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classicistranieri.com - The Mirrored Project Gutenberg eBook of Von Tripolis nach Alexandrien - 2. Band, by Gerhard Rohlfs This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at www.gutenberg.org Title: Von Tripolis nach Alexandrien - 2. Band Author: Gerhard Rohlfs Release Date: January 24, 2006 [EBook #17600] Language: German Character set encoding: ISO-8859-1 *** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VON TRIPOLIS NACH *** Produced by Magnus Pfeffer, Hagen von Eitzen, Clare Boothby and the Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file was produced from images generously made available by the Bibliothèque nationale de France (BnF/Gallica) at http://gallica.bnf.fr)
Beschreibung
der im Auftrage Sr. Majestät des Königs von Preussen
in den Jahren 1868 und 1869 ausgeführten Reise
von
Gerhard Rohlfs.
Mit einer Photographie, zwei Karten, vier Lithografien
und vier Tabellen.
Zweiter Band
1871
Wie die Alten schon über die Grenzen der Cyrenaica uneins waren, da weder im West noch Süden bestimmte Marken gezogen waren, im Ost aber bald nach Ptolemaeus der Chers. mag., nach Plinius und Strabo der Catabathmos als Grenze angenommen wurde; so auch noch heute. Die Araber, diese guten Geographen, rechnen zu Barca, denn so nennen sie, was die Alten und wir mit Cyrenaica bezeichnen, das Land, was von dem Meere im Norden und Westen einerseits, im Süden vom Fareg und der Wüste, im Osten von Akabat el kebir andererseits, umringt wird. Fast ähnliche Grenzen nehmen die Türken an, nur dass sie die weit nach Süden zu gelegenen Oasen Audjila und Djalo ebenfalls mit zu Barca zählen.
Wir beschäftigen uns hier nur mit dem eigentlichen Plateau von Barca, welches eine längliche von Westen nach Osten gezogene Gestalt hat. Ungefähr von gleicher Grösse wie die Insel Sardinien fällt dasselbe nach Nordwest und Norden zu schroff ins Meer, ebenso der schmale 2Ostrand nach dem Golfe von Bomba zu, im Süden und im Südwesten sind sanfte Uebergänge zur See, und mittelst der Steppe zur Wüste. Das eigentliche Hochland besteht durchaus aus Kalkstein, der dick mit röthlichem Humus belegt ist. An den Schluchten, wo dieser Kalkstein aus feinen oft mikroscopischen Muscheln gebildet zu Tage liegt, bemerkt man häufige natürliche Höhlen und Stalactitengrotten, ebenso findet man auf dem Plateau selbst noch Petrefacten, Cardien, Pectiniten und Ostreen. Der Boden selbst ist äusserst fruchtbar, Theophrast lobt schon die leichte, durch trockne und reine Luft, belebte Erde. Und in der Neuzeit sagt unser grösster deutscher Geograph, Carl Ritter: „In der That ist es auffallend, dass dieses Land von Europäern unbesetzt, unbesucht blieb, ja selbst erst von neuem entdeckt werden musste, nachdem Phönizier, Carthager, Griechen, Aegypter, Römer dort schon einheimisch gewesen waren.
„Eine europäische Colonie, die sich auf dieser Berginsel ansiedelte, würde durch die gefährliche Syrte im Westen, durch die Steilküste im Norden und die Wüste Sahara im Süden gegen jeden Feind gesichert sein etc. etc.“
Ein anderer ausgezeichneter Geograph, Conrad Mannert, sagt von Cyrenaica: „Warum hat sich die gesegnete Gegend so ganz aus dem Blicke des Europäers verloren? Warum ist noch nie der Versuch zu einer neuen für eine Seemacht nicht schweren Ansiedlung gemacht 3worden, welche zugleich den Weg nach den inneren Gegenden von Afrika bahnen würde?“
Es ist allerdings bemerkenswerth, dass dies Kleinod des mittelländischen Meeres sich der Aufmerksamkeit der Europäer so lange entzogen hat. Wären wir nicht von vornherein gegen staatliche Colonisation, so würden wir Oesterreich oder Italien zurufen, erwerbt dies Land und lenkt dort neue Auswanderung hin. In der schmalen Ebene von Bengasi und Tokra bleibt die Bodenbeschaffenheit die nämliche, im Süden aber geht allmälig der röthliche Humus in weisslichen Sandboden über, daher auch die Eingebornen nach dieser äusserlichen Farbe Barka el hamra von Barca el beida unterscheiden. Es scheint nicht, dass Cyrenaica je Schätze des Mineralreiches besessen hätte, denn wenn die Alten Gold, Silber und edle Steine anführen, als Handelsgegenstände, so kamen die sicher aus dem Süden. Ammonisches Salz wird auch oft als ein Product der Cyrenaica angeführt; nicht dies ist es aber heute mehr, wohl aber Salz, welches das Land selbst producirt1, und das heute aus den Salzseen bei Bengasi gewonnen wird. Im Alterthum hebt Sinesius noch eine weisse Kreide hervor, die bei Paraetonium gewonnen zu Cement benutzt wurde.
4Glücklich der Art gelegen, dass Cyrenaica zur grösseren Hälfte vom Meere bespült wird, während der Uebergang zur Wüste nur allmälig mittelst Steppe erfolgt, ist es reichlich mit Pflanzenwuchs gesegnet. Aber trotzdem hat es nur geringe und periodische Wasserläufe, es ist dies eben dadurch bedingt, dass die Hauptabdachungen nach Norden die kürzere, nach Süden die längere, eben beide zu schmal sind, um die Bildung grosser Thäler und Flüsse zu erlauben. Da der höchste Kamm nicht in der Mitte, sondern mehr nach Norden zu, von Osten nach Westen das Land durchzieht, so sind die von ihm entspringenden Thäler, Schluchten und Rinnsäle, kürzer, aber auch, weil sie häufiger und grössere Quantitäten Wasser schwemmen, tiefer und zerrissener. Es liegt dies in der Natur der Sache, da eben die Nordseite des Plateaus bedeutend mehr Feuchtigkeit bekommt, als die längere Südseite.
Buchten an der eigentlichen Insel Cyrenaica sind nur vorhanden nach dem Osten zu. Die Busen von Bomba und Tokra sind aber auch ganz ausgezeichnet. In Bomba konnte 1808 der französische Admiral Gantheames sich vor dem verfolgenden britischen Admiral Lord Collingwood zurückziehen, und entging hiedurch der Gefangennahme. Die übrigen Häfen, welche die Alten benutzten, als Apollonia, Ptolemais, Dernis, Berenice, sind heutzutage ganz unbrauchbar, doch liesse sich 5das alte Berenice mit leichter Mühe wieder zu einem guten Hafen herrichten.
Was Bomba und Tokra anbetrifft, so unternahm Ali Riza Pascha von Tripolis Anfang 1869 einen neuen Colonisationsversuch, es scheint aber, dass seine Bemühungen gescheitert sind, obgleich die in türkischen Zeitungen veröffentlichten Berichte Anfangs sehr günstig lauteten. Wassermangel und ungenügende Sicherheit des Eigenthums werden wohl Hauptgrund beim Scheitern dieser neuen Besiedlung gewesen sein.
Aeusserst üppig ist die Pflanzenwelt vertreten, von der wir hier nur einen allgemeinen2 Ueberblick geben. Wie die Alten schon verschiedene Pflanzenregionen in Cyrenaica unterschieden, uns sogar erzählen, dass man mehrere Ernten abhalten könne, zuerst in der Ebene, dann auf den Abhängen, endlich auf der Hochebene selbst, so auch noch heute. Und wenn Homer die lachende und reiche Fruchtbarkeit des Landes, wenn Pindar die Cyrenaica die Fruchttragende, den Garten des Jupiter und der Venus nennt, wenn Diodor die Cyrenaica den fruchtbarsten Boden schlechtweg heisst, wenn Arrian das Land als krautreich und gut bewässert schildert, wenn Scylax uns die verschiedenen Obstsorten aufführt, so ist eben nichts Uebertriebenes darin, wie wir 6es bei den Alten erwähnt finden, eben so reich, so üppig, so ergiebig ist heute noch die Pflanzenwelt.
In der That glaubt man, sobald man sich aus der Stadt Bengasi entfernt und im Anfange der Küste folgend, ins Innere begiebt, fortwährend in einem lachenden Garten zu sein. Die üppigsten Blumenwiesen werden durchschnitten und der Fernblick ist überall gehemmt durch Lentisken und Myrtengebüsch. Und steigt man die Berge hinauf, sind Rosmarin und Wachholder, grosse Büsche der einfachen weissen Rose da, um heimathliche Erinnerungen wach zu rufen, während an den feuchten Schluchten der rothblühende Oleander und Lorbeerbüsche, die südeuropäischen Länder vertreten. Und diese ist denn auch die eigentliche Vegetation: Dr. Ascherson fand aus den mitgebrachten Pflanzen die grösste Uebereinstimmung mit denen, welche er durch eigne Anschauung auf den Inseln des Mittelmeeres kennen gelernt hatte.
An grossen Bäumen, welche besonders auf dem Plateau und in den nach Norden zu gehenden Thälern vorkommen, nennen wir die kleinblättrige immergrüne Eiche, die oft 150' hohe Cypresse, die Thuya und den Wachholderbaum. Verwildert kommt hier ebenfalls vor der Oelbaum, Feigenbaum, Johannisbrodbaum, Birnbaum; Weinreben aber sind uns nirgends mehr aufgestossen, obschon im Alterthume Wein nebst Oel Hauptausfuhr-Artikel war nach Sicilien und Griechenland. Und wie im Alterthume Cyrce ihre Grotte mit dem wohlriechenden 7Thyon räucherte, so ist auch heute noch ein leiser Rauch eines Wachholderfeuers nicht unangenehm, im Gegentheil, oft erschienen unsere Gräber, die wir mit trocknem Wachholderholz erleuchteten und wärmten, wie parfümirt. Aus diesem Holze wurden wahrscheinlich auch jene bei den Alten so berühmten wohlduftenden Möbeln verfertigt, von denen die Thyaden oder Trinktische besonders beliebt waren. Auch die aus Cyrenaica kommenden Rosenwasser und andere starkriechende Pflanzenproducte waren zur Blüthezeit viel gesucht, und um Essenzen herzustellen, brauchte man auch heute nur die Hand auszustrecken, wohlriechende, starkduftende Blumen sind überall, Geranien, Violen, Artemisien etc. schwängern zur Blüthezeit die Luft mit ihren Düften.
Wild findet man an geniessbaren Pflanzen überall und zwar in ausgezeichneter Güte die Artischocke und Trüffel, letztere wird von Plinius schon unter dem Namen Misy erwähnt. Das von den Alten als ein von den Bäumen hängendes wohlriechendes Obst, spagnus, weiss ich nicht zu erklären.
Was aber vor Allem den Reichthum der Colonie ausmachte, war das Sylphium, eine Pflanze, von der wir auf den alten cyrenaïschen Münzen recht gute Bilder haben. Auch finden wir derselben bei einer Menge der alten Schriftsteller erwähnt, zum Theil beschrieben. Alle 8Reisenden nun von della Cella3 an, Beechey, Pacho, Barth etc. etc., haben diese Pflanze in der heute von den Eingebornen genannten Drias (bot: thapsia garganica genannt) wiedererkennen wollen. Zu della Cellas Zeit nannten ihm die Landesbewohner, dieselbe Pflanze, Coinon. Und es lässt sich nicht leugnen, dass die Pflanze mit den Abbildungen Aehnlichkeit zeigt, wenn es auch kein Gleichniss ist; aber nicht nur Aehnlichkeit mit den Münzbildern zeigt dieselbe, sondern, wie wir gleich sehen werden, mit vielen Eigenschaften, welche wir von derselben bei den Alten erwähnt finden.
In neuerer Zeit nun ist Dr. Schroff in Wien4 dagegen aufgetreten, dieser, indem er die Eigenschaften der Thapsia garganica nicht mit den von den Alten erwähnten, vereinbar hält; dann Ørsted5, welcher hauptsächlich Drias nicht für das alte Sylphium erkennen will, weil ihm die Münzbilder nicht für diese Pflanze zutreffend sind. Professor Ørsted vindicirt Narthex asa foetida, als das alte Silphium, glaubend, dass die Eigenschaften dieser Ambilifore am meisten mit dem Silphium und den Bildern der Münzen übereinstimmen.
9Nach Theophrast entstand, natürlich konnte solche Wunderpflanze nur durch ein Wunder entstehen, 430 v. R. das Silphium nach einem Pechregen, derselbe beschreibt die Wurzel als dick, fleischig, den Stengel dem des Fenchel ähnlich, die Samenkörner als breit und geflügelt, ähnlich, wie die von Phyllis; dies alles fanden wir bei der heutigen Drias-Pflanze auch, und auch der Standort, den er für die Pflanze angiebt, stimmt: „Die Umgegend der Hesperiden-Gärten.“ Nach Plinius war die Rinde der Wurzel schwarz, länger als eine Elle; wo sie aus dem Boden kam, war eine Tuberosität, welche eingeschnitten einen milchigen Saft gab, die Samenkörner sind glatt, und fallen leicht mit den gelb vertrockneten Blättern, sobald die erste Jahreszeit vorüber ist, ab; auf der Pflanze selbst bemerkt man auch Tuberositäten. Plinius verlegt den Standort des Silphium ebenfalls in die Umgegend der hesperidischen Gärten. Nach ihm wurde der Stengel gegessen, nachdem man ihn gekocht hatte, er constatirt ferner die schädliche Wirkung aufs Vieh, die Ziegen und Schafe waren sehr begierig danach, die Ziegen fingen an zu niesen, die Schafe zu schlafen. Zu seiner Zeit war die Pflanze schon fast ganz verschwunden, so dass Nero eine einzige Pflanze als ein grosses Geschenk angeboten wurde. Wir sehen, dass auch die Beschreibung von Plinius vollkommen passt.
Von anderen Autoren verlegen Herodot und Scylax den Standort der Pflanze in die ganze Küstengegend 10von Pentapolitanien, von der Insel Plataea bis zum Anfange der grossen Syrte, Catull bei Cyrene, Strabo und Ptolemaeus mitten in die Wüste, südlich von Cyrene, Arrian endlich sagt, sie sei über den ganzen fruchtbaren Boden Cyrenaicas bis zum Saume der Wüste verbreitet. Nach diesem Schriftsteller wurden Ziegen und Schafe eingepfercht, um sie vor dem Silphium zu bewahren.
Sobald die Provinz römisch wurde, fing die Pflanze an zu verschwinden, jedoch 100 Jahre nach der Regierung Roms berichtet Plautus noch von reichlichen Ernten, Strabo fand sie ebenfalls noch vor, Plinius fand das Silphium schon spärlich und Synesius berichtet als etwas Ausserordentliches von einer im Garten seines Bruders gezogenen Pflanze. Die Ursache des Verschwindens der Pflanze wird von den Alten verschieden angegeben, nach Solin war es, um sich von den hohen Taxen zu befreien, denen das Silphium unterworfen war, Strabo führt die Ausrottung auf die eindringenden Barbaren zurück. Höchst wahrscheinlich wirkten beide Ursachen, um die Pflanze so schnell schwinden zu machen, denn die mit Kameelen eindringenden Libyer hatten natürlich ein Interesse daran, diese den Kameelen den Tod bringende Pflanze auszurotten.
Bei den Römern stand das Silphium oder Laserpitium im gleichen Werthe mit Silber; hauptsächlich 11wurde der aus dem Stempel der Pflanze Thysias gewonnene Saft, oder der aus der Wurzel mittelst Einschnitte hervorquellende succus, Caulias genannt, als Arznei benutzt. Man verarbeitete beide mit Kleie; und dies dann bis zu dicker Consistenz eingekocht, wurde so über die ganze civilisirte Welt verschickt. Beide Posten werden auch unter dem Namen „Thränen der Cyrenaica“ ohne Unterschied genannt. Die Römer verwahrten das Silphium in ihrem öffentlichen Schatze. Julius Caesar fand 1500 römische Pfunde vor.
