Project Gutenberg's Ueber das Aussterben der Naturvoelker, by Georg Gerland This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at www.gutenberg.net Title: Ueber das Aussterben der Naturvoelker Author: Georg Gerland Release Date: November 12, 2004 [EBook #14028] Language: German Character set encoding: ASCII *** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK NATURVOELKER *** Produced by PG Distributed Proofreaders UeBER DAS AUSSTERBEN DER NATURVOeLKER VON DR. GEORG GERLAND, LEHRER AM KLOSTER U. L. FR. ZU MAGDEBURG. LEIPZIG, VERLAG VON FRIEDRICH FLEISCHER. 1868. SEINER EXCELLENZ DEM HERRN GEHEIMEN RATH H.C. VON DER GABELENTZ. Vorwort. Die Frage nach dem Aussterben der Naturvoelker ist bis jetzt nur gelegentlich und nicht mit der Ausfuehrlichkeit behandelt, welche die Wichtigkeit der Sache wohl verlangen kann. Am genauesten ist Waitz auf sie eingegangen in seiner Anthropologie der Naturvoelker Bd. 1, 158-186; aber da auch er sie nur anhangsweise bespricht und in dem Zusammenhang seines Werkes nicht mehr als nur die Hauptgesichtspunkte angeben konnte und wollte; da er ferner manches nur andeutet oder ganz uebergeht, was von grosser Wichtigkeit ist, so erscheint es durchaus nicht ueberfluessig, die Gruende fuer dies "raethselhafte" Hinschwinden selbstaendig und moeglichst genau von neuem zu eroertern. Namentlich die psychologische Seite des Gegenstandes hat man bisher ueber die Gebuehr vernachlaessigt; sie wird deshalb in den folgenden Blaettern besonders betont werden muessen. Das Material zur Beantwortung der Frage, die uns beschaeftigen soll, findet sich zerstreut in einer grossen Menge von Reisebeschreibungen, ethnographischen und anthropologischen Werken. Da es mir aber darauf ankam, einmal--denn nur strengste Empirie kann uns bei unserer Frage foerdern--meine Saetze durch getreue Quellenangabe zu stuetzen, und andererseits, dass die angefuehrten Citate nicht allzuschwer zugaenglich seien, um nachgeschlagen werden zu koennen, so habe ich mich, wo es moeglich war, auf Werke gestuetzt, die weiter verbreitet sind, und den Quellennachweis nur da weggelassen, wo das Gesagte in allen Reisewerken sich gleichmaessig findet. Dass ich das schon erwaehnte ausgezeichnete Werk meines nur allzufrueh verstorbenen Lehrers Waitz, die Anthropologie der Naturvoelker, sehr reichlich benutzt habe, wird man nicht tadeln; man findet dort die oft sehr schwer zugaenglichen Quellen in kritischer Auswahl beisammen--und wozu werden solche grundlegenden Werke geschrieben, wenn man nicht auf ihnen weiterbaut? Ich stelle hier der Uebersicht und des bequemeren Citirens wegen die Werke zusammen, welche ich als Belege benutzt habe, ohne die mit anzufuehren, welche nicht oefters citirt sind. Einige, welche ich gern gehabt haette, sind mir unzugaenglich geblieben. Angas, Savage life in Australia and N. Zealand. London 1847. Australia felix. Berlin 1849. Azara, Reise nach Suedamerika in den Jahren 1781-1801 (Magazin der merkw. neuen Reisen. Bd. 31. Berlin 1810). Bartram, Reisen durch Karolina, Georgien und Florida 1773. (eb. 10. Band). Berlin 1793. Beechey, Narrative of a voyage to the Pacific (1825-28). London 1831. Behm, Geographisches Jahrbuch. 1. Theil 1866. Gotha 1866. Bennett, Narr. of a whaling round the globe 1833-36. London 1840. v. Bibra, Schilderung der Insel Vandiemensland bearbeitet v. Roeding. Hamburg 1823. Bougainville, Reise um die Welt 1766-69. Leipzig 1772. Bratring, Die Reisen der Spanier nach der Suedsee. Berlin 1842. Breton Excursions in N.S. Wales, W. Australia and V. 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Umfang des Aussterbens Sec. 2. Empfaenglichkeit der Naturvoelker fuer Miasmen. Krankheiten, welche spontan bei der Zusammenkunft der Natur- und Kulturvoelker entstehen Sec. 3. Direkt eingeschleppte Krankheiten Sec. 4. Behandlung der Kranken bei den Naturvoelkern Sec. 5. Geringe Sorgfalt der Naturvoelker fuer ihr leibliches Wohl Sec. 6. Charakter der Naturvoelker Sec. 7. Ausschweifungen der Naturvoelker Sec. 8. Unfruchtbarkeit. Kuenstlicher Abortus. Kindermord Sec. 9. Krieg und Kannibalismus Sec. 10. Menschenopfer Sec. 11. Verfassung und Recht Sec. 12. Natureinfluesse Sec. 13. Aeussere Einfluesse der hoeheren Kultur auf die Naturvoelker Sec. 14. Psychische Einwirkungen der Kultur Sec. 15. Schwierigkeit fuer die Naturvoelker, die moderne Kultur sich anzueignen Sec. 16. Behandlung der Naturvoelker durch die Weissen. Afrika. Amerika Sec. 17. Fortsetzung. Der stille Ozean Sec. 18. Geographische Vertheilung der einzelnen Gruende fuer das Aussterben der Naturvoelker. Vergleichung dieser Gruende in Bezug auf ihr Gewicht Sec. 19. Vergleichung der Natur- und Kulturvoelker in Bezug auf ihre Lebenskraft Sec. 20. Aussterbende und ausdauernde Naturvoelker Sec. 21. Die afrikanischen Neger Sec. 22. Folgerungen aus der Art, wie die Naturvoelker von den Kultur behandelt sind Sec. 23. Zukunft der Naturvoelker; Mittel sie zu heben Sec. 24. Werth der Naturvoelker fuer die Menschheit und ihre Entwickelung. Schluss Sec.1. Einleitung. Umfang des Aussterbens. Die Erscheinung, dass eine Reihe von Voelkern vor unseren Augen durch langsameres oder rascheres Hinschwinden ihrem Untergang entgegengeht, ist eine ueberaus wichtige. Dass sie fuer die Geschichtsforschung grosse Bedeutung hat, leuchtet ohne weiteres ein; dass sie fuer die Naturgeschichte des Menschen, die Anthropologie entscheidend ist, ebenfalls. Und wenn es sich als wahr bestaetigt, dass, wie man behauptet hat, diese Voelker aus einer Lebensunfaehigkeit, welche ihrer Natur anhaftet, dem Aufhoeren entgegengehen; so ist, da die nothwendige Folgerung jener Behauptung dahin fuehrt, dass man verschiedene Arten, hoehere und niedere im Geschlecht Mensch annimmt, die Beantwortung dieser Frage auch fuer die Philosophie massgebend. Praktisch hat man sie von jeher in den Staaten betont, wo Weisse mit Farbigen zusammenleben; wie man eben die Theorie der geringeren Lebensfaehigkeit nicht weisser Racen zuerst in diesen Staaten aufgestellt hat. Und allerdings ist es auffallend, dass nur farbige Racen dies Hinschwinden zeigen und am meisten es da zeigen, wo sie mit der weissen in Beruehrung gekommen sind; dass die Weissen, obwohl sie doch ihre Heimat, das gewohnte Klima u.s.w. aufgegeben haben und in unmittelbarer Beruehrung mit denen leben, welche in ihrem Vaterlande, scheinbar unter den alten Lebensbedingungen, verkommen, gaenzlich davon verschont zu sein scheinen. Waehrend wir nun dies Hinschwinden hauptsaechlich bei den kulturlosen Racen, bei den Naturvoelkern, d.h. bei den Voelkern finden, welche dem Naturzustande des Menschengeschlechtes noch verhaeltnissmaessig nahe stehen (Waitz 1, 346), oder bei welchen, um mit Steinthal zu reden, noch keine bedeutende Entwickelung der logischen Faehigkeiten stattgefunden hat: so sehen wir es doch ebenfalls auch da, wo farbige Racen sich zur Kultur und sogar zu einer gewissen Hoehe der Kultur emporgeschwungen haben, in Polynesien, in Mexiko, in Peru, und man hat daher geschlossen, einmal dass diese Kultur doch nur Halbkultur und wenig bedeutend gewesen sei, denn waere sie wahr und ganz gewesen, so wuerde sie groessere Kraft verliehen haben: oder aber, dass bestimmte Racen, auch wenn sie sich wirklich ueber das Niveau der gewoehnlichen "Wilden" erhoben haetten, dennoch einem fruehen Tode entgegengingen, weil sie nun eben von der Natur zum Aussterben bestimmt seien, weil es ihnen eben, in Folge ihrer Raceneigenthuemlichkeit, an Lebensfaehigkeit fehle, welche keine Kultur ersetzen koenne: vielmehr decke jede Art von Kultur diesen Mangel nur um so mitleidsloser auf. Allerdings gibt es auch farbige Racen und Naturvoelker, bei welchen an ein Aussterben nicht zu denken ist; und andererseits sind auch Theile von Kulturvoelkern, indogermanische, semitische Staemme verschwunden und ausgestorben. Allein bei letzteren redet man nicht von einer geringeren Lebensfaehigkeit, einmal wegen der Verwandtschaft dieser Staemme mit den anerkannt lebensfaehigsten Voelkern der Welt; andererseits auch wegen der Art ihres Verschwindens. Denn der Grund, warum sie aufgehoert haben zu existiren, liegt klar auf der Hand; theils sind sie durch Krieg vernichtet, wie so viele Voelker, welche mit dem alten Rom kaempften, theils sind sie mit anderen Kulturvoelkern, die sie rings umgaben, verschmolzen, wie die Gothen, die Vandalen, theils trat beides zugleich ein: die hoehere Kulturstufe, welche sie besiegte, nahm die besiegten Reste in sich auf, wie die alten Preussen, die Wenden und so viele slavische Voelkerschaften durch und in Deutschland, die Iberer, die Kelten durch und in das roemische Wesen verschwanden. So war auch zweifelsohne das Loos der Voelker, welche vor der Einwanderung der Indogermanen Europa inne hatten. Anders aber ist das Hinschwinden der Naturvoelker: wo sie mit hoeherer Kultur zusammenkommen, auch da, wo diese letztere sich friedlich gegen sie verhaelt, sehen wir sie von Krankheiten ergriffen werden, ihr physisches und psychisches Vermoegen versiechen, und ihre Zahl, oft ausserordentlich rasch, sich vermindern. Allerdings sind auch einzelne Naturvoelker aufgerieben oder doch stark vermindert durch ganz aeusserliche und leicht begreifliche Gruende: so namentlich viele malaiische Staemme, welche durch nachrueckende verwandte Voelker ins Gebirge zurueckgedraengt und dabei gewiss ebenso so stark vermindert worden sind, als durch ihr gleiches Schicksal die Basken in Europa, waehrend sie in ihren Bergen sich in ziemlich gleichbleibender Anzahl halten; so die Bewohner der Warekauri-(Chatam-) Inseln bei Neu-Seeland, die Moreore. welche 1832-35 noch 1500 etwa betrugen, durch die Neu-Seelaender aber, die in jenen Jahren einen Zug nach den Warekauriinseln unternahmen, fast ganz ausgerottet sind, so dass ihre Zahl jetzt nur noch 200 betraegt: und auch diese nehmen, durch Assimilation an die eingewanderten Maoris rasch ab (Travers bei Peterm. 1866, 62). Auch muessen wir hier die schwarze Urbevoelkerung Vorderindiens, die dekhanischen und Vindhyavoelker erwaehnen, weil auch sie nach Lassen (ind. Alterthumskunde 1, 390) allmaehlich abnehmen. Frueher waren sie weiter ausgebreitet und einzelne Reste von ihnen scheinen sich (Lassen a.a.O. 387 ff.) in Himalaya, in Belutschistan, Tuebet und sonst erhalten zu haben. Sie wurden durch die nachrueckenden arischen Inder und gewiss nicht friedlich in die Gebirge zurueckgedraengt (Lassen 366), wo sie nun theils im barbarischen Zustande weiter lebten, theils aber, und so namentlich die suedlicheren Dekhanvoelker, in die indische Kultur uebergingen (Lassen 364. 371). Ein aehnliches Schicksal hatten verschiedene amerikanische Staemme, die von anderen maechtigeren Indianervoelkern theils aufgerieben, theils sich einverleibt wurden; auch wird von einzelnen Hottentottenvoelkern eine aehnliche Vermischung mit Kafferstaemmen erwaehnt (Waitz 2, 318). Doch scheinen auch manche Voelker vermindert oder gar verschwunden, ohne es in Wirklichkeit zu sein. Ein solcher Schein ist hervorgerufen, wie Waitz 1, 159-160 zeigt, theils durch Umaenderung von Namen, wo man nun faelschlich annahm, weil der Name nicht mehr existire, so sei auch das Volk erloschen, oder durch Irrthuemer der Reisenden, indem sie manche Namen zu weit ausdehnen, andere aber auf voelligem Missverstaendniss beruhen, oder durch falsche Schaetzung der Volkszahl, wie man sie oft sehr uebertrieben, namentlich bei aelteren Reisenden, z.B. fuer Polynesien bei Cook, findet u. dergl. Ehe wir nun aber die Gruende fuer jenes weniger leicht zu erklaerende Hinschwinden der Naturvoelker aufsuchen, muessen wir den Umfang desselben betrachten, wobei wir ausser Europa alle Welttheile zu beruecksichtigen haben. In Asien sterben aus oder sind schon ausgestorben die Kamtschadalen und so rasch ging ihre Verminderung vor sich, das Langsdorff (1803-4, Krusensterns Begleiter) Ortschaften, welche die Cooksche Expedition und La Perouse noch wohl bevoelkert sahen, voellig menschenleer fand. Wenn La Perouse 1787 auf der Halbinsel im ganzen noch 4000 Bewohner fand (2,166), so sind die russischen Einwanderer in dieser Zahl, bei der trotzdem auf mehrere Quadratmeilen kaum ein Mensch kommt, schon einbegriffen. Denn Cooks Reisebegleiter (1780) fanden, nach den Mittheilungen eines dort ansaessigen Offiziers in Kamtschatka nur noch 3000 Einwohner, wobei die Kurilen schon mitgerechnet sind; sie erzaehlen selbst, wie sich die Eingeborenen immer mehr mit den einwandernden Russen verbinden und ihre Zahl dadurch immer mehr abnimmt (Cook 3. R. 4, 175). La Perouses Reisegefaehrte Lessep (41) behauptet, dass nur noch ein Viertel der eigentlichen Kamtschadalen uebrig sei; und er war noch nicht ein volles Jahrhundert nach der ersten Unternehmung der Russen (1696) gegen Kamtschatka dort. Dasselbe Schicksal haben ausser den Jakuten und Jukagiren in Sibirien Waitz, (1, 164) auch die Aleuten auf den Fuchsinseln und die ihnen verwandten Staemme auf den naechsten Kuesten von Amerika, die wir hier gleich erwaehnen, weil auch sie wie die Kamtschadalen unter demselben Drucke Russlands stehen. Langsdorff fand auf den Fuchsinseln nur gegen 300 Maenner, waehrend er fuer 1796 1300 und fuer 1783-87 gar 3000 und mehr angibt. Das Steigen der Zahlen, welches wir im Anfang dieses Jahrhunderts finden, ist keineswegs troestlich. Denn wenn Chamisso (177, zweite Note) nach aktenmaessigen Mittheilungen fuer 1806 die Aleuten der Fuchsinseln auf 1334 Maenner und 570 Frauen, 1817 dagegen auf 462 Maenner und 584 Frauen angibt, so versieht er erstlich diese allerdings auffallenden Zahlen selbst mit einem Fragezeichen; und zweitens, wenn sie auch richtig sind, Langsdorff sich geirrt und die Volkszahl sich nicht durch russische Einwanderer vermehrt hat: das Sinken der Bevoelkerung von 1806-1817 ist gewiss eben so arg als wie wir es bei Langsdorff geschildert finden. Der offizielle Bericht von 1860 bei Peterm. 1863, 70 gibt 4645 Bewohner der Fuchsinseln an: allein hier sind jedenfalls die Russen, welche jetzt auf den Inseln ansaessig sind, mitgezaehlt, obwohl die Mischlinge, 1896 Seelen, noch besonders angegeben werden und diese Vermehrung, welche sich auf Kamtschatka gleichmaessig findet, ist nur eine scheinbare. Bekannt ist das Aussterben der Ureinwohner Amerikas, deren Zahl man in Nordamerika fuer die Zeit der Entdeckung etwa auf 16 Millionen, jetzt kaum noch 2 Millionen schaetzt (Waitz b, 16). 