The Project Gutenberg eBook, Der Mann im Mond, by Wilhelm Hauff This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at www.gutenberg.net Title: Der Mann im Mond Author: Wilhelm Hauff Release Date: September 13, 2004 [eBook #13451] Language: German Character set encoding: ISO-646-US (US-ASCII) ***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER MANN IM MOND*** E-text prepared by Delphine Lettau, Jan Coburn, Charles Franks, and the Project Gutenberg Online Distributed Proofreading Team DER MANN IM MOND oder Der Zug des Herzens ist des Schicksals Stimme Nebst der Kontrovers-Predigt ueber H. Clauren und den Mann im Mond von WILHELM HAUFF INHALT. ERSTER TEIL. Der Ball Ida Schoene Augen Der Fremde Die Kirche Das Souper Das Urteil der Welt Der Kotillon Die Beichte Das Dejeuner Der Brief Operationsplan Die Mondwirtin Der polnische Gardist Der Hofrat auf der Lauer Der selige Graf Gute Nachricht Der lange Tag Der Tee Das Staendchen Die Freilinger Feindliche Minen Geheime Liebe Emils Kummer Der selige Berner Entdeckung ZWEITER TEIL. Die Heilung Neue Entdeckung Das _Tete-a-tete_ Das Unkraut im Weizen Das Unkraut waechst Truebe Augen Die Graefin agiert Eifersucht Der neue Nachbar Trau--schau--wem? Der Gram der Liebe Feine Nasen Der Herr Inkognito Emil auf der Folter Der Rittmeister Unschuld und Mut Noch einmal zieht er vor des Liebchens Haus Das Duell Fingerzeig des Schicksals Licht in der Finsternis Reue und Liebe Versoehnte Liebe Die Freiwerber Fortsetzung der Freier Die Soiree Die Braut Praeliminarien Zuruestungen Hochzeit Der Schmaus Schluss Nachschrift Kontrovers-Predigt ERSTER TEIL. DER BALL. UEber Freilingen lag eine kalte, stuermische Novembernacht; der Wind rumorte durch die Strassen, als sei er allein hier Herr und Meister und eine loebliche Polizeiinspektion habe nichts ueber den Strassenlaerm zu sagen. Dicke Tropfen schlugen an die Jalousien und mahnten die Freilinger, hinter den warmen Ofen sich zu setzen waehrend des Hoellenwetters, das draussen umzog. Nichtsdestoweniger war es sehr lebhaft auf den Strassen; Wagen von allen Ecken und Enden der Stadt rollten dem Marktplatz zu, aus welchem das Museum, von oben bis unten erleuchtet, sich ausdehnte. Es war Ball dort, als am Namensfest des Koenigs, das die Freilinger, wie sie sagten, aus purer Gewissenhaftigkeit nie ungefeiert vorbeiliessen. Morgens waren die Milizen ausgerueckt, hatten praechtige Kirchenparade gehalten und kuemmerten sich in ihrem Patriotismus wenig darum, dass die Dragoner, welche als Garnison hier lagen, sie laut genug bekrittelten. Mittags war herrliches Diner gewesen, an welchem jedoch nur die Herren Anteil genommen und solange getrunken und getollt hatten, bis sie kaum mehr mit dem Umkleiden zum Ball fertig geworden waren. Auf Schlag sieben Uhr aber war der Ball bestellt, dem die Freilinger Schoenen und Nichtschoenen schon seit sechs Wochen entgegengeseufzt hatten. Schoen konnte er diesmal werden, dieser Ball; hatte ihn doch Hofrat Berner arrangiert, und das musste man ihm lassen, so viele Eigenheiten er sonst auch haben mochte: einen guten Ball zu veranstalten, verstand er aus dem Fundament. Die Wagen hatten nach und nach alle ihre koestlichen Waren entladen; die Damen hatten sich aus den neidischen Huellen der Pelzmaentel und Schals herausgeschaelt und sassen jetzt in langen Reihen, alle in unchristlichem Wichs, an den Waenden hinauf. Es war der erste Ball in dieser Saison. Der Landadel hatte sich in die Stadt gezogen, Kranke und Gesunde waren aus den Baedern zurueckgekehrt; es liess sich also erwarten, dass das Neueste, was man ueberall an Haarputz und Kleidern bemerkt und in feinem, aufmerksamem Herzen bewahrt hatte, an diesem Abend zur Schau gestellt werden wuerde. Daher fuellte die erste halbe Stunde eine Musterung der Coiffueren und Girlanden, und das Bebbern und Wispern der rastlos gehenden Maeulchen schnurrte betaeubend durch den Saal. Endlich aber hatte man sich satt geaergert und bewundert und fragte ueberall, warum der Hofrat Berner das Zeichen zum Anfang noch nicht geben wolle. Das hatte aber seine ganz eigenen Gruende; man sah ihm wohl die Unruhe an; aber niemand wusste, warum er, ganz gegen seine Gewohnheit, unruhig hin- und herlaufe, bald hinaus auf die Treppe, bald herein ans Fenster renne. Sonst war er Punkt fuenf Uhr mit seinem Arrangement fertig gewesen und hatte dann ruhig und besonnen den Ball eroeffnet; aber heute schien ein sonderbarer Zappel das freundliche Maennchen ueberfallen zu haben. Nur _er_ wusste, warum alles warten musste; keinem Menschen, soviel man ihn auch mit Schmeichelwoertchen und schoenen Redensarten bombardierte, vertraute er ein Sterbenswoertchen davon; er laechelte nur still und geheimnisvoll vor sich hin und liess nur hie und da ein "werdet schon sehen"--"man kann nicht wissen, was kommt" fallen. Wir wissen es uebrigens und koennen reinen Wein darueber einschaenken: Praesidents Ida war vor wenigen Stunden aus der Pension zurueckgekommen; er, der alte Hausfreund, war zufaellig dort, als sie ankam; er hatte nicht eher geruht, bis sie versprochen hatte, das ganze Haus in Alarm zu setzen, das Blondenkleid, in welchem sie bei Hofe war praesentiert worden, ausbuegeln zu lassen und auf den Ball zu kommen. Wie spitzte er sich auf die langen Gesichter der Damen, auf die freundlichen Blicke der Herren, wenn er die wunderschoene Dame in den Saal fuehren wuerde; denn _kennen_ konnte sie im ersten Augenblicke _niemand_. Wo hatte nur das Maedchen die Zeit hergenommen, so recht eigentlich bildhuebsch zu werden? Als sie vor drei Jahren abreiste, wie besorglich schaute da der gute Hofrat dem Wagen nach! Er hatte sie auf dem Arm gehabt, als sie kaum geboren war; bis zu ihrem vierzehnten Jahre hatte er sie alle Tage gesehen, hatte sie frueher auf dem Knie reiten lassen, hatte sie nachher, trotz dem Schmollen der Praesidentin, zu allen tollen Streichen angefuehrt. Er liebte sie wie sein eigenes Kind; aber er musste sich vor drei Jahren doch gestehen, dass ihm angst und bange sei, was aus dem wilden Ding werden solle, das man da in die Residenz fuehre, um sie menschlich zu machen. Denn wollte man ein Maedchen sehen, das zur Jungfrau und fuers Haus voellig verdorben schien, so war es Praesidents Wildfang; einen solchen Unband traf man auf zwanzig Meilen nicht. Kein Graben war ihr zu breit, kein Baum zu hoch, kein Zaun zu spitzig; sie sprang, sie klimmte, sie schleuderte trotz dem wildesten Jungen; hatte sie doch selbst einmal heimlich ihren Damensattel auf den wilden Renner ihres Bruders, des Leutnants, gebunden und war durch die Stadt gejagt, als sollte sie Feuer reiten! Dabei war sie mager und unscheinbar, scheute vor jeder weiblichen Arbeit, und der einzige Trost der gnaedigen Mama war, dass sie Franzoesisch plappere wie ein Staerchen und dass, trotz ihrem Umherrennen in der Maerzsonne, ihr Teint dennoch trefflich erhalten sei. Aber jetzt--! Nein, was war mit diesem Maedchen in den kurzen drei Jahren eine Veraenderung vorgegangen! Wenigstens um einen Kopf war sie gewachsen, alles an ihr hatte eine Rundung, eine zarte Fuelle bekommen, die man sonst nicht fuer moeglich gehalten haette; das Haar, das sonst, wie oft man es auch kaemmte und an den Kopf hinsalbte, der wilden Hummel in unordentlichen Straengen und Locken um den Kopf flog, war jetzt der herrlichste Kopfputz, den man sich denken konnte. Die Augen waren glaenzender, und doch fuhren sie nicht, wie ehemals, wie ein Feuerraedchen umher, alles anzuzuenden drohend. Die Wangen bedeckte ein feines Rot, das bei jedem Atemzug in alle Schattierungen von zartem Rosa bis ins Purpurrot wechselte; das liebe Gesichtchen war oval und hatte eine Wuerde bekommen, ueber die der staunende Hofrat laecheln musste, so sehr er sie bewunderte. Dieses Goetterkind, diesen Ausbund von Liebenswuerdigkeit, erwartete der Hofrat; dem guten alten Junggesellen pochte das Herz beinahe hoerbar, wenn er an sein Gold-Idchen dachte. Wie musste sie erst im Ballkleide aussehen, wenn sie ihn in dem Reiseueberroeckchen und in der Haube _a la jolie femme_ beinahe naerrisch machte; wie musste sie erst strahlen, wenn sie, wie sie ihm versprochen, die Haare nach dem allernagelfunkelneuesten Geschmack, die schoene Stirne und den schlanken Hals, die wie aus Wachs geformten Partien, welche die handbreiten Bruesseler Kanten umziehen sollten, mit dem Amethystschmuck schmueckte, den sie von ihrer Pate, der Fuerstin Romanow, geschenkt bekommen hatte. Ihm, ihm hatte sie mit all jener Herzlichkeit, mit der sie frueher versprochen, einen Spaziergang mit ihm zu machen oder ihn, den Einsamen, zu besuchen, wenn er krank war, jetzt als Koenigin des Festes die erste Polonaese zugesagt.-- Immer verdriesslicher wurden die Damen, immer ungestuemer mahnten die Herren den alten _Maitre de plaisir_; schon seit einer halben Stunde stimmten die Musikanten, dass man vor dem Quieken der Klarinette, vor dem Brummen der Baesse sein eigenes Wort nicht hoerte, --er gab nicht nach. Da rasselte ein Wagen ueber den Marktplatz her und hielt vor dem Fluegeltor des Museums. "Das sind sie," murmelte der Hofrat und stuerzte zum Saal hinaus; bald darauf oeffneten sich die Fluegeltueren, und der kleine freundliche Alte schritt am Arm einer jungen Dame in den Saal. * * * * * IDA. Aller Augen waffneten sich mit Lorgnetten und Brillen. Wer konnte das wunderschoene Maedchen sein, so hoch und schlank mit dem koeniglichen Anstand, mit dem siegenden Blicke, mit der kraeftigen Frische des jugendlichen Koerpers? Sie nickte so bekannt nach allen Seiten, als kaeme sie alle Tage auf Freilinger Baelle und Assembleen; und doch kannte sie niemand. Doch ja! Da kommt ja auch der alte Praesident, wahrhaftig! Es kann niemand anders sein als Praesidents Ida! Aber wie herrlich war dieses Knoespchen aufgegangen! "Welcher Anstand!" bemerkten die Herren. "Welche Figur! Welcher Nacken! Wahrhaftig, man moechte ein Mueckchen oder noch etwas Wenigeres sein, nur um darauf spazieren zu gehen." "Welcher Schmuck, welche Spitzen, welche Stickerei an dem Kleid!" bemerkten die Damen und wuenschten sich weit weg; denn wie sollten sie ihre Faehnchen, die sie doch ihr gutes Geld gekostet, ihre Blumen, die sie selbst gemacht und fuer wundervoll gehalten hatten, neben diesen italienischen Rosen und Astern, die eben erst aus den Gaerten der Hesperiden gepflueckt zu sein schienen, neben diesen Kanten sehen lassen, von welchen die Elle vielleicht mehr wert war als eines ihrer Ballkleider, nebst Schneiderskonto und Fasson! Nein, Berner, der arge Berner, haette ihnen keinen schlimmern Streich spielen koennen, als diese Ida gerade heute einzufuehren. Aber man musste sich Gewalt antun; der Praesident machte das erste Haus in der Stadt, war der gewaltige Herrscher der Provinz, eine glaenzende Aussicht auf _Thes dansants_, Soupers, Hausbaelle und dergleichen eroeffnete sich vor den schnell berechnenden Blicken der Damen; wehe _der_, die dann nicht mit Ida bekannt war oder sie sogar kalt empfangen hatte! Man wusste, dass dies der Herr Papa Praesident nie verzeihen wuerde; man nahm sich zusammen, und in kurzem war die Gefeierte von allen jungen und alten Damen umringt, welche Glueck wuenschten, alte Bekanntschaft erneuerten und nebenbei dies und jenes von dem hoffaehigen Anzug spickten. Alle redeten zumal, keine wurde verstanden, und die Herren fluchten und schimpften ein Donnerwetter ueber das andere, dass sich eine so dichte Wolke vor diese kaum aufgegangene Sonne gedraengt und sie ihrem Anblick entzogen habe. Jetzt zog Hofrat Berner das weisse Sacktuch, schwenkte es in der Luft und gab dem Kapellmeister und Stabstrompeter der Dragoner das Zeichen, und eine herrliche Polonaese begann. Im Nu stoben die Glueckwuenschenden auseinander und machten Raum fuer die Assessoren, Leutnants, Sekretaere, jungen Kaufherren, Jagdjunker, die gluecklicherweise noch nicht versagt waren und sich jetzt um einen Walzer, eine Ekossaese oder gar den Kotillon mit Ida die Haelse brechen wollten. Sie aber lachte, dass die Schneeperlen der Zaehne durch die Purpurlippen heraussahen, behauptete, sich immer nur auf eine Tour zu versagen, huepfte dem Hofrat entgegen und reichte ihm die kleine Hand. Selig, geruehrt, begeistert stellte er sich mit seinem holden Engelskinde an die Spitze der Kolonne und marschierte unter den mutigen, lockenden Toenen der Polonaese stolzen Schrittes gegen das wohlunterhaltene feindliche Tirailleurfeuer, das von vorn, von den Flanken, ueberallher aus den Muendungen der Lorgnetten auf seine Taenzerin spruehte. Aber diese,--war sie kurzsichtig, hatte sie statt des Korsettchens einen Kuerassierpanzer von feinstem Stahl mit der Musketenprobe um das Herzchen, oder war sie das Feuer so gewohnt wie die alte Garde, die, Gewehr im Arm, im Paradeschritt durch das Kartaetschenfeuer marschierte? Ich weiss nicht; aber sie schien gar nicht auf die schrecklichen Ausbrueche der gebrochenen Herzen, auf die Knallseufzer der Verwundeten zu hoeren; das Plappermaeulchen ging so ruhig fort, als ginge sie, drei Jahre juenger, mit dem guten Hofraetchen im Wald spazieren. Da kamen alle die Streiche, die der leichte Springinsfeld losgelassen, alle jene tausend Suiten des kleinen Uebermuts aufs Tapet. Lust und Lachen blitzte wie ehemals aus ihrem Auge, wenn sie sich erinnerte, wie sie einem Spanferkel Kindszeug angezogen und es dem Hofrat als Findling vor die Tuere gelegt, wie sie dem Oberpfarrer die Waden voll Stecknadeln gesetzt, dass sie aussahen wie der Ruecken eines Stachelschweines, alles, ohne dass er es merkte; denn er trug _falsche_. Der Hofrat wollte seinen Ohren nicht trauen. Es war ja dasselbe lustige, naive Ding wie frueher und doch so wunderherrlich, so gross, mit so unendlich viel Anstand und Wuerde! Er haette sie auf der Stelle am Kopf nehmen und recht abkuessen moegen wie frueher, wenn sie einen rechten Ausbund von Schelmenstreich gemacht hatte. Es ging ueber seine Begriffe! "Wie koennen Sie nur so hartherzig sein, Idchen," sagte er, "und nicht einen Blick auf unsere jungen Herren werfen, die zerschmelzen wie Wachs am Feuer? Nicht einmal einen Blick fuer alle diese Exklamationen und Beteuerungen, welche Sie doch gehoert haben muessen?" "Was gehen mich Ihre jungen Herren an?" plapperte sie mit der groessten Ruhe fort. "Die sind hier wie ueberall, unverschaemt wie die Fleischmuecken im Sommer. Das koennte kein Pferd aushalten, wollte man darauf achten. Sie pfeifen in der Residenz ebenso, das wird man gewohnt; so von Anfang macht es ein wenig eitel. Wenn man aber sieht, wie sie dieser und jener dasselbe zufluestern, vor der Ursel ebenso wie vor der Baerbel sterben moechten, so weiss man schon, was solche schnackische Redensarten zu bedeuten haben." Die muss eine gute Schule durchgemacht haben, dachte der Hofrat. Siebzehn Jahre alt und spricht so mir nichts dir nichts von der Farbe, als waere sie seit zwanzig Jahren in den Salons von Paris und London umhergefahren! Er aergerte sich halb und halb ueber Mamsell Neunmalklug und Uebergescheit; denn es waren just keine unebenen jungen Maenner, die ihre Seufzer so hageldick losgelassen hatten, und ihn, der in seiner Jugend wohl so zwanzig Amouren und Amuerchen gehabt hatte, konnte nichts mehr aergern als ein fuehlloses Herz. Aber dieser Aerger konnte bei seinem Idchen nicht in ihm aufsteigen. Wenn er in ihr volles, gluehendes Auge sah, wenn er den suessgewoelbten Mund betrachtete, da dachte er: Nein, dir traue dieser und jener, aber ich nicht! Weiss ich doch von frueher her, wie du gerne Flausen machst und dem guten, ehrlichen Berner gerne ein X fuer ein U unterschiebst. Jetzt willst du dein Schach verdeckt spielen und mir irgendeinen blauen Dunst vorschwefeln, und das Herzchen ist am Ende doch in der Residenz geblieben, und Fraeulein Stahlherz ist nur darum so sproede gegen die Freilinger Stadtkinder. Aber basta! der Hofrat Berner hat auch gelebt und geliebt und wettet seinen Kopf: dieses Auge weiss, was Liebe ist, diese frischen Purpurlippen haben schon