Project Gutenberg's Von Haparanda bis San Francisco, by Ernst Wasserzieher This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at www.gutenberg.net Title: Von Haparanda bis San Francisco Reise-Erinnerungen Author: Ernst Wasserzieher Release Date: May 5, 2004 [EBook #12266] Language: German Character set encoding: UTF-8 *** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VON HAPARANDA BIS SAN FRANCISCO *** Produced by Charles Franks and the DP Team Von Haparanda bis San Francisco. Reise-Erinnerungen von Dr. phil. Ernst Wasserzieher Oberhausen im Rheinland. Witten 1902. Druck und Verlag der Märckischen Druckerei und Verlags-Anstalt Aug. Pott. Meinem lieben Kleeblatt Karl, Ernst und Hans gewidmet. Die folgenden Blätter, eine kleine Auswahl meiner Reise-Erinnerungen aus einem Vierteljahrhundert, sollen in ersten Linie ein herzlicher Gruß sein für meine Freunde nah und fern! Die meisten der Aufsätze und Skizzen sind schon veröffentlicht, z.B. in der Münchener Allgemeinen Zeitung, im Hamburger Correspondenten, in Kölner, Flensburger und Wittener Blättern, sowie in der Touristen-Zeitung. Sollte dies anspruchslose Bändchen Anklang finden, so wird vielleicht eine zweite Sammlung folgen. _Oberhausen_ (Rheinland), im Dezember 1901. Ernst Wasserzieher. „Wem Gott will rechte Gunst erweisen, Den schickt er in die weite Welt.“ Josef von Eichendorff. I. Ueber das Reisen Einige Aussprüche hervorragender Männer und Frauen. Daß das Reisen eine Kunst sei, wie andre, die gelernt sein will, die viele aber nie lernen — das ist eine Wahrheit, die manchen eine Thorheit erscheinen mag. Da wußte die „Frau Rat“ besser, welcher Unterschied zwischen Reisen und Reisen sei! „Wenn mein Wolfgang nach Mainz reist“, sagte sie einmal, „so hat er mehr gesehen, als wenn andre nach Neapel reisen.“ Freilich, mit solchen Augen wie Wolfgang Goethe ist kein Reisender begabt; er sah als Maler, als Dichter, als Naturforscher, als Psycholog und als Mensch. „Man darf nur auf der Straße wandern _und Augen haben_,“ schreibt er am 19. März 1787 von Neapel in die Heimat, „man sieht die unnachahmlichsten Bilder.“ Der gewöhnliche Reisende begnügt sich etwas _erzählen_ zu können nach _gethaner Reise_, aber was? und wie? erzählen! Darum erreichen auch die, welche das Reisen als Mittel zur Bildung benutzen wollen, häufig ihren Zweck nicht. Das liegt nicht am Reisen, sondern an ihnen. „Das Reisen als solches ist noch nicht bildend, es kommt auf das _Bewußtsein_ an, womit der Reisende, was sich ihm darbietet, erfaßt.“ (Rosencranz i.d. Vorrede S. VII zu Kants Werken Bd. IV.) Für die _Menschenkenntnis_ und ihre Vertiefung möchte ich dem Reisen nur einen sehr geringen Einfluß beimessen. Denn die menschlichen Leidenschaften sind überall dieselben; nur die Erscheinungsformen wechseln. Wer einige, wenige Menschen lange studiert, wird die menschliche Natur besser und tiefer erfassen, als wer viele Menschen nur obenhin kennen lernt, wie es doch auf Reisen zu sein pflegt. Also, wer blos oder vornehmlich Menschen kennen lernen will, der bleibt besser zu Hause. Aber Geschichte, Kunst, Natur, Landschaft — wiegt das bisweilen nicht Menschen auf? Fontane klagt zwar mit Recht in seinen Wanderungen durch die Mark Brandenburg (II. 44), daß „nicht vielen der Sinn für Landschaft aufgegangen sei; Erwachsene haben ihn selten, Kinder beinah nie.“ Und doch muß man annehmen, daß ästhetische Gründe dem Reisen der meisten unserer Landsleute Vorschub leisten, denn von denen, die ihrer Gesundheit wegen etwa ein Bad aufsuchen müssen, oder gar von denen, die ihres Geschäftes wegen reisen, reden wir hier nicht. Die Franzosen, überhaupt die Romanen, haben diesen Sinn wenig ausgebildet; nur eine Angehörige jener Nationen konnte behaupten, das Reisen sei das elendeste aller Vergnügen (Frau v. Stael in ihrer Corinna.) Ein anderer Franzose wirft seinen Landsleuten vor, daß sie sowohl in Bezug auf ihr Vaterland als auch auf die übrigen Länder durch Unwissenheit glänzten. Beides hängt vielleicht mit einander zusammen; „erst die Fremde“, sagt Fontane, „lehrt uns, was wir an der Heimat besitzen.“ Die schottischen Seeen erweckten in ihm erst das volle Gefühl für die Reize der Seeen in der Mark Brandenburg und reiften in ihm den Entschluß, ihnen das zu werden, was Walter Scott jenen ist. Der Reisende in der Mark muß freilich eine feinere Art von Natursinn besitzen als der Reisende am Rhein; die Schönheiten der Gegend von Bingen bis Coblenz drängen sich auch dem nur rohausgebildeten Landschaftssinn auf; sie packen, überwältigen, reißen hin; die Schönheiten der märkischen Landschaft, ferner der Gegenden am Niederrhein wollen ergriffen, studiert sein. Es treten noch andre Factoren hinzu, die den modernen Menschen, insonderheit den Germanen, zum Reisen drängen. Dem Einerlei des häuslichen und heimatlichen Leben und Treibens zu entrinnen, sich eine Zeit lang frei, objektiv zu fühlen, nicht zu handeln, sondern zu betrachten, jenes höchsten Zustandes zu genießen, nach dem so viele Philosophen gestrebt und den so wenige erreicht haben — das ist der oft unbewußte Zweck bei vielen Reisenden. „Auf Reisen“, so ungefähr spricht sich Schopenhauer aus, „fühlt man sich interesselos, sieht man von der eigenen Person ab, betrachtet man die Welt als _Vorstellung_.“ _Interesselos_ gebraucht Schopenhauer hier in dem Sinne wie Kant, der das Schöne definiert als „das, was ohne Interesse gefällt“ (d.h. ohne selbstische Gedanken.) Noch ein zweites kommt hinzu: das Gefühl der Unabhängigkeit. „Jetzt bist du zum ersten Mal allein,“ ruft George Sand entzückt aus, „keine Seele weiß dich zu finden, jetzt bist du frei, dir, dir ganz allein und den Geistern in dir überlassen!“ Freilich stellt sich auch wohl das Gefühl der Einsamkeit ein; das ist die Kehrseite dieser selbstgewollten Freiheit. „Auch der leidenschaftlichste, fröhlichste Reisende fühlt sich manchmal einsam in einer fremden Stadt, und es giebt Augenblicke, in denen ihn eine unbeschreibliche Langeweile beschleicht, sodaß, wenn er durch ein Wort einen Genius aus 1001 Nacht heraufbeschwören könnte, um sich nach Hause tragen zu lassen, er dieses Wort mit Freuden aussprechen würde.“ (Amicis, Reise in Spanien, Capitel 2.) Lessing schlägt den Wert und das Vergnügen des Reisens nicht hoch an. Freilich hatte er Italien unter den denkbar ungünstigsten Verhältnissen und in großer Hast bereist. Er bezeichnet treffend den weiten Abstand, der uns von dem 18. Jahrhundert auch in dieser Beziehung trennt, er zeigt den ungeheueren Fortschritt, den wir in der Kunst des Reisens gemacht haben; er hängt zusammen mit der Ausbildung des Naturgefühls, wie wir sie seit Goethe erfahren haben, der der verstandesmäßige Lessing und sein Zeitalter wenig zugänglich waren. Doch, um nicht allzustolz zu werden, brauchen wir bloß die Touristenschwärme zu betrachten, die sich von den Bahnhöfen in die Hotels ergießen und von da mit dem roten Bädeker in der Hand die Museen, Kirchen und Schlösser überschwemmen und ausplündern, um am nächsten Tage in der nächsten Stadt dasselbe Raubsystem fortzusetzen. Dann möchte man dem feinsinnigen Sprachforscher und vielgewandten Reisenden Gustav Meyer in Graz zustimmen, wenn er sagt: „Reisen ist eine Kunst, eine größere vielleicht als eine Reise gut beschreiben.“ (Essays, II, 58.) II. Eine Primanerwanderung auf den Brocken. (1878.) Unter beständigem, feinem Regen wanderten wir, nachdem wir um 9 Uhr morgens mit dem Zuge von Magdeburg in Wernigerode angekommen waren und einige Einkäufe besorgt, vor allem aber einen Schnaps nicht vergessen hatten, nach Ilsenburg, von wo aus der Brocken in Angriff genommen werden sollte. Im Grunde war es ein seltsames Unternehmen, in dieser Jahreszeit — man schrieb den 12. April — eine Harz- und Brockenreise zum Vergnügen zu unternehmen; jedoch das war es gerade, was uns reizte. Der Nebel lag so dicht auf der Erde, daß das Schloß Wernigerode, von dessen Verschönerung durch Ausbau uns viel erzählt wurde, nicht zu erblicken war; die Luft war trübe und feucht, und man wußte nicht, ob man in Wolken ging oder ob es regnete; unser erster Grundsatz war indes, den Humor nicht zu verlieren. Zur Erhöhung unserer Stimmung kam noch hinzu, daß wir in einem ziemlich primitiven Kostüm steckten, das aber einer Harzpartie ganz angemessen war, und als wir uns vor der Stadt Auge in Auge gegenüberstanden und eine Weile betrachteten, brachen wir wie auf Kommando in ein Gelächter aus. Die vollgepfropfte Tasche an der Seite, darüber die Feldflasche an grüner Schnur, im Munde die bemalte kurze Pfeife, zu der immer neuen Stoff der am Knopfloch baumelnde Tabaksbeutel spendete, die Hosen hoch gekrämpt und die Stiefel voller Schmutzsprenkeln — so sahen wir wandernden Handwerksburschen täuschend ähnlich. Mein Freund Edgar[1] trug einen Knüttel, ich einen Schirm, der sich durch eine gewisse Altertümlichkeit auszeichnete. Nachdem die Dörfer Altenrode und Drübeck, bei welch' letzterem der „Wernigeroder“ einer Probe unterworfen und für gut befunden wurde, passiert waren, kamen wir bei etwas aufgeheitertem Himmel in dem hübschen Ilsenburg an und verfügten uns in den Gasthof „Zu den drei Forellen“, um uns vor der Anstrengung noch einmal körperlich und geistig zu stärken. Die körperliche Stärkung präsentierte sich als eine Tasse Kaffee und unterschiedliche Eier; die geistige bestand aus einer nochmaligen begeisterten Rezitation von Goethes „Harzreise im Winter“, die wir mitgenommen hatten, um sie an Ort und Stelle auf uns wirken zu lassen. Die Leute im Wirtshaus schüttelten den Kopf, als sie von unserem Plan hörten, und meinten, der Schnee läge noch so hoch, daß es unmöglich sei, bis zum Gipfel des Berges zu gelangen. Der Förster sagte, er sei selbst gezwungen gewesen, umzukehren; es riet uns, lieber davon abzustehen; umkehren müßten wir ja doch. Das waren ja schöne Aussichten für uns; eine Partie à la Hannibal in verkleinertem Maßstabe! Allein wir hatten uns einmal vorgenommen, heute Nacht in Brockenbetten zu schlafen, und wollten unsern Kopf durchsetzen. Insofern folgten wir jedoch unseren freundlichen Ratgebern, als wir beschlossen, nicht durch das Schneeloch, sondern auf der Fahrstraße zu gehen. Mittlerweile war es zwei Uhr geworden, und wir warfen unsere Taschen um. Zum Abschied rief uns der Förster halb spöttisch zu: Auf Wiedersehen heute Abend beim Glase Bier! Frohen Mutes pilgerten wir davon, an Holz- und Sägemühlen vorbei, immer einem hübschen, sanft ansteigenden Waldwege folgend. Zu beiden Seiten, bald rechts, bald links, rauschte die Ilse zu Thal; hoch oben über dem Kessel hing der Ilsenstein mit seinem mächtigen Eisenkreuz. Bald jedoch verlor die Wanderung den behaglichen Charakter; der Himmel, der uns eine Weile gelächelt hatte, öffnete seine Schleusen von neuem und überströmte uns mit kühlendem Naß. Langsam aber stetig rückten wir vor; wir waren nicht mehr bei frischen Kräften. Wir hätten morgens von der letzten Station vor dem Aufstieg aufbrechen sollen, um den Tag vor uns zu haben. Nach anderthalb Stunden hörte ich die Ilsefälle von ferne brausen, die trotz ihrer Kleinheit einen erquickenden Anblick gewähren mit den schäumenden, weißen Wogen, mit ihren moosigen Felsen und tannenumkränzten steilen Ufern. Durch die Büsche schimmerte jetzt auch der erste Schnee. Um uns gehörig zu wappnen gegen diesen Feind, der bald in Masse den Fuß hemmen sollte, machten wir Rast und stärkten uns durch einen Imbiß, wobei wir von einem Holzfäller Erkundigungen über Länge und Beschaffenheit des bevorstehenden Weges einzogen. Drei Stunden wenigstens hatten wir nach Angabe dieses Biederen noch zurückzulegen, wenn wir aber den „Fautstieg“ einschlügen, setzte er hinzu, dann würden wir wohl eher ankommen; es käme übrigens auf eins hinaus. Es war noch nicht 5 Uhr; bald nach 7 Uhr hofften wir oben zu sein. Wir schritten vorwärts; auf dem Wege selber machte sich der Schnee schon bemerkbar, hier und da leuchteten uns weiße Stellen entgegen, die sich fortwährend vergrößerten und schließlich den Boden völlig bedeckten, vorläufig in der Höhe eines halben Meters, allmählig aber bis anderthalb und zwei Meter steigend. In dieser Höhe ging es nun 4 Stunden lang. Der Schnee befand sich in einem Zustande des Schmelzens, er war bereits so weich, daß man mit jedem Schritt bis an den Leib einsank; die äußere Kruste war aber zufolge der niederen Abendtemperatur übergefroren, sodaß es Anstrengung kostete, den Fuß wieder herauszuziehen. Dichter Nebel senkte sich mit geisterhafter Schnelle auf Berg und Wald und stimmte unser Gemüt melancholisch. Keuchend stampften wir bergauf; von Zeit zu Zeit sandten wir einen kräftigen Ruf, wie Hurra! Haut ihn! und dergl. in die Ferne. Nach langem Leiden kamen wir an eine Biegung des Weges, wo ein Wegweiser besagte, daß es sowohl nach Schierke als nach dem Brockenhause eine Stunde sei. Durch diese Nachricht neu belebt, gingen wir weiter, wenn man unser mühsames Stolpern so nennen kann. Aber wir vergaßen, daß diese Berechnung für einen normalen Weg gilt, nicht für einen, der in Manneshöhe mit Schnee bedeckt ist. Die Kniekehlen begannen zu schmerzen, die Stiefel waren mit Schneemassen angefüllt, das lustig zwischen den Zehen herumrann, die Beine versagten fast den Dienst, die Augen thaten weh durch den Anblick der weiten, weißen Fläche; doch weiter, immer weiter! Dunkler und immer dunkler ward es; kaum konnte ich meinen Gefährten, der etwa 30 Schritt vor mir hertaumelte, erkennen; und schwach umrissen tauchte eine Telegraphenstange nach der andern vor den Blicken auf. Alle 5 Minuten griffen wir zur Flasche, ohne die wir sicherlich nicht bis zu Ende ausgehalten hätten. Schneckenähnlich wankten wir weiter, schneidend kalt umpfiff uns der Wind und kühlte die schweißgebadete Stirn, und immer noch nichts von einer menschlichen Wohnung, immer wieder die eintönigen Telegraphenstangen. Es flimmerte mir vor den Augen, ich brach bei jedem Schritt zusammen; da plötzlich — o Wonne — war es eine Täuschung? — Hundegebell! Wie elektrisiert sprang ich vorwärts, da mußte das Brockenhaus sein — jetzt eine Stimme — zu sehen war nichts in der Finsternis — richtig, ein paar Schritt vor mir stieg ein düsteres Gebäude auf; Blitz, der Hund, umsprang uns freudig wedelnd, und wir standen in dem hell erleuchteten Flur des Brockenhauses, vor uns zwei Männer, der Oberkellner und der Hausknecht, die einzigen Bewohner des Brockens im Winter. Drei donnernde Hurrahs erschallten wie aus einem Munde, daß die Wände zitterten; vor Freude, festen Boden unter den Füßen zu haben, wäre ich dem Oberkellner am liebsten um den Hals gefallen. Und nun rasch hinauf in das Zimmer, das durch einige in den Ofen geworfene Scheite Holz bald behaglich durchwärmt war, und nun die Kleider aus, die wie aus dem Wasser gezogen waren. Und nun hinein in den beiden Betten, aber nicht zum Schlafen! Der Oberkellner setzte ein Tischchen zwischen uns, auf dem bald eine große Punschbowle dampfte, und setzte sich nebst dem Hausknecht heran. Und nun wurde fleißig angestoßen, bis mir die Augen zufielen und ich in einen tiefen Schlaf fiel. Am folgenden Morgen belohnte uns eine herrliche Fernsicht; neu gestärkt wanderten wir dann weiter, zunächst nach Schierke und Braunlage. Noch vieles Schöne sahen wir in den nächsten Tagen; die dauerndste Erinnerung aber blieb uns die Brockenwanderung im Schnee. FUSSNOTEN: [1] Jetzt längst wohlbestallter Direktor des Höheren technischen Instituts zu Köthen i. Anhalt. III. Nauvoo am Mississippi, die alte Mormonenstadt.