The Project Gutenberg eBook, Das Nibelungenlied, by Unknown, Translated by Karl Joseph Simrock This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at www.gutenberg.net Title: Das Nibelungenlied Author: Unknown Release Date: February 5, 2005 [eBook #14915] Language: German Character set encoding: ISO-8859-1 ***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS NIBELUNGENLIED*** E-text prepared by Inka Weide and the Project Gutenberg Online Distributed Proofreading Team DAS NIBELUNGENLIED Uebersetzt von KARL SIMROCK Vorrede. Den Vorwurf, der meinen Uebersetzungen aus dem Mittelhochdeutschen, der Nibelungen namentlich, gemacht worden ist, als hätten sie den Originalen Abbruch gethan, könnte ich mir schon gefallen laßen, denn sie müsten sie, wenn er begründet sein sollte, übertroffen haben. Leider vermag das keine Uebersetzung, und so werde ich mich statt jenes schmeichelhaften Tadels mit dem bescheidenen Lobe begnügen müßen, Unzählige, und vielleicht den Ankläger selbst, den Originalen zugeführt zu haben. Daß dieß Uebersetzungen, und zwar besonders solche thun, die Zeile für Zeile, gleichsam Wort für Wort übertragen, ist Goethes Ausspruch, auf den ich mich schon im Freidank S. XIII. berufen durfte. "Sie erregen," sagt der Altmeister, "eine unwiderstehliche Sehnsucht nach dem Original." Weil aber immer etwas hangen bleibt, will ich, die Anklage ganz aus dem Felde zu schlagen, diese Sehnsucht zu befriedigen helfen, indem ich das Original neben die Uebersetzung stelle. Ueber den Schaden, welchen Uebersetzungen anrichten könnten, (seht was ein storch den foeten schade, noch minre schaden hânt si mîn), habe ich mich in der Vorrede zur 1. Aufl. mit stärkern Worten ausgesprochen als ich es hier nach dem Spruche de mortuis nil nisi bene dürfte. Ich laße aber diese frühe Vorrede auch aus andern Gründen wieder abdrucken, muß indes bemerken, daß ich jetzt nicht mehr drei, sondern vier Hebungen im ersten Halbvers annehme. Ferner laß ich, weil darin zweier in der "Einleitung" mitgetheilter Gedichte und einer "Weihe" gedacht ist, auch diese folgen; ja vielleicht wird es mir nicht verdacht, wenn ich auch die Erwiederung Fouqués, an welchen jene "Weihe" gerichtet war, aus dem Gesellschafter, 1827 Nr. 85 (28. Mai) einrücke. Um das Auge nicht zu beleidigen, geb ich Urschrift und Uebersetzung mit der gleichen Schrift, die mir, nachdem einige Zeichen hinzugekommen sind, auch für das Mittelhochdeutsche die geeignete scheint. Das Neuhochdeutsche anlangend, so hat Jacob Grimm, der sich in einem Briefe an F. Pfeiffer beschwert, daß er nicht einmal das ß, wo es organisch ist, durchzusetzen vermocht habe, dieß durch den Gebrauch der runden Schrift, die man ausschließlich lateinisch zu nennen pflegt, als ob die eckige nicht den gleichen Ursprung hätte, selber verwirkt, denn diese Schrift hat kein ß, und nicht Jeder ist in der Lage, sich eins schnitzen zu laßen, ja er selber war es nicht immer. Sie hat eigentlich auch kein k und verführte J. Grimm selbst zu der ungeheuerlichen Schreibung Cöln, was Zöln gesprochen werden müste, vergl. Cölibat, und also die Kölner, die sich ihrer bedienen, zu Zölnern und Sündern wider die deutsche Lautlehre macht. Für das Mittelhochdeutsche hat sie erst Beneke und in den Nibelungen Lachmann durchgesetzt; jedoch hat Lachmann die Prachtausgabe seiner Zwanzig Lieder mit eigens dazu gegoßenen wunderschönen eckigen s.g. deutschen Lettern drucken laßen. Ich selbst habe sowohl im _Lesebuch_ als im _Wartburgkrieg_ zu der s.g. lateinischen greifen müßen, weil es da der Mühe nicht lohnte, für die Umlaute des langen a und o sowie für das weichere z, das wir ß nennen und schreiben, eigene Zeichen (æ und oe und z) schnitzen und gießen zu laßen, wie das hier geschehen konnte. Die Nebeneinanderstellung von Text und Original nöthigte zu genauerm Anschluß an das Original, das aber erst redigiert werden muste, denn ich konnte keiner der drei Faßungen (Recensionen), in denen das Gedicht vorliegt, ausschließlich vertrauen: keine bewahrt allein das Echte, ja in keiner sind alle Strophen vereinigt, durch deren Verbindung Original und Uebersetzung nun einige hundert Strophen mehr zählen als die Handschrift A, deren Text ich zwar zu Grunde legte, von dem ich aber unzählige Mal abgewichen bin, manchmal vielleicht ohne Noth, aber schwerlich je ohne Grund. Nur in gleichgültigen Fällen hab ich den Text vorgezogen, der sich am wohllautendsten übertragen ließ. So ist allerdings mein Text kein kritischer; aber er wird dem endgültig durch die Kritik herzustellenden in den meisten Fällen vorgearbeitet haben. Die bisherigen kritischen Ausgaben haben sich Einer der drei Faßungen des Textes, welche man mit A, B und C zu bezeichnen pflegt, näher angeschloßen: die von der Hagensche von 1826 hielt sich an B (St. Galler Handschrift), die Lachmannsche an A, die Holtzmannsche und Zarnckesche an C, und indem Jeder die seinige für die echte und alleinseligmachende erklärte, erwarben sie sich das große Verdienst, uns von jeder dieser drei Faßungen ein zuverläßiges und anschauliches Bild vor Augen gestellt, und so der Ermittelung des ursprünglichen allen dreien zu Grunde liegenden Textes Vorschub geleistet zu haben. Einen Anfang zu solcher Kritik hat Bartsch (Untersuchungen über das Nibelungenlied, 1865) gemacht; aber seine Ausgabe, die zu B zurückgekehrt ist, benutzt die gewonnenen Ergebnisse nur theilweise. Der Text des ersten Dichters, der die vorhandenen Lieder mit Hülfe des lateinischen Nibelungenliedes Konrad des Schreibers zu einem Ganzen verband, wird zwar schwerlich jemals hergestellt werden können, denn das Gedicht scheint seitdem mehrfache Ueberarbeitungen erfahren zu haben, theils um die Sprache zu verjüngen, theils um Versbau und Reim mit den Ansprüchen der neuern Zeit in Uebereinstimmung zu bringen; offenbar sind auch große Theile des Gedichts aus der knappen Weise des Volkslieds, die sich z.B. in Lachmanns viertem Liede zeigt, von höfisch gebildeten Volkssängern in die reichere, glänzendere und gefühlvollere Darstellung, die wir an den Rüdigern betreffenden Abenteuern bewundern, umgebildet worden, wenn dieß nicht schon, wie Wackernagel (Sechs Bruchstücke 1866, S. 30 ff.) annimmt, an den Liedern selbst, vor ihrer Aufnahme in das Gedicht, geschehen war: wir müßen ihm aber so nahe zu kommen suchen als möglich. Daß die strophische Eintheilung schon dem _ersten_ Dichter des Ganzen vorschwebte, scheint mir keineswegs außer allen Zweifel gestellt, viel weniger, daß sie auch schon in den Liedern, welche er benutzen konnte, durchgesetzt war: darum kann ich die Forderung, daß der Sinn nicht aus einer Strophe in die andere übergehen solle, nicht für haltbar ansehen, während Mittelreime, ein anderes Lachmannsches Kennzeichen unechter Strophen, sich schon in den ältesten der Nibelungenstrophe verwandten Liedern finden, und sich auch Jedem, der in dieser Strophe zu dichten versucht, von selber aufdrängen. Das neuere Hildebrandslied, Uhland 330, hat dagegen nicht einen einzigen Mittelreim; die aus B eingeschaltete Warnung vor einer Art Pulververschwörung (28. Abenteuer) gleichfalls keine und das Abenteuer mit Gelfrat und Else (Str. 1561-1566), das ein ebenso müßiger Einschub ist, hat nur einen, während Sie in ältern und echten Theilen nicht gar selten sind, wo freilich Lachmann die ungenauern übersieht, und die, welche nur auf eine Hebung reimen, gar nicht in Anschlag bringt. Ich denke mir hiernach den Hergang wie folgt. Zuerst waren nur einzelne Lieder vorhanden, wie wir in der Edda die ganze Heldensage in Liedern dargestellt finden, die ich für Uebersetzungen deutscher halte, freilich sehr unvollkommen durch das Gedächtniss überliefert. Diese Lieder waren in alliterierenden Langzeilen verfaßt, wie uns davon im Hildebrandslied ein Beispiel vorliegt. Zugleich waren sie vom heidnischen Geist erfüllt, so daß z.B. der Drachenkampf, Brunhildens Versenkung in den Todesschlaf und Wiedererweckung durch Siegfried, der durch die Webelohe ritt, und manches Andere, christlichen Zuhörern nicht wohl mehr ausführlich vorgetragen werden konnte, von der Blutrache abgesehen, von der wir nicht wißen wie frühe sie der christliche Geist in Gattenrache gemildert habe. Dieses seines heidnischen Inhalts wegen muste das deutsche Epos so gut als das brittische bei Galfred von Monmouth, das fränkische bei Pseudoturpin einmal, um von den gröbsten Paganismen gereinigt zu werden, durch das Mönchslatein hindurchgehen, wie es selbst der Thiersage nicht erlaßen ward, und wie uns dafür im Waltharius, im Rudlieb die Beispiele, im lateinischen Nibelungenlied des Schreibers Konrad die Beweise vorliegen. Dieses lateinische Nibelungenlied, denn ein Lied darf es seines, unserm Liede entsprechenden Inhalts wegen heißen, wenn es auch in Prosa verfaßt war, ward auf Befehl Bischof Pilgrims, der zwischen 970-991 Bischof von Paßau war, also unter den ersten sächsischen Kaisern, wo die lateinische Klosterdichtung in der Blüthe stand, geschrieben, bald nach dem Waltharius, den Eckehart I. (+ 973) dichtete, und Eckehart IV. (+ 1036) auf Befehl Bischof Aribos von Mainz (1021-1031) durchsah und metrisch verbeßerte. Wir fanden hier schon zwei Bischöfe, die sich der deutschen Heldensage annahmen; ein dritter war Erkenbald, Bischof von Straßburg (951-991), welchem Gerald den Waltharius, an dem er irgendwie betheiligt war, mit einer lateinischen Widmung übersandte (Lat. Ged. von Grimm und Schmeller, S. 61); der vierte, aber leider der letzte, war Erzbischof Siegfried von Mainz (1060-1081): ihm ward es schon zum Vorwurf gemacht, daß ihm die deutsche Heldensage noch in Sinn und Gemüth lag, indem er lieber die Lieder von Etzel und den Amelungen singen, als den Augustinus und Gregorius vorlesen hörte. Dieß, wenn ich nicht irre, von Holtzmann selbst zuerst beigebrachte Zeugniss lehrt, daß die lateinische Klosterdichtung, die sich so gern mit volksmäßigen oder, was gleichbedeutend ist, deutschen Gegenständen, Heldensagen, Thiersagen und Volksmärchen beschäftigte, in der sächsischen Zeit noch von den höchsten Prälaten begünstigt werden durfte, während es ihnen in der salischen, wo die Geistlichkeit wieder in deutscher Sprache biblische, namentlich alttestamentliche Gegenstände, und zwar mit größerer Inbrunst als in der Otfridischen Zeit, behandelte, zum Vorwurf gereichte: denn eben jener Bischof Günther von Bamberg, der durch das Ezzolied bekannt ist, wird nach jenem Zeugnisse von Probst Herman ermahnt, nicht länger mit einem Manne so unchristlicher Gesinnung zu verkehren, wie ihm jener Erzbischof Siegfried von Mainz, seiner Vorliebe für die deutsche Heldensage wegen, zu sein schien. In der Blüthezeit der lateinischen Klosterdichtung, wo unter den Ottonen die Literatur in deutscher Sprache fast ganz verstummte, konnte wohl ein _lateinisches_ Nibelungenlied, und als ein solches wird es auch ausdrücklich bezeugt, aber schwerlich ein deutsches gedichtet, d.h. in jener Zeit von einem Geistlichen, wie Pilgrims Schreiber Konrad gewesen sein wird, niedergeschrieben werden. Daß es uns nicht erhalten blieb, dürfen wir bedauern; es ist aber schwerlich auf unser Nationalepos ohne Wirkung geblieben: dem Verfaßer des zweiten Theils, der ursprünglich den Namen der _Nibelunge nôt_ führte, scheint es vorgelegen zu haben, denn er entnimmt ihm den Namen des Bischofs Pilgrim, den wahrscheinlich schon sein Schreiber Konrad seinem Bericht eingefügt hatte. Aber auch dem Dichter des ersten Theils, der Siegfrieds Tod heißen könnte, hat es vorgelegen, ja ihm war es am nöthigsten, weil es ihn lehren konnte wie die Lücken seines Gedichts auszufüllen seien, die durch Ausscheidung der heidnischen Bestandtheile in der ersten Hälfte der Sage nothwendig entstehen musten. Neben der lateinischen Erzählung Konrads benutzten beide auch deutsche Lieder, jüngere und ältere; aber dem Dichter des zweiten Theils lag eine größere Fülle von Liedern vor, auch waren sie im Wachsthum wohl nicht so zurückgeblieben als die des ersten: im zwölften Jahrhundert war die Siegfriedssage, die am Rheine spielt, wo die Einflüße der welschen Dichtung auf die heimische Sage nachtheiliger wirkten, fast schon verblasst, während die Dietrichssage, die im zweiten Teil hervortritt, an der Donau und am Inn noch fortblühte, namentlich aber auch am Hofe zu Wien Gehör und Pflege fand. Die ersten neunzehn Abenteuer bilden den ersten Rheinischen Theil des Gedichts, das seine eigene Einleitung hat in den ersten zwölf Strophen, die auf den Inhalt des damals wohl schon vorhandenen zweiten Theils zwar gelegentlich (Str. l, 5, 6) schon Bezug nehmen, aber doch nur von dem Hofe zu Worms und den burgundischen Helden handeln. Noch entschiedener gehört der nun folgende _Traum Kriemhildens_ mit der Deutung der Mutter Str. 13-18 nur zu diesem ersten Theil; es ist aber ein Lied für sich, das der Dichter vorfand und einrückte. Keineswegs bildet es einen Bestandtheil des von Lachmann s. g. ersten Liedes, vielmehr ist es selber das erste und älteste von allen. Es gehört noch der Zeit an, wo Reim und Alliteration, wie im Liede von der Samariterin (Lesebuch 35) und noch bei Otfried, nebeneinander zum Schmuck verwendet wurden. Sein hohes Alter beweist auch, daß der eddische Mythus von Odin, der als Falke von Gunnlödh entfliegt und von Riesen in Adlersgestalt verfolgt wird (vergl. Havamal 104-110 und D 58), in diesem Traume Kriemhilds nachklingt. Das Bild des Falken für den Geliebten ist also uralt, und weit über die Grenzen Deutschland hinaus verbreitet gewesen. Vergl. MSF. S. 230. In der ältesten deutschen Lyrik, die sich aus dem Epos entwickelt hat, kehrt es bei Dietmar von Eist: Es stuont ein vrouwe aleine Lesebuch 58, und den dem Kürnberg zugeschriebenen Liedern zurück. Weil aber in letztern zu dem Bilde des Falken auch noch die Nibelungenstrophe kommt, für die kein älteres Zeugniss vorhanden ist, gerieth man auf den abenteuerlichen Einfall, den Kürnberg nicht etwa bloß für den Verfaßer unseres Liedes von Kriemhildens Traum, nein des ganzen Nibelungenliedes, auszugeben! Was wißen wir denn von Kürnberg? Nichts als daß er eine Weise erfunden hat. Ich stuont mir nehtint spâte an einer zinne. Lesebuch 52. Es ist eine Frau, die hier spricht, wie auch in dem verwandten Liede bei Dietmar von Eist, dessen soeben gedacht wurde. Auf der Zinne ihrer Burg stehend, hörte sie von einem Ritter ein Lied singen _in Kürnberges wise_. Wise kann zweierlei bedeuten, das Versmaß oder die Melodie; wir wißen also nicht einmal ob dieser Kürnberg der Dichter oder der Componist der Weise war, in der sie singen hörte, denn schon im Ezzoliede, Lesebuch 40, war das Amt des Dichters und Componisten geschieden: Ezzo begunde scriben, Wille vant die wîse. Eine Weise war nach Kürnberg benannt, die Weise in der jene Frau singen hörte, aber nicht, wie man annimmt, die Weise des Liedes, in welcher sie uns dieß berichtet, also nicht die Nibelungenstrophe noch die sie begleitende Melodie. Sie hörte ein Lied singen in Kürnbergs Weise; wie diese Weise lautete oder