The Project Gutenberg EBook of Katharina von Bora, by D. Albrecht Thoma This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at www.gutenberg.net Title: Katharina von Bora Geschichtliches Lebensbild Author: D. Albrecht Thoma Release Date: June 16, 2004 [EBook #12636] Language: german Character set encoding: ASCII *** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KATHARINA VON BORA *** Produced by Charles Franks and the DP Team [Illustration: Katharina von Bora nach dem Gemaelde von Lucas Cranach im Museum zu Schwerin Phot. F. u. O. Breckmann Nachf., Dresden. Verlag Georg Reimer, Berlin.] Katharina von Bora Geschichtliches Lebensbild von D. Albrecht Thoma Berlin Druck und Verlag Georg Reimer. 1900. Vorwort. In dem "Leben Luthers" bietet das Kapitel "Luthers Haeuslichkeit" als freundliche Idylle ein liebliches Ausruhen von den dramatischen Kaempfen und dem epischen Gange einer reformatorischen Wirksamkeit. Die Briefe an eine "liebe Hausfrau" sind unter den Tausenden seiner Episteln die schoensten und originellsten. Dafuer liegt der Grund doch nicht allein in dem reichen Gemuet und dem geistvollen Humor des grossen Mannes, sondern auch in der Persoenlichkeit seiner lebhaften, temperamentvollen Gattin. Es muss doch eine bedeutende Frau gewesen sein, die der grosse Mann als seine Lebensgefaehrtin zu sich emporhob und die sich getraute, die Gattin des gewaltigen Reformators zu werden und der es gelungen ist, ihm zu genuegen; und ein sympathischer Charakter musste das sein, an dem er seine frohe Laune so schoen entfalten konnte. Sie hat ihrem Doktor das schoene Heim geschaffen und das vorbildliche evangelische Pfarrhaus. Und so lebt auch Luthers Kaethe als die Genossin von dem Liebling und Stolz unserer Nation in der Seele des deutschen Volkes in gutem Gedenken. Es kann nun auffallen, dass eine eigentliche Lebensgeschichte der Gattin Luthers bisher noch gar nicht erschienen ist, dass fast mehr schmaehsuechtige Feinde, wie vor hundertfuenfzig Jahren ein Engelhard, ihre wenig lauteren Kuenste an dieser Aufgabe geuebt haben; und besonders ist zu verwundern, dass in dem letzten halben Jahrhundert, diesem so hervorragend historischen Zeitalter,--seit den beiden gleichzeitig erschienenen quellenreichen Skizzen von _Beste_ und _Hofmann_--keine Biographie entstand, nicht einmal fuer dieses Jubilaeumsjahr ihres vierhundertjaehrigen Geburtstages. Der Grund dieser eigentuemlichen Erscheinung liegt aber doch klar. Einmal wird eben in "Luthers Leben" das Bild Katharinas von Bora stets mit hineingemalt; sodann ist es schwierig, neben der gewaltigen Gestalt ihres Gatten sie recht zur Geltung kommen zu lassen; endlich ist eine muehsame Kleinarbeit erforderlich, um eine lebensvolle Zeichnung zu entwerfen, und ueberraschende Entdeckungen sind bei aller Findigkeit hier nicht zu machen. Dennoch verdient Luthers Kaethe--so viel das geschehen kann--fuer sich besonders betrachtet zu werden, wie ja ihr Bild so oft fuer sich neben demjenigen des grossen Doktors gemalt ist. Ist Frau Kaethe freilich nichts ohne den D. Martinus, so kann man doch auch fragen: Was waere Luther ohne seine Kaethe? Dem Lebensbilde des grossen Reformators fehlte das menschlich Anziehende, fehlten die vor allem uns Deutschen ausbrechenden gemuetlichen Beziehungen des Familienlebens. Und das hat Frau Kaethe ihm geschaffen. Ihr ist es zu verdanken, dass die Welt ihn so lange, und so lange in geistiger Frische und freudigem Arbeitseifer gehabt hat. So mag es ein Denkmal sein, und--wie es der schlichten deutschen Hausfrau geziemt--ein anspruchsloses, was ihr hier zu ihrem vierhundertjaehrigen Gedaechtnistage gesetzt ist. Inhaltsverzeichnis. 1. Katharinas Herkunft und Familie. Sachsen und Meissen Bora Lippendorf Eltern und Brueder "Muhme Lene" und Maria v. Bora Armut der Familie Der Eltern Tod 2. Im Kloster "Ehrsame" Jungfrauen Adelige Stifter Klosterkinder Nimbschen Klosterfrauen Klausur Wuerden Klostergenossinnen Die Novize Kloster-Regel Erziehung Die Postulantin Einsegnung Tagewerk Reliquien Ablass Kloster-Erlebnisse Nonnen-Beruf 3. Die Flucht aus dem Kloster Luthers Schriften ueber Ablass, gute Werke, Klostergeluebde Vermittelung der Schriften Leonhard Koppe Austrittsgedanken Die Verwandten Klagebrief an Luther Bedenken Flucht-Plan Das Entkommen aus dem Kloster Die Flucht Offener Brief an Koppe, "dass Jungfrauen Kloster goettlich verlassen moegen" Der Abt von Pforta Neue Entweichungen 4. Eingewoehnung ins weltliche Leben Versorgung der Klosterjungfrauen Katharina bei Reichenbach Hier. Baumgaertner D. Glatz 5. Katharinas Heirat Luther draengt zur Ehe Verehelichung von Priestern und Klosterleuten Luther denkt zu heiraten Eine Nonne soll's sein Luthers Werbung Trauung und Hochzeit Gaeste Geschenke Das Fest 6. Das erste Jahr von Katharinas Ehestand. Im "Schwarzen Kloster" Ausstattung Angewoehnung Unterhaltung Bild "Die erste Liebe" Verstimmung der Freunde Schmaehungen der Feinde Gefahren Stimmungen 7. Katharina als Mutter ihrer Kinder und Hausgenossen. Johannes Elisabeth Magdalena Martin, Paul Margareta Elternfreuden Muhme Lene Neffen und Nichten Zuchtmeister Gesinde, Gaeste Besuche 8. Katharinas Haushalt und Wirtschaft. Das Regiment in Luthers Haus Haus und Hof Bauereien Geraete Schenkungs-Urkunde Teurer Markt Landwirtschaft Gaerten "Haus Bruno", Gut Booss Zulsdorf Grundbesitz Arbeitsseligkeit 9. "Wunderliche Rechnung zwischen D. Martin und Kaethe." Armut Einkuenfte "Geschenke" Umsonst Hausrechnung. "Gieb Geld" Luthers Mildthaetigkeit Schulden insidiatrix Ketha "Raetlichkeit" "Wunderlicher Segen" "Lob des tugendsamen Weibes" 10. Haeusliche Leiden und Freuden. Schwerer Haushalt Krankheitsanfall Luthers (1527) Die Pest Hochzeit und Tod Fluechtlinge und Hochzeiten Visitationsreisen Briefe von der Koburg Die Grosseltern Besuche und Reisen Ein Kardinal in Wittenberg Tischgesellen, Famulus, Kaethes Brueder Kinderzucht Rosine Kaethes Tageloehner 11. Hochzeiten und Krankheiten, Pest und Tod. "Muehmchen Lene" und Veit Dietrich Lenchens Verlobung (1538) "Des Teufels Fastnacht" (1535) In den "hessischen Betten" Luthers toedliche Krankheit in Schmalkalden (1537) Muhme Lene [Symbol: gestorben] Pflege der Elisabeth von Brandenburg Wieder Pest (1539) Kaethes toedliche Krankheit (1539) Briefe aus Weimar (1540) Allerlei Sorgen Hanna Strauss verlobt und Muehmchen Lene verwitwet Haus in Torgau, Lenchens Krankheit und Tod Hansens Heimweh 12. Tischreden und Tischgenossen. Eine akademische Hochzeit Allerlei Feste Besuche _Cordatus_ _Stiefel_ _Kummer, Lauterbach_ _Schlaginhaufen, Weller_ _Hennik; Barnes; de Bai_ _Dietrich_ _Besold_ _Holstein; Schiefer; Matthesius_ _Goldschmidt u.a._ Kaethes "Tischburse" Die "Tischgespraeche" 13. Hausfreunde. Humanisten-Freundschaft Der Freundeskreis des Lutherischen Hauses Gruesse und Geschenke _Amsdorf; Agrikola_ _Probst_ _Brisger, Biscampius, Zwilling; Mykonius; Capito_ Die Nuernberger: _Link_ und _Friedrich_; _Baumgaertner_ _Dietrich_; Geschwister _Weller_ _Hausmann_ _Schlaginhaufen_ _Lauterbach_ _Spalatin_ Hans von _Taubenheim_ Amtsgenossen _Kreuziger_ _Bugenhagen_ _Jonas_ _Melanchthon_ Sabinus und Lemnius Brief der Freunde an Kaethe Die Tafelrunde Freundinnen 14. Kaethe und Luther. Die "Erzkoechin" Luthers Enthaltsamkeit und Festfreude Kaethe als Krankenpflegerin Kaethes Humor Verdaechtigungen Kaethes Kaethes geistige Interessen Was Luther von Kaethe hielt "Ihr" und "Du" "Herr" Kaethe "Liebe" Kaethe Luthers unguenstige Aeusserungen Lob des Weibes "Haeuslicher Zorn" Lob des Ehestandes und Kaethes Kaethes "Bildung" Ebenbuertigkeit Kaethes Bild 15. Luthers Tod. Truebe Zeitlage Hader im eigenen Lager Die "garstigen" Juristen Abscheiden der Freunde Luthers zunehmende Krankheiten Arbeit und Humor Wegzugsgedanken "Speckstudenten" und Kleidermoden Abreise Schrecken in Wittenberg Reisen nach Eisleben Briefe von Halle und Eisleben Der letzte Brief Die Todesnachricht Zuruestung zur Bestattung Trostbrief des Kurfuersten Der Leichenzug Katharinas Stimmung 16. Luthers Testament. "Die Welt ist undankbar, die Leute sind grob" Dr. Bruecks Zorn auf Katharina Fuerstliche und freundschaftliche Fuersorge Das saechsische Erbrecht Katharinas Leibgeding Die Erbschaft Bruecks und Katharinas Plaene Katharinas Bittschrift Reden der vier Hausfreunde Bruecks Gutachten Die Entscheidungen des Kurfuersten Kampf um Wachsdorf und die Kinder Wolf, Gesinde und Tischburse Fuersorge fuer Florian von Bora Mahnungen an den Daenenkoenig 17. Krieg und Flucht. Beginn des Schmalkaldischen Kriegs, zweierlei Gebete Anmarsch auf Wittenberg, Flucht Belagerung Wittenbergs. In Magdeburg Brief von und an Christian III. Schreckensgeruechte Neue Flucht; in Braunschweig Heimkehr 18. Der Witwenstand. Wie's daheim aussah Kriegsschaeden und Process Kosttisch; Anlehen Das Interim. Hans Luther nach Koenigsberg Leiden und "gnaedige Hilfe" Hans in Koenigsberg Kriegslasten "Dringende Not" 19. Katharinas Tod Flucht vor der "Pestilenz" Der Unfall Anna von Warbeck Das Leichenprogramm und die Bestattung Nachkommen und Reliquien Denkmaeler Katharinas Gedaechtnis Belege und Bemerkungen. Register. 1. Kapitel Katharinas Herkunft und Familie[1]. Zur Zeit der Reformation umfasste das Land Sachsen etwa das heutige Koenigreich, den groessten Teil der Provinz Sachsen und die thueringisch-saechsischen Staaten. Diese saechsischen Lande aber waren seit dem Erbvertrag von 1485 zwischen den Ernestinern und Albertinern geteilt in ein Kurfuerstentum und ein Herzogtum. Wunderlich genug war diese Teilung, aber ganz nach damaligen Verhaeltnissen: zum Albertinischen Herzogtum, auch "Meissen" genannt, gehoerte der groesste Teil vom heutigen Koenigreich mit den Staedten Meissen, Dresden, Chemnitz; ferner ein schmaler Streifen von Leipzig bis nach Langensalza. Dazwischen dehnte sich das Kurfuerstentum mit den Hauptstaedten Wittenberg, Torgau, Weimar, Gotha, Eisenach westwaerts, und Zwickau und Koburg nach Sueden. Die Kursachsen sahen mit einigem Stolz auf ihre Nachbarn herab, welche bloss herzoglich waren, gebrauchten auch wohl den alten Spottreim: "Die Meissner sind Gleisner". Wenn's auch nicht wahr war, es reimte sich doch gut[2]. Aus dem Herzogtum Meissen stammte nun Katharina von Bora, Luthers Hausfrau[3], waehrend er selbft ein geborener Mansfelder, dann ein Buerger der kursaechsischen Residenz Wittenberg und Beamter des Kurfuersten war. Er beklagte sich wohl bei seiner Frau ueber ihren Landesherrn, Herzog Georg den Baertigen, welcher, ein heftiger Gegner der Reformation, mit Luther in steter Fehde lag, gehaessige Schriften gegen ihn losliess und die Lutheraner im Lande "Meissen" verfolgte. Daneben neckte Luther seine Kaethe auch, als sie in Leipzig bei seinen Lebzeiten die Maere von seinem Tode verbreiteten: "Solches erdichten die Naseweisen, deine Landsleute"[4]. Im Meissenschen nun hinter der Freiberger Mulde, eine Stunde ostwaerts von dem "Schloss und Staedtchen" Nossen lagen die beiden Ortschaften Wendisch- und Deutschenbora[5], eine Viertelstunde von einander zwischen Tannengehoelzen, denn Tanne heisst auf slavisch "Bor"[6]. Hier hatte das Geschlecht der Bora seinen Stammsitz. Von dort verpflanzte es sich in verschiedenen Zweigen an viele Orte des Sachsenlandes; so auch in die Naehe von Bitterfeld und Borna, je fuenf Stunden noerdlich und suedlich von Leipzig. Sie fuehrten alle im Wappen einen steigenden roten Loewen mit erhobener rechter Pranke in goldenem Feld und den Pfauenschweif als Helmzier[7]. Aus welchem dieser neun oder zehn Zweige aber Frau Katharina, des Reformators Ehegattin, stammte, ist nicht mehr gewiss auszumachen. Mehr als sieben Orte, wie bei dem Vater der griechischen Dichtung, Homer, streiten sich um die Ehre, ihre Geburtsstaette zu sein: das ist fast jeder Ort, wo frueher oder spaeter Bora gewohnt und gewaltet haben. Aber man kann eher noch beweisen, dass sie aus acht dieser Orte nicht stammt, als dass sie am neunten Ort wirklich geboren sei[8]. Vielleicht ist Katharinas Geburtsort beim alten Stammsitz des Geschlechts: zu Hirschfeld, einem sehr fruchtbaren Hofgut in der doerferreichen Hochebene, wo man noerdlich nach dem nahen Deutsch-Bora und dem etwas ferneren Wendisch-Bora schaut, gen Westen aber, in einer Entfernung von einer Stunde, die burggekroente Bergnase von Nossen erblickt. Wahrscheinlicher aber wurde Kaethe zu _Lippendorf_ geboren. Westwaerts naemlich von Borna an der Pleisse zieht sich als meissnisches Gebiet ein weites Blachfeld, dessen Einfoermigkeit nur durch dunkle Gehoelze unterbrochen wird. Nur ein paar hundert Schritte von dem Kirchdorf Medewitzsch erhebt sich das Haeuflein Haeuser des kleinen Doerfchens Lippendorf und etwas abseits gelegen ein groesseres Gut, mit einem Teiche dahinter. Das war zwar kein rittermaessiger Hofsitz, aber doch ein stattliches Lehngut, das heutzutage seinen Besitzer zu einem wohlhabenden Bauern macht. Um 1482 sass dort ein Hans von Bora mit seiner Gemahlin Katharina; um 1505 ist's ein Jan von Bora mit seiner Gattin Margarete, einer geborenen von Ende. Wahrscheinlich ist Hans und Jan nicht Vater und Sohn, sondern dieselbe Person und Margarete nur seine zweite Ehefrau. Hier waere nun Katharina an dem Ende des fuenfzehnten Jahrhunderts, 15-1/4 Jahre nach Martin Luther, auf die Welt gekommen. In diesem bauernhofaehnlichen Anwesen waere sie--vielleicht unter einer Stiefmutter--herangewachsen. An diesem Teich haette sie als Kind gespielt und hinuebergeschaut nach dem nahen Rittersitz Kieritzsch mit seinem Schlosspark und kleinen Kirchlein, und weiterhin ueber die Wiesen und Gehoelze der Mark Nixdorf nach der "Wuestung Zollsdorf"--wo sie spaeter als ehrsame Hausfrau und Doktorin vom fernen Wittenberg herkommend hausen und wirtschaften sollte, wie sie's zu Lippendorf in Hof und Stall, Kueche und Keller von der fleissigen Mutter gelernt.[9] Aber sicher ist diese Annahme nicht. Es kann auch ein anderer Ort Katharinas Geburtsstaette sein. Ja, sicher weiss man nicht einmal den Namen von Vater und Mutter. Hans konnte der Vater wohl geheissen haben, so hiess damals jeder dritte Mann, auch im Bora'schen Geschlecht. Und nach einer andern, nicht unglaubwuerdigen Nachricht waere die Mutter eine geborene von Haubitz gewesen und haette nach der Tradition den ebenfalls zu jener Zeit sehr beliebten Namen Anna getragen. Dann waere freilich Lippendorf nicht Kaethes Heimat gewesen. Unzweifelhaft gewiss ist nur ihr Geburtstag, der 29. Januar 1499; denn dieser Tag ist auf einer Schaumuenze eingegraben, die heute noch vorhanden ist[10]. Auch ihre naechsten Verwandten sind bekannt. Katharina hatte wenigstens noch drei Brueder. Der eine, dessen Name nicht genannt ist, verheiratete sich mit einer gewissen Christina und starb ziemlich fruehzeitig, vielleicht schon um 1540. Denn sein Sohn Florian, der etwa gleichaltrig mit Luthers Aeltestem d.h. damals vierzehn Jahre alt war, wurde um diese Zeit ins Haus genommen und wollte 1546 die Rechte studieren; damals war "Christina von Bora Witfraw"[11]. Der andere Bruder Katharinas ist _Hans_ von Bora. Er war 1531 in Diensten des Herzogs Albrecht von Preussen, kehrte aber etwa 1534 von dort zurueck, um fuer sich und seine Brueder das Guetlein Zulsdorf als "Erbdaechlein" zu uebernehmen. Er bekam in seinen Mannesjahren von seinem Schwager Luther und von Justus Jonas das Lob eines "aufrichtigen, feinen und treuen Menschen". "Treu und brav ist er, das weiss ich, dazu auch geschickt und fleissig", bezeugt ihm Luther[12]. Weniger Loebliches ist von dem dritten Bruder _Klemens_ bekannt. Er kam mit Bruder Hans nach Koenigsberg, geriet aber nach dessen Rueckkehr in die Gesellschaft eines adligen Raufboldes, der in seiner Gegenwart einen Zimmergesellen im Rausch erstach, was ihm selbst uebeln Ruf zuzog und ihn in Ungnaden bei dem Herzog brachte[13]. Ausser den Bruedern Katharinas ist auch eine Muhme (Base) Lene bekannt, welche spaeter in Luthers Haus lebte. Es wird dies niemand anders sein als die Magdalena von Bora, des Vaters Schwester[14], welche freilich zur Zeit von Katharinas Geburt schon lange im Kloster Nimbschen lebte. Wenn es wahr ist, dass um 1525 eine Maria von Bora auf Zulsdorf sich nach Wittenberg verheiratete[15], so muessen auf diesem Vorwerk in den zwanziger Jahren noch nahe Verwandte gelebt haben. Reich konnten diese aber nicht sein, denn das ganze Gut war nur 600 fl. wert und naehrte seinen Mann nicht, wie spaeter Bruder Hans selbst erfuhr. Ein weiterer Verwandter Katharinas war Paul von Rachwitz, welcher zu Bitterfeld wohnte in dessen Naehe auch in Zweig der Bora hauste[16]. Die Familie Katharinas muss recht arm gewesen sein: es heisst sogar: sie war in die aeusserste Bedraengnis geraten. Florian, der Sohn des aeltesten Bruders, war jedenfalls nach seines Vaters Tod, obwohl dieser wahrscheinlich das Erbgut besass, doch auf Stipendien angewiesen fuer seine Studien. Bruder Hans war am preussischen Hof so aermlich gestellt, dass Luther fuer ihn dem Herzog Albrecht "beschwerlich sein" und schreiben musste: "Nachdem meiner Kaethen Bruder Hans von Bora nichts hat und am Hofe Kleid und Futter genug nicht hat, wollten E.F.Gn. verschaffen, dass ihm jedes Vierteljahr ein paar Gulden wuerden zugeworfen, damit er auch Hemd und andere Notdurft bezahlen moechte.