The Project Gutenberg eBook, Untersuchungen Ueber Goethes Faust in seiner Aeltesten Gestalt, by Joseph Collin This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at www.gutenberg.net Title: Untersuchungen Ueber Goethes Faust in seiner Aeltesten Gestalt Author: Joseph Collin Release Date: December 1, 2004 [eBook #14223] Language: German Character set encoding: ISO-646-US (US-ASCII) ***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK UNTERSUCHUNGEN UEBER GOETHES FAUST IN SEINER AELTESTEN GESTALT*** E-text prepared by David Starner and the Project Gutenberg Online Distributed Proofreading Team UNTERSUCHUNGEN UEBER GOETHES FAUST IN SEINER AELTESTEN GESTALT. I. Der erste Monolog und die Erdgeistscene. INAUGURAL-DISSERTATION ZUR ERLANGUNG DER DOCTORWUERDE BEI DER HOHEN PHILOSOPHISCHEN FAKULTAET DER GROSSH. LUDEWIGS-UNIVERSITAET GIESSEN EINGEREICHT VON J. COLLIN. Giessen, 1892. VORBEMERKUNG. Zuletzt sind die Verdienste sein und unser sind die Fehler. (Hebbel im Prolog zu Goethes hundertjaehriger Geburtstagsfeier.) Durch die Auffindung der Goechhausenschen Abschrift des Faust ist fuer die Faustforschung ein fester Boden geschaffen worden. Wir haben jetzt einen bestimmten Bestand von Scenen vor uns, von denen wir wissen, dass sie vollendet waren, als Goethe Ende 1775 nach Weimar kam. Nicht ausgeschlossen ist allerdings, dass nicht auch noch anderes, Entworfenes, kurz Angedeutetes, vielleicht gar mehr oder weniger Ausgefuehrtes in jener eigentuemlichen Urhandschrift vorhanden war, die Goethe an der bekannten Stelle seiner Italienischen Reise unter dem 1. Maerz 1788 beschreibt[1]. Man darf wohl als sicher annehmen, dass dieses Manuscript der Abschreiberin nicht zugaenglich war, sondern ihr eben auch nur eine Abschrift vorlag, die der Dichter daraus zum Vorlesen oder zur Verbreitung in Freundeskreisen angefertigt hatte, wobei natuerlich nur ausgefuehrte Scenen aufgenommen wurden. Aber noch einen anderen Gewinn hat Erich Schmidts Fund uns gebracht. Ein gluecklicher Zufall macht es hier einmal moeglich, auf die bis dahin geuebte Faustforschung die Probe zu machen. Dabei hat sich denn fuer jeden, der sich nicht dagegen verblendet, ergeben, dass die Methode dieser Forschung einer gruendlichen Nachpruefung beduerfe. Man hatte ohne weiteres eine anderswo beliebte, schon an und fuer sich bedenkliche Methode auf den Faust angewandt und mit ihr, sehr wenig im Geiste des Dichters, dem ein Zerteilen und Zerstueckeln ganz und gar nicht gemaess war, sein Werk, das ja allerdings mit doppelter Unterbrechung zu verschiedenen Zeiten begonnen, weitergefuehrt und vollendet worden ist, noch ausserdem in verschiedene, angeblich nicht zusammengehoerige Teile zerrissen. Die ganze Einseitigkeit dieses Verfahrens offenbart sich besonders in der Art, wie z.B. Scherer den Eingangsmonolog zerpflueckt. Wir sind nun belehrt, dass wir ein Gedicht noch von anderen Gesichtspunkten aus betrachten muessen als den aeusserlichen des Stils und des Metrums, dass wir tiefer und liebevoller in den Gedankengang des Dichters eindringen muessen und nicht sofort, wenn uns das Verstaendnis einer Stelle oder des Zusammenhangs nicht klar entgegentritt, es dem Dichter zurechnen und Widersprueche, aufgegebene Plaene u.a.m. annehmen duerfen. Erst durch tiefes Eindringen in das Kunstwerk ist aus ihm selbst die Methode seiner Betrachtung und Erklaerung zu gewinnen: es ist verfehlt, irgend eine anderswo zu entnehmen und sie, ohne die Eigenart des Werkes zu beachten, darauf zu uebertragen. Im folgenden soll der Versuch gemacht werden, den aeltesten Faust auf seinen Gedankengehalt zu pruefen, ihn mit den uebrigen Werken des Dichters und sonstigen Aeusserungen seines Geistes aus jenen Jahren in Verbindung zu setzen und so einen Ueberblick ueber die geistige Entwicklung des jungen Goethe zu gewinnen. Von hier aus wird sich denn die Moeglichkeit ergeben, die Entstehungszeit der einzelnen Scenen naeher zu bestimmen, vor allem aber hineinzublicken in das schoepferische Innere des Dichters, um ihn bei dem Schaffen seiner Gestalten zu belauschen. Was soll es dagegen viel helfen, wie man es gethan hat, einen Haufen Parallelstellen aus seinen und seiner Zeitgenossen Werken hinzuschuetten und nur aus dem rohen Gleichklang der Worte, der Aehnlichkeit der Bilder, die Gleichzeitigkeit von einzelnen Scenen mit jenen zu beweisen? Eine Geschichte des Geistes des Dichters, seiner inneren Entwicklung muss versucht, seine Beruehrungen und seine Verwandtschaft mit den Geistern seiner Zeit aufgedeckt, die Gedanken des Dichters in ihrer Zugehoerigkeit zu seinen und seiner Zeit Gedankenkreisen betrachtet werden. Das Gewebe darf nicht zerrissen, vielmehr muss seinem inneren Zusammenhang, dem Verlauf der Faeden eingehend nachgeforscht werden. Der Eingangsmonolog, die Erdgeistscene, die Wagner- und die Schuelerscene, die Scene in Auerbachs Keller, ein grosser Teil der Gretchentragoedie sind jetzt als ein Werk des jungen Goethe erwiesen. Der aelteste Faust tritt also damit als ein wichtiges Glied in die Reihe der Jugendwerke ein. Sein innerer Zusammenhang mit jenen soll daher im folgenden nachgewiesen und so ein fester Boden gewonnen werden zur Erklaerung und zeitlichen Festsetzung der einzelnen Hauptteile des aeltesten Faust, ueber deren Entstehungszeit auch jetzt noch eine grosse Unklarheit herrscht. Auch die zeitgenoessische Litteratur ist dabei heranzuziehen, vor allem der geistesverwandte Herder, dessen Verhaeltnis zu seinem grossen Schueler ebenfalls der Klarstellung bedarf. Endlich wird dann auch die Untersuchung ergeben, welches der Grundgedanke der aeltesten Dichtung sei, und von hier aus zu pruefen sein, ob der Dichter in den spaeteren Fortsetzungen damit eine wesentliche Aenderung vorgenommen, oder ob er in gleichem Geiste weitergebaut und ausgebaut habe. Von der abgeschlossen vorliegenden Untersuchung kann hier nur ein Teil als Probe gegeben werden, der wiederum nur ein Teil der eingereichten Dissertation ist. Das Weitere wird bei naechster Gelegenheit folgen. Goethes Werke u.s.w. sind angefuehrt nach der Weimarischen Ausgabe, soweit sie bis jetzt erschienen ist; (G. Werke herausgeg. im Auftrage der Grossherzogin Sophie von Sachsen; Weimar. Boehlau: 1) Werke. 2) Naturwissenschaftl. Schriften. 3) Tagebuecher. 4) Briefe)--ferner nach Hirzels Sammlung: Der junge Goethe. Seine Briefe und Dichtungen von 1764-1776. Mit einer Einleitung von Michael Bernays. 3. Teile. Leipzig; Hirzel.--(D.j.G.) Die Gespraeche nach Biedermann: Goethes Gespraeche, Bd. 1-9. Leipzig. F.W. v. Biedermann 1889-1891. Die Frankfurter Gelehrten Anzeigen (F.G.A.) nach dem Neudruck Seufferts in den deutschen Litteraturdenkmalen des 18. Jahrhunderts. No. 7 u. 8. Goethes Anteil an Lavaters Physiognomik nach E. von der Hellen, Goethes Anteil an Lavaters Physiognomischen Fragmenten. Frankfurt a. M. Litterarische Anstalt Ruetten und Loening 1888.--(v.d.H.) Im uebrigen Goethes Werke nach der bei Hempel erschienenen Ausgabe (darin in Teil 20-23 v. Loepers Commentar zu Dichtung und Wahrheit.) Herders Werke nach der von Suphan besorgten Ausgabe (Berlin, Weidmannsche Buchhandlung; seit 1877.) Hamanns Schriften nach der Ausgabe von Fr. Roth; Berlin bei G. Reimer 1821 ff. UNTERSUCHUNGEN UEBER GOETHES FAUST IN SEINER AELTESTEN GESTALT. Goethes Faust in seiner aeltesten Gestalt, wie er uns jetzt seit Erich Schmidts gluecklicher Entdeckung der Goechhausenschen Abschrift vorliegt[2], zerfaellt in drei deutlich zu scheidende, unmittelbar auf einander folgende Hauptmassen. Es sind: 1) Der erste Monolog Fausts mit der Erdgeistscene: (V. 1-168 = 354-521). 2) eine Reihe von Scenen, die mit einander gemein haben, dass sie auf akademische Zustaende ein satirisches Licht werfen. Die erste von ihnen zeigt uns den Professor Faust mit seinem Famulus Wagner: sie ist unmittelbar mit der ersten Hauptmasse verbunden. (V. 109-248 = 522-605.) Darauf folgt jedoch ohne anderen als inneren Zusammenhang die Schuelerscene. (V. 249-444 = 1868-2050). Der Teufel in des Professors Maske belehrt den jungen Studenten. Eine dritte Scene (V. 445-452, von da in Prosa. Z. 1-210 mit Liedern untermischt = V. 2073-2336) fuehrt mitten hinein in das rohe, geistlose Treiben akademischer Jugend. Doch gehoert die Scene in Auerbachs Keller im uebrigen in einen neuen Zusammenhang; sie ist die erste Station auf Fausts Welt- und Lebensfahrt. In diese Scenenreihe haette, wenn sie ausgefuehrt worden waere, die Disputationsscene gepasst. (Paralip. 11. 12.)[3] Der Doctorschmaus (V. 1712) haette sich an sie angeschlossen. Jedenfalls hatte also der Dichter urspruenglich dem akademischen Leben und Treiben, auf dessen Boden ja sein Held zunaechst stand, von dem er losgerissen werden sollte, eine ausfuehrlichere Behandlung zugedacht. 3) Die Gretchentragoedie, das im aeltesten Faust am meisten ausgefuehrte und daher auch raeumlich bedeutendste Stueck; sie beginnt mit der ersten Begegnung von Faust und Gretchen und endet mit der Kerkerscene. (V. 458-1435; danach zwei Scenen in Prosa Z. 1-66 und 1-112, unterbrochen durch die Verse 1436-1441; = 2605-3216; 3342-3369; 3374-3659; 3776-3834. Z. 1-81; 4399-4612.) Eine einzige Scene des aeltesten Faust wurde spaeter ganz fallen gelassen; es ist die kleine Uebergangsscene vor der Gretchentragoedie (Landstrasse. 453-456); alle uebrigen finden sich, wenn auch teils veraendert, teils umgedichtet im Fragment von 1790[4] und in der Ausgabe von 1808 wieder. 1. Der erste Monolog und die Erdgeistscene. Die erste Hauptmasse gliedert sich wieder in verschiedene Teile; naemlich V. 1-32 = 354-385; eine Art von Prolog, um uns ueber Vorgeschichte und Sage Fausts aufzuklaeren.--V. 33-65 = 386-418; ein lyrischer Erguss, der Fausts Sehnsucht nach der Natur und seiner Erkenntnis, in welch unnatuerliche Verhaeltnisse er selbst eingeschlossen sei, tief empfundenen Ausdruck verleiht.--V. 66-106 = 419-459: Faust wendet sich dem Zauberbuch zu; die Wirkung des Zeichens des Makrokosmus.--V. 107-160 = 460-513: Die Erdgeistscene. Darauf folgen als Abschluss und Uebergang zu der Wagnerscene die Verse 161-168 = 514-521. In welchem Zusammenhang stehen nun diese vier Teile? Was enthalten sie? Was kann ihr Inhalt uns sagen, um die Zeit ihrer Entstehung naeher zu bestimmen? Der erste Teil haelt sich in der Hauptsache an die Ueberlieferung der Sage von Dr. Faust, wie sie uns im Volksbuch[5] und Volksschauspiel[6] entgegentritt. Faust hat alle Wissenschaften durchstudiert, ohne Befriedigung fuer seinen Erkenntnisdrang zu finden; er hat sich darum der Magie ergeben, um auf diesem Wege zu seinem Ziele zu gelangen. Er haelt im Anfang eine Ueberschau ueber seine Studien, es ist dies ein Motiv, das in der Litteratur durchaus volkstuemlich geworden war. Im aeltesten Volksbuch (1587) ist Faust urspruenglich Theologe, um dann Dr. Medicinae, Astrologus und Mathematicus zu werden; ebenso in dem spaeteren Auszug des christlich Meinenden. Im Volksschauspiel hat er jede Fakultaet und alle nur denkbaren Wissenschaften studiert. Bei Marlowe zuerst, dessen Dr. Faustus Goethe nicht kannte, werden die Wissenschaften einzeln aufgezaehlt, geprueft und verworfen. Aehnlich findet sich das Motiv in dem Spiel von Frau Jutten verwertet, ebenso auch z.B. bei Andrea in dem guten Leben eines rechtschaffenen Diener Gottes (mitgeteilt von Herder in den Briefen das Studium der Theologie betreffend,[7]) S. 103 und mit Fischartischer Wortspielerei Seite 108. Urspruenglich schloss es sich an das Trivium und Quadrivium, spaeter an die vier Fakultaeten an. Dies alte volkstuemliche Motiv zu benutzen, lag dem Dichter um so naeher, da er aehnliches selbst erlebt hatte. Auch er hatte sich in allem Wissen umhergetrieben; in Strassburg hatte er sich neben seinem Fachstudium mit der Medizin beschaeftigt. Seine Dissertation beruehrte sich mit dem Gebiete der Theologie. In Frankfurt nahm er dann unter Hamanns und Herders Einfluss am Bibelstudium wie an theologischen Zeitfragen lebhaften Anteil. Das beweisen eine Reihe Recensionen in den Frankfurter Gelehrten Anzeigen des Jahres 1772, vor allem die beiden theologischen Schriften, die, im J. 1773 erschienen, zugleich den Abschluss einer religioesen Epoche Goethes bedeuten. Nicht ohne Bedeutung aber fuer die Zeitbestimmung--darauf mag schon hier im Zusammenhang hingewiesen werden--ist das "leider" auch die Theologie. Denn erst im Jahre 1773 wandte sich der junge Goethe entschieden von den rechtglaeubigen, durch seine Beziehungen zu der Bruedergemeinde genaehrten Anschauungen ab. Spinoza begann zu wirken (s. den Brief an Hoepfner vom 7. Mai 1773[8]). Das Fragment Mahomet[9] zeigt zuerst den pantheistischen Einfluss. Die satirischen Dramen der lebensfreudigen Jahre 1773 und 1774 beweisen durch ihren Spott die Aenderung, die in seinen Ansichten eingetreten war. Sein lebensfroher Pelagianismus, der mehr und mehr nach der duesteren Leidenszeit der zweiten Haelfte des Jahres 1772 in ihm erstarkt war, schuettelte unwillig die Fesseln des alten Glaubens ab. In prometheischem Uebermut stellte er sich als selbstaendig der Gottheit gegenueber. In einer solchen Zeit kam ihm das "leider" aus vollem Herzen, wenn er auf fruehere Bestrebungen und Meinungen zurueckschaute. Dass Faust ueberhaupt aber seine Studien als einen auf ihm lastenden Druck empfindet, dessen er nur seufzend gedenken mag, passt weniger fuer den Gelehrten des 16. als fuer den Menschen des 18. Jahrhunderts, der sich grade von jener unfruchtbaren, starren, kleinlich polyhistorischen Gelehrsamkeit mehr und mehr zu befreien strebte[10]. Auch er hatte sich, wie der Dichter spaeter erklaert, in allem Wissen herumgetrieben und war frueh genug auf die Eitelkeit desselben hingewiesen worden.[11] Doch bewahrte ihn sein Lebensgang in der Jugend davor, allzusehr mit der Schulweisheit seiner Zeit in Beruehrung zu kommen, sodass er etwa ihren lebenhemmenden Einfluss so empfunden haette, wie z.B. Lessing und Herder. Der junge Lessing musste sich erst durch den Wust der Excerptengelehrsamkeit und Collektaneenweisheit durcharbeiten zu der Erkenntnis, dass ihn die Buecher wohl gelehrt aber nimmermehr zu einem Menschen machen wuerden; und so ward aus dem Theologus ein Weltmensch, wie einst Dr. Faust. Herder aber trieb es gar hinaus aus der engen, eingeschraenkten Sphaere in die Welt, das Leben. Wie beweglich klagt er im Journal seiner Reise vom Jahre 1769 ueber die verlorenen Jahre: "Ich waere nicht ein Tintenfass von gelehrter Schriftstellerei, nicht ein Woerterbuch von Kuensten und Wissenschaften geworden, die ich nicht gesehen habe und nicht verstehe: ich waere nicht ein Repositorium voll Papiere und Buecher geworden, das nur in die Studierstube gehoert."[12] Man sieht, Fausts Unbehagen und Unbefriedigung ueber das Unfruchtbare seiner Studien waren die des Jahrhunderts seines jungen Dichters[13]. Dagegen fehlt der Hinweis auf die wissenschaftlichen Grade (V. 7.