[2] Von den Mormonen spricht man heuzutage kaum noch, sie sind, in Europa wenigstens, längst in den Hintergrund des öffentlichen Interesses getreten. Wenn man sie aber erwähnt, so denkt man meist nur an Utah, an die Salzseestadt, den Jordan und wie die bekannteren, in der amerikanischen Wüste gelegenen Punkte heißen. Die Salzseestadt (Salt Lake City), die ich auf meiner Rückreise von San Francisco nach dem oberen Mississippi im Jahre 1883 berührte, kenne ich zu wenig, um darüber etwas zu sagen, was nicht andere schon besser gesagt hätten. Aber ich will auch nicht von _dieser_ Mormonenstadt reden, sondern von der alten weniger bekannten, von Nauvoo. Als ich, vom Niagara kommend, in Chicago eine Fahrkarte nach Nauvoo verlangte, sah mich der Verkäufer ganz verdutzt an. Auch in Amerika ist die Stadt wenig bekannt, fast so wie in Europa. Niemand besucht sie; wer hätte auch Veranlassung dazu? Von Chicago aus fährt man etwa zehn Stunden in südwestlicher Richtung quer durch den Staat Illinois. Dieser ist wohl angebaut, hügelig; ein Viertel ist noch Wald. Man nennt ihn den Garten Amerikas, was ich berechtigt finde, wenn statt Garten Gemüsegarten gesetzt wird. Es dämmerte schon, als wir uns dem Mississippi näherten. Bei Burlington überschritten wir ihn. Hunderte von deutschen Meilen von seiner Mündung entfernt, ist er schon hier ein paar Kilometer breit. Von Burlington aus benutzt man den Dampfer, der in wenigen Stunden in Nauvoo landet. Nauvoo, in Hancock County im Staate Illinois, unter einem Breitengrade mit New York und Neapel (40° n. Br. gelegen), dehnt sich auf einer breiten vorspringenden Halbinsel auf dem linken (Ost)-Ufer des Mississippi aus und zerfällt in zwei Teile. Die „Flat“ zieht sich am Ufer hin und ist ganz eben und flach; daher der Name. Dahinter erhebt sich auf sanft ansteigenden Hügeln die obere Stadt. Nauvoo ist großartig angelegt; es hat sehr breite, endlos lange Straßen, die sich in regelmäßigen Abständen rechtwinkelig kreuzen und in denen an nichts Mangel ist, außer an Häusern. Man kann hundert Schritte gehen, ohne etwas anderes zu sehen, als rechts und links Gärten, Felder, vor allem Weinberge, mit Osage- (wilden Orangen) Hecken eingefaßt; auf den mit Gras und Unkraut bewachsenen Fußwegen weiden Kühe und Pferde; Hunde und Gänse laufen umher; dann und wann kommt wohl auch ein Reiter oder ein Fußgänger. Endlich schimmert ein Haus durch das Grün, aber es ist unbewohnt, halb verbrannt, ohne Scheiben in den Fenstern: eine Ruine. Solcher Ruinen giebt es nicht wenig in Nauvoo; sie stammen aus der Zeit, wo die Mormonen mit Feuer und Schwert ausgerottet oder vertrieben wurden. Kommt man mehr in die innere Stadt, so findet man auch bewohnte Häuser, weiß, mit grünen Läden und Veranden, aus denen sogar Klavierspiel tönt. Selbst eine ganze Straße ist da, Mulhollandstreet, mit Kaufläden, Werkstätten, Wirtshäusern u.s.w. In dieser Straße sind die Fußsteige gedielt und der Fahrweg am Samstag mit Fuhrwerken der Farmer und Farmerstöchter aus der Umgegend gefüllt, die kommen, um ihre Einkäufe für die Woche zu besorgen. Drei Elementarschulen und eine High School, jede mit einem Lehrer bezw. Lehrerin, sowie eine Damenakademie unter Leitung von Nonnen, die ein hübsches, im Schweizerstil erbautes Kloster bewohnen, sorgen für die geistigen Bedürfnisse der Nauvooer Jugend. Die Highschool, drei Klassen in einem Raum vereinigt, wird von Knaben und Mädchen verschiedenen Alters bis zu sechzehn Jahren besucht, die mit rühmlichem Fleiß ihren Studien obliegen, die auch Latein umfassen. Die Unterrichtsmethode ist, wie ich mich durch wiederholtes Hospitieren überzeugen konnte, ziemlich mechanisch und geistlos. In der Geschichte z.B. wird ein Paragraph aus dem Buche vorgelesen und dann zum nächsten Male aufgegeben. Dabei bleibe nicht unerwähnt, daß der Lehrer, der auch etwas studiert hat, allen guten Willen hat und bei seinen Zöglingen beliebt ist. Der Unterricht ist, wie meist in Amerika, von 9-12 und von 3-6; Sonnabend ist ganz frei. Nauvoo hat ein halbes Dutzend Kirchen, reichlich viel für 1500 Einwohner, aber in Amerika nichts Ungewöhnliches, da jede Sekte doch ihr Gotteshaus haben will. Es sind kleine Holzbauten, mit Ausnahme der katholischen, die an Größe und Schönheit die anderen übertrifft. Der katholische Pfarrer ist theologisch gebildet; die Geistlichen der anderen Konfessionen, Lutheraner, Presbyterianer, Deutsch- und Englisch-Methodisten, sind Farmer, Kaufleute, Handwerker, die das Predigen als Nebenbeschäftigung betreiben und durch Kraft und Fülle der Stimme die sonst fehlenden Eigenschaften ersetzen. An Wochentagen kann man sie hinter dem Ladentisch, in der Werkstatt und beim Strohaufladen hantieren sehen. Von dem großen prächtigen Tempel der Mormonen stehen nicht einmal die Ruinen mehr. Die Nauvooer Zeitung (Nauvoo Independant nennt sie sich stolz) erscheint wöchentlich einmal. Die Verbindung mit der Außenwelt wird durch Telegraph und Telephon hergestellt; durch eine Dampffähre gelangt man ans westliche Ufer, nach dem kleinen Ort Mont-Rose, von wo man die Eisenbahn nach mehreren Richtungen hin benutzen kann. Den Sommer hindurch legen die Mississippidampfer, die den Fluß in seiner ganzen Ausdehnung von St. Paul nach St. Louis, von da nach New Orleans, befahren, in Nauvoo an; die ganze Fahrt, die ununterbrochen Tag und Nacht währt, nimmt etwa 14 Tage in Anspruch. Im Winter ist der Fluß nördlich von St. Louis wegen des Eises unfahrbar. Eine Eisenbahn wurde von den Mormonen in Angriff genommen, blieb aber unvollendet. Die Einwohner Nauvoos beschäftigen sich meist mit Ackerbau, besonders Weinbau. Bis Nauvoo hinauf geht die Weingrenze, doch kann man nicht sagen, daß das Klima der Rebe eben günstig wäre. Ein sehr heißer Sommer folgt einem sehr kalten Winter mit einem Maximal-Wärme-Unterschied von 60-70º Réaumur. Steigt man vom Fluß (der Mississippi wird von den Anwohnern allgemein blos „River“ [Fluß] genannt), durch die „Flat“ hinauf nach der oberen Stadt, so übersieht man allmählich die ganze Umgegend; unten den mächtigen, in großen Bogen sich hinwindenden Strom, von bewaldeten Hügeln umsäumt und begleitet. Aus dem bläulichen Wasserspiegel erheben sich wenig die flachen, waldigen, mit viel Unterholz bestandenen Inseln, oft von 50, ja 100 Hektar Bodenfläche. Besteigt man den Turm der katholischen Kirche, so erweitert sich das Panorama noch. Zu Füßen die ganze, sich weit hinstreckende Stadt; aus dem Grün sehen die schlanken Thürme und die weißen freundlichen Wohnhäuser heraus; jenseits nach Osten, in der unendlichen, meist angebauten Prairie tauchen einzelne Farmen empor; nach allen Seiten Wald, nichts als Wald und wieder Wald. Ruhe und Frieden ist das Gepräge dieser Landschaft, die zur Zeit der Indianer kaum stiller gewesen sein mag. Ein abgeschiedenes, weltvergessenes Idyll — so liegt Nauvoo mitten in dem gewaltigen, rauschenden Epos der amerikanischen Völkerwelt, deren Wogen an ihm vorüberbranden, ohne es zu berühren. Nur dann und wann gemahnt ein Eisenbahnzug daran, der weit drüben bei Montrose vorbeibraust; und in stillen Sommernächten hört man das Geheul der Mississippidampfer. Einen zauberischen Anblick gewährt ein solches Schiff, wenn es, mehrere Stockwerke über der Flut sich auftürmend, von elektrischem Licht umflossen, mit riesigen Schaufelrädern durch das spiegelklare Wasser majestätisch dahin rauscht. Einen Kiel haben diese Mississippidampfer nicht, und sie laufen deshalb, wo das Wasser bei den Anlegeplätzen zu flach ist, einfach auf den sandigen Strand, wo sie ihre Landungsbrücke, die sie vorn hängend mit sich führen, hinauswerfen. Ein anderes, bunt bewegtes und lebendiges Bild bot Nauvoo zur Mormonenzeit. Anfangs der dreißiger Jahre gab der 1805 im Staate Vermont geborene Joe Smith das „Book of Mormon“ heraus, das er durch göttliche Inspiration und auf Grund von goldenen Platten, die er aus der Erde gegraben, die aber Niemand zu sehen bekam, geschrieben haben wollte. In dem Buche ist die Geschichte des aus Palästina nach Amerika gewanderten heiligen Mormon, sowie das Glaubensbekenntnis der nach ihm benannten Mormonen aufgezeichnet. Der Prophet fand Anhänger und es bildete sich eine kleine Sekte um ihn, die zuerst im Staate New York, später in Ohio wohnte und 1833, aus diesem Staate vertrieben, nach Missouri übersiedelte. Von dort wiederum verjagt, zogen die Mormonen über den Mississippi zurück und wählten die kleine Stadt Commerce in Illinois zum Wohnort. Hier fand ihr rastloses Wanderleben einen vorläufigen Abschluß. Sie vergrößerten das Städtchen, so daß es bald über 2000 Häuser zählte. Als erste Aufgabe betrachteten die Gläubigen es, ein würdiges Gotteshaus zu erbauen. Ein großer steinerner Tempel erhob sich auf einer der höchsten Stellen von Nauvoo. Eine wohlgeordnete Regierung und Verwaltung, mit Joe Smith an der Spitze, wurde eingerichtet: Sidney und Brigham Young gehörten zu den eifrigsten seiner Beamten. Rasch blühte die Ansiedelung empor, die Einwohnerzahl stieg auf 20000 bis 25000, nach anderen Berichten bis auf 30000. Alles wäre gut gegangen, wenn die Mormonen nicht Angriffe auf das Eigenthum, ja durch die allmählich sich bildende Lehre von der Vielweiberei (die Praxis ging der Theorie wohl voran) auf die Frauen der umwohnenden Heiden (das sind die Nichtmormonen) sich erlaubt hätten. Hierdurch aufgereizt, griffen die friedlichen Bauern zu den Waffen, und es wurde ein förmlicher Kreuzzug gegen den Staat im Staate eröffnet. Die Mormonen wurden besiegt, die Stadt zum größten Teil zerstört, der Tempel in der Nacht zum 9. Oktober 1848 verbrannt. Joe Smith wurde gefangen und bald darauf in seiner Zelle des Gefängnißes zu Carthago (Hauptstadt des Countys) meuchlings umgebracht.[3] Die Reste der Mormonen zogen gen Westen und kamen nach langer, mühseliger Wanderung durch Wildnis, Steppen und Gebirge, die an Abenteuern und Gefahren dem berühmten Zuge der 10000 Griechen nicht nachsteht, in Utah an, wo sie an den Ufern des großen Salzsees ein neues Jerusalem gründeten. Der Tempel, der der Stadt Nauvoo noch in seinen Trümmern zur Zierde gereichte, verschwand in den siebziger Jahren ganz vom Erdboden, indem ein gewinnsüchtiger Deutscher, Namens Ritter, ihn kaufte, abbrach und die Steine zum Verkauf ausbot. Es fand sich jedoch kein Käufer, und so liegen sie auf seinem Felde, teils zerschlagen, teils noch in ihren riesigen Dimensionen; die Skulpturen sind meist unkenntlich, ich erinnere mich nur, ein Relief der Sonne in Form eines menschlichen Antlitzes, von Strahlen umgeben, roh aus dem Sandstein gehauen, gesehen zu haben. Die verlassenen Häuser der Mormonen, soweit sie nicht zerstört und unbewohnbar waren, wurden von fremden Ansiedlern in Besitz genommen und bezogen; ich wohnte während des Winters 1882/83 in einem solchen. Es war nicht verändert; ein einstöckiger Backsteinbau mit drei Zimmern im Erdgeschoß und einem im Giebel, von dem man den Mississippi sehen konnte. Ein Garten und daran schließende Felder umgeben das einsam liegende Häuschen.[4] Mein Schlafzimmer hatte eine Thür nach dem Garten, die nur mit einem Holzpflock verschließbar war. Als Bett diente mir Maisstroh mit einigen Steppdecken. Die Kälte war manchmal so groß, daß das Wasser in dem stets vor meinem Bett stehenden Glase fror, und zwar durch und durch. Zum Heizen hatten wir Holz, das wir uns zu Wagen oder Schlitten aus dem etwa 6-7 km entfernten Walde holten. Hat man ein Stück gehörig abgeholzt, so hört man auf, Steuern darauf zu bezahlen, und das Land fällt dem Staate anheim. Seiner günstigen Lage wegen wurde Nauvoo noch einmal zum Experimentierfeld einer Sekte ausersehen, nämlich von französischen Kommunisten unter Führung Cabets. Icaristen nannten sie sich nach dessen Buche „Voyage en Icarie“, in dem in Romanform die Grundsätze des Icarismus in leicht verständlicher und fesselnder Weise entwickelt werden. Etwa hundert an der Zahl, kamen sie 1849 in Nauvoo an, kauften die Tempelruine und waren dabei, sie für ihre Zwecke umzubauen, als ein Sturm das angefangene Werk zerstörte. Sie gaben die „Revue Icarienne“ halb in englischer, halb in französischer Sprache heraus und lebten in völliger Gütergemeinschaft etwa zehn Jahre lang. Dann ging die Kolonie auseinander, weil Cabet gleich Cäsar „voll Herrschsucht war“; ein Teil führte in Adams County im Staate Iowa das kommunistische Leben weiter; andere blieben in Nauvoo, wo sie jetzt noch leben und mit den Deutschen, Engländern und Irländern zusammen Acker- und Weinbau treiben. Ihre Mußezeit vertreiben sich die Nauvooer gern durch Theaterspielen. Einer der ehemaligen Icaristen, Herr Balley aus Paris, spielt gewöhnlich die Hauptrollen, sowohl in den englischen, wie in den deutschen Stücken. Französische können nicht gut aufgeführt werden, weil dann die Deutschen und die Engländer sich weder aktiv noch passiv beteiligen könnten. Von den englischen Stücken ist mir erinnerlich „Schinderhannes, the Robber of the Rhine“, von den deutschen „Papa hat's erlaubt“ von Putlitz. Es ist für einen Franzosen in hohem Grade anerkennenswert, drei Sprachen so zu beherrschen, um darin erträglich zu agieren; umsomehr für einen Schuster, wie Herr Valley ist. Herr Cambrai, ein Weinbauer, spielt gut Violine und liebt die deutsche Musik. Die Deutschen und die Franzosen, die den Hauptteil der Bevölkerung ausmachen, leben im allgemeinen friedlich zusammen, ausgenommen im Kriegsjahre 1870/71. Ihre Nationalität bewahren die Franzosen in Nauvoo, wie überall, besser als die Deutschen. Man merkt das auch an Aeußerlichkeiten. Der Deutsche sagt Country (Land), auch wenn er deutsch spricht, und Cider, letzteres mit englischer Aussprache; der Franzose aber behält sein contrée und spricht cidre französisch aus. Doch zu untersuchen, wie weit die Deutschen sich in der Sprache amerikanisieren, würde eine eigene Abhandlung erfordern. Noch einmal könnte Nauvoo vielleicht eine Rolle spielen und aus der Vergessenheit auftauchen, in der es seit einem Menschenalter ruht. Halb im Scherz, halb im Ernst hat man, nicht nur im Nauvooer Independant, sondern auch in auswärtigen Zeitungen davon gesprochen, die Bundeshauptstadt von Washington nach Nauvoo zu verlegen. Das klingt befremdlich, ist aber nicht so toll, wie es aussieht. Die Hauptstädte der amerikanischen Einzelstaaten werden fast ausnahmslos in das geographische Zentrum gelegt; darum ist nicht das große Chicago Hauptstadt von Illinois, sondern das kleine Springfield; nicht das riesige New-York des gleichnamigen Staates, sondern das kleinere, aber zentral gelegene Albany, nicht San Francisco von Californien, sondern das verhältnismäßig unbedeutende Sacramento u.s.f. Diesem Grundsatze zufolge wurde Washington Hauptstadt der dreizehn ersten Staaten; damals hatte es in der That eine zentrale Lage. Jetzt hingegen, nachdem sich das Ländergebiet der Vereinigten Staaten weit nach Westen ausgedehnt hat, müßte auch der Unionsmittelpunkt nach Westen verschoben werden. Ueber den Mississippi, die Hauptverkehrsader hinaus, dürfte die Unionshauptstadt kaum gerückt werden. Eine am Vater der Ströme gelegene Großstadt, wie Sant Louis, würde sich aus Mangel an Platz für die zu erbauenden Ministerien und sonstigen Regierungsgebäude, sowie wegen der vielen Fabriken und der dadurch bedingten Unzuträglichkeiten nicht eignen. Nauvoo hat eine äußerst gesunde Lage und, was die Hauptsache ist, Raum, unbeschränkten Raum. Nauvoo ist von allen Teilen der Union leicht zu erreichen, während Washington für die Senatoren und Repräsentanten des Kongresses aus dem Westen und Südwesten eine sechstägige ununterbrochene Schnellzugsfahrt erfordert. Also auch die Reisevergütungen für die Volksvertreter würden sich erheblich vermindern. Aus all den angegebenen Gründen ist es also keineswegs unmöglich, daß die Hauptstadt-Hoffnungen der Nauvooer dereinst in Erfüllung gehen werden. FUSSNOTEN: [2] 1882-83 bereiste der Verfasser die Vereinigten Staaten. Die beiden folgenden Stücke sind Bruchstücke aus dem damals geführten Tagebuch. [3] Sein Degen befindet sich im Besitz eines gewissen Myers in Fort Madison, wo