The Project Gutenberg EBook of Das liebe Nest, by Paula Dehmel This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at www.gutenberg.net Title: Das liebe Nest Author: Paula Dehmel Release Date: October 13, 2004 [EBook #13732] Language: German Character set encoding: ASCII *** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS LIEBE NEST *** Produced by David Starner, Hagen von Eitzen and the PG Online Distributed Proofreading Team. DAS LIEBE NEST Gesammelte Kindergedichte von Paula Dehmel Herausgegeben von Richard Dehmel mit Zeichnungen von Hans Thoma bei E. A. Seemann in Leipzig 1919 GRUSS AN DIE GROSSEN Aus lichtem See, ueber Sterne und Schnee, rauschen die Schaeume, lauschen die Traeume, Himmel hinab, Himmel hinan, ewige Bahn. Aus Kinderland, ueber Acker und Sand, wachsen die Gluten, die boesen, die guten, Himmel hinab, Himmel hinan, ewige Bahn. GRUSS AN DIE KLEINEN Ich moecht euch alle miteinander auf bunten Wiesen sehn, bei Klarinetten und Geigen die Fuesschen im Tanze drehn. Ich moecht euch alle miteinander mitnehmen im Fliegerkahn, euch die schoene Erde zeigen, und was fleissige Menschen getan. Ich moecht euch alle miteinander still fuehren an der Hand, euch heimliche Dinge sagen von Gott und dem Sternenland. ERSTER TEIL WUNDERCHEN Putzt die Fenster! fegt die Ecken! Darf sich kein Staub, kein Kruemel verstecken, muss alles so blank wie Ostertag sein, denn das Wunderchen zieht ein. Zieht ein--schon stimmen die Englein die Geigen; alle Koenige werden sich neigen, Hirten und Koenige mit dem Stern haben Wunderchen gern. Wer soll Wunderchens Taufpate sein? Sieben grosse Meister laden wir ein; sieben grosse Helden mit Kron und Schalmein sollen Wunderchens Taufpaten sein. Und wer ist schnell sein Spielgesell? Da kommen gesprungen die reizenden jungen Wachholderweibchen und Fliedermaennchen, Taunixchen mit silbernen Wasserkaennchen. Aus Vogelnestern und Weidenkaetzchen gucken neugierige Schelmenmaetzchen: Wir lachen fein, wir singen fein, wir wollen Wunderchens Spielgesellen sein! GEHT LEISE Geht leise-- es ist mued von der Reise. Es kommt weit her: vom Himmel uebers Meer, vom Meer den dunklen Weg ins Land, bis es die kleine Wiege fand-- Geht leise. WITTEWOLL SCHLAFEN Auf der Leine, auf gruenem Platz haengen sieben Hemdchen und ein Latz; im Winkel, am Zaun, wos Spinnchen spinnt, liegt mit grossen Augen mein Kind-- wittewoll schlafen? Henne macht sich ein Bett im Sand, Fliege traeumt an der Mauerwand, Schmetterling sitzt in der Mittagsruh, schaukelt die Fluegel auf und zu-- wittewoll schlafen? Suselesu, der Sonnenwind blaest in die Augen dem mueden Kind; es will noch blinzeln--Spinnchen haelt den bunten Schleier vor die Welt-- --wittewoll--schlafen-- -- FRUeHSTUeCK So morgens um halb acht herum: Rumpumpel macht das Maeulchen krumm. Und keine fuenf Minuten drauf wacht Rumpumpel auf. Hu! kommt der kalte Badeschwamm, Rumpumpel haelt die Ohren stramm; und schlaegt die Ticke-Tacke acht, wird ihm die Milch gebracht. Die schmeckt Rumpumpeln aber fein; er patscht mit beiden Faeustchen drein und trinkt und trinkt, bis alles leer. Rumpumpelchen, das freut mich sehr: morgen gibt's gut Wetter! SEEREISE Pitsch--patsch--Badefass, Rumpumpel plantscht die Stube nass, ist ein junger Wasserheld, segelt durch die ganze Welt, im Wipp--im Wapp--im Schaukelkahn ueber den grossen Ozean. Stehn drueben alle Wilden still und schrein: Was bloss Rumpumpel will? so splitternackt und pitschenass in seinem kleinen Schaukelfass? Schnell das Badelaken! SO LALA Steht ein Toepfchen rund und nett unterm Bett, so lala, so lala. Reicht mir mal das Kindel her, das braucht jetzt keine Windel mehr, so lala, so lala. Rolle, rolle, ratteratt, rollt ein Wagen durch die Stadt; sind zwei blanke Pferdchen davor, hinten drauf ein schwarzer Mohr. Horch, er haelt vor unserm Haus; steigen zwei feine Jungherren aus, mit Federbarettchen und goldenen Kettchen. Schnell das Toepfchen unters Bettchen! MEIN WAGEN Mein Wagen hat vier Raeder, vier Raeder hat mein Wagen, rolle, rolle, rummerjan, das wollt ich euch bloss sagen. Mein Wagen hat 'ne Deichsel, 'ne Deichsel hat mein Wagen, rolle, rolle, rummerjan, das wollt ich euch bloss sagen. Mein Wagen hat ein Pferdchen, ein Pferdchen hat mein Wagen, rolle, rolle, rummerjan, das wollt ich euch bloss sagen. Mein Wagen fahrt nach Potsdam, nach Potsdam faehrt mein Wagen, rolle, rolle, rummerjan, das wollt ich euch bloss sagen. Und wer mit mir nach Potsdam will, in meinem neuen Wagen, rolle, rolle, rummerjan, der braucht es bloss zu sagen. KUTSCHER AUF DEM KNIE Wagen im Wind. Wie sitzt mein Kind? Wie geht mein Pferd? Alles verkehrt. Holdriutsch-- oben die Raeder, unten die Kutsch! Wagen im Schnee. Da guckt das Reh, da schnuppert der Has mit der wackligen Nas. Holdriuff-- da sitzt unser Kutscher wieder oben uff! EREIGNIS (von Paula und Richard Dehmel) Hurra, zum ersten Mal: Mutter, der Peter, hurra, da steht er! haelt sich am Roeckchen, haelt sich am Stoeckchen, grade wie 'n Licht, fuerchtet sich nicht. Hurra, zum ersten Mal: Mutter, der Peter, hurra, da geht er! guck, ganz alleinechen setzt er die Beinechen! Aua, Geschrei-- bautz!--vorbei. HEILSPRUeCHEL Kra, kra, kalter Schnee, dem Raben tut sein Beinchen weh, dem Haesechen sein Herzchen; die boese Zeit, die kalte Zeit, ein jedes hat sein Schmerzchen. Heile, Fingerchen, heile, es dauert noch 'ne Weile, es dauert noch bis Rosmarein, dann ist lauter Sonnenschein. SCHLIMME GESCHICHTE Im Stall unser Schaefchen--baeht, im Hof unser Haehnchen kraeht, und der Karo an der Kette bellt mit Spitz um die Wette. Auf'm Dach unser Kaetzchen--maut, und im Ententeich die Froesche, alle Froesche quaken laut: Kinder, denkt euch den Schreck, unserm kleinen Wackelbein sein linker Schuh ist weg. AUSTREIBUNG Das kann doch nicht Rumpumpel sein? So kann Rumpumpel doch nicht schrein? Seeloewen sind in unserm Haus; schnell, Rumpumpel, wir jagen sie raus. Ich 'n Stock, Du 'n Stock, alle beide einen Stock. Ei der Daus, wollt ihr raus, wollt ihr in euer Seeloewenhaus! WENN RUMPUMPEL BRUMMIG IST Die Henne legt ein Ei, da ging der Mond entzwei; die Haelfte fiel nach Nuckenstadt und schlug zwei grosse Brummer platt. Zwei grosse Brummer, brumm, summten hier herum, um Rumpumpels Kopf, um Rumpumpels Bauch und um sein dickes Naeschen auch. Nun sind sie tot... Aber im Ei pickt das Kueken die Schale entzwei, kriegt heraus, und wackelt mit dem Schwanz-- --ist der Mond wieder ganz. DER PUDDING Rumpumpel will essen, nun fix gebraten: ein Kaetzel, ein Spaetzel und sieben Soldaten. Das gibt einen Pudding so gross wie ein Haus. Zuletzt leckt Rumpumpel die Kuchenschuessel aus. ZWEI MAeULCHEN Winkele, wankele, vor der Tuer steht ein Bankele, auf der Bank sitzt mein Kindele, spielt mit mei'm Huendele, winkele, wankele. Winkele, wankele, ich hab ein Gedankele: ein Aepfle fuers Kindele, ein Knoechle fuers Huendele. Dankele. MUeCKEBOLD Mueckchen, Mueckchen, Duennebein, Mueckchen, lass das Stechen sein, Stechen tut ja weh! Mueckchen, Mueckchen, weisst du was: beiss doch in das gruene Gras, beiss doch in den Klee! DAS SCHERCHEN Schnipsel, schnipsel, Scherchen, schneid mir ein Gewehrchen; schiess ich mir ein Haeschen tot, brat's dem Kind zum Mittagbrot. Die Schnitzel fliegen zum Fenster hinaus durch den Sonnenschein in des Gaertners Haus; der hat seine Freude dran, oder guckt sie gar nicht an, oder streut sie in den Wind, oder schenkt sie seinem Kind-- schnipsel, schnipsel, Scherchen-- -- GESCHICHTCHEN VOM WINDE Wer kommt dort angeflogen? Das ist der Wind. Der Wind ist ungezogen, er blaest dem Kind unters Roeckchen, an die Soeckchen, um die Ohren, an die Nase; solch Geblase! Ganz zerfleddert und zerzaust kommt Rumpumpel angesaust; und hustet und prustet, das arme Troepfchen, und steckt sein Koepfchen in Mutters Schoss. Und weisst du, warum der Wind so getollt? Rumpumpel sollt zu Bette gehn, und hat nicht gewollt. ANZIEHLIEDCHEN Wer strampelt im Bettchen? versteckt sich wie 'n Dieb? Das ist der Rumpumpel, den haben wir lieb. Was guckt da fuer 'n Naeschen? Ein Buebchen sitzt dran. Das ist der Rumpumpel, den ziehn wir jetzt an. Erst wird er gewaschen, vom Kopf bis zur Zeh; er weint nicht, er greint nicht, denn es tut ja nicht weh. Schnell her mit dem Hemdchen: da schluepfen wir fein, erst rechts und dann links, in die Aermelchen 'rein. Fix an noch die Struempfchen, fix an auch die Schuh; kommts Haendchen, schnuerts Baendchen, schon sind sie zu. Nun Leibchen und Hoeschen, ein Roeckchen kommt auch; sonst friert dem Rumpumpel sein kleiner runder Bauch. Das Kaemmchen kaemmt sachte, aber still muss man stehn; zuletzt noch das Kleidchen, der Tausend, wie Schoen! Nun geht er und sagt: Guten Morgen. DAS LAeMMECHEN In Wolfenbuettel wohnt ein Lamm, das hat ganz schwarze Haare. Meint ihr, es brauche einen Kamm? I Gott bewahre! Aber mein Laemmechen braucht ein Kaemmechen, braucht ein Schwaemmechen, laesst sich nix verdriessen; setzt sein neues Kaeppechen auf, will mal Koppkegel schiessen. DIE WILDEN BEINCHEN Guten Morgen, ihr Beinchen! Wie heisst ihr denn? Ich heisse Hampel, ich heisse Strampel; und das ist Fuesschen Uebermut, und das ist Fuesschen Tunichtgut. Uebermut und Tunichtgut gehn auf die Reise, platsch, durch alle Suempfe, nass sind Schuh und Struempfe; guckt die Rute um die Eck-- laufen sie alle beide weg. DER LUMPICHTE BU Ka Struempferl im Kasten, ka Baenderl am Schuh, ka Knoepferl am Wams-- oh, der lumpichte Bu! TINTENHEINZ UND PLAeTSCHERLOTTCHEN Heini, Heini, ach, ist Heini dumm: stippt mit allen Fingerchen im Tintenfass herum. Heini, Heini, kleiner dummer Mohr: stippt sich alle Fingerchen, klecks, ins Ohr. Und unten am Brunnen, da steht ein Fass, da macht sich unsre Lotte pitschepatschenass. Und oben die Sonne hat drueber gelacht und hat unsre Lotte wieder trocken gemacht. ES REGNET Es regnet, es regnet der Kuh auf den Schwanz; es regnet, es regnet der Braut in den Kranz. Es regnet, es regnet, die Welt ist schon nass; hol 's Toepfchen, fang 's Troepfchen, dann sag ich dir was: Waescht du die Nase, bleibt sie fein grade. Waescht du das Muendchen, bist du 'n lieb Kindchen. Waescht du aber die Augen schoen, kannst du dem lieben Herrgott seinen Himmel besehn. TROeSTERCHEN Bluemchen haengt das Koepfchen, der Tau ist ihm zu schwer; kommt der durstige Morgenwind, traegt die Tropfen ins Meer. Spaetzchen piepst und bettelt, das Kroepfchen ist ihm leer; Pferdchen hat die Krippe voll, streut Koernerchen umher. Kindchen weint noch immer, Boeckchen stoesst so sehr. Schenkt ihm Mutter einen Kuss: sieh mal, nun weint's nicht mehr. HAeSCHEN IN DER GRUBE (mit Benutzung des Volkspiels) Haeschen in der Grube sass und schlief, kam der heilge Kuckdiguck und bracht ihm einen Brief. Haeschen, bist du muede oder bist du krank? Steck doch deine Laeufer raus, ob du noch huepfen kannst. Und was stand geschrieben in Kuckdiguckens Brief? "Dem Kutscher, der nicht fahren kann, geht der Wagen schief." HASENSPIEL Hinter den Birken ueber den Rasen huschen drei Hasen an uns vorbei, Springen ueber Busch und Dorn, wollen ins junggruene Winterkorn, hocken da, locken sich da, laufen kreuz, laufen quer, hin und her, als gaeb's in der Welt keine Schrotflinte mehr. Warte, in der Weihnachtszeit kommen die drei Hasen ins Haus geschneit. Den groessten verschicken wir, den zweitgroessten spicken wir, der kleinste kommt ins Hundehaus und steckt hinten sein Schwaenzchen raus. DREI BAeUMCHEN Jung jung drei Baeumchen wachsen im Wiesengras, jung jung drei Baeumchen sagen mir was. Das erste hat sich so gequaelt, hat alle seine siebentausend Blaettchen gezaehlt. Das zweite traegt Pflaeumchen, schlicker-schleckerfein; haett es deine Zaehnchen, es aesse sie allein. Das dritte, das dritte schuettelt sich bloss: fallen lauter Blueten in meinen Schoss. Sag ich schoen Dank, geh ich nach Haus, mach ich Rumpumpeln ein Kraenzchen draus. SCHABERNACK Wenn ich in die Stube geh und den Rumpumpel seh, tanzen wir zwei Ringeldireih, lachen wir, machen wir Schabernack, Huckepack, Kaetzchen spielt den Dudelsack, macht Rumpumpel Hottehueh nach der alten Melodie: Miau, miau, dem Kater seine Frau, dem Kater seine grisegrimme gritzegraue Frau. AM ABEND Still. Was bloss das Kaetzchen will? Es streicht um meinen Schoss herum, das Schwaenzchen hoch, den Buckel krumm, Still-- und weisst du, was es will? Still. Was bloss die Glucke will? Sie lockt und lockt die kleine Brut zum warmen Stall und deckt sie gut, Still-- und weisst du, was sie will? Still. Was bloss Rumpumpel will? Die Augen macht er schon ganz klein und gaehnt und will genommen sein, still-- nun weisst du, was er will. GUTENACHTLIEDCHEN Leise, Peterle, leise, der Mond geht auf die Reise; er hat sein weisses Pferd gezaeumt, das geht so still, als ob es traeumt, leise, Peterle, leise. Stille, Peterle, stille, der Mond hat eine Brille; ein graues Woelkchen schob sich vor, das sitzt ihm grad auf Nas' und Ohr, stille, Peterle, stille. Traeume, Peterle, traeume, der Mond guckt durch die Baeume; ich glaube gar, nun bleibt er stehn, um Peterle im Schlaf zu sehn-- traeume, Peterle, traeume. FREUND HUSCH (von Paula und Richard Dehmel) Husch, husch, husch, ich schluepfe aus dem Busch; ich stecke mein Laternchen an, ich zuende uns die Sternchen an, husch. Husch, husch, husch, ich putze meinen Busch. Der Mond ist da, der Mond ist hell; der Mond, der ist mein Spielgesell, husch. Husch, husch, husch, ich schuettel meinen Busch. Die Kinderchen sind all zur Ruh, ich schuettel ihnen Traeume zu; die haben wir vergangne Nacht, der Mond und ich, uns ausgedacht, husch, husch, husch, im Busch. RUMPUMPELS GEBURTSTAG Kraeht der Hahn frueh am Tage, kraeht laut, kraeht weit: Guten Morgen, Rumpumpel, dein Geburtstag ist heut! Guckt das Eichhoernchen runter: Wenig Zeit, wenig Zeit! Guten Morgen, Rumpumpel, dein Geburtstag ist heut! Kommt das Haeschen gesprungen, macht Maennchen vor Freud: Guten Morgen, Rumpumpel, dein Geburtstag ist heut! Steht der Kuchen auf dem Tische, macht sich dick, macht sich breit: Guten Morgen, Rumpumpel, dein Geburtstag ist heut! Und Vater und Mutter, alle Kinder, alle Leut schrein: Hoch der Rumpumpel, sein Geburtstag ist heut! MUTTERS GEBURTSTAG Leises Klopfen an der Tuere: Kann ich 'rein, Mama? Frisch gewaschen, frisch gebuegelt steht Rumpumpel da. Rosen in beiden Haendchen; wie der Kerl sich freut! Kommt ans Bett, sagt: Guten Morgen, Mutti Burtstag heut. Vater putzt die grosse Stube, die ist maechtig schoen. Lauter Blumen! Und die Torte! Komm, zu Vati gehn! RUMPUMPEL TANZT Rumpumpel tanzt, Rumpumpel tanzt, es blitzen seine Schuh; der Kreisel und der Hampelmann sehn verwundert zu. Der Kreisel pufft den Hampelmann: guck, Hans, was sagst du nur? der Junge tanzt, der Junge tanzt und sitzt an keiner Schnur. Der Hampelmann zieht ein Gesicht und schlenkert und sagt: puh, auch eine Peitsche braucht er nicht, tanzt doch so schoen wie du. Rumpumpel tanzt, Rumpumpel tanzt, die liebe Sonne scheint; der Kreisel und der Hampelmann sind sich spinnefeind. KREISELLIEDCHEN Herr Dreidel tanzt auf einem Bein rundum, rundum, kommt die dicke Marmelkugel, rollt ihn um, rollt ihn um; pass auf, Herr Dreidel! Herr Dreidel tanzt auf einem Bein rundum, rundum, pfeift der Wind aus einer Ecke, pfeift ihn um, pfeift ihn um; steh auf, Herr Dreidel! Herr Dreidel tanzt auf einem Bein, peitsch di Hieb, peitsch di Hieb; hopp hopp, wie springt das Bruederlein, halt den Dieb, halt den Dieb, heissa, Herr Dreidel! KONZERT Musik, Musik, die Floete