The Project Gutenberg EBook of Der Todesgruss der Legionen, Zweiter Band by Johann Ferdinand Martin Oskar Meding, AKA Gregor Samarow This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at www.gutenberg.net Title: Der Todesgruss der Legionen, Zweiter Band Author: Johann Ferdinand Martin Oskar Meding, AKA Gregor Samarow Release Date: October 6, 2004 [EBook #13658] Language: German Character set encoding: ASCII *** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER TODESGRUss DER LEGIONEN, *** Produced by PG Distributed Proofreaders. Der Todesgruss der Legionen Zeit-Roman von Gregor Samarow. Zweiter Band. Berlin, 1874. Druck und Verlag von Otto Janke. Erstes Capitel. An demselben Abend befanden sich in dem Gartensalon des Hotels in der Rue Mansart, welches der Regierungsrath Meding, der Vertreter des Koenigs von Hannover bewohnte, zwei Personen im ernsten Gespraech. Herr Meding sass in einem Lehnstuhl zur Seite des runden Tisches, ueber dessen Mitte vom Plafond eine grosse Lampe mit breitem, flachem Glasschirm herabhing,--ihm gegenueber lehnte in einer Chaiselongue, welche neben dem hellen Feuer eines jener altfranzoesischen grossen Kamine stand, der Graf von Chaudordy, der fruehere Cabinetsrath unter Drouyn de L'huys, welcher jetzt als Minister plenipotentiaire zur Disposition gestellt war, sich aber stets im regen Verkehr mit der politischen Welt befand und eine neue Verwendung in der Diplomatie erwartete. "Ich bedauere," sagte der Graf, "dass aus dem Project, Ihren emigrirten Landsleuten eine Colonie in Algier zu gruenden, Nichts werden soll. Man hat sich hier allgemein so lebhaft dafuer interessirt, und den armen Leuten, welche nun doch einmal ihr Vaterland verloren haben, wuerde dort Gelegenheit geboten worden sein, sich eine neue Existenz und vielleicht einen werthvollen Besitz zu schaffen; wir aber haetten durch so fleissige und tuechtige Colonisten fuer die oeconomische Verwaltung Algiers viel gewonnen." "Ich habe noch vor Kurzem," erwiderte Herr Meding, "mit dem Herrn Fare, dem Director im Ministerium der Finanzen, unter dem die algerische Verwaltung steht, und welcher lange Zeit die Civiladministration bei dem Marschall Mac Mahon gefuehrt, ausfuehrlich gesprochen--auch der Marschall selbst, mit dem ich darueber conferirte, war, obwohl er eigentlich der civilen Colonisation Algeriens nicht besonders guenstig ist, doch bereit, Alles fuer meine Landsleute zu thun, wozu er auch vom Kaiser noch ganz besonders aufgefordert ist,--die Leute selbst wollen sehr gern nach Algerien, allein Seine Majestaet hat dennoch das Project definitiv wieder aufgegeben." "Ich begreife nicht warum," erwiderte der Graf von Chaudordy, "wenn der Koenig daran denkt, jemals wieder fuer sein Recht unter irgend welchen Constellationen zu kaempfen, so muss er sich doch vor Allem diejenigen Leute erhalten, welche im Stande sind, ihm den Kern einer Armee zu bilden, die er dann durch weitere Emigranten oder durch Werbungen ergaenzen koennte." "Es scheint," erwiderte Herr Meding, "dass im Lande Hannover selbst sehr falsche Ideen ueber das Colonisationsproject verbreitet worden sind und dass der Koenig in Ruecksicht auf die allgemeine Abneigung, welche sich dort gegen dasselbe kund giebt, davon wieder Abstand genommen hat. Ich bedauere sehr," fuhr er fort, "dass man unter diesen Verhaeltnissen die Sache ueberhaupt angeregt hat. Ich komme hier dem Kaiser und der Regierung gegenueber in eine eigenthuemliche Lage. Ich habe die Verhandlungen in Folge der vielfachen dringenden Depeschen des Grafen Platen so energisch als moeglich betrieben und nun, nachdem alle Verhaeltnisse schon fast geordnet waren, wird die Sache wieder aufgegeben und zwar--wie Graf Platen angiebt--weil die Aufstellung einer hannoeverschen Armee auf dem algerischen Territorium nicht thunlich sei. Ich verstehe eigentlich nicht, was man damit meint--doch gleichviel, die Sache ist aufgegeben, die Emigration wird aufgeloest werden und damit ist, wie ich glaube, die Sache des Koenigs und der Kampf fuer dieselbe auch zu Ende. Denn wenn einmal Diejenigen, welche in jahrelangem Exil dem Koenig treu geblieben sind, in alle Welt zerstreut werden, so wird das Volk in Hannover den Eindruck gewinnen, dass nunmehr der Koenig die neue Ordnung der Dinge anerkannt habe." "Es waere vielleicht das Beste," erwiderte der Graf von Chaudordy, "wenn der Koenig dies einfach thaete, sich in den Besitz seines grossen Vermoegens braechte und sich nach England zurueckzoege, wo er ja immer eine grosse und ehrenvolle Stellung behaelt. Ich habe Ihnen schon frueher gesagt," fuhr er fort, "dass ich wenig Chancen fuer den Koenig zu sehen vermoechte, wenn es ihm nicht gelingen koennte, in Deutschland selbst sich eine grosse und maechtige Partei zu schaffen, welche in einem gegebenen Augenblick im Stande waere, eine ernste und nachdrueckliche Bewegung fuer ihn zu organisiren. Von Seiten der Cabinette wird Nichts fuer ihn geschehen; er haette sich muessen eine Stellung schaffen, dass im Fall einer grossen Katastrophe die Regierungen gezwungen gewesen waeren, mit ihm zu rechnen." "Das ist aber Alles leider nicht geschehen," sagte Herr Meding, "alle Anlaeufe, die dazu genommen wurden, sind eben Anlaeufe geblieben und wie das leider so oft an depossedirten Hoefen der Fall ist, die ganze Thaetigkeit hat sich in kleine und kleinliche Intriguen ausgeloest. Ich bin hier schon lange in einer mehr als peinlichen Situation, um so mehr als Graf Platen--wie Sie ja wissen, den Grafen Breda hierher geschickt hat, welcher als geheimer Agent des Koenigs figurirt, obwohl Seine Majestaet mir persoenlich versichert hat, ihn gar nicht zu kennen, und dessen eigenthuemliche Thaetigkeit die Sache des Koenigs mehr und mehr discreditirt. Ich wuerde fuer meine Person nicht unzufrieden sein, wenn diese ganze Unruhe ein Ende nehme und wenn nur fuer das ganze Welfenhaus eine sichere und wuerdige Zukunft geschaffen werden koennte. Doch muesste man sich in Hietzing klar werden, was man will--Eins oder das Andere, entweder den Frieden oder einen so festen und energischen Krieg, dass man gefuerchtet bleibt und im gegebenen Augenblick die Macht des Handelns behaelt. Es scheint aber, dass ueberall in der Welt heute der Entschluss und die Thatkraft verschwindet. Denn ich muss Ihnen aufrichtig gestehen, dass ich auch hier bei Ihnen nicht mehr verstehen kann, wo man denn eigentlich hinaus will und was man beabsichtigt." Der Graf Chaudordy seufzte. "In der That," sagte er, "haeuft man hier Fehler auf Fehler. Ich fuerchte, dass sich das eines Tages bitter raechen wird; ich bin mit Herz und Seele Franzose und bin dem Kaiser und dem Kaiserreich aufrichtig ergeben, aber fuer die Dynastie sehe ich in der Art und Weise, wie man hier die Geschaefte behandelt, wenig erfreuliche Aussichten fuer die Zukunft. Unsere Fehler beginnen von 1866; nachdem sich der Kaiser damals zu keinem Entschluss aufraffen konnte, musste er dahin gedraengt werden, groessere Freiheiten zu geben. Er hat sich auch dazu nur langsam und fast zu spaet entschliessen koennen, und da er diesen Entschluss so lange hinausgeschoben hat, so wird er nun gezwungen werden endlich den Krieg zu machen, welcher der groesste Fehler sein wird." "Sie haetten also gewollt," fragte Herr Meding, "dass der Kaiser im Jahre 1866 entschieden fuer Oesterreich haette Partei nehmen sollen?" Der Graf Chaudordy blickte ihn gross an. "Nein," sagte er, "nicht fuer Oesterreich; ich habe Herrn von Bismarck immer fuer sehr stark gehalten, ich habe Preussens Ueberlegenheit ueber Oesterreich nie bezweifelt und Oesterreichs Niederlage vorher gesehen. Nach meiner Ueberlegung haette der Kaiser damals--und zwar vor dem Kriege--eine feste und entschiedene Alliance mit Preussen machen muessen, um aus derselben alle die Vortheile fuer Frankreich zu ziehen, welche das siegreiche Preussen ihm nach dem Kriege nicht mehr gewaehrte. Auch heute noch waere es das einzig Richtige, um jeden Preis eine aufrichtige Verstaendigung mit Preussen zu suchen--das ist die einzige Macht, mit welcher wir eine nuetzliche und starke Alliance schliessen koennen, und wenn wir diese Alliance nicht schliessen, so werden wir ihr und zwar in kurzer Zeit in einem furchtbaren und gewaltigen Krieg isolirt entgegentreten muessen." "Man rechnet aber doch," warf Herr Meding ein, "sehr erheblich auf Oesterreich und Italien--Sie kennen gewiss die Negotiationen, welche in diesem Augenblick im Gange sind, um einen Coalitionsvertrag mit den beiden Maechten zu schliessen. Wie man mir erzaehlt, soll die Sache sehr weit gediehen sein und man verspricht sich hier sehr viel davon." "Das wird Alles zu Nichts fuehren," sagte der Graf von Chaudordy. "Auch in dieser Richtung hin hat man einen Fehler gemacht. Man hat geglaubt, in Herrn von Beust, an dessen Erhebung zum Minister in Oesterreich der Kaiser grossen Antheil hat, einen entschiedenen Alliirten zu finden,--man hat sich getaeuscht und haette dies sogleich erkennen sollen, als die neue oesterreichische Regierung statt ihre ganze Kraft militairischen Ruestungen zu widmen, sich mit Verfassungsfragen zu beschaeftigen begann. Wie ist es denn moeglich, sich jetzt auf dieses Oesterreich zu stuetzen, welches keine Armee und kein Geld hat und uns im entscheidenden Augenblick um so mehr im Stich lassen wird, als die entscheidende Leitung der dortigen Politik taeglich mehr in die Haende Ungarns uebergeht. "Der Kaiser erkennt das Alles sehr gut," fuhr er fort, "aber er ist nicht mehr der er war und zwischen den verschiedensten, heterogensten Entschluessen hin- und herschwankend wird er endlich dahin gedraengt werden, gaenzlich isolirt und ohne alle Alliancen den Krieg zu machen, der kaum mit einem entscheidenden Siege fuer Frankreich enden wird, und der uns leicht in eine unendliche innere Verwirrung stuerzen kann, auch giebt man alle Gruende, um vernuenftiger Weise dort den Krieg vorzubereiten, aus der Hand. Man hat den Prager Frieden so lange verletzen lassen, dass es fast laecherlich sein wuerde, heute noch kategorisch dessen Erfuellung zu fordern. Jetzt laesst man die Bewegungen in Baden und Sueddeutschland wieder ohne Beachtung und Unterstuetzung,--es waere so leicht--und man hat uns darueber Mittheilungen gemacht, eine Volksbewegung in Baden gegen den von der dortigen Regierung projectirten Anschluss an Preussen zu erregen und dadurch die deutsche Frage von Neuem zum Gegenstand der Aufmerksamkeit Europas zu machen. Dann haette Frankreich einen Interventionsgrund und eine ganz vortreffliche Stellung der deutschen Nation gegenueber--laesst man die Ereignisse weiter gehen, laesst man den Widerstand der sueddeutschen Volkspartei brechen oder ermatten, dann wird man sich demnaechst nicht mehr Preussen, sondern dem ganzen Deutschland gegenueber befinden, und das wird fuer uns die schlimmste und gefaehrlichste Position sein, in der wir uns befinden koennen. Es ist in der That ein Glueck," sagte er laechelnd, "in diesem Augenblick von der Politik fern zu sein." "Aber glauben Sie nicht," sagte Herr Meding, "dass Drouyn de L'huys, dem ja der Kaiser schon mehrfach das Portefeuille angeboten hat, doch endlich die Leitung der Angelegenheiten wieder uebernehmen und groessere Festigkeit und Klarheit in die franzoesische Politik bringen werde?" Der Graf von Chaudordy schuettelte den Kopf. "Ich glaube nicht," sagte er, "dass Drouyn de L'huys sich jemals mit dem Kaiser definitiv verstaendigen wird. Drouyn de L'huys will den Frieden und der Kaiser kann sich nicht entschliessen, weder ernsthaft den Frieden zu begruenden, noch ernsthaft den Krieg zu machen--er laesst sich treiben und wird in den Krieg hineingedraengt werden, ohne es selbst zu wollen. Fuer Ihren Koenig und dessen Sache wird es jedenfalls das Beste sein, wenn er einer solchen unklaren, verworrenen Katastrophe fern bleibt, um so mehr, wenn er selbst sich nicht zu klaren Entschluessen erheben kann." Der Kammerdiener oeffnete die Thuer. Herr von Duering, Herr von Tschirschnitz und die uebrigen hannoeverschen Officiere traten ein. Nach und nach kamen noch andere Herren, auch Herr Hansen erschien. Das Gespraech wurde allgemein; man unterhielt sich ueber die Tagesereignisse. "Wissen Sie, meine Herren," sagte Herr Hansen, "dass der Process des Prinzen Pierre Bonaparte beginnen wird? Wie ich hoere, sind alle Juristen der Ansicht, dass der Prinz freigesprochen werden muss." "Ich wuesste kaum," sagte der Graf von Chaudordy, "wie man ihn verurtheilen wollte. Wenn Jemand in seinem eigenen Zimmer insultirt und angegriffen wird--und Herr Fonvielle hat ja einen geladenen Revolver bei sich gehabt--so steht ihm doch unzweifelhaft das Recht zu, sich zu vertheidigen. Ich liebe den Prinzen Peter nicht, er ist eine unruhige, unberechenbare Natur und sein ganzes Leben, wie seine Person erregt wenig Sympathie, aber in dieser Sache kann man ihm keinen Vorwurf machen--doch ist das Alles sehr unangenehm fuer die Regierung--es ist, als ob Alles zusammenkaeme, um die Stellung des Kaisers zu erschweren. Solche Processe mit oder ohne Schuld der Regierenden finden sich in der Geschichte immer vor grossen Katastrophen." "Der arme Victor Noir thut mir leid," sagte Herr Meding, "ich habe ihn gekannt, er war Redacteur an der 'Situation' und Herr Grenier hat ihn mir zuweilen geschickt, um mir Mittheilungen zu machen. Ich habe immer eine Sympathie fuer ihn gehabt, er war eine gute kindliche Natur von harmloser Naivetaet, man hat ihn zu dieser Demonstration gemissbraucht, und er ist das Opfer derselben geworden. Wie sieht es bei Ihnen aus," fragte er, sich an einen jungen eleganten Herrn mit blassem Gesicht, schwarzem Haar und zierlichem kleinem Schnurrbart wendend, welcher so eben eingetreten war, "haben Sie bald einen Koenig gefunden, oder glauben Sie es auf die Dauer mit der Republik versuchen zu koennen?" "Spanien ertraegt dauernd kaum eine Republik," erwiderte Herr Angel de Miranda, der fruehere Kammerherr der Koenigin Isabella, welcher gegenwaertig in Paris lebte und dort eine, zwar private, aber eifrige Thaetigkeit fuer die provisorische Regierung Spaniens entwickelte. "Es hat viel dazu gehoert, um die alte Monarchie zu zerstoeren, wir werden aber," fuhr er mit geheimnissvoller Miene fort, "wie ich glaube, in nicht langer Zeit einen Koenig finden und damit wird diese Revolution endlich zum Abschluss gelangen." "Ich wuensche Ihnen das von Herzen," sagte Graf Chaudordy. "Fuer das ganze westliche Europa sind diese unsichern Zustaende in Spanien vom schaedlichsten Einfluss. Sie muessen uebrigens," sagte er laechelnd, "eine kleine Neugier verzeihen, es interessirt mich in hohem Grade, wohin Sie die Blicke wohl gewendet haben koennten, um einen Herrscher fuer Ihr Land zu finden,--Sie haben da den Herzog von Montpensier, Sie haben den Prinzen von Asturien, Sie haben den Grafen von Montemolin, und wer weiss, ob nicht vielleicht der Marschall Prim, der schon einmal von einem kaiserlichen Diadem von Mexiko traeumte, auch jetzt wieder daran denkt, die Gewalt fest zu halten, welche er ja durch die Armee bereits vorzugsweise sich zu eigen gemacht hat." Angel de Miranda zuckte die Achseln. "Ich glaube kaum, dass Prim aehnliche Gedanken hegen koennte, er ist klug und weiss sehr gut, dass, wenn er vielleicht eine Zeit lang Dictator sein koennte, er doch niemals und zwar weder von der spanischen Grandezza, noch vom Volk als Koenig acceptirt werden koennte. Ich glaube viel eher, dass er eine Zeit daran gedacht hat und vielleicht auch noch ein wenig daran denkt, den Prinzen von Asturien moeglich zu machen, um dann an der Spitze einer Regentschaft als Majordomus die Macht in Haenden zu behalten. Doch das Alles ist unpractisch, wir koennen in Spanien keinen Koenig von den verschiedenen Bourbonenlinien gebrauchen, die Anhaenger des Einen wuerden sich niemals den Anhaengern des Andern unterwerfen wollen, das wuerde zu ewigen Bewegungen und Unruhen fuehren. Die einzige Moeglichkeit dauernden innern Friedens liegt darin, einen fremden Fuersten zu finden, der dem Volk sympathisch ist--" "Und der