wie sie beschaffen war, ob eine Gesangweise oder ein Versmaß gemeint sei, erfahren wir nicht. Dem Kürnberg gehörte nur die Weise des Liedes, welches die Frau vor ihrer Burg singen hörte; ihm die Nibelungenstrophe zuzuschreiben, haben wir also nicht den entferntesten Grund: wie soll er denn nun gar das Nibelungenlied verfaßt haben? Man sagt, die Pariser Handschrift der Minnesänger schreibe dem Kürnberg die in der Nibelungenstrophe gedichteten ältesten Lieder zu: mithin habe dieser die bei ihm zuerst auftretende Nibelungenstrophe erfunden. Aber die Pariser Handschrift ordnet bekanntlich die Lieder nach Verfaßern und diese Verfaßer wieder nach Ständen, indem sie mit Kaiser Heinrich beginnt, hierauf Könige, Herzoge, Markgrafen, Grafen, Ritter folgen läßt und Zuletzt mit bürgerlichen Meistern schließt. Für Volkslieder, die keinen oder doch keinen namhaften Verfaßer haben, fehlte ihr eine Rubrik. Solche waren aber die dem von Kürnberg, und ohne bekannten Verfaßer auch die dem Spervogel zugeschriebenen Lieder und Sprüche. Mit welchem Leichtsinn der Sammler der Pariser Liederhandschrift sich aus der Sache zog, sehen wir an den Sprüchen, die er dem _Spervogel_ zuschreibt. Bekanntlich sind es zwei Weisen, in welchen die dem Spervogel zugewiesenen Sprüche gedichtet sind, eine größere und eine kleinere. In der größern, die voransteht, begegnet der Name Spervogel gleich in dem dritten Spruche: der Sammler, der um einen Namen verlegen war, griff ihn frisch heraus und setzte ihn über beide Spruchreihen, die jetzt Spervogel verfaßt zu haben schien, obgleich der dritte Spruch, in welchem er vorkam: swer suochet rât und volget des, der habe danc, alse min geselle _Spervogel_ sanc ic. deutlich besagte, daß nicht der Verfaßer, sondern einer seiner Freunde diesen Namen führte. Hätte er weiter lesen wollen und wäre bis zum 7. Spruche der II. Reihe gelangt, in welchem sich _Heriger_ als Verfaßer angiebt, so würde er wohl diesem, nicht dem Spervogel beide Spruchreihen zugeschrieben haben. Mich wundert, daß Haupt, der bei Kaiser Heinrichs Liedern auf das Zeugniss der Pariser Handschrift kein Gewicht legt und auch schon für _zweifelhaft_ hält, ob die dem Kürnberg zugeschriebenen Lieder ihm gehören, bei Spervogel, wo der Leichtsinn des Sammlers am Tage liegt, seinem Zeugniss vertrauen mag. Vergl. MSF. S. 238. Daß dem Dichter in jenem 7. Spruch das Alter nicht, wie Haupt meint, wegen fremder Entkräftung, vielmehr der eigenen wegen zuwider ist, zeigt die folgende Strophe, wo er es beklagt, nicht zum Bau eines Hauses griffen zu haben, als ihm zuerst der Bart entsprang, denn darum müße er jetzt, im Alter, "mit arbeiten ringen". Um zu zeigen, wie enge diese beiden Strophen zusammengehören und sich untereinander erläutern, setze ich die erste, worin der Name Heriger erscheint, hieher, weil da dem _gransprunge man_ eingeschärft wird, bei Zeiten für sichere Herberge zu sorgen. Mich müet das alter sêre, wan ez _Hergêre_ alle sîne kraft benan. es sol der gransprunge man bedenken sich enzite, swenn er ze hove werde leit, daz er ze gewissen herbergen rite. Mit demselben Leichtsinn nun wie bei Spervogel geht der Sammler der Pariser Handschrift, die man auch die Manessische nennt, zu Werke, indem er dem Kürnberg eine kleine Sammlung volksmäßiger Lieder zuschreibt, bloß weil ihm die vierte Strophe den Namen Kürnberg darbot. Ich will nun die ganze Strophe hiehersetzen, und ihr die wahrscheinlich zu demselben Liede gehörigen Strophen folgen laßen. "Ich stuont mir nehtint spâte an einer zinne, dâ hôrt ich einen rîter vil wol singen in Kürenberges wîse al ûs der menigin. er muoz mir diu lant rûmen ald ich geniete mich sîn.'-- "Nu brinc mir her vil balde mîn ros, mîn îsengewant, wan ich muos einer vrouwen rûmen diu lant. diu wil mich des betwingen daz ich ir holt si: si muoz der mîner minne immer darbende sin. Wîb unde vederspil die werdent lihte zam: swer si ze rehte lucket sô suochent si den man. als warb ein schoene rîter umb eine vrouwen guot; als ich dar an gedenke sô stêt wol hôhe mîn muot.' _Uebersetzung._ "So spät noch stand ich gestern an einer Zinne, Da hört ich einen Ritter lieblich singen; In des Kürnbergs Weise es aus der Menge klang: Er muß das Land mir räumen, sonst leg ich ihn in meinen Zwang."-- "Nun bringt mein Ross und bringt mir mein Eisengewand, Denn einer Frauen räumen muß ich dieses Land. Sie will mich zwingen, daß ich ihr gewogen sei: Sie bleibt meiner Minne immer ledig und frei. Ein Weib und ein Federspiel, die werden leichtlich zahm: Wer sie nur weiß zu locken, so suchen sie den Mann. So warb ein schöner Ritter um eine Fraue gut; Wenn ich daran gedenke so trag ich hoch meinen Muth." In der ersten Strophe hört die fürstliche Frau, die gegen Abend an der Zinne ihrer Burg steht, einen Ritter aus der davor versammelten Menge ein Lied singen in der Weise Kürnbergs. Diese mag damals sehr bekannt gewesen sein, jetzt weiß Niemand mehr von ihr. Die Stimme des Ritters, ja der Ritter selbst, gefällt aber der Fürstin so sehr, daß sie auf ihn zu fahnden beschließt: ihm soll nur die Wahl bleiben, ihr Geliebter zu werden oder ihr das Land zu räumen. Die zweite Strophe, denn das Gedicht ist ein "Wechsel", sehen wir nun dem Ritter in den Mund gelegt, der seinem Knappen befiehlt, ihm Ross und Rüstung herbeizubringen, denn er müße einer Frau das Land räumen, die ihn zwingen wolle, ihr hold zu sein: er möge aber ihr Geliebter nicht werden. Man sieht, diese zweite Strophe schließt sich genau an die erste, obgleich sie in der Handschrift weit von ihr entfernt steht. Die dritte, welche in der Handschrift den Schluß der fünfzehn Strophen begreifenden kleinen Liedersammlung bildet, setze ich nach Vermuthung an den Schluß unseres Liedes. Der Ritter fährt fort zu singen: wir hören wieder das uns schon aus Kriemhildens Traum bekannte Gleichniss von dem Falken, mit dem aber hier die Frau, nicht der Mann verglichen wird: "Frauen und Federspiel sind leicht zu zähmen, wenn man sie nur zu locken versteht." So hat Er es verstanden, und das verleiht ihm hohen Muth, daß er gewust hat, sich jene fürstliche Frau geneigt zu machen, von der er sich jedoch nicht feßeln zu laßen gedenkt. Noch ein andermal hören wir in den s.g. Kürnbergschen Liedern jenes erste Lied von Kriemhilds Traum nachklingen. Man könnte zur Noth an dasselbe Liebesverhältniss denken. Das Lied besteht wieder aus drei Strophen, die dießmal auch in der Handschrift beisammen stehen. Die Frau ist es wieder, die spricht; sie klagt um den entschwundenen Geliebten: "Es hat mir an dem herzen vil dicke wê getân, daz mich des geluste des ich niht mohte hân noch niemer mac gewinnen: daz ist schedelich; jone mein ich golt noch silber, es ist den liuten gelîch. Ich zôch mir einen valken, mêre danne ein jâr: dô ich in gezamete als ich in wolte hân, und ich im sîn gevidere mit golde wol bewant, er huop sich ûs vil hohe und vloug in anderin lant. Sit sach ich den valken schône vliegen, er vuorte an sînem vuoze sidine riemen und was im sîn gevidere alrôt guldin. Got sende si zesamene die geliep weln gerne sin.' _Uebersetzung._ "Es hat mir an dem Herzen gar manchmal weh gethan, Daß mich des gelüstete was mir nicht werden kann Und was ich nie gewinne: der Schade der ist groß; Nicht mein' ich Gold noch Silber, von den Leuten red ich bloß. Ich zog mir einen Falken länger als ein Jahr; Als er nun gezähmt war nach meinem Willen gar, Und ich ihm sein Gefieder mit Golde wohl bewand, Er hob sich auf gewaltig und flog in ein ander Land. Nun sah ich den Falken herrlich fliegen, Er führt an seinem Fuße seidene Riemen, Und strahlt' ihm sein Gefieder ganz von rothem Gold; Gott sende sie zusammen, die sich lieb sind und hold." In der ersten Strophe beklagt es die Frau, daß sie sich eines Dinges hat gelüsten laßen, das sie nicht haben konnte und vielleicht nie gewinnen mag. Das kann auf das Verhältniss zu jenem Ritter gehen: ausdrücklich fügt sie hinzu, sie denke dabei an Leute, nicht an Gold noch Silber. Das zweite Gesetz erwähnt wieder des Federspiels, indem sie mit dem entflogenen Falken den entschwundenen Geliebten meint. Das Verhältniss scheint aber hier, wenn es nicht ein anderes ist, vertrauter und inniger gedacht als wir es aus dem ersten Liede kennen lernten. Sie hatte den Falken sich nach Wunsch gezähmt, ja sein Gefieder mit Gold bewunden, wie König Oswald dem Raben, der an seinem Hofe erzogen war, die Flügel mit Gold beschlagen ließ ehe er ihn als Boten aussandte. Hier schließt sich das dritte Gesetz an, denn noch der flüchtige, in andere Lande entwichene Falke schleppte die alten Feßeln nach: er war "der freie Vogel nicht mehr, er hatte schon Jemand angehört". Seidene Riemen führt er am Fuße; sein Gefieder war noch von rothem Gold bewunden. Die Schlußzeile spricht den Wunsch nach Wiedervereinigung der Liebenden und somit ein größeres Vertrauen auf den Geliebten aus als das erste Lied und selbst der Anfang des zweiten erwarten ließ. Zur Vergleichung mag noch das erwähnte Lied Dietmars von Eist mit dem Bilde des Falken hier stehen: Es stuont eine vrouwe alleine und warte über heide und warte ir liebes, so gesach si valken vliegen: "Sô wol dir valke, daz du bist! du vliugest swar dir liep ist: du erkiusest in dem walde einen boum der dir gevalle. Alsô hân ouch ich getân: ich erkôs mir selbe einen man; den welten mîne ougen; daz nîdent schoene vrouwen. ouwê, wan lânt si mir mîn liep? jo engerte ich ir dekeiner trûtes niet.' _Uebersetzung._ Es stand eine Frau alleine Und blickte über Haide, Und blickte nach dem Lieben, Da sah sie Falken fliegen. "So wohl dir, Falke, daß du bist! Du fliegst wohin dir lieb ist. Du suchst dir in dem Walde Einen Baum der dir gefalle. Also hab auch ich gethan: Ich ersah mir einen Mann, Den erwählten meine Augen; Das neiden andre Frauen. O weh, so laßt mir doch mein Lieb: Ich stellte ja nach euern Liebsten nie." Auch ein verwandtes altitalienisches Sonett hat Haupt beigebracht: Tapina me, che amava uno sparviero! amava'l tanto ch'io me ne moria. a lo richiamo ben m'era maniero, ed unque troppo pascer no'l dovia. Or è montato e salito si altero, assai più altero ehe far non solia, ed è assiso dentro a un verziero e un' altra donna l'averà in balia. Isparvier mio, com'io t'avea nodrito! sonaglio d'oro ti facea portare, perchè nell' uccellar fossi più ardito. Or sei salito siccome lo mare, ed hai rotti li geti, e se' fuggito quand eri fermo nel tuo uccellare. _Freie Nachbildung._ Ich Arme, einen Sperber lieb zu haben! So liebt ich ihn, daß Sehnsucht mich verzehrt. An meinem Ruf schien sich sein Herz zu laben; Oft hat er Kost aus meiner Hand begehrt. Nun stieg er auf so stolz und so erhaben, Viel stolzer als er mir sich je bewährt. In einen Garten flog er überm Graben Und eine andre Herrin hält ihn werth. Wie reicht ich dir, mein Sperber, Leckerbißen! Goldene Schellen gab ich dir zu tragen, Dich freudiger zur Vogeljagd zu wißen. Nun flogst du hin und läßest mich verzagen: Du hast die Bande frevelhaft zerrißen Just da du meisterlich verstandst zu jagen. * * * * * Die nahe Verwandtschaft der beiden angeblich Kürnbergschen Lieder mit dem von Kriemhildens Traum hat auf den Gedanken geführt, sie möchten alle drei demselben Dichter gehören. Ein sehr armer Dichter, der dreimal dasselbe Motiv gebrauchte! Sie können nicht einmal aus derselben Zeit herrühren: das von Kriemhilds Traum mag nach seinem an den Mythus anklingenden Inhalt wie nach der fast ganz alliterierenden Form leicht ein Jahrhundert älter sein. Weder der Dichter der beiden Lieder vom Falken noch der von Kriemhilds Traum kann die Nibelungenstrophe erfunden haben: nur die beiden ersten Gesetze von Kriemhilds Traum bewahren noch den alten Gliederbau dieser Strophe, und von den sechs ausgehobenen angeblich Kürnbergschen Gesetzen nur noch das erste und das letzte. Nach dieser ursprünglichen Gliederung finden wir in den Nibelungen noch eine Anzahl alterthümlicher Strophen gebildet, bei dem s.g. Kürnberg noch fünf; einige so gebaute haben sich auch in dem neuern Volkslied erhalten, z.B. das bekannte Die Brünnlein, die da fließen, die soll man trinken, Und wer einen lieben Buhlen hat, der soll ihm winken u.s.w. Nach ihr war nur die dritte Langzeile um eine Hebung gekürzt; die drei andern zeigten noch die vollen acht Hebungen der alten epischen, einst alliterierten Langzeile; nur fiel in den beiden ersten Zeilen, welche als Aufgesang anzusehen waren, die letzte Senkung aus und die beiden letzten Hebungen trugen den Reim, der also nur scheinbar klingend war, denn auf den spätern klingenden Reim fällt nur Eine Hebung, die zweite Sylbe ist unbetont. Solche zwei Hebungen tragende Reime waren: zinne: singen, vliegen: riemen, Kriemhilde: wilde, Uoten: guoten. In den Anfängen der alten Lieder, die stäts am festesten im Gedächtniss hafteten, hat sich die alte Gliederung am längsten erhalten, so in den beiden ersten Strophen des Liedes von Kriemhilds Traum, dann Strophe 1362, wo ein Lied und zugleich ein Abenteuer anfängt. Dô Etzel sîne botschaft zúo dem Rine sándè, dô vlugen disiu mære von lándè ze lándè. ferner Nr. 1653, der Anfang des 16. Lachmannschen Liedes: die boten vür strichen mit den m'ærèn, daz die Niblungen zuo den Hiunen wæren, endlich Nr. 1571, wo nach dem langen störenden Einschub von Gelfrat und Else das vierte Lachmannsche Lied wieder einsetzt: Dô die wegemüeden rúowè genâmèn unde si dem lande nu näher quâmen u. s. w. An andern Stellen mag die alte Structur durch die Schönheit der Strophe geschützt worden sein, wie in den beiden aufeinander folgenden Str. 2132 und 2133. Der Schreiber der Handschrift A, der keinen Sinn mehr für die alte Metrik hatte, wie er denn auch zweisilbige stumpfe Wörter in die Cäsur setzte, die zwei Hebungen tragen soll, und der achten Halbzeile oft nur drei Hebungen giebt, nahm auch schon an vier Hebungen in der zweiten und vierten Halbzeile Anstoß und gleich in der ersten Strophe, wo er sie nicht verkennen konnte, glaubte er den Anfang umbilden zu müßen, was er sonst nicht gebraucht hätte; in der folgenden Strophe ließ er die scheinbar klingenden Reime bestehen, weil sich hier die genannten Halbzeilen auch zu drei Hebungen lesen ließen. Durch diese Umbildung aber geriethen die alten Schlußreime in die Cäsur: Es troumde Kriemhilde in tugenden der si phlac wie si einen valken wilde züge manegen tac, ein Beweis, daß Mittelreime dem Schreiber dieses Textes nicht anstößig waren, während Lachmann Kriemhilte und wilden schrieb, "um auch den Schein eines innern Reimes zu vermeiden". Was freilich 'in tugenden der si phlac' heißen soll ist nicht leicht zu sagen; wahrscheinlich sollte damit das in ir hohen eren des alten Liedes umschrieben werden, denn _in disen_ höhen êren lautete es wohl erst, als die zwölf Strophen der einem Theaterzettel ähnlichen Einleitung davor gerückt wurden. Daß auch viele nur auf Einer Hebung reimende Langzeilen des Aufgesangs vier Hebungen tragen, hab ich in meiner Schrift: _Die Nibelungenstrophe und ihr Ursprung_, Bonn 1858, auf die ich überhaupt hier verweisen muß, näher ausgeführt, und der aufmerksame Leser wird in der gegenwärtigen Ausgabe zahlreiche Belege dafür nicht übersehen; am auffallendsten ist, daß sogar Zusatzstrophen in C wie nach 1662 bei stumpfem Reim im Aufgesang vier Hebungen zeigen: sie sind ohne Zweifel alt und zu einer Zeit eingeschoben, wo man noch vier Hebungen an diesen Stellen erwartete. Es darf nicht irren, daß uns die Nibelungenstrophe zuerst in _Liedern_ entgegentritt, ja daß sie eine lyrische Gliederung zeigt. Was zuerst letztere belangt, so würde, wenn die Gliederung ganz wegfiele, mithin auch die vierte Zeile wie in dem spätern Hildebrandston, nur drei Hebungen trüge, die Strophe in zwei gleiche Hälften auseinanderfallen. Strophische Behandlung der Langzeile finden wir aber schon in der Edda, also noch ehe der Reim an die Stelle der Alliteration trat. Die Verwendung zu Liedern aber darf nicht befremden, denn diese ältesten Lieder, z.B. die s.g. Kürnbergschen, zeigen noch epische Eingänge, sie gehören einer Zeit an, wo sich das Lied eben erst dem mütterlichen Schooß der Epik entwunden hatte: darum tritt sie, wie ich das Nibelungenstr. 