The Project Gutenberg EBook of Todsuenden, by Hermann Heiberg This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at www.gutenberg.net Title: Todsuenden Author: Hermann Heiberg Release Date: October 20, 2004 [EBook #13805] Language: German Character set encoding: ASCII *** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK TODSUeNDEN *** Produced by PG Distributed Proofreaders Todsuenden Roman von Hermann Heiberg Berlin Verlag des Vereins der Buecherfreunde 1891 Hermann Heiberg. Unter den grossen Verdiensten, die der Traeger dieses vielgefeierten Namens sich erworben, steht nicht in letzter Linie das: in jenen drangvollen Zeiten, als eine kraftvolle Gegenwartskunst mit einer schwaechlichen Nachklangskunst zusammenprallte, der neuen Dichtung in den weiteren Kreisen des bis dahin gleichgueltig gebliebenen Publikums Bahn gebrochen zu haben. Es geschah dies durch seine Buecher "Plaudereien mit der Herzogin von Seeland" und "Apotheker Heinrich." Aber wie, Heiberg ein Bahnbrecher? Er war allerdings sehr viel weniger ein solcher, als die, welche das Wort Realismus auf ihre Fahne geschrieben hatten. Er--so wenig wie Theodor Fontane--brach auch keineswegs so ganz mit der Vergangenheit, wie jene es zu thun meinten; er--so wenig wie Theodor Fontane--stellte keine grossartigen, langatmigen und langweiligen Programme auf; er--so wenig wie Theodor Fontane--spielte sich als Begruender einer ganz neuen, noch nie dagewesenen Poesie auf. Dafuer vollbrachten Theodor Fontane und Hermann Heiberg realistische Thaten; sie waren unter den ersten in Deutschland, welche die Wirklichkeitskunst begruendeten. In den siebziger Jahren erschien ganz im Stillen Fontanes "L'Adultera"; Heiberg schrieb 81 seine grazioesen, entzueckenden Plaudereien und zwar nur, "um seine missmutigen Gedanken zu toeten," keineswegs aber, am allerwenigsten, um Belegstuecke zu liefern, welche die einzige Berechtigung des neuen Dogmas darthun sollten. Er schrieb sie freilich gerade in der Zeit, als jener heisse Kampf entbrannte; doch hat das vielleicht nicht so sehr den mass- und geschmackvollen Realismus, der seine Dichtungen kennzeichnet, hervorgerufen, als sein durch seine Vergangenheit geschaerfter Wirklichkeitssinn. Er _war_ Realist, er wurd' es nicht erst. Denn er hatte gelebt, und er hatte erlebt, eh' er die Feder ergriff; er war ein reifer Mann, als er sein erstes Buch schrieb; er erfuellte buchstaeblich die Forderung der Concourts, (wenn ich nicht irre, waren es die beiden Brueder, welche sie aufstellten,) dass man erst vierzig Jahre zaehlen muesse, bevor man sich Realist nennen duerfe. Aber Realist! Meines Wissens hat sich Heiberg nie so genannt, und da seine Buecher nicht "die einzige Berechtigung des Realismus" beweisen wollten, da er sich nicht auf ein einseitiges Dogmenverkuenden und Dogmenbeweisen kapriziert hatte, sondern in Wahrheit nichts anderes als _wirken_, naemlich die Sinne und die Seele des Lesers nach seinem Willen regieren, sie mit den Bildern und Vorstellungen, welche seine Ideen forderten, fuellen wollte--etwas, was bis jetzt alle Dichter seit Homer, ohne Ausnahme, erstrebten--, so nahte seinen Buechern das Publikum sich unbefangen und ohne jegliche Voreingenommenheit. Dem Publikum ist es naemlich in der That ja ganz gleichgueltig, wer vor ihm steht, ob es ein Idealist, Romantiker, Realist oder was immer sei--als ob ueberhaupt die Wirklichkeit diese Gegensaetze so scharf begrenzt anseinanderhielte!--es will nur eins: es will bezwungen sein; der Leser wuenscht zu fuehlen, dass der Kuenstler Gewalt ueber ihn habe, er will sein Gefangener sein... Heiberg bezwang das Publikum; er fesselte es mit Rosenguirlanden in seinen entzueckenden Plaudereien; aber aus seinen folgenden Buechern--ich denke hier besonders an den "Apotheker Heinrich"--langte es mitunter zugleich wie ein Paar grauer Schattenarme, die sich Einem unvermerkt um den Hals schlangen, fester und fester... und die uns mit unheimlicher Gewalt tiefer und tiefer in das Buch und seine Geschichten hineinzusehen zwangen, bis langsam sich die Spannung loeste und ein hinreissender Humor uns den Alp von der tiefaufatmenden Brust waelzte... Was sag' ich? in das Buch? In das Leben, in das Leben, wie es ist! In allen seinen folgenden Arbeiten, wenn auch in einzelnen bisweilen die Kraft des Dichters nachzulassen schien, steckte ein Element der Urspruenglichkeit, ein naives, leidenschaftliches Ergreifen der Dinge, wie es Einem lange nicht vorgekommen. Und dabei doch wieder: man fuehlte sich so wohl bei Heiberg; er hat etwas Aristokratisches, Vornehmes, Weltmaennisches; bei ihm vereinigte sich Weltton mit Frische, heitere Laune mit einer schneidenden Satire. Auch seine berueckendsten Schilderungen waren durch einen goldechten Humor verklaert. Dieser Humor gerade ist das Auszeichnende der schriftstellerischen Persoenlichkeit Heibergs: nicht viele Dichter der gegenwaertigen Zeit koennen sich zu diesem Erloesungsmittel durchringen, sie werden immer zwischen den schmerzvollsten Gegensaetzen hin und her geschleudert, und erleichtert seufzen sie auf, wenn ihnen ein Beguenstigter begegnet, und horchen auf ihn, um zu lernen, wie man das schwere Leben leicht nimmt. Und dringender wurde nun allgemach das Fragen: Wer ist dieser Mann? Wo kommt er her? Nicht muessige Neugierde blos war es, die so forschte. Denn, um es mit einem groben und beschraenkten Wort zu sagen: Was Einer isst, das ist er. Meine Leser verstehen sicher, was ich meine. Man erfuhr nach und nach folgendes. Hermann Heiberg ist am 17. November 1840 in Schleswig, der jetzigen Provinzialhauptstadt, als Sohn eines Rechtsanwalts geboren. Die Heibergs, eine angesehene Patrizierfamilie, spielten in der kleinen Stadt seit langem eine grosse Rolle. Heibergs Mutter, die noch lebt, entstammt dem graeflichen Hause Baudissin-Knoop. Er verlebte eine sehr glueckliche Jugend, man liess ihm als Knaben Luft und Licht ... und er war ein frischer, froehlicher Junge, kein Stuben- und Ofenhocker. Seine Jugend wirft denn auch einen lichten, lachenden Schein in all seine Buecher,... er ist einer der groessten und naturwahrsten Kinderdarsteller der Gegenwart, ebenso wie er die Kleinstadt, in der eben seine Jugend dahinfloss, meisterhaft zu vergegenwaertigen weiss. Nachdem Heiberg das Gymnasium seiner Vaterstadt durchlaufen hatte, wollte er das Studium der Rechte ergreifen; doch verhinderten die damaligen Wirrnisse in Schleswig-Holstein und andere Umstaende die Ausfuehrung dieses Entschlusses. Heiberg ward Kaufmann und zwar Buchhaendler. Seine Lehrjahre, die er spaeter im "Januskopf", diesem vortrefflichen Buchhaendlerroman, geschildert hat, absolvierte er in Kiel. Dann uebernahm er in Schleswig die selbstaendige Leitung einer von seinem Vater begruendeten, aber bisher von fremder Hand verwalteten Buchhandlung, die er wenige Jahre spaeter, nachdem er inzwischen ein Jahr in Koeln gewesen, als Eigentum an sich brachte. Nach dem Krieg von 1866 verkaufte er sein aufbluehendes und mit einer eigenen Druckerei versehenes Geschaeft, um nach Berlin zu uebersiedeln. Hier ward er vorerst geschaeftlicher Leiter der Nordd. Allg. Ztg., dann der Spenerschen Zeitung, doch bald wurde der energische und tuechtige Mann in die Direktion der Preussischen Bankanstalt berufen. In seiner neuen Stellung sammelte er die vielseitigsten Erfahrungen, zumal sie ihn zu haeufigen und ausgedehnten Reisen durch Deutschland, die Schweiz, Holland, Belgien, Daenemark, Frankreich und England veranlasste. Wo ist ein Schriftsteller mit einer so eigentuemlichen und bewegten Vergangenheit, ein Schriftsteller, der als thaetiger Mann im Leben stand, nicht es als muessiger Zuschauer beobachtete?... Die Bank liquidierte; er stellte sich auf eigne Fuesse und beschaeftigte sich vorwiegend mit der Einleitung zur Finanzierung von Eisenbahn- und Tramway-Unternehmungen; erhielt auch einige male allein oder im Verein mit anderen bedeutsame Vertretungen--so war er z.B. einmal voruebergehend Bevollmaechtigter der chinesischen Regierung fuer eine Finanzierung in London--, zog sich aber endlich doch, mehrfach um die Fruechte seines Fleisses und seiner Geschicklichkeit gebracht und grenzenlos angewidert von allem, was "Geschaeft" heisst, zurueck. Im Jahre 1881 schrieb er dann, "um meine missmutigen Gedanken zu toeten," wie er sagt, jene reizenden "Plaudereien mit der Herzogin von Seeland." Der grosse Erfolg, den dieses anmutige und originelle Buch fand, ermunterte ihn zum Weiterschaffen, und so lebt er denn noch jetzt als Schriftsteller in Berlin W., an der Seite einer liebenswuerdigen Frau, mit der er sich 1865 vermaehlt hat, umgeben von einem bluehenden Kinderkreis, rastlos und erfolgreich thaetig. Hiermit legt der Verein der Buecherfreunde der deutschen Leserwelt sein neuestes Werk vor. * * * * * Es war Herbstzeit, doch bisher hatte kein Sturm die Baeume ihrer Blaetter entkleidet. Wohin das Auge blickte, sah es noch Laub, aber die Waelder hatten doch ihr Aussehen bereits veraendert: wundervolle kupferrote und in scharfem Eiergelb prangende Farben tauchten neben dem Gruen, das der Sommer gezeigt, auf, und wie mit Silber bedeckt erschien ein einzelner Baum, der, hoch die andern ueberragend, emporstrebte aus einem parkartigen Gehoelz, welches das versteckt und duester gelegene Erbgut Falsterhof rings umgab. An einem solchen Herbsttage, um die Daemmerung, wandte sich ein Mann, der eben die Dreissig zurueckgelegt hatte, in die zu dem Gute fuehrende Kastanienallee. Aber bald hemmte er seine Schritte und horchte gespannt nach dem Hofe hinueber. Als von dort das Gebell eines Hundes an sein Ohr schlug, aenderte er, den unheimlich klugen Mund in dem scharfknochigen, bartlosen Gesicht bewegend, die Richtung, zwaengte sich durch zwei eine stille, grosse Wiese flankierende Feldsteine hindurch und ging, wiederholt vorsichtig um sich schauend, auf einem Umwege dem Gehoeft zu. Nach zehn Minuten hatte er ein zur Linken des Herrenhauses sich hinstreckendes, dichtes Gehoelz erreicht, durchschritt es, bis er an einen Gemuesegarten gelangte, und schlich dann an einem diesen begrenzenden Wirtschaftsgebaeude entlang. Hier uebersprang er, den gebahnten Weg verlassend, einen mit Brennesseln bestandenen Graben und befand sich zuletzt nur noch wenige Schritte entfernt von einem hier emporragenden Fluegel des Gutshauses. Es war ein wohl ueber zwei Jahrhunderte alter, aus breiten, starken Backsteinen abgefuehrter, verwitterter Bau, umrankt von Epheu und Schlinggewaechsen, und dem Auge um so unfreundlicher und duesterer erscheinend, als die Fenster tief eingeladen waren, und grosse Baeume ihn beschatteten. Vor zwei Monaten war, ueber siebzig Jahre alt, der Besitzer von Falsterhof, Klaus von Brecken, gestorben, und seit vierzehn Tagen kaempfte seine ebenso alte Frau Marianne, geborene Sand, mit dem Tode. Das wusste der Mann, der hier horchend still stand und sich so Gewissheit verschaffen wollte ueber Verlauf oder Ende der Krankheit. Das Schlafzimmer der Greisin lag nach hinten hinaus; es schaute mit seinen Fenstern auf einen jetzt von dem Fremden betretenen, von Gebuesch eingefriedigten kleinen Rasenfleck. Monate konnten vergehen, bevor es jemandem einfiel, diesen abgeschiedenen Winkel zu beschreiten; so war denn der Spaeher sicher, dass niemand ihn beobachten werde. Nun drueckte er sich hart an die Mauer, bestieg einen an sie gelehnten Feldstein und schaute ins Innere des Hauses. Eben fuhr der Abendwind durch Gebuesch und Baeume und fing sich stuermisch in dieser Ecke. Aber Tankred von Brecken, der Besitzerin Neffe, kuemmerte sich nicht darum. Mit Luchsaugen beobachtete er, was drinnen im Krankenzimmer vorging. In einem hohen Bett mit verblichenen, gruenseidenen Gardinen lag die alte Frau mit gefalteten Haenden; eine Lampe brannte auf dem Tisch mitten im Zimmer; daneben Medizinflaschen, Glaeser, Leinewand, Schwaemme und Schachteln. Alte, schwere Moebel standen ringsum; ihr Aeusseres bekundete Gediegenheit und Wohlhabenheit; so ernsthaft schauten sie drein, als empfaenden sie, was sich hier abspielte, als hoerten sie das Roecheln der Kranken, als saehen sie das blasse, schmerzverzehrte Angesicht einer jungen Frau, die sich in einen grossen, seidenbezogenen Lehnsessel niedergelassen hatte und nun schon seit zwei Tagen und Naechten von der Sterbenden, ihrer Mutter, nicht gewichen war. Vor einigen Jahren hatte Theonie Cromwell ihren Mann, einen jungen Ingenieur, nach dreimonatlicher Ehe verloren und war dann zu ihren Eltern nach Falsterhof zurueckgekehrt. Sie hatte kaum je einen Blick in die Welt gethan, denn seit ihrer Geburt war sie nur zweimal fuer kurze Zeit vom Gute fortgewesen. Gouvernanten hatten ihren Unterricht geleitet; als sehr spaet geborenes, einziges Kind hatten ihre Eltern sie nicht missen wollen und jene Methode der Erziehung zur Anwendung gebracht, die, einem unbewussten Egoismus entspringend, mehr den Eltern selbst als den Kindern zu gute kommt. Was sich jetzt diesem jungen Leben eroeffnete, war schmerzlich genug. Theonie war zwar Erbin des grossen Besitzes, aber stand voellig allein in der Welt da. Der einzige Verwandte, den sie besass, war Tankred von Brecken, derselbe, der eben versteckt ins Krankenzimmer spaehte. Aber schon bei der ersten, vor vier Monaten erfolgten Begegnung mit ihm hatte sich ihrer eine unausloeschliche Abneigung gegen ihn bemaechtigt. Tankred war glatt, hoeflich und zuvorkommend, aber sein Antlitz, das Theonie an die Zuege eines Verbrechers erinnerte, von dem sie einmal ein Bild in einem Buche gesehen hatte, schuf in ihr ein Urteil ueber seinen Charakter, von dem sich ihre Vorstellungen nicht zu loesen vermochten. Tankred war der einzige Sohn eines juengeren Bruders des verstorbenen Herrn von Brecken, der alles durchgebracht und zuletzt von den Wohlthaten des Besitzers von Falsterhof gelebt hatte. Auch Tankreds Mutter lag unter der Erde, man sagte, aus Gram ueber die Verkommenheit ihres Sohnes, der frueher als Schreiber auf adligen Guetern thaetig gewesen war, aber nirgend seine Stellung hatte behaupten koennen und sich zuletzt--gleich nach dem Ableben seiner Mutter--auf Falsterhof eingefunden hatte. Hier sass er nun schon seit Monaten umher, erklaerte, sich trotz seiner Bemuehungen keine neue Thaetigkeit verschaffen zu koennen, und fand in Theonies Mutter, die ganz von seiner Art und seinem Wesen eingenommen war, genuegenden Rueckhalt, um sein Faulenzerleben fortzusetzen. Ganz allmaehlich hatte er sich zum Herrn der Situation in Falsterhof zu machen gewusst; er bewohnte die Zimmer des verstorbenen Hausherrn, rauchte dessen zurueckgelassene Zigarren, bediente sich seiner Pfeife und schritt mit seinem Feldstock ueber das Gut. Taschengeld steckte ihm die Tante zu, und bevor ihre Krankheit sie ergriffen, hatte sie sogar darauf Bedacht genommen, dass ihm bei Tisch nichts vorgesetzt wurde, was er nicht mochte, und dass ihm Bequemlichkeiten zu teil wurden, wie man sie nur aelteren und besonders geschaetzten Personen verschafft. Tankred sprach mit solcher Offenheit ueber sein Vorleben, drueckte eine anscheinend so ehrliche Reue darueber aus, seinen Eltern Kummer bereitet zu haben, legte einen solchen Abscheu davor an den Tag, in alte, schlechte Gewohnheiten zurueckzuversinken, und wusste seine Tante in so geschickter Weise zu umschmeicheln, dass die Frau sich voellig umgarnen liess und alle ihre Vernunft, die ihr doch bisweilen etwas anderes zufluesterte, gefangen gab. "Du bist nun einmal durch Tankreds Vorleben gegen ihn eingenommen, Theonie!" hatte sie ihrer anfangs noch schuechterne Einwendungen machenden Tochter gesagt. "Menschen koennen sich doch aendern! Diesen jungen Mann haben die Lebenserfahrungen frueh weise gemacht. Ich glaube an seinen ehrlichen Willen und an sein Herz und bin ueberzeugt, dass er fortan nur grade und gute Wege gehen wird." Am Tage vor dem Eintritt ihrer Krankheit hatte Frau von Brecken sogar fallen lassen, dass es vielleicht ein guter Plan sei, Tankred zum Oberverwalter des Gutes und des Vermoegens einzusetzen, ihm auf diese Weise Thaetigkeit und Erwerb zu geben und die Pflichten natuerlicher Ruecksicht gegen den einzigen Verwandten zu ueben, den sie noch auf der Welt besaessen. Mit allen Zeichen hoechsten Schreckens hatte Theonie dem zugehoert. "Mutter, ich bitte Dich, welch ein Gedanke! Schrieb uns nicht Tante noch sechs Wochen vor ihrem Tode, dass Tankred wegen Veruntreuung vom Grafen Thorley auf Rinteln entlassen sei? Soll ich den Brief hervorholen, in welchem sie, daran verzweifelnd, jemals einen braven Menschen aus ihm zu machen, seinen Charakter schildert? Steht es dort nicht geschrieben, dass man sich um so mehr vor ihm hueten muesse, als er ein grosser Kuenstler in der Verstellung sei, dass er die Herzen der Menschen umstricke, sich ihnen fuege und anbequeme, aber stets ein verstecktes Ziel dabei im Auge habe? So lautet das Urteil der eigenen Mutter, und Du, die Du doch erschrocken warst ueber sein ploetzliches, unaufgefordertes Erscheinen hier, schwoerst nun auf seine Tugend und denkst sogar daran, unser Eigentum seiner Hand anzuvertrauen? Ich wollte, der schreckliche Mensch waere erst aus dem Hause, ja, mir scheint, wir muessten eher grosse Opfer bringen, um ihn fuer immer von uns zu entfernen, als dass wir darueber sinnen, ihn an uns zu fesseln. Weisst Du, was ich glaube? Nicht nur zu Unehrlichkeiten, zu leichtfertigen Streichen ist er faehig, sondern unter Umstaenden zu einem Verbrechen!" "Theonie! Theonie!" rief die alte Dame entsetzt und fuer ihren Neffen Partei nehmend. "Welche Gedanken! Meine Schwaegerin, Deine Tante, war eine kalte, misstrauische Natur. Sie erzog ihren Sohn lediglich aus Pflichtgefuehl. Liebe empfand sie weder fuer ihn, noch fuer ihren verstorbenen Mann. Obgleich sie seine Mutter war, war ihr Urteil im schlechten Sinn getruebt. Sie liess ueberhaupt keinem etwas Gutes, sie sah stets nur die Schattenseiten der Menschen. Tankred wurde leichtsinnig und genusssuechtig, weil sein Vater ihm ein trauriges Beispiel gab, und die Mutter ihm nie einen Funken Liebe zeigte, aber er ist nicht verdorben, nicht schlecht, berechnend oder gar verbrecherisch. Grade Menschen wie Tankred bringt man oft am sichersten zur Umkehr, wenn man ihnen Vertrauen schenkt. Ihr ersticktes Ehrgefuehl erwacht dann, und sie bestreben sich, zu zeigen, dass sie doch im Grunde etwas anderes sind, als wofuer man sie haelt."