seiner innerlichen Erregung Herr zu werden. "Nun beginnt der grosse Roman--der Roman unseres Lebens!" * * * * * Teut beantwortete beide Briefe zugleich. Ange schrieb er: "Auch von Carlos erhielt ich einige Zeilen. Der kurze formelle Inhalt laesst mich schliessen, dass es sich um nichts Gutes handelt! Ich komme bestimmt heut abend. Dann sieht Sie Ihr getreuer Teut." Dem Freunde aber sandte er nur seine Karte und schrieb: "Ich besuche Sie kurz vor der Theestunde in Ihrem Zimmer. v.T." Als aber der Nachmittag kam, aenderte Teut seinen Entschluss. Es fiel ihm ein, dass er den Kameraden versprochen hatte, abends den Besuch eines Freundes im Kasino zu feiern. Er ging deshalb frueher zu Claireforts. Als er die Wohnung erreichte, stieg er, in Gedanken verloren und ohne sich umzusehen, die Treppe empor. Er wuenschte, obgleich er das Richtige zu vermuten glaubte, zunaechst von Ange zu erfahren, was vorgefallen sei, und dann Clairefort aufzusuchen. Zu seiner Ueberraschung fand er alle Thueren offen und weder jemanden im Empfangssalon noch in Anges Gemaechern, ueberall aber eine grosse Unordnung. Hier stand das Schaukelpferd eines der Knaben, dort hing, neben fortgeworfenem Spielzeug, eine Puppe mit gesenktem Kopf und schlaffen Armen rueckwaerts ueber einem Stuhlpolster. Auf dem Tisch des Wohngemaches lagen Kinderhuete und der hastig abgestreifte Paletot eines der Kinder. In Anges Schreibtisch war eine Schublade aufgezogen, und eine Sammlung von zartgefaerbten Handschuhen lag in wilder Unordnung durcheinander. Einer hing mit schlaffen Fingern ueber den Rand des Schubfaches hinaus. Teut schritt weiter bis an die Kinderzimmer. Er fand auch hier niemanden, aber ein aehnliches Durcheinander. Die Wohnung machte den Eindruck, als ob eine Familie in fliegender Hast, vor einer Gefahr fluechtend und alles im Stiche lassend, davongeeilt sei. Kopfschuettelnd ging Teut weiter und trat gegenueber in Claireforts Privatgemach. Er klopfte. Keine Antwort. Er oeffnete behutsam. Hier fand er es wie stets: dieselbe peinlich-uebertriebene Ordnung, derselbe duestere Ernst, derselbe Mangel an freundlichen, belebenden Eindruecken. Keine Blume, keine lebhaften Bilder! Ein Hauch von Schwermut lag ueber dem Gemach ausgebreitet und nur allzu deutlich drueckte sich in den Raeumen der Charakter seines Bewohners aus. Natuerlich that auch die Dienerschaft, unter solchem Beispiel und keine strenge Hand ueber sich fuehlend, was sie wollte. Nirgends ein maennliches oder ein weibliches Wesen, das nach dem Fortgang der Herrschaft die Thueren geschlossen und in den Zimmern Ordnung geschaffen haette. Teut wandte sich zurueck, und waehrend er noch ueberlegte, ob er nach Hause zurueckkehren oder warten solle, bis die offenbar auf einer Ausfahrt begriffene Familie wiederkommen werde, hoerte er Schritte. Er horchte auf und trat einen Augenblick beiseite. Es war Tibet, der geschaeftig ausraeumte, hier sich nach einem Spielzeug, dort nach einem Kleidungsstueck bueckte und ordnend die Hand an Tisch und Stuehle legte. Ja, Tibet, Tibet! Er uebernahm die Pflichten aller. "Die Herrschaften sind aus gefahren?" fragte Teut, nun hervortretend und den Kammerdiener begruessend. "Jawohl, Herr Baron. Frau Graefin macht Besuche mit den Kindern; der Herr Graf ist schon frueher fortgeritten." Er sprach in seiner gewohnten ehrerbietigen Weise und schob eine Puppe, die er gerade in der Hand hatte, verlegen hinter sich. Teut nickte und liess sich nieder. Es kam ihm sehr gelegen, den Vertrauten des Hauses einmal allein zu treffen, und er beschloss, ein Gespraech mit ihm anzuknuepfen. "Wie lange sind Sie eigentlich schon in der graeflichen Familie, Tibet?" "Seit meinem fuenfundzwanzigsten Jahre," erwiderte dieser mit einem melancholischen Anflug in der Stimme. "Im Hause der Familie Butin oder bei Claireforts?" "Bei Claireforts." "Und Sie hatten nie eine andere Beschaeftigung oder Taetigkeit?" "Doch, Herr Baron!" "Und welche?" "Ich wollte mich urspruenglich dem Kaufmannsstande widmen." "So so! Hatten Ihre Eltern schon Beziehungen zu der Familie?" "Nein, Herr Baron." "Sie sind wohl schon ein guter Vierziger, Tibet?" "Ja, Herr Baron." Nein--ja, Herr Baron! Auch im Verfolg des Gespraeches gab er diese einsilbigen Antworten. Dieser Mensch sprach nur, wenn man ihn fragte, und dann lediglich das Notwendigste. Teut beschloss, es anders anzufangen, und indem er in bekannter Weise die Stiefelhacken zusammenschlug und den Schnurrbart drehte, sagte er mit starker Betonung. "Tibet!" "Herr Baron!" "Ich weiss, dass Sie eine grosse Anhaenglichkeit an den Herrn Grafen und besonders auch an die Frau Graefin haben. Sie wissen zugleich, dass ich ein aufrichtiger Freund der Familie bin. Nicht wahr, Sie glauben das?" Statt zu antworten, sah Tibet Teut einen Augenblick mit hoechster Befremdung an. "Ja, ich verehre die Frau Graefin wie niemand sonst." Die zweite Frage ueberging er. "Gut. So dachte ich. Aber zu mir haben Sie wenig Vertrauen, Tibet, nicht wahr?" laechelte Teut. "Ich verstehe nicht, Herr Baron." Tibet schlug verlegen die Augen zu Boden. "Sie verstehen recht gut. Sprechen wir einmal offen miteinander." Tibet stand noch immer mit der Puppe in der Hand, die wie gelaehmt Arme und Beine haengen liess. Wenn man diesen grossen, hageren, ernsthaft dreinschauenden Mann in der dunklen Kleidung so dastehen sah, musste man unwillkuerlich laecheln. Als Teut die letzten Worte sprach, ueberfiel Tibet--man sah es deutlich--ein starkes Unbehagen. Zuletzt malten sich eine gewisse Abwehr, ja Trotz in seinen Mienen. "Also, Tibet," fuhr Teut unbekuemmert fort, "ohne Umschweife! Hier im Hause ist nicht alles, wie es sein soll. Die Graefin weiss keine Wirtschaft zu fuehren, der Graf leidet darunter--nicht nur in seiner Schatulle. Sie wissen das alles.--Das muss anders werden. Beide wuenschen es auch, aber die Graefin versteht es nicht zu aendern, und den Grafen halten andere Gruende zurueck. Ich moechte bei Zeiten etwas verhindern, was sonst unabaenderlich scheint. Wollen Sie mir helfen?" "Ich?" fragte Tibet kurz, starrkoepfig und fast aus der Rolle des Untergebenen fallend. "Ich bin ein Diener! Wie duerfte ich wagen, mich in die Angelegenheiten meiner Herrschaft zu mischen?" "Sie sind kein Diener hier im Hause, sondern ein Freund, zudem ein braver, ehrlicher Mann, Tibet. Versprechen Sie mir, um dieser Freundschaft willen, die Sie fuer die Familie hegen, mein treuer Verbuendeter zu werden!" Einige Augenblicke stand Tibet unbeweglich; die Puppe war jetzt so tief herabgesunken, dass die kleinen lackledernen Schuhe mit Kreuzbaendern den Fussboden beruehrten. Endlich sagte er aufschauend: "Herr Baron, ich will es mir ueberlegen. Ich danke Ihnen fuer Ihre gute Meinung. Gestatten Sie mir indessen jetzt--Ah, da kommen die Herrschaften bereits!" Und offenbar erleichtert und mit einer entschuldigenden Bewegung eilte er ans Fenster, guckte rasch hier- und dorthin und entfernte sich endlich, alle Siebensachen unter den Arm raffend, durch die nach dem Ausgang fuehrende Thuer. Teut sah nach der Uhr. Es war Tischzeit geworden und fuer seine Absichten somit zu spaet. Waehrend er noch zauderte, trat Clairefort von der entgegengesetzten Seite in den Salon, blickte ueberrascht auf, als er Teut in dem Stuhl sitzend fand, schritt foermlich auf ihn zu und sagte gezwungen: "Ah, ich glaubte Sie erst heut abend erwarten zu duerfen! Aber wenn es Ihnen gefaellig ist--Zugleich meinen Dank fuer Ihre Artigkeit. Ich waere natuerlich zu