-360.) nicht in der Ueberlieferung; bezeichnend hat jedoch der Dichter im aeltesten Faust mit ihr eine kleine Aenderung vorgenommen, waehrend er im Fragment und der Ausgabe von 1808 wieder zu ihr zurueckgekehrt ist. Statt des mittelalterlichen Magistertitels wird urspruenglich der mehr moderne Professortitel gebraucht. Denn offenbar hatte kurz nach den akademischen Jahren der junge Dichter noch mehr, als spaeter ausgefuehrt wurde, die Absicht, auf das akademische Leben und Treiben grade seiner Zeit satirische Streiflichter zu werfen, was ja auch das Thema der zweiten Hauptmasse von Scenen ist. Daher ward von vornherein mehr Gewicht auf Fausts akademische Lehrthaetigkeit gelegt. Das Treiben auf einer Universitaet, an der Faust wirkte, bildete einen Hintergrund, von dem der Held sich mehr und mehr losloesen, zu dem er in Gegensatz treten sollte. Die eigenen Erfahrungen des Dichters aus seinem Universitaetsleben, vor allem aus dem Kampfjahr 1772, da er in den Frankfurter Gelehrten Anzeigen gegen trockene Schulweisheit und tote Buchstabengelehrsamkeit, gegen unhistorische Auffassung und lebenbeengende Spekulation unter Herders Fahnen gefochten, mit einer Scholastik, die wir uns gewoehnt haben, mittelalterlich zu nennen, obwohl sie nie ausstirbt, einen frischen, froehlichen Krieg gefuehrt hatte, verliehen diesem Teil seines Gemaeldes kraeftige, lebenswahre Farben. Fuer Fausts Entschluss endlich, sich der Magie zu ergeben, bot ihm ebenfalls sein frueheres Leben Beziehungen[14]. Hatte doch er, in dessen Geiste sich zwei Zeitalter bekaempften, sich selbst noch einst mit magischen Versuchen befasst und sich ganz im Sinne der Alchemisten eine Weltanschauung gebildet. Wir sehen danach, wie in diesem ersten Teile das vom Dichter Erlebte mit den ueberlieferten Zuegen der Sage wohl in Einklang gebracht werden konnte. Wie gut die Verschmelzung gelungen sei, zeigt auch der ganze Charakter des kurzen Prologs; mehr altertuemlich-kraeftig mutet er uns an, besonders im Gegensatz zu der folgenden ganz modern-weichen Partie, als sollte sich gleich von Anfang der durchgehende grundsaetzliche Unterschied zwischen dem Faust der Sage und dem des Dichters in zwei verschieden angeschlagenen Grundtoenen offenbaren. Keinen Anhalt dagegen gibt die Sage, wenn Faust es empfindet und ausspricht, dass er ueber die grosse Masse der Gelehrten weit hinausrage[15], ihm aber dafuer auch fehle, woran sie sich freuen, naemlich bei aller Beschraenkung der Glaube, sie wuessten etwas Rechtes, vermoechten die Menschen zu bessern und bekehren. Wie Sokrates den Sophisten gegenueber, die da glaubten, etwas zu sein ohne es zu sein, zu der Erkenntnis gekommen war, dass wir nichts wissen koennen, so auch hier Faust. Fuer ihn ist sie zunaechst niederschmetternd, fuer den Philosophen des Altertums ward sie die erste Stufe, von ihr aus zu klaren Begriffen aufzusteigen. Sein Charakter hatte schon den jungen Goethe fruehe zu dichterischer Darstellung gereizt. Die Lektuere von Platons Apologie, Hamanns Sokratischen Denkwuerdigkeiten[16] hatten ihn ihm naeher gebracht. Die Geschichte Gottfriedens von Berlichingen, in der er seinen Helden in mutigem, aber vergeblichem Kampfe gegen eine neue Zeit dargestellt hatte, war eben vollendet worden; da draengte sich ihm am Ende des Jahres 1771 der Plan zu einem Sokrates auf; nach dem Goetz zog ihn das Bild eines Geisteshelden, von welchem Schlage ja auch Faust war, an; der heldenmuetige Kampf gegen die feindlichen Maechte des Unverstands und des Scheins, gegen das "pharisaeische Philistertum" sollte vorgefuehrt werden[17]. Es ward nicht ausgefuehrt. Was dem Dichter daraus lebendig blieb, ward von dem maechtigen Strom des Hauptwerkes aufgenommen, diente dem hierin mit Sokrates geistesverwandten Faust zur Charakteristik. Faust entbehrt aber nicht nur der Freude, die die grosse Menge bei ihren Beschaeftigungen empfindet, auch sonst mangelt seinem Leben jede aeussere Zierde und jeder Glanz, die ihm, da er die Schranken seiner inneren Menschheit fuehlt, eine Art von Ersatz bieten koennten fuer die innere Einschraenkung des Menschen[18]; auch in seinem aeusseren Leben ist ihm eine gewisse Freiheit der Bewegung nicht vergoennt: So empfindet er tief in seinem Inneren die Grenzen der Menschheit, und blickt er nach aussen, so fuehlt er sich auch hier in der Enge. "Es moecht kein Hund so laenger leben!"--Der Vergleich mit Werther draengt sich hier von selbst auf. Was ihn kennzeichnet, ist das Gefuehl, nie Befriedigung finden zu koennen. Ahnungen und Begierden sieht er in seinem Inneren, die in keinem Verhaeltnis stehen zu der Einschraenkung der thaetigen und forschenden Kraefte des Menschen. Als sich aber auch keine Aussicht zeigt, eine maechtige Leidenschaft, die ihn ganz erfuellt, zu befriedigen, vermag er nicht mehr laenger zu leben und gibt sich den Tod. Er hat jedoch ebenfalls bei seinem maechtigen inneren Ringen das deutliche Gefuehl, dass er sich dadurch grade von der grossen Masse der Menschen unterscheide, nicht minder aber sieht er ein, dass jenen dafuer auch die Erkenntnis ihrer Eingeschraenktheit abgehe, und sie sich darum in den engen Grenzen ihres Daseins gluecklich fuehlen und es, so gut es geht, ausschmuecken und verzieren, eine Freude, die ihm nie werden kann. Darum gibt es fuer den kranken Werther von Anfang an fuer all das nur einen Trost, im Herzen das suesse Gefuehl der Freiheit, und dass er diesen Kerker verlassen kann, wann er will[19]. Nicht Befriedigung finden zu koennen und endlich sogar da nicht, wo sie doch anderen gegeben ist, dazu die Enge des buergerlichen Lebens, ein Motiv, das der Dichter noch weiter ausgestattet und verstaerkt hat, um ausdruecklich damit die That seines Helden zu begruenden, treiben Werther in den Tod. Dass fuer beides das Leben des Dichters reichlichen Stoff lieferte, braucht hier nicht weiter ausgefuehrt zu werden. Am schaerfsten ausgepraegt erscheint der Gegensatz zwischen menschlichem Streben und den Kuemmerlichkeiten und Plagen des gewoehnlichen Lebens noch einmal in Kuenstlers Erdenwallen vom Sommer 1774, hier aber, sehr bezeichnend fuer den durch den Werther innerlich befreiten Dichter, ausklingend in kraeftige Trostworte an den klagenden und verzagenden Kuenstler[20]. Ausgangspunkt ist also im Werther wie im Faust das tiefe Problem von der Bedingtheit der menschlichen Natur gegenueber seinem unendlichen Streben, von dem daraus sich ergebenden inneren Freiheitsdrange; im Werther geht dieses Streben jedoch schliesslich in die Form einer endlosen Leidenschaft ueber, die sich ein bestimmtes, einzelnes Ziel gesteckt hat: im Faust bleibt es auf das Hoechste im Leben gerichtet; er findet die Kraft durch eine auf das Gebiet des Erreichbaren sich beschraenkende, immer bedeutender werdende Thaetigkeit Befriedigung zu suchen und das Unerforschliche fuer sich bestehen zu lassen. "Ich hatte nie die Idee, aus dem Sujet ein einzelnes Ganze zu machen," schreibt er an S. Laroche[21], da er Mitte Februar 1774 am Werther arbeitete. Allerdings nicht: denn sie war damals schon in seinem Geiste als der Keim vorhanden, aus dem sich der Faust bilden sollte. So deutet es nicht bloss auf einen aeusseren Zusammenhang, sondern auf einen inneren, dem Dichter noch wohl bewussten, wenn er viel spaeter zu Eckermann sagte: Der Faust entstand mit meinem Werther[22]. Werther toetet sich selbst; Faust sucht zunaechst noch einen Ausweg, um zu seinem Ziele zu gelangen: er ergibt sich der Magie, wie es die Sage vorgezeichnet hatte. Was hofft er durch sie zu erlangen? Erkenntnis dessen, was die Welt in ihrem Innersten zusammenhaelt, d.h. also das geistige Band der Schoepfung, das schoepferisch fortwirkend das Geschaffene zu einem Ganzen vereint, ferner alle wirkende Kraft und, wie er in der Sprache der Alchemisten fortfaehrt, Samen, d.h. die jene hervorbringenden Ursachen. Man vergleiche dazu folgende Stelle in den Aufsaetzen Nach Falkonet und ueber Falkonet[23], wo er von der Gewalt der Zauberei spricht, die den Kuenstler allgegenwaertig fasst, dadurch ihm die Welt ringsumher belebt wird: "Davon fuehlt nun der Kuenstler nicht allein die Wirkungen, er dringt bis in die Ursachen hinein, die sie hervorbringen." Faust will also nicht allein die wirkenden Kraefte der Natur schauen, sondern auch die sie erzeugenden Ursachen[24]. Wozu aber, wenn nicht, um selbst zu schaffen? Ihn verlangt es also nach einer schoepferischen Erkenntnis der Natur, um gleich ihr schaffen zu koennen; dagegen draengt es ihn fort von einer unfruchtbaren Wissenschaft, die sich mit Worten ohne lebendige Kraft und lebendigen Sinn begnuegt. Von dem Drang nach solchem Wissen ist er also von Anfang an geheilt. Ihm kommt es allein auf eine schoepferische Erkenntnis der Natur an, die, wie er einsieht, durch Wissen nicht erlangt werden kann. Wir befinden uns damit in dem Gedankenkreise, in dem sich der junge Goethe besonders in den Jahren 1773 und 1774 bewegte, da er lebhaft nach Erkenntnis der Natur und ihrer schoepferischen Kraefte verlangte, um so in das Geheimnis lebendiger kuenstlerischer Darstellung einzudringen. Vor allem ist es das Jahr 1774, jene herrliche Zeit mit maechtiger Lebenskraft hervorquellender Genialitaet, da er in den Gedichten ueber Kunstnatur und Naturkunst seinem gewaltigen Streben nach kuenstlerischer Thaetigkeit und zugleich dem Zweifel, der Unruhe, den Fragen und Klagen, wie und ob eine der schaffenden Natur aehnliche Schoepfungskraft auch bei ihm lebendig werden koennte, wechselnden Ausdruck gibt. Eine Art von Antwort auf Fausts erste Frage nach dem inneren Zusammenhalt der Welt erteilt dabei eines von ihnen[25], das wohl mit Recht dem Jahr 1774 zugeschrieben werden darf: Und fuehle, wie die ganze Welt Der grosse Himmel zusammenhaelt.[26] Diese Andeutungen moegen hier genuegen, denn wir werden bei Besprechung des 3. Theils des ersten Monologs noch einmal auf des jungen Goethe Natur- und Kunstanschauungen im Zusammenhange zurueckkommen muessen. Nur auf eins sei noch hingewiesen, was wir auch im weiteren Gang der Betrachtung noch oefter bemerken werden; es ist die Art, wie der Dichter ueberlieferten Begriffen und Anschauungen aus seinem eigenen Inneren neuen Lebensgehalt gibt, wie sie ihm erst dadurch lebendig werden, dass sie in Beziehung zu seinem eigenen Fuehlen und Denken treten. So verbuendet sich in ihm der Begriff mittelalterlicher Magie, die ja auch in das schoepferische Geheimnis der Natur eindringen wollte, um selbst, allerdings in anderem Sinne, zu schaffen, mit jener Magie des Kuenstlers, die er als Dichter oft genug gefuehlt hatte und die er als bildender Kuenstler mehr und mehr in ihrer Zaubergewalt zu empfinden hoffte. Der zweite Teil des Monologs (V. 33-65 = 386-418--Scherer in den Betrachtungen ueber Faust[118]) fasst verkehrt V. 33-74 = 386-427 zusammen, obwohl mit der Angabe des Themas: Flieh! Auf! Hinaus ins weite Land! ein deutlicher und bestimmter Abschluss gegeben ist, und mit dem folgenden Verse offenbar ein neuer Gedankengang sich eroeffnet[27] unterscheidet sich von dem ersten zunaechst in der Art des Ausdrucks. Ist der erste Teil mehr episch gehalten, indem er auf Empfindungen zurueckgeht, die Faust nicht zum ersten Mal bewegen, so gibt der zweite solche, die ihn mit aller Gewalt im Augenblick ergreifen. Der Uebergang zu dieser daher lyrisch gehaltenen Partie geschieht anscheinend ganz aeusserlich dadurch, dass das Mondlicht in Fausts Zimmer faellt. Man hat nun bei diesen beiden Teilen von einer Verschiedenheit des Stils und der Metrik gesprochen und nicht nur angenommen, sie seien zu verschiedenen Zeiten gedichtet, sondern sogar, dass der zweite zum vorhergehenden wie zu dem folgenden in unloesbarem Widerspruch stuende.[28] Ehe man jedoch von Stilverschiedenheit reden darf und daraus solche Schluesse zieht, ist die Frage zu stellen, ob sie vielleicht nicht innerlich durch die Verschiedenheit des Inhalts notwendig begruendet sei. Musste nicht etwa der Dichter von selbst fuer seine Empfindung eine andere Ausdrucksweise waehlen, musste nicht wiederum diese das fuer sie geeignete Metrum sich selbst schaffen? Betrachten wir aber die beiden ersten Teile, so ergibt sich deutlich, dass unmoeglich der Eingang, der uns zur Aufklaerung der Lage einen kurzen Bericht von etwas gibt, das Faust nicht zum ersten Mal empfindet, in gleichem Ton gehalten werden konnte als der darauf folgende unmittelbar aus der Seele quellende Erguss. Trotzdem duerfen wir fragen: Warum hat der Dichter nicht unmittelbar an das: "Drum hab ich mich der Magie ergeben" angeknuepft? Wodurch ist diese lyrische Partie begruendet, die anscheinend den Zusammenhang unterbricht? Faust hat sich der Magie ergeben, um auf unnatuerlichem Wege zur Erkenntnis der Natur zu gelangen. Da kuendet sich die Natur draussen selbst an, indem sie auf einmal bei diesen Worten ihr helles Licht in seinen duesteren Kerker wirft. Es ist eine Warnung der Natur; ihr Licht sucht einzudringen in das Dunkel der Beschwoerungsnacht und moechte ihm zurufen: Nicht durch Magie gelangst du zur Erkenntnis meiner; nur durch die Natur fuehrt der Weg zur Natur! Allein Faust versteht die Warnung nicht, und darf sie nicht verstehen. Sie wird ihm zu einer blossen Mahnung an die Natur. Ein ossianisches Nachtbild[29] steht sie vor seinem Auge; sehnsuchtsvoll fuehlt er sich zu ihr hingezogen; bei ihr moechte er, der sich endlich durch beklemmenden Wissensdurst durchgerungen hat, Erfrischung und Heilung der gelaehmten Lebenskraft suchen. Allein die Erscheinung verschwindet, er sieht sich wieder in seinem grabaehnlichen Kerker; aber nun kommt es ihm zum Bewusstsein, in welchem Gegensatz zur Natur er lebt, der doch die lebenschaffende Natur in ihren geheimsten Tiefen ergruenden will; er hat sich selbst in diesen Kerker geschlossen, der ihn an alles andere gemahnt als an das tiefe Leben der Natur. Ist es da noch wunderbar, wenn er in seinem Inneren sich eingeengt fuehlt, wenn in solcher Umgebung alle lebendige Kraft gehemmt wird? Darum fort aus dieser Enge, hinaus ins weite Land! Natur und Wissen als Gegensaetze sind ihm aufgegangen; ebenso die Natur draussen und die fuer den Gelehrten so charakteristische Physiognomie seiner Umgebung[30]. Man stelle sich dagegen den jungen Dichter selbst vor, schaffend in seiner von Werken lebendiger Kunst geschmueckten Kuenstlerwerkstaette! Allein der Gegensatz zwischen Natur und Magie wird ihm noch nicht klar, darf ihm nicht klar werden; hofft er doch bei ihr, wie wir sehen werden, die Natur zu finden und Belehrung von ihr zu erhalten! Warum hat nun der Dichter also hier die Natur warnend und mahnend eingefuehrt? Offenbar, weil er sich im Widerspruch zu der Ueberlieferung der Sage fuehlt. Darum will er uns ahnen lassen und moechte auch seinen Helden ahnen lassen: durch Magie nicht zur Natur, allein durch die Natur! Der Mensch des 18. Jahrhunderts, der Zeitgenosse Rousseaus, dessen ganzes jugendliches Streben nach der Natur gerichtet war, tritt hier in Widerstreit mit dem duesteren Aberglauben einer vergangenen, aber immer noch nachwirkenden Zeit. Daher durchbricht er, nachdem er sich im Eingang im grossen Ganzen an die Sage gehalten hatte, weil sie ihm Beziehungen zu seinem Leben bot, fuer einen Augenblick die den modernen Dichter beengenden Schranken der alten Sage, und um so maechtiger ergiesst sich der Strom seiner eigensten Empfindung dahin. Der Zusammenhang zwischen den beiden ersten Teilen des Monologs ist also voellig klar und widerspruchslos. Ja, der scheinbare Widerspruch ist grade ein Beweis fuer die Einheit im Geiste des Dichters, aus der sie entsprungen sind. Er beruht nicht auf einem Gegensatze zwischen den beiden Teilen, sondern auf dem eigentuemlichen Verhaeltnisse, das der moderne Dichter zu der alten Sage einnimmt; es ist dies gerade beim Faust der wichtigste Grund geworden, weshalb er nach dem Jahre 1775 die Arbeit so lange ruhen liess. Dieser innere Widerspruch zwischen Sage und Dichter muss daher wohl beachtet werden; er ist stets fruchtbar zu machen, wenn wir das Werk eines Dichters betrachten, der eine alte Sage, deren im Lauf der Jahrhunderte fest gewordene Form er nicht voellig zerschlagen darf, ohne damit zugleich ihren eigentlichen Gehalt zu verfluechtigen, zum Stoff seiner Dichtung gewaehlt hat. Unter demselben Gesichtspunkt sind Homers Epen, unter demselben das Nibelungenlied zu betrachten; wer ihn nicht beachtet, wird dazu kommen gerade, was dem neuen Dichter gehoert, im Gegensatz zu den unzerstoerbaren Bestandteilen der Sage als spaetere Zusaetze und Einschiebsel anzusehen.[31] Auch mit dem dritten Teile des Monologs besteht, wie schon angedeutet, durchaus kein unloesbarer Widerspruch. Der Dichter laesst das angeschlagene Motiv fallen; man saehe nicht, warum, meint Scherer.