The Project Gutenberg EBook of Nach Amerika! Erster Band by Friedrich Gerstäcker This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at http://www.gutenberg.org/license Title: Nach Amerika! Erster Band Author: Friedrich Gerstäcker Release Date: May 2006 [Ebook #18475] Language: German Character set encoding: UTF-8 ***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK NACH AMERIKA! ERSTER BAND*** Nach Amerika! Ein Volksbuch Erster Band von Friedrich Gerstäcker. Illustrirt von Theodor Hosemann. Leipzig, Hermann Costenoble, Verlagsbuchhandlung Berlin, Rudolph Gaertner, Amelang’sche Sort-Buchhandlung 1855 [image] NACH AMERIKA! Wie man ein Bild, aus einem Werk heraus, vorn auf den Umschlag bringt, den Beschauer dadurch gewissermaßen in den Charakter des Ganzen einzuweihen, so will auch ich hier den Anfang des einen Capitels, aus der Mitte des Bandes heraus, zum Vorwort wählen, den Leser gleich von vorn herein mit dem bekannt zu machen, was ich ihm biete. »Nach Amerika!« — Leser, erinnerst Du Dich noch der Märchen in »Tausend und eine Nacht«, wo das kleine Wörtchen »Sesam« dem, der es weiß, die Thore zu ungezählten Schätzen öffnet? hast Du von den Zaubersprüchen gehört, die vor alten Zeiten weise Männer gekannt, Geister heraufzurufen aus ihrem Grab, und die geheimen Wunder des Weltalls sich dienstbar zu machen? — Mit dem ersten Klang der einfachen Sylbe schlugen, wie sich die Sage seit Jahrhunderten im Munde des Volkes erhalten, Blitz und Donner zusammen, die Erde bebte, und das kecke, tollkühne Menschenkind das sie gesprochen, bebte zurück vor der furchtbaren Gewalt die es heraufbeschworen. _Die_ Zeiten sind vorüber; die Geister, die damals dem Menschengeschlecht gehorcht, gehorchen ihm nicht mehr, oder wir haben auch vielleicht das rechte Wort vergeben sie zu rufen — aber ein anderes dafür gefunden das, kaum minder stark, mit _einem_ Schlage das Kind aus den Armen der Eltern, den Gatten von der Gattin, das Herz aus allen seinen Verhältnissen und Banden, ja aus der eigenen Heimath Boden reißt, in dem es bis dahin mit seinen stärksten, innigsten Fasern treulich festgehalten. »Nach Amerika,« leicht und keck ruft es der Tollkopf trotzig der ersten schweren, traurigen Stunde entgegen, die seine Kraft prüfen sollte, seinen Muth stählen — »nach Amerika,« flüstert der Verzweifelte der hier am Rand des Verderbens dem Abgrund langsam aber sicher entgegen gerissen wurde — »nach Amerika,« sagt still und entschlossen der Arme, der mit männlicher Kraft, und doch immer und immer wieder vergebens gegen die Macht der Verhältnisse angekämpft, der um sein »tägliches Brod« mit blutigem Schweiß gebeten — und es nicht erhalten, der keine Hülfe für sich und die Seinen hier im Vaterlande sieht, und doch nicht betteln _will_, nicht stehlen _kann_ — »nach Amerika« lacht der Verbrecher nach glücklich verübtem Raub, frohlockend der fernen Küste entgegen jubelnd, die ihm Sicherheit bringt vor dem Arm des beleidigten Rechts — »nach Amerika,« jubelt der Idealist, der wirklichen Welt zürnend, weil sie eben wirklich ist, und über dem Ocean drüben ein Bild erhoffend, das dem in seinem eigenen tollen Hirn erzeugten, gleicht — »nach Amerika« und mit dem einen Wort liegt hinter ihnen, abgeschlossen, ihr ganzes früheres Leben, Wirken, Schaffen — liegen die Bande die Blut oder Freundschaft hier geknüpft, liegen die Hoffnungen die sie für hier gehegt, die Sorgen die sie gedrückt — _»nach Amerika!«_ So gährt und keimt der Saame um uns her — hier noch als leiser, kaum verstandener Wunsch im Herzen ruhend, dort ausgebrochen zu voller Kraft und Wirklichkeit, mit der reifen Frucht seiner gepackten Kisten und Kasten. Der Bauer draußen hinter seinem Pflug, den der nahe Grenzrain, der ihn zu wenden und immer wieder zu wenden zwingt noch nie so schwer geärgert, und der im Geist schon die langen geraden Furchen zieht, weit über dem Meer drüben, in dem fetten, herrlichen Land; — der Handwerker in seiner Werkstatt, dem sich Meister nach Meister in die Nachbarschaft setzt, mit Neuerungen und großen, marktschreierischen Firmen, die wenigen Kunden die ihm bis dahin noch geblieben in _seine_ Thür zu locken; der Künstler in seinem Atelier, oder seiner Studirstube, der über einer freieren Entwickelung brütet, und von einem Lande schwärmt wo Nahrungssorgen ihm nicht Geist und Hände binden; — der Kaufmann hinter seinem Pult, der Nachts, allein und heimlich, die Bilanz in seinen Büchern zieht, und, das sorgenschwere Haupt in die Hand gestützt, von einem neuen, andern Leben, von lustig bewimpelten Schiffen, von reich gefüllten Waarenhäusern träumt; in Tausenden von ihnen drängt’s und treibt’s und quält’s, und wenn sie auch noch vielleicht Jahre lang nach außen die alte frühere Ruhe wahren, in ihren Herzen glüht und glimmt der Funke fort — ein stiller aber ein gefährlicher Brand. Jeder Bericht über das ferne Land wird gelesen und überdacht, neue Arzenei, neues Gift bringend für den Kranken. Vorsichtig und ängstlich, und wie weit herum um ihr Ziel, daß man die Absicht nicht errathen soll, fragen sie versteckt nach dem und jenem Ding — nach Leuten die vordem »hinüber« gezogen und denen es gut gegangen — nach Land- und Fruchtpreis, Klima, Boden, Volk — für Andere natürlich, nicht für sich etwa — sie lachen bei dem Gedanken. Ein Vetter von ihnen will hinüber, ein entfernter Verwandter oder naher Freund, sie wünschen daß es dem wohl geht, und häufen mehr und mehr Zunder für sich selber auf. So ringt und drängt und wühlt das um uns her; keiner ist unter uns, dem nicht ein lieber Freund, ein naher Verwandter den _salto mortale_ gethan, und Alles hinter sich gelassen, was ihm einst lieb und theuer war — aus dem, aus jenem Grund — und täglich, stündlich noch hören wir von anderen, von denen wir im Leben nie geglaubt daß _sie_ je an Amerika gedacht, wie sie mit Weib und Kind und Hab und Gut hinüberziehn. Und dort? — — Die vorliegenden Blätter sollen dem Leser ein Bild geben von dem Leben und Treiben solcher Leute. Hier aus unserer Mitte heraus, aus den verschiedenartigsten Verhältnissen und Sphären, aus allen Schichten der menschlichen Gesellschaft sehen wir sie ziehen — Gute und Böse, den Leichtsinnigen und den Spekulanten, den Bauer und Handwerker, den Gelehrten und den Arbeiter, den rechtschaffenen Bürger und den heimlichen Verbrecher, Alle dem _einen_ Ziel entgegenstrebend. Und _Alle_ vereinigt sie das Schiff; der eine kleine Bau, der hunderte von Menschen auf seinem schwanken Kiel hinüberträgt, dem fernen Welttheil zu; oh was für Hoffnungen, was für Pläne und Träume birgt er in seinem Schooß. Aber die Auswanderer liegen die langen Wochen, ja Monate, verpuppten Raupen gleich, im engen Haus, still und gedrängt beisammen; Jeder mit dem alten Leben abgeschlossen hinter sich, mit dem neuen noch nicht begonnen, in einem wunderlichen unnatürlichen Zustand, ungeduldiger Ruhe, bis der Anker in die Tiefe rollt, und die ausgeschobene schmale Planke der bunten Schaar von Tag- und Nachtfaltern den Weg in’s Freie öffnet. Hinaus flattern sie da nach allen Seiten, wie eine Hand voll Spreu, vom Winde fort geführt; die Einen selbstbewußt und keck dem fremden, unbekannten Leben in die Arme springend, die Anderen scheu und zaghaft bei jedem Schritte fast moralische Selbstschüsse und Fußangeln fürchtend; Alle aber entschlossen, die meisten sogar gezwungen, dem neuen Vaterlande die, im alten aufgegebene Existenz abzuringen, Jeder in seiner Art, auf seine Weise. Dort nun sehen wir sie schaffen und wirken in Gutem und Bösen, die Einen mit ihren kühnsten Hoffnungen erfüllt, Andere, zerknirscht und zertreten, die Stunde verwünschend, die den Gedanken an Auswanderung gebar — sehn wie sich die Wildniß lichtet, wie Farmen und Städte entstehn, und sich das deutsche Element ausbreitet nach allen Seiten, und folgen den einzelnen Bekannten und Freunden, die wir zu Hause schon, oder auf der Fahrt erst lieb gewonnen, oder für die wir uns interessiren, auf ihren verschiedenen, oft wunderlichen Bahnen. Manchen alten Reisegefährten führ ich dabei dem Leser vor, und hoffe ihn nicht zu langweilen, den weiten Weg; schlafen wir dann auch manchmal draußen im Freien, oder in niederer Blockhütte auf dünnem »Quilt«, müssen wir auch eine Zeit lang mit Maisbrod und Wildpret, oder gar mit Speck und Syrup verlieb nehmen, wie es der Farmer am Ohio liebt, wir lernen doch das Land kennen, mit seinen guten und schlechten Eigenschaften, seinen Vortheilen und Mängeln, seinen Bürgern und Einwanderern, seinen inneren Verhältnissen, seinem Leben und seiner Lebenskraft, und bin ich im Stande ihn auch nur einen Blick in jene ferne, von Tausenden so heiß ersehnte Welt, wie ich sie selbst gefunden, thun zu lassen, so hab ich meinen Zweck mit diesem Buch erreicht. _Rosenau_ bei Coburg im September 1854. Friedrich Gerstäcker. INHALT DES ERSTEN BANDES. Das Dollinger’sche Haus Der rothe Drachen Der Diebstahl Franz Loßenwerder Die Auswanderungs-Agentur Die Weberfamilie Nach Amerika Der Tanz im rothen Drachen Rüstungen Die beiden Familien Capitel 1. DAS DOLLINGER’SCHE HAUS. Im Hause des reichen Kaufmanns Dollinger zu Heilingen — einer nicht unbedeutenden Stadt Deutschlands — hatte am Sonntag Mittag, ein kleines Familienfest die Glieder des Hauses um den Speisetisch versammelt, und diesen heute in außergewöhnlicher Weise mit Blumen geschmückt, und delicaten Speisen und Weinen gedeckt. Es war der Geburtstag der zweiten Tochter des Hauses, der liebenswürdigen Clara und nur ihr erklärter Bräutigam, ein junger deutscher, in New-Orleans ansässiger Kaufmann, als Gast der Familie zugezogen worden. Am oberen Ende des Tisches, um dem Leser die Personen gleich in Lebensgröße vorzuführen, saß Vater Dollinger, ein etwas wohlbeleibter aber behäbiger, stattlicher Mann, mit klaren, blauen, unendlich gutmüthigen Augen und schneeweißen Locken und Augenbrauen, die aber dem edel geschnittenen Gesicht gar gut und ehrwürdig standen. Ihm zur Rechten saß seine Frau, allem Anschein nach etwa funfzehn oder sechzehn Jahre jünger wie er selber, und durch ihr volles, dunkelbraunes Haar vielleicht auch noch sogar jünger aussehend, als sie wirklich war. Sie ebenfalls, mit ihrer stattlichen Gestalt, hatte einen leichten Anflug zu Corpulenz, aber das etwas ausgeschnittene Kleid, wie die schwere goldene Kette, Broche und Ohrringe, die sie fast etwas zu reichlich schmückten, paßten nicht ganz zu dem sonst so freundlichen, matronenhaften Aeußern. Clara neben ihr, war das veredelte Bild der Eltern; die lieben treublauen Augen schauten gar so vertrauungs- und unschuldsvoll hinein in die Welt, an deren Schwelle sie stand, und die ihr, wie ein eben geöffnetes, prachtvoll gebundenes Buch auf den ersten, flüchtig durchblätterten Seiten, nur freundliche Blumen und ihr zulächelnde Gestalten zeigte. Kein Schmerz hatte diese engelsanften Züge noch je durchzuckt, keine Thräne wirklichen Schmerzes den reinen Blick getrübt, und die ganze zarte, sinnige Gestalt glich der eben entkeimenden Frühlingsblüthe im sonnigen Wald, die dem jungen Frühlingstag in Glück und Unschuld die schwellenden Lippen zum Kusse bietet, und in der blitzenden Thauperle ihres Kelchs, den reinen Aether über sich, nur schöner, nur glühender zurückspiegelt. Ihre um nur wenige Jahre ältere Schwester, Sophie, die an des Vaters Seite saß, ähnelte der Schwester in mancher Hinsicht an Gestalt, aber das einfach kindliche, was Clärchen jenen unendlichen Reiz verlieh, fehlte ihr. Ihre Gestalt war voller, majestätischer, aber auch ihr Blick mehr kalt und stolz; »ich bin des reichen Dollingers Kind« lag klar und deutlich in den scharf zusammengezogenen Mundwinkeln, in dem fest und entschieden, blitzenden Auge, und auch ihre Kleidung, ihr Schmuck war, wenn nicht reicher, doch jedenfalls mehr in’s Auge springend, Bewunderung fordernd. Zwischen Beiden saß Clara’s Bräutigam, ein junger, bildhübscher Mann in moderner, fast für einen Mann etwas zu gewählter und sorgfältig geordneter Kleidung; er trug das Haar in natürlichen dunkelbraunen Locken und das Gesicht glatt rasirt, bis auf einen kleinen, aufmerksam gekräußten, und nur bis zur halben Backe reichenden Backenbart, an den Fingern aber mehre sehr kostbare Diamant-Ringe, eine Brillant-Tuchnadel von prachtvollem Feuer, und eine schwere goldene, ebenfalls mit kleinen Edelsteinen besetzte Uhrkette. Die Bekanntschaft Clara’s und ihrer Eltern hatte er dabei auf eine etwas romantische Weise, und zwar gleich als ihr Lebensretter oder doch Befreier aus einer nicht unbedeutenden Gefahr gemacht. Herr und Frau Dollinger waren nämlich mit ihren beiden Töchtern im vorigen Herbst auf einer Rheinreise bei Rüdesheim aus- und zu dem kleinen Waldtempel oben über Asmannshausen hinaufgestiegen, um sich von dort nach dem Rheinstein übersetzen zu lassen; die Mutter hatte aber durch das nicht gewohnte Bergsteigen heftige Kopfschmerzen bekommen oder, was wahrscheinlicher ist, ennuyirte sich am Land und wünschte an Bord des Dampfers zurückzukehren, und als sie gerade mit dem Kahn über den Rhein fuhren, kam ein Dampfboot stromab, und hielt auf ihr Winken, sie an Bord zu nehmen. Herr und Frau Dollinger, mit Sophie, von den Kahnführern unterstützt, hatten auch schon glücklich die Treppe und das Deck erreicht, und dicht hinter ihnen folgte Clara, als diese sich plötzlich erinnerte, ihre Geldtasche im Kahn vergessen zu haben, und anstatt diese sich heraufreichen zu lassen, selber wieder zurücksprang sie zu holen. Durch das Hineinspringen fing aber der schmale Kahn an zu schwanken, während sie, die vergessene kleine Tasche aufhebend, das Gleichgewicht verlor und, mit dem Kopf voran, in den Rhein stürzte. Unglücklicher Weise waren gerade in dem nämlichen Augenblick die Kahnleute an Deck des Dampfers gestiegen, den Koffer eines Passagiers, der mit an Land fahren wollte, in ihren Kahn zu heben, und wenn sie jetzt auch, auf das Geschrei an Bord, rasch in diesen zurücksprangen, trieb doch Clara schon hinter dem Dampfboot aus, als der junge, eben von Amerika zurückgekehrte Mann, der dem ganzen Vorfall vom Deck des Dampfers zugesehn, mit keckem Muth ins Wasser sprang und die Jungfrau doch wenigstens so lange an der Oberfläche unterstützte, bis das Boot herbeikam sie beide aufzunehmen. Das Weitere nahm einen ziemlich einfachen Verlauf, Joseph Henkel, wie der junge Mann hieß, gewann sich in den nächsten Wochen, die er in der Gesellschaft der ihm zu großen Dank verpachteten Familie zubrachte, die Achtung des Vaters und die Liebe von Mutter und Tochter, und als er zuerst bei der Mutter um die Hand der Tochter anhielt, sagten Beide nicht nein. Allerdings wollte der Vater erst, wenn auch nicht gerade Schwierigkeiten machen, doch etwas Genaueres über die Existenzmittel eines Mannes erfahren, dem er das Glück und Leben eines lieben Kindes anvertrauen sollte. Henkel selber bot ihm dazu die Hand und gab ihm Adressen an verschiedene Häuser in New-Orleans, die ihm über seine dortige Stellung genaue Auskunft geben konnten. Nach seinem Vermögen mochte der alte Dollinger, wenn auch Kaufmann, nicht so genau forschen; er war selber reich genug, einen _reichen_ Schwiegersohn entbehren zu können, und etwas Vermögen mußte der junge Mann haben, dafür bürgte sein ganzes Auftreten, bürgte besonders in den Augen seiner Frau der reiche und wirklich kostbare Schmuck, den er trug. Joseph Henkel war aber auch außerdem ein interessanter und sehr gescheidter Mann, der Manches in der Welt schon gesehen und erlebt, und das Gesehene und Erlebte mit