[17]" Katharina selbst endlich hat, wie es scheint, nicht einmal ein Leibgeding mit ins Kloster bekommen, wie es andere, wohlhabendere adlige Fraeulein mit durchschnittlich 3 Schock[18] jaehrlich erhielten; und auf ihre Einsegnung konnte sie nur 30 Groschen spenden, waehrend neue Nonnen wohl 100 oder wenigstens 40 Groschen opferten. Bei ihrer Heirat konnte sie keine Mitgift in die Ehe bringen[19]. So ist also Katharina von Bora--wo es auch sei--in gar engen Verhaeltnissen aufgewachsen, und wenn man sich das junge Maedchen etwa als zartes Ritterfraeulein am Burgfenster mit dem Stickrahmen oder als Jaegerin auf stolzem Zelter vorstellen wollte, so gaebe das ein gar falsches Bild. Wir haben sie uns vielmehr zu denken wie eine junge Bauerntochter auf dem Hofgut schaltend und waltend, der Mutter an die Hand gehend in der Wirtschaft, zugleich als die Aelteste, vielleicht als einziges Toechterlein, auch eine gewisse Selbstaendigkeit und Herrschergabe entfaltend, wie sie sich spaeter in der reifen Frau entwickelt zeigt. Freilich ein wirkliches anschauliches Bild ihrer Kindheit zu entwerfen vermoegen wir nicht, dazu fehlen alle Anhaltspunkte, alle Formen und Farben. Wir moegen dies bestimmte Bild aus der ersten Jugendzeit, in die wir uns bei einem Menschenleben so gerne versenken, bei Katharina schmerzlich vermissen, da sich die ganze Umgebung, der Hintergrund der Landschaft und selbst die notwendige Staffage von Vater und Mutter und alles, was auf ein junges Menschenkind einwirkt, bis auf die Namen verwischen und verschwinden, waehrend zum Beispiel bei ihrem Gatten, dem Doktor Luther, Elternhaus, Vater, Mutter, Geschwister, Gespielen, Heimat und Schule so deutlich und plastisch sich herausheben, dass sie ein gar lebendiges und farbenreiches Gemaelde geben. Aber man kann sich doch auch wieder ueber diesen Mangel leicht troesten. Denn wie es scheint, sind die Eltern beide frueh gestorben. Sobald Katharina ins Licht der Geschichte tritt mit ihrer Heirat, ja schon bei ihrer Entweichung aus dem Kloster, ist jede Spur von ihnen verschwunden: die Eltern erscheinen nicht bei ihrer Hochzeit, wie die Eltern von Luther; sie werden um ihre Einwilligung nicht gefragt, worauf doch Luther sonst so grosses Gewicht legt; ja sie kommen schon nicht in Betracht bei der Flucht aus dem Kloster, als es sich um eine Unterkunft handelt; und auch waehrend der ganzen Klosterzeit kommt Vater und Mutter nicht zum Vorschein, wie es doch oftmals bei Klosterjungfrauen der Fall ist. Vielleicht ist gerade der Eltern frueher Tod fuer Katharina die Veranlassung gewesen, so bald ins Kloster einzutreten. Wie dem aber auch sei, die geistige Entwicklung des jungen Fraeuleins faellt nicht in das Elternhaus. Denn sehr frueh kam Katharina von daheim fort und ihre bewusste Jugendzeit verbrachte sie fern von der Heimat im Jungfrauen-Stift. So faellt Katharinas Eintritt, obwohl sie 15 Jahre juenger war, etwa in dieselbe Zeit, als der Erfurter Magister Martin Luther die Studien verliess und in das Kloster der Augustiner ging. 2. Kapitel Im Kloster. Wenn heutzutage ein armes Maedchen aus besseren Staenden versorgt werden soll, das nicht auf grosse Mitgift und darum auf Verheiratung rechnen und somit dem natuerlichen weiblichen Beruf, dem Familienleben, voraussichtlich entsagen muss, so kommt es in eine Anstalt und bildet sich zur Lehrerin oder dergleichen aus. Im Mittelalter kam so ein armes Fraeulein, dessen Ausstattung die schmalen Erbgueter der Stammhalter und Schwestern noch mehr geschmaelert haette, zur Versorgung ins Kloster. Die alten Kloester (der Benediktiner, Cisterzienser, Bernhardiner) wurden so Versorgungsanstalten[20]. Es waren adelige Stifter, fromme Anstalten der Vorfahren, worin "ehrsame" (d.h. adelige) Jungfrauen Gott dienen und fuer die Seelen der Lebenden und Verstorbenen beten sollten[21]. Statt des jetzigen "geistigen" Berufs zum Wirken in der Welt fuer lebendige Menschen diente damals der "geistliche" Beruf zur Verehrung Gottes und der Heiligen, zum ewigen Seelenheil der Lebenden, namentlich aber der toten Anverwandten im Fegefeuer. Statt der heutigen freien und doch nicht immer freiwilligen Entschliessung zu einem selbstgewaehlten Beruf, der freilich immer nur bedingungsweise und auf Zeit ergriffen wird, galt es damals die "ewige" unwiderrufliche "Vergeluebdung" auf Lebenszeit; statt der "Emanzipation", welche einer ausser dem Familienleben stehenden Jungfrau heute mehr oder weniger wartet, harrte ihrer damals die "Klausur", die Einschliessung in die Klostermauern in einem streng geschlossenen Verband, dem "Orden", unter dem straffen Bande der "Regel", der Klostersatzungen. Nach Begabung und Neigung zu diesem geistlichen Beruf wurde da wenig gefragt, und es konnte auch keine Ruecksicht darauf genommen werden[22]. Dazu war in diesen Zeiten die elterliche Autoritaet, namentlich ueber Toechter, viel zu gross, und der Familiensinn in solchen adeligen Haeusern war ein zu stark ausgepraegter, als dass sich ein Glied in individueller Neigung gegen das Herkommen und die Familiensitte wie gegen die Forderungen der Existenzbedingungen seines Geschlechts aufgelehnt haette. Nach den kirchlichen Bestimmungen galt der Grundsatz: "Einen Moench macht entweder die elterliche Vergeluebdung oder die eigene Einwilligung"[23], also in erster Linie die Bestimmung der Eltern! Diese hielten es eben fuer eine standesgemaesse Versorgung und zugleich fuer einen "guten seligen Stand", wie eine Nonne aus dieser Zeit erklaert[24]. Zudem wurden die Toechter in einem Alter in das Stift gethan, wo von einer Willensentscheidung gar keine Rede sein konnte[25]. Die Maedchen waren noch Kinder. Der Eintritt konnte schon im sechsten Lebensjahr geschehen; viele kamen auch spaeter hinein, wenn sich die Familienverhaeltnisse durch Wachstum der Kinderzahl, Tod der Mutter und dergleichen anders gestalteten. Aber auch in noch frueherem Alter wurden "Kostkinder" aufgenommen, welche dann auch oft Klosterjungfrauen wurden. "Es ist eine hohe Not und Tyrannei, dass man leider die Kinder, sonderlich das schwache Weibervolk und junge Maedchen in die Kloester stoesset, reizet und gehen laesst"--so aeussert sich Luther gerade ueber das Kloster, worin sich Katharina von Bora befand, und ruft entruestet aus: "O die unbarmherzigen Eltern und Freunde (Verwandten), die mit den Ihren so schrecklich und greulich verfahren!"[26] Nicht anders erging es auch der Tochter aus dem verarmten Hause Bora. Katharina ward ins Kloster geschickt--gefragt wurde das Kind natuerlich nicht; es geschah "ohne ihren Willen", wie denn Luther im allgemeinen von ihr und ihren Mitschwestern von Verstossung ins Kloster redet und von Zwang. Er fragt bei dieser Gelegenheit seine Zeitgenossen: "Wie viel meinst du, dass Nonnen in Kloestern sind, die froehlich und mit Lust ungezwungen ihren Gottesdienst thun und Orden tragen? Unter tausend kaum eine. Was ist's, dass du solches Kind laesst also sein Leben und alle seine Werke verlieren?"[27] Katharina kam vielleicht schon mit dem 6. Lebensjahr ins Kloster; denn in ihrem sechsten Lebensjahr verschreibt Jan von Bora auf Lippendorf alle seine Gueter allda seiner--vielleicht in diesem Jahr geheirateten zweiten--Ehefrau. Jedenfalls war Katharina im zehnten Lebensjahr (1509) schon Klosterjungfrau; und zwar nicht mehr die juengste, sondern die zweitjuengste von den Aufgenommenen und blieb noch lange Jahre (bis 1516) die vorletzte in der Reihe der Schwestern[28]. Kloester gab es damals genug im Land: es wurden allein im Meissnischen gegen 30 Nonnenkloester gezaehlt[29]. In welches Kloster Katharina eintreten sollte, das stand von vornherein fest: es musste das adelige Cisterzienserinnen-Kloster "Marienthron" oder "Gottesthron" _Nimbschen_ bei Borna im Kurfuerstentum Sachsen sein[30]. Denn hier war eine Muhme von Vaterseite, vielleicht Vatersschwester Magdalene von Bora schon lange Zeit Klosterjungfrau und bekleidete von 1502-8 das Amt einer Siechenmeisterin, d.h. Krankenwaerterin der Nonnen. Ausserdem waren, scheint es, noch zwei Verwandte aus der muetterlichen Familie der Haubitz da: eine aeltere Margarete und eine juengere Anna. Das Kloster Nimbschen hat eine huebsche Lage. Eine Stunde unterhalb, nachdem die beiden Mulden, die Zwickauer von Sueden und die Freiberger von Osten her zusammengeflossen sind zu der grossen Mulde, erweitert sich das enge Flussthal zu einer viertelstundebreiten ebenen Aue, welche die Form eines laenglichen Blattes hat und eine halbe Stunde lang ist. Am Ostufer zieht sich eine schroffe Felswand aus Porphyr hin, an welche das Muldebett sich anschmiegt; im Westen begrenzt eine niedrige, sanfter ansteigende, waldbewachsene Huegelkette den Werder. Ueber der noerdlichen Blattspitze, die scharf durch die zusammenrueckenden Felswaende abschliesst, erhob sich eine Burg und jenseits der Thalsperre, ungesehen von der Aue aus, liegt die Stadt Grimma; an dem obern Ende der Aue, unmittelbar am Fusse des westlichen Waldhuegels, stand das Kloster. Es war also abgelegen von der Welt, abgeschlossen durch die beiden Huegelreihen, nur mit dem Blick auf die stille ruhige Aue. Drueben floss die Mulde ungesehen tief in ihren Ufern, ueberragt von der Felswand, hueben erhob sich der huegelige Klosterwald. Nordwaerts davon schimmerte ein ziemlich grosser Teich, welcher die leckere Fastenspeise barg. Aus dem Huegel unmittelbar neben dem Kloster waren die schmutzig braunen Porphyrsteine gebrochen, mit welchen die Mauern und Klostergebaeude aufgebaut waren; ein Graben an diesem Huegel hin verhinderte noch mehr den unbefugten Zutritt. Das Klostergebaeude war sehr umfangreich, denn so eine alte Cisterzienser-Abtei bildete eine Welt fuer sich: nach alter Regel musste das Kloster alle seine Beduerfnisse selber durch eigene Wirtschaft befriedigen[31]. Daher gab es neben dem eigentlichen "Gotteshaus", wie ein geistliches Stift genannt wurde, noch allerlei Wirtschaftsgebaeude: Staelle fuer Pferde, Rinder, Schweine, Gefluegel mit den noetigen Knechten und Maegden, Hirten und Hirtinnen fuer Fuellen, Kuehe, Schafe (das Kloster hatte deren 1800!), Schweine und Gaense; ferner Maeher, Drescher, Holzhauer, eine "Kaesemutter". Das Kloster selbst zerfiel in zwei Gebaeudekomplexe: "die Propstei" und die "Klausur". Die Propstei schloss sich um den aeusseren Klosterhof und umfasste die Wohnung des Vorstehers oder Propstes, eines "Halbgeistlichen", welcher mit "Ehren" ("Ehr") angeredet wurde, dann die Behausung des Verwalters oder Vogts (Voit) samt dem Schreiber; ferner das "Predigerhaus", in welchem die zwei "Herren an der Pforte", d.i. Moenche aus dem Kloster Pforta, als Beichtvaeter wohnten, denn Pforta hatte die Oberaufsicht ueber Nimbschen. Ein Brauhaus, Backhaus, Schlachthaus, Schmiede, Muehle, Kueche und Keller waren noch da, worin die verschiedenen Klosterhandwerker hausten und hantierten; auf dem Thorhaus sass der Thorwaerter Thalheym. Ein "Hellenheyszer" hatte die Oefen zu besorgen. Es war eine gar umfangreiche Wirtschaft und ein grosses Personal: 40-50 Leute waren in der Klosterzeit Katharinas von Bora taeglich "ueber den Hof" zu speisen; und dazu mussten Loehne gezahlt werden, vom Oberknecht mit 4 Schock 16 Groschen und Vorsteher mit 4 Schock an bis zur Gaensehirtin, welche nur 40 Groschen bekam. Um alle diese Personen zu besolden und neben den Klosterfrauen zu speisen, brauchte es natuerlich grosser Einkuenfte an Geld, Getreide, Huehnern, Eiern u.s.w. von den Klosterdoerfern und Hoefen, ausser den Klosterguetern, die vom Klosterpersonal selbst bewirtschaftet wurden. Ferner hatten die Bauern noch gar manche Fronden mit Ackern, Duengen, Dreschen, Maehen und Heuen, Schneiden, Holzmachen, Hopfen pfluecken, Flachs und Hanf raufen, riffeln und roesten, Schafscheren, Jagdfron (Treiben bei der Jagd) wofuer teilweise Essen und Trinken, bei der Jagd auch Geld gereicht wurde. Die Nonnen selbst wohnten in der "Klausur", einem zweiten Gebaeudekomplex, welcher im Viereck um einen kleinen Hof gebaut war und aus der Kirche, dem Refektorium (Speisehaus), dem Dormitorium (Schlafhaus mit den Zellen) und dem Konvent (Versammlungshaus) bestand. Die Abtei, die Wohnung der Aebtissin, welche nicht zur Klausur gehoerte, war zwischen dieser und dem Propsthofe. Hier im Kloster lebten nun einige vierzig Toechter adeliger Haeuser aus verschiedenen Gegenden des kurfuerstlichen und herzoglichen Sachsen. Dazu kamen noch ein halb Dutzend "Konversen" oder Laienschwestern, die um Gottes willen, d.h. umsonst dienten. Ferner mehrere bezahlte "Kochmeide", darunter eine Koechin, und die "Frauen-Meid", d.h. die Dienerin der Aebtissin. Diese hatte ausserdem noch zwei Knaben zu ihrer Verfuegung, die natuerlich im aeussern Klosterhof wohnten und zu Kleidern und Schuhen zusammen 1 Schock jaehrlich erhielten[32]. Die adeligen Klosterfrauen bildeten die Sammlung, den Konvent und hiessen daher auch Konventualinnen. Das war eine kleine weibliche Adelsrepublik, die sich in allen Dingen selbst regierte nach der "Regel", den Gesetzen, auf die sie eingeschworen waren--bloss unter Oberaufsicht ihres Visitators, des Abtes von Pforta, der aber auch nur auf Grund der Regel anordnen und ruegen konnte. Die Regel war die des hl. Bernhard, eine etwas strengere Abart derjenigen der gewoehnlichen alten Benediktinerinnen[33]. Die Nonnen waren ausser der Aebtissin in die _Klausur_ eingeschlossen, aus welcher sie nur in Klosterangelegenheiten mit besonderer Erlaubnis, und dies selten und in Begleitung einer Seniorin und des Beichtvaters, heraustreten durften. Ein Verkehr mit der Aussenwelt oder auch nur mit den Klosterleuten auf der Propstei fand nicht statt; auch in der Kirche waren sie auf einem besonderen dicht vergitterten Nonnenchor den Blicken der Weltleute entzogen. Verboten war ausdruecklich das Uebersteigen an der Orgel und das Herauslehnen ueber die Umzaeunung des Chors. Wenn jemand von draussen (Geistlicher oder Weltlicher) mit einer Klosterjungfrau zu reden hatte, etwa die Eltern und Geschwister zu Besuch kamen, so durften sie nur mit besonderer Erlaubnis der Aebtissin, und nur wenn es die Not erforderte, in der Redstube durch das vergitterte Redfenster und in Gegenwart der Aebtissin mit ihr sprechen; es war unmoeglich gemacht, dass jemand die Hand oder ein Ding durch das Fenster steckte. Ebenso war der Beichtstuhl vermacht, und selbst der Beichtvater durfte nur in Krankheitsfaellen in die Klausur eintreten. Festlichkeiten und Ergoetzungen sollten die Beichtvaeter nicht mit den Klosterjungfrauen mitmachen. Der Pfoertnerin war bei Strafe verboten, Hunde (?), alte Weiber und dgl. einzulassen[34]. Die Schwestern durften auch nicht mit den Klosterkindern[35] zusammen schlafen. In diesem kloesterlichen Verband gab es zur Regierung und Verwaltung der Gemeinschaft zahlreiche Aemter. Mit ziemlich unumschraenkter Gewalt herrschte die gewaehlte _Aebtissin_: ihrem Befehl