The Project Gutenberg EBook of Die Last, by Georg Engel This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at www.gutenberg.org Title: Die Last Author: Georg Engel Release Date: April 22, 2006 [EBook #18231] Language: German Character set encoding: UTF-8 *** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE LAST *** Produced by Markus Brenner and the Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net Die Last Roman von Georg Engel Ullstein & Co Berlin • Wien Motto: Nicht an einer Person hängen bleiben: und sei sie die geliebteste – jede Person ist ein Gefängnis, auch ein Winkel. – – Nicht an einem Mitleiden hängen bleiben: und gälte es höheren Menschen, in deren seltne Marter und Hilflosigkeit uns ein Zufall hat blicken lassen. Friedr. Nietzsche Erstes Buch. I. Es war Tag geworden. Noch immer rieselte der Regen und troff an den kleinen Fenstern der Krankenstube herunter. Bleigraues Licht stahl sich zögernd durch die Gardinen und mischte sich mit dem Schein der Lampe, die auch jetzt noch vor dem Bette brannte. Auf dem großen Bauerngutshof erwachte einiges Leben. Man hörte zuweilen ein dumpfes Aufbrüllen der Kühe, und dazwischen das vereinzelte Rufen der Knechte. Doch klang alles gedämpft, als fürchte man, die Kranke zu stören. Etwas Totes, Gedrücktes lag über dem Gehöft; und je mehr das trübe Sonnenlicht vorrückte, in desto größere Lautlosigkeit verfiel das Anwesen. In dem weiten, zur ebenen Erde gelegenen Zimmer wurde ein schwacher Ruf laut. Kränklich, hohl, gebrochen, ein wenig gereizt klang er, aber so leise die Stimme auch flüsterte, sofort fuhr aus dem ledernen Sessel neben dem Bette ein Mann von mächtiger, imposanter Gestalt auf, rieb sich ein wenig die Augen, strich ein paarmal energisch über seine dicken, kurzgeschorenen Haare und legte dann seine Finger behutsam auf die Hand der leidenden Frau. »Na, Elsing,« forschte er aufmunternd, wobei er seine Stimme soviel als möglich herabdämpfte, »geht’s ein bißchen besser?« Statt einer Antwort rang die Angeredete die Hände und vergrub ihr Antlitz in die Kissen: »Du lieber Gott,« stöhnte sie leise, und es war beinahe, als ob aus dem weißen Linnen ein Schluchzen dränge. Der Mann ließ seine Hand aufs Knie sinken und starrte auf den hellen, sandbestreuten Estrich der Stube. Plötzlich warf sich das junge Weib herum und forschte hastig: »Du bist wohl eingeschlafen, Wilms?« Seltsam, – neidisch fast schien die Frage. »Ja, ich bin ein wenig eingenickt,« gab der Gatte zu. Und wieder konnte man leise Entschuldigung aus den Worten hören. »Ich sitz’ ja nun auch bald die vierte Nacht so,« murmelte er halb für sich. Es wurde still. Aus der Ecke nur tönte das schwere Tick-tack einer unförmlichen Kastenuhr, und zuweilen knirschte der Sand unter dem Stiefel des Mannes. Die Leidende seufzte und schien die rechte Lage nicht finden zu können. Endlich streckte sie sich und blickte in das trostlose Grau des Regentages hinaus. Welche Traurigkeit dort draußen und hier drinnen. Gegen die Fenster stäubte der Regen, Hagelkörner schlugen scharf gegen die Scheiben, und über die Wangen der Liegenden floß eine Träne. »Lösch’ die Lampe aus, Wilms,« bat sie, »meine Augen – es tut mir weh.« Er schraubte das Licht herunter, sofort sah es in der Stube noch fahler aus. »Armes Weib,« murmelte er, »armes Weib.« Er strich über ihre Haare und richtete sich langsam auf. Dann schritt er zur Tür. – Aber er sollte nicht hinausgelangen. »Wilms.« Sein Weib hatte sich aufgerafft. »Du sollst nicht fort,« rief sie angstvoll, »ich kann nicht allein bleiben – mich friert, wenn du draußen bist!« »Elsing – unsere Wirtschaft leidet darunter – ich muß –« »Ja, ja – die Wirtschaft – immer die Wirtschaft,« stieß die Kranke hervor und fiel erschöpft in ihre Kissen zurück, »und ich liege hier in meinem Elend – zwei Jahre – zwei ganze Jahre schon, und keiner hilft mir, keiner, zur Last falle ich jedem – auch dir –« »Elsing, ich –« »Ja, auch dir,« fuhr sie atemlos fort, »ich merk’ das sehr wohl – du hast nur Mitleid für mich – nur Mitleid. Und wir haben uns doch aus Liebe geheiratet.« Er war zögernd an ihr Bett getreten und plötzlich umschlang sie seinen Hals: »O Gott – o Gott, ich bin wohl sehr häßlich geworden?« forschte sie, am ganzen Leibe zitternd. »Nicht wahr, gesteh’s nur ganz offen.« »Elsing,« – die Stimme des Mannes zitterte leicht. Er hatte sich auf den Bettrand gesetzt und ließ ein paar Strähnen ihrer langen, blonden Haare durch seine Finger gleiten. »Elsing,« beteuerte er dann, »für mich bist du noch so schön, wie in der ersten Stunde – sieh doch bloß deine langen, weichen Flechten – und der kleine Mund und die lieben, blauen Augen – alles so hübsch, mein armes Kind.« Es mußte ihn doch übermannt haben, denn er schloß sein Weib in beide Arme und küßte es zärtlich auf die Lippen. Die Kranke schmiegte sich befriedigt an seine Brust und für einen Augenblick schien sie beglückt und hoffnungsfreudig. Wenigstens wandte sie sich bald auf die Seite und forderte ihn mit ihrer erregten Stimme auf: »Wilms, gib mir die Bibel von dem Tisch – so, und nun geh – geh nur und schlag ein Auge auf die Wirtschaft – es muß ja doch sein.« Da ging der Mann schwerfällig hinaus; allein als sich die Tür geschlossen hatte, blieb er stehen und lauschte zurück. Und trübe schüttelte er den Kopf. – Mit welch fieberhafter, leidenschaftlicher Glut sein Weib dort drinnen las. Sie sang beinahe; – ekstatisch, wie berauscht tönten die heiligen Worte: ›Und siehe, ein Weib, das zwölf Jahre siech war, trat zu ihm und rührete seines Kleides Saum an. Da wandte sich Jesus um und sahe sie und sprach: Sei getrost, meine Tochter, dein Glaube hat dir geholfen. Und das Weib ward gesund zur selbigen Stunde.‹ »Und ward gesund zur selbigen Stunde,« wiederholte es drinnen, wie verzückt. Dann einen Moment Stille, aber plötzlich mit herzzerreißendem Schluchzen: »O Gott – und ward gesund – lieber – lieber – Gott.« II. Als Wilms auf den Hof heraustrat, atmete er tief auf. Hier wehte doch frische Luft, hier beengte ihn die Hitze der Krankenstube nicht mehr, und erfrischend rieselte der Regen auf sein entblößtes Haupt. Merkwürdig. – Er hatte doch schon so oft mitten auf seinem Gehöft gestanden, aber heute befiel ihn zum erstenmal der Gedanke, daß all sein Hab, Häuser und Scheunen, Ställe und Gerätschaften, Menschen und Vieh wie von einem drückenden Traum befangen wären. Es zerfiel und zerbröckelte alles, es wurde morsch und verging. – Und er selbst? Erschreckt fuhr er auf. Drüben in dem Strohdach der Kornscheuer klaffte eine beträchtliche Spalte. Ungehindert floß der Regen hindurch und machte ihm die Wintersaat faulen. Keiner meldete ihm den Schaden, er selbst hatte ihn nicht bemerkt. Früher war er als der werktätigste Landwirt Vorpommerns bekannt gewesen; er allein wußte, wie durch Zauber, dem fetten Boden dreifach die goldigen, Nahrung bringenden Körner abzugewinnen; jetzt stand es anders. – Es ging bergab mit ihm. Ein Lastwagen lag in einer Ecke des Hofes auf drei Rädern. Das vierte gebrochen daneben. – Ob man nach dem Stellmacher geschickt hatte? Gerade schlich ein Knecht hinter dem Gefährt träge dahin, Wilms rief ihn laut an; aber der Mann wußte von nichts, und schon wollte ihn der Landwirt mit einem kräftigen Fluch zurechtweisen, da dachte er an die Kranke, und beinahe flüsternd befahl er dem Manne, den Stellmacher zu holen. Der Knecht trottete davon, und Wilms setzte seine grobe Mütze auf und schritt schwerfällig die Landstraße entlang. Zu beiden Seiten dehnten sich seine Felder. Auf das braunschollige Ackerland rauschte hörbar der Regen, und nur allmählich vermochte der Landwirt seine Leute zu erkennen, so dicht wogte der schwere Nebel um sie herum. Grau und gespenstig tauchten Männer und Frauen aus den Wolken hervor, und verschwanden bald wieder, als hätte sie der Boden eingesogen. »Wie steht’s mit den Kartoffeln, Karl?« fragte Wilms endlich einen jungen, flachsköpfigen Burschen, der tiefgebückt die gesammelten Knollen in einen Korb warf. »Der Herr weiß ja – der Regen – es dauert schon zu lang.« »Ja, ja« – Wilms ballte die Fäuste, und in sein ernstes, ehrliches Antlitz gruben sich tiefe Falten. Wie er sich jetzt langsam und ermüdet auf einen eisernen Pflug niederließ, der auf dem kotigen Acker herumlag, da hätte man ihn für einen alten, gebrochenen Mann halten können. Und er zählte doch erst zweiunddreißig Jahre und stand in der Blüte der Kraft. Und die Nebel krochen um ihn herum, formten sich, ballten sich, und es war, als ob sie ein häßliches, graues Weib bildeten, zahnlos, mit wackelndem Kopf – eine dürre Vettel, wohlbekannt allen Bedrückten – die Not, die grinsende Not, und sie hinkte auf ihn zu und streichelte ihn. Er sank immer tiefer in sich zusammen und ließ seine Leute schaffen, was sie wollten. Da klang Wagengerassel die Landstraße herab. Ein elendes, ächzendes Gefährt näherte sich, und herab stieg ein wohlbeleibter Mann mit grauem Stoppelbart, und in den Stoppeln saß ein sehr rotes, verschwollenes Gesicht, aus dem ein Paar wässerige Äuglein und eine Hakennase lustig hervorlugten. Der Ankömmling hieß »Herr Rosenblüt«, klimperte im Augenblick mit einer dicken goldenen Kette und war der Kompagnon einer in dem Landstädtchen Grimmen sehr angesehenen Viehexportfirma. – Ein gesetzter, umgänglicher Mann. Heute zeigte sich der Viehhändler indes sehr aufgeregt. Er schritt gleich auf den Landmann zu und pflanzte sich prustend und atemholend vor ihm auf. »Herr Wilms,« begann er unvermittelt und fuchtelte mit seinem Stock hin und her. »Was soll das heißen? – Was ist denn geschehen – bei Ihnen zu Haus? Als ich vorbeigefahren bin ...« »Doch nicht meine Frau?« stammelte Wilms und sprang auf – »nicht wahr? – So sagen Sie’s doch,« wiederholte der unglückliche Mann heiser. »Nein, nein, nicht Ihre Frau – ich meine bloß – – es ist da einer von den Blauen, von den Gerichtsvollziehern. Na kommen Sie schnell auf meinen Wagen« – und leise setzte er hinzu: »Was wollen Sie erst einen Aufstand vor Ihren Leuten machen? Beeilen Sie sich, Herr Wilms.« Bald knarrte und ächzte das Fuhrwerk auf Wilms’ Gehöft zu, und Herr Rosenblüt saß neben dem Besitzer und starrte ihm ängstlich ins Gesicht, bis sie den Wirtschaftshof erreicht hatten. Hier hielt der Wagen, und der Bauer sprang herab und blickte sich scheu um. Mitten auf dem Platze stand der Gerichtsvollzieher von Grimmen und unterhandelte laut und barsch mit Jochen, dem Pferdeknecht, der von Zeit zu Zeit einen ängstlichen Blick auf die Fenster der Krankenstube warf und den Beamten zu bitten schien, leiser zu verfahren. Alle Leute des Anwesens waren an diese Rücksicht auf die leidende Frau gewöhnt; ein lautes Wort, mitten in der dumpfen Stille, war unerhört, erschreckte alle förmlich. »Da is uns’ Herr,« sagte der Knecht endlich erleichtert, als er des Bauern und seines Begleiters ansichtig wurde. Wilms kam schwerfällig näher, seine Gestalt sank immer mehr zusammen, als ob auf seinem Nacken sichtbarlich eine allzu schwere Last gelegt sei, und auf der Stirn perlten große Tropfen. Mit flüsternder, heiserer Stimme bat er den Beamten, mit ihm in die nächste Scheuer zu kommen. – Nur nicht hier – hier könnte man die Kranke stören, sie dürfte ja von nichts wissen; das könnte ihr den Rest geben. »Ich bitt’ Sie, kommen Sie mit mir – ein paar Schritte.« Jedoch der Gerichtsvollzieher hielt das für überflüssige Zeitvergeudung. Er knöpfte seinen Rock auf, nahm ein gestempeltes Papier heraus, das er prüfend überflog, und während er sich dazu wohlgefällig und amtswürdig seinen militärischen Schnurrbart strich, las er trocken vor: »Beauftragt vom Grafen Brachwitz auf Boltenhagen – Zahlung der rückständigen Pacht vom 1. April – 3600 Mark – – nicht eingegangen – hm – vorzunehmende Zwangspfändung.« »Was? Vom April sind Sie dem Grafen noch schuldig?« warf der Viehhändler dazwischen. Der Gerichtsvollzieher faltete das Blatt wieder zusammen und pflanzte sich vor dem Besitzer auf: »Können Sie zahlen, Herr Wilms?« fragte er prompt. »Nein.« »Na, dann muß ich anfangen. Nehmen Sie’s nicht übel.« »Aber – wenn Sie mir nur – nur bis morgen Zeit lassen wollten,« stöhnte Wilms und legte sich die Hand vor die Stirn. »Nur bis morgen – ich könnte mich ja noch an jemanden wenden. – Ich hatte in der letzten Zeit mit meiner Frau so viel – aber es ist doch vielleicht noch möglich.« »Tut mir leid – strenge Ordre.« Der Gerichtsvollzieher knöpfte dabei seinen Rock zu und wandte sich an den Knecht. »Wollen gleich mit dem Vieh anfangen,« befahl er kurz. »Wo haben Sie die Schweine?« »Dann zeig dem Herrn, Jochen.« Wilms hatte es tonlos gesprochen und wandte sich jetzt schnell ab. Selbst dem Viehhändler hatte er nicht mehr die Hand zum Abschiede gereicht. Er ging langsam in das Wohnhaus und trat in das Zimmer seines Weibes. III. Wie er sie verlassen, ebenso lag Else noch jetzt. Mit der linken Hand hatte sie die Bibel umklammert, die rechte fingerte nervös an der Wand, und ihre krankhaft leuchtenden Augen waren auf das Fenster gerichtet. Die ungewohnte Bewegung auf dem Hof, das Knarren der Torflügel, das jetzt laut werdende Grunzen der Schweine, alles störte sie. Sie war ganz aufgeregt, und als Wilms sich neben ihr Bett setzte, forschte sie atemlos nach dem Grund all dieses Lärms. – – Ja der Grund – Durfte ihr der Mann die wahre Ursache verraten? Konnte er gestehen, daß man jetzt den besten Teil seines Besitztums forttriebe, daß andere Trümmer bald folgen, und alle Pfosten seines Hauses um ihn zusammenbrechen würden, um ihn, den starken, kräftigen Mann, der nun schon seit Jahren, wie gelähmt, an dieses Bett geschmiedet war, so fest, daß alle Bewegungsfähigkeit gehemmt schien? – Merkwürdig, ihm war es, als wäre sein Weib gesünder, als er; und er selbst gebrochen, ausgezehrt, kraftlos, ein toter Mann, der in dem großen Lehnstuhl hockte und vor sich hinstarrte. »Was hantieren sie denn dort draußen so laut?« klagte das Weib und klappte nervös mit dem Deckel der Bibel – »soll denn gar nicht ein bißchen Rücksicht auf mich genommen werden, Wilms?« Der Landmann raffte sich zusammen. Nur schonen die arme Frau, war sein einziger Gedanke. – Der Gedanke, der ihm die Not ins Haus gerufen. »I, Elsing, das wird wohl bald wieder aufhören.« »Ja, aber was machen sie denn?« »Ach, Rosenblüt ist bloß da und – und kauft mir Vieh ab.« »Der Jude?« rief die Kranke und richtete sich auf. – »Sieh – sieh da,« stotterte sie und zeigte gerade aus, »da steht er vor dem Fenster – und guckt hinein, gerade auf mein Bett.« Entsetzt fiel sie zurück und zog die Decke hoch, so daß sie nicht mehr bemerken konnte, wie Rosenblüt mit allerlei Grimassen ihren Mann hinauswinkte. »Wilms, ich kann den Juden einmal nicht leiden – was hast du auch immer mit ihm. Immerfort was. Der Herr Pastor sagt auch, daß du dich zuviel mit ihm abgibst.« »Still, Elsing, ich hab’ schon manch gutes Stück Geld an dem Mann verdient.« »Ach wo – die betrügen ja alle. Du verstehst bloß die Wirtschaft nicht.« – Das war ein böses Wort. Wilms zuckte zusammen und griff nach seiner Brust. Draußen winkte Herr Rosenblüt immer energischer. »Ich muß jetzt aber doch einen Augenblick auf den Hof, Elsing,« ermunterte sich der Mann endlich. »Schon wieder?