1864 betrug die Zahl der Indianer in den Vereinigten Staaten etwa 275,000; 1860 zaehlte man noch 294,431; 1841 aber, auf kleinerem Gebiete 342,058 Seelen, so dass sich also hier in 23 Jahren ein Verlust von nahezu 70,000 Menschen herausstellt (eb. 18). Noch geringere Zahlen gibt Behm (105 ff.) an, naemlich 268,000 unabhaengige Indianer fuer die Vereinigten Staaten, 155,000 fuer britisch Nordamerika. Und waehrend d'Orbigny (1838) fuer den von ihm bereisten groesseren Theil von Suedamerika 1,685,127 Indianer zaehlte (Waitz b, 16). so stellt Behm auch hier geringere Zahlen auf: Brasilien hat nach ihm (a.a.O.) 500,000 unabhaengige Indianer, die drei Guyanas 9770, Venezuela 52,400, Neu-Granada 126,000, Ekuador 200,000, Peru 400,000, Bolivia 245,000, Chile 10,000, die Staaten der argentinischen Republik 40,000, Patagonien und Feuerland 30,000, also zusammen 1,613,170 und zwar fuer ganz Suedamerika. So viel aber betrug allein die Bevoelkerung von Chile zur Zeit der Entdeckung (Poeppig 385 Anmerkung) nach einer der kleinsten Annahmen. Mittelamerika hatte um 1800 zwei und eine halbe Million unvermischter Ureinwohner und diese Zahl war im Wachsen (Humboldt a 1, 107); aber zur Zeit der Entdeckung betrug die Volkszahl in Tenuchtitlan, der alten Hauptstadt von Mexiko und dem ihm nahe gelegenen Tezkuko allein nach mittleren Angaben fast eine Million und das Land war dicht bedeckt mit grossen und volkreichen Staedten. Behm nimmt als jetzige unabhaengige Urbevoelkerung nur 6000 an (a.a.O.), eine Zahl, welche gegen Humboldts Angaben ausserordentlich gering ist: allein Behm schaetzt hier nur die Indianer ab, "welche sich den Behoerden vollstaendig entziehen", waehrend Humboldt auch die Eingeborenen mitbegreift, welche sich am europaeischen Leben so gut wie die spanischen Mexikaner betheiligen. Behm (114) schaetzt diese auf 4,800,000. Natuerlich geht dies Aussterben auch jetzt noch weiter, wofuer v. Tschudi 2, 216 ein Beispiel gibt: die Malalies, ein araukanischer Stamm, 1787 noch ueber 500 Individuen stark, schmolzen in jener Zeit durch Kriege auf 26 Seelen zusammen. Obwohl sie nun 70 Jahre lang ansaessig sind und ungefaehrdet gelebt haben, ist ihre Zahl doch nicht hoeher als auf einige ueber dreissig gestiegen. In Afrika sind es die Hottentotten zunaechst, welche in den Kreis unserer Betrachtung hineingehoeren. Waehrend sie frueher sich weit hin in das Innere von Suedafrika ausdehnten und in eine zahlreiche Menge von einzelnen Staemmen zerfielen, finden wir sie jetzt auf sehr viel kleinerem Gebiete und aufgerieben bis auf 3 Staemme, die Korana, Namaqua und Griqua (Waitz 2, 317 ff.), deren Zahl fortwaehrend im Fallen ist. Auch die Kaffern muessen hier erwaehnt werden, denn im brittisch Kafraria hat sich 1857 die Bevoelkerung um mehr als die Haelfte vermindert: sie betrug am Anfang des Jahres 104,721 Seelen und am Ende desselben nur noch 52,186 (Peterm. 1859 S. 79 nach dem Population Return v. John Maclean Chief Commissioner): nach Behm jedoch (100) 1861 74,648 Eingeborene. Es bleibt uns nun noch Australien und Ozeanien zu betrachten uebrig, wo an vielen Orten die Bevoelkerung rasch hinschwindet, so namentlich in Neuholland. Doch ist es gerade fuer dies Land schwer, ja ganz unmoeglich, Zahlen aufzustellen, weil die Staemme fortwaehrend hin- und herziehen und daher alle Zahlangaben sehr wenig zuverlaessig sind (Grey 2, 246). Die, welche Meinicke a 177 aufstellt, beweisen dies zur Genuege, und selbst die bei Behm (72) sind nicht sicherer. Nur von Suedaustralien, Queensland und Viktoria hat er bestimmte Zaehlungsergebnisse und so ist seine Gesammtziffer 55.000 nur eine sehr ungefaehre. Alle Quellen aber berichten einstimmig, dass die Bevoelkerung wenigstens der Kuesten reissend abnimmt; dass Staemme, welche frueher nach Hunderten zaehlten, jetzt vielfach bis auf ebenso viel Zehner zusammengeschmolzen sind. Die Bevoelkerung Tasmaniens betrug 1843 noch 54 Individuen, 1854 noch 16 (Nixon 18) und ist jetzt wohl ganz ausgestorben. Wenn auch nicht so reissend, so vermindern sich doch auch die Melanesier an verschiedenen Gegenden ihres Gebietes: so nach Reina (Zeitschr. 4., 360), die Voelker der kleinen Inseln in der Naehe von Neuguinea: so nach D'Urville 5, 213 die Bewohner von Vanikoro, nach Turner 494 die Eingeborenen der neuen Hebriden, wie z.B. die Bevoelkerung von Anneitum 1860, welche Turner auf 3513 Seelen schaetzt, 1100 Menschen durch eine Masernepidemie verlor (Muray bei Behm 77) und die von Erromango 1842 durch eine gefaehrliche Dysenterie um ein Drittel vermindert wurde (Turner a.a.O.); und so finden sich noch verschiedene Angaben zerstreut. In Mikronesien ist die Bevoelkerung der Marianen, welche bei Ankunft der Spanier 1668 mindestens 78,000 Einwohner gehabt haben, fuer die aber auch 100,000 durchaus nicht zu hoch gegriffen ist (Gulick 170) gaenzlich ausgestorben. Schon um 1720 hatten die Inseln (und zwar nur noch die beiden suedlichsten) nicht mehr als etwa 2000 Einwohner, und von diesen waren sehr viele von den Philippinen her verpflanzte Tagalen. Ponapi (Puynipet, Ostende der Karolinen) hatte nach Hale (82) 15.000 Bewohner, welche Annahme vielleicht etwas, aber nicht viel zu hoch ist[A]; jetzt hat sie (Gulick 358) noch 5000, Kusaie (Ualan) hatte 1852 12-1300, 1862 nur noch 700 Menschen (Gulick 245). In Polynesien betrug auf Tahiti die Bevoelkerung zu Cooks Zeiten (1770) etwa 15-16,000 Seelen (G. Forster nach einer spanischen Beschreibung von Tahiti a.d. Jahre 1778 ges. Werke 4,211, Bratring 104, welcher derselben Quelle folgt oder wenigstens einer nahe verwandten). Dieselbe Zahl fand Wilson noch im Jahre 1797; Turnbull (259) gibt nur 5000 an im Jahre 1803, Waldegrave bei Meinicke b, 113 6000 fuer 1830 und Ellis 1, 102 fuer 1820 etwa 10,000, welche Zahl Virgin auch fuer 1852 angibt (2, 41). Moegen auch diese Zahlen unbestimmt und schwankend und Turnbulls Angaben negativ uebertrieben sein: so viel ist sehr klar, dass seit der Entdeckung durch die Europaeer die Entvoelkerung dieser Insel, welche indess nach den Aussagen der Eingebornen (Virgin 2, 41) schon frueher begonnen hatte, rasch fortgeschritten ist; bis unter die Haelfte der frueheren Kopfzahl sinken die Angaben. Auf den uebrigen Societaetsinseln war das Verhaeltniss (Meinicke a. a. O.) ein aehnliches. Auch jetzt scheint das Aussterben, obwohl langsamer, fortzugehen: der offizielle franzoesische Bericht fuer 1862 gibt fuer Tahiti 9086 Bewohner an (Behm 81). Auf Laivavai, einer der Australinseln, betrug die Bevoelkerung 1822 mindestens 1200, 1830 nur noch etwa 120 und 1834 kaum noch 100 Seelen (Moerenhout 1, 143). Guenstiger ist Meinickes Schaetzung, welcher auf der ganzen Gruppe Ende 1830 etwa 5000 Seelen, fuer 1840 nur noch 2000 annimmt (a.a.O. 114). Rapa schaetzte Vankouver 1795 auf 1500 Einwohner, Moerenhout (1, 139) 1834 nur noch auf 300 und diese waren in stetem Abnehmen. Auch die Herveygruppe, welcher Ellis 1, 102 10-11,000 Bewohner gibt, ist jetzt viel minder zahlreich bewohnt, namentlich Rarotonga, welches durch eine furchtbare Seuche im hoechsten Grade gelitten hat (Williams 281). Ganz ebenso schlimm ist es in Hawaii, wo nach Ohmstedt 262, die Bevoelkerung in den Jahren 1832-36 von 130,000 auf 102,000 Seelen, also in 4 Jahren um 28,000 Seelen gesunken ist! Mag Ohmstedt nun auch Recht haben, dass die Bevoelkerungsziffer fuer 1836 zu gering ist, weil eine Menge Geburten nicht angezeigt worden sind: so ist das Hinschwinden trotzdem ganz ausserordentlich, zumal die Insel zu Cooks Zeiten, der 400,000 Einwohner angibt, wohl an 300,000 nach Jarves Berechnung (373) hatte. Die Zahlen bei Meinicke (b, 115-16 nach der Sandwich Isl. gazette) sind zwar nicht genau dieselben, das Verhaeltniss der Abnahme aber bleibt, auch wenn wir ihnen folgen, unveraendert. Nach Virgin 1, 267 hatte die Hawaiigruppe 1823 etwa 142,000 Seelen, 1832 noch 130,313, 1836 108,579 und 1850 betrug die Zahl nur noch 84,165! also in 78 Jahren hat sich die Bevoelkerung um ein Drittel gemindert und die Zahl der Geburten verhielt sich zu den Todesfaellen wie 1:3! Auch jetzt noch schreitet die Verminderung fort: die Zahl der Eingeborenen betrug nach dem Census von 1860 nur 67,084 Seelen (Behm 85). Auch auf dem Markesasarchipel, dessen Bevoelkerung nach Meinicke (b, 115) 22,000 Menschen betraegt, ist ein Hinschwinden bemerkt: so verlor Nukuhiva (Rodriguet in Revue de 2 mondes 1859 2, 638) von 1806-12 zwei Drittel seiner Bevoelkerung durch Hungersnoth. Auf Neu-Seeland betraegt die Abnahme der Bevoelkerung in den letzten 14 Jahren etwa 19-20 Percent; 1770 betrug sie etwa 100,000 und 1859 noch 56,000 (Hochstetter 474, nach Fenton). Nach offiziellen Berichten im Athenaeum (Zeitschr. 9, 325), welche zu Hochstetters Angaben nicht ganz stimmen, war die Zahl der Eingebornen 1858 87,766, und zwar, auffallend genug, 31,667 Maenner und 56,099 Frauen. Dagegen treffen die offiziellen Berichte von 1861 (Meinicke c 557) mit Hochstetter ueberein: denn sie geben 55,336 Eingeborene an. Letzteres ist wohl das richtigere. Nach Fenton (Reise der Novara 3, 178) verhielten sich bis gegen 1830 die Sterbefaelle und Geburten zur Gesammtbevoelkerung wie 1: 33,04 und 1: 67,12. Auf Samoa nimmt nach Erskine 104 die Bevoelkerung, 37,000 Seelen, gleichfalls ab, und zwar soll die Abnahme nach den Berichten der Missionaere in 10 Jahren auf einer Insel von 4000 bis zu 3700 oder 3600 vorgeschritten sein (eb. 60). Auch die Pageh auf Engano, ein den Polynesiern aehnlicher malaiischer Stamm auf einer kleinen Insel suedlich von Sumatra sterben aus nach Wallands Urtheil, der auf der Insel eine aeusserst geringe Kinderzahl vorfand--nur fuenf im Ganzen (Zeitschr. 16, 420). Sec. 2. Empfaenglichkeit der Naturvoelker fuer Miasmen. Krankheiten, welche spontan bei der Zusammenkunft der Natur- und Kulturvoelker entstehen. Indem wir uns nun anschicken, die Gruende fuer dies Hinschwinden aufzusuchen, wollen wir zuerst vernehmen, wie man sich ueber die Lebensunfaehigkeit dieser Staemme geaeussert hat. Poeppig (386) sagt von Amerika: "Es ist eine unbezweifelte Thatsache, dass der kupferfarbene Mensch die Verbreitung europaeischer Civilisation nicht in seiner Naehe vertraegt, sondern in ihrer Atmosphaere ohne durch Trunk, epidemische Krankheiten oder Kriege ergriffen zu werden, dennoch wie von einem giftigen Hauche beruehrt ausstirbt. Die zahlreichen Versuche der Regierungen haben Sitte und Buergerthum unter jener Race nie einheimisch machen koennen, denn ihr fehlt die noethige Perfektibilitaet. Dieser Mangel macht die durchdachten und menschenfreundlichen Plaene der Erziehung zu nichte und rechtfertigt den Vergleich jener Menschheit mit jener eine eigenthuemliche Physiognomie tragenden, aber niederen Vegetation, die das dem Meere entstiegene Land zuerst in Besitz nimmt, aber in dem Masse wie hoeher ausgebildete und kraeftigere Pflanzen sich entwickeln, sich vermindert und zuletzt auf immer verschwindet. Wie sehr das menschliche Gefuehl sich gegen eine solche Annahme straeubt, so glauben wir doch in den Amerikanern _einen von der Natur selbst dem Untergang geweihten_ Zweig unseres Geschlechtes zu sehen. In den leer gewordenen Raum tritt eine _geistig vorzueglichere_, beweglichere, aus dem Osten stammende grosse Familie. Wie diese ihrer Bestimmung zur allgemeinsten Verbreitung gehorsam sich ausdehnt und die entlegensten Wildnisse sich unterwirft, so legt die Urbevoelkerung sich zum Todesschlafe nieder und verschwindet selbst aus dem Gedaechtnisse des neuen Volkes. In weniger als einem Jahrhundert wird vielleicht die Forschung ueber die ersten Bewohner eines ganzen Welttheils dem Gebiete der Archaeologie ueberwiesen werden muessen, und dann erst wird das Tragische und Raethselhafte ihres Schicksals begriffen (?) und tief empfunden werden." So schrieb 1840 ein deutscher Gelehrter, der lange Reisen in Amerika gemacht hatte. Auch Carus Phantastereien von Tag-, Nacht- und Daemmerungsvoelkern (17 ff.) gehoeren hierher; seine westlichen Daemmerungsvoelker, "sie, die wirklich dem Untergange zugewendet sind und ihrem Verloeschen mehr und mehr entgegengehen", sind die Amerikaner; seine Nachtvoelker, welche sich "ueber Afrika ausdehnen und hinab gegen Sueden ueber Australien (!), Van Diemensland und einen Theil von Neuseeland (als Papus!!) erstrecken", stehen noch tiefer in ihrer geistigen Entwickelung und Faehigkeit. Ganz aehnlicher Ansicht ueber die Neuhollaender, wie Poeppig ueber die Amerikaner, scheint Meinicke zu sein, nur dass er sich verhuellter ausdrueckt; doch nennt er sie einen "dem Untergang _geweihten_" Volksstamm (c 522) und spricht hier n. a 2, 215 von ihrer "gaenzlichen Unbildsamkeit". Viel direkter hat man von der Unbildsamkeit, von dem nothwendigen Untergang, von der geringen Lebensfaehigkeit der tieferstehenden und mangelhaft organisirten Racen in Amerika (Waitz 3, 45) und den Kolonieen in Afrika, Neuholland und Polynesien gesprochen; da man denn sich auch weiter kein Gewissen machte, den Untergang, welchem diese Racen nun doch einmal geweiht seien, damit auf ihren Truemmern sich das bessere Leben hoeherstehender Racen entwickeln koenne, mit allen Mitteln beschleunigen zu helfen. Aber auch vorurtheilsfreie Forscher sehen in diesem Hinschwinden etwas Raethselhaftes, so Waitz 1, 173, wenigstens in Beziehung auf Australien und Polynesien, da hier eine Hauptursache der Entvoelkerung, welche in Amerika so wirksam war, der Druck durch die Weissen, in Polynesien ganz wegfalle, in Australien wenigstens nicht weitgreifend gewirkt habe. "Begreiflicher Weise, faehrt er jedoch fort, ist das Aussterben eines Volkes, das frueher kraeftig und gesund gewesen ist, nicht damit erklaert, dass man ihm die Lebenskraft abspricht oder einen urspruenglichen Mangel der Organisation zuschreibt, und es hat an sich schon etwas sehr Unbefriedigendes fuer eine so seltene und abnorme Erscheinung einen geheimnissvollen Zusammenhang anzunehmen, dem sie ihre Entstehung verdanke; man wird vielmehr hier wie ueberall nach dem natuerlichen Zusammenhange der Sache zu suchen haben, wenn man sich auch schliesslich zu dem Gestaendnisse genoethigt finden sollte, dass es bis jetzt nicht gelingen will, denselben vollstaendig aufzuklaeren." Wir wollen sehen, ob wir zu diesem Gestaendniss genoethigt werden. Auch Darwin (2, 213) sieht bei diesem Aussterben, fuer welches er viele natuerliche Gruende anfuehrt, auch "noch irgend eine mehr raethselhafte Wirksamkeit" thaetig. "Die Menschenracen, sagt er, scheinen auf dieselbe Art aufeinander zu wirken, wie verschiedene Thierarten, von denen die staerkere die schwaechere vertilgt." Er macht darauf aufmerksam, dass fast bei jeder Beruehrung der Naturvoelker und der Weissen, oft auch von Staemmen ein- und desselben Volkes, welche in verschiedener Gegend wohnen, seuchenartige Krankheiten entstehen, oft bei voelliger Gesundheit der Schiffsmannschaft und der von ihr besuchten Voelkerschaft, "von denen alsdann vorzugsweise die niedere von beiden Racen oder die der Eingeborenen, welche in ihrem Lande von Fremden aufgesucht werden, zu leiden hat" (Waitz 1, 162). Und hierzu lassen sich die Beispiele allerdings haeufen. So sagt Humboldt (a 4, 392), dass in Panama und Calao der Anfang grosser Epidemien des gelben Fiebers "am haeufigsten durch die Ankunft einiger Schiffe aus Chile bezeichnet werde", obwohl doch Chile selbst eines der gesuendesten Laender der Welt sei und das gelbe Fieber gar nicht kenne; aber die schaedlichen Folgen der ausserordentlich erhitzten und durch ein Gemisch von faulen Duensten verdorbenen Luft, an welche die Organe der Eingeborenen gewoehnt seien, wirkten maechtig auf Individuen aus einer kaelteren Region. Aehnlich verhaelt es sich mit dem Ausbrechen des gelben Fiebers in Mittel- und Nordamerika, das eingeschleppt zu haben so haeufig die eine der genannten Gegenden Besuchern aus der anderen vorwirft (Humboldt a.a.O. 384). Die "grausame Epidemie" von 1794, wo Verakruz ungewoehnlich heftig vom gelben Fieber heimgesucht war, fing an mit der Ankunft dreier Kriegsschiffe (eb. 423). Ebenso schreiben die Einwohner Egyptens das Ausbrechen der Pest der Ankunft griechischer Schiffe zu und umgekehrt die Bewohner Griechenlands und Konstantinopels egyptischen (eb. 384), wobei keineswegs immer an eine Einschleppung zu denken ist. Auf Rapa (Australinseln) traten toedtliche Krankheiten nach dem Besuch von englischen Schiffen auf, welche die Haelfte der Eingeborenen dahinrafften (Moerenh. 