Ihnen--" "Bitte, bitte!" erwiderte Teut in seiner kurzen Weise. "Ich bin ja Ihr taeglicher Gast! Weshalb wollten Sie sich zu mir bemuehen? Ich stehe also ganz zu Ihrer Verfuegung." Mit diesen Worten machte er einige Schritte, Clairefort zu folgen. Aber zu gleicher Zeit oeffnete sich auch die Thuer und Ange, in einem reizenden Promenadenkostuem, das goldene Haar rueckwaerts in zwei nachlaessige Knoten geschlungen, die Wangen von der kalten Luft sanft geroetet, das Gesicht ganz umrahmt von einem kleinen, rosaseidenen Huetchen, trat rasch und lebhaft ins Zimmer. Ihr folgte die Schar ihrer Engel, eins schoener; grazioeser und vornehmer als das andere. In der That ein entzueckender Anblick. Des Grafen nicht achtend, ganz beschaeftigt mit dem Bilde, das sich ihm bot, eilte ihr Teut entgegen, und sie begruessten sich mit einer Herzlichkeit, als ob sie eine lange Zeit getrennt gewesen waeren. Aber in demselben Augenblick und waehrend die Kinder Teut jubelnd umringten, veraenderten sich Anges Zuege und erhielten einen furchtsamen Ausdruck. Da stand der Graf, finster, bleich, und biss sich auf die Lippen. Da stand er, der Herr des Hauses und weder Frau noch Kinder naeherten sich ihm. Aber alle umringten ihn--ihn, den Hausfreund, dem auch er sein groesstes Vertrauen geschenkt und den er doch in diesem Augenblick mehr hasste als den Tod. "Wartet mit dem Essen!" sagte Clairefort, seinen Unmut schlecht verbergend, und machte eine Bewegung gegen Teut, ihm zu folgen. Letzterer sah noch Anges erbleichendes Gesicht und warf ihr einen beruhigenden Blick zu. Dann schloss sich hinter beiden Maennern die Thuer. Als sie Platz genommen, knoepfte Clairefort den Rock auf und holte tief Atem. Teut aber sagte nachlaessig und mit einem Anflug von Ungeduld: "Nun, was steht zu Diensten, Clairefort?" Durch diesen Ton war jener schon halb entwaffnet; jedenfalls fand er nicht gleich das Wort. Und als er es noch immer nicht fand und, um es zu gewinnen, aufstand und das Fenster oeffnete, obgleich von draussen der Spaetherbstnachmittag kuehl ins Zimmer drang, erhob sich Teut und sagte: "Nun, Clairefort, dann will ich zuerst sprechen. Sie wuenschen abermals ueber Ihre Frau mit mir zu reden, oder richtiger ueber Ihre Frau und mich, und Sie wollen mir sagen, dass es besser ist, wenn alles beim alten bleibt, ja noch mehr, dass Sie mich mehr aus der Entfernung schaetzen als in Ihrer Naehe und deshalb--nein, ich bitte, lieber Clairefort, wir wollen einmal deutsch sprechen!--und deshalb wuenschen, dass ich meine Besuche einstelle. Sie sind in blinder, thoerichter Eifersucht befangen und zeigen dadurch, wie wenig Sie den Charakter Ihrer edlen Frau zu schaetzen wissen, wie gering Sie auch von mir denken. Aber da ich Ihnen nachfuehlen kann, ja heute mich ganz hineinzuversetzen vermag, weshalb es Ihnen schwer wird, zu thun, was Sie als recht befunden, was auszufuehren aber eine heilige Pflicht ist gegen Ihre Familie, gegen Ihr kuenftiges Wohlergehen, deshalb sagte ich als Freund, der Ihre Frau wie eine Schwester liebt und der Ihnen warm und herzlich zugethan ist: 'ich will Dir helfen. Lasse mich handeln, und wenn's gelungen ist, dann heisse mich meinethalben gehen.' So wollte ich es, so dachte ich es! Sie, Clairefort, zweifelten schon bei dem ersten Schritt, den ich that, wie mir scheinen will, an meiner Aufrichtigkeit und an der Reinheit meiner Gesinnungen. Als Ihre Frau mir dankte und es in ihrem kindlichen Herzen ueberstroemte, standen Sie da wie ein zorniger Brigant und kaempften nur muehsam Ihre Leidenschaft nieder. Und nun noch eins! Jederzeit bin ich fuer Ihre Frau auf der Welt--fuer sie und ihre Kinder! Aber ich bitte Sie auch um derentwillen, unterdruecken Sie so falsche, durch nichts gerechtfertigte Regungen! Habe ich durch meine Rede unangenehme Empfindungen geweckt, habe ich Ihnen gar wehe gethan, Clairefort, so sehen Sie mir dies nach! Vergessen Sie! Es musste Klarheit zwischen uns sein! So, und jetzt lassen Sie mich gehen. Ich wuensche noch, Ihrer Frau zu sagen, dass wir uns als Maenner ausgesprochen haben. Ich wuensche es, weil ich den furchtsamen Blick in ihrem lieben Gesicht beobachtete und sie niemals leiden sehen moechte, wo immer es in meiner Macht steht, dies zu verhindern." Clairefort hatte das Fenster wieder geschlossen. Er stand, das Gesicht der Scheibe zugewendet, bewegungslos. Einigemal hatte es in seinem Koerper gezuckt, mehreremal ballte er die Faust--aber er hatte kein Wort entgegnet und sprach auch jetzt nicht. Als Teut sich zur Thuer wandte, als sich in seinem langsamen Schritt nicht Zwang, wohl aber die Erwartung einer Erwiderung von jener Seite ausdrueckte, kehrte sich Clairefort zu ihm. Es war feucht in seinen Augen, ein unsagbarer Schmerz irrte um seine zuckenden Mundwinkel, und er sah Teut mit einem so hilflosen Blicke an, dass dieser auf ihn zueilte und ihm die Hand drueckte.-- War nun endlich alles im alten Geleise? Teut war darueber nicht im klaren. Ange aber schmiegte sich aengstlich und fragend an den Freund, als er ihr Gemach betrat. Sobald er aber auf ihre hastigen Fragen mit jener vertrauenerweckenden Ruhe antwortete, die ihn so anziehend machte, entwichen die ernsten Schatten auf ihrem Gesicht, wiederbelebte Hoffnung verschoente ihre Zuege und in ihrem unzerstoerbaren Sanguinismus glaubte sie schon wieder das Beste. "Sie bleiben heute nicht zu Tisch, Teut? Wann kommen Sie? Wann reiten wir aus? Sie sind doch morgen bei dem Diner? Sehen wir uns noch?" So fragte sie und so schien bereits alles wieder verwischt, was sie noch eben so zaghaft beruehrt hatte. * * * * * Die Zeit war vergangen. Teut hatte durchgesetzt, was er wollte. Der groesste Teil der Dienerschaft wurde entfernt. In das Hauswesen, in Kueche und Keller kam eine andere Ordnung, in die Erziehung der Kinder ein anderer Geist. Die neue Gouvernante erhielt die gemessensten Befehle und empfing Vollmachten, die verhinderten, dass das fruehere planlose Treiben fortgesetzt wurde. Unter dem Vorgeben, dass ein trauriges Familienereignis verbiete, Gesellschaften mitzumachen und in gewohnter Weise Besuch im Hause zu empfangen, ward auch diese kostspielige Seite des bisherigen Lebens einschraenkt, und Ange musste sich dazu verstehen, mit einer streng begrenzten Summe die eigene Toilette und die ihrer Kinder zu bestreiten. Das alles schaute sie mit harter Nuechternheit an; die Schule des Lebens schlaegt ihre Pfade nicht durch bluehende Buesche, sie fordert Entbehrungen und Kaempfe. "Wo sind die Kinder?" fragte Ange, und die Antwort hiess: "Sie lernen, sie haben Unterricht." Wenn sie den Kopf in die Thuer steckte, sah sie das strenge, unbewegliche Gesicht der neuen Gouvernante und oft genug ein Thraenlein in den Augen ihrer Lieblinge. Die Befriedigung augenblicklicher Neigungen stiess auf Schwierigkeiten. Wenn sie Einkaeufe gemacht hatte und die Rechnung vorgelegt wurde, gab es Szenen mit Carlos. Er sandte den Diener ohne Geld zurueck und dieser stand ratlos da. Tibet lief mit bedrueckter Miene hin und her, und durch die offene Thuer sah Ange den wartenden Boten, der nicht befriedigt wurde, und die betroffenen Gesichter ihrer Umgebung, die ihre stummen Bemerkungen machten. "Konrad soll anspannen!" befahl sie, und wenn sie zum Ausfahren geruestet, hinabsteigen wollte, stand statt des Wagens der Kutscher vor ihr und erklaerte, das eine Pferd sei krank. Ange fragte nicht, weshalb man statt der Schimmel nicht die Braunen anspanne; die Braunen waren verkauft worden. Wenn es ihr ploetzlich