[32] Er muss es fallen lassen. Faust flieht nicht hinaus zur Natur, sondern wendet sich, ganz im Charakter der Sage, dem Zauberbuche zu. Warum laesst der Dichter Faust nicht fliehen? Liess er das geschehen, so zerschlug er damit das Gefaess der Sage, in das er doch seine Empfindungen legen wollte. Welche Fortsetzung war da noch moeglich? Ein Faust, der sich nicht der Magie ergab, der keinen Bund mit dem Teufel schloss, sondern sich unmittelbar an die Natur gewendet haette, war kein Faust mehr. Der Dichter musste seinen subjectiven Standpunkt der Sage gegenueber aufgeben, und nachdem er seiner eigenen Empfindung ein Zugestaendnis gemacht und sie so uns hatte ahnen lassen, mit richtigem Takte zu der Ueberlieferung zurueckkehren. Der klare Blick des Dichters durfte seinem Helden nicht gegeben werden. Erst viel spaeter sollte ihm die Erkenntnis werden: Koennt' ich Magie von meinem Pfad entfernen, Die Zaubersprueche ganz und gar verlernen, Stuend' ich, Natur, vor dir ein Mann allein, Da waer's der Muehe wert, ein Mensch zu sein.[33] Jetzt darf aber Faust diesen Gegensatz zwischen Natur und Magie noch nicht fassen, wie er den zwischen Natur und Wissen nach langer bitterer Erfahrung erkannt hat[34]. Er muss glauben, in der Magie die Natur als Lehrerin zu finden. Faust wendet sich dem Zauberbuch zu, das vor ihm liegt. Sollte es ihm genuegende Fuehrung auf seinem Wege zur Erkenntnis sein? Wird er dann nicht den Lauf der Sterne erkennen? Wird er also nicht auch hier die Natur finden, die ihn unterweise? Mit feinem Geschick fuehrt der Dichter den Begriff der Natur hier ein; Natur kann man ja beides nennen und sind ja auch beide, die alchemistische wie die in der Auffassung und dem Sinn seiner Zeit. Damit ist zugleich die Verbindung zwischen dem zweiten und dem dritten Teile hergestellt. Scherer stellt hier die Frage, warum Faust nicht schon laengst das Zauberbuch aufgeschlagen habe, warum er nur eine Minute laenger in dem qualvollen Zustand des Nichtwissens geblieben sei?[35] Sei es denkbar, dass er es so lange besessen und es nie ordentlich betrachtet habe? Daraus, dass er es jetzt erst betrachte, zieht er den Schluss, dass er es jetzt erst erhalten habe[36]; er glaubt daher, in den Zusammenhang gehoere eine Scene, in der es gebracht werde, wie es im Volksschauspiel der Fall ist. Allein diese Fragen und Bedenken Scherers sind sehr verkehrt und ueberfluessig[37]. Der Dichter musste uns doch einen so wichtigen Schritt in Fausts Leben, wie es der Uebergang zur Magie ist, lebendig darstellen, vor unseren Augen geschehen lassen. Er ist ja das eigentliche Thema des ganzen Monologs. Wir muessen uns doch vorstellen, dass das Stueck eben von diesem Entschlusse seinen Ausgang nimmt. Es ist in feierlichster Nachtstunde. Faust sitzt unruhig auf seinem Sessel am Pult; vor ihm liegt das Zauberbuch; heute Nacht will er den grossen Schritt thun, zum ersten Mal die Geister beschwoeren. Zunaechst wiederholt er uns die Geschehnisse der Vergangenheit, die seine Absicht zur Reife gebracht, seinen Entschluss begruenden. Alles Wissen hat ihn nicht zum Ziele gebracht. Klagend blickt er auf die verlorene Zeit des Lebens zurueck. Ein neues Leben soll beginnen. Jetzt soll die Magie helfen! Das fuer seine Zukunft bestimmende Wort ist ausgesprochen, da kuendet sich ihm die Natur als erste Erscheinung der Beschwoerungsnacht warnend an; aber Faust versteht die Mahnung nur in Beziehung auf die eben abgethane Vergangenheit, in der er sich in grab- und kerkeraehnlicher Umgebung mit allem toten Wissen gequaelt, um das Geheimnis des Lebens und der Schoepfung zu ergruenden; noch nicht darf ihm aber klar werden, was er erst im langen Lebensgange erfahren soll, dass auch Magie ihn niemals so wenig wie das Wissen zu seinem Ziele bringen werde. Faust greift, wie er es von Anfang an beabsichtigt hatte, zu dem Zauberbuche. Was will da noch die kleinliche Frage, woher er das Buch habe, warum er es nicht schon frueher aufgeschlagen habe? Der Dichter musste doch alles nach der Erzaehlung des Eingangs in lebendiger Darstellung aufloesen. Wie er das Buch erhalten habe, das kuemmert den Dichter sehr wenig; das gehoert vor die Scene, nicht in die Scene. Denn wenn auch jetzt erst mit V. 66=419 die Beschwoerung beginnt, so beginnt das Stueck selbst mit der Absicht und dem Entschluss, sie vorzunehmen, was Scherer nicht verstanden hat. Ganz und gar missverstanden hat Scherer den Dichter noch in einem anderen Punkte, und dies ist auch der Grund, weshalb er die zweite Partie mit V. 74 = 427 ansetzt, sie also mitten in einem Satze abschliessen laesst. Obwohl im V. 66 = 419 mit dem: Und dies geheimnisvolle Buch------ein deutlicher Uebergang gemacht wird, und damit das in der zweiten Partie angeschlagene Motiv von der Flucht zur Natur aus den angegebenen Gruenden fallen gelassen wird, glaubt Scherer trotzdem, Faust denke auch hier noch (V. 66-74 = 419-427) daran, fortzugehen. Er hat naemlich im V. 68 = 420 die Worte: "Ist Dir das nicht Geleit genug?" voellig verkehrt aufgefasst, insofern er glaubt, das Buch solle ihm als Begleiter auf seinem Gange dienen, um draussen die Beschwoerung zu beginnen[38]! Aber nicht auf seinem Gange zur Natur draussen soll ihn das Buch begleiten, sondern auf dem Wege, den er jetzt einschlagen will, der ihn mittelbar auch zu ihr geleiten soll. Scherer hat also auch nicht vermocht auseinanderzuhalten, dass die Natur in V. 70 = 423, die er in dem Zauberbuch zu finden hofft, etwas anderes sei, als die Natur draussen, die ihm im 2. Teile in ihrer Herrlichkeit erschienen war, dass aber zugleich der gleiche Begriff dem Dichter eine vortreffliche Bruecke zum Uebergang und zur Rueckkehr zu dem Thema des ersten Monologs schlage. Das gibt natuerlich eine Kette von Missverstaendnissen; so muss er auch annehmen, die Beschwoerung solle im Freien geschehen, daher er sich denn billig verwundern muss, wenn nachher (V. 75 = 428) Faust gar nicht fortgehe, um Geister zu beschwoeren. Doch zurueck zu dem Dichter! Ehe Faust das Zauberbuch aufschlaegt, um die geheimnisvollen Zeichen zu betrachten, die er zur Beschwoerung gebrauchen will, ueberlegt er, wie er sich zu ihnen verhalten solle. Nicht durch trockenes Sinnen will er sie ergruenden, sondern sich unmittelbar an die Geister selbst wenden, deren Zeichen er erblicken wird. Auch hier erkennen wir wieder den modernen Dichter. Das Zauberbuch spielt bei ihm nur eine nebensaechliche Rolle; es bietet die Zeichen dar; an die Geister will sich Faust dann ohne weiteres richten, ohne dazu sich der krausen Beschwoerungsformeln zu bedienen. Denn sie schweben neben ihm; was bedarf es da der Bereitung? Wie nun aber vorher dem Begriff der Natur eine doppelte Geltung geliehen war, weiss Goethe auch hier den Geisterglauben doppelsinnig zu verwerten. Der Alchemist glaubte an Elementargeister, die die ganze Natur erfuellen; der moderne empfindende Dichter fuehlt ebenfalls die Natur ueberall von lebendigem Geisterhauch umweht; ihm ist es zu einer festen, dichterischen Vorstellung geworden, dass allem in der Natur ein Geist einwohne, es umschwebe. Dieser schoene Glaube, der in einem lebendigen Naturgefuehl wurzelte, war damals wieder aufgelebt, da man wieder die Welt mit dem Gefuehl zu erfassen begonnen hatte. Wir finden ihn an vielen Stellen in der Dichtung des jungen Goethe aufs gluecklichste verwertet; auch der wieder lebendig gewordene Glaube an den Genius[39] gehoert hierher. So heisst es in dem Wanderer (1772) von dem Geist der Vergangenheit: Welchen der umschwebt Wird in Goetterselbstgefuehl Jedes Tags geniessen[40]. Im Fragment Mahomet (1773), der Geist Gottes wohne im Stein, schwebe um den Thon[41]. Faust[42] verkuendet:--alles--webt in ewigem Geheimnis unsichtbar sichtbar neben Dir; ueber der Staette des Erschlagenen schweben raechende Geister.--Die Musen umschweben den Dichter[43]. Der Geist der Geliebten umschwebt die Staette, da Clavigo stirbt[44]. Werther sucht sich so diese Erscheinung zu erklaeren[45]; "Ich weiss nicht, ob so taeuschende Geister um diese Gegend schweben, oder ob die warme himmlische Phantasie in meinem Herzen ist, die mir alles ringsumher so paradiesisch macht".--Die Gestalt der Mutter schwebt um Lotte, Werthers Seele ueber seinem Sarge[46]. Fernando bittet den Schatten seines ungluecklichen Weibes um Vergebung, wenn er um ihn schwebe[47]. (Vergl. auch Briefe Nr. 239, 6. Nr. 245 S. 119, 15-16.--) u.s.w.---- Der Dichter konnte also seine eigene tief empfundene Anschauung mit der mittelalterlichen recht wohl verbinden, ohne sie dadurch in ihrer Bedeutung voellig aufzuheben. Umgibt ja nach seiner eigenen Erklaerung den grossen Kuenstler bestaendig und innig eine magische Welt, die nicht kuenstlich heraufbeschworen werden muss, fuer die tief im Innern seiner Natur selbst sich der Zauberstab birgt zur dauernden Beschwoerung. Nach der Einleitung der Verse 66-76 = 419-429, mit der zugleich Faust von vornherein die Art, wie er die Geister beschwoeren wolle, bestimmt hat, schlaegt er endlich das Zauberbuch auf. Scherer irrt hier doppelt, wenn er trotz der Angabe des Dichters behauptet, Faust habe schon vorher das Zauberbuch aufgeschlagen und fuehle sich eben dadurch von Geistern umgeben[48]; er versteht demnach nicht, wie Goethe den Geisterglauben der Sage mit seiner eigenen dichterischen Anschauung zu einem ihm gemaessen Ganzen verschmolzen hat; wie er also Sage und eigenes Empfinden, so sehr sie sich widersprechen moegen, aufs gluecklichste vereinigt hat. Ist nicht die Welt ein Geisterall? Umgeben uns nicht ueberall die Geister? Was bedarf es da der Vermittelung, was widerwaertiger Formeln? Antwortet mir, wenn Ihr mich hoert! Mit diesem Beschwoerungsprogramm oeffnet er das Zauberbuch, das die heiligen Zeichen ihm weisen soll, und erblickt das des Makrokosmos, des Weltalls. Es ist also der Weltgeist, wie auch Shaftesbury den Kosmos bezeichnete; ("fuer mich der praechtigste Namen fuer Gott", meint Herder in einem Brief an Merck (Strassburg den 12. September 1770)[49].) Der Faust des Dichters geht also nicht wie der der Sage zuerst den Teufel an; aber wenn auch der Gang der Ueberlieferung geaendert ist, so bleibt der Dichter immerhin noch innerhalb der weiteren Schranken des alchemistischen Geisterglaubens. Zunaechst stellt er die Wirkung dar, die beim ersten Anblick ohne weiteres auf Faust ueberstroemt. Jugendliches Lebensgefuehl, neue Lebenskraft geht von ihm auf den aus, der Jugend, Leben und Kraft geopfert hat in muehseliger, unfruchtbarer Wissensarbeit. In innern Frieden wandelt sich der tobende Drang; Lebensfreude erfuellt ihn wieder; ein geheimnisvoller Trieb ist in ihm erwacht, der ihn zur Enthuellung geheimnisvoller Naturkraft treibt. Ist er ein Gott? So klar liegt die wirkende Natur vor seinem geistigen Auge. "Die Welt liegt vor ihm,--wie vor ihrem Schoepfer, der in dem Augenblick, da er sich des Geschaffenen freut, auch alle die Harmonien geniesst, durch die er sie hervorbrachte, und in denen sie besteht[50]." Wie der Kuenstler die schaffenden Kraefte der Natur erschaut, um gottgleich zu schaffen und solche kuenstlerische Harmonien gleich ihr hervorzubringen, so auch Faust, der ebenfalls nach schoepferischer Erkenntnis verlangt. Jetzt versteht er den Spruch des Weisen, dass die Geisterwelt der Natur uns nicht verschlossen sei; an uns nur liegt es. wenn sie uns verborgen bleibt. Unser Sinn, unser Herz muss dazu geoeffnet werden. Sieh, so ist Natur ein Buch lebendig, Unverstanden, doch nicht unverstaendlich[51]; "Das Gefuehl ist die Harmonie!" ruft Goethe in dem schon mehrfach angezogenen herrlichen Aufsatze "Nach Falkonet und ueber Falkonet" aus[52]. Das Auge des Kuenstlers findet sie ueberall, ueberall sieht er die heiligen Schwingungen und leisen Toene, womit die Natur alle Gegenstaende verbindet. Bei jedem Tritt eroeffnet sich ihm eine magische Welt. Dieser tiefe Einblick in die Natur wird also auch Faust zu teil, da er das Zeichen des Makrokosmos erschaut. Wie aber dies Gefuehl erweckt und wach gehalten werde, sagt auch der Weise, dessen Worte er jetzt erst zu fassen vermag: Auf bade, Schueler, unverdrossen Die irdsche Brust im Morgenrot. Mit anderen Worten: durch vertrauten Umgang mit der Natur wird die tiefe Erkenntnis der Natur, und zwar hier der Weltnatur, errungen. Das kabbalistische Zeichen fordert demnach ebenfalls Faust auf, sich unmittelbar an die Natur zu wenden; zog es ihn aber vorhin bei jener ersten Mahnung nach einer geisterhaft ossianischen Nacht hin, wie sie dem kranken Werther behagen mochte, so erscheint ihm jetzt die Weltnatur lockend in leuchtendem Glanze der Morgenroete. Ein helleres Licht ueber den tieferen Zusammenhang zwischen dem Zeichen des Makrokosmus und jenem Mahnworte des Weisen verbreitet sich noch, wenn wir Herders Schrift: "Aelteste Urkunde des Menschengeschlechts"[53] zur Erklaerung heranziehen. Der erste Band erschien Ostern 1774. Mit begeisternder Anerkennung zeigt sie Goethe am 8. Juni 1774 Schoenborn an[54]. Scherer[55] hat bereits mit Recht auf ihre Bedeutung fuer unsere Stelle hingewiesen; es wird sich jedoch lohnen, noch tiefer als er es gethan hat, auf Herders Ausfuehrungen einzugehen. Die aelteste Urkunde des Menschengeschlechts ist die Schoepfungsgeschichte im ersten Kapitel des ersten Buches Mosis. Herder bekaempft zunaechst die unhistorische Art ihrer Erklaerung. Alle physische und metaphysische Weisheit des 18. Jahrhunderts muss hierbei fern bleiben. Vielmehr hinaus aus den dumpfen Lehrstuben in die freiere Luft des Orients! Er versetzt sich daher ganz in die Natur des Morgenlandes und in die sinnliche Anschauungskraft des Morgenlaenders. Wo offenbart sich aber unserem Auge die Schoepfung besser und immer von neuem als jeden Morgen im werdenden Tage? "Komm hinaus, Juengling, aufs freie Feld und merke. Die uraelteste herrlichste Offenbarung Gottes erscheint Dir jeden Morgen als Thatsache, grosses Werk Gottes in der Natur[56]". Fuer den Menschen ist nun die Schoepfung ein Gewuehl einzelner abgesonderter, ganzer Geschoepfe; jedes fuer sich eine Welt; keins mit dem andern zusammenhaengend, keins dem andren aehnlich. Was soll er da aus dieser bestuermenden Rhapsodie aller Geschoepfe herauslesen? Der moderne Mensch sucht sich durch Zergliedern und Absondern zu helfen. Der Naturmensch aber, der nichts von diesen Abstraktionsgaben weiss, trachtet danach, sich aus diesem Chaos von Wesen, Kraeften, Gestalten, Formen den Kosmos zu bilden. "Fuer den lebenden, wirkenden Naturmenschen--was war nun da fuer ein Bild, Ordnung, Lehrmethode, die ihm die Schoepfung unbetaeubend und doch ganz, nach und nach und doch im Zusammenhange, mit Macht, Einwirkung, Lust fuers Herz und ohne Blendung und Duesterung des Auges gebe--suche Naturkuendiger zwischen Himmel und Erde, andres Bild, bessere Ordnung und Folge, als diese----Lehrmethode Gottes!" d.h. die er jeden Morgen bei dem "Unterricht unter der Morgenroete" anwendet[57]. Gott selbst ist es, der bei jedem Tagesanbruche die Schoepfung in schoener, deutlicher Folge am Auge des Menschen vorueberfuehrt. Er belehrt nicht durch Schluesse und Abstraktionen (trockenes Sinnen!), sondern durch Gegenwart und Kraft[58]! In dieser aeltesten Urkunde liegt aber zugleich auch die aelteste Hieroglyphe verborgen. Die sechs Tagewerke und der Sabbat, nach Entstehung und Folge angeordnet, ergeben das aelteste kabbalistische Zeichen "aus 6 Triangeln, wo sich alles auf einander bezieht,--jenes in allen Magien und Allegorien so beruehmte Sechseck[59]!" Diese Entdeckung, auf die sich Herder viel zu gut that, hatte er schon 1770 in Strassburg gemacht und ihr dort weiter nachgespuert[60]. Diese Hieroglyphe ist also nichts minder, als Schoepfung Himmels und Erden[61]! Sie ist das Zeichen des Makrokosmus; sie ist von Gott selbst geschrieben. "Siehe da, der erste Schriftversuch Gottes mit dem Menschen, diese Hieroglyphe![62]" War es ein Gott, der diese Zeichen schrieb? ruft darum bei ihrem Anblick Faust aus. Herder verfolgt dann ihre Spuren weiter bei andren Voelkern, so bei den Aegyptern, wo sie in der Gestalt der sieben heiligen Buchstaben die Schoepfung der Welt, den Zusammenklang aller Wiesen, die Leier der Welt ausdrueckt[63]. Sie erscheint weiterhin in verkuerzter Form [Symbol: Diagonales Radkreuz] als Zeichen des Weltalls, des _Weltgeistes_, der Schoepfungskraft, als ein Symbol der Kraefte des Weltalls[64]. Es bedeutet Kneph: "Den unsterblichen Weltgeist, der alles durchgehet und durchhauchet: den guten Daemon, Sinnbild alles Guten[65]." Fassen wir zusammen: Die aelteste Hieroglyphe ist ein Zeichen der Weltschoepfung; es