The Project Gutenberg EBook of Charaktere und Schicksale, by Herrmann Heiberg This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at www.gutenberg.net Title: Charaktere und Schicksale Author: Herrmann Heiberg Release Date: July 17, 2004 [EBook #12927] Language: German Character set encoding: ISO-8859-1 *** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK CHARAKTERE UND SCHICKSALE *** Produced by Project Gutenberg Distributed Proofreaders Charaktere und Schicksale Roman von Hermann Heiberg Berlin 1901 "Du darfst nicht böse werden, wenn ich es sage, lieber Friedrich! Aber daß du überhaupt auf solche Dinge Wert legst, ist mir bei deinen sonstigen Anschauungen unverständlich. Du bemühst dich darum, Kommerzienrat zu werden, und jetzt gerätst du sogar für unsere Margarete auf ehrgeizige Gedanken. Was sollen wir mit einem Schwiegersohn aus diesen Kreisen!--Ja, wenn er etwas wäre und besäße!" Die Frau, die diese Worte an ihren Mann richtete, war die Gattin des Buchdruckereibesitzers und Zeitungsinhabers Friedrich Andreas Knoop. Sie saß ihrem Mann beim ersten Frühstück gegenüber, und schenkte ihm, während ihrer Rede, nicht nur den Kaffee in seine Tasse ein, sondern schob ihm auch--umsichtig für ihn besorgt--den Rahmguß und die Zuckerdose näher. Während er sich aus beiden bediente, sagte er: "Du hast recht, und du hast unrecht, Fanny! Vom allgemeinen, vernünftigen Standpunkt aus betrachtet, verrät ein Hinschielen nach Orden oder anderen Auszeichnungen keinen besonders erhabenen Geist Der in sich gefertigte, den tieferen Inhalt der Dinge erfassende Mensch legt auf solche Aeußerlichkeiten nicht nur keinen Wert, sondern überläßt das Haschen danach denen, die glauben, daß sie dadurch in der Welt irgend ein Spürchen mehr werden! Aber es giebt auch einen anderen Standpunkt! Von diesem aus lächelt man zwar im stillen über solchen Firlefanz, verschmäht ihn aber nicht, sondern thut etwas zu seiner Erlangung, weil eben andere ihm eine Bedeutung beilegen. Daraus erwachsen für den Geschäftsmann in der Welt der Aeußerlichkeiten mancherlei erhebliche, indirekte und direkte materielle Vorteile." "Ich glaube es nicht, Friedrich. Ich glaube, ein Wertlegen auf Titel und Orden entspringt allezeit einer gewissen Eitelkeit, deren sich ein wirklich ernsthafter Mann nicht schuldig machen sollte!" "Na, und wenn's wirklich so wäre,--ist die Befriedigung unsrer Eitelkeit nicht auch etwas? Woraus besteht unser Dasein? Wir sollen uns Glücksmomente verschaffen; wir sollen uns zum Ausgleich für die mit dem Leben verbundenen Unfreundlichkeiten dasjenige für unsere Sinne herbeiholen, wodurch sie aufgerichtet werden, wodurch wir zu irgend einer edlen oder angenehmen Gemütserhebung gelangen!" Auf diese an sich durchaus verständige Betrachtung entgegnete Frau Knoop nichts; sie warf aber einen freundlichen Blick zu ihrem Manne hinüber. Wenn sie jemanden in solcher Weise anblickte, empfing das eine, überhaupt nur eine Thätigkeit ausübende Auge einen etwas stechenden Ausdruck, und das erloschene andere schien wesentlich stärker hervorzutreten. Friedrich Knoop stammte aus der nordischen Landschaft Dithmarschen. Sein Vater war dort Mühlenbesitzer gewesen, und Frau Fanny war aus der nordischen Landschaft Schwansen, woselbst sich ihr Vater als Pastor im Amte befunden hatte. Knoop hatte sich zufolge großer Energie und Umsicht zu einem sehr reichen Mann emporgeschwungen, stand im sechzigsten Lebensjahr, und besaß zwei Kinder: die erwähnte Margarete und einen Sohn, der zur Zeit in England war, um sich für die einstige Uebernahme des väterlichen Geschäfts noch weiter auszubilden. Die Eheleute saßen, während sie sprachen, in einem Salon, der nach einem Garten führte und sich in einem hinteren Quergebäude befand, das zu einem mächtigen, in der Hauptstraße befindlichen Karree gehörte, in dem sich sowohl die Geschäfts- wie auch diese Wohnräume des Chefs der Firma befanden. Ihre Unterredung wurde unterbrochen, weil die Tochter des Hauses ins Frühstückszimmer trat. Sie ging mit ruhig elastischem Schritt ihren Eltern näher, küßte beide auf die Wangen und sagte nach einer vorherigen Erkundigung nach deren Nachtruhe und Befinden: "Du weißt doch, Papa, daß heute Baron von Klamm kommt, um sich von dir das Geschäft zeigen zu lassen. Um halb zwölf Uhr hat er sich angemeldet. Es paßt dir doch?" "Ja, mein Kind. Ich werde bereit sein.--Sage übrigens einmal, wie kommt er dazu? Hat er wirklich Interesse für dergleichen, oder hat er Nebenzwecke?" Margarete lächelte und entgegnete: "Das glaube ich allerdings, Papa! Zudem aber ist er, wie mir scheint, wirklich ein Mann, der für alles Tüchtige Sinn, und an allem Freude hat. Unter den vielen jungen Leuten ist er in der That der einzige, mit dem man sich unterhalten kann. Er ist sehr anregend." "Bitte, verguck' dich nur nicht in einen solchen Adligen, Grete!" fiel Frau Fanny ein. "Welchen Ausgang kann das haben! Er will doch schwerlich arbeiten, sondern sich nur von Papa ernähren lassen!" "Das glaube ich nicht, Mutter!" "Er ist doch nichts! Was hat er überhaupt bisher getrieben? Wer sind die Eltern? Wenn es nach mir ginge, würde Papa ihm nicht eher unser Haus öffnen, bevor er sich sehr genau nach ihm erkundigt hat." "Kann ja geschehen, Fanny!" fiel Knoop phlegmatisch ein. "Hm--aber du willst ihn doch schon empfangen?" "Allerdings, aber ohne Verbindlichkeit für Weiteres.--Auch, wenn er euch seinen Besuch macht! Nicht wahr, Grete, das will er!?" Grete nickte. "Ja, er bat um die Erlaubnis, euch aufwarten zu dürfen. Er möchte gern bei uns verkehren." "Hast du Christine von Holm über ihn befragt?" schob die Frau ein. Christine von Holm war die Tochter des Ehepaars, bei denen Margarete in einer Abendgesellschaft Baron von Klamm kennen gelernt hatte. "Was sagt sie, was weiß sie von ihm?" "Die wissen nichts. Sie haben ihn auf einem Ball beim Kommerzienrat Kügelchen kennen gelernt. "Vielleicht vermag der Näheres zu sagen! Papa könnte sich ja dort nach ihm erkundigen. "Ist er kein Gentleman, so brauchen wir ihn nicht einzuladen." "Ich werde schon zutreffende Erkundigungen über ihn einziehen, Kinder. Vorderhand werde ich mir heute selbst ein Urteil zu bilden suchen. Also rege dich nicht vor der Zeit unnötig auf, gute Frau Fanny." Bei diesen Worten suchte Knoop das Auge seiner Gattin, und sie zog ein schelmisches Gesicht. Grete aber bemerkte: "Ich fragte Hauptmann von Uelzen nach ihm. Er sagte, die Klamms stammten aus Sachsen. Er sei ursprünglich österreichischer Offizier und dann einige Zeit im Ausland gewesen. "Er halte sich hier seit anderthalb Jahren auf und suche eine Thätigkeit, verkehre in den besten Kreisen, und mache immer den Eindruck, daß er gut bei Kasse sei." "Nun wohl! Sehr schön! Sorge also für ein gutes Frühstück, Fanny, und empfangt ihn artig. Wir sehen dann weiter.--Ich muß jetzt--" Knoop sah nach der Uhr und stand--im übrigen bedächtig im Wesen--rasch auf, legte die Serviette beiseite, schob den Stuhl mit einem ihm anhaftenden, starken Ordnungssinn unter den Tisch. Dann streichelte er, gutmütig lächelnd, Frau und Tochter die Wangen, warf auch noch beim Fortgehen ein Scherzwort hin und verließ das Zimmer. Vor dem Garten- und Frühstückssalon befand sich ein schöner, heller Flur, der in Marmor ausgeführt war. Von ihm führten seitlich Thüren in die verschiedenen unteren Gemächer. Nach oben vermittelte eine in der Höhe durch eine Gallerie verbundene Marmortreppe den Auftritt. Dort befand sich ein großer Tanzsaal mit Nebenstuben, und dort lagen die Schlafräume, während sich unten die Wohn- und Gesellschaftszimmer ausdehnten. Von ihnen führte eine Thür, zu der nur der Herr des Hauses einen Schlüssel besaß, in den Flügel links. Diesen betrat nun auch Herr Knoop, durchschritt die Räume, die vom Hofe Licht empfingen, und begab sich in sein vorn nach der Straße belegenes Kontor. "Morgen! Morgen!" erfolgte wiederholt, und fand Erwiderung, während er den Korridor durchmaß. Redakteure der Zeitungen begaben sich eben grade in ihre Gemächer; der Faktor, mit Korrekturen in der Hand, kam aus der Druckerei, um eine Erkundigung im Hauptkontor beim Geschäftsführer einzuziehen, und in des Chefs Vorzimmer standen und saßen bereits mehrere Personen, die auf sein Erscheinen warteten. "Morgen, Herr Knoop!" erfolgte abermals ehrerbietig im Ton, und wurde durch Kopfnicken beantwortet. Dabei streifte der Chef mit kurzem, scharfem Blick die Anwesenden, gab seinem herbeieilenden Faktotum Auftrag, die draußen Wartenden noch zu bescheiden. Er wolle erst die Post durchsehen, und ließ sich sogleich an seinem Schreibtisch nieder.-- Das zweifenstrige Zimmer war sehr gediegen ausgestattet und mit allen praktischen Bequemlichkeiten der Neuzeit versehen. Elektrische Klingelfäden führten bis an das Pult des Chefs. Verschiedene weiße Knöpfe waren dort zu sehen und besaßen sämtlich Aufschriften. Sie gaben an, wer erscheinen sollte, wenn sich der Finger zum Druck auf ihre Flächen legte. Accidenzfaktor, Zeitungsfaktor, Magazinverwalter, Prokurist, Hausmeister, Kontordiener hatten verantwortlichere Stellungen im Knoopschen Geschäft inne und wurden nicht selten in das Kontor des Chefs befohlen, um seine Wünsche entgegenzunehmen.-- Unter den vielen Briefen, die Herr Friedrich Knoop zu öffnen und zu lesen hatte, und die meist mit Bemerkungen versehen, von ihm in Mappen gethan und vom Büreaudiener den Geschäfts-Abteilungsvorständen überbracht wurden, befanden sich heute auch zwei Privatschreiben, die seine Aufmerksamkeit besonders in Anspruch nahmen. Das eine war von seinem älteren Bruder, einem zurückgekommenen Kaufmann, der sich gegenwärtig als Agent in Braunschweig aufhielt. In diesem Brief standen folgende Worte: "Ich frage Dich, Friedrich, zum letztenmal, ob Du mir helfen willst. Wenn Du diesmal meine Zeilen auch nicht beantwortest, mußt Du gewärtig sein, daß die Zeitungen berichten, welche Ursachen daran Schuld waren, daß Theodor Knoop zu einem verzweiflungsvollen Schritt seine Zuflucht nahm. Gedenke unserer verstorbenen Eltern, gedenke, daß unsere Mutter uns beide unter ihrem Herzen trug, und überlege, ob ich nicht wenigstens--was auch immer gewesen sein mag--einer Erwiderung wert bin."-- Herr Friedrich Knoop zog die breite Stirn in dem runden, mit einem Vollbart umrahmten Gesicht in Falten. Auch erhob er sich und ging--er war mittelgroß, stark beleibt und gedrungen--eine Weile in seinem Kontor auf und ab. Das geschah, wenn ihn etwas stark beschäftigte. Endlich setzte er sich wieder. Er hatte seinen Entschluß gefaßt, und las nun den zweiten, ihn auch sehr beschäftigenden Brief, der keine Unterschrift trug und durch eine Schreibmaschine hergestellt war, noch einmal durch. Er lautete: "Sehr geehrter Herr! Es wird Sie dieser Tage--ich hörte es in dem Wiener Café von Bauer zufällig--ein Baron von Klamm besuchen. Da ich ihn sehr genau kenne, so erlaube ich mir, Sie vor ihm zu warnen. Er ist durchaus unzuverlässig! Denken Sie diesmal nicht: Anonyme Zuschriften gehören, ohne beachtet zu werden, ins Feuer. M.P." Nachdem Herr Knoop diese beiden Briefe in seinem Pulte verschlossen hatte, klingelte er. Er übergab neben anderen Anweisungen dem Faktotum und Büreaudiener Adolf, einem Mann, der dadurch auffiel, daß er runde, stählerne Ohrringe trug, die Mappen, und hieß ihn auch, die draußen Wartenden nach der Reihe ihres Eintreffens ins Zimmer treten zu lassen. Zuerst erschien ein fremder Setzer. Er bat um Arbeit, und wurde von Herrn Knoop zum Accidenzfaktor gesandt. Nach ihm kam eine sauber gekleidete Frau und bat um einen Vorschuß für die Familie. Ihr Mann arbeitete im Papierlager, war fleißig und gewissenhaft. Sie brauchte das Geld für ihren Sohn, der lange krank gewesen war und nun überseeisch sein Glück versuchen sollte. Herr Friedrich Knoop ging an den Geldschrank, nahm zwei Geldstücke heraus und sagte: "Hier, Frau Bendler! Ich schenke Ihnen das! Vorschüsse gebe ich nur in äußersten Fällen! Das wissen Sie! Und ein andermal lassen Sie Ihren Mann kommen und dergleichen vorbringen. Die Frauen will ich nicht anhören. Da könnten alle heranlaufen, und ich hätte eine schöne Last--" "Gottes Segen, Herr Knoop, und vielen Dank noch! Und nehmen Sie't man nich für unjut, Herr Knoop! Mein Mann--Sie kennen ihm--is bei so wat mal zu schanierlich--" "Na ja, das mag sein! Aber! Entweder--oder in Zukunft! Und nun Adieu! Mög' es Ihnen gut gehen! Grüßen Sie Ihren Sohn Franz. Hoffentlich gelingt's ihm in Brasilien!" Nachdem sich die Frau entfernt hatte, erschien der Agent einer Papierfabrik. Er machte ein Angebot auf Zeitungspapier. Herr Knoop trat ans Fenster, ließ das hellere Licht auf den ihm überreichten Probebogen fallen, betrachtete ihn aufmerksam und sagte, während er auch noch nach Art der Erfahrenen, die Flächen des Stoffes zwischen Zeigefinger und Daumen rieb, wie die Zahlungsbedingungen für 500 Ballen sein würden. Nachdem er darauf Antwort empfangen, ersuchte er den Agenten, ihm das Angebot nochmals schriftlich zu machen, und in dem Schreiben zu bemerken, daß die Fabrik unbedingte Gewähr für ihre Angaben übernehmen würde. "Jawohl! Ganz gut! Wenn Gewicht, Fabrikat und Färbung nach dieser Vorlage geliefert werden können, denke ich, gelangen wir zu einem Abschluß!" entschied Herr Knoop in einem kurzen Ton. Hierauf noch ein Knopfnicken und ein verbindliches Handreichen, und eine andere Persönlichkeit trat in das Gemach. Ein älteres, unmodisch gekleidetes Fräulein, mit an die Stirnseiten vorgekämmtem Haar und einem Strickbeutel über dem Arm, erschien und erörterte, daß sie sich die Erlaubnis nähme. "Nun ja! Bitte! Was ist's denn? Womit kann ich dienen?" stieß Herr Knoop heraus. "Mein Name ist Charlotte von Oderkranz. Ich lebe von einer kleinen Fideikommiß-Einnahme und habe noch eine Nichte zu ernähren. "Sie hat ihr Lehrerin-Examen gemacht und sucht eine Stellung als Gouvernante oder im Fall als Gesellschafterin. "Hier, bitte, Herr Zeitungseigentümer, ihre Photographie!" Während dieser Worte nestelte sie den Beutel auf, und zog das Bild eines jungen, ungewöhnlich schönen Mädchens hervor. Herr Knoop hatte die Antragstellern schon ersuchen wollen, von Einzelheiten abzusehen--seine Zeit sei gemessen--aber sein Blick wurde doch von dieser Photographie allzusehr gefesselt. "Und was soll ich thun?" nahm Herr Knoop, schon unwillkürlich zuvorkommender im Ton, das Wort. "Ja, ich möchte, da wir in unseren Mitteln sehr beschränkt sind, bitten,--bitten, daß Sie diese Annonce einigemal in den Täglichen Nachrichten zu einem ermäßigten Preise aufzunehmen die Güte hätten. Das ist's, das ist's! Wir haben sie auch möglichst kurz gefaßt.--Bitte, möchten Sie sie einmal lesen, Herr Eigentümer?" "Ein junges Mädchen aus angesehenem Hause, mit Lehrerinnen-Zeugnissen versehen, und mit allen Hausarbeiten vertraut, besonders musikalisch, wünscht eine Stellung als Gouvernante, Repräsentationsdame oder Gesellschafterin. Offerten an die Expedition der Täglichen Nachrichten unter Ch.v.O." Während Herr Knoop den Inhalt studierte, fiel ihm ein, daß es seit lange seiner Tochter Margaretes höchster Wunsch war, eine derartige Gefährtin zu besitzen. Infolgedessen sagte er, kurz entschlossen: "Bitten Sie doch Ihr Fräulein Nichte, mich morgen vormittag etwa um diese Zeit hier in meinem Kontor zu besuchen. Ich kann ihr vielleicht, ohne daß wir eine Anzeige erlassen, dienlich sein! "Wenn aber nicht, so will ich Ihren Wunsch erfüllen! Ich werde die Annonce wiederholt in Zwischenräumen ohne Kosten für Sie, aufnehmen." "O, sehr, sehr gütig, Herr Eigentümer," stieß die alte Dame, glücklich überrascht, heraus. "Nehmen Sie innigsten Dank! Und Ileisa wird Ihrem Wunsch genau nachkommen. Ich werde sie selbst herführen." "O, nein, nein! Das ist ja nicht nötig, mein Fräulein. Was wollen Sie sich bemühen"--fiel Herr Knoop, höflich bestimmt, ein und erwartete, daß die Antragstellern erfreut zustimmen würde. Aber es geschah nicht, es malte sich vielmehr in ihren Zügen eine mißtrauische Enttäuschung. Auch sprach sie mit starker Betonung: "Meine Nichte macht stets nur in meiner Begleitung Besuche bei Herren. Sie ist so erzogen--" "Gut denn--gu--ut denn!" bestätigte Herr Knoop, sich in die Wünsche der Alten fügend, mit einem überlegenen Lächeln. "Wenn Sie Furcht haben, es könne Ihrem Fräulein Nichte etwas geschehen.