Google

[Blog] [MP3 Musica] [MP3 Audiobook] [Letture Creative] [Musica Creativa]

[Deutsch] [Español] [Português]

[Punch] [Appunti di informatica libera]


classicistranieri.com - The Mirrored Project Gutenberg eBook of Der Bankerott, by Florian Müller

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.net


Title: Der Bankerott
       Eine gesellschaftliche Tragödie in fünf Akten

Author: Florian Müller

Release Date: October 6, 2004 [EBook #13661]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER BANKEROTT ***




Produced by PG Distributed Proofreaders.





Der Bankerott.


Eine gesellschaftliche Tragödie in fünf Akten

von Florian Müller


Leipzig
Theodor Thomas.
1853.

Der Verfasser schuf vorliegendes Drama aus bildnerischem Triebe und keinem Sonderinteresse. Ob's zur Darstellung durch unsere Bühnen würdig und geschickt ist, überläßt er vertrauensvoll der Oeffentlichkeit. Mehr für seine Rechtfertigung oder Erläuterung zu sagen, erscheint ihm überflüssig. Wer die Gesellschaft in allen Regionen mit eigenen Augen und als Menschenfreund sah, wird sie ähnlich auffassen und in keiner Weise zweifeln, daß nicht Leute wie Albert, Marie, Vater Ziemens, Klaus in ganz analogen Verhältnissen, und von derselben Charactertiefe, existiren können.

Neujahr 1853.

Florian Müller.

Ah! quand verrai-je enfin ma stérile patrie,
Réformer de son goùt l'antique barbarie,
Offrir un doux asile aux beaux-arts négligés;
Réchauffer leur ardeur, dans son sein protégés,
Et, faisant refleurir l'esprit et le génie,
Rendre la gloire aux arts, et les arts à la vie?

Frédéric II. (Epitre sur la liberté.)


Der Bankerott.


Inhalt

Personen
Erster Akt.
  Abtheilung I.
  Abtheilung II.
Zweiter Akt.
  Abtheilung I.
  Abtheilung II.
Dritter Akt
  Abtheilung I.
  Abtheilung II.
Vierter Akt.
  Abtheilung I.
  Abtheilung II.
Fünfter Akt.
  Abtheilung I.
  Abtheilung II.

Personen

Questenberg, großer Zeugfabrikant.
Doctor Questenberg, sein Sohn.
Blashammer, Banquier und Waffenfabrikant.
Adelgunde, seine Tochter.
v. Zitterwitz, Regierungsrath.
Johnson, Capitalist.
Albert, }
Klaus, } Arbeiter Questenberg's.
Vater Ziemens, }
Mutter Ziemens.
Marie, deren Tochter.
Ein Sänger, Herren und Damen als Gäste.
Bediente, Arbeiter, Volk. —

Zeit der Handlung im Jahre 1850.


Erster Akt.


Abtheilung I.

Comtoir Questenbergs. Im Hintergrunde Schränke mit Büchern, Akten, Modellen. An den Wänden hängen Zeichnungen von Maschinen. Ein Bureau links, auf dem ein geöffnetes Kontobuch liegt.

Abend, Licht.


Erste Scene.

Questenberg; v. Zitterwitz.


v. Zitterwitz (unruhig auf und ab gehend). Man sprach von einem Deficit von 500,000 — ich sagte: Kinder streicht eine Nulle weg, es sind höchstens 50,000, Questenberg war ein zu honnetter Fabrikant —

Questenberg. Ich vertraute zu sehr meiner eigenen Kraft! — Der Unglückliche gleicht einem Kranken, der immer größere Hoffnungen an das Leben knüpft, je näher er dem Tode rückt . . .

v. Zitterwitz. Eine Million!

Questenberg (seufzend). In Damastroben à la chinois.

v. Zitterwitz. Wie konnten Sie nur auf die Großen und Reichen dieser Zeit speculiren!

Questenberg. Ich hoffte, daß die siegende Contrerevolution sie herausfordern würde, den Luxus zu verzehn- oder verzwanzigfachen.

v. Zitterwitz. Naiv, naiv!

Questenberg. Ja ich hoffte, es würde wieder so gehen, wie nach der Besiegung Napoleon's und der Stiftung der heiligen Alliance. Eine brillante Epoche! Da schäumte so manches Schweißtröpflein in den eifrigen Restaurationsküchen über den Kessel, kam denjenigen von uns Geschäftsleuten trefflich zu Statten, die mit dem Blend- und Gaukelwerk ihrer Industrie danach zu haschen wußten.

v. Zitterwitz. Wer's heut zu etwas bringen will, muß ein geheimer Demagoge sein, muß auf die Eitelkeit, die Vorurtheile, die Ueppigkeit, Genußsucht, Trägheit, den Hochmuth, die Herrschsucht, mit einem Wort, auf die Confusion und den ausschweifenden Geist des untern Bürgerstandes und des gemeinen Mannes speculiren! Der geschickteste Gauner macht sich in dieser Richtung zum Herrn der Christenheit, wird Präsident, Kaiser und Papst.

Questenberg. Herr Regierungsrath, geben Sie mir morgen noch 150,000 Thaler und Sie sollen über meine Demagogie erstaunen.

v. Zitterwitz (sich den Kopf haltend). Um Gottes Willen!

Questenberg. Ich verfertige fortan die Damastrobe à la chinois statt für zwanzig Thaler, für zwanzig Silbergroschen die Elle. Das schimmernde Kleid der „l'état c'est nous“ wird seiner Billigkeit wegen den Beifall unserer Kammernixen erhalten — es giebt ja für sie weder politische noch sociale Bedenken! — Sie kaufen und ich bin gerettet!

v. Zitterwitz. Zu spät, zu spät!

Questenberg. Das Genie der Mechanik greift mir unter die Arme. —

v. Zitterwitz. Mit einer Erfindung? Ach! lassen Sie mal hören.

Questenberg. Nach zwölf bis funfzehn Tagen habe ich Webestühle — früher werden sie nicht fertig — die noch einmal so schnell als meine alten arbeiten. . . . Niemand weiß davon, es bleibt Geheimniß. — Mit diesen Webestühlen überflügele ich alle Concurrenten, mache mich in kürzester Zeit zum Millionär! — Morgen zeig' ich sie Ihnen und stelle vor Ihren sehenden Augen Versuche an.

v. Zitterwitz. Sie hätten mir das vor einer Woche anvertrauen sollen, die Börse würde verhindert worden sein, Ihren guten Ruf anzukränkeln! — Das Bürgerthum mit seiner Industrie und Maschinenkunst ist doch der Kern aller Demagogie! Welche Propaganda macht's für den Auflösungsprozeß unsrer veralteten Formen! Wer von jenen mittelalterlichen Nebelrittern wirft ihm eine widerstandsfähige Barikade entgegen! Es sind ja nicht mehr die Principien, die Weltanschauungen, die philosophischen Doctrinen, welche auszureuten und in Catholicismus zu verwandeln, sondern die von elektrischen Telegraphen, Eisenbahnen und Dampfmaschinen bedienten, im Körper der Zeit Fleisch und Blut gewordenen Interessen! — O jeh, thu nur die Augen auf, großer französischer Weltherrscher, du findest die Kunsttapeten, Teppiche und Decken deines berühmten Versailles heute beim mittelmäßigsten Werktagsmanne. Tritt in den Salon des schlichtesten Kaufmannes oder Handwerkers, sieh die Tische und Stühle, die Pendeluhren, Spiegel, Leuchter, Schränke und Gestelle deines feinsten Rokoko! Erstaune ob der Malereien, Zeichnungen, Schnitzwerke, Bildhauerarbeiten, die den Boudoirs deiner capriciösesten Maitressen nie gefehlt haben würden. Wohl rufst du betrübt: erhielt meine Herrlichkeit sich nicht länger oben, bedurfte es nur zweier Jahrhunderte der geistigen Regsamkeit, um den gemeinen Mann zum Könige und den König zum gemeinen Manne zu machen! — Ich gehöre dem besonnenen Fortschritt an und schenke Ihrer Erfindung deßhalb die gebührende Aufmerksamkeit. Bewährt sie sich, so — seien Sie verstchert . . .

Questenberg. Ein Mann ein Wort!

v. Zitterwitz. Mein Gott, was thut man nicht um das Seinige zu retten und einen guten lieben Freund dazu, selbst ohne dem Fortschritt zu huldigen! . . . Apropos, wie stünde es mit den Zinsen, im Falle . . .

Questenberg. Mir kommt's auf sechs Procente nicht an.

v. Zitterwitz (scherzend). Wer auf eine bloße Erfindung, so zu sagen, auf eine Idee sein schönes Geld verleiht, könnte auch wohl zehn Procentlein verdienen?

Questenberg. Ich geize nicht und verspreche —

v. Zitterwitz. Sagen Sie nur gleich funfzehn . . .

Questenberg. Weil Sie es sind, Herr Regierungsrath, ich verspreche Ihnen . . .

v. Zitterwitz. Zwanzig, zwanzig, ohne Scherz! . . . das wird morgen schriftlich abgemacht.

Questenberg. Nach Ihrem Wunsch.

v. Zitterwitz. Es ist schon spät, man erwartet mich zum Nachtessen . . . (Er nimmt Stock und Hut und will gehen. An der Thüre bleibt er sinnend stehn.) Der fatale Lärm an der Börse! . . . Wüßte ich ein Mittel die Zweifel der Gläubiger zu zerstreuen . . . Wir brauchen unbegrenzten Credit . . . anders umschiffen wir die Klippe nicht. Meine 150,000 Thaler sind für Ihr Etablissement wie ein Wassertropfen auf die Lippen eines Verschmachtenden . . . Verhält es sich nicht so? Wie lange füttert mein Capitälchen Ihre eisernen Riesen satt?

Questenberg. Etwa acht bis vierzehn Tage.

v. Zitterwitz (ironisch). Ein großer Spielraum zur Abkühlung der Köpfe unsrer Geldmänner.

Questenberg. Sieht man morgen, übermorgen und nachübermorgen das Feuer meiner Maschinen lustig brennen, so wird man sich in den Glauben ergeben, daß es nur brodneidische Verläumdungen oder falsche Speculationen gewisser Leute waren, die —

v. Zitterwitz. Sie kennen von der Art gewisse Leute?

Questenberg. Vorzüglich einen — er steht mir sehr nahe und spielt den Scheinheiligen unübertrefflich.

v. Zitterwitz. Ich halte Herrn Blashammer für einen kalten, ruhigen, überlegenden, braven Banquier. Er war der Einzige, welcher sich heute ganz still verhielt. Man bestürmte ihn um seine Meinung, allein er wich der gewitztesten Zunge aus. . . Blashammer verdiente nach meiner Ueberzeugung in unserm Bunde der dritte zu werden.

Questenberg. Ich kann ihm meine Bücher nicht aufschlagen.

v. Zitterwitz. Ich meine es anders . . . Der Banquier hat eine heirathsfähige Tochter, Sie haben einen erwachsenen Sohn. . . .

Questenberg. Der noch nichts ist. . .

v. Zitterwitz. Aber etwas werden kann! Bestand er doch das beste juristische Examen.

Questenberg. Ich hege längst ein Project der Art, nur weiß ich's nicht auszuführen. . . Stelle ich dem Banquier jetzt einen Heirathsantrag, so fühlt er Absicht und weist mich beleidigt zurück; ich verrathe ihm die Ohnmacht meiner Lage —

v. Zitterwitz. Ihnen kostet's keine Ueberwindung einen Mann zu verdächtigen der Ihr Wohlergehn wünscht, gegen den Sie unfähig sind, den schwächsten Beweis zu liefern!!. Ich versprach Ihnen mein letztes Geld und bin bereit noch mehr zu thun. Die Heirath muß zu Stande kommen. Der Banquier darf uns nicht widerstehen.

Questenberg. Ich lege Glück und Unglück in Ihre Hand.

v. Zitterwitz. Schicken Sie durch den Telegraphen eine Depesche über Paris nach London, mit dem Befehl schleunigster Rückkehr an Ihren Herrn Sohn, und . . .

Questenberg. Er kam bereits gestern an.

v. Zitterwitz. Um so besser! Aber aus welcher Ursache? es erstaunt mich . . .

Questenberg. Geld, Geld, Geld! Er kostete jährlich fast so viel als ich morgen von Ihnen borge.

v. Zitterwitz. Die großen Städte sind das Verderben unserer Jugend. Wehe dem Vater, der dort ein Kind zum vornehmen Müssiggänger, Fantasten, Wollüstling oder hochgespannten Weisen erzieht! . . Schlafen Sie wohl.

Questenberg. Noch ein Wort . . . Mir fällt ein Mittel in den Sinn — 's ist durchaus nicht zu kühn . . . Wenn ich übermorgen oder spätestens Sonntag ein recht großartiges Fest arrangirte! etwa für zehn bis zwölf Tausend Thaler —

v. Zitterwitz (seinen Hut fallen lassend). Die Gläubiger sollen kommen und beschämt sich fragen, woher der Luxus, die Verschwendung, das üppige Leben? Will er uns damit antworten? Wer bezahlt die einhundert und funfzig Musikanten —

Questenberg. Die sechzig Köche und Kellner —

v. Zitterwitz. Die sechs Tausend chinesischen Lampen? Oder wer liefert auf Borg die Meerkrebse —

Questenberg. Die Fasanen —

v. Zitterwitz. Die Schildkröten —

Questenberg. Die Vogelnestern und Austern —

v. Zitterwitz. Die zweihundert Flaschen Champagner, Muskatweine, das Porter Bier —

Questenberg. Die eingelegten Sardellen, die Artischokken, den Mokka-Caffee —

v. Zitterwitz. Da wir ihm den Credit versagten —

Questenberg. Wir großmächtigen Männer der Börse?!

v. Zitterwitz. Wer wagt das brillante Feuerwerk abzubrennen? —

Questenberg. Wer engagirt das Pistolenschießen und Kegelschieben, den Tanz im Garten und den Tanz im Salon, und alle köstlichen Decorationen?

v. Zitterwitz. Wer leiht seine Stimme zum Singen schwärmerischer Lieder, zum Vortrag moralischer Schulreden, zur Declamation launenvoller kindlicher Gedichte? — — Meiner Seel', 's ist 'ne wahre Kriegslist! Daß sie mir nicht einfiel! — Nur an's Werk! Arrangiren Sie das Fest. Ich gehe für Ihren Sohn unterdessen auf die Frei, und es müßten höllische Dinge uns entgegentreten, wenn wir nicht Sonntag mit Fräulein Börse seine Verlobung feierten! — Man soll dem Unglück Trotz bieten bis auf den letzten Moment wo es der Ehre gilt. Verfechten wir sie! der Zweck ist moralisch, er heiligt die Mittel — Auf morgen das Nähere, will's Gott.

Questenberg. Empfehlen Sie mich Ihrer werthen Familie.


Zweite Scene.


