The Project Gutenberg EBook of Romanzen vom Rosenkranz, by Clemens Brentano This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at www.gutenberg.org Title: Romanzen vom Rosenkranz Author: Clemens Brentano Release Date: May 28, 2006 [EBook #18463] Language: German Character set encoding: ISO-8859-1 *** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ROMANZEN VOM ROSENKRANZ *** Produced by Karsten Weinert Clemens Brentano Herausgegeben und eingeleitet von Alphons M. von Steinle Petrus Verlag, Trier, 1912 * Einleitung In weiter Kammer schlief ich und die Brüder Auf stillen Betten, die der Traum umspielet; Der Amme Lied ertönte still, und nieder Die Winternacht mit kalten Sternen zielet. Gesegnet seid, ihr ernsten nächt'gen Scheine, Die ihr mir in die junge Seele fielet! Ich fühlte ruhig mich, in Frieden klar und reine; Der Brüder Herzen hört ich um mich schlagen, Ergötzt war meine Brust, ich wacht alleine, Hört sie im Traum die kindschen Wünsche klagen. Der eine sprach von Wagen und von Rossen. "Hinan, hinan!" hört ich die Schwester sagen, "Ein Auge schließ ich auf der Leiter Sprossen, Daß mich der tiefe Abgrund nicht ergrause." Sie wußte nicht, daß beide sie geschlossen. Die andre sprach von ihrem Blumenstrauße, Wie er schon wieder frisch erblühen werde; Und die ihr nah: "O tritt die Spitzenkrause Mir nicht so liederlich hin an die Erde!" Doch ferner schlummert einer; heftig bebet Sein Busen, und mit trotziger Gebärde Spricht er: "Seht hin, Geliebte, seht, es schwebet Der Luftball hoch, ich habe ihn erfunden!" Dann wirft er sich im Bette, hoch erhebet Die Füße er, das Haupt hängt er nach unten. Des Fensters Schatten lag gleich einer Leiter Auf seiner Decke; künstlich eingewunden Erseufzt er tief und schlummert lächelnd weiter. Auf eines Mägdleins Bette glatt gestrichen Erglänzt zur andern Seite Mondschein heiter; Die weißen Röcklein auf dem Stuhle glichen Zwei Engeln, die ihr still zum Haupte wachten. Still war sie, bis der Mond von ihr gewichen; Er senkte sich zur Erde. Sprünge machen Sah ich ein Kätzlein schwarz beim letzten Bette; Es spielte mit herumgestreuten Sachen, Ein Strumpfband wars und eine Blumenkette; Und als der Mond am Bett hinaufgeschwebet, Sah ich's, als ob es glühnde Augen hätte. Bang hob ich mich, und mir entgegen hebet Das Mägdlein sich und sprach: "Wie schön gesungen Hat heut die Amme, noch das Herz mir bebet: Frau Nachtigall, mein Herz ist mir zersprungen." So sprach das Kind und legte still sich nieder. Ich fühlte mich mit Weh und Lust durchdrungen, Ein stilles Feuer zog durch meine Glieder. Oft hieß es mich empor nach ihr zu sehen, Und immer hob ihr lockigt Haupt sie wieder. Dann sprach sie Worte, mir nicht zu verstehen, Gebetet war es, und es war gedichtet, Und bis ich sah den Mond mir untergehen, Blieb mir ihr Haupt genüber aufgerichtet. Dann hört ich draußen -- harte Worte klangen, Bis eine milde Stimm den Streit geschlichtet. In unsre Kammer leise kams gegangen, Von Bette schlichs zu Bette, gab uns Küsse Und segnet uns auf Stirne und auf Wangen. Ich war der letzte. Heiße Tränengüsse Fühlt ich aus Mutteraugen auf mich fließen. Ich wußte nicht, warum sie weinen müsse, Ich traute nicht, den Arm um sie zu schließen. Und als sie aus der Kammer war geschieden, Da mußten meine Augen Tränen gießen, Da fühlte ich zuerst den Schmerz hienieden! Ich betete: "Maria, sei gegrüßet, So viele Tränen sie geweint!" und schlief in Frieden. ---- Viel war ich krank, kam wenig an die Sonne, Die bunte Decke war mein Frühlinggarten, Der Mutter Pflege war mir Frühlingswonne. Ich konnte oft den Abend nicht erwarten, Wenn sie die Wundermärchen uns gesungen, Daß rings die Kinder in Erstaunen starrten. Und keines ist mir so ins Herz gedrungen, Als von des süßen Jesus schweren Leiden, Wie des Herodes Kindermord mißlungen, Maria durch Ägypten mußte reiten, Und was sie da erfuhr in schweren Nöten, Da focht ich in Gedanken gen die Heiden. Und sah ihr Blut in allen Abendröten. -- Oft kam ein alter Diener mich besuchen, Mit kräftgen Reden meine Zeit zu töten, Die Tasche leer vom oft versprochnen Kuchen, Ein Meister im Versprechen und Beteuern, Was oft sich falsch bewärt; dazu ohn Fluchen Konnt er mit seinen Augen Glaub erneuern. Vom Antichrist tät er mir prophezeien, Und hat zum Held gen ihn in Abenteuern Vor allem mich mit einem Schlag geweihet, Den scherzhaft er mir auf das Haupt gegeben; Doch meine Seele ihn des Ernstes zeihet; Nichts traf so ernsthaft mich in meinem Leben; Der Antichrist erfüllet mich mit Schrecken, Und täglich mußt ich vor dem Trüger beben. Ich sah ihn stets gen mich die Hand ausstrecken: Allmächtiger, erleuchte meine Tage Und wolle mich vor meinem Feind verstecken! Und da dem Alten ich die Angst so klage, Sprach er: "Wenn du drei Tage ohne Weinen Geduldig bleibst, ich dich zur Kirche trage, Da sollst du dir ein großer Held erscheinen, Man wird dich singend bei dem Eintritt grüßen." Ich glaubte ihm. Bei aller Krankheit Peinen Ließ keine Trän ich von den Augen fließen. Und als die Stunde endlich war erschienen, Ward ich geschmückt vom Kopf bis zu den Füßen. Ich ließ mich stolz, gleich einem Herrn, bedienen; Der Alte selbst trug mich auf seinen Armen Und machte übertrieben ernste Mienen. Ich fühlte mich von Sonnenschein erwarmen, Und als wir uns dem alten Kloster nahten, Gab an der Pforte ich den frommen Armen, Die barhaupt bittend uns entgegentraten, Was ich besaß: sechs neue blanke Heller. Mein Träger ging auf wohlbekannten Pfaden; Er zeigte links hinab: "Dies ist dein Keller", Sprach er, "da hast du deine vollen Fässer Mit allen Sorten besten Muskateller!" Ich glaubte ihm, und mit dem blanken Messer Uns da ein schwarz und weißer Mönch begegnet. Der Alte sprach: "Nun sieh, stets kommt es besser!" Und als: "Wer war es?" ich ihm scheu entgegnet -- "Dies war dein heilger Pater Küchenmeister, Was er am Spieße brät, das ist gesegnet. Er ist aus Schwaben und Marcellus heißt er; Er soll den Antichrist zum Spieße stecken, Er ist ein Zauberer, beschwöret Geister." Nun hörte ich durch blühnde Gartenhecken Die Orgel aus der Kirche rührend klingen; Mich faßte da ein nie gefühlt Erschrecken. Als endlich zu der Kirche wir eingingen, Des Weihrauchs süße Wolken mich umwallten, An hohen Säulen goldne Engel hingen, Der vielen Bilder seltsame Gestalten, So stille und so kühl die hohen Bogen, Wie unsre Schritte in den Hallen schallten, Die Orgeltöne jubilierend zogen, Und wie die Mönche zu den Stühlen schlichen -- So wunderbar hat nie mein Herz geflogen. Der Alte machte mir des Kreuzes Zeichen, Mit Weihewasser er mich tüchtig sprengte, Befahl mir dann, zu horchen und zu schweigen. Die Seele sich in meine Ohren drängte. Als laut im Chor sie meinen Namen sagen, Entzücken sich mit tiefer Angst vermengte. Die Worte mir wie Feu'r zur Seele klangen: "|O clemens, o pia, o dulcis virgo Maria!|" Ein ewiges Gefühl hab ich empfangen. Ruft man mich Clemens, sprech ich still: "|o pia!| In meiner letzten Stund dich mein erbarme; |O clemens, o pia, o dulcis virgo Maria,| Empfange meine Seel in deine Arme!" ---- Schon siebenmal war Weihnacht mir erschienen Mit ihres Kinderschatzes frommen Glanz; Ich konnte lesen und die Messe dienen. Die Erde stand in Frühlingsfreude ganz; Des lustgen Pfingstfests Feier zu begehen Schmückt man die Kinder mit dem Blumenkranz. Zur Kirche sah man tausend Kinder gehen; Es teilt die Firmung dort der Bischof aus, Daß sie bestätigt in dem Glauben stehen. In Feierkleidern trat ich aus dem Haus Und zog mit vielen Kindern zu der Weihe, Wie sie geschmückt mit einem Blumenstrauß. Am Chore kniend in der langen Reihe Hab ich vom Bischof da das Öl empfangen Auf meine Sirne, Gott mir Kraft verleihe! Den Backenstreich empfingen meine Wangen, Daß ich gedenke an den ernsten Tag, An dem zur Kirch ich neu bin eingegangen. Derb und empfindlich schien bei mir der Schlag; Er sah in mir wohl jenes irdsche Wanken, Das zu bestimmen noch ich kaum vermag. Ich trat erschüttert aus den heilgen Schranken, Und meine Stirn umschlang ein blaues Band. Jedoch in mir, da schwankten die Gedanken, Denn mir zur Seite an dem Altar stand Ein kleines Mägdlein, das mich tief gerühret; Ich faßte heftig ihre kleine Hand Und habe sie zwei Schritte wohl geführet. Da sprach mein Führer: "Laß das Mägdlein stehn! Dergleichen Spiel allhier sich nicht gebühret." Sie schied von mir, ich mußte weitergehn; Verschlungen ward dies Kind mir von der Menge, Und nimmer hab ich wieder es gesehn. Von Sehnsucht wird noch jetzt die Brust mir enge; Ich suche jetzt wohl noch nach jenem Kinde, Und immer mehr tritt mirs aus dem Gedränge. Traf mich des Priesters Hand dort nicht gelinde, So traf mich schärfer noch mit seinem Pfeil Der kleine Cupido mit seiner Binde. Des Priesters Schlag rührt mich nur kurze Weil, Und nie genas ich von der Liebe Wunden; Der Tod empfängt den Kranken noch nicht heil. Du zartes Mägdlein, dir mir dort verschwunden, Siehst du auf Erden noch das süße Licht, Hast du gelebt und hast du Leid empfunden, Begegnet dir dies dunkele Gedicht: Nimm hin den Gruß und Dank, du Namenlose, Im irdschen Traum du himmlisches Gesicht! Und schläfst du schon in unsrer Mutter Schoße, So falle dir aus meinem ernsten Kranz Ein Opfer auf das Grab: die weiße Rose! ---- Getrennet lebte fern ich von den Meinen In strenger und unmütterlicher Zucht. Denk ich der Zeit, seh ich sich mir versteinen Die Tage in des Lebens Blumenflucht, Wie kleine Gärten zwischen steilen Mauern, Die nie ein Sonnenstrahl hat heimgesucht, Wo kalte Marmorkinder einsam trauern, Die wilder Buchs und Salbei trüb umkreist. Ihr kennet wohl des Knaben einsam Trauern! Ich fühlte elend mich und tief verwaist. Du, Schwester, die die trüben Tage teilte, Du fühltest auch, was fremde Pflege heißt. Den Genius, der früh bei mir verweilte, Den sah ich dort zuerst, als unerkannt Er mir das junge Herz begeisternd heilte. Da schmückt ich mich mit einem blauen Band, Und fesselt mich mit goldpapiernen Ketten, Trug einen Schäferstab in kindscher Hand Und auf der Brust geweihte Amuletten. Ein alter Scherbenhügel war mein Thron; Ich sprach: "Wer will den armen Sklaven retten?" Fürst, Schäfer war ich, und verlorner Sohn, Und sehnt mich zu den zarten Wolkenschafen, Die durch den Himmel überm Haupt mir flohn. So war ich einst begeistert dort entschlafen. Schon stiegen die Gestirne aus dem Blau, Die gütig mich mit ihrem Segen trafen; Es spiegelte der Traum sich in dem Tau, Der meine Stirne kühlend schon benetzte; Er führte mich auf eine stille Au, Wo eine Kinderschar sich laut ergötzte. Fremd schienen sie; ich stand an einem Baum, Zu dem ich scheu mich endlich niedersetzte. O seliger, o himmelvoller Traum! Ich sah hinauf. Aus deinem Himmel, Linde, Zog nieder eines weißen Kleides Saum, Und nieder stieg ein Kind aus dem Gewinde Der Zweige, die es neidisch mir versteckt, Ein Ebenbild von jenem Firmungskinde. Sehnsüchtig hatte ich die Arme ausgestreckt, Da kamen sie, dich boshaft mir zu rauben, Die Unverständ'gen haben mich geweckt. Nie blüht ihr wieder mir, ihr Jugendlauben, Im Fackelschimmer nie betrogner Lust! Die Liebe starb, die Hoffnung und der Glauben. Was füllet jetzt die narbenvolle Brust? Verbrannt das Herz! wie knirscht die tote Kohle! Das habt ihr stillen Tränen wohl gewußt. Zur Stube mußt ich, harte Worte holen, Zur Strafe büßt ich ein mein Abendbrot, Als hätte ich, was Gott mir gab, gestohlen: Des selgen Traumes tiefes Abendrot. Da war mein Herz im Innersten ergrimmet, Ich fühlte recht, was mir zum Dasein not: Ein Himmel blau, in dem die Hoffnung schwimmet, Ein Schmerz in meiner freien starken Hand, Die ihn nach ihren Melodien stimmet. Und alles dies, was da zuerst ich fand, Ward mit Moralien und trocknen Blicken Zertrümmert mir, was niemals ich verstand. Entschuldigend erzählt ich mein Entzücken; Da lachte man den armen Träumer aus, Den Scherbenkönig, drehte mir den Rücken; Und als ich weinte, bracht man mich hinaus Zum dunklen Gartensaal voll Malereien, Der immer mich erfüllet hat mit Graus. Es schienen da in traurig langen Reihen Die Bilder von den Schatten überbebt, Die mondumspielte Rebenlauben streuen. Den Richter sah ich, der das Schwert erhebt, Vor Salomon das Kindlein zu zerspalten; Es schwankt das Laub, er zuckt, er scheint belebt. Ich schauderte und konnte mich nicht halten Und kniete nieder vor Mariens Bild. Die Hände hab ich innig da gefalten Und flehte kindisch zu der Mutter mild: "O, Mutter Gottes, hilf dem armen Kinde!" Da deckte sie mich mit allgütgem Schild; Mein Schmerz zerfloß im Beten hin gelinde, Es senkte nieder sich der ernste Traum, Ich schlummert ein im Schatten jener Linde. * Romanzen vom Rosenkranz ** Romanze I: Rosablankens Traum "Bitte für uns arme Sünder Jetzt und in dem Tode, Amen!" Spricht sie -- und vom Stern der Frühe Weissagt auch die fromme Schwalbe, Und des Traumes schwülen Flügel Spannt sie über Rosablanken. Auf der goldnen Locke Fülle, Schwer vom blanken Nacken wallend, Sinkt ihr schlummernd Haupt zurücke, Himmelsspiegel wird die Wange. Schüchtern um die rosgen Füße Ihr der Tau die Traumflut sammelt, Und der West mit kühlem Flüstern Dunkle Schlummersegel spannet. Und der Traum spielt, sie berückend, Auf der Wimpern goldnen Strahlen, Die zum Schlummer sind entzücket In des Morgensternes Glanze. Und es kreuziget die Süße Fromm gewohnt sich Stirn und Wange, Legt in Gottes Hand die Zügel Der nachtwandelnden Gedanken. Von den lichtergrauten Hügeln Nieder zu des Tales Garten Durch die Nebelwege düster Sieht sie einen Jüngling wallen. Zu des Gartens Rosengrüften, Wo die Düfte schlummernd schwanken, Eilet Rosablanka schüchtern; Jener folget ihrem Pfade, Wandelt ernsthaft durch die Türe, In der Rechten einen Spaten, Und sie wagt nicht, ihn zu grüßen, Also hell und finster war er. Und sie pflückt gebückt in Züchten Süße Blümlein, die noch schlafen, Die unschuldgen, ohne Sünde, Ohne Taufe, ihm zum Kranze. Da sie scheu den Kranz schon ründet, Steht vor ihr der trübe Wandrer, Spricht: "Wohl selig sind die Blüten, Die du tötetest im Schlafe; Selig in der Nacht gepflücket, Die in Unschuld sind empfangen, Die nicht traf der Fluch der Sünde, Starben selig vor dem Apfel. Aber uns tut not zu büßen, Denn das Weib ward durch die Schlange Zu dem Gottesraub verführet, Den sie teilte mit dem Manne. Und so hat der Herr erzürnet An die Erde uns gebannet; In der Mutter muß ich wühlen Nach dem göttlichen Erbarmen. Mit dem Fleische ist die Sünde Aus der Erde aufgegangen; In der Mutter muß ich wühlen, Bis der Vater sich erbarmet!" Und vor Rosablankens Füßen Fing der Ernste an zu graben, Und da er die Gruft erwühlet, Hat die Erde ihn umfangen. Mit ihm zu der Erden Grüften Sinken auch des Tales Schatten; Aus den Gründen zu den Hügeln Tritt die Nebelwoge wachsend. Trüb getürmt auf düstern Füßen Schwankt der Riese auf am Walde, Schwingt die Nacht auf seinen Rücken, Kalt die Nebelfäuste ballend. Trügend rüstet sich der Lügner Mit dem Sonnengott zum Kampfe, Der auf goldnen Flügelfüßen Flammet aus dem Ozeanen. Seinen Spiegel stellt er lügend In der Dünste giftgem Walle Antichristisch ihm genüber; Jeder wache, nicht zu fallen! Wo der Traum in irdschen Gründen Barg den Mann, will Rosablanke Ganz in tiefer Angst entzücket Ihren Blumenkranz begraben. Aber ihr entgegen züngelnd Reckt sich eine bunte Schlange, Und mit heilgem Mut gerüstet Betet bebend Rosablanke: "Sei verflucht, du Geist der Lügen, Dich zertrat des Weibes Samen; O Maria, sei gegrüßet, Mutter Gottes, voller Gnaden! Amen!" und aus Himmelsflüssen Gießt sich aus ein Meer des Glanzes: __Maris Stella__ sei gegrüßet, __Semper virgo, ave, salve!