--Oder--oder--jawohl--jawohl--daß es eben passender für eine junge Dame ist--: Völlig einverstanden! Also um zehn Uhr oder später, wie es Ihnen gefällt. Bis zwölf Uhr bin ich in meinem Kontor!" So sprach Herr Knoop. Die Alte aber, die nichts erwidert hatte, wandte sich während des Fortgehens noch einmal um, ergriff seine Hand und sagte zartfühlend: "Verzeihen Sie, wenn ich--wenn ich--Es war ja so nicht gemeint!--Und nochmals innigsten Dank." Dann ging sie. Herr Knoop aber trat, angenehm berührt, und zunächst noch im Nachdenken über diesen Besuch, an seinen Schreibtisch. Hier begab er sich an die Beantwortung verschiedener Geschäftsbriefe, deren Erwiderungen er, bevor er sie in die Umschläge steckte, auch noch auf einer auf einem Nebentisch stehenden Kopierpresse eigenhändig abklatschte. Inzwischen war die Zeit so weit vorgerückt, daß es von dem Turm der nahegelegenen Kirche zwölf schlug, und fast in demselben Augenblick erschien auch schon der in seiner dunkelblauen Dienerlivree mit den silbernen Knöpfen steckende Adolf und überreichte Herrn Knoop mit etwas zweifelnder Miene eine Visitenkarte. "Soll ich ihm 'reinlassen oder jleich abweisen?" fügte er, während Herr Knoop diese studierte, hinzu. "Nein! Im Gegenteil! Ich werde ihm selbst öffnen, du kannst inzwischen hinten fragen, ob etwas zu besorgen ist," erwiderte Herr Knoop und entließ den, seinen dicken, mit den beringten Ohren versehenen Kopf bewegenden Alten. Nachdem er gegangen, zog Herr Knoop das anonyme Schreiben hervor und ließ es,--weil er das Gefühl hatte, sicherlich einem sehr gewandten, nicht leicht zu durchschauenden Weltmann gegenüberstehen,--nochmals auf sich wirken. Alsdann trat er Herr von Klamm gegenüber und nötigte ihn, mit artiger Zuvorkommenheit, näher zu treten. Herr von Klamm machte einen äußerst vorteilhaften Eindruck. Er besaß bei einem angenehm gemessenen Wesen vollendete Manieren, und verstärkt wurde noch das sich für ihn in Herrn Knoop regende Interesse, als er nach Erledigung der Einleitungsworte eingehend über seine Absichten sprach. "Die Einrichtung Ihres Geschäfts kennen zu lernen, ist mir von doppeltem Wert, sehr verehrter Herr Knoop. Es interessiert mich an sich, und ich verbinde damit, offen gestanden, einen Zweck. "Ich möchte unter Umständen den Versuch machen, in einem solchen Unternehmen eine Thätigkeit zu finden. Erlauben Sie mir, Ihnen kurz zu sagen, wer ich bin: "Mein Vater besaß eine Gutsherrschaft in der Nähe von Bautzen. Diese ging nach seinem Tode in den Besitz meiner Mutter über, die aus den Erträgnissen eines aus der Verwertung desselben hervorgegangenen Vermögens existiert. "Ich wurde als junger Mensch von meinen Eltern in die Kadettenanstalt in Dresden gethan, und bin sodann in Wien in österreichische Militärdienste getreten. Nachdem ich wegen einer Meinungsverschiedenheit mit meinem Vorgesetzten den Abschied genommen, war ich in gleicher Eigenschaft als Soldat einige Jahre im Ausland und habe mich, von dort zurückgekehrt, in den großen europäischen Städten auf verschiedenen, mich interessierenden Gebieten, namentlich auch schriftstellerisch und journalistisch versucht, und bin endlich, nach längerem Aufenthalt in Wien und Dresden, hier seit reichlich einem Jahre in dem mich besonders anziehenden Berlin gestrandet. "Gewiß, ich begreife, daß man Persönlichkeiten, die häufig in ihren Lebensbeschäftigungen wechseln, ein gewisses Mißtrauen entgegenträgt. Indessen hat mich stets ein ausgeprägter Sinn für alles Wissenswerte geleitet, und ganz besondere Umstände führten die eingetretenen Ortsveränderungen herbei. "Auch darf ich der Wahrheit gemäß behaupten, daß ich, war ich auch einmal leichtlebig, in allen ernsten und Ehrensachen stets äußerst genau verfahren habe. "Letzteres erwähne ich, weil ich Sie gegebenen Falles zu fragen mir erlauben möchte, ob Sie mir nicht eine Thätigkeit in Ihrem vielverzweigten Geschäft anweisen könnten. "Ich führe--ich darf es behaupten--eine gewandte Feder! "Und noch eins gleich! Sie haben vielleicht ein anonymes Schreiben erhalten! Ich bitte, daß Sie mich es lesen lassen, um die Verleumdungen zu widerlegen." Herr Knoop hatte, wie erwähnt, dieser inhaltreichen, in einem außerordentlich freimütigen Ton vorgetragenen Rede unter den vorteilhaftesten Eindrücken zugehört. Als Herr von Klamm aber den letzten Satz sprach, meldete sich ein gewisses Mißtrauen. Sicher! Keiner, der Beste,--so überlegte Herr Knoop--konnte sich vor Verdächtigungen schützen, aber die Wirkung solcher konnte auf andere niemals eine günstige sein! Im übrigen entsprach er dem Wunsch, den Baron Klamm geäußert hatte. Während Baron Klamm das Schreiben prüfte, trat ein verächtlicher Ausdruck in sein Antlitz. Dann sagte er, während er den Brief Herrn Knoop mit kavaliermäßiger Artigkeit wieder überreichte: "Ich danke Ihnen, und ich bitte, daß Sie die immer gleichlautende Niederträchtigkeit in den Ofen werfen. Und hier!" fuhr er fort, zog ein Schriftstück aus der Tasche und unterbreitete es Herrn Knoop. "Ich bitte freundlichst, daß Sie dies Ihrer Beachtung würdigen." Herr Knoop nahm das ihm Gebotene, entfaltete es und las die nachstehenden Worte: "Herr Alfred, Baron von Klamm-Gleichen, war, nachdem er den überseeischen Dienst verlassen hatte, während einer längeren Zeit mein Privatsekretär. Als solcher hat er sich seiner Aufgaben in vorzüglichster Weise entledigt, und kann ich Herrn von Klamm als eine durchaus vertrauenswürdige, in jeder Beziehung tadellose Persönlichkeit aufs Wärmste empfehlen. Meine besten Wünsche für sein Wohlergehen begleiten ihn. Fürst Alexander von Kroy." "Und weshalb trennten Sie sich von dem Fürsten, wenn die Frage erlaubt ist, Herr Baron?" warf Herr Knoop hin, während er mit einer verbindlichen Geste das Schriftstück in die Hände Herrn von Klamms zurücklegte. "Ich wünschte den Fürsten zu verlassen, weil ich mich verlobt und den Besitz meiner Braut mit Zustimmung meiner Schwiegereltern selbst zu verwalten die Absicht hatte." "Hm.--Und das hat sich nicht nach Ihren Voraussetzungen vollzogen?" "Nein! Meine Braut starb kurz vor der Hochzeit. Inzwischen war die Stellung anderweitig besetzt, und überdies--ich habe mich neuerdings wieder verlobt, und warte nur des Augenblicks, heiraten zu können--paßte dann das alles nicht mehr zusammen." Herr Knoop bewegte nach diesen Worten den Kopf mit der Miene einer Person, die einer Rede mit großem Interesse zugehört hat und sich durch ihren Inhalt durchaus befriedigt fühlt. Dann sagte er: "Glauben Sie zu wissen, wenn ich fragen darf, wer den anonymen Brief geschrieben hat, Herr Baron? Ich komme darauf zurück, weil Sie das Eintreffen eines solchen schon voraussetzten!" "Gewiß! Allerdings, Herr Knoop! Ich vermute, daß die Urheberin dieser und ähnlicher Verdächtigungen, mit denen ich seit Jahresfrist verfolgt werde, eine jetzt in Dresden lebende Dame der vornehmen Gesellschaft ist, der ich den Hof machte, von der ich mich aber zurückzog, weil ich ihren Charakter zur rechten Zeit durchschaute. Seitdem übt sie diese Infamien gegen mich mit einer vollendeten Geschicklichkeit aus, weiß mich, wo ich mich befinde, mit ihren Kundschaftern zu umstellen, und Personen, zu denen ich in Beziehung trat oder treten will, vor mir zu warnen." "Hm! So! Das ist ja eine sehr fatale Sache. Und dann noch gegen solche Bosheiten wehrlos zu sein! Ich bedaure Sie aufrichtig, Herr von Klamm. Das muß ja eine ganz miserable Person sein, die fortgesetzt an einem Nebenmenschen--es sei vorgefallen was will--derart Rache übt. Ich habe kein Verständnis für solche Charaktere--" "Und doch sind sie weit verbreiteter, als man glaubt. Man begreift bisweilen nicht, weshalb Personen plötzlich eine andere Haltung annehmen. Man schiebt ihnen, wenn keine Erklärungen erfolgen, Launen zu. In Wirklichkeit hat irgend ein Mißgünstiger ein Minierwerk begonnen, und mit Erfolg!--Ich bin überzeugt, daß es Leute giebt, die aus purem Neid jahraus, jahrein, ohne Aufhören täglich an der Untergrabung des Ansehens anderer arbeiten, die sich dabei noch weit raffinierterer Mittel bedienen, als meine einstige Freundin. So geschickt auch solche anonymen Briefe abgefaßt sind, der vornehm und der einsichtsvoll Urteilende wird sie stets als ein Produkt niedriger Motive betrachten, und sie in die Rumpelkammer werfen." Herr Knoop pflichtete wiederum durch eine Kopfbewegung bei, dann sagte er: "Und Ihr Fräulein Braut, Herr Baron? Sie lebt auch in Dresden?" "Ja, Herr Knoop! Sie bleibt dort, bis wir heiraten können--" "Nun, jedenfalls bitte ich, meine beste Gratulation entgegen zu nehmen, Herr von Klamm. Im übrigen! Wenn es Ihnen jetzt gefällig ist, mit mir einen Gang durch mein Geschäft anzutreten? Nachdem konveniert Ihnen vielleicht ein kleines Frühstück bei uns! Meine Frau und Tochter werden sich über Ihren Besuch sehr freuen." Baron von Klamm verbeugte sich mit kavaliermäßiger Höflichkeit. "Ich danke verbindlichst, Herr Knoop. Sie kommen meinen Wünschen zuvor! Ich wollte soeben auch diese Vergünstigung von Ihnen erbitten--" Zunächst betraten die Herren das Vorzimmer. Von dort nahmen sie den Weg in die Setzersäle, und zwar zuerst in diejenigen, in welchen die täglich in einer sehr starken Auflage erscheinende Tageszeitung hergestellt wurde. Zahlreiche Arbeiter standen an Pulten mit kleinen Kästen. Herr von Klamm war erstaunt, mit welcher Fingerfertigkeit die Leute arbeiteten, wie einige eifrig, ohne aufzusehen, oder wie andere, noch Geschultere, gleichsam spielend, ihre Thätigkeit ausübten. Ferner überraschte ihn, wie geschickt und exakt die Metteure, diejenigen, die den fertigen Satz für die Druckpressen vorbereiteten, ihr Werk handhabten. Zwischen ihnen durch wandelte der Faktor, der Anweisungen erteilte, den Setzern ein neues Manuskript überwies, oder, an sein Pult zurückkehrend, das durch kleine Boten eben aus der Redaktion herbeigebrachte Material zu gleichen Zwecken vorzubereiten begann. Das war ein Bild emsigen Arbeitsfleißes! "Im übrigen für die Beschäftigten ein sehr undankbares Geschäft, von aller menschlichen Thätigkeit das undankbarste!" erörterte Herr Knoop, während sie die oben belegenen, teils dem Zeitungssatz, teils den Accidenzarbeiten dienenden Säle betraten. "Sobald das von den Setzern mühsam geförderte Werk seine Bestimmung in den Maschinen erfüllt hat, wird es wieder zerstört. Die Buchstaben erhalten von neuem ihren Platz in den Schriftkästen, und von neuem beginnt, was am Abend abermals aufgelöst wird." "Und so fort und so fort, bis die Lettern durch den Druck der Maschinen so abgenutzt sind, daß sie keine genügenden Dienste mehr leisten können. "Der Maschinist," ergänzte Herr Knoop, als sie nach geraumer Zeit vermittelst Fahrstuhl zur Besichtigung der Druckpressen die Souterrainräume erreicht und betreten hatten--"hat geholfen, etwas Bleibendes herzustellen. Das Ergebnis seiner Arbeitsmühen hat Bestand, oft Jahrhunderte lang. Der Setzer ist--obschon ein weit größerer Künstler--lediglich ein Handlanger." Baron Klamm fragte, weshalb eine Anzahl Maschinen still ständen, während sich andere von dem schnurrenden Geräusch der Transmissionsriemen begleitet, und von Bogenfängerinnen bedient, in unruhiger Bewegung befanden. "Die außer Thätigkeit gesetzten Maschinen warten der Arbeit für die Zeitung; diese hier drucken komplizierteren Satz," erwiderte Herr Knoop, und nötigte nunmehr seinen Besuch aus den von dem Geruch des Maschinenöls und der Druckerschwärze erfüllten Räumen in den Papierlagerkeller einzutreten. Endlich durchschritten die Herren auch noch die Gelasse der Buchbinderei und der Stereotypie, bis sie dann wieder in die Parterrelokalitäten gelangten und sich nach einem Besuch in den Redaktionsgemächern und Kontoren, in denen ebenfalls ein zahlreiches Personal emsig bei der Arbeit war, in die Familienwohnung begaben. "Wie viele Menschen beschäftigen Sie, Herr Knoop?" fragte Baron Klamm, der seiner Bewunderung über dieses großartige Räderwerk und über die überall herrschende Strenge Ordnung Ausdruck verlieh. "Zweihundertundachtzig Personen erhalten Wochen- oder Monatslohn im Jahr bei mir!" erwiderte Herr Knoop, löste die Brille von den Augen, bewegte, während er Antwort erteilte und mit einem seidenen Tuch die Gläser wischte, mit einem Ausdruck berechtigter Selbstbefriedigung das Haupt. "Und ich habe alles selbst geschaffen," ergänzte er. "Mit Kleinem habe ich begonnen. Das ist mein Stolz! Gewiß! Es giebt noch umfangreichere Etablissements, aber dies ist auch etwas!" Und nach kurzer Pause fuhr er fort: "Ich habe auch eine Idee, wie ich Ihnen--wenn es wirklich in der That in Ihrer Absicht liegt--eine Thätigkeit anbieten könnte, Herr von Klamm. Allerdings müßten Sie sich in den Geschäftsrahmen hineinfügen, wie jeder andere!" Die Rede wurde unterbrochen, weil Frau Knoop mit lebhaft zuvorkommender Miene ins Zimmer trat, und nun die Vorstellung erfolgte. Gleich darauf erschien auch Margarete, ein brünettes junges Mädchen, mit etwas bürgerlichen Zügen, aber schönen, sogar blendenden Farben, vollendetem Wuchs, und mit einer angenehm wirkenden freimütigen Lebendigkeit. Nach kurzem Plaudern traten sie in den Speisesalon, in dem ein blitzend sauberer Frühstückstisch mit äußerst einladenden Gerichten gedeckt war. Neben Portwein, Thee und kräftigen Bieren, präsentierte das Hausmädchen auch Champagner, dem Baron Klamm kräftig zusprach, während sich Herr Knoop auf ein sehr kleines Quantum beschränkte, und die Damen überhaupt auf Wein verzichteten. "Auf Ihr und auf das Wohl Ihres Fräulein Braut," begann Herr Knoop, ergriff das Glas, und stieß mit dem Baron an. Er sah wohl, daß Margarete aufmerkte, und daß auch seine Frau überrascht wurde. Nach Aufhebung der Tafel, und nach allerlei anregenden Gesprächen, die Klamm mit Margarete führte, für die er ein lebhaftes Interesse an den Tag legte, begleitete Herr Knoop den Gast auf die Straße. Er machte ohnehin stets um diese Zeit einen Spaziergang und besuchte eine Weinstube. Dies letzte Zusammensein benutzte Herr Knoop, um Herrn von Klamm mit den für ihn in Betracht gezogenen Plänen bekannt zu machen. "Ueberlegen Sie," warf er hin, "ob Sie Lust und Neigung haben würden, in die Redaktion einzutreten, um für eine von mir neu zu errichtende Rubrik: "Hof und Gesellschaft" Thätigkeit und Verantwortung zu übernehmen. "Sie müßten--ich würde Sie dazu in den Stand setzen--an all dergleichen Veranstaltungen teilnehmen, in Klubs eintreten, Festlichkeiten besuchen, Personalien über besonders hervorragende Persönlichkeiten zu erlangen suchen, und das alles in einer anziehenden Form in die Täglichen Nachrichten bringen." Zu Herrn Knoops Enttäuschung stimmte Baron Klamm nicht so lebhaft zu, wie er erwartet hatte. "Sehr vortrefflich--sehr dankbar, Herr Knoop. Ich verkenne Ihre gütigen Absichten für mich keineswegs. Ich bin Ihnen außerordentlich verbunden. "Aber wenn ich ganz offen sein darf:--ich möchte am liebsten eine Kontorthätigkeit ausüben, in der mir die Aufgabe würde, für die immer noch größere Ausdehnung des Geschäftes zu wirken, die Auflage der Zeitung und die Anzeigen zu vermehren, Verbindungen anknüpfen, die der Druckerei Aufträge zuführen, und insofern auch der Redaktion in die Hand arbeiten, als ich ihr die Thüren zu den Ministerien und höheren Behörden öffnen helfe. "Einblicke in das Getriebe eines Geschäfts, wie das Ihrige, habe ich nämlich schon empfangen. Eben daraus ist der Wunsch in mir rege geworden, mich in Zukunft vorzugsweise auf diesem Gebiet zu versuchen." So sprach Herr von Klamm, und Herr Knoop, für den dieses Mitglied des Adels plötzlich in ein völlig anderes Licht gerückt wurde, erhob nicht ohne starke Beifälligkeit das Haupt. "Hm--hm--so--so! Das sind Ihre Pläne, Herr von Klamm. Gewiß, auch das läßt sich hören. Freilich, etwas drängt sich mir dabei auf. Sie glauben, daß Sie sich in all diese, Ihnen doch in der Praxis noch fremden Dinge würden hineinarbeiten können? "Gewiß, gewiß! Das ist ja auch zu machen, und wenn die Saat gut war, weshalb sollte nicht kräftiger Weizen aufgehen? Es ist aber noch ein Umstand da! Mein Sohn ist draußen, um sich noch in unserm Geschäft weiter zu bilden. Nach übersehbarer Frist wird er zurückkehren. Dann sollte ihm eben das obliegen, was Sie im Auge haben.