Questenberg (allein). Der alte Sünder! Ich zählte auf ihn am wenigsten und er wird zum tugendhaften Manne an mir! . . . Wäre doch jeder Gläubiger so geizig, liebte die ganze Welt ihre irdischen Güter wie er, und ich hätte keinen Grund zur Klage! . . . Aber brauche ich mir Gewissensscrupel zu machen? Nein. Dank dem Schicksal, daß kein edlerer Freund sich meiner erbarmt; mit diesem kann ich den letzten verzweifelten Versuch ohne Herzklopfen wagen. . . (Er setzt sich nieder zum Schreiben.)


Dritte Scene.

Questenberg. Sein Sohn. (Derselbe in gelbem Schlafrock von Seide mit reichem Besatz, in rothen Fantasiehosen und einer blauen mit Silber brodirten griechischen Mütze.)


Der Doctor. Verzeihung, Herr Papa, daß ich in Ihr Heiligthum eindringe.

Questenberg. Was giebt's denn?

Der Doctor. Nichts als Begehr Sie zu sehn.

Questenberg. Ich komme.

Der Doctor. Mit Bestimmtheit?

Questenberg. Es dauert höchstens noch ein Viertelstündchen.

Der Doctor. Unbegreifliche Geschäftigkeit! Keine Minute Zeit! Wir waren seit Jahren getrennt, kaum hießen Sie mich willkommen — 's ist hart! — Ich hoffte Ihre alten Tage erheitern, Ihnen Unterhaltung gewähren zu können — aber wenn das so fortgeht, muß ich mich vollkommen unnütz in Ihrem Hause fühlen.

Questenberg (schreibend). Wisse nicht was Du hier sollst, ich — dem Modelleur 5400 — ich hege kein Bedürfniß nach einem — für rafinirtes Brennöhl 80 — nach einem Gesellschafter von Deiner Art.

Der Doctor. Nicht fein! — Warum zwangen Sie mich denn London zu verlassen?

Questenberg. Weil ich nicht länger zahlen kann . . . 9000 Theertonnen — Fühlst Du keine Lust Dich zu verheirathen?

Der Doctor. Ich?

Questenberg. Du . . . 2 Schock Gerüstbretter —

Der Doctor. Lust? nein.

Questenberg. Du möchtest wohl immer ledig bleiben, und in der Welt umherschwärmen als Hans von Ohnesorgen?

Der Doctor (mit Malice). Warum nicht! ich finde es würdiger als hier unter vergitterten Thüren und Fenstern den Judas von allem Schönen und Sittlichen zu spielen.

Questenberg. Bravo . . . Der Einfuhrzoll der Baumwolle 11,000 — der Seide 20,000 — Es hilft Dir nichts, Du wirst Dich wohl vermählen müssen . . .

Der Doctor. Müssen?

Questenberg. 11,000, — 20,000, — 5000, — und 1500 macht — macht 37,500 . . .

Der Doctor. Das heißt also, Sie wünschen nicht mehr für mich zu bezahlen.

Questenberg. Du wurdest ja schon ein alter Kerl! Warum sollte ich Dich noch lange bei mir auf der Bärenhaut halten!

Der Doctor. Schön.

Questenberg. Nicht wahr?

Der Doctor. — — Ich werde mich denn vermählen . . . Sie haben vielleicht eine recht vorteilhafte Partie in Vorschlag zu bringen?

Questenberg. Fräulein Blashammer.

Der Doctor. Ah gratulire! (für sich schaudernd) Brrr . . .

Questenberg. Ein Mädchen von vielseitigster Bildung.

Der Doctor. (wiederholt sein Brrr).

Questenberg. Sie spielt Beethoven und singt Schubert, spricht fertig französisch, lies't englisch und italienisch, interessirt sich für Architektur, Sculptur, Malerei, ja selbst für Naturwissenschaft — dichtet Liebeslieder und Trinksprüche, verfertigt Oden und Sonnette, steht mit bekannten Professoren in brieflichem Verkehr und schreibt, wenn ich nicht irre, sogar Kritiken für belletristische Journale . . . (Er steht auf und tritt vor den Doctor.) Was ist Deine Meinung?

Der Doctor. Darf ich eine äußern?

Questenberg. Ich bitte.

Der Doctor. Vor einer gelehrten Frau flieh' ich Meilen weit.

Questenberg. Du, ein Doctor, ein Philosoph?! — Ah, thu' man den Schlimmen etwas Gutes! Ich dachte, da kommen einmal zwei von einem Schlage zusammen und freute mich wie ein Kind . . . Sapperment!

Der Doctor. Sie hätten keine Rücksicht auf meinen Charakter nehmen, sondern nach Ihrem innersten Geschmacke wählen sollen, folglich ein Mädchen, welches Sinn für das Häusliche hat, mit den Mägden in der Küche schaltet, Strümpfe stopft, Hemden näht und über jeden Pfennig sorgsamst Buch führt, ein Mädchen, welches besitzt was mir fehlt, Unschuld, Heiterkeit, Liebe, Vertrauen und Leidenschaft! . . . Ich bin bescheiden, Herr Papa — auf jedem Dorf prangt in herrlichster Bluthe mein Glück!

Questenberg. Sprichst Du aus Verrücktheit so vernünftig oder aus Vernunft so verrückt.

Der Doctor. Ein andermal die Fortsetzung. (Er legt ein Buch, welches er in der Hand hielt, auf den Schreibtisch.) Dieses Buch brachte ich für Sie aus Paris mit. 's ist die berühmte Schutzzollrede Ihres Gesinnungsgenossen. Der Autor hat sie selbst redigirt und herausgegeben. Möge die Lectüre Ihnen den guten Humor wieder schenken, den Sie seit meiner Ankunft gänzlich verloren zu haben scheinen. (ab.)

Questenberg. Der Regierungsrath sagte mit Recht, die großen Städte seien das Verderben unserer Jugend. (ab nach einer andern Seite.)


Abtheilung II.

Eine ärmliche Wohnung bei Vater Ziemens. Auf einem Tische im Hintergrund steht ein Modell.


Vierte Scene.

Albert tritt auf mit einem Zeichenbrett unter dem Arm, gefolgt von Klaus.


Klaus. Macht's nicht schon drei lange, lange Jahre, daß er Dich mit einer Aussicht auf eine Anstellung vertröstet?

Albert. Es sind drei Jahre, daß er mir drei Stunden täglich von der Arbeit schenkt . . .

Klaus. Welche Gnade!

Albert. Wo findest Du einen Fabrikherrn, der den strebenden Geist des gemeinen Mannes großmüthiger unterstützt?

Klaus. Hätte ich Deine Finger — ah, ich säß' längst in Paris oder London und scharrte das Geld haufenweis, ungezählt . . .

Albert. Es klingt, als giebt's in Paris oder London keine Leute die fähiger und geschickter sind als ich . . . Man muß Deine Einfalt aufrichtig belachen! Wie weit sind Sie in der Chemie? Was verstehen Sie von der Mathematik? Welche Principien leiten Sie in der Constructionslehre? Geben Sie mir Ihre Zeugnisse von der Akademie — Machten Sie Reisen nach den größten Fabrikstädten Europa's? . . Der Pariser oder Londoner Fabrikant würde Augen machen! . . . Ich erwarte von Herrn Questenberg keine goldene Gerechtigkeit, aber bin überzeugt, daß er mich besser stellen wird, sobald ich ein Verdienst besitze.

Klaus. Giebst Du mir fünfzig Thaler ab, wenn ich Dir eine Stellung von hundert Thaler monatlichem Einkommen verschaffe?

Albert. Hier?

Klaus. Nein hier nicht. Wir wandern aus. In London gehe ich mit Deinem Modell zu irgend einem großen Lord. Ich explicire es ihm. Nach wenigen Bedenken leiht er uns sein Capital. Eine neue Fabrik tritt in's Leben und wir sind gemachte Leute! Gelingt's uns nicht in London, so finden wir in Amerika einen Kompagnon auf der ersten besten Straße.

Albert. Schade, daß Du kein reicher Mann bist, ich würde gute Geschäfte mit Dir machen.

Klaus. So viel las ich aus Zeitungen und Büchern zusammen, daß das Talent in jenen freien Ländern schneller zu etwas kommt.

Albert. Da Du davon überzeugt bist, geh' mir voran.

Klaus. Mit Dir läßt sich nichts Vernünftiges reden . . .

Albert. Gönne mir die wenigen Stunden, welche ich für mich habe.

Klaus. Weißt Du, weshalb der Questenberg den Mechanikern den Verfertiger der Skizzen und des Modelle verschweigt? . . Er will ihn vor seinen eifersüchtigen Concurrenten verbergen, in Abhängigkeit und Dummheit erhalten.

Albert. Du denkst schlecht von unserm Herrn.

Klaus. Bauen wir schleunigst ein neues großes Modell — ich helfe daran so gut ich kann — miethen in der Stadt ein Lokal, stellen es dort auf und machen mit großer Schrift durch die Zeitungen bekannt: höchst merkwürdig für alle Zeugfabrikanten im In- und Ausland. Neue Erfindung von unermeßlicher Tragweite. Construction eines Musterwebestuhl's, der in halber Zeit das Doppelte des bisher gebräuchlichen leistet. Zu sehen täglich und stündlich. Entrée fünf Silbergroschen.

Albert. Damit mache ich mir den Herrn zum Todfeinde.

Klaus. Hole ihn doch der — Ehe wir das Modell ausstellen, schicken wir's nebst Zeichnung an die Regierung ab. Dieselbe läßt es von Sachverständigen prüfen. Wird die Erfindung anerkannt, so erhalten wir ein Patent. Dann darf niemand das Ding abgucken, ohne uns zu entschädigen. An's Werk Albert! Ich zeige Dir den Weg einer Industrie, die uns zu freien Leuten und in wenigen Jahren reich macht! Du sollst sehen, wie die Fabrikanten von Nah und Fern herbeiströmen und den großen Fortschritt des neuen Jaquard begrüßen.

Albert. Du blähst die Mücke zu einem Elephanten auf.

Klaus. Es fördert unsern Zweck!

Albert. Ich schätze die Erfindung gering. — Und gehörte sie mir allein, so wollte ich mich Dir weniger widersetzen; Herrn Questenberg und seinen gelehrten Technikern gebührt das größere Verdienst . . .

Klaus (verzweifelt). Dafür, daß sie sie Dir wegstehlen.

Albert. . .  .Es gereicht mir zur Beruhigung, meine Idee benutzt zu sehen; ich fühle mich von keinem falschen Wahn irre geleitet; was ich erstrebe ist meiner Begabung gemäß; mit Recht darf ich ausharren und meinen Durst nach Vervollkommnung löschen . . .

Klaus. Ha, Du willst essen und es fehlt Dir an Brod; Du willst lustwandeln und bist an einen Felsen geschmiedet! — Wohin Dich die falsche Bescheidenheit führt! — Elender Sclav', richte Dich empor, erkenne wo Du bist und zu welchem Zweck der Herr Dich inspirirt! Doch ich habe zu viel getrunken, ich weiß nicht was ich rede, ich bin ein Aufhetzer, ein wilder unzufriedener Gesell, dem's Vergnügen macht, gute fromme Leute zum Schlechten zu verleiten. —

Albert. Theurer Klaus, Du denkst gut und herzlich, aber lass' mich der Meister meines Geschickes bleiben.

Klaus. Der warst Du noch nie, werde es erst! — Begreife den allmächtigen Sinn, welcher die alte Welt im innersten Wesen erschüttert und um und um geworfen hat. Erst das Mittel und dann den Zweck. Erst freie Hände und Füße und dann an das Werk gesetzmäßiger Bildung; 's ist klar wie das Einmaleins! — Wetze Dein Schwert und zerhaue den Knoten, folge meinem Rath! — O besäßest Du Courage! Wir könnten uns wie der Blinde und der Lahme helfen. In Betreff meines Speculationsgeistes darf ich mich hinter Deinem Talente nicht verkriechen.

Albert. Ich glaube selbst, daß in Dir ein großer Banquier verloren ging.

Klaus. Sage, ein zweiter Rothschild.

Albert. Geld und nur Geld ist Deine Losung.

Klaus. Zunächst nichts weiter.

Albert. Was fingest Du wohl an, würdest Du Herr einer Million?

Klaus. Vor allem kaufte ich mir einen gelben Schlafrock, eine blaue Mütze und ein paar rothe Hosen, so prachtvoll als der junge Doctor aus der Fremde mitgebracht hat, — Du sahst ihn doch schon in diesem Anzug?

Albert. Nein.

Klaus. Mir schwamm's vor den Augen, so wurde ich geblendet. — Ich begegnete ihn mit seinem neufundländischen Hunde in der Allee. Nach Gebühr zog ich die Mütze, — indeß der Dank wurde mir von dem Herrn wie von dem unschuldigen Thiere versagt. Ich nahm's nicht übel . . .

Marie (singt draußen).

Klaus. Die Stimme Deiner Turteltaube . . . Ja, ja, da sitzt der Haase im Pfeffer. Deshalb muß Sclaverei süß schmecken und die Wahrheit verläugnet werden. Pah, ich verstehe Dich längst, Albert — mag's mit heute aber genug sein! . . . (Indem Marie eintritt, zieht er schnell ein Buch aus der Tasche und lies't.) „Der erste Satz lautet so: Der Mensch ist geboren um zu leben. Das Leben besteht in der Befriedigung unserer Bedürfnisse“ . . .


Fünfte Scene.

Die Vorigen. Marie.


Albert. Warum kommst Du nicht näher? . . . Grüß Dich Gott!

Marie. Fürcht' Eure gelehrte Unterhaltung zu stören.

Klaus. Bitte sehr, Jungfer — es handelt sich um höchst einfältige Fragen.

Marie. Was mir wohl erlaubt ein Wörtchen mitzusprechen?

Klaus. Wenn's Ihnen beliebt. —

Albert (mit leisem Lächeln). Es wird uns zur Erbauung dienen.

Marie. Traun, dann hört! Ich halte für besser, daß Ihr an Eure Arbeit denkt.

Klaus. Aber Jungfer, ein bischen Licht sollt' uns doch so viel nicht schaden.

Marie. Was Ihr Licht nennt! — Schweigen Sie nur, Klaus! Wer ein ordentlicher Mann ist, sorgt zuerst für einen guten Rock, dann meinetwegen für einen Ministerposten . . . O, Sie wollen hoch hinaus! Glück zu!

Klaus. Ihre Vorwürfe sind ungerecht.

Albert. Was bringt Dich so auf?!

Marie. 's ist nicht heut', wo ich erkenne, daß Du an Klaus Geschmack findest —

Klaus. He, bin ich ein Missethäter? Warum soll er nicht an mir Geschmack finden? Die Beweise, Jungfer, oder — Sturm und Hagel! . . .

Marie. Daß ich Ihr Schuld- und Schuldenregister nicht aufdecke!

Klaus. Ah, nur zu! Doch vergessen Sie nicht, daß ich Ihnen als Entgegnung einen Spiegel vorhalten könnte, der Ihre liebreizende Jungfräulichkeit, besonders vor dem frommen Albert, in keinem besonders günstigen Lichte darstellt.

Marie. Das wäre abscheuliche Verläumdung.

Klaus. Wohl in gewisser Beziehung, — denn ein Spiegel reflectirt alles verkehrt.