ich ihn sah. [4] Siehe das Titelbild IV. Ausflug in die nordamerikanischen Urwälder und zu den Geysers. Das erste, was der San Franciscaner seinem Gaste zu zeigen pflegt, ist das Cliff-Haus, jenes berühmte Wirtshaus am Stillen Ocean. Auch mich ließ mein Onkel, den ich während eines Frühlings und Sommers mit meinem Besuche strafte, gleich am zweiten Tage meiner Ankunft hinauskutschieren. Man fährt eine gute deutsche Meile nach Westen durch den Goldnen-Thor-Park; das Haus liegt auf einen Felsen dicht am Meer; vom Balkon hat man eine herrliche Sicht auf die Brandung und die kleinen felsigen Inseln, auf welchen Hunderte von Seelöwen umherrutschen und ihr wehmütiges Geheul ertönen lassen. Sie stehen unter dem Schutze der Stadt und dürfen nicht geschossen werden. Rechts sieht man die Schiffe aus dem Goldenen Thor majestätisch ins offene Meer hinaussegeln. — Die nächsten Wochen benutzte ich dazu, die Sehenswürdigkeiten der Stadt in Augenschein zu nehmen. Nächst dem Chinesentheater interessiert vor allem immer wieder das Leben und Treiben am Hafen, welches auch den zu fesseln vermag, der Hamburg, New-York, London kennt. An Größe, Schönheit der Umgebung und Buntheit und Mannigfaltigkeit der Nationalitäten übertrifft der Hafen der californischen Seestadt die der drei genannten. Die Umgegend von San Francisco ladet zu häufigen Ausflügen ein. Man bedient sich dabei der Baidampfer, die an Pracht der Ausstattung kaum den Hudsondampfern (zwischen Albany und New-York) nachstehen. Da ist z.B. Saucelito, wie ein Stück Thüringen an das Gestade des Stillen Weltmeeres versetzt; San Rafael, mitten in Bergen, ebenfalls am Golf, leider mit Mosquitos reichlich gesegnet. Gerade gegenüber San Francisco, am Ostufer der Bai: Oakland, Alameda und nördlicher Berkeley mit der Staatsuniversität für Californien, welche in einem Park am Fuße eines Berges gelegen ist, mit Aussicht auf das Goldene Thor. Ein ganz herrlicher Punkt ist Piedmont Springs, ein Badeort mit Schwefelquellen, weiter im Innern nach Osten zu, in zwei Stunden (abwechselnd mit Pferdebahn, Dampfer und Eisenbahn) zu erreichen, durch Feld und Wald und durch anmutige Ortschaften mit blühenden Palmen und Rosen. Von dem hochgelegenen Piedmont Springs eröffnet sich ein Ausblick auf das gesegnete Land, mitten darin wie ein blaues Auge der See Meritt, und in der Ferne schimmert die Bai mit der Stadt auf den sieben Hügeln. Bald waren alle diese Punkte und andere öfter als einmal genossen; der Sinn stand auf Weiteres gerichtet. Durch die Liebenswürdigkeit meines Onkels sollte ich auch die nördlicher gelegenen Striche Californiens mit den Urwäldern und Geysers kennen lernen, während ich Süd-Californien von der Mündung des Colorado bis nach San Francisco hinauf auf meiner Reise vom Mississippi nach dem Westen, wenn auch nur im Fluge, gesehen hatte. Eine meinem Onkel befreundete Firma, welche in San Francisco eine Cigarrenkistenfabrik mit mehreren Hundert Arbeitern besitzt, lud mich ein, ihre in Humboldt County, dem nördlichsten County des Staates, und in Sonoma County gelegenen Besitzungen anzusehen. In diesen Countys läßt die Firma das Rotholz (Red-Wood) schlagen, welches zum Bau und als Cigarrenkistenholz für minderwertige Sorten gebraucht wird; dort haben sie 2 Schneidemühlen mit je 50 Arbeitern, lassen die Stämme zersägen und von Humboldt County zu Schiff, von Sonoma County per Bahn nach San Francisco schaffen. Mit einem Empfehlungsschreiben an den Aufseher in Sonoma County versehen, unternahm ich den Ausflug mit dem frohen Gefühl, daß er mir nicht wie in Deutschland verregnen könne; denn ein ewig blauer Himmel lacht bekanntlich im Sommer über Californien. Man durchfährt den nördlichen Teil der über 50 Kilometer langen Bai, läßt das Goldene Thor links liegen und geht nach einstündiger Dampferfahrt auf die Eisenbahn über. Drei Stunden braust der Zug durch die freundlichen Thäler der Küstengebirge, mit viel Weinbau, zuletzt im Thal des Russian River, der seinen Namen von früheren russischen Ansiedelungen führt. Zur Mittagszeit kam ich, nachdem ich zuletzt eine sehr primitive Seitenbahn, meist nur für den Holztransport gebaut, benutzt hatte, auf Mills Station an, die mitten im einsamen Waldthal liegt, welches mich an das unserer Schwarza erinnerte. Im unmittelbaren Umkreise der Mühle ist der Wald verschwunden, und es stehen nur noch die schwarzen Stümpfe der Riesenbäume, etwa 3 Meter über dem Erdboden abgesägt. Damit der Baum nicht wieder ausschlägt, wird der Stumpf äußerlich verkohlt und steht noch manches Jahr da, während um ihn herum der Wein grünt; ein wunderbarer Kontrast, dem ich nichts zu vergleichen wüßte. Immer weiter greift die Zerstörung des Waldes, die hier, wie fast überall in Amerika, mit der größten Sorglosigkeit betrieben wird. Sequoia gigantea und sempervirens, aus denen er hauptsächlich besteht, wird 80-120 Meter hoch, wächst kerzengerade, mit einem Durchmesser von 2-6 Meter. Bei Mariposa, in der Nähe des vielbesuchten Yosémité-Thales (Sierra Nevada) steht der gewaltigste von allen, „Wawona“, der einen Durchmesser von 8-9 Metern hat und eine Höhlung, durch welche die 4 und 6spännige Postkutsche fährt. Nachdem ich meinen Brief an Herrn B., den Aufseher der Mühle, abgegeben hatte, wurde ich eingeladen, an dem gemeinschaftlichen Mittagsmahle der Arbeiter teil zu nahmen, welches den chinesischen Köchen, die die Wirtschaft besorgen, alle Ehre machte. Die Arbeiter bekommen 130-400 Mark monatlich bei freier Station (eine Summe, die den californischen Preisen entspricht und bei weitem nicht so bedeutend ist als sie scheint), wofür sie 11-12 Stunden harte Arbeit haben. Gelegenheit, ihr Geld auszugeben, bietet sich hier nicht. Mit mir zugleich kam ein junger, gebildet aussehender Mann an, der seine Stelle als Ingenieur auf einem Cuba-Dampfer aus irgend einem Grunde verloren hatte, wie er sagte, und um Arbeit bat; der alte B. setzte ihm in 1/4 Minute die Bedingungen auseinander, sagte ihm, daß er zunächst 130 Mark erhalten würde, und nachdem der neue Ankömmling mit uns gegessen hatte, fing er an, Holz in die Mühle zu tragen, wie wenn er es von jeher gewohnt wäre. Eine halbe Stunde abseits liegt „S's Ranch“, eine Meierei, wohin B. und ich nachmittags gingen, um meinen Wirten, der Familie S., die dort Sommerwohnung hatte, einen Besuch zu machen. Viele Verwandte und Bekannte, Kranke und Gesunde, zusammen etwa 20, meist tschechischer Herkunft wie auch die Familie S., waren anwesend und genossen, wie es schien, unbeschränkte Gastfreundschaft. Wir besichtigten die zum Gut gehörige, von Schweizern betriebene Milch- und Käsewirtschaft (60 Kühe), sowie die Weinberge, die 80 Acker bedeckten. Am Abend saß ich mit dem alten B., der froh war, jemand zu haben, der sein liebes Prag kannte, und mit dem er über die Deutschenfrage in Oesterreich sprechen konnte, auf der Veranda seines Holzhauses bei einer Flasche Californiers; es dämmerte, und feierliche Stille lagerte sich über die Wälder; friedlich zu unseren Füßen liegen die zerstreuten Holzhäuschen der Arbeiter; letztere gehen rauchend und plaudernd dazwischen spazieren. Nebel senkt sich herab, ab und zu flackern die Feuer heller auf, welche Tag und Nacht brennen zur Beseitigung des überflüssigen Holzes; ein Wächter wacht dabei, daß es nicht zu weit um sich greife. Vor dem Zubettgehen zeigte mir Herr B. eine Kollektion von Insekten und spinnenartigem Getier, das aufgespießt an der Wand über seinem Bette prangte, darunter auch einige Skorpione, etwa fingerlang, die er in seiner Bettstelle gefangen und ihrem wohlverdienten Schicksale überliefert hatte. Ihr Stich ist sehr schmerzhaft. Nachdem ich mein Lager sorgfältig durchsucht hatte, schlief ich ruhig ein und blieb von derartigen Bestien unbehelligt. Am nächsten Morgen versammelte sich alles auf der Ranch, um den gestern verabredeten Ausflug tiefer hinein in den Wald auszuführen, dort einen der Bäume fällen zu sehen und ein gemütliches Picnic abzuhalten. Die Fahrt ging zuerst auf eisernen, dann auf hölzernen Schienen. Vier Joch Ochsen zogen, an eine Kette geschirrt, und der italienische Treiber, der hinten an der Bremse stand, dirigierte das Ganze, indem er jedes der Tiere beim Namen rief, rechts oder links, rasch oder langsam gehen ließ, und das ohne Zügel und in einem aus Englisch und Italienisch gemischten Kauderwelsch, welches außer den Ochsen niemand verstand. Wirkte das Wort einmal nicht, so sprang er vom Wagen und stach hurtig die Störrischen mit einer Stahlspitze in das Hinterteil. Maulesel lösten die Ochsen ab, als wir auf die Holzschienen übergingen und in den dichteren Wald einfuhren. Ein Gerüst von 3-4 Metern Höhe umgab den zu fällenden Baum; die beiden Arbeiter, welche schon einen vollen Tag daran gesägt hatten, trieben die Keile tiefer hinein, während das Holz leise knackte und knarrte; langsam senkte er sich nach der angehackten Seite, und schnell und immer schneller stürzte der Gewaltige, eine Wolke von Staub, Blättern, Nadeln und Holzsplittern aufwirbelnd, mit donnerartigem Getöse. Die Kunst der Holzfäller besteht darin, ihn so fallen zu lassen, daß er möglichst wenig andere Bäume niederreißt und beschädigt. Wir kamen aus unserer sicheren Position hervor und maßen den Baum: er hatte unten über 3 Meter Durchmesser und war 80-90 Meter lang. Das Holz ist fast ziegelrot. Nachdem der Baum seiner Aeste entledigt ist — welche liegen bleiben und an Ort und Stelle verbrannt werden —, wird er in Stücke von etwa 15 Meter Länge gesägt; diese werden mit Ketten umwunden und durch Ochsen auf roh hergestellten Knüppeldämmen zu den Schienen geschleift und in die Sägemühle gefahren. Nachdem wir uns am Ufer des Russian River eine Weile bei Speise und Trank gelagert hatten, fuhren wir auf einem andern Wege durch prächtigen Rotholzwald, mit Lorbeer und Haselnuß untermischt, nach Hause zurück. Nach Tische fuhr ich über Santa Rosa, einer freundlichen Landstadt, die ihren Namen nach einer getauften Indianerin hat, bis nach Cloverdale, wo ich übernachtete. Da die Post nach den Geysers erst um Mittag abfuhr, blieb mir der Vormittag zu einem Spaziergang in die Umgegend. Ich erstieg einen Hügel, von welchem ich die Aussicht auf das friedliche Thal mit seiner herrlichen Vegetation genoß. Wie viele solcher Idyllen, die sich mit den reizendsten in Deutschland messen können, mögen unbeachtet in dem weiten Lande zu finden sein! Als ich mich näher umsah, bemerkte ich erst, daß ich unter Gräbern stand; aus einer frischen Gruft schaufelte ein Mann Erde heraus. Ich ließ mich in ein Gespräch ein, merkte bald, daß er ein Landsmann war, und fuhr deutsch fort. Er entpuppte sich als Holsteiner, Handwerker und Eigentümer dieses Friedhofs. Wenn ein Cloverdaler begraben sein will, muß er sich an den Holsteiner wenden, der ihm für Geld und gute Worte ein Grab gräbt. In offenem, vierspännigem Postwagen ging es um 1 Uhr fort, durch hochromantische Thäler; links ragt die Felswand, rechts droht der Abgrund; bergauf bergab geht es; verglichen mit unseren Poststraßen ist der Weg schauderhaft und so schmal, daß der Wagen zur Not ausbiegen kann — es kam übrigens auf der langen Strecke nur einmal vor —; Prellsteine existieren nicht. Kurze Biegungen werden mit rasender Geschwindigkeit umfahren, so daß die hinten sitzenden Passagiere die beiden vorderen Pferde nicht mehr sehen, während der Wagen noch diesseits der Felskante herumschlürft. Aengstliche Leute werden hier mit Recht ohnmächtig, und auch weniger angstvolle werfen bedenkliche Blicke bald auf den Rosselenker, der freudig die lange Peitsche über dem Viergespann schwingt, bald auf den gähnenden Abgrund, bald auf die sausenden Wagenräder, die sehr solide gebaut sein müssen, um die Stöße auszuhalten. Einer der Passagiere, ein Illinoiser Farmer, der einen Bruder in Nordcalifornien besuchen wollte, erwiderte, befragt, weshalb er nicht den Seeweg von San Francisco aus gewählt: es käme auf eins heraus, ob er ertränke oder den Hals bräche. Selten genug kommt ein Unglücksfall vor, dazu verstehen die Kutscher ihr Handwerk zu gut; ab und zu geschieht es dennoch, und wir passierten nicht ohne Schauder die Stelle, wo vor ein paar Monaten der Wagen hinabgestürzt war, die Pferde tot, Kutscher aber und Reisende durch einen glücklichen Zufall an irgend einen Vorsprung oder Gebüsch hängen geblieben und mit gebrochenen Armen und Beinen davon gekommen waren. Nach 4stündiger, nur einmal unterbrochener Fahrt langten wir, tüchtig durchgerüttelt und gänzlich verstaubt, in Geyser Springs an, einem großen hölzernen Hotel mit Schwefelbädern, in prachtvollem Thalkessel gelegen. Abends lagen wir alle, eine große Gesellschaft Damen und Herren, in Schaukelstühlen (andre waren nicht vorhanden) auf der Veranda. Aus dem Saale tönte Klaviergeklimper, und alsbald wurde getanzt. Nachher unterhielt ich mich mit einem San Franciscoer Maler, der mein Zimmergenosse wurde, einem Antwerpener Kaufmann aus Oakland und einigen amerikanischen Studenten. Der Maler, dessen Sehnsucht nach Paris und München ging, legte eine Probe seiner Kunst ab, indem er einen Wasserfall nach der Natur malte, ziemlich schlecht nach meiner Meinung; der Antwerpener, der sehr gut deutsch sprach, erzählte von seinen Rheinfahrten; und den amerikanischen Studenten suchte ich, selbst noch ein halber Student, einen Begriff von deutschem Universitätsleben beizubringen, was mir indes nicht gelang. Bei Tische wurden wir, wie meist in Hotels und auf Dampfern, durch Neger bedient, von denen einer — seltene Erscheinung! — durch seine Schönheit auffiel; diese entging den weißen Ladies nicht, und kokette Blicke flogen hinüber und herüber. Ueberhaupt herrschte ein merkwürdig freier Ton in der sonst so steifen amerikanischen Gesellschaft, vielleicht hervorgerufen durch das Gefühl, dem lästigen Stadtceremoniell einmal entronnen zu sein. Der Preis betrug 13 Mark pro Tag, wobei, wie gewöhnlich in amerikanischen Hotels, die 3 Mahlzeiten eingerechnet sind, mag man nun daran teil nehmen oder nicht. Nach der Karte kann man nichts haben. An einem schönen Sonntag Morgen wanderte die ganze Gesellschaft mit einem Führer (einem Deutschen, wie es schien) in die Berge, um die Geysers und Schwefelquellen in Augenschein zu nehmen. Der Boden schwankt unter den Füßen, dabei ein Getöse wie in einer Fabrik. Ueberall an den Wänden ist Schwefel abgesetzt; auch Asbest sah ich. An vielen Stellen dringt kochendes Wasser, heißer Dampf heftig hervor. „Des Teufels Tintenfaß“, „der Hölle Badeanstalt“ und andre, mehr oder weniger passende Namen wurden uns genannt. Ein Becher, den der Führer mit dem Henkel am Spazierstock vor ein solches dampfendes Loch hielt, fuhr schwirrend herum. Schließlich nahm ein Photograph die Gesellschaft auf, mit den Geysers im Hintergrunde. — Durch noch großartigere Landschaft als bisher ging es weiter mit der Post, und üppige Vegetation begleitete uns. Als wir im besten Fahren waren, hielt der Wagen plötzlich; der Kutscher stieg ab und wies auf eine kleine Gruppe, die uns zu interessant schien, um sie sofort zu stören. Eine Klapperschlange saß mitten auf dem Wege und war dabei, eine Maus zu verzehren. Sobald sie uns erblickte, fuhr sie empor und streckte uns ihr niedliches Köpfchen graziös und herausfordernd entgegen, indem sie nach Kräften mit dem Schwanze rasselte. Der Kutscher zerhieb sie mit der Peitsche, trat ihr den Kopf entzwei und gab mir die Klapper zum Andenken. Nachdem wir Mittag gemacht hatten, fuhren wir weiter, um den etwa 1200 Meter hohen Helenaberg herum, der die Gestalt eines liegenden Elefanten hat, und kamen um 2 Uhr in Calistoga an, von wo mir noch 4 Stunden mit Bahn und Dampfer blieben nach dem südlicheren San Francisco. V. Ekensund. Ein Land- und See-Mosaikbild. Um in dem überreichen Material, das mir über Ekensund zu Gebote