82 näher ausgeführt habe, anfangs noch in epischen Formen auf, ja entnimmt ihren Inhalt, wie das Gleichniss von dem Falken, dem Epos. Wenn die Nibelungenstrophe keine ursprünglich lyrische war, oder der epische Volksgesang sich ihrer schon früh bemächtigt hatte, so durfte sich jeder Sänger ihrer bedienen, und der spätere Gebrauch der Minnesinger, jedem Liede eigenes Maß und eigene Weise zu widmen, deren Entleihung dann für unerlaubt galt, konnte auf sie noch keine Anwendung finden. Diesen Einwand haben sich diejenigen schon selbst gemacht, die der Nibelungenstrophe, wie sie in der Pariser Handschrift zuerst erscheint, in Kürnberg einen Erfinder entdeckt haben wollen, dem sie dann mit überhöfischer Milde auch noch das ganze Nibelungenlied zum Geschenk machen, einem modernen Lyriker unser tausendjähriges Nationalepos. Sie setzen aber diesem Einwand entgegen: wenn die Nibelungenstrophe, die sie ohne Grund Kürnbergs Weise nennen, eine alte Volksweise gewesen, so würden andere Dichter sich nicht gescheut haben sie anzuwenden; sie hätten nicht Variationen dieser Strophe erfunden, sie nicht mit kleinen Modificationen umgebildet: "denn ein geringer Unterschied," sagt Bartsch, "brauchte nur da zu sein, um eine Strophenform neben einer schon vorhandenen als neu erscheinen zu laßen." Demnach wäre denn die Strophe, deren ursprüngliche Gliederung wir soeben besprochen haben, von dem erträumten Kürnberg so umgebildet, daß sie bald die ursprüngliche Gliederung behalten, bald wieder in den zweiten Vershälften des Aufgesangs nur drei Hebungen, oder gar in der ersten Zeile des Aufgesangs vier, in der zweiten drei tragen durfte; und der Dichter des Wolfdietrich und schon der Schreiber der Nibelungenhandschrift A hätte sie so umgebildet, daß es erlaubt war, der achten Halbzeile bald drei, bald vier Hebungen zu geben. Hatten aber wirklich diese und andere Umbildungen der Nibelungenstrophe den angegebenen Grund, daß man kein "Tönedieb" heißen wollte, so müste man ja glauben, der vorgebliche Kürnberg hätte selber gefürchtet an sich zum Dieb zu werden durch Anwendung der selbsterfundenen Strophe, da wir ja auch bei ihm eine Variation derselben finden, und zwar nach Bartschens eigener Aufstellung (Deutsche Liederdichter S. 1) eine durch zwei Strophen belegte Variation. Für uns, die wir als Grundlage beider Theile des Nibelungenliedes, neben der lateinischen Faßung Konrad des Schreibers, deren Einwirkung nicht geläugnet werden kann, eine Sammlung er Volkslieder in der gemeinsamen alten, aber sich allmählich umbildenden Volksweise annehmen, deren Näthe hier und da noch deutlich zu erkennen sind, uns fehlt es an Beispielen unveränderter Anwendung der Nibelungenstrophe bei verschiedenen Dichtern nicht. Der einzige Unterschied, der sich hervorthut, ist in demselben Liede die ungleiche Zahl der Hebungen in den Zeilen des Aufgesangs, und die Freiheit hier mit Auslaßung der Senkung auf zwei Hebungen zu reimen, was sich in den beiden Zeilen des Abgesangs niemals ereignen kann. Diese Unterschiede sind aber unwesentlich, da die ganze Strophe sich aus Sangzeilen von acht Hebungen hervorgebildet hat, die schon, als sie noch alliterierten, um eine Hebung gekürzt werden durften. Vergl. Nibelungenstrophe §.9. Soll der Dichter des Nibelungenlieds alte epische Lieder nicht eingeflochten, soll er nur aus der vielgestaltigen Sage geschöpft, und die Lieder, die er etwa schon vorfand, in ein neues Maß umgegoßen haben, warum nannte er dann seinen Namen nicht, warum trat er bescheiden hinter seinen Quellen zurück? da er doch bei solcher Annahme ein größerer Dichter gewesen wäre als Wolfram. Will man vergeßen, indem man den Kürnberg als den Dichter der Nibelungen ausruft, daß es den Gedichten des volksmäßigen Sagekreises eigenthümlich ist, im Gegensatz zu der von Veldeke geimpften höfischen Dichtung, keinen Verfaßer zu haben? Wen will man nächstens für den Dichter der Gudrun ausgeben, der noch nicht einmal in allen Theilen Lieder zu Grunde liegen, wer soll den großen Rosengarten, den Ortnit, den Wolfdietrich, den Alphart gedichtet haben, und wer das deutsche Waltherslied, aus der die Eckeharte schöpften? Soll dabei mit derselben Freigebigkeit verfahren werden, womit man das Nibelungenlied an den von Kürnberg verschenkte, so werden sich ja wohl Namen finden, die uns ebenso leere Schälle sind. Könnte nicht Spervogel die Gudrun gedichtet haben?--Wen hat man nicht schon für den Dichter des Nibelungenliedes ausgegeben? Heinrich von Ofterdingen, von dem ich im "Wartburtkrieg" erwiesen habe, daß er keineswegs eine fabelhafte Person war, indem er die echten Strophen des Räthselspiels verfaßt hat, die den zweiten Theil dieses selbst lange Zeit unenträthselten Gedichtes bilden, dann seinen Beschützer, den allerdings fabelhaften Klingsor von Ungerland, der aber nicht aus Ungerland, sondern aus dem Parzival kam, Konrad von Würzburg, Rudolf von Ems, für den zwei Hohenemser Handschriften angeführt werden könnten, Walther von der Vogelweide, und endlich den vielleicht wieder erdichteten Kürnberg, für dessen Dasein als Dichter oder Componisten wir nur das schwache Zeugniss eines Liedes haben. Johannes von Müller rieth auf einen schweizerischen Eschenbach von Unspunnen; warum Niemand auf den baierischen Wolfram, der unter allen höfischen Dichtern dem heimischen Sagenkreise am vertrautesten war, dem er seinen Friedebrand von Schotten, seinen Hüteger, seine Hernant und Herlinde und andere Helden der Nordseesage entnahm, dessen Reim und Sprache deutsch-epische Färbung zeigt, der die deutsche Alliteration auf die welsche Namengebung anwandte, der so oft auf die Heldensage und zweimal sogar auf einzelne Strophen des Nibelungenlieds (1408 5-8 und 1462) anspielt, und der vielleicht wirklich einmal die Hand an das Gedicht gelegt hat, nur gewiss nicht die letzte Hand, denn diese merzte gewisse Wolfram eigenthümliche Reime sorgfältig aus. Soll ich mich über das ABC der Handschriften erklären, so gestehe ich A den Vorzug zu, denn obwohl der Schreiber dieser kürzesten Handschrift überaus nachläßig war, so gab er doch seine alte und gute Vortage getreulich wieder ohne sich andere Aenderungen als seiner, eine jüngere Zeit verrathenden metrischen Irrthümer wegen zu gestatten; höchstens kommen einige schwache Zusatzstrophen wie Str. 3 auf seine Rechnung, während C, auf der ältesten und sorgfältigsten Handschrift ruhend, und gleichfalls von einer trefflichen Vorlage ausgehend dem volksmäßigen Gedicht einen feinern höfischen Schliff zu verleihen sucht. Doch sind viele Aenderungen in C wahre Verbeßerungen, wie auch das eine ist, daß wir das ganze Gedicht nun das _Nibelungenlied_ genannt finden, da der Name der _Nibelunge nôt_ nur auf den zweiten Theil bezogen werden konnte, zumal die Burgunden im ersten Theil noch nicht Nibelungen heißen. Von den Strophen, die C allein hat, ist ein Theil echt und alt und der Ueberarbeiter wird sie schon in seiner Vorlage gefunden haben: auf Str. 1518 scheint schon Wolfram anzuspielen. Andere sind sehr schwach und eine, nach Str. 2305, konnte ich mich nicht entschließen aufzunehmen, weil sie mir das ganze Gedicht verleidet hätte. Sie mag indes, damit man nichts vermisse, hier stehen, doch ohne Uebersetzung, deren ich sie nicht würdig halte. H. 2428. Er wiste wol diu mære, sine liez in niht genesen. wie möhte ein untriuwe immer sterker wesen? er vorhte, sô si hête im sînen lip genomen, daz si danne ir bruoder liese heim ze lande komen. Wie wir Hagens Charakter kennen, hätte er seinem Herrn Leben und Freiheit gern durch den eigenen Tod erkauft, und hier soll er den Hort nicht gezeigt haben, weil er fürchtete, Gunther würde dann allein in die Heimat entlaßen werden! B enthält die schwachen Strophen nicht, welche A und C hinzufügen, entbehrt aber auch die echten und guten, die allein C erhalten hat; für die, welche B selber hinzuthut, müßen wir ihm dankbar sein. Der sorgfältige Schreiber der in dieser Reihe voranstehenden St. Galler Handschrift füllt gerne die Senkungen aus und meidet verkürzte Formen. Sonst stellt sich diese sehr verbreitete Faßung, deren Text man deshalb den _gemeinen_ genannt hat, zunächst neben A und berichtigt sie oft. * * * * * Eine geschichtliche Grundlage des Gedichts hat man in der Thatsache finden wollen, daß um das Jahr 437 der Burgunderkönig Gundicarius mit seinem Volke von den Hunnen eine vernichtende Niederlage erlitt. Man beruft sich auch darauf, daß in der lex Burgundionum drei burgundische Könige, Godomer, Gislahar und Gundahar wie es scheint als Söhne Gibicas genannt werden, die man in Gernot, Giselher und Gunther, nach der Heldensage den Söhnen Gibichs (in den Nibelungen heißt der Vater Dankrat), wiederfinden will. Vergl. W. Grimms Deutsche Heldensage, 2. Auflage 1867 S. 12. Aber wann die geschichtlichen Beziehungen in die Sage eingetreten find, wißen wir nicht: sie drangen gelegentlich in die ursprünglich mythische Heldensage, wurden aber auch wohl wieder ausgeschieden, wie wir davon ein Beispiel an Otacher haben, der, ein geschichtlicher Held, im Hildebrandslied den mythischen Sibich verdrängt hatte, ihm aber späterhin wieder weichen muste. Manche Thatsachen, die Geschichte und Heldensage gemein haben, können ebenso gut auch aus der Sage in die Geschichte gedrungen sein, z. B. was Jornandes von Ermenrich und Swanhildens Brüdern meldet, Grimms Heldensage S.2. Daß Worms im Liede als Sitz der Burgundenkönige erscheint hat man als der Geschichte nicht widersprechend nachgewiesen, indem wirklich die später an den Rotten (Rhodanus) gezogenen Burgunden zuerst am Mittelrhein gewohnt hätten. Eine andere Frage ist, ob dieß veranlaßt hat, Worms zum Schauplatz der Sage zu machen. Ein mythischer Bezug hängt nämlich schon in dem ältesten Namen dieser Stadt, und dieß könnte die Anknüpfung der Heldensage vermittelt haben. Bekanntlich lautete er einst Borbetomagus. "Da magus Feld bedeutet," hieß es schon Rheinland 76, "so ist dieß nicht sowohl der Name der Stadt als des Gaus, das wir auch Wormsfeld genannt finden, wie Maifeld und Maiengau wechseln. In _Borbet_, das uns für den Namen der Stadt übrig bleibt, ist das anlautende b später zu w geworden;" wir werden aber sogleich sehen wie w und b mundartlich wechseln. Nehmen wir es indes für Worbet, so erkennen wir leicht den urkundlich vielfach beglaubigten Namen einer der tria fata, die, deutschem und keltischem Glauben gemein, uns (Deutschen) Schwestern, den romanisierten Kelten Mütter oder Matronen hießen; ausführlich habe ich von ihnen Handbuch der Mythologie §. 103 gehandelt. Im südlichen und nordwestlichen Deutschland, also in unserm Rheinland kehren diese Schwestern unzählig oft wieder: sie werden noch jetzt zum Theil mit veränderten Namen als Heilige verehrt: in der kölnischen Diöcese mit dem Erzbischof Pilgrim (nicht dem Paßauer) unter dem Namen der drei christlichen Cardinaltugenden Spes, Fides, Caritas; in der trierischen zu Bornhoven, zu Auw unter verschiedenen; im südlichen Deutschland in weit entlegenen Landestheilen, Tyrol, Worms und Straßburg, in Oberbaiern und Niederbaiern unter sich stäts gleich bleibenden, nur wenig abweichenden Namen, welche sich auf _Einbett_, _Wilbett_ und _Warbett_ zurückführen laßen. Das gemeinsame _-bett_ kehrt auch sonst gern wieder, wo die drei Schwestern jetzt unter andern Namen verehrt werden, und selbst in der kölnischen Diöcese ist das z.B. in Bettenhoven der Fall, so daß selbst unseres Beethovens Name hieher gehören möchte. Nach Panzer, Baierische Sagen, verehrt man sie als 1. S. Anbetta, S. Gwerbetta, S. Villbetta zu Meransen in Tyrol, Panzer I, S. 5. 2. S. Ainbett, S. Wolbett, S. Vilbett zu Schlehdorf in Oberbaiern. P. 23. 3. S. Ainpet, S. Gberpet, S. Firpet zu Leutstetten in Oberbaiern. P. 31. 4. S. Einbeth, S. Warbeth, S. Wilbeth zu Schildturn in Niederbaiern. P. 69. 5. S. Einbede, S. Warbede, S. Villebede zu Worms. P. 206. 6. S. Einbetta, S. Worbetta, S. Wilbetta in Straßburg. P. 208. Die letzte Namensform, unter welchen die mittlere Schwester erscheint, Worbetta, kann zur Erklärung des alten Namens Borbetomagus verwandt werden. Wir sahen unter 3, daß in S. Gberpet b statt w eingetreten war; wandeln wir den urkundlichen Namen Worbetta in derselben Weise, wie wirklich _Barbeth_ bei Panzer 69 begegnet, so haben wir Borbetta, also gerade die Namensform, die wir bedürfen. Von Borbet, der mittlern der drei Schwertern, wird also Worms (Borbetomagus) heißen, und es liegt nahe, Aehnliches von dem alten Namen der Stadt Metz, Civitas Mediomatricorum, zu vermuthen: von der mittlern der drei Schwestern, die den Kelten Mütter hießen, hat auch sie den Namen. Diese mittlere ist die mächtigere der dreie, ja die eigentliche Gottheit, die sich in ihren Schwestern nur vervielfältigt. So steht auch in Upsala Thôr als der mächtigste in der Mitte zwischen Wodan und Fricco, "ita ut potentissimus", sagt Adam von Bremen, "in medio solium habeat triclinio; hinc et inde locum possident Wodan et Fricco. Gr. Myth. 102. Uhland Schriften VI, 176. Da wir diese, die nicht zufällig in allen sechs Meldungen in der Mitte stehen kann, bei Panzer 61, 275, 297 auch Held, ja Rachel (die rächende Hel) Panzer 18, 83, 372 genannt finden, So ergiebt sich, daß sie Hel, die verborgene Göttin, ist, die als Göttin der Unterwelt ebenso Tod als Leben spendet, indem alles Leben von ihr ausgeht und wieder in ihren mütterlichen Schooß zurückkehrt. Dazu stimmt, daß diese drei Schwestern, die wir den Nornen, deutschen Parzen, gleichstellen dürfen, bei Panzer 53 auch _Hailräthinnen_ genannt finden, weil sie die Schicksale der Menschen beriethen, ja daß sie nicht nur wider die Pest angerufen wurden, Panzer 23, 70, 110, sondern auch bei Entbindungen Hülfe gewährten (Panzer 362), wie Schwangere auch bei den Alten die diva triformis anriefen, Hor. III, 22. Ihre Namen sind mit -bett zusammengesetzt, wie wir auch von Hünenbetten, von Brunhildebette u.s.w. wißen, was ich Handb. der Myth. 368 auf den heidnischen Opferaltar (piot goth. biuds, oder petti goth. badi lectisternium) gedeutet habe, der in dem Walde (lucus) stand, der ihnen einst geheiligt war, und der jetzt der Gemeinde von ihnen geschenkt sein sollte. Nimmt man diesen zweiten Theil der Zusammensetzung, -bett, als nur auf ihren Tempel (Hof) bezüglich hinweg, so erklärt sich die erste Sylbe in Einbett aus Agin, Egin Schrecken, wie Einhart auch Eginhart heißt. Sie ist die Todesgöttin, die finstere Seite der Hel. Freundlicher lautet der dritte Name Wilbett, die willfährige, Wunsch und Willen gewährende, die lichte Seite der verborgenen Göttin. Nicht so einleuchtend ist der mittlere Name, Warbett oder Gwerbett, aus Zwist und Streit zu erklären; doch kann er auf den innern Gegensatz im Wesen der Göttin, die bald lohnend, bald strafend auftritt, bezogen werden. Die Namen aus der deutschen Sprache zu deuten, gestattet Cäsars Meldung (B.G. II. 51) über die Vangionen in Ariovists Heer, womit Tacitus (ipsam Rheni ripam haud dubie Germanorum populi colunt, Vangiones, Triboci, Nemetes. Germ. 28) und Plinius IV, 17 stimmt. Sie wohnten, ein deutsches Volk, im keltischen Lande, weshalb es nicht auffallen kann, wenn der Name ihrer Hauptstadt Borbetomagus eine vox hybrida ist, da wir -magus als ein keltisches Wort kennen. Wir sehen aber, wie ich schon Handb. 