--Ich bin also grade bezüglich einer solchen Thätigkeit, wie Sie sie planen, in Zukunft versehen! "Sie verstehen.--Hier liegt eine Schwierigkeit, Ihren Absichten Vorschub zu leisten, schon von vorneherein!" "Ich glaube nicht, Herr Knoop," fiel Klamm mit imponierender Entschiedenheit ein. "In einem Geschäft, wie das Ihrige, können Sie ein halbes Dutzend Leute gebrauchen, wie Ihr Herr Sohn einer ist, und wie ich es hoffentlich mit Ihrer Unterstützung sein werde! Warum wollen Sie nicht ein Geschäft in allergrößtem Stil aufbauen? Sie wollen doch nicht stehen bleiben! Für jede Abteilung denke ich mir, müßte eine Persönlichkeit thätig sein, die, mit einem besonderen Maß von Intelligenz und Machtvollkommenheit ausgerüstet, sich eben diesem Geschäftszweig mit besonderer Energie widmet! Die Mehrkosten würden sich nicht gleich, aber mit der Zeit sicher einbringen." "Den Wert Ihrer Ausführungen verkenne ich nicht," entgegnete Herr Knoop. "Aber Sie urteilen und ziehen Ihre Schlüsse zu sehr auf Grund von Vorstellungen. Alle Geschäfte setzen sich mehr oder minder aus Kleinwerk zusammen. Für jeden Erfolg sind ausnahmslos Abgaben zu entrichten. Geschäftsausdehnungen müssen sich langsam vollziehen! Man muß die Betriebskapitalien prüfen, man hat in Kreditgewährung mit Vorsicht zu verfahren! Ohne solche giebt's keine Kundschaft.--Man darf nichts beginnen, wobei man Gefahr läuft, die Kräfte und den Ueberblick zu verlieren. "Langsam, bedächtig nimmt der Gebirgsbote täglich seine Tagestouren. Wollte er sie laufen, würde er bald zusammenbrechen!" Die Herren waren bei ihrem Gespräch vom Wege ganz abgekommen. Sie befanden sich, ohne darauf geachtet zu haben, im Tiergarten und hielten nun, aufschauend, still, und wanderten, auch ferner denselben Gegenstand erörternd, auf dem nämlichen Pfade in die innere Stadt zurück. Erst beim Wrangelbrunnen trennten sie sich, nachdem vorher noch für einen der nächsten Tage eine neue Zusammenkunft verabredet worden war, mit warmem Händedruck. Herr Knoop begab sich in die Behrenstraße, in eine von ihm täglich besuchte Weinstube, und Herr von Klamm fuhr mit der Pferdebahn nach der Bellealliancestraße. Hier befand sich ein alter, hochstöckiger Bau, der von mehreren Parteien bewohnt wurde, und diesen betrat Herr von Klamm. Zur Rechten, im Flügel, drei Treppen hoch, zog er an einer Klingel, und nach kurzen Worten wurde ihm von einer gebückten, trotz einfacher Kleidung sehr vornehm aussehenden Dame geöffnet. "Ach du, mein lieber Junge," stieß sie in glücklich gehobenem Ton heraus und schritt ihm in ein zweifenstriges, mit sauberen Mietmöbeln besetztes Wohnzimmer voran. Nachdem Klamm seiner Mutter Wange sanft gestreichelt hatte, und sie sich beide gesetzt hatten, sagte er auf ihre stark belebte Frage: "Nun? Nun? Wie ist's ausgefallen, Alfred? Du kommet doch von Herrn Koop?" "Knoop, Mama--nicht Koop," berichtigte Klamm. "Es verlief alles gut, aber ich bin doch mit mir sehr unzufrieden. Ich habe eine Unwahrheit gesagt, die ich vielleicht--hätte vermeiden können. Ich schäme mich, daß es geschehen ist. Was bleibt von dem Menschen, wenn er sich zur Erreichung seiner Zwecke inkorrekter Mittel bedient!" "Was ist's denn, Alfred! Lasse mich alles wissen! Vielleicht kannst du noch wieder gut machen," fiel die alte Dame, liebevoll sprechend, ein. "Ich tastete hin, ob nicht auch Herr Knoop möglicherweise den üblichen Verleumdungsbrief von Frau von Krätz erhalten habe." "Es war der Fall! Sie hat ihn geschrieben! Er ließ mich das immer gleichlautende Schriftstück lesen. "Und gleich entging mir nicht, daß sich ein starkes Vorurteil gegen meine Person in ihm bereits festgesetzt hatte." "Er nahm an, daß ich ein bloßer Abenteurer sei, der sich in sein Haus eindrängen wolle, um seine Tochter zu heiraten. Da griff ich zu dem Mittel, das ihn von vornherein eines anderen belehrte, warf hin, daß ich verlobt wäre, und gab ihm auch den Eindruck, daß wir wohlsituiert seien." "Im Nu veränderte das die Sachlage. So glaubte er mir! So war ich im stande, das durch das Schreiben hervorgerufene Mißtrauen zu zerstreuen." "Ich war gezwungen, so zu handeln! Es hilft doch nichts! Ich muß vorwärts, ich muß etwas finden, wenn wir nicht in schwerste Not geraten sollen!" Klamm ließ, nachdem er gesprochen hatte, unwillkürlich das Haupt sinken und schaute trübe vor sich hin. Die alte Frau aber überkam ebenfalls ein Gefühl der Bedrückung. "Erzähle weiter, Alfred!" hub sie dann, sich fassend, an. Klamm that ihr Bescheid. Er berichtete über alles, was vorgefallen war, und schloß: "Ich bin überzeugt, daß ich eine Stellung bei Herrn Knoop erhalte. Die Frage ist nur, wie lange ich ohne Entgelt arbeiten muß. Woher sollen wir für die nächsten Wochen die Mittel nehmen? "Ah!" fuhr er beschwert fort, schnellte empor und maß das Gemach mit Schritten, die seine Erregung bekundeten. "Wenn ich die Schurken, die uns um alles betrogen haben, aber auch die Person, die mich mit ihrem Haß verfolgt, mich dadurch bisher an meinen Erfolgen gehindert hat,--hier hätte, ich könnte ihnen die Seele aus dem Leibe reißen. "Da muß man fortwährend Komödie spielen, und sogar zu Unwahrheiten die Zuflucht nehmen, um sich nur zu schützen, um blos eine Existenz zu finden!" "Beruhige dich, lieber Alfred, du kannst später erklären, daß uns gewissenlose Menschen um unser Vermögen gebracht haben, daß die Verlobung zurückgegangen sei.--Der Himmel wird's dir nicht anrechnen!" "Ja, ich kann's, und ich hoffe auf seine Nachsicht, aber ich werde es, wenn auch alles gut verläuft, schwer überwinden, mich mit einer Unwahrheit eingeführt zu haben. Ich schäme mich vor mir selbst. Es liegt wie ein Makel auf mir!" "Es giebt größere Vergehen, mein Junge! Mehr werden täglich Unwahrheiten gesprochen, als sich Riegel auf den Dächern befinden, und die Welt hebt sich doch nicht aus den Angeln. "Dich entlasten die Umstände: du handelst im Zwang--um den Wirkungen einer Infamie zu begegnen. Giebt's denn gar kein Mittel, Frau von Krätz zu besänftigen! Das heißt, wenn sie es wirklich ist. Hältst du es für ausgemacht, daß sie die Briefschreiberin?" "Wer könnte es sonst sein, Mama. Alles deutet darauf hin. Sie hat es mir nicht verziehen, daß ich mich noch kurz vor der Verlobung mit ihr besonnen. Sie rächt sich mit der Unversöhnlichkeit einer Frau, und scheut selbst solche Mittel der Vergeltung nicht. Natürlich, absolute Beweise habe ich für meine Annahme nicht. Wenn ich die hätte, würde ich schon lange gehandelt haben. Und eben, ihr nicht beikommen zu können, ist das schlimmste von allem Unglück." Klamm ballte die Hände, und seine Augen funkelten. Noch einmal sprach die erfahrene Frau besänftigend auf ihren Sohn ein. Dann sagte sie: "Noch etwas, Alfred! Ich habe noch die Ringe und den Schmuck von meiner Mutter. Nimm heute alles mit und veräußere es. Das giebt uns Lebensunterhalt für die nächste Zeit! "Du kannst dann auch deine Hotelwohnung beibehalten und dich in der Gesellschaft bewegen, bis dir deine Pläne bei Herrn Knoop gelingen." "Wie? Du bist noch in Besitz von Schmuck, Mama!? Das ist ja eine ausrichtende Nachricht--du sagtest es mir nicht." "Ich that's nicht, um dir's vorzuenthalten, sondern für den alleräußersten Fall." Sie sprach's mit liebevollem Blick, und er küßte sie. Dann besah er den Inhalt des kleinen Kästchens, das sie aus der Kommode hervorholte. Bevor Klamm von seiner Mutter Abschied nahm, sagte sie: "Es ist eigentlich verkehrt, daß wir nicht zusammen wohnen, Alfred. Könntest du nicht ein Logis für uns beide dort mieten? Hier unter diesen Menschen ist's nicht angenehm! Meine Wirtin ist neugierig und zudringlich, die übrige Umgebung stößt mich sehr ab." "Ich nahm nur erstmal, was sich bot, Mama. Alle Wohnungen in den besseren Vierteln kosten das Dreifache." "Ich blieb nur im Hotel, weil ich dem Wirt noch verschuldet bin.--Ich mußte und muß dort vorläufig wohnen! Ich will indessen heute mit dem Besitzer sprechen. Vielleicht läßt sich deine Uebersiedelung machen. Ich würde nur zu glücklich sein, dich bei mir zu haben. Vielleicht gelingen auch meine Pläne bei Herrn Knoop rascher, als ich annehme. Habe ich erst ein festes Einkommen, miete ich für uns eine Wohnung im Westen. "Ach, Mama--wäre ich erst so weit, wie anders würde mir zu Mute sein!" Nach diesen Worten schlang der Mann seinen Arm um die Gestalt der zartgebauten Dame, versprach am folgenden Tage wiederzukommen und stieg eilend die Treppe herab. * * * * * Als am folgenden Vormittag Fräulein von Oderkranz mit ihrer Nichte im Vorraum des Privatkontors des Herrn Knoop eintrat, glich dieses, bezüglich der Fülle der Wartenden, dem Sprechzimmer eines vielbeschäftigten Arztes. Alle Plätze waren besetzt, und Adolf mußte Sessel aus dem Hauptkontor holen, damit wenigstens die Damen nicht zu stehen brauchten. Als sie nach einstündigem Warten endlich vorgelassen wurden, entschuldigte sich Herr Knoop, seiner Art nach, mit kurzen, knappen Worten, und die Unterredung nahm auch bald die Wendung, daß er der jungen Dame seine Absicht aussprach, sie für seine Tochter Margarete zu verpflichten. "Natürlich setze ich voraus, daß Sie sich gegenseitig gefallen, und um dieses festzustellen, erlaube ich mir den Vorschlag, daß Sie uns den heutigen Tag schenken. Am Abend lasse ich Sie dann in meinem Wagen nach Hause fahren," schloß der Chef des Hauses. Nach diesen Worten richtete Herr Knoop einen auffordernden Blick auf die beiden Damen, dem Fräulein Ileisa auch mit gehobener Miene begegnete, während bei ihrer Tante eine deutliche Enttäuschung darüber hervortrat, daß nicht auch an sie eine solche Einladung gerichtet wurde. Wenigstens deutete Herr Knoop in solcher Weise den spröden Ausdruck in den Gesichtszügen des Fräulein von Oderkranz. Es drängte sich ihm auch gleich der Gedanke auf, daß die alte Dame möglicherweise später mit allerlei sehr wenig bequemen Ansprüchen lästig fallen könne, und er nahm deshalb gleich das Wort und sagte: "Ich hoffe, mein Fräulein, daß Sie meinem Vorschlag zustimmen. Ueberhaupt darf ich gleich bemerken, daß ich bei einem Inkrafttreten unserer Pläne voraussetzen muß, daß unsere künftige Hausgenossin ihre bisherigen Beziehungen in dem Sinne löst, daß sie lediglich zu uns hält. Mit ihrem Eintritt in unser Haus haben wir nur mehr mit ihr zu thun. Natürlich schließt das gelegentliche Besuche bei Ihnen nicht aus!" Diese Rede war so deutlich und enttäuschend, daß Fräulein von Oderkranz zunächst erbleichte und unwillkürlich die Augen schloß. Dennoch faßte sie sich ebenso rasch wieder, wußte sich sogar durch ihre Worte und eine seine steife Würde das Uebergewicht zu verschaffen und sagte: "Da ich Mutterstelle bei Ileisa vertrete, hatte ich nur den wohl begreiflichen Wunsch, mich Ihren verehrten Damen vorzustellen. Einen weiteren Anspruch habe ich nicht erhoben, und werde ich nicht erheben, Herr Knoop! Sie dürfen darüber völlig beruhigt sein!" "Vortrefflich, vortrefflich! Also ganz einig!" entgegnete Herr Knoop, wiederum seinerseits in einem Ton, als ob er ihre gereizte Stimmung und die Lehre, die sie ihm hatte erteilen wollen, garnicht herausgefühlt habe. Ileisa aber fiel ausgleichend ein: "Ich werde heute gleich fragen, liebe Tante, wann den Damen dein Besuch angenehm ist. Der gütigen Aufforderung des Herrn Knoop folge ich natürlich mit größtem Dank!" Auf diese Rede nickte das Fräulein notgedrungen. Auch knöpfte sie ihren unmodischen Mantel zusammen, trat Herrn Knoop näher und sagte: "Ja, den allergrößten Dank schulden wir Ihnen, Herr Knoop, daß Sie selbst meiner Nichte zur Erlangung einer Stellung die Hand bieten wollen. "Lassen Sie mich denn hoffen, daß sich alles nach gegenseitigen Wünschen vollziehen möge, und empfehlen Sie mich, ich bitte, einstweilen Ihren verehrten Damen!" Nach diesen in einem zwar gezwungenen, aber vollendet höflichen Tone gesprochenen Worten, reichte sie Herrn Knoop die Hand, drückte sodann Ileisa die Rechte und entfernte sich. Ileisa aber sagte, nachdem die alte Dame gegangen war: "Meine Tante ist etwas empfindlich, Herr Knoop. Sehen Sie es ihr, ich bitte, nach. Sie lebte früher in so reichlichen Verhältnissen, daß ihr die Einfügung in andere, leider jetzt sehr beschränkte, außerordentlich schwer wird. Im Grunde ist sie eine vornehme, wahrhaft edeldenkende Natur." "Habe ich auch so aufgefaßt!" bestätigte Herr Knoop in einem derb gemütlichen Ton, und von Ileisas Wesen angenehm berührt. Auch bat er sie dann gleich, mit ihm in die Wohnung zu treten, und machte sie dort mit seinen Damen bekannt. * * * * * Sechs Monate waren vergangen. Fräulein von Oderkranz befand sich als Gesellschafterin im Knoopschen Hause. Aber auch Herr von Klamm war ein Mitglied des Knoopschen Geschäftes geworden. Er schrieb Zeitungsartikel, für die er die Fähigkeit in sich fühlte, und übte nach anderer Richtung eine Thätigkeit au, die dem Unternehmen nutzbringend war.--Der Kontrakt, der zwischen ihm und Herrn Knoop abgeschlossen, besaß nur zwei Paragraphen: "Herr von Klamm tritt vom heutigen Tage mit einem Monatsgehalt von 450 Mark und unter gegenseitiger vierteljährlicher Kündigung zunächst probeweise in das Geschäft des Herrn Friedrich Knoop in Berlin, ein. Genannter übernimmt fortan einen zwischen ihnen festgestellten Teil der Theater-, Konzert- und Kunstkritiken, und wird eventuell auch unter der Zustimmung des Herrn Chefredakteurs, Doktor Strantz, andere in den Rahmen der Täglichen Nachrichten passende Beiträge liefern. Zur Vorbereitung einer gleichzeitig in Aussicht genommenen geschäftlichen Thätigkeit wird sich Herr von Klamm mit den übrigen Zweigen des Unternehmens bekannt machen und schon jetzt bemüht sein, der Firma Verbindungen zuzuführen." Außerordentlich überrascht war Herr Knoop von dem Ideenreichtum seines Mitarbeiters, nachdem sich dieser in das Geschäft eingearbeitet hatte. Bald regte er an, daß man sich um eine Druckarbeit in den Ministerien, bald um eine solche bei großen Instituten und angesehenen Geschäften bewerbe. Auch wies er auf auswärtige Firmen hin, denen man feste Kontrakte bezüglich der Aufnahme von ständigen Inseraten für die Täglichen Nachrichten anbieten solle. Wenn irgendwo ein neues Unternehmen ins Leben trat, sann er sofort darüber nach, ob dieses nicht irgend einen von der Druckerei zu befriedigenden Bedarf haben könne. Auch trieb er die Redaktion an, Fühlung mit den bedeutenden Tagespersönlichkeiten zu suchen, um durch eine Verbindung mit ihnen den Täglichen Nachrichten fortdauernd interessanten Stoff zuzuführen. Arbeitskraft und unermüdliche Regsamkeit reichten sich die Hand. Er war gegenwärtig die Triebfeder im Geschäft. Bald hier, bald dort hielt er Rücksprache, und immer wußte er bisher die ihm weniger Wohlgesinnten durch sein gewandtes Wesen gefügiger zu machen. Weniger ihm Wohlgesinnte waren bereits recht viele vorhanden. Teils wirkte der Aerger, daß ein bisher so gering Eingeweihter und Erfahrener so Tüchtiges leistete, bald machte sich ein sehr starker Neid geltend. Es stieg die unruhige Befürchtung in dem Personal auf, daß Klamm bald da sitzen oder dort ein anderer sitzen werde, wo der Betreffende selbst bisher sein unbeschränktes Herrschertum ausgeübt hatte. Der Chefredakteur, Doktor Strantz, sowie der erste Disponent im Hauptkontor und der Geschäftsführer in der Expeditionsabteilung waren schon, ohne daß sie noch die Maske gelüstet