1, 139); auf Tubuai (Australinseln) ward die Bevoelkerung durch Krankheiten, welche mit der Mission 1822 auftraten, auf die Zahl von 150 heruntergebracht (eb. 2, 343). Raivavai, welches 1822 noch 1200 Einwohner hatte, besass 1830 etwa noch 120 durch gleiches Schicksal (eb. 1, 143). Williams (283-84) spricht es als seine eigene Erfahrung aus, dass die meisten der Seuchen, die er in der Suedsee erlebte, durch Schiffe, deren Mannschaft ganz gesund sei und nur auf ganz erlaubtem, gewoehnlichem Wege mit den Eingeborenen verkehrte, veranlasst wurden. Das erste Zusammentreffen zwischen Europaeern und Eingeborenen, sagt er, ist fast immer mit dem Fieber, mit Dysenterie u. dergl. bezeichnet; so starb auf Rapa die Haelfte der Eingeborenen aus; so entstand die furchtbare Seuche auf Rarotonga (Herveyinseln), die er 282 schildert. Ganz dasselbe sagt Virgin 1, 268; "Auch nur kurze Besuche von Fahrzeugen haben auf den Inselgruppen der Suedsee Krankheiten von mehr oder minder verderblicher Natur verursacht, die sich sogar erst laengere Zeit nachher gezeigt haben. Es hat sich dies auch sogar zugetragen, ungeachtet die Besatzung der Schiffe vollkommen gesund war und die Krankheiten sind nicht stets solche gewesen, welche moeglicherweise durch eigentliche Ansteckung mitgetheilt werden konnten oder welche in Europa zu denen gehoeren, deren Beschaffenheit in der Regel mehr oder weniger toedtlich ist." Von Tahiti erzaehlt Bratring 145, dass 1775 bei der Anwesenheit der Spanier unter Boenechea ein ansteckendes Katarrhalfieber ausbrach. Nach Cooks Besuch litt die Insel unter Dysenterie (Moerenh. 2, 425) und die Tahitier selbst schrieben schon um 1800 alle Krankheiten den Beruehrungen mit fremden Schiffen zu (Turnbull 266). Beechey 1, 94-95 berichtet Aehnliches von den Inseln Pitkairn. Bei regnichtem Wetter und bei gelegentlichen Besuchen von Schiffen, sagt er, leiden die Eingeborenen (eine Mischbevoelkerung von Tahitiern und Englaendern) staerker an Blutandrang (plethora) und Schwaeren als sonst; sie glauben ganz fest, dass diese Krankheiten durch den Verkehr mit ihren Gaesten, moegen diese selbst auch ganz gesund sein, herruehren. Das eine Schiff sollte ihnen Kopfschmerzen, ein anderes Scharbock, das dritte Geschwuere u.s.w. gebracht haben, wie sie denn auch von Beecheys Schiff, dessen Mannschaft ganz gesund war, aehnliches erwarteten: ja sie fuehlten schon Kopfweh und Schwindel. Beechey erklaert diese Zufaelle durch die Veraenderung ihrer Lebensweise waehrend solcher Besuche, da sie gegen ihre sonstige Gewohnheit dann viel Fleisch essen und reichlichere Kleidung tragen. Von Melanesien (Tanna) erzaehlt Turner 91 nach den Aussagen der Eingeborenen, welche alle Krankheiten, wie Fieber, Dysenterie, Husten u. dergl. "fremde Dinge" nennen, ganz Gleiches. Auch in Celebes (Waitz 1, 163) herrschte diese Meinung und ebenso auch bei den alten Marianern, welche nach jedem fremden (europaeischen) Schiff von einer Seuche heimgesucht zu werden behaupteten; so brachte 1688 ein Schiff von Mexiko, welches mit Verbrechern beladen an der Insel scheiterte, Rheuma, Fieber, Blutungen (le Gobien 376), und die Eingeborenen sahen alle Krankheiten als durch die Spanier eingeschleppt an (ebd. 140). Die Einwohner von St. Kilda (westl. v. d. Hebriden bei Schottl.) sind der festen Ansicht, fuer die sie eine lange Erfahrung haben, dass der Besuch eines Fremden ihnen Schnupfen bringe (Macculloch bei Darwin 2, 214). Nach dem medizinischen Theil der Novara Reise (1, 225) glauben die Eingeborenen der Nikobaren, dass die Kokosnuesse von den Baeumen fielen, sobald ein Missionaer die Insel betraete. So mag denn auch diese weitverbreitete Ansicht der Grund sein, weshalb in Ponapi, sobald ein Schiff in Sicht kommt, das Volk flieht und der Priester aufs Feierlichste die Goetter um Huelfe anruft (Gulick 175), wenn wir es hier nicht mit etwas Religioesem zu thun haben. Jedenfalls ist wohl zu beachten, dass die Naturvoelker vor der Bekanntschaft mit den Europaeern fast nichts von Krankheit wussten; weder die Marianer (le Gobien 140) noch die uebrigen Mikronesier (Chamisso) noch die Polynesier, von denen freilich die Neu-Seelaender, obwohl der Gesundheitszustand auch ihrer Insel im Allgemeinen trefflich war, von schweren Seuchen, die sie schon vor Cook heimgesucht haetten, erzaehlten (Dieffenbach 2, 12-14), noch die Neu-Hollaender, Hottentotten und Amerikaner (Waitz 1, 140-41). Fuer die Indianerstaemme steigert sich die Wirkung solcher Epidemien noch durch Folgendes, was v. Tschudi, einer der ausgezeichnetsten Kenner der amerikanischen Voelker, 2, 216 sagt: "Es ist eine hoechst eigenthuemliche Erscheinung, dass Indianerstaemme, die durch Krieg oder Epidemien ploetzlich sehr stark reducirt wurden, sich in der Regel nie wieder erholen und nur noch als wenig zahlreiche Familien gewoehnlich Jahrzehnte lang hinsiechen, bis sie endlich ganz aussterben. Bei ihnen tritt nicht mehr die Vermehrungsprogression ein, wie sie vor dem vernichtenden Schlage stattgefunden hatte, und bei anderen unter den naemlichen physischen Bedingungen lebenden Voelkern beobachtet wird. Meines Wissens ist dieses Verhaeltniss noch nirgends eroertert worden. Ich habe es bei einem genauen Studium der Geschichte der nord- und suedamerikanischen Indianer als Regel gefunden. Sehr verminderte Fruchtbarkeit des Weibes ist die Hauptursache: auf welchen physiologischen Einwirkungen sie aber beruht, ist wohl schwer zu ermitteln." Waitz freilich (1, 163) bringt Beispiele vom Gegentheil: die Creeks (nach Simpson), die Winibegs (nach Schoolcraft), die Apachen (Kendall) u.s.w. haben sich nach schweren Epidemien wieder erholt. Wir kommen hierauf zurueck. Man hat nun diese auffallende Erscheinung, dass Krankheiten durch Beruehrung gesunder, aber aus verschiedener Gegend oder Race stammender Menschen entstehen, zu erklaeren versucht. Darwin, der in Shropshire gehoert, dass gesunde Schafe, die aber auf Schiffen eingefuehrt wurden, in einem Pferch zu anderen gebracht, diese krank machen, Darwin meint, dass das Effluvium von Menschen--und wohl auch, nach dem letzten Beispiel, von Thieren--die lange Zeit eingeschlossen gewesen seien, giftig auf andere wirke, namentlich dann, wenn sie von verschiedenen Racen waeren (2, 214); eine Ansicht, welche indess weder von medizinischer Seite noch durch die Erfahrung bestaetigt wird. Will man sich aber mit Waitz dabei begnuegen zu sagen, dass beim Zusammentreffen verschiedener Racen, selbst bei voelliger Gesundheit beider, sich bisweilen Krankheiten erzeugen, welche dann meist die niedere Race ergreifen, so kommt einmal durch das Wort niedere Race leicht etwas Missverstaendliches in den Ausdruck, und andererseits wird nichts durch dies blosse Zusammenfassen der Erscheinung erklaert. Dazu kommt, dass z.B. der Bericht Humboldts ueber das gelbe Fieber in Panama und Callao sich ja auf gleiche Racen bezieht und eben so doch auch die Angabe Darwins von den Schafen. Und wenn man ferner die Geschichte der kultivirten Voelker betrachtet, so findet man eine aehnliche Erscheinung: eine neu auftretende Krankheitsform wuethet viel allgemeiner und verheerender, als eine fortwaehrend herrschende; so die Pest, der schwarze Tod, die Pocken, die Cholera u.s.w., die dann oft nach und nach verloeschen. Die Pocken aber hat man dadurch unschaedlich gemacht, dass man eine verwandte, aber unschaedlichere Krankheitsform einimpft. Es scheint also, als ob der menschliche Koerper um so empfaenglicher fuer ein Miasma oder einen Krankheitsstoff ist, je ferner und freier von demselben er frueher war. Ist er aber, wie bei der Pockenimpfung geschieht, durch ein Minimum des Giftes affizirt und dadurch anders disponirt worden, so dass er sich nun allmaehlich an jenen feindlichen Stoff gewoehnt, ihn der eignen Natur und die eigene Natur ihm einigermassen assimilirt hat: so hat er dadurch Faehigkeit zum Widerstand gegen die Krankheit gewonnen, da sie ja nun seiner Natur nicht mehr absolut feindlich ist; daher denn solche Seuchen nach und nach erloeschen, denn die Ueberlebenden werden nach und nach durch das Einathmen der miasmatischen Luft koerperlich selbst immer fester. Keineswegs hilft aber eine solche Gewoehnung fuer alle Zeit, wie ja auch die Pocken nach bestimmten Zeitraeumen von neuem eingeimpft werden muessen. Merkwuerdig, aber fuer uns wichtig genug ist, was Humboldt a 1, 92 ueber diese Krankheit in Mexiko sagt: "die Pocken scheinen ihre Verwuestungen nur alle 17 Jahre anzurichten. In den Aequinoktial-Gegenden"--ob das aber nicht in allen Gegenden oder wenigstens bei allen menschlichen Individuen auf gleiche Weise gilt?--"haben sie, wie das schwarze Erbrechen und mehrere andere Krankheiten, ihre festen Perioden, an denen sie sich regelmaessig wieder einfinden: und man moechte glauben, dass sich in diesen Laendern die Anlage der Eingeborenen fuer gewisse Miasmen nur in sehr weit von einander entfernten Perioden erneuert; indem die Pocken, deren Samen sehr oft von europaeischen Schiffen gebracht wird, nur in sehr ansehnlichen Zwischenraeumen epidemisch, aber auch dem Erwachsenen nur desto gefaehrlicher werden." Alles dies scheint sehr fuer unsere obige Annahme zu sprechen. Der Europaeer, der Civilisirte kommt nun fortwaehrend mit unendlich mehr Krankheitsstoffen und Miasmen, in den meisten Faellen ohne es selbst zu merken, in Beruehrung, als der im Naturzustande und der freien Natur lebende Mensch. Und nicht nur durch eigene Gewoehnung von Kindheit an, sondern auch durch Vererbung der Accommodation von Eltern und Grosseltern her hat er eine viel groessere Widerstandsfaehigkeit gegen solche schaedliche Einfluesse, als sie jemals frueher Isolirte und namentlich, wenn sie vielleicht schon erwachsen zuerst mit diesen Einfluessen in Beruehrung kommen, sich erwerben koennen. Hiergegen spricht nicht, wenn einzelne Individuen der Naturvoelker gesund etwa in Europa laengere Zeit gelebt haben. Denn in den meisten Faellen ist da eine Gewoehnung von Jugend auf eingetreten und jedenfalls sind alle solche Faelle wissenschaftlich nur dann zu verwerthen, wenn man die Geschichte des Besuchers, seine Natur, die Natur seines Volkes u.s.w. bis ins Einzelne verfolgen kann. Uebrigens gibt es auch Beispiele genug, dass solche Besuche ungluecklich abliefen: Liholiho, der Sohn Tamehameha I. und seine Gemahlin starben bei ihrem Aufenthalt in England, wo alle Sorgfalt ihnen zu Theil wurde, an den Masern bei raschem Verlauf der Krankheit; und der Prinz Libu, welchen Wilson gegen Ende des vorigen Jahrhunderts von den Palau-Inseln mit nach England genommen hatte und dort sehr sorgfaeltig pflegte, an einer aehnlichen Krankheit, kurz nach seiner Ankunft (Keate die Pelewinseln, Schluss). Jetzt beweisen solche Besuche um so weniger, als jetzt die meisten Voelker Bekanntschaft mit der weissen Race haben. Nach alledem wuerde es kein Wunder, nichts Raetselhaftes sein, wenn die Naturvoelker gegen solche Miasmen, die auch von ganz Gesunden ganz unbemerkt eingeschleppt werden koennen, um so empfaenglicher und empfindlicher sind, je weniger sie Schutz durch irgend welche Gewoehnung haben; daher denn solche Krankheiten, welche scheinbar unerklaerlich entstehen, mit einer Heftigkeit wuethen, wie, vor Zeiten die Pest. So erzaehlt Williams (280 ff.), dass bei jener Seuche auf Rarotonga von mehreren tausend Einwohnern kaum ein einziger ganz davon befreit blieb.--Die Krankheiten, welche am meisten so ganz spontan dem Schein nach entstehen, sind Dysenterie, Influenza, Fieber, Blutungen, Geschwuere, Husten und Hautkrankheiten. (Einige Belegstellen: Turner 91; Dieffenbach 2, 12-14; le Gobien 376; Beechey 1, 94-95.) Dass auch Geschwuere genannt werden, koennte auffallen. Die ausbrechenden Krankheiten richten sich jedenfalls theils nach den Miasmen, durch welche sie hervorgerufen sind, theils und wohl ganz besonders nach der Natur des Inficirten. Wie ja bei herrschenden Epidemien oder in der Naehe gefuellter Krankenhaeuser jede Krankheit, jede oft unbedeutendste Verwundung durch den giftigen Einfluss der Miasmen schlimmer werden, ja bis zum Tode fuehren kann, auch ohne in die herrschende Krankheitsform ueberzugehen: ebenso natuerlich ist es, dass sich solche eingefuehrten Miasmen gerade auf den Theil des inficirten Organismus werfen, welcher schon zuvor, in den meisten Faellen gewiss gleichfalls unbewusst, der schwaechste oder gerade bei der Einfuehrung des Miasma irgendwie erregt oder afficirt war. Auch erklaert es sich hieraus, wie bei gleichen Miasmen--vorausgesetzt, dass sie gleich sind; denn eine Schiffsmannschaft kann leicht verschiedene zugleich bringen--verschiedene Individuen, wie sich das gar nicht selten zeigt (z.B. bei Turner in Melanesien, bei le Gobien auf den Marianen, bei Beechey auf Pitkairn) verschiedene Krankheiten bekommen koennen. So erklaert sich das raethselhafte Faktum (welches als Faktum durch die sichersten und verschiedenartigsten Zeugnisse feststeht), dass eine gesunde Schiffsmannschaft gesunden Menschen Krankheiten bringen kann[B]. Dabei duerfen wir nicht unerwaehnt lassen, was Humboldt an sich und seinen Begleitern in Centralamerika beobachtete: "Es kommt haeufig vor, sagt er b 6, 142, dass sich bei Reisenden die Folgen der Miasmen erst dann aeussern, wenn sie wieder in reinerer Luft sind und sich zu erholen anfangen. Eine gewisse geistige Anspannung kann eine Zeitlang die Wirkung krankmachender Ursachen hinausschieben." Denn aus diesem Satze erklaeren sich manche Erscheinungen bei jenen spontanen Krankheiten der Naturvoelker--so darf man wohl, ohne Gefahr missverstanden zu werden, die Krankheiten nennen, welche nach der blossen Beruehrung mit den Kulturvoelkern, ohne direkte Einschleppung entstehen--Erscheinungen, welche sonst auffallen muessten. So, dass diese Uebel waehrend der Anwesenheit der Europaeer noch nicht verspuert werden, denn jene Schwindel- und Kopfwehanfaelle der Pitkairner noch waehrend Beecheys Besuch beruhten sicher, nach aecht polynesischer Art, auf anticipirender und uebertreibender Einbildung; dann, dass sie ungleich seltener bei feindlichem Zusammenstoss zweier Racen sich zeigen, welcher freilich meist auch von kuerzerer Dauer ist, als ein freundlicher Besuch. Auch scheint es, als ob das Durchmachen _einer_ Epidemie gegen Miasmen verschiedener Art abhaerte; wiewohl es gar nicht selten ist, dass ein und derselbe Volksstamm von mancherlei Seuchen nach einander (oder auch von derselben wieder) heimgesucht wird. Doch ist dann fast immer der erste Anfall der verheerendste. Jedenfalls aber haben wir hier die erste Ursache fuer das Aussterben der Naturvoelker: ihre leichte Empfaenglichkeit fuer Miasmen, welche die Kulturvoelker ohne Wissen und Willen und bei eigener Gesundheit, zu ihnen bringen; und die geringe Widerstandsfaehigkeit ihres Organismus gegen solche durch jene Miasmen entstehende Krankheiten. Sec. 3. Direkt eingeschleppte Krankheiten. Zu diesen eben besprochenen Krankheiten kommen noch andere hinzu, deren Mittheilung zwar auf demselben Grunde beruht, den wir im vorigen Paragraphen betrachteten, die aber doch, da man sie als direkt eingeschleppte allgemein betrachtet und nachweisen kann, fuer den Beobachter weit mindere Schwierigkeit bieten. Hierher gehoeren aber gerade die furchtbarsten Seuchen, welche die Naturvoelker betroffen haben; und kann man sich denken, wie verheerend sie auf die empfaenglichen Naturen jener Voelker wirkten. Nicht bloss Weisse haben sie eingeschleppt: auch einzelne Zweige desselben Stammes haben andere mit solchen Gaben bedacht. So ward ein boeser Aussatz von Polynesien aus Rapa nach Pitkairn verschleppt und den Bewohnern dieser Insel gefaehrlich; und andere gleiche Beispiele finden sich. Schlimmer aber ist, was die Weissen brachten, vor allen Syphilis und Blattern. Erstere Seuche ist zwar ueberall bekannt genug, wo die Europaeer hinkommen, und so also auch von Alters her in Afrika und Amerika, wo sie eingeschleppt wurde (in Californien nach Rollin, La Perouses Schiffsarzt bei La Perouse 2, 289; in Guyana nach Schomburgk 2, 336). Gefaehrlicher aber ist sie vor allen fuer die Polynesier geworden, denn hier beguenstigte ihre Mittheilung und Verbreitung die ausserordentliche Luederlichkeit dieser Voelker gar sehr; und da die Polynesier durch ihre Lueste vielfach entnervt waren, so wurden hierdurch auch die Formen dieser Krankheiten immer grauenvoller. Und so finden wir sie hier vom aeussersten Osten bis zum fernsten Westen. Auf Waihu (Osterins.) ist sie jetzt haeufig eingeschleppt von Europaeern (Moerenhout 1, 26). Auf Neu-Seeland findet sie sich, namentlich an den Kuesten, wo die Eingeborenen mit den Europaeern am meisten verkehren, und so schlimm, dass eine Menge Verwachsungen u. dergl. durch sie entstehen (Dieffenbach 2, 17-25). Auf Tonga hatte sie Cooks Mannschaft, wie Cook selbst erzaehlt dritte Reise 2, 390 eingeschleppt; doch kann sie hier nicht allzu heftig gewirkt haben, denn Mariner (2, 270) gibt an, dass durchaus nichts Syphilitisches sich auf der Gruppe finde und dass ein Fall, welcher auf franzoesischer Ansteckung beruhte, so rasch toedtlich verlief, dass er weiter keine Folgen hatte. Allein ob nicht die Art von Gonorrhoee mit ardor urinae, die er 268 als in Tonga heimisch erwaehnt, doch noch vielleicht von Cooks Mannschaft herstammte? Auch auf dem Gilbertarchipel und den Ratakinseln--denselben Inseln, wo Chamisso Anfang dieses Jahrhunderts so paradiesische Tage verlebte--ist die Syphilis und andere Seuchen durch europaeische Seeleute eingeschleppt (Meinicke Zeitschr. 