durch den Kopf fuhr, wie frueher Freunde um sich zu versammeln, schuettelte Carlos den Kopf, und statt des reich beladenen Fruehstueckstisches, welcher fuer gern gesehene Gaeste immer bereit gewesen war, standen nun kleine Brotschnittchen neben einer bereits angebrochenen Flasche Wein auf der sauber gedeckten, aber kargen Tafel. Nichts durfte mehr angeschrieben werden. Tibet erklaerte, lediglich Geld fuer die taeglichen Beduerfnisse zu haben und besondere Ausgaben nur nach Ruecksprache mit dem Grafen bestreiten zu koennen. Drunten in Kueche und Stall begegnete man muerrischen Mienen. Teils wirkte die Kuendigung nach, teils verglich man die alten Zeiten mit den neuen und fand sich enttaeuscht. Die reichlichen Trinkgelder, welche die Gaeste bei dem taeglichen Verkehr und nach den vielen Gesellschaften in die Haende der Dienerschaft hatten gleiten lassen, blieben jetzt aus. Die Familie Clairefort ward von ihrer eigenen Umgebung haemisch und tadelnd beschwatzt, und an die ploetzlichen Veraenderungen und Einschraenkungen knuepften sich zudem die uebertriebenen Vermutungen. Bisweilen wandte sich Ange in ihrer Ratlosigkeit an Carlos und bat ihn, in einigen Dingen nachzugeben. Sie schilderte ihm die vielen kleinen Ungelegenheiten, berichtete von diesem und jenem und forderte Abhilfe. Wenn sie dann so eindringlich auf ihn einsprach und mit ihrer bezaubernden Art durchzusetzen versuchte, was sie wuenschte, gab er wohl nach; ja einigemal brauste er sogar auf, und boese Worte gegen Teut entschluepften ihm. Aber nur, wenn Erinnerungen an fruehere Zeiten seinen Stolz weckten, wenn er Teuts Hand allzu deutlich zu erkennen glaubte, dann ueberfiel ihn ein eigensinniger Widerstand, und die Eifersucht verfuehrte ihn zu falschen Deutungen. Es erfolgten dann Auseinandersetzungen mit dem Rittmeister, der aber stets ruhig blieb und immer wieder auf die festen Abmachungen verwies, welche von Anbeginn vereinbart waren. Anges Klagen entstanden freilich immer nur aus Hilflosigkeit; sie dachte niemals an sich. Wenn aber das Schluchzen der Kinder ueber die ihnen geraubte Freiheit an ihr Ohr schlug, verliessen sie alte guten Vorsaetze. Oft fluechtete sie sich mit ihrem Kummer in ein entfernteres Gemach und weinte sich dort aus. Es gab Augenblicke, wo sie haette Teut hassen koennen. Aber dieser feste Charakter liess sich nicht beirren. Es schien, als ob er unempfindlich sei gegen jeden Angriff, jeden Vorwurf und Tadel. In seiner kurzen, bestimmten Art verteidigte er seinen Standpunkt, liess sich nicht ueberreden und nicht ueberzeugen, und nur einmal, als es ihm gar zu arg wurde, riss er an dem langen Schnurrbart und rief: "Entweder--oder! Ich habe Euer beiderseitiges Wort! Reut es Euch, macht's nach Eurem Behagen!" Freilich sah Teut auch, nachdem er alles geordnet, dass die Froehlichkeit ihren. Auszug aus dem Hause gehalten hatte. Clairefort ward ernster, missmutiger, unzugaenglicher als je, und Ange, der leichtbeschwingte Vogel, der Freiheit und Bewegung, Licht und Luft um sich fuehlen musste, liess die Fluegel haengen. Einigemal griff sich Teut an die Stirn und ueberlegte, ob er auch recht gehandelt habe. Allerdings, verstaendige Verhaeltnisse waren geschaffen, aber alles schien in dem Hause geknickt. Die Kinder, diese frischen, ungebundenen und zaertlichen Geschoepfe, schlichen eingeschuechtert und befangen umher. Die Zucht in den Schulstunden, die Arbeiten, die sie ausser diesen beschaeftigten, der jetzt fehlende froehliche Trost, den sie frueher bei Mama Ange fanden, machte sie verdrossen und verschlossen, und es zeigte sich, dass sie der Geist der Mutter beherrsche, der nun einmal nur im hellen Sonnenlicht und in der Freiheit gedeihen konnte. Und die Rueckwirkung blieb auch bei Teut trotz aeusserer Unempfindlichkeit nicht aus. Mit Wehmut sah er, wie ernst Ange geworden war und wie sie sich nach dem alten, zwanglosen Leben zuruecksehnte. Selten noch toente ihr helles, herzliches Lachen durch die Raeume. Einmal fand er sie weinend unter den Kindern sitzen und sich muehend, ihnen bei ihren Arbeiten zu helfen. Kein heiterer Zug glitt ueber ihr Gesicht, als Teut sich naeherte, und die wohlerzogenen Kleinen erhoben sich, gaben ihre Haendchen und machten ihre Knixe, statt wie frueher stuermisch auf ihn zuzueilen und ihn zu umschlingen. Jeden Tag sandte Teut das frische Bouquet, jeden Tag nahm es Ange entgegen, aber sie hatte keine Freude mehr daran. "Ach, schicken Sie doch nicht die schoenen Blumen, Teut; sie verwelken ja doch--und es ist ueberfluessig--und kostspielig--" Sie wandte sich ab und suchte ihre Thraenen zu verbergen. "Ange! Ange!" rief Teut. "Das von Ihnen? Sagen Sie mir, was Sie bekuemmert, weshalb Sie so hart, so ungerecht gegen mich sind?" "Schaffen Sie die Gouvernante aus dem Hause; ich hasse die Person!" rief Ange in furchtbarer Erregung. "Aber bald, bald, sonst passiert ein Unglueck! Sie vergiftet meine suessen Kinder mit ihrer Strenge, ihrer Pedanterie und ihrer scheinheiligen Christenlehre. Sehen Sie doch--was man aus ihnen gemacht hat? Ist das noch mein feuriger Carlitos, sind das meine Erna und Jorinde; und die beiden besten Kinder, Ben und Fred? Was ist aus ihnen geworden? Ange habe ich ihr schon entzogen! Sie hat das kleine Geschoepf mit einem Lineal geschlagen! O, ich erwuerge diese Person naechstens!" "Ange, Ange, beruhigen Sie sich! Vieles kann ja nach Ihren Wuenschen geschehen! Carlos wird gewiss gutheissen, was Sie verstaendigerweise anordnen." "Er? Der? Sitzt er nicht auf seinem Zimmer und gruebelt den ganzen Tag? Sehen wir ihn anders als bei den Mahlzeiten? Ist er noch mein bester, heissgeliebter Mann?--Ein verdriesslicher Hypochonder, ein rauher, abwehrender Mensch hockt drueben, der an nichts Freude hat--nicht einmal"--jetzt traf bitterliches Schluchzen Teuts Ohr--"an seiner Familie, an seinen Kindern! O, wie grenzenlos ungluecklich bin ich! Wo ist die alte, gute Zeit geblieben! Unser Haus ist ja eine Totengruft geworden!" Unter heftiger Bewegung hoerte Teut das alles an. Trug er denn die Schuld? Hatte er das alles heraufbeschworen?--Vielleicht! Er erkannte, dass meistens nur die Not selbst zur Lehrmeisterin der Menschen wird. Er hatte eingegriffen in die Plaene des Schicksals. Statt aus dem Regen den Sonnenschein von neuem hervorbrechen zu lassen, hatte er diesem zu fruehzeitig ein Dach gebaut, und ein Dach, welches das goldene Licht verscheuchte. * * * * * Teut sass in seinem Zimmer und arbeitete. Seit Stunden war er nicht vom Schreibtisch gewichen, und einige Male lehnte er sich zurueck und blickte sinnend und verloren die Pinselstriche der fluechtigen Malerei zaehlend, zur Decke empor. Die letzten Vorgaenge hatten einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht. Er litt mit seiner geliebten Ange und verstand alles und sann, wie ihr zu helfen sei. Aber konnte er ihr die sorglose Froehlichkeit zurueckgeben? Konnte er sie wieder jung machen? Was sie innerlich litt, uebertrug sich auf ihre Erscheinung. Schon begann sich etwas von dem holden Zauber zu loesen, der sie vor Jahren so unwiderstehlich gemacht hatte. Und dann sagte er sich doch, dass nicht die veraenderte Lebensweise schuld sein koenne, sondern ganz andere Dinge Ange beschaeftigen muessten. Ja, das war es! Sie war nicht gluecklich in ihrer Ehe, und den Ersatz, welchen sie frueher in ihren Kindern fand, entbehrte sie jetzt doppelt, da man sie ihr halb genommen hatte. Aber das letztere konnte doch wieder ins rechte Geleis gebracht werden. Ein