lebendigen Farben und Worten zu schildern wußte. Er hatte die ganzen Vereinigten Staaten von Nord nach Süd und von Ost nach West durchstreift, und dort theils seinen Geschäften gelebt, theils gejagt, sogar ein kleines Dampfschiff auf dem Arkansas laufen gehabt, mit den Indianern Handel zu treiben, und ihnen die Produkte des Ostens gegen ihre eigenen Fabrikate und den Gewinn ihrer Jagden einzutauschen. Er war auch einmal von jenen wilden trotzigen Stämmen, die uns Cooper so herrlich und unübertroffen beschrieben, gefangen genommen und zum Opfertod verdammt, und damals wirklich nur durch ein halbes Wunder gerettet worden, und Clara hatte eine ganze Nacht nicht schlafen können, nur in der Angst und Unruhe um die entsetzliche Gefahr, der sich der tollkühne Mensch damals schon ausgesetzt. Der junge Mann schien aber zwischen jenen wilden Stämmen den Umgang mit civilisirten Menschen keineswegs verlernt zu haben, und besaß ganz besonders ein fast wunderbares Geschick, sich seiner Umgebung anzuschmiegen, und sich in ihre Charaktere ordentlich hineinzuleben. Als ein tüchtiger und raffinirter Kaufmann, der vorzüglich eine vortreffliche statistische Kenntniß der Union besaß, gewann er sich dabei, und gleich von allem Anfang an, die Achtung des alten Dollinger. Der Frau aber hatte er leicht ihre kleinen, oft liebenswürdigen Schwachheiten abgelauscht, und wußte ihnen auf so geschickte Art zu begegnen, daß Frau Dollinger, mit der Rettung des geliebten Kindes im Hintergrund, schon nach sehr kurzer Zeit ganz entzückt von ihm war, und sein Lob dem Gatten unaufhörlich redete. Auch mit der älteren Schwester, Sophie, wußte sich Henkel bald auf guten Fuß zu stellen; er hatte bei ihr das leichteste Spiel, denn ihre Schwächen lagen offen zu Tag, denen aber schmeichelte er mit solcher Liebenswürdigkeit, daß ihm Clara, die es fühlte wie er dabei aus sich herausging und etwas annahm was ihm nicht natürlich war, oder doch jedenfalls dem Mann, den sie liebte, nicht natürlich sein _sollte_, dennoch nicht böse darüber werden konnte. Desto freier, offener und natürlicher war er dafür gegen sie selber; er las, sang und spielte Pianoforte mit ihr, lehrte sie eine Menge kleiner reizender, schottischer und irischer Lieder, oder plauderte mit ihr leicht und sorglos Stunden lang in den Tag hinein, und konnte oft so herzlich dabei lachen, daß es Einem ordentlich gut that, ihm zuzuhören. Selbst Sophie entsagte dann nicht selten ihrem sonst etwas mehr abgeschlossenen, fast steifen Wesen und kam zu ihnen, Theil an ihrer Fröhlichkeit zu nehmen. Nur in den letzten Tagen war der junge »Amerikaner« wie er im Hause gewöhnlich scherzhaft hieß, oder der »Delaware« wie ihn Sophie, wenn sie manchmal bei recht guter Laune war, nannte, auffällig niedergeschlagen gewesen; er hatte Briefe von Amerika bekommen, wie er sagte, und ein sehr lieber Freund von ihm war dort schwer erkrankt, auch ein Schiff das ihm gehörte, und das nicht versichert worden, so lange ausgeblieben, daß sein Compagnon fast den Untergang desselben befürchte. Der alte Herr Dollinger tröstete ihn deshalb, und er schien sich auch darüber hinwegzusetzen, die sonst so blühende Farbe seiner Wangen wollte aber doch nicht sogleich wieder dorthin zurückkehren, und das Auge hatte etwas Unsicheres, Unstätes, ihm sonst gar nicht Eigenes bekommen. Nur heute, zu dem Fest der holden Jungfrau, die er bald die seine zu nennen hoffte, hatte er all die trüben Gedanken, welcher Art sie auch gewesen, und woher sie stammten, von sich abgeschüttelt, und war ganz wieder der frohe glückliche Mann, wie ihn Clara kennen — _lieben_ gelernt. Auf seinen Wunsch nur, womit Frau Dollinger eigentlich nicht ganz einverstanden gewesen, war auch heute keine größere Gesellschaft geladen worden, sondern die kleine Familie speiste ganz »unter sich« in dem festlich mit Blumen und Guirlanden geschmückten Zimmer des jungen liebenswürdigen Geburtstagkindes. Frau Dollinger hatte sich eigentlich schon länger auf eine zu diesem Zweck einzuladende, größere Gesellschaft gefreut. Herr Dollinger selber hielt aber nicht viel von solchen Fêten; dafür jedoch bedung sie sich aus, daß sie wenigstens den Nachmittag spatzieren fahren wollten, wobei sie der junge Henkel gewöhnlich zu Pferde begleitete. Etwas that aber der alte Herr Dollinger gern, und zwar ein Glas Champagner trinken, und der zweite Stöpsel war eben lustig hinausgeknallt, der Gesundheit des »jungen Brautpaares« zu Ehren, als die Thür aufging und Loßenwerder, ein Comptoirdiener des Hauses, mit einem kleinen Paket in’s Zimmer trat. Loßenwerder war schon seit elf oder zwölf Jahren im Haus, und seinem Aeußern nach eben keine angenehme Persönlichkeit; er hinkte auf dem linken Bein, das er als Kind einmal gebrochen, war überhaupt häßlicher und magerer Natur, und schielte auf dem rechten Auge, wodurch sein sonst gerade nicht unangenehmes Gesicht einen etwas falschen Ausdruck bekam. Das Störendste aber an dem ganzen Menschen war sein Stottern, wegen dem man sich auf ein längeres Gespräch gar nicht mit ihm einlassen konnte, und kam er einmal in Affekt, konnte er kein Wort mehr herausbringen. Frau Dollinger sowohl wie Sophie konnten ihn auch nicht leiden, ja die letztere behauptete sogar er verstelle sich und sie habe ihn schon ganz ordentlich, wenigstens zehntausend Mal besser sprechen hören, als er es jedesmal affektire, wenn er zu ihnen in die Wohnung komme; Clara aber hatte Mitleid mit dem armen Menschen, den sie seines Unglücks wegen innig bedauerte, schenkte ihm oft eine Kleinigkeit und spottete nie über ihn, während Herr Dollinger selber, ihn als einen brauchbaren und treuen Diener, der noch außerdem eine vortreffliche Hand schrieb, kannte und sehr zufrieden mit ihm war, ihm auch jedes nur mögliche Vertrauen bewieß. »Hallo, Loßenwerder, was bringst Du mir da in’s Haus?« rief ihm sein Principal jetzt halb lachend, halb erstaunt entgegen, als der kleine Mann das Zimmer betrat und schüchtern an der Thüre stehen blieb — »ist das für mich oder meine Tochter?« »Gewiß für mich, Väterchen,« rief Clara, rasch von ihrem Sitze aufspringend — »siehst Du, der Onkel hat mich doch nicht ganz vergessen mit meinem Fest, und mir Gruß und Geschenk geschickt.« »Hehehe — mö — mö — möchten es sich wo — wo — wo — wo — wohl wü — n — nschen Fräulein« lachte aber der Stotternde, indem er Herrn Dollinger zuwinkte, daß das Paket für ihn sei — »ka — ka — ka — kann ich mir de — de — de — de — denken — Go — go — gold und Ba — ba — ba — ba — bank — no — noten.« Er zog dabei einen Brief aus der Tasche, den er dem Herrn übergab. »Hm, hm, hm« sagte aber dieser kopfschüttelnd, »und das bringst Du mir jetzt in’s Haus — gerade wo ich ausfahren will — warum hast Du es denn nicht dem Cassirer gegeben?« »Ni — ni — nirgends zu fi — fi — fi — finden« stotterte Loßenwerder. Herr Dollinger warf den Kopf, den Brief flüchtig durchfliegend, herüber und hinüber, sagte dann aber, aufstehend und das Papier vor sich hinlegend: »Ja, da läßt sich denn weiter Nichts ändern; gieb mir das Paket Loßenwerder, und sieh dann zu, daß Du Herrn Reibich findest. Ich lasse ihn bitten um sieben oder halb acht Uhr heute Abend auf einen Augenblick zu mir zu kommen — verstanden?« »Ja — ja — jawohl He — he — he — herr Do — do — do — Do — « »Schon gut« lachte Herr Dollinger, ihm zuwinkend, »und hier, Loßenwerder, magst Du auch einmal ein Glas auf das Wohl meiner Tochter trinken. Fräulein Clara’s Geburtstag ist heute — hier Clara, reich es dem jungen Herrn.« Er füllte dabei ein Wasserglas bis zum Rande voll von dem funkelnden, schäumenden Naß, und während Clara mit freundlichem Lächeln dem armen Teufel das Glas credenzte, nahm Herr Dollinger das Paket mit Geld, ging zu dem nahen Secretair, in dem der Schlüssel stak, öffnete ihn, legte das Geld hinein, zog dann den Schlüssel ab und sagte, diesen der Tochter überreichend: »So Kinder, heute müßt Ihr einmal auf ein paar Stunden mein Cassirer sein, bis der andere aufgefunden werden kann.« Clara nickte dem Vater freundlich zu, und Loßenwerder, der das volle Glas in der Hand hielt und auf einmal ganz blutroth im Gesicht geworden war, hob es empor und rief stotternd: »Fr — re, re, re, re, re, räu — le — le — lein Cla — ra — ra — ra — ra — aus ga — ga — ganzem He — he — he — he — he — he — her — ze — ze — zen.« Als ob er aber mit den Worten in der Kehle Luft gemacht, setzte er das Glas an, und der Wein verschwand wie durch Zauberei. »Alle Wetter« lachte Herr Dollinger, der sich gerade nach ihm umdrehte, »Loßenwerder hat einen vortrefflichen Zug — nun? — hat’s geschmeckt?« »Gu — gut Herr Do — do — do — do — do.« »Genug, genug« winkte ihm der Principal wieder ab — »also bestell mir das ordentlich.« Loßenwerder, der Art entlassen, und vielleicht froh aus einer Umgebung zu kommen, in der er sich nicht heimisch fühlen konnte, setzte das Glas auf einen Seitentisch ab, machte eine etwas linkische Verbeugung, und wohl wissend daß er zu einem ordentlichen Danke doch keine Zeit mehr übrig hatte, empfahl er sich ohne weiter auch nur einen Versuch zu mündlichem Abschied zu machen. »Eine unangenehme Persönlichkeit« sagte Frau Dollinger zu ihrem Schwiegersohn _in spe_, als der Mann noch die Thür nicht einmal ordentlich hinter sich geschlossen hatte; »ich kann mir nicht helfen, auf mich macht der Mensch immer einen fatalen Eindruck.« »Wie — wie befehlen Sie meine Gnädige?« sagte der junge Henkel etwas zerstreut; Sophie bog sich in diesem Augenblick zu ihm nieder und flüsterte ihm ein paar Worte zu — »Er kann ja doch Nichts für seine Gebrechen« nahm Clara aber die Antwort auf, »und thut gewiß Alles in seinen Kräften sie eben durch gutes Betragen vergessen zu machen.« »Papa, ich würde das Geld auch nicht so offen in dem Secretair da liegen lassen« sagte Sophie. »Nicht so offen? — ich habe ja zugeschlossen — « »Nun, es ist immer nicht gerade gut, wenn die Dienstleute wissen wo man Geld liegen hat« stimmte die Mutter bei. »Dienstleute?« meinte Herr Dollinger — es war ja Niemand von ihnen im Zimmer — « »Doch Loßenwerder?« »Bah« lachte der Kaufmann, mit dem Kopf schüttelnd. »Ist es denn viel?« frug seine Frau. »Nun, der Mühe werth wär’s immer« sagte Herr Dollinger, »fünf Tausend Thaler etwa — es soll aber auch nicht über Nacht da liegen bleiben, und Loßenwerder hat mir auf heute Abend den Cassirer zu bestellen, das Geld an sicheren Ort zu legen, bis ich morgen darüber verfügt habe.« »Der Loßenwerder verwandte keinen Blick von dem Geld, so lang er im Zimmer war« sagte die Mutter, mit dem Finger vor sich hindrohend. »Lieber Gott, Mütterchen, Du weißt ja aber doch daß er schielt« vertheidigte ihn lachend Clara — »eben so fest und unverwandt hat er mich indessen mit dem andern Auge angesehen; seine Schuld ist’s nicht daß er zwei Stellen auf einmal im Auge behalten muß.« »Laßt mir den armen Teufel zufrieden« sagte aber auch Herr Dollinger — »der ist mir nützlicher wie zwei von meinen anderen Leuten; mehr zum Nutzen wie Staat freilich, aber Staat will er auch nicht machen. Jetzt übrigens Kinder wird es Zeit daß wir uns rüsten, und Henkel, Sie müssen noch Ihr Pferd holen lassen.« »Ich habe es schon, in der Voraussetzung daß wir bei dem schönen Wetter doch wohl eine kleine Parthie machen würden, hierher bestellt,« erwiederte rasch der junge Mann — wünschen Sie den Wagen jetzt?« »Ich glaube ja, je eher, desto besser; die Tage sind kurz und wenn wir noch eine Stunde oder zwei fahren wollen, dürfen wir nicht mehr viel länger warten.« »Aber Ihr Mädchen möchtet Euch ein wenig warm einpacken« sagte jetzt die Mutter, alles Andere in dem Gedanken an ihre Toilette vergessend — »zum still im Wagen Sitzen paßt ein Sommerkleid noch nicht und heute Abend wird es kühl werden.« »Und nicht so lange machen,« mahnte der Vater, der sich sein Glas noch einmal voll schenkte und leerte; »der Wagen wird im Augenblick da sein.« Der Wagen fuhr auch wirklich kaum zehn Minuten später vor, Herr Dollinger, der nun seinen Hut und Stock aufgenommen, ging, seine Handschuh anziehend, im Hofe auf und nieder, und endlich erschienen, diesmal in wirklich sehr kurzer Zeit, die Damen, ihre Sitze einzunehmen. »Nun, wo ist Henkel?« sagte Herr Dollinger, sich nach seinem zukünftigen Schwiegersohne umschauend, »ich habe sein Pferd auch noch nicht gesehen; jetzt wird uns der warten lassen.« Die Familie hatte indessen im Wagen Platz genommen, und der alte Herr schaute etwas ungeduldig zum Schlag hinaus, als der junge Henkel zum Thor, aber ohne Pferd, hereinkam. »Nun? und Sie sitzen noch nicht im Sattel?« rief er ihm schon von weitem entgegen — »das ist eine schöne Geschichte; jetzt dürfen wir den Frauen nie im Leben wieder vorwerfen, daß sie uns warten lassen.« »Ich muß tausend Mal um Entschuldigung bitten,« sagte der junge Mann, zum Wagen hinantretend, »aber mein Stallmeister hat mich sitzen lassen. Wenn Sie mir erlauben schicke ich einen der Leute danach, oder gehe selber, es ist nicht weit von hier. Aber thun Sie mir die Liebe und fahren Sie langsam voraus, ich hole Sie in Zeit von zehn Minuten ein.« »Wir können ja hier warten,« sagte die Mutter. »Ja, wenn die Pferde stehen wollten,« brummte Herr Dollinger — »zieh nicht so fest in die Zügel Johann, das Handpferd kann das nicht vertragen und wird nur noch immer unruhiger — wir wollen langsam vorausfahren — machen Sie aber daß Sie nachkommen; auf dem Balkon vom rothen Drachen trinken wir Kaffee, dort ist eine wundervolle Aussicht — der Stalljunge mag hinüberlaufen und Ihnen das Pferd holen.