und ihren Strafen war mit wortlosem, unbedingtem Gehorsam nachzukommen; doch war sie gehalten, ueberall den Rat ihrer "Geschworenen und Seniorinnen" zu hoeren. Ihr war nicht nur die aeussere Verwaltung der Gemeinschaft uebertragen, auch die "Leitung der Seelen und Gewissen". Sie sollte sich bestreben, gleich liebreich gegen alle, Junge und Alte, aufzutreten, fuer alle, Gesunde und Kranke, namentlich in ihrer leiblichen Notdurft, besorgt zu sein. Mit Ehrfurcht nahten die Schwestern der Aebtissin, sie war die Domina (Herrin), die ehrwuerdige Mutter, und die draussen wenigstens nannten sie "Meine gnaedige Frau." Im Jahr 1509, also kurz nachdem Katharina von Bora in Nimbschen eingetreten war, starb die alte Aebtissin Katharina von Schoenberg, und Katharinas Verwandte, Margarete von Haubitz, wurde zur Aebtissin gewaehlt und feierlich vom Abt Balthasar aus Pforta in ihr Amt eingefuehrt[36]. Nach der Aebtissin kam an Wuerde die Priorin ("Preilin"), einerseits die Stellvertreterin und Gehuelfin derselben, andererseits aber auch die Vertreterin und Vertrauensperson des Konvents. Auf sie folgte die "Kellnerin", die "Bursarin" (auch "Bursariusin", Kassiererin) die Kuesterin, die Sangmeisterin ("Saengerin"), die Siech- und Gastmeisterin[37]. Die Schwesternschaft, in welche die junge Katharina eintrat, hatte einen gleichartigen gesellschaftlichen Rang: sie waren alle aus dem kleinen Adel und vielfach mit einander verwandt oder gar Schwestern: so die zwei Haubitz, die zwei Schwestern Zeschau und Margarete und Ave von Schoenfeld, wozu noch eine Metze[38] Schoenfeld kam, welche 1508 Siechenmeisterin und spaeter Priorin wurde. Aber die einen waren wohlhabend mit einem ordentlichen Leibgeding an Geld und Naturalien, die anderen arm, vielleicht nur bei dem Eintritt und bei der Einsegnung mit einem kleinen Geschenke von ihren Verwandten abgefunden. Der Wohlstand scheint nicht ohne Einfluss auf die amtliche Stellung gewesen zu sein; denn es ist doch wohl nicht Zufall, dass die am reichsten Verleibgedingte, Margarete von Haubitz, zur Aebtissin gewaehlt wurde[39]. Auch das Alter war ein gar verschiedenes: da war die 70 jaehrige Ursula Osmund, die an hundert Jahre alt wurde, und die zehnjaehrige Katharina von Bora und die beiden jungen Schoenfeld, welche in aehnlichem Alter standen. Lange Zeit wurden gar keine neuen Jungfrauen in das Stift aufgenommen: von 1510 bis 1517 blieben Katharina und Ave die letzten, vielleicht weil die Zahl 50 (mit den Konversen) ueberschritten war und die Einkuenfte des Klosters nicht mehr Personen ertrugen. Dass die Klosterfrauen auch an Wesen, Charakter und Temperament verschieden waren, ist natuerlich; aber alle geistige Individualitaet (alle "Eigenschaft") wurde durch die Klosterregel und Klosterzucht ebenso ausgeloescht, wie die leibliche Verschiedenheit durch die gleiche Tracht: Nonnen tragen auch eine geistige Uniform. Dazu sind Freundschaften verboten. Von irgend einer Eigenheit einer Schwester erfaehrt man nichts. Nur die Aebtissin Margarete von Haubitz ist spaeter charakterisiert als: "ehrliches (vornehmes), frommes, verstaendiges Weibsbild"[40]. Ob die neue Klosterjungfrau _Katharina von Bora_ an ihr oder den anderen Verwandten aus dem muetterlichen Geschlechte eine Annehmerin gefunden habe, ist nicht zu sagen. Doch war nicht von vornherein die Verwandtschaft mit der Aebtissin ein Grund zu einer freundlichen Behandlung. Denn eine gleichzeitig mit Katharina in ein andres Kloster eingetretene junge Nonne beklagt sich, dass ihre Muhme, die Aebtissin, ganz besonders gewaltthaetig und grausam mit ihr verfahren sei. Vielleicht hat Katharina eine Art muetterliche Freundin an ihrer anderen Verwandten aus dem vaeterlichen Geschlecht gefunden, der ehemaligen Siechenmeisterin Magdalena von Bora, weil diese nachher sich als "Muhme Lene" so innig an Katharina und ihre neue Familie anschloss[41]. Zunaechst wurde das junge Maedchen eingefuehrt in die Ordensregel und den Gottesdienst, wurde gewoehnt an kloesterliches Benehmen und an geistliches Denken und Wesen, auch unterrichtet in einigen Kenntnissen und Fertigkeiten. In Nimbschen wird keine besondere Novizenmeisterin genannt; es war nur vom Abt bei der Einfuehrung der neuen Aebtissin 1509 im allgemeinen aufs neue als Ordensregel eingeschaerft: "Weil es ein Werk der Froemmigkeit und Barmherzigkeit ist, die Ungelehrten gelehrter zu machen, wollen wir, dass diejenigen, welche mehr verstehn unter den Jungfrauen, die andern zu belehren und unterrichten sich bestreben, in dem Bewusstsein, dass sie einen grossen Lohn fuer diese Muehe empfangen, und dass sie durch diese Beschaeftigung viel Leichtfertigkeit vermeiden, wozu die ausgeladene Jugend geneigt ist." Natuerlich sollten aber alle Aelteren den Jungen mit gutem Beispiel vorangehen. Als "der Schluessel der Religion" musste zunaechst ueberall, wo es die Ordensregel vorschrieb, unbedingtes _Stillschweigen_ beobachtet werden--ausser dem unbedingten Gehorsam, an den sich die Novizin zu gewoehnen hatte, der wichtigste und hoechste Punkt des kloesterlichen Lebens. Denn es muesste Rechenschaft gegeben werden von jedem unnuetzen Wort nicht nur vor Gottes Richterstuhl, sondern auch vor dem Beichtstuhl des Priesters. Vielmehr sollten die Klosterjungfrauen ausserhalb der vorgeschriebenen Gebetszeiten und der Lektionen in besonderen Gebeten mit dem Braeutigam Christus reden oder in Beschaulichkeit schweigend hoeren, was Gott in ihnen redet. Darum wurde streng darauf gesehen, dass die Kinder und heranwachsenden Jungfrauen nicht herumliefen und schwatzten, sondern sich sittsam und schweigsam verhielten. Es galt sodann in Kleidung und Haltung, in Gebaerde und Rede sich das rechte nonnenhafte Wesen anzueignen. "Am Ort der Busse", musste man "die groesste Einfachheit der Kleidung zeigen, sich weder mit weltlichen Gewaendern schmuecken, noch auch mit den Fransen der Pharisaeer", sondern die Kutten bis an die Schultern herausziehen. Das Angesicht mussten die Novizen lernen stets zu neigen. "Denn die Scham ist die Hueterin der Jungfrauschaft, der koestlichen Perle, welche die geistlichen Toechter bewahren sollen. So sollen sie mit Seufzen und Beklagen der verlorenen Zeit die Ankunft des himmlischen Braeutigams erwarten welcher seine Verlobten,--die im Glauben und hl. Profess stets des Herrn harren,--mit Frohlocken in sein Brautgemach fuehrt." "Damit sie sich aber nicht mit dem Laster des Eigentums beflecken, welches in der Religion das schlimmste und verdammlichste und ein Netz des Teufels ist, sollen sie bei Strafe der Exkommunikation alle Geschenke von Freunden und andern draussen nicht als ihr Recht beanspruchen, sondern der Aebtissin reichen, und demuetig von ihr das Noetige begehren." Die Vorgesetzten assen zwar am besonderen Tisch und hatten bessere Speisen und Getraenke: so bekamen sie echtes Bier, dagegen die Konventualinnen nur "Kofent" (Konvent- d.h. Duenn-Bier)[646], aber gleichmaessige Behandlung aller Klosterjungfrauen in Speisen und Getraenken waren der Aebtissin zur Pflicht gemacht, und die Mahlzeiten liessen nach herkoemmlicher Klostersitte nichts zu wuenschen uebrig[42]. "Festmahlzeiten und Ergoetzlichkeiten" waren den Schwestern unter sich von der Aebtissin erlaubt. Diese Ordnungen, zu welchen in Nimbschen bei Einfuehrung der neuen Aebtissin der Abt-Visitator eine Art Hirtenbrief als Erlaeuterung und Ergaenzung der Ordensregel gegeben hatte, wurden alle Vierteljahre kapitelweise im Konvent gelesen und durch die Aebtissin oder Priorin Punkt fuer Punkt erklaert, damit jede Klosterjungfrau--namentlich aber die Neulinge--aus sich selbst die kloesterliche Lebensweise und Lebenseinrichtung annaehmen. In solche strenge Klosterzucht wurde nun das junge Maedchen eingefuehrt. Wenn auch die Praxis--wie sich bei jeder Visitation zeigte, namentlich in der Verordnung von unnuetzen Reden--von der Theorie abwich, so war doch zu dieser Zeit ein stramme ernstliche Einhaltung der Ordensregel in Nimbschen durchgefuehrt. Man hatte naemlich gerade um 1500 auch hier wie in anderen Kloestern eine "Reformation" der zerfallenen Klosterordnung erstrebt[43]. Neben dieser Erziehung zum Klosterleben gab es auch einigen _Unterricht_, der mit dem Ordensleben zusammen hing. Die Novizen mussten lesen lernen--was damals bei der krausen Schrift und dem noch krauseren Stil nicht so ganz leicht war[44]. Sogar ins Lateinische mussten die Nonnen notduerftig eingefuehrt werden: denn die Lesungen und Gebete, besonders aber die Gesaenge waren meist in der Kirchensprache geschrieben--wenn es auch mit dem Verstaendnis der Fremdsprache nicht gerade weit her war: singen ja doch auch heute Kirchenchoere in Dorfgemeinden lateinische Hymnen und Messen. Auch schreiben hat Katharina im Kloster gelernt, wenn sie auch spaeter--wie alle viel beschaeftigten Frauen nicht gerne und viel schrieb und an Fremde und hochgestellte Personen ihre Gedanken lieber einem Studenten oder Magister in die Feder sagte. Sonst konnten nicht alle Klosterfrauen diese Kunst. Eine eigentliche Schule, worin die Schulmeidlein gelehrt wurden, gab es nicht, doch waren einige Klosterfrauen faehig, nach ihrem Austritt Maedchenschulmeisterinnen zu werden, so die Schwester von Staupitz und die Elsa von Kanitz[45]. Der _Gesang_ spielte eine grosse Rolle im Kloster: waren doch alle religioesen Uebungen groesstenteils gemeinschaftlich und mussten so zum Chorgesang werden. Es war eine Saengerin oder Sangmeisterin (Kapellenmeisterin) bestellt, welche die Gesaenge einzuueben hatte. Und im Kloster war ein altes "Sangbuch", welches 1417 fuer 2 Schock Groschen gekauft und vom markgraeflichen Vogt zu Grimma bezahlt worden war. Es waren aber im Kloster fremde Gesaenge aufgekommen und es wurde gegen die Regel des seligen Vaters Bernhard zu schnell und ungleich (d.h. rhythmisch) gesungen, und kam der Unfug auf, dass unvermittelt bald alle, bald wenige Stimmen sangen; der Abt von Pforta ordnete daher an, dass rund, eine Silbe wie die andere gesungen werde, einhellig und mit gleicher Stimme, nicht zu hoch und zu tief[46]. Im Jahre 1509, als Katharina von Bora zehn Jahre zaehlte, war sie kein Kostkind oder Schulmeidlein mehr, sondern wurde schon unter die Klosterjungfrauen gezaehlt. Sie war also einstweilen wenigstens "Postulantin", Anwaerterin fuer die Pfruende. Da meist das vierzehnte Lebensjahr das Entscheidungsjahr fuer die Klostergeluebde war, so haette sie mit dem dreizehnten ihr Noviziat antreten und ein Jahr darauf Profess thun koennen. Es ist auffaellig, dass sich dies bei Katharina zwei Jahre hinausschob, und sogar die spaeter eingetretene juengere Ave Schoenfeld _vor_ ihr mit ihrer aelteren Schwester Margarete eingesegnet wurde[47]. Mit ihrem 15. Jahre also wurde Katharina von Bora nach dem Herkommen der Sammlung von der Aebtissin "angegeben" (vorgeschlagen) und von dem Konvent angenommen. Unter feierlichen Zeremonien in der Kirche wurden ihr die Haare abgeschnitten, die mit Weihwedel und Rauchfass besprengten und beraeucherten heiligen Kleider angethan: die weisse Kutte uebergezogen, der weisse Weiler (das Kopftuch (velum, der sog. Schleier)) ums Haupt geschlungen; auf diesem wurde der Himmelsbraut der weisse Rosenkranz aufgesetzt und der Heiland im Kruzifix als Braeutigam in die Arme gelegt, dann hat sie ihm durch Opferung des Kranzes ewige Reinigkeit verheissen und geschworen. Darauf fiel die Postulantin der Reihe nach der Aebtissin und jeder der einzelnen Klosterfrauen demuetig zu Fuessen, wurde von ihnen aufgehoben und mit einem Kusse als Schwester in die Gemeinschaft aufgenommen[48]. Jetzt kam Katharina unter die strenge Zucht einer aelteren Klosterfrau und musste in dieser Probezeit im Ernst all die vielen Dinge ueben in Haltung und Gang, in Gebaerde und Rede, welche eine Nonne auf Schritt und Tritt zu beobachten hat, wenn sie nicht gegen die Regel suendigen und dafuer Busse erleiden will. So erzaehlt eine Nonne: "Das Probejahr geschahe nur, dass wir Ordensweise lernten und uns versuchten, ob wir zum Orden tuechtig"[49]. Endlich, im Jahre 1515, "Montags nach Francisci Confessoris", d.h. am 8. Oktober, war Katharinas "eynseghnug". Da musste sie "Profess thun", d.h. das ewig bindende Klostergeluebde ablegen. Es wird ihr gegangen sein wie jener anderen Nonne, die um diese Zeit auch eingesegnet wurde und von sich erzaehlt: "Am Abend vor meiner Profession sagte mir die Aebtissin vor der ganzen Versammlung im Kapitel: man solle mir die Schwierigkeit der Regel vorlegen und mich fragen, ob ich das gesinnet waere zu halten? waere aber nicht von noeten, denn ich haette mich in der Einkleidung genugsam verpflichtet. Und wenn ich gleichwohl gefragt worden waere, haette ich doch nichts sagen duerfen, haette mir auch nichts geholfen." Die Einsegnung ging vor sich und zwar war Katharina von "Bhor" als einzige auf diesen Tag geweiht. Sie spendete dabei dem Kloster von dem wenigen, was sie vermochte, 30 Groschen[50]. Zwar nicht widerwillig, aber doch wie sie (bezw. Luther) spaeter sagte, ohne "ihren Willen" wurde Katharina als Tochter des sel. Vaters Bernhard verpflichtet. Trotzdem aber hat sie sich in die Klosterregel nicht nur gefuegt, sondern auch "hitzig und emsig und oft gebetet"[51]. Das entspricht ihrer gesamten entschiedenen Natur, wie sie sich spaeter ausgereift zeigt. Sie war ja gelehrt worden, durch "gute Werke", insbesondere durch Klosterwerke, erwerbe man sich himmlische Gueter und geldliches Vermoegen und einen hohen seligen Sitz im Jenseits; also strengte sie alle Kraft und allen Fleiss an, solchen Reichtum zu erwerben und durch geistliche Uebungen sich einen guten Platz im Himmel zu verdienen. Was sie spaeter als Frau einmal angriff, das erstrebte sie auch mit der ganzen Gewalt und Zaehigkeit ihres Willens, und so wird sie es auch im Kloster gehalten haben als Nonne. Zudem pflegen junge Klosterleute, namentlich weibliche, die eifrigsten zu sein in der Uebung der Pflichten, auch wenn sie nichts von Schwaermerei an sich haben. Und was hatte nun die junge Nonne fuer hohe Werke und heilige Pflichten zu thun? Fast das gesamte Leben im Kloster fuellten geistliche Uebungen aus, ihr ganzes Tagewerk war Beten, Singen, Lesen, Hoeren erbaulicher Dinge, "da", wie es in einer Klosterregel heisst, "alle Klausur und geistliche Leute erdacht und gemacht sind, dass sie unserm Herrn und Gott dienen und fuer Tote und Lebende und alle Gebresthafte Bitten fuellen". Das waren nun ausser dem Messesingen und den privaten Gebeten noch besonders die gemeinsamen 7 Gebetszeiten, die Horen: Matutin, Terz, Sext, Non am Morgen, Vesper und Komplet am Abend mit Psalmen, Martyrologien, Ordensregeln. Auch naechtliche Gottesdienste wurden begangen: Metten und Vigilien. Und sogar waehrend des Essens, wo Stillschweigen geboten war, wurde vorgelesen aus einem Erbauungsbuch. Abwechselnd hatte Katharina auch selbst diese Vorlesung zu halten und musste dann nachspeisen[52]. Welchen Eindruck diese Vorschriften auf ein natuerlich fuehlendes und religioeses Gemuet machen mussten, hoeren wir aus einem spaeteren Bericht: "Da D. Martinus der Nonnen Statuten las, die gar kalt geschrieben und gemacht waren, seufzte er sehr und sprach: "Das hat man muessen hochhalten und hat dieweil Gottes Wort vermisset! Sehet nur, was fuer eine Stockmeisterei und Marter der Gewissen im Papsttum gewest ist, da man auf die horas canonicas und Menschensatzungen drang, wie Hugo geschrieben, dass wer nur eine Silbe ausliesse und nicht gar ausbetete, muesste Rechenschaft dafuer geben am juengsten Gericht[53]." Ob Katharina je ein Amt in dem Konvent bekleidet hat, wissen wir nicht; jedenfalls konnte dies nur ein niederes, etwa das einer "Siechenmeisterin" sein. Wahrscheinlich aber war sie noch zu jung, als dass bei so vielen Vorgaengerinnen an sie die Reihe gekommen waere[54]. Eigentliche _Arbeit_ gab es im Kloster nicht: die Nonnen durften ja nicht aus der Klausur, und die Hausarbeit in Kueche und Stube schafften die Laienschwestern und Klostermaegde. Freilich so ganz arbeitslos wie bei manchen adeligen Moenchsorden, wovon der Volkswitz sagt: Kleider aus und Kleider an Ist alles, was die Deutschherrn than. --so traege verfloss das Leben der Nonnen nicht. Konnten sie sich doch mit weiblichen Handarbeiten abgeben wie Spinnen von dem Ertrag der grossen Schafherden fuer die wollene Bekleidung, namentlich aber mit Stickereien, wie Altardecken, Messgewaender, Teppiche, Fahnen u.s.w., in Nimbschen, wohl auch in Pforta fuer die Kirche der dortigen Moenche und vielleicht auch fuer den Bischof von Meissen, unter dem das Kloster stand[55]. So hat jedenfalls auch Schwester Katharina manche kunstvolle Stickerei verfertigt, wenn auch die mancherlei Handarbeiten, welche heutzutage da und dort von Luthers Kaethe gezeigt werden, wohl alle nicht echt sind. Eine gewisse Unterhaltung gewaehrte noch die Besichtigung und Instandhaltung der zahllosen Reliquienstuecke, welche in der Nimbscher Kirche aufgespeichert waren, und welche es galt zu schmuecken und in Ordnung zu halten. Es waren da an den 12 Altaeren in Kreuzen, Monstranzen, Kapseln, Tafeln wohl vierhundert hl. Partikeln. So von Christi Tisch, Kreuz und Krippe, Kleid und Blut und Schweisstuch, vom Stein und Boden, wo Jesus ueber Jerusalem weinte, im Todesschweiss betete, gegeisselt sass, gekreuzigt ward, gen Himmel fuhr; vom Haar, Hemd, Rock, Grab der hl. Jungfrau; von den Aposteln allerlei Knochen, auch Blut Pauli, vom Haupt und Kleid Johannes' des Taeufers; von vielen Heiligen, bekannten und unbekannten: den 11000 Jungfrauen, der hl. Elisabeth von Thueringen, der hl. Genoveva, dem hl. Nonnosus, der hl. Libine Zaehne, Haende, Arme, Knochen, Schleier, Teppiche--, ferner Partikeln von der Saeule Christophs, vom Kreuz des Schaechers u.a.