The Project Gutenberg eBook, Björnstjerne Björnson Gesammelte Werke in Fünf Bänden; Erster Band, by Björnstjerne Björnson, Edited by Julius Elias This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at www.gutenberg.net Title: Björnstjerne Björnson Gesammelte Werke in Fünf Bänden; Erster Band Author: Björnstjerne Björnson Release Date: July 16, 2004 [eBook #12921] [Updated July 18, 2004] Language: German Character set encoding: ISO-646-US (US-ASCII) ***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK BJöRNSTJERNE BJöRNSON GESAMMELTE WERKE IN FüNF BäNDEN; ERSTER BAND*** E-text prepared by Juliet Sutherland and Project Gutenberg Distributed Proofreaders BJOERNSTJERNE BJOERNSON GESAMMELTE WERKE IN FUENF BAENDEN EINZIGE AUTORISIERTE DEUTSCHE VOLKSAUSGABE ERSTER BAND GEDICHTE UND ERZAEHLUNGEN HERAUSGEGEBEN VON JULIUS ELIAS 1911 INHALT VORWORT GEDICHTE[1]: [1] Die Gedichte mit B sind von _Max Bamberger_, die mit F sind von _Ludwig Fulda_, die mit Mj sind von _Claere Mjoeen_, die mit Mo sind von _Christian Morgenstern_ und die Gedichte ohne Zeichen sind von _Roman Woerner_ uebersetzt. Nils Finn Lied der Jungfrauen (B) Die Taube (B) Vaterlandsweise (Mo) Ein Lied fuer Norwegen (Mo) Norwegens Antwort auf die Reden im schwedischen Ritterhaus Johan Ludvig Heiberg (B) Das Meer Allein und in Reue Die Prinzessin Vom Monte Pincio (F) Ach, wuesstest du nur! (F) Die Engel des Schlafes (B) Das Maedchen am Strand (F) Heimliche Liebe (Mo) Olav Trygvason (Mo) Seufzer (F) An ein Patenkind Bergliot (Mj) An meine Frau (Mo) In einer schweren Stunde (F) Frida (Mo) An Bergen (Mo) P.A. Munch (Mj) Koenig Friedrich der Siebente (B) Als Norwegen nicht helfen wollte (B) An den Danebrog (Mj) Der Norroenastamm (F) Gesang der Puritaner Jagdlied (B) Taylors Lied Hochzeitslied I. (F) Lektor Thasen Auf einer Reise durch Schweden (Mo) Stelldichein (F) Lied des Studentengesangvereins (Mj) An den Buchhaendler Johann Dahl (Mj) Die Spinnerin (B) Die weisse und die rote Rose In der Jugend (Mj) Das blonde Maedchen (Mo) Mein Monat (Mo) Hochzeitslied II. (F) Norwegisches Seemannslied (Mo) Halfdan Kjerulf (Mj) Vorwaerts (Mo) Wie man sich fand (Mj) Norwegische Natur (F) Ich reiste vorueber Mein Geleit (F) An meinen Vater (F) An Erika Lie (Mj) An Johan Sverdrup (Mj) Das Kind in unsrer Seele (F) Der alte Heltberg Fuer die Verwundeten (Mj) Land in Sicht An H.C. Andersen Bei einer Ehefrau Tode (Mo) An der Bahre des Kirchensaengers A. Reitan (Mj) Das Lied (F) Auf N.F.S. Grundtvigs Tod Aus der Kantate fuer N.F.S. Grundtvig (Mj) Bei einem Fest fuer Ludv. Kr. Daa (B) Nein, wo bleibst du doch? Weckruf an das Freiheitsvolk im Norden--Der "vereinigten Linken" Offne Wasser Freiheitslied--An "die vereinigte Linke" (B) An Molde (Mj) Die reine norwegische Flagge (Mj) An den Missionar Skrefsrud in Santalistan Post festum (B) Romsdalen (Mj) Holger Drachmann (F) Wiedersehen Des Dichters Sendung (B) Psalmen (F) Frage und Antwort Wecklied an die norwegische Schuetzengilde (Mj) Arbeitermarsch (B) Der Zukunft Land (Mj) Ein junges Voelkchen kerngesund (Mj) Norge, Norge (F) Meistern oder gemeistert werden Im Walde (F) Der siebzehnte Mai (Mj) Frederik Hegel (Mj) Unsere Sprache (Mo) In die Sammlung seiner "Gedichte" hat Bjoernson aus den Erzaehlungen und Dramen eine Reihe von Liedern uebernommen, die hier mit den Stellen, wo sie in der vorliegenden Ausgabe zu finden sind, verzeichnet werden sollen: Synnoeves Lied (Mo) Der Fuchs und der Hase (F) Lied der Mutter (Mo) Das Boecklein (Mo) Das Lied vom Schneider Nils (Mo) Venevil (Mo) Ueber die hohen Berge (Mo) Der sonnige Tag (Mo) Ingerid Sletten (Mo) Der Baum (Mo) Der Ton (Mo) Lockruf (B) Abendstimmung (Mo) Marits Lied (B) Lieb' deinen Naechsten Oeyvinds Lied (B) Liebeslied (F) Berglied (F) Die erste Begegnung (F) Morgengruss Vaterlandsweise (Mo) Frederik Hegel (F), Band III. Wann wird es Morgen (Mj), Band III. Kares Lied (Mo) ("Sigurd Slembe"'2, A. III, 1. Sz.), Band IV. Ivar Ingemundsens Lied (ebda.'3 A. II, 1. Sz.), Band IV. Magnus der Blinde (B) (ebda.'3 A. III, 1. Sz.), Band IV. Suende, Tod (Mo) (ebda.'3 A. III, 4. Sz.), Band IV. Sie haben einander gefunden (F) (D. Koenig, 3. Zwischenspiel), Band IV. ERZAEHLUNGEN: Thrond (1856) Die gefaehrliche Freite (1856) Synnoeve Solbakken (1857) Arne (1858) Ein froehlicher Bursch (1859) Der Vater (1859) Das Fischermaedel (1868) * * * * * VORWORT Nicht erst Bjoernstjerne Bjoernsons Heimgang hat den Plan geformt und gereift, sein Werk in gedrungener Ausgabe dem deutschen Volke vorzulegen: vielmehr ist das Unternehmen einem seiner letzten und eigensten Wuensche entsprungen. Am Entwurf noch hat er so eifrig und entschieden mitgearbeitet, wie er alles ergriff, was der Bestaetigung seiner feurigen Persoenlichkeit dienen konnte. Bjoernsons Todestag (26. April 1910) jaehrt sich, da dieses Gegenstueck der volksmaessigen Ibsenausgabe ans Licht tritt, und der Herausgeber kann ein Gefuehl der Wehmut nicht unterdruecken, dass der Dichter die Verwirklichung dessen nicht mehr gesehen hat, was wir gemeinsam ersonnen haben. Die "Gesammelten Werke" sollen nichts anderes als eine Auswahl, allerdings im weitesten Wortsinne, bieten, eine Auswahl, die Bjoernsons Lebensarbeit in ihren wesentlichen und bleibenden Bestandteilen erschoepfend zusammenfasst. Hierdurch unterscheidet sie sich von der bekannten Unternehmung des Langenschen Verlages, die, ohne sich als eine eigentliche Gesamtausgabe zu charakterisieren, Dichtung an Dichtung, Buch an Buch in Einzelbaenden reiht. Der von Bjoernson befuerwortete Gesichtspunkt war: in eine Volksausgabe aus dem gewaltigen Korpus seiner literarischen Wirksamkeit das aufzunehmen, was im kuenstlerischen und geistigen Dasein seiner Nation wie der modernen Voelker ueberhaupt Epoche gemacht hat, mit besonderer Beruecksichtigung der Arbeiten, die in seinem eigenen Leben Epoche machten, d.h. als Dokumente seiner menschlichen und dichterischen Entwicklung gelten koennen. Ein zwiefacher Massstab also: der kulturgeschichtliche und der autobiographische. So ergaben sich auf natuerliche Art drei Gruppen: die Sammlung der "Gedichte", die aus seinem Gesamtwirken geschoepften, unmittelbaren lyrischen Zeugnisse eines Persoenlichkeitswachstums; die grossen und kleinen Erzaehlungen, sowie die beiden weltumspannenden Romane; zehn Schauspiele, die als die wichtigsten Leistungen sowohl seiner romantisch-nationalen Dichtung als auch seiner Gesellschaftsdramatik gelten koennen: sie fuellen zwei Baende aus, waehrend die Gedichte und Prosastuecke in drei Baenden vereinigt werden. Innerhalb dieser einzelnen Abteilungen herrscht eine chronologische Ordnung, die nur einmal unterbrochen wird, um den dritten Band, durch die Verkoppelung der voluminoesen Romane, zum Schaden des stofflichen Gleichgewichts, nicht allzusehr anschwellen zu lassen. Die kuenstlerische Aufgabe, die dieses Werk darbot, haette ohne das verstaendnisvolle Entgegenkommen des Verlages A. Langen kaum erfuellt werden koennen; wir schulden seinen Vertretern nicht geringen Dank: sie haben uns alles zur Verfuegung gestellt, was den Wert und die Fuelle dieser Ausgabe steigern konnte. Die Texte selbst waren den Grundsaetzen der Interpretation unterworfen, die das Ibsenwerk als Massstab gesetzt hat: einen ebenso formkraeftigen, wie sprachlich reinen und alles Charakteristische treu und doch frei wiedergebenden deutschen Ausdruck anzustreben. Ob dies Ziel erreicht ist, unterliegt nicht unserer Entscheidung. Die "Gedichte" gingen ohne wesentliche Aenderungen aus der Langenschen Sammlung in unsere Ausgabe ueber, nur mit dem Unterschied, dass einerseits eine, uebrigens kurze Reihe von Poesien ausgelassen ist, die in engstem Sinne "Gelegenheitsdichtungen" sind, und andrerseits--um doppelten Abdruck zu vermeiden--28 Lieder in der Sammlung selbst unterdrueckt wurden, weil sie spaeter in den Prosastuecken und Dramen als lyrische Intermezzi wiederkehren: nach dem uebersichtlichen Tableau des Inhaltsverzeichnisses zum ersten Bande sind sie unschwer aufzufinden. Als massgebender Originaltext wurde die elfbaendige Volksausgabe "Samlede Vaerker" (Kopenhagen, Gyldendal) bestimmt. Die Uebersetzungen der Prosawerke sind durch eine grundlegende Revision und vielfache stilistische Umformung der aelteren Ausgaben entstanden; hier ist, unter der ruehrigen Mitwirkung von _Elsa Glawe_, _Gertrud J. Klett_ und _Max Bamberger_ eine Arbeit geleistet worden, die als neu und selbstaendig anzusprechen ist. Damit wird das Verdienst zumal Claere Mjoeens, unserer lyrischen Mitarbeiterin, die besonders fuer die vier reichen Baende der "Gesammelten Erzaehlungen" auf der ersten Etappe der deutschen Bjoernsonpropaganda Wesentliches geleistet hat, durchaus nicht beeintraechtigt. Von besonderer Bedeutung wurde es fuer die Neugestaltung der Texte, dass _Ludwig Fulda_ seine feine und starke Verskunst in den Dienst unserer Sache stellte. Von ihm stammen die lyrischen Nachdichtungen in den Erzaehlungen "Arne" und "Das Fischermaedel", soweit die Fassungen nicht durch die Sammlung der "Gedichte" vorgeschrieben waren. Er hat hier und in vielen anderen Winkeln unseres verzweigten Baus ein Interesse bezeugt, so hilfreich und tatkraeftig, dass wir uns ihm zu dauernder Dankbarkeit verpflichtet fuehlen. Von _Ludwig Fulda_ stammt ebenfalls die deutsche Form der lyrischen Zwischenspiele und eingestreuten Lieder im Drama "Der Koenig", waehrend man _Roman Woerner_ fuer die nachschaffende Uebertragung des Versstuecks "Sigurds erste Flucht" ("Sigurd Slembe", 1. Teil) verbunden ist. Die neue und von allen Vorbildern unabhaengige Uebersetzung der zehn Prosadramen hat sich _der Herausgeber_ allein vorbehalten. Er traegt auch die zusammenfassende Studie ueber Bjoernson--das Werk und den Menschen--bei, die im fuenften Bande die Ausgabe abschliesst. Die "Gesammelten Werke" Bjoernsons sollen nicht in die Welt ziehen, ohne dass in dankbarer Gesinnung der wertvollen Unterstuetzung gedacht waere, mit der _Halvdan Koht_, _Kr. Collin_, _W.P. Sommerfeldt_, _Max Bernstein_, _Max Dreyer_ und die Universitaetsbibliothek zu Kristiania in so mancherlei Beziehungen das Werk gefoerdert haben. In der Frage des Korrekturlesens erwies sich, wie so oft schon, _Theodor Poppe_ als taetiger Freund. Berlin, 13. Maerz 1911. Julius Elias. * * * * * GEDICHTE * * * * * NILS FINN (Aus dem Drama "Hinke-Hulda") Und der kleine Nils Finn wollte flugs ueber Land; Doch sein Schneeschuh, der hielt nicht, so oft er ihn band. --"Das ist schlimm!" sagt' es drunten. Nils stiess mit dem Fusse: "Wo bist du denn--du? Verdammter Kobold! nun lass mich in Ruh'!" --"Hi--ho--ha!" sagt' es drunten. "Da siehst du ein Hexenstueck!" schrie Nils und hob Seinen Stab und schlug in den Schnee, dass es stob. --"Hit--li--hu!" sagt' es drunten. Ein Fuss stak im Schnee; mit kraeftigem Zug Riss Nils daran, bis er hintueber schlug. --"Zieh doch fest!" sagt' es drunten. Nils weinte und stampfte und stach und hieb-- Und sank immer tiefer, je toller er's trieb. --"Das ging gut!" sagt' es drunten. Und die Birken, die tanzten, es bogen sich krumm Vor Lachen wohl hundert Tannen ringsum. --"So bekannt?!" sagt' es drunten. Und es lachte der Berg, dass der Schnee nur so flog; Nils ballte die Faust und schwor, dass er log. --"Nun gib acht!" sagt' es drunten. Und der Schneehang gaehnte, der Himmel fiel ein; Nils dachte: nun schluckt er mich auch mit hinein. --"Ist er weg?" sagt' es drunten. Zwei Schneeschuhe ragten und sahen umher, Aber sahen nicht viel; denn da war nichts mehr. --"Wo ist Nils?" sagt' es drunten. LIED DER JUNGFRAU (Aus dem Drama "Hinke-Hulda") Guten Morgen, Sonne in gruenem Laub! Jugend strahlst du dem Schluchtengrunde, Laecheln seinem finstern Munde, Himmelsgold dem Allweltenstaub! Guten Morgen, Sonne auf ragendem Schloss! Lockst seine Jungfraun aus den Hallen; Leuchtsternlein zuende den Herzen allen,-- Klaere das Leid, das der Nacht entspross. Guten Morgen, Sonne am Felsengrat! Licht gib den Fluren, soweit sie sich strecken; Lass deine Waerme sie baden, sich recken Dem Tage entgegen, der dort naht! DIE TAUBE (Aus dem Drama "Hinke-Hulda") Eine Taube sah ich zittern In eines Sturmwirbels Toben; Sie ward von Ungewittern Jaeh ueber die Hochflut gehoben. Ich hoerte sie nicht klagen, Nicht stoehnen und nicht flehen,-- Die Schwingen fuehlt' sie versagen, Da musste sie untergehen. VATERLANDSWEISE (1859) Es reckt sich ein Land in den ewigen Schnee, Von Sagen umrauscht wie vom Donner der See. Wohl traegt es dem Landmann nur kaerglichen Lohn, Doch ist es geliebt, wie die Mutter vom Sohn. Sie nahm auf den Schoss uns, dieweil wir noch klein, Und weihte uns fromm in ihr Sagabuch ein. Wir lasen--. Das Auge ward feucht und gross. Die Alte sass laechelnd und nickte bloss. Wir sprangen zum Fjorde, wir schauten gebannt Den Bautastein, der da seit Urzeiten stand; Sie stand da, noch aelter, und traeumte stumm, Und Steingraeber lagen im Kreis ringsum. Sie nahm bei der Hand uns und fuehrt' uns gemach Zum Steinkirchlein schlicht unters niedrige Dach, Wo demuetig beugten die Vaeter ihr Knie, Und muetterlich sprach sie: tut ihr wie sie! Sie deckte die bergschroffen Haenge mit Schnee, Sie krauste mit Sturmfaust den Spiegel der See, Sie gab ihren Soehnen des Schneeschuhes Hast Und rief ihre Soehne zu Ruder und Mast. Sie rief ihre Toechter in Reih' und in Glied Und hiess sie uns spornen mit Laecheln und Lied. Sie selber hielt auf dem Sagathron Wacht In ihrem Mantel aus Nordlichtpracht. Da scholl ein Vorwaerts durch Norwegen hin In Vaeterzunge, mit Vaetersinn! Fuer Freiheit und nordische Art hurra! Und rings von den Bergen kam's wieder: hurra! Da ging der Begeistrung Lawine zu Tal, Da straffte sich jegliche Sehne zu Stahl, Da stand ueber Gipfeln ein flammendes Haupt, Des Blick uns nun ewig die Ruhe raubt. EIN LIED FUER NORWEGEN (1859) Ja, wir lieben diese Feste, Wie sie, flutbedraeut, Ihrer Berge Stamm und Aeste Wind und Wolken beut. Lieben ihre tausend Huetten, Ihres Meeres Zorn, Und, den kein Meer kann verschuetten, Ihrer Saga Born. Harald hat ihr Volk verflochten, Dass kein Feind sie zwang, Hakon hat fuer sie gefochten, Waehrend Oejvind sang. Olav malt' auf ihre harte Stirn ein Kreuz von Blut, Sverre brach von ihrer Warte Romas Uebermut. Bauern ihre Aexte schliffen, Wo ein Feind sich wies; Tordenskjold mit seinen Schiffen Ihn wie Spreu zerblies. Weiber sah man kuehn sich einen Mit der Maenner Hauf; Andre konnten nichts als weinen; Doch die Saat ging auf! Waren unser auch nicht viele, Waren doch genug, Als das Land stand auf dem Spiele, Da die Stunde schlug. Lieber mocht's in Flammen stehen, Eh' es kam zu Fall; Denkt nur dessen, was geschehen Einst in Fredrikshall! Tragen galt es Not und Plage, Gott verstiess uns ganz; Doch in schlimmster Drangsal Tage Glomm der Freiheit Glanz. Das gab Kraft fuer alles Schwere, Hunger, Krieg und Pest, Gab dem Tod selbst seine Ehre-- Und dem Zwist den Rest. Unser Feind zerbrach den Degen, Auf fuhr das Visier: Brueder flogen sich entgegen; Denn das waren wir! Schamrot eilten wir hernieder Uebern Oeresund: Und da schlossen wir, _drei Brueder_, Einen ewigen Bund. Volk Norwegens, deinem Gotte Dank' in Huett' und Haus! Liess dich werden nicht zum Spotte, Sah's auch duester aus. Muettersorgen, Vaeterstreiten, Durch Geschlechter hin, Wusst' Er still zum Ziel zu leiten: Unsres Rechts Gewinn. Ja, wir lieben diese Feste, Wie sie, flutbedraeut, Ihrer Berge Stamm und Aeste Wind und Wolken beut. Und wie Vaeterkampf beschieden, Freiheit ihr und Macht, Ziehn auch wir fuer ihren Frieden, Wenn es gilt, auf Wacht. NORWEGENS