The Project Gutenberg EBook of Celsissimus, by Arthur Achleitner This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at www.gutenberg.net Title: Celsissimus Author: Arthur Achleitner Release Date: November 4, 2004 [EBook #13953] Language: German Character set encoding: ASCII *** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK CELSISSIMUS *** Produced by PG Distributed Proofreaders Celsissimus. Salzburger Roman von Arthur Achleitner. Berlin. Alfred Schall, Koenigliche Hofbuchhandlung. Verein der Buecherfreunde. Vorwort. Zum Geleit seien nur wenige Worte vorausgeschickt. Der geneigte Leser wolle nicht an Bischoefe und Priester unserer Zeit denken, wenn er an Wolf Dietrich, den erhabenen Kirchenfuersten des 16. Jahrhunderts denkt und seine Schicksale liest. Die Verhaeltnisse der damaligen Zeit lagen ganz anders, wie denn auch fuer die Erwaehlung eines Kirchenfuersten nicht kirchlich frommes Leben, sondern adelige Geburt erforderlich war. Der Adel beanspruchte die hohen und eintraeglichen Wuerden der Kirche, er allein war stiftsfaehig und bestrebt, solche Stellen, weil das Leben versorgend, an sich zu bringen. In die Zeit Wolf Dietrichs, eines genial veranlagten Adeligen, fiel die Restaurationsbewegung, von diesem Fuersten erwartete man Ausrottung des Protestantismus, der immer wieder auflodernden Kelchbewegung, Berufung der Jesuiten nach Salzburg, Wiederherstellung des Coelibates, Anforderungen, die ueber eines selbst genialen Mannes Kraefte gehen mussten, zumal wenn die Erziehung, das Leben in roemischen Palaesten der Gedankenwelt eine ganz andere Richtung gegeben. Wolf Dietrich, der seine Fehler durch Sturz und lange Gefangenschaft suehnte, ist die interessanteste Erscheinung in Salzburgs Geschichte, die unvergessen in dankbarer Erinnerung fortleben wird, so lange die schoene Stadt Salzburg, welcher er das heutige Gepraege gegeben, bestehen wird. Muenchen, im Herbst 1900. Der Verfasser. 1. Die Fastnacht des Jahres 1588 sollte in Salzburgs Trinkstube mit einem glaenzenden Fest, Schmaus und Tanz der Buergergeschlechter gefeiert werden, dem beizuwohnen der junge Landesherr, Erzbischof Wolf Dietrich, in Gnaden der Buergerdeputation versprochen hatte. Demgemaess musste alles aufgeboten werden, das Fest so herrlich als in diesen Zeitlaeufen moeglich zu gestalten; der sonst behaebige Buergermeister Ludwig Alt hat diese hochwichtige Angelegenheit selbst in die Hand genommen und die Stadtraete, vornehmlich seinen Bruder Wilhelm Alt, den Handelsherrn, um kraeftige Unterstuetzung angegangen, wasmassen es gilt, dem prunkliebenden Fuersten ein seiner wuerdiges Fest darzubieten. Im Erzstift wusste man maenniglich, wie sehr sich Wolf Dietrich auf dergleichen versteht, sein Einritt im Herbst des vergangenen Jahres gab den Unterthanen hiervon einen Begriff, die unerhoerte Pracht, welche selbst der unbarmherzige Salzburger Regen nicht zu beeintraechtigen vermochte, blendete nicht bloss Bauern und Buerger, sie verblueffte auch den Adel. Einem solchen kunstverstaendigen, prunkliebenden Herrn ein Fest zu bieten, war daher keine leichte Aufgabe. Doch die Ratsherrn der Bischofstadt hatten hierzu den Willen, und die reichen Patrizier das noetige Geld; man will dem Landesfuersten zeigen, dass auch die Buerger der Residenz sich auf ueppige Feste verstehen. So eifrig ist denn seit vielen Jahren nicht Rats gepflogen worden, als in der Zeit von Neujahr bis zum Fastnachtsfeste; man teilte die Arbeit, jeder Ratsherr erhielt sein Teil zugemessen. Der hagere Handelsherr Wilhelm Alt, weitum bekannt durch seine kaufmaennischen Talente, noch mehr aber durch seine schoene Tochter Salome, die als das herrlichste Geschoepf Europas gepriesen ward, hatte die Fuersorge um das Mahl uebernommen und konnte seiner Aufgabe gerecht werden, da ihm die Beihilfe seiner im Hauswesen tuechtigen grundgescheiten Tochter in jeder Weise wurde. Fuer Beschaffung erlesener Weine sorgte Rat Thalhammer, eine Weinzunge fuernehmer Art, geschult durch viele Reisen in Italien und Griechenland; "Vater Puchner", der Zaepfler, hatte es uebernommen, etwaigen Wuenschen nach einem Trunk guten Salzburger Bieres gerecht zu werden. Martin Hoss musste die Musikanten besorgen und die Anleit zum Balle geben. Andere Ratsmitglieder ordneten die Ausschmueckung der Raeumlichkeiten der Trinkstube, die auch als Gasthof zur Fremdenbeherbergung diente und grosses Ansehen genoss, und schliesslich ward fuer diesen Festabend eine besondere Kleiderordnung ausgegeben, nach welcher sich die maennliche Buergerschaft zu richten hat, dieweilen das fuer die Weiberwelt nicht noetig ist, denn diese weiss sich schon selber aufs schoenste herauszuputzen. Zu Fuss und vielfach nach welscher Art in Saenften waren die Honoratioren der Bischofstadt im Trinkhause erschienen, buntgeschmueckt und erwartungsvoll. In einem Seitensaale neben der Tanzhalle versammelten sich Salzburgs Frauen und Maedchen, in einer Gruppe standen eifrig parlierend die Junker und jungen Buergersoehne, die Ratsherren hielten den vorderen Teil des Hauptsaales besetzt, empfangsbereit und voll Erwartung bange murmelnd. Ein Teil der Buergerschaft hingegen hatte rasch entdeckt, dass ein Schenktisch in einem Gemache hinter dem Festsaal steht, wohlbesetzt mit Zinnkruegen, Silberkoepfen, Kannen, Pokalen und Humpen, ja auch viel Majolikageschirr aus Welschland war vorhanden, und recht derb kontrastierten dagegen die hoelzernen Bierbitschen. Dass alle diese schoenen Gefaesse teils mit Wein, teils mit Gerstensaft gefuellt seien, hatten junge Leute bald los. Zwar lautet das Gebot, dass vor Tafelbeginn der Schenktisch nicht gepluendert werden duerfe, doch von den gewaltigen Ratsherren war heut keiner um die Wege, die Aufwaerter fragte man nicht, und so schluckte so mancher aus den Gefaessen, ohne lang zu fragen, ob es erlaubt und wessen der Inhalt sei. "Was man hat, besitzt man!" groehlte ein junger Negotiator, und sein Beispiel wirkte aneifernd genug. Im Hauptsaale, so schoen und grossartig, dass darin ein roemischer Kaiser logieren koennte, war die Tafel, bedeckt mit schwerem Damast und goldenen wie silbernen Kannen, Bechern und Schuesseln, ausgestellt, wundersam zu beschauen auch ob der Schaugerichte, so da waren ein Pfau mit aufgeschlagenem Rade, der unvermeidliche Schweinskopf in reicher Garnierung, gewaltige Huchen und rotbetupfte Ferchen, auch Fasanen mit senkrecht aufragendem Stoss, und etliche Gebirge aus Zucker, darunter der Untersberg, aus dessen Quellen Weisswein als Bergbruennlein herniederrieselten. Lustige Weisen der Zinkenblaeser und Posaunisten, dazu Trommelwirbel und Schellengeklingel toenten von der Galerie herab, den buntgeschmueckten Festgaesten die Wartezeit bis zum Beginn zu verkuerzen, doch hoerte man nicht viel auf die lockende, bald leise schwirrende, bald wieder grell laermende Musik. Die Weiber hatten Besseres, Wichtigeres zu thun im Mustern der Kleider von Freundinnen, im schauen und kritisieren, und der Anblick, den Salome Alt, des Kaufherrn bildschoene Tochter bot, versetzte die anwesende Frauenwelt in eine Erregung, die sich in Rufen des Erstaunens, im Gemurmel und Tuscheln grimmigsten Neides aeusserte. Salome, ein Maedchen mittlerer Groesse von kaum zwanzig Lenzen, war soeben in den fuer die Frauen reservierten Raum getreten; laechelnd begruesste sie die Damen, nickte den Maedchen zu und schritt langsam zur Buergermeisterin, die sich ob der Pracht solcher Kleidung nicht zu fassen wusste, wiewohl sie wahrlich weiss, dass Salome ueber Prachtgewaender dank der Freigebigkeit des Vaters zu verfuegen hat. Ein bezaubernder Liebreiz ist ueber das runde Madonnenantlitz des Maedchens ausgegossen, der schlanke Wuchs weist das herrlichste Ebenmass auf mit einer Fuelle reizendster Formen, die ein Maennerauge in hellstes Entzuecken versetzen muss. Blendend weiss die reine Stirne, von blonden Loeckchen umrahmt, die Zaehnchen schimmernd gleich Perlen, das goldige Haar aufleuchtend im Licht der vielen Kerzen, Kinderaugen lieb und rein, rundes Kinn, ein Wesen so sanft, unschuldsvoll und lockend, und dennoch bescheidener Art, die es vermeidet, das eigene schoene Ich irgendwie in den Vordergrund zu draengen. Ein leises Rot liegt wie angehaucht auf Salomes zarten Wangen, ein Laecheln inneren Triumphes auf den leicht geoeffneten Lippen. Fuerstlich muss die Erscheinung des Maedchens genannt werden im weiten blauen, mit Noerzpelz gefuetterten Atlasrock, besetzt mit goldenen und silbernen Schnueren, um den Hals eine vierfache Perlenkette, am Halsausschnitt die steife Spitzenkrause, die Aermel verbraemt mit golddurchwirktem Tuch. "Gott zum Gruss, liebwerte Muhme!" lispelte Salome und erwies der Buergermeisterin gebuehrende Reverenz. Frau Alt brachte den Mund nicht zu vor Ueberraschung und musste erst verschnaufen, bis sie zu stammeln vermochte: "Salome! Wie eine Fuerstin siehst du aus! Gott straf' mich peinlich, so dein Rock nicht die fuenfhundert Lot Perlen hat und in die tausend Thaler kostet!" "Gefaellt Euch das Kleid nicht? Das thaet' mich schmerzen, der gute Vater ist zufrieden, und das macht mich immer gluecklich!" "Schon, gewiss auch! Aber Perlen, so viel Perlen fuer eine junge Maid! Das ist zu viel des Guten, Kind! Und Perlen bringen dereinst Zaehren, das hat mein Ahnl schon gesagt!" "Des will ich warten, Muhme!" lachte silberhell die schoene Salome, "ich habe Zeit und fuerchte mich nicht davor. Doch wenn Ihr verlaubet, will die anderen Frauen ich begruessen!" Indes Salome einer Fuerstin gleich und doch buergerlich bescheiden den Frauen zuschritt, ward es immer lauter am Schenktisch drueben, wo der hastig geschluckte starke Suedwein die Geister bereits zu entfesseln begann, und sowohl Stadtrat Thalhammer wie der ob seines Festbieres besorgte Vater Puchner herbeigeeilt waren, um weiteren Beraubungen der Getraenkevorraete vorzubeugen. Ihr Veto und der Hinweis, dass die koestlichen Weine fuer das fuerstliche Gefolge, nicht aber fuer Schmarotzer bestimmt seien, rief lebhaften Protest der naschhaften Buergersoehne hervor, und besonders der noch ziemlich jugendliche Ratssohn Lechner opponierte lauter als schicklich war, gegen sothane Bemutterung. "Festgaeste sind wir alle und in der Trinkstube zum trinken da, es bleibt sich gleich, ob wir unser Deputat vor oder erst nach dem Mahle trinken. Und auf diesen Wein wird der Fuerst wohl nicht reflektieren, der hat besseren Tropfen im Keller des Keutschachhofes, besseren, sag' ich, als dieser Raifel, und der Hoepfwein gar, der hat einen Stich!" Nun war es zu Ende mit der Ruhe Thalhammers, den eine Verschimpfung von Weinen, die seine Zunge als fuertrefflich erkieset, beleidigte. "Die Pest hat er, so diese Weine stichig sind! Sauf' er Wasser vom Gerhardsberg, das giebt Ihm den Verstand wieder, so einer ueberhaupt vorhanden war! Und die Rumorknechte schick' ich ihm auf den Hals!" "Die lasst nur huebsch zu Hause! Wir sind in unserer Trinkstube, die ist staedtisch und gehoert uns Buergern! Wollt Ihr beten, geht in den Dom, ist Platz genug darin, fuer Euch und den Erzbischof!" "Wollt Ihr gleich stille sein!" mischte sich Vater Puchner dazwischen, dem nicht ganz wohl ward bei so respektwidriger Erwaehnung des noch dazu eben erwarteten Landesfuersten. "Wollet Ihr groehlen, wartet bessere Gelegenheit ab! Kein Wort aber mehr ueber den erleuchteten erlauchten Herrn!" Dem Lechner sass der Weinteufel aber schon im Gehirn und er polterte unbekuemmert los: "Erleuchtet, hehe! Der neue Herr mit dem seltsam Wappen! Wisst Ihr, Bierwanst, was der Woelfen Dieter im Schilde fuehrt? Ich will es Euch sagen: eine schwarze Kugel im weissen Felde! Das ist die Finsternis! Wir werden es noch erleben, ein Wetter wird gehen ueber das Erzstift! Bringt Euren Schmeerbauch zu rechten Zeiten weg, der Erlauchte koennte Euch darauftreten, dass Ihr zwillt!" Bestuerzt rief Rat Thalhammer: "Haltet ein, Ihr schwaetzt Euch um den Kopf! Der neue Herr vergeht keinen Spass von solcher Seite und laesst uns entgelten, was der Weindunst aus Euch spricht!" Grimmig pfauchte Lechner: "So lasst Euch auf den Koepfen tanzen, dass es staubt, Ihr Memmen! Ich fuercht' ihn nicht, den Woelfen Dieter samt seinen Degen! Haha! Ein Kirchenfuerst, der spanisch herumstolziert gleich einem geckenhaften Junker!" Laermender Tusch unterbrach diese Scene; auf ein Zeichen des Buergermeisters hatten die Musikanten eingeht, den ins Haus getretenen Landesherrn anzublasen. Die mit Tannengruen und den Farben Salzburgs geschmueckte Treppe herauf stieg Wolf Dietrich, gefolgt von den Wuerdentraegern seines Hofes. Der Gestalt nach war der Erzbischof und Landesfuerst schmaechtig, fast klein zu nennen, unschoen die Zuege seines Gesichtes mit kleinen, doch lebhaften Augen, deren Blick es jedoch verstand, sich Respekt zu verschaffen und den keiner auf die Dauer aushielt. Eine Unruhe lagerte ueber diesem Antlitz, ein Gedankenreichtum, etwas undefinierbar Gewaltiges, jeden Augenblick bereit, ueberraschend loszubrechen. Kaum dreissigjaehrig ging von diesem Manne ein Wille aus, der an die Vollkraft des reifen Mannes, an eine unbeugsame Willensstaerke gemahnte, die Gestalt Wolf Dietrichs atmete Hochmut, trotz der kleinen Erscheinung, und gemahnte keineswegs an einen duldsamen Kirchenfuersten. Aristokrat von der Sohle bis zum Scheitel vereinigte Wolf Dietrich die Eigenschaften schwaebischen und lombardischen Blutes in sich; ein frischer, junger Mann "geschwinden Sinnes und Verstandes und auch hohen Geistes", der infolge seiner Studien im collegium Germanicum zu Rom, seiner Erziehung im Palazzo seines Oheims Marx Dietrich von Hohenems, als Grossneffe des regierenden Papstes, an Bildung den Landadel turmhoch ueberragte und sechs Sprachen beherrschte. Wolf Dietrich trug spanische Tracht, den Federhut, wie ihn Rudolf II. liebte, das Rappier stets an der Seite, wenn er nicht des Chorrocks und Baretts benoetigte, und einen kostbaren schwarzen Mantel um die Schultern geschlagen. In dieser Kleidung war der schwaebische Landjunker von Raittenau am Bodensee sicher nicht zu erkennen, und der mit 29 Jahren zum Fuerst-Erzbischof vom Stifte Salzburg erwaehlte Herr von Raittenau liebte es auch nicht, an seine schwaebische Abkunft erinnert zu werden, wiewohl die Kriegsthaten des Vaters Hans Werner ruhmreich genug gewesen. Seine Mutter Helena war eine Nichte Pius' IV. aus dem Geschlechte der Hohenems, ihr medizaeisches Blut wallte in Wolf Dietrich heiss und stuermisch auf zu Rom wie--verspuerbar allenthalben zu Salzburg. Mit dem ihm eigenen stechenden Blicke musterte Wolf Dietrich die Dekoration im Treppenhause und stieg langsam empor, haltmachend vor dem in tiefster Verbeugung gehenden Buergermeister Alt, der ehrerbietigst Seine Hochfuerstliche Gnaden begruesste, ohne den gekruemmten Ruecken zu heben, und den Willkomm gleichzeitig mit dem Dank fuer das huldvolle Erscheinen des gnaedigen Fuersten stammelte. Ein hochmuetiger Blick flog ueber des Buergermeisters Ruecken hinweg zu den Saalthueren, durch welche heller Kerzenschimmer herausflutete, es schien, als suchten Wolf Dietrichs Augen eine bestimmte Peinlichkeit. "So moegen denn Ew. Hochfuerstliche Gnaden geruhen, den Schritt zu setzen in das vor Freude erzitternde Haus bemeldter Stadt, die das Glueck hat...." "Will nicht hoffen! Liebe 'zitternde' Haeuser nicht! Soll ich aber den Fuss in den Saal setzen, mag Er Raum dazu geben!" sprach ironisch laechelnd der junge Fuerst, worauf sich der Buergermeister erschrocken mit seinem gutgenaehrten Baeuchlein an die Stiegenmauer drueckte. Wolf Dietrich schritt an ihm vorueber, und Alt wollte eben dem Fuersten folgen, da drueckte ihn die energische Hand des Kammerherrn hinweg, das fuerstliche Gefolge blieb dem Gebieter auf den Fersen. Bis auch noch die Edelknaben die Stiege vollends erklommen hatten, war Wolf Dietrich laengst im Hauptsaal angelangt, und der Buergermeister stand verdutzt an der Stiegenmauer. Die Stadtraete beugten sich wie ein Aehrenfeld im Winde vor dem Gebieter, dessen Feueraugen indes nach dem Frauengemach schielten, und