steht (nach fünfwöchiger Sommerfrische!), nicht planlos hin- und herzusteuern oder gar zu versinken, wäre es wohl angebracht, eine Art Disposition zu entwerfen, wie ich es als Sekundaner und Primaner zu thun pflegte. Allein ich fürchte, mein Aufsatz bekäme dann einen Anflug von Lehrhaftem, schmeckte zu sehr nach Schule, und mir ist es wahrhaftig mehr um das delectare des Horaz als um sein prodesse zu thun, wenngleich auch dieses selbstverständlich nicht ausgeschlossen bleibt. Seine geographischen Kenntnisse bereichert jeder gern, besonders in der jetzigen Zeit, die ja im Zeichen des Verkehrs stehen soll. Wie gut, daß doch jede Regel ihre Ausnahme hat! Denn Ekensund steht _nicht_ im Zeichen des Verkehrs, noch nicht, und wird hoffentlich noch eine Weile außerhalb desselben bleiben. Sonst käme ich nächstes Jahr nicht wieder, und mein liebenswürdiger Hauswirt könnte sehen, wo er einen Ersatz für mich und meine Familie herkriegte. Als ich meinen Freunden in Flensburg meinen Entschluß kund that, nach Ekensund hinauszuziehen, schlugen sie die Hände über dem Kopf zusammen und riefen entsetzt aus: „Nach Ekensund? Was wollen Sie denn da in dem Schmutzloch, wo die vielen Ziegeleien sind und so viel Staub und kein Wald und kein Kurhaus — —“ Gemach, gemach! Genau so sprach ich vor zehn Wochen auch, und ich würde jeden für einen ausgemachten Narren erklärt haben, der in Ekensund Sommerfrische zu halten gedächte! Der Grund bei mir war derselbe wie bei Brockhaus und meinen Flensburger Freunden: Wir waren nie da gewesen. Was bei Brockhaus, der in der Pseudoseestadt Leipzig wohnt, verzeihlich ist, wird bei uns, die wir in der wirklichen Seestadt Flensburg wohnen und nur 18 Kilometer von Ekensund entfernt, nicht nur unverzeihlich, sondern auch unbegreiflich. Indessen, tout savoir c'est tout pardonner. Die Flensburger Föhrde bietet so viel wundervolle Orte und Oertchen, in Wald und Hügel gebettet und von der blauen Flut umrauscht, wo die Schönheiten sozusagen auf dem Präsentierteller geboten werden, daß das verwöhnte Auge des Philisters, der für „Natur“ schwärmt, bei Ekensund eben nur — Ziegeleien sieht. Es war bisher das Aschenbrödel unter seinen Schwestern Glücksburg, Kollund, Süderhaff, Gravenstein und wie sie alle heißen; aber darum will ich um so lauter seinen Ruhm verkünden und über jene anderen mich in völliges Stillschweigen hüllen. Sprachlich hellhörigen Lesern, die ihren Wustmann am Schnürchen haben, wird vielleicht schon längst die vorwurfsvolle Frage auf den Lippen schweben, warum ich denn beharrlich Ekensund schreibe, während es doch gewiß Eckensund heiße. Diesen diene als Belehrung, daß dem nicht so ist. Ekensund heißt hochdeutsch Eichensund, und so wirft der Name hier wie auch sonst Licht auf frühere Zustände, die kein Lied, kein Heldenbuch meldet. Die kurze und schmale, aber sehr tiefe Wasserstraße, welche das kleine Nübelnoor[5] mit der größeren Flensburger Föhrde verbindet, war früher von mächtigen Eichenwäldern umschattet, deren Wipfel von hüben und drüben sich fast berührten, sodaß ein Eichhörnchen von einem Ufer zum anderen springen konnte. Der Name Ekensund übertrug sich später auf den Ort, der teilweise am Sunde, teilweise aber an der hohen steilen Küste der eigentlichen Föhrde sich hinzieht. An die ehemaligen Wälder erinnern nur an den Endpunkten des Ortes noch Ueberreste, kleine Haine, die bei ländlichen Festlichkeiten, Picknicks u.s.w. benutzt werden. So auch bei dem am morgigen Sonntag stattfindenden großen Erntefest, auf das rote Plakate hinweisen und mit welchem, wie es heißt, eine internationale Segel- und Ruder-Regatta verbunden sein wird. Eine merkwürdige Zusammenstellung, denkt vielleicht der binnenländische Leser, aber sie zeigt so recht die Hauptquellen des hiesigen Volkswohlstandes, der auf dem Erntesegen und auf den Schätzen und dem Verkehr der salzigen Meeresflut beruht. Aus demselben Grunde tragen ja auch die dänischen Münzen eine Aehre und einen Fisch. Was die Internationalität betrifft, so beschränkt sie sich auf deutsch und dänisch; befinden wir uns doch in der Gegend, wo, wie der selige Voß in der Widmung seiner Odyssee an die Grafen Stolberg sagt, der dänische Pflüger den Deutschen, dieser den Dänen versteht. Insofern kann man auch Ekensund eine internationale Sommerfrische nennen, und zwar mit mehr Recht als Baden-Baden oder Karlsbad; denn dort sprechen die Einwohner trotz der vielverheißenden Aufschriften On parle français und English spoken doch nur eine Sprache. Hier aber drei: hochdeutsch, plattdeutsch und dänisch. Nicht das reine Kopenhagener Dänisch freilich, sondern nur „Kartoffeldänisch“, wie es spöttisch genannt wird. Die Inschriften des Ortes zeigen denn auch deutsch und dänisch durcheinander: da ist eine Sadelmager-Vaerksted, dort wohnt ein Kobbersmed, dort winkt eine Gjaestgiveri und sogar ein Lager af Hatte og Kasketter, und man möchte sich fast innerhalb der rotweißen Pfähle glauben, wenn einen nicht das Königlich Preußische Nebenzollamt und die Kaiserlich Deutsche Reichspoststelle eines anderen belehrte. Apropos Gjaestgiveri! Sie thront auf hohem Ufer und bietet weite Aussicht auf die Innen- und Außenföhrde mit ihren Dampfern und manchem stolzen Segler; aber lieber noch ist mir der Einblick in das trauliche Wirtszimmer, wo drei Seerosen blühen, nämlich der Wirtin drei Töchterlein, eine immer noch hübscher als die andere, und zwischen 16 und 21 Jahren stehend; vorläufig also noch keine Aussicht, aus dem Schneider zu kommen. Fast bin ich eifersüchtig auf die drei Maler, die nun schon seit mehreren Wochen in der Gjaestgiveri wohnen und täglich den Anblick und Umgang der drei Seeröslein genießen dürfen — doch damit komme ich auf den Glanzpunkt Ekensunds — auf die Maler! Merkwürdig, sie sind fast das einzige Fremdenpublikum, und von den 12 Sommerfrischlern, die hier hausen, bilden sie die Majorität — zur Zeit sind es 7! Die übrigen 5 Gäste sind meine Frau, ich, meine beiden Söhnchen und unsere dienstbare Jungfrau; damit ist das Dutzend voll. Die Maler, die Ekensund unsicher machen, werden wohl nicht weit her sein, denkt vielleicht die freundliche, aber skeptische Leserin. Weit gefehlt, gnädige Frau! Hören Sie nur: Da ist ein Biedermann aus Gotha, ein Engel aus München, ein von Hoven aus Frankfurt a.M., ein Petersen-Angeln aus Düsseldorf, ein Schwennsen aus Christiania, ungerechnet die Flensburger Jakob Nöbbe und Alex Eckener! Von einem Biedermann'schen Bilde sagten Unverständige früher, man könne nicht sehen, ob es ein Porträt oder eine Landschaft darstelle; aber seit es vor einigen Tagen für 800 Mark auf der Münchener Ausstellung verkauft ist, hat sich die Hochachtung vor diesem Biedermann erheblich gesteigert, und wie Joseph unter seinen Brüdern schreitet er jetzt unter seinen Genossen umher, diese um Haupteslänge überragend. Ich habe ihm deshalb auch in meiner Aufzählung die erste Stelle eingeräumt. Wenn ihr einstens als große Lichter am deutschen Kunsthimmel leuchtet, ihr sieben Maler, dann denkt, daß ich es war, der euch in meinem Feuilleton über Ekensund zuerst den Tribut der Anerkennung zollte! Ein Ort, der für Künstler eine solche Anziehungskraft hat, daß sie Jahr aus Jahr ein wiederkehren, und zwar in vermehrter Anzahl wiederkehren, und wochenlang und monatelang pinseln und pinseln, ein solcher Ort kann nicht ohne bedeutende Reize und seine Zukunft kann nicht ganz trostlos sein. Wenn aber die gewöhnlichen Sommerfrischler erst in größeren Schaaren anrücken, dann, fürchte ich, werden die Jünger Apolls dem einsamen Ekensund Lebewohl sagen. „Der Adler fliegt allein, die Krähen scharenweise.“ Wenn der Wind allzuhart vorn auf meiner Glasveranda steht, von der ich den Blick auf den Sund mit seinen fortwährend passierenden Schiffen genieße, ziehe ich mich in die Laube hinter dem Hause zurück, von wo aus ich den muldenförmig gelegenen Garten überschaue. Früher war es eine Lehmkuhle, und ein kleiner weidenbewachsener Teich an der tiefsten Stelle erinnert noch an die Zeiten, da er das Material für den Ziegelofen lieferte. Hier ist es windgeschützt; man hört ihn wohl brausen in den mächtigen Pappeln, aber man fühlt ihn nicht. Kein abgeschiedeneres Idyll läßt sich denken als dieser Garten, von der Morgensonne beschienen und belebt nicht nur von meinen Söhnen, die in ihrem blauen Wägelchen hügelauf und hügelab karriolen, wobei sie zwischen Weg und Rasen nicht streng unterscheiden, sondern auch von vielen Hühnern; denn mein Wirt ist nicht nur Ziegeleibesitzer, sondern auch einer der ersten Hühnerzüchter im Umkreise. Da stolzieren schneeweiße Rammelsloher Hähne neben Hamburger Silberlackhühnern, Andalusier neben Siebenbürger Nackthälsen, die jeder, außer dem Maler Nöbbe, häßlich findet; da führen Mutter Kattun und Mutter Eule ihre jungen Bruten umher, von denen das regnerische Wetter leider eine Anzahl hinweggerafft hat. Schlimmer aber war es noch im vorigen Jahre, als das große Sterben, die Diphtherie, unter dem Federvolk wütete und fünfzig Opfer verlangte. Als einziges Mittel gegen die schreckliche Krankheit gilt Petroleum, und gerne öffnen die kranken Tiere ihren Schnabel und lassen sich pinseln. Da überragt alle anderen der Hahn Jochen, der ungefähr die Größe meines fast zweijährigen Ernst hat. Ergötzlich sind die Hahnenkämpfe, die sich täglich vor meinen Augen abspielen und die mir ein anschaulicheres Bild der Zweikämpfe um Troja zu geben vermögen als alle Beschreibungen des göttlichen Homer. Wie sich die Federn am Halse sträuben, wie die Augen blitzen und wie dann mit unfehlbarer Sicherheit die Schnäbel gegen einander fahren, bis endlich der eine den Kampfplatz verläßt, während der andere ein siegreiches, jubelndes Krähen anstimmt. Und der Grund zu diesen Mensuren? Es heißt hier wie beim trojanischen Kriege: Cherchez la femme! Es ist vielleicht an der Zeit, über die geographische Lage Ekensunds einige genauere Angaben zu machen. Es liegt, gründlich gesagt, auf der Halbinsel einer Halbinsel einer Halbinsel einer Halbinsel einer Halbinsel! Oder in umgekehrter Reihenfolge: Europa, das eine Halbinsel Asiens ist, streckt nach Norden die fingerförmige cimbrische Halbinsel, welche auf der Ostseite wieder eine Anzahl Halbinseln bildet. Von diesen streckt die Halbinsel Sundewitt nach Süden die kreuzförmige Halbinsel Broacker, auf dessen nordwestlichem Balken unser Ekensund liegt, also auf einer fünfmal potenzierten Halbinsel. Auch hierin dürfte Ekensund vor anderen Sommerfrischen einzig dastehen. Die Erwähnung von Broacker bringt mich wieder auf die Hühner zurück, was, da ich keinen Schulaufsatz, sondern ein Mosaikfeuilleton schreibe, niemand für einen allzugewagten Sprung halten wird. Mitten auf der Halbinsel Broacker, da, wo die beiden Kreuzbalken sich decken, liegt das große Kirchdorf Broacker, so hoch, daß sein mächtiges weißes Thurmpaar nicht nur auf der ganzen Halbinsel zu sehen ist, sondern auch weithin über das Meer leuchtet, den Schiffern als Landmarke dienend auf stürmischer Fahrt. Auf dem Altar steht eine Nachbildung des Thorwaldsen'schen Christus in der Frauenkirche zu Kopenhagen, und auf dem Kirchhofe ruhen nebeneinander Dänen und Deutsche, Freund und Feind, die beim Sturm auf Düppel den Kriegertod fanden. An einem sonnigen Sonntage — es war vor acht Tagen — fand wiederum ein heißes Ringen in Broacker statt, und von allen Richtungen pilgerten schaulustige Menschen zu Wagen und zu Fuß herbei, um den Verlauf des Kampfes zu sehen. Einhunderachtundsiebzig Parteien kämpften um die Preise, deren sechsunddreißig auf die Sieger harrten. Als wir den großen Saal des Jörgensen'schen Gasthofes betraten, umsummte uns ein Lärmen und Schreien, ein Drängen und Schieben, daß wir froh waren, als wir eine Viertelstunde später im Gartenpavillon bei einer guten Tasse Kaffee und einem Strauß'schen Walzer der Ruhe pflegen konnten. Ueber die Einzelheiten der Geflügelausstellung (denn um eine solche handelte es sich) geben wir deshalb auch keine weitere Auskunft, fügen nur hinzu, daß viele Besucher bis in den grauenden Morgen beim Tanz die Schlacht fortsetzten; blutige Köpfe soll es aber nur drei gegeben haben. Wie sich in Kinderköpfen die Welt anders malt als sonst in Menschenköpfen, dazu lieferte mein älteres Söhnchen Karl eine Illustration. Als wir ihn nach der Rückkehr erwartungsvoll fragten: „Na, Karlchen, was haben wir denn nun in Broacker gesehen?“ blickte er mit seinen dunkelblauen Augen zuerst träumend in die Ferne, dann sagte er, freudig aufblickend: „Zwei große Hunde!“ — Enttäuscht über diese wenig sachgemäße Antwort fragte ich forschend weiter: „Und was denn noch?“ — „Viele Wagen und Pferde!“ kam es schnell heraus. Daß Hühner, Tauben und Fasanen dagewesen waren, bejahte er erst, als ihm diese Tiere direkt genannt wurden. So sieht und beachtet jeder nur das in der Welt, was ihm wichtig erscheint, für das Uebrige sind wir halb oder ganz blind. Mit dieser lehrreichen Betrachtung möchte ich meine Plauderei über die Sommerfrische Ekensund schließen. Der eine wird sie anziehend finden und lesen, der andere nicht. Wir loben jenen nicht, wir verdammen diesen nicht; beide können in ihrer Art gute und glückliche Menschen sein. Und mehr braucht man nicht im Leben. FUSSNOTEN: [5] Noor heißt See, Gewässer; Nübel ist ein Dorf. VI. Ein Besuch bei Gustav Freytag. Im Sommer 1882 wanderte ich als Student durch das Thüringer Land. Von Jena, wo ich damals meinen Studien oblag, gings zunächst mit der Bahn nach Eisenach, wo ich mich mit einem Freunde aus Marburg traf. Nachdem die Wartburg besucht, der Inselsberg bestiegen und alle die Herrlichkeiten zwischen Eisenach, Ruhla und Friedrichsroda genossen waren, trennten wir uns in Gotha, von wo mein Genosse westwärts, ich ostwärts fuhr. Bevor ich aber der alten Musenstadt Jena wieder zueilte, beschloß ich, noch einen halben Tag zu verweilen und zu einem Spaziergange nach Siebleben zu benutzen, in welchem der Dichter von Soll und Haben in stiller Muße seine Sommertage zu verbringen pflegte, während er im Winter in Leipzig wohnte. Dort war ich öfters an seiner Wohnung in der Nürnberger Straße vorübergegangen, mit dem Wunsche, den hochverehrten Mann persönlich kennen zu lernen, dessen Werke in ihrer ruhigen Vornehmheit und zugleich historisch-politischen Solidität uns als Muster moderner deutscher Prosa vorschwebten. Was in der rauschenden Großstadt nicht ausgeführt wurde, sollte nun in dem idyllischen Dorfe gewagt werden. Auf der mit Bäumen bepflanzten Erfurter Landstraße ging es hinaus. Die Landschaft ist von mäßigem Reiz; der langgestreckte Seeberg zur Rechten bildet die einzige größere Erhebung in der ganzen Gegend. An seinen Nordfuß schmiegt sich das Dorf Siebleben, mit Obstbäumen umgeben und von freundlichem Aussehen. Freytags Haus war bald gefunden. Es liegt in einem Garten und ist mit Schiefer bedeckt, der an der Wetterseite einen gelben Anstrich von Oelfarbe hat, was mir auffiel, da ich dergleichen nie gesehen. Vom Gärtner angemeldet, wollte ich eintreten, als er mir schon entgegentrat und mich einfach und freundlich begrüßte. Ich sagte ihm, ich sei auf einer Gebirgswanderung begriffen und habe mir Siebleben ansehen wollen, den Ort, wo er so lange gelebt. Da ich im Gasthof erfahren, daß er anwesend sei, wolle ich mir erlauben, ihm meine Aufwartung zu machen und meine Verehrung zu bezeigen. Er erwiderte freundlich und geleitete mich in sein Arbeitszimmer, welches sehr einfach eingerichtet war. Er hörte mit Interesse zu, als ich von meinen Studien, meinen Verhältnissen und Absichten redete; als ich sagte, daß ein fester Beruf, das Lehramt, dem ich zusteuerte, nicht mein Ideal sei, sondern daß nur die freie literarische Thätigkeit mich zu befriedigen vermöchte, versetzte er ernst: Ein fester Beruf ist notwendig, sowie wissenschaftliche Arbeit auch bei poetischer Produktion. Sie geben einen festen Halt und verschaffen das Selbstbewußtsein. — Aus dem Speziellen ging es ins Allgemeine, zunächst noch über dasselbe Thema: Seine Individualität unterdrücken, ist das Ziel. — Aber doch nicht das _letzte_, wandte ich ein, das Auswirken und Entwickeln der Individualität betrachte ich weit eher als Ideal. — Das Talent geht nicht unter, meinte er, das wirkliche Talent nicht. — Als ich erwähnte, daß ich eine schwache Lunge hätte, sagte er: Ich habe mit 30 Jahren Blut gespieen und bin so alt geworden. Da das Wetter dazu einlud, gingen wir in den Garten hinunter, und er zeigte alles Bemerkenswerte, seine Freude über sein schönes Besitztum nicht verbergend. Die Blumen, die Gartenhäuser, alles machte ihm sichtliches Vergnügen. Auch von einer Konchyliensammlung, die er zu vergrößern suchte, sprach er. Auf die Verhältnisse des Dorfes übergehend, zeigte er sich für alles teilnehmend und über vieles orientiert, wie ein Patriarch unter seinen Kindern. Er will dafür sorgen, daß Fremdenzimmer im Gasthofe eingerichtet werden. Einzelne Dorfbewohner charakterisiert er; er kennt viele persönlich, obgleich Siebleben mit seinen 2000 Einwohnern nicht zu den kleinsten Dörfern gehört. Wir sprachen über Berlin und Leipzig; das gab ihm Veranlassung, seine Uebersiedelung nach Wiesbaden zu erklären: „Vorigen Winter hatte ich eine Lungenaffektion, daher habe ich mir auf den Rat der Aerzte ein Häuschen in Wiesbaden gekauft, obwohl ungern.