---- Nachdem Tankred fast eine Viertelstunde seine Tante und Kousine belauscht hatte, wich er zurueck und schien auf Grund der von ihm gemachten Beobachtungen zu einem Entschluss gelangt zu sein. Aber rasch, wie von einem ploetzlichen Anruf umgestimmt, wandte er sich wieder um, als nun eben ein Schrei aus dem Innern durch Fenster und Mauern drang und ihn belehrte, dass in diesem Augenblick sich etwas Entscheidendes zugetragen habe. Er sah, als er wieder ins Gemach spaehte, dass seine Kousine sich mit allen Anzeichen des Schreckens und Schmerzes ueber ihre Mutter herabbeugte und der offenbar ihre letzten Seufzer aushauchenden Greisin behuelflich war, die Todesqual leichter zu ueberwinden. Das Stoehnen und Aechzen, das Tankred aufgescheucht hatte, wiederholte sich; schrecklich verzerrten sich die Zuege der Sterbenden, und kaum fuenf Minuten spaeter hatte Frau von Brecken ihren Geist aufgegeben. Rasch wie der Blitz verschwand nun der Kopf Tankreds vom Fenster. Mit wenigen Saetzen hatte er den kleinen Wiesenplan und den Graben uebersprungen, und bald befand er sich, wieder den Weg durch das Gehoelz einschlagend, abermals in der Allee. * * * * * Vor einer Stunde war die alte Frau von Brecken beerdigt. Eben war Theonie von dem Begraebnis zurueckgekehrt und sank nun in ihren oben im Hause belegenen Gemaechern an dem Tisch nieder und liess das Haupt auf den ausgestreckten Armen ruhen. In ihrem Innern hatte nichts anderes Raum als der Schmerz, verstaerkt durch das Gefuehl einer grenzenlosen Vereinsamung und--Furcht. Ausser ihr wohnten in dem grossen Hause nur zwei Maedchen und ein bejahrter Diener ihres verstorbenen Vaters, ein zuverlaessiger, aber eigentuemlicher alter Mann, der etwas schwerhoerig war. Das Haus des Paechters von Falsterhof lag fast eine Viertelstunde entfernt hinter dem Park, und der Paechter selbst war einer jener streng redlichen, aber plump graden Menschen, die man respektiert, aber nicht eben liebt. Da er unverheiratet war, fuehrte ihm seine alte Schwester die Wirtschaft, und auch sie war wenig zugaenglich. Im Herrenhaus befanden sich zur Linken im Parterre die gemeinsamen Wohngemaecher, die sich bis in den Fluegel ausdehnten; zur Rechten lagen die Raeume, in denen jetzt Tankred sich breit machte, und oben Fremdengelasse und Theonies Zimmer. Im andern Fluegel waren die Kueche und die Gesindezimmer. Man musste eine breite, beschnittene Hecke durchschreiten, wenn man von der Hinterfront des Hauses in das Gehoelz gelangen wollte, welches sich dort duester hinstreckte. Auch vorn standen grosse, die Zimmer verdunkelnde Linden, und den Hof begrenzte der durch Stakete eingefriedigte Gemuesegarten mit hohen Gebueschen. So drang denn nie Licht, kaum Helle in die unteren Gemaecher, und das Herrenhaus machte von aussen und innen einen unheimlich duesteren, melancholischen Eindruck. "Was nun?" drang's unwillkuerlich und mit grenzenloser Schwermut aus Theonies Munde, als sie nach Bekaempfung des ersten Schmerzes das Haupt emporrichtete und, ihre Gestalt dehnend, sich im Zimmer umschaute. "Was nun?" Weit lag die Welt vor ihr, nichts fesselte, hinderte sie, niemand beschraenkte ihre Freiheit, und doch erschien ihr die Ferne, in die sie schaute, von allen Seiten begrenzt, doch fuehlte sie sich gehemmt, als befaende sie sich in einem Gefaengnis. Die Freude am Dasein war ihr, da sie nun den letzten Familienanhalt verloren hatte, erloschen. Wenn sie sich vorstellte, dass sie ihr ganzes Leben in Falsterhof verbringen sollte, kam's verzagend ueber sie, aber ebenso sehr schrak sie davor zurueck, sich anderswo in der Welt niederzulassen. Alles hatte Reiz und Farbe fuer sie verloren. Als zuletzt ihre Gedanken sich wieder dem Naechstliegenden zuwandten, dem Tag und seinen Beduerfnissen, und auch Tankred vor ihren geistigen Augen erschien, schuettelte sie sich in Grauen, und all ihr Denken und Sinnen richtete sich darauf, in welcher Weise sie ihn wuerde entfernen koennen. In den legten Tagen waehrend der schweren, schon hoffnungslosen Krankheit ihrer Mutter hatte er luegnerischer Weise erklaert, eine Reise unternehmen zu muessen, da sich ihm unerwartet Ansichten auf eine Stellung eroeffnet haetten. Vor seinem Fortgang hatte er in seiner schmeichlerischen Weise die Kranke getroestet: wenn er wiederkomme, werde sie schon ganz die alte sein, sie sehe bereits wohler aus, viele Jahre seien ihr noch beschert. Er bedaure, grade jetzt Falsterhof verlassen zu muessen, ihr nicht Gesellschaft leisten zu koennen, aber er halte es fuer seine Pflicht, eine gute Gelegenheit zur Erlangung einer Stelle nicht voruebergehen zu lassen. Unter einer Pflege, wie Theonie sie ihr biete, sei die Kranke besser aufgehoben als unter irgend einer andern; das beruhige ihn. Und dann hatte er Theonie voll Zaertlichkeit umarmt, sie mit seinem demuetigen Blick gestreift und war abgefahren. Waehrend sich die alte Dame in Lobspruechen ueber ihn erging, dachte Theonie ihr Teil. Sie durchschaute ihren Vetter; ihr Misstrauen, ihre Abneigung verschaerften ihre natuerliche Menschenkenntnis. Sie war ueberzeugt, dass er nur ging, weil es ihn langweilte, bei der Krankheit und dem Ende der alten Frau zugegen zu sein und Ruecksichten zu ueben, durch deren Vernachlaessigung er sich in ein schlechtes Licht stellen wuerde. Er werde, sie war dessen sicher, erst wiederkehren, wenn alles vorueber waere, wenn ihm keine Lasten mehr aufgebuerdet werden koennten. Er wusste auch, dass sie, Theonie, ihn nicht herbeirufen werde. Tankred kannte nur sich; um seiner Behaglichkeit keinen Abbruch zu thun, scheute er weder Luege noch Verstellung. Alles, was ihn irgendwie genieren konnte, suchte er moeglichst aus dem Wege zu raeumen. Und in der That war er erst wieder in Falsterhof eingetroffen, nachdem die Leiche bereits aus dem Hause geschafft und in der Kirchhofkapelle des eine Stunde entfernten Gutsdorfes Breckendorf niedergesetzt war. Nun heuchelte er Ueberraschung, Trauer und Leid, so spaet--zu spaet gekommen zu sein! Aber schon eine Viertelstunde spaeter bemerkte ihn Theonie, vergnueglich eine Pfeife rauchend, im Park. Sicher haette ihn das Herabfallen eines Spatzen vom Dach nicht mehr beruehrt als der Tod seiner Verwandten und Wohlthaeterin. Theonie sah alles kommen. Die Stelle hatte er nicht erhalten; nur zu begreiflich, weil gar keine in Aussicht gestanden, und er auch nicht die Absicht gehabt hatte, eine anzunehmen. Wenn vier Wochen, wenn acht Wochen vorueberzoegen, wuerde er sich noch auf Falsterhof befinden, wie bisher zweimal die Woche in die Stadt Elsterhausen fahren und sich amuesieren, zu Fuss und Wagen Ausfluege unternehmen, Gutsbesitzer der Umgegend besuchen und die uebrige Zeit essen, trinken, schlafen, faulenzen und den Herrn spielen. Und Theonie erwartete mit Sicherheit einen Heiratsantrag von seiner Seite. Sie und damit Falsterhof zu seinem Eigentum zu machen, war sein verstecktes Ziel. Nicht gleich--nicht ueberstuerzt--er hatte Zeit zu warten! Ihre Fragen, ihre Anspielungen, ihre deutlichen Wuensche wuerde er umgehen, wohl aber dann und wann ihr dieselben Luegen auftischen wie ihrer verstorbenen Mutter: dass er sich um Thaetigkeit und Verdienst bewerbe und Aussicht habe, sie zu finden. Und wenn sie dann erklaerte, eher sterben zu wollen, als ihn heiraten, wenn sie zulegt die Forderung an ihn stellte, Falsterhof zu verlassen, dann wuerde die Maske fallen, und sein wahres Gesicht zu Tage treten. Und dieses Gesicht hatte sie juengst im Traume gesehen--es war die Physiognomie eines beutehungrigen Schakals gewesen. Tankred hatte schreckliche Faeuste,--er zerbrach mit den Fingern einen eisernen Ring,--er hatte fuerchterliche Backenknochen, er besass die herkulischen Schultern eines Einbrechers, er hatte in unbewachten Momenten die Augen eines Raubvogels. Mitten in ihren Gedanken schnellte Theonie empor und begab sich mit einer gewissen Hast in das Privatzimmer ihrer Mutter, schloss hinter sich die Thuer in dem duesteren Raum und oeffnete die Pultschublade der Verstorbenen. Sie wollte das, wie sie wusste, hier liegende Testament ihres Vaters an sich nehmen. Eine ploetzliche Unruhe und Angst, dass es von Tankred beiseite gebracht werden koenne, dass es gar schon von ihm aus der Schublade entfernt sei, hatte sie ergriffen. Mit zitternden Haenden und fliegendem Atem suchte sie. Als sie das Dokument nicht gleich fand, stockte ihr Herzblut, ihr war, als sei ihre Furcht schon bestaetigt, und wie von einer schrecklichen Last befreit, hob sich ihre Brust, als sie endlich in einem der Faecher neben anderen wichtigen Papieren das Gesuchte fand. 'Mein letzter Wille' lasen ihre sich rasch verschleiernden Augen. Mit den Schriftzuegen ihres verdorbenen Vaters traten auch seine Gestalt und sein Wesen vor ihre Seele, und eine namenlose Sehnsucht nach dem Dahingeschiedenen bemaechtigte sich ihrer. Ihr Blick durchstreifte das Gemach und ging weiter in das Wohnzimmer. Dort an dem Tisch hatte er mit seinem freundlichen Gesicht gesessen, und neben ihm die Unvergessliche, der Theonie nun eben das letzte Geleit gegeben. Ihr Leben, viele Einzelheiten ihrer Jugendzeit, die letzten Jahre, auch die Erinnerung an ihren verstorbenen Mann traten in ihr Gedaechtnis, und abermals kam's ueber sie wie Gewitterschwuele. Angst und Grauen bemaechtigten sich ihrer Seele und liessen sie nicht. Der sie sonst anheimelnde, eigene Duft der Raeume, der Geruch von verwelktem Reseda und Rosen legte sich ihr schwer und atembeklemmend auf die Brust, und als nun die Thuerglocke anschlug, und der Hund, der immer bellte, wenn Tankred ins Haus trat, sich laut ruehrte, als sie wusste, dass er eben den Flur beschritten, raffte sie, als habe sie ein Verbrechen begangen, das Testament an sich, versteckte es mit hastiger Bewegung unter ihrem Mieder und schloss rasch das Pult. Dann setzte sie sich aufrecht und horchte gespannt.--Nichts--Tankred schien sich in den Garten begeben, seine Gemaecher nicht betreten zu haben. Nachdem sie noch eine Weile zaudernd dagesessen, gingen ihre Blicke bald auf die Thuer, bald auf das nach dem Park sich oeffnende Fenster. Und als sie nun eben zum zweitenmal dorthin schaute, mehr unwillkuerlich als bewusst, schrie sie auf, denn sie sah den scharfknochigen Kopf ihres Vetters mit luchsartig gespannten Augen ins Zimmer spaehen und sie beobachten. Freilich verschwand sein Gesicht mit Zauberschnelle, als ihre Blicke sich mit allen Zeichen des Schreckens auf ihn richteten; doch als sie, entschlossen aufspringend, hinausschaute, um sich zu vergewissern, ob es Wirklichkeit oder nur ein Bild ihrer Phantasie gewesen, lagen der kleine Rasenfleck und der Graben mit den hohen Brennnesseln wie immer einsam und menschenleer vor ihr. Nun schloss sie die Thuer des Kabinets auf, eilte die Treppe zu ihren Gemaechern empor und machte sich, nachdem sie einigermassen ihre Ruhe zurueckgewonnen, an die Durchsicht des Testaments.-- Theonie war gross und schlank, fast ein wenig zart gebaut, besass sehr schoene, regelmaessige Zuege, weisse Haende und schmale Fuesse und jenes Zurueckhaltende in der Erscheinung und im Wesen, das die Maenner reizt, in das Innere einer Frau einzudringen, und sie zu Versuchen anstachelt, ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Sie hatte jenes Unpersoenliche in ihrem Blick und in ihrer Art, das leicht zu dem Schluss gelangen laesst, der damit Behaftete sei nur mit sich beschaeftigt, interesselos und hochmuetig oder so sehr durch anderes abgelenkt, dass vorliegende Dinge ihn nicht fesseln. Aber oft ruht grade unter solcher Oberflaeche Feuer und Leidenschaft; diese Gleichgueltigkeit ist dann der Schleier, den man vorlegt, um unter ihm besser beobachten zu koennen; vielfach ist's auch ein Produkt der Erziehung, welche Zurueckhaltung als ein Gebot der Schicklichkeit hinstellt, oder ein angeborener Mangel an Gefallsucht. Das letztere war bei Theonie der Fall. Sie besass eine durchaus reine Seele, aber sie war nicht eben biegsam, und ihre eigentliche Natur hatte sich nach der kraeftigeren, selbstbewussteren Seite hin bisher nur einmal bethaetigen koennen, und zwar nach dem Tode ihres Mannes. Bis dahin war ihr Leben so ruhig, aber auch so ernst verlaufen, wie sie selbst erschien. Ihr Vater hatte an der Scholle gehangen, in seinem Willen und Wuenschen ging ihre verstorbene Mutter auf; gleichmaessig dahinfliessendes, von Aufregung freies und kaum durch Zerstreuungen unterbrochenes Dasein war aus eigener Neigung beider Eltern Teil gewesen, und was sie selbst nicht empfunden und geschaetzt, dafuer hatten sie auch bei Theonie keine Neigung vorausgesetzt. Den Tod ihres Schwiegersohns hatten sie wohl ehrlich beklagt, aber die Freude, ihre Tochter dadurch wieder gewonnen zu haben, ueberwog bald den Schmerz und machte sie weniger empfindlich fuer die Trauer, die Theonie um so mehr durchdrang, als sie mit dem Verlust ihres Gatten auch die Aussicht und Hoffnung auf ein abwechslungreicheres, froehlicheres und der Welt mehr zugewandtes Leben begrub. Dass sie fernerhin wieder auf Falsterhof leben und hier sterben werde, stand fuer sie ausser Frage. Das Glueck, das ihr kurze Zeit gelaechelt, hatte sie schnell wieder verlassen, denn dass sie noch einmal einen Mann lieben koennte, hielt sie fuer undenkbar.