vielleicht," fiel Herr Meding laechelnd ein, "irgend wie mit dem iberischen Einheitsgedanken in Verbindung stuende." Betroffen blickte Angel de Miranda auf. "Dieser Gedanke," erwiderte er nach einem kurzen Stillschweigen, "ist heute wohl noch nicht reif. Doch liegt allerdings in ihm nach meiner Ueberzeugung die Zukunft der pyrenaeischen Halbinsel." Er trat zu einer andern Gruppe--nach einiger Zeit zog sich der Graf Chaudordy zurueck, und nach einer Stunde leerte sich der Salon von den Besuchenden--nur die hannoeverschen Officiere blieben zurueck. "Nun, meine Herren," fragte der Regierungsrath Meding, "haben Sie Nachrichten, wie Ihre Vorstellungen in Hietzing aufgenommen worden sind, und haben Sie irgend welche Beschluesse gefasst ueber die Schritte, welche Sie demnaechst thun wollen?" "Wir haben noch Nichts von Hietzing gehoert," erwiderte Herr von Tschirschnitz. "Ich kann nicht zweifeln," fuhr er fort, "dass der Koenig unsere Vorstellung ernstlich erwaegen und beruecksichtigen werde. Ich wenigstens bin fest entschlossen, bis auf den letzten Augenblick Alles aufzubieten, um das Schicksal der armen Emigrirten zu erleichtern und sie von voelliger Isolirung im fremden Lande zu retten. Ich verstehe auch durchaus nicht, wie es moeglich sein sollte, uns das zu verbieten. Die Missverstaendnisse, welche da vorliegen, muessen sich ja aufklaeren." "Man muss es hoffen," erwiderte der Regierungsrath Meding, "doch bin ich dessen nicht ganz gewiss, denn seit einiger Zeit scheinen sich um den Koenig her lauter Missverstaendnisse zu lagern. Sie erinnern sich, dass Herr von Muenchhausen bei der Conferenz ueber das algerische Colonisationsproject, zu welcher er hierher gesendet wurde, Instructionen bei sich fuehrte, welche, wie er sich selbst ueberzeugte, denjenigen, die mir ertheilt waren, vollstaendig widersprachen." Rasch wurde die Thuer geoeffnet, der Lieutenant von Mengersen, ein grosser, schlanker, junger Mann und der Lieutenant Heyse, eine ernste ruhige Erscheinung, traten ein. "Nun," rief Herr von Duering lebhaft, "Ihr seid wieder zurueck? Was bringt Ihr? Hat sich Alles aufgeklaert?" "Nichts hat sich aufgeklaert," erwiderte Herr von Mengersen mit zornig bewegter Stimme, "der Koenig hat uns gar nicht angenommen und uns den Befehl geschickt, auf der Stelle wieder zurueckzureisen." "Unglaublich," rief Herr von Duering. "Aber wahr," rief der Lieutenant Heyse im traurigen Ton, "es scheint, dass man eine vollstaendige chinesische Mauer um den Koenig gezogen hat und dass Nichts, was von uns kommt, zu ihm dringen kann. Dagegen hat er den Feldwebel Stuermann gehoert." "Den Feldwebel Stuermann," rief Herr von Tschirschnitz, "und uns, seinen Officieren, verweigert er das Gehoer! Das ist doch ein Affront fuer uns Alle, wie er staerker und kraenkender nicht gedacht werden kann." "Graf Platen ist am Tage vorher," sagte Herr von Mengersen, "bei Stuermann in seinem Gasthause in der Stadt gewesen und hat sehr lange mit ihm gesprochen, am andern Tage ist er dann nach Hietzing zum Koenig gebracht worden." "Und habt Ihr nicht gehoert, was nun weiter geschehen soll," sagte Herr von Duering. "Mit uns zu gleicher Zeit," sagte der Lieutenant Heyse, "ist der Major von Adelebsen hierher abgereist, um das Commando zu uebernehmen und die Legion aufzuloesen. Es kommt nun darauf an, dass wir uns entschliessen, was wir thun wollen fuer uns und fuer die Leute, denn auf Gehoer beim Koenig haben wir nicht mehr zu rechnen." "Wir muessen uns fest verbinden," rief Herr von Tschirschnitz, "um Alles aufzubieten, damit die armen Emigranten noch einen Anhaltspunkt erhalten und nicht vereinsamt ihrem Schicksal ueberlassen bleiben. Ich hoffe, Sie werden uns darin unterstuetzen," sprach er zu dem Regierungsrath Meding gewendet. "Ich bedauere auf das Tiefste die Wendung, welche diese Sache genommen," erwiderte dieser, "und die Unmoeglichkeit mit irgend welchen Vorstellungen bis an Seine Majestaet zu dringen,--ich bin aber hier als Vertreter des Koenigs und muss, so lange ich auf meinem Posten bin, jeden Befehl, den Seine Majestaet mir ertheilen wird, ausfuehren; und ich rathe auch Ihnen, meine Herren, dringend, keinen Widerstand gegen die Ausfuehrung der Befehle Seiner Majestaet zu leisten, doch koennen Sie auf das Festeste auf meine Unterstuetzung dafuer rechnen, dass den Emigranten nach Aufloesung des Verbandes die Moeglichkeit geboten werde, sich zu gegenseitiger Unterstuetzung zu vereinen und Unterkommen und Arbeit zu finden. Ich habe bereits in dieser Beziehung mit verschiedenen einflussreichen Personen Ruecksprache genommen und mich ihrer Geneigtheit versichert, zu einem Comite de Patronage fuer die Emigrirten zusammen zu treten. Der Baron Thenard, welcher grossen Einfluss in den Kreisen der Grundbesitzer hat und selbst ausgedehnte Gueter besitzt, hat mir bereits zugesagt, mit in dieses Comite einzutreten, ebenso Herr Bocher, welcher in industriellen Kreisen viel Gelegenheit hat, den Emigrirten Arbeit zu schaffen. Ich habe bei der Wahl der Personen wesentlich darauf Ruecksicht genommen, dass die ganze Sache gar keinen politischen Charakter habe, dass sie eine reine Wohlthaetigkeitsangelenheit sei und denke nun noch einige Damen als Patronesses hinzuzuziehen. Ich zweifle nicht, dass wir dann binnen Kurzem fuer alle unsere Landsleute vollkommen ausreichende Beschaeftigung haben werden. Auch fuer Diejenigen, welche etwa krank und arbeitsunfaehig werden, wird sich dann eine reichliche Unterstuetzung ermoeglichen lassen, wenn man einen Verband herstellt, in welchem Jeder seine Beitraege in eine Krankenkasse zahlt, fuer welche ausserdem von allen Seiten reichliche Huelfsquellen sich oeffnen werden. Lassen Sie also den Muth nicht sinken, wir werden ganz gewiss gut fuer die Leute zu sorgen im Stande sein. Sie, mein lieber Duering, und Sie, Herr von Tschirschnitz muessen dann mit mir in das Comite de Patronage eintreten und die innere Organisation des Huelfsverbandes der Emigranten uebernehmen." "Das ist eine vortreffliche Idee," rief Herr von Duering, "ich habe frueher schon etwas Aehnliches ueberdacht und dazu einen Organisationsplan ausgearbeitet, den ich seiner Zeit auch dem Koenig eingeschickt habe, den er aber wohl nicht beachtet zu haben scheint--" "Ich habe bereits dem Koenige," sagte der Regierungsrath Meding, "von diesem Plan und den fuer die Bildung des Comite de Patronage gethanen Schritten Mittheilung gemacht. Durch dies Comite koennte dann auch fuer Diejenigen, welche so gern nach Algier gehen wollen, ohne dass der Koenig irgendwie dabei betheiligt ist, dort eine vortheilhafte Niederlassung vermittelt werden; damit wuerde der Wunsch der Leute erfuellt und zugleich jede Betheiligung des Koenigs dabei ausgeschlossen, welche Seiner Majestaet wegen der Stimmung in Hannover unerwuenscht ist. Ich bitte Sie also nochmals, meine Herren, legen Sie den Schritten des Herrn von Adelebsen zur Aufloesung der Legion keine Schwierigkeiten in den Weg. Lassen Sie diesen Herrn ruhig ausfuehren, was ihm vom Koenige oder von wem es sonst sei, aufgetragen ist, und helfen Sie mir dafuer sorgen, dass unsere Landsleute, nachdem sie aus dem Verbande geschieden sind, einen Mittelpunkt finden, der ihnen Schutz und Beistand gewaehrt." "Aber wie der Koenig mit uns umgeht," rief Herr von Tschirschnitz, "so haette er ja zur Zeit des Bestandes des Koenigreichs Hannover mit keinem Officier umzugehen das Recht gehabt. Mindestens haetten wir doch Gehoer erlangen muessen,--dies ist ja geradezu asiatischer Despotismus." "Meine Herren," sagte der Regierungsrath Meding, "einem ungluecklichen Fuersten gegenueber ist die Pflicht des Gehorsams doppelt stark, und vergessen Sie vor Allem nicht, dass wir Alle Vertreter einer Sache sind, welche den Blicken der ganzen Welt ausgesetzt ist. Wir haben fuer diese Sache gefochten nach allen Kraeften,--man kann uns vorwerfen, dass es thoericht und unvernuenftig gewesen sei, aber wenigstens haben wir fuer die Sache gethan, was ueberhaupt zu thun war. Wenn diese Sache zu Ende sein soll," fuegte er noch ernster hinzu, "und ich glaube, dass sie zu Ende ist, so lassen Sie uns ihr den letzten Dienst erweisen, lassen wir sie mit Ehren untergehen, ohne dass wir der Welt das Schauspiel der inneren Zerruettung und der Faeulniss, welche sie angefressen hat, und an welcher wir wenigstens keinen Theil haben, geben. Wir werden vielleicht in der Lage sein, unsere und der Emigranten Rechte scharf und nachdruecklich zu vertheidigen, aber so lange es moeglich ist, darf auch in dieser Vertheidigung Nichts gegen den Koenig unternommen werden, auf dem die Hand des Schicksals schwer genug ruht, und der stets auf unsere Ehrfurcht Anspruch haben wird. Und sollten wir je zu den aeussersten Grenzen der Vertheidigung gedraengt werden, so muessen wir wenigstens vor der ganzen Welt beweisen koennen, dass wir dazu unwiderstehlich gezwungen worden sind." "Aber man greift unsere Ehre an," rief Herr von Mengersen, "unserer Aller Ehre, denn was in Hietzing ueber uns gesprochen wird, davon hat man gar keinen Begriff, und auch nach Hannover hin schreiben sie die unglaublichsten Dinge. Es wird gar nicht lange dauern, so wird man wo moeglich in den welfischen Zeitungen Artikel ueber uns lesen." "Seien Sie ganz ruhig, meine Herren," sagte der Regierungsrath Meding, "wenn das geschehen sollte, wenn man es wagen wuerde, unsere Ehre anzugreifen, dann werde ich der Erste sein, der alle Ruecksichten bei Seite setzt, und dann wehe Denen, die den Kampf mit uns aufnehmen. Jene werden dem Koenig gegenueber zu verantworten haben, was dann geschehen wird. Bis dahin bitte ich Sie nochmals dringend, jeden Schritt zurueck zu halten, der den Koenig verletzen koennte." "Jedenfalls," rief Herr von Duering, "werde ich meine Magazinbestaende dem Herrn von Adelebsen nicht ueberliefern, ohne eine vollgueltige Decharge vom Koenige zu bekommen, die ich bereits mehrfach verlangt und die man mir noch immer nicht gegeben hat." Der Kammerdiener meldete den Legationskanzlisten Hattensauer, und eilig, mit etwas aufgeregter Miene trat ein Mann von etwa fuenfzig Jahren von auffallender Haesslichkeit mit kleinen stechenden Augen, einer vorspringenden Stirn, einem glatten, fast kahlen Schaedel in das Zimmer. Er neigte sich mit einer gewissen linkischen Hoeflichkeit nach allen Seiten, naeherte sich dann in beinahe demuethiger, unterwuerfiger Haltung dem Regierungsrath Meding und ueberreichte ihm ein grosses, versiegeltes Schreiben. "Eine Depesche ans Hietzing, welche so eben eingegangen ist," sagte er. Gespannt blickten die Officiere auf den Regierungsrath Meding, welcher langsam das Schreiben oeffnete und den Inhalt durchlas. "Der Major von Adelebsen ist angekommen," sagte der Legationskanzlist Hattensauer, waehrend Herr Meding las, "er hat diese Depesche mitgebracht und wird Ihnen morgen seinen Besuch machen." Der Regierungsrath Meding faltete langsam das Papier, das er bis zu Ende gelesen, zusammen; ein trauriges Laecheln spielte um seinen Mund. "Nun," rief Herr von Duering, "haben Sie irgend welches Licht in der Sache erhalten?" "Der Koenig," erwiderte der Regierungsrath Meding, "findet meine Bemuehungen fuer die Herstellung eines Comite de Patronage, da dasselbe auch fuer eine Colonie in Algerien wirken koenne, nicht vereinbar mit seinen Beschluessen, nach welchen er aus militairischen Gruenden die Gruendung einer solchen Colonie abgelehnt hat. Er befiehlt mir deshalb, aus dem Comite auszuscheiden und mich sogleich nach Thun in der Schweiz zu begeben, um dort seine weiteren Befehle abzuwarten. Das Schreiben ist uebrigens," fuhr er fort, "abermals eine Antwort auf etwas durchaus Anderes, als ich geschrieben und ausserdem von einer beinah unglaublichen Stylisirung und Logik." "Unerhoert!" riefen die Officiere. "Und Sie werden diesem Befehl Folge leisten?" fragte Herr von Duering. "Ganz gewiss," erwiderte der Regierungsrath Meding, "ich stehe noch im Dienste des Koenigs und muss seinen Befehlen folgen. Ich bedaure, dass sie mich zwingen, die armen Emigranten zu verlassen, aber ich kann darin Nichts aendern, die Verantwortung fuer ihr Schicksal trifft mich nicht." "Ich habe auch noch Briefe fuer Herrn von Duering und fuer Herrn von Tschirschnitz," sagte Hattensauer, indem er sich demuethig gebeugt den beiden Herren naeherte und jedem ein Schreiben uebergab, welches dieselben schnell oeffneten und durchflogen. "Ich bin nach Bern verbannt," sagte Herr von Duering. "Und ich nach Basel!" rief Herr von Tschirschnitz laut lachend. "Die Sache wird nun geradezu komisch, man scheint sich in Hietzing fuer die Gebieter der Welt zu halten." "Haben Sie Nichts fuer mich?" rief Herr von Mengersen, zu Herrn Hattensauer sich wendend, "vielleicht hat man mich nach Sibirien verbannt." "Nun, meine Herren," sagte der Regierungsrath Meding, "so muessen wir denn die Hannoveraner ihrem Schicksal ueberlassen, ich werde noch das Moeglichste thun, um sie allen meinen Freunden hier zu empfehlen. Jedenfalls haben wir fuer sie gethan, was in unsern Kraeften stand. Und nun lassen Sie uns schlafen und ausruhen, denn ich glaube, wir koennen sagen: 'Finita la commedia'. Morgen wollen wir ueberlegen, was weiter zu thun ist, und," sagte er laechelnd zu Herrn von Duering und Herrn von Tschirschnitz, "unsere Reisevorbereitungen treffen." Zweites Capitel Der Legationsrath Bucher hatte seinen Vortrag bei dem Kanzler des Norddeutschen Bundes, Grafen von Bismarck, beendet. Der Graf sass in dem Lehnstuhl vor dem Schreibtisch bequem zurueckgelehnt, die kraftvolle markige Gestalt erschien noch breiter und voller im Militairueberrock,--die Zuege seines Gesichts waren staerker geworden und drueckten noch mehr als frueher feste, entschlossene Willenskraft aus. Das Haar an seinen Schlaefen und der volle Schnurrbart hatten sich mehr und mehr weiss gefaerbt, ohne dass dadurch sein Gesicht aelter erschien,--der frische Ausdruck seiner klaren, grauen Augen, welche bald streng und drohend, bald tief und gemuethvoll blickten, gab seiner ganzen Erscheinung einen gewissen Schimmer jugendlicher Lebendigkeit. Vor dem Grafen stand, ein Packet zusammengelegter Papiere in der Hand, der Legationsrath Bucher. Sein kraenkliches feines Gesicht mit den kalt und ernst blickenden kleinen Augen, dem fest geschlossenen Mund und der etwas scharf vorspringenden Nase, seine magere Gestalt, welche dem Grafen Bismarck gegenueber fast winzig erschien,--seine etwas gebueckte Haltung,--das Alles gab der Erscheinung dieses merkwuerdigen Mannes, der frueher seiner politischen Ueberzeugung Heimath und Existenz geopfert und nunmehr das Vertrauen des grossen deutschen Staatsmannes zu erwerben und zu erhalten gewusst hatte, einen Ausdruck, der die Mitte hielt zwischen dem Typus eines Bureaukraten und eines Professors. "Haben Sie die Schrift von Vilbort gelesen," fragte der Graf--'l'oeuvre de Monsieur de Bismarck'--es wird in Paris viel besprochen--" "Und ist auch bereits in deutscher Uebersetzung erschienen," bemerkte der Legationsrath, "es enthaelt viel Interessantes und manche sehr bemerkenswerthe Zeugnisse ueber das, was Herr Vilbort waehrend des Krieges von 1866 selbst gesehen und erlebt hat.--Ob freilich Alles das wahr ist, was Vilbort ueber die Aeusserungen mittheilt, die Eure Excellenz ihm selbst gegenueber gemacht haben, das muessen Sie selbst besser beurteilen koennen, als ich--" "Im Allgemeinen," sagte Graf Bismarck, "so weit ich das Buch zu durchblaettern Zeit gefunden habe,--giebt er meine Aeusserungen richtig wieder,--und das ist schon sehr viel.