« Die Pferde zogen in diesem Augenblick an, Henkel mußte aus dem Weg springen und verbeugte sich leicht gegen die Damen, von denen ihm Clara freundlich lächelnd zunickte. Eine starke Viertelstunde später sprengte der junge »Amerikaner,« seinem Thiere die Sporen gebend, daß es Funken und Kies hintenaus stob, über das Pflaster, zum Entsetzen der Fußgänger dahin, dem Wagen nach, den er nur erst eine kurze Strecke vor dem bezeichneten Platz wieder einholte. Im Stall wollte Niemand etwas davon gewußt haben, daß er sein Pferd bestellt gehabt — Einer schob die Vergessenheit natürlich auf den Andern, und Dollinger’s Stallknecht mußte die Leute sogar erst zusammensuchen, bis er das Pferd bekam, deshalb hatte es so lange gedauert. Als er mit demselben zurückkehrte, ging der junge Mann in dem kleinen, dicht am Haus liegenden Garten auf und ab, sprang aber dann, dem Burschen ein Trinkgeld zuwerfend, und dessen Entschuldigung nur halb hörend, rasch in den Sattel und flog, wie vorher erwähnt, in vollem Carrière die Straße nieder. Er hatte den Hof kaum verlassen, als Loßenwerder, einen großen, wunderschön blühenden Monatsrosenstock unter dem Arm, vorsichtig und wie scheu, daß ihn Niemand gewahre, über den Hof und in die Hinterthür des Hauses schlich, und sich leise und geräuschlos die Treppe damit hinaufstahl. Er blieb etwa zehn Minuten im Haus und wollte dann aus derselben Thür wieder über den Hof zurück, als der Stallknecht aus der Futterkammer kam. Unschlüssig blieb der kleine Mann eine kurze Zeit hinter der Thür stehen, und schlich sich dann, als der Bursche den Platz nicht verlassen wollte, vorn zur Hausthür hinaus auf die Straße, den Weg nach seiner Wohnung einschlagend. Capitel 2. DER ROTHE DRACHEN. Der »rothe Drachen«, ein Wirthshaus, das wegen seines vortrefflichen Bieres, wie sonst mancher schätzenswerthen Eigenschaften einen sehr guten Namen hatte, lag etwa eine halbe Stunde von Heilingen, an der großen Landstraße, die gen Norden führte. Ein freundlicher Thalgrund umschloß Haus und Garten und die dunklen, den Gipfel des nächsten Hanges krönenden Nadelhölzer hoben nur noch mehr das freundliche Grün der jungen Birken und Weißeichen hervor, die sich über die niedere Abdachung erstreckten, und bis scharf hinan an den hocheingefriedigten und sorgfältig in Ordnung gehaltenen Frucht-, Gemüse- und Blumengarten des Hauses selber lehnten. Es war ein warmer, sonniger Frühlingsnachmittag; der Bach, der am Hause dicht vorbeirieselte, plätscherte und schäumte in frischem jugendlichen Uebermuth, des Eises Hülle, die ihn so lange gefangen gehalten oder doch fest und ängstlich eingeklemmt, nun endlich einmal enthoben zu sein, und die Vögel zwitscherten so froh und munter in den Zweigen der alten knorrigen Linde, die unfern der Thüre stand, und flatterten und suchten herüber und hinüber, aus den blühenden Obstbäumen fort über den Hof und von dem Hof wieder fort in dicht versteckten Ast und Zweig hinein, mit einem gefundenen Strohhalm oder einer erbeuteten Feder im Schnabel, daß Einem das Herz ordentlich aufging über das rege glückliche Leben. Und wie blau spannte sich der Himmel über die blühende, knospende Welt, wie leicht und licht zogen weiße duftige Wolken, Schwänen gleich, durch den Aether hin, farbige, flüchtige Schatten werfend über Wiesen und Feld und die weite Thalesflucht, die sich dem Auge in die Ferne öffnete und dem leuchtenden Blick neue Schätze bot, wohin er fiel. Ein Frühling in Deutschland — ein Frühling im _Vaterland_; oh wie sich das Herz da mit der wirbelnden, schmetternden Lerche hebt und jubelnd, jauchzend gen Himmel steigt; zwinge die Thräne da nicht zurück, die sich Dir, dem Glücklichen, in’s Auge drängt — in ihrem Blitzen preisest Du den Vater droben, wie es die jubelnde Lerche dort thut, die mit zitterndem Flügelschlag über den grünen Matten schwebt; — wie das raschelnde flüsternde Blatt im Wald, wie der schwankende, thaugeschmückte Halm und die knospende, duftende Blüthe im Thal. Ein Frühling im Vaterland — oh wie schön, wie jung und frisch die Welt da um uns liegt in ihrem bräutlichen Glanz, voll neuer Hoffnungen in jedem jungen Keim, und wie sich das Herz der schönen Blume gleich zusammenzog, als der Herbststurm über die Haide fuhr, mit rauher Hand den Blattschmuck von den Bäumen riß und zu Boden warf und Schnee und Eis vor sich hin jagte über die erstarrende Flur, so öffnet es sich jetzt mit vollem Athemzug wieder den balsamischen Frühlingsgruß, und vorbei, vergessen liegt vergangenes Leid — wie der verwehte Sturm selber keine Spur mehr hinterließ und die schönsten Blumen jetzt gerade an den Stellen blühen, wo er am tollsten, rasendsten getobt. Ein warmer erquickender Regen war die letzten Tage gefallen, und so gut er dem Land gethan, hatte er doch die Bewohner des nahen Städtchens in ihre Häuser und Straßen gebannt gehalten, von wo aus sie sehnsüchtig die nahen grünenden Berge theils, theils die dunklen Wolken betrachteten, die nicht nachlassen wollten Segen auf die Fluren niederzuträufeln. Heute aber hatte sich das geändert; voll und warm glühte die Sonne am Himmelszelt und hinaus strömten sie in jubelnden Schaaren, hinaus in’s Freie. Der »rothe Drachen« vor allen anderen Plätzen, der so reizend an der Oeffnung des Thales lag und die Aussicht bot in das darunter liegende freie Land, hatte dabei sein reichlich Theil erhalten der fröhlichen Schaar, daß die Wirthin mit ihren Kellnern und Mägden nicht Hände genug hatte zu schaffen und herzurichten, und die Tische und Bänke im Garten draußen fast alle besetzt waren rund herum von Schmausenden. Der »rothe Drachen« sollte übrigens, wie die Sage ging, seinen Namen von einem wirklichen Drachen bekommen haben, der einmal vor vielen hundert Jahren in der Schlucht weiter oben, die auch noch ebenfalls nach ihm die Drachenschlucht hieß, gehaust und viele Menschen und Rinder verschlungen hatte. Der Wirth des »rothen Drachen« nun, Thuegut Lobsich, dessen Voreltern schon diesen Platz gehalten, behauptete dabei, Einer seiner »Ahnen« habe den Drachen im Einzelkampf erlegt — (die Gäste meinten, mit schlechtem Bier vergiftet) und dafür von dem damals regierenden Fürsten Platz und Wirtschaft als Gerechtsame, mit dem Schild als Wahrzeichen, erhalten. Wie dem auch sei, Thuegut Lobsich that wirklich gut auf dem Platz, der ihm vortreffliche Nahrung bot, und befand sich so wohl, wie sich nur ein Wirth in einer gut gelegenen Wirthschaft befinden kann. Seine Frau war aber dabei der Nerv des Ganzen, in Küche und Stall, in Keller und Haus, und während sich Vater Lobsich, wie er sich gern nennen ließ, obgleich er noch jung und rüstig war, am Liebsten zu seinen Gästen irgendwo an einen Tisch drückte und »das Bier controllirte«, wie er sagte, daß ihm die Burschen kein Saures brachten und die Gäste verjagten, arbeitete die Frau im Schweiße ihres Angesichts vor dem Heerd, die bestellten Portionen herzurichten und zu gleicher Zeit auch den Verkauf von Kaffee, Thee, Milch und Kuchen zu überwachen. Dabei führte sie die Kasse und rechnete mit Kellnern und Mädchen ab, und wehe denen, die eine halbe Portion Kaffee oder Kuchen vergessen, ein nichtbezahltes Glas nicht aufnotirt oder einem schlechten Kunden noch einmal gegen den direkt gegebenen Befehl geborgt hatten. Böse Zungen meinten dabei nicht selten, Frau Lobsich sei der »einzige Mann im Hause« und Thuegut dürfe nur tanzen, wenn sie nicht daheim wäre; böse Zungen erwähnten dann aber nicht dabei, daß sie wirklich allein das Hauswesen in Zucht und Ordnung hielt, und so scharf und heftig sie draußen in Küche und Wirtschaft, wo sie fremde Leute doch auch eigentlich nur zu sehen bekamen, sein konnte, und so große Ursache sie dabei oft hatte ärgerlich zu sein, und die Ursache dann auch für vollkommen genügend hielt, es wirklich zu werden, so still und freundlich konnte sie sich betragen, wenn sie allein mit ihrem Manne war, und so gern gab sie ihm in Allem nach, was nicht eben zu Ruin und Schaden trieb. Salome Lobsich war das Muster einer Hausfrau, und was ebensoviel sagen will, eine gute Gattin dabei — ob ihr Mann dasselbe auch von sich sagen konnte, stand auf einem anderen Blatt. Heute hatte sich übrigens eine ziemlich zahlreiche Gesellschaft in dem gar so freundlich gelegenen Garten des rothen Drachen eingefunden, und dicht vor der Thür desselben, unter der alten breitschattigen Linde, die ihre Arme so weit nach rechts und links hinüberstreckte, daß man sie schon hatte stützen müssen, nur den Weg zu ihr und den Platz darunter frei zu behalten, saß Lobsich selber mit einem kleinen Kreis guter Bekannten, d. h. alter Kunden und quasi Stammgäste von ihm, denn er selber kam selten irgend wo anders hin, und wer also sein Bekannter _bleiben_ wollte, mußte ihn eben besuchen. Zu diesen gehörte besonders Jacob Kellmann, ein Kürschner und Pelzhändler aus Heilingen, dann der Aktuar Ledermann von dort, eine lange hagere, etwas ungeschickte Gestalt, mit aber nicht unangenehmen, gutmüthigen Gesichtszügen, und der Apotheker aus Heilingen, Schollfeld mit Namen, die es gewöhnlich so einzurichten wußten, daß sie an einen Tisch mit einander zu sitzen kamen. Lobsich nahm ebenfalls am Liebsten zwischen dieser kleinen Gesellschaft Platz, und nur dann und wann, besonders wenn er die Stimme seiner Frau irgendwo hörte, stand er auf und ging einmal durch den Garten und die Reihen seiner Gäste, zu sehn ob Alle ordentlich bedient würden, und keine Klagen einliefen gegen unaufmerksame Kellner, die er in dem Fall auch wohl gleich an Ort und Stelle mit einem Knuff oder einer Ohrfeige abstrafte, als warnendes Beispiel. Er mußte an irgend Jemand seinen Aerger auslassen, daß er nicht bei seinem Biere konnte sitzen bleiben. »Ist doch ein prachtvolles Wetter heute,« sagte Kellmann, der eben einen tüchtigen Zug aus seinem Glase gethan, und nun mit vollem zufriedenen Blick über das freundliche Bild hinaus schaute, das sich, von der warmen Nachmittagssonne beschienen, in all seinem blitzenden Glanz und Farbenschimmer vor ihnen aufrollte »und es wächst und gedeiht Alles draußen so schön und steht so prächtig — merkwürdig dabei, daß Alles so theuer bleibt, und die Preise, statt herunter zu gehen, immer nur steigen und steigen.« »Ja das weiß Gott,« seufzte der Aktuar, dem der Gedanke selbst den Geschmack am Bier wieder zu verderben schien, denn er setzte das schon zum Mund gehobene Glas unberührt vor sich nieder — »und wenn das noch eine Weile so fort geht, können wir alle mit einander verhungern oder davonlaufen.« »Nun Ihr habt gut reden,« sagte Kellmann, »Ihr bekommt vom Staat Euer Gewisses und könnt Euch genau danach einrichten — Euer Geld muß Euch werden, wenn der erste jedes Monats kommt, unsereins hängt aber allein von den Zeiten ab, und wenn die Lebensmittel knapp werden, kauft Niemand einen Pelz. Holz will auch sein und daran kann sich nachher die ganze Familie wärmen.« »Ihr redet wie Ihr’s versteht,« brummte der Aktuar, — »unser Gewisses bekommen wir, das ist wahr, aber nur deshalb, damit wir gewisses Elend vor den Augen haben. Ich habe fünfhundert Thaler Gehalt, und Frau und Kind und Dienstmädchen zu ernähren, und soll anständig dabei gekleidet gehn, denn vor zehn und zwanzig Jahren hatte ein Aktuar in meiner Stellung auch nicht mehr, und machte das Alles möglich, ja befand sich wohl dabei. Jetzt aber wird Brod, Butter, Fleisch, Holz, Wohnung, kurz Alles was wir nun einmal zum Leben brauchen, gesteigert von Tag zu Tag, aber meine fünfhundert Thaler _bleiben_; vor zehn Jahren kaufte ich zwanzig Pfund Brod für dasselbe Geld, für das ich jetzt nicht zehn bekomme — aber _meine_ fünfhundert Thaler _bleiben_. Auch mein Hausherr verlangt höheren Zins — schon voriges Jahr bin ich höher gegangen, um nicht gesteigert zu werden, d. h. für denselben Preis aus der zweiten in die dritte Etage gezogen, aber dies Jahr muß ich ganz hinaus, denn er will wieder zehn Thaler mehr haben und ich kann’s ihm nicht geben. Ihr Leute habt Euch gut in die Zeiten schicken, denn wenn das Brod theuer wird, schlagt Ihr desto mehr auf Euere Waare, der kleine Beamte aber, der Staatsdiener um geringen Lohn, das ist das geplagte, gefährdete Geschöpf, und jede neue Taxe macht ihm keine neue Berechnung, sondern schnallt ihm nur den Leibriemen um ein Loch enger, daß er weniger ißt, bis er in’s _letzte_ Loch geworfen wird, zum ersten Mal von seinen irdischen Strapatzen, ohne Furcht vor rasch abgelaufenen Ferien, wirklich ungestört auszuruhen.« »Ach geht mit Eueren erbärmlichen Lamentationen an solch freundlichem Tag,« fiel ihm der Wirth hier in die Rede, der sich erst vor ein paar Augenblicken wieder mit zum Tisch gesetzt und schon eine ganze Weile ungeduldig mit dem Kopf geschüttelt hatte. »Das Reden macht’s nicht besser und Stöhnen und Seufzen hilft auch Nichts — Kopf oben, das ist die Hauptsache; das andere macht sich von selber — aber hallo« — unterbrach er sich plötzlich, von seinem Sitze aufstehend und die Straße hinunterzeigend, die in das weite Thal führte — »was kommt dort für ein Trupp den Weg entlang?« — und in der That wurde dort oben ein ganzer Zug Männer, Frauen und Kinder mit kleinen Handkarren und ein paar einspännigen Wägelchen sichtbar. »Das sind Auswanderer!« rief Jacob Kellmann, von seinem Stuhl aufspringend und dem Zug entgegenschauend — »seht nur ein Mensch an, wieder ein ganzer Schwarm aus dem Hessischen; Heiland der Welt, da muß doch endlich einmal Platz werden.« »Na nu ist wieder der Frieden beim Henker,« rief aber der Apotheker mürrisch — »hier Lobsich setzt Euch auf Eueren Stuhl und trinkt Euer Bier aus, und Ihr Kellmann, laßt das Volk da draußen laufen, wohin sie wollen — unzufriedene Bande, die es ist und die es nirgends gut genug kriegen kann, wo ihr nicht das Confekt auf goldenen Tellern präsentirt wird. Na kommt nur hinüber, wenn Euch hier der Hafer zu sehr sticht — Euch werden sie schon noch das Fell über die Ohren ziehn, daß Ihr am hellen lichten Tag die Sterne zu sehn bekommt.« »Nein was für ein Zug!« rief aber Kellmann, die langsam näher kommende Schaar mit unverkennbarem Interesse betrachtend; »die armen Teufel.« »Hört Kellmann,« rief aber Schollfeld ärgerlich, »tretet mir da ein wenig aus dem Weg, daß ich auch was sehen kann, und setzt Euch wieder, ich dächte doch wahrhaftig, Auswanderer hier an der Straße wären nichts so besonders Neues, daß Ihr Maul und Nase aufsperrt und thut, als ob Euch so etwas noch nicht im ganzen Leben vorgekommen wäre.« Schollfeld war übrigens nicht umsonst so mürrisch; er hatte einen Zorn auf Auswanderer, denn er betrachtete Auswanderung als eine indirekte Beleidigung gegen den Staat, gewissermaßen als eine Grobheit, die man ihm geradezu unter die Nase sage — : »ich mag nicht mehr in Dir leben und weiß einen Platz, wo’s besser ist.« Das _dachten_ sich nämlich die »Tölpel«, wie er sie nannte, aber Sie _wußten_ es nicht — gar Nichts wußten sie und liefen blind und toll in die Welt hinein. Der Staat hätte auch eigentlich den Skandal gar nicht dulden sollen; hunderte von Menschen, reine Deserteure aus ihrem Vaterland, liefen da frank und frei vorbei, Anderen noch obendrein ein böses Beispiel gebend, und er begriff die Regierung nicht, wie sie dem Volke nur noch einen Paß gestatten konnte. Der Zug war indessen näher gekommen und Lobsich rasch in das Haus gegangen Bier herbeizuschaffen, da sich bei solchen Trupps gewöhnlich eine Menge junge Burschen befanden, die noch Geld im Beutel und immer frischen Durst hatten; um so mehr, da das Bergesteigen heute wirklich warm und den Hals trocken machte. [Capitel 2] Die ersten Wägen passirten still vorbei; die Führer warfen einen langen, vielleicht sehnsüchtigen Blick nach den behaglich hinter ihren Tischen sitzenden Gästen und dem kühlen funkelnden Bier hinüber, aber hielten nicht an, sich längere Rast dafür auf den Abend versprechend. Nur von den Fußgängern blieben mehre Trupps unfern der Linde, unter der unsere kleine Gesellschaft saß, und nicht weit von der Gartenthüre stehn, und während ein paar der Männer dem Kellner winkten, ihnen Bier herauszubringen, als ob sie sich scheuten in ihrer bestaubten schmuzigen Kleidung, mit der schweißbedeckten Stirn, zwischen die geputzten und jetzt nach ihnen herübersehenden Gruppen hineinzugehn, hielt ein Trupp Frauen ebenfalls dort. Angezogen von der plötzlichen weiten und freien Aussicht, die ihnen hier nach unten zu das Thal öffnete, durch das sie gekommen, blieben sie erfreut und überrascht stehn und schauten dabei auf das reizende Bild hin, das wie mit einem Schlage so vor ihnen in’s Leben sprang. »Heiland der Welt, Lisbeth,« rief ein junges, sechzehnjähriges Mädchen der, vielleicht zwei Jahr älteren Schwester zu — »dort drüben liegt Holstetten, und von da ist’s nur noch neun Stunden zu Haus — dahinter kann ich den weißen Weg durch’s schwarze Nadelholz sehn, der hinüberführt nach Krisheim.« »Ja Marie,« antwortete das Mädchen, und während sie sprach, liefen ihr die großen hellen Zähren an den bleichen Wangen nieder, »gleich hinter dem Berg dort muß die Windmühle liegen, und dann kommt Bachstetten und nachher« — sie konnte nicht mehr sprechen, das Herz war ihr zu voll und sie mochte doch nicht das der Schwester, wenn diese ihren Schmerz sah, noch schwerer machen. Aber zurückdämmen ließ sich das auch nicht, die Wunde war noch zu frisch und blutete zu stark, und beide Mädchen standen wenige Minuten still und weinend da, die schönen thränenüberströmten Züge den ihr nächsten Menschen ab- und der verlassenen Heimath, die sie wohl nie im Leben wieder schauen sollten, zugekehrt. »Ob auch wohl Martha der Mutter Grab ordentlich hält und pflegt, wie sie es versprochen,« brach die Jüngste endlich wieder mit leiser kaum hörbarer Stimme das Schweigen. »Sie hat’s ja versprochen,« flüsterte fast eben so leise die Schwester zurück, »aber — — — — so lieb wird sie’s doch nicht haben wie wir.