Wechsel in der Persoenlichkeit, die den Unterricht erteilte, war schnell zu bewerkstelligen. Es brauchte nicht alles wie bisher auf die Spitze getrieben zu werden: es gab auch freundliche Ermahnungen statt ruecksichtslose Strenge, und es handelte sich nicht um Lernen und Wissen allein. Der gute Mittelweg war auch hier der richtige, und indem man diesen einschlug, wuerde wiederkehren, wonach Ange verlangte. Eines stand fest in Teut: auch jetzt musste er eingreifen, da Clairefort zu keiner Initiative zu bewegen war. Wie oft hatte Ange geklagt, dass sie nicht auszukommen vermoege, wie sehr sie sich einschraenken muesse. Clairefort blieb bei alledem taub. Aus ihm war jetzt ein aengstlicher Sparer, ein Geizhals geworden. "Kann ich Sie heute einmal ruhig sprechen? Sind Sie zu hoeren aufgelegt, liebe Ange?" fragte Teut an einem der naechsten Tage. Sie nickte und legte die Haende in den Schoss. Seltsam! Teut bemerkte, dass sie sich vernachlaessigte, keinen sonderlichen Wert mehr auf ihr Aeusseres legte: auf Blumen und Schmuck wie frueher. Auch heute sah sie unvorteilhaft aus. Das graue Hauskleid stand ihr nicht eben gut, und das wundervolle Haar sass versteckt unter einer Haube, die sie um viele Jahre aelter machte. "Ich wollte Ihnen nach unserem letzten Gespraech eine Bitte vorlegen," fuhr Teut fort. "Ich habe viel ueber das nachgedacht, was Sie mir gesagt haben." Sie neigte das Haupt, ohne Ausdruck in ihrem stillen Gesicht. "Ich hoere, dass Carlos seinen Abschied nehmen will, dass er ihn nehmen muss--" "Wie?" unterbrach ihn Ange aengstlich. "Ja! Sein Zustand--sein hartnaeckiges Nervenleiden macht ihm die Ausuebung seiner militaerischen Pflichten unmoeglich. Besser denn, bei Zeiten die anstrengende Thaetigkeit einstellen. Aber--dadurch wird sich--Ihre Einnahme noch mehr verkleinern, Ange--" "Ja gewiss!" sagte sie tonlos. "Da wollte ich denn--"--er zoegerte, riss an seinem Schnurrbart und eine seltsame Roete trat auf seine starken Backenknochen--"Sie bitten, Ange. dass Sie mich wie einen Bruder ansehen moegen, dass Sie--ich weiss nicht, ob Sie mich verstehen, Ange--dass wenn Sie etwa einmal einen Wunsch haben--etwa fuer die Kinder einen Wunsch haben sollten--wenn--wenn--Sie hoeren nicht, Ange?" "O, o!" hauchte die junge Frau. "Nicht weiter!" Ihre Stimme versagte vor Ruehrung; sie vermochte nicht zu sprechen, und sie trocknete die Thraenen mit dem Tuechelchen, das sie hervorgezogen hatte. "Doch, doch," sagte Teut weich und ergriff ihre Hand, ihre kleine Hand, die so schmal und krank heute aussah. Aber weiter wagte er nicht zu sprechen; es trat eine laengere Pause ein. Die Dinge ringsum erschienen noch ernster, stummer als sonst. Es wehte ein Hauch von trostloser Oede durch das Haus, in dem das Lachen erstorben war. "Und die Gouvernante? die Gouvernante? Schicken wir sie fort?" fluesterte Ange zaghaft. Sie dachte nicht an sich: immer waren es die Kinder, mit denen sie sich in ihren Gedanken beschaeftigte. "Gewiss, gewiss!" betaetigte Teut lebhaft. "Noch heute spreche ich mit Carlos! Alles, alles soll sich nach Ihren Wuenschen gestalten! Alles, was Sie, meine teure Ange, wieder froehlich--und gluecklich machen kann!" "Ein Gott, kein Mensch sind Sie!" toente es von Anges Lippen. Sie verbarg ihr Gesicht in den Haenden und schluchzte. Teut stand auf und trat ihr naeher. Sie erhob den Blick--einen Blick, in dem der Abglanz ihrer Seele sich spiegelte, einen Blick, in dem der Mann alles fand, was er je zu hoffen gewuenscht, und alles, was im Austausch Liebe gegen Liebe zu geben vermag! Es war vorauszusehen, dass von dem, was sich im Laufe der Zeit in der Clairefortschen Familie zugetragen hatte, mancherlei hinausdrang, und dass die oeffentliche Meinung sich begierig und mit wenig Wohlwollen eines Gegenstandes bemaechtigte, der zu so verschiedenen Deutungen Anlass gab. In erster Linie ward das Verhaeltnis Teuts zu Frau Ange besprochen, und es fand kaum ein muendlicher Austausch in den C.schen Gesellschaftskreisen statt, ohne dass die holde Frau mit boesen Nachreden ueberschuettet ward. Wie der Sturm ruecksichtslos ueber ein in seinem unschuldigen weissen Bluetenschmuck stehendes Baeumchen dahinwuetet, so zerpflueckte man Anges Ehre und guten Ruf. Da der Graf, hiess es, ein bedauernswerter, durch sein Nervenleiden kaum mehr zurechnungsfaehiger Mann waere, sei es nicht zu verwundern, dass das empoerende Treiben ungeahndet unter seinen Augen sich vollziehe. Auch koenne man es einem lebenslustigen, unverheirateten Husarenrittmeister nicht veruebeln, wenn er die suessen Fruechte, welche eine so verfuehrerische und gefallsuechtige Frau ihm darbiete, nicht zurueckweise. Aergererregend genug sei es, dass er nicht einmal die gewoehnlichen Ruecksichten beobachte und das Verhaeltnis so offen zu Tage treten lasse; aber auch das werde durch ihr exzentrisches und leichtfertiges Wesen eher entschuldigt. In dieser und aehnlicher Weise erging sich die Gesellschaft in ihrem Urteil und hielt es--selbst nur allzu erprobt in Dingen, die man jenen unterzuschieben sich unterfing--fuer unmoeglich, dass Menschen etwas anderes verbinden koenne als eine strafbare Leidenschaft. Aber man blieb dabei nicht stehen. Die Vermoegensverhaeltnisse Claireforts wurden gleichfalls einer Beurteilung unterzogen. Es sei nichts mit dem grossen Reichtum! Nur der masslosen Verschwendungssucht der Frau widerstandslos nachgebend, habe Clairefort die Villa in solcher luxurioesen Weise herrichten lassen und einen Aufwand gutgeheissen, der jeder Beschreibung spotte. Nun sei der Rueckschlag bereits eingetreten. Niemand wolle mehr Kredit geben; ja, man habe den Dienstboten, welche man entlassen musste, kaum den Lohn zahlen koennen. Des Grafen schwermuetiges Leiden sei auf diese mit taeglicher Sorge verknuepften Verhaeltnisse zurueckzufuehren, und wenn von seinem Abschied die Rede, so sei dieser wohl kein freiwilliger. Ah, und diese Kinder! Habe man jemals eine unverantwortlichere Erziehung erlebt? Wie die Affen wandelten sie einher und erregten Aerger bei alt und jung durch ihre Geziertheit und ihr hochmuetiges Auftreten. Zuletzt gedachte man auch noch des geheimnisvollen Verhaeltnisses zwischen Tibet und dem Grafen und bezeichnete den Kammerdiener als einen gefaehrlichen Menschen, der im Trueben fische und das sonderbar erscheinende Vertrauen, das man ihm schenke, lediglich zu seinem Vorteil ausbeute. Bisher war Teut nichts von allen diesen Dingen zu Ohren gekommen. Es lag auch in der Natur der Sache, dass man gegen ihn Verhaeltnisse nicht beruehrte, in denen er selbst eine so hervortretende Rolle spielte. Inzwischen aber ereignete sich etwas, das ihm ueber die Anschauungen der Menge die Augen oeffnete und was nicht ohne Rueckwirkung auf ihn selbst blieb. Die Offiziere verkehrten haeufig in der Familie eines Herrn von Ink, eines Gutsbesitzers, der vor laengeren Jahren, bei Gelegenheit einer zweiten Heirat, seinen Besitz verkauft und eine Uebersiedelung in die Stadt bewirkt hatte. Er war ein mehr als harmloser Mensch, der niemandem sonderlich gefiel, aber auch niemandem im Wege stand. Seine Gattin dagegen gehoerte zu jenen Frauen, deren ruecksichtsloser Egoismus und deren mit einem bedeutenden Verstand verbundene Thatkraft oftmals bedauern lassen, dass ihnen nicht eine andere Stellung und ein anderer Wirkungskreis in der Welt angewiesen ist. Frau Olga konnte nur hassen oder lieben; richtiger gesagt: nur hassen oder die Menschen sich dienstbar machen, denn sie besass neben einem uebertriebenen