ist entstanden aus dem Schoepfungsbericht, der sich wieder auf die Vorgaenge in der Natur gruendet; es gibt das Bild des Kosmos in harmonischer Verknuepfung der wirkenden Urkraefte: es ist das Zeichen des Weltgeistes, in dem alle Naturkraefte enthalten sind. Offenbar hat in der That alle spaetere Kabbala und Magie hierauf weitergebaut[66]. Die Hieroglyphe kommt aber, insofern sie in dem Schoepfungsbericht verborgen ist, von Gott selbst; sie mahnt uns also, nicht nur die Schoepfung in ihr zu erblicken, sondern sie auch mehr und mehr dadurch zu erkennen, dass wir sie jeden Tag mit der Morgenroete in schoenster Folge immer wieder von neuem schauen. Jetzt erst verstehen wir den tieferen Zusammenhang in den Versen 77-93 = 430-446. Da Faust das Zeichen der Weltschoepfung, des Weltgeistes erblickt, geht zunaechst ein lebendiger Hauch von urspruenglichem Leben auf ihn ueber, wie ihn der Naturmensch einst gefuehlt. Ein Gott hat dies Zeichen geschrieben, das auf einmal das Bild der schaffenden geschaffenen Weltnatur heraufbeschwoert. Die Urkraefte, die in ihm symbolisiert sind, enthuellen sich. Gottgleich erkennt er die Harmonien der wirkenden Natur. Aber die Erscheinung mahnt ihn auch, sie mit lebendigen, nicht durch Abstraktionen abgestumpften Sinnen in sich aufzunehmen, dahin zu gehen, wo die Welt sich werdend und wirkend immer wieder am schoensten offenbart, hinaus in die Morgenroete[67]! Der Dichter hat die Wirkung, die das Zeichen auf Faust ausuebte, zunaechst dargestellt. Wie mit einem Schlage steht die schaffende Weltnatur vor seinem geistigen Auge; ihr Bild hat er gesehen, nicht etwa das Zeichen betrachtet. Sie selbst hat ihm zugerufen, sich unmittelbar mit frischen Sinnen an die Natur zu wenden. Dem darf natuerlich nicht Folge gegeben werden, ebenso wenig wie jener ersten Mahnung der Natur. Faust muss von der Hoehe seiner Empfindung herabsteigen. Die lebendige Erscheinung, zu der das Zeichen nur den aeusseren Anstoss gegeben hatte, ist verschwunden; im folgenden sieht er das All in seinem harmonischen Zusammenhange nur an der Hand der Charaktere des Zeichens. "Er beschaut das Zeichen;"--er deutet es aus. Der Strom der Dichtung bequemt sich wieder den engeren Ufern der Sage. Man darf aber wohl sagen, erst dadurch, dass jene Zeichen auf einen so reinen, ja goettlichen Ursprung zurueckgefuehrt waren, wurden sie dem Dichter verwendbar. Hat Faust vorher die schaffende Weltnatur vor seinem entzueckten Auge gesehen, so erblickt er jetzt durch Vermittlung des Zeichens, was es ihm als solches allein zeigen konnte, nichts anderes als die Harmonie des Kosmos. Bei der nun folgenden Beschreibung konnte sich der Dichter den alchemistischen Anschauungen um so leichter wieder anschliessen, da sie in der That die Natur in schoener Verknuepfung darstellen, so dass sie ohne grosse Aenderung auch dichterisch verwertet werden konnten[68]. Endlich gingen auch sie auf aelteste Vorstellungen oder Versuche kosmischer Weltanschauungen zurueck, wie z.B. der Orphiker und Pythagoraeer, deren Zusammenhang mit der aeltesten Hieroglyphe Herder ebenfalls nachgewiesen hatte. Man vergleiche, was er darueber sagt. Sie dachten sich den Makrokosmos als grosses Weltei, das sie aus verschiedenen Lagen und Kreisen zusammenlegten; "Unten, was erzeugt ward, die sichtbaren Elemente, Erde, Wasser, Luft, Feuer: ueberm Monde die unsichtbaren Kreise, die erzeugten: die _alle zusammentoenend, in einander wirkend_! sie machten die hohe Hermesleier! den Klang der Sphaeren, den der Weltschoepfer oben und nieden. Alles in Eins! _Zusammenklang_. Das Bild ist einfach, anschaulich, schoen, und wenn man die alten Schriftsteller gelesen, ist mehr als alles--wahr[69]!" Die Aehnlichkeit mit Goethes Bildern liegt auf der Hand; nur hat er statt des Bildes von der Leier das durch die Bibel geheiligte und auch anschaulichere von der Himmelsleiter gebraucht, das uebrigens auch die Alchemie sich nicht hatte entgehen lassen. Helmont[70], den Goethe ausdruecklich unter denen nennt, deren Werke er in seiner alchemistischen Epoche kennen gelernt hat, benutzt es in folgender Weise[71]: "dieser Weg ist kein ander, kann auch kein ander seyn, als welcher durch Jacobs Leiter vorgestellt worden: denn gleicherweise wie auff derselben die Engel Gottes auff und niedersteigen, also steigen die wesentlichen lebendigen Kraeffte oder geistlichen Leiber der himmlischen Lichter unablaesslich von oben herab durch die aetherische Lufft zu dieser untern Welt, als von dem Haupt zu den Fuessen; und hernach, wann sie ihre Auswuerkung vollbracht, so steigen sie zu ihrem eigenen Nutz und Verbesserung wieder von unten auffwerts zu dem Haupt, mit demselbigen wieder vereiniget------Und dieses Auff- und Niedersteigen der himmlischen Kraefte, und die stetige Verbesserung und Verherrlichung, die daran hanget, und darvon herkommt, wehret und beharret ohne Unterlass, und muss nothwendig also thun." Aus derartigen Anschauungen und Vorstellungen, die der Dichter zu verschiedenen Zeiten in sich aufgenommen hatte, schuf er aus sich heraus ein neues poetisch empfundenes Ganze[72]. Mit Recht macht Scherer[73] hierbei auf die Kosmogonie in dem, wie wir sehen werden, gleichzeitigen Satyros[74] aufmerksam. Goethe entwirft aber hier nicht bloss ein Bild des Kosmos, sondern auch von den verschiedenen Stufen der Weltschoepfung; er benutzt hier, weil ihm offenbar die biblischen Vorstellungen dazu nicht genuegend poetische Farben lieferten, die der aelteren griechischen Philosophie, deren Zusammenhang mit den ersteren Herder nachgewiesen zu haben glaubte. So sind hier Elemente aus den Lehren von Anaximander, Empedokles, Philolaos, der Eleaten zu einem poetischen Gesamtbild vereinigt. Faust schildert also an unserer Stelle entzueckt die Harmonie des Kosmos, die er durch das Zeichen und in ihm erblickt. Welch Schauspiel! ruft er noch begeistert aus; aber mit diesem Worte wird ihm auf einmal bewusst, woran er sich jetzt entzuecke[75]. Damit aber sinkt er nun voellig von der Hoehe gesteigerter Empfindung herab. Die alten sehnsuechtigen Klagen seiner Nichtbefriedigung ertoenen von neuem. Was er eben gesehen, ist nur ein Schauspiel: er hat nicht an dem Bilde genug. Ihn duerstet nach mehr, nach der lebendigen schaffenden Kraft, die alle diese Harmonien hervorbringt; nach den Quellen, aus denen alles Leben quillt, den Bruesten, aus denen auch Himmel und Erde ihre Lebensnahrung saugen. Diesen muetterlichen Busen moechte er fassen[76]; nach ihm draengt sich seine welke Brust hin; er weiss, er traenkt, und er sollte vergeblich schmachten! Dies maechtige Sehnen Fausts nach schoepferischer Kraft, das wieder aus der inner eigensten Tiefe des Dichterherzens aufstroemt, fuehrt uns zu dem Kuenstler Goethe zurueck. Die Kunstgedichte des Jahres 1774 geben uns ein vollstaendigeres Bild jener Stimmung, als die Verse unserer Stelle, die davon gleichsam ein gedraengter Auszug sind. Wie sehnsuechtig verlangt es ihn dort nach dem Urquell der Natur, daraus er schoepfend Himmel fuehl und Leben In die Fingerspitzen hervor[77]! Seinen Prometheus geleitete Minerva zu dem Quell alles Lebens. Wer fuehrt ihn? Was frommt ihm die gluehende Natur an seinem Busen, was hilft ihm das Gebildete der Kunst, wenn liebevolle Schoepfungskraft nicht seine Seele fuellt und in den Fingerspitzen wieder bildend wird?[78] O dass die innre Schoepfungskraft Durch meinen Sinn erschoelle--[79] fleht er; und Werther moechte einen Augenblick in der eingeschraenkten Kraft seines Busens einen Tropfen der Seligkeit des Wesens fuehlen, das alles in sich und durch sich hervorbringt[80]. Wo fass ich Dich, unendliche Natur? ist der Grundgedanke, der all das kuenstlerische Streben des Dichters durchzieht. Nicht nur auf Erkenntnis der Natur ist es gerichtet; es ist nicht nur sehnsuechtige Liebe zu ihr, wie im Ganymed: Dass ich Dich fassen moecht' In diesen Arm! Ach, an Deinem Busen Lieg ich, schmachte,--[81] Ihr wird die Befriedigung gewaehrt, der Sehnende hinaufgetragen an den Busen des allliebenden Vaters. Nicht dagegen wird sie dem kranken Werther zu teil; denn sein Herz ist tot: er hat verloren, was seines Lebens einzige Wonne war, die heilige belebende Kraft, mit der er Welten um sich schuf; so steht er vor Gottes Angesicht wie ein versiegter Brunn, wie ein verlechter Eimer![82] Ihm ist das Gefuehl der harmonischen Natur entschwunden, vor allem aber die ihm einst einwohnende schoepferische Kraft. Anders der Dichter! Ich fuehl, ich kenne Dich, Natur, Und so muss ich Dich fassen. schreibt er am Ende des Jahres 1774 an Merck; er schaut zurueck und sieht, wie sich sein Sinn schon manches Jahr _erschliesse_. Wie er, wo duerre Haide war, Nun Freudenquell geniesset, Da ahnd ich ganz Natur nach Dir, Dich frei und lieb zu fuehlen--[83] "Ideales Streben nach Einwirken und Einfuehlen in die ganze Natur", bezeichnet in einem spaeteren Schema[84] Goethe den ersten Monolog. Mit Recht. Faust sehnt sich wie sein Dichter nach unmittelbarer, lebendiger Erfassung der Natur durch das Gefuehl, danach er schaffen und wirken koenne gleich der Natur. Das Zeichen des Makrokosmus kann ihm also keine Befriedigung versprechen; die anfangs durch seinen Anblick hochgesteigerte Flut der Empfindung hat mehr und mehr geebbet. Der fruehere Zustand kehrt wieder, mit ihm der Unwille; in solcher Stimmung schlaegt er das Buch um und erblickt das Zeichen des Erdgeistes. Ueberblicken wir noch einmal den ganzen Monolog bis zu der nun beginnenden Erdgeistscene (V. 107 = 460), so zeigt sich in allen Teilen der schoenste Zusammenhang; er ist aus einem Gusse; nirgends ein Widerspruch, der uns berechtigte, spaetere Einschiebungen, Aenderungen des Plans anzunehmen. Der Widerspruch, den man in der Verbindung der einzelnen Teile hat wahrnehmen wollen, liegt wo anders; er liegt in dem Dichter selbst, in dem Ringen des mit der Ueberlieferung der alten Sage so verschieden empfindenden Dichters; aber grade bei diesem Kampfe kommt sein eigenstes Gefuehl in den wunderbarsten Toenen zum Durchbruch; gerade hier zeigt sich die hohe Kunst des jungen Dichters, der immer wieder zu den ueberlieferten Formen zurueckzukehren und zwischen seiner eigenen Empfindung und jenen auf das gluecklichste zu vermitteln weiss, so dass dadurch das wechselnde Bild auf- und absteigender Gefuehle entsteht, wie es uns in dem ersten Monologe entgegentritt. Nach dem Prolog hebt sich die Welle immer hoeher anschwellend, um dann in dem dritten Teile wieder zunaechst zu sinken; aber mit dem Anblick des Zeichens des Makrokosmus beginnt ein neues Aufsteigen; die Worte des Weisen: Auf, bade, u.s.w., bilden hier den Hoehepunkt, wie vorher: Flieh! Auf! hinaus ins weite Land! Beides mahnt denselben Weg zu betreten, den der Natur. Danach senkt sich die Welle wieder mehr und mehr, bis schliesslich mit dem Bewusstsein davon Faust in den alten Zustand der Unbefriedigung zurueckfaellt und sich so Anfang und Ende des Monologs mit einander verbinden. Die ganze Scene in ihrer Einheit ist, wie bemerkt, als Beschwoerungsscene aufzufassen. Faust hat sich der Magie ergeben. Diese Nacht sollen vor unseren Augen zum ersten Mal die Geister beschworen werden. Vor ihm liegt das Zauberbuch. Unruhe erfuellt ihn vor dem entscheidenden Schritte. Noch einmal wiederholt er sich und uns die Gruende zu seinem Entschluss, mit denen sich uns zugleich die Hauptzuege seines frueheren Lebens enthuellen. Was erwartet er nun von der Magie? Nicht unfruchtbares totes Wissen, sondern lebendige, schoepferische Erkenntnis der Natur. Doch ehe er jetzt zur Beschwoerung schreitet, mahnt ihn die Natur leise an sich. Das Mondenlicht ergiesst sich in sein Zimmer; es verdunkelt gleichsam das vor ihm liegende Buch. Warum, Sohn der Natur, vertraust du dich nicht unmittelbar der Mutter? Allein der im Dunklen Wandelnde versteht sie noch nicht voellig; er erkennt nur den Widerspruch seines frueheren Lebens mit der Natur; nicht aber vermag sie ihn von der Magie zurueckzuhalten. Der Dichter hat es also verstanden, hier Toene anzuschlagen, die nicht alle fuer Faust mitklingen, wohl aber uns hoerbar sind. Er vernimmt: Fort aus deinem Kerker zur Natur, um von allem Wissen die Brust rein zu baden!--nicht aber: Bleib fern von der Magie, geh zur Natur, sie wird dich nicht bloss heilen und befreien, sondern auch belehren! Darum wendet er sich wieder dem Zauberbuche zu; auch mit seiner Huelfe wird er zur Natur kommen; sie wird ihn unterweisen, wie er zu ihren Geistern reden koenne, dass sie ihn hoeren. Sollte es ihm also nicht genuegendes Geleit sein auf dem Wege zu ihr? Er bereitet sich, es aufzuschlagen. Er wird darin, die heiligen Zeichen erblicken. Was dann thun? Nicht durch trockenes Sinnen, wie er es frueher, da er sich mit dem Wissen quaelte, sie ergruenden, unmittelbar will er sich an die Geister, die ihn umschweben, wenden. Da er das Buch aufgeschlagen, erblickt er das Zeichen des Makrokosmus; es ist das Zeichen des Weltalls, des Weltgeistes; goettlichen Ursprungs hat es seinen Weg durch alle Voelker und Zeiten genommen und ist der Magie als Eigentum geblieben. Auf diesen Ursprung hat es denn auch Goethe nach Herders Vorgang zurueckgefuehrt[85]. Bei seinem Anblick steht ihm die ganze Weltschoepfung lebendig vor Augen. Neues Leben und Wirkungskraft erfuellt ihn. "Wie vor jedem grossen Gedanken der Schoepfung, wird in der Seele reg, was auch Schoepfungskraft in ihr ist" schreibt der Dichter spaeter in dem Gebete der dritten Wallfahrt nach Erwins Grabe im Juli 1775[86]. Gottgleich schaut Faust tief hinein in die Gruende der schaffenden geschaffenen Natur. Wie einst Werther in gluecklichen Tagen, da ihn das volle warme Gefuehl seines Herzens an der lebendigen Natur mit Wonne ueberstroemte, wird auch Faust von Freude erfuellt. Man vergleiche dazu die herrliche Stelle in Werthers Brief vom 18. August[87].--Ihm erweckt aber nicht ein Zeichen das Bild der ganzen Schoepfung, der gestalteten, wie der wirkenden Weltnatur, sondern der Anblick des Naturlebens selbst; durch es wird sein Auge geoeffnet fuer das innere gluehende heilige Leben der Natur; indem er es erschaut, steht die Welt in ihren Grundzuegen vor ihm. Die herrlichen Gestalten der unendlichen Welt bewegen sich allebend in seiner Seele: "Ungeheure Berge umgaben mich, Abgruende lagen vor mir, und Wetterbaeche stuerzten herunter, die Fluesse stroemten unter mir, und Wald und Gebirg erklang. Und ich sah sie wirken und schaffen in einander in den Tiefen der Erde, all die Kraefte unergruendlich." Gleich Faust sieht er die wirkende Natur vor seiner Seele liegen, ihre Kraefte sich ihm enthuellen[88]. Diese Stelle kann also recht wohl dazu dienen, uns das zu ergaenzen, was auch Faust erblickt. Fuer ihn verbindet sich damit die Mahnung, als Schueler des goettlichen Lehrers in der Natur selbst die Schoepfung da zu betrachten, wo sie sich am deutlichsten und herrlichsten in ihr offenbart. Auch hier geht es also darauf hinaus, dass Faust zur Natur hingewiesen wird; das zweite Mal noch bestimmter als das erste Mal. Sie ist nicht bloss dazu da, dass sich der Mensch in ihrem Thau gesund bade sondern sie fordert aus dem Munde des Weisen auf, bei ihr selbst zu suchen, was Faust erstrebt: Auf, bade, Schueler, unverdrossen, die ird'sche Brust im Morgenrot! Allein der Dichter muss ihn von der Hoehe dieser Erkenntnis wieder herabfuehren. Faust beschaut das Zeichen, was er aber in ihm erblickt, ist nur noch die Harmonie der wirkenden Kraefte des Alls, wie sie sich in ihm vermittelst des Zeichens in schoener Verknuepfung darstellt. Er will aber mehr; er will aus dem Urquell aller Wirkungskraft und alles Lebens selbst schoepfen, um ihrer gottgleich teilhaftig zu werden. So sehnte sich auch Werther, aus dem schaeumenden Becher des Unendlichen jene schwellende Lebenswonne zu trinken, und nur einen Augenblick in der eingeschraenkten Kraft seines Busens einen Tropfen der Seligkeit des Wesens zu fuehlen, das alles in sich und durch sich hervorbringt[89]. Zunaechst allerdings entzueckt Faust der Anblick des kunstvollen Baus des Kosmos; er steht vor ihm mit demselben Gefuehl wie vor einem harmonisch gebildeten Kunstwerk. So stand der junge Goethe vor Erwins Meisterwerk: "Mit welcher unerwarteten Empfindung ueberraschte mich der Anblick, als ich davor trat. Ein ganzer, grosser Eindruck fuellte meine Seele, den, weil er aus tausend harmonierenden Einzelnheiten bestand, ich wohl schmecken und geniessen, keineswegs aber erkennen und erklaeren konnte. Sie sagen, dass es also mit den Freuden des Himmels sei, und wie oft bin ich zurueckgekehrt, diese himmlisch-irdische Freude zu geniessen, den Riesengeist unsrer aeltern Brueder, in ihren Werken zu umfassen.