The Project Gutenberg EBook of Phantasten, by Erich von Mendelssohn This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at www.gutenberg.org Title: Phantasten Author: Erich von Mendelssohn Release Date: June 19, 2006 [EBook #18620] Language: German Character set encoding: UTF-8 *** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK PHANTASTEN *** Produced by Markus Brenner and the Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net ERICH VON MENDELSSOHN PHANTASTEN ROMAN BERLIN 1912 VERLEGT BEI OESTERHELD & CO. Copyright 1912 by Oesterheld & Co. Berlin W. 15 GESCHRIEBEN IM SOMMER 1911 ALEXANDRA JEGOROWNA zugeeignet Vor neun Tagen hatte der Lloyddampfer »Prinzessin Irene« Sidney verlassen, und deshalb übte der Anblick des grenzenlosen Wassers keinen Reiz mehr auf die Passagiere aus. Am wenigsten an einem Tage wie heute, wo ein feiner Staubregen durch alle Kleider drang und einen frösteln machte. Für solche Tage hatte man ja in den Salons alle die Annehmlichkeiten, die ein moderner Luxusdampfer bietet. Als Paul Seebeck auf das Deck hinaus trat, schlug er den Kragen seines langen, englischen Überziehers hoch und schaute sich um. Ein Augenblick genügte ihm, um festzustellen, daß er ganz allein war. Wohl hatte ihm der Kapitän ein für allemal die Erlaubnis gegeben, so oft es ihm gefiele zu ihm auf die Kommandobrücke zu kommen – denn Seebeck störte nie, am wenigsten durch unnötige Fragen, seine Anwesenheit verkürzte dagegen die lange Wacht – doch Paul Seebeck scheute sich, die anderen Passagiere auf seine bevorzugte Stellung aufmerksam zu machen, um dem Kapitän keine Unannehmlichkeiten zu bereiten. Jetzt stand der große, starke, doch etwas fette Mann neben dem kleinen Kapitän auf der Kommandobrücke. »Schade, daß das Wetter heute so trübe ist«, sagte der Kapitän, »sonst könnten wir dort im Nordosten die Santa-Cruz-Inseln sehen.« Er rollte die Seekarte auf und wies mit dem zusammengeklappten Zirkel auf den Punkt, wo das Schiff sich im Augenblicke befand. »Aber ich glaube, daß es bald etwas aufhellen wird.« Paul Seebeck nahm ein Fernglas, sah erst nach Nordosten und folgte dann weiter dem Horizonte. Der Kapitän fuhr fort: »Morgen kommen wir sozusagen aus den englischen Gewässern heraus und in deutsche hinein.« Paul Seebeck ließ das Glas sinken: »Deutsche Gewässer, Herr Kapitän?« »Nun ja, die des Bismarckarchipels.« Paul Seebeck hob wieder das Glas und schaute unverwandt nach Norden, dann reichte er es dem Kapitän und sah auf den Himmel: »Sie haben natürlich wieder Recht, es wird wirklich heller. Aber gerade dort vor uns liegen dicke Wolken. Sehen Sie mal hin.« Der Kapitän sah erst durch das Glas in der angegebenen Richtung, dann mit bloßen Augen und dann wieder durch das Glas. Schließlich sagte er kopfschüttelnd: »Merkwürdig.« »Befürchten Sie ein Gewitter, Herr Kapitän?« fragte Paul Seebeck gleichmütig. »Ich weiß gar nicht, was ich aus dem Ding machen soll. Nein, eine Gewitterwolke ist es nicht.« Jetzt wandte sich der Matrose, der das Steuerrad bediente, grinzend herum und sagte breit: »Herr Kapitän, die ist ja von einem Vulkane!« Der Kapitän war so interessiert, daß er gar nicht daran dachte, den Matrosen zurechtzuweisen. Er rollte die Seekarte wieder auf, bestimmte die augenblickliche Lage des Schiffes ganz genau, prüfte den Kompaß und sagte dann: »Unmöglich, dort liegt kein Land.« Eine halbe Stunde verging, und alle schwiegen; der Kapitän und Paul Seebeck schauten aber abwechselnd durch das Fernglas auf die schwere, dunkelgraue Wolke. Endlich sagte Paul Seebeck: »Das ist und bleibt ein Vulkan mit der berühmten, pinienartigen Rauchsäule, und wenn er nicht auf der Karte steht, ist es ein Fehler der Karte, und nicht des Vulkans.« Der Kapitän schüttelte ungläubig den Kopf: »Es kann nur eine sonderbar geformte Wolke sein; es ist ganz undenkbar, hier mitten auf einer so befahrenen Route eine neue Insel zu entdecken.« »Aber wenn es eine neu entstandene wäre, Herr Kapitän?« warf Paul Seebeck ein. »Denken Sie doch an die große Flutwelle vor zwei Monaten, die die ganze nördliche und östliche Küste Australiens überschwemmt hat.« »Donnerwetter!« rief der Kapitän. »Das wäre ja –« Er wollte das Glas heben, aber jetzt kam von der Seite her ein feiner, durchdringender Staubregen, der in wenigen Augenblicken die Aussicht verschleierte. Die Herren hüllten sich fester in ihre Mäntel. Der Regen wurde stärker und stärker, und außerdem brach schnell die Nacht herein. »Kommen Sie in meine Kabine«, sagte endlich der Kapitän. »Ich möchte die Sache gern mit dem Ersten Offizier besprechen, und außerdem wird uns jetzt ein warmer Punsch ganz gesund sein.« »Danke, gern.« Wie der Kapitän dem Ersten Offizier die Möglichkeit andeutete, in der Nähe einer neu entstandenen Insel zu sein, eilte dieser sofort auf die Kommandobrücke, um selbst Umschau zu halten, kehrte aber bald enttäuscht zurück, da er des Dunkels und des Regens wegen nichts hatte wahrnehmen können. Als die drei Herren in der Kajüte bei einem Glase Punsch zusammensaßen und der Kapitän mit dem Ersten Offizier alle Eventualitäten und die vorzunehmenden Maßnahmen besprach, zog sich Paul Seebeck in eine Ecke zurück und schwieg, wobei er doch aufmerksam dem Gespräch lauschte, das immer mehr an Fluß verlor und zuletzt ganz aufhörte. Schließlich saßen die Drei schweigend da, und jeder hing seinen Gedanken nach. Endlich sah der Kapitän nach der Uhr: »Meine Herren, jetzt sind wir schon drei Stunden hier unten. Wie wäre es, wenn wir wieder hinaufgingen und nach unserer Wolkeninsel sähen?« Paul Seebeck lachte laut auf: »Bravo, Herr Kapitän. Vielleicht hat sie sich schon längst aufgelöst, während wir sie hier in aller Ruhe erobern.« Als sie auf Deck hinaustraten, sahen sie, daß Nebel und Regen völlig verschwunden waren, und daß klar der Mond schien. Passagiere gingen plaudernd und rauchend auf und ab, oder saßen, in Plaids gehüllt, auf Feldstühlen. Paul Seebeck hatte aber seine gewohnte Zurückhaltung völlig aufgegeben und folgte zusammen mit dem Ersten Offizier dem Kapitän auf die Kommandobrücke. Jetzt war kein Zweifel mehr möglich: vor ihnen lag, steil dem Meere entsteigend, ein Vulkan, über dessen kegelförmiger Spitze – aber ohne diese zu berühren – eine ungeheure, blauschwarze Wolke schwebte. Durch das Fernglas sah man in einigen Rissen am Krater die Lava glühend herabsinken. Als Erster brach Paul Seebeck das Schweigen: »Wie weit, Herr Kapitän –?« fragte er. Der Kapitän drehte sich schnell herum und betrachtete Paul Seebeck ganz fremd, als ob er seine Gedanken erst sammeln müßte. Dann schaute er wieder auf den Vulkan und sagte: »Sechzig Seemeilen schätze ich.« »Dann sind wir also in vier Stunden dort?« »Ja, wenn die Lotungen uns nicht zu lange aufhalten.« »Ach, Sie glauben, daß sich der ganze Meeresboden gehoben hat?« »Ich muß wenigstens mit der Möglichkeit rechnen.« Der Erste Offizier hatte inzwischen unausgesetzt den Vulkan durch das Nachtglas angesehen. Jetzt sagte er: »Herr Kapitän, der Vulkan liegt auf einem ziemlich breiten Hochlande. Wir scheinen eine Insel von ganz achtbarer Größe da vor uns zu haben.« Paul Seebeck senkte den Kopf und sah vor sich hin. Dann ging gleichsam ein Ruck durch ihn; er strammte sich auf, sah dem Kapitän fest in die Augen und sagte langsam: »Herr Kapitän, jetzt ist es zehn Uhr; Sie sagten selbst, daß wir vor vier Stunden nicht dort sein können, also nicht vor zwei Uhr nachts. Um Zwölf wird aber alles elektrische Licht ausgelöscht, so daß dann kein Passagier mehr auf sein kann. Sie, der Herr Erste Offizier und ich sind die Einzigen, die wissen, daß wir dort eine neu entstandene Insel vor uns haben. Die anderen haben nichts gesehen, oder wenn sie die Insel gesehen haben, ist sie ihnen nicht weiter aufgefallen. Wollen Sie mich um zwei Uhr an Land setzen und Schweigen bewahren?« Der Kapitän sah ihn überrascht an: »Herr Seebeck – überlegen Sie sich’s – eine neuentstandene, vulkanische Insel! Heißer Boden! Ich habe doch die Verantwortung, auch für Sie. Und dann – in das Schiffsbuch muß ich die Sache doch eintragen.« Paul Seebeck preßte die Lippen zusammen: »Gewiß, gewiß –« Nach kurzem Schweigen fuhr er auf. »Herr Kapitän, ich habe nichts Unrechtes vor. Ich will die Insel für das Deutsche Reich in Besitz nehmen. Machen Sie Ihre Eintragungen in das Schiffsbuch, es wird sie ja niemand anders als die Rhederei sehen. Wollen Sie Beide mir aber versprechen, das heißt, können Sie mir versprechen, absolutes Schweigen zu bewahren, Sie und die Herren in Bremen, die das Schiffsbuch eventuell lesen? Absolutes Schweigen nur drei Tage lang zu bewahren? Wenn im Laufe dieser drei Tage nicht telegraphisch eine Bitte vom Reichskolonialamt eingelaufen ist, länger zu schweigen, sind Sie völlig frei.« Der Kapitän sah Paul Seebeck an. »Einem andern würde ich ein solches Versprechen nicht geben, das mir meine Stellung kosten kann. Ihnen gebe ich es.« »Ich danke Ihnen, Herr Kapitän, Sie werden es nicht zu bereuen haben.« »Auch ich gebe Ihnen das Versprechen«, fügte der Erste Offizier hinzu. Paul Seebeck senkte dankend den Kopf. Nach einer Weile wandte sich der Kapitän wieder Paul Seebeck zu: »Verstehe ich Sie recht, wollen Sie sofort von Bremen nach Berlin fahren?« Paul Seebeck schaute auf: »Nein, ich bleibe dort und gebe Ihnen einen Brief an einen Freund mit, der alles für mich ordnen wird.« Der Kapitän schüttelte den Kopf: »Ich kann Sie nicht an Land setzen lassen, Herr Seebeck. Die Verantwortung übernehme ich nicht.« »Ich werde in meinem eigenen Motorboot hinüberfahren.« »Ich werde Sie leider daran verhindern müssen.« »Herr Kapitän! Glauben Sie das verantworten zu können?« Der Kapitän stutzte einen Augenblick. Dann schlug er Seebeck lachend auf die Schulter und sagte: »Ich kann Sie ja nicht mit Gewalt festhalten, dazu wissen Sie zu genau, was Sie wollen. Aber erklären Sie mir doch, wie Sie sich alles denken.« Wieder sah Paul Seebeck dem Kapitän fest ins Gesicht und sagte ganz langsam: »Ich habe mein Motorboot, mein Zelt und Konserven für zwei Monate. Ich werde Sie bitten, mir drei gewöhnliche Feuerwerksraketen zu geben. Sie haben sie ja an Bord zur Unterhaltung Ihres Publikums. Wir machen das Motorboot mit allem Inhalt klar, so daß wir es in einigen Minuten ins Wasser setzen können. Wir kommen ja dicht an der Insel vorbei. Sobald wir vom Schiffe aus einen Landungsplatz sehen, setzen Sie mich ins Wasser. Sie sind dann so liebenswürdig, mit halber Kraft weiterzufahren. Komme ich glücklich ans Land, lasse ich alle drei Raketen aufsteigen, und Sie dampfen ruhig weiter. Ich verspreche Ihnen, es erst dann zu tun, wenn ich heil und gesund am Lande bin. Lasse ich nur zwei Raketen steigen, bedeutet das, daß ich nicht landen kann und Sie auf mich warten müssen. Eine Rakete allein heißt, daß ich in Gefahr bin, und Sie mir ein Boot zu Hilfe schicken müssen. Einverstanden?« »Ja, unter der Bedingung, daß Sie sich vom Schiff noch so viele Konserven mitnehmen, daß Sie für ein halbes Jahr versorgt sind. Nach drei Monaten bin ich zwar wieder hier –« »Und mein Freund, Jakob Silberland, ist dann mit Ihnen.« »Der Herr, der zum Kolonialamt gehen soll?« »Derselbe. Ich danke Ihnen, Herr Kapitän.« »Sie haben mir nichts zu danken. Ich bitte Sie nur, in meine Kabine zu gehen und sich alles noch einmal in Ruhe zu überlegen. Dort können Sie auch Ihren Brief schreiben. Lassen Sie sich auch Ihr Abendessen dorthin bringen, damit Sie ganz ungestört sind. In einer Stunde komme ich zu Ihnen hinunter, und wir können dann alles bis ins Kleinste besprechen.