The Project Gutenberg EBook of Der Bankerott, by Florian Mueller This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at www.gutenberg.net Title: Der Bankerott Eine gesellschaftliche Tragoedie in fuenf Akten Author: Florian Mueller Release Date: October 6, 2004 [EBook #13661] Language: German Character set encoding: ASCII *** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER BANKEROTT *** Produced by PG Distributed Proofreaders. Der Bankerott. Eine gesellschaftliche Tragoedie in fuenf Akten von Florian Mueller Leipzig Theodor Thomas. 1853. Der Verfasser schuf vorliegendes Drama aus bildnerischem Triebe und keinem Sonderinteresse. Ob's zur Darstellung durch unsere Buehnen wuerdig und geschickt ist, ueberlaesst er vertrauensvoll der Oeffentlichkeit. Mehr fuer seine Rechtfertigung oder Erlaeuterung zu sagen, erscheint ihm ueberfluessig. Wer die Gesellschaft in allen Regionen mit eigenen Augen und als Menschenfreund sah, wird sie aehnlich auffassen und in keiner Weise zweifeln, dass nicht Leute wie Albert, Marie, Vater Ziemens, Klaus in ganz analogen Verhaeltnissen, und von derselben Charactertiefe, existiren koennen. Neujahr 1853. FLORIAN MUeLLER. Ah! quand verrai-je enfin ma sterile patrie, Reformer de son gout l'antique barbarie, Offrir un doux asile aux beaux-arts negliges; Rechauffer leur ardeur, dans son sein proteges, Et, faisant refleurir l'esprit et le genie, Rendre la gloire aux arts, et les arts a la vie? _Frederic II._ (Epitre sur la liberte.) Der Bankerott. Personen QUESTENBERG, grosser Zeugfabrikant. DOCTOR QUESTENBERG, sein Sohn. BLASHAMMER, Banquier und Waffenfabrikant. ADELGUNDE, seine Tochter. V. ZITTERWITZ, Regierungsrath. JOHNSON, Capitalist. ALBERT, } KLAUS, } Arbeiter Questenberg's. VATER ZIEMENS, } MUTTER ZIEMENS. MARIE, deren Tochter. Ein Saenger, Herren und Damen als Gaeste. Bediente, Arbeiter, Volk.-- Zeit der Handlung im Jahre 1850. Erster Akt. Abtheilung I. Comtoir Questenbergs. Im Hintergrunde Schraenke mit Buechern, Akten, Modellen. An den Waenden haengen Zeichnungen von Maschinen. Ein Bureau links, auf dem ein geoeffnetes Kontobuch liegt. Abend, Licht. Erste Scene. QUESTENBERG; V. ZITTERWITZ. V. ZITTERWITZ (unruhig auf und ab gehend). Man sprach von einem Deficit von 500,000--ich sagte: Kinder streicht eine Nulle weg, es sind hoechstens 50,000, Questenberg war ein zu honnetter Fabrikant-- QUESTENBERG. Ich vertraute zu sehr meiner eigenen Kraft!--Der Unglueckliche gleicht einem Kranken, der immer groessere Hoffnungen an das Leben knuepft, je naeher er dem Tode rueckt . . . V. ZITTERWITZ. Eine Million! QUESTENBERG (seufzend). In Damastroben _a la chinois_. V. ZITTERWITZ. Wie konnten Sie nur auf die Grossen und Reichen dieser Zeit speculiren! QUESTENBERG. Ich hoffte, dass die siegende Contrerevolution sie herausfordern wuerde, den Luxus zu verzehn- oder verzwanzigfachen. V. ZITTERWITZ. Naiv, naiv! QUESTENBERG. Ja ich hoffte, es wuerde wieder so gehen, wie nach der Besiegung Napoleon's und der Stiftung der heiligen Alliance. Eine brillante Epoche! Da schaeumte so manches Schweisstroepflein in den eifrigen Restaurationskuechen ueber den Kessel, kam denjenigen von uns Geschaeftsleuten trefflich zu Statten, die mit dem Blend- und Gaukelwerk ihrer Industrie danach zu haschen wussten. V. ZITTERWITZ. Wer's heut zu etwas bringen will, muss ein geheimer Demagoge sein, muss auf die Eitelkeit, die Vorurtheile, die Ueppigkeit, Genusssucht, Traegheit, den Hochmuth, die Herrschsucht, mit einem Wort, auf die Confusion und den ausschweifenden Geist des untern Buergerstandes und des gemeinen Mannes speculiren! Der geschickteste Gauner macht sich in dieser Richtung zum Herrn der Christenheit, wird Praesident, Kaiser und Papst. QUESTENBERG. Herr Regierungsrath, geben Sie mir morgen noch 150,000 Thaler und Sie sollen ueber meine Demagogie erstaunen. V. ZITTERWITZ (sich den Kopf haltend). Um Gottes Willen! QUESTENBERG. Ich verfertige fortan die Damastrobe _a la chinois_ statt fuer zwanzig Thaler, fuer zwanzig Silbergroschen die Elle. Das schimmernde Kleid der "_l'etat c'est nous_" wird seiner Billigkeit wegen den Beifall unserer Kammernixen erhalten--es giebt ja fuer sie weder politische noch sociale Bedenken!--Sie kaufen und ich bin gerettet! V. ZITTERWITZ. Zu spaet, zu spaet! QUESTENBERG. Das Genie der Mechanik greift mir unter die Arme.-- V. ZITTERWITZ. Mit einer Erfindung? Ach! lassen Sie mal hoeren. QUESTENBERG. Nach zwoelf bis funfzehn Tagen habe ich Webestuehle--frueher werden sie nicht fertig--die noch einmal so schnell als meine alten arbeiten. . . . Niemand weiss davon, es bleibt Geheimniss.--Mit diesen Webestuehlen ueberfluegele ich alle Concurrenten, mache mich in kuerzester Zeit zum Millionaer!--Morgen zeig' ich sie Ihnen und stelle vor Ihren sehenden Augen Versuche an. V. ZITTERWITZ. Sie haetten mir das vor einer Woche anvertrauen sollen, die Boerse wuerde verhindert worden sein, Ihren guten Ruf anzukraenkeln!--Das Buergerthum mit seiner Industrie und Maschinenkunst ist doch der Kern aller Demagogie! Welche Propaganda macht's fuer den Aufloesungsprozess unsrer veralteten Formen! Wer von jenen mittelalterlichen Nebelrittern wirft ihm eine widerstandsfaehige Barikade entgegen! Es sind ja nicht mehr die Principien, die Weltanschauungen, die philosophischen Doctrinen, welche auszureuten und in Catholicismus zu verwandeln, sondern die von elektrischen Telegraphen, Eisenbahnen und Dampfmaschinen bedienten, im Koerper der Zeit Fleisch und Blut gewordenen Interessen!--O jeh, thu nur die Augen auf, grosser franzoesischer Weltherrscher, du findest die Kunsttapeten, Teppiche und Decken deines beruehmten Versailles heute beim mittelmaessigsten Werktagsmanne. Tritt in den Salon des schlichtesten Kaufmannes oder Handwerkers, sieh die Tische und Stuehle, die Pendeluhren, Spiegel, Leuchter, Schraenke und Gestelle deines feinsten Rokoko! Erstaune ob der Malereien, Zeichnungen, Schnitzwerke, Bildhauerarbeiten, die den Boudoirs deiner capricioesesten Maitressen nie gefehlt haben wuerden. Wohl rufst du betruebt: erhielt meine Herrlichkeit sich nicht laenger oben, bedurfte es nur zweier Jahrhunderte der geistigen Regsamkeit, um den gemeinen Mann zum Koenige und den Koenig zum gemeinen Manne zu machen!--Ich gehoere dem besonnenen Fortschritt an und schenke Ihrer Erfindung desshalb die gebuehrende Aufmerksamkeit. Bewaehrt sie sich, so--seien Sie verstchert . . . QUESTENBERG. Ein Mann ein Wort! V. ZITTERWITZ. Mein Gott, was thut man nicht um das Seinige zu retten und einen guten lieben Freund dazu, selbst ohne dem Fortschritt zu huldigen! . . . Apropos, wie stuende es mit den Zinsen, im Falle . . . QUESTENBERG. Mir kommt's auf sechs Procente nicht an. V. ZITTERWITZ (scherzend). Wer auf eine blosse Erfindung, so zu sagen, auf eine Idee sein schoenes Geld verleiht, koennte auch wohl zehn Procentlein verdienen? QUESTENBERG. Ich geize nicht und verspreche-- V. ZITTERWITZ. Sagen Sie nur gleich funfzehn . . . QUESTENBERG. Weil Sie es sind, Herr Regierungsrath, ich verspreche Ihnen . . . V. ZITTERWITZ. Zwanzig, zwanzig, ohne Scherz! . . . das wird morgen schriftlich abgemacht. QUESTENBERG. Nach Ihrem Wunsch. V. ZITTERWITZ. Es ist schon spaet, man erwartet mich zum Nachtessen . . . (Er nimmt Stock und Hut und will gehen. An der Thuere bleibt er sinnend stehn.) Der fatale Laerm an der Boerse! . . . Wuesste ich ein Mittel die Zweifel der Glaeubiger zu zerstreuen . . . Wir brauchen unbegrenzten Credit . . . anders umschiffen wir die Klippe nicht. Meine 150,000 Thaler sind fuer Ihr Etablissement wie ein Wassertropfen auf die Lippen eines Verschmachtenden . . . Verhaelt es sich nicht so? Wie lange fuettert mein Capitaelchen Ihre eisernen Riesen satt? QUESTENBERG. Etwa acht bis vierzehn Tage. V. ZITTERWITZ (ironisch). Ein grosser Spielraum zur Abkuehlung der Koepfe unsrer Geldmaenner. QUESTENBERG. Sieht man morgen, uebermorgen und nachuebermorgen das Feuer meiner Maschinen lustig brennen, so wird man sich in den Glauben ergeben, dass es nur brodneidische Verlaeumdungen oder falsche Speculationen gewisser Leute waren, die-- V. ZITTERWITZ. Sie kennen von der Art gewisse Leute? QUESTENBERG. Vorzueglich einen--er steht mir sehr nahe und spielt den Scheinheiligen unuebertrefflich. V. ZITTERWITZ. Ich halte Herrn Blashammer fuer einen kalten, ruhigen, ueberlegenden, braven Banquier. Er war der Einzige, welcher sich heute ganz still verhielt. Man bestuermte ihn um seine Meinung, allein er wich der gewitztesten Zunge aus. . . Blashammer verdiente nach meiner Ueberzeugung in unserm Bunde der dritte zu werden. QUESTENBERG. Ich kann ihm meine Buecher nicht aufschlagen. V. ZITTERWITZ. Ich meine es anders . . . Der Banquier hat eine heirathsfaehige Tochter, Sie haben einen erwachsenen Sohn. . . . QUESTENBERG. Der noch nichts ist. . . V. ZITTERWITZ. Aber etwas werden kann! Bestand er doch das beste juristische Examen. QUESTENBERG. Ich hege laengst ein Project der Art, nur weiss ich's nicht auszufuehren. . . Stelle ich dem Banquier jetzt einen Heirathsantrag, so fuehlt er Absicht und weist mich beleidigt zurueck; ich verrathe ihm die Ohnmacht meiner Lage-- V. ZITTERWITZ. Ihnen kostet's keine Ueberwindung einen Mann zu verdaechtigen der Ihr Wohlergehn wuenscht, gegen den Sie unfaehig sind, den schwaechsten Beweis zu liefern!!. Ich versprach Ihnen mein letztes Geld und bin bereit noch mehr zu thun. Die Heirath muss zu Stande kommen. Der Banquier darf uns nicht widerstehen. QUESTENBERG. Ich lege Glueck und Unglueck in Ihre Hand. V. ZITTERWITZ. Schicken Sie durch den Telegraphen eine Depesche ueber Paris nach London, mit dem Befehl schleunigster Rueckkehr an Ihren Herrn Sohn, und . . . QUESTENBERG. Er kam bereits gestern an. V. ZITTERWITZ. Um so besser! Aber aus welcher Ursache? es erstaunt mich . . . QUESTENBERG. Geld, Geld, Geld! Er kostete jaehrlich fast so viel als ich morgen von Ihnen borge. V. ZITTERWITZ. Die grossen Staedte sind das Verderben unserer Jugend. Wehe dem Vater, der dort ein Kind zum vornehmen Muessiggaenger, Fantasten, Wolluestling oder hochgespannten Weisen erzieht! . . Schlafen Sie wohl. QUESTENBERG. Noch ein Wort . . . Mir faellt ein Mittel in den Sinn--'s ist durchaus nicht zu kuehn . . . Wenn ich uebermorgen oder spaetestens Sonntag ein recht grossartiges Fest arrangirte! etwa fuer zehn bis zwoelf Tausend Thaler-- V. ZITTERWITZ (seinen Hut fallen lassend). Die Glaeubiger sollen kommen und beschaemt sich fragen, woher der Luxus, die Verschwendung, das ueppige Leben? Will er uns damit antworten? Wer bezahlt die einhundert und funfzig Musikanten-- QUESTENBERG. Die sechzig Koeche und Kellner-- V. ZITTERWITZ. Die sechs Tausend chinesischen Lampen? Oder wer liefert auf Borg die Meerkrebse-- QUESTENBERG. Die Fasanen-- V. ZITTERWITZ. Die Schildkroeten-- QUESTENBERG. Die Vogelnestern und Austern-- V. ZITTERWITZ. Die zweihundert Flaschen Champagner, Muskatweine, das Porter Bier-- QUESTENBERG. Die eingelegten Sardellen, die Artischokken, den Mokka-Caffee-- V. ZITTERWITZ. Da wir ihm den Credit versagten-- QUESTENBERG. Wir grossmaechtigen Maenner der Boerse?! V. ZITTERWITZ. Wer wagt das brillante Feuerwerk abzubrennen?-- QUESTENBERG. Wer engagirt das Pistolenschiessen und Kegelschieben, den Tanz im Garten und den Tanz im Salon, und alle koestlichen Decorationen? V. ZITTERWITZ. Wer leiht seine Stimme zum Singen schwaermerischer Lieder, zum Vortrag moralischer Schulreden, zur Declamation launenvoller kindlicher Gedichte?----Meiner Seel', 's ist 'ne wahre Kriegslist! Dass sie mir nicht einfiel!--Nur an's Werk! Arrangiren Sie das Fest. Ich gehe fuer Ihren Sohn unterdessen auf die Frei, und es muessten hoellische Dinge uns entgegentreten, wenn wir nicht Sonntag mit Fraeulein Boerse seine Verlobung feierten!--Man soll dem Unglueck Trotz bieten bis auf den letzten Moment wo es der Ehre gilt. Verfechten wir sie! der Zweck ist moralisch, er heiligt die Mittel--Auf morgen das Naehere, will's Gott. QUESTENBERG. Empfehlen Sie mich Ihrer werthen Familie. Zweite Scene. QUESTENBERG (allein). Der alte Suender! Ich zaehlte auf ihn am wenigsten und er wird zum tugendhaften Manne an mir! . . . Waere doch jeder Glaeubiger so geizig, liebte die ganze Welt ihre irdischen Gueter wie er, und ich haette keinen Grund zur Klage! . . . Aber brauche ich mir Gewissensscrupel zu machen? Nein. Dank dem Schicksal, dass kein edlerer Freund sich meiner erbarmt; mit diesem kann ich den letzten verzweifelten Versuch ohne Herzklopfen wagen. . . (Er setzt sich nieder zum Schreiben.) Dritte Scene. QUESTENBERG. SEIN SOHN. (Derselbe in gelbem Schlafrock von Seide mit reichem Besatz, in rothen Fantasiehosen und einer blauen mit Silber brodirten griechischen Muetze.) DER DOCTOR. Verzeihung, Herr Papa, dass ich in Ihr Heiligthum eindringe. QUESTENBERG. Was giebt's denn? DER DOCTOR. Nichts als Begehr Sie zu sehn. QUESTENBERG. Ich komme. DER DOCTOR. Mit Bestimmtheit? QUESTENBERG. Es dauert hoechstens noch ein Viertelstuendchen. DER DOCTOR. Unbegreifliche Geschaeftigkeit! Keine Minute Zeit! Wir waren seit Jahren getrennt, kaum hiessen Sie mich willkommen--'s ist hart!--Ich hoffte Ihre alten Tage erheitern, Ihnen Unterhaltung gewaehren zu koennen--aber wenn das so fortgeht, muss ich mich vollkommen unnuetz in Ihrem Hause fuehlen. QUESTENBERG (schreibend). Wisse nicht was Du hier sollst, ich--dem Modelleur 5400--ich hege kein Beduerfniss nach einem--fuer rafinirtes Brennoehl 80--nach einem Gesellschafter von Deiner Art. DER DOCTOR. Nicht fein!--Warum zwangen Sie mich denn London zu verlassen? QUESTENBERG. Weil ich nicht laenger zahlen kann . . . 9000 Theertonnen--Fuehlst Du keine Lust Dich zu verheirathen? DER DOCTOR. Ich? QUESTENBERG. Du . . . 2 Schock Geruestbretter-- DER DOCTOR. Lust? nein. QUESTENBERG. Du moechtest wohl immer ledig bleiben, und in der Welt umherschwaermen als Hans von Ohnesorgen? DER DOCTOR (mit Malice). Warum nicht! ich finde es wuerdiger als hier unter vergitterten Thueren und Fenstern den Judas von allem Schoenen und Sittlichen zu spielen. QUESTENBERG. Bravo . . . Der Einfuhrzoll der Baumwolle 11,000--der Seide 20,000--Es hilft Dir nichts, Du wirst Dich wohl vermaehlen muessen . . . DER DOCTOR. Muessen? QUESTENBERG. 11,000,--20,000,--5000,--und 1500 macht--macht 37,500 . . . DER DOCTOR. Das heisst also, Sie wuenschen nicht mehr fuer mich zu bezahlen. QUESTENBERG. Du wurdest ja schon ein alter Kerl! Warum sollte ich Dich noch lange bei mir auf der Baerenhaut halten! DER DOCTOR. Schoen. QUESTENBERG. Nicht wahr? DER DOCTOR.----Ich werde mich denn vermaehlen . . . Sie haben vielleicht eine recht vorteilhafte Partie in Vorschlag zu bringen? QUESTENBERG. Fraeulein Blashammer. DER DOCTOR. Ah gratulire! (fuer sich schaudernd) Brrr . . . QUESTENBERG. Ein Maedchen von vielseitigster Bildung. DER DOCTOR. (wiederholt sein Brrr). QUESTENBERG. Sie spielt Beethoven und singt Schubert, spricht fertig franzoesisch, lies't englisch und italienisch, interessirt sich fuer Architektur, Sculptur, Malerei, ja selbst fuer Naturwissenschaft--dichtet Liebeslieder und Trinksprueche, verfertigt Oden und Sonnette, steht mit bekannten Professoren in brieflichem Verkehr und schreibt, wenn ich nicht irre, sogar Kritiken fuer belletristische Journale . . . (Er steht auf und tritt vor den Doctor.) Was ist Deine Meinung? DER DOCTOR. Darf ich eine aeussern? QUESTENBERG. Ich bitte. DER DOCTOR. Vor einer gelehrten Frau flieh' ich Meilen weit. QUESTENBERG. Du, ein Doctor, ein Philosoph?!