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classicistranieri.com - The Mirrored Project Gutenberg eBook of Land und Volk in Afrika, Berichte aus den Jahren 1865-1870, by Gerhard Rohlfs This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at www.gutenberg.net Title: Land und Volk in Afrika, Berichte aus den Jahren 1865-1870 Author: Gerhard Rohlfs Release Date: November 24, 2004 [EBook #14142] Language: German Character set encoding: UTF-8 *** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK LAND UND VOLK IN AFRIKA *** Produced by Magnus Pfeffer, Miranda van de Heijning and the Online Distributed Proofreading Team. This file was produced from images generously made available by the Bibliotheque nationale de France (BnF/Gallica) at http://gallica.bnf.fr.
Der Kaiser der Franzosen hat sich bitter getäuscht, wenn er geglaubt hat, durch eigene Anschauung vermittelst einer blossen Triumphreise den Zustand einer Colonie kennen lernen zu können. Schon um civilisirte Völker zu studiren und dann ihren moralischen und materiellen Zustand würdigen und beurtheilen zu können, darf man nicht als grosser Herr, viel weniger als Kaiser reisen. Ich erinnere nur an die bekannte Reise der Kaiserin Katharine in Süd-Russland, der man alle Tage dieselben Leute, dasselbe Vieh entgegen trieb, um sie glauben zu machen, dass die Provinzen gut bevölkert seien. Und sehen wir nicht in Algerien bei der Reise des Kaisers sich etwas Aehnliches wiederholen? Die Duar in der Provinz Oran waren bei der Durchreise des Herrschers nach Sidi Bel-Abbès an die Landstrasse gerückt; so erzählen uns die Lokalblätter.
Die Araber gründlich kennen zu lernen ist gar noch schwieriger; das gelingt nur bei langjährigem Aufenthalt unter ihnen, oder wenn man in ihrer Mitte gereist ist und zwar unter der Maske eines Mohammedaners, nicht eines Vornehmen, sondern eines Bedürftigen; denn selbst einem vornehmen Religionsgenossen gegenüber sind die Araber Lügner, Heuchler und Prahler. Unter allen anderen Umständen ist man nur zu geneigt, über den Grundcharakter dieses Volkes in grosse Irrthümer zu verfallen, wie eben erst der Kaiser und früher der bekannte General Daumas, der so anziehende Bücher über die Araber geschrieben hat, die man jedoch als nichts weiter als Romane betrachten darf. Denn obgleich General Daumas jahrelang die Bureaux arabes dirigirte, so hatte er doch wohl nie Gelegenheit, mit den Leuten vom kleinen Zelte zu verkehren, sondern frequentirte nur die Leute der cheima kebira; will man aber ein Volk kennen lernen, so muss man sich nicht blos in den höchsten Kreisen desselben bewegen, sondern alle Klassen durchmustern.
Ich nun würde nicht gewagt haben, über einen so delicaten Gegenstand meine Meinung abzugeben, wenn nicht ein langjähriger Aufenthalt in Algerien selbst, dann eine dreijährige Reise durch Marokko und seine Wüste, bei welcher unter anderen ganz Tuat durchforscht wurde (in welche Oase die Franzosen bis jetzt vergebens weder mit Güte noch mit Gewalt haben dringen können), mich derart mit allen Klassen dieses Volkes in Berührung brachte, dass ich glaube, im Interesse Frankreichs, im Interesse Algeriens, meine Meinung nicht verschweigen zu dürfen.
Meine Ansicht über die eingebornen Bewohner der Algerie habe ich vor zwei Jahren in mein Tagebuch niedergelegt und dies im Jahre 1865 in den Dr. Petermann'schen Mittheilungen, Th. XI, publicirt; dasselbe enthält folgenden Passus, der sich nun schon wieder durch den frischen Aufstand Si Lalla's bewährt hat:
"Ich glaube die Franzosen können sich nicht genug in Acht nehmen, wollen sie nicht einen Tag erleben, wie ihn die Engländer in Indien gehabt haben. Bei einer Nation wie die Araber, deren ganzes Wesen, Leben und Treiben sich auf die intoleranteste Religion gründet, die existirt, sind Civilisationsversuche vergeblich. Wie sind die Araber heutzutage nach mehr als 30-jährigem Besitze der Franzosen von Algerien? Die in den Städten haben alle schlechten Sitten der Franzosen angenommen und helfen dem französischen Pöbel im Absinthtrinken, dass sie aber dafür auch nur im Geringsten christlich religiöse Grundsätze angenommen hätten, daran ist nicht zu denken. Forscht man tiefer nach, so findet man, so geschmeidig und umgänglich sie äusserlich geworden sind, dass sie innerlich allen Hass und alle Verachtung gegen die Bekenner eines andern Glaubens bewahrt haben. Entfernt man sich nun gar einige Stunden weit von der Stadt, so findet man, dass die Civilisation dahin noch ganz und gar nicht gedrungen ist. Der Araber unter seinem Zelte lebt nach wie vor und hasst die Christen ebenso wie früher, und wenn er sich enthält einen Ungläubigen zu tödten, um dafür das Paradies zu erlangen, so geschieht es nur aus Furcht vor dem strengen Gesetze. Die Franzosen hätten längst wie die Engländer in Nordamerika mit den Eingebornen verfahren sollen, nämlich dieselben zurückdrängen, dann wäre Algerien heutzutage ein ruhiges, nur von Europäern bewohntes und cultivirtes Land. Man wird dies vielleicht hart finden und barbarisch und mit den civilisirten Grundsätzen unserer Epoche nicht übereinstimmend. Vom Zimmer aus und von Weitem sind die Dinge jedoch ganz anders anzuschauen, als in der Nähe, und notwendiger Weise wird es bis zum letzten Tage immer Völker geben, die zum Besten der allgemeinen Menschheit den andern Platz machen müssen etc."
Diese vor zwei Jahren ausgesprochenen Grundsätze sind auch noch heute meine feste innige Ueberzeugung. Wenn dem nothwendigen Gange der Natur nach früher oder später jede Colonie sich vom Mutterlande trennt, sobald sie sich stark genug fühlt, um auf eigenen Füssen stehen zu können, und notwendiger Weise der Tag heran kommt, wo z. B. Grossbritannien auf seine beiden einzigen Inseln wird beschränkt sein—hat Frankreich das Glück gehabt, eine Colonie zu finden, die vor den Thoren des Mutterlandes liegt, ja jetzt durch Dampf und Telegraph Eins mit ihm ist. Diese aussergewöhnliche Lage würde es gestatten, die Colonie so mit der Metropole zu verschmelzen, dass für Frankreich an eine spätere gewaltsame Lostrennnung wie das von Alters her immer bei allen Colonien der Fall gewesen ist und sein wird, nicht zu denken wäre.
Dazu gehört aber vor allen Dingen, dass die Bevölkerung Eine sei. Ich will damit nicht gesagt haben, dass die Franzosen desshalb anderen Europäern die Colonie verschliessen sollen; im Gegentheil, selbst jetzt nach blos 30 Jahren sehen wir, dass die aus anderen Ländern Eingewanderten[1] und namentlich ihre Abkömmlinge fast gänzlich französische Sitten und Gebräuche angenommen haben und meistens, namentlich die jüngere Generation, auch die französische Sprache. Aber zwei in jeder Beziehung so gänzlich von einander verschiedene Völker, wie Franzosen und Araber es sind, neben einander bestehen lassen oder gar versuchen wollen, sie zu vermischen, ist der höchste Unsinn. Seit undenklichen Zeiten hat das Arabervolk sich nie mit anderen vermischt, weil es mehr noch als die Juden von seiner eigenen Vortrefflichkeit, als ein von Gott auserwähltes Volk überzeugt ist. Seit tausend Jahren in Besitz der Nordküste Afrika's, sehen wir Berber und Araber neben einander bestehen, jedes Volk genau seine Sprache und Sitte beibehaltend. Im äussersten Osten, in der Jupiter-Ammons Oase, am Atlantischen Ocean im Sus-Lande haben die Araber die Berber zu unterwerfen, jedoch nicht sich mit ihnen zu amalganieren gewusst. Die sogenannten Kulughli, Progenitur der Türker mit Araberweibern, bezeugen keineswegs ein Aufgehen der Araber in Türken oder umgekehrt; überall, wo die Türken die Araber beherrschen, bestehen beide Völker unvermischt neben einander. Und doch verbindet Berber, Araber und Türken Eine Religion.
Wird man je dem Araber seine Wanderlust, seinen Hang zu plündern und sich raubend umherzutreiben nehmen können? Versuche man doch eine Hyäne zu zähmen! Der Araber ist moralisch überzeugt, dass er den französischen Bajonetten nicht widerstehen kann, dennoch wird er bei der geringsten Gelegenheit sich wider Ordnung und Gesetz erheben, und so lange wird Revolution in der Algerie sein, wie noch ein Zelt oder Duar vorhanden ist. Mögen die Gefühlsmenschen sagen, was sie wollen, vom Verdrängen der Indianer durch die Engländer, jeder vernünftige Mensch findet es bewundernswerth, Nordamerika der Civilisation gewonnen zu sehen. So verabscheuungswerth die modernen französischen Araberlobhudler die Vertreibung der Mauren aus Spanien hinstellen mögen, so ist nicht zu verneinen, dass Spanien dadurch der Civilisation erschlossen wurde; denn wären die Mohammedaner heute noch im Besitze der Halbinsel, so wären sie sicher in keiner Weise weiter in der Civilisation, als es die in den anderen Ländern Wohnenden sind; und wenn die Spanier selbst sich nicht schneller civilisirten und Schritt hielten mit den anderen Völkern, so ist die Verarmung des Landes, die Entvölkerung Spaniens nicht im Vertreibungsedikt Ferdinand des Katholischen zu suchen, sondern eher in der enormen Auswanderung nach Amerika, die zu der Periode statt fand, und in der Priesterschaft.
In der That sehen wir, dass in den Ländern, die sich abgeschlossen von aller christlichen Civilisation halten, die Mohammedaner seit der Periode, wo Mohammed sie zum Islam bekehrte, gar keinen Fortschritt gemacht haben. Und die sogenannten arabischen Glanzperioden unter den Abassiden im Orient, unter den Ommiaden im Occident, sind nur dem christlichen Einflusse zuzuschreiben, weil dort unter beiden Regierungen Christen die Hauptbevölkerung bildeten; aber in den Ländern, wie z.B. Marokko und Arabien, wo die Araber nie mit Christen in Berührung kamen, haben die Araber es nie weiter zu bringen gewusst, als wie ihr Standpunkt war zur Zeit Abrahams.
Möge daher der Kaiser der Franzosen nicht zaudern, und ein Volk, das für die Wüste geboren ist, dahin zurückdrängen, woher es gekommen ist; diejenigen, welche den ernsten Willen haben, sich mit den Europäern zu vereinigen, werden von selbst zurückkommen und müssen die christliche Religion annehmen, die einzige, unter welcher Civilisation möglich ist. Durch das Verdrängen der Araber in Masse in die Wüste hinein wird der Kaiser sich nicht nur den Dank aller Franzosen, sondern auch die Bewunderung der ganzen christlichen Welt erwerben, und möge die Geschichte unsere Nachkommen einst lehren: Die Bourbonen wussten die Algerie zu erobern, die Napoleoniden indess verstanden es, sie in christlich civilisirtes Land umzuwandeln.—
Unter Haschisch verstehen die Araber im weitern Sinne jedes Kraut, näher jedoch bezeichnen sie damit den indischen Hanf, cannabis indica (nach Linné in die Klasse Dioccia pentandria gehörend), weil an Vorzüglichkeit jedes andere Kraut gegen dieses in den Hintergrund tritt. Von Tripolitanien an nennen die Eingebornen diese Pflanze Tekruri, und diesen Namen führt sie auch in der Türkei, Aegypten, Syrien, Arabien und Persien vorzugsweise.
Graf d'Escayrac de Lauture sagt über die Pflanze Folgendes:
"Die Haschischa ist die Cannabis indica; man findet sie in Afrika, und wahrscheinlich ist dieser Hanf aus dem Sudan nach Tunis und Tripoli eingeführt worden. In letzteren nennt man ihn Tekruri, also mit demselben Namen, den man in Mekka den von Sudan kommenden Pilgern giebt, um damit ihre Herkunft anzudeuten. Vielleicht bedeutet Tekruri auch, wie einige Geographen meinen, irgend eine Provinz in Sudan, vielleicht auch ist es nichts weiter, als die Ableitung von irgend einer arabischen Sprachwurzel, welche die Wirkung "verbessern, vollkommener machen" bezeichnet. Die Haschisch verdankt ihre Wirkung einem eigenthümlichen Stoffe, den Herr Gastinel, Pharmaceut in Aegypten, ausgezogen und bestimmt, und dem er den Namen Haschischin gegeben hat. Dieser Stoff, Harz, ist von einer schönen grünen Farbe, die jedoch nicht vom Chlorophyll herrührt, kleberig-zäh und von einem eigenthümlich unangenehmen Geschmack."
Ich füge hier hinzu, dass die Cannabis indica wohl weiter nichts ist als die verwilderte oder wilde Cannabis sativa, und eher eine Pflanze der gemässigten Zone als der heissen ist, denn je weiter man nach Süden vordringt, je seltener und krüppelhafter gedeiht dieselbe. Während man z.B. äusserst schöne Exemplare in den gemässigten Bergregionen des Kleinen Atlas der Algerie und Marokko's findet, und die eine Höhe von manchmal 1-1/2 Meter erreichen, gedeiht in den heissen Oasen Tafilet, Tuat und Fessan die Pflanze nur kümmerlich, obgleich die Bewohner alle Sorgfalt auf ihren Anbau anwenden, und von Norden wird dieselbe nach Süden exportirt.
Die Eingebornen bedienen sich derselben auf verschiedene Weise: Entweder sie zerschneiden die getrockneten Blätter und Blüthen sehr klein und rauchen sie rein oder mit Taback vermischt aus kleinen Pfeifen oder Cigaretten, oder sie vermischen dieselben mit Tumbak (Tabak) und rauchen so dies Kraut aus der Nargile. In Syrien bereiten sie wie Thee eine Art Infusion und trinken den Aufguss mit Zucker versüsst, oder endlich man pulverisirt Blätter und Blüthen, und schluckt dies Pulver rein oder mit Zuckerstaub vermischt herunter. Auch mit Honig und Gewürzen zu einer Art Backwerk verarbeitet, bereiten sie aus denselben kleine Kuchen, die unter dem Namen Majoun verkauft werden.
Mag man nun Haschisch nehmen unter welcher Form man wolle, immer übt dasselbe einen starken Rausch aus. Europäer jedoch, welche Beobachtungen darüber anstellen wollen, können dies nur, entweder indem sie eine Infusion trinken, oder das Haschisch-Pulver essen, denn um eine Wirkung vom Rausche zu haben, muss man den Rauch so tief einziehen, was Araber, Perser und Türken zwar auch beim Taback- und Opiumrauchen thun, dass der Dampf in die Lungen eingesogen, unmittelbar mit dem Blute in Berührung kommt. Zwei Theelöffel voll Haschisch genügen, um einen kräftigen Rausch bei einem Neuling hervorzubringen.
Ich trinke Thee in Gesellschaft Mohammed Besserkis, Enkel des Sultans Mohammed el Hakem von Fessan. Mein Bewusstsein ist vollkommen klar. Ich nehme zwei Theelöffel voll Haschischkraut, welches in einer Kaffeeröste etwas gedörrt, dann pulverisirt und mit Zuckerstaub gemischt worden war. Mein Puls war im Moment des Nehmens 90 (wie immer).
Nach einer viertel Stunde gar kein Erfolg. Wir essen zu Abend: Kameelfleisch mit rothen Rüben, Kameelfrikadellen, weisse gebackene Rüben, Bohnensalat; Salat aus Zwiebeln, Tomaten, Knoblauch und Radieschen bestehend; Brod, Butter und Käse.