kommt, Rumpumpel tut's begreifen: er horcht und hebt das Fingerchen, faengt gleich an mitzupfeifen. Musik, Musik, die Geige kommt, die Geige tut fein klingen; Rumpumpel hebt das Fingerchen, faengt leise an zu singen. Musik, Musik, der Brummbass kommt, ganz deutlich hoert man's summen; Rumpumpel hebt das Fingerchen, tut wie 'ne Hummel brummen. Das gibt ein herrliches Konzert, ihr Kinder, kommt, ich bitte! Drei Kirschen kost't der erste Platz, und eine kost't die Mitte. Hinten herum ist alles frei, grossmuetig sind wir heute; der Mohr, der Spitz, der Hampelmann sind gar zu arme Leute. DIE ERSTEN HOeSCHEN Der Schneidermeister Piekenich ist ein geschickter Mann, er kommt und misst dem Peterle die ersten Hosen an. Er nimmt sein Buch und Metermass, schreibt sich die Zahlen auf; und wenn der Bub nicht stille steht, kriegt er eins hinten drauf. "Du lieber Meister Piekenich, mach die Hosen recht schoen! Ich will ja unter den Linden damit spazieren gehn. Und alle kleinen Jungens gucken nach mir hin und sehn an meinen Hoeschen, dass ich auch ein Junge bin." DER KLEINE SUeNDER (von Paula und Richard Dehmel) Gestern lief der Peter weg, spinnefix verstohlen. Setzt sich Mutter den Baenderhut auf: wart, ich will dich holen. Sausepeter, Flausepeter, kleiner Suender, wo bist du? Hahnematz steht auf der Wiese, "Kiek ins Gruene" kraeht er; sag mir, bunter Kikeriki, wo ist unser Peter? Bummelpeter, Schummelpeter, kleiner Suender, wo bist du? Wie sie sich im Garten umguckt, ist er nicht zu sehen, bleibt sie neben dem Spargelbeet unterm Pflaumbaum stehen. Aber Peter, nirgends steht er; kleiner Suender, wo bist du? Hoert sie etwas lachen, horch oben aus dem Baume; sitzt der Peter seelenvergnuegt, pflueckt sich eine Pflaume. Wirft ein Steinchen, schwenkt die Beinchen, wupptich--: Mutter, da bin ich! FLUTSCHPETER Flutschpeter lief nie gradeaus; ja, und warum? Er lief getreulich seiner Nase nach, und die, ja die war--schief. DIE TROMMELPARTIE Rumpumpel macht 'ne Landpartie, er trommelt: wer will mit? Kommt das Kaetzchen Mausemaetzchen, das will mit. Rumpumpel macht 'ne Landpartie, er trommelt: wer will mit? Kommt das Huendchen Belleinstuendchen, das will mit. Rumpumpel macht 'ne Landpartie, er trommelt: wer will mit? Kommt das Schweinchen Rosenfeinchen, das will mit. Rumpumpel macht 'ne Landpartie, er trommelt: wer will mit? Kommt der Baer Brummesehr, der will mit. So geht's im Trab, bergauf, bergab, durch Duenn und Dick, durch Schlamm und Schlick; Rumpumpel schlaegt die Trommel. Das Kaetzchen maut, das Huendchen bellt, das Schweinchen quiekt, der Baer brummt: was 'ne dumme Welt! Rumpumpel schlaegt die Trommel. RUMPELREIM Ride-bide-Bummstock fing 'ne Maus, Ride-bide-Bummstock liess sie wieder raus; Ride-bide-Bummstock, du bist dumm, die Maeuse sind 'n Rackerpack, das bringt man um. DAS KARNICKEL Hans Wackelohr, Hans Wackelohr, was bist du heut so still? Sieh her, ich habe Kohl fuer dich, sitz doch nicht gar so feierlich! Hans Wackelohr, Hans Wackelohr, wie kommst du mir heut vor! Hans Schnupperschnut, Hans Schnupperschnut, ist dir dein Haus zu eng? Ein Weilchen darfst du aus dem Stall, bloss friss mir nicht die Knospen all! Hans Schnupperschnut, Hans Schnupperschnut, bist mir nun wieder gut? LEKTION Huehner, wollt ihr wohl artig sein! huebsch langsam essen und nicht so schrein! Muesst ihr denn immer zanken und beissen? euch um jedes Koernchen reissen? Pfui, dicke Henne, abscheuliches Tier, du isst ja fuer vier. Weg! hoerst du nicht? du sollst dich trollen! Die niedlichen kleinen Kueken wollen auch mal heran an das schoene Futter. Wenn du nicht hoerst, sag ich's der Mutter; die faengt dich ein und macht dich tot, dann essen wir dich zum Mittagbrot. LIED DES HUeHNCHENS Tuck--tuck--heut ist Regentag, und ich muss mich plagen; kratze schon acht Stunden, tuck, und noch knurrt mein Magen. Tuck tuck tuck, pick und schluck, hab noch immer nicht genug. Tuck die Enten, tuck die Enten, Enten sind doch Narren; gehn ins Wasser, tuck ins Wasser, als koennte man da scharren. Tuck tuck tuck, pick und schluck, hab noch immer nicht genug. Pferde, tuck tuck tuck, und Kuehe haben grosse Koepfe, aber keine Kroepfe, tuck; traurige Geschoepfe! Tuck tuck tuck, pick und schluck, hab noch immer nicht genug. Tuck, wie war der Hahn galant, suchte mir manch Kruemchen; heute geht er, tuck tuck tuck, mit Cochinchina-Muehmchen. Tuck tuck tuck, pick und schluck, hab noch immer nicht genug. Tuck, du fetter Regenwurm, dich muss ich noch ergattern; schimpft nur, tuck, vor Neid, tuck tuck, Muhmen und Gevattern! Tuck tuck tuck, pick und schluck, hab noch immer nicht genug. Tuck, waer ich doch endlich satt, tuck, das waer ein Segen; muss Rumpumpeln, tuck tuck tuck, sein Fruehstuecks-Ei noch legen. Tuck tuck tuck, pick und schluck, ach, wann hat man wohl genug? SO SIEHT UNSRE WIRTSCHAFT AUS Unser Mueller hat ein Muehlenhaus, mi-ma-Muehlenhaus, kommt Korn hinein und Mehl heraus, mi-ma-Mehl heraus; Muehlenhaus, Mehl heraus, so sieht unsre Wirtschaft aus. Unser Baecker, der backt weisse Wecken, wi-wa-weisse Wecken, und braunes Brot und Streusselschnecken, stri-stra-Streusselschnecken; weisse Wecken, Streusselschnecken, Muehlenhaus, Mehl heraus, so sieht unsre Wirtschaft aus. Unser Schlaechter schlacht't ein feistes Schwein, fi-fa-feistes Schwein, und poekelt Wurst und Schinken ein, schi-scha-Schinken ein; feistes Schwein, Schinken ein, weisse Wecken, Streusselschnecken, Muehlenhaus, Mehl heraus, so sieht unsre Wirtschaft aus. Unsre Mutter hat 'ne bunte Kuh, bi-ba-bunte Kuh, die gibt uns Milch und Butter dazu, bi-ba-Butter dazu; bunte Kuh, Butter dazu, feistes Schwein, Schinken ein, weisse Wecken, Streusselschnecken, Muehlenhaus, Mehl heraus, so sieht unsre Wirtschaft aus. Unsre Henne macht ein laut Geschrei, li-la-laut Geschrei, und legt dabei ein frisches Ei, fri-fra-frisches Ei; frisches Ei, laut Geschrei, bunte Kuh, Butter dazu, feistes Schwein, Schinken ein, weisse Wecken, Streusselschnecken, Muehlenhaus, Mehl heraus, so sieht unsre Wirtschaft aus. [Transkriptions-Notiz: Fehlendes "aus" hinzugefuegt.] Rumpumpel ist ein kluges Kind, kli-kla-kluges Kind, das fragt nicht viel und isst geschwind, i-a-isst geschwind; kluges Kind, isst geschwind, frisches Ei, laut Geschrei, bunte Kuh, Butter dazu, feistes Schwein, Schinken ein, weisse Wecken, Streusselschnecken, Muehlenhaus, Mehl heraus, so sieht unsre Wirtschaft aus. ZWEITER TEIL DAS HAUS Ich bau, ich bau ein steinern Haus; vorne guckt ein Esel raus, hinten eine Kuh, muh. MIT TROMMEL UND TRAB Sitzen zwei alte Weiber im Sand, spinnen viel feine Faeden ueber Land, ueber Baeume, ueber Zaeune, um Stoppel und Dorn, immer von vorn. Fuer wen sitzen die alten Weiber im Sand, spinnen viel feine Faeden ueber Land? Fuer Wildbub Kraushaar, kommt alle hundert Jahr mit Trommel und Trab vom Himmel herab, reisst alle Faeden auf einmal ab, macht sich ein'n Muetzenpuschel draus und lacht die alten Weiber aus. SIEBENSCHLAeFER Ihr Siebenschlaefer in den Hoehlen, reckt euch, streckt euch, aufgewacht! Der Fruehling leuchtet in den Himmel nach einer einzigen warmen Nacht. Schnell, schuettelt eure grauen Zotteln, und blinzelt in das blaue Licht; Herrgott, wer wird so langsam trotteln, ich lauf voraus, ich warte nicht. Die Amsel uebt schon ihre Lieder, ich pfeif sie nach, ich sing sie auch; und denkt euch nur, der blaue Flieder hat Knospen, und der Haselstrauch. Der Teckel bellt vor lauter Wonne und wuehlt die frische Erde um-- Na? seid ihr noch nicht in der Sonne, ihr Siebenschlaefer faul und dumm? OSTERLIED Has, Has, Osterhas, wir moechten nicht mehr warten. Der Krokus und das Tausendschoen, Vergissmeinnicht und Tulpen stehn schon lang in unserm Garten. Has, Has, Osterhas, mit deinen bunten Eiern. Der Star lugt aus dem Kasten aus, Bluehkaetzchen sitzen um sein Haus; wann kommst du Fruehling feiern? Has, Has, Osterhas, ich wuensche mir das Beste: ein grosses Ei, ein kleines Ei und ein lustiges Dideldumdei, alles in einem Neste. MAIWUNDER (von Paula und Richard Dehmel) Maikoenig kommt gefahren, in seinem gruengoldnen Wagen, mit Saus und Gesinge. Seine Zuegel sind Sonnenstrahlen, grosse blaue Schmetterlinge ziehn ihn ueber Busch und Bach, dass die weissen Bluetenglocken in seinen Locken schwingen und springen, und Hans guckt ihm nach und hoert sein Lied: wer zieht mit? zieht mit? Kommt das Maienweibchen, traegt ein weisses Kleidchen, traegt ein gruenes Kraenzchen, sagt zu unserm Haenschen: Eia, Hans, komm zum Tanz! Einen Schritt Frau Nixe, einen Schritt Herr Nix, Ringeldireih, Ringeldireih, Dienerchen, Knix! HANSEL UND GRETEL Hansel und Gretel stehen zu zwein, der Hansel ist grob, und die Gretel ist fein, der Hansel ist dick, und die Gretel ist duenn, der Hansel ist aus Birkenholz, die Gretel ist aus Zinn. Heissa, juchheissa, wer wird nun Koenig? Was der eine zu viel hat, hat der andre zu wenig. PRINZESSCHEN Wer tanzt mit mir? wer spielt mit mir? ich bin so sehr allein. Kam da der gelbe Sonnenstrahl: Ich tanze Tippel-huschemal, willst du meine Taenzerin sein? Wer tanzt mit mir? wer spielt mit mir? der Sonnenstrahl ist zu fein. Kam da der wilde Pustewind: Heidih, ich spiele Wegefind, lauf doch, fang mich ein! Wer tanzt mit mir? wer spielt mit mir? der Wind macht mein Kroenchen entzwei. Kam da unser brauner Junge an, macht 'nen Diener wie 'n Edelmann: Prinzess, ich bin so frei. DAS GROSSE LOCH Das grosse Loch, wie kam es doch in Gretens neuen Schuh? Die ganzen Zehn sind ja zu sehn; wer macht das Loch uns zu? Drueben hinterm Rathaus haengt ein grosses Schild raus, goldner Stiefel drauf. Da wohnt der Schuster Firlefanz, der macht dein Schuhchen wieder ganz; lauf, Grete, lauf! ZWEI GESELLEN Es tanzen zwei Gesellen hier herum; der eine, der ist klug, und der andre, der ist dumm. Der eine liegt im Grase, der andre sitzt am Tisch; der eine kaut den Kanten, der andre isst den Fisch isst den Fisch. Es tanzen zwei Gesellen hier herum; der eine, der ist grad, und der andre, der ist krumm. Der eine, der bleibt mager, der andre, der wird fett; der eine kommt an'n Galgen, der andre stirbt im Bett. Je nun, je nun, was ist dabei zu tun. WENN'S PFINGSTEN REGNET Oben aus dem Fahnenhaus guckt das schwarze Wettermaennchen raus, spreizt die Beine und grinst uns an; schaeme dich, alter Wettermann! Am Ostersonntag, vor sieben Wochen, hast du dem Fritze fest versprochen, dass zu Pfingsten, im Monat Mai, das allerschoenste Wetter sei. Und nun regnet's, liebe Not, alle hellen Blueten tot; sie liegen da wie nasser Schnee. Auf den Wegen steht See an See; ja, wenn wir noch drin baden koennten, wie die Spatzen oder die Enten. Wir duerfen aber gar nicht raus, sehn so mucksch wie Maulwuerfe aus; roeche nicht der Kuchen so lecker her, wuesste man gar nicht, dass Feiertag waer. Nicht mal die Pfingstkleider kriegt man an; Schaeme dich, schwarzer Wettermann! EINE HUeHNERGESCHICHTE Vor der Laube kraeht der Hahn, ein rot-schwarz-gelb und gruener: Kuchen, Kuchen, Kuchen auf dem Tisch, fix, kommt fix, ihr Huehner! Seht die Hennen, wie sie rennen, aus Verstecken, ueber Zaeune, ueber Hecken, gackern, beissen sich und schrein, jede will die erste sein. Wie sie fliegen, wie sie flattern, um ein Plaetzchen zu ergattern. Oben auf des Tisches Mitte steht Herr Hahn: Bitte, meine Damen, bitte, fangt nur an! Pick und schluck, nicht genug, immer mehr Kuchen her! Unser Kropf ist ein Topf, wird nicht voll, wird nicht leer, darum mehr Kuchen her, bis der Teller leckeleer! Drueben aus des Gaertners Haus guckt der kleine Fritz und lacht: Ei, wie sah das lustig aus, das haben die Huehner klug gemacht. MARIEKEN UND DIE KUeKEN Marie, Marei, Marieken mit deinen sieben Kueken, was willst du tun? "Die alte Kluckenmutter ist tot, nun frieren die Kinder und finden kein Brot; ich will sie pflegen." Marie, Marei, Marieken mit deinen sieben Kueken, was hast du im Sack? "Kartoffelmus und Hirsekern, das essen meine Kinderchen gern, das streu ich ihnen." Marie, Marei, Marieken, gib mir eins von deinen Kueken, du hast noch genug. "Wenn ich meine Kinder verschenken taet, muesst ich weinen von frueh bis spaet, dass sollst du wissen." Marie, Marei, Marieken, Zu Huehnern werden die Kueken; was machst du dann? "Und werden huebsch bunt und werden gross, fliegen mir alle um Kopf und Schoss, hei, alle sieben!" KINDERKUeCHE Marie-Marei will Braten machen, hat keine Pfanne; nimmt sie sich die Schiefertafel von klein Schwester Hanne. Hat sie eine Pfanne. Marie-Marei will Braten machen, hat keine Butter; borgt sie beim Kanarienvogel rasch ein bisschen Futter. Hat sie Butter. Marie-Marei will Braten machen, hat keine Kohlen; vor der Tuer blueht roter Mohn, geht sie den sich holen. Hat sie Kohlen. Marie-Marei will Braten machen, fehlt noch das Gaenschen; nimmt sie sich die Pudelmuetze von klein Bruder Fraenzchen. Hat sies Gaenschen. Hei, mit diesen Wunderdingen muss der Braten wohlgelingen; bitte zu Tisch! ESSENSREGELN Spitzt das Ohr und merkt euch still, was die gute Sitte will! Wer die schoene Form erfasst, ist ein gern gesehner Gast; wer sich frech und plump betraegt, wird ohne Besen hinausgefegt. --1-- Ein Kind soll nicht vorher von Speisen naschen, soll Mund und Haende sich sauber waschen, sich erst setzen, wenn die andern sitzen, das Maeulchen bei Tisch nicht zum Pfeifen spitzen, nicht plappern, wenn grosse Leute sprechen, das Brot nicht zerkruemeln, zerkneten, nur Bissen abbrechen. --2-- Rueckt immer den Stuhl so dicht heran, dass Loeffel und Gabel zum Munde kann, ohne das Tischtuch zu betrippen; und schliesst beim Kauen huebsch die Lippen! Turnen beim Essen, das will nicht passen; also die Ellbogen huebsch unten lassen! --3-- Nicht gierig stopfen! langsam essen! auch keinen Rest auf dem Teller vergessen! Nicht wie Hunde oder Katzen schlecken, schluerfen, schnaufen, schmatzen! Nicht kichern und nicht heimlich fragen, und immer schoen bitte und danke sagen! --4-- Seid ihr beim Essen und trinkt dazwischen, sollt ihr zuvor die Lippen wischen. Kartoffeln und Fisch mit Stahlmessern schneiden, das wird ein Mensch, der Geschmack hat, vermeiden. Brot nimmt man zuhilfe, wenn Fischmesser fehlen; auch Obst soll man nicht mit Stahlklingen schaelen. --6-- Wer stochert in den Zaehnen, nicht unterdrueckt das Gaehnen, das Messer in den Mund steckt, Gabel und Teller ableckt, zuviel packt auf den Loeffel, gilt als Flegel und Toeffel. DIE BOeSE MIES Es war einmal ein Kaetzchen, ein allerliebstes Fraetzchen. Es hatte das Mamsellchen ein seidenweiches Fellchen und einen Bart ums Schnaeuzchen und Augen wie ein Kaeuzchen. Es machte gern den Ruecken krumm und brachte viele Maeuse um, dann schlich es auf die Ofenbank und leckte sich die Pfoten blank. Einst aber, oh das Kaetzchen, was tut das liebe Fraetzchen? Einst stand auf unserm Tische ein Teller Bratenfische. Hopp, ist das Kaetzchen oben: die Fische muss ich loben. So denkt es sich und sitzt und schmaust, doch Mutterchen kommt angesaust, und gibt dem Naschmamsellchen --na warte--eins aufs Fellchen. Nein, unser Miesekaetzchen war gar kein liebes Fraetzchen: los auf die gute Mutter, und durch das Aermelfutter --kratz--in den Ellenbogen! War das nicht ungezogen? Dann lief es voller Wut hinaus und kam erst abends spaet nach Haus, und schlich sich auf die Ofenbank und leckte sich die Pfoten blank. POTTKIEKER Mutti, Mutti, was ist denn da drin? "Hoppel-poppel-Appelreis, mach dich weg, Naseweis, kann dich hier nicht brauchen, der Ofen tut rauchen, muss Spaehne suchen, sonst