“ Das Haus in Siebleben sei historisch, fügte er hinzu, Goethe habe auf seinen Thüringer Reisen oft darin übernachtet. Von literarischen Größen erwähnte er Auerbach, den ich auch einmal flüchtig kennen gelernt hatte. Als ich bemerkte, er wohne gerade zwischen Wirtshaus und Kirche, und scherzend fragte, ob er mehr in jenes oder in dieses ginge oder in keines, versetzte er: „Doch, zur Kirche; man muß den Leuten zeigen, daß man zu ihnen gehört.“ Mittlerweile war eine Stunde verstrichen, und ich empfahl mich. Freytag hatte es dem jungen, frechen Studentlein wohl nicht übel genommen, daß er ihn gestört, ja, er schien ein gewisses Wohlgefallen daran zu finden, denn er war fast gerührt beim Abschied. „Leben Sie wohl, Herr Studiosus, arbeiten Sie tüchtig weiter! Gehen Sie langsam, die Sonne wird Sie drücken.“ — Damit schieden wir; noch einmal blickte ich um und sah in der Gartenthür die kräftige Gestalt, die eher auf einen Landmann deutete, als auf einen der ersten geistigen Arbeiter der Nation. VII. Nord- und Ostseefahrten auf dem Flensburger Frachtdampfer „Mira“. A. Riga. Aus der livländischen Schweiz. Von Riga nach der Insel Walcheren. Middelburg. Bad Domburg. 1. Riga. Wenn man sich Riga von Norden zu Schiff nähert, so sieht man zuerst einige Türme aus dem Wasser aufsteigen, darunter den Petriturm, den höchsten in Rußland. Von den Ufern gewahrt man zunächst nichts, denn sie sind flach. Allmählich treten sie hervor; man bemerkt jetzt, daß sie mit Kiefern bewachsen sind, zwischen denen hie und da gelber Sand hervorschimmert. Wo die Düna in den Rigaischen Meerbusen mündet, liegt die Festung Dünamünde mit Leuchtturm und Kirche; Riga selber erreicht man erst nach zweistündiger Dampferfahrt flußaufwärts. Die Stadt hat etwa 300000 Einwohner, von denen die Hälfte Deutsche, ein Viertel Letten und ein Viertel Russen sind. Die Umgangssprache ist durchaus deutsch; alle Gebildeten sind Deutsche, die ganze Kaufmannschaft, die Börse.[6] Die Straßen- und Firmenschilder müssen außer deutsch auch russisch abgefaßt sein. Die Stadt liegt fast ganz auf dem rechten Dünaufer, das mit der Mitauer Vorstadt durch mehrere Brücken verbunden ist. Um die Altstadt zieht sich im Halbkreise der Stadtkanal, mit schönen Anlagen versehen, in denen sich das Stadtheater erhebt. Aus der Zahl der berühmten Männer, die an demselben dauernd gewirkt haben, seien nur Richard Wagner und Karl Holtei genannt; ersterer war hier Kapellmeister in den 30er Jahren. An die Altstadt schließen sich die viel ausgedehnteren neuen Stadtteile an: der Moskauer und der Petersburger. Die Straßen ähneln denen aller neueren Städte, sind breit und schön, bieten aber nicht viel Bemerkenswertes. Erwähnt seien die prächtige griechisch-katholische Kathedrale mit sechs vergoldeten Kuppeln und die neue, zierliche Gertrudkirche in gotischem Stil. An der alten Kirche, die 1812 durch Feuer zerstört wurde, hat unser Herder in den Jahren 1764-69 als Prediger gewirkt. Er nennt selbst diese Jahre die glücklichsten seines Lebens. Ein Denkmal des Dichters befindet sich auf dem Domplatz. Die Altstadt hat viele durch ihre altertümliche Bauart hervorragende Häuser. Das älteste derselben ist das Haus der _schwarzen Häupter_, 1330-34 erbaut. Die Gesellschaft der schwarzen Häupter, im Mittelalter gegründet, besteht jetzt noch und zählt eine Anzahl der reichsten Kaufleute unter ihren Mitgliedern. Der Name rührt daher, daß sie den schwarzen Kopf des heiligen Mauritius in ihrem Wappen führt. Sie besitzt einen kostbaren Silberschatz, der auch künstlerisch wertvolle Stücke enthält; Tafelaufsätze, Humpen, Prunkschüsseln vom 16. Jahrhundert an. Das _Ritterhaus_ gehört der livländischen Ritterschaft; die _Große Gilde_ dient den Kaufleuten als Versammlungslokal, die _St. Johannisgilde_ den Handwerkern. Alle diese Gebäude enthalten prächtige Säle und manche Erinnerungen aus alter Zeit und sie zeugen von der Bedeutung der drei Stände in Riga: des Adels, des Handelsstandes und des Handwerks. Um die Zeit, als Kaiser Barbarossa seine Römerzüge unternahm und Heinrich der Löwe im Norden des Reiches schaltete, da trieb es die Deutschen sächsischen Stammes mächtig nach dem Osten. Ueber Wisby auf Gotland gelangten deutsche Kaufleute schon im 12. Jahrhundert in die Mündung der Düna, wo sie mit den Eingeborenen Tauschhandel trieben. Ihren Spuren folgten missionierende Priester; einer von ihnen, Bischof Albert, kann als eigentlicher Gründer Rigas angesehen werden (1201). Zum Schutze der neuen Kolonie rief dieser die Schwertbrüderorden ins Leben. Dank der günstigen Lage, der Fruchtbarkeit des Landes und der Zugehörigkeit der Stadt zum Hansabunde entwickelte sie sich schnell. Nachdem der Orden der Schwertbrüder mit dem der Deutschherren in Preußen vereinigt war, brachen Kämpfe aus zwischen den Rittern und den Bischöfen, in denen bald diese bald jene siegreich blieben. Unter dem Ordensmeister Wolter von Plettenberg wandte sich Riga als erste der livländischen Städte der Reformation zu; 1541 trat es dem Schmalkaldischen Bunde bei. Bald darauf kam Livland unter polnische Herrschaft und 1582 verlor auch Riga seine Reichsfreiheit. Die Russen versuchen jetzt alles, um die Stadt russisch zu machen; doch dürfte es noch lange dauern, bis die deutsche Sprache und deutsche Gesinnung der Rigaer ausgerottet sein wird. Sehr wichtig ist Riga als Holzhandelsplatz. Viele deutsche, englische, dänische und andere Schiffe kommen alljährlich und holen hunderttausende von Stämmen, Balken und Planken, die meist nach dem holzarmen Holland gehen. Das Holz wird in den Gebieten der mittleren und oberen Düna geschlagen und hinunter geflößt. Der Strom ist von Riga bis zur Mündung zum großen Teil mit Holz bedeckt; bisweilen haben die Schiffe Mühe, sich hindurchzuwinden. Die Flöße werden durch kleine Dampfer an die Schiffsseite geschoben, mit einem sogen. „Schutzgarten“ umgeben, der aus Stämmen besteht, die mit Ketten verbunden sind. Aus dem Wasser wird das Holz durch Winden direkt in den Schiffsraum gehoben. Diese Arbeit besorgen nur Letten, die darin eine außerordentliche Gewandtheit besitzen. Sie arbeiten von früh bis spät; nachts legen sie sich zum Schlaf auf das nasse Holz nieder. Wenn ihre Arbeit beendigt ist, so stellen sie sich auf das Vorderdeck und rufen dreimal: hip, hip, hurra! weil sie glauben, daß sonst das Schiff seinen Bestimmungsort nicht glücklich erreicht. Dann passieren sie an der Küche vorbei, wo jeder vom Koch einen Schnaps erhält. Ihren Lohn, der gar nicht gering ist, vertrinken sie gewöhnlich in wenigen Tagen, um dann die Arbeit auf einem andern Schiff von neuem zu beginnen. 2. Aus der livländischen Schweiz. Im Laufe der Jahre macht man wohl oder übel die Bekanntschaft mit einer Anzahl „Schweizen“. So hatte auch ich allmählich außer der eigentlichen Schweiz noch die sächsische, die märkische, die altmärkische, die holsteinische über mich ergehen lassen. Nun sollte ich auch noch die — livländische zu sehen bekommen! Ich bekenne, daß meine geographischen Kenntnisse mir bisher nicht erlaubten, mir irgend welche Vorstellungen über diese Gegend zu machen; ja, ihr Dasein war mir völlig verborgen geblieben. Ich fürchte, manchem der verehrten Leser und Leserinnen wird es nicht anders gehen. Nachdem ich sie aber besucht habe, kann ich nicht umhin, meine Befriedigung über das Geschaute auszudrücken und dem Leser, wenn er in jene Gegend kommen sollte, zu empfehlen, den Besuch nicht zu versäumen. Freilich, wen führt sein Weg nach Riga? Sind doch, abgesehen von der Entfernung, die politischen Verhältnisse in den Ostseeprovinzen nicht gerade verlockend für Reichsdeutsche. Unser Geschäftsfreund, Herr Frisk, ein Norweger, stellte uns eine Reiseroute zusammen, und am Morgen des nächsten Tages — es war ein schöner, sonniger Sonntag — begaben wir uns nach dem Dünaburger Bahnhof. Vor dem Gebäude erhebt sich eine prächtige Kapelle, errichtet aus Anlaß der glücklichen Errettung des Zaren beim Eisenbahnunglück von Gurski. Die Fahrt ging langsam; sie dauerte fast zwei Stunden bis nach Segewold, der Eintrittsstation in die Schweiz. Ein mit uns reisender Deutschrusse versicherte uns, daß nicht alle Züge in Rußland so gemütlich führen. Die Fahrt ging meist durch Kieferwälder, die abscheuliche Spuren von Brand an sich trugen; alles war versengt; ein kläglicher Anblick. Der Deutschrusse belehrte uns, daß dies von den Lokomotiven herrühre, die mit Holz heizten und bisher keine Funkenfänger gehabt hatten; das Uebel sei jetzt aber abgestellt. In Segewold angekommen, sahen wir uns nach den Droschken um, von denen wir, nach dem Rat unseres Freundes, eine für den Tag mieten sollten. Es waren jedoch keine zu sehen; nur eine ganze Reihe einspänniger Wagen, die aus einem Gestell mit einem Brett darauf bestanden, waren in Reih und Glied vor dem Bahnhof aufgepflanzt. Während wir zögernd dann vorbeischritten, traten mehrere der Kutscher auf uns zu und luden uns ein zum Aufsitzen; jetzt dämmerte uns ein Licht auf; das waren die Segewolder Droschken! Reit- oder Liniendroschken nennt man diese Art Beförderungsmittel, die auf dem Lande allgemein üblich sind. Man sitzt entweder wie zu Pferde oder auch seitwärts, wobei man sich an eine primitive Lehne, ein Brett, anlegen kann, während die Füße auf einem zweiten Brett ruhen. Man hat anfangs genug zu thun, sich recht festzuhalten; denn der Wagen fährt hart. Er bietet übrigens Platz für 3-4 Personen. Nachdem wir einen Kutscher gewählt hatten, der gut deutsch sprach, wurden wir handelseinig, daß er uns für 2-1/2 Rubel überall hinfahren sollte, und wir ließen uns nicht von einem andern abspenstig machen, der uns dieselbe Leistung für zwei Rubel anbot. Die livländische Schweiz ist eine hügelige, reich bewaldete Gegend, durchflossen von der livländischen Aa, die in den Rigaischen Meerbusen mündet. Der Wald besteht nicht aus _einer_ Baumart vorwiegend, sondern aus vielen, wodurch reiche Abwechselung und im Herbst die bunteste Färbung hervorgerufen wird. Drei Schloßruinen, auf hohem Ufer gelegen, zeugen von der Macht der deutschen Ordensritter; es sind die Burgen Kremon, Treiden und Segewold. Von den Schloßgärten genießt man Ausblicke in das liebliche Aathal mit seinen grünen Wiesen und dem sich hinschlängelnden Flusse. Stellenweise tritt Sandstein zu Tage, der so weich ist, daß man mit dem Fingernagel darin schreiben kann. Die Gutmannshöhle, die aus solchem Sandstein besteht, ist mit Tausenden von Inschriften bedeckt, darunter folgende: Den Namen schreibt in das Gestein, Die Heimatslieb ins Herz hinein! Eine andere, weniger ideale Inschrift lautet: Ach alles ist veränderlich, Das Mäuschen wird zur Ratz, Was früher hübsch Gesichtchen war, Wird doch zuletzt zur Fratz. Auf dem Wege nach Schloß Treiden liegt ein winziges Kirchlein. Die Thür stand offen und die Klänge der Orgel und des Gesanges drangen hinaus in die warme Sommerluft. Es war eine protestantische, lettische Kirche, in der einmal jährlich deutsch gepredigt wird. Eine ausführlichere Beschreibung dieses schönen Fleckchens Erde würde den mir zugemessenen Raum überschreiten. 3. Von Riga nach der Insel Walcheren. Nachdem wir unser Schiff tüchtig voll Holz geladen, gingen wir die Düna hinab seewärts und erreichte ohne besondere Zwischenfälle nach 3 Tagen Skagen, jene Stelle, wo Nord- und Ostsee sich scheiden. Die Ostsee hatte ich in gutem Andenken, denn außer einem Gewitter, das uns Nachts zwischen 12 und 2 im Sunde überraschte, hatte sie uns nur gutes erleben lassen. Anders die Nordsee. Sobald wir Skagen passiert hatten, ging das Schaukeln los und hörte bis Holland, also 3 volle Tage, nicht wieder auf. Der Wind blies aus Südwest, also gerade gegen unseren Kurs, sodaß das Schiff, nach meiner Meinung, fürchterlich stampfte. Stampfen oder Jumpen nennt man die Bewegung in der Richtung der Kiellinie, Rollen oder Schlingern die Bewegung von Steuerbord und Backbord und umgekehrt (also die seitliche Bewegung). Welche von beiden Bewegungen unangenehmer ist — ich vermag es nicht zu sagen; auf der Rückreise, von Schottland nach Skagen, genoß ich 2 Tage lang das Schlingern reichlich und trage danach ebenso wenig Verlangen, wie nach dem Stampfen. — Jede Minute nahm das Schiff Wasser über, das bis auf die Kommando-Brücke, ja bisweilen über den Schornstein spritzte, der ganz weiß wurde von dem Salz, das daran haften blieb. Die Großartigkeit des Schauspiels der heranrollenden blauen Wogen mit den weißen Kämmen, die an dem tief sich hineinbohrenden Bug zerschellen und fortwährend kleine Regenbogen bilden — das zu schildern steht nicht in meiner Macht. Völlig genießen kann man das Schauspiel meist um deswillen nicht, weil man sich nicht recht behaglich dabei fühlt, was doch unbedingte Voraussetzung bei ästthetischen Genüssen ist. Eigentlich seekrank war ich nur 24 Stunden. Da saß ich (oder lag vielmehr) kummervoll auf meinem Bette und hielt mich fest, während mein Magen sich umkehren wollte. Der Kapitän sprach mir Mut zu und wollte mich auch zum Essen anhalten; dagegen hatte ich jedoch einen nur zu begreiflichen Widerwillen. Am Dienstag Abend näherten wir uns, einen Lotsen suchend, der Scheldemündung. Ohne Lotsen die Einfahrt zu versuchen, wäre sträflicher Leichtsinn gewesen; aber woher einen nehmen? Der Wind hatte noch nicht abgeflaut; die Nacht war im Anzuge. Endlich erschien in der Ferne ein Lotsenkutter; wir hißten die Flagge am Fockmast und der Kutter setzte ein Boot aus, das, einer Nußschale gleich, zu uns herübertanzte, bald hoch auf einer Welle balancierend, bald in einem Wellenthal verschwindend. Plötzlich ließ mein Kapitän die Flagge fallen; er hatte bemerkt, daß es ein belgischer, kein holländischer Lotse war, und als praktischer Mann konnte er jenen nicht brauchen. Wer nämlich in einen holländischen Hafen mit einem belgischen Lotsen einläuft, hat außer an diesen auch an jenen zu bezahlen, während es einem freisteht, ohne jede Erhöhung in einen belgischen Hafen sich durch einen Holländer führen zu lassen. Die Kosten belaufen sich auf über 100 Gulden, von denen der Lotse etwa 40% an den Staat zu geben hat; das übrige ist sein Verdienst. Das Boot des Belgiers lenkte zum Kutter zurück und wir suchten weiter. Nach längerem Leiden stießen wir endlich auf einen Holländer, der uns in dreistündiger Arbeit auf die Reede von Vlissingen brachte, wo wir um Mitternacht ankamen und bis zum nächsten Morgen ankerten. Da wir aus einem choleraverdächtigen Hafen (Riga) kamen, mußten wir die gelbe Flagge aufziehen, worauf ein Arzt an Bord kam, dem wir die Zunge herausstrecken mußten. Dann fuhren wir durch die Schleuse den Kanal hinauf, der mitten durch die Insel Walcheren geht und an dem, etwa halbwegs, Middelburg liegt. 