« Sie warf ihm einen flehenden Blick zu und ergriff seine Hand: »Du bist ja eben erst hereingekommen. – Und dann – mir ist immer so wohl, wenn du bei mir bist, sobald du mich aber allein läßt, dann überfällt mich wieder die schreckliche Angst – du weißt ja – als ob mir was auf der Brust säße« – sie keuchte – »nicht wahr, du bleibst?« Er blieb und sank ohne eine Antwort in dem hohen Lehnstuhl zusammen. Das war das Bild seines Lebens. – Die Last zog an ihm und zog ihn abwärts. Jetzt sprach und fragte sie immer hastiger weiter. Wie es mit der Wirtschaft stünde? – Doch gut? Und der Pastor hätte ihr eine Annonce gebracht, in der ein beweglicher Krankenstuhl nicht allzu teuer angepriesen würde. 150 Mk. »Nicht wahr, das ist nicht zu viel? – Das erübrigst du doch für deine Frau? Du hast mich doch lieb? Nicht wahr?« – Und dann kamen die Erinnerungen. Wie sie noch frisch und gesund in ihrem Hauswesen herumgesprungen wäre, und wie furchtbar verliebt Wilms sich als junger Ehemann gebärdete. Hinter jeder Tür, wo es die Leute nicht sehen konnten, hätte er um einen Kuß gebettelt. »Ach, küsse mich noch einmal so. – Ich bin doch eigentlich noch so jung.« Halb betäubt sank sein Haupt an ihre Brust. Er war so zerschmettert, daß er für nichts mehr das volle Verständnis besaß. Da wurde an die Tür geklopft. Erst leise, dann energisch, und schließlich trat Herr Rosenblüt ins Zimmer und blickte sich verdutzt in der Krankenstube um. Die dumpfe Luft und das Bild der beiden sich umschlungen haltenden Gatten ließ ihn einen Moment verstummen, eine Art Rührung zuckte in den Zügen des Händlers auf, dann aber drängte die Zeit gar zu gewaltig, und er räusperte sich stark: »Guten Morgen – Frau Wilms – ich bitte um Entschuldigung – wie geht es Ihnen? – aber es ist die höchste Zeit, Herr Wilms – ich muß mit Ihnen reden, jetzt sofort. Der Kerl ruiniert Ihnen ja die ganze Wirtschaft.« Die fremde Stimme traf Else wie ein Schuß. »Großer Gott, wer ist das?« stammelte die Kranke, als sie den Eindringling, der ihr eine linkische Verbeugung machte, gewahrte, und über ihr Gesicht flutete eine brennende Röte: »Was will er hier? – Wilms, mein Zimmer ist doch nicht zu Geschäften da? Warum gehst du mit dem Herrn nicht in die Wohnstube?« Es war ein unfreundlicher Gruß, und Herr Rosenblüt stand wie angedonnert. Erst als Wilms ihn unter den Arm faßte und begütigend aufforderte, ihm zu folgen, hatte sich der Händler soweit gefaßt, daß er energisch den Hut schwenken und gereizt auffahren konnte: »Wozu? Da kann ich ja auch gehen. Adieu auch, Herr Wilms, empfehle mich Ihnen, verehrte Frau.« Aber Wilms ließ ihn nicht, und mit vielen Bitten und Entschuldigungen schob er ihn durch eine braunlackierte Tür, in deren Mitte ein großes, ovales, durch eine Gardine verdecktes Guckfensterchen angebracht war, aus dem Zimmer. In der Wohnstube standen einfache grüne Ripsmöbel, gestickte Deckchen prangten auf dem Sofa, und mitten durch die Zimmerdecke zog sich ein großer, tapetenüberklebter Balken. Hier fiel Wilms in einen der Polsterstühle nieder, stützte seinen Kopf in die Hand und fragte endlich den Geschäftsfreund nach dessen Begehr, aber es klang alles so zerstreut, so fern und tonlos, als ob der Geist des Mannes auf düsteren Irrpfaden wandele. Und dieses Gebrochensein, dieses vollständige Einschlafen einer ehemals großen Kraft erschütterte den andern. Mitleidig halb, und halb furchtsam, trat er auf ihn zu. Dann berührte er mit seinem Stock die Schulter des Sitzenden, und während er ihm nun unaufhörlich leise auf die Achsel schlug, redete er eindringlich auf ihn ein. Es war ein langer Vortrag, aber Wilms hörte nur eins heraus, und das war etwas Hoffnungsfreudiges, mitten in seiner trostlosen Nacht, ein Frührotschimmer, ein aufblitzendes Licht. – Herr Rosenblüt war über die Pfändung empört. – Der Beamte hätte gewiß das Doppelte des Werts aus der Wirtschaft gezogen, die schönsten Stücke Vieh, ohne die der Besitzer gar nicht weiter existieren konnte. Seine Entrüstung war zu ehrlich, es sprudelte nur so aus ihm. – »Was soll das heißen? – Daran verdient der Graf ja ein Heidengeld? – Die besten Tiere – Kunststück. – Wilms, wissen Sie was? Ich zahle Ihnen die 3600 Mark, und Sie stellen mir dafür die gepfändeten Stücke beiseite. Und wenn Sie in acht Tagen die Summe nicht an mich zurückerstatten können, dann, nun dann gehört alles mir. – Das ist ’ne Spekulation. – Ich bin ein Geschäftsmann – das ist ’n Geschäft – wollen Sie?« »Ja, ja.« O, es war ja dem Verschmachtenden, als hätte ihm eine freundliche Hand einen Trunk kalten Wassers nach staubiger Wanderung gereicht. Er fühlte förmlich, wie ihn etwas erfrischend, wohlig durchrieselte. Langsam stand er auf und reckte sich. – Acht Tage Zeit – noch eine ganze Woche? – Ja, bis dahin mußte ja Rettung kommen, irgend woher, gleichviel, jedenfalls war vorläufig die entsetzlichste Last von seiner Seele gewälzt. Tief atmete er auf, seine Brust hob und senkte sich rasch. »Ja, alter Freund, natürlich, ich nehme es an, mit tausend Freuden, geben Sie her.« Der Händler jedoch hielt noch einen Augenblick mißtrauisch inne. »Herr Wilms, nehmen Sie mir’s nicht übel, ich habe noch eine Bedingung.« »Ach wohl wegen der Zinsen?« »Bewahre – das wird sich schon finden, versteht sich, Zinsen auch. Nein, es betrifft etwas anderes, aber das sag’ ich Ihnen später. Jetzt gehen Sie raus, und machen Sie Ihre Sache mit dem Blutsauger da draußen ab. – Vorwärts.« Damit zählte er eine Anzahl Kassenscheine auf den Tisch. Wilms griff danach und schritt ohne ein weiteres Wort auf den Hof hinaus, wo der Vollzugsbeamte in dem Viehstall sein Werk gerade beendet hatte. In wenigen Minuten hielt der Überraschte die fragliche Summe in der Hand, schrieb noch im Stehen eine Quittung, schüttelte Wilms die Hand, sprang auf seinen Wagen und rasselte vom Hof herunter. Das Werk eines Augenblicks, es war alles wie ein verfließender, böser Traum. Wilms und Rosenblüt standen unter dem morschen Tor und blickten dem entschwindenden Gefährt nach. Als es jedoch hinter dem Tannenschlag in einer Senkung der Chaussee untergetaucht war, pflanzte sich der Händler vor seinem ernsten Geschäftsfreund auf, steckte die eine Hand in die Tasche und klapperte mit seinem Stock an den Stangen des Zaunes hin und her. »Hören Sie mal, alter Freund,« begann er endlich unruhig und spie vor sich hin. »Jetzt will ich Ihnen auch sagen, was ich von Ihnen verlange. Wenn ich um mein Geld unbesorgt sein soll, dann müssen Sie sich wieder ausschließlich um Ihre Wirtschaft kümmern. – Und das können Sie nur, wenn Sie sich bei Ihrer Frau eine Vertretung anschaffen. ’ne Pflegerin, oder so was Ähnliches. Es gibt ja Krankenschwestern genug. Auch kann ich mich ja mal in Grimmen danach umsehen.« Wilms strich mit der Hand über die Stirn. Das, was er eben vernommen, klang wie eine eherne Anklage in ihm fort. »Ja, ja,« murmelte er halb für sich, »ich habe ja auch schon daran gedacht – aber es geht doch nicht.« »Geht nicht?« Herr Rosenblüt fing an, sich zu ärgern. »Ja, warum denn nicht?« »Weil meine Frau keine Fremde im Hause dulden will. – Ich muß ihr den Willen tun, dem armen, gequälten Weib.« »Zum Teufel, dann lassen Sie doch eine Verwandte kommen. – Und ja – hören Sie mal« – Der Redende richtete sich plötzlich auf und schlug dem Hofbesitzer energisch auf die Schulter – »Donnerwetter, da fällt mir etwas ein. Wilms, Ihre kleine Schwägerin ist ja vor ein paar Tagen aus Stralsund zurückgekommen. Ich sah sie gerade aus dem Wagen steigen, als sie in das Haus Ihres Schwiegervaters ging. Ein strammes Ding, so groß« – Herr Rosenblüt zeigte eine gigantische Höhe – »die nehmen Sie sich – die wird hier schon Ordnung schaffen. Na, und wenn Sie wollen, will ich selbst in Grimmen mit dem Alten ein paar Worte reden. – Na also?« Wilms war gepackt. Fest starrte er den Händler mit seinen überbuschten, blauen Augen an und sann nach. Zwar kannte er die jüngere Schwester seiner Frau kaum. Als er damals um Else freite, war die kleine Hedwig ein sechzehnjähriges, schweigsames scheues Mädchen gewesen, dem er nicht viel Beachtung geschenkt hatte. Ja, er besann sich, daß ihr eigentümlich lauerndes, verschlossenes Wesen ihn manchmal verdrossen, aber doch – – der praktische Händler hatte offenbar das Rechte getroffen. Gegen ihre Schwester konnte Else nichts einwenden. Und vor allen Dingen: er wurde frei, frei und unbehindert für sein mühseliges Gewerbe. – Noch einen Augenblick schwankte er, noch einmal überflog er kurz das Fenster der Krankenstube, dann erklärte er dem Händler entschlossen, daß er seinen Rat befolgen würde. Noch heute sollte ein Brief an den Schwiegervater des Landmanns, den alten Rendanten Schröder zu Grimmen, abgehen. »Bravo! – ein Mann ein Wort, Herr Wilms,« mahnte der Kaufmann dringend, als er seinen harrenden Wagen bestieg, »nicht wahr?« Der Angeredete nickte mit dem gewaltigen Haupt: »Seien Sie unbesorgt, Herr Rosenblüt.« »Und wenn ich wiederkomm’, sieht es hier anders aus,« rief der Scheidende zurück, dann ein Händedruck, und auch der zweite Wagen rollte davon. Wilms aber stand mitten auf der Landstraße und sah ihm nach. Eine seltsame, beklommene Freudigkeit befiel ihn. Und langsam und sinnend schritt er in sein Haus zurück. IV. Es war an einem Sonntag. Der Regen hatte aufgehört. Ein frischer Wind fuhr über die herbstlichen Felder. Weit und mächtig spannte sich der blaue Himmel aus, und über Baum und Strauch, Weg und Steg lag heller Sonnenschein. Von der Stationsuhr des winzigen Sekundärbahnhofs von Boltenhagen schlug es elf. – Um diese Stunde mußte Wilms’ junge Schwägerin eintreffen. Hinter dem Bretterverschlag, welcher den Warteraum vorstellte, obwohl er vollständig unbedeckt war und mitten auf freiem Felde lag, hielt der Pächter bereits seit einer Viertelstunde mit einem bequemen Korbwagen und blickte nachdenklich auf die glänzenden Schienen, die im Sonnenlichte gleißten und funkelten. Er dachte daran, ob ihm auf dem eisernen Wege wohl etwas Gutes entgegen rollen würde? Ob er in Hedwig jene Stütze und Hilfe finden könnte, die er suchte? – Merkwürdig, so oft er an das Mädchen dachte, befiel ihn wieder dasselbe unangenehme Gefühl, das sie ihm als Kind bereits eingeflößt. – – Aber sie konnte sich doch in der Zwischenzeit geändert haben. Zwei Jahre bewirkten ja viel, und sie hatte gewiß in der Stralsunder Pension sich außerordentlich vervollkommnet. Natürlich, es war lächerlich, immerfort an dieser instinktiven Abneigung herumzugrübeln. Nein, er wollte – – – Ein eleganter Jagdwagen fuhr in diesem Augenblick vor und schreckte den Landmann aus seinen Betrachtungen auf. Gravitätisch stieg der Kutscher in einer reichen, silberüberladenen Livree vom Bock, und Wilms erkannte, daß sein Gutsherr Graf Brachwitz, derselbe, der so streng auf die Eintreibung des Pachtgeldes bestanden, ebenfalls einen Gast erwarten müsse. Jedoch der Landmann war nicht neugierig, der Kutscher schritt vornehm an ihm vorüber, und um dieselbe Zeit verkündete ein rasches Keuchen und Prusten das Nahen des Zuges. Mit einem Sprung war Wilms an den Schienen, die Bahnhofsglocke erklang, langsam und kreischend hielten ein paar Waggons mitten auf dem freien Felde an. Und da – aus einem Coupé sprang rasch und elastisch eine schlanke und dabei doch voll und kräftig gewachsene Mädchengestalt heraus, sah sich um, und hatte mit einem, einzigen, klaren, zielbewußten Blick den Wartenden erkannt. »Schwager.« Wilms horchte auf. Die Stimme tönte so frisch und hell, so willenskräftig, beinahe, als wenn sie das Befehlen gewohnt wäre. – Seltsam, das Mädchen war auch zweiter Klasse gefahren; das war ja eine Dame. Und als er nun endlich vor ihr stand, ihr die Hand entgegenstreckte und ein paar ungeschickte Begrüßungsworte hervorbrachte, da leuchteten ein paar große, braune Augen erst einen Moment forschend in die seinen hinauf, dann reichte sie ihm unbefangen den Mund, und mit einer gewissen peinlichen Beklemmung mußte sich der große ungeschickte Mann herabbeugen, um die roten Lippen einer ihm beinahe fremden Person zu küssen. Eine fröstelnde, unangenehme Empfindung beschlich ihn dabei. – Und diese vornehme Gestalt sollte bei ihm die Wirtschaft führen? – Rasch nahm er ihr eine kleine Handtasche ab, und wollte sie eben zu seinem Wagen geleiten, als er plötzlich von einem jungen Herrn im Jagdkostüm angesprochen wurde, der sich ihm lachend in den Weg stellte. »Halt, Herr Wilms, nicht so schnell – na, Mensch, kennen Sie Ihre alten Freunde nicht mehr?« Dabei lüftete der Jäger vor Hedwig höflich die grüne Mütze, während er sich seine Doppelflinte gewandt an einem Riemen über die Schulter warf. Wie er so dastand, bildete er den Typus eines hübschen, jungen, eleganten Aristokraten, mit seinem schwarzen Schnurrbärtchen in dem braunen Gesicht, und mit dem lässigen, kraftbewußten Wesen seiner Kaste. Hinter ihm verharrte ein Livreebedienter mit abgezogenem Hut, und an den Taschen des jungen Herrn schnupperte ein brauner Jagdhund herum. »Herr Fritz – Herr Graf« – fuhr Wilms heraus. »Ach was,« schnitt der Weidmann ab und schüttelte dem Pächter wohlwollend die Hand: »Sagen Sie, wie Sie Lust haben. Hier draußen kommt’s ja doch nicht drauf an. – Habe nämlich quittieren müssen – Papas Wunsch, verstehen Sie? Damit ich auf dem Gut vernünftig werden soll. Als wenn ich nicht schon so vernünftig wäre, daß es einen Hund jammern könnte,« setzte er hinzu und wandte sich wieder an Wilms’ Begleiterin. »Gnädiges Fräulein besinnen sich wohl nicht mehr auf mich?« fuhr er liebenswürdig fort. »Auch nicht auf den Pensionsball, wo ich das Glück hatte, mehrfach bevorzugter Tänzer zu sein – wirklich nicht? – Allerdings, wenn man so belagert wird.« Und wieder lüftete er freundlich die Mütze. – »Sind Sie denn mit Herrn Wilms bekannt, verwandt, verschwägert, oder wie ist das?« »Jawohl, ich bin die Schwägerin des Herrn,« gab das Mädchen höflich zu, und doch hörte der Landmann wieder einen kühlen abweisenden Ton heraus, der sich mehr für eine Komtesse, als für die Tochter des Rendanten Schröder aus Grimmen schickte. Auch der junge Graf starrte ihr einen Augenblick betreten ins Gesicht, dann schien er plötzlich an der Unterhaltung keinen Gefallen mehr zu finden, denn er sah sich, ohne auf das Mädchen weiter Rücksicht zu nehmen, nach seinem Bedienten um, und forderte, indem er eine Zigarre in den Mund steckte, mit undeutlichem Murmeln Feuer. »Gut – brennt schon – na, auf Wiedersehen, Wilms – (er vergaß beiläufig das ›Herr‹) habe die Ehre, mein Fräulein – heda, Hektor.« Er pfiff dem Hunde, grüßte leichthin und sprang auf den Wagen, dessen Zügel er ergriff. Hinter ihn setzte sich der Kutscher, und mit elegantem, unhörbarem Rollen flog das Gefährt davon. Da, wo die Chaussee in den Tannenschlag abbog, blickte sich der Jäger noch einmal um und spähte scharf zurück. Hedwig, die bereits neben Wilms auf dem Korbwagen Platz genommen hatte, bemerkte es, ein keckes, spöttisches Lächeln flog um ihre frischen Lippen, immer heimlich von dem Landmann beobachtet, der in sich gekehrt neben ihr saß und kutschierte. Scheu blickte er manchmal von der Seite auf sie hin. Wie kam das junge Mädchen zu solchen Bekanntschaften? – Sie schien den jungen Herrn doch besser zu kennen, als sie zugeben wollte? Und weshalb behandelte sie ihn so von oben herab? Wilms seufzte tief auf. Nein, das war nicht die Person, die er brauchte, damit sie Else pflegen und ihm selbst in der Wirtschaft helfen sollte. Sein erster instinktiver Widerwille war berechtigt gewesen. Wie sie jetzt neben ihm saß, die schlanke Figur ein wenig vornüber geneigt, die großen, braunen Augen durstig in die sonnige Ferne gerichtet, die Lippen geöffnet, als tränke sie die einströmende Luft, so war sie ihm ein zu feines, ein zu fremdes Wesen. »Mein Gott, was wird Else dazu sagen?