368 bemerkte, wie irrig die Annahme unserer Rheinischen Alterthumsforscher über die Matronenculte ist, daß alle diese Gottheiten der celtischen, nicht der germanischen Sprache angehörten, wogegen sich Grimm schon bei Gelegenheit der den matronis arvagastiabus und andrustehiabus gewidmeten Votivsteine aussprach. Ob auch die Namen Kriemhild und Brunhild, die wir in den Nibelungen in Worms finden, auf die beiden entgegengesetzten Seiten der Unterweltsgöttin zu deuten seien, getraue ich mir nicht zu entscheiden; gewiss ist nur, daß -hilde eine Nebenform von Hel ist: es steht für hilende, wie spilde (Walther 45, 38) für spilende, und bezeichnet die verhohlene und verhehlende, verborgene und verbergende Göttin. Wenn in Kriemhild die erste Sylbe nicht aus grîma, Larve, Helm, Rüstung, sondern aus Grimm, Wuth, atrocitas zu deuten ist, wie in der Edda nicht sie, sondern ihre Mutter Grimhild heißt, so möchte sie an die finstere Seite der Göttin gemahnen, obgleich die im ersten Theil noch holdselig erschienen war, erst im zweiten als ihres geliebten Gemahls furchtbare Rächerin auftritt. Kleine Druckversehen, einige fehlende Circumflexe, einige dô für dâ u.u. bittet man zu verbeßern. Bonn im Juni 1868. K.S. Vorrede zur ersten Auflage der Uebersetzung. Schon vor manchen Jahren, als ich das Lied der Nibelungen zuerst kennen lernte und mit Staunen die Wirkungen wahrnahm, die das herrliche Gedicht auf mein Gemüth hervorbrachte, entstand in mir der Wunsch, diese reinen kräftigen Töne in neuhochdeutscher Dichtersprache widerhallen zu hören. Um so mehr wunderte ich mich bei dem Fleiße, welchen Männer wie Voss, Schlegel, Tieck u.A. ausländischen Dichterwerken widmeten, ja bei der Pflege, welche sogar einem niederdeutschen Gedichte zu Theil ward, daß keiner unserer Dichter das Nibelungenlied einer gleichen Aufmerksamkeit würdigte. Denn Tieck hatte seinen früher angekündigten Vorsatz einer Uebertragung desselben nicht zur That reifen laßen und Uebersetzungen von Philologen, wie Von der Hagen und Büsching, entsprachen den künstlerischen Anforderungen nicht. Die Hagensche steht namentlich der Sprache der Urschrift für den Zweck der Verständlichkeit allzunahe, und die Büschingsche ist fast nur eine prosaische mit beibehaltenen Endreimen. Lange harrte ich daher vergebens, ob nicht einer unserer gefeierten Sänger, von denen mir besonders Uhland, Rückert und Gustav Schwab zu einem solchen Unternehmen berufen schienen, der gegen das Gedicht einreißenden und durch die bisherigen Bearbeitungen nur gesteigerten Gleichgültigkeit des größern Publikums steuern werde. Mögen es also die Kunstrichter, wenn sie können, entschuldigen, daß ein ruhmloser Jünger der Kunst, dessen Name vor ihren kritischen Stühlen kaum noch erscholl, seine geringen Kräfte an einer Arbeit versucht hat, deren fast unüberwindliche Schwierigkeiten so viele erprobte und fähigere Männer abgeschreckt zu haben scheint. Eine Rechtfertigung des Unternehmens von Seiten der Nützlichkeit bedarf es nicht. Es ist albern zu glauben, daß eine Uebersetzung dem Studium des Originals Abbruch thun werde, vielmehr wird sie es erleichtern und befördern, und die gegenwärtige ist durch ihre Leichtverständlichkeit und Wohlfeilheit darauf berechnet, denselben recht viele Theilnehmer zu gewinnen. Hoffentlich wird Mancher, der bis jetzt die poetische Schönheit des Gedichts nicht geahnt hatte, und sie nun erst durch die Uebersetzung kennen lernt, sich das Studium des Originals nicht verdrießen laßen, während er früher die damit verbundene Anstrengung scheute, weil er nicht wuste ob er dafür durch einen entsprechenden geistigen Genuß werde entschädigt werden. Bei diesem Studium selbst bietet ihm die Uebersetzung abermals ein willkommenes Hülfsmittel dar. Eben so wenig Berücksichtigung verdient der andere Einwurf, daß sich das Original ohne Beihülfe einer Uebersetzung verstehen laße, und wenn Manche (wie A.W. von Schlegel) sogar meinen, es müste dahin kommen, daß jeder Bürger und Bauer sein Nibelungenlied in der Ursprache lese, wie jeder Grieche seinen Homer, so sind das Träume, die, wenn sie je in Erfüllung gehen sollten, nur durch Uebersetzungen, die das Volk erst belehrten, welchen Schatz es an dem Gedichte besitzt, verwirklicht werden könnten. Wenn das Titelblatt die Uebersetzung eines mittelhochdeutschen Gedichts ankündigt, so kann darunter allerdings nur eine Uebertragung in die neuhochdeutsche Sprache verstanden werden; allein man darf darum nicht fordern, daß auch jedes darin zugelaßene Wort neuhochdeutsch sein solle: vielmehr genügte, im Ganzen die Formen der neuhochdeutschen Grammatik zu Grunde zu legen, was von den frühern Uebersetzern nicht geschehen war, und die Anforderung allgemeiner Verständlichkeit nie unberücksichtigt zu laßen. Man kann auch die neuhochdeutsche Sprache noch von der Sprache unserer neuern Dichter unterscheiden, in welche Manches aufgenommen ist, was mehr der mittelhochdeutschen anzugehören scheint. Eben dieß aber kam mir bei der Uebersetzung wesentlich zu Gute, indem ohne dieß die kindliche Naivetät, die treuherzige Einfalt des Ausdrucks verloren gegangen wäre, und die alterthümliche Farbe des Gedichts völlig hätte verwischt werden müßen. Alles freilich was sich neuhochdeutsche Dichter der letzten Zeit wohl erlaubt haben, verbot die Rücksicht auf allgemeine Faßlichkeit zu benutzen; Worte aber wie Degen, Recke, Minne, und Fügungen wie "Schwester mein", statt meine Schwester werden nirgend Anstoß erregen. Das beste Muster einer dem Mittelhochdeutschen angenäherten und doch mit alterthümlichen Anklängen nicht überladenen Sprache schienen mir Uhlands Romanzen darzubieten, und man wird finden, daß ich mich bestrebt habe, ihm nachzufolgen; Tiecks Behandlung aber dünkte mich zu gewaltthätig und namentlich enthalten seine Romanzen von Siegfried Freiheiten, die weder die heutige noch die ältere deutsche Sprache verstattete. Dieß mit Achtung vor dem Genius des Dichters. Was die Versart der Urschrift betrifft, die sich der Uebersetzer bemüht hat so genau als möglich nachzubilden, so darf man nicht vergeßen, daß in den Nibelungen weder wie bei uns heutzutage die Verse nach Füßen gemeßen, noch wie bei unsern Nachbarn die Sylben gezählt werden. Vielmehr zählt man bloß die Hebungen, deren in jedem Halbvers drei, in der zweiten Hälfte des vierten Verses jeder Strophe aber gewöhnlich vier vorkommen, ohne daß ihnen eine gleiche Anzahl von Senkungen zu entsprechen brauchte. Es geschieht daher häufig, daß die Hebungen in aufeinander folgende Sylben zu stehen kommen, wie dieß gleich im zweiten Verse der Uebersetzung Von préiswérthen Helden, von kühnem Wágespiel der Fall ist, obgleich sich dieselbe Erscheinung im Original erst in der ändern Hälfte des Verses zeigt. Dagegen hat gleich der fünfte Vers: Es wúchs in Búrgónden ein édel Mägdelein die Hebungen auf derselben Stelle wie das Original nebeneinander. Wie groß daher der Unterschied des eigentlichen Nibelungenverses von dem sei, was man gewöhnlich dafür ausgiebt, und wie sehr dieses an Wohllaut und Mannigfaltigkeit von jenem übertroffen wird, kann die Vergleichung des zweiten der in der "Einleitung" mitgetheilten Gedichte mit der "Weihe" lehren. Am Schluß der Verse bloß männliche Reime zu gestatten, wie der Urtext nur "stumpfe" zuläßt und die "klingenden" ausschließt, war nicht thunlich, weil die Pflicht, so viel als mit der neuhochdeutschen Sprache verträglich von dem Urtext zu retten, manche Schlußreime des Originals beizubehalten gebot, diese aber wegen des kurzen Vocals in der ersten Sylbe, welcher die erste stumm macht, nach mittelhochdeutscher Verskunst für stumpfe (männliche) Reime galten, während sie nach den unsrigen für weibliche, oder wenn man so sagen soll, für klingende gehalten werden. Hinsichtlich des Textes bedarf es bloß der Angabe, daß ich in der Regel dem Lachmannschen gefolgt bin, auf welchen sich auch die Strophenzahlen beziehen; daß ich aber auch weniger alte und verbürgte Strophen anderer Ausgaben aufgenommen, jedoch mit einem Sternchen bezeichnet habe. Man wird mir schwerlich vorwerfen können, allzufrei übertragen zu haben. Worttreue ist keine Pflicht: sie gleicht der Treue Eulenspiegels zu seinem Meister dem Schneider. Wie vieler Verbeßerungen aber die Uebersetzung noch fähig wäre, fühlt Niemand lebhafter als ich, der, obgleich ich das Manuscript kurz vor dem Drucke einer nochmaligen strengen Durchsicht unterwarf, schon jetzt an dem mir vorliegenden ersten Aushängebogen wieder Tausenderlei auszustellen hätte ohne darum an dem Unternehmen irre zu werden; denn wann dürfte bei einem solchen Werke die kritische Feile ruhn? Die Aufnahme, die diesem ersten Versuche seitens des großen Publicums zu Theil werden wird, und die Nachhülfe, die ich von belehrenden Kritiken sachkundiger Männer erwarte, mögen darüber entscheiden, ob ich ihn dereinst in vollendeterer Gestalt der Welt vorlegen werde. Möchte der Leser nur einen Theil des Genußes empfinden, welchen die Arbeit dem Uebersetzer gewährte! _Berlin_, den 12. December 1826. * * * * * Weihe an Friedrich Baron de la Motte Fouqué. Vom Ursitz deutscher Völker, aus ferner Heidenzeit Erklingt uns eine Kunde von Lieb und Heldenstreit; Sie lebt in zwei Gestalten bei deutschen Stämmen fort Und sie ist unsres Volkes urerster Schirm und Hort. Die Eine, werther Sänger, hat Dein Gesang verklärt, Von Deinem treuen Geiste durchglühet und genährt: Nun leuchtet in Walhalla, den Asen beigesellt, Sigurd der Schlangentödter, der edle Norderheld. Die Andre bringt ein Jünger dafür zum Dank Dir dar, Ein Lied des Deinen würdig, durch Andrer Sangkunst zwar: Es wurzelt in dem Boden der starren Heidennacht, Vom milden Christenhimmel das Laubwerk überdacht. Wär Deine fromme Treue, die nie von Arg gewust, Dein Herz voll Kraft und Milde in jeder deutschen Brust, Der Name flöge wieder bis an die Sternenwand Siegfrieds des Drachentödters vom Nibelungenland. _Bonn_, den 4. November 1826. * * * * * _An Karl Simrock._ Dankesgruß für die Zueignung des Nibelungenliedes. Wer Lieder wagt zu singen im deutschen Dichterwald Weckt meist vielfaches Tönen, das rings ihm wiederhallt. Doch das altgute Spruchwort: "Es schallt vom Wald heraus Wie's in den Wald hineinschallt," geht hier nicht immer aus. Schon Mancher hat gesungen in treuer Lieb und Lust, Und Schmähruf drang entgegen zerstachelnd ihm die Brust: Da gilts denn freilich Sanglust, wenn fort man singen soll; Doch Herz quillt immer über, ist nur das Herz recht voll. So hats der treue Siegfried in Wort und That gemacht; Lohnt' ihm das Wer mit Undank, des hatt' er wenig Acht, Er blieb ein treuer Degen wie ehmal so fortan Und so solls nach ihm machen jedweder echte Mann. Er frage nach dem Lohn nicht; Gott schickt von selbst ihm Lohn, Weckt aus verwandten Herzen ihm manch verwandten Ton. So hast Du mir gesungen: vom Herzen giengs ins Herz: Wir pilgern treu verbunden durchs Weltthal himmelwärts. L.M. Fouqué. * * * * * Einleitung. _Der Nibelungenhort._ I. Es war einmal ein König, Ein König wars am Rhein, Der liebte nichts so wenig Als Hader, Gram und Pein. Es grollten seine Degen Um einen Schatz im Land Und wären fast erlegen Vor ihrer eignen Hand. Da sprach er zu den Edeln: "Was frommt euch alles Gold, Wenn ihr mit euern Schedeln Den Hort erkaufen sollt? Ein Ende sei der Plage, Versenkt es in den Rhein: Bis zu dem jüngsten Tage Mags da verborgen sein." Da senkten es die Stolzen Hinunter in die Flut; Es ist wohl gar geschmolzen, Seitdem es da geruht. Zerronnen in den Wellen Des Stroms, der drüber rollt, Läßt es die Trauben schwellen Und glänzen gleich dem Gold. Daß doch ein Jeder dächte Wie dieser König gut, Auf daß kein Leid ihn brächte Um seinen hohen Muth. So senkten wir hinunter Den Kummer in den Rhein Und tränken froh und munter Von seinem goldnen Wein. II. Einem Ritter wohlgeboren im schönen Schwabenland War von dem weisen Könige die Märe wohlbekannt, Der den Hort versenken ließ in des Rheines Flut: Wie er ihm nachspüre erwog er lang in seinem Muth. "Darunter lag von Golde ein Wunschrüthelein; Wenn ich den Hort erwürbe, mein eigen müst es sein: Wer Meister wär der Gerte, das ist mir wohl bekannt, Dem wär sie nicht zu Kaufe um alles kaiserliche Land." Auf seinem Streitrosse mit Harnisch, Schild und Schwert Verließ der Heimat Gauen der stolze Degen werth: Nach _Lochheim_ wollt er reiten bei Worms an dem Rhein, Wo die Schätze sollten in der Flut begraben sein. Der werthe Held vertauschte sein ritterlich Gewand Mit eines Fischers Kleide, den er am Ufer fand, Den Helm mit dem Barete, sein getreues Ross Mit einem guten Schifflein, das lustig auf den Wellen floß. Seine Waffe war das Ruder, die Stange war sein Sper: So kreuzt er auf den Wellen manch lieben Tag umher Und fischte nach dem Horte; die Zeit war ihm nicht lang; Er erholte von der Arbeit sich bei Zechgelag und Gesang. Um das alte Wormes und tiefer um den Rhein Bis sich die Berge senken, da wächst ein guter Wein: Er gleicht so recht an Farbe dem Nibelungengold, Das in der Flut zerronnen in der Reben Adern rollt. Den trank er alle Tage, beides, spät und früh, Wenn er Rast sich gönnte von der Arbeit Müh. Er war so rein und lauter, er war so hell und gut, Er stärkte seine Sinne und erhöht' ihm Kraft und Muth. Auch hört er Märe singen, die sang der Degen nach, Von Alberich dem Zwerge, der des Hortes pflag, Von hohem Liebeswerben, von Siegfriedens Tod, Von Kriemhilds grauser Rache und der Nibelungen Noth. Da nahm der Degen wieder das Ruder an die Hand Und forschte nach dem Horte am weingrünen Strand. Mit Hacken und mit Schaufeln drang er auf den Grund, Mit Netzen und mit