Marie. Was ließ ich mir denn zu Schulden kommen?

Klaus. So lange Sie mich schonen, schon' ich Sie.

Marie. Ueberflüssig! — Heraus damit.

Klaus (sarkastischen Lächelns auf Albert anspielend). Es möchte Ihnen bei Jemand einen Meineid kosten —

Marie. Abscheulicher! — Du duldest das, Albert? Weis' ihm doch gleich die Thür, schütze mich!

Klaus. Ich gehe schon, Jungfer.

Albert. Konntest Du Dich nicht beherrschen! Dir ist ja sein Lästermaul bekannt, warum reiztest Du ihn!? . . .

Klaus. Leb' wohl Kamerad! . . .

Albert wendet ihm den Rücken.

Klaus. Hi, hi, hi, — könnt ich mich aus einer Kanone dem Herrn Questenberg in's Herz schießen, so thät' ich's. Für Dich bin ich im Stande alles, selbst mein Leben, zu verwetten! — — Apropos! Ich vergaß der Jungfer eine gar wichtige Neuigkeit zu melden —

Marie. Packen Sie sich nur, Elender.

Klaus. Vor einigen Tagen kehrte der junge Doctor Questenberg als ein sehr schmucker Herr aus der Fremde zurück. Die Jungfer wird sich an ihm die Augen versehn!

Marie. Pfui.

Klaus. Hi, hi, hi, hiermit Adieu.


Sechste Scene

Die Vorigen ohne Klaus.


Marie (nach einer Pause). — — Ihr bracht verlegen das Gespräch ab als ich in die Stube trat, wovon war die Rede?

Albert. Du kennst seine Absichten, er sang mir das alte Lied.

Marie. Und mußte Dich tief erschüttern! . . . Ha, Du schenkst seinem Rathe innerlich Beifall, Du hängst ihm an! Der Wahrheit die Ehre! — Es steht alles auf Deinem bleichen Gesicht. Längst ward mir klar, daß ich Dir ein Hinderniß bin! Du schwankst zwischen zwei Neigungen, die sich nicht vereinen lassen: es sind bereits fünf oder sechs Jahr! Traun, 's ist Zeit, Dich zum Ziele zu führen. Albert, ich bin bereit, mich Deinen Träumen zu opfern!

Albert. Meinen Träumen!?

Marie. Besäße Herr Questenberg von Deinem Talente Ueberzeugung, beseelte ihn der Wunsch, etwas Gutes aus Dir zu erziehen, so hätt' er schon für Dich gesorgt. In seiner Macht steht viel, sein Ansehen ist groß. Wohl kostete es ihm ein Wörtlein nur und die Regierung oder der König nähme Dich in Schutz. Du würdest auf öffentliche Kosten in den Akademieen ausgebildet, nach allen berühmten Werkstätten der Industrie geschickt und nach überstandener Prüfung in einem Etablissement des Staates untergebracht. . . Wohin strebst Du hier in Deiner Ohnmacht? Allein auf Dich selbst gestellt, ohne Hülfsquellen, ohne Unterweisung, ohne Rath treibt Dich ein hohler Dünkel durch eine öde Wüste unaussprechbarer Qual — Albert, Albert, das gelobte Land ist weit, Du wirst sterben ohne es von ferne zu sehen.

Albert. Du kennst weder meine Kraft, meinen Willen, noch Herrn Questenberg. Glaube mir, er unterstützt mich aufrichtig —

Marie. Etwa in dem Sinne, daß Du vom Hochmuthsteufel Dich selber kuriren sollest —

Albert. Niemand kann mich tiefer verachten, Du verneinst den Glauben an meinen Beruf! 's ist das einzige Band, welches mit der Gottheit mich verbindet, welches mir sagt, daß ich ein höheres Wesen bin als das beschränkte Thier.

Marie. So schwärmt Klaus.

Albert. O, Du fühlst die Flamme nicht, die mir im Busen brennt.

Marie. Albert, lass' Dich von der Stimme des Guten leiten. Liebe den Webestuhl, doch arbeite, statt für die Vervollkommnung seines Mechanismus, für die Erhöhung Deines Lohnes! Du wurdest nicht zum Techniker geboren. — Sieh, unser Nachbar trat mit Dir zu gleicher Zeit in die Fabrik ein. Wie überflügelte er Dich! Du stehst noch immer auf der untersten Stufe und kannst Dir selber kaum helfen, während er bereits Dreien hilft, und mit zufriedenem Herzen. Welche glücklichere Thätigkeit begehrt der Bescheidene? Wer nach Kleinem strebt, wird des Großen Herr . . . Schwöre den Wahn ab! — Kannst du noch zweifeln?

Albert. Höre auf davon.

Marie. Ich will Dich weder mit List noch Gewalt an mich fesseln! — Erfahre was meine Mutter beschloß: Du sollst unser Haus räumen; die Umstände gebieten's! — Keine entsetzte Miene! Zittre nicht! Schnüre das Bündel, schleiche Dich heimlich weg! — Es dauert nicht lange und die Gewohnheit an mich schwächt sich in Dir ab. — Schon morgen wird ein Hoffnungsschimmer den Schmerz Deiner Seele brechen; Du wirst das Truggebilde der Freiheit begrüßen als Erlöserin, und im Dunkel der Zukunft die flammende Siegerkrone Deines Strebens erblicken. Erwarte nichts mehr von mir, ich gab Dir alles was die Armuth besitzt! Geh' ohne Schaam! Bereu' meine gekränkte Jugend nicht, eben so wenig meinen beleidigten guten Ruf. — Mir geschieht recht! Oh, Du warst Gottes Engel und mein Rächer! Warum verschloß ich meine Sinne jedem Rathe der Erfahrenen, warum trotzte ich der eigenen Vernunft und zehrte schonungslos das Leben der braven Eltern auf, warum harrte ich von einem Monate, von einem Jahre zum andern in sündhafter Geduld, Dir feige verschweigend meine Pein?!

Albert. Erbarmen!

Marie. — Du bist rein wie der Festglocke feierlicher Ton! — Geh' nur hin, verhalle, mein Gebet folgt Dir nach! (Sie will gehen.)

Albert. Bleib' Marie.

Marie. Was wünschest Du noch?

Albert. Herr Questenberg giebt heute ein großes Fest. Es läßt sich voraussetzen, daß er außergewöhnlich guter Laune ist. Wenn ich zu ihm ginge? Vielleicht will's der Himmel — Sollte er nicht durch die Darstellung unserer Lage zur Großmuth gestimmt werden? sollte das Gefühl seiner Bedeutung ihn heute nicht schmeicheln und . . .

Marie. Versuch's.

Albert. Bis dahin, Marie . . . (Ihm versagt das Wort. Er legt schnell einen Rock an).

Marie. Bis dahin, gut Albert, auch bis dahin! — Fahre hin gekränkter Stolz, verschmähte Liebe vergiß! Bis dahin! Nur bitt' ich Dich, eile! Kürze die schreckliche Zeit der Ungewißheit! Sprich mit feurigen Zungen, male unser Elend, daß es Steine zu Thränen rührt, stelle das Herz des kalten Gebieters mehr auf die Probe als ich das Deine — O, nicht alle Menschen sind unbezwingbar! Nur Muth, Albert!

Albert (macht einen Wink nach oben und geht).

Marie (blickt ihm von tiefem Schmerz ergriffen nach).


Zweiter Akt.


Abtheilung I.

Vorzimmer zum großen Festsaal.


Erste Scene.

Albert. Questenberg mit vielen Orden auf der Brust, sitzt nachdenklich in einem Lehnstuhl.


Questenberg (nach einer Pause, zerstreut) . . . Geendet? — Du sprachst von Deiner Braut als wäre sie Dir eine Last. —

Albert. Um Entschuldigung —

Questenberg. Du thatst Aeußerungen, die darauf schließen lassen. — Doch sei dem wie ihm wolle, sie ist es, welche Dich hergetrieben hat? Ja, ja, ja! Und was bemerktest Du, daß ihr zu Liebe Dein Wille sein würde, falls ich die Bitte Dir versage? Nur nicht schüchtern —

Albert. Ich sähe mich genöthigt meine Uebungen einzustellen.

Questenberg (klingelt. Ein Bedienter.) Hol' mir aus dem Cabinet das große Buch mit Zeichnungen von Leblanc. (Bedienter ab.) Ich bestimme es Dir zur Vorschule im Aufreißen der Maschinen. 's ist das populärste und beste unseres Faches. Du wirst jedes Vorlegeblatt in versechsfachtem Maaßstabe nachmachen und über jedes Detail der Construction mir die klarste Rechenschaft ablegen. (Der Bediente bringt das Buch und händigt es nach dem Winke Questenberg's dem Albert ein, der's schüchtern aufschlägt.)

Albert (nach einer Pause). Wie unwissend blicke ich auf alle diese Figuren. Eine neue Welt erschließt sich mir!

Questenberg. 's ist ein reicher Schatz.

Albert. O Gott, könnte ich alles auf einmal verschlingen.

Questenberg. Nur mit Geduld erwirbt man sich das lautere Gold dieses schweren Lehrers . . . Ich hoffe, Du wirst darüber die thörichten Heirathsgedanken in den Hintergrund schieben.

Albert. Wenn ich ein halbes Jahr, o nicht so viel, drei Monate nur, das Buch durchübe — länger darf mir sein Inhalt nicht fremd bleiben — werde ich's dann wagen können zu bitten —

Questenberg (lächelnd). Nach einem Jahre wollen wir untersuchen wie weit dasselbe Dein Eigen ward.

Albert. So fahre hin großer Meister, Dir zu folgen bin ich zu schwach! — (Er macht eine Bewegung als wollte er's wegwerfen.)

Questenberg (die Hände auf dem Rücken, vor ihn tretend). Bedenk' Er Grobian, wo Er sich befindet und was seine Schuldigkeit ist.

Albert. Ach, mein Gebieter, es zerreißt mir das Herz!

Questenberg. (Nach kleiner Pause.) Da nimmt ein unreifer Bursche Schlafstelle wo 's 'ne verführerische Dirne giebt. Ein bischen Scherzen und Küssen, denkt er, kann nicht viel auf sich haben, nütze die billige Gelegenheit. Das geht denn einige Wochen recht unschuldig von Statten und er lacht sich schon schadenfroh in's Fäustchen. Aber sieh, wie's nach einem Jahre steht. Ein Freund kommt, ihn an ein altes Versprechen erinnernd; es handelt sich in die Fremde zu gehen, die Welt kennen zu lernen, nützliche Erfahrungen zu sammeln. — Mein Herr Springinsfeld zieht jetzt verlegen das Gesicht: „ich hielte schon Wort, könnte man den Schatz nur in's Tornister packen.“ — Ade Begeisterung zur tüchtigen Erlernung des Handwerks, ade Wissenschaft und Kunst, ade Talent, ade Vernunft und Moral! Alle schönen Entwürfe des hoffnungsvollen Jünglings müssen vor dem Gestirn seiner Liebe untergehn! — Wie alt bist Du?

Albert. Sieben und zwanzig Jahr.

Questenberg. Ein erstaunliches Alter! „Mein Gott, man ist so allein in der Welt, ohne herzliche Erbauung, ohne Pflege, ohne Stütze und was das entmuthigendste, man quält sich und weiß nicht wofür! Kannst Du's noch zu etwas bringen, da 's Dir bisher so wenig glückte! Entsage den täuschenden Hoffnungen und heirathe, schnell, um jeden Preis!“ Diese Gefühle nahmen nach und nach Dein ausschweifendes Herz gefangen. — O ich kenne das! 's ist zu beseligend auf der untersten Stufe des Erwerbes stehen zu bleiben! Welche Wonne nach wenigen Jahren, trittst Du von der erschöpfenden Arbeit spät Abends in den dumpfen Raum der ungastlichen Hütte! Die weiland rosenwangige schmucke Jungfrau, verwandelt in ein blasses Weib, nachlässig mit Lumpen behängt, in der unerbaulichen Haushaltung an Körper und Geist verkümmert, kommt Dir mürrisch oder vorwurfsvoll entgegen. Sie hält die zitternde Hand auf; es fehlt dieses und jenes und vor allem Brod, denn die Kleinen schreien: „Mehr, mehr, Du giebst nicht genug; wir müssen verhungern. Abscheulicher, ich weiß wo das Geld bleibt“ . . . Sie schilt Dich einen Säufer und untersucht Dir verzweifelt die Taschen. — Dieser Zustand mag im Sommer noch golden sein, — aber im Winter! Woher die warme Kleidung, das nöthige Holz und auf Neujahr die Miethe?! Der angestrengteste Fleiß ringt dem kurzen Tage kaum die Hälfte der Bedürfnisse ab. Die Zukunft muß verpfändet werden. Schulden über Schulden häufen sich; eine flaue Zeit tritt hinzu. Die Thätigkeit stockt, die Löhne werden herabgesetzt. — Wie abbezahlen oder womit sich helfen? Die Gläubiger werden ungeduldig, sie stellen einen Termin, bis dahin und nicht weiter. — Ein Gerichtsdiener! O Himmel! der elende Kram des Hausrath's muß fort. „Seht wo ihr die Kinder bettet.“ „Was verschuldeten doch die Aermsten, sie können auf faulem Stroh in der Kälte nicht schlafen!“ Keine Gnade! — Die schlechte Nahrung und das ungesunde Lager erzeugen Krankheiten. Der Vater im Schuldthurm, die Mutter von Haus zu Haus bettelnd, die leidenden unschuldigen Geschöpfe hilflos unter verriegelter Pforte! — Dies ist das Paradies, welches Dich anzieht. Nimm jetzt Dein Buch artig untern Arm und geh' nach Hause.

Albert. Darf ich dem verzweifelnden Mädchen denn keine tröstende Hoffnung überbringen!?

Questenberg. Verstockter Kopf, sagte ich noch nicht genug! — Ich soll helfen, daß Dein schönes Talent sich im Keime zerstöre? Da müßt' ich kein Mann von Gewissen sein! (Ihm am Ohre zupfend) Laß Er die Dirne fahren, versteht Er, Herr Pinsel?


Zweite Scene.

Die Vorigen. v. Zitterwitz.


v. Zitterwitz. Wir stören doch nicht?

Questenberg. Durchaus nicht, Herr Regierungsrath. — Haben Sie nur die Güte näher zu treten.

v. Zitterwitz. Es ging etwas laut her?

Questenberg. Nehmen Sie Platz. (Der Regierungsrath setzt sich, zieht seine Brille und betrachtet Albert von der Seite.)

v. Zitterwitz. Mußte eine moralische Lection ausgetheilt werden?

Questenberg. Leider! (heimlich) Was halten Sie von dem Menschen?

v. Zitterwitz. Hum, ich bin durchaus kein Kenner des gemeinen Mannes, aber ich würde mich an Ihrer Stelle mit dem Subjekte keine fünf Minuten befassen . . . (Er betrachtet Albert noch einmal.) Es kommt mir wenig hoffnungsvoll vor . . . Fast möchte ich wetten, daß es zu den Proudhonisten gehört, nämlich zu der Secte der allein ehrlichen Leute, die Eigenthum für Diebstahl halten.