Hochmut, wenig Herz und zertrat ohne Bedenken, was sich ihr hindernd in den Weg stellte. Es war indessen bei allen diesen Eigenschaften bezeichnend, dass sie gegen Menschen, die eine Stellung in der Gesellschaft einnahmen, sich von einer geschmeidigen Hoeflichkeit zeigte und nicht ruhte, bis es ihr gelang, in einen engeren Verkehr mit ihnen zu treten. Ihr Hauswesen war musterhaft geordnet; man amuesierte sich gut in dem Inkschen Hause. Frau Olga befolgte eine weise Lehre, die so wenigen bekannt ist und jedenfalls selten befolgt wird. Sie betrachtete den Gast wie einen Vogel, der sich nach seiner Neigung hier oder dort unter den Baum fluechtet, nascht, zwitschert und nach Geschmack und Laune wieder davonfliegt. Der Verkehr mit dem sprichwoertlich reichen Rittmeister Baron von Teut-Eder war seit Jahren fuer Frau Olga eine unerfuellte Hoffnung geblieben. Alle ihre Versuche, ihn heranzuziehen, scheiterten an seiner hoeflichen, aber entschiedenen Abwehr. Dies reizte Frau von Ink um so mehr, als Widerstand in solchen Faellen den Wert erhoeht. Ueberdies besass sie drei Toechter, von denen eine aus der ersten Ehe ihres Gatten stammte. Klara von Ink, ein blasses, aeusserst grazioeses, aber nicht mehr ganz junges Maedchen, sah man haeufig mit verweinten Augen. Zwei Menschen konnten sich nicht ehrlicher hassen als Mutter und Stieftochter, aber selten fand man auch zwei so verschiedene Charaktern. Klara war eine offene, aufrichtige, allem Schein abgeneigte Natur, waehrend die Tiefen der Seele einer Frau Olga noch niemand ergruendet hatte. Natuerlich wuenschte Frau von Ink ihre beiden recht huebschen Kinder zu verheiraten, aber nicht minder lag ihr daran, sich endlich Klaras zu entledigen. Teut war eine ueberaus glaenzende Partie. Beide passten im Alter zusammen, und aus dieser Verbindung konnten sich ebensoviele Annehmlichkeiten entwickeln, wie jetzt Misshelligkeiten an der Tagesordnung waren. Im uebrigen wuerde Frau Olga auch ihrer Tochter gleichen Namens oder der huebschen Eva nichts in den Weg gestellt haben, obgleich der Rittmeister fast deren Vater haette sein koennen. Ink und Teut hatten sich neuerdings bei einem Pferdehandel beruehrt. Daraus entwickelte sich eine mehrfache Begegnung, die mit sich fuehrte, dass Herr von Ink den Rittmeister eines Vormittags in sein Haus einzutreten und ihn an dem eben servierten Fruehstueck teil zu nehmen bat. Teut konnte sich dem nicht entziehen, und nun hatte die ehrsuechtige Frau endlich ihren Wunsch erreicht! Bevor der Gast Abschied nahm, musste er wohl oder uebel noch eine Einladung zu einem unmittelbar bevorstehenden Diner annehmen. Welch ein Triumph fuer Frau Olga, die sicher eine der gewohnheitsmaessigen Absagen im letzten Augenblick gefuerchtet hatte, als der vielbesprochene Baron wirklich zu der festgesetzten Stunde eintraf und damit dauernd fuer das Inksche Haus gewonnen zu sein schien. Aber auch noch einen anderen laengst verfolgten Plan hoffte Frau Olga durch die Annaeherung an den Rittmeister zu erreichen. Auch Claireforts gehoerten zu den Personen, mit denen es ihr nicht gelungen war, in naehere Beruehrung zu treten, und nun fand sie eine bequeme und, wie sie vermeinte, sichere Anknuepfung durch Teut. Die graefliche Familie einmal bei sich zu sehen, einen Blick in das dortige Hauswesen werfen zu koennen oder gar mit Claireforts dauernd zu verkehren, gehoerte zu jenen sehnsuechtigen Wuenschen, deren Erfuellung sie kaum zu hoffen gewagt. Schon bei dem Mittagessen--Teut hatte als letzter eingetretener Gast die Ehre, die Frau des Hauses zu fuehren--brachte Olga das Gespraech auf Claireforts, aber dieser wich geschickt aus. Er erzaehlte kurz und bedauernd, dass es seinem Freunde koerperlich und geistig schlecht gehe, dass die Frau Graefin sich infolgedessen mehr und mehr von aller Geselligkeit habe zurueckziehen muessen und im uebrigen die vollendetste Frau unter Gottes Sonne sei. Er liess auch einiges ueber seine Person und seine Verhaeltnisse fallen und erwaehnte, dass die Verwaltung seiner Besitztuemer durch fremde Hand manche Unzutraeglichkeiten mit sich fuehre. Er sei aber, wie er hinzufuegte, ein Gewohnheitsmensch und zudem ein eingereichter Soldat, der nur sein Handwerk, seine Pferde und die Jagd liebe und dabei doch so bequem werde, dass er beispielsweise eine Einladung seines Vetters zu einem auf acht Tage berechneten Feste auf dessen Guetern ausgeschlagen habe. Nur eins haette ihn bestimmen koennen, seines Verwandten Aufforderung Folge zu leisten, und zwar der Wunsch, darauf hinzuwirken, dass dieser unverbesserliche Junggeselle nun endlich heirate. "Ah, das sagen Sie?" rief Frau von Ink, von diesem Gespraech besonders gefesselt, "Sie, der Sie ja fast ein Weiberfeind sind, das heisst--mit einer Ausnahme," fuegte sie laechelnd hinzu. "Ich bestreite dies entschieden, gnaedige Frau," erwiderte Teut, ohne den Schlusssatz zu beachten. "Ich verehre die Frauen wie alles Schoene auf der Welt, aber ich habe kein Glueck und kein Geschick im Verkehr mit ihnen. Zudem--je aelter man wird--" "Sie sprechen von Alter!?" Teut nickte. "Gewiss, wie hoch schaetzen Sie mich, gnaedige Frau?" "Nun, jedenfalls sind Sie in dem besten--im Heiratsalter. Was, liebes Kind?" unterbrach sie sich entschuldigend, als ploetzlich Eva hinter ihren Stuhl trat und eine Frage an sie richtete. Teut schob sich artig zurueck, waehrend die Damen einige Worte austauschten, und zugleich beobachtete er Olgas Tochter genauer. Eva glich einer wilden Rose in ihrer Erscheinung: sie war in der That sehr huebsch, aber das Gesicht war geistlos. "Ich bitte um Verzeihung!" wandte sich Frau Olga wieder zu ihrem Gast. "Ein schoenes junges Maedchen," sagte Teut verbindlich und von einer gewissen Absicht beherrscht. "Sie haben hier gleich einen Beweis, dass es unmoeglich ist, die Frauen nicht zu verehren." Frau Olga sah mit einem Anflug angenehmer Ueberraschung den Sprechenden an. Hatte sie recht gehoert? Sie wusste von Teut, dass er wohl Derbheiten, aber selten Artigkeiten zu sagen pflegte. "Ah, Sie Spoetter!" erwiderte sie, in der Absicht, mehr zu hoeren. Teut aber laechelte und schwieg. Es gefiel ihm, sie in Zweifel zu lassen. Endlich sagte er: "Ihre beiden Juengsten--Zwillinge, wenn ich nicht irre?--sind gleich liebreizend. Das ist sehr schlimm." "Schlimm? Wie so? selbst unter der Voraussetzung der Richtigkeit Ihrer schmeichelhaften Behauptung." "Nun schlimm insofern, gnaedige Frau! als doch niemand beide Damen zu heiraten vermag, und weil eine von ihnen zu waehlen, neben der hoechsten Befriedigung des Besitzes zugleich den hoechsten Schmerz ueber einen sicheren Verlust hervorrufen wuerde." "Ich vermute, Sie wollen ein wenig Spott treiben," sagte Frau Olga. "Ueberhaupt--und damit zugleich ein offenes Bekenntnis--, nachdem ich endlich das Glueck habe, Sie naeher kennen lernen zu duerfen, finde ich doch die Bestaetigung dessen, was man mir so oft erzaehlt hat." "Nur eine Bestaetigung?" scherzte Teut. "Ich hatte gehofft, dass meine Person die Beschreibung weit uebertraefe, denn ich bin ueberzeugt, Sie finden nur Gutes." "Wer weiss! Sie sind der erste Mann, der mir im Leben begegnet ist, vor dessen Sarkasmus ich mich fuerchte." Dergleichen halbe Artigkeiten und halben Tadel enthaltende Aeusserungen liebte Frau Olga. Sie hatte unzaehlige bereit, wenn sie jemanden fesseln wollte. Zu ihrem Erstaunen sagte Teut ernst: "Es liegt vielleicht etwas Berechtigtes darin, gnaedige Frau. Ich bin ein so ehrlicher Hasser der