hatten, seine erklärten Gegner. Immer wieder regte sich bei ihnen die Ueberlegung, wie es eigentlich möglich sei, daß ein früherer Offizier, daß dieses in der Welt hin und her verschlagene Mitglied der Gesellschaft, daß dieser mit geschäftlichen Dingen doch bisher nur sehr oberflächlich vertraute Lebemann eine solche intelligente Regsamkeit, solche Umsicht, und überdies eine solche Gleichgültigkeit gegen seine bisherigen gesellschaftlichen Beziehungen zum Ausdruck brachte. Aber sie zogen aus diesen Umständen nicht den Schluß, daß es eben Ausnahmen giebt, daß tüchtige Menschen sich energisch aufzuraffen vermögen, daß sie das kräftig abthun, was sich ihnen nur durch die Verhältnisse aufgedrängt hat, sondern sie suchten nach irgend einem unlauteren Grunde. Bei Gelegenheit einer monatlich einmal stattfindenden Zusammenkunft der Redaktions- und Geschäftsmitglieder wußte der Chefredakteur, Doktor Strantz, ein Mann mit einem ungewöhnlich hageren Gesicht und langem Vollbart, bereits das Allerneueste zu berichten, daß nämlich schon ein fester Kontrakt zwischen Herrn Knoop und Klamm zu stande gekommen sei. Demzufolge solle Klamm nicht nur Stellvertreter des Chefs werden, sondern auch die Hauptzügel in der Redaktion in die Hand bekommen. Ihrer aller Stellung sei gefährdet, seitdem dieser Herr in das Geschäft eingetreten sei. In dem Hinterzimmer eines mit alten, guten Bildern geschmückten Bierlokals in der Kronenstraße saßen sie beisammen, und von kaum etwas anderem wurde geredet, als über Herrn von Klamm. "Was er wohl sonst treibe?" warf einer der Herren, ein Herr Krammhöver, nach solchen längeren, stark mißfälligen und abfälligen Aeußerungen hin. "Er wäre ihm," bemerkte er, "schon zweimal abends nachgegangen. Da sei er in ein Haus in der Kurfürstenstraße eingetreten. Er, Krammhöver, habe durch die großen Spiegelscheiben der Haus- und Hinterthür beobachtet, daß Klamm in eine Gartenwohnung hinaufgestiegen sei. Ob er aber dort logiere oder eine 'Freundin' besitze, wisse er nicht." Darauf hatte keiner etwas zu sagen, aber die Rede gefiel. Niemandem war bekannt, wo Klamm wohnte. Ueberhaupt hielt er sich nicht mit Reden, und noch weniger mit Offenherzigkeiten auf. Er kam, griff gleich ein, arbeitete oder machte Besuche, und blieb als letzter abends im Geschäft. "Ob er wohl bei Knoops im Hause verkehre?" Darauf konnte Doktor Strantz antworten. "Und ob! Es sei in den nächsten Tagen beim Chef wieder ein Ball, und er, Strantz, habe von Adolf gehört, daß Klamm den Tanz leiten und überhaupt dort alles in die Hand nehmen solle." "Und Sie sind nicht eingeladen?" Strantz zog abfällig die Lippen. "Ja, natürlich! Habe aber abgelehnt; bin kein Freund von derartigen großen Abfütterungen!" warf er hin, und weckte durch diese, seiner Eitelkeit entspringende Antwort (er hatte keine Aufforderung erhalten) einen natürlichen Neid bei den fünf übrigen Mitgliedern der Redaktion. Die Geschäfts-Disponenten wurden überhaupt zu solchen Vergnügungen nicht geladen. Sie erhielten Aufforderungen zu kleinen Mittagessen, woselbst sie Gleichgestellte fanden, und bei denen es dann sehr gemütlich herging.-- Während in solcher Weise über Klamm in dem Wirtshaus "Zur gemütlichen Ecke" verhandelt wurde, saßen die Knoopschen Familienmitglieder beim Abendbrot und unterhielten sich gleichfalls über dieselbe Persönlichkeit. Wie immer erging sich Herr Knoop in ein uneingeschränktes Lob über ihn. Er habe am vorgestrigen Tage der Buchdruckerei einen Auftrag von über 50000 Mark zugeführt. Eines der großen Versandgeschäfte habe einen illustrierten Katalog in einer ganz beträchtlichen Höhe bestellt. Auch habe er durch eine besondere Einrichtung in der Inseratenabteilung den Anzeigespalten der Täglichen Nachrichten eine erhebliche Vermehrung zugeführt. Am legten Sonntag hätten zwei Bogen mehr gedruckt werden müssen. Das sei eine Inseratenfülle gewesen, wie sie in einem solchen Umfange kaum zur Weihnachtszeit vorkomme. Es sei unglaublich, was Klamm alles austüftle, wie er den Leuten beizukommen wisse, wie er Bedürfnisse ausspüre oder anzuregen wisse. "Wie geht's denn mit ihm und dem Personal jetzt? Kann er sich mit ihnen stellen?" warf die in alles eingeweihte Frau des Hauses hin. Sie sah überhaupt weiter als die meisten, nahm die Dinge niemals, wie sie erschienen, sondern wie sie sich ihr durch ihr kluges Nachdenken darstellten. "Er thut, als ob er Unwillfährigkeit und Gegnerschaft gar nicht bemerkt. Es gehört eben auch zu seinen hervorragenden Eigenschaften, daß er sich zu beherrschen, zu verstecken weiß--" "Verstecken!" sagst du, Friedrich! Der Ausdruck stimmt mit der Warnung, die dir bei seinem ersten Besuch wurde!" Nun meldete sich bei Frau Fanny doch wieder die Frau. Wenn Mütter sehen, daß Männer, auf die sie für ihre Töchter rechnen, diese nicht bevorzugen, haben sie stets eine starke Neigung, ihnen etwas am Zeuge zu flicken. Sie bauen sich dadurch Brücken, um ihrer Enttäuschung besser Herr zu werden. Die beiden jungen Mädchen waren nur Zuhörende, sie äußerten sich nicht. Sie versteckten sich ebenfalls. Beide hatte eine stille, aber leidenschaftliche Liebe für Klamm erfaßt. Grete schwieg darüber, weil sie zu stolz war, davon zu reden, und Ileisa hütete sich zufolge ihrer Stellung, für Klamm irgendwelches Interesse an den Tag zu legen. Sie hatte genügend beobachtet, wie sehr Frau Knoop enttäuscht war, daß Klamm für Margarete verloren schien. "Weißt du, was mir auffällig ist," äußerte kurz darauf die Frau des Hauses. "Hm?" warf Herr Knoop, der eben nach der Abendzeitung der Täglichen Nachrichten gegriffen hatte, zerstreut hin. "Ja nun! Daß Klamm nie von seiner Braut spricht, daß er sie noch immer nicht vorgestellt hat. Sie muß entweder ein Bild der Häßlichkeit sein, oder es muß sonst etwas vorliegen, was nicht ganz richtig ist. Sonst kann ich mir sein Verhalten absolut nicht erklären." "I was," fiel Herr Knoop, gleich stark betonend ein. "Er hat ja wiederholt erklärt, daß sie schwer erkrankt sei, daß darin der Grund zu suchen wäre, daß er sie uns bisher noch nicht habe zuführen können." "Ich bat ihn aber schon wiederholt, einmal ihr Bild mitzubringen," bestätigte Margarete, die nun auch hervortrat. "Niemals hat er Wort gehalten.--Nicht wahr, Ileisa?" fügte sie hinzu und wandte sich zu der eifrig über ihre Arbeit gebückten Hausgenossin. "Du warst dabei!" Die beiden jungen Mädchen, die sich vortrefflich verbanden, ja, ganz in einander aufgingen, duzten sich schon seit längerer Zeit und besprachen--mit Ausnahme ihrer geheimen Liebe--alles miteinander, was sie irgend anging. Ileisa betätigte nur mit leichtem Kopfneigen, aber weil ihre Gedanken und Sinne durch dieses Gespräch schon stark angeregt worden waren, wußte sie den Ausdruck einer starken Befangenheit äußerlich nur sehr schwer zu unterdrücken. Sie ließ deshalb die Stickerei, an der sie arbeitete, wie zufällig aus ihrer Hand fallen, bückte sich danach, und wußte dadurch den Anwesenden ihre Gesichtszüge bis zur Wiederbeherrschung ihres Innern zu entziehen. "Ich bin begierig, ob Klamms Braut unsere Einladung nicht auch selbst beantworten wird. Ich gab Herrn von Klamm auf seinen Wunsch die Einladungskarte. Wir wissen ja noch nicht einmal, wie sie mit Vor- und Zunamen heißt. Danach will ich ihn doch bei erster Gelegenheit fragen." Das Gespräch empfing eine Unterbrechung, weil Adolf eintrat und Herrn Knoop ein Schreiben überreichte. Schon während er es entgegennahm, verfinsterten sich die Züge des Chefs des Hausen in einer Art, daß Frau Fanny, die bei Briefen stets ängstlich die Mienen ihres Mannes beobachtete, gleich besorgt das Wort nahm. "Etwas Unangenehmes, Friedrich?" fragte sie. "Ah--ah!" stieß der Mann heraus und knirschte mit den Zähnen. "Wieder von Theodor! Immer Theodor!" Aber als er dann gar die Zuschrift gelesen hatte, zitterten seine Hände vor Erregung. "Ach--die ewige, unglückliche Plage," seufzte Frau Fanny, ohne auf Ileisas Anwesenheit Rücksicht zu nehmen. "Was hat er denn nun abermals? Hast du ihm nicht erst neulich wieder Geld gesandt?" Knoop verneinte erst stumm. Dann sagte er: "Ich habe ihm auf seine drei letzten Briefe gar nicht geantwortet. Thäte ich es, würde ich ja noch weniger Ruhe haben. Freilich, jetzt geht er bis an die äußerste Grenze. Nun--nun--droht er! Wahrhaftig! Wäre er nicht mein--mein--Bruder, so würde ich ihn auf Grund dieser Zeilen der Staatsanwaltschaft überliefern." "Lies vor, Friedrich! Wir haben ja vor Ileisa keine Geheimnisse. Wir wissen, daß sie das, was sie für sich zu behalten hat, sicher in sich verschließt!" "Sie dürfen dessen versichert sein, gnädige Frau!" bestätigte Ileisa, das Auge frei aufschlagend, in einem einfachen, Vertrauen erweckenden Tone. Und Herr Knoop las: "Wenn ich nicht bis übermorgen vormittag zehn Uhr einen Postrestantebrief (Hauptpostamt Unter den Linden) mit dreitausend Mark unter T.K. vorfinde, geschieht etwas! Was aus dem Verzweiflungsakt entsteht, ist mir gleichgültig. Ich habe dann wenigstens ein Obdach! Falls Du aber diese Kleinigkeit Deinem weniger vom Glück begünstigten Bruder zuwendest, ihm dadurch wieder zu einer dauernden, menschenwürdigen Existenz verhilfst, so wird er nicht nur alle Kränkungen vergessen, sondern Dich niemals wieder behelligen. Nun entscheide! Dein Bruder Theodor Knoop." "Schick' ihm das Geld," drängte Frau Fanny. "Was liegt dir an ein paar tausend Mark, wenn du Ruhe bekommst!" Unwillkürlich sah Ileisa empor. Wenn sie ihrer Tante einmal einen Teil einer solchen Summe würde bringen, ihr dadurch die Kargheit ihres Daseins vermindern könne, welche Seligkeit mußte das sein! Sie liebte die alte Dame, die mit einer schrankenlosen Selbstentäußerung für sie seit ihren Kinderjahren gesorgt hatte, mit den zärtlichsten Gefühlen. Und gegenwärtig wandten sich ihre Gedanken ihr besonders zu, weil sie sie so lange nicht gesehen hatte. Sie kam sich so undankbar, so gefühllos vor, daß sie nicht den Weg zu ihr fand. Es berührte sie schwer, obschon sie nicht Schuld trug. Sie war gebunden; sie hatte Knoops versprechen müssen, ihre ganze Aufmerksamkeit den neuen Verhältnissen zuzuwenden, alte Beziehungen völlig außer acht zu lassen. Wohlan! Aber daß Knoops nicht einmal bisher Anlaß genommen hatten, sich um die alte Dame zu bekümmern, sie ein einziges Mal einzuladen, fand sie grausam, ließ eine wirkliche Herzensbildung vermissen. Herr Knoop aber erwiderte auf die Rede seiner Frau: "Es ist ja nicht das Geld, Fanny! Ich würde gewiß die 3000 Mark geben, und wenn es sich um das dreifache handelte. Aber sowie ich ihm wieder die Hand biete, nimmt die frühere schamlose Zupferei kein Ende. "25000 Mark stehen schon auf deinem Konto in meinen Büchern. "Das ist ein Posten! Und einmal muß doch alles ein Ende haben, wenn alles ohne jeden Nutzen war! "Ja, wenn er wirklich ein ordentlicher Mensch, wenn ihm wirklich geholfen würde, gleich würde ich nochmals 10000 Mark opfern! "Aber er verthut es in Schlemmereien, mit Frauenzimmern und im Spiel. Er ist eben leider, zu meinem großen Schmerz, eine verlumpte Persönlichkeit, die am besten die Erde deckte." "Was willst du denn thun?" "Wieder gar nichts!" "Aber wenn er dir,--uns nachstellt. Ich fürchte mich! Solche Menschen--wir lesen es doch täglich in den Zeitungen--greifen im Affekt zum Aeußersten.--Sie laden in der Verzweiflung eine Schußwaffe." "Er schleicht sich in das Papierlager und legt Feuer an," fiel Margarete ein. "Ich traue ihm alles zu! "Wenn du ihm mit dem Bemerken es sei ganz unbedingt das letzte Mal, die 3000 Mark schickst, nimmst du uns wenigstens die Angst, Papa. Wir haben dann die Sicherheit, daß dergleichen wenigstens nicht geschieht.--Mache Bedingungen, lasse ihn ein Schriftstück unterschreiben, daß er sich für immer abgefunden erklärt!" Aber Herr Knoop verneinte. "Ich will nicht, ich kann nicht. Es muß kommen, wie es muß. Unzählige Male war's schon das letzte Mal. Nach sechs Monaten kommt er doch wieder und hat neue Gründe! Und die Sprache, die er schon wiederholt gegen mich geführt hat! Es ist ohne Gleichen! Nein, nein! Ich bin mit ihm fertig. Ich betrachte ihn längst nicht mehr als zu mir gehörig!" Nun sagten die Damen nichts, aber Frau Fanny nahm sich vor, doch noch einmal vor'm Schlafengehen auf ihren Mann einzusprechen. Sie wollte es thun, obschon eine gewisse, entschiedene Art sie bisher stets belehrt hatte, daß mit ihm schwer etwas anzufangen war.-- * * * * * Der Abend, an welchem der Ball bei Knoops stattfinden sollte, war herangekommen. Während in den Seitenflügeln: in dem Kontor und den übrigen Räumen noch die Arbeitslichter flammten und die Scheiben in den großen Gebäuden von oben bis unten erhellten, fuhren Equipagen auf Equipagen vor das Portal des Wohnhauses des Herrn Friedrich Knoop. Und er und die Familie standen in ihren durch mächtige strahlende Kronenerleuchteten Gemächern, und warteten vorn bei der Eingangsthür der Gäste, bis sich alle mit Ordensbändern geschmückten Herren, und alle in ihren kostbaren Gewändern einherrauschenden Damen eingefunden hatten. Nur Herr von Klamm fehlte noch. Er fehlte, obschon er die Anordnungen übernommen hatte. Freilich, seine eigentliche Thätigkeit nahm erst ihren Anfang nach dem Abendessen. Aber seine Anwesenheit beim Erscheinen der Gäste, war doch von Herrn Knoop vorausgeht worden, und sein Ausbleiben begann ihn zu beunruhigen. "Er ist sicher noch im Kontor!" erklärte Margarete. "Er sagte neulich, er habe grade am Ballabend noch ziemlich spät im Geschäft zu thun, werde sich aber nach Möglichkeit einrichten." Als er noch immer nicht erschien, sandte Herr Knoop Adolf zu ihm. Herr Knoop lasse freundlichst bitten, daß Herr von Klamm sogleich komme. Man wolle zu Tisch gehen. Indessen war es überflüssig! Grade trat er durch die Mittelthür ein, sprach Herrn Knoop seine Entschuldigung aus und richtete seine scharfbeobachtenden Augen auf seine Umgebung. "Die Sendung nach Frankfurt an der Oder wäre in der That nicht abgegangen, wenn ich nicht noch nachgetrieben hätte, Herr Knoop," erklärte er. "Ich hatte die Absendung unbedingt versprochen; es war eine geschäftliche Pflichtsache. Auch wollte ich gern die Abendpost noch einsehen. Es war viel da und Eiliges.--Eine große Bestellung vom Reichstagbüreau ist eingelaufen." So begründete er seine Verspätung, küßte Frau Knoop die Hand, begrüßte Margarete mit warmherziger Vertraulichkeit, und warf einen forschenden Blick zu Ileisa hinüber, die sich nicht weitab mit einem Offizier unterhielt.