brennt der Kuchen, muss Gaense schlachten, in sechs Wochen ist Weihnachten." Mutti, Mutti, wo soll ich denn hin? "Ei, tanz mit dem Schimmel, bohr Loecher in den Himmel, lehr die Katz das Alphabet, sieh nach, ob sich der Kirchturm dreht, oder lauf ans Ende der Welt, pass auf, dass keiner runter faellt, marsch!" DER REITERSMANN (von Paula und Richard Dehmel) Schimmel, willst du laufen, will ich uns was kaufen. Heissa, lauf nach Mexiko, da kaufe ich dir Bohnenstroh; laufe nach der Mongolei, da kauf ich mir ein Osterei, hopp! Eile, Schimmel, eile, oder du kriegst Keile. Hoppssa, lauf nach Hindostan, da kaufe ich mir Marzipan; laufe nach Kap Morgenrot, da kauf ich dir ein Dreierbrot, burr! DAS RICHTIGE PFERD (von Paula und Richard Dehmel) Wer schenkt mir ein lebendiges Pferd! Mein Schaukelpferd ist gar nichts wert, es hat so steife Beine, es stampft nicht, frisst nicht, wiehert nicht, und macht solch ledernes Gesicht, und weiss nicht, was ich meine. Wenn mir der Weihnachtsmann ein Pferd, ein wirklich richtiges Pferd beschert, dann reit ich ueber die Bruecke, und reite durch den Kiefernforst nach Vehlefanz und Haselhorst und noch fuenf grosse Stuecke. Dann bin ich mitten in der Welt, da such ich mir ein Haberfeld und lasse mein Pferdchen grasen. Und dann, dann reit ich ans Ende der Welt, wo der Riese den Regenbogen haelt, und--schick euch 'ne Ansichtspostkarte. DER KLEINE REKRUT Ich hab einen Helm aus Packpapier, mit einem Federbusche; der Wilhelm malt mir 'n Adler drauf mit schwarz-weiss-roter Tusche. Einen hoelzernen Saebel hab ich auch, mit einem richtgen Griffe; wenn nur der Scherenschleifer kaem, dass er ihn endlich schliffe! Meine Mutter ist 'ne gute Frau, die schenkt mir einen Dukaten, dann kauf ich mir ein Schiessgewehr, geh unter die Soldaten. DER HAUPTMANN Ich bin der Hauptmann, ihr die Soldaten; immer gehorsam, das will ich euch raten, hoert ihr! Eins, zwei, immer hinterher, eins, zwei, schultert das Gewehr, marsch! Seht euch nicht um, seht euch nicht an, immer huebsch stramm, Mann hinter Mann, halt! Eins, zwei, immer hinterher, eins, zwei, schultert das Gewehr, marsch! ABZAeHLREIM Rechts, links, ueber Eck, die Henne legt die Eier weg, legt sie in ein Buendel Stroh, irgendwie, irgendwo; kommt der Marder Wagemut, jagt die Henne von der Brut, rechts, links, ueber Eck-- ein Kueken hat--er--weg. FRAGEFRITZE UND DIE PLAPPERTASCHE (von Paula und Richard Dehmel) Fritz, ich moecht den Spaten haben. "Mutterchen, warum?" Moechte eine Grube graben. "Mutterchen, warum?" Moechte drin ein Baeumchen pflanzen. "Mutterchen, warum?" Wird mein Fritze drunter tanzen. "Mutterchen, warum?" Wird das Baeumchen Kirschen tragen. "Mutterchen, warum?" Ei, du musst die Spatzen fragen, die sind nicht so dumm!-- Kommt die kleine Plappertasche: "Mutterchen, nicht wahr, ich bin klueger als der Fritze, bin schon bald sechs Jahr. "Mutterchen, nicht wahr, der Fritze ist ein Schaf, o je! Ich kann schon bis zwanzig zaehlen und das A-B-C." I, du kleine Plappertasche, lass den Fritz in Ruh. Plappertasche, wische wasche, halt das Maeulchen zu. Uebermorgen in vier Wochen kommt der Weihnachtsmann; wenn du dann noch immer plapperst, was bekommst du dann? Einen grossen Maulkorb!-- PLAPPERMUeNDCHEN In Leipzig wohnt ein Baeckermeister, Hans-back-die-Semmeln-groesser heisst er; Seine Mutter, die Frau Meisterin, zieht den Teig wer weiss wie duenn, rollt ihn mit der Mangel aus, macht sieben bucklige Bretzeln draus, drei fuer den Vater, drei fuer die Mutter, eine fuer unser Plappermuendchen, dann schweigt's vielleicht ein Viertelstuendchen. PUPPENDOKTOR Lieber Doktor Pillermann, guck dir bloss mein Pueppchen an. Drei Tage hat es nichts gegessen, hat immer so stumm dagesessen, es will nicht einmal Zuckerbrot, die Arme haengen ihr wie tot. Ach, lieber Doktor, sag mir ehrlich, ist diese Krankheit sehr gefaehrlich? Madam, Sie aengstigen sich noch krank; der Puls geht ruhig, Gott sei Dank. Doch darf sie nicht im Zimmer sitzen, sie muss zu Bett und tuechtig schwitzen; drei Kiebitzeier gebt ihr ein, dann wird es morgen besser sein. Empfehle mich. KLEINER EINKAUF Guten Tag, guten Tag, liebe Gruenkramfrau, Gemuese will ich kaufen, ich bin mit meinem Henkelkorb extra hergelaufen; auch schoene frische Eier will ich, hoffentlich sind sie heute billig. Die Schoten hier gefallen mir, zuckersuesse Kerne; auch von den Ruebchen moechte ich ein halbes Liter gerne. Kohlrueben? lieben wir nicht sehr; doch zeigen Sie mal die Pflaumen her! Davon will ich fuenf Litermass, haufenvoll gemessen! weil meine Kinderchen zu Haus alle gern Pflaumen essen. Geld schick ich Ihnen morgen her; ich denke doch, es eilt nicht sehr, ich hab es grad vergessen. VATERS GEBURTSTAG Schnell, schnell, Besen, feg die Stube rein; wenn Vaeterchen zum Kaffee kommt, muss alles sauber sein. Wisch, wisch, Lappen, ueber Stuhl und Schrank; wenn Vaeterchen zum Kaffee kommt, sind sie blitzeblank. Blueh, blueh, Blume, blueh recht frisch; wenn Vaeterchen zum Kaffee kommt, Stehst du auf dem Tisch. Herz-Herz-Muttchen, schnell das neue Kleid; bis Vaeterchen zum Kaffee kommt, ist nur noch wenig Zeit. Tick, tick, Uhrchen, renn doch nicht so fix; wenn Vaeterchen zum Kaffee kommt, mach ich meinen Knix. Fertig, alles fertig, der Kuchen auch ist da; der Kaffee kommt, der Vater kommt, mein Verschen kann ich ja: "Heut ist dein Geburtstag!" DAS HIMMELSPRINZESSCHEN Ich bin das Himmelsprinzesschen, habe Fluegel von blauem Duft, ich schlafe im Wolkenbettchen und bade in Licht und Luft. Mir gehoert die silberne Schaukel hoch oben im Himmelssaal; wenn die goldenen Seile schwingen, blitzt es unten im Tal. Der alte Wetterriese donnert und schilt mich aus, ich flitze ueber die Sterne und lache den Brummbart aus. Die Mirlamein vom Monde webt meine Kleider und Schuh, die gute Mutter Sonne gibt goldne Spangen dazu. Der liebe Gott hat mich gerne, ich bin sein liebes Kind; er nimmt uns auf die Kniee, mich und den Fruehlingswind. Des Abends sitzen wir stille bei Mirlamein im Zelt und spinnen Wuensche und Traeume und streuen sie ueber die Welt. WINDFREUDE Wenn der Wind ueber Wiesen und Felder rennt, renn ich mit; da denk ich, dass ich fliegen kann, und guck mir lustig die Voegel an, susewitt, susewitt. Wenn der Wind durch die Straeucher und Baeume fegt, feg ich mit; die Bluetenkaetzchen feg ich zu Hauf und setz mir vom Ahorn ein Nasenhuetchen auf, susewitt, susewitt. Wenn der Wind durch die Turmloecher singt und pfeift, pfeif ich mit; sein Jodler wird mir gar nicht schwer, und den Brummbass lern ich nebenher, susewitt, susewitt. LIED VOM MONDE Wind, Wind, sause, der Mond ist nicht zu Hause; er ist wohl hinter den Berg gegangen, will vielleicht eine Sternschnuppe fangen, Wind, Wind, sause. Stern, Stern, scheine, der Mond, der ist noch kleine; er hat die Sichel in der Hand, er maeht das Gras am Himmelsrand, Stern, Stern, scheine. Singe, Vogel, singe, der Mond ist guter Dinge; er steckt den halben Taler raus, das sieht blank und lustig aus, singe, Vogel, singe. Und hell wird's, immer heller; der Mond, der hat 'nen Teller, mit allerfeinstem Silbersand, den streut er ueber Meer und Land, und hell wird's, immer heller. WEIHNACHTSSCHNEE Ihr Kinder, sperrt die Naeschen auf, es riecht nach Weihnachtstorten; Knecht Ruprecht steht am Himmelsherd und backt die feinsten Sorten. Ihr Kinder, sperrt die Augen auf, sonst nehmt den Operngucker: die grosse Himmelsbuechse, seht, tut Ruprecht ganz voll Zucker. Er streut--die Kuchen sind schon voll-- er streut--na, das wird munter: er schuettelt die Buechse und streut und streut den ganzen Zucker runter. Ihr Kinder, sperrt die Maeulchen auf, schnell! Zucker schneit es heute! Fangt auf, holt Schuesseln!--Ihr glaubt es nicht? Ihr seid unglaeubige Leute! KNECHT RUPRECHT IN NOeTEN Knecht Ruprecht kratzt sich seinen Bart und rueckt zurecht die Brille: Ihr Engelskinder, laermt nicht so, seid mal ein bisschen stille! Kommt, rueckt huebsch artig zu mir ran, seht euch mal das Bestellbuch an! Was steht hier auf dem ersten Blatt? was auf dem zweiten, dritten? was steht am Ende von dem Buch? was steht hier in der Mitten?--: Ach Weihnachtsmann, wir bitten sehr, Schick uns doch mal das Luftschiff her! Hans moechte nach Amerika, und Fritz zu Tante Lotte, Kurt durch die Luft zu Grosspapa, Marie zum lieben Gotte; Georg will bloss nach Neuruppin mit Zeppelin, mit Zeppelin. Ach Zeppelin, du Zaubermann, 's ist aus der Haut zu fahren, das ganze liebe kleine Pack will bloss noch Luftschiff fahren; dein Fahrzeug ist ja viel zu klein, da gehn nicht alle Kinder 'rein. Ihr Engelskinder, helft mir doch in meinen Weihnachtsnoeten, baut mir ein Luftschiff riesengross mit hunderttaufend Boeten, lasst lustig die Propeller gehn, da sollt ihr mal die Freude sehn! Hurra, schreit da die Engelschar, wir helfen alle, alle. Nach dreien Tagen, blitzeblank, stehts Luftschiff in der Halle. Dank schoen, sagt Ruprecht, faehrt hinab, holt alle Jungs und Maedels ab zur Flugfahrt durch die Welten. Ob sie sich nicht erkaelten? FROHE BOTSCHAFT Frueh, eh ich's konnt begreifen, hoert ich schon etwas pfeifen, hoert ich Schon etwas brummen, wie tausend Bienen summen. Was ist denn los? Ach ja: der Weihnachtsmann ist da! Die Raben und die Spatzen, sie muessen's weiterschwatzen; in alle Haeuser dringt es, von allen Glocken klingt es. Was laeuten sie? O ja: der Weihnachtsmann ist da! Mit seinem braven Esel zieht er von Thorn bis Wesel; wo Maedels sind und Buben, tritt er in ihre Stuben und langt aus Sack und Taschen zum Spielen was und Naschen. Wo habt ihr's her? Na ja: der Weihnachtsmann war da! DER LIEBE WEIHNACHTSMANN (von Paula und Richard Dehmel) Der Esel, der Esel, wo kommt der Esel her? Von Wesel, von Wesel, er will ans schwarze Meer. Wer hat denn, wer hat denn den Esel so bepackt? Knecht Ruprecht, Knecht Ruprecht mit seinem Klappersack. Mit Nuessen, mit Aepfeln, mit Spielzeug allerlei, und Kuchen, ja Kuchen aus seiner Baeckerei. Wo baeckt denn, wo baeckt denn Knecht Ruprecht seine Speis? In Island, in Island, drum ist sein Bart so weiss. Die Rute, die Rute hat er dabei verbrannt; heut sind die Kinder artig im ganzen deutschen Land. Ach Ruprecht, ach Ruprecht, du lieber Weihnachtsmann: komm auch zu mir mit deinem Sack heran! SANKT NIKLAS' AUSZUG Sankt Niklas zieht den Schlafrock aus, klopft seine lange Pfeife aus und sagt zur heiligen Kathrein: Oel mir die Wasserstiefel ein, bitte hol auch den Knotenstock vom Boden und den Fuchspelzrock, die Muetze lege oben drauf, und schuette dem Esel tuechtig auf, halt auch sein Sattelzeug bereit; wir reisen, es ist Weihnachtszeit. Und dass ich's nicht vergess, ein Loch ist vorn im Sack, das stopfe noch! Ich geh derweil zu Gottes Sohn und hol mir meine Instruktion. Die heilige Kaethe, sanft und still, tut alles, was Sankt Niklas will. Der klopft indes beim Herrgott an, Sankt Peter hat ihm aufgetan und sagt: Gruess Gott! wie schaut's denn aus? und fuehrt ihn ins himmlische Werkstaettenhaus. Da sitzen die Englein an langen Tischen, ab und zu Feen dazwischen, die den kleinsten zeigen, wie's zu machen, und weben und kleben die niedlichsten Sachen, haemmern und haekeln, schnitzen und schneidern, faelteln die Stoffe zu zierlichen Kleidern, packen die Schachteln, binden sie zu und haben so gluehende Baeckchen wie Du. Herr Jesus sitzt an seinem Pult und schreibt mit Liebe und Geduld eine lange Liste. Potz Element, wieviel artige Kinder Herr Jesus kennt! Die sollen die schoenen Engelsgaben zu Weihnachten haben. Was fertig ist, wird eingesackt und auf das Eselchen gepackt. Sankt Niklas zieht sich recht warm an; Kinder, er ist ein alter Mann, und es faengt tuechtig an zu schnein, da muss er schon vorsichtig sein. So geht es durch die Waelder im Schritt, manch Tannenbaeumchen nimmt er mit; und wo er wandert, bleibt im Schnee manch Futterkoernchen fuer Hase und Reh. Aus Haus und Huette strahlt es hell, da hebt er dem Esel den Sack vom Fell, macht leise alle Tueren auf, jubelnd umdraengt ihn der kleine Hauf: Sankt Niklas, Sankt Niklas, was hast du gebracht? was haben die Englein fuer uns gemacht? "Schoen Ding, gut Ding, aus dem himmlischen Haus; langt in den Sack! holt euch was raus!" BESCHEIDENE FRAGE Sankt Nikolas, Sankt Nikolas, bringst du der flinken Grete was? Sie ist fast immer artig gewesen, hat fleissig in ihrer Fibel gelesen, kann das grosse H schon ganz richtig schreiben, wird Ostern gewiss nicht sitzen bleiben; Sankt Nikolas, Sankt Nikolas, schenkst du ihr was? Sankt Nikolas, Sankt Nikolas, bringst du dem dicken Peterle was? Er ist noch zu klein, um zur Schule zu gehn, aber beten kann er schon wunderschoen: "Lieber Dott, mach alle Menssen dut, nimm alle unter deinen Hut'" Sankt Nikolas, Sankt Nikolas, schenkst du ihm was? Sankt Nikolas, Sankt Nikolas, bringst du der kleinen Lene was? Sie gehoert der armen Flick-Marie und hat schon lange ein schlimmes Knie; zum Spielen kommt sie gar nicht mehr raus, sieht immer so blass und aengstlich aus. Sankt Nikolas, Sankt Nikolas, schenkst du ihr was? Sankt Nikolas, Sankt Nikolas, ich wuensch mir selber auch noch was: moecht in der Weihnacht mit dir gehn, mir all die froehlichen Kinder besehn, wie sie tanzen und tuten, knabbern und schlucken und am strahlenden Christbaum die Wunder angucken. Sankt Nikolas, Sankt Nikolas, schenkst du mir das? DRITTER TEIL WIDMUNG Klaenge wachsen auf den Wegen im Gebuesch, im jungen Gruen; alle meine Melodien moechte ich mit leisem Segen abends auf dein Kissen legen. Wilde Blumen, seltne Fruechte: was der reife Sommer bringt, moecht ich in dein Zimmer tragen, sollst mir keine Antwort sagen-- Still--der Traum versinkt--verklingt. SONNE Sonne scheint draussen und scheint in die Stube, unten am Boden kugelt mein Bube, greift nach den schimmernden, flimmernden Staeubchen; ich sitze am Fenster und naehe ein Haeubchen, ein ganz kleines Haeubchen aus weissem Batist. Ob's wohl ein Maedel ist?-- Und hat's _seine_ Augen, _seinen_ trotzfrohen Sinn, dann weiss kein Mensch, wie gluecklich ich bin! Bloss Er--Er--sein liebes Gesicht-- -- "Na, Bub? Hast du die Sonne noch nicht?"