« Paul Seebeck verließ mit einer leichten Verbeugung die Kommandobrücke. – – – Drei Stunden nach Mitternacht lag der Dampfer eine Seemeile vor dem steil abfallenden, zerrissenen Ufer entfernt, das vom Mondlichte schwarz und groß auf das Wasser gezeichnet wurde. Leise Kommandorufe ertönen – ein Krahn dreht sich, und unter Kettengerassel sinkt ein Motorboot auf die kaum gekräuselte Wasserfläche. Halblaute Abschiedsrufe, ein Winken und Grüßen, der Motor wird eingestellt, und das Boot saust davon. Langsam und schwer brodelt es unter der Schraube des Dampfers, und jetzt setzt sich der Koloß in Bewegung. Der Kapitän steht auf der Kommandobrücke und verfolgt mit dem Nachtglase das Motorboot. Jetzt verschwindet es hinter einer Klippe, taucht dann tief in den Mondschatten, biegt um einen Felsen und ist fort. Eine Viertelstunde später steigen drei Raketen fast gleichzeitig in die Luft. Aufatmend stellt der Kapitän den Telegraphen auf »Volldampf«. Als Dr. phil. et jur. Jakob Silberland unter dem Schutze seines übermäßig großen Schirmes dem Café Stephanie zueilte, gab es nicht Wenige, die trotz des strömenden Regens stehen blieben und ihm wohlwollend lächelnd nachblickten. Das war auch nicht wunderlich, denn Jakob Silberland bildete eine sonderbare Figur. Auf kurzen Beinchen saß ein dicker Leib mit viel zu langen Armen, und im Gesichte bildeten die heiteren, offenen Augen einen seltsamen Gegensatz zu der scharfgekrümmten Nase und der hohen, ausdrucksvollen Stirn, über die das blauschwarze Haar in einigen glänzenden, langen Strähnen fiel. Sobald Jakob Silberland das Café betreten hatte, holte er sich vom Ständer sechs oder acht Zeitungen und legte sie auf einen Tisch am Fenster. Dann erst hängte er Schirm und Hut an einen Haken, wobei er doch ständig seine Zeitungen im Auge behielt. Als er seinen Mantel auszog, wobei ein abgetragener und etwas fleckiger Gehrock sichtbar wurde, eilte der Kellner hilfsbereit herbei und sagte: »Guten Tag, Herr Doktor. Heute früh war der Briefträger mit einem eingeschriebenen Brief für den Herrn Doktor da. Ich sagte ihm, er solle am Nachmittage wiederkommen, dann wäre der Herr Doktor bestimmt hier.« Dr. Silberland sagte nur: »Danke« und eilte auf seinen kurzen Beinchen zu seinen Zeitungen, in denen eben ein anderer Gast zu blättern begann. Als er sich richtig zurechtgesetzt und seine Zeitungen sortiert hatte, bestellte er einen Kaffee und begann, die Brust an den Tischrand gedrückt, eifrig zu lesen. Gerade als er die Kreuzzeitung mit gerunzelter Stirn fortlegte und aufatmend nach dem »Vorwärts« griff, erschien, vom Kellner geführt, der Briefträger an seinem Tische und übergab ihm einen eingeschriebenen Brief. Silberland erkannte sofort die Handschrift seines Freundes Paul Seebeck, schob mit einer energischen Armbewegung die Zeitungen zur Seite, quittierte, gab dem Briefträger zwanzig Pfennige und öffnete den Brief. Hierbei fiel ein zusammengefaltetes Checkformular heraus, das Silberland sofort in seine Brieftasche steckte. Der Brief lautete: »An Bord des Lloyddampfers »Prinzessin Irene«. Lieber Jakob! Von dem wenig befriedigenden Ausfall meiner australischen Expedition wirst du durch die Zeitungen erfahren haben. Übrigens war der Verlauf viel kläglicher, als die Zeitungsberichte erkennen ließen. Ich freue mich aber jetzt, daß ich so mißgestimmt und so unzufrieden mit mir selbst die Rückreise antrat, denn dadurch hatte ich gerade die richtige Disposition zu neuen Dingen, die ernsthafter sind. Paß mal auf: wir haben eine neuentstandene, vulkanische Insel entdeckt, und zwar bin ich der erste, der sie sah. Ich bin dort geblieben und habe sie für das Deutsche Reich in Besitz genommen. Die Sache ist Geheimnis, nur der Kapitän und der Erste Offizier von der »Prinzessin Irene« wissen davon, und die schweigen. Wo die Insel liegt, usw., kannst du von diesen beiden Herren erfahren. Bitte geh sofort nach Berlin, zum Reichskolonialamt, und laß mir eine unbeschränkte Vollmacht als Reichskommissar ausstellen, so daß ich bis auf weiteres mit der Insel machen kann, was ich will. Die Leute sollen aber schweigen, bis erst feststeht, ob die Insel bewohnbar ist oder nicht. Sonst ist die Blamage nachher zu groß. Du gibst natürlich sofort deine alberne Stellung bei den »Neuesten« auf und kommst mit der »Prinzessin Irene« hierher. Ein Scheck auf zehntausend Mark liegt bei: bezahl alle deine Schulden, daß du vollständig unabhängig bist. Mach sonst aber nicht zu viele Ausgaben, denn ich werde hier mein Geld wohl sehr nötig brauchen. Eine Tropenausrüstung mußt du aber haben. Du verstehst, was ich will: ich denke an unsere Gespräche über den absolut korrekten Staat, der durch keinerlei Traditionen und Rücksichten gehemmt ist. Wir haben ja oft darüber debattiert, wie ein solcher moderner Staat auszugestalten sei – hier können wir ihn gründen, wenn auch nur in einem kleinen Maßstabe. Alle Einzelheiten überlasse ich dir, nur besorge mir die Vollmacht und komm her. Setz dich aber auch mit dem Kapitän in Verbindung. Der Mann ist praktisch und wird dich über Einzelheiten informieren. Entschuldige die Kürze. Ich kann dir aber in dieser Eile nicht alle meine Gedanken auseinandersetzen; es ist wohl auch unnötig, eigentlich ergibt sich ja alles von selbst. Überlege dir aber jeden Schritt, den du tust. Gruß dein Paul S.« Als Jakob Silberland diesen Brief zu Ende gelesen hatte, fuhr er sich mehrmals mit der Hand durch das lange, schwarze Haar. Dann rührte er bedächtig seinen Kaffee um, der längst kalt geworden war. Gerade, wie er ihn trinken wollte, kam der Kellner und sagte: »Herr Doktor, die Redaktion fragt am Telephon, ob Sie noch hier wären.« »Sagen Sie, ich wäre gegangen«, gab Silberland zur Antwort, »und bringen Sie mir eine Zigarre.« »Wie gewöhnlich eine zu Zehn?« »Ja – nein, eine zu Fünfzig!« sagte Jakob Silberland würdevoll. »Und besorgen Sie mir ein Auto.« »Sehr wohl, Herr Doktor«, sagte der Kellner mit der solchen ungewohnten Aufwendungen zukommenden Ehrerbietung. Jakob Silberland aber fuhr, die feine Zigarre in der Hand, im Auto zur Dresdener Bank, wo er den Scheck einlöste, und unternahm dann eine längere Rundfahrt durch die Stadt, um alle seine kleinen und größeren Schulden zu bezahlen, die zusammen kaum zweitausend Mark betrugen. Zuletzt begab er sich auf seine Redaktion, wo er gegen Stellung eines Vertreters leicht entlassen wurde, da er kein angenehmer Kollege gewesen war. Mit dem Abendschnellzuge fuhr er nach Berlin. Drei Monate später saßen Paul Seebeck und Jakob Silberland in ihren blendend weißen Flanellanzügen auf einem Steinblock am Strande, rauchten ihre kurzen, englischen Pfeifen und sahen der langsam verschwindenden »Prinzessin Irene« nach. Endlich sagte Jakob Silberland: »Etwas Urweltliches liegt über der ganzen Insel: der Vulkan, die nackten Felsen, der Mangel jeglichen tierischen Lautes – es kommt mir fast vor, als ob ich um viele Millionen von Jahren in der Zeit zurückversetzt sei. Es würde mich gar nicht wundern, wenn plötzlich ein Ichthyosaurus oder sonst irgend ein Ungeheuer aus dem Wasser auftauchte.« Paul Seebeck hatte nachdenklich seine Pfeife ausklopfend ihm zugehört. Jetzt hob er den Kopf und sagte lächelnd: »Die Ungeheuer wirst du schon noch zu sehen bekommen. Nur etwas Geduld.« Jakob Silberland lachte: »Hast du hier eine Ichthyosauren-Farm angelegt? Das Geschäft dürfte doch kaum lohnend sein. Sobald die Zoologischen Gärten versorgt sind, würde der Weltbedarf gedeckt sein, und was dann?« Es zuckte um Seebecks Mundwinkel, als ob er mit Mühe ein Lächeln unterdrückte. »Aber wovon wollen wir hier sonst leben, wenn nicht von Ichthyosauren? Es gibt ja keinen Grashalm auf der ganzen Insel, keinen Vogel, keinen Floh, nichts. Soweit ich als gebildeter geologischer Laie urteilen kann, ist auch das Vorkommen von wertvollen Mineralien zum mindesten höchst unwahrscheinlich. Da bleiben doch nur die Ichthyosauren übrig. Außerdem finde ich den Gedanken sehr ansprechend, daß der modernste aller Staaten von urweltlichen Tieren lebt. Damit schließt sich zurückgreifend der Ring und löscht die Zeit aus. Anfang und Ende berühren sich.« Jakob Silberland sprang auf: »Ist das dein Ernst?« Seebeck blieb sitzen und sagte gemütlich: »Du sollst etwas Geduld haben. Ich werde dir meine Saurierfarm schon zeigen. Die größte Ichthyomuttersau habe ich übrigens voll Dankbarkeit gegen das gütige Schicksal »Prinzessin Irene« getauft.« Damit stand er auf und ging zu seinem Zelt, das einige Schritte rückwärts im Schutze einer schrägen Felswand stand. Er kam mit einigen Papierrollen zurück. »Sieh mal her«, sagte er, indem er die Blätter entfaltete und jedes an den vier Ecken mit Steinchen beschwerte, »hier habe ich, so gut ich es allein machen konnte, die Insel aufgenommen. Die Küste und diese Bucht habe ich recht genau, im Inneren bin ich flüchtiger gewesen und außerdem habe ich größere Strecken der heißen Lava wegen nicht betreten können. Hier hast du die ganze Insel mit den Schären eins zu dreihunderttausend«, fuhr er fort, wobei er sich über das betreffende Blatt beugte, »der Flächeninhalt beträgt ungefähr zwölfhundert Quadratkilometer, wovon der Vulkan allein fast vierzig bedeckt. Hier ist unsere Bucht eins zu zehntausend. Sie ist mit der Nebenbucht dort rechts von uns überhaupt die einzige Bucht der ganzen Insel. Ich habe sie bei Tiefebbe aufgenommen. Die rote Küstenlinie und die rot gezeichneten Schären beziehen sich auf Tiefebbe, die entsprechenden blauen Linien auf Hochflut. Du siehst, daß unzählige Schären und Klippen nur bei Tiefebbe über die Wasserfläche emporragen. Bei Tiefebbe ist überhaupt nur eine einzige, schmale und dabei stark gewundene Rinne selbst für mein kleines, flaches Motorboot passierbar. Ich kam glücklicherweise bei Hochflut, sonst wäre ich überhaupt nie lebendig hier ans Land gekommen.« Mit der Hand aufs Meer weisend, sagte er: »Die äußerste Felsenspitze dort links ist etwa siebenhundert Meter hoch und fünf Kilometer von uns entfernt, die dort rechts dreihundert Meter hoch und vier Kilometer entfernt. Die Entfernung zwischen beiden beträgt drei Kilometer. Diese Bucht stellt den einzigen Hafen, überhaupt die einzige Landungsmöglichkeit dar. Zwischen der Spitze rechts und dem Kap, das ein wenig darüber hervorragt, liegt eine zweite, breite, aber sehr flache Bucht mit unzähligen Felsen und Klippen. Dahin kann man zu Wasser, aus Gründen, die dir später klar werden, nicht kommen, und vom Lande aus nur mit Hilfe eines Seiles. Sogar ich als Bergsteiger habe dort nur schwer hinunterklettern können. Diese zweite Bucht habe ich Irenenbucht getauft, der einzige Name, den ich bisher hier einer Örtlichkeit gegeben habe.« Lächelnd setzte er hinzu: »Dort liegt also meine Ichthyosaurenfarm.« Bevor der überraschte Silberland sich zu einem Worte sammeln konnte, fuhr Paul Seebeck fort: »Denk dir unsern Standort hier als Mittelpunkt eines Kreises mit dem Radius von fünf Kilometern, also der Entfernung des Kap dort links. Dann bezeichnet der Kreisbogen ziemlich genau die Grenze eines submarinen Plateaus, auf dem alle diese Schären liegen. Wie tief der Meeresboden außerhalb dieses Plateaus ist, weiß ich nicht; mein Lot ist hundert Meter lang und mit ihm habe ich draußen nirgendwo Grund gefunden. Sehr tief kann er aber doch nicht sein, denn auch da draußen liegen ja, wie du siehst, einige vereinzelte Klippen. Das Plateau bricht aber steil ab; ich vermute, der Schären da draußen wegen und auch aus anderen Gründen, aber ein zweites, allerdings viel tiefer liegendes, submarines Plateau. Der größte Teil der Insel ist eine im großen Ganzen wagerechte Hochebene, vier- bis siebenhundert Meter über dem Meeresspiegel, die überall fast senkrecht abbricht. Dann – ja, der große Vulkan – neunzehnhundert Meter hoch, diese Mulde, mit ihren sechs Quadratkilometern Fläche, die stufenweise, amphitheatralisch, wenn du willst, bis zur Plateauhöhe emporsteigt – damit ist wohl die Topographie der Insel erschöpft. Ich habe sonst nicht viel Bemerkenswertes auf meinen Streifzügen entdeckt, höchstens wäre ein seltsames Durcheinander von Schluchten erwähnenswert, das am Fußpunkte des Vulkanes liegt und mich da am Weiterkommen hinderte.« »Und wie denkst du dir die Entstehung der Insel?« fragte Jakob Silberland. »Ich bin kein Geologe. Daß die Insel erst jetzt entstanden ist, glaube ich nicht. Sie wird schon einmal dagewesen sein, und zwar viel größer als jetzt, ist dann unter die Oberfläche des Meeres gesunken und hat sich jetzt wieder darüber gehoben, doch nicht bis zu ihrer ursprünglichen Höhe. Und zwar glaube ich nicht, daß sie sehr lange unten gewesen ist, einige hundert Jahre höchstens.« »Woher kannst du das wissen?« »Die Steine sehen mir nicht aus, als ob sie lange Meeresboden gebildet hätten.