--Ah, thu' man den Schlimmen etwas Gutes! Ich dachte, da kommen einmal zwei von einem Schlage zusammen und freute mich wie ein Kind . . . Sapperment! DER DOCTOR. Sie haetten keine Ruecksicht auf meinen Charakter nehmen, sondern nach Ihrem innersten Geschmacke waehlen sollen, folglich ein Maedchen, welches Sinn fuer das Haeusliche hat, mit den Maegden in der Kueche schaltet, Struempfe stopft, Hemden naeht und ueber jeden Pfennig sorgsamst Buch fuehrt, ein Maedchen, welches besitzt was mir fehlt, Unschuld, Heiterkeit, Liebe, Vertrauen und Leidenschaft! . . . Ich bin bescheiden, Herr Papa--auf jedem Dorf prangt in herrlichster Bluthe mein Glueck! QUESTENBERG. Sprichst Du aus Verruecktheit so vernuenftig oder aus Vernunft so verrueckt. DER DOCTOR. Ein andermal die Fortsetzung. (Er legt ein Buch, welches er in der Hand hielt, auf den Schreibtisch.) Dieses Buch brachte ich fuer Sie aus Paris mit. 's ist die beruehmte Schutzzollrede Ihres Gesinnungsgenossen. Der Autor hat sie selbst redigirt und herausgegeben. Moege die Lectuere Ihnen den guten Humor wieder schenken, den Sie seit meiner Ankunft gaenzlich verloren zu haben scheinen. (ab.) QUESTENBERG. Der Regierungsrath sagte mit Recht, die grossen Staedte seien das Verderben unserer Jugend. (ab nach einer andern Seite.) Abtheilung II. Eine aermliche Wohnung bei Vater Ziemens. Auf einem Tische im Hintergrund steht ein Modell. Vierte Scene. ALBERT tritt auf mit einem Zeichenbrett unter dem Arm, gefolgt von KLAUS. KLAUS. Macht's nicht schon drei lange, lange Jahre, dass er Dich mit einer Aussicht auf eine Anstellung vertroestet? ALBERT. Es sind drei Jahre, dass er mir drei Stunden taeglich von der Arbeit schenkt . . . KLAUS. Welche Gnade! ALBERT. Wo findest Du einen Fabrikherrn, der den strebenden Geist des gemeinen Mannes grossmuethiger unterstuetzt? KLAUS. Haette ich Deine Finger--ah, ich saess' laengst in Paris oder London und scharrte das Geld haufenweis, ungezaehlt . . . ALBERT. Es klingt, als giebt's in Paris oder London keine Leute die faehiger und geschickter sind als ich . . . Man muss Deine Einfalt aufrichtig belachen! Wie weit sind Sie in der Chemie? Was verstehen Sie von der Mathematik? Welche Principien leiten Sie in der Constructionslehre? Geben Sie mir Ihre Zeugnisse von der Akademie--Machten Sie Reisen nach den groessten Fabrikstaedten Europa's? . . Der Pariser oder Londoner Fabrikant wuerde Augen machen! . . . Ich erwarte von Herrn Questenberg keine goldene Gerechtigkeit, aber bin ueberzeugt, dass er mich besser stellen wird, sobald ich ein Verdienst besitze. KLAUS. Giebst Du mir fuenfzig Thaler ab, wenn ich Dir eine Stellung von hundert Thaler monatlichem Einkommen verschaffe? ALBERT. Hier? KLAUS. Nein hier nicht. Wir wandern aus. In London gehe ich mit Deinem Modell zu irgend einem grossen Lord. Ich explicire es ihm. Nach wenigen Bedenken leiht er uns sein Capital. Eine neue Fabrik tritt in's Leben und wir sind gemachte Leute! Gelingt's uns nicht in London, so finden wir in Amerika einen Kompagnon auf der ersten besten Strasse. ALBERT. Schade, dass Du kein reicher Mann bist, ich wuerde gute Geschaefte mit Dir machen. KLAUS. So viel las ich aus Zeitungen und Buechern zusammen, dass das Talent in jenen freien Laendern schneller zu etwas kommt. ALBERT. Da Du davon ueberzeugt bist, geh' mir voran. KLAUS. Mit Dir laesst sich nichts Vernuenftiges reden . . . ALBERT. Goenne mir die wenigen Stunden, welche ich fuer mich habe. KLAUS. Weisst Du, weshalb der Questenberg den Mechanikern den Verfertiger der Skizzen und des Modelle verschweigt? . . Er will ihn vor seinen eifersuechtigen Concurrenten verbergen, in Abhaengigkeit und Dummheit erhalten. ALBERT. Du denkst schlecht von unserm Herrn. KLAUS. Bauen wir schleunigst ein neues grosses Modell--ich helfe daran so gut ich kann--miethen in der Stadt ein Lokal, stellen es dort auf und machen mit grosser Schrift durch die Zeitungen bekannt: hoechst merkwuerdig fuer alle Zeugfabrikanten im In- und Ausland. Neue Erfindung von unermesslicher Tragweite. Construction eines Musterwebestuhl's, der in halber Zeit das Doppelte des bisher gebraeuchlichen leistet. Zu sehen taeglich und stuendlich. Entree fuenf Silbergroschen. ALBERT. Damit mache ich mir den Herrn zum Todfeinde. KLAUS. Hole ihn doch der--Ehe wir das Modell ausstellen, schicken wir's nebst Zeichnung an die Regierung ab. Dieselbe laesst es von Sachverstaendigen pruefen. Wird die Erfindung anerkannt, so erhalten wir ein Patent. Dann darf niemand das Ding abgucken, ohne uns zu entschaedigen. An's Werk Albert! Ich zeige Dir den Weg einer Industrie, die uns zu freien Leuten und in wenigen Jahren reich macht! Du sollst sehen, wie die Fabrikanten von Nah und Fern herbeistroemen und den grossen Fortschritt des neuen Jaquard begruessen. ALBERT. Du blaehst die Muecke zu einem Elephanten auf. KLAUS. Es foerdert unsern Zweck! ALBERT. Ich schaetze die Erfindung gering.--Und gehoerte sie mir allein, so wollte ich mich Dir weniger widersetzen; Herrn Questenberg und seinen gelehrten Technikern gebuehrt das groessere Verdienst . . . KLAUS (verzweifelt). Dafuer, dass sie sie Dir wegstehlen. ALBERT. . . . Es gereicht mir zur Beruhigung, meine Idee benutzt zu sehen; ich fuehle mich von keinem falschen Wahn irre geleitet; was ich erstrebe ist meiner Begabung gemaess; mit Recht darf ich ausharren und meinen Durst nach Vervollkommnung loeschen . . . KLAUS. Ha, Du willst essen und es fehlt Dir an Brod; Du willst lustwandeln und bist an einen Felsen geschmiedet!--Wohin Dich die falsche Bescheidenheit fuehrt!--Elender Sclav', richte Dich empor, erkenne wo Du bist und zu welchem Zweck der Herr Dich inspirirt! Doch ich habe zu viel getrunken, ich weiss nicht was ich rede, ich bin ein Aufhetzer, ein wilder unzufriedener Gesell, dem's Vergnuegen macht, gute fromme Leute zum Schlechten zu verleiten.-- ALBERT. Theurer Klaus, Du denkst gut und herzlich, aber lass' mich der Meister meines Geschickes bleiben. KLAUS. Der warst Du noch nie, werde es erst!--Begreife den allmaechtigen Sinn, welcher die alte Welt im innersten Wesen erschuettert und um und um geworfen hat. Erst das Mittel und dann den Zweck. Erst freie Haende und Fuesse und dann an das Werk gesetzmaessiger Bildung; 's ist klar wie das Einmaleins!--Wetze Dein Schwert und zerhaue den Knoten, folge meinem Rath!--O besaessest Du Courage! Wir koennten uns wie der Blinde und der Lahme helfen. In Betreff meines Speculationsgeistes darf ich mich hinter Deinem Talente nicht verkriechen. ALBERT. Ich glaube selbst, dass in Dir ein grosser Banquier verloren ging. KLAUS. Sage, ein zweiter Rothschild. ALBERT. Geld und nur Geld ist Deine Losung. KLAUS. Zunaechst nichts weiter. ALBERT. Was fingest Du wohl an, wuerdest Du Herr einer Million? KLAUS. Vor allem kaufte ich mir einen gelben Schlafrock, eine blaue Muetze und ein paar rothe Hosen, so prachtvoll als der junge Doctor aus der Fremde mitgebracht hat,--Du sahst ihn doch schon in diesem Anzug? ALBERT. Nein. KLAUS. Mir schwamm's vor den Augen, so wurde ich geblendet.--Ich begegnete ihn mit seinem neufundlaendischen Hunde in der Allee. Nach Gebuehr zog ich die Muetze,--indess der Dank wurde mir von dem Herrn wie von dem unschuldigen Thiere versagt. Ich nahm's nicht uebel . . . MARIE (singt draussen). KLAUS. Die Stimme Deiner Turteltaube . . . Ja, ja, da sitzt der Haase im Pfeffer. Deshalb muss Sclaverei suess schmecken und die Wahrheit verlaeugnet werden. Pah, ich verstehe Dich laengst, Albert--mag's mit heute aber genug sein! . . . (Indem Marie eintritt, zieht er schnell ein Buch aus der Tasche und lies't.) "Der erste Satz lautet so: Der Mensch ist geboren um zu leben. Das Leben besteht in der Befriedigung unserer Beduerfnisse" . . . Fuenfte Scene. DIE VORIGEN. MARIE. ALBERT. Warum kommst Du nicht naeher? . . . Gruess Dich Gott! MARIE. Fuercht' Eure gelehrte Unterhaltung zu stoeren. KLAUS. Bitte sehr, Jungfer--es handelt sich um hoechst einfaeltige Fragen. MARIE. Was mir wohl erlaubt ein Woertchen mitzusprechen? KLAUS. Wenn's Ihnen beliebt.-- ALBERT (mit leisem Laecheln). Es wird uns zur Erbauung dienen. MARIE. Traun, dann hoert! Ich halte fuer besser, dass Ihr an Eure Arbeit denkt. KLAUS. Aber Jungfer, ein bischen Licht sollt' uns doch so viel nicht schaden. MARIE. Was Ihr Licht nennt!--Schweigen Sie nur, Klaus! Wer ein ordentlicher Mann ist, sorgt zuerst fuer einen guten Rock, dann meinetwegen fuer einen Ministerposten . . . O, Sie wollen hoch hinaus! Glueck zu! KLAUS. Ihre Vorwuerfe sind ungerecht. ALBERT. Was bringt Dich so auf?! MARIE. 's ist nicht heut', wo ich erkenne, dass Du an Klaus Geschmack findest-- KLAUS. He, bin ich ein Missethaeter? Warum soll er nicht an mir Geschmack finden? Die Beweise, Jungfer, oder--Sturm und Hagel! . . . MARIE. Dass ich Ihr Schuld- und Schuldenregister nicht aufdecke! KLAUS. Ah, nur zu! Doch vergessen Sie nicht, dass ich Ihnen als Entgegnung einen Spiegel vorhalten koennte, der Ihre liebreizende Jungfraeulichkeit, besonders vor dem frommen Albert, in keinem besonders guenstigen Lichte darstellt. MARIE. Das waere abscheuliche Verlaeumdung. KLAUS. Wohl in gewisser Beziehung,--denn ein Spiegel reflectirt alles verkehrt. MARIE. Was liess ich mir denn zu Schulden kommen? KLAUS. So lange Sie mich schonen, schon' ich Sie. MARIE. Ueberfluessig!--Heraus damit. KLAUS (sarkastischen Laechelns auf Albert anspielend). Es moechte Ihnen bei Jemand einen Meineid kosten-- MARIE. Abscheulicher!--Du duldest das, Albert? Weis' ihm doch gleich die Thuer, schuetze mich! KLAUS. Ich gehe schon, Jungfer. ALBERT. Konntest Du Dich nicht beherrschen! Dir ist ja sein Laestermaul bekannt, warum reiztest Du ihn!? . . . KLAUS. Leb' wohl Kamerad! . . . ALBERT wendet ihm den Ruecken. KLAUS. Hi, hi, hi,--koennt ich mich aus einer Kanone dem Herrn Questenberg in's Herz schiessen, so thaet' ich's. Fuer Dich bin ich im Stande alles, selbst mein Leben, zu verwetten!----Apropos! Ich vergass der Jungfer eine gar wichtige Neuigkeit zu melden-- MARIE. Packen Sie sich nur, Elender. KLAUS. Vor einigen Tagen kehrte der junge Doctor Questenberg als ein sehr schmucker Herr aus der Fremde zurueck. Die Jungfer wird sich an ihm die Augen versehn! MARIE. Pfui. KLAUS. Hi, hi, hi, hiermit Adieu. Sechste Scene. DIE VORIGEN ohne KLAUS. MARIE (nach einer Pause).----Ihr bracht verlegen das Gespraech ab als ich in die Stube trat, wovon war die Rede? ALBERT. Du kennst seine Absichten, er sang mir das alte Lied. MARIE. Und musste Dich tief erschuettern! . . . Ha, Du schenkst seinem Rathe innerlich Beifall, Du haengst ihm an! Der Wahrheit die Ehre!--Es steht alles auf Deinem bleichen Gesicht. Laengst ward mir klar, dass ich Dir ein Hinderniss bin! Du schwankst zwischen zwei Neigungen, die sich nicht vereinen lassen: es sind bereits fuenf oder sechs Jahr! Traun, 's ist Zeit, Dich zum Ziele zu fuehren. Albert, ich bin bereit, mich Deinen Traeumen zu opfern! ALBERT. Meinen Traeumen!? MARIE. Besaesse Herr Questenberg von Deinem Talente Ueberzeugung, beseelte ihn der Wunsch, etwas Gutes aus Dir zu erziehen, so haett' er schon fuer Dich gesorgt. In seiner Macht steht viel, sein Ansehen ist gross. Wohl kostete es ihm ein Woertlein nur und die Regierung oder der Koenig naehme Dich in Schutz. Du wuerdest auf oeffentliche Kosten in den Akademieen ausgebildet, nach allen beruehmten Werkstaetten der Industrie geschickt und nach ueberstandener Pruefung in einem Etablissement des Staates untergebracht. . . Wohin strebst Du hier in Deiner Ohnmacht? Allein auf Dich selbst gestellt, ohne Huelfsquellen, ohne Unterweisung, ohne Rath treibt Dich ein hohler Duenkel durch eine oede Wueste unaussprechbarer Qual--Albert, Albert, das gelobte Land ist weit, Du wirst sterben ohne es von ferne zu sehen. ALBERT. Du kennst weder meine Kraft, meinen Willen, noch Herrn Questenberg. Glaube mir, er unterstuetzt mich aufrichtig-- MARIE. Etwa in dem Sinne, dass Du vom Hochmuthsteufel Dich selber kuriren sollest-- ALBERT. Niemand kann mich tiefer verachten, Du verneinst den Glauben an meinen Beruf! 's ist das einzige Band, welches mit der Gottheit mich verbindet, welches mir sagt, dass ich ein hoeheres Wesen bin als das beschraenkte Thier. MARIE. So schwaermt Klaus. ALBERT. O, Du fuehlst die Flamme nicht, die mir im Busen brennt. MARIE. Albert, lass' Dich von der Stimme des Guten leiten. Liebe den Webestuhl, doch arbeite, statt fuer die Vervollkommnung seines Mechanismus, fuer die Erhoehung Deines Lohnes! Du wurdest nicht zum Techniker geboren.--Sieh, unser Nachbar trat mit Dir zu gleicher Zeit in die Fabrik ein. Wie ueberfluegelte er Dich! Du stehst noch immer auf der untersten Stufe und kannst Dir selber kaum helfen, waehrend er bereits Dreien hilft, und mit zufriedenem Herzen. Welche gluecklichere Thaetigkeit begehrt der Bescheidene? Wer nach Kleinem strebt, wird des Grossen Herr . . . Schwoere den Wahn ab!--Kannst du noch zweifeln? ALBERT. Hoere auf davon. MARIE. Ich will Dich weder mit List noch Gewalt an mich fesseln!--Erfahre was meine Mutter beschloss: Du sollst unser Haus raeumen; die Umstaende gebieten's!--Keine entsetzte Miene! Zittre nicht! Schnuere das Buendel, schleiche Dich heimlich weg!--Es dauert nicht lange und die Gewohnheit an mich schwaecht sich in Dir ab.--Schon morgen wird ein Hoffnungsschimmer den Schmerz Deiner Seele brechen; Du wirst das Truggebilde der Freiheit begruessen als Erloeserin, und im Dunkel der Zukunft die flammende Siegerkrone Deines Strebens erblicken. Erwarte nichts mehr von mir, ich gab Dir alles was die Armuth besitzt! Geh' ohne Schaam! Bereu' meine gekraenkte Jugend nicht, eben so wenig meinen beleidigten guten Ruf.--Mir geschieht recht! Oh, Du warst Gottes Engel und mein Raecher! Warum verschloss ich meine Sinne jedem Rathe der Erfahrenen, warum trotzte ich der eigenen Vernunft und zehrte schonungslos das Leben der braven Eltern auf, warum harrte ich von einem Monate, von einem Jahre zum andern in suendhafter Geduld, Dir feige verschweigend meine Pein?! ALBERT. Erbarmen! MARIE.--Du bist rein wie der Festglocke feierlicher Ton!--Geh' nur hin, verhalle, mein Gebet folgt Dir nach! (Sie will gehen.) ALBERT. Bleib' Marie. MARIE. Was wuenschest Du noch? ALBERT. Herr Questenberg giebt heute ein grosses Fest. Es laesst sich voraussetzen, dass er aussergewoehnlich guter Laune ist. Wenn ich zu ihm ginge? Vielleicht will's der Himmel--Sollte er nicht durch die Darstellung unserer Lage zur Grossmuth gestimmt werden? sollte das Gefuehl seiner Bedeutung ihn heute nicht schmeicheln und . . . MARIE. Versuch's. ALBERT. Bis dahin, Marie . . . (Ihm versagt das Wort. Er legt schnell einen Rock an). MARIE. Bis dahin, gut Albert, auch bis dahin!--Fahre hin gekraenkter Stolz, verschmaehte Liebe vergiss! Bis dahin! Nur bitt' ich Dich, eile! Kuerze die schreckliche Zeit der Ungewissheit! Sprich mit feurigen Zungen, male unser Elend, dass es Steine zu Thraenen ruehrt, stelle das Herz des kalten Gebieters mehr auf die Probe als ich das Deine--O, nicht alle Menschen sind unbezwingbar! Nur Muth, Albert! ALBERT (macht einen Wink nach oben und geht). MARIE (blickt ihm von tiefem Schmerz ergriffen nach). Zweiter Akt. Abtheilung I. Vorzimmer zum grossen Festsaal. Erste Scene. ALBERT. QUESTENBERG mit vielen Orden auf der Brust, sitzt nachdenklich in einem Lehnstuhl. QUESTENBERG (nach einer Pause, zerstreut) . . . Geendet?--Du sprachst von Deiner Braut als waere sie Dir eine Last.-- ALBERT. Um Entschuldigung-- QUESTENBERG. Du thatst Aeusserungen, die darauf schliessen lassen.--Doch sei dem wie ihm wolle, sie ist es, welche Dich hergetrieben hat? Ja, ja, ja! Und was bemerktest Du, dass ihr zu Liebe Dein Wille sein wuerde, falls ich die Bitte Dir versage? Nur nicht schuechtern-- ALBERT. Ich saehe mich genoethigt meine Uebungen einzustellen. QUESTENBERG (klingelt. Ein Bedienter.) Hol' mir aus dem Cabinet das grosse Buch mit Zeichnungen von Leblanc. (Bedienter ab.) Ich bestimme es Dir zur Vorschule im Aufreissen der Maschinen. 