The Project Gutenberg EBook of Charaktere und Schicksale, by Herrmann Heiberg This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at www.gutenberg.net Title: Charaktere und Schicksale Author: Herrmann Heiberg Release Date: July 17, 2004 [EBook #12927] Language: German Character set encoding: ASCII *** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK CHARAKTERE UND SCHICKSALE *** Produced by Project Gutenberg Distributed Proofreaders Charaktere und Schicksale Roman von Hermann Heiberg Berlin 1901 "Du darfst nicht boese werden, wenn ich es sage, lieber Friedrich! Aber dass du ueberhaupt auf solche Dinge Wert legst, ist mir bei deinen sonstigen Anschauungen unverstaendlich. Du bemuehst dich darum, Kommerzienrat zu werden, und jetzt geraetst du sogar fuer unsere Margarete auf ehrgeizige Gedanken. Was sollen wir mit einem Schwiegersohn aus diesen Kreisen!--Ja, wenn er etwas waere und besaesse!" Die Frau, die diese Worte an ihren Mann richtete, war die Gattin des Buchdruckereibesitzers und Zeitungsinhabers Friedrich Andreas Knoop. Sie sass ihrem Mann beim ersten Fruehstueck gegenueber, und schenkte ihm, waehrend ihrer Rede, nicht nur den Kaffee in seine Tasse ein, sondern schob ihm auch--umsichtig fuer ihn besorgt--den Rahmguss und die Zuckerdose naeher. Waehrend er sich aus beiden bediente, sagte er: "Du hast recht, und du hast unrecht, Fanny! Vom allgemeinen, vernuenftigen Standpunkt aus betrachtet, verraet ein Hinschielen nach Orden oder anderen Auszeichnungen keinen besonders erhabenen Geist Der in sich gefertigte, den tieferen Inhalt der Dinge erfassende Mensch legt auf solche Aeusserlichkeiten nicht nur keinen Wert, sondern ueberlaesst das Haschen danach denen, die glauben, dass sie dadurch in der Welt irgend ein Spuerchen mehr werden! Aber es giebt auch einen anderen Standpunkt! Von diesem aus laechelt man zwar im stillen ueber solchen Firlefanz, verschmaeht ihn aber nicht, sondern thut etwas zu seiner Erlangung, weil eben andere ihm eine Bedeutung beilegen. Daraus erwachsen fuer den Geschaeftsmann in der Welt der Aeusserlichkeiten mancherlei erhebliche, indirekte und direkte materielle Vorteile." "Ich glaube es nicht, Friedrich. Ich glaube, ein Wertlegen auf Titel und Orden entspringt allezeit einer gewissen Eitelkeit, deren sich ein wirklich ernsthafter Mann nicht schuldig machen sollte!" "Na, und wenn's wirklich so waere,--ist die Befriedigung unsrer Eitelkeit nicht auch etwas? Woraus besteht unser Dasein? Wir sollen uns Gluecksmomente verschaffen; wir sollen uns zum Ausgleich fuer die mit dem Leben verbundenen Unfreundlichkeiten dasjenige fuer unsere Sinne herbeiholen, wodurch sie aufgerichtet werden, wodurch wir zu irgend einer edlen oder angenehmen Gemuetserhebung gelangen!" Auf diese an sich durchaus verstaendige Betrachtung entgegnete Frau Knoop nichts; sie warf aber einen freundlichen Blick zu ihrem Manne hinueber. Wenn sie jemanden in solcher Weise anblickte, empfing das eine, ueberhaupt nur eine Thaetigkeit ausuebende Auge einen etwas stechenden Ausdruck, und das erloschene andere schien wesentlich staerker hervorzutreten. Friedrich Knoop stammte aus der nordischen Landschaft Dithmarschen. Sein Vater war dort Muehlenbesitzer gewesen, und Frau Fanny war aus der nordischen Landschaft Schwansen, woselbst sich ihr Vater als Pastor im Amte befunden hatte. Knoop hatte sich zufolge grosser Energie und Umsicht zu einem sehr reichen Mann emporgeschwungen, stand im sechzigsten Lebensjahr, und besass zwei Kinder: die erwaehnte Margarete und einen Sohn, der zur Zeit in England war, um sich fuer die einstige Uebernahme des vaeterlichen Geschaefts noch weiter auszubilden. Die Eheleute sassen, waehrend sie sprachen, in einem Salon, der nach einem Garten fuehrte und sich in einem hinteren Quergebaeude befand, das zu einem maechtigen, in der Hauptstrasse befindlichen Karree gehoerte, in dem sich sowohl die Geschaefts- wie auch diese Wohnraeume des Chefs der Firma befanden. Ihre Unterredung wurde unterbrochen, weil die Tochter des Hauses ins Fruehstueckszimmer trat. Sie ging mit ruhig elastischem Schritt ihren Eltern naeher, kuesste beide auf die Wangen und sagte nach einer vorherigen Erkundigung nach deren Nachtruhe und Befinden: "Du weisst doch, Papa, dass heute Baron von Klamm kommt, um sich von dir das Geschaeft zeigen zu lassen. Um halb zwoelf Uhr hat er sich angemeldet. Es passt dir doch?" "Ja, mein Kind. Ich werde bereit sein.--Sage uebrigens einmal, wie kommt er dazu? Hat er wirklich Interesse fuer dergleichen, oder hat er Nebenzwecke?" Margarete laechelte und entgegnete: "Das glaube ich allerdings, Papa! Zudem aber ist er, wie mir scheint, wirklich ein Mann, der fuer alles Tuechtige Sinn, und an allem Freude hat. Unter den vielen jungen Leuten ist er in der That der einzige, mit dem man sich unterhalten kann. Er ist sehr anregend." "Bitte, verguck' dich nur nicht in einen solchen Adligen, Grete!" fiel Frau Fanny ein. "Welchen Ausgang kann das haben! Er will doch schwerlich arbeiten, sondern sich nur von Papa ernaehren lassen!" "Das glaube ich nicht, Mutter!" "Er ist doch nichts! Was hat er ueberhaupt bisher getrieben? Wer sind die Eltern? Wenn es nach mir ginge, wuerde Papa ihm nicht eher unser Haus oeffnen, bevor er sich sehr genau nach ihm erkundigt hat." "Kann ja geschehen, Fanny!" fiel Knoop phlegmatisch ein. "Hm--aber du willst ihn doch schon empfangen?" "Allerdings, aber ohne Verbindlichkeit fuer Weiteres.--Auch, wenn er euch seinen Besuch macht! Nicht wahr, Grete, das will er!?" Grete nickte. "Ja, er bat um die Erlaubnis, euch aufwarten zu duerfen. Er moechte gern bei uns verkehren." "Hast du Christine von Holm ueber ihn befragt?" schob die Frau ein. Christine von Holm war die Tochter des Ehepaars, bei denen Margarete in einer Abendgesellschaft Baron von Klamm kennen gelernt hatte. "Was sagt sie, was weiss sie von ihm?" "Die wissen nichts. Sie haben ihn auf einem Ball beim Kommerzienrat Kuegelchen kennen gelernt. "Vielleicht vermag der Naeheres zu sagen! Papa koennte sich ja dort nach ihm erkundigen. "Ist er kein Gentleman, so brauchen wir ihn nicht einzuladen." "Ich werde schon zutreffende Erkundigungen ueber ihn einziehen, Kinder. Vorderhand werde ich mir heute selbst ein Urteil zu bilden suchen. Also rege dich nicht vor der Zeit unnoetig auf, gute Frau Fanny." Bei diesen Worten suchte Knoop das Auge seiner Gattin, und sie zog ein schelmisches Gesicht. Grete aber bemerkte: "Ich fragte Hauptmann von Uelzen nach ihm. Er sagte, die Klamms stammten aus Sachsen. Er sei urspruenglich oesterreichischer Offizier und dann einige Zeit im Ausland gewesen. "Er halte sich hier seit anderthalb Jahren auf und suche eine Thaetigkeit, verkehre in den besten Kreisen, und mache immer den Eindruck, dass er gut bei Kasse sei." "Nun wohl! Sehr schoen! Sorge also fuer ein gutes Fruehstueck, Fanny, und empfangt ihn artig. Wir sehen dann weiter.--Ich muss jetzt--" Knoop sah nach der Uhr und stand--im uebrigen bedaechtig im Wesen--rasch auf, legte die Serviette beiseite, schob den Stuhl mit einem ihm anhaftenden, starken Ordnungssinn unter den Tisch. Dann streichelte er, gutmuetig laechelnd, Frau und Tochter die Wangen, warf auch noch beim Fortgehen ein Scherzwort hin und verliess das Zimmer. Vor dem Garten- und Fruehstueckssalon befand sich ein schoener, heller Flur, der in Marmor ausgefuehrt war. Von ihm fuehrten seitlich Thueren in die verschiedenen unteren Gemaecher. Nach oben vermittelte eine in der Hoehe durch eine Gallerie verbundene Marmortreppe den Auftritt. Dort befand sich ein grosser Tanzsaal mit Nebenstuben, und dort lagen die Schlafraeume, waehrend sich unten die Wohn- und Gesellschaftszimmer ausdehnten. Von ihnen fuehrte eine Thuer, zu der nur der Herr des Hauses einen Schluessel besass, in den Fluegel links. Diesen betrat nun auch Herr Knoop, durchschritt die Raeume, die vom Hofe Licht empfingen, und begab sich in sein vorn nach der Strasse belegenes Kontor. "Morgen! Morgen!" erfolgte wiederholt, und fand Erwiderung, waehrend er den Korridor durchmass. Redakteure der Zeitungen begaben sich eben grade in ihre Gemaecher; der Faktor, mit Korrekturen in der Hand, kam aus der Druckerei, um eine Erkundigung im Hauptkontor beim Geschaeftsfuehrer einzuziehen, und in des Chefs Vorzimmer standen und sassen bereits mehrere Personen, die auf sein Erscheinen warteten. "Morgen, Herr Knoop!" erfolgte abermals ehrerbietig im Ton, und wurde durch Kopfnicken beantwortet. Dabei streifte der Chef mit kurzem, scharfem Blick die Anwesenden, gab seinem herbeieilenden Faktotum Auftrag, die draussen Wartenden noch zu bescheiden. Er wolle erst die Post durchsehen, und liess sich sogleich an seinem Schreibtisch nieder.-- Das zweifenstrige Zimmer war sehr gediegen ausgestattet und mit allen praktischen Bequemlichkeiten der Neuzeit versehen. Elektrische Klingelfaeden fuehrten bis an das Pult des Chefs. Verschiedene weisse Knoepfe waren dort zu sehen und besassen saemtlich Aufschriften. Sie gaben an, wer erscheinen sollte, wenn sich der Finger zum Druck auf ihre Flaechen legte. Accidenzfaktor, Zeitungsfaktor, Magazinverwalter, Prokurist, Hausmeister, Kontordiener hatten verantwortlichere Stellungen im Knoopschen Geschaeft inne und wurden nicht selten in das Kontor des Chefs befohlen, um seine Wuensche entgegenzunehmen.-- Unter den vielen Briefen, die Herr Friedrich Knoop zu oeffnen und zu lesen hatte, und die meist mit Bemerkungen versehen, von ihm in Mappen gethan und vom Buereaudiener den Geschaefts-Abteilungsvorstaenden ueberbracht wurden, befanden sich heute auch zwei Privatschreiben, die seine Aufmerksamkeit besonders in Anspruch nahmen. Das eine war von seinem aelteren Bruder, einem zurueckgekommenen Kaufmann, der sich gegenwaertig als Agent in Braunschweig aufhielt. In diesem Brief standen folgende Worte: "Ich frage Dich, Friedrich, zum letztenmal, ob Du mir helfen willst. Wenn Du diesmal meine Zeilen auch nicht beantwortest, musst Du gewaertig sein, dass die Zeitungen berichten, welche Ursachen daran Schuld waren, dass Theodor Knoop zu einem verzweiflungsvollen Schritt seine Zuflucht nahm. Gedenke unserer verstorbenen Eltern, gedenke, dass unsere Mutter uns beide unter ihrem Herzen trug, und ueberlege, ob ich nicht wenigstens--was auch immer gewesen sein mag--einer Erwiderung wert bin."-- Herr Friedrich Knoop zog die breite Stirn in dem runden, mit einem Vollbart umrahmten Gesicht in Falten. Auch erhob er sich und ging--er war mittelgross, stark beleibt und gedrungen--eine Weile in seinem Kontor auf und ab. Das geschah, wenn ihn etwas stark beschaeftigte. Endlich setzte er sich wieder. Er hatte seinen Entschluss gefasst, und las nun den zweiten, ihn auch sehr beschaeftigenden Brief, der keine Unterschrift trug und durch eine Schreibmaschine hergestellt war, noch einmal durch. Er lautete: "Sehr geehrter Herr! Es wird Sie dieser Tage--ich hoerte es in dem Wiener Cafe von Bauer zufaellig--ein Baron von Klamm besuchen. Da ich ihn sehr genau kenne, so erlaube ich mir, Sie vor ihm zu warnen. Er ist durchaus unzuverlaessig! Denken Sie diesmal nicht: Anonyme Zuschriften gehoeren, ohne beachtet zu werden, ins Feuer. M.P." Nachdem Herr Knoop diese beiden Briefe in seinem Pulte verschlossen hatte, klingelte er. Er uebergab neben anderen Anweisungen dem Faktotum und Buereaudiener Adolf, einem Mann, der dadurch auffiel, dass er runde, staehlerne Ohrringe trug, die Mappen, und hiess ihn auch, die draussen Wartenden nach der Reihe ihres Eintreffens ins Zimmer treten zu lassen. Zuerst erschien ein fremder Setzer. Er bat um Arbeit, und wurde von Herrn Knoop zum Accidenzfaktor gesandt. Nach ihm kam eine sauber gekleidete Frau und bat um einen Vorschuss fuer die Familie. Ihr Mann arbeitete im Papierlager, war fleissig und gewissenhaft. Sie brauchte das Geld fuer ihren Sohn, der lange krank gewesen war und nun ueberseeisch sein Glueck versuchen sollte. Herr Friedrich Knoop ging an den Geldschrank, nahm zwei Geldstuecke heraus und sagte: "Hier, Frau Bendler! Ich schenke Ihnen das! Vorschuesse gebe ich nur in aeussersten Faellen! Das wissen Sie! Und ein andermal lassen Sie Ihren Mann kommen und dergleichen vorbringen. Die Frauen will ich nicht anhoeren. Da koennten alle heranlaufen, und ich haette eine schoene Last--" "Gottes Segen, Herr Knoop, und vielen Dank noch! Und nehmen Sie't man nich fuer unjut, Herr Knoop! Mein Mann--Sie kennen ihm--is bei so wat mal zu schanierlich--" "Na ja, das mag sein! Aber! Entweder--oder in Zukunft! Und nun Adieu! Moeg' es Ihnen gut gehen! Gruessen Sie Ihren Sohn Franz. Hoffentlich gelingt's ihm in Brasilien!" Nachdem sich die Frau entfernt hatte, erschien der Agent einer Papierfabrik. Er machte ein Angebot auf Zeitungspapier. Herr Knoop trat ans Fenster, liess das hellere Licht auf den ihm ueberreichten Probebogen fallen, betrachtete ihn aufmerksam und sagte, waehrend er auch noch nach Art der Erfahrenen, die Flaechen des Stoffes zwischen Zeigefinger und Daumen rieb, wie die Zahlungsbedingungen fuer 500 Ballen sein wuerden. Nachdem er darauf Antwort empfangen, ersuchte er den Agenten, ihm das Angebot nochmals schriftlich zu machen, und in dem Schreiben zu bemerken, dass die Fabrik unbedingte Gewaehr fuer ihre Angaben uebernehmen wuerde. "Jawohl! Ganz gut! Wenn Gewicht, Fabrikat und Faerbung nach dieser Vorlage geliefert werden koennen, denke ich, gelangen wir zu einem Abschluss!" entschied Herr Knoop in einem kurzen Ton. Hierauf noch ein Knopfnicken und ein verbindliches Handreichen, und eine andere Persoenlichkeit trat in das Gemach. Ein aelteres, unmodisch gekleidetes Fraeulein, mit an die Stirnseiten vorgekaemmtem Haar und einem Strickbeutel ueber dem Arm, erschien und eroerterte, dass sie sich die Erlaubnis naehme. "Nun ja! Bitte! Was ist's denn? Womit kann ich dienen?" stiess Herr Knoop heraus. "Mein Name ist Charlotte von Oderkranz. Ich lebe von einer kleinen Fideikommiss-Einnahme und habe noch eine Nichte zu ernaehren. "Sie hat ihr Lehrerin-Examen gemacht und sucht eine Stellung als Gouvernante oder im Fall als Gesellschafterin. "Hier, bitte, Herr Zeitungseigentuemer, ihre Photographie!" Waehrend dieser Worte nestelte sie den Beutel auf, und zog das Bild eines jungen, ungewoehnlich schoenen Maedchens hervor. Herr Knoop hatte die Antragstellern schon ersuchen wollen, von Einzelheiten abzusehen--seine Zeit sei gemessen--aber sein Blick wurde doch von dieser Photographie allzusehr gefesselt. "Und was soll ich thun?" nahm Herr Knoop, schon unwillkuerlich zuvorkommender im Ton, das Wort. "Ja, ich moechte, da wir in unseren Mitteln sehr beschraenkt sind, bitten,--bitten, dass Sie diese Annonce einigemal in den Taeglichen Nachrichten zu einem ermaessigten Preise aufzunehmen die Guete haetten. Das ist's, das ist's! Wir haben sie auch moeglichst kurz gefasst.--Bitte, moechten Sie sie einmal lesen, Herr Eigentuemer?" "Ein junges Maedchen aus angesehenem Hause, mit Lehrerinnen-Zeugnissen versehen, und mit allen Hausarbeiten vertraut, besonders musikalisch, wuenscht eine Stellung als Gouvernante, Repraesentationsdame oder Gesellschafterin. Offerten an die Expedition der Taeglichen Nachrichten unter Ch.v.O." Waehrend Herr Knoop den Inhalt studierte, fiel ihm ein, dass es seit lange seiner Tochter Margaretes hoechster Wunsch war, eine derartige Gefaehrtin zu besitzen. Infolgedessen sagte er, kurz entschlossen: "Bitten Sie doch Ihr Fraeulein Nichte, mich morgen vormittag etwa um diese Zeit hier in meinem Kontor zu besuchen. Ich kann ihr vielleicht, ohne dass wir eine Anzeige erlassen, dienlich sein! "Wenn aber nicht, so will ich Ihren Wunsch erfuellen! Ich werde die Annonce wiederholt in Zwischenraeumen ohne Kosten fuer Sie, aufnehmen." "O, sehr, sehr guetig, Herr Eigentuemer," stiess die alte Dame, gluecklich ueberrascht, heraus. "Nehmen Sie innigsten Dank! Und Ileisa wird Ihrem Wunsch genau nachkommen. Ich werde sie selbst herfuehren." "O, nein, nein! Das ist ja nicht noetig, mein Fraeulein. Was wollen Sie sich bemuehen"--fiel Herr Knoop, hoeflich bestimmt, ein und erwartete, dass die Antragstellern erfreut zustimmen wuerde. Aber es geschah nicht, es malte sich vielmehr in ihren Zuegen eine misstrauische Enttaeuschung. Auch sprach sie mit starker Betonung: "Meine Nichte macht stets nur in meiner Begleitung Besuche bei Herren. Sie ist so erzogen--" "Gut denn--gu--ut denn!" bestaetigte Herr Knoop, sich in die Wuensche der Alten fuegend, mit einem ueberlegenen Laecheln. "Wenn Sie Furcht haben, es koenne Ihrem Fraeulein Nichte etwas geschehen.