« dachte er bekümmert. »Und was sie für einen Hut trägt, was für Handschuhe?« Heftig schlug er auf die Pferde ein, wie einer, der etwas Unangenehmes rasch zu Ende bringen will, und im scharfen Trab rollte das Gefährt dahin, ohne daß Hedwig das eingetretene Stillschweigen unterbrochen hätte. Nur einmal fragte sie beinahe gleichgültig, immer die Augen in die Weite gerichtet: »Ist Else noch so hübsch, wie sie war?« Wilms biß sich auf die Lippen, die Zügel in seiner Hand lockerten sich unwillkürlich. Hatte er recht vernommen? Ihre frische, klare Stimme tönte genau so kühl, so obenhin, so völlig uninteressiert, als hätte ihre Frage einer ganz nebensächlichen Person gegolten. Und das war die Schwester, die sich nach seinem armen gequälten Weibe erkundigte? »Ja,« fuhr er rauh heraus, »gerade noch so hübsch – genau so – – allerdings spazieren gehen kann sie nicht mehr und sich putzen.« Anklagend und beleidigt klangen die wenigen Worte, und Hedwig richtete zum erstenmal ihren Blick forschend auf ihren Schwager. Sie schien verwundert und warf ein wenig die Lippen auf. Und beinahe mit absichtlicher Herbheit setzte sie hinzu: »Die lange Krankheit hat wohl viel Geld gekostet?« Wilms schwoll der Unmut bis an die Kehle. Wie ein Wütender hieb er auf die Tiere ein, im gestreckten Galopp ging’s weiter. Die beiden sprachen nicht mehr miteinander. Im ungemütlichen Schweigen durchfuhren sie das Dorf, bis sie endlich auf dem Pachthof anlangten. Verträumt, verfallen, lautlos wie immer lag er da. Und diese Todesstille lockte Hedwig das erste Wort ab. »Merkwürdig,« murmelte sie befangen, als Wilms ihr zum Herabsteigen die Hand bot, »das hätt’ ich mir anders gedacht. Ist es hier immer so lautlos?« »Ja, mein Kind, immer. Aus Rücksicht für Else. Und dann ist auch heute Sonntag.« »Ja, so – so, so,« wiederholte sie in sich gekehrt. Wilms sah, daß sie noch einmal mit einem ihrer langen, klaren Blicke das Anwesen überflog. Dann strich sie sich über die Stirn und äußerte rasch und dringend, als ob sie dem Anblick entfliehen wollte: »Komm – gehen wir zur Schwester.« V. Der Nachmittag war im Verdämmern. Auf dem Hof webten bereits graue Schatten und krochen an den Wänden der Scheunen empor, aber in dem Krankenzimmer brannte eine große schöne Stehlampe, ein Hochzeitsgeschenk, das noch nie benutzt war, und das jetzt eine strahlende, gemütliche Helle verbreitete. »Hier muß es doppelt licht sein,« hatte die jüngere Schwester gemeint und dann die Staatslampe einfach von der Glasservante heruntergenommen und sie instand gesetzt. Still und zufrieden lag die Kranke jetzt in ihrem Bett und sah mit blinzelnden Augen in die Lichtstrahlen hinein, während sie die Hand der Schwester, die neben dem Lager saß, mit ihren schmalen Fingern fest umspannt hielt. In der Mitte der Stube, vor dem großen Tisch, hatte Wilms Platz genommen und beugte sich eifrig über ein Wirtschaftsbuch, das seit vielen Monaten vernachlässigt war. Nur langsam und schwerfällig vermochte der große Mann zu rechnen, aber es tat ihm schon unsäglich wohl, endlich einmal Klarheit in seine Verhältnisse bringen zu können. So mühte er sich fort, und nur von Zeit zu Zeit hob er das Haupt und lauschte zu den beiden Frauen hinüber. Dort drüben las Hedwig der Kranken vor. Seltsam, nicht aus der Bibel. Die neue Pflegerin hatte sofort erklärt, es sei nicht zweckmäßig, einer Leidenden etwas vorzutragen, was diese beinahe auswendig wisse und zudem auch ihre Gedanken stets auf Tod und Vergänglichkeit hinweise. – Nein, etwas Neues, Heitres müsse gewählt werden, und sofort war sie in ihr Dachstübchen hinaufgeeilt, um das Versprochene zu bringen. – Als sie nach einiger Zeit zurückkehrte, hatte sie auch die Kleidung gewechselt. – Ein schwarzes Gewand legte sich einfach und straff um den schlanken Körper und ließ sie noch kräftiger und selbstbewußter als bisher erscheinen. Lächelnd setzte sie sich an das Lager und begann vorzulesen. Es war die von einem modernen, schwedischen Satyriker verfaßte Geschichte eines jungen Mädchens, das mit zwei Liebhabern zugleich tändelt, um schließlich eine Geldheirat einzugehen, in die sie als einzige Aussteuer die beiden Verlassenen als Hausfreunde mit hineinbringt. Else verstand die Anspielungen wohl nicht recht. – Sie hatte sich in ihren Kissen aufgerichtet und folgte den feinen Spöttereien mit befriedigter Verwunderung. Zuweilen huschte sogar ein schwaches Lächeln über ihr blasses Gesicht. Wie lange hatte Wilms solch ein freundliches Zeichen herbeigesehnt, und jetzt schien die Ärmste ihr Leiden beinahe vergessen zu haben. Unwillkürlich verfing sich auch der Landmann in den liebenswürdigen Worten, die von Hedwigs Lippen so frisch und hell hinabströmten. Er stützte das Haupt und sah aufmerksam zu ihr hinüber. – Und doch – während er mit Behagen auf ihren lebendigen Vortrag hörte, nagte sich leise wieder jene unerklärliche Abneigung gegen das Mädchen in sein ehrliches Gemüt hinein, die er nicht bannen konnte, die ihn förmlich verfolgte. Schon wie sie dasaß, tief in ihren Stuhl zurückgelehnt, daß alle Formen des jugendfrischen Leibes einen Kampf gegen das einengende Gewand führten, so ungebunden, so ohne Rücksicht auf ihn, als ob er gar nicht vorhanden wäre, den Kopf zur Seite geneigt und auf ihren Zügen all jenen wechselnden, prickelnden Spott, wie wenn sich auf dem feinen Gesicht der Inhalt des Buches wiederspiegele, – das gehörte alles nicht hierher, nicht in die pommersche Krankenstube hinein, das war etwas Unreines, Unerträgliches. – Und jetzt empfand er auch, wie frech und unpassend das war, was sie las. Die Röte stieg ihm in die Stirn. Schwerfällig erhob er sich, ging mehrmals im Zimmer auf und ab, und räusperte sich endlich stark: »Wollen wir jetzt nicht mit Lesen aufhören?« Und da geschah das Unerwartete. »Nein,« – Else fröstelte und schüttelte unwillig den Kopf: »Du mußt auch immer stören,« beklagte sie sich. – »Laß uns doch unser Vergnügen. Ich bin ja so froh, daß ich endlich ein wenig Abwechslung finde.« – Und wieder drückte sie der Schwester die Hand. Das auch noch. Etwas Unverständliches murmelte der Pächter vor sich hin, heftig wollte er erwidern, aber die Gewohnheit, sein Weib unter allen Umständen zu schonen, war stärker. Mühsam bezwang er den aufsteigenden Zorn und verließ mit starken Schritten das Zimmer. Als er die Tür schloß, hörte er das Mädchen wieder laut und fröhlich weiterlesen. Ein paar Stunden lief er draußen in der Dunkelheit umher, immer die gerade Chaussee entlang, und suchte seinen Unmut abzuschütteln. Gleich am ersten Tage brachte sie ihm Unruhe und Unfrieden ins Haus. Er hatte es ja voraus gewußt. – Das Mädchen paßte eben nicht in den beschränkten Kreis. Ob es nicht das beste wäre, sie wieder zum Gehen zu veranlassen? – Er seufzte – – das durfte man leider nicht wagen. – Und dann, wie gleichgültig und verächtlich sie ihn selbst behandelte. Das Achselzucken und das über ihn Fortsprechen. Er galt dem Fräulein eben nur als »Bauer«. »Ha – ha!« Unvermittelt blieb der Pächter stehen und atmete tief auf. – Ihn bedrückten ja ganz andere Sorgen, als dieses fremde Mädchen. Wie konnte er es nur einen Augenblick vergessen? Die Schuldenlast – die entsetzliche Schuld. Acht Tage Frist hatte er, in dieser Zeit mußte er 1200 Taler schaffen, sonst gehörte sein ganzes Inventar dem Juden. Aber woher? – woher? Laut stöhnte er auf, und so heftig packte ihn wieder die Verzweiflung, daß er eine Pappel der Chaussee umklammerte und den starken Stamm schüttelte und stieß, bis eine Wolke dürrer Blätter auf ihn herunter raschelte. Ein kalter Nachtwind strich durch die Zweige, alles war dunkel und still. Nur die raschen Blätter dort oben begannen wieder durcheinander zu rauschen. War das nicht, als ob ein Mensch spräche? Hedwigs Stimme – deutlich vernahm er sie wieder in der Höhe lesen, lachen und kichern. Der Einsame zuckte zusammen und horchte um sich. – Ja, es war etwas krank in ihm, es schmerzte ihn in der Brust. Und blitzartig durchfuhr ihn das Bewußtsein, daß die kranke Frau zu Hause, die er so leidenschaftlich, so tief, so gramerfüllt liebte, ihn zum Schwächling gemacht, daß dieses blasse, abgezehrte Weib seine Kraft gestohlen, daß es täglich sein Blut aussauge, um davon selbst das Dasein zu fristen, genau wie jener gespenstische Vogel, von dem er als Knabe gelernt, daß er den Verfallenen die Adern aufbeiße. »Gott schütz’ mich – Elsing – Elsing, was ist mir nur?« stammelte Wilms und wischte sich den Angstschweiß von der Stirn – »nach Hause – nach Hause.« Er lief, er stürmte dahin, bis er mit keuchender Brust den öden, schlummernden Hof erreicht hatte. Auf den Zehen schlich er dann durch den Flur und öffnete geräuschlos das Zimmer. Ein Nachtlicht brannte auf dem Tisch. Aus dem Halbdunkel, aus dem die unruhigen Atemzüge der Kranken herauszitterten, erhob sich eine schlanke Gestalt und kam unhörbar auf den Eindringling zu. Jetzt stand Hedwig vor ihm. Sie legte die Finger auf die Lippen und raunte kurz: »Sie schläft – ich werde heute bei ihr wachen.« »Du?« »Ja.« »Du? Nein, das – das will ich nicht.« Das Mädchen beugte sich plötzlich vor, daß er ihren Atem fühlte. »Und warum nicht?« Trotz der Dunkelheit trafen sich ihre Blicke und blieben erstaunt und fragend aneinander hängen. Da rollte die Uhr; die Liegende regte sich, und dann – Wilms trat zurück und murmelte müde: »Meinetwegen.« Damit schloß er die Tür, um sich draußen leise über die knarrende Treppe nach jener Kammer unter dem Strohdach zurechtzutasten, wo er schon oft genächtigt hatte. Und so gleichgültig und abgespannt fühlte er sich, daß er sich selbst gar nicht die Frage vorlegte, warum er dem Mädchen nachgegeben. Oben in der kahlen, weißgetünchten Stube entkleidete er sich schnell, und bald lag er ausgestreckt in dem hohen Bett, ohne jedoch die ersehnte Ruhe finden zu können. Die niedrige Decke drückte ihn beinahe auf den Kopf, und immer wieder hob er das Haupt und lauschte auf das Ächzen und Pfeifen des Windes, der klagend über das Dach strich. Es klang ebenfalls wie das Stöhnen eines gefolterten, riesenhaften Leibes. VI. Die zehnte Stunde des Vormittags war bereits angebrochen, als Hedwig in die Stube trat, die sie kurz vorher verlassen, ein modernes Hütchen auf dem braunen Haar, und über der Taille ein elegantes, offenes Jackett, das ihren vollendeten Wuchs erst recht hervorhob. Sie streifte sich Handschuhe auf und spähte dabei aufmerksam zum Fenster hinaus, wie nach dem Stand des Wetters. »Du willst fort?« forschte die Kranke mit leisem Vorwurf, während eine Wolke über ihre Stirn flog, denn die Bedauernswerte hatte bereits die feste Überzeugung gewonnen, daß sie sich in Gegenwart ihrer Schwester wohler befinde. »Ja,« versetzte die Jüngere aufatmend und ohne die verborgene Rüge sonderlich zu beachten: »Es ist heute so frisch draußen – wirklich prachtvoll – überall ziehen Sommerfäden – sieh nur – und hier drinnen –« sie vollendete nicht, sondern setzte rasch hinzu: »Ich bin das Wachen doch wohl noch nicht so recht gewohnt – und dir geht es ja heute besser – da will ich einmal einen Gang durch eure Wirtschaft machen. In einer Stunde bin ich wieder zurück.« »Aber Hedwig, wenn ich so allein –« »Ich bringe dir auch was Schönes mit,« schnitt die andere lächelnd ab und war im nächsten Augenblick verschwunden. Seufzend richtete sich die Verlassene auf und blickte sehnsüchtig durch die Fensterscheiben der schlanken Mädchengestalt nach, die draußen bereits ohne sonderliche Eile mit leichten kräftigen Bewegungen über den Hof schritt. »Wer doch auch so –,« flüsterte die Kranke endlich, »einmal noch, nur einmal – –« Krampfhaft faltete sie die Hände, und ihre Seele hob sich wieder in jenem einen brünstigen Gebete zu Gott. Unterdessen hatte Hedwig den Hof durchmessen. Wer sie so sah, mit dem eleganten, dünnen Sonnenschirm in der Hand, und ihrer modernen Kleidung, der hätte kaum geglaubt, daß den braunen, blitzenden Augen dieser jungen Dame nicht der kleinste Schaden im Strohdach einer Scheune entging. Sie bemerkte alles. Auch für das Geringfügigste in diesem schweigenden Gehöft schien sie ein Interesse zu empfinden. Vor dem offnen Kuhstall, aus dem ein warmer Dunst herausschlug, hockte auf einem Prellstein ein alter, verwitterter Mann, ein greises, dürres, zahnloses Menschenkind, das kopfwackelnd dasaß und sich zu sonnen schien. Neben ihm, auf dem Holzpantoffel des Alten stand ein zerzauster Rabe auf einem Bein und war gleichfalls in den allgemeinen bleiernen Schlaf versunken, der wie verwunschen die gesamte kleine Besitzung umfangen hielt. »Alterchen,« rief Hedwig, als sie ihn erreicht hatte, und stampfte leicht mit ihrem Schirm auf den Boden: »Warum sieht der Hof so schmutzig aus?« »He?« grunzte der Alte und hob nach Art der Schwerhörigen das Ohr. Dabei blinzelten seine erloschenen, blöden Augen in das frische, blühende Mädchengesicht empor, und der zahnlose Mund begann zu kauen. Das junge, kräftige Leben da vor ihm gefiel ihm augenscheinlich nicht. Auch redete sie ihn mit zu wenig Hochachtung an, denn der alte Krischan aß schon seit Menschengedenken auf dem Hof das Gnadenbrot und stand außerdem im Rufe dunkler lichtscheuer Künste. Der Rabe galt dabei als eine Art dienender böser Geist oder mindestens doch als Bundesgenosse zu allerlei schwarzen Taten. »Schnell – nehmt einen Besen und fegt einmal ordentlich aus,« rief plötzlich das schöne Mädchen dringend dazwischen. Ihr war es, als könnte man damit alles Häßliche und Kranke, was sie hier vorgefunden, mit starker Hand hinauskehren. Der Alte regte sich nicht. Sie stieß ihn an. Da zog ein leises Grinsen über das verrunzelte Gesicht, der Mund hob an zu schmunzeln, und ohne sich von der Stelle zu rühren, keuchte er heiser zur Antwort: »Arbeiten? – ne, vörbi – all lang vörbi – ne, ne, min Döchting, wenn Sei hier wat utkihren willen, denn mötens sülwst dauhn.« »Und Sie, was treiben Sie hier?« rief Hedwig scharf dagegen. Durch ihren Körper zuckte es. Die schlaffe Faulheit des Alten empörte sie. »Ick? – ick töw [Fußnote: warte] ups Starwen.« »Aufs Sterben?« Unwillkürlich erblaßte die Angreiferin und trat zurück. Der Alte warf ihr einen schielenden bösen Blick nach, und der Rabe erhob sich plötzlich und schlug krächzend und hackend mit den Flügeln nach ihr. Es war, als ob sich die alte Zeit in diesem Gehöft gegen sie wehren wollte. Allein der neue Ankömmling war nicht von der Art, sich von derlei unklaren Vorstellungen lange beeinflussen zu lassen. Stolz hob sie das Haupt und ließ kühl die Worte fallen: »Ich werde mit meinem Schwager über Sie sprechen.