« »Komm Lisbeth,« sagte die Jüngere wieder und ergriff, ohne sie aber dabei anzusehn, der Schwester Hand — »wir wollen gehn — die Wagen sind schon ein Stück voraus.« Beide Mädchen nickten leise und kaum bemerkbar der verlassenen Heimath zu und schritten dann schweigend Hand in Hand den Weg entlang, der nach und durch Heilingen führte, ihre weite, unbekannte Bahn. »He Marie, Lisbeth!« rief sie der Vater an, der eben an der Thür des Gartens ein Glas Bier von einem der Kellner erhalten hatte — »wollt Ihr einmal trinken Kinder?« »Ich danke Vater,« sagte Marie zurück, ohne sich umzusehn oder stehn zu bleiben, »wir sind nicht durstig.« »Woher des Wegs Ihr Leute?« wandte sich jetzt Kellmann, der trotz Schollfeld’s ärgerlichen Worten zu dem Alten getreten war, an diesen. »Aus Hessen,« sagte der Mann ruhig und that einen langen durstigen Zug aus dem, mit dem trefflichen Bier gefüllten, schäumenden Glas. »Und wohin?« »Nach Amerika.« »Hm — ist ein weiter Weg — ist Euch wohl schlecht gegangen hier im Lande?« sagte Kellmann, die kräftige und doch gramgebeugte Gestalt des alten Landmanns teilnehmend betrachtend. Der Bauer, dessen Blick auch an dem fernen Punkt indeß gehangen, wo seine frühere Heimath lag, ließ das Auge einen Moment wie mißtrauisch über den Frager gleiten und erwiederte dann leise und kopfschüttelnd: »Schlecht? — lieber Gott wie man’s nimmt; man soll g’rad nicht klagen; der liebe Gott hat geholfen und wird weiter helfen.« »Ihr wollt Euch wohl ein paar von den gebratenen Tauben holen die in Amerika herumfliegen?« mischte sich hier der Apotheker in’s Gespräch, der nicht umhin konnte dem »Auswanderer«, wie er sich ausdrückte, »einen Hieb zu versetzen« — »habt Ihr auch Messer und Gabeln mit?« Der Bauer sah den kleinen, spöttisch lächelnden Mann einen Augenblick ruhig von der Seite an, zahlte dann dem neben ihm stehenden Kellner, dem er das Glas zurückgab, sein Bier, und ohne irgend etwas auf die Frage zu erwiedern, oder ärgerlich darüber zu scheinen, ja als ob er sie nicht gehört hätte, wandte er sich und folgte mit einem »grüß Euch Gott Ihr Herren«, seinen vorangegangenen Töchtern. »Holzkopf,« brummte der Apotheker, nur noch mehr gereizt über diese anscheinende Misachtung, hinter ihm drein — »dem Volk ist zu wohl hier,« setzte er dann, mit einem kräftigen Zug aus seinem Glase hinzu — »der Art Leute fühlen sich nicht behaglich, wenn sie nicht baumfest unter dem Daumen gehalten werden.« »Guten Abend miteinander,« sagte in diesem Augenblick ein Anderer der Auswanderer, der, mit einem kurzen Pfeifenstummel in der Hand zu dem Tisch trat, auf dem in einem schützenden Kelchglas ein Licht mit darum gesteckten Fidibus zum Anzünden der Cigarren stand — »wenn’s erlaubt ist, möchte ich mir wohl einmal eine Pfeife bei Euch anbrennen.« »Mit Vergnügen,« sagte Ledermann, ihm einen Fidibus anzündend und hinreichend. »Danke schön,« nickte der Mann, das Feuer benutzend und den blauen Qualm in schnellen kurzen Zügen ausblasend. — »Und wo geht die Reise hin?« frug Ledermann dem Rauchenden. »Da hinüber,« sagte dieser; immer noch scharf ziehend, indeß er mit dem linken, zurückgebogenen Daumen über die linke Achsel wieß — »übers große Wasser.« — »Habt Ihr dort schon einen Platz?« frug der Aktuar. »Ja,« sagte der Mann freundlich — »mein Bruder hat mir geschrieben aus dem Wiskonsin heraus; da soll’s gut sein.« »Und geht Ihr Alle dorthin?« frug ihn Kellmann. »Die meisten von uns, ja; eine Parthie will aber auch hinüber in’s Missuri; da ist’s wärmer.« »Es sind wohl lauter Landleute hier miteinander?« »Ja meistens — ein Schneider ist dabei, und der Schmied aus dem Dorfe und der Herr Pastor ist schon voraus.« »Der Pastor geht auch mit?« frug Kellmann schnell. »Ahem,« nickte der Mann, »der ist aber mit der Post gefahren, aber er hat gesagt er wollte sehn daß wir Alle auf ein Schiff kämen. Danke schön Ihr Herren, adje.« »Glückliche Reise,« rief ihm Kellmann nach. »Danke,« nickte der Mann noch einmal zurück, »könnens brauchen,« und schloß sich den übrigen wieder an, von denen die letzten gerade die Thür des Wirthshauses passirten. Es waren ärmliche, viele von ihnen kränklich oder wenigstens bleich aussehende Gestalten, in die Bauerntracht ihrer Gegend gekleidet; die meisten Frauen mit Kindern auf dem Arm, Manche sogar deren an der Brust, und ein Bündel dazu auf dem Rücken, die im Schweiß ihres Angesichts, wie sie bis jetzt gelebt, mühsam der fernen ersehnten Heimath entgegenstrebten. Hie und da waren auch ein paar kräftige junge Burschen von zwölf bis vierzehn Jahren vor ein kleines leichtes Handwägelchen gespannt, darauf gepackte Betten, Kleidungsstücke und Lebensmittel die weite Straße entlang zu ziehen. — Die Leute hatten kein Geld übrig, denn das wenige, was sie zur Reise aufgespart, mußten sie für das Schiff aufheben, und ein paar Thaler sollten doch auch noch wenigstens, wenn das irgend anging, übrig bleiben, damit sie nur die ersten Tage in Amerika, ehe sie Arbeit bekämen, vor Sorge geschützt wären. Den glänzenden Schilderungen die ihnen von dem neuen Lande ihrer Hoffnungen gemacht waren, trauten die armen Frauen am wenigsten in ihrem vollen Umfange; von Jugend auf, wie ihnen nur eben die Kräfte wurden ihre jüngeren Geschwister in der Welt herumzuschleppen, hatten sie arbeiten, hart arbeiten müssen, und viel anders würde es auch wohl nicht da drüben sein. Der Sorgen waren hier nur gar so viele angewachsen, mit jedem Jahre mehr, wie sie sich auch plagten und quälten, und schlechter _konnte_ es dort drüben nicht sein. Das war für jetzt der einzige Trost den sie mit sich trugen die lange, heiße Straße entlang mit einer kleinen Hoffnung möglicher Besserung vielleicht, und sie drückten dann die Kinder nur fester an ihr Herz und küßten sie, und flüsterten ihnen leise und heimlich zu daß sie nicht mehr schreien sollten, denn sie gingen nach _Amerika_, und da würde schon Alles gut werden, wie ihnen der Vater gesagt. Die Männer und Burschen zogen der fernen Welt aber schon mit mehr Vertrauen entgegen; das Bewußtsein der eigenen Fähigkeit und Kraft hob sie dabei auch über Manches hinweg das die abhängigen Frauen schwerer zu Boden drückte. Wer bei einer langen Wanderung voran geht, und für den Weg zu _denken_ hat, wird nie so müde als der, der ihm folgt, nur für sich denken läßt, und hinter drein zieht. Viele von den Männern trugen auch Jagdtaschen und Gewehre auf dem Rücken, Büchsen und Schrotflinten — was sollte es »da drüben« nicht Alles zu schießen geben; — Manche auch nachgemachte bunte Blumensträuße auf dem Hut. Einzelne, aus Baiern und Thüringen, die sich ihnen angeschlossen, hatten sogar ein paar kleine gefärbte Maraboutfedern mit ihren Landesfarben, blau und weiß, und grün und weiß in ihrem Hutband stecken; die Meisten aber schienen keine solche Erinnerung an die Heimath mitnehmen zu wollen, in das neue Vaterland. Die Leute gingen vorüber, und die Gäste hatten ihnen schweigend nachgeschaut, so lange fast, bis sie die nächste Biegung der Straße ihren Blicken entzog. Auch Lobsich war wieder vor die Thür seines Gartens getreten, und sich jetzt kopfschüttelnd zurück zu seinem Tische wendend, brummte er vor sich hin. »S’ist mir doch was Unbedeutendes« — es war dieses eine seiner stehenden Redensarten, die in der That unbegrenztes Erstaunen ausdrücken sollte — »was die Leute dieß Frühjahr wieder an zu ziehen fangen; Tag für Tag geht das so fort; Trupp nach Trupp kommt über die Berge herüber, mit Sack und Pack, mit Weib und Kind — und Alles fort, Alles fort, und man merkt nicht einmal von _wo_ sie fort sind.« »Doch, doch,« sagte Kellmann, die Augenbrauen in die Höhe ziehend und mit dem Kopf nickend, »doch, doch Lobsich; ob man’s wohl merkt? — geht einmal da über die Berge hinüber und seht Euch in den Dörfern um; da steht manches alte halbzerfallene _leere_ Haus, an das irgend eine Familie da drüben noch mit Schmerzen zurückdenkt, und in das Niemand anderes mehr Lust hat einzuziehen, weil er noch eine Menge _bessere_, ebenfalls leer, in demselben Dorfe findet. Es ist immer ein trauriger Anblick solch ein leeres Haus, und ich seh’s nicht gern.« »Und was für _Geld_ tragen sie außer Land,« fiel der Apotheker hier ein, der indeß, sich zu zerstreuen, im Heilinger Tageblatt gelesen hatte, jetzt aber nicht umhin konnte auch noch ein Wort mit drein zu werfen — »was sie nicht mit hinübernehmen können, lassen sie wenigstens in den Seestädten, und zu uns kommt Nichts mehr davon zurück. Wenn ich nur das erst einmal erlebe, daß die Leute zu ihrem Glück förmlich _gezwungen_, und nicht mehr aus dem Land hinausgelassen werden; geht das aber so fort, so werden sie so lange auswandern, bis uns hier weiter gar Nichts übrig bleibt als mitzugehen, wenn wir nicht eben allein sitzen wollen in dem verödeten Land, unseren Acker selber zu bauen. Hol sie der Teufel, wofür hat sie denn eigentlich der liebe Gott in die Welt gesetzt und ihnen den Holzkopf gegeben, der sie zu allem Anderen untauglich macht. Ackern und Düngen müssen sie drüben doch auch, und weshalb können sie das nicht eben so gut _hier_? — Nein Gott bewahre, die paar Thaler die sie sich _hier_ erspart haben, müssen erst wieder verschleppt und hinausgeworfen werden an Experimente und reinen Uebermuth, und nachher sitzen sie erst recht da; dort drüben _können_ sie Nichts mehr sparen, und _müssen_ schon drüben bleiben, wenn sie auch wieder herüber möchten. Die Paar die sich doch noch ein paar Thaler zusammenscharren, die kommen nachher schnell genug wieder zurück, aber es sind nur wenige, und die anderen armen Teufel haben die Brücke muthwillig hinter sich abgebrochen, und sitzen nun auf der wohlriechenden Haide ohne Unterfutter. Jesus Maria und Joseph, es muß ein ordentlicher Jammer drüben sein.« »Na, _so_ arg nun denn doch wohl noch nicht, Schollfeld,« sagte Kellmann kopfschüttelnd, »man hört doch nun auch so Manches von da drüben was nicht gar so schlecht klingt, und wo sich’s schon aushalten ließe, wenn man — wenn man eben einmal einen solchen verzweifelten Schritt absolut thun müßte oder wollte.« »Nicht so arg?« rief aber Schollfeld, der hier sein Steckenpferd ritt, und sich selten eine Gelegenheit entgehen ließ auf Amerika zu schimpfen — »nicht so arg? da, hier lesen Sie einmal das Tageblatt, was der wackere Dr. Hayde darüber schreibt; das ist ein Mann, der hat Haare auf den Zähnen und muß die Sache verstehn, denn er ist Einer von den Wenigen die drüben gewesen und glücklich wiedergekommen sind. Er bringt kaum eine Nummer in der er nicht ein oder den anderen Hieb auf die Verhältnisse Ihres »glücklichen Amerika« hat — das muß ja ein wahres Raubnest sein, lesen Sie nur einmal.« »Hören Sie lieber Schollfeld, ich will Ihnen einmal ’was sagen,« erwiederte ihm Kellmann ruhig, »dieser Dr. Hayde, der Ihnen die schönen Artikel schreibt ist, der Meinung aller ordentlichen Kerle in Heilingen nach, das wenigste zu sagen eine kleine geschwollene Giftkröte, ein weggelaufener Advokat, den die Verhältnisse aus Deutschland vertrieben, und den in Amerika Niemand mit seinen Talenten haben mochte. Zu faul zum arbeiten, und nicht im Stande etwas Anderes zu thun, wurde er dort wahrscheinlich vom Schicksal hin- und hergestoßen, und wie ein aus einer Thür geworfener Mops, stellt er sich jetzt draußen hin, wo sich Niemand die Mühe giebt ihn zu stören, und schimpft und klefft. Ich will Amerika eben nicht in allem vertheidigen, aber was _der_ gerade darüber sagt würde mich auch nicht bestimmen. Wie ein Dreckkäfer schleppt er sich nur mit größter Mühe kleine Stückchen Koth herbei, und rollt sie zusammen eine Kugel zu machen in die er sein Ei legt — pfui über den Burschen.« »Na jetzt freut mich aber mein Leben,« rief Herr Schollfeld erstaunt aus — »erst schimpfen Sie selber auf Amerika, und nun auf einmal soll der arme Doktor die ganze Schuld tragen.« »Ich _schimpfe_ nicht auf Amerika,« sagte Kellmann ruhig, »ich kann nur nicht leiden wenn man es auf Kosten unseres eigenen Vaterlandes herausstreicht, und gegen alle seine Nachtheile blind ist. Es wäre allerdings noch viel gefährlicher sich die Lichtseiten alle zu bunt auszumalen; die armen Leute die nachher hinübergehn und es anders finden, sind dann zu sehr enttäuscht, und fallen gewöhnlich, wie mir gesagt ist, aus einem Extrem in’s Andere — aber so taugt’s auch Nichts.« »Guten Abend selbander,« sagte in dem Augenblick eine andere Stimme dicht hinter ihnen, und als sie sich danach umschauten, stand ein alter Bekannter von ihnen, Mathes Vogel, ein reicher junger Bauer aus dem nächsten Dorf, an ihrem Tisch und streckte ihnen freundlich die Hand entgegen. »Hallo Mathes, wie geht’s?« rief Kellmann die gebotene herzlich schüttelnd — »Wetter noch einmal Mann, wo habt Ihr jetzt gerade in der Saatzeit gesteckt, daß Ihr in der Welt herumreist wie ein Baron, der seine Güter verpachtet hat? Ihr seid verreist gewesen.« »Ja Herr Kellmann, in Bremen.« »Wo seid Ihr gewesen?« frug Schollfeld erstaunt. »In Bremen, Herr Schollfeld!« rief der junge Bauer, gegen diesen gewandt, »oben in der Hafenstadt.« »Guten Abend Mathes,« kam hier der Wirth dazwischen, der den alten Kunden ebenfalls begrüßte — »lange nicht gesehn, recht groß geworden mein Junge; hast Du Durst?« »Merkwürdigen,« sagte der Bauer lächelnd. »Na warte, den wollen wir begießen,« schmunzelte aber Lobsich, rasch in den Garten zurückgehend, »der soll mir nicht umsonst in den rothen Drachen gefallen sein.« »Aber was hat Euch nach Bremen geführt?« wiederholte Kellmann, fast etwas mißtrauisch gemacht durch das wunderliche halb verlegene Benehmen des jungen Burschen. »Ja Herr Kellmann,« sagte der reiche Bauerssohn, wirklich jetzt verlegen seinen Hut um den Zeigefinger der linken Hand drehend — »das hat — das hat so seine eigene Bewandtniß — Ich bin — ich bin zu einem Entschluß gekommen — ich will — ich will auswandern.« »Was will er?« schrie Schollfeld, der die Worte nicht ganz verstanden, den ungefähren Sinn aber etwa errathen hatte. Jedenfalls schöpfte er Verdacht und ehe Kellmann nur im Stande war ein Wort darauf zu erwiedern rief er nochmals laut: »wo will er hin?« »Nach Amerika,« sagte aber der junge Mann entschlossen und wollte noch etwas hinzusetzen, aber der Apotheker schlug dermaßen auf den Tisch, und fing so an zu schimpfen und zu fluchen, Niemand wußte eigentlich auf was und gegen wen, daß Mathes gar nicht gleich wieder zu Worte kommen konnte, und vielleicht auch eben nicht böse darüber war. »Hallo, wer ist todt?« rief aber in dem Augenblick Lobsich, der mit dem bestellten Bier für einen seiner besten Kunden selber ankam — »daß Dich die Milz sticht, was ist denn dem Apotheker eigentlich in die Krone gefahren?« »Dem Apotheker Nichts,« nahm aber Kellmann kopfschüttelnd das Wort, »doch hier dem Dings da, dem Mathes — was meint Ihr, Lobsich was er vor hat?« »_Heirathen_?« sagte dieser, und ein breites vergnügtes Schmunzeln über den so richtig und schnell gerathenen Vorsatz zog sich über sein dickes gutmüthiges Gesicht. »Heirathen!« schrie aber der Apotheker dazwischen, indem er sich seinen Hut in die Stirn drückte und seinen Rock anfing zuzuknöpfen — »heirathen? — ja prost die Mahlzeit; _auswandern_ will der Kerl, wie ein blindes Pferd das durch die Stallwand bricht, in einen Teich zu fallen.