--Oder--oder--jawohl--jawohl--dass es eben passender fuer eine junge Dame ist--: Voellig einverstanden! Also um zehn Uhr oder spaeter, wie es Ihnen gefaellt. Bis zwoelf Uhr bin ich in meinem Kontor!" So sprach Herr Knoop. Die Alte aber, die nichts erwidert hatte, wandte sich waehrend des Fortgehens noch einmal um, ergriff seine Hand und sagte zartfuehlend: "Verzeihen Sie, wenn ich--wenn ich--Es war ja so nicht gemeint!--Und nochmals innigsten Dank." Dann ging sie. Herr Knoop aber trat, angenehm beruehrt, und zunaechst noch im Nachdenken ueber diesen Besuch, an seinen Schreibtisch. Hier begab er sich an die Beantwortung verschiedener Geschaeftsbriefe, deren Erwiderungen er, bevor er sie in die Umschlaege steckte, auch noch auf einer auf einem Nebentisch stehenden Kopierpresse eigenhaendig abklatschte. Inzwischen war die Zeit so weit vorgerueckt, dass es von dem Turm der nahegelegenen Kirche zwoelf schlug, und fast in demselben Augenblick erschien auch schon der in seiner dunkelblauen Dienerlivree mit den silbernen Knoepfen steckende Adolf und ueberreichte Herrn Knoop mit etwas zweifelnder Miene eine Visitenkarte. "Soll ich ihm 'reinlassen oder jleich abweisen?" fuegte er, waehrend Herr Knoop diese studierte, hinzu. "Nein! Im Gegenteil! Ich werde ihm selbst oeffnen, du kannst inzwischen hinten fragen, ob etwas zu besorgen ist," erwiderte Herr Knoop und entliess den, seinen dicken, mit den beringten Ohren versehenen Kopf bewegenden Alten. Nachdem er gegangen, zog Herr Knoop das anonyme Schreiben hervor und liess es,--weil er das Gefuehl hatte, sicherlich einem sehr gewandten, nicht leicht zu durchschauenden Weltmann gegenueberstehen,--nochmals auf sich wirken. Alsdann trat er Herr von Klamm gegenueber und noetigte ihn, mit artiger Zuvorkommenheit, naeher zu treten. Herr von Klamm machte einen aeusserst vorteilhaften Eindruck. Er besass bei einem angenehm gemessenen Wesen vollendete Manieren, und verstaerkt wurde noch das sich fuer ihn in Herrn Knoop regende Interesse, als er nach Erledigung der Einleitungsworte eingehend ueber seine Absichten sprach. "Die Einrichtung Ihres Geschaefts kennen zu lernen, ist mir von doppeltem Wert, sehr verehrter Herr Knoop. Es interessiert mich an sich, und ich verbinde damit, offen gestanden, einen Zweck. "Ich moechte unter Umstaenden den Versuch machen, in einem solchen Unternehmen eine Thaetigkeit zu finden. Erlauben Sie mir, Ihnen kurz zu sagen, wer ich bin: "Mein Vater besass eine Gutsherrschaft in der Naehe von Bautzen. Diese ging nach seinem Tode in den Besitz meiner Mutter ueber, die aus den Ertraegnissen eines aus der Verwertung desselben hervorgegangenen Vermoegens existiert. "Ich wurde als junger Mensch von meinen Eltern in die Kadettenanstalt in Dresden gethan, und bin sodann in Wien in oesterreichische Militaerdienste getreten. Nachdem ich wegen einer Meinungsverschiedenheit mit meinem Vorgesetzten den Abschied genommen, war ich in gleicher Eigenschaft als Soldat einige Jahre im Ausland und habe mich, von dort zurueckgekehrt, in den grossen europaeischen Staedten auf verschiedenen, mich interessierenden Gebieten, namentlich auch schriftstellerisch und journalistisch versucht, und bin endlich, nach laengerem Aufenthalt in Wien und Dresden, hier seit reichlich einem Jahre in dem mich besonders anziehenden Berlin gestrandet. "Gewiss, ich begreife, dass man Persoenlichkeiten, die haeufig in ihren Lebensbeschaeftigungen wechseln, ein gewisses Misstrauen entgegentraegt. Indessen hat mich stets ein ausgepraegter Sinn fuer alles Wissenswerte geleitet, und ganz besondere Umstaende fuehrten die eingetretenen Ortsveraenderungen herbei. "Auch darf ich der Wahrheit gemaess behaupten, dass ich, war ich auch einmal leichtlebig, in allen ernsten und Ehrensachen stets aeusserst genau verfahren habe. "Letzteres erwaehne ich, weil ich Sie gegebenen Falles zu fragen mir erlauben moechte, ob Sie mir nicht eine Thaetigkeit in Ihrem vielverzweigten Geschaeft anweisen koennten. "Ich fuehre--ich darf es behaupten--eine gewandte Feder! "Und noch eins gleich! Sie haben vielleicht ein anonymes Schreiben erhalten! Ich bitte, dass Sie mich es lesen lassen, um die Verleumdungen zu widerlegen." Herr Knoop hatte, wie erwaehnt, dieser inhaltreichen, in einem ausserordentlich freimuetigen Ton vorgetragenen Rede unter den vorteilhaftesten Eindruecken zugehoert. Als Herr von Klamm aber den letzten Satz sprach, meldete sich ein gewisses Misstrauen. Sicher! Keiner, der Beste,--so ueberlegte Herr Knoop--konnte sich vor Verdaechtigungen schuetzen, aber die Wirkung solcher konnte auf andere niemals eine guenstige sein! Im uebrigen entsprach er dem Wunsch, den Baron Klamm geaeussert hatte. Waehrend Baron Klamm das Schreiben pruefte, trat ein veraechtlicher Ausdruck in sein Antlitz. Dann sagte er, waehrend er den Brief Herrn Knoop mit kavaliermaessiger Artigkeit wieder ueberreichte: "Ich danke Ihnen, und ich bitte, dass Sie die immer gleichlautende Niedertraechtigkeit in den Ofen werfen. Und hier!" fuhr er fort, zog ein Schriftstueck aus der Tasche und unterbreitete es Herrn Knoop. "Ich bitte freundlichst, dass Sie dies Ihrer Beachtung wuerdigen." Herr Knoop nahm das ihm Gebotene, entfaltete es und las die nachstehenden Worte: "Herr Alfred, Baron von Klamm-Gleichen, war, nachdem er den ueberseeischen Dienst verlassen hatte, waehrend einer laengeren Zeit mein Privatsekretaer. Als solcher hat er sich seiner Aufgaben in vorzueglichster Weise entledigt, und kann ich Herrn von Klamm als eine durchaus vertrauenswuerdige, in jeder Beziehung tadellose Persoenlichkeit aufs Waermste empfehlen. Meine besten Wuensche fuer sein Wohlergehen begleiten ihn. Fuerst Alexander von Kroy." "Und weshalb trennten Sie sich von dem Fuersten, wenn die Frage erlaubt ist, Herr Baron?" warf Herr Knoop hin, waehrend er mit einer verbindlichen Geste das Schriftstueck in die Haende Herrn von Klamms zuruecklegte. "Ich wuenschte den Fuersten zu verlassen, weil ich mich verlobt und den Besitz meiner Braut mit Zustimmung meiner Schwiegereltern selbst zu verwalten die Absicht hatte." "Hm.--Und das hat sich nicht nach Ihren Voraussetzungen vollzogen?" "Nein! Meine Braut starb kurz vor der Hochzeit. Inzwischen war die Stellung anderweitig besetzt, und ueberdies--ich habe mich neuerdings wieder verlobt, und warte nur des Augenblicks, heiraten zu koennen--passte dann das alles nicht mehr zusammen." Herr Knoop bewegte nach diesen Worten den Kopf mit der Miene einer Person, die einer Rede mit grossem Interesse zugehoert hat und sich durch ihren Inhalt durchaus befriedigt fuehlt. Dann sagte er: "Glauben Sie zu wissen, wenn ich fragen darf, wer den anonymen Brief geschrieben hat, Herr Baron? Ich komme darauf zurueck, weil Sie das Eintreffen eines solchen schon voraussetzten!" "Gewiss! Allerdings, Herr Knoop! Ich vermute, dass die Urheberin dieser und aehnlicher Verdaechtigungen, mit denen ich seit Jahresfrist verfolgt werde, eine jetzt in Dresden lebende Dame der vornehmen Gesellschaft ist, der ich den Hof machte, von der ich mich aber zurueckzog, weil ich ihren Charakter zur rechten Zeit durchschaute. Seitdem uebt sie diese Infamien gegen mich mit einer vollendeten Geschicklichkeit aus, weiss mich, wo ich mich befinde, mit ihren Kundschaftern zu umstellen, und Personen, zu denen ich in Beziehung trat oder treten will, vor mir zu warnen." "Hm! So! Das ist ja eine sehr fatale Sache. Und dann noch gegen solche Bosheiten wehrlos zu sein! Ich bedaure Sie aufrichtig, Herr von Klamm. Das muss ja eine ganz miserable Person sein, die fortgesetzt an einem Nebenmenschen--es sei vorgefallen was will--derart Rache uebt. Ich habe kein Verstaendnis fuer solche Charaktere--" "Und doch sind sie weit verbreiteter, als man glaubt. Man begreift bisweilen nicht, weshalb Personen ploetzlich eine andere Haltung annehmen. Man schiebt ihnen, wenn keine Erklaerungen erfolgen, Launen zu. In Wirklichkeit hat irgend ein Missguenstiger ein Minierwerk begonnen, und mit Erfolg!--Ich bin ueberzeugt, dass es Leute giebt, die aus purem Neid jahraus, jahrein, ohne Aufhoeren taeglich an der Untergrabung des Ansehens anderer arbeiten, die sich dabei noch weit raffinierterer Mittel bedienen, als meine einstige Freundin. So geschickt auch solche anonymen Briefe abgefasst sind, der vornehm und der einsichtsvoll Urteilende wird sie stets als ein Produkt niedriger Motive betrachten, und sie in die Rumpelkammer werfen." Herr Knoop pflichtete wiederum durch eine Kopfbewegung bei, dann sagte er: "Und Ihr Fraeulein Braut, Herr Baron? Sie lebt auch in Dresden?" "Ja, Herr Knoop! Sie bleibt dort, bis wir heiraten koennen--" "Nun, jedenfalls bitte ich, meine beste Gratulation entgegen zu nehmen, Herr von Klamm. Im uebrigen! Wenn es Ihnen jetzt gefaellig ist, mit mir einen Gang durch mein Geschaeft anzutreten? Nachdem konveniert Ihnen vielleicht ein kleines Fruehstueck bei uns! Meine Frau und Tochter werden sich ueber Ihren Besuch sehr freuen." Baron von Klamm verbeugte sich mit kavaliermaessiger Hoeflichkeit. "Ich danke verbindlichst, Herr Knoop. Sie kommen meinen Wuenschen zuvor! Ich wollte soeben auch diese Verguenstigung von Ihnen erbitten--" Zunaechst betraten die Herren das Vorzimmer. Von dort nahmen sie den Weg in die Setzersaele, und zwar zuerst in diejenigen, in welchen die taeglich in einer sehr starken Auflage erscheinende Tageszeitung hergestellt wurde. Zahlreiche Arbeiter standen an Pulten mit kleinen Kaesten. Herr von Klamm war erstaunt, mit welcher Fingerfertigkeit die Leute arbeiteten, wie einige eifrig, ohne aufzusehen, oder wie andere, noch Geschultere, gleichsam spielend, ihre Thaetigkeit ausuebten. Ferner ueberraschte ihn, wie geschickt und exakt die Metteure, diejenigen, die den fertigen Satz fuer die Druckpressen vorbereiteten, ihr Werk handhabten. Zwischen ihnen durch wandelte der Faktor, der Anweisungen erteilte, den Setzern ein neues Manuskript ueberwies, oder, an sein Pult zurueckkehrend, das durch kleine Boten eben aus der Redaktion herbeigebrachte Material zu gleichen Zwecken vorzubereiten begann. Das war ein Bild emsigen Arbeitsfleisses! "Im uebrigen fuer die Beschaeftigten ein sehr undankbares Geschaeft, von aller menschlichen Thaetigkeit das undankbarste!" eroerterte Herr Knoop, waehrend sie die oben belegenen, teils dem Zeitungssatz, teils den Accidenzarbeiten dienenden Saele betraten. "Sobald das von den Setzern muehsam gefoerderte Werk seine Bestimmung in den Maschinen erfuellt hat, wird es wieder zerstoert. Die Buchstaben erhalten von neuem ihren Platz in den Schriftkaesten, und von neuem beginnt, was am Abend abermals aufgeloest wird." "Und so fort und so fort, bis die Lettern durch den Druck der Maschinen so abgenutzt sind, dass sie keine genuegenden Dienste mehr leisten koennen. "Der Maschinist," ergaenzte Herr Knoop, als sie nach geraumer Zeit vermittelst Fahrstuhl zur Besichtigung der Druckpressen die Souterrainraeume erreicht und betreten hatten--"hat geholfen, etwas Bleibendes herzustellen. Das Ergebnis seiner Arbeitsmuehen hat Bestand, oft Jahrhunderte lang. Der Setzer ist--obschon ein weit groesserer Kuenstler--lediglich ein Handlanger." Baron Klamm fragte, weshalb eine Anzahl Maschinen still staenden, waehrend sich andere von dem schnurrenden Geraeusch der Transmissionsriemen begleitet, und von Bogenfaengerinnen bedient, in unruhiger Bewegung befanden. "Die ausser Thaetigkeit gesetzten Maschinen warten der Arbeit fuer die Zeitung; diese hier drucken komplizierteren Satz," erwiderte Herr Knoop, und noetigte nunmehr seinen Besuch aus den von dem Geruch des Maschinenoels und der Druckerschwaerze erfuellten Raeumen in den Papierlagerkeller einzutreten. Endlich durchschritten die Herren auch noch die Gelasse der Buchbinderei und der Stereotypie, bis sie dann wieder in die Parterrelokalitaeten gelangten und sich nach einem Besuch in den Redaktionsgemaechern und Kontoren, in denen ebenfalls ein zahlreiches Personal emsig bei der Arbeit war, in die Familienwohnung begaben. "Wie viele Menschen beschaeftigen Sie, Herr Knoop?" fragte Baron Klamm, der seiner Bewunderung ueber dieses grossartige Raederwerk und ueber die ueberall herrschende Strenge Ordnung Ausdruck verlieh. "Zweihundertundachtzig Personen erhalten Wochen- oder Monatslohn im Jahr bei mir!" erwiderte Herr Knoop, loeste die Brille von den Augen, bewegte, waehrend er Antwort erteilte und mit einem seidenen Tuch die Glaeser wischte, mit einem Ausdruck berechtigter Selbstbefriedigung das Haupt. "Und ich habe alles selbst geschaffen," ergaenzte er. "Mit Kleinem habe ich begonnen. Das ist mein Stolz! Gewiss! Es giebt noch umfangreichere Etablissements, aber dies ist auch etwas!" Und nach kurzer Pause fuhr er fort: "Ich habe auch eine Idee, wie ich Ihnen--wenn es wirklich in der That in Ihrer Absicht liegt--eine Thaetigkeit anbieten koennte, Herr von Klamm. Allerdings muessten Sie sich in den Geschaeftsrahmen hineinfuegen, wie jeder andere!" Die Rede wurde unterbrochen, weil Frau Knoop mit lebhaft zuvorkommender Miene ins Zimmer trat, und nun die Vorstellung erfolgte. Gleich darauf erschien auch Margarete, ein bruenettes junges Maedchen, mit etwas buergerlichen Zuegen, aber schoenen, sogar blendenden Farben, vollendetem Wuchs, und mit einer angenehm wirkenden freimuetigen Lebendigkeit. Nach kurzem Plaudern traten sie in den Speisesalon, in dem ein blitzend sauberer Fruehstueckstisch mit aeusserst einladenden Gerichten gedeckt war. Neben Portwein, Thee und kraeftigen Bieren, praesentierte das Hausmaedchen auch Champagner, dem Baron Klamm kraeftig zusprach, waehrend sich Herr Knoop auf ein sehr kleines Quantum beschraenkte, und die Damen ueberhaupt auf Wein verzichteten. "Auf Ihr und auf das Wohl Ihres Fraeulein Braut," begann Herr Knoop, ergriff das Glas, und stiess mit dem Baron an. Er sah wohl, dass Margarete aufmerkte, und dass auch seine Frau ueberrascht wurde. Nach Aufhebung der Tafel, und nach allerlei anregenden Gespraechen, die Klamm mit Margarete fuehrte, fuer die er ein lebhaftes Interesse an den Tag legte, begleitete Herr Knoop den Gast auf die Strasse. Er machte ohnehin stets um diese Zeit einen Spaziergang und besuchte eine Weinstube. Dies letzte Zusammensein benutzte Herr Knoop, um Herrn von Klamm mit den fuer ihn in Betracht gezogenen Plaenen bekannt zu machen. "Ueberlegen Sie," warf er hin, "ob Sie Lust und Neigung haben wuerden, in die Redaktion einzutreten, um fuer eine von mir neu zu errichtende Rubrik: "Hof und Gesellschaft" Thaetigkeit und Verantwortung zu uebernehmen. "Sie muessten--ich wuerde Sie dazu in den Stand setzen--an all dergleichen Veranstaltungen teilnehmen, in Klubs eintreten, Festlichkeiten besuchen, Personalien ueber besonders hervorragende Persoenlichkeiten zu erlangen suchen, und das alles in einer anziehenden Form in die Taeglichen Nachrichten bringen." Zu Herrn Knoops Enttaeuschung stimmte Baron Klamm nicht so lebhaft zu, wie er erwartet hatte. "Sehr vortrefflich--sehr dankbar, Herr Knoop. Ich verkenne Ihre guetigen Absichten fuer mich keineswegs. Ich bin Ihnen ausserordentlich verbunden. "Aber wenn ich ganz offen sein darf:--ich moechte am liebsten eine Kontorthaetigkeit ausueben, in der mir die Aufgabe wuerde, fuer die immer noch groessere Ausdehnung des Geschaeftes zu wirken, die Auflage der Zeitung und die Anzeigen zu vermehren, Verbindungen anknuepfen, die der Druckerei Auftraege zufuehren, und insofern auch der Redaktion in die Hand arbeiten, als ich ihr die Thueren zu den Ministerien und hoeheren Behoerden oeffnen helfe. "Einblicke in das Getriebe eines Geschaefts, wie das Ihrige, habe ich naemlich schon empfangen. Eben daraus ist der Wunsch in mir rege geworden, mich in Zukunft vorzugsweise auf diesem Gebiet zu versuchen." So sprach Herr von Klamm, und Herr Knoop, fuer den dieses Mitglied des Adels ploetzlich in ein voellig anderes Licht gerueckt wurde, erhob nicht ohne starke Beifaelligkeit das Haupt. "Hm--hm--so--so! Das sind Ihre Plaene, Herr von Klamm. Gewiss, auch das laesst sich hoeren. Freilich, etwas draengt sich mir dabei auf. Sie glauben, dass Sie sich in all diese, Ihnen doch in der Praxis noch fremden Dinge wuerden hineinarbeiten koennen? "Gewiss, gewiss! Das ist ja auch zu machen, und wenn die Saat gut war, weshalb sollte nicht kraeftiger Weizen aufgehen? Es ist aber noch ein Umstand da! Mein Sohn ist draussen, um sich noch in unserm Geschaeft weiter zu bilden. Nach uebersehbarer Frist wird er zurueckkehren. Dann sollte ihm eben das obliegen, was Sie im Auge haben.