Die heutige Drias-Pflanze, Thap. garg., zeigt sowohl mit den Münzabbildungen, als mit den eben erwähnten die grösste Aehnlichkeit, nur möchte ich die Frage aufwerfen, warum gerade die Thapsia garganica von Cyrenaica sich von den anderen unterscheidet. Und doch muss ein Unterschied da sein. In Algerien, in Marokko fällt es keinem Eingebornen ein, sein Kameel mit Maulkörben zu versehen, sobald er es in die mit Thapsia garganica bestandenen Gegenden treibt, während in Cyrenaica die Pflanze, sobald sie trocken ist, sehr gefürchtet wird. Auch schreibt man dort der Pflanze keine besonderen medicinischen Eigenschaften zu, während die Bewohner von Barca noch heute die Drias-Pflanze, wie die Alten das Silphium als ein Universalmittel betrachten. Da muss denn doch wohl ein Unterschied zwischen der Thapsia garganica von Cyrenaica und den übrigen bestehen, der den Botanikern 12bis jetzt entgangen ist. Auch mir gelang es nur, Stengel und Blätter der Drias-Pflanze mitzubringen, die Blüthezeit war noch nicht angegangen, als ich in Cyrenaica war. Heinzmann, der die Thapsia garganica medicinisch untersuchte, fand, dass die Wurzel ein werthvolles Heilmittel sei, äusserlich bei unreinen Geschwüren sowohl der Menschen als Thiere gebraucht. Die Tinctur der Rinde der Wurzel auf gesunde Hauttheile gebracht, erregt meist anhaltendes Jucken, zuletzt Pusteln ohne grosse Entzündung. Auf eine offene Wunde gebracht, wird kein Brennen und Jucken gefühlt. Innerlich 6–8 Gran genommen, wird Schwindel, Ohrensausen, Ideenconfusion, grosses Gefühl von Schwäche mit lange andauernden schweren Schweissen beobachtet. Wiederholte, von ihm in Europa angestellte Versuche, stellten die Thapsia garganica als ein drastisches Reinigungsmittel hin. Theophrastus, Dioscoridas und Plinius sprechen von ganz gleichen und ähnlichen Wirkungen. Was uns anbetrifft, so bleiben wir also dabei und sagen, dass die in Cyrenaica wachsende Thapsia garganica oder Drias das alte Silphium ist.
Diese, wie wir so eben gesehen haben, so sehr pflanzenreiche Insel ist äusserst thieram. Fast wäre man versucht anzunehmen, dass das nekropolenartige des ganzen Landes, denn wie Cyrenaica sich heute dem Besucher zeigt, kann man es als Eine grosse Todtenstadt bezeichnen, auch Einfluss auf die Leben suchenden 13Thiere gehabt habe. In den Küstenstrichen finden sich zwar ziemlich viel wilde Thiere, als Hasen, Kaninchen, Gazellen und die Vierfüssler, welche im Allgemeinen am Nordrande von Afrika gefunden werden, aber in geringerem Maasse als in Tunis, Algerien und dem so wildreichen Marokko. Ausser der Hyäne und dem Schakal sind reissende Thiere gar nicht vorhanden. Wildschweine finden sich in den Schluchten der Hochebene, aber auch in geringer Zahl. Ueberall stösst man aber auf den Maulwurf, dessen Spuren man sogar weit nach Süden in der Ebene verfolgen kann. Die Vogelwelt ist ebenfalls sparsam und durch keine besonderen Arten vertreten. Schlangen und Scorpionen, Eidechsen und anderes Gewürm sind dieselben, wie die auf dem Nordabhange des Atlas, in den südlichen Ebenen ist die Hornviper häufig. An den steilen Felsparthien des Hochlandes haben zahlreiche Bienenschwärme in den Höhlungen ihre Nester angelegt, und wie im Alterthum bildet denn auch noch heute der Honig ein Hauptproduct des Landes. Ein von Süden kommendes Thier, die Heuschrecke, bildet auch in der Jetztzeit noch oft die grosse Landplage der Bewohner. Die meist so berühmten Pferde der Cyrenaica sind sehr heruntergekommen, was Form und Schönheit anbetrifft, Dauerhaftigkeit, Gelehrigkeit und Kraft ist ihnen aber auch jetzt noch eigen. Hauptreichthum der Bewohner machen die Rinder, 14Schafe6 und Ziegenheerden aus, von denen nach Malta hin exportirt werden, Esel und Maulthiere hat man nur zum eigenen Bedarf und sie sind nicht besser, als die in den berberischen Staaten. Die südlichen Ebenen haben vorzügliche Kameelzüchtereien, von denen auch nach Egypten hin exportirt werden.
Die Bewohner des Landes sind nomadisirende Araber. Jedenfalls sind Spuren der griechischen, ptolemäischen und römischen Herrschaft nirgends zu erkennen, wie denn auch nach Vernichtung dieser Herrschaften ihre eigentlichen Unterthanen, Griechen und Römer mit vernichtet wurden oder auswanderten. Die dann eindringenden libyschen Völker sind von den Arabern absorbirt worden, wenigstens ist heute nichts mehr vom Libyerthum zu bemerken, die alles nivellisirende mohammedanische Religion hat zwischen Berbern und Arabern, die ohnedies äusserlich sich so nahe stehen, jeden Unterschied aufgehoben. Der heutige Bewohner Cyrenaicas, der nur arabisch spricht (Mischmasch von maghrebinisch und ägyptisch), ist mittlerer Grösse, mager, hat ein längliches Gesicht, in der Jugend mit vollen Backen, fallen sie im Alter sehr ein und die Backenknochen treten stark hervor, stechende schwarze Augen von buschigen Brauen überwölbt, eine starkgebogene, lange Nase, verhältnissmässig grosser Mund und spitzes Kinn sind die allgemeinsten Gesichtszüge. Der Bart 15ist spärlich, Haupthaar lang und schwarz. Die Frauen, welche wie überall da, wo sie eine untergeordnete Stellung zum Manne einnehmen, auch körperlich unverhältnissmässig klein sind, haben in der Jugend volle und hübsche Formen, und eben das Volle rundet denn auch die scharfen Gesichtszüge ab, die im Alter aber ebenso markirt wie beim Manne hervortreten, ohne dass die tausend Falten der Haut im Stande sind, die scharf vorspringenden Knochenparthien zu verdecken. Die Nase ist bei den Frauen mehr gerade als gebogen.
Männer und Frauen lieben es, sich mit Antimon zu zeichnen; machen allerlei bunte Figuren aufs Gesicht, Brust, Arme und Hände. Die Frauen färben auch die Unterlippe schwarz, umrändern die Augen mit Kohöl und färben die Nägel roth. Ihre Kleidung ist die der übrigen nomadisirenden Völker Nordafrikas und keine Frau, mit Ausnahme der Städterinnen, geht verschleiert. In der übrigen Lebensweise ist auch kein Unterschied, Basina, diese Gerstenpolenta, mit stark gepfefferter Sauce bildet ebenfalls das Nationalgericht. Auch hier haben die Nomaden gar keinen Fortschritt gemacht, wie zur Zeit der Rebecca geht noch heute das Weib mit dem Kruge zum Brunnen, um Wasser zu schöpfen, wie zur Zeit Abrahams pflügt der Mann noch mit demselben Pfluge, ohne dass er sich Mühe gegeben hätte, einen besseren kennen zu lernen. Auf dem Boden hockend essen heute noch alle mit den Fingern aus Einer Schüssel, wie 16Jesus Christus mit seinen Jüngern. Etwas haben die Snussi indess für gute Sitte durch strengere Beobachtungen der mohammedanischen Vorschriften gesorgt. Früher z.B. war es bei einigen Stämmen Sitte, dass ein verheiratheter Mann einem Fremden seine Frau anbot, heute würde man vergeblich in ganz Cyrenaica eine Tribus suchen, wo eine solche Unsitte herrschte. Aber Lesen und Schreiben ist nirgends bekannt, wie denn überhaupt auf dem Lande nirgends eine Medressa oder Schule besteht, und auch die Sauya, welche die Snussi angelegt haben, keine Schulen unterhalten.
Nach ziemlich sicheren Abschätzungen, vom französischen Consulate in Bengasi mitgetheilt, stellen die Gesammtstämme von der grossen Syrte an gerechnet (Mündung des Fareg) bis zur ägyptischen Grenze 72,000 bewaffnete Fussgänger und 3500 Cavaliere, danach könnte man die Gesammtbevölkerung von Cyrenaica auf circa 302,000 Einwohner anschlagen. Hiervon bilden die Auergehr den bedeutendsten Stamm, ihre verschiedenen Sippen stellen mehr als 10,000 Fussgänger und fast 1000 Reiter, die Brassa zählen mit 3500 Fussgänger und 500 Cavalieren, die Abidat mit 5890 Fussgänger und 350 Reiter, die ailet7 Ali 4600 Fussgänger und 225 Reiter, die Sauya 2100 Fussgänger, 75 Reiter etc.
17Nach den neuesten Nachrichten8 ist von der türkischen Regierung die Landschaft Barca als von Tripolis unabhängig in eine Mutasarefia von Bengasi umgewandelt worden, und hat folgende Kaimmakamliks als Unterprovinzen: 1) Djalo und Audjila, 2) Mytarba oder Adjedabia, 3) Kaimmakamlik der Auergehr, 4) Merdj, 5) Gaigab, 6) Derna und 7) Bengasi selbst. Höchst wahrscheinlich ist dies aber ein Irrthum, und sind die aufgeführten Städte- und Ortsnamen nicht Kaimmakamliks, sondern Mudirats, da diese sonst keineswegs, was Grösse und Bevölkerung anbetrifft, einem anderen türkischen Kaimmakamlik entsprechen. Wenn deshalb Cyrenaica jetzt direct von Constantinopel regiert wird, nicht wie bis Herbst 1869 von Tripolis, so dürfte doch, wenn auch die Unterabtheilung die richtige ist, die Bezeichnung als Kaimmakamlik für dieselbe zu bezweifeln sein.
Ueber Bengasi, welches wir beschrieben haben, über das Gebiet der Auergehr, deren Schich keinen festen Sitz hat, sondern der häufig bei Tokra, häufig auf den Hochebenen sein Zelt aufschlägt, über Audjila, Gaigab und Adjedabia9, welche ebenfalls beschrieben wurden, haben wir hier weiter nichts hinzuzufügen.
Was Merdj anbetrifft, in südwestlicher Richtung circa 6 Stunden von Tolmetta (Ptolemais) auf dem Hochplateau 18gelegen, so ist darüber gar kein Zweifel heute, dass dieser Ort das alte Barca ist. Gegründet wurde diese Stadt von den Libyern; als die Griechen nach Cyrene kamen, fanden sie Barce schon fertig. Die Barcaei standen bei den Griechen besonders im Rufe von ausgezeichneten Pferdebändigern und Wagenlenkern. Als in Cyrene selbst Zwistigkeiten unter den Griechen ausbrachen, zog ein Theil nach Barce, und von dieser Zeit an tritt diese Stadt als selbstständig und unabhängig in die Reihe der Städte der Pentopolitania. Das alte Ptolemais selbst wird ursprünglich nur als „Hafen“ von Barce genannt, bis unter der Herrschaft der Ptolemäer dieser Hafenort die eigentliche Bevölkerung von Barce aufnimmt, und diese Stadt aus der Geschichte verschwindet. Der Name Barca, den die Araber heute auf das ganze Land ausdehnen, kommt aber zweifelsohne von Barce, dem heutigen Merdj her, obgleich die Eingeborenen behaupten, diesen Ausdruck deshalb dem Lande zu geben, weil das ganze Gebiet ein „Barca“ d.h. „Segen“ sei.
Derna endlich, am nordöstlichsten in Barca gelegen, ist das alte Darnis. Ausser Bengasi ist dies die einzige Stadt. Ungefähr mit 1500 Einwohnern wird von hier ein ziemlich lebhafter Handel mit Malta und Creta getrieben, die Engländer unterhalten hier sogar ein Viceconsulat. Im französischen Kriege gegen Aegypten versuchte General Gantheaume hier eine Landung, jedoch 19ohne Erfolg. Auch Nordamerika war später eine Zeitlang in Besitz von Derna, gab aber den Ort seines schlechten Hafens wegen, oder vielmehr weil ein solcher gar nicht vorhanden ist, wieder auf. Derna ist von den ausgezeichnetsten Gärten umgeben: alle Producte und Früchte, die am Mittelmeere überhaupt vorkommen, liefert die Umgegend in Hülle und Fülle.
Es war ein entsetzliches Wetter, als wir in der Todtenstadt unser Grab, die Knissieh, verliessen und dann durch die Battus-Strasse die Stadt hinaufzogen und dieser Lebewohl sagten. Wind und kalter Regen stritten darum wer siegen sollte, da aber der Kampf aufs höchste erbittert, immer unentschieden blieb, so hatten wir am meisten davon zu leiden. Sobald wir aus der Umfassungsmauer heraus waren, verfolgten wir einen alten Weg, der in südwestlicher Richtung lief, auch hie und da tief eingeschnittene Spuren der alten Fahrzeuge zeigte, und wie alle auf die Hauptstadt zugehenden Wege rechts und links mit Gräben eingefasst war. Die Gegend war einförmig und einsam, obschon keineswegs der Vegetation entbehrend, und überall zeigte sich fetter rother 20Thonboden. Ueber 2000' hoch war die Kälte sehr empfindlich, und das monotone Plateau wurde nur ein Mal, eine Stunde von Cyrene entfernt, von einem Uadi dem Isnait-Thale, welches von S.-O. nach N.-W. streicht, unterbrochen. Nach drei Stunden erreichten wir Safsaf, wo eine der grossartigsten Cysternen die Aufmerksamkeit des Reisenden in Anspruch nimmt. Höchst wahrscheinlich sammelten diese Cysternen, welche das Wasser einer ganzen Niederung aufnehmen, den Regen für Cyrene selbst, da die um die Cysterne liegenden Ruinen nur unbedeutend sind, also so grossartiger Reservoirs nicht bedurften. Wahrscheinlich existirte in alten Zeiten eine Wasserleitung, um das Wasser nach der Stadt zu führen.
Die überdeckten Bogen der Cysterne gewährten nur auf einige Augenblicke Schutz gegen den Regen, zudem drohten die höchsten Punkte in dem Wasserbehälter auch überschwemmt zu werden. Wir beschlossen daher so rasch wie möglich nach dem circa eine Stunde südwestlich davon gelegenen Gasr Gaigab zu gehen, wo wir auf Schutz gegen das immer mehr rasende Wetter hoffen durften. Dem Aduli war dies doppelt lieb, da er dort ganz in der Nähe seine Zelte hatte, er also auf diese Art nach Hause kam.
Ehe wir das Castell Gaigab, worin eine türkische Compagnie lag, erreichten, schickte ich einen Diener voraus, um mich anzumelden und um ein Zimmer bitten zu lassen. Und alsbald kam trotz des Regens der Commandant 21des Forts uns entgegen, und zwar barfüssig, da er sagte, er habe keine Schuhe oder Stiefeln und seine Pantoffeln seien dem Schmutze nicht gewachsen. Wie sich später herausstellte, hatte er sein Schuhzeug versetzt, um Schnaps kaufen zu können. Aber warum hatte der türkische Kriegsminister ihn und die übrigen Truppen auch monatelang ohne Gage gelassen. Unter vielen Complimenten führte der Hauptmann-Commandant, ein kleiner dicker Mann, uns ins Fort, die Thorwache trat ins Gewehr und „Has dur, ssalam dur“10 rief der Wachcommandant, und freute sich wie ein kleines Kind, mal Gelegenheit zu haben, seine Künste produciren zu können. Von den Soldaten waren auch einige ohne Schuhe, einige sogar um ihre Beine, sans culottes, nicht zu zeigen, hatten den langen Mantel an.
Alsbald wurden wir dann in ein grosses Zimmer gebracht und ein tüchtiges Kohlenfeuer rief bald unsere halb erstarrten Glieder ins Leben, auch eine Tasse guten Kaffees war schon bereit, kurz der Hauptmann war ausser sich vor Freude, in seiner Einsamkeit so unerwartet Gäste bekommen zu haben.
Das Gasr Gaigab selbst, in gerader Linie nur drei Stunden S.-S.-O. von Cyrene gelegen, ist ein regelmässiges Viereck mit vier Eckthürmen, welche das Fort flankiren. Jede Seite der äusseren Mauer ist circa 1000' 22lang und dieselben sind 25' hoch. Im Innern sind an den 3–4' dicken Mauern zugleich die Baulichkeiten, Casernement, Officierzimmer, Küche, Arsenal und Magazine; das Fort hat für eine Besatzung von 200 Mann immer Proviant auf 1 Jahr, auch ist hinlänglich Pulver und Kugeln vorhanden. Gegen die bloss mit schlechten Steinschloss bewaffneten Beduinen bietet es also hinlänglich Schutz. Auf den vier Eckthürmen stehen zudem je eine mächtige Kanone, wahrscheinlich von einem an der Küste früher ein Mal gestrandeten Schiffe genommen, denn das englische Wappen ist darauf, die Jahreszahl ist aber schon abgerostet und ob dieselben überhaupt noch sehr tüchtig sind, möchte ich sehr bezweifeln.