398), wie denn ueberhaupt Mikronesien auch sonst sehr durch solche boesen Einwirkungen gelitten hat (Gulick 245). Aber am schlimmsten hat diese Seuche auf Tahiti und Hawaii gewuethet. In Tahiti ist sie so allgemein, dass fast jede Familie von ihr beruehrt ist (Moerenhout 1, 228-29); und schon um 1790 waren zwei Fuenftel der Insel venerisch (eb. 2, 425). Da nun diese entsetzliche Krankheit theils gar nicht, theils schlecht geheilt und behandelt wurde, so ward sie ein Hauptmittel fuer die Dezimirung der Eingeborenen (eb. 2, 405). Vankouver (1790) spricht von den Verheerungen, die sie unter den tahitischen Weibern angerichtet hatte (1, 111): sie musste also schon lange verbreitet sein und ist zweifelsohne gleich von den ersten Besuchern eingeschleppt, gleichviel ob von Wallis (Anfang 1767) oder Von Bougainville (1767, 15. Apr.), genug, Cook fand sie vor. Meinicke zwar (b, 118) versucht zu beweisen, dass dies Uebel in der Suedsee schon heimisch war, vor der Beruehrung mit den Europaeern: allein sein Beweis ist ihm nicht gelungen und seiner Hypothese stehen die gewichtigsten Autoritaeten entgegen, so Cook selbst fuer Tahiti (dritte Reise 2, 331) und fuer Hawaii (King ebendas. 4, 379), Turnbull (291) fuer Tahiti und so noch andere. Auch thut Meinicke nicht recht, das Zeugniss der Eingeborenen fuer so ganz nichtig zu halten; um so weniger, als die Tahitier nach Cook sehr bestimmt Bougainvilles Schiff als das bezeichneten, welches die verhaengnissvolle Gabe brachte, sich also keineswegs in allgemeinen Behauptungen hielten. Auch was Cook a.a.O. 390-91 ueber die Schwierigkeit, Ansteckung zu verhueten, die Gesundheit der eigenen Mannschaft zu ermitteln und die Leichtigkeit, mit der sich die Krankheit ausbreitet, und gewiss sehr richtig auseinandersetzt, spricht gegen Meinicke. Allerdings stuetzt dieser sich fuer die Sandwichgruppe auf den Umstand, dass, obwohl Cook zuerst nur auf Atuai und Onihiau landete, er gleichwohl schon neun Monate spaeter die Seuche auf Maui verbreitet fand--was auch La Perouse mit mehreren anderen Gruenden medizinischer Art, die aber nicht ganz stichhaltig erscheinen (1, 246, 276), als Grund gegen die Einschleppung durch Cook anfuehrt. Er schreibt die erste Verbreitung dieser Seuche den Spaniern zu, welche im 16. Jahrhundert oefters die Hawaiigruppe besucht haben. Wenn man nun auch auf die rasche Verbreitung der Krankheit, wie sie bei der Luederlichkeit und dem fortwaehrenden Verkehr der Eingeborenen nur zu moeglich war, hinweisen koennte, so ist uns das fuer unsere Zwecke gleichgueltig; genug die Seuche ist jetzt ueberall verbreitet in Polynesien und Meinicke gibt ja selbst zu, dass die Eingeborenen wenigstens die schwereren Formen des Unheils den Europaeern verdanken. Jedenfalls sind die Verheerungen, welche gerade diese Krankheit in Polynesien angerichtet hat, auch wenn es Meinicke nicht ganz zugeben will, entsetzlich genug, wie aeltere und neuere Schriftsteller einstimmig bezeugen. (Vergl. ueber Hawaii noch Virgin 1, 265; Rollin bei La Perouse 2, 271; ueber Tahiti Turnbull 291; Cook dritte Reise 2, 331). Doch scheint es, als ob in Tahiti sich jetzt (1852) der Gesundheitszustand wieder gehoben habe (Virgin 2, 41). Auch werden von frueher (Cook a.a.O. 2, 331) schon Beispiele erwaehnt, wo Infizirte, freilich selten genug, von selbst genassen. Nur in Tonga scheint, bei dem keuscheren Leben der Tonganer das Unheil wenigstens nach Mariners Bericht, nicht um sich gegriffen oder doch leichtere Formen nach und nach angenommen zu haben. Die Seuche ist auch unter den Eingeborenen von Neu-Holland verbreitet und auch hier will Meinicke (a 2, 179) die Annahme, sie sei ihnen von den Europaeern gebracht, als "aeusserst unwahrscheinlich" dadurch beweisen, dass bei der Gruendung der Colonie von Sydney und auch neuerdings diese Krankheit tief im Inneren des Continentes gefunden sei. Als ob das bei dem Wanderleben dieser Staemme auffallen koennte! als ob sie nicht schon vor der Gruendung der Colonie mit Europaeern und wahrlich nicht mit den reinsten in mannigfacher Beruehrung gewesen waeren! Den Aleuten, bei denen es Cook schon vorfand (dritte Reise 3, 265), und den Kamtschadalen ist dieses Unheil von den Russen, den Pelzhaendlern, mitgetheilt. Da nun aber die Kamtschadalen ebenfalls zu Ausschweifungen, sei es im Trunk, sei es in der Liebe, geneigt waren, so sind auch hier seine Folgen nicht ohne Gewicht fuer unsere Betrachtung. Bei weitem schlimmer, aber und allgemeiner haben die Blattern gewuethet, die schlimmste Geissel aller Naturvoelker. Am bekanntesten ist dies von Amerika, in dessen noerdlicher Haelfte sie zuerst um 1630 auftraten (Waitz b, 15). Neun Zehntel von den Nordindianern rafften sie hin; die Mandans starben 1837 fast ganz aus, die Schwarzfuesse schmolzen durch sie von 30-40,000 auf 1000 zusammen: aehnlich erging es anderen nordamerikanischen Staemmen, den Kraehenindianern, Minetarris, Cumanchen, Rikkaris; von den Omahas und den Eingeborenen des Oregongebietes erlagen ihnen zwei Drittel, von den Californiern die Haelfte (Waitz 1, 161). Aehnlich wuetheten sie unter den Voelkern von Suedamerika, den Indianern von Paraguay und Gran Chako, den Puelchen, den Cariben, den Araukanern, in Peru, am Maranon, in Guyana, wo ganze Voelkerstaemme durch sie aufgerieben sind. Nie aber sind sie, wie Humboldt b 4, 224 bezeugt, am oberen Orinoko aufgetreten, obwohl sie bei den Voelkern Brasiliens wieder ihre ganze Furchtbarkeit zeigten, bei den Chaymas, die 1730-36 von ihnen dezimirt wurden (Humboldt eb. 2, 180), bei den Chiquitas (Waitz 3, 533), welche schwer von ihnen zu leiden hatten. Nicht minder heftig aber traten sie bei den kultivirten Staemmen Amerikas auf. In Mexiko brachen, nach Torribio, die Pocken eingeschleppt durch einen Negersklaven 1520 zuerst aus und rafften gleich damals die Haelfte der Mexikaner hin (Humboldt a 1, 97); nach Herrera traten sie schon 1518 auf (Poeppig 373) und schon 1517 mit denselben Verheerungen, ohne jedoch einen Europaeer hinzuraffen, auf den Antillen, zu deren Entvoelkerung sie wesentlich beigetragen haben. Ueberall, in ganz Amerika, waren die Verwuestungen so arg, dass die Todten bisweilen unbeerdigt blieben, weil es an Haenden hierzu fehlte (Waitz b, 15). Man begreift es, dass, wenn die Pocken ausbrachen, die Indianer im aeussersten Entsetzen vielfach ihre Huetten verbrannten, ihre Kinder toedteten und in die Einsamkeit flohen (Humboldt b 4, 224); oder dass z.B. die Chilesen die Huette mit sammt den in ihr liegenden Kranken verbrannten (Waitz 1, 161). Waitz ist der Ansicht und wir stimmen ihm bei, denn alle Quellen sprechen dafuer, dass diese Krankheit zahlreichere Opfer forderte, als Krieg und Branntwein zusammengenommen; dass ihr gewiss die Haelfte bis zwei Drittel der Urbevoelkerung Amerikas erlegen sind. Allein nicht bloss auf Amerika beschraenken sich die Verheerungen der Pocken. 1767 brachen sie, eingeschleppt durch einen russischen Soldaten, in Kamtschatka aus und wuetheten wie die Pest: nicht weniger als 20,000 Kamtschadalen, Kuriler und Koriaeken sollen ihnen erlegen sein. Ganze Doerfer starben aus und Cooks Reisebegleiter fanden selbst noch eine Menge ganz leer stehender Doerfer vor. Ein anderes, vor der Epidemie mit 360 Menschen bevoelkert, hatte nachher noch 36 Seelen (Cook 3. Reise 4. 174-75). Aehnliche, wenn auch minder starke Epidemien traten 1800 und 1801 auf, welche gegen 5000 Kamtschadalen dahinrafften und bei dem schon lange immer mehr um sich greifenden Schwinden der Bevoelkerung so verheerend wirkten, dass in den Ostrogen (kleinen Doerfern des Inneren), welche vorher meist 30-40 Einwohner hatten, nachher meistens nur 8-10, in einigen wenigen 15-20 Bewohner uebrig blieben (Krusenstern 3, 49. 52. 2. Theil, 2. Abtheil. Cap. 8). Auf Neuholland brachen die Blattern zuerst 1789 aus und verwuesteten ganz Cumberland; 1830 verheerten sie, bis zur Nordkueste hin das Innere von Ostaustralien (Meinicke a 2, 179). Auch diese Seuche entstand nach Meinicke a.a.O. ohne Einschleppung spontan unter den Eingeborenen. Von einer furchtbaren Pockenepidemie auf Ponapi (Puinipet, Banabe, Carolinen) erzaehlt die Novarareise 2, 395: die Krankheit war durch einen englischen Matrosen eingeschleppt und raffte 3000 Menschen hin; 2000 blieben uebrig. Auf der Hawaiigruppe starben 1853 an den Pocken 5-6000 Menschen (Waitz 1, 176). Auch die Hottentotten, wenigstens in der Naehe der Capstadt, sind wesentlich durch die Pocken vermindert (Waitz 2, 346). Ausser dieser Krankheit haben dann die Masern und Roetheln schlimm unter den Naturvoelkern gehaust, so in Brasilien, Guyana, im Mosquitolande (Waitz 1, 162), in Neuholland (Darwin 2, 213); und noch gefaehrlicher verschiedene Fieber, welche z.B. die Oregonindianer schwer heimsuchten, die oberen Tschinuks 1823 von 10,000 auf 500 zusammenschmolzen und zwar so schnell, dass die Zahl der Ueberlebenden nicht hinreichte, die Todten zu begraben (Wilkes und Haie bei Waitz 1, 162). Doch sind wir durch diese Fieber bei den Seuchen angekommen, denen die Naturvoelker vor dem Auftreten der Europaeer unterworfen waren. Epidemische Krankheiten sind zwar vorher selten, doch finden sie sich auch. So jene Seuche, welche vor Cook auf der Ostkueste von Neu-Seeland wuethete, und zwar so heftig und rasch, dass auch hier nicht alle Todten begraben werden konnten (Dieffenbach 2, 12-14); so die Fieber, welche, wie es scheint, durch das Klima hervorgerufen am Orinoko epidemisch sind (Humboldt b 4, 215), so und vor allen jene beruechtigte mexikanische Krankheit, Matlazahuatl von den Eingeborenen genannt, ein furchtbares, dem gelben Fieber verwandtes Gallenfieber mit Blutbrechen, das schon lange vor Cortes Ankunft in Mexiko, ja wohl schon im 11. Jahrhundert unter den Tolteken, die damals noch in Nordamerika waren, herrschte (Humboldt a 4, 379), wie sich denn ueberhaupt die Krankheit mit Leichtigkeit in die kalte Zone verpflanzt und ihr "die kupferfarbige Race in beiden amerikanischen Haelften seit undenklichen Zeiten unterworfen ist" (eb. 380). Wie furchtbar aber diese Krankheit wuethete, geht aus den Zahlen hervor, welche Torquemada fuer die beiden Epidemien 1545 und 1576 angibt: 1545 sollen 800,000, 1576 zwei Millionen Indianer gestorben sein (Humboldt a 1, 97). Mag auch Humboldt, obgleich er sich verwahrt, Torquemadas Glaubwuerdigkeit anzuzweifeln, Recht haben--und er hat es gewiss--dass diese Zahlen nur auf ungefaehrer und ungenauer, vielleicht uebertriebener Schaetzung beruhen: auch wenn wir die Ziffern halbiren, welch furchtbarer Verlust an Menschenleben bleibt immer noch! Humboldt meint (a.a.O.), dass auch diese Krankheit sich alle hundert Jahre einmal zeige: da er aber 4, 379 die Jahre 1545, 1576, 1736, 1761 und 1762 als Jahre, worin die Krankheit wuethete, aufstellt, so ist, wenn anders die Periodicitaet dieser Krankheit richtig ist, ihr Erscheinen in den einzelnen Jahren dann auf Staemme und Landschaften eingeschraenkt, welche sie frueher nicht hatten. Einen Hauptgrund fuer die furchtbare Wirksamkeit solcher eingeschleppter Krankheiten, auf den wir spaeter zurueckkommen, fuehrt Humboldt an, wenn er a 4, 410-11 sagt: "Die Niedergeschlagenheit des Geistes und die Furcht vermehren natuerlich die Praedisposition der Organe, um die Miasmen aufzunehmen; daher es kein Wunder ist, wenn solche Epidemien namentlich dann besonders heftig sind, wenn sie von siegreichen Eroberern eingeschleppt werden." Sec.4. Behandlung der Kranken bei den Naturvoelkern. Alle diese Krankheiten nun, welche den Naturvoelkern durch die eigene Natur derselben gefaehrlich genug waren, wurden es noch mehr durch die ganz verkehrte Art, mit der jene Voelker Krankheiten behandelten. Die Syphilis ward dadurch so gefaehrlich in Polynesien, dass man sich theils gar nicht um sie kuemmerte, theils aber, wenn man es that, das Uebel nur vermehrte. So glaubte man in dem berauschenden Kavatrank, der aus den Wurzeln des Piper methysticum bereitet wird, ein Mittel gegen sie gefunden zu haben, und es konnte doch nichts Gefaehrlicheres angewendet werden, als bei dieser Krankheit dieses Mittel, das denn auch nicht verfehlte, die Wirkungen der Seuche erst recht schlimm zu machen (Moerenhout 2, 405). In Amerika wendete man gegen die Blattern vornehmlich Dampfbaeder mit unmittelbar folgenden kalten Abwaschungen an und in Neuholland und Polynesien ausserdem noch andere und noch thoerichtere Mittel; natuerlich wurde schon durch diese Kuren die Krankheit fast immer toedtlich. Dass sich aber diese Voelker bei neuen unerhoerten Krankheiten nicht zu helfen wussten, wird uns nicht Wunder nehmen, wenn wir sehen, wie sie sich Kranken gegenueber fuer gewoehnlich zu benehmen pflegen. Die Neuhollaender haben fuer ihre Kranken nur eine Ceremonie der Priester, welche den boesen Geist, der im Kranken sitzt, oder den Zauber, der ihn krank macht, beschwoert, indem er unter allerlei Faxen einen Stein, meist ein glaenzendes Stueck Quarz, aus dem Kranken zieht und damit ihn vom Zauber, der in jenen Stein eingeschlossen ist, befreit (Grey 2, 337). Da nun jede Krankheit auf Bezauberung beruht und zwar haeufig auf Entziehung der Seele, welche im Nierenfett ihren Sitz hat (Howitt 189), so wurde in einigen Gegenden der Kranke mit dem Nierenfett dessen, den man fuer den versteckten Moerder hielt und dem man es oft noch lebend ausschneidet (Angas 1, 123), bestrichen: oder man versucht die Krankheit aus dem betreffenden Glied auszusaugen, durch Aderlass zu entfernen, den boesen Geist, indem man den Kranken knetet, schlaegt, tritt und sonst misshandelt, zu verjagen u. dergl. mehr. Geschickter sind die Neuhollaender im Behandeln aeusserer Verletzungen; auch haben sie manche rationelle Mittel gegen den Biss giftiger Schlangen (Brehm Thierleben 5, 262). So ziemlich dasselbe Bild wird nun von der Heilkunst aller Naturvoelker zu entwerfen sein. Auf den Fidschiinseln werden schwer Kranke schon als todt betrachtet, aufgeputzt und ausgestellt (Williams und Calvert 183); Ruecksicht nimmt man auf sie durchaus nicht, hat vielmehr, da man sie fuer boeswillig haelt und glaubt, dass sie die Gesunden nur absichtlich quaelten, nicht das mindeste Mitleid mit ihnen (eb. 188). Ebenso sonst in Melanesien. Sehr gewoehnlich werden Kranke ohne weiteres erschlagen, oder ausgesetzt, z.B. auf der Fichteninsel (Cheyne 88). Auf Vate (neue Hebriden) toedtet man phantasirende Kranke sogleich, damit sie nicht Andere anstecken koennen (Turner 444); man begraebt sie und andere schwerer Erkrankte lebendig (450). Ebenso machen es die Ajetas der Philippinen, eine Negritobevoelkerung der Gebirge Luzons mit Schwerkranken (de la Gironiere Aventures d'un gentilhomme Breton aux iles Philippines 325). In andern Gegenden Melanesiens (auf den kleinen Inseln bei Neu-Guinea) setzen sich die Kranken ans Meeresufer und essen, was sie koennen, da nicht mehr essende Kranke sofort getoedtet werden. Kranke Glieder schnueren sie ein, um den Daemon, der die Krankheit verursacht, zu fangen (Reina in Zeitschr. 