's ist das populaerste und beste unseres Faches. Du wirst jedes Vorlegeblatt in versechsfachtem Maassstabe nachmachen und ueber jedes Detail der Construction mir die klarste Rechenschaft ablegen. (Der Bediente bringt das Buch und haendigt es nach dem Winke Questenberg's dem Albert ein, der's schuechtern aufschlaegt.) ALBERT (nach einer Pause). Wie unwissend blicke ich auf alle diese Figuren. Eine neue Welt erschliesst sich mir! QUESTENBERG. 's ist ein reicher Schatz. ALBERT. O Gott, koennte ich alles auf einmal verschlingen. QUESTENBERG. Nur mit Geduld erwirbt man sich das lautere Gold dieses schweren Lehrers . . . Ich hoffe, Du wirst darueber die thoerichten Heirathsgedanken in den Hintergrund schieben. ALBERT. Wenn ich ein halbes Jahr, o nicht so viel, drei Monate nur, das Buch durchuebe--laenger darf mir sein Inhalt nicht fremd bleiben--werde ich's dann wagen koennen zu bitten-- QUESTENBERG (laechelnd). Nach einem Jahre wollen wir untersuchen wie weit dasselbe Dein Eigen ward. ALBERT. So fahre hin grosser Meister, Dir zu folgen bin ich zu schwach!--(Er macht eine Bewegung als wollte er's wegwerfen.) QUESTENBERG (die Haende auf dem Ruecken, vor ihn tretend). Bedenk' Er Grobian, wo Er sich befindet und was seine Schuldigkeit ist. ALBERT. Ach, mein Gebieter, es zerreisst mir das Herz! QUESTENBERG. (Nach kleiner Pause.) Da nimmt ein unreifer Bursche Schlafstelle wo 's 'ne verfuehrerische Dirne giebt. Ein bischen Scherzen und Kuessen, denkt er, kann nicht viel auf sich haben, nuetze die billige Gelegenheit. Das geht denn einige Wochen recht unschuldig von Statten und er lacht sich schon schadenfroh in's Faeustchen. Aber sieh, wie's nach einem Jahre steht. Ein Freund kommt, ihn an ein altes Versprechen erinnernd; es handelt sich in die Fremde zu gehen, die Welt kennen zu lernen, nuetzliche Erfahrungen zu sammeln.--Mein Herr Springinsfeld zieht jetzt verlegen das Gesicht: "ich hielte schon Wort, koennte man den Schatz nur in's Tornister packen."--Ade Begeisterung zur tuechtigen Erlernung des Handwerks, ade Wissenschaft und Kunst, ade Talent, ade Vernunft und Moral! Alle schoenen Entwuerfe des hoffnungsvollen Juenglings muessen vor dem Gestirn seiner Liebe untergehn!--Wie alt bist Du? ALBERT. Sieben und zwanzig Jahr. QUESTENBERG. Ein erstaunliches Alter! "Mein Gott, man ist so allein in der Welt, ohne herzliche Erbauung, ohne Pflege, ohne Stuetze und was das entmuthigendste, man quaelt sich und weiss nicht wofuer! Kannst Du's noch zu etwas bringen, da 's Dir bisher so wenig glueckte! Entsage den taeuschenden Hoffnungen und heirathe, schnell, um jeden Preis!" Diese Gefuehle nahmen nach und nach Dein ausschweifendes Herz gefangen.--O ich kenne das! 's ist zu beseligend auf der untersten Stufe des Erwerbes stehen zu bleiben! Welche Wonne nach wenigen Jahren, trittst Du von der erschoepfenden Arbeit spaet Abends in den dumpfen Raum der ungastlichen Huette! Die weiland rosenwangige schmucke Jungfrau, verwandelt in ein blasses Weib, nachlaessig mit Lumpen behaengt, in der unerbaulichen Haushaltung an Koerper und Geist verkuemmert, kommt Dir muerrisch oder vorwurfsvoll entgegen. Sie haelt die zitternde Hand auf; es fehlt dieses und jenes und vor allem Brod, denn die Kleinen schreien: "Mehr, mehr, Du giebst nicht genug; wir muessen verhungern. Abscheulicher, ich weiss wo das Geld bleibt" . . . Sie schilt Dich einen Saeufer und untersucht Dir verzweifelt die Taschen.--Dieser Zustand mag im Sommer noch golden sein,--aber im Winter! Woher die warme Kleidung, das noethige Holz und auf Neujahr die Miethe?! Der angestrengteste Fleiss ringt dem kurzen Tage kaum die Haelfte der Beduerfnisse ab. Die Zukunft muss verpfaendet werden. Schulden ueber Schulden haeufen sich; eine flaue Zeit tritt hinzu. Die Thaetigkeit stockt, die Loehne werden herabgesetzt.--Wie abbezahlen oder womit sich helfen? Die Glaeubiger werden ungeduldig, sie stellen einen Termin, bis dahin und nicht weiter.--Ein Gerichtsdiener! O Himmel! der elende Kram des Hausrath's muss fort. "Seht wo ihr die Kinder bettet." "Was verschuldeten doch die Aermsten, sie koennen auf faulem Stroh in der Kaelte nicht schlafen!" Keine Gnade!--Die schlechte Nahrung und das ungesunde Lager erzeugen Krankheiten. Der Vater im Schuldthurm, die Mutter von Haus zu Haus bettelnd, die leidenden unschuldigen Geschoepfe hilflos unter verriegelter Pforte!--Dies ist das Paradies, welches Dich anzieht. Nimm jetzt Dein Buch artig untern Arm und geh' nach Hause. ALBERT. Darf ich dem verzweifelnden Maedchen denn keine troestende Hoffnung ueberbringen!? QUESTENBERG. Verstockter Kopf, sagte ich noch nicht genug!--Ich soll helfen, dass Dein schoenes Talent sich im Keime zerstoere? Da muesst' ich kein Mann von Gewissen sein! (Ihm am Ohre zupfend) Lass Er die Dirne fahren, versteht Er, Herr Pinsel? Zweite Scene. DIE VORIGEN. V. ZITTERWITZ. V. ZITTERWITZ. Wir stoeren doch nicht? QUESTENBERG. Durchaus nicht, Herr Regierungsrath.--Haben Sie nur die Guete naeher zu treten. V. ZITTERWITZ. Es ging etwas laut her? QUESTENBERG. Nehmen Sie Platz. (Der Regierungsrath setzt sich, zieht seine Brille und betrachtet Albert von der Seite.) V. ZITTERWITZ. Musste eine moralische Lection ausgetheilt werden? QUESTENBERG. Leider! (heimlich) Was halten Sie von dem Menschen? V. ZITTERWITZ. Hum, ich bin durchaus kein Kenner des gemeinen Mannes, aber ich wuerde mich an Ihrer Stelle mit dem Subjekte keine fuenf Minuten befassen . . . (Er betrachtet Albert noch einmal.) Es kommt mir wenig hoffnungsvoll vor . . . Fast moechte ich wetten, dass es zu den Proudhonisten gehoert, naemlich zu der Secte der allein ehrlichen Leute, die Eigenthum fuer Diebstahl halten. QUESTENBERG. Er gehoert zu den Socialisten. V. ZITTERWITZ. Die traeumerischen Augen und der schlaue Zug um den Mund verrathen's. Ha, koennte ich wie ich wollte! Man lies't es sprechend von seiner Stirne. Wehe uns, erscheint der Tag wo diese Bestialitaet sich entfesselt! QUESTENBERG. Es kommt hoffentlich niemals dahin. V. ZITTERWITZ. Man kann nicht wissen.--Die Staatsmaenner entwickeln noch zu wenig Energie, sie haben ein feiges Herz, scheuen sich das Uebel mit der Wurzel auszureuten. QUESTENBERG. Was wird denn versaeumt? V. ZITTERWITZ. Ich will die Meinung fuer mich behalten.--Stuend's in meiner Macht, so muesste der famose Kerl sogleich zum Chirurgus. Ein starker Aderlass oder etliche Schroepfkoepfe wuerden ihm schon die Demagogenhitze vertreiben. QUESTENBERG. 's ist der Meister, auf den Sie Ihre letzten Hunderttausend zu stellen, das liebe Vertrauen besassen. V. ZITTERWITZ (unglaeubig vom Stuhle aufspringend).----Natur deine Launen sind schrecklich! An welche Gestalten verschwendest du deine hoechsten Gueter!--Was bemerkt doch Goethe darueber--ich glaub' 's ist der alte Papa--oder ist's Schiller? nein, nein Wieland! still 's ist Jean Paul! . . . (Er greift sich hastig in die Tasche.) Habe ich nicht ein paar Groschen bei mir--es draengt mich meine schiefe Meinung . . . QUESTENBERG. Bemuehen Sie sich nicht, ich bitte. V. ZITTERWITZ. Darf ich ihm dies Thaelerchen, gleichsam zur Ermunterung, schweigend in die Hand druecken? Ah so, so, so--Sie waren ja mit ihm in Unfrieden, 's ist unpassend . . . QUESTENBERG. Er hat's nicht verdient. V. ZITTERWITZ. Entschuldigen Sie meine Verwirrung . . . QUESTENBERG (zu Albert). Du ueberhoertest wohl vorhin meinen Befehl? (Albert zoegert als wollte er noch etwas sagen und geht dann ab.) V. ZITTERWITZ. Jaquard war auch nichts mehr als ein Arbeiter! Jesus Christus, der Verkuender unserer erhabenen Religion, wurde in einer Krippe geboren.--Fangen wir mit Johannes Guttenberg und dem schlichten Bergmannssohne von Eisleben an: welche lange Reihe unsterblicher Wohlthaeter entstiegen dem untersten Pfuhle des Volkes! Und sie brachten die Welt in so kurzer Zeit auf eine Stufe der Entwickelung, dass jeder aecht wissenschaftliche Anhaenger der Geschichte sich darob vor Erstaunen gleichsam mit einem Hammer an die Stirn schlagen fuehlt! Meiner Seel', ich rueckte schon mit etlichen ehrlichen Thalern alle Jahre heraus, wuerde mir die winzige Ehre zu Theil dem Fortschritt einen neuen Heiligen zuzuschanzen! . . . Aber das sociale Problem! Ja, ja, ja! Giebt man dem Buben ein huebsches Taschengeld, eine bequeme Wohnung, taeglich einen guten Braten, so schlaegt sein Genie auf die schlechte Seite um.--Statt mit seinem Talente nuetzen zu lernen, lernt er schaden; er wird faul, eitel, wolluestig, ueberspannt und politisch! Bald stolzirt er als Haeuptling der Demokratie umher und dankt unsre Wohlthaten mit Nackenschlaegen!----Doch was ich Ihnen noch schnell mittheilen wollte--Ich sprach eben auf der Boerse mit Blashammer . . . QUESTENBERG. Wird er kommen? V. ZITTERWITZ. Zur angesagten Stunde. Er schenkt Ihnen hohe Aufmerksamkeit, Sie glauben es kaum. QUESTENBERG. Nun? V. ZITTERWITZ. Er hat express den alten langen Rock mit einem neuen vertauscht, noch mehr, er liess sich die Haare verschneiden und sogar brennen! QUESTENBERG. Dazu bequemte er sich nie, selbst wenn's einer Audienz beim durchreisenden Finanzminister galt. V. ZITTERWITZ. Und was ihm die Krone aufsetzt, er wird eine Rede halten, die Ihnen Lob und Vertrauen spendet. QUESTENBERG. Unmoeglich! V. ZITTERWITZ. Wenn die Stummen anfangen, muessen die Schreihaelse sich verkriechen. QUESTENBERG. Begannen Sie die Propaganda schon in Bezug . . . V. ZITTERWITZ. Einige Brocken streute ich aus.--Sein Gesicht verzog sich suess-saeuerlich und schien beistimmend laecheln zu wollen . . . Nachdem wir heute einige Flaschen Champagner ausgestochen, nehme ich ihn herzhaft in die Schmiede.--Meinen Eid, die Verlobung soll noch vor Mitternacht zu Stande kommen!--Ein verschwiegener Kupferstecher musste mir schon die schoensten Karten drucken--Sehen Sie da! (Er zeigt ihm ein Paeckchen Karten.) QUESTENBERG (lesend). Adelgunde Blashammer, Doctor Questenberg, Verlobte. V. ZITTERWITZ. Gefaellt die feine Schrift? QUESTENBERG. (Musik.) 's ist die geschmackvollste, welche ich jemals sah. (ZWEI DIENER ziehen die Vorhaenge der breiten Mittelthuer fort. Man blickt frei in den Festsaal, wo an einer langen reich besetzten Tafel die Herren und Damen stehn.) V. ZITTERWITZ. Welche reiche Zahl! QUESTENBERG (den Regierungsrath unterfassend). Uns beiden nur, so innig eins, geziemt's die lieben Gaeste zu begruessen. Dritte Scene. DIE GAeSTE. V. ZITTERWITZ. BLASHAMMER. QUESTENBERG. DER DOCTOR. QUESTENBERG (einigen der Reihe nach die Hand drueckend). Willkommen von Herzensgrund.--Hab' ich einen Wunsch noch zu dem Glueck, dass Sie mir bereiten', so ist es der, gefaelligst fuerlieb zu nehmen. V. ZITTERWITZ. Willkommen schoenes Fraeulein Adelgunde.--Was macht die traute Freundin Pipi? QUESTENBERG. Ich bedaure Frau Polizeiraethin, dass der Herr Gemahl bettlaegerig wurde--ach! der arme Mann nimmt's mit seiner Amtspflicht zu scharf! V. ZITTERWITZ (stolz im Vorbeigehen). Genehmigen Sie meine Reverenz, lieber Oberbuergermeister. (Der Oberbuergermeister verbeugt sich tief). QUESTENBERG. Und nun vergessen wir doch die warme Suppe nicht . . . Willkommen, willkommen mein braver von Gnadenbrod.--Noch immer lendenlahm aus dem schleswig-holsteinischen Kriege? . . . Was macht der Fuss des braunen Wallach's mein Graf von Halleluja?--Freut mich, freut mich! Vierte Scene. DIE VORIGEN. EIN SAeNGER in feiner Toilette. DER SAeNGER. Was ist des Deutschen beste Kunst? (JUNGE LEUTE an der Tafel unten lachen und rufen: bravo, bravo!) V. ZITTERWITZ. Des Deutschen beste Kunst! Sonderbar, was versteht man darunter? BLASHAMMER (ihm einen Teller reichend, der von Hand zu Hand ging). Ich meines Theils denke, es ist die Esskunst.--Stimmen Sie mir gefaelligst bei, ich bitte . . . V. ZITTERWITZ. Das sind auslaendische Krebse? Ah ich ass sie einst in Paris _en cabinet particulier_ mit einer allerliebsten _Etudiante du quartier latin_ . . . Schein und Duft waessern den Gaumen . . . . (Nachdem er sich bedient und den Teller weiter gereicht zum Doctor): Den jungen Naseweisen da unten scheint das Lied schon bekannt zu sein, Ihnen auch? DER DOCTOR. Freilich. V. ZITTERWITZ. Und es enthaelt nichts Anstoessiges, was Maenner von staatlichem Beruf in eine peinliche Lage bringen kann? DER DOCTOR. Ich buerge Ihnen.-- V. ZITTERWITZ (zu Blashammer). Was wollten Sie bemerken? BLASHAMMER. Wir haben des Traurigen schon in Huelle und Fuelle. Ich wuerde fuer ein Lied stimmen, das die Lachmuskeln gehoerig in Bewegung setzt, als zum Beispiel: (singend) Vetter Michel wohnt in der Laemmer, Laemmerstrass' . . . oder (singend) Ich bin der Doctor Eisenbart, kurir die Leut' nach meiner Art, trallallalalla . . . Ist des "Deutschen beste Kunst" von diesem Genre, lieber Doctor? DER DOCTOR. Hum, sie dient beiden Extremen unserer Stimmung.--Der Traurige kann weinen, der Heitere lachen . . . BLASHAMMER. So werden wir vielleicht das Glueck haben, neutral zu bleiben, denn ich weiss nicht in welcher Stimmung ich bin! V. ZITTERWITZ. Meiner Seel', ich auch nicht . . . DER DOCTOR (heimlich zum Regierungsrath). Das Lied fliesst aus meiner Feder, hi, hi, hi . . . . V. ZITTERWITZ (lachend). Eia, popeia! BLASHAMMER. Was saeuselte er Ihnen in's Ohr? DER DOCTOR. Pst, pst! machen Sie kein Aufsehen. V. ZITTERWITZ. Wir muessen Partei ergreifen, Herr Blashammer . . . Sie werden lachen, indessen ich Thraenen vergiesse . . . Der junge Doctor ist auch ein Poet! hi, hi, hi, hi . . . (Der DOCTOR giebt einen Wink zum Anfang). DER SAeNGER (mit Orchesterbegleitung). Was ist des Deutschen beste Kunst? Die, welche frei von Schwulst und Dunst, In jedem Herzen wiedertoent, Zur Einheit Jung und Alt versoehnt? O halte ein! Sie war's wohl einst, kann's nicht mehr sein. Was ist des Deutschen beste Kunst? Die, welche frei von Schwulst und Dunst, Den Schwachen schuetzt, den Starken wehrt, Des Heilands Worte froemmig ehrt? O halte ein! Sie koennt' es wohl und darf's nicht sein. Was ist des Deutschen beste Kunst? Die, welche frei von Schwulst und Dunst, In Land und Stadt der Leute Fleiss Zum Ziel des Heils zu lenken weiss? O halte ein! Sie sollt' es wohl und soll's nicht sein. Was ist des Deutschen beste Kunst? Die, welche frei von Schwulst und Dunst Das Recht verklaert, den Geist erhebt, Die Menschheit zu vergoettern strebt? O halte ein! Sie mocht' es wohl und kann's nicht sein. Was ist des Deutschen beste Kunst? Die, welche frei von Schwulst und Dunst Die Sitte lenkt, das Leben fuehrt Und jede Handlung edel ziert? O halte ein! Sie kann es schon gewiss nicht sein. Was ist des Deutschen beste Kunst? So nennt sie endlich mit Vergunst! Es ist doch nicht die Niedertracht, Wo feig der Schalk sich selbst belacht! O halte ein! Sie kann es nie von Herzen sein. Sie kann es nie von Herzen sein, O Gott vom Himmel sieh' darein Und staerk' uns bald mit heil'ger Kraft: Es falle ihre Meisterschaft! O stimmet ein, So soll es und so wird es sein. Fuenfte Scene. Alles wie vorher, ohne den Saenger. Nach kleiner Pause allgemeinen Schweigens, wo man nur das monotone Geraeusch der Essenden, die klappernden Heller, Messer und Gabeln hoert, beginnt V. ZITTERWITZ zum DOCTOR: V. ZITTERWITZ. Das schoene Lied scheint gewirkt zu haben! In welchem Verhaeltniss steht indessen sein tiefer ernster Inhalt zu der werthen Persoenlichkeit des jovialen, flotten, koketten Ritters der modernen Galanterie? DER DOCTOR. In keinem. V. ZITTERWITZ. Sie nehmen mir die harmlose Frage nicht uebel. Ihr "leben und leben lassen", Ihre geniale Luederlichkeit und aesthetische Bummelei, mit Permission gesagt-- DER DOCTOR. (lachend mit einer Verbeugung) Hoechst schmeichelhaft . . . . V. ZITTERWITZ.