Wir waren bald heimisch eingerichtet und Abends hatte ich die Ehre mit dem Hauptmann zu speisen, gegen die Sitte der vornehmen Türken waren keine Messer und Gabel vorhanden, jedoch Teller; um nicht unangenehm zu berühren, legte auch ich mein Besteck, das mein Diener mir hingelegt hatte, wieder weg, um nach Adams Manier zu essen. Als er mir aber, um den Mund abzuwischen, sein eigenes schmutziges Taschentuch reichen wollte, dankte ich höflichst und liess mir rasch meine Serviette reichen. Die übrigen Officiere thaten Leporello-Dienste, durften aber nicht mit uns bei Tische essen. Auch erlaubte nie der Capitän, dass einer der Officiere die Gläser füllte (selbverständlich schlechter Araki) und als ich ihm im Scherze mal zurief, den Officieren 23doch auch ein Glas zu geben, machte er ein Gesicht, als ob er eine Ohrfeige bekommen hätte, und ängstlich die Flasche, als um sie zu schützen, in die Hand nehmend, erwiederte er, sie tränken nie. Die armen Effendi, wie gern hätten sie auch wohl ein Glas genommen, aber wenn es dem Commandant möglich war, trotz der Soldlosigkeit, sich Geld oder Credit für Araki zu erschwingen, so vermochten das die übrigen Officiere doch nicht, indess rächten sie sich nachher, denn der Hauptmann zechte so lange, bis er aus meinem Zimmer herausgetragen werden musste, und nun liessen die beiden anderen Effendi schnell den Rest der Flasche in ihre durstigen Kehlen verschwinden und stellten dann die leere Flasche an die Lagerseite des sorglos, aber laut schlafenden Commandanten.
Wie gross war aber der Schrecken des Hauptmanns, als er am andern Morgen erfuhr, ich besitze gar keinen Schnaps, er hatte nämlich bloss so stark seinem Araki zugesprochen, dann auch mir einige Gläschen grossmüthigst abgegeben, weil er hoffte, dass ich am andern Tage alles doppelt und dreifach ersetzen würde, und nun hatte er es mit einem Frangi zu thun, der nicht mal Araki mit sich führte. Doch ich tröstete ihn, indem ich versprach ihm von Bengasi aus Alcohol schicken zu wollen, den ich dort als zum Photographiren nöthig gekauft, später aber übrig behalten und dann zurückgelassen hatte. Und sein guter Humor wurde bald ganz wieder 24hergestellt, als ich ihm sagte, den Tag noch bleiben zu wollen, weil Königs Geburtstag sei, und dass ich bei dieser Gelegenheit den Soldaten eine kleine Festlichkeit bereiten wolle. Zugleich bat ich, unsre norddeutsche Flagge aufs Castell hissen zu dürfen und der Hauptmann stimmte mit Freuden ein, ja, er beorderte sogleich für Mittag Parade über die ganze Truppe und Inspection der Baulichkeiten, und die Soldaten hatten wohl ihr Lebtag nie so geputzt, um die Waffen glänzend zu machen und um die neuen Uniformen, welche aus dem Magazine (wahrscheinlich hatten sie dieselben noch nie angehabt) ausgegeben wurden, in den Stand zu setzen. Zudem waren Abtheilungen beschäftigt, die Zimmer, Küche und alle Räumlichkeiten zu reinigen, kurz bald nahm alles einen festlichen Anstrich an.
Mittags wurde denn auch die Truppe, welche im Hofe des Castells aufgestellt worden war, feierlich inspicirt, der Hauptmann diesmal in Pantoffeln, aber mit Säbel und Dienstzeichen versehen. Die Soldaten sahen besser aus wie ich geglaubt hatte, alle ihre Uniformen waren neu und die Gewehre französische Minié-Büchsen. Nachdem sodann noch die Schlafzimmer waren besehen worden, die auch recht reinlich ausgefegt waren, aber weiter nichts enthielten als was jedes türkische Soldatenzimmer bietet: für jeden Mann eine Matte und einen kleinen Teppich statt eines Bettes; als endlich Küche, Vorrathskammern 25u.s.w. waren besichtigt worden, hatte die Mannschaft ihr Mittagsmahl einzunehmen.
Ich hatte am Morgen mehrere Ziegen kaufen und durch die Soldaten schlachten lassen, mit Reis hatten sie sich daraus ungeheure Pillau-Schüsseln gemacht, und nachdem sie mit grosser Hast, wie lange hatten sie wohl kein Fleisch gehabt, die Schüsseln geleert hatten, wurde ihnen noch ein Kaffee en gros gegeben.
Aber die Hauptfestlichkeit ging jetzt erst an: ich hatte ein Paar Dutzend rother Fes, Taschentücher, dann kleine Geldsummen in Papier als Preise ausgestellt, und hienach mussten die Soldaten Wettrennen, Sacklaufen und Blindekuh spielen. Der Hauptmann-Commandant theilte die Preise aus, nachdem er jedoch für seine Mühe, und weil er selbst als Höchstcommandirender nicht mitlaufen konnte, von jedem Preise vorweg einen für sich genommen hatte. Im Anfange wollte es nicht recht, wo hatte je ein türkischer Soldat Sacklaufen gelernt, oder sonstige dergleichen Spiele mitgemacht, als aber nur mal erst einer sich einen neuen rothen Fes erobert hatte, wurden alle so eifrig und anstellig, dass bald jeder sein Theil weg hatte. Aber gewiss war es spasshaft anzusehen, wie die oft fünfzig Jahre alten Soldaten (in der Türkei dient in der Regel, wer ein Mal Militair ist, so lange wie er die Flinte tragen kann) sich kindlich freuten, und ebenso so grosse Freude hatten, wenn sie einen Preis bekamen, wie bei uns die muntere Schuljugend. Gewiss werden sie nie 26den Tag, den Milud des Sultans von Prussia vergessen, ihr eigener Sultan Abdul Asis kümmert sich nicht an seinem Geburtstage um seine Truppen. Bis spät in die Nacht hinein tanzten und sangen die Soldaten, und der Hauptmann war so gerührt worden, dass er seine beiden Officiere, welche auch jeder einen Baschlik (circa 8 Groschen) gewonnen hatten, gegen Baarbezahlung auf ein Glas Araki einlud, kurz Alle waren befriedigt, und froh und müde legten Türken und Deutsche, welche am Tage Königs Geburtstag zusammen gefeiert hatten, da wo vielleicht einst die Siegeswagen der Battiden getummelt waren, sich sorglos zum Schlaf nieder.
Nachdem ich dann noch am andern Morgen die verschiedenen Quellen von Gaigab, von denen eine unmittelbar unter der Mauer des Forts selbst entspringt, besichtigt und gefunden hatte, dass alle Spuren antiker Bearbeitung zeigen, sagten wir unseren türkischen Freunden Lebewohl. Der Aduli blieb zurück, statt seiner kam jedoch sein ältester Sohn, um als Führer zu dienen.
Um 7½ Uhr aufbrechend, hatten wir im Allgemeinen S.-W.-R., erreichten um 8 Uhr 20 Minuten die Quelle Lali und gleich darauf den Marabut Sidi Sbah, wo ebenfalls eine Quelle ist. Um 9½ Uhr waren wir bei der Quelle Djebarah, und liessen um 10 Uhr die Sauya-Faidia etwas nördlich von uns liegen. Wir befanden uns immer auf einem grossgewellten, jedoch niedrigen Hügellande, und gerade auf der Wasserscheide des Mittelmeeres 27und der Sahara. So passirten wir um 12 Uhr 20 Minuten das uadi Feria, das ins Mittelmeer und gleich darauf das uadi Tebiabo, das in die Sahara abfliesst. Zwischen beiden erreichten wir die grösste Höhe 909 M., obschon andere Berge und Hügel seitwärts vom Wege noch 100–150 M. höher sind11. Die Gegend ist nicht bewaldet, aber trotzdem nicht ganz von Bäumen entblösst, und der fette rothe Boden Veranlassung zur üppigsten Vegetation der Blumen, namentlich gedeiht hier die Drias-Pflanze häufig und kräftig. Aber Bewohner sieht man nirgends, nur da, wo Fels zu Tage liegt, wie überall weicher Kalkstein, mahnen die tiefeingeschnittenen Räderspuren der Wagen der Alten, wie stark auch dieser höchste Kamm von Cyrenaica einst frequentirt war. Die Gegend selbst wird als Weidegrund der Brassa, eines der bedeutendsten Nomadenvölker vom heutigen Barca, genannt. Um 4 Uhr 15 Minuten schlugen wir Lager bei einer Oertlichkeit, Namens Slantia, wo zahlreiche Höhlen, theils natürliche, theils künstliche, einen Sitz der alten libyschen Ureinwohner zeigen.
28Am folgenden Tag hielten wir zuerst südlich, dann südwestlich und zuletzt ganz westlich12. Die Gegend ist sehr waldig, namentlich stark mit Wachholder bestanden, die Abdachung geht nur der Wüste zu, und überall sieht man die Ruinen alter römischer Burgen. Dies Land ist gleichfalls den Brassa eigen, obschon es ganz wie ausgestorben ist. Bei dem Castell Sira el gedim stiessen wir wieder auf zahlreiche Höhlen libyscher 29Troglodyten, und Nachmittags um 2 Uhr erreichten wir den scharf prononcirten Abfall des Hochplateaus, und gelangten mittelst des uadi Farat in die grosse Ebene el Chiē. Die Drias hört nun auf, wie überhaupt hier eine ganz andere Vegetation auftritt, namentlich ist es die Schih (artemisia), die uns hier zum ersten Male entgegentritt, und an die nahe Wüste erinnert. Wir campirten Nachmittags in einem Kessel, Namens Maraua, wo auch Felshöhlen der alten Libyer zahlreich vorhanden sind. Sehr eigenthümlich sind manchmal Reste von Mauern, welche ein Thal quer durchschneiden, dann wieder grosse viereckige Mauerreste, welche aber keine Wohnungen gewesen zu sein scheinen, vielmehr wohl dazu dienten, um Nachts das Vieh aufzunehmen als Schutz gegen die wilden Thiere. Wasser findet sich auf der ganzen Strecke von Sirah nach Maraua nicht.
Bei Maraua hat die el Chiē-Ebene eine Tiefe von 508 M., sie ist einförmig, aber äusserst fruchtbar und die zahlreichen Ruinen der alten Castells deuten auf ehemalige starke Bevölkerung. In der Mitte, wo die Chiē-Ebene von einem nach Süden strömenden uadi Gedede unterbrochen wird, hat sie 450 Meter, nach Westen kommt man dann auf den Höhenzug, der Schad ben Medja genannt wird und gut mit Wachholder bestanden ist. Von hier an gehört das Land den uled Abid, und das nun vor einem aufsteigende Gebirge führt auch den Namen djebel Abid. Es ist mit Wachholder 30und Thuya so reichlich bewachsen, wie die schönsten Districte der Cyrenaica und wetteifert an Fruchtbarkeit mit der duftenden el Chiē-Ebene. Aber auch hier sieht man keine Einwohner, nur selten mal eine Heerde, und selbst Wild scheint zu fehlen. Erst bei den Brunnenlöchern von Djerdes, die wieder 640 Meter hoch liegen, stösst man auf Abid-Triben und gut angebaute Felder. Auch finden sich hier Höhlen alter libyscher Stämme.
Obschon die Abid zu den berüchtigsten Räubern der Cyrenaica gehören, so kamen wir doch gut mit ihnen aus, zudem waren wir sehr auf unserer Hut. Als wir bei Djerdes lagerten, sank morgens das Thermometer vor Sonnenaufgang auf -2°.
Die Gegend blieb am folgenden Tage13 im Anfange im Gebirge gleich gut bewaldet und später in der Ebelerhar-Ebene, fanden wir diese bedeutend krautreicher 31als die Chiē-Ebene. Abends lagerten wir bei den Wasserlöchern von Biar (Pl. von Bir-Brunnen) und fanden dort herum zahlreiche Freg der Auergehr, überhaupt war den ganzen Tag hindurch die Gegend nicht nur reicher an Vegetation, sondern auch besser bevölkert. Die Auergehr bekümmerten sich so wenig um uns, wie wir um sie, in der Nähe eines kleinen Marabuts schlugen wir Zelte. Die Brunnenlöcher von Biar liegen 320 Meter hoch.
Nachts wurde einem meiner Neger sein Geld, welches derselbe in sein Schnupftuch gebunden hatte, gestohlen. Da es nur einer der anderen Diener genommen haben konnte, so liess ich alle auskleiden, ohne dass wir etwas entdecken konnten, auch schwuren alle die grässlichsten Eide, in Gegenwart des Grabes des Marabut und beim Haupte Mohammeds und Sidi Snussi's. Und vor allen Dingen zeichnete sich ein ehemaliger österreichischer Kavass von Tripolis, Herr Hammed Bimbaschi, aus, laut rufend, sein Vater und er solle ewig brennen, wenn er das Geld habe. Aber schon zwei Tage später fand sich das Geld bei ihm vor, er hatte sich in Bengasi durch Einkäufe verrathen, und musste dann in Folge davon Bekanntschaft mit dem türkischen Gefängniss machen. Als ich später Bengasi verliess, bekam er seine Freiheit wieder, Meineid und Diebstahl, namentlich gegen einen eben erst freigewordenen Sklaven begangen, werden in diesen Ländern nicht sonderlich beachtet.
32Den letzten Tag blieben wir von Biar noch 3 Stunden in S.-W.-R. in dieser krautreichen Ebene, und kamen dann an das eine Stunde breite Gebirge, welches nur 100 Meter hoch den Rand der Ebene, der ersten Terrasse bildet. Mittelst des Fuhm el Fedj, eines Engpasses, stiegen wir dann in die Meeresebene hinab, vorbei bei dem vulcanartig aussehenden Berg Basina (Name einer Mehlspeise, die puddingförmig aufgetischt wird) und erreichten von hier an nach 4 Stunden in reiner westlicher Richtung Bengasi. Die Ebene hier ist nicht sehr fruchtbar, der Fels liegt fast überall zu Tage. Dass aber die röthliche Erde einst dicker gelegen hat, beweisen die überaus zahlreichen Ruinen von Dörfern, Häusern und Gehöften, und trotz der heutigen Unfruchtbarkeit dieser Ebene ist es höchst wahrscheinlich, dass diese Fläche einst die berühmten Gärten der Hesperiden bildete.
Wir hatten in Bengasi einen fünftägigen Aufenthalt, welcher indess auch sehr nöthig war, um uns neu zu organisiren und auszurüsten. Bis auf meinen deutschen Diener Wetzel aus Bamberg und dem freigelassenen Neger Bu-Bekr trat eine vollkommene Veränderung im Personal ein. Den Photograph aus Berlin sah ich mich genöthigt nun wirklich fortzuschicken, ich hatte ihn in Tripolis schon einmal entlassen, mich aber dennoch bewegen lassen ihn wieder zu nehmen, aber in den letzten Tagen in Cyrene benahm er sich so unumgänglich, 33dass ich diese Gelegenheit seiner los zu werden, nicht versäumte. Der österreichische Cavas Hammed wurde eingesperrt, noch andere verliessen den Dienst. Dafür machte ich dann aber die werthvolle Acquisition des alten ehemaligen Dieners Mohammed Staui, der sich dicht bei Bengasi als Landmiether niedergelassen hatte. Den alten geizigen Staui hätte ich nur in Cyrenaica selbst haben sollen, sein Geiz wäre mir dort gut zu Statten gekommen gegen die unverschämten Prellereien des Aduli, gegen die Diebereien des Cavassen und der anderen Diener, welche es so weit trieben, dass sie unter der Hand eines Tages einen ganzen Schlauch Butter verkauft hatten. Dann bekam ich noch einen anderen weggelaufenen Neger, ich glaube Ali rief man ihn, einen wahren Goldjungen. Aus Sella her seinem Herrn entsprungen, hatte er mit diesem Räuberhandwerk getrieben, und die weitesten Streifzüge, südlich bis Tragen und Wau, östlich bis zum Ammonium nach dem Norden zu bis zur Küste an der Syrte gemacht. In dieser ganzen weiten Strecke kannte er Schritt und Tritt. Bei einer Beutevertheilung hatte er sich mit seinem alten Herrn entzweit, war nach Bengasi aufs englische Consulat geflüchtet, wo ich ihn vorfand und in meine Dienste nahm. Er war jetzt von glühender Begier für Freiheit erfasst, wollte Skendria und Masser14 kennen lernen, und wie konnte er es besser durchführen, als wenn er mich begleitete. Wir 34wurden denn auch bald handelseinig, und er war jedenfalls der nützlichste aller Diener, in Packen und Behandlung der Kameele war er unübertrefflich, sogar besser als der Gatroner, da er ein junger Bursche von 25 Jahren war. Dabei hatte er das heiterste Gemüth von der Welt, fortwährend singend, unterliess er diese Beschäftigung nur um zu plaudern und zu necken, oder allenfalls um mit dem in Amerika zum halben Zweifler gewordenen Staui einen religiösen Discurs anzufangen, der gemeiniglich mit Staui's Niederlage endete, worauf dieser sich dann verächtlich zu uns wandte: „nigger great donkey.“ Ali hatte aber eine verhältnissmässig gute religiöse Erziehung gehabt, er war sogar eine Zeitlang in der berühmten Sauya Sarabub, dem Hauptorte der Snussi, gewesen.