__ Und der Jungfrau Heldenfüße Traten auf das Haupt der Schlange; Kindisch ihre Schuld zu sühnen Gibt dem Kranz ihr Rosablanke. Aber auf des Tales Hügeln Glüht die Sonne, und es wallen Schon die Bienen nach den Blüten, Und es eilt die fromme Schwalbe, Kühlt des Traumes schwülen Flügel Auf dem Spiegel klarer Wasser, Und beträufelt mit dem Flügel Weckend Rosablankens Wange. ** Romanze II: Kosme und Rosablanka Auf des Fensters Efeuranken Spielt der Strahl der jungen Sonne, Und des Laubes Schatten schwankend Weckt den greisen Vater Kosme. Schlummerstille ist die Kammer Rosablankens, als er horchet, Und er trägt den Krug zum Bache, Füllet ihn mit frischem Borne. Aus dem Wasserspiegel mahnet Ihn des Alters ernster Bote; "Du wirst bald die Schuld bezahlen!" Spricht des Hauptes Silberlocke. Betend senkt er in dem Schatten Seine Stirne an den Boden; Mit ihm betet auch das Wasser und des Gartens heilge Rose. Und des Tales Sänger alle, Blumen, Bäume, hohe Wolken, Schallend, wachend, atmend, wandelnd, Opfern fromm der goldnen Sonne. Aber zu der Kinder Lallen Weint der graue Büßer Kosme, Denn um seine Hütte wachsen Weiße, rote, gelbe Rosen. Schamvoll, schuldvoll überschwankend Wiegt die rote, blutge Rose -- Ach, sie treffen ihn gleich Stacheln -- Stumm zwei Knospen an der Sonne! Abgewendet von dem Alten Unterm Zorn der dunklen Dornen Läßt die gelbe Rose wanken Tränenschwere Trauerglocken. Und die weiße Rose, zagend, Gleicht dem Geiste einer Nonne, Bleicht den Schleier weinend, wachend Ewig unter Mond und Sonne. Jetzt auch zu dem Bache wandelt Rosablanka, während Kosme Betend liegt; mit kühlem Wasser Netzt sie Wange, Brust und Locke, Ihre Stimme noch umfangen Von des Traumes Nebelkrone, Und die Augen scheu umflattert Von der Sonnenbilder Flocken. Doch des Wassers Spiegel mahnet Zu dem frommen Wunsch die Fromme: "Könnte alle Schuld ich zahlen Mit der goldnen Flut der Locken!" Ihre Worte hört der Alte, Und spricht zu ihr: "Fromme Tochter, Sei gesegnet an dem Tage, Da du bist zum Licht geboren! Aber bleich sind deine Wangen, Und die Augen trüb umfloret?" -- "Vater, schwere Träume brachte Diesen Morgen mir Aurore. Überm Haupte bang gespannet Schwankt und droht des Traumes Bogen, Den zerbrochen mir die Schwalbe, Niederträufelnd einen Tropfen." -- "War es Feuer, war es Wasser, Rosablanka, was dir drohte? War erwühlet dir der Garten? Bebte unter dir der Boden?" -- "Ja, es waren Tränen, Vater, Und es war die Glut der Rosen, Und um göttliches Erbarmen Ward erwühlt des Gartens Boden." -- "Wehe! wehe! Rosablanka, Der gewühlet in dem Boden, Fand er göttliches Erbarmen Oder blieb sein Werk verloren?" -- "Er ging unter still ermahnend, Über ihm ist aufgeschossen Eine bunte, schöne Schlange, Dringend hin nach meinen Rosen." "Wehe! wehe! Rosablanka, Gabst du hin die heilgen Rosen? Hat die bunte, schöne Schlange Dich mit bunter Luft betrogen?" "Von dem Himmeln kam gegangen Die den Heiland hat geboren; Sie zertrat das Haupt der Schlange Und ich gab ihr hin die Rosen." -- "Sei gesegnet, Rosablanke, Für die Worte voller Trostes! Daß sich mein der Herr erbarme Mag ich nun in Demut hoffen." -- Tiefbeweglich sprach der Alte, Und es wagte nicht die Fromme Nach der Rede Sinn zu fragen, Sie sah schüchtern an den Boden. Aber zu der Hütte wandeln Beide nun, und Vater Kosme Spricht: "Nun gehe zu dem Garten, Fülle deinen Schoß mit Rosen, Während ich die Honigwaben Und das Wachs, das diese Woche Ich zu Kerzen zog und malte, Dir in deinen Korb geordnet. Nach Bologna mußt du wandern, Eh noch höher steigt die Sonne, Dort verkaufe deine Ware Bei den schwarz und weißen Nonnen. Zwanzig Soldi nur an barem Gelde nehme ich vom Kloster; Was dir bleibt von deinem Wachse, Tausche ein um weiße Brote. Bringe mir auch Purpurfarbe, Einen Gran geriebnen Goldes, Und Ultramarin zwei Asse Aus dem Kram am römschen Tore. In dem Kloster zu Sankt Claren Gibt dem Meßner zwanzig Soldi, Daß er morgen, eh es taget Eine Seelenmesse ordne. Morgen sind es zwanzig Jahre Daß die Mutter dir gestorben. Herr, dich ihrer Seel' erbarme Durch die Mutter deines Sohnes! Ew'ge Ruhe gibt den Armen, Die der Erde Schoß bewohnen." -- Amen! betet Rosablanke, Und geht weinend nach den Rosen. Da sie kehret, hat der Alte Ihr den Korb schon wohlgeordnet, Drüberhin ein Tuch gespannet, Darauf gießt sie aus die Rosen. "Was dir bleibet, Rosablanke, Gib den Armen oder opfre; Gehe in Gottes Namen." -- Und sie gehet mit dem Korbe. Kosme schließt das Tor des Gartens Und der Hütte kleine Pforte, Riegelt ein sich in der Kammer, Wäre gern allein verschlossen. Aber nicht am Tor des Gartens, Nicht an seiner Hütte Pforte, Noch der Kammer, hört den Hammer Er des strengen Gläubgers pochen. In den Bußen wohnt der Mahner Alter Sünde, und die Rose Mahnt am Fenster, und die Schwalbe, Seiner Armut Gast, mahnt Kosme. Und die fromme Rosablanke, Die mit goldner Flut der Locken Möchte alle Schuld bezahlen, Ist der strengste Gläubger Kosmes. Zu der Hütte letzter Kammer Schleichet bang der alte Kosme, Dort hält er den Schatz des Jammers Sich im festen Schrank verschlossen. Eine Locke blonder Haare, Die Gewande einer Nonne Nimmt er weinend aus dem Kasten, Und dann eine schwere Rolle. Er befestigt sie am Rande, Und es rollet zu dem Boden Ein Gemälde, das der Maler Unvollendet, halb entworfen. Unten auf dem Meer der Schatten Schwankt, umwogt von dunklen Wolken, Ohne Steuer, ohne Flagge, Bleich der Kahn des halben Mondes. An den Seiten aufwärts wallen Opfersäulen grauer Wolken, Die den Regenbogen tragen, Des Triumphes Friedenspforte. Um des Tores Bogen ranken Engel sich, aus rotem Golde, Und von ihren Händen fallen Purpurrote Morgenrosen. Wo sie zu dem Monde fallen Scheinet er von blankem Golde Eine Sichel, die am Abend Rosen streute für Auroren. Aber nächtlich hat die Schlange Um die Sichel sich gerollet. O erscheine, Herr des Gartens, Tritt den Lügner an den Boden! Denn inmitten dieser Tafel Ist noch kaum ein Strich gezogen, Gleich des Blinden Auge starret, Gott erharrend, hin der Bogen. Jährlich nur an diesem Tage Weint vor dem Gewand der Nonne Und der Locke goldner Haare, Büßt vor diesem Bilde Kosme. Wie, an heilgen Jahrestagen Nur, die Kirche die Kleinode, Die Reliquien des Schatzes Auftut, zu der Frommen Troste, So auch liegt der Schatz des Jammers Jährlich vor dem Büßer offen Da geboren Rosablanke, Da die Mutter ihr gestorben. Die in schwerer Schuld empfangen, Die in schwerer Schuld gestorben, Und es ist der Sünde Vater Rosablankas Vater Kosme. Bis in tiefer Reue Flammen Der Verzweiflung Erz geschmolzen, Weinet Kosme in der Kammer Vor dem Bild und Kleid der Nonne. Und als in des Büßens Asche, Wie der Blick geschmolznen Goldes, Hoffnung ihm entgegenlachet, Geht bereiten er das Opfer. Er gießt aus gebleichtem Wachse, Das im Mittagsstrahl zerflossen, Eine hohe Totenfackel, Einer Schlange gleich geformet. Malt sie an mit bunten Farben, Schmückt sie auch mit Punkten Goldes; Brennen soll sie am Altare Bei der Totenmesse morgen. Und so hat er still gemalet, Bis zum Garten ging des Mondes Blanke Sichel, und des Abends Rosen streute für Auroren. ** Romanze III: Meliore und Apone Ruhig steht mit seinem Buche Schon Meliore auf der Straße, Vor dem Haus der hohen Schule auf die Mitgenossen harrend. Er bedenkt die tiefsten Punkte, Die Apone vorgetragen, Wünscht ihm eine leichtre Zunge Und sich schärfere Gedanken. Daß die Welt aus Gott entsprungen, Und doch nicht von ihm erschaffen; Daß Gott sei im Mittelpunkte, Wo auch nichts sei und doch alles -- Dieses scheint ihm höchstens dunkel; Aber da er Apo fragte, Sprach der Lehrer: "Es war dunkel, Da das Licht noch war im Schaffen. Bildend in den Kreaturen, Hatte es nicht Zeit zu strahlen; Also sei es dir kein Wunder, Daß es noch bei dir nicht taget. Fühlst du erst die Macht des Dunkels, Dann magst du nach Licht recht schmachten, Nur der Durstgen Wünschelrute Wird auf kühle Brunnen schlagen. Ist es mir erst recht gelungen Euch ins Dunkle einzufangen, Dann zu sehn des Lichtes Wunder, Mögt ihr selbst ins Aug euch schlagen." -- Und so gab er sich zur Ruhe, Wollte nicht mehr weiter fragen, Ließ ergeben sich hinunter In der Weisheit Stollen fahren. Harmoniam der Naturen, Welche auf smaragdner Tafel Nach der Sündflut aufgefunden Zara, in Hermetis Grabe, Und der Dinge Signaturen Hat schon Apo vorgetragen, Und beinahe ists schon dunkel, Daß man sich ins Aug möcht schlagen. Aber heute in der Stunde Wird er hohe Dinge sagen, Von der Töne Macht und Wunder Und der Kunst des Liebestrankes. O, daß er die ganze Stunde Lehrte von dem Liebestranke, Denn Meliore kennt die Wunder Harfenklanges und Gesanges. Denn es schlug die Liebeswunden Ihm Biondettas Wunderharfe, Die um Tanz und Sang und Tugend Man die heilge Tänzrin nannte. Doch nun hört an dem Turme Eine Viertelstunde schlagen, Und durchs Fenster in der Schule Apos Stimme lehrend schallen. Da er so versäumt die Stunde Von der Kunst des Liebestrankes, Will er eilen zu dem Brunnen, Wo der Trank lebendig wallet. Trunken schlugen seine Pulse, Da er ihrer Wohnung nahet; Wie durch dunkle Grüfte, rufend Sich, verwandte Quellen wandeln, Sich in ewiger Unruh suchen, Aber fest in Stein gefangen, Murmelnd ungeduldig sprudeln, Können nicht zusammenfallen. An Biondettens Fenster duftet Einer blühnden Linde Schatten, In den Zweigen gehn zur Schule Gern die süßen Nachtigallen. Lauschen in den Dämmerungen Auf der Jungfrau Sang und Harfe, Wenn die Meisterin verstummet Wiederholen sie es lallend. In Bewundrung ganz betrunken Singt das Bölklein durcheinander, Die Studentlein ohne Ruhe Mit dem Federmantel schlagen. Oft auch mischt ein frecher Kunde Drein den ungewaschnen Schnabel, Und die Sänger all im Sturme Fassen, rupfen ihm den Kragen. Und entflohn zum nahen Turme Lehrt der Star die andern Stare Eines höhern Standpunkts Schule, Gründend auf der Wetterfahne. Klagt auch, daß die andern drunten Seine Hauptideen stahlen, Macht ein kunterbunt Gemunkel, Läßt in alle Welt es tragen. Doch in den Begeisterungen Weiß die Jungfrau nichts von allem, Sie hat nur vor Gott gesungen, Lauschen gleich die Nachtigallen. So vergleicht der hohen Schule Er der hohen Linde Schatten, Wo in überflüssgen Zungen Ihm Biondettens Sang verhallet. Ach! er möchte hin zum Grunde Stürzen dieses Baumes Schatten, Oder in den Zweigen ruhend, Die ihm bloß ertönt, betrachten. Doch ein Bild von Gottes Mutter Steht auf einsamen Altare Bei der Linde, ihre Kuppel Wölbet ihm des Tempels Halle. Ihm zur Seite steht ein Brunnen Einsam wie das Bild, es fallen Leis der Linde Blüten runter Auf den Spiegel seines Wassers. Arm ist wohl das Bild an Schmucke, Handel-, wandellos die Straße, Aber nächtlich hört die Mutter Hell Biondettens süßes: Ave! Und geht sie, im bunten Putze Schimmernd, zu der Bühne abends, Teilt sie fromm die Flitterblumen Mit Marien, voll der Gnaden. Auf des Altars öder Stufe Keimen Blümlein in dem Grase; Nahe ist das Tor, hier ruhen Gern, sich ordnend, müde Wandrer. Denn hier steht ein kühler Brunnen Einsam wie das Bild, es fallen Leis der Linde Blüten runter Auf den Spiegel seines Wassers. Still an des Altares Stufen Kniet Meliore und betrachtet Glaubend, was mit Dämmerungen Ihm der Schule Geist umnachtet. Eine Jungfrau kömmt zum Brunnen; Zu der Stadt trägt Rosablanke Einen Korb mit Wachs und Blumen, Sprengt die Rosen an mit Wasser. Sitzt zu ruhn dann auf die Stufen Bei dem Jüngling am Altare, Ihre züchtgen Augen wurzeln Bang auf der Gestalt des Mannes. Die erfrischten Rosen rufen, Und er blickt nach Rosablanken; Wie der Born geweckt die Blumen, Weckt sein Blick die Rosenwange. Von geheimer Macht bezwungen Spricht die Jungfrau: "Herr, im Garten Bot ich heut dir diese Blumen, Und du hast sie ausgeschlagen. Grubst dir emsig eine Grube, Und empor schoß eine Schlange; Du gingst in der Grube unter, Ach in mir ist dieser Garten! Es erschien mir Gottes Mutter Und zertrat die böse Schlange, Und doch fühl ich mich verwundet, Da ich lebend dich betrachte!" Und Meliore spricht verwundert: "Du klagst einem kranken Arzte, Rettung müßte ich sonst suchen Vor der Schönheit meiner Kranken. Du sagst wahr: Längst ging ich unter In der Wangen Rosengarten, Der Gesang des süßten Mundes War mir eine bunte Schlange. Aber hier steht Gottes Mutter. Daß sie unser sich erbarme, Lasse um die Stirn ihr duftend Einen Kranz von Rosen prangen!" Und er sitzet auf den Stufen, Flichten den Kranz mit Rosablanken; Da bricht durch der Linde Dunkel Zu dem Bild Biondettens: Ave! Und es krönet Gottes Mutter Schon Meliore mit dem Kranze, Und Biondettens Lied verstummet, Bitter weinet Rosablanke. Ihr zum Herzen hingedrungen Sind die Fluten des Gesanges, Ihr im Busen ist entsprungen Eine Quelle des Verlangens. Und der Tränen Flut wird suchen Stets die Fluten des Gesanges, Bis sie einst durch Gottes Wunder Selig ineinander fallen. Doch nun eilet mit den Blumen Nach dem Kloster Rosablanke, Weil von Schülern dicht umrungen Apo sich der Linde nahet. Er mag gern mit seinem Zuge Durch Biondettens Straße prangen, Und sie bei dem nahen Turme, Wo er hauset, stolz enlassen. Ernsthaft mit gezogenem Hute Folgt die Schar dem finstern Manne; Vom Altare springt herunter Schnell Meliore, ihn erwartend. Nahet nach demütgem Gruße Ruhig dann dem finstern Manne. "Daß ich heut versäumt die Schule" -- Spricht er -- "muß ich leider klagen. Ungeduldig, ohne Ruhe, Konnt ich nicht die Zeit erwarten, Und ging aus, sie aufzusuchen, Aber ich bin irr gegangen." Zu ihm spricht mit höhnscher Zunge Apo, scharf ins Aug ihm fassend: "Und der Irrgang scheint gelungen, Angenehm ist dieser Schatten. Dieser Baum hegt geistge Zungen. Einen Vogel zu erhaschen, Bist du zum Altar gesprungen, Und doch führst du leere Taschen." -- "Meister, nein! das Haupt der Mutter Krönt ich mit dem Rosenkranze, Während ich, bis du zum Turme Kehretest, deiner hier geharret. Denn ich wollte dich ersuchen, In der Kürze mir zu sagen, Was in der versäumten Stunde Mir vom Liebestrank entgangen. Denn der Töne Macht und Wunder Kann ich mir schon deutlich machen; Dieses Baumes geistge Zungen Über mich sind ausgegangen." Apo spricht: "Der Töne Wunder Lehrte dich der Linde Schatten, Lerne nun von diesem Brunnen Auch die Kunst des Liebestrankes." -- "Meister, höchlich ich bewundre, Wie du fein mich höhnend strafest; Ach! zu tief ist mir der Bunnen, Und der Eimer schöpft nur Wasser. Auf des Glanzes Spiegel unten Sah ich oft ein Antlitz strahlend Durch die grünen Zweige funkeln, Aber nimmer steigts zum Rande. Treulos immer ists verschwunden, Wenn ich weisheitsdurstig nahte. Nur das Bild von Gottes Mutter Weilte ruhig meinen Klagen. Und so krönt ich sie mit Blumen, Daß, nach gleichem Preis verlangend, Auch das schönre Bild des Brunnens Gütger meiner Andacht achte. Doch noch immer muß im Durste Ich am kalten Rande schmachten, Möcht hinab zu einem Kusse Stürzend mich im Tode baden." -- "Trage Wasser in den Brunnen." -- Spricht der Meister -- "bis zum Rande, Dann magst du die durstge Zunge Bald im kühlen Spiegel laben." -- "Meister, was dir nie gelungen", Spricht Meliore, "soll ich wagen? Seit dem Teufel hat die Schule Wasser in den Born getragen. Doch des Himmels Spiegel unten Ist noch nie heraufgewallet; Von der Schule zu gesunden Will den Blick ich aufwärts schlagen." So sprach er im Jugendmute, Als er fühlt der Rede Stachel. Apo spricht: "Ich sag dem Kruge: Gehe, bis du brichst, zum Wasser! Kühner Knabe, willst du Funken, Fange eh du streichst die Katze!" Zornig geht er dann zum Turme, Und Meliore steht verlachet. ** Romanze IV: Rosablanka und Biondetta Nieder auf Bolognas Gassen Brennt die volle Mittagssonne, Und aus hohen Schloten wallen Weiß des dichten Rauches Wolken. In den Kellern klimpern