« Damit stand Paul Seebeck auf, rollte seine Kartenskizzen zusammen und brachte sie in sein Zelt. Als er zurückkam, sagte er, vor Jakob Silberland stehen bleibend: »Ist das nicht ein ganz idealer Grund für eine Stadt? Alle Straßenzüge, sogar die Plätze der einzelnen Häuser sind von der Natur vorausbestimmt. Ich kann mir die ganze Stadt so lebendig vorstellen, wie sie sich den Felsen anschmiegt, wie sie in ihrer Struktur den Stufen folgt. Aber wir müssen einen Architekten haben, der einen ganz neuen Stil schaffen kann. Einen großzügigen Künstler wie Edgar Allan. Dort oben –« und er wies mit der Hand auf einen vorspringenden Felsen – »soll mein Haus stehen. Von dort aus kann ich alles übersehen.« »Du fühlst dich schon jetzt als König?« »König? Nein, nein!« wehrte Paul Seebeck erschrocken ab. Er sah still vor sich hin. Dann sagte er, lächelnd wieder aufblickend: »Komm jetzt. Wir wollen etwas zu Abend essen. Dann werde ich dir meine Ichthyosaurenfarm zeigen.« Da es fast Windstille war, beschlossen sie, vor dem Zelte ihre Mahlzeit einzunehmen. Als Jakob Silberland sah, daß Paul Seebeck seinen Destillationsapparat aufstellte, und Wasser vom Meere holte, fragte er besorgt: »Gibt es denn gar kein Trinkwasser auf der Insel?« »Doch, es gibt einen Bach hier in der Nähe, der wohl zur Versorgung einer kleinen Stadt ausreichen dürfte, und weiter oben einen großen Fluß. Es wird aber nicht leicht sein, ihn einzufangen und hier herunter zu leiten, denn er fällt mehrere Kilometer von hier in einem schönen Wasserfalle direkt vom Hochplateau aus ins Meer.« Als sie gegessen hatten – der Kapitän hatte Jakob Silberland einen Korb mit frischem Fleisch und Gemüse aus den Vorräten des Schiffes mitgegeben, so daß Paul Seebeck nach den vielen Wochen mit Konservennahrung endlich einmal etwas anderes bekommen hatte – rief Jakob Silberland: »Aber jetzt will ich nicht länger warten; jetzt mußt du mir deine Ichthyosauren vorführen. Ich bin wirklich sehr gespannt, zu erfahren, wovon wir hier leben sollen, besonders, was wir von hier exportieren können.« »Schön«, sagte Seebeck. »Komm!« Sie stiegen langsam in der mit Geröll bedeckten Mulde bergauf, und Paul Seebeck erklärte dabei seinem Freunde, wie er sich die Anlage der Stadt dachte. Der sonst so redselige Jakob Silberland sprach auch jetzt nur wenig; zu sehr beschäftigten seinen Geist die Perspektiven auf die Zukunft, die ihm ja tausend Träume zu verwirklichen versprach. Als sie die Plateauhöhe erreicht hatten, blieb Seebeck stehen und sagte: »Wenn man nicht ein anständiger Mensch wäre, könnte man bei dem Gedanken ganz sentimental werden, daß dieses reine, unberührte Land, das keine Geschichte und keine Vorzeit hat, eine Gemeinschaft von Menschen auf sich wachsen und blühen sehen wird, die auch jungfräulich frei, ohne Verbindung mit der übrigen Menschheit, ohne morsche Traditionen und ohne überlieferten Zwang, irrende Sterne im großen Raume sind und die hier sich nur auf Grund ihres reinen Menschentums zusammenfinden und hier zusammenarbeiten werden. In der Traditionslosigkeit unseres zukünftigen Staates sehe ich seine Bedeutung. Daß ich einigen Hundert oder Tausend Menschen, die sonst in keinen Rahmen passen, hier freie Entwicklungsmöglichkeiten und Glück zu geben vermag, genügt mir nicht. Vom ersten Augenblick an war mir dieser Staat ein Begriff, ein Kunstwerk, eine formale Befreiung. Ebenso, wie der Künstler durch seine reine Darstellung befreit, durch die einseitige, aber dadurch abschließende Form Klarheit im Chaos schafft, soll für die übrigen Menschen der Gedanke an unsere reine Insel eine geistige Erlösung sein.« »Du siehst nicht weit genug«, sagte Jakob Silberland, wobei er sich mit der Hand durch sein blauschwarzes, strähniges Haar fuhr und erregt mit seinen kurzen Beinchen trippelte. »Du sprichst als Künstler. Ich bin Praktiker und als solcher sehe ich noch eine Gewißheit: die Institutionen, die hier entstehen, die wir hier schaffen werden, werden beachtet, nachgeahmt werden, und unser Staat wird das Seinige dazu beitragen, daß sich die Menschheit aus den Ketten löst, in die Gewalttätigkeit, Dummheit und Herrschsucht sie gelegt haben. Sie wird durch uns lernen, frei zu sein, frei in der geschlossenen Gemeinschaft zu werden. Man muß ihr nur einmal zeigen, daß es möglich ist.« Paul Seebeck sah mit seinen großen Augen dem Freunde gerade ins Gesicht: »Ich hoffe, daß es so wird, wie du sagst. Es ist ja auch sehr wahrscheinlich. Umsomehr, als wir ja kaum einen bestimmten Ausschnitt aus der Menschheit darstellen werden, nicht einen besonderen Typus, sondern gerade einen Extrakt aus der ganzen Menschheit. Stelle dir doch nur vor, was für Menschen zu uns kommen werden«, fuhr er lebhaft fort, wobei er sich in der Richtung auf die Irenenbucht zum Gehen wandte, »jedenfalls keine Durchschnittsmenschen, die irgendwo warm und zufrieden in ihren Nestern sitzen, sondern die Unzufriedenen, Bedrückten, Heimatlosen, alle die von einander entferntesten Extreme, die nur das eine verbindet: der Ekel vor der Verlogenheit der Gesellschaft, die Sehnsucht nach dem freien, dem wirklichen Menschen, dem Menschen, der jeder einzelne sein könnte, wenn ihn nicht die Ketten der Tradition zum Herdentiere erniedrigten. Hierher werden sie kommen und nichts mitbringen, als ihr innerstes, freies Menschentum, und ihre Gemeinschaft wird die Erlösung des Menschen, des Ebenbildes Gottes sein.« Jetzt standen sie vor dem steilen Abfalle zur Irenenbucht. Paul Seebeck blickte noch eine Weile schweigend und mit glänzenden Augen auf das Meer. Dann sagte er lächelnd zu seinem Freunde, wobei er auf die Bucht unter ihnen mit ihrem Gewirr von Klippen und Sandbänken wies: »Also dort unten hausen und grausen meine Ichthyosauren.« Für Jakob Silberland kam dieser Sprung von Paul Seebecks feierlichen Worten zum leichten Scherze so überraschend, und außerdem wußte er gar nicht, was er aus Paul Seebecks Ichthyosauren machen sollte, daß er schweigend seinem Freunde mit Hilfe von Strickleitern, Eisenklammern und natürlichen Felszacken in die Tiefe folgte. Da beide geübte Bergsteiger waren, ging der Abstieg schnell von statten. Als sie unten auf einer breiten Felsplatte angekommen waren und auf das Wasser sahen, das hier schlammig und voll von grünen Algen war, sagte Paul Seebeck: »Setz dich jetzt hier in den Schatten und verhalte dich ganz ruhig.« Jakob Silberland tat, wie ihm geheißen. Er sah, daß Paul Seebecks umherschweifender Blick immer wieder zu einer tiefen dunklen Spalte in der Felsenwand zurückkehrte. Er schaute scharf hin und glaubte, einen schweren Körper herausgleiten zu sehen, der kein Fisch sein konnte. Ängstlich sah er Paul Seebeck an, aber dieser lächelte nur. Jetzt hob sich zwanzig Schritte von ihm entfernt, ein riesiger, schwarzer Kopf aus dem Wasser, ein breites, zahnloses Maul öffnete sich – – Mit einem Entsetzensschrei sprang Silberland auf. Sofort verschwand der Kopf im Wasser. Paul Seebeck aber sagte lachend: »Du sollst mir meine Tiere nicht scheu machen.« »Was sind das für Tiere?« fragte Jakob Silberland, noch am ganzen Körper zitternd. »Schildkröten, mein Junge, allerdings reichlich große.« »Riesenschildkröten?« fragte Jakob Silberland aufatmend. »Ja. Und zwar sind es reine Wassertiere. Ich habe sie nie länger als für Minuten am Lande gesehen. – Sei ruhig, hier können sie nicht heraufkrabbeln. – Am Tage sieht man sie immer nur ganz flüchtig. Aber in hellen Mondscheinnächten habe ich sie oft viele Stunden lang beobachtet. Sie können schwimmen, tun es aber fast nie. Sie kriechen auf dem Boden hin. Es gibt unzählige hier. Die größten waren über vier Meter lang. Ich traute mich nie recht, mit meinem Motorboote vom Meere her in die Bucht zu fahren, um die Tiere nicht zu erschrecken. Außerdem würden die unzähligen Sandbänke und Klippen, die du siehst, die Sache fast unmöglich gemacht haben, ganz abgesehen von den riesigen Algen, die meiner Schiffsschraube wohl das Leben gekostet hätten. Aber toll ist es hier. Zuweilen habe ich tief unten im Wasser die Leuchtorgane von elektrischen Fischen aufblitzen sehen, und bei Tiefebbe liegen die phantastischsten Tiefseetiere hier herum. Soviel ich sehen konnte, ist der Meeresboden hier auch nicht nackt, wie bei der großen Bucht, sondern sieht wie ein submariner Urwald aus, der sich weit hinaus ins Meer erstreckt. Meine Auffassung ist, daß sich mit der Hebung der Insel diese unterseeische Oase auch gehoben hat. Wie sie in dieses Gestein hereinkommt, weiß ich nicht. Vielleicht ruht sie auf Lehm. Jedenfalls ist sie da, und die Schildkröten mit ihr. Wenn wir vernünftig sind und keinen Raubbau treiben, können wir durch die Tiere eine dauernde Einnahmequelle haben, die für die ganze Insel ausreichen wird. Dazu kommt noch der Fischfang. – Du siehst, unser Staat braucht keine Not zu leiden.« Sie warteten noch eine halbe Stunde, aber kein Tier ließ sich mehr blicken. So traten sie den Rückweg an. Paul Seebeck saß mit seinem Studienfreunde, dem Architekten Edgar Allan zusammen im Café Bauer in Berlin. Paul Seebeck war trotz der frühen Nachmittagsstunde im Frack, denn er hatte am Vormittage mehrere Staatssekretäre und andere höheren Beamte aufgesucht. Jetzt hatte er alle offiziellen Schritte getan; da er aber am Abend ins Theater wollte, wollte er sich nicht erst die Mühe machen, sich für die wenigen Stunden nochmals umzuziehen. Deshalb war er im Frack geblieben, und es störte ihn nicht, daß er dadurch etwas Aufsehen erregte. Edgar Allan war lang und knochig und hatte eine etwas eingefallene Brust. Auch in seinem scharfgeschnittenen Gesichte verleugnete sich der englische Halbteil seines Blutes nicht. Paul Seebeck sah durchs Fenster auf die Straße hinaus. Edgar Allan stützte seine Ellbogen auf den Tisch und verbarg sein Gesicht in den langen, mageren Händen. Als er es nach einigen Minuten wieder erhob, sah er, daß Paul Seebeck ihn jetzt mit seinen großen Augen forschend anblickte. Edgar Allan sah ihn erst fremd an, dann verzog sich sein Gesicht. Er sagte erregt: »Ich bin übrigens nicht nur mit meiner Klage vom Reichsgericht abgewiesen; das Warenhaus hat mit seiner Widerklage sogar erreicht, daß ich zu einer Entschädigung verurteilt wurde. Alle Sachverständigen waren darin einig, daß mein Bau nicht den Voraussetzungen des Kontraktes entsprach. Fast meine ganzen Ersparnisse habe ich hingeben müssen.« Dann fuhr er ruhiger fort: »Die Leute haben aber recht, ich kann kein einzelnes Haus bauen; ich verstehe überhaupt nicht, wie jemand das kann. Man soll mir einmal den Bau einer ganzen Stadt übertragen, dann werde ich schon zeigen, wozu ich tauge.« Paul Seebeck senkte seine Augen und sah dann wieder zum Fenster hinaus. Plötzlich legte Edgar Allan seine Hand auf seinen Arm: »Wollen Sie mich mitnehmen?« fragte er. Paul Seebeck wandte sich herum und sah ihm gerade in die Augen: »Ja«, sagte er, »gerade solche Menschen wie Sie suche ich, brauche ich. Ich wollte Sie nur aus dem Grunde nicht auffordern, weil ich nicht will, daß jemand anders als ganz aus freien Stücken zu uns kommt. Halloh!« rief er, aufstehend, einen vorbeigehenden, jungen, blonden, hochgewachsenen Herrn zu, der, das »Berliner Tageblatt« in der Hand, sich gerade nach einem freien Tische umsah. »Herrgott bist du plötzlich in Berlin?« fragte der Angesprochene im höchsten Grade erstaunt. »Noch dazu im Frack? Ich dachte, du wärst Kaffernhäuptling oder Seeräuber oder so etwas ähnliches geworden.« »Noch nicht«, erwiderte Paul Seebeck. »Aber meine amtliche Bestallung als Seeräuber habe ich seit heute Vormittag in der Tasche. Gestatten die Herren, daß ich vorstelle: mein Schulkamerad stud. jur. Otto Meyer, Architekt Edgar Allan.« »Referendar Meyer, wenn ich bitten darf«, sagte der junge Mann, wobei er Edgar Allan die Hand reichte, die dieser höflich nahm. Als alle drei wieder saßen, fragte Paul Seebeck seinen Schulkameraden: »Woher weißt du eigentlich von der ganzen Geschichte?« »Du mußt mir Diskretion versprechen«, sagte Otto Meyer feierlich. »Gewiß.« »Also die Sache steht lang und breit da drin –«, er wies auf die Zeitung, die er noch immer in der Linken hielt – »sogar in der halbamtlichen Fassung des Wolffschen Bureaus.