ANTWORT (auf die Reden im schwedischen Ritterhaus 1860) Hoerst, jung Norge, du mit Schweigen, Was der Schwede sagt? Siehst du's aus der Tiefe steigen, Wo der Grenzfels ragt? Schatten sind's gefallner Ahnen, Die da winken, die da mahnen, Wenn der Hohn den Streit entfacht, Die da fordern treue Wacht. Hoer' den Schweden, hoer' ihn grollen: Norges Flaggenrot, Das aus Wunden reich gequollen Einst bei Magnus' Tod; Das ob Haldens Zinnen schwebte, Adlers Kraft zum Sieg belebte,-- Durch dies Rot im Flaggenfeld Sei sein Blau und Gelb entstellt. Hoer' den Schweden: nichtig seien Norges Ruhm und Glanz; Ehre sollten wir entleihen Seinem Strahlenkranz. Ruhmlos, eignen Herd zu schuetzen! Ziehn wir denn hinab nach Luetzen, Schleppen auch im Wanderschritt Urahns alten Armstuhl mit. Lasst ihn stehn. Der "duerftige Krempel" Wird von uns verehrt; Seines Alters wuerdiger Stempel Macht ihn doppelt wert. Drinnen sass durch lange Zeiten Mancher, gross in Rat und Streiten,-- Sverre und sein Heldenschlag,-- Der wohl hier noch spuken mag. Hoert den Schweden: nur _sein_ Ringen Haette uns befreit, Beissen koennten Schwedenklingen Noch in heutiger Zeit! Duenkt uns das wohl sehr gefaehrlich? Vorsicht raten wir ihm ehrlich; Will er sprengen unser Tor, Fallen einige zuvor. Hoert doch nur: wir waren Knaben, Ihm gehorsam-still Mit der Schleppe nachzutraben Stets, wohin er will. Hei, was sagten wohl dem Kecken Christie und die alten Recken, Stuenden die, das Schwert gewetzt, Noch beim Werk auf Ejdsvold jetzt? Gross war Schweden oft im Prahlen, Wir, wir waren klein; Galt's mit Eisen zu bezahlen-- Nun, wir hieben drein. Wessel und Norwegens Knaben, In dem Kutter nur, die haben Schwedens Flaggschiff unverzagt Uebers Kattegatt gejagt. Lasst den Schwedenadel schwingen Karls des Zwoelften Hut! Mit ihm raten, mit ihm ringen Wir, ihm gleich an Mut. Will er Streit vom Zaune brechen, Wird ein Torgny fuer uns sprechen--: Einst dann ueberm Norden loht Unsrer Flagge Freiheitsrot. JOHAN LUDVIG HEIBERG (1860) Nun geleiten sie zum Grabe Ihn, den alten, muntren Gaertner; Nun gehn Kinder mit der Gabe, Die sein eigen Beet ihm zog. Nun steht jener Garten offen, Drin er unterm Baum gesessen; Nun sucht unser Blick betroffen, Ob er dort nicht fuerder sitzt. Leer der Platz. Im schwarzen Kleide Wandelt eine Frau jetzt einsam Dort umher in stillem Leide, Wo sein helles Lachen klang. Die als Kind erstaunt, voll Sehnen Durch das Gitter draussen blickte, Dankt mit grossen, schweren Traenen Nun, dass ihr der Einlass ward: Maerchen-, Saga-, Geistesflammen Rauschten um ihn her im Laube; Leise schwebt sie, sucht zusammen Jeden Funken fuer ihr Weh. Einstmals drang er fern zur Weite, Dieser alte Herr, der muntre; Wer gelauscht an seiner Seite, Hat so manches wohl gelernt. Denn ihn fuehrten Leben, Schriften Auf zu dem, was wenige schauen; Kaum ein Platz in Geistestriften, Der nicht seine Spuren weist. Schutz war er in Mannesjahren Allem Grossen, allem Schoenen, Und den stillen Sternenscharen Folgt' er dann im Gang zu Gott. Denkt ihr noch, die alt nun worden, Wie die "Neujahrs"-Glocken droehnten? Wie sie Kaempfer rings im Norden Sammelten der grossen Zeit? Denkt ihr noch an ihn, der sprengte Frisch voraus mit hellem Hornruf Und das Niedre abseits draengte, Dass dem Grossen frei die Bahn? Kinder, Faunen als Begleiter,-- Lachen, Geistesspiel und Traenen,-- Hinter ihm der Freiheit Scheiter, Langsam aus sich selbst entflammt. Worten kam der Ruhe Segen, Toenen kam der Herzensfrieden; Maechtig fuhr es allerwegen Durch das Land wie Ahnungschor. Schutz war er in Mannesjahren Allem Grossen, allem Schoenen, Und den stillen Sternenscharen Folgt' er dann im Gang zu Gott, Oder ging in Nordens Garten, Wie ein alter, muntrer Gaertner, Saat der Ewigkeit zu warten, Die des Volkes Lenz ihm gab. Bald voll Ernst und bald voll Laune, Pflanzte er und rueckte hoeher,-- Sass dann abends, wo die braune Buche gab der Seele Licht. Nun steht jener Garten offen, Drin er unterm Baum gesessen, Nun sucht unser Blick betroffen, Ob er dort nicht fuerder sitzt. DAS MEER (Aus "Arnljot Gelline") Meerwaerts verlangt es mich, ja zum Meere, Das fern dort ruhsam rollet in Hoheit. Nebelgebirge, lastende, tragend, Wandert es ewig sich selbst entgegen. Lind senkt sich der Himmel, hell ruft die Kueste, Es kann nicht weilen, es kann nicht weichen. Klagend waelzet es seine Sehnsucht In Sommernaechten, in Winterstuermen. Zum Meere verlangt mich, ja zum Meere, Das fern dort erhebet die kalte Stirne. Siehe, die Welt wirft darauf ihren Schatten Und spiegelt fluesternd hinab ihren Jammer. Aber warm und lichtsanft streichelt's die Sonne Und spricht ihm munter von Lebensfreuden. Eisig, schwermuetig-ruhig doch immer Versenkt es den Trost und versenkt es die Trauer. Der Vollmond saugt--, der Sturm reisst es an sich, Doch kein Griff packt, und die Wasser stroemen. Hinabwirbelt Tiefland, Berge hinschmelzen: Zeitlos bespuelt es der Ewigkeit Ufer. Was es erfasst, geht mit ihm die Wege; Was einmal sinket, das steiget nimmer. Kein Bote naht, kein Schrei wird vernommen, Und der Wogen Sprache kann niemand deuten. Zum Meer hinaus, weit hinaus zum Meere, Das Versoehnung nicht kennt eines Wellenschlags Dauer! Allem, was seufzet, ist es Erloeser, Doch weiter schleppt es das eigne Raetsel. Fuehl' seinen seltsamen Pakt mit dem Tode: Ihm alles zu geben--sich selbst nur nimmer. Mich fuehrt, o Meer, deine grosse Schwermut Und streift zu Boden die matten Plaene Und laesst entfliegen die bangen Wuensche: Dein kalter Atem kuehle die Brust mir! Und der Tod mag folgen, auf Beute lauern: Wir wuerfeln ums Leben noch ein Weilchen! Noch reiss' ich Stunden weg deiner Raublust, Unterm Drohblick des Zornes die Flut durchschneidend, Du sollst nur bauschig fuellen mein Segel Mit deinen sausenden Todesorkanen, Nur eilender trage der Woge Rasen Mein kleines Fahrzeug zu stillen Wassern. Ob einsam und duester auch am Steuer, Verlassen von allen, gestundet vom Tode, Wenn fremde Segel von ferne winken Und andere naechtens vorbei mir streichen: Den Unterton zu belauschen der Stroemung --Des Meeres Seufzer, wenn Atem es holet-- Und der Welle Kleingang gen das Gebaelke --Des Meeres Zeitvertreib in der Schwermut. Da spuelen die Wuensche langsam hinueber In der Allnatur meerestiefe Schmerzen, Und der Nacht und des Wassers rauher Anhauch Ruestet fuers Reich des Todes die Seele. Dann kommt der Tag! Und in weiten Bogen Aufspringt der Mut zum Lichte, zur Woelbung Das Schifflein schnauft und legt seine Seite Mit Wollust hinab in die kalten Wogen, Und der Bursch erklettert den Mast mit Singen, Das Segel zu richten, auf dass es schwelle, Und die Gedanken, wie muede Voegel, Doch ruhlosen Fluges, umschwaermen die Raaen... Ja, ja, zum Meere! Dahin zog Vikar! Gleich ihm zu segeln, gleich ihm zu sinken Im Vordersteven fuer Koenig Olav! Mit dem Kiel zerteilen das kalte Bedenken, Doch Hoffnung haschen vom leisesten Lueftchen. Mit des Todes Finger hinten am Steuer, Mit des Himmels Klarheit vorn ueber den Bahnen! Und dann einmal, in der letzten Stunde, Zu fuehlen, die Naegel loesen sich langsam, Und es drueckt der Tod auf das Plankengefuege, Dass vom Kiel die erloesende Flut heraufschwillt! Dann hingestreckt in den feuchten Segeln Und still hinueber ins ewige Schweigen.-- In grossen, mondscheinklaren Naechten Strandwaerts roll' meinen Namen die Woge! ALLEIN UND IN REUE (An einen abgeschiedenen Freund) Ich hab' einen Freund, im Grauen der Nacht Hoer' ich oft seinen Gruss: Gott mit dir! Wenn die Lichter sterben, mein Sinn nur wacht, Dann tritt er am liebsten zu mir. Er hat kein Wort, das mich kraenken will, Denn er selbst kennt Suende und Leid. Er heilt mit Blicken und wartet still, Bis ich ausgekaempft meinen Streit. Und schafft mir Kummer, was ich getan, So bekennt er sich selbst dazu. Er fasst meinen Glauben so handweich an, Und bringt den Schmerz zur Ruh. Stieg jubelnd die Hoffnung--er folgte ihr, Und verzagte nicht, wenn sie sank. Jetzt wieder--mild steht er neben mir--: Mein Aufschwung werde sein Dank! DIE PRINZESSIN Prinzesschen sass hoch in der Jungfernbastei, Ein Buerschlein ging unten und blies die Schalmei. "Du Kleiner, was blaest du am Abend?--sei still! Das haelt meine Seele, die fortfliegen will Mit der Sonne dort." Prinzesschen sass hoch in der Jungfernbastei, Das Buerschlein blies laenger nicht auf der Schalmei. "Du Kleiner, so blase, was schweigst du denn still? Das traegt meine Seele, die fortfliegen will Mit der Sonne dort." Prinzesschen sass hoch in der Jungfernbastei, Das Buerschlein nun wiederum blies die Schalmei. Sie weint in den Abend und seufzet vor Qual: "O sagt doch, was fehlt mir?--Mit einem Mal Ist die Sonne fort." VOM MONTE PINCIO Der Abend bricht an, die Sonne steht rot, Von Strahlen entlodert der Himmelsbogen; Lichtsehnender Glanz in unendlichen Wogen Verklaert das Gebirg' wie ein Antlitz im Tod. Es flammen die Kuppeln; doch mehr im weiten Die Nebel, die schwarzblaue Felder umbreiten, Ruhn drueber gleichwie das Vergessen zuvor: Dies Tal deckt tausendjaehriger Flor. Abend so rot und warm, Laermenden Volkes Schwarm, Glutende Hornmusik, Blumen und Feuerblick!-- Rings stehen in stummen Marmor gebannte Heroen der Vorzeit, kaum gekannte. Wie Opferdampf in erroetender Luft Hat Vespergelaeut' die Schwingen entfaltet; Die heilige Daemmrung der Kirchen waltet, Gebete zittern in Wort und in Duft. Hell gluehn die Sabiner, die lichtumflirrten, Es blitzt die Campagna von Feuern der Hirten, Und Romas Lichter, sie glitzern sacht Wie Sagen durch der Geschichte Nacht. In den Daemmerschein Steigen Raketen hinein;-- Froehlicher Menschen viel Lachen beim Morraspiel, Und jeder Gedanke versucht in Toenen Und Farben sich mit dem All zu versoehnen. Das Licht unterlag in lautlosem Kampf; Es woelbt sich der Himmel in stahlblauem Dunkel, Entlockt seinen Tiefen der Sterne Gefunkel, Die Erde versinkt in Nebel und Dampf. Nun wendet sich stadtwaerts der Augen Flug: Dort naht mit Fackeln ein Leichenzug; Er sucht die Nacht; doch der Lichtglanz mag Ihm Hoffnungen zuwehn vom ewigen Tag. Zechen und Moenchsgesang, Tanz, Mandolinenklang Werden betaeubt zugleich Kraeftig vom Zapfenstreich;-- Durch pochender Traeume lebendiges Schwanken Mitschimmert das Taglicht im Gedanken. Still wird es; der Himmel, noch dunkeler blau, Laesst unter seinen unendlichen Raeumen Sowohl von Vergangnem wie Kuenftigem traeumen-- Unsicheres Blinken im bruetenden Grau. Doch geben wird Roma das Flammenzeichen, Weit sichtbar rings in Italiens Reichen: Mit Glockengelaeut' und Kanonengedroehn Aufschwebt die Erinnrung zu neuen Hoehn!-- Koestlich tut Saengermund Hoffnung und Glauben kund, Bringt einem jungen Paar Staendchen zur Laute dar. Die staerkere Sehnsucht ruht suess im Hafen;-- Die mindere laechelt und will nicht schlafen. ACH, WUESSTEST DU NUR! Ich darf dich zu sprechen mich nimmer getraun, Du wagst nicht, zu mir herunterzuschaun; Doch seh' ich dich immer am Fenster stehen, Muss immer dort auf und nieder gehen. Dann schleicht mein Denken auf heimlicher Flur Und wagt nicht zu folgen der eigenen Spur! Ach, wuesstest du nur! Als festgewurzelt ich Wache hier stand, Hast oft du sproede dich abgewandt; Doch seit ich seltner den Weg genommen, Nun duenkt mich, du wartest auf mein Kommen. Zwei Augen, sie flechten die Angelschnur; Weh dem, der ihren Zauber erfuhr! Ach, wuesstest du nur! Ja, wenn du ahntest, du Engelsgesicht, Dass ich hier unten ersann ein Gedicht, Das just auf Fluegeln wollte gelangen Dorthin, wo du stehst in lieblichem Prangen! Doch hoerst du ihn nie, den verstohlenen Schwur. Leb' wohl; dir laechle des Glueckes Azur! Ach, wuesstest du nur! DIE ENGEL DES SCHLAFES Als rosig das Kind In Schlummer fiel, Nahten ihm Engel Mit Lachen und Spiel. Und die Mutter stand vor ihm, als es erwachte: "Wie schoen mein Kleines im Schlafe lachte!". Zu Gott ging sie bald, Weg gab man das Kind; Einschlief's in der Fremde, Vom Weinen schier blind; Doch Kosen und Mutterwort hellten die Raeume: Denn die Engel lachten ihm kindliche Traeume. Heran waechst das Kind, Die Traene erstarrt; Einschlaeft's mit Gedanken; Die lasten so hart! Doch nicht weichen die Engel, sie scheuchen die Sorgen: "Schlafe! Im Frieden des Schlafs geborgen!" DAS MAEDCHEN AM STRAND Sie ging am Strande so jung dahin, Sie dachte an nichts in ihrem Sinn. Da kam ein Maler geschritten heran, Der im Schatten sodann, In des Meeres Bann, Den Strand und sie zu malen begann. Langsamer im Kreise ging sie dahin; Ein einziger Gedanke, der lag ihr im Sinn: Sie dacht' an das Bild auf der Leinewand, Wo sie selber stand, Sie selber am Strand, Und im Meer mit dem Himmel gespiegelt sich fand. Es trieb, es zog ein Traum sie dahin; Sie dachte an vieles in ihrem Sinn: Weit, weit uebers Meer und doch so nah Zum Strand, den sie sah, Zum Mann allda-- Ei, was fuer ein sonniges Wunder geschah! HEIMLICHE LIEBE Er sass im Winkel allein; Sie schwang sich lustig im Reihn. Sie scherzte, sie lachte Mit einem, mit zwein... O, dass sie ihm das tun musste! Doch niemand war, der davon wusste. Sie hofft' auf den Abend ein Wort. Er sagte Lebwohl und--ging fort. Sie weinten, ein jedes, Sie hier und er dort, Ob eines Lebens Verluste. Doch niemand war, der davon wusste. Er sah von der Erde ein Stueck. Doch Heimweh trieb ihn zurueck.-- Sein Bild war geblieben Ihr einziges Glueck, Bis dass sie zu Gott gehen musste. Doch niemand war, der davon wusste. OLAV TRYGVASON Weiss von Segeln die Nordsee blitzt; Hoch am Steuer im Morgen sitzt Erling Skjalgsson von Sole,-- Spaeht uebers Meer gen Daenemark: Wo bleibt Olav Trygvason? Sechsundfuenfzig fuellten den Plan, Harrende Drachen; gen Daenemark sahn Sonnbraune Mannen;--da scholl es: "Wollte der Orm nicht kommen? Wo bleibt Olav Trygvason?" Doch als beim nahenden Morgengraun Noch kein Mast am Himmel zu schaun, Schwoll der Ruf wie ein Sturm an: "Wollte der Orm nicht kommen? Wo bleibt Olav Trygvason?" Stille, stille zur selben Stund Alle standen: von Meeres Grund Stieg's empor wie ein Seufzen: "Laengst ist der Orm genommen, Tot liegt Olav Trygvason." Alle hundert Jahre seither Raunt um Norwegens Schiffe das Meer Dumpf in mondigen Naechten: "Laengst ist der Orm genommen, Tot liegt Olav Trygvason." SEUFZER Abendsonnenfunkeln Nie durch meine Scheiben bricht, Auch die Morgensonne nicht;-- Stets bin ich im Dunkeln. Sonne, sprich, wann gleitet In die Kammer mir dein Schein? Faellt kein Strahl ins Herz hinein, Das im Finstern streitet? Meinem Kindersehnen, Morgensonne, bist du gleich; Wenn du spielst so rein und weich, Quellen mir die Traenen. Abendsonnenfrieden, Ach, du gleichst des Weisen Ruh; Meinem Fensterlein wirst du Kuenftig sein beschieden. Morgensonnenklingen, Ach, du bist die Phantasie, Die der Welt Verklaerung lieh. Koennt' ich dich erringen! Abendsonnenmilde, Du bist mehr als Weisheitsruh', Christenglaube bist mir du: Leucht' auf mein Gefilde! AN EIN PATENKIND (1861) Mit einem Album von Bildnissen aller derer, die in seiner Geburtsstunde die Gedanken formten in der Welt des Geistes und der Politik. Hier beschau' dir die Konstellation im Bilde-- Unter ihr ist dein Lichtlein erglueht!-- Die Sternenschar, die im Himmelsgefilde Des Gedankens nun strahlet und sprueht. Was kuenden sie dir? Wir wissen es nicht. Deinem Weg, dem noch dunklen, vorleuchtet ihr Licht, Deiner harrend, ihr Geistesglanz nimmt dich in Pflicht.