Besserki sagt mir, dass die Wirkung nach dem Essen kommen werde, ich indess,—es ist jetzt 7 Uhr,—merke gar nichts. Wir trinken eine Tasse schwarzen Kaffee ohne Zucker.
7 Uhr 10 Minuten. Mein Puls hat nur 70; ich friere, obgleich eine Pfanne mit Kohlen vor mir steht. Besserki sagt, er spüre stark die Wirkung und befiehlt meinem Diener, einige Datteln zu bringen, um, wie er sagt, die Wirkung zu beschleunigen; auch ich esse zwei Datteln.
7 Uhr 20 Minuten. Mein Puls 120 oder mehr. Bin ich in einem Schiffe? Die Stube schaukelt, mein Bewusstsein ist indess vollkommen frei, blos scheint mir Besserki sehr langsam zu sprechen und ich vergesse oft den Anfang vom Satze, den er spricht. Auch wenn ich jetzt denke, vergesse ich, womit ich angefangen.
7 Uhr 45 Minuten. Mein Herz schlägt so, dass ich jeden Schlag höre, Puls zählen unmöglich.
Besserki sagt, er will fortgehen, mein Diener geht mit; ein anderer zündet mir eine Nargile an. Ich rauche und fliege, obgleich ich mit den Händen fühle, dass ich liege.
Ich denke ungeheuer schnell und glaube, dass ich beim Schreiben dieser Zeilen Stunden zubringe.
8 Uhr. Mein Blut schlägt Wellen, und einzelne Theile fallen von meinem Körper, obgleich ich mich dumm[2] niederschreibe, denn ich habe vollkommen freies Bewusstsein, dass ich alle Glieder besitze. Ich denke, ich will ausgehen.
8 Uhr 20 Minuten. Ich träumte, ich ginge aus, die Strassen der Stadt verlängerten sich und waren mir ganz unbekannt, die Häuser sehr hoch; ich glaube, ich war in der Polizeiveranda, wo ein Mann war, um zu petitioniren und zu mir mit einem Gesuch kam; ich ging dann zurück und setzte mich vor mein Haus.
Ich bin ohne allen Willen; die Wand gegenüber meinem Hause war schön tapezirt, auch hörte ich von fern schöne Musik und jetzt schreibe ich und sehe, dass Alles erlogen ist.
Ich will mich legen, aber bin ich wirklich verrückt?
Ich liege jetzt (8 Uhr 30 Minuten), mein Wille ist ganz weg und in mir grosser Sturm. Das Licht brennt seit Stunden und ich kann es nicht ausblasen, aber ich schreibe, und da ich denke, so bin ich doch wohl nicht gelähmt.
Bin ich wirklich hier? Mein Hinterkopf ist sehr angefüllt. Ich bin ungemein leicht, und wenn ich nicht schriebe, würde ich in der Luft schweben.
26. Januar Morgens.
Bis so weit hatte ich gestern Vermögen gehabt, während des Rausches zu schreiben; ich verfiel dann in einen festen Schlaf, aus dem ich heute Morgen um 9 Uhr erwachte. Nachdem ich die im Rausche niedergeschriebenen Empfindungen gelesen, war meine erste Frage, ob ich wirklich nach der Polizeiveranda gegangen sei, oder dies blos geträumt habe? Es fand sich denn, dass ich wirklich dagewesen sei, ganz vernünftig gesprochen habe, überhaupt Niemand auch nur die leiseste Ahnung hatte, dass ich im Tekrurizustande mich befände.
Nachträglich kann ich nun noch constatiren, dass
1) man sich ungemein leicht glaubt und oft zu schweben meint.
2) Dass der Puls, im Anfange vermindert, im vollen Stadium des Rausches eine solche Geschwindigkeit erreicht, dass es für den im Rausche Befindlichen unmöglich ist, ihn zu zählen.
3) Starker Blutandrang nach dem Hinterkopfe.
4) Auffallende Lähmung der Willenkraft.
5) Das Gedächtniss verliert seine Regeln, naheliegende Dinge werden vergessen, andere aus längst vergangenen Zeiten werden aufgefrischt.
6) Alles erscheint in den schönsten Farben und in vollkommener Harmonie.
7) Manchmal lichte Augenblicke, verbunden mit schrecklicher Angst, dass dieser Zustand immer dauern möge.
8) Endlich der ganze Rausch sui generis, und eher ein Verrücktsein, als das, was wir Europäer unter Rausch verstehen, zu nennen.
Heute Morgen indess befinde ich mich vollkommen wohl und verspüre auch nicht im Mindesten einen sogenannten Katzenjammer.
Es war als ob Afrika erbittert sei, dass ein Weisser es gewagt hatte, den ganzen Continent, den die Araber unter dem Namen "Das Land der Schwarzen" schlechtweg bezeichnen, durchschnitten hatte, denn als ich Icoródu verliess, um vom eigentlichen Festlande nach Lagos überzusetzen, welches eine Insel in den Ossa-Lagunen ist, wären wir zuletzt beinahe noch mit Mann und Maus, wie wir Deutsche zu sagen pflegen, untergegangen.
Die Sache verhielt sich so. Am letzten Tage hatte ich meinen Diener Hammed den Dolmetsch, einen kleinen Negerburschen, den ich von Lokója aus als Geschenk für den Gouverneur in Lagos mitgenommen hatte, so wie unsere Packesel zurückgelassen, indem ich mich allein früh Morgens von Makúm, (siehe Dr. Grundemann's Missions-Atlas, Blatt Nr. 6) zu Pferde auf den Weg machte, blos von meinem kleinen Privatneger Noël, der während der langen Reise sich zu einem unermüdlichen Fussgänger herangebildet hatte, sowie von einem Lagos-Bewohner (ebenfalls zu Pferde) begleitet, der schon von Ibàdan an mit mir reiste, und dessen Frau, welche auf dem Kopfe grosse Kürbisschalen trug, in denen sie ihre Vorräthe hatte, ihrem Manne zu Fuss treu nachtrabte. Denn unsere Pferde, als ob sie wüssten, dass auch sie nun bald würden erlöst sein, schritten wacker aus, obgleich das meinige schon seit Tagen nur noch von Gras lebte, indem Korn, so viel Muscheln wir auch immerhin boten, um keinen Preis aufzutreiben war. So ununterbrochen dahin reitend, immer im dichten Urwalde, dessen Pfad so eng war und so überwachsen, dass man öfter absteigen musste, da der Reiter zu hoch war, erreichten wir denn auch ohne weitere Ereignisse und Unfälle die wichtige Handelsstadt Ikoródu ungefähr gegen 1 Uhr Nachmittags.
Ikoródu, ausschliesslich von Schwarzen vom Stamme Ijebu bewohnt, die jedoch mit ihren Stammesgenossen in keinem allzu freundlichen Verhältnisse stehen, da sich die Stadt des Handels wegen in eine Art Abhängigkeitsverhältniss zum Gouvernement von Lagos gestellt hat, wetteifert jetzt mit Abeokúta, einer Stadt von 100,000 Einwohnern, um die Landesproducte, hauptsächlich Palmöl, Palmnüsse und Baumwolle gegen die europäischen Fabrikate, besonders Schnaps, Pulver, Gewehre, Zeugstoffe und andere kleine Artikel umzutauschen. Und Ikoródu würde vielleicht bald Abeokúta bedeutend im Handel übertreffen, weil es nur vier Stunden von Lagos entfernt liegt, wenn nicht eben diese Stadt am schiffbaren Ogun-Flusse läge, sodass also die Producte schon mehrere Tage weit auf die bequemste und leichteste Weise ins Innere transportirt werden können.
Wir hielten uns übrigens gar nicht in Ikoródu auf, sondern durchritten schnell die Stadt und den lärmenden Markt, wo neben einheimischen Producten, europäische Artikel en détail verkauft wurden, und hauptsächlich unser Altonaer Kümmel und schlechter amerikanischer Rum eine reichliche Abnahme fanden—und zum anderen Thore wieder herauskommend, begaben wir uns dann direct zum Landungsplatze, der ungefähr eine Viertelstunde südwestlich von der Stadt entfernt liegt. Ich glaubte das Meer zu sehen, und doch war es nur erst die baumumkränzte Lagune, aber so entfernt und so weit sind die gegenüberliegenden Ufer jener oft durchbrochenen schmalen Landzunge, die dickbelaubt sich weithin vor's eigentliche Festland herzieht, dass man mit blossem Auge eben nichts als eine tiefblaue Wasserfläche vor sich hat. Am Landungsplatze fanden wir eine Menge kleiner Hütten, theils leer und für etwaige Reisende zum Uebernachten aufgebaut, theils von Verkäufern und Garköchen besetzt, welche damit beschäftigt waren, neben Kleinwaaren, Obst und anderen Sachen, welche sie ausboten, Yams-Scheiben und kleine Mehlkügelchen in Palmöl zu rösten, oder eine starkgepfefferte Krautsauce zubereiteten, welche als Zuspeise zu dem weitverbreiteten Madidi (es ist dies der Haussa Name; der an der Küste in der Yóruba-Sprache übliche ist mir nicht bekannt), eine Art in grosse Blätter eingekochter Kleister aus indianischem Korne, gegessen wird. Auch 20-30 grössere Kanoes lagen am Strande, und alle Augenblick kamen mit der günstigen Seebrise neue und meist sehr schwer beladene angesegelt, welches einen reizenden Anblick gewährte, und viel Leben und Treiben am Ufer hervorrief.
Nachdem wir mein Pferd abgesattelt hatten und es dann frei umhergehen liessen, nahmen auch wir eine von den Hütten in Beschlag, denn schon am Morgen hatten wir auf unsere Kosten erfahren, dass hier an der Küste die Regenzeit noch weniger ein Weilen im Freien gestattet, als weiter im Innern, wo doch nach einem heftigen Tornado meist wieder ein eintägiger Sonnenschein folgt. Dann dachten wir auch daran, uns etwas Lebensmittel zu kaufen, denn am ganzen Tage immer zu Pferde, hatten wir uns nur Zeit gelassen, um einige Madidi, die man das Stück, eine Hand gross, für 10 Muscheln (an der Küste gehen 6000 Muscheln, im Innern 4000 auf einen Thaler) überall am Wege zu kaufen findet, im Weiterreisen zu verspeisen. Es fand sich nun aber, dass, obgleich der Markt sehr verlockend mit allerhand Negergerichten ausgestattet war, und namentlich westafrikanische Früchte, als Bananen, Plantanen, Pisang, Ananas u.a.m. in Hülle und Fülle auslagen, wir keine Muscheln mehr hatten. Als wir Morgens in der Eile früh sattelten, hatte Noël vergessen, aus dem grossen Muschelsack hinreichend für uns welche herauszunehmen, unser ganzer Reichthum bestand noch in 20 Muscheln, was gerade genug war, um unseren regen Hunger erst recht anzureizen. Wir mussten also suchen etwas zu verkaufen, aber Alles, was wir allenfalls von übrigen Kleidungsstücken hätten entbehren können, war auch bei den Packeseln zurückgeblieben, bis endlich Noël mich an ein paar neuseidene rothe Taschentücher erinnerte, welche ursprünglich als Geschenke für kleinere Häuptlinge hätten dienen sollen, indess beim Ende der Reise keine Verwendung mehr gefunden hatten. Ich hatte dann später die Depeschen und Briefe der beiden Weissen in Lokója hineingewickelt, um sie auf diese Art besser gegen Regen und Schmutz zu schützen. Die Briefe wurden also schnell bloss gelegt, auf die Gefahr hin, schmutzig zu werden, und der Lagos-Mann, der vielleicht Muscheln besass, aber that, als ob er keine hätte, auf den Markt geschickt, um die Tücher zu verauctioniren. Da die Marktleute wahrscheinlich gleich durchschauten, dass wir keine Muscheln bei uns hatten, sich überdies wohl denken konnten, wir seien nach einem langen Ritte sehr ausgehungert, so boten sie uns natürlich für die Tücher so niedrige Preise, dass ich anfangs nicht darauf eingehen wollte. In der That verlangten sie die Tücher ungefähr für ein Viertel des Preises, zu dem man sie in Europa in den Fabriken verkaufen würde. Aber was thun? Hunger ist einer der despotischsten Herren, und wenn ich selbst es zur Noth noch bis nach Lagos hätte aushalten können, so dauerte mich mein treuer kleiner Noël, der sich zwar auch zum Hungern bereit erklärte, aber seine Blicke gar nicht von den verlockenden Oelkügelchen wegwenden konnte. Auch die Frau Negerin, welche dem Lagos-Manne immer zu Fusse nachgetrabt war, gab mir durch Zeichen zu verstehen, dass die Yams-Scheiben ausgezeichnet wären, und so wurde unser Mann wieder beordert, die Tücher auf den Markt zu tragen. Aber o Schicksal! Hatten die Neger schon früher so geringe Preise geboten, so wollten sie dieselben jetzt um eine noch geringere Summe haben, aber um nur nicht gar mit meinen seidenen Sacktüchern sitzen bleiben und hungern zu müssen, gab ich sie nun à tout prix fort. Noël wurde dann ausgesandt, um Ekoréoa, so heisst man die kleinen Mehlkügelchen, welche in Palmöl gesotten sind, Yams und Früchte zu kaufen und dann nochmals wieder abgeschickt, denn unsere beiden Lagos-Gefährten, Mann und Frau, assen für viere; endlich indess waren Alle satt.
Mittlerweile kamen immer mehr Kanoes von Lagos herangesegelt, welches, bei dem bunten Vordergrunde, einen entzückenden Anblick gewährte; theils benutzte man anstatt ordentlicher Segel irgend ein grosses Kleidungsstück, theils auch waren es viereckige grosse Stücke Zeug, aus einheimischen schmalen Cattunstreifen zusammengenäht. Nach beiden Seiten ragten sie natürlich weit über das schmale Kanoe hinaus. Man hatte mir gesagt, dass alle Abend ein grösseres, dem Gouverneur von Lagos gehörendes Schiff herüberkäme und dass es am besten sein würde, mit diesem überzufahren. Es kam dies denn auch bald in Sicht, indem es erkenntlich war au einer weissen Flagge, auf welche ein V.R. (Victoria regina) gestickt war.
Ein uniformirter Neger sprang aus dem Boote und noch zwei andere folgten, die seine Untergebenen zu sein schienen. Wir wurden schnell mit einander bekannt, obgleich der uniformirte Bootsführer das Englisch auf jene eigene Art der Neger spricht, wodurch es fast zu einer neuen Sprache wird.
Er sagte mir, er würde noch am selben Abend zurückfahren, erbat sich auch, da sein Schiff hinlänglich gross sei, mein Pferd mitzunehmen, welches ich jedoch, als bei einer Nachtfahrt zu gefährlich, ausschlug. Als ich dann aber um 9 Uhr Abends das Fahrzeug bestieg, liess ich das Pferd unter der Obhut des kleinen Noël zurück, indem ich ihm sagte, so lange im Landungsorte von Ikoródu zu bleiben, bis die anderen Diener und Esel ankämen, und dies konnte wohl kaum vor Mitternacht oder dem folgenden Morgen der Fall sein.
Wir waren also im Ganzen zu vier Mann, und sobald wir es uns bequem gemacht hatten, spannten die Neger die Segel auf, um den zwar nicht starken, aber jetzt bei Nacht günstig wehenden Landwind zu benutzen. Ueberdies schaufelten sie noch mit ihren kleinen runden Rudern, so dass wir schnell das Ufer verliessen. Aber nur ungefähr eine Stunde hielten sie so bei, denn, sei es Müdigkeit oder hatte der Barássa, so heisst in der Lingua franca der Branntwein, das Seinige gethan, sie legten die Schaufeln nieder und überliessen sich einem ruhigen Schlafe. Das Schiff folgte indess mit aufgespanntem Segel noch leise dem Hauche des Windes, obgleich derselbe fast ganz nachgelassen hatte, und der heiterste tiefblaue Sternenhimmel sich über uns wölbte. Auch ich, denkend, es sei eben so passend, Morgens in Lagos anzukommen, als mitten in der Nacht, dachte keineswegs daran, sie wieder aufzuwecken, sondern streckte mich ebenfalls auf meiner Matte aus, und die fremden Sternbilder betrachtend, schlief ich auch schnell ein, ermüdet, wie ich von einem langen Ritte war.