mit ebenso ueberraschender wie gewinnender Liebenswuerdigkeit sprach Wolf Dietrich: "Meinen Dank allen fuer den freundlichen Empfang! Doch ich bitte, zuerst die Damen! Nicht will ich die Ursache sein einer Verzoegerung, und Frauen soll man niemals warten lassen!" Auf einen Wink des Fuersten schritt der Kaemmerling an die offene Thuer des Frauenwartegemaches und sprach: "Seine Hochfuerstliche Gnaden lassen die Damen bitten, in den grossen Saal zu treten!" Scheu und doch neugierig, geschmeichelt und doch aengstlich zugleich wollte von den Frauen keine vortreten, und fuer die jungen Maedchen schickte sich ein Vortritt ueberhaupt nicht. "Nicht um die Welt und Gastein dazu geh' ich voraus!" wisperte die verdatterte Buergermeisterin in einer schier unueberwindbaren Scheu vor dem Auge Wolf Dietrichs. Um aber an der Ehre des Vortrittes doch einigermassen Anteil zu haben, auf dass sothane Ehre in der Verwandtschaft bleibe, gab Frau Alt der Nichte Salome einen ebenso freundlichen wie verstaendlichen Stoss mit der knoecherigen Faust und tuschelte dazu: "Geh du voraus, dein Kleid vertraegt es!" "Wenn Ihr glaubt, Muhme, ich fuerchte mich nicht und wuesste auch keinen Grund zu Angst und Sorge!" erwiderte leise die schoene Salome, und schritt durch die offene Thuer in den Hauptsaal; hinterdrein zappelten nun die Frauen und Toechter und guckten sich die Augen und Haelse wund nach dem jungen Fuersten in der spanischen Tracht. Noch ehe Salome die Lippen geoeffnet, um den Dank von Salzburgs Damen fuer das gnaedige Erscheinen des Landesherrn darzubringen, war Wolf Dietrich in seiner impulsiven Art dem schoenen Fraeulein entgegengegangen, und lebhaft rief der Fuerst: "Ah, welches Glueck lacht mir entgegen, des Festes Koenigin erscheint, und sie wolle auch meine Huldigung entgegennehmen!" Mit eleganter Wendung griff Wolf Dietrich nach dem zierlichen Haendchen Salomes und drueckte galant die Lippen darauf. "Hochfuerstliche Gnaden!" stammelte ueberrascht die schoene Salome und wollte die Hand zurueckziehen. "Nicht doch, bellissima! Gewaehrt die Gnade, dass des Stiftes Salzburg Herr der Schoenheit huldigt! Euren Arm, Donna, und nun wollen wir geruhen, das Fest zu eroeffnen!" Salome hatte sich gefasst, die chevalereske Huldigung schmeichelte ihrem Sinn wie die offenkundige Auszeichnung; Salome wusste, dass sie strahlend schoen, begehrenswert wie keine zweite Dame unter Salzburgs Maedchen ist, und in diesem Triumph legte das Fraeulein, holdselig laechelnd, den vollen runden Arm in jenen des jungen Fuersten. Das Paar schritt nun durch den Saal, die Musikanten spielten eine flotte Weise dazu, die ueberraschten Patrizier und deren Frauen, Soehne und Toechter thaten das kluegste, indem sie sich paarweise anschlossen und in der Ronde hinterdrein schritten. Gelegenheit zum schwaetzen war dabei reichlich genug vorhanden, die Muendchen der Damen schnurrten wie Spinnraedchen. Neues genug bringt der neue Herr in alle Kreise. Ohne vorherigen Cercle ein Fest zu eroeffnen, sich ein Fraeulein herauszufischen, und das zur Festeskoenigin erkueren und auszurufen, welch neues, ungewoehnliches Vorgehen! Wenn der Fuerst da doch wenigstens die eigene Tochter herausgefischt haette! Aber so schlankweg die Salome Alt, die ohnehin sich geriert, als stamme sie aus fuerstlichem Gebluet! Es muss ihr ja der Neid lassen, dass sie schoen ist, huebscher als alle andere, aber weil das unbestreitbare Thatsache ist, waere es besser, wenn sich die Alt-Tochter mehr im Hintergrund verhielte! Und dieser fabelhafte Luxus in der Kleidung! Eine Prinzessin hat kaum so viel Perlen zu tragen! Salomes Vater, Herr Wilhelm Alt, war mit sich selber nicht recht einig, als er mit der Schwaegerin, der Muhme Salomes, dahinschritt. Die seiner Tochter widerfahrene Auszeichnung schmeichelte zum Teil ja gewiss auch dem Vater, besonders da Wolf Dietrichs Art sonst hochmuetig ist und der junge Gebieter viel auf hoefische Formen haelt. Aber eben die so ploetzliche Durchbrechung der Etikette will dem stolzen Kaufherrn nicht gefallen, sie verletzt durch ihre Ausserordentlichkeit. Einem Stachel gleich wirkt auch die von Wilhelm Alt wohl beobachtete Scene, wie der Bruder-Buergermeister von den Herren des fuerstlichen Gefolges an die Stiegenwand gedrueckt wurde; die Hofschranzen nehmen sich in ihrem Uebermut zu viel heraus, der Buergerstolz ist verletzt und stolz waren die Salzburger Patrizier von jeher. Was aber thun in diesem ungewoehnlichen Falle? Es ist nicht opportun, als Vater hinzutreten und dem Fuersten die Tochter aus dem Arm zu reissen. Die Muhme-Schwaegerin trippelte an Wilhelm Alts Seite, schwelgend in Glueckseligkeit. Von dem ihrem Gatten widerfahrenen Affront hat sie keine Ahnung, sie hat nur die beglueckende Auszeichnung ihrer Nichte durch den stolzen Landesherrn wahrgenommen, mit eigenen Augen gesehen, wie der Gebieter die Hand Salomes gekuesst, als waere die Nichte eine wahrhaftige Prinzessin. Welches Glueck, welche Auszeichnung fuer Salome, fuer die ganze Familie Alt! Die Muhme sieht die Zukunft in rosigem Lichte. Wer weiss, welche Auszeichnungen ein Verkehr mit dem fuerstlichen Hofe, mit dem Erzbischof noch bringen kann! Hat doch Wolf Dietrich die besten Beziehungen zum Vatikan! Verwandt mit Seiner Heiligkeit! Ihn kann es nur ein Wort kosten, und die Muhme erhaelt den paepstlichen Segen separat, nur fuer sich! Die Buergermeisterin erschrak in Gedanken vor der Kuehnheit ihrer Hoffnungen, sie erinnerte sich, dass der Gemahl nichts weniger denn solche roemische Aspirationen hegt und seine Behaglichkeit hoeher schaetzt als Fuerstengunst. Wenn es sich aber heimlich bewerkstelligen liesse, alles und just das brauchte der Buergermeister ja nicht zu wissen,--der Muhme schwindelte vor diesem Gedanken und unwillkuerlich stuetzte sie sich fester auf den Arm des Schwagers. Wer sich am Rundgang nicht beteiligt hatte, die juengeren Buerger, Junker, auch die Pluenderer des Schenktisches, hatten sich an der Saalwand aufgestellt und bildeten eine Gruppe in der Ecke, zu welcher sich der gruendlich vergraemte Buergermeister Alt gesellte, dessen Blicke nicht viel Gutes zu kuenden schienen. Manches bissige Wort ueber den Fuersten und sein Charmieren mit Salome fiel in dieser Gruppe, und der Buergermeister wehrte dessen nicht. In ihm kochte es, die Behandlung auf der Treppe hat sein Blut erhitzt. Nicht minder aergert es Alt, dass sein Eheweib an des Bruders Seite ersichtlich verklaert, schwimmend in Glueckseligkeit, hinterdrein trippelt und durch dieses alberne Nachlaufen das fuerstliche Karessieren gewissermassen sanktioniert. Buergermeister Alt knurrte: "Dumme Gans! Und Wilhelm koennte auch etwas Besseres thun, als mit der alten Schachtel hinterdrein zu laufen!" Einer der Jungen, die vom Suedwein zu viel erwischten, kraehte mit heiserer Stimme: "Guckt ihn an, den Erzbischof, der taenzelt wie ein spanischer Junker!" Und ein anderer, dessen Augen bereits glaesern geworden, brachte schluckend heraus: "Fein--wird--'s im E--e--er--z--st--st--stift!" Inzwischen war Wolf Dietrich mit Salome an diese Gruppe herangekommen; der Fuerst winkte der Musik, die mit einer Dissonanz jaeh abbrach, und sprach, seine Dame im Arm behaltend, den Buergermeister mit vollendeter Liebenswuerdigkeit und Herablassung wohlwollend an: "Lieber Alt! Niente di male! Ihr verzeiht mir wohl, dass ich im Banne der Schoenheit auf Eure Meldung und Unordnung nicht gewartet, das Fest mit der Koenigin in persona eroeffnet habe. Salzburgs schoenste Maedchenblume rechtfertigt mein Verhalten und erklaert die Begeisterung meiner Gefuehle! Gluecklich ein Land, in dessen Gefilden solche Blumen bluehen, glueckliches Salzburg, dessen Herr zu sein mich mit freudigem Stolz erfuellt! Nun, mein lieber Buergermeister, ist es nach Eurer Absicht, so lasst uns das Mahl beginnen, doch wuensche ich, dass zu Tisch mir des Festes Koenigin zur Partnerin verbleibe!" Der Buergermeister hatte seinen Ohren nicht getraut, diese huldvolle Ansprache warf alle Rachegedanken ueber den Haufen, sie musste einen Drachen in ein sanftes Lamm verwandeln; zum mindesten, das fuehlte der Stadtvater deutlich genug, gehoert auf solche Huld eine hoefliche Dankesantwort, die aber im Handumdrehen nicht gedrechselt werden kann, denn Herr Ludwig Alt ist kein Geschwindredner und seine Gedanken verlangen eine ueberlegte gemaechliche Aneinanderreihung. "Hochfuerstliche Gnaden haben geruht!" Das war der erste Anlauf, und nun muss einen Augenblick nachgedacht werden, was hinzugefuegt werden koennte. Doch der lebhafte Fuerst sprach dazwischen: "Ihr seid also nimmer ungehalten, solche Versoehnlichkeit ehrt Euch und laesst den milden Sinn des treubesorgten Stadtvaters erkennen! Ich irre nicht, wenn ich Eure Zustimmung voraussetze. Zu Tische denn, und Euch, Buergermeister, lade ich ein, zu meiner Linken den Platz zu nehmen. Zu meiner Rechten behalte ich die Verkoerperung der Schoenheit, des Festes Koenigin!" Eine Fanfare schmetterte in den Saal, in ihr ging der Dank des Buergermeisters unter. "Eure Gemahlin nehmen wir mit!" rief Wolf Dietrich dem Stadtvater zu, dem darob die Ohren sausten. Die Herablassung des Landesherrn wirkte zuendend, die glaenzende Versammlung akklamierte frohgestimmt dem leutseligen jungen Fuersten, ein Tusch der Musikanten verstaerkte die brausenden Hochrufe, und in lebhafter Beweglichkeit ward zur Tafel geschritten. Eilig hatte es die Buergermeisterin, welche die Worte des Gebieters gluecklich erhascht hatte, an die Seite des Gatten zu gelangen, wozu die Ueberglueckliche ihre Arme wohl zu gebrauchen und sich im Menschengewirr Bahn zu schaffen verstand. Die Herren, welche Frau Alt so unsanft zur Seite draengte, lachten auf ob der Beteuerung, dass der Fuerst Verlangen trage nach der Stadtmutter, und liessen die in ihrer Glueckseligkeit drollige Frau bereitwillig durch. So gelangte Frau Alt zu ihrem Gatten, der sie nun wohl oder uebel zu Tisch geleiten musste. "Der Schoenheit Majestaet wolle mich begluecken!" fluesterte Wolf Dietrich, als er mit Salome sich dem Ehrenplatz an der Prunktafel naeherte. "Hochfuerstliche Gnaden ueberschuetten mich mit Huld und Gunst in unverdientem Masse!" erwiderte laechelnd Salome und senkte bescheiden die Lider. "Nicht doch! Wessen Blick geschult ist durch das Leben im ewigen Rom, vermag wahre Schoenheit zu erkennen, doch versagt die Sprache, sie gebuehrend zu preisen. Ich huldige der schoensten Koenigin, so die Erde traegt, und bitte, diese aufrichtige Huldigung in Gnaden aufzunehmen!" Ein leiser Druck des Armes auf jenen Salomes, dann gab Wolf Dietrich seine Dame frei, winkte einem Edelknaben und beorderte diesen zur Bedienung der Dame. Man setzte sich zur Tafel, und wie angeordnet, kam immer zwischen zwei Herren eine Dame zu sitzen, Frau Alt, deren Wangen vor Aufregung die Farbe der Klatschrose angenommen, hatte gehofft, zur Linken des Fuersten placiert zu werden, aber das litt nun der Gemahl doch nicht, hier wurde die Ausnahme gemacht. Dafuer sass nun die Stadtmutter zwischen den Bruedern Alt, also immer noch in auszeichnendster Naehe des Landesherrn und Ehrengastes. Noch ehe das Mahl begann, hatte sich Wolf Dietrich an seine Tischgenossin gewendet: "Irre ich nicht, so war das Geschick mir schon einmal guenstig, und ein guter Stern hat Euch vor kurzer Zeit in meinen Palazzo gefuehrt?" Salome erhob das strahlend schoene Auge zum Gebieter, dann nickte sie und lispelte: "Nicht ein Stern ist's gewesen, des Vaters Auftrag fuehrte mich in den Palast. In Geldangelegenheiten geht mein Vater sicher und deshalb muss zum Einhub die Tochter kommen." "So waret Ihr es doch, die ich fluechtig nur bei meinem Kastner sah!" Salome nickte. "Und Euer Vater, gluecklich zu preisen ob solcher Tochter, die allen Liebreiz in sich verkoerpert, ist er hier in unserem Kreise?" Leise erwiderte Salome, dass der Vater zur Linken neben der Muhme Platz genommen habe. "Und die Mutter?" "Die Teure ist seit langem uns entrissen!" "Wie schmerzlich muss es gewesen sein, von solchem Kind zu scheiden! Doch wollen wir in der Gegenwart bleiben!" Wolf Dietrich lehnte sich in seinen Stuhl, dessen Lehne mit dem Raittenauer Wappen und den bischoeflichen Farben geschmueckt war, zurueck, um den Blick auf Wilhelm Alt frei zu bekommen. Ein kurzer, musternder, pruefender, stechender Blick, der dem Antlitz des Fuersten einen harten Ausdruck gab, dann kehrte wohlwollende Leutseligkeit in das Antlitz zurueck, und freundlich, mit gewinnender Guete und Herablassung rief Wolf Dietrich dem Handelsherrn zu: "Wilhelm Alt, meinen Gruss! Verzeiht, dass so verspaetet ich an Euch mich wende, Euch gluecklich preise ob der schoenen Tochter und den Dank Euch sage dafuer, dass es mir vergoennt, die Koenigin des Festes zur Partnerin zu haben!" Wilhelm Alt hatte sich schon bei den ersten Worten erhoben und dem Fuersten tiefe Reverenz durch eine Verbeugung erwiesen. Dann aber blieb der Handelsherr aufrecht vor dem Landesherrn stehen, stattlich anzusehen als ein seiner Bedeutung wohlbewusster, reicher Patrizier. Ein von Liebe und vaeterlichem Stolz sprechender Blick flog zu Salome hinueber, ein zweiter galt dem Fuersten, und dieser Blick schien pruefend, misstrauisch zu sein, gleichsam, als traue der Vater nicht dem jungen Herrn, der so wenig Hehl aus seiner Bewunderung und Huldigung fuer die Tochter mache. Der Dank fuer die Ansprache fiel etwas kuehl aus, vollendet hoeflich und ehrerbietig, aber fuehlbar frostig. Sofort zeigte des Fuersten Antlitz den Zug unbeugsamer Haerte, den Ausdruck von Hochmut, der Blick ward stechend und hoehnisch; doch weltgewandt meisterte Wolf Dietrich sofort seine Empfindungen und den Gesichtsausdruck, die Falte auf der geistkundenden Stirn glaettete sich, laechelnd gruesste der junge Kirchenfuerst unter den Worten: "Wir danken Euch, Wilhelm Alt und wollen Euch den nun beginnenden Tafelfreuden nicht laenger entziehen!" Nach abermaliger tiefer Verbeugung nahm der Kaufherr seinen Platz wieder ein, sofort von der Schwaegerin interpelliert, was denn alles der gnaedige Herr gesprochen. "Ich hoer' auf einem Ohr nicht gut, das schlechte Wetter ist daran schuld!" fuegte die neugierige Buergermeisterin hinzu. Wilhelm Alt war boshaft genug, um der Schwaegerin zuzuwispern: "Einen Hopser will er spaeter mit Euch machen!" Frau Alt schien das Gefluester doch vollkommen verstanden zu haben, denn ganz etikettwidrig platzte sie heraus: "Nicht moeglich?" Das klang so drollig, dass auch Salome ein Kichern nicht unterdruecken konnte. Wolf Dietrich hatte sich an den Buergermeister gewendet, als der Gang: "Ein gelb Essen ist lind zu essen"[1] serviert worden war, und sprach zum ehrerbietig aufhorchenden Stadtgewaltigen: "Nun wir die linde Speise hinter uns haben, wollen wir auch linder Stimmung sein und vernehmen, was die Herzen meiner Salzburger beweget." Das klang wie Musik in den Ohren Ludwig Alts, der es gleich dem Stadtrat bitter genug empfunden hatte, dass der Landesherr kaum nach seinem Regierungsantritt von den Errungenschaften frueherer Erzbischoefe schleunigst Gebrauch machte und eine Revision in den Personen des Stadtrates in Bezug auf ihre Gesinnung vornahm, die eine fuehlbare Veraenderung dieser Instanz hervorrufen musste. Ludwig Alt traute aber der "linden" Stimmung des jungen Gebieters nicht voellig, immerhin wollte er den Versuch machen, sie zu Gunsten der Stadt, namentlich zur Wiedererlangung der abgenommenen Kriminalgerichtsbarkeit auszunutzen. Vorsichtig brachte Alt hervor: "Wenn wir in schuldiger Ehrfurcht eines vom gnaedigen Herrn erbitten duerften, so waere es, dass das Stadthaupt und der Rat gewissermassen doch auch noch etwas zu sagen haetten!" Wolf warf den geistvollen Kopf auf, sein scharfer, geschwinder Sinn hatte im Nu erfasst, wohinaus der Buergermeister zielte, doch wollte er die Erkenntnis nicht verraten und fragte daher: "Wie meint Er das?" "Wenn Hochfuerstliche Gnaden es huldvoll verstatten wollen: Wir haben nur noch die Exekutive, seit Ew. Gnaden neue Hofratsordnung in Kraft getreten ist und