-- Erst lass sie dich fuehren, Doch trenne dich dann,-- Musst tasten und spueren Dich selber voran. BERGLIOT (In der Herberge) Nun wird Koenig Harald Wohl Tingfrieden geben; Denn Ejnar sammelte Fuenfhundert Bauern. Die Burg umschliesset Ejndride, der Juengling, Dieweil sein Vater Redet zum Koenig. Nun hoffe ich, Harald Bedenkt, dass Ejnar Zween Koenige schon Fuer Norge gekueret-- Und schenkt uns Versoehnung Auf Grund der Gesetze; So war sein Geluebde, Heiss wuenscht es das Volk. Wie auf den Wegen Sandwolken stieben, Und Laerm wacht auf!-- Schau' nach, mein Knappe. --Es war wohl der Wind nur! Denn unwirtlich ist's hier Am offnen Fjord In den niedren Bergen. Seit frueher Kindheit Kenn' ich die Staette; Der Wind hetzt die grimmen Hunde hierher. --Doch tausendstimmig Entfacht sich Getoese, Durch Stahlklang wachsend Zu kampfroter Flamme. Ja, das ist Schildlaerm! Und sieh, welch Staubmeer, Speerwogen turmhoch Um Tambarskelve. In Not ist Ejnar!-- Treuloser Harald. Deinem Tingfried entsteigen Die Totenvoegel. Fahrt zu mit dem Wagen. Ich muss zum Kampfe,-- Jetzt muessig sitzen,-- Nicht um das Leben! (Auf dem Wege) O Bauern, bergt ihn In schirmendem Kreise! Ejndride, nun schuetze Den alten Vater! Baut ihm eine Schildburg Und reicht ihm den Bogen; Mit Ejnars Pfeilen Pfluegt ja der Tod! Und du, Sankt Olav! O denk deines Sohnes, Und bitte fuer Ejnar In Gimles Hallen. (Naeher) Kampflose Mengen-- ... In wirrem Draengen... Gleich Wellen, Den schnellen, Zum Strande nun fliehn Mit bebenden Knien Und starren zurueck. Verliess uns das Glueck? Mit trauernden Zeichen Halten die Scharen; Sie pflanzen die Lanzen Im Kreis um zwei Leichen. Und Harald darf fahren? Welch dumpfes Gedraenge Beim Tinghause dort! Stumm wendet die Menge Sich schaudernd fort. _Wo ist Ejndride!_---- Angstvolle Blicke, Wohin ich sehe, Wollen mich meiden... Nun weiss ich's, wehe, Tot sind die beiden. ----Platz. Ich muss sehen. Weh mir, sie sind es. Konnt' es geschehen? Ja, sie sind es. Gefallen ist Nordens Herrlichster Helde, Norriges bester Bogen zerbarst. Gefallen ist Ejnar Tambarskelve, Der Sohn ihm zur Seite,-- Ejndride. Ermordet im Finstern, Er, der dem Magnus Mehr als ein Vater, Knuds, des Reichen, Soehnen ein Freund. Meuchlings ermordet Der Schuetze von Svolder, Der springende Loewe Der Lyrskogheide. Tueckisch geschlachtet Der Bauern Haeuptling, Der Troender Heide Tambarskelve. Mit weissen Haaren Den Hunden zur Beute,-- Der Sohn ihm zur Seite, Ejndride! Auf, auf, ihr Bauern, er ist gefallen. Doch er, der ihn faellte, er lebt. Kennt ihr mich nicht? Bergliot, Tochter des Hakon von Hjoerungavaag: Nun bin ich Tambarskelves Witwe. Euch rufe ich an, Heerbauern, Mein greiser Mann ist gefallen. Seht, seht, hier ist Blut auf dem bleichen Haar. Auf euer Haupt moeg' es kommen, Wenn es erkaltet, eh' ihr es raecht. Auf, auf, Kriegsheer, es fiel euer Feldherr, Euer Stolz, euer Vater, eurer Kinder Wonne, Eurer Kinder Maerchen, eures Landes Held,-- Hier liegt er, gefallen. Und ihr wolltet ihn nicht raechen? Meuchlings ermordet, im Koenigshause, Im Tinghaus, dem Hause des Rechtes ermordet, Ermordet vom obersten Manne des Rechts! Des Himmels Blitz zermalme das Land, Laeutert sich's nicht in der Lohe der Rache! Stosst die Langschiffe ab! Ejnars neun Langschiffe liegen ja hier, Lasst sie die Rache zu Harald tragen. O stuendest du hier, Hakon Ivarson, Stuendest hier auf der Hoehe, mein Blutsfreund, Nicht erreichte den Fjord dann Ejnars Moerder,-- Nicht muesst' zu euch, Feigen, ich flehn! O Bauern, hoert mich, mein Mann ist gefallen, Meines Denkens Hochsitz durch fuenfzig Jahre! Zermalmt, zerbrochen, und ihm zur Seite Der einzige Sohn, ach! all unser Hoffen! Leer ist es nun zwischen diesen zwei Armen-- Kann ich betend sie je noch erheben? Wohin auf Erden soll ich mich wenden? Zieh' ich von hinnen zu fremden Staetten,-- Sehn' ich mich heim, wo wir beide gewandelt. Aber wende ich mich heimwaerts,-- Ach! sie selbst vermisse ich dann. Odin in Walhall darf ich nicht suchen; Den verliess ich ja schon in der Kindheit. Und der neue Gott in Gimle?---- Der hat mir ja alles genommen! Rache?--Wer spricht von Rache?-- Kann Rache meine Toten erwecken? Kann sie mich waermen, wenn froestelnd ich bebe? Gibt sie mir traulichen Witwensitz, Trost einer Mutter ohne Kind? Geht mit eurer Rache! Lasst mich in Frieden! Legt ihn auf den Wagen, ihn und den Sohn, Kommt, wir geleiten sie heim. Der neue Gott in Gimle, der fuerchterliche, der alles nahm, Lasst ihn auch Rache nehmen; denn die versteht er, Fahrt langsam! Denn so fuhr auch Ejnar immer,-- Und wir kommen frueh genug heim. Nicht springen die Hunde heut freudig herbei,-- Sie winseln und heulen mit haengendem Schwanz. Im Stalle spitzen die Pferde die Ohren, Froh der Stalltuer entgegenwiehernd, Lauschend auf Ejndrides Stimme. Doch nimmer ertoent sie mehr,-- Und nimmermehr Ejnars Schritt im Flur, Der allen kuendet: steht auf, ihr Leute, Jetzt kommt euer Haeuptling! Die grossen Stuben will ich schliessen, Fortschicken all unsre Leute; Vieh und Pferde will ich verkaufen, Von hinnen ziehn und einsam leben. Fahrt langsam! Denn wir kommen frueh genug heim. AN MEINE FRAU (Mit einem Satz roemischer Perlen) Nimm diese Perlen!--als spaeten Reim Auf die, so geschmueckt einst mein Jugendheim! Der tausend Stunden stilles Glueck, Da du drin geatmet, es blieb zurueck Ein Haufe Perlen schimmernd hell, Die der junge Gesell Um die Brust sich hing Und ums Haupt sich band-- Dass aller Welt zu lesen stand, Von wem sein Herz und Geist erst rechte Zier empfing: Von ihr, die ihre Liebe um sein Leben wand! IN EINER SCHWEREN STUNDE Wohl dem, der ernster Faehrnis Dankt seiner Kraft Bewaehrnis: Je ferner das Ziel, Desto schwerer das Spiel, Doch herrlicher auch das Gelingen! Zerbricht dein Stab in Stuecke, Und wird aus Freundschaft Tuecke, Ei, das geschieht, Damit man sieht, Du brauchest keine Kruecke. Wen Gott auf Erden Allein gestellt, Dem wird er selbst zur Stuetze werden. FRIDA [Symbol: gestorben] Frida, ich wusste, du wolltest nicht leben. Blossen Gedanken schon war es gegeben, Dich zu entgeistern, als waeren in ihnen Engel erschienen. Wie deine Augen, die staunenden, klaren, Fern dann und fremd allem Irdischen waren: Da wuchs die Schwinge, die nach deinen Tagen Fort dich getragen. Sprachest du, fragtest du, ward mir oft bange; War's doch, als ob Blick und Stimme verlange, Dir einen Schatz der Erkenntnis zu zeigen, Der mir nicht eigen. Sprangst du, wie eben der Schulbank entronnen, Flog dein Gelock wie ein wehender Bronnen; Lachtest du, tat sich der Himmel auf, strahlend Ueber dein Strahlen. Oder wie konntest du bitter dich graemen! Alles zerfloss gleich zu Schatten und Schemen, Chaos ward, wie vor des Ewigen Werde, Himmel und Erde. Da, o, da sah ich: dein Glueck, deine Schmerzen Fanden nicht Raum mehr im irdischen Herzen. _Dort_ winkte Weite!--Doch _hier_ blieb ein Schweigen Wunderlich eigen. AN BERGEN Wie du dasitzt stumm, Hochgebirg ringsum, Meer um deinen Fuss und vor dir deine Schaeren, Sinnest du wohl auf Saga, deren Lauf Noch einmal die Welt erstaunen soll! Stadt, dir selber treu, Bergen, "niemals neu", Unverwuestlich, echt, wie deines _Holberg_ Laune. Vormals Koenigswacht, Spaeter Handelsmacht, Sitz sodann des ersten Freiheittings! Wie die Sonne oft Hell und unverhofft Deinen Dunst durchbrach und deine Regenschleier, Kamst du uns mit Rat Oder rascher Tat, Wann uns Nacht am dunkelsten umfing. Tief aus Volkesgrund, Witzig, kerngesund, Sprossten da Gedanken, stand uns eine Kunst auf, Trotzig, blaugeaeugt, An der Brust gesaeugt Deiner duestern, maechtigen Natur. Deine Berge kahl Malte unser _Dahl_, Traeumend wandelte an deinem Strand _Welhaven_, Und auf deiner Flut Kreuzte hochgemut _Ole Bull_ vor Flaggen aller Welt. Deine Nordsee wacht Treulich deiner Macht, Und durch deine blauen Fjorde, wie durch Adern, Stroemst du Glueck in dein Nordisch Land hinein,-- Stadt durch Vorzeit reich, an Zukunft reich! P.A. MUNCH [Symbol: gestorben] (1863) Viele Formen hat das Grosse. Er, der von uns ging, er trug es, Wie wir einen Zweifel tragen, Der den Schlaf uns raubt, doch endlich Offenbarung uns gewaehret,-- Wie ein hoeheres Sehvermoegen Leidend ueber Unsichtbares,-- Einen Flug durch schwere Arbeit Vom Gedachten zum Gewissen, Vom Gewissen zum Geahnten, Der in ruhelosem Draengen, Gotterfuellt und ewig wechselnd Unsre Welt im Sturm durchkreuzet, Ihrer Zweifel und Gedanken Last ihr von den Schultern nehmend, Und sie abwirft, und sie aufhebt, Nimmer matt--doch ewig rastlos. Still! Nur ein einziger Zufluchtsort Wusste ihn sanft zu versoehnen: Seiner Familie lichtmilder Hort, Schmeichelnd in Farben und Toenen. Spann ihn sein Weib mit dem Zauberspiel Unter der Birken Schleier Mitten in duftender Blumen Gewuehl Ein in des Walddomes Feier,-- Kamen die Toechter dann lieblich und leis In ihrer Unschuld Klarheit, Faechelten Kuehlung der Stirne heiss, Sprachen von kindlicher Wahrheit,-- War er bald mitten in Spiel und Lied Zaertlich von Toenen umfangen, Wolken zerrannen, und hoch im Zenit Jubelnd Millionen sangen. Doch wie in des Herbstes stiller, Traumhaft schwerer Abenddaemmrung Wetterleuchten die Gedanken Schreckhaft auf Gewitter lenket,-- Oder wie ein Schlag im Boote, Das in stiller zarter Mainacht Schlaefrig zwischen Felsen gleitet,-- Nur ein einziges leises Plaetschern,-- Doch das Echo jagt es weiter, Jagt's von Fels zu Fels, die Drossel Flattert auf, es kreischt das Birkhuhn, Lauschend hebt das Reh sein Koepfchen, Steine rollen, wach wird alles: Hunde heulen, Glocken gellen, Weckend all des Tages Laermen,-- Also koennt' ihm ein Erinnern, Daunweich nur im Spiel gefallen, Wecken der Gedanken Heerschar. Und dann jagte es durchs Weltall, Und dann flammt's in seiner Seele, Doch es ward zu Licht fuer andre. Rassenursprung, Wortverzweigung, Namenquell, Gesetzverwandtschaft, Gross und Klein in gleichen Qualen, Gleichen Zweifeln jagt zum Ziele. Wo nur Steine andre sahen, Sah er's glitzern, sah er's funkeln, Sprengte er den Schacht zum Bergwerk. Und wo andre vor dem sichern Funde des Jahrhunderts standen, Griff ihn Zweifel, und er wuehlte Tag und Naechte bis zum Grunde, Grub--und sah den Fund versinken. Doch es liess sein rastlos Wollen, Das so vielen Kraft gespendet, Oftmals uebers Ziel ihn schiessen. Klarheit, die er aendern schenkte, Trog ihn selbst als neue Ahnung. Darum: wo er schon gewesen, Kehrte er nur ungern wieder. Stoff so oft wie Arbeit wechselnd, Floh er vor dem eignen Denken. Das Gedachte aber hielt ihn, Folgte, wuchs gleich einem Brande, In Brasiliens Wald geschleudert, Prasselnd vor der Windsbraut fliehend. Wo kein Menschenfuss gegangen, Frass sich's Weg fuer Millionen. Nordens Reich streckt seinen Busen In des Eismeers frostige Nebel, Finsternis der Wintermonde Lastet schwer auf Meer und Bergen. Und den Landen gleich, erstreckt sich Auch des Volkes tiefste Wurzel Weit hinein in Nacht und Nebel. Doch wie durch die Nacht ein Leuchtturm, Doch wie Nordlicht durch Polarnacht Blinkte leuchtend sein Gedanke. Zaertlich wie nach seines Vaters Angedenken frug er eifrig, Forschend nach des Volkes Wegen. Namen, Graeber, rostige Waffen, Steine brachten ihm die Antwort. Ueber Asiens Urwaldberge, Wuestensand und oede Steppen Sah er Karawanenspuren Unterm Moder von Aeonen Heimatsuchend nordwaerts deuten. Wie einst sie den Fluessen folgten, Folgte ihnen all sein Denken, Das so reich ins Weltall stroemte.-- Sieh, es war ja nur Versoehnung, Was sein rastlos Schaffen wollte, Doch die fand er nicht;--statt dessen Fand er neue Wunderdinge, --Ganz wie jene Alchymisten, Die im Suchen nach dem Golde Zwar nicht Gold, doch Kraefte fanden, Die noch heut die Welt bewegen. Tief im Grunde barg sein Wesen Eine Kraft des Gegensatzes, So dass Toene, angeschlagen Von des Nordens hehrer Saga, Mild harmonisch weiterklangen In der Sehnsucht nach dem _Sueden_. Und es war des Auges Flamme, Des Gedankens Blitz verwandt dem Feuer des Improvisators In dem heissen Land der Trauben. Und sein leichter Stimmungswechsel Und der Feuergeist, der Frondienst Tat den lieben langen Winter, Doch die Frucht oft spielend wegwarf,-- Jener unermessene Reichtum, Drin Gedanken, Launen, Toene, Leid und Wonne, Ernst und Frohsinn Unaufhoerlich glitzernd spielten,-- Das war wie ein Tag im Sueden. Eine Reise war sein Leben Unaufhaltsam drum gen Sueden, Durch das Nebelland des Ahnens, Aus dem Dunkeln in das Klare, Aus dem Kalten in das Warme,-- Und sein Wirken war die Bruecke Ueber Berg und Meeresstroemung. ----O, und dann des Glueckes Stunde, Da mit Weib und Spielgefaehrten, Seinen kindlich frischen Toechtern, Er dort stand, wo Abendsonne Kapitol und Forum gruesste,-- Wo aus tiefem Grund der Weltstadt Weisheit und Erkenntnis sprudeln;--- Wo jetzt Klarheit, aetherreine, Die Jahrtausende erleuchtet, Die zur Ruhe hier gegangen;-- Wo dem Forscher aus dem Norden War, als sei er allzulange Irr im Nebel nur gerudert Auf den tiefen, breiten Fjorden;-- Stand, wo Tote ihre Graeber Sprengen und als Zeugen schreiten In der schweren Marmortoga; Wo die Goettinnen von Delos In die Freskensaele tanzen Wie einst vor zweitausend Jahren;-- Wo der Erde wachsend Werden Pantheon und Kolosseum Stolz in ihrem Schosse bargen;-- Wo ein Hermes dort am Eckstein Cato wuerdig schreiten sah als Pontifex im Priesterzuge,-- Nero als Apollon schaute, Opferrauchumhuellten Wahnes,-- Gregor schaute, zornig reitend Als der Geisterscharen Herrscher Ueber alle Erdenreiche,-- Cola di Rienzi schaute, Huldigend der Freiheitsgoettin Bei des Roemervolkes Jauchzen,-- Sah der Kirche Geistesfuersten, Leo, sich statt Christus waehlen Aristoteles und Plato;-- Sah dann die katholische Kirche Staerkre Zeiten neu errichten, Bis der Franzmann sie zertruemmert, Und _Natur_ zur Gottheit wurde,-- Sah aufs neu' die alten Frommen Dann in Prozessionen wallen Mit dem Lamm als Weltbeherrscher!-- All das sah der kleine Hermes Dort am Eckstein hinterm Tempel, Und es sah der nordische Weise Ihn und seine Visionen.-- --Ja, als er in der Geschichte Hehrer Klarheit Rom erblickte, Und sein Auge sinnend streifte Abendsonnumflammte Hoehen,-- Flossen seiner Sehnsucht Strahlen Ueber in entzueckte Ahnung. Und--er sah in eine Kirche, Groesser als der Dom des Weltalls, Und ein Friede sank hernieder, Ueber alles Jetzt erhaben.-- Und als er zum zweiten Male Dorthin kam, durch langer Tage Mueh' und Fleiss--als gaelt's Erloesung,-- Da ging Gott ihm selbst entgegen, Fuehrte ihn hinauf und sagte: "_Friede mit dir, du bist Sieger!_" Doch zu uns, die klagen wollten, Wandte Gott sich um und sagte: "_Wenn ich rufe, wer darf sagen,_ _Der Berufne sei nicht fertig?_" _Er, der stirbt, er war hier fertig!