Aber lange sollte unser Schlaf nicht dauern und die lieblichen Bilder von Venedigs Lagunen, die sich mir im Traume vorstellten, wurden unsanft durch eine starke Schaukelbewegung des Kanoe zerstört. Ich richtete mich schnell auf, und der pechschwarze Himmel, das Zucken der Blitze überzeugte mich schnell, dass einer jener Tornado im Anzuge sei, von deren fürchterlicher Gewalt und Heftigkeit eben nur die heisse Zone Zeuge ist.
Trotz des heftigen Stosses waren meine schwarzen Begleiter nicht erwacht, erst auf mein Rufen und auf eine handgreifliche Demonstration sprangen sie auf, und ein fürchterlicher zweiter Windstoss, der von allen Seiten zugleich herzukommen schien, brachte ihnen rasch das Gefährliche unserer Lage vor Augen. Schnell half ich ihnen die immer noch ausgespannten Segel mit reffen, was wegen der entsetzlich starken und unregelmässig bald hier, bald dort her kommenden Windstösse keine Kleinigkeit war, dann aber nahm in kurzer Zeit der Sturm dermassen zu, und sein Toben war zuweilen nur noch durch das Krachen des Donners übertönt, dass wir innerhalb fünf Minuten an's Ufer geschleudert waren.
Aber keineswegs war unsere Lage hierdurch verbessert, denn wenn ich Ufer sage, so muss man dabei nicht an einen Strand oder auch nur sonst etwas Aehnliches denken: wir wurden gegen die Tausende von Mangrovenstützen oder Wurzeln geworfen, die weit vom wirklichen Ufer aus, oft eine Viertelstunde entfernt oder länger sich ins Wasser hineinerstrecken, und unter günstigen Umständen von ihren vorstreckenden Zweigen alljährlich neue Luftwurzeln, die das Wasser suchen, abwerfen, welche mit der Zeit zu dicken Stützen oder Stämmen werden. Wer nicht selbst an salzseeartigen Lagunen diese eigenthümliche Vegetation der Mangroven gesehen hat, kann sich kaum durch eine blosse Beschreibung einen Begriff davon machen. Am besten glaube ich, wird man mich verstehen, wenn ich sage, dass eine dicke grüne Laubdecke von Tausenden von dicken oft 3-4, oft aber auch von 10 Fuss hohen Stützen getragen, über dem Wasser zu ruhen scheint. Unter dieser Laubdecke ist aber das Wasser noch sehr tief, und je weiter vom wahren Ufer ab, je tiefer. Gegen diese Stämme aus Luftwurzeln ursprünglich gebildet, wurde nun unser Schiffchen durch die widerstandlose Kraft des Windes geschleudert, und jeder hohe Wellenschlag, abgesehen davon, dass er es fortwährend mit Wasser füllte, schien, als ob er es zertrümmern müsse.
Unter den fürchterlichsten Regengüssen, einem unaufhörlichen Donnergeroll, bei einer pechschwarzen Finsterniss, oft indess durch nahe electrische Feuerschläge, die zischend ins tobende Wasser fielen, taghell erleuchtet, blieben wir so mehrere Stunden lang in dieser gefährlichen Lage. Vergebens bemühten wir uns durch Festklammern an die Baumstämme dem Schiffe mehr Halt zu geben, eine jede neue Welle riss uns wieder weg und schleuderte uns dann wieder zurück gegen die Baumwand. Ich versuchte es mehrere Male mich den Negern verständlich zu machen, aber der unerhörte Lärm des Himmels und des Meeres machte jedes Sprechen unmöglich; in dieser lebensgefährlichen Stellung blieben wir fast bis Tagesanbruch, indem der Tornado merkwürdiger Weise fast sieben Stunden seine Wuth an uns ausliess, während er sonst in der Regel nur von kurzer Dauer ist. Trotzdem gingen wir siegreich, wenn auch erbärmlich zugerichtet, aus dem Kampfe hervor: unsere beiden Masten waren abgebrochen, die gegen die Baumstämme gerichtet gewesene Seite des Schiffes war so zugerichtet, dass dasselbe eben nur noch dienen konnte, um uns nach Lagos zu bringen, wir selbst aber waren, das war nun freilich kein grosses Unglück, der Art, als ob wir im Wasser gelegen hätten, und namentlich meine Neger, die es weniger angemessen fanden, in einem nasskalten Hemde zu sitzen, als sich von der aufgehenden Sonne die schwarz lackirte Haut bescheinen zu lassen, wussten bald, was thun, sie reducirten sich bis auf Vater Adams Kleid und legten ihr Hemd in die Sonne.
Und diese schien denn auch heiter genug, denn sobald einmal ein solches Unwetter seine Wuth ausgelassen hat, wird man mit dem reinsten Himmel belohnt; nach zwei Stunden schon hatten mich die Neger nach Lagos gebracht, und wir landeten am nördlichen Ende der Insel zwischen einer grossen Menge von Canoes.
Ohne weitere Empfehlungen für Jemand in der Stadt, mit Ausnahme, dass ich Pass und Depeschen der beiden Weissen in Lokója von dorther für den Gouverneur von Lagos überbrachte, indem die dort angesiedelten Engländer seit sechs Monaten vergeblich versucht hatten, einen Courier nach der Küste durchzuschicken, war es ganz natürlich, dass ich beim Gouverneur mein Absteigequartier nahm, und ohne weitere Umstände und Anmeldung begab ich mich nach dem stattlichen ganz aus Eisen gebauten Gouvernementsgebäude, das am anderen Ende der Inselstadt, auf dem europäischen Quai liegt. Freilich sah ich nicht sehr präsentabel aus, als ich vor Herrn Glover (so heisst der derzeitige Gouverneur von Lagos, der der geographischen Welt sehr wohl bekannt ist, durch seine schönen Nigerkarten, indem er vor Jahren auf Kosten der englischen Regierung mit einem Dampfer den Niger hinauf explorirte bis Rabba und die genauesten Karten vom Niger geliefert hat, die wir überhaupt besitzen) erschien. Meine hohen Stiefeln quatschten bei jedem Schritte vom Wasser, das in sie gelaufen, aus meiner langen weissen Tobe bezeichnete hinter mir ein unaufhörlicher Tropfenfall den Weg, den ich gegangen war.
Aber in Afrika kennt man keine Ceremonien, und selbst der Holländer verliert dort seine Steifheit und grollt dem Fremden nicht, der es wagen würde mit unabgekratzten Schuhen sein Haus zu betreten. Herr Glover hiess mich daher herzlich willkommen, und als er sah und verstanden hatte, wer ich sei, wollte er keine weitere Erklärung: zuerst ein warmes Bad und dann musste ich von seinen eigenen Kleidern anziehen. Ich fand mich natürlich gleich ganz wie zu Hause, und seine Gesellschaft, drei Marineofficiere, von denen der eine sein Privatschreiber, die anderen seine zufälligen Gäste waren wie ich, trugen nicht wenig dazu bei, den Aufenthalt angenehm zu machen.
Indess sollte ich doch nicht lange unter dem gastlichen Dache von Herrn Glover bleiben; schon beim Frühstück, woran oben genannte Herren, sodann der deutsche Pfarrer Herr Mann, ein früherer Missionär in Abeokúta und jetzt in Lagos angestellt, theilnahmen, stellte sich der Chef der O'Swald'schen Factorei in Lagos ein, Herr Philippi. Wie ein Lauffeuer war nämlich das Gerücht durch die Stadt gegangen, es sei ein Weisser über Land angekommen, und man vermuthe, der Weisse sei ein Deutscher. Wie war da denn nur Haltens bei diesem trefflichen Manne. "Wo ist der Deutsche? Wer ist es?" waren seine ungestümen Fragen, als er den Salon betrat, und als der Gouverneur mich ihm vorgestellt und er mir die Hand gedrückt hatte, erklärte er Herrn Glover ganz kurz, dass ich sein sei, dass er ein grösseres Recht auf mich habe, um Gastfreundschaft zu erweisen, als der englische Gouverneur.—Sowohl Herr Glover als auch ich waren in grosser Verlegenheit, der Gouverneur, weil er nicht wusste, wie er sich einer so kurz und bündig gestellten Forderung des Herrn Philippi, der überdies sein Freund war, gegenüber benehmen sollte, ich andererseits noch mehr, indem ich einerseits durch ein so schnelles Weggehen Herrn Glover beleidigen konnte, andererseits aber auch eine so schmeichelhafte Einladung des Chefs vom ersten deutschen Handlungshause an der Westküste Afrikas nicht abschlagen wollte.
Genug, Herr Philippi wusste es so einzurichten, dass ich mit ihm gehen und noch am selben Tage in der O'Swald'schen Factorei meine Wohnung aufschlagen konnte. Ich hatte keineswegs bei dem Tausche verloren.
Am andern Tage kam, zum Ergötzen der Lagos-Bewohner, auch meine Karawane, die beim Uebersetzen über die Lagune mehr als ich begünstigt gewesen war; voran kam Noël mit meinem abgemagerten Schimmel, dann Hamed, seinen Esel, der nicht mehr stark genug war, um ihn zu tragen, vor sich hertreibend, endlich die beiden Lastesel, je Tom und Bu-Chari, den Dolmetsch mit Stöcken hinter sich. Aber in Lagos wie in Yóruba- und Izebu-Lande hatte man nie vorher graue Langohren gesehen, und so kam es, dass die halbe schwarze Bevölkerung der Karawane nachzog, und es vor der Factorei dicht und schwarz gedrängt voll Menschen stand, als sie durch's hohe Hofthor einzogen.
Da der Dampfer zwar schon angekommen, aber noch weiter nach Bonny und Cámerun gefahren war, nun aber erst in einigen Tagen zurückerwartet wurde, so hatten wir vollkommen Zeit, die Annehmlichkeiten des gastfreisten deutschen Hauses unter den Tropen Afrikas kennen zu lernen, sowie auch Musse, die Stadt in Augenschein zu nehmen.
Lagos, dieses neue Handelsemporium der Engländer, liegt, wie schon erwähnt, auf einer Insel, und ist seit den wenigen Jahren unter dem englischen Gouvernement zu einer Stadt von 50,000 Seelen herangewachsen. Die schönen breiten Strassen, welche, unter einer aufgeklärten Administration, die kleinen engen Pfade der Neger verdrängt haben, die zweckmässige Bauart der Häuser, welche jetzt sämmtlich aus Backsteinen aufgeführt werden, haben ausserordentlich zur Verbesserung des Gesundheitszustandes beigetragen. Und wenn auch noch heuer schwere Wechsel- und Sumpffieber immer an der Tagesordnung sind, kommt doch Malaria jetzt äusserst selten vor, und das gelbe Fieber und die Cholera haben sich noch nie in Lagos gezeigt. Eben so ist die andere Plage der grossen Bucht an der Westküste von Afrika, der Guinea-Wurm, in dieser Stadt fast ganz unbekannt.
Die englische Regierung hat hier zwei Compagnien schwarzer westindischer Soldaten, ausserdem ebenso viele, die aus eingebornen Negern recrutirt werden, und hauptsächlich aus dem Haussa-Stamme genommen werden. Es ist letzteres merkwürdig genug, da im Innern Afrikas die Haussa als feige verschrien sind, und liegt darin allerdings ja auch ein thatsächlicher Beweis, dass die Haussa als eine selbständige Nation durch ihre Unterjochung von den Fellata zu existiren aufgehört haben. Indess sollen sie unter englischem Commando, wie Herr Glover mir mittheilte, sich zu tüchtigen Soldaten ausbilden. Allgemein sind sie übrigens wegen ihrer grossartigen Diebereien und abgefeimten Räubereien verschrien, und wenn Europäer oder andere Neger durch das sogenannte Haussa-Viertel, denn es wohnen auch viele Haussa-Leute mit ihren Familien, auch ohne Soldaten zu sein, in der Stadt, gehen, pflegen sie sich die Tasche zuzuhalten. Ausserdem sind noch einige Marineartilleristen zur Bedienung der auf dem Quai vor dem Gouvernementshause aufgepflanzten Geschütze vorhanden. Die Soldaten sind sehr zweckmässig uniformirt, und für ihre andere Bequemlichkeit sorgt eine luftige Caserne und ein gut eingerichtetes Hospital.
Ein Gemeinderathhaus ist gerade im Bau begriffen, eben so wie eine hübsche steinerne Kirche. Bethäuser und Schulen sind ausserdem schon mehrere vorhanden, denn die church missionary society, sowie die Wesleyn methodists haben mehrere Prediger hier. In der That scheinen, trotzdem dass auch die Mohammedaner mehrere Moscheen in Lagos haben und leider auf eine dumme, unvernünftige Art von Herrn Glover, dem jetzigen Gouverneur der Insel, begünstigt werden, die Missionäre hier mit Erfolg zu wirken. Als ich Sonntags die Kirche oder vielmehr das grosse Bethaus besuchte, fand ich eine volle und hauptsächlich aus Negern, jedoch auf europäische Art gekleidet, bestehende Versammlung, und ungemein freute es mich, als die kleinen schwarzen Knaben und, Mädchen, nur von einigen wenigen weissen Kindern unterstützt, mit Präcision und Gefühl die schönsten Choräle, von einem Harmonium, das ihr schwarzer Lehrer spielte, begleitet, sangen.
Als hervorragende Persönlichkeit steht an der Spitze der Geistlichkeit in Lagos und als Director der sogenannten evangelischen schwarzen Niger-Mission der Bischof Crowther. Dieser Neger, aus einem kleinen Dorfe in Yóruba gebürtig, wurde als Kind geraubt und den Portugiesen verkauft. Er hatte jedoch das Glück, von den Engländern gekapert zu werden, und von der Vorsehung dazu bestimmt, als ein auserlesenes Werkzeug dem Christenthume und der Civilisation zu dienen, wurde er nach Freetown in Sierra-Leone gebracht, wo er seine erste Erziehung erhielt und getauft wurde. Er zeigte bald so hervorragende Eigenschaften und Geistesanlagen, dass man ihn zur weiteren Ausbildung nach England schickte, genug wenn ich sage, dass er heute Bischof ist. Aber nicht nur als Geistlicher wusste er sich in jeder Beziehung auszuzeichnen, er leistete gleich Grosses im Gebiete der afrikanischen Sprachen, seine Uebersetzung der heiligen Schrift in die Yóruba-Sprache, mehrere Grammatiken, darunter eine der Nyfe-Sprache, legen Zeugniss seiner gründlichen Bildung ab; endlich die Reisebeschreibung der Niger- und BénuÄ“-Expedition, welche Herr Crowther mit dem verstorbenen Dr. Baikie machte, lassen ihn als einen ausserordentlich vielseitig gebildeten Mann erkennen. Leider konnte ich nicht die persönliche Bekanntschaft dieses ausserordentlichen Mannes machen, denn während meiner Anwesenheit in Lagos war er auf einer Inspectionsreise nach Bonny, immer besorgt um das Wohl seiner Missionen.
Auf dem grossen Quai breiten sich dann rechts und links vom Gouvernementsgebäude die schönen Factoreien oder Handelsetablissements der Europäer aus, und von allen diesen ist die O'Swald'sche, wie schon erwähnt, die erste. Es giebt indess noch mehrere andere Häuser in Lagos, die gute Geschäfte machen. Der zweiten grössten Factorei steht ein Marseiller Haus vor, und die Engländer, obgleich sie sich natürlich auch bedeutend am Handel betheiligen, da ja die ganze Insel jetzt ihr Eigenthum ist, kommen doch erst in zweiter Linie; so hat auch die westafrikanische Compagnie deren Directorium in Liverpool ist, in den letzten Jahren sehr an ihrer Bedeutung verloren.