[56]. Aber auch hier hatten die Seniorinnen, u.a. auch Magdalena von Bora, die Obhut ueber die hl. Kapseln. Vor allen diesen Reliquien wurden bestimmte Antiphonien gesungen, was eine gewisse Abwechslung in dem taeglichen Gottesdienst gab. Eine Abwechslung in dem ewigen Einerlei brachten auch die vielen Festtage, Bittgaenge und Prozessionen im Kreuzgang und auf dem Kirchhof[57]. Eine grosse Sache war die Visitation des Klosters durch den Abt von Pforta--freilich auch eine kostspielige: der Abt mit seinen Begleitern musste abgeholt und wieder heimgebracht und unterwegs und im Kloster verkoestigt, auch herkoemmlich mit Erkenntlichkeiten bedacht werden[58]. Bei der Visitation gab's eine Untersuchung aller Missstaende, ein Verhoer aller einzelnen Schwestern und schliesslich einen oft scharfen Bescheid. Es kamen auch an den hohen Festtagen und deren Oktaven Wallfahrer ins Kloster, denn dieses hatte von verschiedenen Kirchenfuersten Ablaesse, wenn auch nur 40taegige, erlangt fuer Besucher und Wohlthaeter des Klosters, fuer Anhoerung von Predigten und Kniebeugen beim Avelaeuten[59]. Der Hauptablass aber war an einem besondern Tag im Jahre, wahrscheinlich an der Kirchweihe (23. August). Da war Messe und Jahrmarkt zu gunsten des Klosters unter dem Namen "_Ablass_" (wie in Bayern "Dult" = Indulgenz = Ablass). Zu diesem Tage kamen von weit und breit die Leute. Wenn so zu Nimbschen jaehrlich "Ablass" war, mussten fronweise aus jedem Klosterdorf drei Maenner kommen und "zur Verhuetung von Haendeln, bei Tag und Nacht zu besorgend, Wache halten". Von all diesem Leben und Treiben freilich sahen die Klosterfrauen so gut wie nichts, wenn sie auch von ihrer Klausur aus den Laerm draussen hoeren konnten[60]. Allerdings nahm die Aebtissin, wenn sie einmal ausreiste, eine und die andre Schwester mit; aber freilich an die juengern Klosterfrauen kam das wohl schwerlich. Da ging es nach Grimma, ins nahe Staedchen, oder auch ins ferne Torgau, die kurfuerstliche Residenz an der Elbe, wo gerade das grossartige Schloss Hartenfels gebaut wurde. Dort hatte das Kloster mancherlei Besitzungen an Aeckern und Wiesen und musste mit eigenem Geschirr Getreide holen, waehrend die Stadt verschiedene Gebraeude Bier selbst bringen musste. Mit diesen Fuhren wurde aber auch manches, was in Torgau verkauft oder gekauft war, hin und zurueck gebracht. Eingekauft wurde vor allem bei dem Ratsherrn und Schoeffer Leonhard Koppe, z.B. Tonnen Heringe, Kiepen (Rueckkoerbe) voll Stockfische, Hechte, Faesser Bier, Aexte. Namentlich geschahen solche Einkaeufe zu Martini, wo "Meine gnaedige Frau", die Aebtissin, mit einer wuerdigen Jungfrau die Zinsen einnahm, in der Herberge auch einige Groschen "zu vertrinken" gab und bei Koppe einkaufte und die Rechnung persoenlich bezahlte[61]. Das waren die besondern Ereignisse in dem steten Einerlei des Jahres. In ihrer ganzen Klosterzeit erlebte Katharina von Bora auch nichts besonderes Ausserordentliches. Einzelne der Klosterfrauen gingen mit Tod ab. Nachdem lange Katharina von Bora und Ave von Schoenfeld die Juengsten im Kloster gewesen waren, kamen anno 1516 auf einmal 9 Kostkinder herein: 3 Schellenberger, 2 Hawbitzen (Verwandte Katharinas von muetterlicher Seite), 1 Lauschkin, 1 Keritzin (Kieritsch?), 1 Possin, 1 Buttichin. Im folgenden Jahre traten drei Neulinge in den Klosterverband, und ein Jahr darauf kamen wieder einige Kostkinder weg und andere herein[62]. 1522 war ein Wechsel des Klostervorstehers (Propstes), indem der alte, Johann Kretschmar, starb. Die Nonnen hielten sehr zu ihrem Propst, waehrend die Beichtvaeter verhasst waren; denn diese, "die 2 Herren an der Pforte" betrugen sich anspruchsvoll und anmassend, mischten sich--wohl aus Langerweile--in Dinge, die sie nichts angingen, wollten in die Verwaltung, also in den Geschaeftskreis des Propstes drein reden, hetzten die Nonnen wider einander auf, so dass gar oft Klagen wider sie ergingen und der Konvent sogar die weltliche Gewalt wider sie und gegen ihre Schuetzer, die Aebte von Pforta, anrufen musste[63]. Da gab es nun in diesen Jahren eine gar willkommene Gelegenheit, den Moenchen ein Schnippchen zu schlagen. Zu Martini 1513 kam der Vorsteher vom Hospital des Heilig-Geist-Ordens aus dem fernen Pforzheim im Schwabenland, Matthias Heuthlin, und bot den Nonnen ein Privilegium an. Weil seine Anstalt naemlich nicht genug Einkuenfte besass, hatte er sich vom Papst Julius II. die Gnade erwirkt, dass allen Wohlthaetern des Spitals die Wahl des Beichtvaters freigegeben wurde. Also gab die Domina Aebtissin und ganze loebliche Sammlung des Klosters eine Beisteuer und erhielten dafuer einen gedruckten mit dem Namen "Niimitsch" ausgefuellten und vom Magister domus Hospitalis de Pfortzheim ord S. Spirit. unterzeichneten Zettel, wonach das Kloster Nimbschen fuer seine milde Gabe in die Bruderschaft des hl. Geistordens ausgenommen und aller guten Werke und Ablaesse derselben teilhaftig und ihm insbesondere erlaubt wurde, sich von einem beliebigen weltlichen oder moenchischen Beichtvater Absolution von Suenden, Uebertretungen und Verbrechen, sogar solchen, welche dem apostolischen Stuhl vorbehalten waren, einmal im Leben und im Todesfall, so oft es noetig erschien, erteilen zu lassen. Dieses Privilegs machte sich das Kloster durch wiederholte Gaben in den folgenden Jahren (1516, 1519, 1520) teilhaftig[64]. So war auch den Nimbschener Nonnen eine von den zahllosen Hinterthueren geoeffnet, durch welche in der katholischen Kirche die geknechteten Seelen dem geistlichen Zwang sich entziehen und auf Nebenwegen die Seligkeit erlangen konnten. Katharina erlebte auch im Kloster noch die Vorboten des Bauernkriegs. Die Klosterdoerfer hatten zwoelferlei Fronden. Von diesen trotzten die Bauern sich schon vorher vier ab, waren aber auch damit noch nicht zufrieden, so dass der neue Propst sich nach Rat und Hilfe umsehen musste[65]. Das waren die kleinen und kleinlichen Eindruecke und Ereignisse, die in das Leben der Nimbscher Jungfrauen und der Katharina von Bora eingreifend, die glatte Oberflaeche ihres beschaulichen Daseins leicht kraeuselten. Das waren die einfoermigen Beschaeftigungen, mit denen sie die Zeit, die langen Tage, Wochen und Jahre muehsam hinwegtaeuschten. Solche einseitigen Interessen und Anschauungen beherrschten den Gesichtskreis eines jugendlichen Geistes. Wie das Klosterleben die koerperliche Kraft eines jungen Menschenkindes zurueckhielt, so musste es auch die aufstrebende Willenskraft erschlaffen. Die Klostermauern beengten nicht nur das aeussere Gesichtsfeld, sie machten auch das geistige Auge kurzsichtig. Wenn auch die gaehnende Langeweile demjenigen nicht zu Bewusstsein kam, der von nichts anderem wusste, so musste doch der Geist nach Eindruecken lechzen, so dass das Sprichwort begreiflich wird, welches den Klosterbewohnern die Sehnsucht nach Erlebnissen zuschreibt: "Neugierig wie eine Nonne". Und die staendige Aufgabe, "das Leben in sich abzutoeten", konnte bei einer gesunden Natur erst recht die Frage erwecken, was Leben sei. Wenn bei dem Mann im Kloster der Verstand sich heisshungrig auf die Wissenschaft werfen konnte, so blieb die eigentuemliche Lebenskraft des Weibes, das Gemuet hier unbefriedigt[66]. Gewiss die allermeisten dieser adligen Fraeulein hatten es aeusserlich angesehen im Kloster besser, behaglicher, luxurioeser als daheim im beschraenkten Haushalt der Eltern oder eines eigenen Gatten; und das Ansehen, das eine gottgeweihte Jungfrau in den Augen des Volkes und besonders der Kirche, und nicht zum wenigsten in dem eigenen Bewusstsein hatte, war viel groesser als dasjenige, das eine arme Edelfrau draussen in der Welt finden konnte. Aber der ganze Zwang der Unnatur und die Kuenstlichkeit all dieser Verhaeltnisse musste, wenn auch ohne klares Bewusstsein, auf einen wahrhaften und gesunden Geist druecken. Nur das eine Gefuehl konnte die Nonne ueber alle Zweifel, alle Entsagung, alle Pein, alle Langeweile des Klosterlebens hin wegheben: das Bewusstsein, ein gottwohlgefaelliges Werk zu thun, sich ein besonderes Verdienst vor Gott zu erwerben, sich die zeitliche Heiligkeit und die ewige Seligkeit zu versichern. Aber wie dann, wenn diese Grundbedingung alles Nonnentums, dieser Grundpfeiler alles Klosterlebens erschuettert und untergraben wurde, ja sich selbst als morsch und faul erwies? Dann musste das ganze Gebaeu zusammenstuerzen, dann musste eine gegen sich aufrichtige und willensstarke Natur die Konsequenzen ziehen und ein Leben verwerfen und verlassen, das als heiliger und seliger Beruf erschienen war und bisher den ganzen Menschen erfuellt hatte. Und dieser Fall trat bei Katharina ein. Aber freilich ihr verstaendiger, nuechterner Sinn wird sie auch davor bewahrt haben, in krankhafter Schwermut sich unglueckselig zu beklagen oder sich hinauszusehnen in eine verschlossene Welt. Es musste ihr erst die Moeglichkeit sich oeffnen, den Klostermauern zu entrinnen, und das pflichtmaessige Recht, es zu duerfen; dann aber erwachte auch ihre ganze Thatkraft und mit aller Macht des Willens und Verstandes setzte sie auch durch, was erreichbar und recht war. 3. Kapitel Die Flucht aus dem Kloster Kaum ein Jahr hatte Schwester Katharina das Nonnengeluebde abgelegt, da schlug der Augustinermoench Martin Luther in Wittenberg die 95 Saetze wider den Ablass an. Nach einem Jahr stellte er sich dem Gesandten des Papstes in Augsburg zur Verantwortung. Wieder ein Jahr spaeter war die grosse Redeschlacht mit Eck zu Leipzig. Am Ende des folgenden Jahres verbrannte Luther die Bannbulle und im Fruehjahr 1521 stand er vor Kaiser und Reich in Worms. Diese die Kirche und die ganze christliche Welt aufregenden Ereignisse drangen auch in die Kloester und erregten auch dort die Geister; dies um so mehr, weil der Urheber all dieser gewaltigen Kaempfe selbst ein Klosterbruder war, und zwar ein Augustiner, der dem Orden der alten Benediktiner (Cisterzienser und Bernhardiner) verwandt war und darum als Vorkaempfer dieses wider die gegnerischen Genossenschaften der ketzerrichterischen Dominikaner angesehen und schon darum mit einer gewissen Sympathie betrachtet wurde. Aber noch tiefer in das Leben und die Gedankenwelt der Klosterbewohner schnitten die Schriften ein, welche der Wittenberger Moench und Doktor in diesen grossen Jahren schrieb. Schon die Disputation von "Kraft und Wert des Ablasses" ueber die 95 Thesen ging die Nonnen in Nimbschen besonders an; denn auf "Kraft und Wert des Ablasses" ruhte ja ein sehr grosser Teil ihres geistlichen Vermoegens: der Gottesdienst an jedem Festtag, ja das Kniebeugen beim Avelaeuten brachte jedesmal vierzig Tage Ablass ein. Aber noch naeher sollten ihre Person und ihren besonderen Beruf weitere Schriften beruehren[67]. Es erschien 1518 Luthers "Auslegung des Vaterunsers fuer die Einfaeltigen". Darin musste einem Klosterinsassen gar mancherlei auffallen. Das Vaterunser, heisst's da, ist das edelste und beste Gebet--beim Rosenkranz aber kommt das Ave Maria 5 mal so oft vor! Ferner: "Je weniger Worte, je besser Gebet; je mehr Worte, je weniger Gebet. Da klappert einer mit den Paternosterkoernern und manche geistliche Personen schlappern ihre Horen ueberhin und sagen ohne Scham: 'Ei nun bin ich froh, ich habe unsern Herrn bezahlt', meinen, sie haben Gott genug gethan. Jetzt setzen wir unsere Zuversicht in viel Geplaerr, Geschrei und Gesang, was Christus doch verboten hat, da er sagt: 'niemand wird erhoert durch viel Worte machen'. Er spricht nicht: ihr sollt ohne Unterlass beten, Blaetter umwenden, Rosenkranz-Ringlein ziehn, viele Worte machen. Das Wesen des Gebets ist nichts anders als Erhebung des Gemuetes oder Herzens zu Gott, sonst ist's kein Gebet. Den Namen Gottes verunehren die hoffaertigen Heiligen und Teufels-Martyrer, die nicht sind wie andere Leute, sondern gleich dem Gleisner im Evangelium. Wir beten nicht: Lass uns kommen zu deinem Reich, als sollten wir darnach laufen; sondern: Dein Reich komme zu uns; denn Gottes Gnade und sein Reich muss zu uns kommen, gleich wie Christus zu uns vom Himmel auf die Erde gekommen ist und nicht wir zu ihm von der Erde gestiegen sind in den Himmel. Das taegliche Brot ist das Wort Gottes, weil die Seele davon gespeist, gestaerkt, gross und fest wird. Es ist ein schweres Wesen zu unser Zeit, dass das Fuernehmste im Gottesdienst dahinten bleibt."