--Ich bin also grade bezueglich einer solchen Thaetigkeit, wie Sie sie planen, in Zukunft versehen! "Sie verstehen.--Hier liegt eine Schwierigkeit, Ihren Absichten Vorschub zu leisten, schon von vorneherein!" "Ich glaube nicht, Herr Knoop," fiel Klamm mit imponierender Entschiedenheit ein. "In einem Geschaeft, wie das Ihrige, koennen Sie ein halbes Dutzend Leute gebrauchen, wie Ihr Herr Sohn einer ist, und wie ich es hoffentlich mit Ihrer Unterstuetzung sein werde! Warum wollen Sie nicht ein Geschaeft in allergroesstem Stil aufbauen? Sie wollen doch nicht stehen bleiben! Fuer jede Abteilung denke ich mir, muesste eine Persoenlichkeit thaetig sein, die, mit einem besonderen Mass von Intelligenz und Machtvollkommenheit ausgeruestet, sich eben diesem Geschaeftszweig mit besonderer Energie widmet! Die Mehrkosten wuerden sich nicht gleich, aber mit der Zeit sicher einbringen." "Den Wert Ihrer Ausfuehrungen verkenne ich nicht," entgegnete Herr Knoop. "Aber Sie urteilen und ziehen Ihre Schluesse zu sehr auf Grund von Vorstellungen. Alle Geschaefte setzen sich mehr oder minder aus Kleinwerk zusammen. Fuer jeden Erfolg sind ausnahmslos Abgaben zu entrichten. Geschaeftsausdehnungen muessen sich langsam vollziehen! Man muss die Betriebskapitalien pruefen, man hat in Kreditgewaehrung mit Vorsicht zu verfahren! Ohne solche giebt's keine Kundschaft.--Man darf nichts beginnen, wobei man Gefahr laeuft, die Kraefte und den Ueberblick zu verlieren. "Langsam, bedaechtig nimmt der Gebirgsbote taeglich seine Tagestouren. Wollte er sie laufen, wuerde er bald zusammenbrechen!" Die Herren waren bei ihrem Gespraech vom Wege ganz abgekommen. Sie befanden sich, ohne darauf geachtet zu haben, im Tiergarten und hielten nun, aufschauend, still, und wanderten, auch ferner denselben Gegenstand eroerternd, auf dem naemlichen Pfade in die innere Stadt zurueck. Erst beim Wrangelbrunnen trennten sie sich, nachdem vorher noch fuer einen der naechsten Tage eine neue Zusammenkunft verabredet worden war, mit warmem Haendedruck. Herr Knoop begab sich in die Behrenstrasse, in eine von ihm taeglich besuchte Weinstube, und Herr von Klamm fuhr mit der Pferdebahn nach der Bellealliancestrasse. Hier befand sich ein alter, hochstoeckiger Bau, der von mehreren Parteien bewohnt wurde, und diesen betrat Herr von Klamm. Zur Rechten, im Fluegel, drei Treppen hoch, zog er an einer Klingel, und nach kurzen Worten wurde ihm von einer gebueckten, trotz einfacher Kleidung sehr vornehm aussehenden Dame geoeffnet. "Ach du, mein lieber Junge," stiess sie in gluecklich gehobenem Ton heraus und schritt ihm in ein zweifenstriges, mit sauberen Mietmoebeln besetztes Wohnzimmer voran. Nachdem Klamm seiner Mutter Wange sanft gestreichelt hatte, und sie sich beide gesetzt hatten, sagte er auf ihre stark belebte Frage: "Nun? Nun? Wie ist's ausgefallen, Alfred? Du kommet doch von Herrn Koop?" "Knoop, Mama--nicht Koop," berichtigte Klamm. "Es verlief alles gut, aber ich bin doch mit mir sehr unzufrieden. Ich habe eine Unwahrheit gesagt, die ich vielleicht--haette vermeiden koennen. Ich schaeme mich, dass es geschehen ist. Was bleibt von dem Menschen, wenn er sich zur Erreichung seiner Zwecke inkorrekter Mittel bedient!" "Was ist's denn, Alfred! Lasse mich alles wissen! Vielleicht kannst du noch wieder gut machen," fiel die alte Dame, liebevoll sprechend, ein. "Ich tastete hin, ob nicht auch Herr Knoop moeglicherweise den ueblichen Verleumdungsbrief von Frau von Kraetz erhalten habe." "Es war der Fall! Sie hat ihn geschrieben! Er liess mich das immer gleichlautende Schriftstueck lesen. "Und gleich entging mir nicht, dass sich ein starkes Vorurteil gegen meine Person in ihm bereits festgesetzt hatte." "Er nahm an, dass ich ein blosser Abenteurer sei, der sich in sein Haus eindraengen wolle, um seine Tochter zu heiraten. Da griff ich zu dem Mittel, das ihn von vornherein eines anderen belehrte, warf hin, dass ich verlobt waere, und gab ihm auch den Eindruck, dass wir wohlsituiert seien." "Im Nu veraenderte das die Sachlage. So glaubte er mir! So war ich im stande, das durch das Schreiben hervorgerufene Misstrauen zu zerstreuen." "Ich war gezwungen, so zu handeln! Es hilft doch nichts! Ich muss vorwaerts, ich muss etwas finden, wenn wir nicht in schwerste Not geraten sollen!" Klamm liess, nachdem er gesprochen hatte, unwillkuerlich das Haupt sinken und schaute truebe vor sich hin. Die alte Frau aber ueberkam ebenfalls ein Gefuehl der Bedrueckung. "Erzaehle weiter, Alfred!" hub sie dann, sich fassend, an. Klamm that ihr Bescheid. Er berichtete ueber alles, was vorgefallen war, und schloss: "Ich bin ueberzeugt, dass ich eine Stellung bei Herrn Knoop erhalte. Die Frage ist nur, wie lange ich ohne Entgelt arbeiten muss. Woher sollen wir fuer die naechsten Wochen die Mittel nehmen? "Ah!" fuhr er beschwert fort, schnellte empor und mass das Gemach mit Schritten, die seine Erregung bekundeten. "Wenn ich die Schurken, die uns um alles betrogen haben, aber auch die Person, die mich mit ihrem Hass verfolgt, mich dadurch bisher an meinen Erfolgen gehindert hat,--hier haette, ich koennte ihnen die Seele aus dem Leibe reissen. "Da muss man fortwaehrend Komoedie spielen, und sogar zu Unwahrheiten die Zuflucht nehmen, um sich nur zu schuetzen, um blos eine Existenz zu finden!" "Beruhige dich, lieber Alfred, du kannst spaeter erklaeren, dass uns gewissenlose Menschen um unser Vermoegen gebracht haben, dass die Verlobung zurueckgegangen sei.--Der Himmel wird's dir nicht anrechnen!" "Ja, ich kann's, und ich hoffe auf seine Nachsicht, aber ich werde es, wenn auch alles gut verlaeuft, schwer ueberwinden, mich mit einer Unwahrheit eingefuehrt zu haben. Ich schaeme mich vor mir selbst. Es liegt wie ein Makel auf mir!" "Es giebt groessere Vergehen, mein Junge! Mehr werden taeglich Unwahrheiten gesprochen, als sich Riegel auf den Daechern befinden, und die Welt hebt sich doch nicht aus den Angeln. "Dich entlasten die Umstaende: du handelst im Zwang--um den Wirkungen einer Infamie zu begegnen. Giebt's denn gar kein Mittel, Frau von Kraetz zu besaenftigen! Das heisst, wenn sie es wirklich ist. Haeltst du es fuer ausgemacht, dass sie die Briefschreiberin?" "Wer koennte es sonst sein, Mama. Alles deutet darauf hin. Sie hat es mir nicht verziehen, dass ich mich noch kurz vor der Verlobung mit ihr besonnen. Sie raecht sich mit der Unversoehnlichkeit einer Frau, und scheut selbst solche Mittel der Vergeltung nicht. Natuerlich, absolute Beweise habe ich fuer meine Annahme nicht. Wenn ich die haette, wuerde ich schon lange gehandelt haben. Und eben, ihr nicht beikommen zu koennen, ist das schlimmste von allem Unglueck." Klamm ballte die Haende, und seine Augen funkelten. Noch einmal sprach die erfahrene Frau besaenftigend auf ihren Sohn ein. Dann sagte sie: "Noch etwas, Alfred! Ich habe noch die Ringe und den Schmuck von meiner Mutter. Nimm heute alles mit und veraeussere es. Das giebt uns Lebensunterhalt fuer die naechste Zeit! "Du kannst dann auch deine Hotelwohnung beibehalten und dich in der Gesellschaft bewegen, bis dir deine Plaene bei Herrn Knoop gelingen." "Wie? Du bist noch in Besitz von Schmuck, Mama!? Das ist ja eine ausrichtende Nachricht--du sagtest es mir nicht." "Ich that's nicht, um dir's vorzuenthalten, sondern fuer den alleraeussersten Fall." Sie sprach's mit liebevollem Blick, und er kuesste sie. Dann besah er den Inhalt des kleinen Kaestchens, das sie aus der Kommode hervorholte. Bevor Klamm von seiner Mutter Abschied nahm, sagte sie: "Es ist eigentlich verkehrt, dass wir nicht zusammen wohnen, Alfred. Koenntest du nicht ein Logis fuer uns beide dort mieten? Hier unter diesen Menschen ist's nicht angenehm! Meine Wirtin ist neugierig und zudringlich, die uebrige Umgebung stoesst mich sehr ab." "Ich nahm nur erstmal, was sich bot, Mama. Alle Wohnungen in den besseren Vierteln kosten das Dreifache." "Ich blieb nur im Hotel, weil ich dem Wirt noch verschuldet bin.--Ich musste und muss dort vorlaeufig wohnen! Ich will indessen heute mit dem Besitzer sprechen. Vielleicht laesst sich deine Uebersiedelung machen. Ich wuerde nur zu gluecklich sein, dich bei mir zu haben. Vielleicht gelingen auch meine Plaene bei Herrn Knoop rascher, als ich annehme. Habe ich erst ein festes Einkommen, miete ich fuer uns eine Wohnung im Westen. "Ach, Mama--waere ich erst so weit, wie anders wuerde mir zu Mute sein!" Nach diesen Worten schlang der Mann seinen Arm um die Gestalt der zartgebauten Dame, versprach am folgenden Tage wiederzukommen und stieg eilend die Treppe herab. * * * * * Als am folgenden Vormittag Fraeulein von Oderkranz mit ihrer Nichte im Vorraum des Privatkontors des Herrn Knoop eintrat, glich dieses, bezueglich der Fuelle der Wartenden, dem Sprechzimmer eines vielbeschaeftigten Arztes. Alle Plaetze waren besetzt, und Adolf musste Sessel aus dem Hauptkontor holen, damit wenigstens die Damen nicht zu stehen brauchten. Als sie nach einstuendigem Warten endlich vorgelassen wurden, entschuldigte sich Herr Knoop, seiner Art nach, mit kurzen, knappen Worten, und die Unterredung nahm auch bald die Wendung, dass er der jungen Dame seine Absicht aussprach, sie fuer seine Tochter Margarete zu verpflichten. "Natuerlich setze ich voraus, dass Sie sich gegenseitig gefallen, und um dieses festzustellen, erlaube ich mir den Vorschlag, dass Sie uns den heutigen Tag schenken. Am Abend lasse ich Sie dann in meinem Wagen nach Hause fahren," schloss der Chef des Hauses. Nach diesen Worten richtete Herr Knoop einen auffordernden Blick auf die beiden Damen, dem Fraeulein Ileisa auch mit gehobener Miene begegnete, waehrend bei ihrer Tante eine deutliche Enttaeuschung darueber hervortrat, dass nicht auch an sie eine solche Einladung gerichtet wurde. Wenigstens deutete Herr Knoop in solcher Weise den sproeden Ausdruck in den Gesichtszuegen des Fraeulein von Oderkranz. Es draengte sich ihm auch gleich der Gedanke auf, dass die alte Dame moeglicherweise spaeter mit allerlei sehr wenig bequemen Anspruechen laestig fallen koenne, und er nahm deshalb gleich das Wort und sagte: "Ich hoffe, mein Fraeulein, dass Sie meinem Vorschlag zustimmen. Ueberhaupt darf ich gleich bemerken, dass ich bei einem Inkrafttreten unserer Plaene voraussetzen muss, dass unsere kuenftige Hausgenossin ihre bisherigen Beziehungen in dem Sinne loest, dass sie lediglich zu uns haelt. Mit ihrem Eintritt in unser Haus haben wir nur mehr mit ihr zu thun. Natuerlich schliesst das gelegentliche Besuche bei Ihnen nicht aus!" Diese Rede war so deutlich und enttaeuschend, dass Fraeulein von Oderkranz zunaechst erbleichte und unwillkuerlich die Augen schloss. Dennoch fasste sie sich ebenso rasch wieder, wusste sich sogar durch ihre Worte und eine seine steife Wuerde das Uebergewicht zu verschaffen und sagte: "Da ich Mutterstelle bei Ileisa vertrete, hatte ich nur den wohl begreiflichen Wunsch, mich Ihren verehrten Damen vorzustellen. Einen weiteren Anspruch habe ich nicht erhoben, und werde ich nicht erheben, Herr Knoop! Sie duerfen darueber voellig beruhigt sein!" "Vortrefflich, vortrefflich! Also ganz einig!" entgegnete Herr Knoop, wiederum seinerseits in einem Ton, als ob er ihre gereizte Stimmung und die Lehre, die sie ihm hatte erteilen wollen, garnicht herausgefuehlt habe. Ileisa aber fiel ausgleichend ein: "Ich werde heute gleich fragen, liebe Tante, wann den Damen dein Besuch angenehm ist. Der guetigen Aufforderung des Herrn Knoop folge ich natuerlich mit groesstem Dank!" Auf diese Rede nickte das Fraeulein notgedrungen. Auch knoepfte sie ihren unmodischen Mantel zusammen, trat Herrn Knoop naeher und sagte: "Ja, den allergroessten Dank schulden wir Ihnen, Herr Knoop, dass Sie selbst meiner Nichte zur Erlangung einer Stellung die Hand bieten wollen. "Lassen Sie mich denn hoffen, dass sich alles nach gegenseitigen Wuenschen vollziehen moege, und empfehlen Sie mich, ich bitte, einstweilen Ihren verehrten Damen!" Nach diesen in einem zwar gezwungenen, aber vollendet hoeflichen Tone gesprochenen Worten, reichte sie Herrn Knoop die Hand, drueckte sodann Ileisa die Rechte und entfernte sich. Ileisa aber sagte, nachdem die alte Dame gegangen war: "Meine Tante ist etwas empfindlich, Herr Knoop. Sehen Sie es ihr, ich bitte, nach. Sie lebte frueher in so reichlichen Verhaeltnissen, dass ihr die Einfuegung in andere, leider jetzt sehr beschraenkte, ausserordentlich schwer wird. Im Grunde ist sie eine vornehme, wahrhaft edeldenkende Natur." "Habe ich auch so aufgefasst!" bestaetigte Herr Knoop in einem derb gemuetlichen Ton, und von Ileisas Wesen angenehm beruehrt. Auch bat er sie dann gleich, mit ihm in die Wohnung zu treten, und machte sie dort mit seinen Damen bekannt. * * * * * Sechs Monate waren vergangen. Fraeulein von Oderkranz befand sich als Gesellschafterin im Knoopschen Hause. Aber auch Herr von Klamm war ein Mitglied des Knoopschen Geschaeftes geworden. Er schrieb Zeitungsartikel, fuer die er die Faehigkeit in sich fuehlte, und uebte nach anderer Richtung eine Thaetigkeit au, die dem Unternehmen nutzbringend war.