Wir waren natürlich wieder in Bengasi auf dem englischen Consulate, und mit den Einkäufen verging rasch die Zeit. Namentlich musste eine grosse Zahl von Schläuchen gekauft werden, wir brauchten derer nicht weniger als 12, endlich andere Provision, Mehl, Zwieback, Oel, Butter, Datteln, Zucker, Kaffee und Thee, auch in Fett eingekochtes Fleisch, Stockfische u. dgl. wurde eingekauft.
Am 3. April Morgens 10 Uhr verliessen wir dann die Stadt in Begleitung des englischen und französischen Consuls. Das Wetter war trübe, so dass wir die Berge nicht sehen konnten, unsere Richtung war 160°. 35Bald stiess dann noch ein Reiter zu Kameel zu uns, ein Diener des Mudirs von Audjila, der die Gelegenheit benutzen wollte, in Karawane zurückzukehren. Er erwies sich später äusserst nützlich, da er des Weges sehr kundig war, was ich von dem eigens gemietheten halbblinden Führer Hammed Uadjili nicht sagen konnte.
Schon nach 2½ Stunden durch fruchtbares Land dahin reitend, machten wir beim Brunnen Choëbea Halt, verzehrten gemeinschaftlich ein Frühstück, tranken eine letzte Flasche Wein, eine letzte Flasche Ale, und unsere freundlichen Begleiter kehrten nach Bengasi zurück, während wir südwärts den Weg weiter zogen. Derselbe bleibt einförmig, obschon der Boden fruchtbar ist, zum Theil cultivirt wird, zum Theil krautreiche, zu dieser Jahreszeit von Blumen bunte Wiesengründe hat, Freg sind nur spärlich vorhanden. Wir setzten nur noch 2 Stunden den Weg so fort und lagerten inmitten eines weiten Ruinenfeldes unter dem Schutze eines kleinen Castells. Es scheinen hier mehr ländliche, weit zerstreut liegende Wohnungen gewesen zu sein, als bestimmte Orte, wenigstens finden wir in so unmittelbarer Nähe von Berenice keinen erwähnt. Das Castell, recht gut erhalten, aber klein, diente zum Schutze der Landbewohner und speciell hier noch wohl zum Schutze der Küste.
Am folgenden Tage brachen wir früh auf und hielten 150° R. Auch an dem Tage war die Gegend überaus 36ruinenreich, und auch hier traten alle Augenblicke grosse Einhegungen von Steinen entgegen, von denen manchmal aber nur noch die unterste Steinreihe erhalten ist. Der Boden bleibt ein gleich fruchtbarer röthlicher Humus, ist überall bis zu den Bergen gleich culturfähig, sehr krautreich aber wenig mit Buschwerk bestanden. Die Berge sind sichtbar, aber je weiter man nach Süden kommt, je mehr zieht sich das Ufer des Hochplateaus nach Südosten zurück. Die Gegend ist hier besser bevölkert, denn irgendwo in Cyrenaica, meist sind es Freg der Mschitat und Auergehr, welche rechts und links vom Wege aufgeschlagen sind. Eigenthümlich wie die Alten genau die Oertlichkeit erkannt haben müssen, wo sie Wasser zu finden glaubten. Denn ein blosser Zufall liess sie wohl nicht jene Kalkplatten durchbohren um dann nach 25–30' und oft noch tiefer auf Wasser, zu stossen. Und dass sie von den Alten angelegt worden sind, geht aus der ganzen Construction derselben hervor, warum aber gruben sie nicht an anderen Stellen nach Wasser? wahrscheinlich weil sie aus Erfahrung wussten, dass unter Kalkfelsen am ersten Wasser zu finden sei. Wir lagerten Abends in der Nähe von zahlreichen Freg, ohne indess mit den Insassen in Berührung zu treten15. Auch am folgenden Tage16 hat 37die Gegend noch denselben fruchtbaren aber wenig bebauten Charakter, die Freg werden südlich von den ailet Feres bewohnt und gegen Abend, wo wir der Syrte so nahe sind, dass wir die Brandung derselben hörten, lagerten wir zwischen Schih- und Halfa-Vegetation, waren also bis zum Uebergange der Wüste gekommen.
Je weiter man nach Süden kommt17, je spärlicher wird die Vegetation und Bevölkerung, fast nur Halfa und Schih zeigen sich noch, alle Brunnen haben noch denselben Bautypus, d.h. sind nicht in das Erdreich getrieben, sondern da, wo Kalkfelsen zu Tage liegt, hindurch gebohrt. Beim bir Schimmach nun rechnen die Araber die Grenze von Barca el hamra, dem rothen Cyrenaica und was von hier an südlich liegt, heissen 38sie Barca el beida, das weisse Cyrenaica. Hauptsächliches Unterscheidungszeichen bildet der Boden selbst, denn nördlich vom Brunnen ist röthlicher Humus, südlich davon weisslicher Sandboden.
Auch jetzt hatten wir immer mit schlechtem Wetter18 zu kämpfen, heisse Stunden wechselten mit kalten und stürmischen und namentlich waren die Nächte rauh. In Schadábia verweilten wir einen Tag. Es ist hier die grösste Ruine zwischen Bengasi und Audjila, und das Fort noch recht gut erhalten. Wie alle von viereckiger Form, und mit flankirenden Thürmen versehen, besteht der Bau aus grossen Quadern, durch Fels getriebene Brunnen mit ausgezeichnetem Wasser (es ist dies das letzte süsse bis zur Ammonsoase) sind ganz in der Nähe. Ich glaube man kann in Schadábia das alte Automalax19 erblicken, wenigstens stimmen Oertlichkeit und Entfernung von Berenice. Es ist dies nach Süden zu der letzte bewohnte Ort, und heute eine berühmte Sauya der Mádani, deren Chef Mohammed el Mádani in Mesurata begraben liegt. Wie diese Brüderschaft eine der tolerantesten ist, so zeigte sich auch der Vorsteher von Schadábia äusserst liebenswürdig und ohne fanatischen Dünkel. Er warnte 39wiederholt (auf Beurmann hinweisend, der indess gar nichts mit den Snussi zu thun gehabt hat) vor den Snussi, vor den Bewohnern von Audjila und Siuah, meinte aber, hier solle ich nur ruhig campiren, da wo eine Sauya der Mádani sei, habe Niemand etwas zu fürchten. Aber trotzdem und trotz seiner guten Rathschläge, unterliess ich es doch nicht Nachts Wachen auszustellen und den Thieren überdies wie immer ihre Eisen anlegen zu lassen. Mein armer Esel war nun fast reitunfähig geworden, die heissen Winde hatten ihn vom Esel auf den Hund gebracht.
Von Schadábia aus, legten wir am 8. April die ersten zwei Stunden südlich zu West zurück bis zur merkwürdigen Burg Henéa20. Offenbar ist dies weder ein griechisches noch römisches Bauwerk, sondern libyschen Ursprungs. Zu ebener Erde gelegen, ist diese Burg der Art angelegt (ähnlich wie die monolithischen Kirchen von Lalibala in Abessinien), dass man zum Graben derselben den Fels ausgehoben hat, und den als einzigen Block inwendig stehen gebliebenen Felsen zur Burg verarbeitet hatte. Die contreescarpirten Wände des tiefen 20' breiten Grabens haben Gänge und Kasematten, sämmtlich wie neu und ausgezeichnet erhalten. Unterirdisch stehen diese mit der Block-Burg zusammen. Diese enthält vollkommen gute erhaltene Abtheilungen. Alles aus einem Steine gehauen, durchwandelt man lange 40breite Gänge, mit Krippen ebenfalls aus Stein, Beweis, dass in dieser eigenthümlichen Burg sogar Pferde waren, andere kleine Zimmer und grosse Säle münden auf die Gänge. Nur ein einziger sanft ablaufender Zugang führt, die Contreescarpe durchschneidend, in den Graben, die Hauptöffnung des Blocks befindet sich aber auf der entgegengesetzten Seite der Burg. Die ganze Contreescarpe, die unterirdisch, wie gesagt, mit dem Block communicirt, konnte den Graben durch Felslöcher vertheidigen. Gewiss eins der bemerkenswerthesten Baudenkmäler alter Fortification.
Von hier an gingen wir selben Tages noch fünf Stunden S.-S.-O. weiter, passirten nach zwei Stunden den Tafra-Brunnen, der wie alle folgenden Bitterwasser hat, liessen nach etwa einer Stunde den vereinzelten Hügel Karassa, der als Allem oder Wegweiser dient, liegen und lagerten Abends am Chor-Shofan. Die sehr schwache Bevölkerung wird von den uled Schich und den Schibli gebildet. Die Vegetation hört fast ganz auf, in der That hatten wir mit Chor-Shofan die Grenze des Mittelmeer-Niederschlags erreicht, der Floh hört auf der beständige Begleiter des Menschen zu sein. Wie mit Zauber ist er verschwunden, heute wird man noch von ihm gequält, morgen hat er uns verlassen. Die Araber sagten zwar, anderes Ungeziefer würde auch das Weite suchen, aber ich wusste aus langer Erfahrung, dass die noch lästigeren Collegen des Floh die Wüste, den Samum, 41die trockne Hitze nicht scheuen. Im Gegentheil! Vom Chor-Shofan fängt dann nun auch die Sahara an.
Auch am folgenden Tage hielten wir S.-S.-O.-R., und um 6 Uhr Morgens aufbrechend, brachte uns der Allem (Wegweiser) el Dürr auf den vom Brunnen Alaya kommenden Weg. Und eine Stunde Frühstücksrast abgerechnet, durchschritten wir um 2 Uhr den ned Fareg. Es ist dies eigentlich kein Thal oder Flussbett, sondern eine von Westen nach Osten streichende Einsenkung ohne Abdachung. Nach Westen geht die Fareg-Einsenkung drei Tagemärsche weit bis zum Ras el ain el kebrit, und zwei Tagemärsche vom Punkt, wo wir Fareg passirten nach Osten; da wo wir die Einsenkung passirten, liegt der Brunnen Besseria21. Das südliche Ufer vom Fareg heisst Diffa el uadi (Gastmahl des Thales) und eine Menge Steinhaufen, Bu-Sfar genannt, sind zum Andenken für die errichtet, welche sich dem Gebrauche hier ein Extraessen zu geben, entzogen. Solche Steinhaufen, welche Gräber vorstellen sollen, findet man an gewissen Stellen in der ganzen Sahara. An solchen Stellen muss nämlich ein des Weges zum ersten Male durchziehender, seinen Cameraden, welche die Reise schon gemacht haben, einen Extraschmaus geben, thut 42er es nicht, so errichtet man ihm einen Steinhaufen, ein Grab, zum Zeichen seines Geizes. Da nun aber solche Stellen sehr häufig vorkommen, so hatte ich ein für allemal die Gewohnheit mich begraben zu lassen und legte zuerst gewöhnlich den Stein; ausser unserem Führer, dem Diener des Mudir von Audjila und meinem Neger Bu-Bekr, hatte Niemand von uns den Weg zurückgelegt, wir liessen uns also alle begraben, wie auch später noch öfter. Gleich hinter Fareg fängt eine Sserir an, Namens Thuil (die lange), dort lagerten wir fünf Uhr Abends.
Am 10. April erreichten wir in südsüdöstlicher Richtung nach einem sechsstündigen Marsche über die Sserir Thuil die grosse von Westen kommende Einsenkung des Bir Ressam. Wo diese im Westen ihren Anfang nimmt, war von meinen Leuten nicht zu ermitteln, vielleicht geht sie bis dicht an die Syrte, vielleicht nach Ain kibrit, und ist somit im Zusammenhange mit Fareg. Der Brunnen selbst hat abscheuliches Wasser, die Kameele trinken es jedoch, einige Palmbüsche sind in der Nähe, und die Ruinen des Gasr Shahabi deuten auf eine einstige Besiedelung. Die Einsenkung zeichnet sich durch zahlreiche Versteinerungen, Muscheln etc. aus, oft sieht man ganze Baumstämme auf dem Boden liegen, meist in Flintstein verwandelt. Palmen und Lentisken sind es besonders, die ehemals die Vegetation bildeten, von der jetzt nur die steinernen Formen übrig geblieben sind. Lebende Vegetation ist in dieser Einsenkung durch Belbel, Domrahn 43und Rherrhek vertreten, letzteres ein Busch; der in der Süd-Sahara unter dem Namen Suak bekannt ist. Die Ressam-Einsenkung ist 100 Meter tiefer als das Mittelmeer (am Brunnen das Barometer auf 772 M.M. = -104 Meter). Den tiefsten Punkt erreichten wir Abends bei Gor-n-nus (am Lagerplatz ergab das Barometer Abends 772, Morgens 773, um 9 Uhr Morgens 772, erreichte also circa 107 M. Tiefe). An dem Tage hatten wir 12 Stunden zurückgelegt.
Auch am folgenden Tage behielten wir diese Richtung von früher und marschirten in der Depression weiter, um 6 Uhr aufbrechend, sendete die Einsenkung um 7 Uhr einen ebenso breiten Arm nach dem circa 6 Stunden entfernten Gor Mschirk ab. Um 9 Uhr passirten wir den ebenfalls Bitterwasser haltenden Brunnen Marak und stiessen auf zwei grosse von Audjila kommende Sklavenkarawanen, die nach Bengasi zogen. Das Land ausserhalb der Einsenkung ist grossgewellt, und grobkörniger Sandboden, manchmal mit bunten Kieselchen bestreut, und nicht ganz ohne alle Vegetation. Nachmittags 2 Uhr bemerkten wir östlich von uns den Dj. Beddafar circa 4 Stunden entfernt. Die nach S.-O. ziehende Depression hatten wir Mittags schon verlassen, und lagerten Abends 5 Uhr bei Gor meschtefar schirgia.
Der darauf folgende Tag, ein zwölfstündiger Marsch, über eine durch nichts unterbrochene grossgewellte, grobkörnige Sandebene, war der langweiligste und einförmigste 44von allen, nur zweimal wird diese wüste Ebene durch zwei Allem (Wegweiser) unterbrochen. Unsere Richtung war immer die gleiche, wie an den vorherigen Tagen. Ebenso unerquicklich war der letzte Tag, der Führer war zudem auf dem Kameele eingeschlafen und wir hatten eine ganze Zeitlang die Richtung verloren, bis wir endlich durch den Stand der Sonne aufmerksam darauf gemacht wurden.
Es war gegen Abend des elften Tages, als wir die Oase erreichten. Schon einige Stunden vorher hatten wir wie eine schwarze Linie am Horizont die hohen Palmen derselben erblickt, und die Kameele, welche seit Bir-Ressam nicht getrunken hatten, beschleunigten den Marsch, sobald sie die Palmen hatten auftauchen gesehen. Je näher wir kamen, desto schöner wurde der Anblick; links vor uns, wo bedeutende Sebcha sich ausdehnten, spiegelten sich die Palmen als wie auf einer Silberfläche, davor schlug die Luft grosse Wellen, so dass man oft ein bewegtes Meer zu sehen glaubte. Dann kamen wir an den röthlich-braunen Sebcha, der, von der untergehenden Sonne beleuchtet, einen eigenthümlichen Contrast mit der weissen Sandfläche davor, mit 45den grünen Palmen dahinter bildete. So hat auch die Wüste ihre Schönheit, und in solchem Augenblick konnte ich es begreifen, wenn St. John, als er von der Wüste Abschied nahm, sein Buch mit den Worten schloss:
„Oh! that the desert were my dwelling-place
with one fair spirit for my minister!“
Den ganzen Tag abwechselnd zu Kameel und Esel, war ich abgesprungen, sobald wir den Sebcha erreicht hatten, durch den nur ein schmaler Pfad sich hinschlängelt, während rechts und links Salzmoräste liegen, mit einer dünnen Kruste bedeckt. Es war also die grösste Vorsicht nöthig, um die Kameele hindurchzuführen, denn ein beladenes Kameel wäre bei einem Seitentritt gleich versunken. Alle kamen gut durch, nur der alte Esel, der von weitem einige Ya seiner Brüder vernommen hatte, Musik, welche für seine langen Ohren verlockend sein musste, wollte in seiner Ungeduld vom Wege ab, aber schon beim ersten Schritt sass er fest. Nur mit Mühe konnten ihn die Leute wieder flott kriegen, aber herausgezogen, ging er dann geduldig und nachdenkend hinter der langen Colonne von Kameelen einher.