[68] Dann kam 1520 der "Sermon von den guten Werken". Gute Werke waren ja alles Thun im Kloster: Beten, Fasten, Wachen u.s.w. Was aber nennt nun Luther wahrhaft gute Werke? "Das erste, hoechste und alleredelste Werk ist der Glauben an Christum. Darin muessen alle Werke geschehen und dadurch erst gut werden. Beten, Fasten, Stiften ist ohne dies nichts. Fragst du solche, ob sie das auch als gutes Werk betrachten, wenn sie ihr Handwerk arbeiten und allerlei Werk thun zu des Leibes Nahrung oder zum gemeinen Nutzen, so sagen sie nein! und spannen die guten Werke so enge, dass nur Kirchengehen, Beten, Fasten Almosen bleiben. So verkuerzen und verringern sie Gott seine Dienste. Ein Christenmensch vermisset sich aller Ding, die zu thun sind, und thut's alles froehlich und frei; nicht um viele gute Verdienste und Werke zu sammeln, sondern weil es ihm eine Lust ist, Gott also wohlzugefallen. Eltern koennen an ihren eigenen Kindern die Seligkeit erlangen; so sie die zu Gottes Dienst ziehen, haben sie fuerwahr beide Haende voll guter Werke an ihnen zu thun. O welch ein selige Ehe und Haus waere das! Fuerwahr, es waere eine rechte Kirche, ein auserwaehlet Kloster, ja ein Paradies!" Und aehnliche Gedanken konnten die Klosterleute ausgefuehrt finden in des Doktors herrlichem Buechlein "Von der Freiheit eines Christenmenschen" vom selben Jahr 1520. Da heisst es: "Der Mensch lebt nicht fuer sich allein, sondern auch fuer alle Menschen auf Erden; ja vielmehr allein fuer andere und nicht fuer sich. Daher bin ich schmerzlich besorgt, dass heutzutage wenige oder keine Stifte und Kloester christlich sind. Ich fuerchte naemlich, dass in dem Fasten und Beten allesamt nur das Unsere gesucht wird, dass damit unsere Suenden gebuesst und unsere Seligkeit gefunden wird." Fuer die Moenche und Nonnen aber eigens geschrieben waren mehrere Schriften ueber das Klosterleben. So das Buechlein ueber "die Klostergeluebde. Aus der Wuestenung (d.h. Wartburg) anno 1521". Darin nimmt sich Luther der gefallenen und geaengsteten Gewissen an und thut aus Gottes Wort dar, dass die Geluebde, die ohne und wider Gottes Gebot geschehen und an sich unmoeglich sind, eines getauften Menschen Herz nicht bestricken und gefangen halten koennen. Der Glaube und das Taufgeluebde sei das oberste, ohne welches man nichts geloben kann; denn die Seelen werden durch die Taufe Verschworene und Verlobte Christi. Falsch Verlobte wie die Klostersleute befreit der Sohn Gottes und nimmt den aus Gnaden mit Freuden an, der sich zu ihm kehrt und dem ersten Geluebde anhaengt. "Dies Buch machte viele Bande ledig und befreite viel gefangener Herzen", sagt eine Zeitgenosse[69]. Gleichfalls von der Wartburg aus erschien endlich ein deutsches Predigtbuch ("Postilla") von Luther und zu Michaelis desselben Jahres (1522) noch ein Wartburgswerk "Das Neue Testament deutsch". Da konnte nun jedermann und vor allem die geistlichen Personen im Kloster, welche die evangelischen Ratschlaege befolgen und ein evangelisches Leben fuehren wollten, aus der Quelle erfahren, was wahres Christentum sei, wie es Christus und die Apostel gelehrt, und wie es Luther ausgelegt hatte. Demzufolge wandte sich die Stadt Grimma, in deren unmittelbarer Naehe das Kloster Nimbschen gelegen war, dem Evangelium zu, und die Moenche in mehreren umliegenden Kloestern verliessen ihre Gotteshaeuser. Diese Schriften und Nachrichten kamen auch in das Kloster Nimbschen, denn so ganz verschlossen von der Welt waren auch Nonnenkloester nicht. Auf welchem Wege und durch wen wurden sie den Klosterfrauen vermittelt? Zweierlei Wege und Personen zeigen sich da. In _Grimma_ war ein Kloster von Luthers Kongregation: Augustiner-Eremiten. Dort hatte Luther 1516 schon Visitation gehalten und bei der Rueckkehr von der Leipziger Disputation (1519) blieb er mehrere Tage und predigte wohl auch daselbst; denn die Mehrzahl der Einwohner Grimmas standen schon laengst auf seiner Seite. Der Prior des Klosters Wolfgang von _Zeschau_ war Luthers Freund. Er trat 1522 mit der Haelfte der Ordensbrueder aus dem Kloster und wurde "Hospitalherr" (Spittelmeister) am St. Georgen-Spital. Von diesem Zeschau nun aber waren zwei Verwandte (Muhmen) im Kloster Nimbschen, zwei leibliche Schwestern: Margarete und Veronika von Zeschau. Gewiss konnte dieser evangelisch gesinnte fruehere Moench wenigstens vor seinem Austritt mit seinen Muhmen ohne Verdacht verkehren und ihnen Luthers Schriften zustecken. Auch der eifrig evangelische Stadtpfarrer in Grimma, Gareysen, war dazu imstande, welcher zu Ostern 1523 das hl. Abendmahl unter beiderlei Gestalt austeilte. Ausser dem nahen Staedtchen Grimma konnte aber auch das ferner gelegene _Torgau_ der Ort sein, von welchem aus reformatorische Gedanken und Schriften ins Kloster Nimbschen drangen. In Torgau war sehr frueh und sehr durchgreifend die Reformation eingefuehrt worden, besonders seit der fruehere Klostergenosse Luthers, der feurige Magister Gabriel _Zwilling_ dort wirkte. Dieser, obwohl einaeugig und ein kleines Maennlein mit schwacher Stimme, hat doch durch seine begeisterte, ja stuermische Predigt, welche in Wittenberg sogar einen Melanchthon mit fortgerissen hatte, die Buergerschaft zu einer ziemlich radikalen Abstellung aller roemischen Missstaende und zu begeisterter Aufnahme des Evangeliums bewogen. Ja ein Torgauer Buergersohn, Seifensieder seines Handwerks, entfuehrte zu dieser Zeit--ob vor oder nach 1523 ist ungewiss,--zwei Nonnen aus dem Kloster Riesa an der Elbe und versteckte sie in einen hohlen Baum. Dann holte er Pferde und geleitete sie heim und heiratete die eine der beiden Klosterjungfrauen. Und eine Torgauerin trat 1523 aus dem Kloster Sitzerode[70]. Ein besonders entschiedener und thatkraeftiger Anhaenger war der ehemalige Schoesser, der "fuersichtige und weise Ratsherr" Leonhard Koppe, in dessen Kaufladen das Kloster seine Waren einzukaufen pflegte, und der wohl mit seinem Fuhrwerk selber Lieferungen nach Nimbschen brachte. So war dieser Laie, wenn auch seine evangelische Gesinnung bekannt sein musste, vielleicht ein noch geeigneterer Mittelsmann fuer evangelische Schriften, als die doch immerhin verdaechtigen uebergetretenen Geistlichen von Grimma, vor denen als gefaehrlichen Woelfen die "zwei Herren an der Pforte" ihren geistlichen Schafstall wohl gehuetet haben werden. Mit seinen Waren konnte Koppe leicht lutherische Schriften einschmuggeln und auch einen Brief aus dem Kloster nach aussen besorgen. Keck und schlau genug war Koppe dazu[71]. Welchen Eindruck das Auftreten und die Schriften Luthers auf die Nonnen machte, laesst sich ersehen aus einem Bericht, den eine Nonne in gleicher Lage und Zeit, jene Florentina von Eisleben, durch Luther in Druck gab. "Als nun die Zeit goettlichen Trostes, in welcher das Evangelium, das so lange verborgen, an den Tag gekommen, ganzer gemeiner Christenheit erschienen: sind auch mir als einem verschmachteten hungrigen Schaf, das lange der Weide gedarbt, die Schriften der rechten Hirten gekommen, worinnen ich gefunden, dass mein vermeintlich geistlich Leben ein gestrackter Weg zu der Hoelle sei"[72]. In Nimbschen ging es einem grossen Teil der Klosterjungfrauen aehnlich. Ja, eine Anzahl derselben verabredete sich zu dem Plan, aus dem Kloster auszutreten. Das war ein schwerer Entschluss, der grosse Ueberwindung kostete. Eine ausgesprungene Nonne galt bisher fuer einen Schandfleck in der Familie. Der _freie_ Austritt aber war nur durch paepstlichen Dispens mit grossen Kosten und Muehen zu erreichen und eigentlich nur Gliedern fuerstlicher Familien moeglich. Freilich waren in dieser neuen, tieferregten Zeit schon Moenche aus dem Klosterverband ausgetreten und weltlich geworden; niemand wagte sie jetzt, wenigstens im kurfuerstlichen Sachsen, anzutasten, ja, sie erhielten sogar Aemter und Stellen von Stadt und Staat. Aber der Austritt von Nonnen war fast noch unerhoert, jedenfalls noch sehr ungewohnt[73]. Und wenn auch das Vorurteil der Welt und der eigenen Angehoerigen ueberwunden war, so fragte sich doch: was sollten die ausgetretenen Nonnen draussen in der Welt anfangen, was thun und werden, womit sich erhalten und durchs Leben bringen?[74] Wenn darum also auch die meisten, wo nicht alle Nonnen in Nimbschen das Klosterleben verwarfen, so haben sich doch nur die mutigsten entschlossen, den Schritt zu thun, den sie fuer recht und geboten erachteten, naemlich nur diejenigen, welche vermoege ihrer Bildung selbstaendig sich durchs Leben zu bringen im stande waren, wie die Staupitz und Kanitz, oder die noch jung genug waren, sich in ein neues Leben zu schicken, wie die beiden Schoenfeld und Katharina von Bora. Es waren in Nimbschen neun Nonnen zum Austritt bereit: Magdalena von Staupitz, Elisabeth von Kanitz, Veronika und Margarete von Zeschau, Loneta von Gohlis, Eva Grosse, Ave und Margarete von Schoenfeld und als zweitjuengste von ihnen Katharina von Bora[75]. Diese Kloster-"Kinder" (Nonnen) thaten nun das Naturgemaesseste und Verstaendigste: "sie ersuchten und baten ihre Eltern und Freundschaft (d.i. Verwandte) aufs allerdemuetigste um Huelfe, herauszukommen". Sie zeigten genugsam an, dass ihnen solch Leben der Seelen Seligkeit halber nicht laenger zu dulden sei, erboten sich auch zu thun und zu leiden, was fromme (brave) Kinder thun und leiden sollen"[76]. Aber freilich den Eltern und Verwandten war das Gesuch ihrer Toechter und Basen eine Verlegenheit. Einmal: der Versorgung wegen waren ja diese Toechter ins Kloster gethan worden--wie wollte man sie nun in den armen Familien unterhalten? Ihr Erbe war schon in Wirklichkeit oder in Gedanken verteilt, wer mochte es an diese weltentrueckten, gesellschaftlich toten Familienmitglieder herausgeben?[77] Ferner waren solche Klosterfrauen der Welt entfremdet und taugten gar wenig ins Leben. Wenn endlich auch nicht noch religioese oder kirchliche Bedenken abschreckten, so war es doch noch eine andere Furcht: die Lehen der meisten Anverwandten der Klosterfrauen lagen im Lande Herzogs des Baertigen, der ein heftiger Feind der Reformation und des Wittenberger Doktors im besonderen war. Da konnte es wegen Entfuehrung von gottgeweihten Klosterfrauen empfindliche Strafen geben oder doch Zuruecksetzung bei Hofaemtern. Kurzum das Gesuch der klosterfluechtigen Nonnen wurde abgeschlagen[78]. So standen die Aermsten von jedermann verlassen da, in nicht geringer Gefahr, dass ihr Vorhaben entdeckt und gehindert, die Beteiligten aber empfindlich gestraft wuerden, wie es z.B. der mehrerwaehnten Florentina geschah, als ihr Vorhaben, aus dem Kloster zu treten, entdeckt wurde. Diese wurde von ihrer eigenen Muhme, der Aebtissin, unbarmherzig vier Wochen bei grosser Kaelte haertiglich gefangen gesetzt, dann in Bann und Busse in ihre Zelle gesperrt, musste sich beim Kirchgang platt auf die Erde werfen und die anderen Nonnen ueber sich hinschreiten lassen, beim Essen mit einem Strohkraenzlein vor der Priorin auf die Erde setzen; dann wurde sie bei einem neuen Versuch, sich an ihre Verwandten zu wenden, durchgestaeupt und "7 Mittwoch und 7 Freitage von 10 Personen auf einmal discipliniert", in Ketten gelegt und fuer immer in die Zelle gesperrt--bis sie durch Unachtsamkeit ihrer Schliesserin doch entkam. Solches oder Aehnliches ist im Kloster Nimbschen mit den lutherisch Gesinnten nicht geschehen; vielleicht schuetzte sie ihre grosse Zahl vor solchen Gewaltmassregeln. Es war aber wohl auch die Gesinnung der verstaendigen Aebtissin, welche eine solche Bestrafung verhinderte: Margarete von Haubitz ist ja nachher mit dem ganzen uebrig gebliebenen Konvent zur Reformation uebergetreten, obwohl sie mit den aelteren Frauen im Kloster blieb und das Leben darin nach evangelischen Grundsaetzen einrichtete. Keineswegs aber konnte und wollte sie als Aebtissin schon 1523 den Klosterfluechtigen Vorschub leisten in ihrem Vorhaben[79]. Da nun die Nonnen an den Ihrigen keinen Anhalt fanden, so hatten sie gerechte Ursache, anderswo Huelf und Rat zu suchen, wie sie es haben konnten. Sie fuehlten sich ja gedrungen und genoetigt, ihre Gewissen und Seelen zu retten[80]. Wo anders aber sollten sie diese Huelfe suchen, als bei dem, der sie durch seine evangelischen Schriften und geistkuehne Thaten auf diese Gedanken gebracht hatte? So machten sie's also wohl, wie nach ihnen noch manche andere, einzelne und ganze Haufen von Klosterjungfrauen: sie schrieben "an den hochgelehrten Dr. Martinus Luther zu Wittenberg, einen Klage-Brief und elende Schrift, gaben ihm ihr Gemuet zu erkennen und begehrten von ihm Trost, Rat und Huelfe"[81]. Und der Ueberbringer dieses Briefes wird jedenfalls niemand anderes gewesen sein als eben Leonhard Koppe von Torgau. Luther erkannte an, dass "sie beide hier haben helfen und raten koennen, und darum seien sie auch schuldig, aus Pflicht christlicher Liebe die Seelen und Gewissen zu retten"[82]. "Denn es ist eine hohe Not", erklaerte er weiter, mit Bezug auf die Nimbscher Nonnen, "dass man leider die Kinder in die Kloester gehen laesst, wo doch keine taegliche Uebung des goettlichen Wortes ist, ja selten oder nimmermehr das Evangelium einmal recht gehoert wird. Diese Ursach ist allein genug, dass die Seelen herausgerissen und geraubt werden, wie man kann, ob auch tausend Eide und Geluebde geschehen waeren. Weil aber Gott kein Dienst gefaellt, es gehe denn willig von Herzen, so folgt, dass auch keine Geluebde weiter gelten, als sofern Lust und Lieb da ist; sonst sind im Klosterleben furchtbare Gefahren, Versuchungen und Suenden"[83]. "Aber wenn sich nun schwache Seelen an solchem Klosterraub aergern?" konnte man einwenden. Luther erklaerte: "Aergernis hin, Aergernis her! Not bricht Eisen und hat kein Aergernis. Ich werde die schwachen Gewissen schonen, sofern es ohne Gefahr meiner Seele geschehen kann; wo nicht, so werde ich meiner Seele raten, es aergere sich dann die ganze oder halbe Welt. Nun liegt hier der Seele Gefahr in allen Stuecken. Darum soll niemand von uns begehren, dass wir ihn nicht aergern, sondern wir sollen begehren, dass sie unser Ding billigen und sich nicht aergern. Das fordert die Liebe!"[84] So dachte Luther und ihm gleichgesinnt war Leonhard Koppe. An ihn stellte nun Luther das Ansinnen, die Befreiung zu uebernehmen. Und Koppe war trotz seiner sechzig Jahre ein entschlossener Mann, zu einem kecken Wagnis bereit, und willigte ein; er nahm keine Ruecksicht, ob es ihm im Geschaefte schaden koennte, noch weniger, ob es ihn beim Hof in Ungunst bringen oder gar ans Leben gehen koennte; denn auf Nonnenraub stand eigentlich Todesstrafe, und auch Kurfuerst Friedrich, der vorsichtige Schuetzer Luthers missbilligte nicht nur jede oeffentliche Gewaltthat, sondern war auch geneigt, sie zu strafen. Aber trotz all dieser Bedenken war Leonhard Koppe zu der That entschlossen, und wurde darin von dem Torgauer Pfarrer D. Zwilling bestaerkt; denn dieser war auch in die Sache eingeweiht[85]. Zwischen Luther und Koppe wurde so der Plan verabredet. Das Unternehmen sollte von Torgau ausgehen, welches in der Mitte zwischen Nimbschen und Wittenberg gelegen war. Die Osterzeit wurde zur Ausfuehrung ersehen. Koppe brauchte aber Gehuelfen zur Ausfuehrung seines Unternehmens. Er waehlte dazu seines Bruders Sohn, einen verwegenen jungen Mann, und einen Buerger Wolfgang Tommitsch (oder Dommitsch), dessen Stieftochter, ein Fraeulein von Seidewitz, kurz vorher aus dem Kloster entkommen war und bald darauf einen ausgetretenen Augustiner-Propst, Mag. Nikolaus Demuth heiratete, welcher dann Amtsschoeffer in Torgau wurde. Mit den neun Klosterjungfrauen waren jedenfalls Verabredungen getroffen worden und sie machten sich fluchtbereit[86]. In der Karwoche brachen nun die Torgauer auf einem oder mehreren mit einer Blahe bedeckten Wagen, worin sie wohl weltliche Frauenkleider verborgen hatten, von ihrer Stadt auf. Wenn die beiden Helfer nicht eigene Wagen leiteten, so waren sie zu Pferde als Bedeckung dabei. Sie kamen ueber Grimma am Karsamstag abends den 4. April vor Nimbschen an[87]. Hier ruesteten sich die Nonnen in gewohnter Weise zu den Ostervigilien, welche in der Auferstehungsnacht gefeiert wurden. Die ausserordentliche Zeit, wo die Regel und geordneten Beschaeftigungen der Klosterfrauen aufgehoben waren, muss dem Fluchtplan guenstig geschienen haben. Waehrend die beiden Begleiter in dem nahen Gehoelz gehalten haben werden, fuhr Koppe an dem Kloster vor. Er nahm, wie berichtet wird, zum Vorwand, leere Heringstonnen auf der Heimfahrt nach Torgau mitnehmen zu wollen. Beim Aufsuchen und Aufladen derselben scheint er den Thorwart Thalheim beschaeftigt und die Aufmerksamkeit der uebrigen Bewohner des aeussern Klosterhofs, namentlich der zwei Beichtvaeter, abgelenkt zu haben. Aus der Klausur entkamen die neun Verschworenen, indem die Pfoertnerin entweder getaeuscht oder gar bei dem Plan beteiligt war (es konnte ganz gut eine von diesen neun zu dieser Zeit Thuerhueterin sein). Ein alter Berichterstatter erzaehlt, man haette eine Lehmwand durchbrochen; ein anderer, die Jungfrauen haetten sich im Garten versammelt und seien da ueber die Mauer gestiegen. Aber auch zur hinteren Thuere konnten sie entkommen sein; denn an der Bewachung dieser liess es das Kloster fehlen. Kurzum, die Neun entflohen, wurden von den beiden Begleitern Koppes aufgenommen; dieser fuhr wohl mit seinem Wagen Heringstonnen ganz unschuldig ab und nahm dann draussen die Jungfrauen auf. Die leeren Tonnen--vorne aufgestellt--konnten ganz gut dazu dienen, den lebendigen Inhalt des Wagens vor unberufenen Augen zu verbergen[88]. Auf diese oder aehnliche Weise, jedenfalls "mit ausnehmender Ueberlegung und Schlauheit", aber auch mit "aeusserster Keckheit"--nicht mit Gewalt wurden die neun Jungfrauen durch Koppe aus Nimbschen befreit. Luther sah es fast wie ein Wunder an[89]. Bei Nacht und Nebel fuhren nun die Retter und Geretteten davon, dem Ostermorgen entgegen: es war eine eigene Ostervigilie in der Luft der Freiheit durch die fruehlingsjunge Gotteswelt[90]. Die Fahrt ging durch die kurfuerstlichen Lande, war also nicht bedroht durch die Nachstellungen des