Der Handel, was Export anbetrifft, beruht hauptsächlich auf Palmöl, das theils fertig von den Eingeborenen den Europäern zum Austausch oder zum Verkauf gebracht wird, theils auf die Nüsse der Oelpalme, welche roh nach Europa verschifft werden und dann dort durch Auspressen und andere Zubereitung ein doppeltes Product ergeben, nämlich Stearin und Oel. Was Baumwolle und Kornausfuhr anbetrifft, so ist die Production derzeit noch zu gering, um bedeutend ins Gewicht zu fallen, für beide Artikel ist indess eine grosse Zukunft vorhanden, denn kein Boden ist günstiger für Korn, Indigo, Taback und Baumwolle als der afrikanische, man trifft diese Pflanzen auf jedem Schritt und Tritt, so dass man versucht sein möchte, sie für einheimische zu halten. Die Oel-Ausfuhr aber selbst liegt noch ganz in der Kindheit, denn von einer eigentlichen Ausbeutung ist bei der Undurchdringlichkeit der Wälder, heutzutage noch keine Rede, aber bei der gänzlichen Stockung des Sklavenhandels von Lagos aus, und eben weil wiederum die Neger die europäischen Producte nicht entbehren können, werden sie schon Mittel und Wege finden, um nach und nach auch die Millionen von Palmen, die sich in den schwarzen Wäldern finden, ihren Tribut zahlen zu lassen.
Was die Einfuhr anbetrifft, so stehen in erster Linie Schnaps, und zwar schlechter holländischer und deutscher Genever, amerikanischer Rum, dann Pulver, Steinschlossgewehre, leichte amerikanische Cattune, Perlen und andere kleinere Artikel, dann zweitens die Importation der kleinen Muscheln, welche als Scheidemünze in Afrika gelten. Diese werden vom indischen Archipel zu Schiffe an die Ost- und Westküste von Afrika gebracht. Obwohl nun sowohl im Innern als auch an der Küste der Werth derselben grossen Schwankungen unterliegt, kann man doch im grossen Allgemeinen sagen, dass ein Maria-Theresien-Thaler im Innern 4000 Muscheln, an der Küste indess 6000 werth ist. In Lagos werden sie bei der Importation en gros von den Europäern gewogen und später in Körbe[3] von je zu 20,000 verpackt, und vom Niger an kommen sie nur noch in kleinen Paketen vor, obgleich doch noch in Seg-Seg (westliches Königreich vom Kaiserreich Sókoto) Käufe und Verkäufe von Hunderttausenden von Muscheln gemacht werden.
Der Verkehr in der Stadt ist meist zu Fuss, obwohl die Vornehmen und Reichen, seien sie nun schwarz oder weiss, meist zu Pferde ausreiten. Der Lagunendienst wird durch eine grosse Zahl von kleinen Booten und Kanoes besorgt, die alle numerirt sind, und die grösseren Häuser, wie O'Swalds, die französische Factorei und die westafrikanische Compagnie haben ihre eigenen Dampfer, die bestimmt sind, theils die Waaren zu den grossen Segelschiffen, welche der Barre halber in die Lagune nicht einlaufen können, hinauszutransportiren, theils auch, um kleinere Segelschiffe, als Brigg und was darunter ist, in die Lagune hereinzuschleppen. Der Gouverneur hat ausserdem auch für den Dienst einen Dampfer zur Disposition, welcher Eigenthum der Colonie ist.
Die Bevölkerung von Lagos ist so überwiegend schwarzer Raçe, dass die wenigen Weissen, vielleicht hundert an der Zahl, ganz darunter verschwinden. Diese Schwarzen sind wieder von den verschiedensten Stämmen, obwohl Yóruba- und Sabu-Leute vorwiegend vorhanden sind. Man glaube indess nicht, dass die schwarze Bevölkerung eine niedere Stufe einnimmt, wie denn überhaupt der schlechtweg ausgesprochene Grundsatz, die schwarze Bevölkerung sei gar nicht der Civilisation fähig, ein sehr schlecht basirter ist. Freilich haben die, welche sich zu dieser Ansicht bekennen, sich wohl hauptsächlich auf die schwarze Bevölkerung Amerikas bezogen, aber von einer seit Jahrhunderten durch Sklaverei unterdrückten Bevölkerung Schlüsse auf eine ganze Raçe ziehen zu wollen, wäre ebenso unsinnig und lächerlich, als wolle man der ganzen europäischen Familie, weil gerade die Griechen ihre eben errungene Freiheit weder ertragen noch benutzen können, politische Unmündigkeit vorwerfen. Doch es würde zu weit führen, dies Thema hier zu behandeln, genug, dass ich als Beispiel anführe, dass Herr Philippi mir unter anderem Zutritt zum Hause James verschaffte, welches ebenfalls einem Schwarzen gehört, der ein bedeutendes Colonialwaarengeschäft betreibt. Seine Frau, Md. James, ebenfalls eine Schwarze, war einst dazu bestimmt, einem Engländer, der den König Dáhome besuchte, zu Ehren geopfert zu werden, wurde aber auf Wunsch des Weissen befreit, und ist jetzt in Lagos eine der liebenswürdigsten Salondamen.—Sie hatte mehrere Male die Güte die schönsten und schwierigsten Sonaten und Symphonien von Mozart und Beethoven uns vorzuspielen. Ich habe hier nur ein Beispiel von der Fähigkeit, sich zu bilden, bei den Negern angeführt, ich könnte deren hundert bringen.
Die Tage in Lagos gingen in angenehmer Unterhaltung schnell hin, und allein den ganzen Tag auf der prachtvollen Factorei zuzubringen, die grossartigen Unternehmungen und Arbeiten bewundern, dem geschäftigen Treiben der Neger zuzuschauen, hätte Reiz genug gewährt. In der That, wenn man des Morgens auf der oberen Veranda sass, vor sich die herrliche Allee von Brodfruchtbäumen, die ewig saftgrünen Teppiche von Bahama-Gras, auf welchen sich zahme Gazellen herumtummelten, im Hintergrunde die tief blauen Lagunen, von einem palmenbewachsenen Sandgürtel begrenzt, ganz in weiter Ferne die mächtig tobende Barre, und jenseits im unendlichen Ocean die stolzen Dreimaster, welche ihrer Ladungen warteten, dann begriff ich, dass man in Lagos sein konnte, ohne Heimweh zu bekommen. Abends waren wir die ganze Zeit natürlich durch gemeinschaftliche Diners in Anspruch genommen: beim Gouverneur, bei den Missionären, auf den anderen Factoreien etc.
Aber der Küstendampfer war unterdessen angekommen, und somit musste Abschied genommen werden. Herr Philippi liess den O'Swald'schen Dampfer heizen, um uns über die Barre hinaus an das Postdampfschiff zu bringen. Er selbst hatte noch die Güte, mich bis dahin zu begleiten, und nachdem hinten die Hamburger, in der Mitte die Bundesflagge und vorn meine alte Bremer-Flagge, die von allen europäischen Flaggen allein den Tsad-See begrüsst, und einzig ausser der englischen Flagge den Niger befahren hatte, waren aufgehisst worden, verliessen wir um 10 Uhr Morgens die Stadt und befanden uns bald darauf an Bord des englischen Postschiffes.
Als wir Abschied genommen, und ich noch lange dem kleinen schnell dahinschiessenden Tender nachgesehen und nachgewinkt hatte, fing ich an, nachdem ich meine Sachen in die mir zugewiesene Cabine untergebracht hatte, mich umzusehen. Freilich waren einem die Bewegungen sehr gehemmt, denn abgesehen von den grossen Oelfässern, die auf dem Vorder- und Mitteldeck den Weg sperrten, war selbst unser Hinterdeck mit doppelten Schichten von Baumwollsäcken zugepackt. Alte diese Waaren hatte man in Lagos eingenommen und noch nicht Zeit gefunden, sie in den Raum hinunter zu schaffen. Das Schiff selbst war sonst gut eingerichtet, hielt 900 Tons, jedoch war der Raum mehr für Waaren als für Passagiere berechnet: es war der Schraubendampfer "Calabar", Capt. Kroft, der West Africa Steam Navigation Company zugehörend. Inzwischen kamen immer noch neue Passagiere von Lagos und unter den Bekannten fand sich auch der Gouverneur Herr Glover, der Befehl bekommen hatte, sich zum Gouverneur en chef, nach Sierra Leone zu begeben. Endlich um 5 Uhr Abends war alles eingeladen und eingeschifft, und nach einem dreifachen Salutschusse seitens des "Calabar" trat derselbe seinen Lauf nach Westen an.
Obgleich wir nicht weit von der Küste entfernt waren, verloren wir dieselbe dennoch bald ausser Sicht, da überdies nach 6 Uhr Abends die Nacht schon hereinbrach. Im Uebrigen waren wir vom schönsten Wetter begünstigt. Man stieg dann hinunter, um sich den Tafelfreuden hinzugeben, aber im Ganzen, obgleich aus Innerafrika kommend, hatte mich der kurze Aufenthalt in Lagos schon so verwöhnt, dass ich mich etwas getäuscht fand. Die Abwesenheit von Servietten an der Tafel konnte man noch eher entschuldigen, denn am Ende ist es besser, gar nichts dergleichen vorzufinden, als schmutzige, und namentlich durfte ich mich selbst nicht über die Aufwartung beklagen, da ich noch meinen Diener Hamed bei mir hatte. Ausser Herrn Glover, der auch seinen Leib-Neger bei sich hatte, waren in dieser Beziehung die anderen Passagiere freilich nicht so günstig gestellt. Ein Gutes war vorhanden, dass, da sämmtliche Reisende von der Küste waren, aller steife Zwang fehlte, der sonst unter Engländern das Zusammensein so unerträglich macht. Ueberdies war nur eine Dame vorhanden, und obwohl eine Tochter Albions hatte sie doch durch ihren Aufenthalt in Afrika, sie war Missionärin am Camerun, längst das Unbiegsame einer britischen Lady verloren.
Wir legten uns am ersten Tage alle frühzeitig zur Ruhe und da wir bis jetzt etwa nur 30 Passagiere an Bord hatten, während die erste Cajüte deren 50 fassen konnte, waren wir gut logirt, sowohl Herr Glover als auch ich hatten je eine ganze Cabine für uns, überhaupt liessen die Betten nichts zu wünschen übrig.
Als ich am anderen Morgen, nachdem der Kaffee genommen (dieser, sowie Thee, Cakes und Butterbrod wurden immer mit Sonnenaufgang aufgetischt) aufs Deck ging oder vielmehr auf die Baumwollensäcke kletterte, fand ich, dass mehrere Passagiere es vorgezogen hatten, einfach in ihren Kleidern auf den weichen Ballen zu schlafen, und da ein grosses Sonnenzelt das Hinterdeck beschattete, ging das auch recht gut, denn auf die Art konnte der Thau sie nicht erreichen, und von Kälte ist ja unter den Tropen im Juni überhaupt nicht die Rede. In den Cabinen war es denn auch so heiss, dass man Nachts immer die Fenster offen lassen musste.
Um aber vor Allem dem Leser einen Begriff zu geben, wie man auf einem englischen Dampfer lebt; führe ich an, dass um 8 Uhr das eigentliche Frühstück war, warme Fleische, Gemüse, Pasteten und Thee oder Kaffee, um 12 Uhr Mittags war sogenannter Lunch, d.h. ein kaltes Frühstück aus kalten Fleischen, Würsten, Salaten und Früchten bestehend, um 4 Uhr Nachmittags das Diner, endlich um 7 Uhr Abends Thee und Butterbrod. Es versteht sich von selbst, dass die Engländer ausserdem zum Schlusse noch der Brandyflasche zusprachen. Man sieht hieraus, dass der Magen gar keine Zeit hatte, ein eingenommenes Mahl zu verdauen, und dass, wer eben keine besondere Beschäftigung hatte, die ganze Zeit mit Tafeln zubringen konnte.
Das Schiff bot am Morgen einen eigenthümlichen Anblick, von den Fässern waren erst wenige unter das Deck geschafft, aber auf jedem hockten oder lagen ein paar Schwarze. Es waren dies Neger von der Kru-Küste, die nun, nachdem ihr Miethstermin abgelaufen war, in ihre Heimath zurückkehren wollten. Sie scheinen zu den Amphibien zu gehören, denn sie sind offenbar mehr als blos ausgezeichnete Schwimmer und die einzigen Neger an der Küste, die sich gern und freiwillig den Europäern als Arbeiter vermiethen; sie scheuen dabei keine weiten Reisen, und gehen Contracte auf mehrere Jahre ein. Nach Ablauf der Zeit mit ihrem Ersparten in die Heimath zurückkehrend, verheirathen sie sich entweder, oder verprassen ihre Gelder mit Barássa (Schnaps); dann gehen sie aber sicher, sobald sie ihren letzten Heller ausgegeben haben, ein neues Engagement ein. Die Kru-Leute sind sehr kräftig gebaut, von braunschwarzer Farbe, ihre Physiognomie ist sehr hässlich, ihre Gewandtheit und Geschicklichkeit ist gleich gross auf dem Wasser und zu Lande.
Seit dem Abend vorher hatten wir das Land ausser Sicht, aber gegen 10 Uhr Morgens näherten wir uns wieder der Küste, welche ganz flach war und nur von hohen Palmen, Oel- und Kokos-, bestanden zu sein schien. Um 12 Uhr hielten wir vor Yellee-Coffee (dieser Name ist auf der trefflichen Grundmann'schen Karte nicht angegeben, es ist der von den Engländern gebrauchte für den Ort Keta, wo eine Bremer Mission sich befindet), wo indess nur ein einziges auf europäische Art gebautes Haus zu sehen war, von vielen kleinen Negerhütten umgeben.
Kaum war das Anlegen vorüber, als zahlreiche Canoes das Dampfschiff umschwärmten, und nun begann ein Drängen und Klettern um zuerst mit den Waaren an Bord zu kommen. Da indess diesen schwarzen und ganz nackten Waldteufeln nicht gestattet war aufs Hinterdeck zu kommen, so konnte man von dort aus mit Musse diesem Bewegen und Treiben zuschauen. Man brachte Lebensmittel, hauptsächlich Yams, süsse Erdäpfel, Cocosnüsse, Mangos, Bananen, Plantanen, Ananas, Melonen und andere Früchte, dann Papageien, Enten, Puter, Schafe, Zwiebeln, rothen Pfeffer, Matten, Strohmützen, Pantherfelle, einheimische Cattunzeuge und andere niedlich und kunstvoll gearbeitete Handarbeiten. Nachdem der nicht enden wollende Streit, wer zuerst aufs Deck kommen sollte, wobei mancher denn noch rücklings in Wasser fiel oder gestossen wurde, sich gelegt hatte, fing in grösster Eile ein Tauschhandel an, indem die Matrosen vom Dampfer gegen leere Flaschen, europäische Taschentücher, Messer, manchmal auch baares Geld das, was sie wünschten, eintauschten. Während indess einige Sachen, z. B. Papageien, welche man 3 für 2 englische Shillinge einhandeln konnte, ausserordentlich billig waren, wurden für andere die übertriebensten Preise gefordert. So verlangte man für ein Stück einheimischen Cattun, der allerdings recht hübsch war, indess nur die Grösse von 3 Ellen Länge auf 2 Breite hatte, 4 Dollars. Ebenso wurden merkwürdigerweise für die kleinen Meerkatzen unverschämt hohe Preise gefordert; man hätte hier indess eine ganze Menagerie zusammenkaufen können, denn sogar ein Chimpanze fehlte nicht und langborstige Stachelschweine, sowie Igneumon waren mehrere vorhanden. Die Neger von Yellee-Coffee sind sehr gemischt, den Hauptgrund in der Bevölkerung bilden indess die Popo- und Fanti-Neger, und die Sprachen dieser beiden Stämme werden hier vorzugsweise gesprochen. Sie sind pechschwarz, haben ächte Negerzüge, fast alle gehen ganz nackt, nur einige Wenige halten es der Mühe werth, ein europäisches Taschentuch um die Hüften zu winden.—Es befindet sich vor Yellee-Coffee die Navalstation der Engländer, die indess jetzt, seit der Sklavenhandel nun ganz unterdrückt ist, von ihrer früheren Bedeutung verloren hat. Wie schon gesagt, hat auch unser norddeutscher Missionsverein eine Station hier und scheint dieselbe insofern zu gedeihen, als sie sich bei Erziehung der Neger nicht bloss auf das geistige Wohl des Schwarzen beschränkt, sondern demselben auf der Missionsanstalt auch allerlei nützliche Handwerke gelehrt werden, was leider die Engländer bei ihrer sonst so trefflichen Mission ganz vernachlässigen.