-- MARIENLIED Maria herzt ihr Kindlein und kuesst sein rotes Muendlein; sie weiss es nicht, dass einst zu Golgatha sein Kreuz wird aufgericht't. Der Wind mit Blumendueften tut des Kindes Haerlein lueften; nicht weiss der Wind, dass einst zu Golgatha unschuldig Blut verrinnt. Sein Laemmlein kommt gesprungen, spielt um den holden Jungen; sieht nicht von fern, dass man zu Golgatha einst hoehnt den lieben Herrn. Ihr sorgend Mutterherzen muesst es fein still verschmerzen; ihr wisst es nicht, wann eurem teuren Kindlein sein Kreuz wird aufgericht't. KORSISCHES WIEGENLIED Schlafe, mein kleiner Wildling, du schlankes Reis, schlaf ein; draussen im Mondschein die Pappel sieht auf dein Bett herein. Traeume, mein heisser Wildling; was ballst du die kleine Faust? Kuehl geht der Wind durchs Fenster, die hohe Pappel braust. Wachse, mein trotziger Wildling, wachse dich hoch und frei, horch auf die herrischen Stuerme und des Adlers stolzen Schrei! Raeche mich, Sohn meiner Wildheit, raeche den Mutterleib, Schaerfe den Dolch und toete, toete das fremde Weib! KOeNIGSKIND --1-- Schlafe ruhig, Koenigskind; wie im Traume singt der Wind, schweigend sitzt der Mond zu Haus, giesst die weissen Strahlen aus, giesst sie ueber das weite Land, ueber Wald und Huegelwand. Taube gurrt im dunklen Laub, Kaefer surrt und fliegt auf Raub, Fischlein steht im Wasser still, weiss nicht, ob es schwimmen will. Was dir auch das Leben spinnt: traeume, Koenigskind! --2-- Ein Vogel flog aus dem Heimatland, er flog wohl sieben Tage lang ueber fremde Waelder und Seen; da wurden ihm die Fluegel lahm, und als er ans grosse Wasser kam, konnt er nicht weiter. Ein Maegdlein musste von Hause fort, in ein fernes Land an fremden Ort, so bang und alleine. Die Mutter gab ihr drei Tropfen Blut: Tochter, liebe Tochter, wahre sie gut, sonst trifft dich ein Unheil. Das Voeglein fiel aus der Hoeh herab, brach die Fluegel beide und fand sein Grab im oeden Lande; das Maegdlein verlor der Mutter Blut, verlor den Weg und verlor den Mut und irrt in der Fremde. --3-- Waldtaube sass gefangen, Kuruh, das Voegelein, wohl hinter Gitter und Stangen; da liess das Koepflein hangen Kuruh das Voegelein. Waldtaube sass am Gitter, Kuruh, das Voegelein, da kam ein blauer Ritter, ein Falke an ihr Gitter: Kuruh, mein Voegelein. Und bist du auch gefangen, Kuruh, mein Voegelein, meine Liebe zerbricht die Stangen, zu dir will ich gelangen, Kuruh, mein Voegelein. Mit seinen starken Faengen tat er das Gitter aufzwaengen, Kuruh, mein Voegelein. Sie breiteten aus die Fluegel, flogen weithin ueber die Huegel, grad in die Sonne hinein, Kuruh, mein Voegelein. HEIMWEH Quellchen geht in den Rauschebach, Bach geht in den Fluss, Fluss geht vorbei am Elternhaus, Muetterchen hoert seinen Gruss; gruesse mir, Quellchen, gruesse mir fein Vater und Mutter, vergiss es nicht, nein? Vater pfeift seinem Huehnerhund, Mutter sorgt fuer den Herd, Schwesterchen giesst ihre Tausendschoen, Bruder zaeumt sich sein Pferd; gruesse mir, Quellchen, ich bin so allein, Bruder und Schwester, vergiss es nicht, nein? ELFENREIGEN Eia, wir Elfen, wir kommen und helfen, eh du's gedacht, Kind, eh du's gedacht. Wir kommen im frommen Geleuchte der Nacht, Gewaender und Baender vom Monde erdacht; wir schweben und heben im Reigenspiel sacht die Schleier zur Feier der freundlichen Nacht. Eia, wir reichen uns schmeichelnd die weichen Haende im gleichen lieblichen Takt, im lieblichen Takt. Wir gleiten durch Weiten der wandernden Welt, wie ziehende fliehende Nebel im Feld; wir lauschen, dem Rauschen der Quellen gesellt, und schauen die blauen Gefilde bestellt. Eia, wir zeigen im silbernen Reigen mit Nicken und Neigen die Zauber der Welt, die Zauber der Welt. WIEGENMAeRCHEN Des Mondes Tochter, Mirlamein, kam in die warme Welt herein, sie kam aus ihres Vaters Haus auf einer weissen Fledermaus. Mirlama, Mirlamein, schlaf ein. Da sass Prinzessin Mirlamein auf einem grossen weissen Stein mitten in bluehender Heide in ihrem milchweissen Kleide. Mirlama, Mirlamein, schlaf ein. In ihren Haenden bleich und fein hielt sie die Floete aus Elfenbein; sie blies--das klang so hell und hold, als ob ein Engel uns troesten wollt. Mirlama, Mirlamein, schlaf ein. Gleich stecken alle Voegelein den Kopf in die Fluegel und schlummern ein, die Hirsche und Rehe im tiefen Wald suchen ihr Lager und schlafen bald. Mirlama, Mirlamein, schlaf ein. Gluehwuermchen loescht das Laempchen aus, fliegt muede in sein Blaetterhaus, die Tauben gurren im Schlaf kuruh, mein Kind macht auch die Augen zu. Mirlama, Mirlamein, schlaf ein. Die Floete verklingt. Vom Heidestein wehen die Schleier der Mirlamein, Sie winkt der weissen Fledermaus und fliegt zum stillen Mond nach Haus. Mirlama, Mirlamein, schlaf ein. TRAUMBALLADE Traumkoenig geht durch bleiches Land, rings gruessen ihn verstohlen die braunen Nachtviolen; Marlenchen geht an seiner Hand, Marlenchen, jung Marlenchen. Traumkoenig geht an den Rosmarinstrauch, da brennen die Lebenskerzen, sie brennen mit roten Herzen; Marlenchen fuehlt ihren heissen Hauch, Marlenchen, jung Marlenchen. Traumkoenig geht am See entlang, die Wasserelfen singen ein Lied von kuehlen Dingen; Marlenchen ueberkommt es bang, Marlenchen, jung Marlenchen. Traumkoenig geht mit leisem Schritt hinein in die weichen Wellen, die silbern im Mond aufquellen; Marlenchen geht in die Tiefe mit, Marlenchen, jung Marlenchen. MUTTER HULE (nach einer alten Volksdichtung) Die alte Mutter Hule kann reisen ohne Geld: sie setzt sich auf den Gaenserich und reitet durch die Welt. Die alte Mutter Hule, die hat im Wald ein Haus; der Uhu sitzt als Waechter davor, laesst niemand 'rein und 'raus. Frau Hulens Sohn heisst Michel, der ist nicht grad, nicht krumm; am Sonntag ist er manchmal klug und Montags manchmal dumm. Sie schickte ihn zum Markte, da kauft er sich 'ne Gans; die flatterte und schnatterte und wippte mit dem Schwanz. Frau Hule holt den Ganter; wie liebten sie sich gleich! Sie frassen zusammen aus einem Napf und schwammen in einem Teich. Des Morgens in der Fruehe fand Michel ein grosses Ei; das hatte die liebe Gans gelegt, der Gaenserich stand dabei. Der Michel lief zur Hule: guck, was ich dir gebracht, ein goldnes Ei. Die Hule sagt: das hast du brav gemacht. Der Michel trug's zu Markte, drei Dukaten wollt er haben; der Jud wollt bloss die Haelfte geben, da schmiss er ihn in'n Graben. Er ging am Schloss vorueber, da stand ein Fraeulein lilienschoen; dem Michel schwoll das Herze, er blieb ein bisschen bei ihr stehn. Der Jude und ein Ritter fielen ueber Michel her von vorne und von hinten, da schrie der Michel sehr. Die alte Mutter Hule flog ueber Prag und Wien, verwandelt ihren Michel schnell in einen Harlekin. Und auch das Fraeulein ruehrte sie mit ihrem Flederwisch, da stand ein Kolombinchen da mit Backen rot und frisch. Wo blieb das goldne Ei, huchjee? Das rollte weit ins Meer. Der Michel zog die Stiefel aus und sockte hinterher. Die alte Mutter Hule sattelt hui die grosse Gans und flog damit zum roten Mond, denn da war Fastnachtstanz. EIN SINGSANG VOM RHEINE Herr Steuermann, Herr Steuermann, leg an der Brueck von Koellen an! Ein Schifflein kommt gefahren wohl ueber den gruenen Rhein. Was hat das Schiff geladen? Ei, roten Wein, ei, weissen Wein, den hat das Schiff geladen. Zu Koellen an der Bruecke, da tagt der hohe Rat am Rhein. Was wollen die Herren trinken? Ei, roten Wein, ei, weissen Wein, den wollen die Herren trinken. Ein Schifflein kommt gefahren wohl ueber den gruenen Rhein. Was hat das Schiff geladen? Ei, blonde Juengferlein, ei, braune Juengferlein, die hat das Schiff geladen. Zu Koellen an der Bruecke, da tagt der hohe Rat am Rhein. Wen wollen die Herren kuessen? Ei, blonde Juengferlein, ei, braune Juengferlein, die wollen die Herren kuessen. Herr Steuermann, Herr Steuermann, leg an der Brueck von Koellen an! BADEBALLADE Lise Nackfisch und Hans Pitschenass badeten im Teiche, strampelten, tauchten, plantschten und fauchten; --hell lachte die alte Eiche. Murrian Knurr, der Pudelhund, kam vorbei am Teiche, erhob ein Geschrei: Herbei! Polizei! da baden zwei, nackend und frei! --hell lachte die alte Eiche. Lise Nackfisch und Hans Pitschenass sprangen aus dem Teiche, fassten Murrian am Kopf, an Schwanz und Zopf, seiften ihn ein, trotz Bellen und Schrein, --hell lachte die alte Eiche. Lise Nackfisch und Hans Pitschenass baden wieder im Teiche, hampeln und strampeln, spritzen und tauchen, patschen und plantschen, prusten und fauchen, --hell lacht die alte Eiche. DER TEUFEL UND DIE KATZ (nach Schwinds Bildern) Ein Kaetzlein ging einst jagen, welch schoene Katz, welch feine Katz; an einer Kirchhofsmauer, da lag sie auf der Lauer und fing sich einen Ratz. "Ach Kaetzlein, lass mich leben, du schoene Katz, du feine Katz; will dienen deinem Willen, jed Wuenschlein dir erfuellen als dein getreuer Schatz." Das Kaetzlein liess sich ruehren, die schoene Katz, die feine Katz; sie liess die Ratte leben, tat ihr ein Laternchen geben, zu leuchten bei der Hatz. "Ich tu dir wacker helfen, du schoene Katz, du feine Katz; brauchst bloss die Oehrlein spitzen, da laufen aus Spalt und Ritzen Langschwaenze auf den Platz." Der Ratz ward gross und groesser-- "Du schoene Katz, du feine Katz, wir wollen beid spazieren, am Arm will ich dich fuehren als dein getreuer Schatz. Dein Schwaenzlein will ich kaemmen, ei schoene Katz, ei feine Katz!" Er rupft sie zum Erbarmen, kein Mauen hilft der armen, vor Schmerz tut sie 'nen Satz. Haett ich dich doch gefressen, ich gute Katz, ich feine Katz; ein Untier bist du worden, wirst mich gewiss noch morden, du Ungetuem von Ratz. Er sprang ihr auf den Ruecken: "Hei, Schoene Katz, hei, feine Katz, jetzt habe _ich_ zu sagen, musst mich als Reiter tragen auch ohne Zaum und Latz. Jetzt fahren wir zur Hoelle, du schoene Katz, du feine Katz; heidi, ein Katzenbraten wird dem Teufel schon geraten, ich schuer den Ofen, Schatz." DER ESEL UND DIE LOeWENHAUT (nach der Fabel von Hans Sachs) Ein Muellersmann aus Oberwesel hatt 'nen gewitzten jungen Esel; der weidete auf gruenem Gras und dachte sich so dies und das, wollt fuer sein Leben gern auf Erden was Bessers als ein Esel werden. Da fand er--und sein Herz schlug schnell-- ein unversehrtes Loewenfell. Er kriecht hinein, es passt ihm gut, er fuehlt auch gleich des Loewen Mut und denkt mit innerstem Behagen: nun brauchst du nicht mehr Saecke tragen. Stolz trabt er durch den Wald daher, tut ganz, als ob ein Leu er waer, schuettelt die Maehne, schlaegt mit dem Schweif und setzt die Tatzen breit und steif. Das Haeslein spitzt das lange Ohr, die Sache kommt ihm kitzlig vor, es springt hinweg; das Rehlein auch. Wie freut sich da der eitle Gauch! Und als der Mueller, der ihn sieht von weitem, auch erschrocken flieht, kann er vor Wonne kaum sich fassen, muss laut sein I-A toenen lassen. Da merkt der Mueller, wen er hat, pruegelt den Esel muerb und matt und schimpft ihn aus: du dummes Vieh! zum Loewen wird ein Esel nie; du hast mich mit dem Fell genarrt, das sollst du buessen, Esel, wart! und schlaegt und pufft ihn immer mehr. Der Esel haengt die Ohren sehr, als so sein Meister ihn verblaeut; sein Hochmut hat ihn recht gereut, wollt fuerder Saecke tapfer tragen, nie mehr nach Loewenhaeuten fragen. EIN SPATZENGESPRAeCH Ich war in Fez durch die Buden gewandelt und hatte einen Ring erhandelt mit einem seltsam geschliffenen Stein; sollte der Ring Koenig Salomos sein. Wer ihn besaesse, verstuende sofort zahlreicher Tiere Geberde und Wort, koennte das Gras beim Wachsen belauschen, hoerte Musik aus den Quellen rauschen, verstuende die Sprache von Baum und Stein, muesste aber ein Sonntagskind sein. Nun, ich war zu meinem Frommen Beim Glockenlaeuten auf die Welt gekommen, nahm meinen Ring, bezahlte bar, und--war jetzt klueger, als ich war. Froehlich ging ich zur Stadt hinaus, wusste da ein einsames Bauernhaus, warf mich glatt in die Fruehlingsruh, kaute Halme und pfiff dazu, dachte an dies und dachte an das, wie so gedeihlich aus Ernst und Spass die Welt sich verbastelt zum Gottgetriebe, dachte an Glauben, dachte an Liebe, und wie hellauf ueber Zacken und Kanten, trotz Pflichten, Gesetzen und alten Tanten, das Leben in neue Blueten schiesst, in die der Saft der Zeit sich ergiesst. Dachte und dachte, eiferbeflissen, glaubte den Weg aller Wege zu wissen, genau der Laenge nach und der Breite, der die Welt zum Heile geleite; dachte-- --was man so buntes denkt, wenn ueber einem die Sonne haengt. Neben mir bluehte lichtblauer Flieder; ein Spatzenpaerlein liess sich drin nieder, die plusterten zaertlich die dicken Haelschen, zogen sich Federchen aus den Pelzchen, sahen recht verliebt darein, mussten wohl jung verheiratet sein. Doch das Schweigen waehrte nicht lange, bald war eine Unterhaltung im Gange; ja, mein Ring kam mir trefflich zustatten, deutlich verstand ich das Plaudern der Gatten und durfte mit Vergnuegen ermessen, sie hatten hoehere Interessen. "Maenne," sagte das Spatzenfrauchen und rueckte naeher an ihr Grauchen, "du bist so klug vom vielen Reisen, koenntst mich ein wenig unterweisen. Sag mir doch, was die Menschen wollen, wenn sie die Erde in dicken Schollen aufwerfen; nie kriegen sie genug von ihrem Getue mit Spaten und Pflug." "Hm," sagte der Spatzmann mit Bedacht, nachdem er ein Weilchen nachgedacht, "Hm, in der Erde gibt's schoene Dinge, Zum Beispiel Kaefer und Engerlinge, die werden sie brauchen zu Schmaus und Festen und werden damit ihre Jungen maesten. Auch Koerner graben sie sehr gescheit in den Boden ein; und wenn's friert und schneit, und es ist Futtermangel im Haus, graben sie alle wieder aus." "Du bist doch der gescheiteste Spatz," sagte die Spaetzin, "mein trautester Schatz. Doch noch was andres wollt ich dich fragen, du kannst mir sicherlich auch sagen, warum die Sonne morgens aufsteht und abends wieder untergeht; ich habe mir seit vielen Wochen umsonst darueber den Kopf zerbrochen." Der Spatz putzt sich den Schnabel und spricht: "Kleines Naerrchen, das weisst du nicht? Wie sollten wir Voegel anders wissen, wann wir morgens ausfliegen muessen? Die Sonne ist da, um uns zu wecken und abends uns wieder ins Nest zu stecken." "Ja, ja, nun wird mir alles klar," sagte das Weibchen; "ganz offenbar hast du da recht. Doch in der Nacht der Mond? fuer wen ist der gemacht?" "Der Mond? Ach, nenn mir den Falschen nicht; der haelt es mit dem Katzengezuecht, lockt Marder und Eulen auf unsre Brut, drum hass' ich ihn mit aller Wut." Und zornig straeubt der kleine Mann die Federn und sieht sein Weibchen an. Das draengt sich an ihn, zaertlich, dicht, glaettet ihm die Daunen an Hals und Gesicht und fluestert erschrocken: "Du hast ja recht, der meint es gewiss mit uns Voegeln schlecht; nie nenn ich ihn wieder. Doch sag mir, du Bester, ob nicht auch in der Menschen Nester die Sonne Licht und Waerme bringt, dass alles frueh aufsteht und singt?" "Nein, Kind, fuer _uns_ ist die Sonne gemacht, uns bringt sie Tag, uns bringt sie Nacht. Die Menschen haben in ihren Zimmern ihre eignen Sonnen, ich sah sie flimmern. Als ich mal nachts, aus dem Schlaf geschreckt, an ein Fenster stiess, hab ich's entdeckt: sie machen bloss knips, dann haben sie Licht, die brauchen unsre Sonne nicht." Das Spatzenfrauchen schien ganz beglueckt von so viel Klugheit und sah entzueckt ihr Maennchen an: "Du bist ein Genie, und weisst auch sicher, warum und wie die Menschen in ihren Steinhaeusern kleben und nicht so frei wie wir Voegel leben?" Das Spaetzchen guckte ein wenig ins Land, hatte aber die Antwort schnell bei der Hand: "Vor Mardern und Eulen und Katzengetier sind sie in den Haeusern viel sichrer als wir, und, was der wichtigste Grund von allen, kein Junges kann aus dem Neste fallen. Ja, ja, die Menschen haben Geist, sind auch den Voegeln gefaellig meist, haben sie doch von Land zu Land lauter feste Draehte gespannt, damit unsre Wandrer scharenweise sich ausruhn koennen auf der Reise. Auch Versammlungen werden von Jungen und Alten im Herbste darauf abgehalten; wir sind ihnen wirklich zu Dank verpflichtet, so praktisch haben sie's eingerichtet." "Glaub's schon, die Menschen sind recht klug, aber noch immer nicht klug genug," sagte das Weibchen; "was wuerden sie geben, koennten sie frei in den Lueften schweben, doch sind sie zu ungeschickt zum Fliegen und werden niemals Fluegel kriegen." "Bloss mit den dicken seidenen Baellen steigen sie manchmal tausend Ellen," lachte das Maennchen; "was nur die tollen Leute bei uns in den Lueften wollen? Jetzt baun sie sogar allerhand Gestelle und rasen herum mit Windesschnelle. Auch der Dompfaff lachte neulich und meinte, er faende die Dinger abscheulich; sinnlos waer dies Gefliege und Rattern, kein Muecklein koennt man dabei ergattern. Ernsthaft sitzen sie in dem Kahn und gucken die Welt durch Roehren an; es ist wirklich lachhaft mitanzusehn. Komm, Schatz, wir