Stangen: ihm wurden Mühsale kund. Von des Weines Güte empfieng er Kraft genug, Daß er des Tags Beschwerde wohlgemuth ertrug. Sein Lied mit stolzer Fülle aus der Kehle drang, Daß es nachgesungen von allen Bergen wiederklang. So schifft' er immer weiter zu Thal den grünen Rhein, Nach dem Horte forschend bei Hochgesang und Wein. Am großen Loch bei Bingen erst seine Stimme schwoll, Hei! wie ein starkes Singen an der Lurlei widerscholl! Doch fand er in der Tiefe vom Golde keine Spur, Nicht in des Stromes Bette, im Becher blinkt' es nur. Da sprach der biedre Degen: "Nun leuchtet erst mir ein: Ich gieng den Hort zu suchen: der große Hort, das ist der Wein. "Der hat aus alten Zeiten noch bewahrt die Kraft, Daß er zu großen Thaten erregt die Ritterschaft. Aus der Berge Schachten stammt sein Feuergeist, Der den blöden Sänger in hohen Thaten unterweist. "Er hat aus alten Zeiten mir ein Lied vertraut, Wie er zuerst der Wogen verborgnen Grund geschaut; Wie Siegfried ward erschlagen um schnöden Golds Gewinn Und wie ihr Leid gerochen Kriemhild, die edle Königin. "Mein Schifflein laß ich fahren, die Gier des Goldes flieht, Der Hort ward zu Weine, der Wein ward mir zum Lied, Zum Liede, das man gerne nach tausend Jahren singt Und das in diesen Tagen von allen Zungen wiederklingt. "Ich gieng den Hort zu suchen, mein Sang, das ist der Hort, Es begrub ihn nicht die Welle, er lebt unsterblich fort." Sein Schifflein ließ er fahren und sang sein Lied im Land: Das ward vor allen Königen, vor allen Kaisern bekannt. Laut ward es gesungen im Lande weit und breit, Hat neu sich aufgeschwungen in dieser späten Zeit. Nun mögt ihr erst verstehen, ein altgesprochen Wort: "Das Lied der Nibelungen, das ist der Nibelungenhort." K. S. * * * * * Das Nibelungenlied. Erstes Abenteuer. Wie Kriemhilden träumte. Viel Wunderdinge melden die Mären alter Zeit 1 Von preiswerthen Helden, von großer Kühnheit, Von Freud und Festlichkeiten, von Weinen und von Klagen, Von kühner Recken Streiten mögt ihr nun Wunder hören sagen. Es wuchs in Burgunden solch edel Mägdelein, 2 Daß in allen Landen nichts Schönres mochte sein. Kriemhild war sie geheißen, und ward ein schönes Weib, Um die viel Degen musten verlieren Leben und Leib. Die Minnigliche lieben brachte Keinem Scham; 3 Um die viel Recken warben, Niemand war ihr gram. Schön war ohne Maßen die edle Maid zu schaun; Der Jungfrau höfsche Sitte wär eine Zier allen Fraun. Es pflegten sie drei Könige edel und reich, 4 Gunther und Gernot, die Recken ohne Gleich, Und Geiselher der junge, ein auserwählter Degen; Sie war ihre Schwester, die Fürsten hatten sie zu pflegen. Die Herren waren milde, dazu von hohem Stamm, 5 Unmaßen kühn nach Kräften, die Recken lobesam. Nach den Burgunden war ihr Land genannt; Sie schufen starke Wunder noch seitdem in Etzels Land. In Worms am Rheine wohnten die Herrn in ihrer Kraft. 6 Von ihren Landen diente viel stolze Ritterschaft Mit rühmlichen Ehren all ihres Lebens Zeit, Bis jämmerlich sie starben durch zweier edeln Frauen Streit. Ute hieß ihre Mutter, die reiche Königin, 7 Und Dankrat ihr Vater, der ihnen zum Gewinn Das Erbe ließ im Tode, vordem ein starker Mann, Der auch in seiner Jugend großer Ehren viel gewann. Die drei Könge waren, wie ich kund gethan, 8 Stark und hohen Muthes; ihnen waren unterthan Auch die besten Recken, davon man hat gesagt, Von großer Kraft und Kühnheit, in allen Streiten unverzagt. Das war von Tronje Hagen, und der Bruder sein, 9 Dankwart der Schnelle, von Metz Herr Ortewein, Die beiden Markgrafen Gere und Eckewart, Volker von Alzei, an allen Kräften wohlbewahrt, Rumold der Küchenmeister, ein theuerlicher Degen, 10 Sindold und Hunold: die Herren musten pflegen Des Hofes und der Ehren, den Köngen unterthan. Noch hatten sie viel Recken, die ich nicht alle nennen kann. Dankwart war Marschall; so war der Neffe sein 11 Truchseß des Königs, von Metz Herr Ortewein. Sindold war Schenke, ein waidlicher Degen, Und Kämmerer Hunold: sie konnten hoher Ehren pflegen. Von des Hofes Ehre von ihrer weiten Kraft, 12 Von ihrer hohen Würdigkeit und von der Ritterschaft, Wie sie die Herren übten mit Freuden all ihr Leben, Davon weiß wahrlich Niemand euch volle Kunde zu geben. In ihren hohen Ehren träumte Kriemhilden, 13 Sie zög einen Falken, stark-, schön- und wilden; Den griffen ihr zwei Aare, daß sie es mochte sehn: Ihr konnt auf dieser Erde größer Leid nicht geschehn. Sie sagt' ihrer Mutter den Traum, Frau Uten: 14 Die wust ihn nicht zu deuten als so der guten: "Der Falke, den du ziehest, das ist ein edler Mann: Ihn wolle Gott behüten, sonst ist es bald um ihn gethan." "Was sagt ihr mir vom Manne, vielliebe Mutter mein? 15 Ohne Reckenminne will ich immer sein; So schön will ich verbleiben bis an meinen Tod, Daß ich von Mannesminne nie gewinnen möge Noth." "Verred es nicht so völlig," die Mutter sprach da so, 16 "Sollst du je auf Erden von Herzen werden froh, Das geschieht von Mannesminne: du wirst ein schönes Weib, Will Gott dir noch vergönnen eines guten Ritters Leib." "Die Rede laßt bleiben, vielliebe Mutter mein. 17 Es hat an manchen Weiben gelehrt der Augenschein, Wie Liebe mit Leide am Ende gerne lohnt; Ich will sie meiden beide, so bleib ich sicher verschont!" Kriemhild in ihrem Muthe hielt sich von Minne frei. 18 So lief noch der guten manch lieber Tag vorbei, Daß sie Niemand wuste, der ihr gefiel zum Mann, Bis sie doch mit Ehren einen werthen Recken gewann. Das war derselbe Falke, den jener Traum ihr bot, 19 Den ihr beschied die Mutter. Ob seinem frühen Tod Den nächsten Anverwandten wie gab sie blutgen Lohn! Durch dieses Einen Sterben starb noch mancher Mutter Sohn. * * * * * Zweites Abenteuer. Von Siegfrieden. Da wuchs im Niederlande eines edeln Königs Kind, 20 Siegmund hieß sein Vater, die Mutter Siegelind, In einer mächtgen Veste, weithin wohlbekannt, Unten am Rheine, Xanten war sie genannt. Ich sag euch von dem Degen, wie so schön er ward. 21 Er war vor allen Schanden immer wohl bewahrt. Stark und hohes Namens ward bald der kühne Mann: Hei! was er großer Ehren auf dieser Erde gewann! Siegfried ward geheißen der edle Degen gut. 22 Er erprobte viel der Recken in hochbeherztem Muth. Seine Stärke führt' ihn in manches fremde Land: Hei! was er schneller Degen bei den Burgunden fand! Bevor der kühne Degen voll erwuchs zum Mann, 23 Da hatt er solche Wunder mit seiner Hand gethan, Davon man immer wieder singen mag und sagen; Wir müßen viel verschweigen von ihm in heutigen Tagen. In seinen besten Zeiten, bei seinen jungen Tagen 24 Mochte man viel Wunder von Siegfrieden sagen, Wie Ehr an ihm erblühte und wie schön er war zu schaun: Drum dachten sein in Minne viel der waidlichen Fraun. Man erzog ihn mit dem Fleiße, wie ihm geziemend war; 25 Was ihm Zucht und Sitte der eigne Sinn gebar! Das ward noch eine Zierde für seines Vaters Land, Daß man zu allen Dingen ihn so recht herrlich fand. Er war nun so erwachsen, mit an den Hof zu gehn. 26 Die Leute sahn ihn gerne; viel Fraun und Mädchen schön Wünschten wohl, er käme dahin doch immerdar; Hold waren ihm gar viele, des ward der Degen wohl gewahr. Selten ohne Hüter man reiten ließ das Kind. 27 Mit Kleidern hieß ihn zieren seine Mutter Siegelind; Auch pflegten sein die Weisen, denen Ehre war bekannt: Drum möcht er wohl gewinnen so die Leute wie das Land, Nun war er in der Stärke, daß er wohl Waffen trug: 28 Wes er dazu bedurfte, des gab man ihm genug. Schon sann er zu werben um manches schöne Kind; Die hätten wohl mit Ehren den schönen Siegfried geminnt. Da ließ sein Vater Siegmund kund thun seinem Lehn, 29 Mit lieben Freunden woll er ein Hofgelag begehn. Da brachte man die Märe in andrer Könge Land. Den Heimischen und Gästen gab er Ross und Gewand. Wen man finden mochte, der nach der Eltern Art 30 Ritter werden sollte, die edeln Knappen zart Lud man nach dem Lande zu der Lustbarkeit, Wo sie das Schwert empfiengen mit Siegfried zu gleicher Zeit. Man mochte Wunder sagen von dem Hofgelag. 31 Siegmund und Siegelind gewannen an dem Tag Viel Ehre durch die Gaben, die spendet' ihre Hand: Drum sah man viel der Fremden zu ihnen reiten in das Land. Vierhundert Schwertdegen sollten gekleidet sein 32 Mit dem jungen Könige. Manch schönes Mägdelein Sah man am Werk geschäftig: ihm waren alle hold. Viel edle Steine legten die Frauen da in das Gold, Die sie mit Borten wollten auf die Kleider nähn 33 Den jungen stolzen Recken; das muste so ergehn. Der Wirth ließ Sitze bauen für manchen kühnen Mann Zu der Sonnenwende, wo Siegfried Ritters Stand gewann. Da gieng zu einem Münster mancher reiche Knecht 34 Und viel der edeln Ritter. Die Alten thaten recht, Daß sie den Jungen dienten, wie ihnen war geschehn, Sie hatten Kurzweile und freuten sich es zu sehn. Als man da Gott zu Ehren eine Messe sang, 35 Da hub sich von den Leuten ein gewaltiger Drang, Da sie zu Rittern wurden dem Ritterbrauch gemäß Mit also hohen Ehren, so leicht nicht wieder geschähs. Sie eilten, wo sie fanden geschirrter Rosse viel. 36 Da ward in Siegmunds Hofe so laut das Ritterspiel, Daß man ertosen hörte Pallas und Saal. Die hochbeherzten Degen begannen fröhlichen Schall. Von Alten und von Jungen mancher Stoß erklang, 37 Daß der Schäfte Brechen in die Lüfte drang. Die Splitter sah man fliegen bis zum Saal hinan. Die Kurzweile sahen die Fraun und Männer mit an. Der Wirth bat es zu laßen. Man zog die Rosse fort; 38 Wohl sah man auch zerbrochen viel starke Schilde dort Und viel der edeln Steine auf das Gras gefällt Von des lichten Schildes Spangen: die hatten Stöße zerschellt. Da setzten sich die Gäste, wohin man ihnen rieth, 39 zu Tisch, wo von Ermüdung viel edle Kost sie schied Und Wein der allerbeste, des man die Fülle trug. Den Heimischen und Fremden bot man Ehren da genug. So viel sie Kurzweile gefunden all den Tag, 40 Das fahrende Gesinde doch keiner Ruhe pflag: Sie dienten um die Gabe, die man da reichlich fand; Ihr Lob ward zur Zierde König Siegmunds ganzem Land. Da ließ der Fürst verleihen Siegfried, dem jungen Mann, 41 Das Land und die Burgen, wie sonst er selbst gethan. Seinen Schwertgenoßen gab er mit milder Hand: So freute sie die Reise, die sie geführt in das Land. Das Hofgelage währte bis an den siebten Tag. 42 Sieglind die reiche der alten Sitte pflag, Daß sie dem Sohn zu Liebe vertheilte rothes Gold: Sie könnt es wohl verdienen, daß ihm die Leute waren hold. Da war zuletzt kein armer Fahrender mehr im Land. 43 Ihnen stoben Kleider und Rosse von der Hand, Als hätten sie zu leben nicht mehr denn einen Tag. Man sah nie Ingesinde, das so großer Milde pflag. Mit preiswerthen Ehren zergieng die Lustbarkeit. 44 Man hörte wohl die Reichen sagen nach der Zeit, Daß sie dem Jungen gerne wären unterthan; Das begehrte nicht Siegfried, dieser waidliche Mann. So lange sie noch lebten, Siegmund und Siegelind, 45 Wollte nicht Krone tragen der beiden liebes Kind; Doch wollt er herrlich wenden alle die Gewalt, Die in den Landen fürchtete der Degen kühn und wohlgestalt. Ihn durfte Niemand schelten: seit er die Waffen nahm, 46 Pflag er der Ruh nur selten, der Recke lobesam. Er suchte nur zu streiten und seine starke Hand Macht' ihn zu allen Zeiten in fremden Reichen wohlbekannt. * * * * * Drittes Abenteuer. Wie Siegfried nach Worms kam. Den Herrn beschwerte selten irgend ein Herzeleid. 47 Er hörte Kunde sagen, wie eine schöne Maid Bei den Burgunden wäre, nach Wünschen wohlgethan, Von der er bald viel Freuden und auch viel Leides gewann. Von ihrer hohen Schöne vernahm man weit und breit, 48 Und auch ihr Hochgemüthe ward zur selben Zeit Bei der Jungfrauen den Helden oft bekannt: Das ladete der Gäste viel in König Gunthers Land. So viel um ihre Minne man Werbende sah, 49 Kriemhild in ihrem Sinne sprach dazu nicht Ja, Daß sie einen wollte zum geliebten Mann: Er war ihr noch gar fremde, dem sie bald ward unterthan. Dann sann auf hohe Minne Sieglindens Kind: 50 All der Andern Werben war wider ihn ein Wind. Er mochte wohl verdienen ein Weib so auserwählt: Bald ward die edle Kriemhild dem kühnen Siegfried vermählt. Ihm riethen seine Freunde und Die in seinem Lehn, 51 Hab er stäte Minne sich zum Ziel ersehn, So soll er werben, daß er sich der Wahl nicht dürfe schämen. Da sprach der edle Siegfried: "So will ich Kriemhilden nehmen, "Die edle Königstochter von Burgundenland, 52 Um ihre große Schöne. Das ist mir wohl bekannt, Kein Kaiser sei so mächtig, hätt er zu frein im Sinn, Dem nicht zum minnen ziemte diese reiche Königin." Solche Märe hörte der König Siegmund. 53 Es sprachen seine Leute: also ward ihm kund Seines Kindes Wille. Es war ihm höchlich leid, Daß er werben wolle um diese herrliche Maid. Es erfuhr es auch die Königin, die edle Siegelind: 54 Die muste große Sorge tragen um ihr Kind, Weil sie wohl Gunthern kannte und Die in seinem Heer Die Werbung dem Degen zu verleiden fliß man sich sehr. Da sprach der kühne Siegfried: "Viel lieber Vater mein, 55 Ohn edler Frauen Minne wollt ich immer sein, Wenn ich nicht werben dürfte nach Herzensliebe frei." Was Jemand reden mochte, so blieb er immer dabei. "Ist dir nicht abzurathen," der König sprach da so, 56 "So bin ich deines Willens von ganzem Herzen froh Und will dirs fügen helfen, so gut ich immer kann; Doch hat der König Gunther manchen hochfährtgen Mann. "Und wär es anders Niemand als Hagen der Degen, 57 Der kann im Uebermuthe wohl der Hochfahrt pflegen, So daß ich sehr befürchte, es mög uns werden leid, Wenn wir werben wollen um diese herrliche Maid." "Wie mag uns das gefährden!" hub da Siegfried an: 58 "Was ich mir im Guten da nicht erbitten kann, Will ich schon sonst erwerben mit meiner starken Hand, Ich will von ihm erzwingen so die Leute wie das Land." "Leid ist mir deine Rede," sprach König Siegmund, 59 "Denn würde diese Märe dort am Rheine kund, Du dürftest nimmer reiten in König Gunthers Land. Gunther und Gernot die sind mir lange bekannt. "Mit Gewalt erwerben kann Niemand die Magd," 60 Sprach der König Siegmund, "das ist mir wohl gesagt; Willst du jedoch mit Recken reiten in das Land, Die Freunde, die wir haben, die werden eilends besandt." "So ist mir nicht zu Muthe," fiel ihm Siegfried ein, 61 "Daß mir Recken sollten folgen an den Rhein Einer Heerfahrt willen: das wäre mir wohl leid, Sollt ich damit erzwingen diese herrliche Maid. "Ich will sie schon erwerben allein mit meiner Hand. 62 Ich will mit zwölf Gesellen in König Gunthers Land; Dazu sollt ihr mir helfen, Vater Siegmund." Da gab man seinen Degen zu Kleidern grau und auch bunt. Da vernahm auch diese Märe seine Mutter Siegelind; 63 Sie begann zu trauern um ihr liebes Kind:, Sie bangt' es zu verlieren durch Die in Gunthers Heer. Die edle Königstochter weinte darüber sehr. Siegfried der Degen gieng hin, wo er sie sah. 64 Wider seine Mutter gütlich sprach er da: "Frau, ihr sollt nicht weinen um den Willen mein: Wohl will ich ohne Sorgen vor allen Weiganden sein. "Nun helft mir zu der Reise nach Burgundenland, 65 Daß mich und meine Recken ziere solch Gewand, Wie so stolze Degen mit Ehren mögen tragen: Dafür will ich immer den Dank von Herzen euch sagen." "Ist dir nicht abzurathen," sprach Frau Siegelind, 66 So helf ich dir zur Reise, mein einziges Kind, Mit den besten Kleidern, die je ein Ritter trug, Dir und deinen Degen: ihr sollt der haben genug." Da neigte sich ihr dankend Siegfried der junge Mann. 67 Er sprach: "Nicht mehr Gesellen nehm ich zur Fahrt mir an Als der Recken zwölfe: verseht die mit Gewand. Ich möchte gern erfahren, wie's um Kriemhild sei bewandt." Da saßen schöne Frauen über Nacht und Tag, 68 Daß ihrer selten Eine der Muße eher pflag, Bis sie gefertigt hatten Siegfriedens Staat. Er wollte seiner Reise nun mit nichten haben Rath. Sein Vater hieß ihm zieren sein ritterlich Gewand, 69 Womit er räumen wollte König Siegmunds Land. Ihre lichten Panzer die wurden auch bereit Und ihre festen Helme, ihre Schilde schön und breit. Nun sahen sie die Reise zu den Burgunden nahn. 70 Um sie begann zu sorgen beides, Weib und Mann, Ob sie je wiederkommen sollten in das Land. Sie geboten aufzusäumen die Waffen und das Gewand. Schön waren ihre Rosse, ihr Reitzeug goldesroth; 71 Wenn wer sich höher dauchte, so war es ohne Noth, Als der Degen Siegfried und Die ihm unterthan. Nun hielt er um Urlaub zu den Burgunden an. Den gaben ihm mit Trauern König und Königin. 