--Der Kontrakt, der zwischen ihm und Herrn Knoop abgeschlossen, besass nur zwei Paragraphen: "Herr von Klamm tritt vom heutigen Tage mit einem Monatsgehalt von 450 Mark und unter gegenseitiger vierteljaehrlicher Kuendigung zunaechst probeweise in das Geschaeft des Herrn Friedrich Knoop in Berlin, ein. Genannter uebernimmt fortan einen zwischen ihnen festgestellten Teil der Theater-, Konzert- und Kunstkritiken, und wird eventuell auch unter der Zustimmung des Herrn Chefredakteurs, Doktor Strantz, andere in den Rahmen der Taeglichen Nachrichten passende Beitraege liefern. Zur Vorbereitung einer gleichzeitig in Aussicht genommenen geschaeftlichen Thaetigkeit wird sich Herr von Klamm mit den uebrigen Zweigen des Unternehmens bekannt machen und schon jetzt bemueht sein, der Firma Verbindungen zuzufuehren." Ausserordentlich ueberrascht war Herr Knoop von dem Ideenreichtum seines Mitarbeiters, nachdem sich dieser in das Geschaeft eingearbeitet hatte. Bald regte er an, dass man sich um eine Druckarbeit in den Ministerien, bald um eine solche bei grossen Instituten und angesehenen Geschaeften bewerbe. Auch wies er auf auswaertige Firmen hin, denen man feste Kontrakte bezueglich der Aufnahme von staendigen Inseraten fuer die Taeglichen Nachrichten anbieten solle. Wenn irgendwo ein neues Unternehmen ins Leben trat, sann er sofort darueber nach, ob dieses nicht irgend einen von der Druckerei zu befriedigenden Bedarf haben koenne. Auch trieb er die Redaktion an, Fuehlung mit den bedeutenden Tagespersoenlichkeiten zu suchen, um durch eine Verbindung mit ihnen den Taeglichen Nachrichten fortdauernd interessanten Stoff zuzufuehren. Arbeitskraft und unermuedliche Regsamkeit reichten sich die Hand. Er war gegenwaertig die Triebfeder im Geschaeft. Bald hier, bald dort hielt er Ruecksprache, und immer wusste er bisher die ihm weniger Wohlgesinnten durch sein gewandtes Wesen gefuegiger zu machen. Weniger ihm Wohlgesinnte waren bereits recht viele vorhanden. Teils wirkte der Aerger, dass ein bisher so gering Eingeweihter und Erfahrener so Tuechtiges leistete, bald machte sich ein sehr starker Neid geltend. Es stieg die unruhige Befuerchtung in dem Personal auf, dass Klamm bald da sitzen oder dort ein anderer sitzen werde, wo der Betreffende selbst bisher sein unbeschraenktes Herrschertum ausgeuebt hatte. Der Chefredakteur, Doktor Strantz, sowie der erste Disponent im Hauptkontor und der Geschaeftsfuehrer in der Expeditionsabteilung waren schon, ohne dass sie noch die Maske geluestet hatten, seine erklaerten Gegner. Immer wieder regte sich bei ihnen die Ueberlegung, wie es eigentlich moeglich sei, dass ein frueherer Offizier, dass dieses in der Welt hin und her verschlagene Mitglied der Gesellschaft, dass dieser mit geschaeftlichen Dingen doch bisher nur sehr oberflaechlich vertraute Lebemann eine solche intelligente Regsamkeit, solche Umsicht, und ueberdies eine solche Gleichgueltigkeit gegen seine bisherigen gesellschaftlichen Beziehungen zum Ausdruck brachte. Aber sie zogen aus diesen Umstaenden nicht den Schluss, dass es eben Ausnahmen giebt, dass tuechtige Menschen sich energisch aufzuraffen vermoegen, dass sie das kraeftig abthun, was sich ihnen nur durch die Verhaeltnisse aufgedraengt hat, sondern sie suchten nach irgend einem unlauteren Grunde. Bei Gelegenheit einer monatlich einmal stattfindenden Zusammenkunft der Redaktions- und Geschaeftsmitglieder wusste der Chefredakteur, Doktor Strantz, ein Mann mit einem ungewoehnlich hageren Gesicht und langem Vollbart, bereits das Allerneueste zu berichten, dass naemlich schon ein fester Kontrakt zwischen Herrn Knoop und Klamm zu stande gekommen sei. Demzufolge solle Klamm nicht nur Stellvertreter des Chefs werden, sondern auch die Hauptzuegel in der Redaktion in die Hand bekommen. Ihrer aller Stellung sei gefaehrdet, seitdem dieser Herr in das Geschaeft eingetreten sei. In dem Hinterzimmer eines mit alten, guten Bildern geschmueckten Bierlokals in der Kronenstrasse sassen sie beisammen, und von kaum etwas anderem wurde geredet, als ueber Herrn von Klamm. "Was er wohl sonst treibe?" warf einer der Herren, ein Herr Krammhoever, nach solchen laengeren, stark missfaelligen und abfaelligen Aeusserungen hin. "Er waere ihm," bemerkte er, "schon zweimal abends nachgegangen. Da sei er in ein Haus in der Kurfuerstenstrasse eingetreten. Er, Krammhoever, habe durch die grossen Spiegelscheiben der Haus- und Hinterthuer beobachtet, dass Klamm in eine Gartenwohnung hinaufgestiegen sei. Ob er aber dort logiere oder eine 'Freundin' besitze, wisse er nicht." Darauf hatte keiner etwas zu sagen, aber die Rede gefiel. Niemandem war bekannt, wo Klamm wohnte. Ueberhaupt hielt er sich nicht mit Reden, und noch weniger mit Offenherzigkeiten auf. Er kam, griff gleich ein, arbeitete oder machte Besuche, und blieb als letzter abends im Geschaeft. "Ob er wohl bei Knoops im Hause verkehre?" Darauf konnte Doktor Strantz antworten. "Und ob! Es sei in den naechsten Tagen beim Chef wieder ein Ball, und er, Strantz, habe von Adolf gehoert, dass Klamm den Tanz leiten und ueberhaupt dort alles in die Hand nehmen solle." "Und Sie sind nicht eingeladen?" Strantz zog abfaellig die Lippen. "Ja, natuerlich! Habe aber abgelehnt; bin kein Freund von derartigen grossen Abfuetterungen!" warf er hin, und weckte durch diese, seiner Eitelkeit entspringende Antwort (er hatte keine Aufforderung erhalten) einen natuerlichen Neid bei den fuenf uebrigen Mitgliedern der Redaktion. Die Geschaefts-Disponenten wurden ueberhaupt zu solchen Vergnuegungen nicht geladen. Sie erhielten Aufforderungen zu kleinen Mittagessen, woselbst sie Gleichgestellte fanden, und bei denen es dann sehr gemuetlich herging.-- Waehrend in solcher Weise ueber Klamm in dem Wirtshaus "Zur gemuetlichen Ecke" verhandelt wurde, sassen die Knoopschen Familienmitglieder beim Abendbrot und unterhielten sich gleichfalls ueber dieselbe Persoenlichkeit. Wie immer erging sich Herr Knoop in ein uneingeschraenktes Lob ueber ihn. Er habe am vorgestrigen Tage der Buchdruckerei einen Auftrag von ueber 50000 Mark zugefuehrt. Eines der grossen Versandgeschaefte habe einen illustrierten Katalog in einer ganz betraechtlichen Hoehe bestellt. Auch habe er durch eine besondere Einrichtung in der Inseratenabteilung den Anzeigespalten der Taeglichen Nachrichten eine erhebliche Vermehrung zugefuehrt. Am legten Sonntag haetten zwei Bogen mehr gedruckt werden muessen. Das sei eine Inseratenfuelle gewesen, wie sie in einem solchen Umfange kaum zur Weihnachtszeit vorkomme. Es sei unglaublich, was Klamm alles austueftle, wie er den Leuten beizukommen wisse, wie er Beduerfnisse ausspuere oder anzuregen wisse. "Wie geht's denn mit ihm und dem Personal jetzt? Kann er sich mit ihnen stellen?" warf die in alles eingeweihte Frau des Hauses hin. Sie sah ueberhaupt weiter als die meisten, nahm die Dinge niemals, wie sie erschienen, sondern wie sie sich ihr durch ihr kluges Nachdenken darstellten. "Er thut, als ob er Unwillfaehrigkeit und Gegnerschaft gar nicht bemerkt. Es gehoert eben auch zu seinen hervorragenden Eigenschaften, dass er sich zu beherrschen, zu verstecken weiss--" "Verstecken!" sagst du, Friedrich! Der Ausdruck stimmt mit der Warnung, die dir bei seinem ersten Besuch wurde!" Nun meldete sich bei Frau Fanny doch wieder die Frau. Wenn Muetter sehen, dass Maenner, auf die sie fuer ihre Toechter rechnen, diese nicht bevorzugen, haben sie stets eine starke Neigung, ihnen etwas am Zeuge zu flicken. Sie bauen sich dadurch Bruecken, um ihrer Enttaeuschung besser Herr zu werden. Die beiden jungen Maedchen waren nur Zuhoerende, sie aeusserten sich nicht. Sie versteckten sich ebenfalls. Beide hatte eine stille, aber leidenschaftliche Liebe fuer Klamm erfasst. Grete schwieg darueber, weil sie zu stolz war, davon zu reden, und Ileisa huetete sich zufolge ihrer Stellung, fuer Klamm irgendwelches Interesse an den Tag zu legen. Sie hatte genuegend beobachtet, wie sehr Frau Knoop enttaeuscht war, dass Klamm fuer Margarete verloren schien. "Weisst du, was mir auffaellig ist," aeusserte kurz darauf die Frau des Hauses. "Hm?" warf Herr Knoop, der eben nach der Abendzeitung der Taeglichen Nachrichten gegriffen hatte, zerstreut hin. "Ja nun! Dass Klamm nie von seiner Braut spricht, dass er sie noch immer nicht vorgestellt hat. Sie muss entweder ein Bild der Haesslichkeit sein, oder es muss sonst etwas vorliegen, was nicht ganz richtig ist. Sonst kann ich mir sein Verhalten absolut nicht erklaeren." "I was," fiel Herr Knoop, gleich stark betonend ein. "Er hat ja wiederholt erklaert, dass sie schwer erkrankt sei, dass darin der Grund zu suchen waere, dass er sie uns bisher noch nicht habe zufuehren koennen." "Ich bat ihn aber schon wiederholt, einmal ihr Bild mitzubringen," bestaetigte Margarete, die nun auch hervortrat. "Niemals hat er Wort gehalten.--Nicht wahr, Ileisa?" fuegte sie hinzu und wandte sich zu der eifrig ueber ihre Arbeit gebueckten Hausgenossin. "Du warst dabei!" Die beiden jungen Maedchen, die sich vortrefflich verbanden, ja, ganz in einander aufgingen, duzten sich schon seit laengerer Zeit und besprachen--mit Ausnahme ihrer geheimen Liebe--alles miteinander, was sie irgend anging. Ileisa betaetigte nur mit leichtem Kopfneigen, aber weil ihre Gedanken und Sinne durch dieses Gespraech schon stark angeregt worden waren, wusste sie den Ausdruck einer starken Befangenheit aeusserlich nur sehr schwer zu unterdruecken. Sie liess deshalb die Stickerei, an der sie arbeitete, wie zufaellig aus ihrer Hand fallen, bueckte sich danach, und wusste dadurch den Anwesenden ihre Gesichtszuege bis zur Wiederbeherrschung ihres Innern zu entziehen. "Ich bin begierig, ob Klamms Braut unsere Einladung nicht auch selbst beantworten wird. Ich gab Herrn von Klamm auf seinen Wunsch die Einladungskarte. Wir wissen ja noch nicht einmal, wie sie mit Vor- und Zunamen heisst. Danach will ich ihn doch bei erster Gelegenheit fragen." Das Gespraech empfing eine Unterbrechung, weil Adolf eintrat und Herrn Knoop ein Schreiben ueberreichte. Schon waehrend er es entgegennahm, verfinsterten sich die Zuege des Chefs des Hausen in einer Art, dass Frau Fanny, die bei Briefen stets aengstlich die Mienen ihres Mannes beobachtete, gleich besorgt das Wort nahm. "Etwas Unangenehmes, Friedrich?" fragte sie. "Ah--ah!" stiess der Mann heraus und knirschte mit den Zaehnen. "Wieder von Theodor! Immer Theodor!" Aber als er dann gar die Zuschrift gelesen hatte, zitterten seine Haende vor Erregung. "Ach--die ewige, unglueckliche Plage," seufzte Frau Fanny, ohne auf Ileisas Anwesenheit Ruecksicht zu nehmen. "Was hat er denn nun abermals? Hast du ihm nicht erst neulich wieder Geld gesandt?" Knoop verneinte erst stumm. Dann sagte er: "Ich habe ihm auf seine drei letzten Briefe gar nicht geantwortet. Thaete ich es, wuerde ich ja noch weniger Ruhe haben. Freilich, jetzt geht er bis an die aeusserste Grenze. Nun--nun--droht er! Wahrhaftig! Waere er nicht mein--mein--Bruder, so wuerde ich ihn auf Grund dieser Zeilen der Staatsanwaltschaft ueberliefern." "Lies vor, Friedrich! Wir haben ja vor Ileisa keine Geheimnisse. Wir wissen, dass sie das, was sie fuer sich zu behalten hat, sicher in sich verschliesst!" "Sie duerfen dessen versichert sein, gnaedige Frau!" bestaetigte Ileisa, das Auge frei aufschlagend, in einem einfachen, Vertrauen erweckenden Tone. Und Herr Knoop las: "Wenn ich nicht bis uebermorgen vormittag zehn Uhr einen Postrestantebrief (Hauptpostamt Unter den Linden) mit dreitausend Mark unter T.K. vorfinde, geschieht etwas! Was aus dem Verzweiflungsakt entsteht, ist mir gleichgueltig. Ich habe dann wenigstens ein Obdach! Falls Du aber diese Kleinigkeit Deinem weniger vom Glueck beguenstigten Bruder zuwendest, ihm dadurch wieder zu einer dauernden, menschenwuerdigen Existenz verhilfst, so wird er nicht nur alle Kraenkungen vergessen, sondern Dich niemals wieder behelligen. Nun entscheide! Dein Bruder Theodor Knoop." "Schick' ihm das Geld," draengte Frau Fanny. "Was liegt dir an ein paar tausend Mark, wenn du Ruhe bekommst!" Unwillkuerlich sah Ileisa empor. Wenn sie ihrer Tante einmal einen Teil einer solchen Summe wuerde bringen, ihr dadurch die Kargheit ihres Daseins vermindern koenne, welche Seligkeit musste das sein! Sie liebte die alte Dame, die mit einer schrankenlosen Selbstentaeusserung fuer sie seit ihren Kinderjahren gesorgt hatte, mit den zaertlichsten Gefuehlen. Und gegenwaertig wandten sich ihre Gedanken ihr besonders zu, weil sie sie so lange nicht gesehen hatte. Sie kam sich so undankbar, so gefuehllos vor, dass sie nicht den Weg zu ihr fand. Es beruehrte sie schwer, obschon sie nicht Schuld trug. Sie war gebunden; sie hatte Knoops versprechen muessen, ihre ganze Aufmerksamkeit den neuen Verhaeltnissen zuzuwenden, alte Beziehungen voellig ausser acht zu lassen. Wohlan! Aber dass Knoops nicht einmal bisher Anlass genommen hatten, sich um die alte Dame zu bekuemmern, sie ein einziges Mal einzuladen, fand sie grausam, liess eine wirkliche Herzensbildung vermissen. Herr Knoop aber erwiderte auf die Rede seiner Frau: "Es ist ja nicht das Geld, Fanny! Ich wuerde gewiss die 3000 Mark geben, und wenn es sich um das dreifache handelte. Aber sowie ich ihm wieder die Hand biete, nimmt die fruehere schamlose Zupferei kein Ende. "25000 Mark stehen schon auf deinem Konto in meinen Buechern. "Das ist ein Posten! Und einmal muss doch alles ein Ende haben, wenn alles ohne jeden Nutzen war! "Ja, wenn er wirklich ein ordentlicher Mensch, wenn ihm wirklich geholfen wuerde, gleich wuerde ich nochmals 10000 Mark opfern! "Aber er verthut es in Schlemmereien, mit Frauenzimmern und im Spiel. Er ist eben leider, zu meinem grossen Schmerz, eine verlumpte Persoenlichkeit, die am besten die Erde deckte." "Was willst du denn thun?" "Wieder gar nichts!" "Aber wenn er dir,--uns nachstellt. Ich fuerchte mich! Solche Menschen--wir lesen es doch taeglich in den Zeitungen--greifen im Affekt zum Aeussersten.--Sie laden in der Verzweiflung eine Schusswaffe." "Er schleicht sich in das Papierlager und legt Feuer an," fiel Margarete ein. "Ich traue ihm alles zu! "Wenn du ihm mit dem Bemerken es sei ganz unbedingt das letzte Mal, die 3000 Mark schickst, nimmst du uns wenigstens die Angst, Papa. Wir haben dann die Sicherheit, dass dergleichen wenigstens nicht geschieht.--Mache Bedingungen, lasse ihn ein Schriftstueck unterschreiben, dass er sich fuer immer abgefunden erklaert!" Aber Herr Knoop verneinte. "Ich will nicht, ich kann nicht. Es muss kommen, wie es muss. Unzaehlige Male war's schon das letzte Mal. Nach sechs Monaten kommt er doch wieder und hat neue Gruende! Und die Sprache, die er schon wiederholt gegen mich gefuehrt hat! Es ist ohne Gleichen! Nein, nein! Ich bin mit ihm fertig. Ich betrachte ihn laengst nicht mehr als zu mir gehoerig!" Nun sagten die Damen nichts, aber Frau Fanny nahm sich vor, doch noch einmal vor'm Schlafengehen auf ihren Mann einzusprechen. Sie wollte es thun, obschon eine gewisse, entschiedene Art sie bisher stets belehrt hatte, dass mit ihm schwer etwas anzufangen war.-- * * * * * Der Abend, an welchem der Ball bei Knoops stattfinden sollte, war herangekommen. Waehrend in den Seitenfluegeln: in dem Kontor und den uebrigen Raeumen noch die Arbeitslichter flammten und die Scheiben in den grossen Gebaeuden von oben bis unten erhellten, fuhren Equipagen auf Equipagen vor das Portal des Wohnhauses des Herrn Friedrich Knoop. Und er und die Familie standen in ihren durch maechtige strahlende Kronenerleuchteten Gemaechern, und warteten vorn bei der Eingangsthuer der Gaeste, bis sich alle mit Ordensbaendern geschmueckten Herren, und alle in ihren kostbaren Gewaendern einherrauschenden Damen eingefunden hatten. Nur Herr von Klamm fehlte noch. Er fehlte, obschon er die Anordnungen uebernommen hatte. Freilich, seine eigentliche Thaetigkeit nahm erst ihren Anfang nach dem Abendessen. Aber seine Anwesenheit beim Erscheinen der Gaeste, war doch von Herrn Knoop vorausgeht worden, und sein Ausbleiben begann ihn zu beunruhigen. "Er ist sicher noch im Kontor!" erklaerte Margarete. "Er sagte neulich, er habe grade am Ballabend noch ziemlich spaet im Geschaeft zu thun, werde sich aber nach Moeglichkeit einrichten." Als er noch immer nicht erschien, sandte Herr Knoop Adolf zu ihm. Herr Knoop lasse freundlichst bitten, dass Herr von Klamm sogleich komme. Man wolle zu Tisch gehen. Indessen war es ueberfluessig! Grade trat er durch die Mittelthuer ein, sprach Herrn Knoop seine Entschuldigung aus und richtete seine scharfbeobachtenden Augen auf seine Umgebung. "Die Sendung nach Frankfurt an der Oder waere in der That nicht abgegangen, wenn ich nicht noch nachgetrieben haette, Herr Knoop," erklaerte er. "Ich hatte die Absendung unbedingt versprochen; es war eine geschaeftliche Pflichtsache. Auch wollte ich gern die Abendpost noch einsehen. Es war viel da und Eiliges.--Eine grosse Bestellung vom Reichstagbuereau ist eingelaufen." So begruendete er seine Verspaetung, kuesste Frau Knoop die Hand, begruesste Margarete mit warmherziger Vertraulichkeit, und warf einen forschenden Blick zu Ileisa hinueber, die sich nicht weitab mit einem Offizier unterhielt.