« »_Auswandern_?« schrie aber auch jetzt Lobsich in unbegrenztestem Erstaunen — »na das ist mir aber doch wahrhaftig was Unbedeutendes.« »Oh hol Euch der Teufel mit Eurer albernen Redensart!« rief aber der nun einmal ärgerliche Apotheker, und nahm seinen Stock unter den Arm — sein stetes Zeichen daß er fertig zum Gehen sei — »was Unbedeutendes; ja wohl, wenn der Raptus erst einmal in _solche_ Köpfe und Geldbeutel fährt, nachher werden wir sehn was wir hier anrichten. Ich will mir aber mein Abendbrod nicht verderben — gute Nacht Ihr Herren.« »Halt Schollfeld!« rief aber Kellmann, ihn am Arm fassend und zurückhaltend — »brennt mir nicht durch, ich gehe auch gleich mit und wollte nur erst hören, was Mathes den Gedanken in den Kopf gesetzt hat. Hol’s der Henker, er macht sich entweder einen Spaß mit uns, oder es ist nur so eine Idee von ihm, die wir ihm wieder ausreden können.« »Wenn ich das wüßte blieb ich die ganze Nacht hier,« sagte Schollfeld, seinen Stock wieder auf den Tisch legend und zu dem verlassenen Stuhl zurückgehend. »Mensch, Mathes, seid Ihr denn rein vom Teufel besessen, oder habt Ihr nur heute, in irgend einer Kneipe, ein wenig des Guten zu viel gethan, daß Ihr so tolles Zeug zusammenfaselt.« Mathes blieb aber bei allen diesen Ausbrüchen des Erstaunens, die erste Erklärung nur einmal überstanden, vollkommen ruhig, und zog nur, statt jeder weiteren Antwort, einen Brief aus seiner Brusttasche, den er langsam auffaltete und vor sich legte, als ob er ihn vorlesen wollte. »Nun was soll’s mit dem Wisch?« rief aber der Apotheker ärgerlich, »Ihr habt Euere Seele doch noch nicht dem Gott sei bei uns verkauft?« »So schlimm noch nicht,« lachte der junge Bursch, »das hier ist nur ein Brief von Caspar Lauber, den Sie ja Alle kennen und der vor etwa sieben Jahren nach Wisconsin auswanderte.« »Der was that?« rief der Apotheker, die Augen zusammenkneifend und das linke Ohr zu ihm hindrehend — »nuschelt nicht so in den Bart, daß Euch ein Christenmensch noch verstehen kann ehe Ihr unter die Heiden geht.« »Der nach Wisconsin auswanderte,« sagte der junge Bauer lächelnd — »er hatte mir damals versprochen zu schreiben wie es ihm ginge, schlecht oder gut; — wenn schlecht, wollte ich ihm helfen, wenn gut, vielleicht nachkommen. Aber er schrieb nicht Jahr nach Jahr, und da er überhaupt Nichts von sich hören ließ, glaubte ich schon er sei da drüben gestorben oder untergegangen in dem weiten Reich, bis ich vor vier Wochen etwa einen Brief von ihm erhielt und seit der Zeit habe ich keine Ruhe gehabt bis zu dem heutigen Tag.« »Nun ja natürlich,« brummte der Apotheker. »Aber so laßt ihn doch nur reden,« rief jetzt auch ärgerlich der Actuar dazwischen, »Ihr raisonnirt nur in einem fort und glaubt nachher, wenn Ihr recht geschrieen habt, Ihr hättet recht.« »So lest den Brief einmal!« sagte Kellmann, die Arme auf den Tisch stützend, »nachher wissen wir ja gleich woran wir sind.« »Aber erst muß ich noch Bier haben,« rief Schollfeld dazwischen, »ich mag die Lügen wenigstens nicht trocken mit anhören.« Lobsich winkte einem der nächsten Kellner, die indeß leer gewordenen Gläser wieder zu füllen, denn der Brief interessirte ihn selber zu sehr, den Tisch jetzt zu verlassen, und Mathes sagte wie entschuldigend: »Der Brief ist sehr kurz, aber es steht Alles darin was ich zu wissen verlangte, und er lautet: »Lieber Mathes — ich habe bis jetzt mein Versprechen nicht gehalten, Dir zu schreiben, weil es mir sehr schlecht gegangen ist.« »Na ja,« fiel ihm hier der Apotheker in das Wort — »und nun müßt Ihr Hals über Kopf machen daß Ihr auch hinüber kommt.« Kellmann wollte dem ewigen Einredner etwas erwiedern, aber Mathes fuhr, lächelnd die Hand gegen ihn aufhebend, wieder laut fort: »Ich wollte aber nicht gern, daß mich Jemand Anders unterstützen sollte, weil das hier im Lande eine Schande ist; ich wollte mir selber helfen, und habe mir kümmerlich, aber ehrlich und fleißig durchgeholfen. Jetzt habe ich eine kleine Farm von achtzig Acker, und vier und zwanzig Stück Rindvieh, und dreißig Schweine und zwei Pferde und es geht mir gut. Ich habe hart arbeiten müssen, aber ich komme durch. Wenn Du mit Geld hier herüber kommst und willst mich aufsuchen, daß ich Dir mit Rath und That an die Hand gehen kann, dann brauchst Du keine Angst zu haben, daß Du nicht durchkommst. Wenn Du eine Frau hast, bringe sie mit; Kinder sind ein Segen hier, kein Fluch wie für manchen armen Mann in Deutschland. Wer arbeiten will kommt fort, wer faul ist geht zu Grunde. Es grüßt Dich zehntausend Mal Dein Caspar Lauber — Lauber’s Farm bei Milwaukie, Wisconsin.« »Und auf den Brief wollt Ihr auswandern?« rief aber auch Kellmann jetzt erstaunt — »Mathes, ist Euch denn das Auswanderungsfieber so plötzlich in die Glieder geschlagen, daß Ihr die Seekrankheit für das einzige Mittel haltet die es curiren könnte?« Mathes schüttelte aber gar ernsthaft mit dem Kopf, faltete den Brief zusammen, den er zurück in seine Tasche schob, und sagte mit fester und entschlossener Stimme: »Lange im Sinn hab’ ich’s schon gehabt, aber der Brief hat es zuletzt zum Ausbruch gebracht.« »Aber Mathes, Ihr vor allen Anderen habt doch Euer Auskommen hier im Land,« rief jetzt auch Lobsich, während der Apotheker das ihm eben gebrachte Glas auf einen Zug hinuntergoß, wie um seinen Ingrimm damit nieder zu spülen — »wenn Ihr nach Amerika auswandern wollt, wer soll denn noch da bleiben?« »Ich _bliebe_ auch,« sagte Mathes rasch und mit vor innerer Bewegung fast erstickter Stimme, »ich bliebe auch, wenn mich mein Vater ließe, aber — der will nicht in die Heirath willigen mit Roßner’s Käthchen, des Häuslers Tochter aus Rodnach; hier hält er mich dabei unter dem Daumen mit seinem Gut und Geld, und das Mädchen stirbt mir indessen in Arbeit und Gram; dort drüben aber ist ein Platz, wo fleißige Menschen auch durchkommen können mit Gottes Hülfe _ohne_ Geld, _ohne_ Ansehn. Der Lauber hatte gar Nichts wie er hinüberging; nicht das Hemd auf seinem Rücken war sein, und ich weiß daß er nicht einen rothen Pfennig mit in das fremde Land gebracht hat. Aus dem ist jetzt ein rechtschaffener Farmer geworden, mit eigenem Land, Haus und Vieh, und was der kann — schwere Noth noch einmal — das kann ich auch. Ich gehe hinüber, nehme das Käthchen mit — Geld zur Ueberfahrt krieg ich schon, und wenn ich meine beiden Schimmel um den halben Werth verkaufen sollte, und dort hilft der liebe Gott schon weiter. Verhungern werden wir nicht, und ich brauche mir hier nicht mehr unter die Nase reiben zu lassen, »das sollst Du thun und das nicht, und _die_ sollst Du heirathen, die Du nicht magst und willst, und die Dich lieb hat und Dich glücklich machen kann, der sollst Du das Herz brechen — weil ihr eben nur der volle Geldsack fehlt.« »Unsinn!« sagte der Apotheker, jetzt wieder und zwar im Ernste aufstehend — »wenn Jemand einmal rein verrückt geworden ist, läßt sich auch nicht mehr mit ihm streiten. Gehn Sie mit Kellmann?« »Ja, gleich,« erwiederte der Gefragte — »weiß denn aber schon Euer Vater um den Plan, Mathes?« »Heute hab’ ich’s ihm gesagt,« erwiederte der Gefragte leise — »aber er glaubt es noch nicht.« »Und ist es denn schon wirklich so fest bestimmt?« sagte Kellmann theilnehmend. »Meine Passage in Bremen für mich und — meine _Frau_ ist schon bezahlt,« rief der junge Bursch da entschlossen — »den funfzehnten geht das Schiff ab, und ich habe nur noch eben Zeit das Nothwendigste in Ordnung zu bringen.« »Ja da kömmt freilich jeder gute Rath zu spät,« sagte Kellmann, jetzt ebenfalls aufstehend und seinen Hut ergreifend, »wenn der Sprung erst einmal geschehen ist, braucht man nicht mehr über das Springen zu streiten und ich wünsche Euch das Beste in Euerer neuen Heimath.« »Ich weiß es, ich weiß es,« sagte Mathes gerührt — »aber vielleicht seh ich Sie selber noch einmal auf freiem Boden drüben, mit Axt oder Pflug in der Hand, wie ein wackerer, richtiger Farmer.« »Wen — mich?« rief aber Kellmann ordentlich erschreckt aus — »ich nach dem vermaledeiten Lande, daß alle unsere besten Bürger frißt? Nein Mathes, für dies Leben nicht — aber wann geht Ihr fort? vielleicht läßt Euer Vater doch noch mit sich reden, und lenkt ein wenn er sieht daß es Euch wirklich Ernst ist.« Mathes schüttelte mit dem Kopf und der Actuar rief: »Ein Bauer und einlenken, Kellmann? — da kennt Ihr unseren deutschen Bauer nicht; worauf der einmal seinen Dickkopf gesetzt hat, da muß er durch, und wenn’s nicht geht, so zerhaut er sich eben den Schädel, aber er läßt nicht nach. Der alte Vogel und nachgeben; Du lieber Gott, wenn er den eigenen Sohn mit einem einzigen Wort vom Verderben retten könnte — er spräch es nicht.« »Na, da kann ich wohl auch meine Bude hier bald zuschließen und mitgehn,« sagte Lobsich, sich den Kopf kratzend — »Schwerebrett das ist mir — hm — hm — ist mir doch was Unbedeutendes, das — das Amerika.« »Und was sagt denn das Käthchen dazu?« frug Kellmann jetzt den Mathes, während die Uebrigen schon aufgestanden waren und sich zum fortgehn gerüstet hatten. »Die weint und will nicht mit,« sagte Mathes leise — »aber sie wird schon gehen.« »Sie will nicht mit?« »Sie meint, es bräche meinem Vater das Herz.« »Das Herz brechen? — dem alten Vogel?« lachte aber dieser verächtlich — »na Gott sei Dank, die hat einen guten Begriff von ihm — als ob dem etwas das Herz brechen könnte.« »Nun, es frägt sich nur jetzt wem sie es lieber bricht,« meinte der Actuar, »dem Alten, wenn sie geht, oder dem Jungen, wenn sie bleibt — die Wahl wird ihr nicht schwer werden. Aber Schollfeld, Ihr seid ja auf einmal so still geworden?« »Ach laßt mich zufrieden,« brummte dieser ärgerlich — »weiß es Gott, man möchte am Ende selber mit hinüberlaufen, nur Nichts mehr von dem verwünschten Auswandern reden zu hören.« »Hahahaha!« rief da Kellmann, »Schollfeld bekömmt auch überseeische Ideen.« »Ueberseeische — hätte bald was gesagt,« knurrte dieser aber, auf der Straße hingehend, ohne weder Mathes noch Lobsich gute Nacht zu sagen. Die Uebrigen wechselten noch kurzen Gruß mit ihren Bekannten dort, zündeten sich frische Cigarren an, und schlenderten langsam, den freundlichen Abend so viel als möglich zu genießen, die Straße hinab, der eigenen Heimath zu. Capitel 3. DER DIEBSTAHL. Zehn Minuten mochten sie so etwa schweigend nebeneinander hergegangen sein, als hinter ihnen auf der Straße eine Equipage und klappernde Hufschläge gehört wurden, die sie rasch einholten und an ihnen vorbeirauschten, eine dicke Staubwolke dabei über den Weg wälzend. Es war die Familie Dollinger mit dem, neben dem Wagen hin galoppirenden Fremden, dem Bräutigam der Tochter. »Die kommen schneller von der Stelle als die armen Auswanderer vorhin,« sagte Kellmann, als sie vorbei waren — »Wetter noch einmal, es ist doch ein anderes Ding so ein paar flüchtige Rappen vor sich zu haben, und wie im Flug durch die Welt zu jagen, als mit einem schweren Packen auf dem Rücken und wunden Füßen vielleicht, mühselig die staubige Straße entlang zu keuchen.« »Ja, die Gaben sind ungleich vertheilt in der Welt,« seufzte der Actuar, »was der Eine haben möchte, _hat_ der Andere schon, und das ist auch wohl das ganze Geheimniß der socialen Frage, läßt sich aber nun einmal nicht ändern, und wir dürfen vielleicht den Kopf darüber schütteln, und wünschen daß es anders wäre, aber weiter eben Nichts.« »Der auf dem Pferd, war der Dings da von Amerika,« sagte der Apotheker jetzt, »der das schmählige Geld hat und des reichen Dollingers Tochter noch dazu heirathet. Soll mir noch einmal einer sagen daß Eisen der stärkste Magnet sei; Gold ist’s, und wo das liegt zieht es anderes hin. »Und wie steht’s mit Actien?« lachte Kellmann. »Bah — bleibt immer dasselbe,« brummte der Apotheker, »das Gold steckt darin, und kann durch einen sehr einfachen chemischen Proceß leicht herausgezogen werden — wenn man sie hat.« »Es wundert mich übrigens daß der alte Dollinger sein Kind über das große Wasser hinüberziehen läßt,« meinte der Actuar — »dem hätte es doch auch hier im Lande nicht an einer eben so guten Parthie gefehlt.« »Liebe,« meinte Kellmann achselzuckend — »Liebe ist blind sagt ein altes Sprichwort; dagegen lassen sich eben keine Gründe anbringen. Wär’s übrigens auch nicht wegen dem großen Wasser, der Bursche gefällt mir außerdem nicht, und ich möchte ihm meine Tochter nicht geben und wenn er bis über die Ohren in Golde stäcke. Er hat ein verschlossenes, hochfährtiges Wesen, behandelt den gemeinen Mann wie einen Hund, und spricht von Allem was wir hier haben, unseren Einrichtungen, unseren Gesetzen, unseren Vergnügungen selber, ja unserem Klima und Land, das doch zum Henker auch _sein_ Vaterland ist, mit der größten Verachtung. Amerika, und immer wieder Amerika, hinten und vorn; ei Blitz und Hagel, ich will gar nicht leugnen daß es manche gute Seiten haben mag, das Amerika, wenn ich sie auch gerade nicht einsehen kann, aber so viel besser wie unser Deutschland ist es doch auch nicht drüben, und wenn’s so einem Burschen da einmal zufällig geglückt ist, sollt’ er nicht als Lockvogel sich hier mitten zwischen uns hineinsetzen, anderen vernünftigen Leuten unglückselige Ideeen in den Kopf zu pflanzen. »Wenn sich andere vernünftige Leute solche Ideeen einpflanzen _lassen_, geschieht’s ihnen ganz recht,« sagte der Apotheker — »man braucht nicht zu glauben was jeder dahergelaufene Lump eben sagt.« »Nun _ganz_ ohne kann’s aber auch nicht sein,« meinte Kellmann kopfschüttelnd, »und ich — ich halt’ es immer für gefährlich. S’ist merkwürdig, wie rasch sich das mit der Hochzeit gemacht hat.« »Nun, wer sich die Braut gleich fix und fertig aus dem Wasser zieht hat leicht freien,« sagte der Actuar — »Glück muß der Mensch haben, dann geht Alles wie am Schnürchen; wer aber _das_ nicht hat, der mag sein Lebtag fischen und fängt doch Nichts — am wenigsten aber solch einen Goldfisch. »Wo stammt er denn eigentlich her?« frug der Apotheker jetzt, wie sie wieder eine Weile schweigend neben einander hingegangen waren, »man hört doch sonst eigentlich gar Nichts von ihm, und er kommt auch mit keinem Menschen weiter zusammen — stolzer aufgeblasener Bursche der.« »Gott weiß es,« sagte der Actuar; »er ist, glaub’ ich, mit einem holländischen Schiff herübergekommen, und hatte einen Paß von Amsterdam.« »Und der Paß lautete nach Heilingen?« »Nun nicht gerade nach Heilingen, aber doch nach der Residenz, und wie sich die Sache dann hier mit der Dollingerschen Familie gestaltete, nun lieber Gott, da drückte der Stadtrath das eine, und die Stadtverordneten drückten das andere Auge zu, und man sah nicht so genau nach den Papieren. Ueberdieß verzehrte er ja hier viel Geld; wär’ es ein armer Teufel gewesen, hätten wir ihn wahrscheinlich schon bald wieder über die Grenze gehabt. »Hm, ja, glaub’s,« sagte Kellmann mit dem Kopfe nickend, »s’ist in Heilingen eben nicht anders wie — wie anderswo — warum auch?