--Schwer ists dem Menschengeist, wenn seines Bruders Werk so hoch erhaben ist, dass er nur beugen und anbeten muss. Wie oft hat die Abenddaemmerung mein durch forschendes Schauen ermattetes Aug mit freundlicher Ruhe geletzt, wenn durch sie die unzaehligen Teile zu ganzen Massen schmolzen, und nun diese, einfach und gross, vor meiner Seele standen, und meine Kraft sich wonnevoll entfaltete, zugleich zu geniessen und zu erkennen. Da offenbarte sich mir in leisen Ahndungen, der Genius des grossen Werkmeisters." Er weiht ihn in seine Geheimnisse ein.--"Wie froh konnt ich ihm meine Arme entgegenstrecken, schauen die grossen, harmonischen Massen, zu unzaehlig kleinen Teilen belebt; wie in Werken der ewigen Natur, bis aufs geringste Zaeserchen, alles Gestalt, und alles zweckend zum Ganzen"[90]. Allein der Genius des Weltalls offenbart sich Faust nicht so, wie er es in seinem ungeduldigen Streben verlangt; es wird ihm nicht gegeben, sich unmittelbar dem Goettlichen zu naehern. In prometheischem Unwillen wendet er sich von ihm ab, schlaegt das Buch um[91] und erblickt das Zeichen des Erdgeistes. Die Erdgeistscene und der Schluss des ersten Monologs. (V. 107-168 = 460-521.) Auch beim Anblick des Zeichens des Erdgeistes aeussert sich zuerst die Wirkung, die von ihm auf Faust ausgeht; aber sie ist anderer Art als die war, die vom Makrokosmus auf ihn ueberging. Nachdem der Rausch des Entzueckens vorueber ist, fuehlt er selbst, dass zwischen dem Weltgeist und ihm keine unmittelbare Beziehung bestehe. Wie sollte er mit ihm so in Verbindung kommen, dass eine dauernde, nachhaltige Wirkung moeglich waere? Was blieb schliesslich uebrig als eine Foerderung seiner Erkenntnis, seines Schauens? Ganz anders beim Erdgeist; er ist ihm naeher; bei seinem Anblick fuehlt er sofort seine thaetigen Kraefte erregt, gesteigert. Sein Geist ist ueber ihn ergossen und von ihm erfuellt, redet er sofort in seiner Sprache. Zu was treibt er ihn mit nicht geheimnisvollen Trieb? Wage dich hinein ins Leben; erlebe diese Erdenwelt mit ihrem Weh und Glueck, Leid und Freud, schlage dich tapfer mit allen Stuermen herum, und wenn dein Schiff im Sturm zerschellt, so moegen den Unerschrockenen die Truemmer zerschlagen! Zum Leben also wird er aufgefordert, er, der uebereilt, ohne je gelebt zu haben, aus dem Quell des Lebens selbst zu schoepfen sich vermass. Maechtig quillt jetzt die Kraft zum Leben in ihm auf, d.h. auf dieser Erde das dem Menschen Beschiedene zu tragen, tapfer zu kaempfen und ebenso unterzugehen. "Es moecht kein Hund so laenger leben" rief er aus beim Rueckblick auf sein eben abgeschlossenes Leben. Wie anders jetzt? Wie anders auch als Werther? Faust hat in dem Erdgeist den Geist des Erdenlebens erkannt; d.h. in ihm selbst schlummert dieser Teil vom Wesen desselben; er ist mit ihm darin verwandt und dadurch zieht er ihn an. Sofort kuendigt sich daher sein Erscheinen an. In gewaltiger Erregung nimmt er die Anzeichen wahr; er fuehlts, dass der erflehte Geist um ihn schwebe; er fordert ihn auf, sich zu enthuellen. Neue, nie gekannte Gefuehle ringen sich von seinem Herzen los, und dieses Herz in seiner ganzen gesteigerten Anziehungskraft gibt sich liebend dem Geiste hin. Vergebens; Er muss ihn beschwoeren; er fasst das Buch und spricht sein Zeichen geheimnisvoll aus; in einer Flamme erscheint der Geist in widerlicher Gestalt. Eine doppelte Beschwoerung also! Einmal durch die Anziehungskraft, die Fausts Geist ausuebt, insofern er dem Erdgeist aehnlich ist. Er erkennt eine Seite seines Wesens, die auch er in sich traegt; damit zieht er ihn an. Allein diese geistige Art der Beschwoerung genuegt nicht; er muss zu den magischen Formeln greifen und ihn so zu sich zwingen[92]. Warum nun diese doppelte Beschwoerung? Offenbar nimmt auch hier wieder der moderne Dichter Stellung zu den Ueberlieferungen der alten Sage. Fuer ihn gibt es nur eine Art der Beschwoerung, eine mit der Zeit mehr und mehr sich steigernde Geistesverwandtschaft, die endlich den lang erflehten Geist uns zu eigen macht, dass er uns alles offenbare, so wie Erwins Geist dem wieder und wieder Betrachtenden erschien, ihm seine Geheimnisse zu enthuellen. Allein das ist keine Beschwoerung, wie sie die Sage von Faust fordert, der sich der Magie ergeben hat. Darum muss er, zugleich wohl wissend, welchen Vorteil die alten Formen der Sage grade dem Dichter bieten, seinen Helden sich ihrer bedienen lassen; aber auch hier fehlt nicht die tiefere Begruendung dafuer, dass der Geist sich nicht enthuellt. Denn wie wir noch sehen werden, hat Faust sein Wesen nur zum Teil erkannt; er ist noch nicht voellig mit ihm eins geworden; sein ganzes Wesen wird von ihm nicht begriffen: er kuendigt sich an, aber er enthuellt sich nicht. So muss denn doch die Zauberformel dran. Der Geist erscheint nun in koerperlicher Gestalt. Scherer[93] hat diesen Zusammenhang nicht erkannt; er bemerkt zu V. 123 = 475: "aber der Geist ist noch gar nicht erfleht. Faust hat ihn noch mit keinem Wort um sein Erscheinen gebeten." Er versteht also nicht, wie in den Versen 111-114 = 464-467 auch eine Beschwoerung enthalten sei; er uebersieht, dass der Geist spaeter selbst erklaert, was ihn im Grunde hergerufen habe, der Seele maechtig Flehen, der Seele Ruf[94]. Die Beschwoerung von innen heraus, aus dem maechtig verlangenden und sich doch hingebenden Herzen ist dem Dichter bedeutungsvoller als die durch Zauberformeln. Scherer kommt durch dies Missverstaendnis zu dem ganz verkehrten Schlusse, die Erdgeistscene, die er erst mit V. 115 = 468 beginnen laesst, sei nicht von Anfang an bestimmt gewesen, sich unmittelbar an das uebrige anzuschliessen. Auch seine Einteilung ist wieder falsch; denn ohne Frage beginnt ein neuer, vierter Teil der ersten Hauptmasse mit V. 107 = 460.--Welch ungeheuerlichen Folgen diese Irrtuemer haben, lese man a.a.O. S. 323 nach, wo er vor der Erdgeistscene ganze Akte hinzudichtet! Der Erdgeist ist Faust in widerlicher Gestalt erschienen; er wendet sich entsetzt von der schrecklichen Erscheinung ab. Der Geist muss ihn daran erinnern, wie er lange an seiner Sphaere (der Kreis, den seine Wirksamkeit erfuellt[95]) gesogen habe; allein er ertraegt den Anblick nicht; er erliegt unter der Gewalt der Erscheinung[96]. Er selbst hat ihn erfleht, gerufen aus der Tiefe seines Wesens heraus; und nun, da er ihm gefolgt, wird der Uebermensch, der sich in titanischem Drang den Geistern gleich zu heben vermass, von erbaermlichem Grauen gefasst, zittert er bis in alle Tiefen seines Lebens hinein, aus denen er sich empor zu ihm drang, dem Wurm gleich, der von dem Tritt des Wanderers sich wegkruemmt. Da rafft sich Faust auf. Nach dem Hoechsten hat er gestrebt, vor dessen Bild er eben noch entzueckt gestanden, und er soll der Flammenbildung weichen! Er findet sich wieder, er ist Faust, ist seinesgleichen. Was hier der Erdgeist ihm zuruft, ist wichtig fuer Fausts Charakteristik. Es ergaenzt das Bild, das er im Eingang von sich selbst gegeben hat, und fuegt den im allgemeinen der Sage entsprechenden Zuegen neue modernerer Art hinzu. Jetzt sehen wir deutlicher sein maechtiges Streben vor uns; jetzt verstehen wir besser, warum ihm alles Wissen nicht genug that. Ein titanischer, uebermenschlicher Drang beseelt ihn, sich den Geistern gleich zu heben. Der Dichter gibt also dem Faust der Sage sein eigenes unendliches Verlangen--fuer ihn muessen wir sagen,--sich zu dem Goettlichen zu erheben, wie es auch einst Werther vor den Tagen seiner Leiden gefuehlt hat. Allein bei ihm wird es abgelenkt auf eine Leidenschaft, und durch sie und in der Enge buergerlicher Beschraenkung aufgerieben. Bei Faust stellt sich dagegen das Problem von vornherein anders. Sein Unendlichkeitsstreben sollte innerhalb der Grenzen der Menschheit das Hoechste leisten und nicht in der Glut einer unbefriedigten Leidenschaft untergehen. Werther war die unglueckliche Bluete dieser Epoche im Leben des Dichters[97], Faust sollte die gluecklichere werden. Die Fuelle seines eigenen reichen Lebens hat also Goethe in die Form der alten Sage gegossen; seine ganze Vergangenheit hat er Faust im voraus mitgegeben. Darum kann sich auch jener dem Erdgeist naeher fuehlen, kann dieser von ihm sagen, er habe an seiner Sphaere lang gesogen. Der Faust, der nach der Sage sich in unfruchtbarem Wissen gequaelt, hat zugleich auch die titanische Seele seines Dichters. Damit erledigt sich auch Scherers Bedenken ueber V. 131 = 484, Faust habe noch nicht lange an der Sphaere des Erdgeists gesogen[98]. Da Faust sich fuer seinesgleichen erklaert hat, enthuellt ihm nun der Geist die ganze Tiefe seines Wesens: In den Fluten des Lebens, im Sturm der Thaten ist er das bewegende und erregende Element. In Geburt und Grab, dem ewigen Wechsel von Vergehen und Entstehen, gleich einem ewig auf- und abwogenden Meere, offenbart er sich belebend und zerstoerend. In dieser Weise schafft er immer wieder von neuem am sausenden Webstuhl der Zeit und wirkt das lebendige Kleid der Gottheit, d.h. die Huelle, in der sie immer wieder in Erscheinung tritt. Was ist danach der Erdgeist? Er ist offenbar der Geist des Lebens der Erde, als welchen ihn auch Faust sogleich erkannt hat; aber nicht bloss in jenem beschraenkten Sinne; auch nicht bloss des Naturlebens, sondern des Lebens in jedem und im weitesten Sinne; er ist also auch der Geist des thaetigen, handelnden Lebens; er ist ueberhaupt der Geist des Lebens, wie es sich auf der Erde von Stufe zu Stufe aufsteigend ueberall im Niedrigsten und im Hoechsten offenbart. Wer ihn ganz begreifen will, muss ihn in der ganzen unendlichen Fuelle dieses Lebens begreifen. In dem spaeteren Schema bezeichnet ihn Goethe mit seinen wesentlichsten Merkmalen als Welt- und Thatengenius[99]. Als solcher offenbart er sich nicht nur als schaffendes Princip, sondern auch als zerstoerendes. Er laesst die Welle des Daseins sich heben und wieder senken. Er schafft so als einwohnende schoepferische Ursache immer wieder von neuem die lebendige Welt der Erscheinung, das sichtbare Kleid der Gottheit.--Wie bildete sich nun der Dichter diese Anschauung? Zunaechst konnte er sich wieder an die alchemistische Ueberlieferung anschliessen. Sie gab allen Planeten, also auch der Erde ihren Geist[100]. Man braucht dazu keine naehere Kenntnis des Giordano Bruno anzunehmen[101]. Es war dies der allgemeine Glaube jener Zeit. Endlich war auch in der eigenen Zeit ein neuer Geisterseher erstanden: Swedenborg. Goethe nennt ihn am Schlusse der schoenen Recension ueber Lavaters Aussichten in die Ewigkeit: "den gewuerdigten Seher unsrer Zeiten, rings um den die Freude des Himmels war, zu dem Geister durch alle Sinnen und Glieder sprachen, in dessen Busen die Engel wohnten[102]." Er glaubte an eine grosse immaterielle Welt, zu der die Intelligenzen, die mit Koerpern verbunden sind, oder nicht, die empfindenden Subjecte in allen Tierarten, und endlich alle Principien des Lebens gehoeren[103]. Der dichterischen Phantasie des jungen Goethe, die alles beseelte und ueberall hinter der Erscheinung das Wehen des schoepferischen Geistes spuerte, musste eine solche alles mit Geist und Leben erfuellende Anschauung besonders zusagen. Fuehlte er nicht in sich selbst den Genius? Sprach nicht aus allem ein Geist? Aus Erwins Meisterwerk hatte einst der Geist des Erbauers zu ihm geredet. Sein Wanderer erschaute auch aus den Truemmern des Tempels den Genius des Meisters: Gluehend webst du Ueber deinem Grabe, Genius![104] Den Genius des Vaterlandes fleht er um den kuenftigen jungen Dichter, den er nach seinem Bilde gezeichnet.[105] Wie leicht konnte sich daher sein Geisterglaube mit dem frueherer Zeiten verbinden und sich so die Vorstellung eines Erdgeistes von neuem daraus entwickeln! Er wird ihm nun zu einem Geist des Lebens in allen seinen Erscheinungen auf der Erde, vom niedrigsten bis zum hoechsten, vom sich unbewussten bis zum bewussten, vom leidenden bis zum im hoechsten Sinne thaetigen Leben; zugleich ruht in ihm das Princip des Lebens, das abwechselnd schafft und zerstoert, um so immer wieder neues Leben zu haben. Dieser Wechsel zwischen Zerstoeren und Schaffen hatte Goethes Teilnahme bei seiner Betrachtung der Natur von Jugend auf erregt. Uralte, die Menschen zu allen Zeiten bewegende Fragen knuepfen sich daran an. Hat der Mensch nur vor allem einen Blick fuer das zerstoerende, uebersieht er das schaffende Princip, so leuchtet es ein, wie verhaengnisvoll ein solcher einseitiger Standpunkt fuer die Auffassung und den Gang seines Lebens werden muss. Die Weltanschauung, die die Vergaenglichkeit und Eitelkeit alles Irdischen auf das staerkste betont, all der duestere, weltfeindliche Pessimismus wurzelt hier. Auch der junge Goethe ist von dieser Seite des Irdischen lebhaft beruehrt worden und hat zu ihr Stellung genommen; am schoensten in dem Gedicht "Der Wandrer", das noch vor dem Wetzlarer Aufenthalt im Fruehling 1772 entstanden ist. Zunaechst sieht der Wanderer auf seinem Gange nur die traurigen Reste der Zerstoerung: Saeulenstuempfe, erloschene Inschriften, Truemmer eines Tempels. So wenig schuetzt also die Natur das Werk ihres Meisters; unempfindlich zertruemmert sie ihr Heiligtum. Da wird der Blick des Klagenden vom Tode abgewendet und an das Leben gemahnt. Die Bewohnerin dieser Truemmer gibt ihm ihren bluehenden Knaben in den Arm,--ein herrliches Uebergangsmotiv!--der, ueber den Resten der Vergangenheit geboren, einem neuen Leben entgegenwaechst. Jetzt ist sein Auge geoeffnet; ringsum sieht er die bluehende und gruenende Natur; die Schwalbe, die am Architrav ihr Nest gebaut, die Huette, die der Mensch zwischen Truemmern erbaut, er geniesst ueber Graebern. Natur, du ewig keimende, ruft er aus, schaffst jeden zum Genuss des Lebens![106] Damit war also alle einseitige Naturbetrachtung verworfen. Nicht dazu sind wir geschaffen, allein die Vergaenglichkeit zu sehen und darueber zu klagen; denn ueberall erwaechst wieder aus dem Tod neues Leben, das zu geniessen wir da sind. Denselben Standpunkt vertritt Goethe in der Recension ueber Sulzers schoene Kuenste vom 18. Dezember 1772[107]. "Sind die wuetenden Stuerme, Wasserfluten, Feuerregen, unterirdische Glut und Tod in allen Elementen nicht ebenso wahre Zeugen ihres (der Natur) ewigen Lebens als die herrlich aufgehende Sonne ueber volle Weinberge und duftende Orangenhaine? Was wuerde Herr Sulzer zu der liebreichen Mutter Natur sagen, wenn sie ihm eine Metropolis, die er mit allen schoenen Kuensten als Handlangerinnen erbaut und bevoelkert haette, in ihren Bauch hinunterschlaenge?" Man weiss, welch maechtigen Eindruck das Erdbeben von Lissabon (1. Nov. 1755) auf alle Zeitgenossen und auch auf den fruehreifen Knaben Goethe gemacht hat[108]. Man benutzte es damals als graessliches Argument gegen den Optimismus und seinen Grundsatz, alles sei gut[109]. Vergebens suchte sich sein junges Gemuet gegen diese Eindruecke herzustellen. Nach und nach vergisst er aber die Zornesaeusserungen ueber die Schoenheit der Welt und die mannigfache Guete, die uns darin zu teil wird[110]. So gelang es ihm allmaehlich einen Standpunkt einzunehmen, von dem aus er zwischen Pessimismus und Leibnitz-Popischem Optimismus einen gluecklichen Ausweg fand: "Was wir von Natur sehen, ist Kraft, die Kraft verschlingt; nichts gegenwaertig, alles voruebergehend; tausend Keime zertreten, jeden Augenblick tausend geboren; gross und bedeutend, mannigfaltig ins Unendliche, schoen und haesslich, gut und boes, alles mit gleichem Rechte nebeneinander existierend"[111]. In humoristischer Weise findet sich diese Naturanschauung als Kampf ums Dasein behandelt im Monolog des Einsiedlers im Satyros[112]. Sehr bezeichnend aber hat der kranke Werther allein ein Auge fuer die zerstoerende Seite der Natur; er, der frueher ueberall mit vollem warmen Gefuehl die schaffende Natur gesehen, sieht jetzt nur noch die zerstoerende Kraft in der Natur. Der Schauplatz des unendlichen Lebens wandelt sich vor ihm in den Abgrund des ewig offenen Grabs.