-- Endlich ging's zu Tisch. Klamm fuehrte die Tochter eines hohen Beamten im Ministerium. Herr Knoop hatte es so gewuenscht, und es war auch richtig so. Klamm wusste die Menschen fuer sich einzunehmen, und es war klug, nichts zu versaeumen, sich dieser Familie Gunst zu erwerben. Von dem Wohlwollen des Herrn Ministerialdirektors hing die Entscheidung ueber die Vergebung sehr umfangreicher Druckauftraege ab. Bei Tisch warfen zwei Personen wiederholt forschende, von Eifersucht keineswegs freie Blicke zu ihm hinueber: Margarete und Ileisa! Und Klamm bemerkte es jedesmal, wenn sie hinueberschauten, und jedesmal begegnete er ihnen mit irgend einer Aufmerksamkeit, indem er entweder das Glas erhob und ihnen zutrank, oder einen Ausdruck stillen Einverstaendnisses in seinen Augen erscheinen liess. Als seine Tischnachbarin, Fraeulein von Wiedenfuhrt, dies einmal bemerkte, redete sie Klamm auf die beiden Damen an: "Wie Fraeulein Knoop sei? Sie habe sie nur einigemale bei Bazaren, wo sie zusammen gewirkt, gesehen. Ob sie ein liebenswuerdiges, junges Maedchen waere?" "Fraeulein Knoop ist eine jener tadellosen jungen Damen, an denen man nur bemaengeln koennte, dass sie etwas kleinbuergerlich sind. Ihre Natuerlichkeit, ihre Gradheit, ihr ungemein rechtschaffener Charakter verschmaehen es, irgend welche Schminke zu gebrauchen Und doch wuerde ihre Anziehungskraft durch eine Milderung dieser Hausbackenheit um vieles gewinnen." "Also Sentiments haben Sie fuer die Tochter Ihres Chefs nicht, Herr von Klamm? Dann ist ja noch Hoffnung fuer die vielen, die ihr Auge mit Sehnsucht auf Sie richten!" warf das junge Maedchen neckisch hin. "Glauben Sie wirklich, dass sich jetzt noch jemand aus Ihren Kreisen fuer mich interessiert?" gab Klamm auf diese, der verstandesmaessigen Richtung des Fraeuleins entsprechende, Rede zurueck. "Ich bin Prokurist in einer Buchdruckerei geworden. Das ist eigentlich so unerhoert, dass man die Pflicht hat, von meiner Existenz auf Erden Abstand zu nehmen." "Es wuerde so sein, wenn Sie nicht eben Herr von Klamm waeren," fiel die Dame mit ehrlicher Anerkennung ein. "Es giebt Ausnahmemenschen, denen alles wohl ansteht, zu denen infolgedessen auch jeder--und wenn er sich noch so sehr straeubt--Stellung nehmen muss. Juengst wurde Ihr Artikel ueber gesellschaftliche Arten und Unarten in den Taeglichen Nachrichten vielfach besprochen. Ich kann Ihnen verraten, dass er allen ausnehmend gefallen hat, natuerlich abgesehen von jenen jungen Zweibeinigen in Frack und Lackschuhen, die alles besser wissen, nur das Allernaechstliegende nicht merken, dass sie naemlich recht laecherliche und ueberfluessige Erscheinungen in der Schoepfung sind." "Im uebrigen! Wir sind noch nicht am Ende. Sie wollten mir auch noch etwas ueber das schoene Fraeulein von Oderkranz sagen." Klamm zuckte die Achseln. "Wenn ich ehrlich sein soll, so laesst mich meine Menschenkenntnis bisher in Stich. Ich weiss nicht sicher, wie sie ist. Ich vermute nur, dass mein Urteil zutrifft. Ich sehe, dass sie sich erstaunlich zu fuegen weiss, zu schweigen, ihr eigentliches Wesen zu verbergen versteht. Ganz praezise gefasst, wuerde ich sagen: "Sie besitzt die Kunst, mit ihren Eigenschaften zu oekonomisieren, immer nur das zu geben und zu thun, was am Platz ist. Und doch--und doch--" "Nun?" "Ja, und doch gewinnt man keine rechte Beziehung zu ihr, und doch kann man ihr nicht naeher kommen." "Was vermuten Sie denn?" "Alles!" betonte Klamm beinahe feurig. "Ich glaube, dass sich in diesem Maedchen alle jene Eigenschaften finden, die einen Mann in der Ehe gluecklich zu machen im stande sind. Sie ist weiblich, sittlich, haeuslich, treu und arbeitsam, daneben voll Tiefe und Waerme, und nicht minder voll Begeisterung fuer alles Schoene und Gute, sofern ihr Gelegenheit geboten wird, es zu bethaetigen. Auf ihr ruht aber die Buerde der Abhaengigkeit." "Ah! Sie schwaermen ja gewaltig, Herr von Klamm. Fast koennte man glauben, Sie legten eine unfreiwillige Beichte ab." Die junge Dame sprach die Worte in einem von Eifersucht nicht freiem Tone. "Sie irren durchaus, gnaediges Fraeulein! Wenn ich ueberhaupt meiner Passion nachgeben duerfte--ich werde naemlich sicher niemals heiraten--so wuerde ich eines Tages ein gewisses Haus betreten, dort nach dem Ministerialdirektor von Wiedenfuhrt fragen, und ihn bitten, bei seiner ueberaus schoenen und ueberaus klugen Fraeulein Tochter Margot ein gutes Wort fuer mich einzulegen." Kaum, nachdem Klamm so gesprochen hatte, erhob das junge Maedchen den Kopf und sah Klamm mit einem durchdringenden Blick an. "Dass auch Sie, Herr von Klamm"--begann sie steif im Ton--"zu den Leuten gehoeren, die selbst in ernsten Augenblicken fade Spielereien treiben, haette ich nicht gedacht. Ich bin heute um eine Erfahrung reicher geworden." "Aber mein Fraeulein--mein gnaediges Fraeulein"--fiel Klamm nicht wenig ueberrascht, ja, bestuerzt ein. "Ich bitte! Welche Sprache! Wodurch gab ich Ihnen Anlass, so mit mir ins Gericht zu gehen?" "Sie werden eher begreifen, wenn ich Ihnen mitteile," fuhr sie unbeirrt fort, "dass man allgemein davon spricht, dass Sie verlobt sind und alles daran setzen, diese Verlobung mit einem armen Maedchen rueckgaengig zu machen, deshalb naemlich, um Fraeulein Knoop zu heiraten. So spielen Sie also nun jedenfalls mit dreien: mit Ihrer Braut, mit Fraeulein Knoop, mit Fraeulein von Oderkranz, und wenn ich natuerlich Ihre an mich gerichteten Worte als einen, wenn auch recht ungeschickt gewaehlten Scherz betrachte--mit mir!" Klamm erschrak. Unversehens that sich vor ihm ein bisher gar nicht vermuteter Abgrund auf. Aber noch mehr! Ehe er etwas zu entgegnen vermochte, fuhr die junge Dame fort: "Ich will ganz offen sein! Ich will alles sagen, Herr von Klamm. Neulich hat mein Vater einen anonymen Brief empfangen, in dem er vor Ihnen gewarnt wird." "Ah! Die alte Infamie einer mich rachsuechtig verfolgenden Persoenlichkeit!" fiel Klamm, nachlaessig veraechtlich im Ton, ein. "Das schreckt mich nicht, gnaediges Fraeulein. Ich waere im stande, Ihnen den Wortlaut dieses Schriftstuecks--es hat naemlich immer den gleichen Inhalt--aus dem Kopfe wiederzugeben. Anders aber ist es mit dem, was Sie sonst aeusserten. Hier bedarf es dringend der Aufklaerung. Ich bitte, dass Sie mir einmal naechstens eine Unterredung gewaehren. "Ich weiss bestimmt, dass Sie dann anders urteilen werden." Da Klamm in einem sehr gemessenen Tone, da er wie ein Mann sprach, der um seine Ehre ficht, so gewann er das Spiel. Schon begann sich in ihr die Reue zu regen, sich so haben hinreissen zu lassen. Aber es reizte sie auch nicht wenig, von ihm selbst zu erfahren, was Wahrheit, was Geschwaetz war; es schmeichelte ihr, dass er sie zu seiner Vertrauten machen wollte. Aber an diesem Abend geschah noch etwas, das Klamm mindestens ebenso sehr zum Nachdenken Anlass gab. Die Tafel war aufgehoben, schon hatte die Musik den Gaesten zu einer Reihe von Taenzen aufgespielt. Eben sollte ein Kotillon getanzt werden, den Herr von Klamm einen anwesenden Offizier deshalb zu leiten gebeten hatte, weil er dessen Ehrgeiz: in der Gesellschaft bei solchen Gelegenheiten eine Hauptrolle zu spielen, Rechnung tragen wollte. Aber er hatte auch die Absicht, dadurch Zeit und Gelegenheit zu finden, sich mit Ileisa zu beschaeftigen. Er forderte sie zu diesem Tanz auf, waehlte einen entfernteren Eckplatz, woselbst ein ruhiges Plaudern eher moeglich war, und sagte, nachdem er eben mit ihr eine Runde gemacht hatte: "Sie machen alles vortrefflich, gnaediges Fraeulein! Auch eben zeigten Sie sich wieder als Meisterin." "Das moechte ich, ohne Komplimente, Ihnen sagen, Herr von Klamm--" "So beschaeftigen wir uns also gegenseitig mit einander, ohne dass wir es uns eingestanden haben--" Er sah sie bei diesen Worten mit einem werbenden Blick an. Er that's, obschon ihm grade die Unterredung mit seiner Tischdame heute haette eine Zurueckhaltung auferlegen sollen. Aber auch ihm geschah's, dass haeufig das menschliche Ich grade dann zu einer Auflehnung gegen die bedachte Mutter Vernunft gelangt, wo es am allerwichtigsten ist, auf ihre Stimme zu hoeren. Er fand Ileisa heute schoener denn je. Sie war auch an diesem Abend der Mittelpunkt. Jedermann draengte sich zu ihr, und auch dadurch wurden des Mannes Sinne angefacht. Bisher war ihm niemand in den Weg getreten. In das stille Knoopsche Haus traten wenige ein, nur bei solchen Gelegenheiten wurden die Staatszimmer geoeffnet. Statt auszuweichen, gab ihm Ileisa einen Blick zurueck, der sein Inneres in Aufruhr versetzte. Dann sagte sie kurz, bestimmt: "Ja, Herr von Klamm!" Diese Antwort riss Klamm fort. Er ueberflog ihre Gestalt mit seinen Augen. Er sah, wie sich unter dem seidenen Ballmieder die Bueste hob und senkte. Er umfing mit seinen Blicken all die Reize, die ihr die Natur verschwenderisch verliehen hatte, und forschte noch einmal in ihren Augen, in Augen, in denen eine versteckte Glut loderte. Dann sprach er entschlossen: "Wohlan denn, da es so ist, da wir uns verstehen, ja, da wir uns einig sind, so wollen wir Kameraden werden, gemeinsam unser Ziel verfolgen. Es bedarf keiner Erklaerung, warum es sich handelt.--Nicht wahr, Fraeulein von Oderkranz?" Und indem er die Stimme daempfte, dasselbe in einem weichen Tone wiederholte, sich zu ihr draengte mit seinem Ich: "Nicht wahr, Fraeulein Ileisa?" Abermals vernahm er ein festes Ja und fuehlte, als er nach ihrer Hand tastete, einen Gegendruck, der ihm das Blut durch die Adern jagte. "Wann und wo wollen wir uns morgen sprechen?" ergaenzte Klamm, indem er um der Umgebung willen seinen Mienen einen durchaus gleichgueltigen Ausdruck verlieh. "Ich werde bitten, ehestens meine Tante besuchen zu duerfen. Wird mir dies erlaubt, so werde ich an einem Ihnen noch schriftlich mitzuteilenden Tage gegen ein Uhr auf dem Potsdamer Platz am Rundteil sein koennen." Als Herr von Klamm eben antworten wollte, stand Margarete Knoop vor ihnen. "Darf ich stoeren?" fragte sie mit kuenstlicher Schelmerei im Ton. Sie hatte beide seit langem beobachtet und schon grosse Qualen empfunden. Auch sie hatte sich vorgenommen, heute einmal mit allem zwischen sich und Klamm aufzuraeumen. "Bitte, kommen Sie nach Beendigung des Kotillons eine Weile in den Wintergarten," bat sie, waehrend er mit ihr tanzte. "Sie muessen mir bei der Bowle behilflich sein." "Zu Ihrem Befehl, gnaediges Fraeulein," betaetigte Klamm und zog sie unwillkuerlich fester an sich. Er stand zwischen drei Feuern. Seine Tischnachbarin beargwoehnte ihn, nachdem er sich unvorsichtigerweise in ihre Hand begeben hatte. Ileisa gegenueber hatte er sich von seinen bisher zurueckgedraengten Gefuehlen fortreissen lassen. Nun kam ihm Margarete in solcher Weise entgegen!-- Als sie spaeter nebeneinander standen und Moselwein in eine Punschbowle fuellten, sagte Klamm: "Ich stehe unter dem Eindruck, dass Sie auch sonst noch ueber mich zu befehlen wuenschen. Darf ich fragen, womit Ihnen Ihr gehorsamer Diener zu willen sein kann?" "Ja, Herr von Klamm! Ich muss endlich einmal eine Frage an Sie richten. Es muss um Ihretwillen geschehen, da ich auch heute wiederholt in einer mich aergernden Weise angesprochen bin: "Wie heisst Ihr Fraeulein Braut? Woher stammt sie? Weshalb fuehren Sie sie nicht uns und der Gesellschaft zu? Ist sie wirklich krank? Und wollen Sie sich, wie man sagt, wieder entloben? "Nicht Neugierde treibt mich, ich betone dies. Die angefuehrten Gruende und das warme Interesse, das ich fuer Sie empfinde, lassen mich sprechen."-- Schon wollte Klamm antworten, er wollte ihr bekennen, wie es stand und wodurch die Unwahrheit hervorgerufen worden war. Aber dann waehlte er doch einen anderen Weg, den, zu dem ihn bei Fraeulein von Wiedenfuhrt die Umstaende getrieben, den er auch Ileisa vorgeschlagen hatte. "Zuerst meinen aufrichtig empfundenen Dank, gnaediges Fraeulein," entgegnete er. "Und um alles nach Ihren Wuenschen zu erledigen, bitte ich Sie, in eine zeugenlose Unterredung zwischen uns zu willigen. Hier--heute--ist nicht der Ort, Ihnen alles zu erklaeren. Ich muss weit ausholen. "Also, ich bitte.--Wann wollen Sie mir diese Verguenstigung gewaehren?" "Sonnabend mittag bin ich allein in unserer Wohnung. Meine Mutter will dann Besuche machen! "Wohlan! Abgemacht!" Sie reichten sich die Hand. "Aber bitte, gehen Sie jetzt, ich sehe verschiedene unserer Gaeste kommen," betonte sie, und Klamm verneigte und entfernte sich.-- * * * * * Gegen Mitternacht, waehrend sich die Gaeste bei Knoops im vollen Geniessen befanden, wurde draussen an der Hausthuerklingel der Villa gezogen. Als Adolf oeffnete, trat ihm ein hochaufgeschossener, hagerer Mann mit wuesten Augen, krankhaft geroeteten, scharf hervortretenden Backenknochen und einem unangenehm wirkenden rotbraunen Halbbackenbart entgegen. Er fragte, im uebrigen wie ein Gentleman gekleidet, mit hohem Zylinder und Pelz versehen, in einem kurzen Tone, nach Herrn Knoop. Als Adolf entgegnete, es sei Gesellschaft im Hause--es werde sich Herr Knoop jetzt unter keinen Umstaenden sprechen lassen,--erwiderte er: "Sagen Sie nur, dass es sich um hoechstens fuenf Minuten, dass es sich aber um eine sehr wichtige und eilige Geschaeftsangelegenheit handle. Sie koennen hinzufuegen, dass ich noch diese Nacht Berlin verlassen muesse, dass ich deshalb jetzt komme. "Wo kann ich mich solange aufhalten, bis Herr Knoop kommt?" schloss er, indem er durch solche Frage ohne Weiteres seinen Willen zur Geltung zu bringen suchte. "Ist hier nicht ein Gemach, wo ich warten kann?" Adolf zeigte, durch die Sicherheit, mit der jener austrat, nachgiebig gemacht, auf ein kleines, einfenstriges Kabinett zur Rechten. In dieses trat dann auch der Fremde ein, waehrend sich Adolf rasch in den Tanzsaal begab. Knoop unterhielt sich eben mit Klamm, sie beredeten noch eine kleine Ueberraschung fuer die Gaeste. "Ein Fremder? Ein Fremder um diese Zeit? Was will er?" Adolf berichtete, was er wusste. "Bitte, begleiten Sie mich, Herr von Klamm," entschied Knoop rasch entschlossen. "Da es sich um Geschaeftliches handelt, sind Sie ja ebenso sehr interessiert--" Unter solchen Worten schritt Knoop voran, und wenige Augenblicke spaeter traten sie in das erwaehnte Kabinett. "Ah! du!" stiess Knoop ebenso enttaeuscht wie zornig heraus. "Nun dringst du gar nachts unter einer Luege in mein Haus! Nein, nein--gieb dir keine Muehe! Ich habe nichts zu hoeren--" "Du erregst dich zu deinem eigenen Nachteil, Friedrich," fiel Theodor Knoop mit eiserner Ruhe ein. "Ich frage, da ich Berlin verlassen muss, da ich eine Antwort auf meine Zeilen nicht empfing, ob du meiner Bitte entsprechen willst? Ich erklaere mit meinem Ehrenwort, dass ich dich nie wieder belaestigen werde. Ich will dir einen schriftlichen Verzicht ausstellen." "Sehr gnaedig! Du thust wirklich, als ob du Ansprueche zu erheben haettest, waehrend du ganz dasselbe jedesmal beschworen hast. Was nach solchen Erfahrungen ein Ehrenwort aus deinem Munde bedeutet--" "Ah," presste Theodor Knoop in ergrimmtem Tone heraus, und seine Augen funkelten. "Immer bleibst du doch derselbe eingebildete Hochhinaus, der du schon als Knabe warst, haeltst dich fuer hundertfach besser, als andere, giebst schoene Lehren und teilst weise Sprueche aus, waehrend du----" "Nun, ja--ja--ja--es mag sein, dass du vieles mit Recht an mir auszusetzen hast. Wir geben uns eben darin nichts nach; und weil dem so ist, habe ich ja schon seit langen Jahren vorgeschlagen, dass wir auseinander bleiben. Du aber kommst immer wieder, und natuerlich immer dann, wenn du Geld von mir erpressen willst-- "Ich aber erklaere dir, dass ich mich auf nichts mehr einlasse! Ein Vermoegen, das ich dir nach und nach hingab, ist zwecklos verschleudert. Es wuerden die Tausende auch in den Sand geworfen sein, die du heute verlangst.-- "So das ist mein letztes Wort; wir haben nichts mehr miteinander zu sprechen.--Ich muss dich ersuchen, mich nicht ferner mehr zu belaestigen. Es ist hoechste Zeit, dass ich zu meinen Gaesten zurueckkehre."