wollen zu Bette gehn; fuer heute hast du genug profitiert, morgen wird wieder ein Stuendchen doziert." Eine Weile noch plusterte da was rum, dann waren die Plappermaeulchen stumm. Ich aber ging uebers stille Feld; so malt sich in Spatzenkoepfen die Welt, dacht ich und laechelte ueberlegen. Da hoert ich's in den Lueften sich regen, eine alte Esche rief mir zu: "Wieviel ist der Spatz denn beschraenkter als du? Seid ihr Menschen nicht auch allesamt zu solchen unwissenden Tierlein verdammt, die das grosse Warum und das ewige Wie mit ihrer taeppischen Kindsphantasie zu begreifen suchen? Duerft ihr vertraun dem Funken in euch und aufwaerts schaun? Sind eure stolzesten Gruebler und eifrigsten Spaeher der Gottheit nur um ein Strichelchen naeher?" So sprach die Esche. Ich sah in die Weiten, sacht fuehlt' ich den Ring mir vom Finger gleiten, scheu blickt' ich hin--er war verschwunden, und niemals hab ich ihn wiedergefunden. DREI KOBOLDSTREICHE Fixfax der arge Kobold spricht: die Langeweile bekommt mir nicht, ich will in lustigen Abenteuern den alten Koboldruhm erneuern, denn geht's den Menschen allzu glatt, wird ihre Seele stumpf und matt. Drum will ich sie in diesen Tagen ein wenig necken, ein wenig plagen; ein Kobold will doch auch mal lachen, sich ueber die Menschlein lustig machen, die den Kern aller Dinge glauben zu kennen und sich so leicht die Finger verbrennen. Drum, Fixfax, auf zu keckem Wagen, stoer ein bisschen ihr Wohlbehagen, brauchst sie ja nicht ins Unglueck zu hetzen, ihnen bloss ein paar sanfte Pueffe versetzen. ERSTER STREICH Ei, wie stroemen Wohlgerueche aus Frau Puffkes Wirtschaftskueche, denn fuer hungrige Soldaten will sie grad ein Ferkel braten; alles ist schon gut bereit und die Essenszeit nicht weit. Fixfax nun, das muntre Maetzchen, klettert hurtig wie ein Kaetzchen hoch hinauf zu Schornsteins Rand, setzt sich listig und gewandt mitten auf das Loch da, schwapp, und nun zieht der Rauch nicht ab; rueckwaerts stroemt er in die Kueche, weg sind alle Wohlgerueche, und Frau Puffke steht und hustet, krebsrot im Gesicht, und prustet, kann dem dicken Rauch nicht wehren, sich die Sache nicht erklaeren. Rennt zum Schornsteinfeger Krause, aber der ist nicht zu Hause; niemand weiss, wo Krause schweift, und Frau Puffke steht und keift, denn die Uhr laeuft immer weiter. Endlich kommt er mit der Leiter, um den Schaden zu ergruenden, doch er kann durchaus nichts finden; denn der Fixfax, wohlbedacht, hat sich aus dem Staub gemacht, und Herr Krause mit dem Besen brummt, die Sonne sei's gewesen. Vier Uhr schlug's, als die Soldaten endlich kriegten ihren Braten. ZWEITER STREICH Vor dem Spiegel, kerzengrad, steht Herr Amtsvorsteher Plath; tadellos und mit Geschmack sitzt die Hose und der Frack, ausgezeichnet auch die glatte bluetenweisse Taftkrawatte, Kragen, Vorhemd, _comme il faut_, und Herr Plath ist seelenfroh. Langt noch sorglich aus dem Schrank den Zylinder blitzeblank; nimmt dann Stock und Handschuh munter, steigt voll Stolz die Treppe runter, denn er ist heut eingeladen Zum Empfang bei ihrer Gnaden der Prinzessin Schneckenstein, und das hebt ihm Brust und Bein. Fixfax aber dachte gleich: wart, dir spiel ich einen Streich. Auf den Taubenboden geht er und nach losen Federn spaeht er, sammelt allen Flaum ins Saeckchen, blaest verschmitzt das ganze Paeckchen ueber Plathens neuen Frack und auf seinen _Chapeau-claque_. Plath sieht ganz befiedert aus, doch er ahnt nichts von dem Graus, steuert durch die Nacht geschwind, denkt bloss: was fuer'n arger Wind! tritt mit Wuerde in den Saal, Alle lachen--o Skandal! Bis er endlich sich besieht und geknickt von dannen flieht. Draussen denkt er aergerlich: So ein Pech, das hab nur ich! DRITTER STREICH Auf des Sofas weichem Grunde schlummert sanft mit offnem Munde Pastor Pfannkuch. Nur die Fliegen summen sich was zum Vergnuegen, sonst ist's muckstill. Fast erledigt liegt der Text der Sonntagspredigt auf dem Schreibtisch. Sonnenfleckchen spielen in den Zimmereckchen; nichts bedroht den tiefen Frieden, der dem frommen Mann beschieden. Doch da stiehlt sich in die Stube Fixfax, dieser lose Bube, kichert, faengt ein Dutzend Fliegen, die sind hier sehr rasch zu kriegen, tunkt sie in das Tintenfass, bis sie gaenzlich schwarz und nass, laesst sie dann gleich wieder fliegen und entfernt sich mit Vergnuegen. Nach 'nem Weilchen, ach Herrjee, kommt Frau Pastor mit dem Tee, ruft voll Abscheu, Schreck und Graus: Berthold! Mensch, wie siehst du aus! bist ja wie'n Idiot beschmiert, Backen, Nase, schwarz karriert! Himmel, auch die neue Predigt ist beschmudelt und beschaedigt, und auf meinen weissen Deckchen grinsen lauter Tintenfleckchen! Mann, wie hast du das getan? Und sie sehn sich gruebelnd an... Fixfax aber, auf der Wacht, sitzt im Mauseloch und lacht sich ins Faeustchen ohne Reue, und--gebt Acht--er wird sich neue Schelmentaten ausklabuntern, um uns Menschen aufzumuntern. SPUK (nach alten Mustern) Der Bauer schlaeft im Hirsekraut; wer faehrt dem Bauer sein Heu nach Haus? Der rote Mond guckt uebern Strauch, der Bauer schlaeft und wacht nicht auf. Wer faehrt dem Bauer sein Heu nach Haus? Aus ihrem Loche lugt die Maus, der Fuchs schleicht sacht aus seinem Bau; der Bauer traeumt und wacht nicht auf. Der Mond scheint hell und hoch herauf, der Marder schleicht durchs fahle Laub, die Eulen huschen schwarz und grau; der Bauer stoehnt, doch wacht nicht auf. Husch, horch: Wer trippelt und trappelt zu Hauf? Wer spannt die mueden Gaeule aus? Die Gaeule wissen den Weg nach Haus; der Bauer schlaeft im Hirsekraut. Wer kichert in des Wagens Bauch? Wohin rollen die Raeder ohne Ruck, ohne Laut? Wer haelt sie an am Garten, am Zaun? Wer fuhr dem Bauer sein Heu nach Haus? Der kommt verstoert beim Morgengraun: O Frau, mein Heu! O Frau, mein Traum! Die Frau fuehrt lachend ihn zum Zaun, da zupft die Ziege vom Wagen das Kraut. "Schlaf andermal nicht und sei nicht faul, wenn der Vollmond steigt uebern Berg herauf; die Kobolde fuhren dein Heu nach Haus, jetzt geh und leg ihnen Speck und Kraut." DER MAeRCHENKOeNIG UND SEIN TOeCHTERLEIN Herbei, ihr kleinen Wichte, Kobold, Alraun und Wurzelmann, schafft hunderttausend Lichte und putzt damit die Baeume an! Bis in die hoechsten Spitzen soll Licht bei Lichtlein blitzen. Der Mond und alle Sterne sind doch bloss blasser Himmelsschaum; mein Toechterlein will gerne den ganzen Wald zum Weihnachtsbaum. Drum macht, wie ich euch sage, die Nacht zum hellen Tage! Der Maerchenkoenig spricht's. Im Nu geht's an ein Lichterkneten; kein einziger sieht muessig zu, goennt kaum sich Zeit zum Beten. Und als die Heilige Nacht heran, zuenden sie alle Kerzen an. Hei, war das ein Gestrahle, ein Leuchten, flimmern, ueberhell, als brach mit einem Male von Fels zu Fels ein Feuerquell. Auf Zweig und Aeste blicken die Baeume mit Entzuecken. Der Meister fuehrt sein Toechterlein durch diese Weihnachtspracht. Sie schreitet wie im Sonnenschein, fuehlt Kaelte nicht noch Nacht, und fluestert traumverloren: Die Liebe ward geboren. Da rauschte durch die Weiten dies wundersame Wort, in Erd- und Himmelsbreiten pflanzt es sich heilig fort. Mit hunderttausend Kerzen glueht's heut in allen Herzen, klingt's heut durch alle Ohren: Die Liebe ist geboren! WEIHNACHTSGANG Es war zur lieben Weihnachtszeit, die Waelder lagen tief verschneit, im Acker schlief in guter Ruh das Korn und traeumte dem Fruehling zu, die Winternachmittagssonne stand wie ein gelber Fleck an weisser Wand-- da schritt ich hinaus in die blinkende Weite und summte ein Lied mir zum Geleite. Wie ich so ging auf stillen Wegen, kam mir ein seltsamer Zug entgegen. Ein Eselchen ganz vollgesackt mit Schachteln und allerhand Kram bepackt, Schritt langsam durch die Felderruh; Sein Fuehrer rief ihm bisweilen zu, es war ein Alter in weissem Haar, mit Runzelgesicht und sonderbar altmodischem Pelzwerk, sonst gut bei Kraeften, die Fuesse staken in hohen Schaeften und kamen munter mit Hott und Hueh grad auf mich zu samt dem Eselsvieh. Potz Blitz, faellt mir auf einmal ein, das muss doch der Gottesknecht Ruprecht sein. Ich blicke scharf in das baertge Gesicht: "Gruess Gott, mein Alter, kennst du mich nicht? Ich hab doch oft dein Loblied gesungen, und all die Maedels und all die Jungen, die noch an Mutters Rockzipfel haengen oder sich auf den Schulbaenken draengen, kennen dich wie ihre grossen Zehen, doch hat wohl noch niemand dich draussen gesehen. Sonst kamst du immer auf heimlichen Wegen uns erst in der heimlichen Stube entgegen mit Sack und Pack und netten Geschenken; was soll ich, Weihnachtsmann, von dir denken? Da stehst du nun mit Haut und Haar, bist nicht ein bisschen unsichtbar, wie es dir zukommt."--"So ist meine Art," brummte der Alte und strich sich den Bart, "ich denke mir gern Ueberraschungen aus, fuer diesmal mach ich's ausserm Haus; komm mit, da sollst du was erleben, das wird ein Extra-Vergnuegen geben." "Topp," rief ich, "Alter, ich bin dabei, ich hoere gern lustiges Kindergeschrei." So schritten wir ruestig zur Stadt. Am Tor langte Ruprecht ein hoelzernes Pfeifchen hervor und blies. Wie konnte der Alte pfeifen! Jetzt lernt ich den Rattenfaenger begreifen: aus allen Strassen, aus Tuer und Tor --mir klingt der Laerm noch immer im Ohr-- mit Jubeln und Lachen, in bunten Haufen kamen wohl hundert Kinder gelaufen. Sie tanzten um Ruprecht, bettelten, baten, eins um 'ne Kutsche, eins um Soldaten, eins um ein Pueppchen, eins um ein Buechlein, eins um ein Roesslein, eins um ein Tuechlein, und Ruprecht langte in seinen Sack und gab, was es wuenschte, dem kleinen Pack. Ja, jedes Kind durfte etwas erlangen; aber die uebermuetigen Rangen schrien durcheinander und wollten mehr, kletterten ueber das Eselchen her, zupften den Ruprecht an Bart und Kragen, wollten ihm gar die Saecke wegtragen. Da wurde es aber dem Alten zu bunt, er nahm sein Zauberpfeifchen, und-- schrill kam ein Ton. Wie erschraken sie doch. Sie wurden ganz kleinlaut, man hoerte nur noch: "Komm, Fritzchen--Hans, lass doch--nicht schreien, Marie-- Knecht Ruprecht wird boese--seht ihr nicht wie?!" Und sie stellten sich artig um ihn herum und waren wie die Maeuschen stumm. Er kommandierte: "Linksum, kehrt, nun geht nach Hause, wie sich's gehoert!" Da fassten die Grossen die Kleinen an: "Gruess Gott und schoenen Dank auch, Herr Weihnachtsmann." Und wieder toente die Schalmei, die Kinder trabten zwei zu zwei und sangen lustig die Weise mit, und fern und ferner klang ihr Schritt; mein Blick verfolgte den kleinen Schwarm. Wie sind ihre Baeckchen vor Freude warm-- so dacht ich--und Freude ist der Saft, den wir auf unsrer Wanderschaft durchs Leben aus frohen Kindertagen ins graue Alter mit hinuebertragen als verjuengendes Elixier; ein gut Teil davon verdanken wir dir, du alter baertiger Gottgeselle! Ich sah mich um--leer war die Stelle, nur fern in der daemmernden Abendluft verschwebte ein Woelkchen wie Weihrauchduft, und durch die feiernde Stille drang der erste hohe Glockenklang. WEIHNACHTSBESUCH Laendliche Strassen, dicht beschneit. Knirschen, Gelaeut, ein Schlitten; inmitten sitzen drei kleine Leut bis zu den Oehrchen vermummt. Es singt und summt von Weihnachtsglocken; ein paar neugierige Flocken lassen vom Wind sich herueberwehn, wollen durchaus das Maedelchen sehn mit den roten Kaeltebaeckchen und den goldbraunen Zottelloeckchen und das Buebchen daneben, das sich eben das immer tropfende Naeschen putzt. Grossaeugig, verdutzt, bis zum Maeulchen zugedeckt, im Wollmuetzchen fast versteckt, sitzt das Kleinste auf Mutters Schoss. "Kutscher, ein bisschen los, es wird kalt; Sie wissen doch, drueben zum Foerster am Wald." Der Alte schmunzelt und knallt mit der Peitsche, hueh, hott-- die Gaeule bleiben bei ihrem Trott. ... Von drueben her Lichter, Zwei altliebe Gesichter hinter den Scheiben: "Wo sie nur bleiben? Ist schon die fuenfte Stunde!" Da knurren die Hunde, bellen, wollen hinaus; Grossmutter laeuft vors Haus. Da:--Knirschen, Gelaeut, ein Schlitten, inmitten sitzen vier liebe Leut. Wie das Altchen sich freut! Unter Lachen und Weinen wickelt sie aus den Tuechern die Kleinen, kuesst die Tochter, nimmt ihr das Juengste vom Knie: "Ein praechtiges Kindchen! Gott schuetz es, Marie!" Neben ihr sprudelt ein Zuenglein: "Grossmutter, komm doch 'rein! Grossmutter, sind die Huehner noch wach? Grossmutter, Vater kommt morgen nach, er laesst schoen gruessen." ... Auf bedaechtigen Fuessen, als ging ihn die Sache nichts an, kommt auch der Foerster langsam heran. "Na? Seid ihr endlich da?" Gleich laeuft der Fritz auf ihn zu: "Grossvater, Du, guck mal drueben den roten Fleck! och, Grossvater, nu is die Sonne weg." "Die Sonne? Hm, lass man; drin is noch eine, 'ne ganze feine, die wird uns bald blinken-- nu aber, bitte, kommt Kaffee trinken." ... Der Platz wird leer, schneestill und stumm. Der alte Kutscher lenkt langsam um, nickt vor sich her, gedankenschwer, und brummelt fuer sich: "Der oll Foerster hett's gaud, manch enner hett's nich." KOeNIG KUCHEN UND KOeNIGIN SCHOKOLADE Bei Koenig Kuchen und Koenigin Schokoladen war ich mit Linchen heut Nacht in Gnaden zu Gaste geladen. Ein prachtvolles Fuhrwerk, tripp, tripp, trapp, holte uns stolz von Hause ab. Vorn stampften zwei schneeweisse Vollblutjucker aus feinem biegsamen Lederzucker, auf dem Kutschbock der dicke Mohr kam uns marzipanisch vor, und neben ihm der fette Mops war ganz gefuellt mit englischen Drops. Die Kutsche, aus weissem Zuckerkant, erstrahlte hell wie Diamant; sie ging auf zierlichen Suessholzraedern, aus Vanille waren die Deichsel, die Federn, dicke Polster aus Traubenrosinen sollten uns als Sitze dienen, aber in den Baetterteig-Wagentaschen gab es allerhand Gutes zum Naschen. Ein allerliebster Praline-Page dienerte neben der Equipage in einem rot kandierten Frack und oeffnete uns den Wagenschlag. Wir stiegen ein und fuhren im Nu durch Russland und Asien nach China zu. Bald kamen wir in jenes Land, wo Koenig Kuchen, der Suesse genannt, unumschraenkt herrscht in seinen Reichen mit seiner Fuerstin ohnegleichen, der herrlichen Koenigin Schokolade, die uns zum Fest befohlen in Gnade. Das goldgelb glacierte Ballfesthaus sah wie ein riesiger Napfkuchen aus, umgeben von einem Spritzkuchengitter; als Wache davor zwei braune Ritter aus Pfefferkuchen mit Gussfiligran, die hatten Knackmandel-Harnische an. Als Fuehrer dienten mir und Linchen zwei allerliebste Thorner Kathrinchen; sie verbeugten sich hoeflich als wir kamen, und sagten: bitte, meine Damen. Ach, Kinder, wie das Herz mir lacht, denk ich zurueck an all die Pracht! Die Waende waren von Makronen, verbraemt mit Schokoladenbohnen, aus gruenen Bonbons die glatten Dielen, dass wir nachher beim Tanz fast fielen, die Saeulen aus maechtigen Baumkuchentorten von den allerhoechsten und edelsten Sorten, die Tische aus marmoriertem Konfekt, mit drolligen Lutschfiguerchen bedeckt, die Stuehle Faesschen mit Gelees, mit Eingemachtem und Knusperknees; rings auf appetitlichen Zimmetstaffeln lagen Biskuits und Keks und Waffeln. Im Hintergrunde ein Gletschersee, mit Vanille-Eisbergen und Schlagsahnen-Schnee, entsandte in doppelter Kaskade Zitronen- und Himbeer-Limonade; und hoch ueber allem, im glanzvollen Saal, strahlte eine Sonne aus Zucker-Opal. In der Mitte aber stand ein Thron, gebaut aus Bretzeln mit blauem Mohn, darauf sass liebreich in ihrer Gnade die herrliche Koenigin Schokolade. Sie harrte huldvoll, bis die Schar der Kinder ganz versammelt war, die sie aus kalter und warmer Zone herbefohlen zu ihrem Throne, um ihnen mit koeniglichen Haenden von ihren suessen Kleinodien zu spenden; ihr hoher Gemahl, der Koenig Kuchen, hatte Muehe, sie auszusuchen. Da waren Kinder aus Deutschland und Spanien, aus Frankreich, Chile, Mesopotamien, Kinder von Kaffern und Hottentotten, von Persern, Eskimos und Schotten, Kinder aus Sueden und Kinder aus Norden von den feinsten Familien und den wildesten Horden, denn alle Kinder zu allen Zeiten essen gerne Suessigkeiten. An der Koenigin Seite, im leckeren Grase machte Maennchen ein stattlicher Osterhase, und als die Kinder versammelt waren, ordnete er die bunten Scharen; rechts gingen die Maedchen, links die Knaben, so wollt es der Koenig Kuchen haben, und jedes Kind in jeder Reih bekam ein praechtiges Osterei, die Maedchen blaue, rote die Jungen, dann ist das Haeschen davongesprungen. Nun fing die Kapelle zu spielen an, vorn geigte ein Nuernberger Lebkuchenmann; ich sag euch, es war 'ne Musik fuer Kenner, und waren doch alles gebackene Maenner, mit Rosinenaugen und Mandelnasen, und konnten so lieblich floeten und blasen. Es wurde getanzt, gespielt, gelacht, damit verging die schoene Nacht. Zuguterletzt, nicht zu vergessen, wurde alles aufgegessen, artig gedankt und Abschied genommen; wir fuhren heim, wie wir gekommen, und erwachten in unserm Bett-- Kinder, Kinder, wie war das nett!