Es kamen hier auch zwei von den deutschen Missionären an Bord, um nach Christiansborg zu fahren; einer von ihnen, ein junger stutzerhafter Mann, mit langen Haaren, kam, nachdem er sich an Bord durch ein gehörigs Glas Ale gestärkt hatte, auf mich zu und redete mich auf englisch an, sagend, dass er sein Deutsch unter den Negern gänzlich verlernt habe, da er schon längere Zeit an der Küste sei. Dies Englisch aus dem Munde eines Schwaben (er war freilich noch nicht 40 Jahre alt) klang indess so komisch, indem natürlich zwischen d und t, zwischen b und p, die lächerlichsten Verwechselungen gemacht wurden, dass ich ihm auf französisch antwortete, und nun unterhielten wir beiden Deutschen uns zur grossen Belustigung des Publikums längere Zeit, er immer englisch und ich französisch sprechend. Unser guter Schwabe, er war freilich noch nicht 40 Jahre alt, merkte indess, dass er der Gegenstand der allgemeinen Heiterkeit war. Später ertappte ich ihn, wie er sich ganz fertig mit seinem Amtsbruder, der ein sehr vernünftiger Mann war, unterhielt, und fast hätte ich der Versuchung nicht widerstanden, ihn auf Platt anzureden, um eine zweite fremdartige Unterhaltung zu erwecken, denn Deutsch konnte er allerdings nicht, nur schwäbisch.
Wir blieben hier bis 6-1/2 Uhr Abends und verliessen dann wie am Tage vorher, westlich etwas zu Süd haltend, Yellee-Coffee. Unsere Abfahrt fand bei einem starken Tornado statt, so dass wir alle unter Deck flüchten mussten. Die Nacht war indess wieder ausserordentlich schön.
Sobald es tagte, sprang ich am folgenden Tage aus meiner Cabine und sah, dass wir uns nahe an der Küste befanden, und Akkra und Christiansborg dicht vor uns liegen hatten. Die Städtchen nehmen sich reizend aus; die vielen europäischen Häuser, alle glänzend weiss und italienischen Villen gleichend, treten auf dem dunklen Grün der Oel- und Kokospalmen scharf hervor. Im Hintergrund sah man niedrige Hügel, eine Abwechslung, die um so angenehmer auffiel, als wir bis jetzt nur flache Küsten gesehen hatten. Die meisten grösseren Factoreien hatten ihre Flaggen aufgezogen, und da bemerkte ich auch unsere Bremer auf dem Vietor'schen Etablissement wehen. Auch mehrere grössere Handelsschiffe waren vor Anker, unter anderen zwei amerikanische Barken.
Wie gewöhnlich grüsste der Calabar mit drei Schüssen und warf dann Anker aus, worauf wir sogleich wieder von einer Unzahl hohler Baumstämme umschwärmt waren, welche die Akkra-Neger mit grösster Geschicklichkeit über die höchsten Wellen trieben. Hier indess kamen sie nicht um zu handeln, sondern blos um etwaige Passagiere zu holen und zu bringen, auch unsere beiden Deutschen verliessen uns, wofür indess mehrere andere Missionäre mit ihren Frauen und Kindern wieder kamen alle von der Basler Gesellschaft, welche hier im Innern sich ein tüchtiges Feld eröffnet hat.
Akkra und Christiansborg gehören schon der Goldküste an, indem diese von der östlich sich hinziehenden Sklavenküste durch den Volta-Fluss getrennt ist. Wir hatten die Mündung dieses bedeutenden Flusses, der rechts und links grosse Lagunen hat, Nachts passirt. Der Haupttheil der Bevölkerung der beiden Oerter ist vom Stamme der Akkra-Neger, sie sollen den Yóruba verwandt sein. Ganz eigenthümlich ist die Bauart ihrer Kanoe, weil sie ein erhöhtes Hintertheil haben, überhaupt dabei sehr gross sind; mit dem grossen dreieckigen Segel, dessen sie sich bedienen, giebt das dem Schiffchen von Weitem ein ganz classisches Aussehen. Am meisten entzückte mich der melodische Sang der Ruderer, und erinnerte mich sehr an die singlustigen Kakánda-Neger am mittleren Niger, denen es auch ganz unmöglich war, ihr Kanoe weiter zu stossen, ohne jeden Stoss mit Gesang zu begleiten. Indess haben die Akkra-Neger, und dies ist höchst bemerkenswerth, wirklich eine Art Choralgesang, denn die zweite und dritte Stimme accordirt immer melodisch mit der ersten. Möglich auch, dass sie dies durch den Unterricht von Missionären gelernt haben, obwohl die Lieder, welche sie sangen, keine religiöse zu sein schienen, sondern gewöhnliche Volkslieder.
Akkra war bis vor zwei Monaten halb englisch, halb holländisch, ist jetzt aber durch Verkauf ganz an die Engländer gekommen. Christiansborg wurde schon 1850 von den Dänen dem Englischen Gouvernement überlassen. Man sieht also, wie England so ganz allmählich und ohne Aufsehen zu erregen, sich der ganzen Küste von Afrika bemächtigt, denn längst sind der Reichthum an Rohproducten und die Fähigkeit, später dort für alle Colonialerzeugnisse das fruchtbarste Feld und den ergiebigsten Boden zu finden, von diesem speculativen Volke erkannt worden.
Wir blieben einen ganzen Tag vor Akkra, was, da hohe See war, und das Schiff stark rollte, nicht sehr angenehm war. Wie am vorhergehenden Tage fuhren wir dann um 7 Uhr Abends weiter, und fanden uns am andern Morgen vor dem bedeutenden Ort Cape Coast Castle liegen.
Diese Stadt mit ihrem Fort, wie der Name es schon andeutet, liegt auf steilen Felsen, welche senkrecht in die See abfallen; von den Portugiesen erbaut, gehört sie jetzt den Engländern, und sieht sie auch nicht so lieblich wie Akkra und Christiansborg aus, so hat sie doch einen europäischen Anstrich. Wie immer kommen zahlreiche Boote, und hier bieten sie uns besonders Goldstaub und Papageien zum Verkauf an. Ganz besonders erregten aber unser Aller Bewunderung die ausserordentlich schönen und feinen Filigranarbeiten der Neger in Gold: Broschen, die künstlichsten Ketten, Ringe, Ohrbommel und andere Sachen wurden so ausgezeichnet und mit einer solchen Vollendung uns zum Verkauf vorgezeigt, dass ein gewöhnlicher europäischer Goldarbeiter Mühe gehabt haben würde, dergleichen nachzumachen. Um Gold und Goldstaub dreht sich hier denn auch das ganze Leben, Die Hauptzufuhr kommt vom Atschanti-Lande, und unser Schiff nahm im Ganzen gegen 3000 Unzen ein, theils in Staub, theils in Ringen. Die Fanti, welche den Hauptbestandtheil der Cape Coast Castle Bevölkerung bilden, sowie die Assin und Wassau, Stämme, die weiter im Inneren des Landes wohnen, bedienen sich ausschliesslich des Goldstaubes als Geldmittel. Jeder hat zu dem Ende eine kleine empfindliche Goldwage und ein ledernes Säckchen mit Goldstaub immer bei sich. Das Gewicht besteht in kleinen leichten Kernen einer Schottenpflanze und bei grösseren Quantitäten in Steinchen.
Ich staunte gerade die furchtbare Brandung an, welche die Wellen des Oceans gegen die Felsblöcke, auf welche das Fort erbaut ist, bis zu einer Höhe von 50 Fuss hinaufspritzten, als meine Aufmerksamkeit durch zwei Officiersfamilien in Anspruch genommen wurde, die auf Stühlen sitzend (es ist allgemein Gebrauch an der Westküste von Afrika, in die grossen Kanoe Stühle zu setzen, da keine Bänke vorhanden sind) in einem grossen Kanoe an Bord gerudert wurden. Und um so mehr wunderte ich mich, als ich den einen Officier mit seiner Dame sich im schönsten Plattdeutsch (Holländisch) unterhalten hörte. Diese heimischen Töne brachten mich zuerst auf die Vermuthung, es mit preussischen Marineofficieren zu thun zu haben, da dieselben ja möglicherweise neu uniformirt sein konnten. Aber ich wurde bald enttäuscht, indem man mir in der Ferne nach Westen zu das holländische Fort Elmina zeigte, das ich bis dahin gar nicht wahrgenommen hatte, beschäftigt wie ich war mit meiner allernächsten Umgebung. Elmina ist auf circa eine Stunde von Cape Coast Castle entfernt und insofern für die Holländer von Wichtigkeit, weil sie hier einen Theil ihrer Soldaten für ihre ostindischen Colonien recrutiren. Sie bezahlen dafür einen jährlichen Tribut an den Aschanti König, der ihnen hingegen die nöthige Mannschaft, also Sklaven, liefert. Diese werden nun meist auf fünf Jahre engagirt, nach Ablauf welcher Zeit sie frei werden und in ihr Land zurückkehren können. Dies thun sie dann auch in der Regel, bleiben aber nach ihrer Rückkehr meist beim Fort Elmina unter dem holländischen Schutze wohnen, weil sie, falls sie nach Aschanti gingen, aufs Neue in Sklaverei fallen würden. Man theilte mir hier mit, dass so gut der König von Aschanti mit den Holländern stehe, er gerade jetzt den Engländern den Krieg erklärt habe, und sie nach Beendigung der Regenzeit angreifen würde. Hoffen wir das dem nicht so ist oder, wenn, dass derselbe glücklicher für unsere weissen Vettern ausfallen möge als bei früheren Gelegenheiten.
Hier ankerten wir nur bis Mittags und immer dicht neben der Küste haltend kamen wir Appolonia und Cape tree points vorbei. Das Wetter war gut, obgleich die See hoch ging, was starkes Schwanken und Rollen des Dampfers zur Folge hatte, der überdies übermässig lang und schmal war. Es war für mich um so unangenehmer, als ich von Zeit zu Zeit noch Fieberanfälle bekam, obgleich sonst meine Kräfte durch die Seeluft anfingen zuzunehmen. Im Uebrigen hatte sich die Sache an Bord recht gemüthlich gestaltet, und obgleich wir so viele Geistliche aller Secten an Bord hatten, dass wir im Nothfall ein Concil hätten abhalten können, lebte man doch ohne allen Zwang, und gerade hierin gaben uns die Missionäre das beste Beispiel. Sonntags wurde jeden Morgen Gottesdienst abgehalten, und Kapitän Kroft wusste sich dieses Dienstes mit eben so grosser Geschicklichkeit und Gewandtheit zu unterziehen, wie mit der Führung des Dampfers.
Mit Cap tree points verliessen wir Abends die Küste, und fuhren den ganzen folgenden Tag, ohne dass uns irgend etwas Merkwürdiges aufstiess; zudem hielt ein anhaltend fallender Regen uns fortwährend unter Deck, denn die wolkenzusammentreibende Sonne war jetzt gerade über unseren Köpfen, was in der Regenzeit bekanntlich am Schlimmsten ist. Um l Uhr endlich erblickten wir den Ort Cavalle, wo Herr Paine, ein amerikanischer Bischof, seit 27 Jahren für die Ausbreitung der christlichen Religion wirkt. Von hier nach Cap Palmas sind nur noch anderthalb Stunden, und dort angekommen warf der Calabar wieder Anker.
Cap Palmas ist der Hauptort der Kru-Küste, und zählt politisch zur Republik Liberia, welche bekanntlich unter amerikanischem Schutze steht. Trotz des Regens und des Nebels nahm sich dieser Ort ganz reizend aus. Er liegt unmittelbar an einem tiefgezackten Ufer, und die Kirchen und hochgiebligen Häuser konnten einen glauben machen eine nordische Küste vor sich zu haben. Gleich vorn am Cap bemerkt man einen Kirchthurm, der indess diese Illusionen wieder zerstört, denn er sieht wie ein mohammedanisches Minaret aus; vor dem Cap liegt eine kleine grüne Insel, die, wenn sie auch des Baumschmuckes entbehrt, nicht wenig dazu beiträgt die Abwechslung des palmbewachsenen Ufers zu erhöhen. Cap Palmas ist wie ganz Liberia aus einer Niederlassung freigelassener Sklaven gebildet, und hat eine eigene Regierung, von der jedoch alle Weissen ausgeschlossen sind. Die Regierung ist abhängig von dem Präsidenten in Monrovia. Die presbyterianische Religion ist bei ihnen die vorherrschende. Es giebt in Palmas auch einige Weisse, welche Handel treiben, und dieselben, obgleich unter dem Gouvernement der Schwarzen, leben mit den Negern im besten Einverständniss. Hauptartikel des Handels ist, wie an der ganzen Westküste, Oel und Palmnüsse. Der Ort ist im Emporblühen begriffen, und ich hätte gern die Gelegenheit benutzt, diese interessanten Punkte einer selbständigen Negercultur näher in Augenschein zu nehmen, wenn nicht Regen und hoher Wellenschlag jedes Landen sehr unangenehm gemacht hätten. Freilich liessen sich unsere Kru-Neger, die wir von Lagos und Kamerun mitgebracht hatten, hierdurch nicht abhalten, und ihre Verwandten und Freunde umschwärmten in unendlich kleinen und unzähligen Kanoes fortwährend den Dampfer, um sie aufzunehmen.
Die meisten indess, namentlich die, welche ohne Gepäck waren, sprangen ganz einfach über Bord und schwammen so auf das sie erwartende Kanoe zu. Dass dabei die lächerlichsten Scenen sich immer wiederholten, kann man sich leicht vorstellen, denn beim Einsteigen ins Kanoe schlug dasselbe meist zuerst um und wurde dann, als wenn nichts Besonderes passirt wäre im Meere selbst wieder aufgerichtet und ausgeschüttet. Es lagen auch mehrere europäische Schiffe hier vor Anker.
Abends 5 Uhr lichteten wir die Anker, und bald entschwand die grüne Küste wieder unseren Augen. Anhaltend fallender Regen würde die Fahrt zu einer entsetzlich langweiligen gemacht haben, wenn ich nicht in Mynheer Schmeet, einem holländischen Officier van der Gezondheid, einen sehr unterhaltenden und gebildeten Mann gefunden hätte. Die holländischen Colonien, über den ganzen Erdball zerstreut, hatten ihm Gelegenheit gegeben, alle Welttheile kennen zu lernen. Zudem hatte ich vollauf zu lesen, denn seit zwei Jahren ausser allem Verkehr mit dem gebildeten Europa, hatte ich mich durch Stösse neuer Schriften, die lauter für mich unbekannte Thaten und Ereignisse enthielten, durchzuarbeiten.
Ein guter Wind begünstigte die Schnelligkeit des Calabar's so, dass wir schon am andern Abend um 5 Uhr vor Monrovia waren, während wir eigentlich erst am folgenden Morgen um 6 Uhr hätten eintreffen sollen.