Questenberg. Er gehört zu den Socialisten.

v. Zitterwitz. Die träumerischen Augen und der schlaue Zug um den Mund verrathen's. Ha, könnte ich wie ich wollte! Man lies't es sprechend von seiner Stirne. Wehe uns, erscheint der Tag wo diese Bestialität sich entfesselt!

Questenberg. Es kommt hoffentlich niemals dahin.

v. Zitterwitz. Man kann nicht wissen. — Die Staatsmänner entwickeln noch zu wenig Energie, sie haben ein feiges Herz, scheuen sich das Uebel mit der Wurzel auszureuten.

Questenberg. Was wird denn versäumt?

v. Zitterwitz. Ich will die Meinung für mich behalten. — Stünd's in meiner Macht, so müßte der famose Kerl sogleich zum Chirurgus. Ein starker Aderlaß oder etliche Schröpfköpfe würden ihm schon die Demagogenhitze vertreiben.

Questenberg. 's ist der Meister, auf den Sie Ihre letzten Hunderttausend zu stellen, das liebe Vertrauen besaßen.

v. Zitterwitz (ungläubig vom Stuhle aufspringend). — — Natur deine Launen sind schrecklich! An welche Gestalten verschwendest du deine höchsten Güter! — Was bemerkt doch Göthe darüber — ich glaub' 's ist der alte Papa — oder ist's Schiller? nein, nein Wieland! still 's ist Jean Paul! . . . (Er greift sich hastig in die Tasche.) Habe ich nicht ein paar Groschen bei mir — es drängt mich meine schiefe Meinung . . .

Questenberg. Bemühen Sie sich nicht, ich bitte.

v. Zitterwitz. Darf ich ihm dies Thälerchen, gleichsam zur Ermunterung, schweigend in die Hand drücken? Ah so, so, so — Sie waren ja mit ihm in Unfrieden, 's ist unpassend . . .

Questenberg. Er hat's nicht verdient.

v. Zitterwitz. Entschuldigen Sie meine Verwirrung . . .

Questenberg (zu Albert). Du überhörtest wohl vorhin meinen Befehl? (Albert zögert als wollte er noch etwas sagen und geht dann ab.)

v. Zitterwitz. Jaquard war auch nichts mehr als ein Arbeiter! Jesus Christus, der Verkünder unserer erhabenen Religion, wurde in einer Krippe geboren. — Fangen wir mit Johannes Guttenberg und dem schlichten Bergmannssohne von Eisleben an: welche lange Reihe unsterblicher Wohlthäter entstiegen dem untersten Pfuhle des Volkes! Und sie brachten die Welt in so kurzer Zeit auf eine Stufe der Entwickelung, daß jeder ächt wissenschaftliche Anhänger der Geschichte sich darob vor Erstaunen gleichsam mit einem Hammer an die Stirn schlagen fühlt! Meiner Seel', ich rückte schon mit etlichen ehrlichen Thalern alle Jahre heraus, würde mir die winzige Ehre zu Theil dem Fortschritt einen neuen Heiligen zuzuschanzen! . . . Aber das sociale Problem! Ja, ja, ja! Giebt man dem Buben ein hübsches Taschengeld, eine bequeme Wohnung, täglich einen guten Braten, so schlägt sein Genie auf die schlechte Seite um. — Statt mit seinem Talente nützen zu lernen, lernt er schaden; er wird faul, eitel, wollüstig, überspannt und politisch! Bald stolzirt er als Häuptling der Demokratie umher und dankt unsre Wohlthaten mit Nackenschlägen! — — Doch was ich Ihnen noch schnell mittheilen wollte — Ich sprach eben auf der Börse mit Blashammer . . .

Questenberg. Wird er kommen?

v. Zitterwitz. Zur angesagten Stunde. Er schenkt Ihnen hohe Aufmerksamkeit, Sie glauben es kaum.

Questenberg. Nun?

v. Zitterwitz. Er hat expreß den alten langen Rock mit einem neuen vertauscht, noch mehr, er ließ sich die Haare verschneiden und sogar brennen!

Questenberg. Dazu bequemte er sich nie, selbst wenn's einer Audienz beim durchreisenden Finanzminister galt.

v. Zitterwitz. Und was ihm die Krone aufsetzt, er wird eine Rede halten, die Ihnen Lob und Vertrauen spendet.

Questenberg. Unmöglich!

v. Zitterwitz. Wenn die Stummen anfangen, müssen die Schreihälse sich verkriechen.

Questenberg. Begannen Sie die Propaganda schon in Bezug . . .

v. Zitterwitz. Einige Brocken streute ich aus. — Sein Gesicht verzog sich süß-säuerlich und schien beistimmend lächeln zu wollen . . . Nachdem wir heute einige Flaschen Champagner ausgestochen, nehme ich ihn herzhaft in die Schmiede. — Meinen Eid, die Verlobung soll noch vor Mitternacht zu Stande kommen! — Ein verschwiegener Kupferstecher mußte mir schon die schönsten Karten drucken — Sehen Sie da! (Er zeigt ihm ein Päckchen Karten.)

Questenberg (lesend). Adelgunde Blashammer, Doctor Questenberg, Verlobte.

v. Zitterwitz. Gefällt die feine Schrift?

Questenberg. (Musik.) 's ist die geschmackvollste, welche ich jemals sah. (Zwei Diener ziehen die Vorhänge der breiten Mittelthür fort. Man blickt frei in den Festsaal, wo an einer langen reich besetzten Tafel die Herren und Damen stehn.)

v. Zitterwitz. Welche reiche Zahl!

Questenberg (den Regierungsrath unterfassend). Uns beiden nur, so innig eins, geziemt's die lieben Gäste zu begrüßen.


Dritte Scene.

Die Gäste. v. Zitterwitz. Blashammer. Questenberg. Der Doctor.


Questenberg (einigen der Reihe nach die Hand drückend). Willkommen von Herzensgrund. — Hab' ich einen Wunsch noch zu dem Glück, daß Sie mir bereiten', so ist es der, gefälligst fürlieb zu nehmen.

v. Zitterwitz. Willkommen schönes Fräulein Adelgunde. — Was macht die traute Freundin Pipi?

Questenberg. Ich bedaure Frau Polizeiräthin, daß der Herr Gemahl bettlägerig wurde — ach! der arme Mann nimmt's mit seiner Amtspflicht zu scharf!

v. Zitterwitz (stolz im Vorbeigehen). Genehmigen Sie meine Reverenz, lieber Oberbürgermeister. (Der Oberbürgermeister verbeugt sich tief).

Questenberg. Und nun vergessen wir doch die warme Suppe nicht . . . Willkommen, willkommen mein braver von Gnadenbrod. — Noch immer lendenlahm aus dem schleswig-holsteinischen Kriege? . . . Was macht der Fuß des braunen Wallach's mein Graf von Halleluja? — Freut mich, freut mich!


Vierte Scene.

Die Vorigen. Ein Sänger in feiner Toilette.


Der Sänger. Was ist des Deutschen beste Kunst? (Junge Leute an der Tafel unten lachen und rufen: bravo, bravo!)

v. Zitterwitz. Des Deutschen beste Kunst! Sonderbar, was versteht man darunter?

Blashammer (ihm einen Teller reichend, der von Hand zu Hand ging). Ich meines Theils denke, es ist die Eßkunst. — Stimmen Sie mir gefälligst bei, ich bitte . . .

v. Zitterwitz. Das sind ausländische Krebse? Ah ich aß sie einst in Paris en cabinet particulier mit einer allerliebsten Etudiante du quartier latin . . . Schein und Duft wässern den Gaumen . . . . (Nachdem er sich bedient und den Teller weiter gereicht zum Doctor): Den jungen Naseweisen da unten scheint das Lied schon bekannt zu sein, Ihnen auch?

Der Doctor. Freilich.

v. Zitterwitz. Und es enthält nichts Anstößiges, was Männer von staatlichem Beruf in eine peinliche Lage bringen kann?

Der Doctor. Ich bürge Ihnen. —

v. Zitterwitz (zu Blashammer). Was wollten Sie bemerken?

Blashammer. Wir haben des Traurigen schon in Hülle und Fülle. Ich würde für ein Lied stimmen, das die Lachmuskeln gehörig in Bewegung setzt, als zum Beispiel: (singend) Vetter Michel wohnt in der Lämmer, Lämmerstraß' . . . oder (singend) Ich bin der Doctor Eisenbart, kurir die Leut' nach meiner Art, trallallalalla . . . Ist des „Deutschen beste Kunst“ von diesem Genre, lieber Doctor?

Der Doctor. Hum, sie dient beiden Extremen unserer Stimmung. — Der Traurige kann weinen, der Heitere lachen . . .

Blashammer. So werden wir vielleicht das Glück haben, neutral zu bleiben, denn ich weiß nicht in welcher Stimmung ich bin!

v. Zitterwitz. Meiner Seel', ich auch nicht . . .

Der Doctor (heimlich zum Regierungsrath). Das Lied fließt aus meiner Feder, hi, hi, hi . . . .

v. Zitterwitz (lachend). Eia, popeia!

Blashammer. Was säuselte er Ihnen in's Ohr?

Der Doctor. Pst, pst! machen Sie kein Aufsehen.

v. Zitterwitz. Wir müssen Partei ergreifen, Herr Blashammer . . . Sie werden lachen, indessen ich Thränen vergieße . . . Der junge Doctor ist auch ein Poet! hi, hi, hi, hi . . . (Der Doctor giebt einen Wink zum Anfang).

Der Sänger (mit Orchesterbegleitung).

Was ist des Deutschen beste Kunst?
Die, welche frei von Schwulst und Dunst,
In jedem Herzen wiedertönt,
Zur Einheit Jung und Alt versöhnt?
O halte ein!
Sie war's wohl einst, kann's nicht mehr sein.

Was ist des Deutschen beste Kunst?
Die, welche frei von Schwulst und Dunst,
Den Schwachen schützt, den Starken wehrt,
Des Heilands Worte frömmig ehrt?
O halte ein!
Sie könnt' es wohl und darf's nicht sein.

Was ist des Deutschen beste Kunst?
Die, welche frei von Schwulst und Dunst,
In Land und Stadt der Leute Fleiß
Zum Ziel des Heils zu lenken weiß?
O halte ein!
Sie sollt' es wohl und soll's nicht sein.

Was ist des Deutschen beste Kunst?
Die, welche frei von Schwulst und Dunst
Das Recht verklärt, den Geist erhebt,
Die Menschheit zu vergöttern strebt?
O halte ein!
Sie mocht' es wohl und kann's nicht sein.

Was ist des Deutschen beste Kunst?
Die, welche frei von Schwulst und Dunst
Die Sitte lenkt, das Leben führt
Und jede Handlung edel ziert?
O halte ein!
Sie kann es schon gewiß nicht sein.

Was ist des Deutschen beste Kunst?
So nennt sie endlich mit Vergunst!
Es ist doch nicht die Niedertracht,
Wo feig der Schalk sich selbst belacht!
O halte ein!
Sie kann es nie von Herzen sein.

Sie kann es nie von Herzen sein,
O Gott vom Himmel sieh' darein
Und stärk' uns bald mit heil'ger Kraft:
Es falle ihre Meisterschaft!
O stimmet ein,
So soll es und so wird es sein.

Fünfte Scene.

Alles wie vorher, ohne den Sänger. Nach kleiner Pause allgemeinen Schweigens, wo man nur das monotone Geräusch der Essenden, die klappernden Heller, Messer und Gabeln hört, beginnt v. Zitterwitz zum Doctor:


v. Zitterwitz. Das schöne Lied scheint gewirkt zu haben! In welchem Verhältniß steht indessen sein tiefer ernster Inhalt zu der werthen Persönlichkeit des jovialen, flotten, koketten Ritters der modernen Galanterie?

Der Doctor. In keinem.

v. Zitterwitz. Sie nehmen mir die harmlose Frage nicht übel. Ihr „leben und leben lassen“, Ihre geniale Lüderlichkeit und ästhetische Bummelei, mit Permission gesagt —

Der Doctor. (lachend mit einer Verbeugung) Höchst schmeichelhaft . . . .

v. Zitterwitz. — ist leutekundig. Nie hätte ich in Ihnen einen Socialphilosophen und poetisirenden Moralisten gesucht.

Der Doctor. Betrachten Sie alle großen Worthelden unserer Zeit, zum Beispiel sich selbst, und Ihnen begegnet dasselbe Problem. (Blashammer erhebt sich mit einem Becher.)

v. Zitterwitz. Soll's schon losgehen?

Blashammer. . .  .Meine Herrschaften, wer uns so splendid bewirthet, hat gewiß kein falsches Spiel im Sinne, nein! so wahr ich das Leben und Treiben unseres lieben Gastgebers kenne, er zeigt nur wie haltlos die Gerüchte waren, welche neidische Verläumder seit einigen Tagen gegen ihn in Umlauf setzten. Meine Herrschaften, Untergang der Lügenbrut! Heben wir uns im Vollgenuß des schönen Festes über alle Gerüchte mit dem U E geschrieben hinweg und beweisen dem edlen Verdächtigten durch die innigste Theilnahme an seinen Gerichten mit dem einfachen I unsere ungeheuchelte Hochachtung. . . Es lebe des Hausherrn Credit!

Questenberg setzte sich erblaßt nieder. Trompeten- und Paukentusch, in den Niemand einstimmt. Verwirrtes Geräusch. Es bilden sich Gruppen.

Blashammer. Sie entschuldigen meine Ungeübtheit im Toastausbringen; das Schicksal begünstigte meine Zunge zu wenig, um . . . (Das Geräusch bringt ihn zum Schweigen. Im Vordergrunde trifft er mit Zitterwitz zusammen.)

v. Zitterwitz. Sehen Sie, welch' ein Urtheil man Ihnen fällt! Alle, ohne Ausnahme, beeilen sich, dem Verletzten die Hand zu drücken.

Blashammer. Zum Schein.

v. Zitterwitz (vertraulich). Sie geben den Unglücklichen wirklich verloren?

Blashammer. Ja . . .

v. Zitterwitz (erbleicht und klammert sich an ihn).

Blashammer. Daß Sie ihm noch gestern in die Falle liefen!

v. Zitterwitz (mit bebender, schwacher Stimme). Ich prüfte wohl, was ich that.

Blashammer (ironisch lächelnd). Zweifelsohne auf Grund der großen Erfindung.

v. Zitterwitz. Ihnen ist bekannt . . .

Blashammer. Alles.

v. Zitterwitz. Durch Spione und Bestechungen . . . Tod und Hölle!

Blashammer. Hi, hi, hi, er hat Ihnen doch gewiß die glänzendsten Experimente vorgemacht? Er stellte wohl auf der alten und neuen Maschine zu gleicher Zeit Versuche an? . . .

v. Zitterwitz. Da sah ich mit meinen beiden Augen —

Blashammer. Blendwerk, Taschenspiel!

v. Zitterwitz. Sie müssen falsch unterrichtet sein.

Blashammer. Ich besitze die Zeichnungen der Maschine — der Erfinder selbst brachte sie mir in's Haus . . .

v. Zitterwitz. So!