-- DER ERSTE MAI Nein, Kinder, immer kann man nicht dichten, immer weiss man nicht neue Geschichten; oft sind die Maerchengeister stumm, als waeren sie wer weiss wie dumm, und alle Waende grinsen mich an, als haett ich ihnen was angetan. So war's auch neulich. Bei mir zu Haus sah alles oede und langweilig aus, da bin ich in den Abend geschlendert; der Himmel hing rosenrot umbaendert, die Wolken tuermten sich wie ein Tor, ploetzlich stand ich grade davor und sah hinein in das Himmelsschloss. "Na, Petrus, was ist denn hier oben los?" fragt ich; "hier sieht's ja munter aus." Da schmunzelt der alte Waechter vom Haus und sagt mir--aber ihr duerft nicht lachen--: Im Himmel waere gross Reinemachen, die Jungfrau Maria taet revidieren und die himmlischen Scharen zum Scheuerfest fuehren. Die kleinsten Englein muessten ran, kriegten grosse Schuerzen an, duerfte keins spielen und muessig bleiben, muessten fegen und wischen, seifen und reiben. Da wuerden die Sterne blitzblank geputzt, den kleinen Kometen die Schwaenzchen gestutzt, der Himmel mit Wunderblau lackiert, der Regenbogen neu ausstaffiert; dem Vollmond wuerde, wie er sich auch steift, mal gruendlich wieder die Glatze geseift, und damit am klaren Firmament die liebe Sonne schoen leuchten koennt, wuerden die Wolken fest ausgedrueckt und hinter den Horizont geschickt. Wenn alles fertig, wueschen sich die Englein die Fluegel saeuberlich-- denn morgen sei ja der erste Mai-- -- Ich fragte, was an dem Tage sei, da blitzte mich Petrus an und sprach: "Na, weisst du, das ist doch wirklich 'ne Schmach; da sieht man wieder, wie wenig ihr wisst, nicht mal, wann Gottes Geburtstag ist." Na, Kinder, ich machte ein dummes Gesicht; das wusst ich bei aller Gelehrsamkeit nicht. Doch nun wurde mir auf einmal klar: Darum putzt sich die Erde Jahr fuer Jahr mit Blumen und Kraeutern im bunten Gemisch, darum gruenen die Hecken, die Baeume so frisch, darum ueben die Voegel die Festmelodie, und Bienen und Grillen begleiten sie, darum wird dem Menschen die Freude so gross, als saess er dem lieben Gott im Schoss, wenn der Maiwind kommt ueber Berg und Tal-- nun begriff ich den Fruehling mit einem Mal. Und ich fragte Petrus aus froher Seele: Erlaubst du, dass ich das weiter erzaehle? "Immerzu," sagte der und strich sich den Magen; "kannst den neugierigen Leuten gleich noch sagen, dass an Gottes Geburtstag, dem ersten Mai, auch der Tanztag fuer Teufel und Hexen sei. Sonst duerfen sie, zu Aller Segen, sich keinen Schritt ohne Leine bewegen; doch an dem Tage sind sie frei, --da macht die Bande genug Geschrei," entfuhr es brummend dem alten Knaben-- "doch Gott ist der Herr und will es so haben. Er sieht in hoher heiliger Ruh dem tollen Blocksbergvergnuegen zu; und treibt es einer zu arg von der Sippe, kommt er sofort wieder an die Strippe. Nun aber leb wohl, ich wuensch gute Nacht, um neun wird der Himmel zugemacht." Langsam schloss sich das Wolkentor; ich ging, ein Liedchen klang mir im Ohr. Zu Haus in heimlicher Abendruh nickt ich den Sternen froehlich zu und betete: Ich bin nur ein Zwerg, und die herrliche Welt, sie ist dein Werk, o Gott; du hast alles, nichts kann man dir schenken, nur deiner in Freude und Demut gedenken. So nimm dieses Liedchen, ich hab es erdacht in dieser Fruehlings-Geburstagsnacht. WETTERWUNSCH Scheine, Sonne, scheine, die Waesch haengt auf der Leine; unsre Hemden, unsre Socken, mach sie uns bis Sonntag trocken, scheine, Sonne, scheine! Rausche, rausche, Regen, gib uns deinen Segen, wasch die armen Suender rein, gib uns Brot und gib uns Wein, rausche, rausche, Regen! Zu best ist allerwegen Sonnenschein _und_ Regen; auch der Wind muss pfeifen, soll die Ernte reifen. Regen, Wind und Sonnenschein moegen bei unserm Hause sein! HAMMERLIEDCHEN Pink, pank, Hammerschlag, der Nagel hat 'nen Kopf; und wenn er keine Spitze hat, ist er ein armer Tropf. Mein Haemmerlein du, schlag zu, schlag zu! Pink, pank, Hammerschlag, hast du der Naegel zehn und nagelst du ein Saerglein zu, ist's um einen geschehn. Mein Feuerlein du, blas zu, blas zu! IM SONNENSCHEIN (nach einer alten Fabel) Kribbel-krabbel-Kaefer laeuft hinab zum See, er kommt vom gruenen Huegel, hell leuchten seine Fluegel im Sonnenschein. Kommt der Fisch geschwommen, Sperrt das Fischmaul auf, da ist in zwei Sekunden der Kaefer drin verschwunden im Sonnenschein. Ueberm See der Reiher sieht, wies Fischlein schnappt, nimmt seinen spitzen Schnabel und spiesst es auf die Gabel im Sonnenschein. Wie nun stolz der Reiher seine Kreise zieht mit leuchtendem Gefieder, knallt ihn der Jaeger nieder im Sonnenschein. WANDERLIED Sonnenlichter, Fruehlingswichter spielen auf der dunkeln Wand. Pruefend oeffne ich das Fenster; seht die Wolken, die Gespenster loesen sich am Himmelsrand. Holla, Jungen, aufgesprungen, schnell das Raenzel aus dem Spind! Kommt, wir wandern durch die feuchten Saaten; wie Smaragden leuchten Halm an Halm im Morgenwind. Feste Schritte, Maennersitte; wie die Ferne lockt und wirbt! Und wir lassen sie im Schreiten achtlos oft voruebergleiten, bis sie hinter uns erstirbt. Hohe Ziele, nicht zum Spiele; immer steiler waechst der Pass. Aber oben wolln wir rasten nach der Arbeit, nach dem Fasten; Jungens, trinkt, ich komm euch was! Hoch im Blauen selig Schauen, unter uns der Erde Glueck! Doch es zieht mit tausend Armen immer wieder zu den warmen Menschenstaetten uns zurueck. VIERTER TEIL SPRUCH FUeRS LEBEN Hinueber, hinein! ueber Wipfel und Stein! die Herzen zu baden im Goldsonnenschein! Auf schwierigen Pfaden zu lichten Gnaden! ueber Wipfel und Stein, hinunter, hinein! ALLERLEI RAeTSEL (Die Loesungen stehen im Verzeichnis der Ueberschriften) --1-- Ich habe Fluegel--rate, Kind-- doch flieg ich nur im Kreise; und singen tu ich, wenn der Wind mir vorpfeift, laut und leise. Was ihr den Feldern abgewinnt, kau ich auf meine Weise; doch was mir durch die Kehle rinnt, das mundet euch als Speise. --2-- Standen vier weisse Ritterchen auf einem roten Gitterchen, die machten alles klitzeklein und warfen es in ein Loch hinein. Als das die andern Ritter sahn, zogen sie neue Harnische an, kamen aus ihren Burgen herbei, stellten sich tapfer in die Reih und machten hack und sagten knack und warfen alles in einen Sack. --3-- Die erste frisst, der zweite isst, das dritte wird gefressen; das ganze wird zu Poekelfleisch und Erbsenbrei gegessen. --4-- Mein erstes ist ein Hund, mein zweites ist ein Junge, mein ganzes ist ein Dieb, kein Hundejunge! --5-- Die ersten sind ein Untertan, die dritte ist ein Untertan, das ganze ist ein Untertan, wird von dem andern Untertan unter den ersten Untertan ganz untertaenigst untergetan. --6-- Wenn das R am Anfang steht, liebt man es nicht sauer; wenn es bis ans Ende rutscht, huet dich vor dem Hauer! Wenn das R am Anfang steht, ist's ein Heldenname; wenn es bis ans Ende rutscht, wird's ein Waldbaumsame. Wenn das R am Anfang steht, sind es boese Leute; wenn es bis ans Ende rutscht, gerbt man seine Haeute. Wenn das R am Anfang steht, ist es eine Schale; wenn es bis ans Ende rutscht, wird's ein Orientale. Wenn das R am Anfang steht, ist's ein klein schwarz Luder; wenn es bis ans Ende rutscht, ist's von "wenn" der Bruder. --7-- Waechst einer alten Dame ein Buckel kleinster Sorte, verwandelt sie sich augenblicks in ein Stueck Mandeltorte. Doch nimmst du ihr den Ruecken, auf dem der Buckel waechst, hast du die alte Dame zur trocknen Frucht verhext. --8-- Ich stand begehrlich am Worte, umgekehrt wuchs es nicht weit; ein arges Diebsgelueste besiegte die Redlichkeit. Ich stahl das umgekehrte, kein Argus achtete drauf; Schmunzelnd enteilt' ich dem Worte und ass es umgekehrt auf. --9-- Mein erstes ist nicht wenig, mein zweites ist nicht schwer; mein ganzes laesst dich hoffen, doch hoffe nicht zu sehr! --10-- Es laeuft und hat keine Beine, es gibt viele und doch nur eine. Wer zuviel hat, kann's nicht verschenken; wer zu wenig hat, muss es beschraenken. Bald geht es langsam, bald schnell; mal ist es dunkel, mal hell. --11-- Christkindchen lag im Stalle und hoerte die ersten schrein; die zweiten tragen wir alle zur Weihnachtszeit am Bein. --12-- Sind es die Stiefel, halten sie 'ne Weile; wird es der Junge, kriegt er halt Keile. --13-- Der Vater will's das Fritzchen (die erste Silbe betont)-- jedoch die Mutter bittet, da ward der Schelm verschont. Sie sprach: Du musst dir's, Liebster, (die dritte Silbe betont)-- denn Nachsicht mit den Kleinen wird oft von Herzen belohnt. Denk doch, wie du's dem Jungen an Einsicht bist und Geist; du musst was andres dasselbe, das ihn sich bessern heisst. --14-- Klaerchen naehte an dem ersten und war ganz die beiden zweiten, denn sie durfte Sonntag reiten, Leutnant Kurt wollt sie begleiten; ihre Augen wurden gross, muessig lag die Hand im Schoss. Mutter naeht am andern Fenster, sah's und runzelte die Brauen: Hoere, Kind, Luftschloesser bauen taugt nicht viel fuer fleissige Frauen, weil man leicht die Pflicht vergisst und zu sehr das Ganze ist. --15-- Mariechen war's. Mit meinem Kuchen stand ich nun da und dem Bukett. Wo soll ich bloss das Maedel suchen? Wenn sie doch nur geschrieben haett! Ja ja, ich hab sie es seit Jahren; ich gebe zu, das war recht dumm. Nein, welch ein ruecksichtslos Gebaren! Und schwer geaergert kehrt' ich um. --16-- Froh singt ihr Lied am Sommertag die eins-zwei frueh und spat. Die drei wuenscht jeder Juengling sich; doch bricht er ab, ist's schad. Das Ganze war ein Koenig, der lustig und unverschaemt die stolze Prinzess, die ihn nicht wollt, bestraft hat und gezaehmt. --17-- In eins-zwei-drei lebt ganz gemuetlich Herr Mueller mit Herrn Schulze friedlich; bis Mueller einst, wer haett's gedacht, Anspruch auf Schulzes zwei-drei macht. Da hoerte man ein boes Geschrei: So denk doch eins, mein Herr eins-zwei! Ich muss stets alles zwei bezahlen, kann nicht mit zuviel zwei-drei prahlen; kommst du noch mal mir drum ins Haus, ist's mit der guten eins-zwei-drei aus. --18-- Er geht in sich, um sich zu pflegen, und ist in sich um sich verlegen. --19-- Rate, Freund, es ist nicht schwer: Wer's hat, hat, was er hatte, nicht mehr. Wer's aber ist, den aefft des Teufels Brut; man sperrt ihn ein und fuerchtet seine Wut. --20-- Wer es hat, der ist betruebt; aber froh und stolz, wer's gibt. --21-- Das Wort pflegt zu erhoehn den Glanz des Edelsteins; solang man es bewahrt, ist man der Herr des Seins. --22-- Sind es die Feinde, muss man sich wehren; sind's deine Backen, musst du sie naehren. Ist mir's ein Raetsel, schreib ich es nieder; ist es mein Haus--nun, so bau ich es wieder. --23-- Wenn es von Freund und Liebchen kommt, oder von dir verfasst, so liebst du wohl das erste Wort; sonst ist es dir verhasst. Das zweite Wort, so klug wir sind, machen wir Menschen viel; und was dich reut, oft andre freut im schadenfrohen Spiel. Der Schluss: gefuerchtet und geneckt, teils boshaft und teils dumm, geht er als Geist des Widerspruchs in Schrift und Maeren um. Die drei vereint: wir stehn verdutzt, wie Zufalls Koboldmacht das Wort entstellt, den Sinn verdreht-- man aergert sich und lacht. --24-- Zwei Worte weiss ich, die einander feind, das eine sucht das andre zu verderben, in beiden muessen viel Geschoepfe sterben; und hast du sie zu einem Wort vereint, eint sich auch ihre zehrend boese Kraft, schon manchen Volksstamm hat es hingerafft. --25-- Auf der hoechsten Berge Ruecken ist es immer leicht zu finden, wo die kleinen Gletscherbaeche schaeumend sich zu Tale winden. Tausch die Silben--ach, verlegen steh ich vor gemischten Dingen, Chemiker und Apotheker moegen dir die Loesung bringen. --26-- Ich hab keine Haende und kann doch tragen, hab keine Flinte und kann doch jagen; kann klettern und schwere Lasten heben und bin doch ein zartes, hinfaelliges Leben. --27-- Viel Glieder hab ich, die einander gleichen. Ich helf auf des Verbrechens dunklem Pfade, doch himmelshell fuehr ich empor zur Gnade; manch hohen Stand kannst du mit mir erreichen. Bist du's, so darfst du wanken nicht noch weichen; denn Ehre traegst du neben mancher Last, die arbeitsfroh du uebernommen hast, ob du im Kleinen wirkst, ob hoch im Grade. --28-- Getrieben werd ich, doch ich treibe wieder; mir folgen arbeitsam viel erzne Glieder. Seit Jahrmillionen geh ich auf und nieder, bald sanft, bald wild, doch niemals ohne Brueder. Hitze und Kaelte trag ich, hin und wider; uebt mich der Knabe, staerkt er seine Glieder. Die Luft durcheil ich ohne jed' Gefieder; den Augen bring ich Schau, den Ohren Lieder. --29-- Stets bin ich eines Leuchtenden Trabant, teils nah, teils fern ihm, wie's der Himmel will. Bescheiden bin ich selten, niemals still; ja, Schweigen ist mir gaenzlich unbekannt. Ein Wort fueg an, das keiner gern empfaengt und das die Kinder schreckt von Alters her; doch ohne es faellt manche Arbeit schwer, weil's feste Massen auseinander draengt. Das ganze Wort sind Steinchen unter Steinen, die im Geroell sich finden, glatt und spitz; du hebst sie auf und freust dich an dem Witz, den die Natur sich hat erlaubt im Kleinen. --30-- Ich bin nur klein, doch banne ich die Welt in meinen Kreis bis hoch ins Sternenzelt; dem Vorbild der Natur einst nachgeschafft vertiefte ich den Blick der Forschungskraft. Ein Wort fueg an, das sich der Mensch gesetzt zur Ordnung gegen den, der sie verletzt; der Fromme fuehlt es oft von Gott gesandt, ans Letzte, Juengste denkt er furchtgebannt, an Weltkrieg, Hungersnot und Aufruhrleid-- da ist das Ganze eine Seltenheit. --31-- Die erste Silbe fuehrt die krause Schar, die uns vertraut seit unsrer Klippschulzeit. Die zweite toent durch Weiten hell und klar, ruft bald zur Ruhe, bald zu wildem Streit. Und wenn der tapfre Krieger sein junges Leben gab, faellt ihm vielleicht der Schatten des Ganzen auf sein Grab. --32-- Ein deutscher Meister war es, gottgesandt, der jenes edle Tonstueck uns geschenkt; der Vogel uebt's, der seine Fluegel lenkt-- dir wuensch ich es, mein deutsches Vaterland. Was allen Fluegelwesen wohlbekannt, was jedes Blatt, das aus der Huelle bricht, ersehnt; was man von Kraft und Tugend spricht-- das wuensch ich dir, mein deutsches Vaterland. Ein