Monrovia, die Hauptstadt von Liberia, ist der sprechendste Beweis, bis auf welche Stufe der Neger sich in Cultur und Civilisation emporzuschwingen vermag, sobald er, von tüchtigen Missionen umgeben, in administrativer Beziehung sich selbst überlassen ist. Die Regierung selbst ist ganz nach dem Muster der amerikanischen eingerichtet, und hat hier denn auch der Präsident und der Congress seinen Sitz. Eine Art von Schutz, obgleich das am Ende ja nur gegen europäische Mächte gerichtet sein könnte, wird immer noch vom government of the United States ausgeübt; nach Innen zu gegen die unabhängigen Neger ist Liberia vollkommen im Stande, sich selbst zu schützen und Achtung zu verschaffen. Mehr als 600,000 Neger erkennen übrigens die Herrschaft der Republik Liberia an, und über 25,000 Seelen davon haben die christliche Religion angenommen.
Auch hier war es leider nicht möglich ans Land zu kommen; die Stadt selbst soll sonst, was Wohnungen und Strassen anbetrifft, an der Westküste von Afrika die schönste sein, und selbst die englische Stadt Freetown in Sierra-Leone in dieser Beziehung übertreffen. Eine grosse Bucht vor dem Orte gewährt den grössten Schiffen vollkommene Sicherheit, und wir fanden mehrere hier ankern, unter andern auch Hamburger. Die Regierung besitzt auch eine Kriegskorvette, welche ein Geschenk der Königin von England ist. Der Handel, was Export anbetrifft, besteht hauptsächlich in Zucker, welcher mit dem grössten Erfolg von den Negern gebaut wird. Allein im vergangenen Jahre wurden von Liberia für 150,000 Pfund Sterling Rohzucker ausgeführt.
Wir blieben hier bis am folgenden Morgen um 10 Uhr, um den von Liverpool ankommenden Postdampfer zu erwarten; nach dessen Eintreffen ging es denn auch gleich weiter. Uebrigens hatten wir an Bord viel Zuwachs bekommen, eine Menge junger schwarzer Damen, die in England ihre Erziehung vollenden sollten, beengten die Damencajüte, während wir selbst indess nur einen Herrn bekamen, der Vater von zweien dieser jungen Grazien war. Es versteht sich von selbst (die Engländer sind viel zu vernünftig, um nur im allerentferntesten den Schwindel deutscher Stubengelehrten, welche über Raçenunterschied ellenlange gehaltlose Abhandlungen schreiben, auch nur begreifen zu können), dass an Bord vollkommene Gleichheit zwischen Schwarzen und Weissen herrschte, und Herr Bull, so hiess unser schwarzer Reisegefährte, war immer einer unserer interessantesten und genialsten Gesellschafter.
Abends und Nachts hatten wir wieder das fürchterlichste Unwetter, von tropischen Regengüssen begleitet; erst gegen 10 Uhr Morgens zogen sich die dicken Regenwolken etwas weiter auseinander, und gegen Mittag konnten wir schon die hohen Berge von Sierra Leone sehen. Die Spitzen des Gebirges, so schwer war jetzt die wasserschwangere Luft, waren indess von einer schwarzen Wolkenschicht umhüllt, man sah nur die unteren Partien der Halbinsel, die wie eine grosse Muschel an der Küste von Afrika hingeworfen erscheint. Früher war es jedenfalls eine Insel wie Fernando Po oder St. Thomas, erst später entstand durch Anschwemmung aus den beiden Flüssen Bokelli und Kates, die ihre Mündungen gegen einander richten, eine Verbindung mit dem Festlande. Sierra Leone oder das Löwengebirge ist nicht blos, weil es der bestcivilisirteste Negerstaat (an Grossartigkeit des Handels übertrifft Freetown bei weitem Monrovia) von Tanger bis zum Cap an der Westküste von Afrika ist, bemerkenswerth, sondern auch seine eigenthümliche geographische Form zeichnet es vor allen aus. Freilich hat es nicht das schöne, städtereiche und an Naturproducten ausgezeichnete Hinterland wie Lagos, aber trotzdem wird durch seine ganz ausserordentlich vortheilhafte Lage Sierra Leone immer Hauptsitz der Regierung bleiben.
Das Erste was sich unseren Blicken genauer präsentirte, ist ein kleiner Leuchtthurm, auf einer Halbinsel liegend, welche selbst mit ihrem ewigen Grün für sich ein kleines Eden bildet; gleich darauf hat man das prachtvolle Missionsgebäude der Engländer vor sich, von üppig prangendem Grün umgeben, und einige Schritte weiter entrollt sich die ganze Stadt vor unseren Blicken, amphitheatralisch ans Löwengebirge hinaufgebaut.
Die vielfarbigen Häuser, meist von hochgiebeligen Dächern, was für ihr Alter spricht, überragt, die Verschiedenartigkeit des Baustyls, Brückenanlagen, welche über tief einschneidende Ravins führen, grossartige Kirchen und andere öffentliche Gebäude, als: der Sitz des Gouverneurs, verschiedene Casernen und Hospitäler, einige Verschanzungen nach der Seeseite zu—dies Alles untermischt vom tiefen dunklen Grün der Tropennatur, aus der hie und da die schlanken, schaukelnden Zweige der Cocospalme in hellem Saftgrün emporschauen—dies imposante Schauspiel sagt einem selbstredend, dass man die Hauptstadt der englischen Besitzungen an der Westküste von Afrika vor sich hat. Im Hintergrunde der Stadt erheben sich die schwarzen dichtbelaubten Berge, hin und wieder leuchtet aus ihnen eine blendend weisse Villa der reichen Europäer oder Neger hervor; auf den Gipfeln der Berge lagerten, wie wir schon anführten, schwere dunkle Wolken. Im Vordergrunde war vor uns der wunderherrliche Hafen, durch die Mündung des Sierra-Leone-Flusses gebildet. Was Grösse und Sicherheit anbetrifft, sucht er seines Gleichen an der ganzen Küste. Die grossen Schiffe aller Nationen, zwischen denen die kleinen Canoes einen geschäftigen Verkehr, sowie mit der Stadt etablirt hatten, brachten dem ganzen Bilde Leben bei.
Indem wir dies grossartige und doch so reizende Panorama betrachteten und bewunderten, liess der "Calabar" mit lang dauerndem Gerassel seine Anker fallen. Er hätte zwar noch näher ans Land gehen können, aber uns war es so gerade lieber, weil wir, je weiter wir vom Quai lagen, um so weniger vom Gesammtbilde verloren.
Am folgenden Tage liess ich mich aus Land rudern, um die Stadt selbst näher in Augenschein zu nehmen. Ich hatte auch einen Empfehlungsbrief für Herrn Rosenbusch, der, Hamburger von Geburt, als holländischer Consul fungirt. Leider fand in der Angabe des Briefes eine Verwechselung statt, so dass ich nicht von der allbekannten Gastlichkeit seines Hauses profitiren konnte; indess hatte ich später den Vortheil den Herrn kennen zu lernen, indem er am folgenden Tage mich an Bord besuchte, und überdies die Güte hatte, mich mit neuen Büchern, unter anderen dem ganzen letzten Jahrgang der Petermann'schen Mitteilungen zu versorgen.
Freetown oder, wie man gewöhnlich schlechtweg sagt, Sierra Leone, obgleich letzteres eigentlich der Name der ganzen Halbinsel ist, hat durchaus schwarze Bevölkerung, denn die wenigen Weissen, aus dem Gouvernement, einigen Consuln und Kaufleuten bestehend, bemerkt man fast gar nicht. Die Schwarzen, ursprünglich von freigelassenen Sklaven herstammend, welche die Engländer den Spaniern, Portugiesen und Nordamerikanern abkaperten, bilden die gemischteste Bevölkerung, die man sich denken kann, und hier war es, da es Leute fast aus allen Theilen Afrikas giebt, wo Koello seine bekannte Polyglotta zusammenstellte. Dennoch hat die englische Sprache eine gewisse Einheit in die Bevölkerung gebracht, indem sie, obgleich corrumpirt gesprochen, jetzt als Medium zwischen den unter sich fremden Negerstämmen dient. Es giebt hier zahlreiche Missionen der verschiedenen protestantischen Bekenntnisse, auch die Katholiken haben eine Anstalt hier gegründet, und wie man mir sagte, machte eben die letztere verhältnissmässig am meisten Proselyten. Es ist dies auch wohl möglich, denn sobald die Priester der römischen Religion Fanatismus and Unduldsamkeit bei Seite legen, ist es sehr denkbar, dass dieser Gottesdienst dem augenblicklich noch auf niedriger Culturstufe stehenden Neger eher einleuchtend ist, als der abstracte Dinge glaubende und so zu sagen nicht handgreifliche evangelische Gottesdienst; gerade der katholische Bilderdienst ist ja im Grunde genommen so verwandt mit dem Fetischismus der Neger, dass er eben desshalb eine grössere Anziehung ausüben muss. Kirchen und Schulen fehlen natürlich in Sierra Leone nicht, und die jungen Kaufleute und Buchführer dieser Colonie sind an der ganzen Küste gesucht und bekannt. Es kommt auch deshalb oft genug vor, dass junge Leute, die ursprünglich auf Kosten und Mühen der Missionen gute Bildung und Erziehung bekommen haben, um als Pfarrer oder Lehrer zu wirken, sich von ihrem erhabenen Beruf durch die Verlockung, einen grösseren Gehalt zu bekommen, abwendig machen lassen, und so die Früchte einer langjährigen Arbeit für die Missionen verloren gehen. Zum Theil mag das aber auch wohl darin liegen, weil eben schwarze Prediger und Lehrer, pecuniär bedeutend geringer gestellt sind als die weissen, obgleich manchmal das Wissen zu Gunsten der ersteren sein dürfte.
Die Strassen der Stadt sind sehr gerade und ausserordentlich breit angelegt, dennoch könnte man mehr für den Gesundheitszustand derselben thun, wenn man die breiten, mit hohem Gras, Gebüsch und Palmen bestandenen Ravins, welche die Stadt durchziehen und die eine Wiege böser Ausdünstung sein müssen, verschwinden lassen würde. Zudem, da Polizei genug vorhanden ist, brauchte man auch nicht Schweine, Schafe und Ziegen frei auf den Strassen herumlaufen lassen. Die Häuser sind meist, namentlich die neuen, grossartig und luftig gebaut, und benutzt man zur Construction jetzt meist gebrannte Ziegelsteine, statt wie früher Holz, welches letztere dem Temperaturwechsel, in der trockenen Jahreszeit einer excessiven Hitze, in der nassen einer alles durchdringenden Feuchtigkeit schlecht widersteht. In den Strassen wie am Hafen herrscht ein reges Treiben, man begegnet jungen schwarzen Dandies mit weissen Glacéhandschuhen, zu Pferde ihre Promenade machend, fast alle haben nach neuester Mode eine Brille über dem Nasenrücken, oder doch an einem Bändchen herunterhängen, viele haben einen Fächer; die Damen zeigen, wie der demi monde auf den Boulevards, ihre extravaganten Toiletten, entweder lange Schleppkleider, bei denen sie den Vortheil vor dem europäischen beau monde haben, sich ohne grosse Kosten einen kleinen schwarzen Pagen zum Nachtragen der Schleppe halten zu können, wesshalb die Haken und Oesen zum Aufhängen des zu Langen in Sierra Leone auch nie werden eingeführt werden—oder kurze Röckchen, wobei natürlich das schwarze Beinchen durch blendend weisse Strümpfe und Schnürstiefelchen mit chinesischem Absatz zu einem vollkommenen Pariser umgewandelt wird. In den Cafés sieht man ältere und gesetztere Neger, oft schon weisshaarig, bei einem Glase Porter oder Brandy mit ebenso grossem Interesse die Sierra-Leone-Zeitung oder eine veraltete Times lesen, wie es bei uns die Kannegiesser zu thun pflegen und Morgens, wenn es frisch ist nach den Begriffen der Bewohner der heissen Zone, d.h. wenn das Thermometer zwischen 20 und 25° schwankt, kann man sicher sein, wie Abends in Italien auf dem Corso, Alles promeniren zu finden. Ein feiner junger Engländer, in Sierra Leone geboren oder nicht, unterhält sich vielleicht mit einer schwarzen Schönen vom Balle am vergangenen Abend, ein eleganter krauslockiger Neger lustwandelt mit einem weissfarbigen Blondköpfchen, ihr ein Gedicht von Byron vorsagend, oder vielleicht selbst Verse improvisirend.
Für Europäer ist indess der längere Aufenthalt in der Stadt einer der verderblichsten an der ganzen Küste: Consul Rosenbusch erzählte mir, dass man die Erfahrung gemacht habe, die ganze weisse Bevölkerung, circa 200 Seelen stark, sei innerhalb neun Jahren einmal ganz ausgestorben. Die dort gebornen Weissen scheinen indess das Klima besser zu ertragen, jedenfalls eben so gut, wie die Schwarzen. Ueberdies scheint, dass, wie an der ganzen Westküste so auch in Sierra Leone, eine Verbesserung in climatischer Hinsicht stattfindet.—Der Handel von Sierra Leone, wie schon die vielen grösseren im Hafen liegenden Schiffe andeuten, ist sehr bedeutend, und namentlich wird von hier ein bedeutender Zwischenhandel mit der ganzen Westküste von Afrika vermittelt. Hauptartikel dieses Zwischenhandels ist die Goro- oder Kola-Nuss, deren sich die Neger wie wir des Kaffees bedienen, indem sie dieselbe kauen. Die Kola-Nuss kommt von Gondja und wird hauptsächlich durch Mandingo-Neger aus dem Inneren zur Küste geschafft und geht dann von Sierra Leone einerseits nach dem Gambia- und Senegal-Flusse, andererseits bis nach Lagos, um von diesen Punkten aus wieder ins Innere versandt zu werden.
Auch hier bekamen wir wieder mehrere Passagiere, Schwarze und Weisse, und unter letzteren waren einige Franzosen. Am folgenden Tage blieben wir noch bis Abends 5 Uhr, dann lichteten wir wieder die Anker. Das Wetter war, obgleich von heftigen Regenschauern begleitet, dennoch sehr heiss, so dass, als ich Nachts mein Thermometer auf Deck exponirt liess, dasselbe Morgens vor Sonnenaufgang noch 27 Grad Cels. zeigte. Wir machten hier die interessante Beobachtung, dass wir alle manchmal ausgezeichnete Schlaftage hatten, d.h. dass, wenn man Morgens wie üblich fragte, wie haben Sie geschlafen? Alles antwortete, ausgezeichnet! Denn hin wiederum waren andere Nächte, wo kein Mensch schlafen konnte, ohne dass man dann dafür eine bestimmte Ursache angeben konnte. Ich denke indess, dass dies jedenfalls wohl mit der mehr oder weniger stark geschwängerten electrischen Luft der Regenzeit in Verbindung zu bringen sein dürfte.—Je mehr Passagiere wir bekamen, um so schlechter wurde natürlich für uns die Einrichtung, obgleich man immer noch besser daran war, wie auf dem Seebade der Bremer, Norderney, wo z.B. in der Saison von 1867 auf 2500 Badegäste nur 20 Kellner waren, während wir auf 60 Passagiere doch 10 Aufwärter hatten, und so wird man finden, dass die Engländer und Neger, letztere waren es hauptsächlich, die über mangelhafte Bedienung klagten, im Grunde genommen gar keine Ursache dazu hatten. Eher Recht hätten sie gehabt sich über die Küche zu beklagen, die als echt englisch gar nicht zu verdauen war: das Fleisch war immer nach Art der Negerküche zubereitet, d.h. halb gar, das Gemüse war durch eine Decoction von heissem Wasser gewöhnlich in geschmackloses Kraut umgewandelt, ein bestimmter Service wurde überhaupt beim Essen gar nicht beobachtet, sondern man lebte in dieser Beziehung wie bei den Beduinen, die auch von der gehörigen Reihenfolge der Gänge und einzelnen Gerichte keine Idee haben. Gewöhnlich setzte man alles zugleich auf den Tisch, und da konnte man von vorn oder hinten anfangen, alles war recht. Unglücklich war der, vor dem ein Braten stand, der die Begierde der Tischgenossen erregte, denn dann war er sicher, dass er gar nicht zum Essen kommen konnte, indem er den Dienst eines Kellners zu versehen hatte, d.h. seine ganze Zeit ging mit Tranchiren verloren.