« Im nächsten Augenblick wandte sie sich und eilte grußlos auf die Landstraße hinaus. Wie frisch und hell war es hier draußen. Über ihr das unendliche, leuchtende Blau, vor ihr Felder und Äcker, grüne und braune Flächen, die einen noch im reifen Schmuck der Spätsaat, die andern bereits wieder umgepflügt, dazwischen kleine, helle Wässerchen, wie Silberbänder auf einem bunten Tuch, Duft und Dämmer und blauneblige Wälder in der Ferne, und über alles hinweg der über den Boden flüsternde Frühwind, der einen kräftigen Erdgeruch mit sich führte. Hedwig sog ihn tief ein. Der kleine Zwischenfall mit dem Alten war bereits vergessen. Hurtig setzte sie über den Graben der Landstraße und schlug den ersten besten Feldweg ein, der quer über ein Stoppelfeld führte, auf welchem in unsicherer Weite ein paar dunkle Punkte auf und ab schwankten. Wie einsam es hier überall war. Nur eine Schar Krähen hüpfte auf dem abgemähten Boden umher, und bei einer Biegung sah sie auf einem wilden Dornbusch einen zierlichen, bunten Stieglitz sitzen, der im Sonnenschein sein kräftiges Liedchen sang. Sonst webte über allem eine heilige wohltuende Ruhe. Hedwig blieb stehen und ließ ihren Blick weit umherschweifen. Also hier sollte sie fortan ihre Tage verbringen? So allein, so ausgesetzt unter fremden Menschen? Denn ihr herber Verstand sagte ihr, daß auch Else ihr eine Fremde bleiben würde, eine Bedauernswerte, für die sie sich höchstens ein unangenehmes Gefühl des Mitleids würde abzwingen können. Und die lautlose Einsamkeit fing an, sie zu bedrücken. Wie etwas Schattenhaftes flog es über die Heide, kam auf sie zu und quälte und ängstigte sie. Sie dachte an ihren letzten Aufenthalt in der Stralsunder Pension und zusammenzuckend empfand sie wieder jenes eine Ereignis, vor dem ihr bisheriges Leben zusammengebrochen war, jene eine entsetzliche Stunde, an der alle ihre Gedanken sich festgesogen hatten, so fest, daß ihr Körper eigentlich halb träumend herumwandelte, beinahe getrennt von einer leitenden Seele. Und sie fühlte wieder, daß sie etwas in ihrem Leben vergessen müßte, und daß diese weite Ödnis ringsumher vielleicht jene stumpfe Ergebenheit in ihr erzeugen könnte, nach der sie sich sehnte. Und merkwürdig. – Noch sann sie diesen dunklen fernen Traum, da erweckte sie etwas. – Ein flüchtender Hase streifte ihren Weg, fuhr vor ihr zurück und setzte dann seitwärts über das Feld. Das Mädchen lachte plötzlich hell auf. Das frische, selbstbewußte Lachen eines kräftigen Menschen. Was brauchte sie sich in solchen Hirngespinsten zu verfangen? Es war ja alles vorüber, bald überhaupt nicht mehr gewesen, nur eine seltsame verflatternde Erinnerung. Erhobenen Hauptes eilte sie weiter; ab und zu schlug sie mit dem Sonnenschirm spielend an die den Weg begrenzenden Büsche, und dann verweilte sie wieder, um sich von dem säuselnden Wind die Wangen kühlen zu lassen. So war sie in einen Hohlweg geraten. Fast in Manneshöhe über ihr erhob sich zu beiden Seiten das Feld. An den Abhängen blühten noch wilde Rosen, ganze rotbraune Bündel von Erika sproßten dort empor, und hier und da nickten violette Glockenblumen dazwischen. Gedankenlos pflückte das Mädchen einen Strauß, vielleicht für die eigene Brust bestimmt, vielleicht für Else, da hörte sie unvermutet hoch über sich Stimmen laut werden und einen Wortwechsel sich entspinnen. Und jetzt erkannte sie auch, wer dort sprach. Es war Wilms, den seine Tagelöhner um eine rückständige Schuld zu mahnen schienen. Vier bis fünf Männer redeten dort oben durcheinander. »Leute, ich hab’ euch doch gegeben, was ich hatte – nun geduldet euch noch die paar Tage – ihr wißt ja, was ich inzwischen selbst alles durchmachen mußte – eine kleine Weile, dann ist ja alles wieder ins gleiche gebracht. – Nicht wahr?« »Ja Herr, wir haben ja auch Vertrauen zu Sie, aber bei uns zu Haus sieht’s auch man mager aus.« »I ne wir wollen Ihnen nicht drängen ne – dat tun wir nich –« »Ne Herr Wilms, Sie sind ja auch immer gut zu uns gewesen, und werden’s woll jetzt allein nich so haben, – bloß Frau und Kinners –« »Man kann sie doch nich hungern lassen, Herr.« Einen Augenblick trat Stille ein. Die Männer schienen stehen geblieben zu sein, und die Lauscherin vernahm wieder, wie der Wind durch das Heidekraut strich. Dann sagte der Pächter mit seiner tiefen treuherzigen Stimme: »Kommt morgen abend zu mir, Leute, dann sollt ihr bestimmt euer Geld bekommen – so oder so.« Und in festerem Tone setzte er hinzu: »Und jetzt geht wieder an eure Arbeit.« »Na, dann bedanken wir uns auch vielmals, Herr. Adjüs!« »Guten Morgen.« Man hörte, wie sich die Tagelöhner entfernten, und etwas später bemerkte Hedwig, daß schwere Tritte den Hohlweg herabknirschten. Jetzt mußte er kommen. Unwillkürlich trat das Mädchen hinter den Dornenbusch zurück, als wollte sie den Nahenden ungestört vorüberlassen. Auch der Pächter hatte keine Ahnung von der Nähe eines fremden Wesens, das ihn und seine Qual erforschen könnte, sonst würde er sicherlich schnell vorübergeschritten sein; so aber hielt er an der tiefsten Stelle des Weges an, senkte den Kopf auf die Brust und preßte mit einer müden, schlaffen Bewegung die Hand gegen die Stirn. Es lag soviel Müdigkeit darin, soviel verschlossenes Weh. Jedoch kein Stöhnen quoll über die geschlossenen Lippen, lautlos, ohne Wort verharrte die große Gestalt, es war ein Trauern, das man mit sich und mit Gott allein abmacht, versteckt und geschützt durch die Einsamkeit. Kein fremdes Auge darf dergleichen erspähen. Mit ihren kühlen, scharfen Blicken hatte Wilms’ Schwägerin dies alles erfaßt, nun sah sie, wie sich der Pächter die graue Forstjoppe strammer zog, die Inspektormütze zurechtrückte und festen Schrittes weiterging. Gott sei Dank. Es war auch besser so. Bald mußte er verschwunden sein. Und doch – ihr Geschick zwang sie plötzlich, sich fast gegen ihren Willen in das Schicksal dieses Mannes einzumischen. Schon hatte er die höher gelegene Ebene erreicht. Ein Stein löste sich von der Böschung, wo das Mädchen stand, und rollte mit Gepolter in den Hohlweg hinab. Wilms wandte sich ruckartig zurück. Täuschte er sich denn nicht? Das junge, elegant gekleidete Weib dort unten war wirklich – ja es war Hedwig, sie mußte ihn schon früher überrascht haben. Die Züge des Pächters verzerrten sich, etwas Brutales stieg in ihnen auf, und die Äderchen in seinen Augen wurden blutig. »Wie kommst du dorthin?« »Ich?« – sie schlenkerte nachlässig den Schirm und kam näher – »ich ging ein bißchen spazieren.« »Warum bliebst du denn nicht bei Else?« »Weil ich es nicht länger aushielt – das Wachen, glaube ich, hat mich zu sehr angestrengt.« Wilms brach los: »Und nun gehst du hier so – so – was machst du denn eigentlich hier?« Er hatte sich vorgebeugt, seine Lippen bebten. Aber in dem Mädchen war plötzlich etwas geweckt, etwas vor dem sie sich selbst graute, und an das sie vorhin so stark gedacht hatte. Ganz nahe trat sie an den aufgeregten Mann heran und warf ihm einen einzigen Blick zu: »Ich sagte ja, ich gehe spazieren,« kam es scharf und trotzig hervor. Ihre Fäuste in dem zarten Glacéleder ballten sich, ihr Körper zuckte. Im Moment glich sie einer Katze, die sich zum Sprung anschickt. Aus ihren blitzenden Augen leuchtete die Lust, mit ihrem Bedränger zu ringen. Brust an Brust. Um irgend etwas Unerkanntes – Kostbares – um sich selbst. Das alles war dem rohen, gutmütigen Bauer so neu, so unfaßbar, daß er das im Zorn bebende Geschöpf vor ihm minutenlang kopfschüttelnd anstarrte. »Was willst du eigentlich von mir?« murmelte er endlich verständnislos. »Ich?« Sie erwachte plötzlich wie aus einem wohltuenden Traume und eine brennende Röte jagte über ihre Züge. Beide starrten sich noch immer, wie aus allen Himmeln gefallen, an. Langsam ließ das Mädchen den erhobenen Schirm niedergleiten und richtete sich straff auf. Ein verächtlicher Zug flog um ihre frischen Lippen. Es war wohl ihr Schicksal, überall mit den Männern im wirklichen, körperlichen Kampfe streiten zu müssen. Dieser da schien ihr wenigstens nicht gefährlich. »Ich wollte einmal mit dir über deine Verhältnisse sprechen,« begann sie kurz und herb. Er stand so groß und kräftig, und doch so ungeschickt vor ihr. O, wie sie es reizte, diesen ungebärdigen Riesen ihre Macht fühlen zu lassen. »Über meine Verhältnisse?« wiederholte der Pächter, kalter Schweiß trat ihm auf die Stirn. »Da hast du also vorhin alles mit angehört, wirklich alles?« »Ja, ich weiß, daß du dich in Geldverlegenheit befindest.« Eine Sekunde noch dauerte das peinliche Schweigen, die Brust des Mannes hob und senkte sich, als wollte sie etwas von sich abwälzen, den Kopf schob er stierartig vor, die Zähne knirschten mechanisch übereinander. Dann stürzte es aus ihm heraus. »Und du – – was hast du dich da rein zu mischen, du freche Dirn? – – – Was geht dich das alles überhaupt an? Nein, nein, du mußt fort, – aus dem Haus – heute noch.« Schrie und brüllte er dem Mädchen wirklich all diese Schmähungen ins Gesicht? Nein, ach nein, matt und schmerzhaft stachen ihm die Worte nur durchs Gehirn, über die halbgeöffneten Lippen aber quoll dumpf und heiser: »Was geht dich das an? – Was soll das alles? Wozu drängst du dich in meine Angelegenheiten? Was?« »Wozu? – Weil ich mir Klarheit über die Menschen verschaffen will, bei denen ich von jetzt an leben soll.« »Willst – du denn wirklich bei uns bleiben? – Hedwig – aber – aber du – du paßt ja gar nicht hierher, du taugst nicht in so viel Traurigkeit – du solltest lieber wieder gehen.« Unwillkürlich hatten beide den Weg von neuem aufgenommen und schritten nebeneinander über die leere Heide. Der Mann in sich zusammengesunken, das Mädchen schlank aufgerichtet und geschmeidig, von Zeit zu Zeit einen prüfenden Blick auf den Begleiter heftend. Und wieder sagte er eindringlich vor sich hin: »Ja, ja, du solltest gehen.« Da faßte Hedwig seinen Arm und legte den ihrigen hinein. Es waren die Bewegung und die Manier, wie sie sie drüben in der aristokratischen Tanzstunde in der alten Hansastadt gelernt hatte. Stirnrunzelnd ließ es Wilms geschehen, innerlich jedoch empörte ihn dies elegante Gebaren, obgleich es sich leicht und anmutig genug ausnahm. »Schwager, hast du eigentlich etwas gegen mich?« fragte sie plötzlich und ließ ihre klugen braunen Augen fest auf ihm ruhen. Ihr Arm drückte noch gegen den seinen, so daß sie sein Erschrecken merken mußte. Den ehrlichen Mann brachte die Lüge, die nun gebraucht werden sollte, in gänzliche Verwirrung. »Ich – nein, – was denkst du, – ich habe nichts gegen dich.« »Und Else?« »Meine arme Frau wohl auch nichts – bloß –« Er stockte und über seine offnen Züge breitete sich wieder jene große Verlegenheit. »Bloß – nun also?« »Nun, du bist uns wohl nur zu sehr überlegen« – stammelte er. »Du hast soviel Bildung genossen – drüben in der feinen Pension – Else und ich, wir sind doch nur einfache Leute. Und dann meine schmalen Einkünfte, du hast es ja selbst gehört, das wird dir doch auf die Dauer nicht gefallen.« Sie schmiegte sich an ihn, bis er fast ihre weichen Glieder fühlen konnte, und flüsterte rasch und mit einem Ausdruck der Teilnahme: »Aber ich möchte ja so gern meine Kräfte für euch einsetzen, ich bin stark, Schwager, und möchte euch gern helfen.« »Wirklich?« fuhr er auf und wandte sich voll zu ihr. »Das willst du in der Tat?« Sie nickte und sah ihn ernst an. »Und wieder ein bißchen Ruhe und Gemütlichkeit bei euch verbreiten. Das fehlt doch bei dir?« Der Pächter entgegnete nichts, aber er seufzte tief auf und schaute in sich gekehrt auf den Waldessaum, dem sie jetzt zustrebten. Hedwig aber hing sich fester an ihn und fuhr interessiert fort: »Früher warst du doch selbst gewiß viel heiterer?« »Ja früher« – wiederholte der Landmann, tief Atem holend – »früher – da mag’s wohl so gewesen sein. Damals waren wir noch guter Dinge. Da ging ich auch oft mit Else über das Feld – –« »Wie jetzt?« warf sie rasch dazwischen. Wilms ließ einen scheuen Blick über sie fortgleiten und löste seinen Arm ungeschickt von dem ihren. »Ja, mein Kind, beinahe so,« äußerte er gedrückt. Und nach einer Pause setzte er fast abfällig hinzu: »Du siehst ihr eigentlich gar nicht ähnlich.« »Nein,« bestätigte seine Begleiterin. Es klang scharf und herb. Wortlos schlugen die beiden nebeneinander den Waldpfad ein. Es war ein weitgedehntes Kieferngehölz, mit regelmäßig ausgehauenen Wegen, die schnurgerade wie schmale Chausseen den Wald durchschnitten und sich in Dämmerung zu verlieren schienen. Die Wipfel der Bäume waren in helles Sonnenlicht getaucht und wiegten sich in dem leisen Luftzug hin und her. Ein starker Harzgeruch entquoll den Stämmen. Von fern hörte man das eintönige Geräusch der fällenden Axt. Und laut und stark schrie ein Häher in der Luft. Die beiden einander so fremden Menschen waren schon weit in den einsamen, schlummernden Wald eingedrungen, da begann Hedwig unvermutet von neuem das Gespräch. Ihre Gestalt richtete sich dabei auf, die dunklen Augenbrauen hatten sich zusammengezogen, ihr ganzes Wesen schien von einem festen Entschluß beherrscht zu sein. »Wohin gehst du jetzt?« forschte sie kurz. Und gerade diesen Ton konnte der Landmann nicht vertragen. Mißmutig schüttelte er den Kopf und schien nichts vernommen zu haben. Sie blieb plötzlich stehen. Er wandte sich unwillig zurück und winkte, aber sie rührte sich nicht von der Stelle. In dem enganliegenden Jäckchen, dem modischen Hut und ihrem blühenden Gesicht darunter, nahm sie sich seltsam aus zwischen den hohen, uralten Kiefern. »Wohin du gehst, möchte ich wissen?« Und merkwürdig, ihr Blick traf so fest und ernst den seinen, sie standen sich wieder so dicht gegenüber, daß es dem Manne peinlich wurde. »Zum Förster,« gab er nach, und unwillkürlich murmelte er hinzu: »Ich will ihm Heu verkaufen.« »Du brauchst das Geld wohl für die Tagelöhner von vorhin. Nicht wahr?« Wie sie das riet. Wie praktisch das Mädchen dachte, es tat dem leidenden Manne ordentlich wohl, daß sie das Rechte getroffen. »Ja, ja,« brachte er voller Angst hervor, »wenn er es nur kaufen möchte.« Um die frischen, etwas aufgeworfenen Lippen des Mädchens glitt ein hochmütiger Zug. »Er wird schon,« entgegnete sie bestimmt, »hat er eine Frau?« »Ja, jung verheiratet.« »Gut, dann werde ich mitgehen und die Frau zu bestimmen suchen. »Ach ja, Hedwig, das wäre – sehr schön – von dir –« stotterte er mit niedergeschlagenen Augen. Ein heißes Gefühl stieg in ihm auf, etwas wie Dankbarkeit, etwas wie die Lust, sich anzuschließen an ein Wesen, das ihm helfen wollte. Und doch – große Schweißtropfen der Scham perlten ihm dabei auf der Stirn. Sie bemerkte es und bat ihn, ihr den Weg zu zeigen. Ohne Widerspruch ließ er es geschehen, daß sie ihren Arm unter den seinen legte, und eilte mit ihr dann stürmisch in ungewöhnlicher Hast vorwärts. Ihre Kleider flatterten dabei, durch ihre Wangen ebbte das Blut, er sah sie an und merkte, wie ihre Brust sich beschleunigt hob, ihr Atem strömte ihm frisch entgegen. Oh, sie war vielleicht doch die treue Gehilfin, die er suchte, die Schwester seines armen, geliebten Weibes, die ihm Trost bringen wollte. Wie jugendfrisch und kräftig sie war. »Hedwig, du fragtest vorhin – – –« »Nach deinen Verhältnissen, ja.