Fluesschen, an der Schieferberge Rand, sehr vielen ist sein Name leerer Schall, ein kleines Wort, doch wir ersehnen's all-- wuensch ich dir auch, mein deutsches Vaterland. Auch ihn, der tief verabscheut Mord und Brand, den Engel, der auf Morgenwiesen geht, doch oft verhuellten Hauptes abseits steht-- ihn sende Gott dir, o mein Vaterland! --33-- In Not und Gefahr greife ich ein, Schmerzlich willkommen der Angst und der Pein; lies mich von vorn, lies mich verkehrt, immer der gleiche, geschmaeht und geehrt. --34-- Wir sind's mit Stamm und Vaterland, mit Menschen, die uns lieb und blutsverwandt, mit jeder Arbeit, die der Seele wert; der Reiter ruehmt: wir sind's, ich und mein Pferd. Doch wer es ist, traegt eine schwere Last, er ist sich selbst ein missgeschickter Gast; Statt Liebe blueht ihm Mitleid, und im Schwarm gesunder Jugend fuehlt er doppelt Harm. --35-- Wir sind's gewiss in vielen Dingen in einem sind wir's nimmermehr; die sind's, die wir zu Grabe bringen, und eben die sind's bald nicht mehr. Drum, weil wir leben, sind wir's eben an Wesen wie Gesicht; drum, weil wir leben, sind wir's eben zur Zeit noch nicht. --36-- Nennst du das Ganze, toent es uns entgegen von Sommernaechten, wo des Mondes Horn verschwaermten Paerchen winkt auf lauschigen Wegen, und wo aus seinem wundersamen Born das Maerchen auftaucht und in tiefem Sinnen uns anschaut, und vertraeumte Baeche rinnen. Teilst du das Wort, stellt dir zuerst sich dar die Stadt, die wir mit Ehrfurcht gern beschauen, die Heiden einst wie Christen heilig war, wo Pilger heut und Kenner sich erbauen; ein Teil der Stadt ist noch des Wortes Rest und haelt den Glanz vergangner Zeiten fest. --37-- Ohne Zepter, ohne Krone herrsche ich auf dieser Erde, buntes Spiel vor meinem Throne zaubert stets mein Wort: Es werde! Noch zwei Zeichen: Alles wich, Pracht und Buntheit sind verschwunden, und in kuenftigen dunklen Stunden werden es auch du und ich. Aber aendre den Akzent: sieh, schon quillt das Leben wieder, neue Schau und neue Lieder, die man gern mit mir benennt. --38-- Mein Strom ergiesst sich sickernd durch die Welt, ich dring in Haus und Huette, Schloss und Zelt. Seitdem der Mensch Urkunden aufbewahrt, sind Geist und Wille durch mich offenbart. Ich schuere Gluten, wirke Herzeleid, tief wird durch mich verdammt und hoch gebenedeit. Versoehnung bring ich und entfache Streit, zeig manchen toericht, manchen grundgescheit. Doch sitzt du in mir, fuehlst du dich geknickt; vielleicht, dass dir durch mich die Rettung glueckt. --39-- Ich naehre mich von fremden Stoffen, doch kann auch ohne sie bestehn; ich bin's, auf das die Weisen hoffen, und alle Weiten stehn mir offen, ihr wuerdet ohne mich vergehn. Am hellen Tage herrsch ich gerne, doch auch die Nacht ist mir vertraut; ich wohne auf dem kleinsten Sterne, mich schreckt sie nicht, die grosse Ferne die mich mit Geisterhaenden baut. Ich wirke in den Himmelsblitzen, versteckter Tat bin ich verhasst; wo gruebelnd die Gelehrten sitzen und ratlos ob der Loesung schwitzen, bin ich ein hochwillkommner Gast. --40-- In alten Zeiten hat mich der Mensch erdacht und Ordnung mit mir in die Dinge gebracht. Wie noetig bin ich der Wissenschaft, wie zeige ich der Voelker Kraft! Wenn ich nicht eng ihm verbunden waer, wie wuerde erliegen das tapferste Heer! Und doch weiss jeder, wie schwach ich bin, denn erst mein Nachbar gibt Halt mir und Sinn. --41-- Als ich noch klein war, war ich recht beschaulich; mein Leben ging so lind wie Fruehlingswellen, und zaghaft flossen meines Geistes Quellen, eng, doch erbaulich. Ich wuchs und wuchs, es schwollen meine Adern, sie dehnten sich wie meine Machtgedanken; mein Schaffenswille tuermte ohne Schranken Quadern auf Quadern. Den Kuensten schuf ich manche Pflegestaette, ich half der Wissenschaft zu vollem Wirken, und Geist und Arbeit gaben den Bezirken die feste Kette. Doch Ruh und Frieden mussten weiterziehen; und meine Kinder lassen gern sich locken von gruenen Waeldern, sanften Herdenglocken, mir zu entfliehen. --42-- Mein erstes Wort, im engen Raum genaehrt, strebt weit hinaus, dass es die Welt regiere; wir staeken noch im Daemmersinn der Tiere, haette nicht Gott dem Menschen es gewaehrt. Mein zweites hat der Kaiser und der Koenig, und ist es auch zumeist; fast jeder strebt es irgendwie zu sein, solang er lebt, und wer es ist, dem scheint es oft zu wenig. Der, der das Ganze ist, wirft manchen Blitz anfeuernd ins Gespraech und ins Gerede, ein wohlgelittner Schalk selbst in der Fehde; man lobt den Scharfsinn, freut sich an dem Witz. --43-- Willst du das erste Wort stets sein und handeln, so hast du eine schwere Arbeit vor, so leicht sie scheinen mag; doch stets erkor der Edle sie, wie auch die Zeiten wandeln. Das andre Wort scheint winzig und gering, doch schlummern in ihm unbegrenzte Kraefte; es schwillt und waechst, wenn es die rechten Saefte, die nur Natur verleihen kann, empfing. Vereint die Worte: altverbriefte Rechte, Gemeinden oder Staenden zuerkannt, beherrschten sie vor Zeiten Stadt und Land, doch schwinden hin im spaeteren Geschlechte. --44-- Mein Reich ist unbegrenzt; bis in die fernste Zone flieg ich hinaus. Selbst hin zu Gottes Throne bahn ich den Weg mir aus der engen Zelle, in der ich ward. Ich liebe Klarheit, Helle. Dem Willen beigesellt, der Kind mir und Berater, bin ich--ich sag es stolz--der groessten Taten Vater. Ein neues Wort schliess an: Es ist des Kuenstlers Ziel, dir zu vermitteln fremder Geister Spiel, das er mit seinem Lebensblute traenkt und eigne Kraft den fremden Seelen schenkt. Erschrocken sieht's der Arzt, fragt: wie? woher? Manch Leben bliebe heil, wenn ich nicht waer. Vereine beide Worte: Welch ein Wissen von Mensch zu Mensch! In fremdes Sein gerissen stehn wir vor unbegreiflich zarten Dingen, die unsrer Seele dunkle Traeume bringen, und fuehlen scheu des Geistes Doppelwesen. Du grosses Raetsel, wer wird je dich loesen? POLTERABENDGEDICHT fuer ein kleines Maedchen (mit einer Schluessel-Atrappe) Ich bin eine kleine Sternschnuppe und rutschte herab vom Himmel und fiel aus der grossen Milchstrasse grad hier in das Gewimmel. Verwundert fragt' ich die Leute: Wo kommt ihr denn alle her? Da sagten sie mir, dass heute hier Polterabend waer. Die Ehen schliesst man im Himmel, und Donnergepolter gibt's auch; da bin ich ja wie zu Hause und bring meine Gabe auch. Nehmt hier den Zauberschluessel, vom Sirius bracht ich ihn mit in meiner Sternentasche, als ich herunter glitt. Stets haeng er zu euern Haeupten, und zieht es euch hinauf, schliesst er zu jeder Stunde den ganzen Himmel auf. HOCHZEITSGEDICHT (mit einem Fruehlingsblumenstrauss) Maienkoenig schickt mich her, sagte, dass hier Hochzeit waer, sollt fein gratulieren; suchte einen vollen Strauss allerschoenster Blueten aus, euer Haus zu zieren. Himmelschluessel, goldig, zart, Blumen von besondrer Art, schickt er euch mit Gruessen. Seht, sie leuchten sonnengleich; Liebe heisst das Himmelreich, das sie euch erschliessen. Dieses blaue Sternchen spricht frommen Sinns: Vergiss-mein-nicht, vergiss mir nicht die Treue! Treue, die zu Liebe steht, ist so stark wie ein Gebet, troestet stets aufs neue. Hier Narzissen. Weiss und rein, ohne Makel sollt ihr sein, huetet Sinn und Herzen! Seht der Unschuld klares Bild; wer an ihm sich staerkt und stillt, traegt leicht Not und Schmerzen. Nehmt hin, was der Mai geschickt, nehmt den Strauss und seid beglueckt fuer ein langes Leben! Unverwelklich blueh er fort, tief in eurer Seele Hort gluehe goettlich Streben! NEUJAHRSSPIEL DAS ALTE JAHR (tritt in grauem Mantel ein) Gruess Gott, ihr Leute, ich bin das Jahr, das immer ist und immer war, das immer kommt und immer geht und niemals zaudernd stille steht, das mit geheimem Pendelschlag die Weltuhr regelt Tag fuer Tag. Die Wuerfel werf ich: Leben und Tod, Glueck oder Unglueck, Heil oder Not-- sie fallen gewichtig und ordnen die Welt, einem Hoeheren unterstellt. Zwoelf Kinder hab ich zur Welt gebracht, sie gleichen sich wenig, doch jedes hat Macht; sie ziehen gestaltend durch die Welt, eins mir immer zugesellt, waehrend die andern harren und ruhn zu neuer Arbeit, zu frischem Tun. Nur heute an meinem Geburtstag sind sie alle gekommen, aus Regen und Wind, aus Sonne und Nebel, aus Tiefen und Hoehn, ihre alte Mutter wiederzusehn. Herein, meine Soehne, ein Kompliment, und sagt den Leuten, was ihr koennt! JANUAR (in dickem Pelz, mit Schlittschuhen und Schellen) Gruess Gott! Ich bin der Januar, voll Schnee und Eis haengt Bart und Haar; der Vetter Nordwind versteht das Blasen, steif sind die Ohren, rot die Nasen. Zugefroren ist See und Fluss; rasch den Schlittschuh unter den Fuss! Die Eisen gleiten durch blitzende Weiten in Bogen und Zacken, das gibt rote Backen! Hoert ihr das Schellengelaeut? Meine Gaeste sausen durch Schnee und Rauhreifgeaeste. FEBRUAR (in Karnevalskostuem mit Pritsche) Gruess Gott! Ich heisse Februar, gleiche dem Bruder fast aufs Haar, nur trage ich gern ein Maskenroeckchen, an meiner Kappe klingeln Gloeckchen. Weil ich im Spiel und Tanzen tuechtig, schelten sie mich vergnuegungssuechtig, spotten und lachen hinter mir her, weil ich zu kurz geraten waer, rufen: "Prinz Karneval, Narren gibt's ueberall!" Doch meinen Punsch und Pfannekuchen moechten Narren wie Weise versuchen. MAeRZ (in Landstreichertracht, mit einem Veilchenstraeusschen) Gruess Gott! Ich bin der Bruder Maerz, ich habe ein wildes, stuermisches Herz. Kann mich nicht mit den Bruedern vertragen, puste ihnen den Schnee vom Kragen. Saeubre die Waelder, fege die Felder, tu aus der Seele das Kalte hassen, muss es doch oft mir gefallen lassen; aber bin ich erst Koenig ein Weilchen, gruesst ihr mit mir die ersten Veilchen, seht ihr die Spitzen an Straeuchern und Baeumen, die selig von kuenftger Entfaltung traeumen. APRIL (in Wandervogeltracht mit Zupfgeige) Gruess Gott! Ich bin der lustge April, der immer tut, was er grade will. Mal liebe ich's nass, mal liebe ich's trocken, die Zugvoegel tu ich nach Hause locken. Schneewasserguesse schwellen die Fluesse, ich aber streif durch den Wiesengrund, oeffne der Obstbluete lieblichen Mund und nicke den naerrischen Traeumern zu; mit denen steh ich auf du und du, _schickt_ sie nur immer! ich lehre sie lachen und sich aus den Plagen der Welt nichts machen. MAI (in Bauerntracht mit Maigloeckchenstrauss) Gruess Gott! Der Mai darf kaum noch wagen, Besondres von sich auszusagen. Ich schaeme mich wirklich; bin so bekannt wie ein bunter Pudel rings im Land. Diese sammetlockigen teutschen Tichter, hol der Kuckuck das Reimgelichter: "--der suesse Mai, der entzueckende Mai, der bluetenbekraenzte, der himmlische Mai--" mir wird ganz bluemerant dabei, denk ich an all die Dudelei. Die Kinder lob ich; das laermt und lacht und feiert ganz ungereimt meine Pracht. JUNI (in Gaertnertracht, mit Giesskanne und Rosenstrauss) Gruess Gott! Ich werde Juni genannt, Farben und Duefte bring ich ins Land. Seht, wie's im Garten knospet und quillt, seht, wie die Frucht sich rundet und schwillt! Vor allem muss ich die Rosen wecken, ich kuesse sie wach an Stamm und Hecken. Sind Regen und Wind mir wohlgesinnt, schaff ich und wirk ich am gruenen Gewande, halte die Hoffnung am schimmernden Bande und pflege das Wachstum der kommenden Zeit; wenn der Schnitter prueft, ist die Saat bereit. JULI (in Schaefertracht, mit Kornblumenstrauss) Gruess Gott! Erlaubt mir, dass ich sitze, ich bin der Juli; spuert ihr die Hitze? Kaum weiss ich, was ich noch schaffen soll, die Aehren sind zum Bersten voll; reif sind die Beeren, die blauen und roten, saftig sind Moehren und Bohnen und Schoten. So habe ich ziemlich wenig zu tun, darf mich ein bisschen im Schatten ruhn. Duftender Lindenbaum, rausche den Sommertraum! Seht ihr die Wolke? fuehlt ihr die Schwuele? Bald bringt Gewitter Regen und Kuehle. AUGUST (in Schnittertracht, mit Sichel und Harke) Gruess Gott! Ich bin der Monat August, bin ernster Pflichten mir bewusst; muss Frucht und Korn zur Ernte reifen, meine Lieblingsmusik ist das Sensenschleifen. Bald kommt die Ernte; der Himmel lacht, der Segen wird in die Scheunen gebracht. Zum froehlichen Reigen jubeln die Geigen. Doch mancher steht abseits vom Taumel und denkt des Schoepfers, der alles zum Besten lenkt, der Ordnung bringt in den Gang der Dinge, dass Schweiss und Fleiss auch Freude bringe. SEPTEMBER (im Touristenkostuem) Gruess Gott! Ich bin der September, ich ziere mit rotem Weinlaub eure Spaliere. Dem Wandrer lachen auf allen Wegen koestlich die reifenden Fruechte entgegen, die gelben und blauen. Ich liebe die Ferne, am Ufer der Meere traeume ich gerne, wo die Welle beginnt, wo die Welle zerrinnt, wo die Brandung braust und ueberschaeumt und ein Zugvogelschwarm den Himmel saeumt; da lieg ich und grueble und suche vergebens den Sinn des Sterbens, den Sinn des Lebens. OKTOBER (in Winzertracht mit Weinglas und Flasche) Gruess Gott! Ich bin der Bruder Oktober; die Nase glaenzt mir wie Zinnober, das kommt vom Gucken ins Glaeschen. Vor Zeiten lehrt ich die Menschen Wein bereiten; der wurde bald ihr Lieblingsgetraenke, jetzt kriegt man ihn in jeder Schaenke. Kommt mit zum Wein, ich lade euch ein! Seht, wie die Waelder sich buntselig faerben, sie wissen: ein Schlaf nur ist alles Sterben. So kommt und sinnt und fragt nicht viel; "das Leben ist des Lebens Ziel!" NOVEMBER (in Jaegertracht mit Gewehr) Gruess Gott! Der November stellt sich vor. Mir ist ergeben der grosse Chor der Winde und Stuerme, die das Gefilde von Unrat saeubern; und auch die Gilde der Nebel und Wolken ist mir vertraut. Wer auf des Meeres Sanftmut baut, wagt sein Leben, wenn ich regiere; ich hasse den Frohsinn in meinem Reviere, ich hasse die Sonne, hasse die Milde, zerreisse im Felde das letzte Gebilde. Ich liebe nur eins: wenn das Jagdhorn schallt, hinter scheuem Wild die Buechse knallt. DEZEMBER (in beflittertem Pelz, mit kleinem Weihnachtsbaeumchen) Gruess Gott! Ich bin der Dezember und flechte zu kurzen Tagen die langen Naechte. Karg ist die Sonne in meinem Gezelt, doch bring ich ins Haus eine schimmernde Welt. Wenn im Ofen die Brataepfel schmoren, fluestert es leise von Muendern zu Ohren, gibt es ein Reden, ein Kichern und Necken, ein Fragen und Freuen, Pakete verstecken, ein "bitte, Mama", ein "sag doch, Papa, ists Christkindel denn noch nicht da?" Wenn am Heiligen Abend der Tannenbaum brennt, bin ich in meinem Element; hell sind die Kerzen, warm sind die Herzen, uns kuemmert nicht Kaelte noch Regen noch Wind. Und denen, die arm und traurig sind, und wo die Not sonst die Freude verbannt, geben wir gern mit Herz und Hand. DAS JAHR (laesst den grauen Mantel allmaehlich fallen, steht dann in hellem Festgewand) Wohl, meine Kinder! Jetzt aber denkt an den Wechsel der Dinge und Den, der sie lenkt! Stein wird zu Sand, Lebendges zu Stein, Luft wird zu Wasser, Glut zu Wein, Frucht wird zum Samen, Samen zum Baum, Raum wird zu Zeit, und Zeit zu Raum. Und immer rollt durchs Himmelszelt die Erde, unsre alte Welt, die stets verjuengt, in neuer Kraft, fruchtbar ihr prangendes Kleid sich schafft. Jedoch ihr Diadem und Zier, ihr Menschenkinder, das seid ihr! Drum freut euch ihrer Herrlichkeit, freut euch des Meeres, so stark und weit, freut euch der Waelder, der Bluete, der Frucht, freut euch der Berge mit Tal und Schlucht! Und freut euch eurer eignen Kraft, die der Erkenntnis Wunder schafft; seid gluecklich, dass ihr Menschen seid, der schoenste Schmuck an Gottes Kleid, wenn ihr euch seiner wert gestaltet, euch immer