-- Endlich ging's zu Tisch. Klamm führte die Tochter eines hohen Beamten im Ministerium. Herr Knoop hatte es so gewünscht, und es war auch richtig so. Klamm wußte die Menschen für sich einzunehmen, und es war klug, nichts zu versäumen, sich dieser Familie Gunst zu erwerben. Von dem Wohlwollen des Herrn Ministerialdirektors hing die Entscheidung über die Vergebung sehr umfangreicher Druckaufträge ab. Bei Tisch warfen zwei Personen wiederholt forschende, von Eifersucht keineswegs freie Blicke zu ihm hinüber: Margarete und Ileisa! Und Klamm bemerkte es jedesmal, wenn sie hinüberschauten, und jedesmal begegnete er ihnen mit irgend einer Aufmerksamkeit, indem er entweder das Glas erhob und ihnen zutrank, oder einen Ausdruck stillen Einverständnisses in seinen Augen erscheinen ließ. Als seine Tischnachbarin, Fräulein von Wiedenfuhrt, dies einmal bemerkte, redete sie Klamm auf die beiden Damen an: "Wie Fräulein Knoop sei? Sie habe sie nur einigemale bei Bazaren, wo sie zusammen gewirkt, gesehen. Ob sie ein liebenswürdiges, junges Mädchen wäre?" "Fräulein Knoop ist eine jener tadellosen jungen Damen, an denen man nur bemängeln könnte, daß sie etwas kleinbürgerlich sind. Ihre Natürlichkeit, ihre Gradheit, ihr ungemein rechtschaffener Charakter verschmähen es, irgend welche Schminke zu gebrauchen Und doch würde ihre Anziehungskraft durch eine Milderung dieser Hausbackenheit um vieles gewinnen." "Also Sentiments haben Sie für die Tochter Ihres Chefs nicht, Herr von Klamm? Dann ist ja noch Hoffnung für die vielen, die ihr Auge mit Sehnsucht auf Sie richten!" warf das junge Mädchen neckisch hin. "Glauben Sie wirklich, daß sich jetzt noch jemand aus Ihren Kreisen für mich interessiert?" gab Klamm auf diese, der verstandesmäßigen Richtung des Fräuleins entsprechende, Rede zurück. "Ich bin Prokurist in einer Buchdruckerei geworden. Das ist eigentlich so unerhört, daß man die Pflicht hat, von meiner Existenz auf Erden Abstand zu nehmen." "Es würde so sein, wenn Sie nicht eben Herr von Klamm wären," fiel die Dame mit ehrlicher Anerkennung ein. "Es giebt Ausnahmemenschen, denen alles wohl ansteht, zu denen infolgedessen auch jeder--und wenn er sich noch so sehr sträubt--Stellung nehmen muß. Jüngst wurde Ihr Artikel über gesellschaftliche Arten und Unarten in den Täglichen Nachrichten vielfach besprochen. Ich kann Ihnen verraten, daß er allen ausnehmend gefallen hat, natürlich abgesehen von jenen jungen Zweibeinigen in Frack und Lackschuhen, die alles besser wissen, nur das Allernächstliegende nicht merken, daß sie nämlich recht lächerliche und überflüssige Erscheinungen in der Schöpfung sind." "Im übrigen! Wir sind noch nicht am Ende. Sie wollten mir auch noch etwas über das schöne Fräulein von Oderkranz sagen." Klamm zuckte die Achseln. "Wenn ich ehrlich sein soll, so läßt mich meine Menschenkenntnis bisher in Stich. Ich weiß nicht sicher, wie sie ist. Ich vermute nur, daß mein Urteil zutrifft. Ich sehe, daß sie sich erstaunlich zu fügen weiß, zu schweigen, ihr eigentliches Wesen zu verbergen versteht. Ganz präzise gefaßt, würde ich sagen: "Sie besitzt die Kunst, mit ihren Eigenschaften zu ökonomisieren, immer nur das zu geben und zu thun, was am Platz ist. Und doch--und doch--" "Nun?" "Ja, und doch gewinnt man keine rechte Beziehung zu ihr, und doch kann man ihr nicht näher kommen." "Was vermuten Sie denn?" "Alles!" betonte Klamm beinahe feurig. "Ich glaube, daß sich in diesem Mädchen alle jene Eigenschaften finden, die einen Mann in der Ehe glücklich zu machen im stande sind. Sie ist weiblich, sittlich, häuslich, treu und arbeitsam, daneben voll Tiefe und Wärme, und nicht minder voll Begeisterung für alles Schöne und Gute, sofern ihr Gelegenheit geboten wird, es zu bethätigen. Auf ihr ruht aber die Bürde der Abhängigkeit." "Ah! Sie schwärmen ja gewaltig, Herr von Klamm. Fast könnte man glauben, Sie legten eine unfreiwillige Beichte ab." Die junge Dame sprach die Worte in einem von Eifersucht nicht freiem Tone. "Sie irren durchaus, gnädiges Fräulein! Wenn ich überhaupt meiner Passion nachgeben dürfte--ich werde nämlich sicher niemals heiraten--so würde ich eines Tages ein gewisses Haus betreten, dort nach dem Ministerialdirektor von Wiedenfuhrt fragen, und ihn bitten, bei seiner überaus schönen und überaus klugen Fräulein Tochter Margot ein gutes Wort für mich einzulegen." Kaum, nachdem Klamm so gesprochen hatte, erhob das junge Mädchen den Kopf und sah Klamm mit einem durchdringenden Blick an. "Daß auch Sie, Herr von Klamm"--begann sie steif im Ton--"zu den Leuten gehören, die selbst in ernsten Augenblicken fade Spielereien treiben, hätte ich nicht gedacht. Ich bin heute um eine Erfahrung reicher geworden." "Aber mein Fräulein--mein gnädiges Fräulein"--fiel Klamm nicht wenig überrascht, ja, bestürzt ein. "Ich bitte! Welche Sprache! Wodurch gab ich Ihnen Anlaß, so mit mir ins Gericht zu gehen?" "Sie werden eher begreifen, wenn ich Ihnen mitteile," fuhr sie unbeirrt fort, "daß man allgemein davon spricht, daß Sie verlobt sind und alles daran setzen, diese Verlobung mit einem armen Mädchen rückgängig zu machen, deshalb nämlich, um Fräulein Knoop zu heiraten. So spielen Sie also nun jedenfalls mit dreien: mit Ihrer Braut, mit Fräulein Knoop, mit Fräulein von Oderkranz, und wenn ich natürlich Ihre an mich gerichteten Worte als einen, wenn auch recht ungeschickt gewählten Scherz betrachte--mit mir!" Klamm erschrak. Unversehens that sich vor ihm ein bisher gar nicht vermuteter Abgrund auf. Aber noch mehr! Ehe er etwas zu entgegnen vermochte, fuhr die junge Dame fort: "Ich will ganz offen sein! Ich will alles sagen, Herr von Klamm. Neulich hat mein Vater einen anonymen Brief empfangen, in dem er vor Ihnen gewarnt wird." "Ah! Die alte Infamie einer mich rachsüchtig verfolgenden Persönlichkeit!" fiel Klamm, nachlässig verächtlich im Ton, ein. "Das schreckt mich nicht, gnädiges Fräulein. Ich wäre im stande, Ihnen den Wortlaut dieses Schriftstücks--es hat nämlich immer den gleichen Inhalt--aus dem Kopfe wiederzugeben. Anders aber ist es mit dem, was Sie sonst äußerten. Hier bedarf es dringend der Aufklärung. Ich bitte, daß Sie mir einmal nächstens eine Unterredung gewähren. "Ich weiß bestimmt, daß Sie dann anders urteilen werden." Da Klamm in einem sehr gemessenen Tone, da er wie ein Mann sprach, der um seine Ehre ficht, so gewann er das Spiel. Schon begann sich in ihr die Reue zu regen, sich so haben hinreißen zu lassen. Aber es reizte sie auch nicht wenig, von ihm selbst zu erfahren, was Wahrheit, was Geschwätz war; es schmeichelte ihr, daß er sie zu seiner Vertrauten machen wollte. Aber an diesem Abend geschah noch etwas, das Klamm mindestens ebenso sehr zum Nachdenken Anlaß gab. Die Tafel war aufgehoben, schon hatte die Musik den Gästen zu einer Reihe von Tänzen aufgespielt. Eben sollte ein Kotillon getanzt werden, den Herr von Klamm einen anwesenden Offizier deshalb zu leiten gebeten hatte, weil er dessen Ehrgeiz: in der Gesellschaft bei solchen Gelegenheiten eine Hauptrolle zu spielen, Rechnung tragen wollte. Aber er hatte auch die Absicht, dadurch Zeit und Gelegenheit zu finden, sich mit Ileisa zu beschäftigen. Er forderte sie zu diesem Tanz auf, wählte einen entfernteren Eckplatz, woselbst ein ruhiges Plaudern eher möglich war, und sagte, nachdem er eben mit ihr eine Runde gemacht hatte: "Sie machen alles vortrefflich, gnädiges Fräulein! Auch eben zeigten Sie sich wieder als Meisterin." "Das möchte ich, ohne Komplimente, Ihnen sagen, Herr von Klamm--" "So beschäftigen wir uns also gegenseitig mit einander, ohne daß wir es uns eingestanden haben--" Er sah sie bei diesen Worten mit einem werbenden Blick an. Er that's, obschon ihm grade die Unterredung mit seiner Tischdame heute hätte eine Zurückhaltung auferlegen sollen. Aber auch ihm geschah's, daß häufig das menschliche Ich grade dann zu einer Auflehnung gegen die bedachte Mutter Vernunft gelangt, wo es am allerwichtigsten ist, auf ihre Stimme zu hören. Er fand Ileisa heute schöner denn je. Sie war auch an diesem Abend der Mittelpunkt. Jedermann drängte sich zu ihr, und auch dadurch wurden des Mannes Sinne angefacht. Bisher war ihm niemand in den Weg getreten. In das stille Knoopsche Haus traten wenige ein, nur bei solchen Gelegenheiten wurden die Staatszimmer geöffnet. Statt auszuweichen, gab ihm Ileisa einen Blick zurück, der sein Inneres in Aufruhr versetzte. Dann sagte sie kurz, bestimmt: "Ja, Herr von Klamm!" Diese Antwort riß Klamm fort. Er überflog ihre Gestalt mit seinen Augen. Er sah, wie sich unter dem seidenen Ballmieder die Büste hob und senkte. Er umfing mit seinen Blicken all die Reize, die ihr die Natur verschwenderisch verliehen hatte, und forschte noch einmal in ihren Augen, in Augen, in denen eine versteckte Glut loderte. Dann sprach er entschlossen: "Wohlan denn, da es so ist, da wir uns verstehen, ja, da wir uns einig sind, so wollen wir Kameraden werden, gemeinsam unser Ziel verfolgen. Es bedarf keiner Erklärung, warum es sich handelt.--Nicht wahr, Fräulein von Oderkranz?" Und indem er die Stimme dämpfte, dasselbe in einem weichen Tone wiederholte, sich zu ihr drängte mit seinem Ich: "Nicht wahr, Fräulein Ileisa?" Abermals vernahm er ein festes Ja und fühlte, als er nach ihrer Hand tastete, einen Gegendruck, der ihm das Blut durch die Adern jagte. "Wann und wo wollen wir uns morgen sprechen?" ergänzte Klamm, indem er um der Umgebung willen seinen Mienen einen durchaus gleichgültigen Ausdruck verlieh. "Ich werde bitten, ehestens meine Tante besuchen zu dürfen. Wird mir dies erlaubt, so werde ich an einem Ihnen noch schriftlich mitzuteilenden Tage gegen ein Uhr auf dem Potsdamer Platz am Rundteil sein können." Als Herr von Klamm eben antworten wollte, stand Margarete Knoop vor ihnen. "Darf ich stören?" fragte sie mit künstlicher Schelmerei im Ton. Sie hatte beide seit langem beobachtet und schon große Qualen empfunden. Auch sie hatte sich vorgenommen, heute einmal mit allem zwischen sich und Klamm aufzuräumen. "Bitte, kommen Sie nach Beendigung des Kotillons eine Weile in den Wintergarten," bat sie, während er mit ihr tanzte. "Sie müssen mir bei der Bowle behilflich sein." "Zu Ihrem Befehl, gnädiges Fräulein," betätigte Klamm und zog sie unwillkürlich fester an sich. Er stand zwischen drei Feuern. Seine Tischnachbarin beargwöhnte ihn, nachdem er sich unvorsichtigerweise in ihre Hand begeben hatte. Ileisa gegenüber hatte er sich von seinen bisher zurückgedrängten Gefühlen fortreißen lassen. Nun kam ihm Margarete in solcher Weise entgegen!-- Als sie später nebeneinander standen und Moselwein in eine Punschbowle füllten, sagte Klamm: "Ich stehe unter dem Eindruck, daß Sie auch sonst noch über mich zu befehlen wünschen. Darf ich fragen, womit Ihnen Ihr gehorsamer Diener zu willen sein kann?" "Ja, Herr von Klamm! Ich muß endlich einmal eine Frage an Sie richten. Es muß um Ihretwillen geschehen, da ich auch heute wiederholt in einer mich ärgernden Weise angesprochen bin: "Wie heißt Ihr Fräulein Braut? Woher stammt sie? Weshalb führen Sie sie nicht uns und der Gesellschaft zu? Ist sie wirklich krank? Und wollen Sie sich, wie man sagt, wieder entloben? "Nicht Neugierde treibt mich, ich betone dies. Die angeführten Gründe und das warme Interesse, das ich für Sie empfinde, lassen mich sprechen."-- Schon wollte Klamm antworten, er wollte ihr bekennen, wie es stand und wodurch die Unwahrheit hervorgerufen worden war. Aber dann wählte er doch einen anderen Weg, den, zu dem ihn bei Fräulein von Wiedenfuhrt die Umstände getrieben, den er auch Ileisa vorgeschlagen hatte. "Zuerst meinen aufrichtig empfundenen Dank, gnädiges Fräulein," entgegnete er. "Und um alles nach Ihren Wünschen zu erledigen, bitte ich Sie, in eine zeugenlose Unterredung zwischen uns zu willigen. Hier--heute--ist nicht der Ort, Ihnen alles zu erklären. Ich muß weit ausholen. "Also, ich bitte.--Wann wollen Sie mir diese Vergünstigung gewähren?" "Sonnabend mittag bin ich allein in unserer Wohnung. Meine Mutter will dann Besuche machen! "Wohlan! Abgemacht!" Sie reichten sich die Hand. "Aber bitte, gehen Sie jetzt, ich sehe verschiedene unserer Gäste kommen," betonte sie, und Klamm verneigte und entfernte sich.-- * * * * * Gegen Mitternacht, während sich die Gäste bei Knoops im vollen Genießen befanden, wurde draußen an der Hausthürklingel der Villa gezogen. Als Adolf öffnete, trat ihm ein hochaufgeschossener, hagerer Mann mit wüsten Augen, krankhaft geröteten, scharf hervortretenden Backenknochen und einem unangenehm wirkenden rotbraunen Halbbackenbart entgegen. Er fragte, im übrigen wie ein Gentleman gekleidet, mit hohem Zylinder und Pelz versehen, in einem kurzen Tone, nach Herrn Knoop. Als Adolf entgegnete, es sei Gesellschaft im Hause--es werde sich Herr Knoop jetzt unter keinen Umständen sprechen lassen,--erwiderte er: "Sagen Sie nur, daß es sich um höchstens fünf Minuten, daß es sich aber um eine sehr wichtige und eilige Geschäftsangelegenheit handle. Sie können hinzufügen, daß ich noch diese Nacht Berlin verlassen müsse, daß ich deshalb jetzt komme. "Wo kann ich mich solange aufhalten, bis Herr Knoop kommt?" schloß er, indem er durch solche Frage ohne Weiteres seinen Willen zur Geltung zu bringen suchte. "Ist hier nicht ein Gemach, wo ich warten kann?" Adolf zeigte, durch die Sicherheit, mit der jener austrat, nachgiebig gemacht, auf ein kleines, einfenstriges Kabinett zur Rechten. In dieses trat dann auch der Fremde ein, während sich Adolf rasch in den Tanzsaal begab. Knoop unterhielt sich eben mit Klamm, sie beredeten noch eine kleine Ueberraschung für die Gäste. "Ein Fremder? Ein Fremder um diese Zeit? Was will er?" Adolf berichtete, was er wußte. "Bitte, begleiten Sie mich, Herr von Klamm," entschied Knoop rasch entschlossen. "Da es sich um Geschäftliches handelt, sind Sie ja ebenso sehr interessiert--" Unter solchen Worten schritt Knoop voran, und wenige Augenblicke später traten sie in das erwähnte Kabinett. "Ah! du!" stieß Knoop ebenso enttäuscht wie zornig heraus. "Nun dringst du gar nachts unter einer Lüge in mein Haus! Nein, nein--gieb dir keine Mühe! Ich habe nichts zu hören--" "Du erregst dich zu deinem eigenen Nachteil, Friedrich," fiel Theodor Knoop mit eiserner Ruhe ein. "Ich frage, da ich Berlin verlassen muß, da ich eine Antwort auf meine Zeilen nicht empfing, ob du meiner Bitte entsprechen willst? Ich erkläre mit meinem Ehrenwort, daß ich dich nie wieder belästigen werde. Ich will dir einen schriftlichen Verzicht ausstellen." "Sehr gnädig! Du thust wirklich, als ob du Ansprüche zu erheben hättest, während du ganz dasselbe jedesmal beschworen hast. Was nach solchen Erfahrungen ein Ehrenwort aus deinem Munde bedeutet--" "Ah," preßte Theodor Knoop in ergrimmtem Tone heraus, und seine Augen funkelten. "Immer bleibst du doch derselbe eingebildete Hochhinaus, der du schon als Knabe warst, hältst dich für hundertfach besser, als andere, giebst schöne Lehren und teilst weise Sprüche aus, während du----" "Nun, ja--ja--ja--es mag sein, daß du vieles mit Recht an mir auszusetzen hast. Wir geben uns eben darin nichts nach; und weil dem so ist, habe ich ja schon seit langen Jahren vorgeschlagen, daß wir auseinander bleiben. Du aber kommst immer wieder, und natürlich immer dann, wenn du Geld von mir erpressen willst-- "Ich aber erkläre dir, daß ich mich auf nichts mehr einlasse! Ein Vermögen, das ich dir nach und nach hingab, ist zwecklos verschleudert. Es würden die Tausende auch in den Sand geworfen sein, die du heute verlangst.-- "So das ist mein letztes Wort; wir haben nichts mehr miteinander zu sprechen.--Ich muß dich ersuchen, mich nicht ferner mehr zu belästigen. Es ist höchste Zeit, daß ich zu meinen Gästen zurückkehre."-- Theodor Knoop, ein Mann mit einem tückischen Auge und kaltem Ausdruck in den Zügen, überlegte, was er thun sollte. Er hatte diesen Weg eingeschlagen, weil er dadurch die ihm einzig noch bleibende Möglichkeit erkannte, von seinem Bruder etwas zu erreichen. Nun hatte er aber, statt den Bittenden zu spielen, seinem Bruder Beleidigungen ins Gesicht geschleudert. Ungeschickter hätte er es nicht anfangen können, ihn zur Hergabe von Geld zu bewegen. Und da griff er zu dem letzten Mittel. Indem er rasch seines Bruders Begleiter musterte und zu diesem, zu Klamm, sich wendete, sagte er: "Ich bitte Sie, mein Herr, ein gutes Wort für mich einzulegen. Ich wiederhole, daß ich durch dieses Geld zu einer dauernd soliden Existenz gelange. Bisher verfolgte mich das Unglück;--mein Bruder rechnet niemals dieses hinein, er spricht immer nur von meinem Leichtsinn, weil er nie die Verhältnisse geprüft hat. Soll ich denn wirklich zu einem Verzweiflungsakt getrieben werden? Ich frage: Ist derjenige, der sich durch seine Schuld in einer schweren Lebensbedrängnis befindet, weniger bemitleidenswert, als der unschuldig Leidende? Und wenn, ist nicht ein Unterschied zwischen Fremden und Brüdern?" Und wieder zu seinem ungeduldig nach der Thürklinke greifenden Bruder: "Gewiß! Ich war wiederholt ausfallend gegen dich, Friedrich. Es war aber Verzweiflung--es war nicht persönlich. Dir ist alles geglückt, du bist von der Natur anders veranlagt, so wurde es dir leichter, den glatten Weg zu gehen. Ich bitte, ich flehe dich an: Gieb mir das erbetene Geld! Sage, daß ich es mir morgen holen lassen darf.