_ Sieh, das glauben wir im Schmerze. Und dass Er, der allen Forschern Jene Ruhelosigkeit gegeben (Die Kolumbus trieb und Newton), Weiss, wann Ruhe kommen soll. Aber jenen Geistesscharen, Die verklaert zur Heimat wallen, Blicken starr wir nach und fragen: Wer soll abermals sie sammeln? Denn, wenn er den Kriegspfeil schnitzte, Stroemten sie von allen Laendern: Schweden, Daenemark und England Und von Frankreich her zusammen; Uebers Meer die Schiffe flogen Seinem Banner rasch entgegen. Die gewaltige Koenigsflotte Lag vor Anker hier am Strande, Und es ward uns zur Gewohnheit, Sie zu sehn und zu befragen Nach Eroberung und Fahrten. Was sie uns gewann, bleibt ewig. Doch sie selbst darf nun zur Heimat. Fest vereint, sehn wir entschwinden Ueberm Meer das letzte Segel, Wenden uns und fragen leise: Wer wird abermals sie sammeln? KOENIG FRIEDRICH DER SIEBENTE [Symbol: gestorben] (1863) Nun schied unserm Koenig ein wahrer Freund! Und es senkt bei dem Schlag Sein Banner der Norden und folgt vereint Am Begraebnistag. Doch, Daenemark! dein sind die tiefsten Schmerzen: Nun brach dir das waermste, das groesste der Herzen, Nun brach deine beste Landesfeste, Nun dehnt sich ein Schrei ob des Koenigs Tod Wie aus tiefster Not! Ihn, der geboren zu Daenemarks Glueck, Traf des Todes Los. Jung stiessen sie ihn vom Hofe zurueck-- In des Volkes Schoss. Da gedieh er gut und ward eins mit den Scharen Der Bauern, Matrosen in Lust und Gefahren. Selbst hat ihm das Leben Die Schule gegeben--: Als fertig die Schlinge fuer Daenemark,-- War er lebensstark. Schnell zeigte sein Geist sich bauerndumm, Wo ein Kniff sich fand; Der Verraeter feinste List schlug um Vor dem schlichten Verstand. Er kannte ja nur des Volkes Gedanken, Drum gab er ihm Freiheit sonder Schranken; Dem Ganzen war hold er-- Nicht teilen wollt' er, Und hielt eine Rede, nur kurz, die hiess: "Nicht geschehn wird dies!" Ein Matrose am Steuer beim Ansturm vom Meer Standfest und klar! Groesseres Lob war nicht sein Begehr. Wir bringen's ihm dar! Stracks dreht' er das Schiff gen Nordensrunde, Dem wahren, sicheren Ankergrunde;-- Rings sprach im Reiche Bald jeder das gleiche: "So dumm ist der wohl nimmer; seht, Wie trefflich es geht." Auf Deck rief er eben die Maenner all: Sturmsegel gesetzt! "Land", klang es vom Mast beim Wogenprall _Jetzt, eben jetzt_,-- Da entglitt das Steuer den treuen Haenden, Tot sank er hin--das Schiff will wenden... Wenden? Nimmer! Sein Kurs bleibt immer; Ihr kennt ihn, Daenen, Mann fuer Mann,-- Sein Kurs heisst: Voran! In Reih' und Glied allzeit bereit, Als Wahlspruch er kor. Wie ragt' er in ehrlicher Tatkraft weit Den andern vor. Sie ernten die Frucht: _geuebte Soldaten_, Stehn alle, so treu, so erprobt in Taten! Das Schiff _kann nicht_ schlingern: In vielen Fingern Liegt fest das Steuer geborgen an Bord; Hurra gen Nord! Nichts andres bleibt jetzt in der Zeiten Drang: Ausharren voll Pflicht, Wachthalten im Dunkel, nicht blass, nicht bang,-- Gott ist unser Licht! Hier ist's dumpf, ist es still, drueckt die Sehnsucht nieder, Lauscht jeder halb atemlos wieder und wieder,-- Hier sind Wartezeiten,---- Bis die Himmelsweiten Rosig erhellt uns kuenden: es naht Der Tag zur Tat! ALS NORWEGEN NICHT HELFEN WOLLTE (Osterabend 1864) Und segelst im Kattegatt du umher Und durch den Belt, Du findest die Daenenfregatte nicht mehr Mit rotweissem Feld; Hoerst nicht mehr Wessels Stimme beim Klang Vom Kommandowort, Nicht hinter dem Danebrog mehr den Sang, Den frischen, an Bord, Du hoerst kein Lachen, du siehst keinen Tanz Unterm Segelweiss, Um Spiegel und Mast nicht den leuchtenden Kranz, Der Kuenste Preis. Denn alles, was unser war, ertrank Auf dem Meeresgrund, Jedwedes Erinnerungsbild versank Im naechtlichen Schlund,-- In der Winternacht, da bei Sturmeswut Unter Norwegens Strand Notschuesse krachten und brandende Flut Tang anwarf und Sand; Ein Boot fuhr vom Hafen zur Hilfe aus, Doch wandt' es in Hast,-- Da trieb die Fregatte gen Deutschland hinaus Mit zertruemmertem Mast! Da flog unsre Blutsverwandtschaft vom Bord, Mit Stumpf und Stiel,-- Gepackt, gewirbelt, trieb fluchend sie fort, Ein Wellenspiel! Der nordische Leu am Gallion, durch Sturm, Durch Alter so grau,-- Er ward zerstueckt; ein zerschossener Turm, Lag das Schiff zur Schau. Sie flickten es wieder, sie machten es klar Am deutschen Strand; Schwarzgelb war die Flagge, es spreizt sich ein Aar, Wo der Loewe stand. Wir segeln im Kattegatt; wie leer, Wie still ist es nun! Nur ein deutsches Schlachtschiff sahn wir im Meer Vor Schonen ruhn. AN DEN DANEBROG (als Dueppel fiel) Danebrog, in alten Tagen, _Schneeweiss, rosenrot_ Sah man, Sohn des Lichts, dich ragen Ueber Nacht und Not, Reif wie schwere Fruchtgehaenge, Hehr wie Heldengrabgesaenge, Frei, mit Geistes Wandervoegeln Durch die Welt dich segeln. Danebrog, ach, heute steigst du _Todbleich, blutigrot_, Wund wie eine Moewe neigst du Dich, verletzt zu Tod. Heiligen Blutes Purpurlache Zeugt fuer die gerechte Sache. Fallend Volk, nun trag die schwere Kreuzeslast der Ehre! DER NORROENASTAMM (4. November 1864) Es zog Norroenas Soehne Zum freien Meergestad'; Ihr Ziel war Kampfgedroehne Und hehre Mannestat. Ihr Geist, in Surtrs Feuer Sich senkend wurzelfest, Trieb Schossen ungeheuer Zu Ygdrasils Geaest. Ging zu der Brueder Schaden Oft jeder eigne Spur, Gab's auf getrennten Pfaden Doch _eine_ Ehre nur. Die Zeit schuf Platz fuer jeden: Erst Norge, Daenemark; Kam auch danach erst Schweden, So wuchs es doppelt stark. Vom Stern des daenischen Drachen War Ost und West entbrannt; Normannengeists Erwachen Drang bis zum heiligen Land. Sowie von Sveas Stamme Die Polnacht ward erhellt, Gibt Luetzens Siegesflamme Noch Licht der halben Welt. Es schweissten harte Tage Norges und Daenmarks Band; Den groessern Sinn der Saga Hat kleine Zeit verkannt. Dann trat, sich zu verbinden, Norge zu Schweden hin, Und nie mehr soll verschwinden Der Saga groessrer Sinn. Der Volksgeist birgt im Schosse Weissagung wundersam: Die Zukunftstat, die grosse, Eint den Norroenastamm. Ein jedes Fest entfache Des heiligen Schwures Klang: Fuer unsres Blutes Sache Sieg und nicht Niedergang. GESANG DER PURITANER (Aus dem Drama "Maria Stuart") Gib mir Staerke, reich' mir Waffen, Halt meinem Notschrei den Himmel offen! Herre, ist sie dein, mein' Sach', Schenk' ihr du den Siegestag! Stuerz' deine Feinde! Stuerz' deine Feinde! Roll' vor dein Zorngewoelk, schmettre hinab sie, In ihrer Suenden Abgrund begrab' sie, Seng' ihre Saat, Zertritt ohne Gnad'! Dann lass auf schneeweissen Taubenschwingen Dem Glaeubigen Troestung herniederbringen, Das Oelblatt des Friedens, der deinem Frommen Nach der Strafen Suendflut dereinst wird kommen! JAGDLIED (Aus dem Drama "Maria Stuart") Hinter uns steigt Heidedampf, Heidedampf, Vor uns fliegt der Falk zum Kampf, Vor zum Kampf. Birkenduft erfuellt den Hang, Fuellt den Hang, Felswaerts stuermt der Hoernerklang, Hoernerklang. Durch die klare Luft dahin! Durch! Dahin! Voran eilt sie! Die Koenigin! Koenigin! Jagt ihr nach! Hei, Jagd voll Glut! Jagd voll Glut! Nach--bis in die Todesflut! Todesflut! TAYLORS LIED (Aus dem Drama "Maria Stuart") Auf Erden jede Freudenstund Bezahlest du mit Sorg', Und wird dir mehr als eine, glaub', Du hast sie nur auf Borg. Bald fordert eine Schmerzenszeit In Seufzern streng zurueck Fuer jedes Laecheln Zinseszins, Abschlag fuer jedes Glueck. Mary Anne, Mary Anne, Mary Anne, Mary Anne, Du, haett' ich dich nicht laecheln sehn, Muesst' ich nicht weinend stehn. Gott helfe dem, der's nicht vermag, Zu geben halb sein Herz; Es kommt die Zeit, sie kommt, da ganz Er nehmen muss den Schmerz. Gott helfe dem, der nicht vergisst, Dass er so froh einst war; Gott helfe dem, dem alles bricht, Dem nur der Geist blieb klar. Mary Anne, Mary Anne, Mary Anne, Mary Anne, All, was ich je gepflanzt, erfror, Nun, da ich dich verlor. HOCHZEITSLIED Du standest vorm Altar in weissem Kleide, Und Ewigkeiten lauschten deinem Eide; Dein banges Denken schwebte Um ihren tiefen Grund, Und was dein Herz durchbebte, Das betete dein Mund. Da ward dein Blick von hellem Glanz umwoben, Denn deine Mutter betete dort oben Mit dir zugleich. Nun fuehltest du, die Hand, die dir gegeben, Festhalten werde sie fuers ganze Leben; Dir wurde leichter, freier, Dein Herz schlug nicht mehr bang; Du sahst durch Traenenschleier Die Zukunft hell und lang! Betaut von milden Liebestraenen deuchte Das Leben dir ein Lenz, der ewig leuchte; Du fasstest Mut. Ihm, der die Eltern deinen Kindertagen Ersetzte, galt es Lebewohl zu sagen. Sein Werk war nun geschehen: Du standest froh verklaert Und, wie's ersehnt sein Flehen, Warst deiner Mutter wert. Er sah dein Aug' voll Dank emporgehoben, Und Dank schien ihm zu toenen von dort oben, Dank fuer sein Werk. Von den Geschwistern, denen Kinderpflege, Selbst Kind, du goenntest, scheiden deine Wege. Den besten Lohn von allen, Sie geben heut ihn drein; Einst in die Wage fallen Wird er am Tag der Pein! Dank und Gebet ist deines Gluecks Geleite, Dank und Gebet sei stetig ihm zur Seite, Dank und Gebet! LEKTOR THASEN [Symbol: gestorben] Von einer Blume las ich einst, die stand, Bebend und bleich, abseits vom Wegesrand; Denn der Gebirgsnatur geringe Kraft Gab sparsam Saft Und kaum noch Farbe. Ein Blumenfreund sah sie im Schatten stehn; Froh brach er aus: du sollst nicht so vergehn! In sonnenwarmem Grund sollst du hinfort Ein fruchtbar Lebenswort Fuer viele werden! Als er sie samt dem Erdreich hebt und haelt, Blinkt's seltsam ihm entgegen,--denn ihm faellt Goldstaub von ihrer Wurzel in die Hand: Die Blume stand Auf reichen Gruben. Von ringsher eilt der Jugend rasche Schar Zur Wunderstaette--und sie wird gewahr: Hier liegt des Landes Zukunftsschacht; Ein Blick in Nacht Von Gott war die Blume. Ach, daran dacht' ich, als die Kunde kam-- Als ihn der Herr des Lebens saenftlich nahm Aus kaltem Felsgrund und des Winters Wehn, Dort aufzugehn In ewiger Waerme. Denn wo sein Sehnen sich hinabgesenkt, Da blinkt es! Diese Lebenswurzel lenkt Dem Weisheitshort entgegen, der da reich, Goldadern gleich, Ruht in den Tiefen. Nun, da er fort ist, wird ans Licht gebracht Die Herrlichkeit, von ihm so treu bewacht. Gedankenschatz der Vorzeit glaenzt herauf, Und es blitzt auf Der Zukunft Reichtum. Nach dem Metall, ihr Jungen, grabet jetzt, Des Staub die Blume trug, von Gott versetzt. --Euch gilt die Botschaft! Schuerft es aus dem Grund! Ihm ward's nur kund In Sehnsuchtstraeumen. AUF EINER REISE DURCH SCHWEDEN Von Kind auf war ich dir verschrieben, Denn Groesse lehrtest du mich lieben,-- Und rufe laut als Mann dir zu: _Des Nordens Sache fuehre du!_ So reich an Land und Gaben bist du, Doch deines grossen Ziels vergisst du. Eh' du den Norden nicht geeint, _Bleibst du dir selber fremd und feind!_ Es webt ein Sehnen und ein Singen Durch all dein Volk, doch ohne Schwingen. Wohl stehst du da, vor vielen stark, Doch deinen Taten fehlt das Mark. Zu vieles wird von dir begonnen, Zu viele Kraft zu Wind versponnen;-- An Herzensfuelle mangelt's nicht, Doch Treue fehlt und Ernst der Pflicht. Du kannst nicht ohne Kampf gedeihen, Ein Sinn muss deine Tage weihen, Ein heldisch Wollen, dass die Welt Vor Schwedens Namen inne haelt. Aus Eignem wirst kein Glied du ruehren, Der Ehre Stern muss dich verfuehren, Aus Taten wird dir erst und Muehn Die rechte Freudigkeit erbluehn. Denn deines grossen Einst Versprechen Sind allzu strahlend, sie zu brechen. _So schmiede denn des Nordens Glueck!_ _Er gibt es doppelt dir zurueck!_ Du kannst kein groesser Werk beginnen, Kein heiliger Gebot ersinnen: Dies Werk schliesst deine Zukunft ein Und macht dich aller Suenden rein! Du Volk von Schwaermern und Propheten, Du Volk von Traeumern und Poeten! Der Unkraft laehmend Joch zerbrich! _Des Nordens Fahne harrt auf dich!_ STELLDICHEIN Still ist der Abend; Selbst sich begrabend, Rollen die Stunden und scheidet das Licht. Nur die Gedanken Lauschen und schwanken: Ob sie heut kommt oder nicht? Frostiges Daemmern; Wolken gleich Laemmern Ziehen vorueber; der Sterne Heer Zaubert im Glaenzen Liebe und Lenzen; Kennt sie den Weg denn nicht mehr? Sehnsuchtsleise Unter dem Eise Seufzt das Meer in wegmueder Ruh. Schiffe vor Anker-- Ach, und ein Kranker Fragt: wo verweilest du? Schneeflocken stieben, Bergwaerts getrieben, Maerchenhaft wirbelnd zum dunkelen Hain; Nachtvoegel schwirren, Schlagschatten irren; War das ihr Schritt?--Ach nein! Bist du so feige? Sehnende Zweige Starren von Reif; du wurdest verhext. Doch ich bin staerker, Sprenge den Kerker, Wo du dich traeumend versteckst. LIED DES STUDENTENGESANGVEREINS Auf, Brueder, stimmt an ein Lied! Im Lichtgeleit dahin es zieht, Hell flammt es in Liebessonne, Voran eilt des Sieges Wonne, Und ringsum traeufelt Bluetensaat Auf junger Willenskraefte Pfad! Weithin unser Sang schon fuhr, Und ruhmreich leuchtet seine Spur In Fahnen und Freundschaftsspenden, In Kraenzen aus Frauenhaenden, In Festen voller Jugendschaum, In Volkes Vorzeit, Volkes Traum. Nach _Halden_ ging unser Zug, Die Fahne hing zerfetzt genug; Sie wehte durch unsre Saenge, Sie mahnte durch Liederklaenge, Ergluehend in dem maechtigen Brand Des Heldentods fuers Vaterland. Gen _Arendal_ die Sommerfahrt Zu "Macht und Ruhm", sei treu bewahrt. Inmitten der Flotte zogen Wir Saenger auf blauen Wogen Zu Norges Schiffs- und Handelsflor,-- Da sangen wir den Jubelchor. In _Bergen_, am Meeresstrand, Wo Altes sich mit Neuem band, Von Lurklang die Berge hallen; Held _Sverre_ lebt noch bei allen; Doch frisch und voll von Lebenslust Entstieg das Lied der Volkesbrust. _Upsala, Kopenhagen, Lund_, Wie zuendend klingt's aus Herz und Mund! Da banden wir in Akkorden Im Dreiklang den ganzen Norden. In vollem Chor zum Himmel klang _Norroenastammes Einheitssang_. Frischauf in die Welt hinaus! Wo's Echo gibt, sind wir zu Haus. Im Lied unsre Zukunft winket, Im Lied die Vorzeit nicht versinket,-- Wir wandern weiter Hand in Hand, Und singen Sommer unserm Land. AN DEN BUCHHAENDLER JOHAN DAHL (Zu seinem sechzigsten Geburtstag) Herr Wirt, dir sei dies Hoch gebracht! --"Hurra!" Doch waehrend wir singen, so gebt fein acht! --"Ja ja!" Zuerst muesst von schrecklichen Leiden ihr wissen, Als in unsern Wirrwarr sein Los ihn gerissen Zu Adlern und Schaeren, Zu Wergelands Baeren, --Au ja! Er kam als ein unschuldig Laemmelein, --O je, So niedlich, appetitlich und sauber und rein Wie Schnee. Das koestliche Fleisch liess zu Fuellsel man hacken Und spaeter in Teig von Herrn Wergeland backen Und munter zerbeissen, Die Knochen verschleissen Im Ramsch. Doch hei! wie ein Boecklein des goettlichen Tor Er sprang, Und stiess ihnen kraeftiglich hinter das Ohr,-- Das klang! Da schmunzeln die Kerle in vollem Behagen: "Jetzt hat der Gesell sich zum Bruder geschlagen," Und balde war keiner Beliebter und feiner Als Dahl. Das Licht aus der Bude dort konnt' wohl erhellen Das Land. Dort hat sich gar mancher zum Spiessgesellen Bekannt; Dort machte man Mode und kritische Normen, Und wollt' ein gut Stueckchen Norwegen formen. Das wird die Geschichte Schon bringen zum Lichte Dereinst! Fuer das, was du littest, entflammtest und strebtest, Hab' Dank! Fuer alle die Kraft, die du freudig belebtest, Hab' Dank! Fuer all dein gutmuetig Eifern und Zanken, Dein goldnes Gemuet, deine Freundschaft, wir danken, Du seltsamer Falter, Du Lieber, du Alter, Hab' Dank! DIE SPINNERIN Ach, was fragte er mich, Eh' er jetzt vom Fenster schlich? "Du, ein Band, das knuepf' ich still, An den Tag soll's im April. Traust du dich?--dann gib mir dein Gespinst hinein." Wie soll ich's wohl verstehn? Wer hat je ihn weben sehn? Und mein Gespinst so rein, Will er in sein Band hinein? Und so eilig webt er's hin,-- Bis--Lenzbeginn? Und wie lacht' er dabei! Ach! Stets treibt er Narretei. Gebe mein Gespinst ich hin, Ihm, der also leicht von Sinn?-- Fuege du es, Gottes Hand, Fest zum Band! DIE WEISSE UND DIE ROTE ROSE Die weisse und die rote Rose, So hiessen der Schwestern zwei--ja, so! Die weisse, die war stumm und still, Die rote allzeit froh. Doch umgekehrt ging's seither, ja, Da kamen die Freier weit her, ja. Die weisse ward so rot, so rot, Die rote ward so weiss. Der, den die rote liebte, Den wollt' der Vater nicht han, nicht han. Doch den die weisse liebte, Den nahm er glattweg an. Die rote, ach, bleicht in Traenen, ja, Vor Seufzen, Sorgen und Sehnen, ja. Die weisse ward so rot, so rot, Die rote ward so weiss. Da, Wetter, wird dem Alten bang, Er rueckt heraus mit: ja doch--ja! Und Hochzeit gab's mit Sang und Klang Und Boellerschuss, hurra! Bald kamen auch Roeschen nun, o ja,-- Roeschen in Struempfen und Schuhn, o ja. Die der roten waren weiss, doch--hm!