--"Ha! Nicht die grosse seltene Not der Welt, diese Fluten, die eure Doerfer wegspuelen, diese Erdbeben, die eure Staedte verschlingen, ruehren mich; mir untergraebt das Herz die verzehrende Kraft, die in dem All der Natur verborgen liegt, die nichts gebildet hat, das nicht seinen Nachbarn, nicht sich selbst zerstoerte. Und so taumle ich beaengstet! Himmel und die Erde und all die webenden Kraefte um mich her! Ich sehe nichts als ein ewig verschlingendes, ewig wiederkaeuendes Ungeheuer![113]" Aus fruehesten Anregungen ist demnach diese Betrachtung der Natur auf ein in ihr waltendes zerstoerendes und schaffendes Princip herausgewachsen und die gluecklich gewonnene Anschauung ist dann auch zur naeheren Bestimmung des Wesens des Erdgeistes benutzt worden; uebrigens begegnete sich Goethe auch hier wieder mit alchemistischen Vorstellungen. Nach Agrippa[114] herrscht auf der Erde das Gesetz des Entstehens und Vergehens, (lex generationis et corruptionis[115]), so dass also von dieser Seite aus des Dichters Auffassung vom Erdgeiste nicht beziehungslos war. Noch spaeter aber beim Rueckblick auf die Frankfurter Zeit hebt er als besonders kennzeichnend hervor, den ersten Drang, das ungeheuere Geheimnis, das sich in stetigem Erschaffen und Zerstoeren an den Tag legt, zu erkennen[116]. Der Erdgeist ist nun nicht bloss ein Geist der irdischen Lebenskraft, die hervorbringt und zerstoert, die Woge des Daseins steigen und sinken laesst, er wallt nicht nur in den Fluten des Lebens auf und ab, sondern ist auch der Geist der That im Leben, des thaetigen, mit Bewusstsein wirkenden Lebens. Die Natur hat den Menschen nicht allein zum Genuss des Lebens, zu Leid und Freud, Glueck und Weh geschaffen, sondern auch zur Thaetigkeit und Wirksamkeit. "Er haette mir nur sagen sollen, dass es im Leben bloss auf das Thun ankomme, das Geniessen und Leiden findet sich von selbst", bemerkt Goethe spaeter in der Geschichte seines Lebens[117]. Waehrend "alle die andern Armen Geschlechter der kinderreichen lebendigen Erde Wandeln und weiden In dunkelm Genuss Und trueben Schmerzen des augenblicklichen Beschraenkten Lebens, Gebeugt vom Joche der Notdurft[119]", galt es fuer ihn zum Thun zu kommen. Diese Erkenntnis ward dem jungen Goethe immer klarer und lebendiger. Denn fuer ihn wie fuer seinen Helden Faust war es eine Lebensfrage, sich im Leben durchzuringen zu den Sphaeren hoechster Thaetigkeit. Hamanns herrliche, aber schwer zu befolgende Maxime konnte ihm dabei den Weg weisen: "Alles, was der Mensch zu leisten unternimmt, es werde nun durch That oder Wort oder sonst hervorgebracht, muss aus saemtlichen vereinigten Kraeften entspringen; alles Vereinzelte ist verwerflich[120]." Denn er hatte es zwar nicht noetig, sich vom Banne der Schulwissenschaft und der Spekulation zu befreien und eine lebendige, fruchtbare Thaetigkeit an ihre Stelle zu setzen; fuer ihn galt es einer allzugrossen Nachgiebigkeit gegen die Eindruecke der Aussenwelt, einer allzu gesteigerten Empfindungsfaehigkeit ein Gegengewicht zu schaffen. Er fand es in der dichterischen Produktion, suchte es auch in der Thaetigkeit des bildenden Kuenstlers. Zu einer Zeit, wo die Empfindsamkeit ueberwog, erkannte er denn auch das Gegenmittel. Die Beruehrung mit der heroischen Staerke des Altertums machte es ihm bewusst, was ihm fehle. Ueber Pindars Worten [Griechisch: epikratein dynasthai] ging es ihm auf; und was Thaetiges an ihm war, lebte auf[121]. Unter [Griechisch: epikratein] versteht er aber Meisterschaft, Virtuositaet, d.h. also hoechste Thaetigkeit. Die ganze Jugendpoesie der Frankfurter Jahre seit 1771 durchzieht dieser Gegensatz. Weisslingen ist der erste Vertreter der krankhaften Empfindlichkeit; ihm gegenueber steht Adelheid; sie ist nicht von Anfang an die Teufelin, die ihn verdirbt, sondern sie vermeint zunaechst noch den titanischen Funken in ihm erwecken zu koennen, ihn zu dem "activen" Manne zu machen, den sie in ihm erwartete[122]. Und in der That scheint die lebendige Kraft, die von ihr ausgeht, "die Atmosphaere von Leben, Mut, thaetigem Glueck," die um sie ist[123], auf ihn zu wirken, wie das Zeichen des Erdgeistes auf Faust: "Und nun gleich entfesselten Winden ueber das ruhende Meer! Du sollst an den Felsen, Schiff! und von da in Abgrund! und wenn ich mir die Backen drueber zersprengen sollte"[124]. Allein die Wirkung haelt bei ihm nicht an; Adelheid aber, da sie seine Unfaehigkeit durchschaut, verlaesst und verdirbt ihn. Dasselbe Verhaeltnis liegt zwischen Clavigo und Carlos vor, nur dass der letztere nicht mehr der Feind, sondern der Freund des Schwachen ist. Auf der hoechsten Hohe erscheint diese Krankheit im Werther. Bei ihm wird durch seine wunderbare Empfind- und Denkensart, der er sich ganz ueberliess, und die endlose Leidenschaft, alles, was thaetige Kraft an ihm war, ausgeloescht[125]; und er, der sich nicht, wie Weisslingen und Clavigo, in schwerer Schuld verstrickt hatte, faellt durch eigene Hand. Ganz im Sinne Fausts hatte der Dichter, da er im Mai 1772 gen Wetzlar zog, zwar nicht dem Erdgeist, wohl aber der Gottheit zugesungen, von ihr erfuellt: Allgegenwaert'ge Liebe! Durchgluehst mich, Beutst dem Wetter die Stirn, Gefahren die Brust, Hast mir gegossen Ins frueh welkende Herz Doppeltes Leben Freude zu leben. Und Mut[126]. Von diesem gewonnenen Lebensmute aus war dann zu dem dritten, hoechsten Leben vorzudringen, dem der That, auf dass das Herz nicht welke, sondern noch koestliche Fruechte trage![127] Wir sehen danach, wie tief diese Auffassung des Erdgeistes als eines Geistes des Lebens und der That im Leben des Dichters begruendet liegt. Bemerkenswert fuer die Art, wie bei der verschiedensten Gelegenheit gewonnene Erkenntnis, liebgewordene Motive sich bei dem jungen Goethe hervordraengen, ist die physiognomische Charakteristik des Brutus als des Mannes der That[128], die am Ende der Frankfurter Zeit (1775) geschrieben ist[129]: Zuerst wird wieder die Wirkung des Bildes geschildert: "Welche Kraft ergreift dich mit diesem Anblicke! u.s.w.--Eherner Sinn ist hinter der steilen Stirne befestigt, er packt sich zusammen und arbeitet vorwaerts in ihren Hoeckern, jeder wie die Buckeln auf Fingals Schild von heischendem Schlacht- und Thatengeiste schwanger. Nur Erinnerung von Verhaeltnissen grosser Thaten ruht in den Augenknochen, wo sie durch die Naturgestalt der Woelbungen zu anhaltendem, maechtig wirksamen Anteil zusammengestrengt wird.----Mann verschlossener That! langsam reifender, aus tausend Eindruecken zusammen auf einen Punkt gedraengter That! In dieser Stirne ist nichts Gedaechtnis, nichts Urteil, es ist ewig gegenwaertiges, ewig wirkendes, nie ruhendes Leben, Drang und Weben!"--Sogar etwas verderbendes findet er in ihm[130]. Das Verhaeltnis des Erdgeistes endlich zu seiner Schoepfung, dem lebendigen Kleid der Gottheit, der sichtbaren Erdenwelt ist offenbar im Geiste Spinozas gedacht. Seine Philosophie hatte Goethe spaetestens seit dem Fruehling 1773 kennen gelernt[131]. Auf der Rheinreise im Sommer 1774 war sie ein wichtiger Gespraechsstoff zwischen ihm und Fr. Jacobi. Es fuegte sich dabei wieder vortrefflich, dass ja auch seine Anschauungen in manchem mit den alchemistischen seiner Zeit zusammentrafen. Hatten sie allem einen Geist gegeben, so liess auch Spinoza alles, wenn auch in verschiedenem Grade beseelt sein[132]. Gott ist ihm die immanente, bewirkende Ursache der Schoepfung. Die Welt ist eben nur die sichtbar gewordene Wirkung der goettlichen Schoepferkraft; die einzelnen Dinge sind die Modi, die Erscheinungsformen der unendlichen goettlichen Substanz (natura naturans = wirkende, n. naturata = bewirkte Natur). Bei Goethe erscheint nun der Erdgeist im Auftrage Gottes handelnd; er setzt gleichsam in hoeherem Befehle das irdische Schaffen fort. Denn der Dichter ist eben genoetigt, da er sich einmal im Rahmen des alchemistischen Geisterglaubens bewegt und zwischen dem Geist des Alls, der Gottheit, und dem der Erde geschieden hatte, die rein spinozistische Auffassung entsprechend abzuaendern. Der Erdgeist hat Faust sein Wesen enthuellt. Jetzt redet er ihn an; er will ihm zeigen, dass er sein Wesen erkenne, ihm sagen, wie nah er sich ihm fuehle; er nennt ihn dabei einen geschaeftigen Geist, der die weite Welt umschweife. Da ist der Bann der Beschwoerung gebrochen, er hoert die niederschmetternde Kunde: Du gleichst dem Geist, den du begreifst, Nicht mir! Dann verschwindet der Geist. Faust stuerzt zusammen: er, das Ebenbild Gottes, der dem Geist des Alls zu gleichen sich vermass, gleicht nicht einmal dem Geist der Erde! Die Scene bricht ab. Wagner erscheint. Hier erhebt sich die Frage: Wodurch wird der Bann der Beschwoerung gebrochen? Warum verschwindet der Erdgeist grade jetzt? Woraus schliesst er, dass Fausts Geist dem seinen nicht gleiche? Jedenfalls muss er dies Fausts letzten Worten entnommen haben. Was enthalten sie? Er nennt den Erdgeist einen geschaeftigen Geist. Er hat sich ihm als der Geist hoechster Thaetigkeit offenbart, und nun setzt Faust diese der Geschaeftigkeit gleich. Geschaeftigkeit ist aber eine Thaetigkeit ohne Zweck, ohne Folge, ohne Frucht, ohne Ziel. So nennt sich der junge Goethe selbst einmal geschaeftig ohne fleissig[133]. Faust kennzeichnet sein eigenes Wesen, indem er dem Erdgeist diese Eigenschaft gibt. Aber auch der Dichter hatte sie in seinem Wesen als einen Mangel in seiner Entwicklung entdeckt, den er zu einer Tugend umbilden musste. Denn er fuehlte Adel und kannte Zweck[134]. "Auch hat mir endlich", schreibt er in den bereits angezogenen Wetzlarer Brief an Herder, "der gute Geist den Grund meines spechtischen Wesens entdeckt. Ueber den Worten Pindars [Griechisch: epikratein dynasthai] ist mirs aufgegangen[135]." Das spechtische Wesen Goethes, wie es Herders Spott genannt hatte, war dessen ewiger Tadel gewesen. Nun sieht er selbst ein, dass es eine Schwaeche sei, die er ueberwinden muesse. "Wenn ich nun ueberall herumspaziert bin, ueberall nur dreingeguckt habe, nirgends zugegriffen. Dreingreifen. packen ist das Wesen jeder Meisterschaft[136]". Die Geschaeftigkeit muss zu der zielbewussten Thaetigkeit des Meisters werden. Mit diesem Mangel seines Wesens, ueber den der Dichter sich laengst klar geworden war, ueber den er aber seinen Helden erst aus seinem dunklen Zustande zur Klarheit auffuehren musste, haengt es auch zusammen, wenn Faust den Geist als einen, der die weite Welt umschweife, auffasst und wiederum dadurch sich selbst verraet. Denn was ist dies Schweifende anders als was der Dichter eben mit dem Herumspazieren und Dreingucken an sich getadelt hatte, was ihm aus Pindars Worten: [Griechisch: Eidos phua, psephaenos anaer myrian aretan atelei noo geuetai, oupot' atrekei kateba podi, mathontes] usw. wie Schwerter durch die Seele gegangen war[137]? In demselben Sinne tadelt er an Lavater, ein schweifender Geist habe ihm die kollektive Kraft entzogen und so der besten Freude, des Wohnens in sich selbst beraubt[138]; ebenso wieder an sich selbst, da zu Zeit seiner Liebe zu Lili all die Gegensaetze seiner Natur aufgewuehlt wurden, mit den klagenden Worten: Entweder auf einem Punkt, fassend, festklammernd, oder schweifen gegen alle vier Winde[139]! Ueber Lenz bemerkt er spaeter, er habe bei ihm darauf gedrungen, dass er aus dem formlosen Schweifen sich zusammenziehen und die Bildungsgabe, die ihm angeboren war, mit kunstgemaesser Fassung benutzen moechte[140]. Er setzt also dem schweifenden Geist die kollektive Kraft, eine Art innerer Konzentration, das Wohnen in sich selbst, wie er es gerne nannte, entgegen. Dies Wohnen in sich selbst erzeugt, indem er sie auf einen Punkt sammelt, die schoepferische Kraft; es gehoert darum zum Wesen der Gottheit, also auch zu dem des Erdgeistes. "O, ich wuerde an deinem Busen der ewigen Goetter einer sein, die in bruetender Liebeswaerme in sich selbst wohnten und in einem Punkte die Keime von tausend Welten gebaren und die Glut der Seligkeit von tausend Welten auf einen Punkt fuehlten",--ruft Franz im Goetz aus[141]. Es ist daher fuer den im hoechsten Sinne thaetigen und schoepferischen Menschen zu erstreben; so begegnet er uns auch in der Charakteristik des Brutus als des Mannes der That: "Sieh das ewige Bleiben und Ruhen auf sich selbst"[142]. Faust hat also in dem Wesen des Erdgeistes nicht erkannt, dass er auch der Geist der hoechsten Thaetigkeit ist, dass er nicht die Welt umschweife, sondern in ihr wohne als das schoepferische Princip, das durch Zusammenziehung aller zerstreuten Kraefte sie immer wieder hervorbringe[143]. Damit hat er ausgesprochen, was ihm selbst noch fehle, trotzdem aber sich ueberhebend, ohne dass eine innere Kraft ihn dazu berechtige, sich dem Geiste nahe, ja gleich gefuehlt. Auch dies traegt dazu bei, dass er verschmaeht wird[144]. Dagegen wird der Bescheidenheit des Juengers vor dem Bilde der Venus in Kuenstlers Vergoetterung die Antwort: Du wirst Meister sein. Das starke Gefuehl, wie groesser dieser ist, Zeigt, dass dein Geist seinesgleichen ist[145]. Ebenso wie Faust wird aber in den Parabeln die Eiche von der Ceder zurueckgewiesen: "Die Eiche sprach: Ich gleiche dir, Ceder! Thor! sagte die Ceder: als wollt' ich sagen, ich gleiche dir"[146]. Fassen wir noch einmal das Wesentliche der Erdgeistscene zusammen! Faust erblickt das Zeichen des Erdgeistes; er fuehlt sich ihm naeher als dem Geist des Alls. Was er in ihm erkennt, was also auch in ihm selbst verborgen liegt, ist das dem Geist einwohnende rastlose Leben. Von diesem Hauch getroffen, fuehlt er in sich den Mut entstehen, sich in das Leben hinaus zu wagen und alles, was es zuteilt, Freud und Leid, Kampf und Untergang, tapfer auf sich zu nehmen. Durch dieses Gefuehl ist er in einer Beziehung dem Geiste gleich. Dadurch zieht er ihn an; er kuendigt sich an, aber da die Erkenntnis und die Wesensverwandtschaft nicht vollstaendig ist, erscheint er nicht. Da beschwoert ihn Faust mit magischer Formel. Nun erscheint er, aber in widerlicher Gestalt. Faust wendet sich ab. Sein ganzes uebermenschliches Streben war darauf gerichtet, sich den Geistern gleich zu heben; er hat sich ihnen zu naehern gesucht und war durch dies Verlangen in ihre Sphaere eingedrungen; hatte sich dadurch die Kraft der Anziehung erworben; so hat er endlich den Erdgeist erfleht, beschworen. Er ist ihm erschienen, und nun liegt er im Staub, windet sich gleich den Wuermern. "Das erbaermliche Liegen im Staube--und des Winden der Wuermer"--damit vergleicht der Dichter dieses Gefuehl in einem Augenblicke, da ihm gewaehrt ward, was seinem Helden versagt blieb: "schwebend im herrlich unendlich heiligen Ocean unsers Vaters des ungreiflichen, aber des beruehrlichen.