--Helfen Sie, mein Herr, diese Sache zwischen uns zu einem friedlichen Abschluß zu bringen!" Herr von Klamm hatte bisher nur den stummen Zuhörer gespielt. Es war um so mehr geschehen, weil er in dem Manne, der hier nächtlich eingedrungen war, einen nach der Beschreibung seiner Mutter nicht zu verkennenden Komplizen derjenigen Geschäftsleute zu erkennen glaubte, durch die seine Mutter, während seines Aufenthaltes im Ausland um ihr Hab' und Gut gekommen war. Es war eine ganze Bande gewesen, die es in der raffinierteren Weise verstanden hatte, sie auszurauben. So zog er nun die Achseln und sagte: "Ich wurde von Herrn Knoop ersucht, ihn zu begleiten. Er nahm an, daß es sich um Geschäfte handle. In Herrn Knoops Privatangelegenheiten habe ich kein Recht einzugreifen; es würde, wie ich vermute, auch durchaus gegen seinen Willen sein." "Ich gebe aber nochmals zu bedenken, daß ich Ihnen allen für alle Zeiten entrückt werde. Ich will mich nach Südamerika einschiffen. Ohne Geld vermag ich es nicht, ich weiß es mir nicht anders zu verschaffen--" "Wohlan, so will ich das Billet für dich kaufen," sprach Herr Knoop plötzlich entschlossen. "Herr von Klamm wird dich auf das Schiff begleiten, und dir auch noch etwas Zehrungsgeld einhändigen. Ein Schriftstück unterzeichnest du vorher, daß du mir so und so viel schuldig geworden. "Bist du damit einverstanden, so melde dich morgen vormittag elf Uhr zur näheren Rücksprache bei mir." "Und wie viel würdest du mir bewilligen, Friedrich?" forschte der Mann lauernd. "Ich sagte es ja schon. Den Betrag für die Ueberfahrt und eine Summe in angemessener Höhe für den Anfang, keinen Pfennig mehr, und auch nur dann, wenn das Geld dafür verwendet wird. Und nun nochmals.--Adieu! Ich kann und will hier nicht länger verweilen--" "Gieb mir 3000 Mark ohne Bedingung, ich wiederhole mit meinem Eidschwur, daß ich nicht wiederkommen will, Friedrich. Weise es mir zu der angegebenen Zeit an." "Nein, es bleibt, wie ich angab! Ich lasse mich nur nochmals bewegen, etwas zu thun, wenn du Deutschland verläßt. Es geschieht vorzugsweise auch um meiner Damen willen, die endlich Ruhe für mich herbeiwünschen." Noch einen Augenblick schwankte Theodor Knoop. Dann sprach er einen rauhen Dank, nickte kurz, griff nach seinem Hut und entfernte sich unter der nochmaligen Wiederholung der Zeitstunde, die für den folgenden Tag zwischen ihnen verabredet war. Mit äußerlich sorglosen Mienen traten dann auch die beiden Herren wieder unter die Gäste. Niemand sah ihren Gesichtern an, was sich eben hinter den Thüren vollzogen hatte. Man hatte sie bisher auch kaum vermißt, nur von Ileisa war bemerkt worden, daß sie sich mit beschäftigten Mienen beide plötzlich entfernt hatten. * * * * * Als Klamm am nächsten Morgen erwachte, hatte er es schwer, seine Gedanken zu ordnen, insbesondere das Für und Wider, das sich ihm nüchtern aufdrängte, vernunftgemäß zu scheiden. Nun war der Augenblick gekommen, wo er eine bündige Erklärung abgeben mußte. Sollte er eingestehen, daß er gar nicht verlobt sei? Und wenn, welche Gründe für seine Behauptung sollte er angeben? Die wirklichen!? Er sah Herrn Knoops Miene und stand davon ab. Andererseits widerstrebte es ihm, an einer Lüge festzuhalten und gar noch eine neue auszusprechen. Fräulein von Wiedenfuhrt konnte er die Wahrheit bekennen, sie, die Fernerstehende, würde seine Handlungsweise eher begreiflich finden. Gab er Margarete zu, daß er Falsches berichtet, so konnte er ihr wenigstens nicht eröffnen, weshalb er so gehandelt hatte. Er mußte ein anderes Motiv angeben. Und wiederum, wenn er das that, mußte er auch Fräulein von Wiedenfuhrt ein gleiches sagen. Der Zufall konnte spielen. Wie würde er dastehen, wenn er der einen diesen, der anderen einen völlig anderen Grund mitteilte, und sie davon erführen? Es gab, sagte sich Klamm, Zeiten, in denen den Himmel für den einzelnen voll klaffender Spalten war. So erging es jetzt ihm, und nur einen Ort gab es, wo er vielleicht Rat und Trost finden konnte, bei ihr, seiner weisen, voll inniger Liebe für ihn erfüllten Mutter. Ihr beschloß er sich anzuvertrauen. Ihr wollte er alles mitteilen, wollte hören, wie sie entschied, und danach zu handeln suchen. Vorläufig bestand aber die nächste, ernste Tagesaufgabe darin, mit Theodor Knoop zu konferieren. Da zu diesem Zweck noch eine vorherige Rücksprache zwischen ihm und dem Chef verabredet worden war, beeilte sich Klamm, baldmöglichst von seiner in der Kurfürstenstraße belegenen Wohnung nach den in der Zimmerstraße befindlichen Knoopschen Geschäftsräumen zu gelangen.-- Klamm fand Herrn Knoop allerdings nicht in der gewohnten, guten Laune, Feste lassen nur zu häufig einen schlechten Geschmack auf der Zunge zurück. So erging's dem Chef. Er sollte nun wieder für seinen Bruder Theodor, den unverbesserlichen Taugenichts, in die Tasche greifen. Auch beschäftigte seine Gedanken ein Brief, den er von seinem Sohne Arthur erhalten hatte. Der wollte durchaus jetzt schon nach Berlin zurück. Er mochte im Auslande nicht mehr bleiben. Und wenn er wiederkehrte, wie würde sich das Verhältnis zu Klamm stellen? Das ging Herrn Knoop nicht minder durch den Kopf. Von all dem gelangte, während der Unterredung mit Klamm, etwas zum Ausdruck. Natürlich! Gehandelt mußte deshalb doch werden! Das gegebene Wort mußte eingelöst werden. Die Reise nach Chile kostete, das hatte Herr Knoop schon nachgesehen, etwa 1000 Mark. Dieser Summe wollte er noch 1500 hinzufügen. Am nächsten Tage sollte Klamm mit Theodor nach Hamburg reisen.--Das Dampfschiff ging von dort abends ab. "Wenn Sie, verehrter Herr von Klamm, den Eindruck gewinnen, daß mein Bruder die Reise nur vorgiebt, daß es lediglich darauf abgesehen ist, mir wieder Geld abzunehmen," erörterte Knoop, "so lösen Sie kein Bildet, sondern händigen ihm die Hälfte, nämlich 1250 Mark unter der Bedingung aus, daß er vorher das hier von mir schon heute morgen ausgefertigte Schriftstück unterschreibt. "Dann bringe ich eben dieses Opfer noch ein- und zum letztenmal. "Und nun noch zu etwas anderem, bester Herr von Klamm! Es muß das einmal zwischen uns erörtert werden," fuhr Herr Knoop ernst geschäftig fort, und seine Mienen und seine dann folgenden Worte versetzten Klamm in eine starke Unruhe: "Als Sie mir damals näher traten, erklärten Sie, daß Sie--ich habe Sie nicht danach gefragt, Herr von Klamm--verlobt seien. "Es wird nun von allen Seiten darüber gesprochen, daß Sie Ihr Fräulein Braut mit einem sehr auffallenden Geheimnis umgeben, nie von ihr reden, sie nicht zeigen. Einige behaupten, Sie wollten die Verbindung wieder lösen, Sie hätten sie sogar schon wieder gelöst. "Es ist mir sehr peinlich, uns allen, daß wir immer wieder auf diese Angelegenheit angeredet werden. Ich möchte Sie daher freundschaftlich bitten, mir Ihr Vertrauen zu schenken, mir offen und ehrlich zu erklären, wie die Dinge stehen. "Ich hoffe, Sie erkennen darin keine unbescheidene Zudringlichkeit, sondern nur den wohl begreiflichen Wunsch, Klarheit zu gewinnen. "Also ich bitte: Sprechen Sie, und seien Sie versichert, daß ich Ihre Erklärungen so entgegennehmen werde, wie es unseren Beziehungen entspricht!" Was ging nicht alles durch Klamms Inneres bei dieser Rede!-- So völlig unerwartet kam ihm diese Aufforderung. Während er noch vor einer Stunde hatte die Dinge nach seinen Gedanken lenken wollen, wurde er nun plötzlich durch die Umstände zu einer Entscheidung gedrängt. Es galt jetzt: Wahrheit oder fernere Verschleierung, volle oder halbe Wahrheit! Klamm entschied sich ohne Besinnen für die Wahrheit, jedoch für diese mit einer Einschränkung. Zufolgedessen sagte er: "Wohlan, Herr Knoop! Da Sie mich fragen, da Sie mich Ihrer Freundschaft versichern, mit anderen Worten, Ihrer Nachsicht und Ihrer ferneren guten Gesinnungen, so sei es bekannt: "Ich bin gar nicht verlobt!" Nur das sprach Klamm vorläufig, und richtete einen ruhigen Blick auf seinen Chef. Zu Klamms sehr starker Enttäuschung erschien aber nicht der erwartete Ausdruck in den Zügen des Herrn Knoop, sondern es malte sich darin eine ganz gewaltige Befremdung. Ja, noch mehr! Es erschien ein Zug von äußerstem Unbehagen und einer beinahe mit Entrüstung vermochten Strenge. "Wie? Was? Sie waren und sind gar nicht verlobt? Und dabei geben Sie uns seit dreiviertel Jahren fortwährend Antwort auf unsere Fragen, befördern Grüße und gar Einladungsbriefe an Ihre Braut? Ich muß gestehen, Herr von Klamm, daß diese Erklärung mich äußerst befremdet, und ich werde mich nicht eher beruhigen können, als bis Sie mir nähere, mich hoffentlich befriedigende Aufklärung gen zu geben vermögen.-- "Was in aller Welt gab Ihnen Anlaß, mir ohne Not das vorzusprechen, und die Unwahrheit bis zum heutigen Tage fortzusetzen?" "Ich vermag Ihnen den Grund nicht zu sagen, Herr Knoop. Ich kann Ihnen nur erklären, daß ganz bestimmte Verhältnisse mich dazu drängten, Umstände, deren Zwang Sie, könnte ich reden, anerkennen würden. Möge Ihnen das genügen, und seien Sie, ich bitte, statt Richter, wie Sie es versprachen: mein nachsichtiger Freund! "Es wäre ja ein Leichtes für mich gewesen, Ihre Frage so zu beantworten, daß mich gar kein Vorwurf getroffen hätte. Ich hätte Ihnen ja nur sagen können, daß ich die Verlobung wieder aufgehoben habe. Ich hasse aber die Lüge, und sie ohne Not noch einmal anzuwenden, wäre eine verwerfliche Handlung gewesen!" "Hm--hm--Das klingt sehr ehrenfest, Herr von Klamm! Aber es befriedigt mich, offen gestanden, nicht. Ich muß sogar in Anbetracht des Verhältnisses, in dem wir zu einander stehen, die Bedingung für ein ferneres Zusammenbleiben stellen, daß Sie sich mir rückhaltlos eröffnen. Es geht nicht anders. Es ist absolut erforderlich! "Bedenken Sie, daß ich vor Ihnen gewarnt wurde. Versetzen Sie sich in meine Lage und fragen Sie sich, ob ich anders handeln kann. "Und wenn doch--ist jetzt einmal mein Vertrauen erschüttert worden--und es liegt Ihnen die Aufgabe ob, es wieder herzustellen."-- "Ist die Sache wirklich so tragisch zu nehmen, Herr Knoop? "Was liegt vor? Ich habe erwähnt, daß ich verlobt sei!--Ich hatte einen Grund dafür! Ich habe dann nie wieder darüber gesprochen, bin aber, obschon ich auswich, obschon ich immer deutlich an den Tag legte, daß ich der Fragen gern entgehen möge, unzählige Male von Ihrer Umgebung darauf angeredet worden. Ja, aus Ihrem Hause ist die Sache auch in die Oeffentlichkeit gebracht. Ich habe mit niemandem als mit Ihnen das einzige Mal gesprochen. Nun erkläre ich auf Ihre Frage, daß ich nicht verlobt bin, daß ich seinerzeit einen wichtigen Grund hatte, mich als gebunden auszugeben. "Gewiß, damit wird die Unwahrheit nicht beseitigt, aber es ist wohl anzunehmen, daß ich wirklich unter einem Zwange handelte. An diesen, bitte ich Sie, nun zu glauben. "Aber Sie wollen nicht! Sie erklären, mich sogar fallen lassen zu müssen, wenn ich nicht mein Geheimnis preisgebe. Aber noch mehr, Herr Knoop! Sie führen sogar jenen ruchlosen Brief an! Obschon Sie mich nun fast ein Jahr geprüft haben, wollen Sie nicht nach Ihren Erfahrungen in einem für mich günstigen, sondern ungünstigen Sinne entscheiden!" "Ich kann nicht anders, Herr von Klamm, soviel Sie auch zu Ihrer Entlastung anführen. Ich muß darauf begehen, daß Sie meine Frage beantworten: "Aus welchem Grunde erklärten Sie mir unaufgefordert, daß Sie verlobt seien, während dies eine bewußte Unwahrheit war?" "Ich vermag dennoch Ihrem Ersuchen nicht nachzukommen, Herr Knoop. Ich darf Sie nochmals bitten, sich mit meiner Erklärung zu begnügen und Nachsicht zu üben! "Wenn aber nicht--so muß ich mich, so unendlich schmerzlich es mir ist--Ihrem Willen fügen und das wieder verlassen, was ich mit auszubauen redlich bestrebt war, von dem ich gehofft hatte,--daß ich dadurch einen neuen dauernden Lebensinhalt finden werde. "Ich darf und will mich auch nicht beklagen. Ich beging ein Unrecht und muß dafür büßen! Wann wünschen Sie, daß ich aus dem Geschäft austrete!?" "Ich werde Ihnen darüber noch Mitteilung zukommen lassen, Herr von Klamm! Zunächst richte ich die Frage an Sie, ob Sie auch jetzt noch die Angelegenheit mit meinem Bruder zu übernehmen, die Güte haben wollen?" "Jawohl! Ich bin dazu bereit, Herr Knoop!" "Ich danke Ihnen! Weiteres dann nachher bei seinem Besuch! Guten Morgen, Herr von Klamm." "Guten Morgen, Herr Knoop!" Als Klamm in sein Kontor getreten, war es sein erstes, ein Briefchen an Margarete Knoop zu schreiben. Es war sehr kurz gefaßt und lautete: "Hochverehrtes Fräulein! Verzeihen Sie, wenn ich Sie bitte, von einer Unterredung in meinen Angelegenheiten abzugehen. Zufolge einer zwischen Ihrem Herrn Vater und mir eben stattgehabten Auseinandersetzung würde eine solche nur Peinlichkeiten für uns beide mit sich führen. Nehmen Sie im voraus meinen verbindlichsten Dank für die gute Gesinnung entgegen, die ich trotzdem ferner von Ihnen und Ihrer Frau Mutter zu erbitten wage. Ihr sehr ergebener Alfred, Freiherr von Klamm." Klamm geriet noch einmal ins Zögern, bevor er diesen Brief von Adolf hinübertragen ließ. Wer ihm das diesen Morgen gesagt hätte! Und doch ging es nicht anders, und doch war es nun das Richtige, reine Bahn zu schaffen. Es waren einmal die Dinge aus dem Gleis geraten. Wo das Vertrauen verloren gegangen war, so sagte sich Klamm, da gab's keine Nadeln und keinen Zwirn zum wiederzusammenheften. Höchstens konnte die Zeit, die alles klärte, auch darin einstmals eine Aenderung wieder herbeiführen. Und einen Gewinn trug er davon, wenn er Knoops verließ: er konnte sich unter weit günstigeren Umständen Ileisa nähern, sie, wie er nach den gestrigen Vorgängen annehmen zu können glaubte, für sich gewinnen.-- Grade ihre Art und ihr Wesen hatten ihn noch mehr bestrickt, hatten die Funken, die in ihm glühten, angefacht. Einmal wieder den Geschäften abgewendet, war das frühere, lebendige Interesse für Frauen und Frauenschönheit wieder in ihm wach geworden. Oft enttäuscht, fand er--wie er hoffte--in ihr endlich das Ideal seiner Vorstellungen. Er konnte es nicht erwarten, in ihre Nähe zu gelangen.--Auch an Fräulein von Wiedenfuhrt richtete er--infolge der veränderten Sachlage--noch an diesem Morgen einen Brief: "Erlauben Sie, mein hochverehrtes Fräulein!"