-- Die der weissen alle rot. IN DER JUGEND Jugendmut, Jugendmut, Wie der Falke kuehn und leicht Hebt er sich im Blau und steigt, Bis er alle Hoehn erreicht. Jugendblut, Jugendblut, Braust wie Dampf durch Meer und Nacht, Sprengt das Stromeis, dass es kracht, Trotzt dem Sturm und jauchzt und lacht. Jugendtraum, Jugendtraum, Schleicht sich wie ein Schelm hinein In schoen Maegdleins Kaemmerlein; Aller Duft und Glanz des Lenzen Seine leichten Wellen kraenzen. Jugendlust, Jugendlust, Sprudelt aus der Felsenbrust, Schleudert noch im Sturz zum Grabe Lachend seine Strahlengabe. Jugendlust, Jugendtraum, Jugendblut, Jugendmut Streun auf unsern Erdenwegen Singend ihren goldnen Segen. DAS BLONDE MAEDCHEN Ich weiss, sie wird sich von mir wenden, So scheu, wie je ein Traum entwich--: Und doch, ich kann nur immer enden: Du blondes Kind, ich liebe dich! Ich liebe deiner Augen Traeume: So weilt auf Schnee der Mondnacht Ruh Und tastet sich durch steile Baeume Nur ihr verschlossnen Tiefen zu. Ich liebe diese Stirn: ein Siegel Der Reinheit, blickt sie sternenklar In der Gedankenfluten Spiegel, Der eignen Fuelle kaum gewahr. Ich liebe dieses Haar, sich draengend Aus seines Netzes strengem Band: Voll kleiner Liebesgoetter haengend, Verlockt es Auge mir und Hand. Ich liebe diese schlanken Glieder Mit ihrem Rhythmus wie Gesang. Hell klingt des Lebens Wonne wieder Aus ihrer Pulse dunklem Drang. Ich liebe diesen Fuss, dich tragend In deiner Herrlichkeit und Kraft, Durchs muntre Land der Jugend wagend Den Weg zur ersten Leidenschaft. Ich liebe diese Lippen, Haende, In Amors eifersuechtiger Pacht; Des Wuerdigsten als Siegesspende Gewaertig und fuer ihn bewacht. Ja, schuerze nur die schoenen Brauen Und wende dich zur Flucht und sprich: Kein Maedchen duerfe Dichtern trauen. Ich liebe dich! Ich liebe dich! MEIN MONAT Ich lobe mir April, In dem das Alte faellt, Das Neue Kraft erhaelt; Wohl liebt er Friede selten,-- Doch soll wohl Friede gelten? Nein: dass man etwas will. Ich lobe mir April, Weil er, der Stuermer, Feger, Der Eis- und Herzbeweger, Weil er, der Kraeftereger, _Des Sommers Kommen will!_ HOCHZEITSLIED (Zu Ditmar Meidells Hochzeit, den 21. Juli 1868) Blick' auf, o Braut, er naht An Freundeshand zum Buchtgestad', Ein wenig kahl und traeg', Doch frisch und herzensreg'. Hier kommt er treu und grad'-- Der alte braune Kreuzeraar, Erprobt in Sturmgefahr, Mit Augen kindlich klar. Er war ein Bursch so keck, Lag gern auf seines Boots Verdeck Und liess vom Wogenschaum Sich wiegen in den Traum. Der Segel breite Last Schlug sonnbeschienen an den Mast, Und ohne Ruder glitt Der Kiel im Strome mit. Doch als er muessig da Sein Bild im tiefen Blau besah, Getrieben ward sein Kahn Zum offnen Ozean. Hei, wie er munter sprang Zum Steuer unter Flutgesang; Die erste harte Not War ihm wie Morgenrot. Er kehrte nicht nach Haus,-- Fuhr in der Freiheit Reich hinaus, Wo alles ringsumher Unendlich wie das Meer. Hinaus ins Flutgetos,-- Und ward das Boot auch steuerlos, Hat kuehne Manneskraft Ihm doch den Sieg verschafft! Da draussen stand er frisch; Ihm wuchs der Mut im Sturmgezisch. Sein Deck zerbarst; doch ihn Konnt' es nicht niederziehn. Nach oben kam er leicht, Wie uebers Meer ein Vogel streicht, Dieweil manch stolzes Schiff Zertruemmert ward am Riff. Sein Kahn schwamm flott dahin, Weil ihn gebaut ein freudiger Sinn,-- Der Sturm blieb ohne Macht: Denn Jugend war die Fracht. Und ein unbaendiger Klang Von Schuessen, Feuerwerk und Sang War immerzu an Bord Mit Echo ueber Nord. Ein wenig mued' zuletzt, Dacht' er der Kindheit sehnend jetzt, Lag wieder friedlich-mild Und sah sein Spiegelbild. Er sah, der Schelm, er sah-- Sein eignes nicht, nein _ihres_ da, Als seiner Sehnsucht Fund Laechelnd im Wellengrund. Zum zweiten Mal zieht aus Sein Leben in den Wogenbraus, Und Sturm soll seinem Kahn Zum zweiten Male nahn! Zum zweiten, zweiten Mal hinfort Soll toenen Schuss und Sang an Bord; Denn diesmal mit ihm faehrt Der Glaub' an Weibes Wert! NORWEGISCHES SEEMANNSLIED (Zu einem Fest norwegischer Seeleute in Stavanger 1868) Norwegisch Seevolk ist Ein derber Schlag voll Kraft und List; Wo Schiffszeug schwimmen kann, Da ist es vorne dran. Auf Meerfahrt und zu Haus, Im Sund und bei den Schaeren draus, Vertraut es Gottes Schutz Und beut den Wogen Trutz. Hier mueht ein Volk sich ab Fuers Leben ruhlos bis zum Grab,-- Des Todes Sense maeht Sich Opfer frueh und spaet. Was Tag um Tag geschieht, Bewahrt nur selten Wort und Lied, Und von so manchem Stueck Kehrt keiner mehr zurueck. Ja, schlichter Fischer Kiel, Von Mut und Witz gefuehrt zum Ziel, Hat Werke viel erschaut, Die niemals wurden laut. Und manches Seemanns Haupt Ward feucht mit Schilf und Tang umlaubt, Statt dass ihn goldnes Reis Gekraenzt im Heldenkreis. Des Olavkreuzes Ruhm Haett' manches Lotsen Heldentum Verdient, der Schar um Schar Gerettet aus Gefahr. Und manchem Buerschchen auch, Das heimritt auf der Jolle Bauch, Stand Vater hoch an Bord, Gebuehrte wohl ein Wort. Doch Norges Kueste ist Des Landes Mutterbrust und misst Ihm Nahrung zu, wenngleich Oft Nahrung traenenreich. Sie huetet und bewacht, Was ihre Soehne je vollbracht, Vom grossen Hafurstag Bis auf das letzte Wrack. Das fuehlte, wer sein Land Nach langem Fernsein wiederfand; Das fuehlte, wer es liess, Wann er vom Ufer stiess. Das fuehlten, die weit fort: Der Heimat Glueck war mit an Bord: _Der weissen Segel Fleiss_ _Gewann uns Macht und Preis._ * * * Hurra, wer immer heut Zur See sich unsrer Flagge freut! Hurra, der Lotse brav, Der sie zuerst heut traf! Hurra, der Fischer, der Sich rudernd wagt auf Fjord und Meer! Hurra, im Schaerenkranz Die Kueste unsres Lands! HALFDAN KJERULF [Symbol: gestorben] (1868) Hart griff der Winter die jungfrohe Kraft, Doch er griff fehl. Der lenzfrische Saft Rettete sich in dem leidenden Stamme. Hochsommer bracht' ihm der Bluetezeit Flamme, Spaetherbst gab reifender Fruechte Prangen,-- Wenige, doch suess und mit rosigen Wangen. Sein ward die Frucht--und wird ewig gesaet, Da, wo man ewig im Sommer steht. Er allein fand Leidengebeugt sich an Todesstroms Rand. Weiter kaempft' er mit Winter und Eis, Kaempft' um den Sommer, des Saengers Preis, Kaempfte im Sinken, noch demuetig schoen In bruenstigem Flehn. Hat ihn der Sommer auch wirklich gefaellt,-- Jetzt, da man's erntet, das goldene Korn, Hat er gesiegt; unter Jagdruf und Horn, Einzugsfeier er haelt. Er ist der Dichtkunst maechtiges Bild. Winterlich herb und doch sommerlich mild. Gleichwie die Luefte in zitterndem Schein, Rosige Gipfel und laubfrischer Hain, Baeche, die blumige Wiesen durchgleiten, Klingen und spielen in Sonnenlichts Saiten, So soll die Dichtkunst erstehen aufs neu',-- Bleibt sie, selbst fallend, der Sache nur treu,-- Maechtig sich dehnen, _Bald ist hier Sommer mit Sommers Sehnen._ VORWAERTS "Vorwaerts! vorwaerts!" Scholl der Ahnen Losungswort. "Vorwaerts! vorwaerts!" Pflanzen wir den Schlachtruf fort! Was die Sinne flammen, die Herzen glauben heisst, Auch uns, die Enkel, vorwaerts reisst In ihrem Geist. "Vorwaerts! vorwaerts!" Wer gern haust als freier Mann. "Vorwaerts! vorwaerts!" Freiheit ewiglich voran! Was sie auch an Leiden und Opfern kosten mag, Wer weiss noch vom empfangnen Schlag Am Siegestag? "Vorwaerts! vorwaerts!" Wer da traut des Volkes Kraft. "Vorwaerts! vorwaerts!" Wer am Werk der Vaeter schafft. Schaetze schlafen tief noch in nordischer Berge Schoss: Die lege treuer Spatenstoss Von neuem bloss! WIE MAN SICH FAND (Zum Studententag 1869) Traeume, die zu Traeumen draengen, Finden bald ihr Reich; Herzen, die sich suchen, sprengen Alles lenzstrahlgleich. Und je tiefre Leiden binden Ihren jungen Drang, Desto heller beim Sichfinden Braust der Jubelsang. Jeder von den Hochgemuten Spornt zwar hundert an, Doch wenn tausend auch verbluten, Waer's doch nicht getan. Nein, erst wenn der Volkslenz brausend Stuermt durch Wald und Land, Weckend all die Hunderttausend,-- Dann erst man sich fand. Heil nun Norges jungem Tage, Fern in Dunst versteckt. Mit dem Daemmergrauen jage Weg, was uns erschreckt. Und des Schlachthorns hohle Lieder, Traenen, Schmach und Blut, Die beseelten immer wieder Uns erst recht mit Mut. Aus des Volkes Geist und Werken Waechst er Tag fuer Tag, Niederlagen ihn nur staerken Zum Entscheidungsschlag. Fruehlingsahnen ist entglommen, Spricht das Jubelwort Von dem Lenz, der einst wird kommen, Heil dir, Volk im Nord! NORWEGISCHE NATUR (Auf Ringerike waehrend des Studententages 1869) Wohlauf, ihr Wanderer, singt, Von Norges Herrlichkeit umringt! Lasst stille den Ton sich ranken, Wie Farben vorueberschwanken Zu Fjord und Strand, Gebirg und Flur Und Wald im Borne der Natur. Die Glut in des Volkes Drang, Die tiefe Kraft in seinem Sang, Hier hebt sie zu dir die Augen, Um deine Schoenheit zu saugen, Und dass du dich vor ihr enthuellt, Dankt dir ein Blick, von Lieb' erfuellt. Hier kam die Geschichte zur Welt, Hier traeumte Halvdan als ein Held. Er sah in Nebelgestalten Das ganze Reich sich entfalten, Und _Nore_ stand und gab ihm Mut, Und in die Weite wies die Flut. Hier fuehre des Liedes Chor Der Heimat ganzes Bild uns vor! Es brause der Sturm in der Stille; Ins Milde soll dringen der Wille: Wenn sich das Land zusammenschart, Erkennt ein jeder unsre Art. Was immer als erstes sie will, Sind hundert Haefen im April. Da hebt sich das Herz zum Gotte, Wenn Anker lichtet die Flotte; Norges Gebete segeln fort Mit sechzigtausend Mann an Bord. Schau' felsigen Kuestenhang Mit Moewen, Walen, Platz zum Fang, Fahrzeugen im Inselschutze, Doch Boten im Wogentrutze Und Garn im Fjord, Schleppnetz im Sund-- Von Rogen weiss den ganzen Grund. Im wilden Lofotenschwarm Umschlingt den Fels der Meeresarm; Die Hoehen haelt Nebel umzogen, Doch am Fusse keuchen die Wogen, Und alles dunkelt, schreckt und droht; Jedoch im Strudel Boot an Boot. Den Eismeerfahrer dort schau' Hinziehn durch Schnee und Daemmergrau. Laut schallen Kommandoworte; Durchs Eis wird gebrochen die Pforte, Und Schuss auf Schuss die Seehundsjagd, Doch Leib und Seele unverzagt. Dann kommen wird abends zu Gast, Wo das Gebirgsvolk weilt zur Rast, Wo Kuehe man melkt auf den Matten In des draeuenden Felshangs Schatten, Wo sehnsuchtsbangem Fragelaut Natur die Antwort anvertraut. Doch muessen wir weiter im Flug; Denn unser wartet noch genug,-- Das Bergwerk, drin Erze wuchten, Die Renntierjagd in den Schluchten, Der schaeumend weisse Strom, der stolz Zu Tale traegt des Floessers Holz. Und weilen wir wieder hier, Die breiten Doerfer lieben wir, Wo Bauern in treuem Walten Hoch unsere Ehre halten; Von ihrer Ahnen Glanz umloht War unsres Aufgangs Morgenrot. Wohlauf, ihr Wanderer, singt, Von Norges Herrlichkeit umringt! Uns leiht unser Wirken Fluegel, Es gruesst uns die Vorzeit vom Huegel, Und unsre Zukunft werd' erbaut So stark wie Gott, dem sie vertraut. ICH REISTE VORUEBER --Ich reiste vorueber im Morgenrot: Lautlos ein Hof noch im Lichte ruht, Und wie die Scheiben brennen in Blut, Loht auf in der Seele erloschene Glut:-- In Fruehjahrsstunden Dort war ich gebunden Von laechelnden Lippen und feinen Haenden, Und das Laecheln musste in Traenen enden. Lang, bis der Hof meinem Blicke entschwand, Schaut' ich hinueber, unverwandt. Alles Vergangne erglaenzte rein, Alles Vergessne ward wieder mein:-- Gedanken wandern Nun auch zu andern Fruehlingstagen, und Wonnen und Fehle Wogen vor und zurueck in der Seele. Freudvoll damals und freudvoll nun, Schmerzen damals und Schmerzen nun. Sonne im Tau: wie das funkelt und weint-- Traenen und Laecheln verklaert und vereint. Wenn Erinnerungswellen Flutend erst schwellen Ueber die Seele und ebben dann wieder, Gruent sie und sprengt die Knospen der Lieder. MEIN GELEIT Durch strahlende Wonnen fahr' ich heut In Sonntagsstille mit Glockengelaeut. Die Sonne, vom Saatfeld bis zu den Muecken, Will alles alliebend, allsegnend begluecken. Ich sehe das Volk in die Kirche wallen, Hoer' Psalmen aus offener Pforte hallen.-- Sei froehlich! Nicht mir nur galt dein Gruss, Wenngleich du's nicht merktest mit eiligem Fuss. Ich habe das herrlichste Reisegeleit-- Zwar birgt es sich listig von Zeit zu Zeit; Doch sahst du mich Sonntagsfreude bekunden, So war's, weil mehrere mit mir verbunden, Und hoertest du meinen gedaempften Gesang, Sie sassen schaukelnd in jedem Klang. Mir folgt eine Seele von solcher Macht, Dass alles sie mir zum Opfer gebracht; Ja, sie, die lachte, wenn umschlug mein Nachen, Die nicht gebebt vorm Gewitterkrachen, In deren weissen Arm ich geruht, Erwaermt von des Lebens und Glaubens Glut. Seht, hierin bin ich von Schneckenart: Ich nehme das Haus mit auf die Fahrt, Und wer da glaubt, dass die Buerde mich druecke, Der sollte nur wissen, wie hold es begluecke, Ein Obdach zu finden, wo himmlisch klar Sie steht unter lachender Kinderschar. Kein Denken, kein Dichten hat je ersonnen So hohe Woelbung, so tiefen Bronnen, Wie von der himmlischen Liebe der Schein Hinabdringt bis in die Wiege hinein. Nie leuchtet und taut dir die Seele so lind, Wie wenn mit Gebeten du wiegst dein Kind. Wer nimmer die Liebe gekannt fuer das Kleine, Dem winkt nicht die grosse, die allgemeine. Wer nicht sein eigenes Haus kann baun, Wird auch seine Tuerme zertruemmert einst schaun; Und zwingt er ganz Europa ins Joch, Stirbt einsam er auf Sankt Helena doch. Erbau' dir nur selbst eine Zufluchtsstaette; Dann weiss auch dein Naechster, wohin er sich rette. Obwohl von Kindern und Frauen geschaffen, Birgt diese Festung so starke Waffen, Dass heil sie bleibt in Kampf und Gefahr Und Mut verleiht einer ganzen Schar. Ein einzelnes Heim trug oft ein Land, Wenn dessen Retter es ausgesandt, Und wieder viel tausend Heime trug Das Land erloest aus dem Kriegeszug; So traegt es auch auf des Friedens Wegen Den Pulsschlag des Heims in emsigem Regen. Trotz all dem Feinen im fremden Duft, Ganz lauter allein ist die Heimatluft. Nur dort stellt kindliche Wahrheit sich ein Und wird von der Stirn dir gekuesst der Schein. Zur Heimat dort oben stehn offen die Tueren; Denn von dorten kam's, und dahin wird es fuehren. Du Kirchenpilger, drum freue dich; Du betest fuer deine, fuer meine ich; Denn das Gebet laesst uns aufwaerts wandern Ein Stueck von dem einen Heim zum andern.-- Ihr bieget hinein; im Weiterwallen Hoer' ich den Psalm aus der Pforte hallen.