gekuesst, aber anders als nur solche Hofratskuesse! Der gute Alte aeusserte etwas von diesen Gedanken gegen Ida; sie aber sah ihm ganz ruhig ins Gesicht und versicherte laechelnd: gefallen habe ihr schon mancher, geliebt habe sie aber bis diese Stunde noch keinen Mann als ihren Vater und ihn. * * * * * SCHOENE AUGEN. "Aber sagen Sie, Idchen," fragte der Hofrat, als er sie wieder an ihren Platz gefuehrt hatte, "ist das etwa ein Cousin oder dergleichen, der da mit Ihnen kam?" "Ich kam mit Papa," antwortete die Gefragte, "und sonst war niemand dabei. Wen meinen Sie denn?" "Nun, der Bleiche dort kam ja doch wohl mit Ihnen; es kennt ihn niemand im Saal, und mit Ihnen trat er herein, sonst muesste er ja--Sie wissen, dass das Museum geschlossene Gesellschaft ist--sonst muesste er ja eingefuehrt sein. Sehen Sie, der dort!" Er zeigte hin. An eine Saeule gelehnt, stand unbeweglich mit uebergeschlagenen Armen eine schlanke Gestalt. Noch konnte Ida das Gesicht nicht sehen, nur die glaenzenden schwarzen Locken des Haares fielen ihr auf; sie wollte sich eben besinnen, wo sie schon solche gesehen habe, da wandte jener sich um, und unwillkuerlich schrak Ida zusammen. Gespensterhafte Blaesse lag auf diesem feinen, schoenen Gesicht, geheimer Gram oder verschlossenes Kaempfen mit finsterem Leiden schien das muntere, jugendliche Leben aus diesen tiefen, im schoensten Ebenmass geformten Zuegen hinweggewischt zu haben, und ein gemischtes Gefuehl draengte sich bei seinem Anblick auf, neugieriges Mitleid schien sich mit zweifelhafter Furcht streiten zu wollen. Kaum hatte des Fremden gluehendschwarzes Auge Ida getroffen, als sie ihren Blick abwandte. Ueberraschung und Verlegenheit machten sie stumm auf einige Augenblicke; von dem Diadem auf der schoenen Stirne, ueber den Liliensamt der bluehenden Wange bis herab auf den jungfraeulichen Alabasterbusen flog ein brennendes Rot, das der Hofrat nicht unbemerkt liess. Er wollte sie eben mit dem pfiffigsten Gesicht nach der Ursache ihres Rotwerdens fragen; aber eine Unzahl Herren draengte sich zu, um sie um einen Tanz zu bitten; Vettern und Basen freuten sich, sie wiederzusehen, und gafften das Wunderkind an. Der Hofrat aber, welchem daran lag, die Spur, die er aufgefunden zu haben meinte, zu verfolgen, machte seine Bewegungen wie ein geuebter Feldherr; er fragte sie so laut als moeglich, ob es ihr jetzt, wie sie gewuenscht, gefaellig sei, zu ihrem Herrn Vater zu gehen, der im dritten Zimmer sich zu einem Whistchen gesetzt habe, und Pfiffkoepfchen verstand gleich, wo der gute Alte hinaus wollte; sie beurlaubte sich also mit grosser Hast von dem ungeheuern Kometenschweif, in welchem sie als Kern gesessen, und ging mit Berner durch den Saal. Und jetzt nahm sie Berner ins Gebet; zuerst setzte er die Daumenschrauben des Spottes an, dann untersuchte er die vermeintliche Herzenswunde seines Gold-Idchens mit der langen Sonde des vaeterlichen Ernstes, indem er ihr vorwarf, sehr unklug getan zu haben, ihre Residenzliebhaber mit nach Freilingen zu nehmen. Sie aber lachte dem Ratgeber, welcher meinte, seine Sache recht gut gemacht und sie ganz im Netz zu haben, ins Gesicht und witschte ihm aus. "Sie geben sich vergeblich Muehe, Hofraetchen," kicherte das lose Ding, "ganz vergebliche Muehe; ich habe diesen Menschen in meinem ganzen Leben, auf Ehre, noch nie gesprochen; doch gesehen"--setzte sie ernster werdend hinzu--"gesehen habe ich ihn, und deswegen kam ich auch vorhin etwas in Verlegenheit." "Was da! Zwischen sehen und sehen ist ein grosser Unterschied", antwortete Berner mit einem voellig unglaeubigen Kopfschuetteln. "Da muessen Sie ihm doch ein wenig gar scharf in die Augen gesehen haben?" "So hoeren Sie mich doch, Sie boeser Mann!" unterbrach ihn Ida. "Wer wird denn auch gleich auf den Schein hin verdammen? Ich sage noch einmal, ich weiss nicht, wer er ist; aber das innigste Mitleid habe ich mit ihm. Als wir gestern durch den Lanzinger Wald kamen, fuhren wir einer Equipage vor, die ganz langsam im Schritt hinging. Es war ein prachtvoller Landau mit einem grossen Bock, worauf ein alter Diener in reicher Livree sass; am Wagen zogen vier Postpferde; das Dach war zurueckgeschlagen, und es sass niemand darin als ein grosser Hund. Sie wissen, wie man auf der Reise ist, man interessiert sich um die Mitreisenden, besonders wenn man glaubt, auf einerlei Station mit ihnen zu wohnen oder zu speisen. So dachte ich mir jetzt, die Reisenden, denen der Wagen gehoert, seien vorausgegangen und lassen ihn langsam nachfahren. Ich sah daher alle Augenblicke aus unserem Wagen, ob ich noch keine reisenden Englaenderinnen oder Franzoesinnen gewahr werden koennte; aber immer vergebens. Endlich, als wir um eine Waldecke bogen, sah ich auf einmal einen Mann, der unter einer Eiche sass und zu dem Wagen gehoeren musste." "Und war es derselbe, der dort an der Saeule steht?" fragte der Hofrat. "Derselbe; er war auch ganz schwarz gekleidet wie jetzt, sein Hut lag neben ihm im Gras, seinen Kopf stuetzte er in die hohle Hand. Das Geraeusch unseres Wagens, der jetzt, weil es bergauf ging, auch langsam fuhr, schien ihn aufzuschrecken; ohne aufzusehen, ging er mit gesenktem Haupt bis an unsere Wagentuere. Da richtete er sich auf, und Sie koennen sich meinen Schrecken denken, Hofrat, als ich das naemliche geisterbleiche Gesicht sah, das auch Ihnen aufgefallen ist. Er musste heftig geweint haben; denn Traenen hingen in den langen schwarzen Wimpern und gaben dem gluehendschwarzen, sinnigen Auge einen ganz eigenen Reiz." "So, so? Einen ganz eigenen Reiz!" antwortete laechelnd der Hofrat. "Wer hat denn meinem Maedchen erlaubt, ueber Maenneraugen Betrachtungen anzustellen? Hat sie das auch bei Madame La Truiaire in der Residenz gelernt?" Das lustige Amorettenkoepfchen, das sich da, es wusste nicht wie, verbebbert hatte, schlug die Augen nieder und sagte: "Legen Sie nicht alles so boes aus, Bernerchen! Sie verstanden ja doch sonst Ihre Ida nicht immer falsch. "Sehen Sie, was die Augen betrifft, da habe ich nun einmal meinen eigenen Geschmack. Schoene blaue oder schwarze Augen, mitunter auch recht glaenzendbraune, sehe ich an jedermann gern. Daher sind mir auch alle jungen Herren so zuwider, weil sie selten schoene Augen haben; sie haben ihnen durch die Lorgnetten, Brillen und Gott weiss, durch was sonst, den schoensten Glanz benommen und stieren uns an wie gestochene Boecke; desto mehr freue ich mich, wenn ich einmal eine solche Ausnahme treffe. Eine ganz eigene Freude macht mir auch das Aufschlagen der Augen, das man unter Tausenden kaum einmal so recht anmutig, sinnig und wie man es gern haben moechte, trifft. Beides sah ich nun an dem Fremden; darum hat er mir auch so ge--" Da hatte sich das schnelle Schnaebelchen schon wieder verplappert! Der Hofrat horchte noch immer; aber Idchen blieb still, biss die Lippen zusammen und spielte mit dem Amethystkreuz am Kollier, das unter dem Tanzen sich zwischen den Schneehuegeln hinabgeschoben hatte und ganz gluehend heiss geworden war. "Ei, ei!" warnte der Hofrat, "ich habe da in zwei Minuten Dinge gehoert, wovor einem die Haut schaudern koennte; nimm dich um Gottes willen in acht, Kind, wenn du deine Augenbeobachtungen anstellst! Ich weiss es aus meiner Jugend, dass in gewissen Augen Haekchen sitzen, die uns, wenn man allzu tief schaut, festhalten, dass an kein Entrinnen zu denken ist. Hast du nie etwas von der Augensprache gehoert?" "Doch," entgegnete der kleine Uebermut; "ich glaube sie auch zur Not zu verstehen."-- "Ist gar nicht vonnoeten; man spricht sie zwar vom Rhein bis zum Mississippi, vom Don bis zum Ohio; lerne aber nie mehr als etwas kauderwelsch parlieren! Denn wer sich so gar gelaeufig ausdrueckt und mit zwanzig zumal in dieser Sprache spricht, gilt nicht mit Unrecht fuer eine Erzgeneralkokette." "Nun, fuer eine solche werden Sie mich doch nicht halten?" sagte Ida etwas empfindlich. "Dazu kenne ich mein suesses Maedchen zu gut," entgegnete der Hofrat traulich und drueckte ihr das weiche Samthaendchen; "was aber den bleichen Patron dort drueben betrifft, so kann er ueber allerlei geweint haben; er kann zum Beispiel seine Mutter, seine Schwester oder gar sein Maedchen verloren haben." "Mei--nen Sie?" antwortete Ida gedehnt und unmutig. "Doch nein, da wuerde er ja nicht auf den Ball gehen," setzte sie freudig hinzu; "da wuerde er zu Haus trauern und nicht die Freude aufsuchen." "Oder," fuhr jener fort, "es gingen ihm vielleicht seine Wechsel aus, und er hat im Augenblick kein Geld, um seine Reise weiter fortzusetzen." "Nicht doch," fiel sie ein, "wie moegen Sie nur diesem interessanten Gesicht einen so gemeinen Kummer andichten. Sieht er nicht nobler aus als alle unsere Assessoren, Leutnants und so weiter zusammen? Und er sollte mit vier Postpferden in einem herrlichen Landau fahren und weinen, weil er kein Geld hat? Pfui!" "Ei, wie sich der kleine Advokat vereifert und verdisputiert! Das Maeulchen geht ja, als sollte es einen Prozess vor den Assisen fuehren! UEbrigens wollen wir bald sehen, wer der Patron ist; habe ich doch den Ball arrangiert und daher auch das Recht, Fremden, die sich eindraengen, auf den Zahn zu fuehlen." "Nun ja, tun Sie das, liebes Hofraetchen; aber ja recht artig und delikat," setzte das erroetende Maedchen mit den suessesten Schmeichelworten hinzu; "wer so tiefen Kummer hat, wie jener zu haben scheint, muss unter Fremden wie unter Freunden zart behandelt werden!" * * * * * DER FREMDE. Unterdessen hatten sich mehrere Herren an Berner gewendet, um zu erfahren, wer der Fremde sei; allen war es aufgefallen, wie er schon seit einer Stunde sich nicht vom Platz bewegte und, an seine Saeule gelehnt, so wenig Interesse an dem glaenzenden Ball zu nehmen schien. Der Hofrat ging zu ihm hin und kehrte bald zurueck. "Wer ist es? Wie heisst er?" fragten zehn, zwanzig zumal. "Was hat er gesprochen?" "Nichts hat er gesprochen," antwortete Berner, "sondern mir nur diese Karte gegeben." Die Karte ging jetzt von Hand zu Hand, es war aber nichts darauf zu sehen als ein schoen gestochenes Wappen und der Name Emile, Comte de Martiniz. "Ein Graf also?" Die Neugierde war nur halb gestillt; die Freilinger, denen die Erscheinung eines fremden Grafen auf ihren Baellen etwas Seltenes sein mochte, gingen kopfschuettelnd umher; sie haetten gar zu gerne gewusst, woher er komme, wohin er gehe, warum er nicht tanze. Man betrachtete das fremde Wundertier von allen Seiten; doch der Hofrat, der so viel Takt hatte, dass er in des Fremden Seele fuehlte, wie peinlich eine so kleinliche Neugierde sein muesse, gab das Zeichen, und die Galoppade, von zwanzig Trompeten vorgetragen, rauschte durch den Saal hin und rief zum Tanze. Walzer um Walzer waren getanzt; noch immer stand die fremde gebietende Gestalt unbeweglich an die Saeule gelehnt. Es war, als haette er sich nur in Schwarz und Weiss geteilt und kenne keine andere Farbe. Sein Haar, sein Auge war so dunkel als das feine glaenzende Tuch seines Kleides; das blendend bleiche Gesicht, wunderschoene Waesche, welche durch ihre Weisse, durch ihre zierlichen Faeltchen den Freilinger Damen schon von weitem Bewunderung einfloesste, kontraktierten sonderbar mit jener dunkeln Farbe; nur die feinen Lippen schmueckte ein gesundes, freundliches Rot. Er schien ganz ohne Teilnahme in das bunte Gewuehl hineinzustarren; aber dennoch begegnete nicht leicht einer diesem scharfen Blick, ohne das eigne Auge ueberrascht vor diesem furchtbaren Ernst, dieser spruehenden Glut niederzuschlagen. Wie es aber zu gehen pflegt, die Damen fingen nachgerade an, nicht viel von dem Fremden zu halten, weil er nicht tanzte, die jungen Herren machten sich ueber ihn lustig, und beide Teile hatten so viel an der neuen Erscheinung der wunderlieblichen Ida zu schauen, zu bekritteln, zu bewundern, dass man bald nicht mehr an jenen dachte. Nur Idas Blicke streiften oefter nach jener Saeule hinueber; ein Blick zu ihm schien sie fuer das Geschwaetz der Freilinger Stutzer, die ihr heute unendlich fade vorkamen, zu entschaedigen. Doch betrachtete sie ihn immer nur von der Seite; denn wenn Auge auf Auge traf, so trieb es ihr unwiderstehlich die Glut ins Gesicht, und sie war froh, dass die Musik so laut war; denn sie meinte in solchen Momenten, man muesse ihr siedendes, gluehendes Blut an ihr Herzchen pochen hoeren. Waren es die Traenen, die sie gestern in diesen dunklen Wimpern sah, war es der wehmuetige Ernst auf seinem Gesicht, was sie so ruehrte? Hatte der Hofrat recht mit den Haekchen, die in gewissen Augen sitzen, und hatte sie zu tiefe Beobachtung angestellt und war geangelt worden und gef-- Nein! laechelte sie schelmisch vor sich hin, gefangen? Da hat es keine Not! Es ist ja nur das natuerliche Mitleiden, was mich immer nach ihm hinsehen heisst. Elf Uhr war vorueber; es sollte noch eine Ekossaise vor dem Souper getanzt werden. Stuermisch draengten sich die Herren um das Wunderkind; aber Trotzkoepfchen Ida blieb fest dabei, diesmal auszusetzen, und liess die Herren ablaufen. Der Hofrat setzte sich zu ihr, und unwillkuerlich waren sie wieder mitten im Gespraech ueber den Fremden. "Ach, sehen Sie nur," sagte Ida mit der himmlischen Gutmuetigkeit ihres Engelkoepfchens, "sehen Sie nur, ich meine, er wird zusehends immer blaesser; wenn er nur nicht krank wird." Der Hofrat fand ihre Bemerkung richtig, er zeigte ihr aber, wie dieser feste, heldenmaessige Koerper nicht so leicht von einem Krankheitsanfall gestoert werden koenne; aber Ida wurde immer unruhiger, sie sah, wie Martiniz die Lippen zusammenpresste, als wolle er einen Schmerz verbeissen; der Ernst in seinem Gesicht wurde nach und nach zur Trauer, das Wehmuetige, der traenenschwere Truebsinn in seinem Auge wurde immer unverkennbarer. "O Gott, sehen Sie ihn nur an, guter Berner, ist mir doch, als sollte ich zu ihm gehen und fragen: Was fehlt dir, dass du nicht froehlich bist mit den Froehlichen? Wie gern wollte ich alles tun, dir zu helfen."