--ist leutekundig. Nie haette ich in Ihnen einen Socialphilosophen und poetisirenden Moralisten gesucht. DER DOCTOR. Betrachten Sie alle grossen Worthelden unserer Zeit, zum Beispiel sich selbst, und Ihnen begegnet dasselbe Problem. (BLASHAMMER erhebt sich mit einem Becher.) V. ZITTERWITZ. Soll's schon losgehen? BLASHAMMER. . . . Meine Herrschaften, wer uns so splendid bewirthet, hat gewiss kein falsches Spiel im Sinne, nein! so wahr ich das Leben und Treiben unseres lieben Gastgebers kenne, er zeigt nur wie haltlos die Geruechte waren, welche neidische Verlaeumder seit einigen Tagen gegen ihn in Umlauf setzten. Meine Herrschaften, Untergang der Luegenbrut! Heben wir uns im Vollgenuss des schoenen Festes ueber alle Geruechte mit dem U E geschrieben hinweg und beweisen dem edlen Verdaechtigten durch die innigste Theilnahme an seinen Gerichten mit dem einfachen I unsere ungeheuchelte Hochachtung. . . Es lebe des Hausherrn Credit! QUESTENBERG setzte sich erblasst nieder. Trompeten- und Paukentusch, in den Niemand einstimmt. Verwirrtes Geraeusch. Es bilden sich Gruppen. BLASHAMMER. Sie entschuldigen meine Ungeuebtheit im Toastausbringen; das Schicksal beguenstigte meine Zunge zu wenig, um . . . (Das Geraeusch bringt ihn zum Schweigen. Im Vordergrunde trifft er mit ZITTERWITZ zusammen.) V. ZITTERWITZ. Sehen Sie, welch' ein Urtheil man Ihnen faellt! Alle, ohne Ausnahme, beeilen sich, dem Verletzten die Hand zu druecken. BLASHAMMER. Zum Schein. V. ZITTERWITZ (vertraulich). Sie geben den Ungluecklichen wirklich verloren? BLASHAMMER. Ja . . . V. ZITTERWITZ (erbleicht und klammert sich an ihn). BLASHAMMER. Dass Sie ihm noch gestern in die Falle liefen! V. ZITTERWITZ (mit bebender, schwacher Stimme). Ich pruefte wohl, was ich that. BLASHAMMER (ironisch laechelnd). Zweifelsohne auf Grund der grossen Erfindung. V. ZITTERWITZ. Ihnen ist bekannt . . . BLASHAMMER. Alles. V. ZITTERWITZ. Durch Spione und Bestechungen . . . Tod und Hoelle! BLASHAMMER. Hi, hi, hi, er hat Ihnen doch gewiss die glaenzendsten Experimente vorgemacht? Er stellte wohl auf der alten und neuen Maschine zu gleicher Zeit Versuche an? . . . V. ZITTERWITZ. Da sah ich mit meinen beiden Augen-- BLASHAMMER. Blendwerk, Taschenspiel! V. ZITTERWITZ. Sie muessen falsch unterrichtet sein. BLASHAMMER. Ich besitze die Zeichnungen der Maschine--der Erfinder selbst brachte sie mir in's Haus . . . V. ZITTERWITZ. So! BLASHAMMER. 's ist ein sehr gewoehnliches Subject, ein gemeiner Arbeiter. Ich zog die ersten Sachkenner des Orts in meinen Rath und sie alle verwarfen das Project als gaenzlich unpraktisch--Einige Versuche im kleinen Maassstabe, wie die, welche man Ihnen vorgaukelte, moegen passabel ausfallen, indessen . . . Ach, was dieser Questenberg mir das Leben verbittert! V. ZITTERWITZ. Er ein Betrueger! BLASHAMMER. Der Mann weiss keinen andern Ausweg mehr, 's ist wahr, 's ist wahr! man soll ihn eher bedauern als verachten, allein-- V. ZITTERWITZ. Wir koennen morgen in der naemlichen Lage sein und durch eine Mahlzeit uns das Vertrauen der kalten Welt erkaufen wollen! BLASHAMMER. Allerdings. V. ZITTERWITZ. Sie werden meinen Questenberg nicht verlassen, nein?--Ah, Sie machten mich nur zum Narren . . . BLASHAMMER. (bei Seite) Ich kann ihn vielleicht zu etwas brauchen. (laut) Wuerden Sie mir verzeihen, wenn ich's gethan haette? V. ZITTERWITZ. Warum nicht?--Schalk, Schalk, heraus mit der Sprache . . . (BLASHAMMER lacht) Sie wollten meine Freundschaft zu Questenberg wohl nur erproben-- BLASHAMMER. Und warnen, im Fall sie unaecht ist. V. ZITTERWITZ. Im naemlichen Sinne brachten Sie den fatalen Toast aus? BLASHAMMER. (vertraulich) Ich wuenschte nicht, dass man mir einst nachsagte, ich half die Leute taeuschen, weil ich dem jungen Doctor meine Tochter vermaehlt. V. ZITTERWITZ. Aha! BLASHAMMER. Verstehen Sie? V. ZITTERWITZ. Entweder sind Sie ein Ideal von Gewissenhaftigkeit oder der groesste Schlaukopf, welcher lebt. BLASHAMMER. Ich bin ein ganz schlichter Buergersmann. V. ZITTERWITZ will noch etwas sagen, doch unterbricht er sich und eilt zu Questenberg, der ihm unwillig Gehoer zu schenken und zu folgen scheint. Sechste Scene. BLASHAMMER. V. ZITTERWITZ. QUESTENBERG. (Zwei Diener ziehen die Vorhaenge zum Saal zu.) V. ZITTERWITZ (zu Questenberg bei Seite).--Gleichviel welche Absicht ihn beseelt! Wer den schlechtesten Zug macht, kommt in Schach! QUESTENBERG. 's ist die letzte Partie! V. ZITTERWITZ. Hier, mein Herr Blashammer, unser Freund. Er fuehlt sich uebergluecklich Ihren Entschluss zu vernehmen.-- BLASHAMMER.--Du verstehst meinen Character, Dir ist bekannt, dass ich alles ruecksichtslos tadle, was . . . V. ZITTERWITZ. Betrachten wir die Sache als beigelegt. BLASHAMMER. Ich bin geneigt, Dir in allem zu willfahren; verlange mein Geld, mein Gut und mein Blut, doch schone meine Ehre! V. ZITTERWITZ. Um von der Heirath zu sprechen-- BLASHAMMER. Mit Gott, mit Gott! ich willige ein. Der Doctor ist ein schoener junger Mann, gesellig, gelehrt, erfahren und wie ich aus dem Liede hoere, auch wohl ein politisches Talent. Die Tonsaiten, welche er anzuschlagen versteht, muessen im Volke Wiederhall finden. Geben wir ihm grosse Mittel die Rolle eines wohlbegueterten, interesselosen, unparteiischen Liebhabers der Freiheit _comme il faut_ zu spielen, so geht er in wenigen Jahren als Pair nach der Hauptstadt . . . Was fehlt ihm dann fuer's Portefeuille eines Ministers? V. ZITTERWITZ. Sie hoffen mit Grund das Ansehn und den Ruhm Ihres Hauses durch den interessanten jungen Mann zu vollenden. BLASHAMMER. Wohl that ich mir am ueppigen Diner zu guetlich--gehen wir ein bischen in's Freie. V. ZITTERWITZ. Zu dienen. (Seitwaerts zu Questenberg.) Ich schicke Ihnen den Doctor--nur Muth! (v. Zitterwitz mit Blashammer Arm in Arm ab). Siebente Scene. QUESTENBERG. . . . Ich wette, dass Blashammer hinter die neue Erfindung kam--anders waere sein Betragen raethselhaft. Er strebt mich heimlich zu entthronen, mich zu seinem Commis zu machen,--wozu wuerde er sonst die Boerse in Schrecken setzen, die Glaeubiger von mir abwenden und dem Heirathsproject Beifall schenken? Achte Scene. QUESTENBERG. DER DOCTOR. DER DOCTOR. Was giebt's Papa? QUESTENBERG. Setze Dich zu mir. DER DOCTOR. Verstimmt? (bei Seite) Ah ich merke, die Heirath wurde gluecklich zu Wasser. QUESTENBERG. Hoere mich . . . (bei Seite) Wozu ich ihn bestimme ist meine Schmach. DER DOCTOR. Wird's lange dauern, der Ball beginnt gleich. QUESTENBERG. Welche Dame wirst Du engagiren? DER DOCTOR. Fraeulein Blashammer. (bei Seite) Eine schoene Gelegenheit ihn zu necken. QUESTENBERG. Wirklich! DER DOCTOR. _Parole d'honneur!_ QUESTENBERG. Endlich raeumst Du Deinem Vater das Feld! DER DOCTOR. _Fiat mundus, pereat justitia!_ Ergebe man sich dem Teufel lieber heute als morgen, denn am Ende behaelt er doch Recht! . . . Wie sehr wuenschte ich nach innerster Neigung zu handeln, um idealisch gluecklich zu werden, indessen-- QUESTENBERG. Wo giebt's etwas Vollkommenes auf Erden! DER DOCTOR.--Ehe man aus diesen reichen Hallen des Glanzes und der Ueppigkeit in die Tonne des Diogenes hinabsteigt, ist's besser fuer ein Fraeulein Blashammer zu schwaermen, ist's besser einem grossen tiefen Beutel voll Geld als einer grossen tiefen Liebe sich zu opfern. QUESTENBERG (lachend). Das Laecherlichste der menschlichen Komoedie waer's in der That, muesste ein Lebemann Deines Schlages ploetzlich den graemlichen Staatshaemorrhoidarius spielen und fuer das sauerste Stuecklein Brod sich bis ueber die Ohren im Actenstaube begraben! DER DOCTOR. Ich stuerbe aus Gram! QUESTENBERG. Ach was geht darueber ein eigener Meister zu sein, den Goettern der Fantasie und Laune stets huldigen zu koennen! DER DOCTOR. _Beati possedentes_ sagt der practische Roemer; 's ist ein Satz, den ich nicht umsonst studirt haben will. Dem Besitzenden dient die ganze Welt; Kunst und Wissenschaft sind ihm unterwuerfig! Strebe nach Besitz und Du strebst nach dem hoechsten Gut! QUESTENBERG. Die Vernunft erleuchtet Dich zur rechten Zeit. DER DOCTOR. Machten Sie mit dem Banquier bereits ab, wann die Hochzeit stattfindet? QUESTENBERG. Noch nicht. DER DOCTOR. Aber in Betreff der Mitgift wurden Sie schon einig? QUESTENBERG. Auch noch nicht . . . DER DOCTOR (sich erstaunt stellend). Unmoeglich! QUESTENBERG. Es bot sich noch keine schickliche Gelegenheit ueber den wichtigen Punkt . . . DER DOCTOR. Eine fatale Geschichte das! QUESTENBERG. Wir muessen es schon in guter Hoffnung wagen . . . DER DOCTOR (leise). Wetter! seine Blindheit ist stark! (laut) Herr Papa! QUESTENBERG. Wie ich Dir sage. DER DOCTOR. So lange das Ziel im Trueben--kann sich der Doctor nicht verlieben. QUESTENBERG. Ironischer Narr! DER DOCTOR. 's ist wahr! Erst schwarz auf weiss den suessen Preis! QUESTENBERG. Mein Gott der Mensch wird wieder toll! (Musik.) DER DOCTOR. Verlangen Sie von mir ein Stuecklein nach Gebuehr. (Er will fort.) Was schwahnt? (QUESTENBERG haelt ihn mit flehender Gebehrde fest.) Die Musik mahnt! QUESTENBERG. Mein Sohn, ich bitte nur fuer Dich! DER DOCTOR. Pah! denke Jedermann an sich. QUESTENBERG. Vielleicht gelingt es wider Dein Erwarten . . . DER DOCTOR. Das sind mir unprophetische Karten. QUESTENBERG. Vertrau', vertrau', o lass Dich beschwoeren! DER DOCTOR. Ich kenne den Banquier; Gold nennt er nicht Chimaeren. QUESTENBERG (sarkastisch). So geh', verpasse die entscheidende Stunde und klage einst, Dich ereilte das Verderben ohne Schuld! (Er will geh'n.) DER DOCTOR. Papa . . . QUESTENBERG. Ich sprach genug. DER DOCTOR. Unter einer Bedingung versuchte ich das Heil. QUESTENBERG. Naemlich? DER DOCTOR. Wenn Sie die feste Versicherung gaeben, dass Fraeulein Blashammer mich nie mit Eifersucht plagt. QUESTENBERG. Auf die kommt's mir nicht an. DER DOCTOR. Ihr Ehrenwort, besiegelt durch kraeftigen Handschlag. QUESTENBERG (ihm eine Ohrfeige gebend). Hier hast Du's! (ab.) DER DOCTOR. Ah! . . verdiente ich das? . . . Geduld, ich finde Mittel und Wege, die Ungerechtigkeit zu vergelten! (ab.) Abtheilung II. Die Huette des Vater Ziemens. Einige Kasten und aus rohen Brettern genagelte Schraenke. Ein Tisch, etliche Baenke u. dgl. Neunte Scene. FRAU ZIEMENS. MARIE (den Tisch zum Nachtessen servirend). MARIE.--In acht Tagen, liebe Mutter. FRAU ZIEMENS. Ich sehe seit drei Jahren klar was er ist--ein Schlenderer, ein Traeumer, der uns und Herrn Questenberg nur das Vertrauen stiehlt. MARIE. In acht Tagen, sag' ich, wird alles entschieden sein. FRAU ZIEMENS. Pah, nicht in zehn Jahren! Wozu soll ihn der Herr anstellen! Was versteht er! MARIE. Geduld! FRAU ZIEMENS. Ich will's fuer alle goldnen Herzworte, fuer alle Seligkeit des Himmels nicht: er muss aus dem Haus! Die schiefen Gesichter der Nachbarn hab' ich satt. Pfui doch, jeder ordentliche Mensch zieht sich vor uns wie vor einer boesen Krankheit zurueck. . . Du erlerntest alles was zur nuetzlichen Hausfrau gehoert und besitzest ein Gesicht, das sich in der ganzen Vorstadt nicht schaemen darf; waere der Bube nicht da, so haetten wir unsere Freude--Ach, ich kenne wohl manchen guten Gesellen, der frueher ein Auge auf Dich warf. MARIE. Wiederhole mir nicht taeglich denselben Sermon! FRAU ZIEMENS. Mach noch diesmal das Gedeck, doch wir essen zum letzten Mal mit ihm: wirst Du oder soll ich's ihm sagen? MARIE (bei Seite). Ach Gott, ich that es leider schon! FRAU ZIEMENS. He? oeffne den Mund. MARIE. Ich werd' es ihm sagen . . . Der Vater! (ab.) FRAU ZIEMENS. Die Gartenstiege faellt ihm mit jedem Tage schwerer--Er macht's nicht mehr lange und dann, welche Zukunft! (ab.) Zehnte Scene. VATER ZIEMENS. MARIE. VATER ZIEMENS (auf einer Bank am Tische Platz nehmend). Ich danke mein Kind . . . Es war wieder ein Tagewerk! . . . Das Garnspinnen ist keine schwere Arbeit und doch greift's an, am wenigsten die Arme, aber hier, hier! . . Man dreht und dreht, die Spulen rauschen, die Faeden rollen, nichts anderes sieht und hoert man, es geht endlos! Erst die Abendglocke, ha, toenet sie--'s ist als wenn ich zum juengsten Gericht soll; ein Hauch aus hoehern Sphaeren weht mich an, durchdringt die erstorbenen Beine mit neuem Leben und halb traeumend, halb erwacht eil' ich in Gottes frische Luft! . . . (Glocken einer Viehheerde.) Jene Heerden ziehen aber zufriedener heim, sie kommen aus bluehenden Fluren; ich, der Christgeborene--aus modrigem Grabgewoelbe, tiefsten Kummers voll!--Ein schnoeder Rang ueber dem bloeden Thier! . . (FRAU ZIEMENS traegt Essen auf.) . . Wo hast Du doch das schoene Buch, welches der Klaus fuer den Albert herbrachte; ich moechte die Fortsetzung hoeren. Eilfte Scene. DIE VORIGEN. FRAU ZIEMENS. FRAU ZIEMENS. Nach Tische ist dazu Zeit. VATER ZIEMENS. Mamachen! FRAU ZIEMENS. Du bemerktest wohl nicht, dass ich hier warte? Komm', ich trug schon die Suppe auf--(Sie fasst ihn unter'n Arm) Hol' die Lampe, Marie. (Marie ab.) VATER ZIEMENS. Wie geht's, schonten die Kraempfe Dich? Du hattest heute frueh ziemlich gute Mienen. FRAU ZIEMENS. Ich kam leidlich fort . . . VATER ZIEMENS. Mich folterten wieder die Stiche grausam--Das Uebel heilt bei der sitzenden Lebensart nicht mehr! . . . MARIE kommt mit der Lampe. VATER ZIEMENS. Das Kind hat rothe Augen? FRAU ZIEMENS. Sie wird Dir etwas Erfreuliches erzaehlen. VATER ZIEMENS. Ah, doch wohl nicht . . . . (Ein Schmerz hindert ihn fortzufahren.) FRAU ZIEMENS. Der Albert schnuert morgen seinen Buendel und raeumt das Haus. VATER ZIEMENS. Endlich dazu entschlossen? FRAU ZIEMENS. Mach' mit den Thraenen ein Ende--schaeme Dich!--Gieb dem Alten einen Kuss und das Versprechen. VATER ZIEMENS. Komm', 's ist zu Deinem Wohl! MARIE giebt ihm einen Kuss. VATER ZIEMENS. Lass Dein junges Blut von uns ueberwachen! Du wurdest nicht geboren fuer das Glueck; nach der Freiheit darfst Du Deine Wahl nicht treffen,--Dein Stand heisst Entsagung! (Einige Schuesse in der Ferne.) Was gibt's denn da? FRAU ZIEMENS. Es sind die Boeller von dem herrschaftlichen Schloss--Wohl verkuendigen sie den Beginn des Feuerwerks. VATER ZIEMENS. Unser Herr giebt heute ein Fest? FRAU ZIEMENS. Zu Deinen Ohren drang noch nichts davon? VATER ZIEMENS. Keine Sylbe, Muetterchen. FRAU ZIEMENS. Ich erfuhr's auch nur zufaellig durch des Kuchenbaeckers Frau. Nach ihrer Beschreibung sollen alle Herrschaften aus Stadt und Umgegend versammelt und ein Aufwand entwickelt sein, der an's Unbeschreibliche grenzt! Da sind die Kuechenmeister durch die Eisenbahn bis von Paris geholt. Die Kellner muessen in schwarzem Frack und weisser Atlasweste aufwarten. Saemmtliche Tafelgeschirre bestehen theils aus Meissner und Sevre'schen Kunstporzellan, theils aus gediegenem Silber und Golde. Die seltensten Weine, Voegel, Fische, Schildkroeten, Krebse, Gemuese und Fruechte der ganzen Welt lieferte ein Pariser Leckerbissenhaendler. Endlich, alle vorzueglichsten Trompeter, Geiger und Schauspielsaenger, von hier und den Nachbarstaedten wurden zu einem Chore vereinigt. Was sagst Du, he? VATER ZIEMENS. So ist's recht; wer viel hat, soll viel draufgehen lassen; es kommt wohl den Armen hie und da zu Gute. Zwoelfte Scene. DIE VORIGEN. ALBERT. (Er kommt gesenkten Hauptes mit dem Buch unter'm Arm, welches er auf eine Bank wirft.) MARIE. Weh! VATER ZIEMENS. Meide seinen Anblick, meine Tochter, fasse Dich! MARIE. Du hast ihm nicht geholfen, Allmaechtiger, nun hilf mir fuer ihn! (ab.) VATER ZIEMENS. Geh' ihr nach, Muetterchen! FRAU ZIEMENS. Es wird sie toedten! (ab.) Dreizehnte Scene. VATER ZIEMENS. ALBERT. (Er setzt sich an den Tisch, faltet die Haende und sieht dumpf vor sich hin.) VATER ZIEMENS. . . . Von wo kommst Du, Albert? . . Sprich nur, wir sind allein. ALBERT. Ich war bei unserm Brodherrn, verlangte Verbesserung meiner Lage . . . VATER ZIEMENS. Armer Albert! aber 's ist meine Schuld, dass es jetzt so kommt, 's ist meine Schuld! ALBERT. Inwiefern? VATER ZIEMENS. Verzeih' mir, ich bin ein alter schwacher Mann--verzeih'! oh, oh! ALBERT. Nun, was wollen Sie denn damit?--Soll ich etwa gleich das Buendel schnueren? VATER ZIEMENS. Sei nicht aufbrausend, mein lieber Sohn . . . ALBERT. Wetterwendische Welt! Wenn Dir die Weile zu lang wird, brichst Du den Stab erbarmungslos! . . Was? Drei Jahre schon vertaendelt, noch immer kein Meister? 