Es war schon ganz dunkel, als wir den eigentlichen Palmwald erreichten, nachdem wir schon eine Zeitlang zwischen Had (Cornulaca monacantha Delile), Belbel (Anabasis articulata) und Domran (Traganum nudatum), den ersten Vorboten der Vegetation, hinmarschirt waren. Das Aufziehen des Wassers aus den Brunnen verrieth 46uns, dass wir jetzt zwischen Gärten waren, denn es war nun so dunkel geworden unter den Palmen, dass wir nur noch den Weg unterscheiden konnten. Aber bald hatten wir den Lagerplatz erreicht und fanden schon eine andere Karawane vor, die von Djalo gekommen nach Bengasi wollte. Zwischen Tamarisken, in der Nähe der Quelle Sibilleh, der einzigen der ganzen Oase, schlugen wir unsere Zelte auf, umringt von vielen Neugierigen, die sich nach vielen Ssalamat nach den Neuigkeiten und Preisen in Bengasi erkundigten.
Ich schickte gleich einen Theil der Leute mit den Kameelen zur Quelle, um diese abtränken zu lassen und um uns einen Schlauch frischen süssen Wassers zu füllen, die anderen schlugen rasch die Zelte auf, einer beschäftigte sich mit der Küche, und noch ein anderer war mit den Bewohnern in Unterhandlung getreten, um Hühner, Eier und Zwiebeln zu kaufen. Obgleich spät angekommen, hatte sich die ganze Einwohnerschaft um unsere Zelte versammelt, jedoch ging alles recht anständig zu, und war von Zudringlichkeit oder Schimpfen keine Rede. Als ich später noch heraustrat, die etwas zerstreut stehenden Kisten und anderen Gegenstände zusammenstellen liess, und meinen Leuten empfahl wegen etwaiger Diebe sich Nachts dicht daneben zu legen, trat einer der Einwohner heran und meinte, alles könne stehen und liegen bleiben wie es wäre, hier sei nicht Barca, Diebe gäbe es in Audjila nicht, und die Leute sollten 47nur ruhig schlafen, ohne Wache zu halten. Unser alter Führer bestätigte diess auch und sagte er wolle mit seinem Kopfe haften, wenn irgend etwas abhanden käme. So konnten wir uns denn einmal wieder einem sorglosen Schlaf hingeben, zumal der alte Staui immer nur halb schlief; auch die Kameele und Esel bekamen keine Fusseisen, was sonst immer geschehen war.
Die Oasengruppe besteht aus drei durch Sserir getrennten Inseln, im Westen Audjila, in der Mitte Djalo22, im Osten Uadi, dessen Verlängerung im Süden Batofl ist. Djalo liegt nach Moriz v. Beurmann auf 21° 23' 4" ö. L. v. Gr. und 29° 0' 40" n. Br. Die später aus den Berichten Beurmanns an Prof. Bruhns in Leipzig von diesem gemachten Berechnungen bedürfen einer Revision. Der ganze Oasencomplex fällt nach der zehnblättrigen Karte der Petermann'schen Mittheilungen zwischen 29° und 29° 30' n. Br. und circa 21° 50' und 22° 30' ö. L. v. Gr.
Die Lage der einzelnen Oasen zu sich selbst ist derart, dass Audjila im Westen gelegen, halbmondartig von N.-N.-O. nach S.-S.-W. gestreckt ist, und seine convexe Seite, nach Osten gerichtet, durch eine vier bis fünf Stunden breite Sserir von Djalo getrennt wird, welches länglich gestreckt ist und seine Längsachse von N.-W. nach S.-O. gerichtet hat. Die Nordwestspitze von Djalo ist demnach auch nur drei Stunden von Audjila entfernt. 48Uadi, höchst wahrscheinlich eine Fortsetzung von Uadi el Ressam und Mareg, zieht sich ebenfalls in einem grossen Bogen, dessen convexe Seite nach Osten gerichtet ist, hin, und verbreitert sich südlich zur Oase Batofl, so dass der Ort Batofl fast südlich, etwas zu Ost, unter Djalo zu liegen kommt. Tiefer als das Meer gelegen, etwa 51 Meter, ist Audjila von Sserir und röthlichen Sanddünen umgeben, denen jede Spur von Vegetation abgeht. In der Oase selbst ist der Boden gypsartig, sobald man eine Schicht von einigen Fuss Sand durchdrungen hat. Die Länge von Audjila beträgt circa drei deutsche Meilen, der nördlichste Theil ist indess nicht bewohnt; die Breite ist verhältnissmässig gering, eine Stunde nördlich von Audjila, wo die Oase am breitesten ist, circa ¼ deutsche Meile.
Djalo, ebenfalls von Sserir umgeben, und etwa 30 Meter tiefer als das mittelländische Meer, hat eine S-förmig gewundene Gestalt, die Länge beträgt ebenfalls circa drei deutsche Meilen, die Breite jedoch in der Mitte erreicht 1½ deutsche Meilen, und fast bis zum Südende bleibt sie dieselbe. Das Terrain in Djalo ist bedeutend salzhaltiger, die Oase im Innern an vielen Stellen von Dünen durchsetzt, das Wasser ist so brackisch, dass die reichen Leute zum Trinken ihren Bedarf in Uadi holen lassen. In Leschkerreh sind die Bodenverhältnisse dieselben, das Wasser ist dort süss, ebenso in Batofl, welches 49guten Gartenboden und ausgezeichnetes Trinkwasser hat.
Diese Oasengruppe, den Alten unter dem Namen Augila (τὰ Αὔγιλα) bekannt, scheint in den ältesten Zeiten keine festen Bewohner gehabt zu haben. Herodot überliefert uns, dass die an der Syrte herumnomadisirenden Nasomonen alljährlich nach Audjila zögen, um im Herbst die Datteln einzuheimsen. Derselbe erwähnt ferner nur eine Quelle, und in der That ist auch nur eine vorhanden, Sibilléh. Auch die Beschreibung des salzhaltigen Bodens trifft zu, wenn auch die Erwähnung eines einzigen Hügels nicht passt, da in Audjila sowohl wie in Djalo viele Hügel sind, welche aber als Neulinge oder Dünen auch nach Herodots Zeit entstanden sein können. Die Entfernung von der Ammon-Oase giebt Herodot auf zehn Tagemärsche an, und eben so weit bis zu den Ländern der Garamanten. Wir brauchen deshalb die Angabe des Plinius nicht für falsch zu halten, der die letzte Entfernung auf zwölf Tagemärsche angiebt.
Später scheinen sich libysche Stämme in Audjila festgesetzt zu haben, obgleich der Cultus der Sterne dort nicht eingebürgert gewesen zu sein scheint. Ueberdies wissen wir auch von den Nasomonen, dass diese mit ihren Todten und auf den Gräbern derselben feierliche Handlungen vornahmen. Um so leichter wurden sie dann später geneigt, als sie sich in Audjila fixirten, den Cultus der Ammonier anzunehmen. Pomponius Mela 50erzählt uns von ihrem Manendienst, welche Manen sie wie Orakel zu consultiren pflegten, sie schliefen, sagt er, oft auf den Gräbern ihrer Anverwandten, und legten die Träume als eine Antwort aus. Dass übrigens der Ammondienst später dort herrschte, geht aus Procopius hervor, der das eigentliche Ammonium unter dem Namen eines doppelten, zwiefachen Augila begreift, und sagt, bei beiden seien Heidentempel und Priester gewesen, welche von Justinian in Kirchen und Christen umgewandelt worden wären.
Unter den Römern scheint ein Castell zum Schutze der Karawanen in Audjila gewesen zu sein; Leo im 15. Jahrhundert will dort noch Schlösser gesehen haben, und Pacho spricht auch noch von Backsteinüberresten, welche er aber auf libyschen Ursprung zurückführen zu müssen glaubt. Hamilton erwähnt nur vieler Topfscherben, ich selbst konnte auch nichts weiter finden, und diese können ebenso gut neuesten wie ältesten Datums sein. Dapper kennt die Oase im Anfange des 17. Jahrhunderts unter dem Namen Augele.
Wenn von Pacho noch ein unterirdisches Gebäude erwähnt wird, welches er in Djalo gesehen haben will, und er auch in seinem Atlas Abbildungen einer dort vorgefundenen Säule und eines Steines giebt, so konnte schon Hamilton nichts davon entdecken, Beurmann erwähnt die Sache gar nicht, und ich selbst konnte auch nichts darüber in Erfahrung bringen, denn auf eigene 51Faust angestellte Nachforschungen führten zu keinem besseren Ergebnisse. Indess ist wohl kaum ein Zweifel zu erheben, dass dasselbe existirte.
Die heutigen Bewohner zerfallen in drei Hauptstämme, die Uadjili, sesshaft in der Oase Audjila und einem Theile der Oase von Djalo, besonders im Hauptorte Lebba, die Modjabra, besonders in Djalo mit ihrem Hauptorte l'Areg und die Suaya in Leschkerreh. In Batofl sind die Bewohner gemischt von allen drei Stämmen. Von diesen sind die Uadjili libyscher Herkunft, reden auch heute noch einen Dialekt des Tamasirht und ist ihre Sprache eng verwandt mit der von Rhadames, Sokna, Siuah und dem Targi. Ob die Modjabra auch berberischen Ursprungs sind, ist zweifelhaft, sie reden arabisch, wollen aber keine Araber sein, die Suaya sind ächte Araber.
Die Zahl der Bewohner ist schwer zu ermitteln; Pacho in den zwanziger Jahren giebt sie auf 9–10,000 Einwohner an, und basirt seinen Calcul auf 3000 waffenfähige Männer. Hamilton giebt für l'Areg allein 4000 Einwohner an, von andern Reisenden, welche die Oasen berührt haben, fehlen statistische Nachrichten. Nach eigenem Ueberschlage, und auf die Aussage der Eingebornen hin, würde ich für Audjila 4000, für Djalo 6000, für Leschkerreh 500 und für Batofl 1000 Einwohner annehmen, im Ganzen also circa 11–12,000 Einwohner. Im Aeusseren ist zwischen den Berbern und Arabern gar 52kein Unterschied wahrzunehmen, denn die letzten sind hässlich, meist mit dicken Lippen und von bräunlichem Teint, was wohl der starken Vermischung mit Negerblut zuzuschreiben ist. Ursprünglich von unabhängigem und kriegerischem Naturell, haben sie seit 20 Jahren lernen müssen sich dem Gesetze zu fügen, und sind jetzt mit allen Umwohnern, welche, wie sie, dem osmanischen Reiche unterworfen sind, in Frieden. Die Moralität in den Oasen ist keineswegs weit her, wie überall da, wo zu den ohnediess laxen Gesetzen des Islam, sich die Leute offen dem Trunke ergeben. Sowohl Uadjili wie Modjabra fröhnen dem täglichen, reichlichen Genusse des Lakbi (Palmwein), welcher Jahr aus Jahr ein meistens den kleinen männlichen Palmen entzapft wird. Daher kommt es denn auch wohl, dass die Heirathen als festes Bindemittel zwischen Mann und Frau hier noch leichter gelöst werden als es sonst in den meisten mohammedanischen Ländern der Fall ist. Hamilton notirte, dass es Männer gäbe, welche 20–30mal hintereinander geheirathet hätten, und man sich eine Frau für den billigen Preis von 8 bis 10 Thalern verschaffen könne. Im Uebrigen sind weder die Modjabra noch Uadjili als Diebe, Mörder oder Lügner verschrieen, und die Bewohner der anderen beiden kleinen Oasen haben auch einen guten Ruf. Die Modjabra, als vorzügliche Handelsleute in der ganzen Wüste bekannt, haben überall Credit, sowohl in Aegypten, Bengasi und Tripolis als auch in Uadai, Bornu und Haussa. 53Nebst den Rhadamsern sind sie die kühnsten und weitreisendsten Kaufleute, und meist bringen sie, bis Schwäche sie hindert, ihr Leben auf ihren langen, gefahrvollen Wegen zu. Die directe Verbindung mit Uadai über Kufra und Uadjanga ist ihr Werk, nach Burkhart geschah dies zuerst im Jahre 1811 und 1813. Der Verkehr wurde bald sehr bedeutend. 1855 stockte indess der Handel mit Uadai gänzlich, da, wie v. Beurmann uns erzählt, in jenem Jahre eine von Uadai kommende Karawane, die noch dazu dem Sultan dieses Landes gehörte, bei Audjila von maltesischen Kaufleuten überfallen und ausgeplündert wurde. Seit zwei Jahren sind die directen Verbindungen wieder hergestellt, bei unserer Anwesenheit war gerade eine Karawane aus Uadai in Bengasi und eine aus Modjabra-Kaufleuten bestehende wurde erwartet.
Die Uadjili beschäftigen sich viel mit Gartenzucht und dem Vermiethen von Kameelen, für welche sie in den benachbarten Uadis reichlich Futter finden. Ohne sich direct am Handel zu betheiligen, vermitteln sie hauptsächlich den Verkehr mit Bengasi und den zunächst liegenden Oasen, jeder Erwachsene ist Führer; bis Fesan, Bengasi, zur Syrte und Aegypten kennen die Uadjili Schritt und Tritt. Die Suaya von Leschkerreh, noch mehr dem Trunke ergeben wie die eben genannten, leben von ihren Palmen und Kameelen, ausserdem heimsen sie die Datteln einiger Oasen von Kufra ein, da aber jetzt 54Kufra, ein Oasencomplex, welcher etwa 6 Tagemärsche südlich von Batofl liegt, eine feste Besiedlung bekommen hat, so werden diese Herbstzüge der Suaya wohl bald aufhören. Seit einiger Zeit hat dort Sidi el Mahdi, der Sohn und Nachfolger des unter den Mohammedanern in Nordostafrika berühmten Snussi eine Sauya23 gegründet und auch eine Stadt angelegt.
Die Kleidung der Bewohner ist sehr einfach, ein langes Hemd, darüber ein Barakan oder Haik, eine fast enge, baumwollene Hose, die aber nur bis auf die Waden herabfällt, ein rother oder weisswollener Fes und gelbe Pantoffeln ist die gewöhnliche Tracht; Arme gehen meist barhaupt und barfuss. Die reichen Modjabra-Kaufleute machen natürlich Luxus und lieben es Tripoliner oder Kahiriner Tracht anzulegen. Die Rhadamser Sitte, feine Sudan-Toben oder Nube-Hosen zu tragen, herrscht hier nicht. Die Frauen, welche unverschleiert gehen, legen meist dunkelblaue Tracht an, haben je nach Vermögen schwere silberne oder kupferne Ringe um Knöchel und Arme, auch die Finger bestecken sie reichlich mit Ringen, und um den Hals tragen sie Bernsteinketten, oft auch goldene. Die meisten tragen ein blaues Kattuntuch um den Kopf, und desshalb war auch nicht zu erkennen, welcher Mode sie in Beziehung ihrer Haare huldigen.
Vom Liva Bengasi abhängig, werden alle Oasen von einem Mudir regiert, der seinen Sitz in Djalo hat, aber 55meist seine Zeit in Bengasi zubringt. Während seiner Abwesenheit regiert jeder Stamm sich selbst, deren haben wir in Audjila drei, in l'Areg vierzehn und in Lebba drei, Leschkerreh und Batofl haben je einen, ebenso die kleinen Palmdörfer der Oasen. Pacho fand bei seiner Anwesenheit in Djalo einen Franzosen als Bei und Herrscher der ganzen Oase. Mit der französischen Expedition als Tambour nach Aegypten gekommen, war er in türkische Gefangenschaft gerathen, hatte sich durch einnehmendes Wesen und Tapferkeit bis zum Officier hinaufgeschwungen und war schliesslich von Tripolis aus zum Bei der Oasen ernannt worden. Die Bewohner von Djalo erinnerten sich in der That noch des Mamelucken, welcher Pacho so viele Aufmerksamkeit erwiesen hatte.