-- Als die Mittagsglocke nach alter Weise ertoente, war Theonie eben mit dem Durchsehen des Testaments fertig und ging nun hinab, nun hinab, um im Gartenzimmer mit Tankred das Diner einzunehmen. Als sie in die Thuer trat, schritt ihr Vetter mit dem Ausdruck tiefer Teilname auf sie zu und drueckte wortlos einen Kuss auf ihre Hand. Sie litt es nur halb; bei seiner Beruehrung war's ihr, als ob ein boeses Tier sich ihr genaehert habe, und nur mit Aufbietung ihres ganzen Willens vermochte sie, ihm unbefangen zu begegnen. "Ich fuhr nicht mit Dir zusammen vom Kirchhof zurueck, Theonie," hub Tankred, nachdem er sich niedergelassen, an, "weil Pastor Hoeppner noch den Wunsch hatte, mich zu sprechen. Als ich an den Wagen eilen wollte, um Dir dies mitzuteilen, warst Du schon fort. Aber vielleicht wuenschtest Du auch allein zu fahren?" Die letzten Worte sprach Tankred mit Berechnung, und in sein Auge trat trotz seiner gefuegigen Mienen ein lauernder Ausdruck. Er wusste seit seinem ersten Eintritt ins Haus, wie Theonie zu ihm stand; nur der Wunsch, dass es anders sein moege, verwischte bisweilen sein klares Urteil. So war es auch heute. "Ja," erwiderte Theonie mit denselben fast unbeweglichen Ernst, mit dem sie ihm begegnet war seit dem Beginn der Krankheit ihrer Mutter, "ich hatte allerdings das Beduerfnis, mich abzuschliessen, und haette Dich sogar gebeten, mich allein fahren zu lassen." Er nickte und besann sich. Dann sagte er, ihrer stummen Frage, ob er mehr Suppe begehre, durch Hinreichen des Tellers entsprechend, einschmeichelnd: "Ich bin also beruhigt, Theonie. Freilich wuerde ich gluecklicher sein, wenn Du den Wunsch gehabt haettest, in meiner Naehe zu sein. Ich haette dann doch einmal empfunden, dass Du ein etwas warmes Gefuehl fuer mich besitzest." "Nein, ich besitze es nicht!" gab die Frau ehrlich zurueck. Nie war Theonie ihrem Vetter bisher so begegnet. Wohl war sie ihm stets ausgewichen, aber ueber ihre Lippen war noch keine Silbe gedrungen, die auf Freundschaft oder Abneigung haette schliessen lassen koennen. Ihn erschreckte deshalb ihre Offenheit nicht wenig, und er horchte gespannt auf. Wollte sie fortan aus ihrer stummen Abwehr heraustreten? Wollte sie rasch und ohne Ruecksicht das Band zwischen sich und ihm durchschneiden? Er musste es wissen, es draengte ihn heiss, und statt ihre Worte zu umgehen oder etwa in leichter Weise darauf zu antworten, sagte er unvermittelt: "Weshalb hassest Du mich, Theonie? An dem Begraebnistage Deiner Mutter sei einmal aufrichtig gegen mich. Vielleicht gelingt es mir doch, Dir eine bessere Meinung von mir beizubringen." Sie gab keine Antwort, sie benutzte das Eintreten Freges, des Dieners, und sagte mit dem gehobenen Ton, mit dem man dem Alten bei seiner Schwerhoerigkeit begegnen musste: "Es fehlt ein Loeffel, Frege! Auch bringen Sie eine Flasche Wein."-- Als der Diener gegangen, sah sie ihres Vetters Auge auf sich gerichtet mit jenem Blick, der zur Rede auffordert, und senkte das ihrige. "Nun? Du willst mir nicht antworten, Theonie?" Jetzt begegnete sie einem schreckenerregenden Ausdruck in seinem Gesicht; deutlicher Hass spiegelte sich in seinen Mienen, obschon er sie rasch wieder glaettete. Da ging's durch ihr Inneres, ob's nicht, um zum Ziel zu gelangen, klueger sei, sich auch zu verstellen, wie er es that. Eine nicht zu bannende Furcht kam ueber sie; so sehr lag sie unter dem Druck ihrer bangen Ahnungen, dass sie aufatmete, als Frege wieder ins Zimmer trat und zunaechst den Loeffel brachte. Sobald sich die Thuer hinter ihm geschlossen, sagte Theonie, vorsichtig jedes Wort waegend, aber auch die Gelegenheit ergreifend, ihren Vetter ueber ihre Absichten nicht im Unklaren zu lassen: "Den Hass, von dem Du sprichst, habe ich keine Ursache, gegen Dich zu empfinden. Da wir aber sehr verschiedene Naturen sind, werden wir uns, glaube ich, nie recht verstehen und deshalb besser thun, von einander zu bleiben. Ich werde nicht vergessen, dass Du mein Verwandter bist, und werde die sich daraus ergebenden Ruecksichten so lange gegen Dich ueben, wie Du sie mir erweisest. Hoffentlich ist Dir das Schicksal auf Deinem spaeteren Lebenswege guenstig, und Du bedarfst meiner hinfort nicht. Sollte es aber doch frueher oder spaeter der Fall sein, so sprich Dich gegen mich aus. Ich werde Deine Wuensche zu erfuellen suchen, sofern sie meine Kraefte und die Grenzen, die ich nur stecken muss, nicht ueberschreiten." Als Theonie mit ihrer Rede innehielt, neigte Tankred mit einem gemischten Ausdruck schlecht unterdrueckter Enttaeuschung und dankbarer Erkenntlichkeit kurz das Haupt und sagte: "Ich danke Dir fuer Deine Gesinnungen. Dass Du jemals in die Lage geraten koenntest, 'meiner' zu beduerfen, haeltst Du wohl nicht fuer denkbar Theonie? Umfasst der Reichtum denn allein die Mittel, mit dem sich ein Mensch dem anderen huelfreich erweisen kann?" "Ich werde Dich nie um etwas bitten," entgegnete die Frau kalt, und von der klug beobachteten Grenze zwischen Offenheit und Ruecksicht, die sie eben noch inne gehalten, abweichend. Aber sich ihres Fehlers bewusst werdend, fuegte sie rascher hinzu: "weil ich ueberhaupt niemandem etwas schuldig sein moechte." In dem Gesicht des Mannes ruehrte sich nichts, obschon es in ihm wuehlte. "Du aeussertest vorher, Theonie, dass wir nach Deiner Ansicht besser thaeten, uns fern von einander zu halten. Habe ich daraus den Schluss zu ziehen, dass Du wuenschest, ich solle Falsterhof verlassen? Ist dem so, dann werde ich so bald wie moeglich gehen, doch moechte ich Dich bitten, mir noch so lange Aufenthalt bei Dir zu gewaehren, bis ich eine Stellung gefunden habe. Du wirst sagen, dass das nach den bisherigen Erfahrungen lange dauern kann, aber endlich wird sich doch wohl etwas aufthun. Wenn ich die Mittel haette,"--jetzt kam Tankred auf das, was ihm schon lange auf den Lippen lag,--"wuerde ich mir selbst ein Eigentum erwerben oder eine Pachtung zu uebernehmen suchen, aber ich armer Teufel--" "Du hast keinen Wein mehr. Darf ich Dir einschenken? Nein, hier ist eine andere Flasche, bitte!--Ich moechte, um Deine Frage zu beantworten, Falsterhof bald verlassen und mich auf einige Zeit zu den Verwandten meines verstorbenen Mannes begeben. Natuerlich werde ich Ruecksicht auf deine Wuensche nehmen," entgegnete Theonie, kuehl ausweichend. "Das ist eine deutliche Antwort, Theonie. Sagen wir also, Du erlaubst mir, noch acht Tage zu bleiben." Sie gab keine Erwiderung. "Ist das zu lange?" "O--nein--" Es kam sehr zoegernd heraus, und diesmal wusste Theonie, was sie sprach. Und doch, um seine Enttaeuschung, die er nicht zu verbergen vermochte, zu mildern, knuepfte sie rasch an den Schluss seiner vorherigen Rede an und fuegte hinzu: "Du sprachst von Mitteln, deren Du beduerftest. Auch ohne diesen Hinweis haette ich Dich noch vor Deinem Fortgang gebeten, eine Summe, ueber die ich verfuegen kann, von mir anzunehmen. Sonst ist in dem Testament meines Vaters alles so festgestellt, dass ich nur ueber die Zinsen zu disponieren habe." Tankred horchte auf. Was er vernahm, klang seinem Ohr nur zum Teil angenehm. Wenn sie die Wahrheit sprach,--und er vertraute ihr, obschon er als Gewohnheitsluegner selten annahm, dass andere redlich verfuhren,--so konnte ihm nur aus einer Heirat mit Theonie ein Nutzen erwachsen, wie er ihn im Auge hatte, und dass an eine solche nicht zu denken, war ihm eben klar geworden. Es kam nun darauf an, zu erfahren, ueber welche Summe Theonie testamentarisch verfuegte, und wie viel sie ihm davon zuzuwenden geneigt sei. Sicher wuerde die Gabe um so geringer ausfallen, als er die wenige Sympathie, die sie fuer ihn empfand, noch weiter verscherzte. Wollte er ihrem guten Willen alles anheim geben, so musste er die Krallen auch ferner einziehen und sie geschickt umschmeicheln. Freilich, vielleicht erlangte er mehr durch Drohung, durch Gewalt--? Das musste abgewartet werden. Vor keinem Mittel schreckte er zurueck, zunaechst aber wollte er es im guten versuchen. Je nach dem Umfange der Schenkung, die sie ihm anbieten wuerde, wollte er sein Verfahren einrichten. "Du bist sehr freundlich, Theonie, und ich danke Dir nochmals von ganzem Herzen," hub Tankred an. "Jede Unterstuetzung ist natuerlich fuer mich von Wert, da ich nichts besitze.--Hoffentlich fandest Du durch das Testament alle Deine Wuensche erfuellt?" Die letzten Worte sprach der Mann mehr, um glatte Reden zu machen, als dass er sich etwas dabei gedacht haette. Theonie aber nahm sie auf und sagte: "Du meinst? Ich verstehe nicht--" "Nun, ich wollte sagen, Du erhieltest dadurch die Unabhaengigkeit, nach der Du verlangst." Sie schuettelte den Kopf, und scheinbar arglos, aber diesmal mit leiser Berechnung, stiess sie heraus: "Alles bleibt, wie es war. Kunth, der Paechter, zahlt wie frueher die Pacht an unsern Advokaten, und ich habe die Verfuegung ueber die Zinsen, wie zuletzt meine Mutter. Was mein Vater an barem Gelde erspart hat, das heisst, das, was er nicht dazu verwandte, um Falsterhof schuldenfrei zu machen, ist mein Eigentum, und ich kann darueber nach meinem Gutduenken verfuegen. Ich wollte Dir davon die Haelfte zuwenden, die andere den armen Verwandten meines verstorbenen Mannes ueberweisen. Ich kann ja das Geld entbehren, da ich mich mit den Zinsen reichlich einzurichten vermag." "Wie hoch schaetzt man eigentlich den Wert von Falsterhof?" fragte lauernd Tankred, nachdem er ihre Rede mit leichtem, seinen Dank ausdrueckenden Kopfneigen bestaetigt hatte, in einem aeusserlich uninteressierten Ton. "Ich weiss es nicht. Ich verstehe von dergleichen wenig und habe mich nie darum bekuemmert. Ich freue mich nur, dass ich so viel habe, dass ich sorgenfrei leben und anderen Gutes erweisen kann. Darin wird in Zukunft ein Teil meiner Lebensaufgabe bestehen. Denn was sonst vor mir liegt, ist einsam und recht freudlos." Tankred hatte die Frage nach dem Wert von Falsterhof nur aufgeworfen, um seiner Kousine Sinn fuer Vermoegensverhaeltnisse zu pruefen und danach wieder die Wahrhaftigkeit ihrer uebrigen Angaben zu bemessen. Er wusste, dass fuer das Gut schon vor langen Jahren ueber viermalhunderttausend Thaler geboten waren, und ihn aergerte nur, dass sein verstorbener Onkel, der pedantische Philister, die Hypotheken abgeloest hatte, statt Geld anzusammeln. Er brannte vor Neugierde, zu erfahren, wie gross die Summe sei, die Theonie zugefallen war. Aber da sie, trotz ihrer Offenheit in allem uebrigen, damit nicht hervortrat, musste er sich gedulden. Er sah keine Moeglichkeit, ohne sich durch eine direkte Frage blosszustellen, dem, was ihn beschaeftigte, gespraechsweise auf die Spur zu kommen. Aber sein Entschluss verstaerkte sich: Wenn die Abfindung, die Theonie ihm bieten wuerde, bedeutend war, wollte er Falsterhof verlassen, war's aber ein Bettel in seinen Augen, so blieb er, um mit List oder Gewalt seine geheimen Plaene zu verfolgen. * * * * * Als Tankred sich nach Tisch in des Onkels niederliess und bei der angesteckten Pfeife die gegenwaertigen und kommenden Dinge nochmals ueberlegte, draengte sich ihm auch die Sorge fuer das Naechstliegende auf. Seine Tante hatte seit Beginn ihrer Krankheit nicht wieder gefragt, ob er Geld beduerfe, und sein Barvorrat war ihm schon seit acht Tagen fast ganz ausgegangen. Die Kosten fuer seine letzte Reise hatte Frege bestritten, den er mit Hinweis auf die alte Dame um Geld angegangen war. Abgesehen von dieser Schuld, die ihn an sich zwar durchaus nicht drueckte, denn er hatte die Mittel zur Befriedigung seiner Gelueste bisher in der Welt stets genommen, wo er sie gefunden, die ihm aber wegen seiner Stellung im Hause peinlich war, fehlten ihm die Mittel fuer das Notwendigste. Er konnte nicht einmal ins Dorf in den Krug gehen, und der Vorrat an Tabak und Zigarren aus dem Nachlass des alten Onkels ging auch zu Ende. Die letzten Monate auf Falsterhof hatten ihn anspruchsvoller gemacht, er fand manches an seiner Toilette auszusetzen, und allerlei Beduerfnisse regten sich in ihm, die er frueher aus Mangel an Geld notgedrungen hatte unterdruecken muessen. Natuerlich! Je frueher er Theonie seinen Entschluss kund gab, Falsterhof zu verlassen, desto eher gelangte er in Besitz von Geld. Seine Genusssucht und seine Ungeduld ueberwogen haeufig seine Klugheit und Selbstbeherrschung; auch in diesem Falle ging's ihm durch den Sinn, lieber rasch zu nehmen, was er bekommen konnte, als den langen und ungewissen Weg der Intrigue einzuschlagen. Aber dann ueberlegte er wieder, wie gross der Unterschied sei zwischen dem, was er erreichen werde, wenn er moeglichst lange mit seiner Abreise zoegerte, und dem, was Theonie ihm jetzt wahrscheinlich bieten werde. Er glaubte, seine Kousine ganz zu durchschauen. Wenn die Ungeduld sie erfasste, wuerde sie vielleicht die Abfindungssumme hoeher normieren. Also warten, trotz allem warten! Als er sich spaeter in den Park hinaus begab und dort gegen seinen Willen sein Gehirn wieder zu arbeiten begann, packte ihn ploetzlich das Misstrauen, und ihn ergriff ein ungeduldiges Verlangen, einen Einblick in das Testament zu gewinnen. Dieser Gedanke beschaeftigte ihn auch noch, als er sich im Stall von dem Kutscher Klaus des alten Onkels Pferd satteln liess und einen Spazierritt unternahm. In jedem Fall beschloss er, nachdem an diesem Abend sich alles in Falsterhof zur Ruhe begeben, in der Tante Wohnzimmer zu schleichen und nachzuforschen, ob er nicht etwa mit einem seiner Schluessel zum Inhalt der Schublade gelangen koenne, an der er Theonie heute hatte hantieren sehen. Als er diesen Entschluss gefasst hatte, hielt er unwillkuerlich sein Pferd an und warf einen Blick in die Gegend. Vor ihm--er befand sich auf einer Anhoehe--lag im Thal das Gut Holzwerder, das einem Herrn von Treffen gehoerte. Die weissen Waende des Herrenhauses schauten malerisch aus dem Gruen hervor, und namentlich hoben sich links und rechts emporsteigende Tannenwaelder reizvoll von der uebrigen Umgebung ab. Tankred erinnerte sich der Mitteilungen seiner Tante ueber die Verhaeltnisse der Familie Tressen. Diese waren eigentuemlicher Art. Herr von Tressen und seine Frau besassen eigentlich nichts, alles gehoerte der Tochter. Von deren Gelde lebten sie, und schon oft war in der Nachbarschaft die Frage ausgeworfen worden, wovon Tressens wohl existieren sollten, wenn Grete von der Linden, die Tochter des urspruenglichen Besitzers von Holzwerder und ersten Gatten der jetzigen Frau von Tressen, einmal heiraten wuerde. Waehrend Tankred von Brecken noch auf der Hoehe verharrte und nun eben seinen nach den ueberhaengenden Zweigen eines Knickes schnappenden Fuchs wehrte, erklang hinter ihm das Geraeusch von Schritten, und als er sich zur Seite wandte, hoerte er die Worte sagen: "Nicht wahr, es ist schoen hier?