's ist ein Traeumer, Faullenzer, Lump! . . . Ha! VATER ZIEMENS (feierlich aufstehend). Mein Sohn, das Talent des Armen muss noch brache liegen, wie der Acker einer wuesten Insel und Disteln zeugen, geiles Unkraut, statt suesser Frucht und edlen Saamen. Hier in der erstorbenen Brust wird er geboren erst, der grosse Held, der es erloesen soll!--Ach, auch ich verfolgte ehemals Deine Spur! Da stand vor der Thuere draussen ein alter Lindenbaum, der Urgrossahn meines Vaters hatte ihn gepflanzt. Ein boeses Wetter zieht herauf und bricht ihm seinen morschen Fuss. Ich, ein Juengling schon von vier und zwanzig Jahren, komme heim von Arbeit und seh's! Erlebtest nie, dass sich erfuellte, was man unter dir getraeumt; dein stolzes Dach beschattete des Lebens Kummer nur, des Lebens Trauer: ich will ein Bildniss fertigen aus deinem Holz, durch das die Menschen sich erinnern moegen und mit gutem Vorsatz staerken. Gesprochen, gethan! Es gelang mir wunderbar und zeugt von meinem hoeheren Beruf! Wohl sahst Du's schon manchesmal, wenn innige Andacht Deinen Blick nach Oben lenkte; dort in unserer Kirche haengte, ueber der Altarnische am schwarzen Kreuz, das Haupt mit Dornen gekroent und sterbend gesenkt! . . ALBERT (Nach einer Pause).--Der Verzagte erlebt des Erloesers Auferstehung nie! (Er sucht seine Sachen.) VATER ZIEMENS (geruehrt, mit leiser Stimme). So lassen wir Gott walten, edler Juengling! Du bleibst bei Deinem alten Freunde bis zur kuenftigen Scheidestunde--hoerst Du? ALBERT. Ich darf nicht; Marie kuendigte mir; 's ist Euer wohlgepruefter Wille, dass ich geh'. VATER ZIEMENS. Mein Herz widerruft was Schwaeche ihm eingab! ALBERT. Die Vernunft war's, seine Staerke! VATER ZIEMENS. Kraenkten wir Deinen Stolz? O vergieb! ALBERT. Schwacher Alter, Sie erschweren mir den Abschied! VATER ZIEMENS. Bleib! Sei Erbe dieser duerftigen Huette! In ihr ruht die Hoffnung manches Jahrhunderts! 's ist ein vergrabener Schatz. ALBERT. Das Nothwend'ge muss gescheh'n! VATER ZIEMENS. O, dass ich nicht denke, Du warst ein leichtsinniger Verfuehrer meines Kindes, bleib! . . Wenn ich Dich verliere, verlier ich ja alles! Willst Du Deinen besten Freund, willst Du Dein Theuerstes in die Grube werfen? Albert, Albert! ALBERT. (Sein Buendel auf dem Ruecken.) Auf Wiederseh'n. VATER ZIEMENS. O Du hast ein steinern Herz! ALBERT. Buerger dieser Erde duerfen kein anderes haben! . . (Der Greis schuettelt ihm feierlich die Hand. Albert, von tiefem Schmerz ergriffen, bleibt eine kleine Pause unschluessig steh'n. Ploetzlich, wie der Greis auf ihn zueilen und ihn festhalten will, ermannt er sich und enteilt.) VATER ZIEMENS. Albert bleib!--Fort ist er! 's war sein Schatten, er selbst nicht, ich traeumte nur! . . (Kleine Pause. Aus der Ferne Jubelgeschrei und das Geraeusch eines Feuerwerks.) Herr, der Du Huelflosen nicht mehr auferlegst als sie tragen koennen, ich vertraue Dir in Ewigkeit! Dritter Akt Abtheilung I. Pavillon auf einer kleinen Terrasse, der einen Blick in einen brillant erleuchteten Garten gewaehrt. Seitwaerts das Schloss Questenberg's. Musik abwechselnd aus ihm und dem Garten, jedoch nicht zu laut. Erste Scene. BLASHAMMER mit ZITTERWITZ am Arm, ADELGUNDE nachfolgend. BLASHAMMER. Setze Dich auf jenen Stuhl, Tochter. (ADELGUNDE setzt sich an's Fenster und die beiden treten bei Seite.) V. ZITTERWITZ. Vertrauen Sie meiner Menschenkenntniss; ich studirte nicht umsonst Psychologie . . . BLASHAMMER. Haette er nur einmal mit ihr getanzt. V. ZITTERWITZ. Er wird sich noch bezwingen. BLASHAMMER. Es muesste bald gescheh'n. . . Was ist die Uhr! Schon drei vorbei . . . gleich geht die Sonne auf. . . V. ZITTERWITZ. Mit ihr das Licht seiner Liebe. . . BLASHAMMER. Sagen Sie's mir ganz rund heraus, was antwortete er auf Ihre Fragen? V. ZITTERWITZ. Schuechterne Phrasen, wuerdig eines Poeten. . . BLASHAMMER. Ich muss der Sache auf den Grund kommen, ich muss wissen, woran ich bin, ich habe nicht noethig im Finstern zu tappen--Nein wahrhaftig, mich lockt kein Gewinn, indem ich die Tochter dem Sohne eines Bankerottirers opfere!--Schnell auf die Beine, Herr Regierungsrath, zurueck zum Doctor--er soll auf der Stelle herkommen! Fort, beschwingen Sie Ihre Fuesse! V. ZITTERWITZ. Ich will mir Fluegel anlegen.--(Er bleibt zaudernd stehen.) BLASHAMMER. Ich lasse meine Tochter hier, ziehe mich in den Hintergrund zurueck und beobachte, wie er sich gegen sie auffuehrt. V. ZITTERWITZ. Ah so! ah so! BLASHAMMER. Keine Zeit verloren. V. ZITTERWITZ (fuer sich). Die Sache wird hoechst kritisch!--Viel Vergnuegen mein Fraeulein. BLASHAMMER (ihm nachrufend). Nur den Finger auf dem Munde! Zweite Scene. DIE VORIGEN ohne V. ZITTERWITZ. BLASHAMMER (zu Adelgunde in melancholischem Tone seufzend). Wer kann sagen, ob man morgen noch am Leben ist! (Er setzt sich zu ihr.) ADELGUNDE. Was fehlt Dir mein Vater? BLASHAMMER. Die Freude und Seligkeit des Herzens! . . . Wo andere singen, springen und scherzen, bin ich zum Weinen aufgelegt. ADELGUNDE. Woher kommt das? BLASHAMMER. Gott weiss! . . Ich denke, Du wirst Deinen Vater nicht mehr lange besitzen. . . ADELGUNDE. Einbildungen, Vaeterchen, nichts als Einbildungen. BLASHAMMER. Koennt' ich ihnen widerstehen! sie nehmen aber meine ganze Seele gefangen!--fast alle Naechte traeumt mir von Hobelspaenen, Kirchhoefen, Saergen, Priestern in schwarzen Talaren--Wie Du weisst, ging ich in frueheren Jahren nur hoechst selten zur Kirche, jetzt darf ich keinen Sonntag versaeumen und haeufig draengt's mich noch Dienstag's und Donnerstag's die Wochenpredigt dem wichtigen Geschaeft an der Boerse vorzuziehen.--Alles das bedeutet nichts Gutes! Aufgerieben ist meine Gesundheit, abgenutzt meine Seele! Die geringste Aufregung wirkt schaedlich auf die Verdauung, der kleinste Schreck verursacht mir schlaflose Naechte . . . ADELGUNDE. Du musst auf solche Kleinigkeiten nicht achten. BLASHAMMER. 's ist leicht gesagt!--Um jedoch von einer wichtigeren Sache zu sprechen! Sieh', dieweil mich solche traurige Ahnung erfuellt, wirst Du's natuerlich finden, dass ich mein Gewissen mit dem Himmel in Harmonie zu bringen trachte. . . Schon vor einigen Tagen gab ich Dir einige Winke in Betreff--Erraethst wohl schon mein Taeubchen? Schlag' Deine Augen nur auf, blicke mich nur liebreich an. Das Heirathen ist keine schamhafte Angelegenheit, sondern etwas ganz Gewoehnliches, 's ist von Gott eingesetzt und unsere erste und oberste Pflicht vor allen andern Dingen . . . Ich will Dich indessen schonen, wenn Du davon ungern hoerst: hi, hi, hi, im Augenblick wird Dein Ehekandidat erscheinen. ADELGUNDE. Hier? BLASHAMMER. Ja. ADELGUNDE. Aber mein Vater. BLASHAMMER. 's ist ein schmucker junger Mann.--Du sah'st ihn wohl schon oft auf der Promenade in dem schoenen blauen Frack mit den goldenen Knoepfen.--Sicherlich findet er Deinen Beifall. ADELGUNDE. Was soll ich dazu sagen! BLASHAMMER. Traun, schoenen Dank, wie's sich ziemt.--Da, kuess' mir die Hand. ADELGUNDE (die Hand kuessend). Das Alter macht Dich kindisch. . . Jesus, wie schnell geht das! BLASHAMMER. Wundre Dich acht Tage!--Ich hoere Tritte.--Er wird's sein . . . ADELGUNDE. Du jagst mir doch nur einen Schreck ein, Papa. BLASHAMMER.--Man darf mich nicht bei Dir finden. . . Komm' ihm auf halbem Wege entgegen.--(Ihre Stirne kuessend.) Sei huebsch artig. . . (Er geht.) ADELGUNDE (nachrufend).--Papa? BLASHAMMER. Meine Tochter? ADELGUNDE. Wer ist denn der Herr Candidat? BLASHAMMER (laechelnd). Er heisst, mein Pueppchen, er heisst--Wozu aber! sogleich siehst Du ihn. . . ADELGUNDE. Ich bleibe nicht hier. . . (Sie will fort.) BLASHAMMER (mit drohender Miene). Du kennst Deinen Vater, Du weisst, was ihn erzuernt. ADELGUNDE. Grausamer! Wenn Du's mir befiehlst, gut, so werd' ich gehorchen--Deine Tyrannei ist mir nachgerade unertraeglich--ich sehne mich sie abzuschuetteln. BLASHAMMER ab. Vierte Scene. [Transkriptionsanmerkung: Auch im Original gibt es keine dritte Scene.] ADELGUNDE. V. ZITTERWITZ. DER DOCTOR. DER DOCTOR. Fraeulein ist noch da!--also scheint's der Himmel zu wollen. Lassen Sie mich denn allein. V. ZITTERWITZ. Ich bleibe hier in der Naehe. DER DOCTOR. Ach, wie schlaegt das Herz, ob aus Verliebtheit oder Scham? ich weiss es nicht zu sagen! (Er tritt in den Pavillon, einen grossen Blumenstrauss nachlaessig in der Hand haltend, gesenkten Hauptes, ein Lied summend.) Ah, Fraeulein hier? Im Garten kam mir die Grille ein, dies Straeusschen zu sammeln. ADELGUNDE. Sie bestimmten es der ersten besten Dame? DER DOCTOR. _Au hasard_ ADELGUNDE (annehmend). Ich danke. DER DOCTOR. _Toutes les dames meritent egalement notre adoration._ ADELGUNDE. Das heisst, dieselben sind Ihnen sehr gleichgueltig. DER DOCTOR. _Point du tout, Mademoiselle . . ._ oder wuenschen Sie zu hoeren, worauf ich meinen Ausspruch gruende? ADELGUNDE. _Avec plaisir._ DER DOCTOR. Auf das Buch der Buecher. ADELGUNDE. _Par exemple!_ DER DOCTOR. Mein Fraeulein, es steht im neuen Testament, dass wir uns nicht bevorzugen sollen, denn wir seien alle Gotteskinder. ADELGUNDE. _Vous etes ridicule, Monsieur--parbleu! . . Dites mois alors . . ._ DER DOCTOR. Ich bin Ihr ergebenster Diener. ADELGUNDE.--_comment d'apres ce princip, arriveriez vous a une inclination individuelle?_ DER DOCTOR. Wie ich nach diesem Grundsatz zur besonderen, zur individuellen Neigung gelange? . . (Bei Seite) Sie scheint in mich verliebt--auf Befehl des Alten! ADELGUNDE. _Si, vous etes un vrai docteur esphilosophique, vous aurez une reponse a toutes les questions . . . ._ DER DOCTOR. Sie sprechen ein vortreffliches Franzoesisch. ADELGUNDE. _Cela vous deplait?_ DER DOCTOR. Ich stehe beschaemt . . . . ADELGUNDE. _Mais vous n'etes pas philosoph?_ DER DOCTOR. Wohl war ich's. ADELGUNDE. _Eh bien?_ DER DOCTOR. Allein auch mich veraenderten die Zeiten wie manche brave Burschenseele. ADELGUNDE. _Depuis quand? s'il vous plait._ DER DOCTOR. Seit meiner Rueckkehr in's vaeterliche Haus. ADELGUNDE _Et apres?_ DER DOCTOR. Und ich wurde orthodox . . . Lachen Sie nicht, 's ist sehr ernst. ADELGUNDE. Was ist denn orthodox? mit Erlaubniss. DER DOCTOR. Glaube Alles, was man will das Du glaubest oder Du bleibst ohne Geld, Amt, Ehre oder--ohne Frau. ADELGUNDE. Eine Doctrin des schamlosesten Jesuitismus. DER DOCTOR. Nicht zu leugnen--Da's aber in unserm Jahrhundert keine gueltigere giebt-- ADELGUNDE. Ich hielt Sie fuer einen Anhaenger der Freiheit. DER DOCTOR (laechelnd). Mein Fraeulein . . . . ADELGUNDE.--und zwar im Sinne jenes schoenen Spruches: "strebet, die Wahrheit wird euch erloesen." DER DOCTOR. Der Spruch wurde interpolirt und passt nicht in die Bibel. ADELGUNDE. Das ist mir neu. DER DOCTOR. So ziemlich alle wohlbestallten Akademiker, besternten Wuerdentraeger, intelligenten Leute _comme il faut_ leugnen ihn. ADELGUNDE. Und glauben demzufolge an alles, was man will das sie glauben? DER DOCTOR. Sagte ihnen zum Beispiel der Fuerst, liebe Freunde, ich muss im Interesse des Staates eure schoenen Einkuenfte um die Haelfte vermindern, murrt nicht, sondern glaubet, es wird euch im himmlischen Jenseits tausendfach vergolten-- ADELGUNDE. So murren Sie nicht? DER DOCTOR. Bei meiner Seele, nicht mehr als Fraeulein, zu dem der Papa sagte, theures Kind, ich gebiete Dir zu glauben, Du liebest den jungen Herrn Doctor. ADELGUNDE. Sie sind barock. DER DOCTOR. Frivol, wenn's Ihnen gefaellt,--allein ich denke das Beste von den Menschen und habe den hoechsten Respect vor der christlichen Tugend, die nach unsern beruehmtesten Kirchenlehrern in der tiefsten Unterwuerfigkeit, in der tiefsten Demuth besteht. ADELGUNDE setzt sich und seufzt. DER DOCTOR. Mein Fraeulein, bitte, bitte,--nehmen Sie sich meine Worte ja nicht zu Herzen--ich spreche nur in Thorheit, gewiss und wahrhaftig, nur in Thorheit. ADELGUNDE. Weil's die einzige Art ist, mir zu bekennen, dass Sie die Maske eines Heuchlers verabscheuen. DER DOCTOR (niederknieend). Schenken Sie dem Ungluecklichen Mitleid. ADELGUNDE. Ich achte Ihre Gesinnung; stehen Sie auf . . . Ah, sieh' da! Fuenfte Scene. DIE VORIGEN. BLASHAMMER. BLASHAMMER. Keine Stoerung, setzen Sie die Comoedie weiter fort. DER DOCTOR. Traun, Sie kommen ein wahrer _Deus ex machina_ uns zu Huelfe. V. ZITTERWITZ. Meinen ergebensten Diener--gefaellt's den geehrten Herrschaften . . . BLASHAMMER. Nur naeher getreten. V. ZITTERWITZ. (Blashammern die Hand schuettelnd; mit leiser Stimme.) Es ging ja ausgezeichnet gut. DER DOCTOR. Sie scheinen Versteck gespielt zu haben. V. ZITTERWITZ. Wir promenirten im Garten, sahen Sie mit Fraeulein hier allein-- DER DOCTOR.--Was ausserordentlich auffiel-- V. ZITTERWITZ.--und uns verfuehrte, der geistreichen Unterhaltung zu lauschen. DER DOCTOR. Sehr schmeichelhaft. Sechste Scene. DIE VORIGEN. QUESTENBERG. QUESTENBERG. Man liess mich rufen . . . V. ZITTERWITZ. Leider kommen Sie zu spaet. QUESTENBERG. Was gab's? V. ZITTERWITZ. Ein aeusserst interessantes Gespraech. QUESTENBERG. Es handelte sich? V. ZITTERWITZ. Von nichts geringerem als . . . BLASHAMMER. Erstaune! V. ZITTERWITZ.--als von Liebe! DER DOCTOR. Der alte Herr hatte ein feines Ohr. QUESTENBERG. Mein Sohn legt mir Ehre ein. BLASHAMMER. Ich wusste es schon gestern, dass er fuer Adelgunde schwaermt. ADELGUNDE. _A la bonne heure!_ DER DOCTOR. Es wird erbaulich . . . BLASHAMMER. Sie begegnete ihn auf der Promenade und da warf er ihr einen Blick zu der mehr besagte, als . . . ADELGUNDE. Papa! BLASHAMMER.--als in dieser Nacht das unaufhoerliche Tanzen mit ihr. DER DOCTOR (Adelgunden die Hand kuessend). Sie verzeihen, mein Fraeulein! V. ZITTERWITZ.--Sind Sie der Ansicht, dass die jungen Leute zusammenpassen, so machen Sie keine langen Umstaende, sondern--hoeren Sie? QUESTENBERG. Es ist wohl gerathen? BLASHAMMER. Im Namen des Vaters aller Vaeter!--Eure Haende, Kinder, dass ich sie ineinanderlege. V. ZITTERWITZ. Nur nicht hier im armseligen Pavillon-- QUESTENBERG. Der Herr Regierungsrath hat Recht. V. ZITTERWITZ. Gehen wir in den Saal! QUESTENBERG (Blashammer an den Arm nehmend). Auf! V. ZITTERWITZ (Adelgunden und den Doctor unterfassend). Ich habe die Ehre das edle Brautpaar zu geleiten. (Alle ab.) Abtheilung II. Zimmer des Doctors; Schraenke mit Buechern, Antiquitaeten, Naturaliensammlungen, Sopha, Tische, Stuehle und dergl. Die Fluegelthueren sind offen und gewaehren einen Blick in den Garten. Siebente Scene. DER DOCTOR (tritt, eine Broschuere in der Hand, aus dem Seitenzimmer und klingelt; ein Bedienter erscheint). Trage zu Herrn Blashammer dies Tractaetlein. Ich lasse innigst danken; es haette meinen Zweifel am Christenthum voellig besiegt. Wenn er noch ein aehnliches besaesse, sollte er mir's nur gleich schicken; ich brennte aus Eifer mich zu bessern und zu bekehren. Zugleich mache Fraeulein Adelgunde mein Compliment und bestelle bei unserm Koch ein Fruehstueck mit Austern und Champagner--Apropos! Dass alles frisch und appetitlich sei! (Bedienter ab.) Klopfte Jemand? Herein! Achte Scene. DER DOCTOR. MARIE. MARIE. Gruess' Gott! DER DOCTOR. Danke. MARIE (bei Seite). Er kennt mich nicht mehr. (Laut.) Ich habe den Herrn Doctor dringend zu sprechen; erlaubt es seine kostbare Zeit? DER DOCTOR. Unbedingt. Treten Sie gefaelligst naeher . . . (Bei Seite.) Das Maedchen ist allerliebst! (Ihr einen Stuhl anbietend.) Bitte ergebenst . . . MARIE. Ich kann steh'n. DER DOCTOR. Sie bereiten mir ein Vergnuegen . . . (Bei Seite.) Ein Stuendchen, ach, an ihrer Brust entschaedigte mich fuer allen Verdruss, den ich habe! (Er setzt sich ihr gegenueber.) MARIE. Ich will kurz sein. DER DOCTOR. Zunaechst mit wem wird mir die Ehre--? MARIE. Der Herr Doctor entsinnt sich meines Namens vielleicht. Wir gingen zusammen beim Priester in die Lehre, waren die vertrautesten Kinder, Gespielen, Freunde und alles was man in jungen Jahren sein kann . . . DER DOCTOR. Ich ahne schon . . . MARIE. Wenn Sie Ihr Stammbuch aufschlagen, finden Sie auch einen artigen Vers von mir. DER DOCTOR. Sie heissen--? MARIE. Marie Ziemens. DER DOCTOR. Darf ich den Augen traun! MARIE. Die Zeit verwandelte mich wohl sehr. DER DOCTOR. Ungeheuer! und zum hoechsten Vortheil! MARIE. Kaum glaublich. DER DOCTOR. Sie wurden ein wahres Madonnenbild. MARIE. Ach! DER DOCTOR. Besassen Sie diese Gestalt, dies Gesicht, dies Auge als ich Ihnen den letzten zaertlichen Kuss auf die Lippen drueckte? MARIE. O sprechen Sie nicht so. DER DOCTOR. Meinst Du ich schmeichle? Reiche mir gleich Dein Muendchen--gleich! MARIE. Pfui. DER DOCTOR. Bei jener seligen Vergangenheit, wo kein Vorurtheil, keine Standesruecksicht die Reinheit unserer Gefuehle truebte! MARIE. Sie irren sich, wir waren nie so intim. DER DOCTOR. So lassen Sie uns werden; nichts steht im Wege. MARIE. Ich bin Braut. DER DOCTOR. So? ah! . . . Wer ist der Beneidenswerthe? MARIE. Schwerlich tauschen Sie mit ihm; 's ist ein armer Ungluecklicher . . . Seinetwillen komme ich her. DER DOCTOR. Bedarf er meiner Hilfe? MARIE. Haetten Sie die Freundlichkeit, sich mit ihm vertraut zu machen, seine Tugenden, Talente und Strebungen zu mustern und bei Ihrem Herrn Vater eindringlich zu bevorworten, falls er dessen wuerdig. DER DOCTOR. Es soll gescheh'n. MARIE. Ich verlange keine blinde Gunst fuer ihn-- DER DOCTOR. Nur Lohn des Verdienst's. MARIE. Nichts mehr, nichts weniger!