Blashammer. 's ist ein sehr gewöhnliches Subject, ein gemeiner Arbeiter. Ich zog die ersten Sachkenner des Orts in meinen Rath und sie alle verwarfen das Project als gänzlich unpraktisch — Einige Versuche im kleinen Maaßstabe, wie die, welche man Ihnen vorgaukelte, mögen passabel ausfallen, indessen . . . Ach, was dieser Questenberg mir das Leben verbittert!

v. Zitterwitz. Er ein Betrüger!

Blashammer. Der Mann weiß keinen andern Ausweg mehr, 's ist wahr, 's ist wahr! man soll ihn eher bedauern als verachten, allein —

v. Zitterwitz. Wir können morgen in der nämlichen Lage sein und durch eine Mahlzeit uns das Vertrauen der kalten Welt erkaufen wollen!

Blashammer. Allerdings.

v. Zitterwitz. Sie werden meinen Questenberg nicht verlassen, nein? — Ah, Sie machten mich nur zum Narren . . .

Blashammer. (bei Seite) Ich kann ihn vielleicht zu etwas brauchen. (laut) Würden Sie mir verzeihen, wenn ich's gethan hätte?

v. Zitterwitz. Warum nicht? — Schalk, Schalk, heraus mit der Sprache . . . (Blashammer lacht) Sie wollten meine Freundschaft zu Questenberg wohl nur erproben —

Blashammer. Und warnen, im Fall sie unächt ist.

v. Zitterwitz. Im nämlichen Sinne brachten Sie den fatalen Toast aus?

Blashammer. (vertraulich) Ich wünschte nicht, daß man mir einst nachsagte, ich half die Leute täuschen, weil ich dem jungen Doctor meine Tochter vermählt.

v. Zitterwitz. Aha!

Blashammer. Verstehen Sie?

v. Zitterwitz. Entweder sind Sie ein Ideal von Gewissenhaftigkeit oder der größte Schlaukopf, welcher lebt.

Blashammer. Ich bin ein ganz schlichter Bürgersmann.

v. Zitterwitz will noch etwas sagen, doch unterbricht er sich und eilt zu Questenberg, der ihm unwillig Gehör zu schenken und zu folgen scheint.


Sechste Scene.

Blashammer. v. Zitterwitz. Questenberg.

(Zwei Diener ziehen die Vorhänge zum Saal zu.)


v. Zitterwitz (zu Questenberg bei Seite). — Gleichviel welche Absicht ihn beseelt! Wer den schlechtesten Zug macht, kommt in Schach!

Questenberg. 's ist die letzte Partie!

v. Zitterwitz. Hier, mein Herr Blashammer, unser Freund. Er fühlt sich überglücklich Ihren Entschluß zu vernehmen. —

Blashammer. — Du verstehst meinen Character, Dir ist bekannt, daß ich alles rücksichtslos tadle, was . . .

v. Zitterwitz. Betrachten wir die Sache als beigelegt.

Blashammer. Ich bin geneigt, Dir in allem zu willfahren; verlange mein Geld, mein Gut und mein Blut, doch schone meine Ehre!

v. Zitterwitz. Um von der Heirath zu sprechen —

Blashammer. Mit Gott, mit Gott! ich willige ein. Der Doctor ist ein schöner junger Mann, gesellig, gelehrt, erfahren und wie ich aus dem Liede höre, auch wohl ein politisches Talent. Die Tonsaiten, welche er anzuschlagen versteht, müssen im Volke Wiederhall finden. Geben wir ihm große Mittel die Rolle eines wohlbegüterten, interesselosen, unparteiischen Liebhabers der Freiheit comme il faut zu spielen, so geht er in wenigen Jahren als Pair nach der Hauptstadt . . . Was fehlt ihm dann für's Portefeuille eines Ministers?

v. Zitterwitz. Sie hoffen mit Grund das Ansehn und den Ruhm Ihres Hauses durch den interessanten jungen Mann zu vollenden.

Blashammer. Wohl that ich mir am üppigen Diner zu gütlich — gehen wir ein bischen in's Freie.

v. Zitterwitz. Zu dienen. (Seitwärts zu Questenberg.) Ich schicke Ihnen den Doctor — nur Muth! (v. Zitterwitz mit Blashammer Arm in Arm ab).


Siebente Scene.


Questenberg. . .  .Ich wette, daß Blashammer hinter die neue Erfindung kam — anders wäre sein Betragen räthselhaft. Er strebt mich heimlich zu entthronen, mich zu seinem Commis zu machen, — wozu würde er sonst die Börse in Schrecken setzen, die Gläubiger von mir abwenden und dem Heirathsproject Beifall schenken?


Achte Scene.

Questenberg. Der Doctor.


Der Doctor. Was giebt's Papa?

Questenberg. Setze Dich zu mir.

Der Doctor. Verstimmt? (bei Seite) Ah ich merke, die Heirath wurde glücklich zu Wasser.

Questenberg. Höre mich . . . (bei Seite) Wozu ich ihn bestimme ist meine Schmach.

Der Doctor. Wird's lange dauern, der Ball beginnt gleich.

Questenberg. Welche Dame wirst Du engagiren?

Der Doctor. Fräulein Blashammer. (bei Seite) Eine schöne Gelegenheit ihn zu necken.

Questenberg. Wirklich!

Der Doctor. Parole d'honneur!

Questenberg. Endlich räumst Du Deinem Vater das Feld!

Der Doctor. Fiat mundus, pereat justitia! Ergebe man sich dem Teufel lieber heute als morgen, denn am Ende behält er doch Recht! . . . Wie sehr wünschte ich nach innerster Neigung zu handeln, um idealisch glücklich zu werden, indessen —

Questenberg. Wo giebt's etwas Vollkommenes auf Erden!

Der Doctor. — Ehe man aus diesen reichen Hallen des Glanzes und der Ueppigkeit in die Tonne des Diogenes hinabsteigt, ist's besser für ein Fräulein Blashammer zu schwärmen, ist's besser einem großen tiefen Beutel voll Geld als einer großen tiefen Liebe sich zu opfern.

Questenberg (lachend). Das Lächerlichste der menschlichen Komödie wär's in der That, müßte ein Lebemann Deines Schlages plötzlich den grämlichen Staatshämorrhoidarius spielen und für das sauerste Stücklein Brod sich bis über die Ohren im Actenstaube begraben!

Der Doctor. Ich stürbe aus Gram!

Questenberg. Ach was geht darüber ein eigener Meister zu sein, den Göttern der Fantasie und Laune stets huldigen zu können!

Der Doctor. Beati possedentes sagt der practische Römer; 's ist ein Satz, den ich nicht umsonst studirt haben will. Dem Besitzenden dient die ganze Welt; Kunst und Wissenschaft sind ihm unterwürfig! Strebe nach Besitz und Du strebst nach dem höchsten Gut!

Questenberg. Die Vernunft erleuchtet Dich zur rechten Zeit.

Der Doctor. Machten Sie mit dem Banquier bereits ab, wann die Hochzeit stattfindet?

Questenberg. Noch nicht.

Der Doctor. Aber in Betreff der Mitgift wurden Sie schon einig?

Questenberg. Auch noch nicht . . .

Der Doctor (sich erstaunt stellend). Unmöglich!

Questenberg. Es bot sich noch keine schickliche Gelegenheit über den wichtigen Punkt . . .

Der Doctor. Eine fatale Geschichte das!

Questenberg. Wir müssen es schon in guter Hoffnung wagen . . .

Der Doctor (leise). Wetter! seine Blindheit ist stark! (laut) Herr Papa!

Questenberg. Wie ich Dir sage.

Der Doctor. So lange das Ziel im Trüben — kann sich der Doctor nicht verlieben.

Questenberg. Ironischer Narr!

Der Doctor. 's ist wahr! Erst schwarz auf weiß den süßen Preis!

Questenberg. Mein Gott der Mensch wird wieder toll! (Musik.)

Der Doctor. Verlangen Sie von mir ein Stücklein nach Gebühr. (Er will fort.) Was schwahnt? (Questenberg hält ihn mit flehender Gebehrde fest.) Die Musik mahnt!

Questenberg. Mein Sohn, ich bitte nur für Dich!

Der Doctor. Pah! denke Jedermann an sich.

Questenberg. Vielleicht gelingt es wider Dein Erwarten . . .

Der Doctor. Das sind mir unprophetische Karten.

Questenberg. Vertrau', vertrau', o laß Dich beschwören!

Der Doctor. Ich kenne den Banquier; Gold nennt er nicht Chimären.

Questenberg (sarkastisch). So geh', verpasse die entscheidende Stunde und klage einst, Dich ereilte das Verderben ohne Schuld! (Er will geh'n.)

Der Doctor. Papa . . .

Questenberg. Ich sprach genug.

Der Doctor. Unter einer Bedingung versuchte ich das Heil.

Questenberg. Nämlich?

Der Doctor. Wenn Sie die feste Versicherung gäben, daß Fräulein Blashammer mich nie mit Eifersucht plagt.

Questenberg. Auf die kommt's mir nicht an.

Der Doctor. Ihr Ehrenwort, besiegelt durch kräftigen Handschlag.

Questenberg (ihm eine Ohrfeige gebend). Hier hast Du's! (ab.)

Der Doctor. Ah! . . verdiente ich das? . . . Geduld, ich finde Mittel und Wege, die Ungerechtigkeit zu vergelten! (ab.)


Abtheilung II.

Die Hütte des Vater Ziemens. Einige Kasten und aus rohen Brettern genagelte Schränke. Ein Tisch, etliche Bänke u. dgl.


Neunte Scene.

Frau Ziemens. Marie (den Tisch zum Nachtessen servirend).


Marie. — In acht Tagen, liebe Mutter.

Frau Ziemens. Ich sehe seit drei Jahren klar was er ist — ein Schlenderer, ein Träumer, der uns und Herrn Questenberg nur das Vertrauen stiehlt.

Marie. In acht Tagen, sag' ich, wird alles entschieden sein.

Frau Ziemens. Pah, nicht in zehn Jahren! Wozu soll ihn der Herr anstellen! Was versteht er!

Marie. Geduld!

Frau Ziemens. Ich will's für alle goldnen Herzworte, für alle Seligkeit des Himmels nicht: er muß aus dem Haus! Die schiefen Gesichter der Nachbarn hab' ich satt. Pfui doch, jeder ordentliche Mensch zieht sich vor uns wie vor einer bösen Krankheit zurück. . . Du erlerntest alles was zur nützlichen Hausfrau gehört und besitzest ein Gesicht, das sich in der ganzen Vorstadt nicht schämen darf; wäre der Bube nicht da, so hätten wir unsere Freude — Ach, ich kenne wohl manchen guten Gesellen, der früher ein Auge auf Dich warf.

Marie. Wiederhole mir nicht täglich denselben Sermon!

Frau Ziemens. Mach noch diesmal das Gedeck, doch wir essen zum letzten Mal mit ihm: wirst Du oder soll ich's ihm sagen?

Marie (bei Seite). Ach Gott, ich that es leider schon!

Frau Ziemens. He? öffne den Mund.

Marie. Ich werd' es ihm sagen . . . Der Vater! (ab.)

Frau Ziemens. Die Gartenstiege fällt ihm mit jedem Tage schwerer — Er macht's nicht mehr lange und dann, welche Zukunft! (ab.)


Zehnte Scene.

Vater Ziemens. Marie.


Vater Ziemens (auf einer Bank am Tische Platz nehmend). Ich danke mein Kind . . . Es war wieder ein Tagewerk! . . . Das Garnspinnen ist keine schwere Arbeit und doch greift's an, am wenigsten die Arme, aber hier, hier! . . Man dreht und dreht, die Spulen rauschen, die Fäden rollen, nichts anderes sieht und hört man, es geht endlos! Erst die Abendglocke, ha, tönet sie — 's ist als wenn ich zum jüngsten Gericht soll; ein Hauch aus höhern Sphären weht mich an, durchdringt die erstorbenen Beine mit neuem Leben und halb träumend, halb erwacht eil' ich in Gottes frische Luft! . . . (Glocken einer Viehheerde.) Jene Heerden ziehen aber zufriedener heim, sie kommen aus blühenden Fluren; ich, der Christgeborene — aus modrigem Grabgewölbe, tiefsten Kummers voll! — Ein schnöder Rang über dem blöden Thier! . . (Frau Ziemens trägt Essen auf.) . . Wo hast Du doch das schöne Buch, welches der Klaus für den Albert herbrachte; ich möchte die Fortsetzung hören.


Eilfte Scene.

Die Vorigen. Frau Ziemens.


Frau Ziemens. Nach Tische ist dazu Zeit.

Vater Ziemens. Mamachen!

Frau Ziemens. Du bemerktest wohl nicht, daß ich hier warte? Komm', ich trug schon die Suppe auf — (Sie faßt ihn unter'n Arm) Hol' die Lampe, Marie. (Marie ab.)

Vater Ziemens. Wie geht's, schonten die Krämpfe Dich? Du hattest heute früh ziemlich gute Mienen.

Frau Ziemens. Ich kam leidlich fort . . .

Vater Ziemens. Mich folterten wieder die Stiche grausam — Das Uebel heilt bei der sitzenden Lebensart nicht mehr! . . .

Marie kommt mit der Lampe.

Vater Ziemens. Das Kind hat rothe Augen?

Frau Ziemens. Sie wird Dir etwas Erfreuliches erzählen.

Vater Ziemens. Ah, doch wohl nicht . . . . (Ein Schmerz hindert ihn fortzufahren.)

Frau Ziemens. Der Albert schnürt morgen seinen Bündel und räumt das Haus.

Vater Ziemens. Endlich dazu entschlossen?

Frau Ziemens. Mach' mit den Thränen ein Ende — schäme Dich! — Gieb dem Alten einen Kuß und das Versprechen.

Vater Ziemens. Komm', 's ist zu Deinem Wohl!

Marie giebt ihm einen Kuß.

Vater Ziemens. Laß Dein junges Blut von uns überwachen! Du wurdest nicht geboren für das Glück; nach der Freiheit darfst Du Deine Wahl nicht treffen, — Dein Stand heißt Entsagung! (Einige Schüsse in der Ferne.) Was gibt's denn da?

Frau Ziemens. Es sind die Böller von dem herrschaftlichen Schloß — Wohl verkündigen sie den Beginn des Feuerwerks.

Vater Ziemens. Unser Herr giebt heute ein Fest?

Frau Ziemens. Zu Deinen Ohren drang noch nichts davon?

Vater Ziemens. Keine Sylbe, Mütterchen.

Frau Ziemens. Ich erfuhr's auch nur zufällig durch des Kuchenbäckers Frau. Nach ihrer Beschreibung sollen alle Herrschaften aus Stadt und Umgegend versammelt und ein Aufwand entwickelt sein, der an's Unbeschreibliche grenzt! Da sind die Küchenmeister durch die Eisenbahn bis von Paris geholt. Die Kellner müssen in schwarzem Frack und weißer Atlasweste aufwarten. Sämmtliche Tafelgeschirre bestehen theils aus Meißner und Sevre'schen Kunstporzellan, theils aus gediegenem Silber und Golde. Die seltensten Weine, Vögel, Fische, Schildkröten, Krebse, Gemüse und Früchte der ganzen Welt lieferte ein Pariser Leckerbissenhändler. Endlich, alle vorzüglichsten Trompeter, Geiger und Schauspielsänger, von hier und den Nachbarstädten wurden zu einem Chore vereinigt. Was sagst Du, he?