4, 360). Denn auch hier gilt alle Krankheit fuer Behexung (Turner 18-19), obwohl auch die Melanesier Aderlass und derartige Mittel kennen (eb. 92). Auch in Mikronesien toedtete man entweder die Kranken (indem man sie in einem lecken Schiff ins Meer stiess, Hale 80) oder man wandte, um sie zu curiren, Zauberei an, so auch auf den Marianen (le Gobien 47). Und nicht anders in Polynesien. Auch hier wurden sie oft ermordet, oder doch ganz gleichgueltig behandelt, wo denn jeder Kranke fuer sich sorgte, so gut es ging, d.h. in den Wald oder die Einsamkeit ging und entweder gesund oder gar nicht wieder zurueckkehrte. In Nukuhiva hielt man Schwerkranken Mund und Nase zu, um den Geist festzuhalten (Mathias _G***_, 115); ebenso in Suedamerika bei den Moxos (Waitz 3, 538; b 151). In Tonga bestand die Behandlung der Kranken fast nur darin, dass man sie von einem Tempel zum andern schleppte, um die Priester und Goetter fuer sie anzuflehen; je kraenker Jemand ist, je weiter schleppt man ihn--und fuehrt seinen Tod natuerlicherweise gerade dadurch herbei (Mariner 1, 110; 362 ff. u. sonst). Oder man opferte wie in Tahiti und sonst in Polynesien, Kinder oder Sklaven, um das Leben eines Vornehmeren zu erhalten. Doch waren die Tonganer als Chirurgen nicht ungeschickt und sie wagten sich an gefaehrliche Operationen. Auch war Skarifikation und der Gebrauch gewisser Pflanzensaefte in Anwendung (Mariner 2, 267-270). So wie bei ihnen, so gilt auch sonst in Polynesien Krankheit als Bezauberung, oder als Rache und Strafe der Goetter: in Neu-Seeland (Dieffenb. 2, 59 ff.); in Tahiti (Bratring 181-82, Moerenh. 1, 543); in Nukuhiva (Math. G. 228); und in Hawaii (Tyermann u. Bennet 1, 129). Daher waren auch hier die haeufigsten Mittel Opfer und Gebete. Nur auf Neu-Seeland scheint man etwas zweckmaessiger verfahren zu haben. Wenigstens kannten die Eingeborenen die Heilkraft ihrer heissen Quellen und wendeten sie fuer kranke Kinder an (Dieffenb. 1, 246), man gab den Kranken leichtere Kost, gebrauchte Daempfe von Pflanzenaufguessen (Pflanzenaufguesse kannten auch die Marianer nach le Gobien), Einreibungen mit warmen Pflanzensaeften u. dergl. (Dieffenb. 2, 41). Dampfbaeder und darauf unmittelbar folgende kalte Abwaschungen waren gleichfalls gebraeuchlich (Moerenhout 2, 164) und Kneten der Glieder ueberall verbreitet: in Nukuhiva, in Tahiti, Hawaii u.s.w. In Tahiti hielt man jede Krankheit fuer Wirkung goettlichen Zornes und es galt daher fuer suendlich, Arzeneien zu nehmen (Turnbull 260), gegen die sie auch einen unueberwindlichen Abscheu haben (292). Wird ein Eingeborener dieser Insel krank, so wird er sofort von allen Angehoerigen und Landsleuten gemieden: er ist ganz hilflos und auf sich allein angewiesen, ein Verfahren, welches sich bitter genug raecht: denn die bei ihnen gewoehnlichsten Uebel sind solche, die schon bei geringer Pflege leicht heilen, bei Vernachlaessigung aber toedtlich werden (Turnbull 260 u. 292). Als Chirurgen waren auch sie wie alle Polynesier geschickt (Moerenhout 1, 161). In Amerika finden wir so ziemlich dasselbe. Denn auch die Mexikaner, obwohl tuechtige Chirurgen und mit mancherlei medizinischen Mitteln bekannt, setzten ihre festeste Hoffnung auf aberglaeubische Mittel (Waitz 4, 165, 174). Die Californier versuchten durch Anblasen und Aussaugen des kranken Gliedes oder dadurch, dass sie andere opferten oder verstuemmelten, die Krankheit zu heben (Waitz 4, 250). Aussaugen, Anblasen, Reiben galt auch auf Haiti als Hauptmittel, so wie denn, merkwuerdig genug, hier die Aerzte dieselbe Ceremonie anwandten, welche die Neuhollaender noch jetzt haben: sie zogen dem Kranken einen Stein und mit ihm den Anlass aller Krankheiten aus dem Mund. Schwerkranke wurden, wie in Mikronesien, ausgesetzt, oder, wie in Nukuhiva erstickt (Waitz 4, 327). Das Hervorziehen des Steines oder Knochens aus dem Koerper des Kranken fand sich auf dem brasilianischen Festland unter den Payaguas (Azara 269). Auch in Peru war das Heilverfahren, obwohl man einige Arzneipflanzen kannte, purgirte und zur Ader liess, fast durchaus auf Zauberei begruendet (Waitz 4, 463). In Nordamerika nun waren bei fast allen den minder kultivirten Voelkern die Aerzte ganz und gar Zauberer, die Krankheit nur Besessenheit, der boese Geist ward daher, zur Kur, ausgesaugt und ausgespieen, oder durch Blasen, Kneten, Schlagen und aehnliche Mittel entfernt (Waitz 3, 213-14). Auch in Suedamerika ist Zauberei, Aussaugen Anblasen u.s.w. Hauptmittel und fast ueberall der Arzt zugleich Zauberer, nur bei den Botokuden nicht, welche nur natuerliche Mittel, Reiben, Kneten, Urtikation, auch, aber meist ohne Erfolg, innerliche Arzneien anwenden (Tschudi 2, 286-87) und als Chirurgen nicht ungeschickt sind. Aber Zauberer waren die Aerzte bei den Tupis, den Makusis, deren Heilverfahren, das neben vieler Zauberei auch manche wirklich wirksame Mittel kannte, Schomburgk (2, 333) schildert, ferner bei den Waraus (eb. 1, 170), den Cariben (2, 427), den Araukariern, welche indess neben den Zauberaerzten auch noch andere und tuechtigere Aerzte hatten (Waitz 3, 519), den Feuerlaendern (Bouqainville 130) u.s.w. Dampfbaeder sind sehr allgemein verbreitet und bei fast allen Krankheiten angewendet; so bei den Mexikanern und bei den alten Tolteken (Waitz 4, 270); ebenso in Nordamerika (3, 217) in Suedamerika bei den Makusi (Schomburgk 2, 333) und sonst. Nicht anders war im grossen Ganzen, nach Langsdorff, das Heilverfahren der Aleuten. Auch die Hottentotten betrachteten alle Krankheiten als Wirkungen von Zauberei und boesen Geistern, und behandeln sie darnach, durch Beschwoerung u. dergl., doch wendet der Zauberer oder die Zauberin dabei auch andere, innerliche und aeusserliche Heilmittel an. Wunderbarer Weise findet sich denn auch hier, wie auf den Antillen, jener sonderbare neuhollaendische Gebrauch wieder, einen Stein--hier einen Knochen--unter mancherlei Ceremonien aus dem Leibe (Mund, Ohr, Ruecken u.s.w.) des Kranken, der ihm eingehext und der Sitz der Krankheit sei, hervorzuziehen, damit jener genese (Sparmann 197-98). Ihre Giftaerzte sollen freilich sehr ausgezeichnete Mittel gegen Schlangenbiss haben, und die Colonisten haben, was sie von Heilpflanzen der suedafrikanischen Flora kennen, erst von den Eingeborenen gelernt (Waitz 2, 344). Allein Schwerkranke, Alte und Huelflose setzen die Hottentotten haeufig aus (Sparmann 320); Sterbende schuettelt und stoesst man, gewiss um den Daemon der Krankheit zu verscheuchen, ueberhaeuft ihn mit Vorwuerfen, dass er die Verwandten durch seinen Tod betruebe, bittet ihn zu bleiben u.s.w. (Sparmann 273). Die Zauberer aber gerathen sehr haeufig, wenn ihre Kur nicht anschlaegt, in Gefahr, von den erbitterten Angehoerigen arg gemisshandelt oder getoedtet zu werden. Fuer Amerika bringt Waitz und die angefuehrten Autoren eine Menge Beispiele bei: fuer Afrika genuege eins, welches bei Sparmann 198 erwaehnt wird: ein Fuerst, der an schlimmen Augen litt und von den Zauberern nicht geheilt werden konnte, liess diese alle umbringen, weil er glaubte, dass einer von ihnen, der ihm feindlich gesinnt sei, seine Heilung verhuete. Denn jeder unglueckliche Ausgang einer Krankheit gilt als bewirkt durch staerkeren Zauber, hier und in Amerika und Polynesien. Sec. 5. Geringe Sorgfalt der Naturvoelker fuer ihr leibliches Wohl. Indess, da ja Krankheiten die Naturvoelker in ihrem gewoehnlichen Zustand nur wenig plagen, so moechte alles dies Verkehrte, und wenn es manchem Kranken den Tod brachte, doch nicht allzuviel fuer ihr Hinschwinden bewirkt haben; viel gefaehrlicher ist die geringe Sorge, welche fast alle Naturvoelker auf ihre leibliche Pflege verwenden und verwenden koennen. Freilich sind sie abgehaertet gegen Vieles durch eigene Gewoehnung und, wodurch diese erst in so hohem Grade ermoeglicht wird, durch Vererbung; und so fuehlen sich auch noch die Feuerlaender, nach Darwin die elendesten und niedersten Menschen, in ihrem entsetzlichen Klima, ohne rechtes Obdach, auf dem nassen Boden schlafend, nackt, nur kuemmerliche Nahrung und diese nur mit Muehe findend, nach ihrer Art wohl und begehren nichts Besseres (Darwin 1, 230). Die Eskimos sind an ihre Schneewuesten, die Neuhollaender an ihre unfruchtbaren Steppen, die ihre wandernde Lebensart bedingen, die neuhollaendischen Weiber an ein Leben voll Last und Muehe, an die schrecklichste Behandlung gewoehnt, so weit menschliche Natur sich gewoehnen kann. Trotz aller Gewoehnung aber haengt es mit der Lebensart der Naturvoelker zusammen, dass sie, auch bei der ersten Bekanntschaft mit den Europaeern, bisweilen selbst wenn sie schon eine gewisse Halbkultur erlangt hatten, verhaeltnissmaessig so geringe Bevoelkerungsziffern aufweisen; sie leben eben so, dass die menschliche Natur nicht anders als kuemmerlich gedeiht--wenn auch die einzelnen Individuen oft ganz besonders stark erscheinen. Es ist ja aber gerade ein oft wiederholter Ausspruch, die Naturvoelker seien deshalb koerperlich so kraeftig, weil alle schwaechlichen Kinder ohne weiteres erlaegen; so z.B. Humboldt b 2, 189. Nicht bloss schwaechliche Kinder erliegen indess; und diese Sterblichkeit der Kinder ist das erste, was wir hier zu betrachten haben. Die Feuerlaender, deren Wohnung nicht den geringsten Schutz bietet (Darwin 1, 228), setzen ihre Kinder nackt der Wuth ihres Klimas aus (eb. 229). Fast alle Indianer in Nord- und Suedamerika fuehren jetzt ein elendes Wanderleben; und ueberall hin werden die Kinder von den Muettern mitgeschleppt, auf den rauhesten und weitesten Maerschen und oft noch, waehrend sie durch aufgelegte Bretter und andere gewaltsame Mittel (um ihrem Kopf eine eigenthuemliche Gestalt zu geben) in der natuerlichen Entwickelung gestoert sind. Schon bei der Geburt werden viele Kinder sterben. Denn ueberall ist es Sitte, dass das Weib kurz vor der Geburt sich in den Wald begiebt, dort allein gebiert, sich selbst die Nabelschnur abschneidet und unterbindet, dann sich und das Kind sogleich in kaltem Wasser badet und nun zurueckkehrt, nicht etwa zur Pflege, sondern zur erneuten Arbeit. Dies war der Fall bei den Waraus in Guyana (Schomburgk 1, 166), bei den Cariben und Makusi (eb. 2, 315, 431); und in Nordamerika sehr vielfach (Waitz b, 98). Die Nahrung aber, welche ein Kind nach und neben der Muttermilch bekommt, ist oft schon an und fuer sich schaedlich und ungesund. Grosse Sterblichkeit herrscht noch unter den Kindern des heutigen Mexiko in Folge verkehrter Diaet (Waiz 4, 196). Die Nahrung wird ihnen auch noch beschraenkt durch die eigenthuemliche Sitte, neben den Kindern Thiere, Affen, Beutelratten u.s.w. zu saeugen, was die Makusi, die Waraus, die Cariben und verschiedene andere Voelker thun (Schomburgk 2, 315. 1, 167). Von der schlechten Wartung der Kinder, wenn sie krank sind, spricht Humboldt b. 4, 224 und der Schmutz, in welchem sie aufwachsen, und von denen Schomburgk aus Guyana Abschreckendes erzaehlt, kann auch keinen guten Einfluss haben. Und doch lieben die Amerikaner in Nord-und Suedamerika ihre Kinder aufs innigste. In Tahiti nehmen die Frauen unmittelbar nach der Geburt sofort Dampfbaeder mit kalten Abwaschungen (Wilson 461), in Neuseeland gleichfalls, wo die Kinder, wie in Tahiti, ganz nackt bleiben und eher schwimmen als laufen koennen (Dieffenbach 2, 24-25, Ellis 1, 261 und Moerenh. 2, 61); und ebenso auf Nukuhiva (Melville 2, 191). Hautkrankheiten, und zwar sehr boesartige der Kinder (jaws, framboesia) werden oefters erwaehnt, z.B. in Tonga, wo die Kinder gut gepflegt und sonst sehr gesund sind (Mariner 2, 179) und in Ponapi (Cheyne 122). Grosse Sterblichkeit herrscht aber unter den Kindern wegen Mangel an Pflege und Wartung in Hawaii (Virgin 1, 268) und ebenso in Tahiti (Bennett 1, 148). Ellis sagt, dass die tahitischen Kinder, obwohl dem Aussehen nach dick und gesund, doch bis zu einem Alter etwa von 12 Monaten sehr zart und hinfaellig waeren (1, 260). Formation des Schaedels durch Platt- und Hochdruecken war in Tahiti sehr haeufig 1, 261. Auch auf Mikronesien ist die Wartung der Kinder schlecht. Auf Tobi (Lord North, aeusserstes Sued-Westende Mikronesiens) erhalten die Kinder sofort nach der Geburt ganz gleiche Speise wie die Erwachsenen (Pickaring, Memoir of the Language and Inhabitants of Lord Norths Isl. 1845; 228), und ebenso auf Ratak Kokosmilch und Pisang, den ihnen die Mutter vorkaut; schaedlicher aber als diese Nahrung ist ihnen die Unregelmaessigkeit, mit der sie ueberhaupt etwas bekommen (Gulick 180-181), daher denn auch hier die Sterblichkeit unter ihnen gross ist. Auch in Polynesien saeugen die Weiber gern Thiere auf neben den Kindern, wie z.B. die Hawaierinnen nach Remy XLII Hunde und Schweine. In Melanosien ist es nicht besser: die Kinder werden nicht gepflegt und muessen von der Geburt an das Leben der Alten mitmachen. In einigen Gegenden Neu-Guineas (Finsch 103) wird der Gebaerenden fortwaehrend kaltes Wasser ueber den Kopf gegossen, ist aber das Kind geboren, Mutter und Kind sofort kalt gebadet und dann einer moeglichst starken Hitze neben einem lodernden Feuer ausgesetzt, und so abwechselnd weiter. Je heisser und laenger Mutter und Kind diese Hoellenkur vertragen, fuer desto gesuender gelten beide. In einer anderen Gegend hatte eine Frau ein unlaengst erst geborenes Kind auf den heissen Sand gelegt und arbeitete in der Naehe; als Fremde kamen, grub sie es ohne weiteres bis an den Hals in den Sand und arbeitete fort (eb. 63). Fast nirgends aber sterben mehr Kinder als in Neuholland: von vieren wird kaum mehr als eins drei Jahre alt (Turnbull 43), was sich aus der Behandlung, die ihnen zu Theil wird, und die nur ausserordentlich starke Kinder ueberstehen, erklaert. Kaum geboren wird das Kind in ein Opossumfell gewickelt, ueberall mit hingeschleppt und meist im hoechsten Grade nachlaessig behandelt, dem Feuer zu nahe gelegt und dergl. (Grey 2, 250-251). Dies Wandern fuehrt auch Darwin (2, 213) als Grund der Sterblichkeit unter den Kindern an, und es ist beachtenswerth, was er zusetzt: "Wie die Schwierigkeit, sagt er, sich Nahrung zu