--So oft man mit einem Journalisten spricht, muss man sich gefallen lassen, dass er Alles, was man gesagt oder nicht gesagt hat, wiedererzaehlt, wie er es aufgefasst hat,--oder wie er es aufgefasst zu sehen wuenscht,--das hindert mich uebrigens nicht," fuhr er fort, "mich ganz freimuethig und offen gegen diese Herren auszusprechen, wenn ich Gelegenheit habe, einen von ihnen zu sehen;--ich halte mit dem, was ich denke und was ich will, nicht hinter dem Berge,--die aengstliche Geheimnisskraemerei der alten Diplomatie hat keinen Sinn mehr in unserer Zeit,--freilich muss ich dann auch die oeffentliche Beurtheilung dessen, was ich gesagt habe, nicht scheuen, und,--Gott sei Dank,--dafuer habe ich ganz gesunde Nerven." "Herr Vilbort," sagte der Legationsrath Bucher, "scheint mir durch die Offenheit, mit welcher Eure Excellenz sich ihm gegenueber ausgesprochen haben, etwas eitel geworden zu sein;--er haelt sich fuer einen Geschichtschreiber,--und das ist er in der That nicht,--auch geht durch sein ganzes Werk ein gewisses sentimentales Jammern ueber den Krieg, der doch, da die Conflicte einmal unloesbar geworden, eine Nothwendigkeit war." "Diese Richtung des Buches," fiel Graf Bismarck ein, "das jedenfalls in Frankreich viel gelesen werden wird, ist mir am wenigsten unangenehm,--die Franzosen koennen in der That eine Warnung vor den traurigen Folgen eines grossen Krieges brauchen,--es scheint, dass dort wieder der Chauvinismus erhitzt wird, und dass man die Geister fuer einen Krieg vorbereitet, fuer den Fall, dass man der inneren Schwierigkeiten nicht Herr werden sollte." "Glauben Eure Excellenz wirklich," fragte der Legationsrath, "dass man in Paris ernstlich an einen Krieg denken koennte,--gerade jetzt in dem Augenblicke, in welchem die Zuegel des persoenlichen Regiments gelockert sind, in dem Augenblick, in welchem Ollivier, der Mann des Friedens, Minister geworden ist?" "Die Berichte aus Paris," sagte Graf Bismarck mit leichtem Achselzucken, "sprechen von den friedlichen Dispositionen der Regierung,--ich glaube auch, dass der Kaiser, der arme kranke Mann, sich nach dem Frieden sehnt,--schon um persoenlich Ruhe zu haben,--aber Alles," fuhr er fort, "was dort geschieht, kann zu irgend einem ploetzlichen Ausbruch fuehren, auf den wir heute mehr als je gefasst sein muessen. "Sehen Sie," sprach er nach kurzem Nachdenken, waehrend er die Augen sinnend emporschlug, "dieser unglueckliche Pistolenschuss, der Victor Noir toedtete, diese lauten Anklagen von Flourens, die ungeschickte Verhaftung Rocheforts, ein Bonaparte vor Gericht, des Mordes angeklagt, das Alles bricht ueber das Kaiserreich herein,--das ist ein furchtbares Verhaengniss,--und das constitutionelle Regiment kann die immer hoeher aufwallenden Wogen nicht beschwoeren. Die Coterie des Krieges, welche durch einen ruhmvollen Feldzug den Glanz des Kaiserreichs wieder herstellen will, gewinnt an Boden,--der Kaiser ist schwach,--wird man ihn nicht eines Tages dahin bringen, das Aeusserste zu wagen, um den festen Boden wieder zu gewinnen, der ihm taeglich mehr unter den Fuessen verschwindet. Er wird vielleicht den Krieg machen aus Schwaeche, denn die Schwaeche ist tollkuehner als die Kraft. "Fuer uns," fuhr der Graf fort, "ist der Krieg um so weniger zu fuerchten, je mehr die innere Kraft Frankreichs taeglich zersetzt wird,--aber der arme Kaiser thut mir leid,--es ist doch eine gross angelegte und im Grunde gute Natur,--und fuer Europa ist das Kaiserreich eine Wohlthat,--denken Sie, wenn alle diese in den Tiefen gaehrenden Elemente in Frankreich wieder entfesselt wuerden! "Man hat mir da," fuhr er fort, indem er ein Blatt Papier von seinem Schreibtisch nahm, "einen Brief Eugen Duponts mitgetheilt, in welchem dieser thaetige Agent der Internationale und Secretair von Carl Marx in London dem Comite in Genf auseinandersetzt, dass die Zeit gekommen sei, in welcher der action secrete et souterraine die allgemeine revolutionaire Schilderhebung in Europa folgen muesse. Merkwuerdigerweise," sagte er, einen Blick in das Schriftstueck werfend, "will Dupont den Ausgangspunkt dieser grossen Revolution nach England verlegen, weil in Frankreich die Regierung noch zu stark sei." "England sei das einzige Land," fuhr er fort, "in welchem eine wirkliche socialistische Revolution gemacht werden koennte, das englische Volk aber koenne diese Revolution nicht machen, Fremde muessten sie ihm machen und der Punkt, wo man zuerst losbrechen solle, sei Irland." Der Legationsrath Bucher laechelte. "Das sind Traeumereien," sagte er, "wie sie von Zeit zu Zeit sich immer wiederholen, ohne zu praktischen Resultaten zu fuehren." "Die Ideen dieses Dupont sind Traeumereien,--das ist ganz richtig," fiel Graf Bismarck ein,--"aber in Frankreich ist die Sache ernster,--dort haben die gemaessigten Mitglieder der Internationale vollstaendig die Fuehrung verloren und die extremsten Doctrinen dringen immer mehr in die Arbeiterbevoelkerung,--bei jeder unruhigen Bewegung kann die Commune proclamirt werden.--Das Alles gaehrt um den Kaiser herauf und kann ihn eines Tages dazu draengen, einen Verzweiflungscoup zu machen;--wir muessen von dort her immer auf etwas Unerwartetes gefasst sein." "Die Elemente der Gaehrung," sagte der Legationsrath, "von denen Eure Excellenz sprechen, sind aber nicht nur in Frankreich vorhanden, sondern erfuellen die ganze Welt,--auch unter den deutschen Arbeitern macht die Internationale Fortschritte,--ich glaube, dass die Regierungen zu dieser Frage Stellung nehmen muessen." "Das sagt mir auch Wagner," rief Graf Bismarck,--"aber welche Stellung soll man dazu nehmen?--Die alten Parteibildungen beginnen sich zu zersetzen, keine der vorhandenen Parteien kann sich dazu erheben, den neuen Zeitfragen mit freiem und klarem Blick entgegen zu treten,--und gerade dieser socialen Frage gegenueber muesste doch die Regierung sich auf eine im Volke selbst wurzelnde Partei stuetzen.--Das waere eine Aufgabe fuer die Conservativen," sagte er sinnend,--"aber leider verlieren gerade diese sich immer mehr in unmoegliche und unpraktische Theorien." "Nun," fuhr er fort,--"wir muessen darueber nachdenken,--jetzt will ich ein wenig hoeren, was die auswaertige Politik macht." Er reichte mit freundlichem Kopfnicken dem Legationsrath die Hand und dieser zog sich mit einer kurzen stummen Verbeugung zurueck. "Ist Jemand im Vorzimmer?" fragte Graf Bismarck den Kammerdiener, welcher auf seinen starken Glockenzug erschien. "Der englische Botschafter, Excellenz." "Ich lasse bitten." Der Minister-Praesident erhob sich und machte einige Schritte nach der Thuer, durch welche Lord Augustus Loftus, der Botschafter Ihrer Majestaet der Koenigin Victoria am preussischen Hofe und beim Norddeutschen Bunde, in das Cabinet trat. Lord Loftus, eine durchaus englische Erscheinung, hatte in seinen Gesichtszuegen und in seiner ganzen Haltung eine gewisse feierliche Wuerde und Zurueckhaltung, welche ein wenig gegen das offene, freie Wesen des Grafen Bismarck abstach. Der Lord setzte sich dem preussischen Minister-Praesidenten gegenueber vor den grossen Schreibtisch in der Mitte des geraeumigen Cabinets, und begann, da der Graf nach einigen gleichgueltigen Begruessungsworten schweigend seine Anrede erwartete, nach einem kurzen Raeuspern: "Sie wissen, lieber Graf, wie sehr die Regierung Ihrer Majestaet darauf bedacht ist, in den Beziehungen der Cabinette unter einander alle Ursachen des Misstrauens und der Besorgnisse zu beseitigen, welche dem Frieden Europas gefaehrlich werden koennten." Graf Bismarck neigte zustimmend den Kopf und, indem er eine grosse Papierscheere ergriff und dieselbe spielend in der Hand bewegte, sagte er im hoeflichsten Ton einer gleichgueltigen Conversation: "Die Regierung Ihrer Majestaet ist in diesem Bestreben vollkommen von denselben Wuenschen geleitet, welche auch uns beseelen und welche wohl, wie ich glaube, von allen Cabinetten Europas getheilt werden. Ich freue mich, von Neuem zu constatiren, dass gerade durch diese allseitigen Wuensche die beste Garantie fuer die Erhaltung des europaeischen Friedens gewaehrt wird." Lord Loftus schien ein wenig decontenancirt. "Die guten Wuensche aller europaeischen Regierungen," sagte er, "sind gewiss eine ganz vortreffliche Garantie des Friedens. Indessen," fuhr er ein wenig zoegernd fort, "um eine wirklich praktische und vor allen Dingen dauernde Basis fuer die internationale Ruhe und Stabilitaet zu schaffen, wird es vor Allem noch noethig sein, concrete Gruende gegenseitigen Misstrauens und gegenseitiger Besorgnisse zu beseitigen." "Ich wuesste in der That nicht," sagte Graf Bismarck, den Botschafter wie erstaunt anblickend, "dass in diesem Augenblick irgend welche Fragen bestaenden, welche dem Frieden auch nur die entfernteste Gefahr zu bringen vermoechten. Ueberall ist die tiefste Ruhe, ich kann Sie versichern, dass wir wenigstens mit keinem europaeischen Cabinet in Eroerterungen stehen, welche bedenkliche und kritische Punkte beruehren." "Ich hatte bei meiner Bemerkung von vorhin," erwiderte Lord Loftus, "auch weniger diplomatische Fragen im Sinne, welche gegenwaertig zur Eroerterung staenden und zu Differenzen fuehren koennten, ich dachte vielmehr an thatsaechliche Verhaeltnisse, welche vielleicht weniger ein Grund, als ein Ausdruck gegenseitigen Misstrauens sind und deren Beseitigung im Interesse der ruhigen Entwickelung der Zukunft Europas liegen moechte." "Und welche thatsaechliche Verhaeltnisse meinen Sie?" fragte Graf Bismarck mit vollkommener Ruhe und einem leichten Anflug von Erstaunen in seinem scharfen, fest auf den Botschafter gerichteten Blick. "Es ist eine Thatsache," sprach Lord Loftus weiter, "welche offen vor Europa da liegt, dass die franzoesische Regierung in den letzten Jahren ganz besondere Anstrengungen gemacht hat, um ihre Militairmacht auf eine aussergewoehnliche Hoehe zu erheben. Das Gleiche findet bei Ihnen statt, und Sie werden mir zugeben, dass es eine gewisse Besorgniss und Beunruhigung erregen kann, wenn man zwei der bedeutendsten europaeischen Maechte bis an die Zaehne bewaffnet einander gegenueber stehen sieht." "Es liegt ja aber," fiel Graf Bismarck in demselben ruhigen, fast gleichgueltigen Ton ein, "zwischen Frankreich und uns durchaus keine Veranlassung zu irgend welchen Missverstaendnissen vor; im Gegentheil kann ich Sie versichern, dass unsere Beziehungen zu Paris die besten und freundlichsten sind." "Und doch stehen Sie sich," bemerkte Lord Loftus, "mit so uebermaessig angespannten Militairkraeften gegenueber, als ob Sie gegenseitig jeden Tag den Ausbruch irgend eines Conflictes zu besorgen haetten. Dieser Zustand," fuhr er etwas lebhafter fort, "wenn er auch den Frieden nicht unmittelbar gefaehrdet, laesst doch Europa nicht zu sicherem Bewusstsein der Ruhe kommen, und ich glaube, dass besser als alle diplomatischen Versicherungen eine ernste und nachdrueckliche Reducirung der unter den Waffen stehenden militairischen Streitkraefte alle die unruhigen Besorgnisse zerstreuen wuerde, welche angesichts des gegenwaertigen Zustandes sowohl die Cabinette, als die Geschaeftswelt erfuellen,--wenn die Armeen Frankreichs und Preussens sich nicht mehr in voller Kriegsruestung gegenueber stehen, dann wird Europa endlich aufathmen koennen, befreit von dem Druck, welcher in den letzten Jahren auf ihm lastet." Graf Bismarck schwieg einen Augenblick, seine Zuege nahmen einen ernsten Ausdruck an, er richtete den Blick seiner klaren grauen Augen scharf und durchdringend auf den Botschafter und sagte dann: "Haben Sie, mein theurer Lord, den Auftrag, die Frage, welche Sie soeben beruehrten, zwischen Frankreich und uns Namens Ihrer Regierung zur Sprache zu bringen?" "Ich habe nicht den Auftrag," erwiderte der Lord, "bestimmte Antraege zu stellen, bestimmt formulirte Wuensche auszusprechen,--doch bin ich allerdings veranlasst, die allgemeine Besorgniss, welche die militairischen Ruestungen in Frankreich und Deutschland der Regierung Ihrer Majestaet einfloessen, Ihnen nicht zu verhehlen und zugleich auch dem Gedanken Ausdruck zu geben, dass Sie sowohl als die franzoesische Regierung dem ganzen civilisirten Europa einen grossen Dienst leisten wuerden, wenn Sie sich geneigt finden liessen, im gleichen Verhaeltniss die unter den Waffen stehenden Streitkraefte zu reduciren und dadurch thatsaechlich das Vertrauen auf dauernde Erhaltung des Friedens zu erkennen zu geben. Wuerde ich bei Ihnen die Geneigtheit finden, auf diesen Ideengang einzugehen, so wuerde die Regierung Ihrer Majestaet gern bereit sein, ihre Vermittelung in einer ebenso wichtigen, als delicaten Sache zwischen zwei ihr gleich befreundeten Maechten eintreten zu lassen." "Und wissen Sie," fragte Graf Bismarck, ohne dass ein Zug seines Gesichtes sich veraenderte, "ob derselbe Gedanke, den Sie mir hier so eben auszusprechen die Guete haben, auch dem Kaiser Napoleon gegenueber von Ihrer Regierung geltend gemacht worden ist?" "Ich glaube, Ihnen mittheilen zu koennen," erwiderte Lord Loftus, "dass dies geschehen ist, und dass der Kaiser sich vollkommen bereit erklaert hat, seine kriegsbereiten Streitkraefte nach derselben Verhaeltnisszahl zu reduciren, welche von Ihnen angenommen werden moechte." Ein feines, fast unmerkliches Laecheln flog ueber das Gesicht des Grafen Bismarck. "Es wuerde dann immer die Frage sein," sagte er in leichtem Ton, "wer denn mit der Abruestung anzufangen haette--und wer dieselbe controliren koennte, Fragen, an denen oft schon aehnliche Verhandlungen gescheitert sind,--doch," fuhr er dann mit ernstem und nachdrucksvollem Ton fort, "ich will diese Frage nicht aufwerfen, denn sie wuerde keine practische Bedeutung haben, da ich Ihnen von vorn herein auf das Bestimmteste erklaeren muss, dass ich garnicht in der Lage bin, auf eine Negociation in der von Ihnen angedeuteten Weise eingehen zu koennen, und ich wuerde es bedauern, wenn ich in die Lage kaeme, der Regierung Ihrer Majestaet auf eine directe Aeusserung in jenem Sinne eine bestimmt ablehnende Antwort geben zu muessen." "So halten Sie es dennoch fuer moeglich," fragte Lord Loftus, ein wenig erstaunt ueber diese so klare und bestimmte Erklaerung, "dass aus den Fragen, welche gegenwaertig in Europa vorhanden sind, nach irgend welcher Richtung hin ein ernster Conflict entstehen koennte, der die Erhaltung einer solchen Waffenruestung fuer Frankreich und fuer Preussen noethig macht?" "Was Frankreich betrifft," erwiderte Graf Bismarck, "so habe ich darueber kein Urtheil. Glaubt der Kaiser Napoleon, den innern Verhaeltnissen gegenueber und mit Ruecksicht auf seine sonstigen europaeischen Beziehungen seine militairischen Streitkraefte vermindern zu koennen, so mag er es thun, von unserer Seite hat er am allerwenigsten irgend eine Schwierigkeit oder gar eine Feindseligkeit zu besorgen. Ich wuerde ihm indessen auf einem solchen Wege nicht folgen koennen, denn die groessere oder geringere Staerke der preussischen Militairmacht beruht nicht in dieser oder jener augenblicklichen diplomatischen Constellation, sie ist eine Grundlage des preussischen Staatslebens und kann ohne einen tiefen Eingriff in dessen wesentlichsten Existenzbedingungen nicht modificirt werden. Ich bin aber von vorn herein ueberzeugt," fuhr er fort, "dass der Koenig, mein allergnaedigster Herr, jedes Eingehen auf diese Frage, ja jede Eroerterung derselben auf das Bestimmteste ablehnen wuerde und ablehnen muesste. Um eine Verminderung und zwar eine wesentliche Verminderung der disponiblen Streitkraefte zu erreichen, muesste man die ganze Militairorganisation Preussens und des Norddeutschen Bundes aendern. Das ist schon verfassungsmaessig schwierig, ja beinahe unausfuehrbar. Ausserdem kommt aber dabei noch ein wesentlicher Gesichtspunkt in Frage, den ich Sie wohl in Betracht zu ziehen bitten muss, die preussische Militairorganisation ist nicht nur eine militairische, sondern zu gleicher Zeit auch eine politische und sociale Organisation. Sie ist eine Art von hoher Schule fuer alle Klassen der Bevoelkerung, eine Schule, in welcher die Jugend des Landes die selbstverleugnende Pflichterfuellung lernt, in welcher sie durchdrungen wird von der Hingebung fuer den Koenig und fuer das Land, in welcher der Patriotismus gekraeftigt und zu vollem klarem Bewusstsein gebracht wird. Man koennte also die Wehrverfassung nicht modificiren, ohne zu gleicher Zeit der militairischen Kraft und der nationalen Einigkeit grossen Schaden zu thun, ohne die Ueberzeugung des Volkes zu verletzen, welche in der allgemeinen Dienstpflicht und der damit zusammenhaengenden Staerke der