--Guten Abend." Der Mann, der sie sprach, hatte ein breites, ausdrucksvolles Gesicht, ja, zwei Linien um den Mund waren so scharf, dass sie sich beim Sprechen eingruben, als seien sie kuenstlich in die Haut gemeisselt. Der untere Teil des Gesichts erhielt dadurch fast das Aussehen einer Maske, aber die buschigen Augen blickten ruhig, und die energische Stirn, an die das Haar schon etwas grau sich anschmiegte, zeigte keine Spur des Alters. Der Fremde trug sich wie ein Verwalter oder Paechter, und er war auch der Verwalter von Holzwerder. "Ist wohl ein grosser Besitz?" hub Tankred, den Worten des Mannes durch Kopfnicken beistimmend, an. "Ist dort unten am Fluss nicht die Scheide zwischen Falsterhof und Holzwerder?" "Ja, mein Herr--Ah--" unterbrach er sich, als Tankred unter Nennung seines Namens den Hut lueftete und sein Pferd in Bewegung setzte, "sehr angenehm--Haben schwere Trauer drueben gehabt? Ja, ja, alles fegt die Zeit zuletzt weg. Drum und dran--." Dieselben Worte wiederholte der Mann noch mehrmals, ohne Beziehung zu seiner Rede und fuhr fort: "Aber um auf Ihre Frage zu kommen, Herr von Brecken. Ja, da ist die Grenzscheide. Vor langer Zeit gehoerten die Gueter zusammen, alles gehoerte der Familie von der Linden. "Dann hat also diese an die Breckens verkauft?" "So ist es! Die Lindens besassen noch mehr Gueter. Es war die reichste Familie--drum und dran--in der Umgegend: aber der Grossvater des Letztverstorbenen wusste schon nicht zu wirtschaften, und"--nun erschienen die tiefen Falten--"so hat sich's nach und nach abgebroeckelt." "Aber immerhin ist wohl Holzwerder noch ein grosses Gut?" forschte Tankred neugierig. Der Mann zog die Nase und den Mund, er antwortete auch nicht gleich und sagte erst nach einer Pause ausweichend: "Ja, gross ist der Besitz--doch haben wir auch Lasten,--drum und dran--ja, ja, gewiss, mancher wuerde die Finger lang ausstrecken, wenn er Fraeulein Grete von der Linden waere." "Grete von der Linden?" setzte Tankred an, als ob ihm die Verhaeltnisse voellig fremd waeren. "Ja, sie ist die Besitzerin. Die alten Herrschaften leben aber auch auf dem Gut. Uebrigens, da kommt grade das gnaedige Fraeulein mit ihrer Gesellschafterin her." In der That bogen zwei Frauengestalten um die Ecke, und Tankred sah eine schlank gewachsene, in gesunder, zarter Fuelle prangende Blondine. Grete von der Linden, und eine etwas aeltere Dame mit einem feinen, geistvollen, aber blassen Gesicht vor sich. Es erfolgte eine Begruessung, doch Tankred, dem ploetzlich ein berechnender Gedanke durch den Kopf schoss, beschraenkte sich nicht allein auf diese Artigkeit, sondern liess sich von dem Verwalter Hederich vorstellen. Bald nahmen alle den Weg tiefer in das Thal hinab, und ein lebhaftes Gespraech entspann sich zwischen Tankred, der die ganze Kunst seiner Verstellung aufbot, um der Fremden zu gefallen, und der letzteren, welches damit endete, dass sie ihn einlud, baldigst auf Holzwerder einen Besuch abzustatten. "Meine Eltern," erklaerte sie, "sind seit einigen Wochen verreist. Dies ist auch der Grund, weshalb sie sich nicht zum Begraebnis Ihrer Frau Tante eingefunden haben. Sie kehren aber heute abend zurueck und werden sich sehr freuen, Ihre Bekanntschaft zu machen." Als dann an einer Wegbiegung Tankred den Fuchs, den er bisher hatte im Schritt gehen lassen, anhielt und Miene machte, sich zu verabschieden, ward er durch den etwas steifen und, wie ihm scheinen wollte, misstrauischen Blick der Gesellschafterin betroffen, waehrend ihm Hederich, der Verwalter, mit derber Zutraulichkeit die Hand schuettelte und bat, dass Tankred auch ihm bei seinem demnaechstigen Besuch nicht vorbeigehen moege.--"Drum und dran--es wird mir eine grosse Ehre sein, wenn Sie bei nur eingucken moechten, Herr von Brecken." Und dann setzte Tankred, noch einen verlangenden Blick auf die leicht erroetende Grete von der Linden werfend, sein Pferd in Trab. "Ein eigenes Geschoepf," murmelte er im Weiterreiten. "Schoen, sehr selbstaendig und--klug. Aber auch kalt! Sie hat etwas im Auge, das unnatuerlich ist fuer ihr Alter. Nun, ich werde ja sehen--heute abend will ich Theonie einmal ueber sie ausfragen." Als Tankred mit schon sinkendem Abend nach Falsterhof zurueckkehrte, fiel ihm auf, wie einsam, duester und abgeschlossen doch eigentlich der Besitz belegen war: Der Paechterhof weit ab, in dem grossen Hause die wenigen Menschen, und ausser ihnen nur in einem Katen neben dem Park der zwiefache Funktionen besorgende Kutscher und Gaertner Klaus. Und den Mann ueberfiel's, dass einmal in der Nacht Unwillkommene ins Haus eindringen und stehlen und--morden koennten--ihn und Theonie--! Und bei dem Gedanken an Mord dachte er, wie es wohl werden wuerde, wenn man Theonie von fremder Hand erschlagen im Bette faende, wenn kein Glied der Breckenschen Familie mehr auf der Welt sei--ausser ihm------!? Unter solchen Vorstellungen warf er dem herbeieilenden Klaus die Zuegel des Fuchses zu, oeffnete die Hausthuer und trat, begleitet von dem impertinenten Klingelton und dem Bellen des "verfluchten Koeters" Max, dem er einen Fusstritt versetzte, in den Flur. Die gnaedige Frau haetten sich schon in ihr Zimmer zurueckgezogen, sie lassen sich entschuldigen, erklaerte Frege, und leuchtete Tankred zunaechst in seine Gemaecher und dann ins Speisezimmer, wo letzterer den Tisch fuer sich gedeckt fand. Als er sich niederliess, fand er neben dem Kuwert einen Brief, dessen Inhalt ihn nicht wenig in Erstaunen setzte und beschaeftigte. Aber waehrend er ihn las, waren zwei Augen von denselben Platze aus auf ihn gerichtet, von dem er damals am Sterbeabend seiner Tante diese und Theonie beobachtet hatte, und diese Augen, die sonst so ruhig blickten, als ob sie durch nichts erregt werden koennten, als ob sie nur Sehvermoegen besaessen fuer den einschraenkten Wirkungskreis, der ihrem Besitzer angewiesen, funkelten drohend und schienen zu sagen: "Einer wacht ueber allem, was Du thust und thun wirst. Huete Dich!" Die Augen gehoerten dem alten Frege. * * * * * Als sich Theonie und Tankred am naechsten Tage beim zweiten Fruehstueck zusammenfanden,--Theonie war beim ersten nicht erschienen,--brachte letzterer nach fluechtiger Erkundigung ueber ihr Befinden das Gespraech auf Grete von der Linden und die Familie von Tressen. "Meine Eltern haben mit unsern Nachbarn nicht viel verkehrt; mit Tressens, die sich zudem meist in der Stadt aufhalten, fast gar nicht. Grete von der Linden kenne ich wenig; es heisst, dass sie herrschsuechtig und fuer ihre Jahre ueberreif sein soll. Ich fand sie immer auffallend schoen und auch liebenswuerdig, aber, wie gesagt, andere urteilen anders." "Und ihre Eltern?" "Herr von Tressen ist ein Lebemann und jedenfalls ein sehr gutmuetiger Herr; aus Frau von Tressen ist eigentlich noch niemand klug geworden. Sie gehoert zu den Menschen, ueber deren wirkliches Wesen man sich zeitlebens den Kopf zerbricht. In einem Punkt gleicht sie ihrem Gatten durchaus, sie liebt Amuesement und Wohlleben, und das Wort Sparsamkeit steht nicht in ihrem Lexikon. So aeusserte sich wiederholt meine Mutter, die uebrigens Frau von Tressen trotz ihrer Fehler sehr schaetzte und ihre ehrenwerten Gesinnungen lobte." "Weisst Du etwas von den Geldverhaeltnissen drueben?" "Ja, man sagt, Herr von Tressen habe das ihm von seiner Frau mitgebrachte Vermoegen bis auf den letzten Pfennig verthan, und beide lebten schon seit Jahren von Gretes Einkuenften. Bis Grete ein bestimmtes Alter erreicht hatte, soll die Mutter auch testamentarisch Nutzniesserin gewesen sein, seitdem aber keine Ansprueche mehr haben." "Ganz recht. Gleiches deutete schon der Verwalter Hederich an.--Wie beurteilt man ihn denn?" "Man nennt ihn in der Umgegend 'Drum und dran', weil er diese Worte stets an passender und unpassender Stelle gebraucht. Er ist ein einfacher aber sehr braver und von aller Welt geachteter Mann. Mein Vater hielt grosse Stuecke auf ihn." Nun trat eine Pause ein. Tankred dachte darueber nach, wie geschaeftsmaessig Theonie das alles gesprochen habe, wie kuehl und temperamentlos sie nicht nur ihm begegne, sondern sich ueberhaupt gegen die Menschen zu verhalten scheine. Ihn ergriff ploetzlich das Verlangen, sie zu zwingen, sich ihm gegenueber waermer zu geben, oder er wollte ihr durch Kraenkungen vergelten, dass sie es wagte, ihn gleichsam wie Luft zu behandeln. Alles Schlechte stieg in dieser gemeinen Seele wechselnd auf. Nichts erboste ihn in seiner Eitelkeit so sehr, als dass andere Menschen ihn durchschauten. Er wollte, obgleich er die Selbsterkenntnis besass, dass er keine Achtung verdiene, doch als Ehrenmann gelten, angesehen, bewundert werden. Aber waehrend bei andern Menschen aus der Eitelkeit Ehrgeiz entspringt und sie zu Thaten anspornt, scheiterte Tankred von Brecken an seiner uebermaessigen, mit Traegheit gepaarten Genuss- und Bequemlichkeitssucht. Muehelos materiell geniessen, stand allein auf seiner Fahne geschrieben; um das zu erreichen, war ihm jedes Mittel recht. Am Nachmittag desselben Tages erschienen in einem Einspaenner der Breckendorfer Pastor und seine Frau auf Falsterhof. Sie kamen, um Theonie zu troesten und ihr Beileid nachtraeglich noch an den Tag zu legen. Der Mann war ein Kind an Einfalt und Herzensguete. In dem bartlosen Gesicht glaenzten unter einer grossen, silbernen Brille ein Paar ueberaus freundlicher Augen, und auch ihm hatten die Leute einen Beinamen gegeben. Er wurde stets Pastor Ja, ja! genannt, weil er schwer nein sagen konnte und das Woertchen 'ja' fortwaehrend gebrauchte. Sie dagegen war eine Frau von Energie, besass Humor und Menschenkenntnis und trat, mit ihres Mannes Schwaechen rechnend, sehr haeufig handelnd fuer ihn ein. Er predigte auf der Kanzel, sie aber war der eigentliche Pastor in der Gemeinde, hoerte die Leute an, riet, entschied und besorgte manche seiner Geschaefte. Neuerdings hatten sie, da sie kinderlos waren, ein Kind angenommen, und die freundlich gesinnten und schaerfer beobachtenden Leute erzaehlten allerlei ruehrende Geschichten von Pastors und der kleinen Lene. Nachdem der Kaffee eingenommen war, begaben sich die Herrschaften in den Garten; Tankred bot dem Pastor eine Zigarre an und ging mit ihm, waehrend Theonie sich der Frau anschloss. Als die Maenner ausser Hoerweite waren, trat die Pastorin enger an Theonie heran und sagte, deutlich mit ihrer Frage eine besondere Absicht verratend: "Bleibt Ihr Vetter auf Falsterhof, Frau Cromwell? Wird er kuenftig die Wirtschaft leiten? Man sagt so in der Umgegend." "Das verhuete Gott!" stiess Theonie herauf. Und "Nein, nein, keineswegs," fuegte sie hinzu. "Ich bin alleinige Besitzerin von Falsterhof, und mein Vetter verlaesst mich demnaechst." "Ich fragte nicht aus Neugierde--sondern--aus--andern Gruenden, liebe Frau Cromwell," fuhr die Pastorin in warmem Tone fort. "Nennen Sie mich doch wie frueher, Theonie, ich bitte--" fiel Theonie ein. Der schwermuetige Zug in ihrem Gesicht verschwand, und ihr eigentliches Antlitz durchstrahlt von Guete und Menschlichkeit, kam zum Vorschein. Und "Ja, bitte--Sie wollten sagen?" schloss sie. "Hier!" entgegnen die Pastorin entschlossen und zog aus der Tasche ihres Kleides einen Brief hervor. "Dies fanden wir heut' mittag in meines Mannes Briefkasten. Lesen Sie! Ich hatte keine Ruhe! Ich trieb meinen guten Hoeppner, gleich anspannen zu lassen und mit mir Sie aufzusuchen." Theonie nahm das Schreiben aus der Pastorin Hand und las: 'Da Sie die junge, gnaedige Frau auf Falsterhof lieben und ihr wohlwollen, so helfen Sie und Ihre Frau mit Ihrem Einfluss, Herr Pastor, dass der Schurke, der sich bei ihr aufhaelt, dass Tankred von Brecken bald das Herrenhaus verlaesst. Bleibt er, so geschieht etwas Schreckliches. Das schreibt einer, der ihm nach seinen Beobachtungen das Schlechtere zutrauen darf.' "Wer kann das sein?" stiess die Pastorin im Uebereifer ihres Gefuehls heraus, bevor Theonie noch zu Ende gelesen. Aber sie unterbrach sich, da sie sah, wie Theonie die Farbe wechselte, ja, dass Totenblaesse auf ihre Wangen trat. "Also Sie haben auch Veranlassung, ihm zu misstrauen beste Theonie--liebe Frau Theonie? Schrecklich!--Bitte, eroeffnen Sie sich mir. Und nehmen Sie meinen Rat an: Begeben Sie sich, sobald etwas vorliegt, nach Elsternhausen zu Ihrem Sachwalter, Justizrat Brix, und teilen ihm alles mit." "Ich kann nichts sagen--bis jetzt nichts sagen--" gings zitternd aus Theonies Munde, "aber mich beherrscht eine schier wahnsinnige Angst und Unruhe. Ich fuerchte mich namenlos vor dem Menschen, und was in des Unbekannten Briefe steht, entspricht meinen eigenen Eindruecken." "Koennen Sie ihn denn nicht entfernen? Welche Ruecksichten leiten Sie?" "Keine! Aber er geht nicht und wird nicht gehen, trotz seiner Worte. Seit gestern trage ich mich mit dem Gedanken, ihm unter der Bedingung seiner Entfernung ein Kapital anzubieten. Ich sprach ihm auch schon davon, und er wich auch nicht grade aus, aber schien offenbar erst hoeren zu wollen, wie hoch die Summe sei. Ich scheue mich auch, ihm so unmittelbar nach dem Tode meiner Mutter die Thuer zu weisen, zumal er mir bisher keinen direkten Anlass gab, ihm kalt zu begegnen. Er that eben nichts, was man ihm vorwerfen koennte. Mich leiten nur die Kenntnis seines Vorlebens und mein Instinkt; und ein nicht zu beherrschendes Misstrauen gegen ihn erfuellt mich. Aber sicher, er geht nicht. Gestern hat er Grete von der Linden kennen gelernt. Seine Fragen heute beim Fruehstueck scheinen darauf hinzudeuten, dass er Absichten auf sie hat. Schon das wird ihn veranlassen, hier zu bleiben. Ah!--ah--Wie werde ich die Last von meiner Seele los!" "Haben Sie keine Ahnung, wer meinem Mann den Brief geschrieben haben kann?" Theonie schuettelte den Kopf. "Keine! Und das aengstigt mich nun auch! Doch still. Ich hoere Ihren Mann und Tankred kommen! Bitte, lassen Sie mir den Brief. Er kann mir vielleicht nuetzen--" Nun erscheinen die beiden Herren wieder. Der Pastor mit seinem harmlos freundlichen Gesicht, und Tankred daneben, geschmeidig, wenn er sprach, gelangweilt oder mit lauerndem Ausdruck in den Zuegen, wenn er zuhoerte und sich unbeobachtet glaubte. Jetzt eben schien er sehr wenig angemutet. Der Pastor liess sich ueber sein Toechterchen aus, ueber Lenes Vorzuege, und sagte mit seiner rollenden Stimme: "Die Kinderseelen sind noch rein und unverfaelscht. Sie haben keine Hintergedanken, sondern geben sich, wie sie wirklich sind. Sie koennen, waehrend wir 'sie' zu erziehen suchen, 'uns' ein Beispiel geben, nach dieser Richtung ein--Beispiel geben--" Tankred fand diese Ausfuehrungen eben so sentimental wie geschmacklos und zog gaehnend den Mund. Gleich aber glaetteten sich seine Mienen wieder, und mit allerlei Artigkeiten und Liebenswuerdigkeiten sprach er auf die Pastorin ein. Sie gehoerte, wie er wusste, ebenfalls zu den Menschen, die ihn durchschauten, und da war's weise, den Versuch zu machen, ihr eine andere Meinung beizubringen. Auch fuehlte Tankred instinktiv, dass die beiden Frauen von ihm gesprochen hatten, und er wollte den unguenstigen Eindruck, den die Pastorin etwa durch Theonie empfangen hatte, moeglichst zu verwischen suchen. Es war ihm fuer seine Plaene von grossem Wert, die Menschen ringsum fuer sich zu gewinnen. "Nun? Bleiben Sie noch eine Weile auf Falsterhof, Herr von Brecken? oder verlassen Sie uns?" hub die Pastorin mit Absicht an und forschte unbemerkt in seinen Mienen. Aber Tankred wich aus und sagte, sich mit galanter Liebenswuerdigkeit an Theonie wendend und sie dadurch zwingend, ihm nicht zu widersprechen: "Wenn meine sehr guetige Kousine die mir gegebene Erlaubnis nicht zurueckzieht, werde ich noch eine Weile bleiben, bis ich eine Thaetigkeit gefunden habe, nach der ich mich wirklich nachgrade sehne." "Ja, das Herumhocken ohne Beschaeftigung ist niemandem gut, besonders nicht jungen Leuten," bestaetigte die Pastorin derb und kurz, Brecken fest anschauend. "Na, aber nun wird's auch Zeit, zurueckzukehren, lieber Hoeppner. Was meinst Du? Und haben wir denn nicht die Freude, Sie bald einmal bei uns zu sehen, liebe Theonie?" schloss sie und schritt, deren Zustimmung einholend, mit der jungen Frau voran. "Auch--Sie--erweisen uns--hoffentlich die Ehre, Herr von Brecken?" ergaenzte, seiner gewohnten Gutmuetigkeit nachgebend, der Pastor, obgleich er wohl wusste, weshalb seine Frau Theonies Vetter nicht aufgefordert hatte. Er glaubte nie an die Schlechtigkeit der Menschen, redete immer zum guten und hatte auch heute hingeworfen, dass er auf anonyme Briefe nichts gebe, dass ihm Herr von Brecken sehr gut gefalle, und kein Grund vorhanden sei, ihm Uebles zuzutrauen. Nachdem die Gaeste sich entfernt hatten, befiel Tankred das Verlangen, noch ein Stuendchen ins Kirchdorf zu gehen und Bier zu trinken. Er haette sich gern Hoeppners angeschlossen, aber kam doch von diesem Gedanken zurueck, weil die Pastorin ihm wegen ihrer Gradheit sehr missfallen hatte. Auch beim Abschied war sie ihm wieder sehr von oben herab begegnet, indem sie unter starker Betonung geaeussert hatte, sie hoffe denn, dass er in kuerzester Zeit eine Stellung erhalte, damit er die Lust an der Arbeit, welche letztere allein gluecklich mache, nicht verliere.