-- Sei froehlich! Nicht mir nur gilt dein Gruss, Wenngleich du's nicht merktest mit eiligem Fuss. AN MEINEN VATER (Als er Abschied nahm) Unser Geschlecht sah einstmals stolze Tage. Noch in geraeumigen Weilern und auf breiten Gehoeften sitzt es; doch in harten Zeiten Ward _unser_ Zweig gebeugt in andre Lage. Nun reckt er wieder sich zum Licht empor, Und frische Knospen spriessen draus hervor: Du staerktest ihn; dein Abend sieht aufs neue Ihn bluehn, gelabt vom Quickborn deiner Treue. Wie das Geschlecht sich ausruht, um zu steigen In seines Wesens Tiefe, still geschaeftig Dort einzusaugen, was erloesungskraeftig Die reichen Gaben aufweckt, die sein eigen-- So konnt' ich fuehlen noch in dir die Spur Der dumpfen, ungezuegelten Natur; Sie war so stark, dass ihre dunklen Maechte Fortwirken bis zum spaetesten Geschlechte. Ein Funke fiel hinein vom warmen Herzen Der Mutter, und der Bund, der euch beglueckte, Wird, wie er segnend euer Alter schmueckte, Noch leuchten nach dem Tod mit hellen Kerzen. Wenn unser Volk einst recht versteht das Bild Der Heimat, der mein ganzes Dichten gilt, Des Glaubens und der Liebe stilles Walten, Dann soll's auch euch fuer immer lieb behalten. Wird Norges Bauer, wie ich ihn beschrieben Aus Sagas oder bei des Pfluges Lenken, Genannt,--muss, Vater, man auch dein gedenken: Ich ahnt' ihn nur, weil dich ich lieben durfte. Und wenn das treue Weib, das ich gemalt, Mit wackrem Mut, von Glaubensglanz umstrahlt, Von Fraun genannt wird, mag es leicht geschehen, Dass meine gute Mutter sie erspaehen. Und nun in Abendrast moegt ihr verweilen Nach schwerem Tagwerk und nach manchen Plagen, Moegt euch erzaehlen von entschwundnen Tagen, Von manchem mueden Schritt die tausend Meilen-- Wie ueber Winterschnee der Sonnenschein Blickt euch ins Fenster freudiger Dank herein, Umwebend einstiges Leid mit goldner Huelle, Und Leben quillt euch aus des Glaubens Fuelle. Doch niemand ist, der waermer fuer euch betet Als euer Sohn, den ihr in Angst und Beben Gehegt vom ersten leisen Fluegelheben, Fuer dessen Wohl zu Gott ihr taeglich flehtet. Wisst, wenn das Blut zu wild mir schoss durchs Hirn, War mir, als ruehrten Haende meine Stirn; Und pochte Reue still an meine Schlaefen, War mir, als ob wir uns beim Hoechsten traefen. Seht, deshalb bitt' ich Gott, mir Kraft zu senden (Fuers Leben werden wir uns neu begegnen, Und Scherz wird Hoffnung und Erinnrung segnen), Um einen heitern Abend euch zu spenden! O lass die Enkel, wenn dein Arm sie haelt, Im Abend schaun die morgendliche Welt! So wird einst troestlich ihnen noch im Sterben Das Morgenrot die blassen Haeupter faerben. AN ERIKA LIE Wer in Toene baende Nordische Gelaende, Zeigte nicht nur rauhe Bergeswaende, Nein, auch ebne Auen, Die gen Morgengrauen Glitzerperlen frisch betauen. Waelder, traumumflogen, Die in schweren Bogen Wie ein Meer das Glommental durchwogen,-- Lieblich gruene Weiten, Die von allen Seiten Leicht und licht zusammengleiten. All den feinen, klaren Reiz uns offenbaren --Nordlands sonnbeglaenzte Vogelscharen. Und die Purpurspende Ferner Nordlichtbraende-- Sieh, das muessen Maedchenhaende. Deine Haende schlagen Toene an und jagen Bilder auf aus langentschwundnen Tagen, Die in Sehnsuchtstiefen Unsrer Dichtkunst schliefen, Bis dann deine Haende wach sie riefen. Bald in leichten Ringen Sehn wir blinkend schwingen Funken, die aus Vaters Frohsinn springen; Bald erhabnes Schauern, Heiliges Bedauern Aus der Mutter Wehmutsauge trauern. Kinderseele, klinge Reingestimmt und dringe Glaeubig durch das Sein und alle Dinge, Rein wie Melodien, Festsaalharmonien Dich, du Kind des Glommentals, umziehen. AN JOHAN SVERDRUP Nicht war's zu rauhem Kriegeswerke, Dass deines Namens Wunderstaerke Ich mir zum Losungswort erkor. Kein Gassenkampf kraenkt unser Ohr! Soll denn der Dichtkunst Opferhain Gefeit vor Meuchelmord nicht bleiben,-- Ist das das Neue, was sie treiben, Dann mag ich nicht der ihre sein. Dann sage ich, wie Ejnar sagte, Als er um seinen Koenig klagte Und Harald mit Verheerung droht': "Ich folge eher Magnus tot Als Harald lebend;--" ja fuerwahr, Dann mache ich mein Langschiff klar. Auch darum senkte nicht vor dir Mein Lied sein flatterndes Panier, Weil ich bei dir Erloesung waehnte Fuer alles, was mein Herz ersehnte. Nein, wo die _groessten_ Fragen brennen, Da eben ist's, wo wir uns trennen-- Von des Gedankens Ursprung an, Bis er sich formt zu Ziel und Plan. Ich steh' auf Kinderglaubens Grund-- Er muss dem Volk die Freiheit geben, Durch ihn kann es nach Gleichheit streben, Nach freier Bruedervoelker Bund. Wohl heissest du gleich mir ein _Christ_, Doch ist die Kluft so tief geblieben, So tief, wie wir _verschieden_ lieben Dies Land, das uns _gleich_ teuer ist. Heut moegen wir am Sieg uns freun,-- Das Morgen wird uns neu entzwein. Doch darum dich mein Sang erkor, Weil eben das, was uns _jetzt_ gilt, Von allen dich am staerksten fuellt, Du haeltst im Kampf es hoch empor. Wenn graue Nebel uns umschlingen, Nach Licht das truebe Auge lechzt, Die Erde schlummermuede aechzt, Und aengstlich wir nach Atem ringen,-- Dann weicht von dir die Erdenschwere, Dann regt dein Geist die Donnerfluegel, Dann packt dein Blitz die Wolkenheere, Und sonnenklar stehn Berg und Huegel. Du bist der frische Regenguss In unsres Alltags traegem Muss; Du bist die Salzflut, die so wild In unsre schwuelen Fjorde quillt. Dein Wort bricht durch wie Bergmannsgaenge, Wo Erz erglaenzt in Felsenenge; In deines Seherauges Flammen Schmilzt Einst und Jetzt in eins zusammen. Solang' du Sverres Klinge schlaegst, Macht sie dein Schlachtenhorn erzittern; Solang' wir dich als Fuehrer wittern, Du Sieg auf Sieg von hinnen traegst. Sie weichen unter deinen Hieben, Verkriechen sich in scheuer Kluft, Doch frei in des Gedankens Luft Ist unversehrt dein Haupt geblieben. Wir lieben deinen Loewenmut, Der vor der Fahne kaempft voll Glut, Die Faehigkeit, die unverzagt Den eignen Stahl zu schmieden wagt, Die wachsame Verwegenheit In Not, Verachtung, Krankheit, Leid. Wir lieben dich, weil alles du Hingabst fuer uns--Ruhm, Zukunft, Ruh; Wir lieben dich trotz Hass und Groll: Du glaubtest an uns allezeit. Wer wagt's, noch rueckwaerts jetzt zu zeigen? Nein, aufwaerts Jahr fuer Jahr wir steigen, Aufwaerts in Freiheit und in Sang Und froh-norwegischem Eigenleben; Wer wagt es noch, zu widerstreben Befreitem hundertjaehrigen Drang? Kein Zwiespalt mehr um Recht und Macht; Ob Kriegstumult, ob Friedensstille, Nur _einer_ Freiheit Ehrenwacht, _Ein Volk nur und ein einziger Wille._ Der Geist, dem unsres Morgens Graun Den Traum von freien Goettern brachte, Der gross von allem Grossen dachte, Wird nimmer dem Unechten traun. Der Geist, der Wikingschiffe baute, Als er dem Koenigswort misstraute,-- Der sich, bedroht, gen Island schwang Auf Heldenruf und Heldensang, Im Sturm dann Land und Zeiten nahm,-- _Den_ macht ihr nicht so leicht mehr zahm. Der Geist, dem einst am Hjoerungsunde Schlug langersehnter Freiheit Stunde, Der keines Koenigs Macht gescheut, Der selbst dem Papstspruch Trotz noch beut, Der selbst in seiner Schwachheit Stunde Frei sass auf freier Vaeter Grunde, Und sich gewehrt mit Mund und Hand, Wo fremdes Herrentum ihn band,-- Der Wessel fuehrte Hand und Degen, Der Holbergs Witz zu wetzen wagte Und der Gedanken Funkenregen Aus stillem Schlot gen Ejdsvold jagte,-- Der durch des Glaubens Machtgebot Die Bruecke _ueber_ Odin spannte Im Baldurmythus auf zu Gott,-- Der Geist, der sich aus tiefem Dunkel Zu Gimles Klarheit durchgerungen, Als Papstesspruch wie Moenchsgemunkel Ihm allerwaerts den Weg verrannte,-- Und abermals dann Brueckenbogen Zu sonnigen Freiheitshoehn gezogen, So dass, als rings fuer Luthers Lehre Des Schlachtfelds Opfer blutig rauchte, Im Norden, an der Freiheit Wehre, Nur eine Wand zu fallen brauchte,-- Der Geist, der auch die finstern Stunden, Da man den Glauben abgeschafft, Durch Brun und Hauge ueberwunden, Und der mit unbeirrter Kraft In pietistischer Nebelnacht Bei Kerzenschein am Altar wacht,---- Glaubt ihr, den bringt man in die Mode Durch die neumodische Synode? Der liesse sich in Stuecke feilen Und in politische "Kammern" teilen, Der liesse sich wie Schmugglerwaren Ueber die Grenze heimlich fahren? Und _eben jetzt_, da auf den Hoehen Die Feuerzeichen flammend rauchen, Da Schulen fuer das Volk erstehen Und nicht um Platz zu kaempfen brauchen, Wo Mut und Sinne sich verjuengen, Dieweil wir hoeren, glauben, singen;-- Jetzt, da mit dumpfen Wetters Macht Sich Wellen aus der Tiefe heben, Und drueber hell wie Nordlichtpracht Der Jugend Sehnsuchtrufe schweben,-- Jetzt, da der Geist allueberall Die alte, starre Form verschmaehte, Wo schmetternd mit der Kriegsdrommete Der junge Wille stuermt den Wall! Kampfgrosse Zeit! Und wir mittinnen! Der Erde Groesstes ist's: zu sein, Wo Kraefte gaerend sich befrein Und Formen und Gestalt gewinnen; Von eignen Feuers Ueberfluss Zu opfern fuer den grossen Guss, Den Abdruck seiner eignen Form Zu sehn als der Geschlechter Norm,-- Zu hauchen in den Mund der Zeit Den Geist, den Gott in uns geweiht. * * * Das war's, was ich dir sagen musste,-- Just dir, der wach zu jeder Frist Die Werkstatt seiner Zeit durchmisst Und stets, was kommen wuerde, wusste; Dir, der des Volkes Herz geweiht Zu diesem neuen Freiheitsleben,-- Und dem dies Volk dafuer gegeben Sein Schoepfertum samt seinem Leid. DAS KIND IN UNSRER SEELE Zum Herrn im Himmelsraume Blickt auf ein Knabe unschuldstraut, Wie wenn zum Weihnachtsbaume, Ins Mutteraug' er schaut. Doch schon im Sturm der Juenglingsbahn Trifft ihn der Edenschlange Zahn, Und seines Glaubens Schranken, Sie wanken. Da winkt voll Sonnenschimmer Sein Kindertraum im Myrtenkranz; Im Liebesblick malt immer Sich frommer Himmelsglanz. Wie einst im Mutterarm so gern, Preist wieder stammelnd er den Herrn Und loest sein betend Sehnen In Traenen. Wenn dann zum Lebensstreite Er zweifelnd eilt in jaehem Lauf, Steht laechelnd ihm zur Seite Sein Kind und weist hinauf. Mit Kindern wird er wieder Kind; Wohin sein Herz auch traegt der Wind, Gebet wird ihn vereinen Den Seinen. Der groesste Mann auf Erden, Das Kind in sich verlier' er nicht, Und selbst in Sturmbeschwerden Erlausch' er, was es spricht! Oft, wenn ein Kaempe fiel mit Scham, Das Kind war's, das als Retter kam; Es laesst von allen Wunden Gesunden. Was Grosses ward ersonnen, Ist Werk des Kinderfreudenstrahls; Was Starkes ward gesponnen, Das Kind in uns befahl's. Was schoenheitsvoll in Herzen fiel, Lebt in des Kindes Unschuldspiel, Und Klugheit vollgewichtig Wird nichtig. Wohl dem, der sich hienieden Wert zeigt, im eignen Heim zu ruhn; Denn dieses nur gibt Frieden Des Kindes mildem Tun. Uns alle, die des Lebens Schlacht Verhaertet hat und mued' gemacht, Wird Kinderlachens Toenen Versoehnen. DER ALTE HELTBERG Ich besucht' eine Schule--klein, doch geziert Mit allem, was Kirche und Staat approbiert. Sie drehte sich fuegsam und honett In der Staatsmaschine, freilich mit Knarren, Denn geschmiert wurde selten mit Geistesfett. Jedoch eine andre gab's dort mit nichten: Und so mussten wir denn ins Geschirr vor den Karren, Aber statt zu ziehn--las ich Snorres Geschichten. Dieselben Buecher, dieselben Gedanken, Die der Lehrer pflichtschuldigst jahraus, jahrein In die Koepfe paukt ohne Wanken und Schwanken, --Denn dies befohlne System allein Bringt das Amt, nach dem Lehrer wie Schueler nur zielen!-- Dieselben Buecher, dieselben Gedanken, Die einen machen aus noch so vielen, Der auf einem Bein seine Lektion absurrt, Der Tausendsassa, wie ein Ankertau schnurrt!-- Dieselben Buecher, dieselben Gedanken Von Mandal bis Hammerfest--(ja, wie mit Planken Umschliesst uns der Staatspferch, darin alle feinen, Korrekten Leute dasselbe stets meinen!)Die naemlichen Buecher, die gleichen Gedanken Sollt' ich schlucken; doch mir widert' der Brei, Ich trotzt' mit der Schuessel und machte mich frei, Froh ueberhuepfend der Heimat Schranken. Was mir draussen begegnet und was ich dachte, Was die neue Staette mir Neues brachte, Wo die Zukunft lag,--darauf will ich verzichten, Um von der "Studentenfabrik" zu berichten. Baertige Gesellen, oft ueber die Dreissig, Auf jedes Wort hungrig, bueffelten fleissig Neben mausigen Buerschlein von siebzehn Jahren, Die sorglos naerrisch wie Spatzen waren;-- Teerjacken, einst ins Abenteuerland Keck aus der Schule durchgebrannt, Dann reuig wieder und sehr erpicht, Die Welt nun zu sehen im Weisheitslicht;-- Fallierte Kaufleute, die hinterm Pult Mit den Buechern liebelten, bis die Geduld Ihrer Glaeubiger riss, und auf Pump jetzt studierten;-- Salonloewen, faule, die hier noch sich zierten!-- Junge, halb ausgebackne Juristen Und predigtluesterne Seminaristen;-- Kadetten mit Schaeden an Arm oder Bein, Bauern, denen 's Lernen fiel allzuspaet ein:-- Was andre in fuenf Jahren nicht verschlingen An Latein, in knapp zweien wollten sie's zwingen.-- Sie hingen ueber die Baenke, lehnten gegen die Wand, Ein Paar hockt' in jedem Fenster, einer pruefte just am Rand Eines tintenklecksigen Pultes, ob denn sein Messer schneide. So fuellten sie die zwei Stuben, zum Brechen voll beide. Lang und hager, im Halbtraum, auf der aeussersten Linie Sass vor sich hinbruetend A.O. Vinje. Angespannt und mager, die Gesichtsfarbe gipsen, Hinterm kohlschwarz-unmenschlichen Bart Henrik Ibsen. Ich, der juengste, war damals noch nicht von der Partie, Bis ein neuer Schub einrueckte mit Jonas Lie. Doch der Alte, der wackre Chef in dem Loch, Heltberg war von allen der schnurrigste doch! In Pelzstiefeln stand er, in Hundefell dicht Vermummt (denn es beugten ihn Asthma und Gicht, Den Riesen), doch barg uns die Pelzmuetze nicht Seine Stirne, das klassische Adlergesicht. Nun schmerzgekruemmt, nun besiegend, was widrig, Warf er starke Gedanken--und er warf sie nicht niedrig. Kam der Schmerz unbaendig und stiess zusammen Mit dem starken Willen, der Sturm dann lief Gen den Anfall, sahn wir sein Auge flammen Und die Haende sich ballen, als schaemt' er sich tief Jeder Schwachheit. Wie uns da entgegenschlug Das Grosse im Kampfe! Und jeder trug Ein Bild mit sich fort jener stuermischen Zeiten, Da durchs Land gebraust Wergelands wilde Jagd, Welch ein Spiel der Kraefte im Toben und Streiten. In der Kraft welch ein Wille unverzagt! Nun stand er verlassen, der einzige noch, Vergessen in seinem Winkel--und war ein Haeuptling doch! Los sprengt' er den Gedanken aus der Schule Zwang und Zucht, Sein Eigen war die Lehre, seine Fuehrung Geistesflucht, Persoenlich all sein Wesen: hoechst ungeniert-anarchisch Risch rasch! ging's in den Text; doch absolut monarchisch War sein Grimm ueber Fehler;--zwar legte er sich bald Oder stieg zu einem Pathos von edelster Gestalt, Das in Selbstverhoehnung sich loeste wieder Und als Spottregen prasselt' auf uns hernieder.