-- Theodor Knoop, ein Mann mit einem tueckischen Auge und kaltem Ausdruck in den Zuegen, ueberlegte, was er thun sollte. Er hatte diesen Weg eingeschlagen, weil er dadurch die ihm einzig noch bleibende Moeglichkeit erkannte, von seinem Bruder etwas zu erreichen. Nun hatte er aber, statt den Bittenden zu spielen, seinem Bruder Beleidigungen ins Gesicht geschleudert. Ungeschickter haette er es nicht anfangen koennen, ihn zur Hergabe von Geld zu bewegen. Und da griff er zu dem letzten Mittel. Indem er rasch seines Bruders Begleiter musterte und zu diesem, zu Klamm, sich wendete, sagte er: "Ich bitte Sie, mein Herr, ein gutes Wort fuer mich einzulegen. Ich wiederhole, dass ich durch dieses Geld zu einer dauernd soliden Existenz gelange. Bisher verfolgte mich das Unglueck;--mein Bruder rechnet niemals dieses hinein, er spricht immer nur von meinem Leichtsinn, weil er nie die Verhaeltnisse geprueft hat. Soll ich denn wirklich zu einem Verzweiflungsakt getrieben werden? Ich frage: Ist derjenige, der sich durch seine Schuld in einer schweren Lebensbedraengnis befindet, weniger bemitleidenswert, als der unschuldig Leidende? Und wenn, ist nicht ein Unterschied zwischen Fremden und Bruedern?" Und wieder zu seinem ungeduldig nach der Thuerklinke greifenden Bruder: "Gewiss! Ich war wiederholt ausfallend gegen dich, Friedrich. Es war aber Verzweiflung--es war nicht persoenlich. Dir ist alles geglueckt, du bist von der Natur anders veranlagt, so wurde es dir leichter, den glatten Weg zu gehen. Ich bitte, ich flehe dich an: Gieb mir das erbetene Geld! Sage, dass ich es mir morgen holen lassen darf.--Helfen Sie, mein Herr, diese Sache zwischen uns zu einem friedlichen Abschluss zu bringen!" Herr von Klamm hatte bisher nur den stummen Zuhoerer gespielt. Es war um so mehr geschehen, weil er in dem Manne, der hier naechtlich eingedrungen war, einen nach der Beschreibung seiner Mutter nicht zu verkennenden Komplizen derjenigen Geschaeftsleute zu erkennen glaubte, durch die seine Mutter, waehrend seines Aufenthaltes im Ausland um ihr Hab' und Gut gekommen war. Es war eine ganze Bande gewesen, die es in der raffinierteren Weise verstanden hatte, sie auszurauben. So zog er nun die Achseln und sagte: "Ich wurde von Herrn Knoop ersucht, ihn zu begleiten. Er nahm an, dass es sich um Geschaefte handle. In Herrn Knoops Privatangelegenheiten habe ich kein Recht einzugreifen; es wuerde, wie ich vermute, auch durchaus gegen seinen Willen sein." "Ich gebe aber nochmals zu bedenken, dass ich Ihnen allen fuer alle Zeiten entrueckt werde. Ich will mich nach Suedamerika einschiffen. Ohne Geld vermag ich es nicht, ich weiss es mir nicht anders zu verschaffen--" "Wohlan, so will ich das Billet fuer dich kaufen," sprach Herr Knoop ploetzlich entschlossen. "Herr von Klamm wird dich auf das Schiff begleiten, und dir auch noch etwas Zehrungsgeld einhaendigen. Ein Schriftstueck unterzeichnest du vorher, dass du mir so und so viel schuldig geworden. "Bist du damit einverstanden, so melde dich morgen vormittag elf Uhr zur naeheren Ruecksprache bei mir." "Und wie viel wuerdest du mir bewilligen, Friedrich?" forschte der Mann lauernd. "Ich sagte es ja schon. Den Betrag fuer die Ueberfahrt und eine Summe in angemessener Hoehe fuer den Anfang, keinen Pfennig mehr, und auch nur dann, wenn das Geld dafuer verwendet wird. Und nun nochmals.--Adieu! Ich kann und will hier nicht laenger verweilen--" "Gieb mir 3000 Mark ohne Bedingung, ich wiederhole mit meinem Eidschwur, dass ich nicht wiederkommen will, Friedrich. Weise es mir zu der angegebenen Zeit an." "Nein, es bleibt, wie ich angab! Ich lasse mich nur nochmals bewegen, etwas zu thun, wenn du Deutschland verlaesst. Es geschieht vorzugsweise auch um meiner Damen willen, die endlich Ruhe fuer mich herbeiwuenschen." Noch einen Augenblick schwankte Theodor Knoop. Dann sprach er einen rauhen Dank, nickte kurz, griff nach seinem Hut und entfernte sich unter der nochmaligen Wiederholung der Zeitstunde, die fuer den folgenden Tag zwischen ihnen verabredet war. Mit aeusserlich sorglosen Mienen traten dann auch die beiden Herren wieder unter die Gaeste. Niemand sah ihren Gesichtern an, was sich eben hinter den Thueren vollzogen hatte. Man hatte sie bisher auch kaum vermisst, nur von Ileisa war bemerkt worden, dass sie sich mit beschaeftigten Mienen beide ploetzlich entfernt hatten. * * * * * Als Klamm am naechsten Morgen erwachte, hatte er es schwer, seine Gedanken zu ordnen, insbesondere das Fuer und Wider, das sich ihm nuechtern aufdraengte, vernunftgemaess zu scheiden. Nun war der Augenblick gekommen, wo er eine buendige Erklaerung abgeben musste. Sollte er eingestehen, dass er gar nicht verlobt sei? Und wenn, welche Gruende fuer seine Behauptung sollte er angeben? Die wirklichen!? Er sah Herrn Knoops Miene und stand davon ab. Andererseits widerstrebte es ihm, an einer Luege festzuhalten und gar noch eine neue auszusprechen. Fraeulein von Wiedenfuhrt konnte er die Wahrheit bekennen, sie, die Fernerstehende, wuerde seine Handlungsweise eher begreiflich finden. Gab er Margarete zu, dass er Falsches berichtet, so konnte er ihr wenigstens nicht eroeffnen, weshalb er so gehandelt hatte. Er musste ein anderes Motiv angeben. Und wiederum, wenn er das that, musste er auch Fraeulein von Wiedenfuhrt ein gleiches sagen. Der Zufall konnte spielen. Wie wuerde er dastehen, wenn er der einen diesen, der anderen einen voellig anderen Grund mitteilte, und sie davon erfuehren? Es gab, sagte sich Klamm, Zeiten, in denen den Himmel fuer den einzelnen voll klaffender Spalten war. So erging es jetzt ihm, und nur einen Ort gab es, wo er vielleicht Rat und Trost finden konnte, bei ihr, seiner weisen, voll inniger Liebe fuer ihn erfuellten Mutter. Ihr beschloss er sich anzuvertrauen. Ihr wollte er alles mitteilen, wollte hoeren, wie sie entschied, und danach zu handeln suchen. Vorlaeufig bestand aber die naechste, ernste Tagesaufgabe darin, mit Theodor Knoop zu konferieren. Da zu diesem Zweck noch eine vorherige Ruecksprache zwischen ihm und dem Chef verabredet worden war, beeilte sich Klamm, baldmoeglichst von seiner in der Kurfuerstenstrasse belegenen Wohnung nach den in der Zimmerstrasse befindlichen Knoopschen Geschaeftsraeumen zu gelangen.-- Klamm fand Herrn Knoop allerdings nicht in der gewohnten, guten Laune, Feste lassen nur zu haeufig einen schlechten Geschmack auf der Zunge zurueck. So erging's dem Chef. Er sollte nun wieder fuer seinen Bruder Theodor, den unverbesserlichen Taugenichts, in die Tasche greifen. Auch beschaeftigte seine Gedanken ein Brief, den er von seinem Sohne Arthur erhalten hatte. Der wollte durchaus jetzt schon nach Berlin zurueck. Er mochte im Auslande nicht mehr bleiben. Und wenn er wiederkehrte, wie wuerde sich das Verhaeltnis zu Klamm stellen? Das ging Herrn Knoop nicht minder durch den Kopf. Von all dem gelangte, waehrend der Unterredung mit Klamm, etwas zum Ausdruck. Natuerlich! Gehandelt musste deshalb doch werden! Das gegebene Wort musste eingeloest werden. Die Reise nach Chile kostete, das hatte Herr Knoop schon nachgesehen, etwa 1000 Mark. Dieser Summe wollte er noch 1500 hinzufuegen. Am naechsten Tage sollte Klamm mit Theodor nach Hamburg reisen.--Das Dampfschiff ging von dort abends ab. "Wenn Sie, verehrter Herr von Klamm, den Eindruck gewinnen, dass mein Bruder die Reise nur vorgiebt, dass es lediglich darauf abgesehen ist, mir wieder Geld abzunehmen," eroerterte Knoop, "so loesen Sie kein Bildet, sondern haendigen ihm die Haelfte, naemlich 1250 Mark unter der Bedingung aus, dass er vorher das hier von mir schon heute morgen ausgefertigte Schriftstueck unterschreibt. "Dann bringe ich eben dieses Opfer noch ein- und zum letztenmal. "Und nun noch zu etwas anderem, bester Herr von Klamm! Es muss das einmal zwischen uns eroertert werden," fuhr Herr Knoop ernst geschaeftig fort, und seine Mienen und seine dann folgenden Worte versetzten Klamm in eine starke Unruhe: "Als Sie mir damals naeher traten, erklaerten Sie, dass Sie--ich habe Sie nicht danach gefragt, Herr von Klamm--verlobt seien. "Es wird nun von allen Seiten darueber gesprochen, dass Sie Ihr Fraeulein Braut mit einem sehr auffallenden Geheimnis umgeben, nie von ihr reden, sie nicht zeigen. Einige behaupten, Sie wollten die Verbindung wieder loesen, Sie haetten sie sogar schon wieder geloest. "Es ist mir sehr peinlich, uns allen, dass wir immer wieder auf diese Angelegenheit angeredet werden. Ich moechte Sie daher freundschaftlich bitten, mir Ihr Vertrauen zu schenken, mir offen und ehrlich zu erklaeren, wie die Dinge stehen. "Ich hoffe, Sie erkennen darin keine unbescheidene Zudringlichkeit, sondern nur den wohl begreiflichen Wunsch, Klarheit zu gewinnen. "Also ich bitte: Sprechen Sie, und seien Sie versichert, dass ich Ihre Erklaerungen so entgegennehmen werde, wie es unseren Beziehungen entspricht!" Was ging nicht alles durch Klamms Inneres bei dieser Rede!-- So voellig unerwartet kam ihm diese Aufforderung. Waehrend er noch vor einer Stunde hatte die Dinge nach seinen Gedanken lenken wollen, wurde er nun ploetzlich durch die Umstaende zu einer Entscheidung gedraengt. Es galt jetzt: Wahrheit oder fernere Verschleierung, volle oder halbe Wahrheit! Klamm entschied sich ohne Besinnen fuer die Wahrheit, jedoch fuer diese mit einer Einschraenkung. Zufolgedessen sagte er: "Wohlan, Herr Knoop! Da Sie mich fragen, da Sie mich Ihrer Freundschaft versichern, mit anderen Worten, Ihrer Nachsicht und Ihrer ferneren guten Gesinnungen, so sei es bekannt: "Ich bin gar nicht verlobt!" Nur das sprach Klamm vorlaeufig, und richtete einen ruhigen Blick auf seinen Chef. Zu Klamms sehr starker Enttaeuschung erschien aber nicht der erwartete Ausdruck in den Zuegen des Herrn Knoop, sondern es malte sich darin eine ganz gewaltige Befremdung. Ja, noch mehr! Es erschien ein Zug von aeusserstem Unbehagen und einer beinahe mit Entruestung vermochten Strenge. "Wie? Was? Sie waren und sind gar nicht verlobt? Und dabei geben Sie uns seit dreiviertel Jahren fortwaehrend Antwort auf unsere Fragen, befoerdern Gruesse und gar Einladungsbriefe an Ihre Braut? Ich muss gestehen, Herr von Klamm, dass diese Erklaerung mich aeusserst befremdet, und ich werde mich nicht eher beruhigen koennen, als bis Sie mir naehere, mich hoffentlich befriedigende Aufklaerung gen zu geben vermoegen.-- "Was in aller Welt gab Ihnen Anlass, mir ohne Not das vorzusprechen, und die Unwahrheit bis zum heutigen Tage fortzusetzen?" "Ich vermag Ihnen den Grund nicht zu sagen, Herr Knoop. Ich kann Ihnen nur erklaeren, dass ganz bestimmte Verhaeltnisse mich dazu draengten, Umstaende, deren Zwang Sie, koennte ich reden, anerkennen wuerden. Moege Ihnen das genuegen, und seien Sie, ich bitte, statt Richter, wie Sie es versprachen: mein nachsichtiger Freund! "Es waere ja ein Leichtes fuer mich gewesen, Ihre Frage so zu beantworten, dass mich gar kein Vorwurf getroffen haette. Ich haette Ihnen ja nur sagen koennen, dass ich die Verlobung wieder aufgehoben habe. Ich hasse aber die Luege, und sie ohne Not noch einmal anzuwenden, waere eine verwerfliche Handlung gewesen!" "Hm--hm--Das klingt sehr ehrenfest, Herr von Klamm! Aber es befriedigt mich, offen gestanden, nicht. Ich muss sogar in Anbetracht des Verhaeltnisses, in dem wir zu einander stehen, die Bedingung fuer ein ferneres Zusammenbleiben stellen, dass Sie sich mir rueckhaltlos eroeffnen. Es geht nicht anders. Es ist absolut erforderlich! "Bedenken Sie, dass ich vor Ihnen gewarnt wurde. Versetzen Sie sich in meine Lage und fragen Sie sich, ob ich anders handeln kann. "Und wenn doch--ist jetzt einmal mein Vertrauen erschuettert worden--und es liegt Ihnen die Aufgabe ob, es wieder herzustellen."-- "Ist die Sache wirklich so tragisch zu nehmen, Herr Knoop? "Was liegt vor? Ich habe erwaehnt, dass ich verlobt sei!--Ich hatte einen Grund dafuer! Ich habe dann nie wieder darueber gesprochen, bin aber, obschon ich auswich, obschon ich immer deutlich an den Tag legte, dass ich der Fragen gern entgehen moege, unzaehlige Male von Ihrer Umgebung darauf angeredet worden. Ja, aus Ihrem Hause ist die Sache auch in die Oeffentlichkeit gebracht. Ich habe mit niemandem als mit Ihnen das einzige Mal gesprochen. Nun erklaere ich auf Ihre Frage, dass ich nicht verlobt bin, dass ich seinerzeit einen wichtigen Grund hatte, mich als gebunden auszugeben. "Gewiss, damit wird die Unwahrheit nicht beseitigt, aber es ist wohl anzunehmen, dass ich wirklich unter einem Zwange handelte. An diesen, bitte ich Sie, nun zu glauben. "Aber Sie wollen nicht! Sie erklaeren, mich sogar fallen lassen zu muessen, wenn ich nicht mein Geheimnis preisgebe. Aber noch mehr, Herr Knoop! Sie fuehren sogar jenen ruchlosen Brief an! Obschon Sie mich nun fast ein Jahr geprueft haben, wollen Sie nicht nach Ihren Erfahrungen in einem fuer mich guenstigen, sondern unguenstigen Sinne entscheiden!" "Ich kann nicht anders, Herr von Klamm, soviel Sie auch zu Ihrer Entlastung anfuehren. Ich muss darauf begehen, dass Sie meine Frage beantworten: "Aus welchem Grunde erklaerten Sie mir unaufgefordert, dass Sie verlobt seien, waehrend dies eine bewusste Unwahrheit war?" "Ich vermag dennoch Ihrem Ersuchen nicht nachzukommen, Herr Knoop. Ich darf Sie nochmals bitten, sich mit meiner Erklaerung zu begnuegen und Nachsicht zu ueben! "Wenn aber nicht--so muss ich mich, so unendlich schmerzlich es mir ist--Ihrem Willen fuegen und das wieder verlassen, was ich mit auszubauen redlich bestrebt war, von dem ich gehofft hatte,--dass ich dadurch einen neuen dauernden Lebensinhalt finden werde. "Ich darf und will mich auch nicht beklagen. Ich beging ein Unrecht und muss dafuer buessen! Wann wuenschen Sie, dass ich aus dem Geschaeft austrete!?" "Ich werde Ihnen darueber noch Mitteilung zukommen lassen, Herr von Klamm! Zunaechst richte ich die Frage an Sie, ob Sie auch jetzt noch die Angelegenheit mit meinem Bruder zu uebernehmen, die Guete haben wollen?" "Jawohl! Ich bin dazu bereit, Herr Knoop!" "Ich danke Ihnen! Weiteres dann nachher bei seinem Besuch! Guten Morgen, Herr von Klamm." "Guten Morgen, Herr Knoop!" Als Klamm in sein Kontor getreten, war es sein erstes, ein Briefchen an Margarete Knoop zu schreiben. Es war sehr kurz gefasst und lautete: "Hochverehrtes Fraeulein! Verzeihen Sie, wenn ich Sie bitte, von einer Unterredung in meinen Angelegenheiten abzugehen. Zufolge einer zwischen Ihrem Herrn Vater und mir eben stattgehabten Auseinandersetzung wuerde eine solche nur Peinlichkeiten fuer uns beide mit sich fuehren. Nehmen Sie im voraus meinen verbindlichsten Dank fuer die gute Gesinnung entgegen, die ich trotzdem ferner von Ihnen und Ihrer Frau Mutter zu erbitten wage. Ihr sehr ergebener Alfred, Freiherr von Klamm." Klamm geriet noch einmal ins Zoegern, bevor er diesen Brief von Adolf hinuebertragen liess. Wer ihm das diesen Morgen gesagt haette! Und doch ging es nicht anders, und doch war es nun das Richtige, reine Bahn zu schaffen. Es waren einmal die Dinge aus dem Gleis geraten. Wo das Vertrauen verloren gegangen war, so sagte sich Klamm, da gab's keine Nadeln und keinen Zwirn zum wiederzusammenheften. Hoechstens konnte die Zeit, die alles klaerte, auch darin einstmals eine Aenderung wieder herbeifuehren. Und einen Gewinn trug er davon, wenn er Knoops verliess: er konnte sich unter weit guenstigeren Umstaenden Ileisa naehern, sie, wie er nach den gestrigen Vorgaengen annehmen zu koennen glaubte, fuer sich gewinnen.-- Grade ihre Art und ihr Wesen hatten ihn noch mehr bestrickt, hatten die Funken, die in ihm gluehten, angefacht. Einmal wieder den Geschaeften abgewendet, war das fruehere, lebendige Interesse fuer Frauen und Frauenschoenheit wieder in ihm wach geworden. Oft enttaeuscht, fand er--wie er hoffte--in ihr endlich das Ideal seiner Vorstellungen. Er konnte es nicht erwarten, in ihre Naehe zu gelangen.--Auch an Fraeulein von Wiedenfuhrt richtete er--infolge der veraenderten Sachlage--noch an diesem Morgen einen Brief: "Erlauben Sie, mein hochverehrtes Fraeulein!"