Flaschen, Und auf kühlem Marmorboden Wird mit silbernem Gerassel Schon des Reichen Tisch geordnet. Suchend hie und da den Schatten, Schleichen von der Klosterpforte Auch die Bettler zu dem Mahle, Mit dem vollen Suppentopfe. Und der Ochse lauscht am Wagen, Wiederkäuend in der Sonne Einsam auf dem heißen Markte, Auf das Plätschern hoher Bronnen. Aber in der Linde Schatten, Wo die fromme Tänzrin wohnet, Scheint der Mittag selbst entschlafen An dem lieben, stillen Bronnen. Leis umgrast von seinem Lamme Auf dem dicht berasten Boden Ruht ein süßer, kleiner Knabe, Schlummerglühnd in goldnen Locken. Jede Blüte hör ich fallen, Hör des Knaben leisen Odem, Und die reine Rosablanke Tritt einher mit ihrem Korbe. Auf den Stufen des Altares, Wo sie früh den Kranz geflochten, Ladet sie zum armen Mahle Kindlich ein die Mutter Gottes. Eine goldne Honigwabe, Auch ein Stückchen weißen Brotes Und die milchgefüllte Flasche Nimmt sie aus dem weißen Korbe. Da erwacht der blonde Knabe Und steht harrend bei dem Bronnen, Und es rief ihn Rosablanke: "Komm, ich geb dir Honigbrote!" Und er nahet mit dem Lamme Freundlich sich der Jungfrau Schoße, Auch ein Vöglein kommt zu Gaste Von der Linde abgeflogen. Liebreich lächelt Rosablanke, Heißt sie allesamt willkommen, Und es spricht der blonde Knabe: "Du bist mild, o fromme Tochter! Was du teilest mit den Armen, Das hast du dem Herrn geboten, Der sich deiner wird erbarmen In der Stunde deines Todes!" Von der Gäste lautem Danke Ward Biondetta hergelocket, Schaut herab zur offnen Tafel, Will mit ihrer Kunst sie loben. Leis ergreift sie ihre Harfe, Singet still herabgebogen: "Heil dir, Jungfrau, mit dem Lamme, Mit dem Knaben, mit dem Vogel. Über deinem frommen Mahle Weile gern das Auge Gottes, Denn so liebe Gäste saßen Einstens um das Tischlein Josefs. Herr, dies Mahl laß dir gefallen Zum Gedächtnis deines Sohnes, Und die arme irdsche Harfe Klinge bald am Himmelstore." Als die Worte niederklangen, Saß die Jungfrau stille horchend, Ließt die Gäste munter naschen Brot und Honig aus dem Schoße. Und Biondetta flüstert sachte: "Mägdlein, sieh nach deinem Korbe, Denn das Lamm hat mit der Nase Schon das weiße Tuch erhoben. Kindisch horchend meiner Harfe, Bist du um dein Brot gekommen: Darf ich dich zu Gaste laden, So tritt ein in meine Pforte!" Doch nun spricht der blonde Knabe: "Eh du gehest, fromme Tochter, Gib drei Kerzlein mir vom Wachse, Daß ich sie heut abend opfre. Ich will dir ein Lied auch sagen, Wenn ich wieder zu dir komme, Von dem Knaben und dem Lamme Und drei wundervollen Rosen. Ich kenn deines Vaters Garten; Will es Gott, so komm ich morgen." Und sie gibt drei schön gemalte Kerzen ihm, daß er sie opfre. Eine rote, eine schwarze: Und er spricht: "Für dich, du Fromme, Ist die weiße hier -- drei Farben Will ich für drei Rosen opfern!" Und nun wendet sich der Knabe, Spricht: "Gedenke dieses Morgens, Denk der Schlange und des Mannes, Folge seinen ernsten Worten. Daß sich unser mög erbarmen, Der du gabst die frischen Rosen, Die zertreten hat die Schlange, Die den Heiland hat geboren!" Und nun schied er. Tief erbanget Denkt die Jungfrau seiner Worte, Bis Biondetta sie ermahnte Mit der Saiten goldnem Tone. Ihren Korb nimmt Rosablanke; Wie von lieber Hand gezogen Steigt sie zu Biondettas Kammer Und spricht schüchtern: "Willst du Rosen? Rosen, rot wie deine Wangen, Kerzen, rein und schlank gezogen, Wie dein klarer Leib gestaltet?" Sprichts und zieht das Tuch vom Korbe. Kann die Antwort nicht erwarten, Setzt sich nieder an den Boden, Fleht: "O schlage an die Harfe, Singe, singe rein und golden!" Und Biondetta spricht: "O klare Jungfrau, schöne Harfe Gottes, Woll an meinem Herzen schlagen Von den Armen lieb umschlossen!" Und es sinket Rosablanke Ihr ans Herz, und heilig lodert Über sie die Gottesflamme, Daß die Seelen dicht verschmolzen. Daß von ihren süßen Wangen, Von den rot und weißen Rosen, Von dem Klang verborgner Harfen Heilge Tränenquellen flossen. "Hörst du, hörst du, wie vom Klange Mir des Herzen Saiten pochen, Wie von göttlichem Gesange Sich ein Netz um uns gezogen? O, wer bist du? meine Arme Haben einen Schatz gehoben; O, wer sind wir, die sich fanden? Sprich, wo wir uns einst verloren?" Also ward in süßen Fragen Ihrer Arme Bund erschlossen, Der mit heimlichen Gewalten Ihrer Seele Bund geschlossen. "Da ich früh heut am Altare Einen Rosenkranz geflochten, Fühlte ich in dem Gesange, Liebe, mich an dich verloren. Durch die Rosen meines Kranzes Und durch meines Blutes Rosen, Die in Lieb und Andacht wachsen, Flocht ich deine Töne golden!" -- "Da ich dich gesehn beim Mahle Mit dem Knaben, Lamm und Vogel, Fühlte ich ein tief Erbarmen, Daß ich hier so einsam wohne. Wie ein Himmelsglanz die Kammer Heilgen Möchen in Visionen Füllet, also füllte strahlend Mich Verlangen, Lieb und Hoffen!" Um sich blicket Rosablanke, Sieht das Stübchen wohl geordnet, Spiegelblank sind Stuhl und Tafel, Schrank und Wand von edlem Holze. Reicher Stoff in reichen Falten Schwebet um der Fenster Bogen, Und ein Bilderteppich spannet Augerquickend sich am Boden. Und wo es erwünscht, da ragen An den Wänden, halb erhoben, Kunstgebildete Gestalten: Mensch und Vase schön geformet. Marmor, Glas und Alabaster, Erze, Silber, Gold und Bronze, Die Metalle und Kristalle Sprechen, was der Meister wollte. "Reich ist, Jungfrau, wohl dein Vater, Der dir all dies Gut erworben? Solchen Reichtum zu betrachten, Ist mir füher nie geworden." -- "Nur der Welt gehört dies alles," Spricht Biondetta, "aber folge Jetzt mir auch zum eigenen Schatze, Den ich selber mir erworben. Trete in die enge Kammer, Sieh mein Bett von trocknem Moose, Wo ich mit dem Licht erwache, Mit der Schwalbe Gott zu loben. Vor dem Fenster schwebt ein Garten Auf der alten Mauerkrone, Wo zwei süße Nachtigallen Meine Lieder wiederholen. Aber deine Augen fragen, Was das Tüchlein dort verborgen Über meinem Betstuhl halte: Sieh, das Bildnis einer Nonne. Schlecht ist nur das Bild gemalet, Doch in seinen Zügen wohnet Strenge, die mich liebreich strafet, Liebe, die mich ernsthaft lobet. Heiliger als alles, alles, Ist mir dieses Bild geworden, Seinen Linnenvorhang achte Höher ich, als sei er golden. Aber über deine Wangen Seh ich sanfte Tränen rollen?" "Kann ich," saget Rosablanke, "Vor dem Bild nicht weinen wollen? Denn ich seh auf seinen Wangen Blasser Lilien Kelch erschlossen, Der von Tränen bittren Grames Bis zum Tode überflossen. Wer hat dir das Bild gemalet, Wer hat dir das Tuch gesponnen, Daß sie lieb dir über alles Und mir auch so lieb geworden?" -- "Was ich weiß, sollst du erfahren," Spricht Biondetta, "doch zu sorgen Bleibt mir vieles noch heut Abend; Ich muß meinen Putz noch ordnen; Muß noch stimmen Leir und Harfe Und die Lieder wiederholen, Denn schon mahnet mich der Schatten Meiner Uhr dort an der Sonne." Schüchtern fraget Rosablanke: "Hohe Gäste hat entboten Wohl dein Vater für heut Abend, Die so reichen Putz erfordern?" -- "Alles das will ich dir sagen," Spricht Biondetta, "doch nun folge Mir zu meinem Kleiderschranke, Hilf mir die Gewande ordnen." Vor den Blicken Rosablankens Stehn die blanken Türen offen: Ach die seltsamen Gewande Und die bunten, reichen Stoffe, Und die schönen Blumen, wankend Bei den Sternen silbern, golden, Wie die zarten Federn schwanken # schwonken Um die leichten, duftgen Flore, Wie die Diamanten strahlen Lachend in rotgoldnen Kronen, Wie die Perlenschnüre fallen Weinend durch des Purpurs Wogen. Und in blanken Silberpanzern Spiegeln dunkle Seidenrosen, Windend sich um Schwert und Lanze Aus des Goldhelms stolzem Schoße. Muschelhut und Pilgerflasche Hängt am sarazenschen Bogen, Falsche Stern und Monde prangen Auf des Turbans üppgen Wolken. Flitterschuhe und Sandalen, Bei Kothurn und Goldpantoffeln Und gespornten Schienen, paaren Traulich unten sich am Boden. "Reich ist, Jungfrau, wohl dein Vater, Der dir all dies Gut erworben?" -- "Nur der Welt gehört dies alles, Ich bin freier Künste Tochter. Muß auf offner Bühne tanzen, Bin zur Lust der Welt erzogen; Heute sind es nun sechs Jahre, Daß ich sang die erste Rolle. Heute sind es zwanzig Jahre, Daß ich bin gefunden worden Als ein Kindlein am Altare, Wo du früh den Kranz geflochten. Findelkind Mariens nannte Mich die Tänzrin, die hier wohnte, Ihr verdank ich Sang und Harfe, Sie ist meine Mutter worden. Was mit Staunen du betrachtest, Ist das Gut, das sie erworben Und mir gütig hat gelassen, Als ich sie im Tod verloren. Da zur Jungfrau ich erwachsen, Übernahm ich ihre Rollen, Und sie hat vom offnen Wandel Sich zu Gott zurückgezogen. In dem Kloster zu Sankt Claren Ward sie endlich aufgenommen. Und im heilgen Kleid begraben Als ein Mitglied jenes Ordens. Sterbend hat sie mir gestanden, Daß ich ihre Findeltochter, Und mir Zeit und Ort gesaget, Da ich bin gefunden worden, In dem Tüchlein eingeschlagen, Mit dem Bilde jener Nonne, Und dem Ringlein, das ich trage, Am Altare bei dem Bronnen. Heute sind es zwanzig Jahre; Freitag nachts, als aus der Oper Einsam sie nach Haus gegangen, Nahm sie auf mich von dem Boden. Hat mit mir sich in der Kammer Mutterheimlich eingeschlossen, Und von den gemalten Wangen Liebestränen auf mich flossen. Da sie sterbend mir dies sagte, Fragt ich: wer hat mich geboren? Doch sie konnte mirs nicht sagen, Ihre Lippe war verschlossen. Ihre Blicke, aufgeschlagen, Sahen nach dem Bild der Nonne, Und auf ihre bleichen Wangen Kalte Tränen niederflossen, Die noch traurig darauf standen Als ich ihr das Aug geschlossen; Und so sind mit ihr mir Armen Beide Mütter mir gestorben: Die mich hilflos mußte lassen Als sie mich zum Lichte geboren, Die mich treu in ihre Arme Als ein Kind hat aufgenommen. Heute nun zum letzten Male Will ich tanzen in der Oper, Will ich meine Wangen malen Meiner Lehrerin zum Lobe, In der Künste bunter Flamme Ihrem Leben noch dies Opfer, Und dann fromm die jungen Tage Opfern ihrem selgen Tode." Alles höret Rosablanke, Dinge, die sie nie vernommen, Über manches möcht sie fragen, Stünd der Schrank nicht vor ihr offen. Lange steht sie vor den Masken, Wie umgafft von fremden Volke; Kindisch wagt sie nicht zu fragen, Wer die Augen ausgestochen. Doch fragt sie bei Armors Larve, Der ein Band von leichtem Flore Um die Augen war gefaltet: "Ist ihm auch das Aug genommen?" -- "Da ich einstens trug die Larve, Sprach Apone unterm Volke: Wer darf deine Mutter tadeln, Wenn du spielst des Vaters Rolle! Da erglühten meine Wangen, Durch die Maskenöffnung rollten Heiße Tränen, und die Farben Um die Augen her verloschen. Darum hab ich mit dem Bande Diesen Schaden schnell verborgen, Und blieb ferner an dem Abend Von dem Toren unverspottet. Aber nun sollst du die Haare Mir für heute Abend ordnen, Wie um eine Silbernadel Du die deinen hast geflochten. Willst du mir die Zöpfe machen? Ich knie nieder an den Boden, Und indessen sollst du sagen, Wer dein Vater, wo du wohnest." Und sie flicht Biondettens Haare, Windet sie in feste Knoten, Während sie vom Rosengarten Spricht und von dem Vater Kosme. Wie im Traume heut die Schlange Gegen sie emporgeschossen, Wo der ernste Mann gegraben, Der versunken in den Boden. Wie dann später am Altare Sie ihn wieder angetroffen: "Ach, da hört ich deine Harfe, Hab mit ihm den Kranz geflochten! Und jetzt hat der blonde Knabe Mit dem Lamme und dem Vogel Zu bedenken ernst ermahnet, Was der ernste Mann gesprochen. Ach, ich bin mit Angst umfangen! Mich umdrängen diesen Morgen Jener Mann, der Knab, die Schlange, Du, dein Glanz, das Bild der Nonne! Beten will ich noch heut Abend, Beten, recht von Herzen, morgen An der armen Mutter Grabe, Die mich sterbend hat geboren. Auch sie ruhet bei Sankt Claren; Ich hab morgen angeordnet Ihre Messe, eh es taget; Willst auch du hin beten kommen? Aber halte fest, du wankest! Sieht, jetzt durch den Flechtenknoten Steck ich meine Silbernadel, Bleib der Geberin gewogen!" Und Biondetta spricht: "Die Nadel Will ich heut ins Herz mir stoßen, Wenn ich auf des Spieles Bahnen Mich dem schönsten Tode opfre. Wenn die Fluten des Gesanges Weltlich alle sind zerronnen, Wenn die Schwingungen des Tanzes Alle nieder sind gezogen. Wenn die Saiten meiner Harfe Weltlich alle sind gebrochen, Denk ich deiner, Rosablanke, Dient die Nadel mir zum Dolche! Und das Ringlein, das ich trage, Das mit mir gefunden worden, Nimm es hin zur Gegengabe! Also bin ich dir gewogen! Aber wähl auch aus dem Schranke Irgend ein Gewand dir, Holde! Zur Erinnrung dieses Tages Zeige es dem Vater Kosme. Morgen will ich Sankt Claren Zu der Totenmesse kommen, Und dann dir zum Rosengarten Deines ernsten Vaters folgen." Lange wählet Rosablanke Welch Gewand sie nehmen sollte, Und Biondetta singt zur Harfe, Ihre Rolle wiederholend: "Lebet wohl, ihr falschen Farben, Eitler Tränen Regenbogen, Sterne, die mit falschem Glanze Dienten einem Flittermonde! Meine Tränen sollen wachsen, Daß sie mit den bittern Wogen Ganz mein Irdsches überwallen, Bis die Schuld ist hingenommen. Aus dem Argen in die Arche Geh ich, eine Tochter Noä, Kleide mich in schwarzer Farbe, Wie der Rabe ausgeflogen. Kleide schwarz mich gleich dem Raben, Der als Bote ausgeflogen, Und so traurig auf den Wassern Schwebte, bis sie abgenommen. Schleire mich mit weißer Farbe Gleich der Taube, die als Bote Wiederkehrte mit dem Blatte, Das dem Friedensbaum entsprossen. Sei gegrüßt, du Tag der Gnade! Durch den Friedensbogen Gottes Will ich zu den Vätern wallen Auf der Opferflamme Wolken." Also sang sie. Rosablanke Wählt das Röcklein einer Nonne, Weiß den Schleier, schwarz den Mantel, Wie die beiden Friedensboten. Da sie dies im Korb bewahret, Und ihn auf das Haupt gehoben, Singen scheidend sie zusammen, Wie Biondetta angehoben: "Lebet wohl, ihr falschen Farben, Eitler Tränen Regenbogen, Sterne, die mit falschem Glanze Dienten einem Flittermonde!" ** Romanze V: Guidos Bild Welch Getümmel in der Ferne, Welche wilde, freche Stimmen? Ach, ich höre Degen wetzen, Höre böse Klingen klirren! Näher, näher um die Ecke, Ganz von Fechtenden umringet, Weicht Meliore, mit dem Degen Hebt er künstlich auf die Stiche. "Freistatt!" ruft er dann befehlend, Springend nach Mariens Bilde, "Diese Zuflucht müßt ihr ehren!" Und sein mutger Ruf gelinget. Denn ein Angesehner stellet Sich an seiner Gegner Spitze. "Wackre Knaben, meine Herren, Lassen Sie uns hier besinnen, Fromm und höflich unsre Degen Senken und fein salutieren, Höflich schöner Frauen wegen, Fromm vor dem Marienbilde! Daß Meliore eingestehe, Daß uns Zucht und Sitte bindet, Wie für Wissenschaft gesehen Er die raschen Klingen blinken. Darum will ich mit ihm reden, Unsern Streit nun auszumitteln!" Sprichts's und tritt dem Feind entgegen, Den die ganze Schar umzingelt. Doch an den Altar gelehnet, Lauscht Meliore auf zur Linde, Er hat allen Streit vergessen, Denn er hört Biondettens Stimme. Jener aber spricht: "Mein Bester, Keine Wahrheit ist zu finden Hier in diesem bunten Leben, Darum laßt uns Frieden stiften! Und da Liebe nur im Sterben Kann gefunden" ... "Stille, stille!" Spricht Meliore, "ach, es wehet Auch kein Lüftchen in der Linde!" -- "Willst du's kurz?" fragt dann der Redner. Und Meliore spricht ergimmet: "Schweigt sie, magst du ewig reden, Schweige ewig, wenn sie singet!" Jener spricht, zurück sich wendend: "Schweigen sollen wir, sie singet!" Aber in dem Kreis erheben Heftig schreiend sich die Stimmen: "Er soll gleich zurück jetzt nehmen, Was er Apo sprach zum Schimpfe; Laßt uns mit dem Degen wetzend Überlärmen seine Dirne!" Und ein frecherer Geselle Schreit hinauf: "Ha! schweig sie stille, Heilge Jungfrau, um die Wette Wollen wir mit ihr eins singen!" Aber wütend an der Kehle Packt Meliore ihn und ringet An den Boden hin den