Wir brauchten 3 Tage um die weite Mündung des Gambiaflusses zu erreichen, und nachdem wir die Spitze des linken Ufers, welche das Cap der heiligen Maria genannt wird, umschifft hatten, warfen wir Abends um 6 Uhr Anker vor Bathurst. Der Platz und die Einfahrt ist beim Gambia sehr bequem, und die Abwesenheit einer Barre vor der Mündung des Flusses, trägt viel dazu bei, die Schifffahrt zu erleichtern, und so fanden wir auch eine Menge grösserer Schiffe hier, meist englische und französische. Die Stadt selbst sieht sonst nur kleinlich aus, und kann namentlich mit Freetown gar keinen Vergleich aushalten. Das Klima am Flusse ist ebenfalls für Europäer äusserst ungesund, und ist Haupthinderniss für Katholiken und Protestanten erfolgreiche Missionen anzulegen, da die meisten Missionäre frühzeitig den bösen Einflüssen der Luft erliegen. Der Handel besteht hier hauptsächlich in Koltsche oder Grundnuss (arachis), von der ein ausgezeichnetes Oel gewonnen wird. Im frischen Zustande schmeckt dieselbe wie eine Kartoffel, alt hingegen und etwas im Feuer geröstet, nussartig. Die Frucht dieser arachis, die in ganz Innerafrika vorkommt, wird hauptsächlich nach Frankreich verschickt und erst dort, meist in Marseille, wird das Oel daraus gepresst, welches in jeder Beziehung so gut wie Olivenöl ist.
Wie in Sierra Leone so kamen auch hier neue Reisende an Bord, unter anderen der Gouverneur der englischen Gambia-Colonie, der, obschon er Admiral war, alle Welt durch sein schlichtes, einfaches Wesen in Erstaunen versetzte: so putzte er sich immer Morgens seine Schuhe selbst, nachdem er zuvor einen grossen Käfig, in welchem er zwei Trompeter (ein grosser afrikanischer Vogel, welcher hauptsächlich in den Urwäldern zwischen dem sogenannten Kong-Gebirge und dem Ocean sich aufhält, die Engländer nennen ihn crownbird) hatte, eigenhändig ausgekehrt hatte.
Wir blieben bis fünf Uhr Nachmittags in Bathurst, nachdem wir Nachts von einem so starken Tornado waren überfallen worden, dass unser ganzes Sonnenzelt über Bord ging; für's Schiff selbst war freilich nichts zu besorgen, denn in Bathurst ist eine vollkommen sichere Rhede. Die Cap Verd'schen Inseln dann westlich liegen lassend, erreichten wir nach fünf Tagen die Canarien. Aber obgleich das Wetter nicht kalt war, hatten wir doch fortwährend Sturm und hohen Seegang, und es war wirklich ein erhabenes Schauspiel, zu sehen, wie der Dampfer gegen dies unermessliche bewegliche Gebirge ankämpfte, jetzt über eine sehr lang gestreckte Welle hinübergetragen wurde, dann aber wieder durch eine kürzere zischend hindurchschoss. Und wenn man sieht, wie der schwache Mensch in einer zerbrechlichen Nussschale diesen endlosen Ocean bekämpft, und mit Erfolg bekämpft und besiegt, dann wird es einem klar, dass nichts Geist und Körper so sehr in Anspruch nimmt als das Seemannsleben: die ganze Laufbahn des Schiffers ist ein unausgesetztes Ringen mit der Natur.—Schon auf zwanzig Meilen vorher sahen wir den Pik von Teneriffa, zuerst ganz klar und wolkenlos, dann aber von einer dichten Wolkenschicht umlagert, so dass nur noch die Spitze herausragte. Am 23. Juni Morgens früh hielten wir vor St. Croce, dem Hauptorte der Insel. Die Spanier, als Herren derselben, hielten uns natürlich in Quarantaine und trieben im Anfange die Vorsicht so weit, dass sie Papiere und Briefe mittelst einer langen Scheere empfingen, und erst nachdem sie Alles, was vom Calabar ihnen zugekommen war, ins Seewasser getaucht, ihrer Meinung nach desinficirt hatten, wagten sie es, die Papiere in die Hände zu nehmen. Natürlich war es unter solchen Verhältnissen Niemand gestattet ans Land zu gehen, ebenso wenig durften wir Jemand empfangen. Vermittelst einer Summe Geldes, ich glaube 25 Francs, wurde indess später gestattet, dass wir Kohlen einnehmen konnten, ja, es etablirte sich mit uns vermittelst des Quarantainebootes eine Art Obsthandel und wir hatten Gelegenheit uns hier die köstlichsten Weintrauben zu verschaffen. Teneriffa sieht im Ganzen sonst öde aus, selbst die Stadt, ohne irgendwie malerisch zu sein, trägt nichts dazu bei, die kahlen und schroffen Feldpartien interessanter zu machen. Auf dem Gebirge selbst bemerkt man vom Meere aus keine Bäume, obwohl diese Insel wohl nicht ganz ohne diesen Schmuck ist, denn man sieht, dass andere Culturen, als Wein, Obst und Korn, sich hoch an die Berge hinaufziehen.
Das Kohleneinnehmen hielt uns bis 3 Uhr Nachmittags auf, um welche Zeit denn der Calabar mit Dampf und vollen Segeln nordwärts steuerte. Wir hielten dicht neben der Küste, und so lange wir unter dem Schutze der hohen Felsen uns befanden, war es, als ob wir eine Flussfahrt machten, so wie wir indess in die offene See kamen, fing von Neuem das Rollen und Stampfen des Schiffes derart an, dass fast alle Passagiere seekrank wurden. Namentlich stark war von dieser unheimlichen Krankheit eine junge bildschöne Engländerin befallen, welche, von Sierra Leone kommend, um in ihrem Vaterlande den Sommer zuzubringen, unter den Schutz eines ebenfalls in Freetown an Bord gekommenen Marinekapitäns gestellt war. Aber, o armer Gemahl, trotz Wetter und Krankheit wusste unser galanter See-Cavalier seine Angriffe; Liebeserklärungen und Aufmerksamkeiten so geschickt zu leiten, dass er schon in Madeira die reizende verheirathete Blondine vollkommen besiegt hatte. Die ersten sich dort auszuschiffen, kamen sie die letzten wieder an Bord, waren trunken von Bewunderung für die herrliche Insel.
Um 1 Uhr Nachts verkündeten am 25. uns die Kanonen, dass wir bei Madeira angekommen seien, und als wir etwas vor Sonnenaufgang auf Deck erschienen, lag dieser herrliche Smaragd im tiefen blauen Wasser vor uns. Giebt es überhaupt einen entzückenderen Anblick, als diese ewig grüne Frühlingsinsel? Unter der aufgeklärten Regierung der Portugiesen wurde uns hier natürlich kein Hinderniss in den Weg gelegt, um zu landen, und ich glaube alle benutzten die Erlaubniss. Was soll ich sagen von den schönen Gärten, von den schattigen Spaziergängen, von dem eigenthümlichen Leben der dort seit Jahrhunderten lebenden Portugiesen, von den reizenden Aussichten, die sich einem von jedem beliebigen Punkte der Insel darbieten; es ist dies Alles längst bekannt, denn Madeira war und ist noch immer eine Hauptwinterstation für Brustleidende unserer kalten Länder. Das Holloway'sche Hotel bietet den ausgezeichnetsten Comfort, es giebt dort deutschredende Aufwärter, und die Preise sind, obschon es das erste Hotel auf Funchal und ganz Madeira ist, bedeutend billiger als in allen anderen. Der Weinbau fängt auch an sich wieder zu heben, obwohl bis dahin fast nur Cochenille und Zucker gebaut worden war, desshalb ist ächter Madeirawein auch auf der ganzen Insel augenblicklich nicht zu bekommen, man trinkt von Portugal importirte Weine, welche denn auch gewöhnlich den Fremden, wenn sie durchaus darauf bestehen, Madeira trinken zu wollen, als solche vorgesetzt werden.
Leider mussten wir diese paradiesische Insel schon am selben Abend um 6 Uhr verlassen, nachdem wir auch hier noch Passagiere bekommen hatten. Unter anderen war eine junge Landsmännin zugekommen, deren Mann nach einer einmonatlichen Krankheit auf Madeira gestorben war. Obgleich sie durch ihre Bekannte unter den Schutz des vom Gambia mit uns gekommenen Admirals gestellt war, konnte ich es als Deutscher nicht ruhig mit ansehen und unterlassen, sie dem Engländer schon gleich am ersten Tage abwendig zu machen, bei welchem Unternehmen ich freilich mit Zuvorkommenheit von der jungen trauernden Dame unterstützt wurde. Es traf sich merkwürdig genug, dass diese liebenswürdige Frau, in Petersburg geboren, eine Menge von meinen Freunden kannte; im höchsten Grade gebildet, sprach sie mit gleicher Fertigkeit die drei neuen Weltsprachen und war bald neben der blonden jungen Engländerin der Gegenstand der allgemeinen Bewunderung.
Von der sechstägigen Reise von Madeira nach Liverpool führe ich hier nur noch an, dass wir alle, als aus dem heissen Klima der Tropen herkommend, gar nicht auf eine solche Kälte, wie wir sie zu der Zeit hatten, vorbereitet waren. Unsere jungen Negerinnen in ihren leichten Sommerkleidern, wie man sie stets in Afrika zu tragen pflegt, konnten gar nicht mehr auf Deck erscheinen, ein Theil der Herren, ob weiss oder schwarz, suchte immer Schutz und Wärme bei der Maschine, was mich anbetrifft, so half mir meine Landsmännin, welche einen Kleidervorrath von Petersburg bei sich hatte, aus und so russificirt konnten wir Wind und Wogen Trotz bieten, ohne den ganzen Tag in der dumpfen Cajüte die eingeschlossene Luft einathmen zu müssen. Endlich nach einer Fahrt von 4 Wochen sahen wir in Irland zuerst Europa wieder und legten einen Tag später in den Docks in Liverpool bei.
Die verschiedenen Stadtheile, ihre Bauart und die Wohnungen des Sultans.—Das Christenhaus.—Rathsversammlungen.—Aufzüge und Prunk der Grossen.—Leben und Treiben auf dem grossen Markte.—Schwunghafter Sclavenhandel.
Kuka, von den Bewohnern Sudans Kukaua genannt, ist die Haupt- und gewöhnliche Residenzstadt von Bornu. Sie liegt ungefähr dem 13° nördl. Br. und dem 32-1/2° östl. Länge v. F., etwa zwei Stunden vom Westrande des Tsadsees, und ist umgeben von einer ungeheuern steinlosen Ebene. Diese ist zum grössten Theile mit dichter Waldung bedeckt, welche hauptsächlich aus Tamarinden, Mimosen, Hadjilidj (Balanites aegyptiacus), Korna (Rhannus lotus) und Dumpalmen besteht. Blos in unmittelbarer Nähe der Stadt haben die Bäume für die Culturen Platz machen müssen, und zur Regenzeit sind die Stadtmauern von zwanzig Fuss hohen Argum-moro- (Pennisetum distichum) und Ngáfoli- (Sorghum) Feldern umgeben. Allmälig aber, und namentlich gegen das Ende der Regenzeit, wird das ganze umliegende Land Ein Sumpf, und bei anhaltendem Regen steigt der Tsad-See oft so hoch, dass er mit der ganzen umliegenden Gegend Einen Morast ausmacht. Aber auch in Kuka selber ist dann Alles unter Wasser, und die grosse breite Strasse, welche die Stadt der ganzen Länge nach durchschneidet, von den Kukaern "Dendal", d.h. Promenade genannt oder, wie Barth übersetzte, "Königsstrasse", ist dann Ein Wasserbecken von meist 1 bis 1-1/2 Fuss Tiefe.
Die Stadt Kuka, so genannt, weil der Gründer Mohammed-el-Kánemi im Jahre 1814, als er die Stadt anlegte, dort, wo er das erste Haus hinbaute, eine "Kuka" oder Adansonia digitata fand, besteht aus drei Theilen: der Weststadt Billa fute be, der Mittelstadt und der Oststadt Billa gede be.[4] Die Ost- und Weststadt sind mit hohen und guten Mauern aus gehärtetem Thon umgeben und derart aufgeführt, dass man von Innen bequem durch Treppen überall bis nach oben hinaufsteigen kann, während die Aussenwand fast ganz steil abläuft. Die Richtung der Stadt ist, da die beiden ummauerten West- und Osttheile fast rechtwinkelige Vierecke bilden, beinahe von Osten nach Westen.
An öffentlichen Gebäuden besitzt natürlich eine Stadt wie Kuka, deren Baumaterial blos Thon ist, nichts Bemerkenswerthes. Der jetzige Sultan, Scheich Omar, der bei den Kanúri den Titel Mai, d.h. König, führt, residirt in der Oststadt, wo er drei sehr grosse, geräumige Wohnungen hat, die ebenfalls aus Thon gebaut sind und die von ihm abwechselnd bewohnt werden; in den inneren Hofräumen sind ausserdem eine Menge kleiner, birnenförmiger Hütten aus Stroh, für die Weiber und Sklaven. Dicht dabei befindet sich auch eine grosse Moschee, die ebenfalls aus Erdklumpen errichtet ist; in dieser wird Freitags das Chotbah-Gebet, dem der Mai immer im grössten Pompe beiwohnt, abgehalten. In seiner Hauptwohnung befinden sich auch die Grabmonumente seines Vaters Mohammed-el-Kánemi, welcher die jetzige Dynastie der Kanemin gründete, nachdem die der Séfua, welche von etwa 900 Jahren nach Christi Geburt bis zu Anfang unseres Jahrhunderts den Thron innehatten, durch ihn vom Throne gestürzt war. Seinen Bruder Abd-er-Rahman liess er zur Zeit, als Barth und Vogel in Bornu waren, als Empörer and Usurpator erdrosseln. Das Grab des Letztern ist äusserst prächtig und gleicht in dieser Beziehung ganz denen der marokkanischen Kaiser in Mikenes und Fes. Eine andere sehr grossartig angelegte Moschee hat man nicht vollenden können, und so ist sie, ohne Dachschutz, schon wieder ganz zerregnet. In der Weststadt hat der Mai auch eine sehr grosse Wohnung, welche früher hauptsächlich seinem Vater zum Aufenthalte diente; neben ihr befindet sich ebenfalls eine grosse Moschee, welche gut erhalten ist und in der auch des Freitags Chotbah gelesen wird. Der jetzige Sultan residirt indess nur in einzelnen Fällen in der Weststadt und dann immer nur auf einige Tage. In der Weststadt liegt ferner das Christenhaus Fato á¹…ssara be, welches allen europäischen Reisenden, von Barth und Overweg an, als Absteigequartier gedient hat.
In beiden Städten und auch in dem grossen nicht ummauerten Stadttheile giebt es ausserdem eine Menge grosser viereckiger Thongebäude, und zwar in der Oststadt die der Prinzen, der Grossen und Beamten, während in der Weststadt mehr die Kaufleute, die hier aus allen Theilen der bekannten afrikanischen Länder zusammenströmen, ihre Wohnungen und Niederlassungen haben. Das eigentliche Haus des Volkes ist indess die kleine bienenkorbförmige Strohhüte, die gewöhnlich oben mit einem Straussenei oder mehreren geschmückt ist, Ṅgim genannt, und die, wenn mehrere zusammen von einer thönernen Befriedigung umgeben sind, den Namen Fato, Wohnung, haben.