72 Er tröstete sie beide mit minniglichem Sinn Und sprach: "Ihr sollt nicht weinen um den Willen mein: Immer ohne Sorgen mögt ihr um mein Leben sein." Es war leid den Recken, auch weinte manche Maid; 73 Sie ahnten wohl im Herzen, daß sie es nach der Zeit Noch schwer entgelten müsten durch lieber Freunde Tod. Sie hatten Grund zu klagen, es that ihnen wahrlich Noth. Am siebenten Morgen zu Worms an den Strand 74 Ritten schon die Kühnen; all ihr Gewand War von rothem Golde, ihr Reitzeug wohlbestellt; Ihnen giengen sanft die Rosse, die sich da Siegfried gesellt. Neu waren ihre Schilde, licht dazu und breit, 75 Und schön ihre Helme, als mit dem Geleit Siegfried der kühne ritt in Gunthers Land. Man ersah an Helden nie mehr so herrlich Gewand. Der Schwerter Enden giengen nieder auf die Sporen; 76 Scharfe Spere führten die Ritter auserkoren. Von zweier Spannen Breite war, welchen Siegfried trug; Der hatt an seinen Schneiden grimmer Schärfe genug. Goldfarbne Zäume führten sie an der Hand; 77 Der Brustriem war von Seide: so kamen sie ins Land. Da gafften sie die Leute allenthalben an: Gunthers Mannen liefen sie zu empfangen heran. Die hochbeherzten Recken, Ritter so wie Knecht, 78 Liefen den Herrn entgegen, so war es Fug und Recht, Und begrüßten diese Gäste in ihrer Herren Land; Die Pferde nahm man ihnen und die Schilde von der Hand. Da wollten sie die Rosse ziehn zu ihrer Rast; 79 Da sprach aber Siegfried alsbald, der kühne Gast: "Laßt uns noch die Pferde stehen kurze Zeit: Wir reiten bald von hinnen; dazu bin ich ganz bereit. "Man soll uns auch die Schilde nicht von dannen tragen; 80 Wo ich den König finde, kann mir das Jemand sagen, Gunther den reichen aus Burgundenland?" Da sagt' es ihm Einer, dem es wohl war bekannt. "Wollt ihr den König finden, das mag gar leicht geschehn: 81 In jenem weiten Saale hab ich ihn gesehn Unter seinen Helden; da geht zu ihm hinan, So mögt ihr bei ihm finden manchen herrlichen Mann." Nun waren auch die Mären dem König schon gesagt, 82 Daß auf dem Hofe wären Ritter unverzagt: Sie führten lichte Panzer und herrlich Gewand; Sie erkenne Niemand in der Burgunden Land. Den König nahm es Wunder, woher gekommen sei'n 83 Die herrlichen Recken im Kleid von lichtem Schein Und mit so guten Schilden, so neu und so breit; Das ihm das Niemand sagte, das war König Gunthern leid. Zur Antwort gab dem König von Metz Herr Ortewein; 84 Stark und kühnes Muthes mocht er wohl sein: "Da wir sie nicht erkennen, so heißt Jemand gehn Nach meinem Oheim Hagen: dem sollt ihr sie laßen sehn. "Ihm sind wohl kund die Reiche und alles fremde Land; 85 Erkennt er die Herren, das macht er uns bekannt." Der König ließ ihn holen und Die in seinem Lehn: Da sah man ihn herrlich mit Recken hin zu Hofe gehn. Warum nach ihm der König, frug Hagen da, geschickt? 86 "Es werden fremde Degen in meinem Haus erblickt, Die Niemand mag erkennen: habt ihr in fremdem Land Sie wohl schon gesehen? das macht mir, Hagen bekannt." "Das will ich," sprach Hagen. Zum Fenster schritt er drauf, 87 Da ließ er nach den Gästen den Augen freien Lauf. Wohl gefiel ihm ihr Geräthe und all ihr Gewand; Doch waren sie ihm fremde in der Burgunden Land. Er sprach, woher die Recken auch kämen an den Rhein, 88 Es möchten selber Fürsten oder Fürstenboten sein. "Schön sind ihre Rosse und ihr Gewand ist gut; Von wannen sie auch ritten, es sind Helden hochgemuth." Also sprach da Hagen: "Soviel ich mag verstehn, 89 Hab ich gleich im Leben Siegfrieden nie gesehn, So will ich doch wohl glauben, wie es damit auch steht, Daß er es sei, der Degen, der so herrlich dorten geht. "Er bringt neue Mären her in dieses Land: 90 Die kühnen Nibelungen schlug des Helden Hand, Die reichen Königssöhne Schilbung und Nibelung; Er wirkte große Wunder mit des starken Armes Schwung. "Als der Held alleine ritt aller Hülfe bar, 91 Fand er an einem Berge, so hört ich immerdar, Bei König Niblungs Horte manchen kühnen Mann; Sie waren ihm gar fremde, bis er hier die Kunde gewann. "Der Hort König Nibelungs ward hervorgetragen 92 Aus einem hohlen Berge: nun hört Wunder sagen, Wie ihn theilen wollten Die Niblung unterthan. Das sah der Degen Siegfried, den es zu wundern begann. "So nah kam er ihnen, daß er die Helden sah 93 Und ihn die Degen wieder. Der Eine sagte da: "Hier kommt der starke Siegfried, der Held aus Niederland." Seltsame Abenteuer er bei den Nibelungen fand. "Den Recken wohl empfiengen Schilbung und Nibelung. 94 Einhellig baten die edeln Fürsten jung, Daß ihnen theilen möchte den Schatz der kühne Mann: Das begehrten sie, bis endlich ers zu geloben begann. "Er sah so viel Gesteines, wie wir hören sagen, 95 Hundert Leiterwagen die möchten es nicht tragen, Noch mehr des rothen Goldes von Nibelungenland: Das Alles sollte theilen des kühnen Siegfriedes Hand. "Sie gaben ihm zum Lohne König Niblungs Schwert: 96 Da wurden sie des Dienstes gar übel gewährt, Den ihnen leisten sollte Siegfried der Degen gut. Er könnt es nicht vollbringen: sie hatten zornigen Muth. "So must er ungetheilet die Schätze laßen stehn. 97 Da bestanden ihn die Degen in der zwei Könge Lehn: Mit ihres Vaters Schwerte, das Balmung war genannt, Stritt ihnen ab der Kühne den Hort und Nibelungenland "Da hatten sie zu Freunden kühne zwölf Mann, 98 Die starke Riesen waren: was konnt es sie verfahn? Die erschlug im Zorne Siegfriedens Hand Und siebenhundert Recken zwang er vom Nibelungenland. "Mit dem guten Schwerte, geheißen Balmung. 99 Vom Schrecken überwältigt war mancher Degen jung Zumal vor dem Schwerte und vor dem kühnen Mann: Das Land mit den Burgen machten sie ihm unterthan. "Dazu die reichen Könige die schlug er beide todt. 100 Er kam durch Albrichen darauf in große Noth: Der wollte seine Herren rächen allzuhand, Eh er die große Stärke noch an Siegfrieden fand. "Mit Streit bestehen konnt ihn da nicht der starke Zwerg. 101 Wie die wilden Leuen liefen sie an den Berg, Wo er die Tarnkappe Albrichen abgewann: Da war des Hortes Meister Siegfried der schreckliche Mann. "Die sich getraut zu fechten, die lagen all erschlagen. 102 Den Schatz ließ er wieder nach dem Berge tragen, Dem ihn entnommen hatten Die Niblung unterthan. Alberich der starke das Amt des Kämmrers gewann. "Er must ihm Eide schwören, er dien ihm als sein Knecht, 103 Zu aller Art Diensten ward er ihm gerecht." So sprach von Tronje Hagen: "Das hat der Held gethan; Also große Kräfte nie mehr ein Recke gewann. "Noch ein Abenteuer ist mir von ihm bekannt: 104 Einen Linddrachen schlug des Helden Hand; Als er im Blut sich badete, ward hörnern seine Haut. So versehrt ihn keine Waffe: das hat man oft an ihm geschaut. "Man soll ihn wohl empfangen, der beste Rath ist das, 105 Damit wir nicht verdienen des schnellen Recken Haß. Er ist so kühnes Sinnes, man seh ihn freundlich an: Er hat mit seinen Kräften so manche Wunder gethan." Da sprach der mächtge König: "Gewiss, du redest wahr: 106 Nun sieh, wie stolz er dasteht vor des Streits Gefahr, Dieser kühne Degen und Die in seinem Lehn! Wir wollen ihm entgegen hinab zu dem Recken gehn." "Das mögt ihr," sprach da Hagen, "mit allen Ehren schon: 107 Er ist von edelm Stamme eines reichen Königs Sohn; Auch hat er die Gebäre, mich dünkt, beim Herren Christ, Es sei nicht kleine Märe, um die er hergeritten ist." Da sprach der Herr des Landes: "Nun sei er uns willkommen. 108 Er ist kühn und edel, das hab ich wohl vernommen; Des soll er auch genießen im Burgundenland." Da gieng der König Gunther hin, wo er Siegfrieden fand. Der Wirth und seine Recken empfiengen so den Mann, 109 Daß wenig an dem Gruße gebrach, den er gewann; Des neigte sich vor ihnen der Degen ausersehn In großen Züchten sah man ihn mit seinen Recken stehn. "Mich wundert diese Märe," sprach der Wirth zuhand, 110 "Von wannen, edler Siegfried, ihr kamt in dieses Land Oder was ihr wollet suchen zu Worms an dem Rhein?" Da sprach der Gast zum König: "Das soll euch unverhohlen sein. "Ich habe sagen hören in meines Vaters Land, 111 An euerm Hofe wären, das hätt ich gern erkannt, Die allerkühnsten Recken, so hab ich oft vernommen, Die je gewann ein König: darum bin ich hieher gekommen. "So hör ich auch euch selber viel Mannheit zugestehn, 112 Man habe keinen König noch je so kühn gesehn. Das rühmen viel der Leute in all diesem Land; Nun kann ichs nicht verwinden, bis ich die Wahrheit befand. "Ich bin auch ein Recke und soll die Krone tragen: 113 Ich möcht es gerne fügen, daß sie von mir sagen, Daß ich mit Recht besäße die Leute wie das Land. Mein Haupt und meine Ehre setz ich dawider zu Pfand. Wenn ihr denn so kühn seid, wie euch die Sage zeiht, 114 So frag ich nicht, ists Jemand lieb oder leid: Ich will von euch erzwingen, was euch angehört, Das Land und die Burgen unterwerf ich meinem Schwert." Der König war verwundert und all sein Volk umher, 115 Als sie vernahmen sein seltsam Begehr, Daß er ihm zu nehmen gedächte Leut und Land. Das hörten seine Degen, die wurden zornig zuhand. "Wie sollt ich das verdienen," sprach Gunther der Degen, 116 Wes mein Vater lange mit Ehren durfte pflegen, Daß wir das verlören durch Jemands Ueberkraft? Das wäre schlecht bewiesen, daß wir auch pflegen Ritterschaft!" "Ich will davon nicht laßen," fiel ihm der Kühne drein, 117 "Von deinen Kräften möge dein Land befriedet sein, Ich will es nun verwalten; doch auch das Erbe mein, Erwirbst du es durch Stärke, es soll dir unterthänig sein. "Dein Erbe wie das meine wir schlagen gleich sie an, 118 Und wer von uns den Andern überwinden kann, Dem soll es alles dienen, die Leute wie das Land." Dem widersprach da Hagen und mit ihm Gernot zuhand. "So stehn uns nicht die Sinne," sprach da Gernot, 119 "Nach neuen Lands Gewinne, daß Jemand sollte todt Vor Heldeshänden liegen: reich ist unser Land, Das uns mit Recht gehorsamt, zu Niemand beßer bewandt." In grimmigem Muthe standen da die Freunde sein. 120 Da war auch darunter von Metz Herr Ortewein. Der Sprach: "Die Sühne ist mir von Herzen leid: Euch ruft der starke Siegfried ohn allen Grund in den Streit. "Wenn ihr und eure Brüder ihm auch nicht steht zur Wehr, 121 Und ob er bei sich führte ein ganzes Königsheer, So wollt ichs doch erstreiten, daß der starke Held Also hohen Uebermuth, wohl mit Recht bei Seite stellt." Darüber zürnte mächtig der Held von Niederland: 122 "Nicht wider mich vermeßen darf sich deine Hand: Ich bin ein reicher König, du bist in Königs Lehn; Deiner zwölfe dürften mich nicht im Streite bestehn." Nach Schwertern rief da heftig von Metz Herr Ortewein: 123 Er durfte Hagens Schwestersohn von Tronje wahrlich sein; Daß er so lang geschwiegen, das war dem König leid. Da sprach zum Frieden Gernot, ein Ritter kühn und allbereit. "Laßt euer Zürnen bleiben," hub er zu Ortwein an, 124 "Uns hat der edle Siegfried noch solches nicht gethan; Wir scheiden es in Güte wohl noch, das rath ich sehr, Und haben ihn zum Freunde; es geziemt uns wahrlich mehr." Da sprach der starke Hagen "Uns ist billig leid 125 und all euern Degen, daß er je zum Streit an den Rhein geritten: was ließ er das nicht sein? So übel nie begegnet wären ihm die Herren mein." Da sprach wieder Siegfried, der kraftvolle Held: 126 "Wenn euch, was ich gesprochen, Herr Hagen, missfällt, So will ich schauen laßen, wie noch die Hände mein Gedenken so gewaltig bei den Burgunden zu sein." "Das hoff ich noch zu wenden," sprach da Gernot. 127 Allen seinen Degen zu reden er verbot In ihrem Uebermuthe, was ihm wäre leid. Da gedacht auch Siegfried an die viel herrliche Maid. "Wie geziemt' uns mit euch zu streiten?" sprach wieder Gernot 128 "Wie viel dabei der Helden auch fielen in den Tod, Wenig Ehre brächt uns so ungleicher Streit." Die Antwort hielt da Siegfried, König Siegmunds Sohn, bereit: Warum zögert Hagen und auch Ortewein, 129 Daß er nicht zum Streite eilt mit den Freunden sein, Deren er so manchen bei den Burgunden hat?" Sie blieben Antwort schuldig, das war Gernotens Rath. "Ihr sollt uns willkommen sein," sprach Geiselher das Kind, 130 "Und eure Heergesellen, die hier bei euch find: Wir wollen gern euch dienen, ich und die Freunde mein." Da hieß man den Gästen schenken König Gunthers Wein. Da sprach der Wirth des Landes: "Alles, was uns gehört, 131 Verlangt ihr es in Ehren, das sei euch unverwehrt; Wir wollen mit euch theilen unser Gut und Blut." Da ward dem Degen Siegfried ein wenig sanfter zu Muth. Da ließ man ihnen wahren all ihr Wehrgewand; 132 Man suchte Herbergen, die besten, die man fand: Siegfriedens Knappen schuf man gut Gemach. Man sah den Fremdling gerne in Burgundenland hernach. Man bot ihm große Ehre darauf in manchen Tagen, 133 Mehr zu tausend Malen, als ich euch könnte sagen; Das hatte seine Kühnheit verdient, das glaubt fürwahr. Ihn sah wohl selten Jemand, der ihm nicht gewogen war. Flißen sich der Kurzweil die Könge und ihr Lehn, 134 So war er stäts der Beste, was man auch ließ geschehn. Es konnt ihm Niemand folgen, so groß war seine Kraft, Ob sie den Stein warfen oder schoßen den Schaft. Nach höfscher Sitte ließen sich auch vor den Fraun 135 Der Kurzweile pflegend die kühnen Ritter schaun: Da sah man stäts den Helden gern von Niederland; Er hatt auf hohe Minne seine Sinne gewandt. Die schönen Fraun am Hofe erfragten Märe, 136 Wer der stolze fremde Recke wäre. "Er ist so schön gewachsen, so reich ist sein Gewand!" Da sprachen ihrer Viele: "Das ist der Held von Niederland." Was man beginnen wollte, er war dazu bereit; 137 Er trug in seinem Sinne eine minnigliche Maid, Und auch nur ihn die Schöne, die er noch nie gesehn, Und die sich doch viel Gutes von ihm schon heimlich versehn. Wenn man auf dem Hofe das Waffenspiel begann, 138 Ritter so wie Knappen, immer sah es an Kriemhild aus den Fenstern, die Königstochter hehr; Keiner andern Kurzweil hinfort bedurfte sie mehr. Und wüst er, daß ihn sähe, die er im Herzen trug, 139 Davon hätt er Kurzweil immerdar genug. Ersähn sie seine Augen, ich glaube sicherlich, Keine andre Freude hier auf Erden wünscht' er sich. Wenn er bei den Recken auf dem Hofe stand, 140 Wie man noch zur Kurzweil pflegt in allem Land, Wie stand dann so minniglich das Sieglindenkind, Daß manche Frau ihm heimlich war von Herzen hold gesinnt. Er gedacht auch manchmal: "Wie soll das geschehn, 141 Daß ich das edle Mägdlein mit Augen möge sehn, Die ich von Herzen minne, wie ich schon längst gethan? Die ist mir noch gar fremde; mit Trauern denk ich daran." So oft die reichen Könige ritten in ihr Land, 142 So musten auch die Recken mit ihnen all zur Hand. Auch Siegfried ritt mit ihnen: das war der Frauen leid; Er litt von ihrer Minne auch Beschwer zu mancher Zeit. So wohnt' er bei den Herren, das ist alles wahr, 143 In König Gunthers Lande völliglich ein Jahr, Daß er die Minnigliche in all der Zeit nicht sah, Durch die ihm bald viel Liebes und auch viel Leides geschah. * * * * * Viertes Abenteuer. Wie Siegfried mit den Sachsen stritt. Da kamen fremde Mären in König Gunthers Land 144 Durch Boten aus der Ferne ihnen zugesandt Von unbekannten Recken, die ihnen trugen Haß Als sie die Rede hörten, gar sehr betrübte sie das. Die will ich euch nennen: es war Lüdeger 145 Aus der Sachsen Lande, ein mächtger König hehr; Dazu vom Dänenlande der König Lüdegast: Die gewannen zu dem Kriege gar manchen herrlichen Gast. Ihre Boten kamen in König Gunthers Land, 146 Die seine Widersacher hatten hingesandt. Da frug man um die Märe die Unbekannten gleich Und führte bald die Boten zu Hofe vor den König reich. Schön grüßte sie der König und sprach: "Seid willkommen! 