Frevler, Und es heben sich die Klingen. Alle dringen ihm entgegen; Auf den Altar fliehend springet Nun Meliore, sich das Leben In der heilgen Freistatt fristend. "Seinen Mantel werfe jeder Nieder, der zu fechten willens, Jedes Klinge will ich messen, Dem ich Ehre abgeschnitten; Und da vor so vielen Gegnern Ich wohl keine Rettung finde, Darum laßt zu Gott mich beten Nur noch wenge Augenblicke!" Eine tiefe Stille ehret Seine Bitte, und er kniet; Und von zwölfen breiten elfe Ihre Mäntel um die Linde. Wie zwei aufgeschreckte Rehe In gehemmter Flucht erzitternd Stehn die Jungfraun stumm am Fenster, Niederblickend durch die Linde. Als Meliore sie ersehen Ruft er aufwärts: "Wenn ich sinke, Liebesengel, Todesengel, Bete für mich, wenn ich sinke!" Und nun springt er an die Erde, Seinen Rücken deckt die Linde, Zierlich grüßt er mit dem Degen Jeden in dem weiten Ringe. Doch zuerst tritt ins Gefecht Den er niederwarf im Grimme, Und in tiefen Ängsten schwebend Stehn die Jungfrauen und singen: "Gott und Vater, soll er sterben, Lasse seinen Zorn sich stillen, Daß er möge Heil erwerben Um Herrn Jesu Leiden willen! Gott und Sohn! Schirm den Gerechten, Decke ihn mit deinem Schilde, Lasse ihn mit Ehren fechten Hier vor deiner Mutter Bilde! Heilger Geist, das Herz erhelle Ihm, dem frommen Schwertumklirrten, Daß der böse Feind nicht stelle Schlingen dem im Streit Verwirrten! Und Maria, Mutter, helfe, Daß er seinen Judas finde, Denn hier stehen wieder zwölfe, Wie bei deinem heilgen Kinde!" -- "Gleiche Rechte, gleiche Rechte!" Ruft der Gegner, "Brüder singet! Hat er sich Musik bestellet, Laßt mir auch ein Lied erklingen!" Und es bricht aus vollen Kehlen Ein Gesang mit wildem Grimme; An den stillen Mauern brechen Widergellend sich die Stimmen: "Blanke Jungfern, blanke Degen Muß man küssen, muß man schwingen; Der Schwertfeger weiß zu fegen, Sind sie rostig, unsre Klingen! Wenn der Metzger Messer wetzet, Muß sein Weib ein Lied ihm singen, Und das Kalb, vom Hund gehetzet, Hilft sie leichter ihm bezwingen. Wetzt, ihr Brüder, wetzt die Degen, Weil die schöne Jungfer singet, Weil das Kalb sie uns entgegen Singend aus dem Stalle bringet. Blanke Jungfern, blanke Degen, Muß man küssen, muß man schwingen; Der Schwertfeger weiß zu fegen, Sind sie rostig, unsre Klingen!" Und schon mehret sich die Menge, Hergelockt aus allen Winkeln, Und es drohet aus der Ferne Schon der schwere Tritt der Sbirren. Von dem wilden Sang erwecket, Kam nun Apo auch zu Sinnen, Der in seiner Weisheit Netzen Hing wie eine giftge Spinne. Und kaum trat er auf die Schwelle, Nähert sich der heilgen Linde, Als ein Lebehoch entgegen Ihm von allen Lippen dringet. Aber vor ihm fliegt ein Degen, Senkrecht in die Erde dringend, Den Meliore seinem Gegener Kräftig aus der Faust legierte. Und Apone fragt verlegen: "Wer hat diesen Gruß geschicket?" Und Meliore spricht: "Vergebet, Es ist meines Gegners Klinge. Nicht um Ehre, noch um Leben Fecht ich hier, bloß um die Klinge: Diese euch zu Füßen legend, Wählt mein Glück euch selbst zum Richter. Und ich reich euch meinen Degen, Weil ich kann mit beßrer Sitte Weder rechten hier, noch fechten!" Spricht Apone -- "Werdet stille! Denn es ist ein schwerer Frevel, Jetzt Tumulte anzuspinnen, Da der ganze Staat sich trennet In zwei feindliche Partien. Wer jetzt offnen Lärm erreget, Gleicht der Krähe, welche pickend Auf dem hohen Alpenschnee Anstoß gibt zu den Lawinen, Die sich wälzend mächtig schwellen Und verderbend niederdringen, Mit des kalten Eises Decke Städt und Dörfer überrinnend. Übt ihr also meine Lehre, Die euch auf die stolze Spitze Höhrer Anschauung gestellet Der Natur und der Geschichte? O, ihr kramt noch im Elenden, Streitend um gemachte Lichter, Ihr, die ich so frei gelehret Mit den Sternen umzuspringen! Wollt ihr hier die Gieremei Und die Lambertazzi spielen, Die blind gen einander fechtend Töricht hier ihr Blut vergießen? Welcher Jammer könnt entstehen, Wenn, in euern Lärm sich mischend, Die argwöhnenden Geschlechter Sich erblickten und erhitzten? Und schon seh ich allerwegen Müßig Volk heran sich ziehen. Stecket ruhig ein die Degen, Tretet um mich bei der Linde. Wer war unter euch zugegen Und nicht in den Streit verwickelt? Er soll treulich das Entstehen Dieses Kampfes mir berichten." Aufgefordert naht der Redner, Beißt rhetorisch sich die Lippe: "Meister, deine Weisheit ehrend, Preis ich selig mein Geschicke, Daß mir ward ein großer Lehrer, Der mich lehrte Frieden stiften. Früher schon war mein Bestreben, Diesen Zwiespalt zu vermitteln. Doch mir war der Wind entgegen, Der hier weht durch diese Linde, Und die reizende Sirene, Die in diesen Meeren singet. Er verachtete mein Reden, Und mit frecher Hand beschimpfte Jenen er, der von Biondetten Eine Pause wollt erzwingen. Aber nicht um eigne Ehre Hat der Kampf sich so erhitzet; Herr, es galt um deine Lehre, Die er traf mit giftgem Witze!" Also schloß der falsche Gegner. -- Apo spricht: "Nun ins Gesichte Wiederhole mir die Reden, Knabe, die du sprachst zum Schimpfe!" Doch Meliore hat vergessen, Daß er stehet im Gerichte; Er gedenket an Biondetten, Wie sie sang die Totenhymne. Was sie fromm für ihn gebetet, Als er flehend zu ihr blickte, Fühlt er schon als Himmelssegen Sich durch alle Adern rinnen. Wie in geisterfüllte Segel Blickt er ins Gewölb der Linde, Freudig stößt er ab die Erde, Hin nach schönrer Heimat dringend. Aber wie am Sterbebette Rechnend gern der Teufel sitzet, Zerrt ihn nun Apones Rede Vom Unendlichen zur Ziffer. "Meister, was Ihr habt begehret, Laßt mich gütig nochmals wissen, Sagt mir's schnelle, denn die Schwelle Meines irdschen Hauses zittert." Apo spricht: "Was meiner Ehre, Meiner Lehre du zum Schimpfe Sprachst, des Streites freche Quelle, Sollst du in den Bart mir spritzen!" Und Meliore spricht: "Vollendet Hatte Guido grad, der Bildner, Ein Gemälde voller Schrecken Und zur Schau es ausgestellet. Wie Aglaure und die Schwestern Wild vom Wahnsinn sind ergriffen, Kniend um den Korb Athenes, Den sie treulos aufgerissen. Giftig aus dem Korbe strecken, Um das Kind Erechtheus ringelnd, Sich zwei Schlangen, und Entsetzen Packt die törichten Geschwister. Um den Busen will sich Herfe Gürtend eine Schlange winden, Und es steigt ihr Haar zu Berge, Denn das Tier hängt an dem Kinde. Und Aglaurens Fäuste treffen Rasend ihre eigne Stirne, Während Krampf die Füße hebet Und zu wilden Sprüngen zwinget. Und Pandrosa zuchtvergessen Hat sich das Gewand zerrissen; Antlitz, Busen, Schoß und Lende Sind ein Spiegel der Erynnen. Hinter ihnen steht Athene, Ernst in Marmor gottgebildet; Bösen Fluges Vögel schweben Um der fernen Tempel Zinnen. Still und mannigfach erreget Hatten wir dies Bild umringet, Bis, sich ja nicht zu vergessen, Einer alle schnell erinnert: "Jedes Kunstwerk, das vollendet", Sprach er und zog hoch die Stirne, "Muß, um klar sich auszusprechen, # wird niemals beendet Stehen auf ewigen Begriffen. Doch, wie ich mich auch mag setzen, Vor und in und nach dem Bilde, Seh ich tot nur vor mir stehen Dieses Werk des alten Pinsels. -- Ei, der zweite ihm entgegnet, Mit der Schlange bei dem Kinde Ist wohl auf das Leid des Herren Und den Sündenfall gestichelt. -- Mit den törichten drei Schwestern Meinet er, sprach dann der dritte, Juden, Christen, Sarazenen Streitend um die wahre Kirche. -- Und der vierte nun versetzte: Die drei Tugenden der Christen Sind es, die sich toll gebärden: Glaube, Hoffnung und die Liebe: -- Und ein fünfter sprach: Ich sehe Hier entsetzt die Charitinnen Vor dem dreigeeinten Helden In angstvoller Flucht begriffen. -- Ach, was können, sprach der sechste, Juden, Sarazenen, Christen Und die Grazien hier erhellen, Die doch selbst Allegorien! Mir sind es die drei Essenzen, Die das Wesen Gottes bilden, Im Begriffe eins zu werden In dem Wahnsinne der Christen. Und der siebente wollt sehen Die drei Punkte Syllogismi, Denen Abälard das Wesen Der Dreieinigkeit verglichen. Ja, sprach dann der achte frecher, Sie sehn drein wie Heloise, Die den Mittelsatz entbehret, Weil den Nachsatz er vermisset. Doch mir sinds drei Fakultäten, Theologen, Mediziner Und Juristen, sie umgeben Tief erschreckt Apones Wiege. -- Und noch schlimmrer Rede Frevel Stand ich vor dem Schreckensbilde Mehr als durch es selbst entsetzet, Doch ich wiederhol sie nimmer! Und nun trat von seiner Schwelle Guido selbst heraus zum Bilde; Kahl, ein Greis, in seiner Rechten Hielt er eines Messers Klinge. Und er sprach: Mit frecher Rede Habt ihr mir das Herz zerrissen! Hat die rächende Athene Euch, Gesellen, auch ergriffen? Wißt, ich war in tiefster Seele Lang ob dieser Zeit ergrimmet, Welche zu entblößen strebet, Was Gott keusch verhüllt will wissen. Dieses schändlichen Entdeckens Strafe wollte ich hier schildern, Und ihr treibt denselben Frevel Mir vor meinem züchtgen Bilde! Doch ich folg des Herren Lehre: Gibt dein Aug dir Ärgernisse Reiß es aus, tritts an die Erde! Liebes Bild, ich muß dich richten. -- Und nun riß er mit dem Messer Zürnend durch des Bildes Mitte, Und zertrat mit bittren Tränen Wild sein mühsam Werk mit Füßen. Seiner lachten noch die Frechen, Dem das Liebste sie entrissen; Das traf tief ihn in der Seele, Und er stand in Tränen zitternd. Und das Messer aus der Rechten Mußt liebkosend ich ihm winden, Daß er nicht zum Mörder werde, Schmeichelnd in das Haus ihn zwingen. Seine Axt, die in der Ecke Stand -- er ist zugleich ein Zimmrer -- Mußt die Tochter schnell verstecken, Als ich ängstlich ihr gewinket. Denn er war so tief erreget, Daß er gänzlich schien von Sinnen Und die Tochter kaum erkennte, Vor ihm auf den Knien liegend. Und er schrie: O Himmel, sende Mir die Bären, die zerrissen Jene Buben, den Propheten Ob des nackten Hauptes schimpfend; Denn mit Lachen seine Fenster Jene gottlos noch umringten, Und die Laden vorzulegen Wollten sie mich schmähend hindern. Schrieen scherzend: Freund, wir sehen Uns dir heut sehr tief verpflichtet, Weil du für uns einen Bären Angebunden beim Philister! -- Da ich nun hinausgetreten, Derb die Schmach mir zu verbitten, Fragte mich dort jener Gegner Höhnend mit dem frechen Witze: Lag das Findelkind Biondette Auch in solchen Schlangenwindeln, Weil du, gleich den tollen Schwestern, Sinnlos wardst, sie anzublicken? -- Alle lachten Beifall gebend. Fassen konnte ich mich nimmer, Und ich trat ihm wild entgegen, Sprach zu ihm mit scharfer Stimme: Schäm der Rede dich! Athene Schämte auch sich dieses Kindes, Denn sein Vater war, du Frecher, Frech und wie dein Gleichnis hinkend! Willst du deutelnd schärfer treffen, Sprich: Des Teufels Hirngespinste, Die mein Lehrer Weisheit nennet, Sah ich in Erechteus Windeln! Denn im trunkenem Erfrechen Will sie sich mit Gott vermischen, Und empfangen von der Erde Gleicht sie wohl dem Drachenkinde. Gleicht das trübe Wortgefechte, Das die Schule um uns stricket, Nicht dem Korb, in dem sich's dehnet, Wenn die Schlangen aufwärts dringen? Springt der Decke, und ihr stehet Auf dem Standpunkt: den Alciden Glaubt ihr in dem Korb zu sehen, Wie er Schlangen würgt im Schilde! Schreit auch wohl: "Ich will vergessen, Daß im Spiegel dies gebildet, Daß ich selbst ein Gott hier stehe, Der sich auf sich selbst besinnet! Und den letzten Flug erhebend Zu den Göttern aufzudringen, Bringt, den Gnadenstoß zu geben, Euch der Teufel gar von Sinnen. Euch steht nur das Haar zu Berge, Und dies nennt ihr reines Wissen; Nennts der Isis Schleier heben, Hebt ihr schamlos euern Kittel! Wie durchs Maul und um die Kehle Schlechte Gaukler Viper schlingen, Zieht der Teufel eure Seelen Sich durchs Maul philosophierend. Und ihr könnet nicht mehr beten Und ihr könnet nicht mehr dichten. Die die Schlange hat zertreten, Ist barmherzig, Gott ist Richter! -- Also habe ich geredet, Zwar erregt, doch wohl bei Sinnen, Und sie drängten mit dem Degen Mich bis zu der heilgen Linde, Wo ich zu Biondettens Ehre, Aber nicht zu Eurem Schimpfe, Ruhig bliebt bei meiner Rede. Meister, nun seid Ihr der Richter!" Und Apone zornbeweget Spricht mit falscher Kälte: "Immer Betend, horchend, fechtend, redend Finde ich dich bei der Linde! Jacopone, dein gelehrter Bruder, lehrt dich wohl die Schliche; Er kann auch die Worte drehen In der Kirch und vor dem Richter. Er, der die Parteien hetzet, Um sie künstlicher zu schlichten, Als wenn ich ein Bein verrenkte, Um es wieder einzurichten. Ihn, der naseweis sich stellet In der Fraktionen Mitte, # Faktionen Werden einst die Schweine fressen Weil er sich der Kleie mischet. Du bist von ihm angestecket, Dem juristischen Philister, Der verachtend meine Lehre Im lateinschen Stalle mistet. Doch die Gieremei werden Einst verfluchen seine Listen, Und die Lambertazzi werden Einst bereuen seine Pfiffe. Und ihr Streit wird dann erst enden, Wenn in seines Herzens Mitte Ihre Klingen sich begegnen, Einen ewgen Frieden stiftend!" Und Meliore spricht: "O Lehrer, Übel bleibst du bei der Klinge; Um mich bitterer zu treffen, Willst du meinen Bruder schimpfen! Ungerechter, den gerechten Bruder du statt meiner schimpfest, Denn du träffst auf den Unrechten, Schimpftest du ihm zu Gesichte! Um das Recht mit Spott zu treffen, Willst die Rechte du beschmitzen, Doch ich räche den Gerechten, Deines Beispiels mich bedienend. Du sprachst, unser Streit sei Frevel, Weil er leicht das Volk erhitze, Und im Zorne wirst du selber Jener Anstoß der Lawine! Ob dem reinen Glanz des Schnees Leicht ein dunkler Rab erbittert, Und den bösen Schnabel wetzend, Stößt er nieder die Lawine! Schmähst du meines Bruders Ehre, Dieser Musenalpe Zierde, Sonnenglänzend auf dem ewgen Eispalaste der Juristen, Schmähst du ewige Gesetze, Der Gesellschaft Urgranite, Dann schimpfst du den Kern der Erde, Der zum Licht dringt in Gebirgen!" -- "Ja, ich schmähe," sprach der Lehrer, "Die Pandektentitel-Flicker Und die unfruchtbaren Rechte, Kahl wie deine Urgranite! Die sich immer kahl vererben, So wie öder Berge Gipfel, Von Geschlechte zu Geschlechte Ihre alten Knoten schlingend. Und wie magst du diese Zwerge In papiernen Nestern nistend, Noch vergleichen mit den Bergen, Die juristischen Philister?" Und Meliore spricht: "Die Zwerge, Ja sie wohnen in Gebirgen, Schmieden dort die starken Schwerte, Eitle Riesen zu bezwingen. Aus der Tiefe mit den Bergen Wächst das Eisen auf zum Lichte, Und von ihnen wiederkehret Alles zu der Tiefe wieder. So steigt nieder von den Bergen Die Natur, und ihren Gipfeln Sind die weiten Sündflutmeere, Ist der Zorn zuerst entwichen. So steigt nieder von den Bergen Die Geschichte: auf der Spitze Sinai gab Gott Gesetze Mosen für die Israliten. Wenn die Erde längst verwelket, Steht noch das Granitgerippe, Und des Wassers Flut begegnend Heulet drum das Spiel der Winde. So auch stehen die Gesetze, Wenn die Staaten rings versinken Und unzählige Geschlechter An dem alten Recht sich bilden." Apo spricht: "Das Recht so kennend, Wirst du das Gesetz auch wissen, Daß Bologna Repetenten Nie erkennt ungraduieret. Und du hast das kaum Erlernte Dennoch mir hier repetieret; Du kurzärmiger Geselle, Wisse, daß du delirierest! Denn die Kerkerstrafe stehet Auf dem offnen Disputieren Von Studenten gegen jeden, Den die höhern Würden zieren." -- "Ja, ich kenne die Gesetze," Spricht Meliore, "und die Pflichten Eines Christen, daß er rede Den Verkehrten ins Gewissen." -- "Predge weiter," sprach der Lehrer, "Und entpflichte dich, mein Christe, Daß ich dem Gesetz dich gebe Ungestört in deinen Pflichten!" Und Meliore sprach: "Ich nenne Jene Berge, euch Gewitter; Euer dunkelmaulend Wesen Ist nur dunkel, um zu blitzen. Seit die Welt im Zirkel gehet, Kühlet sich das Wetter blitzend, Doch, als sei's das erst und letzte, Bläht sich jegliches Gewitter. Nur daß man die Sterne