Armee die beste Buergschaft fuer die Sicherheit und Groesse Preussens erblickt. Sie muessen begreifen, mein theurer Lord," fuhr er fort, "dass alle diese Gesichtspunkte es mir unmoeglich machen, die Idee der gegenseitigen Entwaffnung weiter zu discutiren;--so lange ich Minister bin, wuerde ich eine solche Idee dem Koenige nicht vorschlagen koennen, und jede weitere Eroerterung des Gegenstandes wuerde zu gar keinem Resultat fuehren. Ich glaube, es ist der beste Dienst, den ich Ihnen leisten kann, und der groesste Beweis aufrichtigsten Entgegenkommens gegen die Regierung Ihrer Majestaet, wenn ich sogleich und ohne Umschweife meine Stellung zu der von Ihnen angeregten Frage offen ausspreche. Ich bitte Sie, das, was ich Ihnen gesagt, als meine unbedingt feststehende Ansicht zu betrachten und auch Ihrer Regierung keinen Zweifel ueber dieselbe zu lassen." Lord Loftus verneigte sich und sprach: "Ich erkenne vollkommen das Gewicht der Gruende an, welche Sie mir angeben und werde dieselben dem auswaertigen Amt zur Kenntniss bringen. Ich bedaure," fuhr er fort, "dass Ihre Mittheilungen mich von der Unmoeglichkeit ueberzeugt haben, den auf Europa lastenden Zustand aengstlicher Besorgniss durch ein einfaches Mittel zu beseitigen." "Ich begreife nicht, mein lieber Lord," sagte Graf Bismarck, "warum Sie von Kriegsbesorgnissen sprechen? Ich kann Ihnen nur wiederholen, dass ich keine Frage sehe, welche dazu Veranlassung bieten koennte;--wenn einige chauvinistische Blaetter in Frankreich nicht aufhoeren, die Welt von Zeit zu Zeit zu beunruhigen, so kann das doch keinen Einfluss auf die Cabinette der Grossmaechte haben. Mag sich die Boerse hin und wieder darueber erschrecken, wir sollten uns dadurch doch in der That keinen Augenblick aus der Ruhe bringen lassen. Vor Allem," fuhr er mit volltoenender Stimme fort, "koennen derartige auf keinen concreten Gruenden beruhende Besorgnisse niemals der Grund sein, dass eine mit dem Ausbau ihrer innern Angelegenheiten beschaeftigte, alle Vertraege respectirende und mit aller Welt im Frieden lebende Macht ihre langjaehrige und bewaehrte Militairverfassung aendern sollte, eine Militairverfassung, auf welcher die Sicherheit beruht, die friedliche und selbststaendige innere Entwickelung noethigenfalls gegen jede Stoerung schuetzen zu koennen." "Apropos, haben Sie Nachricht vom Koenig Georg?" fragte Graf Bismarck, als Lord Loftus sich erhob, um sich zu verschieden. "Man theilt mir mit, dass er diese unglueckliche Legion in Frankreich, welche ihm so viel Geld kostet, und welche doch in der That sehr wenig geeignet ist, um Hannover wieder von uns zu erobern, jetzt auseinander schickt. Mir thun die armen Leute leid, welche durch dies ganze abenteuerliche Unternehmen ihrem Vaterlande und ihren Familien entzogen sind." "Wenn der Koenig seinen Widerstand aufgiebt," sagte Lord Loftus, "sollte es dann nicht moeglich sein, ihm den Genuss seines Vermoegens wieder zu geben, welches ihm entzogen ist? Ich weiss, dass der Herzog von Cambridge als naechster Agnat sehr viel Antheil an dieser Angelegenheit nimmt, und es waere in der That erwuenscht, wenn sie in befriedigender Weise geordnet werden koennte." "Niemand wuenscht das lebhafter als ich," rief Graf Bismarck, "wir haben im Interesse der Sicherheit Preussens dem Koenige sein Land nehmen muessen, aber sowohl mein allergnaedigster Herr wie ich selbst wuenschen gewiss auf das Dringendste, dass dem alten, hochberuehmten und edlen Welfenhause auch in seiner hannoeverschen Linie fuer die Zukunft eine grosse und wuerdige Existenz gesichert bleibe. Aber," fuhr er fort, "wenn der Koenig einfach seine Legion entlaesst, weil er sie nicht bezahlen kann, ohne mit seinen uebrigen Agitationen aufzuhoeren, ohne den Frieden mit uns zu machen, so koennen wir ihm doch wahrlich nicht die Mittel dazu in die Haende geben. Ich muss bekennen, dass mir diese Legion weniger beachtungswerth erschienen ist, als andere Agitationen des Koenigs, welche sich der Oeffentlichkeit mehr entziehen und fuer welche ich," sagte er mit entschiedener Betonung, "niemals die Mittel zur Verfuegung stellen kann. Will sich der Koenig in die Notwendigkeit der Verhaeltnisse fuegen, will er mit uns Frieden schliessen, so wird er dafuer gewiss das bereitere Entgegenkommen finden, und wenn der Herzog von Cambridge sich dafuer interessirt, so wird er dem Koenig Georg und dessen ganzem Hause gewiss den besten Dienst leisten, wenn er seinen Einfluss anwendet, um ihn zu einem definitiven und aufrichtigen Frieden zu veranlassen." "Ich werde," sagte Lord Loftus, "wenn sich mir die Gelegenheit bietet, versuchen, in diesem Sinne zu wirken,--ich glaube, dass der Herzog von Cambridge gern die Hand dazu bieten wird, doch ob mit Erfolg, das scheint mir bei dem Charakter des Koenigs zweifelhaft. Jedenfalls ist meine ganze Thaetigkeit in dieser Angelegenheit eine ausschliesslich private, hervorgehend aus dem natuerlichen Interesse, welches ich fuer den erlauchten Vetter meiner Koenigin hege; als Vertreter der englischen Regierung habe ich mit der ganzen Angelegenheit nicht das Geringste zu thun." Er erwiderte mit einer etwas steifen Verbeugung den Haendedruck des Grafen Bismarck, welcher ihn nach der Thuer hin begleitete, und verliess das Cabinet. In dem grossen Vorsaal sass in einem Lehnstuhl die schmaechtige, magere Gestalt des Grafen Benedetti mit dem bleichen, fein geschnittenen Gesicht, dessen Zuege trotz der listigen Intelligenz, welche in ihnen lag, dennoch niemals einen bestimmten Ausdruck erkennen liessen. Der Graf erhob sich und begruesste den englischen Collegen. "Nun," sagte er, "haben Sie Ihre Entwaffnungstheorie discutirt, ueber welche wir gestern sprachen, und von welcher ich ueberzeugt bin, dass sie in Paris das bereitwilligste Entgegenkommen finden wird?" "Ich habe darueber gesprochen," erwiderte Lord Loftus. "Und?" fragte Benedetti. "Jede Discussion darueber ist auf das Bestimmteste abgelehnt, man wird das in London sehr bedauern, obgleich die Gruende dafuer nicht ohne Berechtigung sind." In den kalten klaren Augen Benedetti's erschien ein leichter Schimmer von Befriedigung, er schlug jedoch sogleich den Blick zu Boden und sagte mit ruhigem, fast ausdruckslosem Ton: "Wenn die Welt sich wegen der militairischen Ruestungen in Frankreich und Deutschland beunruhigt, so wird man nun wenigstens wissen, dass wir es nicht sind, die es verweigern zur Beseitigung dieser Unruhe beizutragen, welche uebrigens," fuegte er hinzu, "nach meiner Auffassung ohne Begruendung ist." Der Kammerdiener des Grafen Bismarck naeherte sich dem franzoesischen Botschafter mit der Meldung, dass der Minister-Praesident bereit sei, ihn zu empfangen. Graf Benedetti verabschiedete sich von Lord Loftus und trat in das Cabinet. "Nun," sagte Graf Bismarck, nachdem er ihn mit offener Herzlichkeit begruesst hatte, "es scheint, dass man in Europa an den Frieden nicht recht glauben will. Man moechte aller Welt die Waffen aus den Haenden nehmen und sie in irgend einem grossen Arsenal aufbewahren, damit nur ja kein Missbrauch damit geschieht. Soeben hat mir Lord Loftus wieder von Entwaffnungsideen gesprochen, welche sich ganz wesentlich auf uns beziehen,--ich begreife das in der That nicht," fuhr er ernster fort, "glaubt man denn, dass zwei grosse Maechte nur dann im Frieden neben einander leben koennen, wenn sie Beide nicht die Macht haben, Krieg zu fuehren? Ich habe nach meiner Ansicht mehr Vertrauen zur Erhaltung des allgemeinen Friedens, wenn alle Maechte stark und kraeftig sind, sobald sie nur den aufrichtigen Willen haben, in guten Beziehungen mit einander zu leben. Ich weiss nicht, wie man bei Ihnen ueber die Moeglichkeit einer Reduction der Armee denkt, bei uns ist dies unmoeglich, und ich glaube auch, man wird an unsere friedlichen Absichten ohne Einschraenkung unserer Armee glauben." "Ich theile gewiss vollkommen Ihre Ansicht," sagte Graf Benedetti, indem er dem Minister-Praesidenten gegenueber vor dem Schreibtisch Platz nahm, "und bin weit entfernt, in einer starken Militairmacht zweier verstaendig regierten Staaten eine Gefahr fuer den Frieden zu erblicken. Indess," fuhr er fort, "koennte die Idee einer theilweisen Entwaffnung dennoch vielleicht der Beachtung nicht ganz unwuerdig sein, wenn man durch eine solche Massregel der oeffentlichen Meinung und den uebrigen Maechten neues Vertrauen in die Stabilitaet der europaeischen Ruhe und Ordnung einfloessen kann. Von diesem Gesichtspunkt aus ist, wie ich voraussetzen darf, der Kaiser nicht abgeneigt, eine Reduction der militairischen Kraefte in Erwaegung zu ziehen, wobei ausserdem noch eine wesentliche Erleichterung des Volkes in Betracht kommt, die fuer die innere Stellung der Regierungen nicht unwesentlich ist." "Diese Ruecksicht wuerde bei uns von keiner Bedeutung sein," sagte Graf Bismarck, "unsere Militair-Verfassung ist mit dem Volke verwachsen, und Niemand im Volk verlangt eine Erleichterung der auf allen Schultern gleich vertheilten militairischen Pflichten." Graf Benedetti sah einen Augenblick zu Boden, dann schlug er den Blick mit einer fast naiven Offenheit zu dem preussischen Minister-Praesidenten auf und sprach: "Ich bin natuerlich nicht in der Lage, die inneren Verhaeltnisse bei Ihnen so eingehend zu beurtheilen, wie Sie dazu im Stande sind, da ich nur als Fremder in dieselben hineinblicke,--aber doch verfolge ich Ihr oeffentliches Leben mit vielem Interesse und glaube bemerkt zu haben, dass in den Parteien Ihrer Parlamente die Frage der militairischen Lasten nicht ganz gleichgueltig behandelt zu werden scheint. Nach der Zahl der Mannschaften und nach den finanziellen Mitteln ist der Verfassung gemaess der Militairetat auf eine Periode von fuenf Jahren festgesetzt, welche im naechsten Jahr zu Ende geht; nach den Stimmen der Presse," fuhr er fort, "und nach dem, was ich hier und da ueber die Stimmung der Abgeordneten gehoert habe, scheint das Parlament, wenn ihm im naechsten Jahre das Kriegsbudget vorgelegt wird, sehr geneigt zu sein, wesentliche Reductionen zu beschliessen, welche gewissermassen einer theilweisen Entwaffnung gleich kommen wuerden. Wenn ich mich in der Beurtheilung der hiesigen Verhaeltnisse nicht taeusche," sprach er weiter, waehrend Graf Bismarck zuhoerte und von Zeit zu Zeit die Fingerspitzen an einander schlug,--"so beduerfen Sie, um das richtige Gleichgewicht zwischen der Regierung und dem Parlament zu erhalten, der Uebereinstimmung mit allen gemaessigten Nuancen der conservativen und liberalen Parteien. Wuerde es da nicht vielleicht ein gutes und willkommenes Auskunftsmittel sein, die Ruecksichten auf die inneren Verhaeltnisse und diejenigen auf die auswaertigen Beziehungen zu vereinen durch eine auf diplomatischer Uebereinkunft beruhende Armeereduction? Sie wuerden die europaeischen Maechte, England an der Spitze, verpflichten, die oeffentliche Meinung beruhigen und vielleicht einer Verlegenheit entgehen, welche immerhin erwachsen koennte, wenn im naechsten Jahr Ihr Parlament erhebliche Reductionen des Militairbudgets beschliessen sollte." "Diese Verlegenheit," sagte Graf Bismarck, "kann nicht eintreten, und die Ruecksicht, sie zu vermeiden, kann auf meine Beschluesse keinen Einfluss ueben." "So glauben Sie," sagte der Graf Benedetti, "der Zustimmung der Parlamentsmajoritaet fuer das Militairbudget auch im naechsten Jahr vollkommen sicher zu sein? Sie verzeihen," fuegte er hinzu, "dass ich ueber Ihre inneren Angelegenheiten mit Ihnen spreche; aber Sie wissen, wie sehr ich mich fuer dieselben interessire, und Sie haben mir frueher schon oefter erlaubt, mich durch die Unterhaltung mit Ihnen ueber diese Verhaeltnisse zu belehren." "Unsere inneren Angelegenheiten," erwiderte Graf Bismarck, artig den Kopf neigend, "liegen ja offen da, und es ist mir immer erfreulich und kann nur zu immer groesserer Klaerung meiner eigenen Anschauung dienen, mich mit Ihnen ueber dieselben zu unterhalten. Sie fragten also," fuhr er fort, "ob ich der Zustimmung des Parlaments zum bisherigen Militairbudget im naechsten Jahre sicher sei? Darauf kann ich Ihnen nur antworten: das weiss ich nicht, denn parlamentarische Majoritaeten sind Dinge, die sich nicht vorher berechnen lassen; doch mag dem sein, wie ihm wolle, eine Verlegenheit, wie Sie dieselbe vorher andeuteten, kann fuer mich nach dieser Richtung hin niemals entstehen. Wenn Sie unsere Verfassung genau studirt haben," sagte er mit einer kaum vernehmbaren Nuance von Ironie in seiner Stimme, "wie ich nach Ihren Bemerkungen voraussetze, so werden Sie gesehen haben, dass der Artikel 60--nach der Festsetzung der Friedensstaerke in der Armee bis zum 31. Dezember 1871--weiter bestimmt, dass fuer die Zukunft die Effectivstaerke durch die Bundesgesetzgebung bestimmt werden soll. Wenn also, was ich nicht voraussetzen will, aber auch ebenso wenig fuer unmoeglich erklaeren kann, der Norddeutsche Reichstag im naechsten Jahre das von den verbuendeten Regierungen vorgelegte Militairbudget nicht annimmt, so ist eben ein neues Gesetz nicht zu Stande gekommen, und selbstverstaendlich gilt dann das bisher bestandene Gesetz so lange, bis frueher oder spaeter ueber das an seine Stelle zu setzende zwischen den Volksvertretern und den Regierungen eine Verstaendigung erzielt ist. Sie sehen also, dass ich um mein Militairbudget nicht in Verlegenheit kommen kann, und dass, wenn Diejenigen," fuegte er mit scharfer Betonung hinzu, indem seine Gesichtszuege ploetzlich einen sehr ernsten, fast strengen Ausdruck annahmen, "welche sich ausserhalb Deutschlands vielleicht veranlasst finden moechten, eine Verminderung der Waffenmacht zu wuenschen, die zur Vertheidigung Preussens und des Norddeutschen Bundes noethig ist, sich auf gewisse parlamentarische Abneigungen gegen die Bewilligung des Militairetats glauben stuetzen zu koennen,--dass sie in solchen Voraussetzungen ihre Rechnung--ohne die Bundesverfassung und ohne mich gemacht haben." Graf Benedetti verneigte sich. "Es ist mir erfreulich," sprach er, "Ihre Ansichten so bestimmt und klar ausgesprochen zu hoeren. Der ganze Gegenstand," fuhr er mit leichtem Ton fort, "ist ja eigentlich keine Frage zwischen uns, Frankreich und Preussen koennen ihre gegenseitige Staerke ohne jedes Misstrauen ansehen, es waere nur ein Entgegenkommen gewesen, welches wir gemeinsam den uebrigen Maechten haetten zeigen koennen--" "Welche aber ihrerseits," fiel Graf Bismarck ein, "ebenfalls fortfahren, unausgesetzt zu ruesten und zwar in weit groesserem Massstabe, als wir, wie ein Blick auf Oesterreich und auf Italien zeigt. Ich glaube, es ist besser, ein fuer alle Mal diese ganze Frage der Ruestungen uneroertert zu lassen und den Frieden wesentlich auf den guten Glauben und das Vertrauen zu stuetzen, welches die Regierungen einander entgegentragen. Sie koennen mir," fuhr er fort, "wahrlich den Vorwurf nicht machen, dass ich es an solchem Vertrauen fehlen lasse, und dass ich, wenn irgend Etwas vorkommt, was die guten Beziehungen nach irgend einer oder der anderen Richtung zu verwirren im Stande waere, nicht sogleich durch offenes Aussprechen die Gelegenheit zur Aufklaerung und zur Beseitigung der Missverstaendnisse gebe." Ein leichter Ausdruck verschaerfter Aufmerksamkeit wurde in dem Blick des Botschafters bemerkbar. "Ich freue mich," sagte er, "dass diese Beziehungen gegenseitiger Offenheit und Aufrichtigkeit zwischen uns bestehen. Gerade dadurch ist es ja so oft schon moeglich gewesen, manche Wolke zu zerstreuen, welche die so guten und befriedigenden Verhaeltnisse zwischen beiden Regierungen haette trueben koennen. Gegenwaertig," sagte er mit leichtem Laecheln, "sind ja solche Wolken nach keiner Richtung hin vorhanden und--" "Ganz verschwinden sie niemals," fiel Graf Bismarck ein, "denn immer und immer wieder kommen von der einen oder der andern Seite her Mittheilungen, welche bei aengstlichen und misstrauischen Naturen, zu denen ich nicht gehoere," sagte er sich verneigend, "Bedenken und Sorgen hervorrufen koennten." Benedetti blickte ihn erstaunt und fragend an. "Schon vor laengerer