-- Der Mensch denkt's, Gott lenkt's!!! Auch der Hofrat wurde jetzt unruhig; denn mit einem Ruck hatte sich der bleiche Fremde aufgerafft und stand nun in seiner ganzen Groesse, in gebietender und doch grazioeser Haltung da; aber sein Auge heftete sich furchtbar starrend nach der Saaltuere. Berner wollte eben aufstehen und zu ihm hin-- Da oeffnete sich die Tuer, ein alter, reichgekleideter Bedienter, derselbe, welchen Ida gestern gesehen, trat ein, ging auf den Fremden zu und neigte sich schweigend vor ihm. Dieser riss eine Uhr heraus, warf einen Blick auf sie und einen zweiten voll Wehmut auf Ida herueber und verliess langsamen Schrittes den Saal. Ehe noch der Hofrat seiner Nachbarin seine Vermutungen ueber diesen sonderbaren Abzug mitteilen konnte, war die Ekossaise zu Ende. Der Praesident kam und fuehrte sein liebes, holdes, wunderherziges Toechterchen zur Tafel. * * * * * DIE KIRCHE. Der alte Kuester am Muenster zu Freilingen sass in dieser Nacht nach seiner Gewohnheit noch lange in seinem kleinen Stuebchen; der Abendsegen war schon vor einer Stunde seiner Ehehaelfte vorgelesen, er hatte sich jetzt hinter die alte Chronik gesetzt und las mit brummender Stimme halblaut vor sich hin, wie man den herrlichen, vierhundert Schuh hohen Muensterturm erbaut und wie solches viel Zeit und Geld gekostet habe. Eben wollte die Alte den weiss- und blaugestreiften Umhang der zweischlaefrigen Himmelbettlade auseinanderschlagen, um ihren Ehezaerter zu ermahnen, sein gewohntes Lager zu suchen, als man stark an den Fensterladen des niedern Parterrestuebchens pochte. "Macht auf, Meister Kuester! Seid so gut und macht auf!" rief eine tiefe, aber bescheidene Stimme draussen. "Wird wohl ein Bote von einem Kranken sein," naeselte der Kuester, "der die Sakramente noch will." Er legte die Brille ins Chronikbuch, dass die Stelle nicht verblaettere; denn er hatte von dem Kalk gelesen, den man mit Wein angemacht habe, und hatte dabei unmutig an das Duennbier gedacht, das seine Ursula ihm, einem Nachkommen dieser Weinmaurer, tagtaeglich vorsetzte. Draussen schob er die maechtigen Schloesser und Riegel der Haustuer auf, und herein trat ein kleiner aeltlicher Mann in reichbordiertem Bedientenrock. "Was soll's so spaet?" fragte der Kuester. "Kamerad," antwortete der Bediente, indem er den Kuester aus dem kalten Hausgang in die waermere Stube hineinzog, "Kamerad, wollt Ihr mir und noch jemand einen Liebesdienst erweisen?" Zugleich legte er einen blanken, harten Taler auf den Tisch. Der Kuester wog den Taler in der Hand, liess ihn wieder auf den Tisch fallen, dass es einen wohllautenden Klang gab, und sagte: "Wenn's nichts gegen Amt und Gewissen ist, warum nicht!" "So nehmt Eure Schluessel," fuhr der andere fort, "und schliesst die Muensterkirche auf!" "Jetzt in dieser Stunde?" rief der Alte mit Entsetzen. "Jetzt in dieser stuermischen Nacht? Geht nicht, Kamerad, so wahr ich--nein, es geht nicht, mich bringt kein Hund hinueber!" "Beileibe," rief die Kuesterin aus dem Bette und riss den Umhang zurueck, dass man das ganze Paradiesgaertlein ihres gebluemten Bettes uebersehen konnte, "fuehre uns nicht in Versuchung! Alter, lass dich nicht betoeren! Wer weiss, was draussen lauert?" "Haette nicht geglaubt, dass Ihr, ein so stattlicher Mann, unter dem Weiberregimente stuendet," sprach der alte Diener. "Glaubt mir, es ist auch ein Gottesdienst, wenn Ihr mitgeht, und bringt Euch guten Lohn." Noch einmal wog der Kuester den Taler auf der Fingerspitze und schien sich zu besinnen. "Es wird zwar gleich zwoelf Uhr brummen, und da ist es gar nicht geheuer drueben in der Kirche; denn ich weiss, was ich weiss, und habe gesehen, was ich gesehen habe; aber weil Ihr sagt, es sei ein Gottesdienst, so kommt!" Indem hatte er schon die Laterne zurechtgemacht. Er hing noch einen warmen Mantel um und ergriff die gewichtigen, wunderlich geformten Schluessel. "Ei du meine Guete, laesst er sich doch verblenden vom Mammon," seufzte die Alte im Bette. Der Kuester aber trat zu ihr mit dem groessten seiner Schluessel: "Du schweigst, Ursel! Der Herr da soll sehen, dass unsereiner nicht unterm Pantoffel steht," brummte er und verliess mit dem Diener das Haus. Die Nacht war grimmigkalt, der Himmel jetzt ganz rein, nur einzelne dunkle Woelkchen tanzten im Wirbel um den Mond. Schweigend schritten die beiden durch die Nacht der Kirche zu. Wenige Schritte, so standen sie am Portal des Muensters. Der Kuester schrak zusammen, als dort aus dem Schatten eines Pfeilers eine hohe, in einen dunklen Mantel gehuellte Gestalt hervortrat. Es war jener Fremde, der Idas Interesse in so hohem Grade erregt hatte. "Schliess auf, schliess auf," sprach Martiniz, "denn es ist hohe Zeit!" Indem er sprach, fing es an zu surren und zu klappern, dumpf rollte gerade ueber ihnen im Turme das Uhrwerk, und in tiefen, zitternden Klaengen schallte die zwoelfte Stunde in die Luefte. "Schliess auf!" schrie Martiniz, "schnell auf! Dort kommt er schon um die Ecke!" Seufzend ging die hohe Tuere auf; in einem Sprung war jener in der Kirche. Der Kuester schloss behutsam wieder hinter sich ab und ging dann voraus mit der Laterne; stille folgten ihm die Fremden. In wunderlichen Schatten und Figuren spielte das schwache Licht der Laterne an den hohen Saeulen des Doms, nur auf wenige Schritte verbreitete es Helle und verschwebte dann in matte Daemmerung, bis es sich in der tiefen Nacht des Gewoelbes verlor. Manchmal schien es, als schritten hohe Gestalten in weiten, schleppenden Gewaendern hinter den Saeulen ihnen nach. Scheu blickte Emil von Martiniz nach allen Seiten und ging dann schneller hinter dem Kuester her. Dumpf schallten ihre Schritte auf dem hohlen Boden, unter welchem eine alte Gruft sich befand, und ein vielfaches Echo gab diese Toene aus allen Ecken zurueck. So waren sie bis an den Altar gekommen. Martiniz setzte sich dort auf die Stufen; das Gesicht, das bei dem Schein der truebe brennenden Laterne auch viel bleicher erschien, stuetzte er auf die Hand, dass die glaenzend rabenschwarzen Ringellocken darueber herabfielen. Der Diener winkte dem Kuester, zog ihn auf eine Bank an der Seite zu sich nieder und gab ihm durch Zeichen zu verstehen, dass er schweigen und sich ganz ruhig verhalten moechte. Tiefe Stille herrschte mehrere Minuten in den grossen dunklen Hallen, tiefe Stille draussen in der Nacht. Nur vom Altar her hoerte man ein leises Wispern; Martiniz schien zu beten. Bald aber erhob sich lauter die Nachtluft und wehte um die Kirche. Je lauter es wurde, desto unruhiger wurde Emil. Er seufzte, er blickte einigemal auf und lauschte nach der Seite hin, wo der Luftzug staerker wehte. Naeher und naeher heulte der Wind, die Fenster bebten, das Licht der Laterne wehte seine Schatten her und hin, die alten verblichenen Banner, die an der Mauer hingen, rollten sich auf und bewegten ihre zerfetzten Bilder an der schwach beleuchteten Wand. Jetzt brauste der Sturm auf in gewaltigen Stoessen. Krachend stuerzte ein Fenster des Chors auf die breiten Quader des Bodens, dass der Schall durch die Halle toente und--mit fuerchterlichem Lachen des Wahnsinns fuhr der am Altar auf und sprang die Stufen hinan. Gellend toenten diese hohlen Toene der Verzweiflung durch die Gewoelbe. "Er kann nicht herein, er kann nicht herein zu mir," schrie er, "darum hat er die Wolken aufgezaeumt, auf dem Sturmwind reitet er um die Kirche, ca ca! Holla, Antonio--wie schaeumt das Purpurblut deiner Wunde! Rase, tobe durch die Luefte, du kannst doch nicht herein zu meiner Freistatt!" Der Sturm legte sich, ferner und ferner rollte der Wind, und saeuselnd zog die Nachtluft durch die Kirche. Der Mond schien freundlich durch die hellen Scheiben, und mit des Sturmes Toben schien auch der Sturm in Emils Brust gewichen zu sein. "Seht Ihr," sprach er wehmuetig und zeigte an die vom Mond beschienenen Fenster hinauf, "seht Ihr, wie er so ernst und zuernend auf mich herabsieht! Kannst du denn nicht vergeben, Antonio?" Immer leiser wurde seine Klage, bis er weinend am Altare niedersank. Jetzt stand der alte Diener, dem waehrend der schrecklichen Szene die Traenen in den grauen Wimpern gehangen, von seinem Sitze auf und unterstuetzte seinen Herrn. Er wischte ihm den kalten Schweiss von der Stirne und die Traenen aus dem gebrochenen Auge und floesste ihm aus einer kristallenen Phiole mildernde Tropfen ein. Der Ohnmaechtige richtete sich wieder auf, huellte sich tiefer in seinen Mantel und schritt durch die Kirche. Der alte Diener aber trat zu dem Kuester. "Ich danke, Alterle," sagte er, "du hast jetzt gesehen, dass wir nichts Unrechtes in deinem Gotteshaus gemacht haben; dafuer halte aber reinen Mund! Und wenn du niemand ein Sterbenswoertchen hoeren laessest von dem, was du hier gesehen und gehoert hast, so kommen wir vielleicht morgen und manche Nacht wieder, und du sollst pflichtgemaess deinen Harten haben." "Das kann sich unsereiner schon gefallen lassen," antwortete der Kuester im Weitergehen; "so viel merke ich, dass Euer Herr entweder nicht richtig unter dem Hut ist, oder dass er mit dem Gottseibeiuns hier Versteckens spielt. Nun, hier, denke ich, soll er ihn nicht holen; kommt nur morgen nacht wieder! Was das Stillschweigen betrifft, so seid ausser Sorgen, von mir erfaehrt es kein Mensch, vor allem meine Ursel nicht: denn ich denke: was sie nicht weiss, macht sie nicht heiss." Der alte Diener lobte den Entschluss des Kuesters und nahm am Portal mit einem Haendedruck von ihm Abschied. "Ist doch schade um ein so junges schoenes Blut," brummte dieser vor sich hin, indem er seinem Haeuschen zuschritt; "so jung und hat schon Affaeren mit Herrn Urian. Nun, er soll ihn immer noch ein Halbjaehrchen reiten; um die harten Taler kann man zur Not so guten Wein kaufen, als die Freilinger Maurermeister hatten, um den Kalk zu meinem Muenster festzumachen." * * * * * DAS SOUPER. Es schlug ein Uhr, als der Fremde und sein Diener von dem Muenster zurueck ueber den Marktplatz gingen. An den Fenstern des erleuchteten Museums draengten sich Gestalten an Gestalten geschaeftig hin und her, verworrenes Gemurmel vieler Stimmen toente herab auf den stillen Platz, hie und da zeigten laute Ausbrueche der Froehlichkeit, mit Trompeten vermischt, dass eine Gesundheit oder ein Toast ausgebracht worden sei. "Robert!" begann der Graf, "ich will noch einmal hinaufgehen; die suessen Toene der Floeten, die klagenden Klaenge der Hoerner haben etwas Beruhigendes fuer mich, und mitten im Gewuehl der froehlichen Menge vergesse ich vielleicht auf Augenblicke, dass ich unter den Gluecklichen der einzige Unglueckliche bin." Umsonst bat der alte Robert seinen Herrn, er moechte doch seine Gesundheit bedenken und sich jetzt zur Ruhe legen; er schien es gar nicht zu hoeren, schweigend warf er in der Haustuere den Mantel ab, gab ihn dem Alten und eilte die Treppe hinan. Kopfschuettelnd folgte ihm der Diener; hatte er doch seit einer langen, traurigen Zeit nicht bemerkt, dass sein armer Herr Freude an rauschender Lustbarkeit hatte; es musste etwas Eigenes sein, das ihn noch einmal dahinauf zog; denn wenn er sich sonst auch in das froehlichste Gewuehl gestuerzt hatte, so war er doch immer nach einem halben Stuendchen wieder zurueckgekommen. Und heute hatte er ihn sogar an die Stunde mahnen muessen; heute ging er zu einer Zeit, wo er sonst, erschoepft von Kummer und Unglueck, dem Schlaf in die Arme geeilt war, noch einmal auf den Tanzboden. "Gott gebe, dass es zu seinem Heil ist!" schloss der treue Diener seine Betrachtungen und wischte sich die Augen. Der Saal war noch leer, als Emil oben eintrat, nur die Musikanten stimmten ihre Geigen, probierten ihre Hoerner und liessen die Schlegel dumpf auf die Pauken fallen, um zu sondieren, ob das tiefe C recht scharf anspreche; mittendurch netzten sie auch ihre Kehlen mit manchem Viertel; denn ein ellenlanger Kotillon sollte den Ball beschliessen. Loeffel- und Messergeklirr, das Jauchzen der Anstossenden toente aus dem Speisesaal. Ein schwermuetiges Laecheln zog ueber Emils blasses Gesicht; denn er gedachte der Zeiten, wo auch er keiner froehlichen Nacht ausgewichen war, wo auch er unter frohen, guten Menschen den Becher der Freude geleert und, wenn kein liebes Weib, doch treue Freunde gekuesst hatte und mit froehlichem Jubel in das allgemeine Millionenhallo und Welthurra der Freude eingestimmt hatte; unter diesen Gedanken trat er in den Speisesaal. In bunten Reihen sassen die froehlichen Gaeste die lange Tafel herab; man hatte soeben die hunderterlei Sorten von Gefluegel und Braten abgetragen und stellte jetzt das Dessert auf. Gewiss, man konnte nichts Schoeneres sehen, als die Praezision, mit welcher die Kellner ihr Dessert auftrugen; die Bewegungen auf die Flanken und ins Zentrum gingen wie am Schnuerchen, die schweren Zwoelfpfuender der Torten und Kuchen, das kleinere Geschuetz der franzoesischen Bonbons und Gelees werde mit Blitzesschnelle aufgefahren; in prachtvoller Schlachtordnung, vom Glanz der Kristalluesters bestrahlt, standen die Guss-, Johannisbeeren-, Punsch-, Rosinentorten, die Apfelsinen, Ananas, Pomeranzen, die silbernen Platten mit Trauben und Melonen. Aber Hofrat Berner hatte sie auch eingeuebt, und den ungeschicktesten Kellnerrekruten schwur er hoch und teuer, in acht Tagen so weit bringen zu wollen, dass er, einen bis an den Rand gefuellten Champagnerkelch auf eine spiegelglatte silberne Platte gesetzt, die Treppe heraufspringen koenne, ohne einen Tropfen zu verschuetten, was in der Geschichte des Servierens einzig in seiner Art ist. Wenn die Festins, die er zu arrangieren hatte, herannahten, hielt er auf folgende Art voellige UEbungen und Manoeuvres: Er setzte sich in den Salon, wo gespeist werden sollte, liess eine Tafel zu dreissig bis vierzig Kuverts decken, und wie den Rekruten ein fingierter Feind mit allen moeglichen Bewegungen gegeben wird, so zeigte er ihnen auch Praesidenten, Justizraete, Kollegiendirektoren, Regierungsraete und Assessoren mit Weib und Tochter, Kind und Kegel und mahnte sie, bald diesem ein Stueck Braten, jener eine Sauciere zu servieren, bald einem Dritten und Vierten einzuschenken und dem Fuenften eine andere Sorte vorzusetzen; da sprangen und liefen die Kellner sich beinahe die Beine ab; aber--probatem est--wenn der Tag des Festes herannahte, durfte er auch gewiss sein zu siegen. Wie jener grosse Sieger, der nur mit feierlichem Ernst die Worte sprach: "Heute ist der Tag von Friedland!" oder "Sehet die Sonne von Austerlitz!" so bedurfte es von seinem Munde auch nur einiger ermahnenden, troestlichen Hindeutungen auf fruehere Bravouren und gelungene Affaeren, und er konnte darauf rechnen, dass keiner der zwanzig Kellnergeister ueber den andern stolperte oder ihm die Aalpastete anstiess, aber dass sie mit Sauce und Salat einander anrannten, purzelten und auf den Boden die ganze Bescherung servierten. Mit dieser Praezision war also auch heute die Tafel serviert worden; der Nachtisch war aufgetragen, die schweren Sorten, als da sind Laubenheimer, Nierensteiner, Markobrunner, Hochheimer, Volnay, feiner Nuits, Chambertin, beste Sorten von Bordeaux, Roussillon wuerden weggenommen und der zungenbelebende Champagner aufgesetzt. Hatte schon der aromatische Rheinwein die Zungen geloest und das schwaerzliche Rot des Burgunders den Liliensammet der jungfraeulichen Wangen und die Nasen der Herren geroetet, so war es jetzt, als die Pfroepfe flogen und die Damen nicht wussten, wohin sie ihre Koepfe wenden sollten, um den schrecklichen Explosionen zu entgehen, als die Lilienkelche, bis an den Rand mit milchweissem Gischt gefuellt, kredenzt wuerden, wie auf einem Basar im asiatischen Russland, wo alle Nationen untereinander plappern und maulen, gurren und schnurren, zwitschern und naeseln, plaerren und jodeln, brummen und rasaunen, so schwirrte in betaeubendem Gemurmel, Gesurre und Brausen in den hoechsten Fisteltoenen bis herab zum tiefsten, dreimalgestrichenen C der menschlichen Brust das Gespraech um die Tafel. * * * * * DAS URTEIL DER WELT. Aber der groesste Teil der Konversation, wenigstens am untern Ende des Tisches, galt Praesidents Ida. Dort gingen die zahnlosen Maeulchen der Tanten und Muetter wie oberschlaechtige Muehlen, und die Posaunen- Seraph-Gesichter der Toechter nickten ihren Konsens aus den kleinen Kalmueckenaeuglein. Wie hatte doch das Maedchen vor Gott gesuendigt und gefrevelt dadurch, dass es so wunderhuebsch geworden war! Waere sie zurueckgekommen wie eine wilde Hummel oder wie so manche, die man als Gagak in die Residenz schickt, um sie Bildung und Blumenmachen lernen zu lassen, und die als Gagak wiederkehrt, da haette es geheissen: "An der ist Hopfen und Malz verloren, mich dauern nur die Eltern." Jetzt, wo sie mit ihrem Tannenwuchs, mit ihrer unnachahmlichen Grazie bescheiden und doch voll so erhabener Wuerde hereintrat, das strahlende Diadem in den geschmackvoll geordneten Ringellocken und Loeckchen, im feuerspruehenden Auge Geist und Liebe, verschmolzen mit schuldloser, anspruchsloser Natuerlichkeit, die Wangen von Gesundheit geroetet, in den feinen Gruebchen den kleinen, kleinen Schelm, den Mund so wuerzig, so kusslich, die aphroditische Schwanenbrust mit dem fuerstlichen Schmuck, mit dem Pariser Hofkleid umschlossen--Nein! das Maedchen durfte nicht schoen, durfte nicht unschuldig und tugendhaft sein--"Ha, ha, ha, Frau Oberforstmeisterin!" lachte die Kammerdirektorin, ohne darauf zu achten, dass sie die acht unschuldigen Ohren ihrer erwachsenen Toechterlein beleidigen koennte-- "Tugendhaft? Wir kennen die Residenztugend noch aus unserer Zeit! Da muessten sich die Steine umgekehrt haben, die Garde-Ulanen-Rittmeister muessten ihre engschliessende Uniform ausgezogen und die Herren Archidiakonen und Superintendenten um ihr ehrbares Kostuem ersucht haben, muessten in schwarzen Maentelein, weissen Beffchen, kurzen Hoeschen und seidenen Waedchen, die Bibel unter dem Arm, einhergehen, wenn man bei siebzehnjaehrigen Maedchen Tugend finden sollte in Sodom!" "Wahrhaftig, Sie haben recht," schnatterte es ueber die Tafel