verschaffen, waechst, so waechst ihre wandernde Lebensweise und darum wird die Bevoelkerung ohne eigentlichen Hungerstod auf eine so ausnehmend gewaltsame Weise zurueckgehalten, im Vergleich mit civilisirten Laendern, wo der Vater seine Arbeit mehren kann, ohne den Sproessling zu vernichten". Dazu wird ihnen auch noch die Nahrung dadurch verkuerzt, dass auch hier die Weiber vielfach junge Thiere, Hunde, saeugen (Grey 2, 279) und gewiss oft nur aus Noth: denn ein Hund ist jetzt um so mehr, als die Jagdthiere immer scheuer und seltener werden, ein grosser Schatz fuer den jagenden Eingeborenen und die Nahrung fuer die jungen Thiere ist gewiss oft genug selten. Kurz aber mit allem Nachdruck muessen wir hier erwaehnen, dass auch das Tattuiren, was in ganz Polynesien haeufig betrieben wird, haeufig den Tod nach sich zieht (Ellis 1, 266); und da man nur eben heranwachsende dieser Operation unterwirft, so wird der Jugend auch durch sie ein nicht zu unterschaetzender Abbruch gethan. Wichtiger freilich, weil eine Sache von groesstem Einfluss auf das leibliche Gedeihen der Naturvoelker, ist die oft ueber alle Begriffe schlechte Behandlung der Weiber. So vor allen Dingen in Neuholland. Die armen Weiber muessen, schwanger oder nicht, mit allem Gepaeck und oft noch mit 1-2 Kindern beladen, dem Manne, der nur das Jagdgeraeth traegt, folgen; sie muessen, kaum angekommen, alle Arbeit fuer den Haushalt besorgen, die Huette aufschlagen, Feuer machen, Wurzeln, Muscheln erst suchen, dann kochen, fuer den Mann, die Kinder alles Noethige bereiten, und dann, wenn sie bei alle dem oft aufs brutalste behandelt sind, dem Manne Nachts geschlechtlich zu Willen sein. Die beste Nahrung, die sie finden, ist fuer den Mann und ihre Soehne; sie duerfen erst essen, was diese uebrig lassen und wenn sie fertig sind. So ist ihr Loos Tag fuer Tag: denn von dem, was sie noch ausser diesem gewoehnlichen Elend besonderes Schlimmes trifft (z.B. die Art, wie sie von den Maennern zur Ehe geraubt werden), brauchen wir hier nicht zu reden. Ein wichtiger Umstand ist ferner, dass ihre Pubertaet schon mit 11 oder 12 Jahren beginnt und sie schon mit diesen Jahren verheirathet werden. Nimmt man zu alle dem nun noch hinzu, dass sie ihre Kinder sehr lange saeugen, oft bis 3 Jahre (Grey 2, 248-250) ja laenger (4-6 Jahre nach Salvado 311), so wird man sich nicht wundern, dass die Lebensdauer dieser Ungluecklichen, die nichts desto weniger oft ganz froehlich sind und ihren Maennern mit Liebe anhangen, nicht allzulang ist und dass es weniger Weiber als Maenner gibt, im Verhaeltniss wie 1:3 nach Grey, nach anderen wie 2:3--ein Umstand indess, der wahrscheinlich mit bedingt ist durch die Sitte, neugeborene Maedchen umzubringen, von der wir spaeter reden muessen. Und in Amerika ist es nicht besser. "Entbehrung und Leiden, sagt Humboldt b 2, 192, sind bei den Chaymas, wie bei allen halbbarbarischen Voelkern, das Loos des Weibes. Wenn wir die Chaymas Abends aus ihren Gaerten heimkommen sahen, trug der Mann nichts als ein Messer, mit dem er sich einen Weg durchs Gestraeuch bahnt. Das Weib ging gebueckt unter einer gewaltigen Last Bananen und trug ein Kind auf dem Arm und zwei andere sassen nicht selten oben auf dem Buendel". Auch die Botokudinnen muessen, wie ihre Leidensgenossinnen in Neuholland, alle Arbeit thun, alles Gepaeck schleppen und sich dann noch von ihren Maennern aufs roheste misshandeln lassen (Tschudi 2, 284). Dasselbe erzaehlt Schomburgk von den Bewohnern Guyanas (2, 313; 1, 122 ff.) und mit einem schauderhaften Beispiel von roher Misshandlung von den Cariben (2, 428). Noch haerter ist das Loos der Weiber in Nordamerika, wo sie auch die Feldarbeit thun muessen (Humboldt b 2, 293) und noch roher misshandelt werden (Waitz b, 98). Mrs. Eastmann, welche laengere Zeit selbst mit den Dakotas gelebt hat und daher diese Voelker genau kennt, hat wohl Recht, wenn sie (bei Waitz b, 98; 3, 100) sagt: "Die Arbeit des Weibes wird nie fertig. Sie macht das Sommer- und Winterhaus. Fuer jenes schaelt sie im Fruehling die Rinde von den Baeumen, fuer dieses naeht sie die Rehfelle zusammen. Sie gerbt die Haeute, aus denen Roecke, Schuhe und Gamaschen fuer ihre Familie gemacht werden und muss sie abschaben und zubereiten, waehrend noch andere Sorgen auf ihr lasten. Wenn ihr Kind geboren ist, kann sie sich nicht ruhen und pflegen. Sie muss fuer ihren Mann das Rudern des Kahnes uebernehmen, Schmerz und Schwaeche wollen dabei vergessen sein. Immer ist sie gastlich. Geh zu ihr in ihr Zelt, sie gibt dir gern, was du brauchst, wenn es nur in ihrer Macht steht, und thut bereitwillig, was sie kann, um es dir bequem zu machen. In ihrem Blick ist wenig Anziehendes. Die Zeit war es nicht, die ihre Stirn gerunzelt und ihre Wange gefurcht hat. Mangel, Leidenschaft, Sorgen und Thraenen haben es gethan. Ihre gebueckte Gestalt war einst anmuthig, Mangel und Entbehrung erhalten die Schoenheit schlecht". So kommt es vor, dass Maedchen von ihren Eltern getoedtet werden, um sie dem elenden Loos, das ihrer wartet, zu entziehen; und dass Weiber sich selbst umbringen, weil sie die Buerde ihres Lebens und Leidens nicht mehr zu tragen vermoegen (Waitz 3, 103). Nur bei einigen wenigen Voelkern war das Loos der Weiber etwas besser (Waitz 3, 181). Die Speisen des Mannes durften die Weiber nicht theilen, ja oft nicht einmal mit den Maennern zusammen essen (Schomburgk 2, 428), eine Sitte, die auch ueberall in Ozeanien herrscht und ihren letzten Grund in religioesen Anschauungen hat. Doch waren durch sie den Weibern meist die wirklich guten und nahrhaften Lebensmittel untersagt, was bei ihren schweren Arbeiten von doppeltem Gewichte war. In Poly- und Mikronesien (in Melanesien herrschten Sitten, die den australischen naeher kommen und Fidschi steht zwischen beiden) war die Stellung der Weiber nicht schlecht; allerdings waren sie meist von der Gesellschaft und den Genuessen der Maenner ausgeschlossen, doch empfanden sie dies sowie die Prostitution, zu der sie verurtheilt waren, nicht, weil es die Sitte nun einmal mit sich brachte und man sie sonst als Freudenspenderinnen ehrte. Wirklich schlecht scheinen sie nur in der Paumotugruppe behandelt zu sein, von wo und zwar von Mangareva Moerenhout 2, 71 schreckliche Beispiele aeusserster Bedrueckung und grausamster Misshandlung erzaehlt. Waehrend an den meisten Orten den Weibern so gut wie gar keine oder nur weibliche Arbeit, Zeugbereiten und dergl. obliegt, wie in Tonga, in Tahiti, in Nukuhiva (Melville 2, 147); so muessen sie in andern Inseln fast alle Arbeit thun, wie in Neuseeland (Dieffenb. 2, 12). Fruehreife der Weiber ist in Polynesien sehr gewoehnlich. Auf Neuseeland tritt die Pubertaet frueher als bei uns, doch spaeter als in Suedeuropa ein (Dieffenb. 2, 33) nach Browne 38 sind sie schon mit dem 11. Jahre heirathsfaehig und frueher coitus ist auf der ganzen Insel gewoehnlich (Dieffenb. 2, 12). Aehnlich fand es Cook auf Tahiti (b, 126-127). Dass sich 11jaehrige Maedchen den Fremden anbieten, ist gar nicht selten; es soll auch noch juengere geben, die es thun. Die Geschlechtsentwickelung auf den Fidschiinseln faellt spaeter: fuer die Maedchen ins 14., fuer Knaben ins 17. oder 18. Jahr (Wilkes bei Waitz 1, 126). Auch in Amerika reifen die Weiber sehr frueh (Azara an vielen Stellen). Schomburgk (1, 123) sah unter den Waraus in Guyana eine Frau von kaum 10 Jahren, die dennoch hochschwanger war. Humboldt der b 2, 188 sagt, dass die Chaymasweiber mit 11-12 Jahren sich verheiratheten, erzaehlt dasselbe von den Eskimos der Nordwestkueste von Amerika, den Koriaeken und den Kamtschadalen (190), bei denen haeufig 10jaehrige Maedchen Muetter sind. Er meint zwar, dass diese fruehzeitigen Heirathen der Bevoelkerung nichts schadeten: jedenfalls aber haengt das fruehzeitige Verbluehen der Weiber (Waitz b, 99; Tschudi 2, 298; Schoinburgk sagt in Beziehung auf Guyana dasselbe) mit dieser Fruehreife zusammen. Doch gibt es Staemme in Nordamerika, wo die Geschlechtsreife viel spaeter eintritt (Waitz 1, 125) Thunberg sah bei den Hottentotten hinwiederum Maedchen von 11-12 Jahren, welche schon Kinder hatten (25-26[C]). Zu dieser fruehen Entwickelung kommt nun ein sehr langes Saeugen. Wie in Neuholland die Weiber--und in Polynesien ist es ebenso, nach Dieffenbach a.a.O. und anderen--so saeugen auch die Amerikanerinnen ihre Kinder oefters bis ins 12. Jahr und dies Saeugen wird, wenn die Mutter mittlerweile durch ein 2. Kind beansprucht wird, von der Grossmutter fortgesetzt! Die Indianerinnen behaupten, im Besitz eines Mittels zu sein, welches ihnen laenger und unerschoepflicher die Milch erhalte (Schomburgk 2, 239. 315). Muss eine solche Lebensart, welche auch bei den Hottentotten um nichts besser und nur in Nebendingen anders ist, die Weiber fruehzeitig welken lassen und dahinraffen, so ist die Lebensweise der Maenner vielfach auch vollkommen aufreibend durch das Uebermass von Anstrengungen, was sie mit sich bringt. Man denke auch nur, was es heissen will, Tag fuer Tag, bei oft ganz ungenuegender oder durch ihre zu reichliche Fuelle schaedlicher Nahrung, fortwaehrend umherzuziehen, ueber endlose Strecken dem Wild nach, in den Anstrengungen der Jagd oder des Krieges und dabei allen Unbilden des Klimas, des Wetters ausgesetzt! Daher finden wir nirgends in Neuholland oder dem Feuerland oder unter den Wanderstaemmen Amerikas ein so hohes Alter unter den Einzelnen als es Chamisso auf den Ratakinseln und San Vitores (nach le Gobien 47) auf den Marianen fand, wo 100jaehrige Greise nicht selten waren, waehrend Grey schon 70 Jahre als hohes Alter unter den Neuhollaendern betrachtet (2, 247-248), aber gleich hinzusetzt, dass bei der grossen Sterblichkeit der Kinder, die mittlere Lebensdauer bei ihnen viel geringer als in Europa ist. Nach Azara freilich erreichen die brasilianischen Staemme ein sehr hohes Alter: er will unter den Payaguas mehrere Maenner gesehen haben, die zum wenigsten 120 Jahre alt waren (270; vgl. 173). Die Polynesier, ueberhaupt die Bewohner kleiner und meist genuegend fruchtbarer Inseln, so bedenklich ein solcher Wohnort nach anderen Seiten sein mag, sind in dieser Beziehung besser gestellt, da schon die Oertlichkeit ihrer Heimath solche uebermaessige Anstrengung verhuetet; die langen und duennen Gliedmaassen, die vorhaengenden Baeuche, die verkommene Gestalt aber der Neuhollaender ist zweifelsohne nicht Racencharakter (an einem anderen Ort gedenke ich den Nachweis zu fuehren, dass die letzteren gleichfalls ein Zweig des malaiopolynesischen Stammes sind), sondern durch die muehselige Lebensart, das ewige Wandern, die Unregelmaessigkeit der Nahrung hervorgebracht. Und natuerlich steigert sich alle diese Noth durch die Ausbreitung der Europaeer, durch welche die Jagdthiere der Naturvoelker sehr rasch zusammenschmelzen; ja sie steigert sich durch sich selbst und ihre eigene lange Dauer, da die Thiere, stets verfolgt, dadurch immer scheuer, die Jagd immer schwieriger wird, wie von Tschudi 2, 279 von Suedamerika bezeugt. Auch werde, um nichts zu uebergehen, wenigstens beilaeufig an das erinnert, was Tschudi eb. 290 sagt, dass mangelnde Jagdbeute die Voelker noethigt, ihre Jagdzuege weiter auszudehnen und das Gebiet anderer Horden zu verletzen; dass diese ihr Gebiet vertheidigen und sich so oft sehr bedeutende Kaempfe um die Existenz entwickeln. Auf beschraenktem Terrain war Ausrottung der Jagdthiere bisweilen nothwendige Folge auch der vorsichtigsten Jagd; so in Neuseeland, wo die grossen Jagdvoegel, die Moas (Dinornis, Apteryx), nach und nach ausgerottet sind von den Eingeborenen selbst, die ersteren ganz, die letzteren wenigstens zum groessten Theil, und zwar ohne Schuld der Maoris: die Voegel vermehrten sich langsam und wurden bei ihrer Unbehuelflichkeit und dem nicht sehr guenstigen Terrain leicht die Beute der Jaeger. So starben sie aus, ohne dass man jenen ein blindes Wuethen gegen die Jagdthiere vorwerfen duerfte. Betraf dies nun ihre Lebensart im Allgemeinen, so muessen wir nun noch von einzelnen Punkten speziell reden. Zunaechst die Nahrung, in deren Auswahl und Aufbewahrung fast alle Naturvoelker wenig Sorgfalt zeigen. Sie duerfen auch, da die Natur von selbst, auch in den Tropen, nicht zu jeder Zeit und nicht allzubereitwillig das Noethige bildet, nicht allzu waehlerisch sein. So essen denn z.B. die Botokuden eigentlich Alles, ausser geniessbaren Thieren auch Fuechse, Aasgeier, Maeuse, Schlangen, Eidechsen, Kroeten, Fledermaeuse, Insektenlarven, Wuermer, ungeputzte Eingeweide (Tschudi 2, 279. 298) und dergl. In Guyana graben die Kinder 18 Zoll lange Skolopender aus der Erde und--fressen sie lebendig (Voigt Zoologie V, 420 nach Humboldt). Das Erdeessen der Otomaken haelt Humboldt, der es b 6, 102 ff. mit Herbeiziehung alles Analogen bei anderen Voelkern bespricht, zwar nicht fuer schaedlich, nuetzlich aber ist es auch nicht, sondern nur hungervertreibend. Auch in Australien (Grey 2, 263-264) findet es sich; doch wird hier die Erde mit einer geriebenen Wurzel gemischt. In Australien ist zwar nach Grey 2, 259-261 der Nahrungsmangel nicht so gross, als man gewoehnlich annimmt und vieles was uns nur aus aeusserstem Elend gewaehlt scheint, ist ihnen eine willkommene Leckerei; indess sagt Grey doch selbst, 261 ff., dass jede Gegend des Continents ihre besondere Nahrung habe, die man aber erst kennen und aufsuchen muesse. Und das scheint keine leichte Sache, wenigstens war er selbst, obwohl von einem nicht unbefaehigten Eingeborenen begleitet, auf seinem unfreiwilligen Zug die Westkueste des Kontinentes entlang in der aeussersten Lebensgefahr durch Hunger. Ein fauler Walfisch ist den Neuhollaendern, waehrend sie sonst sehr ekel gegen angegangenes Fleisch sind, groesster Genuss und je stinkender die Speise, desto willkommener wird sie, wie auch die Thakallis, ein Stamm der Athapasken in Nordamerika, faules Fleisch vorzueglich gern essen (Waitz b, 90). Und wie nun diese Voelker essen! "Die Botokuden geniessen die meisten Nahrungsmittel, besonders das Fleisch in halbgarem Zustande. Es wird ueber das Feuer gehalten, bis die aeussersten Schichten etwas angebrannt sind und dann verzehrt. Die Gefraessigkeit dieser Indianer ist fast sprichwoertlich geworden.