--schrieb er--"daß ich einmal später um die Erlaubnis bitte, Ihnen in der zwischen uns beredeten Angelegenheit nähere Aufklärungen zu geben. Es hat sich unerwartet etwas zwischen mein Wollen und Können gestellt. Nur so viel heute von Ihrem Ihnen aufrichtig ergebenen Alfred, Freiherrn von Klamm." Eben hatte die Rücksprache mit Theodor Knoop stattgefunden. Es war die Abrede getroffen, daß die Herren am nächsten Morgen nach Hamburg reisen sollten. Im legten Augenblick hatte sich Herr Knoop bereit gefunden, seinem Bruder außer den Ueberfahrtskosten die Summe von zweitausend Mark, also einen größeren Betrag, als er ursprünglich beabsichtigt, zu bewilligen. Er war dem geschmeidigen Wesen Theodors, seinen Versicherungen und Schwüren, daß er nie wieder etwas von sich hören lassen, daß er nie aus Chile zurückkehren werde, erlegen. Bevor sie sich zum Fortgehen anschickten, ersuchte aber Klamm noch Herrn Knoop um eine Unterredung. Zu diesem Zweck traten sie in Klamms Arbeitszimmer, und hier begann letzterer: "Ich muß Ihnen eine Eröffnung machen, Herr Knoop. Ich muß Sie dennoch bitten, daß Sie mich von meiner Zusage entbinden, mit Ihrem Herrn Bruder nach Hamburg zu reisen, überhaupt mit ihm in Berührung zu treten. "Es hat sich mir nämlich als unzweifelhaft ergeben, daß Ihr Herr Bruder zu einer Gruppe von Personen gehört, die vor Jahren meine Mutter durch falsche Vorspiegelungen um ihr ganzes Vermögen gebracht haben. Wir haben den Gaunern, die sich falsche Namen beigelegt hatten, bisher nicht auf die Spur kommen können. Nun ist einer entdeckt. "Meine Mutter hat ihn mir so oft beschrieben, daß ich schon gestern gleich stutzig wurde, als ich ihn sah. Eine Unterredung, die ich heute morgen mit ihr hatte, und der eben stattgehabte abermalige Vergleich erhärten die Gewißheit seiner Identität. "Wenn ich Ihnen nicht den Eklat ersparen möchte, würde ich sogleich seine Verhaftung veranlagen. Ich sehe davon ab, aber Sie werden begreifen, daß ich mit ihm nicht in Berührung treten will! Es thut mir außerordentlich leid, aber ich kann nicht anders handeln!" "Hm--hm," stieß Herr Knoop enttäuscht und höchst unangenehm berührt, heraus. "Das ist ja sehr fatal! "Sollten Sie sich aber nicht doch irren! Sollte wirklich mein Bruder Sie geschädigt haben? Sie stehen doch bisher nur unter einer Vermutung. Und ich bitte, noch etwas sagen zu dürfen: Sie erklärten mir doch bei unserer ersten Konferenz damals, daß Ihre Frau Mutter vermögend sei. Wie habe ich es zu verstehen, daß nun mein Bruder sie um ihr ganzes Vermögen gebracht haben soll?" Klamm fühlte sich stark betroffen. Das war abermals eine Folge seiner damaligen Äußerungen. Was sollte er darauf entgegnen? Da ihm aber zum Besinnen keine Zeit gegeben war, sagte er rasch und ohne äußere Verlegenheit: "Sie scheinen zu glauben, daß ich nur nach einem Vorwande suche, mich meiner Zusage zu entziehen, Herr Knoop. Ich versichere Sie, daß ich mich in der Person Ihres Herrn Bruders nicht irre. Schon fiel es mir gestern abend auf, wie er gleich bei der Nennung meines Namens zusammenzuckte. Was ferner den Widerspruch zwischen meinen damaligen und heutigen Erklärungen anbetrifft, so hängen sie mit jenem Umstande zusammen, über den ich nicht sprechen kann, und um dessen willen Sie wünschen, daß ich Ihr Geschäft wieder verlasse. Ich vermag mich auch jetzt nicht zu erklären." "Mir aber werden Sie es nachfühlen, Herr von Klamm, daß mich alle diese Dinge äußerst stutzig machen müssen. "Wenn auch alles günstig für Sie liegt, ich habe--ich wiederhole es--das Vertrauen verloren, und da Sie abermals verweigern, Erklärungen zu geben, so meine ich allerdings, daß eine Trennung zwischen uns nicht mehr zu umgehen ist." "Und was soll mit Ihrem Herrn Bruder geschehen?" wandte Klamm, nachdem er eine resignierende Miene angenommen hatte, ein. "Ja--ja--das weiß ich nicht," ging's zaudernd aus des Mannes Munde. "Ich--ich kann's Ihnen ja nicht verdenken, wenn Sie wirklich einen Schuldigen zur Rechenschaft ziehen wollen! Ich befinde mich in einer sehr bösen Lage. Immerhin ist's doch mein Bruder; immerhin handelt es sich doch um die Ehre und das Ansehen meines Hauses.--Seine völlige Entfernung aus Deutschland wäre also die glücklichste Lösung."-- Klamm bewegte den Kopf mit einem bitteren Ausdruck. Dann sagte er: "Nun, da es sich um Ihre Angelegenheit handelt, Herr Knoop, wünschen Sie, daß Nachsicht geübt wird. Es liegt ein Gaunerstreich vor, der einer Familie das Vermögen kostete, der mich gezwungen hat, aus meinen Lebensbahnen herauszutreten, ja, ich kann es sagen, der ein indirekter Grund ist, daß ich Ihnen etwas Unzutreffendes sagte,--daß ich an ein Mädchen gebunden sei! "Aber diese Sache wollen Sie im Sande verlaufen lassen? Mich wollen Sie um eines ungünstigen Scheines willen--wollen mich trotz Ihrer anderweitigen Erfahrungen--abthun!" "Sie haben doch selbst das Anerbieten gemacht, Herr von Klamm! Sie haben erklärt, Sie wollten um meinetwillen den Eklat vermeiden." "Gewiß, ich wurde von meiner anständigen Gesinnung geleitet. Nachdem Sie mich aber interpellierten, wie es geschehen ist, entzogen Sie mir eine gleiche Rücksicht. Die Dinge dieser Welt müssen, sollen sie einen Ausgleich finden, auf Gegenseitigkeit beruhen." "Sie haben recht und unrecht, Herr von Klamm! Aber jedenfalls hat--ich wiederhole Gesagtes--das gute Einvernehmen zwischen uns durch die Umstände einen Bruch erlitten. "Ich schlage Ihnen vor: Trennen wir uns in Frieden! Verschärfen wir den Riß nicht durch eine Fortsetzung solcher Gespräche. Ich mache Ihnen den Vorschlag, daß Sie noch einige Zeit bleiben, um alles abzuwickeln, und daß wir dann von einander scheiden. Es trifft sich, daß mein Sohn aus dem Ausland zurückkehren will! So kann er an Ihre Stelle treten!" "Ah--" ging's langgedehnt über die Lippen Klamms, und er wollte hinzufügen: "Nun ist mir alles verständlich!" Aber er sprach nicht mehr. Nur noch eine Verneigung erfolgte, aus der hervorging, daß er sich mit Herrn Knoops Vorschlägen einverstanden erklärte.-- Er erfuhr auch nicht, in welcher Weise sich Herr Knoop mit seinem Bruder auseinandergesetzt hatte. Er sah nur nach einer geraumen Weile Theodor Knoop aus dem Hause treten und die Straße hinabschreiten. * * * * * Klamm und Ileisa, die sich an einer von ihnen schriftlich vereinbarten Stelle in der Bellevuestraße getroffen hatten, wanderten durch den Tiergarten und nahmen die Richtung nach Charlottenburg. Anfänglich stockte das Gespräch. Ileisa legte eine starke Befangenheit, aber auch eine auffallende Unpersönlichkeit in ihrem Wesen an den Tag. Sie sah sich wiederholt scheu um, ob man sie auch beobachte, und betonte zu Klamms Enttäuschung, daß sie nur ihr Wort nicht habe brechen wollen, daß sie sich eigentlich anders entschlossen habe. Von jener versteckten Hingabe, mit der sie ihm an jenem Abend das Herz heiß gemacht und in ihm so berechtigte Hoffnungen erweckt hatte, trat nichts zu Tage. Sie war offenbar durch die letzten Geschehnisse völlig beeinflußt. Sie nickte nur mit ernst stummer Miene, als sie Klamm fragte, ob sie schon wisse, daß er das Knoopsche Geschäft verlassen werde, und löste ihre Zunge erst auf seine eindringlich zuredenden Worte. Sie erklärte, daß sich Herr Knoop sehr scharf geäußert, daß er alles ausführlich erörtert und auch die vollständige Beipflichtung der Damen gefunden hätte. Er habe gesagt, daß die Unwahrheiten, die Klamm gesprochen, deshalb so unentschuldbar seien, weil zu deren Aeußerung keine Nötigung vorgelegen habe. Es sei sicher doch etwas mit seiner Vergangenheit nicht in Ordnung. Der anonyme Briefschreiber habe ein Recht gehabt, vor ihm zu warnen. Sein ganzer Lebensgang sei sehr abenteuerlich gewesen, und nicht mit vollendeter Verstellungskunst freimütig hervorgebrachte Worte, sondern Thatsachen wären in solchen Fällen entscheidend. Theodor Knoop habe Klamms Beschuldigungen mit Entrüstung zurückgewiesen. Aber noch mehr! Er habe geäußert: nicht er habe Klamm zu fürchten, sondern Klamm ihn! Er meine in ihm einen früheren bekannten, übel beleumdeten Gelegenheitsmacher entdeckt zu haben, der schon wiederholt wegen sehr bedenklicher Affären von sich reden gemacht habe. Und nach diesen Mitteilungen geschah auch das, wovor Klamm schon gefürchtet hatte, vor dem er zitterte: Als er einen versteckteren Weg mit Ileisa beschritt und nun an das letzte Gespräch auf dem Knoopschen Ball anknüpfte, als er weich und eindringlich auf sie einsprach, lösten sich schwere, langsam niedertropfende Thränen aus ihren Augen, die zwar auch ihm, aber ebensosehr ihrer Enttäuschung zu gelten schienen. Und als sie sich endlich zu fassen wußte, als sie auf sein Zureden die Sprache wieder gewann, erklärte sie, daß sich in ihr trotz schwerster Kämpfe ein Mißtrauen gegen ihn eingeschlichen habe, und daß sie es auch nicht abzustreichen vermöge. Klamm trafen diese Worte gradezu niederschmetternd. Die Welt um ihn verdüsterte sich. Er sah sich als ein Opfer der Verhältnisse niedergeworfen. Es wirkte auch nicht, daß er nun Ileisa ein Geständnis über die Hergänge ablegte. Immer wieder las er in ihrem Angesicht: "Darf ich dir trauen? Bist du nicht trotz deiner Worte doch der, als welchen dich der Briefschreiber und Theodor geschildert haben?" Namentlich schien auch Margarete auf sie gewirkt zu haben. Sie nahm an, daß er sich nicht zu verteidigen vermöge, und sie sah, daß er für sie für immer verloren war. Klamm empfing sonst aber auch heute die günstigen Eindrücke, die er während der wiederholten Begegnungen im Knoopschen Hause von Ileisa erhalten hatte. "Wir lebten," berichtete sie auf seine Bitte, ihm von ihrer Jugend und Vergangenheit näheres zu erzählen, "in sehr reichlichen Verhältnissen auf einem meinem Vater gehörigen Gute in Schlesien. Bei einem gelegentlichen, längeren Aufenthalt in Berlin, machte er die Bekanntschaft einer adeligen Abenteuerin, die ihn dermaßen zu umstricken wußte, daß er sich in der Folge oft wochenlang dort aufhielt, und ihr auch, nachdem meine Mutter inzwischen vor Gram über sein Verhalten gestorben war, zuletzt fast sein ganzes Vermögen verschrieb. Nach seinem, in meinem dreizehnten Lebensjahre erfolgten Tode strengte meine, seit meinen Kinderjahren bei uns lebende, nunmehr Mutterstelle bei mir vertretende Tante einen Prozeß gegen die Erbschleicherin an, der aber nur den Ausgang hatte, daß der uns verbliebene Kapitalrest noch mehr geschmälert wurde. "Dazu traten erhebliche Verluste, die durch Kursrückgänge an Papieren entstanden, sodaß meine Tante nur so viel übrig behielt, um mir eine Erziehung geben und selbst unter den allerbescheidensten Ansprüchen existieren zu können. Meine, durch solche Vorgänge beeinträchtigte Jugend hat mich früh ernst gemacht. Während meines späteren Aufenthaltes in einem Mädchen-Seminar kannte ich nur Arbeit, Einschränkungen und Pflichterfüllung. Vergnügen, Abwechslungen gab es nicht. Aus dem einst frohen, lebenslustigen Kinde wurde ein schwermütig bedrücktes Wesen, das früh zu resignieren lernte, das sein ursprünglich starkes Temperament zu zügeln gezwungen wurde. "Ich habe zufolge solcher frühen Erlebnisse einen wahren Abscheu vor allem Unsittlichen, vor allem Abweichenden und Extravaganten erhalten. Ich habe erkannt, daß nur die Hingabe an die idealen Dinge dieser Welt einen Menschen glücklich machen kann, daß nur weises Maß und Beschränkungsfähigkeit die Möglichkeit eröffnen, den Konflikten mit dem eigenen Ich und der Außenwelt erfolgreich zu begegnen. "Meine Tante ist mir darin ein Vorbild. Wenn Sie einen Einblick in diese gute, gerechte, selbstlose Natur empfingen, würden Sie sagen, daß es doch noch Ausnahmemenschen giebt. Ihr will ich nachstreben; um ihr meinen Dank an den Tag zu legen für alles, was sie für mich voll Aufopferung gethan hat. Ich will alles vermeiden, was mich aus den ruhigen Geleisen heraus in ein unstätes, mit Reue und Kämpfen verbundenes Leben hineintreibt. Und sehen Sie! Das mag meine Haltung und meine Entschlüsse auch Ihnen gegenüber rechtfertigen!" Während sie noch so sprach, waren sie an die Ecke des Salzufers gelangt, und grade wurde der nach dem Brandenburger Thor fahrende Pferdebahnwagen sichtbar. Infolgedessen beschleunigte Ileisa ihren Schritt, äußerte durch Miene und sonstiges Benehmen, daß sie die Gelegenheit zur Rückkehr benutzen wolle und bot Klamm unter hastigen Worten die Hand. "Verzeihen Sie, wenn ich mich von Ihnen verabschiede. Ich muß zurück; schon ist's über die Zeit. Haben Sie Dank für Ihr Vertrauen; ich werde es Ihnen nicht vergessen! Und möge es Ihnen gut gehen: ich wünsche es von ganzem Herzen! Adieu--Adieu!" Zu einer Einrede, zu einer neuen Abrede, zu einer Bitte vermochte Klamm überhaupt nicht mehr zu gelangen. Sie that ihn ab für immer. Und so rasch entglitt sie ihm unter einem nochmaligen fast unpersönlichen Kopfneigen, daß er gar nicht zu der Ueberlegung gelangte, daß er den Wagen ebenfalls besteigen und dadurch noch in ihrer Nähe bleiben konnte. Langsam, mit zerstreuten Gedanken, nahm er den Weg in der Richtung des Brandenburger Thors zurück. * * * * * Herr Knoop war in keineswegs guter Stimmung. Wenn er ehrlich mit sich zu Rate ging, mußte er einräumen, daß er Herrn von Klamm trotz alledem nicht hätte gehen lassen, wenn nicht das unerwartet frühe Zurückkehren seines Sohnes auf seine Entschließung mitgewirkt, ja, daß dieser Umstand den Ausschlag gegeben habe. Auch wurden ihm seine Aussichten, den Kommerzienrattitel zu erhalten, sehr geschmälert. Er hatte mit Klamm darüber gesprochen und dieser hatte ihm--mit solchen Dingen vertraut--seine Beihilfe zugesagt. Er kannte Peinlichkeiten, mit denen er, ohne Gefahr mißverstanden oder abgewiesen zu werden, sprechen, und bei denen er die Sache bereden und Interesse dafür erwecken konnte. Endlich aber hatten die Vorfälle auch sehr störend auf die Pläne eingewirkt, die ihn in den Angelegenheiten seines Bruders geleitet hatten. Da ihm niemand zur Verfügung gewesen war, der Theodor begleiten konnte, war die Unterredung vorläufig ergebnislos verlaufen. Er hatte ihm einstweilen auf seine Bitten einige hundert Mark gegeben und ihm erklärt, er solle wegen des weiteren noch von ihm beschieden werden. So war die Ausführung in der Schwebe geblieben, und Theodor so bald wie möglich zu beseitigen, war doch mehr als je erforderlich. Im Geschäft befand sich niemand, mit dem Herr Knoop jemals über seinen Bruder gesprochen hatte. Er war in allen privaten Angelegenheiten sehr verschwiegen. Er neigte gegen Theodor immer wieder zur Nachsicht, weil der Familiensinn sehr stark in ihm ausgeprägt war. Theodor Knoop besaß zudem eine ungewöhnliche Verstellungskunst. Er wußte durch das freimütige Eingeständnis seiner Fehler zu versöhnen, und war sich der Wirkung bewußt. Im übrigen war noch allerlei, was der Erledigung harrte, und daß Klamm seinen Verstand und sein Nachdenken zu gebrauchen und seinen Vorteil zu nutzen wußte, trat zur Erhärtung der nun einmal eingerissenen Entfremdung noch vor dessen Fortgange zu Tage.-- Er ließ sich durch Adolf am folgenden Vormittag bei Herrn Knoop melden und begann nach gegenseitiger künstlich unbefangener Begrüßung: "Ich erachte es als zweckmäßig für beide Teile, daß unsere Trennung sobald wie möglich stattfindet, Herr Knoop. Bevor sie jedoch nach unsern übereinstimmenden Wünschen in freundschaftlicher Weise erfolgt, möchte ich Ihnen etwas vortragen, das Sie sicher als berechtigt anerkennen werden." "Zuerst darf ich wohl voraussetzen, daß Sie Ihrer Kundschaft und Bekanntschaft meinen Austritt mit einem Zeugnis zur Kenntnis bringen, wie es gerecht ist. Ich habe Ihrem Geschäft die erwarteten Vorteile zugeführt, ich war von morgens bis abends in Ihrem Interesse thätig. "Ich darf das Verlangen stellen, daß die Motive, die Sie zur Kündigung leiteten, unbedingt zwischen uns bleiben. Wenn Sie sie auch als berechtigte erachten und ich, weil der Schein gegen mich spricht, ihren Entschluß vergehe, so versteckt sich doch thatsächlich hinter ihnen nichts, was den geringsten Tadel gegen mich erwecken könnte. Sie mögen bedenken, daß es so ist, wenn ich Sie auch nicht zu überzeugen vermochte. "Und ferner: Ich darf von Ihrer bisherigen Kulanz erwarten, daß Sie mir mein volles Gehalt auszahlen!" "Ich weiß nicht, ob ich mir in einem Viertel- oder Halbjahr schon wieder einen Erwerb werde verschaffen können." "Dann noch etwas, Herr Knoop: "Ich werde Ihnen vielleicht, ja sicher, Konkurrenz machen. Ich spreche das gleich offen aus, damit Sie mich nicht später einer unkorrekten Handlungsweise zeihen!" Und Knoop erwiderte: "Gegen Ihren sofortigen Austritt habe ich nichts einzuwenden, Herr von Klamm. Auch bin ich bereit, Ihnen ein ganzes Vierteljahrhonorar und die Hälfte einer weiteren Quartalrate bei meiner Kasse anzuweisen. Mehr bedaure ich nicht bewilligen zu können. Es hätte in Ihrer Hand gelegen, in meinem Geschäft zu bleiben, wenn Sie meiner Bitte um offene Darlegungen Ihrer Handlungsweise entsprochen haben würden. Da Sie es verweigerten, waren Sie--nicht ich--schuld an unserer Trennung. Ueber die inneren Vorgänge, die Ihren Austritt veranlaßten, werde ich nicht sprechen. Das gewünschte Zeugnis werde ich Ihnen ausstellen." "Konkurrenz muß sich jeder gefallen lassen. Ich hätte lieber gesehen, Sie hätten auf solche Pläne verzichtet--natürlich--ich bedaure sogar, daß ich Sie nicht in dem Vertrage zwischen uns, dazu verpflichtet habe--aber ich vermag nichts einzuwenden." Die Gegenrede war sehr kühl gehalten. Sichtlich kostete es Knoop Mühe, auch nur so zu sprechen. Und so blieb und wurde dann auch alles. Schon am folgenden Vormittag machte Klamm den Damen seinen Abschiedsbesuch, und die Damen ließen sich verleugnen. Den Redaktionsmitgliedern, die ihm, wie er wußte, meist feindselig gesinnt waren, sandte Klamm nur seine Karte. Von denen im Geschäft, die ihm wohlwollten, die seinen