herueber. "Und die geruehmte Schoenheit? Ist alles Lug und Trug; das kann man alles dort ums liebe Geld haben; meinen Sie denn, diese Locken dort, die Zoepfe seien echt? Bewahre! Man hat ja gesehen, was fuer Haar Mamsell Sausewind in die Residenz nahm; wo sind die gelben Zaehne hingekommen? Meinen Sie etwa, ein so herrlicher Mund voll, wie jene hat, schiebe sich im sechzehnten, siebzehnten Jahre noch nach? Lauter Seehund, nichts als Seehund." "Ja, Frau Gevatterin," unterbrach eine dritte, "und die handbreiten Bruesseler Kanten, der Amethystschmuck, mit welchem man meinen Torweg pflastern koennte--von der Fuerstin Romanow soll er sein! Ha, ha, ha, man hat auch seine Nachrichten; die Fuerstin, Gott halte sie in Ehren, ist eine splendide Frau; auch reich, steinreich, gebe alles zu--aber so einem naseweisen Kind, das kaum hinter den Ohren trocken ist, dieses Diadem, diese Ohrenringe, dieses Kollier, dieses Kreuz zu schenken--nein, dazu ist die Frau Fuerstin Hoheit doch zu vernuenftig. Haben Sie aber nie von ihrem Neffen, dem Prinzen Ferdinand, gehoert? Soll ein splendider, artiger Herr sein, der Prinz, und wenn man nur gegen ihn gefaellig ist, ist er es wohl auch wieder, ha, ha, ha--" Und der ganze Zirkel lachte und stiess an auf den gefaelligen, splendiden Prinzen. Nein, wahrhaftig, es war nicht zum Aushalten; ein schoenes, engelreines Geschoepf, voll Milde, Sanftmut und Mitleiden so schonungslos zu verdammen! Emil hatte in einer Fenstervertiefung, wo er sich hingestellt hatte, um die Tafel zu uebersehen, alles mit angehoert; er haette moegen der Frau Gevatter den einzigen Zahn, den sie noch hatte, mit welchem sie aber nichtsdestoweniger den Ruf einer jungen Dame tapfer benagte, ein wenig einschlagen; er rueckte, nur um die giftigen Bemerkungen nicht zu hoeren, um ein Fenster weiter hinaus. Aber hier kam er vom Regen in die Traufe. Frau von Schulderoff setzte dort ihrem Sohn, dem Dragonerleutnant, weitlaeufig auseinander, dass er, um den gesunkenen Glanz ihres Hauses wieder auf den Strumpf zu bringen, notwendig eine gute, sehr gute Partie machen muesse, und dazu sei die Ida ganz wie gemacht. Dem jungen Schulderoff, der neben dem gesunkenen Glanz seines Hauses bei Juden und Christen einige tausend Taelerchen mehr stehen hatte, als sein Gageabzug auf siebzig Jahre wahrscheinlicherweise aufwiegen konnte, schien mit dem Vorschlag ganz zufrieden; nur das Wie wollte ihm nicht recht einleuchten. Aber die gnaedige Mama wusste Rat. "Erstens; recht oft mit ihr getanzt, namentlich im Kotillon recht oft geholt! Das heisst Attention beweisen; das Maedchen wird dann mit dir aufgezogen, sie wird aufmerksam auf dich. Zweitens: morgens zehn Uhr im kurzen Galopp am Haus vorbei! Dort verlierst du, im Staunen ueber sie, die Reitpeitsche; du voltigierst ja so gut, haeltst also nicht an, sondern herab vom Gaul, Peitsche ergriffen, wieder hinauf, einen Feuerblick dem Fraeulein zugeworfen, und davon im gestreckten Galopp! Wenn nur ihr Herzchen aus Angst fuer dich einmal schneller pulsiert, dann hast du sie schon im Sack. Drittens: in einer schoenen Nacht mit der ganzen Regimentsmusik vors Haus! Einige mutige Stuecke, einige zaertliche Arien aufgespielt, und sie kommt hinter die Jalousien, darauf wette ich meinen ganzen Schmuck, der jetzt zufaellig bei Levi ist. Einige Kameraden tun dir schon den Gefallen und gehen mit; sie rufen: 'Schulderoff! Schulderoff! Wo steckst du denn? Ach siehe, der arme Junge weint.' 'Ach, lasst mich, tapfere Kameraden,' antwortest du, 'mir ist so weh und so wohl in ihrer Naehe.' So kommt es in allen Ritterbuechern, wo der Adel noch allein liebte und die dummen Buergerlichen noch kein Geld hatten." "Auf Ehre, Mama, Sie haben recht," antwortete der Leutnant und wichste sich den Schnurrbart; "sehen Sie, dann kann ich auch so angr--" Emil wurde, er wusste nicht warum, ganz bange ums Herz, als er den Eroberungsplan des Wildfangs hoerte; er rueckte um einige Fenster weiter hinauf und war dort dem Gegenstand nahe, den die Schmaehsucht der Weiber zu zerreissen, der Eroberungsgeist der Schulderoffs zu gewinnen suchte. Obenan sass der Praesident; die feierliche Geschaeftsmiene war zu Hause geblieben; er hatte den freundlichen, gefaelligen Gesellschaftsmenschen angezogen und tafelte, zum grossen Trost der juengern Glieder seines Kollegiums, wie ein Junger. Das behagliche runde Gesicht durchblitzte oft schnell wie ein Gedanke ein satirisches Laecheln, wenn er und der Hofrat Ida zum suessen bruesselnden Schaumwein noetigten. Es war nicht moeglich, etwas Liebreizenderes zu sehen, als das Maedchen, eine ewig junge Hebe, zwischen den alten, froehlichen Herren. Es war jetzt ganz das waehlige, mutwillige Kind wieder wie vor drei Jahren, wenn es dem Papa oder dem alten Hagestolz Berner auf dem Schosse sass; Madeirasekt und Xeres hatten ihr, weil Berner keinen der schweren Weine ueber die Purpurbarrieren ihrer Lippen gelassen hatte, alles Blut in die Wangen getrieben; es zischte und gischte in ihren Adern so warm und wohltuend, dass das Auge von Lust und Liebe strahlte und die rosige Tiefe des Schelmengruebchens alle Augenblicke sich zeigte. Der Champagner, den sie auf den Trimadeira setzte, war auch nicht aus seinen Kreidebergen geholt worden, um ein froehlichgluehendes Engelskoepfchen abzukuehlen und einen in ewigwechselnder Wonne Flut und Ebbe wogenden Busen zur Ruhe zu bringen. Wusste sie doch selbst nicht, was sie so froehlich machte! Die Rueckkehr ins Vaterhaus allein war es nicht, auch nicht, dass die Blicke der jungen Freilinger Stadtkinder alle auf sie flogen; es war noch etwas anderes; war es nicht ein bleiches, wunderschoenes Gesicht, das sich immer wieder ihrer Phantasie aufdraengte, das sie wehmuetig durch Traenen anlaechelte? Warum musste er aber auch gehen, gerade als es zur Tafel ging, wo sie ihn haette sehen und sprechen koennen!-- "Ei, Kind," sagte der Praesident und weckte sie aus ihren Traeumen, "da sitzest du schon eine geschlagene Glockenviertelstunde, starrst auf den Teller hin, als laesest du in der Johannisbeermarmelade so gut als im Kaffeesatz deine Zukunft, und laechelst dabei, als machten dir alle ledigen Herren, unsern Hofrat mir eingeschlossen, ihr Kompliment!" Die Glutroete stieg ihr ins Gesicht; sie nahm sich zusammen und musste doch wieder heimlich laecheln ueber den guten Papa, der doch auch kein Spuerchen von ihren Gedanken haben konnte. Aber als vollends der Hofrat ihr von der andern Seite zufluesterte: "Der alte Herr hat fehlgeschossen; wir alle koennten uns den Ruecken lahm komplimentieren und die Knie wund liegen, mein stolzes Trotzkoepfchen goennte keinem einen halben Blick oder ein Viertelchen von dem Engelslaecheln, das hier in den Teller ging. Aber da darf nur so ein interessanter Fremder in einem Landau weinen, so ein Signor Bleichwangioso--" "Ach, wie garstig, Berner! An den habe ich gar nicht mehr gedacht!" rief sie, aergerlich, dass der Kluge ins Schwarze geschossen haben sollte. Jener aber wischte seine Brille ab, schaute auf Idas silbernen Teller und deutete lachend auf den Rand-- "Gar nicht mehr an ihn gedacht? Welcher Graveur hat denn da gekritzelt, Fraeulein Luegenhausen? He!" Nun, da hatte sich das Maedchen wieder vergaloppiert, hatte, ohne dass sie es im geringsten wusste, unter ihrer Gedankenreihe das Dessertmesser in die Hand bekommen, auf dem Teller herumgekritzelt, und da stand mit huebschen, deutlichen Buchstaben: _Emil v. Mart_-- "Nein, wie einem doch der Zufall bei boesen Leuten Streiche spielen kann!" replizierte sie mit der unverschaemtesten Unbefangenheit, kratzte, indem sie sich selbst ueber ihre furchtbare Kunst, zu verdrehen, wunderte, in aller Geschwindigkeit ein Schnirkelchen hin, wies dem kurzsichtigen Hofrat den Teller und sagte: "Sehen Sie! Da war irgend einmal eine reisende Prinzess hier, welcher man auf Silber servierte, und um den merkwuerdigen Tag ihrer Anwesenheit zu verewigen, schrieb sie die paar Worte hieher: _Emilie v. Mart._, heisst offenbar: Emilie, am fuenften Maerz." "Gott im Himmel, was haettest du fuer einen Rechtskonsulenten und Rabulisten gegeben!" antwortete Berner und setzte vor Schrecken den frischeingeschenkten Kelch, den er schon halbwegs gehabt, wieder nieder. "Habe ich nicht gesehen, wie du das Ding da kritzeltest; und jetzt taete es not, ich deprezierte den falschen Verdacht?" Doch Engelskoepfchen Ida sah ihm so bittend ins Auge, dass er unwillkuerlich wieder gut wurde; in den suessesten Schmeicheltoenen bat sie ihm die Unart ab, versprach, sich nie mehr aufs Leugnen zu legen, wenn er gelobe, dem Papa nichts zu sagen, der sie wenigstens acht Tage lang mit ihrer Silberschrift necken wuerde. Er gelobte, mahnte aber, jetzt sich zum Kotillon zu ruesten. "Nur noch ein Viertelstuendchen!" bat Ida, weil sie dem widerwaertigen Kreissekretaer habe zusagen muessen. Aber das Straeuben half nichts; die Hoerner erklangen im Tanzsaal, und die Tafel ruestete sich, aufzubrechen. Da stand der Praesident auf. "Noch einen Kelch, meine Damen!" rief er ueber die Tafel hin, "noch einen echten Toast aus den guten alten Zeiten: die Glaeser hoch--der Liebe und der Freude!" Die Trompeten schmetterten ihren Freudenruf unter den Jubel; aber mitten durch das Geschmetter, durch das donnerschlagaehnliche Wirbeln der Pauken, mitten in dem schrankenlosen Hallo der bechampagnerten Gaeste war es Ida, als hoerte sie hinter sich tief seufzen, und als sie, von einer ploetzlichen Ahnung ergriffen, sich schnell umsah, begegnete sie Emils Auge, der wehmuetig, traenenschwer in das Gewuehl der Freude schaute. Alles Blut jagte die UEberraschung dem Maedchen aus den Wangen, es hatte keinen Atem mehr, und doch konnte es um keinen Preis ihr Auge wieder von ihm abwenden. Doch ehe sie noch ihrer Verlegenheit Meister werden konnte, gerade als sie der schoene junge Mann anreden zu wollen schien, riss ihn das Gedraenge der Aufstehenden aus ihrer Naehe; der Kreissekretaer kam mit seinem widrigen, sauersuessen Gesicht, schaetzte sich gluecklich, den Kotillon errungen zu haben, und fuehrte seine Taenzerin im Triumph durch die dicken Reihen seiner Neider. Sie aber folgte ihm, noch immer ueber diese Erscheinung, ueber die Gewalt dieser dunkeln Flammensterne sinnend. "Wahrhaftig!" sagte sie zu sich. "Der Hofrat hat doch recht, es muss Menschen geben, die Haekchen im Auge haben, von welchen man sich gar nicht losreissen kann, und dieser muss einen von den grossen Angelhaken haben." * * * * * DER KOTILLON. In rauschenden Toenen klangen die Hoerner und Trompeten durch den Saal; in verschlungenen Gruppen, bald suchend, bald fliehend, huepften die Paare den froehlichen Reigen, und Idas liebliche Gestalt tauchte auf und nieder in der Menge der Tanzenden wie eine Nixe, die neckend bald dem Auge sich zeigt, bald in den Fluten verschwindet. Oft, wenn der Augenblick es gestattete, wagte sie einen Viertelsseitenblick ueber den Saal hinueber nach ihm, zu welchem ein unerklaerbares Etwas sie noch immer hinzog, und wenn die Floeten leiser fluesterten, wenn die weichen, gehaltenen Toene der Hoerner suesses Sehnen erweckten, da glaubte sie zu fuehlen, dass diese Toene auch in seiner Brust widerklingen muessen. In glaenzender Kette schwebten jetzt die Maedchen in der Runde, bis die Reihe sich loeste und sie den Saal durchschwaermten, um selbst sich Taenzer zu suchen. Emil stand wieder an seine Saeule gelehnt. Kaum den Boden beruehrend, schwebte eine zarte Gestalt, auf dem Amorettengesichtchen ein holdes, verschaemtes Laecheln, auf ihn zu--es war Ida. Laechelnd neigte sie sich, zum Tanze ihn einzuladen; er schien freudig ueberrascht, eine fluechtige Roete ging ueber sein bleiches Gesicht, als er das holde Engelskind umschlang und mit ihr durch den Saal flog. Aber aengstlich war es Ida in seinen Armen; kalt war die Hand, die in der ihrigen ruhte, schaurige Kaelte fuehlte sie aus des Fremden Arm, der ihre Huefte umschlang; in sie eindringen, scheu suchte ihr Auge den Boden; denn sie fuerchtete, seinem Flammenblicke zu begegnen. Jetzt erst fiel ihr auch ein, dass es sich doch nicht so recht schicke, den ganz fremden Menschen, der ihr von niemand noch vorgestellt war, zuerst zum Tanze aufgefordert zu haben. Aber ein freudiges Gefluester des Beifalls begleitete sie durch die Reihen; bedeutender schien des Fremden edles Gesicht, von der Bewegung des Tanzes leicht geroetet, bedeutender erschien seine edle Gestalt, sein hoher koeniglicher Anstand, und dem schoenen Mann gegenueber erschien auch Ida in noch vollerem Glanz der Schoenheit. Mit dankendem Blick schied er, als er sie an den Platz zurueckfuehrte; wieviel stiller Gram, wieviel Wehmut lag in diesem langen Blick! Ja, wenn sie sich den Ausdruck seines Auges noch einmal zurueckrief, wieviel Dank lag darin, wieviel Lie-- Sie drueckte geschwind die Augen zu, um nur den Gedanken zu entgehen, die sie unablaessig verfolgten; sie tanzte rascher und eifriger, nur um sich durch den raschen Wirbel zu zerstreuen; aber da wisperte von der einen Seite der Xeres, von der andern kicherte der Champagner ihr ins Ohr: er liebt dich, du bist es ja, nach welcher er immer sieht, wegen dir ist er noch einmal auf den Ball gekommen.--Der Kotillon hatte jetzt seine glaenzendste Hoehe erreicht; eine Tour, die in Freilingen noch nie getanzt worden, sollte eingeschoben werden. Die Dame, welche die Reihe traf, setzte sich, von ihrem Taenzer gefuehrt, auf einen in die Mitte des Kreises gestellten Sessel; mit einem seidenen Tuche wurden ihr die Augen verbunden und dann Taenzer jeglicher Gattung zur blinden Wahl vorgefuehrt. Die Ausgeschlagenen stellten sich als Gefangene und besiegt hinter den Stuhl, der Erwaehlte flog mit der von der Binde erloesten Taenzerin durch den Saal. Die Tour an sich war gerade nicht so kuehn erfunden, um durch sich selbst sehr bedeutungsvoll zu werden; sie ward es aber dadurch, dass der Vortaenzer, ein gerade von Reisen zurueckgekommener Herr aus Freilingen, behauptete, in Wien werde diese Tour fuer sehr verhaengnisvoll gehalten; denn es gelte dort bei dieser blinden Wahl das Sprichwort: "Der Zug des Herzens sei des Schicksals Stimme," und mehr denn hundertmal habe er den Spruch bei dieser Tour eintreffen sehen. Die Freilinger Schoenen machten zwar Spass daraus und behaupteten, die Wiener Damen werden unter dem Tuch hervorgesehen haben; doch mochten sie aberglaeubisch genug sein und wuenschen, des Schicksals Stimme moechte dem Zug ihres Herzens nachgeben und ihnen den schoenen Major oder den Jagdjunker mit dem Stutzbaertchen oder einen dergleichen vor die blinden Augen fuehren. Auch an Ida kam jetzt die Reihe, sich niederzusetzen; der sauersuesse Kreissekretaer fuehrte sie zum Stuhl, fragte mit schalkhaft sein sollendem Laecheln, das aber sein Gesicht zur scheusslichen Fratze verzog, ob er den Herrn Hofrat Berner bringen solle, band ihr das Tuch vor die Augen, und in wenigen Augenblicken standen schon drei arme Unglueckliche, von der sproeden, blinden Mamsell Amor-Justitia verschmaeht, hinter dem Stuhl. Es war ihr wohl auch der Gedanke an Martiniz durch das Koepfchen gezogen; aber sie hatte sich selbst recht tuechtig ausgescholten und vorgenommen, ihr Herzchen moege sie ziehen, wie es wolle, das Schicksal moege noch so gebietend rufen, sie lasse drei ablaufen und den vierten wolle sie endlich nehmen. "Numero vier, gnaediges Fraeulein!" meckerte der Kreissekretaer. Sie liess die Binde loesen, sie schlug die Augen auf und sank in Emils Arme, der sie im schmetternden Wirbel der Trompeten, im Jubelruf der Hoerner im Saal umherschwenkte; die Sinne wollten ihr vergehen, sie hatte keinen deutlichen Gedanken als das immer wiederkehrende: "Der Zug des Herzens ist des Schicksals Stimme." Ach! so haette sie durch das Leben tanzen moegen; ihr war so wohl; so leicht; wie auf den Fluegeln der Fruehlingsluefte schwebte sie in seinem Arme hin, sie zitterte am ganzen Koerper; ihr Busen flog in fieberhaften Pulsen, sie musste ihn ansehen, es mochte kosten, was es wollte. Sie hob das schmachtende Gesichtchen. Ein suesser Blick der beiden Liebessterne traf den Mann, der ihr in wenigen Stunden so wert geworden war; das edle Gesicht lag offen vor ihr, wenige Zoll breit Auge von Auge, Mund von Mund; ach, wie unendlich huebsch kam er ihr vor, wie fein alle seine Zuege, wie schmelzend sein Auge, sein Laecheln; sie haette moegen die paar Zoellchen breite Kluft durchfliegen, ihn zu lieben, zu kue-- Klatsch, klatsch, mahnten die ungeduldigen Herren, indem sie die glacierten Handschuhe zusammenschlugen, dass die zarten Naehte sprangen; will denn dies Paar ewig tanzen? Ach, ihr Kurzsichtigen, wenn ihr wuesstet, wieviel namenlose Seligkeit in einer solchen kurzen Minute liegt, wie die Pforten des Lebens sich oeffnen, wie die Seele hinter die durchsichtige Haut des Auges heraufsteigt, um hinueberzufliegen zu der Schwesterseele--wahrlich, ihr wuerdet diesen Moment des suessesten Verstaendnisses nicht durch euer Klatschen verscheuchen. Der Ball war zu Ende; der Hofrat nahte, Ida den Schal anzulegen und das waermende Maentelchen umzuwerfen; er nahm dann ihren Arm, um sie zur Abkuehlung noch ein wenig durch den Saal zu fuehren. "Sie haben mit ihm getanzt, Toechterchen?"