« »Zeig doch mal«, sagte Seebeck und griff nach dem Blatte. »Nein, ich werde es vorlesen, sonst verstehst du es nicht richtig.« Und er las: »Eine Erweiterung des deutschen Kolonialbesitzes? Durch den Schriftsteller und Forschungsreisenden Paul Seebeck wurde da und da eine unbewohnte, vulkanische Insel mit einem Flächenraume von zwölfhundert Quadratkilometern entdeckt und für das Deutsche Reich in Besitz genommen. Da auf und bei der fraglichen Insel auch nicht das allergeringste zu holen ist –« »Willst du vielleicht die Güte haben, ungefähr das zu lesen, was dasteht?« unterbrach Seebeck den Lesenden. »Die Sache interessiert mich nämlich.« Otto Meyer las weiter: »Da die fragliche Insel augenscheinlich nur als Wohnsitz einiger, weniger Menschen in Betracht kommen kann und nicht für eine eigentliche Kolonie, ließ der Staatssekretär des Kolonialamtes dem Entdecker der Insel, Herrn Paul Seebeck, bis auf weiteres freie Hand in allen Fragen der Besiedelung der Insel, wobei er ihn auf Widerruf zum Reichskommissar mit allen Rechten und Pflichten eines solchen ernannte. Diese Ernennung, die selbstverständlich im Einverständnisse mit dem Reichskanzler erfolgte, ist als eine Konzession an die durch das Scheitern der preußischen Wahlreform verstimmten linksstehenden Parteien aufzufassen. Die Konservativen beruhigte der Reichskanzler durch das bindende Versprechen, daß die Insel in drei Jahren ebenso still und leise verschwinden würde, wie sie aufgetaucht ist –« Paul Seebeck und Edgar Allan lachten. Otto Meyer reichte Paul Seebeck die Zeitung und dieser las die Notiz aufmerksam durch. Als er das Blatt fortlegte, fragte Otto Meyer: »Ist es wirklich dein Ernst, dort eine Republik zu gründen? Eine republikanisch regierte, deutsche Kolonie?« »Ja, machst du mit?« »Mit Vergnügen, aber nur als Justizminister«, sagte Otto Meyer ruhig. »Als Justizminister? Hm. Daran hatte ich eigentlich nicht gedacht. Ich dachte eher als Staatslausejunge, als offizielles, destruktives Element.« »Du bist furchtbar liebenswürdig«, antwortete Otto Meyer, ohne im geringsten beleidigt zu sein. »Aber sag mal, willst du nicht morgen bei uns zu Mittag essen? Meine Eltern würden sich doch sehr freuen, dich mit australischem Ruhme bedeckt, dazu noch als zukünftigen Imperator Rex begrüßen zu können.« »Schön. Wie früher um Drei?« »Ja.« Jetzt erhob sich Edgar Allan und nahm Abschied. Paul Seebeck begleitete ihn, so wie er war, in Frack und ohne Hut, auf die Straße hinaus. Als er zurückkam, fragte Otto Meyer: »Was hast du dir denn da für einen steifen Engländer aufgegabelt?« »Na, er ist mehr Deutscher als Engländer. Deutsche Mutter und in Deutschland erzogen. Er ist sonst auch gar nicht steif, hat nur jetzt recht unangenehme Sachen durchgemacht. Ich hoffe, daß er mit mir kommt – und uns unsere Stadt baut. Er ist gerade der Typus Mensch, den wir brauchen; das heißt, er ist gerade kein Typus, sondern ein Mensch.« »Ich bitte dich, sei nicht so schrecklich geistreich«, sagte Otto Meyer. »Sonst bekomme ich Magenschmerzen.« »Entschuldige mich einen Augenblick«, sagte Paul Seebeck aufstehend und ging auf Jakob Silberland zu, der gerade zur Tür hereintrat. Paul Seebeck stellte ihm Otto Meyer vor, und als sie wieder Platz genommen hatten, sagte er: »Edgar Allan kommt mit. Noch ein paar Leute, und wir können anfangen.« »Kommt er? Gut! Da haben wir ja einen ganzen Kerl gewonnen. Ja, du, was ich sagen wollte – mir sind noch einige Leute eingefallen – aber man kann ja nicht gut jemand auffordern. Und wie soll man es sonst diesen Leuten nahelegen?« »Gar nicht, natürlich«, antwortete Paul Seebeck. »Wer nicht freiwillig, aus innerstem Instinkt zu uns kommt, mag fortbleiben. Die brauchen wir, die uns zufällig finden, weil sie uns brauchen.« »Ja, ja«, sagte Jakob Silberland etwas verlegen. »Aber wir müssen doch einen Anfang haben. Wir zwei, drei Menschen können uns dort nicht festsetzen und auf die anderen warten. Damit würden wir uns nur lächerlich machen und gar nichts erreichen.« »Du irrst. Wir müssen gerade hingehen und uns der Lächerlichkeit aussetzen.« »Ich fürchte nur, daß wir zwei, mit Edgar Allan also drei, unser ganzes Leben lang allein auf der Insel hocken werden.« Otto Meyer, der offenbar fürchtete, Zeuge eines Streites der beiden Freunde zu werden, verabschiedete sich, wobei er Seebeck daran erinnerte, daß er morgen zum Mittagessen zu kommen versprochen hätte. Der Streit brach aber nicht aus, im Gegenteil, Paul Seebeck sagte ganz ruhig, wobei er seinem Freunde gerade ins Gesicht blickte: »Ich verstehe dich vollkommen; du willst gleich mit einem gewissen Material anfangen. Ich glaube, du machst dir unnötige Sorgen. Es werden mehr zu uns kommen, als wir brauchen können. Du wirst sehen, daß viele gleich mit uns kommen wollen. Aber jetzt mußt du mich entschuldigen«, brach er ab, wobei er auf die Uhr sah. »Ich will ins Theater.« Als Paul Seebeck gegangen war, setzte sich Jakob Silberland richtig in der Ecke zurecht und ließ sich vom Kellner alle Abendblätter bringen und las die – je nach der politischen Richtung der betreffenden Zeitung – wohlwollenden, abwartenden oder gehässigen Glossen zur halbamtlichen Wolff-Nachricht. Nach einer Stunde war er aber müde vom Lesen; er lehnte sich zurück und ließ sich sein letztes Gespräch mit Paul Seebeck noch einmal durch den Kopf gehen. Je mehr er nachdachte, umsoweniger hielt er Paul Seebecks Ansicht für richtig; er glaubte vielmehr, daß man sich einen gewissen, soliden Kern sammeln müßte, um den sich dann die Gemeinschaft kristallisieren könnte. Aber einfach abwarten – nein. Lieber organisieren, aufbauen. Und als ihm das als das richtige klar vor Augen stand, beschloß er, einen Mann aufzusuchen, den er sich als wertvollen Mitarbeiter an der Sache denken konnte, nämlich den russischen Flüchtling Nechlidow. Durch schwere, dunkle Vorhänge gedämpft, fiel das Licht in den Salon, in dem die hohe Frauengestalt stand. Das schwarze Schleppkleid ließ Hals und Gesicht noch weißer erscheinen, und die großen braunen Augen leuchteten. »Warum kommen Sie erst jetzt zu mir?« fragte Frau von Zeuthen Paul Seebeck, der noch Hut und Stock in der Hand haltend vor ihr stand. »Wie schön Sie sind!« erwiderte Seebeck und küßte ihre Hand. »Unveränderlich schön wie ein edles Bild, das Zeiten und Geschehnis überdauert.« Ihr Lächeln war nicht der Art als ob sie seine Worte als Schmeichelei auffaßte. Sie sagte: »Jetzt müssen Sie mir aber alles, alles erzählen. Ich habe die Zeitungen gelesen und allerhand gehört. Das will ich jetzt aber vergessen und alles neu und rein von Ihnen hören.« Sie setzte sich auf den Divan und wies mit der Hand auf einen Armstuhl neben dem Rauchtischchen, aber Paul Seebeck blieb stehen: »In Ihrem Hause ist eine Ruhe wie sonst nirgendwo auf der Welt. Sie sind einige Jahrhunderte zu spät auf die Welt gekommen, Gabriele. Sie passen nicht in unser Zeitalter. Sie gehörten nach Italien zur Zeit der Wiedergeburt, und in Ihren Räumen hätten sich die edelsten Männer versammelt, um ernst und gewichtig die Fragen zu erörtern –« »Sie wollten mir doch etwas erzählen«, unterbrach ihn Frau von Zeuthen, wobei sie sich zurücklehnte. Paul Seebeck legte Hut und Stock fort und setzte sich in den Armstuhl. »Also, ich kam von Sidney zurück –« »Nicht so schnell. Verzeihen Sie, daß ich Sie unterbreche. Aber Sie dürfen Australien nicht überspringen.« »Über Australien kann ich leider nicht viel berichten. Ich kam hin – Sie kennen ja meinen Expeditionsplan, er stand ja auch in allen Zeitungen – und wie ich dort war, sah ich, daß meine ganze Expedition eigentlich überflüssig war. Von dem, was ich als Neuland erforschen wollte, ist der größte Teil in seinen großen Zügen schon bekannt, sogar schon aufgenommen, und es reizte mich nicht, mich nur mit den Bagatellen abzugeben, die natürlich auch von wissenschaftlichem Interesse sind –« »Da Sie ja mehr Abenteurer als Wissenschaftler sind.« »Vielleicht, vielleicht liegt der Wert meines Abenteuertums gerade darin, daß ich nur große Dinge entdecken kann, nicht Kleinigkeiten untersuchen. Ich kann nur die großen Dinge sehen und räume dann gern das Feld dem Gelehrten, der dann nach Herzenslust messen und forschen mag. Schon am ersten Tage in Sidney, wo ich in der Bibliothek der Geographischen Gesellschaft saß und mir das ganze Material durchsah, sank mir der Mut. Ich sah wohl, daß da noch unendlich viel zu tun war, aber fast nichts für mich. Ich unternahm die Expedition trotzdem – ich war ja dazu verpflichtet – aber ohne Freude. Dadurch kam auch das Sprunghafte, Unsichere herein, das manche Zeitungen mit Recht gerügt haben, und kehrte vorzeitig zurück.« »Ich las in der Zeitung, daß die furchtbaren Stürme und Überschwemmungen, die der großen Flutwelle folgten, Sie zur Rückkehr gezwungen hätten.« »Ich nahm das mehr als Vorwand. Hätte ich ernstlich gewollt, hätte ich schon dort bleiben können. Ich kehrte aber nach Sidney zurück.« »Und dann?« »Ja, dann sah ich vom Dampfer aus meine Insel, deren Entstehung natürlich die große Flutwelle verursacht hat. Und da beschloß ich, auf ihr meinen Staat zu gründen.« »So schnell?« »Ja, wissen Sie, Gabriele«, fuhr Paul Seebeck lebhafter fort, »zwischen der Entdeckung der Insel und meiner Ankunft lagen ja viele Stunden. Und eine Stunde ist lang, wenn man allein auf einem Schiffe steht und ganz ungestört seinen Gedanken nachhängen kann. Und unser Plan eines wirklich modernen Staates auf breitester, demokratischer Grundlage, aber mit dem Prinzipe der größten persönlichen Freiheit war ja schon lange fertig.« »Wer ist »wir«?« »Mein Freund Silberland, ein Journalist und radikaler Politiker aus München, ein kluger Mensch, der unendlich viel in seinem Leben gearbeitet hat und dem es immer schlecht gegangen ist, und ich. In meiner Münchener Zeit sind wir oft nächtelang im Café Stephanie gesessen oder im Englischen Garten herumgegangen und haben dabei immer nur unseren Staat besprochen. Sie werden verstehen, daß zwei Menschen wie er und ich sich in einer solchen Frage aufs Glücklichste ergänzen können.« Frau von Zeuthen nickte und Paul Seebeck fuhr fort: »Wie ich also die Insel sah und wußte, daß sie herrenloses Land darstellte, schrieb ich vom Dampfer aus einige Zeilen an Silberland. Ich erinnerte ihn an unsere Träume und bat ihn, hinzukommen. Ich schrieb ihm, er solle mir eine Vollmacht als Reichskommissar verschaffen. Er kam auch, der gute Kerl, steckte seinen Beruf und seine Stellung auf und kam. Aber das Kolonialamt hatte ihm doch nur eine sehr vorsichtige, sehr provisorische Vollmacht für mich mitgegeben und verlangte, mich selbst zu sehen und zu hören. So mußte ich also nach Berlin kommen.« Und Paul Seebeck schwieg, wobei er vor sich auf den Teppich sah. »War Ihnen denn das so unangenehm?« fragte Frau von Zeuthen. »Ja. Wenigstens zuerst. Ich hatte schon viele Wochen ganz allein auf meiner Felseninsel zugebracht und fühlte mich dort so heimisch, daß es mir schwer wurde, sie wieder zu verlassen. Und besonders fürchtete ich, sie mit etwas anderen Augen zu sehen, wenn ich nach dem Aufenthalt in Europa zu ihr zurückkehrte.« »Wie denn?« fragte Frau von Zeuthen mit ihrem klugen Lächeln. Er sah sie an und sagte langsam: »Ich fürchtete, meine Insel nicht mehr so rein zu empfinden, nicht mehr so ganz als Symbol der Unberührtheit, kurz, nicht mehr so persönlich, mehr als eine von den vielen, ein Kuriosum, keine Offenbarung – Sie verstehen?« Frau von Zeuthen nickte. »Und weshalb sind Sie jetzt doch froh, hierher gekommen zu sein?« fragte sie nach einer kleinen Pause. »Weil ich sehe, wie wertvoll es für mich ist, etwas Distanz bekommen zu haben – nicht nur aus praktischen Gründen.« Wieder schwieg er und sah vor sich hin. »Dann habe ich hier auch einige Menschen wiedergefunden, die ich für meine Arbeit brauche. Und« – hier sank er vom Stuhle und ergriff ihre Hand und küßte sie – »eine Frau, die ich immer fragen muß, ob ich auch auf dem rechten Wege bin.« Sie strich ihm mit ihrer schönen, weißen Hand über sein Haar. »Wollen Sie mir auch diesmal Ihren Segen mitgeben?« fragte er, lächelnd zu ihr aufblickend. »Ja«, sagte sie. »Und wenn Sie mich brauchen, komme ich zu Ihnen.