--Solche moralisierende Menschen waren ihm in den Tod zuwider. Aber auch der Gang in den Krug wurde deshalb unmoeglich, weil er keinen Groschen mehr besass, und die absolute Notwendigkeit draengte sich ihm auf, Geld herbeizuschaffen. Er beschloss, noch am selben Abend beim Thee mit Theonie zu sprechen und sie in geschickter Weise um ein Suemmchen anzugehen. Unterdessen naeherte er sich umherschlendernd dem Stall, trat hinein und sah dem dort beschaeftigten Kutscher Klaus zu. Da schoss ihm der Gedanke durch den Kopf, ihn zunaechst um einen Thaler anzusprechen, und sein Komoediantentum aeusserst geschickt verwertend, stiess er heraus: "Hebbt Se villich en beten Luettgeld to Hand, Klaus? So wat en Dahler?" "Ja, Herr von Brecken, dat hev ick," entgegnete Klaus mit gutmuetiger Bereitwilligkeit und griff eilig in die Hosentasche und zog einen schmutzigen ledernen Beutel hervor. Diesen breitete er faecherartig auf dem Futterkasten aus und holte allerlei Kleingeld hervor, das er, es einzeln betastend, vor Tankred hinzaehlte. Aber waehrend das geschah, erschien, als ob er etwas suche, Frege mit seinem verschlossenen Gesicht in der Thuer, zog sich jedoch, als habe er sich vergewissert, dass hier das von ihm Gewuenschte nicht zu finden sei, kurz nickend gleich wieder zurueck. Als Tankred den Parkausgang erreicht hatte und ueber die Wiese den Weg zum Kirchdorf nehmen wollte, sah er abermals Frege, und hinterher lief der Koeter Max, der bei Tankreds Anblick ein wuetendes Gebell ausstiess. Da hob Tankred einen Stein auf und warf nach der Bestie, aber so ungluecklich, dass nicht der Hund, sondern der Alte am Bein getroffen wurde. In Freges Gesicht erschien ein Ausdruck von Schmerz und dann ein Zug von Rachsucht, vor dem man erschrecken konnte. Aber Tankred sah es nicht, er ging pfeifend und mit dem Feldstock des verstorbenen Onkels um sich fuchtelnd, auf abgekuerztem Wege dem Kirchdorf zu.-- Inzwischen ueberlegte Theonie, durch den Brief und das Gespraech mit der Pastorin von neuem erregt und beunruhigt, ob es nicht richtig sei, sich noch heute mit Tankred endgueltig auseinanderzusetzen. Sie vermochte seine Gegenwart nicht mehr zu ertragen. Schon in der letzten Nacht war sie wiederholt aus dem Schlafe aufgeschreckt, weil sie Schritte zu hoeren vermeint und angenommen hatte, es sei ihr Vetter, der komme, um ihr Gewalt anzuthun. Im hoechsten Grade auffallend war es ihr gewesen, dass sie am Spaetnachmittag, als sie den Schreibtisch ihrer Mutter oeffnen wollte, das Schloss verdreht fand. Dass Tankred versucht habe, das Innere zu untersuchen, war ihr zweifellos. Gelang es nicht, ihn dazu zu bringen, schon am naechsten Tage Falsterhof zu verlassen, so wollte sie abreisen und sich zu ihren Verwandten begeben. Unter der nervoesen Angst und Furcht, die sie beherrschten, erhoehte sich ihre Bereitwilligkeit zu Opfern. Sie wollte ihm alles vorhandene Kapital ausliefern, wenn er sich verpflichtete, nie wiederzukehren! Aber freilich, was waren Versprechungen und Zusagen bei diesem Menschen! Und wenn es ihm gelang, Grete von der Linden heimzufuehren, wuerde er immer in ihrer Naehe bleiben. Der Aufenthalt auf Falsterhof wuerde fuer sie eine Qual werden; sie musste am Ende das Erbteil ihrer Eltern verkaufen oder konnte nie dahin zurueckkehren! So gingen ihre Gedanken hin und her. Und die Einleitung und Form, ihm ihre Absicht kund zu geben, fand sie auch nicht, so sehr sie ihr Gehirn anstrengte. Freilich, wenn sie ihm gegenueber sass, Auge gegen Auge, war sie gefasster, ja, dann empfand sie kaum einmal Furcht und war nie um Worte verlegen. Auch konnte der Zufall ihr vielleicht guenstig sein. So beruhigte Theonie sich denn endlich, liess eins der Maedchen kommen und befahl denselben, in einem Raume neben ihrem Schlafzimmer ein Bett aufschlagen. Sie wuensche, da sie sich nicht wohl fuehle, nachts Aufwartung zur Hand zu haben, erklaerte sie, und dasselbe aeusserte sie gegen Frege, als er den Abendtisch deckte. "Aber was ist denn, Frege? Ich sehe, Sie hinken ja, mein guter Alter," schloss Theonie mitleidig als sie nun erst bemerkte, dass Frege sich mit dem einen Bein schwerfaellig bewegte. Der wortkarge Mann sah seine Gebieterin mit einem eigentuemlichen Blick an. "Von ihm!--Er war's!" stiess er dann finster und ganz gegen seine Gewohnheit heftig heraus. "Er? Wer? Von wem sprechen Sie?" Noch zoegerte Frege, aber dann holte er tief Atem und sagte, die Teller, die er eben verteilen wollte, absetzend: "O, liebe gnaedige Frau, ich kann es nicht mehr bei mir behalten. Ich muss sprechen.--Es liegt etwas Schreckliches ueber Falsterhof--es kommt von dem jungen Herrn. Ich bitte, hueten Sie sich.--Ja, ja, ich weiss, Sie denken wie der alte Frege, der bisher nur nicht zu sprechen wagte, weil er kein Recht hatte zu reden ueber Sachen, die allein die Herrschaft angehen." "Um Gotteswillen Frege, also Sie auch?" drang's in Todesschrecken aus Theonies Munde. "Sprechen Sie! Sagen Sie mir alles, was Sie wissen.--Aber nicht hier, er kann jeden Augenblick kommen! Gehen wir ins Wohnzimmer! So, nun--nun--" hauchte Theonie und sank uebermannt von den Eindruecken in einen Lehnstuhl. Und da brachte Frege alles, alles, was ihm auf dem Herzen sass, ueber die Lippen: Er habe gesehen, dass Tankred am Sterbetage der gnaedigen Frau ins Fenster gespaeht und sich dann heimlich wie ein Dieb wieder entfernt habe. Er habe ihn abermals gesehen, juengst am Abend, als auch Theonie seinen Kopf am Fenster bemerkt. Er erzaehlte von den Geldanleihen, die Tankred bei ihm gemacht; er wisse auch aus sichrer Quelle, dass er waehrend der Krankheit der Gnaedigen in Hamburg in einem Hotel gewohnt, sich dort amuesiert habe und gar nicht in der Ost-Priegnitz, wohin er zu gehen vorgegeben, gewesen sei. Sicher, er gehe mit boesen Absichten um, er habe etwas Furchtbares im Blick, das nicht taeusche. Sie koennten sich alle des Schrecklichsten von ihm versehen, und schon seit den letzten Wochen habe er, Frege, stets nachts ein Gewehr zur Hand gehabt, um fuer alle Faelle bereit zu sein. Er habe ihn auch in der vorigen Nacht in das Zimmer der verstorbenen Gnaedigen schluepfen sehen, und wohl eine halbe Stunde sei er dringeblieben. Er, der Alte, aber habe sich hinausgeschlichen und von dem Beobachtungsposten aus, den er ihm selbst abgelauscht, wahrgenommen, wie Tankred sich am Schreibtisch zu schaffen gemacht.-- Nun ertoente die Glocke draussen, Max schlug an--Herrin und Diener flogen auseinander, und Theonie eilte wieder ins Speisezimmer. Fuenf Minuten spaeter trat auch Tankred ein. Er hatte sichtlich sehr viel getrunken, war aeusserst gespraechig, und statt der demuetigen Zurueckhaltung, mit der er sich sonst zu geben pflegte, legte er eine unheimliche Lebhaftigkeit an den Tag. Theonie besorgte mit der gewohnten, ernsten Ruhe den Thee, rueckte ihrem Vetter die Speisen naeher und suchte seinen starken Redefluss zu daempfen, indem sie erklaerte, sie fuehle sich sehr angegriffen. "Trink einmal ein Glas Wein! Das giebt Kraft und andere Gedanken. Du geniessest ja auch nichts Ordentliches," entgegnete Tankred und schenkte trotz Theonies Weigerung deren Glas voll. "Wozu, da ich doch nicht trinke--?" wehrte sie herb und in deutlicher Auflehnung gegen seine zudringliche und laute Art ab. "Na, es ist ja kein Unglueck, wenn ein Glas eingeschenkt und doch nicht getrunken wird," entgegnete Tankred in absprechendem Ton. "Niemals habe ich leiden koennen, wenn Damen sich so heftig dagegen wehren, dass man ihnen Wem einschenkt! Ist's nicht vollkommen gleich, ob er genossen wird oder nicht? Es liegt etwas Kleinliches und Ungeselliges darin, sich das Glas nicht fuellen lassen zu wollen. Ich moechte sogar sagen, es ist ein Stueck guter Erziehung, dass eine Dame ihren Herrn darin gewaehren laesst und keine Einwendungen erhebt." "So bin ich denn nicht gut erzogen," entgegnete Theonie schroff. "Ich finde es unrecht, etwas unnuetz zu verthun, so lange es Darbende in der Welt giebt." Tankred wollte eine haemische Bemerkung ueber Theonies ewig moralisierendes Wesen machen, ja, es brannte ihm auf der Zunge, zu sagen: Ihr Breckens seid ein kleinliches, filziges, philisterhaftes Geschlecht! Aber er glaubte schon ihre Erwiderung zu hoeren: Lieber dafuer gescholten werden, als aus den Taschen anderer leben. Er sagte deshalb einlenkend und das Wort Darbende im humoristischen Sinne aufgreifend: "Na, streiten wir uns nicht, Theonie, waehrend der wenigen Tage, die wir noch beisammen sind. Und da Du von Darbenden sprichst, ich bin einer. Schon seit acht Tagen habe ich keinen Pfennig mehr in der Tasche und musste sogar schon den alten Klaus anpumpen--" Wie? Auch Klaus bist Du um Geld angegangen? wollte Theonie herausstossen. Aber auch sie beherrschte sich und sagte, hoffnungsvoll und versoehnlicher gestimmt durch den von Tankred absichtlich eingeschobenen und von ihr im Augenblick ernsthaft genommenen Hinweis auf seine baldige Entfernung: "Warum hast Du nicht eher gesprochen? Ich bin natuerlich bereit, Dir auszuhelfen. Uebrigens koennen wir vielleicht unsere ganze Geldaffaire bei dieser Gelegenheit erledigen. Wann gedenkst Du abzureisen? ich meine--es soll keine Aufforderung darin liegen--ich moecht's nur wissen." Tankred wollte mit einem raschen: Morgen, spaetestens uebermorgen, erwidern. Er fuerchtete, sie koenne ihm abermals in dem ausweichen, was zu erfahren er nicht erwarten konnte. Aber er aenderte doch seinen Plan und sagte, seine Absicht unter einem plumpen Scherz versteckend: "Von Deiner generoesen Hand, beste Theonie, haengt alles ab. Wenn Du mir kraeftig unter die Arme greifst, kann ich ja von anderer Stelle aus meine Versuche fortsetzen. Freilich," schloss er, verliebt sprechend, und verschlang, durch das hastige Weintrinken ploetzlich in eine leidenschaftliche Erregung geratend, mit seinen Blicken ihre Gestalt, "Dich nicht mehr zu sehen, Dich lassen zu sollen, Theonie, ist ein schwerer, fast meine Kraft uebersteigender Entschluss." Entsetzt sah Theonie empor. Es war das erstemal, dass seine sinnliche Natur ihr gegenueber zum Ausbruch kam. Diesen Augenblick hatte sie vor allem gefuerchtet, und ihm zu entgehen, darauf waren ihre Gedanken insbesondere gerichtet gewesen. Zunaechst suchte sie seiner Rede Einhalt zu thun, indem sie seine Gedanken abzulenken trachtete. Sie reichte ihm, mit kurzer Abwehr den Kopf bewegend, eine Schale mit Obst. Aber er setzte sie rasch beiseite, und alles wagend, da der Wein ihm half, jegliche Scheu abzustreifen, sagte er, sich vornueberbiegend und sie mit seinen gluehenden Augen bannend: "Hoere, Theonie, was ich Dir zu sagen habe. Ich erfuhr von Dir, dass Du mir nicht geneigt bist. Ich weiss, woher es kommt. Du denkst an mein Vorleben. Meine Mutter, die mich nicht nur nicht liebte, vielmehr hasste, obgleich ich doch ihr Sohn war, hat Dich beeinflusst. Aber ich bin ein anderer geworden, ich moechte es sein, und Du koenntest laeuternd auf mich einwirken. Ich bin wohl oft leichtsinnig gewesen und liess mich von meinen Leidenschaften fortreissen, aber ich bin nicht schlecht, wie meine Mutter mich schilderte. Ist es nicht unnatuerlich, dass wir uns von einander abschliessen? Waere es nicht vielmehr den Verhaeltnissen entsprechend, wenn wir zusammen hielten? Ich liebe Dich, Theonie. Beim ersten Sehen hatte ich schon mein Herz an Dich verloren. Aber Deine Strenge und Zurueckhaltung schreckten mich ab, mir ahnte zu meinem Schmerz, dass Du gegen mich voreingenommen seiest. Sage ehrlich: Was that ich Dir? Bin ich Dir nicht ehrerbietig begegnet? Geschah waehrend meines Aufenthaltes hier etwas, was Dir missfallen musste? Gewiss, da ich kein Geld besitze, mir bisher kein Eigentum erwarb, bin ich im Nachteil selbst bei denen, die sonst den Wert eines Menschen nicht nach seinem Vermoegen bemessen, selbst bei meiner Verwandten, der einzigen, die ich habe. Ich faende hier auf Falsterhof einen Wirkungskreis, da ich Landmann bin. Ich koennte es verwalten, den Besitz erhalten und vermehren, mit Dir gemeinsam arbeiten und geniessen, von Dir lernen und empfangen, wenn Du Dir auch von dem Missratenen nichts aneignen koenntest. Und doch vielleicht etwas, da er mit so gutem Willen sein neues Leben beginnen wuerde. Er wird Dich auf Haenden tragen, denn er liebt Dich leidenschaftlich, Theonie.--Nun, Theonie? Was sagst Du? Hast Du mir gar nichts zu erwidern?" Aber sie antwortete nicht. Sie schuettelte sich in Grauen, und er sah es, und weil ihre Mienen und Bewegungen nicht misszuverstehen waren, weil es ihm klar wurde, dass sein Spiel verloren war, dass er trotz der meisterhaften Maske sie nicht getaeuscht hatte, dass sie ihn doch fuer das hielt, was er wirklich war, ergriff ihn eine wilde Rachsucht, ein brennender Hass, eine solche Leidenschaft, dass er sie am liebsten ergriffen und geschuettelt und ihr zugerufen haette: Warte, Du hochmuetige Kreatur, die Du es wagst, Dich mit Deinem souveraenen Besserhalten ueber mich zu stellen, und mir begegnest, als sei ich ein aussaetziger Vagabund! Ich will Dich lehren! Hinab auf die Kniee und bitte, dass ich Dich zu meinem Weibe mache, oder ich erdrossele Dich mit meinen Faeusten! Und weil sie solche Gedanken aufblitzen sah in seinen Augen, und weil ihr ahnte, was er dachte, griff sie in ihrer Angst und Verzweiflung, wie er, zu List und Verstellung und machte in ihrer Not einen Anlauf auf seine gemeinen Triebe. "Es geht nicht, ich kann Dich nicht heiraten, Tankred," entgegnete sie, ihn zum erstenmal bei seinem Vornamen nennend. "Nicht aus Motiven, wie Du sie hinstellst, sondern weil ich nie wieder einen Mann zu lieben vermag. Aber gehen wir in Frieden auseinander. Ich bitte Dich, fuenfzigtausend Mark von mir anzunehmen, damit Du Dir etwas kaufen oder pachten kannst. Sie stehen Dir beim Justizrat Brix zur Verfuegung.--Nicht wahr, Du zuernst mir nicht? Ich bitte Dich." Sie sah ihn an. Aber ihr Blick war ihr Verderben. In dem Wechsel der Leidenschaft packte denselben Mann, der eben noch das Weib haette toeten moegen, wieder eine wahnsinnige Begierde. Er sah ihr stilles Antlitz, umrahmt von dem schwarzen Haar, ihren reizenden, in sanfter Fuelle sprossenden Leib und die jetzt so suess und demuetig blickenden Augen. Und das sollte er fortwerfen, weil er's nicht gleich beim ersten Anlauf errungen hatte? Blieben ihm nicht noch tausend Mittelchen in seinem Zauberschrank? Hatte ueberhaupt jemals ein Mensch seinen Kuensten auf die Laenge widerstanden? Hatte er nicht alle, wenn er wollte, bezwungen? "O, Suesse!" rief er aufspringend, sie mit kraeftigen Armen umschlingend und leidenschaftlich kuessend, "sei hart und abweisend oder guetig gegen mich--immer liebe ich Dich gleich heftig. Wehre Dich nicht, fuehle an meinen Kuessen, was ich Dir entgegen bringe. Theonie, Theonie, erhoere mich!" Theonie wollte in Ohnmacht sinken, sie schwankte, und weisse Farben traten auf ihre Wangen, dann aber riss sie sich mit schier uebermenschlicher Kraft von ihm los, stiess ihn vor die Brust und floh, wie von Furien gepackt, hinauf in ihr Zimmer. * * * * * Als sich Tankred von Brecken am kommenden Morgen erhob, war ihm der Kopf wuest, und er fuehlte eine grenzenlose Unbefriedigung in sich. Die Vorgaenge des vergangenen Abends traten in sein Gedaechtnis, und Aerger. Unmut und Reue erfuellten sein Inneres. Von dem ruhigen Wege, den er sich vorgezeichnet, war er abgewichen, weil ihn seine Sinne bemeistert hatten. Schon so oft, wenn er dem Wein zu sehr zugesprochen, hatte er Unbesonnenes gethan und die ueblen Folgen tragen muessen. Er wusste, durch diesen Vorgang buesste er vieles ein, was schon gewonnen war. Theonie hatte nun eine Handhabe gegen ihn. Bisher war nichts geschehen, was sie ihm haette vorwerfen koennen, denn dass er sie liebte, konnte kein Verbrechen sein; aber durch die Form seiner Werbung, durch seine Leidenschaft hatte er seinen Charakter offenbart, hatte er das Gastrecht in unerhoerter Weise verletzt. Er stellte sich die Folgen vor. Zunaechst hatte er sicher jede Geneigtheit Theonies zu einer milderen Beurteilung seiner Person verscherzt; von einer freiwilligen Annaeherung ihrerseits konnte jetzt nicht mehr die Rede sein, und wahrscheinlich wuerde sie sogar Rache ueben und ihm die Auszahlung eines Kapitals verweigern. Der letztere Gedanke kam dem Manne, weil er selbst so gehandelt haben wuerde; er blieb jedoch nicht in ihm haften; wohl aber war er sicher, dass sie nach diesem Vorfall sich zu keinen groesseren Opfern bereit finden wuerde, im guten wenigstens nicht. Er ueberlegte nun, was weise und vorteilhaft fuer ihn sein werde. Zunaechst musste er durch die Kuenste seiner Verstellung wieder ein aeusserlich gutes Verhaeltnis zwischen sich und Theonie herstellen, schon um seines vorlaeufigen Bleibens willen; dann aber hiess es, sondieren, was nach dem Geschehenen zu erreichen war. Wenn er vor sie hintrat und demuetig seine Unbesonnenheit eingestand, ihre Verzeihung erflehte und zugleich erklaerte, er wolle Falsterhof verlassen, dann wuerde er--das hielt er fuer ausgemacht--sie zu Opfern am bereitwilligsten finden. Aber damit gab er alle Vorteile auf, die ihm noch werden konnten, und schnitt sich die Moeglichkeit ab, in Grete von der Lindens Naehe zu bleiben. Bei diesem Ende seiner Gedankenreihe angelangt, schlug er sich voll Zorn und Unmut vor den Kopf, verwuenschte seine Leidenschaft und war schon, da er deren Folgen nicht ausweichen konnte, im Begriff, seine Sache verloren zu geben, als Frege ins Zimmer trat, das Fruehstueck servierte und ihm einen Brief uebergab. Das Schreiben komme vom Baron von Treffen, der Bote warte. Nachdem Frege sich entfernt hatte, riss Tankred voll Ungeduld den Brief auf und las: 'Hochgeehrter Herr von Brecken! Sie haben unserer Tochter die liebenswuerdige Zusage gemacht, uns besuchen zu wollen. Darauf hin bin ich so frei, Sie zu fragen, ob Sie ohne das Zeremoniell einer Antrittsvisite, auf die wir gern verzichten, im engen Familienkreise bei uns eine Suppe essen moechten. Wir wuerden darueber ausserordentlich erfreut sein und bitten, guetigst dem Ueberbringer zu sagen, ob wir Sie um drei Uhr erwarten duerfen. Ihr sehr ergebener Konrad von Treffen.' Der artige Inhalt dieser Zeilen gab Tankreds Gedanken mit einem Schlage eine andere Richtung. Tressens kamen ihm in ungewoehnlicher Weise entgegen. Sicher hatte er auf Grete einen guten Eindruck gemacht, auch wirkte der Umstand wohl mit, dass man ihn als Miterben von Falsterhof ansah.