« »Ich – ich – Hedwig – wenn ich nur Vertrauen – –« Und dann wurde die Sehnsucht, sich mitzuteilen, übermächtig. Er vergaß, wer sie war, er ergriff ihre Hand, wie die eines anderen Mannes, und mit stammelnden stockenden Worten, dann aber mit dem tiefen Gemüt dieser verschlossenen Seele offenbarte er sich, entlastete er sich von dem überschweren Druck, schüttete er all sein Weh vor dem schönen Mädchen aus. Und wahrlich, sie war schön. Denn während er sprach, hob sich ihre Gestalt, ihre Glieder schienen sich zu dehnen, üppiger zu werden, und während er von der rückständigen Pacht erzählte, von der achttägigen Frist, die ihm der Handelsmann in Grimmen gelassen, von seiner vollständigen Zerrüttung, da war es, als ob sie mit gieriger Lust all diese Mühsal auf ihre Schultern zöge, um sie fortan allein und ungebeugt zu tragen. Als Wilms geendet hatte, sah er sie an und erschrak. Ihre Augen hingen an den seinen. Im Feuer seiner Erzählung hatte er sie an sich gepreßt, als ob er sie umfangen wollte. Entsetzt, erwachend, fuhr er zurück. »Dort – dort ist das Forsthaus,« stammelte er. VII. Wieder brannte die große Staatslampe in dem weiten Wohnzimmer des Pächters. Und es war wirklich schon gemütlicher geworden. Ein eiskalter Regen hatte sich draußen eingestellt, und während man sonst in dieser Übergangszeit frierend und schauernd seine Zeit verbrachte, knisterte jetzt ein lustiges Feuer in dem mächtigen Kachelofen, und ließ von Zeit zu Zeit das wohltuende Geräusch der berstenden und knackenden Holzklötze vernehmen. Hedwig, lachend über die Beschränktheit, welche mit der Heizung kalendermäßig erst beginnen will, wenn der erste Schnee fällt, hatte selbst dem alten Kachel-Patriarchen die erste reichliche Nahrung zugeführt, und jetzt saß die Kranke in einem gewaltigen Lehnstuhl mit Decken eingehüllt davor, wärmte sich, und wartete auf die Wiederkehr von Mann und Schwester, die gemeinsam zum Pastor des großen Dorfes gewandert waren, um den Geistlichen mit Familie zu einem Besuch in das Haus des Pächters abzuholen. Auch der Förster mit seiner Frau wollte herüberkommen. Hedwig hatte darauf bestanden, denn um jeden Preis gedachte sie, Menschen und Geselligkeit in dies verödete Heim zurückzuführen. So saß die Leidende und hielt oft die Hand vor das zuckende Feuer, bis sie ihr Blut durch die Haut hindurchschimmern sah. Eine wohlige Wärme durchströmte sie. Beinahe hätte sie sich behaglich gefühlt. – Wenn sie nur nicht so verlassen und einsam geblieben wäre. Wozu mußten auch die beiden gemeinsam gehen? Hedwig allein hätte doch auch genügt. Aber Wilms hatte sie durchaus in dem Wetter nicht unbegleitet aufbrechen lassen wollen – »es schicke sich nicht,« hatte er geäußert, und nun waren sie schon über eine Stunde fort. Die Uhr schlug. Die Kranke wurde immer ungeduldiger. Mägde und Knechte kümmerten sich nicht um sie. Seit langer Zeit zum erstenmal wurde im Hause flott gearbeitet; der Pächter hatte mit Hedwigs Hilfe eine Molkerei eingerichtet. Heute war die dazu nötige Maschine aus Stralsund eingetroffen, welche ein Freund des Mädchens auf Kredit geliefert, und das Gesinde setzte sie gegenwärtig instand. Else konnte deutlich das Lachen und Schwatzen der Leute vernehmen. Nicht einmal eine Klingel war ihr zur Hand, mit der sie vielleicht hätte läuten können. Ganz verlassen – ohne jede fremde Hilfe. Sie begann sich zu ängstigen. Wilms könnte doch wirklich längst zurück sein. Das war doch rücksichtslos von ihm und namentlich ihr, der Verzärtelten, etwas völlig Ungewohntes. Leise begann sie zu stöhnen und rückte in dem Sessel hin und her – dann hielt sie wieder die Hand vor die Glut und lauschte. Draußen prasselte gleichmäßig der Regen hernieder. Man hörte förmlich die Blasen platzen – – aber plötzlich, die Kranke horchte angestrengt, ein rascher, dumpfer Hufschlag tönte dazwischen, dann kam etwas auf den Hof gesprengt – – ein Pferd wieherte hell und anhaltend – ein kurzer Stimmwechsel – – Und es wurde an die Tür geklopft. Rasch und energisch, und ehe die überraschte Frau sich noch besinnen konnte, trat ein junger Mann in Joppe und Reithosen in die Stube und machte ihr an der Schwelle eine kurze liebenswürdige Verbeugung. Die Sporen klirrten dabei hell an den hohen Stiefeln, und von der Lodenjoppe troff das Wasser herunter. »Pardon,« begann er und zog ein wenig befangen die Mütze – »ich weiß, es ist eine große Freiheit, daß ich hier gleich die ganze Landstraße mit hineinbringe. Nicht wahr? – Treffe ich Herrn Wilms wohl zu Hause?« »Nein – nein – leider« – Else machte vergebliche Anstrengungen, sich zu erheben – »mein Mann und meine Schwester sind fort – aber wer – – mit wem habe ich denn –?« Und wieder versuchte sie, sich auf den kraftlosen Füßen aufzurichten, wurde jedoch durch das höfliche und doch zwanglose Nähertreten des Reiters daran verhindert. »Oh« – meinte er gutmütig, während er bedauernd den Kopf schüttelte – »ich hörte schon, Sie seien nicht wohl, liebe Frau, und nun tut es mir doppelt leid, daß ich Sie so erschrecken muß. – Aber dieses niederträchtige Wetter draußen – Sie sehen ja, ich bin durchnäßt, wie eine Morchel – und da dacht’ ich, Herr Wilms würde mich wohl ein Stündchen bei sich aufnehmen. – Ich bin nämlich der Graf Brachwitz, der Sohn natürlich – Ihr Mann kennt mich ganz genau – vielleicht haben auch Sie schon von mir gehört – – ist’s wirklich erlaubt? Sie sind zu liebenswürdig.« Damit zog er sich den von Else angebotenen Stuhl ganz in die Nähe der Kranken, musterte sie halb teilnahmsvoll, halb verlegen und streckte dann die Hand befriedigt dem mächtigen Ofenfeuer entgegen. »Prachtvoll,« äußerte er behaglich und zog den einen mächtigen Stulpenstiefel auf das Knie herauf, wobei er sich trotzdem leicht gegen die Hausfrau verneigte: »Habe ich wirklich Ihre gütige Erlaubnis, auf Herrn Wilms zu warten, bis er wieder kommt, oder der Regen aufhört? – Oder falle ich Ihnen lästig?« »O – bewahre,« hüstelte die Kranke. Und sie sprach die Wahrheit. Der vornehme Besuch, der sie, ohne daß sie es recht empfand, so höflich und dabei doch etwas von oben herab behandelte, schmeichelte und imponierte ihr auf das äußerste. Noch nie hatte die Grafenfamilie in der Umgegend jemals Besuche abgestattet, und jetzt saß wie durch ein Wunder der junge, jugendschöne Aristokrat vor ihr und bemühte sich, ihr allerlei Artigkeiten zu sagen. Er hörte Elses Krankengeschichte geduldig an und lächelte nur ein wenig suffisant, als Else ihm mitteilte, daß sie als Mädchen stets gesund gewesen, und ihr Leiden erst in der Ehe begonnen habe. »So? – hm« – der junge Graf streichelte sich den Bart und nickte weise: »Ja, ja, verehrte Frau, das Heiraten. – Ich bin auch prinzipiell dagegen. Wenn es nur ein anderes Mittel gäbe, zu einem Majoratsherrn zu gelangen, dächte ich gar nicht daran. Ich habe überhaupt etwas Solides in meiner Natur. Nicht wahr, das sieht man mir an? – hm« – – – er schlug mit seiner Reitpeitsche, die er noch in der Hand hielt, lässig gegen ein Stuhlbein und begann sich ein wenig ungeduldig im Zimmer umzusehen. Augenscheinlich fing ihm das Tete-a-tete mit der Kranken an langweilig zu werden. »Würden der Herr Graf vielleicht irgendeine Erfrischung zu sich nehmen wollen?« »Nein – nein – bewahre – lassen Sie sich nur nicht stören – wir plaudern ja hier ganz vorzüglich. Hm – ein recht gemütliches Zimmer – ein bißchen groß – – ja – sitzen Sie oft so allein? Mir ist es doch, als wenn ich neulich eine Verwandte von Ihnen am Bahnhof getroffen hätte. Oder schon wieder abgefahren?« »Wirklich, der Herr Graf haben das bemerkt? Nein, meine Schwester Hedwig ist noch hier und wird überhaupt lange Zeit bei uns bleiben.« »So? Na da mache ich Ihnen mein Kompliment, eine außergewöhnlich hübsche junge Dame – also, Ihre Schwester? – Na ja, die Ähnlichkeit ist unverkennbar« – hier verbeugte sich der Reiter wieder mit jener verbindlichen Art, die ihn unbewußt so prächtig kleidete. – »Ein Fräulein Schröder, das sich jetzt längere Zeit in Stralsund aufhielt – nicht wahr?« »Das wissen Sie ebenfalls?« flüsterte die Kranke, sichtlich geschmeichelt. Es fiel ihr nicht auf, daß der Aristokrat seinen Kopf vom Feuer zurückwandte, in das er bisher eifrig hineingestarrt, um seine scharfen blitzenden Augen minutenlang forschend auf ihr eingefallenes, blasses Antlitz zu richten, als ob er in ihr etwas Verborgenes, Geheimnisvolles suchen wolle. – Dann aber schien er befriedigt zu sein. »Ja, ja« – fuhr er gleichgültig fort: »Wir kennen uns – oberflächlich natürlich nur, denn solch zartes Pensionsfräulein wird mit einem Offizier nicht gerne zusammengebracht – das können Sie sich doch denken.« »Ach – der Herr Graf scherzen nur –« »Durchaus nicht – man erzählt die schauderhaftesten Geschichten von mir – – na hier wird es ja auch bald losgehen und – –« Er unterbrach sich, stand auf und lauschte: »Hören Sie? – Dort draußen fährt ein Wagen über die Chaussee – zwei feste Traber übrigens, jetzt lenken sie über die Brücke – das dürften wohl Ihr Mann und Fräulein Schwester sein.« »Ja wahrscheinlich, und sie bringen Pastors gleich mit.« »So? Das kleine Pastorenfräulein hat sich gut entwickelt, seit ich es nicht mehr gesehen habe. Sehr nett. Ein bißchen blaß, englisch Teegesicht, aber man muß auch damit vorlieb nehmen.« Else rückte in ihrem Stuhl hin und her. Ein unbestimmtes Gefühl sagte ihr, daß ihr Gast einen Ton gegen sie anschlug, der sich nicht paßte. »Und die Försterfamilie kommt heute ebenfalls,« brachte sie rasch hervor, während ihre glänzenden Augen sich ungeduldig auf die Tür richteten, durch die die Erwarteten im nächsten Augenblick eintreten mußten. »Ich erhalte heute zum erstenmal Besuch, Herr Graf – seit – seit langer Zeit.« »Ach das freut mich in Ihrem Interesse wirklich ganz außerordentlich,« meinte der Reiter und schritt langsam ans Fenster, ohne auf den langen Seufzer der Kranken die geringste Rücksicht zu nehmen. »Also der Herr Förster ebenfalls mit Gemahlin,« murmelte er dabei vor sich hin, und bei sich dachte er noch: »Merkwürdig, wie mir das Herz schlägt. – Ich habe doch Angst, diesem Mädchen wieder entgegenzutreten.« * * * * * Die erste Begrüßung war vorüber. Die beiden Damen der Pastorenfamilie waren bereits auf das mächtige, schwarze Ledersofa plaziert hinter dem gewaltigen, runden Tisch und warfen von dort aus erstaunte Blicke auf den Grafen Brachwitz; der Geistliche selbst, ein kleines gebücktes, weißhaariges Männchen, das durchaus nicht zu seiner hageren, übergroßen Ehehälfte zu passen schien, sprach über Elses Stuhl gebeugt der Kranken jene Trostesworte zu, die er bei seinen häufigen Besuchen mit denselben Worten fast mechanisch wiederholte. Aber auch er zwinkerte unter seinen Brillengläsern verdutzt zu dem Reiter hinüber, als könne er sich dessen Anwesenheit nicht erklären, und Wilms stand bei seinem vornehmen Gast in der Fensternische, schüttelte ihm befangen die Hand und verwickelte ihn in allerlei landwirtschaftliche Fragen, ohne sich innerlich jedoch von der ängstlichen Vorstellung lösen zu können, was dieser Besuch wohl bedeute. So vergingen die ersten Minuten des Beisammenseins. Bis die Kranke endlich fragte: »Wo bleibt denn Hedwig?« Alle hatten das Mädchen mit hereintreten sehen, aber dann mußte sie sich gleich wieder entfernt haben. »Vielleicht ordnet sie noch in der Küche etwas an,« entschuldigte Wilms. Aber wieder mußte er auf den jungen Brachwitz sehen, der unruhig neben ihm verharrte. »So? In der Küche?« warf dieser hin. »Dann erscheint wohl bald die Aufwartung. Vermutlich ein tüchtiges Glas Glühwein bei der Nässe draußen und der famose Landschinken, den Sie hier besitzen – na ängstigen Sie sich nicht, Herr Wilms, ich drücke mich sofort, den ungebetenen Gast werden Sie los.« »Aber Sie werden uns doch die Ehre schenken und erst eine Kleinigkeit zu sich nehmen, Herr Graf,« drängte die Kranke mit schwacher Stimme von ihrem Stuhl aus. »Sie wollen mich also wirklich mit durchfüttern, verehrte Frau? – Abgemacht – dann bleibe ich. – Na, lieber Pastor, besinnen Sie sich noch, wie Sie mich konfirmiert haben? Seitdem haben wir uns selten gesehen. Fräulein Paula ist inzwischen eine Dame geworden. – Guten Abend, mein liebes Fräulein – alle Wetter, ich wage gar nicht mehr ›Du‹ zu sagen. Oder darf ich es doch noch?« So sagte der Edelmann jedem etwas Angenehmes, lachte und plauderte und hatte sich überraschend schnell die Neigung der Anwesenden gewonnen. Endlich erschien auch die Försterfamilie. Der Förster, eine herkulische Gestalt mit langem, fuchsrotem Bart, dröhnender Stimme, großer Gutmütigkeit und voller Kriegserinnerungen. Ein behäbiger Vierziger. Die Försterin, eine schlanke, üppige Erscheinung mit tiefblauen, gefährlichen Augen, einem wunderbar weißen, frischen Teint, und beständiger Neigung zur Fröhlichkeit. Ein schönes Weib, das in naiver Koketterie gefallen wollte. Man stellte die Stühle um den Tisch. Zwei Mägde deckten frisches Linnen darüber, Wilms schob den Lehnstuhl der Kranken heran und brachte auch einen Sitz für Hedwig herbei. Wo sie nur bleiben mochte? »Ist denn das Fräulein noch in der Küche?« fragte er zum Schluß eine der Mägde. »Nein, Herr, das Fräulein is oben in ihr Zimmer.« »Wilms, dann hole sie doch bitte herunter,« forderte ihn Else erregt auf und fingerte krampfhaft auf der Tischplatte herum. »Warum hält sie uns so lange auf? Ich versteh’ das gar nicht – der Herr Graf kennt sie doch auch.« »Gewiß,« unterbrach der junge Brachwitz seine Unterhaltung mit der Försterin, »und ich würde mich aufrichtig freuen, unsre flüchtige Bekanntschaft wieder anzuknüpfen.« »So geh doch,« drängte die Kranke erregt. Da ging der Landmann zögernd hinaus und stieg wieder die schmale Treppe hinan, die unter das Dach führte. Neben der Kammer, die er selbst seit der Krankheit seiner Frau bewohnte, lag das Zimmerchen, das man Hedwig eingeräumt hatte. Unsicher tastete er sich in dem dunklen Gang zurecht. Ihre Tür stand offen. Es war so seltsam still dort drinnen. Sollte sie auch hier nicht zu finden sein? Es wurde ihm so beklommen, eine peinigende Furcht bedrückte den großen Mann, das Mädchen könnte sich heimlich entfernt haben. Er sagte sich zwar gleich, daß er sie nicht vermissen würde, aber es lag hier etwas Verstecktes, Geheimnisvolles in der Luft, das ihm den Atem benahm. Fürchtete er wirklich so sehr ihre Flucht? Sein Herz klopfte, zögernd trat er näher. In dem kleinen, kahlen Raum verbreitete ein Lichtstümpfchen einige Helle. Dunkle Schatten kämpften gegen die schwachen Lichtwellen. Das Fenster stand offen. In dem Luftzug zuckte das kleine Flämmchen auf und ab. Ein Bett war zu sehen, ein eleganter Lederkoffer, ein Waschtisch, ein Schrank, zwei Rohrstühle, sonst nichts. Vor dem Fenster aber ragte die Gestalt der Bewohnerin auf. Sie mußte sich eben gewaschen, oder Haupt und Brust im Wasser gekühlt haben, denn sie umklammerte noch mit entblößten Armen das Fensterkreuz und lehnte regungslos in den kalten Regen hinaus, den man dumpf und eintönig auf den Blechbeschlag spritzen hörte. Arm und Nacken weiß und rosig, als wäre ein verwunschenes, wunderschönes Marmorbild lebendig geworden. Deutlich sah der Pächter, daß die feine Haut vor Frost schauderte, und doch gab sie sich unbeweglich der Kälte preis, als wäre ein Übermaß von Glut und Lebenstrotz in ihr. Wilms wollte zurücktreten, allein er fand sich wie festgewurzelt. O, wie unrein erschien ihm das Bild, unpassend, widerwärtig, und doch konnte er der eigenen Erstarrung kein Ende bereiten, immer mußte er hinblicken, während Haß, Abneigung, Bewunderung, und ein fernes, verabscheutes Verlangen in seinem ehrlichen Gemüt durcheinander irrten. Ja, ähnlich hatte Else ausgesehen – damals in den Stunden des Glücks – aber doch entfernt nicht so sicher, so stolz, so seltsam in ihrer Schönheit. Seine Lippen bebten. Der Frost begann ihn ebenso zu schütteln, wie das schöne Geschöpf dort drinnen. Da schlug der Wind die Tür zu. Krachend fuhr sie ins Schloß. Das ganze Haus hallte. Und Wilms taumelte auf und raffte sich empor. »Wie Else über den Knall zusammengefahren sein wird – das arme Weib,« – war sein erster, unwilliger Gedanke, – dann wartete er noch ein paar Minuten, klopfte schließlich laut an die Tür und überschritt auf ein verwundertes »Herein« die Schwelle. Hedwig nestelte noch an ihrer schwarzen Taille und machte eben die letzten Knöpfe zu. – Langsam wandte sie ihm den Rücken und fragte rasch über ihre Schulter fort. »Warum kommst du hier herauf? Geht es Else etwa wieder schlechter?