4. Middelburg. Gedenke ich Deiner, mein liebes Middelburg, so steigen vor meinem Auge gar freundliche und friedsame Bilder auf. Deine Häuser sind so blank, Deine Straßen so sauber und nett, daß es eine Lust ist darin zu spazieren und in die mächtigen Fenster hineinzuschauen, hinter denen die holländischen Frauen züchtiglich sitzen bei ihrer Handarbeit. Deine Einwohner sind gutmütig und von entgegenkommender Art, manche ziehen sogar den Hut oder nicken dem Fremden zu. Wenn ich mit meinem lieben „Kapteihn“ so dahin pilgerte, hörte ich wohl, wie sie sich zuflüsterten: Die sind von dem großen Dampfer! Denn die Ankunft unserer „Mira“ war fürwahr ein Ereignis in Middelburg; das kommt nicht jeden Monat, ja vielleicht kaum einmal im Jahre vor. Außer uns lag nur noch eine norwegische Bark und ein dänischer Schoner im Kanal, die beide, gleich uns, Holz gebracht hatten; daraus bestand die ganze Schifffahrt. Traten wir in einen Gemüse- oder Fleischladen, um Einkäufe zu machen, so sagte der Kapitän nur: Schicken Sie es nach dem Dampfer! und die Leute wußten Bescheid. Und als ich einmal in die Irre gegangen war, fragte ich einen Herrn, wo der Weg nach dem Dampfer sei, und er wies mich ohne Weiteres zurecht. Aber fielen wir den Middelburger auf, so machten wir doch noch größere Augen über diese. Ich will nicht reden von den Männern mit ihren glattgestrichenen und angeklebten Haaren und ihren rauhen schwarzen Hüten, die aussahen, als hätten sie 4 Wochen im Schornstein gehangen; aber die Mädchen und Frauen haben aus früheren Jahrhunderten eine eigenartige Tracht in unsere prosaische Zeit hinüber gerettet. Goldene Spangen ragen aus feingeflochtenen Strohhüten hervor, und an jeder Seite an den Schläfen endigen sie entweder in 4 eckige Platten, oder in Spiralen, oder in Kleeblätter, an denen oft Geschmeide mit Perlen und Edelsteinen besetzt hängen; alles eitel Gold, nichts Falsches. Das einfachste Dienstmädchen würde sich schämen, unechten Schmuck zu tragen, und manche legt wohl ihr ganzes Vermögen in solchen Kleinoden an. Uebrigens schwindet in der Stadt selbst die Tracht mehr und mehr, und hauptsächlich die Landbewohner und -bewohnerinnen prangen noch darin. Vor vielen Häusern befinden sich, mit eisernen Gittern eingefaßt, zierliche Vorgärten, in denen nur — die Blumen fehlen! Statt dessen sind sie mit glatten Steinplatten ausgelegt. Sonderbarer Geschmack das! Doch bilden sie einen wirksamen Schutz für die Erdgeschoßwohnungen gegen die allzuneugierigen Augen Fremder und Einheimischer. Manche der Häuser tragen Namen, die weniger von dem poetischen Sinn der Besitzer als vielmehr von ihrer praktischen Geistesrichtung zeugen: eins heißt „Zu den drei Gießkannen“, ein anderes „In de dry Teertonnen“. Auch in Middelburg scheinen aller guten Dinge drei. Da die Kirmes grade begonnen hatte, so herrschte ein besonders reges Leben auf Straßen und Plätzen. Voller Buden stand der Markt, und das herrliche gothische Rathaus, das Karl der Kühne erbaut hat, schaute verwundert auf all das ungewohnte Treiben herab, das er wohl nur einmal im Jahre zu sehen bekommt. Durch all das Getümmel und Marktgewühl drang bisweilen ein Stück von einer Melodie. Man weiß nicht recht, woher sie kommt, unwillkürlich schaut man hinauf, denn aus den Lüften herab tönt sie, und je mehr man sich dem „langen Jan“ nähert, dem Hauptkirchturm der Stadt, um so klarer wird es einem: daher kommt sie. Wir stiegen die dreihundert und soviel Stufen hinauf, um das Glockenspiel, das größte in Holland, zu besehen. Da hingen die 48 Glocken und gerade fing es an lebendig um uns zu werden und es erklang das Lied: Das ist im Leben häßlich eingerichtet, daß bei den Rosen gleich die Dornen stehn. Tief unter uns lag die Stadt, weit schweifte der Blick über die reiche grüne Insel, deren goldenes Herz Middelburg bildet. Am Horizonte ragten die mächtigen Dünen, die die Insel umarmen und gegen die wild herein stürmende Nordsee schützen. Jetzt schlug es dreiviertel, und: Ich weiß nicht was soll es bedeuten! erklang es. Auf all die traurigen Lieder folgte aber um die volle Stunde: Freut Euch des Lebens! War das nicht vernünftig eingerichtet vom Künstler des Uhrwerks? Undankbar wäre es, wenn ich _sie_ vergessen wollte, die uns so manches Angenehme gespendet hat — die Münchener Bierstube des Herrn Heßling, eines Friesen. Da sitzt man bei offener Thür und schaut bald auf die Straße und ihren Verkehr, bald in den mächtigen Humpen; als der gute Heßling merkte, welchen Durst wir mitbrachten, setzte er uns Literkrüge vor. Als mildernden Umstand mag der Leser in Betracht ziehen, daß wir 6 Tage keinen Tropfen Bier gekriegt hatten; da mundete das Franziskanerbräu vortrefflich. In Schottland, wo es mit den Kneipverhältnissen bekanntlich ganz elend aussieht, wünschten wir manchmal unsern Freund Heßling herbei, aber leider vergebens. 5. Bad Domburg Ostende ist furchtbar schön, sagte der zweite Steuermann, ich bin an vielen Plätzen in der ganzen Welt gewesen, aber Ostende ist furchtbar schön. Leider erlaubte meine Zeit und die schlechte Verbindung es damals nicht, dieses großartigste aller Nordseebäder aufzusuchen, ich begnügte mich deßhalb, dem bescheideneren Domburg einen Besuch zu machen. Es gelang mir, auf dem Omnibus einen von den 3 Plätzen im Freien hinter dem Kutscher zu erobern; zwei Damen, eine ältere und eine jüngere, stiegen mit hinauf, und der Zufall setzte die jüngere, die fließend Deutsch sprach, neben mich. Aus der Stadt gings hinaus auf die Klinkerchaussee, die zu beiden Seiten von weidenbepflanzten Gräben eingefaßt ist. Das Land gleicht einem Garten, d.h. einem Gemüsegarten; überall die verschiedensten Gemüse, auch Getreide; kein Fleckchen ist unbebaut; hie und da auch Wiesenland mit grasenden Pferden und bunten Kühen. Das Land ist durchweg flach, und man würde wohl die ganze Insel überschauen können, hinderten nicht die vielen Hecken, Bäume und Büsche die Fernsicht. Wir passierten mehrere Dörfer, die alle einen netten, sauberen Eindruck machten, was sich in Holland von selbst versteht; die Leute, die uns begegneten, grüßten alle. Ein mächtiges steinernes Thor, das am Wege aufragte, erregte meine Aufmerksamkeit. Da war früher ein Schloß, belehrte mich meine Nachbarin, das hat man abgebrochen, weil die Leute jetzt nicht mehr so reich sind; nur die Einfahrt hat man stehen lassen. — Wir passierten noch mehrere solche Thore, doch auch einige Schlösser, in Parks gelegen und von breiten Gräben und undurchdringlichen Hecken umgeben; am Eingange standen die Namen, z.B. Ipenoord, Schoonoord. Nach 1-1/2stündiger Fahrt näherten wir uns Domburg. Wir fuhren an einigen Villen vorbei, darunter auch der des Massagearztes Dr. Metzger, eine andere hieß nach Carmen Sylva, die hier einige Sommerwochen zugebracht hat. Vom Meere trennte uns noch die Düne; nur ein dumpfes Brausen verkündete seine Nähe. Ich stieg den Abhang hinauf zu dem Badepavillon und wandte den Blick absichtlich seitwärts, um ihn erst dann zu heben, wenn sich das Meer in seiner ganzen Pracht zeigte. Jetzt war ich oben; da lag sie vor mir, die gewaltige grüne Masse mit den weißen Schaumkämmen! Gegen den Strand rollten die langen Wogen, als wollten sie ihn verschlingen. Pallissadenreihen, in gleichmäßigen Abständen hineingebaut, schützen ihn. Draußen an der Kimme (zu deutsch Horizont) ging ein großer Dampfer hin, dem ich mit einem eigentümlichen Gefühle nachschaute; dort hatten wir vor wenigen Tagen in stürmischer Nacht auch geschaukelt, getanzt, getaumelt. Ich kletterte in den Dünen umher, die in beträchtlicher Höhe (wohl bis 100 Fuß) die Insel umkränzen. Von hier aus erweitert sich der Blick auf das Meer, zugleich aber übersieht man die Insel Walcheren mit ihren Wiesen und Feldern, aus denen Dörfer und Kirchtürme heraus schauen, bis nach Middelburg, Veere und dem Dorfe Westkapelle mit seinen beiden Leuchttürmen. Im Dünensande lagen behaglich Dorfkinder und Badegäste und genossen das Dolce far niente; einige Damen lasen in Goldschnittbüchern. An der Mittagstafel saß ich neben einem Holländer aus Dordrecht, mit dem ich mich nur französisch unterhalten konnte, das Deutsche war ihm wenig geläufig, ein neuer Beweis (wenn es deren bedürfte), wie die Germanen vor dem Romanentum sich noch immer beugen. Wir machten nach Tische einen Spaziergang durch die s.g. Manteling, das ist eine Waldpromenade innerhalb der Dünen. Hier alles grün, mit lauschigen Plätzchen, bunten Blumen und zwitschernden Vögeln; nichts erinnert an die Nähe der Nordsee; ein paar Schritt hinauf, und das Auge sieht nur die Sand- und Wasserwüste. Sehr befriedigt kehrte ich am Abend nach Middelburg zurück. B. Von Korsör nach Haparanda. „Wer kein Schiff hat, hat keine Heimat“, pflegte unser Schiffskoch, der originelle Deutschrusse Gottlieb Künstler, zu sagen. Nun, ich hatte ein Schiff, und somit auch, nach dieser Ansicht, eine Heimat, der ich wenigstens für einige Wochen treu blieb. Es war dasselbe Schiff, das mich schon im vorigen Jahre in der Ost- und Nordsee herumgetragen hatte, und dessen Kapitän, mein liebenswürdiger Freund Brink, mich auch diesen Sommer wieder mitnahm. Die „Mira“, ein Dampfer von 210' Länge und 1200 t, hatte Kohlen von Newcastle nach Korsör gebracht und sollte nun nach dem nördlichsten Punkte der Ostsee hinaufdampfen, um von dort Balken nach Harlingen (Holland) zu bringen. Wider Erwarten früh, konnte das Schiff schon am 17. Juli klar zum Abfahren gemacht werden. Kurz vorher hatten der Kapitän und ich noch einen Passagier aus dem Kopenhagener Zuge abgeholt, einen jungen Studenten der Rechte, der die Reise, seine erste Seereise, mitmachen wollte. Es wehte eine ziemlich starke Brise aus Südwest, und die Wogen schlugen, hoch aufspritzend, an das Bollwerk. Das Schiff stampfte jedoch nur mäßig, bis sich am Abend der Wind ganz legte und wir ruhig dahinglitten. Hinter uns verschwanden bald die roten Dächer von Korsör; rechts führen wir an der langen, hügeligen Insel Langeland hin, während links, etwas weiter, Laaland liegen blieb. Gegen Abend änderten wir den Kurs und fuhren nach Osten, in den nächsten Tagen dagegen im allgemeinen nach Nordosten. Das Leuchtfeuer von Gjedser erschien links vor uns; in weiter Ferne rechts konnten wir ein Feuer bei Wismar erblicken. Während wir auf dieser Strecke wenig Schiffen begegneten, waren wir am nächsten Tage ganz von Schonern, Briggs, Barks und auch einzelnen Dampfern umgeben. Rechts tauchten die hohen Felsufer von Bornholm auf, links dämmerte die schwedische Küste. Es war ein prächtiger Morgen; die leichten Schaumkronen leuchteten rosig in der Sonne, und im Südwesten spannte sich ein Regenbogen, allmälig immer stärker werdend und mit beiden Enden das Wasser berührend, aus. Besonders schön nahm sich eine Bark mit schwanweißen Segeln aus, die eine Zeit lang so unter dem Bogen schwamm, daß er sie wie ein Rahmen umschloß. Wir fuhren an der langgestreckten Insel Oeland und während der Nacht an Gotland vorüber, das rechts liegen blieb. Am 19. Juli war dasselbe prächtige warme Wetter. Einige Stunden westlich lag Stockholm. Bei der langgestreckten, sanft ansteigenden, bewaldeten Insel Bremö verminderten wir die Fahrgeschwindigkeit, um dreißig schwedische Arbeiter zu erwarten, die uns von Sundsvall aus zugeschickt werden und mit nach Haparanda zum Holzladen gehen sollten. Allein kein Dampfer ließ sich sehen. So beschloß denn der Kapitän nach Sundsvall hineinzufahren, in der Hoffnung den Leuten zu begegnen und sie dann aufzunehmen. Langsam ging es vorwärts, zwischen größeren und kleineren, meist ziemlich hohen Inseln hindurch, die sich koulissenartig neben- und hintereinander schoben. Wo einmal der Wald fehlte, trat grauer Granit zu Tage; an einer Stelle eine große Fläche, deren Vegetation durch einen Waldbrand zerstört worden war. Mehrere hübsche Ortschaften und Holzplätze blieben links und rechts liegen. Als wir wieder um eine Ecke bogen, lag Sundsvall vor uns, an und auf Hügeln halbkreisförmig hingelagert, rings von höheren Bergen umgeben — ein höchst anmutiger Anblick. Die Bucht erscheint hier von allen Seiten geschlossen, im Osten durch die große Insel Alnö. Zahlreiche einzeln liegende Häuser und Villen lugen aus dem Waldgrün hervor und bilden gewissermaßen langhingestreckte Vororte der eigentlichen Stadt. Mitten in dem Meerbusen ragt eine bewaldete Insel mit Aussichtsturm hervor; zahlreiche kleine Passagierdampfer beleben das reizende Bild. In weiterem Abstand von der Stadt überall massenhafte Holzlager, vor denen eine Anzahl Segelschiffe halten, mit Laden beschäftigt. Sundsvall ist der größte Holzausfuhrplatz Schwedens; das Holz wird die Indalself, die von Norden in die Bucht mündet, hinabgeflößt; unmittelbar bei Sundsvall mündet der Lungen. Kann man die Stadt als eine der schönst _gelegenen_ Ostseestädte bezeichnen, so muß sie zugleich auch eine der schönst _gebauten_ genannt werden; ja man kann sagen, es giebt keine von ähnlicher Kleinheit, die annähernd so großartige Gebäude, Straßen und Plätze aufwiese. Im Jahre 1888 wurde das alte, ganz aus Holz gebaute Sundsvall ein Raub der Flammen; aus der Asche erhob sich das neue, in dem man sich nach Berlin oder Paris versetzt fühlen würde, wenn nicht von allen Seiten das prächtige Grün der Berge, Wälder und Wiesen hereinschaute. Da wir durch die Zollrevision und die Ausnahme unserer dreißig Schweden einen mehrstündigen, unfreiwilligen Aufenthalt bekamen, so benutzten wir diesen, um uns an Land rudern zu lassen und einen, wenn auch nur flüchtigen Einblick in Sundsvalls Herrlichkeiten zu nehmen. Das Rathaus, das Gymnasium, die höhere Mädchenschule, mehrere Banken und eine Anzahl Privathäuser würden jeder Großstadt Ehre machen. Wir besuchten mehrere Restaurants, die hübsch ausgestattet und mit Sprüchen versehen waren. Einer in altschwedischer Sprache lautete: Den som sviker i dryckjom, sviker ock i androm styckjom. (Wer im Trinken betrügt, betrügt auch in anderen Dingen). Als wir an einem Barbierladen vorbeikamen, machte der Kapitän unserem dänischen Studenten den Vorschlag, sich rasieren zu lassen. Obgleich dessen Flaum des Messers kaum benötigte, willigte er sofort ein, als er hörte, daß dies Geschäft von zarter Damenhand besorgt würde, und wir begleiteten ihn, um das Schauspiel mit anzusehen. Zwei Grazien waren beschäftigt, den Männern ihren Mannesschmuck zu rauben, eine dicke, die Besitzerin, und eine dünne, die Beisitzerin. Letztere bemächtigte sich unseres Freundes; als er fertig war und bezahlt hatte, sagten wir ihm, er müsse der Dame zum Schluß einen Kuß geben. Dies geschah zu beiderseitiger Zufriedenheit; die Hausherrin gestattete aber nur einen Handkuß. Uebrigens wird die Rasierkunst in Schweden keineswegs allgemein von Damen betrieben. Mit angenehmen Eindrücken schieden wir von dem prächtigen, sonnbeschienenen Sundsvall und seiner wundervollen Bucht, die beide in der Welt viel zu wenig bekannt sind. Die Fahrt ging an der schwedischen Küste weiter, deren niedrige, blaue Berge schöne Formen zeigen. Die finnische Küste bleibt gänzlich versteckt; sie ist zu weit entfernt. Dem Nordpol so nahe, wird es während der Nacht gar nicht dunkel. Die Magnetnadel zeigt eine ziemlich starke Abweichung, was vielleicht den großen Eisenmassen in Schweden zuzuschreiben ist. Das Wasser ist in diesem Teile der Ostsee süß, was durch die vielen Flüsse bewirkt wird, die hier münden. Schiffen begegnet man fast gar