--"Ja," antwortete sie, "und wie der tanzt, koennen Sie sich gar nicht denken; so angenehm, so leicht, so schwebend!"--"Idchen, Idchen!" warnte der Hofrat laechelnd. "Was werden unsere jungen Herren dazu sagen, wenn Sie sie ueber einem Landfremden so ganz und gar vergessen?"--"Nun, die koennen sich wenigstens ueber das Vergessen nicht beklagen; denn ich habe nie an sie gedacht! Aber sagen Sie selbst, Hofrat, ist er nicht ganz, was man interessant nennt?"--"Ihnen wenigstens scheint er es zu sein," antwortete der neckische Alte.--"Nein, spassen Sie jetzt nicht! Ist nicht etwas wunderbar Anziehendes an dem Menschen, etwas, das man nicht recht erklaeren kann?" Der Hofrat schwieg nachdenklich. "Wahrhaftig, Sie koennen recht haben, Maedchen," sagte er; "habe ich doch den ganzen Abend darueber nachgesonnen, warum ich diesen Menschen gar nicht aus dem Sinne bringen kann." "Aber noch etwas," fiel Ida ein; "wissen Sie nicht, wo er so ploetzlich mit dem alten Diener hinging?"--"Das ist es eben!" sagte jener. "Eine ganz eigene Geschichte mit dem Grafen da; kommt auf den Ball, tanzt nicht, geht fort, bleibt ueber eine Stunde aus, kommt wieder--und wo blieb er? Wo meinen Sie wohl? Er war im Muenster!!" "Jetzt eben, in dieser Nacht?" fragte Ida erschrocken und an allen Gliedern zitternd. "Heute nacht, auf Ehre! Ich weiss es gewiss; aber reinen Mund gehalten, Gold-Idchen! Morgen komme ich dem Ding auf die Spur." Der Wagen war vorgefahren; der Praesident kam in einer Weinlaune. "Hofraetchen," rief er, "wenn du nicht anderthalbmal ihr Vater sein koenntest, wollte ich dir Ida kuppeln!" "Haette ich das doch vor dem Ball gewusst!" jammerte der Hofrat; "aber da gab es allerlei interessante Leute usw." Erroetend sprang Ida in den Wagen, auf den losen Hofrat scheltend, und umsonst gab sich Papa auf dem Heimweg Muehe, zu erfahren, was jener gemeint habe. Trotzkoepfchen haette moegen laut lachen ueber die Bitten des alten Herrn; es biss die scharfen Perlenzaehne in die Purpurlippen, dass auch kein Woertchen heraus konnte. Nicht mehr so froehlich als in frueheren Tagen und dennoch gluecklicher, legte Ida das Lockenkoepfchen auf die weichen Kissen. Es war ihr so bange, so warm; mit einem Ruck war der seidene Plumeau am Fussende des Bettes, und auch die duenne Seidenhuelle, die jetzt noch uebrig war, musste immer weiter hinabgeschoben werden, dass die wogende, entfesselte Schwanenbrust Luft bekam. Aber wie, ein Geraeusch von der Tuere her? Die Tuere geht auf, im matten Schimmer des Nachtlichtes erkennt sie Martiniz' blendendes Gesicht; sein dunkles, wehmuetiges Auge fesselt sie so, dass sie kein Glied zu ruehren vermag, sie kann die Decke nicht weiter heraufziehen, sie kann den Marmorbusen nicht vor seinem Feuerblick verhuellen; sie will zuernen ueber den sonderbaren Besuch, aber die Stimme versagt ihr. Aufgeloest in jungfraeuliche Scham und Sehnsucht, drueckt sie die Augen zu; er naht, weiche Floetentoene erwachen und wogen um ihr Ohr, er kniet nieder an ihrem braeutlichen Lager, "der Zug des Herzens ist des Schicksals Stimme," fluestert er in ihr Ohr; er beugt das gramvolle, wehmuetige Gesicht ueber sie hin, heisse Traenen stuerzen aus seinem gluehenden Auge herab auf ihre Wangen, er woelbt den wuerzigen Mund--er will sie kue-- Sie erwachte, sie fuehlte, dass ihre eigenen heftigstroemenden Traenen sie aus dem schoenen Traume erweckt hatten. * * * * * DIE BEICHTE. Am andern Morgen sehr frueh stand der Hofrat schon vor des Praesidenten Haus und zog die Glocke. Er musste ja sein holdes Idchen fragen, wie es zum erstenmal wieder in Freilingen geschlafen habe. Nebenbei hatte er so viel zu fragen, so viel mitzuteilen, dass er nicht wusste, wo ihm der Kopf stand. Nur soviel war ihm klar, als er den hellpolierten Handgriff der Glocke in der Hand hielt, dass er um keinen Preis von dem interessanten Herrn von gestern zuerst sprechen werde; sie soll mir daran, sagte er, sie soll mir beichten. Er tat sich auf seinen Witz nicht wenig zugut und laechelte noch still vor sich hin, als er die breite Treppe hinanstieg. Der Praesident sei schon in die Session gefahren, gaben ihm die Bedienten auf seine Anfrage zur Antwort, aber gnaediges Fraeulein nehme ihn vielleicht an, obwohl ihre Toilette noch nicht fertig sei. Man meldete ihn; er wurde sogleich vorgelassen. In ihrem kleinen, aufs geschmackvollste dekorierten Boudoir sass Ida auf einer Estrade am Fenster, das Lockenkoepfchen in die Hand gestuetzt. War es doch, als sei das Maedchen in dieser Nacht noch tausendmal schoener geworden! Der Hofrat bekam ordentlich Ehrfurcht vor ihrer Schoenheit; es lag so viel Schmachtendes in ihrem Auge, so viel ernste Sanftmut auf dem lieben Gesichtchen, das ihn begruesste, dass er gar nicht wusste, woher dies alles das Wunderkind gestohlen hatte. Er sagte ihr auch, wie schoen er sie finde; sie aber lachte ihm geradezu ins Gesicht; sie finde, dass sie weit bleicher aussehe als sonst, der Ball koenne einesteils daran schuld sein, sagte sie; dazu komme, dass sie heute nacht so dumm getraeumt habe und alle Augenblicke aufgewacht sei. Sie wollte bei dieser Behauptung recht ernst aussehen; aber das kleine Schelmchen flog ihr doch beinahe unmerklich um den Mund, als wuesste es, was dem huebschen Engelskind getraeumt habe. Der Hofrat sprach vom gestrigen Ball, von Herren und Damen, von allen moeglichen Schoenen; aber er haette sich lieber die Zunge abgebissen, ehe er von Martiniz zuerst angefangen haette, obgleich er wohl sah, dass Ida darauf warte. Er sah sich daher, als alle Taenze und Touren bekrittelt waren und das Gespraech zu stocken drohte, im Zimmer umher. "Nein," sagte er, "wie wunderschoen Ihnen Papa das Boudoir da dekorieren liess, die bronzierte Lampe am gewoelbten Plafond, die freundliche Tapete! Wie werden sich Ihre Besucher erfreuen, wenn man sich nicht mehr um den Rang auf dem Sofa streiten darf! denn jener von hellbraunem Kasimir, der sich an drei Waenden hinzieht, den eleganten Teetisch von Zedernholz in der Mitte, kann ja eine ganze Legion von Daemchen in sich aufnehmen. Der franzoesische Kamin mit dem deckenhohen Spiegel scheint aber nicht sehr warm geben zu wollen; doch Hoffart muss schon auch ein wenig Schmerz leiden. Die geschmackvolle Etagere dort haben Sie gewiss selbst erst aus der Residenz geschickt; denn hier wuesste ich niemand, der solche Arbeit lieferte." Das ging ja dem alten Herrn aus dem Mund wie Wasser; schade nur, dass er den tauben Waenden predigte; denn Ida schaute stillverklaert durch die Scheiben und hatte weder Augen noch Ohren fuer ihren alten Freund. Dieser sah sich um, sah das Hinstarren des Maedchens, folgte ihrem Auge und--drueben in der ersten Etage des ehrsamen Gasthofes "Zum goldenen _Mond_" hatten sich die rot und weissen Gardinen aufgetan, und im geoeffneten Fenster stand--nein, er machte es gerade zu, als der Hofrat hinsah, und liess die Gardine wieder herab; das selige Kind drehte jetzt das Koepfchen, und ihr Blick begegnete dem lauernden Auge des Hofrats. Die Flammenroete schlug ihr ins Gesicht, als sie sich so verraten sah; aber dennoch sagte Trotzkoepfchen kein Wort, sondern arbeitete eifrig an einer Zentifolie. Nun, dachte der Alte, wenn du es durchaus nicht anders haben willst,--auf den Zahn muss ich dir einmal fuehlen, also sei's! "Sie haben brave Nachbarschaft, Ida," sagte er, "da koennen Sie Ihre astronomischen Beobachtungen nach den Glutsternen des Herrn von Martiniz recht kommode anstellen; ich habe zu Haus einen guten Dolland, er steht zu Diensten, wenn Sie etwa--" "Wie Sie nur so boes sein koennen, Berner!" klagte das verschaemte Maedchen. "Wahrhaftig, ich habe bis auf diesen Augenblick gar nicht gewusst, dass er nur im Mond logiert; und dass ich gestern diesen Mann schon wegen seines Aeusseren gehaltvoller gefunden habe als unsere jungen Herren hier, um die ich nun einmal kein Floeckchen Seide gebe, --ist das denn ein so schweres Verbrechen, dass man es noch am andern Tage buessen muss? Ist es denn so arg, wenn man Mitleiden hat mit einem Menschen, der so ungluecklich scheint?" "Nun, da bringen Sie mich just auf den rechten Punkt," sagte der Hofrat; "dass der junge Herr im Mond drueben gestern nacht in der Muensterkirche war, habe ich Ihnen gesagt; aber was er dort tat, das wissen Sie nicht,--und was bekomme ich, wenn ich es sage?" "Nun, was wird er viel dort getan haben?" antwortete Ida, vergeblich bemueht, ihre Neugierde zu bekaempfen. "Er hat sich wahrscheinlich die Kirche zeigen lassen, wie die Fremden auf der Durchreise immer tun?" "Durchreise? Als ob ich nicht wuesste, dass Herr von Martiniz die drei Zimmer Ihnen gegenueber auf vier Wochen gemietet hat--" "Auf vier Wochen?" rief Ida freudig aus, erschrak aber im naemlichen Augenblick ueber die laute Aeusserung ihrer Freude. "Vier Wochen?"-- setzte sie gefasster hinzu. "Wie freut mich das fuer die gute Mondwirtin! Sie muss immer Schelte hoeren von ihrem Mann, dass ihre _Table d'hote_ nicht so gut sei wie im _Hotel de Saxe_, und kein Mensch bleibe recht lange; da hat sie nun doch einen Beweis fuer sich." "Die arme Mondwirtin," spottete der Hofrat, "die gute Seele! Muss sie jetzt auch noch zur Entschuldigung dienen, wenn man seine Freude nicht recht verbergen kann! Und, um aufs vorige zurueckzukommen, Sie glauben also, der Mann im Monde da drueben habe sich als durchreisender Fremder unsern Muenster zeigen lassen und dazu die glueckliche Stunde nachts von zwoelf bis ein Uhr gewaehlt, habe den Kuester mit seiner Laterne alles beleuchten lassen, nur um die Finsternis desto deutlicher zu sehen?" Der kleine Schalk lachte verstohlen auf seine Arbeit hin und liess den Hofrat immer fortfahren-- "Heute in aller Frueh war ich beim Kuester, dem ich vorzeiten einmal einen Prozess gefuehrt und ein Kind aus der Taufe gehoben hatte; gewiss, ohne diese Empfehlung waere ich bei dem Alten nicht durchgedrungen. 'Gevatter!' sagte ich zu ihm, 'Er kann mir wohl sagen, was der Fremde, der Ihn gestern nacht noch besuchte, im Muenster getan hat.' Der Mann wollte im Anfang von gar nichts wissen; ich rief aber meinen alten Balthasar,--Sie kennen ihn ja, wie geschickt er ist, alles aufzuspueren,--diesen rief ich her und konfrontierte beide; der Balthasar hatte den Bedienten des Fremden in des Kuesters Haus gehen und beide bald darauf mit dem Fremden im Muenster verschwinden sehen. Er gab dies zu, bat mich aber, nicht weiter in ihn zu dringen, weil es ein furchtbares Geheimnis sei, das er nicht verraten duerfe. So neugierig ich war, stellte ich mich doch ganz ruhig, bedauerte, dass er nichts sagen duerfe, weil es ihm sonst eine Bouteille Alten (seine schwache Seite) eingetragen haette; da gab er weich und erzaehlte--" "Nun, fahren Sie doch fort!" sagte Ida ungeduldig, "Sie wissen von frueher her, dass ich fuer mein Leben gerne Geschichten hoere, namentlich geheimnisvolle, die bei Nacht in einer Kirche spielen." "So, so? Man hoert gerne Geschichten von interessanten, geheimnisvollen Leuten? Nun ja, hoeren Sie weiter! Der Kuester, der fuer seine Muehe einen harten Taler bekam, fuehrte gestern nacht einen Herrn, der bleich wie der Tod, aber so vornehm wie ein Prinz ausgesehen haben soll, in den Muenster. Dort habe sich der Fremde auf die Altarstufen gesetzt und in voller Herzensangst gebetet. Dann sei ein Sturm gekommen, wie er fast noch nie einen gehoert; er habe an den Fenstern geruettelt und geschuettelt und die Scheiben in die Kirche hereingeschlagen; der Herr aber habe wunderliche Reden gefuehrt, als reite der Teufel draussen um die Kirche und wolle ihn holen. "Der Kuester glaubt auch daran wie ans Evangelium und weint wie ein Kind um den bleichen jungen Mann, der schon so frueh in die Hoelle fahren solle. Dabei verspricht er aber ganz getrost, wenn der Herr alle Nacht bei ihm einkehre und sich in den Schutz seines Muensters begebe, solle ihm vom Boesen kein Haar gekruemmt werden. Sehen Sie, das ist die Geschichte; da werde jetzt einer klug daraus! Was halten Sie davon?" In aengstlicher Spannung hatte Ida zugehoert; in hellem Wasser schwammen ihr die grossen blauen Augen, die volle schoene Schwanenbrust hob sich unter der durchsichtigen Chemisette, als wolle sie einen Berg von sich abwaelzen; die Stimme versagte ihr; sie konnte nicht gleich antworten. "O Gott!" rief sie, "was ich geahnt, scheint wahr zu sein: der arme Mensch ist gewiss wahnsinnig; denn an die toerichte Konjektur des Kuesters werden Sie doch nicht glauben?" "Nein, gewiss glaube ich an solche Torheiten nicht; aber auch was Sie sagen, scheint mir unwahrscheinlich; sein Auge ist nicht das eines Irren, sein Betragen ist geordnet, artig, wenn auch verschlossen." "Aber haben Sie nicht bemerkt," unterbrach ihn Ida, "nicht bemerkt, wie unruhig er wurde, wie sein Auge rollte, als es elf Uhr schlug? Gewiss hat es eine ganz eigene Bewandtnis mit dieser Stunde, und irgend eine Gewissenslast treibt ihn wohl um diese Zeit, Schutz in dem Heiligtum zu suchen, das jedem, der muehselig und beladen koemmt, offen steht." "Ihr Frauen habt in solchen Sachen oft einen ganz eigenen Takt," antwortete der Hofrat, "und sehet oft weiter als wir; doch will ich auch hier bald auf der Spur sein; denn mich peinigt alles, was ich nur halb weiss, und mein Idchen weiss mir vielleicht auch Dank, wenn ich mit dem Herrn Nachbar Bleichwangioso aufs reine komme; das greifen wir so an: Der Mondwirt ist mein spezieller Freund, weil ich gewoehnlich abends mein Schoeppchen bei ihm trinke und mir seit zehn Jahren das Essen von ihm holen lasse. Ich speise nun die naechsten paar Tage an seiner Tafel, und er muss mein Kuvert neben das seines bleichen Gastes setzen lassen; bekannt will ich bald mit ihm sein, und habe ich ihn nur einmal auf einem freundschaftlichen Fuss, so will ich den alten Diener aufs Korn fassen. Natuerlich holt man weit aus und faellt nicht mit der Tuere ins Haus; aber ich habe schon mehr solche Kaeuze ausgeholt, es ist nicht der erste." * * * * * DAS DEJEUNER. "Das ist herrlich," sagte Ida und streichelte ihm die Wangen wie ehemals, wenn er ihr etwas geschenkt oder versprochen hatte. "Das machen Sie vortrefflich; zum Dank bekommen Sie aber auch etwas Extragutes, und jetzt gleich!" Sie stand auf und ging hinaus; dem Hofrat pupperte das Herz vor Freude, als er das wunderherrliche Maedchen dahingehen sah; die zarten Fuesschen schienen kaum den tuerkischen Fussteppich zu beruehren, der einfache, blendendweisse Batistueberrock verriet in seinem leichten Faltenwurf das Ebenmass dieses herrlichen Gliederbaues, diese frische, jugendliche Kraeftigkeit! Er versank in Gedanken ueber das holde Geschoepf, das allen Lockungen der Residenz Trotz geboten, sich das jungfraeuliche Herz frei bewahrt von Liebe und jetzt, als sie in ihre kleine Vaterstadt zurueckkommt, am ersten Abend einen Mann findet, den sie-- nein! sie konnte es nicht leugnen, es war ja offenbar, dass sie ihm mit der hohen Glut der ersten jungfraeulichen Liebe zugetan sei. Aber wie? Durfte er, der gereifte Mann, diese Neigung, die doch wahrscheinlicherweise kein vernuenftiges Ende nehmen konnte, durfte er sie unterstuetzen? Konnte nicht der landfremde, wie es schien, sogar gemuetskranke Mensch alle Augenblicke wieder in seinem Landau sitzen und weiterfahren? Doch der Karren war jetzt schon verfahren.