Die Bevölkerung einer Stadt, die als Hauptmittelpunkt des Handels von Innerafrika gilt, muss natürlich eine sehr gemischte sein; am meisten vertreten sind indess die Kanúri oder eigentlichen Bornubewohner, dann die Leute aus Kanem, einem Lande, welches nördlich vom Tsad liegt, endlich die Teda oder Tebu, die zum Theil in Bornu selbst ansässig sind, zum Theil auch aus den ihnen zugehörenden Ländern kommen. Aber ausserdem sind die Búdduma oder Jedina, welche die Inseln des Tsad bewohnen, die Uandala aus den nördlichen Sumpfniederungen am Rande des Mendif-Gebirges durch zahlreiche Colonien in der Hauptstadt vertreten, sowie das weisse Element durch die verschiedenen Túareg-Stämme der südlichen Sahara und durch Araber und Berber repräsentirt wird. Natürlich da alle diese Stämme ihre eigenen Trachten haben, bietet dieses Völkergemisch den buntesten Anblick, den man sich denken kann, obgleich die Hauptstadt, wie alle anderen auch, das Eigenthümliche hat, sehr rasch alle zu absorbiren. Man sieht daher sehr häufig alte Musguweiber mit grossen Narben in der Ober- und Unterlippe. Denn wenn sie es auch in ihrem Vaterlande für schön hielten, in die Lippen sich ein oft mehrere Zoll grosses Stück Holz oder eine Kürbisschale einzuschieben, so schämen sie sich doch dieses Schmuckes, sobald sie längere Zeit in der Capitale gelebt haben, der Art, dass sie die grossen Löcher nach Herausnahme des Tellers durch Wundmachen der Ränder zu vernarben suchen. Ebenso gehen vielleicht die Gebirgsbewohner südlich von Uandala eine Zeit lang ganz nackt, wie in ihrer Heimath, wo ihre ganze Kleidung in dem Blatte irgend einer Feigenart besteht, welches sie vorn an ihrem Gürtel befestigen; aber bald erwacht das Schamgefühl, oder vielmehr die Eitelkeit, es den Anderen gleichzuthun, und sie suchen sich mit irgend einer Art Kleidungsstück zu bedecken.
Kuka ist eine Grossstadt und gleicht in manchen Beziehungen unseren europäischen Hauptstädten. Morgens früh, d.h. um 6 Uhr, sieht man die eigentlichen Kukabewohner noch gar nicht, Alles schläft noch. Indess kommen schon vom Lande, dessen Bewohner sich lange vor Sonnenaufgang auf den Weg machen, um die Stadt bei Zeiten zu erreichen, die Bauern mit Vieh, Butter, Fischen, Korn, Obst und Gemüsen. Laut ihre Waaren ausbietend, durchziehen sie die Strassen, und nun erheben sich die Frauen Kukas, um für den täglichen Bedarf einzukaufen. Zuerst wird aber sorgfältig die Hütte und der Hofraum ausgekehrt, und dann macht jede ihre Toilette am Brunnen, der fast bei keinem Hause fehlt. Denn so eitel die Kanúrifrauen auch sind, so reinlich sind sie andererseits. Die Männer, welche ein Handwerk treiben gehen nun ebenfalls ans Geschäft, nachdem sie zuvor jedoch ein frugales Frühstück eingenommen haben, welches in der Regel aus Negerhirsebrei mit einer stark gepfefferten Adansonienblattsauce besteht. Selten wird des Morgens Fleisch genossen. Die meisten Gewerke werden wie in allen heissen Ländern unter Schoppen in den Strassen oder auf den öffentlichen Plätzen betrieben, Baumwollspinnereien, Indigobereitung, grosse Färbereien, um den Kattunen die so sehr beliebte dunkelblaue Farbe zu geben, Ledergerbereien, Klopfanstalten, in denen eine Menge junger Neger und Negerinnen beschäftigt sind, um durch Klopfen mit einem hölzernen Hammer der Tobe oder Kulgu Glanz zu verleihen, endlich Schuster, Schneider, Klempner, Schmiede, Schreiner, Sattler, Schwertfeger etc., Alles arbeitet im Freien. Die gegen Mittag eintretende Hitze gestattet aber Keinem, länger als bis 11 Uhr den Geschäften nachzugehen.
Gegen 8 Uhr erheben sich auch die Grossen und die reichen Kaufleute. Jene begeben sich in ein Vorgebäude oder in einen äussern Hof ihrer Wohnung, um ihre zahlreichen Clienten zu empfangen, um Stadtneuigkeiten zu hören und um etwaige Angelegenheiten unter den Hausangehörigen zu ordnen, Der Kaufmann hingegen begiebt sich auf den Dendal oder auf einen ihm zunächst liegenden Platz und tauscht hier mit Seinesgleichen Neuigkeiten aus, oder mustert die Vorübergehenden.
Das eigentliche Leben beginnt aber um 9 Uhr; jeder Prinz, jeder Beamte, und darunter namentlich die Cognaua (Plural von Cogna) oder Räthe, welche die Rathsversammlung oder Nókna, die alle Morgen in der Wohnung des Mai stattfindet, bilden, begeben sich mit grossem Gepränge, von vielen Sklaven und Clienten begleitet, zur Wohnung des Sultans. Da kommt auf einem prächtigen Berberhengste, der vielleicht mit zwanzig Sklaven bezahlt worden ist, ein nächster Verwandter des Sultans; sein Pferd hat einen silbernen Kopfhelm und einen reichen seidenen Ueberwurf, der Sattel, bei den Vornehmen meist mit hohen Lehnen, wie bei den Arabern, ist in der Regel von echtem blauen oder rothen Sammt, worauf Arabesken von Gold gestickt sind, überzogen; eine eben so kostbare Schabracke und Zügel aus feinen Lederstreifen zusammengeflochten, vervollständigen das Ganze. Der Reiter trägt meist nach Art der Tuniser Kaufleute einen Anzug aus Tuch und Seide, jedoch sind nur sehr wenige mit einem Turban versehen, meist begnügen sie sich mit einem rothen Fes. Und sobald er vor dem Sultan sich befindet, hat nur der Prinz von Blut und die Cognaua die Erlaubniss, den Fes aufzubehalten, alle anderen, selbst die Generäle und Minister, müssen barhaupt und barfuss erscheinen. Vor ihm her laufen seine Waffenträger und rufen Jedem zu, Platz zu machen, während hinterher noch Spiessträger und ein ganzes Gefolge von Sklaven trabt. Mit weniger grossem Aufzuge reiten die Beamten, höheren Offiziere und Räthe, alle lieben es aber, ein so grosses Gefolge wie möglich zu haben, jedoch darf ihr Pferd weder Silberplatten noch Seidentroddeln tragen. Dies ist ausschliessliches Vorrecht der königlichen Familie und vielleicht eines fremden Gesandten.
Alle diese Aufzüge gehen im schnellsten Trabe durch die Stadt. Was liegt dem Grossen daran, ob seine hinterhertrabenden Sklaven keuchen und husten, er kümmert sich nur um sich und achtet nur den, welcher im Range über ihm steht. Sobald alle in den geräumigen Sälen des Fürsten versammelt sind und sich gesetzt haben, ertönen die grosse Trommel und mehrere Pfeifen und andere Instrumente, für die wir keinen Namen haben, von denen eins jedoch unserm Dudelsacke gleicht und einen clarinetartigen Ton abgiebt. Jetzt betritt, von Eunuchen umgeben, der Mai die Versammlung, und während sich die Verschnittenen zurückziehen, nimmt er Platz auf einer Erhöhung, die mit schönen Smyrnaer Teppichen überdeckt ist. Die ganze Versammlung, welche sich beim Eintritt des Mai erhoben hat, lässt sich nun auch nieder, und jeder Einzelne kann dann den Mai begrüssen, kann Beschwerden vorbringen und Gesuche einreichen; die speciell Bevorzugten dürfen auch die Hand küssen. Dies thun indess eigentlich nur Schürfa (Abkömmling des Propheten, deren es immer eine Menge aus Mekka und Medina kommende in Kuka giebt). Die alten Cognaua haben so grosse Ehrfurcht vor ihrem Fürsten, dass sie ihm gar nicht ins Gesicht sehen, wenn sie mit ihm reden. Und früher zur Zeit der Sefua-Dynastie war es Gebrauch, wie das heute noch im Königreiche Mándara Sitte ist, dass alle beim Könige Versammelten demselben den Rücken zukehrten, um nicht vom Glanze des königlichen Antlitzes geblendet zu werden. Der Mai allein ist bewaffnet; zur Seite hat er zwei mit Silber beschlagene Pistolen liegen, manchmal auch noch einen Karabiner; vor ihm liegt ein kostbares silbernes Schwert, Geschenk der Königin Victoria[5]; alle anderen aber müssen, ehe sie die Wohnung des Mai betreten, draussen ihre Waffen zurücklassen. Die Versammlung dauert meist bis 11 Uhr, wo der Sultan durch seinen Rückzug das Zeichen zum Auseinandergehen der Versammlung giebt. Ehe sie jedoch die Wohnung verlässt, gruppiren sich drei oder vier um eine Fleischschüssel, Geschenk des Sultans, der ihnen manchmal auch während der Versammlung Goronüsse präsentiren lässt. Die Reste in den Schüsseln sind immer für die Sklaven.
Sobald sich die Grossen mit ihren Gefolgen wieder in ihre Wohnungen zurückbegeben haben, nimmt die Stadt einen todten Anstrich an. Die grosse Hitze erlaubt um diese Zeit keine Geschäfte und Arbeit, Alles zieht sich in die kühlsten und innersten Gemächer der Wohnung zurück, oder sucht einen dichtschattigen Baum auf, um sich dem Schlaf, und dem Nichtsthun hinzugeben.
Erst um 3 Uhr Nachmittags wird die Stadt wieder belebt, der Markt fängt an. Ich spreche hier nicht von dem grossem Markte, der jeden Montag vor den Thoren der Weststadt abgehalten wird, sondern von dem, der alle Tage in der Stadt selbst stattfindet. Aber wenn ich sage, es wird nur Ein Markt abgehalten, so muss man darunter nicht verstehen, dass derselbe an nur Einem bestimmten Orte wäre, im Gegentheil, um 3 Uhr Nachmittags ist die ganze Stadt ein Markt; Hauptpunkte bilden freilich der westliche Dendal der Weststadt, dann der Ṅgimgsegeni-Dendal und der Platz am Westthore der Oststadt.
Nur wer selbst dem Leben und Treiben in den Negerstädten mit beigewohnt hat, kann sich einen Begriff davon machen, wie es auf diesen Märkten hergeht. Man findet Alles, was zum Leben nöthig ist. Hier stehen grosse lederne Botta, weiche Butter enthalten, die natürlich immer flüssig ist, dort hacken die Metzger Fleisch, hier stehen Säcke mit Getreide, dort liegen Koltsche und Ngángala Erdnüsse, die einen kastanienartigen Geschmack haben. Melonen, Pasteten, Kornafrüchte (Lotus) und die bitteren äusserlich einer Dattel ähnlichen Früchte des Hadjilidj-Baums, selbst viele andere wilde Waldfrüchte werden ausgeboten, nicht zu vergessen die herrliche Gunda oder Melonenbaumfrucht, welche in den letzten Jahren aus dem Sudan ihren Weg bis an den Tsad-See gefunden hat. Aber auch gekochte Speisen findet man, um lodernde Feuer sieht man an kleinen hölzernen Spiessen grosse Stücke Fleisch braten, oder auch nach Art der Araber auf Kohlen backen. Wenn es gehackt und stark gewürzt ist und dann um Stäbchen geklebt und über Kohlen gar gemacht wird, bezeichnen sie es als Gúmgeni. Dies ist das, was die Araber Kiftah nennen. Auch kleine Brötchen, für einige Muscheln das Stück, sind zu haben, und damit ja nichts für den Gaumen fehle, findet man eine ganze Budenreihe, wo blos Goro- oder Kola-Nüsse verkauft werden. Aber wie manche arme Schlucker muss sich mit dem blossen Anblick genügen! Die Goro-Nuss, die nach Kuka von der Westgegend Afrikas über Kano kommt, wird durch diesen Transport so theuer, dass man manchmal das Stück mit 1000 Muscheln und mehr bezahlen muss, d.h. nach unserm Gelde mit etwa 9 Silbergroschen. Die übrigen Lebensmittel sind jedoch in Kuka so billig, dass ein Mann bequem seine Familie einen Monat lang mit 1000 Muscheln ernähren kann.
Interessant sind die Buden, welche europäische Artikel ausbieten: Perlen, Seidenzeuge, Kattune, Spiegel, Porzellanwaaren, Nadeln, Messer, grobes Schreibpapier und andere kleine Artikel. Namentlich in Perlen findet man eine erstaunlich grosse Auswahl, und man hat berechnet, dass die venetianischen Glasperlenfabriken für die schwarzen Damen eben so viele Perlen fabriciren, als es die böhmischen jetzt für die weissen Modedamen thun. Auch alle Handwerke findet man auf dem Markte vertreten, namentlich fehlt es nicht an Pferdegeschirr und Sätteln, denn jeder auch nur einigermassen bemittelte Mann in Kuka hat sein Reitpferd und einen Sklaven. Trödelbuden und Kleidermagazine sind natürlich auch vorhanden, denn wie bei uns kauft sich ein Kuka-Stutzer manchmal ein neues hübsches Gewand, zieht es ein oder ein paarmal an und verkauft es dann dem Trödler, nachdem er es einem neuangekommenen Araberkaufmann vorher auf Borg abgenommen hatte.
Sklaven sind ebenfalls alle Tage zu haben, jedoch von geringerer Sorte. Man findet deren 100 oder 150 ausgestellt, während Montags am grossen Markttage manchmal Tausende unter den Hangars kauern. Der Sklavenhandel wird überhaupt en gros in den Häusern getrieben, indem es z.B. vorkommt, dass ein reicher Kaufmann aus Tripoli oder Kairo seine Waaren oder einen grossen Theil derselben an Einen Mann für eine gewisse Zahl von Sklaven losschlägt, ohne dass diese auf den Markt kommen. Durch den grossen Aufschwung des Sklavenhandels in den letzten Jahren sind die Sklaven bedeutend im Preise gestiegen; so gilt ein hübsches junges Mädchen von 13 bis 16 Jahren bis gegen 50 oder 60 Maria-Theresia-Thaler, ein junger Bursche durchschnittlich 20 Thaler.
Hinter den Sklaven kommt gleich der Ort, wo das Vieh verkauft wird, denn auch Kameele, Pferde, Esel, Rindvieh, Schafe, Ziegen, Hühner etc. sind alle Tage und zwar nach unseren Begriffen zu fabelhaft billigen Preisen zu haben. So ersteht man eine fette Kuh für 2 Maria-Theresia-Thaler, ein gutes Pferd für etwa 12 solcher Thaler, ein Huhn für 50 Muscheln. Man kann aber auch alles mit Waaren kaufen, und wer z.B. europäische Artikel hat, steht sich sehr gut dabei, da diese bedeutend höher abgeschätzt werden, als ihr wirklicher Werth ist. Der Markt dauert bis 6 Uhr Abends, weil dann nach Sonnenuntergang die schnell eintretende Finsterniss jedem Austausch ein Ende macht.
Aber damit hat noch längst nicht das Leben in Kuka ein Ende. Nachdem man vom Markte zu Haus angekommen, wird das Mittagsessen eingenommen und dann machen sich die Leute ihre Besuche. Man giebt sich Rendezvous; namentlich die verheiratheten Leute leben in Kuka auf einem sehr leichtem und ungenirten Fusse. Fast jede hübsche verheirathete Frau hat ihren Cavaliere servente, und selbst die jungen T&