Zeit," sagte Graf Bismarck in ruhigem und fast gleichgueltigem Ton, "habe ich Ihnen mitgetheilt, Herr von Usedom haette uns verschiedene Umstaende mitgetheilt, welche fast glauben lassen mussten, dass geheime Unterhandlungen zwischen Frankreich und Italien, bei welchen auch Oesterreich betheiligt sei, stattfaenden." "Ich habe damals Gelegenheit genommen," sagte Graf Benedetti schnell, "in Paris Erkundigungen einzuziehen und Ihnen die Versicherung gegeben, dass die Quelle, aus welcher Herr von Usedom jene Mittheilungen geschoepft hat, eine nicht zuverlaessige gewesen sein muesse--" "Herr von Usedom hat seine Quelle nicht angegeben," fiel Graf Bismarck ein. "Jedenfalls," sagte Graf Benedetti, "war er unrichtig berichtet oder durch den Schein getaeuscht und zu falschen Schluessen veranlasst worden." "Es sind nun," sprach Graf Bismarck weiter, "in neuester Zeit wiederholt Winke an mich gekommen, dass abermals eine sehr lebhafte Negociation zwischen den Hoefen von Paris, Wien und Florenz stattfindet, welche eine Coalition herzustellen bezweckt, die doch offenbar gegen uns keine allzu freundlichen Absichten haben koennte. Ich meinerseits," fuhr er fort, indem er Benedetti starr ansah und seine grosse Papierscheere mit der Hand rasch hin und her bewegte, "lege keinen besonderen Werth auf derartige Winke, wenn sie nicht den Nachweis bestimmter und unleugbarer Thatsachen enthalten, vielleicht auch deshalb," sagte er mit Betonung, "weil ich eine Coalition niemals fuerchten wuerde, welche sich der nationalen Entwicklung Deutschlands entgegenzustellen die Absicht haette." "Ich werde sogleich," sagte Benedetti eifrig, "nach Paris schreiben und mir bestimmte Aufklaerung ueber diese Frage erbitten. Ich bin aber im Voraus fest ueberzeugt, dass die Geruechte, welche zu Ihnen gedrungen sind, jetzt ebenso wenig wie damals Begruendung haben, denn ich kenne zu genau den dringenden Wunsch des Kaisers, den europaeischen Frieden zu erhalten und ganz besonders die so freundlichen Beziehungen mit dem Koenige Wilhelm und seiner Regierung zu pflegen." "Ich habe Sie nicht darueber interpelliren wollen, mein lieber Botschafter," sagte Graf Bismarck, "ich kam auf die Sache nur durch unser Gespraech und durch die Aeusserungen, welche Lord Loftus mir vorher gemacht hat. Denn wenn," fuhr er fort, "aehnliche Winke, wie sie an mich gekommen sind, auch nach London gelangt sein sollten, und wenn man mit solchen Winken die ganz besondere Thaetigkeit in Verbindung bringt, welche in Ihrem Militair-Departement herrscht, so wuerde in dieser Ideenassociation vielleicht ein Grund zu finden sein, warum man von England aus so dringend wuenscht, neue und concrete Garantieen fuer die Erhaltung des europaeischen Friedens zu gewinnen. Nur sucht man diese Garantieen an falscher Stelle; doch," fuhr er abbrechend fort, "ich glaube, wir haben unsere Ideen ueber den Gegenstand ausgetauscht und stimmen nunmehr im Wesentlichen ueber denselben ueberein. Besser als durch die Entwaffnung wird der Friede jedenfalls gesichert sein, wenn alle Veranlassungen vermieden werden, welche zur Entstehung solcher Geruechte beitragen koennen, wie ich sie mir so eben zu erwaehnen erlaubte." "Ganz gewiss," sagte Benedetti. "Es ist merkwuerdig," fuhr er dann fort, "wie von Zeit zu Zeit immer wieder Fragen auftauchen, welche die glatte und ruhige Oberflaeche der europaeischen Politik kraeuseln. Sie erwaehnten so eben der Geruechte ueber geheime Verhandlungen zwischen Wien, Florenz und Paris; da wir einmal damit das Gebiet der Hypothesen beruehrt haben, so darf ich vielleicht meinerseits bemerken, dass, wie man mir aus Paris ganz vertraulich schreibt, dort wieder einzelne Andeutungen vernommen worden sind ueber einen Plan, den Prinzen von Hohenzollern auf den spanischen Thron zu bringen, einen Plan, ueber welchen wir ebenfalls frueher bereits gesprochen haben und welcher, wenn er wirklich bestehen sollte, ebenfalls geeignet waere, eine gewisse Beunruhigung hervorzurufen." Graf Bismarck sah den Botschafter gross und erstaunt an. "Ich habe neuerdings," sagte er, "Nichts wieder von dieser Idee gehoert, welche mir, wie ich Ihnen bereits frueher bemerkt habe, im Ganzen ein wenig abenteuerlich zu sein schien. Ich habe heute noch wie damals die Ansicht, dass die Regierung des Prinzen Leopold in Spanien nur von sehr kurzer Dauer sein wuerde und dass sie ihn grossen Gefahren und Taeuschungen aussetzen muesste. Ich bin fest ueberzeugt, dass der Koenig, wenn die Sache jemals an ihn herantreten sollte, dem Prinzen gewiss nicht den Rath geben wuerde, den spanischen Thron anzunehmen, auch wenn die Cortes dort ihm denselben antragen sollten. Ich weiss auch, dass der Vater des Prinzen, der Fuerst Anton vollkommen diese Ansicht theilt. Er weiss," fuegte er laechelnd hinzu, "durch die Erfahrung, die er mit dem Fuersten Karl von Rumaenien gemacht hat, dass die Souverainetaet zuweilen theuer werden kann." "Der Prinz Leopold," sagte Benedetti in gleichgueltig hingeworfenem Ton, indem ein schneller forschender Blick den Grafen Bismarck traf, "wuerde ja auch uebrigens, selbst wenn ein Beschluss der Cortes ihm die spanische Krone anbieten sollte, dieselbe niemals ohne Zustimmung und Erlaubniss des Koenigs annehmen koennen, da der Koenig als Chef des Hauses bei den Entschluessen des Prinzen die letzte Entscheidung hat." "Das ist nicht der Fall," sagte Graf Bismarck, "der Prinz wuerde in letzter Linie in seinen Entschluessen doch nur von seinem Vater abhaengen, und der Koenig wuerde sich gewiss enthalten, einen bestimmenden Einfluss ausueben zu wollen,--ganz gewiss aber wird er, wie ich wiederholen muss, nach meiner Ueberzeugung dem Prinzen nicht den Rath geben, ein so gefaehrliches und unsicheres Abenteuer zu wagen. Ich glaube uebrigens kaum," fuhr er fort, "dass man so bald zur Wahl eines Koenigs in Spanien gelangen wird; die Personen, welche dort gegenwaertig die Macht in Haenden halten,--vielleicht Prim noch mehr als Serrano--werden kaum wuenschen, durch die definitive Wahl eines Koenigs dem gegenwaertigen Zustand, bei welchem sie die Herren des Landes sind, ein Ende zu machen. Die ganze Sache hat nach meiner Ueberzeugung gar keine practische Bedeutung. Man hat ja frueher schon," fuhr er im leichten, gleichgueltigen Ton fort, "den Namen des Prinzen Friedrich Karl mit der spanischen Krone in Verbindung gebracht, vielleicht waere dieser Prinz, der ein so tapferer Officier und ein so energischer Charakter ist, noch eher im Stande dieses Abenteuer zu bestehen, als es vielleicht der Prinz Leopold sein moechte. Aber alle diese Dinge sind ja Conjecturen und scheinen mir so recht keinen eigentlichen Bestand zu haben." "Ich habe den ganzen Gegenstand auch nur erwaehnt," sagte Benedetti, "weil wir einmal auf das Gebiet politischer Conjecturen gekommen waren, zu denen auch die vorhin von Ihnen erwaehnte oesterreichisch-italienische Negociation gehoert." Graf Bismarck sah den Botschafter scharf und durchdringend an, dann neigte er mit hoeflicher Zustimmung den Kopf. "Ich freue mich also von Neuem constatiren zu koennen," sagte Benedetti, indem er aufstand, "dass in unsern internationalen Beziehungen kein Punkt existirt, welcher zu Unruhe oder Besorgniss Veranlassung geben koennte, und man wird sich," fuegte er laechelnd hinzu, "in London wohl ueberzeugen, dass auch ohne Entwaffnung zwei grosse Maechte in Frieden und Freundschaft neben einander leben koennen." "Das bewaffnete Deutschland," sagte Graf Bismarck, indem er Benedetti einige Schritte zur Thuer geleitete, "ist wenigstens fuer Niemand eine Drohung--als fuer Diejenigen, welche sich seiner naturgemaessen freien und nationalen Kraftentwickelung etwa entgegenstellen moechten." Benedetti verneigte sich, drueckte die dargebotene Hand des Minister-Praesidenten und ging hinaus. Graf Bismarck schritt einige Male langsam im Zimmer auf und nieder. "Es ist etwas im Werk," sagte er,--"dieser englische Entwaffnungsvorschlag beweist, dass man in London der Ruhe nicht traut, man muss dort irgend welche Winke haben, welche Besorgnisse einfloessen, und diese erneuete Erwaehnung der Candidatur des Prinzen Leopold, einer Sache, die ich laengst vergessen habe und deren fluechtigem und voruebergehendem Auftauchen im vorigen Jahre ich niemals eine ernste Bedeutung beilegen mochte--diese Mittheilungen ueber die geheime Negociation mit Italien und Oesterreich, welche nicht ganz aus der Luft gegriffen sein koennen, --es scheint, dass da wieder irgend einer jener verborgenen Schachzuege im Werke ist, denen ich mich seit 1866 unausgesetzt gegenueber befinde. Nun," sagte er, die Brust weit ausdehnend, "moegen sie ihre geheimen Combinationen machen, sie werden diesmal ebenso wenig zu einer ernsten Gefahr fuehren, als bisher. In Italien wird man sich wohl nicht so leicht entschliessen, die einzige Stuetze aufzugeben, welche man in Europa findet. Auch der gute Kaiser Napoleon, der immer aelter wird, moechte mit jedem Jahre immer weniger geneigt sein, sich den gefaehrlichen Chancen eines Krieges auszusetzen, den wir, wenn er einmal entbrannt ist," fuegte er mit dem Ausdruck eiserner Entschlossenheit hinzu, "bis auf's Messer wuerden fuehren muessen. Freilich," sagte er dann nachsinnend, "je schwaecher und willenloser er wird, um so leichter moechte es vielleicht der kriegerischen Coterie werden, ihn in eine unueberlegte Unternehmung hineinzuziehen. Die Schwaeche des Alters koennte bei ihm zu demselben Resultat fuehren, das bei Andern durch die Verwegenheit der Jugend hervorgebracht wird. Nun," sagte er mit ruhigem Ton, "ich arbeite mit aller Macht daran, den Frieden zu erhalten--wenn es aber nicht moeglich sein sollte--wir sind geruestet und koennen jeder Eventualitaet mit dem ruhigen Bewusstsein entgegensehen, dass wir gethan haben, was an uns ist, um allen Gefahren zu begegnen. Leider, leider," sagte er nach einer Pause, "kann ich noch immer nicht dahin kommen, klar und genau zu uebersehen, was unter dieser glatten Oberflaeche der franzoesischen Politik in den Tiefen gebraut und vorbereitet wird,--wie traurig, dass man nicht ueberall selbst sein kann und dass man gezwungen ist, durch fremde Augen zu sehen und mit fremden Ohren zu hoeren." Der Kammerdiener trat ein und ueberreichte dem Grafen ein Billet. "Ein Herr wuenscht Eurer Excellenz dringend angemeldet zu werden, er behauptet, dass Eure Excellenz ihn anhoeren wuerden, wenn Sie seinen Brief gelesen, und hat darauf bestanden, denselben sofort zu ueberreichen." Graf Bismarck oeffnete schnell das Billet. Voller Erstaunen las er die wenigen Zeilen, welche es enthielt. Dann spielte ein eigentuemliches Laecheln um seine Lippen und er sagte: "Fuehren Sie den Herrn herein." "Herr Salazar-y-Mazarredo, Deputierter in den Cortes," sprach er halblaut zu sich selbst, nachdem der Kammerdiener wieder hinausgegangen war, "hat mir einen Brief des Marschall Prim zu uebergeben? Der Name ist mir vollkommen unbekannt,--es muss eine ganz besondere Angelegenheit sein, dass der Marschall sich direct an mich ohne Vermittlung der spanischen Gesandtschaft wendet."-- Die Thuer oeffnete sich Graf Bismarck trat mit artiger Hoeflichkeit, aber in gemessener, kalter Haltung einem noch jungen, eleganten Mann entgegen, dessen regelmaessiges Gesicht mit dunklem, schwarzem Haar und schwarzen lebhaften Augen den Typus der Suedlaender trug. Der Eintretende verneigte sich tief vor dem Minister und zog einen versiegelten Brief aus der Tasche seines Fracks. "Der Marschall Prim," sagte er in franzoesischer Sprache, "hat mir den ehrenvollen Auftrag ertheilt, Eurer Excellenz dies Schreiben zu ueberreichen." Graf Bismarck nahm den Brief, welchen der junge Mann ihm darbot, liess einen fluechtigen Blick ueber das Siegel und die Aufschrift gleiten und deutete dann mit der Hand auf den Sessel vor seinem Schreibtisch. "Sie erlauben," sagte er, indem er sich niederliess,--er oeffnete das Siegel und las langsam das Schreiben, doch ohne dass in seinem Gesicht eine Spur des Eindrucks bemerkbar wurde, den der Inhalt auf ihn machte. Als er zu Ende gelesen, faltete er den Brief wieder zusammen und sah einen Augenblick den ihm gegenueber sitzenden jungen Mann scharf an. "Ist Ihnen der Inhalt des Schreibens des Marschalls bekannt, mein Herr?" fragte er. "Der Marschall hat die Guete gehabt, mir denselben mitzutheilen," erwiderte Herr Salazar-y-Mazarredo. "Er hat geglaubt, in dieser delicaten Angelegenheit sich zunaechst ganz persoenlich an Eure Excellenz wenden zu muessen, um Ihre ebenfalls persoenliche Ansicht zu hoeren, bevor in der Sache officielle Schritte geschehen. Der Marschall ist ueberzeugt," fuhr er fort, waehrend Graf Bismarck ruhig und unbeweglich zuhoerte, "dass der Abschluss der Revolution, in welcher sich Spanien gegenwaertig befindet, nur durch die Wiederherstellung der Monarchie moeglich ist und zwar unter einem Koenige, welcher durch jugendliche Kraft und Intelligenz die Schwierigkeiten der Lage zu ueberwinden im Stande ist und welcher zugleich durch seine persoenliche Stellung die Achtung und Sympathie des spanischen Volkes gewinnen kann, ohne mit irgend einer der im Lande bestehenden und mit den verschiedenen Praetendenten zusammenhaengenden Partheien in irgend welcher Verbindung zu stehen. Der Marschall hat geglaubt, einen solchen Fuersten, der alle diese Eigenschaften in sich vereinigt, in der Person des Erbprinzen von Hohenzollern zu finden und wuerde diese Combination um so lieber zur Ausfuehrung gebracht sehen, als dadurch die hohe Achtung, welche er fuer Deutschland, fuer den Koenig Wilhelm und Eure Excellenz hegt, ebenso wie der Wunsch mit Preussen und Deutschland in freundschaftlichen Beziehungen zu stehen, thatsaechlichen Ausdruck faende. Der Marschall glaubt, dass es leicht sein wuerde, die Cortes zur Wahl des Prinzen Leopold zu bestimmen. Doch wuenscht er nicht eher einen Schritt dazu zu thun, bevor er nicht die Ueberzeugung gewonnen hat, dass Eure Excellenz diesen Plan billigen und dass der Koenig demselben seine Zustimmung geben wuerde." Graf Bismarck blickte einen Augenblick schweigend vor sich hin. "Es ist eine eigenthuemliche Frage, welche Sie da an mich richten, mein Herr," sagte er dann. "Ich erkenne dankbar die Gesinnungen des Marschalls gegen Deutschland und gegen mich an, welche ihn zu dieser Frage veranlassen, jedoch muss ich aufrichtig gestehen, dass ich um die Antwort etwas verlegen bin. Es kann ja nur ehrenvoll fuer meine Nation sein, wenn das spanische Volk einem deutschen Fuersten vertrauungsvoll die Leitung seiner Geschicke in die Hand legen wollte, indess wird es mir sehr schwer, darueber namentlich in dem gegenwaertigen Stadium der Sache irgend eine bestimmte Meinung auszusprechen. Zunaechst wuerde doch der Entschluss und die Neigung des Prinzen Leopold in erster Linie massgebend sein. So schmeichelhaft nun auch fuer diesen Prinzen ein solcher Auftrag sein muss, so werden Sie mir doch auch zugeben, dass er durch ein Eingehen auf denselben, falls er wirklich gestellt werden sollte, eine ungeheuere Verantwortlichkeit auf sich ladet und sich moeglicher Weise grossen Gefahren und Schwierigkeiten aussetzt. Ob er das wagen will, ist seine Sache, und es wuerde unter Umstaenden darueber von Ihnen mit dem Prinzen direct verhandelt werden muessen." "Der Marschall wuenscht aber auch zu gleicher Zeit Eurer Excellenz und des Koenigs Ansicht darueber zu wissen." "Was zunaechst die meinige betrifft, so muss ich Ihnen aufrichtig sagen, dass ich der in Rede stehenden Combination eine politische Bedeutung kaum beizulegen vermag. Der Prinz Leopold ist ein ritterlicher, ehrenhafter Charakter--wuerde er je in die Lage kommen, die ihm angebotene Krone Spaniens anzunehmen. So bin ich fest ueberzeugt, dass er von dem Augenblick an sich mit allen Interessen der spanischen Nation identificiren und dass es sein aufrichtiges Bestreben sein wuerde, ganz und gar Spanier zu werden. Die Wahl des Prinzen wuerde kaum auf die Beziehungen zwischen Spanien und Deutschland,--von denen ich ebenso wie der Marschall wuensche, dass sie stets die freundschaftlichsten