gesellschaftlichen Luege und Vergeltung, dass ich ruecksichtslos meine Meinung, oft genug meinen Abscheu dagegen ausspreche. Und natuerlich, jeder, der nicht mit Komoedie spielt, wird naturgemaess gefuerchtet." Frau Olga kam in eine etwas unbequeme Stimmung; es war ja fast undenkbar, dass ein Mann von so guter Erziehung wie Teut diese Bemerkung gegen sie persoenlich zugespitzt hatte, aber andererseits konnte sie kaum anders, als diese auf sich beziehen. Es lag auch in ihrer Art, dergleichen nicht zu uebergehen, denn ihre Klugheit verliess sie nur allzu haeufig, wenn ihre Empfindlichkeit oder ihre Eitelkeit verletzt wurden. Sie entgegnete deshalb in einem recht schroffen Tone: "Nein, meine Furcht stuetzt sich auf etwas anderes, Herr Rittmeister. Was Sie hervorheben, koennte ja in unserem Verkehr ueberhaupt keinen Anlass zu einer solchen geben!" "Natuerlich," sagte Teut ernsthaft, liess aber einen infam ironischen Zug um seine Mundwinkel spielen. "Und bitte, weiter, meine Gnaedige?" Frau Olga hob in einiger Erregung das Glas empor, das Teut eben gefuellt hatte, trank es hastig aus und erwiderte, muehsam ihren Unmut versteckend: "Ich liebe die Gradheit und Offenheit wie Sie. Diese kann mich nur mit Respekt erfuellen und wird mir nie Unbehagen einfloessen. Aber Ihre--" Sie stockte. "Nun, gnaedige Frau?" "Ah, gleichviel!" machte Olga und zuckte die Achseln. "Wie, meine gnaedige Frau," sagte Teut in einem verbindlichen Tone und doch mit demselben teuflischen Laecheln, "Sie laden mich in Ihr sonst so unvergleichliches Haus und wollen mich auf die Folter spannen? Ist das christlich? Ich bitte--wenn nicht etwas Bedenkliches fuer mich die Folge sein soll--" "Ja, ja! Das ist es! Sie sind boshaft! Sie sind's auch jetzt! Das ist eine Eigenschaft, die mir allerdings Furcht einfloesst, ja, die ich hasse, denn es giebt gegen diese keine Waffen." In diesem Augenblick schlug Herr von Ink ans Glas und brachte eine seiner gewoehnlichen geistlosen Gesundheiten aus. Auch das reizte Frau Olga. "Sehr, sehr huebsch!" warf Teut hin und bewegte den Kopf. Frau Olga haette ihn mit dem silbernen Fischmesser toeten koennen. Nach dem Diner ging man in den Garten und nahm den Kaffee. Sodann wurde ein Ausflug zu Pferde und Wagen geplant. Vor dem Inkschen Hause hielten bereits die Stallknechte mit den Reitpferden, und die Kutscher warteten auf dem Bock. Teut, der meistens in einem zierlich gebauten, fuer zwei Personen berechneten Wagen kutschierte und dessen langgeschweifte, dunkelschwarze Renner ihm allseitig beneidet wurden, bot Frau Olga den Platz in seinem Wagen an. Sie war sehr gluecklich ueber diese Auszeichnung, um so mehr, als bisher nur Frau Ange Clairefort eine solche genossen, freilich so oft genossen hatte, dass der verleumdungssuechtige Mund der Stadt dies Fuhrwerk schon mit einem Spottnamen belegt hatte. Der Nachmittag war herrlich. Man hatte mit Ruecksicht auf den Ausflug frueher gespeist, und es winkten angenehme Stunden. Als alles sich passend zusammengefunden hatte, gab Rittmeister von Zirp, der haeufigste Gast des Hauses, ein nicht ganz uebler, aber wegen seiner unbedachtsamen Schwaetzereien Teut nicht allzu sympathischer Kamerad, das Zeichen zum Aufbruch, und die lustige Kavalkade setzte sich in Bewegung. Schon bei der Abfahrt hatte sich viel Volk zusammengefunden, das die Kutscher in ihren bunten Livreen und die praechtigen Reitpferde anstaunte. Allen voran fuhr Teut mit Frau Olga. Seine Renner flogen dahin, und in der That war es begreiflich, dass die Augen der Einwohner sich besonders auf dieses Gefaehrt richteten. War man doch gewohnt, nur Ange an der Seite des Rittmeisters zu sehen, waehrend jetzt die nicht minder viel besprochene Frau von Ink neben dem bizarren Rittmeister dahinkutschierte. Mit einer grossen Spannung sah Olga dem Augenblick entgegen, wo sie an der Clairefortschen Villa vorbeifahren wuerden. Ob Teut wohl hinueberschauen, ob wohl zufaellig die Graefin auf dem Balkon oder im Garten sein werde? Olgas Triumph ueber die viel beneidete Frau waere ein vollendeter gewesen! Aber als sie die Villa erreichten, lag das Haus inmitten seines herrlichen Parkes wie ausgestorben. Nicht einmal eins der Kinder, auch niemand von der Dienerschaft war sichtbar. Ploetzlich machten die Pferde--gewohnt, hier zu halten--eine rasche Seitenbewegung, und Olga ergriff unwillkuerlich Teuts Arm, indem sie einen leisen Schrei ausstiess. "Was ist, meine Gnaedige?" fragte Teut kurz und wandte den Blick in raschem Wechsel von der Villa zu den Tieren und von diesen zu ihr. Olga erklaerte entschuldigend, und der Wagen eilte weiter. "Sie scheinen etwas aengstlich zu sein! Wuenschen Sie, dass ich langsamer fahre?" fuhr er fort und zog die Zuegel an. Olga verneinte, obgleich das Gegenteil der Fall war. "Neben einem so vollendeten Pferdelenker kann man keine Furcht empfinden," sagte sie, in ihren schmeichelnden Ton zurueckfallend; aber sie bereite, gerade dieses Wort gebraucht zu haben, denn Teut fiel ein und rief lachend: "Ah, also auf dem Bock bin ich nicht gefaehrlich, gnaedige Frau? Wenn Sie sich nur nicht taeuschen werden!" Nach einigen Zwischengespraechen brachte Olga nochmals die Rede auf Ange. Sie wollte durchaus etwas Naeheres ueber sie aus seinem Munde hoeren. "Frau von Clairefort ist wohl eine treffliche Reiterin und soll, wie ich hoere, selbst mit Vieren erstaunlich sicher fahren?" "Allerdings, sie sucht ihresgleichen!" erwiderte Teut, kurz abbrechend, machte Olga--mit der Peitsche in die Ferne weisend--auf einen huebschen Punkt aufmerksam und erging sich ueber diesen und die Umgegend in lebhafte Lobeserhebungen. Olga verstand. Er wollte nicht von Claireforts sprechen. Es aergerte sie, dass er diese Menschen gleichsam wie seine Domaene betrachtete und durch Sein Ausweichen den Abstand andeuten zu wollen schien, der zwischen ihr und Ange lag. Sie beschloss aber doch noch einen Versuch zu machen. Vielleicht stand sie auch nur unter einem Vorurteil! Sie nahm letzteres an, weil sie es wuenschte. "Es interessiert mich sehr, etwas ueber Frau von Clairefort zu erfahren," begann sie. "Ich erinnere mich nicht, jemals einer so schoenen und interessanten Frau begegnet zu sein, und wuerde es als eine Bevorzugung ansehen, ihr einmal persoenlich naeher treten zu duerfen. Sie soll neuerdings sehr ernst geworden sein und sich fast ausschliesslich der Erziehung ihrer Kinder widmen? Uebrigens, welch eine Schar von entzueckenden Geschoepfen!" Teut fiel bei diesen Worten Anges Trauer und alles das wieder ein, was ihn so lebhaft beschaeftigte. Auch reizte ihn die etwas zudringliche Art Olgas, nachdem er hinlaenglich an den Tag gelegt hatte, dass er ueber seine Freunde nicht sprechen wollte. Er sagte deshalb, ganz entsprechend seiner Art: "Meine Freunde haben ihren Umgang aus vorher schon erwaehnten Gruenden wesentlich eingeschraenkt und leben sehr zurueckgezogen. Ich wuerde sonst mit Vergnuegen bereit sein, der Frau Graefin Ihre Wuensche zu uebermitteln, gnaedige Frau, und bin ueberzeugt, dass Sie bestaetigt finden wuerden, was ich Ihnen bereits bei Tisch ueber die Familie mitteilte. Ueberdies ist es moeglich, dass uns Claireforts verlassen werden, sobald der Graf seinen Abschied genommen hat." "Nimmt er seinen Abschied?" fragte Olga, zugleich durch eine Bewegung ihren Dank fuer Teuts Bereitwilligkeit ausdrueckend. "Ich denke, man giebt ihn dem Herrn Grafen." "Wer sagt das?" fuhr Teut auf und lenkte mit rascher Biegung in einen Seitenpfad. "Nun, ich hoerte so, Herr