goettlicher entfaltet. Seid glaubensstark, seid willensklar, das wuenscht das neue Erdenjahr! CHOR DER MONATE Seid friedensstark, seid liebesklar, das wuenscht der Monate bunte Schaar! Prosit Neujahr! Nun reicht euch zur Wende des Jahres die Haende und gruesst euch mit Neigen und schlingt einen Reigen! Spiel auf, Musik, begleite sie, des Jahres Schluss sei Harmonie! RAeUBER UND PRINZESSIN Eine Kartoffelkomoedie EINFUeHRUNG Habt ihr schon mal was von der Kartoffelkomoedie gehoert? Nein? So will ich euch erzaehlen, was das ist. Die Kartoffelkomoedie ist ein Theaterstueck, das statt mit Puppen mit Kartoffeln gespielt wird. Ihr bittet um ein Paar glatte, nicht zu grosse Kartoffeln, bohrt mit dem Messer in jede ein rundes Loch, so dass ihr euern Zeigefinger bis zum ersten Glied hineinstecken koennt, und die Hauptsache ist fertig. Ein paar mit Stecknadeln angepiekte Hemdknoepfchen als Augen, ein Stueckchen Ruebe als Mund, und eins als Nase, bilden das Gesicht. Ein farbiger Puppenlappen wird oben mit einer Schnur zusammengezogen und um den Zeigefinger gebunden, nachdem zwei kleine Loecher fuer Daumen und Mittelfinger hineingeschnitten sind. Ihr werdet euch wundern, wie fein man die Finger als Arme und Haende benutzen kann. Natuerlich muss man sich in der Kleidung ein bisschen nach den Personen des Stueckes richten. In unsrer Komoedie, die ich nach einer aelteren Vorlage ausgebaut habe, bekommt der Koenig eine Krone von Goldpapier und ein rotes oder gruenes Gewand, das ihr auch etwas mit Goldstreifen besetzen koennt. Pumpfia traegt am besten einen kleinen Schleier mit einem Streifchen Silberpapier um den Kopf, Jagomir einen grossen braunen oder grauen Hut mit einer roten Feder, der Kanzler einen schwarzen Zylinder. Natuerlich wird all das aus Papier gemacht. Die Kleider koennt ihr euch selbst ausdenken, jeder Flicken ist dazu brauchbar. Wenn ihr das Stueck auffuehren wollt, ist es am bequemsten, ihr spannt irgendeine Decke oder ein Tuch in einen offenen Tuerrahmen, und zwar so hoch, dass ihr bequem mit den Haenden hinauflangen koennt; eure Koepfe duerfen natuerlich ebenso wenig zu sehen sein wie eure Fuesse. Einen Vorhang braucht man nicht; die Puppen verschwinden einfach hinter dem Tuch und kommen auch wieder so zum Vorschein. Jedes Kind kann zwei Puppen spielen, mit jeder Hand eine; bei einer muss es dann seine Stimme etwas verstellen. So, nun versucht mal euer Heil! Es wird euch viel Spass machen; und den Zuschauern auch. PERSONEN: Koenig Pflaumenmus. Prinzessin Pumpfia. Der Kanzler. Der Raeuber Jagomir. ERSTE SZENE. Der Koenig tritt auf, vom Kanzler begleitet. KOeNIG: Der Sommerabend ist so schoen, da muss man doch spazieren gehn. Die Rosen duften suess, hazieh! Die Nachtigall singt tueruetue-- --wie schmerzt mein linker grosser Zeh, und auch der rechte tut schon weh. Den Schuster haeng mir an den Galgen, (Kanzler verbeugt sich) denn er gehoert zu den Kanallgen. (Koenig schnueffelt in die Luft) Wie duftet's hier nach Bratkartoffeln, da kriegt man wirklich Appetit. Geh, Kanzler, hol mir die Pantoffeln, und bring die Abendzeitung mit. (Kanzler verbeugt sich und will gehn) Halt! hemme noch den eiligen Lauf und setz mir erst die Brille auf. (Kanzler tut's, dann ab.) Ein Koenig muss sich informieren, es koennt doch was im Land passieren. (Kanzler kommt mit der Zeitung und den Pantoffeln zurueck.) KANZLER: Hier, Koenig, bringe ich die Zeitung, die allerneuste Meinungsleitung. Auch Schlupfschuh hier aus Woll' und Watte, wie Majestaet befohlen hatte; und frage untertaenigst an, ob ich noch sonstwie dienen kann. KOeNIG: Nun ja, rueck mir die Krone grade; denn fiel sie runter, waer's doch schade. (Kanzler rueckt die Krone zurecht.) Was steht denn hier im Tageblatt? Prinz Kasimir kommt in die Stadt? Da wird er uns gewiss besuchen. He, Kanzler, haben wir noch Kuchen? KANZLER: Herr, nicht 'ne einzige Butterschrippe. KOeNIG: Na, haeng nicht gleich die Unterlippe; hol Streusselkuchen vom Konditor, auch Vollmilch, einen halben Litor. KANZLER: Ach, Herr, von Geld ist keine Spur. KOeNIG: Das schad't nix, Kanzler; pumpe nur. Wir Koenige lassen uns nicht lumpen, und sollten wir die Welt auspumpen. Geh jetzt und sorge fuer mein Land mit Militaer und mit Verstand! (Kanzler verneigt sich, tritt vor.) KANZLER: Was hat ein Kanzler doch fuer Sorgen; wo soll ich bloss schon wieder borgen? Wer schafft mir von der Deutschen Bank den Schluessel zu dem Kassenschrank? Reichskanzler sein ist wirklich schwer; ich dachte nicht, dass es so waer. Ich annonciere in der "Quelle", vielleicht krieg ich 'ne andre Stelle. (Kanzler ab.) KOeNIG (lesend): Den Streik, den soll der Kuckuck holen! Wir haben so schon keine Kohlen, mein Thronsaal wird tagtaeglich kaelter, und ich--ich werde immer aelter. Auf diese Bank will ich mich legen, ein Stuendchen suesser Ruhe pflegen. (Legt sich hin und schnarcht.) ZWEITE SZENE. Pumpfia, Koenig. PUMPFIA: Wo bist du denn, mein Vaeterchen, mein suesser Pumps, mein Kaeterchen? KOeNIG: Wer stoert mir meine Ruh im Grase? Ach, _Du_ bist's, kleine Stumpelnase. PUMPFIA: Papa, ich bring dein Leibgericht, Bratkartoffeln! riechst du's nicht? Ich briet sie selbst, ist das nicht nett? mit Liebe und mit Hammelfett; und machte Klopse dir zulieb, vom Fleisch, das gestern uebrig blieb. KOeNIG (essend): Ich danke dir, mein Herzensmops, fuer die Kartoffeln und den Klops. PUMPFIA: Papa, ich bin bald zwanzig Jahre und kriege naechstens graue Haare; ich mach mich immer wunderschoen, allein kein Freier laesst sich sehn. Ich krieg am End gar keinen Mann; was fang ich alte Jungfer an? (Sie weint.) KOeNIG: So liebe _mich_, mein suesses Kind! Heiraten geht nicht so geschwind. PUMPFIA: Ach doch, Papa, 's geht ganz bequem. Wenn doch ein Prinz, ein trauter, kaem! (weint staerker.) KOeNIG: Mein Puempfchen, troeste dich bis morgen, da will ich dir 'nen Mann besorgen. PUMPFIA (faellt ihm um den Hals): Du guter einziger Papa, ich sag gewiss zu allen ja. KOeNIG: Leb wohl, ich muss zur Konferenz; es ist nicht gut, wenn ich die schwaenz. (Koenig ab.) DRITTE SZENE. Pumpfia, nachher Jagomir. PUMPFIA: Ich arme Pumpfia und Prinzessin, ach koennt ich doch mein Leid vergessen! allein, o leider ganz allein, in diesem holden Mondenschein! Kein Juengling liebt mich nur ein bisschen, kein Prinz gibt mir ein holdes Kuesschen. Mein Herz ist leer, mein Kopf ist dumm, ich fall vor lauter Sehnsucht um-- (faellt um.) JAGOMIR (tritt auf): Ich stahl mir heimlich hier herein, hier wird doch was zu mausen sein? (Schnueffelnd) Nee, wo mit Hammelfett gebraten, da regnet's sicher nich Dukaten. (Er erblickt Pumpfia ) 'ne Dame? Ei, wie wunderschoen; die muss ich mal genau besehn. (Er tut's.) Ich nehme mir den Hochgenuss und geb ihr einen suessen Kuss. (Er tut's.) PUMPFIA (erwachend): Was ist das fuer ein schoener Mann? Ich wag's und red ihn lieblich an. Wer seid Ihr, herrlicher Genoss? Wie kamt Ihr her in dieses Schloss? Ich bin durch Euern Gruss beglueckt; hat Euch ein Engel hergeschickt? JAGOMIR: 'n Engel? Nee, das war der Robert; der hat das Ding hier ausbaldowert. PUMPFIA: Ist alles gleich; du bist mein Schaetzchen, mein suesser Freund, mein Busenlaetzchen. JAGOMIR: Aber--was wird dein Vater sagen? PUMPFIA: Ach was, wer wird den Alten fragen. JAGOMIR (kuesst sie): Mein honigsuesser Sirupstengel, mein Marzipan, mein Zuckerengel! PUMPFIA: Welch Geist, welch Witz, welch hoher Held! Pumpfia geht mit dir durch die Welt! JAGOMIR: Mein Schaetzchen, hast du auch Moneten? PUMPFIA: Die sind hier weniger vertreten; an diese Frage ruehre nich, geliebter Freund, entfuehre mich. JAGOMIR: Na, denn man zu, du suesse Hummel! (Beiseite) Verflixt, das wird 'n schoener Rummel. VIERTE SZENE. Koenig, die Vorigen. KOeNIG: Prinzessin Pumpfia, Kasimir, wo seid ihr kleinen Schaeker ihr? Ihr wollt euch wohl vor mir verstecken? Na wart't, ich werd euch gleich entdecken. JAGOMIR (beiseite): I, du meine himmlische Guete, die jlooben, ick sei ein Prinz von Gebluete; dabei gehoer ick zum Raeuberstand, der ernaehrt seinen Mann besser als so'n Land. (Laut): Guten Tag, Herr Koenig, ich habe die Ehr und verbeuge mir sehr. (Er tut's) KOeNIG: Mein Vaterherz huepft froh und warm: mein Puempfchen in des Prinzen Arm. Mein hoher Gast, Prinz Kasimir, wie findet meine Tochter Ihr? JAGOMIR: Das Maedel hier? Na, himmlisch suess, wie'n Engelken im Paradies. KOeNIG: Na, nimm se dir se denn se doch, und spanne sie ins Ehejoch; dann kocht dir deine kleine Braut Erbsen mit Speck und Sauerkraut. JAGOMIR: Ach ja, und dann Kartoffelkloesse mit einer suessen Pflaumensoesse. (Umarmung.) PUMPFIA: Wenn man in deinen Armen ruht, dann kocht sich's gleich noch mal so gut. KOeNIG: Ich bin geruehrt wie Quetschkartoffeln, verlier vor Ruehrung die Pantoffeln. (Er tut's; die Pantoffeln fallen in den Zuschauerraum.) FUeNFTE SZENE. Kanzler, die Vorigen. KANZLER: Der Brief kommt eben von der Post, der fuenfundzwanzig Pfennige kost't. KOeNIG: Wie oft schon hab ich deklariert, ich nehme nichts mehr unfrankiert. Kommt mir noch mal so'n Ding ins Haus, dann fliegt es gleich zum Fenster raus. (Er oeffnet den Umschlag) Lass sehn, was steht in diesem Brief. JAGOMIR (beiseite): Na, geht die Sache doch noch schief? KOeNIG (liest): "Prinz Kasimir entbeut den Gruss dem hohen Koenig Pflaumenmus; er wird ihn heute noch besuchen und hofft auf Kaffee und auf Kuchen."-- Von alldem tut der Bauch mir weh; was nun, mein Schwiegersohn _in spe_? Seid Ihr denn nicht Prinz Kasimir? JAGOMIR (stolz): Ich bin der Raeuber Jagomir! KOeNIG: Ein Raeuber? Hu, das ist ein Graus, der reisst mir die Gedaerme aus! Gewiss, er wird mich massakrieren und mir mein Puempfchen dann entfuehren. (Er weint.) PUMPFIA: Was mich betrifft, ich halte still, wenn er nur dich verschonen will. JAGOMIR: Ich schon ihn gern, und auch sein Geld-- (beiseite): das er nicht hat! Ich bin ein edler Raeuberheld. PUMPFIA: Mein suesser Schuft, mein Wonneheld, mit dir stehl ich die ganze Welt. (Umarmung.) JAGOMIR: Bald kommt der Kasimir ins Haus; komm, Puempfchen, komm, wir ruecken aus! Im Walde steht mein freies Schloss, da schlaeft sich's fein--auf Heu und Moos. KOeNIG: Na, dann leb wohl, mein teures Kind! Hier hast du noch ein Angebind (gibt ihr einen Zweimarkschein) und ausserdem noch meinen Segen. PUMPFIA: Den kannst du uns auf Zinsen legen. (Beide ab.) KOeNIG: Nun sind sie weg, o Schmerz, o Graus, ich weine mir ein Auge aus. (Er tut es, wirft den Augenknopf unter die Zuschauer.) O Kasimir, Prinz Kasimir, warum warst du nicht eher hier! Wirr ist mein Herz, wirr ist mein Kopf; die Welt, die ist ein Wackeltopf. Nur eins ist unverrueckt und wahr, nur eins wie meine Pleite klar: Hoch herrschen ueber Raum und Zeit die Frechheit und die Dreistigkeit. (Vorhang.) KASPERLE UND DER KRIEG Ein Stueckchen fuers Kasperltheater KASPERLE (allein, singt): Bummvallera ist nicht da; wo ist Bummvallerallerallera? (Er gaehnt.) Ach, ist die Welt langweilig! Vor lauter Langerweile hab ich schon ein paarmal meine Finger gezaehlt; aber komisch, es kommt immer was andres raus. (Er zaehlt an seinen Haenden): 1, 2, 3, 5, 7, 8, 10, 12, 14, 15--na ja, nun sind's wieder 15. Na, noch mal: 1, 2, 3, 5, 7, 9, 10, 12, 13, 14--komisch, nu sind's wieder 14. Mal hat der Mensch 15 und mal 14 Finger; und dabei sehn sie immer egal aus.(Es klopft.) Ei, da kommt Besuch. Immer 'rein, meine Herrschaften, immer 'rein! (Polizist kommt.) POLIZIST: Bist du der Kasper? KASPERLE: Was? Kasper? Herr Kasper heisst es, geehrter Herr Kasper heisst es, wertgeschaetzter Herr Kasper heisst es, Sie oller Helmaffe Sie, Sie untertaenigster Rasselsaebel! POLIZIST: Mann, seien Sie mal etwas hoeflicher zur koeniglichen Polizei! KASPERLE: Hoeflich? Hi hi, hoeflich? Mit Hoeflichkeit faengt man nicht mal 'nen Floh. Oder soll man etwa sagen: bitte, Herr Floh, seien Sie so gut, Herr Floh? POLIZIST: Kasper, du bist ein Esel! KASPERLE: 'n Esel? Was Sie sagen! Ist 'n nettes Tierchen, so'n Esel, hihi; klettert auf die hoechsten Stellen und faellt nicht runter. Hihi, moecht schon solch Tierchen sein. POLIZIST: Lirum, larum, Kasper, du musst jetzt in den Krieg; darum bin ich hergekommen. KASPERLE: Krieg? Was ist denn das? Kriecht man da rum, in dem Krieg? Ich bin doch kein Kriechtier! POLIZIST: Du dummer Kasper, du dammliger, der Krieg sind Schlachten mit Bomben und Kanonen. KASPERLE: Schlachten? Ei, das kenn ich, da gibt's frische Wurst; Blut- und Leberwurst, hihi, das schmeckt aber fein!--Und Bomben? wissen Sie, die backt meine Omama mir immer zu Weihnachten; die kenn ich auch. Und Kanonen? ja, die stehn noch vom Grossvater selig her auf'm Kramboden; der war Sie naemlich Mistbauer, und brauchte so'ne dicken hohen Schmierstiebeln. Also, dann kenn ich ja den Krieg; muss 'ne lustige Sache sein. POLIZIST: Na warte man, du Frechdachs, wirst es schon merken, wenn's dir man erst um die Ohren knallt. KASPERLE: Knallen tut's da? O jemine! Wissen Sie, Herr Kriegsminister, gegen Knallen hab ich von Kind auf 'ne Idiokratie. POLIZIST: Idio_syn_krasie meinst du wohl, dummer Kasper. KASPERLE: Nee, Herr Rasselsaebel, Sinn ist da nicht drin; sonst waer's ja keine Idiotokratie. (Er singt): Die Welt, die haut sich tot wie nie, tot wie nie, tot wie nie, und fuettert das Meer mit Korn und Vieh, Korn und Vieh, Korn und Vieh; das ist doch Idiotokratie, Tokratie, Tokratie, Idiotokratie! POLIZIST: Halt deinen dummen Schnabel, Kasper, das verstehst du nicht; das ist die hohe Diplomatie. Sage mir lieber, wie dein Vater heisst, Kasper. KASPERLE: Das kann ich Ihnen durchaus nicht sagen, Sie neugieriger Iltis, alldieweil ich das selber nicht weiss. Ich glaube, ich hatte gar keinen Vater. POLIZIST: Und deine Mutter? KASPERLE: 'ne Mutter? 'ne Mutter hab ich auch nicht gehabt. Bloss 'ne Grossmutter und 'ne Urmama; die haben mich zusammen zur Welt gebracht. POLIZIST: Du bist 'n Ochse, Kasper, oder 'n Frechdachs; jeder Mensch hat doch 'ne Mutter. KASPERLE: 'n Ochse? das waer was, ei der Daus! Was waer ich da wert bei den heutigen Fleischpreisen? wir wollen mal zusammen rechnen, Herr Kriegsminister. Also: ich wiege 150 Pfund, das Pfund kostet jetzt 8 Mark 50. Erst also 100 mal 8 Mark 50--haengen wir einfach zwei Nullen an, das macht 85000 Mark; und dann noch 50 mal 8 Mark 50, das ist mir zu schwer, das kann ich nicht rechnen. Wissen Sie's vielleicht, Herr Kriegsrat? POLIZIST: Na, das sind ungefaehr 4000 Mark, Kasperle; es ist ja auch schon lange her, dass ich in der Schule war. KASPERLE: Also, ich hatte 85000 Mark; und Ihre 4000 Mark dazu, macht 100000 Mark. Sehn Sie, Herr Kriegsminister, soviel ist der Kasper werf, wenn er ein Ochse ist; hihi, was sagen Sie nun, Herr Oberkanonenrat? Was mag man da erst wert sein, Sie, wenn man ein fettes Schwein ist! Wissen Sie was: wir wollen beide Bauern werden und fette Schweine zusammen ausbrueten. (Er singt): O waer ich doch ein Oechselein, Oechselein, Oechselein, oder auch ein fettes Schwein, fettes Schwein, fettes Schwein, dann poekelt' ich mich selber ein, si- sa- selber ein. Da kaem ich in ein grosses Fass, grosses Fass, grosses Fass, da rollt' ich in das Kellergelass, Kellergelass, Kellergelass, da haett ich fuer den Winter was, Wi- Wa- Winter was. POLIZIST (packt ihn): Ach was, vorwaerts marsch mit dir in den Krieg! und hast-du-nicht-gesehn ins Feuer! KASPERLE: Ins Feuer soll ich? Ich ins Feuer? Aber ich bin doch keine Presskohle, Herr Oberheizer, dass ich ins Feuer soll? (Er ruft ins Haus): Grossmama, mein Puttchen, du alte Knochenmuehl