-- Ida trat ein, das Gesichtchen war hochgeroetet, sie trug einen silbernen Teller mit zwei Bechern, ein Kammermaedchen folgte mit allerlei Backwerk. "Schokolade mit Kapwein abgeruehrt," sagte Ida laechelnd, indem sie ihm einen Becher praesentierte; "ich kenne den Geschmack meines Hofraetchens gar wohl, darum habe ich dieses Fruehstueck gewaehlt, und--denken Sie, wie geschickt ich bei Madame La Truiaire geworden bin,--ich habe ihn ganz allein selbst gemacht, Gesicht und Arme gluehen mir noch davon; versuchen Sie doch, er ist ganz delikat ausgefallen." Sie lueftete, ohne sich vor dem alten Freund zu genieren, das leichte UEberroeckchen; eine himmlische Aussicht oeffnete sich, der weisse Alabasterbusen schwamm auf und nieder, dass der Hofrat die alten Augen in seine Schokolade heftete, als solle er sie mit den Augen trinken. "Hierher sollte einer unserer jungen Herren kommen," dachte er, "Kapweinschokolade in den Adern, ein solches Himmelskind mit dem offenen leichten Ueberroeckchen vor sich--ob er nicht rein von Sinnen kaeme!" Beinahe ebenso grossen Respekt als vor ihren entfesselten Reizen bekam er aber vor der Kochkunst des Maedchens. Die Schokolade war so fein, so wuerzig, das rechte Mass des Weines so gut beobachtet, dass er bei jedem Schlueckchen zoegerte zu schlucken. Idchen aber schien ihre Schokolade ganz vergessen zu haben; denn ein neues Schauspiel bot sich ihren Augen dar. Der wohlbekannte Diener des Fremden fuehrte ein Paar prachtvolle Pferde vor das Portal des goldenen Mondes. Sie selbst war soviel Reiterin, dass sie wohl beurteilen konnte, dass besonders das eine Pferd, ein majestaetischer Stumpfschwanz, Tigerschimmel, von unschaetzbarem Wert sei. Auch Berner, der in allen Saetteln gerecht war, stimmte bei und pries die einzelnen Schoenheiten des Schimmels, besonders auch das elegante, geschmackvolle Reitzeug. Ida wagte voll Erwartung kaum Atem zu holen; der Mondwirt, ein stattlicher Vierziger, trat gravitaetisch aus dem Torweg und bekomplimentierte sich mit dem alten Diener um die Ehre, die Zuegel des Tigerschimmels zu halten. Als aber dieser sich dieses Geschaeft nicht nehmen liess, hielt er den Steigbuegel. Emil von Martiniz, in einem eleganten Morgenueberrock, trat jetzt aus der Halle, gefolgt von dem Oberkellner; er streichelte den schlanken Hals seines Schimmels und warf ueber ihn weg oft seine Blicke zu dem Fenster gegenueber, wo Ida neben dem Hofrat sass. Indem toente der Hufschlag eines in kurzem Galopp ansprengenden Pferdes die Strasse herauf; es kam naeher, es war der junge Dragoner- Freier, Leutnant von Schulderoff. Er hatte die gute Uniform an und von einem seiner Kameraden eine prachtvolle Tigerdecke entlehnt und langte jetzt in vollem Wichs vor des Praesidenten Haus an. Nach Vorschrift der gnaedigen Mama liess er jetzt mit einem Blick auf die Holdselige seine Reitpeitsche fallen; im Nu war der geuebte Voltigeur herab von seinem Rappen; aber gerade, als er wieder aufspringen wollte, scheute sein Ross an denen, die vor dem goldenen Mond standen, machte einen Seitensprung und dann im Karriere davon, gerade auf einen Kirchplatz zu, wo viele Kinder, die gerade aus der Schule kamen, ihre unschuldigen Spiele trieben. Der Mondwirt, der bis letzt noch immer den Buegel gehalten, flog rechts, der alte Diener links, und _ventre a terre_ flog Martiniz mit Windeseile dem Rappen nach, ueberholte ihn noch drei Schritte vor einem Haufen Kinder, die keinen Ausweg mehr hatten und klaeglich schrien, riss sein eigenes Ross herum, packte mit Riesenkraft den Ausreisser und brachte ihn zum Stehen. Alles dies war das Werk eines Augenblicks. Der liebende Dragoner hinkte auf seinen Freiersfuessen dem Rappen nach, murmelte einige Flueche, die wie ein Dank lauten sollten, sass auf und jagte davon. Martiniz aber ritt, ohne auf den tausendstimmigen Beifall, der ihm von der Menge, die sich versammelt hatte, zugejubelt wurde, zu achten, zurueck, gruesste ehrerbietig an des Praesidenten Haus hinauf und zog, gefolgt von dem alten Diener, auf seinem Morgenritt weiter. Ida hatte in dem schrecklichen Moment das Fenster aufgerissen; sie hatte die Gefahr der armen Kleinen, hatte mit steigender Angst den gefaehrlichen Moment gesehen, wo Martiniz in gestreckter Karriere sein Pferd herumriss, auf die Gefahr hin, zu ueberstuerzen; sie haette moegen mit jener Menge laut aufjauchzen und konnte sich nicht enthalten, als er vor ihrem Fenster vorbeikam, seinen Gruss so freundlich als moeglich zu erwidern. Dieser Moment war entscheidend; in der Angst, die sie fuehlte, ward sie sich bewusst, wie teuer ihr der Mann war, der dort hinflog. Das gepresste Herz, die stuermisch wogende Brust rang nach einem Ausweg. Der Hofrat wollte seinen alten Sarkasmus wieder spielen lassen; aber er draengte ihn zurueck, als ihn das Maedchen so bittend ansah, als sie seine Hand drueckte und die hellen, vollen Traenen aus den sanften Augen herabfielen. "Ich bin ein rechtes Kind, nicht wahr, Hofrat? Aber ueber solche Szenen kann ich nicht anders, muss ich unwillkuerlich weinen. Lachen Sie nur nicht ueber mich! Es wuerde mir gerade jetzt recht wehe tun." "Gott bewahre mich, dass ich lache," entgegnete der Hofrat; "wenn eines im hoechsten Fieberparoxismus ist, wie Sie, Goldkind, so lacht man gewoehnlich nicht." Er dankte ihr fuer ihre Schokolade, nahm Stock und Hut und liess das Maedchen mit ihrem siebzehnjaehrigen, von dem Keim der ersten Liebe stuermisch bewegten Herzchen allein. * * * * * DER BRIEF Als Hofrat Berner nach Tisch wieder in des Praesidenten Haus kam, um ihn, da er ihn heute frueh verfehlt hatte, zu besuchen, traf er Ida wieder so vergnuegt und froehlich wie immer. Das ewige Aprilwetter! dachte er, auch bei ihr bleibt es nicht aus; wenn wir morgens weinen, so darf man gewiss sein, dass uns auch der Abend noch traurig oder doch ernst findet; aber das weint und lacht, klagt und tollt durcheinander wie Heu und Stroh. Er setzte sich zum Praesidenten, der gewoehnlich vor dem Kaffee noch ein halbes Stuendchen tischelte; gegenueber hatte er das liebe Aprillen-Kind und noetigte sie durch sein beredtes Mienenspiel, wodurch er sie an heute frueh erinnerte, alle Augenblicke zum Lachen oder Rotwerden. "Apropos! Sie kommen gerade recht, Berner," sagte der Praesident, "haette ich doch beinahe das Beste vergessen. Sie koennen mir durch Ihre Umgaenglichkeit und Gewandtheit, durch die viele freie Zeit, die Sie haben, einen sehr grossen Gefallen tun. Ich bekam da heute vom Minister-Staatssekretaer ein Brieflein, worin mir unter den groessten Elogen der ganz sonderbare Auftrag wird, neben meinem Amt als Praesident auch noch den gehorsamen Diener anderer Leute zu spielen. Da haben Sie," fuhr er fort, indem er einen Brief mit dem grossen Dienstsiegel hervorzog, "lesen Sie einmal vor! Aber da, die Elogenstelle bleibt weg; ich kann das Ding fuer meinen Tod nicht leiden, wenn man einen so ins Gesicht hinein lobt." Berner nahm den Brief, der, weil in solchen Faellen der Staatssekretaer von Pranken selbst schrieb, ein wenig schwer zu lesen war, und begann: "--Naechstdem wurde mir hoeheren Orts der Wink gegeben, dass, da ein sicherer Graf von Martiniz den Kreis Ew. Exzellenz bereisen werde, ihm aller moegliche Vorschub und Hilfe zuteil werden soll. Besagter Herr von Martiniz wurde unserem Hofe durch den ---schen _Ministre plenipotentiaire_ aufs angelegentlichste empfohlen. Er hat im Sinn, bei uns, aller Wahrscheinlichkeit nach in Ihrem Kreise, sich bedeutende Gueter zu kaufen, ist ein Mensch, der seine drei Millionen Taler hat und vielleicht noch mehr bekommt, und muss daher womoeglich im Lande gehalten werden. Ew. Exzellenz koennen, wenn solches gelingen sollte, auf grossen Dank hoehern Orte rechnen, da, wie ich Ihnen als altem Freunde wohl anvertrauen darf, im Fall er sich im Lande ansiedelte und sein Vermoegen hereinzoege, die Hand der Graefin Aarstein Exzellenz demselben nicht vorenthalten werden wird." Im Anfang dieses Brief es war Ida bei dem Namen Martiniz hoch erroetet; denn sie begegnete dem Auge des Hofrats, der ueber den Brief weg zu ihr hinueber sah; als die Stelle von den drei Millionen kam, wurde die Freude schwaecher; ein dreifacher Millionaer war nicht fuer Idas bescheidene Wuensche; als aber die Hand der Graefin Aarstein nach ihrem sanften, liebewarmen Herzen griff, da wich alles Blut von den Wangen des zitternden Maedchens, sie senkte das Lockenkoepfchen tief, und eine Traene, die niemand sah als Gott und ihr alter Freund, stahl sich aus den tiefsten Tiefen des gebrochenen Herzens in das verdunkelte Auge und fiel auf den Teller herab. Sie kannte diese Graefin Aarstein aus der Residenz her. Sie war die natuerliche Tochter des Fuersten .....; von ihm mit ungeteilter Vorliebe erzogen, mit einem ungeheuern Vermoegen ausgestattet, lebte sie in der Residenz wie eine Fuerstin. Sie war einmal einige Jahre verheiratet gewesen; aber ihre allzu vielseitige Menschenliebe hatte den Grafen Aarstein genoetigt, seine Person von ihr scheiden und ihr nur seinen Namen zurueckzulassen. Seitdem lebte sie in der Residenz; sie galt dort in der grossen Welt als Dame, die ihr Leben zu geniessen wisse; wenn man aber nur eine Stufe niederer hinhorchte, so hoerte man von der Graefin, dass sie dieses angenehme Leben auf Kosten ihres Rufes fuehre, zehn Liebeshaendel, zwanzig Prozesse auf einmal, Schulden so viel als Steine in ihrem Schmuck habe und eine Kokette sei, die sich nicht entbloede, mit dem Geringsten zu liebaeugeln, wenn seine Formen ihr gefielen. So war Graefin Aarstein. Ein unabweislicher Widerwille hatte schon in der Residenz die reine jungfraeuliche Ida von dieser ueppigen Buhlerin zurueckgeschreckt; so oft sie zu ihren glaenzenden Soirees geladen war, wurde sie krank, um nur diese frivolen Augen, diese bis zur Nacktheit zur Schau gestellten Reize nicht zu sehen; und diese Frau, deren Geschaeft ein ewiges Gurren und Lachen, Spotten und Persiflieren war, sie sollte der ernste, unglueckliche junge Mann mit dem ruehrenden Zuge von Wehmut, dem gefuehlvollen, sprechenden Auge-- Berner hatte schweigend den Brief noch einmal ueberlesen und legte ihn dann mit einem mitleidigen Blick auf Ida zurueck. "Nun, was sagen Sie zu dem sonderbaren Auftrag?" fragte der Praesident. "Wahr ist es, der Martiniz ist nach dieser Beschreibung ein Goldfisch, den man nicht hinauslassen darf, ja, ja,--man muss negoziieren, dass er in unserem Kreise bleibt. Da koennte er zum Beispiel Woldringen kaufen: um zweimalhunderttausend Taelerchen ist Schloss, Gut, Wiesen, Feld, Fluss, See, Berg und Tal, alles, was man nur will, sein; und dieser Preis ist ein Pappenstiel. So, so? Die Aarstein also? Nicht uebel gekartet von den Herren. Sie soll enorme Schulden haben, die am Ende doch der Fuerst uebernehmen muesste; die bekommt der Herr Graf in den Kauf. Du kennst die Aarstein, Ida? Sahst du sie oft?" "Nie!" antwortete Ida unter den Loeckchen hervor und sah noch immer nicht vom Teller auf. "Nie?" fragte der Praesident gereizt. "Ich will nicht hoffen, dass die gnaedige Graefin meine Tochter nicht in ihren Zirkeln sehen wollte; hat sie dich nie eingeladen, wurdest du ihr nicht vorgestellt?" "O ja," sagte Ida, "sie schickte wohl zwanzigmal, ich kam aber nie dazu, hinzugehen." "Was der T--! Ich haette geglaubt, du waerest ein vernuenftiges, gesittetes Maedchen geworden; wie kannst du solche Sottisen begehen und die Einladungen einer Dame, die mit dem fuerstlichen Hause so nahe liiert ist, refuesieren?" "Man hat mich deswegen bei Hof nicht weniger freundlich aufgenommen," antwortete Ida und hob das von Unmut geroetete Gesichtchen empor; "man hat sich vielleicht gedacht, dass es der Ehre eines unbescholtenen Maedchens wohl anstehe, so fern als moeglich von der Frau Graefin zu bleiben." "So sieht es dort aus?" fragte der Praesident kopfschuettelnd. "Nun, nun! Heutzutage setzt man sich, wenn man ein wenig Welt hat, darueber weg. Ich mag dir hierueber nichts sagen, ihr jungen Maedchen habt eure eigenen Grundsaetze; nur waere es wegen der jetzigen Verhaeltnisse besser gewesen, du haettest sie oefter gesehen; denn wenn sie sich hier in der Gegend ankaufen, nach Freiling kommen sie doch auch alle Jahre ein paar Mal. Wir machen das erste Haus hier, du sollst in Zukunft die Dame des Hauses vorstellen; wie kannst du nun die Graef in Martiniz empfangen, wenn du in der Residenz sie so ganz negligiertest?" "Nun, Graefin Martiniz ist sie ja noch nicht," meinte der Hofrat und laechelte dabei so geheimnisvoll, dass es sogar dem Praesidenten auffiel. "Nun, Er spricht ja so sicher ueber diesen Punkt," sagte dieser, "als kenne Er den Grafen Martiniz und seine Herzensangelegenheiten aus dem Fundament." "Seine Herzensangelegenheiten nun freilich nicht," laechelte Berner; "aber den Grafen hatte ich die Ehre gestern kennen zu lernen--" "Wie," unterbrach ihn der Praesident, "er ist schon hier? Und wir schwatzen schon eine Stunde von ihm, und Sie sagen nichts--" "Fraeulein Tochter ist nicht minder in der Schuld als ich," entgegnete jener; "sie kennt ihn sogar genauer als ich." "Ich glaube, Ihr seid von Sinnen, Berner, oder mein Laubenheimer hat Euch erleuchtet. Du, Idchen, du kennst ihn?" "Nein--ja--" antwortete Ida, noch hoeher erroetend. "Ich habe mit ihm getanzt, das ist alles." "Er war also gestern auf dem Ball? Schon bei Jahren, natuerlich, ein aeltlicher Mann? Schon in unserem Alter, Berner?" "Nicht so ganz," sagte dieser mit Hohn, "er mag so seine drei- bis vierundzwanzig Jaehrchen haben. Uebrigens koennen Exzellenz seine Bekanntschaft recht wohl machen; er logiert drueben im Mond." Der Praesident war zufrieden mit diesen Nachrichten; er sann nach, wie der junge Mann am besten zu halten sein moechte; denn er trieb alles gerne nach dem Kanzleistil. Freund und Tochter, die er zu Rate zog, rieten, ihn einzuladen und ihm so viel Ehre und Vergnuegen als moeglich zu geben. Der Hofrat nahm es ueber sich, die Sache einzuleiten, und der Praesident ging um ein Geschaeft leichter in sein Kollegium. * * * * * OPERATIONSPLAN. Als er weg war, sahen sich Ida und Berner eine Zeitlang an, ohne ein Wort zu wechseln. Der Hofrat, dem das lange Schweigen peinlich wurde, zwang sich, obgleich ihm die wehmuetige Freundlichkeit in Idas Gesicht, ihr traenenschwerer Blick bis tief ins Herz hinein wehe tat, zum Laecheln. "Nun, wer haette es," sagte er, "wer haette es dem leidenden Herrn von gestern nacht angesehen, dass er drei Millioenchen habe? Wie dumm ich war, dass ich glaubte, er weine in seinem Landau, weil er keine Wechselchen mehr habe! Wer haette es dem truebseligen Schmerzenreich angesehen, dass er bald eine so glaenzende, lustige Partie machen wuerde!" Ida schwieg noch immer; es war, als scheute sie sich vor dem ersten Wort, das sie vor dem Freund, der ihr Herz so tief durchschaut hatte, auszusprechen habe. "Oder wie?" fuhr er fort. "Wollen wir eine Allianz schliessen, mein liebes Aprillen-Wetterchen, dass die Graefin Aarstein ihre Schulden nicht zahlen kann, dass--" "O Berner, verkennen Sie mich nicht," sagte Ida unter Traenen; "es ist gewiss nur das reine Mitleiden, was mich noetigt, auszusprechen, was sonst nie gesprochen worden waere. Sehen Sie, dieses Weib ist die Schande unseres Geschlechts! Sie ist so schlecht, dass ein ehrliches Maedchen erroeten muss, wenn es nur an ihre Gemeinheit denkt. Pruefen Sie den jungen Mann da drueben, und wenn er ist, wie er aussieht, wenn er edel ist und trotz seines Reichtums ungluecklich, so machen Sie, dass er nicht noch ungluecklicher wird; suchen Sie ihn aus den Schlingen, die man um ihn legen wird, zu reissen--" "Das kann niemand besser als mein Idchen," entgegnete jener und sah ihr recht scharf in das Auge; "wenn mich nicht alles truegt, haengt das Goldfischchen an einem ganz anderen Haken als dem, womit ihn der Minister koedern will; nur nicht gleich so rot werden, Kind! Ich will alles tun, will ihm sein Leben angenehm machen, wenn ich kann, will ihm die Augen auftun, dass er sieht, wohin er mit der Aarstein kommt, will machen, dass er sich in unserer Gegend ankauft und seine drei Millionen ins Land zieht, will machen, dass er mein Maedchen da lie--" "Still, um Gottes willen," unterbrach ihn die Kleine und prusste ihm das kleine, weiche Patschhaendchen auf den Mund, dass er nicht weiter reden konnte. "Wer spricht denn davon? Einen Millionaer mag ich gar nicht; es waere ganz gegen meine Grundsaetze; nur die Schlange im Residenzparadies soll ihn nicht haben; vom uebrigen kein Wort mehr, unartiger Mann!