Vater Ziemens. So ist's recht; wer viel hat, soll viel draufgehen lassen; es kommt wohl den Armen hie und da zu Gute.


Zwölfte Scene.

Die Vorigen. Albert. (Er kommt gesenkten Hauptes mit dem Buch unter'm Arm, welches er auf eine Bank wirft.)


Marie. Weh!

Vater Ziemens. Meide seinen Anblick, meine Tochter, fasse Dich!

Marie. Du hast ihm nicht geholfen, Allmächtiger, nun hilf mir für ihn! (ab.)

Vater Ziemens. Geh' ihr nach, Mütterchen!

Frau Ziemens. Es wird sie tödten! (ab.)


Dreizehnte Scene.

Vater Ziemens. Albert. (Er setzt sich an den Tisch, faltet die Hände und sieht dumpf vor sich hin.)


Vater Ziemens. . .  .Von wo kommst Du, Albert? . . Sprich nur, wir sind allein.

Albert. Ich war bei unserm Brodherrn, verlangte Verbesserung meiner Lage . . .

Vater Ziemens. Armer Albert! aber 's ist meine Schuld, daß es jetzt so kommt, 's ist meine Schuld!

Albert. Inwiefern?

Vater Ziemens. Verzeih' mir, ich bin ein alter schwacher Mann — verzeih'! oh, oh!

Albert. Nun, was wollen Sie denn damit? — Soll ich etwa gleich das Bündel schnüren?

Vater Ziemens. Sei nicht aufbrausend, mein lieber Sohn . . .

Albert. Wetterwendische Welt! Wenn Dir die Weile zu lang wird, brichst Du den Stab erbarmungslos! . . Was? Drei Jahre schon vertändelt, noch immer kein Meister? 's ist ein Träumer, Faullenzer, Lump! . . . Ha!

Vater Ziemens (feierlich aufstehend). Mein Sohn, das Talent des Armen muß noch brache liegen, wie der Acker einer wüsten Insel und Disteln zeugen, geiles Unkraut, statt süßer Frucht und edlen Saamen. Hier in der erstorbenen Brust wird er geboren erst, der große Held, der es erlösen soll! — Ach, auch ich verfolgte ehemals Deine Spur! Da stand vor der Thüre draußen ein alter Lindenbaum, der Urgroßahn meines Vaters hatte ihn gepflanzt. Ein böses Wetter zieht herauf und bricht ihm seinen morschen Fuß. Ich, ein Jüngling schon von vier und zwanzig Jahren, komme heim von Arbeit und seh's! Erlebtest nie, daß sich erfüllte, was man unter dir geträumt; dein stolzes Dach beschattete des Lebens Kummer nur, des Lebens Trauer: ich will ein Bildniß fertigen aus deinem Holz, durch das die Menschen sich erinnern mögen und mit gutem Vorsatz stärken. Gesprochen, gethan! Es gelang mir wunderbar und zeugt von meinem höheren Beruf! Wohl sahst Du's schon manchesmal, wenn innige Andacht Deinen Blick nach Oben lenkte; dort in unserer Kirche hängte, über der Altarnische am schwarzen Kreuz, das Haupt mit Dornen gekrönt und sterbend gesenkt! . .

Albert (Nach einer Pause). — Der Verzagte erlebt des Erlösers Auferstehung nie! (Er sucht seine Sachen.)

Vater Ziemens (gerührt, mit leiser Stimme). So lassen wir Gott walten, edler Jüngling! Du bleibst bei Deinem alten Freunde bis zur künftigen Scheidestunde — hörst Du?

Albert. Ich darf nicht; Marie kündigte mir; 's ist Euer wohlgeprüfter Wille, daß ich geh'.

Vater Ziemens. Mein Herz widerruft was Schwäche ihm eingab!

Albert. Die Vernunft war's, seine Stärke!

Vater Ziemens. Kränkten wir Deinen Stolz? O vergieb!

Albert. Schwacher Alter, Sie erschweren mir den Abschied!

Vater Ziemens. Bleib! Sei Erbe dieser dürftigen Hütte! In ihr ruht die Hoffnung manches Jahrhunderts! 's ist ein vergrabener Schatz.

Albert. Das Nothwend'ge muß gescheh'n!

Vater Ziemens. O, daß ich nicht denke, Du warst ein leichtsinniger Verführer meines Kindes, bleib! . . Wenn ich Dich verliere, verlier ich ja alles! Willst Du Deinen besten Freund, willst Du Dein Theuerstes in die Grube werfen? Albert, Albert!

Albert. (Sein Bündel auf dem Rücken.) Auf Wiederseh'n.

Vater Ziemens. O Du hast ein steinern Herz!

Albert. Bürger dieser Erde dürfen kein anderes haben! . . (Der Greis schüttelt ihm feierlich die Hand. Albert, von tiefem Schmerz ergriffen, bleibt eine kleine Pause unschlüssig steh'n. Plötzlich, wie der Greis auf ihn zueilen und ihn festhalten will, ermannt er sich und enteilt.)

Vater Ziemens. Albert bleib! — Fort ist er! 's war sein Schatten, er selbst nicht, ich träumte nur! . . (Kleine Pause. Aus der Ferne Jubelgeschrei und das Geräusch eines Feuerwerks.) Herr, der Du Hülflosen nicht mehr auferlegst als sie tragen können, ich vertraue Dir in Ewigkeit!


Dritter Akt


Abtheilung I.

Pavillon auf einer kleinen Terrasse, der einen Blick in einen brillant erleuchteten Garten gewährt. Seitwärts das Schloß Questenberg's. Musik abwechselnd aus ihm und dem Garten, jedoch nicht zu laut.


Erste Scene.

Blashammer mit Zitterwitz am Arm, Adelgunde nachfolgend.


Blashammer. Setze Dich auf jenen Stuhl, Tochter. (Adelgunde setzt sich an's Fenster und die beiden treten bei Seite.)

v. Zitterwitz. Vertrauen Sie meiner Menschenkenntniß; ich studirte nicht umsonst Psychologie . . .

Blashammer. Hätte er nur einmal mit ihr getanzt.

v. Zitterwitz. Er wird sich noch bezwingen.

Blashammer. Es müßte bald gescheh'n. . . Was ist die Uhr! Schon drei vorbei . . . gleich geht die Sonne auf. . .

v. Zitterwitz. Mit ihr das Licht seiner Liebe. . .

Blashammer. Sagen Sie's mir ganz rund heraus, was antwortete er auf Ihre Fragen?

v. Zitterwitz. Schüchterne Phrasen, würdig eines Poeten. . .

Blashammer. Ich muß der Sache auf den Grund kommen, ich muß wissen, woran ich bin, ich habe nicht nöthig im Finstern zu tappen — Nein wahrhaftig, mich lockt kein Gewinn, indem ich die Tochter dem Sohne eines Bankerottirers opfere! — Schnell auf die Beine, Herr Regierungsrath, zurück zum Doctor — er soll auf der Stelle herkommen! Fort, beschwingen Sie Ihre Füße!

v. Zitterwitz. Ich will mir Flügel anlegen. — (Er bleibt zaudernd stehen.)

Blashammer. Ich lasse meine Tochter hier, ziehe mich in den Hintergrund zurück und beobachte, wie er sich gegen sie aufführt.

v. Zitterwitz. Ah so! ah so!

Blashammer. Keine Zeit verloren.

v. Zitterwitz (für sich). Die Sache wird höchst kritisch! — Viel Vergnügen mein Fräulein.

Blashammer (ihm nachrufend). Nur den Finger auf dem Munde!


Zweite Scene.

Die Vorigen ohne v. Zitterwitz.


Blashammer (zu Adelgunde in melancholischem Tone seufzend). Wer kann sagen, ob man morgen noch am Leben ist! (Er setzt sich zu ihr.)

Adelgunde. Was fehlt Dir mein Vater?

Blashammer. Die Freude und Seligkeit des Herzens! . . . Wo andere singen, springen und scherzen, bin ich zum Weinen aufgelegt.

Adelgunde. Woher kommt das?

Blashammer. Gott weiß! . . Ich denke, Du wirst Deinen Vater nicht mehr lange besitzen. . .

Adelgunde. Einbildungen, Väterchen, nichts als Einbildungen.

Blashammer. Könnt' ich ihnen widerstehen! sie nehmen aber meine ganze Seele gefangen! — fast alle Nächte träumt mir von Hobelspänen, Kirchhöfen, Särgen, Priestern in schwarzen Talaren — Wie Du weißt, ging ich in früheren Jahren nur höchst selten zur Kirche, jetzt darf ich keinen Sonntag versäumen und häufig drängt's mich noch Dienstag's und Donnerstag's die Wochenpredigt dem wichtigen Geschäft an der Börse vorzuziehen. — Alles das bedeutet nichts Gutes! Aufgerieben ist meine Gesundheit, abgenutzt meine Seele! Die geringste Aufregung wirkt schädlich auf die Verdauung, der kleinste Schreck verursacht mir schlaflose Nächte . . .

Adelgunde. Du mußt auf solche Kleinigkeiten nicht achten.

Blashammer. 's ist leicht gesagt! — Um jedoch von einer wichtigeren Sache zu sprechen! Sieh', dieweil mich solche traurige Ahnung erfüllt, wirst Du's natürlich finden, daß ich mein Gewissen mit dem Himmel in Harmonie zu bringen trachte. . . Schon vor einigen Tagen gab ich Dir einige Winke in Betreff — Erräthst wohl schon mein Täubchen? Schlag' Deine Augen nur auf, blicke mich nur liebreich an. Das Heirathen ist keine schamhafte Angelegenheit, sondern etwas ganz Gewöhnliches, 's ist von Gott eingesetzt und unsere erste und oberste Pflicht vor allen andern Dingen . . . Ich will Dich indessen schonen, wenn Du davon ungern hörst: hi, hi, hi, im Augenblick wird Dein Ehekandidat erscheinen.

Adelgunde. Hier?

Blashammer. Ja.

Adelgunde. Aber mein Vater.

Blashammer. 's ist ein schmucker junger Mann. — Du sah'st ihn wohl schon oft auf der Promenade in dem schönen blauen Frack mit den goldenen Knöpfen. — Sicherlich findet er Deinen Beifall.

Adelgunde. Was soll ich dazu sagen!

Blashammer. Traun, schönen Dank, wie's sich ziemt. — Da, küss' mir die Hand.

Adelgunde (die Hand küssend). Das Alter macht Dich kindisch. . . Jesus, wie schnell geht das!

Blashammer. Wundre Dich acht Tage! — Ich höre Tritte. — Er wird's sein . . .

Adelgunde. Du jagst mir doch nur einen Schreck ein, Papa.

Blashammer. — Man darf mich nicht bei Dir finden. . . Komm' ihm auf halbem Wege entgegen. — (Ihre Stirne küssend.) Sei hübsch artig. . . (Er geht.)

Adelgunde (nachrufend). — Papa?

Blashammer. Meine Tochter?

Adelgunde. Wer ist denn der Herr Candidat?

Blashammer (lächelnd). Er heißt, mein Püppchen, er heißt — Wozu aber! sogleich siehst Du ihn. . .

Adelgunde. Ich bleibe nicht hier. . . (Sie will fort.)

Blashammer (mit drohender Miene). Du kennst Deinen Vater, Du weißt, was ihn erzürnt.

Adelgunde. Grausamer! Wenn Du's mir befiehlst, gut, so werd' ich gehorchen — Deine Tyrannei ist mir nachgerade unerträglich — ich sehne mich sie abzuschütteln.

Blashammer ab.


Vierte Scene.

[Transkriptionsanmerkung: Auch im Original gibt es keine dritte Scene.]

Adelgunde. v. Zitterwitz. Der Doctor.


Der Doctor. Fräulein ist noch da! — also scheint's der Himmel zu wollen. Lassen Sie mich denn allein.

v. Zitterwitz. Ich bleibe hier in der Nähe.

Der Doctor. Ach, wie schlägt das Herz, ob aus Verliebtheit oder Scham? ich weiß es nicht zu sagen! (Er tritt in den Pavillon, einen großen Blumenstrauß nachlässig in der Hand haltend, gesenkten Hauptes, ein Lied summend.) Ah, Fräulein hier? Im Garten kam mir die Grille ein, dies Sträußchen zu sammeln.

Adelgunde. Sie bestimmten es der ersten besten Dame?

Der Doctor. Au hasard

Adelgunde (annehmend). Ich danke.

Der Doctor. Toutes les dames meritent également notre adoration.

Adelgunde. Das heißt, dieselben sind Ihnen sehr gleichgültig.

Der Doctor. Point du tout, Mademoiselle . . . oder wünschen Sie zu hören, worauf ich meinen Ausspruch gründe?

Adelgunde. Avec plaisir.

Der Doctor. Auf das Buch der Bücher.

Adelgunde. Par exemple!

Der Doctor. Mein Fräulein, es steht im neuen Testament, daß wir uns nicht bevorzugen sollen, denn wir seien alle Gotteskinder.

Adelgunde. Vous êtes ridicule, Monsieur — parbleu! . . Dites mois alors . . .

Der Doctor. Ich bin Ihr ergebenster Diener.

Adelgunde.comment d'après ce princip, arriveriez vous à une inclination individuelle?

Der Doctor. Wie ich nach diesem Grundsatz zur besonderen, zur individuellen Neigung gelange? . . (Bei Seite) Sie scheint in mich verliebt — auf Befehl des Alten!

Adelgunde. Si, vous êtes un vrai docteur èsphilosophique, vous aurez une reponse à toutes les questions . . . .

Der Doctor. Sie sprechen ein vortreffliches Französisch.

Adelgunde. Cela vous deplait?

Der Doctor. Ich stehe beschämt . . . .

Adelgunde. Mais vous n'êtes pas philosoph?

Der Doctor. Wohl war ich's.

Adelgunde. Eh bien?

Der Doctor. Allein auch mich veränderten die Zeiten wie manche brave Burschenseele.

Adelgunde. Depuis quand? s'il vous plait.

Der Doctor. Seit meiner Rückkehr in's väterliche Haus.

Adelgunde Et après?

Der Doctor. Und ich wurde orthodox . . . Lachen Sie nicht, 's ist sehr ernst.

Adelgunde. Was ist denn orthodox? mit Erlaubniß.

Der Doctor. Glaube Alles, was man will das Du glaubest oder Du bleibst ohne Geld, Amt, Ehre oder — ohne Frau.

Adelgunde. Eine Doctrin des schamlosesten Jesuitismus.

Der Doctor. Nicht zu leugnen — Da's aber in unserm Jahrhundert keine gültigere giebt —

Adelgunde. Ich hielt Sie für einen Anhänger der Freiheit.

Der Doctor (lächelnd). Mein Fräulein . . . .