--Nennbare, aber unendliche Gefuehle durchwuehlen mich--"[147]. Faust gewinnt die Kraft der Erhebung wieder. Der Geist enthuellt ihm sein Wesen, aber er erkennt darin nicht, weil er an ihr nicht Teil hat, die hoechste Thaetigkeit und das, was sie erzeugt. Er hat wohl erkannt, dass er der Geist rastlosen Lebens sei, allein nicht, dass dieses Leben, wie es das Wesen des Geistes offenbart, zu dauernder, zielbewusster Thaetigkeit zu steigern sei. Sein Streben ist titanisch, aber seine Kraft nicht die des Prometheus! Sein Geist hat sich noch nicht, wie Goethe es spaeter nannte, zur Entelechie entwickelt. Er gleicht nur seinem Geiste, nicht dem Erdgeiste. Denn um ihn zu erkennen, muesste er er selbst sein[148]. Der Erdgeist verschwindet, sobald Faust ihre Verschiedenheit ausgesprochen hat. Es bleiben nur noch eine Reihe wichtiger Fragen zu beantworten, die in sich zusammenhaengen: Worin liegt es begruendet, dass Faust sich zunaechst an die Geister des Makrokosmos und der Erde wendet? Bietet uns das innere Leben des Dichters dafuer einen Anhalt? In welchem Verhaeltnis steht der Geist des Alls zu dem der Erde? Der Faust der Sage uebergibt sich dem Teufel, der des Dichters erhebt sich zu den Geistern, dem Goettlichen. Diese Erhebung, die Sehnsucht, sich dem Goettlichen unmittelbar zu naehern, ist einer der bemerkenswertesten Zuege in der Entwickelung des jungen Goethe. Er bedeutet in dem Gesamtbilde seines Lebens eben nichts anderes als den Drang, die innewohnende Faehigkeit, die er in dunklen Ahnungen in sich fuehlte, auf das Hoechste zu steigern und auszubilden[149]. Schon fruehe finden wir ihn in dem jungen Goethe ausgepraegt. Bekannt ist die Erzaehlung am Ende des ersten Buches von Dichtung und Wahrheit, wie der Knabe sich der Gottheit unmittelbar zu naehern gesucht. Die ueblen Folgen dieses Versuches konnten ihm damals schon andeuten, wie gefaehrlich es ueberhaupt sei, sich Gott auf dergleichen Wegen naehern zu wollen. In der seltsamen Weltanschauung, die er sich in seiner alchemistischen Epoche bildete, ist es Lucifer, der durch seinen Abfall von Gott den Geistern die suesse Erhebung zu ihrem Ursprung verkuemmert. Dieses Streben, sich zu Gott zu erheben, offenbart sich in dem Dichter in der verschiedensten Weise, als titanischer Drang, Gott gleich zu schaffen und Schaffenslust zu geniessen, aus dem schaeumenden Becher des Unendlichen zu trinken, dann wieder als sehnsuechtige Liebe zu dem allliebenden Vater. Es ist die Religion des Dichters. "In unsers Busens Reine wogt ein Streben, Sich einem Hoehern, Reinem, Unbekannten Aus Dankbarkeit freiwillig hin zu geben, Entraetselnd sich den ewig Ungenannten; Wir heissens: fromm sein"[150]. dichtet er spaeter. In diesem Unendlichkeitsstreben macht sich aber das Gefuehl der Beschraenkung geltend. Dazwischen wogt es im Innern des Dichters auf und ab, bis er endlich wie Lucifer und Prometheus im Hochgefuehl der inneren Schoepfungskraft von Gott undankbar abfaellt und in sich selbst den hoeheren Ursprung zu finden glaubt, um aber bald wieder die trotzige Erhebung gegen die Gottheit aufzugeben und sich wieder seinem Ursprung zuzuwenden[151]. Dieser Grundzug seines Lebens tritt uns in der Dichtung des jungen Goethe mannigfach entgegen. In Wanderers Sturmlied[152], das in der Zeit nach dem Wetzlarer Aufenthalt gedichtet ist, zuerst und besonders bemerkenswert, weil wir hier hinein blicken koennen in den inneren Kampf des Dichterherzens zwischen dem Trieb der Erhebung und dem Gefuehl seiner Schwaeche. Klagend empfindet er den Mangel innerer Waerme; er muss sein Herz anfeuern, der Gottheit (Phoebus Apollo als Weltgenius) entgegen zu gluehen, damit nicht ihr Blick unbeachtend an ihr voruebergleite. Es liegt darin also zugleich der Gedanke, dass die Erhebung fuer den Menschen noetig sei, wenn er Gottes Mitwirkung erhalten solle[153]. In dem Fragment Mahomet[154] von 1773 sucht der Held des Stueckes den einen Gott, dem er ungeteilt sein ganzes Gefuehl weihen koenne, in dem alles enthalten sei. Sein liebendes Herz hebt sich dem Erschaffenden, und siehe, der Herr, sein Gott, naht sich, freundlich zu ihm. In Mahomets Gesang[155] endlich preist der Dichter in erhabenem Schwung den Menschen, der sich durch nichts abhalten laesst, seinem Ursprung unaufhaltsam zuzueilen, der auf seinem Siegeslaufe auch noch andere, deren gleichem Verlangen ihre Kraft nicht entspricht, mit sich fortreisst und dem erwartenden Erzeuger freudebrausend an das Herz traegt. Im Ganymed[156] (1773) ist es mehr die sehnsuechtige Liebe des Unendlichen, wie sie auch die schoene Seele in ihren Bekenntnissen zu ihrem Heilande fuehlt, als kraeftiges Hinstreben; aber auch sie findet ihr Erhoeren; auch der Sehnende wird emporgetragen zu dem Busen des allliebenden Vaters. Allein mit dem Verlangen nach Erhebung verbindet sich leicht der vermessene Glaube, Gott gleich zu werden, gleich ihm zu schaffen, gleich ihm die Wonne des Geschaffenen zu fuehlen. Du wirst sein, fluestert die Stimme des Versuchers im Inneren, wie Gott. Der Kampf zwischen dem unendlichen Streben und dem Gefuehl der Einschraenkung steigert sich, bis eine Art feindseliger Ruhe im Kampfe eintritt. Der Mensch zieht sich in stolzer Kraft ganz auf sich zurueck und verschmaeht trotzig alle goettliche Hilfe. Allein diese Aufwallung legt sich bald; er beginnt sich zu resignieren, um den inneren Frieden wieder zu gewinnen. "Denn auch der einzelne", so bemerkt er spaeter in seiner Lebensgeschichte, "vermag seine Verwandtschaft mit der Gottheit nur dadurch zu bethaetigen, dass er sich unterwirft und anbetet"[157]. Die spinozistische Gesinnung jedoch, die der junge Goethe in sich aufgenommen hatte, war zu beidem angethan, einen ruecksichtslosen Individualismus zu schaffen und dann wieder unter Anerkennung der Schranken der Endlichkeit sich in Liebe zur Gottheit zu erheben[158]. Kehren wir zu Faust zurueck! Auch er hat das Streben, sich dem Goettlichen, "den Geistern" gleich zu heben. Dazu sucht er sie zu beschwoeren. Das erste, was er in dem Zauberbuche erblickt, ist das wichtigste aller Zeichen, das des Makrokosmus. Der Geist des Makrokosmus ist, wenn wir die Geisterterminologie, zu der den Dichter sein Stoff noetigte, bei Seite lassen, die Gottheit des Weltenalls. Hier scheint nun Faust Gelegenheit gegeben zu sein, sich ihr unmittelbar zu naehern. Macht er, der sich ja als Ebenbild Gottes fuehlt, und da er das Goettliche in dem Zeichen erkannt hat, den Versuch, es zu thun? In welchem Verhaeltnis steht er zur Gottheit? Es ist weniger die sehnende Liebe, wie sie im Ganymed ihren Ausdruck findet, es ist, wenn auch nur verhuellt, angedeutet, der Drang nach schoepferischer Kraft, die er aus dem Urquell alles Seins zu schoepfen begehrt; aber gleich seinem Dichter fuehlt Faust bereits, dass ihm hier durch unmittelbare Annaeherung an das Goettliche keine Befriedigung winkt. Daher gibt er, zunaechst sehnsuechtig klagend, dann unwillig werdend, den Versuch auf. Faust vor dem Bilde des Makrokosmus bietet uns also in kurzer Zusammenfassung den Gang einer Entwicklung, die in seinem Dichter selbst vorgegangen war. Der erste Monolog ist danach bereits auf einer Stufe gedichtet, da Goethe erkannt hatte, sich unmittelbar dem Goettlichen zu naehern, sei ein vergebliches Verlangen. Deshalb wendet sich sein Held unwillig gleich Prometheus von ihm ab; er gibt es auf, mit dem Weltgeist selbst zu ringen[159]. Dem Geist des Irdischen wendet er sich zu; aus seinem Wesen schoepft er sofort die Begeisterung, sich in das Leben zu wagen; mit anderen Worten, wenn auch Faust noch nicht die deutliche Erkenntnis hat, grade auf diesem Wege innerhalb der Grenzen der Menschheit zu seinem Ziele gelangen zu koennen, so hat er doch das dunkle Gefuehl, der Mensch sei zunaechst auf das Leben dieser Erde angewiesen. In dieser fuer Faust in ihren wichtigen Folgen noch dunklen, dem Dichter schon klareren Empfindung liegt das tiefe Problem[160],--es ist das Problem der ganzen Dichtung--dass sich der Mensch eben dadurch, dass er im vollsten und hoechsten Sinne das Irdische erlebe, das Recht auf ein Fortleben auf einer hoeheren Stufe, auf ein hoeheres Leben erwerbe. Dann braucht nur die Gnade von oben die auf Erden im Leben begangene Schuld zu tilgen, und gereinigt steigt er hinauf zu den Sphaeren der Liebe und reiner Thaetigkeit. Hier wurzelt also der edle Realismus des Dichters in Leben und Kunst, der immer reiner und schoener predigt: Gedenke zu leben, lass das Leben, wenn es durch deinen Busen hindurchgegangen ist, wieder rein und treu entstehen; es wird nie des hoeheren Sinnes entbehren, stets nach dem Hoechsten weisen, zu ihm fuehren! Dieser tiefe Grundgedanke, der sich durch seine ganze Dichtung zieht, wird in ihr aufs mannigfaltigste zum Ausdruck gebracht; zum ersten Mal wohl am Schluss des schoenen Aufsatzes von deutscher Baukunst (1772). Wenn der Kuenstler das irdische Leben in Arbeit und Genuss, in Begehren und Leiden genossen hat und irdischer Schoenheit satt, goettlicher aber wert geworden ist, dann erhebe er sich zu ihr und mehr als Prometheus leit' er die Seligkeit der Goetter auf die Erde[161]! "Trachtet ihr, dass ihr Lebenskenntnis erlanget, euch und eure Brueder aufzubauen", ruft er in den biblischen Fragen aus[162]. Frei wie Wolken, fuehlt, was Leben sei! Stehn auf seinen Fuessen, Der Erde geniessen--verkuendet ganz in des Dichters Sinne Satyros[163], um jedoch mit einem laecherlichen Mittel nach dem Ziele hinzuweisen. "Rasch ins Leben hinein!" feuert er sich selbst an in der schoenen Allegorie an Schwager Kronos[164] (gedichtet am 10. October 1774). "Weit hoch, herrlich der Blick Rings ins Leben hinein! Vom Gebirg zum Gebirg Schwebet der ewige Geist. Ewiges Lebens ahndevoll". Also auch hier erscheint der Geist des Lebens. In diesem Leben, auf dieser Erde, muss dem Menschen sein hoechstes Ziel, die Ausbildung des Reinmenschlichen, wodurch er einer hoeheren Stufe wuerdig wird, zu erreichen moeglich sein. Humanus scheidet erst, nachdem er ein Beispiel des Lebens gegeben und so dafuer gesorgt hat, dass sein Geist sich in allen verkoerpert hat und keines besonderen irdischen Gewandes mehr bedarf[165]. Das Beispiel des Menschen lehre uns darum das Goettliche glauben[166]! Nicht mit den Goettern solle sich der Mensch messen; denn hebt er sich aufwaerts, dann haften nirgends die unsicheren Sohlen; auf der wohlgegruendeten, dauernden Erde stehe er mit festen markigen Knochen, ohne sich indes auch hier zu ueberheben[167]. Halber Trotz spricht dagegen noch aus dem Gedichte Menschengefuehl[168] und in noch herberen Worten drueckt sich endlich Faust selbst aus: Das Drueben kann mich wenig kuemmern; * * * Aus dieser Erde quillen meine Freuden, Und diese Sonne scheinet meinen Leiden[169]; und vor allem am Ende des zweiten Teils: Nach drueben ist die Aussicht uns verrannt; Thor, wer dorthin die Augen blinzend richtet, Sich ueber Wolken seinesgleichen dichtet! Er stehe fest und sehe hier sich um; Dem Tuechtigen ist diese Welt nicht stumm. Was braucht er in die Ewigkeit zu schweifen![170] Man sieht, wie mannigfach dasselbe Thema angeschlagen wird; aber ueberall hoeren wir hindurch: Halte dich zunaechst an das irdische Leben; hier ist der Boden, auf dem der Mensch wurzelt; nicht aber verlange er mit Ueberspringung dieses Lebens nach einem, das ihm hier noch nicht gegeben ist. Diese Erkenntnis praegt sich auch im aeltesten Faust aus, wenn sich Faust unwillig vom Zeichen des Weltgeistes ab und dem Geist der Erde zuwendet. Aber er wird von ihm verschmaeht, da er sich ihm zu einer Zeit gleichsetzt, wo er sein Wesen noch nicht voellig d.h. innerhalb den Grenzen seiner menschlichen Natur erlebt hatte. Von hier aus haben wir zum ersten Mal einen Ausblick, in welcher Weise sich das Faustproblem weiter bilden musste. Faust musste hinaus in das Leben, um es in jedem, also auch im hoechsten Sinne zu erleben. Dazu sollte und musste dann der Teufel selbst schliesslich sehr gegen seinen Willen beitragen. Er war es grade, der ihn mit sich fortriss auf den ihm noch fremden Boden des Lebens, im Wahne, ihn dort verderben und in seine Gewalt bringen zu koennen: Ich macht ihm deutlich, dass das Leben Zum Leben eigentlich gegeben. * * * So lang man lebt, sei man lebendig![171] Allein wenn auch Faust sich zunaechst in schwerer Schuld verstrickte, so gewann er doch wieder im Leben, wo er sie allein gewinnen konnte, die Kraft zu einem hoeheren Leben. Aus der kummervollen Sphaere des ersten Teils, aehnlich der, die der junge Dichter selbst durchlebt, erhob er sich zu hoeheren Regionen in wuerdigere Verhaeltnisse[172]: Goethe wusste daher wohl, was er sagte, wenn er kurz vor seinem Tode an Humboldt schrieb (am 17. Maerz 1832): Es sind ueber sechzig Jahre her, dass die Conception des Faust bei mir jugendlich von vornherein klar, die ganze Reihenfolge der Scenen hingegen weniger ausfuehrlich vorlag.[173] Es bleibt nun noch eine Frage zu beantworten: Weshalb erscheint der Erdgeist in widerlicher Gestalt? Im Fragment ist zwar bereits diese scenarische Bezeichnung getilgt, aber nicht Fausts Entsetzen. "Schreckliches Gesicht" ruft er auch hier sich abwendend aus, nicht minder das: "Weh, ich ertrag dich nicht." Knuepfen wir zunaechst an das letztere an, so ist es klar, dass das Ungeheuere der Erscheinung auf Faust einen niederdrueckenden Einfluss ausueben musste. Goethe selbst erklaert, wie in seiner Jugend das Erhabene, das sein Gefuehl formlos oder zu unfasslichen Formen gebildet hervorbrachte, ihn mit einer Groesse umgeben musste, der er nicht gewachsen war[174]. Ueberhaupt lag es in seiner Natur, dass er alle Eindruecke zu stark empfand, daher er sich bemuehen musste, sich von dem Drang und Druck des Allzuernsten und Maechtigen zu befreien, das in ihm fortwaltete[175]. In diesem gesteigerten Empfindungsvermoegen lag eben die Staerke und Schwaeche seiner dichterischen wie menschlichen Natur. Werther erliegt aus diesem Grunde unter der Gewalt der Herrlichkeit der Natur, die ihm erschienen ist[176]. Aehnliches konnte er auf der Sommerreise 1774 von Fritz Jacobi erfahren, was er gewiss damals als etwas, das ihn auf das heftigste erschuettert hatte, dem neuen Freunde nicht vorenthielt. Er schreibt darueber spaeter: "Es war naemlich jenes Sonderbare, eine von allen religioesen Begriffen ganz unabhaengige Vorstellung endloser Fortdauer, welche mich in dem angezeigten Alter, (im achten oder neunten Jahre) bei dem Nachgruebeln ueber die Ewigkeit a parte ante, unversehens mit einer Klarheit anwandelte, und mit einer Gewalt ergriff, dass ich mit einem lauten Schrei auffuhr und in eine Art von Ohnmacht versank.------" "Der Gedanke der Vernichtigung, der mir immer graesslich gewesen war, wurde mir nun noch graesslicher; und ebensowenig konnte ich die Aussicht einer ewig dauernden Fortdauer ertragen.------Ohngefaehr von meinem siebenzehnten bis in mein dreiundzwanzigstes hatte ich mich in diesem letzteren Zustande befunden, (er glaubte, die Erscheinung habe fuer ihn das Fuerchterliche verloren) als auf einmal die alte Erscheinung wieder vor mich trat. Ich erkannte ihre eigene graessliche Gestalt, war aber standhaft genug, sie festzuhalten fuer einen zweiten Blick, und wusste nun mit Gewissheit, sie war! Sie war, und hatte ein in dem Masse objectives Wesen, dass sie jede menschliche Seele, in welcher sie Dasein erhielt, gerade so wie die meinige afficieren muesste.