--" Verschaemt, wie wenn der Hofrat durch die glaenzenden Augen hinabschauen koennte auf den spiegelklaren Grund ihrer Seele, wo die Gedanken sich insgeheim draengten und trieben, sprang sie auf und an den Fluegel hin, uebertoente die Schmeichelworte des Hofrats mit dem rauschendsten Fortissimo, drueckte sich die weichen Knie rot an dem Saitendaempfer, den sie hinauftrieb, um die Toene so laut und schreiend als moeglich zu machen, um durch den Sturm, den sie auf den Elfenbeintasten erregte, den Sturm, der in dem kleinen Herzchen keinen Raum hatte, zu uebertaeuben. Verzweiflungsvoll ueber den halloenden Schmetter dieses Furioso enteilte der Hofrat dem Salon. Aber kaum hatte er die Tuere geschlossen, so stieg sie herab aus ihrem Tonwetter; die gellenden Akkorde loesten sich auf in ein suesses, fluesterndes Dolce, sie ging ueber in die schoene Melodie: "Freudvoll und leidvoll"; mit Meisterhand fuehrte sie dieses Thema in Variationen aus, die aus ihrem innersten Leben herauf stiegen; durch alle Toene des weichsten Moll klagte sie ihren einsamen Schmerz, bis sie fuehlte, dass diese Toene sie viel zu weich machen, und ihr Spiel, ohne seine Dissonanzen aufzuloesen, schnell wie ihre Hoffnung endete. * * * * * DIE MONDWIRTIN. Im Goldenen Mond drueben ging es hoch her. Drei Zimmer in der Beletage vorn heraus hatte schon lange Zeit kein Fremder mehr gehabt. Die Mondwirtin hatte daher alles aufgeboten, um diese Zimmer so anstaendig als moeglich zu dekorieren; das mittlere hatte sie durch einen eleganten Armoir zum Arbeits-, durch ein grosses Sofa zum Empfangzimmer eingerichtet. Das linke nannte sie Schlafkabinett, das rechte, weil sie ihren ganzen Vorrat ueberfluessiger Tassen und eine bronzierte Maschine auf einen runden Tisch gesetzt hatte, das Teezimmer. Auch an der _Table d'hote_, wo sonst nur einige Individuen der Garnison, einige Forst- und Justizassessoren, Kreissteuereinnehmer und dergleichen, selten aber Grafen sassen, waren bedeutende Veraenderungen vorgegangen. Zum Dessert kam sogar das feinere Porzellan mit gemalten Gegenden und die damaszierten Strassburger Messer, die sonst nur alle hohen Festtage aufgelegt wurden. Dass ihr angesehener Goenner und spezieller Freund, der Hofrat Berner, jetzt im Mond statt zu Haus essen wollte und augenscheinlich dem Grafen zu Ehren, zog einen neuen Nimbus um die Stirne des letzteren in den Augen der Frau Mondwirtin. Sie war ganz vernarrt in ihren neuen Gast. Schon als er in dem herrlichen Landau mit den vier Postpferden, den aus Leibeskraeften blasenden Schwager darauf, vorfuhr, als der reichbordierte Bediente dem jungen Mann heraushalf, sagte sie gleich zu ihrem Ehezaerter: "Gib acht, das ist was Vornehmes." Als sie aber dem Brktzwisl,--so nannte sich der gute alte Diener,-- die Kommoden in den drei Zimmern oeffnete, ihm die Kleider und Waesche seines Herrn aus den Koffern nehmen, sortieren und ordnen half, da schlug sie vor Seligkeit und Staunen die Haende zusammen. Sie hatte doch von ihrer Mutter gewiss recht feine, sanfte Leinwand zum Brauthemdchen bekommen; aber das war grober Zwillich gegen diese Hemden, diese Tuecher--nein, so etwas Extrafeines, Schneeweisses konnte es auf der Erde nicht mehr geben wie dieses. Es ist kein uebles Zeichen unserer Zeit, wo der Edelmann seinen Degen abgelegt hat und Grafen und Barone im naemlichen Gewand wie der Buergerliche erscheinen, dass die Frauen dem Fremden, der zu ihnen kommt, nach dem Herzen sehen, das heisst nach seiner Waesche. Ist sie grob, unordentlich oder gar schmutzig, so zeigt sie, dass der Herr aus einem Hause sein muesse, wo man entweder seine Erziehung sehr vernachlaessigte, oder selbst _malpropre_ und unordentlich war. Wo aber der blaeuliche oder milchweisse Glanz des Halstuches, die feinen Faeltchen der Busenkrause und des Hemdes ins Auge fallen, da findet gewiss der Gast Gnade vor den Augen der Hausfrau, weil sie immer dieses Zeichen guter Sitte ordnet und aufrecht erhaelt. Auch die Freilinger Mondwirtin hatte diesen wahren Schoenheitssinn, diese angeborene Vorliebe fuer schoenes Linnenzeug in ihrer oft schmutzigen Wirtschaft noch nicht verloren; daher der ungemeine Respekt vor dem Gast, als sein Diener ihr die feinen Hemden dutzendweis, bald mit gelockten, bald mit gefaeltelten Busenstreifen, bald mit, bald ohne Manschetten aus den geoeffneten Koffern hinueberreichte. Und als er vollends an die Unzahl von Hals- und Sacktuechern kam, wovon sie jedes zum hoechsten Staat in die Kirche angezogen haette, da vergingen ihr beinahe die Sinne. "Ach, wie fuerstlich ist der Herr ausgestattet! Das hat gewiss die gnaedige Frau Mama ihm mitgegeben?" "Der tut schon lange kein Zahn mehr weh," gab Brktzwisl zur Antwort. "Ist sie tot, die brave Frau, die so schoene Linnen machte?" sagte die mitleidige Mondwirtin. "Aber die gnaedigen Fraeulein Schwestern haben--" "Hat keine mehr. Vor einem Jahre starb die Graefin Crescenz." "Auch keine Schwester mehr? Der arme Herr! Aber auf solche exquisite Prachtwaesche verfaellt kein junger Herr von selbst. Ich kann mir denken, der gnaedige Herr Papa Exzellenz--" "Ist schon lange verstorben," entgegnete das alte Totenregister mit einem Ton, vor welchem der Wirtin die Haut schauderte. "Der arme junge Herr!" rief sie, "was hat er jetzt von seinem schoenen Linnenzeug, wenn er nach Haus kommt und trifft keine Mutter mehr, die ihn lobt, dass er alles so ordentlich gehalten, und keine Fraeulein Schwester, die ihm das Schadhafte flickt und ordnet. Jetzt kann ich mir denken, warum der gnaedige Herr immer so schwarz angezogen ist und so bleich aussieht,--Vater tot, Mutter tot, Schwester tot, es ist recht zum Erbarmen." "Ja, wenn's das allein waere!" seufzte der alte Diener und wischte sich das Wasser aus dem Auge. Doch, als haette er schon zu viel gesagt, zog er murrend den zweiten Koffer, der die Kleider enthielt, heran und schloss auf. Die Wirtin haette fuer ihr Leben gerne gewusst, was sonst noch fuer Unglueck den bleichen Herrn verfolge, dass der Verlust aller Verwandten klein dagegen aussehe. Aber sie wagte nicht, den alten Brktzwisl, dessen Name ihr schon gehoerig imponierte, darueber zu befragen; auch schloss der Anblick, der sich jetzt darbot, ihr den Mund. Die schwarze Kleidung hatte ihr an dem ernsten, stillen Gast nicht so recht gefallen wollen; sie hatte sich immer gedacht, ein buntes Tuch, ein huebsches helles Kleid muessten ihn von selbst freundlicher machen. Aber da blinkte ihr eine Uniform entgegen--nein! Sie hatte geglaubt, doch auch Geschmack und Urteil in diesen Sachen zu haben. Sie hatte in frueherer Zeit, als sie noch bei ihrer Mutter war, die Franzosen im Quartier gehabt, schoene Leute, huebsch und geschmackvoll gekleidet; spaeter, als sie schon auf den Mond geheiratet hatte, waren die Russen und Preussen dagewesen, grosse stattliche Maenner wie aus Gusseisen. Freilich hatten sie nicht die lebhaften Manieren wie die frueheren Gaeste; aber die knappsitzenden Spenzer und Kutkas waren denn doch auch nicht zu verachten. Aber vor der himmlischen Pracht dieser Uniform verblichen sie samt und sonders zu abgetragenen Landwehr- und Buergermilizkamisoelern. Sie hob den Uniformsfrack vom Sessel auf, wohin ihn Brktzwisl gelegt hatte, und hielt ihn gegen das Licht; nein, es war nicht moeglich, etwas Schoeneres, Feineres zu sehen als dieses Tuch, das wie Samt glaenzte, das brennende Rot an den Aufschlaegen, die herrliche Posamentierarbeit an der Stickerei und den Achselschnueren. "Das ist die polnische Garde bei uns zu Haus in Warschau," belehrte sie der alte Diener, dem dieser Anblick selbst das Herz zu erfreuen schien. "Moechte man da nicht gleich selbst in die mit Seide gefuetterten Aermel fahren und das spannende Jaeckchen zuknoepfen? Und, weiss Gott! So wie mein Herr gewachsen, war keiner unter allen! Der Schneider wollte sich selbst nicht glauben, dass die Taille so fein und schmal sei, gab noch einen Finger zu und brachte unter Zittern und Zagen, es moechte zu eng sitzen, sein Kunstwerk; aber Gott weiss, wie es zugeht, sie war zwar ueber seine breite Heldenbrust gerade recht, aber hier in den Weichen viel zu weit, und dabei ist an kein Schnueren zu denken, mein Herr verachtet diese Kunststuecke. Der Schneider machte einen Sprung in die Hoehe vor Verwunderung; er konnte es rein nicht begreifen. Die andern Herren beim Regiment liessen sich Korsette machen mit Fischbein, schnuerten sich zusammen, dass man haette glauben sollen, der Herzbuendel wolle ihnen zerspringen, und dennoch rissen die Knoepfe alle drei Tage, wenn sie nur ein wenig mehr als zu viel gegessen hatten--mein Herr war immer der Fixeste, gedrechselt wie eine Puppe, und alles ohne ein Lot Fischbein, so wahr ich lebe!" "Es ist unbegreiflich, was es fuer herrliche Leute unter den Militaers gibt," unterbrach ihn die Wirtin, andaechtig staunend. "Und dann, Madame, lassen Sie ihn erst noch die Galabeinkleider da anlegen, den Federhut aufsetzen, seine goldenen Sporen mit den silbernen Raedchen an den feinen Absaetzchen,--denn Fuesschen hat er trotz einer Dame,--lassen Sie mich ihm den St. Wladimir in Diamanten auf die Brust haengen, den Ehrensaebel, den sein Herr Vater vom Kaiser bekommen und den er aus hoher Gnade als Andenken tragen darf, um den Leib schnallen--Frauchen, wenn ich ein Maedchen waere, ich floege ihm an den Hals und kuesste ihm die schwarzen Locken aus der schoenen Stirne. Und dabei war er so froehlich, die Wangen so rot, das Auge so freudig blitzend, und alles hiess ihn nur den schoenen, lustigen Martiniz. Das alles ist jetzt vorbei," setzte der treue Brktzwisl seufzend hinzu, indem er die Staatsuniform der Wirtin abnahm und in die Kommode legte, "da liegt das schoene Kleid, nach dem Zehntausend die Finger leckten; so liegt es seit drei Vierteljahren, und wie lange wird es noch so liegen!" "Aber sagen Sie doch, lieber Herr Wiesel,--Sein Vorderteil kann ich nicht aussprechen,--sagen Sie doch, warum dies alles? Warum sieht Sein Herr so bleich und traurig? Warum kleidet er sich wie ein junger Kandidat, da er unsere ganze Garnison in den Boden glaenzen koennte? Warum denn?" Der Alte sah sie mit einem grimmigen Blick an, als wollte er ueber diesen Punkt nicht gefragt sein. Aber die junge, reinliche, appetitliche Wirtin mochte doch dem tauben Mann zu zart fuer eine derbe Antwort vorkommen. "Bassa manelka!" sagte er unfreundlich. "Warum? Weil--ja, sehen Sie, Madame, weil, weil wir, richtig--weil wir als Zivil reisen," und nach diesem war auch kein Sterbenswoertchen mehr aus ihm herauszubringen. * * * * * DER POLNISCHE GARDIST. Dies alles hatte die Wirtin dem Hofrat erzaehlt, der sich in dem schoenen Speisesaal wohl eine Stunde frueher als die uebrigen Gaeste zur Abendtafel eingefunden hatte, um so allerlei Nachrichten, die ihm dienen konnten, einzuziehen. Er hatte sie ganz aussprechen lassen und nur hie und da seinen Graukopf ein wenig geschuettelt; als sie zu Ende war, dankte er fuer die Nachrichten. "Und ihn selbst, Ihren wunderlichen Gast, haben Sie noch nicht gesprochen oder beobachtet? Ich kenne Ihren Scharfblick; Sie wissen nach der ersten Stunde gleich, was an diesem oder jenem ist, und auch ueber Leben und Treiben fangen Sie hie und da ein Woertchen weg, aus dem sich viel schliessen laesst." Die Geschmeichelte laechelte und sprach: "Es ist wahr, ich betrachte meine Gaeste gern, und wenn man so seine acht oder zehn Jaehrchen auf einer Wirtschaft ist, kennt man die Leute bald von aussen und innen. Aber aus dem da droben in der Beletage werde ein anderer klug. Mein Mann, der sich sonst auch nicht uebel auf Gesichter versteht, sagt: 'Wenn es nicht ein Polack waere, so musste er mir ein Englaender sein, der den Spleen hat.' Aber nein, wir hatten auch schon Englaender, die den Spleen faustdick hatten, tage-, wochenlang bei uns; aber die seien griesgraemig, unzufrieden in die Welt hinein; aber die Frauen, nehmen Sie nicht uebel, Herr Hofrat, haben darin einen feinern Takt als mancher Professor. Der Graf sieht nicht spleenigt und griesgraemig aus, nein, da wette ich, der hat wirkliches Unglueck; denn die Wehmut schaut ihm ja aus seinen schwarzen Guckfenstern ganz deutlich heraus. Denke ich den Nachmittag, du gehst einmal hinauf und sprichst mit ihm, vielleicht, dass man da etwas mehr erfaehrt als von dem alten Burrewisl. Im Teezimmer sitzt mein stiller Graf am Fenster, die Stirne in die hohle Hand gelegt, dass ich meine, er schlaeft oder hat Kopfweh. Drueben spielte gerade die Fraeulein Ida auf dem Fluegel so wunderschoen und ruehrend, dass es eine Freude war. Dem Grafen musste es aber nicht so vorkommen; denn die hellen Perlen standen ihm in dem dunklen Auge, als er sich nach mir umsah." "Wann war denn dies?" fragte der Hofrat. "So gegen vier Uhr ungefaehr; wie ich nun so vor ihm stehe und er mich mit seinem sinnenden Auge mass, da muss ich feuerrot geworden sein; denn da fiel mir ein, dass doch nicht so leicht mit vornehmen Leuten umzugehen sei, wie man sich sonst wohl einbildet; er ist auch nicht so ein Herr Obenhinaus und Nirgendan wie unsere jungen Herren, mit denen man kurzen Prozess macht; nein, er sah gar zu vornehm aus. 'Ich wollte nur gefaelligst fragen, ob Ew. Exzellenz mit Ihrem Logis zufrieden seien?' hub ich an. "Er stand auf, fragte mich, ob ich Madame waere, holte mir,--denken Sie sich, so artig, als waere ich eine polnische Prinzess,--einen Stuhl und lud mich zum Sitzen ein. Es ist erstaunend, was der Herr freundlich sein kann; aber man sieht ihm doch an, dass es nicht so recht von Herzen gehen will. "An dem Logis hatte er gar nichts auszusetzen, und auch die Strasse gefiel ihm. Das Gespraech kam auf die Nachbarschaft und auch auf Praesidents Haus; ich erzaehlte ihm von dem wunderschoenen Fraeulein, die erst aus der Pension gekommen, und wie sie so gut und liebenswuerdig sei, von dem alten Herrn drueben, und dass die gnaedige Frau schon lange tot sei, und ich hatte mich so ins Erzaehlen vertieft, dass ich gar nicht merkte, wo die Zeit hinging, und statt ihn auszufragen, hatte ich die Gelegenheit so dumm verplaudert!" "Schade! Jammerschade!" lachte Berner ueber die sprachselige Wirtin. "Und wie gut der Herr ist! Denken Sie sich nur, hinten im Garten, wo es nun freilich zu jetziger Jahreszeit nicht mehr schoen ist, sitzt mein Luischen,--das Dingelchen ist jetzt acht Jahre und schon recht vernuenftig,--sitzt es im Garten und weiss nicht, dass ein so vornehmer Herr hinter ihm steht. Ich war in der Kueche und sah alles mit an; mein Luischen kann allerhand schnackische Lieder, auch ein schwaebisches, ich weiss nicht, wer sie es gelehrt hat; wie nun der Graf hinter ihr steht, faengt der Unband an zu singen: "''n bissel schwarz und 'n bissel weiss, 'n bissel polnisch und 'n bissel deutsch, 'n bissel weiss und 'n bissel schwarz, 'n bissel falsch ist mei Schatz!' "Ich glaube, ich muss vor Scham in den Wurstkessel springen, dass mein Kind so ungebildetes Zeug singt; was musste nur der Graf von meiner Erziehung denken! Ihm aber schoss das helle, klare Schmerzenswasser in die Augen; er bog sich nieder, nahm das Dingelchen auf den Arm, herzte und kuesste es; dass mir bruehsiedheiss wurde, und fragte, wo sie das Liedchen her habe. "Das Kind weiss vor Schrecken gar nicht zu antworten; mein Herr Graf aber langt in die Tasche, kriegt einen blanken Taler heraus und verspricht, wenn es das Verschen noch einmal deutlich sage und zweimal singe, so bekomme es den Taler. Ich haette ihm befehlen moegen, wie ich haette moegen, es haette nicht gesungen. Der Taler aber tat seine Wirkung; sie sagte ihr Spruechlein ganz mir nichts dir nichts auf und sang nachher das 'bissel polnisch und 'n bissel deutsch', wie wenn es so sein muesste. Den Taler bekam es richtig; er liegt in der Sparbuechse, in ein Papier geschlagen, und darauf steht deutlich, dass sie es in zwoelf Jahren noch lesen und einmal ihren Kindern noch zeigen kann: _Den 12. November 1825 bekommen vom polnischen Gardeoffizier, Grafen von Martiniz._" * * * * * DER HOFRAT AUF DER LAUER. Die Gaeste waren nach und nach alle zur Abendtafel herbeigekommen. Madame trennte sich von dem Hofrat mit dem Versprechen, ihm naechstens wieder zu erzaehlen. Der Hofrat sann nach ueber das, was er gehoert; die Szenen und Winke, die ihm Madame Plappertasche vorgesetzt hatte, gingen ihm wie ein Muehlenrad im Kopfe herum; sinnend kam er an seinen Platz und setzte sich nieder. "Vater tot, Mutter tot, Schwestern tot, und dennoch hatte der alte Diener gesagt: 'Ja, wenn es dies _allein_ waere!', Was konnte ihm denn sonst noch gestorben sein? Etwa eine Gel--Nein! Geliebt konnte er nicht haben; denn wie koennte er nach drei Vierteljahren,--so lange hatte der Diener gesagt, sei er traurig,--wie koennte er nach so kurzer Frist schon wieder um eine Graefin Aarstein auf die Freite gehen? Unmoeglich!