147 Wer euch hieher gesendet, hab ich noch nicht vernommen: Das sollt ihr hören laßen," sprach der König gut. Da bangten sie gewaltig vor des grimmen Gunther Muth. "Wollt ihr uns, Herr, erlauben, daß wir euch Bericht 148 Von unsrer Märe sagen, wir hehlen sie euch nicht. Wir nennen euch die Herren, die uns hieher gesandt: Lüdegast und Lüdeger die suchen heim euer Land. Ihren Zorn habt ihr verdienet: wir vernahmen das 149 Gar wohl, die Herren tragen euch beide großen Haß. Sie wollen heerfahrten gen Worms an den Rhein; Ihnen helfen viel der Degen: laßt euch das zur Warnung sein. "Binnen zwölf Wochen muß ihre Fahrt geschehn; 150 Habt ihr nun guter Freunde, so laßt es bald ersehn, Die euch befrieden helfen die Burgen und das Land: Hier werden sie verhauen manchen Helm und Schildesrand. "Oder wollt ihr unterhandeln, so macht es offenbar; 151 So reitet euch so nahe nicht gar manche Schar Eurer starken Feinde zu bitterm Herzeleid, Davon verderben müßen viel der Ritter kühn im Streit." "Nun harrt eine Weile (ich künd euch meinen Muth), 152 Bis ich mich recht bedachte," sprach der König gut. "Hab ich noch Getreue, denen will ichs sagen, Diese schwere Botschaft muß ich meinen Freunden klagen." Dem mächtigen Gunther war es leid genug; 153 Den Botenspruch er heimlich in seinem Herzen trug. Er hieß berufen Hagen und Andr' in seinem Lehn Und hieß auch gar geschwinde zu Hof nach Gernoten gehn. Da kamen ihm die Besten, so viel man deren fand. 154 Er sprach: "Die Feinde wollen heimsuchen unser Land Mit starken Heerfahrten; das sei euch geklagt. Es ist gar unverschuldet, daß sie uns haben widersagt." "Dem wehren wir mit Schwertern," sprach da Gernot, 155 "Da sterben nur, die müßen: die laßet liegen todt. Ich werde nicht vergeßen darum der Ehre mein: Unsre Widersacher sollen uns willkommen sein." Da sprach von Tronje Hagen: "Das dünkt mich nicht gut; 156 Lüdegast und Lüdeger sind voll Uebermuth. Wir können uns nicht sammeln in so kurzen Tagen," So sprach der kühne Recke: "ihr sollt es Siegfrieden sagen." Da gab man den Boten Herbergen in der Stadt. 157 Wie feind sie ihnen waren, sie gut zu pflegen bat Gunther der reiche, das war wohlgethan, Bis er erprobt an Freunden, wer ihm zu Hülfe zög heran. Der König trug im Herzen Sorge doch und Leid. 158 Da sah ihn also trauern ein Ritter allbereit, Der nicht wißen konnte, was ihm war geschehn: Da bat er König Gunthern, ihm den Grund zu gestehn. "Mich nimmt höchlich Wunder," sprach da Siegfried, 159 "Wie die frohe Weise so völlig von euch schied, Deren ihr so lange mit uns mochtet pflegen." Zur Antwort gab ihm Gunther, dieser zierliche Degen: "Wohl mag ich allen Leuten nicht von dem Leide sagen, 160 Das ich muß verborgen in meinem Herzen tragen: Stäten Freunden klagen soll man des Herzens Noth." Siegfriedens Farbe ward da bleich und wieder roth. Er sprach zu dem Könige: "Was blieb euch je versagt? 161 Ich will euch wenden helfen das Leid, das ihr klagt. Wollt ihr Freunde suchen, so will ich einer sein Und getrau es zu vollbringen mit Ehren bis ans Ende mein." "Nun lohn euch Gott, Herr Siegfried, die Rede dünkt mich gut; 162 Und kann mir auch nicht helfen eure Kraft und hoher Muth, So freut mich doch die Märe, daß ihr so hold mir seid: Leb ich noch eine Weile, ich vergelt es mit der Zeit. Ich will euch hören laßen, was mich traurig macht. 163 Von Boten meiner Feinde ward mir hinterbracht, Mit Heerfahrten kämen sie mich zu suchen hie: Das geschah uns von Degen in diesen Landen noch nie." "Das laßt euch nicht betrüben," sprach da Siegfried, 164 "Sänftet eur Gemüthe und thut, wie ich euch rieth: Laßt mich euch erwerben Ehre so wie Frommen, Bevor eure Feinde her zu diesen Landen kommen. "Und hätten dreißigtausend Helfer sich ersehn 165 Eure starken Feinde, doch wollt ich sie bestehn, Hätt ich auch selbst nur tausend: verlaßt euch auf mich." Da sprach der König Gunther: "Das verdien ich stäts um dich." "So heißt mir eurer Leute gewinnen tausend Mann, 166 Da ich von den Meinen nicht mehr hier stellen kann Als der Recken zwölfe; so wehr ich euer Land. Immer soll getreulich euch dienen Siegfriedens Hand. "Dazu soll Hagen helfen und auch Ortewein, 167 Dankwart und Sindold, die lieben Recken dein. Auch soll da mit uns reiten Volker der kühne Mann: Der soll die Fahne führen: keinen Beßern trefft ihr an. "Und laßt die Boten reiten heim in ihrer Herren Land; 168 Daß sie uns bald da sehen, macht ihnen das bekannt, So daß unsre Burgen befriedet mögen sein." Der König hieß besenden Freund und Mannen insgemein. Zu Hofe giengen wieder Die Lüdeger gesandt; 169 Sie freuten sich der Reise zurück ins Heimatland. Ihnen bot da reiche Gabe Gunther der König gut Und sicheres Geleite: des waren sie wohlgemuth. "Nun sagt," sprach da Gunther, "meinen starken Feinden an, 170 Ihre Reise bliebe beßer ungethan; Doch wollten sie mich suchen hier in meinem Land, Wir zerrännen denn die Freunde, ihnen werde Noth bekannt." Den Boten reiche Gaben man da zur Stelle trug: 171 Deren hatte Gunther zu geben genug. Das durften nicht verschmähen Die Lüdeger gesandt. Sie baten um Urlaub und räumten fröhlich das Land. Als die Boten waren gen Dänemark gekommen, 172 Und der König Lüdegast den Bericht vernommen, Was sie am Rhein geredet, als das ihm ward gesagt, Seine übermüthge Botschaft ward da bereut und beklagt. Sie sagten ihm, sie hätten manch kühnen Mann im Lehn: 173 "Darunter sah man Einen vor König Gunthern stehn, Der war geheißen Siegfried, ein Held aus Niederland." Leid wars Lüdegasten, als er die Dinge so befand. Als Die vom Dänenlande hörten diese Mär, 174 Da eilten sie, der Helfer zu gewinnen desto mehr, Bis der König Lüdegast zwanzigtausend Mann Seiner kühnen Degen zu seiner Heerfahrt gewann. Da besandte sich von Sachsen auch König Lüdeger, 175 Bis sie vierzigtausend hatten und wohl mehr, Die mit ihnen ritten gen Burgundenland. Da hatt auch schon zu Hause der König Gunther gesandt Zu seinen nächsten Freunden und seiner Brüder Heer, 176 Womit sie fahren wollten im Kriegszug einher, Und auch mit Hagens Recken: das that den Helden Noth. Darum musten Degen bald erschauen den Tod. Sie schickten sich zur Reise; sie wollten nun hindann. 177 Die Fahne muste führen Volker der kühne Mann, Da sie reiten wollten von Worms über Rhein; Hagen von Tronje der muste Scharmeister sein. Mit ihnen ritt auch Sindold und der kühne Hunold, 178 Die wohl verdienen konnten reicher Könge Gold. Dankwart, Hagens Bruder, und auch Ortewein Die mochten wohl mit Ehren bei dem Heerzuge sein. "Herr König," sprach da Siegfried, "bleibet ihr zu Haus: 179 Da mir eure Degen folgen zu dem Strauß, So weilt bei den Frauen und tragt hohen Muth: Ich will euch wohl behüten die Ehre so wie das Gut. "Die euch heimsuchen wollten zu Worms an dem Rhein, 180 Will euch davor bewahren, daß sie euch schädlich sei'n: Wir wollen ihnen reiten so nah ins eigne Land, Daß ihnen bald in Sorge der Uebermuth wird gewandt." Vom Rheine sie durch Hessen mit ihren Helden ritten 181 Nach dem Sachsenlande: da wurde bald gestritten. Mit Raub und mit Brande verheerten sie das Land, Daß bald den Fürsten beiden ward Noth und Sorge bekannt. Sie kamen an die Marke; die Knechte rückten an. 182 Siegfried der starke zu fragen da begann: "Wer soll nun der Hüter des Gesindes sein?" Wohl konnte nie den Sachsen ein Heerzug übler gedeihn. Sie sprachen: "Laßt der Knappen hüten auf den Wegen 183 Dankwart den kühnen, das ist ein schneller Degen: Wir verlieren desto minder durch Die in Lüdgers Lehn; Laßt ihn mit Ortweinen hie die Nachhut versehn." "So will ich selber reiten," sprach Siegfried der Degen, 184 "Den Feinden gegenüber der Warte zu pflegen, Bis ich recht erkunde, wo die Recken sind." Da stand bald in den Waffen der schönen Siegelinde Kind. Das Volk befahl er Hagen, als er zog hindann, 185 Ihm und Gernoten, diesem kühnen Mann. So ritt er hin alleine in der Sachsen Land, Wo er die rechte Märe wohl bald mit Ehren befand. Er sah ein groß Geschwader, das auf dem Felde zog, 186 Und die Kraft der Seinen gewaltig überwog: Es waren vierzigtausend oder wohl noch mehr. Siegfried in hohem Muthe sah gar fröhlich das Heer. Da hatte sich ein Recke auch aus der Feinde Schar 187 Erhoben auf die Warte, der wohl gewappnet war: Den sah der Degen Siegfried und ihn der kühne Mann; Jedweder auf den andern mit Zorn zu blicken begann. Ich sag euch, wer der wäre, der hier der Warte pflag; 188 Ein lichter Schild von Golde ihm vor der Linken lag. Es war der König Lüdegast, der hütete sein Heer. Der edle Fremdling sprengte herrlich wider ihn einher. Nun hatt auch ihn Herr Lüdegast sich feindlich erkoren: 189 Ihre Rosse reizten Beide zur Seite mit den Sporen; Sie neigten auf die Schilde mit aller Macht den Schaft: Da kam der hehre König darob in großer Sorgen Haft. Dem Stich gehorsam trugen die Rosse pfeilgeschwind 190 Die Könige zusammen, als wehte sie der Wind; Dann mit den Zäumen wandten sie ritterlich zurück: Die grimmen Zwei versuchten da mit dem Schwerte das Glück. Da schlug der Degen Siegfried, das Feld erscholl umher. 191 Aus dem Helme stoben, als obs von Bränden wär, Die feuerrothen Funken von des Helden Hand; Da stritt mit großen Kräften der kühne Vogt von Niederland. Auch ihm schlug Herr Lüdegast manch grimmen Schlag; 192 Jedweder auf dem Schilde mit ganzer Stärke lag. Da hatten es wohl dreißig erspäht aus seiner Schar: Eh die ihm Hülfe brachten, der Sieg doch Siegfrieden war Mit drei starken Wunden, die er dem König schlug 193 Durch einen lichten Harnisch; der war doch fest genug. Das Schwert mit seiner Schärfe entlockte Wunden Blut; Da gewann König Lüdegast einen traurigen Muth. Er bat ihn um sein Leben und bot ihm all sein Land 194 Und sagt' ihm, er wäre Lüdegast genannt. Da kamen seine Recken: die hatten wohl gesehn, Was da von ihnen beiden auf der Warte war geschehn. Er führt' ihn gern von dannen: da ward er angerannt 195 Von dreißig seiner Mannen; doch wehrte seine Hand Seinen edeln Geisel mit ungestümen Schlägen. Bald that noch größern Schaden dieser zierliche Degen. Die Dreißig zu Tode wehrlich er schlug; 196 Ihrer Einen ließ er leben: der ritt da schnell genug Und brachte hin die Märe von dem, was hier geschehn; Auch konnte man die Wahrheit an seinem rothen Helme sehn. Gar leid wars den Recken aus dem Dänenland, 197 Als ihres Herrn Gefängniss ihnen ward bekannt. Man sagt' es seinem Bruder: der fieng zu toben an In ungestümem Zorne: ihm war gar wehe gethan. Lüdegast der König war hinweggebracht 198 Zu Gunthers Ingesinde von Siegfrieds Uebermacht. Er befahl ihn Hagen: der kühne Recke gut, Als er vernahm die Märe, da gewann er fröhlichen Muth. Man gebot den Burgunden: "Die Fahne bindet an." 199 "Wohlauf," sprach da Siegfried, "hier wird noch mehr gethan Vor Abendzeit, verlier ich Leben nicht und Leib: Das betrübt im Sachsenlande noch manches waidliche Weib. "Ihr Helden vom Rheine, ihr sollt mein nehmen wahr: 200 Ich kann euch wohl geleiten zu Lüdegers Schar. Da seht ihr Helme hauen von guter Helden Hand: Eh wir uns wieder wenden, wird ihnen Sorge bekannt." Zu den Rossen sprangen Gernot und Die ihm unterthan. 201 Die Heerfahne faßte der kühne Spielmann, Volker der Degen, und ritt der Schar vorauf. Da war auch das Gesinde zum Streite muthig und wohlauf. Sie führten doch der Degen nicht mehr denn tausend Mann, 202 Darüber zwölf Recken. Zu stieben da begann Der Staub von den Straßen: sie ritten über Land; Man sah von ihnen scheinen manchen schönen Schildesrand. Nun waren auch die Sachsen gekommen und ihr Heer 203 Mit Schwertern wohlgewachsen; die Klingen schnitten sehr, Das hab ich wohl vernommen, den Helden an der Hand: Da wollten sie die Gäste von Burgen wehren und Land. Der Herren Scharmeister führten das Volk heran. 