und besten bleiben moegen--irgend welchen Einfluss ueben koennen. Ich wuerde also auch kaum in der Lage mich befinden, als preussischer Minister dem Prinzen irgend einen Rath nach der einen oder der andern Seite zu geben-- Wenn ich nun schon," fuhr er fort, "mir eine absolute Zurueckhaltung auflegen zu muessen glaube, so scheint es mir, dass Seine Majestaet der Koenig, mein allergnaedigster Herr, noch mehr einer jeden Einwirkung auf die Entschluesse des Prinzen sich zu enthalten Veranlassung hat. Seine Majestaet ist allerdings der oberste Chef des Gesammthauses Hohenzollern, indess ist Prinz Leopold nicht preussischer Prinz und mit der koeniglichen Familie nicht verwandt, in rein persoenlichen Angelegenheiten wuerde also der Koenig zunaechst dem Prinzen und dessen Vater die voellig freie Entscheidung ueberlassen muessen. Wenn Seine Majestaet daher eintretenden Falles keine Veranlassung haben wuerde, etwaigen Neigungen des Prinzen zur Annahme der ihm anzubietenden spanischen Krone entgegen zu treten, so kann Seine Majestaet doch noch viel weniger ihm irgendwie den Rath ertheilen, ein so verantwortungs- und gefahrvolles Unternehmen zu versuchen. Ich finde mich daher nicht im Stande, im gegenwaertigen Augenblicke meinerseits die Sache dem Koenige vorzulegen,--wuerde dieselbe eine festere Gestalt annehmen und an den Prinzen durch eine spanische Autoritaet herantreten, so wuerde es immer die Sache des Prinzen selbst und seines Vaters sein, ihre Entschluesse Seiner Majestaet zu unterbreiten und des Koenigs Meinung darueber einzuholen." "Eure Excellenz," sagte Herr Salazar-y-Mazarredo, der durch die ruhige und bestimmte Erklaerung des Grafen Bismarck ein wenig niedergedrueckt zu sein schien, "wuerden also der Idee des Marschalls persoenlich Nichts entgegen zu setzen haben?" "Wie koennte ich das!" erwiderte Graf Bismarck,--"es kann ja nur, wie ich wiederhole, ehrenvoll fuer Deutschland und fuer das Haus Hohenzollern sein, wenn die spanische Nation einen Prinzen dieses Hauses zu ihrem Koenig erwaehlt. Politische Gruende _dagegen_," fuhr er fort, "kann ich als preussischer Minister ebenso wenig haben, als ich, wie ich ebenfalls bestimmt wiederholen muss, mich irgend wie _dafuer_ auszusprechen im Stande bin. Doch bin ich," fuhr er fort, "dem Marschall sehr dankbar fuer das persoenliche Vertrauen, welches er mir durch die Mittheilung seiner Idee zu beweisen die Guete gehabt hat." Er schwieg. Der spanische Deputirte schien das Gespraech nicht fuer beendet ansehen zu wollen. "Wuerden Eure Excellenz die Guete haben," sprach er, "Ihre Ansicht ueber die Sache--Ihre persoenliche Ansicht dem Marschall in Beantwortung seines Schreibens mitzutheilen?" Graf Bismarck spielte einige Augenblicke nachdenklich mit dem Brief, der vor ihm auf dem Tische lag. "Ich glaube," sagte er, "dass ich mich deutlich und klar ausgesprochen habe, und Sie werden gewiss die Guete haben, dem Marschall meine Worte zu wiederholen." "Ich glaube, Eurer Excellenz Erklaerung genau und richtig aufgefasst zu haben," erwiderte Herr Salazar-y-Mazarredo, "doch bin ich ueberzeugt, dass der Marschall besonderen Werth darauf legen wuerde, meine Mittheilungen durch ein Antwortschreiben von Eurer Excellenz selbst bestaetigt zu sehen." Abermals dachte Graf Bismarck einige Augenblicke nach. "Sie werden begreifen," sagte er, "dass eine gewisse Schwierigkeit fuer mich darin liegt, mich ueber eine Angelegenheit, welche, wie ich zu bemerken mir erlaubte, nach meiner Auffassung mit der Politik Preussens und Deutschlands Nichts zu thun hat, in einer Weise auszusprechen, welcher bei meiner Stellung doch immerhin eine Art von offizieller Bedeutung beigelegt werden koennte. Jedenfalls muesste ich die Sache nach allen Richtungen hin noch sehr reiflich ueberlegen, bevor ich den Brief des Marschalls beantworten koennte, und ich muss gestehen, dass ich dringend wuensche, der ganzen Sache so lange vollkommen fern zu bleiben, bis dieselbe etwa eine klar fassbare Gestalt annimmt und auf direct officiellem Wege an mich gelangt. Ich moechte unter diesen Umstaenden," fuegte er artig hinzu, "Sie nicht zu einem laengeren Aufenthalt in Berlin veranlassen und den Marschall bitten, mir zu einer eingehenden Ueberlegung Zeit zu lassen. Ich bin ueberzeugt, dass der Marschall die Gruende vollkommen verstehen und billigen wird, welche mich bestimmen muessen, meine Antwort noch zurueckzuhalten, um so mehr, da bei den Beziehungen persoenlichen Vertrauens, in denen Sie, mein Herr, jedenfalls zu ihm stehen, Ihre Mittheilungen ja vollstaendig die Stelle einer direkten Antwort ersetzen werden." Er verneigte sich mit einer Miene, welche bestimmt andeutete, dass die Unterredung zu Ende sei. Herr Salazar-y-Mazarredo erhob sich, indem auf seinen Zuegen eine sichtbare Enttaeuschung bemerkbar wurde. "Ich bitte Sie nochmals," sagte Graf Bismarck, "dem Marschall den Ausdruck meiner Dankbarkeit fuer sein Vertrauen und die Versicherungen meiner aufrichtigen Hochachtung und Ergebenheit zu ueberbringen. Ich habe mich herzlich gefreut," fuegte er mit verbindlicher Artigkeit hinzu, "bei dieser Gelegenheit Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben." "Eure Excellenz werden Nichts dagegen haben," sagte Herr Salazar-y-Mazarredo, "dass ich Schritte thue, um mich ueber die persoenlichen Ansichten des Prinzen Leopold zu unterrichten." "Da der persoenliche Entschluss des Prinzen, wie ich schon bemerkt habe, in erster Linie in Betracht kommt," sagte Graf Bismarck kalt und ruhig, "so scheint es mir in der Natur der Sache zu liegen, dass Sie nach dieser Richtung hin sich informiren. Uebrigens," fuegte er hinzu, "wird es ganz und gar, wie mir scheint, Ihre Aufgabe sein, die Auftraege auszufuehren, welche der Marschall Ihnen gewiss auch in dieser Beziehung ertheilt hat." Herr Salazar-y-Mazarredo verliess mit tiefer Verbeugung das Cabinet. "Es ist also doch Etwas im Gange," sagte Graf Bismarck, indem er sich wieder vor seinen Schreibtisch setzte,--"aber was kann dieser Sache zu Grunde liegen--warum diese einseitige und vertrauliche Anfrage des Marschall Prim? Fast scheint es, als sollte da Etwas hinter dem Ruecken von Serrano und der uebrigen Regierung gemacht werden, Prim wuerde bei seinen besonderen Beziehungen zum Kaiser Napoleon kaum eine solche Sache einfaedeln, wenn er nicht glaubte, demselben dadurch angenehm zu werden,--der Prinz von Hohenzollern ist mit dem Kaiser verwandt," sagte er nachsinnend mit leiser Stimme--"die Candidatur des Herzogs von Montpensier muss dem Kaiser tief verhasst sein,--sie koennte ihm unter Umstaenden gefaehrlich werden;--sollte die erneuete Anregung dieser Combination damit zusammenhaengen? "Nun,"--rief er nach laengerem, schweigendem Nachdenken,--"einmal muss die grosse Krisis dieser langsam schleichenden Krankheitszustaende doch ausbrechen,--und wenn ich sie mit noch so grosser Muehe und Vorsicht fortwaehrend wieder zu beschwoeren versuche!--Vielleicht waere es ein Glueck, wenn die Entscheidung bald kaeme,"--sagte er ernst,--"wenn sie kaeme, so lange ich noch in voller Kraft an der Spitze der Geschaefte stehe,--denn wenn in dieser Krisis mit halben Entschluessen und mit halben Mitteln operirt wird,--dann muss die Zukunft Deutschlands auf lange hinaus, vielleicht auf immer verloren sein.--Ich," rief er flammenden Blickes, indem eine eiserne Energie aus seinen Zuegen leuchtete--"ich wuerde nicht zurueckweichen, ich wuerde die Aufgabe erfassen mit der vollen Kraft, deren sie bedarf,--und--ich fuehle es,--ich wuerde siegen! "O," sagte er dann schmerzlich, "warum ist die Zukunft unserem Blick verborgen,--warum koennen wir nicht eine Ecke jenes undurchdringlichen Schleiers lueften, der das Morgen vor unsern Blicken verbirgt? "Wie viele ringende und kaempfende Geister," sagte er leise, die gefalteten Haende leise vor sich auf den Tisch stuetzend, "haben vor mir diese brennende Frage an die Vorsehung gerichtet,--wie viele werden sie nach mir aussprechen, um dieselbe Antwort zu erhalten--das ewige Schweigen! "Und doch," sprach er, den ruhigen klaren Blick aufschlagend, mit einem weichen Laecheln, das seinen festen strengen Zuegen einen eigenthuemlichen Ausdruck gab, dessen man dieses eherne Gesicht kaum fuer faehig gehalten haette, "doch giebt es eine Antwort, die durch lange Jahrhunderte so vielen zweifelnden und bangenden Herzen Frieden, Muth und Zuversicht gebracht hat--einfach, gross und erhaben wie Der, dessen Lippen sie zuerst sich entrang--Herr, nicht mein sondern Dein Wille geschehe!" Er neigte einen Augenblick das maechtige Haupt auf die Brust, dann erhob er sich, immer mit dem Ausdruck laechelnder Ruhe und Klarheit auf seinen Zuegen, nahm seinen Hut, stieg in den grossen Garten des auswaertigen Amtes hinab und ging mit grossen Schritten unter den hohen noch winterlich kahlen Baeumen in tiefen Gedanken und oft leise Worte vor sich hinsprechend auf und nieder. Drittes Capitel. In einem grossen Zimmer des Hotels zur Sonne in St. Dizier waren dreissig bis vierzig von den hannoeverschen Emigranten versammelt, theils ganz junge Maenner, theils aeltere Leute, deren Mienen und Haltung man die gedienten Militairs ansah. Sie Alle standen in Reihen an der einen Seite des Zimmers und blickten ernst und finster nach dem Tisch hin, an welchem der Major von Adelebsen, der Ordonnanzofficier des Koenigs Georg, sass und auf welchem Actenpackete und eine Anzahl von Bankbillets und Goldrollen lagen. Neben dem Major von Adelebsen sass der fruehere Lieutenant de Pottere, ein junger Mann mit dichtem, sorgfaeltig frisirtem Haar, welches tief in die auffallend niedrige Stirn herabreichte, mit grossen, etwas starr blickenden Augen und einem starken blonden Schnurrbart auf der Oberlippe des Mundes, um welchen ein gleichgueltig stereotypes Laecheln spielte. Der Lieutenant de Pottere hatte eine Namensliste der Emigranten vor sich und hielt eine Feder in der Hand bereit, die Proceduren des Majors von Adelebsen zu protocolliren. "Unterofficier Ruehlberg!" rief Herr von Adelebsen, indem er den etwas unsicheren Blick seines Auges ueber die Emigranten hingleiten liess. In militairischer Haltung trat der Unterofficier an den Tisch heran. "Ich habe Sie nunmehr aufzufordern," sagte Herr von Adelebsen, "zur Erklaerung darueber, was Sie ueber Ihre Zukunft beschlossen haben. Ich mache Sie darauf aufmerksam, dass Sie die Ihnen zustehende Pension von Seiner Majestaet erhalten koennen oder aber eine einmalige Abfindungssumme, wenn Sie das vorziehen. Geben Sie mir Ihre Erklaerung, wohin Sie nachher zu gehen beabsichtigen." "Ich bitte, mich ein fuer allemal abzufinden, Herr Major," erwiderte der Unterofficier, "ich will mit einer Anzahl meiner Kameraden nach Algier gehen, um dort unser Glueck in einer Colonie zu versuchen." "Sie wollen nach Algier gehen?" fragte Herr von Adelebsen ein wenig befremdet, "Sie wissen doch, dass Seine Majestaet eine Niederlassung in Algier nicht fuer zweckmaessig erachten koennen, und dass Allerhoechstdieselben befohlen haben, den Legionairen von einer Auswanderung nach Algier abzurathen." "Zu Befehl, Herr Major," erwiderte der Unterofficier, "Herr Minister von Muenchhausen hat uns das auseinandergesetzt und uns dabei zugleich gerathen, nach Hannover zurueckzukehren, und," fuegte er mit einer gewissen Bitterkeit hinzu, "die Strafe, die man uns vielleicht dictiren wuerde, ruhig abzusitzen. Ich bin ganz ueberzeugt," fuhr er fort, "dass Seine Majestaet die besten Absichten mit uns hat, und dass Er nach den Berichten, die man ihm erstattet hat, ueberzeugt ist, dass eine Colonie in Algier uns keinen Vortheil bringen koenne. Aber ich muss Ihnen sagen, Herr Major, dass ich durchaus keine Lust habe, nach der Heimath zurueckzukehren, um mich dort einsperren zu lassen. Wenn Seine Majestaet uns eine Amnestie wuerde verschaffen koennen, so waere es etwas Anderes. Unter diesen Umstaenden muss ich aber dabei bleiben zu versuchen, meine Zukunft auf meine eigene Kraft zu gruenden; und ich bleibe daher bei meiner Erklaerung, dass ich nach Algier gehen will und bei meiner Bitte, mir die Abfindungssumme auszuzahlen." "Wenn aber doch Seine Majestaet," sagte der Lieutenant de Pottere mit einer etwas naeselnden Stimme, "eine solche Colonie nicht fuer zweckmaessig haelt--" "Der Herr Major," fiel der Unteroffizier ein, "haben uns gesagt, dass wir die voellig freie Entschliessung haetten, unsere Zukunft einzurichten, wie wir wollten. Ich habe mir die Sache reiflich ueberlegt und bleibe dabei, dass ich nach Algier gehen will. Vorzueglich," fuhr er fort, "moechte ich ein fuer allemal abgefunden sein, wohin ich mich dann wende, kann und wird ja uebrigens Seiner Majestaet ganz gleichgueltig sein." "Es ist Seiner Majestaet gewiss nicht gleichgueltig," sagte Herr von Adelebsen mit sanfter Stimme, "wie sich die Zukunft seiner frueheren Soldaten gestaltet, und deshalb--" "Darf ich bitten, Herr Major," fiel der Unterofficier, sich in strammer Haltung aufrichtend, ein, "meine Erklaerung zu Protocoll nehmen zu lassen? Mein Entschluss steht unwiderruflich fest." Herr von Adelebsen gab dem Lieutenant de Pottere einen Wink. Dieser schrieb die Erklaerung des Unterofficiers nieder und der Major zaehlte die Abfindungssumme in Banknoten und Zwanzigfrankstuecken ab und haendigte sie dem Unterofficier ein, der mit vorsichtiger Sorgfalt seinen Namen unter die ihm vorgelegte Quittung setzte und dann zu den Uebrigen zuruecktrat. "Dragoner Cappei!" rief Herr von Adelebsen. Der junge Mann trat heran. "Ihre Erklaerung?" fragte Herr von Adelebsen. "Ich wuensche, nach Hannover zurueck zu gehen," sagte Cappei. "Sie sind militairpflichtig gewesen," sagte Herr von Adelebsen. "Haben Sie es sich ueberlegt, dass man Sie vielleicht bestrafen und in die preussische Armee einstellen wird? Es laege vielleicht, wenn Sie sich dieser Gefahr nicht aussetzen wollen, in Ihrem Interesse, wie sich viele andere Ihrer Kameraden bereits entschlossen haben, nach Amerika zu gehen--" "Ich danke, Herr Major," erwiderte Cappei ruhig, "ich bin entschlossen, zu tragen, was mir in Hannover widerfahren wird, und will in die Heimath und zu meiner Familie zurueckkehren." Er empfing die ihm zukommende Summe Geldes, der Lieutenant de Pottere protocollirte seine Erklaerung und Cappei trat zurueck. Einer nach dem Andern aus der Reihe der Emigranten wurde aufgerufen, Zwei oder Drei erklaerten, dass sie nach Amerika gehen wollten, alle Uebrigen sprachen den Entschluss aus, mit dem Unterofficier Ruehlberg nach Algier auszuwandern. "Ich muss Sie Alle nochmals darauf aufmerksam machen," sagte Herr von Adelebsen, "dass, wie ich bereits dem Unterofficier bemerkt habe, Seine Majestaet nicht glauben koenne, dass Sie in Algier Ihre kuenftige Wohlfahrt finden. Sie werden dort in einem fremden Lande ohne Huelfsmittel und ohne Unterstuetzung sein und es vielleicht bereuen, dass Sie sich zu einem solchen Entschluss haben beeinflussen lassen." "Niemand hat uns beeinflusst!" riefen Mehrere der Emigranten. "Wir haben selbst schon lange ehe unsere Officiere mit uns ueber die Colonie gesprochen haben, den Gedanken gefasst, wenn der Koenig uns nicht mehr erhalten koennte, uns in Algier eine Zukunft zu gruenden." "Ich muss aber ausdruecklich bemerken," sagte Herr von Adelebsen, "dass Seine Majestaet mir befohlen haben, ganz bestimmt zu erklaeren, dass Diejenigen, welche nach Algier gehen, niemals auf irgend eine Unterstuetzung von seiner Seite zu rechnen haben. Bedenken Sie, was es heisst, in einem ganz fremden Lande unter unbekannten Verhaeltnissen sich eine Existenz zu gruenden." "Wir werden im fremden Lande," rief der Unterofficier Ruehlberg, einen Schritt vortretend, "immer noch Menschen finden, die uns mit Rath und That beistehen und Gefuehl fuer Leute haben, welche ihrem Koenig im Unglueck treu geblieben sind,--wir haben freilich nicht geglaubt, dass es so kommen wuerde, denn dann wuerden wir wohl kaum die Heimath verlassen haben, und was die Bemerkung betrifft, die der Herr Major so eben gemacht haben, so koennen Sie ganz ruhig sein, Niemand von uns wird kuenftig