Für die Gerechtigkeit ist ausserdem ein Kadi vorhanden, der seine Stelle und Ernennung vom Gouverneur von Bengasi erkaufen muss; der Dienst in den Djemmen wird von Tholba und Faki versehen, welche sich selbst durch Frömmigkeit und Gelehrsamkeit die Thür zu diesen Plätzen öffnen. Der Orden der Snussi hat gleichfalls in Djalo ein Kloster gestiftet, und den Bemühungen der Brüder soll es gelungen sein den Leuten etwas mehr Moral und Erziehung beizubringen, obgleich das allgemeine und starke Trinken noch immer anhält, wie man aus den zahlreich angezapften Palmen ersehen kann.
Es versteht sich von selbst, dass die Bewohner eine Steuer zahlen, und zwar wird die Palme mit 2½ Piaster 56besteuert. Es mögen sicher über 200,000 Palmen insgesammt in den Oasen sein, mehr aber als 100,000 werden officiell nicht besteuert. Dies macht also für das türkische Gouvernement eine jährliche Einnahme von 250,000 Piaster oder 12,500 Mahbub, oder etwa 14,000 preussische Thaler. Djalo muss hievon bei weitem das Meiste zahlen, obschon die Angabe Hamilton's, Audjila mit etwa 16,000 Dattelbäumen, überdoppelt zu niedrig ist, und Djalo allein auch mehr als 100,000 Palmen hat. Man denke aber nicht etwa, dass die nicht censirten Palmen nichts zu bezahlen haben, gezählt sind sie alle, aber das Geld der nicht eingetragenen wandert in die Tasche des Mudirs, der natürlich für seine Stelle durch grosse Bakschisch danken muss. Andere Abgaben kommen nicht vor, namentlich sind aus den Negerländern kommende Gegenstände, als Federn und Elfenbein, hier keinem Zoll unterworfen, sondern erst in Bengasi oder Aegypten. Die in der Oase circulirenden Münzsorten sind die von der Türkei, doch ist natürlich auch hier der Maria Theresienthaler das häufigste grosse Silbergeld.
Im übrigen leben die Bewohner sehr einfach. Gegen ihre ganz ausgezeichneten Datteln, schon im Alterthum berühmt, tauschen sie sich das ihnen noch nöthige Korn und Vieh ein, und in ihren Gärten ziehen sie ausser Weizen, Gerste von ausgezeichneter Güte, Negerhirse, einige Gemüse, als rothen Pfeffer, Zwiebeln, Knoblauch, Rüben, Bohnen, Carotten, Malochin (Hibiscus esculentus), 57Auberginen (Solanum melongena), Tomaten, Kürbisse, Melonen und Wassermelonen. An Früchten finden sich ausser den vielen Dattelsorten, schlechte Pflaumen und verkrüppelte Aepfel, Aprikosen und Pfirsiche. Von wildwachsenden Bäumen ist nur der Ethel (Tamarix articulata) vorhanden.
Das Thierreich ist wie in allen Oasen schwach vertreten, drei oder vier Pferde, kleine Esel, gar kein Rindvieh, eine Anzahl von Ziegen und Schafe (Fettschwanz), einige wenige Hunde, ist alles, was an Säugethieren vorhanden ist; an Federvieh sind Hühner zahlreich, Tauben wenige vorhanden. Wild kommt gar nicht vor, wenn man Springratten, Ratten und Mäuse nicht dahin zählen will. Von den Vögeln sind nur Raben, Schwalben, kleine Waldtauben und Sperlinge vorhanden, Fische giebt es keine in der Quelle, Frösche, Eidechsen, Skorpione, Mistkäfer sind in mässiger Zahl, aber Milliardenweise die Fliegen vorhanden. Im Mineralreich verdient nur das Salz eine Erwähnung, das, aus den Sebchas gewonnen, mehr als hinreichend für den Bedarf der Bewohner ist.
Die Gartenzucht wird in Audjila sehr sorgfältig betrieben, und gewiss mit grosser Mühe. In kleine Beete eingetheilt, welche von Dämmen eingeschlossen sind, geschieht die Bewässerung durch Brunnen, bei denen Sklaven oder Esel thätig sind, das Wasser Tag und Nacht herauszuziehen. Diese kleinen Beete zu einem Garten 58vereinigt, sind dann von Palmhecken eingefriedigt, welche zuweilen auch dazu dienen, die Sanddünen abzuhalten. Es ist hier ein fortwährendes Ringen mit der Natur, jeder Fleck wird benutzt, oft werden sogar die Dünen angegriffen, denn mit Wasser und etwas Dünger gedeiht im Lande Alles, was die Bewohner ziehen wollen. Und das geht das ganze Jahr durch: ist im März die Gerste und der Weizen geschnitten, so wird gleich wieder gedüngt für Sommergemüse, und wenn diese gegessen sind, kommen Bohnen, Rüben und Carotten an die Reihe. In Djalo ist aber lange nicht solch sorgfältiger Gartenbau, theils liegt es wohl daran, weil der Boden bedeutend ungünstiger ist, dann auch, weil die Modjábra alle Kaufleute sind, Vermögen haben, mithin ihren Bedarf für Geld leicht von Audjila beziehen können. In Leschkerreh ist gar kein Gartenbau, hingegen sollen die Bewohner Batofls eben so rührig sein wie die Uadjili.
Die Oase Audjila, nach dem Hauptorte so benannt, welcher fast im Süden und hart am Ostrande liegt, hat ausserdem noch die bewohnten Oerter, von Norden nach Süden gerechnet folgenden Namens: Masús, Beldjú, Soáni Schoáschna, Nekfósch, Nuâra, Duenéhm, Tin-Kersi, Abd-el Metal, Bu-Ssellim, Fellri, alle diese Oerter liegen nördlich vom Orte Audjla, westlich davon sind Ssellúfa, Tin-Gedért, Bir-Daim, südwestlich Duertállem und südlich Bu-Attáf, Márabit und el-Chúschschan. Alle diese ebengenannten Oerter bestehen aus Palmhütten, manchmal 59jedoch auch sind die Wände der Häuser aus Stein und Thon. Kein einziges dieser Dörfer dürfte über 20 Familien haben.
Wenn die Oase Audjila den Namen vom Hauptorte empfangen hat, so ist dies bei Djalo nicht der Fall, es ist dies ein Name, der blos die ganze Oase bezeichnet, ohne eine bestimmte Oertlichkeit darin. Die Hauptörter sind hier l'Areg und Lebba, beide ungefähr von gleicher Grösse, in Lebba wird die Uadjili-Sprache, in l'Areg arabisch gesprochen. Beide liegen dicht bei einander in der Richtung von N.-W. nach S.-O. Von ihnen ausgerechnet liegen im N.-W. Héri, Schürf, Um-es-Msihd, im N. Halláuin, Drb-el-Bil, Lakoschía, Lafan, Hágeba, Hargús, Djémma, Schükoría, Lkúddea, Ssossomíat, im W. Síada, Mhérik, Rschada, Lcharabísch, Lrharbi, Lsoéïat, im S.-W. Rhoschiría, im S. Rmla, Lkeböl, im O. Lebús, Beráni, Ssafan und Hattía. Nur die mit gesperrten Lettern gedruckten haben über zwanzig Familien. In den andern beiden Oasen sind nur je ein Ort des gleichen Namens.
Die Sonne schien, als ich am andern Morgen erwachte, schon ins Zelt; mein Diener hatte es leise aufgeschnallt, und auf einer Kiste, welche zugleich als Tisch diente, fand ich bereits Kaffee und Milch, frisches Brod, Butter und Gemüse, die wir seit Bengasi nicht mehr gehabt hatten. Meine Leute sassen wartend in der Sonne, reparirten die Sättel, die Säcke, indess der alte 60Mohammed Staui, dessen sich vielleicht Einige erinnern werden, welche meinen Aufenthalt in Rhadames verfolgt haben, die Mehl- und Fettvorräthe revidirte, und halb englisch, halb arabisch, halb italienisch meinem deutschen Diener (einem Bayern), der zugleich alle anderen unter sich hatte, auseinander zu setzen suchte, wir würden nächstens Bankerott machen, wenn fortgefahren würde den Negern und Kameeltreibern alle Tage so reichliche Portionen zu verabreichen. Der alte Staui war noch geiziger geworden als er früher schon war, er hätte uns am liebsten mit unseren Vorräthen Alle verhungern lassen, mich selbst nicht ausgenommen.
Langsam wurde geladen, langsam wurde aufgebrochen, und langsam zogen wir dahin durch die schmucken Palmgärten, es war ein Spazierritt, denn wir hatten nur etwa drei Stunden bis zum Orte Audjila selbst. Natürlich erregten auch hier die sonderbaren Kisten, und dann hauptsächlich wir beiden Deutschen in christlicher Tracht grosses Aufsehen; aber nur freundliche Ssalamat wurden uns zu Theil, welche mein bayerischer Diener immer ernst mit der Hand auf der Brust erwiederte. Es war fast 11 Uhr geworden, als wir dicht bei Audjila waren, und ich dem Staui sagte vorauszugehen, um dem Mudir, welcher von Djalo hierher gekommen war, meine Ankunft anzuzeigen. Und als wir dann durch die engen Strassen, die gerade breit genug waren für ein beladenes Kameel, dahinzogen, kam uns der Mudir schon entgegen, 61begleitet von all seinen Beamten, Dienern und einem grossen Tross Neugieriger. Ich war froh, dass er, als die nicht enden wollenden Ssalamat vorüber waren, anfing in arabischer Sprache zu sprechen, da sonst in der Regel die meisten türkischen Beamten nur ihre eigene Sprache reden. Er führte uns dann nach dem Schlosse, welches wohl aus dem Grunde nicht bewohnt wurde, weil es ganz baufällig, fast eine vollkommene Ruine ist. Zudem hatte der Mudir seinen Wohnsitz nicht darin aufgeschlagen, weil keine Harem-Vorrichtung darin ist. Dies Gebäude, welches den pomphaften Namen Schloss führte, war früher, als Audjila noch unabhängig war, von dem Bei der Oase bewohnt worden. Jetzt konnten wir mit Noth aus all den vielen Zimmern eins herausfinden, welches überdacht war und wo man ein Unterkommen sich schaffen konnte, natürlich mussten gleich die Fensterlöcher und die Thür verstopft und behangen werden, zur Abwehr gegen die unzähligen Fliegen, die aber nur durch vollkommene Dunkelheit zu verscheuchen sind. Meine Leute campirten im Hofe selbst, da die übrigen Zimmer Einsturz drohten, die meisten sogar ganz zusammengefallen waren. Gegenüber vom Schloss befindet sich die Djemma, ein insofern interessantes Bauwerk, als das ganze Dach aus kleinen Kuppeln besteht von 4–5 Fuss Durchmesser auf 8–10 Fuss Höhe. Es ist dies die einzige Kirche im Orte, denn die andern sind blos kleine Capellen, in denen Freitags kein 62Chotba gelesen wird. Sonst hat Audjila nichts merkwürdiges, der Ort ist ohne Mauern, aber die Häuser selbst bilden nach aussen eine Art Mauer, alle Strassen sind gleich eng, Kaufläden giebt es keine, aber Nachmittags findet immer eine Art von Dellöl oder Auction statt, wo man kaufen und verkaufen kann. Die Bewohner im Orte betrugen sich sehr anständig, nur belästigte uns sehr eine weibliche Marábta (Heilige), welche, in tausenderlei Fetzen gehüllt, mit Federn geschmückt und mit Ringen und Glasperlen behangen, das Haar lang herabhängend mit bunten Bändern darin, sich für einen Abkömmling der Rumi (Christen) ausgab und bettelte. Da ich anfangs ihr Kauderwälsch nicht verstand und im Glauben sie spotte auf uns Christen, sie schon hinausschmeissen lassen wollte, baten die Bewohner des Ortes, welche immer zahlreich versammelt waren und sich an ihrem obscönen Tanzen und Schreien ergötzten, sie doch gewähren zu lassen, sie sei zwar ein Christenkind, habe aber von einem heiligen Manne ein Kind bekommen und sei dann besessen worden, ob von guten oder bösen Geistern, das wüssten sie nicht, sie sei aber Marábta. Ueberdies sei sie ja eine weitläufige Verwandte von mir. Die Marábta fing nun an auf die Mohammedaner zu schimpfen, um sich bei uns in Gunst zu setzen, die Uádjili mussten das ruhig mit anhören, es war eben eine Heilige für sie. Mit einigen kleinen Geschenken für sie 63und ihr Kind brachten wir sie bald zum Hause hinaus, um dieser widerlichen Scene ein Ende zu machen.
Ich blieb nur noch den folgenden Tag in Audjila, um neue Vorräthe zu kaufen, da wir uns hier bis zur Jupiter Ammons-Oase verproviantiren mussten. Meine Unterhandlungen, um nach Kufra zu kommen, hatten vollkommen fehlgeschlagen, zwar wurden mir Kameele zu vermiethen angeboten, aber die Hauptsache, ein Führer, war nirgends zu beschaffen. Mir blieb nun blos noch die schwache Hoffnung, einen solchen in Djalo zu finden, aber auch das erwies sich später als trüglich. Am 15. April Morgens brachen wir dahin auf.
Sobald man Audjila verlassen, kommt man gleich auf eine grobkiesige Sserir, etwa 20 Meter höher gelegen als die Oase. Wir hielten den grossen Karawanenweg, welcher die Oasen verbindet, und dieser läuft in 160° Richtung. Ausser einem Wegweiser, Allem es Schrab oder Luftspiegelungswegweiser genannt, ist diese öde Fläche eben durch nichts als herrliche Fata morgana unterbrochen, welche hier täglich und zu jeder Jahreszeit beobachtet werden.
Schon nach zwei Stunden erblickt man das Nordwestende des Palmenwaldes von Djalo, Ued el Ftor (Frühstücksthal) genannt, und nach zwei anderen Stunden erreicht man den Brunnen Meslíua, und gleich darauf ist man unter den Palmen der Oase selbst. Man passirt den Ort Siáda, und dann gerade östlich weitergehend, 64erreicht man, immer von Palmen beschattet, nach einer andern Stunde die Hauptörter l'Areg und Lebba. Beim ersten vorbeiziehend, schlugen wir unser Lager unter einigen schönen Tamarisken auf, zwischen den beiden Orten, welche nur einen halben Kilometer von einander getrennt sind. Unser Empfang war aber hier ein ganz anderer als in Audjila, Banden von Kindern zogen neben uns her: Christenhunde, ungläubige Schweine, Söhne des Teufels, das waren noch die gelindesten Schimpfworte dieser kleinen Bengel; unsere mohammedanischen Diener kamen nicht besser weg, für sie erfanden sie noch besondere Beinamen, als im Dienste der verhassten Nassara stehend. Als sie nun gar anfingen mit Steinen zu werfen, wurden meine Diener auch grob, und es hätte durch diese kleinen Taugenichtse zu unangenehmen Verwickelungen kommen können, wenn nicht endlich die Eltern gekommen wären, um sie wegzutreiben. Um aber ähnliche Scenen zu vermeiden, machte ich die Eltern aufmerksam darauf, wie viele Brüder, Väter oder Verwandte von ihnen in Aegypten oder Bengasi wären, und dass diese dort Alle für meine Sicherheit und selbst für Beleidigungen würden haften müssen. Dies hatte den guten Erfolg, dass wir nun ruhig campiren konnten.
Der Mudir in Audjila hatte mir für die bedeutendsten Schichs der beiden Oerter Briefe mitgegeben, welche ich gleich bei unserer Ankunft durch den Führer hatte abgeben lassen. Gegen Abend kam denn auch Schich 65Yunes, um uns zu begrüssen. Es war derselbe, der zur Zeit Hamiltons in Djalo war, und obschon dieser sich eben nicht sehr zufrieden über ihn ausdrückt, gefiel mir der Mann recht gut. Ich bot ihm einen Feldstuhl zum Sitzen an, er meinte aber, er würde herunterfallen, zog seine gelben Pantoffeln aus und setzte sich auf den Teppich. Ohne Zweifel heute der reichste und angesehenste unter den Schichs, ging seine Macht aber doch nicht so weit, mir einen Führer nach Kufra zu verschaffen, oder fehlte der gute Wille? Nach seiner Meinung könne man nach Kufra nur hinkommen, wenn eine Karawane nach Uadai abginge, da der Weg nur einigen Wenigen bekannt sei, und diese gerade jetzt unterwegs wären. Möglich, dass dem wirklich so war, wahrscheinlich aber wollten die Modjabra sowohl, als auch die Uadjili keinen Christen dahin führen, um nicht die guten Beziehungen mit Uadai zu stören.—Abends schickte Schich Yunes eine grosse Diffa, aus allmächtigen Kuskussu-Schüsseln, Basina-Platten und gebackenen Hühnern bestehend; als Gegengeschenk schickte ich einige Pfund Pulver, einige Dutzend Taschentücher, Kautaback und Zucker. Die beiden Oerter aber, viel reicher als Audjila, fanden nicht für gut den Nsrani zu bewirthen; die Uadjili hatten uns einen Hammel geschenkt und ein entsprechendes Gegengeschenk erhalten.