Fortgang bedauerten, verabschiedete er sich persönlich. Als er am vierten Tage nach der erwähnten Unterredung bei Herrn Knoop nach vorangegangenem Klopfen und "Herein" eintrat, fand er Theodor Knoop dort, und die Blicke der beiden Männer trafen sich, ohne daß sie einen Gruß wechselten, mit einem Ausdruck von Feindseligkeit. Klamm ging bei dieser letzten Verabschiedung mit dem Gefühl von dannen, daß er fortan nicht nur in dem Bruder Theodor, den er bisher noch geschont hatte, einen unerbittlichen Gegner haben werde, sondern, daß er sich auch das Wohlwollen des Herrn Knoop vollständig verscherzt habe. * * * * * Den ersten Schritt, den Klamm nach seiner Entfernung aus dem Knoopschen Geschäft unternahm, richtete er ins Polizeipräsidium. Er hatte sich vorher erkundigt, an wen er sich wenden mußte, und fand auch bei dem Abteilungschef eine sehr höfliche Aufnahme und ein bereitwilliges Ohr. Nach eingehender Darlegung der Umstände empfing er die Zusage, daß ihm vorläufig für die nächsten acht Tage ein Geheimpolizist zur Verfügung gestellt werden sollte, der gegen Personen, welche sich bei Klamms Ausgängen durch Verfolgung seiner Schritte verdächtig machen sollten, vorzugehen haben würde. Aber Klamm traf auch Maßnahmen, um sich über Theodor Knoops Persönlichkeit eine Gewißheit zu verschaffen. Da er bei der ersten Konferenz erfahren hatte, daß jener in einem Hotel in der Jägerstraße wohne, fuhr er mit seiner Mutter am nächsten Morgen dorthin, ließ die Droschke in angemessener Entfernung halten und zog bei dem Portier Erkundigung ein, wann Herr Knoop auszugehen pflege. Er empfing die Antwort, daß ein Herr Knoop dort überhaupt nicht wohne, aber allerdings ein Herr, der zu der von Klamm gemachten Betreibung passe, und sich Ulmer nenne. Er sei noch auf seinem Zimmer; er wäre während der Zeit, in der er im Hotel wohne, meist morgens zwischen neun und zehn fortgegangen. Nach diesen Auskünften begab sich Klamm zu seiner Mutter zurück, um ihr zunächst das Ergebnis dieser Unterredung mitzuteilen. Ulmer hatte sich Knoop damals nicht genannt. Also in dieser Beziehung gewährte die angestellte Ermittlung keinen Anhalt. Frau von Klamm betätigte wiederholt, daß Knoop bei den damaligen Verkaufsverhandlungen als Agent aufgetreten sei, daß er die Sache in die Wege geleitet, die ungeheuren Vorteile gerühmt und den Wert der statt Geld zu zahlenden Papiere in den Himmel gehoben habe. Später waren zwei andere Herren, die sich Malch und Wendt genannt, in Aktion getreten. Der große Preis hatte die arglose Dame verführt, sehr rasch ohne mit ihrem damals im Ausland befindlichen Sohne in Verbindung zu treten, abzuschließen. Sie hatte ihn durch den glücklichen Erfolg überraschen wollen, ein Erfolg, der sich allerdings als ein äußerst trauriger Irrtum insofern herausgestellt hatte, als sich die Industriepapiere, die sie neben der kleinen Auszahlungssumme von den Käufern in barem Gelde empfangen, als völlig unverkäuflich, also wertlos herausgestellt hatten. Reue, Scham und Schmerz hatten sie nach der Entdeckung abgehalten, ihrem Alfred--nunmehr aus diesen andern Gründen,--Mitteilung zu machen, bis er dann aus dem Ausland zurückgekehrt und nichts mehr zu verschleiern gewesen war. Das Gut war seit dem damaligen Verkauf schon wieder dreimal in andere Hände übergegangen. Die als Käufer um jene Zeit genannten Personen waren, da sie sich falscher Namen bedient, nicht mehr zu ermitteln gewesen, und nur ihr Aussehen hatte Frau von Klamm ihrem Sohne immer wieder beschreiben, nur die Namen ihm mitteilen können. Der Verdacht, der in Klamm aufgestiegen war, hatte sich zur Gewißheit verstärkt, weil Theodor, wie erwähnt, ein äußerst unsicheres Wesen bei der Nennung des Namens Klamm an den Tag gelegt hatte.-- Das Ergebnis dieser an diesem Morgen angestellten Untersuchung verlief völlig nach Voraussetzung. Es gelang Klamm und seiner Mutter, Theodor Knoop, als er aus dem Hotel trat, genügend in Augenschein zu nehmen, und Frau von Klamm vermochte mit unbedingter Sicherheit festzustellen, daß er mit jenem Agenten identisch sei. Nun konnte Klamm Friedrich Knoops Anstandsgefühl anrufen, wenigstens einen Teil der Veruntreuungen, die sein Bruder an seiner Mutter und an ihm verübt, zurückzuerstatten. Bei näherer Ueberlegung hatte er sich gesagt, daß es ein übertriebenes Zartgefühl sei, nicht wenigstens den Versuch zu machen, das Ehrgefühl des Bruders anzusprechen. Im übrigen war Klamms Sinn schwer verdüstert. Ileisas Verhalten hatte--abgesehen von der ungeheuren Enttäuschung--einen gewaltigen Aufruhr in ihm hervorgerufen. Immer wieder hefteten sich die Folgen der Verleumdung an seine Fersen! Der Austritt aus dem Knoopschen Geschäft würde ihm--wie anderweitige Erfahrung in solchen Fällen lehrte,--überall zu seinen Ungunsten ausgelegt werden, und endlich stand er wiederum vor einer leeren Luftschicht und sollte sich aus dem Nichts Neues herausholen. Das Selbstvertrauen, das er seiner Mutter und Knoop gegenüber an den Tag gelegt, war in Wirklichkeit stark beeinträchtigt, und erst allmählich entwickelte sich aus dem Unmut, dem Schmerz, der Verbitterung und Enttäuschung, der Entschluß, seinerseits jeden Gedanken an das spröde Mädchen völlig von sich abzuthun und in Zukunft nur seinen Zielen und Erfolgen zu leben! Zunächst nahm er sich vor, gleich am nächsten Tage nach Dresden zu reisen, bei der Frau, die er einst geliebt, einen Eingang zu ermöglichen und sie auszuforschen. Es hatte sich seiner ein solches Gefühl trotziger Auflehnung bemächtigt, daß er die Ermittlungen der Berliner Polizei nicht abwarten wollte. Vielleicht vermochte er die Maßnahmen der Behörde zu unterstützen, vielleicht ohne sie zum Ziele zu gelangen. Jedenfalls wollte er aus dem bisherigen Zustande des Abwartens heraus!------ * * * * * Am Tage der Ankunft Klamms in Dresden saß in einer reizvoll zurückgelegenen Villa in der Neustadt vormittags eine Dame der vornehmen Gesellschaft in ihrem Kabinett. In einen seidenen Morgenrock gehüllt, umgeben von Pariser Möbeln und kostbaren Kunstgegenständen, lehnte sie sich in einen weichgepolsterten, mit Damast bezogenen Stuhl zurück, putzte an den Nägeln ihrer weißen, zierlichen Hände und horchte auf den Bericht eines vor ihr gehenden Mannes. Er war nach Art jener die herrschenden Moden beobachtenden Persönlichkeiten gekleidet, die zwar ein Auge dafür besitzen, was den Leuten der bevorzugten Gesellschaftsklassen gefällt, die aber bei der Wahl der Stoffe und des Schnittes wegen ihres eigenen Mangels an gutem Geschmack für sich selbst allezeit fehlgreifen. Auch besaß er die grobe Gesichtsfarbe und jenen gewissen unsicheren Ausdruck in den Zügen, der dem gewöhnlichen Mann schon Mißtrauen einflößt, die Erfahrenen aber abhält, sich mit ihnen, sofern sie sie nicht für ihre Zwecke durchaus brauchen, überhaupt einzulassen. "Ich bin hergekommen, um mir fernere Verhaltungsmaßregeln zu erbitten, meine Allergnädigste!" hub er an. "Es war das von Ihnen befohlen, sobald in Herrn von Klamms Lebenslage eine Aenderung eintreten würde. "Ich habe zu melden, daß er das Knoopsche Geschäft schon wieder verlassen hat. "Auch ist allerlei Auffallendes in diesen Tagen geschehen. Er hat mit seiner Mutter zusammen einen Fremden, der in einem Hotel in der Jägerstraße wohnt, versteckt beobachtet. Dieser Fremde ist, wie ich weiß, weil ich ihn persönlich kenne, der Bruder seines bisherigen Chefs. Was aber die gnädige Frau besonders interessieren wird, ist die Nachricht, daß er offenbar mit der Gesellschafterin im Knoopschen Hause ein Verhältnis angeknüpft hat. "Ich bin ihm gefolgt, während er mit ihr ein Rendezvous im Tiergarten hatte, und schließe aus diesem Umstand wohl nicht mit Unrecht, daß seine Entlassung damit im Zusammenhange steht." "Ah--ah! Das sind ja interessante Neuigkeiten, Herr Numick.--Ich muß Näheres, Ausführlicheres hören," fiel Frau von Krätz mit lebhaftem Ausblick ein, nötigte ihren Agenten nunmehr zum Sitzen und ließ sich von ihm erzählen. Und er gab zum Besten, was Wirklichkeit war und was er, um den Wert seiner Dienste zu erhöhen und sich dadurch einen größeren Anspruch auf Belohnung zu sichern, ohne Skrupel aus seiner Phantasie hinzufügte. "Was Sie ferner thun sollen?" bemerkte dann am Schluß seines Berichtes die Dame. "Sie sollen mir melden, was Herr von Klamm Neues beginnt oder einleitet, welchen Verkehr er fürder pflegt, besonders aber, ob sich Ihr Verdacht bestätigt, daß er mit dem Fräulein eine ernstliche Beziehung angeknüpft hat." Der Ehrenmann verbeugte sich ehrerbietigst. Dann sagte er: "Und sollen die Briefe wieder abgesandt werden, in denen vor ihm gewarnt wird? Sollen sie denselben Inhalt haben?" "Nein," entgegnete die Dame in einem raschen Ton und ließ einen versöhnlichen Ausdruck in ihren Zügen erscheinen. "Das will ich überhaupt nicht mehr fortsetzen! Ich bedaure eigentlich sogar, daß es geschehen ist.--Ich bin Ihnen da gefolgt, aber es ist im Grunde nicht mein Geschmack, es ist auch trotz der vorsichtig gehaltenen Fassung sicherlich bei einer Entdeckung keineswegs ohne Gefahr. "Daß ich diesem Manne eine Strafe für seine Treulosigkeit gegen mich gewünscht habe, ist menschlich,--begreiflich. Er hat mehr als unrecht gegen mich gehandelt. Aber enfin--Was hat mein Vorgehen genützt? Er hat doch seine Zwecke erreicht. Er ist eben einer, dem niemand widersteht.--Nein, nein, das nicht, das will ich unter keinen Umständen fortsetzen! Ich will nur ferner wissen, was er thut und treibt. Hören Sie, Herr Numick?" Nachdem sie ihn für seine Dienste belohnt, ihm noch etwas hinzugefügt, auf dessen Anwartschaft er in ausführlicher Rede hingewiesen hatte, verließ sie ihn.-- * * * * * Am Abend eines der nächstfolgenden Tage gab Frau von Krätz ein Fest, einen Maskenball. Alles, was Dresden an bevorzugten Persönlichkeiten besaß, alles, was zur Gesellschaft gehörte, war geladen. Seit einer halben Stunde wogte schon eine buntgekleidete Menschenmenge in den weitläufigen, strahlend erleuchteten Räumen der Villa auf und ab, schwatzte, lachte und trieb jenen lustigen Schabernack, der zu der ausgelassenen Fröhlichkeit einer Karnevalsstimmung gehört. Wundervolle und auch sehr eigenartige, das Auge fesselnde Kostüme waren von den Gästen gewählt. Da fehlte von bekannten Masken weder ein Pierrot, noch eine Colombine, weder der Tanzbär, noch der Briefträger, weder das Baby, noch die Königin der Nacht. Aber man sah auch eine besponnene Eau de Cologne-Flasche, die fortwährend ihren duftenden Inhalt spendete, und einen indischen Fürsten, dessen Seidengewand mit Edelsteinen bedeckt war, aus denen fortwährend elektrische Funken sprühten. Ein Gast trug ein Gewand, das ein Gesicht darstellte, dessen Züge einen unerbittlich kalten Ausdruck besaßen. Auf seinem Rücken war ein Schild befestigt, auf dem geschrieben stand: "Ich bin die öffentliche Meinung." Auch erregte eine schlanke Dame Aufsehen, die in weiße Seide gekleidet war und nur ein einziges, großes dunkles Auge, statt deren zwei, und zwar mitten auf der Stirn hatte. Sie erklärte, daß sie der letzte Nachkomme des Riesen Polyphem sei, mit dem einst Ulysses ein Tänzchen habe bestehen müssen. Und so fort. Immer war etwas Neues zu sehen. Die Geladenen hatten es an Anstrengungen ihrer Phantasie und an kräftigen Griffen in ihre Geldbörsen nicht fehlen lassen. Die Wirtin, Frau von Krätz, hatte beim Empfang der Gäste keine Maske vorgesteckt, es hing ihr jedoch eine, sichtbar und erkennbar, am Gürtel. Nicht aber mit dieser bedeckte sie--zur besseren Täuschung der sie Ansprechenden--später ihr Angesicht, sondern mit einer anderen, zarten. Auch das Gewand hatte sie rasch in ihrem Ankleidegemach abgestreift und war in ein für diesen Abend nach ihren Ideen angefertigtes Kostüm geschlüpft. Sie stellte eine Undine dar. Grünes Schilf hing in ihrem Haar. Ihren Leib umspannte ein silberner Gürtel. Silberne Schuhe bedeckten ihre Füße, die Augen in der für die Blicke freien, weißseidenen Maske blickten träumerisch, und mit einem, wie von Mondesglanz durchleuchteten Schilfwedel berührte sie die sich ihr Nahenden und bat sie, sie einmal in ihrem Geisterreich am Undinensee zu besuchen. "Und wo ist der?" fragte eine dunkelschwarze Gestalt mit verhülltem Haupt und fast verhülltem Angesicht. "Wo? Wenn du fragst, bist du nicht berufen, in meinem Reiche zu erscheinen. Das muß dir dein Herz, dein Verlangen, deine Sehnsucht selbst beantworten!" "Ich hatte dieses Verlangen, diese Sehnsucht! Aber ich ward betrogen! Das Reich der Schönheit fand ich, der klugen Kunst, aber nicht das Reich der Wahrheit. Als ich es einst betrat--fand ich keine engelhafte Undine, vielmehr eine launenhafte, von Eindrücken abhängige, in der Liebe Unbeständige, ja, der echten Treue Entbehrende und des Besitzes Unwerte--" "So wähltest du den unrechten Pfad, einen, der nicht zu mir führt. Dann wärest du bei einer meiner Schwestern, deren ich viele besitze, die aber nicht zu den reinen Geistern gehören!--Komm zu mir und du wirst erfahren, was eine echte Undine für Schätze zu bieten hat."-- Sie nickte und war verschwunden. Er aber folgte ihr durch das Gewühl der Masken, und nachdem er sich in einer versteckten Ecke rasch und geschickt ein Brustschild vorgesteckt hatte, auf dem sich ein Totenkopf und die Worte: "Mitglied der heiligen Inquisition" befanden, wußte er ihr abermals am Eingang des in der Villa befindlichen Wintergartens zu begegnen. Und nachdem er sie angehalten, sagte er: "Höre, Undine! Ich bin erschienen, um dich zur Rechenschaft zu ziehen! Du verfolgst durch anonyme, herabsetzende und verdächtigende Briefe einen Ehrenmann, schädigst ihn an seinem Ansehen, seiner Ehre und seinem Fortkommen. Du begehst gemeine, einer edlen Seele unwürdige, verbrecherische Handlungen! "Herunter mit der Maske der Sanftmut, Tugend und Weiblichkeit! Erkläre, daß du bereust, daß du dein unerhörtes, strafwürdiges Treiben einstellen willst! "Geschieht es nicht, so ist es mein Wille, hier jetzt laut zu erklären, was du gethan, wer mich hergesandt hat, was meines Amtes ist. Ich werde die Maske abstreifen und dich im Namen des Gesetzes verhaften! "Nun wähle rasch! Bekennst du, so wirst du mir morgen eine schriftliche Erklärung abzugeben haben, eine, von deren Inhalt dann nichts in die Oeffentlichkeit dringen soll; auch die Strafe wird dir erlassen werden, dir und deinem Helfershelfer--der, nachdem er lange beobachtet und inzwischen überführt wurde,--bereits ein Geständnis abgelegt hat!" Alles war in raschem Fluß gesprochen und in einem Tone der Entschiedenheit, der Frau von Krätz nicht darüber in Zweifel ließ, daß es sich nicht um einen zufällig auf sie passenden Scherz, sondern um etwas sehr Ernstes, um das wirklich handelte, was ihr schuldbewußtes Inneres belastete. Völlig entmutigt und geschlagen aber wurde sie, als der Mann, der in der unheimlichen Maske vor ihr stand, die letzten Worte geredet hatte. Wenn Numick gestanden hatte, half kein Leugnen! Sie sprach deshalb--rasch entschlossen, jedoch in kluger Berechnung: "Ob Maskenscherz oder Ernst--ich vermag nicht zu beurteilen, was dich reden läßt, Mitglied der heiligen Vehme! "Jedenfalls erwarte ich dich morgen mittag zu einer Besprechung in meiner Wohnung. Für jetzt achte das Gastrecht und lasse uns in Frieden ziehen!" Nach dieser Antwort streckte sie ihm--äußerlich auch jetzt noch mit leichter Unbefangenheit und unter anmutiger Geberde,--die Hand hin und wollte von ihm zurücktreten. Er aber hielt sie und sprach mit nunmehr unverstellter Stimme: "Zu Ihnen redete Freiherr, Alfred von Klamm! Er will--eingedenk früherer Beziehungen--Ihrem Wunsch stattgeben. Er wird morgen mittag bei Ihnen erscheinen und die Angelegenheit weiter besprechen!" "Ah--Klamm--also wirklich--Sie!?" stieß die Frau in höchstem Erschrecken heraus. Ihre Stimme bebte, auch ihre Gestalt. Sie mußte sich an den Thürpfosten lehnen, um nicht einer Schwäche zu unterliegen. Er aber wußte sie unauffällig zu stützen und flüsterte: "Ich verlasse jetzt die