----Wenn ein gluecklicher Jagdzug reichliche Beute gewaehrt, so wird sie gierig verzehrt und da das Fleisch rasch in Faeulniss uebergeht, um ja nichts zu verlieren, der Magen so lange vollgestopft, als eine physische Moeglichkeit dazu vorhanden ist. Dann folgt eine lange behaebige Verdauungsruhe und dieser oft wochenlang aeusserst spaerliche Mahlzeiten. Voelker und Individuen, die ausschliesslich auf Fleischnahrung angewiesen sind, haben eine rasche Verdauung und es aeussert sich bei ihnen Heisshunger viel heftiger als bei jenen, die an eine vegetabilische oder gemischte Nahrung gewoehnt sind. Sie koennen sich aber auch mit einer sehr geringen Quantitaet ihrer gewohnten Fleischnahrung lange kraeftig erhalten, leiden dabei aber stets an Hunger. Bei jeder sich darbietenden Gelegenheit suchen die Botokuden ihren steten Hunger durch uebermenschliches Fressen zu stillen und verschlingen mit der Gier eines Raubthieres die ekelhaftesten Gegenstaende ohne Wahl mit gleichem Heisshunger". Was Tschudi (2, 278-279) uns so von den Botokuden erzaehlt, das kann mit denselben Worten von allen Naturvoelkern Amerikas, von den Feuerlaendern bis zu den Eskimos, das kann von den Hottentotten, von denen es allwaerts bekannt ist (von den Buschmaennern bezeugt es z.B. Lichtenstein 2, 355), und trotz ihrer mehr gemischten Nahrung von den Neuhollaendern, den meisten Melanesiern, und auch, obwohl bei diesen meist die vegetabilische Nahrung vorwiegt, von vielen Polynesiern gesagt werden, von den roheren gewiss, doch zu Zeiten auch von den cultivirteren, wenigstens uebersteigt die Masse der bei Festlichkeiten verschlungenen Lebensmittel alle europaeischen Begriffe bei weitem. Ja es kam vor, dass man bei grossen Vorraethen, wie einst die hochcivilisirten Roemer, Brechmittel nahm, um mit frischen Kraeften weiter essen zu koennen (Waitz 3, 82, vom suedl. Nordamerika). Zwiefach gefaehrlich ist eine solche Lebensart, einmal, weil sie dem menschlichen Organismus gewiss nicht entsprechend und also schaedlich ist; und zweitens weil sie, da man alles was die Gegenwart bietet aufzehrt und in sich stopft, Vorraethe zu sammeln aber etwas ganz Ungewohntes ist, fuer die Zukunft, fuer welche Naturvoelker nur in den seltensten Faellen und auch dann meist sehr unvollkommen sorgen, die bedenklichsten Folgen hat. Hungersnoth entsteht in Polynesien nicht selten durch gaenzliches Aufzehren aller Lebensmittel bei Festlichkeiten, obwohl doch die meisten Voelker hier Vorraethe sammeln. Uebrigens thun dies auch manche Indianerstaemme (Waitz b, 91). Man sollte denken, gerade die Naturvoelker, durch Noth und Erfahrung belehrt, muessten am ersten fuer die Zukunft Sorge zu tragen gelernt haben, allein Waitz, der daran erinnert, dass "auch unter den civilisirten Voelkern die Individuen und die ganzen Classen der Gesellschaft sich um die Zukunft wenig oder gar nicht kuemmern, denen zur Arbeit jedes andere Motiv fehlt, ausser der Sorge fuer ihren eigenen Lebensunterhalt", hat sehr richtig b, 84 u. 91 die psychologischen Gruende entwickelt, warum die kulturlosen Voelker nur der Gegenwart leben. Die Hauptsache ist, dass sie allzusehr unter der Herrschaft der sinnlichen Nerveneindruecke stehen: die Vorstellung, welche sie gerade gegenwaertig haben, verdraengt alle anderen aus ihrem Bewusstsein, und ist, nach Noth und Entbehrung, die Gegenwart wieder gut, so kommt dazu der physische Genuss dieses Wohllebens, dieser Ruhe, der die augenblicklichen Vorstellungen mit um so groesserer Macht zu alleinherrschenden macht (Waitz 1, 351). Aber nicht bloss sorglos sind sie um die Zukunft: wie oft zerstoeren sie sich man kann fast sagen die Lebensbedingungen fuer dieselbe selbst, so namentlich auf der Jagd. "Der Jaeger, sagt Waitz 1, 350, geraeth, besonders massenhafter Beute gegenueber, wie der Soldat im heissen Kampfe, in eine grenzenlose Wuth, er mordet mit Lust und verwuestet das Wild meist in voellig nutzloser Weise, verzehrt davon das Beste und oft dieses kaum, wenn es im Ueberfluss sich darbietet. Daher brauchen Jaegervoelker ein ganz unverhaeltnissmaessig grosses Areal und gerathen trotzdem oft in Noth, weil ihnen Schonung der Jagdthiere ebenso fremd ist, als sparsames Haushalten mit Vorraethen ueberhaupt. Der hundertste Theil des von den Zulus erlegten Wildes, bemerkt Delagorgue, wuerde zu seinem und seiner Begleiter Unterhalt mehr als hinreichend gewesen sein." Die Buschmaenner zerstoeren haeufig groessere Jagdbeute aus Missgunst und Bosheit: "was sie selbst im Ueberfluss nicht gebrauchen koennen, soll wenigstens keinem anderen zu Gute kommen", sagt Lichtenstein 2, 565 von ihnen. Aehnlich berichtet Hearne 120 von den noerdlichsten Staemmen Nordamerikas, die das Wild schliesslich der Zungen, des Markes, des Fettes wegen, aller Gegenvorstellungen zum Trotz, erlegten, die an keinem Nest mit Jungen oder Eiern voruebergehen konnten, ohne es zu zerstoeren. Waitz 3, 81 sieht darin nur die Sitte eines gaenzlich rohen Stammes und sagt, dass, wo diese und aehnliche Sitten jetzt eingerissen seien, es in Folge moralischer Gesunkenheit geschehen sei, da sonst Sparsamkeit der Charakter der meisten Indianer gewesen sei. Mag letzterer Zug ganz richtig sein: die Leidenschaft der Jagd aber, welche kein Thier schont, findet sich in Amerika nicht nur bei verkommenen Voelkern. Sie herrscht in Canada (Waitz 3, 85) und gewiss sonst noch aus der aberglaeubischen Ansicht, dass die fliehenden Thiere die anderen warnen und verscheuchen wuerden. Von Suedamerika berichtet Azara 193 Gleiches. Dasselbe gilt von den Neuhollaendern. Und nicht genug, dass sie sich auf diese Weise die Nahrung selbst zerstoeren: sie verbieten sich auch eine Menge Speisen, oft gerade die besten, durch religioesen Glauben. Zunaechst sind die Frauen fast ueberall in Amerika, Polynesien und Australien, in Neuholland auch die Juenglinge und Knaben (Grey 2, 248), von den besten Nahrungsmitteln, die nur den erwachsenen, oft nur den greisen Maennern erlaubt sind, ausgeschlossen. Dann aber gehoert das Totem der Indianer hierher, von dem Waitz 3, 119 sagt: "Der politische Verband des Volkes beruhte in alter Zeit sehr allgemein auf einer Eintheilung in Banden oder Geschlechter, deren jedes durch ein Thier oder einen Koerpertheil, eines Thieres als Marke bezeichnet war, z.B. Baer, Bueffel, Fischotter, Falke und dergl. Nur ein Fisch oder ein Theil eines Fisches konnte diese Marke nicht sein." Der Name dieser Marke, Totem, kommt von den Algonkin. Wahrscheinlich (ebend.) hatte das Totem urspruenglich eine religioese Bedeutung: das Thier des Totem war der Schutzgeist der nach ihm benannten Familie, wurde von dieser heilig gehalten und _durfte von ihr nicht gejagt_ werden. Und ebenso verhielt es sich gewiss mit "der Medicin", die jeder Amerikaner hatte, d.h. dem Totem des Einzelnen. Denn zur Zeit der beginnenden Mannbarkeit erscheint jedem einzelnen sein Schutzgeist in Gestalt eines Thieres, das dann gejagt und dessen Balg stets von dem Betreffenden getragen werden muss. Der Verlust der Medicin wuerde ihm tiefste Verachtung und bestaendiges Unglueck zuziehen (Waitz 3, 118-119). Urspruenglich durfte gewiss kein Indianer das Thier, das ihm "Medicin" Schutzgeist war, verzehren. Die meisten Voelker (auch die Aleuten) stammten von solchen Thieren ab (Waitz 3, 119. 191) und auch diese waren ihnen gewiss urspruenglich heilig, wenn sich auch spaeter diese Verehrung in etwas abschwaechte. Diese auffallende Sitte, die genauer betrachtet gewiss mancherlei merkwuerdige Resultate gaebe[D], findet sich ganz uebereinstimmend bei den Neuhollaendern, worueber man Grey 2, 225-229 vergleiche. Jede Familie, oder besser, jeder Stamm, denn die Familien sind ausgedehnt wie Staemme, hat ihr "kobong" Pflanze oder Thier, das ihr heilig ist, ihr den Namen gibt u.s.w. Wie in Amerika Leute von gleichen Totem, so durften in Neuholland Leute desselben Kobongs einander nicht heirathen. Kein Neuhollaender toedtet sein Kobong, wenn er es schlafend findet, auch nie, ohne ihm vorher Gelegenheit zur Flucht zu geben; war es eine Pflanze, so durfte es der Betreffende nur zu bestimmten Jahreszeiten und unter ganz bestimmten Ceremonien einaernten und benutzen[E]. Hierin sehen wir eine Folge der Noth; denn urspruenglich durfte das Kobong wohl ebenso wenig gegessen werden, wie das amerikanische Totem. Dafuer spricht auch die Form, in welcher sich die Sitte in Polynesien erhalten hat. Denn in Polynesien gilt es noch jetzt an verschiedenen Orten als strenges Gesetz, dass Einzelne einzelne Thiere, in welchen ihr Schutzgeist oder der Geist ihrer Ahnen verborgen ist, weder toedten noch essen duerfen. So in Mikronesien z.B. auf Ponapi (O'Connel bei Hale 84), auf Tikopia (Gaimard bei D'Urville V, 305-307), auf den Fidschiinseln (Wilkes 3, 214), wohin die Sitte entweder von Polynesien gekommen ist oder sich als malaiisches Ureigenthum, wie wir sie auch in Neuholland finden, erhalten hat; so in Hawaii (Remy 165), in Tahiti (Moerenhout 1, 451-57). Wir finden auf allen diesen Inseln jetzt Gedanken an Seelenwanderung eingemischt; allein man muss bedenken, dass der Glaube an die behuetende Macht der Seelen der Vorfahren, also an den Uebergang der abgeschiedenen Seelen in Schutzgeister der Lebenden in Polynesien spaeter vielfach aufgekommen ist. Auch anderer Aberglaube als dieser entzog bisweilen den Naturvoelkern die Nahrung, wie z.B. Grey 1, 363-364 erzaehlt, dass, weil einige Eingeborene beim Muschelessen gestorben waren, die Neuhollaender, die ihn begleiteten, aus Furcht vor Zauberei nicht dahin zu bringen waren, selbst durch den aeussersten Hunger nicht, dass sie Muscheln assen; und Derartiges liesse sich, wenn es fuer unsern Zweck nicht zu weit fuehrte, noch mancherlei sammeln. Dass nun die engen dumpfigen Wohnungen vieler dieser Voelker (es bedarf hierzu keiner Belegstellen), worin oft sehr viel Menschen zusammengepfercht wohnen und schlafen und die oft von Schmutz und Ungeziefer starren, ungesund sind, versteht sich von selbst. Andere Staemme (Feuerlaender, Australier u.s.w.) haben in ihren Wohnungen fast gar keinen Schutz vor dem Wetter; die Buschmaenner (Waitz 2, 344) haben zu ihren stets wechselnden Schlafstaetten Erdloecher, die sie mit Baumzweigen ueberdecken, Felsspalten und Buesche. Auch auf die meist sehr mangelhafte Bekleidung dieser Voelker braucht hier bloss hingewiesen zu werden. Alles dies, die Art wie sie sich naehren zumeist, ist zwar schaedlich und bewirkt es, dass nirgend die Naturvoelker sehr hohe Kopfzahlen aufzuweisen haben; aber alles dies ist auch wiederum nicht von solchem Einfluss, dass es das Aussterben dieser Voelker allein schon erklaerte; wir duerfen es nur als sekundaere Ursachen dafuer betrachten, als solche aber duerfen wir es auch durchaus nicht uebergehen oder unterschaetzen. Waere dies ihr Leben dem menschlichen Organismus zutraeglicher, so wuerden sie auch manches feindliche Schicksal, welchem sie so erliegen oder erlegen sind, ueberwunden haben. Sec. 6. Charakter der Naturvoelker. Aber nicht bloss diese Fahrlaessigkeit in Bezug auf ihr aeusseres Leben schadet den Naturvoelkern: ihr ganzer Charakter, wie er sich im Laufe der Jahrtausende entwickelt hat, steht einem kraeftigen Gedeihen im Wege und so muessen wir auch diesen, wenigstens nach einigen Seiten hin, betrachten. Zunaechst ist unter ihren geistigen Eigenschaften ihre furchtbare Traegheit hervorzuheben, welche z.B. in Mikronesien so weit geht, dass man viel zu indolent ist gegen eine fuerchterliche Form des Aussatzes, welche in ihrem Anfang noch heilbar und leicht heilbar in ihrer Entwickelung ebenso qualvoll als absolut toedtlich wird, auch nur das Mindeste zu thun: man sieht dem ersten Anfange, der noch nicht belaestigt, mit groesster Seelenruhe zu, bis jede Huelfe zu spaet ist (Virgin 2, 103). Diese Faulheit, welche Waitz 1, 350; b, 84, 90 und sonst zur Genuege geschildert hat, ist denn auch ein Grund, weshalb Naturvoelker so selten Vorraethe sammeln, ja verhindert sie oft nur auszugehen, um Nahrung zu suchen, wie Grey 2, 262-63 von den Neuhollaendern sagt; namentlich im Sommer bei Hitze und im Winter bei Kaelte und Naesse leiden sie Hunger, die Folge ihrer Traegheit. Beispiele von den Hottentotten zu geben waere ueberfluessig. Diese Traegheit schadet ihnen aber noch auf ganz andere Weise. Denn wie Fleiss, Interesse und geistige Anspannung auch koerperlich anregen und groessere Kraft und dem ganzen Organismus auch leiblich erhoehteres Leben verleihen, so schwaecht umgekehrt fortgesetzte Schlaffheit und geistige Traegheit, wie sie die Naturvoelker in so hohem Grade ausser wenn sie Noth treibt bekunden, auch die leibliche Kraft und die Funktionen des Koerpers scheinen darunter zu leiden. Wenn nun dieser Zustand durch leibliche und geistige Vererbung (auch der Einfluss geistiger Vererbung ist von groesster Bedeutung und wohl noch nicht ueberall hinlaenglich gewuerdigt) sich immer mehr befestigt, so muss er auf das Gedeihen der Naturvoelker einen immer gefaehrlicheren Einfluss haben. Allerdings ist das Ineinandergreifen des leiblichen und geistigen Lebens ein schwieriger und dunkler Punkt, auf den aber gerade deshalb ganz besonders aufmerksam gemacht werden muss. So entwickelt sich denn aus dieser Traegheit des aeusseren auch eine Starrheit und Unbeweglichkeit des geistigen Lebens, die gleichfalls von den schlimmsten Folgen fuer diese Voelker ist, schon dadurch, dass jeder gute Einfluss der Europaeer auf sie, jeder Versuch, sie zur Kultur emporzuheben, ausserordentlich erschwert wird. Dadurch abgeschreckt haben auch vorurtheilsfreie Maenner, wie Meinicke, behauptet, sie seien zu jeder Kultur unfaehig, und doch ist, wie Erfahrungen bei allen Naturvoelkern bewiesen haben, nichts falscher, als diese Behauptung. Da nun diese Starrheit mit jeder Generation nach und nach zunimmt, so wirken auch historische Schicksale, Wanderungen und dergl. unendlich viel schwerer auf diese Voelker, als sie vor so vielen Jahrtausenden auf die Indogermanen, die Semiten, als sie auch auf die gebildeteren Polynesier und Amerikaner wirkten. Daher versinken sie immer mehr und mehr in Roheit und Stumpfheit, und es ist nicht uebertrieben, zu behaupten, dass, auch wenn sie allein auf der Welt waeren, ohne jeglichen feindseligen Einfluss von aussen her, sie dennoch, wie jetzt ihre Entwickelung oder wohl besser ihre Verhaertung ist, nach und nach langsam vergehen und erloeschen wuerden. Denn nichts ist der menschlichen Natur, die so sehr auf Wechselbeziehung zwischen Leib und Seele gegruendet ist, schaedlicher, als eine solche Unthaetigkeit beider. Ein dritter Zug ihres Charakters, der uns hier naeher angeht, ist eine gewisse Melancholie, die sich, wie bekannt, zumeist bei den Amerikanern findet. Doch auch die scheinbar so froehlichen Polynesier, wenn man gleich ihr Temperament nicht wie das der Amerikaner melancholisch nennen kann, zeigen manches Entsprechende. So resigniren sich die Tahitier ueber ihr Aussterben durch den oft wiederholten Ausspruch, den wohl Ellis (1, 103-104) zuerst mittheilte: der Hibiskus soll wachsen, die Koralle sich ausbreiten, der Mensch aber dahinsterben; und "es war melancholisch, sagt Darwin (2, 213), die schoenen energischen Eingeborenen Neuseelands sagen zu hoeren, sie wuessten, dass das Land nicht das Eigenthum ihrer Kinder bleiben wuerde." Fuer Kamtschatka ist wichtig, was v. Kittlitz ueber das Klima dieses Landes sagt, das bald (oder Einzelne) zur tiefsten Melancholie stimme, bald (oder Andere) zur hoechsten excentrischsten Freude aufrege. Die Schilderungen der Aleuten bei Kotzebue, Chamisso, Langsdorff u.a. enthalten ganz aehnliche Zuege von Niedergeschlagenheit, die allerdings hier mit grossem Phlegma gepaart scheint. Es ist klar, dass diese Melancholie mit jener schon besprochenen Traegheit zusammenhaengt; denn diese raubt dem Geist der Naturvoelker, der nach aller Naturvoelker Art ganz und gar vom jedesmaligen sinnlichen Eindruck und meist nur von solchen abhaengig ist, die besonnene und feste Willens- und Widerstandskraft immer mehr. So wie nun aber jeder Willensakt eine rein physische Nerventhaetigkeit voraussetzt, so wird auch fortgesetztes Nichtwollen zum bleibenden Nervenhabitus, zum nicht Wollenkoennen und dadurch vom uebelsten Einfluss auf die Seele, der, wenn dieser letzteren Leiden entgegentreten, um so groesser und vernichtender wird. Das zeigt sich nun schon bei den Naturvoelkern im Leben der Individuen. Wir sahen, dass Krankheiten ueberall als Bezauberung oder Einwirkung von Daemonen gelten; viele aber, die von Krankheiten befallen sind, sterben aus keinem andern Grund, als aus Melancholie ueber die vermeintliche Bezauberung. Beispiele fuer Neuseeland gibt Dieffenbach 2, 16, Browne 75; fuer Tahiti Ellis 1, 364, 367-68; fuer Neuholland, wo eine namenlose Angst vor Bezauberung herrscht, Grey 1, 363-64. 