Die beiden Oerter sind ungefähr von gleicher Grösse, und obschon sie von aussen ärmlicher aussahen als Audjila, 66bedeutend behäbiger im Innern gebaut. Die Häuser sind grösser und mit mehr Comfort ausgestattet, die Modjábra trinken Thee und Kaffee und bringen sich oft von Kairo oder Alexandrien Luxusgegenstände mit, deren Gebrauch der arme Uadjili nicht einmal kennt. Jeder Ort hat eine Hauptmoschee, in l'Areg ist sodann noch eine grosse Sauya der Snussi, in deren Moschee Freitags auch Chotba gelesen wird. Ohne Aussicht, nach Kufra kommen zu können, blieb ich nur noch den folgenden Tag in Djalo, weil ich stündlich meinem Firman von Konstantinopel entgegensah, und Leute mir gesagt hatten, in Audjila sei ein Courier von Bengasi eingetroffen. Unter der Zeit verkaufte ich meinen alten Esel; es wäre unmöglich gewesen ihn durch die Rhartdünen und über die Gerdoba-Ebene zu bringen, ich hätte denn ein eigenes Kameel für ihn halten müssen zum Weitertransport. Und nachdem dann noch Datteln für die Kameele waren eingekauft worden, der Courier aber nicht eintraf, sagten wir den grünen Oasen der Nasomonen Adieu.
Heute kommen wir überein, den Theil der Sahara die libysche Wüste zu nennen, welcher südlich vom sogenannten libyschen Plateau und nördlich von Fur 67und Kordofan einerseits, andererseits westlich vom Nil und östlich von einer Linie gelegen ist, welche man sich von Audjila durch Kufra und Uadjanga nach Uadai gezogen denkt. Eigentlich liegt aber zu einer besonderen Benennung gar keine Berechtigung vor, da diese Strecke Landes sich durch Nichts von der übrigen Sahara zu unterscheiden scheint. Die Alten nannten das ganze nördliche Afrika Libyen zum Unterschiede von dem im Innern gelegenen Aethiopien, und die specielle Benennung dieses Theiles der Wüste als libysch, scheint durch die arabischen Geographen aufgekommen zu sein, da auch Leo diesen Theil östlich von Audjila als Leuata, Lebeta bezeichnet, ein Wort, was von Libyae herkommt.
Und wir können, bis das Innere dieses grossen Raumes erforscht ist, eines Raumes von circa 15 Quadratgraden, in den nie ein Europäer gedrungen ist, mit Recht diesen Namen beibehalten, um nur überhaupt einen Namen für eine so grosse Gegend zu haben, die wir sonst höchstens die östliche Sahara nennen könnten. Gewiss ist aber auch in diesem Theile der Wüste die grösste Mannigfaltigkeit vorhanden, Berge wechseln mit Sserir, Sanddünen mit Hammada, und zwei grosse Oasen sind uns wenigstens dem Namen nach bekannt, Kufra und Uadjanga.
Beide sind bewohnt, denn wenn Kufra auch durch tripolitanische Rasien, bis vor einigen Jahren der Bevölkerung 68war beraubt worden (man hatte die einheimischen Teda in die Gefangenschaft geschleppt), so hat jetzt Sidi el Mahdi, der Sohn Snussis, dort eine Filial-Sauya errichtet, und Neger aus Uadai bilden den Kern der Bevölkerung.
Ob sich nun die lange Depression von Bir Ressam an durch Audjila hindurch bis nach Siuah, auch südlich hin erstreckt, das wäre gewiss höchst lohnend zu erforschen. Würde es der Fall sein, dass die Bodensenkung bis Uadjanga reicht; also ungefähr bis zum 22° nördl. B., so liesse sich durch eine Durchstechung des Ufers, etwa an der grossen Syrte, eine grosse Umwälzung für Afrika hervorrufen. Der ganze Theil südlich, vom sogenannten libyschen Plateau, würde dann Binnen-See werden, Audjila, Djalo und Siuah würden verschwinden, aber Central-Afrika würde uns dann auf eine Weise zugänglich werden, die Nichts zu wünschen übrig lässt. Und was hätte das Verschwinden jener kleinen Oasen zu bedeuten, und andere, von grösserer Ausdehnung, sind wohl schwerlich vorhanden. Oder sollten in der That, westlich von den Uah-Oasen, östlich von Kufra und Uadjanga, grössere Oasen existiren, oder gar bevölkerte Oasen dort vorhanden sein, ohne dass wir Kunde davon hätten? Wir glauben das nicht. Aber gerade diese Abwesenheit von Oasen, dieses Trostlose, diese endlose Einöde berechtigen uns denn auch um so mehr, diesen Theil der Sahara speciell zu benennen und zwar mit dem alten Worte der 69libyschen Wüste. Wir durchzogen die Sahara von Westen nach Osten, von Norden nach Süden, aber nie durchwandelten wir eine ödere, abschreckendere Gegend als die von Uadi nach Bir Tarfaya. Der Weg südlich von Fesan bis Kauar ist durch die Gerippe vor Durst verschmachteter Negersklaven bezeichnet; aber dies ist nicht hervorgebracht durch Brunnenmangel, sondern durch zu knappes Mitnehmen von Wasser, durch Entbehrungen und Strapazen aller Art, welche die Sklaven zu erdulden haben. Zwischen Tidikelt und Timbuctu wird als verderbend und ohne Wasser die Tanesruft erwähnt, und doch beträgt die brunnenlose Strecke nur 5 Tagemärsche. Es giebt auch wohl in der ganzen übrigen Sahara keine Karawanenstrasse, welche eine grössere Brunnenentfernung hätte.
Hier von Batofl nach Süden, hat man erst am siebenten Tage Wasser, und geht man von Djalo oder Uadi nach Osten, also nach Siuah, so ist man circa 45 deutsche Meilen ohne Wasser. Und diese entsetzliche, wasserlose, vegetationslose Wüstenstrecke musste jetzt durchzogen werden.
Es war 7 Uhr Morgens, am 17. April, als wir Djalo verliessen, wo das Wasser so schlecht und die Leute so unmanierlich und wenig liebenswürdig waren. Wir hatten noch mehrere Schläuche zu unseren schon vorhandenen gekauft, hatten unsere Mehl- und Dattelvorräthe erneuert, und glaubten so den Schrecken der Wüste 70trotzen zu können. Wir hielten immer N.-O. Richtung zu N. und legten im Ganzen an dem Tage sieben Stunden zurück, von denen zwei in der Oase Djalo selbst. So hübsch diese von aussen als Ganzes sich ausnimmt, so trostlos ist sie im Innern: fast nirgends Gartenbau, überall Dünenbildung, die Palmen nur gruppenweise, und fast so viele Lakbi träufelnde Palmen als fruchttragende, geben die vielen abgestorbenen Stümpfe dieses segenbringenden Baumes eine schlechte Vorstellung von dem Betriebseifer der Bewohner.
Man erreicht dann eine Ebene, die aus Kies und grobem Sand besteht, und wo zahlreiche Baumstümpfe, jetzt versteinert, und verglaste Holztrümmer auf ehemalige Vegetation hindeuten. Diese Ebene ist etwas höher als Audjila aber auch noch unter dem Niveau des Meeres. In dieser einförmigen Gegend zogen wir nun, immer in der alten Richtung haltend, sieben langweilige Stunden dahin, und erreichten dann das Uadi, wo wir Brunnenlöcher fanden. Diese haben weiter keinen Namen, sondern werden schlechtweg biur el uadi, d.h. Brunnen des Thales genannt.
Das Uadi zieht sich von hier nach Nordost, und einen halben Tagemarsch weiter stösst man auf den Brunnen A'gela (Lagheirah), der selbst hinwiederum einen halben Tagemarsch östlich vom bewohnten Orte Leschkerreh sich befindet. Dieser Ort liegt indess nicht im Uadi. Nach Süden zu geht das Uadi bis nach Batofl, 71welches gewissermaassen seine Oasenbildung der unterirdischen Feuchtigkeit des Uadi verdankt. Dies ist reichlich mit Wüstengras, Belbel und männlichen Dattelbüschen bestanden. Letztere, welche gerade in Blüthe standen, wurden von den Bewohnern Djalos ihrer Blumen beraubt, die damit die weiblichen Dattelbäume ihrer Oase befruchten. Obgleich das Wasser überall auf 3 bis 5 Fuss Tiefe anzutreffen ist, scheint das Uadi nie bewohnt gewesen zu sein, wenigstens sind nirgends Spuren von Bauten oder Anpflanzungen übrig geblieben. Es ist dies umsomehr zu verwundern, als das Wasser das Beste der ganzen Oasengruppe und im Verhältniss so wenig salzhaltig ist, dass nach dem Gebrauche des brakischen Wassers von Djalo es fast als süss erscheint.
Wir warfen uns frische Wasserlöcher aus, und schlugen so rasch wie wir konnten im Schutze hoher Palmbüsche unsere Zelte auf, denn schon seit einigen Stunden verkündete die blutigroth gefärbte Sonne, dass ein Samumwind nahe sei.
Kaum war dies geschehen, als denn der heisse Staubwind mit einer solchen Heftigkeit zu wehen anfing, wie ich ihn in der Sahara noch nie erlebt hatte. In Einem Augenblicke war die Sonne unseren Blicken entzogen und wir Alle von einem feinen Staube, der heiss die Haut berührte, umflossen. Es war der 17. April Nachmittags, und dieser Gluth-Orkan hielt bis zum 20. incl. 72an, immer mit gleicher Heftigkeit. Allerdings war die Hitze nicht sehr gross, da überdies die heisse Jahreszeit noch fern war (höchster Wärmepunkt am 19. April Nachmittags 3 Uhr: 33°), auch zeigte das Barometer keinen bedeutend niedrigen Stand, aber dafür war der Feuchtigkeitsgehalt der Luft durch den alles austrocknenden Wind dermassen gering geworden, dass man behaupten konnte, in absolut trockner Luft zu sein. Das Hygrometer fiel am 19. und 20. April Nachmittags auf 2° (unter normalen Verhältnissen hatte es um diese Zeit in dieser Sahararegion circa 25°, am Rande des Meeres 60 bis 70°).
Um uns in dieser Feueratmosphäre zu erhalten, hatten wir bei vollkommener Unthätigkeit das Bedürfniss, circa 12 Liter Wasser innerhalb 24 Stunden zu trinken, der Körper bedurfte also einer wässrigen Zufuhr, welche gleich ist dem gewöhnlichen Blutquantum des Menschen. Ich verstand es nun leicht, wie es möglich sein kann, dass zu Fusse reisende Menschen in der Sahara, während eines solchen Samumwindes, innerhalb eines halben Tages bei Wassermangel verdursten können. Die Trockenheit ist nämlich so gross, dass die ganze Feuchtigkeit des Menschen verdunstet: sie muss fortwährend, will der Mensch nicht an Austrocknung sterben, durch Wasserzufuhr ersetzt werden. Die Verdunstung erfolgt nur durch die Haut und unmerklich. Hieraus erklärt sich denn auch, weshalb die trockne Wüstenhitze für 73den Menschen weit leichter zu ertragen ist, als feuchte Wärme. Durch das beständige Verdunsten auf der Oberfläche der Haut, unterstützt durch Bewegung der Luft wird Kälte erzeugt, Schweissbildung findet nicht statt. In feuchter Luft findet keine Hautausdünstung statt, man schwitzt unerträglich und man glaubt fortwährend in einem Dampfbade zu sein.
Die Absonderung der Nieren ist bei einem Samum fast ganz aufgehoben, da eben die Thätigkeit der Haut diese gewissermaassen ersetzt. Zum Glück für uns befanden wir uns während dieses schrecklichen Gebli (Wüstenausdruck für Samum) in der Nähe der Wasserlöcher; aber einer der Neger war immer beschäftigt, mit den Händen den hineintreibenden Sand hinauszuwerfen, und Morgens waren die Löcher immer dem Erdboden gleich durch Sand zugetrieben. Die Dürre war am dritten Tage so gross, dass eine Menge Gegenstände von selbst barsten, ein Elfenbein-Doppelglas sprang auseinander, ein Spiegel durch das dahinter liegende Holz gezwungen, sprang entzwei, alle Uhren, sei es nun, dass Staub hineingedrungen war, oder dass die Räderchen sich lockerten, standen still. Die innersten Gemächer der Koffer waren von feinem Staube durchdrungen, und alle Essvorräthe wurden während dieser Zeit so mit Sand und Schmutz untermischt, als ob man sie absichtlich darin herumgezogen hätte.
74An Reinmachen, Waschen des Körpers oder an Kochen war natürlich während dieser Zeit nicht zu denken. Ich verzichtete ebenfalls darauf, mein Bett oder meine Decken ausstäuben zu lassen, denn kaum war dies geschehen, als unmittelbar nachher Sand und Staub von neuem eindrangen. Wir waren zu vollkommener Unthätigkeit verdammt.
Am 20. April sprang der Wind nach N.-W. um, wehte aber den ganzen Tag über mit gleicher orkanartiger Heftigkeit, erst am Abend sahen wir, nachdem wir drei volle Tage in einer Sandwolke gelebt hatten, den Himmel wieder.
Aber jetzt, wo wir wieder sehen konnten, wurden wir erst eines anderen Unfalls gewahr: mein Reitkameel war entlaufen. Wie es Sitte ist bei einem solchen Samum, hatten wir gleich beim Beginn des Sturmes die Kameele niederknieen gemacht und die Vorderfüsse, um das Aufstehen zu verhindern, durch Stricke zusammengeschnürt. Wahrscheinlich waren diese nicht mehr gut gewesen, das Kameel hatte sie zerrissen und natürlich das Weite gesucht.
Obgleich wenig Hoffnung vorhanden war, das Kameel wieder einzufangen, welches natürlich in der Richtung des Windes gegangen sein musste, so brach am anderen Tage der Führer auf, um in Djalo, Audjila und Leschkerreh Erkundigungen einzuziehen. Da hiermit mehrere Tage hingingen, so wurde Ali, einer der Neger, zurückgeschickt, 75um noch mehr Datteln und Mehl zu kaufen, und um einen anderen Führer zu miethen, da es sich immer mehr herausstellte, dass der in Bengasi engagirte nicht wegtüchtig sei. Wir hatten von hier an eine der wasserlosesten Wüstenstrecke zu durchziehen, welche wegen der Rhartdünen, wo der Wind den Bergen bald diese Form, bald jene giebt, der tüchtigste Führer nothwendig war. Nachdem ein solcher, der von den Schichs der Oase war empfohlen worden, gefunden, dann alle Haverien ausgebessert waren, traten wir am 25. April unsere Weiterreise an24.
Wir marschirten am selben Tage nur 3½ Stunde weit in 50° Richtung. Gerade während unseres Aufbruchs traf eine Karawane von der Ammons-Oase ein, welche den fürchterlichen Sturm am Tarfaya-Brunnen überstanden hatte, aber wenig glücklicher als wir, da dieser ein sehr bitteres Wasser hat. Wir lagerten Abends an einer niedrigen Hügelkette Gor Msúan genannt.
Der darauf folgende Tag zeichnete sich durch Nichts aus, die Richtung blieb dieselbe; aber ein vierstündiger Marsch brachte uns dann mittelst des Fum er Rhart in die eigentliche Dünen-Region. Dieses Sandmeer ist nach 76Süden zu vollkommen unbekannt, nach Norden erstreckt es sich circa einen Tagemarsch weit. Die Sandberge erreichen eine Höhe von 100–150' sind aber nicht ganz ohne alle Vegetation, so hat man namentlich viel Had und Mischab. Ueberall stösst man aber auch hier auf Gerippe von Menschen und Thieren, und namentlich zeigte uns unser neuer Führer, mit dem wir sehr gut zufrieden waren, einen Platz, auf dem 40 Menschengerippe, von vielen anderen Thierknochen untermischt, lagen; eine Karawane, die durch die Unkenntniss unseres eben entlassenen Dieners Hammed, während eines Samum verirrt und verschmachtet war. Er allein, Hammed, hatte die Kraft gehabt von hier Uadi zu erreichen. Auch am 27. April waren wir immer noch mit dem Durchwaten der Rhart-Dünen beschäftigt, die denselben Charakter behielten, manchmal aber eigenthümliche kraterartige Vertiefung zeigten25. Wir lagerten Abends in der Gerdobia und stiessen hier wieder auf eine von der 77Jupiter-Ammons-Oase kommenden Karawane. Diese gab uns nun zuerst die Nachricht, dass man dort von der Ankunft eines Christen unterrichtet sei, die ganze Oase sei in Aufregung gewesen, als von Kairo ein Bote mit einem viceköniglichen Briefe eingetroffen, woraus man ersehen, von Tripolis käme ein Christ, um der Oase einen Besuch abzustatten.