auch diese Gerichtsbarkeit dieser erzbischoeflichen Behoerde uebertragen wurde, und--" In diesem gewichtigen, ja gefaehrlichen Augenblick trat Wilhelm Alt, der in hoechster Spannung dem bedeutungsvollen Gespraech zugehoert, dem Bruder warnend auf den Fuss. "Und?" fragte Wolf Dietrich mit lauernder Miene. Der Buergermeister konnte die bruederliche Warnung nicht recht deuten und im Banne der fuerstlichen Frage rutschte ihm heraus: "Und diese Exekutive erniedrigt uns zum bedeutungslosen Polizeibuettel, der sonst nichts ist und nichts zu sagen hat!" Wolf Dietrichs Wangen faerbten sich rot, Wilhelm Alt, der Weitblickende, erblasste. Ahnunglos plauderten und assen die Festgaeste, nur in der naechsten Umgebung des Fuersten herrschte beklemmende Ruhe. Wieder meisterte der Landesherr sein heisses Blut, kuehl, fast hoehnisch sprach er: "Deut' ich das vernommene Wort recht, und es ist nicht schwer zu deuten, so spukt in euren Koepfen der Geist der Rebellion!" Beide Alts zuckten zusammen. Da griff Salome helfend ein: "Verstattet gnaedigster Herr und Gebieter ein vermittelnd Wort!" Ueberrascht rief Wolf Dietrich: "wie? Majestaet Schoenheit will sich ins Gebiet der Politik begeben?" "Verzeihung, gnaedigster Landesvater! Ich fuehle wohl den herben Tadel in den Worten Ew. Hochfuerstlichen Gnaden und gestehe willig dessen Berechtigung zu. Ein Weib, ein Maedchen nun gar soll schweigen, so im Kreise bedeutender Maenner das Wohl des Landes beraten und erwogen wird. Ein Weib--" "Ein fuerstlich Weib!" murmelte Wolf Dietrich und ein bewundernder Blick schien die schoene Gestalt Salomes umfassen zu wollen. Klug nuetzte Salome den Augenblick wie die Schmeichelei: "Ein Weib versteht nichts von den wichtig politischen Dingen, doch kann weibliches Empfinden oft besser erfassen, den Kern einer Sache erkennen, als ein kluger Manneskopf, wasmassen das Weib meist nicht von Nebendingen beeinflusst ist." "Ei ei, der Diplomat im weiten Rock!" lachte der Fuerst amuesiert. Tapfer behauptete Salome: "Ew. Hochfuerstliche Gnaden werden mir zugeben, dass ich in der eben vernommenen Sache ganz unzweifelhaft nicht beeinflusst bin, denn mit Kriminal- und peinlichen Prozessen habe ich in meiner Lebtage nichts zu schaffen gehabt und hoffe, davon verschont zu bleiben, bis des Alters Schnee auf meinem Haupte lastet und darueber hinaus." "O, carissima mia! Wie kann das lieblichste Geschoepf der Erde die Schrecken des Alters heraufbeschwoeren, stoeren den harmonisch schoenen Eindruck, der mein Herz entzueckt! Schnee auf Eurem goldigen Haupte, holde Goettin meiner Seele! Bannt mir solches Denken! Hinweg damit! Ich kann dieses Wortbild nicht fassen, ich hasse es!" "Und dennoch wird jene Zeit auch ueber mich kommen! Doch Euer Wunsch, gnaedigster Herr, ist mir Befehl, heut und so lang ich lebe--" "Hoert ihr es!" wandte sich Wolf Dietrich zu den beiden Alten, "so spricht eine Unterthanin Salzburgs, weise und ergeben in den fuerstlichen Willen, und waeren der Unterthanen alle wie Schoensalome, es waere eine Freud' und Lust, Herr zu sein!--Doch sprecht aus, was Eure Brust bewegen mag!" "Mein Ohm," erwiderte Salome, "der allverehrte Buergermeister hat es ehrlich, wenn auch vielleicht zu hastig, ausgesprochen, dass zu viel genommen ward von den Rechten Salzburgs, dass der Rat erniedrigt sei zu bedeutungsloser Exekutive. Wahr ist dies Wort und Eure Partnerin ist nicht viel anderes als des Stadtbuettels Nichte, nicht wert an der Seite des gnaedigsten Fuersten und Landesherrn zu sitzen!" Galant erwiderte Wolf Dietrich: "Schoenheit adelt und erhebt!" "Mit nichten, gnaedigster Herr! Ein Fuerst wird niemals ein Weib erkueren, das nahezu unfrei ist, von niederer Abkunft, mag das Weib dabei engelschoen sein!" "Ein Anwalt, wie ich ihn meiner Sache nicht besser wuenschen kann!" schmeichelte der Fuerst, und fuegte bei: "Doch Eure Praemisse stimmt nicht: Die Tochter eines Wilhelm Alt, des reichen Handelsherrn, ist nicht von niederer Abkunft, au contrair, der edelsten eine in meinem Lande, nur nicht von Adel!--Ist irrig die Praemisse, kann die Folgerung nicht richtig sein! Was aber wuenscht die verkoerperte Anmut in so bemeldter Sache?" "Gebt, gnaedigster Herr, der Stadt die alten Rechte wieder, lasst ihr ein gewisses Mass der Freiheit, die Selbstbestimmung, und ich bin dessen sicher: Je lockerer der Zuegel, desto freudiger gehorcht das Ross dem leisesten Befehl des Herrn!" Ein langer, liebevoller Blick des jungen Landesherrn lag auf Salome, bis Wolf Dietrich leise, fast mehr fuer sich zu sprechen anhub: "Verfuehrerische Worte, suesser Klingklang! Geb' ich dem Rat, wird mir die Landschaft stoerrig! Und schlankweg die Hofratsordnung aufheben, dieses muehevolle Werk meiner Juristen, impossibile!" Salome wagte einen legten Versuch: "Verzeiht mir, hoher Herr! Die Landschaft war Euch sicher zu Willen und hat jeder Steuermassnahme zugestimmt!" "Ja doch! Laestig ist genug die hergebrachte Pflicht, dass der Fuerst die Landschaft angehen muss bei jeder neuen Steuerausschreibung! Ihr, schoene Salome, wollt als besonderes Verdienst betonen die allzeit gefuege Zustimmung! Verzeiht mir das harte Wort: Hier reicht Frauensinn nicht aus! Wisst Ihr, warum die Staende so steuerfreudig gewesen und immer ohne Straeuben zugestimmt haben? Ich will Euch dieses Raetsel loesen: Hoffnung war es, weiter nichts, Berechnung auf des Fuersten Gutmuetigkeit, die Hoffnung, durch sothane Nachgiebigkeit und Willigkeit etwas von den frueheren Rechten zurueckzuerlangen!" "Und taeuschte sothane Hoffnung?" fragte Salome unter Augenaufschlag und richtete den Blick direkt in des Fuersten Auge. Jetzt Aug' in Aug' mit dem bezaubernd schoenen Maedchen, vermochte Wolf Dietrich kein schroffes, wahres "Ja" zu sagen, er griff zu Worten der Ausflucht, indem er eine spaetere Reformierung der Angelegenheit zusicherte. Ein Schatten des Unmutes huschte ueber das Antlitz Salomes, und Wolf sah dieses Woelkchen sofort. "Wenn es dem Rat der Stadt und meiner holden Tischgenossin einen Trost gewaehrt zu wissen, dass Privilegien anderer Klassen noch reformfaehig erscheinen, so will ich jetzund sagen: Die bisherige Steuerfreiheit des Adels und der Geistlichkeit erscheint mir ungerecht. Muss der Buerger und Bauer zahlen, soll es Adel und Klerus auch! Und damit dixi!" Beide Alts wussten in ihrer grenzenlosen Ueberraschung nichts anderes zu thun, als den bedeutungsvollen Satz zu wiederholen: "Muss der Buerger und Bauer zahlen, sollen es Adel und Klerus auch!" Die Frau Buergermeisterin hatte von dem Gemurmel nur das Wort "zahlen" verstanden, und dieses Wort uebte auch auf die wuerdige Frau die gleiche Wirkung aus wie auf alle Salzburger Patrizier, denen die Aufhaeufung von bischoeflichen Lasten, das staendige Anziehen der Steuerschraube ein Greuel war. Daher fing Frau Alt auch gleich zu jammern an zum Entsetzen ihres Gemahls. Wilhelm Alt suchte die Schwaegerin zu beruhigen durch den Hinweis, dass es diesmal dem Adel und der Geistlichkeit gelte und das sei nur in der Ordnung. "O, die haben ja selber nichts, die Geistlichen!" meinte Frau Alt. "Schweigt doch, Schwaegerin, es ist nicht der arme Landklerus gemeint, sondern die reichen Kloester und Stiftsherren, die sollen nur auch zahlen, der Fuerst hat da ganz recht!" Das seine Ohr Wolf Dietrichs hatte diese halblaute Aeusserung vernommen, und die Zustimmung des angesehenen Handelsherrn versetzte den jungen Fuersten in rosige Laune. "Freut mich, lieber Alt! Ihr sehet, wir finden den modus viviendi; der Anfang zu einer Verstaendigung zwischen Fuerst und Volk ist gemacht, auf diesem Wege wollen wir bleiben und fortschreiten." Zu Salome gewendet sprach Wolf Dietrich: "Will die Wolke nicht weichen von der reinen Stirne? Ich denke, wir sind in Eintracht! Kann ich der Majestaet Schoenheit einen Dienst erweisen, sprecht, Goettin, Ihr seht den Fuersten dienstwillig wie einen Sklaven, haschend nach einem Sonnenstrahl Eurer Gnade!" Salome laechelte in bezaubernder Anmut, ihre Kirschenlippen kraeuselten sich zu leisem, gutmuetigem Spott: "Das zu glauben, hoher Herr, faellt mir schwer! Sklavisch ist nichts an Ew. Hochfuerstlichen Gnaden, hoch der Sinn, hoch der Geist wie hoch die Wuerde! Ich moechte meinen gnaedigen Landesherrn auch niemals in einer Sklavenlage wissen!" "Ihr versteht es wohl, die Worte fein zu setzen; ein Notarius koennte von Euch lernen! Doch sprach auch ich bei allem Feuer des Empfindens mit Bedacht und tiefer Sinn liegt in meinen Worten, da ich sage: Sklave moecht' ich sein, so Eure Huld wuerde mich begluecken!" Ein Kichern folgte dieser galanten Beteuerung, dann fluesterte Salome: "So mein gnaediger Herr heute seltsam gebfreudig ist, will die Gelegenheit beim Schopf ich fassen und bitte ich Ew. Hochfuerstliche Gnaden um die Verlaubnis, ein Glaeschen rheinischen Weines trinken zu duerfen auf das Wohl unseres gnaedigen Herrn!" "Das wollen wir freudig thun, schoene Goettin; doch nicht harter Deutschwein soll Eure Rosenlippen netzen, wir nehmen edlen Terranto, der unter Vicenzas Himmel gedeiht!" sprach Wolf Dietrich und wandte sich zum Buergermeister mit der Frage, ob dieser edle italienische Wein zu haben sei. "Zum hohen Glueck, Ew. Hochfuerstliche Gnaden an dieser Tafel zu wissen, gehoert--Thalhammers feinerprobte Zunge!" schnatterte Ludwig Alt, dem die unvermutete Frage die Gedanken durcheinander brachte. "Wie? Was meint Er?" rief erstaunt der Fuerst. "Gnaediger Herr wollen mir erlauben, dass ich den dunklen Sinn der Worte meines Ohms erhelle!" warf Salome schnell ein, "der gute Ohm wollte sagen, dass nur Rat Thalhammer wissen koenne, ob fuer diese Tafel gewuenschter Edelwein vorhanden sei!" Wolf Dietrich lachte belustigt ob der Schlagfertigkeit seiner schoenen Tischgenossin: "Beim Zeus! Ich berufe Euch noch in meinen Hofrat, wir koennen solche Redekunst fuerwahr gebrauchen!" "Ob die wuerdigen Herren da nicht wirren Kopfes werden wuerden?" spottete Salome. "Ihr moeget recht haben; fuer die alten Federfuchser sind die Folianten gut, doch nicht die Bluete weiblicher Schoenheit und Anmut! Die Jugend will ihr Recht, sie darf die Hand danach erheben, nicht das muerrische Alter!" Der Buergermeister hatte unterdessen Thalhammer, der am unteren Ende der Tafel sass, citiert, und alsbald konnte der vom Fuersten gewuenschte Terranto-Wein kredenzt werden. Zwei Becher wurden gefuellt, und Wolf Dietrich stiess mit Salome an: "Auf Euer Wohl, Koenigin! Jeder Tropfen dieses edlen Weines aus dem sonnigen Sueden, der Heimat von Kunst, Liebe und Wein, verlaengere Euer Leben um viele Jahre, jeder Tropfen bedeute eine Fuelle von Glueck hienieden! Es lebe die Goettin Schoenheit, es lebe Salzburgs holdeste Maedchenblume!" Salome hatte den Blick gesenkt, tiefe Roete bedeckte ihre Wangen, der Becher zitterte in ihrer schmalen Hand. "Will meine Koenigin mir nicht einen Blick aus den suessen Augen goennen?" fluesterte Wolf Dietrich. Da hob Salome das Auge, die Blicke trafen sich, beklommen, zoegernd sprach sie: "Zu viel des Lobes und der Gnade faellt auf mich! Bethoerend wirken die Worte! Zu gross ist die Kluft, die uns trennt! Ihr seid der Fuerst und hohe Herr, ich eines schlichten Buergers Tochter! Lasst mich im Erdreich, in dem nur ich gedeihe!--" "Ist das Euer Trinkspruch, Salome?" fragte etwas gedehnt der Fuerst. "Mein gnaediger Herr und Gebieter, ich trinke auf das Wohl Ew. Hochfuerstlichen Gnaden und--" "Und?" "Und bitte, es moege mir Eure Gnade und Huld erhalten bleiben!" "Ja, darauf wollen wir trinken! Euch meine Huld immerdar, mir Eure Gnade und--" "Und?" "Und Liebe!" fluesterte der junge, feurige Landesherr und sandte einen flammenden Blick zu Salome, die jaeh erroetete und verstummte. Verschiedene Gaenge des ueppigen Mahles waren inzwischen serviert worden, doch jedesmal hatte Wolf Dietrich durch eine Handbewegung angedeutet, dass er nicht im Gespraech gestoert sein wolle. Diesem Beispiel war auch Salome gefolgt, und Ludwig Alt hielt es fuer seine Pflicht, zu jeglichem Augenblick dem Fuersten zur Verfuegung zu sein, daher der Buergermeister auf das Essen verzichtete. Nach dem Speisezettel, den Ludwig Alt bei sich hatte, sollte nun koestlicher Fasanenbraten an die Reihe kommen, und zwar mit einer Neuerung im Gedeck fuer diese Zeit. Bisher war es ueblich, des oefteren Handwasser mit Handtuechern herumreichen zu lassen, damit die Tafelnden sich die Haende reinigen koennten. Auch heute war das der Fall gewesen. Nun zum Fasanenbraten des heutigen Mahles, zur Erhoehung des Festes war, ausgeheckt von beiden Alts, eine Neuerung geplant, die eben jetzt der Tafelrunde vorgefuehrt werden sollte, und diese Neuerung bestand in der erstmaligen offiziellen Verabreichung von Gabeln.[2] Ludwig Alt war nicht wenig neugierig auf die Wirkung dieser Neuerung und hatte angeordnet, dass zum "Fasanen-Gang" dieser Gebrauchsgegenstand solle vorgelegt werden. Natuerlich interessierte es den Buergermeister am meisten zu erfahren, was der Fuerst zu sothaner Neuerung sagen werde. Wolf Dietrich war aber schon wieder in ein Gespraech mit Salome vertieft und hatte weder Aug' noch Ohr fuer die uebrige Gesellschaft. Laengeres Zaudern wuerde eine auffaellige Unterbrechung des Mahles herbeifuehren, der Buergermeister musste daher das Zeichen geben, und sogleich erschienen die Aufwaerter, deren jeder eine in der Form noch ziemlich ungeschlachte, zweizinkige Gabel zur Rechten jedes Tafelgastes legte. Von der schwaetzenden Menge ward das neue Instrument vielfach nicht beachtet; einigen Gaesten aber fiel es doch sofort auf, sie ergriffen die Gabeln, besahen sie, fuhren damit in die Luft, und als von einigen vielgereisten aelteren Buergern der Gebrauch dieser neuen Tischinstrumente erklaert wurde, konnte es an praktischen Erprobungen nicht fehlen. Unter grosser Lebhaftigkeit ward aufgespiesst, was den ueberraschten Gaesten erreichbar war und die Fasanen kamen hierzu just recht. Voellig unbeachtet blieb die Neuerung am Praesidium der Tafel; den Altschen Familien war sie bekannt, fuer das heutige Mahl eigens bestimmt, und der Landesvater widmete sich ausschliesslich seiner Tischnachbarin. Die Edelknaben kamen mit den Fasanen auf silbernen Platten, und unwillig wollte Wolf Dietrich abwinken, da bat Salome, es moege der gnaedige Herr doch auf die Atzung nicht ganz vergessen, wasmassen diese Leib und Seele zusammenhalte. So liess sich denn der fuerstliche Ehrengast von den Fasanen vorlegen, ebenso Salome, und beide bedienten sich der neumodischen Gabeln ohne das geringste Anzeichen einer Ueberraschung. Von Salome wunderte das den Buergermeister ja nicht, aber die Vertrautheit des Fuersten mit dem neuen Instrument verblueffte und enttaeuschte ihn derart, dass Ludwig Alt dem Bruder zufluesterte: "Der kennt alles!" Und Wilhelm raunte zurueck: "Stimmt! Der wird uns in allem ueber!" Wolf Dietrich hatte mit Behagen von der leckeren Speise genossen und dann einen Blick ueber die Tafel geworfen, an der es lebhaft zuging, denn der in grossen Mengen genossene schwere Suedwein aus Welschland uebte auf Maennlein und Weiblein seine Wirkung aus. "Meine Salzburger lieben den sueffigen Wein!" meinte der Fuerst zum Buergermeister, der sogleich beteuerte, dass das gewoehnliche Volk sich wohl an das Hopfenbier halte, denn suesse Weine seien von wegen der Teuerung und dem kostspieligen Transport nur den bemittelten Staenden erreichbar. "Wird denn viel solchen Weines eingefuehrt ins Erzstift?" "Ew. Hochfuerstliche Gnaden unterthaenigst aufzuwarten, ja; man bringet auf Wasser und Land ueberfluessig aus allen Landen herzu, als naemlich vom Rhein, Neckher (Nekar), aus Elsass, Franken, auch Osterwein (aus Oesterreich), Marchwein (aus Steiermark), aus Hungern (Ungarn), viel aus Welschland, so man sie heisset Terrant, Raifel, Muscatell, Malvasier von Napoli, Romanier, so in Griechenland wachset, Rosatzer auch und Farnaetscher, Veltliner, und aus dem Etschland Traminer und Hoepfwein und dergleichen noch manche, die des Thalhammer Zunge besser kennet als Dero unterthaeniger Knecht!" "Ich staune! Wusste