2, 336-40; fuer Nordamerika, wo der Tod aus aberglaeubischer Furcht gar nicht selten ist, Waitz 3, 213: und nach allem Gesagten werden wir in den Laendern, wo Krankheit durch Zauberei entsteht oder als Folge von Suenden gilt, wie z.B. in Kamtschatka, wo Krankheit und Tod erfolgen, wenn man Kohle mit dem Messer spiesst oder Schnee mit dem Messer von den Schuhen schabt (Waitz 1, 324), in allen diesen Laendern, also bei allen Naturvoelkern werden wir auch ein solches Hinsterben Einzelner aus Angst und Aberglauben finden. Sec. 7. Ausschweifungen der Naturvoelker. Die gaenzliche Abhaengigkeit der Naturvoelker von sinnlichen Eindruecken hat auch noch eine andere sehr gefaehrliche Folge fuer sie, durch welche einzelne Staemme ernstlich bedroht worden sind: wir meinen die Ausschweifungen, denen viele von ihnen verfallen sind, im Trunk und vor allen in geschlechtlicher Beziehung. Zwar von den gebildeten Voelkern Amerikas, den Mexikanern und ihren Verwandten sowie den Peruanern, kann man nicht behaupten, dass sie nach dieser Seite hin Vorwuerfe verdienten; freilich kamen bei ihnen Ausschweifungen und grobe, ja unnatuerliche Laster vor, freilich gab es bei ihnen oeffentliche Dirnen, aber alles das war keineswegs ausgebreitet und durchaus verachtet, so dass wir sie in dieser Beziehung viel hoeher stellen muessen, als die heutigen Kulturstaaten Europas. Die Schilderung freilich, welche wir bei Poeppig 375 finden, oder was uns der beruechtigte Ortiz, ein Moench zur Zeit der Entdeckung, erzaehlt, enthaelt des Scheusslichsten auch nach dieser Seite viel; Ortiz Darstellung sollte aber nur die Behandlung, welche das Land durch die Conquistadoren erfuhr, rechtfertigen und so haeufte sie alle Laster auf die Indianer. Poeppigs Nachrichten beruhen auf aehnlichen Quellen, die gleichfalls ganz unzuverlaessig und meist unwahr sind. Wenn z.B. Gomara (bei Poeppig) berichtet, dass Balboa 50 Paederasten in Quarequa in Darien und ebenso (Waitz 4, 350) den Herrn dieses Landes um desselben Lasters willen von Hunden zerreissen und dann verbrennen liess, so ist es ganz klar, dass hier die Anklage nur erfunden wurde, um die scheussliche Grausamkeit Balboas zu bemaenteln, der selbst sagt, das Laster sei nur von den Vornehmen veruebt, vom Volke verabscheut. Denn dass spanische Soldaten, unter welchen es gleichfalls vorkam (Waitz 3, 383), jemals dafuer und gar so fuerchterlich gestraft waeren, davon wird nichts erwaehnt. Waitz im 4. Bande der Anthropologie hat nun ganz klar und deutlich bewiesen, dass solche Ausschweifungen nur einzeln und selten bei diesen Voelkern sich fanden, wofuer die strengen Strafen, welche bei ihnen allen auf solchen Lastern oder auf sonstiger Unzucht standen, sprechen; vergl. Waitz 4, 85. 88. 131. 307. 350. 367 u. sonst. Ebenso wenig waren solche Laster, wie Poeppig a.a.O. will, "Volkslaster" in Peru; freilich haben die Conquistadoren auch hier das aergste zu erzaehlen gewusst und mussten, nach ihren Berichten, die grausamsten Strafen gegen die Luestlinge anwenden; wenn man aber liest (Waitz 4, 478), wie der gefangene Inka Manko Capak, Atahualpas Bruder, die Spanier flehentlich bat, dass man ihn doch wenigstens nicht zum Feuertod verurtheilen oder den Hunden vorwerfen, sondern nur aufhaengen moege, so wirft das auf jene Strafen ein ganz eigenthuemliches Licht. Auch beweisen die Zeugnisse bei Waitz 4, 417, dass auch in Peru solche Laster, Ehebruch oder gar Paederastie, durchaus nicht verbreitet waren, sondern nur vereinzelt vorkamen, wofuer wiederum die strengen Strafen, welche die einheimischen Landesgesetze gegen derartiges verhaengten, sprechen. In Nordamerika war, wie bei den eben besprochenen Voelkern, Polygamie erlaubt, keineswegs aber sehr ausgedehnt (Waitz 3, 109). Weibertausch kommt vor, als Freundschaftszeichen unter Familien (Hearne 128), ebenso auch Prostitution aus Gastfreundschaft. Keuschheit der Maedchen war ueberhaupt etwas, auf das man bei vielen Voelkern und namentlich bei den roheren, keinen Werth setzte (Waitz 3, 111). Schlimmere Dinge und namentlich Blutschande erwaehnt als gewoehnlich bei den Athapasken Hearne 128, der auch sonst den Anwohnerinnen der Hudsonsbai arge Ausschweifungen Schuld gibt (126-27). Unnatuerliche Laster werden vielfach bei den Voelkern Nordamerikas erwaehnt und Maenner in Weiberkleidern finden sich freilich an vielen Orten, so bei den Illinois, in Florida, bei den Mandans, den Osagen, den Kansas u.s.w. (Waitz 3, 113); auch bei den Bewohnern Nutkas wird Aehnliches erwaehnt (eb. 133), obgleich sie sowohl wie die Koluschen im ganzen keusch leben, anders wie die Chinook (am Columbia), bei denen Prostitution und sinnliche Ausschweifungen verbreitet waren (eb. 337). Strenger sind die Voelker vom Oregongebiete. Uebrigens ist das nicht immer ein Zeichen von unnatuerlichen Lastern, wenn Maenner Weiberkleider tragen; denn einmal scheint manche aberglaeubische Vorstellung (eb. 113) damit verbunden zu sein, in anderen Faellen war es wenigstens eine symbolische, wie z.B. die Delawares von den Irokesen "zu Weibern gemacht", d.h., gezwungen wurden, als sie gaenzlich besiegt waren, den Weiberrock anzuziehen (Waitz 3, 23. b, 158) und auch bei den Chibchas in Neu-Granada Feiglinge mit einem Weiberrock bekleidet wurden (4, 361). Bei den Illinois standen die so gekleideten Maenner in besonderem Ansehen (3, 113) und ganz aehnlich war es bei den noerdlichen Patagoniern (3, 506), wo die Zauberpriester, deren einen jede Familie hatte, Weiberkleider trugen. Auch was Combes (Hist. de las islas de Mindanao Madrid 1667 p. 55) erzaehlt, dass es bei den Subanos auf Mindanao Maenner gaebe, welche unverheirathet blieben, Weiberkleider truegen, aber geehrt waeren und keusch lebten, zugleich aber auch physisch ein weibliches Aussehen haetten, werde hier als merkwuerdige Parallele erwaehnt. Den Cariben in Suedamerika wird von den aelteren spanischen Schriftstellern gleichfalls der Vorwurf unnatuerlicher Lasterhaftigkeit gemacht, doch hat Waitz 3, 383 Recht, wenn er auch diesen Vorwurf fuer unrichtig haelt, "denn auf ihn pflegte hauptsaechlich der Anspruch gegruendet zu werden, die Eingeborenen zu rechtmaessigen Sklaven zu machen". Andere Schriftsteller laeugnen auch, dass hier solche Laster vorgekommen seien; doch fanden sich Maenner in Weiberkleidern auch hier (Oviedo bei Waitz 3, 383). Auch die Tupis in Brasilien lebten streng (3, 423); ebenso die Araukaner (3, 516). Hiermit stimmen auch alle Nachrichten bei Azara; nur dass er den Weibern der Mbayas, bei denen Polygamie erlaubt ist, mancherlei Ausschweifungen vorwirft (249-50). Es ist nicht noethig, dies bei den Amerikanern weiter zu verfolgen; fuer uns genuegt das Ergebniss, dass zwar mancherlei Ausschweifungen namentlich in Nordamerika unter ihnen sich vorfanden, dass diese aber keineswegs allgemein und bedeutend genug waren, um aus ihnen die Verminderung der Kopfzahl dieser Voelker zu erklaeren. Dass aber, seit der Bekanntschaft mit den Europaeern diese Ausschweifungen sehr zugenommen haben, ist eine traurige Wahrheit. Dem Trunk war man in Mittel- und Nordamerika nicht ergeben und ist es verhaeltnissmaessig auch jetzt noch nicht. Allerdings kannte man in Mexiko mehrere geistige Getraenke (Waitz 4, 98), von denen das eine, Pulque, Agavesaft, den man durch Ausschneiden des Herzens der Pflanze, wenn sie den maechtigen Schaft treiben will, gewinnt und gaehren laesst, auch von Europaeern (Humboldt a 3, 99) mit wahrer Leidenschaft getrunken wird; allein die Mexikaner waren maessig, wie schon aus ihren Gesetzen hervorgeht. Der Trunk wurde darin so streng geahndet, dass irgend welche Verbreitung desselben ganz unmoeglich war (Waitz 4, 83-84). Auch in Californien war er selten (eb. 240. 242). Die Eingeborenen von Nikaragua, von welchen auch verschiedene geschlechtliche Ausschweifungen berichtet werden, sollen nach Oviedo auch dem Trunke ergeben gewesen sein; allein allzu sicher sind diese Nachrichten nicht (Waitz 4, 279). Auch die Peruaner, obwohl sie verschiedene geistige Getraenke hatten, waren dem Trunke nicht ergeben (4, 429), so wie sie auch dem Genuss der Coka, die im ganzen Land gebaut wurde, nicht uebermaessig froehnten; dem Volk war sie ganz verboten (422). Obwohl nun die Eroberung des Landes die Sitten vielfach verschlechterte, so sind doch auch jetzt noch weder die Peruaner (500) noch die Mexikaner (196) und die ihnen verwandten Voelker dem Trunk ergeben (227)--wenn es auch Feste gab, z.B. in Yukatan, bei welchem sich die Weiber berauscht haben sollen (4, 307), oder bei denen, wie in Nikaragua, allgemeine Zuegellosigkeit herrschte (279). Denn bei allen solchen Festen waren gewiss, wie bei aehnlichen semitischen und indogermanischen, religioese Motive wirksam. Anders war es in Suedamerika, wo Schomburgk 2, 420 die Cariben als Trunkenbolde schildert; und schon von Alters her hatten sie ausser andern ein berauschendes Getraenk aus Cassadabrod, welches zerbrochen, mit heissem Wasser zu einem Teig zerruehrt, dann von alten Weibern durchgekaut und in einen Trog gespieen wurde, wo es nun gaehren musste (Schomburgk 1, 173); ganz aehnlich bereiteten die Tupis einen berauschenden Trank aus Mais oder Hirse, wobei das Getreide gekocht und von alten Weibern durchgekaut wurde. Sie nannten es Caouin oder Kaveng und sowohl durch die Bereitungsart als durch den Namen wird man an den gleich zu erwaehnenden polynesischen Kavatrank erinnert (Waitz 3, 423-24). Gegohrene Getraenke hatten die Araukaner (3, 509), die Chiquitos, die dem Trunke sehr ergeben waren (eb. 530) und sind (533), die Moxos (537), welche ihn gleichfalls sehr lieben und andere Voelker schon vor der Entdeckung. Dass nun durch den Einfluss der Europaeer diese Neigung nicht vermindert, sondern nur gestiegen ist, begreift sich; und so wird es uns von den Cariben (Schomburgk 1, 173) von den Warans (eb. 1, 123), den Charuas (Azara 184), den Mbayas (eb. 242) u.s.w. berichtet. In Nordamerika, bei den Indianern der Vereinigten Staaten, waren vor den Europaeern keine geistigen Getraenke in Gebrauch, ja Wasser war fast das einzige Getraenk, was sie genossen, wie Waitz 3, 82 ins Einzelne ausfuehrt; ebenso war es bei den Koluschen und den Chinooks (3, 84. 337). Wenn nun der Trunk, der Branntwein in Nordamerika doch so traurige Folgen gehabt und ganze Staemme dahin gerafft hat, so dass man oft genug die Behauptung findet, die Indianer seien von Natur dem Trunke ergeben gewesen; so fordert dies zur genaueren Untersuchung der Sachlage auf, die sich nach Waitz 3, 83-84 und 270, der die Quellenbeweise beibringt, so stellt, dass die Indianer sich aufs staerkste gegen den Verkauf von Branntwein gewehrt und viele Vertraege geschlossen haben, in welchen die Einfuhr derselben ausdruecklich verboten war, dass aber der Branntwein dennoch, sogar mit Gewalt, von den europaeischen Nationen den Eingeborenen aufgezwungen ist, theils um das Produkt abzusetzen, theils um sie im Trunke zu betruegen, theils auch geradezu, um sie durch den Trunk zu vernichten. Das ist denn nur allzugut gelungen; denn wenn auch, trotz der vorherrschenden Sinnlichkeit, die Amerikaner einen hoechst beachtungswerthen Widerstand diesem Genussmittel entgegensetzten, so konnte dieser eben bei ihrer Natur kein absoluter sein; oefters zwang sie der Nahrungsmangel zum Trunk und ein sehr haeufiger Grund, sich dem Trunke zu ergeben (der auch in Mittelamerika vielfach vorkam) war der, dass man aus der grenzenlosen Fuelle des Elends ringsher sich wenigstens einmal wieder durch den Rausch in einen gluecklichen Zustand versetzen oder dass man sich in der Verzweiflung betaeuben wollte. Uebrigens haben Voelker und Individuen sich dem Laster des Trunkes auch wieder zu entreissen vermocht (Waitz b, 43). Eigentlich also gehoerte diese Betrachtung erst dahin, wo wir vom Einfluss der Weissen auf die Naturvoelker sprechen werden, indess mag ein solches Vorausnehmen, des Zusammenhangs wegen und um den einen Gegenstand zu erschoepfen, gleich hier seine Entschuldigung finden. Tabak hat ebensowenig als Coka geschadet. Wenn nun auch die Hottentotten und die Buschmaenner gar keinen Werth auf die Keuschheit der Maedchen und Weiber legen, so waren sie doch weder in geschlechtlicher Beziehung noch im Trunk sehr ausschweifend, waehrend wir bei den Aleuten und Kamtschadalen die Verhaeltnisse wesentlich anders finden. Dem Trunk waren namentlich die Kamtschadalen ganz ausserordentlich ergeben (Krusenstern 3, 53) und wie diese Leidenschaft von den europaeischen Pelzhaendlern zu ihrem Verderben benutzt ist, werden wir spaeter sehen. Aber auch die Aleuten liebten dies Laster (Waitz 3, 314), wie sie auch sonst sehr ausschweifend lebten. Die Weiber hatten (nach Wenjaminow in Ermans Archiv bei Waitz 1, 356 Note) zwei Maenner, einen aus hoeherem Stande und einen Nebenmann aus niederem; dem Gast stellte der Wirth, um ihn gastfreundlich zu ehren, das eigene Weib zur Verfuegung. Auch der Paederastie waren sie ergeben (Waitz 3, 314) und die stumpfsinnige Melancholie, in der sie z.B. Chamisso vorfand, scheint nicht wenig durch derartige Ausschweifungen veranlasst zu sein. Den Kamtschadalen schadete gar sehr der grosse Weibermangel, der nach Krusenstern 3, 44, bei ihnen herrschte und nicht nur die Moralitaet gaenzlich, sondern auch die Fruchtbarkeit der Ehen zerstoerte. xyxyxyss Die Neuhollaender, obwohl sie von den Unverheiratheten beider Geschlechter keine Keuschheit verlangen, obwohl sie an einigen Orten die Weiber ihren Gastfreunden anbieten und sie mit guten Freunden tauschen (Angas 1, 93), sind doch so eifersuechtig, dass verheirathete Frauen sehr zurueckhaltend sein muessen (Grey 1, 256). Polygamie ist bei ihnen haeufig, aber man kann sie eigentlich nicht ausschweifend nennen. Auch geistige Getraenke hatten sie nicht. Von den Melanesiern wird nichts auffallend Schlimmes berichtet, wohl aber von manchen Orten das Gegentheil; so herrschen, nach Malte Brun in Bullet. de la soc. geogr. 1854, I, 238, auf Neucaledonien, wenn auch die Weiber ganz sklavisch gehalten werden, geschlechtliche Ausschweifungen nicht. Polygamie ist allerdings auf den Inseln Sitte (Turner 86. 371. 424), allein wirklich ausgedehnt nur bei Haeuptlingen und in selteneren Faellen. Ehebruch kommt, aus Furcht vor Strafe, kaum vor (Turner 86 in Bez. auf Tanna), allein Keuschheit der Unverheiratheten ist hier so wenig verlangt als sonst irgendwo bei den Naturvoelkern. Waehrend nun Erskine 256 von den Fidschis sagt, dass sie sehr enthaltsam lebten und Ekel vor Ausschweifungen empfaenden, so behaupten William und Calvert 1, 134, dass sie sehr zuegellos und grobe Ausschweifungen bei ihnen verbreitet seien. Moeglich, dass Erskine ein zu guenstiges Urtheil faellte; jedenfalls aber stehen die Fidschiinsulaner sehr viel hoeher als die Polynesier in dieser Beziehung und moegen wohl erst durch den fortwaehrenden Verkehr mit den Fremden zu dieser Zuegellosigkeit gesteigert sein. Am schlimmsten muessen wir ueber die eigentlichen Polynesier urtheilen, unter denen Trunk und Wollust schon vor den Europaeern aufs aergste gehaust haben. Aus der Wurzel vom Piper methysticum, dem Kavapfeffer, bereitete man, indem sie (an den meisten Orten von alten Weibern) gekaut und dann ausgespieen wurde, durch Aufguss von Wasser ein eigenthuemliches Getraenk, dem alle Polynesier sehr zugethan waren. Es berauscht nicht eigentlich, da es die Besinnung nicht raubt, aber, indem Gang u