204 Da war auch Siegfried kommen mit den zwölf Mann, Die er mit sich führte aus dem Niederland. Des Tags sah man im Sturme manche blutige Hand. Sindold und Hunold und auch Gernot 205 Die schlugen in dem Streite viel der Helden todt, Eh sie ihrer Kühnheit noch selber mochten traun: Das musten bald beweinen viel der waidlichen Fraun. Volker und Hagen und auch Ortwein 206 Leschten in dem Streite manches Helmes Schein Mit fließendem Blute, die Kühnen in der Schlacht. Von Dankwarten wurden viel große Wunder vollbracht. Da versuchten auch die Dänen waidlich ihre Hand; 207 Von Stößen laut erschallte mancher Schildesrand Und von den scharfen Schwertern, womit man Wunden schlug. Die streitkühnen Sachsen thaten Schadens auch genug. Als die Burgunden drangen in den Streit, 208 Von ihnen ward gehauen manche Wunde weit: Ueber die Sättel fließen sah man das Blut; So warben um die Ehre diese Ritter kühn und gut. Man hörte laut erhallen den Helden an der Hand 209 Ihre scharfen Waffen, als Die von Niederland Ihrem Herrn nachdrangen in die dichten Reihn; Die zwölfe kamen ritterlich zugleich mit Siegfried hinein. Deren vom Rheine kam ihnen Niemand nach. 210 Man konnte fließen sehen den blutrothen Bach Durch die lichten Helme von Siegfriedens Hand, Eh er Lüdegeren vor seinen Heergesellen fand. Dreimal die Kehre hat er nun genommen 211 Bis an des Heeres Ende; da war auch Hagen kommen: Der half ihm wohl vollbringen im Kampfe seinen Muth. Da muste bald ersterben vor ihnen mancher Ritter gut. Als der starke Lüdeger Siegfrieden fand, 212 Wie er so erhaben trug in seiner Hand Balmung den guten und da so Manchen schlug, Darüber ward der Kühne vor Zorn ingrimmig genug. Da gab es stark Gedränge und lauten Schwerterklang, 213 Wo ihr Ingesinde auf einander drang. Da versuchten desto heftiger die beiden Recken sich; Die Scharen wichen beide: der Kämpen Haß ward fürchterlich. Dem Vogt vom Sachsenlande war es wohl bekannt, 214 Sein Bruder sei gefangen: drum war er zornentbrannt; Nicht wust er, ders vollbrachte, sei der Sieglindensohn. Man zeihte des Gernoten; hernach befand er es schon. Da schlug so starke Schläge Lüdegers Schwert, 215 Siegfrieden unterm Sattel niedersank das Pferd; Doch bald erhob sichs wieder: der kühne Siegfried auch Gewann jetzt im Sturme einen furchtbaren Brauch. Dabei half ihm Hagen wohl und Gernot, 216 Dankwart und Volker: da lagen Viele todt. Sindold und Hunold und Ortwein der Degen Die konnten in dem Streite zum Tode Manchen niederlegen. Untrennbar im Kampfe waren die Fürsten hehr. 217 Ueber die Helme fliegen sah man manchen Sper Durch die lichten Schilde von der Helden Hand; Auch ward von Blut geröthet mancher herrliche Rand. In dem starken Sturme sank da mancher Mann 218 Von den Rossen nieder. Einander rannten an Siegfried der kühne und König Lüdeger; Man sah da Schäfte fliegen und manchen schneidigen Sper. Der Schildbeschlag des Königs zerstob vor Siegfrieds Hand. 219 Sieg zu erwerben dachte der Held von Niederland An den kühnen Sachsen; die litten Ungemach. Hei! was da lichte Panzer der kühne Dankwart zerbrach! Da hatte König Lüdeger auf einem Schild erkannt 220 Eine gemalte Krone vor Siegfriedens Hand: Da sah er wohl, es wäre der kraftreiche Mann. Laut auf zu seinen Freunden der Held zu rufen begann: "Begebt euch des Streites, ihr all mir unterthan! 221 Den Sohn König Siegmunds traf ich hier an, Siegfried den starken hab ich hier erkannt; Den hat der üble Teufel her zu den Sachsen gefandt." Er gebot die Fahnen zu senken in dem Streit. 222 Friedens er begehrte: der ward ihm nach der Zeit; Doch must er Geisel werden in König Gunthers Land: Das hatt an ihm erzwungen des kühnen Siegfriedes Hand. Nach allgemeinem Rathe ließ man ab vom Streit. 223 Viel zerschlagner Helme und der Schilde weit Legten sie aus Händen; so viel man deren fand, Die waren blutgeröthet von der Burgunden Hand. Sie fiengen, wen sie wollten: sie hatten volle Macht. 224 Gernot und Hagen, die schnellen, hatten Acht, Daß man die Wunden bahrte; da führten sie hindann Gefangen nach dem Rheine der Kühnen fünfhundert Mann. Die sieglosen Recken zum Dänenlande ritten. 225 Da hatten auch die Sachsen so tapfer nicht gestritten, Daß man sie loben sollte: das war den Helden leid. Da beklagten ihre Freunde die Gefallnen in dem Streit. Sie ließen ihre Waffen aufsäumen nach dem Rhein. 226 Es hatte wohl geworben mit den Gefährten sein Siegfried der starke und hatt es gut vollbracht: Das must ihm zugestehen König Gunthers ganze Macht. Gen Worms sandte Boten der König Gernot: 227 Daheim in seinem Lande den Freunden er entbot, Wie ihm gelungen wäre und all seinem Lehn: Es war da von den Kühnen nach allen Ehren geschehn. Die Botenknaben liefen; so ward es angesagt. 228 Da freuten sich in Liebe, die eben Leid geklagt, Dieser frohen Märe, die ihnen war gekommen. Da ward von edlen Frauen großes Fragen vernommen, Wie es den Herrn gelungen wär in des Königs Heer. 229 Man rief der Boten Einen zu Kriemhilden her. Das geschah verstohlen, sie durfte es wohl nicht laut: Denn Einer war darunter, dem sie längst ihr Herz vertraut. Als sie in ihre Kammer den Boten kommen sah, 230 Kriemhild die schöne gar gütlich sprach sie da: "Nun sag mir liebe Märe, so geb ich dir mein Gold, Und thust dus ohne Trügen, will ich dir immer bleiben hold. "Wie schied aus dem Streite mein Bruder Gernot 231 Und meine andern Freunde? Blieb uns nicht Mancher todt? Wer that da das Beste? das sollst du mir sagen" Da sprach der biedre Bote: "Wir hatten nirgend einen Zagen. "Zuvorderst in dem Streite ritt Niemand so wohl, 232 Hehre Königstochter, wenn ich es sagen soll, Als der edle Fremdling aus dem Niederland: Da wirkte große Wunder des kühnen Siegfriedes Hand. "Was von den Recken allen im Streit da geschehn, 233 Dankwart und Hagen und des Königs ganzem Lehn, Wie wehrlich sie auch stritten, das war doch wie ein Wind Nur gegen Siegfrieden, König Siegmundens Kind. "Sie haben in dem Sturme der Helden viel erschlagen; 234 Doch möcht euch dieser Wunder ein Ende Niemand sagen, Die da Siegfried wirkte, ritt er in den Streit. Den Fraun an ihren Freunden that er mächtiges Leid. "Auch muste vor ihm fallen der Friedel mancher Braut. 235 Seine Schläge schollen auf Helmen also laut, Daß sie aus Wunden brachten das fließende Blut: Er ist in allen Dingen ein Ritter kühn und auch gut. "Da hat auch viel begangen von Metz Herr Ortewein: 236 Was er nur mocht erlangen mit dem Schwerte sein, Das fiel vor ihm verwundet oder meistens todt. Da schuf euer Bruder die allergrößeste Noth, "Die jemals in Stürmen mochte sein geschehn; 237 Man muß dem Auserwählten die Wahrheit zugestehn. Die stolzen Burgunden bestanden so die Fahrt, Daß sie vor allen Schanden die Ehre haben bewahrt. "Man sah von ihren Händen der Sättel viel geleert, 238 Als so laut das Feld erhallte von manchem lichten Schwert. Die Recken vom Rheine die ritten allezeit, Daß ihre Feinde beßer vermieden hätten den Streit. "Auch die kühnen Tronjer schufen großes Leid, 239 Als mit Volkskräften das Heer sich traf im Streit. Da schlug so Manchen nieder des kühnen Hagen Hand, Es wäre viel zu sagen davon in der Burgunden Land. "Sindold und Hunold in Gernotens Heer 240 Und Rumold der kühne schufen so viel Beschwer, König Lüdger mag es beklagen allezeit, Daß er meine Herren am Rhein berief in den Streit. "Kampf, den allerhöchsten, der irgend da geschah, 241 Vom Ersten bis zum Letzten, den Jemand nur sah, Hat Siegfried gefochten mit wehrlicher Hand: Er bringt reiche Geisel her in König Gunthers Land. "Die zwang mit seinen Kräften der streitbare Held, 242 Wovon der König Lüdegast den Schaden nun behält Und vom Sachsenlande sein Bruder Lüdeger. Nun hört meine Märe, viel edle Königin hehr! "Gefangen hat sie beide Siegfriedens Hand: 243 Nie so mancher Geisel kam in dieses Land, Als nun seine Kühnheit bringt an den Rhein." Ihr konnten diese Mären nicht willkommener sein. "Man führt der Gesunden fünfhundert oder mehr 244 Und der zum Sterben Wunden, wißt, Königin hehr, Wohl achtzig blutge Bahren her in unser Land: Die hat zumeist verhauen des kühnen Siegfriedes Hand. "Die uns im Uebermuthe widersagten hier am Rhein, 245 Die müßen nun Gefangene König Gunthers sein; Die bringt man mit Freuden her in dieses Land." Ihre lichte Farb erblühte, als ihr die Märe ward bekannt. Ihr schönes Antlitz wurde vor Freuden rosenroth, 246 Da lebend war geschieden aus so großer Noth Der waidliche Recke, Siegfried der junge Mann. Sie war auch froh der Freunde und that wohl weislich daran. Die Schöne sprach: "Du machtest mir frohe Mär bekannt: 247 Ich laße dir zum Lohne geben reich Gewand, Und zehn Mark von Golde heiß ich dir tragen." Drum mag man solche Botschaft reichen Frauen gerne sagen. Man gab ihm zum Lohne das Gold und auch das Kleid. 248 Da trat an die Fenster manche schöne Maid Und schaute nach der Straße, wo man reiten fand Viel hochherzge Degen in der Burgunden Land. Da kamen die Gesunden, der Wunden Schar auch kam: 249 Die mochten grüßen hören von Freunden ohne Scham. Der Wirth ritt seinen Gästen entgegen hocherfreut: Mit Freuden war beendet all sein mächtiges Leid. Da empfieng er wohl die Seinen, die Fremden auch zugleich, 250 Wie es nicht anders ziemte dem Könige reich, Als denen gütlich danken, die da waren kommen, Daß sie den Sieg mit Ehren im Sturme hatten genommen. Herr Gunther ließ sich Kunde von seinen Freunden sagen, 251 Wer ihm auf der Reise zu Tode wär erschlagen, Da hatt er nicht verloren mehr als sechzig Mann; Die muste man verschmerzen, wie man noch Manchen gethan. Da brachten die Gesunden zerhauen manchen Rand 252 Und viel zerschlagener Helme in König Gunthers Land. Das Volk sprang von den Rossen vor des Königs Saal; Zu liebem Empfange vernahm man fröhlichen Schall. Da gab man Herbergen den Recken in der Stadt. 253 Der König seine Gäste wohl zu verpflegen bat; Die Wunden ließ er hüten und warten fleißiglich. Wohl zeigte seine Milde auch an seinen Feinden sich. Er sprach zu Lüdegeren: "Nun seid mir willkommen! 254 Ich bin zu großem Schaden durch eure Schuld gekommen: Der wird mir nun vergolten, wenn ich das schaffen kann. Gott lohne meinen Freunden: sie haben wohl an mir gethan." "Wohl mögt ihr ihnen danken," sprach da Lüdeger, 255 "Solche hohe Geisel gewann kein König mehr. Um ritterlich Gewahrsam bieten wir großes Gut Und bitten, daß ihr gnädiglich an euern Widersachern thut." "Ich will euch," sprach er, "Beide ledig laßen gehn; 256 Nur daß meine Feinde hier bei mir bestehn, Dafür verlang ich Bürgschaft, damit sie nicht mein Land Räumen ohne Frieden." Darauf boten sie die Hand. Man brachte sie zur Ruhe, wo man sie wohl verpflag. 257 Und bald auf guten Betten mancher Wunde lag. Man schenkte den Gesunden Meth und guten Wein; Da konnte das Gesinde nicht wohl fröhlicher sein. Die zerhaunen Schilde man zum Verschluße trug; 258 Blutgefärbter Sättel sah man da genug. Die ließ man verbergen, so weinten nicht die Fraun. Da waren reisemüde viel gute Ritter zu schaun. Seiner Gäste pflegen hieß der König wohl; 259 Von Heimischen und Fremden lag das Land ihm voll; Er ließ die Fährlichwunden gütlich verpflegen: Wie hart war darnieder nun ihr Uebermuth gelegen! Die Arzneikunst wusten, denen bot man reichen Sold, 260 Silber ungewogen, dazu das lichte Gold, Wenn sie die Helden heilten nach des Streites Noth. Dazu viel große Gaben der König seinen Gästen bot. Wer wieder heimzureisen sann in seinem Muth, 261 Den bat man noch zu bleiben, wie man mit Freunden thut. Der König gieng zu Rathe, wie er lohne seinem Lehn: Durch sie war sein Wille nach allen Ehren geschehn. Da sprach der König Gernot: "Laßt sie jetzt hindann; 262 Ueber sechs Wochen, das kündigt ihnen an, Sollten sie wiederkehren zu einem Hofgelag: Heil ist dann wohl Mancher, der jetzt schwer verwundet lag." Da bat auch um Urlaub Siegfried von Niederland. 263 Als dem König Gunther sein Wille ward bekannt, Bat er ihn gar minniglich, noch bei ihm zu bestehn; Wenn nicht um seine Schwester, so wär es nimmer geschehn. Dazu war er zu mächtig, daß man ihm böte Sold, 264 So sehr er es verdiente. Der König war ihm hold Und all seine Freunde, die das mit angesehn, Was da von seinen Händen war im Streite geschehn. Er dachte noch zu bleiben um die schöne Maid; 265 Vielleicht, daß er sie sähe. Das geschah auch nach der Zeit: Wohl nach seinem Wunsche ward sie ihm bekannt. Dann ritt er reich an Freuden heim in seines Vaters Land. Der Wirth bat alle Tage des Ritterspiels zu pflegen; 266 Das that mit gutem Willen mancher junge Degen. Auch ließ er Sitz' errichten vor Worms an dem Strand Für Die da kommen sollten in der Burgunden Land. Nun hatt auch in den Tagen, als sie sollten kommen, 267 Kriemhild die schöne die Märe wohl vernommen, Er stell ein Hofgelage mit lieben Freunden an. Da dachten schöne Frauen mit großem Fleiße daran, Gewand und Band zu suchen, das sie wollten tragen. 268 Ute die reiche vernahm die Märe sagen Von den stolzen Recken, die da sollten kommen: Da wurden aus dem Einschlag viele reiche Kleider genommen. Ihrer Kinder halb bereiten ließ sie Rock und Kleid, 269 Womit sich da zierten viel Fraun und manche Maid Und viel der jungen Recken aus Burgundenland. Sie ließ auch manchem Fremden bereiten herrlich Gewand. * * * * * Fünftes Abenteuer. Wie Siegfried Kriemhilden zuerst ersah. Man sah die Helden täglich nun reiten an den Rhein, 270 Die bei dem Hofgelage gerne wollten sein Und den Königen zu Liebe kamen in das Land. Man gab ihrer Vielen beides, Ross und Gewand. Es war auch das Gestühle allen schon bereit, 271 Den Höchsten und den Besten, so hörten wir Bescheid, Zweiunddreißig Fürsten zu dem Hofgelag: Da zierten um die Wette sich die Frauen für den Tag. Gar geschäftig sah man Geiselher das Kind. 272 Die Heimischen und Fremden empfieng er holdgesinnt Mit Gernot seinem Bruder und beider Mannen da. Wohl grüßten sie die Degen, wie es nach Ehren geschah. Viel goldrother Sättel führten sie ins Land, 273 Zierliche Schilde und herrlich Gewand Brachten sie zu Rheine bei dem Hofgelag. Mancher Ungesunde hieng der Freude wieder nach. Die wund zu Bette liegend vordem gelitten Noth, 274 Die durften nun vergeßen, wie bitter sei der Tod; Die Siechen und die Kranken vergaß man zu beklagen. Es freute sich ein Jeder entgegen festlichen Tagen: Wie sie da leben wollten in gastlichem Genuß! 275 Wonnen ohne Maßen, der Freuden Ueberfluß Hatten alle Leute, so viel man immer fand: Da hub sich große Wonne über Gunthers ganzes Land. An einem Pfingstmorgen sah man sie alle gehn 276 Wonniglich gekleidet, viel Degen ausersehn, Fünftausend oder drüber, dem Hofgelag entgegen. Da hub um die Wette sich viel Kurzweil allerwegen. Der Wirth hatt im Sinne, was er schon längst erkannt, 277 Wie von ganzem Herzen der Held von Niederland Seine Schwester liebe, sah er sie gleich noch nie, Der man das Lob der Schönheit vor allen Jungfrauen lieh. Er sprach: "Nun rathet Alle, Freund oder Unterthan, 278 Wie wir das Hofgelage am besten stellen an, Daß man uns nicht schelte darum nach dieser Zeit; Zuletzt doch an den Werken liegt das Lob, das man uns beut." Da sprach zu dem Könige von Metz Herr Ortewein: 279 "Soll dieß Hofgelage mit vollen Ehren sein, So laßt eure Gäste die schönen Kinder sehn, Denen so viel Ehren in Burgundenland geschehn. "Was wäre Mannes Wonne, was freut' er sich zu schaun, 280 Wenn nicht schöne Mägdelein und herrliche Fraun? Drum laßt eure Schwester vor die Gäste gehn." Der Rath war manchem Helden zu hoher Freude geschehn. "Dem will ich gerne folgen," der König sprach da so. 281 Alle, die's erfuhren, waren darüber froh. Er entbot es Frauen Uten und ihrer Tochter schön, Daß sie mit ihren Maiden hin zu Hofe sollten gehn. Da ward aus den Schreinen gesucht gut Gewand, 282 So viel man eingeschlagen der lichten Kleider fand, Der Borten und der Spangen; des lag genug bereit. Da zierte sich gar minniglich manche waidliche Maid. Mancher junge Recke wünschte heut so sehr, 283 Daß er wohlgefallen möchte den Frauen hehr, Das er dafür nicht nähme ein reiches Königsland: Sie sahen die gar gerne, die sie nie zuvor gekannt. Da ließ der reiche König mit seiner Schwester gehn 284 Hundert seiner Recken, zu ihrem Dienst ersehn Und dem ihrer Mutter, die Schwerter in der Hand: Das war das Hofgesinde in der Burgunden Land. Ute die reiche sah man mit ihr kommen, 285 Die hatte schöner Frauen sich zum Geleit genommen Hundert oder drüber, geschmückt mit reichem Kleid. Auch folgte Kriemhilden manche waidliche Maid. Aus einer Kemenate sah man sie alle gehn: 286 Da muste heftig Drängen von Helden bald geschehn, Die alle harrend standen, ob es möchte sein, Daß sie da fröhlich sähen dieses edle Mägdelein. Da kam