wahrlich nicht, dass meine Salzburger so gern und viel der schweren und teuren Weine trinken!" Voreilig sprach Ludwig Alt: "Sie trinken nicht, o Herr, sie saufen ihn! Ein Laster ist's, ein allgemeines in ganz Deutschland, und es hilft so viel wie nichts, mag man dagegen wettern oder sich selber eines guten Wandels befleissigen. Der Saufteufel hat sie alle am Kragen, Maennerleut und Weibes, ein Halbes koennen Kinder selbst schon zutrinken, die Eltern lehren's wohl den Kleinen! Ein Kreuz ist's und ein Elend mit dem Weinteufel!" "Und der Buergermeister weiss sich nicht Rat, sothanem Laster wirksam zu steuern?" fragte der Landesherr. "Dero Gnaden unterthaenigst aufzuwarten, ich nicht, und besseren Leuten kann ich die Rumorknechte nicht auf den Leib hetzen!" "So! Nun es erscheinet mir guenstig, dass der Landesherr sich Rats weiss, ich weiss ein Mittel, doch ist es nicht an der Zeit, es heute schon zu publizieren. Ich will es mir merken, und dem Saufteufel ruecke ich an den Leib, ich zwing' ihn, darauf koennt Ihr Euch verlassen!" "Das kann, o hoher Herr, der Menschheit nur zum Segen gereichen!" sprach Salome, der die uebermaessige Trinklust ein Greuel war, und die es peinlich beruehrte zu sehen, wie namentlich die jungen Buergersoehne ohne Ruecksicht auf die Anwesenheit des Landesherrn dem Wein in grossen Mengen zusprachen. "Eure Zustimmung erquickt meinen Sinn, wie Eure Anmut mein Herz ergoetzt! Ich wuensche mir nichts Besseres, als mit Euch, teure Salome, auch die Massnahmen der Regierung beraten zu koennen. Seid Ihr dazu gewillt?" Salome fuehlte den tieferen, verhuellten Sinn dieser Frage, und heisse Roete schoss in des klugen Maedchens Wangen, ein Zittern lief durch ihren Koerper, bebenden Tones erwiderte sie: "Wie sollt' ich je in solche Lage kommen? Gebannt in die engen Schranken der Haeuslichkeit, gezwungen nach Zeit und Art, zu stiller Arbeit, Sinn und Zunge gefesselt! Doch was will ich sagen, da Fuerstentoechter es kaum anders haben und verdorren schier in dumpfer Kemenate!" "So sehnt Salome sich hinaus in die Freiheit glanzerfuellter Welt?" "Nicht das ist meines Sinnes Streben, gnaedigster Herr! Ich kenne die gezogenen Grenzen und beug' mich willig diesem Gebot. Was ich ersehne heiss, waer' ein Erfassen vieler Dinge, die man kaum dem Namen nach uns einst gelehrt! Denkt nur, hoher Gebieter, wie karg die Kost gewesen, die uns Maedchen man gereicht! Ein winzig Kritzeln, etwas Lesen, des Mehreren von heiliger Religion, und in der Erdbeschreibung hat es vollauf genuegt zu wissen, dass fern im Sueden liegt das heilige, ewige Rom." "Sothanes will auch mich nicht viel beduenken, doch mag's fuer deutsche Fuerstentoechter genuegen. Ihr aber, Schoen-Salome, wollt mit Gram herabdruecken Euren edlen Geistes feine Bildung! So manch' Gespraech, die feingesetzten Worte, sie verraten Euren hellen Geistes hohen Flug, die Klage ueber geringen Unterricht in jungen Jahren stimmt nicht zur staunenswerten Kenntnis vieler Dinge. Ich nannt' Euch doch vorhin schon einen Diplomaten, wollt' stecken Euch in meiner Juristen Schar, und warum? Weil Eures Verstandes Schaerfe, ein klug Erfassen dessen, was kaum der Zunge Laut noch ausgesprochen, schon bethaetigt ist vom aufgeweckten Kopf. Ihr duerstet wohl nach Erweiterung von Gedanken, denkt an hohe Ziele, die in Maedchenkemenaten nicht wollen Wurzel fassen? Gern beut ich die Hand, Euch zu verhelfen zum Flug in des Geistes hoehere Regionen! Mein Fuerstenwort geb' ich zum Pfand!" Das Mahl war zu Ende und die Zeit sehr vorgeschritten, der Tanz sollte beginnen. Die hoefische Etikette verlangte vom Fuersten und Erzbischof, sich nun ins Palais zurueckzuziehen, so gern Wolf Dietrich auch mit Salome noch gesprochen. "Ich sehe Euch bald wieder!" fluesterte er dem schoenen Fraeulein zu, und ein heisses Verlangen flog durch seinen geschmeidigen Koerper. Noch ein lodernder Blick, dann erhob sich der Fuerst, um den nun die Hoeflinge sich scharten. Leutselig wandte sich der Fuerst nun an den Buergermeister und sprach in formvollendeter Rede, die dem Ruf Wolf Dietrichs als vorzueglicher Kanzelredner voll entsprach, seinen fuerstlichen Dank aus fuer das Fest und die gute Tafel. Geschmeichelt akklamierten die Patrizier den Landesherrn mit lebhaften Hochrufen, unter welchen Wolf Dietrich sich von beiden Alts, dann von Salome verabschiedete. Freundlich nickend nach allen Seiten schritt der junge Fuerst durch den Saal, Trompetenschall und Trommelwirbel ertoente, bis die Ratsherren vom Geleite zurueckkehrten. Die Jugend bekam ihr Recht, die Ratsherren zogen sich in eine Stube zurueck, um sich vom Buergermeister Naeheres ueber die fuerstlichen Aeusserungen erzaehlen zu lassen, und die Frauen hielten ein Plauderstuendchen ab, das voellig Salome und den ihr vom jungen Fuersten gewordenen, geradezu auffaelligen Huldigungen gewidmet war. Salome selbst fuehlte sich erschoepft und muede; jetzt sich von Junkern und Buergersoehnen zum Tanz fuehren zu lassen, war dem Fraeulein unmoeglich. Zu viele Gedanken kreisten durch den Kopf, es schwindelte Salome, und unabweisbar ward das Verlangen, allein zu sein in traulich stiller Kemenate. So trat Salome just im Augenblick, da Wilhelm Alt sich zu den Ratsherren in die Nebenstube begeben wollte, zum Vater und bat ihn um Geleit nach Hause. Ein durchdringender Blick schien in des Maedchens Seele lesen zu wollen, nur widerwillig gab Alt seine Zustimmung mit dem Beifuegen, dass die Muhme Salome nach Hause bringen solle; zugleich wurde ein Stadtknecht, deren einige im Erdgeschoss des Trinkhauses auf Verwendung harrten, beauftragt, den Damen die Leuchte vorauszutragen. Unauffaellig entfernten sich Muhme und Nichte, denen auf der verschneiten Gasse der Knecht das Laempchen vorantrug. Die frische Luft der Winternacht erquickte Salome und gierig atmeten die Lungen den reinen Odem ein. Frau Alt kam ausser Atem durch das hastige Fragen, was der Fuerst denn alles zu erzaehlen wusste, und durch die begeisterten Lobreden auf die Leutseligkeit desselben. Die Muhme merkte dabei gar nicht, dass Salome sich schweigend verhielt, und dass der Knecht um eine halbe Gassenlaenge vorausgegangen ist. Jaeh verstummte die geschwaetzige Buergermeisterin, als hinter ihrem Ruecken eine Maennerstimme ertoente: "Die Schlanke ist's! Schnell!" Blitzschnell ward ein Tuch um den Kopf der Muhme geworfen, Salome ward von vermummten Maennern umringt, emporgehoben und in eine inzwischen herangebrachte Saenfte gesteckt, die in raschem Tempo dem Domplatz zu weggetragen wurde. Das alles vollzog sich schnell und lautlos; nur die entsetzte Buergermeisterin kreischte, doch erstickte das dicke Tuch ihre Jammertoene. Bis Frau Alt dieses Tuch vom Kopf gezogen, war die Stelle menschenleer, nachtschwarz alles ringsum, die Gasse nur vom Schneelicht schwach beleuchtet. Ist es Spuk gewesen? Haben boese Geister das Maedchen von ihrer Seite gerissen oder ist Salome in den Erdboden versunken? Der Knecht kam missmutig ob solcher Verzoegerung zurueck und machte aus seiner Stimmung kein Hehl. Dabei merkte er aber am Gezeter der Buergermeisterin, dass sich etwas Absonderliches ereignet haben muesse. "Ist 'leicht etwas passiert?" fragte er. "Mord und Totschlag! Mich haben sie ermordet und Salome ist verschwunden! Du bist mir ein wackerer Beschuetzer in Nacht und Not!" kreischte verzweifelnd Frau Alt. Fassungslos starrte der Knecht die Buergermeisterin an und leuchtete ihr mit dem Laempchen ins runzelige Gesicht. Dann drehte er sich ringsum, als wollte er im Schnee das verschwundene Fraeulein suchen. "Bring' nur mich schnell nach Hause, und dann lauf' zum Buergermeister, vermeld' ihm den Raub unserer Nichte, es sollen die Stadtknechte, die Buettel fahnden! Lasst Sturm laeuten! Huhu, dort kommt wieder so ein schwarzer Mordbube, der Beelzebub selber!" Erschrocken griff der Knecht die Buergermeisterin beim Arm und riss sie mit sich im Sturmlauf zum Trinkhaus, das durch die Hilferufe beider im Nu alarmiert war. Die Kunde von einer Entfuehrung Salomes wirkte auf die Festgesellschaft geradezu laehmend, sie ernuechterte die Maenner und verursachte Weibern Kraempfe. Ludwig Alt vermochte das Ereignis nicht zu fassen und rief immer wieder: "Nicht moeglich! Ein Maedchenraub in unserer stillen, ehrsamen Stadt von der Gasse weg! Es kann nicht wahr sein!" Vater Wilhelm Alt schwur, die ihm angethane Schmach raechen zu wollen, wer immer der Maedchenraeuber sein moege. Saemtliche Rumorknechte und Buettel wurden aufgeboten, die nun nach Hause verlangenden Festgaeste auf dem Heimweg schuetzend zu begleiten. Doch nichts von Raeubern, nicht ein Schatten zeigte sich in den wie ausgestorben scheinenden, schneeerfuellten, vom Mondlicht schwach erleuchteten Gassen Salzburgs. Beide Alts aber, von handfesten Knechten begleitet, visitierten unter Anfuehrung des Rottmeisters die Thore der festgeschlossenen Stadt und hielten bei den Tuermern Umfrage, ob jemand zu Ross, Wagen oder mit einer Saenfte Auslass begehrt und erhalten habe. Dies war nach bestimmten Erklaerungen der Tuermer nicht der Fall, ratlos kehrten beide Alts in ihre Behausungen zurueck. In Wilhelm Alt, dem Vater Salomes, aber stieg ein furchtbarer Verdacht auf, der ihm die Nachtruhe raubte. II. Im Keutschachhofe, der erzbischoeflichen Residenz, war trotz der spaeten Stunde reges Leben gemaess der von Wolf Dietrich seiner Zeit eigenhaendig festgesetzten Hofstaatsordnung, es harrten das Hofgesinde wie die hoeheren Chargen bis hinauf zum Hofmarschalk der Rueckkehr des Fuersten vom Festmahl im Trinkhause und wagte niemand, so der Dienst traf, sich zurueckzuziehen, denn Wolf Dietrich verstand sich darauf, seine Leute in Atem und Ordnung zu halten, so vieler bei Hof es auch waren. Zur Verwunderung der Begleiter hatte der Fuerst den Weg zur Residenz zu Fuss genommen, neben sich den Kaemmerer vom Dienst, einen jungen, treuergebenen Adeligen, den Wolf Dietrich mehr als die uebrigen (im ganzen vier) Kaemmerer mit seinem Vertrauen auszeichnete. Voraus schritten die Lichttraeger, Lakaien bildeten rueckwaerts die Bedeckung. Was der Fuerst mit seinem Kaemmerer besprach, blieb der Begleitung unverstaendlich, einmal weil sich Wolf Dietrich der italienischen Sprache bediente, und dann aus dem Grunde, weil sehr leise und geheimnisvoll gesprochen ward. Als sich der Zug lautlos dem Portal des langgestreckten Keutschachhofes naeherte, ertoente ungebuehrlicher Laerm im Palais, den des Fuersten seines Ohr schier augenblicklich wahrnahm und der Wolf Dietrich veranlasste, dem Vorlaeufer und den Lichttraegern zu befehlen, stehen zu bleiben. Er selbst, vom Kaemmerling auf dem Fusse gefolgt, trat rasch und leise ein und ueberrumpelte dadurch die zeternde Gruppe von Thuerhuetern und Lakaien, die willens schien, sich an einem blassen, armselig gekleideten Weibe zu vergreifen. Eben erhielt die schluchzende Frau einen Fausthieb, da stand der Fuerst auch schon mitten im Knaeuel und sein Begleiter draengte kraftvoll die Leute zurueck. Scharf befahl Wolf Dietrich augenblickliche Ruhe, Zornesroete bedeckte seine Wangen, und die Adern schwollen sichtbar an. "Wer erfrecht sich bei Hof solcher Auffuehrung? Was soll der Laerm in meinem fuerstlichen Hause? Was will das Weib zu spaeter Stunde?" Vor Schreck und Ueberraschung verstummte die Dienerschaft, niemand fand ein Wort der Erwiderung, doch das arme Weib that einen Kniefall vor dem Fuersten und bat um Barmherzigkeit in hoechster Not. "Man hat in Bittangelegenheiten die festgesetzte Audienzstunde einzuhalten! Gen Mitternacht wird nicht gebettelt!" grollte der Fuerst. "Gnaediger Herr! Uebet Barmherzigkeit! Bis Taganbruch kann ich nimmer warten, derweil stirbt mir der Mann!" In Wolf Dietrichs Herz regte sich das Mitgefuehl, weichen Tones fragte er nach dem Begehr des armen Weibes. "Euer Gnaden Leibmedikus haett' ich gern gebeten um Hilfe, etzliches aus der fuerstlichen Kuchel...." "Ist jemand schwer krank bei dir?" "Ja, gnaediger Herr, der Mann und zwei Kinder!" "Und mein Medikus, was ist's mit ihm? Ist er nicht mitgegangen?" Einer der Lakaien erkannte die guenstige Gelegenheit, alle Schuld am ueblen Auftritt bequem auf die Schultern des Leibarztes schieben zu koennen, und erstattete Bericht, dass der Medikus es abgelehnt habe, in spaeter Nachtstunde den Berg hinaufzuklettern bis zum Haeuschen des armen Weibes, wasmassen der Medikus nur fuer den Fuersten da sei, nicht fuer das gemeine Volk. Wolf Dietrich befahl schneidend scharfen Tones, es solle der Medikus augenblicklich geweckt, dem Weibe Wein und Atzung in einem Korbe verabreicht werden. Und einer ploetzlichen Gefuehlsregung folgend, wandte sich der junge Fuerst zum Kaemmerer: "Du besorgst, was ich dir befohlen. Alphons bringt den Medikus und Dienerschaft mit der Spende fuer die Armen nach. Ich werde selbst inspizieren. Lichttraeger voraus!" Der Kaemmerer wagte zu sagen: "Hochfuerstliche Gnaden! Es ist spaet, und schlecht der Weg hinan zum Berg!" "Besorge, was ich befohlen! Hilfe zu bringen, ist eine der schoensten Aufgaben eines Fuersten. Schicke mir den Medikus nach, mach' ihm flinke Beine!" Auf Befehl musste das Weib mit dem Vorlaeufer vorausgehen, der Armen schwindelte ob der jaehen Wendung und der Gewissheit, dass der hochgemute Fuersterzbischof selbst zu spaeter Stunde Einkehr halten will in der Huette des Elends. Man hatte das schier verfallene Haeuschen am Wege zum Nonnbergkloster noch nicht erreicht, kam der Leibmedikus schon hinterdrein angepustet, nach Luft und Fassung schnappend. Einer der Lichttraeger musste mit in die Stube, das Weib fuehrte Wolf Dietrich und den Arzt in ein Gemach, welches in seiner Duerftigkeit den an Prunk gewohnten Fuersten erschaudern liess. Auf Stroh lag der Mann, auf einem Ballen Fetzen zwei Kinder, abgemagert schier zum Skelett, gelbfarbig, hohlaeugig, wimmernd vor Schmerzen und Hunger. Wieder warf sich das abgezehrte Weib in die Kniee und hob flehentlich die Arme zum Fuersten empor: "Habt Dank, o Herr, und helft in groesster Not!" "Schrecklich!" fluesterte ergriffen Wolf Dietrich, "dieweilen man prasset am ueppigen Mahle, verhungern mir hier etzliche Unterthanen!" Auf einen Wink begann der Hofarzt seine Thaetigkeit; Wolf Dietrich liess die inzwischen herbeigeschafften Vorraete an Wein, Fleisch und Brot in ein Nebengemach stellen und zog sich mit seiner Begleitung zurueck, nicht ohne Auftrag gegeben zu haben, dass von nun an taeglich der armen Familie Proviant aus der Hofkueche geliefert werden muesse. Mit einem Frohgefuehle in der Brust, schritt der Fuerst die steile, frischbeschneite Gasse wieder hinab, und bis er den Palast erreichte, kuendeten vom nahen Dom die Glockenschlaege Mitternacht. Von all' den Hofschranzen ehrerbietig erwartet, hatte Wolf Dietrich nur fuer seinen Vertrauten, dem ersten der Kaemmerer, ein Auge, ihm warf er einen fragenden Blick zu, und als der junge Baron bejahend nickte, glitt ein Laecheln des Triumphes ueber das Antlitz des jungen, heissbluetigen Fuersten. In den inneren Apartements harrte der Kammerdiener Mathias Janitsch seines hohen Herrn, der sich Mantel und Degen abnehmen liess und nun zu fragen begann: "Ist's ohne Aufsehen geglueckt? Gab's Laerm?" In diskretem Fluestertone erstattete Mathias Bericht: "Es ging alles nach Wunsch und ohne einen Laut. Nur die Begleiterin schlug Laerm, doch erst, als alles laengst vorueber und verschwunden war." "Und hier?" "Wir haben Brigitte, des Silberdieners Franz Schwerer als Wartefrau, bestellt, doch wurde jegliche Hilfeleistung abgelehnt." "Mit Protest gegen den Freiheitsentzug?" "Ja, Hochfuerstliche Gnaden! Doch den Namen nannten wir nicht!" "Gut! Ich hoffe, es ist fuer alle Bequemlichkeit Fuersorge getroffen, die Stube warm, das Lager gut. Man hat mich morgen vor der siebenten Stunde Beginn zu wecken; der Hofmarschalk hat in aller Eile die Fourierzettel stellen zu lassen, auf alle Faelle soll einfouriert werden ueber Golling bis nach Kaernten." "Wollen Hochfuerstliche Gnaden selbst verreisen?" "Nein, Mathias! Jedoch soll fuer eine ploetzliche Reise alles