Die Gerdobia ist übrigens durch Nichts von den Rhartdünen unterschieden, nur verlässt man dieselben hier, da der Sand in gleicher Richtung von West nach Ost weiter streicht, wir aber in nordöstlicher Linie ziehend, hier das Ende des Sandmeeres erreicht hatten. So kamen wir denn auch am folgenden Tage nach einem zweistündigen Marsche mittelst des Fum er Rhart schirgi auf die Sserir Gerdoba. Von hier an hatten wir nun immer im Süden von uns den Nordrand der Sanddünen, im Norden aber, sehr weit entfernt von uns, den Südrand des sogenannten libyschen Wüstenplateaus. Die Gerdoba ist eine Tiefebene, die ebenfalls unter dem Spiegel des Meeres, und mit kleinen verwitterten, gebräunten Kalksteinchen überschüttet ist. Sie ist ohne alle Vegetation und hat zahlreiche Zeugen. Diese Ebene zeichnet sich übrigens gleichfalls, wie die eben passirten Rhart-Dünen durch Brunnenlosigkeit aus, und so wie die Sandgegend, ist dieser feste Boden mit Gebeinen von Todten übersäet. So passirten wir am 29. April, wo wir ebenfalls immer östliche Richtung hielten, das Grab der 787. Modjabra und etwas weiter eine Oertlichkeit, die einen Namen von 70 dort verschmachteten Sklaven hatte.
Nach einem sechstägigen Marsche erreichten wir denn endlich einen Brunnen bir Tarfaya. Aber welch ein Wasser! Der Geschmack desselben war ähnlich, als ob man Glaubersalz und Bittersalz darin aufgelöst hätte, und die Wirkung war eine nicht minder drastische. Aber was war zu thun, nach dem sechstägigen Marsche war unser Wasservorrath vom Uadi auf, und vor der Ammons-Oase war auf kein eigentliches Süsswasser zu rechnen. Wir schlugen also Lager und suchten es uns so bequem wie möglich zu machen. Die Gegend war aber äusserst trostlos, das Plateau zu fern, um irgendwie durch seine steilabfallenden Ufer etwas Abwechslung zu bieten, und selbst die nahen Sanddünen langweiliger anzusehen als sonst in ihrem ewigen Einerlei.
Mein guter Humor war aber bald wieder hergestellt, die Leute hatten noch einen Schlauch entdeckt mit Wasser vom Uadi, und da sie freiwillig auf dasselbe verzichteten, konnten wenigstens ich und mein deutscher Diener noch für einige Zeit schwelgen. Der alte Staui und die übrigen Diener fanden das Tarfaya-Wasser auch sehr wirksam, nahmen jedoch die Folgen davon mit so fröhlicher Geduld auf, dass sie lachend erklärten, es wäre jetzt viel bequemer für sie sans culottes zu gehen, da sie dann der Mühe überhoben seien, fortwährend ihre Inexpressibles auszuziehen. Fortwährend ohne Uhr, da 79sämmtliche Kinder Nürnbergs beim letzten Sandsturm unwohl geworden waren, konnte ich die genaue Zeit nur nach einer Sonnenuhr bemessen. Eine solche hatte ich aufgestellt und in meinem Zelte auf dem Feldbette liegend, rief ich Bernhard (dem baierischen Gefährten): „Seien Sie so gut und sehen Sie die Zeit ab.“—Er kam dann nach einer Weile mit der Uhr in der Hand: „Då schauns selber nåch, å Bieruhr kenn i schon, åber då kenn i mich nit aus.“ Er war dann ob meines Lachens zuerst so verdutzt, dass er gar nicht verstand, dass eine Sonnenuhr nur während des Sonnenscheines zeigt. So hatten wir auch trotz der vielen Mühen und Entbehrungen, welche die libysche Wüste mehr als jeder andere Theil der Sahara im Gefolge hatte, manche heitere Augenblicke. Eine grosse Annehmlichkeit war die Anwesenheit Bernhards, der, als ein gebildeter, bescheidener Mensch, rasch die Eigenthümlichkeiten und Sitten unserer halb rohen Diener erkannt hatte, und sich mit Leichtigkeit in alle Verhältnisse zu schicken wusste.
Mit dem Brunnen Tarfaya hat die eigentliche Sahara nach Osten und Norden ihr Ende, denn bis zum Orte Siuah, hat man von hier eine ununterbrochene Hattieh und das im Norden sich hinziehende Plateau bietet wenigstens zur Winterzeit guten Weideboden. Unmittelbar im Süden erstrecken sich die Sanddünen, welche nur Fortsetzung der Rhart-Dünen sind. Rechnet man nun den Brunnen Tarfaya als äusserste Grenze der ehemaligen 80Oase des Jupiter-Ammon, so heben sich damit auch alle Widersprüche über Entfernung vom alten Ammonium bis Audjila oder Fesan, und selbst die mancher neueren Reisenden, welche die Grenzen Siuahs auf diese Art unbestimmt gelassen haben. Von Tarfaya an stösst man aber auf menschliche Bauwerke, die sich meistens als Gräber in die steile Felswand des Plateaus hineingearbeitet, kennzeichnen. Es ist also wohl anzunehmen, dass im Alterthume auch diese Partie schon bewohnt war.
Um den Brunnen selbst findet sich nur die Alanda-Staude, die zwar von den Kameelen abgeweidet wird, aber deren sie doch bald überdrüssig werden, wie immer einer Pflanze, wenn sie nur einzeln vorhanden ist. Der Boden selbst ist gypsig und kalkig. Ganz in der Nähe befindet sich ein ausgedehntes Salzlager, Gart el milha genannt, wo ein Sebcha von einer Salzkruste bedeckt ist, welche manchmal 3–4" Dicke hat. Es ist wahrscheinlich von dieser Oertlichkeit, von wo im Alterthume das hochberühmte ammonische Salz gewonnen wurde, welches die Priester des Ammon-Tempels als besonders weiss und gut hochstehenden Persönlichkeiten zum Geschenke machten, und womit sie nebenbei Handel trieben.
Verfolgt man nun weiter die Oase nach Osten26, so 81kommt man unmittelbar darauf in reichere Vegetation: Domrahn, Had, Alanda und später einzelne Palmbüsche. Ebenso wird die Gegend reicher an Fossilien, Seesterne, Pectineen, Ostreen bedecken manchmal den Boden so dicht, als ob man sie absichtlich hergeschüttet hätte. Der Boden ist sehr abwechselnd, Sand, Sebcha, Kalk, Kies wechselt mit einander, aber überall ist Vegetation. Man erreicht dann die Oase Faradga, d.h. einen circa 4 Stunden langen, ½ Stunde breiten See, der südlich vom Plateau liegt. An und in diesem Plateau hat Sidi Snussi seine berühmte Sauya gegründet, die den Namen Sarabub erhalten hat. Heutzutage residirt als Chef dieser religiösen Brüderschaft sein ältester Sohn, Sidi el Mahdi in Sarabub. Ich habe früher an anderer Stelle Gelegenheit gehabt, über die Bedeutung dieses Ordens zu sprechen, und brannte natürlich vor Begier den Chef selbst und namentlich das Kloster, von dem wir, am Südende der Oase, an einer Oertlichkeit Namens Hoëssa lagernd, nur circa 2 Stunden entfernt waren, kennen zu lernen. Höchst wahrscheinlich hat Sidi Snussi zu seinem ersten Wohnsitze alte Katakomben gewählt, wo ihm die geheimen unterirdischen Gänge zu seinen Betrügereien gut zu Statten kamen. Wunder, wie man sie zur Zeit 82Jesu Christi erzählte, passiren hier denn auch noch alle Tage, und werden mit derselben Leichtgläubigkeit, und mit derselben Vergrösserung von den heutigen Bewohnern colportirt. So lassen Sidi el Mahdi und vordem sein Vater das Essen für die zahlreichen Verehrer und Pilger vom Himmel herabsteigen, und obschon sich in der Umgegend von Sarabub keine Aecker und Felder befinden, sind die Speicher und Vorrathskammern immerwährend gefüllt. So trinkt Sidi el Mahdi das schönste Süsswasser, obwohl der Faradga-See vor der Thür der Sauya gelegen, vollkommen untrinkbares Wasser hat. Blinde, Lahme werden täglich geheilt, ja nach den Aussagen der frommen Verehrer Snussis sollen auch zahlreiche ehemalige Christen, jetzt durchs allmächtige Gebet des Snussi zum Islam bekehrt, sich in der Sauya aufhalten.
Ich war höchst traurig, dass mein Führer, der selbst zum Orden der Snussi gehörte, sich weigerte mich zu begleiten, und allein, ich gestehe es offen, wagte ich in dies Wespennest von semitischer Unduldsamkeit nicht einzudringen. So lagerten wir traurig beim Sebcha Hoëssa, freilich im Schatten von hohen Palmbüschen, aber die Wasserlöcher, die wir gruben, gaben zwar bei 1½' ein reichliches klares Wasser, aber so bitter, dass wir es kaum zum Kochen unseres Abendessens benutzen konnten. Wie anders, dachte ich dann, unter den Palmen liegend, war es einst hier, wo die Gesittung der Aegypter, 83der Griechen und Römer herrschte. Wo man Religionskriege nicht kannte, und anders Denkende höchstens mit dem Namen „Barbaren“ belegte. Zu meiner Beschämung musste ich dann aber gestehen, dass von den drei semitischen Religionen, die durch ihre Unduldsamkeit, durch ihren Glaubenseifer soviel Unheil und soviel Blutvergiessen über die Menschheit gebracht haben, ich meine das Judenthum, Christenthum und der Mohamedanismus, gerade das Christenthum sich am meisten durch Fanatismus und Hass gegen anders Denkende ausgezeichnet hat. Wer vermöchte alle die Opfer zu zählen, welche die christliche Liebe zur Ehre Gottes bei Katholiken und Protestanten schon gefordert hat, und wenn heutzutage auch nicht mehr gefoltert, verbrannt und gesiedet wird, wer zählt die moralischen Opfer, welche unsere Religion der Liebe und Duldsamkeit noch täglich fordert.
Ich stand also ab nach Sarabub zu pilgern, aber wie leid that es mir, als ich später von den Freunden Sidi el Mahdi's in Siuah erfuhr, er würde es hoch aufgenommen haben, falls ich zu ihm gekommen wäre, auf alle Fälle würde ich nichts zu fürchten gehabt haben. Es scheint also fast, dass der Fanatismus der Snussi abgenommen hat, wie denn auch die Chuan Snussis in der Ammons-Oase mich recht freundlich aufnahmen.
Man hat nun weiterreisend27, eine Reihe von Seen 84zur Seite, die sich alle durch ihr tiefblaues Wasser, welches äusserst salzig ist, auszeichnen. Der bedeutendste davon ist der el Araschieh mit einer Insel in der Mitte. Da nirgends Boote vorhanden sind, überdies der den See umgebende Boden Sebchabildung hat, so hat Niemand bis jetzt diese kleine Felsinsel erreichen können. Dafür ist sie natürlich für die Bewohner Siuahs der Aufenthaltsort von Djenun (Geistern), die hier eins der Schwerter Mohammeds bewachen. Bei Gaigab stösst man auf die ersten Palmenwälder, deren Früchte von den Bewohnern Siuahs geerntet werden. Die Gegend wird nun immer reicher und die überall in den Felswänden sich befindenden Gräber zeugen von der ehemaligen starken Bevölkerung.
Von Gaigab geht der Weg nun ganz nach Süd-Süd-Ost um, man passirt zahlreiche Engpässe und erreicht dann den Schiata-See. Alle diese Seen sind ohne Fische, weil das Wasser zu salzig ist, aber entbehren doch nicht jeden Lebens. Eigenthümlich ist, dass die oft ins Wasser langenden hohen Sanddünen nicht vermocht haben, sie mit Sand zu überschütten, und gewiss ein guter Beweis, dass der Canal von Suez nichts von Versandung zu fürchten hat, denn wie gering ist die Sandanhäufung längs des Canals im Vergleich zu den hohen Dünen der libyschen Wüste. In dem Tamariskengebüsch, im Schilfe des Sees waren zahlreiche fast 85zahme Vögelchen, auch sahen wir hier die ersten Schwalben.
Die Gegend behielt denselben Charakter bis Maragi, wo wir auf die ersten menschlichen Wohnungen und Gärten stiessen. Beim Maragi-See ist auch eine Filiale der Snussi und eine sehr gute Süsswasserquelle, von der wir aber als anders Gläubige am Abend, wo wir dort campirten, nicht profitiren durften.
Am 6. Mai, dem letzten Tage unserer Reise zur Oase des Jupiter-Ammon, brachen wir früh um 6 Uhr auf, wir hatten im Ganzen nur noch 6 Stunden. Zahlreiche Leute, beladene Esel kamen uns entgegen, und als wir von weitem den grünen Palmwald erblickten, wurde Halt gemacht.
So waren wir denn in der eigentlichen Oase angekommen, und lagerten bei den hohen Trümmern der Burg Masra28; der vierstündige Marsch hatte Menschen und Thiere so ermattet, dass diese, welche überdies in den letzten Tagen guten Weideboden gehabt hatten, sich 86ruhig zwischen die Agolbüsche29 legten, die Diener aber alle im Schatten des Thurmes schliefen. Doch war die Hitze so gross, dass Alle von Schweiss trieften, und die nackten Neger wie lackirt aussahen. Ich selbst hatte mein Zelt derart schlagen lassen, dass es nur Schatten warf, der Luftzug aber überall frei unten durchstreichen konnte. Obgleich wir vom Hauptorte Siuah nur noch einige Stunden entfernt waren, und es hoch aus den Palmen östlich von uns emporragen sahen, hatte ich es doch für nöthig gefunden, hier um 10 Uhr zu lagern, da das Thermometer um jene Zeit schon 30 Grad angab: wir mussten gielen, wie die Araber sagen, d.h. die heisse Zeit vorüber gehen lassen.
Aber immer noch unsicher, wie man mich im Hauptorte aufnehmen würde, schickte ich den alten Staui gleich weiter, und diensteifrig wie er jederzeit war, machte er sich auch gleich auf den Weg. Er hatte den Auftrag meine Ankunft anzuzeigen, Einkäufe zu machen und um Quartier zu bitten. Mit seiner Doppelflinte auf dem Rücken, sonst pflegte er sie nie zu tragen aus Bequemlichkeit, die Schuhe in der Hand, um sie nicht abzunutzen, ging er von dannen, und versprach dicht vor Siuah der Karawane entgegen zu kommen. Der Führer deutete ihm noch genau den Weg an, was sehr nothwendig war, da Staui bei Tag nur halb, bei Nacht aber fast gar nichts sah; er wollte dies zwar nie zugeben, 87aber es war so auffällig, dass er es manchmal eingestehen musste, er meinte dann zwar immer, es sei ausnahmsweise auffallend dunkel.
Man hatte von diesem Punkte eine umfassende Aussicht, gerade östlich von uns waren die merkwürdigen Berge Amelal und Djari, mit steilen senkrecht aufsteigenden Wänden, weiterhin etwas zu Süden Siuah und in der Ferne Agermi, ganz im Süden Agolweiden, welche allmählich mit Sebcha30 und Dünen verschwammen, und im Westen war endlose Wüste. Von dem Berge Amelal, der eine Stunde von unserem Lagerplatze entfernt zu sein schien, thürmten sich Dünen auf, sie schienen bis an seinen Fuss zu gehen. Da sie hoch waren, beschloss ich sie zu ersteigen, denn die Hitze war im Zelte trotz des Luftzuges so unerträglich geworden, dass es kaum in der Sonne schlimmer sein konnte.
Gedacht, gethan! Ich rief meinem Landsmann, das Zelt zu hüten und zu wachen, und ging gerade auf die Dünen los, von denen eine etwa eine Viertelstunde breite Agolweide mich trennte. So rasch als es die Hitze erlaubte, zog ich von dannen, hatte bald den Sand erreicht, und war nach einigen Minuten oben. Aber welch überraschender Anblick bot sich mir: zu meinen Füssen fielen die Dünen, die nur einen schmalen Kamm bildeten, fast steil ab, und die lieblichsten Gärten, das saftigste Grün lag wie ein kleines Par