« Er küßte noch einmal ihre Hand und erhob sich dann. Im Zimmer auf- und abgehend, fuhr er lebhaft fort: »Und wie bezaubernd die Idee wirklichen Neulandes, einer freien menschlichen Gemeinschaft ohne alle Traditionen wirkt. Ich kenne von der Schule her einen jungen Studenten, jetzt ist er übrigens Referendar, der fünf Jahre jünger ist als ich. Einen richtigen Berliner Juden, obwohl er nicht so aussieht. Glänzend begabt, daß jede Arbeit für ihn Spielerei ist, frech wie ein Dachshund, nie um eine Antwort verlegen, immer witzig und nichts auf der Welt ernst nehmend. Dabei ein seelenguter Kerl und immer hilfsbereiter Kamerad. Wir treffen uns hier zufällig im Café, und er benutzt die Gelegenheit, um tausend dumme Witze über unsere Insel zu machen. Am Tage darauf esse ich bei seinen Eltern. Auch dort schont er mich durchaus nicht. Wie wir nach dem Essen bei einer Zigarre allein in seinem Zimmer sind, sagt er mir plötzlich in vollem Ernste, daß er mit uns kommen will, um dann sofort darüber dumme Witze zu machen. Aber ich bin überzeugt, daß es ihm im Grunde seines Herzens tiefernst ist, und daß er gerade durch seinen absoluten Mangel an Sentimentalität ein sehr gesundes Element darstellen wird.« Er blieb stehen und lauschte, denn auf dem Korridore wurde ein Trampeln und eifriges Tuscheln laut. Frau von Zeuthen erhob sich vom Divan. »Die Kinder«, sagte sie. Gleich darauf wurde auch die Tür aufgerissen und die dreizehnjährige Hedwig stürmte herein. Sobald sie Paul Seebeck erblickte, schlang sie beide Arme um seinen Hals und hüpfte vor Freude. Paul Seebeck konnte sich nur mit Mühe soweit von ihr befreien, um dem etwas verlegen hinter ihr stehenden zwölfjährigen Felix wenigstens flüchtig die Hand drücken zu können. Noch halb an Paul Seebeck hängend, begann Hedwig, ihrer Mutter übersprudelnd ein Schulerlebnis zu erzählen, doch Frau von Zeuthen unterbrach sie: »Macht euch jetzt schnell zum Mittagsessen fertig, Kinder. Wir essen heute früher als sonst. Dann kannst du uns alles erzählen, Hedwig.« Ein wenig schmollend zog Hedwig ab, Felix wandte sich in der Tür noch einmal zögernd um, dann ging er schnell zu Paul Seebeck und flüsterte ihm zu: »Ich habe alles gelesen; ich weiß alles. Ich will zu dir auf deine Insel kommen.« Dann lief er tief errötend aus der Tür. Während die Schritte der Kinder auf dem Korridore verklangen, wandte sich Frau von Zeuthen an Paul Seebeck: »Ich erwarte noch einen Gast –« »Herrn von Rochow?« fragte Seebeck. »Rochow? Nein ... Wie kommen Sie auf ihn?« »Ach, ich bin in den letzten Tagen oft mit ihm zusammen gewesen; er ist ja einer von den Unsrigen.« »So? Das freut mich wirklich.« »Er war einer von denen, an die ich von Anfang an dachte, und er kam auch gleich zu mir. – Ja, und gestern sagte er mir, daß wir uns wohl auch bald bei Ihnen treffen würden.« »Rochow ist immer bei mir willkommen; er kommt vielleicht auch später zum Tee zu mir. Wissen Sie übrigens, daß er seinen Abschied nehmen mußte?« »Nein, weshalb denn?« »Ich weiß es nicht genau. Es handelte sich um eine Soldatenmißhandlung, wo Rochow in irgendwelcher inkorrekten Weise zu sehr für den Soldaten gegen den schuldigen Leutnant eingetreten ist. Aber jetzt zum Mittagessen erwarte ich einen jungen Freund, der Ihnen vielleicht große Freude machen wird.« Es klingelte, und bald darauf stand ein bleicher, junger Mann mit tiefliegenden, rotumränderten Augen in der Tür. Man sah seiner Kleidung an, daß sie mit großer Mühe ordentlich instand gehalten war. Frau von Zeuthen ging auf ihn zu, führte ihn an der Hand zu Seebeck und sagte: »Da haben Sie meinen Melchior. Seht zu, ob ihr nicht Freunde werden könnt.« Und während die beiden Männer einander forschend und suchend in die Augen sahen, öffnete sie die Tür zum anstoßenden Eßzimmer, wo Hedwig und Felix bereits ungeduldig warteten. Auf dem großen Tische in Paul Seebecks Hotelzimmer, der mit Zeitungen, Broschüren und Papieren bedeckt war, standen zwei schwere, fünfarmige Leuchter und erhellten die Gesichter der kleinen Versammlung. Erst jetzt waren sie zum ersten Male offiziell versammelt; so hatte es Paul Seebeck gewollt. Mehrere Wochen hatte er ihnen Zeit gelassen, um alles in Ruhe zu überlegen und sich einander kennen zu lernen. Alle sieben waren da: am Tischende saßen Paul Seebeck, Jakob Silberland und Hauptmann a. D. von Rochow, dann kamen Edgar Allan und Referendar Otto Meyer, zuletzt Nechlidow. Der junge Melchior saß gesenkten Hauptes etwas im Hintergrunde und zuweilen hob sich sein bleiches, abgearbeitetes Gesicht aus dem Dunkel. Paul Seebeck stand auf, und aller Augen wandten sich ihm zu. Er sagte: »Ich habe ungefähr dreihundert Anfragen und Anmeldungen erhalten, habe aber Alle gebeten, sich etwas zu gedulden. Wir sind jetzt sieben, und das ist vorläufig genug, um die Sache in Gang zu bringen. Sobald wir die Umrißlinien gezogen haben, mögen die Anderen kommen, um sie auszufüllen oder zu verändern. Nun liegt die Gefahr vor«, fuhr er fort, wobei er den Kopf senkte und sich auf die eingezogene Oberlippe biß, »daß wir sieben auch in Zukunft eine bevorzugte Stellung einnehmen. Das darf natürlich nicht sein. Das wäre eine Oligarchie statt einer Demokratie.« Nechlidow hob den Kopf und rief: »Was bis zum heutigen Tage noch jede Demokratie gewesen ist, besonders in der wahnsinnigen Karrikatur des Parlamentarismus.« Paul Seebeck sah ihm gerade ins Gesicht: »Tragen Sie das Ihrige dazu bei, Herr Nechlidow, daß unser Staat nicht an dieser Klippe strandet.« Es ging ein Leuchten durch Nechlidows vergrämtes Gesicht; er sagte nichts, nickte nur. »Nun läßt sich aber nicht leugnen, daß wir sieben Gründer, eben als solche, vorläufig eine Sonderstellung einnehmen. Wir müssen nur dafür sorgen, daß diese Sonderstellung nicht länger dauert, als unbedingt notwendig ist. Ich schlage deshalb folgendes vor: jeder Ansiedler, selbstverständlich Mann wie Frau, ist nach einjährigem Aufenthalt auf der Insel vollberechtigter Bürger. Wir sieben Gründer bleiben das erste Jahr allein auf der Insel und genießen das einzige Vorrecht, in diesem Jahre über uns selbst und den Staat, den wir ja allein repräsentieren, zu verfügen. Dieses Vorrecht ist natürlich nur ein anderer Ausdruck für alle unsere Pflichten und unsere Arbeit. Vom opportunistischen Standpunkte aus gesehen also ein Vorrecht, von recht zweifelhaftem Werte, vom moralischen Standpunkte ein Recht in der tief innersten Bedeutung des Wortes.« Jetzt konnte Otto Meyer sich nicht mehr beherrschen, er mußte Jakob Silberland zuflüstern: »Daß der Kerl seine geistreichen Bemerkungen nie sein lassen kann.« Halb verlegen und belustigt, suchte Silberland nach einer Antwort; plötzlich aber erhob sich zum allgemeinen Erstaunen Melchior und sagte: »Darf ich eine Frage stellen? Da ist etwas, was ich nicht verstehe.« »Bitte«, sagte Seebeck. Melchior zog die Brauen zusammen und versuchte augenscheinlich seine Frage scharf zu formulieren; er sagte dann: »Nach alledem, was ich verstanden zu haben glaube, soll dieser Staat im Großen wie im Kleinen keine willkürliche Konstruktion darstellen, ebensowenig eine Gemeinschaft, die nur auf einen bestimmten Typus Mensch zugeschnitten ist. Wenn Sie mir den trivialen Ausdruck erlauben wollen, soll es nicht nur der ideale, sondern auch der normale Staat sein.« Paul Seebeck nickte. Melchior sah ihn an: »Ein Staat, oder wohl besser: eine Gemeinschaft, deren Bau aus der Natur des Menschen an sich, des zweibeinigen Säugetieres: Mensch, abgeleitet ist, nicht wahr?« Wieder nickte Paul Seebeck, obgleich nicht so ganz zustimmend. Melchior war aber so in seinen Gedanken vertieft, daß er nichts um sich her sah. Er fuhr fort: »Sie müssen mich recht verstehen, ich will nicht kritisieren, nur fragen. Wie läßt sich die Idee eines solchen Staates damit vereinigen, daß erst große Vorarbeiten nötig sind? Daß die Ansiedler sich erst ein ganzes Jahr lang akklimatisieren sollen? Würde es nicht genügen, die Menschen einfach in die Freiheit zu setzen, so daß sie selbst kraft ihrer Menschennatur sich die neue Gemeinschaft schaffen können? Wenn ihre Gedanken richtig sind, müßte der so sich selbst aufbauende Staat genau ebenso werden, wie der Ihrige, der doch – zunächst wenigstens – ein theoretisches, aus den jetzigen Staatsformen abstrahiertes Gebäude darstellt; nur mit dem Unterschiede, daß der sich selbst aufbauende Staat natürlicher wäre, ohne die Fehlerquellen, die bei dem Ihrigen, der theoretischen Grundlage wegen, möglich sind.« »Bravo!« rief Nechlidow. »Der Mann kann denken.« »Sie müssen mich richtig verstehen,« fuhr Melchior fast ängstlich fort, »ich vertrete gar keinen Standpunkt, ich sehe nur ein Problem und bitte Sie, es mir zu lösen. Sie haben natürlich alles das genau bedacht, Herr Seebeck?« Er richtete sich ganz auf und sah Seebeck gespannt an. Aber plötzlich verzog sich sein Gesicht, es wurde kreidebleich, er schwankte etwas, griff rückwärts nach der Stuhllehne, so daß der Stuhl sich auf einem Beine drehte, und Melchior sank, die Stuhllehne noch immer in der Hand, bewußtlos neben den Stuhl hin, der auf ihn fiel. Alle sprangen entsetzt auf. Paul Seebeck war mit einigen Schritten bei ihm, hob ihn leicht wie ein Kind auf, klingelte nach dem Kellner, ließ sich ein freies Zimmer zeigen und bettete den Ohnmächtigen dort. Er löste ihm die Kleider auf Brust und Leib und flößte ihm dann Milch ein. Melchior schlug schon nach einigen Minuten die Augen wieder auf und sah unsicher um sich. Paul Seebeck fragte ihn besorgt: »Fühlen Sie sich jetzt wieder wohl?« »Ja, ja«, sagte Melchior zerstreut. »Das hat nichts zu sagen.« Sein Blick fiel auf die gefüllte Milchkanne. Mit zitternden Händen schenkte er sich ein Glas ein und stürzte es hinunter. Er sah dankbar zu Seebeck auf: »Ich danke Ihnen, Sie sind so gut zu mir.« »Wünschen Sie irgend etwas?« fragte Seebeck, die Hand schon bei der elektrischen Klingel. »Ja, wenn ich etwas essen dürfte –« antwortete Melchior zögernd. »Ich werde zuweilen schwach, wenn ich hungrig bin.« »Haben Sie denn heute Abend noch nichts gegessen?« fragte Seebeck besorgt. »Heute Abend?« Melchior lächelte schwach. »Gestern und heute habe ich nichts gegessen. Wenn ich jetzt nur ein Stückchen Brot haben kann, ist mir gleich wieder gut.« Der Kellner trat ein, und Seebeck bestellte, trotz Melchiors verlegen-abwehrender Handbewegungen ein ordentliches Abendessen, doch verlangte er nur Speisen, die in wenigen Minuten fertig sein konnten. Während dieses kurzen Gespräches schlummerte Melchior ein. Paul Seebeck überzeugte sich, daß sein Atem ruhig ging und verließ dann zusammen mit dem Kellner das Zimmer. Als er zu seinen Gästen zurückkehrte, wurde er von allen Seiten nach Melchiors Befinden gefragt. Er gab aber nur kurze, sachliche Antworten und schlug dann lächelnd vor, wieder zur Arbeit überzugehen. Diesmal ergriff er aber nicht das Wort, sondern bat Jakob Silberland, zu erklären, wie sie ihren Staat zu finanzieren gedächten. Jakob Silberland stand eifrig auf, und begann: »Die finanzielle Grundlage unseres Staates ist als durchaus gesund zu bezeichnen. Wir haben Aktiven in den Naturschätzen, die fast ohne Betriebskapital zu heben sind. Nach dem Urteil von Sachverständigen repräsentiert eine ausgewachsene Riesenschildkröte allein an Schildkrott einen Wert von fünfundzwanzigtausend Mark, dazu kommt noch ihr Fleisch im Werte von ungefähr dreihundert Mark. Ein genaues Studium muß ergeben, wieviele Tiere man im Jahre erlegen darf, ohne Raubbau zu treiben; jedenfalls für mehrere Hunderttausende, vielleicht Millionen. Diese Einnahmequelle muß dem Staate selbst verbleiben. Daß der Grund und Boden für immer gemeinsames Eigentum bleiben muß, ist ja selbstverständlich, ebenso die auf ihm stehenden Häuser, denn ein Privatbesitz an Boden läßt sich nur solange rechtfertigen, wie es herrenloses Land in genügender Menge gibt, so daß jeder andere sich gleichfalls – wenn er will – einen genügenden Platz sichern kann. Da es jetzt – speziell bei uns – herrenloses Land so gut wie nicht mehr gibt, oder bald nicht mehr geben wird, ist Privatbesitz am Grund und Boden ein Unding. Wir brauchen nur etwas flüssige Mittel, um die notwendigen Bauten und Anlagen ausführen zu können. Wir schlagen vor, das Geld durch eine innere Anleihe aufzubringen, die rasch zu amortisieren wäre. Diese Anleihe müßte natürlich eine innere sein, um ausländischem Kapital keinen Einfluß zu geben ...