--schrieb er--"dass ich einmal spaeter um die Erlaubnis bitte, Ihnen in der zwischen uns beredeten Angelegenheit naehere Aufklaerungen zu geben. Es hat sich unerwartet etwas zwischen mein Wollen und Koennen gestellt. Nur so viel heute von Ihrem Ihnen aufrichtig ergebenen Alfred, Freiherrn von Klamm." Eben hatte die Ruecksprache mit Theodor Knoop stattgefunden. Es war die Abrede getroffen, dass die Herren am naechsten Morgen nach Hamburg reisen sollten. Im legten Augenblick hatte sich Herr Knoop bereit gefunden, seinem Bruder ausser den Ueberfahrtskosten die Summe von zweitausend Mark, also einen groesseren Betrag, als er urspruenglich beabsichtigt, zu bewilligen. Er war dem geschmeidigen Wesen Theodors, seinen Versicherungen und Schwueren, dass er nie wieder etwas von sich hoeren lassen, dass er nie aus Chile zurueckkehren werde, erlegen. Bevor sie sich zum Fortgehen anschickten, ersuchte aber Klamm noch Herrn Knoop um eine Unterredung. Zu diesem Zweck traten sie in Klamms Arbeitszimmer, und hier begann letzterer: "Ich muss Ihnen eine Eroeffnung machen, Herr Knoop. Ich muss Sie dennoch bitten, dass Sie mich von meiner Zusage entbinden, mit Ihrem Herrn Bruder nach Hamburg zu reisen, ueberhaupt mit ihm in Beruehrung zu treten. "Es hat sich mir naemlich als unzweifelhaft ergeben, dass Ihr Herr Bruder zu einer Gruppe von Personen gehoert, die vor Jahren meine Mutter durch falsche Vorspiegelungen um ihr ganzes Vermoegen gebracht haben. Wir haben den Gaunern, die sich falsche Namen beigelegt hatten, bisher nicht auf die Spur kommen koennen. Nun ist einer entdeckt. "Meine Mutter hat ihn mir so oft beschrieben, dass ich schon gestern gleich stutzig wurde, als ich ihn sah. Eine Unterredung, die ich heute morgen mit ihr hatte, und der eben stattgehabte abermalige Vergleich erhaerten die Gewissheit seiner Identitaet. "Wenn ich Ihnen nicht den Eklat ersparen moechte, wuerde ich sogleich seine Verhaftung veranlagen. Ich sehe davon ab, aber Sie werden begreifen, dass ich mit ihm nicht in Beruehrung treten will! Es thut mir ausserordentlich leid, aber ich kann nicht anders handeln!" "Hm--hm," stiess Herr Knoop enttaeuscht und hoechst unangenehm beruehrt, heraus. "Das ist ja sehr fatal! "Sollten Sie sich aber nicht doch irren! Sollte wirklich mein Bruder Sie geschaedigt haben? Sie stehen doch bisher nur unter einer Vermutung. Und ich bitte, noch etwas sagen zu duerfen: Sie erklaerten mir doch bei unserer ersten Konferenz damals, dass Ihre Frau Mutter vermoegend sei. Wie habe ich es zu verstehen, dass nun mein Bruder sie um ihr ganzes Vermoegen gebracht haben soll?" Klamm fuehlte sich stark betroffen. Das war abermals eine Folge seiner damaligen Aeusserungen. Was sollte er darauf entgegnen? Da ihm aber zum Besinnen keine Zeit gegeben war, sagte er rasch und ohne aeussere Verlegenheit: "Sie scheinen zu glauben, dass ich nur nach einem Vorwande suche, mich meiner Zusage zu entziehen, Herr Knoop. Ich versichere Sie, dass ich mich in der Person Ihres Herrn Bruders nicht irre. Schon fiel es mir gestern abend auf, wie er gleich bei der Nennung meines Namens zusammenzuckte. Was ferner den Widerspruch zwischen meinen damaligen und heutigen Erklaerungen anbetrifft, so haengen sie mit jenem Umstande zusammen, ueber den ich nicht sprechen kann, und um dessen willen Sie wuenschen, dass ich Ihr Geschaeft wieder verlasse. Ich vermag mich auch jetzt nicht zu erklaeren." "Mir aber werden Sie es nachfuehlen, Herr von Klamm, dass mich alle diese Dinge aeusserst stutzig machen muessen. "Wenn auch alles guenstig fuer Sie liegt, ich habe--ich wiederhole es--das Vertrauen verloren, und da Sie abermals verweigern, Erklaerungen zu geben, so meine ich allerdings, dass eine Trennung zwischen uns nicht mehr zu umgehen ist." "Und was soll mit Ihrem Herrn Bruder geschehen?" wandte Klamm, nachdem er eine resignierende Miene angenommen hatte, ein. "Ja--ja--das weiss ich nicht," ging's zaudernd aus des Mannes Munde. "Ich--ich kann's Ihnen ja nicht verdenken, wenn Sie wirklich einen Schuldigen zur Rechenschaft ziehen wollen! Ich befinde mich in einer sehr boesen Lage. Immerhin ist's doch mein Bruder; immerhin handelt es sich doch um die Ehre und das Ansehen meines Hauses.--Seine voellige Entfernung aus Deutschland waere also die gluecklichste Loesung."-- Klamm bewegte den Kopf mit einem bitteren Ausdruck. Dann sagte er: "Nun, da es sich um Ihre Angelegenheit handelt, Herr Knoop, wuenschen Sie, dass Nachsicht geuebt wird. Es liegt ein Gaunerstreich vor, der einer Familie das Vermoegen kostete, der mich gezwungen hat, aus meinen Lebensbahnen herauszutreten, ja, ich kann es sagen, der ein indirekter Grund ist, dass ich Ihnen etwas Unzutreffendes sagte,--dass ich an ein Maedchen gebunden sei! "Aber diese Sache wollen Sie im Sande verlaufen lassen? Mich wollen Sie um eines unguenstigen Scheines willen--wollen mich trotz Ihrer anderweitigen Erfahrungen--abthun!" "Sie haben doch selbst das Anerbieten gemacht, Herr von Klamm! Sie haben erklaert, Sie wollten um meinetwillen den Eklat vermeiden." "Gewiss, ich wurde von meiner anstaendigen Gesinnung geleitet. Nachdem Sie mich aber interpellierten, wie es geschehen ist, entzogen Sie mir eine gleiche Ruecksicht. Die Dinge dieser Welt muessen, sollen sie einen Ausgleich finden, auf Gegenseitigkeit beruhen." "Sie haben recht und unrecht, Herr von Klamm! Aber jedenfalls hat--ich wiederhole Gesagtes--das gute Einvernehmen zwischen uns durch die Umstaende einen Bruch erlitten. "Ich schlage Ihnen vor: Trennen wir uns in Frieden! Verschaerfen wir den Riss nicht durch eine Fortsetzung solcher Gespraeche. Ich mache Ihnen den Vorschlag, dass Sie noch einige Zeit bleiben, um alles abzuwickeln, und dass wir dann von einander scheiden. Es trifft sich, dass mein Sohn aus dem Ausland zurueckkehren will! So kann er an Ihre Stelle treten!" "Ah--" ging's langgedehnt ueber die Lippen Klamms, und er wollte hinzufuegen: "Nun ist mir alles verstaendlich!" Aber er sprach nicht mehr. Nur noch eine Verneigung erfolgte, aus der hervorging, dass er sich mit Herrn Knoops Vorschlaegen einverstanden erklaerte.-- Er erfuhr auch nicht, in welcher Weise sich Herr Knoop mit seinem Bruder auseinandergesetzt hatte. Er sah nur nach einer geraumen Weile Theodor Knoop aus dem Hause treten und die Strasse hinabschreiten. * * * * * Klamm und Ileisa, die sich an einer von ihnen schriftlich vereinbarten Stelle in der Bellevuestrasse getroffen hatten, wanderten durch den Tiergarten und nahmen die Richtung nach Charlottenburg. Anfaenglich stockte das Gespraech. Ileisa legte eine starke Befangenheit, aber auch eine auffallende Unpersoenlichkeit in ihrem Wesen an den Tag. Sie sah sich wiederholt scheu um, ob man sie auch beobachte, und betonte zu Klamms Enttaeuschung, dass sie nur ihr Wort nicht habe brechen wollen, dass sie sich eigentlich anders entschlossen habe. Von jener versteckten Hingabe, mit der sie ihm an jenem Abend das Herz heiss gemacht und in ihm so berechtigte Hoffnungen erweckt hatte, trat nichts zu Tage. Sie war offenbar durch die letzten Geschehnisse voellig beeinflusst. Sie nickte nur mit ernst stummer Miene, als sie Klamm fragte, ob sie schon wisse, dass er das Knoopsche Geschaeft verlassen werde, und loeste ihre Zunge erst auf seine eindringlich zuredenden Worte. Sie erklaerte, dass sich Herr Knoop sehr scharf geaeussert, dass er alles ausfuehrlich eroertert und auch die vollstaendige Beipflichtung der Damen gefunden haette. Er habe gesagt, dass die Unwahrheiten, die Klamm gesprochen, deshalb so unentschuldbar seien, weil zu deren Aeusserung keine Noetigung vorgelegen habe. Es sei sicher doch etwas mit seiner Vergangenheit nicht in Ordnung. Der anonyme Briefschreiber habe ein Recht gehabt, vor ihm zu warnen. Sein ganzer Lebensgang sei sehr abenteuerlich gewesen, und nicht mit vollendeter Verstellungskunst freimuetig hervorgebrachte Worte, sondern Thatsachen waeren in solchen Faellen entscheidend. Theodor Knoop habe Klamms Beschuldigungen mit Entruestung zurueckgewiesen. Aber noch mehr! Er habe geaeussert: nicht er habe Klamm zu fuerchten, sondern Klamm ihn! Er meine in ihm einen frueheren bekannten, uebel beleumdeten Gelegenheitsmacher entdeckt zu haben, der schon wiederholt wegen sehr bedenklicher Affaeren von sich reden gemacht habe. Und nach diesen Mitteilungen geschah auch das, wovor Klamm schon gefuerchtet hatte, vor dem er zitterte: Als er einen versteckteren Weg mit Ileisa beschritt und nun an das letzte Gespraech auf dem Knoopschen Ball anknuepfte, als er weich und eindringlich auf sie einsprach, loesten sich schwere, langsam niedertropfende Thraenen aus ihren Augen, die zwar auch ihm, aber ebensosehr ihrer Enttaeuschung zu gelten schienen. Und als sie sich endlich zu fassen wusste, als sie auf sein Zureden die Sprache wieder gewann, erklaerte sie, dass sich in ihr trotz schwerster Kaempfe ein Misstrauen gegen ihn eingeschlichen habe, und dass sie es auch nicht abzustreichen vermoege. Klamm trafen diese Worte gradezu niederschmetternd. Die Welt um ihn verduesterte sich. Er sah sich als ein Opfer der Verhaeltnisse niedergeworfen. Es wirkte auch nicht, dass er nun Ileisa ein Gestaendnis ueber die Hergaenge ablegte. Immer wieder las er in ihrem Angesicht: "Darf ich dir trauen? Bist du nicht trotz deiner Worte doch der, als welchen dich der Briefschreiber und Theodor geschildert haben?" Namentlich schien auch Margarete auf sie gewirkt zu haben. Sie nahm an, dass er sich nicht zu verteidigen vermoege, und sie sah, dass er fuer sie fuer immer verloren war. Klamm empfing sonst aber auch heute die guenstigen Eindruecke, die er waehrend der wiederholten Begegnungen im Knoopschen Hause von Ileisa erhalten hatte. "Wir lebten," berichtete sie auf seine Bitte, ihm von ihrer Jugend und Vergangenheit naeheres zu erzaehlen, "in sehr reichlichen Verhaeltnissen auf einem meinem Vater gehoerigen Gute in Schlesien. Bei einem gelegentlichen, laengeren Aufenthalt in Berlin, machte er die Bekanntschaft einer adeligen Abenteuerin, die ihn dermassen zu umstricken wusste, dass er sich in der Folge oft wochenlang dort aufhielt, und ihr auch, nachdem meine Mutter inzwischen vor Gram ueber sein Verhalten gestorben war, zuletzt fast sein ganzes Vermoegen verschrieb. Nach seinem, in meinem dreizehnten Lebensjahre erfolgten Tode strengte meine, seit meinen Kinderjahren bei uns lebende, nunmehr Mutterstelle bei mir vertretende Tante einen Prozess gegen die Erbschleicherin an, der aber nur den Ausgang hatte, dass der uns verbliebene Kapitalrest noch mehr geschmaelert wurde. "Dazu traten erhebliche Verluste, die durch Kursrueckgaenge an Papieren entstanden, sodass meine Tante nur so viel uebrig behielt, um mir eine Erziehung geben und selbst unter den allerbescheidensten Anspruechen existieren zu koennen. Meine, durch solche Vorgaenge beeintraechtigte Jugend hat mich frueh ernst gemacht. Waehrend meines spaeteren Aufenthaltes in einem Maedchen-Seminar kannte ich nur Arbeit, Einschraenkungen und Pflichterfuellung. Vergnuegen, Abwechslungen gab es nicht. Aus dem einst frohen, lebenslustigen Kinde wurde ein schwermuetig bedruecktes Wesen, das frueh zu resignieren lernte, das sein urspruenglich starkes Temperament zu zuegeln gezwungen wurde. "Ich habe zufolge solcher fruehen Erlebnisse einen wahren Abscheu vor allem Unsittlichen, vor allem Abweichenden und Extravaganten erhalten. Ich habe erkannt, dass nur die Hingabe an die idealen Dinge dieser Welt einen Menschen gluecklich machen kann, dass nur weises Mass und Beschraenkungsfaehigkeit die Moeglichkeit eroeffnen, den Konflikten mit dem eigenen Ich und der Aussenwelt erfolgreich zu begegnen. "Meine Tante ist mir darin ein Vorbild. Wenn Sie einen Einblick in diese gute, gerechte, selbstlose Natur empfingen, wuerden Sie sagen, dass es doch noch Ausnahmemenschen giebt. Ihr will ich nachstreben; um ihr meinen Dank an den Tag zu legen fuer alles, was sie fuer mich voll Aufopferung gethan hat. Ich will alles vermeiden, was mich aus den ruhigen Geleisen heraus in ein unstaetes, mit Reue und Kaempfen verbundenes Leben hineintreibt. Und sehen Sie! Das mag meine Haltung und meine Entschluesse auch Ihnen gegenueber rechtfertigen!" Waehrend sie noch so sprach, waren sie an die Ecke des Salzufers gelangt, und grade wurde der nach dem Brandenburger Thor fahrende Pferdebahnwagen sichtbar. Infolgedessen beschleunigte Ileisa ihren Schritt, aeusserte durch Miene und sonstiges Benehmen, dass sie die Gelegenheit zur Rueckkehr benutzen wolle und bot Klamm unter hastigen Worten die Hand. "Verzeihen Sie, wenn ich mich von Ihnen verabschiede. Ich muss zurueck; schon ist's ueber die Zeit. Haben Sie Dank fuer Ihr Vertrauen; ich werde es Ihnen nicht vergessen! Und moege es Ihnen gut gehen: ich wuensche es von ganzem Herzen! Adieu--Adieu!" Zu einer Einrede, zu einer neuen Abrede, zu einer Bitte vermochte Klamm ueberhaupt nicht mehr zu gelangen. Sie that ihn ab fuer immer. Und so rasch entglitt sie ihm unter einem nochmaligen fast unpersoenlichen Kopfneigen, dass er gar nicht zu der Ueberlegung gelangte, dass er den Wagen ebenfalls besteigen und dadurch noch in ihrer Naehe bleiben konnte. Langsam, mit zerstreuten Gedanken, nahm er den Weg in der Richtung des Brandenburger Thors zurueck. * * * * * Herr Knoop war in keineswegs guter Stimmung. Wenn er ehrlich mit sich zu Rate ging, musste er einraeumen, dass er Herrn von Klamm trotz alledem nicht haette gehen lassen, wenn nicht das unerwartet fruehe Zurueckkehren seines Sohnes auf seine Entschliessung mitgewirkt, ja, dass dieser Umstand den Ausschlag gegeben habe. Auch wurden ihm seine Aussichten, den Kommerzienrattitel zu erhalten, sehr geschmaelert. Er hatte mit Klamm darueber gesprochen und dieser hatte ihm--mit solchen Dingen vertraut--seine Beihilfe zugesagt. Er kannte Peinlichkeiten, mit denen er, ohne Gefahr missverstanden oder abgewiesen zu werden, sprechen, und bei denen er die Sache bereden und Interesse dafuer erwecken konnte. Endlich aber hatten die Vorfaelle auch sehr stoerend auf die Plaene eingewirkt, die ihn in den Angelegenheiten seines Bruders geleitet hatten. Da ihm niemand zur Verfuegung gewesen war, der Theodor begleiten konnte, war die Unterredung vorlaeufig ergebnislos verlaufen. Er hatte ihm einstweilen auf seine Bitten einige hundert Mark gegeben und ihm erklaert, er solle wegen des weiteren noch von ihm beschieden werden. So war die Ausfuehrung in der Schwebe geblieben, und Theodor so bald wie moeglich zu beseitigen, war doch mehr als je erforderlich. Im Geschaeft befand sich niemand, mit dem Herr Knoop jemals ueber seinen Bruder gesprochen hatte. Er war in allen privaten Angelegenheiten sehr verschwiegen. Er neigte gegen Theodor immer wieder zur Nachsicht, weil der Familiensinn sehr stark in ihm ausgepraegt war. Theodor Knoop besass zudem eine ungewoehnliche Verstellungskunst. Er wusste durch das freimuetige Eingestaendnis seiner Fehler zu versoehnen, und war sich der Wirkung bewusst. Im uebrigen war noch allerlei, was der Erledigung harrte, und dass Klamm seinen Verstand und sein Nachdenken zu gebrauchen und seinen Vorteil zu nutzen wusste, trat zur Erhaertung der nun einmal eingerissenen Entfremdung noch vor dessen Fortgange zu Tage.