nicht; einsam und verlassen liegt der mächtige Bottnische Meerbusen da, dessen nördlicher Teil vom Oktober bis Juni zugefroren ist. Einmal glaubten wir zwar andere Fahrzeuge zu bemerken, aber das war, wie sich später herausstellte, eine Täuschung. Da es charakteristisch dafür ist, wie leicht man sich auf See täuschen kann, will ich etwas näher darauf eingehen. Der Steuermann machte mich auf ein paar Segler aufmerksam, die in weiter Ferne vor uns auftauchten. Ich nahm das Glas und zählte drei. Bald aber wurden es mehr, sodaß ich nahe bei einander neun Segler und einen Dampfer zu zählen glaubte. Als wir aber näher kamen, meinte der Steuermann, es wären wohl nur einige Schiffe; die übrigen Erhöhungen dagegen seien Land, das er in jener Richtung erwartete. Je näher wir kamen, um so deutlicher zeigte sich, daß kein einziges Schiff da war; was wir gesehen hatten, war vielmehr die Insel Malören, die südlichste der nach Hunderten zählenden Scheeren, die vor Haparanda liegen. Allmälig erkannte man deutlich die kleine, flache, graugelbe Insel mit mehreren Gebäuden, unter denen eine plumpe Fischerkapelle und ein kegelförmiger Leuchtturm hervorragten; drei Bäume machten den schwachen Versuch, ihr Dasein zu fristen. Nachdem wir die Flagge gehißt hatten, zum Zeichen, daß wir einen Lotsen wünschten, löste sich ein Ruderboot vom Ufer und steuerte auf uns los. Bald darauf stand der Lotse auf der Kommandobrücke und führte unser Schiff durch die vielen, meist dichtbewaldeten Scheeren um die größere Insel Seskarö herum. In einer der nördlichen Buchten dieser Insel lag unser Holz bereits im Wasser; dort also rasselten unsere Anker nieder, und wir befinden uns nun zwischen den mit Birken und Fichten bewachsenen Inseln in einer ganz einsamen, idyllischen Gegend. In der Ferne sieht man einen blauen Streifen; das ist das Festland, wo Haparanda liegt und wohin wir morgen mit einem kleinen Dampfer fahren wollen. Die Reise von Korsör nach hier (gegen 1900 Kilometer) haben wir in etwa 100 Stunden beendigt. Um sofort mit dem Laden beginnen zu können, mußte der Kapitän so schnell als möglich nach Haparanda zum Zollamt. Da ein Passagierdampfer aber erst Abends um 7 fuhr, wurde ein Dampfer, der sonst zum Schleppen von Flößen dient, gemietet. Morgens um 1/2 7 Uhr fuhren wir mit diesem nach Haparanda, wo wir um 1/2 9 ankamen. Ein Fremder hätte den Weg durch die vielen Scheeren wohl kaum gefunden, besonders da seichte Stellen die Passage noch schwieriger machen. Die Landschaft erinnert an die des mittleren Mississippi; derselbe breite Wasserspiegel mit unzähligen, schwimmenden Wäldern; diesen Eindruck machen die meist flachen, ganz mit Wald bedeckten Inseln. — Schon von ferne fielen uns zwei Türme auf, zu denen sich bald ein dritter gesellte; es waren die Kirchen von Haparanda und dem gegenüber liegenden finnischen Städtchen Tornea; die Torneelf trennt beide. Haparanda besteht durchweg aus sauberen, einstöckigen, mit verschiedenen Farben gestrichenen Holzhäusern; ein zweistöckiges Gebäude sieht man selten. Die ziemlich breiten Straßen kreuzen sich rechtwinklig; sie sind ungepflastert, aber sauber und sandig; hier und da, namentlich zur Seite, wächst Gras. Hervorragende Gebäude sind nicht vorhanden; den Läden, die wegen des Sonntages geschlossen waren, sah man ihre Dürftigkeit doch an. Die Einwohnerzahl Haparandas beträgt etwa 1500. Im Telegraphenamt befindet sich zugleich die meteorologische Station, durch die das Städtchen einigermaßen in der Welt bekannt ist. Während der Kapitän seine Zollgeschäfte besorgte, schrieb ich in dem Zimmer der Post eine Anzahl Karten, und unser dänische Student kaufte sich Benzin in der Apotheke, um Fettflecke zu vertreiben. Er hatte aber Pech damit; denn als die Hose wieder sauber aussah, schüttete ihm nach einigen Stunden eine Kellnerin einen Topf voll Rahm darauf. Schon nach 1-1/2 Stunden beschlossen wir, da gerade ein Passagierdampfer fuhr, nach unserm Ankerplatz zurückzufahren und Haparanda später noch einmal zu besuchen. Der Passagierdampfer, der an Wochentagen den Verkehr zwischen Haparanda und Lulea besorgt und an Sonntagen Extrafahrten zu machen scheint, war erst vor einem Monat aus einer Stockholmer Werft hervorgegangen und zeichnete sich durch eine etwas fadenscheinige Eleganz aus. Um 10 Uhr wurde das Frühstück aufgetragen, das nach schwedischer Sitte mit den auf einem Seitentisch servirten „Smörgods“ begann. Ich zählte 16 verschiedene Sächelchen, darunter Renntierschinken. Eine merkwürdige Einrichtung traf ich hier, die mir noch nirgends begegnet war; der Appetit des männlichen Geschlechts wurde ohne Weiteres über den des weiblichen geschätzt und demgemäß höher besteuert. Also: Frukost för Herre 1,25 " " Dam 1,-- So ging es auf der Speisekarte weiter mit Mittag- und Abendessen; immer mit Preisunterschied für Herren und Damen. Um Mittag kamen wir wieder auf der Insel Seskarö, unserm Landungsplatz, an. Seskarö dient den Haparandaern als Ausflugsort, wie die stattliche Anzahl von Passagieren bewies, die, sonntäglich gekleidet, das Schiff füllten. Es sollen sich sogar 80 „Sommerfrischler“ auf der großen Insel aufhalten, die in ungestörtester Einsamkeit den kurzen Sommer genießen. Einwohner zählt Seskarö 50, wenn wir recht berichtet sind, darunter mehr Finnen als Schweden. Diese Insel etwas kennen zu lernen, war unser nächstes Ziel, und wir begannen sie alsbald zu durchstreifen. Die Kreuz und Quer führen Wege durch den Wald, dessen hügeliger Boden durch zahlreiche große Steine und Felsblöcke noch unebener wir. Die Bäume — Nadelhölzer und Birken — sind meist niedrig; größere Exemplare trafen wir nicht. Darunter wuchern besonders Heidelbeeren, die gerade reif waren. Vögel sahen wir wenig. Das Läuten von Kuhglocken tönte bisweilen durch die Stille und erinnerte an schönere Gegenden, wie Thüringen und die Schweiz. Auch eine Anzahl zahmer Renntiere soll auf Seskarö leben, doch bekamen wir keine zu Gesicht. Dagegen gelang es uns, von einem Bauern eine Anzahl Geweihe zu kaufen, wovon die größeren 1 Krone das Stück kosteten, die ganz kleinen 1/2 Kr. Bei einem anderen Bauern sahen wir prächtige Renntier- und Bärenfelle, doch verlangte der Mann einen zu hohen Preis (25-50 Kr.) Mit den Frauen konnten wir uns nicht immer verständigen, weil sie kein Schwedisch sprechen, sondern nur Finnisch. Die Bauernhäuser der Insel sind natürlich alle von Holz; dabei befinden sich Ställe für das Vieh und Gerüste zum Trocknen des Getreides und Heues; auch viele Schlitten sahen wir. Die Ziehbrunnen hatten mächtig lange Querbalken; bei dem einen ging er über eine Scheune hinweg. Zwischen den Wäldern waren hie und da Strecken für den Feldbau gewonnen; die Gerste und der Hafer standen zwar niedrig, aber doch ganz gut. Die Gerste war meist reif, die Kartoffeln blühten. Wundervoll sind die Nächte hier im Norden. Der Nordhimmel strahlte in Gold, während im Osten die fast volle Mondscheibe aufstieg. Als wir einst, auf der Kommandobrücke skatspielend, nach der Uhr sahen, war es gegen 12, und dabei so hell wie um 8. Die Mannschaft lag in Ruhe, die deutschen Lieder waren verklungen; der Haparandaer Dampfer hatte längst die Ausflügler zurückgebracht. Völlige Stille lag über der eigenartigen Landschaft; nur das Meer plätscherte leise gegen die Schiffsseite; die dunklen Wogen waren ganz wie in Gold getaucht. Schiffe kommen nur in geringer Zahl in diese Gegend. Wir bemerkten einige Briggs und eine Bark, zwischen den Scheeren mit Holzladen beschäftigt; ein italienischer Schoner war, wie uns der Lotse erzählte, gezwungen, nach Umea in Quarantäne zu gehen, weil er aus einem cholera-infizierten Hafen (Petersburg) gekommen war. In der Seskaröer Bucht hatte noch nie ein Schiff geladen; die „Mira“ war das erste, das überhaupt diese Stelle befuhr; deshalb kannte der Lotse auch das Fahrwasser nicht genau und fuhr sehr vorsichtig. Eigentliche Wirtshäuser giebt's nicht auf Seskarö, nur zwei Speisehäuser, in denen auch Bier verschänkt wird. In eins derselben kehrten wir ein. Wir fanden ein mächtig großes Zimmer, in dessen vier Ecken Fichtenbäume gestellt waren, die bis an die Decke reichten. Ein riesiger Ofen prangte außerdem in der einen Ecke, auch ein Bett fehlte nicht in dem merkwürdigen „Salon“. Das Bier, das hier wie überall verschänkt wird, nennt sich Pilsener, ist aber in Schweden gebraut. Von unserm Ankerplatze aus sahen wir einige Häuser und eine Sägemühle. Ein Teil der Bucht war mit Balken bedeckt, die allmählich zu uns heran geschoben und dann mit Dampfwinden in den Raum gehoben wurden. Leute mit langen Stangen, die mit eiserner Spitze beschlagen sind, stehen auf den schwimmenden Balken und stoßen sie ans Schiff heran. Es sind im Ganzen etwa 4000 Balken, eigentlich Stämme, die nur der Rinde beraubt sind und zwischen 15 und 30' Länge haben; ein Stamm kostet durchschnittlich 6 Mk., im Ganzen also 24000 Mk. Die Fracht dafür beträgt etwa 12000 Mk. An Kohlen faßt das Schiff ungefähr für 12000 Mk., deren Beförderung etwa 6000 Mk. kostet. Bei diesen Waren beträgt die Fracht also etwa 50 Prozent des Wertes. Die Balken waren diesmal außerordentlich schwer, so daß das Schiff besonders tief ging, ohne daß die Deckslast über das Mittelmaß hinausgegangen wäre. Es wird nämlich nicht nur der eigentliche Schiffsraum verwendet, sondern auch das Vorder- und Hinterdeck, und zwar erhalten diese etwa 1/3 der Gesamtladung. Da die Schiffe nach dem Kubikinhalt ihres Laderaumes Abgaben zahlen müssen, das Deck aber nicht als zum „Raum“ gehörig angesehen wird, so wird, auf diese Weise Geld gespart. Unser zweiter Ausflug nach Haparanda geschah hauptsächlich, um das Schiff auszuklariren, d.h. die Papiere beim Zollamt zu erlangen, die zum Verlassen von Seskarö nötig waren. Zugleich wurde telephonisch ein Lotse für Mittwoch Mittag bestellt; die Abreise verzögerte sich jedoch bis zum Abend. Ferner wurden Brot und Eier gekauft und die Sehenswürdigkeiten von Haparanda noch einmal in Augenschein genommen. Auf den Straßen zeigte sich nicht mehr Leben, als am Sonntag. Auf einer sehr langen, primitiven Holzbrücke wanderten wir nun über die Torneelf hinüber nach der finnischer Grenzstadt. Sie liegt auf einer Insel, beginnt jedoch nach der schwedischen Seite landfest zu werden, so daß die Brücke mehr über Sumpf und Wiese als über Wasser führt. Die Ueberschreitung kostete uns je 5 Oere beim Hin- und Zurückgehen. Im Aussehen ähnelt Tornea ganz Haparanda: Holzhäuser und mit Sand bedeckte Straßen. Eigentlich hat Tornea nur eine lange Straße, in der sich einige Läden befinden. Die Inschriften sind hier meist dreisprachig: russisch, finnisch, schwedisch. In einer Buchhandlung, die wir zu unserm Erstaunen sahen und in der schwedische, finnische und deutsche Litteratur vorrätig war, fanden wir als Verkäuferin ein junges Mädchen, eine Finnin, die fließend deutsch sprach. Auf Befragen erklärte sie uns, daß sie ein Jahr in Deutschland in Pension gewesen (in Wolfenbüttel), daß sie aber nicht ohne Vorkenntnisse des Deutschen dort hingegangen sei, da in den finnischen Schulen Deutsch gelehrt werde. Etwas nördlich von Tornea liegt ein Hügel, Aavasaksa genannt, von dessen Spitze man 14 Tage lang (8 Tage vor und 8 Tage nach dem 24. Juni) die Mitternachtssonne sehen kann. Ein Pavillon krönt den Gipfel des Hügels. Außer einer russischen Kirche mit den bekannten Zwiebelkuppeln giebt es noch eine evangelische, deren Kirchhof wir besuchten. Er trägt Denkmäler mit schwedischen und finnischen Inschriften und ist mit Birken und Eschen bepflanzt. Die Kirche hat einen sehr spitzen Thurm; in der Nähe steht ein plumper Thurm, der die Glocke enthält. Der Boden um Tornea schien fruchtbar, die Wege waren mit Sand bestreut, um bei nassem Wetter passierbar zu bleiben. Daß die Kultur auch diesen hohen Norden beleckt, davon zeugte ein Radfahrer, der uns in der Hauptstraße begegnete. Am Mittwoch, den 25. Juli, Abends 9 Uhr, lichteten wir den Anker und befanden uns nach einigen Stunden außerhalb der Scheeren, wo uns der Lotse verließ. Die Reise ging bei schönstem Wetter schnell von Statten. Bei Sundsvall wurden die Schweden ausgeschifft. Später bekamen wir etwas Seegang, doch nicht so arg, daß jemand seekrank geworden wäre. Auf meinen Wunsch steuerte der Kapitän ziemlich nahe an der Insel Gotland vorbei, so daß ich die altberühmte Hansastadt Wisby mit ihren vielen Türmen und halbverfallenen Befestigungen sehen konnte. Sonntag Abend liefen wir in den Sund ein, passierten um 2 Uhr nachts Kopenhagen und lagen Montag früh 4 Uhr vor Helsingör. Hier ließ ich mich, da meine Zeit abgelaufen war, an Land setzen und fuhr über Kopenhagen nach Flensburg, wo ich Montag Abend eintraf. Die vom schönsten Wetter begünstigte Reise hatte 14 Tage gedauert und umfaßte im Ganzen etwa 4000 Kilometer. C. Flensburg. Helsingör. Gent. Schottland. 1. Nach Helsingör. Wie Iphigenie einst am Strand von Tauris saß, „das Land der Griechen mit der Seele suchend“, so saß auch ich am Strande, aber nicht von Tauris, sondern von Seeland, und zwar suchte ich nicht Griechenland, sondern bloß Finnland, woher ich die „Mira“ erwartete, die mich an Bord nehmen sollte. Die Zeit wird einem bekanntlich lang, wenn man wartet, und doppelt lang, wenn man so aufs Ungewisse wartet. Unter den Hunderten von Schiffen, die täglich den Sund passieren, das richtige herausfinden, war keine Kleinigkeit. Ich glaube, ich konnte dem alten Knaben aus Salas y Gomez seine Qualen wenigstens en miniature nachfühlen. Der mir seit Jahren befreundete Kapitän des Schiffes hatte ein Zeichen mit mir verabredet, an dem ich die „Mira“ erkennen sollte; er wollte mit der Dampfpfeife einen langen Ton und zwei kurze geben. Daß ich eine unruhige Nacht hatte, läßt sich denken. Schon um drei weckte mich ein Pfiff. Ich sprang ans Fenster und sah ein Dampfschiff vorbeigleiten — „doch das eine war es nicht“. Kapitän Brink hatte mir die Stunde seiner Abfahrt von Lappvik in Finnland nach Flensburg telegraphiert, und ich konnte danach ziemlich genau berechnen, wann er Helsingör passieren müßte: 60 Stunden brauchte er bei normalem Wetter zu der Fahrt; das wäre Sonntag früh um 6 Uhr gewesen. Um 5 Uhr stand ich auf und trank Kaffee. Im Hotel regte sich außer dem Portier und dem Hausmädchen noch nichts. Von den breiten Fenstern des Restaurants im Erdgeschoß konnte ich den belebten Sund, an dessen schmalster Stelle Helsingör liegt, übersehen, auch Helsingborg auf der schwedischen Seite. Als der Regen aufhörte, spazierte ich am Ufer hin und her; herrlich von der Sonne beschienen lag die seeländische Küste da; zur Linken drohte die finstere Kronburg, auf deren Terrasse einst der Geist von Hamlets Vater die Wache in Schrecken setzte. Allmählich wurde es lebendig im Restaurant, Fremde gingen ab und zu, dänische Offiziere tranken ihr Bier, lasen die „Fliegenden Blätter“ und plauderten. Ich las alles, dessen ich irgend habhaft werden konnte, vor allem das Kopenhagener Adreßbuch. In Verzweiflung fing ich an, die Spalten mit den am häufigsten vorkommenden Namen zu zählen, will aber den Leser mit dem eingehenden Ergebnisse dieser wichtigen Statistik nicht behelligen, sondern nur mitteilen, daß Hansen 38 Spalten à 84 Zeilen füllt (also 3192 Träger dieses Namens giebt es, wobei die Zahl der etwaigen Familienmitglieder nicht berücksichtigt ist); demnächst kommt Petersen (34 Spalten), Jensen (33 Spalten), Nielsen (31 Spalten), Andersen (18 Spalten) &c. Da muß sich das Flensburger Adreßbuch mit seinen 12 Spalten Hansen und 12 Spalten Petersen verkriechen! Erwähnen will ich doch, daß der berühmte Ibsen 1-1/2 Spalten Namensvettern hat, von denen sich allerdings einige mit dem „harten“ p schreiben. Da ich überall, wo ich bin, gerne die Nationalgerichte probiere, so ließ ich mir eine Portion Jodbaer med Flöde geben (Erdbeeren