--Seit Jahren arbeitet er in Ihrer Fabrik, erwarb sich das Lob aller Werkfuehrer, auch die Aufmerksamkeit Ihres Herrn Vaters--leider aber nichts weiter! Unter die schlechtbesoldetsten unfaehigsten Handwerker blieb sein edel aufstrebender Geist gebannt! DER DOCTOR. Ich werde sogleich Untersuchungen anstellen und-- MARIE. Vor einigen Tagen, es war vorgestern, trieb ich ihn an, Ihrem Herrn Vater seine verzweifelte Lage fussfaellig vorzustellen,--derselbe mogte jedoch von nichts hoeren, schlug ihm jede Bitte kalt ab und aus Gruenden, die der Herr Doctor nimmer theilen . . . DER DOCTOR. Moeglich!--Ich befehle ihn auf der Stelle zu mir . . . (Er macht Miene die Glocke zu ziehen.) Doch weshalb Weitlaeufigkeiten! Vertrau' ich denn nicht meiner angebeteten Freundin?! Kann sie falsch geurtheilt, falsch gewaehlt haben?! Der Mann ihrer Neigung muss ein guter Mann sein! . . (Mit einer schalkhaften Wendung.) Ob er auch ganz frei von Eifersucht ist? MARIE. Warum? (Laechelnd.) Auf mich? Dass ich nicht wuesste! DER DOCTOR. So koennen wir schnell fertig werden. MARIE. Nun? . . DER DOCTOR. Der Monsieur empfaengt eine zufriedene Stellung und ich--darf's Ihnen nicht schenken--einen Kuss. MARIE. O weh, ein schlechter Handel. DER DOCTOR. Nicht fuer mich. MARIE. Wuerde den Ihr Herr Vater billigen? DER DOCTOR. Mit Haendeklatschen. MARIE (scherzend). Traun, ich gehe auf ihn ein. (Sie reicht ihm die Hand.) Halten Sie Ihr Versprechen, ich halte meins. DER DOCTOR. Im Augenblick!--(Er setzt sich an den Schreibpult.) Der Papa soll binnen fuenf Minuten nachfolgendes Decret hoechst eigenhaendig unterzeichnen. . . . MARIE. Bin sehr gespannt, ob er's thun wird. DER DOCTOR.--Eignete sich wohl der Monsieur zum Werkfuehrer? MARIE. (Auflachend.) Werkfuehrer? Das laeuft gar hoch hinaus! (Verstellt.) O ja, ich denke--zum mindesten--sicher, sicher! . . DER DOCTOR. Also er eignet sich--schoen! . . . (Schreibt.) Der Endesunterzeichnete . . . Fabrikant Questenberg . . . dem Weber Albert . . . Werkfuehrer . . . Bedingungen sind . . . Und erhaelt . . . Freie Wohnung . . Garten . . . vierhundert Thaler . . . MARIE. Potztausend, so viel traeumte man nie vom Lande Utopien! DER DOCTOR. Das Leben, mein Schaetzchen, ist ein grosses Maehrchen voll unerklaerlicher Wunder. Jede Minute gebaert Millionen Ueberraschungen, Probleme, unentschuldbare Thaten und sich selbst entschuldigende Thorheiten. Man uebe nur das Auge der Beobachtung, wie ich es uebte und erfahre, was ich erfuhr!--Die Romantik, obgleich so tief in Misskredit gerathen, ist kein bloeder Wahn, wenigstens unter allen Wahnen nicht der bloedeste! Sie verwandelt die kalten, prosaischen Gefilde der Welt in warme, farbenreiche, suess verschwimmende Nebel, so dass wir in ihnen unsere Qualen und Gebrechen unmerklich vergessen, gleichsam bei offen schlafendem Auge versoehnt mit Gott und uns selbst die irdische Pilgerfahrt vollenden und rein wie ein Engel gen Himmel steigen, in's andere Reich, von Christus und seinen Aposteln uns feierlich verheissen. (Er steht auf; in schaekerndem Tone zu ihr.) Sie lebe, mein Schaetzchen, sie lebe hoch! MARIE. Schonung, Herr Doctor!-- DER DOCTOR. Die Romantik allein gewaehrt, was der graemliche Philosoph, Politiker und Diplomat mit bleicher, kalt schleichender Vernunft umsonst erstrebt! Sie lebe, mein Schaetzchen; sie lebe hoch!--Fort mit allem, was sinnlos bethoerte Nachbeter Moral, Gesetz, Nothwendigkeit, Beruf, Recht, Wahrheit preisen!--Ein paar Glaeschen Champagner, mein Schaetzchen, erschliessen Ihnen den ernsten tiefen Gehalt meiner Worte . . . Theilen Sie das Fruehstueck mit mir.--Kommen Sie.--Die Schrift liegt fertig und wandert nach Tische gleich zu Papa. (Marie folgt ihm erstaunt und verwirrt, er entpfropft Champagner und schenkt ein.) Auf Ihr Wohlsein! (Sie stossen zusammen und trinken.) Wie schmeckt's? MARIE. Ziemlich gut. DER DOCTOR. Noch eins . . . Auf das was wir hoffen!----Ah' thut's einem schwachen Magen wohl! Der Arzt verordnete mir's als Medicin . . . Noch eins. MARIE. Danke. DER DOCTOR. Der Herr Braeutigam soll leben!--Vivat!---- MARIE. Es war mein letzter Tropfen. DER DOCTOR. Ah bah, wir gedachten unserer Freundschaft noch nicht . . . Nur her das Glas. MARIE. Ich schlag's in Truemmer. DER DOCTOR. Das hiesse mich verachten. MARIE. Immerhin! (Sie wirft das Glas auf die Erde, steht schnell auf und will fort.) Sie sind abscheulich! DER DOCTOR. (Sie festhaltend.) Was verbrach ich? MARIE. Sie wissen's. DER DOCTOR. Jungferlein, das ist ein schlechter Einfall! MARIE. Lassen Sie mich nur fort. DER DOCTOR. Ein moralischer Einfall! (Eine Uhr schlaegt.) MARIE. Die Uhr schlaegt; ich habe nicht laenger Zeit. DER DOCTOR. Ein unromantischer Einfall! MARIE. Meine Mutter denkt, dass ich im Garten Gemuese fuer den Markt grabe--darf sie nicht erzuernen. DER DOCTOR. Ziemt solche Arbeit meiner angebeteten Freundin?! . . Ich entschaedige die Versaeumniss hundert und tausendfach, bleiben Sie und leisten mir Gesellschaft. (Er haelt ihr einen Beutel mit Geld hin.) Da! Es sind alles Goldstuecke. MARIE. Herr Doctor . . . DER DOCTOR. Ihr Vater verdient in einem Jahre nicht so viel.--Ich begegnete ihn kuerzlich. Sein ergrautes Haupt muede zur Erde neigend, schlich er langsam den Gewoelben der Fabrik zu. Welch' Schicksal fuer den alten Mann, der an Herzensguete und Characterwuerde Seinesgleichen sucht! Ich verglich ihn mit seinem ehemaligen Gefaehrten, dem reich und angesehen gewordenen Blashammer. Ich stellte die ruehrendsten Betrachtungen an, declamirte in den Wind wie ein echter Demokrat, vergoss sogar Thraenen.--Aber hoch die Romantik! (Trinkt.) Was half's mir? Artig ging ich in mein Speculirgemach, legte mich, ein tuerkisches Pfeifchen rauchend, behaglich auf den Sopha, las und lachte! Wie loes't die Demokratie das Problem der sozialen Probleme ueber das Verdienst anders? (Trinkt.) Hoch die Romantik!--Mancher Koenig waere ein Bettelmann, mancher Bettelmann ein Koenig, ich selbst vielleicht arbeitete an Ihres Albert Stelle, waere die Welt kein romantischer Dunst! Hoch, hoch die Romantik! (Trinkt und drueckt ihr das Geld in die Hand.) Bereiten Sie dem ehrwuerdigen Greise ein Fest damit, sei's zur Ausstattung der Hochzeit, die ich mit meiner weiland vornehmen Person zu ehren hoffe! (Trinkt.) Hoch die Romantik! . . MARIE. Ihr eigenthuemliches Benehmen verwirrt mich tief. DER DOCTOR. Das macht, ich fuehrte Sie schon, wie der Teufel den armen Doctor Faust, auf den Standpunkt der Romantik. MARIE. Ich erblicke in Ihnen keine Vernunft mehr. DER DOCTOR. (Ihr das Glas entgegenschwenkend.) Hoch die Romantik! (Er faellt in einen Stuhl.) MARIE. Leben Sie wohl. (ab.) Neunte Scene. DER DOCTOR.------Der Versuch gelingt; ich besteche den Arbeiter und das Maedchen ist mein. Dann hab' ich Entschaedigung fuer die Zwangsehe und Zeitvertreib in Huelle und Fuelle. Hoch die Romantik! Zehnte Scene. DER DOCTOR. QUESTENBERG. QUESTENBERG. Wie befindest Du Dich, mein Sohn? DER DOCTOR. So so, la la! QUESTENBERG. Den ausgestochenen Bouteillen zufolge, muss das Festuebel schon gaenzlich gehoben sein. DER DOCTOR. Ich fange an der Vernunft die Herrschaft wieder einzuraeumen. QUESTENBERG. (Ihm freudig die Hand schuettelnd.) Sehr loeblich. DER DOCTOR. Ein elendes Bauwerk ist die Welt, eine wueste Troedelbude, ohne Dach und Fach, aus Unrath und vorsuendfluthlichem Getruemmer zusammengestapelt!--In ihr muss der Mensch schon kindlich zufrieden sein, wenn er ein trockenes Stellchen findet, wo Wind und Wetter ihn einigermassen verschonen. QUESTENBERG. So kalkuliren brave aufgeklaerte Leute und wickeln, scheuern, buecken, schwindeln, ducken sich nach Zeit und Umstand. DER DOCTOR. Apropos! Dann unterzeichnen Sie mir wohl ein Blaettchen ohne Stirngerunzel. (Er giebt ihm das Papier, welches er schrieb und klingelt; ein Bedienter erscheint.) Hole den Arbeiter Albert schleunigst aus der Fabrik. QUESTENBERG. Mein Sohn! DER DOCTOR. An die Unterschrift knuepf' ich die Heirathsfrage. QUESTENBERG. Verueckte der Erbaermliche Deine Sinne und-- DER DOCTOR. Ihm muss geholfen werden, er verdient's! QUESTENBERG. Du weisst aber nicht-- DER DOCTOR. Ich mag von nichts wissen! QUESTENBERG. Welch' Wagestueck! DER DOCTOR. Unsinn! QUESTENBERG. Es ist aeusserst beleidigend in meine Angelegenheiten Dich zu mischen. DER DOCTOR. Mischtest Du Dich nicht in mein Herz und gabst mir eine Ohrfeige, als ich Widerstand versuchte? QUESTENBERG. Ich that's als Vater und aus wohlmeinendem Interesse-- DER DOCTOR. Das hoert auf wohlmeinend zu sein, wenn's die menschliche Wuerde ignorirt.--(Ihm die Feder in die Hand steckend.) Wozu aber langath'mige Verhandlungen, da! QUESTENBERG. Mein Sohn, es ruinirt uns. DER DOCTOR. Das Fest kostete zehntausend Thaler und hier geizen Sie um eine Bagatelle?! QUESTENBERG (unterschreibend). Ich wurde Dein Sclave! . . (Albert tritt schuechtern ein.) DER DOCTOR. . . . Verlassen Sie mich jetzt. QUESTENBERG. Vorsehung! Vorsehung! (ab.) Eilfte Scene. DER DOCTOR. ALBERT. DER DOCTOR. Tritt naeher. (Stellt ihm einen Sessel hin.) Erweise mir die Herablassung. ALBERT. Wenn ich den schoenen Bezug durch mein unsauberes Kleid entweihe . . . DER DOCTOR. Bist Du kein Politiker? ALBERT. Ein wenig. DER DOCTOR. Traun, es giebt viele Weber, die ihr Brod gewinnen wollen, bedenke das und-- ALBERT. Das waere eine Politik des Fluches! DER DOCTOR. So sprechen Woelfe in der Laemmerhaut! ALBERT. Ich ein Wolf? o Herr Doctor! DER DOCTOR. Es lebe die Association! ALBERT (ernst). Sie lebe! DER DOCTOR. Nieder mit den Rentnern! ALBERT. Fort mit den Privilegien! DER DOCTOR. Es falle das Herrenthum! ALBERT. Die Fruechte des Fleisses Aller fuer Alle. DER DOCTOR (lacht ironisch). ALBERT. Erscheinen Ihnen diese Wuensche ungerecht? DER DOCTOR. Der neue Arbeiterverein machte an Dir eine tuechtige Eroberung . . . Du wirst ihm auf die Beine helfen. ALBERT. Vielleicht! . . DER DOCTOR (lacht wieder). ALBERT. Wurde ich hergerufen von Ihnen Schimpf und Spott zu erleiden? DER DOCTOR. Keineswegs--ich lache, weil's meine Manier ist das Ernste heiter, das Heitere ernst zu nehmen . . . Doch setze Dich endlich. ALBERT (wirft sich zornig in den Sessel). DER DOCTOR. Ich weiss mir Deine Missstimmung zu erklaeren, Albert; mein Vater schlug Dir neulich eine Bitte ab, die-- ALBERT. Er that wohl, vollkommen wohl. DER DOCTOR. Wirklich--ei, ich meine er that uebel. ALBERT. Ich ging tief in mich, ich pruefte seine weisen Vorstellungen, fand, dass mein Verlangen unbillig war. DER DOCTOR. Albert! ALBERT. Ich heuchle nicht, Herr Doctor! DER DOCTOR. Du verdammtest demnach Dein Verhaeltniss mit Marie und bist zufrieden, genoethigt worden zu sein es--aufzugeben!? ALBERT. Falls Herr Questenberg mir heute sagte, Albert, hier hast Du alles was Du brauchst, heirathe, sei gluecklich--ich wuerde ihm danken. DER DOCTOR (laechelnd). Aus welchen Gruenden, stolzer Mann? ALBERT. Herr Questenberg, vor zwei Tagen haette mich Ihre Gnade in den Himmel erhoben, jetzt, jetzt stuerzt sie mich in die Hoelle, in die Hoelle der Selbstverachtung; denn es ist wider meiner Wuerde von Almosen zu leben und zu Gunsten der Ungerechtigkeit ueber meine Leidensbrueder zu triumphiren . . . DER DOCTOR. Wenn Dich mein Vater darauf versicherte, Du verdientest was er Dir giebt. ALBERT. So antwortete ich, Herr Questenberg das koennen Sie nicht beurtheilen. DER DOCTOR. Aha, mithin erklaertest Du ihn einer Vormundschaft beduerftig, die seiner moralischen Guete, seinem individuellen Interesse stets Zaum und Gebiss anlegt, die, wenn er sagt, ich finde, dass mir dieser Mensch vermoege seiner Intelligenz naeher steht und mehr nuetzt als jener, gebieterisch entgegnet, mein Lieber es mag moeglich sein; allein Du hast den Maassstab Deiner Handlungen nicht nach Deinem Geschmack, nicht nach Deinem Herzen, nicht nach Deinem Gewissen, sondern nach uns zu bilden und wir sind just Deine Widersacher! Sieh' da, das Ideal der neuen Justiz, Dein Ideal!--Denke Dir einen Kuenstler wie Raphael, Phidias, Beethoven, einen Mann der Wissenschaft wie Gallilaei, Neyton, Leibnitz, einen Staatsmann wie Perikles, Joseph den Zweiten, Freiherrn von Stein vor das groesste Tribunal seiner Zeit, vor das Volk gestellt . . . (ironisch lachend.) Wuerde die Mehrheit sein Verdienst hoeher anschlagen und der Ehre des Menschengeschlechtes angemessener lohnen, als der Aufgeklaerteste der kleinen Minderheit, der, von Natur und Schicksal beguenstigt, seine Urteilskraft am vollkommensten zu entwickeln vermochte? Ah', lass Dich durch die Doctrinen ueberhitzter Koepfe nicht vom Wege der Vernunft abfuehren! Wenn Verdienst soviel als Abschaetzung, Wiedervergeltung und Dank einer meinem Mitbruder oder der ganzen Gesellschaft geopferten That heisst, so fordere von niemandem mit Gewalt, was niemand sich selber giebt, das hoechste Geschenk der Gnade Gottes, die ueberall gerechte, die innerliche Guete! Mangelt sie meinem Vater, traun, Du bist nicht an ihn gefesselt, Du bist persoenlich frei gleich ihm, verlass ihn, durchwandere die Welt und forsche, ob Dich Jemand hoeher wuerdigt als er! (Ihm ein Papier ueberreichend.) ALBERT (lesend). Werkmeister der Fabrik? . . Vierhundert Thaler? . . freie Wohnung und Garten? . . Wie, wie haengt das zusammen? DER DOCTOR (laechelnd). Wahrscheinlich mit der Intelligenz, dem Interesse, der innerlichen Guete meines Vaters. ALBERT. 's ist seine Unterschrift . . . So viel wagte ich mir nie, nie zuzumessen! DER DOCTOR. Mache an Dir selbst die Erfahrung, wie schwer es ist Jemandes Verdienst richtig zu schaetzen! ALBERT. O Schoepfer des Himmels, Deine Liebe ist grenzenlos! . . Doch still----der Klaus hatte am Ende recht----welch' furchtbarer Gedanke durchschauert mich . . . DER DOCTOR. Was hast Du Albert? ALBERT (nach einer kleinen Pause mit Kaelte). Warum ueberreichte mir Herr Questenberg nicht selbst das Papier? DER DOCTOR (verlegen). Ich weiss nicht Albert. (fuer sich) Der Mensch droht schwierig zu werden. ALBERT. So hatte er doch Furcht-- DER DOCTOR. Inwiefern? ALBERT.