Adelgunde. — und zwar im Sinne jenes schönen Spruches: „strebet, die Wahrheit wird euch erlösen.“

Der Doctor. Der Spruch wurde interpolirt und paßt nicht in die Bibel.

Adelgunde. Das ist mir neu.

Der Doctor. So ziemlich alle wohlbestallten Akademiker, besternten Würdenträger, intelligenten Leute comme il faut leugnen ihn.

Adelgunde. Und glauben demzufolge an alles, was man will das sie glauben?

Der Doctor. Sagte ihnen zum Beispiel der Fürst, liebe Freunde, ich muß im Interesse des Staates eure schönen Einkünfte um die Hälfte vermindern, murrt nicht, sondern glaubet, es wird euch im himmlischen Jenseits tausendfach vergolten —

Adelgunde. So murren Sie nicht?

Der Doctor. Bei meiner Seele, nicht mehr als Fräulein, zu dem der Papa sagte, theures Kind, ich gebiete Dir zu glauben, Du liebest den jungen Herrn Doctor.

Adelgunde. Sie sind barock.

Der Doctor. Frivol, wenn's Ihnen gefällt, — allein ich denke das Beste von den Menschen und habe den höchsten Respect vor der christlichen Tugend, die nach unsern berühmtesten Kirchenlehrern in der tiefsten Unterwürfigkeit, in der tiefsten Demuth besteht.

Adelgunde setzt sich und seufzt.

Der Doctor. Mein Fräulein, bitte, bitte, — nehmen Sie sich meine Worte ja nicht zu Herzen — ich spreche nur in Thorheit, gewiß und wahrhaftig, nur in Thorheit.

Adelgunde. Weil's die einzige Art ist, mir zu bekennen, daß Sie die Maske eines Heuchlers verabscheuen.

Der Doctor (niederknieend). Schenken Sie dem Unglücklichen Mitleid.

Adelgunde. Ich achte Ihre Gesinnung; stehen Sie auf . . . Ah, sieh' da!


Fünfte Scene.

Die Vorigen. Blashammer.


Blashammer. Keine Störung, setzen Sie die Comödie weiter fort.

Der Doctor. Traun, Sie kommen ein wahrer Deus ex machina uns zu Hülfe.

v. Zitterwitz. Meinen ergebensten Diener — gefällt's den geehrten Herrschaften . . .

Blashammer. Nur näher getreten.

v. Zitterwitz. (Blashammern die Hand schüttelnd; mit leiser Stimme.) Es ging ja ausgezeichnet gut.

Der Doctor. Sie scheinen Versteck gespielt zu haben.

v. Zitterwitz. Wir promenirten im Garten, sahen Sie mit Fräulein hier allein —

Der Doctor. — Was außerordentlich auffiel —

v. Zitterwitz. — und uns verführte, der geistreichen Unterhaltung zu lauschen.

Der Doctor. Sehr schmeichelhaft.


Sechste Scene.

Die Vorigen. Questenberg.


Questenberg. Man ließ mich rufen . . .

v. Zitterwitz. Leider kommen Sie zu spät.

Questenberg. Was gab's?

v. Zitterwitz. Ein äußerst interessantes Gespräch.

Questenberg. Es handelte sich?

v. Zitterwitz. Von nichts geringerem als . . .

Blashammer. Erstaune!

v. Zitterwitz. — als von Liebe!

Der Doctor. Der alte Herr hatte ein feines Ohr.

Questenberg. Mein Sohn legt mir Ehre ein.

Blashammer. Ich wußte es schon gestern, daß er für Adelgunde schwärmt.


Adelgunde. A la bonne heure!

Der Doctor. Es wird erbaulich . . .

Blashammer. Sie begegnete ihn auf der Promenade und da warf er ihr einen Blick zu der mehr besagte, als . . .

Adelgunde. Papa!

Blashammer. — als in dieser Nacht das unaufhörliche Tanzen mit ihr.

Der Doctor (Adelgunden die Hand küssend). Sie verzeihen, mein Fräulein!

v. Zitterwitz. — Sind Sie der Ansicht, daß die jungen Leute zusammenpassen, so machen Sie keine langen Umstände, sondern — hören Sie?

Questenberg. Es ist wohl gerathen?

Blashammer. Im Namen des Vaters aller Väter! — Eure Hände, Kinder, daß ich sie ineinanderlege.

v. Zitterwitz. Nur nicht hier im armseligen Pavillon —

Questenberg. Der Herr Regierungsrath hat Recht.

v. Zitterwitz. Gehen wir in den Saal!

Questenberg (Blashammer an den Arm nehmend). Auf!

v. Zitterwitz (Adelgunden und den Doctor unterfassend). Ich habe die Ehre das edle Brautpaar zu geleiten. (Alle ab.)


Abtheilung II.

Zimmer des Doctors; Schränke mit Büchern, Antiquitäten, Naturaliensammlungen, Sopha, Tische, Stühle und dergl. Die Flügelthüren sind offen und gewähren einen Blick in den Garten.


Siebente Scene.


Der Doctor (tritt, eine Broschüre in der Hand, aus dem Seitenzimmer und klingelt; ein Bedienter erscheint). Trage zu Herrn Blashammer dies Tractätlein. Ich lasse innigst danken; es hätte meinen Zweifel am Christenthum völlig besiegt. Wenn er noch ein ähnliches besäße, sollte er mir's nur gleich schicken; ich brennte aus Eifer mich zu bessern und zu bekehren. Zugleich mache Fräulein Adelgunde mein Compliment und bestelle bei unserm Koch ein Frühstück mit Austern und Champagner — Apropos! Daß alles frisch und appetitlich sei! (Bedienter ab.) Klopfte Jemand? Herein!


Achte Scene.

Der Doctor. Marie.


Marie. Grüß' Gott!

Der Doctor. Danke.

Marie (bei Seite). Er kennt mich nicht mehr. (Laut.) Ich habe den Herrn Doctor dringend zu sprechen; erlaubt es seine kostbare Zeit?

Der Doctor. Unbedingt. Treten Sie gefälligst näher . . . (Bei Seite.) Das Mädchen ist allerliebst! (Ihr einen Stuhl anbietend.) Bitte ergebenst . . .

Marie. Ich kann steh'n.

Der Doctor. Sie bereiten mir ein Vergnügen . . . (Bei Seite.) Ein Stündchen, ach, an ihrer Brust entschädigte mich für allen Verdruß, den ich habe! (Er setzt sich ihr gegenüber.)

Marie. Ich will kurz sein.

Der Doctor. Zunächst mit wem wird mir die Ehre — ?

Marie. Der Herr Doctor entsinnt sich meines Namens vielleicht. Wir gingen zusammen beim Priester in die Lehre, waren die vertrautesten Kinder, Gespielen, Freunde und alles was man in jungen Jahren sein kann . . .

Der Doctor. Ich ahne schon . . .

Marie. Wenn Sie Ihr Stammbuch aufschlagen, finden Sie auch einen artigen Vers von mir.

Der Doctor. Sie heißen — ?

Marie. Marie Ziemens.

Der Doctor. Darf ich den Augen traun!

Marie. Die Zeit verwandelte mich wohl sehr.

Der Doctor. Ungeheuer! und zum höchsten Vortheil!

Marie. Kaum glaublich.

Der Doctor. Sie wurden ein wahres Madonnenbild.

Marie. Ach!

Der Doctor. Besaßen Sie diese Gestalt, dies Gesicht, dies Auge als ich Ihnen den letzten zärtlichen Kuß auf die Lippen drückte?

Marie. O sprechen Sie nicht so.

Der Doctor. Meinst Du ich schmeichle? Reiche mir gleich Dein Mündchen — gleich!

Marie. Pfui.

Der Doctor. Bei jener seligen Vergangenheit, wo kein Vorurtheil, keine Standesrücksicht die Reinheit unserer Gefühle trübte!

Marie. Sie irren sich, wir waren nie so intim.

Der Doctor. So lassen Sie uns werden; nichts steht im Wege.

Marie. Ich bin Braut.

Der Doctor. So? ah! . . . Wer ist der Beneidenswerthe?

Marie. Schwerlich tauschen Sie mit ihm; 's ist ein armer Unglücklicher . . . Seinetwillen komme ich her.

Der Doctor. Bedarf er meiner Hilfe?

Marie. Hätten Sie die Freundlichkeit, sich mit ihm vertraut zu machen, seine Tugenden, Talente und Strebungen zu mustern und bei Ihrem Herrn Vater eindringlich zu bevorworten, falls er dessen würdig.

Der Doctor. Es soll gescheh'n.

Marie. Ich verlange keine blinde Gunst für ihn —

Der Doctor. Nur Lohn des Verdienst's.

Marie. Nichts mehr, nichts weniger! — Seit Jahren arbeitet er in Ihrer Fabrik, erwarb sich das Lob aller Werkführer, auch die Aufmerksamkeit Ihres Herrn Vaters — leider aber nichts weiter! Unter die schlechtbesoldetsten unfähigsten Handwerker blieb sein edel aufstrebender Geist gebannt!

Der Doctor. Ich werde sogleich Untersuchungen anstellen und —

Marie. Vor einigen Tagen, es war vorgestern, trieb ich ihn an, Ihrem Herrn Vater seine verzweifelte Lage fußfällig vorzustellen, — derselbe mogte jedoch von nichts hören, schlug ihm jede Bitte kalt ab und aus Gründen, die der Herr Doctor nimmer theilen . . .

Der Doctor. Möglich! — Ich befehle ihn auf der Stelle zu mir . . . (Er macht Miene die Glocke zu ziehen.) Doch weshalb Weitläufigkeiten! Vertrau' ich denn nicht meiner angebeteten Freundin?! Kann sie falsch geurtheilt, falsch gewählt haben?! Der Mann ihrer Neigung muß ein guter Mann sein! . . (Mit einer schalkhaften Wendung.) Ob er auch ganz frei von Eifersucht ist?

Marie. Warum? (Lächelnd.) Auf mich? Daß ich nicht wüßte!

Der Doctor. So können wir schnell fertig werden.

Marie. Nun? . .

Der Doctor. Der Monsieur empfängt eine zufriedene Stellung und ich — darf's Ihnen nicht schenken — einen Kuß.

Marie. O weh, ein schlechter Handel.

Der Doctor. Nicht für mich.

Marie. Würde den Ihr Herr Vater billigen?

Der Doctor. Mit Händeklatschen.

Marie (scherzend). Traun, ich gehe auf ihn ein. (Sie reicht ihm die Hand.) Halten Sie Ihr Versprechen, ich halte meins.

Der Doctor. Im Augenblick! — (Er setzt sich an den Schreibpult.) Der Papa soll binnen fünf Minuten nachfolgendes Decret höchst eigenhändig unterzeichnen. . . .

Marie. Bin sehr gespannt, ob er's thun wird.

Der Doctor. — Eignete sich wohl der Monsieur zum Werkführer?

Marie. (Auflachend.) Werkführer? Das läuft gar hoch hinaus! (Verstellt.) O ja, ich denke — zum mindesten — sicher, sicher! . .

Der Doctor. Also er eignet sich — schön! . . . (Schreibt.) Der Endesunterzeichnete . . . Fabrikant Questenberg . . . dem Weber Albert . . . Werkführer . . . Bedingungen sind . . . Und erhält . . . Freie Wohnung . . Garten . . . vierhundert Thaler . . .

Marie. Potztausend, so viel träumte man nie vom Lande Utopien!

Der Doctor. Das Leben, mein Schätzchen, ist ein großes Mährchen voll unerklärlicher Wunder. Jede Minute gebärt Millionen Ueberraschungen, Probleme, unentschuldbare Thaten und sich selbst entschuldigende Thorheiten. Man übe nur das Auge der Beobachtung, wie ich es übte und erfahre, was ich erfuhr! — Die Romantik, obgleich so tief in Mißkredit gerathen, ist kein blöder Wahn, wenigstens unter allen Wahnen nicht der blödeste! Sie verwandelt die kalten, prosaischen Gefilde der Welt in warme, farbenreiche, süß verschwimmende Nebel, so daß wir in ihnen unsere Qualen und Gebrechen unmerklich vergessen, gleichsam bei offen schlafendem Auge versöhnt mit Gott und uns selbst die irdische Pilgerfahrt vollenden und rein wie ein Engel gen Himmel steigen, in's andere Reich, von Christus und seinen Aposteln uns feierlich verheißen. (Er steht auf; in schäkerndem Tone zu ihr.) Sie lebe, mein Schätzchen, sie lebe hoch!

Marie. Schonung, Herr Doctor! —

Der Doctor. Die Romantik allein gewährt, was der grämliche Philosoph, Politiker und Diplomat mit bleicher, kalt schleichender Vernunft umsonst erstrebt! Sie lebe, mein Schätzchen; sie lebe hoch! — Fort mit allem, was sinnlos bethörte Nachbeter Moral, Gesetz, Nothwendigkeit, Beruf, Recht, Wahrheit preisen! — Ein paar Gläschen Champagner, mein Schätzchen, erschließen Ihnen den ernsten tiefen Gehalt meiner Worte . . . Theilen Sie das Frühstück mit mir. — Kommen Sie. — Die Schrift liegt fertig und wandert nach Tische gleich zu Papa. (Marie folgt ihm erstaunt und verwirrt, er entpfropft Champagner und schenkt ein.) Auf Ihr Wohlsein! (Sie stoßen zusammen und trinken.) Wie schmeckt's?

Marie. Ziemlich gut.

Der Doctor. Noch eins . . . Auf das was wir hoffen! — — Ah' thut's einem schwachen Magen wohl! Der Arzt verordnete mir's als Medicin . . . Noch eins.

Marie. Danke.

Der Doctor. Der Herr Bräutigam soll leben! — Vivat! — —

Marie. Es war mein letzter Tropfen.

Der Doctor. Ah bah, wir gedachten unserer Freundschaft noch nicht . . . Nur her das Glas.

Marie. Ich schlag's in Trümmer.

Der Doctor. Das hieße mich verachten.

Marie. Immerhin! (Sie wirft das Glas auf die Erde, steht schnell auf und will fort.) Sie sind abscheulich!

Der Doctor. (Sie festhaltend.) Was verbrach ich?

Marie. Sie wissen's.

Der Doctor. Jungferlein, das ist ein schlechter Einfall!

Marie. Lassen Sie mich nur fort.

Der Doctor. Ein moralischer Einfall! (Eine Uhr schlägt.)

Marie. Die Uhr schlägt; ich habe nicht länger Zeit.

Der Doctor. Ein unromantischer Einfall!

Marie. Meine Mutter denkt, daß ich im Garten Gemüse für den Markt grabe — darf sie nicht erzürnen.

Der Doctor. Ziemt solche Arbeit meiner angebeteten Freundin?! . . Ich entschädige die Versäumniß hundert und tausendfach, bleiben Sie und leisten mir Gesellschaft. (Er hält ihr einen Beutel mit Geld hin.) Da! Es sind alles Goldstücke.

Marie. Herr Doctor . . .