heller Sehe auf der Berge Gipfel, Lasset ihr, euch selbst verwetternd, Euren trüben Schwall verwittern. Und wo werdet ihr dan stehen, Wann zuletzt der ewge Richter Nach den ewigen Gesetzen Euch und jene kommt zu richten? Die geschimpfet auf die Recht, Werden stehen auf der Linken, Da wo Gottes Affen stehen, Die gefallnen Engel hinkend. Die unzähligen Systeme Frevelnder Philosophien Werden flehen, bei den Hexen Auf den Besen aufzusitzen. Ihr Allfresser, wo des ersten Magen noch der zweite frisset, Wenn ihm selbst schon aufgefressen Seinen Magen hat der dritte! Ja, der Teufel wird den letzten Noch zertrennen in der Mitte, Daß das Maul den Leib kann fressen; So wird sich die Kete schließen! Meister, du hast diese Schwerter In der Schule selbst geschliffen, Höhre Anschauung mich lehrend Der Natur und der Geschichte." -- Aber zu dem Volk gewendet Ruft Apone: "Holla, Sbirren, Diesen Jüngling führt zum Kerker!" Und Meliore wird umringet. Nochmals blickt er nach Biondetten, Folget freudig dann den Sbirren, Als sollt er zur Hochzeit gehen, Denn er höret ihre Stimme. Und zu seinem Turme kehret Apo wird, finstern Blickes; Brach er gleich den Speer der Rede, Haftet tödlich doch der Splitter. Freudig nichtig, gleich Raketen, Luftgetragen auf den Stimmen Hört er noch ein Vivat brennen, Und der Schwarm verliert sich singend. Leise Lüfte hör ich wehen, Schüchtern kehren zu der Linde Auch die Vögel, und es treten Aus dem Haus die beiden Kinder. Rosablanka und Biondette Grüßen sich mit stummen Winken; Da sich ihre Wege trennen, Lassen sie die Blicke sinken. ** Romanze VI: Pietro Sieh, es schürzet Rosablanke Sich ihr Röcklein vor dem Tore, Rückt den Korb, daß er nicht wanke, Sich bequemer auf dem Kopfe. Ganz befangen in Gedanken Und erfüllt mit neuer Sorge Eilet durch das Feld die Schlanke Wie auf traumbeschwingter Sohle. Höret nicht den "Guten Abend", Den der Wandrer ihr geboten, Und erwidert kaum das Amen Auf ein: Jesus sei gelobet! Aber an den letzten Garten Steht des Gärtners Fenster offen: "Rosablanke, Rosablanke!" ruft er ihr mit freudgem Tone. "Willst du so vorüber wandeln? Nimm vorlieb; hier sind Melonen, Feigen, Ananas, Orangen, Alle bloß für dich gebrochen! Lange hab ich dein geharret; Die mit dir zum Markte zogen, Sind schon lang zurückgewandert. Wo hast du so lang verzogen?" Und die Jungfrau spricht, sich sammelnd: "Bald hätt ich mein Wort gebrochen, Aber lieber mirs erlasse, Denn es sinket schon die Sonne! Ängstlicher, als du geharret, Harret mein der Vater Kosme. Sieh, wie lange schon die Schatten! Wäre ich den Berg erst oben! Sei Geleitsmann deinem Gaste, Ich will deine Güte loben!" Also bittet Rosablanke; Jener greift nach seinem Korbe, Füllt ihn unten mit Orangen, Legt die zarten Feigen oben, Hängt zur Schulter ihn am Stabe, Tritt heraus und schließt die Pforte. Und er spricht zur Seite wandelnd: "Zürnen hätt ich mit dir sollen, Sehnlich hab ich dein geharret, Und nun ist auch dies verloren! Dies ist ihrer Schritte Schallen, Glaubt ich, wenn mein Herz so pochte, Blickte ängstlich durch die Kammer Ob auch alles sei geordnet. Und wenn ich dann wieder dachte: Sie versprach dirs nur zum Hohne, Fühlt das Herz ich lauter schlagen Als den Tritt der leichten Sohlen. Wer mir bot den guten Abend, War an mir zum Lügner worden, Und die schnellen Stunden standen Boshaft still an meiner Pforte." Also sprach er. Tränen drangen Ihm ins Aug, geheime Boten Züchtger Flamme, die gefangen Lag bis jetzt im Jugendstolze. Doch dies fühlt nicht Rosablanke. Ungeschickt zu seinem Troste Spricht sie: "Gib mir die Orangen, Die du für mich abgebrochen!" Nimmt die goldne Frucht und danket. Mutiger spricht er: "O Holde, Wolltest du mit gleichem Danke Nehmen, was du selbst gebrochen! Was vertraulich bei dem Mahle Ich, dein Wirt, dir bieten wollte, Dieses Herz muß auf der Straße Scheu und unstet ich dir opfern. Mich ernähret wohl mein Garten; Um Bologna aller Orten Siehst du keinen so gewartet Und so vorteilhaft geordnet. Und, verzeih, ich muß es sagen; Also hab ich ihn erzogen In dem heimlichen Verlangen, Daß du drinnen mögest wohnen. Wärst du mit hineingegangen, Unter bunten Blumenkronen Eine Königin, empfangen Hätt ich dich mit dieser Krone!" Und nun setzt er Rosablanken Auf das Haupt die Blumenkrone, Die er in dem Korb bewahret, Ruhend auf den Früchten oben. Und die Jungfrau in Gedanken Gehet mit bekränzten Locken Ihm zur Seite durch den Abend, Gleichend einer stummen Flore. Pietro aber spricht: "Dein Vater Könnte dann bei uns auch wohnen, Und er wäre nie verlassen, Eines blieb ihm stets zum Troste. Und an manchem schönen Abend Kömmt mein Bruder Jacopone, Der an Weisheit hochgeachtet, In den Garten, sich erholend. Und zur Freundin wirst du haben Rosarosen, seine fromme Stille Gattin; dir gefallen Wird mein Bruder auch, Meliore." Aber stumm bleibt Rosablanke, Und der Jüngling spricht betroffen: "Schweige nicht, o laß mich Armen Nicht in zweifelhaftem Troste. Seit als Gärtner deinem Vater Ich gepflegt die roten Rosen, Trag ich heimlich, Rosablanke, Weißer Rosen bittre Dornen. Ich versetzte ihm im Garten Weiße, rote, gelbe Rosen Und begehrt am letzten Abend Eine weiße mir zum Lohne. Da gabst du von deinem Stamme Mir ein Zweiglein, dicht in Moose Hüllt ich's, trug's zu meinem Garten, Stellt es in den besten Boden. Schonend ist der Sonne Wagen Über dieses Reis gezogen, Segnend hat des Mondes Schale Guten Tau zu ihm gegossen. Hoch bei goldnen Pomeranzen Rankt sie aus den grünen Wolken, Deines Namens Sternbild strahle Günstig meinem Horizonte! Paradiesisch blüht der Garten, Seit die Rose bei mir wohnet, Und ich gleich dem ersten Manne, Eh das Weib geschaffen worden." Aber Rosablanke dachte Nun des Traums von diesem Morgen, "Pietro," sprach sie, "eine Schlange Rankt um deinen Baum die Rose! Und der Herr hat sie geschaffen Aus der sehnsuchtvollen Woge Seines Busens; des Entschlafnen Herz entstieg die Traumgeborne. Die Orange wird zum Apfel, Und der Apfel wird zum Tode, Willst du schließen in die Arme, Die dir in dem Herzen wohnet. Heute früh in meinem Garten Grub er traurig bei den Rosen Nach dem göttlichen Erbarmen, Das er mit dem Weib verloren. Und die bunte, böse Schlange Drang zu mir und meinen Rosen, Doch Mariens Füße traten Nieder diese Schuld des Todes. Nimm zurücke die Orange, Die du mir vom Baum gebrochen, Denn ich teile keinen Apfel Weil der Herr um mich gestorben." Also redet Rosablanke. Pietro schweigt, und tief betroffen Legt der Jüngling die Orange Zu den andern in dem Korbe. Schweigend gehn sie nun zusammen Bis zu der Kapelle oben, Und des Abends Zaubergarten Schwankt vor ihrem Aug entrollet. Aus den Tälern wächst der Schatten, Und es betet schon die Sonne Ihren Abendsegen, schwankend Auf des Waldes goldnen Kronen. Durch des Himmels Gründe wallen Wolkenschafe, goldgeflocket; In dem Abendmeere badend Trinken sie die Purpurwoge. Und zum Rosengarten wandelt Sich zu baden nun die Sonne, Einen Mantel webt im Schatten Ihr die Nacht aus grauem Flore. Als sie schwebet ob dem Bade, Gleicht es einem Feueropfer, Sie dem Phönix, der mit Flammen Sich verjünget in dem Tode. Aber rings aus Luft erstarren Hohe Purpurburgen, golden Wundervolle Inseln wachsen Aus des Äthers glühnden Wogen. Und die Inseln werden Drachen Und die Burgen all Sankt George Und der Sonne Strahlen Lanzen, Gen die Drachen blank erhoben. Aber ewig sich verwandelnd, Wo sie aufeinander stoßen, Ziehn sie eine Bucht kristallen Um der Sonne Bad voll Rosen. Wie ein Schäfer scheu und schmachtend, Lauschend schleicht auf leichten Sohlen Zu der spröden Hirtin Bade, Zieht der Mond schon hinter Wolken. Nieder zuckt sie gleich Dianen; Jungfräulich erglühnd im Zorne Spritzt empor sie Goldkristalle, Birgt den Schoß im Wellenschoße. Und der Mond, den Tropfen trafen, Steht gehörnt gleich Aktäone, Und zu Sternen rings erstarren Um ihn her die goldnen Tropfen. Mahnend zieht die Nacht den Mantel Vor des Unterganges Tore, Und die Herzen fühlen alle, Wer verloren, wer gewonnen. Seine Schmerzen nicht mehr fassend, Spricht nun Pietro: "Deine Rosen, Sonne, sind im Abendgarten All verblutet an den Dornen. Paris gab den goldnen Apfel Liebend hin der Schaumgebornen, Aber mir ward ausgeschlagen Die Granate, scheu geboten! Und die Sonne gleicht dem Apfel, Paris gleicht dem Silbermonde, Und das Meer des Unterganges Der entschleierten Dione. Aber ach, meine Granate Gleicht den Äpfeln von Gomorrha, Innen voll von giftger Asche, Außen lustig und voll Wohnne. Und es drohet mir die blanke Todessichel dort des Mondes, Wie in meinem armen Garten Tödlich steht die weiße Rose!" -- "Pietro!" spricht nun Rosablanke, "Umschaun hat der Herr verboten, Sahst du in den Abendflammen Sodom und Gomorrha lodern. Gab zurück ich dir den Apfel, Denk getröstet meiner Worte: Keinen Apfel mit dem Manne Teil ich; Jesus ist gestorben! Lasse sinken all dies Trachten, Lasse sinken diese Sonne, Lasse wachsen diese Schatten! Sinkt zur Ruhe, wächst zum Troste! Sieh, die Kerne der Granate, Die verglichen du der Sonne, Sind als Sterne aufgegangen, Leuchtend zu den Ewgen Lobe. Betend sollst du nun betrachten, Wie gehütet von dem Monde Sie wie Gottes Lämmer wandern, Und du sollst nicht trauern wollen. Trauern nicht um die Granate, Trauern nicht um eine Rose, Trauern nicht um Rosablanke, Die dem Himmel sich verlobet!" Und nun nimmt sie die Gewande Von Biondetten aus dem Korbe, Legt sie an und fromm verwandelt Steht sie eine weiße Nonne. Pietro spricht: "Leb wohl, zum Garten Kehre ich, die Hochzeitskrone Pfleg ich dir, dir muß sie tragen weiße Rosen, mir die Dornen!" Und zur Erde kniet er jammernd, Aus den dunklen Augen flossen Tränen heiß, und seine Arme Hielt er schmerzemporgehoben. Aber in den Büschen raschelt's, Und die Jungfrau spricht: "Es kommen meine Freunde, ausgegangen Sind die Hirsche, mich zu holen. Beten werd ich noch heut abend, Daß die kühlen Tauestropfen Diese Nacht dein Herz erlaben, Und dich ruhig seh der Morgen." Pietro spricht: "Es wird die Flamme In der Nacht noch wilder lodern, Büßend streue meine Asche Sich ins falbe Haar Aurore!" Doch sie schreitet zu dem Walde: "Jesus Christus sei gelobet!" Pietro spricht ein leises Amen, Und der Mond tritt aus den Wolken. ** Romanze VII: Kosmes Buße I Allem Tagewerk sei Frieden, Keine Art erschallt im Wald, Alle Farbe ist geschieden, Und es raget die Gestalt. Tauberauschte Blumen schließen Ihrer Kelche süßen Kranz, Und die schlummertrunknen Wiesen Wiegen sich in Traumes Glanz. Wo die wilden Quellen zielen Nieder von dem Felsenrand, Ziehn die Hirsche frei und spielen Freudig in dem blanken Sand. In der Düfte Schwermut wiegen Sich die Rosen in den Schlaf, Das Geheimnis ruht verschwiegen, Das sie in den Busen traf. Und es wandeln, die sich lieben, Flüsternd auf dem selgen Pfad, Wo sie gestern Scherze trieben, Zu des Meeres Glanzgestad. Die Sirene stimmet wieder Ihre giften Lieder an, Und die Herzen tauchen nieder In untiefen süßen Wahn. Denn es schied die Sonne wieder In der ewgen Flammen Pracht, Und es hebt die dunklen Glieder Abermals die alte Nacht. Und die Erde aufgeriegelt Sendet ihren Geist heran, Um das Haupt schwebt sternbesiegelt Ihm der blaue Weltenplan. Und des Waldes dunkle Riesen Drängen sich ums enge Tal, Und durch ihre Kronen gießen Sterne geisterhaften Strahl. Aus der Tiefe aufgewiegelt Wachsen stumme Brunnen an, Drinnen schaun sich mondumspiegelt Die Gedanken traurig an. Vor der Hütte setzt sich nieder Kosme, lauschet nach dem Wald, Ob nicht aus der Ferne wieder Seines Kindes Stimme schallt. Ob sie jenseits aus der Tiefe, An dem schroffen Felsenhang, Nicht das treue Echo riefe In dem nächtlich späten Gang. Aber nur die Melodieen Höret er der Nachtigall, Und zu seinem Herzen ziehen Nicht der Töne Flug und Fall. Ihm ergießet keinen Frieden Der prophetschen Sterne Strahl, Alle seine Pulse schmieden Eines bösen Schwertes Stahl. Die Milchstraße sieht er liegen In des blauen Himmels Bahn; Da stehn aller Waisen Wiegen, Lehret ihn ein frommer Wahn. Und er denkt der bösen Liebe Und der Früchte, die sie gab, Die in sündlich frechem Triebe Er dem Schicksal übergab. Und die Sünde warf ihn nieder, Fesselt ihn in schwerer Acht, Und mit bitterem Gefieder Rauscht um ihn die böse Nacht. Tief in Ängsten schon erlieget Er des Herzens bangem Schlag, Denn in dieser Nacht gewieget Wird verhängnisvoll ein Tag. Denn das Weib, das er geliebet, Ging zu Grabe diese Nacht, Und die Tochter, die er liebet, Kam zum Leben diese Nacht. Und die Sünde, nie besieget Durch der Reue bittre Macht, Jene Schuld, der er erlieget, War erzeuget diese Nacht. Und er wühlet in der Tiefe Seiner Brust der Sünde nach, Daß die Reue nicht entschliefe, Schreit er seine Tote wach. Und er sieht sie heilig knieen, Wie er sie durchs Gitter sah, Sieht sie dann die Glocke ziehen, Da der böse Feind ihm nah, Der die Farben ihm gerieben, Als ein heilig Bild er malt, Und den Schuldbrief ihm geschrieben, Den nur ewger Tod bezahlt. Ach! auch sie ist da erschienen Seinen Augen keusch und klar, Wie sie als Modell sollt dienen Zu dem Bilde am Altar. Mit den frommen heilgen Mienen, Mit den Rosen in dem Haar; Seinen Augen, brünstgen Bienen, Sie die süße Blume war. Lust und Sünde sieht er wieder, Bis sie tief im Elend starb, Die Verzweiflung reißt ihn nieder, Weil er sie durch Lust verdarb. Ach, daß alle Berge fielen Und bedeckten ihn im Tal! Wollten doch die Blitze zielen Auf sein nackte Haupt zumal! Ach, daß alle Wasser stigen, Und es säh der neue Tag Öde, weite Fluten liegen, Wo er heute weinend lag! Möchte dann die Taube fliegen Mit dem milden Frühlingsblatt, Sich en Friedensbogen biegen, Wo er schwer gebüßet hat. Aber weh! das Nachtgefieder Schwingt der Rabe wild und hart, Stürzt sich auf sein Haupt hernieder Das in bösem Traum erstarrt. Kalte Schrecken um ihn fließen, Und Entsetzen sträubt sein Haar: Wehe, dorten auf den Wiesen Werden die Gesichte wahr! An dem Walde ist erschienen Eine weibliche Gestalt, Von dem Haupte mondbeschienen Das Gewand herniederwallt. Gleich wie weiße Schwäne fliehen An der dunklen Wälder Rand, Sieht er eine Nonne ziehen Längs des Gartens Schattenwand. Jetzt sieht er den Schleier fließen, Sieht die Füße blank und bar, Sieht den Strick den Leib umschließen Und die Rosen in dem Haar. "Wehe, wehe, noch hienieden Schwebst du, teure Seele, arm! Wehe, wehe, noch kein Frieden! O, daß sich der Herr erbarm!" Und der Schrecken reißt ihn nieder, Doch ihn faßt kein kalter Arm: "Vater, find ich so dich wieder? O, daß Gott sich dein erbarm!" ** Romanze VIII: Kosmes Buße II Nieder stieg die Sonne wieder Auf des stummen Hügels Rand Und sieht scheidend ernst hernieder In das dämmervolle Land. Ihre Strahlen fallen schiefer An der engen Kammer Wand, Malend an der Kerze, tiefer Sinket Kosme fleißge Hand. Lang nach jenem Bilde sieht er, Das er hänget an die Wand, Und zur Erde kniet er nieder, Weit die Arme ausgespannt. Und er spricht: "O Herr, den Frieden Gabst du, an das Kreuz gespannt, Und das Kreuz, es blieb hienieden, Du hast dich zu Gott gewandt. Sieh gekreuzet mich hier knieen In der schweren Sünde Last, Bis du, Herr, auch mir verziehen, Auch für mich gelitten hast. Ach, das Herz ward dir durchspießet Von verräterischem Stahl, Blutge Versöhnung sprießet Aus der heilgen Wunden Mal. Aber ach, die Sonne spielet Ewig nur mit meiner Qual, Ewig, ewig sie mir zielet, Nimmer tötet mich ihr Strahl. Wenn so rasch die Wolken fließen Um den nackten Feuerball, Alle Narben sich erschließen, Aufstehn meine Sünden all. So wenn einst die Engel ziehen Mit der Zornposaune Schall, Nahn die Toten aufgeschrieen In des Wahnes Widerhall. Nieder schmilzt der Sonne Siegel Vor des Richters