--mich zu verlieren? . . Ich durchschau's! Sie sollten mit der Macht ihrer Zunge meine Ueberzeugung verwirren, durch dieses Papier mich koedern, mich vom Sozialismus losreissen . . . Dort in dem Vereine der Arbeiter koennte ich zu aufgeklaert ueber den Nutzen einer gewissen Erfindung werden, die er mir verdankt, mir, mir dem ungluecklichsten, blutaermsten Paria! DER DOCTOR. Du sprichst Unverstaendliches. ALBERT. Ha, dass die allwaltende Gottheit zwischen ihm und mir entscheide! Flamme des Gerichts loh' empor! Zerstoerung dem Sodom und Gomorrha hier, blutigen Untergang den Ruchlosen, die Liebe und Weisheit auf ihren Lippen, Hoffahrt und Niedertracht in ihren Herzen naehren! . . Nehmen Sie das schaendliche Dokument und bestellen . . . DER DOCTOR. Argwoehnischer, ich fuerchte fuer Deinen Verstand. ALBERT. Ich bitte nehmen Sie nur und bestellen--(Das Papier an die Erde werfend.) Doch nein, ich will mich stolz verhalten--ich will ihm alles schenken und mich heimlich fortschleichen . . . Ich bin jung, habe lebendigen Trieb, ausdauernden Muth und kann der Erfindungen noch viele machen . . . Eben nannt' ich mich den blutaermsten Paria--gefehlt! ich bin reich und kein Paria, wenigstens vor solchen frostigen Klugrednern, denn ich besitze noch ein Herz! Ha, ich fuehl's! . . Ja schenke dem Armseligen das langjaehrige Werk, weihtest Du ihm auch die heiligste Flamme der Begeisterung, die hoechste Liebe zum reinen Engel Deines Glueck's, so war's noch nicht das letzte des Ruhmes werth! Grossmuth gab dem Heiland Staerke sich dem Undank zu opfern und am Kreuze zu sterben. DER DOCTOR (bei Seite). Was hab' ich gethan! ALBERT. Weh, weh, 's ist eine Pest, die in meinen Gliedern wuethet!--Steck' dem Elenden die Fabrik ueber dem Haupte an, unterminire das Fundament seines Palastes und spreng' ihn in die Luft! Deine Gefaehrten, es sind ja ihrer ueber zweitausend und dem Leben noch gleichgiltigere Gesellen als Du,--folgen dem Schrei Deiner Noth und suehnen das gebeugte Recht! Eine moerderische Schlacht entspaenne sich, Soldknechte aus Nah' und Fern' zoegen vor das Staedtchen, belagerten, bestuermten, bombardirten es, bis der letzte Held unter dem letzten Steinwalle erlag!--Es waere maennlich und ruhmvoll, allein unvernuenftig! Schweig' und dulde! Was nuetzt's, rottest Du das Unkraut an einer Stelle aus, die ganze Erde ist davon ueberwuchert! Lass' es gruenen, knospen, bluehen, reifen, die wenigen Weizenhalme verdraengen und sich an seinem Uebel fortquaelen bis an's Ende der Welt! Lass' es so dicht und so sich selbst zur Last werden, dass es die milde Sonne anfleht, hab' Erbarmen, giess' die ungeschwaechte Kraft deines ewigen Feuers ueber uns aus; wir moechten sterben und in Asche zerfallen!--O Gott, ich kann's aber nicht ertragen! ein Schwert, ein Schwert, mich zu durchbohren; an meiner Seele nagt unheilbarer Schmerz! DER DOCTOR (bei Seite).--Er traegt die Erfindung zu unseren Concurrenten,--alles ist verloren! Schaffe Rath!--Ich muss seinen Hass von meinem Vater auf mich lenken--recht! dann fordere ich ihn, er schlaegt sich--ein unerhoertes Duell! allein was schadet's, ich bin in den Waffen geuebt und schaff' ihn sicher bei Seit'! . . Das erste Mal im Leben, wo boese Maechte mich zu schwarzen Thaten zwingen! . . . (laut) Albert, ich will's Dir sagen, weshalb Du dies Document aus meiner Hand empfaengst. Du wirst mir zuernen, doch, da ich erkenne, dass Du der groesste Biedermann bist, welcher lebt, wirst Du--ich hoffe zuversichtlich--wirst Du mir verzeih'n. ALBERT. Zur Sache. DER DOCTOR. Ach, 's ist ein bitterer Wermuthstrank!--Das Dokument, Albert, Du empfaengst das Dokument . . . ALBERT. Auf Grund? ich bin gespannt. DER DOCTOR. Hum, auf Grund Deines Lieblingssystems, auf Grund der Gleichberechtigung, der Bruederlichkeit und Assoziation . . . Hat Dir Marie nie gebeichtet von mir? ALBERT. Von Ihnen? DER DOCTOR. Sie hat nie bekannt, dass ich ihre erste Liebe war? ALBERT. Ich erinnere mich nicht . . nein kein Wort. DER DOCTOR. Denkbar, erklaerlich! Die Scham wehrte es ihr . . . Du kennst jene Periode, wo die Geburt unseres Charakters beginnt und wir nichts sind als fantastische leidenschaftliche Wesen, unzurechnungsfaehiger als Kinder, jene Periode des leicht erhitzten Blutes und der Unbesonnenheit-- ALBERT. Nun wohl. DER DOCTOR. In jener Periode lernte ich Marie kennen. ALBERT. Bei welcher Gelegenheit? DER DOCTOR. Es war beim Geistlichen in den Confirmationsstunden. ALBERT. Lassen Sie uns kurz sein. Das Verhaeltnis dauerte? DER DOCTOR. Bis einige Monate nach der Einsegnung, wo ich die Stadt verliess und zur Universitaet abging. ALBERT. Seit jener langen Zeit sahen Sie wohl Marie nicht wieder? DER DOCTOR. Es gereichte mir zum groessesten Vorwurf als die Himmlische mir gestern erschien! ALBERT. Wo? DER DOCTOR. Von Ungefaehr traf ich sie im Park. Schwer laesst sich beschreiben wie mir zu Muthe ward! Der frische, ideale Hauch der Jugend wehte mich an, ich fuehlte die Wucht der reiferen Jahre abgeschuettelt, ich fuehlte mich frei von den herben Erfahrungen, frei von den bitteren Enttaeuschungen des Lebens und wie von einer hoeheren Macht getrieben, die keusch Widerstrebende in meine Arme einzuschliessen, sie mein, ewig mein zu nennen! . . ALBERT. Ich hoerte genug, Herr Doctor. DER DOCTOR. Erkenne, was mich bewegte, Dir das Papier zu ueberreichen. ALBERT. Sie hielten sich versichert, ich wuerde es annehmen. DER DOCTOR. Und hoffe noch Du besinnest Dich--ah, mein Recht auf Marie ist nicht minder legitim als Deins! ALBERT. O, Sie haben nie geliebt! DER DOCTOR. Du meinst! ALBERT. Sie schlossen nie ein Wesen in Ihre Arme, dem Ihr Herz jedes Opfer, selbst die Ehre und das Leben darzubringen geneigt war. DER DOCTOR. Lass' es nicht auf die Probe ankommen! ALBERT. 's ist klar wie das Licht des Himmels! ich glaub' Ihnen deswegen kein Wort; Sie uebertrieben, Sie verkehrten die Wahrheit nur, um Ihren Irrthum, Ihre Schande zu verhuellen. DER DOCTOR. Du haengst mir Schimpf an. Ha, gieb' mir Genugthuung dafuer! ALBERT (lacht). DER DOCTOR (bei Seite). Warum verlaesst mich Kraft und Muth, jetzt koennte ich ihn ohne Umstaende fordern . . . ALBERT. Herr Doctor, Ihnen ward noch keine Gelegenheit mit Leuten meines Standes intim zu verkehren; der Pfad von der Hoehe Ihrer Geburt, Erziehung und Sitte war zu steil, zu gefaehrlich, zu ungebahnt; Sie konnten dem Bewohner des dumpfen Thales nie Besuche abstatten, Sie konnten sich nie in seine Lage versetzen, nie empfinden, dass er Ihresgleichen, ein Mensch, ein Bruder sei!--Die gute Marie, eingedenk, sich einst des Herrn Doctors hohe Aufmerksamkeit erworben zu haben, verleitet das verzweifelte Geschick zu unerlaubter List; sie eilt in den Park, lauert den Herrn Doctor auf, wirft sich dem Herrn Doctor zu Fuessen, fleht um des Herrn Doctors Beistand. Aber was geschieht!--gerechte Strafe unbesonnenen Entschlusses!--ihr Huelferuf erweckt Daemonen statt Engel. Des Herrn Doctors Herz entflammt unchristliches Verlangen. Zu spaet ist's vor ihm zu fliehen; sein aeusserst liebenswuerdiges Betragen, seine schmeichlerischen Vorspiegelungen, sein vornehmer Ton zwingen sie eine Unmoeglichkeit zu versprechen . . . ist's nicht so? . . Ich muesste toll sein, machten Ihre Irrthuemer mir boeses Blut. Verzeihung Ihnen, tausendmal Verzeihung! DER DOCTOR. Du bist ein Gott! ALBERT (das Papier aufhebend und an seine Lippen drueckend). Es giebt keine heiligere Reliquie mehr! DER DOCTOR (bei Seite). Besser als ich dachte! es geht ohne Duell ab.--(laut.) Wir plauderten schon zu lange; der Stallmeister wartet, ich muss zu Pferde. (Nachdem er den Hut aufgesetzt und die Reitpeitsche genommen.)----Eile jetzt zu Marie, thu' ihr Abbitte in meinem Namen und versichre, dass ich aus ganzer Seele wuensche, es moege Gott gefallen, Euch eine glueckliche Zukunft zu schenken. (Ihm die welke Hand schuettelnd.) Fortan giebt's keine Missverstaendnisse mehr zwischen uns . . . Hast Du noch etwas zu fragen? ALBERT. Was sagte Herr Questenberg, als er Ihnen das Papier unterzeichnete? DER DOCTOR. Ah, das vergass ich! . . Es regte den alten Papa furchtbar auf,--er haette sich mir widersetzt, wenn nicht augenblicklich viel von meinem Willen abhinge--(bei Seite.) Ich sehe mich genoethigt ihm alles zu sagen! . . (laut.) Gelobe mir zu schweigen. ALBERT. Beim ewigen Heil! DER DOCTOR. Die Ehre unseres Hauses, der Fortbestand der Fabrik, Euer Sein oder Nichtsein--schwebt in Frage. ALBERT. Herr Questenberg befindet sich in einer Crisis? DER DOCTOR. Die ich durch eine mir missliebige Heirath beschwoeren soll . . . Wohl sah'st Du es dem stolz und frei durch die schwuelen Gewoelbe schreitenden Gebieter nicht an, dass er noch angestrengter mit der Existenz kaempfte als Du! . . Nichts hinderte Dich zu weinen, wenn Dein Herz blutete, wehe zu schreien wenn des Ungluecks Last zu schwer drueckte, ein Mann von Ehre zu sein, wenn Versuchung Dich anfocht, denn Du stand'st allein und stritt'st nur fuer das nackte Leben!--er aber, Oberhaupt eines grossen kuehnen Unternehmens, gewuerdigt des Vertrauens der ganzen Welt, verantwortlich fuer das Schicksal von Tausenden, er, durch ungeahnten Umschwung der Zeiten, durch fehlgeschlagene Spekulationen ploetzlich in die rathloseste Lage getrieben,--Furien der Schande hinter sich, unverschuldeten Untergang vor sich sehend,--muss lachen, um sein blutendes Herz zu verbergen, muss von Glueck prahlen, glaenzende Feste veranstalten, seinen zweifelnden Freunden schmeichelnd die Hand druecken, um nicht zu verrathen, dass Unglueck ihn heimsucht, muss Raenke spinnen, Unredlichkeiten und Trug begehen, um ein Mann von Ehre zu bleiben! . . ALBERT. Mir wird es helle im Busen!--Ihr Bekenntniss bringt mich dem armen Herren naeher als je! . . Er hatte ein zu gutes, zu ehrbares Gesicht--ah, es war unmoeglich! nein es giebt keine Teufel--wir Menschen sind alle gleich gut und gleich schlecht, gleich wohlwollend und gleich uebel berathen,--nicht wahr, nur die Verhaeltnisse stempeln uns zu Verbrechern!? O ich weiss, wie gross ihre Macht ist! Dies Dokument bezeugt's zweifellos. DER DOCTOR. Personen im Nebensaal . . . ALBERT. Womit vergelt' ich's Dir Marie! . . . DER DOCTOR. Theurer Albert, wir muessen abbrechen, es giebt Besuch. ALBERT. Zu Befehl, Herr Doctor. DER DOCTOR. Morgen sehen wir uns wieder. Du bist fortan mein bester Geselle. Lebe denn wohl. ALBERT. Ueberfluessiger Wunsch!--Das Leben ist ja die Hoelle. (Beide nach verschiedenen Seiten ab.) Neunte Scene. [Transkriptionsanmerkung: Die merkwuerdige Scenennummerierung ist 1:1 aus dem Original uebernommen.] BLASHAMMER eine Zeitung haltend. V. ZITTERWITZ, beide Haende gefaltet, das Haupt gesenkt. DER DOCTOR mit verwunderter Miene. Einer hinter dem andern in gewissen Abstaenden. Sie machen im Saal langsam die Runde. BLASHAMMER (nach einer Pause). Das Schweisstuch ging mir wohl in der Boerse verloren . . . DER DOCTOR. Bedienen Sie sich des meinen.-- BLASHAMMER (nimmt des Doctor's Tuch, reibt sein Gesicht und wirft sich in einen Sessel.) DER DOCTOR.--Es muss etwas Erschreckliches vorgefallen sein--indessen, wenn's nur nicht meine gute Adelgunde betrifft . . . BLASHAMMER. Das arme Herz!--Ich wuenschte, der Tod haette sich Ihrer erbarmt! . . Welcher Zukunft geht sie entgegen! oh, oh, oh! . . DER DOCTOR. Sie floessen mir Angst ein. BLASHAMMER. Das Schicksal stellt jetzt eine grosse Frage an Sie. DER DOCTOR. Ich werde hoffentlich Kraft genug besitzen, sie zu loesen. BLASHAMMER. Wir wollen's erproben! Zehnte Scene. DIE VORIGEN. QUESTENBERG. QUESTENBERG. . . Ihr liesset mich auf eine erschuetternde Nachricht vorbereiten,--was giebt's, meine Freunde? BLASHAMMER. Lies hier unsere Zeitung unter dem Datum von Neapel. QUESTENBERG. Krieg? Handelsstoerungen? Schiffbrueche? BLASHAMMER. Lies, lies! QUESTENBERG (lesend). "Neapel, den siebenten Juni. Vorgestern nahm unser Kriegsdampfer, Koenig Ferdinand, einen auf der Hoehe von Palermo kreuzenden Dreimaster gefangen, dessen volle Ladung von Kriegswaffen an die Revolutionaere der Insel eingeschmuggelt zu werden bestimmt war, was die beim Capitain vorgefundenen Papiere zum Ueberfluss beweisen. Das Ereigniss macht grosses Aufsehen, da Herr Banquier B. zu N., welcher bisher des hoechsten Vertrauens der Koeniglichen Regierung genoss und erst kuerzlich von ihr mit einem Auftrage fuer ein und eine halbe Million beehrt wurde, der Unternehmer dieser bedauernswuerdigen Expedition ist.--Es klingt wie eine Verleumdung. BLASHAMMER. Meine Glaeubiger schieben den Artikel neidischen Concurrenten in die Schuhe . . . QUESTENBERG. Ich moechte es auch thun. BLASHAMMER. Blashammer, summt's von Ohr zu Ohr an der Boerse, soll mit den Feinden der Ordnung im geheimen Bunde stehen?! Er, ein Liebling und Rathgeber von Ministern und Fuersten, liefert an Mazzini's, Garibaldi's und allen Ausbund der Menschheit--Waffen?! QUESTENBERG. 's ist unglaublich! BLASHAMMER. Fuer den Gewinn einiger rostigen Heller verwagt der grosse Blashammer Ehre und Existenz!? QUESTENBERG. Wer durfte es von ihm denken! BLASHAMMER. Niemand--wehe dem, der's that! Und nun frag' ich, Questenberg, woher kommt's, dass es wahr ist? DER DOCTOR. Der Mensch hat seine Mysterien! BLASHAMMER. Diese Briefe ueberbrachte mir die Post. QUESTENBERG (den groessesten entfaltend). Vom neapolitanischen Ministerium . . . Ich verstehe das Italienische nicht, doch lese ich zwischen den Zeilen, dass man den Auftrag fuer die anderthalb Millionen wieder abbestellt. BLASHAMMER. Der bereits ausgefuehrt und zur Absendung fertig!--Es sind die kostbarsten Gewehre, Karabiner und Pistolen . . . QUESTENBERG. Wer von den Potentaten kauft sie Dir jetzt ab! BLASHAMMER. Ich falle bei ihnen in gerechte Ungnade. DER DOCTOR. _Eo ipso_, Herr Schwiegerpapa, fallen Sie dem Umsturz in die Arme. BLASHAMMER. Ja, gleich Ihrem Vater. DER DOCTOR.--Ich an Ihrer Stelle besoenne mich nicht lange, sondern strebte den Schaden schnell wieder gut zu machen. BLASHAMMER. Wodurch? DER DOCTOR. Pah, durch eine zweite Expedition nach Sicilien. BLASHAMMER. Ich soll noch ein Schiff verwetten! DER DOCTOR. Sie besitzen ein ganzes Dutzend--da kann's Ihnen auf ein oder zwei nicht ankommen. BLASHAMMER. Danke bestens. DER DOCTOR. Ein schlechter Spieler, den ein erster Verlust entmuthigt. BLASHAMMER. Ach, bestuende er nur in einem Schiff! aber--oeffne den andern Brief, Questenberg, 's ist das Lebewohl des Capitains.--Der gute Mann musste fuer mich sterben! . . QUESTENBERG (den Brief entfaltend und schnell zurueckgebend). Leichtsinn, Leichtsinn! DER DOCTOR (lachend). Was besagt das, Herr Schwiegerpapa! BLASHAMMER. Sapperment, ausserordentlich viel. DER DOCTOR. Hat ein Capitain hoeheren Werth fuer Sie als ein Schifflein?! BLASHAMMER. Ein Capitain ist doch ein Mensch . . DER DOCTOR. Ihr Ebenbild! hat Vernunft, Verstand, Gewissen gleich Ihnen und alles was er thut, mit sich selber auszumachen. BLASHAMMER. Ich lass' es gelten. DER DOCTOR. Bringt ihm nun eine Fahrt nach Sicilien den Tod, so ist's seine eigene Schuld. BLASHAMMER. Meinetwegen. DER DOCTOR. Warum gab er sich Ihnen als williges Werkzeug hin?! BLASHAMMER. Ja, fuer solche wahnsinnige Unternehmung! DER DOCTOR. Warum, sage ich?! BLASHAMMER. Er haette es unterlassen koennen! DER DOCTOR. Sehen Sie, eben weil er's haette unterlassen koennen, eben weil er sein eigener Herr und Meister war, eben deshalb muss er Ihnen gleichgueltiger sein als das Schifflein sammt der Waare, welche Sie ihm anvertrauten. BLASHAMMER. Wenn ich mich recht besinne, so ist er mir auch gleichgueltiger. DER DOCTOR. Bravo! BLASHAMMER. Da gab ich ihm doch ein Schreiben mit, einen Talisman, der ihn vor jeder Gefahr schuetzen sollte . . . DER DOCTOR. Weniger ihn, als Ihr Schifflein und die Waare. BLASHAMMER. Laut desselben wuerde man die Waffen als die fuer Neapel bestellten betrachtet und das Schiff als verirrt oder verschlagen von Palermo ungehindert fortgelassen haben. DER DOCTOR. Sie erschoepften den Born aller List! BLASHAMMER. Verlasse man sich auf fremde Menschen! Wo's ihrem unbegrenzten Vortheil nicht gilt, wo sie nicht ganz eigene Gebieter, da sind sie ohne Genie, ohne Talent, ohne Vorsicht . . . DER DOCTOR.