lutherfeindlichen Herzogs Georg. Eine Verfolgung von Nimbschen aus war nicht gerade zu befuerchten: es waren dort keine Maenner, welche etwa einen Kampf mit den Entfuehrern gewagt haetten. Auch hat der kluge Koppe gewiss ihre Spuren moeglichst verdeckt und die Verfolger irre gefuehrt. Die weltliche Kleidung, welche die Jungfrauen mittlerweile mit ihrer geistlichen vertauscht hatten, machte wohl die Reise unauffaellig, und so kam der Zug auch ungehindert am Ostertag in Torgau an und wurde vom Magister Zwilling freudig empfangen. In Torgau wurde uebernachtet, die weltliche Kleidung der Klosterjungfrauen in der Eile noch vervollstaendigt und am anderen Tag ging es Wittenberg zu, weil es doch nicht geraten schien, die Entflohenen so nahe bei dem Kloster und auch so nahe beim kurfuerstlichen Hof zu lassen[91]. Am Osterdienstag kam der Zug in Wittenberg an; ohne alle Ausstattung, in ihrer geborgten und eilig zusammengerafften Kleidung, mit den geschorenen Haeuptern ein "arm Voelklein", aber in ihrer grossen Armut und Angst ganz geduldig und froehlich[92]. Luther empfing sie mit wehmuetiger Freude. Den kuehnen aber rief er zu: "Ihr habt ein neu Werk gethan, davon Land und Leute singen und sagen werden, welches viele fuer grossen Schaden ausschreien: aber die es mit Gott halten, werden's fuer grossen Frommen preisen. Ihr habt die armen Seelen aus dem Gefaengnis menschlicher Tyrannei gefuehrt eben um die rechte Zeit: auf Ostern, da Christus auch der Seinen Gefaengnis gefangen nahm"[93]. Als dann die Befreier heimfuhren, empfahl er sie Gott und gab ihnen Gruesse mit an Koppes "liebe Audi" und "alle Freunde in Christo"[94]. Drei Tage darauf schrieb Luther zur Verantwortung fuer sich, fuer den "seligen Raeuber" Koppe und die es mit ihm ausgerichtet, sowie fuer die befreiten Jungfrauen zum Unterricht an alle, die diesem Exempel wollten nachfolgen "dem Fuersichtigen und Weisen Leonhard Koppe, Buerger zu Torgau, meinem besonderen Freunde" einen offenen Brief. "Auf dass ich unser aller Wort rede, fuer mich, der ich's geraten und geboten, und fuer Euch und die Euern, die Ihr's ausgericht, und fuer die Jungfrauen, die der Erloesung bedurft haben, will ich hiermit in Kuerze vor Gott und aller Welt Rechenschaft und Antwort geben". In dieser "Ursache und Antwort, dass Jungfrauen Kloester goettlich verlassen moegen" berichtet er offen die That und ihre Gruende und nennt die Namen der Befreier und Befreiten. Er sagt ihnen: "Seid gewiss, dass es Gott also verordnet hat und nicht Euer eigen Werk noch Rat ist, und lasset das Geschrei derjenigen, die es fuer das alleraergste Werk tadeln. 'Pfui, pfui!' werden sie sagen, 'der Narr Leonhard Koppe hat sich durch den verdammten ketzerischen Moench fangen lassen, faehrt zu und fuehrt neun Nonnen auf einmal aus dem Kloster, und hilft ihnen, ihr Geluebde und kloesterlich Leben zu verleugnen und zu verlassen'. Meint ihr, das ist all heimlich gehalten und verborgen? Ja, verraten und verkauft, dass auf mich gehetzt werde das ganze Kloster zu Nimptzschen, weil sie nun hoeren, dass ich der Raeuber gewesen bin! Dass ich aber solches ausrufe und nicht geheim halte, thue ich aus redlichen Gruenden. Es ist durch mich nicht darum angeregt, dass es heimlich bleiben sollte, denn was wir thun, thun wir in Gott und scheuen uns des nicht am Licht. Wollte Gott, ich koennte auf diese oder andere Weise alle gefangenen Gewissen erretten und alle Kloester ledig (leer) machen. Ich wollt mich's darnach nicht scheuen, zu bekennen samt allen, die dazu geholfen haetten, (in) der Zuversicht, Christus, der nun sein Evangelium an Tag gebracht, und des Endechrists (Antichrists) Reich zerstoert, wuerde hier Schutzherr sein, ob's auch das Leben kosten muesste. Zum anderen thu ich's, der armen Kinder und ihrer Freundschaft (Verwandtschaft) Ehren zu erhalten, dass niemand sagen darf, sie seien durch lose Buben unredlich ausgefuehrt und ihrer Ehre sich in Gefahr begeben. Zum dritten, zu warnen die Herrn vom Adel und alle frommen Biederleute, so Kinder in Kloestern haben, dass sie selbst dazu thun und sie herausnehmen"[95]. Diese Aufforderung und die gelungene Flucht der neun Nonnen ermutigte, wie Luther gedacht, noch andere Klosterjungfrauen und deren Eltern zu gleichem. Noch in derselben Osterwoche entwichen abermals drei Nonnen aus Nimbschen und kamen zu ihren Angehoerigen, und zu Pfingsten wurden wieder drei von ihren Verwandten selbst aus dem Kloster geholt[96]. Da endlich ermannte sich der Abt von Pforta, der dem offenen Brief Luthers nicht entgegenzutreten gewagt hatte,--Luther war ein zu gefuerchteter Kaempe. Am 9. Juni schrieb er eine Klage an den--Kurfuersten ueber diese Vorgaenge, welche zur "Entrottung und Zerstoerung des Klosters" fuehrten, und beschwerte sich, dass die Nonnen von Sr. Kurf. Gn. Unterthanen dazu geholfen und gefoerdert worden seien. Der Kurfuerst Friedrich gab in seiner bekannten diplomatischen Weise die ausweichende Antwort: "Nachdem Wir nit wissen, wie diese Sache bewandt und wie die Klosterjungfrauen zu solch ihrem Furnehmen verursacht und Wir uns bisher dieser und dergleichen Sachen nie angenommen, so lassen Wir's bei ihrer selbst Verantwortung bleiben"[97]. Aber damit war die Klosterflucht in Nimbschen nicht zu Ende. Bis 1526 waren einige zwanzig--auch Magdalena von Bora--ausgetreten, so dass jetzt nur noch 19 Klosterjungfrauen da waren; und diese samt ihrer Aebtissin wurden evangelisch, blieben aber im Kloster, bis sich der Konvent im Jahre 1545 aufloeste[98]. Drei Wochen nach der Flucht der neun Nimbscher Nonnen, am 28. April, wagten sechs Nonnen aus Sornzig die Flucht, trotzdem dies Kloster im Lande des Reformationsfeindes Herzogs Georg lag, und trotz des schrecklichen Schicksals, das um diese Zeit den Entfuehrer einer Nonne betroffen hatte, der zu Dresden gekoepft worden war. Und weitere acht flohen aus Peutwitz[99]. Im selben Jahre der Flucht Katharinas traten noch 16 Nonnen in Widderstetten auf einmal aus. Zwei Jahre darauf wandten sich wieder andere "elende Kinder" an Luther aus dem fuerstlichen Kloster Freiberg im Gebiete seines grimmen Feindes, Herzogs Georg. Und wieder wandte sich Luther an den bewaehrten Nonnen-Entfuehrer Leonhard Koppe, den er scherzweise "Wuerdiger Pater Prior" anredet. Luther wusste, dass diese Zumutung fast zu viel und zu hoch sei--es konnte ja diesmal ernstlich das Leben kosten--und meinte, Koppe wisse vielleicht jemand anderes, der dazu helfen koennte. Aber der verwegene Mann liess sich um ein solches wagehalsiges Stueck schwerlich vergebens bitten und--zu Georgs allerhoechstem Verdruss--glueckte das Wagestueck, wie die Entfuehrung aus Nimbschen[100]. 4. Kapitel Eingewoehnung ins weltliche Leben. Nachdem die Befreiung Katharinas und ihrer Mitschwestern so gut gelungen war, fragte es sich nun, was sollte mit ihnen werden? Die Sorge blieb an Luther haengen. Nochmals wandte er sich an die Angehoerigen der Entflohenen und wird ihnen die Gewissen genugsam geweckt und ihre Pflicht eingeschaerft haben, sich ihrer erbarmungswerten Toechter, Schwestern und Basen anzunehmen; das geht aus dem offenen Brief an Koppe und einem anderen an Spalatin hervor, worin es heisst: "O, der Tyrannen und grausamen Eltern in Deutschland!"[101] Zugleich aber hatte er den Fall vorgesehen, dass die Verwandten, wenigstens zum Teil, ablehnten, fuer die Nonnen zu sorgen. Daher ueberdachte er, wie er sie unterbringen koennte. Aber von seinen "Kapernaiten" (den Wittenbergern) konnte und wollte er keine Geldunterstuetzung oder Anleihe erhalten; dagegen erhielt er von mehreren Seiten Versprechungen, den Gefluechteten eine Unterkunft zu bieten. Etliche wollte er auch, wenn er koenne, verheiraten. Amsdorf schrieb scherzend an Spalatin: "Sie sind schoen und fein, und alle von Adel, und keine fuenfzigjaehrige darunter. Die aelteste unter ihnen, meines gnaedigen Herrn und Oheims Dr. Staupitz Schwester, hab ich Dir, mein lieber Bruder, zugerechnet zu einem ehelichen Gemahl, damit Du Dich moegest eines solchen Schwagers ruehmen. Willst Du aber eine juengere, so sollst Du die Wahl unter den Schoensten haben"[102]. Bis dahin bat Luther und ebenso Amsdorf den Hofkaplan und Geheimschreiber des Kurfuersten Friedrichs des Weisen, "dieser ehrbaren Meidlein Vorbitter am Hofe zu sein und ein Werk der Liebe zu thun, und bei den reichen Hofleuten und vielleicht dem Kurfuersten etwas Geld zu betteln, auch wohl selbst etwas zu geben, damit die Gefluechteten einstweilen genaehrt und auf acht bis vierzehn Tage, auch mit Kleidung versehen werden koennten, denn sie hatten weder Schuhe noch Kleider." Luther ging es naemlich damals so schlecht, dass er selbst kaum etwas zu essen hatte und sein Mitbruder, der Prior Brisger, einen Sack Malz schuldig bleiben musste: so sehr blieben die Klostereinkuenfte aus, auf die Luther und der letzte mit ihm lebende Moench angewiesen war. Er scherzt mit Beziehung auf seinen Bettelorden: "Der Bettelsack hat ein Loch, das ist gross". Freilich der Hof des vorsichtigen Kurfuersten wollte nicht recht, wenigstens nicht offen mit Unterstuetzungen herausruecken, weshalb Luther seinen Freund nochmals mahnen musste: "Vergesst auch meiner Kollekte nicht und ermahnt den Fuersten um meinetwillen auch etwas beizusteuern. O, ich will's fein heimlich halten und niemanden sagen, dass er etwas fuer die abtruennigen Jungfrauen gegeben--die doch wider Willen geweihet und nun gerettet sind"[103]. Luthers Appell an die Verwandten verfing nicht. Er musste klagen: "Sie sind arm und elend und von ihrer Freundschaft verlassen." Luther musste also trotz seiner grossen Armut die Nonnen mit grossem Aufwand unterstuetzen. Sonst erfuhr er, "was sie draussen von ihren Verwandten und Bruedern leiden muessten"--wenn etwa eine nach Hause kaeme. Sie wollten meist auch nicht zu ihrer "Freundschaft", weil sie in Herzog Joergs Land des goettlichen Wortes Mangel haben muessten[104]. Magdalena Staupitz wurde mit der Zeit als "Schulmeisterin" der Maegdlein in Grimma gesetzt, und ihr ein Haeuslein vom Moenchskloster gegeben. Die Elsa von Kanitz fand bei einer Verwandten Aufenthalt; Luther wollte sie 1527 als Schulmeisterin der Maegdlein nach Wittenberg berufen. Die Ave von Schoenfeld verheiratete er mit dem Medikus Dr. Basilius Axt[105]. Katharinas Verwandte konnten sich ihrer offenbar nicht annehmen. Die Eltern waren tot, Bruder Hans musste selber Dienste suchen im fernen Preussen, dann Verwalterstellen in Sachsen. Der aelteste Bruder war arm verheiratet, hatte wohl keinen Platz fuer die Schwester; vom juengsten, Clemens, war vollends nichts zu erwarten. So wurde denn das Fraeulein Katharina von Bora nach der Ueberlieferung im Hause eines Wittenberger Buergers untergebracht, der in der Buergermeistergasse wohnte. Es war der ehrsame gelehrte M. Philipp Reichenbach, welcher 1525 in Wittenberg Stadtschreiber, 1529 Licentiat der Rechte, 1530 Buergermeister und endlich Kurfuerstlicher Rat wurde[106]. In dem Wittenberger Buergerhause wurde die ehemalige Nonne mehr als eine Art Pflegetochter gehalten und der Hausherr vertrat Vaterstelle an ihr. Sie muss dort doch eine angesehene Stellung eingenommen haben. Sie war bekannt und genannt im Kreise der Universitaetsgenossen, und der Daenenkoenig Christiern II., der landesfluechtig im Oktober 1523 nach Wittenberg kam und bei dem Maler Lukas Kranach Wohnung hatte, beschenkte Katharina mit einem goldenen Ringe. Die jungen Gelehrten in Wittenberg sprachen mit Achtung von ihr; sie nannten sie in ihren vertrauten Briefen, wohl wegen ihrer strengen Zurueckhaltung, "die Katharina von Siena"[107]. Bei dem Stadtschreiber, oder vielmehr bei seiner Frau, sollte nun Katharina von Bora sich eingewoehnen in das neue oder vielmehr alte "weltliche", das buergerliche Leben. Das war nicht so gar leicht. Mindestens vierzehn Jahre lang, also fast ihr ganzes bewusstes Leben, hatte Katharina im Kloster zugebracht. Alle diese Jahre hatte sie die geistliche Tracht getragen, sich an nonnenhafte Gebaerde und Haltung, an geistliche Sitten und Reden gewoehnt; den Umgang mit weltlichen Menschen hatte sie verlernt oder eigentlich nie recht gelernt, und ebenso die Arbeit, das Hantieren in Stube und Kueche; in der That, man begreift, dass der praktische Luther beim Anblick der neun weltunerfahrenen Nonnen ausrufen konnte: "Ein armes Voelklein"! Wie in die weltliche Kleidung musste Katharina sich nun an weltliche Sitte und Rede gewoehnen; wie ihr bleiches Gesicht sich an Luft und Sonne braeunen, ihre zarten Haende im Angreifen von Toepfen und Besen sich haerten, so musste auch ihr geistiges Wesen an den rauheren, aber gesuenderen Anforderungen und Zumutungen der Welt sich kraeftigen. Aber wie ihre abgeschnittenen Haare zu langen blonden Zoepfen wuchsen, so nahm auch Sorgen und Denken an die kleinen weltlichen Pflichten und die grossen weltlichen Interessen zu. Und das gnaedige Fraeulein war nicht umsonst bei der Frau Magister. Sie wurde hier tuechtig vorgeschult fuer ihren spaeteren grossen pflichtenreichen Haushalt. Und sie hat sich auch nach dem Zeugnis der Wittenberger Universitaet in dem Hause Reichenbach "stille und wohl verhalten"[108]. Aber auch andere Gedanken und Gefuehle erwachten in ihr und wurden ihr von aussen nahe gelegt. Und auch hier machte sie Erfahrungen und erfuhr sie schmerzliche Enttaeuschungen, die sie weltkluger und vorsichtiger machten. Katharina war jetzt 24 Jahre alt, eine reife, ja nach den Anschauungen jener Zeit, welcher das 15. bis 18. Lebensjahr einer Jungfrau fuer das richtigste heiratsfaehige Alter galt, eine ueberreife Jungfrau. Dass sie an Verehelichung dachte, ist begreiflich. Denn sie hatte weder eine Stellung noch Vermoegen. Der Aufenthalt bei ihren Pflegeeltern konnte doch nur ein voruebergehender und nicht befriedigender sein. Luther, der die besondere Sorge fuer diese, wie fuer andere ausgetretene Klosterleute uebernommen, hatte ohnedies schon von Anfang die ausgesprochene Absicht, diejenigen, welche in ihren Familien keinen Unterhalt und Aufenthalt finden konnten, zu verheiraten. Und seine gesamte Anschauung ging dahin--darin hatte er die echt baeuerliche Ansicht seines Vaters--dass der Mensch zum Familienleben geboren und gerade das Weib von Gott zur Ehe bestimmt sei[109]. Nun kam damals im Mai oder Juni 1523 in die Universitaetsstadt Hieronymus _Baumgaertner_, ein Patriziersohn aus Nuernberg, "ein junger Gesell mit Gelehrsamkeit und Gottseligkeit begabt". Er hatte frueher (1518-21) in Wittenberg studiert und bei Melanchthon seinen Kosttisch gehabt und wollte jetzt seine alten Lehrer und Freunde in Wittenberg: Luther und besonders Melanchthon besuchen, mit dem er spaeter in regem Briefwechsel stand[110]. Dieser junge Mann erschien Luther als der rechte Gatte fuer seine Schutzbefohlene: er war 25 Jahre alt, Kaethe 24, beide aus vornehmem Hause; sie ohne Vermoegen, um so mehr passte in Luthers Augen der wohlhabende Nuernberger fuer sie. Und er wird wohl dafuer gesorgt haben, dass Baumgaertner an sie heran kam und an ihr Wohlgefallen fand. Auch Kaethe fasste eine raschaufwallende Neigung fuer den jungen Mann, war er ja wohl der erste, der sich der gewesenen Nonne naeherte. Vielleicht haben sich die beiden auch zuerst gefunden, und Luther betrieb es nun in seiner Art eifrig, die zwei zusammenzubringen. Jedenfalls wurde die gegenseitige Neigung in dem Freundeskreise bekannt, und man hielt da die Heirat fuer sicher. Aber Baumgaertner zog heim nach Nuernberg und liess nichts mehr von sich hoeren, trotzdem er versprochen hatte, nach ein paar Wochen wieder zu kommen, um, wie man glaubte, Katharina heimzufuehren. Die Freunde, besonders Blickard Syndringer, erinnerten den Patriziersohn in ihren Briefen neckend oft genug an die verlassene Geliebte. Sie sei wegen seines Weggangs in eine Krankheit verfallen und habe sich in Sehnsucht nach ihm verzehrt. Im Anfang des folgenden Jahres bestellte noch der Nuernberger Ulrich Pinder von Wittenberg aus an Baumgaertner einen Gruss von "Katharina von Siena d.i. von Borra". Endlich schrieb Luther noch einmal am 12. Oktober 