« Das Gespräch drehte sich von da ab, auf die städtischen Einrichtungen, deren wärmster Vertheidiger der Apotheker war, und über die sich der Actuar natürlich nur sehr vorsichtig ausließ, während sie Kellmann um so unnachsichtiger angriff; kam dann auf die Saat und die Preise, und wieder mit einem Seitensprung auf die jetzige Politik unseres lieben deutschen Reiches, bis sie das Thor und zwar gerade mit Sonnenuntergang erreichten, wo Jeder seinen Weg ging, die eigene Heimath aufzusuchen. Der Actuar Ledermann besonders, der an dem entgegengesetzten Ende der Stadt wohnte, beeilte seine Schritte, noch vor einbrechender Dunkelheit seine Wohnung zu erreichen; das Gerücht ging nämlich in der Stadt, daß ihn seine Ehehälfte bei solchen Gelegenheiten oft allerdings sehr unfreundlich empfange, und ihm einmal sogar schon einige sonst sehr nützliche, bei _der_ Gelegenheit aber nichts weniger als passende häusliche Geräthe entgegen und vor die Füße geworfen habe. Thatsache war, daß »Madame« oder Frau Actuar Ledermann, was auch ihres Gemahls Thätigkeit und Ansehn außerhalb seiner eigenen vier Pfählen sein mochte, _innerhalb_ derselben jedenfalls das Commando, und nicht immer mit Mäßigung führte, und der Actuar suchte den Hausfrieden wenigstens soviel als möglich zu erhalten und jeden Anlaß, zu irgend einer Störung desselben, zu vermeiden. Mit solchen Gedanken vielleicht im Kopf, wollte Ledermann eben vom Marktplatz aus in die Straße einbiegen, an deren äußersten Ende seine eigene, sehr bescheidene Wohnung stand, als er seinen Titel genannt und sich selber gerufen hörte. »Herr Actuar — Herr Actuar Ledermann.« Er drehte sich rasch um und sah einen Gerichtsdiener eilig auf sich zukommen, der, die Mütze abnehmend, vor ihm stehen blieb und ihm meldete, daß er eben abgeschickt worden ihn zu holen oder aufzusuchen, da ein Einbruch geschehen sei, über den an Ort und Stelle Protokoll aufgenommen werden solle. »Protokoll aufnehmen?« sagte Actuar Ledermann, keineswegs angenehm überrascht; »ja was hab ich denn heute damit zu thun, wo ist mein _College_?« »Herr Actuar Beller sind unwohl geworden, heute Nachmittag,« berichtete der Polizeidiener, »und mußten zu Hause gehn; ich bin eben abgeschickt zu sehn, welchen von den andern Herren ich zuerst treffen könnte.« »Hm — ist sehr amüsant,« brummte Ledermann vor sich hin — »kommt mir gerade apropos. Bei wem ist es denn?« »Bei Herrn Dollinger.« »Was? — bei Kaufmann Dollinger?« rief der Actuar rasch und erstaunt — »am hellen Tag, während er ausgefahren war?« »Er ist, wenn ich nicht irre, eben zu Hause gekommen,« berichtete der Mann, und hat glaub’ ich sein Pult geöffnet, und eine bedeutende Summe Geldes entwendet gefunden.« »Hm, hm, hm,« sagte der Actuar kopfschüttelnd und seinen Rock dabei, den er der Bequemlichkeit wegen aufgelassen hatte, zuknöpfend, »es wird immer besser hier bei uns. Am hellen lichten Tage. Aber die ganze Stadt steckt auch voll fremden Volkes, das sich natürlich keine Gelegenheit entschlüpfen läßt Reisegeld zu bekommen.« »Es muß doch wohl Jemand gewesen sein der mit dem Hause genau bekannt war,« sagte der Polizeidiener — »nach dem wenigstens, was ich bis jetzt von den Dienstleuten darüber gehört habe, kann’s nicht gut anders sein.« »Nun wir werden ja sehn; da muß ich aber erst — « »Wenn sich der Herr Actuar nur eben an Ort und Stelle bemühen wollen,« sagte jedoch der Diener des Gerichts, »alles Nöthige ist schon dorthin geschafft und ich war eben nur fortgelaufen, einen der Herren zu suchen.« Der Actuar, dem Dienste natürlich Folge leistend, seufzte tief auf und schritt, im Geist wahrscheinlich des Empfangs gedenkend, der seiner harrte, wenn seine Frau auf ihn mit dem Abendessen warten mußte, rasch die »Poststraße« hinaufbiegend, dem gar nicht weit entfernten Dollinger’schen Hause zu, dort den Thatbestand in Augenschein und zu Protokoll zu nehmen, etwaige Spuren des Uebelthäters zu entdecken und zu verfolgen, und die Leute im Hause nach möglichem Verdachte zu inquiriren. * * * * * Im Hause des reichen Kaufmanns Dollinger, in dem Alles sonst so still und ruhig und wie am Schnürchen zuging, wo Jeder seine angemessene und fest bestimmte Beschäftigung hatte, genau wußte was ihm oblag, und das that, ohne eben viel Lärm darum zu machen, lief und rannte und sprach heute alles durcheinander, und sämmtliche Bande der Ordnung schienen gelöst. Frau Dollinger vor allen Dingen lag in Krämpfen in ihrem Boudoir, und beanspruchte die Hülfe ihrer beiden Töchter und der weiblichen Dienstboten im Haus, ihren Zustand zu bewachen; Herr Dollinger selber war in seinem Zimmer des obern Stocks, und ging dort mit raschen Schritten und auf den Rücken gekreuzten Armen auf und ab, während dem jungen Henkel indessen die Bewachung des Platzes selber übertragen war, und die andern Dienstboten, mit einem nicht unbedeutenden Theil der Nachbarschaft und deren Verwandten, in den verschiedenen Winkeln und Ecken des Hauses herumstanden und kopfschüttelnd, die Hände ein über das andere Mal in Verwunderung zusammenschlugen. Die verschiedenartigsten Vermuthungen und Beweise wurden da laut, und die Orte und Stellungen oder Beschäftigungen jedes Einzelnen auf das Genaueste und Peinlichste angegeben, wo und wie sich Jeder gerade in der Zeit etwa befunden haben mochte, als die entsetzliche, verruchte That geschehen und vollbracht sein mußte. Dem Actuar, mit dem ihm folgenden Gerichtsdiener wurde übrigens willig und dienstfertig Platz gemacht; Alle wollten aber hinter drein, und die Frauen besonders gaben dabei durch die entschiedensten Ausrufe — »Ne Du meine Güte« und »Ne so was« ihre vollkommenste Misbilligung des Geschehenen zu erkennen. Nichts desto weniger wurde auch selbst ihnen die Thüre vor der Nase zugemacht, und Einer der Bedienten bekam strenge Ordre die Hausflur zu räumen, und Niemand mehr, so lange die Untersuchung dauere, die Treppe hinaufzulassen, ausgenommen, es wisse Jemand noch um den Diebstahl, und könne irgend einen Fingerzeig geben den Dieben auf die Spur zu kommen; solche Zeugen sollten nachher vernommen werden. Oben an der Treppe empfing sie Herr Henkel, um sie gleich zu dem Ort, wo der Diebstahl verübt worden, hinzuführen; einer der Leute war indessen abgeschickt Hrn. Dollinger selber zu rufen, und dieser erschien jetzt, den Actuar freundlich grüßend. Es war indessen schon ziemlich dunkel, und im Zimmer Licht angezündet worden. »Ich bedaure sehr, Herr Dollinger,« sagte der Actuar, »daß, wie ich gehört habe, eine so fatale Sache mich hier in Ihr Haus geführt haben muß.« »Ja allerdings,« erwiederte der alte Herr, »ist es sehr unangenehm; weniger des Verlustes wegen, der sich allenfalls ertragen ließ, als wegen dem Bewußtsein getäuschten Vertrauens, mit selbst keinem gewissen Anhaltspunkt auf Verdacht. Ich wollte gern das Doppelte verloren haben, wenn es hätte können auf andere Weise geschehn.« »Das Ganze ist übrigens mit einer raffinirten Geschicklichkeit ausgeführt,« fiel Henkel hier ein, »und der Thäter, wer auch immer, jedenfalls ein höchst gefährliches Subject, von dem ich nur hoffen will daß wir ihm auf die Spur kommen.« »Dürfte ich Sie bitten mir den Platz zu zeigen?« »Treten Sie hier in das Zimmer meiner Töchter; dort der Secretair ist erbrochen.« »Hm — mit einem breiten meißelartigen Instrument,« sagte der Actuar nach kurzer Besichtigung der offenen, arg beschädigten Mahagoniplatte — »und die Thür ebenfalls eingebrochen?« »Nein — die Thür ist unbeschädigt und muß jedenfalls mit einem Nachschlüssel geöffnet sein.« »Und was vermissen Sie in dem Secretair?« »Eine Summe Geldes, die ich erst vor wenigen Stunden, und im Beisein meiner Familie und eines zuverlässigen Comptoirdieners, im Paket wie ich sie von der Post erhalten, hier eingeschlossen hatte, und von der der Dieb auf eine mir unbegreifliche Weise muß Kenntniß bekommen haben.« »Wer ist dieser Comptoirdiener?« »Oh, Loßenwerder; Sie kennen ihn ja wohl?« »Loßenwerder,« sagte der Actuar nachdenkend — »ist wohl schon eine ganze Weile in Ihrem Geschäft?« »Schon zwölf Jahr; mit keinem Schatten irgend eines Verdachts; ich nahm ihn als einen ganz jungen Burschen in mein Haus; er muß aber gegen irgend Jemand davon gesprochen haben.« »Hm, hm, wollen ihn uns doch einmal nachher besehn; also hier hinein hatten Sie das Geld gelegt?« »Es ist ein Secretair, den meine Töchter gemeinschaftlich benutzen, und zu dem jede von ihnen ihren Schlüssel hat. Bitte lieber Henkel, lassen Sie doch einmal Sophie oder Clara einen Augenblick zu uns herüber rufen.« »Ich habe schon das Mädchen geschickt, eine der jungen Damen ersuchen zu lassen,« entgegnete der junge Henkel, der indessen im Zimmer umhergegangen war, und sich überall umgesehen hatte, ob nicht vielleicht doch der Dieb irgend eine Spur, irgend ein Zeichen hinterlassen habe, an das man sich später einmal halten könne. — »Und vermissen Sie weiter Nichts als das Geld?« frug der Actuar. »Auch ein Schmuck meiner ältesten Tochter scheint mit geraubt zu sein,« sagte Herr Dollinger — »aber da kommt Clara, die Ihnen das Nähere davon selber angeben wird.« Clara betrat in diesem Augenblick das Gemach; sie sah todtenbleich und angegriffen aus, und Henkel eilte ihr entgegen sie zu unterstützen. »Clara, mein liebes armes Kind,« sagte Herr Dollinger, auf sie zugehend und die Hand nach ihr ausstreckend, »fehlt Dir etwas? — Der Schreck hat Dich wohl so angegriffen. Mach Dir doch nur keine Sorge, mein Herz; vielleicht bekommen wir Alles wieder und wenn nicht — nun ein _Unglück_ ist es dann auch nicht; wenn Ihr mir nur Alle gesund bleibt, können wir die paar tausend Thaler schon verschmerzen.« »Es ist nicht der Verlust, lieber Vater,« sagte aber das junge Mädchen, sich gewaltsam zusammennehmend, und des Vaters Hand ergreifend — »nur die Ueberraschung, der Schreck wahrscheinlich, und das — das Unheimliche dabei, als ich mein Zimmer vorhin betrat, und die Spuren des verübten Verbrechens entdeckte. Ich fürchtete die entsetzlichen Menschen noch irgend wo zu sehn, die vielleicht hinter einer Gardine stehen, unter einem der Divans liegen, hinter einem Ofen lauern konnten und, wenn entdeckt, zu verzweifelter Gegenwehr getrieben mich anfallen würden, und all solch kindische Gedanken mehr. Dort der auf den Tisch geworfene Regenschirm dabei, die hinuntergeworfene Stickerei von dem Secretair selber, am meisten aber der Tabaksgeruch im Zimmer und die verlöschte, angerauchte Cigarre dort auf dem Fensterbret, erfüllten mir das Herz mit einem unbeschreiblichen Grausen.« »Eine Cigarre?« sagte Ledermann, sich vergebens nach dem bezeichneten Gegenstand umschauend — »wo lag sie?« »Dort im Fenster, als ich zurückkam.« »Die alte angerauchte Cigarre?« sagte Henkel rasch — »die hab’ ich zum Fenster hinausgeworfen; ich glaubte Einer der Dienerschaft hätte sie in der Aufregung mit hereingebracht und dort abgelegt — sie muß unten auf der Straße liegen.« »Bitte schicken Sie doch einmal einen Burschen danach, daß er sie heraufholt,« sagte der Actuar; »man darf auch das Unbedeutendste nicht unbeachtet lassen, und wir wollen indessen die vermißten Gegenstände aufnehmen. Das Geld? — « »Davon giebt Ihnen dieser Brief das genaue Verzeichniß,« sagte Herr Dollinger, »aber ich fürchte fast daß wir durch das Geld selber nicht auf die Spur kommen werden, indem das Paket fast nur Gold und kleinere Banknoten enthielt, die leicht umzusetzen und schwer zu controliren sind. Eher hoffe ich durch den Schmuck den Dieb verrathen zu sehn, da einige sehr auffällige Stücke, wie ich höre, dabei gewesen sind.« »Dürfte ich Sie um eine genaue Angabe derselben, heute Abend noch, wenn irgend möglich _schriftlich_ bitten?« erwiderte, nach einigem Besinnen, der Actuar, »diese Einzelheiten würden mich jetzt zu lange aufhalten.« »Kannst Du das geben, Clara? »Bis auf die kleinste Nadel hinunter,« sagte das junge Mädchen rasch, »besonders auffällig war eine kleine, rundum mit Brillanten besetzte Broche, ein Erbstück unserer Großmutter, und ausgezeichnet vor jedem andern Schmuck, den ich noch in meinem ganzen Leben gesehen, durch einen, in der Mitte gefaßten, genau dreieckigen, hellblauen und wundervollen Turquis. Mein Schmuck lag gleich dicht dahinter, den aber muß der Dieb in der Eile übersehen haben; er ist unangerührt geblieben.« »Das ist allerdings glücklich,« sagte der Actuar, »wäre wohl auch des Mitnehmens werth gewesen. Lag gleich dabei?« »Hier in dem rothen Kästchen.« »Aber das ist auch geöffnet worden.« »Das? — nein, das hab ich wohl selbst geöffnet, nachzusehen, ob auch Alles darin sei, und nicht wieder ordentlich geschlossen. Die Haken waren allerdings auf, wenn ich mich nicht ganz irre, aber der Dieb hat keinenfalls eine Ahnung gehabt, welchen Werth das kleine unscheinbare Kästchen enthalte, oder es stände jetzt nicht mehr da.« »Sehr wahrscheinlich, hm — aber Sie vergeben wohl nicht, mein Fräulein, alle diese Einzelheiten besonders zu notiren; wer weiß ob sie nicht noch einmal wichtig werden. Ah, da kommt auch Herr Henkel wieder; haben Sie die Cigarre gefunden?« »Gott weiß wo sie ist;« lachte dieser, »irgend Jemand muß es doch noch der Mühe werth gehalten haben sie aufzuheben, und in einer Pfeife vielleicht zu verrauchen — ich bin selber hinunter gegangen, kann sie aber nirgends mehr entdecken. Uebrigens ist es auch fast dunkel geworden, und ich werde morgen ganz früh nachsuchen lassen. Der Stummel wird Ihnen freilich nicht viel helfen.« »Man weiß nicht,« sagte der Actuar kopfschüttelnd, »je nach der Güte des Tabaks ließ sich vielleicht auf die Schicht der menschlichen Gesellschaft schließen, in der sich unser heimlicher Besuch herumtriebe. Aber das ist allerdings Nebensache; wo also ist der Dieb hereingekommen? — hier durch diese Thür?« »Doch wohl vom Garten her durch das Fenster Euers Schlafzimmers,« sagte Herr Dollinger, »denn durch das Haus würde er es sich am hellen Tage im Leben nicht getraut haben.« »Aber ich möchte meine Seligkeit zum Pfande setzen daß ich den Schlüssel, der nach unserer Schlafkammer führt, ehe wir fortgingen, herumgedreht und stecken gelassen hätte, so daß von innen ein Oeffnen unmöglich war.« »Und war die Thür noch verschlossen wie wir zurückkamen?« »Nein, nur in’s Schloß gedrückt, aber der Schlüssel stak darin.« »Hm, hm, hm — dann ist der Bursche dort wahrscheinlich hinaus« — sagte der Actuar — »zur Thür hier hereingekommen und dort zur Nothröhre hinaus — hm, muß aber genau mit der Gelegenheit bekannt sein. Mein lieber Herr Dollinger, wir werden Ihre Leute doch ein wenig scharf in’s Gebet nehmen müssen, denn ein ganz Fremder, kann sich die Zeit nicht so abgepaßt haben.« »Wo kommt der Blumenstock her?« sagte da plötzlich Clara rasch und erstaunt, auf einen sehr schönen Rosenstock deutend, der in ihrem Fenster, zunächst der Thüre stand — »wer hat den jetzt hier heraufgestellt?« »So lange wir hier sind Niemand« — rief Henkel — »war er vorher nicht da?« »Nicht heute Mittag, das weiß ich gewiß; aber vielleicht hat ihn eins der Dienstleute mir heimlich hier hereingesetzt.« »Heimlich? — so?« sagte der Actuar, »den freundlichen Geber wollen wir also vor allen Dingen einmal herauszubekommen suchen.« »Es ist heute mein Geburtstag,« sagte Clara leise und erröthend.« »Oh?« meinte Herr Ledermann mit einem freundlichen Lächeln, »da thut es mir freilich leid, meine ganz ergebensten Gratulationen zu keiner angenehmeren Zeit vorbringen zu können — will eben nicht passen bei einer solchen Untersuchung, kann es aber doch auch nicht geradezu hinunterschlucken — ich gratulire eben nicht zur Untersuchung.« »Es muß gewiß ein gesegnetes Land sein,« sagte Henkel mit einem leisen, halb boshaften Lächeln, »wo die Polizei sogar witzig sein kann.« »Hm,« meinte der lange Aktuar, sich nach dem Sprecher umdrehend, »die Polizei macht eben keinen Anspruch darauf, und ist das meistens Privateigenthum. Aber wir wollen die Zeit nicht mit Allotrien vergeuden; ist nicht herauszubekommen wer den Blumenstock hier, während Ihrer Abwesenheit in das Zimmer gesetzt hat?