--Haette, wenn jenes doch der Fall waere, haette Ida auf ihn einen solchen Eindruck--" Ja, was wollte er eigentlich, der gute Hofrat? Ida hatte bestimmt auf ihn einen grossen Eindruck gemacht, das war auf dem Ball ganz und gar sichtbar; denn er schaute ja nur nach ihr und immer wieder nach ihr, und sein ernstes Gesicht, wie klaerte es sich auf, als sie ihn im Kotillon holte! Heute frueh, hatte er nicht einen Feuerblick gegen sie heraufgeworfen, als haette er eine Congrevesche Batterie hinter den Wimpern aufgefahren? War es ihm selbst nicht, als sollte die Schokolade in seiner Hand, von diesen Brennspiegeln getroffen, anfangen zu sieden? Heute abend, wer hatte denn da hinter den roten Gardinen auf des Maedchens gefuehlvolles Spiel gelauscht als er? Wer war so geruehrt davon, dass ihm die hellen Traenen hervorperlten, als der gute Graf Martiniz? Und Idchen--nun, die war ja rein weg in den Mondgast verschossen. "Die Aktien stehen gut!" lachte der Hofrat in sich hinein und rieb sich unter dem Tisch die Haende; "bin neugierig, ob diesmal der alte vergessene Hofrat nicht weiter kommt mit seinem guten, ehrlichen Hausverstand als der Herr Minister-Staatssekretaer Superklug und Uebergescheit in der Residenz mit seinen diplomatischen, extrafeinen Kniffen; mir muss das Goldfischchen in das Netz, mir muss--" "Wenn ich nicht irre, mein Herr, so hatte ich gestern schon das Vergnuegen--" toente dem alten Traeumer, der ueber seinen staatsklugen Plaenen die Tafel, Nachbarschaft und alles vergessen hatte und jetzt erschrocken auffuhr und sich umsah, ins Ohr--es war Martiniz, der sich unbemerkt neben ihn gesetzt hatte. Er haette vor Schrecken in den Boden sinken moegen; denn sein erster Gedanke war, dieser muesse seine Gedanken erraten haben, besonders da er sich nicht mehr deutlich erinnern konnte, ob er nicht etwa, was ihm oft passierte, laut mit sich selbst gesprochen habe. Die Naehe des Fremden uebte eine beinahe magische Gewalt auf den Hofrat aus, die sinnende, kluge Miene, das neben seinem schwaermerischen Glanz Verstand und Nachdenken verratende Auge imponierte ihm, jedoch auf eine Weise, die ihm nicht unangenehm war; es war ihm, als muesse er sich vor dem jungen Manne recht zusammennehmen, um nirgends eine Bloesse zu geben oder einen seiner Plaene zu verraten. Die gewoehnlichen Fragen, wie sich der Gast hier gefalle, Komplimente ueber seine Reitfertigkeit, mit welcher er heute frueh einem Kinde das Leben gerettet, und dergleichen, waren bald abgemacht, ohne dass er ueber des Fremden Gesinnungen naehern Aufschluss bekommen haette. Es kam an die Gegend des Freilinger Kreises, es wurde gelobt, gepriesen, einzelne Gueter, die durch Lage und Ertrag sich auszeichneten, naeher beschrieben; aber auch hier ging der Gast nicht ein; er verlor kein Woertchen, als wolle er sich nur um einen Taler Land mieten oder kaufen. Der Hofrat haute sich jetzt einen neuen Weg ins Holz, er lobte die Residenz, das angenehme Leben dort, die Schoenen der Stadt und des Hofes; jetzt musste er etwas sagen, es musste sich zeigen, ob er die Aarstein--Der Gast sprach von der Residenz, von den schoenen Anstalten dort, von der Militaerverfassung, schien namentlich ueber die Kavallerie sich gerne genauere Aufschluesse geben zu lassen, aber kein Woertchen ueber die Damen. Endlich, der Hofrat hatte gerade eine trefflich bereitete _Ortolane a la Provencale_, seine Leibspeise, am Mund und einen tuechtigen Biss hineingetan, da wandte sich Martiniz zu ihm herueber und fragte, ob er nicht in der Residenz die schoene Ar--- schnell wie der Wind fuhr Berner mit seiner Ortolane auf den Teller, wischte den Mund ab und war ganz Ohr; denn jetzt musste ja die Graefin aufs Tapet kommen--"ob er nicht die schoene Armenanstalt kenne, die er in solcher Vollkommenheit nirgends gesehen habe." Dem Hofrat war es auf einmal wieder froh und leicht um das Herz; denn solange er ja ueber das Verhaeltnis des Polen zur Graefin Aarstein nichts Gewisses wusste, durfte er immer der Hoffnung Raum geben. Als die Abendtafel zu Ende war, rief Martiniz nach Punsch und lud seinen Nachbar ein, mit ihm noch ein Stuendchen zu trinken. Berner sagte zu und hat es nie bereut; denn hatte ihm der interessante junge Mann zuvor durch seine aeussere Persoenlichkeit imponiert, so gewann er jetzt ordentlich Respekt vor ihm, da jener, wie es schien, von dem Punsch, dem die Mondwirtin eine eigene geheimnisvolle Wuerze zu geben verstand, aufgetaut, eine so glaenzende Unterhaltungsgabe entwickelte, wie sie dem Hofrat, obgleich er in seinem Leben vieles gesehen und gehoert hatte, selten vorgekommen war. Wie freudig war aber sein Erstaunen, als er nach einer Viertelstunde schon bemerkte, dass er und sein Nachbar die Rollen getauscht zu haben schienen. Der kluge Alte bemerkte naemlich bald, dass der Graf auf allerlei Umwegen sich immer nur einem Ziele, naemlich Ida, naehere. Er konnte dieses Flankieren dem Ulanenoffizier gar leicht verzeihen; hatte er doch nicht den Dienst der schweren Kavallerie gelernt, die, wenn "Marsch, Marsch" geblasen wird, im Karriere gradaus sprengt, das feindliche Viereck durch ihre eigene Wucht und Schwere im Chok zu zerdruecken. Der Ulan umschwaermt seinen Feind, sticht nach ihm, wo er eine Bloesse entdeckt, und sucht auf gefluegeltem Ross das Weite, wenn der Feind sich zu einer Salve sammelt. So der Garde-Ulan Martiniz. Aber der tapfere Pole mochte sich tummeln, wie er wollte, seine Angriffe so versteckt machen, als er wollte, sein Gegner durchschaute ihn; auf Idchen ging es los, und dem alten Mann pochte das Herz vor Freude, als er es merkte: auf Idchen ging es los, sie wollte der Pole rekognoszieren. Er glaubte den Hofrat drueben am Fenster gesehen, auch gestern auf dem Ball ein engeres Verhaeltnis bemerkt zu haben; er pries des Maedchens koeniglichen Anstand, der sie vor den uebrigen Freilinger Damen so hoch erhebe; er lobte die Zurueckhaltung, mit welcher sie die ungestuemen Herren zurueckgewiesen habe, pries ihr Spiel und ihren Gesang, womit sie unbewusst sein einsames Zimmer erheitert habe--eine schoene Roete war durch das warmgewordene Gespraech auf den Wangen des jungen Mannes aufgegangen, jener Zug von Unglueck und Wehmut, der sich sonst um seinen schoenen Mund gelagert hatte, war gewichen und hatte einem feinen, holden Laecheln Platz gemacht, das Auge strahlte von freudigem Feuer; er ergriff das Glas, als er ausgesprochen hatte, und zog es bis zum letzten Tropfen so andaechtig aus, als haette er in seinem Herzen einen Toast dazu gesprochen. * * * * * DER SELIGE GRAF. "Herzensjunge! liebstes, bestes Graefchen! Soehnchen! Goldpolaeckchen!" alle Schmeichelnamen haette der Hofrat ausschreien, den trefflichen Redner an sein Herz reissen und mit vaeterlichen Kuessen bedecken moegen --aber das 'ging nicht; ein Diplomat vom Fach--und das war er ja bei seinen jetzigen Negoziationen durch und durch--durfte seine Freude ueber eine glueckliche Entdeckung, ueber einen unverhofften, koestlichen Fund nicht laut werden lassen; er schluckte alle jene Ausbrueche des Vergnuegens wieder hinunter, fasste den Grafen nur mit einem recht zaertlichen, seligen Blick und bestaetigte weitlaeufig sein treffendes Urteil. Er beschrieb ihm das Maedchen, wie er es, seit es den ersten Schrei in die Welt getan, kenne, wie es frueher ein lustiger, froehlicher Zeisig war, wie es jetzt zur ernsten Jungfrau herangewachsen sei; ihre Anmut, ihre Geschicklichkeit in Sprachen und allen Dingen, die ein Maedchen zieren, als da sind: Stricken, Naehen, Schneidern, Sticken, Kochen, Fruechteeinmachen, Backen, Blumenmachen, Zeichnen, Malen, Tanzen, Reiten, Klavier- und Gitarrespielen; wie es in der Residenz trotz der hohen Stellung, die es in der Gesellschaft eingenommen, doch immer seinem Sinn fuer reine Weiblichkeit gefolgt sei, wie es seinen reinen, keuschen, kindlichen Sinn auf dem Boden, wo schon so manches gute Kind ausgeglitscht sei, bewahrt habe. "Es ist mir unbegreiflich," setzte er, von dem Eifer, der ihn beseelte, fortgerissen, hinzu, "rein unbegreiflich, wie dieses, fuer alles Schoene und Gute gluehende Herz sich in der Residenz so vor aller Liebe bewahrt hat. Unsere jungen Herren schreien gewoehnlich bei solchen Maedchen ueber Eiskaelte und Phlegma; aber Gott weiss, _diesem_ Maedchen kann man dieses nicht nachsagen. Aber unsere jungen Herren sind meistens selbst daran schuld. Kraft- und marklos schlendern sie einher auf den Baellen, stehen sie scharweise zusammen, gucken durch Glaeser von Nr. 4 und 5, die fuer Blinde scharf genug geschliffen waeren, nach den Reizen der Ballschoenen, lassen ganze Reihen sitzen und tanzen nicht, und geben sie sich auch einmal zu einem Walzerchen und Kotilloenchen her, so meint man, sie wollen den letzten Atem ausschnaufen, so wogt es in den ausgedoerrten Herzkammern. Kann solche Lumperei einem jungen, schoenen, in der Fuelle der Kraft strotzenden Maedchen, das zwei solcher Flederwische an die Wand schleuderte, gefallen? Kann man es einem folgen Engelskind, das sich so gut wie jede andere abends im Bettchen mit verschlossenen Augen und verstohlenem Laecheln sein Ideal vormalt und vortraeumt, kann man es ihr verargen, wenn sie solche Vogelscheuchen gering achtet und kalt abweist? "Ein solches Maedchen soll dann kalt sein wie Eis, soll kein Feuer im Leib haben! Habe ich doch ueber mein Goldmaedchen gestern abend solche Urteile hoeren muessen; geschossen haette ich mich um sie, waere ich nur dreissig Jahre juenger gewesen. Sie haette kein Feuer? Habe ich nicht gesehen, wie sie heute frueh, als Sie, Herr Graf, das Kind retteten, das Fenster aufriss und beinahe hinaussprang aus purem Mitgefuehl! Und dies es Maedchen haette kein Feu--" "Das hat sie getan?" fragte der glueckliche Martiniz, bis an die Stirn erroetend. "Sie hat das Fenster ein wenig geoeffnet und herausgesehen?" "Was oeffnen und heraussehen! Dazu braucht man zwei Minuten; aber aufgerissen hat sie das Fenster, dass sie mir den Schokoladebecher beinahe aus der Hand schlug, sie war in zwei Sekunden fertig! Sehen Sie, so ist das Maedchen; Feuer und Leben, wo es etwas Schoenes, wahrhaft Freudiges, Erhabenes gilt, schwaermerisch empfindsam, wenn sie wahre Leiden der Seele sieht aber kalt und abgemessen, wenn die leere, schale Alltaeglichkeit sich ihr aufdraengen will." Mit einem Feuerblick an die Decke, die Rechte auf das lautpochende Herz gelegt, trank Graf Martiniz wieder einen stillen Toast, der nirgends widerklang, als in seinem tiefen Herzen; aber dort traf er so viele Anklaenge, dass dieses wehmuetige, traurige Herz, das solange nichts kannte--als die Wehmut und den Kummer heimlicher Traenen, im stillen, aber vollen Jubel aufschwoll und sich stolz wie vor Zeiten unter dem Ordensband hob, das es von aussen zierte. Er sagte dem Hofrat, dass er, wenn es moeglich waere, waehrend seines hiesigen Aufenthalts gerne von einem Empfehlungsschreiben an den wuerdigen Herrn Praesidenten Gebrauch machte, das er heute durch den Gesandten seines Herrn von dem Minister-Staatssekretaer bekommen habe. Der Hofrat versprach freudig, ihn dort einzufuehren und seine Abende im Umgange mit diesem trefflichen Menschen erheitern zu helfen. Bei sich lachte er aber ueber den Staatssekretaer, der seine Sachen so geschickt einzufaedeln wisse; der Graf soll dem Lande bleiben mit seinen drei Millioenchen, aber die Graefin soll ihn nicht bekommen, dafuer steht der Hofrat Berner. Auch trank er jetzt im stillen ein Toastchen und liess mit einem freundlichen, wohlwollenden Seitenblick die kuenftige Frau Graefin leben. Vivat hoch! scholl es in allen Winkeln. seines alten treuen Herzens, hoch und abermal h-- Da brummte in dumpfen Toenen die Glocke vom Muensterturme elf Uhr. Mit wehmuetigem Blick sprang Martiniz auf, stammelte gegen den erschrockenen Hofrat eine Entschuldigung hervor, dass er noch einen Besuch machen muesse, und ging. Berner konnte sich wohl denken, wohin der unglueckliche Junge ging. Mitleidig sah er ihm nach und lehnte sich dann in seinen Stuhl zurueck, um ueber das, was diesen Abend besprochen worden war, nachzudenken; der Graf hatte einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht; es hatte ihm nicht leicht ein junger Mann so wohl gefallen wie dieser; so viel Grazie und Feinheit des Umgangs, so viele Bildung und Kenntnisse, so viel anspruchslose Bescheidenheit bei drei Millionen Talern; so hohe maennliche Schoenheit und doch nicht jenes eitle, gefallsuechtige Sichzeigenwollen, das schoenen jungen Maennern oft eigen ist--nein, es ist ein seltener Mensch und gewiss beinahe so viel wert als mein Idchen, dachte er; wenn die beiden erst einmal ein Paar--Die Mondwirtin unterbrach ihn; mit zorngluehendem Gesichte setzte sie sich hastig auf den Sessel, den Martiniz soeben verlassen hatte. "Nein, da traue einer den Maennern!" wuetete sie, "haette ich doch mein Leben eingesetzt fuer diesen Herrn Grafen, haette geglaubt, er waere ein unschuldiges, reines Blut und kein so Bruder Liederlich, die an jede Schuerze tappen--" "Nun, was ist denn geschehen?" unterbrach sie der aus allen Himmeln gefallene Hofrat. "Was haben Sie denn, das Sie so aufbringt, Frauchen?" "Was ich habe? Moechte da einem nicht die Galle ueberlaufen? So ein schoener, reicher Herr, wo es sich manche Dame zur Ehre rechnen wuerde, in naehere Bekanntschaft--geht auf naechtlichen, liederlichen Wegen, glaubt, es sei hier in Freilingen auch so eine grossstaedtische Nachtpromenade; tief in seinen Mantel gehuellt, ist er zum Torweg hinausgewischt mit dem alten Kuppler, dem Brktzwisl. Will haben, man solle das Haus offen lassen bis ein Uhr! Aber die Tuere schlage ich ihm vor der Nase zu; ich brauche keinen solchen Herrn im Hause, der bei Nacht und Nebel nicht weiss, wo er steckt." "Habe ich doch Wunder geglaubt, was es gibt," sagte der Hofrat, wieder freier atmend; "da duerfen Sie ruhig sein. Der geht nicht auf schlimmem Wege; er macht noch einen durchaus ehrbaren Besuch; ich weiss wo, darf es aber nicht sagen." Die Wirtin sah ihn zweifelhaft an. "Ist es aber auch so?" sprach sie freundlicher. "Ist es auch so, und machen Sie mir keine Flausen vor? Doch Ihnen glaube ich alles aufs Wort, und ich aergere mich nur, dass ich gleich so Schlimmes dachte, aber die Welt liegt jetzt