-- So fuehrt' er seine "Horde", so ward im Flug durchbraust Das klassisch schoene Land,--wo wir verdammt gehaust! Entsetzt standen Cicero, Virgil und Sallust Auf dem Forum und im Tempel, rasten wir Wilden just Vorueber: Hie Tor, hie Odin! ein zweiter Gotenzug, Der Jupiters Lateiner und die ewige Roma schlug. Und es war des Alten Grammatik ein Hammer von Zwergen geschweisst, Wenn er ihn schwang, da spruehte Flammen der nordische Geist. Doch die neue Barbarenhorde, die hinter ihm jagte dahin, In Rom sich niederzulassen, hatten sie nicht im Sinn. Sie wurden nicht "Lateiner", nicht fremden Denkens Knecht, Sie lernten sich selber kennen auf der Fahrt als Herrengeschlecht. Des Denkens hohe Gesetze erwies er uns am Worte, Zu Wundern und zu Taten erschloss er uns die Pforte Und schaerft' uns, zu erobern, zu stuermen, den Mut, Was unberuehrt gestanden in altersheiliger Hut. Als schauten wir Gesichte, in atemloser Haft Hielt uns des Alten Lehre und mehrte unsre Kraft. Seine Bilder gaben Nahrung dem jungen Schoepferdrang, Sein Witz war Staerkeprobe und staehlte zum Waffengang; Seine Macht war uns die Wage, die Kleines von Grossem schied, Sein Pathos zeugte vom Kampfe, der im Verborgnen glueht! Wie sehnte der kranke Kaempe sich aus dem Winkel vor, Nur einmal der Welt zu zeigen, was sie an ihm verlor, Wenn er von seinem Besten nur wenigen Schuelern gab. Tagtaeglich hisst' er die Segel, doch niemals stiess er ab. Seine Grammatik erschien nicht! Er selbst ging in das Land, Wo man des Denkens Gesetze nicht mehr in Buecher bannt. Seine Grammatik erschien nicht! Aber ein Lebenswort, Bedurft' es der Druckerschwaerze? Es dauerte schaffend fort! Aus seiner Seele stroemt' es so maechtig, so warm, Das Leben von tausend Buechern, wie scheint es dagegen arm! In einer Schar von Maennern, selbstaendig und stark, Lebt weiter, was ihrem Denken Halt verliehn und Mark. In der Schule und in der Kirche entfalten sie ihr Wirken, Im Tingsaal und vor den Schranken, in allen Geistesbezirken,-- Und immer behaelt ihr Walten einen freien, starken Zug, Seit Heltberg ihre Jugend in reinere Hoehen trug. FUER DIE VERWUNDETEN (1871) Ein stiller Zug bewegt Sich durch des Kampfs Getoese, Das Kreuz am Arm er traegt. Sein Flehn in tausend Zungen klingt, Und den gefallnen Kriegern Er Friedenskunde bringt. Nicht nur auf blutigem Feld Des Kriegs ist er zu Hause,-- Nein, in der ganzen Welt. Was in der Welt an Liebe glueht Aus edlen, guten Herzen, Andaechtig-still hier kniet. Es ist der Arbeit Scheu Vor Kriegesmord, die betet Um Schutz vor Barbarei, 's sind alle, die das Leid durchwuehlt, Die ihrer Brueder Qualen Je seufzend mitgefuehlt. Es ist das Schmerzgestoehn Der Kranken und der Wunden, Der Christen frommes Flehn, Ist der Verlassnen bleiche Qual, Ist der Bedrueckten Klage, Der Toten Hoffnungsstrahl;-- Der Wolken Nacht durchbricht Als Friedensregenbogen Des Heilands Glaubenslicht: Dass ueber Leidenschaft und Streit Die Liebe triumphiere, So wie Er prophezeit. LAND IN SICHT Und das war Olav Trygvason, Den sein Kiel durch die Nordsee trug Heimwaerts zu seinem jungen Reiche, Wo noch kein Herz fuer ihn schlug. Scharf spaeht' er aus nach dem Lande: Dort--sind das Mauern am Meeresrande? Und das war Olav Trygvason; Wallgleich hob es sich himmelan; All seine jungen Koenigswuensche Wollten zerschellen daran,-- Bis ein Skald, wo der Nebel braute, Tuerme und blasse Zinnen erschaute. Und das war Olav Trygvason, Deucht' ihn nun selbst, dort stiegen auf Altersgrau ragende Tempelmauern, Schneeweisse Kuppeln darauf. Sehnt' er sich, wie sie herueber sehen, Mit seinem jungen Glauben darinnen zu stehen. AN H.C. ANDERSEN (Bei einem Sommerfeste zu seinen Ehren, Kristiania 1871) Willkommen hier am lichten Sommertag, Da Kindertraeume heimisch uns geworden Und bluehen, singen, spiegeln, schweben, fliehn; Den sie umziehn, Ein Maerchen ist nun unser hoher Norden Und nimmt dich an sein Herz zum Weihebund, Und danket, jubelt, fluestert Mund zu Mund. Und Engelslaut Von Kinderherzen traut Traegt dich empor fuer kurze Frist, Wo unsrer Traeume Born und Ursprung ist. Willkommen! Unser ganzes Volk ist jung Und steht im Maerchenalter noch, dem schoenen, Das traeumend eine Zukunft wirken kann. Der geht voran, Der fuegsam hoert den Ruf des Herrn ertoenen. Wer Kindes Sehnsucht so wie du verstand, Botschaft vom Groessten bringt er unserm Land: Der Zauberstab, Den Phantasie dir gab, Hat spielend uns den Weg befreit, Den wir entgegenwandeln grosser Zeit. BEI EINER EHEFRAU TODE Sie kannte des Todes Auge seit jenem dunklen Tag, Da ihr der Erstgeborne entseelt zu Fuessen lag; Und als sie's rief zur Mutter, zur fernen, die verschied, Da folgte ihr dies Auge mit unbewegtem Lid; Ihr ahnte, als am Grabe sie stand im Trauerflor: Jetzt trifft es mehr als Einen, jetzt, Leben, sieh dich vor! Und als ihr Gatte umsank, der starke Mann, da sprach Sie schmerzlich: O, ich wusste, das Schwerste kaeme noch nach. Sie dachte, ihn, ihn haette gewaehlt des Schoepfers Grimm, Und stemmte ihre Haende wider den Boten schlimm Und wollte mit ihrem Leibe, schwach wie ein Birkenreis, Ihn schirmen, ihren Helden--und gab sich selbst so preis. Sie laechelte so selig: ihr Urteil war gefaellt, Ihr Opfer angenommen,--gerettet war ihr Held. Bewundrung, Liebe woelbten ein strahlend Sternenzelt Von Glueck zu ihren Haeupten in ihrer letzten Stund, Bis schneeweiss sie entschwebte fort in der Engel Rund. Es zieht solch eine Liebe wohl bis an Gottes Brust Die Seelen mit sich, die sie umfaengt voll Opferlust. AN DER BAHRE DES KIRCHENSAENGERS A. REITAN (1872) Sein lachend Auge durfte sich An Land und Himmel weiden; Denn beider Bildnis in ihm glich Den ewigen Jubelfreuden. Als "Quellchen" sprang Sein Wort, sein Sang Durch Taeler gruen und eng und lang, Und fruchtbar spriesst's am Rande. Beim armen Volk im Winter dann Da litt er und da fror er. Und doch stieg als der frohste Mann Zur Orgel dann empor er. "Die Achse, seht, Um die sich's dreht, Auch durch das aermste Doerflein geht." So sang vom hohen Chor er. Ach, und als Krankheit jahrelang Kam, um sein Lied zu pruefen, Und all die Kleinen hilflos bang Zutraulich nach ihm riefen, Mit leisem Klang Dem Staub entrang Sich Aeolsharfen gleich sein Sang Den dumpfen Erdentiefen. Sein Leben sagte uns voraus: Wenn wir uns Gott ergeben, Dann wird in Kirche, Schule, Haus Das Volk im Liede leben: In Volksgesang, In Lustgesang, Im Abglanz von des Herrn Gesang Hoch ueberm Weltenweben. Mein Land, o denk der Kleinen auch, Die er ans Herz dir legte, Und aermer, als ein Rosenstrauch, Selbst noch im Sterben pflegte.-- Ein Herz wie er Darf nimmermehr Dies Land verlassen freudenleer, Das er so treulich hegte. DAS LIED Das Lied hat Leuchtkraft; drum ueber die grauen Werktage giesst es Verklaerung hin. Das Lied hat Waerme; drum laesst es tauen Den Frost und die Starrheit in deinem Sinn. Das Lied hat Dauer; drum was vergangen Und was zukuenftig, es flicht's dir zum Kranz, Entzuendet in dir unendlich Verlangen Und bildet ein Lichtmeer von Sehnsucht und Glanz. Das Lied vereint; denn es laesst entschwinden Den Misston und Zweifel in strahlendem Gang; Das Lied vereint; denn es weiss zu verbinden Kampflustige Kraefte in friedlichem Drang: Im Drang zur Schoenheit, zur Tat, zum Reinen! Es laedt uns, zu schreiten auf schimmerndem Steg Stets hoeher und hoeher, empor zu dem Einen, Das nur fuer den Glaeubigen oeffnet den Weg. Die Sehnsucht der Vorzeit im Vorzeitsgesange Glaenzt wehmutsvoll wie der Abendflor; Die Sehnsucht der Gegenwart halten im Klange Wir fest fuer der Zukunft lauschendes Ohr. Es trifft sich im Liede der Lenz der Geschlechter Und tummelt sein Leben im toenenden Wort; Die Geister der Ahnen wie mahnende Waechter, Sie rauschen heut festlich in jedem Akkord. AUF N.F.S. GRUNDTVIGS TOD (1872) Gleichwie der Urzeit Wala hehr Aufstieg ueber den Wassern der Sagen, Kuendend, was Himmel verbarg und Meer, Dann, wieder sinkend hinabgetragen, Liess die Kunde zu Lehr' und Ehr' Spaetesten Tagen: Also liess uns, der unser war, Schwindend Gesichte, die nicht entschwanden, Die noch schweben, leuchtend und klar, Sonnenwolken ob Meer und Landen, Unsern Ausblick auf tausend Jahr' Hell zu umranden. AUS DER KANTATE FUER N.F.S. GRUNDTVIG (1872) Sein Lebenstag, der groesste, den Norden je gekannt, Der mitternaechtigen Sonne war wunderbar verwandt. Das Licht, in dem er wirkte, von "Gottes Frieden" war, Das nimmer untersinket, nie neuen Tag gebar. Im Licht von Gottes Frieden Geschichte er uns gab, Als Geistesschritt auf Erden, hoch ueber Zeit und Grab. Im Licht von Gottes Frieden hat er der Vaeter Bahn, Zur Warnung und als Beispiel, klar vor euch aufgetan. Im Licht von Gottes Frieden folgt' er mit Wachsamkeit Dem Volke, wo es baute, der grossen Geister Streit. Im Licht von Gottes Frieden Aufklaerungsmacht er sah,-- Wo seinem Wort man glaubte, Volksschulen bluehten da. Im Licht von Gottes Frieden stand fuer ganz Daenemark Sein Trost, wie eine Schildburg hellschimmernd, trutzig-stark. Im Licht von Gottes Frieden erobert werden soll Verlornes und was brach liegt, mit tausendfachem Zoll. Im Licht von Gottes Frieden steht heut sein Greisentum Als Amen seines Lebens voll Manneskraft und Ruhm. Im Licht von Gottes Frieden, wie strahlte er so rein, Wenn am Altar er schenkte des Herrn Versoehnungswein. Im Licht von Gottes Frieden gehn ueber Meer und Land Die Worte und die Psalmen, die er uns hat gesandt. Das Licht von Gottes Frieden, sein Sonnenstrahlenhort, Umglaenzte still sein Leben--: so lebt er in uns fort. BEI EINEM FEST FUER LUDV. KR. DAA Junge Freunde im innigen Kreis, Alte Feinde kommen; Fuehle dich sicher, denn freundschaftsheiss Sind dir die Herzen entglommen. Wieder gab's hier einen ernsten Tag, Wieder schlugst du mit Reckenschlag: Jeder bekam wie stets seinen Hieb, Doch jetzt sei lieb! Nicht mit Hallo und mit Handschuhen nicht, Noch mit Sektglasklingen,-- "Alter Forscher", herzenschlicht Wollen wir Dank dir bringen. Ziehen die Wasser in stillem Lauf, Steigt unser Lotse selten hinauf, Tuermt sie zu Wellen des Sturmes Braus, Segelt er aus! --Segelt er aus als Bergungspilot, (Gekannt ist das Auge des Alten), Lacht in den Bart, wenn ein Wetter droht Und zagend die anderen halten. Dank trug er nicht, das weiss ich, nach Haus; Denn er schimpfte die Schiffer aus, Wandte den Ruecken, ging heim voll Kraft, Das Werk war geschafft! Er hat erprobt, was es heisst, zu gehn Gehasst, bis die Wahrheit am Tage; Er hat erprobt, was es heisst, zu stehn Nach beiden Seiten dem Schlage. Er hat erprobt, was es kostet an Leid, Voranzuschreiten seiner Zeit, Er, den so Hohes wir wirken sahn, Ward in Bann getan! Wirst du nicht, Norge, endlich ihr Recht Jenen Helden gewaehren, Die mehr vollbrachten, als beim Gefecht Nachzuhinken den Heeren? Soll es denn immer so klaeglich gehn, Wollen wir stets um das Kleine uns drehn, Stilliegen, spaehn, bis ein Fehler erkannt?-- Nein, Segel gespannt! Segel zu groessrer Fahrt gespannt, Wozu uns die Kraefte gegeben-- Leben, dem Alltag nur zugewandt, Das ist nicht wert, es zu leben; Leben, dem hoeheren Kampf geweiht, In Gottvertrauen und Einigkeit, Von Ehren und Sangesflagge umweht,-- Seht: das besteht! NEIN, WO BLEIBST DU DOCH? (1872) Nein, wo bleibst du doch, du, der besitzet die Macht, Zu zertreten dies Luegengezwerg, Das mein Haus mir umlagert und tueckisch bewacht Jeden Weg, den zum Ziel ich mir ausgedacht, Und bricht mir nun ein, Zu belauern voll Hass Meinen Sinn, zu entweihn Mir jedes Gelass Meines traulichen Heims, wo so harmlos ich sass. Nein, wo bleibst du doch! Jahrelang hat mich der Tross Besudelt, dem Volk mich entstellt; Luegennebel umhuellt meiner Dichtung Schloss, Als lag' da ein Sumpf, dem der Brodem entfloss, Und ein Halbtier, ein Faun Bin ich selbst, den mit Graus Die "Gebildeten" schaun-- Oder ziehn weidlich aus Zur Hatz auf den Keiler, zum lustigen Strauss. Wenn ein Buch ich schreibe, "just sieht es mir gleich"; Wenn ich spreche--ist's Eitelkeit. Wenn ich zimmre und baue fuers Buehnenreich, Mein Duenkel nur fuehrt jeden Hammerstreich. Und schlag' ich mich treu Fuer altheimische Art Auf der Vaeter Bastei, Umtobt und umschart,-- Kaempf' ich nur, weil mit Orden zu sehr man gespart. Nein, wo bleibst du doch, du, der mit eins kann zerhaun Dies umstrickende Luegengewirr-- Der verjagt aus den Koepfen dies krankhafte Graun Vor enschlossenem Wollen, begeistertem Schaun-- Und hat Trost fuer den Mut, Der in Frost und in Nacht Seine Waffenpflicht tut Und die Runde macht, Bis das Heer sich erhebt, wenn der Tag erwacht. Komm, Volksgeist, du, gottgeboren--entstammt Dem riesenbezwingenden Tor. Fahr auf Donnern einher und von Blitzen umflammt, Dass die Furcht dies Gezuechte zum Schweigen verdammt; Du kannst wecken im Land Die schlummernde Kraft, Du kannst staerken das Band, Das in Blutsbruederschaft Uns eint, wo dein Banner je flattert am Schaft. Hab' Dank, unser Volksgeist!--denk' ich nur dein, Wird alles zum Nichts, was ich litt. Deinem Kommen nur weih' ich mich, dir allein, Deinem Angesicht beug' ich mich, dein, nur dein, Und erfleh' einen Sang, Du liedreicher Mund, Dass in Not und Drang, In entscheidender Stund' Ich dir Kaempen erweck' auf der Vaeter Grund. WECKRUF AN DAS FREIHEITSVOLK IM NORDEN Der "vereinigten Linken" (Tirol 1874) Verachtet von den Grossen, nur von den Kleinen geliebt, Den Weg geht alles Neue,--sag', ob's einen andern gibt? Von denen, die schuetzen sollten, verraten und gehetzt,-- Sag', ob je eine Wahrheit sich anders durchgesetzt? Anhebt es wie ein Sausen im Korn am Sommertag Und waechst zu einem Brausen hin ueber Wald und Hag,-- Bis es, vom Meer empfangen, in Donnern rollet fort Und alles ueberdroehnet, dies Wort, dies Losungswort. Im Gotenkampfe nordwaerts verschlagen wurden wir; "Leben in Freiheit und Glauben!" ist unser Volkspanier. Der Gott, der Land und Sprache und alles hat verliehn: In Werken, die er uns heischet, in Taten finden wir ihn! Der Vielen und der Kleinen Pflichteifer soll er sehn, Kampf gilt es gegen alle, die da nicht wollen verstehn.-- Anhebt es wie ein Sausen im Korn am Sommertag Und geht nun schon als Brausen hin ueber Wald und Hag. Es wird zum Sturme wachsen, eh's einer noch erkannt, Mit Donner in seiner Stimme weit ueber Meer und Land. Ein Volk, dem Ruf gehorsam, ist der Erde groesste Kraft, Hat je noch Hoch und Nieder geworfen und hingerafft. OFFNE WASSER Offne Wasser, offne Wasser! Sehnsucht,--bange, winterlange,-- Wird nun gar zum heftigen Drange. Blaut ein Streifchen kaum im Sunde, Dehnt zum Monat sich die Stunde. Offne Wasser, offne Wasser! Sonne laechelt, nascht vom Eise Schamlos bald nach Prasserweise. Laesst sie ab: zur Nacht geschwinde Trotzig haertet's neu die Rinde. Offne Wasser, offne Wasser! Sturm muss her!--er kommt, der Wandrer, Bringt herauf vom Sommer andrer Freie Wogen, starke Wellen,-- Krach folgt nach und Sturz und Schnellen. Offne Wasser, offne Wasser! Wieder Luft und Berg sich spiegelt, Schiffen ist die Bahn entriegelt: Botschaft braust herein von draussen-- Kampffroh steuern wir nach aussen. Offne Wasser, offne Wasser! Sonnengluten, kuehlem Regen Jauchzt die Erde nun entgegen: Seele toenet mit und zittert-- Neugeschaffen, kraftumwittert. FREIHEITSLIED An "die vereinigte Linke" (1877) Freiheit! bist der Volkskraft Kind, Zorn und Sang dir Mutter sind! Kaempenstark als Junge schon Rangst du frueh um Kampfeslohn; Warst umkreist allermeist Von Gesang und Witz und Geist; Freudig ist dein Tun, voll Macht So beim Pflug wie in der Schlacht. Feinde stets und ueberall Lauerten auf deinen Fall; Fanden dich zu grob bei Tag, Fuehrten, als du schliefst, den Schlag; Banden sacht dich bei Nacht. Du sprangst auf,--die Fessel kracht... Weiter schrittst du froh und stark, Du hast Schwung und du hast Mark! Wo du wandelst, blueht der Pfad, Schwillt aus deinem Mut die Tat, Facht Gedanken deine Glut: Doppelst Kraft in Hirn und Blut. Landesrecht ist dein Knecht; Selber schufst du's, wahrst es echt. Nicht durch "wenn" und "ach" beschraenkt, Faellst du jeden, der es kraenkt. Freiheitsgott, bist Lichtesgott,-- Nicht der Knechte Schreckensgott,-- Liebe, Gleichheit, Vorwaertsdrang, Fruehlingsbotschaft saet dein Sang. Freiheitshort! Friedensport Winkt den Voelkern durch dein Wort: "Einer nur ist Herre hier; Keine Goetter neben mir!" AN MOLDE Molde, Molde, Treu wie ein Sang, Wogende Rhythmen mit lieben Gedanken, Farbige Bilder, die spielend sich ranken Um meines Lebens Gang. Nichts ist so schwarz, wie dein Fjord, wenn er fauchend An dir vorbeifegt, meersalzig rauchend, Nichts ist so sanft, wie dein Strand, deine Inseln, Ja, deine Inseln! Nichts ist so stark wie dein bergiger Kranz, Nichts ist so zart wie der Sommernacht Glanz. Molde, Molde, Treu wie ein Sang Summst du auf meinem Gang. Molde, Molde, Blumiger Ort, Haeuslein im Gaertchen, Freunde dort weilen! Bin ich auch ferne wohl hundert Meilen, Steh' ich im Rosenschutz dort. Heiss brennt die Sonne auf Berglands Weite, Fort muss der Mann zum ernsten Streite. Sanft nur die Freunde entgegen mir gehen Und mich verstehen-- Kampf schlichtet einzig der Tod allein,-- Hier sei dem Denken ein heiliger Hain! Molde, Molde, Blumiger Ort, Kindheiterinnerungs-Hort. Und wenn einmal Im letzten Kampf ich liege, Mein Heimattal, In deinem tiefen Abendrot Lag meiner Gedanken Wiege,-- Dort nahe ihnen der Tod. DIE REINE NORWEGISCHE FLAGGE I Dreifarbig reines Panier, Norwegens schwer errungne Zier! Tors Eisenhammer haelt Im Bann das christlich weisse Feld. Und unser Herzensblut Stroemt hin als rote Flut. Hoch ueber der Erdenschwere Du jubelst, in Sehnsucht, zum Meere; Der Freiheit Lenzkraft gewaehre Dir Kraft, uns zu speisen Seele und Mund Fahr hin uebers Erdenrund! II "Die reine Flagge ist Torheit", So raunen die "Weisen" allhier. Nein, Poesie ist die