--selbst bei Gefahr Ihres Lebens! BLASHAMMER. Ich machte die Erfahrung schon oft, wollte es jedoch nie glauben! DER DOCTOR. Sie haetten nur sagen sollen, Capitain, es geht auf halb Part, benehmt euch klug, seid pfiffig . . . BLASHAMMER. Ah, der Teufel liess mich das nicht sagen! DER DOCTOR. Nicht wahr? BLASHAMMER. Ja, ja, haette ich das gesagt, so koennten wir Ihrem Vater morgen die Glaeubiger vom Halse schaffen! DER DOCTOR.----Fuer morgen koennen Sie die Aussteuer nicht zahlen? BLASHAMMER. Wohl that ich's schon kund. DER DOCTOR. Nicht fuer uebermorgen denn? BLASHAMMER. Nicht fuer uebermorgen ueber funfzig Jahr. DER DOCTOR. Was? solche Wunden schlaegt der Verlust des winzigen Schiffleins Ihrem Vermoegen, Ihrem Credit!? BLASHAMMER. Ja mein Guter, nach dem gewissenhaftesten Calcuel.--Ich bin ein ruinirter Mann! DER DOCTOR. Sie verrechneten sich vielleicht. BLASHAMMER. Ich mich verrechnen?! ah, dass der Himmel mir erspare dies Sie zu fragen! DER DOCTOR. Papa, was denken Sie? QUESTENBERG. Nichts mein Sohn. DER DOCTOR. Wo suchen wir jetzt unser Heil! QUESTENBERG (deutet schweigend nach unten, als nach dem Grabe, waehrend der Vorhang faellt). Vierter Akt. Abtheilung I. Vor der Huette des Vater Ziemens. Erste Scene. MARIE. FRAU ZIEMENS. FRAU ZIEMENS. Mein Kind, wohin eilst Du,--bleib' in der Huette. MARIE. Lass' mich nur, ich suche die schoenen Blumen, die ich verlor. FRAU ZIEMENS. Welche schoenen Blumen? MARIE. Am neustaedter Garten auf der Wiese pflueckten wir sie ja--ich hatte die ganze Schuerze voll. FRAU ZIEMENS. Du traeumst, Kind----Entstiegst Du nicht eben dem Federbett!--Komm' zurueck, die Luft weht kalt. MARIE. Bin ich denn krank? FRAU ZIEMENS. Ein furchtbares Fieber ras't seit Mitternacht in Deinem Blut. MARIE. Muetterchen, nie im Leben fuehlt' ich mich so gesund! Klarer als die freundlich strahlende Sonne ist mein Geist, frischer als die thautrunkenen Zweige sind meine Glieder. Ich wuenschte Musikanten, froehliche Gesellschaft, einen vollbesetzten Tisch, um zu singen und zu springen wie bei der Hochzeit. FRAU ZIEMENS. Du erinnerst Dich nicht Deines Wehs vor einer Stunde. MARIE. Wir gruben im Garten Gemuese und kamen auf Albert--Du schaltst ihn einen charakterlosen Buben, der feige den Ruecken kehrte, nach dem er mich an den Abgrund des Verderbens gebracht--Ich litt es nicht, fuehlte mich verletzt . . . FRAU ZIEMENS. Das geschah gestern. MARIE (erstaunt). Vor einer Stunde-- FRAU ZIEMENS.--strittst Du mit der Hoelle, nicht mit mir. Ach, kein ehrbares Maedchen hegt Gedanken-- MARIE. Welcher Art? FRAU ZIEMENS. Schweigen wir davon. MARIE. Muetterchen, Du erschrickst mich. FRAU ZIEMENS. Der Name des jungen Questenberg lag bedeutungsschwer auf Deiner Zunge--Viel sprachst Du von einem Brief, den er an Dich geschrieben--Wie wird Dir--Mein Kind! MARIE erblasst und droht umzusinken. FRAU ZIEMENS (nimmt sie in die Arme).--Was hast Du auf Deinem Gewissen! MARIE.--'s ist ueberstanden; die schwache Natur hilft mir----Du bist auf alles vorbereitet--hier, lies den verhaengnissvollen Brief.---- FRAU ZIEMENS.--Mir dunkelt's vor den Augen. MARIE. Albert erhielt die Stellung eines Werkmeisters um--um meiner Ehre Preis!----Keinen Laut truebseligen Jammers; entscheide kurz, wodurch mein Verbrechen zu suehnen. FRAU ZIEMENS. Ich lasse den Himmel walten. MARIE. Uebe Gerechtigkeit, dass Du Antheil am Himmel hast, er ist die Liebe des Guten. FRAU ZIEMENS. Du richtetest Dich selber schon-- MARIE (schnell einfallend). Ohne Ziel meiner Schuld--Ich bedarf einer Autoritaet! FRAU ZIEMENS. Die findest Du im Schooss der Kirche. MARIE (mit stuermischer Leidenschaft). Mutter, Mutter, niemandem vertrau' ich mehr als Dir! Nur Du, nur Du verstehst mein Herz, schaust die labyrintischen Faeden meines Schicksals, fuehlst was mich in's Verderben trieb und kannst allein-- FRAU ZIEMENS. Du verlorst den Glauben an des Priesters erloesende Macht? MARIE (zaertlich). Weil ich Dich lieben und schaetzen lernte als meinen obersten Wohlthaeter. FRAU ZIEMENS. Lehnst Dich auf gegen unsere urheiligsten Satzungen! MARIE (bitter). Sie helfen mir so wenig als dem Blinden--die Brille. FRAU ZIEMENS. Herr mein Gott!--Nun erst begreif' ich, wie tief Du sankst----Um die letzte Stuetze der Noth brachte sie der Jugend vernunftlose Leidenschaft! Kein Sakrament, keine Messe, kein Spruch geweihter Priester erbaut sie mehr! MARIE. Nur Thaten versoehnen, was das Herz verschuldet, Thaten, denen des Schoepfers Lob vernehmbar toent: Friede sei mit Dir, Du bist gerettet!--Gieb mir eine Religion, o Mutter, die Entschluesse fassen lehrt, einen Priester, der rathet, zeitliches Elend, der Zukunft Fluch vom Haupte abwenden, einen Freund, dessen persoenliche Wuerde mich ungetheilt erfuellt, der mich erschuettert durch seiner Gruende Aufrichtigkeit, erhebt und fortreisst durch den Zauber seines Beispiels!--Ach, ich irrte in eine Wueste der Finsterniss, und verschmacht' im dunklen Drang nach Entscheidung! Dem stolzen Adler aehnlich, der, gelaehmten Fittich's im Staube sich windend, vergebens die Hoehe erschaut, wo seine Heimath ist, lieg' ich zu Deinen Fuessen! Schuetze mich!--Sogleich erscheint Albert, o Mutter, willens in's Joch, das die Schwaeche der Menschheit, unsere Schmach, ihm aufbuerdet, sclavisch sich zu fuegen--Muss ich ihm folgen? FRAU ZIEMENS. Raethselhafte Kranke, unbegreifliche Schwaermerin. MARIE. Muss ich--? FRAU ZIEMENS. Was waere Dein Loos, wenn Du nicht muesstest?! MARIE. . . . Der Tod. FRAU ZIEMENS. Und unser, der armen Eltern Loos?!----Verdienten wir das um Dich! MARIE (stuerzt mit einem Schrei in sich zusammen).----Fuehr' mich nach jenem Ruhesitz . . . Seh' ich recht, so naht der Gefuerchtete--Ersehnte! Er ist's!--Ich gleiche dem bedraengten Piloten in Sicht des winkenden Ports--doch vergebens bewegt er Ruder und Steuer: immer rueckwaerts stuermt ihn das unerbittliche Meer. Zweite Scene. DIE VORIGEN. ALBERT. ALBERT. Gruess' euch Gott, meine Theuren. MARIE (kehrt ihm entsetzt den Ruecken). FRAU ZIEMENS (erwiedert seinen Gruss mit schuechterner Verbeugung). ALBERT (erschrocken stehen bleibend). Was ist das!--Frau Mutter, dies Papier verkuende Ihnen, weshalb ich komme . . . FRAU ZIEMENS (damit in die Huette). ALBERT. Stumm enteilend und betroffen, als wuesste sie schon alles--War die Furcht prophetisch, welche mich zoegern liess bis heute frueh? Sag' an Maedchen, wie fass' ich-- MARIE (reicht ihm des Doctors Brief). ALBERT. Willst Du schriftlich zu mir reden?--Ha!--Der junge Herr ging schneller als ich . . . (Nachdem er fluechtig gelesen, unwillig mit dem Fuesse stampfend). Ueberfluessige Diplomatie!----Aber wie fein! wie herablassend im vornehmen Gewande des Stolzes! welche unsichtbar sichtbare Reue! er will nicht kriechen, will seiner Stellung nichts vergeben und doch den Erkenntlichen spielen . . . "Die trueben Erfahrungen seines Lebens verleiteten ihn zur grossen Taeuschung; bis jetzt haette er unter Bettlern keine Menschen erblickt"--Ei, ei! . . . Zu viel ueberschwemmendes Lob--zu viel, auf einen Elenden, der die Jungfrau des Himmels eitlen Zwecken opfern, ihr feige, ehrlos Lebewohl sagen konnte!--(Sich die Hand vor die Augen haltend.) Dritte Scene. DIE VORIGEN. DIE ALTEN ZIEMENS. VATER ZIEMENS. Mein guter, guter Albert. ALBERT. Wer ruft mich?--Mein Vater! VATER ZIEMENS. Wo bist Du? Komm, komm.--Sag' mir doch, wo er ist? FRAU ZIEMENS. Dich macht die Freude blind--Da, da hast Du ihn. VATER ZIEMENS. In meine Arme, Himmelsbote--Noch kommst Du zur rechten Zeit, noch findest Du sie bei uns, noch----Du bebst zurueck? Welche finstere, verzweifelte Mine? ALBERT. Armer Vater! VATER ZIEMENS. Melancholische Seufzer--Bringst Du meinem Toechterchen keinen Trost? Dies Papier verbrieft und besiegelt-- ALBERT. Vergroessert ihre Pein. VATER ZIEMENS. Ei, ei, hatte sie Wahrsagergabe vergangene Nacht? . . . Lass' mal sehn--Ist sie im Garten? ALBERT. Hier sitzt sie--erstarrt von des Geschicks Meduse. VATER ZIEMENS. Was, was! um Gotteswillen--Kinder, Kinder, ihr werdet nichts Boeses . . . Muetterchen, Du scheinst alles schon zu wissen. FRAU ZIEMENS. Die Kinder sind naerrisch. VATER ZIEMENS. Durch welche Mittel erweichten sie so schnell des Herren kaltes Herz? FRAU ZIEMENS. 's ist einfach. VATER ZIEMENS. Erzaehle--sei so gut. FRAU ZIEMENS. Erinnerst Dich noch wohl, dass Marie frueher, verstehe recht, bevor sie Albert kannte-- VATER ZIEMENS. Ich versteh'. FRAU ZIEMENS.--ein wenig entzuendet von dem jungen Doctor ward-- VATER ZIEMENS. Und der junge Doctor von ihr. FRAU ZIEMENS. Dies nuetzte die Unglueckliche in ihrer Noth.-- VATER ZIEMENS. Meine Ahnung! FRAU ZIEMENS (ihm den Brief gebend, welchen Albert in seiner Hand haelt). Lies aber den Brief hier, den der vom braven Albert schrecklich Enttaeuschte nun reumuethigst an sie richtet. Aus ihm erhellt, dass Marie in seine thoerichten Bedingungen nur listig willigte und ihre Ehre rein blieb. VATER ZIEMENS (sich weigernd den Brief zu nehmen). Dessen--dessen bin ich gewiss. FRAU ZIEMENS (zudringlich). Erbaue Dich an der herablassenden, schmeichelhaften Sprache. VATER ZIEMENS (nimmt; nachdem er gelesen und die Kinder mit schmerzhaften Blicken betrachtet). Ebenbuertig an Geist und Gefuehl steht Ihr Euch gegenueber; ein Gedanke, eine Liebe paart Eure Herzen; Euch fehlt zur Glueckseligkeit nichts! und nun, was ist's, dass sich feindlich zwischen Euch stellt, Eure Harmonieen mit rauher Hand verstimmt?! Der Menschheit Jammer, des Wahnes Schreckgestalt? das klaegliche Gebilde alles Zeitlichen, in das Geburt und Grab Euch mit verwebt?! Weh, seid Ihr verloren--Ihr seid--und keine Zufluchtsstaette sehe ich mehr, kein Ziel fuer Eure Wuensche?! Die Gottheit selbst versagt Euch Schutz?! (Kleine Pause.) Hoch geht das wilde Meer, der Hoffnung starker Kiel zerschellt und trostlos an die naechste Planke festgeklammert, treibt Euch des Schicksals finstre Welle auseinander! FRAU ZIEMENS. Unseliger, trankst Du noch nicht genug den bittern Leidenskelch?! VATER ZIEMENS. Was wuenschest Du, dass ich den Edelmueth'gen rathe? FRAU ZIEMENS. Sich den Verhaeltnissen zu fuegen! VATER ZIEMENS. Der Schande und des Ekels? Wider innere Wuerde?--Weib! FRAU ZIEMENS. Haett' ich es einst gethan, haett' ich der Zeit Gebieterstimme einst gehorcht, so ruhte ich die matten Glieder jetzt in schimmernden Palaesten, saeugte an des Reichthums voller Brust der Jugend unbefangene Freuden und hegte ein Toechterchen im Schooss, der ersten Fruehlingsbluethe gleich, so frisch und schoen! Der grossen Blashammer, von Zitterwitze und Questenberge waren viele, die mit wohlverbrieftesten Vertraegen um meine Freundschaft buhlten. Eigensinnig aber pochte ich auf meinen guten Stern, der, vom protestant'schen Schwaermergeist bereits verdunkelt, mir die Wege ungekraenkter Tugend leuchten sollte. Wahrlich, er hat sie mir geleuchtet! Fantastisch ging's berg auf berg ab, ueber Stock und Stein bald links, bald rechts.--Weit hinten blieb der selige Tag! Und ob von oben, unten, kreuz und quer des Geistes feur'ges Raecherantlitz warnend mir erschien--warst Du nicht umzustimmen! Taub bliebst Du meiner Liebe zaertlichstem Gebot, sangst: "Ein' feste Burg ist unser Gott, ein' starke Wehr und Waffen" . . . Ja, blicke nur beschaemt--er half uns frei aus aller Noth, setzte uns auf einen weichen Pfuhl, regnete Himmelsmanna und laesst's uns wohlbehagen . . . Dass diesem luegnerischen Streben der Stab gebrochen werde,--in mir das letzte Opfer ihm gefallen! . . Ein eitel, ein verwerflich Gut ist ja das Leben und nicht der Muehe werth es zu erhalten! Gluecklich alle, die's leicht erfassen, die schlau, verwegen, kuehn die wenigen Koernlein lautern Goldes aus seinem Schacht zu stehlen wissen! . . Ich bin muede sein morsches Kreuz noch laenger fortzutragen. Der Erfahrung langgesponnener Faden hoere auf der Wahrheit undankbare Spule zu bewegen; er reisse, eine neue Zeit beginne unsern Kindern! Litten wir zu ihrem Frommen, so bin ich ausgesoehnt,--vergebe den Gewissenlosen, die als Spielball schnoeden Eigennutzes, lachend von Hand zu Hand uns warfen, bis wir verbraucht, in ihren dumpfen Woelbungen, bei Lumpen einen Gnadenplatz erhielten. VATER ZIEMENS. So hoert' ich Dich noch nie!--Welchem fuerchterlichen Zweifel unterjochte das Elend Dein Herz!--Hast Du kein Blut mehr in den Adern; zehrte die heimliche Schlange das Lebensmark Dir aus und brichst nun morsch zusammen, gleich dem Geruest des stolzesten Tempels, von der unsterblichen Himmelsflamme verglueht!? ALBERT. Ehrwuerd'ger Greis, vergebens ringen ewige Gesetze die dunkle Macht des immer Wechselnden zu brechen, vergebens, ihrer heissersehnten Wohlthat den schwachen Sterblichen zu unterwerfen! Wie es gewesen seit fuenftausend Jahren wird es verbleiben alle Zeit. Der Gute wird gewinnen und verlieren, wird, selber sich in's Boese kehrend, aus edlem Eifer fort und fort sein aeltres Werk dem juengeren zum Opfer bringen und nie erfahren, woran er ist, was er zum Heil, zum Unheil eigentlich gestiftet. Ich tret' deshalb auf der Verzagten Seite, die abgehaermt vom blassen Gram des sittlichsten Entbehrens, um ihres Lebens schoensten Inhalt sich betrogen fuehlt und mir nun weise raeth, die Welt zu nehmen wie sie ist, nicht wie sie sollte sein,--dem Zufall zu vertrau'n und dem Verstand, der reich an Kenntniss und an List, das Netz nur auswirft wo's zu fischen giebt, im Uebrigen Gott walten laesst, die Herzenskammern wohl verriegelt, das Christliche, die allgemeine Bruederschaft, Freiheit und Gleichheit blos als Mittel conservirt, (laechelnd)--als Mittel zur Umschuettelung, wenn im spirituosen Zauberbecher der suesse Genius sich zu Boden senkte . . . Ich haett's schon lange wissen sollen und anders stuend' es jetzt! Die Nemesis, des Irrthums strenge Raecherin, waer' nicht beschworen, ihr flammendes Geschoss auf uns zu schleudern! FRAU ZIEMENS. Beim Himmel, nein! VATER ZIEMENS. Erforscht' ich je Dein Herz, so wird es schwer Dir fallen, sie zu versoehnen. ALBERT. Ich mach's getreu den klugen Fuechsen nach, die sich aus Eifer fuer das allgemeine Wohl in einen frommen Schaafpelz huellen, Gesangbuch, Katechismus, Bibel unterm Arm, demuethigen bussfertigen Schritt's alltaeglich nach dem Kirchlein schleichen und dann, wo es auch sei, in lustiger Gesellschaft, auf freiem Markt, im dunklen Boersenraum, ein jedes Woertlein ihres suessen Odems mit Priesterbalsam wuerzen und gottgefaelligen Spruechen, als wie "unrecht Gut gedeiht nicht; Jedem das Seine; ehrlich waehrt am laengsten; selig die reines Herzens sind"-- VATER ZIEMENS. Albert, Albert! FRAU ZIEMENS. Lass' ihn! ALBERT. Der Erfolg wird lehren, Vater. Ich hoff' in wenigen Jahren ein Mann zu sein, dem die Ehrwuerdigen der Stadt und alle Freunde guter alter Ordnung ein schmeichelhaftes Seitenblickchen zollen. VATER ZIEMENS. O waer' mein Name dann bereits vergessen! ALBERT. Menschenhass, Eigenduenkel, Ehrgeiz, Selbstsucht, Neid--unter dem Hute der Scheinheiligkeit geschickt versteckt, bilden die kardinale Tugend der allgerechten christlichen Liebe, welche Hirten zu Koenigen erhebt und die Pforten des festesten Gewissens nach Willkuehr oeffnet und schliesst. Durchdenken Sie's nur tief, mein Vater; sie ruht auf sicherern Saeulen als Ihr Glaube an--an--ich weiss nicht woran! FRAU ZIEMENS. Aus der Seele mir gesprochen. VATER ZIEMENS (zu Marie). Erhebe Dich mein Kind. FRAU ZIEMENS. Wer die Welt mit Deinen Augen sieht, muss unsrer echt katholischen Kirche sich zu Fuessen legen. ALBERT. Sie ist die einzige Bruecke zum verlornen Paradies. FRAU ZIEMENS. Traun, ich halte Dich beim Wort. ALBERT (ihre Hand schuettelnd). Was thu' ich nicht um meines Engels Frieden! VATER ZIEMENS. Willst Du mit Deinem Vater in die Huette? ALBERT. Weilt! auch dort ras't der Orkan; Ihr findet keinen stillern Platz fuer sie als hier, an meiner Brust!--Ich beschwoere Euch, weilt! MARIE. Fasse--halte--leite mich, Vater . . . ALBERT. Geht Dir der Athem aus auf halbem Wege?!--Die Bagatelle,