« »Jedenfalls müssen die Dienstboten darum wissen,« sagte der junge Henkel, »und es wird das Beste sein sie einzeln darum zu befragen.« »Allerdings; — Einzelverhör hat überhaupt viele Vortheile, bitte schicken Sie einmal die Leute herauf, daß man vor allen Dingen ihre Gesichter zu sehen bekommt.« »Aber nicht hier, Väterchen, nicht wahr nicht hier in meiner Stube?« bat Clara — »ich würde den fatalen Gedanken im Leben nicht wieder los.« »Wir wollen hinuntergehn in das untere Zimmer,« sagte Herr Dollinger, freundlich dem Wunsch der Tochter nachgebend, »es läßt sich das dort eben so gut abmachen als hier.« »Manchmal ist der Platz des Verbrechens selber der geeignetste,« warf der Actuar ein, »aber wie Sie wünschen — nur um eines möchte ich Sie noch vorher bitten, daß ich mir einmal die Stelle oder das Fenster ansehn darf, durch das sich Ihrer Vermuthung nach, der oder die Diebe entfernt haben könnten.« »In unserem Schlafzimmer?« »Doch durch diese Thür?« »Lieber Henkel, Sie sind wohl indessen so freundlich, meine Leute unten zusammenzurufen; wir kommen gleich hinunter. Sie werden heut viel belästigt.« »Aber ich bitte Sie, bester Herr Dollinger,« sagte der junge Mann, rasch seinen Hut aufgreifend, »wenn ich Ihnen nur darin von irgend einem wirklichen Nutzen sein könnte. Lieber erlauben Sie mir vielleicht mit Ihnen einer möglichen Spur zu folgen, denn meine Augen sind darin vielleicht schärfer als manche andere.« »Es wird in der Dunkelheit nicht eben mehr viel zu spüren geben,« meinte indeß der Actuar; »das werden wir uns müssen auf morgen früh aufsparen — also jetzt noch das Fenster, wenn ich bitten darf — ich möchte mir nur die Gelegenheit einmal von oben besehn.« Clara selber öffnete die Thür und führte dem Actuar mit ihrem Vater in das kleine freundliche Gemach, dessen beide, schon von Blätter schießenden Weinranken überzogene Fenster, auf den Garten hinaussahen. Das eine Fenster war allerdings geöffnet gewesen, aber der Rankenwuchs so dicht zusammengezogen, daß sich ein Körper kaum hätte hindurchzwingen können. Die Höhe nach dem Garten hinunter, und gerade unter dem Fenster sollte ein kleiner Rasenplatz sein, war eben nicht beträchtlich, vielleicht zehn oder zwölf Fuß, und unten umgab niederer aber ziemlich dichter Hollunder den Rasen. Im Zimmer selber ließ sich aber nicht das mindeste erkennen, das einen solchen Verdacht unterstützt hätte; das Einzige was dafür sprach, war die aufgeschlossene Thür. Zu der Unterstube des Hauses waren indessen die Dienstleute versammelt worden, streng examinirt zu werden. Der Hausmagd vor allen andern lag die Pflicht ob, die Etage, wenn sie nach unten in die Küche ging, in Abwesenheit der Herrschaft verschlossen zu halten. Diese aber behauptete steif und fest, und weinte dabei und rief Gott und alle Heiligen zu Zeugen an, daß sie die Vorsaalthür auch ordentlich, »zweimal herum« abgeschlossen und den Schlüssel zu sich gesteckt hätte, und Niemanden in der weiten Gotteswelt gesehen habe, der das Haus in der Zeit betreten haben könne. Trotzdem aber sei die Vorsaalthür, als sie wieder nach oben gekommen offen, wenigstens aufgeschlossen, wenn auch zugeklinkt gewesen, und sie hätte selber im Anfang nicht begreifen können wie das möglich wäre, aber auch nicht weiter darüber nachgedacht, und es ihrer eigenen Unaufmerksamkeit zugeschoben. Nach der Abfahrt der Herrschaft sei sie aber nur eine ganz ganz kurze Zeit unten geblieben um — sie wollte erst nicht mit der Sprache heraus, aber der Herr Actuar drängte gar so sehr — um den jungen Herrn Henkel fortreiten zu sehn. Nachher mochte sie vielleicht noch zehn Minuten der Köchin geholfen haben, und war dann nicht wieder von dem Vorsaal oben fortgekommen, auf dessen Balkon sie gesessen und genäht hatte. In der Zeit habe Niemand mehr den Vorsaal oder des Fräuleins Zimmer betreten, darauf wolle sie das heilige Abendmahl nehmen, und der Diebstahl müsse jedenfalls in den paar Minuten, die zwischen dem Fortreiten des jungen Herrn und ihrem eigenen Wiederhinaufgehn nach oben gelegen hätten, verübt sein — anders war es nicht möglich. »Wer aber hatte den Blumenstock in des Fräuleins Zimmer gestellt?« »Einen Blumenstock? — während die Herrschaft fort war?« »Allerdings, eine Monatsrose — in das Fenster nächst der Thür.« »Der das gethan hat, müsse damit zum Fenster, oder in derselben Zeit mit einem Nachschlüssel zur Thür hereingekommen sein, als der Diebstahl verübt worden, denn sie hätte keine Seele im Haus gesehn. Die Dienstboten hatten indessen mit einander geflüstert, als der Actuar das Wort nahm und mit langsam bedächtiger, aber ziemlich ernster Stimme sagte: »Hört einmal Leute, ich will Euch etwas sagen; Ihr habt Euch da gut unschuldig stellen, als ob Ihr eben erst auf die Welt gekommen wärt, damit dringt Ihr aber nicht durch. Das Geld ist fort — Ihr seid die Einzigen die unter der Zeit im Haus waren, und Euere Pflicht wäre es gewesen — »Aber Herr Actuarius« — »Ruhe da, wenn ich Euch etwas mitzutheilen habe — und Euere Pflicht wäre es gewesen, sag’ ich, aufzupassen, daß niemand Fremdes den Platz betrat, der Euch anvertraut war, und für den Ihr also auch in der Zeit zu stehn hattet. Jemand ist aber in der Zeit da gewesen, und hat etwas gebracht und etwas geholt, und man wird sich jetzt an _Euch_ halten müssen, bis der Jemand ausfindig gemacht ist. Was giebt’s da hinten — was ist gekommen?« »Dullmanns Rieke von über dem Weg drüben,« sagte die Köchin jetzt, gegen den Actuar vortretend, »will den Loßenwerder haben heimlich aus dem Haus schleichen sehn. Da _haben_ Sie einen; _uns_ brauchen Sie so etwas nicht unter die Nase zu reiben, Herr Actuar — wir sind ehrliche Dienstboten die sich ihr bischen Brot sauer genug im Schweiße ihres Angesichts — « »Ach halt’ sie das Maul,« fiel ihr aber der Actuar etwas unsanft in die Rede — »_wer_ ist im Haus gewesen, Loßenwerder? — und heimlich hinausgeschlichen? — wer hat ihn gesehn?« »Hier die Rieke von Dullmann’s — « »Wann war das?« fragte der Actuar das jetzt vorgeschobene Mädchen, das feuerroth wurde und ihren einen Schürzenzipfel anfing wie einen Plumpsack zusammenzudrehen. Erst ganz kurze Zeit vorher hatte sie einer ihrer Freundinnen im Dollinger’schen Haus, und gewiß nicht in der Absicht die Mittheilung gemacht, gleich damit, ohne weitere Warnung, vor die Polizei gezogen zu werden. »Nun Mamsell — wie hieß sie? — Rieke? — Wann haben Sie Loßenwerder aus dem Haus kommen sehn, und ist er ruhig hinausgegangen oder _geschlichen_?« »Wenn Loßenwerder im Haus war,« sagte Herr Dollinger ruhig, »so wird er auch ordentlich hinaus_gegangen_ und nicht geschlichen sein; der wäre der Letzte dem ich so etwas zutrauen möchte.« »Die Rieke behauptet,« fiel aber hier die Köchin in dem Bewußtsein unrechtlich gekränkten Ehrgefühls rasch ein, »daß sie gar nicht auf ihn geachtet haben würde, wenn er sich nicht so schnell und heimlich, und dicht unter den Fenstern, am Hause hingedrückt hätte. Wer kein böses Gewissen hat, kann gerade und offen gehen.« »Sie sind aber gar nicht gefragt, zum Henker noch einmal,« rief der Actuar jetzt ungeduldig werdend — »wenn Sie jetzt nicht ruhig sind, lasse ich Sie so lange hinausführen, bis wir Sie wieder brauchen. Hier Mamsell Rieke; wenn Sie sich die Schürze abgedreht haben, dann sein Sie so gut und sagen Sie uns einmal wo und wie Sie den Herrn Loßenwerder gesehen haben.« »Ich — ich weiß nicht gewiß« — stammelte das Mädchen verlegen — »aber — aber Loßenwerder kam — bald nachher wie die Herrschaft fortgefahren war — « »Wie lange nachher?« frug der Actuar. »Etwa eine halbe Stunde denk’ ich — vielleicht nicht so lange — kam er viel rascher als es sonst seine Art ist, denn er geht gewöhnlich immer sehr langsam — kam er — kam er aus der Thür heraus, die er geschwind hinter sich zuzog — und dann — « »Und dann?« — Und dann hielt er den Kopf nieder, als ob er nicht wollte daß ihn Jemand, der vielleicht von oben heruntersähe, erkennen möchte — hielt er den Kopf nieder und drückte sich — drückte sich dicht am Haus hin, so schnell er konnte die Straße hinunter, und um die Ecke.« »Und nachher?« frug der Actuar. »Nu, um die Ecke kann sie doch nicht sehn,« sagte die Köchin. »Ob Sie still sein wird,« sagte Herr Ledermann jetzt aber wirklich böse gemacht — »Wenzel, wenn mir die Person da jetzt noch einmal das — noch einmal den Mund aufthut, dann wissen Sie was Sie zu thun haben.« »Sehr wohl, Herr Actuar,« sagte der Gerichtsdiener — »Und sind Sie dann nachher nicht herübergekommen und haben das den Leuten im Hause gesagt, was Sie gesehn?« frug der Actuar. »Ich habe ja aber Nichts gesehen,« sagte die Rieke. »Sie haben doch den Loßenwerder gesehn« — »Ja aber der geht doch so oft in das Haus hier herein, und kommt nachher immer wieder heraus.« Der Actuar warf sich ungeduldig herüber und hinüber und sagte endlich mürrisch: »Unsinn — baarer Unsinn — aber hatte er denn irgend etwas in der Hand? — _trug_ er etwas?« »_Trug_? — ja — ja sehn Sie Herr Actuar — das kann ich Sie nicht sagen — das weiß ich nicht — « »Nun Sie werden doch gesehen haben, ob er irgend ein schweres Paket in der Hand hatte oder nicht.« »Ja sehn Sie, das weiß ich Sie wahrhaftig nicht, aber ich glaube es fast,« sagte das Mädchen, »denn ich habe den Herrn Loßenwerder eigentlich noch gar nicht anders gesehn, als daß er irgend ’was getragen hätte; und wenn’s nur ein paar Briefe gewesen wären, oder ein Regenschirm.« »Lieber Herr Actuar, ich glaube Sie sind da auf einer falschen Fährte,« sagte Herr Dollinger jetzt — »man kann einem Menschen allerdings nicht in’s Herz sehen, aber für den Loßenwerder möchte ich fast selber einstehen.« »Mein bester Herr Dollinger,« sagte aber der Actuar kopfschüttelnd, »es ist das mit den Untersuchungen eine wunderliche Sache, und Leute auf die man am allerwenigsten gedacht, von denen man nie das geringste Unrechte vermuthet hatte, kommen da oft in den sonderbarsten Verwickelungen vor und — sind schuldig. Ich selber kenne Loßenwerder als einen ordentlichen braven Menschen, und will zu Gott hoffen, daß unser ganzer Verdacht unbegründet ist; das heimliche Schleichen aus dem Haus aber, und daß ihn Niemand sonst im Haus gesehen hat macht ihn verdächtig. Meine Pflicht ist es wenigstens ihn selbst deshalb zu vernehmen und ich werde jedenfalls noch heute Abend nach ihm schicken müssen — unsere Eisenbahnverbindungen sind jetzt zu schnell, und man darf keiner Menschenseele mehr zwölf Stunden Vorsprung lassen, wenn man nicht oft das leere Nachsehn haben will.« »Passen Sie auf,« sagte Herr Dollinger, »der Loßenwerder wird den Blumenstock zum Geburtstag Clara’s oben hinaufgetragen haben, und zum Dank dafür kommt der arme Teufel jetzt noch in den Verdacht des fatalen Diebstahls.« »Wie aber ist er ohne Nachschlüssel in die verschlossene Thür gekommen,« warf der Actuar ein — »Hm — « sagte Herr Dollinger, »das weiß ich freilich nicht — nun fragen Sie ihn selber, das wird jedenfalls der kürzeste Weg sein.« »Um das Verzeichniß der gestohlenen Gegenstände dürfte ich Sie dann vielleicht nachher noch bitten.« »Meine Tochter wird es gerade jetzt eben schreiben,« sagte Herr Dollinger, »wenn Sie nur noch kurze Zeit warten wollen.« »Dann dürfte ich Sie wohl bitten, es mir gleich in meine Wohnung zu schicken,« meinte der Actuar nach kurzer Ueberlegung, »ich muß vor allen Dingen erst in meine Wohnung und werde dann von da gleich noch einmal in’s Bureau gehen. Wo ist denn der Loßenwerder wohl am leichtesten zu finden?« »Ich habe eben nach seinem Hause geschickt,« sagte Herr Dollinger, »aber dort ist er nicht. Paul, der Bursche, behauptet, er ginge manchmal, aber selten, in eine Bierstube an der Ecke der Rößnitzer und Hertzergasse, aber dort war er auch nicht; es ist übrigens an beiden Orten bestellt, ihn gleich, so wie Jemand seiner ansichtig wird, hierherzuschicken.« »Sehr wohl,« sagte der Actuar, seine Papiere zusammenpackend, und sie dem Gerichtsdiener übergebend; nach kurzer Begrüßung wollte er sich dann eben entfernen, als er noch einmal in der Thür stehen blieb und, sich scharf auf dem Absatz herumdrehend, fragte: »A prospos — _raucht_ Loßenwerder?« »Soviel ich weiß _nicht_,« sagte Herr Dollinger. »Doch ja, manchmal,« sagte Einer der Leute — Sonntags nach Tisch z. B. regelmäßig eine Cigarre.« »Hm, so?« sagte der Actuar und verließ dann rasch das Zimmer und Haus. Er hatte übrigens auch alle Ursache sich zu beeilen, denn daheim wartete ein mit jeder Minute drohender aufsteigendes Unwetter auf ihn, das er mit einer Art von verzweifelten Hoffnung immer noch mit den, dem Gerichtsdiener wieder zu dem Zweck abgenommenen, und geschäftsmäßig unter den Arm geklemmten Streifen Akten abzuleiten gedachte. Jedenfalls mußte ihm der Vorfall im Dollinger’schen Haus, der so viel von seiner Zeit in Anspruch genommen, entschuldigen. Frau Actuar Ledermann aber hatte sich schon den ganzen Nachmittag über, mit immer wachsender Ungeduld, vorgenommen gehabt mit ihrem Gatten gegen Abend einen der vor der Stadt gelegenen Gärten, wo Concert sein sollte, zu besuchen und die Parthie war ihr jetzt — was halfen alle Gründe dagegen — zu Wasser geworden; es verstand sich von selbst daß Actuar Ledermann die Schuld, und deshalb auch die Folgen trug. Frau Actuar Ledermann hatte sich übrigens vor einigen Tagen, wo sie trotz dem nassen Wetter und allen Vorstellungen ihres Mannes spatzieren gegangen war, furchtbar erkältet, und brachte keinen lauten Ton über die Lippen. Das aber, und daß sie ihren gerechtfertigten Ingrimm nicht mit der vollen Kraft ihrer Stimme hinaus_gießen_ konnte über den Gatten, wie sie es — und er auch — gewohnt war, sondern alles das was sie ihm zu sagen hatte — und sie hatte ihm viel zu sagen — heraus_flüstern_ mußte, reizte ihren Zorn nur noch immer mehr. »Aber liebes Kind, ich versichere Dich,« sagte der Actuar in einem vergeblichen Versuch den aufsteigenden Sturm zu beschwichtigen, »daß ich mich über anderthalb Stunden bei dem verwünschten Diebstahl im Dollinger’schen Hause aufgehalten habe und — « »Und ich versichere Dich,« zischte sie, mit einem Gesicht, dem die Anstrengung die es sie kostete die Worte hörbar zu machen, einen noch viel unfreundlicheren, ja sogar boshaften Ausdruck gab — »daß ich Dich vor anderthalb Stunden schon gerade so erwartet habe wie jetzt, und seit drei Stunden vollkommen angezogen dasitze und auf Dich passe.« »Aber Du _bist_ ja gar nicht angezogen, beste Therese.« »Weil ich mich wieder ausgezogen habe,« rief die Frau — »glaubst Du ich soll mir ein Beispiel an einem liederlichen Menschen nehmen, und bei Nacht und Nebel noch draußen herumstreichen, wie Leute die das Licht zu scheuen haben? — Und dann mit meinem Katharr — daß ich mir den Tag über im warmen Sonnenschein ein wenig Bewegung machte, das fällt Dir nicht ein; aber Nachts, wenn der schädliche Thau niederfällt, der für mich gerade Gift wäre, da möchtest Du mich jetzt wohl noch hinausschleppen nicht wahr? damit ich nur recht schnell unter die Erde käme — o ich armes unglückseliges Weib — « »Aber Therese Du bist unbillig, ich habe Dir doch angeboten heute Nachmittag mit mir nach dem rothen Drachen hinauszugehn — « »Weil Du wußtest daß das nichtsnutzige Geschöpf von einer Wäscherin mir mein Kleid nicht vor vier Uhr bringen würde,« zischte die Frau. »Aber Du hast ja noch andere — « »Am Sonntag zum Skandal der andern Menschen mit einer solchen _Fahne_ zu einem anständigen Vergnügungsort hinausziehn, nicht wahr? — _Dir_ läge natürlich Nichts daran was die Leute über Deine Frau sagten; aber Du bist auch an anderen Orten lieber wie zu Hause, und statt Deiner Frau einmal ein paar Stunden Gesellschaft zu leisten, und nachher mit ihr zusammen auszugehen, mußt Du natürlich g’rad in’s Wirthshaus laufen, und ein Bischen vor Mitternacht dann wieder zu Hause kommen.