die Unterstuetzung der Kasse Seiner Majestaet in Anspruch nehmen. Jedenfalls werden wir immer noch besser in Algier daran sein, wo uns wenigstens die franzoesische Regierung freundlich entgegenkommt, als wenn wir ueber das weite Meer nach Amerika hinzoegen, wo wir ohne alle Huelfe sterben und verderben koennen." "In Amerika waeren wir freilich weiter fort," rief eine Stimme aus den Reihen, "und wenn wir Alle dort waeren, so waere man doch sicher, dass Niemand von uns der koeniglichen Kasse zur Last faellt." Der Major warf einen schnellen Blick von unten herauf nach der Gegend, woher diese Stimme erschallt war. Der Lieutenant de Pottere drehte seinen Schnurrbart und sagte: "Sie muessen ruhig sein und nicht durcheinander sprechen." "Ich glaube, wir sind abgefunden," rief es aus den Reihen, "und haben hier nichts mehr zu thun, gehen wir." Und sich kurz umwendend, verliessen sie Alle das Zimmer, indem sie den Refrain des alten hannoeverschen Soldatenliedes anstimmten: "Lustige Hannoveraner seien wir." Herr von Adelebsen und der Lieutenant de Pottere packten die Papiere und das uebrig gebliebene Geld zusammen und zogen sich stillschweigend in ihre Zimmer zurueck. "Nun Cappei," sagte der Unterofficier Ruehlberg zu dem jungen Dragoner, welcher schweigend und gedankenvoll mit den Uebrigen die Treppe hinabstieg, "wollt Ihr Euch nicht noch eines Bessern besinnen und mit uns nach Algier gehen. Denkt doch, wie schoen es ist, wenn wir Alle zusammen bleiben und unser Dorf nach althannoeverscher Manier einrichten, da koennen wir es doch noch zu Etwas bringen, ein freies und selbststaendiges Leben fuehren und an die alte Heimath zurueckdenken, wie sie frueher war." "Es thut mir leid, Euch zu verlassen," sagte Cappei,--"aber unsere Sache ist zu Ende, das alte Hannover ist fuer immer versunken. Was hilft es dem Einzelnen, gegen den Weltlauf anzukaempfen--ich liebe meine Heimath, und die Heimath bleibt ja doch dieselbe, mag nun dieser oder jener Koenig, dieses oder jenes Gesetz herrschen." "Nun, geht hin," sagte der Unterofficier, "Ihr werdet es noch bereuen, aber Verliebten ist keine Vernunft zu predigen. Ihr kommt doch heute Abend noch zu uns, wir wollen noch einmal lustig zusammen sein; in dieser Nacht noch wollen wir nach Marseilles reisen, um uns nach Algier einzuschiffen. Wir haben unsere Empfehlung an den Praefecten dort, und das Comite, welches unsere Officiere in Paris bilden, wird dafuer sorgen, dass wir von dort aus gut empfohlen werden. Tuechtige und rechtliche Leute, die arbeiten koennen, kann man ueberall brauchen, und wir werden unsern Weg schon machen." Die Emigranten zogen ueber den Marktplatz von St. Dizier, von den ihnen begegnenden Buergern freundlich begruesst, nach dem Restaurant hin, in welchem sie sich gewoehnlich zu versammeln pflegten. Der junge Cappei trennte sich an der Ecke des Marktplatzes von ihnen und schritt langsam dem Hause des Holzhaendlers Challier zu. Er ging ueber den grossen Hof und trat durch den Flur in das Wohnzimmer des Hauses, in welchem er so lange als ein freundlich empfangener Gast aus- und eingegangen war, und von welchem er sich nun trennen sollte, um den Kampf mit einer ungewissen Zukunft aufzunehmen. Der alte Herr Challier sass allein in seinem Lehnstuhl, die so eben ausgegebene Zeitung des kleinen Orts lesend. Er legte bei dem Eintritt des jungen Mannes das Blatt aus der Hand, erhob sich und trat ihm mit herzlichem Gruss entgegen. "Alles ist abgemacht, Herr Challier," sagte Cappei in ziemlich reinem, aber im deutschen Accent anklingenden Franzoesisch, "die Legion ist aufgeloest, wir sind Alle frei und koennen hingehen, wohin wir wollen. Und alle diese Kameraden, die nun drei Jahre lang Freud und Leid mit einander getheilt haben, werden sich wohl schwerlich jemals wieder zusammenfinden." "Das ist recht traurig," sagte der alte Herr Challier, langsam den Kopf schuettelnd. "So ist also die Sache Ihres Koenigs aufgegeben,--das thut mir aufrichtig leid, denn ich habe immer so viel Sympathie fuer sein Schicksal und fuer Sie Alle gehabt; und wir Buerger von St. Dizier nehmen gewiss ganz besondern Antheil an Allem, was den Koenig betrifft, seit er unserer Stadt die Ehre erzeigt hat, der Pathe des Kindes eines unserer Mitbuerger zu sein. Ich bin ein alter Bragars," sagte er, indem seine dunklen Augen in lebhaftem Feuer aufleuchteten, "und ich haette mich von Herzen gefreut, wenn ich Sie haette ausziehen sehen koennen, um fuer Ihren Koenig und sein Recht zu fechten,--das Schicksal geht seinen eigenen Weg,--es hat nicht sein sollen. Wir verlieren alle liebe Freunde mit ihnen," fuhr er fort, "und mir wird es in meinem Hause recht leer vorkommen, wenn ich Sie nicht mehr sehe. Haben Sie Ihren Entschluss fest gehalten," fragte er, "nach Ihrem Vaterlande zurueckzukehren?--Ich wuerde mich kaum dazu entschliessen koennen," sagte er, "wenn ich mich in Ihre Lage denke, in einem Lande zu leben, in welchem eine fremde Herrschaft alle Erinnerungen an eine ruhmvolle Vergangenheit begraben hat." Ernst erwiderte der junge Mann: "Es liegt fast ein Vorwurf in Ihren Worten fuer mich, Herr Challier, und doch kann ich nicht anders handeln.--Sie sind Franzose und wenn es moeglich waere, dass Ihr Vaterland ein Schicksal traefe wie das meinige, so wuerde Ihr Gefuehl natuerlich sein. Bei mir, da ist es etwas Anderes, Hannover ist ein kleines Land, ein kleiner Theil jenes grossen Deutschlands, das ja doch das gemeinsame Vaterland fuer uns Alle ist. Wir Hannoveraner lieben unsere Eigenart und Selbstaendigkeit, wir haben mit fester Treue an den Fuersten gehangen, die so lange ueber uns geherrscht haben. Wir beklagen und empfinden tief den Verlust unserer Selbststaendigkeit, aber wir sind doch immer nur ein Glied des Ganzen,--die neue Regierung, welche ueber uns herrscht, ist ja auch eine deutsche, und Deutsche bleiben wir auch unter den neuen Verhaeltnissen. Sollen wir uns darum von dem grossen ganzen Vaterlande ausschliessen, weil wir nicht weiter leben koennen, wie wir es bisher gewohnt waren? Fuer das Recht unseres Koenigs konnten wir kaempfen, wenn der Koenig aber dies Recht aufgiebt, wie koennten wir in ungewoehnlichem Hass den andern Deutschen gegenueber stehen! Uebrigens," fuhr er fort, "werde ich vielleicht nicht immer in meiner Heimath bleiben, nachdem ich meine Verhaeltnisse dort geordnet und meine Stellung klar gemacht habe,--und darueber," fuegte er etwas zoegernd hinzu, "moechte ich mit Ihnen, Herr Challier, bevor ich scheide, noch ein ernstes Wort sprechen. Sie haben mich mit vaeterlicher Guete aufgenommen, ich will Ihnen klar und ohne Rueckhalt meine Gedanken ueber die Zukunft mittheilen. Billigen Sie dieselben nicht," sagte er seufzend, "so werde ich meine Plaene aendern und Hoffnungen aufgeben, welche mir die liebsten und schoensten sind." Herr Challier blickte ihn ein wenig erstaunt an und sagte im herzlichen Ton: "Sie wissen, mein junger Freund, dass mein Rath und meine Erfahrung, wenn ich Ihnen mit denselben nuetzen kann, Ihnen stets zu Gebote stehen." Er setzte sich in seinen Lehnstuhl und lud den jungen Mann ein, in einem Sessel neben ihm Platz zu nehmen. Dieser jedoch blieb vor dem alten Herrn stehen, senkte einen Augenblick nachdenkend den Kopf, wie um seine Gedanken zu ordnen, und sprach dann mit bewegter Stimme: "Sie haben mich kennen gelernt, Herr Challier, als heimathlosen Fluechtling, und dennoch haben Sie mir freundlich Ihr Haus geoeffnet. Sie haben mich in den Kreis Ihrer Familie aufgenommen und ich darf annehmen, dass Sie Vertrauen zu mir haben, obgleich Sie nie vorher Etwas von mir gehoert, obgleich Sie nicht wissen, woher ich stamme und welches meine Vergangenheit war." "Ich habe Ihnen vertraut," erwiderte Herr Challier, "weil Sie hergekommen sind als der Diener eines edlen und ungluecklichen Fuersten. Man dient dem Unglueck nicht, wenn man nicht ein edles und treues Herz hat, darum habe ich Sie aufgenommen, wie man einen braven und rechtschaffenen Mann aufnimmt, und," fuegte er mit der den Franzosen so eigentuemlichen Hoeflichkeit des Herzens hinzu, "ich habe mich in meinem Urtheil und meinem Vertrauen nicht getaeuscht, denn nun Sie uns verlassen, fuehle ich, dass ein Freund von uns scheidet." "Ich gehe in mein Vaterland zurueck," erwiderte Cappei, "um so bald es mir moeglich ist, wieder vor Sie hintreten zu koennen, nicht mehr als der heimathlose Unbekannte, sondern als ein Mann, der Ihnen nachweisen kann, woher er stammt, was er war und was er ist, als ein Mann, der einen, wenn auch kleinen, aber sichern Besitz hat, und der es darum wagen kann, Ihnen eine Bitte auszusprechen, von der sein ganzes Lebensglueck abhaengt,--die Bitte," fuegte er mit zitternder Stimme hinzu, "mir das Schicksal Ihrer Tochter Luise anzuvertrauen, welche ich liebe mit aller Waerme und Treue, die das Erbtheil unseres Stammes sind--deren Glueck ich alle Kraft meines Lebens widmen werde und ohne welche meine Zukunft oede und freudlos sein wuerde." Der alte Herr Challier hatte ruhig und ernst zugehoert. Sein Auge ruhte einen Augenblick mit liebevoller Theilnahme auf dem jungen Mann; dann sprach er mit milder freundlicher Stimme: "Ich habe Ihnen gesagt, Herr Cappei, dass ich volles Vertrauen zu Ihnen habe, dass ich Sie fuer einen Ehrenmann halte,--daraus folgt, dass ich, was Ihre Person betrifft, keine Bedenken trage, Ihnen das Glueck meiner Tochter anzuvertrauen,--ich bin nicht reich," fuhr er fort, "aber ich habe nur die einzige Tochter und besitze genug, um ihr, auch wenn die Wahl ihres Herzens auf einen armen Mann faellt, eine sichere Existenz begruenden zu koennen. Ob Sie Vermoegen besitzen oder nicht, ist deshalb nicht entscheidend fuer die Beantwortung Ihrer Frage, aber," fuhr er fort, "die Grundlage einer sorgenfreien Existenz fuer die Zukunft meiner Tochter liegt in dem Geschaeft, das ich hier betreibe. Wuerde ich es verkaufen, so wuerde der Kaufpreis in Geld nicht den Werth repraesentiren, den es in der Hand eines geschickten und fleissigen Mannes hat. Deshalb habe ich stets den Wunsch gehegt, dass der Mann, den meine Tochter einst sich zum Gefaehrten ihres Lebens erwaehlt, mein Geschaeft fortsetzt. Ich fuehle es vollkommen," fuhr er fort, "was es heisst, sein Vaterland zu verlassen,--aber in Ihrer Heimath sind die Verhaeltnisse so veraendert, und die jetzigen Zustaende koennen Ihnen so wenig erfreulich sein, dass es vielleicht Ihren eigenen Wuenschen entsprechen koennte, hierher zurueck zu kommen. Haben doch auch viele meiner Landsleute Frankreich verlassen und in Deutschland eine neue Heimath gefunden, warum sollten Sie nicht in unserer Mitte auch Ihre kuenftige Heimath begruenden koennen? Koennten Sie diesen meinen sehnlichsten Herzenswunsch erfuellen, so wuerde ich kein Bedenken hegen, die Zukunft meines Kindes Ihnen anzuvertrauen, vorausgesetzt, dass meine Tochter die Gefuehle theilt, welche Sie fuer sie hegen,--worueber Sie," fuegte er laechelnd hinzu, "vielleicht ein wenig unterrichtet sind." "Ich glaube," sagte Cappei mit leiser Stimme, "dass Fraeulein Luise mir nicht abgeneigt ist--" Die Thuer oeffnete sich, die Tochter des Herrn Challier trat ein. Sie hatte eine Freundin besucht und trug einen einfachen kleinen Hut, mit Rosenknospen garnirt, und ein leichtes Tuch um die Schultern. Ihr frisches Gesicht war vom Gang leicht geroethet, ihre glaenzenden Augen richteten sich einen Augenblick wie fragend auf ihren Vater und auf den jungen Hannoveraner. Sie eilte auf den alten Herrn zu, bot ihm mit anmuthiger Bewegung ihre Wange zum Kuss dar und reichte dann Cappei mit freundlichem Gruss die Hand. "Du kommst eben recht," sagte Herr Challier, "um eine Frage zu beantworten, welche ich soeben an unsern jungen Freund hier richtete, und ueber welche er sich ganz klar auszusprechen zu scheuen schien." Luise blickte zuerst verwundert auf, ihr Auge suchte das ihres Geliebten,--sie schien zu verstehen, um was es sich handelte, und senkte tief erroethend den Kopf auf die Brust nieder. "Herr Cappei," sagte der alte Herr, "hat mir soeben mitgetheilt, dass er, wenn seine Angelegenheiten in seiner Heimath geordnet sein werden, zu uns zurueckkommen will, um Dir seine Hand anzutragen, nachdem Du, wie es scheint, bereits in dem Besitz seines Herzens bist. Ich habe die Entscheidung darueber von Deiner Entschliessung abhaengig gemacht,--was wuerdest Du sagen, wenn unser junger Freund hier seinen Antrag nunmehr auch an Dich richtetet?" Einen Augenblick blieb das junge Maedchen mit gesenktem Kopf stehen, ein fluechtiger, halb scheuer, halb vertrauensvoller Blick traf den jungen Mann, dann richtete sie sich empor, trat mit festem Schritt an die Seite des jungen Mannes und sprach: "Ich bin eine Tochter der Bragars von St. Dizier, mein Vater, ich verstehe nicht, meine Gefuehle zu verbergen,--moegen Andere es fuer schicklich halten, zu verhuellen, was ihr Herz bewegt,--ich sage offen, was ich empfinde,--ich liebe ihn," fuhr sie mit strahlenden Blicken fort, "mein Herz gehoert ihm und wird ihm ewig gehoeren. Und Du, mein Vater, weisst, dass ich meine Liebe keinem Unwuerdigen schenke." Der Alte blickte mit stolzer Freude auf seine Tochter. "Brav, mein Kind," sagte er, "das ist recht und tapfer gesprochen, und ebenso offen will ich Dir ohne Umschweife antworten. Ich gebe dem Bunde Eurer Herzen mit Freuden meinen Segen." Cappei breitete die Arme aus, das junge Maedchen sank an seine Brust und er drueckte seine Lippen auf ihr glaenzendes Haar. "Gehen Sie nach Ihrer Heimath zurueck, ordnen Sie Ihre Angelegenheiten und," fuegte er hinzu, "kommen Sie bald zurueck,--ich verlange nicht als unerlaessliche Bedingung, dass Sie Ihre kuenftige Heimath hier in unserm Frankreich waehlen; ein Mann muss am besten wissen, was er zu thun hat, und ein Weib muss dem Manne ihres Herzens folgen. Ich muss es mir ja gefallen lassen, mein Kind von mir gehen zu sehen,--das ist der Lauf der Natur, aber," fuhr er fort, indem seine Lippen bebten und seine Stimme leicht zitterte, "Sie kennen den Wunsch meines Herzens, Sie wissen, wie gluecklich es mich machen wuerde, zu denken, dass mein Kind einst an meinem Sterbebette stehen wird, und dass ich ihr und meinen Enkeln das alte Haus ueberlassen kann, in welchem so viele meiner Vorfahren seit einer Reihe von Generationen gelebt haben." Luise sagte Nichts, langsam hob sie den Kopf von der Brust ihres Geliebten empor und sah den jungen Mann mit ihren grossen glaenzenden Augen fragend und bittend an. "Ich kehre zurueck," sagte dieser rasch mit entschlossenem Ton, "um meine Heimath da zu begruenden, wo ich das Glueck meines Herzens gefunden habe. Ich wuerde wahrlich lieber garnicht fortgehen, aber ich muss in die Heimath, um meine Angelegenheiten zu ordnen, und mein kleines Vermoegen zu sichern. Denn," fuegte er mit fester Stimme hinzu, "nicht dem heimathlosen Bettler soll Ihre Tochter ihre Hand reichen." Ein glueckliches Laecheln erhellte das Gesicht des alten Herrn, er streckte seine beiden Haende aus,--die jungen Leute ergriffen sie und beugten sich zaertlich zu ihm herab. Einen Augenblick blieben alle Drei in inniger Umarmung, sie hoerten nicht, dass die Thuere sich oeffnete, und erst der Ton rascher Schritte liess sie aufblicken. Herr Vergier war eingetreten,--starr und bleich stand er in der Mitte des Zimmers, seine Lippen bebten, seine scharfen, stechenden Augen blickten mit unheimlich spaehendem Feuer auf die Gruppe vor ihm. Die beiden jungen Leute waren zur Seite getreten, der alte Herr erhob sich, ging Herrn Vergier entgegen und sprach, indem er ihn mit kraeftigem Haendedruck begruesste: "Sie sind ein alter Freund meines Hauses, und als solchen will ich Ihnen vor allen Andern zuerst sagen, welches fuer meine Familie so wichtige Ereigniss hier so eben sich vollzogen hat." Er theilte mit kurzen Worten Herrn Vergier, dessen blitzende Augen mit hoehnischen, feindlichen Blicken auf den beiden jungen Leuten ruhten, welche Hand in Hand hinter ihrem Vater standen, die Verlobung seiner Tochter mit. "Sie wissen," sagte Herr Vergier, als der Alte geendet, mit zitternder, rauh