jüngstem Tag, Es zerbricht des Todes Riegel, Klar steht, was verloren lag. Und der ewgen Schönheit Spiegel Spiegelt jegliche Gestalt, Und des Rechtes Feuertiegel Prüfet jeglichen Gehalt. Wohin soll ich dann mich schmiegen- Wenn das Licht hoch überwallt? In dem Staube werd ich kriechen Mit der Schlange Mißgestalt. Weh, die Sonne sinkt, vergießend Blutge Tränen ohne Zahl, Und aus ihren Tränen sprießen Tausend Tränen bittrer Qual. Und es weinen die Verliebten Einsam in vergeßner Schmach, Und es weinen die Geliebten, Denen man die Treue brach. Unter gingst du, Lustgezierte, Der die Ehe mich verband, Der aus schändlicher Begierde Pflicht und Treue ich entwand. Blutschuld ist die Rosenzierde In der Sonne Untergang: Fluch der teuflischen Begierde, Die mit Sünde dich verschlang. Alle Tränen, die du gießest, Sinkend auf der ewgen Bahn, Bis du deine Augen schließest, Wachsen mir zur Sündflut an. Und auf ihrer Woge ziehet Dort des Mondes bleicher Kahn, Aber keine Taube fliehet Mit dem Ölblatt mir heran. Mond, wie blinkst du bleich und siechend An des Abends Rosengrab, Wo die Sonne still versiegend In den Schatten sinkt hinab. Rosalata, du sankst nieder Mit dem roten Rosenkranz, Rosatristis, du kehrst wieder Mit der weißen Rose Glanz. Mond, ich sah dich mahnend ziehen Wie ein Geist die Wolkenbahn, Und ich muß hier weinend knieen, Klagen mich der Sünde an. Eile nicht, vorüberfliehend Mit der Sichel scharf und blank; Schneide ab den Stamm, der knieend An der Erde welk und krank. Eine Wagschal, hoch auffliegend, Hebt die Buße dich hinan, Meine Sünde nie aufwiegend Klagest du vor Gott mich an. Wie so weiß dein Schleier fliehet, Nonne, durch den Sternensaal, Mit dir betend, büßend, ziehet Still der Sterne Nacht-Choral. Aus der Unschuld Paradiesen, Wo du trugst den Rosenkranz, Irrest du, durch mich verwiesen Mit des Schwertes Feuerglanz." Doch der Mond zog stillverschwiegen Hinter eine Wolkenwand, Ließ ihn ungetröstet liegen, Wo er ihn in Tränen fand. Und er hebt sich von den Knieen, Als er sein Gebet vollbracht; Aber ihm ward nicht verziehen. Auf dem Tale lag die Nacht. ** Romanze IX: Apo und Moles auf dem Turme In des Turmes höchster Kuppel, Unter seinem Fuß die Glocke, Sitzt Apone, und die Uhren Rasseln unter ihm im Boden. In des hohlen Spiegels Runde, Gegenüber einem Loche, Sieht die weite Stadt er ruhen Abgetürmt am Horizonte. Doch des Meisters Blicke suchen Rings umher im weiten Bogen, Bis sie auf der hohen Kuppel Des Theaters fest geworden. Also mit den Augen wurzelnd Sieht er ziehn die wilden Wolken, Und die hohen Sterne funkeln Aus des Himmels tiefer Woge. Und er spricht mit finsterm Munde: "Venus, du bist mir gewogen, Du hast mich zu guter Stunde Immer mächtig angezogen! Alle kenn ich euch, ihr Kunden, Die, man sagt, den Herren loben, Doch der Herr sitzt manchmal unten Und die Diener stehen oben! Sterne, ich bin euch verbunden, Ich hab mich mit euch verwoben, Und ich kenne eure Stunden, Lasse euch nicht warten droben. Auf der Erde gehn die Dummen, Wissen nicht, was ihr nur wollet, Doch ich kenne eure Summen, Ja, ich weiß auch, was ihr sollet! Halb nur sind die Kreaturen, Denen Gott die Stirn erhoben Und die göttlichen Naturen Nicht erkennen, die da droben. Als der große Geist des Grundes Wollte überm Lichte wohnen, Überschlug er sich im Sturze, Und das Schwere ward geboren. Und das Leichte muß sich suchen, Daraus ward das Licht geboren; Schweres Dunkel war nun unten, Leichtes Licht, das schwebte oben. Und das Schwere war umrungen Von dem Leichten, und es rollet, Bis geboren war das Runde, Das unendlich ist geformet. Da das Licht dazu gedrungen, Ist das Feuer aufgelodert, Hat mit seiner bösen Zunge Schnell das Wasser hergelocket. Und aus dieses Kampfes Schwunge Ward der Raum zur luftgen Woge, So daß, wenn der eine zucket, Wird der andre angestoßen. Und dem Kampfe ist entsprungen, Was hienieden irdisch wohnet, Was da droben himmlisch rundet, Was im Ganzen göttlich thronet. Der gespalten, was verbunden, Ist der Geist zum Fleisch geworden, Aber Fleisch war eine Zunge, Und die Zunge ward zum Worte. Und der Mensch, der irdisch fußet, Suchet seinen Gott im Hohen, Der doch ist im Mittelpunkte Und ihn reißet zu dem Boden. Doch ich habe ihn gefunden: Er der all den Streit erhoben, Der gestört die tote Ruhe, Ihm ist diese Welt entsprossen. Er trägt mich mit festem Grunde, Er hat mich aus Staub geboren, Und die Sterne, die nicht ruhen, Ziehn mich neidisch auf im Zorne. Adam aus dem Erdengrunde Ward als Geisel ausgeboren, Und das Licht ab einen Funken Als ein Unterpfand von oben. Erde, feste Burg gerundet, Schwebest in des Lichtes Wogen Sicher, wie kein Schiff in Fluten, Wie kein Kind im Mutterschoße. Denn es sitzt am Steuerruder Selbst des Lichts unehl'che Tochter, Die Philosophia schlummert Nie, und hält das Richt'ge oben. Und Astronomia suchet Rastlos an dem Himmelsbogen Und dem Kompaß; alle Stunden Geht die Welt nach ihren Polen. Medizina heilt die Wunden Mutig ringend mit dem Tode, Und Magia hat des Sturmes Flügel und des Windes Rosse. O Magia, du des Dunkels Schwarze, lichtentsprungne Tochter, Du allein genügst zum Schutze, Mag das Licht auch ewig toben! Doch zum frechen Überflusse Hat der Erdgeist auch geboren Flaggen jeglicher Naturen, Die allfarbgen Religionen. Wenn das Schiffsvolk steht und murret Und nicht trauet dem Piloten, Wird die Flagge aufgewunden, Und Begeistrung strahlt die Sonne. Plagt die Krankheit und der Hunger, Und das Wasser ist verdorben, Da suffliert der Erdgeist dunkel, Und sie beten, die Kujonen! Also schwebt die Erde munter Um des dunklen Geistes Pole; Und sie dienen, dem sie fluchen, Und er schämt sich, sie zu holen. Doch das Licht und auch das Dunkel Haben beide sich sich belogen, Und die Lüge war das Wunder, War das Wort, das Fleisch geworden. Denn der Mann aus irdschem Grunde War um Erdgeist nur geformet, Daß das Licht, in ihm gebunden, Sei gefesselt an den Boden. Und vom Lichte nur durchdrungen Ward der Mann, der Erdgeborne, Daß der Erdgeist, sei gezwungen In dem Manne hin nach oben. So im wechselnden Betruge Ist der Streit zum Fleisch geworden, Und er herrscht im Mittelpunkte Des unendlich ewgen Zornes. Da das Licht den Schlaf erfunden, Ward dem Mann das Weib geboren, Durch den Baum des Bös und Guten Führt der Erdgeist uns zum Tode. Nach uns greift das Licht hinunter, Ziehet mächtig uns nach oben, Die Metalle schwer und dunkel Ziehen nieder uns zu Boden. Beiden Welten so verbunden Wehet betend auf der Odem, Wer erkennen will, was unten, Stiehlt das hohe Licht von oben. Als ich war im Licht betrunken Und um Weisheit fleht von oben, Sprach das Wort: Du sollst gesunden, Wenn du mir das Fleisch willst opfern! Wenn das Böse du verblutet, Wenn versiegt der irdsche Bronnen, Wenn du wandelst in dem Guten, Magst du schauen in die Sonne. Fasten sollte ich und hungern Und entbehren alle Wonnen, Recht in Schmerzen sollt ich wurzeln, Um im Lichte aufzusprossen. Mit dem Licht stieg ich hinunter, Und der Erdgeist, leicht gewonnen, Gab zu trinken mir das Dunkel, Das in mir zum Licht geworden. Und in diesem Licht betrunken Ist mir die Erkenntnis worden, Ich hab meinen Geist gefunden Und verstehe seine Worte. Wie die Sterne oben runden, Die Metalle unten wohnen, Wie die Sonnen gehen unter, Wie herauf sich ziehn die Monde, Fühl ich all in meinen Pulsen, Und mein Fuß fühlt in dem Boden, Wo die goldnen Schätze wurzeln, Wo die Quellen gehn verborgen. Eva, Eva! schlaue Mutter, Hast den Apfel du gekostet, Hat die Schlange dich versuchet, Hast du uns den Tod geboren, Hast das Böse und das Gute Du erkennet, soll verloren Mir nicht sein die teure Kunde, Um die du das Heil verloren! Bin der Erde ich verbunden, Bin ich an den Tod verloren Um ein Schnitzchen sauren Obstes, Dreht um mich sich doch die Sonne! Und ich will nicht eher ruhn In dem dunkeln Erdenschoße, Bis ich aller Sinnen Brunnen Überfüllend ausgesogen!" -- Also sprach Apone murmelnd Und bedeckt mit heißem Odem Seines Wunderspiegels Runde, Daß er trüb war und umfloret. Und der rote Mond steigt blutend Über Wolken auf im Osten; Da er in den Spiegel funkelt, Heult der schwarze Hund Apones. Und der Meister wischt mit Fluchen Von dem Spiegel seinen Odem: "Will des Theater Kuppel Noch nicht auf in Flammen lodern?" Er nimmt einen Schwefelkuchen Und ein Glas voll goldnem Korne, Und den Schwanz von einem Fuchse Aus dem Kasten an dem Boden. Und den Wetterhahn, der funkelnd Stehet auf des Turmes Knopfe, Nimmt er, greifend durch die Luke, Setzt ihn zu dem goldnen Korne. Peitschet dann den Schwefelkuchen Mit dem Fuchsschwanz aller Orten, Und es springen helle Funken In das Glas zum goldnen Korne. "Simson," spricht er, "deine Wunder Hab ich kürzer mir geordnet; Mir auch muß vom Schwanz des Fuchses Der Philister Korn auflodern! Ja, Geselle, werde munter!" Spricht zum Hahne dann Apone, "Beug den Schnabel zu dem Futter, Wartest du, daß ich dich stopfe? Der du in den Blitzen fußest, Der du krähest in dem Donner, Der du in der Sonne funkelst Und die Flügel schlägst im Monde, Wettermacher, armer Schlucker, Du bestehst auf deinem Kopfe? Wart, ich will dich lehren schlucken, Daß dich Feuer reißt im Kropfe!" Und er schlägt den Hahn mit Ruten, Bis der Kamm ihm schwillt im Zorne, Hetzet ihn mit seinem Hunde, Und nun neigt er mit dem Kopfe, Schluckt das Feuerkorn mit Hunger, Das ihn brennt wie glühe Kohlen, Seine Flügel schon erfunkeln Und die roten Augen rollen. Seine Sichel sprühet Funken, Sein Metallgefieder lodert, Plötzlich beide Flügel zucken Breit hinaus mit heftgem Tone. Und er greift ganz ungeduldig Nach dem schwarzen Feuerhorne, Setzt es an am dunklen Munde, Lenkt hinaus es zu dem Loche. Setzt den Hahn bereit zum Fluge In das weite Maul des Hornes, Der wie eine Feuerzunge Durch die Luft stürzt aus dem Horne. Apo läßt die Feuerrufe Durch die klare Nacht hindonnern, Und auf des Theaters Kuppel Fliegt der Hahn, die hell auflodert. Feuer! Feuer! schreit man unten, Und die Hörner schreien oben, Hoch die Glocken gehn im Sturme, Tief das Rasseln wilder Trommeln. Aus des blauen Reno Ufern Eilen bald die gütgen Wogen, Hilfreich zu der Flammenkuppel Durch die Hände emsgen Volkes. Hundert Eimer um die Brunnen Kommend, gehend, Wasser fordernd; Der Metallsirenen Busen Schimmert in der Fackeln Lohe. Und die marmornen Neptune Und die blasenden Tritonen Gießen aus die vollen Muscheln In die Urnen rings erhoben. In dem Widerscheine funkelnd Halten rings, die Menge ordnend, Blankgestahlte Reuter Runde, Jeder steht an seinem Orte. Aus der fernen Klöster Dunkel Tragen schon die frommen Orden, Stille Litaneien murmelnd, Wasser zu in Prozessionen. Niederstürzend aus den Stuben Sammeln schnell sich die Legionen Der Studenten, und sie rufen: |Pereat Incensus!| drohend. Auf den festen Sammelpunkten Ordnen sich die Nationen, Und es schallen, sie berufend, Rings die Stimmen der Senioren. Lärmend eilen zu den Pumpen Bald die munteren Franzosen, Und die Hebel auf und unter Hört man kreischend, jammernd toben. Und die langgehosten Ungern Ziehn auf ihren kleinen Rossen Durch die weite Stadt umtummelnd, Wache haltend nach dem Tore. Bei dem schiefen Eselsturme Sammeln sich mailändsche Chore, Senden rüstige Patrouillen Den Palästen ihrer Nobels. Bei der Kirche Sankt Proculens Stellet sich der Römer Horde Auf zum Schutz der hohen Schule Und der edlen Professoren. Sankt Januari Blut anrufend Füllen ihre Wasserrohre Zu der Büchersäle Schutze Neapolitansche Chore. Und die festen deutschen Bursche, Mit den Ellenbogen stoßend, Schleppen auf den breiten Schultern Feuerleitern, Haken, Kloben. Bald mit Macht hinangeschwungen Zu der hohen Fenster Bogen Nun die sichern Leitern ruhen, Allen Fliehenden zum Troste. Viele retten sich im Sprunge; Andre, an den Feuerkloben Fest sich klammernd, hoch im Schwunge Kommen nieder in dem Bogen. Denn zum wilden Rettungssturme Sind zu eng des Hauses Tore, Und auf ewig wird verschlungen Mancher in des Ausdrangs Woge. In dem Brausen des Tumultes Bricht des Kerkers Tor Meliore, Eilet zu Biondettens Brunnen, Einen Eimer voll zu holen. Und ein kleiner blonder Junge Hat den Eimer voll schon oben, Spricht: "Geh hin und hilf, du Guter, Traue auf die Allmacht Gottes!" Bei der Kirche Sankt Proculens, Wo der Maler Guido wohnet, Steht Meliore, heftig rufend: "Komme, alter Guido, komme! Werft die Äxte mir herunter: Ich und du und deine Tochter Steigen auf des Brandes Kuppel, Denn die Hilfe kömmt von oben!" Und zum Feuer hingedrungen Mit dem Meister und der Tochter, Sieht aus einem Fenster, rufend: "Leitern, Hilfe!" Jacopone. Jacopone, der sein Bruder, Hält die Gattin hoch erhoben, Und um sie im Hintergrunde Schon die roten Flmmen lodern. "Rosarosa, spring herunter! Weihe dich der Mutter Gottes, Sie tut heut noch manches Wunder, Hält in ihrer Hut die Frommen!" Rosarosa springt im Fluge, Stürzt sich in den Arm Meliores; Neben sie stürzt auch im Sprunge Jacopone an den Boden. Als Meliore sie umschlungen, Schrie sie laut: "Gott sei gelobet!" Und erblasset; Ströme Blutes Stürzen von ihr aller Orten. Und vier deutsche brave Bursche, Einen Manteln breit aufrollend, Tragen heim sie auf dem Tuche, Jammernd folget Jakopone. Aber mit dem Wasserkruge Dringet aufwärts nun Meliore Auf der Jakobsleiter Stufen Mit dem Maler und der Tochter. Die die Leiter hierher trugen. Sie sind göttliche Genossen; Hoch zu des Theaters Kuppel Steigen sie die lichten Sprossen. Und nun hauet ohne Ruhe Guido und die rüstge Tochter Eine Öffnung in die kuppel, Seinen Krug leert Meliore. Segen ist in seinem Kruge; Wie er gießt in stetem Strome, Ist er nimmer leer, o Wunder! Guido kniet und seine Tochter. Und die Hände fest verschlungen Beten sie, den Herren lobend. Aber in des Hauses Runde Springet kühn nun Melire. Eine Stimme hört er rufen; Wo sie rufet, wird er folgen, Rief aus der Hölle Schlunde, Rief sie von des Himmels Throne. Als er stürzet mit dem Kruge, Ist die wilde Feuerlohe Bald in seiner Flut ertrunken, Und die Not ist rings erloschen. Niedersenket sich die Ruhe. Mit des Wasser schneller Woge Rinnen auch des Volkes Fluten Ab zum Bette ihres Stromes. Ruhig schaut von seinem Turme In den Jammer hin Apone; Wenn die Flammen aufwärts zucken, Fühlt er froh sein Herz erhoben. Aber als er auf der Kuppel Sah den Maler und die Tochter, Grüßt er sie mit bösem Fluche Und den tapfern Meliore. Denn aus einem armen Kruge Löschet er die wilde Lohe, Und so viele schwere Stunden Hat ihn selbst sein Hahn gekostet. Als solches denkt, da rufet Laut der Hahn, der zu dem Knopfe Wiederkehrte, und im Turme Tönt herauf die Pfortenglocke. Apo öffnet mit dem Zuge, Lauschet nach des Trittes Tone, Wie er auf den Wendelstufen Hell sich aufdreht hin nach oben. Dumpfer schallte es von unten -- Es war schier, als sei er doppelt -- Schwerer in dem halben Turme, Als trüg man die Last nach oben. Weiter oft der Tritt verstummet, Denn der Träger holet Odem, Endlich auf den letzten Stufen, Bald wird's an der Türe klopfen. Apo blicket durch die Stube, Ob auch alles sei geordnet, Jagt den Hund vom roten Stuhle, Den er vor den Spiegel rollet. Und mit einem Kranz von Blumen, Belladonna, Hundsviolen, Frauenschuh und Eisenhute, Kränzet er des Stuhles Stollen. Zeichnet dann mit einer Rute In den Mehltau, auf dem Boden, Seinem Gast zum bösen Gruße Schnell ein magisches Willkommen. Aber mitten in der Stube Brennt an einem Totenkopfe, Der in grüner Urne ruht, Eine zauberische Lohe. Eine süße Laube duftend, Von des Mondes Strahl durchflochten, Scheint des Turmes rußge Stube, Als die Rosenflamme lodert. Und die Flamme scheint ein Brunnen, Funkelnd in des Mondes Wonne, Wundersüße Träume murmelnd Durch den Duft