--Und er war es nicht! Empoerend, dass der filzige Philister, sein Onkel, ihn hatte leer ausgehen lassen! Und nicht minder unverzeihlich war's von der verstorbenen Tante, dass sie nicht einen Augenblick gefunden hatte, um eine Klausel zu seinen Gunsten in das Testament einzufuegen. Gewiss hatte er das Theonie zu verdanken! Ja, sie war ihm in der Seele zuwider, obschon ihn gestern, als sein Blut heiss gewesen, ihr Koerper gereizt, obschon er sich eingebildet hatte, er koenne sie lieben. Diese sentimentale Tugend, diese langweilige Resignation und diese ihren geistigen Hochmut nur in noch schaerferes Licht stellende aeusserliche Bescheidenheit waren ihm in der Seele zuwider. Er nahm auch einen ganz verkehrten Standpunkt ihr gegenueber ein. Von rechtswegen gehoerte ihm die Haelfte von Falsterhof!--Und ploetzlich schoss es Tankred von Brecken durch den Sinn, diese Haelfte im Fall mit Gewalt von ihr zu erzwingen und dadurch sicher der Mann Grete von der Lindens zu werden. Das sollte fortan sein Ziel sein! So trat er denn Frege bei seinem Wiedereintritt gehobenen Hauptes entgegen, befahl, den Boten hereinkommen zu lassen, und schrieb, waehrend dieser wartend an der Thuer stand, eine Zusage: 'Hochgeehrter Herr Baron! Ihre guetigen Zeilen haben mich ebenso ueberrascht wie erfreut. Sie beschaemen mich in der That durch die ungewoehnlich artige Form Ihrer Einladung, die ich dankend annehme. Indem ich die Versicherung hinzufuege, dass ich bestrebt sein werde, mich der mir gewordenen Auszeichnung stets wuerdig zu erweisen, bin ich mit dem Ausdruck groesster Verehrung und unter gehorsamen Empfehlungen an Ihre Damen Ihr ganz ergebener Tankred von Brecken.' Nach eingenommenem Fruehstueck setzte sich dann Tankred abermals an den Schreibtisch und richtete die nachstehenden Zeilen an Theonie: 'Liebe Theonie! Ich bedaure und bereue den gestrigen Vorfall aufs tiefste. Lass mich es Dir auf diesem Wege sagen und Deine Verzeihung einholen, bevor wir uns wieder gegenuebertreten. Niemals--dessen sei gewiss--wirst Du Dich ferner ueber einen Mangel an Ehrerbietung meinerseits zu beklagen haben, vielmehr aus meiner Begegnung erkennen, wie hoch ich Dich schaetze, achte und verehre.--Genehmige, liebe Theonie, dass ich noch acht Tage auf Falsterhof bleibe. Dann reise ich ab, und inzwischen finden wir Gelegenheit, uns auszusprechen und die von Dir in so guetiger Weise angeregten geschaeftlichen Angelegenheiten zum Austrag zu bringen. Heute mittag und den Rest des Tages bin ich nicht in Falsterhof und bitte, mich bei der Mahlzeit zu entschuldigen. Tankred.' "Tragen Sie dies der gnaedigen Frau hinauf, die ich nicht stoeren will, da sie sich gestern abend schon unwohl fuehlte. Ich werde heute nicht bei Tisch sein," erklaerte Tankred dem durch Klingeln herbeigerufenen Frege. "Die gnaedige Frau ist bereits in der Fruehe nach Elsterhausen gefahren. Sie ist nicht anwesend," ging's kurz aus des Dieners Munde. Tankred zog ein enttaeuschtes Gesicht. Aber sich schnell wieder beherrschend, warf er hin: "So--so? Und wann kehrt sie zurueck?" "Die gnaedige Frau will morgen ihre Reise antreten. Sie meinte, gegen abend wiederzukommen." "Hm, schoen!" Damit war Frege entlassen. * * * * * Herr von Tressen warf eben noch einen pruefenden Blick auf die heute reicher als sonst im kleinen Speisezimmer hergerichtete Tafel, als der Diener bereits Herrn von Brecken von Falsterhof anmeldete. "Bitte, sehr angenehm! Fuehre Herrn von Brecken ins Empfangzimmer und benachrichtige die gnaedige Frau." Tankred schaute sich mit pruefendem Auge in dem Raume um, in den ihn der Diener gefuehrt hatte. Eine grosse Eleganz trat ihm entgegen. An den Waenden hingen wertvolle Gemaelde, die Polstermoebel waren mit Seide bezogen, und die Fensterpaneele und Teile der Waende in Weiss und Gold gemalt. Und nun oeffnete sich die Thuer, und Frau von Tressen, eine ungewoehnlich stattliche Erscheinung mit lebhaften Augen, einer energisch geschnittenen Nase und vollen Formen, trat ihm mit ausnehmender Liebenswuerdigkeit entgegen. Sie verwickelte Tankred sogleich in ein anregendes Gespraech, an dem kurz darauf auch die uebrigen Hausbewohner teilnahmen. Herr von Tressen war ein starker Fuenfziger, dem man die Spuren einer flotten Lebensweise ansah. Sein Gang war ein wenig unsicher, und die Augen hatten etwas Mattes, aber sein Gesammtaeusseres war, durch eine gewaehlte Kleidung gehoben, doch ungemein sympathisch. Er glich einem Major ausser Dienst und trug in dem scharf markierten Gesicht einen starken Schnurrbart. Besonders anziehend aber sah Grete aus. Sie hatte ein mausgraues Kleid an, das vollendet sass, und ihren schlank geformten Hals umschloss ein kleiner, aufrechtstehender Kragen. Ihre Zuege waren auch heute kalt, solange sie nicht sprach, wenn sie aber den etwas sinnlichen Mund oeffnete, und ein Laecheln ihn umspielte, wenn Ausdruck in ihre Augen trat, war sie von einem unwiderstehlichen Reiz. Diesem unterlag auch Tankred, der bei Tisch und in der Folge alles aufbot, um sie und ihre Umgebung zu gewinnen. Halb freimuetig, halb zurueckhaltend, stets von ausgesucht zarter Artigkeit, niemals mit Beifall zurueckhaltend, immer seine Worte waegend, verstand er es, durch sein Komoedienspiel alle, bis auf die Gesellschaftsdame, Fraeulein Helge, zu taeuschen. Die letztere blieb nicht nur zurueckhaltend gegen ihn, sondern legte sogar einen gewissen Widerstand an den Tag, indem sie einigemale seinen Worten entgegentrat. Freilich geschah das nicht in Formen, die es auch fuer die uebrigen erkennbar machten, dass sie ihn zu brueskieren trachte, aber Tankred mit seinem scharfen Spuersinn wusste, dass sie sich gegen ihn auflehnte, und er in ihr eine Gegnerin zu besiegen habe. Indessen schien sie auf Grete keinen Einfluss auszuueben. Tankred bemerkte sogar einmal, dass etwas von widerspenstigem Trotz in Gretes Augen aufblitzte. Das freute ihn, obgleich ihn die Unendlichkeit ihrer Blicke fast erschreckte. In der Seele dieses Maedchens war nichts Nachgiebiges, sie ging ihren eigenen Weg, und sicher gehoerte sie nicht zu den vielen sanftmuetig sich unterordnenden, auf eine eigene Meinung verzichtenden jungen Geschoepfen, die mit blindem Idealismus in die Ehe gingen und sich den spaeter eintretenden Enttaeuschungen geduldig fuegten. Nach eingenommenem Kaffee musste Tankred die Malereien der Frau des Hauses, die nicht ohne Talent ausgefuehrt waren, in Augenschein nehmen; man sprach mit Interesse und Verstaendnis ueber Politik, Litteratur und Kunst, und Grete ward aufgefordert, etwas zu spielen und zu singen, was sie ohne Einwendungen that. Ihre Stimme war schoen, und ihr Spiel technisch vollendet, aber allem fehlte doch die rechte Waerme. "Sie muessen einmal von einer starken Leidenschaft ergriffen werden, dann wird Ihr Gesang alles in den Schatten stellen, gnaediges Fraeulein," wagte Tankred zu sagen, und Grete von der Linden sah ihm so scharf und beinahe herausfordernd in die Augen, dass es ihn fast verwirrte. Sie besass nichts von schuechterner Verlegenheit; vielmehr schien sie sagen zu wollen: Pruefe mich, ob ich kalt bin, und mich nicht schon eine Leidenschaft ergriffen hat. Aber Tankred kannte die Frauen. Es gab viele, die in solcher Weise zum Taendeln aufforderten, sich aber mit sittlicher Entruestung zurueckzogen, sobald ein Mann ihnen besondere Aufmerksamkeiten erwies. Solche Weiber reizt es, Herz und Gemuet der Maenner zu beunruhigen, auch haben sie Interesse fuer sie, und es steigert sich, solange jene unempfindlich bleiben. Sobald die Maenner aber an den Tag legen, dass ihre Sinne in Aufruhr geraten, ziehen sie sich gleichgueltig von ihnen zurueck. Tankred wendete die Taktik an, Grete von der Linden mit aeusserster Aufmerksamkeit zu begegnen, aber ihre Eifersucht und ihr Nachdenken wach zu rufen, indem er mit ungemessenem Lob und gleich grosser Begeisterung von anderen Frauen und Maedchen sprach. "Es ist das schoenste, geistreichste und kluegste Geschoepf, das mir im Leben vorgekommen ist," warf er, eine Aeusserung einer gerade erwaehnten Dame geschickt in das Gespraech einflechtend, hin. "Ich hatte auch das Glueck, von ihr ausgezeichnet zu werden, aber ein einziger Zug genuegte, um mich verzichten zu lassen." "Und der war?" fiel Grete, ihre Neugierde nicht verbergend, ein. Tankred machte eine ausweichende Bewegung und laechelte in ueberlegener Weise. "Nun?" draengte Grete, waehrend sie, wie zufaellig, einige Schritte ins Nebengemach that, durch die sie sich und ihren Begleiter dem Gesichtskreis der uebrigen entzog. "Sie misshandelte," entgegnete Tankred, indem er eine kleine Rokoko-Nippesfigur, die auf dem Schreibtisch stand, ergriff und sie in seiner Hand drehte, "ihre Zofe wegen eines geringen Versehens in unerhoerter Weise und verdoppelte noch die Zuechtigung, als diese ihr nachwies, dass nicht sie, sondern die Dame selbst an der ihr vorgeworfenen Unterlassung schuld sei." "Ja, eines Fehlers geziehen zu werden, gefaellt niemandem," entgegnete Grete, Partei nehmend. "Jedenfalls war die Zofe wenig klug, gerade in dem Augenblick in solcher Weise den Vorwurf von sich abzuwaelzen." "Sie legen durch Ihre Bemerkung eine sehr nuechterne Auffassung der Dinge an den Tag, gnaediges Fraeulein. Das ist beneidenswert--" "Finden Sie es beneidenswert, wenn das Gemuet bei einem nicht mitspricht?" Diesmal klang etwas Weicheres durch den Ton ihrer Stimme. "Allerdings. Man will lieber Herr als Sklave sein, und ersteres ist man nur, wenn man den Verstand als Kommandeur vor seine Truppe stellt. Ah--tausendmal um Verzeihung--" unterbrach sich Tankred, dem bei den letzten Worten die Nippesfigur aus den Haenden fiel, und der beim Herabbeugen zu seinem Schrecken gewahrte, dass ihr ein Arm abgeschlagen war. Er dachte, dass Grete die Sache leicht nehmen und ihn beruhigen werde, aber statt dessen zeigte sie einen deutlichen Verdruss und sagte: "Die Figuren stammen noch von den Eltern meines Grossvaters, sie sind sehr wertvoll, fast unersetzlich, da man heutzutage solche Uebergangsfarben nicht mehr zu komponieren weiss." Als hierauf Tankred abermals Worte des Bedauerns sprach, schloss sie, kaum hinhoerend, die Kunstfigur in ein Schraenkchen ein und sagte: "Sie gehoeren zu den Menschen, die alles anfassen muessen. Man sagt, solchen hafte ein Diebssinn an." Die letzten Worte begleitete sie zwar mit einer laechelnden Miene, sie sprach sie, als ob sie nur einen Scherz habe machen wollen, aber Tankred erschrak doch heftig, und fuer Sekunden war ihm Grete fast unheimlich. "Ich werde mich zu bessern suchen," stiess er mit einschmeichelnder Artigkeit heraus. "Und Sie haben mir vergeben, gnaediges Fraeulein? Nicht wahr, ich darf ein wenig Hoffnung hegen?" Gleichzeitig sah er sie mit seinen bezwingenden Augen an, fluesterte die letzten Worte in doppelsinniger Betonung und presste einen den Eindruck derselben verstaerkenden, weichen Kuss auf ihre Hand. Und Grete wehrte ihm nicht, sie gab seinen Blick zurueck, aber in ihren Augen erschien nicht der Strahl reiner, aus der Seele quellender Hingebung, sondern etwas Leidenschaftliches, das er in ihr anzufachen verstanden hatte.-- Bei einem vor dem Abendessen unternommenen Spaziergang fand Tankred noch einigemal Gelegenheit, sich Grete auf kurze Zeit ohne Zeugen zu naehern. Sie sprach davon, dass sie sich darauf freue, wieder einen Teil des Winters in Hamburg zuzubringen, und fragte mit einem von Tankred nicht unbemerkten, interessierten Blick, ob er kuenftig auf Falsterhof wohnen oder das Gut verlassen werde. "Ein herrliches Erbe ist Ihnen und Ihrer Frau Kousine in Falsterhof geworden," warf sie sondierend hin. Tankred nickte, als rede sie von etwas Unbestreitbarem; er machte durchaus keine Einwendung. Grete schien sehr befriedigt; unmittelbar darauf gestattete sie ihm eine Blume, die sie gepflueckt, an sich zu nehmen. Auch laechelte sie mit einem die Sinne anfachenden, reizenden Laecheln vor sich hin, als Tankred trivial, aber ueberzeugend klingend, sagte: "Von allen Andenken, die ich der Guete schoener und kluger Frauen verdanke, ist dies Bluemchen das wertvollste." Beim Souper plauderte er absichtlich fast nur mit der Frau des Hauses,--es war eine alte Weisheit: Wer die Tochter gewinnen will, muss die Mutter erobern!--und nach aufgehobener Tafel unterhielt er sich bei der Zigarre so ausschliesslich mit Herrn von Tressen, dass die Damen eine Handarbeit ergriffen und sich in die Rolle der Zuhoerer fuegten. Nur eine nahm einmal das Wort, Carin Helge. Sie sprach von einem Schauspiel, das sie gesehen. In ihm habe ein gefaehrlicher Mensch in die gute Gesellschaft einzudringen gewusst und alle getaeuscht, bis auf die Gouvernante. Sie habe ihre Umgebung gewarnt und dadurch ein Verbrechen verhuetet. "Und das Ende?" fragte Grete, als sie eine Pause machte. "Das Ende war ein Totschlag--" "Was verhandelt ihr da Schreckliches?" fragte Herr von Tressen lachend. "Es klingt ja entsetzlich--" Tankred aber bestaetigte Carins Erzaehlung mit gleissnerischer Unbefangenheit und sagte--und sie verstand ihn--: "Sie vergessen, gnaediges Fraeulein: es kommt zweimaliger Totschlag in dem Stuecke vor. Erst beseitigt der Verbrecher seine Angeberin, dann unterliegt er selbst dem Schicksal." Und als sie hierauf nichts erwiderte, sondern nur mit den Lippen zuckte, gab Grete dem Gespraech eine andere Wendung und bat Tankred, einige Handfertigkeiten zum besten zu geben, von denen er ihr gesprochen. Da er darin Meister war, erntete er grossen Beifall, auch ahmte er Tierstimmen nach und erregte dadurch namentlich Gretes Bewunderung. Es war fuer laendliche Verhaeltnisse schon spaet, als der Stallknecht Tankreds Fuchs vorfuehrte. Unter einem "Auf Wiedersehen am Schluss der Woche" und einem "Vergessen Sie es nicht!" von Grete, dem Frau von Tressen lebhaft beistimmte, nahm der Gast Abschied. Nach Falsterhof zurueckgekehrt, zog Tankred das Pferd selbst in den Stall und zaeumte es ab. Von Klaus war nichts zu sehen. Aber er ereiferte sich darueber nicht, sein Kopf war so voll von Gedanken und Anschlaegen, dass nur sie sein Innerstes beherrschten. Auf dem Flur brannte die Lampe, Max knurrte wie immer und beruhigte sich erst allmaehlich. Nun hallten Tankreds Schritte ueber die Steinfliesen, und er oeffnete die Thuer seines Gemachs. Das erste, was sein Auge traf, war ein weisses Kuwert, das auf dem Tisch lag. "Ah--! Sicher eine Antwort von Theonie!" Er griff, ohne den Hut abzunehmen und sich des Reitmantels zu entledigen, ungestuem danach und las: 'Da ich morgen Falsterhof verlasse, musst Du Dich bei Deinem Entschluss, noch hier zu bleiben, schon allein einrichten und mich entschuldigen. Wenn Du mir noch etwas zu sagen hast,--ich moechte sonst bitten, Dich mit Justizrat Brix, der ueber alles orientiert ist, in Verbindung zu setzen,--muss es morgen vormittag um halb elf beim zweiten Fruehstueck geschehen. Um elf Uhr habe ich den Wagen bestellt. Theonie.' "Also doch!" murmelte Tankred. Auf der einen Seite befriedigte ihn der Inhalt dieser Zeilen ausserordentlich. Sie raeumte das Feld, und er konnte nach seinem Belieben bleiben; auf der anderen Seite aber entzog sie ihm die Gelegenheit, auf sie einzuwirken. Dass er sie trotz der Entschiedenheit ihres Charakters allmaehlich wuerde einschuechtern koennen, schien ihm zweifellos; er wusste, dass sie Furcht vor ihm empfand, und ihr wuerde sie unterliegen. Durch eine einzige Unterredung aber konnte er nichts erreichen, besonders wenn sie am hellen Tage stattfand. Die Nacht, das Grauen musste helfend einwirken.