-- Er liess sich durch Adolf am folgenden Vormittag bei Herrn Knoop melden und begann nach gegenseitiger kuenstlich unbefangener Begruessung: "Ich erachte es als zweckmaessig fuer beide Teile, dass unsere Trennung sobald wie moeglich stattfindet, Herr Knoop. Bevor sie jedoch nach unsern uebereinstimmenden Wuenschen in freundschaftlicher Weise erfolgt, moechte ich Ihnen etwas vortragen, das Sie sicher als berechtigt anerkennen werden." "Zuerst darf ich wohl voraussetzen, dass Sie Ihrer Kundschaft und Bekanntschaft meinen Austritt mit einem Zeugnis zur Kenntnis bringen, wie es gerecht ist. Ich habe Ihrem Geschaeft die erwarteten Vorteile zugefuehrt, ich war von morgens bis abends in Ihrem Interesse thaetig. "Ich darf das Verlangen stellen, dass die Motive, die Sie zur Kuendigung leiteten, unbedingt zwischen uns bleiben. Wenn Sie sie auch als berechtigte erachten und ich, weil der Schein gegen mich spricht, ihren Entschluss vergehe, so versteckt sich doch thatsaechlich hinter ihnen nichts, was den geringsten Tadel gegen mich erwecken koennte. Sie moegen bedenken, dass es so ist, wenn ich Sie auch nicht zu ueberzeugen vermochte. "Und ferner: Ich darf von Ihrer bisherigen Kulanz erwarten, dass Sie mir mein volles Gehalt auszahlen!" "Ich weiss nicht, ob ich mir in einem Viertel- oder Halbjahr schon wieder einen Erwerb werde verschaffen koennen." "Dann noch etwas, Herr Knoop: "Ich werde Ihnen vielleicht, ja sicher, Konkurrenz machen. Ich spreche das gleich offen aus, damit Sie mich nicht spaeter einer unkorrekten Handlungsweise zeihen!" Und Knoop erwiderte: "Gegen Ihren sofortigen Austritt habe ich nichts einzuwenden, Herr von Klamm. Auch bin ich bereit, Ihnen ein ganzes Vierteljahrhonorar und die Haelfte einer weiteren Quartalrate bei meiner Kasse anzuweisen. Mehr bedaure ich nicht bewilligen zu koennen. Es haette in Ihrer Hand gelegen, in meinem Geschaeft zu bleiben, wenn Sie meiner Bitte um offene Darlegungen Ihrer Handlungsweise entsprochen haben wuerden. Da Sie es verweigerten, waren Sie--nicht ich--schuld an unserer Trennung. Ueber die inneren Vorgaenge, die Ihren Austritt veranlassten, werde ich nicht sprechen. Das gewuenschte Zeugnis werde ich Ihnen ausstellen." "Konkurrenz muss sich jeder gefallen lassen. Ich haette lieber gesehen, Sie haetten auf solche Plaene verzichtet--natuerlich--ich bedaure sogar, dass ich Sie nicht in dem Vertrage zwischen uns, dazu verpflichtet habe--aber ich vermag nichts einzuwenden." Die Gegenrede war sehr kuehl gehalten. Sichtlich kostete es Knoop Muehe, auch nur so zu sprechen. Und so blieb und wurde dann auch alles. Schon am folgenden Vormittag machte Klamm den Damen seinen Abschiedsbesuch, und die Damen liessen sich verleugnen. Den Redaktionsmitgliedern, die ihm, wie er wusste, meist feindselig gesinnt waren, sandte Klamm nur seine Karte. Von denen im Geschaeft, die ihm wohlwollten, die seinen Fortgang bedauerten, verabschiedete er sich persoenlich. Als er am vierten Tage nach der erwaehnten Unterredung bei Herrn Knoop nach vorangegangenem Klopfen und "Herein" eintrat, fand er Theodor Knoop dort, und die Blicke der beiden Maenner trafen sich, ohne dass sie einen Gruss wechselten, mit einem Ausdruck von Feindseligkeit. Klamm ging bei dieser letzten Verabschiedung mit dem Gefuehl von dannen, dass er fortan nicht nur in dem Bruder Theodor, den er bisher noch geschont hatte, einen unerbittlichen Gegner haben werde, sondern, dass er sich auch das Wohlwollen des Herrn Knoop vollstaendig verscherzt habe. * * * * * Den ersten Schritt, den Klamm nach seiner Entfernung aus dem Knoopschen Geschaeft unternahm, richtete er ins Polizeipraesidium. Er hatte sich vorher erkundigt, an wen er sich wenden musste, und fand auch bei dem Abteilungschef eine sehr hoefliche Aufnahme und ein bereitwilliges Ohr. Nach eingehender Darlegung der Umstaende empfing er die Zusage, dass ihm vorlaeufig fuer die naechsten acht Tage ein Geheimpolizist zur Verfuegung gestellt werden sollte, der gegen Personen, welche sich bei Klamms Ausgaengen durch Verfolgung seiner Schritte verdaechtig machen sollten, vorzugehen haben wuerde. Aber Klamm traf auch Massnahmen, um sich ueber Theodor Knoops Persoenlichkeit eine Gewissheit zu verschaffen. Da er bei der ersten Konferenz erfahren hatte, dass jener in einem Hotel in der Jaegerstrasse wohne, fuhr er mit seiner Mutter am naechsten Morgen dorthin, liess die Droschke in angemessener Entfernung halten und zog bei dem Portier Erkundigung ein, wann Herr Knoop auszugehen pflege. Er empfing die Antwort, dass ein Herr Knoop dort ueberhaupt nicht wohne, aber allerdings ein Herr, der zu der von Klamm gemachten Betreibung passe, und sich Ulmer nenne. Er sei noch auf seinem Zimmer; er waere waehrend der Zeit, in der er im Hotel wohne, meist morgens zwischen neun und zehn fortgegangen. Nach diesen Auskuenften begab sich Klamm zu seiner Mutter zurueck, um ihr zunaechst das Ergebnis dieser Unterredung mitzuteilen. Ulmer hatte sich Knoop damals nicht genannt. Also in dieser Beziehung gewaehrte die angestellte Ermittlung keinen Anhalt. Frau von Klamm betaetigte wiederholt, dass Knoop bei den damaligen Verkaufsverhandlungen als Agent aufgetreten sei, dass er die Sache in die Wege geleitet, die ungeheuren Vorteile geruehmt und den Wert der statt Geld zu zahlenden Papiere in den Himmel gehoben habe. Spaeter waren zwei andere Herren, die sich Malch und Wendt genannt, in Aktion getreten. Der grosse Preis hatte die arglose Dame verfuehrt, sehr rasch ohne mit ihrem damals im Ausland befindlichen Sohne in Verbindung zu treten, abzuschliessen. Sie hatte ihn durch den gluecklichen Erfolg ueberraschen wollen, ein Erfolg, der sich allerdings als ein aeusserst trauriger Irrtum insofern herausgestellt hatte, als sich die Industriepapiere, die sie neben der kleinen Auszahlungssumme von den Kaeufern in barem Gelde empfangen, als voellig unverkaeuflich, also wertlos herausgestellt hatten. Reue, Scham und Schmerz hatten sie nach der Entdeckung abgehalten, ihrem Alfred--nunmehr aus diesen andern Gruenden,--Mitteilung zu machen, bis er dann aus dem Ausland zurueckgekehrt und nichts mehr zu verschleiern gewesen war. Das Gut war seit dem damaligen Verkauf schon wieder dreimal in andere Haende uebergegangen. Die als Kaeufer um jene Zeit genannten Personen waren, da sie sich falscher Namen bedient, nicht mehr zu ermitteln gewesen, und nur ihr Aussehen hatte Frau von Klamm ihrem Sohne immer wieder beschreiben, nur die Namen ihm mitteilen koennen. Der Verdacht, der in Klamm aufgestiegen war, hatte sich zur Gewissheit verstaerkt, weil Theodor, wie erwaehnt, ein aeusserst unsicheres Wesen bei der Nennung des Namens Klamm an den Tag gelegt hatte.-- Das Ergebnis dieser an diesem Morgen angestellten Untersuchung verlief voellig nach Voraussetzung. Es gelang Klamm und seiner Mutter, Theodor Knoop, als er aus dem Hotel trat, genuegend in Augenschein zu nehmen, und Frau von Klamm vermochte mit unbedingter Sicherheit festzustellen, dass er mit jenem Agenten identisch sei. Nun konnte Klamm Friedrich Knoops Anstandsgefuehl anrufen, wenigstens einen Teil der Veruntreuungen, die sein Bruder an seiner Mutter und an ihm veruebt, zurueckzuerstatten. Bei naeherer Ueberlegung hatte er sich gesagt, dass es ein uebertriebenes Zartgefuehl sei, nicht wenigstens den Versuch zu machen, das Ehrgefuehl des Bruders anzusprechen. Im uebrigen war Klamms Sinn schwer verduestert. Ileisas Verhalten hatte--abgesehen von der ungeheuren Enttaeuschung--einen gewaltigen Aufruhr in ihm hervorgerufen. Immer wieder hefteten sich die Folgen der Verleumdung an seine Fersen! Der Austritt aus dem Knoopschen Geschaeft wuerde ihm--wie anderweitige Erfahrung in solchen Faellen lehrte,--ueberall zu seinen Ungunsten ausgelegt werden, und endlich stand er wiederum vor einer leeren Luftschicht und sollte sich aus dem Nichts Neues herausholen. Das Selbstvertrauen, das er seiner Mutter und Knoop gegenueber an den Tag gelegt, war in Wirklichkeit stark beeintraechtigt, und erst allmaehlich entwickelte sich aus dem Unmut, dem Schmerz, der Verbitterung und Enttaeuschung, der Entschluss, seinerseits jeden Gedanken an das sproede Maedchen voellig von sich abzuthun und in Zukunft nur seinen Zielen und Erfolgen zu leben! Zunaechst nahm er sich vor, gleich am naechsten Tage nach Dresden zu reisen, bei der Frau, die er einst geliebt, einen Eingang zu ermoeglichen und sie auszuforschen. Es hatte sich seiner ein solches Gefuehl trotziger Auflehnung bemaechtigt, dass er die Ermittlungen der Berliner Polizei nicht abwarten wollte. Vielleicht vermochte er die Massnahmen der Behoerde zu unterstuetzen, vielleicht ohne sie zum Ziele zu gelangen. Jedenfalls wollte er aus dem bisherigen Zustande des Abwartens heraus!------ * * * * * Am Tage der Ankunft Klamms in Dresden sass in einer reizvoll zurueckgelegenen Villa in der Neustadt vormittags eine Dame der vornehmen Gesellschaft in ihrem Kabinett. In einen seidenen Morgenrock gehuellt, umgeben von Pariser Moebeln und kostbaren Kunstgegenstaenden, lehnte sie sich in einen weichgepolsterten, mit Damast bezogenen Stuhl zurueck, putzte an den Naegeln ihrer weissen, zierlichen Haende und horchte auf den Bericht eines vor ihr gehenden Mannes. Er war nach Art jener die herrschenden Moden beobachtenden Persoenlichkeiten gekleidet, die zwar ein Auge dafuer besitzen, was den Leuten der bevorzugten Gesellschaftsklassen gefaellt, die aber bei der Wahl der Stoffe und des Schnittes wegen ihres eigenen Mangels an gutem Geschmack fuer sich selbst allezeit fehlgreifen. Auch besass er die grobe Gesichtsfarbe und jenen gewissen unsicheren Ausdruck in den Zuegen, der dem gewoehnlichen Mann schon Misstrauen einfloesst, die Erfahrenen aber abhaelt, sich mit ihnen, sofern sie sie nicht fuer ihre Zwecke durchaus brauchen, ueberhaupt einzulassen. "Ich bin hergekommen, um mir fernere Verhaltungsmassregeln zu erbitten, meine Allergnaedigste!" hub er an. "Es war das von Ihnen befohlen, sobald in Herrn von Klamms Lebenslage eine Aenderung eintreten wuerde. "Ich habe zu melden, dass er das Knoopsche Geschaeft schon wieder verlassen hat. "Auch ist allerlei Auffallendes in diesen Tagen geschehen. Er hat mit seiner Mutter zusammen einen Fremden, der in einem Hotel in der Jaegerstrasse wohnt, versteckt beobachtet. Dieser Fremde ist, wie ich weiss, weil ich ihn persoenlich kenne, der Bruder seines bisherigen Chefs. Was aber die gnaedige Frau besonders interessieren wird, ist die Nachricht, dass er offenbar mit der Gesellschafterin im Knoopschen Hause ein Verhaeltnis angeknuepft hat. "Ich bin ihm gefolgt, waehrend er mit ihr ein Rendezvous im Tiergarten hatte, und schliesse aus diesem Umstand wohl nicht mit Unrecht, dass seine Entlassung damit im Zusammenhange steht." "Ah--ah! Das sind ja interessante Neuigkeiten, Herr Numick.--Ich muss Naeheres, Ausfuehrlicheres hoeren," fiel Frau von Kraetz mit lebhaftem Ausblick ein, noetigte ihren Agenten nunmehr zum Sitzen und liess sich von ihm erzaehlen. Und er gab zum Besten, was Wirklichkeit war und was er, um den Wert seiner Dienste zu erhoehen und sich dadurch einen groesseren Anspruch auf Belohnung zu sichern, ohne Skrupel aus seiner Phantasie hinzufuegte. "Was Sie ferner thun sollen?" bemerkte dann am Schluss seines Berichtes die Dame. "Sie sollen mir melden, was Herr von Klamm Neues beginnt oder einleitet, welchen Verkehr er fuerder pflegt, besonders aber, ob sich Ihr Verdacht bestaetigt, dass er mit dem Fraeulein eine ernstliche Beziehung angeknuepft hat." Der Ehrenmann verbeugte sich ehrerbietigst. Dann sagte er: "Und sollen die Briefe wieder abgesandt werden, in denen vor ihm gewarnt wird? Sollen sie denselben Inhalt haben?" "Nein," entgegnete die Dame in einem raschen Ton und liess einen versoehnlichen Ausdruck in ihren Zuegen erscheinen. "Das will ich ueberhaupt nicht mehr fortsetzen! Ich bedaure eigentlich sogar, dass es geschehen ist.--Ich bin Ihnen da gefolgt, aber es ist im Grunde nicht mein Geschmack, es ist auch trotz der vorsichtig gehaltenen Fassung sicherlich bei einer Entdeckung keineswegs ohne Gefahr. "Dass ich diesem Manne eine Strafe fuer seine Treulosigkeit gegen mich gewuenscht habe, ist menschlich,--begreiflich. Er hat mehr als unrecht gegen mich gehandelt. Aber enfin--Was hat mein Vorgehen genuetzt? Er hat doch seine Zwecke erreicht. Er ist eben einer, dem niemand widersteht.--Nein, nein, das nicht, das will ich unter keinen Umstaenden fortsetzen! Ich will nur ferner wissen, was er thut und treibt. Hoeren Sie, Herr Numick?" Nachdem sie ihn fuer seine Dienste belohnt, ihm noch etwas hinzugefuegt, auf dessen Anwartschaft er in ausfuehrlicher Rede hingewiesen hatte, verliess sie ihn.-- * * * * * Am Abend eines der naechstfolgenden Tage gab Frau von Kraetz ein Fest, einen Maskenball. Alles, was Dresden an bevorzugten Persoenlichkeiten besass, alles, was zur Gesellschaft gehoerte, war geladen. Seit einer halben Stunde wogte schon eine buntgekleidete Menschenmenge in den weitlaeufigen, strahlend erleuchteten Raeumen der Villa auf und ab, schwatzte, lachte und trieb jenen lustigen Schabernack, der zu der ausgelassenen Froehlichkeit einer Karnevalsstimmung gehoert. Wundervolle und auch sehr eigenartige, das Auge fesselnde Kostueme waren von den Gaesten gewaehlt. Da fehlte von bekannten Masken weder ein Pierrot, noch eine Colombine, weder der Tanzbaer, noch der Brieftraeger, weder das Baby, noch die Koenigin der Nacht. Aber man sah auch eine besponnene Eau de Cologne-Flasche, die fortwaehrend ihren duftenden Inhalt spendete, und einen indischen Fuersten, dessen Seidengewand mit Edelsteinen bedeckt war, aus denen fortwaehrend elektrische Funken spruehten. Ein Gast trug ein Gewand, das ein Gesicht darstellte, dessen Zuege einen unerbittlich kalten Ausdruck besassen. Auf seinem Ruecken war ein Schild befestigt, auf dem geschrieben stand: "Ich bin die oeffentliche Meinung." Auch erregte eine schlanke Dame Aufsehen, die in weisse Seide gekleidet war und nur ein einziges, grosses dunkles Auge, statt deren zwei, und zwar mitten auf der Stirn hatte. Sie erklaerte, dass sie der letzte Nachkomme des Riesen Polyphem sei, mit dem einst Ulysses ein Taenzchen habe bestehen muessen. Und so fort. Immer war etwas Neues zu sehen. Die Geladenen hatten es an Anstrengungen ihrer Phantasie und an kraeftigen Griffen in ihre Geldboersen nicht fehlen lassen. Die Wirtin, Frau von Kraetz, hatte beim Empfang der Gaeste keine Maske vorgesteckt, es hing ihr jedoch eine, sichtbar und erkennbar, am Guertel. Nicht aber mit dieser bedeckte sie--zur besseren Taeuschung der sie Ansprechenden--spaeter ihr Angesicht, sondern mit einer anderen, zarten. Auch das Gewand hatte sie rasch in ihrem Ankleidegemach abgestreift und war in ein fuer diesen Abend nach ihren Ideen angefertigtes Kostuem geschluepft. Sie stellte eine Undine dar. Gruenes Schilf hing in ihrem Haar. Ihren Leib umspannte ein silberner Guertel. Silberne Schuhe bedeckten ihre Fuesse, die Augen in der fuer die Blicke freien, weissseidenen Maske blickten traeumerisch, und mit einem, wie von Mondesglanz durchleuchteten Schilfwedel beruehrte sie die sich ihr Nahenden und bat sie, sie einmal in ihrem Geisterreich am Undinensee zu besuchen. "Und wo ist der?" fragte eine dunkelschwarze Gestalt mit verhuelltem Haupt und fast verhuelltem Angesicht. "Wo? Wenn du fragst, bist du nicht berufen, in meinem Reiche zu erscheinen. Das muss dir dein Herz, dein Verlangen, deine Sehnsucht selbst beantworten!" "Ich hatte dieses Verlangen, diese Sehnsucht! Aber ich ward betrogen! Das Reich der Schoenheit fand ich, der klugen Kunst, aber nicht das Reich der Wahrheit. Als ich es einst betrat--fand ich keine engelhafte Undine, vielmehr eine launenhafte, von Eindruecken abhaengige, in der Liebe Unbestaendige, ja, der echten Treue Entbehrende und des Besitzes Unwerte--" "So waehltest du den unrechten Pfad, einen, der nicht zu mir fuehrt. Dann waerest du bei einer meiner Schwestern, deren ich viele besitze, die aber nicht zu den reinen Geistern gehoeren!--Komm zu mir und du wirst erfahren, was eine echte Undine fuer Schaetze zu bieten hat."-- Sie nickte und war verschwunden. Er aber folgte ihr durch das Gewuehl der Masken, und nachdem er sich in einer versteckten Ecke rasch und geschickt ein Brustschild vorgesteckt hatte, auf dem sich ein Totenkopf und die Worte: "Mitglied der heiligen Inquisition" befanden, wusste er ihr abermals am Eingang des in der Villa befindlichen Wintergartens zu begegnen. Und nachdem er sie angehalten, sagte er: "Hoere, Undine! Ich bin erschienen, um dich zur Rechenschaft zu ziehen! Du verfolgst durch anonyme, herabsetzende und verdaechtigende Briefe einen Ehrenmann, schaedigst ihn an seinem Ansehen, seiner Ehre und seinem Fortkommen. Du begehst gemeine, einer edlen Seele unwuerdige, verbrecherische Handlungen! "Herunter mit der Maske der Sanftmut, Tugend und Weiblichkeit! Erklaere, dass du bereust,