klingender Stimme, indem seine Gesichtszuege vor heftiger Aufregung zuckten, "wie tiefen Antheil ich an Allem nehme, was Ihr Haus betrifft,--aber die Gefuehle, welche mich bei der Mittheilung erfuellen, die Sie mir so eben gemacht, koennen nicht erfreulich sein," fuegte er mit bitterm Ton hinzu. "Ich hatte Hoffnungen gehegt, welche durch das, was Sie mir sagen, auf immer zerstoert worden sind. Fraeulein Luise," fuhr er mit brennendem Blick fort, "kannte diese Hoffnungen, sie hat mir dieselben bisher nicht genommen. Sie hatte ein Jahr verlangt, um mir eine bestimmte Antwort zu geben, und nun sehe ich, dass sie nur eine so kurze Frist gebraucht hat, um sich ueber die Wahl ihres Herzens zu entscheiden." Muehsam nach Fassung ringend, stuetzte er sich auf die Lehne eines Stuhls. Luise sah ihn mit einem weichen Blick aus ihren offenen klaren Augen an. Rasch trat sie zu ihm und reichte ihm die Hand. "Niemand ist Herr der Gefuehle seines Herzens," sagte sie--"Sie waren der Freund meiner Kindheit, bleiben Sie mein Freund fuer mein kuenftiges Leben und verzeihen Sie mir, wenn ich die Gefuehle nicht erwidern konnte, die Sie mir entgegen trugen,--Sie werden das vergessen," fuegte sie freundlich hinzu,--"Sie werden gewiss, wie ich es Ihnen von ganzem Herzen wuensche, bei einer andern Wahl mehr Glueck finden, als ich Ihnen haette bieten koennen." Herr Vergier hatte nur zoegernd die Hand des jungen Maedchens einen Augenblick ergriffen. "Es ist nicht nur der Schmerz um den Verlust meiner Liebe," sagte er mit einer noch immer vor Aufregung halb erstickten und unsichern Stimme, "welche mich bewegt, aber ich bin Franzose, und es schneidet mir in's Herz, dass ich die Tochter meines Freundes, deren Glueck mir theuer ist, wie mein eigenes, sich ihrem Vaterlande entfremden sehe. Der Krieg mit diesem Preussen, das drohend an unsern Grenzen steht, ist nur eine Frage der Zeit. Er wird vorbereitet von beiden Seiten, er muss kommen, Jedermann in Frankreich fuehlt das, man hat schon mehrfach deutsche Spione bei uns entdeckt. Und schon sind Stimmen laut geworden," fuhr er immer eifriger fort, indem sein Gesicht vor Aufregung zuckte, und seine Blicke sich wie Dolchspitzen auf den jungen Emigranten richteten--"schon sind Stimmen laut geworden, welche behaupten wollen, dass diese hannoeversche Legion, welche so ploetzlich auseinandergeht, nur der Deckmantel gewesen sei, um genaue Kundschaft ueber die inneren Verhaeltnisse unseres Landes zu erhalten.--Und wenn ich denken sollte," rief er, seiner nicht mehr maechtig, indem ein leichter Schaum auf seine Lippen trat,--"dass meine Geliebte ein Werkzeug werden sollte in der Hand eines Feindes Frankreichs----" Eine helle Zornroethe flammte aus dem Gesicht des jungen Hannoveraners auf, mit einem raschen Schritt trat er zu Herrn Vergier hin, mit einer drohenden Bewegung erhob er die Hand-- Luise warf sich ihm entgegen; bittend faltete sie die Haende, ihre Augen richteten sich mit magnetischer Gewalt auf ihren Geliebten. Dieser liess langsam den Arm sinken, der Ausdruck seines Gesichts wurde ruhig, beinahe sanft und milde. "Ich habe Ihnen, ohne es zu wollen, wehe gethan, mein Herr," sagte er, "ich bin stoerend eingetreten in die Hoffnungen Ihres Herzens, ich verstehe Ihren Schmerz und Ihre Aufregung,--ich muss Ihnen viel vergeben,--aber Worte, wie Sie so eben ausgesprochen, sollte niemals ein Mann von Ehre einem Andern sagen. Ich bin nach Frankreich gekommen," fuhr er fort, "im Dienst meines Koenigs und als ein Feind jener Macht, welche wie Sie glauben, mit Ihrem Vaterland in Kampf treten soll. Dies allein sollte mich vor einem so elenden und niedrigen Verdacht schuetzen, wie Sie ihn gegen mich ausgesprochen, aber ich glaube, Herr Challier und Fraeulein Luise kennen mich genug, und auch Sie sollten mich genug kennen, um zu glauben, dass auch wenn ich nicht als Hannoveraner und als Legionair des Koenigs Georg hergekommen waere, ich doch unfaehig sein wuerde, in solcher Weise Vertrauen und Gastfreundschaft zu taeuschen. Wenn Sie ruhig darueber nachdenken, werden Sie mir Gerechtigkeit widerfahren lassen und," fuegte er mit offener Herzlichkeit hinzu, "ich hoffe, Sie werden vergessen, was ich Ihnen, ohne es zu wollen, Boeses gethan und dahin kommen, die Freundschaft, welche Sie fuer Herrn Challier und seine Tochter gehegt, auch mir zu schenken; seien Sie ueberzeugt, dass ich Alles thun werde, um mich derselben wuerdig zu machen." Luise dankte mit einem innigen Blick ihrem Geliebten fuer seine Worte. Herr Vergier hatte mit gewaltiger Anstrengung seine tiefe Aufregung bemeistert. Er zwang seine zuckenden Lippen zu einem freundlichen Laecheln, er schlug seine Augen nieder und reichte Cappei die Hand. "Verzeihen Sie mir," sagte er mit tonloser Stimme, indem seine Worte nur einzeln und abgebrochen hervordrangen, "verzeihen Sie mir meine kraenkende Aeusserung. Mein augenblickliches Gefuehl riss mich hin,--ich bin Franzose und misstrauisch gegen alle Fremden. Ich will die Vergangenheit und die Taeuschung meiner Hoffnungen zu vergessen suchen; vielleicht wird die Zeit uns in Freundschaft zusammenfuehren." Cappei ergriff Herrn Vergiers dargebotene Hand. Diese Hand war feucht und kalt wie Eis, sie erwiderte den Druck des Hannoveraners nicht und erschrocken liess dieser sie wieder los. "Erlauben Sie, dass ich mich zurueckziehe," sagte Herr Vergier, "ich passe in diesem Augenblick nicht in Ihre Gesellschaft." Und mit einer fluechtigen Verbeugung sich empfehlend, eilte er hinaus. "Der Arme thut mir leid," sagte der alte Herr Challier, ihm nachblickend, "er ist eine so heftige, leicht erregbare Natur, er wird sehr leiden--" "Ich haette ihn doch nicht lieben koennen," sagte Luise, indem sie mit leichtem Kopfschuetteln vor sich niederblickte. "Wenn mein Herz nicht gesprochen haette," fuegte sie, ihrem Geliebten die Hand reichend, hinzu, "wenn ich ihm vielleicht ohne Liebe meine Hand gegeben haette, so waeren wir Beide ungluecklich geworden."-- Lange noch sassen die beiden jungen Leute beisammen. Freundlich hoerte der alte Herr ihr Geplauder und ihre Plaene fuer die Zukunft an. Es wurde beschlossen, dass der junge Cappei schon am naechsten Morgen abreisen sollte.-- Luise erhob keine Einwendungen gegen diesen Beschluss. "Je schneller er fortgeht," sagte sie laechelnd, "um so schneller wird er wiederkehren, und um so schneller werden wir zu einem ruhigen und dauernden Glueck kommen, das dann Nichts mehr stoeren wird."---- Am spaeten Abend brach der junge Mann auf, um noch einmal seine Landsleute, welche um Mitternacht abreisen wollten, zu sehen und mit ihnen die letzten Augenblicke zu verleben. Sinnend und gedankenvoll schritt er durch die lange Hauptstrasse der Stadt nach dem Marktplatz hin. An der Ecke desselben befand sich der Restaurant, in dessen Saal die Legionaire versammelt waren. Die Hannoveraner sassen hier um einen grossen Tisch--zahlreiche Freunde aus der Stadt waren bei ihnen, um die letzten Augenblicke mit den ihnen lieb gewordenen Gaesten zu verbringen, die so lange unter ihnen geweilt hatten. Auf dem Tische stand eine grosse Punschbowle, welcher jedoch heute nur sehr maessig zugesprochen wurde,--alle Gesichter waren ernst und oft stockte die Unterhaltung. Alle diese einfachen Leute, welche die grossen Erschuetterungen der Zeit hier im fremden Lande zusammengefuehrt hatten, fuehlten, dass heute die Vergangenheit, welche sie in liebevoller Erinnerung im Herzen trugen, fuer immer abgeschlossen werde, dass das letzte Band, welches sie hier in der gemeinsamen Verbannung mit der alten Heimath und Allem, was sie Liebes in sich schloss, noch verband, nun fuer immer zerriss und dass sie nun als Fremde allein und vereinsamt hinaustreten muessten in ein schweres feindliches Leben, um auf ihre eigene Kraft die Zukunft zu erbauen in muehevoller Arbeit. Der junge Cappei trat ein.--Traurig ueberblickte er diese Versammlung seiner Kameraden, welche so oft hier heiter und froehlich beisammen gewesen waren und welche nun auseinander gehen sollten, um sich schwerlich jemals in dieser Welt vereinigt wieder zu begegnen. Er setzte sich schweigend neben den Unterofficier Ruehlberg. "Was koenntet Ihr Euch fuer eine schoene Zukunft machen," sagte dieser, indem er dem jungen Manne ein Glas Punsch reichte,--"wenn Ihr mit uns gingt,--Ihr seid noch jung und kraeftig,--geschickt zu aller Arbeit und habt mehr gelernt, als wir Alle,--Ihr wuerdet ein schoenes Vermoegen in Algier erwerben,--das Euch hundertmal den kleinen Hof daheim ersetzen wuerde,--von dem Ihr noch gar nicht einmal wisst, ob Ihr ihn erhaltet,--ich sage Euch noch einmal,--geht mit uns,--lasst die Phantasie im Stich, die Ihr Euch in den Kopf gesetzt habt,--es hat noch nie zu etwas Gutem gefuehrt, wenn junge Leute von der Liebe sich den Kopf verdrehen lassen." "Ich bitte Euch, Ruehlberg," sagte Cappei sanft aber bestimmt--"lasst mich,--mein Entschluss ist gefasst,--versprecht mir," fuhr er abbrechend fort, "Nachricht zu geben, wie es Euch und den Andern geht--ich muss Euch sagen, dass ich nicht viel Vertrauen zu Eurem Unternehmen habe,--haette der _Koenig_ die Sache gemacht durch einen Vertrag mit der franzoesischen Regierung, so waere es etwas Anderes gewesen,--aber so,--Ihr werdet vielleicht spaeter einsehen, dass es besser gewesen waere, gleich nach der Heimath zurueckzukehren.--Doch Jeder hat seinen Entschluss gefasst und muss ihm folgen." Er wendete sich zu seinem Nachbar auf der anderen Seite. Es verging noch eine halbe Stunde,--dann zog der Unterofficier die Uhr und sagte tief aufathmend: "Es ist Zeit, Leute,--wir muessen aufbrechen!" Alle erhoben sich. Ruehlberg ergriff sein Glas. "Wir sind heute zum letzten Male beisammen," sprach er mit etwas unsicher klingender Stimme,--"und wir wollen auch dies letzte Mal von der alten Sitte hannoeverscher Soldaten nicht abweichen,--ein Glas auf das Wohl unseres Koenigs zu leeren. Sonst haben wir das mit lautem Hurrah gethan,--das wird uns heute nicht mehr frei aus der Brust herauskommen, heute ist unsere Vergangenheit, unsere alte Heimath, unser Koenig fuer uns gestorben--leeren wir ein stilles Glas zum Andenken an unsern Kriegsherrn, an unsre Armee, an unsere Heimath." Alle tranken schweigend und so manches ehrliche treu blickende blaue Auge verschleierte sich mit feuchtem Schimmer,--mancher blinkende Thraenentropfen fiel in die Glaeser, welche die treuen Soehne Niedersachsens in dieser Stunde des letzten Abschieds von der Vergangenheit dem Andenken ihres Koenigs weihten. Dann brach man auf. Jeder nahm sein kleines Gepaeck,--viel hatten sie nicht, diese armen Soldaten des Exils--und in schweigendem Zug ging man durch die dunkeln, leeren Strassen der Stadt nach dem kleinen Bahnhofe. Die letzten Augenblicke vergingen unter Abschiednehmen der Soldaten unter einander und von ihren franzoesischen Freunden, deren sich noch mehrere am Bahnhof eingefunden hatten,--auch Herr Vergier war gekommen und stand bleich und finster unter den Uebrigen auf dem Perron, schweigend die Haendedruecke der Scheidenden erwidernd. Da begann in der kleinen Kirche von der baumbekraenzten Anhoehe ueber der Stadt her eine Glocke zu laeuten. Es war die Sterbeglocke, welche die Gebete begleitete, die die Priester fuer einen aus dem Leben geschiedenen Buerger der Stadt zum Himmel sendeten. Die einfachen durch die Nacht her klingenden Toene ergriffen maechtig alle diese ernst und traurig gestimmten Menschen. Die Franzosen nahmen die Huete ab und sprachen ein stilles Gebet fuer die Seele des Gestorbenen,--auch die Hannoveraner falteten die Haende--Niemand wusste, welchem Todten dies Gelaeut galt,--aber auch ihnen starb ja heute fuer immer, was sie so lange im Herzen getragen und so sehr geliebt hatten,--ihre Heimath und ihr Koenig. Der Zug brauste heran,--noch ein Haendedruck,--ein letztes Abschiedswort--und die Hannoveraner stiegen ein in die Waggons, welche sie ihrer neuen unbekannten Zukunft entgegenfuehren sollten. --"Adieu--adieu--bonne chance!" toente es aus den Gruppen der Buerger von St. Dizier--Cappei mit den wenigen Emigranten, welche sich zur Ueberfahrt nach Amerika entschlossen hatten, standen schweigend, mit feuchten Blicken schauten sie auf die Scheidenden hin,--fast zog es den jungen Mann einen Augenblick denen nach, deren Schicksal so lange mit dem seinigen verbunden gewesen war, und die nun ohne ihn hinauszogen zu einem Leben voll Abenteuer und Gefahren--da trat das Bild Luisens mit ihren sanften und liebevollen Augen vor seine Seele--rasch naeherte er sich noch einmal dem Waggon und streckte dem Unterofficier Ruehlberg, der am Schlage sass, die Hand hin. "Gott befohlen!" sagte er mit erstickter Stimme,--"und--auf froehliches Wiedersehn!" "Das wird schon kommen," erwiderte der Unterofficier mit einem etwas gezwungenen Lachen, hinter dem er seine innere Bewegung zu verbergen trachtete, "Ihr werdet zur Einsicht kommen--wir werden Euch einen Platz offen halten." Die Schaffner eilten an den Zug,--die Locomotive pfiff und langsam begannen die Raeder zu rollen. Noch einmal winkten die Zurueckblickenden mit den Haenden, mit leisem aber klar durch die naechtliche Stille dringenden Ton schallte das Sterbegloecklein von der alten Kirche herueber,--die Legionaire auf dem abfahrenden Zug begannen ihr traditionelles Soldatenlied: "Wir lustigen Hannoveraner sind alle beisammen--" aber die Toene erklangen in langsamerem Rhythmus als sonst und wie der Zug so immer mehr sich entfernend in die Nacht hinausfuhr, vom klagenden Glockenton begleitet,--da klang das Lied, das sonst so froehlich in Lager und Feld erschallt war, wie ein Grabgesang an der Bahre eines Todten, den man zur letzten Ruhe hinausfuehrt. Noch einige Augenblicke und Alles war in der dunkeln Ferne verschwunden,--weithin verklang das Schnauben der Maschine und das Rollen der Raeder. Cappei trennte sich von den Uebrigen und ging langsam zur Stadt zurueck. In einer ziemlichen Entfernung folgte ihm Herr Vergier, der sich ebenfalls sogleich nach der Abfahrt des Zuges isolirt hatte. Seine Blicke hefteten sich unbeweglich auf den jungen Mann vor ihm und seine Augen schienen in gruenlichem Feuer durch die Nacht zu leuchten, waehrend seine Zuege von Grimm und Hass entstellt waren. Cappei machte einen Umweg und ging an Herrn Challiers Haus vorbei, das in tiefer Ruhe und Dunkelheit da lag. Einen Augenblick blieb er dort vor dem grossen geschlossenen Thor stehen,--er drueckte beide Haende an die Lippen und warf einen Kuss nach dem Hause hin. "Gute Nacht, meine suesse Geliebte," fluesterte er,--und schritt dann rasch weiter nach seiner in der Naehe des Marktplatzes belegenen Wohnung. Herr Vergier war ihm langsam folgend ebenfalls bis in die Naehe des Challier'schen Hauses gekommen. Hier blieb er stehen und blickte dem jungen Hannoveraner, der bereits in der Dunkelheit verschwand, nach. "Haette ich eine Waffe bei mir," fluesterte er mit zischender Stimme, "so koennte ein Druck meines Fingers diesen Feind meines Landes,--diesen Raeuber meiner Liebe vernichten!" --"Aber geh' nur hin," sagte er, die geballte Faust zum naechtlichen Himmel erhebend,--"es giebt noch andere Waffen als die Kugel und den Stahl,--ich werde Dich vielleicht besser und sicherer treffen, geh' nur hin,--Du sollst nicht hierher zurueckkehren auf den heiligen Boden Frankreichs,--den Du als Verraether betreten,--Du sollst nicht zurueckkehren, um eine holde Blume meines Vaterlandes zu pfluecken und mir das Glueck meines Lebens zu stehlen." Noch einmal sah er mit flammendem Blick dem gehassten Fremden nach,--dann wendete er sich um und schritt durch die stille Nacht seinem Hause zu. Viertes Capitel Die schoene Tochter des Commerzienraths Cohnheim hatte seit dem Ball bei ihren Eltern still und traurig ihre Tage verbracht. Sie sass in tiefen Gedanken versunken an ihrem Fenster, oft sank die Stickerei, mit welcher sie sich beschaeftigte, auf ihren Schooss, waehrend sie auf die noch winterlichen Baeume des Thiergartens hinausblickte. Doch war sie nicht traurig, oft umspielte ein stilles, glueckliches Laecheln ihren Mund, u