--Der Mann warf den Kopf zurueck. Sie sollte nicht reisen, wenigstens eine Woche musste sie noch bleiben. Alle seine Kuenste wollte er aufwenden.--Kuenste? Theonie gegenueber? Doch wohl ein vergebliches Beginnen! Sie durchschaute ihn so gaenzlich, dass nichts verfing. Nein, nur ein Appell an ihren Gerechtigkeitssinn, unterstuetzt durch indirekte und gegebenenfalls direkte Drohungen, konnte zum Ziel fuehren.--Dass er sich auch von seiner Leidenschaft hatte hinreissen lassen, da er doch wusste, ein Werben, in welcher Form es immer geschehe, sei zwecklos! Es war, um sich selbst zu ohrfeigen! Waere das nicht geschehen, so wuerde er jetzt eine Neigung zu Grete von der Linden als Vorwand benutzen. Er koennte erklaeren, es sei moeglich, deren Hand zu erwerben, wenn er ueber ein Erbteil zu verfuegen habe.-- Ploetzlich schoss Tankred ein Gedanke durch den Kopf. Es hatte ihm einmal jemand erzaehlt, dass der Beamte eines grossen Hauses in Amsterdam bei der Werbung um die Hand der Tochter des Chefs die abweisende Antwort erhalten habe: "Ja, wenn Sie einmal Compagnon von Watkin in London sind, dann kommen Sie wieder, dann laesst sich ueber die Sache sprechen!" Der junge Mann war alsdann nach London gereist und hatte den Chef des Hauses Watkin gefragt, ob er ihn als Teilhaber aufnehmen wolle. Er sei der Schwiegersohn von van der Huyssen, dem sechzigfachen Millionaer in Amsterdam. Auf diese Weise war er in den Besitz des Maedchens gelangt, das er liebte, und war zugleich Mitbesitzer vieler Millionen geworden. Unter solchen Gedanken legte sich Tankred zu Bett. Noch einmal hoerte er draussen ein Geraeusch, als ob jemand langsam an seine Thuer schleiche; auch Max knurrte mit rasch wieder ersterbendem Laut auf.--Dann aber war's still, und von Traeumen umgaukelt, schlief Tankred von Brecken bis zum Morgen. * * * * * In ihrem Zimmer befand sich Theonie und ordnete an ihren Koffern. Eben hatte sich die Zofe entfernt, und Frege trat ins Gemach. "Wann ist er nach Hause gekommen?" fragte sie ohne Einleitung. "Es war zwischen zwoelf und ein Uhr. Er hat selbst den Fuchs abgesattelt. Dann hatte er noch Licht im Vorderzimmer und las wohl den Brief der gnaedigen Frau. Als ich nach ein Uhr noch einmal ueber den Flur schlich und durch das Schluesselloch sah, verloeschte gerade das Licht." Theonie nickte. "Also Du weisst: wenn wir beim Fruehstueck sitzen, bleib in der Naehe. Ich bin nicht sicher, dass er nicht abermals unverschaemt gegen mich wird. Da will ich Dich erreichen koennen.--Und berichte mir also jeden Tag, Frege. Sobald er fort ist, telegraphierst Du mir, ich komme dann zurueck--Ah," unterbrach sie sich, "er wird nicht freiwillig gehen!--Und es durch Zwang erreichen? Dann wird er sich auf jede Weise zu raechen suchen, und ich werde keinen ruhigen Augenblick mehr haben. Vor solchen Menschen schuetzt keinerlei Schloss und Gesetz, sie sind zu allem faehig." Frege widersprach seiner Herrin nicht. Er bewegte den alten, grossen Kopf mit den scharfen Linien und starrte mit dem eigentuemlichen Ausdruck vor sich hin, der den Schwerhoerigen eigen ist. "Ich wuesste eins, gnaedige Frau," schob er dann, das Wort nehmend, ein. "Wenn er das Fraeulein auf Holzwerder heiratet, dann werden Sie von ihm befreit fuer alle Zeiten. Das sollten Sie zu foerdern suchen." "Wie kann ich das foerdern, Frege? Und ob Du recht hast, ist noch sehr zweifelhaft. Dann bleibt er doch in unserer Nachbarschaft. Schon seine Naehe beunruhigt mich, floesst mir Furcht ein." Frege bewegte die Achseln. 'Es mag zutreffen, aber in der Not nimmt man das, was man finden kann' stand in seinem Gesicht geschrieben. Nun schlug die Uhr vom Gutsthor herueber, und Theonie entliess Frege und stieg die Treppe hinab. Ihr graute vor diesem Gang so sehr, dass ihr die Kniee zitterten. Waehrend dessen befand sich Tankred noch im Freien. Ein unruhiger Drang hatte ihn, gleich nachdem er sich aus dem Bett erhoben, hinausgetrieben. Die Natur lag da im strahlenden Glanz der Herbstsonne. Als sich Tankred dem grossen Tannenhuegel naeherte, der zur Linken einen Teil des Parkes begrenzte, eroeffnete sich ihm ein zauberhaft schoenes Bild! Unzaehlige Lichter irrten zwischen den Staemmen, versteckte kleine Sonnen blitzten und durchleuchteten die dunkelgruenen Zweige der Fichten; breite Stroeme ergossen sich den Huegel hinab, wo eine Lichtung geblieben war, und an anderer Stelle stieg ein einsamer Weg im schattigen Dunkel die Hoehe hinan und weckte das Verlangen, sich dort niederzulassen und den wuerzigen Duft der Kiefernadeln einzuatmen. Die Schoenheit der Natur wirkte auf die Seele des Mannes ein, aber mehr noch ward das Verlangen nach Besitz in ihm geweckt. Als er aus dem Park heraustrat, und sein Blick weithin die Koppeln, Wiesen, Felder und Waldungen umfasste, die alle zu Falsterhof gehoerten, die dalagen von der Sonne umflossen wie ein herrliches Eden, als sein Blick nach dem Pachthof hinueberschweifte, und die Kuh- und Schafherden vor ihm auftauchten, das Geraeusch thaetiger Menschenarbeit zu ihm herueberdrang, die Wirtschaftsgebaeude unter dem farbigen Laub emporstiegen, und er im Geiste an sich vorueberziehen liess, was alles sie bargen an Getier, Getreide und sonstigem Vorrat, welch ein Leben in der Meierei war, wie weit sich die Gemuesegaerten ausstreckten, und wie endlos auch noch oestlich von Falsterhof das Gutsland sich dehnte, da krallte sich der Teufel der Habsucht so tief in seine Seele ein, dass sein Herz klopfte, und seine Handflaechen sich feuchteten. Es war auch alles klar in ihm. Einen Vorschlag wollte er Theonie machen, ohne Umschweife. Da er doch einmal die Maske abgeworfen hatte, war's schon weise, nun ohne Schwanken und Zaudern zu sagen, was er wuenschte. Sie konnte es sich ja ueberlegen, seinen Vorschlag auf der Reise waegen und ihm schreiben.--Ja, so sollte es sein. Und dann standen sie sich gegenueber. Theonie goss eben Wasser auf den Thee, als Tankred ins Gemach trat. Sie wandte das Haupt, bewegte es unbefangen, obschon es in ihrem Innern pulsierte, und sagte: "Bitte, nimm Platz.--Willst Du vielleicht etwas von dem Graubrot abschneiden? Ich sehe, Kathrine hat es vergessen. Und Eier, die Du so liebst, fehlen ja auch. Soll ich rasch welche bestellen?" Tankred ward aufs angenehmste beruehrt. Theonie liess ihn die Vorfaelle des verflossenen Tages nicht entgelten, sie legte freundlich versoehnliche Gesinnungen an den Tag. Auch er begegnete ihr mit ausgesuchter Aufmerksamkeit. Als sie sich gegenueber sassen, sagte er: "Ich danke Dir fuer Deine Zeilen, Theonie. Darf ich fragen, wo Du Dich hinbegiebst, und wie lange Du fortzubleiben gedenkst?" "Ich reise zunaechst nach Hamburg, wo ich einige Zeit verweilen will. Ueber die Laenge meiner Abwesenheit habe ich noch nichts festgesetzt." "Jedenfalls sehen wir uns aber dann wohl nicht wieder?" "Nein, schwerlich." Es trat eine Pause ein. Neben dem Tische dampfte der Theekessel und sang heimliche Lieder. Die Sonne warf durch die grossen, tiefen Fenster ihre Strahlen, blieb zwar hockend auf den Fensterbrettern, aber erhellte doch das Gemach, als seien die Waende ploetzlich in lichtdurchflutetes Glas verwandelt. Die alten, kostbaren Moebel glaenzten, das weisse Leinen der Servietten und eine von Frege in die Mitte des Tisches gestellte rote Herbstrose hoben ihre Farben reizvoll von einander ab, und das Krystall und das Silber auf dem Fruehstueckstisch flimmerte und blitzte. Eine Platte mit suess duftenden, dampfenden Rindfleischschnitten und eine einen zarten Champignongeruch verbreitende Schale mit Sauce standen neben mehlig-hellen Kartoffeln. Vor allem bediente Tankred sich, und nun schenkte Theonie ihm auch ein Glas goldfunkelnden Rheinweins ein. Sie verstand es, die Dinge gemuetlich zu machen; wenn sie etwas bereitete oder die Hand darueber hielt, war's stets tadellos, und auch heute schmeckte es dem Manne vortrefflich, und die Vorzuege sorglosen Wohllebens drangen wiederholt auf ihn ein. Es gab eigentlich nichts Herrlicheres, als auf Falsterhof zu leben. Alles stand wie durch Zauber auf dem Tisch, die Gemaecher waren mit allen nur denkbaren Bequemlichkeiten versehen, die Dienerschaft war noch vom alten Schlage, voll Ehrerbietung und Aufmerksamkeit, und wenn sich Tankred in der Umgegend oder in Elsterhausen zeigte, begegnete man ihm mit jener Unterordnung, die Stand und Reichtum stets in der Welt hervorrufen. "Hoere mich, bitte, an, Theonie, bevor wir auseinandergehen," begann Tankred unter solchen Eindruecken in gehobener Stimmung. "Wirf Deinen hohen Gerechtigkeits- und Deinen Verwandtschaftssinn mit in die Wagschale, wenn Du mir antwortest. Ich sagte Dir gestern, ich wisse, dass ich in meinen Entschluessen, ein arbeitsames, geregeltes Leben zu beginnen, gefoerdert werden wuerde, wenn ich heiraten koennte--Nein, nein, fuerchte nicht, dass ich Dir wieder zu nahe trete. Du hast mir gestern an den Tag gelegt, dass Du meine Empfindungen nicht teilst, und nie werde ich Dich wieder belaestigen. Ich wollte etwas anderes sagen: Wenn ich in guten, geordneten Verhaeltnissen waere, koennte ich sicher auch eine brave Frau finden. Nun bin ich, und besitze ich aber nichts, und das, was Du mir guetigst zuwenden willst, giebt unter heutigen Verhaeltnissen einem Landmann keine Moeglichkeit, sich eine Selbstaendigkeit zu verschaffen. Wir sind die letzten beiden Breckens auf der Welt, Theonie. War es nicht ein bischen ungerecht von Deinen Eltern, mich ganz leer ausgehen zu lassen? Waere es den natuerlichen Verhaeltnissen nicht entsprechender gewesen, wenn Dir ein Teil, und mir der andere geworden waere, zumal Du Deinen Gatten verloren hast und nicht wieder heiraten willst? Ich weiss, dass Du mich nicht liebst. Ich fuehle sogar, dass Du mich nicht achtest, obgleich ich Dir nie etwas zu leide that und mich nur des Vergehens schuldig machte, Dir meine Liebe in einer Form zu gestehen, die Du leicht nachgesehen haben wuerdest, wenn Du meine Neigung erwidertest. Aber wenn Du mich auch nicht liebst und meinem Charakter misstraust, so hast Du doch als eine Brecken und vermoege Deiner ganzen Veranlagung gewiss den Wunsch, dass ich fortan einen soliden und rechtschaffenen Lebenswandel fuehre, dass ich dem Namen der Familie Ehre mache. Wenn dem aber so ist, so hilf mir, gieb mir eine Stellung in der Welt durch freiwillige Teilung des Besitzes und lasse mich in Zukunft Falsterhof verwalten. Hast Du kein Vertrauen zu meinen wirtschaftlichen Faehigkeiten, so kann ja auch alles bleiben, wie es jetzt ist, aber dann mache die Mittel zu einer Teilung zwischen uns fluessig, indem Du eine groessere Summe auf Falsterhof aufnimmst oder mir die Haelfte der Rente ueberweisest. Ich sehe, Du zuckst zusammen, Du findest es ueber die massen unbescheiden von mir, eine solche Forderung zu stellen, und ich gebe auch zu, dass mein Verlangen sehr ungewoehnlicher Art ist. Aber ich bin nuechtern veranlagt und setze anderseits ein grosses Vertrauen in Deinen Gerechtigkeitssinn, auch weiss ich, dass Du geringen Wert auf Hab und Gut legst, und so fand ich denn den Mut, Dich mit meinem Wunsche bekannt zu machen.--Nun, Theonie?" schloss er und griff wieder nach Messer und Gabel, die waehrend seiner Rede geruht hatten. "Was meinst Du? Willst Du so freundlich sein, zu ueberlegen, was ich Dir vorzutragen mir erlaubte?" Theonie hatte bei den letzten Saetzen sinnend vor sich hingeschaut. Ihre Gedanken beherrschten sie so, dass sie nur halb vernommen, was er am Schluss gesagt hatte. Aus diesem Gesichtspunkte hatte sie ihres Vetters Stellung zur Familie Brecken allerdings noch niemals ins Auge gefasst. Die Berechtigung eines Anspruchs von seiten Tankreds war ihr auch nicht einmal in den Sinn gekommen; bei dem Gedanken, ihm eine Summe zuzuwenden, hatte lediglich ihr Gefuehl, nicht aber ein Pflichtzwang sie geleitet. Dennoch war jetzt alles klar in ihr, und ihm fest und ehrlich ins Auge schauend, erwiderte sie: "Ich weise Deine Vorschlaege durchaus nicht zurueck. Aber vor der Hand kannst du in keiner anderen als der Dir bereits mitgeteilten Weise auf mich rechnen. Ich will einen Entschluss von solcher Tragweite--ich spreche, wie ich gleich betonen will, nur von einer Erbteilueberweisung; die Verwaltung des Gutes moechte ich dem Manne nicht entziehen, der meines Vaters ganzes Vertrauen besass und es stets rechtfertigte--also, ich will einen Entschluss von solcher Tragweite nicht fassen, ohne Justizrat Brix zu rate zu ziehen, und ihn auch abhaengig machen von gewissen Umstaenden, die erst nach einer Reihe von Jahren meiner Beurteilung unterliegen koennen." Theonie machte eine Pause, und Tankred setzte voraus, dass seine Kousine noch etwas fuer ihn Guenstiges hinzufuegen werde. Aber sie neigte nur in Bestaetigung ihrer Worte den Kopf und machte dann eine Bewegung zum Aufstehen. "Es ist wohl so weit, der Wagen wird vorgefahren sein," sagte sie, nach einer im Zimmer stehenden Uhr schauend. "Entschuldige mich, ich habe oben noch etwas zu thun." Aber Tankred hielt Theonie durch seine blicke zurueck. "Schon einmal machte ich Dir Andeutungen, dass ich ohne Mittel sei, Theonie. Wir wurden damals unterbrochen. Wuerdest Du wohl die Guete haben, mir einiges Geld zurueckzulassen?" Sie nickte bereitwillig und sagte, die Boerse ziehend, mit einem Anflug von Verlegenheit: "Wie viel, bitte?" "Ein paar hundert Thaler wuerden mir zunaechst sehr gelegen kommen, da ich einige Verpflichtungen habe." "Ein paar hundert Thaler? Die habe ich nicht hier. Da muesste ich erst an Brix schreiben." "Gieb mir ein paar Zeilen an den Verwalter," wandte Tankred ein. "Er ist stets bei Kasse und wird mir auf Deine Anweisung gleich zahlen." "An den Verwalter?" wiederholte Theonie zoegernd und pedantisch ueberlegend. "Das wuerde ihm sehr auffallend erscheinen. Das ist nie geschehen, alles geht durch Brix." "Mache diesmal eine Ausnahme, Theonie. Ich werde es ihm schon erklaeren--" Aber sie gab noch immer nicht nach. Ein starker Ordnungssinn, den sie von ihrem Vater geerbt, war ihr eigen. "Nein, ich moechte es doch nicht. Aber hier, bitte--vorlaeufig,"--entschied sie und reichte ihm ein paar Geldscheine, die sich in ihrer Boerse befanden, "fuer weiteres werde ich sorgen." Tankred nahm mit gezwungener Miene das Geld; er musste an sich halten, um ihr nicht schroff zu begegnen. Dieses in seinen Augen kleinliche Markten und Ueberlegen um ein paar hundert Thaler von einer Person, die, wenn sie ihr Eigentum fluessig machte, Millionaerin war, brachte ihn schon an sich auf, verletzte aber auch seine Eitelkeit im hoechsten Grade. Es musste alles nach seinem Kopfe gehen. Wenn die Dinge sich nicht gestalteten, wie er sie sich in seinem Sinn zurechtgelegt hatte, wusste er, wenigstens fuer den ersten Augenblick, seinen Unmut niemals zu unterdruecken. "Nun--lebe wohl,"--sagte Theonie, vom Reisefieber erfasst, mit deutlicher Unruhe.