parat sein! Du haftest mir mit deinem Kopf fuer unberuehrte Sicherheit der Dame! Du bewachst deren Thuer selbst!" "Mein gnaediger Herr moege beruhigt sein und guten Schlaf geniessen! Dero treuer Diener wird wachen und sorgen!" Eine praktische Einrichtung in der erzbischoeflichen Residenz war unzweifelhaft die Anbringung der handschriftlichen Amtsbefugnisse jeder Dienerklasse in deren betreffenden Raeumen, sodass jede Schranze ihre dienstlichen Obliegenheiten jeden Augenblick vor Augen haben konnte, vorausgesetzt, dass der Diener des Lesens kundig war. So stand im Gelass des Thuerhueters nach dem Konzept Wolf Dietrichs woertlich zu lesen[3]: "Thuerhuetter. Dess Thuerhueterss ampt ist vhor der Cammerer wartt Zimmer stetts auffzuwarten, vndt niemandt frembden ohngefragt in dass Wart Zimmer lassen, auch in allweg gutte achtung geben damitt sich ausser der adelss personen vndt ettlichen fuernemen officieren geringe vndt schlechte officier oder Diener bey hoff in die Wart Zimmer nitt eintringen sondern heraussen pleiben, undt so sehr sy wass bei einem oder dem andern in den Wart Zimmern zu thuen haben sich durch die Thuerhuetter anmelden lassen, undt sollen der Thuerhuetter zwen sein, die sollen stetts wo nitt baidt doch der ein bey den Zimmern pleiben vndt mitt einander vnderweilen abwexlen." Die Kaemmerer hatten dafuer gesorgt, dass sothane Verordnung des Fuersten gebuehrende Beachtung und strenge Befolgung fand, und niemals fehlte der Thuerhueter an seinem Platze, wenn freilich in der ersten Zeit nach dem Regierungsantritt Wolf Dietrichs es an Verstoessen nicht mangelte. Haeufige Kontrolle und Belehrung schulte aber auch dieses Personal, und so waren denn die beiden erzbischoeflichen Thuerhueter scharf darauf aus zu unterscheiden, wer von Distinktion ist und in das Wartezimmer zu den Kaemmerlingen gelassen werden duerfe. Wolf Dietrich hatte die Gewohnheit, an Wochentagen um die zehnte Stunde hervorragende Personen in Audienz zu empfangen, war aber meist ungehalten, wenn vorher Gehoer erbeten wurde. Es mochte um neun Uhr morgens sein, als Wilhelm Alt in kostbarer Kleidung, jedoch in einer Erregung im Keutschachpalast erschien, welche das Misstrauen des dienstgetreuen Thuerhueters sogleich wachrief. Zwar kannte der Mann Herrn Wilhelm Alt von Angesicht und wusste, dass Alt der reiche, wohlangesehene Kaufherr ist; jedoch dessen Aufregung, das totenblasse, uebernaechtige Gesicht, machte den Thuerhueter stutzig, ebenso das verfruehte Erscheinen, und veranlasste den Mann, Herrn Alt aufmerksam zu machen, dass die Anmeldung erst um die zehnte Stunde im Wartezimmer erfolgen koenne. Alt erwiderte barsch: "Seine Weisheit brauch' ich nicht! Zu wichtig, dringlich ist, was mit dem Fuersten ich zu reden habe! Meld' er mich augenblicklich beim Kaemmerling vom Dienst!" "Oho! Ihr moeget Euren Lehrbuben und Kaufjungen befehlen, hier gilt des gnaedigen Fuersten und Erzbischof Willen allein! Ihr habt mir gar nichts zu befehlen! Auch mach' ich Euch aufmerksam auf Reglement und Dienstordnung, so hier angeschrieben steht! Kann leicht sein, dass wir befinden, Ihr seiet bei Hof in das Wartzimmer nit einzubringen!" "Die Knochen hau' ich Ihm entzwei fuer seine Unverschaemtheit! Das fehlte noch fuerwahr, um dem Fass den Boden vollends auszuschlagen! Die Wirtschaft hier die schreit fuerwahr zum Himmel, und schlimmer kann es kaum mehr werden!" Vom Laerm angelockt, trat der Kaemmerling vom Dienst aus dem Gemach und der Anblick des zornigen Kaufherrn machte den Hoefling stutzen. Alt rief: "Meldet mich sogleich beim Erzbischof! Mein Anliegen vertraegt keine Verzoegerung! Bei Gott, ich rate zur Eile!" "Gemach, Herr Alt, und bedenkt: Ihr seid bei Hof, im Hause eines regierenden Fuersten!" "Ein netter Fuerst, in dessen Hauptstadt der Menschenraub blueht, schlimmer denn wie im welschen Reich!" Der Kaemmerer hielt es geraten, den Kaufherrn zur Beschwichtigung in das Wartezimmer zu geleiten, und in der Stube angelangt, bat er um stilles Verhalten, bis die Meldung beim Fuersten erfolgt sein wuerde. "In welchem Betreff soll ich Euch melden?" "Sagt nur: ein Vater, dem die Tochter schaendlich geraubt geworden, will fragen, ob des Fuersten Arm zur Suehne stark und lang genug sei!" Kopfschuettelnd verfuegte sich der Kaemmerer vom Dienst in die inneren Apartements. Wolf Dietrich durchmass in Erregung sein Arbeitsgemach mit eiligen Schritten und unmutig ob der Stoerung rief er dem Kaemmerling zu: "Was soll es? Ich wuensche allein zu bleiben!" "Eure Hochfuerstliche Gnaden wollen die Stoerung verzeihen! Ein aussergewoehnlicher Vorfall, Maedchenraub--der Handelsherr Wilhelm Alt--" "Dessen Eile ist begreiflich! Der Mann will wohl zu mir und ist in hohem Masse aufgeregt?" "Eure Hochfuerstlichen Gnaden aufzuwarten, ja so ist es! Wir hatten Muehe, den rabiaten Mann in Formen zu bringen, die allein den Zutritt bei Hofe ermoeglichet" "Bring mir den Mann! Je eher er zum Ausspruch kommt, desto besser. Es war ja zu erwarten!" Wenige Minuten spaeter standen sich beide Maenner gegenueber; Wolf Dietrich erschien zwergenhaft neben dem langen hageren Kaufherrn und klug nuetzte er das durch die Fenster einstroemende Tageslicht, das grell auf Alts vergraemtes Antlitz fiel und genaueste Beobachtung gestattete. Trotz seiner wilden Erregung erwies Alt die dem Fuersten gebuehrende Reverenz, aber zu einer ehrerbietigen, foermlichen Anrede konnte er sich nimmer meistern, heiser rief er: "Wo ist meine Tochter?" Kuehl erwiderte Wolf Dietrich: "Wie soll ich das wissen? Was ist geschehen, was wollt Ihr von mir?" Alt zuckte zusammen, richtete sich aber sofort wieder auf und scharf klangen seine Worte: "Ihr wisst so gut wie ich, dass Salome in vergangener Nacht von der Gasse weg entfuehrt worden ist!" "Was unterfaengt Er sich?! Vergess' Er nicht, Er stehet vor seinem Fuersten!" rief grollend Wolf Dietrich, dem das Blut heiss aufstieg. "Ich weiss, doch vermag ich laenger nicht zu meistern das Wort, zu jaeh und wild stuermt Unglueck wie die Schmach auf mich ein! Mein Kind geraubt, Herr, meine Salome! Meines Lebens Kleinod geraubt von frecher Hand eines Luestlings, den Gott verderben soll am lebendigen Leibe! Ihr seid der Fuerst und Herr im stiftschen Lande, Gerechtigkeit zu ueben seid Ihr verhalten, Euer Eid lastet darauf!" "Erst maessigt Eure Rede! In den Staub gebeugt das Knie, der Unterthan gehoert zu Fuessen seines Herrn!" "Helft mir zu meinem Kinde!" flehte der angstgepeinigte Vater. "Es wird sich alles finden zur rechten Zeit!" "Ist das des Fuersten Antwort auf die schmerzbewegte Frage? Mein Kind fordere ich von Euch!" "Er ist nicht wohl bei Sinnen?! Der Landesherr giebt keinen Buettel ab, das merk' Er sich! Und nicht laenger will mein Ohr des Frevels unerhoerte Worte mehr vernehmen!" "Was Ihr Frevel nennt, ist eines Vaters schwerste Herzensqual, die Sorge um sein Kind! Wer kann in solcher Not und Pein die Worte auf die Goldwag' legen! Was wir versucht, Salome aufzufinden, die Umfrag' bei den Tuermern, alles war vergebens. Fort ist sie nicht, mein Kind muss gefangen noch in Salzburgs Mauern weilen!" "Und deshalb verlangt Salome Ihr von mir?" Der leise Ton des Spottes reizte Alt zu neuer Wut: "Ihr wisst um Salome! Es kann kein Zweifel sein!" "Genug davon! Die Anmassung geht zu weit; uebermuetig war von je die erbgesess'ne Sippe, dort zu Augsburg das hochfahrend stolze Volk der Kraemer, und nicht viel anders Ihr und andere Pfefferhaendler in meiner Stadt Salzburg! Ich bin nicht gewillt, mir Trutz und Uebermut des laengeren bieten zu lassen, entschlossen bin ich zu aller Strenge und des Herrschers starke Hand sollt fuehlen Ihr wie alle anderen uebermuet'gen Sippen!" "Habt Gnade! Uebet Barmherzigkeit, so Gott Euch vorschreibt wie jedem seiner Priester!" "Schweigt! In solchem Munde wird entweiht ein ganzer Stand!" "Verzeiht, Herr! Wirr kreisen mir die Gedanken, die Angst und Sorge trueben mir den Sinn!" "Das merk' ich, denn unsinnig ist, was Eure Zunge plappert!" "Seid barmherzig! Nur der Hoechste im Stiftland hat die Macht, mir zu meinem Kinde zu verhelfen! Ihr seid der Landesherr, nur Ihr koennt wirksam helfen! Die Stadtbehoerde und die Polizei, sie versagen in der Wirkung!" "Ein spaet Erkennen meiner Fuerstenmacht! Sitzt die Sippschaft auf den Thalern, weiss vor Uebermut sie sich nicht zu fassen, der Machtkitzel ist in Euch zu gross. In Not und Sorge aber weiss die Sippschaft sich zu erinnern, dass ueber ihr ein Herr steht und der wird dann angebettelt. Ein unwuerdig Spiel, das da getrieben wird! Von aufrichtig ehrlicher Demut keine Spur! Sie gleichen sich allerorten die Sippen stolzer Buerger!" "Rechtet nicht in dieser Stunde! Gebraucht die Macht, Herr und Gebieter, rettet Salome! Denkt daran, wie Ihr dem Maedchen gestern habt gehuldigt!" Wolf Dietrich fluesterte: "Ein fuerstlich Weib fuerwahr, zu fuernehm fuer das Buergerpack!" "Eure Worte, ich hab' sie wohl vernommen und gemerkt, sie lauteten an Salome gerichtet: Ich sehe Euch bald wieder! Bringt dieses Wort rasch zur That, gebietet, Herr, lasst fahnden nach dem Schaender meiner Ehre!" "Ihr habt da wohl auf jedes Wort gelauert, das in Huld und Gnade der Fuerst zu richten geruhte an Salome?! Paart sich das Lauern mit dem aufgeblasenen Buergerstolz?!" "Herr, der Vater hat die heil'ge Pflicht zu wachen ueber sein Kind!" "Maehlich wird mir klar, wie in Eurem Kopf die Gedanken wirr genug sich drehen. Weil ich beim Scheiden von einem Wiedersehen sprach, muss wissen ich von naechtlicher Raeuberei und sonstigem Brigantentum! Zwingend ist Euren Verstandes Kraft just nicht! Und um ein End' zu machen: Ich habe Eure Tochter seit dem Abschied gestern abend noch mit keinem Aug' gesehen!" "Nicht gesehen!" Wilhelm Alt taumelte zurueck, trat wieder vor und suchte im Antlitz des im Schatten stehenden Fuersten zu lesen. "Nun werd' ich irr an allem! Fluch aber, dreimal Fluch dem Schaender meiner Ehre! Fluch!" Indes der gramerfuellte Kaufherr weggeleitet wurde, begab sich Wolf Dietrich durch eine Flucht von Gemaechern in jenen Teil des Keutschachhofes, dessen Zimmer, von aussen abgesperrt, Salome Alt zum Naechtigen dienten. In einem Vorzimmer harrte als Beschliesserin und Dienerin Brigitte auf Befehle des gefangenen Fraeuleins wie des Fuersten, der nun persoenlich erschien, die Dienerin aufschliessen hiess und sie zu Salome schickte mit der Anfrage, ob das Fraeulein gewillt sei, den Besuch des Fuersten anzunehmen. Die von Brigitte ueberbrachte Antwort lautete: "Eine Gefangene hat keinen Willen!" Wolf Dietrich, der auch an diesem Morgen die spanische Tracht mit dem Degen zur Seite trug, trat in das ueppig ausgestattete Gemach, worin Salome ueber Nacht gefangen gehalten war. Ein forschender Blick flog dem Maedchen entgegen, dann verbeugte sich der junge Fuerst tief und sprach: "Verzeihet, Salome, den Besuch, den Euch zu machen das Herz mir gebot!" Das Maedchen hatte sich erhoben und stand stolz abweisend inmitten des Gemaches. "Erst sprecht, Herr: Mit welchem Recht habt Ihr der Freiheit mich beraubt? Ist das ritterliche Sitte, ein Maedchen von der Gasse wegzufangen, zu morden Ehr' und guten Ruf?" Heiss wallte es auf im liebegluehenden Herzen des jungen, feurigen Fuersten, der Salome doppelt schoen fand in dieser koeniglichen Haltung des Protestes. Lebhaft erwiderte Wolf Dietrich: "Mit welchem Recht? Erlaubet mir zu sagen: Mit dem Recht der Bewunderung und Liebe, die mein Herz erfuellet, mich niederzwingt zu Euren Fuessen, mich betteln macht um Eure Gunst!" "Entweiht das Wort von heil'ger Liebe nicht! Man wirbt nicht mit Gewalt! Und ritterlicher Sinn hat allzeit Ehr' und Tugend zu schirmen! Was Ihr veruebt, ist Strassenraub und Schaendung meines Rufes!" "Seid gnaedig, Salome! Hoert mich erst, eh' Ihr mich und mein Herz verdammet!" "Ich will kein Wort vernehmen, eh' das Unrecht, die Gewaltthat Ihr gestehet und feierlich gelobet, Abbitte zu leisten meinem schwergekraenkten Vater!" "Hoert mich, Salome, und uebet Gnade, ich, der Fuerst, ich bitte Euch! Wie sollt' ich je Gelegenheit finden, Euch zu sprechen ohne Zeugen, vor Euch auszuschuetten die Gefuehle meines Herzens, wenn nicht durch Verbringung Eurer Person in ein still verschwiegen Gemach?! Nur die Hoffnung, Euch zu sprechen, hat verleitet mich zu diesem Schritt, den ich tief bereue, so er Euren Sinn verletzt!" "Der Fuerst muesst' wissen, dass eines Maedchens hoechstes Gut ist Ehr' und Ruf! Ein Wort in Ehren zu reden, braucht es nicht Raub!" "Verzeiht den uebereilten Schritt, zu dem mein heisses Fuehlen mich verleitet! Verzeiht, da ich bereue! Wollt Ihr mich hoeren nur wenn frei: offen ist der Ausgang, der Schritt ungehemmt zur Rueckkehr ins elterliche Haus! Koennt hoeren Ihr mich jetzt, so bitte ich, leiht Euer Ohr meinen Worten!" "Ihr gebt mich frei, wohlan, ich baue auf Euer fuerstlich Wort, und bin bereit zu hoeren!" "Habt Dank, Salome, und haltet mir zu Gute, was jedem andern wird gewaehrt: Begeisterung fuer Eure Schoenheit! Bezaubert von der Liebreizfuelle, hingerissen, im Banne tiefempfundner Liebe wagt' ich den Schritt und liess verbringen Euch in den Palast. Glaubt mir, nur sprechen wollt' ich Euch und bitten, zu teilen Thron und Leben fuerder mit mir! Messt mein Empfinden nicht nach kalter nord'scher Art, gedenkt, dass suedlich warmes Blut der Mediceer in meinen Adern rollt! Das Leben zu Rom war meine Schule, kunstfreudig ward das Auge mir, die Begeisterung fuer Schoenheit eingepflanzt unterm Himmel der ewigen Stadt. Meine Seele duerstet nach Verwirklichung von Pracht und Schoenheit in meiner Stadt, die Bluete Italiens soll verpflanzt werden in Salzburgs Boden, ein Rom im kleinen will ich errichten hier und ueber alles gebieten soll das schoenste Weib, das meine Augen je gesehen: Salome! Fuerstin sollt Ihr sein, angebetet und verehrt, teilen Thron und des Lebens Glueck und Ehren, Herrin ueber mich und mein Gebiet! Sprecht aus das mich beglueckende Wort, helft mir in meinen kunstbegeisterten Plaenen, gebt Eure Hand, wir bauen auf ein neues Rom im Kranze deutscher Berge! Wir halten Hof so stolz wie Frankreichs Koenig es nicht besser kann! Wir schaffen fuer des Landes Wohl und unserer Unterthanen! Ein neues Leben soll erbluehen unter unserm Szepter, ein Leben voll des reinsten Glueckes! Ich will Salzburg gross gestalten, zur Heimstatt fuer die Kunst, Pracht und Schoenheit! Kuenden soll den fernsten Geschlechtern noch, was Wolf Dietrich und Salome geschaffen! Sprecht, holde Goettin meines Lebens: Wollt teilen Ihr den Thron mit mir?" Der flammende Ton hoechster Begeisterung, die heisse Werbung hatte Salome in Erregung versetzt; der Ausblick in solche Zukunft blendete, verwirrte den Sinn und machte das Maedchen schwindeln. Hoch wogte die plastisch schone Bueste, ein Zittern lief durch den idealgebauten Koerper, ein Stoehnen entwich der erregten Brust, und wie nach Klarheit ringend, strich Salome mit der zarten Hand ueber die reine, weisse Stirne. "Es kann nicht sein! Mein Sinn ist verwirrt, Eure Rede, Herr, sie macht mich schwindeln! Es ist ein Trugbild nur, das niemals Wahrheit werden kann!" "Sagt das nicht, Koenigin meines Herzens! Ich pfaend' mein fuerstlich Wort, hier meine Hand: Goennt Ihr mir das Glueck meines Lebens an Eurer Seite, seid gehalten Ihr der Fuerstin gleich und Herrin ueber Salzburg und mein stiftisch Land!" Wie traumverloren stand Salome, eine Beute widerstrebender Gefuehle. Eine Tochter Salzburgs aus buergerlichem Hause erhoben zu Salzburgs Fuerstin, ausgeruestet mit der Machtfuelle eines Fuersten, Herrin ueber Land und Volk, reich und maechtig zu helfen den Kleinen und Armen, maechtig, Salzburg gross zu machen im Sinne des prachtliebenden Fuersten, und selbst zu handeln nach eigenen Gedanken!--"Es kann nicht sein!" "Warum? Sprecht, Salome! Ich bange um jenes Wort! Warum zoegert Ihr?" rief erregt der feurige Fuerst. "Es kann nicht sein, o Herr!