Rittmeister. Ich bin indes durch den Ton Ihrer Frage belehrt und bitte um Verzeihung. Uebrigens zirkulieren ueber die Clairefortsche Familie so viele widersprechende Nachrichten und sie bildet so oft den Gegenstand des Gespraeches, dass es schwer ist, sich ein einigermassen zutreffendes Bild von derselben zu entwerfen." Teut horchte gespannt auf. Beide Haende waren beschaeftigt; nur allzu gern haette er seinen Schnurrbart gedreht. "Wie? Meine ruhig lebenden, liebenswuerdigen Freunde werden so viel besprochen? Es ist das erste Mal, dass ich dies hoere. Nun, ich denke, man kann nur Gutes von ihnen sagen, gnaedige Frau," entgegnete er mit gezwungener Sorglosigkeit. Olga schwieg. Da sie ihre Plaene vereitelt sah, wollte sie wenigstens ihre kleine Frauenrache. Teut liess die Pferde im Schritt gehen, sah mit einem nicht misszuverstehenden Blick seine Begleiterin an und sagte: "Sie schweigen, meine gnaedige Frau. Ich bitte da Sie selbst das Thema beruehrten." Nun gut! dachte Olga und fuhr laut fort: "Setzt es Sie in Verwunderung, dass man ueber eine Dame spricht, die so abweichende Gewohnheiten hat wie Frau von Clairefort, die reitet und selbst auf dem Bock sitzt, die so schoen und so lebhaft ist, deren Mann sich vor der Welt mit seinem geheimnisvollen Kammerdiener verschliesst, und der mit einem so ungewoehnlichen Aufwande sein Hauswesen einrichtete, um ploetzlich man sagt so--eine fast aengstliche Sparsamkeit einzufuehren?" Olga brach ab. Was sie sagte, war nicht verletzend, aber sie wusste, dass jedes Wort Teut kraenken musste. "Sie sprachen noch nicht von mir. Ich gehoere doch auch zu den Gegenstaenden dieser sehr ueberfluessigen Betrachtungen des verehrlichen Publikums. Wollen Sie nicht die Guete haben, nun auch die Ansichten ueber mich beizufuegen," erwiderte Teut, ohne eine Miene zu verziehen. "Ich glaube nur die Thatsachen, aus denen Urteile und Ansichten sich folgern, wiedergegeben zu haben, Herr Rittmeister." "Ganz recht, meine Gnaedige. Und die Thatsachen, die sich auf mich beziehen?" "Sie sind taeglicher Gast im Hause und erscheinen oeffentlich stets neben Frau von Clairefort--" "Allerdings, und weiter, wenn ich bitten darf?" "Nun, deshalb glaubt das Publikum ein Recht zu haben, Bemerkungen zu machen, die freilich und natuerlich jeder Unbefangene verdammt." "Ah, vortrefflich! Und zu diesen Unbefangenen gehoeren auch Sie, gnaedige Frau, und der Intimus Ihres Hauses, Herr von Zirp?" Der Ton, in dem Teut diese Worte sprach, war allerdings impertinent, ja beleidigend; aber der Blick, mit dem Olga erwiderte, gab nichts nach. Das Gespraech verstummte, und unter einer recht peinlichen Stimmung legten beide den uebrigen Teil des Weges zurueck. Vor Teut war ein Vorhang zurueckgezogen, dessen Hintergrund ihn erschreckte. Er biss sich auf die Lippen und knirschte mit den Zaehnen. Diesen Engel hatte man zu verdaechtigen gewagt, und eine Frau wie seine Begleiterin fand eine boshafte Freude an der Wiedergabe solchen Geschwaetzes. Teut durchschaute Olga nur zu gut. Da er ihr die Aussicht genommen, mit Ange in Beruehrung zu treten, liess sie die Maske fallen und zeigte ihr wahres Gesicht-- Aerger und Reue wuehlten in ihr. Sie fuehlte, dass sie durch dieses Gespraech alles verloren hatte. Ihr entging vielleicht sogar das, was sie mit etwas mehr Selbstbeherrschung sich haette erhalten koennen: der kuenftige Umgang mit dem fuer sie doch allzu interessanten Rittmeister. Und diese Einsicht, aber auch die Hoffnung, dass er vielleicht vergessen koenne, veranlasste sie, zuerst wieder das Wort zu ergreifen und in moeglichst unbefangener Weise gleichgueltige Gespraechsgegenstaende zu beruehren. Es ward ihr dies erleichtert, da man inzwischen nahe dem Ziele war, und einige Herren, darunter mehrere von Teuts Kameraden, herangaloppierend, sich dem Wagen naeherten. "Wir fuerchteten schon, dass Herr Rittmeister von Teut Sie zu entfuehren gedenke, gnaedige Frau!" rief einer von ihnen, ein junger Assessor. "Sie waren uns gaenzlich entrueckt, und wir haben Muehe gehabt, Sie einzuholen. Aber da kommen auch die uebrigen," fuhr er fort, und in der That stob eine Wolke auf, in deren grauem Staubnebel man Pferdekoepfe, blitzende Knoepfe und blanke Uniformen erkannte. Teut, der an alles dachte, hatte seinen Reitknecht vorausgesandt. Als man am Bestimmungsort eintraf, stand dieser schon wartend da und nahm das Gefaehrt in Empfang. Waehrend Teut Olga vom Wagen hob, drueckte sie ihm leicht die Hand und fluesterte: "Sie sind verstimmt, Herr Rittmeister. Unsere gute, eben begonnene Freundschaft hat doch keinen Stoss erlitten? Ich hoffe es nicht." Teut aber sagte: "Sie hatten doch recht mit Ihrer Befuerchtung, meine gnaedige Frau. Ich nehme den halben Zweifel, den ich bei Tisch aussprach, jetzt ganz zurueck." Nach diesen Worten verbeugte er sich artig und liess Olga betroffen und nach einer Deutung seiner Worte suchend, stehen. Wie sehr deren Laune durch diesen Zwischenfall gelitten hatte, davon erhielt Klara einen nachdruecklichen Beweis, die, einer guten Regung folgend, auf sie zugeeilt kam, und sich nach ihrem Befinden erkundigte. Ohne ihr darauf zu antworten oder gar zu danken, herrschte Olga sie an: "Mein Gott, wie Dir nur wieder der Hut sitzt und wie Du Dein Kleid zugerichtet hast! Sieh nur! Wie ein Harfenmaedchen siehst Du aus! Geh und ordne Deine Toilette!" Und unmittelbar nach diesen in einem empoerenden Ton gesprochenen Worten wandte sie sich mit ihrem liebenswuerdigen Laecheln zu einem der Herren, der an sie herantrat und ihr den Arm bot. Klara stand einen Augenblick leichenblass. Ihre Augen fuellten sich mit Thraenen des Zorns, und ihr Gesicht gluehte vor Erregung. Die Gesellschaft nahm nach einem kurzen Spaziergang, dessen Ziel ein huebsches Waeldchen gewesen war, das Abendessen auf einer Terrasse ein, welche einen zu dem Wirtshause gehoerenden Garten begrenzte. Links- und rechtsseitig von derselben zog sich die Landstrasse hin, und geradezu schaute man auf den Fluss. Es war in der That ein ausserordentlich schoener Punkt. Langsam zogen, von der Abenddaemmerung schon halb verschlungen, grosse Segelfahrzeuge vorueber, die, aus der Flut geheimnisvoll auftauchend, einem Traumbilde anzugehoeren, nicht aber die Vermittler harten Tagewerkes zu sein schienen. Aber drueben sah man auf der stahlgrauen, vom zarten, roetlichen Abendsonnenschein umrahmten Wasserflaeche die groesseren Segelfahrzeuge wie abgeloest von der spiegelstillen Flut, und die zwischen ihnen hin- und herirrenden kleineren Boete erhoehten durch den Gegensatz die majestaetische Ruhe ihrer Erscheinung. Im Nachtschlaf ruhten schon die Waelder, von drueben erscholl friedlicher Gesang, mitunter ertoente auch ein helles Hallo ueber das Wasser; und vom jenseitigen Ufer, an dem die glitzernden Lichter der Wirtshaeuser aufblitzten, drang einmal leise Militaermusik herueber. Und ueber all diesem: ueber der silbernen Stahlflut, ueber den stummen Gebueschen, ueber den traumselig dahingleitenden Fahrzeugen, ueber den Menschen mit ihren ernsten oder sorglosen Gedanken, schwamm der Mond am blaudunklen Himmel und sandte sein weltdurchleuchtendes, geisterhaftes Licht herab. Im ganzen weiten Umkreis eine einzige gewaltige, schneeweisse Wolke mit Riesenfangarmen und Fluegeln, unmittelbar ueber der Mondscheibe schwebend, gebannt, unbeweglich, gleichsam im Schoenheitszauber erstarrt. Teut stand an dem Rande der Bruestung und ueberschaute die Landschaft. Auch die uebrigen hatten sich erhoben, denn nun