------Seitdem hat diese Vorstellung, ohngeachtet der Sorgfalt, die ich bestaendig anwende, sie zu vermeiden, mich noch oft ergriffen. Ich habe Grund zu vermuten, dass ich sie zu jeder Zeit willkuerlich in mir erregen koennte, und glaube, es staende in meiner Macht, wenn ich sie einige Male hinter einander wiederholte, mir in wenig Minuten dadurch das Leben zu nehmen[177]". Es ist also einmal das Ungeheuere der Erscheinung, das Faust niederdrueckt und ihm dabei das Gefuehl der eigenen Kleinheit gibt[178]. Damit aber verbindet sich, insofern dem Menschen enthuellt wird, was ihm verborgen bleiben soll, das Schreckliche, Graessliche. Es ist ein uralter Glaube, dass die Erkenntnis des dem Menschen Verbotenen ihn mit Abscheu, Schrecken, Widerwillen erfuellt. Der erste Mensch, der gegen Gottes Gebot von dem Baum der Erkenntnis gekostet, scheut sich vor seiner eigenen Bloesse. Der Juengling von Sais bleibt von Entsetzen gepackt, da er den Schleier der Gottheit gelueftet[179]. Darum warnt Goethe selbst in dem Gedichte "Genius die Bueste der Natur enthuellend." Bleibe das Geheimnis teuer! Lass' den Augen nicht geluesten! Sphynxnatur, ein Ungeheuer, Schreckt sie dich mit hundert Bruesten. Dazu der gute Rat, der auch Faust gilt: Suche nicht verborgene Weihe! Unterm Schleier lass das Starre! Willst Du leben, guter Narre, Sieh nur hinter dich ins Freie![180] Dazu kommt endlich noch, dass fuer den Kuenstler Goethe des Ungeheuere auch ein aesthetisches Unbehagen erzeugt. "Soll das Ungeheure"--meint er spaeter--nicht erschrecken; so muss es eine unnatuerliche, scheinbar unmoegliche Verbindung eingehen, es muss sich das Angenehme zugesellen[181]. Aus diesen Gruenden also erscheint der Erdgeist, da ihn Faust mit unnatuerlichen, verbotenen Mitteln Gestalt anzunehmen gezwungen hat, um ungeduldig eine Erkenntnis vorweg zu nehmen, die ihm erst im Lebensgange erwachsen sollte, in schrecklicher, widerlicher Gestalt[182]. Sobald aber der Geist verschwunden ist und Faust nicht mehr unmittelbar unter dem Banne des Schrecklichen steht, endlich gar sich sein Famulus Wagner angekuendigt, denkt er nur noch daran, dass er gewuerdigt worden ist, den Geist zu schauen, dass bei der Erscheinung, wenn er sie auch nicht voellig fassen konnte, ihm doch eine Fuelle von Erschautem zu Teil geworden ist. Daher fuehlt er sich auch, da Wagner sich naht, noch tiefer niedergedrueckt wie durch des Geists Erscheinen[183]. Keineswegs ergreift ihn das Gefuehl der Ueberlegenheit ueber ihn, sondern nur das, dass er durch ihn wieder zum Kleinlichsten und Beschraenktesten der Menschennatur herabgezogen werde in einem Augenblicke da er sich in der Fuelle dessen, was er gesehen hatte, zu verlieren sehnte. Mit Recht konnte daher auch Faust die Erscheinung des Erdgeistes als sein hoechstes Glueck bezeichnen[184], vor allem aber wegen des danach erfolgenden Bundes mit dem Teufel. Der Widerwille des Dichters gegen diese ihm von der Sage gebotene Weiterfuehrung des Dramas drueckt sich aufs deutlichste in dieser bereits im Fragment mit V. 166 = 519 vorgenommenen Aenderung aus[185]. Die Wendung des Motivs dahin, dass sich Faust an Wagners Kleinheit[186] aufrichtet, gehoert der Ausgabe von 1808 an. Der Uebergang aber von der alten zur neuen Fassung dieses Motivs ist noch deutlich. Das urspruengliche Gefuehl bricht durch in den Versen (606 f.): Darf eine solche Menschenstimme hier. Wo Geisterfuelle mich umgab, ertoenen? Danach folgt der Uebergang zu dem neuen, worauf sich dann das weitere aufbaut: Doch ach fuer diesmal dank ich dir, Dem Aermlichsten von allen Erdensoehnen. Die Entstehungszeit des ersten Monologs und der Erdgeistscene. Wann sind nun der erste Monolog und die Erdgeistscene gedichtet? Diese Frage darf jetzt, da ihre Einheit erwiesen ist, fuer die ganze erste Hauptmasse gestellt werden. Denn gerade das, was man als sich widersprechend nachweisen wollte, deutet auf die innere Einheit im Geiste des Dichters hin. "In der Poesie gibt es keine Widersprueche"[187]. Wie sich fuer den Schoepfer in der von ihm geschaffenen Welt nichts widerspricht, so auch im Geiste des Dichters. In ihn sich zu versetzen, ihn zu erkennen, ist die Aufgabe des, der seine Werke verstehen will. In dem Dichter, in dem, was er gelebt, empfunden, erschaut, geahnt, ersehnt hat, liegt auch der Schluessel fuer das Verstaendnis seiner Dichtung. In dem ersten Monolog und der Erdgeistscene ist keine Zeile, die der junge Goethe nicht erlebt haette, die nicht aus seinem lebendigen Gefuehle geflossen waere, natuerlich auch keine so, wie er sie erlebt hatte[188]. Wenn auch dem Sohne des aufgeklaerten Zeitalters, dessen Auswuechse er selbst bekaempft hatte, und dem er dennoch angehoerte, auf Schritt und Tritt die alte Sage widerstrebte, so kehrt doch der Dichter immer wieder zu ihr zurueck, und er ist so gluecklich, aus seinem eigenen Leben den Stoff nehmen zu koennen, womit er die alte Form erfuelle, wie es scheinen moechte, in dem Geiste der Ueberlieferung, in der That aber, indem er mit seinem Geiste das Alte neu belebte. War das nicht mehr moeglich, dann brach die Dichtung ab. Denn Charakter und Thaten seiner Helden mussten sich mit Charakter und Thaten in ihm amalgamieren, wenn ein Werk sich voellig ausgestalten sollte[189]. Daher fragt es sich bei einem Werke Goethes immer: Wann waren diese Gefuehle bei dem Dichter in dieser Weise lebendig, dass sie zu Motiven seiner Dichtung werden konnten? Wann rang er sich aus dem "Wirrwarr des Gefuehls" mehr und mehr zur Klarheit durch, um endlich durch die Darstellung sich von allem Druck zu befreien und zu vollstaendiger Gewissheit ueber das, was ihn bewegte, zu gelangen. Aeusserliche, zufaellig ueberlieferte Entstehungsangaben foerdern uns hier nicht viel; den Spuren seiner Motive muss nachgegangen werden[190]. Dabei hilft uns, was wir vom Leben des Dichters sicher und verbuergt wissen, vor allem aber seine gleichzeitige Dichtung. Sie muss herangezogen werden, dass wir durch sie einen sicheren Boden gewinnen; sie gibt uns die Entstehung, Entwicklung und Ausbildung der Motive, die der Dichter immer wieder von neuem aus seinem Inneren holt, um sie fuer seine Dichtung fruchtbar zu machen. Dann koennen wir mit Bestimmtheit erklaeren: Um diese Zeit hat der Dichter diese Anschauung in sich in dieser Weise ausgebildet. Die Stelle ist also damals geschrieben. Das, was er geschaffen, ist das lebendige Kleid des dichterischen Geistes, das er sich selbst immer von neuem wirkt. Aus dem wechselnden Gewand muessen wir auf den Geist des Dichters schliessen und in die Tiefen seiner Entwicklung eindringen. Da nun im vorigen Schritt fuer Schritt die Entstehungsmotive aufgedeckt sind und sich aus dem von selbst sich aufdraengenden Vergleich mit der uebrigen Dichtung des jungen Goethe, zumal da wir ueber ihre Entstehung besser unterrichtet sind, ein bestimmter Anhalt gewinnen liess, so ist die Frage ueber die Entstehung der ersten Hauptmasse schon beantwortet. Vor allem sprang uns der charakteristische Zusammenhang mit Werthers Leiden in die Augen. Wir wissen, dass dieser Roman schon Ende 1773 geplant war, dass er aber erst Anfang 1774, als die eigentuemlichen Lebensumstaende des Dichters selbst dafuer sorgten, zur Ausfuehrung kam[191]. Auch bei Werther erscheint der Unendlichkeitsdrang, aber nur als ein ungeheurer Hintergrund; auch er will sich Gott gleich heben, um Schaffenslust zu geniessen; aber fuer ihn ist dies Streben eine Zeit, die hinter ihm liegt. Ihm ist von vornherein nicht die Kraft gegeben, es zu verwirklichen. Er fuehlt den titanischen Drang des Uebermenschen in sich, aber nicht seine Staerke. Er, dessen Geist nach dem Unendlichen griff, wird von einer Leidenschaft gepackt, die ihn ganz ausfuellt, die ebenso endlos werden muss, wie sein frueheres Streben. Und auch jetzt wird ihm keine Befriedigung. Ein Versuch, sich durch Thaetigkeit zu befreien, misslingt in der Enge des buergerlichen Lebens, schneidet ihm dies Rettungsmittel ab und vermehrt noch den Druck der Einschraenkung. Er befreit sich durch den Tod. Der geniale, nach dem Hoechsten ringende Mensch stellt sich hier im buergerlichen Kleide des 18. Jahrhunderts dar; allein er sollte nicht einmal in dem kleinen Leben die Befriedigung finden, die es sonst seinen Angehoerigen, so seinem gluecklichen Nebenbuhler, gab. Zugleich wird ihm die Enge dieses Lebens beschaemend dargethan;--auch ein buergerliches Drama. Vielleicht hat auch Goethe urspruenglich die Absicht gehabt, eines daraus zu machen[192]. Zunaechst hatte er aber ueberhaupt nicht die Idee aus dem Sujet ein einzelnes Ganze zu machen. Seine Absicht war also den Grundgedanken des Werther, unendliches Streben im Kampfe mit menschlicher Einschraenkung und seine Folgen, im Faust darzustellen, der ihn ja, wie wir aus Gotters Versen wissen, in jener kritischen Zeit beschaeftigte. Das Leben brachte es anders; es schuf den ungluecklichen Bruder Fausts, der fruehe zu Grunde ging. Es war das ein grosser Vorteil fuer den Dichter; was er im Werther weitlaeufig dargestellt hatte, brauchte hier nur, insofern sie wesensgleich waren, angedeutet zu werden. Allein Fausts Lebensgang sollte weitergefuehrt werden. Sein unendlicher Drang, der nach Befriedigung verlangte, durfte nicht nur als Hintergrund seines Lebens erscheinen: er durfte nicht voellig etwa in einer Leidenschaft aufgehen; er musste der Faden der Handlung bleiben, selbst da, wo er verloren gegangen zu sein schien. Faust durfte nicht im kleinen Leben untergehen, er musste hinaus in die Welt, ins Leben! Auch ihn fasst das Gefuehl der Unbefriedigung und der klaeglichen Enge seines Lebens; er verwuenscht sein Leben, aber nicht das Leben ueberhaupt; er ist von gesuenderer Konstitution als sein ungluecklicher Bruder. Ihm schwindet nie die innere Kraft, wenn er sie auch nicht immer, im dunklen tappend, anzuwenden weiss. Er fuehlt den Mut zum Leben! Aus alledem darf der Schluss gezogen werden, dass die erste Hauptmasse des Faust nach dem Werther gedichtet ist, dass gerade der Werther die innere Arbeit am Faust unterbrach, die erst nach seiner Vollendung wieder aufgenommen ward. Die erste Hauptmasse ist also fruehestens im Jahr 1774 gedichtet. Dazu stimmt auch voellig, was, wie wir gesehen haben, von religioeser und kuenstlerischer Anschauung und ueberhaupt von seiner Lebensanschauung hier dichterischen Ausdruck gefunden hat. In seinem Verhaeltnis zu dem Goettlichen offenbart sich die Erkenntnis, dass eine unmittelbare Annaeherung unmoeglich, dem Schmachtenden nicht vergoennt sei, aus dem Urquell des Lebens selbst sich schoepferische Kraft zu holen. Darum wendet er sich unwillig von der Gottheit ab. Der Zusammenhang mit der Gefuehlswelt, der der Prometheus entsprungen ist, ist hier deutlich. Auch er wendet sich im heftigen Unwillen von den Goettern ab, da er sieht, dass sie ihm nichts geben koennen; aber er sucht alsdann in seinem Stolz alles in sich. Das thut Faust nicht. Der prometheische Trotz erscheint also hier schon ueberwunden. Auch in dem Drama Prometheus, das Ende 1773 gedichtet ist[193], ist der schliessliche Sieg der Gottheit ueber den Empoerer im voraus angedeutet. Mag sich daher auch Faust in prometheischem Unwillen abwenden, so erhebt er sich doch nicht in prometheischem Trotz gegen das Goettliche. Dass sich aber diese uebermuetige Aufwallung, die sich in stolzer Konzentration in sich gegen die Gottheit verschloss, so bald gelegt hatte, dazu trug nicht zum geringsten bei, dass der junge Goethe von neuem an die Grenzen menschlichen Vermoegens erinnert worden war, bei seinen Versuchen auf dem Gebiete der bildenden Kunst, mit der er sich ernstlicher in den Jahren 1773/74 beschaeftigte, einer Zeit, da das Dichten und Bilden unaufhaltsam mit einander ging[194]. Wir wissen, wie er in eigentuemlicher Verkennung seiner Faehigkeiten daran glaubte, zum bildenden Kuenstler geschaffen zu sein. Damals schlaegt ihm das Herz, da er zum ersten Mal in Oel zu malen beginnt: "Mit welcher Beugung, Andacht und Hoffnung, drueck ich nicht aus, das Schicksal meines Lebens haengt sehr an dem Augenblick[195]." Die nach Schoepfungskraft verlangenden Kunstgedichte dieser Zeit druecken dieselbe Sehnsucht im besondren Fall aus, die im Faust ins allgemeine gezogen ist; im einzelnen haben wir eine innere Uebereinstimmung gefunden mit der wohl erst 1775 niedergeschriebenen kleinen Abhandlung: Nach Falkonet und ueber Falkonet. Endlich weist uns die Weltanschauung, wie sie der Dichter in dem Verhaeltnis des Erdgeistes zum Weltgeist und im Wesen des ersteren selbst geoffenbart hat, auf eine Zeit reiferer, nach und nach im Lebensgange gewonnener Erkenntnis hin. Es ist der Gedanke, dass das unbedingte Streben des Menschen innerhalb des Lebens auf dieser Erde in zielbewusster Thaetigkeit das Hoechste zu leisten versuche und nicht etwa in thoerichtem Ansturm gegen die Schranken menschlicher Bedingtheit seine Kraefte unnuetz verbrauche, womit sich denn fuer das Gedicht eine unendliche Perspektive eroeffnete. Ferner ist wohl nicht an der Thatsache zu zweifeln, dass Goethe das Zeichen des Makrokosmus Herdersche Gedanken der aeltesten Urkunde an die Hand gaben und es ihm ermoeglichten, alchemistische Anschauungen seinem Denken gemaess darzustellen. Das Buch Herders, fuer das Goethe wie Merck die groesste Teilnahme zeigten, ist Ostern 1774 erschienen[196]. An eine spaetere Einschiebung der Verse 86-93 = 439-446 darf natuerlich nicht mit Scherer bei dem gerade hier ganz eigentuemlichen Zusammenhang in den Versen 77-93 = 430-446 gedacht werden. Von einem Sichwiederholen in der schoenen Gedankenfolge ist ebenfalls keine Rede[197]. Scherer ist uebrigens nur zu dieser Annahme gekommen, weil er eine spaetre Mitteilung Goethes zu stark gepresst hat. Er schreibt am 11. Mai 1820 an Zelter ueber Satyros: "Er faellt mir ein, da er eben ganz gleichzeitig mit diesem Prometheus in der Erinnerung vor mir aufersteht, wie du gleich fuehlen wirst, sobald du ihn mit Intention betrachtest. Ich enthalte mich aller Vergleichung; nur bemerke, dass auch ein wichtiger Teil des Faust in diese Zeit faellt". Dass zu diesem wichtigen Teil des Faust vor allem die erste Hauptmasse zu rechnen sei, hat man mit Recht angenommen. Prometheus ist nun allerdings im Jahre 1773 gedichtet, aber Satyros gehoert in seiner endgueltigen Fassung, wie er in Goethes Werken steht, sicher erst in den Sommer 1774. Denn der Satyros oder der vergoetterte Waldteufel, diese Satire auf die Geniefrechheit, ist zugleich auch ein Spott auf die prometheische Ueberhebung. Er steht also zeitlich dem Faust naeher als Prometheus, wofuer sich auch im weitren noch Anzeichen finden werden. Goethe selbst behauptete zwar in einem Gespraeche mit der Fahlmer, er sei schon vor ihrer Abreise fertig gewesen[198]; es ist aber offenbar auch hier der Fall, was ein guenstiges Geschick so oft bei seinen Schoepfungen eintreten liess, dass im Fortgang des Lebens seinen dichterischen Plaenen immer reicherer Stoff dargebracht wurde. So hat unbedingt die Bekanntschaft mit Basedow im Sommer 1774, auf den und nicht etwa gar auf Herder Satyros gedeutet werden muss, den Anlass zu einem lebenswahreren Bilde des Helden und damit zur eigentlichen Vollendung des Werkes gegeben. Prometheus war der tiefernste Erguss eines sich maechtig erhebenden Gefuehls nach Zeiten schweren Drucks. Auf demselben Boden wurzelt auch Faust. Satyros dagegen ist der Spott ueber genialische Anmassung ueberhaupt, die aus der Tendenz nach unmittelbarer Natur entstehen musste, ein Spott, der um so staerker in ihm rege ward, wenn er sich umschaute und sah, wie sein eignes Streben sich in andren ihm verzerrt entgegenstellte. Das Drama ist also aufzufassen als die Satire ueber das Genietreiben der Zeit, das sich auf verschiedene Weise in verschiedenen offenbarte. Individuelle Zuege bot ihm das Leben dazu in Fuelle, die er jedoch nie so benutzte, dass etwa seine Gestalten gar portraitartige Abbilder derer geworden waeren, die ihm dazu gestanden hatten. Genie kaempft hier mit sich selbst[199]. Daher bricht auch durch das Zerrbild das reine Bild wahrer Genialitaet oefters in ergreifender Weise durch; denn das Genie selbst hat die Satire geschrieben, nicht Nicolai. Nach alledem darf also angenommen werden, dass der erste Monolog und die Erdgeistscene im Jahre 1774 gedichtet sind, nach dem Werther, nach dem Erscheinen der aeltesten Urkunde, nach der Rheinreise und der Bekanntschaft mit Jacobi. Am 13. August war Goethe wieder heimgekehrt. Die Stimmung der dieser Reise folgenden Zeit, in der auf die Tage toller, ueberschaeumender Lebenslust wieder ein Rueckschlag eintrat, passt vortrefflich zu dem eigentuemlichen wehmuetigen Tone jener ersten Scenen. Selbst aus den satirischen Hervorbringungen dieser Zeit weht ein andrer Hauch als aus den Keckheiten der Fastnachtspiele von 1773. Die empfindsame Grundstimmung kommt wieder mehr zum Vorschein, denn auch mit Werther war sie nicht ganz beseitigt; nur ihre schlimmsten Folgen waren zu eigener Warnung geschildert. Sie kehrte periodisch wieder; gehoerte sie ja doch zu der inner eigensten Natur des Dichters[200]. Ebenso zeigt sich damals das Zurueckkommen vom Ueberschwang des Titanismus. Auf beides weisen uns die Briefe jener Tage. Am Tage der Heimkehr schon schreibt er an Jacobi: "Ich schwebe im Rauschtaumel, nicht im Wogensturm, doch ists nicht eins, welcher uns an Stein schmettert? Wohl denen, die Thraenen haben[201]." In einer solchen Stimmung haette auch ihn der Erdgeist verschmaeht. Dass der prometheische Trotz der Konzentration auf sich allein gewichen ist, zeigen die folgenden Worte aus einem Briefe an Jacobi vom 21. August: "dass zwar herrlich ist selbsts