--"Moege es Dir gut gehen! Und bitte, besuche Justizrat Brix, er wird Dir das Noetige mitteilen." Ploetzlich kam Tankred der Gedanke, dass dieser fortwaehrende Hinweis auf den Rechtsbeistand und Vermoegensverwalter der Familie noch einen besonderen Grund habe. Theonie wuerde ihm am Ende noch Bedingungen durch Brix stellen. Das reizte und beunruhigte ihn so sehr, dass er sie abermals zurueckhielt und die Worte hervorstiess: "Du kannst es nicht erwarten, eine doch an sich gar nicht eilige Reise anzutreten, und wendest dabei grosse Umstaendlichkeiten an, waehrend Du meine Angelegenheit behandelst wie eine laestige Nebensache. Weshalb soll ich denn durchaus den Umweg zu Brix machen? Gieb mir doch einfach eine Anweisung auf ihn, die ich verwerten kann. Ich habe nicht gern mit ihm zu thun. Er ist mir sehr unsympathisch." Diese Worte reizten nun auch Theonie, und sehr rauh und mit einem starken Anhauch von Bevormundung gab sie, zugleich durch ihre Mienen zeigend, dass sie sich durch seinen Einwand durchaus nicht beirren lasse, zurueck: "Es muss aber doch so bleiben! Einige kleine Unbequemlichkeiten musst Du schon mit in den Kauf nehmen, wenn Du Geld empfangen willst." Aber sie bereute sogleich, was sie gesprochen. In dem Antlitz des Menschen, der ihr gegenueber stand, erschien ein furchtbarer Ausdruck. Wut, Rachsucht, Totschlag standen in seinem Gesicht geschrieben, und ein zaehneknirschendes, von funkelnden Blicken begleitetes: "Nein, ich muss nicht und will nicht!" drang wie ein Gewitter aus seinem Munde. "Ich habe Dir alles freundlich und sachlich vorgestellt, ich habe an Deinen Gerechtigkeitssinn und Dein Verwandtschaftsgefuehl, aber auch an Deine Klugheit appelliert, mich nicht wie einen laestigen Habenichts zu behandeln, sondern wie einen halbwegs Gleichberechtigten. Als Du dann die ablehnende Antwort auf meine Rede mit allerlei mystisch klingenden, aber sich wohl auf meinen zukuenftigen Lebenswandel beziehenden Worten begleitetest, schwieg ich und fuegte mich. Dann bat ich um etwas Geld, das Du mir nicht aus eigener Initiative gabst, obschon Du wusstest, dass ich schon seit der Krankheit Deiner Mutter nichts besass, und machte, weil ich es gleich gebrauchte und--" hier schob Tankred einen berechnenden Satz ein--"auch fuer meine Abreise desselben beduerftig war, den Vorschlag, es sofort herbeizuschaffen. Auch den wiesest Du zurueck und stelltest Dich auf den pedantisch engherzigen und kleinlichen Standpunkt Deines filzigen Vaters, dem Gold und Silber alles war." Aber nun unterbrach Theonie, die anfaenglich mit Angst und Herzklopfen zugehoert hatte, und weil etwas Wahres in Tankreds Worten lag, sich getroffen fuehlte, ihren Vetter mit einigen, alle Klugheit und Besonnenheit beiseite werfenden Worten. Dieser verkommene Mensch wagte es, das Andenken ihres Vaters zu beschimpfen in dem Augenblick, wo er bettelte, bettelte um Geld, das jener durch Ordnung und Sparsamkeit sich erworben?! Dasselbe ungestuem tobende Blut, das in Tankreds Adern rollte, pulsierte in den ihren, und besinnungslos vor Erregung rief sie ihm entgegen: "Halt! Mit dieser Verunglimpfung meines verstorbenen teuren Vaters hast Du jeglichen Anspruch auf das kleinste Entgegenkommen von meiner Seite verwirkt. Das merke Dir! Und nun verlasse Falsterhof sogleich! Nicht ich gehe, Du gehst--! Das ist mein letztes Wort." In diesem Augenblick erschien die duerre Gestalt Freges in der Thuer, und hinter ihm Klaus, der Kutscher, mit neugierig fragender, halb aengstlicher, halb entschlossener Miene. "Ah!" drang's aus dem Munde Tankreds, und er richtete seine Gestalt zur Abwehr auf. "So stehen die Dinge? Sind nicht auch noch Gensdarmen zur Hand? Ich aber sage euch, ich bleibe auf Falsterhof und weiche keiner Gewalt! Muss ich ihr aber dennoch weichen, so huetet Euch!" Nach diesen mit furchtbarer Stimme und unter drohenden Gebaerden ausgestossenen Worten trat er durch das anstossende Gemach auf den Flur, und die Zurueckbleibenden hoerten, wie er die Zimmer des Onkels aufschloss. "O mein Gott! Weshalb willst Du mich denn so grausam strafen, indem Du mir diesen Menschen ins Haus sandtest! Was that ich, um so Schreckliches zu verdienen?!" hauchte Theonie und sank wie vernichtet in ihren Stuhl.-- Tankred wanderte in seinem Zimmer mit Mienen auf und ab, als waere er eingesperrt und saenne darueber nach, wie er sich befreien koenne. Aber sein Ingrimm richtete sich diesmal nicht auf eine andere Person, sondern auf sich selbst. Er hatte sich wieder nicht in seiner Macht gehabt, abermals war er seinem Jaehzorn unterlegen, und statt seine Sache zu verbessern, hatte er sie gaenzlich verfahren. Da seine Handlungsweise mit der eben erst wieder gegebenen schriftlichen Zusicherung im krassesten Widerspruch stand, hatte er Theonie schlagend bewiesen, dass sie recht hatte, wenn sie ihm aufs aeusserste misstraute. Nicht nur hatte er jede Ehrerbietung ausser acht gelassen, sondern sich auch zum Richter ihrer Handlungsweise aufgeworfen und am Ende sogar Drohungen ausgestossen, die nur zu gut verrieten, was sich in den tieferen Winkeln seiner Seele versteckte. Sie konnte sich nach diesem Vorgang ihm nicht wieder naehern, das Tuch zwischen ihnen war zerschnitten. Unglaublich hatte er gehandelt! War sie nicht auf seinen Antrag eingegangen, und war das nicht ein ueber alle Erwartungen guenstiges Ergebnis gewesen? Nach einer einzigen Unterredung, und trotz ihrer ausgesprochenen Abneigung gegen ihn, hatte er erreicht, was einem andern kaum zu denken in den Sinn gekommen waere. Es wuerde ihn nicht ueberrascht haben, wenn Theonie ihm erwidert haette: Ich weiss nicht, ob ich mehr ueber Deine unverschaemte Forderung mein Erstaunen ausdruecken soll, oder ueber deinen Mut, sie mir vorzutragen. Statt dessen hatte sie seine Gruende angehoert und unbefangen gewuerdigt und dem Sinne nach nur erwidert: Ich will das Erbteil meiner Vorfahren nicht gefaehrden, bewaehrst Du Dich aber, dann soll die Haelfte Dein Eigentum sein. Sie hatte gehandelt wie ein selbstloser, gerechter, aber auch wie ein weiser und besonnener Mensch, er aber wie ein zuegelloser, von gemeinen Trieben geleiteter Rabulist. Nun hatte er am Ende auch das Geld verscherzt, das sie ihm willig hatte auszahlen wollen. Sicher wuerde Theonie jetzt wieder zu ihrem Rechtsanwalt gehen, alles annullieren, was sie frueher festgesetzt hatte, und zugleich die Mittel mit Brix beraten, ihn, Tankred, mit Gewalt von Falsterhof zu entfernen. Und die Geschehnisse wuerden an die Oeffentlichkeit dringen, und er wuerde der Familie Treffen als das erscheinen, was er wirklich war. Wie gut hatte er alles eingefaedelt, und mit welcher Pfuscherarbeit geendigt! Waere er fuegsam gewesen, so haette er Tressens erklaeren koennen, er habe, wenn auch erst nach einigen Jahren, Anspruch auf die Haelfte von Falsterhof. Theonie wuerde, unter geschickter Behandlung der Angelegenheit von seiner Seite, diese Beguenstigung bestaetigt, es wuerde sich alles ohne Schwierigkeiten und Kuenste geregelt haben, waehrend nun schon eine Unsumme von Verstellung, Intrigue und Luege aufgewendet werden musste, um nur die ueblen Eindruecke wieder zu verwischen. Und dann war das Resultat auch noch zweifelhaft, die Wahrscheinlichkeit lag vor, dass alle Muehe umsonst gewesen. Nein! er war doch noch ein grosser Stuemper! Er musste sich's zugestehen. So sehr ergriff den Mann die Einsicht in seine Fehler, dass er sogar auf den Gedanken kam, ob es nicht doch am Ende vorteilhafter sei, tugendhaft zu werden, umzukehren und sich zu bemuehen, ein ordentliches Leben zu fuehren. Ihm kamen ploetzlich Zweifel, ob ihm nicht doch die Eigenschaften zur erfolgreichen Schurkerei fehlten, da er sie nicht durch Selbstbeherrschung zu unterstuetzen vermochte. Er hatte noch nicht warten gelernt. Warten koennen! Was lag nicht alles in den Worten! Und er besass auch nicht hinreichenden Mut; seine Genusssucht und sein Bequemlichkeitsdrang schoben sich in seine Entschluesse und machten ihn feige. In seinem charakterlosen Hin und Her, aber auch zufolge seiner schrankenlosen Selbstsucht ueberlegte er, ob er nicht lieber Theonie nachreisen, abermals ihre Verzeihung erflehen und schwoeren solle, dass das Geschehene nichts mit seinem Herzen gemein habe. Nur der Zorn haette aus ihm geredet. Er vertraute dabei seiner eminenten Verstellungskunst. Der Gedanke, durch eine einzige Unterredung alles noch wieder ins richtige Geleis bringen zu koennen, beschaeftigte ihn ploetzlich solchergestalt, der Gegensatz zwischen dem, was augenblicklich war, und dem, was er vielleicht wieder erreichen konnte, draengte sich ihm so stuermisch auf, dass er das Haupt zurueckwarf, die Klingel zog und dem stumm und finster hereintretenden Frege zurief, er moege sofort den Fuchs satteln. "Wohin ist meine Kousine gereist?" fuegte er erregt hinzu. "Es ist wichtig, dass Sie mir die Wahrheit sagen, da ich mich entschlossen habe, alles daran zu setzen, um unser Zerwuerfnis zu beseitigen. Also, wohin hat Klaus die gnaedige Frau kutschiert?" Frege befand sich in groesster Verlegenheit. Er wusste nicht, wie er am besten zu Gunsten seiner Herrin handeln wuerde. "Ich weiss es nicht, Herr von Brecken. Zunaechst wollte Frau Cromwell bei Pastors vorsprechen und spaeter Nachricht geben." So wand sich Frege heraus. Bei der Erwaehnung der Pastorfamilie schoss Tankred ein Gedanke durch den Kopf. Wenn sie von den letzten Vorfaellen durch Theonie unterrichtet wurden, wuerden Tressens auch bald wissen, was geschehen war. Juengst hatte die Familie bereits geaeussert, dass sie Pastors, die sie sehr schaetzten, allernaechstens mit Tankred zusammen einladen wollten. Das verstaerkte des Mannes Entschluss, unter allen Umstaenden Theonie nachzueilen. Er konnte sie noch erreichen, wenn er nicht saeumte; sicher wuerde sie sich bei Hoeppners einige Stunden, vielleicht sogar den Tag ueber aufhalten. Sehr unbequem war ihm freilich die Pastorin, sie guckte durch die Wand, sie nahm kein Blatt vor den Mund. Wie der Teufel vor dem Zeichen des Kreuzes zurueckwich, so fuehlte er seine Gewalt und Kraft gehemmt durch die grade Ehrlichkeit ihres Wesens. Kaum zehn Minuten spaeter war Tankred unterwegs, er jagte dahin, dass der Staub der Landstrasse hoch aufwirbelte, und der schnaubende und wild stuermende Fuchs die Aufmerksamkeit der die einsame Landstrasse belebenden Fussgaenger erregte.-- Inzwischen sass Theonie bei Hoeppners im Gartenzimmer und berichtete mit eben wieder zurueckgewonnener Fassung von allem, was geschehen war. Der Pastor richtete unter der silbernen Brille seine Augen mit dem Ausdruck groesster Teilnahme auf Theonie, aber sein sich auf- und abschiebender Mund und seine leisen Kopfbewegungen verrieten, dass er zugleich nach einer Entlastung fuer Tankred suchte, dass er die Hoffnung nicht ausgab, die Herzen zu versoehnen. Anders die Pastorin, die allem Gerechten eine warme Freundin, aber dem Schlechten eine eifrige und unerschrockene Gegnerin war. "Ich sollte nur Ihrem Vetter gegenueberstehen, ich wollte ihm schon die Seele muerbe machen, liebste Theonie. Sie thun auch ganz unrecht, Furcht zu empfinden. Menschen, wie Ihr Vetter, sind nur mutig, wenn sie keinen Widerstand treffen; sehen sie, dass man ihnen die Zaehne zeigt, ziehen sie wie die Hunde den Schwanz ein. Was soll Ihnen denn geschehen?--Er koennte Sie totschlagen, meinen Sie? Welcher Gedanke! Er will nur Vorteile aus Ihnen ziehen. Was gewinnt er, wenn er sich mit der Staatsgewalt in Konflikt bringt? Ihre Phantasie ist erregt; der alte Frege, dessen Misstrauen sich erhoeht, weil er schlecht hoert, hat Sie aengstlich gemacht. Ich wette darauf, dass Ihr Vetter von selbst wieder ankommt und um gut Wetter bittet." So sprach die Frau, freilich mehr, um Theonie zu beruhigen, als ganz ihrer Ueberzeugung folgend. Auch sie stand unter dem Eindruck, dass Tankred zu dem Schlimmsten faehig sei. Nachdem es ihr zu ihrer Freude gelungen war, Theonie etwas zu beruhigen, und nachdem auch noch der Pastor, seiner Veranlagung entsprechend, milde zum guten geredet, ja, den Vorschlag gemacht hatte, als Vermittler aufzutreten und Tankred zu bewegen, Falsterhof zu verlassen, wandten sie sich anderen naheliegenden Dingen zu, und die Pastorin rief: "So, liebste Frau Theonie! Nun muessen Sie doch auch unsere Lene sehen, unser Herzenskind. Ich sandte sie mit Christine fort, weil ich wollte, dass wir uns erst ungestoert ausspraechen. Gleich will ich mal umschauen, wo sie ist. Sie werden wohl von der Pastorenwiese zurueck sein." Nach diesen Worten machte sie eine Bewegung, um fortzueilen, unterbrach sich aber, da eben die Thuer sich oeffnete, und ein freundlich aussehendes, sauber gekleidetes Dienstmaedchen mit blossen Armen, in einem sogenannten Brabanterrock, mit einem kleinen, blonden Maedchen von fuenf Jahren an der Hand, in die Thuer trat. "Bist Du da, mein Lenchen, mein kleines, suesses Lenchen?" rief die Frau glueckselig und hob das Kind mit den verlegenen, unschuldigen Augen empor, herzte es und zeigte es triumphierend dem Besuch. Die folgende Stunde war dann allerlei Besichtigungen gewidmet. Frau Hoeppner besass viele Voegel, die sie Theonie zeigte; sie fuehrte sie auch in den trotz der Herbstzeit noch sorgfaeltig geharkten und sauber gehaltenen Garten. Den Huehnerhof mit den gackernden Kratzhennen und dem gespreizt einherschreitenden Hahn musste Theonie ebenfalls in Augenschein nehmen und eine neue Tapete im Kabinet neben dem Wohnzimmer bewundern. Als sie wieder ueber den Flur schritten, sah Theonie dass sich eben ein Bauer mit dem Pastor unterhielt. So menschenfreundlich schimmerte es in des Geistlichen Auge, so geduldig hoerte er auch noch zu, als der Mann am Schluss wiederum anhub, und mit so sanft ermunternden Worten entliess er ihn! Und ueberall, wohin das Auge schaute, war gleichsam Sonnenschein! Ordnung und Schoenheitssinn in der kleinsten Kammer, und das Gesinde, durch Beispiel geleitet, bescheiden und ruehrig, selbst der Hund anschmiegend und gehorsam. Im Gartenzimmer zeigte die Pastorin Theonie allerlei Handarbeiten, mit denen sie fuer Lenchen beschaeftigt war. Auch des Kindes erstes Schreibbuch legte sie ihr vor und sagte gluecklich, und ihr sonst jeder Ueberschaetzung abgewandtes Wesen ein wenig verleugnend: "Wirklich erstaunlich, was das kleine Geschoepf fuer eine sichere Hand hat, wie talentvoll sie ueberhaupt ist. Nicht wahr? Es ist doch sehr viel fuer ein Maedchen in den Jahren?" Und Theonie pflichtete laechelnd bei, obschon sie das unbehuelfliche Gekritzel noch nicht sehr kunstgerecht fand. Durch die Seele der jungen Frau zog ein unnennbar sehnsuechtiges Gefuehl. Ein solches Heim zu besitzen, ein Kind zu haben--gluecklich zu sein--ja--gluecklich zu sein! Sie verwuenschte fast das grosse Erbe, das, ihr kaum zugefallen, schon die Leidenschaft der sie umgebenden Menschen geweckt, ihr Angst, Unruhe und Qual verursacht und sie selbst verfuehrt hatte, gegen ihre bessere Ueberzeugung sich fortreissen zu lassen. Denn Theonie bereute die Form der Lossagung von ihrem Verwandten. Der Pastor hatte gesagt: "Wenn Sie, statt Ihrem Vetter zornige Worte zuzuschleudern, liebe gnaedige Frau, sanft erklaerend auf ihn eingesprochen haetten, wuerde er zur Einsicht gelangt sein. Sie haben ihn auch ein wenig gereizt!" Freilich hatte die Pastorin ihn unterbrochen und noch einmal ihre Ansicht dargelegt. "Nein, ich haette ebenso gehandelt wie Frau Theonie. Der saubere Herr musste fuehlen, dass ihm ein Wille gegenueberstand, denn nur so findet ein Mensch wie er die Grenzen wieder. Giebt man ihm nach, so wachsen seine Unverschaemtheit und sein Uebermut, und man hat das Spiel verloren! Theonie muss auf ihrem Standpunkt beharren. Jetzt keine Weichheit mehr, kein Nachgeben!" Aber trotz dieser ihre Handlungsweise verteidigenden Worte fuehlte Theonie doch, dass der Pas