1524 an Baumgaertner: "Wenn Du Deine Kaethe von Bora festhalten willst, so beeile Dich, bevor sie einem andern gegeben wird, der zur Hand ist. Noch hat sie die Liebe zu Dir nicht verwunden. Und ich wuerde mich gar sehr freuen, wenn ihr beide mit einander verbunden wuerdet"[111]. Aber den Eltern Baumgaertners war offenbar die entlaufene Nonne anstoessig, und dass sie vermoegenslos war, konnte sie erst recht nicht empfehlen. Daher ging Hieronymus auf dieses Ultimatum des Freiwerbers Luther nicht ein. Als er im Fruehjahr 1525 in Nuernberg Ratsherr geworden war, verlobte er sich mit einem Maedchen von 14 Jahren, Sibylle Dichtel von Tutzing "mit sehr reicher Mitgift und was ihm noch erwuenschter war, von sehr angesehenen Eltern" und hielt mit ihr am 23. Januar 1526 in Muenchen die Hochzeit[112]. Da aber Baumgaertner Katharina endgiltig aufgegeben hatte, so rueckte Luther nun mit dem andern Heiratskandidaten heraus, den er fuer Kaethe an der Hand hatte. Das war D. Kaspar Glatz, der am 27. August 1524 von der Universitaet Wittenberg, deren Rektor er damals war, sich auf ihre Patronatspfarrei Orlamuende hatte setzen lassen. Luther ging nun damit um, seine Schutzbefohlene dem D. Glatz zu freien. Aber Kaethe, welche den Mann waehrend seiner Lehrzeit in dem kleinen Wittenberg kennen gelernt hatte, wollte ihn nicht haben, und sie hatte ein richtigeres Gefuehl als Luther. Glatz war, wie sich spaeter herausstellte, ein rechthaberischer, eigensinniger Mensch, der Streitigkeiten mit seiner Gemeinde bekam und deshalb entsetzt werden musste. Luther aber setzte Kaethe mit der Heirat zu. Da ging sie zu Luthers Amtsgenossen, dem Professor Amsdorf und beklagte sich, dass Luther sie wider ihren Willen an D. Glatz verheiraten wolle; nun wisse sie, dass Amsdorf Luthers vertrauter Freund sei; darum bitte sie, er wolle bei Luther dies Vorhaben hintertreiben. Hier scheint nun Amsdorf, der diese Ablehnung fuer adeligen Hochmut auslegte, bemerkt zu haben: Ob ihr denn ein Doktor, Professor oder Pfarrherr nicht gut genug sei? denn Katharina wurde zu der Erklaerung gedraengt: Wuerde Amsdorf oder Luther sie zur Gattin begehren, so wolle sie sich nicht weigern, D. Glatz aber koenne sie nicht haben[113]. Diese Aeusserung, welche wohl ohne viel Absicht gesprochen war, hatte ihre Folgen; zwar nicht fuer Amsdorf, der immer ehelos blieb, aber fuer Luther. Auch er hatte die Bora "fuer stolz und hoffaertig" gehalten, waehrend sie doch nur etwas Zurueckhaltendes hatte und ein gewisses Selbstbewusstsein zeigte; er hatte sie also nicht recht gemocht. Durch jene Erklaerung an Amsdorf wurde er aber auf andere Gedanken gebracht[114]. 5. Kapitel. Katharinas Heirat. So machte Luther bei Kaethe von Bora, aber auch bei anderen Nonnen den Freiwerber; er that es aber auch in seinen Schriften, worin er den Ehestand so hoch pries und jedermann dazu einlud. Daher scherzte er in einer Epistel an Spalatin: "Es ist zu verwundern, dass ich, der ich so oft von der Ehe schreibe und so oft unter Weiber komme, nicht laengst verweibischt oder beweibt bin." Und mehr im Ernst: "Ich draenge andere mit so viel Gruenden zur Ehe, dass ich beinahe selbst dazu bewegt werde"[115]. Wenn Luther so eifrig zur Ehe riet, so hatte er dabei vor allem seine Amtsgenossen im Auge. Denn bis zur Reformation war es nicht nur Sitte, sondern sogar Gesetz, dass Universitaetslehrer sich nicht verehelichten: so sehr wurden die Schulen, auch die Hochschulen als kirchliche, ja geistliche Anstalten angesehen und die "geistigen" Personen als "Geistliche". Nur beschraenkte Ausnahmen wurden allmaehlich mit der Verehelichung gestattet fuer Mediziner und Juristen; Rektor konnte lange Zeit, auch in Wittenberg, nur ein unverehelichter Professor werden. Die Gelehrten aber betrachteten auch ihrerseits die Ehe als eine Erniedrigung fuer ihren hohen Stand. Darum hat Luther nur mit Muehe den Gelehrten Melanchthon zur Heirat vermocht[116]. Dass aber die eigentlichen Geistlichen, die Priester, heirateten, das war vor Luther, seit Gregor des Siebenten Zeiten, das heisst seit sechsthalbhundert Jahren etwas Unerhoertes. Gerade aber _darauf_ hat nun Luther allmaehlich in seinen vielen Schriften gedrungen, um zu zeigen dass im Christentum der geistliche Stand nichts Besonderes sei, dass vielmehr alle, die aus der Taufe gekrochen, Bischoefe und Pfarrer waeren, und umgekehrt die Geistlichen nichts anders als Christenmenschen. So hat er all seine geglichen Freunde zur Ehe gedraengt und ihnen dazu mit Eifer verholfen; auch den Hochmeister von Preussen und den Erzbischof von Mainz. Er wollte sozusagen fuer seine Anschauung vom allgemeinen Priestertum und dem hl. Ehestand, wie der falschen Heiligkeit des Coelibats den Massenbeweis mit Tatsachen fuehren. So mahnt er Spalatin (Ostern 1525): "Warum schreitest Du nicht zur Ehe? Es ist moeglich, dass ich selbst dazu komme, wenn die Feinde nicht aufhoeren diesen Lebensstand zu verdammen und die Klueglinge ihn taeglich belaecheln!"[117] Der Gedanke, dass auch _Klosterleute_ ehelich werden sollten, war Luther anfangs befremdend: galt dies doch nach der Anschauung der Zeit so sakrilegisch, dass die weltlichen Rechte Heiraten von Moenchen und Nonnen mit dem Tode bestraften[118]. Von der Wartburg schrieb Luther (am 6. August 1521): "Unsere Wittenberger wollen sogar den Moenchen Weiber geben? Nun mir sollen sie wenigstens keine Frau aufdringen," und mit Melanchthon scherzt er, ob dieser sich wohl an ihm dafuer raechen wolle, dass er ihm zu einer Frau verholfen habe? er werde sich aber zu hueten wissen. Doch nach wenigen Monaten hatte er sich ueberzeugt: "Das ehelose Leben in Kloestern ist auch der geistlichen Freiheit zuwider. Darum, wo du nicht frei und mit Lust ehelos bist und musst es allein um Scham, Furcht, Nutz oder Ehre willen, da lass nur bald ab und werde ehelich." So versorgte er nun auch Moenche und Nonnen in den Ehestand[119]. Aber wie er selber nur spaet,--am spaetesten unter den Bruedern--dazu kam, sein Klosterleben aufzugeben, seine Kutte--als die letzte zerschlissen war--im Oktober 1524 mit dem Priesterrock und Professorentalar vertauschte, so erging es ihm auch mit dem Heiraten. 1528 sagte er: "Wenn mir jemand auf dem Wormser Reichstag gesagt haette, nach 7 Jahren wuerde ich Ehemann sein, der Frau und Kinder habe, so haette ich ihn ausgelacht". Gerade wenn ihm seine Freunde und Freundinnen wie Argula von Grumbach zuredeten oder davon sprachen, er werde doch noch heiraten, erklaerte er das fuer Geschwaetz. Noch am 30. November 1524 meinte er, bei seiner bisherigen und jetzigen Gesinnung werde er keine Frau nehmen, sein Gemuet passe nicht zum Heiraten, er fuehle sich dazu nicht geschickt. Ja noch Ostern 1525 schreibt er, dass er an keine Ehe denke[120]. Aber bald nach Ostern wurde er anderen Sinnes. Es war gerade die boese Zeit der Bauernunruhen, wo radikale Schwaermer die Sache der Reformation aufs aeusserste gefaehrdeten, die Zeit, wo die Feinde mit gehaessiger Schadenfreude auf ihn wiesen, und die Freunde mit aengstlicher Sorge nach ihm schauten; es war damals, da er umherzog die fanatischen Bauernhaufen zu beschwichtigen und dabei zweimal in Faehrlichkeiten des Todes gewesen, als er ueberhaupt dem Tode entgegen sah[121]. Da erklaerte er: "Muenzer und die Bauern haben dem Evangelium bei uns so sehr geschadet und die Papisten so uebermuetig gemacht, dass es fast aussieht, als muesse man das Evangelium wieder ganz von vorn predigen." Deshalb wollte er's nunmehr "nicht mit dem Wort allein, sondern mit der That bezeugen". Er wollte mit seinem Beispiel seine Lehre bekraeftigen, weil er so viele kleinmuetig finde, und so auch dem zaghaften Erzbischof von Mainz zum Exempel voran traben. Er war im Sinne, ehe er aus diesem Leben scheide, sich im gottgeschaffenen Ehestande finden zu lassen und "nichts von seinem vorigen papistischen Leben an sich zu behalten", und sei es auch nur eine verlobte Josephsehe: auf dem Todbett wollte er sich ein fromm Maegdlein antrauen lassen und ihr zum Mahlschatz seine zwei silbernen Becher reichen. Als er gar von Dr. Scharf das Wort hoerte: "Wenn dieser Mensch ein Weib naehme, so wuerde die ganze Welt und der Teufel selber lachen und er all seine Sach damit verderben", da entschloss er sich erst recht: "Kann ich's schicken, so will ich dem Teufel zum Trotz noch heiraten, und die Engel sollen sich freuen und der Teufel weinen." Endlich draengte ihn auch sein Vater, mit dem er auf seinen damaligen Reisen zusammentraf, seinen groessten Lieblingswunsch zu erfuellen, und Luther wollte "diesen letzten Gehorsam seinem geliebenden Vater nicht weigern"[122]. Und gerade eine _Nonne_ sollte die Erwaehlte sein, "dem Teufel mit seinen Schuppen, den grossen Hansen, Fuersten und Bischoefen zum Trotz, welche schlechterdings unsinnig werden wollen, dass geistliche Personen freien". Und nicht nur den grossen Hansen, sondern auch dem grossen Haufen zum Trotz, welcher nach seinem Aberglauben den Sohn eines Moenchs und einer Nonne fuer den Antichrist hielt. Also wollte er "mit der That das Evangelium bezeugen, zum Hohn fuer alle, welche triumphieren und Ju, ju schreien, und eine Nonne zum Weibe nehmen"[123]. Diese Nonne aber sollte _Katharina von Bora_ sein. Sie war noch immer unversorgt im Reichenbachschen Hause, und er konnte an ihr ein Werk der Barmherzigkeit thun. Sie hatte erklaert, sie werde ihn nehmen, wenn er sie wolle. Und er hatte mittlerweile eine bessere Meinung von ihr gewonnen. Dass Kaethes ausserordentliche Schoenheit ihn in Feuer gesetzt habe, sagten ihm seine Gegner in gehaessiger Absicht nach. Luther redet nur einmal und in ziemlich spaeter Zeit in einem Brief an seine Gattin, in ritterlich schalkhafter Weise davon, dass er "daheim eine schoene Frau" habe. Ausdruecklich aber erklaert er, in den ersten Tagen seiner Ehe, dass er nicht verliebt sei oder voll leidenschaftlichen Feuers, aber er habe seine Frau gern. Sie war ja auch gar nicht besonders schoen. Von koerperlicher Schoenheit zitierte Luther den Reim: Ist der Apfel rosenrot, Ist ein Wuermlein drinnen, Ist das Maidlein saeuberlich, So hat's krause Sinnen. Und da ihm ein heiratslustiger Freund einmal sagte, er moechte eine Schoene, Fromme, (d.h. Brave) und Reiche, so bemerkte Luther: "Ei, ja, man soll dir eine malen mit vollen Wangen und weissen Beinen; dieselben sind auch die froemmsten, aber sie kochen nicht wohl und beten uebel"[124]. So traf er in der Stille und ohne leidenschaftliche Erregung seine Wahl. Am 16. April scherzt er gegen Spalatin, dass er ein gar arger Liebhaber sei: "Drei Frauen habe ich zugleich gehabt und sie so wacker geliebt, dass ich zwei verloren habe, welche andere Verlobte nahmen, und die dritte halte ich kaum am linken Arme, die mir vielleicht auch bald weggenommen wird"[125]. Er hatte also doch bestimmte Persoenlichkeiten ins Auge gefasst. Schon am 4. Mai, nach einem Besuche bei seinen Verwandten in Eisleben und Mansfeld, redet er in einem vertrauten Briefe an seinen Schwager Ruehel zu Mansfeld von "meiner Kaethe", die er nehmen wolle, so er's schicken koenne. Und wie seinen Schwager, hat er jedenfalls auch seine Eltern in seine Plaene eingeweiht, und der Vater redete ihm ernstlich zu[126]. In Wittenberg selbst aber vertraute er es nur wenigen Leuten an: dem Maler und Ratsherrn Lukas Kranach und seiner Frau. Gerade seinen Amtsgenossen und uebrigen Freunden, vor allem auch Melanchthon, sagte er nichts davon. Die Klugen wollten fuer ihn gerade nicht, was Luther wollte: eine Nonne, und dachten und redeten ueber eine Moenchs- und Nonnenheirat "lieblos". Und ganz besonders war ihnen Katharina von Bora nicht recht; alle seine besten Freunde schrieen: "Nicht diese, sondern eine andere!" Und wohl um es zu verhindern, brachten "boese Maeuler" sogar eine boshafte Nachrede auf. Aber gerade das bewog Luther, der Sache rasch ein Ende zu machen, bevor er die gegen ihn aufgebrachten Maeuler zu hoeren genoetigt wuerde, wie es zu geschehen pflegt, und "weil der Satan gern viel Hindernis und Gewirrs mache durch boese Zungen"[127]. Er "betete zu unserm Herrn Gott mit Ernst", wie er berichtet, und handelte dann ohne Menschen-Rat und -Bedenken, ja wie Melanchthon klagt, ohne seinen Freunden etwas davon zu sagen[128]. Mit Katharina hatte sich Luther jedenfalls ins Einverstaendnis gesetzt: wenn er schon wochenlang schreiben konnte "Meine Kaethe", so musste sie doch von seinen Absichten wissen. Dass Kaethe an Martin Luther auch ein rein menschliches Gefallen fand, begreift sich. Er war wohl schon 42 Jahre alt und 16 aelter wie sie selbst. Aber ein Zeitgenosse bezeugt: "Ein fein klar und tapfer Gesicht und Falkenaugen hatte er und war von Gliedmassen eine schoene Person. Er hatte auch eine helle feine reine Stimme, beides zu singen und zu reden, war nicht ein grosser Schreier". Auch einem edeln, feineren Geschmack musste der ehemalige Moench und Bauernsohn zusagen: er hielt etwas auf ein ansprechendes Aeussere und wegen seiner Sorgfalt in der Kleidung nannten ihn sogar seine Gegner tadelnd einen "feinen Hofmann", denn er trug "Hemden mit Baendelein", hatte einen Fingerring und gelbe Stiefel[129]. Dabei war Luther fuer alles Schoene in Kunst und Natur eingenommen, ein guter Saenger und "Lautenist", heiteren Sinnes und froehlicher Laune. Aber noch mehr musste Luthers Gemuetsart einem weiblichen Wesen zusagen: er war bei aller Heftigkeit doch gutmuetig, bei aller Halsstarrigkeit lenkbar wie ein Kind, bei aller Derbheit doch sinnig und feinfuehlig. Dabei war er "ein frommer (guter) Mann", der sein Weib herzlich lieb haben konnte, und in dessen Besitz, wie er selber sagte, eine Frau sich als Kaiserin duenken duerfte[130]. Freilich auch die aeussere Stellung, welche Luthers Gemahlin einnahm, musste einen hochstrebenden Sinn reizen. Das Doktorat war in dieser Humanistenzeit noch hoeher gewertet als heutzutage die akademische Professur, es stand mindestens dem Adel gleich. Der einfachste Doktor, der vom Bauern- und Handwerkerstand sich emporgearbeitet hatte, wurde von adeligen Jungfrauen als wuenschenswerter Ehegenosse begehrt, sodass eine grosse Anzahl Professorenfrauen in Wittenberg von Adel waren. Und gar Luthers Gattin zu heissen, des gefeiertsten Mannes nicht nur in ganz Wittenberg, sondern in der ganzen Christenheit, musste einem Weibe von Selbstgefuehl schmeicheln, wenn es sich auch umgekehrt sagen musste, dass mit der Groesse des Mannes auch all der Hass und die Beschimpfung mit in Kauf zu nehmen, welche ihm die Feinde entgegenbrachten. Es war auch ein gewagtes Unternehmen, einen solchen ausserordentlichen Mann zu befriedigen, des Gewaltigen ebenbuertige Lebensgefaehrtin zu werden. Jungfer Kaethe hatte den Mut wie das Selbstbewusstsein dazu. So weigerte sich Kaethe der Annaeherung Luthers nicht. Die foermliche Bewerbung Luthers ist wahrscheinlich erst Dienstag den 13. Juni geschehen, natuerlich im Reichenbachschen Hause. Ein spaeterer Bericht sagt, dass Kaethe ueberrascht war und anfaenglich nicht gewusst, ob es Luthers Ernst sei, dann aber eingewilligt habe. Gleich abends am selben Tage war die Trauung oder "das Verloebnis", entweder ebenfalls beim Stadtschreiber oder moeglicherweise in Luthers Behausung im Kloster. Auf die Zeit des Nachtmahls lud der Doktor den Stadtpfarrer Bugenhagen und den Stiftspropst Jonas, den Juristen Apel und den Ratsherrn und Stadtkaemmerer Meister Lukas Kranach und seine Frau--Melanchthon war nicht dabei--was Jonas ausdruecklich als auffaellig hervorhebt: er war so aengstlich ueber diesen Schritt seines grossen Freundes, dass er nicht zu diesem Akt passte. Auch seinen Freund Dr. Hier. Schurf konnte Luther nicht zu seinem Rechtsbeistand waehlen, weil dieser Lehrer des buergerlichen und kirchlichen Rechts allerlei juristische Bedenken hatte gegen die Priesterehe[131]. Die Trauung geschah nach den herkoemmlichen Braeuchen[132]: der Rechtsgelehrte vollzog die rechtlichen Formalitaeten, den schriftlichen Ehevertrag, er (oder Bugenhagen) fragte im Beisein der Zeugen den Braeutigam, ob er die Braut zum Weibe nehmen und die Braut, ob sie den Mann zum ehelichen Gemahl haben wollte. Dann gab der Pfarrer sie beide mit Gebet und Segen zusammen. Darauf folgte ein kleines Abendessen und dann das Beilager: Braut und Braeutigam wurden zum Brautbett gefuehrt, lagerten sich darauf unter einer Decke und damit war die Ehe gueltig[133]. Das war Luthers "Geloebnis", wie es in der Wittenberger Redeweise hiess. Jonas konnte sich beim Anblick der Verlobten auf dem Brautlager nicht enthalten, Thraenen zu vergiessen, so sehr war er bewegt. Aber auch die Gemueter der anderen waren gewiss in grosser Bewegung, nicht zum wenigsten Luther und Kaethe[134]. Am folgenden Morgen, Mittwoch, gab Luther den Freunden ein kleines Mittagsmahl, das damals um 10 Uhr stattfand. Da mittlerweile die Vermaehlung in dem kleinen Wittenberg rasch bekannt geworden war, so sandte der Stadtrat einen Ehrentrunk von einem Stuebchen (= 4 Mass) Malvasier, einem Stuebchen Rheinwein und anderthalb Stuebchen Frankenwein[135]. "Das Geloebnis" war aber nach damaliger Sitte nicht die "Beilage" oder oeffentliche Hochzeit; diese folgte erst spaeter mit oeffentlichem Kirchgang und der "Wirtschaft" (d.i. Hochzeitsschmaus) und feierlicher Heimfuehrung der "Jungfer Braut". Vierzehn Tage nach der Trauung, Dienstag den 27. Juni, folgte nun bei Luther dieses hochzeitliche Mahl und "Heimfahrt", denn das junge Ehepaar und seine Freunde wollten nicht nur die Sitte ehren, sondern gerade recht auffaellig in oeffentlicher Feierlichkeit vor der Welt ihren heiligen Ehestand ehrenvoll bezeugen. Dazu lud der Doktor seine Eltern und seinen Schwager Dr. Ruehel in Mansfeld nebst noch zwei Mansfeldischen Raeten, Johann Duerr und Kaspar Mueller, ferner den Hofkaplan M. Spalatin und den Pfarrer Link in Altenburg, den kuehnen Befreier der Nonnen Leonhard Koppe als "wuerdigen Vater Prior", den Kurfuerstlichen Hofmarschall Dr. Johann von Dolzig, vor allem aber den Superintendenten ("Bischof") Amsdorf in Magdeburg u.a.