« Die Tür knarrte leise; aller Augen wandten sich ihr zu, und Jakob Silberland brach ab. Mit schleppenden Schritten kam Melchior herein und blieb verlegen stehen. Da sich aber alle Anwesenden Mühe gaben, ihn so unbefangen wie möglich zu behandeln, atmete er schnell auf und nahm seinen früheren Platz wieder ein. Jakob Silberland räusperte sich und wollte in seinem Vortrage fortfahren, konnte aber die Aufmerksamkeit nicht mehr sammeln. Paul Seebeck schlug deshalb vor, eine Viertelstunde lang zu pausieren. Da niemand widersprach, ließ er Tee und kleine Butterbrötchen, sowie auch einige Flaschen Wein kommen, was die Herren, auf- und abgehend, zu sich nahmen. Paul Seebeck trat zu Melchior heran: »Haben Sie jetzt ordentlich gegessen?« fragte er. »Ja, ja«, antwortete Melchior, zerstreut auf den Boden blickend. Dann schlug er die Augen auf: »Herr Seebeck«, sagte er, »Sie sind mir noch eine Antwort schuldig.« Paul Seebeck griff sich unwillkürlich an die Stirn; er verfolgte rückläufig die Vorgänge des Abends und kam damit auch auf Melchiors Frage. »Überlegen Sie sich, wie viel die Menschen vergessen müssen, ehe sie reif für eine neue Gemeinschaft werden; vergessen, was sie selbst, und das, was ihre Vorfahren gelernt haben: die Masseninstinkte. Um die zu bekämpfen und zu vergessen, genügt weder die Möglichkeit, noch der Wille zur Freiheit – zwei Voraussetzungen, die bei uns glücklicherweise gegeben sind – eine große Arbeit jedes einzelnen an sich und an der Gemeinschaft ist notwendig. Unterschätzen Sie unser Vorhaben nicht; es gilt nichts weniger, als einen neuen Typus Mensch heranzuziehen, einen Typus, der eine Gemeinschaft von Individualitäten bilden kann, ohne daß diese zu einer homogenen Masse wird.« »Sie gebrauchen dauernd das Wort: Typus im Sinne von Individuum. Ich finde das fast verdächtig.« »Ach Gott, was ist denn dabei verdächtig?« sagte Paul Seebeck gleichmütig. »Typus – Art – was Sie wollen. Sie wissen ja, was ich meine, da spielt der Ausdruck doch keine Rolle.« Melchior schüttelte den Kopf und zog die Augenbrauen zusammen: »Was Sie meinen, scheint an und für sich so klar zu sein, daß ein etwas schiefer Ausdruck keine Unklarheit hereinbringen kann. Ich kann aber doch nicht anders, als gerade hinter diesem schiefen Ausdruck ein Problem zu sehen, nämlich dieses: daß Sie gar nicht den freien Menschen an sich brauchen können und entsprechend heranziehen wollen, sondern nur einen ganz bestimmten Typus des freien Menschen.« Paul Seebeck hatte anfangs lächelnd zugehört, dann wurde er aber ganz ernst. Stehenbleibend, sagte er fast feierlich: »Es gibt keinen Staat und keine Gemeinschaft der Welt, wo der Verbrecher, der Kinderschänder Raum fände. Wohl aber läßt sich eine Gemeinschaft denken, die dem Verbrechen keinen Nährboden gibt. Was stellen Sie sich denn überhaupt unter dem »freien« Menschen vor? – Doch nicht den, der ungehindert absonderlichen Gelüsten folgen kann? Gerade der in irgend einer Weise perverse Mensch ist im höchsten Grade unfrei. Frei sein heißt: von seiner eigenen Vergangenheit frei sein, von Traditionen und Vorurteilen frei sein, heißt Rückkehr zu einer Norm, die es kaum noch gibt. In diesem Sinne haben Sie Recht: ich erkenne wirklich nur einen Typus des freien Menschen an; aber der ist sehr umfassend, nämlich alle einschließend, die in irgend einer Weise für die Gemeinschaft im höheren Sinne brauchbar, oder was dasselbe ist, notwendig sind.« »Ja, ja«, sagte Melchior nachdenklich. »Ich glaube schon, daß ich Ihnen zustimmen werde, wenn ich in Ruhe alles richtig bedacht habe.« Paul Seebeck sah ihm gerade ins Gesicht: »Beantworten Sie mir bitte eine Frage: weshalb kommen Sie überhaupt zu uns? Ich sehe, daß Sie ernst arbeiten und daß Sie aufrichtig sind, uns also willkommen sein müssen – aber was wollen Sie von uns?« Melchior sah mit zusammengezogenen Brauen vor sich hin: »Ich muß aus zwei Gründen zu Ihnen. Erstens glaube ich bei Ihnen alle sozialen und sozial-psychologischen Phänomene im status nascendi, also in reinster und dabei konzentriertester Form zu finden. Also aus wissenschaftlichem Interesse. Dann glaube ich dort einmal ein Arbeitsfeld zu haben, wo die praktische Arbeit nicht vergeudete Zeit bedeutet.« »Sie werden kein angenehmer Mitarbeiter sein, aber ein wertvoller.« Und er drückte Melchiors heiße Hand. Hinter ihnen erklang ein leises Klirren. Sie wandten sich um und sahen, daß Jakob Silberland an sein Glas schlug, augenscheinlich in der Absicht, eine Rede zu halten. Er trippelte nervös auf seinen kurzen Beinchen hin und her und fuhr sich mehrmals mit der Hand durch sein langes, schwarzes Haar. Die anderen Herren saßen um den Tisch herum mit aufmerksamen und vielleicht etwas verlegenen Gesichtern. Paul Seebeck und Melchior blieben im Hintergrunde stehen. Melchior sah mit einem Blicke, der fast ein Werben um Liebe enthielt, zu Paul Seebeck auf und flüsterte ihm zu, wobei er errötete: »Sie müssen mir helfen, dann werde ich finden, was ich suche – dort auf Ihrer Insel werde ich das Geheimnis der Menschheit finden.« Paul Seebeck nickte ihm freundlich zu. Er konnte ihm nicht mehr antworten, denn Jakob Silberland begann: »Darf ich einige Worte sagen? Ich will nicht schwulstig sein, obwohl ich mich beherrschen muß, es nicht zu werden. Aber ohne jede Übertreibung kann man wohl sagen, daß von diesem Tage an eine neue Periode der Menschheitsgeschichte ansetzt. Unser Anfang ist bescheiden, aber unsere Bestrebungen werden Früchte tragen, deren Größe wir heute noch gar nicht übersehen können. Statt grotesker Verzerrungen den wirklichen Staat, die wirkliche Gemeinschaft von Menschen.« »Gegründet auf die menschliche Vernunft«, unterbrach Nechlidow, von seinem Stuhle aufspringend, den Redner. »Weg mit den Sentimentalitäten, die nur Ausbeutung, Schwäche und Dummheit verschleiern sollen. Laßt uns die neue Menschheit auf die Vernunft aufbauen. Vernunft allein kann den Menschen weiterbringen. Gefühle erniedrigen ihn zum Tiere. Aber streng und ehrlich müssen wir sein.« Otto Meyer hatte mit einem spöttischen Lächeln den beiden zugehört; jetzt aber wurde sein Gesicht ganz ernst. Er machte eine Bewegung, als ob er aufstehen wollte, besann sich dann aber wieder. Herr von Rochow hatte wohl zu viel Wein getrunken, denn sein Lächeln wurde blöder und blöder, und seine treuherzigen, blauen Augen verschwammen immer mehr. Edgar Allan hörte nur halb zu; mit einem Bleistiftstumpfe entwarf er auf dem weißen Tischtuche Hütten und Häuser in einem Stile, der in merkwürdiger Weise eine stark betonte Horizontale mit flachen Bogenlinien verknüpfte. Jetzt trat Paul Seebeck mit einigen raschen Schritten an den Tisch und sagte: »Meine Freunde! Heute Abend ist es zu spät, um noch alle die Einzelheiten zu erörtern, die ich gern besprochen hätte. Aber dazu haben wir ja die vielen Wochen auf dem Schiffe. Nur eins: das ist jetzt der Abschied vom behaglichen Leben, von Großstadttrubel und den Vergnügungen. Jetzt beginnt für uns die Arbeit. Es liegt nur an uns, diese Arbeit so anzufassen, daß sie für Andere und uns selbst größeres gestaltet, als sonst je möglich wäre. Eine schwere Zukunft liegt vor uns, aber eine große.« Die Sachverständigen waren nach Sidney zurückgekehrt. Alles war geprüft worden: der mutmaßliche Ertrag der anzulegenden Schildkrötenkultur, der Fischreichtum des Meeres, die Brauchbarkeit der Steine zum Hausbau, das Wasser, die auf der Insel vorkommenden Minerale – und jetzt saß Jakob Silberland den ganzen Tag in seinem Zelte an einem Holztische und rechnete, wobei er unausgesetzt die kurzen Beinchen bewegte und sich nicht selten mit den Händen durch das schwarze, strähnige Haar fuhr. Die andern sechs aber arbeiteten draußen in der glühenden Sonne, um erst am Abend zu den Zelten zurückzukehren. In den Stunden, wo sie dann am Strande lagen und auf das Meer hinaussahen, war manch ein gewichtiges Wort gefallen. Jakob Silberland hatte viel zu tun: die gesamte Korrespondenz lag in seinen Händen, ebenso die Buchführung und die Verwaltung der Gelder. Er hatte die wöchentliche Verbindung mit Sidney durch einen kleineren Dampfer der »Australisch-Neu-Seeländischen Transport-Gesellschaft« zustande gebracht, und jetzt galt es für ihn, auf eine geraume Zeit hinaus den Bedarf an Geräten, Baumaterial und anderen Dingen vorauszusehen und geschickt auf die einzelnen Wochen zu verteilen, damit der Verkehr sich für die Gesellschaft lohnte. Von diesen schwierigen Berechnungen bereitete die schwerste und verantwortungsvollste Arbeit – die Verwaltung der Gelder – Jakob Silberland den geringsten Kummer. Es war beschlossen worden, eine in fünfzehn Jahren zu amortisierende, dreiprozentige innere Anleihe in der Höhe von einer Million Mark aufzunehmen. In fünf Jahren hofften sie, mit dem größten Teile der Bauten und Anlagen fertig zu sein und wollten dann die Anleihe jährlich mit hunderttausend Mark amortisieren. Besondere Bestimmungen verhinderten den Handel mit diesen Papieren, um keinem Außenstehenden auch nur den geringsten Einfluß zu erlauben. Herr von Rochow und Paul Seebeck hatten ihr ganzes Vermögen – eine halbe Million und zweihundertfünfzigtausend Mark – in diesen Papieren angelegt, Otto Meyer konnte fünfzigtausend beisteuern, und Edgar Allan zwanzigtausend. – Jakob Silberland, Nechlidow und Melchior besaßen nichts, konnten also auch nicht die fehlenden hundertachtzigtausend aufbringen, etwas, was Jakob Silberland in seiner Eigenschaft als Geschäftsführer sehr bedauerte. Bis jetzt war nämlich das Kapital nur in ganz geringem Umfange angegriffen, und der weitaus größte Teil des Geldes lag mit sechsmonatlicher Kündigung in der Filiale der »Deutschen Bank« zu Sidney, wo es viereinhalbes Prozent trug; die Anleihe konnte also auch, solange sie nicht verbraucht war, als eine werbende betrachtet werden, die anderthalb Prozent Überschuß im Jahre erbrachte. Aber Jakob Silberland war praktisch und fand einen Weg, um die Unterbringung der restlichen hundertachtzigtausend Mark der Anleihe zu erzwingen. Es war nämlich festgesetzt worden, daß alle Staatsarbeiter – und das waren ja vorläufig alle sieben Gründer – ein jährliches Gehalt von fünftausend Mark beziehen sollten. Die spätere, erweiterte Gemeinschaft mochte diese Bestimmung bestätigen, abändern oder umstoßen; sie galt vorläufig nur für das erste Jahr. Da jetzt von getrenntem Haushalt noch keine Rede sein konnte, wurden die Notdürfte des Lebens gemeinsam bezogen und entsprechend vom Gehalte abgezogen. Der Rest sollte bar ausgezahlt werden. Jakob Silberland setzte aber durch, daß nur die Hälfte dieses Geldes bar ausgezahlt wurde, die andere Hälfte aber in jenen Anleihepapieren, von denen zu diesem Zwecke die in Frage stehenden hundertundachtzigtausend Mark in Scheinen von je hundert Mark ausgegeben wurden. Sogar gegen den Zinsverlust in der Zeit vor Unterbringung der ganzen Summe verstand Jakob Silberland die Staatskasse zu schützen, indem er diese Papiere nicht zum Nominalwert, sondern mit einem jährlichen Aufschlage von anderthalb Prozent ausgab. Inzwischen arbeiteten die anderen in der heißen Sonne. Ihre erste Sorge galt der Zuführung von Trinkwasser, dessen tägliche Herstellung im Destillationsapparate zu langwierig war. Man verzichtete vorläufig auf die Herstellung einer wirklichen, unterirdischen Wasserleitung, begnügte sich vielmehr damit, den kleinen Bach durch Spalten und Rinnen in die Bucht zu leiten, wobei zwar ziemlich viele Sprengungen, aber nur wenig Mauerungsarbeiten notwendig waren. In den folgenden Wochen arbeitete Edgar Allan an dem Stadtplane, während die anderen fünf kleinere, aber notwendige Arbeiten ausführten. Es war beschlossen worden, sofort nach der Fertigstellung von Allans Plänen an den Häuserbau zu gehen, und zwar sollten die Häuser in der Reihenfolge gebaut werden, in der die Gründer sich endgiltig zur Übersiedelung auf die Insel bereit erklärt hatten. Die Sonne war untergegangen, und schon wenige Minuten später umhüllte tiefe Nacht die Insel. Nur wenn eine Welle sich am Strande brach, leuchtete für eine Sekunde grünlich-weiß der Gischt auf. Die Sieben lagen, des starken Nachttaues wegen in leichte Decken gehüllt, schweigend um das Feuer, das sie der Stimmung wegen entzündet hatten, und sahen zum strahlenden Sternenhimmel empor. Keiner sprach ein Wort. Viertelstunde auf Viertelstunde verrann; unbeweglich lagen die Männer da, nur ihre Gedanken arbeiteten bei dem ewigen Rhythmus des Wellenschlages. Endlich setzte Melchior sich auf. Mit zusammengezogenen Brauen starrte er vor sich hin, und das leise flackernde Feuer ließ seine scharfen Züge unheimlich erscheinen. Nach einer Weile hob er den Kopf und sagte zu Paul Seebeck: »Herr Seebeck, darf ich auf jenes Gespräch zurückkommen, das wir vor mehreren Monaten in Berlin führten?