wollüstger Rosen. Und es pocht. Herein zur Stube Tritt der Famulus Apones, Moles, seufzend ob dem Buche, Das er anschleppt auf dem Kopfe. "Du allein! Elender Bube!" Flucht entgegen ihm Apone, "Prahler! ist dir nicht gelungen, Was du frech mir zugeschworen? Wo ist sie, die heilge Jungfer? Hat ein andrer sie gewonnen?" -- "Meister, schone deine Zunge!" Spricht und lacht der schlaue Moles. "Du sitzt hier im Mondschein munkelnd Bei wollüstger Brunnen Wonne, Eine andere Laube funkelnd War um mich und andre Bronnen! Trug ich gleich die süße Jungfer, Sprach sie doch unselge Worte; Ihr half eine andre Jungfer, Der ich nicht bin mächtig worden. Auch sprang von des Hauses Kuppel Auf mich ein der Meliore, Und des Feuers wilde Zungen Leckten mich bis auf den Knochen. Aber dummer als das Dummste War der Weihewasserbronnen, Den ein Mönch -- im Höllenpfuhle Durst er -- auf mich ausgegossen. Meister, Meister, trotz der Gluten, Trotz dem scharfen Weihebronnen Schwör ich, nimmer will ich ruhen, Bis Biondette uns geworden! Ach, wer dieses Leibes Wunder Einmal trug in seinen Pfoten, Wer den Druck des süßen Busens Fühlte und den Duft des Odems -- Disteln sind mir alle Blumen, Seit mir nah des Mundes Rose; Der Kometen Haar gleicht Ruten Vor der Goldflut ihrer Locken. Und der Brüste Dioskuren, Aus der Leda Ei geboren, Durstig wie des Schwanes Busen, Da er taumelte in Wonne. Unter ihrer Brauen Runde Lag der Venus Stern verschlossen, Wie in Wolkenbetten schlummern Liebestrunkne Nebelsonnen. Und der Flammen durstge Zungen Konnten nicht die Luft austrocknen, Die, als ich sie trug, im Blute Mir ein süßer Quell ergossen. Welche Hölle kann verdunkeln Dieses Himmels Wollustsonne? Ja, die Sünde hat Minuten, Wert des Lichtes ewge Kronen!" -- "Schweige, du berauschter Bube!" Spricht Apone nun im Zorne -- "Soll mich in der Zauberbude Trösten dein verdorbner Odem? Ich glaub, von dem schweren Buche Wardst du toll in deinem Kopfe; Bringst du mir vielleicht vom Juden Dieses Buch zum schlechten Troste?" -- "Meister, Meister, wollt nicht fluchen, Denn von aller Liebeswonne Und von aller Schönheit Wunder Wird dies Buch nicht aufgewogen! Bringe mir Biondetten ruhend In dem Schoße süßer Moose, Singend, von Gewürzen duftend, Wie das Lied des Salomone -- Nicht kauf ich sie mit dem Buche! Vor ihm seien die Kleinode, Die in Licht und Dunkel ruhen, Eine taube Nuß gescholten! Ein Geschenk mit diesem Buche Mach ich dir, wenn du gelobest, Mir zu stellen diese Stunde, Ja jetzt gleich, die Horoskope. Mir gab's meine selge Mutter, Die drum einen Mönch ermordet. Der es in dem Sarg gefunden Eines zauberischen Mohren, Der von einem alten Juden Es getauscht um heilge Brote Wahren Leibs und wahren Blutes, Die er vom Altar gestohlen. Und der Jude, einen Hunnen Hat er um das Buch betrogen, Der von einem Arzt beim Sturme Von Cracovia es erobert. Und der Arzt kam zu dem Buche Durch die Erbschaft eines Kopten, Dessen Stamm durch manch Jahrhundert Es erhielt, Gott weiß wie, woher! Doch daß über Adams Schulter Einsten an dem dritten Morgen Es ein Engel abschrieb munter, Stehet auf dem letzten Bogen." -- "Wie kam Adam zu dem Buche?" -- "Wisse, wann des Himmels Sonne Und die Sterne gehn zur Schule, Ist dies Büchlein in der Mode. Da der Herr die Welt erfunden, War die Welt von wenig Worte; Alles war sehr kurz gebunden, Auf die lange Bank geschoben. Des Vokals belebend Wunder, Ehgeheimnis der Diphthonge, Und der Konsonanten Hunger Lernt er draus zu Worten kochen. In dem A den Schall zu suchen, In dem E der Rede Wonne, In dem I der Stimme Wurzel, In dem O des Tones Odem, In dem U des Mutes Fluchen, Hat er aus dem Buch geholet, Als im H des Hauches Wunder Gottes Geist in ihm gegossen. Auch das große Vaterunser Und der Herr Gott wir dich loben Findst du drin in grobem Drucke, Wie es beten Mond und Sonne. Und manch Rätsel von der Tugend Und vom Fiat, fein verschoben; Die Auflösung stehet unten In verkehrt gedruckten Noten. Fabeln mischen sich mit drunter, Wie die Tiere sich besprochen, Wie der Adam sich verwundert, Da die Eva kam in Wochen, Da sie trug ein groß Gelüsten Nach ausländschem Himmelsobste, Wie die Schlange sie entbunden, Und wie sie moralisch worden. Unterhaltung und auch Nutzen Sind verbunden hier gar vornhem, Denn du findest angebunden Kunstrezepten aller Sorten: Färberkuppen, Tintenpulver, Surrogate für die Toten, Restaurantia für die Tugend, Manch Rezept zu Religionen. Freier Wille ist des Buches Höhrer Titel in zwei Worten, Gottes Wille heißt's im Grunde, Seit die Freiheit ging verloren. Und Notwendigkeit am Schlusse Heißt es auch mit anderen Worten, Not ist hier die wahre Wurzel, Und das Wenden wird verboten. Gott sprach zu den Menschen: |Surge, Eheu, eheu Christofore, Nam ad scholam tempus nunc est!| Und weckt ihn mit seinem Odem. Und vom Himmel kam herunter Diese A-B-C-Methode, Und die neugeschaffne Jugend Ist daraus zum Doktor worden. Aber schwer sind die Geburten, Nötig sind die Rotationen, Und fatal ist das Versuchen, Seit das Weib den Tod geboren. Und du lernst aus diesem Buche, Wie der Kaiserschnitt zu ordnen, Daß lebendig bleibt die Mutter Und das Kind auch sei gewonnen! Denn wie alle ihre Wunder In den ersten Schriftleinsbogen Die Gelehrten gern hermustern, So ging's hier auch den Autoren. Und weil Adam bei dem Buche Sich den Kopf zu sehr gebrochen, Fragte Eva, Rat sich suchend, Andere Kommentatoren. Was im Stile oben dunkel, Hellen auf die untern Noten; Über oben, über unten Schrieb am Rand ein Geist die Glosse. "Schweig, es ist genug; verstumme!" Spricht zu Moles nun Apone, "Ich weiß nicht, ob du den Dummen Spielest oder ob du spottest! Hatt ich das in dir gesuchet? Redest du mir Kinderpossen, Oder bist du ein Verruchter, Der mich höhnisch denkt zu foppen? Hat ein Arzt dies Buch beim Sturme Von Krakovia verloren, Und hieß Amber Herr des Buches? Rede, sage es unverhohlen?" -- "Amber, ja, so steht im Buche, Und er war ein Äthiope." -- "Hei! so ist ein Schatz gefunden!" Spricht in Freuden jetzt Apone, "Gib es her!" -- "Nein!" spricht der Bube, "Stelle mir die Horoskope, Jetzt, sogleich, in fünf Minuten, Und dir geb ich's, wie gelobet!" Und Apone fragt mit Murren: "Wann bist du geboren, Moles, Sag das Jahr, den Tag, die Stunde, Und ich stell die Horoskope." -- "Meister, meine letzte Mutter Hat mich dieses Mal geboren In dem Jahre Siebenhundert, Am Geburtstag des Herodes, In der lustgen roten Stunde, Da die Kindlein man gemordet. Sie hat selbst es in dem Buche Angemerkt mit kurzen Worten." Apo merkt sich diese Punkte, Hat der Kreise viel gezogen Und geschrieben viele Nummern An dem Boden mit der Kohle, Und hierauf die ganzen Summen Von den halben abgezogen, Dann sich ernstlich drob verwundert, Als er fand die Horoskope. "Du bist heut im Jahr der Stufen," Sprach er, "hüte dich vor Rosen! Du bist heut in diesen Stunden Von Gefahren schwer bedrohet! Hüte dich, denn ob dir runden Die Gestirn recht im Zorne, Einge Stellen bleiben dunkel, Die vom Feuer und vom Tode. Denn dein Schicksal ist verbunden Mit unzähligen Legionen, Unbekannt ist eure Mutter, Um Betrug wirst du betrogen Und wirst sein von großen Nutzen Einem hohen Philosophen, Und dies ist schon mit dem Funde Deines Buches eingetroffen. Aber dunkler wird's und dunkler, Denn ich sehe die drei Rosen, Die zu einem starken Bunde Gegen dich sich fest verschworen. Hüte dich vor einem Brunnen, Wo die Kinder drinnen wohnen, Denn du teilest diese Punkte Mit dem Tage des Herodes. Und in manchen Konjunkturen Stehen meine eignen Pole Mit den deinigen verbunden, Denn mir drohen auch die Rosen. Durch dich, was mich gar sehr wundert, Wird entstehen einst ein Kloster, Und die böse Rosenblume Wächst im Garten dieses Klosters. Einem ungeheuern Sturze Bist du auch noch unterworfen; Jetzt wird's klarer: Deine Stunde Wird dir mit dem Feuer kommen." Und nun greift er nach dem Buches. "Nimm es hin!" sprach lachend Moles, "Du weissagst mir wenig Gutes, Mein Geschick ist nicht zu loben." Aber an dem Turme unten Schallet heftig nun die Glocke, Und da Apo schaut hinunter, Sieht er seiner Schüler Horde. "Was nur mag zu dieser Stunde Dieser Troß von mir doch wollen?" Und er öffnet mit dem Zuge Schnell des Turme kleine Pforte, Löschet in der grünen Urne Schnell das Licht des Totenkopfes, Und es gleicht die schwarze Stube Einem alten dunkeln Boden. Da die Schüler auf den Stufen Seiner Türe näher kommen, Spricht: "O Meister, laß mich suchen Einen Winkel!" zu ihm Moles. "Weil in diesen bösen Stunden, Wie du sprachst, Gefahr mir drohet; Daß die Schüler dich besuchen, Macht mich ängstlich und betroffen." Apo spricht: "Hier hinterm Stuhle Bist du gänzlich wohl verborgen; Ich verhäng dich mit dem Tuche, Das ihn rings bedeckt zum Boden." Und es öffnet sich die Stube. Apo sitzt wie auf dem Throne, Und in eine halbe Runde Sich die Schüler um ihn ordnen. Einer tritt dann mit der Urne Vor ihn, spricht: "O Herr, des Moles Asche in der Urne ruhet! Er starb eines seltnen Todes. Ja sein Tod war recht ein Wunder, Denn die Sängrin retten wollend, Stürzten zu ihm alle Gluten, Brannten ihn vor uns zu Kohlen! Und wie auch des Wasser Fluten Rings wir auf ihn niedergossen, Brannt er bis zum letzten Funken, Und es blieb auch nicht ein Knochen! Da ein Mönch geweihten Brunnen Zu ihm sprengte ein'ge Tropfen, Ward er Asche; in der Urne Haben wir sie aufgehoben. Herr verzeih, daß wir zur Stunde Uns hieher zu dir erhoben, Denn wir kommen hoch verwundert Zu dir, und entsetzt, erschrocken!" Apo höret ihre Kunde, Und ihm stockt fast der Odem; Ängstlich spricht er: "Deine Zunge, Schüler, hat sie nicht gelogen?" Alle sprechen in der Runde: "Meister, es ist nicht gelogen, Denn es sah's die ganze Schule, Und es sahens alle Ordnen. Und es schrieen alle: Wunder! Die gelöschet in der Oper, Da sie unsern teuern Bruder Sahn zu Asche niederlohern!" -- "So enthüllet mir die Urne!" Sprach Apone tief erschrocken, "Daß ich Ehre an ihm tue, Denn ich war ihm stets gewogen. Längst wußt ich, daß dieser Stunden Große Nöten ihn bedrohten; Seht: Hier mit dem schwarzen Ruße Stellt ich seine Horoskope. Er war eine der Naturen, Die im Zentrum aller Sonnen Feuer tragen in dem Blute, Das sich in sich selbst vertrocknet. Seine Asche untersuchen Wollen wir am nächsten Morgen, Daß er uns belehrend, nutze, Auch noch hilfreich in dem Tode!" Da enthüllten von dem Tuche Sie die Urne; eine Wolke Schoß heraus, ganz dick und dunkel, Die rings durch die Stube rollte. Sie drang auf mit solchem Schwunge, Daß der Schüler stürzt zu Boden, Und die Treppentüre suchend Alle übernander stoßen. Wunderliche Zerrfiguren Bildete die wilde Wolke, Flog dann summend, eine Hummel, In den schwarzen Bart Apones. Da er sie zu jagen suchte, Wuchs sie, ihm zu großem Zorne, Aus dem Bart als Bart herunter Und flocht sich zu einem Zopfe. Apo fängt nun an zu fluchen, Und ein hohles Lachen kollert Um ihn her. Nichts mehr zu suchen Hatten die Studenten oben. Und die Treppe schier kopfunter Schossen sie hinab von oben, Ihre Seelen auch mitunter Diesem, jenem angelobend. Apo glaubt in falschem Mute, Daß sie seiner spotten wollten, Und stürzt nach mit seiner Rute Auf die armen jungen Toren, Bis in seinem Bart verschlungen Er hinabzustürzen drohte; Denn er stieß mit einem Fuße Auf dem Weihbrunnkessel oben, Der hellklingend auf den Stufen Widerspringend niederrollet Und der fliehenden Schuljugend Wie ein böser Donner folgte. Hei! wie hat ein muntres Fluchen Da der zornge Mann erhoben! Aufwärts tappend nach der Stube Ward er an dem Bart gezogen. Da er eintrag in die Kuppel, War der Bart dem Zug gefolget Und fiel vor ihm in der Stube Schwarz als Asche auf den Boden. Apo reißt das Tuch vom Stuhle, Aber statt des Schelmen Moles Sieht er dort nur seinen Pudel Sitzend auf den Hinterpfoten. Dieser Anblick macht ihn stutzen, Und es ging sein Zorn verloren; Vor der Überraschung Wunder War er innerlich erschrocken. Er erkannte in dem Hunde Und in seinem Schüler Moles, Was er nimmermehr vermutet, Einen heimlichen Dämonen. Und sprach nun mit kalter Ruhe: "Bist du solchen Schrot und Kornes, Soll dir alles auch zugute, Wie du mir's geboten, kommen!" Greifet dann nach einem Buche Und nach einer Glasesglocke, Die bezeichnet mit Figuren Und beschrieben rings mit Formeln. Und mit seines Fingers Drucke Töne aus der Glocke lockt er, Die dem wundersamen Pudel Peinlich schallten in den Ohren. Mit dem Winseln eines Hundes Schrie: "Erbarmen!" laut der Moles. "Laß mich nicht so schwer verschulden, Daß ich scherzhaft bin geworden!" Doch zu quälen ihn nicht ruhet Apo mit dem Ton der Glocke, Bis der Geist zu allem Guten Sich ihm hoch und tief verschworen. "Sprich, in welcherlei Figuren Soll ich künftig bei dir wohnen?" Fragt er, "da ich in den Gluten Starb, nach deinem Horoskope." Apo sprach: "Du bleibst mein Pudel; Aber soll ich deiner schonen, So erklär die dunklen Punkte Gleich jetzt deines Horoskopes. Wer war deine erste Mutter? Wer hat dich zuletzt geboren? Wie steht es mit jenem Buche? Was bedeut der Haß der Rosen? Was hast du mit einem Brunnen, Welchen Kinder klein bewohnen?" Nun spricht aus dem Hundeknurren Zu dem Herrn der schlaue Moles: "Ich weiß nichts von jenem Brunnen Und auch nichts von jenen Rosen, Sie sind mir wie dir so dunkel, Auch die Stiftung jenes Klosters. Denn es gibt gar manche Wunder, Die mir ewig sind verschlossen: Aber ganz auf andre Spuren Hab ich suchend mich geworfen! Wenn Biondetten du errungen, Wenn getötet du Meliore, Wenn ohn Abendmahls Genusse Starb das Weib des Jacopone, Wenn verzweifelt, ohne Buße, Starb der Fackelgießer Kosme, Und wenn stürzt in schwere Schulden Seine jungfräuliche Tochter, Und in Raserei zugrunde Geht der Bruder Jacopones, Pietro, der die schönen Blumen Ziehet vor dem römschen Tore: Dann magst du und ich in Ruhe Ewig hausen vor den Rosen Und dem Kinde jenes Brunnens Und vor jenem neuen Kloster! Aber willst du meine Mutter Kennen, lies die ersten Bogen Des dir hochgepriesnen Buches Von dem Weib des Erdensohnes!" Also sprach der Geist. Zum Buche Sitzt begierig nun Apone, Ihm zu Füßen liegt der Pudel Augenfunkelnd an dem Boden. Doch die Lettern dieses Buches Sind ihm unbekannte Formen, Und erzürnt der Meister fluchet, Moles mit den Füßen stoßend. "Was soll mir der welsche Plunder? Wahrlich, diese Schrift ist toller, Als im Schnee die krausen Spuren Hungrig scharrnder Hühnerpfoten!" Zu ihm schwänzelnd spricht der Pudel: "Meister, diesen Fall ich lobe. Lang ging ich zu deiner Schule, Nun kannst du zu meiner kommen. Ich will dir zur rechten Stunde Bald ein paar Tinkturen kochen, Und hast du davon getrunken, Liest du alle Hühnerpfoten! Und dann geb ich dir in kurzem Auch die rechte Lesmethode, Wie von oben du nach unten, Und von unten liest nach oben. Denn das ist des Buches Wunder, Trotz dem Werk der Philosophen: Du magst lesen drüber, drunter, Immer gleich bleibt dir geholfen. Weil auf Schlüssen es beruhet, Die von hinten aus nach vornen Was nach oben, was nach unten Ward verknüpfet, schnell entknoten. Konsequenz allein ist Tugend, Und das Ding verkehrt genommen, Was man kann, weil es gerundet, Kann das Laster selbst uns frommen. Hast du Kraft dazu gefunden, Magst du immer unverhohlen Schwimmen gen den Strom des Flusses, Streichen gen des Wuchs die Borsten. So findst du der Freiheit Wurzel, Dringst vom Abgrund du nach oben; Allen Zwang hat überwunden, Wer entwurzelt das Verbotne!" -- "Schweig mit der Moral der Hunde!" Sprach beschämet nun Apone, "Sage her des ersten Buches Inhalt!" -- Und zu ihm spricht Moles: "Du liest in dem ersten Buche, Wie unendlich war ergossen Or Haënsoph ohne Dunkel, Ein unendlich Leuchten Gottes. Wie dem Lichte ist