[136]. Die mit Scherz und Ernst gewuerzten Einladungsbriefe an diese Gaeste--ausser dem an die Eltern--sind noch vorhanden. Da schreibt Luther an die drei Mansfeldischen Raete: "Bin willens, eine kleine Freude und Heimfahrt zu machen. Solches habe ich Euch als guten Herren und Freunden nicht wollen bergen und bitte, dass Ihr den Segen helft darueber sprechen. Wo Ihr wolltet und koenntet samt meinem lieben Vater und Mutter kommen, moegt Ihr ermessen, dass mir's eine besondere Freuden waere". An Link: "Der Herr hat mich ploetzlich, da ich's nicht dachte, wunderbarer Weise in den Ehestand versetzt mit der Nonne Kaethe von Bora.... Wenn Ihr kommt, will ich durchaus nicht, dass Ihr einen Becher oder irgend etwas mitbringt". An Dolzig: "Es ist ohne Zweifel mein abenteuerlich Geschrei fuer Euch kommen, als sollt ich ein Ehemann worden sein. Wiewohl nun dasselbige fast seltsam ist und ich's selbst kaum glaube, so sind doch die Zeugen so stark, dass ich's denselben zu Dienst und Ehren glauben muss, und fuergenommen, auf naechsten Dienstag mit Vater und Mutter samt anderen guten Freunden in einer Kollation dasselbe zu versiegeln und gewiss zu machen. Bitte deshalben gar freundlich, wo es nicht beschwerlich ist, wollet auch treulich beraten mit einem Wildbret und selbst dabei sein und helfen das Siegel aufdruecken und was dazu gehoert"[137]. Das Wildbret fehlte nicht; Wittenberg, welches wusste, was die Universitaet und Stadt an Luther besass--er hat die kleine Stadt und Universitaet erst gross und beruehmt gemacht--spendete reichliche Geschenke. Der Stadtrat sandte "Doctori Martino zur Wirtschaft und Beilage ein Fass Eimbeckisch Bier und zwanzig Gulden in Schreckenbergern"; und die loebliche Universitaet verehrte als Brautgeschenk "H.D. Marthin Luthern und seiner Jungfraw Kaethe von Bor" einen hohen Deckelbecher aus Silber mit schoenen vergoldeten Verzierungen. Johann Pfister, der zu Ostern den Moench ausgezogen und zu Pfingsten nach Wittenberg gereist war, um da zu studieren, hat auf D. Luthers Hochzeit das Amt eines Mundschenken versehen. Vielleicht waren jetzt auch die Eheringe fertig, welche die Freunde besorgten. Diese Eheringe soll der Kaiserl. Rat Willibald Pirkheimer in Nuernberg von Albrecht Duerer haben anfertigen lassen und geschenkt haben; desgleichen auch eine goldene Denkmuenze mit Luthers Bild. Der Trauring Luthers ist ein zusammenlegbarer Doppelreif mit Diamant und Rubin, den Zeichen von Liebe und Treue; unter dem hohen Kasten sind die Buchstaben M.L.D. und C.V.B. und in dem Reif der Spruch: "Was Gott zusammenfueget, soll kein Mensch scheiden". Katharinas Ring hat einen Rubin und ist mit Kruzifix u.a. geziert, mit der Inschrift: "D. Martinus Lutherus, Catharina von Boren 13. Juni 1525"[138]. Dass dabei Katharina in ueblichem Brautschmuck erschien, ist selbstverstaendlich, wenn dieser auch nicht so reich war, als das angebliche Bild Katharinas von Bora im Hochzeitsstaat denken laesst[139]. So wurde mit den guten Freunden eine froehliche Hochzeit gefeiert. Freilich werden der unruhigen Zeitlaeufte wegen nicht alle Eingeladenen erschienen sein--Luther setzte das schon in seinen Briefen voraus. Auch Magister Philipp Melanchthon war nicht dabei, der aengstliche Gelehrte, welcher gegen Luthers Ehe und besonders mit der Nonne war, waere ein uebler Hochzeitsgast gewesen. Von Katharinas Verwandten scheint niemand anwesend gewesen zu sein. Vater und Mutter waren wohl schon laengst tot, zwei Brueder im fernen Preussen, der aelteste vielleicht auch ferne; den anderen Verwandten war Kaethe doch durch ihr Klosterleben entfremdet, es hatte sich ja auch bisher niemand von ihnen ihrer angenommen. So musste sie ihre Gefreunde und Verwandte in ihren Pflegeeltern und Luthers Freunden und Eltern sehen. Und wenn ihr's an ihrem Hochzeitsfest recht wehmuetig ums Herz gewesen sein wird, so musste sie doch die hohe Verehrung und Freundschaft troesten, welche ihr Gatte bei seinen Amtsgenossen und Landsleuten gefunden hatte. 6. Kapitel Das erste Jahr von Katharinas Ehestand. Luther fuehrte nach seiner Vermaehlung die junge Frau in seine Wohnung im Augustinerkloster. Denn dies hatte ihm der Kurfuerst Johann der Bestaendige, der seit Mai seinem Bruder Friedrich dem Weisen gefolgt war, unter der Bedingung des Vorkaufsrechts zur Verfuegung gestellt. Das "schwarze Kloster" lag oben am Elsterthor, unmittelbar am Wall und Graben, still und abgewandt von der Welt, von der Strasse durch einen grossen Hof geschieden. Das dreistoeckige Hauptgebaeude gegen die Elbe zu gelegen war die Behausung der Moenche gewesen und jetzt Luthers Aufenthalt. In der westlichen Ecke nach Mittag gerichtet und mit Aussicht auf die gelben Fluten des Stromes war Luthers Zelle, woraus er "den Papst gestuermt hatte": sie blieb auch jetzt seine Studierstube. Dagegen richtete das Ehepaar nach dem Hofe zu, wo die Gemaecher des ehemaligen Priorats lagen, die geraeumige Wohnstube ein, worin auch gespeist und die Besucher empfangen und Gaeste bewirtet wurden. Davor lag ein kleineres Empfangszimmer mit Holzbaenken. Die Decken der Gemaecher und bis zur halben Hoehe auch die Waende des behaglichen Wohnzimmers waren mit Holzgetaefel versehen, an den Waenden hin zogen sich Baenke, Pfloecke darueber dienten zum Aufhaengen von Geraeten und Kleidern. Zwei grosse Fenster mit Butzenscheiben schauten in den Klosterhof. Aber um deutlicher zu sehen, waren kleine Schiebfenster angebracht, welche klirrend geoeffnet wurden, wenn dahinter etwas beobachtet werden sollte, ein Besuch kam oder ging oder auf die Dienstboten und das Geziefer des Hauses geachtet werden sollte. Dort in der Fensternische wurde ein einfacher hoelzerner Sitz aufgestellt mit einer Art Pult, der als Naehtisch dienen mochte. Ein maechtiger Eichentisch auf Kreuzgestellen stand in der Mitte und die eine Ecke fuellte ein maechtiger Kachelofen. Darum hiess die Wohnstube auch "das gewoehnliche Winterzimmer". Es war wohl noch von der Klosterzeit her bemalt. Wahrscheinlich befand sich auch hier ein Bild der Maria mit dem schlafenden Jesuskind[140]. Hinter dieser Wohnstube war das Schlafzimmer und eine weitere Kammer, von dieser wurde spaeter eine Stiege mit einer Fallthuere in das Erdgeschoss angelegt, auf der man in die Wirtschaftsraeume drunten gelangen und namentlich die Speisen von der Kueche innerhalb des Hauses heraufbringen konnte. Denn Kueche, Dienstbotenzimmer und dgl. waren unten im ehemaligen Refektorium[141]. Schon in diesem Jahre, 1525, schenkte der Stadtrat verschiedene Fuhren Kalk, womit das Klosterhaus innen und aussen, wenigstens teilweise, getuenscht werden konnte. Vielleicht geschah dies bereits in der Zwischenzeit zwischen der Trauung und Heimfuehrung, dieser zu Ehren, als das Haus viele festliche Besucher aufnehmen musste[142]. Die erste Ausstattung des Hauses wird duerftig genug gewesen sein, denn Luther konnte bei seiner bekannten Freigebigkeit und Gastfreiheit mit seinem Gehalt kaum fuer sich selbst bestehen, und obwohl der Kurfuerst es bei seiner Verheiratung auf 200 fl. aufbesserte, so waren daraus nicht viel Anschaffungen zu machen, namentlich fuer ein so weitlaeuftiges Gebaeude. Die 100 fl., die der Kurfuerst, und die 20 fl., die der Stadtrat zur Hochzeit schenkte, gingen darauf fuer das kostspielige Festmahl. Der Klosterhausrat, so weit er noch uebrig und nicht weggeschleift war durch allerlei unberufene Haende, war Luther von den Visitatoren geschenkt worden. Aber es war geringfuegig: Schuesseln und Bratspiesse, einiger sonstiger Hausrat und Gartengeraete--zusammen kaum 20 fl. wert. So werden wohl die Freunde durch Hochzeitsgeschenke, die freilich in der Regel aus silbernen Bechern bestanden, unmittelbar oder mittelbar dazu beigetragen haben, die oeden Raeume des Klosters ein bisschen wohnlich zu gestalten. Verwoehnt durch mannigfaltigen Hausrat war man damals ueberhaupt nicht, und die zwei ehemaligen Klosterleute noch weniger. So schenkte D. Zwilling von Torgau einen Kasten, der war aber bald so lotter und wurmstichig, dass Frau Kaethe kein Leinen mehr darin aufbewahren konnte vor lauter Wurmmehl. Nach und nach kamen auch sonst von auswaerts allerlei Geschenke, sogar kuenstliche Uhren. Vom Stadtrat wurde das junge Ehepaar ein ganzes Jahr lang mit Wein aus dem Ratskeller freigehalten, brauchte aber nur (trotz vieler Gaeste) fuer 3 Thlr. 4 Groschen 6 Pfennige. Auch schenkte die Stadt "Frau Katharinen Doktor Martini ehelichem Weibe zum neuen Jahr (1526) ein Schwebisch" (schwaebisches Tuch)[143]. Der einzige Mitbewohner und neben Luther letzte Moench, der Prior Brisger verheiratete sich gleich nach Luther und zog nach einiger Zeit in sein neugebautes Haeuschen, das neben dem Kloster, aber vorn an der Strasse gelegen war, dann auf die Pfarrei Altenburg. Von den alten Klosterbewohnern blieb nur Luthers Famulus Wolfgang Sieberger im Hause, der arm an Geld und Geistesgaben zwar zu studieren angefangen, aber es nicht hatte fortsetzen und vollenden koennen, und besser zu einem Diener taugte als zum Gelehrten, eine treue Seele, die von 1517 bis zu Luthers Tod im Hause blieb und den Doktor nur um ein Jahr ueberlebte. Eine Magd war auch da und andere folgten bald, als der Haushalt sich ausdehnte. In diesem Hause nun gewoehnte sich das junge Paar zunaechst einigermassen in Ruhe in den Ehestand und aneinander, und Luther schrieb da: "Ich bin an meine Kaethe gekettet und der Welt abgestorben"[144]. Es war dem 42jaehrigen Gelehrten, Junggesellen und ehemaligen Moench im ersten Jahre des Ehestandes ein seltsames Gefuehl, wenn er jetzt selbander bei Tische sass statt allein, oder wenn er morgens erwachend zwei Zoepfe neben sich liegen sah. Aber auch der juengeren Ehefrau, der frueheren Nonne mochte ihr neuer Stand seltsam duenken, hier im ehemaligen Kloster, namentlich an der Seite des gewaltigen Mannes, der die Weltordnung umgekehrt hatte und mit Papst, Kaiser, Welt und Teufel im Kampfe lag[145]. Da sass Kaethe in dieser ersten Zeit bei Luther hinten in seiner Studierstube, von wo er mit dem Flammenschwert seiner Feder den Papst gestuermt, sah ihn von Buechern umgeben, den Tisch mit Briefen und Schriftbogen bedeckt, spann und horchte ihm zu und that auch Fragen nach diesem und jenem. Ihre Fragen zeugten nicht immer von Welterfahrung und theologischer Bildung. So ergoetzte es den Gelehrten, als sie einmal fragte: "Ehr Doktor, ist der Hochmeister in Preussen des Markgrafen Bruder?" Es war dieselbe Person. Luther weihte seine junge Frau bald in theologische Fragen ein. Als ihm Jonas 1527 seine jetzige Ansicht ueber Erasmus meldete, las er seiner Frau ein Stueck des Briefes vor. Da sprach sie alsbald: "Ist nicht der teure Mann zur Kroete geworden?" Und sie freute sich, dass Jonas nun die gleiche Ansicht mit Luther ueber Erasmus hatte. Mit der Zeit erweiterte sich ihr Wissen, sie lernte in ihres Mannes Haus, wo so viele Faeden der Kirchen- und Weltgeschichte zusammenliefen und so viele bedeutende Maenner, Gelehrte, Staatsmaenner und Fuersten einkehrten, die Weltdinge verstehen und lebte sich in die theologische Gedankenwelt so ein, dass sie an den Tischreden lebhaften Anteil nahm und auch Gelehrte durch ihren gesunden Menschenverstand und ihr natuerliches Gefuehl mitunter in Verlegenheit brachte[146]. Frau Kaethe hatte eine ziemliche Beredsamkeit, so dass Luther sie oftmals damit neckte und sie einmal einem Englaender als Sprachlehrerin empfahl oder auch davon redete, dass sie das Amen nicht finden koennte bei ihren Predigten. Er sagt aus der Erfahrung von seiner Gattin: "Weiber reden vom Haushalten wohl als Meisterinnen mit Holdseligkeit und Lieblichkeit der Stimm und also, dass sie Cicero, den besten Redner, uebertreffen; und was sie mit Wohlredenheit nicht zu Wege bringen koennen, das erlangen sie mit Weinen. Und zu solcher Wohlredenheit sind sie geboren, denn sie sind viel beredter und geschickter von Natur zu diesen Haendeln, denn wir Maenner, die wir's durch lange Erfahrung, Uebung und Studieren erlangen. Wenn sie aber ausser der Haushaltung reden, so taugen sie nichts."[147] Zur Abwechslung arbeiteten die jungen Eheleute auch in dem umzaeunten Klostergarten hinter dem Hause, worin auch ein Brunnen war. Da wurde gegraben und gepflanzt und allerlei Kraeuter, Gemuese und Obstbaeume, aber auch zierliche Straeucher und Blumen gepflegt. So konnte Luther schon im folgenden Sommer Spalatin einladen: "Ich hab einen Garten gepflanzt, einen Brunnen gegraben, beides mit gutem Glueck. Komm, und Du sollst mit Lilien und Rosen bekraenzt werden." Auch zu dem "Lutherbrunnen" vor dem Elsterthore wandelten die Ehegatten hinaus, welchen der Doktor 1521 entdeckt hatte und 1526 fassen und mit einem "Lusthaus" ueberbauen liess, in dem er manch liebes Mal in Musse mit seiner Frau und seinen Freunden sass. Sonst ruhten die beiden unter dem Birnbaum im Klosterhofe, der schon zu Staupitz' Zeiten manches ernste Gespraech vernommen[148]. Von dem jungen Ehepaar haben wir ein Bild aus der Werkstatt Kranachs. Die junge Frau, mehr eine zarte als robuste Erscheinung, hat ein ovales Gesicht mit feiner Hautfarbe, die Augenoeffnung erscheint ein bisschen "geschlitzt", die Backenknochen, welche in einem anderen Kaethe-Typus sehr stark hervortreten, sind normal. Charakteristisch ist die volle Unterlippe. Die Augenbrauen sind schwach und hoch gewoelbt, das wenig ueppige feine Haar hat roetliche oder blonde Farbe und die mattblauen Augen schauen verstaendig drein. Der Eindruck des ganzen Gesichtes laesst nuechternen Ernst und eine gewisse zaehe Energie erwarten[149]. Die Zeit der ersten Liebe schildert der Wittenbergische Doktor obwohl "nicht von unmaessiger Liebesglut entflammt", mit den gleichen Worten wie unser moderner Dichter: "Die hoechste Gnade Gottes ist's, wenn im Ehestande Eheleute einander herzlich stets fuer und fuer lieb haben. Die erste Liebe ist fruchtbar und heftig, damit wir geblendet und wie die Trunkenen hineingehen; wenn wir die Trunkenheit haben ausgeschlafen, alsdann so bleibet in Gottesfuerchtigen die rechtschaffene Liebe, die Gottlosen aber haben den Reuwel."[150] Freilich diese Zeit sei