« »Nein, Gottlob nicht, ich soll dich hinunterholen.« »Mich? – Ja, ich wollte mich erst ein wenig säubern nach dem schmutzigen Weg von vorhin. Du siehst ja. – Sind denn unsere Gäste schon alle versammelt?« »Ja, es sind alle da. Auch der Förster. Er will mir das Heu abkaufen, Gott sei Dank. Du hast also bei der Frau deinen Willen durchgesetzt, ich danke dir dafür, mein Kind. Und – und Herr von Brachwitz befindet sich ebenfalls unten. Du hast ihn wohl schon vorhin bemerkt?« »Ja, ich sah ihn.« »Sag’ einmal – Hedwig – gehört denn der Herr zu deinen Freunden?« »Nein.« »Also bloß solch eine flüchtige Bekanntschaft?« »Ja – nein – das heißt, ich kenne ihn näher.« »Sieh – ich will mich nicht ’rein mischen – es geht mich ja nichts an – aber – er hat dir wohl drüben den Hof gemacht? Nicht?« »Auch das.« Das Mädchen wandte sich jetzt langsam, so daß der Pächter voll in ihr eigentümlich blasses Antlitz blicken konnte, und maß ihn forschend mit ihren braunen, spähenden Augen. »Aber weshalb fragst du?« fuhr sie langsam fort, »besucht er euch denn sonst nicht?« »Nein – nie.« »Nie?« Über die Gestalt der Fragenden lief ein Zittern, die dunklen Augen in dem blassen Gesicht brannten in unterdrückter, schmerzlicher Glut. Schweigend trat sie vor einen schmalen Hängespiegel, zog ihre straff sitzende Taille zurecht und strich über ihr bräunliches, glänzendes Haar. Wilms, der ebenfalls seinen Blick auf das Glas wenden mußte, sah, wie die vollen blühenden Lippen des jungen Weibes zuckten, wie ihre weißen Zähne sich hineingruben, und sich über das ganze Antlitz wieder jener lächelnde, trotzige, wildbegehrliche Zug verbreitete, den der Pächter in seiner verständnislosen Befangenheit nicht begriff, über den er nachgrübelte, und der ihn anwiderte. »Hedwig« – – murmelte er unwillkürlich. »Ja, Schwager,« antwortete sie leise. Er schritt zur Tür und wandte sich verlegen hin und her. »Ich glaube,« stieß er heiser hervor, »er kommt deinetwegen.« Die Sprache versagte dem kräftigen Manne. Ohne daß er es wußte, packte ihn grenzenlose, tiefe Scham, daß er sich in die Herzensangelegenheiten dieses Mädchen drängen wollte, und doch – eine zehrende Neugier nagte in seiner Brust weiter, wie weit die Beziehungen der beiden wohl gediehen seien, ob überhaupt von einem innigen Gefühl gesprochen werden könnte – oder ob – das Blut stieg ihm dabei in die Stirn – ob sich etwas Unreines, Gemeines hineinmische. »Nicht wahr,« wiederholte er, »er kommt wohl deinetwegen?« »Meinetwegen?« sprach sie gedankenverloren nach. Ein Windstoß fegte plötzlich zum Fenster hinein. Klirrend warf er die Scheiben gegeneinander und blies das Lichtstümpfchen auf dem Tisch aus, so daß völlige Dunkelheit entstand. Der Pächter hörte, wie Hedwig tief aufatmete. Dann trat sie zu ihm auf die Schwelle und sagte, während sie beide aus dem finsteren Raum hinausschritten, mit ihrer gewöhnlichen Bestimmtheit: »Lassen wir doch den Grafen. – Er ist eine häßliche Erinnerung für mich, die ich gern abschütteln möchte. – Übrigens« – lachte sie leicht – »brauchst du dir dabei gar nichts Besonderes zu denken, Schwager – eine ganz alltägliche Dummheit. – –« Sie unterbrach sich und klagte über die dicke Finsternis, die Gang und Treppe einhülle. Mühsam tasteten sie sich zurecht. Beide dicht beieinander. Ihr Kleid streifte seinen Fuß und es war ihm, als wenn eine wohltuende Wärme von ihr ausströme. Da stieß sie einen leichten Schrei aus. Auf dem obersten Absatz der Treppe hatte sie fehlgetreten und griff nach dem Arm des Mannes, was er erschrocken duldete. So stiegen sie hinab. Langsam, als ob sie tiefen Gedanken nachhingen. Erst als das Öllämpchen des Flures ihre Gesichter matt erhellte, kehrte sie sich ihrem Schwager voll zu und meinte mit der alten unbeirrten Ruhe und ihrer klaren Stimme: »Es trifft sich aber doch gut, daß Herr von Brachwitz dich einmal besucht. Nach allem, was du mir gesagt hast, wird es doch notwendig sein, mit ihm über eine Herabsetzung der Pacht ernsthaft Rücksprache zu nehmen.« Das schlug Wilms wie eine schwere Keule gegen die Stirn. – »Ja, ja,« stotterte er und neigte schwerfällig den Kopf. – Seine Schuldenlast, die ganze Zerfahrenheit seiner Besitzung, die kranke Frau dort drinnen, Mißernte und die hohe Pacht – alles zusammen stürzte plötzlich wieder auf ihn ein und legte sich eisern, klammerfest um sein banges Herz. Not, Sorge, Krankheit standen wieder auf dem ziegelsteingepflasterten Flur, bereit, den Herabsteigenden zu empfangen. Dort oben in Hedwigs Kammer hatte er gar nicht an diese seine grauen Gäste gedacht. Leise stöhnend, ließ er das Mädchen an sich vorüberschreiten und folgte ihr dann schweren Trittes. Als sie das Wohnzimmer öffnete, hatten sich seine müden, schleppenden Gedanken wieder so völlig verschoben, daß er im Rücken Hedwigs mit mattem Erstaunen darüber nachdachte, wie scharf das schwarze Sammetband, das sie um den Hals gelegt hatte, von der weißen Haut seiner Schwägerin abstach. »Wie sich die beiden wohl begrüßen werden?« grübelte er noch, dann strömte ihnen die Helle des erleuchteten Zimmers entgegen. VIII. »Ha, ha, ganz ausgezeichnet – ganz ausgezeichnet« schrie der Förster Eltze, streckte seine Beine von sich und goß seiner Frau mit kühnem Schwung neuen Rheinwein ins Glas: »Hier, Annchen – stoß mit dem Herrn Grafen an – – Ihr Wohlsein, Herr Graf – ganz großartig – wahrhaftig. So was von Dressur von einem Hunde ist noch gar nicht dagewesen. – Nicht wahr, Anning, nicht wahr, Frau Pastorin? – Liebesbriefe unter das Hundehalsband zu binden, und dann von dem Köter in die Mädchenpension tragen zu lassen, ha, ha, ha, zu komische Idee, zu ko – –« Er verschluckte sich, wurde kirschrot im Gesicht und der winzige Pastor Schirmer, der neben ihm saß, mußte dem Riesen auf den Rücken klopfen: »Lieber Freund, beruhigen Sie sich doch,« fistelte der Geistliche und schickte einen unruhigen Blick zu Gattin und Tochter hinüber, von denen die letztere sich weit über den Tisch lehnte, um den keck vorgetragenen Geschichtchen des jungen Brachwitz mit heißen Wangen zu lauschen. Alle Schüchternheit des Landgänschens war verflogen. Auch die Förstersfrau folgte lächelnd den Anekdoten des jungen Aristokraten. »Mein Gott« – schoß es dem verwirrten Pastor durch das zitternde Greisenköpfchen. »Die Weiber – die Weiber – gar nicht auszustudieren – Die Förster Eltze und meine Paula, die frömmsten aus meiner Gemeinde, jeden Sonntag in der Kirche, dazu noch eine Erbauungsstunde – und nun dieses Benehmen, sobald ihnen der erste hübsche, junge Mensch über den Weg läuft.« »Ha, ha, was die Mädchen wohl für Gesichter gemacht haben mögen, als der Köter kam,« grunzte der Förster von neuem und reckte eine Faust in die Höhe. Der Landedelmann, der neben Elses Krankenstuhl saß und ihr gutmütig von Zeit zu Zeit allerlei kleine Dienste erwies, entzündete jetzt mit Erlaubnis der Hausfrau eine seiner eigenen feinen Zigarren, und warf, sich zurücklehnend, gespannt und erwartend dazwischen: »Na, lieber Eltze, das wird uns am besten Fräulein Hedwig, – Fräulein Schröder,« verbesserte er sich – »sagen können. Denn sie hat sich ja auch in dieser Pension befunden.« »Was, das ist Ihre Pension, Fräulein Hedwig?« rief Paula Schirmer lebhaft dazwischen. Und der Förster schrie schallend: »Donnerwetter, unser schönes Fräulein Hedwig war auch eine von den Kötermamsells? – Na, wie war’s denn?« »Kennen sich denn die Herrschaften schon von früher?« forschten jetzt auch gespannt die beiden verheirateten Frauen wie aus einem Munde. Alles sah auf Hedwig. Sie hatte neben Wilms Platz genommen und, mit der Bewirtung beschäftigt, sich bis dahin wenig an der Unterhaltung beteiligt. »Was sie jetzt wohl antworten wird?« dachte der Pächter in seinem dumpfen Hinbrüten. Von seinen Sorgen zu Boden gedrückt, und in seiner Brust ein bohrendes Angstgefühl, hatte er bis jetzt auf die Tischplatte gestarrt, und nur manchmal sah er auf sein blasses, angestrengtes Weib herüber, scheu und mißtrauisch, als ob er auf einem Verbrechen ertappt wäre. Was hatte sich nur in seinem Gewissen geändert? O, es war nur die Angst, die entsetzliche Furcht um seine Existenz, überredete sich der unglückliche Mann selbst. »Weiter nichts – gewiß – gar nichts weiter.« »Kennen sich denn die Herrschaften schon von früher?« tönte es in seine Gedanken hinein. – Was sie jetzt wohl antworten würde? Und ohne Erregung, klangvoll und ruhig gab Hedwig zurück, obwohl sie den Grafen zum erstenmal fest ansah: »O ja – der Herr Leutnant besuchte ja oft die Bälle unserer Pension. Ich selbst habe sogar einmal einen seiner Briefe dem großen Hunde abgebunden.« Leicht, kalt, liebenswürdig hatte sie das alles hingeworfen, jetzt erhob sie sich mit ihrer tadellosen Haltung, um dem Pastor einen Teller mit Kuchen und Früchten zu präsentieren. Sie war eine vollkommene Dame. »Bitte, Herr Pastor – nicht ein Pfefferkuchen gefällig? – Nein? – Nun dann aber einen Apfel, – ich werde ihn gleich schälen – Sie erlauben.« In der Gesellschaft war eine peinliche Stille entstanden. Selbst die Wangen der Kranken, die solange teilnahmslos in ihrem Stuhle gelegen hatte, färbten sich hektisch rot; mit heftigem, unvorsichtigem Tonfall flüsterte sie kurzatmig und gereizt: »Einen Brief vom Herrn Grafen an dich? – Hedwig, das ist doch nur Scherz, nicht wahr? – Sag’ das doch den Herrschaften.« Ja, sie waren alle sehr begierig, dies zu wissen. Die Försterin, deren tiefblaue Nixenaugen vor Neugier strahlten und leuchteten; die Pastorin, die wie ein Pfahl dasaß und alles in hohem Grade unmoralisch fand; und die dumme, kleine, dralle Paula, die es gar nicht erwarten konnte, in solche Heimlichkeiten einzudringen. Ach, sie fand Hedwig »süß« und »wundervoll«. Aber der junge Brachwitz ließ die Aufgerufene zu keiner Antwort kommen: »Ein Scherz?« wiederholte er dringend, indem er Hedwig aufmerksam betrachtete. »Ja, leider wurde es von den jungen Damen nur als Scherz aufgefaßt, obgleich es mir verteufelt bittrer Ernst war. Warum übrigens nicht? – Ich war jung und hatte mich in ein paar von den allerliebsten Pensionärinnen wirklich verliebt. Wissen Sie noch, Fräulein Hedwig?« Hedwig wurde plötzlich sehr blaß, der Pächter bemerkte, wie ihre Hand sich unwillkürlich öffnete und zuckend wieder schloß, aber äußerlich erwiderte sie gelassen, während sie den Hahn der Teemaschine drehte: »Gewiß – Sie machten es uns ja oft recht deutlich, Herr Graf« – »Gleich in ein paar?« echote die Pastorin, die Worte des Grafen wiederholend, leise und entrüstet. Die Unterhaltung des jungen Herrn begann allen sichtlich zu mißfallen. Und wieder trat eine lange, drückende Pause ein, die keiner zu unterbrechen wagte. Es wurde sehr ungemütlich. Else fing vor Verlegenheit an zu zittern. Wenn der Graf nur gegangen wäre. Aber er blieb und begann jede Bewegung ihrer Schwester zu verfolgen. Was das nur bedeutete? Die Kranke regte sich so auf, daß ihre Zähne leise zusammenschlugen. Sie merkte, daß sie fieberte, aber mit letzter Kraft hielt sie sich aufrecht. Auch die Blicke ihres Mannes hingen so sonderbar an Hedwig. Erst jetzt fiel ihr das auf. Ob die beiden Männer von dem Mädchen irgend etwas wußten? Aber was? Und die beiden verheirateten Frauen flüsterten miteinander so leise. Worüber? Vor den Augen der Gepeinigten flimmerte es, ein langer stechender Schmerz durchschnitt sie. »Gott im Himmel – Hedwig,« ächzte sie halblaut, um nur irgend etwas zu sagen, »ich möchte – du solltest – etwas singen – so lange habe ich nichts gehört.« Sie schauerte zusammen. Alle riefen Beifall. Der Förster, der dem Rheinwein zu stark zugesprochen hatte, schwankte nach dem alten Klavier, das in der Ecke stand, und trug grunzend zwei Lichter herbei. Paula Schirmer sorgte für einen Stuhl, und Hedwig erhob sich willig, um aus dem guten Zimmer die Noten zu holen. In dem Nebenraum herrschte Dunkelheit. Sofort ergriff der junge Brachwitz, der das Mädchen nicht mehr aus den Augen gelassen, einen der Leuchter und folgte Hedwig galant mit dem Lichte. Und wie von selbst fiel die Tür hinter beiden ins Schloß. Und jetzt sah der Edelmann, wie das schöne Mädchen über dem Notenschränkchen gebückt stand und suchte. Voll und reif boten sich die edlen Linien dieses jugendlichen Frauenleibes dar, in ihren Wangen strömte das Blut, über den braunen Haaren schienen im Schimmer des Lichts knisternde Goldfunken zu tanzen, und Brachwitz sauste und summte das Blut ungestüm in den Adern, ebenso unbezähmbar wie damals, als er das halbe Verbrechen, die grenzenlose Roheit gegen sie verübt hatte. Wieder konnte er dem weichen, trotzigen Zauber, den dieses Weib ausströmte, jener schweigenden, üppigen Verlockung nicht widerstehen. Und die aufkochende, jede Vernunft überschäumende Tollheit machte ihn völlig besinnungslos. »Hedwig,« flüsterte er, in seiner Spannung erzitternd, und griff keck nach ihrer Schulter: »Antworten Sie mir doch endlich. – Können Sie denn die Dummheit von damals nicht vergessen?« Wie langsam und schwerfällig sie sich aufrichtete! Und jetzt bemerkte Brachwitz mit Schrecken, welch eine Veränderung in ihrem Antlitz vorging. Starre Marmorblässe jagte das eben noch so prangende Rot, alles an ihr schien so gelähmt, so unbeweglich, nur die großen Augen richteten sich haßerfüllt, und doch mit flammendem, unausgesprochen begehrlichem Feuer auf den Bedränger, so daß der Reiter verwirrt und schwankend die Hand von ihrer Schulter gleiten ließ. War das Zorn, war es Sehnsucht, was ihm da entgegensprühte? »Liebe Hedwig, wenn – –« »Still – ich will das nicht –« befahl sie flüsternd und heiser. »Aber Sie wissen ja nicht – –« Jedoch unvermittelt unterbrach er sich und trat zurück. Was war das? Mit einer einzigen Bewegung glitt sie auf ihn zu, ganz dicht stand sie vor ihm, ihr Mund verzog sich, die Lippen bebten lechzend, als ob sie ihn küssen oder ihm die Zähne ins Fleisch schlagen wolle. Jede Fiber zuckte und zitterte in dem schönen Gesicht, und ohne Überlegung, zusammenhanglos, sich die Hände vor die Augen schlagend, stieß sie hervor: »Nein, Sie wissen nicht – Sie – Sie wissen nicht, was Sie aus mir gemacht haben – Sie – –« »Was denn?« flüsterte Brachwitz verlegen. Als sie seine Stimme vernahm, fuhr das Mädchen auf, wie wenn sie plötzlich erst zum Bewußtsein ihrer Lage käme. Wortlos, keiner Bewegung mächtig, starrte sie ihn an. Was hatte sie nur vorgebracht? – Hatte sie ihm etwa das dunkle, häßliche Geheimnis verraten, das ihre Seele, ihr Denken seit jenem einen Tag befleckte und verdarb? Das ängstlich behütete, das aussätzige Geheimnis, das ihr heimlich Schrecken und Entsetzen einflößte? Hedwig fühlte, daß sie dieses wortlose Gegenüberstehen nicht lange würde ertragen können, daß irgend etwas Schreckliches, Ungeahntes eintreten müßte. Er begann wieder zu lächeln. Jenes gutmütige, frech zutrauliche Lächeln, das sie schon damals wehrlos gemacht. Ihre Brust flog. O! wenn doch jetzt jemand in das einsame Zimmer treten, oder wenn sie Mut genug besitzen möchte, den Bedränger zur Seite zu werfen. Aber nichts regte sich. Und er hatte die Verwegenheit, seine Augen mit dem heißen Ausdruck des künftigen, sicheren Besitzes in die ihren zu tauchen, ein Verführer, der seiner erprobten Macht sicher ist, und jetzt setzte er langsam das Licht aus der Hand. Hedwig staunte ihn an. »Was nun wohl folgen wird?