« Seebeck drehte sich halb herum und sah ihn fragend an. Seine Rechte spielte mit einigen Kieseln. Melchior sagte: »Unser Gespräch fing so an: ich fragte Sie, weshalb man nicht die Menschen ohne weiteres hier hersetzen könnte, damit sich die langsam entstehende Gemeinschaft selbst jenen absoluten Staat aufbaue, den wir hier künstlich schaffen wollen. Sie antworteten, daß die Menschen so vieles zu vergessen hätten, bevor sie reif würden, Sie gebrauchten das Wort Masseninstinkte – erinnern Sie sich noch?« Paul Seebeck nickte. Nechlidow, der an der anderen Seite des Feuers lag, war aufgestanden und hatte sich dicht neben Melchior gesetzt. Dieser fuhr fort: »Ich habe darüber nachgedacht und habe zunächst folgende Formel gefunden: Sie wollen die tierischen Masseninstinkte durch das menschliche Massenbewußtsein ersetzen.« Paul Seebeck nickte und hörte auf, mit den Steinchen zu spielen. Nechlidow beugte sich mit offenem Munde und glänzenden Augen weit vornüber. Edgar Allan aber sagte gleichmütig im Hintergrunde: »Glauben Sie denn wirklich, daß das geht? Wir, die etwas besonderes zu sagen haben, haben die Pflicht, uns die besten Bedingungen zu schaffen, um das Betreffende zu sagen und können dann mit gutem Gewissen abtreten. Denn wir erleben doch nicht, daß die Masse uns versteht; in manchen Fällen geschieht es später – meistens wohl überhaupt nicht. Aber wir haben die Pflicht, das zu geben, was wir geben können, gleichgiltig, ob es genommen wird oder nicht. Auf die Masse warten können wir aber nicht. Dazu ist unsere Zeit zu kostbar. Wir müssen es ihr anheimstellen, ob sie uns nachhumpeln will oder nicht. Die Geschichte machen wir und nicht die Masse.« Verlegenes Schweigen folgte diesen Worten. Seebeck griff wieder nach seinen Steinchen. Jakob Silberland sagte: »Nein, Herr Allan, Sie begehen den Fehler, überhaupt einen Unterschied zwischen Führern und Masse zu konstruieren. Das geht nicht. Ich will damit nicht nur sagen, daß es sich hier nur um graduelle, niemals prinzipielle Unterschiede handeln kann, da es so unzählige Gebiete gibt, auf denen irgend jemand führt; soziale, politische, religiöse, literarische, vegetarische, alkoholgegnerische und weiß Gott noch was für Führer gehören auf jedem anderen Gebiete wieder zu der geführten Masse; es handelt sich also immer nur um eine partielle, niemals um eine absolute Führerstellung, und erst die Resultante aller dieser großen und kleinen Bewegungen stellt die Geschichte der Menschheit dar, sondern –« Er stand auf und hob dozierend einen Finger: »Daß die Mitglieder eines heutigen Staates vollständig, die Mitglieder der ganzen Menschheit zum großen Teile, dasselbe sind, was die einzelnen Teile eines Korallenriffs, die einzelnen Zellen im menschlichen Körper sind: Glieder eines größeren Individuums, die durch die Arbeitsteilung und die darin liegende Verzichtleistung auf universelle Tätigkeit, als Ganzes mehr zu vollbringen vermögen, als das Einzelwesen kann. Kurz und gut, wir leben eigentlich schon im sozialistischen Zukunftsstaate, nur daß die Staatsformen, der äußere Ausdruck der inneren Organisation, immer um einige hundert Jahre zurück sind, ebenso wie der jeweilige Stand der Orthographie immer die gesprochene Sprache vor einigen hundert Jahren darstellt. Alles Unglück kommt aus dieser Inkongruenz von Form und Inhalt – und die wollen wir ja hier abschaffen, indem wir die Staatsform einige hundert Jahre Entwicklung überspringen lassen und sie genau dem gegenwärtigen Stande der menschlichen Organisation anpassen.« »Sind die Staatsformen wirklich im Rückstande?« mischte sich Herr von Rochow ins Gespräch. »Ich möchte lieber sagen, daß sie eine viel vorgeschrittenere, gleichsam idealisierte Menschheit voraussetzen. Denken Sie doch an das Institut der Ehe, das die Monogamie voraussetzt, die es doch praktisch so gut wie gar nicht gibt.« Jetzt sprang Melchior auf und streckte flehend die Arme aus. Er rief: »Nicht mehr, ich flehe Sie an, heute Abend nicht mehr! Ich sehe jetzt, wo das Problem liegt – lassen Sie mir nur etwas Zeit!« Verwundert und ein wenig gekränkt sahen die anderen ihn an. Seine Erregung war aber so echt, seine Stimme so flehend, dabei seine magere Gestalt im Feuerscheine so grotesk, daß sich der Ärger bald in Achtung und Mitleid verwandelte. Doch hätte die Situation peinlich werden können, hätte Otto Meyer sie nicht aufgelöst. Er sagte nämlich gemütlich: »Ja, Kinder, was strengt ihr euch unnötig an, wenn Herr Melchior so liebenswürdig ist, alle Denkarbeit für uns zu übernehmen, und für die endgiltige Lösung aller Weltprobleme garantiert.« Alle lachten; nur Melchior hatte nichts gehört. Mit gekrümmtem Rücken saß er da und starrte vor sich hin. Nach einer kleinen Pause sagte Edgar Allan: »Wir wollen also von der Theorie auf die Praxis übergehen. Ich bin nämlich heute mit meinem Stadtplan fertig geworden. Wir können morgen vielleicht einen kleinen Rundgang durchs Gelände machen, und ich kann Ihnen dann genau erklären, wie ich alles meine. Ich habe natürlich versucht, die Natur so genau wie möglich zu verstehen und sie ihrer eigenen Struktur entsprechend auszubauen. Die Stadt soll sich der Bildung der Felsen eng anschließen; sie darf ja kein Fremdkörper auf der Insel sein, sondern ein organischer Teil von ihr, ihre Blüte. Na, das sind ja Gemeinplätze«, sagte er aufstehend, »aber ich habe auch einige gute Ideen gehabt. In der Sohle unserer Mulde möchte ich die Hauptstraße haben, die alle Terrassen verbindet und dann vielleicht später weiter auf das Hochland geführt wird. Die achte große Terrasse – Sie wissen, die breite, hinter der die Steigung so viel steiler wird, so daß die Straße dort in starken Serpentinen weitergeführt werden müßte – möchte ich den öffentlichen Gebäuden vorbehalten, einem Volkshause für Versammlungen und ähnlichen Dingen. Am Strande, in der Richtung auf die Irenenbucht zu, könnte eine einreihige Straße von Fischerhäuschen liegen; dort rechts, wo die Wand ziemlich steil ist, wäre nur Platz für einige, wenige Häuser. Das ist eine ganz ideale Stelle für Sonderlinge, die von dort aus höhnisch auf die Stadt hinabsehen wollen. Auf solche Käuze müssen wir ja auch vorbereitet sein. Vielleicht beschließt sogar einer von uns sein Leben dort.« »Aber jetzt will ich Ihnen meine Hauptgedanken sagen, meine Herren«, fuhr er lebhaft fort. »Sehen Sie, der Bach wird auf absehbare Zeit hinaus für die Wasserzufuhr völlig ausreichen. Wir müssen aber den ganzen Fluß herunter bringen, denn dann können wir hier im Laufe einiger Jahre eine Vegetation schaffen, wozu die Natur viele hundert Jahre brauchen würde. Und das Überspringen von Zeiträumen ist ja unsere Hauptbeschäftigung hier. Die Sache läßt sich ausgezeichnet machen. Ich habe alles ganz genau geprüft. Der Fluß muß zunächst in das tiefe Becken geleitet werden, das auch sicher früher einen See beherbergt hat – falls Seebecks Theorie richtig ist, daß die Insel nur vorübergehend unter das Meer gesunken ist. Ebenso sicher ist natürlich auch diese Mulde das frühere Flußtal. Der Wall, der das Becken gegen unser Tal abschließt, ist durchgängig höher, als der zum Meere. Besser könnte die Sache überhaupt nicht liegen, denn so hat das Staubecken ein natürliches Sicherheitsventil. Wir brauchen niemals eine Überschwemmung der Stadt zu befürchten, denn das überschüssige Wasser wird immer gleich ins Meer stürzen. Wir müssen nur ziemlich tief im Becken eine große Röhre anbringen, die den Wall in der Richtung auf die Stadt zu durchbohrt. Dann haben wir, unabhängig von dem jeweiligen Wasserstande des Staubeckens, einen gleichmäßigen Wasserstrom. Oben, bei der Terrasse, die ich für die öffentlichen Gebäude reservieren will, soll sich der Fluß dann teilen. Der Hauptarm soll der Hauptstraße folgen; ich will aber unzählige, kleine Bäche von ihm ableiten, so daß fast jedes Haus an fließendem Wasser liegt. – Natürlich wird das Trinkwasser davon unabhängig in geschlossenen Röhren geleitet. – So gut wie alle Häuser werden ja auf kleinere oder größere Terrassen zu liegen kommen, also auf wagerechten Grund. Mit Hilfe des Wassers können wir nicht nur öffentliche Anlagen schaffen, sondern jedes Haus kann seinen Garten haben. Ich denke dabei nicht nur an die Schönheit, sondern besonders an die Regulierung der Atmosphäre. Wenn wir auf Kloaken verzichten und alle Abfälle den Gärten zugute kommen lassen, haben wir schon etwas; aber das genügt vorläufig nicht. Wir müssen vielmehr einen ganz energischen Anfang machen. Ich schlage einfach vor, irgend eine recht schwere, fruchtbare Lehmerde aus Australien hierher transportieren zu lassen und damit die Gartenflächen etwa einen Meter hoch zu bedecken. Wenn wir uns dann Bäume mit recht starken, tiefgehenden Wurzeln pflanzen, werden die dann schon eine allmähliche Lockerung des Bodens besorgen. Es gibt ja Bäume, die eigentlich nur einen Halt in einer dünnen Humusschicht brauchen, und ihre Kraft aus dem Felsen selbst ziehen: manche Nadelhölzer, auch Birkenarten. Das alles müßte natürlich mit einem großzügigen Gärtner besprochen werden. Meine Skizzen zu den Häusern selbst werde ich Ihnen morgen zeigen. Ich glaube, jetzt den richtigen Stil gefunden zu haben. Ich habe eine stark betonte Horizontale mit flachen Kurven verschmolzen – na ja, das alles morgen. Aber jetzt möchte ich noch etwas sagen: es ist ein schöner Gedanke, hier alles aus eigenen Kräften auszuführen; aber eigentlich ist es doch nur eine unpraktische Sentimentalität. Wir verschwenden Zeit und Kraft auf Dinge, die jeder Kuli machen könnte. Sollten wir nicht lieber einige hundert Arbeiter aus Sidney kommen lassen, um diese rein körperlichen Arbeiten für uns auszuführen? Dann kämen wir doch viel schneller vorwärts. Es ist nur ein Vorschlag –« Nechlidow sprang auf: »Nein, nein«, rief er. »Keine Kompromisse! Damit finge die Lüge an, die alles durchsetzen würde. Wir müssen unseren Prinzipien treu bleiben. Solche scheinbar – und nur scheinbar – praktische Erwägungen haben die große Unwahrheit in die Welt hineingebracht. Wenn unser Leben hier einen Zweck hat, so ist es der, zu beweisen, daß das strenge Festhalten am großen Gedanken, am Menschheitsgedanken auch praktisch am weitesten führt.« »Ich erlaubte mir nur einen Vorschlag«, antwortete Edgar Allan höflich. »Da er auf Widerspruch stößt, ziehe ich ihn hiermit zurück.