Flagge, Und die Toren, ihr Guten, seid ihr. Es schwingt in der Poesie sich Der Volksgeist himmelan, Als Fuehrer geht die Fahne Ihm unsichtbar lenkend voran. Und was er erkaempft und errungen, Und was ihn an Sorgen bewegt, Das toent jetzt in ewigen Liedern, Die Flagge den Takt dazu schlaegt. Wir halten sie hoch, umbrauset Von Sehnsucht, meersturmgleich, Von vollen Erinnerungschoeren, Von Worten, so fluesternd weich. Sie kann nicht schwedisch plappern, Wie ein zierlicher Schwadroneur, Sie kann sich nicht sperren und spreizen, Drum weg mit der fremden Couleur. III Die Suenden, die wir begangen, Die gab's in der Flagge nicht, Denn die Flagge das Ideal ist In ewig harmonischem Licht. Die besten Taten der Vorzeit, Der Gegenwart bestes Gebet Umhuellt sie und traegt sie weiter, Dass vom Vater zum Sohn es geht. Traegt es rein und ehrlich Und nicht mit Versuchers List, Denn unserem jungen Willen Sie Fuehrer und Schirmer ist. IV "Den Brautring nehmt nicht aus der Flagge", So rufen sie allerwaerts, Doch Norge hat nimmer versprochen Einer andern Braut sein Herz. Es teilt mit keinem sein Wohnhaus, Sein Bett, seinen Tisch, seine Ehr', Sein Braeutigam ist sein Willen, Selbst herrscht es auf Feld und Meer. Es ehrt unser Bruder im Osten Die Kraft, die nach Freiheit ringt, Er weiss, dass sie alleine Uns Ruhmeskraenze erzwingt. Er weiss, warum unsrer Flagge Der Pomp seiner Farben nicht steht: Weil unsre eigene Ehre Uns ueber die seine geht. Und niemand, der Ehre im Leib hat, Nennt andre Freundschaft ein Glueck. Wir opfern ihm gern unser Leben, Doch von unsrer Flagge kein Stueck. V _An Schweden_ Voll Ehrerbietung ich nahe,-- Ich weiss, du traegst hohen Sinn,-- Und lege in schlichten Worten Vor dich meine Sache hin. Waerst _du_ der Kleinere, Schweden, Und juengst erst durch Freiheit beglueckt, Und trueg' deine Flagge ein Zeichen, Das dich tiefer und tiefer drueckt, Und behauptete, du seist der Kleine, An des Groesseren Tisch gesetzt, (Denn also deuten die Voelker Dies Flaggenzeichen jetzt)-- Und waere deine Freiheit Nicht alt,--nein--wie unsre jung, Und hundertjaehrige Ohnmacht In deine Erinnerung Mit frischen Furchen gegraben Von altem Unrecht und Blut, Von ziellosen Sehnsuchtsklagen, --Ja wuesstest du, wie das tut, Und solltest dein Volk erziehen Zu neuer Freiheit Ehr', Zu neuen Freiheitsgedanken, Und die Flagge dein Dolmetsch waer', Ob du dir wohl liessest rauben Aus der Flagge das eine Feld? Ob du wohl ertruegst das Zeichen, Das die Freiheit dir vorenthaelt? Ob du dir nicht selber sagtest: "Je aelter des aendern Rang, Je groesser der Ruhm seiner Farben, Um so lockender ist sein Sang. Versuche nicht den, der gefallen Und der juengst sich erst wieder befreit. Mit reinen Zeichen deute. Empor zur Unsterblichkeit." So spraechest du, alter Recke, Wenn du wohntest in _unserm_ Land, Denn dir sind die Pfade der Ehre Von altersher wohlbekannt. Seit achtzehnhundertvierzehn Und bis auf den heutigen Tag, So oft unsre Freiheitssehnsucht Qualvoll in Fesseln lag. Gab es Maenner in deiner Mitte, Die trotz deiner Halsstarrigkeit Fuer unsere Sache sprachen, Wie Torgny in alter Zeit. VI _Antwort an den alten Ridderstad_ Im Kampf um die reine Flagge Schwatzt du von "Ritterpflicht"? Mein Bester, ich achte dich hoechlich, Doch wisse, _die_ schert dich nicht. Denn grade weil uns Verleumdung Bewirft mit Russ und Dreck, Ist's "Ritterpflicht", aus unsrer Flagge Zu wischen den Anfechtungsfleck. Die _Gleichheit_, die dieser predigt, Die luegt er mit frechem Gesicht; Ein grossskandinavisches Schweden, Das naemlich moegen wir nicht. Nein, "Ritterpflicht" ist's fuer den Kleinen, Zu sagen: "ich bin kein Teil, Ich will das Selbstaendigkeitszeichen Ganz haben zu eignem Heil." Und "Ritterpflicht" ist's fuer den Grossen, Zu sagen: "der falsche Schein Gereicht mir ja doch nicht zur Ehre, Der soll meine Waffe nicht sein." Und "Ritterpflicht" ist's fuer beide, In streitender Voelker Gemisch, Zu sein mit gereinigtem Banner Ein Beispiel, stolz, wacker und frisch. AN DEN MISSIONAR SKREFSRUD IN SANTALISTAN Ich ehre dich, weil du, verschmaeht, geschaendet, Der Stimme lauschend, doch den Sieg errafft, Und neuer Laestrung Antwort nur gesendet Mit Wundern deines Glaubens, deiner Kraft. Ich ehre dich, weil du nur stets geduerstet Nach Gottes Taten unter Not und Streit; Du Sohn des Gudbrandstales, geistgefuerstet, Der Heimat bester Mann in deiner Zeit. Ich teile nicht dein glaubensstarkes Traeumen, Das scheidet nicht, wo Geist zum Geist sich kehrt; Was gross und edel strebt zu hoehern Raeumen, Verehrt mein Sinn, dieweil er Gott verehrt. POST FESTUM Ein Mann, bedeckt mit Schnee und Eis, Stand einstmals auf am Eismeerstrande, Da schallte laut durch alle Lande Des Riesenrecken Lob und Preis. Ein Koenig klomm zu ihm hinan Und reicht' ihm gnaedig seinen Orden: "Den tragen die, die gross geworden!" "Stopp!" knurrte ihn der Recke an. Der Koenig wich verbluefft, entsetzt Zurueck mit baenglichem Gesichte: "Mein Orden wird nach der Geschichte Verschmaeht von just den Groessten jetzt. "Nimm, nimm, mein Lieber; bitte schoen, Lass mich nicht in der Patsche stecken; Du wirst mehr Groesse ihm erwecken, Uns, die ihn tragen, miterhoehn!" Zu gut war unser Eismeerheld, Wie oftmals Recken, will mir scheinen; Die Narren werden sie der Kleinen,-- Er nahm ihn,--Hohngelaechter gellt. Da krochen alle Koenige hin Mit ihren Orden, sie zu heben Und ihnen neuen Glanz zu geben: Fuer arme Ritter zum Gewinn. Honny soit ... et caetera-- Bespickt mit Orden stand er da; Doch groesser ward der Orden keiner, Der Recke nur verteufelt kleiner. ROMSDALEN Komm auf das Deck, der Morgen bricht an,-- Ob ich das Land wohl erkennen kann? Sieh, wie die Inseln die Koepfe recken, Frischgruen und felsig; Salzfluten lecken, Mutwillig plaetschernd, den steinernen Fuss. Seevoegel flattern mit kreischendem Gruss, Heben sich, senken sich, geistergleich. Hier ist ein Reich Voll Sturmeserinnrung,--ganz fuer sich. Wir sind auf Fischers gefahrvoller Bahn! Draussen--erzaehlt der Kapitaen--am Riffe Draengt sich der Heringsschwarm. Segelschiffe Schwaermen just eben von dort herein;-- Der Fang war fein! Wahrlich,--ich habe euch gleich erkannt, Knorrige Leute von Romsdalland,-- Ja, ihr koennt segeln, wenn es gilt. Doch halt! Fast entschwand mir das herrliche Bild! ------Beim ersten Blick Wirft's Blitze zurueck, So maechtig war's in der Erinnerung nicht. Wohin auch meine Augen wandern, Ein Bergesriese ueber dem andern, Des einen Brust an des andern Lende, Bis an des Himmels aeusserste Saeume. Wir harren auf Donner und Weltenende; Die ewige Stille weitet die Raeume. Blau sind die einen, andere weiss, Mit ragenden, hitzigen, eifernden Zacken, Andere packen Fest sich beim Arm zu geschlossenem Kreis. Den riesigen Berg dort heisst man das "Hemd", Ein Prediger ist er, in hehrer Gemeinde, Von Groessen der Urzeit, erhaben und fremd. Was predigt er wohl? Dem Kindheitsfreunde Tat oft ich die Frage, und immer wieder Lauscht' ich, in Andacht versunken ganz. Auf meine Lieder Faellt majestaetisch sein weisser Glanz. ----Wie gross das ist! Ich werde nicht fertig. Die groessten Gedanken aus Leben und Sage Stroemen herbei, meines Winks gewaertig, Mit all dem Grossen sich eifrig zu messen,-- Dantes Hoelle, indische Sagen, Shakespearesche Dramen zum Himmel ragen, Aeschylos' Donnerwolken ziehen, Beethovens maechtige Symphonien,-- Weiten sich, heben sich, dampfen, strahlen: --Und schrumpfen zusammen zu Spatzengeschnack Und Ameisenfleiss;--umsonst euer Plagen! Es ist, als wollte ein Ballherr im Frack Die Berge zum Tanze zu bitten wagen. Versuche sie nicht! Nein, gib dich hin, Dann wirst du spueren, Wie all die Grossen zum Groessern dich fuehren. Beug' dich in Demut; denn wer sie fragt, Dem sagen sie: _eines_ ist doch das Groesste. Sieh, wie der Bach durch den Spalt sich nagt; Und denke, wie einst er vom Urfels sich loeste Und sich durch Eis und Klippen biss, Um den Riesenleib zu durchfeilen. Anfangs ein Ganzes, musst' er sich teilen, Als sich die Lenzfluten auf ihn ergossen;-- Doch Jahrmillionen verflossen, Eh' der Gigant zerriss. Jetzt stampft der Fjord in die Bande hinein, Luepft den Suedwester mit keckem Grusse. Wenn sie benebelt vom Kopf bis zum Fusse, Zwickt sie der Bursch an der Nase gar gern,-- Der Fjord gehoert nicht zu den hoeflichsten Herrn. Ihm entgegen mit schaumweissem Kuss Eilen Quelle, Giessbach und Fluss, Das Laermen der Sippe will nicht enden. Oftmals treibt's ihm die Bande zu bunt, Sperrt ihm den Weg, dass er halten muss. Wie eine Muschel mit nassen Haenden Nimmt er den ganzen zudringlichen Schwarm Frisch an den Mund und blaest darauf Mit Westwindlungen--juchhei, pass' auf! Dann heult es und tutet's, dass Gott erbarm'. --Schwarzgrau ein Fjord die Kueste jetzt teilt, Schnell unser Boot ihn durcheilt; Giessbaeche donnern zu beiden Seiten. Am Bergeskamm Dampfende Regenwolken gleiten, Voll wie ein Schwamm. Ob Sonne, ob Sturm--das urewige Streiten. Das ist des Romsdals trutzig Land! Jetzt bin ich daheim. Hier liegt des Volkes tiefster Keim. Hier hat es Stimme und Herz und Verstand. Jedweden Mann ich _hier_ richtig deute: Kennst du den Fjord, so kennst du die Leute. Wild ist der Fjord in Sturm und Schlacht; Ein _anderer_ ist er in Sommerpracht, In Mittsommersonne, Wenn still er traeumt in seliger Wonne,-- Was er nur sieht, Innig und warm an sein Herz er zieht, Spiegelt es, schaukelt es,-- War' es so arm wie das Moos am Fels, Fluechtig wie Schaumesperlen des Quells. Sieh, welch ein Glanz! So offen und minnig Bittet er, bis man ihm gerne entschuldigt, Was er verbrach und bereute so innig! Allen den Bergen in Demut er huldigt, Spiegelt so kosend Wider im Spiel ihr erhabenes Bild. --Denken die Alten: er ist doch nicht schlecht; Frohsinn und Zorn sind sein altes Recht; Ist reicher als andre, ist nimmer falsch, Nur ruecksichtslos, launisch und--eben "romsdalsch". Berge! Ihr wisst das. Ihr kennt das Geschlecht, Ihr saht sich's plagen, Kriechend am Felshang, das Wildheu zu schlagen. Ihr saht es ringen Beim Fischfang, in Sturmnot, mit wenig Gelingen, Roden und hauen und pfluegen und pflanzen, In Moor und Geroell mit den Gaeulen schanzen; Masslos zu Zeiten, Trunkene Flegel, Sich raufen und streiten, Doch nimmer weichen,--zu Topp die Segel! Weiler wechseln; doch tief gekerbt In euch liegt Sehnsucht, die quellenreiche, Singende Tiefe--die wellengleiche: Windboenfjord hat den Sinn euch gefaerbt. Wikinggeschlecht, ich gruesse dein Nest! Tief liegt dein Grundstein, die Woelbung ist fest, Sonnennebel erfuellt deine Halle, Gischtschaum vom brausenden Wasserfalle. Wikinggeschlecht, so sei mir gegruesst! Wo uns so hohe Woelbung umschliesst, Kostet's zwar Kampf, sich den Thron zu erringen-- Nicht allen wollte das leider gelingen-- Kampf kostet's, das Erbgut des Fjords zu heben Aus wolluestigem Nichtstun zu fruchtbarem Streben, Kampf kostet's;--doch der, der es wagt, wird Mann. Ich weiss, dass er's kann. HOLGER DRACHMANN Lenzbote, sei gegruesst! Kommst du vom Walde? Denn du bist nass im Haar, belaubt, bestaubt... Hast an deine Kraft geglaubt? Schlugst dich auf der Halde? Der Laerm um dich von fesselloser Flut, Die deiner Ferse folgt--sei auf der Hut: Sie spritzt nach dir!--schlugst du dich seinetwegen? Du warst da drinnen zwischen Stumpf und Knorren, Wo diese Wintergreise laengst verdorren. Sie geizten? Wollten dir den Weg verlegen? Doch dir ward Kraft verliehn vom alten Pan! Sie schrien wohl unheilkuendend, wie besessen? Sie nannten es wohl Raub, was du getan? In jedem Lenz geschieht's, wird bald vergessen. Du wirfst dich hin am Salzmeer; dir zur Labe Hat sich's geloest, sucht kraeuselnd deine Gunst. Du kennst den Takt; Pan wies dir seine Kunst Zur Daemmerzeit an einem Wikinggrabe. Doch von dem Arme der Natur umschlungen Hoerst du den feuchten Grund vom Kampftritt beben, Siehst Dampfer mit der Freiheitsflagge streben Nach Norden hin;--dein Name ist erklungen. So zwischen zweien dich erschoepfest du: Den Freiheitskaempfern, stolz geschart zum Streite, Der Sagenwelt in ihrer Traumesruh'; Die ersten mahnen, und es lockt die zweite. Bald toent dein Lied wie Hoernerklang vorm Feind, Bald zaertlich wie durch Schilfrohr schwebt's heran. Du bist Naturmacht halb und halb ein Mann, Und noch hast du die Haelften nicht vereint. Jedoch wie du auch spielst und selber seist (Faunartige Liebe mit dem Kraftakkord Des Wikings wechselnd), heil dir, Feuergeist-- Traegst du die Tuer auch mit der Angel fort. Das eben war's, wonach wir uns gesehnt: Auf, auf, es gilt dem Lenz! Der ueble Duft Von Koenigsweihrauch und von Moenchstabak, Ja, diese Schwindsucht in romantischem Lack Presst wie Moral die Lungen: frische Luft! Weit lieber venetianischen Gesang, Des Suedens Ueppigkeit und Farbenwunder, Lieber "zwei Schuesse" (machen sie auch bang), Als all den marklos faden Bildungsplunder! Gegruesst, Lenzbote von dem schlanken Wald, Vom Meeresrauschen und von Kampfgefahren! Wenn oft dein Lied ein wenig laessig hallt-- Wo Reichtum ist, da braucht man nicht zu sparen. Des Riesen Art weckt aller Zwerge Tadel, Ich liebe dich; du bist von eignem Adel. WIEDERSEHEN [Symbol: gestorben] ... Bergfrisch die Luft, Schneeflocken drin; Gewundnen Weg rasch fuhr ich hin Zwischen zarten Birken und Tannen. Die Tannen gruebelten einzeln; weiss Und froehlich lachte das Birkenreis:-- Ein Erinnern, ein Bild will mich bannen. Und die Luft so harsch und frei und leicht, Weil alles Schwere aus ihr weicht, Das faechelt der Schnee von hinnen; Und lebhaft hinterm duennen Flor Schimmert die Landschaft, drueber empor Steigen beschneite Zinnen. Doch:--wie unter braunweissem Muetzenrand-- Wohin ich blicke--: unverwandt---- Wer ist's nur--wer schaut mir entgegen? Flink starr' ich unter den Haubenschild-- In ein Schneegeflimmer, toll und wild;-- Ist jemand auf meinen Wegen? Ein Sternchen fiel auf den Handschuh ... da Und da wieder ... jedes verschieden ja,... Wollen die Raetsel spielen? Und wie Laecheln durchglaenzt es die Luft ringsum Von guten Blicken ... ich seh' mich um... Sind's Erinnrungen, die nach mir zielen? Dies Sterngespinst, dies Filigran-- Ob sich wohl ein Geist drin bergen kann? Ich fuehl's nach mir tasten und greifen... Du feine Birke, du Luft so rein, Du muntrer Schnee,--wer haucht euch ein Sein Wesen, wer sammelt im Schweifen Sein Bild in den Zuegen der Natur, In diesem Behagen auf schneeiger Flur, Im Flockenspiel, dass er mich necke,-- In diesem weissen, sanften Glanz, In diesem schweigenden Rhythmentanz? Nein, das bist du, Hans Brecke! DES DICHTERS SENDUNG Dem Dichter ward Prophetenamt; Zumal in Not und Gaerungszeiten, Wenn alle, die da leiden, streiten, Sein Glauben staerkt, erhebt, entflammt. Ein auferstandner Vorzeitheld, Fuehrt neuen Heerbann er ins Feld, Und ihn umzieht In weitem Raum Mit Seherlied Der Zukunft Traum; Des Volkes ewige Fruehlingssaefte Macht frei das Lied durch seine Kraefte. Er straft das Volk um eitlen Wahn Und Heidentum und Molochschrecken, Sieht unter herbstlich grauen Decken Der Gotterkenntnis Triebe nahn. Befreit pflanzt sich ihr Bluetenschoss, Gleich lichtem Kraft- und Liebesspross, Dem Volke ein, Erwaermt sein Herz, Traegt Heil hinein Und Zorn und Schmerz, Laesst Mut und Klarheit kund ihm geben: Wisst, Gott ist offenbart im _Leben_! Den Koenigsmantel reisst er fort, Um Volkesschultern ihn zu breiten, Dass blind sich dies nicht lasse leiten Von fremder Hoheit Wink und Wort, Dass es als eigne Majestaet In eignen Amt und Wuerden steht, Von Sagaruhm, Von Mut entflammt, Mit Heldentum Ihm selbst entstammt, Mit ungebrochner Willensstaerke, Mannhaf