--Euer Kleid--" "Wie?" "Euer Kleid soll sein des hoechsten Priesters, und der niedrigste der Geistlichen muss--unbeweibt verbleiben wie der hoechste--!" "Ich erwerbe mir Dispens! Und sollt' mir verwehrt sein, was hunderte im Klerus meines Landes ungepoent gethan?!" "So wolltet Ihr, o Herr, Euch hinwegsetzen ueber Roms Gebot, beweiben Euch? Kann entgegen einem kirchlichen Gebot die Kirche binden eine verbotene Ehe?" "Rom kann alles! Und ich bin Herr und Fuerst in meinem Lande! Ich sprech' das Machtwort und ein geistlich Untergebener hat zu gehorchen. So biet' ich meine Hand zum Ehebunde, so Ihr verlangt nach kirchlicher Trauung!" "Lasst mich zum Vater!" rief erregt Salome. "Solch' Antwort vermag ich nur als 'nein' zu deuten, und niemals kehrt Salome zu mir zurueck!" Innehaltend an der Schwelle des Gemaches, wandte sich Salome nochmals zum Fuersten und rief ihm zu: "Mein Wort zum Pfand, ich kehre wieder, um Botschaft Euch zu thun! Doch nun gewaehrt Bedenkzeit, gebt mich frei! Nur ungezwungen vermag einen Entschluss ich zu fassen!" "Ihr seid frei, Salome! Verzeiht mir Wort und That! Ich harre der Wiederkehr der--Fuerstin!" Waehrend Wolf Dietrich sich ritterlich verbeugte, schritt Salome aus dem Keutschachhofe in einem Zustande groesster seelischer Erregung, die sie auf Leute wie Gassen nicht achten liess. Sie hoerte nicht die Rufe der Ueberraschung von Buergern, die es nicht fassen konnten, das angeblich geraubte Maedchen voellig frei zu sehen. Bis Salome das vaeterliche Haus erreichte, war die Kunde ihrer Befreiung in der Stadt verbreitet, die ueberraschende Nachricht flog von Mund zu Mund und eine Flut von Mutmassungen floss nebenbei. Das Maedchen war wie im Taumel in die Arbeitsstube des Vaters im Erdgeschosse des Kaufhauses gekommen, die Betaeubung wich im Momente, da Salome das gramdurchfurchte Antlitz des Vaters erblickte, und mit einem Jubelruf eilte sie in seine Arme. "Vater, lieber Vater!" "Salome! Du wieder daheim! Grosser Gott! Mein Kind, mein Kind!" Nach der innigen, stuermischen Begruessung und Freude der Wiederkehr der verloren geglaubten Tochter geleitete Alt sein Kind in die Wohnstube hinauf. Die Bediensteten des Kaufhauses sollten nicht Zeugen der intimen Aussprache zwischen Vater und Tochter sein. Aengstlich forschenden Blickes fragte der Vater: "Ist dir kein Leids geschehen, Salome? Und wer hat gewagt, mir meine Tochter wegzufangen? Sprich, ich werde den unerhoerten Raub zu raechen wissen!" "Keine Rache, Vater! Sie ist nur Gottes allein!" "Wer hat den Frevel gewagt? Den Namen nenne, Salome, den Namen!" "Es ist mir kein Leids geschehen, mit keinem Blick, geschweige einer schlimmen That!" "Den Namen nenne! Doch nein, ich weiss ihn! Mein Verdacht war rege, eh' die Schandthat ist geschehen. Ist's auch der Fuerst selbst gewesen, er soll mir buessen und kostet es mein eigen Leben!" Salome warf sich weinend in des Vaters Arme und flehte um Milde. "Du selbst, das Opfer, willst schonen, um Milde bitten fuer den Schaender unserer Ehre? Ich fass' es nicht! Was ist geschehen, dass wirr geworden meiner Tochter sonst so heller Verstand?" Die Umarmung aufloesend, trat Wilhelm Alt zurueck, sein Blick galt forschend der Tochter, die jaeh erroetete und dann wieder erblasste. "Was soll das Farbenspiel in deinen Wangen? Mir ist raetselhaft dein Wesen! Ist verraucht dein Maedchenstolz? Haben girrende Worte deinen Sinn verderbt? Salome, dein Vater spricht mit dir, hoer' es, dein Vater, der ein heilig Anrecht hat, jetzund in dieser Stunde die Wahrheit, die reine Wahrheit zu hoeren! Du zoegerst! Heil'ger Gott, wie wird mir? Ein furchtbarer Verdacht will mein Herz beschleichen, Salome, rede Kind, bei meinem Zorn, sprich: Hat der Fuerst im span'schen Gewand der Gecken dir gar von Liebe gesprochen? Ihm saeh' es gleich! Hast du den fressend giftigen Wurm verlogener Falschheit im Herzen, bei Gott, ich reiss' ihn dir heraus! Mein Haus, mein Kind und meine Ehr' sollen unangetastet bleiben, hoerst du, und sollten beide wir zu Grunde gehen! Lieber in Ehren sterben, als--ich kann die Schmach nicht ausdenken! Ich saeh' dich lieber tot, denn in jenes Luestlings Armen!" Vor dem drohend erhobenen Arm und dem verzerrten Antlitz des Vaters wich Salome zurueck, weinend die Haende vors Gesicht geschlagen. "Ha! Das schrecklichste will wahr werden, mein Kind schweigt! So hat der Fant und sei er zehnmal Fuerst und Bischof, mit listig falscher Heuchelei den Kopf dir verdreht, das Gift ins Hirn dir gelispelt! Wehe ihm und dir! Mein Fluch--" "Haltet ein, Vater! Es ist nichts geschehen, was Euren Zorn gerecht erscheinen lassen koennte!" "Nichts? Warum dann dein betreten Schweigen? Weshalb diese Ausflucht? Sprich ehrlich das Wort, so du es vermagst! Warst du in Woelfen Dieters Haft und Gewalt?" "Ja, aber--" "Ich brauch' dein 'aber' nicht und weiss genug! Die Schande ist eingekehrt in meiner Eltern ehrwuerdig hochgehalten Haus! Der naechste Schritt fuhrt in den Pfuhl des Lasters! Raechen werd' ich diese Schmach, ich will meine Rache haben und mein--" "Vater! Ihr verdammet eine Unschuldige, rein bin ich zurueckgekehrt, makellos, und nicht meine Schuld ist's, dass der Fuerst den Schritt gethan, den reuig er mir vor wenig Stunden abgebeten!" "Die Reue eines listigen Schelmen, ha! Er wetzt die Knie und saeuselt eitel Liebe, derweil sein Sinn trachtet, die Unschuld zu verderben! Was hat er sonst gesprochen?" "Erlass mir, lieber Vater, solche Meldung! Ich weise alles ab! Wie ich mir ausbedungen, mit dem Vater erst zu sprechen, steht es mir frei, zurueckzuweisen--" "Was? Hat der Geck es gar gewagt, dich frechen Sinnes zu begehren?" Salome stand weinend, gesenkten Blickes, und sprach leise: "Ich konnt' die Red' ihm nicht verbieten, der Fuerst warb um meine Hand, er will zur Gattin mich erwaehlen und teilen Thron und Leben...." Ein schrilles Lachen unterbrach Salomes Rede, hoehnend gellenden Tones rief Wilhelm Alt: "Bravo! Um Coelibat und sonstige Vorschriften kuemmert sich der Bischof nicht, er will nur blenden eines einfaeltigen Maedchens Sinn und Herz! Er schwaetzt von Thron und Fuerstenehren! Haha, das Throenchen kann wackeln und brechen, ehnder es das Fuerstlein meint! Genug davon! Mag der Klerus draussen und bei den Bauern im Gebirg es halten, wie er will, schlimm genug ist's allenthalben, der Bischof aber hat rein zu leben, wie die Kirche es gebeut! Gattin eines Bischofs, die Welt hat dergleichen nie gesehen, und Rom wird solchen Hohn zu ahnden wissen! Ich aber geb' mein Kind nicht preis dem Spott und Hohn der Welt! Ich nicht! Niemals!" Grollend verliess Alt die Stube; in Thraenen aufgeloest, ausser sich blieb Salome allein. Wie mag dies alles enden! Und eine Frage tauchte in dem Maedchen auf, tiefbewegend, ringend nach der Antwort: Welches Gefuehl hegt das Herz fuer Wolf Dietrich? Ist es Liebe? "Ich weiss es nicht!" fluesterte Salome, "ich bin ihm gut trotz der Gewaltthat, die meinen Ruf geschaendet! O Gott, hilf mir das Rechte erkennen, zeig' mir den Weg, den ich zu gehen habe!" Salome ward maehlich ruhiger, doch Klarheit fuer ihr Beginnen fand sie nicht; je mehr sie darueber nachdachte, desto verworrener wurden die Gedanken, in welchen Licht und Schatten kunterbunt wechselten. Bald sah sie sich an des Fuersten Seite von Glanz und Reichtum umgeben, als Salzburgs Gebieterin, deren leiseste Wuensche in demuetiger Eile Erfuellung fanden, einflussreich, den Fuersten beglueckend, wirkend zum Wohle des Landes und Volkes,--und ploetzlich tauchen schwarze Schatten auf, das Auge sieht den verlassenen, tiefgebeugten Vater sterbend, das Ohr hoert seine Flueche, das Herz krampft sich zusammen. Salome stoehnte vor Schmerzen. Frueh daemmerte es an diesem Tage; draussen wirbelte ununterbrochen Schnee herab zur stillen Stadt, die der Nachwinter fest in seinem Banne hielt. Vater Alt hielt sich laenger denn sonst in den Geschaeftsraeumen auf, er schien Salome meiden zu wollen. Der Einsamkeit und Stille dankte das Maedchen, Salome scheute sich, Licht zu machen; nur heute nicht mehr vor Menschen treten muessen. Was aber wird der Morgen, was werden die naechsten Tage bringen? Soll ein "nein" den Wirren ein wohlthaetig Ende machen? Und wenn des Fuersten Antrag abgelehnt ist, wird je der strenge Vater verzeihen, Milde ueben? Wird der Schatten zwischen Vater und Tochter weichen? Und wie wird die Buergerschaft, die stolze Sippe, es halten, all' die Leute in beschraenkter Art? Wer wird es glauben, dass Salome freiwillig des Fuersten Antrag zurueckgewiesen? Wird es nicht eher heissen, sie habe sich an ihn gedraengt und sei verdientermassen weggestossen worden? Stimmen wurden im Vorraum laut, die aushorchende Salome konnte deutlich der Muhme Stimme vernehmen, und alsbald trat Frau Alt in das dunkle Gemach und rief: "Gott, wie finster ist es hier! Salome, wo steckst du? Bist du hier?" "Gleich, liebe Muhme, will ich Licht anstecken!" "Nicht doch, Maedchen! Sag' mir nur, wo du steckst, wir wollen in der Dumper (Daemmerung) plaudern! Brenn' ich doch vor Neugier zu erfahren dein Geschick! Mein Mann, der gestrenge Buergermeister, sagte vor einem Stuendchen erst die grosse Kunde, dass frei heimgekehrt ist unsere Salome! Nun konnte nichts mich im Hause halten, ich musst' zu dir! Gott sei gelobt, dass wir dich wieder haben!" Salome war der Muhme entgegengeschritten, fasste die Hand derselben, und geleitete die Buergermeisterin in den Erker zu den Truhen, die hier als Sitzplaetze dienten. "Nun erzaehle, Salome, ich, deine Muhme, hab' ein Anrecht darauf!" Mit einem Seufzer ergab sich das Maedchen in das unvermeidliche Geschick und schilderte in kurzen Umrissen die Entfuehrung in den Keutschachhof. "Also doch!" sprudelte es Frau Alt heraus. "Wie, Ihr habt es gleich vorneweg so vermutet?" "I freilich! Das war doch nicht schwer zu raten! Der Fuerst ist doch so huldvoll und gnaedig gewesen, er war ganz Feuer fuer dich, hatte nur fuer unsere Salome die Augen offen! Nein, diese hohe Ehre!" "Haltet ein, Muhme! Nennt Ihr die Entfuehrung eine Ehre, ich finde meinen Maedchenruf verletzt, und der Vater, ach, der Vater grollt und spricht von Schande!" "Der Schwager ist empfindlichen Gemuetes und nimmt alles gar zu scharf! Gewisslich waer' die Entfuehrung eine boese Sache, haett' ein Junker oder sonst ein Wicht die Hand erhoben nach unserer Salome! Doch anders ist's, da unser gnaediger Fuerst erglueht fuer dich! Das finde ich eine Auszeichnung und hohe Ehre! Denk' nur, ein Fuerst, des Erzstiftes Herr und Gebieter, der Erzbischof, entsprossen einem hochedlen Geschlecht, mit einem Kardinal verwandt, ja selbst mit Seiner Heiligkeit dem Papst! Wolf Dietrich wird ueber kurz oder lang wohl selber Kardinal, ein ritterlicher Fuerst und Herr ist er heute schon, maechtig, hohen Sinnes! Mir schwindelt, denk' ich es aus, dass wir gar mit dem Papst zu Rom koennten in Beziehung kommen!" "Was kuemmert mich der Papst!" "Sprich nicht so, Salome! Der Herr der ganzen Christenheit, dem Kaiser und Koenige sich beugen! O, wenn ich es erleben koennte!" "Was wollt Ihr erleben?" fragte ernannt das Maedchen. "Lassen wir das! Sprich und erzaehle mir lieber: Was sprach der Fuerst? Hat er dich im Palast erwartet nach dem Mahle? Ich hoffe, er zeigte sich ritterlich, wie sonst ist seine Art?!" "Er kam am andern Morgen und--o Gott, das ist es ja, was mich so ungluecklich macht und in Zerwuerfnis brachte mit dem guten Vater!" Die Muhme geriet in Aufregung, ihre Neugierde war aufs hoechste gestiegen, Frau Alt rutschte so nahe als nur moeglich hin zu Salome und drang auf eine voellige, genaue Beichte. Dem Maedchen ward es wohliges Beduerfnis, das Herz der teilnehmenden Muhme auszuschuetten, eng umschlungen hielten sich die Frauen, und Salome erzaehlte schluchzend von der Werbung Wolf Dietrichs, von seinen Plaenen und Absichten, den Thron zu teilen, das Buergermaedchen zur Fuerstin zu erheben. "O diese Ehre!" stammelte in massloser Ueberraschung die Muhme. "Der Vater nennt es eine Schande und droht mit seinem Fluch!" "Das fass' ich nicht!" "Unschluessig bin ich, nicht maechtig meines Empfindens! Der Vater ist empoert, der Fuerst als Erzbischof koenne gar nicht heiraten, sei gebunden an die Kirche und ans Coelibat! Der Papst selbst koenne da kein Machtwort sprechen, die Erlaubnis nicht erteilen!" "Der Papst kann alles und ein Fuerst sehr viel! Im Erzstift giebt es genug der Geistlichen, die sich ein Weib genommen und dennoch giltig ihres Amtes walten! Was den Kleinen erlaubt ist, kann dem Obersten nicht verwehrt bleiben! Und Wolf Dietrich gar, der ist Manns und maechtig genug, seinen eignen Weg zu gehen, der fragt nicht viel und thut nach eignem Willen! Fuerstin! Die Welt hat solche Wahl und Ehr' noch nicht gesehen! Dass ich das noch erlebe, diese Auszeichnung! Du hast doch dankbar eingewilligt? O, das soll eine fuernehme Hochzeit werden! Traun, mir wird heiss im Kopf, ich die Buergermeisterin verwandt mit Salzburgs Fuerstin! Bersten werden die Weiber vor Neid! Sprich, Salome, was hast du dem Fuersten gesagt auf seine Werbung?" "Ich weiss ja selbst nicht, wie mir ist! Bedenkzeit erbat ich, als der Fuerst mich freigegeben, mich heimkehren liess, ins vaeterliche Haus!" "Hast du mit dem Vater alles schon besprochen?" "Er will von solchem Hohn und Spott nichts weiter hoeren, niemals will er einwilligen und statt des Segens wird er geben seinen Fluch! O, wie bin ich ungluecklich! Doch lieber sag' ich 'nein' und weise des Fuersten Werbung ab! Es kann kein Segen sein, so der Vater flucht!" "Nur keine Uebereilung, Kind! Lass' nur mich mit dem Schwaher reden! Ich treibe ihm die schlimmen Gedanken schon aus und setze ihm die Sache klar ins richtige Licht! Auf jedem Fall lass du aber dem Fuersten wissen, dass du seine Werbung annimmst in Dankbarkeit und schuldiger Ehrfurcht, verbanden?!" "Ich bin mir nicht klar, ist's Liebe! Ich bin dem Fuersten gut, doch fuehl' ich kein Stuermen und Draengen im Herzen!" "Das braucht es auch gar nicht! Du wirst Fuerstin, das ist nach meiner Meinung die Hauptsache. Meine Nichte Salzburgs Fuerstin! Wie stolz das klingt! Die Sache wird gemacht, ich, die Buergermeisterin werde diese Angelegenheit durchfuehren, und ich dulde keinen Widerspruch. Bin ich mit meinem Manne fertig geworden, zwing' ich auch den stoerrischen Schwaher! Ich will verwandt werden mit dem Fuersten! Also gehorchst du, suesses Taeubchen, mir, und befolgst meine Anordnungen." "Ja, gute Muhme! Wenn es nur einen guten Ausgang nimmt! Ich fuerchte mich vor dem gestrengen Vater!" Zum Abschied versprach Frau Alt mit dem Schwager ein ernstes Wort zu reden. Ueber die Werbung sollte jedoch einstweilen tiefes Schweigen beobachtet werden, damit die spaetere, ploetzliche Verlobung um so staerker auf Salzburgs Frauen wirken koenne und muesse. Bald nach dem Weggang der Muhme liess Herr Alt der Tochter sagen, dass er den Abend auswaerts verbringen und demgemaess nicht zu Tisch kommen werde. Salome fuehlte es nur zu deutlich heraus, dass der Vater absichtlich das eigene Kind meidet, und bitter empfand dies das Maedchen. Wenn sich die Buergermeisterin noch niemals in ihren Erwartungen und Berechnungen betrogen sah, die Ansprache mit dem Schwager brachte statt des erhofften Sieges eine grimmige Niederlage, die eine verzweifelte Aehnlichkeit mit einem Hausverweis hatte. Wilhelm Alt verbat sich jede wie immer geartete Einmischung in seine Familienverhaeltnisse, nannte die Schwaegerin schlankweg eine gewissenlose Kupplerin, die so rasch als moeglich die Thuere von aussen zumachen und niemals wiederkehren moege. Tief beleidigt, racheduerstend rauschte die Muhme aus dem Hause des Kaufherrn, und in den naechsten Stunden wussten Salzburgs Buergerkreise bereits von der ehrenvollen Werbung Wolf Dietrichs um Salomes Hand. Zugleich ward der Buergermeister derart bearbeitet, dass er, gegen seinen Willen, der Werbung in seiner Eigenschaft als Ohm zustimmte und damit den Bruder in eine schiefe, durchaus nicht beneidenswerte Lage brachte. Wilhelm Alt konnte das Getuschel nicht verborgen bleiben; man sprach im Trinkhause von der unglaublichen Kunde, die natuerlich mit der Entfuehrung in Zusammenhang gebracht wurde, es fielen Aeusserungen, mehr minder verhuellt, die dem