« »Liebes Kind, es ist halb neun Uhr jetzt« — sagte der Actuar ruhig, »dann aber Therese,« fuhr er nach kleinem Zögern, mit einer fast gewaltsamen Anstrengung etwas herauszubringen, das er auf dem Herzen hatte, fort — »bist Du theilweise mit selbst Schuld daran, _daß_ ich mir eben außer dem Hause mein Vergnügen suchen _muß_.« »Ich?« wollte die Frau erstaunt rufen, der etwas zu hoch eingesetzte Ton blieb aber total aus, und Ledermann sah nur, mit der entsprechenden Gesticulation, das zum Höchsten erstaunte Gesicht der Gattin. Dadurch aber vielleicht, und durch die ungewöhnliche, freilich erzwungene Stille, etwas muthiger gemacht, fuhr er entschlossen fort: »Ja liebes Kind, Du; denn anstatt Deinem Mann, wenn er von seinen Berufsgeschäften ermüdet zu Hause kommt den Aufenthalt daheim zu einem freundlichen zu machen, in dem er gerne bleibt, läßt Dich Dein unglückseliges, heftiges Temperament nicht ruhen noch rasten, sondern Du mußt irgend eine Gelegenheit vom Zaune brechen mit mir zu zanken. Gebricht es Dir aber vollkommen an Stoff, was jedoch nur in höchst seltenen Fällen zu sein scheint, so bist Du mürrisch und verschlossen, machst ihm ein finsteres, verdrießliches Gesicht, und sprichst kein Wort.« Sprachlos nur vor Zorn und Staunen über die unerhörte, bodenlose Frechheit, hatte die Frau indessen dem heute so redseligen Gatten (der aber nicht dabei zu ihr aufzuschauen wagte, sondern bald die rechte, bald die linke Ecke der Stube mit den Augen suchte) angesehn. Es war eine allerdings noch jugendliche schlanke, aber eher magere als volle Gestalt, die Frau Actuar Ledermann, mit etwas vorstehenden, wenigstens stark markirten Backenknochen und durchdringend scharfen, wenn auch kleinen lichtgrauen Augen, die Lippen schmal und um den Mund in vielen kleinen Fältchen, zusammengezogen, das Kinn jedoch etwas zurückstehend, was ihr ein besonderes, und nicht eben angenehmes Profil gab. Auch in ihrem Anzug ließ sie sich zuviel gehn; der Zauber reinlicher Kleidung fehlte ihr, der selbst der ärmlichsten Tracht etwas Nettes, Freundliches giebt; die Krause die das oben am Hals dicht anschließende Kleid einfaßte, war schon mehrere Tage getragen und verdrückt, ebenso zeigten die Manschetten Spuren längeren Dienstes, und die Haube saß ihr verschoben und zu viel zurückgedrängt auf dem, nicht überreich mit Haaren bedeckten Scheitel. Frau Actuar Ledermann war nicht hübsch, und der Affect der ihre Züge in diesem Augenblick mehr entstellte als belebte, nahm ihnen leider auch die letzte Spur sanfter Weiblichkeit, die sonst doch wohl noch hie und da darin verborgen lag. Der bis jetzt mehr durch Erstaunen als Mäßigung niedergekämpfte Zorn gewann aber auch endlich die Oberhand, und während die Anstrengung, sich bei ihrer Heiserkeit gehört zu machen, ihr Antlitz fast dunkel färbte, keuchte sie, die Arme in die Seite gestemmt, den Oberkörper gegen den überrascht einen Schritt zurückweichenden Gatten vorgebeugt: »Spreche kein Wort, _heh_? sagt der Herr? — prahlt da, »wenn er von Berufsgeschäften nach Hause kommt« — spreche kein Wort? — sitzt in der Kneipe den ganzen gesegneten Nachmittag — im rothen Drachen und das nennt er Berufsgeschäfte; vertrinkt das Geld das wir hier zum nothwendigsten Leben brauchten, und wirft mir jetzt meine Heiserkeit vor, die mir der Himmel geschickt hat, oder mein böses Glück, dem ich auch einen solchen Mann verdanke — daß ich kein Wort spreche und verdrießlich bin. Ich soll wohl _tanzen_? eh? — wenn mir das Herz zum Zerspringen voll ist vor Jammer und Elend daheim, und wenn ich den ganzen Tag da sitze, und brüte und denke wie wir auskommen wollen mit den paar Groschen, die zum Sterben und Verhungern zu viel, zum Leben aber zu wenig sind. Dann soll ich nachher, wenn der gestrenge Herr sein Gesicht zeigt, lachen und vergnügt und lustig sein, nur damit der Haustyrann sich nicht unbehaglich fühlt in _seinen_ vier Wänden.« Heftiger Husten unterbrach hier die Zornesrede der Frau, der die übermäßig angestrengte Luftröhre den Dienst versagte, und der Actuar Ledermann nahm still und schweigend, den Moment benutzend, ein Licht von dem kleinen Seitenschrank, zündete es an der Lampe an, und verließ kopfschüttelnd und seufzend das Gemach, sich auf sein eigenes kleines Stübchen zurückzuziehn. Capitel 4. FRANZ LOSSENWERDER. In Heilingen, in der Glockenstraße, stand ein vortreffliches Weinhaus, in dem die wohlhabenderen Bürger Abends gewöhnlich zusammenkamen und ihr Fläschchen, aus denen auch oft zwei und drei wurden, tranken. Das Lokal war ziemlich gemütlich, und dem Zweck entsprechend, in eine Menge kleiner Zimmerchen abgetheilt, die theils durch wirkliche Thüren und Verschläge, theils durch Vorhänge von einander getrennt lagen, einzelnen Gesellschaften zu gestatten eben einzeln zu bleiben, und ihr Glas, ungestört von dem Nachbar, zu trinken. Das Haus hieß »der Pechkranz« nach einer alten Sage, die der Wirth sehr gern mit der Heilinger Chronik belegte, und die noch in dem dreißigjährigen Kriege spielte; ein, über der Eingangsthür in neuerer Zeit erst aus Stein gehauener Bachus, hielt auch in der einen Hand einen Tyrsusstab, und in der anderen einen Pechkranz, in höchst wunderlicher Weise Sage und Geschäft mit einander vereinigend. Die Allegorie war aber gar nicht so übel angebracht, und hätte sich auch schon ohne Tilly recht leidlich und genügend erklären lassen, denn Bachus hatte hier schon in der That in manchen Kopf seinen Pechkranz hineingeworfen, daß es lichterloh zum Dache hinausbrannte, ohne weiter eben größeren Schaden anzurichten, als der alte Pechkranz in damaliger Zeit angerichtet haben sollte. Der Wirth war übrigens nicht in Heilingen geboren und erzogen, sondern ein Rheinländer, der sich hier erst vor einigen Jahren niedergelassen, und durch gute Getränke auch bald gute und schlechte Kunden genug bekommen hatte. Seine Preise waren allerdings ein wenig theuer, »aber,« sagten die Heilinger, »wer einmal Wein trinkt, dem darf es auch nicht auf einen Groschen dabei ankommen, wenn er nur ächt und rein ist,« und Wirth und Gäste befanden sich wohl dabei. Es war am Abend des nämlichen Tages, an welchem ich meine Erzählung begann, als die Gäste, die den Tag über meist auf Spaziergängen im Freien gewesen waren, anfingen einzutreffen, und die Kellner geschäftig herüber und hinüber sprangen, Wein und Speisen den Hungrigen und Durstigen zu bringen. Die kleinen Räumlichkeiten füllten sich nach und nach, und selbst in dem großen Mittelsaal, der ungefähr das Centrum des Ganzen bildete, hatten sich schon hie und da einzelne Gruppen gebildet, oder auch einzelne Gäste saßen in irgend einer Ecke, ihre Flasche Wein vor sich, und auf eigene Hand, in ungeselliger Gemüthlosigkeit, langsam Glas nach Glas zu leeren. Es ist das aber nicht die rechte Art; zu einer schönen Landschaft und einer guten Flasche Wein gehören mindestens zwei Personen, um Beides recht und ordentlich zu genießen, die eine sich _darüber_, die andere sich _dabei_ auszusprechen; wenn man allein ist, geht mehr als der halbe Genuß von Beiden verloren. Es giebt allerdings Menschen, die sich zufriedener fühlen wenn sie Alles allein genießen können, aber denen geh’ aus dem Weg; es sind Hypochonder oder Schlimmere, und der einzige Dank, den Du ihnen schuldig bist ist dafür, daß sie sich eben auch von Dir zurückziehn. Nur wer Niemanden hat an den er sich anschließen darf, wer allein und freundlos in der Welt dasteht und das Leid das ihn drückt, allein tragen, die wenigen frohen Momente seines Lebens allein genießen muß, den bedauere und hilf ihm, wenn Du kannst, denn er ist der Unglücklichste von Allen. Es mochte neun Uhr Abends sein, als ein Bekannter von uns, der Kürschnermeister Kellmann, die Weinstube betrat und, sich überall umschauend, ob er nicht irgend einen Freund träfe zu dem er sich setzen könnte, in einer der Ecken eine bekannte Gestalt entdeckte. Aber er sah erst ein paar Secunden wirklich aufmerksam dorthin, ehe er seinen Augen traute, und sagte dann, auf Jenen losgehend und neben dem Tisch stehen bleibend: »Hallo, _Loßenwerder_? Ihr hier im Pechkranz? na da möchte man doch, wie die Schwaben sagen, den Ofen einschlagen. Alle Wetter Mann und vor einer Flasche Rüdesheimer; nun das laß ich gelten und es freut mich wahrhaftig, daß Ihr endlich einmal aufthaut und unter Menschen kommt. Aber was ist denn heute los bei Euch? denn einen ganz besonderen Grund muß doch die Festlichkeit haben.« »Ha — ha — ha — hat sie auch He — he — he — he — herr Ke — ke — ke — kellmann,« sagte der kleine Mann verlegen lächelnd und sich etwas schüchtern dabei umschauend, denn es schien ihm nicht angenehm, die Aufmerksamkeit der übrigen Gäste so direkt auf sich gelenkt zu sehn. »Jetzt kann ich aber auch den Leuten widersprechen,« sagte Kellmann, seinen Hut und Stock an einen der nächsten Haken hängend und sich neben ihn setzend, »wenn sie behaupten Ihr tränkt nur Wasser, und Sonntags höchstens einmal ein Glas Dünnbier — ich kriege Leibschneiden, wenn ich nur an das Zeug denke — und sonst lebtet, als ob Ihr die Woche mit einem halben Thaler auskommen müßtet. Alle Wetter Mann, das ist recht, daß Ihr Euch auch manchmal ein Glas Rheinwein gönnt; das hält Leib und Seele zusammen, und stärkt die Nerven und Muskeln mehr wie Rindfleisch. Würde mir schwer ankommen, wenn ich unseren vaterländischen Wein entbehren müßte,« setzte er mit einem halbunterdrückten Seufzer hinzu. »Ha — ha — ha — haben Sie a — a — a — auch wohl ni — ni — nicht nö — nö — nö — nö — nö — nöthig, be — be — be — bester He — he — he — he — he — he.« »Ih nun wer weiß was Einem noch Alles bevorsteht,« unterbrach ihn Kellmann — »hier Kellner — mir auch eine Flasche von dem Rüdesheimer; der Duft hat mir Appetit gemacht.« »Hallo Loßenwerder bei einer Flasche Rüdesheimer,« rief aber jetzt noch eine andere Stimme aus dem nächsten Stübchen, wo ein paar junge Kaufleute bei ihrem Glase zusammensaßen — »da müssen wir auch dabei sein; Loßenwerder hat vielleicht heute seinen splendiden Tag und traktirt — haben Sie was in der Lotterie gewonnen?« Die jungen Leute, die Kellmann und Loßenwerder begrüßten, kamen mit ihrer Flasche heraus, und setzten sich an denselben Tisch, mit dem immer verlegener werdenden kleinen Mann anstoßend und trinkend. Denen gesellten sich aber noch bald darauf Andre zu; Loßenwerder war in der ganzen Stadt bekannt und oft auch, seiner körperlichen Mängel wegen, zum Besten gehalten. Vertheidigen konnte er sich aber schon seines Stotterns wegen nicht, was den Gegnern gleich nur noch mehr Anlaß und Stoff gegeben hätte; so wurde denn diese freilich gezwungene Zurückhaltung endlich für Gutmütigkeit ausgelegt, mit der er sich Scherz und Stichelrede ruhig gefallen ließ, und was die schärfste Erwiderung nicht vermocht, erreichte er unfreiwillig dadurch, daß man es endlich müde wurde, den sich nicht Verteidigenden zum Besten zu haben, und ihn eben zufrieden ließ. Aber in des Verwachsenen Betragen änderte das Nichts; abgestoßen und verhöhnt — in nur sehr wenigen Ausnahmen — von Allen, mit denen er in Berührung kam, zog er sich mehr und mehr in sich selbst zurück, ging, außer den nöthigen Geschäftswegen und außer der Geschäftszeit, fast nirgends hin, und lebte so einfach, ja fast dürftig, wie nur ein Mensch leben kann, der eben _nur_ Geld ausgiebt, um zu existiren. In einem Weinkeller hatte ihn aber noch Niemand gesehn, und die Gäste dort, die überdies keinen weiteren Zweck da hatten als sich zu amüsiren, glaubten das einmal einen Abend mit dem kleinen »Stotterberg«, wie er spottweis, seines Stotterns und Höckers wegen genannt wurde, am Besten thun zu können. Im Anfang wollte sich Loßenwerder aber auf Nichts einlassen, ja machte sogar zwei oder drei, wenn gleich vergebliche Versuche, sich zu entfernen, denn von allen Seiten wurde er gehalten, und Jeder wollte und mußte mit ihm trinken. Nach und nach aber fing er an aufzuthauen; der ungewohnte kräftige Wein mochte ihm das Blut leichter und rascher durch die Adern jagen. Nun sollte er erzählen, aber das ging nicht, sein Stottern wurde, mit der schwereren Zunge, kaum verständlich, bis Einer, im Spott eben, auf den Gedanken kam, ihn zum Singen aufzufordern. Loßenwerder weigerte sich erst ganz verschämt; das aber kam den Anderen zu komisch vor, und mit Lachen und Toben, während ein paar schon Champagner bestellten, den Genuß würdig zu feiern, räusperte sich Loßenwerder plötzlich und stieg, von dem Wein erregt, und jetzt unter dem lauten Jubel der ihn umdrängenden Gäste, auf einen Stuhl. [Capitel 4] Was aber, wie sich die Uebrigen gedacht, Spott und Scherz hatte werden sollen, das erstarb in athemlosem Schweigen, nur von leisen Ausrufungen des Staunens und der Bewunderung unterbrochen, als der kleine verkrüppelte Mensch, mit einer hellen, glockenreinen Stimme, und Tönen, die zum innersten Herzen drangen, erst noch scheu, dann aber immer zuversichtlicher werdend, und wie von dem Inhalt des Liedes mit fortgerissen, dieses also begann: »Ich habe schon zu oft geschaut In Deiner Augen Glanz, Du Holde, Auf meine Kraft zu fest vertraut, Viel mehr, als ich vertrauen sollte. Doch nein, für Dich Geliebte sind Des Lebens schönste, reinste Blüthen, Von keinem Schmerz getrübt, bestimmt, Und was könnt’ ich dafür Dir bieten? Nichts — gar Nichts, als ein treues Herz; Doch nimmer sollst Du es erfahren — Ich kann, wie früher, meinen Schmerz In tiefer, innerer Brust bewahren. Sei glücklich! — wenn auch ohne mich, Ich will Dich lieben, aber schweigen Und mein Gebet nur soll für Dich Empor, zum Thron des Höchsten steigen. Wenn dann mein Herz im Grabe liegt, Und austräumt seine stillen Leiden, Dann soll der Geist zum Himmel nicht Entfliehn, und zu der Seel’gen Freuden. — Ein schön’res Loos werd’ ihm zu Theil, Umschwebend Dich in trüben Tagen, Soll er, zu Deinem Schutz und Heil, Selbst seiner Seligkeit entsagen.« Loßenwerder war ganz gerührt geworden beim Schluß des Liedes, und die Thränen standen ihm in den Augen; während sein wirklich häßliches Gesicht durch den Schmerz aber eher einen komischen als ernsten Ausdruck bekam, jubelte die Schaar jetzt um ihn her, die wirklich erst wieder Athem und Laut gewann, als der wundersame Zauber dieser Stimme von ihnen genommen war. »Bravo — bravo Loßenwerder — bravo dacapo! Donnerwetter Mann, Ihr habt ja eine Stimme wie eine Nachtigall, und stottert nicht die Probe dabei — wie am Schnürchen geht das!« »Es ist erstaunlich!« rief Kellmann, vor lauter Verwunderung über das eben Gehörte wirklich fast sprachlos. »Nun aber auch trinken — hier Loßenwerder — hier,« riefen sie, ihm das Glas bis zum Rand mit dem schäumenden Trank füllend, »und dann noch ein Lied; bei Gott, das zuckt und prickelt Einem ordentlich durch die Adern, und klingt wie Glockenton so rein und voll; Loßenwerder wo habt Ihr das Singen gelernt?« »Vo — vo — vo — vo — vo — von mi — mi — mir se — se — se — se — selb — bber,« stotterte der kleine Mann, kaum im Stande jetzt mit immer schwerer werdender Zunge nur die paar Worte vorzubringen, während ihm im Gesang die Strophen wie der Lerche das schmetternde Lied; aus der Kehle wirbelten. »Und da hat bis jetzt noch gar kein Mensch etwas davon erfahren,« rief Kellmann wieder — »behält die liebe Gottesgabe da ebenfalls für sich allein, k