rasselte es ueber der nahen Bruecke, und in ueberschnellem Lauf flog ein Wagen dahin. Deutlich waren Menschen und Dinge noch erkennbar. Und dann ploetzlich erscholl aus Kindermund der laute und jubelnde Ruf: "Onkel Axel! Onkel Axel!" und aus dem voruebereilenden Wagen winkten Haendchen, und eine schoene junge Frau, die den Wagen lenkte, nickte lebhaft, und neigte, die Gesellschaft bemerkend, mit verlegener Artigkeit das Haupt. Es war Ange, die, von einem ihrer Ausfluege heimkehrend, jetzt rasch nach Hause draengte. Wie sie so dasass mit dem vornehmen, auf den feinen Schultern ruhenden Kopf, umweht von dem weissen Schleier, der in die Abendluft hinausflatterte, so leicht und grazioes in der Erscheinung und doch so fest und sicher die Zuegel der raschen und ungeduldigen Pferde regierend, musste sie die Blicke der Menschen fesseln. In wenigen Sekunden jedoch war sie den Nachschauenden entschwunden, und unwillkuerlich wandten sich aller Augen auf Teut. Es gab wohl niemanden in der Gesellschaft, den nicht der gleiche Gedanke beherrschte, und einer von ihnen gab diesem auch Ausdruck. Es war der Assessor, der mit zudringlicher Vertraulichkeit an Teut herantrat und leicht hinwarf: "Da war ja Ihre kleine, entzueckende Graefin, Herr Rittmeister--" Aber er sprach nicht aus, denn Teut wandte sich mit seinem starkknochigen Gnugesicht zu ihm, und indem er den Sprechenden mit einem Blicke musterte, vor dem jener unwillkuerlich den seinigen zu Boden senkte, sagte er mit schneidender Zurueckweisung: "Da war die Frau Graefin Ange von Clairefort, mein Herr! Der von Ihnen beliebte Ausdruck war respektwidrig und aeusserst unpassend! Sie werden die Guete haben, sich dies fuer kommende Faelle zu merken!" Und dann drehte er dem gemassregelten Assessor den Ruecken und ging auf Klara von Ink zu, mit der er sich, ohne die uebrige Gesellschaft fuer den Rest des Abends sonderlich zu beachten, ausschliesslich beschaeftigte. Auch bot er, den Augenblick erspaehend, wo Olga einen Platz neben Baron von Zirp waehlte, jener seinen Wagen an und kutschierte, seinen Reitknecht hinter sich, eilend in die Stadt zurueck. Seine Verabschiedung von Inks war ueberaus hoeflich, aber foermlich. Auch lehnte es Teut ab, an diesem Abend der Aufforderung seiner Kameraden zum weiteren Beisammenbleiben zu folgen. Als der Waechter die Morgenstunde abrief, sass er, die Hand an die Stirn gestuetzt, noch immer gruebeln in seinem juchtenduftenden Arbeitszimmer. Ein wilder Kampf von Empfindungen, der in seiner Brust tobte, raubte ihm Ruhe und Schlaf. * * * * * Ange ward, als sie dem Wagen entstieg und ihre kleine Schar von der Dienerschaft herabgehoben wurde, von dem ernsten Ausdruck ueberrascht, der sich in Tibets dienen widerspiegelte. Er stand, wie immer, wenn sie zurueckkehrte, vorn auf dem Treppenausbau der Villa und oeffnete ehrerbietig die Thuer. "Was ist?" fragte sie aengstlich und hiess ihn durch ihre lebhaften Gebaerden rascher sprechen, als es seine Gewohnheit war. "Carlitos hat heute nachmittag einen heftigen Anfall von Ohnmacht und Erbrechen gehabt; wir haben ihn gleich ins Bett gebracht, Frau Graefin." Ange schrie auf und flog die Stufen empor. "War der Arzt schon da? Ist der Graf in seinem Zimmer?" redete sie hastig im Voruebereilen die Kammerjungfer an, ohne die Antwort abzuwarten. Sie durcheilte die Wohnraeume und erreichte das Kinderzimmer. Hinter ihr schoss wie immer der Strom der Kleinen, die rasch abgezogenen Kleider und Huete in den Haenden und achtlos nach sich schleifend. "Stille, stille, suesse Kinder! Unser Carlitos ist nicht wohl!" daempfte sie, als jene ins Gemach stuermten. Sie sass bereits an dem Bett ihres Knaben und liess die Hand auf seiner heissen Stirn ruhen. "Wachst Du, mein Carlitos?" fluesterte sie und neigte sich zu ihm herab. Er wachte nicht und er schlief nichts; er waelzte sich unruhig hin und her, und die Haende ergluehten in trockener Fieberhitze. Ange uebergab die lebhafte Jorinde und die uebrigen Kinder der eintretenden Jungfer und hiess sie ins Speisezimmer hinuebergehen. Sie selbst eilte, nachdem sie kuehle Tuecher ueber Carlitos' Stirn gelegt, zunaechst in das Zimmer ihres Mannes. Der Graf sass--ein schmerzerweckender Anblick--in seinem grossen Stuhl und hatte den Kopf in die Haende vergraben. Die Vorhaenge waren fest zugezogen, die mit einem gruenen Schirm umgebene Lampe verbreitete ein mattes, schwermuetiges Licht, und eine atembeengende Luft erfuellte das Gemach. Dazu die unheimliche Stille und diese peinliche, den Dingen ihr froehliches Gesicht raubende Ordnung. Ange erschien der dumpfe Raum wie eine Gruft; unwillkuerlich schrak sie zusammen. Und kein Lebenszeichen von ihm, als sie die Thuer oeffnete. Er war entweder eingeschlafen oder eine Erschoepfung hatte ihn in einen halbwachen, willenlosen Zustand versetzt. "Lieber Carlos!" sagte Ange weich und trat an den Stuhl, in dem die grosse gebrochene Gestalt ruhte. "Du wuenschest?" fragte eine tiefe Stimme. "Weisst Du denn nicht, dass unser Carlitos krank ist? Ich komme, Dich zu fragen, was der Arzt gesagt hat. Ich bin in grosser Sorge." Er neigte langsam und muede den Kopf zur Bestaetigung. "Es ist bis jetzt alles geschehen, was er angeordnet hat. Ich war bei unserem Knaben. Er schlaeft. Der Doktor meint, man muesse die Nacht abwarten, es wuerden vielleicht kalte Baeder noetig sein." "Und was ist es?" fragte Ange aeusserlich ruhig, innerlich von einer unbeschreiblichen Angst verzehrt. "Ich weiss es nicht," sagte Clairefort tonlos und liess das Haupt wieder in die gestuetzte Rechte zurueckfallen. Sie sank neben ihm herab und ergriff die schlaff herabhaengende Linke. "Mein Carlos!" hauchte sie leise und innig. Er gab den Druck sanft zurueck, aber er hob sie nicht auf, und fuer Augenblicke schien es in dem Gemach wie ausgestorben. Nur ein leises Schluchzen war vernehmbar, das aus Anges bedraengter Seele emporstieg. Sie wussten beide, um was es sich handelte, weshalb sie neben ihm hingesunken war und weinte. War das derselbe Mann, der einst um Ange von Butins Hand geworben, der kraeftige Mann, aus dessen Augen das Leben blitzte? Wie hatte man Ange ihr Glueck geneidet! Er hatte sie umworben wie kaum ein Mann ein Weib zuvor. Ihr Laecheln, ihr sanfter Blick berauschten ihn, ihre Froehlichkeit riss auch ihn mit fort, und jede noch so thoerichte Hoffnung auf eine ewige Dauer des Glueckes teilte er mit ihr. Und wie Carlitos geboren ward und spaeter Jorinde und Erna--hatte er nicht im ungestuemen Freudentaumel das Haus mit Blumen schmuecken lassen, seine Umgebung beschenkt und taeglich stundenlang dankerfuellt an ihrem Bett gesessen? Und aehnlich war's noch, als die beiden schoenen Knaben zur Welt kamen. Er plante mit Ange, was sie dermaleinst werden sollten, wie er fuer ihre, fuer der uebrigen Zukunft sorgen koenne. Bei der Geburt der kleinen Ange hatte sich schon manches anders gestaltet. Clairefort war nicht mehr so herzlich, so teilnehmend: andere Dinge beschaeftigten ihn. Es schien, als ob ihn etwas heftig bedruecke, als ob ein schwerer Kummer an ihm nage. Die Rueckkehr zu einer heiteren, sorgloseren Stimmung war immer nur eine voruebergehende, und sie war stets mit einem sichtlichen Zwang verbunden. Und dann wurde er immer finsterer, immer wortkarger, immer ausweichender, lebte nur fuer sich, schalt wohl einmal in heftigem Zorn, aber fluechtete sich doch wieder in seine Einsamkeit. Bei der Uebersiedelung nach C. ergriff ihn scheinbar noch einmal die alte Freude am Leben. Er uebers