ehrlichen, stolzen Kaufherrn das Blut in Wangen und Kopf jagten. Ein Dreinfahren hatte wenig Erfolg, die Spoetter und Verleumder leugneten und logen, um sich hinterher erst recht ueber den nach ihrer Meinung scheinheiligen Verkuppler des eigenen Kindes lustig zu machen und zu berechnen, wieviel der Fuerst wohl fuer den Handel an den Kraemer werde bezahlt haben. Im Innersten verletzt, grollend, sich und sein Kind verfluchend zog sich Wilhelm Alt in sein Haus zurueck und mied zugleich jeglichen Verkehr mit Salome, die er nun als Urheberin dieser Schande hasste und zu beseitigen trachtete, bevor der verhaengnisvolle Schritt einer Allianz mit dem Fuersten zur That werden koenne. Zu diesem Behufe setzte sich Wilhelm Alt mit dem Nonnenkloster auf Frauenchiemsee in Verbindung, das gegen Entgelt Salome aufnehmen und spaeter einkleiden sollte. Einstweilen jedoch wurde Salome im Vaterhause einer Gefangenen gleich gehalten und schaerfstens ueberwacht, auf dass eine Botschaft weder hereindringen noch hinauskommen konnte. An die Rache der Schwaegerin dachte Alt nicht weiter, wie ihn ja sein Leben lang Weibergeschwaetz kalt gelassen hat. Die Muhme aber in ihrer Auffassung von der Verbindung Salomes mit dem Fuersten Wolf Dietrich und rachegluehend bereit, ihren Willen gegen den des Schwagers durchzusetzen, liess den Erzbischof wissen, dass die Buergermeister Altsche Familie wie Salome mit den Plaenen Seiner Hochfuerstlichen Gnaden einverstanden sei, und dass der gnaedige Herr Schritte gegen die zweifellos drohende Verbringung des Maedchens in ein auswaertiges Kloster thun moege. In seiner Leidenschaft fuer die schoene Salome, deren Besitz der junge, weltlich gesinnte Kirchenfuerst heiss begehrte, konnte Wolf Dietrich die Beihilfe der Muhme nur freudigst begruessen; die Mitteilungen der Buergermeisterin erklaerten auch zur Genuege, weshalb von Salome kein Lebenszeichen in die Residenz gelangt war. Einen Mann von der Thatkraft eines Wolf Dietrich musste die Information von einer Unschaedlichmachung des geliebten Maedchens bei lebendigem Leibe zu Gewaltthaten geradezu auffordern und der heissbluetige Fuerst ging denn auch sofort daran, Herrn Wilhelm Alt mit Gewalt Schach zu bieten. Das Haus des Kaufherrn wurde von Dienern des Fuersten bewacht, Bewaffnete lauerten Tag und Nacht in der Naehe verborgen, und ebenso lag eine Abteilung der erzbischoeflichen Miliz auf der Strasse nach Teisendorf mit dem Auftrage, jeden Wagen oder sonstigen Transport aufzuhalten und nach dem Fraeulein zu suchen, das gegebenen Falles unter Bedeckung ins fuerstliche Palais zu verbringen sei. Nach solchen Anordnungen konnte eine abermalige Gefangennahme Salomes kaum misslingen; es muesste denn sein, dass das Fraeulein auf dem Wege nach Golling ins Gebirge oder ueber Berchtesgaden verschleppt werden wuerde. Daran dachte Wolf Dietrich eines Tages und in wenigen Stunden waren auch diese Fluchtrichtungen mit Mannschaften belegt. Nun hiess es warten, und heissbluetige Menschen warten nicht gerne. In seiner Ungeduld, neue Kunde ueber das geliebte Maedchen zu erfahren, liess Wolf Dietrich Frau Alt zu sich bitten und stellte ihr auch gleich eine Saenfte, die vor dem Hause der Altschen Familie warten musste, zur Verfuegung. Diese Einladung an den Fuerstlichen Hof brachte die Buergermeisterin schier um den Verstand und nur Stolz und Eitelkeit verhinderten eine Geistestruebung. Mit einer ihr selbst unbegreifliche Schnelligkeit kleidete sich Frau Alt in ihr bestes Galagewand, legte an Schmuck an, was sie ueberhaupt besass, und so ueberladen mit Tand und Schaetzen stieg sie pfauenstolz in die Saenfte, huldvoll die gaffenden Leute auf der Gasse durch Haendewinken gruessend und sich selber vormurmelnd: "Ich komme zu Hof, ich komme zu Hof!" Viel Etikettumstaende beim Empfang wurden zur Enttaeuschung der Buergermeisterin nun freilich nicht gemacht, denn der ungeduldige Fuerst hatte ausdruecklich befohlen, die Dame sogleich in das Empfangszimmer zu bringen. Immerhin walteten die Thuersteher und der Kaemmerling vom Dienst getreulich ihres Amtes und deren Grinsen hinterdrein konnte die ueberglueckliche Frau nicht sehen. In spanischer Rittertracht empfing Wolf Dietrich die heranrauschende Buergermeisterin, muehsam den Lachreiz niederkaempfend, liebenswuerdig und galant, so dass Frau Alt wie in einem Himmel zu sein waehnte und strahlend vor Vergnuegen sich in einen wappengeschmueckten Stuhl fallen liess. Auf einen Wink entfernte sich der Kaemmerling, und nun sprach der junge Fuerst: "Ich habe Euch zu mir bitten lassen in der Meinung, dass Ihr mir neue Kunde geben koennt von Salome! Fuer Eure mich erfreuende Unterstuetzung meiner Plaene sage ich Euch meinen Dank und gebe mein fuerstlich Wort, dass es an Anerkennung und Lohn nicht werde fehlen, so ich zum Ziel gelange. Nun sprecht: Was sind die Absichten des hartkoepfigen Pfefferkraemers?" Frau Alt zuckte bei diesem Wort zusammen, der Ausdruck verletzte doch in etwas den Sippenstolz, und hastig erwiderte die Buergermeisterin: "Euer Fuerstlichen Gnaden mit Verlaubnis! Mein Herr Schwaher ist Kaufherr und handelt meines Wissens nicht mit Pfeffer!" "Mi perdoni! Ich wusste das nicht und wollte auch keineswegs etwa eine Geringschaetzung verueben, was undenkbar waere, so ich gerne mit des Kaufherrn Schwaeherin und Muhme der schoenen Salome spreche!" Geschmeichelt dankte Frau Alt und versicherte dann den Fuersten ihrer Ergebenheit und Bereitwilligkeit, ihm zu dienen, nicht in der Hoffnung auf irdischen Lohn, sondern zur Erwerbung paepstlicher Anerkennung. "Wie das? Was meint Ihr?" fragte einigermassen ueberrascht Wolf Dietrich und liess den Degenknauf los, auf den sich seine linke Hand bisher gestuetzt hatte. "Hochfuerstliche Gnaden wollen geruhen, meine Beichte entgegenzunehmen!" "O non, o non!" wehrte Wolf Dietrich ab in irrtuemlicher Auffassung des Ausdruckes, "zum Beichtigen nehmet nur den Priester, so Ihr fuer gewoehnlich konfiterieret!" "Ich meine nicht die kirchliche Beichte, gnaediger Herr! Ich moechte nur demuetig vorbringen, dass gerne ich Euer Gnaden willfaehrig bin und mich gluecklich schaetze, so Hochdero sich mit unserer Salome verbinden! Was hiezu ich thun kann, wird geschehen! Als Lohn moecht' ich mir etwas erbitten, was Euer Fuerstliche Gnaden nur ein gutes Wort fuer Hochdero unterthaenigste Dienerin in Rom kostet!" "Nur ein Wort? Wie lautet dieses Wort?" "Meine hoechste Seligkeit waere ein paepstlicher Segen Seiner Heiligkeit, aber ganz alleinig fuer mich gespendet; es darf niemand anderes daran teilhaben, bloss ich allein!" Ein spoettisches Laecheln huschte ueber die Lippen Wolf Dietrichs, dann sprach der Fuerst freundlich herablassend: "Sothaner Wunsch ehret Euch und soll propagieret werden, sofern Ihr mir eine frumbe willfaehrige Dienerin bleibet! Doch nun ad rem: Wisst Neues Ihr von Salome?" "Das Maedchen ist gehalten in strenger Haft des eigensinnigen Vaters, es ist selbst mir nicht moeglich, zu Salome zu gelangen. Nur von der Dienerschaft konnte ich erfahren, dass in Baelde schon der Schwaher selbst, der Grausame, das liebliche Kind verbringen will in Klostermauern! Denkt nur, gnaediger Herr, ein lieblich Kind, unsere schoene Salome, die schoenste Maid wohl von ganz Salzburg und im stiftschen Land soll in die Kutte gesteckt und Nonne werden fuer Lebenszeit!" "Das werd' ich zu verhueten wissen! Das Fraeulein will ich fuer mich, und Purpur und Hermelin soll Salomes Kleidung sein, nicht die Klosterkutte!" "O, habt Dank, gnaediger Herr, fuer solche Rettung! Wohl bin ich sehr bedacht auf Seelenheil und frumben Wandel, doch Salome seh' ich lieber in fuerstlichem Gewande!" "Auch ich!" huestelte Wolf Dietrich belustigt. "Ich moechte Euer Hochfuerstliche Gnaden bitten, dem blutduerstigen Rabenvater Mores zu lehren!" "Das soll prompt geschehen! Ihr koennt darob beruhigt sein! Wann Salome aus meiner Stadt verbracht wird, ist Euch nicht genau bekannt?" "Es soll nicht laenger mehr waehren, vielleicht noch einige Tage, bis besser wird und trocken der Weg." "Und wohin?" "Das weiss ich nicht zu sagen! Mich deucht, der Schwaher denkt an Chiemsee, doch hat der Kaufherr vielfach Gefreundschaft auch in Kaernten und hinab ins Welschland!" "Ihr steht nicht mehr im Verkehr mit Wilhelm Alt?" "Der Dickkopf nannt' eine Kupplerin mich, die ehrsame frumbe Buergermeisterin, und verwies mir das Haus! Kann es groessere Undankbarkeit wohl auf Erden geben!" "Nein, gewiss nicht! Ein 'undankbarer' Mensch, dieser Wilhelm Alt!" sprach ironisch der Fuerst und seine Augen lachten vergnuegt dazu. auf Seelenheil und frumben Wandel! Ich will ja nur Salomens Glueck und nebstbei bin auch ich geehrt, [Transkriptionsanmerkung: Dieser Absatz scheint keinen Sinn zu machen, ist aber 1:1 aus dem Original uebernommen] "Als wenn ich kuppeln wollt', ich, die so viel haelt wenn meine Nichte Fuerstin ist!" "Kein Zweifel, eine grosse Ehre sothane Liaison!" Nun wollte Frau Alt auf den Stadtklatsch uebergehen, doch Wolf Dietrichs Geduld war bereits erschoepft, es interessierte ihn nicht im geringsten, was die Sippen ueber ihn und seine Liebe zu Salome sagen, und die laengere Anwesenheit der alten Schwaetzerin ward dem Fuersten laestig. Er gab ein Glockenzeichen, verneigte sich etwas vor der in die Hoehe fahrenden Dame und gab Befehl, die Frau Buergermeisterin hinauszugeleiten. Verdutzt, in einem Gefuehle, aus dem Himmel in einen Sumpf gefallen zu sein, folgte Frau Alt dem hoeflichen und doch spoettischen Kaemmerling, die Glueckseligkeit der Fuerstenaudienz war zu Ende, so gruendlich vorbei, dass Frau Alt unten keine Saenfte mehr vorfand und geaergert durch das Schneewasser auf Salzburgs Katzenkopfpflaster heimtrippeln musste. "Sind doch das launische Leute, diese Fuersten!" zischte die vergraemte Frau und huepfte kroetengleich ueber die Wasserlachen, bis sie tropfnass in den Fuessen endlich das Heim erreichte. Unertraeglich war Salome die einsame Haft im Elternhause geworden, das Maedchen litt schwer, die Isolierung verbitterte das Gemuet und bewirkte maehlich, dass Salome im Drang nach Freiheit nur im Fuersten allein den Retter ihres Lebens zu erblicken begann und sich nach Wolf Dietrichs beglueckend suessen Worten sehnte. Speise und Trank ward der Gefangenen wohl vom Hausmaedchen, der blondzoepfigen Klara ins Gemach verbracht, doch war vom Vater der Magd unter schwerer Bedrohung jegliches Sprechen mit Salome verboten worden. Einige Tage hielt dieses Gebot stand, dann aber, von herzlichstem Mitleid erfasst, vermochte Klara dem Flehen Salomens nicht mehr zu widerstehen, die Magd gab fluesternd Red' und Antwort auf die hastigen Fragen und erzaehlte, dass die Muhme beim Fuersten in Audienz empfangen worden und in der Stadt die Kunde von der Verlobung allgemein verbreitet sei. Salome schrie auf vor Schreck und Wonne zugleich, dann aber bestuermte sie die Magd um weitere Nachrichten bezueglich der etwa bekannt gewordenen Plaene des hartherzigen Vaters. Aengstlich wehrte Klara ab und bedeutete dem Fraeulein durch eine Geste, dass ein laermend Wort den Gebieter herbeifuehren und Strafe bringen muesste. Das Essgeschirr zusammenraffend, fluesterte die Magd: "Ein Wagen soll Euch morgen in frueher Stund' nach Frauenchiemsee bringen, vom Hausknecht habe ich's erfahren!" "Grosser Gott, das schrecklichste steht mir bevor! Doch niemals werd' ich eine Nonne! Hilf mir zur Flucht, Klara, ich will dir's lohnen fuer dein ganzes Leben!" "Still! Ich hoere Schritte! Zum Abend will ich wiederkommen!" Geraeuschlos entfernte sich die Magd. Eine Weile horchte und harrte Salome; doch als alles still, totenstill um sie blieb, begann sie mit dem Gedanken einer Flucht aus dem Elternhause sich vertraut zu machen. Mag kommen was immer wolle, das Leben als Gefangene im Elternhause, vom Vater verachtet, einer Aussaetzigen gleich behandelt, ist ebenso schrecklich wie die Gewissheit, die Zukunft zwangsweise im Nonnenkloster verbringen zu muessen. Salome empfand ein Gefuehl der Dankbarkeit fuer die Muhme und deren Vermittelung beim Fuersten, das Maedchen hofft auf ein Eingreifen, auf Rettung durch Wolf Dietrichs Hand, und einmal befreit, soll dem Fuersten zeitlebens inniger, hingebender Dank dargebracht werden. In trostloser Oede vergingen quaelend langsam die Stunden, bis zum Abend Klara wieder erschien und vermeldete, dass Herr Alt ausgegangen sei, mutmasslich, um fuer morgen das Fuhrwerk und Mannschaft zur Bedeckung zu bestellen. Alle Spannkraft erwachte in Salome, sie beschwor Klara um Hilfe zur Flucht und versprach, die Magd sogleich mit sich zu nehmen in den Keutschachhof. Einmal dort, sei Herrin wie Dienerin sicher vor dem strafenden Arm des Vaters und Herrn, der Fuerst werde beide zu schuetzen wissen. Der Vorschlag leuchtete der abenteuerlichen Magd wohl ein, doch erklaerte Klara, so rasch nicht ihre Habe, so klein sie auch sei, packen und fortschaffen zu koennen. Salome bedeutete dem Hausmaedchen, dass es unnoetig sei, auch nur das Geringste von den Habseligkeiten mitzunehmen; es werde alles hundertfach und neu ersetzt, wie ja auch Salome nichts mitnehme, als was sie am Leibe trage. "Koennt Ihr denn so viel Geld mitnehmen?" fragte Klara. Salome erroetete und fluesterte: "Ich nehme nichts mit! Der gnaedige Fuerst wird fuer uns beide Sorge tragen! Nur fort ehe der Vater wiederkehrt!" Nun war die Magd auch hierueber beruhigt; Klara schlich hinunter, gab ein Zeichen, und Salome folgte. Zwischen den Kisten im Hausflur sich hindurchwindend konnte man dem Eichenportale naeher kommen. Doch dieses selbst erwies sich festverschlossen, die Flucht schien vereitelt und nach rueckwaerts giebt es keinen Ausweg. Peitschenknall ertoente draussen in der Gasse, ein schweres Fuhrwerk droehnte krachend und prasselnd vor dem Kaufhause, und alsbald ward es lebendig. Schnell huschten die Maedchen hinter die Kisten. Komptoiristen und Knechte kamen mit Laternen herbei, schimpfend ueber die arg verspaetete Ankunft des Gollinger Boten. Dieser entschuldigte sich mit dem schlechten Zustand der Strasse und drang auf rasche Abladung, wasmassen seine Rosse schwitzen und in den Stall kommen muessten. Bei truebem Laternenschein ward das Portal aufgeschlossen, und die schwere Last von Frachtguetern aus dem Sueden wurde abgeladen. Aus Unachtsamkeit stiess einer der Knechte die Laterne um, das Licht verloeschte, es ward stockdunkel im Flur wie auf der Gasse. Waehrend die Knechte schimpften und nach Licht riefen, huschte Klara, der Salome auf dem Fusse folgte, durchs Portal und von der Dunkelheit geschuetzt flohen beide laengs den Haeusern die Gasse hinauf und verschwanden um die erste Ecke. III. Ein linder Fruehling war dem langen, hartnaeckig um sein Recht kaempfenden Winter gefolgt, weiche, warme Lueste wehten, der Foehn hatte schneller als sonst den letzten Schnee von den Salzburger Bergen verjagt. In den Thaelern gruente und spross es aufs neue, die Auen prangten im frischen Lenzeskleid wie die Matten, und nur die Wogen der hochgehenden Salzach bezeugten durch ihr schlammfarbiges Wasser, dass es tief drinnen im Hochgebirge nicht ohne Sturm und Regen Fruehling geworden. Im schmalen Salzachthal, das eingeengt ist durch die Prallwaende des gigantischen Tennengebirges und westwaerts von dem Felsgewirr des Hagengebirges, erhebt sich ein Steinhuegel, auf welchem eine alte Veste thront, Hohenwerfen genannt, eine Zwingburg der salzburgischen Landesherren, im 11. Jahrhundert trutzfest erbaut, und neuerlich bewehrt von Wolf Dietrich im Anfang seiner Regierung, auf dass sie dem Fuersten zum Schutz diene gleich Hohensalzburg in etwaigen Kriegsfaellen. Die linde Fruehlingszeit hatte den jungen Landesherrn verlockt mit ihrem balsamischen Odem, der ihn so sehr an die weichen Luefte Italiens gemahnte. Wolf Dietrich war, seinem lebhaften Temperament folgend, urploetzlich nach Werfen ausgebrochen, und so sass er nun im bequemen Hausgewand, das aber durch reiche Pelzverbraemung immer noch an fuerstlichen Prunk gemahnte, in einer Art Loggia, die auf sein Geheiss in einem Wehrturm