entsprungen, Sich rückziehend durch das Wollen, Dunkler Raum im Mittelpunkte, Worin ward die Welt geboren. Wie sich in des Rückzugs Spuren Kreisend dann das Licht ergossen, Mannigfach des Raumes Dunkel Licht erringend hat umschlossen. Und wie, alles durchfiguret, Adam Kadmon war geboren, Aus sich selbsten ausnaturend Die zehn Kräfte Sephirote. Wie vier Welte sind entsprungen, Da lebendig war das Wollen: Asia, Briat, Aziluthe Und Jezirah, Antlitz Gottes. Die Jezirah ist durchdrungen Von zehn hohen Engelchoren, In astralschen Leiber funkelnd Sind sie alle schon personet. Die Asia ist die untre, Materialisch schon geformet, Drin die bösen Geister wurzeln, Die in Gottes Zorn geboren. Sie ist aus dem Streit entsprungen, Als das Ebenbildnis Gottes, Adam Kadmon, zu bewundern Gott die Engel aufgefordert. Luzifer ist aufgedrungen Und hat da im ersten Stolze Adam Kadmon ausgerufen, Nicht als Bild, nein als den Gott selbst. Denn als Gott sich ausfiguret In der Kraft des ewgen Wollens, Wollte Luzifer naturet, Über ihm als Herr nun thronen. Aber aus dem Licht ins Dunkel Ward er da hinabgestoßen; So entstand die Schwere unten, So ward untre Welt geformet. Die nun materialisch rundet Als die Erde, Mond und Sonne, Aber doch in ihrem Schwunge Ist der obern unterworfen. Und so sind in Gott entsprungen, Aber doch in ihrem Wollen Widerstreitend scharf zwei Punkte: Ewges Licht und ewges Dunkel. Wer nun in der Tiefe suchet, Wo die starken Geister wohnen, Der wird stark in ihrem Bunde; Jeder ist dem Geist willkommen. Selig aber sind die Dummen, Sie gehn auf im Schoße Gottes, Wissen nicht das was sie tuen; Hast du Lust dazu, Apone? Geißle blutig dir den Buckel, Schlafe auf dem harten Boden, Küß kein Weib und bet hungre, Gehe stolz einher im Spotte! Und vor allem sei ein Kluger, Wählst du in den Religionen Unter Heiden, Christen, Juden, Daß du triffst die rechte Pforte! Oder willst du im Abgrunde Mit dem hohen Geiste wohnen? Willst du leuchten in dem Dunkel Vor den andern Philosophen? Jauchze dann in ewger Jugend, Plätschre in des Lebens Wogen, Daß dich heben Wollustfluten Übers Tor des ewgen Todes! Denn das ist das hohe Wunder Und der Teufelsquell des Trostes, Daß wir nimmer gehen unter, Weil wir streben nur nach oben! Wir allein sind fest gefußet, Sind es durch Erkenntnis worden Von dem Bösen und dem Guten; Stürzen können die von oben, Steigen können die von unten!" -- Also sprach der schlaue Moles, Und begann von seiner Mutter Die Geschichte dann, wie folget. ** Romanze X: Schöpfungsgeschichte des Moles "Als das Licht sich hat entzweiet, Stieg was leicht und sank was schwer, Und das Eine war gezweiet Zwischen Gott und Luzifer. Luzifer, dem stolzen Geiste, Diente nun der feste Kern, Und was unterridisch kreiste, Nannte ihn den mächtgen Herrn, Der von unten aufwärts greifet Und mit Wonne und mit Schmerz Was unsicher oben schweifet Niederreißt ans erzne Herz. Und der Oberfläche Zweifel Stehet an der Scheide Weg, Und das eben ist der Teufel, Daß so eben ist sein Weg. Aber nieder sah mit Neide Gott zum festen Erdenstern, Und er wollte, daß sie beide Anteil hätten an dem Kern. Wollte, daß als Friedensgeisel Einer zwischen beiden geh, Und, des großen Künstlers Meißel Lobend, an der Sonne steh; Der, den Geist der Erde preisend, Hafte an dem Grunde schwer, Mit der Stirne aufwärts weisend, Mit dem Leibe irdisch wär. Und der Herr sprach: "Nieder reise Zu der Erde, Gabriel, Bring in ihre sieben Kreise Des Allmächtigen Befehl, Daß sie dir des Staubes reiche Aus den sieben Tiefen schnell, Daß ein Bildnis, das mir gleiche, Ich ihr draus zum Herren stell." Als der Seraph niedersteigend Zu der irdschen Feste schwebt, Lag die Erde einsam schweigend, Von der Geister Puls durchbebt. Wo des Engels Flug ausgreifet, Spaltet sich das Firmament, Und aus seinen Ufern schweifet Bang das nasse Element. Und es dreht sich das Eisen Schmerzlich in der Erde Herz, Daß die Quellen los sich reißen Aus der Tiefe himmelwärts. Auf den Fittichen gebreitet Steht der Seraph vor dem Kern: "Erde, dir ist Heil bereitet Durch den Willen deines Herrn! Sei gegrüßt, Gebenedeite! Denn mit dir will sein der Herr, Und aus deinem Eingeweide Soll erstehen dir der Herr. Und die Frucht aus deinem Leibe Soll dem Herren ähnlich sehn; Daß dir Gottes Liebe bleibe, Soll sein Bild aus dir erstehn. Drum aus deinen sieben Reisen, Von der Rinde bis zum Kern, Laß mich eine Handvoll greifen; Also ist der Will des Herrn!" Vor des Engels lautem Schreie Widertönt der Erde Erz, Und mit einem tiefen Schreie Tönet auf aus ihr das Herz: "Gabriel! zum Herrn ich schreie, Tief in innrer Angst erbebt, Daß er mir den Wunsch verzeihe, Daß ich bleibe unbelebt. Daß ich jungfräulich im Scheine Seines Lichtes freudig steh, Nimmer um den Menschen weine, Nicht in Sünde untergeh. Jetzo bin vor Gott ich reine; Soll ein Herr aus mir erstehn, Wie soll bleiben er der meine, Wenn er in das Licht gesehn?" Und den Seraph hat das Weinen Der Jungfräulichen bewegt, Zu des ewgen Lichtes Scheinen Ihn der Flügel wieder trägt. Und wo er im Flug verweilet In der weiten Himmelshöh, Geht die Sonne, da er eilet, Auf, daß sie die Erde seh. Und er sprach: "O Herr, verzeihe! Mich durchdrang ihr rührend Flehn; Ihre Bitte, Herr, verleihe, Laß in Reinheit sie bestehn!" Doch der Herr sprach: "Will im Scheine Meiner Sonnen keusch sie gehn, Will sie bleiben immer reine, Eh ihr auf die Augen gehn? Sie liegt in des Traumes Zweifel, Wenn mein Bild nicht auf ihr lebt; Aus ihr schreiet nur der Teufel, Wenn sie zierend widerstrebt." Und der Herr sprach: "Niedersteige Zu der Züchtgen, Michael! Daß sie dir des Staubes reiche, Nach des Ewigen Befehl!" Als der Seraph sie umkreisend Sieht im Mittagsglanze stehen Und, des Herren Milde preisend, Sich im Sonnenstrahl ergehn, Rühret ihn, den göttlich Freien, Der nicht kannte irdisch Weh, Ihr metallisch heißes Schreien, Daß ihr hart Gewalt gescheh. Und er blieb, zur Höhe eilend Bittend vor dem Ewgen stehn, "Herr!" sprach er, "hör Gnad erteilend Schonend an der Erde Flehn! Ich hab sie im Sonnenkleide Also schuldlos schlummern sehn, Aller Tränen Augenweide Unter meines Fittichs Wehn. Als ich meine Flüge breitend Sie mit meinem Flug erweckt, Ihre Schmerzen tief mitleidend, Hat mich ihr Geschrei erschreckt!" Und der Ewge sprach: "So steige Zu der Jungfrau, Raphael, Daß sie dir des Staubes reiche, Bringe ihr des Herrn Befehl!" Und der Seraph niederschweifet Überm blauen Wogenmeer, Und die Erde lag umreifet Von dem Abendglanz umher. In dem roten Sonnenscheine War sie so in Trauer schön, Stille lauschend, wie sie weine, Blieb er auf den Wogen stehn. Und von ihrem heißen Weinen Wurden seine Flügel schwer, Und er mußte mit ihr weinen Nieder in das dunkle Meer. Da er in die Wogen weinet, Da erbitterte das Meer, Und ihr Herz in Schmerz versteinet Floß in salzgen Quellen her. Und der Engel wollte weichen, Da die Sonne stieg zur See, Und er stellt zum Friedenszeichen Ihr den Mond in blauer Höh. Da er zu dem Licht aufreisend Durch das hohe Himmelsfeld, Rollen seine Tränen kreisend Um die Erd das Sternenzelt. Und der Herr sprach: "Niedersteige Zu der Erde, Azrael! Daß sie dir des Staubes reiche, Bringe ihr des Herrn Befehl!" Und der Seraph weit ausbreitet Er die Flügel um sich her, Daß der Schatten mit ihm schreitet Und die Nacht so tief und schwer. Ihn soll nicht ihr Schmerz ergreifen, Er will sie nicht trauern sehn, Und vor ihm an ihren Reifen Mond und Sonne untergehn. Von der neuen Lichter Scheine Die Geblendeten vergehn, Als sie freudg und alleine In ihr eigenes Herz gesehn, Und fand allerlei Gebeine, Die das Licht in ihr erregt, Fand in sich die edlen Steine Dunkel schimmernd ausgelegt. Und traumwandelnd sie beschleichet Nun der schlaue Azrael, Und die Träumerin sie reichet Sieben Staube dem Gesell. Da er zu dem Ewgen steiget, Ließ er sie im Schlafe stehn, Der der Erde hat gezeiget, Daß sie müsse untergehn. Da den Staub dem Herrn er reichet, Spricht der Ewge: "Azrael! Wer das Leben so beschleichet So vollbringet den Befehl, Der soll alle Seelen leiten Zu dem Himmel, zu der Höll, Die sich von dem Leben scheiden, Todesengel Azrael!" Und die Erden schärfer scheidend Ließ des Meisters Will entstehn, Tiere immer höher schreitend Kriechen, schwimmen, fliegen, gehn. Und die sieben Erden einet Er zum Menschen noch zuletzt; Der da lachet und auch weinet War zum Erdherrn eingesetzt. Ihn haucht an der Herr der Geister, Hat ihm einen Geist geschenkt, Daß er ähnlich sei dem Meister, Irdisch lebend göttlich denkt. Von der Erd zum Sternenkreise Reicht er, wenn er aufgestellt; Sonnen gleich zu Gottes Preise War das Antlitz ihm erhellt. Ruhend ihm die Stirne reichte, Wo die Sonne aufersteht; Ruhend ihm die Ferse reichte, Wo die Sonne untergeht. Und die Tiere und die Geister Blieben betend vor ihm stehn, Glaubten ihn den ewgen Meister, So war herrlich er und schön! Doch da sie ihm näher schreiten, Haben sie ihn erst erkennt, Da er schrie: "Die Herrlichkeiten Gottes sind ohn Zahl und End!" Aber Gott sah ihn mit Neide, Wollte ihn verkleinern gern, Auf daß künftig unterscheide Man den Diener von dem Herrn. Ließ vom Schlafe ihn beschleichen, Den erfunden Azrael, Zu ihm, zu den irdschen Reichen Stieg er, daß er ihn bestehl. Machte um viel Ellen kleiner Und beraubt sein eigen Werk, Streute um ihn her die Beiner, Daß er seine Herrschaft merk. Und da Adam war alleine, Sah die Tiere paarweis gehn, Wollt der Herr, daß er nicht weine, Ihm nach einem Weibe sehn. Und er rief: "Hernieder steige in die Tiefe, Azrael! Daß sie dir des Staubes reiche, Bringe ihr des Herrn Befehl!" Aber alle sieben Kreise Waren durch und durch belebt, Daß den Staub er zu sich reiße, Harten Kampf der Geist erhebt. Als er in der Nacht ausgreifet, Griff er in ein Pfauennest, Und den Vogel hochgeschweifet Steckt im Wolkengurt er fest. Weiter fassend zu ihm schleichet Eine Katze augenhell, Funken sprühen, wenn er's streichet, Aus dem glatten Schmeichelfell. Aus der Wurzel sodann reißt er Belladonna Azrael, Und Fünffingerkraut; der Meister Wird schon wissen, was ihm fehl. Eine Purpurschnecke reichet Ihm sodann das weite Meer, Und aus seiner Höhle steiget Basiliskus zu ihm her. Und mit diesen Sechsen einet Er den König, der sich hebt, Und in roter Schminke scheinet, Wenn Merkur bei Sulphur lebt. Diese böse Sieben reichet Klug dem Engel Luzifer, Der vor ihm im Dunkel schleichet, Als wenn er die Erde wär. Diese Sieben formt zum Leibe Nun der Herr, die sonst getrennt, Gibt dem Adam sie zum Weibe; Lilith war das Weib genennt. Adam! Adam! du mußt leiden, Dir ist bös ein Weib gesellt! Wer mag dich von Lilith scheiden, Die vom Herrn dir ward bestellt? Schreiend, widergellend, keifend Eifert sie und widerbellt, Mit den tausend Augen schweifend, Die der Pfauenschweif enthält. Und da heuchelt sie und schmeichelt In dem weichen Katzenfell, Und wenn er betört sie streichelt Kratzt und beißt sie den Gesell. Nach der Belladonna weisend Er sie etwas giftig nennt, Bald auf seinen Wangen beißend Das Fünffingerkraut entbrennt. Purpur und Zinnober weiset, Wie es mit der Wahrheit steht, Wenn der Basiliske gleißend Aus der falschen Schminke geht. Ewig waren sie entzweiet, Sie erkannt ihn nicht als Herrn, Den Schemhamphorasch laut schreiend Flog sie in die Lüfte fern. Da sprach Adam: "Herr der Geister, Lilith floh aus meiner Welt; Sie will nicht, daß ich als Meister Über sie sei aufgestellt!" Gott ließ nun drei Engel reisen, Die sie fanden überm Meer; Sie zur Güte hinzuweisen, Machte sie den Engeln schwer. Und nichts konnte sie erweichen, Daß sie zu dem Adam kehr, Und die Engel, daß sie schweige, Drohn zu stürzen sie ins Meer. Da schwur sie, zur Qual alleine Sei geschaffen sie zur Welt, Zu der eignen Kindlein Peine Sei zum Leben sie bestellt. Und der Herr sprach: "Ja, so bleib es! Doch, um sie zu bändigen, Sollen Kinder ihres Leibes Täglich hundert untergehn!" Und seit diesen Fluch der Meister Ließ ergehen für ein Recht, Sterben täglich hundert Geister Aus der Lilith Urgeschlecht. Um den Adam zu beschleichen, Gott sein Haupt in Schlummer senkt, Stiehlt die Rippe ihm, ein Zeichen, Daß der Mensch denkt und Gott lenkt. Denn er war durch Schaden weiser, Scheute sich vor Luzifer, Und er geht Werke leiser, Will nun keine Erde mehr. Und die Rippe wird zum Weibe; Heva hat er sie genennt, Sie war Fleisch von Adams Leibe, Und sie haben sich erkennt. Ihre Locken zu den Seiten Flocht und schmückte ihr der Herr, Salbte sie, und tanzend schreiten Mußte sie zu Adam her. Tausend Engel, sie zu preisen, Vor dem klaren Weibe gehn, Singend, spielend sie umkreisen Rings mit himmlischem Getön. Und es tanzten rings den Reigen Sonne, Mond und Sterne fern Nach der Engel Harf und Geigen Vor der Braut des Erdenherrn. Während seinen Segen beiden Reichet gütig nun der Herr, Zu der Mahlzeit sie zu leiten Eilten dann die Engel her. Auf dem Tisch von Edelsteine Da die Hochzeitsspeisen stehen, Schenkend wohlgekühlte Weine Engel um die Tafel gehn. Gott zeigt in dem Paradeise Einen Baum, der hoch aufstrebt, Spricht: "Die Frucht nehmt nicht zur Speise, Sie ist tödlich!" und entschwebt. Da er von der Erde weichet, Von dem Herren zum Geschenk Raphael ein Buch ihm reichet, Daß er seiner Liebe denk. Aller Schöpfung Heimlichkeiten In dem Buch verzeichnet stehn, Und die Engel aller Seiten Schleichen, in das Buch zu sehn. Hinter seinem Rücken schreibet Ab das Buch der Samael, Luzifer ihn dazu treibt, Daß auch nicht ein Buchstab fehl. Doch zu viel sitzt seinem Weibe Bei dem Buche der Gesell, Und sie schweift zum Zeitvertreibe Durch den weiten Garten schnell. Und sie sieht zur ihr herreiten Auf dem ragenden Kameel, Der sie will zur Freiheit leiten, Stolz den hohen Samael. "Wollet mich zum Baum doch leiten", Spricht er, "der im Garten steht, Der verboten ist euch beiden, Auf daß ihr euch nicht erhöht! Aus des Buches Heimlichkeiten Hab ich heute eingesehn: Wer der Früchte ißt, wird schreiten Auf zu Gott, ja gleich ihm stehn." Und geführet von dem Weibe Greift zum Baume Samael; Daß er ungetötet bleibe, Zeigt er essend ohne Hehl. Und das Weib zum Baume greifet; Aber wehe! vor ihr schnell Zu der Erde niederschweifet Todesengel Azrael. Sie gedacht in tiefem Leide, Daß sie nicht alleine sterb. "Sterben wir doch besser beide, Daß kein Weib ihn mehr erwerb." Zu dem Mann ist sie geeilet, Der bei seinem Buche steht; Bis die Sünde er geteilet, Eher sie nicht von ihm geht. Und der Herr sah es mit Neide, Und aus Adams Händen schwebt Weg das Buch, daß er mit Leide Seinen Blick zu Gott erhebt. Und er schlug sein Haupt und weinte, In den Gichon-Fluß sich stellt, Und so jammerte und weinte, Daß er bis zum Haupt ihm schwellt. Und der Schimmer seines Leibes Rostet und wird träg und schwer, Und es wird zum Fluch des Weibes, Daß mit Schmerzen sie gebär. Gott stürzt sie vom Paradeise, Und sie stürzten ab, getrennt; In der Erde tiefstem Kreise Adam sich zuerst erkennt. Erez Hattachtona heißet Sie und Welt im finstern Kern; Aber Luzifer beweiset Sich als einen guten Herrn. Er schickt zu dem zweiten Kreise Adamah, den Erdgesell, Daß den Boden er aufreiße Und das Bergwerk ihm bestell; Wo er hundert Jahre bleibet. Lilith drang da zu ihm her, Und mit diesem bösen Weibe Zeuget Zwerg und Riesen er. Heva lebt im tiefern Kreise Mit dem Geiste Samael, Zeugt mit ihm in gleicher Weise Geister und Dämonen schnell. Da bevölkert er die Kreise, Wie er wollte, Luzifer, Ließ er sie zur Arka reisen, Die die vierte Erde wär. Und hier fanden sie sich beide, Und da sie sich hier erkennt, Ward geboren ihrem Leide Stolz ein Sohn und Kain genennt. Und nun stiegen nach der Reihe Um drei Erden still einher Bis zur Tebhel alle dreie, Uns