« dachte sie dumpf. Aber da – Gott sei Dank, sie hatte es ja erwartet, da ging endlich, endlich die Tür, Wilms große Gestalt stand plötzlich neben den beiden, und mit warmer Dankbarkeit hörte das Mädchen, wie ihr Schwager nach einer unangenehmen Pause unsicher und gepreßt zu dem Grafen sagte, er wolle mit ihm ein paar Worte ungestört über die Pachtverhältnisse sprechen. Der junge Herr solle es nicht übel nehmen. – Gott sei Dank, diese entsetzliche Minute war vorüber. Von da an geschah alles in wilder Hast. Jeder von den drei Menschen in der frostigen Stube schien das Geheimnis der anderen zu ahnen. Man sprach und rechtete, ohne innerlich bei der Sache zu sein. Der Pächter bat um Herabsetzung seiner Lasten, der Graf zuckte widerwillig die Achseln und meinte, daß das alles Sache seines Vaters wäre. Schließlich kam man überein, daß der Pächter in den nächsten Tagen den alten Gutsherrn persönlich aufsuchen solle. Vielleicht könnte auch Hedwig die Vermittlung übernehmen, da der alte Brachwitz gegen Wilms zu schlecht gestimmt sei. Hedwig? Beide Männer schwiegen wie auf Verabredung und blickten sonderbar auf sie hin. Wollte man sie herausfordern? »Ja, ja, ich komme,« nickte sie halb geistesabwesend und doch ihre alte Kraft zusammenraffend. Und dann empfand Hedwig alles Spätere gleichsam wie durch einen dicken Nebel hindurch. Wie man wieder in das große Zimmer zurückgekehrt war. Wie sie dann am Klavier gestanden, und, von Paula Schirmer begleitet, das Heinesche Lied gesungen: »Täglich ging die wunderschöne Sultanstochter auf und nieder Um die Abendzeit am Springbrunn, Wo die weißen Wasser plätschern.« Wie es dann so still um sie her geworden und plötzlich ein wildes Durcheinander entstanden war. Else hatte schon längst zitternd und aller Kräfte beraubt dagesessen, beim Schluß des Liedes stieß sie vor Anstrengung bewußtlos einen klagenden Ruf aus und sank ohnmächtig zusammen. Hedwig erinnerte sich noch, wie blaß und leichenhaft schön ihr das Antlitz der Schwester erschienen war. Scheu und hastig waren dann die Gäste enteilt, Wilms und das Mädchen hatten die Ohnmächtige entkleidet und, als sie wieder den ersten Seufzer von sich gab, zu Bett gebracht. Auf einem Sofa, neben dem Krankenlager, schlief Hedwig diese Nacht Hand in Hand mit der Schwester, die ihre Finger wie ein trostspendendes Amulett umspannt hielt. IX. Am nächsten Morgen ganz in der Frühe kam der Arzt. Es war der Kreisphysikus aus Grimmen, der die Leidende allwöchentlich besuchte und als Freund des alten Rendanten die beiden Schwestern seit ihrer Kindheit kannte. Ein kleiner, fetter, fröhlicher Herr, behaftet mit einem unförmlichen Bauch, einem verwitterten roten Weintrinkergesicht und mit einer burschikosen Neigung zu allen hübschen Mädchen und Frauen, trotzdem er in seiner eigenen Familie deren bereits eine stattliche Anzahl besaß. Schon bei seinem Eintritt begrüßte der kleine Dr. Rumpf die Anwesenden mit einem lauten: »Morgen, Kindtings; na, wie geht’s?« stiefelte mitten in das große Zimmer hinein und blieb dort ein wenig verwundert stehen. In dem Bett lag die Kranke so unbeweglich und weiß, als wenn sie bereits verschieden wäre. Und der Mann, sowie das junge Mädchen am Kopf- und Fußende schienen gleichfalls schon viele Stunden an dem Lager zu wachen. Das stimmte den Arzt doch bedenklich. Als aber Else langsam und begrüßend die abgezehrte Hand gegen ihn ausstreckte, ermannte sich Dr. Rumpf, schritt schnell an das Bett und küßte seiner Patientin zuvörderst zärtlich die Hand. Sein stachliger, weißer Knebelbart kratzte dabei die Ärmste, daß sie das Gesicht vor Schmerz verzog. »Schlimmer, mein Kindting?« fragte er teilnehmend, ohne sich um die andern zu kümmern, »schlimmer?« Damit entblößte er ungeniert die Brust der Kranken, horchte aufmerksam herum und schüttelte endlich den Kopf. Wenn der Physikus so sehr zärtlich wurde, so galt es immer für ein schlechtes Zeichen. »Herr Doktor,« hauchte die Liegende kaum hörbar, »steht es sehr trostlos mit mir? – Sagen Sie es – sagen Sie es, bitte,« wiederholte sie dringend, »ich bin ja auf alles gefaßt.« »So? gefaßt? ja, ja, mein Liebchen,« murmelte der Doktor achtlos und bewegte im Selbstgespräch die Lippen. »Raus,« schloß er plötzlich sein Nachdenken und machte den beiden anderen eine energische Bewegung mit dem Kopf, daß sie sich entfernen sollten. Wilms und Hedwig begaben sich in das niedrige frostige Wohnzimmer mit den grünen Ripsmöbeln. Matt und in sich versunken lehnte das Mädchen hier auf dem Sofa, über das noch immer der graue Leinwandbezug gezogen war, während Wilms schweigend durch das einzige Fenster auf den Hühnerhof hinausblickte. Seit dem gestrigen Abend hatten die beiden noch kein Wort miteinander gewechselt. Ein seltsames Schweigen herrschte wieder zwischen ihnen. Eine lange, bange Viertelstunde verstrich. Dann trat der Physikus endlich breitbeinig herein und schloß die Tür hinter sich zu. »Nun, Herr Doktor?« fragte Wilms dumpf, der sich im selben Augenblick zurückgewendet hatte. Aus den grob gemeißelten Zügen des Mannes sprach arbeitende, zurückgedämmte Angst, die ihm die Augen stier aus den Höhlen heraustrieb und sich auch Hedwig mitteilte. Aber sonderbar! Als sie ihren Blick flüchtig über den zitternden Riesen fortgleiten ließ, da drang zugleich ein spöttisches Mitleid gegen diesen besorgten Gatten in ihr Denken. Mitten in ihrer Spannung lächelte sie spöttisch. »Können Sie mir denn nicht ein bißchen Trost schenken?« stammelte der Pächter von neuem. »Ich kann’s ja gar nicht mehr mit ansehen.« »Trost? – hm ja.« – Der Physikus ließ seinen dicken Leib schwerfällig in einen Polsterstuhl fallen und streichelte Hedwig, die sich erhoben hatte, freundlich die Hand. »Na, Kindchen, immer hübsch artig hier draußen?« »Ich will Ihnen was sagen, lieber Wilms,« fuhr er dann ganz ernsthaft fort, »das Unterleibsleiden Ihrer Frau hat sich verschlimmert.« »Großer Gott – das – das hätt’ ich nicht erwartet.« Der Pächter murmelte es in stumpfer Verzweiflung und lehnte sich, nach Atem ringend, an die Wand. Und nach einer Weile brachte er hervor: »Das ertragen wir nicht, sie nicht, und ich nicht.« »Armer Kerl,« murmelte der Physikus und schüttelte bedenklich den Kopf, »leider werden sich jetzt noch Krampfanfälle einstellen – ich hab’ mir’s längst gedacht, längst. Und dann – –« »Und dann?« unterbrach ihn Hedwig heftig und scharf und trat aufgerichtet vor den Arzt hin. »Nun muß doch etwas Energisches geschehen, lieber Herr Doktor. Man kann es doch nicht einfach so fortgehen lassen. Wollen Sie es nicht mit einer Operation versuchen?« In ihrer Heftigkeit stampfte sie leicht mit dem Fuß und preßte die Hände gegeneinander. »Eine Operation?« knurrte der Physikus in sich hinein. Er schüttelte den Kopf, erhob sich ächzend und begann eine Wanderung durch die Stube. So oft er dabei an dem Landmann vorüberkam, drehte er ein bißchen an dessen Rockknöpfen; streifte er dagegen an Hedwig, so nickte er ihr in seinem Selbstgespräch gedankenlos zu. Endlich blieb er stehen und, indem er sich befriedigt den weißen Stoppelbart rieb, als wenn dieser hauptsächlich an der Entwickelung vorzüglicher Gedanken beteiligt wäre, gab er laut und bestimmt sein Urteil ab: »Nein, keine Operation; aber sie muß in ein Solbad – ja, ja – ganz recht – und zwar sofort, denn es ist die allerhöchste Zeit.« »In ein Bad?« wiederholte Wilms verwirrt, während er sich langsam über die Stirn strich. Und ihm fiel wieder die unselige Schuld ein, die uneingelöste, und wie ihm beinahe alles fehlte, um nur die Haushaltung zu bestreiten. Die Schweißtropfen traten ihm auf die Stirn, nur mit schwerer Zunge konnte er einwerfen: »Aber – aber die Mittel dazu werden wohl sehr große sein?« »Ja, billig ist’s nicht,« meinte Dr. Rumpf und sah den Pächter teilnehmend an: »Also morgen schreibe ich Ihnen, wohin Ihre Frau zu gehen hat.« Damit verabschiedete er sich, ergriff seinen Stock, schüttelte Wilms die Hand und wollte eben dem Mädchen väterlich galant die Fingerspitzen küssen, als er ordentlich erschreckt von ihr zurückfuhr und mit lautem Ruf aus seiner Brusttasche einen mehrfach versiegelten Brief hervorbrachte. »Das hätte ich beinahe vergessen,« strafte er sich selbst, »Kindchen, hier – dein Vater hat es mir mitgegeben. – Es ist Geld drinnen, und er sagte mir, daß du es bereits erwartest. Ei, das wäre ja eine schöne Geschichte geworden. Was? Na, adieu, Kindting.« Damit schritt Dr. Rumpf breitbeinig und ehrwürdig zur Türe hinaus und fuhr geradeswegs zur Försterin, deren zarte Haut noch am Abend allerlei Kratzabzeichen aufwies, die des Physici Stoppelbart und seine Heilmethode jedesmal hinterließen. – – – In der ungemütlichen »guten Stube« des Pachthauses blieben die zwei Menschen allein. Beide sahen sich an, der Landmann scheu und mit Herzklopfen, das Mädchen fest und beinahe auffordernd, als erwarte sie, der Schwager möchte sie nun fragen, warum sie sich das Geld habe nachsenden lassen. Bezeichnend drückte sie den Brief gegen ihre Brust und ließ ihre braunen Augen ermunternd an den seinen hängen, jedoch Wilms schwieg und biß die Lippen fest zusammen. Eine Demütigung sollte nun folgen – »nur kein Geld von ihr – nur das nicht«, fuhr es ihm durch den Sinn, und er raffte sich auf und wollte hinausgehen. Da tönte aus dem Krankenzimmer eine schwache, röchelnde Stimme dazwischen. »Wilms – Hedwig – kommt zu mir.« Beide erschraken. Es klang so fern, so geisterhaft. Nun mußte es geschehen. Ehe es sich Wilms versah, stand Hedwig dicht vor dem Landmann, und bewußt und als gäbe es keinen Widerspruch, drückte sie ihm mit einem festen Blick den Brief in die Hand. Er schob ihn zurück, als ob das Papier zwischen seinen Fingern beißendes Feuer würde, aber heftig, zornig stieß das Mädchen das Dargebotene noch einmal von sich. »Kommt doch zu mir,« klagte es abermals von drinnen, »weshalb bleibt ihr so lange?« »Hedwig – was soll ich damit?« stammelte Wilms, auf den Brief weisend. »Schnell! – Es sind 5000 Mark – ein Drittel meines Erbteils – Wilms, damit mußt du dir helfen und dann Elses Reise bezahlen, hörst du?« »Ich kann nicht – ich darf ja nicht, Hedwig.« »Warum nicht?« »Weil – weil – –« er fand keine Antwort und hielt nur, wie von Ekel erfaßt, das Geld weit von sich. »Willst du gerade mir nicht verpflichtet sein?« »Ja,« stöhnte er. »Und aus welchem Grunde?« »Weil – –« Dem Bauern flimmerte es vor den Augen, die Kehle war ihm wie zugeschnürt. O, er fühlte deutlich, daß er das Geld nicht nehmen dürfe, weil dieses Mädchen, das so blühend, so kräftig vor ihm stand, weil dieses schöne fremde Weib sich in sein Denken geschoben hatte, sündhaft und abscheuerregend und dennoch etwas Unerkanntes in ihm erweckend, das sich qualvoll und erfrischend zugleich in ihm emporhob. »Und wenn ich dich so recht darum bitte?« drängte Hedwig einfach und legte ihm vertrauensvoll die Hand auf die Schulter. Beide blickten sich eine Sekunde lang an. Da war es wieder. Da brach es wieder aus ihm hervor. Wilms zitterte am ganzen Körper, tausend widersprechende Stimmen schrien in ihm durcheinander. »Schlag sie nieder,« reizten die einen. »Hast du nicht lange genug ein Weib entbehrt?« flüsterten die andern, »umarm’ sie, küss’ sie.« »Großer Gott, was machst du aus mir, Hedwig?« stieß er tonlos hervor. »Ich darf ja nicht!« »Und Elsen willst du nicht helfen?« bat sie von neuem. Noch niemals hatte sie so sanft zu ihm gesprochen. Aus dem Krankenzimmer drang ein matter, ersterbender Laut. Da preßte Wilms plötzlich mit seiner brutalen Riesenkraft ihre beiden Hände in die seinen, die noch den Brief umschlossen, und näherte sein Haupt dem ihren, als ob er dem Mädchen etwas zuraunen wollte. Aber kein Wort ging über seine Lippen, er sah sie nur an, und erst nach geraumer Zeit drang es stückweise hervor: »Ich nehm’ es ja – wenn du es willst – denn du bist gut – ja du bist gut.« Es war wie ein geheimes Einverständnis über beide gekommen. Und jetzt lächelte sie ihn auch frisch und freimütig an, als sie ihn bat, nach seiner Wirtschaft zu sehen, denn sie selbst würde Else alles, was über die bevorstehende Reise beschlossen sei, schonend und ruhig mitteilen. Er nickte und wandte sich langsam ab. Aber noch an der Tür streckte er ihr in überwallendem Gefühl zum zweitenmal die Hand entgegen. Hedwig stand noch immer und lächelte. »Geh nur.« »Ja, ja,« murmelte Wilms wie im Traum, und mit einem langen Blick: »Du bist gut.« X. Am Nachmittag waren die beiden Schwestern allein. Wilms war in die Stadt gefahren, um Herrn Rosenblüt das vorgeschossene Geld zurückzuzahlen. Es war gerade der achte Tag. Und so waren die beiden Frauen auf sich selbst angewiesen. Bewegungslos lag die Kranke in ihrem Bett, vor sich die Bibel, auf deren Deckel sie leise hin- und herkratzte, und starrte apathisch auf den Hof hinaus, der sich bereits in Dämmerung hüllte. Hedwig hatte bis dahin munter und emsig an einer eleganten Seidenstickerei gearbeitet, jetzt aber ließ sie sich ebenfalls am Fenster nieder, und den Kopf auf die Hand gestützt, träumte sie nun, leise eine Melodie summend, in den sinkenden Tag hinaus. Dunkelrot ging die Sonne hinter der Scheune zur Rüste. Einen Augenblick lang war das ganze Zimmer in magischen Glanz getaucht, selbst das Antlitz der Kranken strahlte in wunderbarer Pracht. »Wie schön du bist, Hedwig,« murmelte die Liegende, als ihr Blick die Schwester traf, auf deren goldbraunen Haaren die Lichter purpurn, wie in Verklärung spielten. Und gleich darauf wimmerte sie: »Gott – so war ich auch einmal, und nun elend, gelähmt, immer auf fremde Leute angewiesen.« »Jesus Christus,« schrie sie plötzlich in ekstatischer Glut und hob die abgemagerten Hände in die leuchtende Höhe, daß sie wie mit Blut befleckt erschienen. »Nimm mich doch zu dir, mach doch ein Ende mit mir elendem Krüppel – ich ertrag’s ja nicht länger, wenn ich andere sehe, so schön, so jung, und ich – – ach, in dem Bade wird’s ja auch nicht besser werden.« Hedwig rührte sich nicht. Die Kranke starrte ängstlich nach ihr hin und schien sie etwas fragen zu wollen, aber nur ihre Brust hob sich etwas flüchtiger als sonst. Da schlich der alte Krischan, der zahnlose, taube Greis, ins Zimmer, legte mit seiner zitternden Hand ein Zeitungsblatt auf den Tisch, und entfernte sich wortlos, wie er erschienen war. Seit Hedwig auf dem Pachthof weilte, wurde ihr aus der Stadt eine Zeitung nachgesandt; und eilfertig erhob sich das Mädchen deshalb, um die Lampe zu entzünden und einen Blick in das Blatt werfen zu können. »Hedwig,« rief die Kranke mit zitternder Stimme dazwischen, als das Mädchen bereits ruhig ein paar Minuten im Schein der Lampe die Tagesereignisse verfolgt hatte. Dabei war der Leserin allerdings entgangen, wie ihre Schwester keinen Blick von ihr verwandt hatte, obgleich sie sich erregt hin und her warf. »Willst du jetzt schon deine Medizin nehmen?« fragte die Gerufene willig, indem sie die Zeitung hinlegte. »Nein, mein Kind, noch nicht – ich möchte, – setze dich doch her zu mir ans Bett, – – Wenn ich nun doch in das Bad soll, dann werden wir ja nicht mehr lange so sitzen.