der obersten Burgmauer eingebaut worden war, und liess zeitweilig den Blick schweifen hinueber in das Felsgewirr der wuchtigen Mauer des Tennengebirges und dann wieder hinab in das gruene Salzachthal. Fuer eine Weile blieben die vor ihm auf dem Eichentische liegenden Blaetter, Briefe des Astronomen Tycho Brahe, mit welchem Gelehrten Wolf Dietrich in schriftlichem Verkehr stand, unbeachtet; ein Traeumen ist's mit offenen Augen, ein willig Hingeben einem wohligen Gefuehle errungenen Glueckes, und ein zufriedenes Laecheln zeigte sich auf den Lippen, so der Fuerst im winzigen Ziergaertchen, das zwischen der Umfassungsmauer und dem eigentlichen Burggebaeude eingebettet lag, der schlanken, liebreizenden Gestalt Salomes ansichtig ward. Die schoene Salome liebkoste manche Bluetenknospe, eine herrlich erbluehte Blume selbst unter den Bluemelein des Gaertchens, und ihre weiche Hand strich sanft ueber eine halberbluehte Heckenrose, deren Wurzel lieber im bruechigen Gemaeuer zu wurzeln schien, denn in der ueppigen Gartenerde. Mitten im taendelnden Spiel und Kosen hielt Salome inne, die halboffene Bluete schien sie an etwas zu gemahnen; das glueckliche Laecheln erstarb, die Stirn umduesterte sich, das suesse Wangenrot verblasste. Die bebende Hand brach das Heckenroeslein ab, ein Dorn riss ein, und ein Troepflein rotwarmes Blut zeigte sich am verletzten Finger. Ein leiser Schrei drang zu Wolf Dietrich und liess ihn aufblicken, der Fuerst gewahrte die Veraenderung in Salomens Wesen sogleich, und besorgt rief er, sich ueber die Loggienbruestung beugend, hinunter, nach der Ursache der Verstoertheit fragend. Jaeh ergluehte Salome, und winkte hinauf mit einer Geste, die besagen wollte, dass nichts von Belang sich ereignet habe. Doch der lebhafte Fuerst liess sich damit nicht beschwichtigen, er verliess sogleich die Loggia und nach wenigen, weitausholenden Schritten war er bei Salome. "Was ist dir, Carissima? Hat ein Dorn dich verletzt? Wer Rosen pflueckt, darf der Dornen nicht achten! Komm, meines Lebens Licht und Wonne, wir wollen die Wunde verbinden!" "Nicht doch, mein gnaediger Herr! Ein Mahnen war es, das ploetzlich mich verschreckte!" "Ein Mahnen? Was sollt' es sein?" "Ja, ein Mahnen, gnaediger Gebieter! Beim Anblick dieses halberbluehten Roesleins fuhr die Gemahnung mir durch den Sinn, dass ich wohl selbst nichts anders bin denn diese kaum erbluehte, schlichte Blume...." "Ein suess Gebild, der Blumen herrlichste ist meine Salome!" schmeichelte der galante Fuerst. "Nicht so, o Herr und Gebieter, ist's gemeint! Ein Heckenroeslein nur, die wilde Rose, wie sie waechst in Rain und Wald, entbehrend der foerdernden Hand--" "Auch solche Blume hat doch ihren Reiz, ist schoen in ihrer Schlichtheit!" "Doch niemals wird sie eine Edelrose!" Der klagende Ton fiel dem Fuersten auf, weich sprach Wolf Dietrich: "Graeme dich nicht darob, es muss auch wilde Rosen geben!" Ein Seufzer entwich der bewegten Brust des Maedchens. "Was ist dir nur, Geliebte?" "Das Mahnen ist's, das Schmerz mir bringt in meine Brust; nie wird das Heckenroeslein eine Edelrose, und so erblick' ich meine Zukunft!" "Scheuch solche Gedanken nur von hinnen, Geliebte! Du bist mein alles, meines Lebens Wonne! Nie werd' ich von dir lassen! Die Sorg' um dich ist meines Daseins oberstes Gesetz!" "Steckt dieses Heckenroeslein in die beste Erde, pflegt und betreuet sie, eine Edelrose wird es niemals werden!" "Geliebte! Was soll dies Wortspiel in der Wiederholung? Du bist an meiner Seite einer Fuerstin gleich--" "Doch niemals ebenbuertig und des Segens entbehrt unser Bund! Eine Zuflucht fand ich in Eurem gastlich Haus und bin nichts anderes denn ein Gast, dem gesetzt ist immer die bestimmte Zeit!" "Salome! Ich bitte, jag' die trueben Gedanken weg! Nur froh und gluecklich will meine Herzenskoenigin ich wissen, ein zufrieden suesses Laecheln als Zierde sehen auf deinen Rosenlippen! Nur keine Schatten und des Grames Falten, die hass' ich und will verbannt sie wissen aus meinem Leben!" "Verzeiht mir, gnaediger Gebieter! Nicht will ich Unmut Euch bereiten, aufheitern Euch und verschoenern gern das Leben! Doch erhoeret, Herr, auch meine Bitte: Gebt unserem Bund die Weihe, die gewaehrt ist dem aermsten Paar von Euren Unterthanen!" Eine Falte zeigte sich in des Fuersten Stirne und Unmut auf den zur Antwort leicht geoeffneten Lippen. Doch ehe Wolf Dietrich Antwort gab auf die flehentliche Bitte des schoenen Maedchens, kam der Kaemmerling heran, der unter einer tiefen Verbeugung meldete, dass der Dechant von Werfen Seiner Hochfuerstlichen Gnaden unterthaenigste Aufwartung zu machen erschienen sei und im Audienzzimmer harre des gnaedigen Empfanges. "Soll warten! Ich komme alsbald!" erwiderte der Fuerst, und geleitete Salome in die Burg. Erst vertauschte Wolf Dietrich unter Beihilfe des Kammerdieners Mathias das Hausgewand mit der spanischen Ritterstracht, doch nahm der junge Gebieter den stolzen Federhut nicht mit, als er dann unter Vorantritt von Pagen und dem Kaemmerer sich in das Audienzgemach begab. Der harrende Dechant war eine hagere, mittelgrosse Gestalt mit strengen Zuegen im scharfgeschnittenen Gesicht, grauen Augen, kurz geschorenem Haupthaar, ein Mann von Gemessenheit, erfuellt vom Gedanken an priesterliche Wuerde und Pflichttreue; dabei schien die ganze hagere Gestalt die Verkoerperung eines eisenstarken Willens, einer Unbeugsamkeit in allen Dingen zu sein. Beim Eintritt des Fuersten und Erzbischofs wich in des Pfarrherrn Auge die Eiseskaelte und Starrheit, die Lippen oeffneten sich, ohne einen Laut durchzulassen, grenzenlose Ueberraschung bekundete die vorgebeugte Haltung des Koerpers und die ausgespreizten Finger beider Haende. Einen Kirchenfuersten in spanischer, weltlicher Rittertracht hat der Dechant noch nicht gesehen und eher des Himmels Einsturz erwartet, als Salzburgs Erzbischof in solcher Gewandung zu erblicken. So stand der Pfarrer fassungslos und schluckte, er brachte nur das "salve" heraus, alles andere der lateinischen Ansprache blieb im Halse stecken. Die gute Laune Wolf Dietrichs, der ungemein empfindlich in Etiketteangelegenheit und rasch verletzt in seinem Herrschergefuehle war, wich augenblicklich bei solch' respektloser Haltung eines Unterthanen, der ganze Hochmut kam zum Ausdruck, als der Fuerst hoehnend, ja aetzend scharf rief: "Kaemmerling, bring' Er dem Bauerpfarrer hoefische Sitte bei und lehr' Er ihm, dass man den gnaedigsten Landesherrn nicht mit 'salve' begruesst, den Fuersten auch nicht angafft!" Die verletzend scharfe Lektion hatte bei dem aeltlichen Pfarrer keineswegs die erwartete Wirkung; statt etwa vor dem Landesherrn und hoechsten kirchlichen Vorgesetzten huldigend das Knie zu beugen, richtete sich der asketische Dechant auf und blickte fest auf den zornigen, kleinen Fuersten. Kalt sprach der Pfarrherr: "Mit gnaediger Verlaubnis! Einer Lektion von Hoeflingen bedarf es nicht, ein Priester Roms weiss Ehrerbietung und schuldigen Gehorsam zu bekunden seinem hochwuerdigsten Erzbischof!" Wolf Dietrich stutzte unwillkuerlich, die Gemessenheit wie Kuehnheit dieser Ansprache liess ihn ahnen, dass dieser Pfarrer doch anders geartet sein duerfte, als es sonst um jene Zeit der Landklerus war; ein Niederschmettern schien hier nicht opportun zu sein, wiewohl das aufbrausende Temperament des Fuersten hierzu treiben wollte. Immerhin kehrte Wolf Dietrich die hochfahrende Seite heraus in der Erwiderung: "Es wird sich zeigen, was Er weiss und wie es bestellt--mit dem schuldigen Gehorsam!" Zugleich winkte der Fuerst den Begleitern, sich zu entfernen. Auge in Auge standen sich Erzbischof und Pfarrer gegenueber; letzterer an Haltung, Antlitz und Kleidung sofort als Priester erkennbar. Wolf Dietrich stuetzte die Linke auf den Degenknauf, waehrend seine Rechte das Schnurrbaertchen aufzuzwirbeln begann. Ungeduldig klang sein "Nun?" "Euer erzbischoefliche Gnaden...." "Man tituliert mich: Hochfuerstliche Gnaden!" "Euer erzbischoefliche Gnaden wollen meiner Ueberraschung, ja Verblueffung zu Gute halten, dass mir die schuldige ehrerbietige Ansprache stecken blieb in der Kehle! Den hochwuerdigsten Erzbischof glaubt' ich im kirchlichen Ornat erblicken und erwarten zu duerfen...." "Ich kleide mich nach meiner Wahl und kann der Meinung Untergebener und Unterthanen allezeit entbehren! Was will Er?" "Euer erzbischoeflichen Gnaden wollt' schuldige Aufwartung ich erstatten, wasmassen Hochdieselben Aufenthalt genommen in meinem Pfarrsprengel." "Das ist Seine Pflicht und Schuldigkeit und haette vor Tagen schon geschehen koennen. Ihm fehlt es wohl nicht an Zeit, dafuer an Verstaendnis hoefischer Sitte wie an schuldiger Unterwuerfigkeit! Merk' Er sich solche Lehre! Und nun bericht' Er ueber Stand und Verhaeltnis seiner Pfarre!" "Es ist viel des Ueblen dem hochwuerdigsten Oberhirten zu referieren, wenig des Guten! Auch in diesseitigem Pfarrsprengel tauchen Kalixtiner[4] immer wieder auf, so streng auch dagegen eingeschritten wurde." "Das wird in specie noch zu regeln sein! Wie steht es mit dem Klerus?" "In einigen exemplis kann ich guter Antwort sein. In loco ist ein gehorsamb Volk, meine Gsellpriester (Hilfsgeistliche) fleissig, einer davon de sacramentis omnino pie sentit, de vita nulla hic est querela. Mein benachbarter Amtsbruder predigt fleissig von der Mess', hat ein frumb Voelkel, braucht katholische Buecher, auch in der Fasten Nachmittag, hat so lang er Priester ist, keine Koechin, haust mit seiner Schwester. Auch einige andere Thalpfarrer leben ohne Konkubinen. Aber schlimmer ist's im Gebirg, die Expositi und Kuraten wollen nicht ablassen, besonders der Kurat von Skt. Jodok in der Einoede ist renitent, reif zum davonjagen cum infamia, conjugatus est...." "Wer ist das?" "Der Kurat von Skt. Jodok in der Einoede, an die 70 Jahre alt und verheiratet, horribile dictu. Eine himmelschreiende Schande fuer meinen Sprengel! Ich aber leid' es laenger nicht und muesst' ich nochmal Gewalt gebrauchen! Verjagt hab' ich des Frevlers laesterliches Weib, hinausgepruegelt aus dem Widum! Und bei der letzten Visitation, die unvermutet ich vorgenommen, fand ich das alte Kebsweib wieder vor! Herr Erzbischof, werdet hart, gebt was der Kirche ist und fahret mit strengem Arm dazwischen, reiniget, fegt sie hinaus, die schaenden unsern Stand! Vernichtet und vertilgt die Frevler gegen Coelibat und sonstige Vorschrift! Greift ein, fest und bald, beseitigt die Quelle und Ursache der geistlichen Entartung unserer schrecklichen Zeit, so da ist die scientivische Unfaehigkeit der Gsellpriester und Einoedkuraten! Die Unwissenheit schreit zum Himmel! Wir haben Priester, die nicht angeben koennen die Zahl der Sakramente, die Schriften haben von den schrecklichen Luther, Zwingli, Melanchthon und Brenz, darin kuemmerlich lesen und gar nicht erkennen die Gefahr! Fluch ihnen! Pech und Schwefel soll sich ergiessen ueber solche Suender! O, helft mit beim Rettungswerke, zur Purifikation der verderbten Sittenzustaende im Erzstift, die zum Himmel schreien!" Der Dechant hatte sich in eine Erregung geschrien, die ihn noetigte innezuhalten und Atem zu schoepfen. Kuehl sprach Wolf Dietrich unter Ignorierung der donnernden Philippika des Asketen: "Also jener Kurat hochbetagt ist conjugatus, verheiratet! Den Mann will ich sprechen!" "So wollt Ihr, gnaediger, hochwuerdigster Herr und Erzbischof, statuieren ein Exemplum?!" "Das wird sich zeigen! Bestell' er mir das Paar auf naechsten Freitag, das ist also uebermorgen Vormittag zehn Uhr!" "Das Paar?" fragte gedehnt, seinen Ohren nicht trauend, der Dechant. "Den Kuraten und sein Weib, jawohl! Ich will das Paar sehen und meine Meinung fassen ueber Mann und Weib!" "Und wann darf ich erhoffen ein Mandat, die Purifikation meines Sprengels?" "Das wird sich alles finden! Erst muss gepruefet werden! Davongejagt sind sie schnell, fraglich bleibt, wo bessere wir finden. Doch soll es an wirksamer Reinigung des Klerus nicht fehlen! Ich danke Euch fuer diese Relation! Verweilt noch etwas auf der Burg, erlustieret Euch im Garten, nicht mehr ferne ist die Zeit, da wir zum Mahle schreiten, und ich lade Euch hiezu als Gast!" "Euer erzbischoeflichen Gnaden danke ich submissest und werde auf Zeichen und Geheiss mich rechtzeitig einfinden!" Wolf Dietrich reichte dem Pfarrer die Rechte zum Handkuss und gehorsam unterthaenig drueckte der Dechant die stoppelreichen Lippen auf die Hand des Fuersterzbischofes. Damit hatte die Audienz ihr Ende. Der Pfarrer begab sich in das Burggaertchen, Wolf Dietrich in sein Gemach, worin er dann nachdenklich in sich versunken eine Weile blieb und mehrmals fluesterte: "Conjugatus est!" Der Ueberraschung zweiter Teil sollte dem Landpfarrer die fuerstliche Hoftafel bringen, die gemaess dem eigenhaendig entworfenen Ceremoniell Wolf Dietrichs nach hoefischer und foermlicher Weise auch in der einsamen Burg Hohenwerfen abzuhalten war. Zwei der Kaemmerer waren mit, ebenso einige der Edelknaben, der Stebelmeister und ein ziemlich zahlreiches Gefolge zur Betreuung von Kueche, Keller und Marstall. Im Bankettsaal harrte der hagere Pfarrer, welchem der gleichfalls zu Tisch befohlene Hofmarschalk und Chef der fuerstlichen Hofhaltung Gesellschaft leistete, bis das Zeichen der Ankunft des Fuersten gegeben wurde. Zwei Edelknaben, ein Fourier, der Kaemmerer vom Dienst und der Stebelmeister schritten feierlich herein, ihnen folgte Wolf Dietrich, der am Arm die schoene Salome fuehrte und durch das Spalier der sich tief verneigenden Hofbeamten und sonstiger Dienerschaft geleitete. Waehrend Salome beim Anblick des fremden geistlichen Gastes aus Scham ueber ihre Stellung und illegitime Beziehung zum Fuersten erroetete, fixierte Wolf Dietrich den asketischen Pfarrer, dem vor Ueberraschung und Schrecken ueber den unerwarteten Anblick die Augen aus den Hoehlen quollen und der Mund weit offen stand. Mit tiefen Verbeugungen hatte sich der Hofmarschalk dem Paare genaehert und hoefischer Sitte entsprechend der Dame Honneurs erwiesen, so dass der Pfarrer allein, verlassen, in hilfloser Verlegenheit stand, bis ihm der rettende Gedanke durch den Kopf schoss, dass die Dame moeglicherweise doch die Schwester des Erzbischofes sei. Wolf Dietrich mochte dem Pfarrer solchen Gedanken von der Stirne abgelesen haben, vielleicht machte ihm ein bisschen Quaelen Spass, er geleitete zum Cercle seine Dame am Arm einige Schritte weiter und sprach den verbluefften Pfarrer an: "Eh' wir zu Tische gehen, sei Ihm die Gnade gewaehret, zu huldigen der--Fuerstin!" "I--ich--!" schluckte der Pfarrer und wuergte, ohne den beabsichtigten Satz: "Ich glaub's gleich?!" herauszubringen. Boshaft wiederholte Wolf Dietrich: "Ihre Hochfuerstliche Gnaden Fuerstin Salome, meines Lebens Sonne und Glueck!" Salome drueckte den Arm des Fuersten und fluesterte flehentliche Worte, doch dieser Qual und beschaemenden Scene ein rasches Ende zu bereiten. Der Pfarrer aber stotterte: "Fuerstin? Ergo conjugatus est archiepiscopus?" Wolf Dietrich nickte vergnuegt und weidete sich an dem Gesichtsausdruck des Pfarrers, an der grenzenlosen Verblueffung. Doch ploetzlich veraenderte sich das Bild: der Pfarrer hatte die Herrschaft ueber sein Denken und Fuehlen wiedergewonnen und damit die Kraft flammender Rede. Hochaufgerichtet, im Brustton heiliger Ueberzeugung, durchglueht von fanatischem Feuer, rief er: "Haltet ein, Herr, Fuerst und Erzbischof! Verdorren soll mir der Fuss, ehe ich ihn setze zum Schritt an Euren Tisch! Euch ruf' ich zu die Worte des grossen Papstes Gregor VII.: Non liberari potest ecclesia a servitute laicorum, nisi liberantur clerici ab uxoribus! Dies grosse Wort gilt heilig fuer alle Zeiten und auch dem Salzburger Erzbischof! Roms Priester ruft Euch zu: Bangt Euch nicht vor der schweren Suende wider der Kirche heiliges Gebot? Koennet Ihr vor Gottes Richterstuhl verantworten der Suende Bund? Welch' Beispiel gebt Ihr uns Priestern, Ihr der Hoechste ueber uns nach des Papstes Heiligkeit?! Wie soll der Klerus gereinigt werden, gelaeutert, befreit von der Suende Banden, w