Der Doctor. Ihr Vater verdient in einem Jahre nicht so viel. — Ich begegnete ihn kürzlich. Sein ergrautes Haupt müde zur Erde neigend, schlich er langsam den Gewölben der Fabrik zu. Welch' Schicksal für den alten Mann, der an Herzensgüte und Characterwürde Seinesgleichen sucht! Ich verglich ihn mit seinem ehemaligen Gefährten, dem reich und angesehen gewordenen Blashammer. Ich stellte die rührendsten Betrachtungen an, declamirte in den Wind wie ein echter Demokrat, vergoß sogar Thränen. — Aber hoch die Romantik! (Trinkt.) Was half's mir? Artig ging ich in mein Speculirgemach, legte mich, ein türkisches Pfeifchen rauchend, behaglich auf den Sopha, las und lachte! Wie lös't die Demokratie das Problem der sozialen Probleme über das Verdienst anders? (Trinkt.) Hoch die Romantik! — Mancher König wäre ein Bettelmann, mancher Bettelmann ein König, ich selbst vielleicht arbeitete an Ihres Albert Stelle, wäre die Welt kein romantischer Dunst! Hoch, hoch die Romantik! (Trinkt und drückt ihr das Geld in die Hand.) Bereiten Sie dem ehrwürdigen Greise ein Fest damit, sei's zur Ausstattung der Hochzeit, die ich mit meiner weiland vornehmen Person zu ehren hoffe! (Trinkt.) Hoch die Romantik! . .

Marie. Ihr eigenthümliches Benehmen verwirrt mich tief.

Der Doctor. Das macht, ich führte Sie schon, wie der Teufel den armen Doctor Faust, auf den Standpunkt der Romantik.

Marie. Ich erblicke in Ihnen keine Vernunft mehr.

Der Doctor. (Ihr das Glas entgegenschwenkend.) Hoch die Romantik! (Er fällt in einen Stuhl.)

Marie. Leben Sie wohl. (ab.)


Neunte Scene.


Der Doctor. — — — Der Versuch gelingt; ich besteche den Arbeiter und das Mädchen ist mein. Dann hab' ich Entschädigung für die Zwangsehe und Zeitvertreib in Hülle und Fülle. Hoch die Romantik!


Zehnte Scene.

Der Doctor. Questenberg.


Questenberg. Wie befindest Du Dich, mein Sohn?

Der Doctor. So so, la la!

Questenberg. Den ausgestochenen Bouteillen zufolge, muß das Festübel schon gänzlich gehoben sein.

Der Doctor. Ich fange an der Vernunft die Herrschaft wieder einzuräumen.

Questenberg. (Ihm freudig die Hand schüttelnd.) Sehr löblich.

Der Doctor. Ein elendes Bauwerk ist die Welt, eine wüste Trödelbude, ohne Dach und Fach, aus Unrath und vorsündfluthlichem Getrümmer zusammengestapelt! — In ihr muß der Mensch schon kindlich zufrieden sein, wenn er ein trockenes Stellchen findet, wo Wind und Wetter ihn einigermaßen verschonen.

Questenberg. So kalkuliren brave aufgeklärte Leute und wickeln, scheuern, bücken, schwindeln, ducken sich nach Zeit und Umstand.

Der Doctor. Apropos! Dann unterzeichnen Sie mir wohl ein Blättchen ohne Stirngerunzel. (Er giebt ihm das Papier, welches er schrieb und klingelt; ein Bedienter erscheint.) Hole den Arbeiter Albert schleunigst aus der Fabrik.

Questenberg. Mein Sohn!

Der Doctor. An die Unterschrift knüpf' ich die Heirathsfrage.

Questenberg. Verückte der Erbärmliche Deine Sinne und —

Der Doctor. Ihm muß geholfen werden, er verdient's!

Questenberg. Du weißt aber nicht —

Der Doctor. Ich mag von nichts wissen!

Questenberg. Welch' Wagestück!

Der Doctor. Unsinn!

Questenberg. Es ist äußerst beleidigend in meine Angelegenheiten Dich zu mischen.

Der Doctor. Mischtest Du Dich nicht in mein Herz und gabst mir eine Ohrfeige, als ich Widerstand versuchte?

Questenberg. Ich that's als Vater und aus wohlmeinendem Interesse —

Der Doctor. Das hört auf wohlmeinend zu sein, wenn's die menschliche Würde ignorirt. — (Ihm die Feder in die Hand steckend.) Wozu aber langath'mige Verhandlungen, da!

Questenberg. Mein Sohn, es ruinirt uns.

Der Doctor. Das Fest kostete zehntausend Thaler und hier geizen Sie um eine Bagatelle?!

Questenberg (unterschreibend). Ich wurde Dein Sclave! . . (Albert tritt schüchtern ein.)

Der Doctor. . .  .Verlassen Sie mich jetzt.

Questenberg. Vorsehung! Vorsehung! (ab.)


Eilfte Scene.

Der Doctor. Albert.


Der Doctor. Tritt näher. (Stellt ihm einen Sessel hin.) Erweise mir die Herablassung.

Albert. Wenn ich den schönen Bezug durch mein unsauberes Kleid entweihe . . .

Der Doctor. Bist Du kein Politiker?

Albert. Ein wenig.

Der Doctor. Traun, es giebt viele Weber, die ihr Brod gewinnen wollen, bedenke das und —

Albert. Das wäre eine Politik des Fluches!

Der Doctor. So sprechen Wölfe in der Lämmerhaut!

Albert. Ich ein Wolf? o Herr Doctor!

Der Doctor. Es lebe die Association!

Albert (ernst). Sie lebe!

Der Doctor. Nieder mit den Rentnern!

Albert. Fort mit den Privilegien!

Der Doctor. Es falle das Herrenthum!

Albert. Die Früchte des Fleißes Aller für Alle.

Der Doctor (lacht ironisch).

Albert. Erscheinen Ihnen diese Wünsche ungerecht?

Der Doctor. Der neue Arbeiterverein machte an Dir eine tüchtige Eroberung . . . Du wirst ihm auf die Beine helfen.

Albert. Vielleicht! . .

Der Doctor (lacht wieder).

Albert. Wurde ich hergerufen von Ihnen Schimpf und Spott zu erleiden?

Der Doctor. Keineswegs — ich lache, weil's meine Manier ist das Ernste heiter, das Heitere ernst zu nehmen . . . Doch setze Dich endlich.

Albert (wirft sich zornig in den Sessel).

Der Doctor. Ich weiß mir Deine Mißstimmung zu erklären, Albert; mein Vater schlug Dir neulich eine Bitte ab, die —

Albert. Er that wohl, vollkommen wohl.

Der Doctor. Wirklich — ei, ich meine er that übel.

Albert. Ich ging tief in mich, ich prüfte seine weisen Vorstellungen, fand, daß mein Verlangen unbillig war.

Der Doctor. Albert!

Albert. Ich heuchle nicht, Herr Doctor!

Der Doctor. Du verdammtest demnach Dein Verhältniß mit Marie und bist zufrieden, genöthigt worden zu sein es — aufzugeben!?

Albert. Falls Herr Questenberg mir heute sagte, Albert, hier hast Du alles was Du brauchst, heirathe, sei glücklich — ich würde ihm danken.

Der Doctor (lächelnd). Aus welchen Gründen, stolzer Mann?

Albert. Herr Questenberg, vor zwei Tagen hätte mich Ihre Gnade in den Himmel erhoben, jetzt, jetzt stürzt sie mich in die Hölle, in die Hölle der Selbstverachtung; denn es ist wider meiner Würde von Almosen zu leben und zu Gunsten der Ungerechtigkeit über meine Leidensbrüder zu triumphiren . . .

Der Doctor. Wenn Dich mein Vater darauf versicherte, Du verdientest was er Dir giebt.

Albert. So antwortete ich, Herr Questenberg das können Sie nicht beurtheilen.

Der Doctor. Aha, mithin erklärtest Du ihn einer Vormundschaft bedürftig, die seiner moralischen Güte, seinem individuellen Interesse stets Zaum und Gebiß anlegt, die, wenn er sagt, ich finde, daß mir dieser Mensch vermöge seiner Intelligenz näher steht und mehr nützt als jener, gebieterisch entgegnet, mein Lieber es mag möglich sein; allein Du hast den Maaßstab Deiner Handlungen nicht nach Deinem Geschmack, nicht nach Deinem Herzen, nicht nach Deinem Gewissen, sondern nach uns zu bilden und wir sind just Deine Widersacher! Sieh' da, das Ideal der neuen Justiz, Dein Ideal! — Denke Dir einen Künstler wie Raphael, Phidias, Beethoven, einen Mann der Wissenschaft wie Galliläi, Neyton, Leibnitz, einen Staatsmann wie Perikles, Joseph den Zweiten, Freiherrn von Stein vor das größte Tribunal seiner Zeit, vor das Volk gestellt . . . (ironisch lachend.) Würde die Mehrheit sein Verdienst höher anschlagen und der Ehre des Menschengeschlechtes angemessener lohnen, als der Aufgeklärteste der kleinen Minderheit, der, von Natur und Schicksal begünstigt, seine Urteilskraft am vollkommensten zu entwickeln vermochte? Ah', laß Dich durch die Doctrinen überhitzter Köpfe nicht vom Wege der Vernunft abführen! Wenn Verdienst soviel als Abschätzung, Wiedervergeltung und Dank einer meinem Mitbruder oder der ganzen Gesellschaft geopferten That heißt, so fordere von niemandem mit Gewalt, was niemand sich selber giebt, das höchste Geschenk der Gnade Gottes, die überall gerechte, die innerliche Güte! Mangelt sie meinem Vater, traun, Du bist nicht an ihn gefesselt, Du bist persönlich frei gleich ihm, verlaß ihn, durchwandere die Welt und forsche, ob Dich Jemand höher würdigt als er! (Ihm ein Papier überreichend.)

Albert (lesend). Werkmeister der Fabrik? . . Vierhundert Thaler? . . freie Wohnung und Garten? . . Wie, wie hängt das zusammen?

Der Doctor (lächelnd). Wahrscheinlich mit der Intelligenz, dem Interesse, der innerlichen Güte meines Vaters.

Albert. 's ist seine Unterschrift . . . So viel wagte ich mir nie, nie zuzumessen!

Der Doctor. Mache an Dir selbst die Erfahrung, wie schwer es ist Jemandes Verdienst richtig zu schätzen!

Albert. O Schöpfer des Himmels, Deine Liebe ist grenzenlos! . . Doch still — — der Klaus hatte am Ende recht — — welch' furchtbarer Gedanke durchschauert mich . . .

Der Doctor. Was hast Du Albert?

Albert (nach einer kleinen Pause mit Kälte). Warum überreichte mir Herr Questenberg nicht selbst das Papier?

Der Doctor (verlegen). Ich weiß nicht Albert. (für sich) Der Mensch droht schwierig zu werden.

Albert. So hatte er doch Furcht —

Der Doctor. Inwiefern?

Albert. — mich zu verlieren? . . Ich durchschau's! Sie sollten mit der Macht ihrer Zunge meine Ueberzeugung verwirren, durch dieses Papier mich ködern, mich vom Sozialismus losreißen . . . Dort in dem Vereine der Arbeiter könnte ich zu aufgeklärt über den Nutzen einer gewissen Erfindung werden, die er mir verdankt, mir, mir dem unglücklichsten, blutärmsten Paria!

Der Doctor. Du sprichst Unverständliches.

Albert. Ha, daß die allwaltende Gottheit zwischen ihm und mir entscheide! Flamme des Gerichts loh' empor! Zerstörung dem Sodom und Gomorrha hier, blutigen Untergang den Ruchlosen, die Liebe und Weisheit auf ihren Lippen, Hoffahrt und Niedertracht in ihren Herzen nähren! . . Nehmen Sie das schändliche Dokument und bestellen . . .

Der Doctor. Argwöhnischer, ich fürchte für Deinen Verstand.

Albert. Ich bitte nehmen Sie nur und bestellen — (Das Papier an die Erde werfend.) Doch nein, ich will mich stolz verhalten — ich will ihm alles schenken und mich heimlich fortschleichen . . . Ich bin jung, habe lebendigen Trieb, ausdauernden Muth und kann der Erfindungen noch viele machen . . . Eben nannt' ich mich den blutärmsten Paria — gefehlt! ich bin reich und kein Paria, wenigstens vor solchen frostigen Klugrednern, denn ich besitze noch ein Herz! Ha, ich fühl's! . . Ja schenke dem Armseligen das langjährige Werk, weihtest Du ihm auch die heiligste Flamme der Begeisterung, die höchste Liebe zum reinen Engel Deines Glück's, so war's noch nicht das letzte des Ruhmes werth! Großmuth gab dem Heiland Stärke sich dem Undank zu opfern und am Kreuze zu sterben.

Der Doctor (bei Seite). Was hab' ich gethan!

Albert. Weh, weh, 's ist eine Pest, die in meinen Gliedern wüthet! — Steck' dem Elenden die Fabrik über dem Haupte an, unterminire das Fundament seines Palastes und spreng' ihn in die Luft! Deine Gefährten, es sind ja ihrer über zweitausend und dem Leben noch gleichgiltigere Gesellen als Du, — folgen dem Schrei Deiner Noth und sühnen das gebeugte Recht! Eine mörderische Schlacht entspänne sich, Soldknechte aus Nah' und Fern' zögen vor das Städtchen, belagerten, bestürmten, bombardirten es, bis der letzte Held unter dem letzten Steinwalle erlag! — Es wäre männlich und ruhmvoll, allein unvernünftig! Schweig' und dulde! Was nützt's, rottest Du das Unkraut an einer Stelle aus, die ganze Erde ist davon überwuchert! Laß' es grünen, knospen, blühen, reifen, die wenigen Weizenhalme verdrängen und sich an seinem Uebel fortquälen bis an's Ende der Welt! Laß' es so dicht und so sich selbst zur Last werden, daß es die milde Sonne anfleht, hab' Erbarmen, gieß' die ungeschwächte Kraft deines ewigen Feuers über uns aus; wir möchten sterben und in Asche zerfallen! — O Gott, ich kann's aber nicht ertragen! ein Schwert, ein Schwert, mich zu durchbohren; an meiner Seele nagt unheilbarer Schmerz!

Der Doctor (bei Seite). — Er trägt die Erfindung zu unseren Concurrenten, — alles ist verloren! Schaffe Rath! — Ich muß seinen Haß von meinem Vater auf mich lenken — recht! dann fordere ich ihn, er schlägt sich — ein unerhörtes Duell! allein was schadet's, ich bin in den Waffen geübt und schaff' ihn sicher bei Seit'! . . Das erste Mal im Leben, wo böse Mächte mich zu schwarzen Thaten zwingen! . . . (laut) Albert, ich will's Dir sagen, weshalb Du dies Document aus meiner Hand empfängst. Du wirst mir zürnen, doch, da ich erkenne, daß Du der größte Biedermann bist, welcher lebt, wirst Du — ich hoffe zuversichtlich — wirst Du mir verzeih'n.

Albert. Zur Sache.

Der Doctor. Ach, 's ist ein bitterer Wermuthstrank! — Das Dokument, Albert, Du empfängst das Dokument . . .

Al