« Schweigend folgte Hedwig dem Wunsch der Schwester und setzte sich auf einen Korblehnstuhl, der zu Häupten des Bettes stand. Die Kranke kauerte sich mit ihrem Kopf ganz in die Nähe der Schwester, ergriff schließlich Hedwigs Hand und legte sie sich auf die Brust. Deutlich fühlte das Mädchen, wie keuchend und rasch der Atem ging. Eine Zeitlang verharrte sie so, als jedoch nach einer Weile die Jüngere von neuem nach der Medizinflasche griff, schüttelte Else nervös den Kopf und fragte überstürzt, als ob ihr dies schon lange auf der Seele gelegen hätte: »Hedwig, ich wollte dich einmal fragen, gefällt es dir denn bei uns?« Es lag etwas so Ängstliches im Ton der armen Frau, daß Hedwig unruhig wurde. »Gewiß,« gab sie rasch zurück, »überdies kam ich doch auch nur, um dich zu pflegen –« Die Kranke richtete sich mühsam auf: »Und was denkst du – von Wilms?« fuhr sie hastig fort, ohne auf das eben Gehörte einzugehen. Hedwig erschrak. Sie wußte selbst nicht warum. Unwillkürlich mußte sie sich gerade jetzt daran erinnern, wie eisern fest Wilms heute vormittag ihre Hände umklammert hatte. Dem starken Mädchen wurde plötzlich das Alleinsein mit der aufgeregten Kranken drückend und unheimlich. »Kannst du ihn leiden?« forschte die letztere dringender, und umschlang in ihrer sitzenden Stellung den Hals der Schwester. »O ja« – murmelte diese verwirrt – »dein Mann macht einen braven, rechtschaffenen Eindruck. Und vor allen Dingen scheint er um dich so aufrichtig besorgt.« »Glaubst du?« seufzte die Kranke erleichtert auf. – Dann drückte sie sich erregter an die Schwester, so daß ihre Wange an der Hedwigs ruhte. Schaudernd empfand die Jüngere die Berührung der feuchten fiebergeschüttelten Haut, ja ein leiser Widerwille beschlich sie, als sie von der Kranken jetzt heiß und zärtlich auf die Wange geküßt wurde. »Ja, Gottlob,« raunte die Ärmste dabei dicht vor dem Ohr der Schwester. »Er liebt mich noch immer. – Aber – aber – o Gott, Hedwig, ich will dir etwas anvertrauen. Sieh, wenn ich dich sehe, so schön und gesund, gerade wie ich jetzt auch sein könnte, wenn ich mir unsere fröhliche Jugendzeit vorstelle, dann ist es mir manchmal, als ob ich Wilms – o Gott – verzeih’ mir die Sünde, rechne es mir nicht an, aus mir spricht ja nur das Elend« – wimmerte sie dazwischen – »Hedwig, dann ist es mir manchmal, als ob ich meinen Mann haßte, – hörst du? – der mich zu alledem gemacht hat. Bitter und giftig, wie ich noch nie einen Menschen gehaßt habe. Und dabei – ach, du kannst es ja nicht verstehen – dabei sehne ich mich ja so nach ihm, dabei muß ich immer an die ersten Monate unserer Ehe denken, wo ich so glücklich bei ihm war und wir uns herzten,« sie zuckte zusammen und riß die glänzenden Augen weit auf. »Nein – nein – nein – ach, du mein Gott, was sag’ ich nur alles – das ist ja alles Todsünde – Hedwig, glaube kein Wort davon, ich fiebere – höre nicht darauf.« Und unvermittelt hob sie laut an zu beten; wirr durcheinander, mit den Worten des Psalms: »Herr Gott, mein Heiland, wie schreie ich Tag und Nacht vor dir. Du hast mich in die Grube hinuntergeleget in die Finsternis. Wirst du unter den Toten nicht endlich ein Wunder tun? – Erbarm’ dich meiner – Sela – Sela.« Nach diesem Ausbruch fiel sie, wie ein lebloser Stein, schwer und dumpf in ihre Kissen zurück, und blieb mit langsam verlöschenden Augen liegen. Kalt durchfröstelt, und doch voller Widerwillen gegen diese ekstatische Art flößte Hedwig der Erschöpften, welche die Zähne krampfartig zusammenbiß, einige Tropfen der beruhigenden Medizin ein. Dann wischte sie ihr den Schweiß von der Stirn, was die Leidende alles mit denselben erstarrten, ausdruckslosen Zügen geschehen ließ. Fast eine Stunde verrann so. Kein Laut regte sich mehr in dem großen Zimmer. Traulich dämmernd, wie immer, verbreitete die große Stehlampe ihr Licht, und Hedwig saß an dem Bett und sah scheu auf die Frau hin, die ihren Mann als den Zerstörer ihrer Gesundheit haßte und sich zugleich nach ihm sehnte in einer wilden, unreinen Leidenschaft. »Unrein?« Mit schwachem Lächeln zuckte die Pflegerin die Achseln und lenkte ihre Gedanken wieder auf sich selbst und jene eine Begebenheit zurück, wo zuerst ein Mann ihren Lebensweg gekreuzt hatte. Nur trat ihr dabei, so sehr sie sich auch Mühe gab, nicht der freche Brachwitz vor Augen – nein, seltsam – beinahe lächerlich – immer fort, und je länger desto deutlicher, drang der starke Wilms auf sie ein, faßte sie an beiden Armen und beugte sich über sie, immer gewaltsamer – mit seinem ehrlichen Gesicht, das doch so roh und zornig blicken konnte. O, es war ein so schmerzhaftes, unselig-frohes Gefühl. – – Und sie sagte sich in ihrem Hinträumen, daß alles nur der Nachklang von Elses Erzählung wäre, und sie stellte sich vor, wie warm und weich ihre Schwester wohl an Wilms Halse gehangen hätte, und dennoch – und dennoch – die Ahnung wurde immer deutlicher, bis sie sich schaudernd aufraffte und sich schüttelte. Verwirrt strich sie ihr braunes Haar zurecht. Aus der großen Kastenuhr schlug es achtmal. »So spät schon? – Wo Wilms nur bleiben mochte?« Und wieder erschrak sie darüber, daß sie ihn erwarte. Da – sie fuhr auf. Sprach ihr zur Seite nicht etwas? »Ach, mir ist viel besser,« flüsterte die Kranke leise sich regend und legte ihre feuchte Hand wieder auf die der Schwester: »Du bist auch so still und sanft, mein süßes Heting.« Wohl eine Stunde hatte die Ärmste vor Ermattung in tiefem Schlummer gelegen, jetzt erhob sie sich müde und zerschlagen und blickte sich dumpf im Zimmer um. »Ist Wilms noch nicht zurück?« »Nein, noch nicht.« »Wo fuhr er denn hin?« »Nach Grimmen.« »So?« murmelte die Kranke in sich zusammensinkend – »Erzählte er dir das?« Und nach einiger Zeit setzte sie gleichgültig hinzu: »Er hat wohl viel Vertrauen zu dir?« »Ja, ich denke.« Die Kranke nahm von Hedwigs Hand ihre Medizin, das Mädchen schlug ihr die Kissen zurecht, sodaß sich die Leidende besänftigt und ruhiger als bisher ausstrecken konnte. Dann lag sie und blickte ihrer schönen Schwester mehrere Minuten lang unausgesetzt und grübelnd ins Gesicht. Hedwig schoß das Blut in die Wangen. Sie wußte selbst nicht warum. »Wünschst du etwas?« forschte sie rasch. »Nein, nein, nichts. Komm, mein Liebling, ich will dich etwas fragen – Ich bin doch deine Schwester, und du bist nun erwachsen – Sieh, da möcht’ ich gern wissen, mein Heting, – du darfst es mir aber nicht übel nehmen – ob du – was du dort drüben so in der Pension erlebt hast?« Es klang ein wenig ängstlich, aber doch mehr zudringlich und neugierig. Statt einer Antwort lehnte sich Hedwig tief in ihren Lehnstuhl zurück und schloß die Augen. – Es war ihr, als senke sich die Decke des niedrigen Zimmers immer tiefer auf sie herab, als fehle es ihr an Luft, als wäre alles zu eng und öde auf diesem weltverlassenen Pachthofe. – Was wollte nur die Schwester mit dieser albernen Frage? – Wieviel Spießbürgerlichkeit lag darin. Was ging sie das alles an? »Ah, jetzt verstehe ich dich,« sagte sie endlich mit ihrer klaren Stimme. »Du denkst an das, was Graf Brachwitz gestern erzählte.« Sie zog dabei die Arme hinter das Haupt und schaukelte mit dem Stuhl leise hin und her. »Ja, ja,« pflichtete Else bei, »das geht mir gar nicht aus dem Kopf. Und daß gerade die beiden Frauen dabei waren. Es klang alles so dunkel, Hedwig, sag’ mir doch, mein Liebling, was hattest du mit dem Grafen?« »Was ich mit ihm hatte?« »Ja – du mußt mich recht verstehen – – ach, es regt mich so auf und jagt mir soviel Angst ein – – du bist ja auch noch so unerfahren – – diese schreckliche Unruhe hat mich seit gestern vollständig niedergeworfen. – Wir haben doch beide keine Mutter mehr, Hedwig, und da bin ich –« »Was ich mit ihm hatte?« Über das Antlitz der Jüngeren glitt ein kaltes, merkwürdiges Lächeln, das wohl dem häßlichen Ausdruck galt, welchen die Kranke gewählt hatte. Dann dehnte sie ihre volle, im Sessel ruhende Gestalt und schüttelte den Kopf, als wollte sie damit das Gespräch ein für allemal abschneiden. »Hedwig, peinige mich nicht,« rief die Kranke plötzlich mit spitzer, gereizter Stimme. »Was hattest du mit ihm?« Die Jüngere wollte aufstehen. Die Gewöhnlichkeit des Ausdruckes stach sie geradezu, aber die Schwüle, die von dieser abgezehrten Frau ausging, die dumpfe Schwere, die bereits den kräftigen Wilms zermürbt hatte, preßte auch sie in ihren Stuhl zurück. »Willst du mir keine Antwort geben?« »Ja,« antwortete Hedwig. »Nun also – ich bitte dich.« »Ganz einfach, Else. – Der Graf ist, wie du weißt, ein Lebemann –« »O Gott – und?« »Du hörtest ja gestern. Deshalb drängte er sich, weil er viele hübsche Mädchen dort vermutete, in unsre Pension ein und versuchte dann allerlei lockere Tändeleien anzuknüpfen.« »Aber mit dir – Hedwig – mit dir?« »Mit mir?« »Ja.« Ein rascher Atemzug wurde hörbar. Der prachtvolle, junge Leib dieses schönen Weibes wand sich, als ob er eine schmerzhafte Berührung empfände, ein Schauer rieselte beinahe sichtbarlich über sie hin, dann aber stürzte es rasch und wie gehetzt über ihre Lippen: »Er hat einmal versucht, mich gewaltsam zu küssen – weiter nichts.« »Weiter nichts?« Zuvörderst ein langer befriedigter Seufzer der gesättigten Neugier. Dann raffte sich die Kranke mühsam auf und blickte die schlanke, zurückgelehnte Gestalt der Schwester mit furchtsamen, vor Erstaunen, Neid und Bewunderung glühenden Augen an. »Ja,« schoß es ihr durch die krankhaft erregten Sinne, während sie beinahe gierig nach dieser frischen Jugend hinstarrte, »ja sie ist verführerisch schön, dieses hingestreckte Ding mit den lichtbraunen, goldfunkelnden Haaren.« Und mit heftig erwachender Neigung überflog sie die blühende Gesichtsfarbe der Schwester, entzückte sich an dem verschleierten Leuchten und Blitzen der Augen und empfand, wie vornehm das straffe schwarze Kleid die ganze Gestalt umschloß. »Heting, mein süßes Kind,« stammelte sie und überdeckte unvermutet die Hand der Überraschten mit brennenden Küssen. Eine irre, praktische Hoffnung dämmerte dabei in ihr auf: »Liebt dich denn der Graf so sehr?« Hedwig zuckte zusammen und wurde sehr blaß. Else bemerkte es. »Laß das,« erwiderte die Jüngere endlich herb, erhob sich und schritt rasch bis zum Tisch, um an der Lampe zu schrauben. »Nein?« rief Else entsetzt, »ja aber aus welchem Grunde?« »Er ist einfach frech gewesen.« »Frech? – Großer Gott – Hedwig, dreh’ dich doch um – dann – dann durftest du ja hier gar nicht mit ihm zusammentreffen – wenn ich das gewußt hätt’ – – Du hast dich doch damals gewehrt? Nicht wahr?« »Ja,« flog es halblaut vom Tisch herüber. Es klang wie von zusammengepreßten Lippen. »Hedwig, du sollst dich umdrehen. – Ich will dich sehen können,« schrie die Kranke mit durchdringender Stimme. Und in demselben Augenblick wendete sich das Mädchen, und die Leidende, so erschöpft sie war, sah voller Verwunderung, wie Hedwig, die Medizinflasche in der Hand, mit ihrem sicheren, selbstbewußten Ausdruck und achselzuckend auf das Bett zuschritt. »Heting, mein Liebling,« flüsterte sie, »beruhige mich doch. Weiter ist zwischen euch nichts vorgefallen?« »Nichts,« entgegnete die andere, die Augenbrauen zusammenziehend. »Siehst du, daß du doch diese ganze dumme Geschichte viel zu ernst nimmst? Hier trink’ deine Medizin.« »Nein, laß noch – Heting – wirklich weiter nichts? – Weiter nichts?« War es möglich? Die Kranke schluchzte, flehte, bettelte plötzlich halb besinnungslos um eine Entgegnung und hob ihren mageren Körper weit in die Höhe. Eine Pause entstand. Die Gefragte blickte starr auf sie hin. Dann glitt von neuem ein verächtliches Zucken um die aufgeworfenen Mädchenlippen und kurz und gereizt kam die Antwort: »Ich bitte dich, gib dich nun zur Ruhe. Was soll denn noch alles vorgefallen sein? – Komm’, Else, du mußt deine Medizin nehmen.« So endete dieses Gespräch. Die Krankheit trat wieder in ihre Rechte. Es wurde spät. Jeder Laut auf dem Gute erstarb, und noch immer war Wilms nicht heimgekehrt. Erst als die große Kastenuhr bereits die elfte Stunde gemeldet hatte, hörten die beiden Schwestern seinen Wagen durch den Torweg rollen. »Wo ist Hedwig?« fragte Wilms noch unter der Tür. Aber er forschte vergeblich. Beim ersten Geräusch war Hedwig bereits aufgesprungen, hatte die Schwester auf die Stirn geküßt und war dann sofort in ihre Kammer hinaufgestiegen. »Schon zu Bett,« entgegnete die Kranke matt, und es fiel ihr nicht auf, daß der Pächter, der heute so frisch und froh und stattlich wie selten aussah, zuerst nach dem Mädchen gefragt hatte. Und siehe – eine Stunde später, da war der frohe Schein von seiner Stirn verschwunden. Zusammengeduckt saß der große Mann in dem Lehnstuhl, welchen Hedwig vorhin verlassen, und lauschte gedankenlos auf die raschen, röchelnden Atemzüge seines Weibes. Es war ganz dunkel ringsumher. Nur aus einem Glase flackerte ein auf Öl schwimmendes Nachtlichtchen heraus. Und der Mann saß und dachte an das, was ihm sein armes Weib eben anvertraut hatte. »Geküßt hatte sie der junge, lebenstrotzende Mensch?« Es war eine grobe Beleidigung – auch für den Landmann. Aber das fühlte er nicht. Er nickte und hockte und das Herz drückte ihm etwas weh und wund. »Ob sie sich wohl gewehrt hat?« dachte er müde. Ein Ächzen seines Weibes schob sich dazwischen. Er beugte sich leise zu ihr hinüber und fuhr ihr beruhigend mit seiner groben Hand über Wange und Hals. Und dabei irrten seine Gedanken wieder zu dem jungen Geschöpf, das dort oben unter dem Dach schlummerte, ebenso wie hier sein Weib, und das sich vielleicht sehnte und verlangend die weißen Arme nach dem Verführer ausstreckte. Halb betäubt vor Müdigkeit sank sein mächtiges Haupt endlich schwer auf die Kissen, so daß Else davon erwachte und zärtlich ihre Arme um seinen Nacken schlang. Und mit irrer Sehnsucht und verlöschendem Bewußtsein preßte er seine Lippen auf den abgezehrten Arm der Bedauernswerten und stöhnte in verzweifelter Seelenqual tief und markerschütternd auf. * * * * * Aber als die Wünsche des unglücklichen Mannes scheu in das Dachkämmerchen drangen, wo er das schönere jüngere Weib auf seinem Lager ruhend vermutete, da hatte er recht geahnt, beinahe wie wenn sein geistiges Auge die Mauern hätte durchdringen können. Da lag sie, vor Lebensglut und Herzensangst zitternd, und streckte die weißen Arme aus. Aber nicht nach dem Verführer, nein, nach etwas anderem, Unbekannten, das sie nicht nennen konnte. Der Schlaf wollte sich nicht einstellen, unruhig, schauernd, sich selbst unerklärlich, warf sie sich herum, stützte den Kopf in die weichen Hände und schaute regungslos durch das kleine Fensterchen zum Sternenhimmel empor. Über das Strohdach, dicht über ihr säuselte der Nachtwind. Sie hörte das heimliche Geräusch, wenn er mit den losen Halmen spielte, und ihr war es, als schlüge wieder die heiße, glühende Stimme des jungen, frechen Edelmannes an ihr Ohr. Ihre Brust ging auf und ab. Und da – da stieg es wieder herauf – da sah sie von neuem das ganze Bild jener unseligen Stunde vor sich, deren Einzelheiten sie vorhin ihrer Schwester so sorglich verborgen hatte. Da fand sie sich wieder in dem kleinen Pensionsstübchen, ein vor Überraschung und Angst gelähmtes Geschöpf, das von dem liebestollen Eindringling mit Küssen überdeckt wird, – das vor Scham nur leise Bitten hervorstammeln und um Schonung flehen kann, und das, nachdem einmal die Binde roh von seinen Augen gerissen ist, sich wehrt,