mit Rahm), die bei mir von einem früheren, längeren Aufenthalt in Kopenhagen noch in gutem Andenken standen. Als ich diese möglichst langsam verzehrt hatte, schlug ich eine Stunde tot mit dem schwedischen Kursbuch. Ich erfuhr genau, wie viele Stunden man von Malmö nach Stockholm braucht und daß Dampfschiff auf schwedisch Ångbåt heißt. Als Zwischengericht trank ich ein Glas Helsingörer Bier, unbekümmert darum, was die Erdbeeren und der Rahm zu dem neuen Ankömmling sagen möchten. So wurde inzwischen aus der sechsten die zwölfte Stunde. Meine Nervosität wuchs, aber es blieb mir nichts übrig, als mich allmälich nach der Zeit des Mittagessens im Hotel zu erkundigen. Zugleich ließ ich mir ein Fernrohr vom Kellner geben, und siehe da, jetzt erschien ein Schiff vom Süden, das große Aehnlichkeit mit der heißersehnten „Mira“ aufwies. Die äußere Form, lang und schlank, die Holzladung, der in mächtigen Buchstaben an der Breitseite prangende Name, der zwar noch nicht lesbar war, aber etwa vier Buchstaben zeigte; endlich — und dies Zeichen konnte nicht trügen — der siebenzackige weiße Stern auf dem blauen Bande des schwarzen Schornsteins, und jetzt — ertönte ein Pfiff, ein langer, endlos langer — ich rufe nach meinem Koffer, der sich noch auf meinem Zimmer drei Treppen hoch befindet — ein zweiter kurzer Pfiff, dem gleich darauf ein dritter folgt — inzwischen ist der Koffer gekommen — ich suche nach dem Portier, um ihm drei Postkarten zu bezahlen und ein Trinkgeld zu geben für die Teilnahme, die er für mein Schicksal gezeigt — er ist nicht zu finden, da soeben ein Zug auf dem Bahnhof ankommt — gleichviel, ich muß fort und dem Braven schuldig bleiben — ich schicke ihm später den Betrag durch Postanweisung; mag er mich eine Woche lang für einen Verräter halten! Ich stürze mit meinen Siebensachen nach der Mole, finde nach einigem Suchen ein Boot und bin in einer kleinen Viertelstunde an Bord der „Mira“, die inzwischen beigedreht hat; auf der Kommandobrücke schwenkt der Kapitän seinen Hut; ich drücke meinem Bootsführer eine Krone in die Hand, muß aber noch zwei nachzahlen, denn das ist die Taxe (bei schlechtem d.h. stürmischem Wetter und in der Nacht sind es sogar fünf), und — me voilà, ich klettere die Fallreep hinauf, ich bin geborgen. Das Schiff setzt sich wieder in Bewegung, sein Aufenthalt hat höchstens eine halbe Stunde gedauert, ich habe also das beruhigende Bewußtsein, seinen Reedern keinen erheblichen Schaden zugefügt zu haben. Während ich es mir in meiner Kabine bequem mache, meine Sachen auspacke und ordne, möge der wißbegierige Leser sich kurz erzählen lassen, wie ich von Flensburg nach Helsingör gelangt bin. Als Kuriosum verdient zunächst erwähnt zu werden, daß man zu der etwa zehnstündigen Reise acht verschiedene Fahrgelegenheiten (zwei Dampfschiffe, sechs Eisenbahnen) benutzen muß. Von Flensburg gings 12 Uhr mittags mit dem Zuge nach Norden, durch endlose Heiden, die nur dem erträglich werden, der sie mit der Phantasie eines Andersen betrachtet. Dazu muß man besonders aufgelegt sein, und das war ich nicht; der fortwährend herabrieselnde Regen trug auch nicht zur Verbesserung der Laune bei. Wie eine Wohlthat empfand ich es, als jenseit der dänischen Grenze das Terrain wellig wurde und die kleinen Thäler mit frischen Wiesen, die niedrigen Berge mit prächtigen Buchenwäldern sich schmückten. Der andauernde Regen der letzten Wochen, der jetzt plötzlich aufhörte, hatte bewirkt, daß die Wälder wie im Maigrün prangten. Kleine Nationen (ganz Dänemark zählt etwas mehr Einwohner als Berlin) lieben es bisweilen, besonders deutlich Farbe zu bekennen. Alle Lokomotiven, die ich sah (und ich sah wohl beinah alle!), und alle Dampffähren (auch von diesen dürften mir nicht viele entgangen sein), tragen weiß-rote Bänder an den Schornsteinen; auch dänische Seedampfer sah ich häufig mit den Nationalfarben am Schornstein. Erquicklich angemutet fühlte ich mich durch das Abschiedswort, das man überall hört: _Farvel_! Wir haben uns unsern deutschen Gruß leider durch _Adieu_! rauben lassen, und wo man auf dänischen Bahnen und in dänischen Wartesälen den französischen Gruß hört, da kann man sicher auf — Deutsche schließen. Nicht beistimmen kann man den Dänen, daß sie sich, seit den letzten 30 Jahren, so entschieden von allem Deutschen ab- und dem Französischen zuwenden, zu welch ersterem sie doch nur einen Appendix bilden. Man muß das Lachen verbeißen, wenn man im Rauchzimmer der Dampffähren unter Photographieen, die als Reklame zur Bereisung Dänemarks anfordern sollen, liest: Lac de Sorö, Ruines du Chàteau de Kolding, Une ruelle de Ribe. Für wen sind denn diese Unterschriften? Etwa für Franzosen? Wieviel Franzosen bereisen Dänemark? Es ist nicht übertrieben, wenn man auf hundert Deutsche einen Franzosen rechnet. Man berechne doch billigerweise die Reklame nach demjenigen Volke, das wirklich kommt und Geld ins Land bringt und nicht nach demjenigen, dessen geographische Begriffe über Dänemark sicher ebenso verworren sind, als über manche anderen großen und kleinen Länder. In Friedericia müssen wir den Zug verlassen, der weiter nach Norden dampft, und nach kurzer Kaffeepause besteigen wir den Zug, der uns in zwei Minuten hinunter an den kleinen Belt bringt, wo die Dampffähre auf uns wartet. Sie nimmt nicht nur die Passagiere, sondern auch einige Eisenbahnwagen auf. In 1/4 Stunde sind wir drüben auf der Insel Fünen, deren fruchtbare Fluren wir in 1-1/2 Stunden durchqueren. Andersens Geburtsort Odense verrät mit seinem prosaischen Bahnhof, der ebenso wie alle übrigen dänischen Bahnhöfe in geschmackloser Weise durch Plakate verunziert, nichts von dem Zauber der Poesie, der in dem großen Märchenerzähler wohnte. Auf der Ostseite Fünens besteigen wir die weit größere Dampffähre, die uns über den Großen Belt trägt. Das ist schon eine Art Seefahrt; sie dauert reichlich eine Stunde. Zwölf Eisenbahnwagen zählte ich, die auf der mächtigen Fähre Platz fanden. Möven umflatterten zu Dutzenden das Fahrzeug und erschnappten im Fluge gierig die Bissen, die ihnen von Reisenden zugeworfen wurden. Ein stolzes deutsches Kriegsschiff, das unseren Kurs kreuzte und bald im Kattegat verschwand, erregte die Aufmerksamkeit der Passagiere weit weniger, als ein Zauberkünstler, der mit wenig Witz und viel Behagen seine Sprüchlein hersagte und bald ein dankbares schaulustiges Publikum um sich versammelte. Nach jedem Stück erntete er Gelächter, von Zeit zu Zeit verlangte ihn aber nach greifbarerem Lohne, den er in seinem schäbigen Zylinder einheimste. In Korsör vertauschte ich wieder das Dampfschiff mit dem Zuge, der mich in reichlich einer Stunde nach Kopenhagen brachte. Seeland bietet landschaftlich weit mehr als Fünen. Bald braust der Zug durch prächtige Buchenwälder; bald sieht man rechts und links reichen Wechsel von Hügeln und Thälern, Wiesen mit weidendem Vieh, Kornfelder, hie und da auch einen See. Hier und bei Roskilde werden dem litteraturkundigen Deutschen Erinnerungen wach. In Sorö lehrte einst Basedow; Roskilde ist durch Klopstocks Ode „Rothschilds Gräber“ berühmt geworden. In Kopenhagen hatte ich nur eben Zeit umzusteigen, und durch die Dämmerung ging's gen Norden, nach Helsingör, wo ich gegen 11 Uhr eintraf und im Jernbanehotel (Eisenbahnhotel) abstieg. 2. Von Helsingör nach Gent. Die Fahrt über das Kattegat giebt schon einen kleinen Vorgeschmack der Nordseefahrt, wie das Kattegat der Nordsee auch mehr ähnelt als der sanfteren Ostsee. Diesmal freilich merkte man nichts von der Rauheit, die hier herrschen kann, bei solchem Sonnenschein und solcher leichten Brise kann auch die zarteste Landratte zur See fahren. Es war, als ob sich einige Dutzend Dampfer mit einigen hundert weißbesegelten Schonern, Briggs und Barks Rendezvous gegeben hätten auf dem blauen Parkett des Kattegats, so wimmelte es von Schiffen. Zur Rechten (verpöntes Wort auf See; wenn ich es brauchte, hielt sich mein sonst so liebenswürdiger Kapitän entsetzt die Ohren zu und rief: Steuerbord, Doktor, Steuerbord! Rechts heißt Steuerbord, links Backbord! Und das ist nun Deine _dritte_ Reise mit mir!), also auf der Steuerbordseite stieg das schwedische Vorgebirge Kullen aus der Flut, dessen graziöse Konturen an die des Taunus, von Frankfurt aus gesehen, erinnern. Da ich sehr ermüdet war, suchte ich, nachdem ich mich von meiner Entbehrlichkeit auf der Brücke überzeugt hatte, frühzeitig meine Koje auf, um den mir geraubten Schlaf nach Kräften nachzuholen. Doch das Unglück schreitet bisweilen schnell! Als ich im besten Schlafe war, wurde ich durch die dumpfen Töne des Nebelhorns geweckt. Ich wußte, was das zu bedeuten hatte, zog mich, obgleich es etwa 3 Uhr Morgens war, schleunigst an und kletterte auf die Kommandobrücke, wo der Kapitän und der 1. Steuermann standen und in den dichten Nebel hinausblickten. Wir befanden uns nicht weit von Skagen; unserm Nebelhorn antworteten ab und zu diejenigen anderer in der Nähe befindlichen Dampfer. Nach einer Viertelstunde etwa senkte sich die Hülle, und wir wurden durch einen herrlichen, klaren Sonnenaufgang entschädigt. Wie der obere Rand der goldenen Scheibe über der schwarzblauen Flut aufblitzte, dann breiter und höher wurde und sich als rotgoldener Ball allmählich halb und endlich ganz emporhob — das zu beschreiben ist unmöglich. Ich habe nie einen solchen Sonnenaufgang gesehen. Allein die Freude währte nicht lange; der Nebel kehrte wieder, und wieder zog ich unverdrossen alle 2 Minuten die Leine, sodaß das Nebelhorn (die Dampfpfeife) dumpf und langgezogen erklang. Wieder senkte sich der Nebel, aber doch nur so weit, daß der obere Teil des mächtigen Leuchtturms von Skagens Horn daraus hervorragte, der untere Teil blieb verhüllt. Vom Lande her tönte in gemessenen Zwischenräumen eine Sirene, ähnlich dem Geheul jämmerlich geprügelter Hunde, höchst unästhetisch, aber weithin hörbar. Als der Nebel sich endlich ganz gesenkt hatte — es mochte mittlerweile 4 Uhr geworden sein — krochen der Kapitän und ich wieder in unsere Kojen, um, wie er sagte, noch 4 Stunden zu schlafen. Doch bald wurden wir aus der Täuschung gerissen. Kaum eingeschlummert, verkündete das laute Blasen des Hornes, daß der unheimliche Gast wieder da war. Also wieder anziehen und wieder hinauf, denn so phlegmatisch bin ich nicht veranlagt, es bei solchem Nebel unten auszuhalten. Glücklicherweise dauerte es auch diesmal nicht lange, dann aber hatten wir keine Lust, uns noch einmal betrügen zu lassen, wir blieben auf, tranken eine Tasse Kaffee, nahmen ein Bad, wozu das Wasser direkt aus dem Meere in die Wanne geleitet wird, und stärkten uns dann an einem kräftigen Frühstück. Ausgenommen die Mahlzeiten lag ich natürlich, wie immer auf See, in meinem Triumphklappstuhl neben dem Kapitän auf der Kommandobrücke, um die reine Luft aus erster Hand zu trinken. Die vielen Schiffe, die uns im Sunde und noch im Kattegat umgeben hatten, verschwanden allmählich und verteilten sich nach verschiedenen Richtungen. Nur dann und wann begegnete uns eins, einige gingen auch mit uns. Einen Dampfer trafen wir stillliegend an, er hatte vor dem Vordermaste drei schwarze Bälle aufgezogen, was bedeutete, daß er manövrierunfähig war. Einen zweiten großen Dampfer sahen wir dreimal stillliegen und immer wieder fahren, bis er uns endlich überholte und unseren Blicken entschwand. Am Nachmittag stampfte das gegen den Südwest angehende Schiff doch so, daß ich es für gut hielt, in horizontaler Stellung zu verweilen, um nicht, wie vor drei Jahren an dieser Stelle, unfreiwillige Opfer des Magens bringen zu müssen. Ich legte mich also um 3 Uhr in mein gutes Bett und verzichtete auch auf das Abendessen. Glücklicherweise ging die See nicht so hoch, daß mein Kabinenfenster geschlossen werden mußte, sonst wäre ich gewiß durch die schlechte Luft seekrank geworden. Nur einige Male spritzte das Wasser herein, einmal so, daß meine Stiefel tüchtig etwas abbekamen und der Schiffsjunge ihren Inhalt ausgießen mußte. Als ich in angenehmem Schlafe lag, weckte mich wieder die Dampfpfeife. Hinauf an Deck, hieß es also. Das war gestern nur ein Vorschmack vom Nebel gewesen; diesmal war er viel dichter und hielt etwa 4 Stunden an, von halb 3-7; eine unheimliche Zeit, die mir zu einer Ewigkeit wurde. Und doch fühlte ich, daß man sich auch an solche Situation gewöhnt; froh waren wir nur, daß wir trotz allen Horchens kein anderes Nebelhorn hörten. Plötzlich erklang eins ziemlich nahe vor uns. Auf das Gespannteste blickten Kapitän und Steuermann hinaus in die dichte Undurchdringlichkeit, in ganz kurzen Zwischenräumen ertönten nach einander unser und des fremden Dampfers Pfeife; die Maschine, die bei Nebel natürlich immer auf „Langsam“ arbeitet, wurde auf „Halt“ gestellt, und gleich mußte sich entscheiden, ob wir gegen einander fuhren oder nicht. Denn nur ein Zufall, keine Berechnung kann einen Zusammenstoß verhindern. Plötzlich tauchten dicht an Steuerbordseite (rechts) die Umrisse eines Dampfers auf, der gleich wieder im Nebel verschwand. Der Kapitän meinte, er habe „vollen Dampf“ gehabt, sonst wäre er nicht so schnell herangekommen. Die Engländer stehen bekanntlich in dem Rufe, auch im Nebel auf gut Glück mit vollem Dampf zu fahren, um keine Zeit zu verlieren. Nach dieser Aufregung ging es in das Bad und dann an's Frühstück. Der Tag wurde prächtig, die See glatt, die Sonne schien warm; das reine Ostseewetter, wie ich es nannte, da ich in der Ostsee niemals Unwetter, Nebel und dergleichen erlebt hatte. Wir waren jetzt etwa in der Mitte der Nordsee, es war ganz einsam, viele Stunden kein Schiff. In dem Maschinenraum war inzwischen schon seit einigen Tagen eine kleine Revolution ausgebrochen. Der eine Trimmer (Kohlenzieher) stellte sich krank und versteckte sich irgendwo im Laderaum zwischen das Holz. Als er nach mehrstündigem Suchen gefunden wurde, erklärte er, falls man ihn zum Arbeiten zwänge, würde er sich in Wasser stürzen, Es blieb also nichts übrig, als ihn sich zu überlassen; er ging zu Bett, nahm aber lebhaft an allen Mahlzeiten teil. Tags darauf wurde einer der Heizer wirklich krank; da überhaupt nur zwei Trimmer und zwei Heizer auf Schiffen von der Größe Miras vorhanden sind, so war die Stellvertretung sehr schwierig. Die Nacht vom Dienstag zum Mittwoch wurde durch keinen Nebel gestört. Wir passierten die holländische Insel Terschelling und einige Stunden später Terel, und als ich aufstand (8 Uhr), befanden wir uns nahe der Küste. Die Dünen von Scheveningen wurden sichtbar; wir waren nur 3-4 Kil. vom Lande entfernt und sahen ganz deutlich das mächtige, kuppelgeschmückte Kurhaus, davor am Strande viele Strandkörbe, auf den Dünen Villen, und dahinter rechts Türme, die zur Stadt Haag gehörten. Ab und zu tönten Kanonenschüsse zu uns herüber; die Holländer übten sich wohl, die Atchinesen zu besiegen. Das Wasser war so glatt, fast wie ein Spiegel, kein Lüftchen rührte sich. Nach mehreren Stunden wurde das Feuerschiff „Hoek van Holland“, wieder nach einigen Stunden das von „Schouwensbank“ passiert; sie liegen etwa 10 M. (20 Kil.) von der Küste entfernt. Da die Zeit der Flut war und wir gerade gegen den vom Atlantischen Ozean hereindringenden Strom fuhren, so lief das Schiff stündlich etwa 2 Meilen weniger als unter normalen Verhältnissen. Wir hielten nun Umschau nach einem Lotsen; endlich sahen wir einen Kutter, der sich durch die Flagge am Mast von den Fischerjachten unterscheidet. Wir setzten die Lotsenflagge auf und fuhren auf ihn los, er näherte sich uns gleichfalls; als wir ganz nahe waren, erkannten wir das Wort „Maas“, das in großen Buchstaben auf dem Segel stand. Wir lenkten also ab von ihm, denn wir konnten nur einen Schelde-Lotsen brauchen. Etwa um 5 Uhr trafen wir einen Lotsen, der uns nach Vlissingen brachte. Um von der See nach Gent zu g