« Das Feuer war bei Allans Rede langsam zusammengesintert; jetzt war es nahe am Verlöschen, aber niemand dachte daran, es wieder anzufachen. In ihre Decken gehüllt, lagen die Sieben schweigend da und sahen zum glänzenden Sternenhimmel empor. Als der Tag sich jährte, an dem die sieben Gründer die Insel betreten hatten, lag die »Prinzessin Irene« in vollem Flaggenschmuck vor der Bucht. Als die Hochflut kam und die Klippen bedeckte, schleppten die beiden zierlichen Dampfbarkassen schwere Boote mit Menschen und Hausgerät ans Land. Auf der improvisierten Landungsbrücke standen Paul Seebeck und Melchior und begrüßten die Ankömmlinge, während die anderen Fünf eifrig damit beschäftigt waren, ihnen Unterkunft in den großen Schuppen und Zelten zu bereiten, die zu diesem Zwecke errichtet waren. Denn die Häuser mußten ja erst gebaut werden und zwar in derselben Reihenfolge, in der die endgiltigen Erklärungen eingelaufen waren. Dreihundertfünfzig erwachsene Personen trafen an diesem Tage ein: tüchtige Handwerker mit gesetzten Gesichtern, Kaufleute, die aus irgend einem Grunde nicht vorwärts gekommen waren und nicht wenige unbestimmbaren oder unsicheren Berufes, die erst hier ihr wirkliches Vaterland wußten. – Es ergab sich von selbst, daß die sieben Gründer nicht mehr wie früher selbst Hand an alle Arbeit legen konnten: Organisation und Leitung nahm ihre Zeit und ihre Kräfte völlig in Anspruch. Hauptmann a. D. von Rochow übernahm die Leitung beim Bau der Straße und der öffentlichen Anlagen; Edgar Allan hatte Tag und Nacht als Architekt zu tun; Otto Meyer hatte einen Teil von Jakob Silberlands Tätigkeit übernommen, der nur noch die Rechnungssachen versah, und Paul Seebeck hatte mit der Oberleitung und persönlicher Inanspruchnahme durch die Kolonisten mehr als genug zu tun. Nechlidow und Melchior wären den andern als Assistenten willkommen gewesen; beide erklärten aber ein für allemal, daß sie einfache Arbeiter bleiben wollten. Bei der fieberhaften Tätigkeit entstand schnell Haus auf Haus, und froh vertauschte man Schuppen oder Zelt mit dem festen Dache. Damit wurden auch immer mehr Kräfte frei, so daß in immer größerem Maßstabe an den Straßen und den öffentlichen Gebäuden gearbeitet werden konnte. Die Wasseranlage wurde nach Edgar Allans Plänen durchgeführt, und die Dampfer der »Australisch-Neu-Seeländischen Transportgesellschaft« mußten halbwöchentlich verkehren und konnten doch kaum die Masse des benötigten Materials bewältigen. Jedesmal, wenn die »Prinzessin Irene« vor der Bucht hielt, brachten ihre Boote Dutzende von neuen Ansiedlern auf die Insel. Als das Jahr verflossen war, stand die Stadt da. Auf den amphitheatralisch ansteigenden Bänken in der großen, flachgewölbten Halle des Volkshauses saßen dreihundertfünfzig Männer und Frauen und hinter ihnen drängten sich wohl zweihundert auf den Tribünen. An einem langen Tische auf einem kleinen Podium im Brennpunkte des Kreisbogens saßen die sieben Gründer. Nicht zum ersten Male waren die Glieder der Gemeinschaft hier versammelt; aber doch zeigten alle Gesichter einen seltsamen Glanz. Vor zwei Jahren hatten an diesem Tage die sieben Gründer die Insel betreten, und heute waren dreihundertfünfzig Männer und Frauen vollberechtigte Bürger geworden. Sie waren heute hier versammelt, um zum ersten Male ihre Rechte auszuüben. Paul Seebeck erhob sich von seinem Stuhle, und sofort trat atemlose Stille ein. Er richtete sich hoch auf, warf einen langen Blick über die Versammlung und lächelte glücklich. Dann sagte er: »Meine Damen und Herren! Im Namen meiner Freunde heiße ich Sie hier willkommen! In der gemeinsamen Arbeit dieses Jahres haben wir Werte geschaffen, die uns und unsere Enkel überdauern werden. Wir danken Ihnen für Ihre treue Mitarbeit. Bis jetzt sind wir sieben Ihre Führer gewesen, nicht aus Hochmut oder Herrschsucht, sondern nur, weil wir anfangs eine größere Sachkenntnis hatten. Jetzt legen wir unsere Mandate in Ihre Hände. Sie mögen prüfen, was Sie von den Bestimmungen, die wir getroffen haben, beibehalten wollen und was nicht. Vorbehaltlos übergeben wir Ihnen unsere Rechte und Pflichten. Bevor wir in die Verhandlungen eintreten, müssen wir einen Vorsitzenden haben. Als den in solchen Dingen gewandtesten erlaube ich mir, Herrn Dr. Silberland vorzuschlagen. Es wird kein anderer Vorschlag laut – also bitte ich Herrn Dr. Silberland, den Vorsitz dieser Versammlung zu übernehmen.« Ein erstauntes und verschwommenes Gemurmel wurde laut, als die sechs vom Podium herunterschritten und auf der vordersten Bank Platz nahmen. Jakob Silberland war der Situation durchaus gewachsen; er gab ein kurzes Glockenzeichen und sagte: »Sie werden mir ein Wort des Dankes an Herrn Seebeck erlauben. Ich weiß, daß ich im Sinne der ganzen Versammlung spreche, wenn ich sage: in diesem Augenblicke, wo Herr Seebeck aufgehört hat, unser offizieller Führer zu sein, wollen wir ihm versichern, daß er immer und ewig unser geistiger Führer bleiben wird. Denn wir wissen alles, was wir ihm schulden: seine Initiative, seine Energie, sein praktischer Blick, sein Glaube an den Menschen haben die Errichtung des stolzen Werkes ermöglicht, das wir hier vor uns sehen. Und wenn wir alle längst im Grabe liegen, wird der Name Paul Seebeck für immer mit goldenen Buchstaben im Buche der Menschheit stehen.« Zögernd hatten sich die Versammelten erhoben; Paul Seebeck war sitzen geblieben und starrte in tötlicher Verlegenheit vor sich hin. Jakob Silberland sah einen Augenblick lang auf die stehende Versammlung und wußte augenscheinlich nicht recht, was er mit ihr anfangen sollte. Hilfesuchend sah er Otto Meyer an, der nur mit größter Mühe ein Lachen herunterschluckte. Herrn von Rochows Gesicht strahlte. Er ging zu Paul Seebeck und drückte ihm die Hand. Plötzlich bekam Jakob Silberland einen rettenden Gedanken; er griff zur Glocke, läutete kurz und sagte, während die Versammlung sich geräuschvoll wieder setzte: »Ich ersuche jetzt Herrn Seebeck als ersten, einen Überblick über die verflossenen zwei Jahre zu geben.« Paul Seebeck trat mit einigen schnellen Schritten auf das Podium und sagte: »Was hier geschehen ist und was wir hier wollen, wissen Sie ja alle, und ich brauche nicht mit feierlichen Worten darauf einzugehen. Was ich getan habe, glaube ich verantworten zu können. Nur auf einen Punkt möchte ich hinweisen: ich bin, wie Sie ja alle wissen, Reichskommissar mit den Rechten und Pflichten eines solchen. Ich habe aber vom Reichskolonialamt die Ermächtigung erwirkt, mein Amt einem andern, das heißt, meinem jetzt zu wählenden Nachfolger zu übertragen. Sobald die Wahl vor sich gegangen ist, werde ich es tun. Ich deponiere hier beim Vorsitzenden der Versammlung eine unterzeichnete und datierte offizielle Benachrichtigung an das Reichskolonialamt, wo nur noch der Name des neuen Reichskommissars auszufüllen ist.« Er verbeugte sich kurz und ging zu seinem Platze zurück. Jakob Silberland gab ein Glockenzeichen und sagte: »Da ich jetzt selbst das Wort ergreifen möchte, um über die Verwaltung der öffentlichen Gelder Rechenschaft abzulegen, bitte ich um Erlaubnis, den Vorsitz so lange an Herrn Referendar Meyer abzutreten. – Da kein Widerspruch erfolgt, tue ich es hiermit. – Herr Referendar, darf ich bitten.« Otto Meyer schritt gravitätisch auf das Podium und flüsterte Jakob Silberland zu: »Na, Sie werden staunen: zunächst werde ich mal die ganze Zeit durch bimmeln, dann kriegen Sie drei Ordnungsrufe, und ich fordere Sie auf, den Saal zu verlassen.« Jakob Silberland sah ihm erschreckt ins Gesicht: »Um Gotteswillen –« Er kam nicht weiter, denn Otto Meyer läutete und sagte: »Herr Dr. Jakob Silberland hat das Wort.« Jakob Silberland suchte stehend allerhand Papiere zusammen, die auf dem Tische lagen und sagte: »Ich kann jetzt natürlich nur in großen Zügen ein Bild von der finanziellen Lage geben; ich werde Sie später bitten, eine Kommission zu wählen, um meine Bücher in allen Einzelheiten nachzuprüfen. Wir sind, wie Sie wissen, mit einer dreiprozentigen inneren Anleihe in der Höhe von einer Million Mark belastet. Dieses Geld hat uns, solange es noch teilweise auf der Bank lag, einen Zinsenüberschuß von zehntausendachthundertdreiundfünfzig Mark und einundsiebzig Pfennigen gebracht. Wir haben zweihundertachtunddreißig Schildkröten verkauft. Sie wissen ja, daß wir nach dem Urteile der Sachverständigen dazu gezwungen waren, da der Platz für die Tiere nicht ausreichte, und sie sonst einfach fortgewandert wären. Dafür haben wir die Summe von fünf Millionen, achthundertsechsundvierzigtausend siebenhundert und einundzwanzig Mark und elf Pfennigen eingenommen. Wir hatten also sechs Millionen achthundertsiebenundfünfzigtausend fünfhundertvierundsiebzig Mark zweiundachtzig Pfennig bares Geld zur Verfügung. Unsere Ausgaben waren folgende: Gehälter: abzüglich der Mietsbeträge eine Million siebenhundertachtunddreißigtausend fünfhunderteinundzwanzig Mark. Hausbau: drei Millionen achthundertsiebenundfünfzigtausend einhundertachtundsechzig Mark und zweiundvierzig Pfennige. Straßenbau, Anlage des Bewässerungssystems, Trinkwasserleitung, Hafenanlagen, Erde haben zusammen zwei Millionen, sechshunderttausend vierhundertachtundneunzig Mark sieben Pfennige gekostet. Verschiedenes kostete zusammen zweihundertachttausend neunhundertdreizehn Mark, neunundzwanzig Pfennige. Unsere gesamten Ausgaben betrugen also: acht Millionen, vierhundertfünftausend einhundert Mark und achtundsiebzig Pfennige. Wir schließen diese zweijährige Periode mit einem Defizit von anderthalb Millionen, siebenundvierzigtausend fünfhundertfünfundzwanzig Mark und sechsundneunzig Pfennigen ab. Hierzu ist zu bemerken, daß wir dieses Defizit ja jeden Tag aus der Irenenbucht decken können; vielleicht sind wir sogar gezwungen, noch hundert Schildkröten herauszunehmen, um einen geordneten Zuchtbetrieb möglich zu machen. Dann, daß wir in diesen zwei Jahren einen großen Teil der Stadtanlage ausgeführt haben, so daß wir in der Zukunft nur einen geringen Posten dafür aufzuwenden haben werden. Dann, daß das für den Hausbau aufgewendete Geld sich mit neun Prozent verzinst. Die jährliche Miete beträgt zwar zehn Prozent der Baukosten, doch stellen wir ein Prozent für einen Reparaturfond zurück. Trotz dieses Defizits ist unsere finanzielle Stellung also sehr günstig.« Jakob Silberland setzte sich, und Otto Meyer verließ das Podium. Im Hinunterschreiten flüsterte er Jakob Silberland zu: »Bis an mein Lebensende werde ich nicht begreifen, weshalb ich hier heraufkrabbeln mußte. Aber wundervoll war es da oben.« Jetzt erhielt Edgar Allan das Wort. Er kniff die Lippen zusammen und blickte über die Köpfe der Versammlung weg. Er sagte: »Was ich gemacht habe, kann jeder Mensch sehen; ich hoffe, den hier vorherrschenden Geschmack getroffen zu haben. Jedenfalls habe ich alles getan, was in meinen Kräften stand.« Jakob Silberland stand auf, gab wieder ein Glockenzeichen und sagte: »Wünscht jemand aus der Versammlung das Wort? – Nicht? – Dann können wir zur Wahl schreiten. Hierzu ist zu bemerken, daß sich bis jetzt die Notwendigkeit von fünf Ämtern ergeben hat und zwar der folgenden: eines Vorstehers der Gemeinschaft, eines Schriftführers, eines Geschäftsführers, eines Architekten und eines Leiters der öffentlichen Anlagen. Zunächst wäre die Frage zu entscheiden, ob diese Ämter in der bisherigen Form weiterbestehen sollen. Weiterhin kann ich mitteilen, daß die bisherigen Inhaber dieser Ämter die bisher geltenden Bestimmungen zusammengefaßt haben. Ihre Nachfolger hätten dazu Stellung zu nehmen und ihre eventuellen Änderungsvorschläge der Versammlung zu unterbreiten. Ich erlaube mir daher, folgende Geschäftsordnung vorzuschlagen: zunächst erfolgt die Feststellung der Ämter, dann die Wahlen zu ihnen. Die so gewählten neuen Beamten hätten Stellung zu den bisherigen Gesetzen zu nehmen und ihre eventuellen Änderungsvorschläge einer späteren Versammlung zur Beschlußfassung zu unterbreiten. Schlägt jemand eine andere Geschäftsordnung vor? – Nicht? – Dann schreiten wir zu Punkt eins: Debatte über die bisherigen Ämter. Wer wünscht das Wort hierzu?« Jetzt erhob sich endlich im Hintergrunde ein Mann und sagte grob: »Ich meine, daß alles gut war, wie es war, und daß dieselben Herren oben bleiben sollen, denn die verstehen es doch am besten.« Aller Augen hatten sich dem Redner zugewandt, der sich jetzt die Stirn eifrig mit einem roten Taschentuche rieb. Jakob Silberland mußte zweimal läuten, bis das beifällige Gemurmel verstummte; dann sagte er: »Der verehrte Herr Vorredner hat sich gleich zu den zwei ersten Punkten der Tagesordnung geäußert, und zwar schlägt er Beibehaltung der alten Ämter und Wiederwahl der bisherigen Beamten vor. Ist die Versammlung damit einverstanden, daß diese beiden Punkte gemeinsam behandelt werden?« Jetzt kam Leben in die Versammlung, und von allen Seiten ertönten Beifallsrufe und Zustimmungsäußerungen. Da richtete Jakob Silberland sich stolz auf und sagte: »Die ganz überwiegende Mehrheit wünscht die gemeinsame Behandlung beider Punkte. Ich stelle also den Vorschlag des Vorredners zur Abstimmung, die bisherigen Beamten zu ihren bisherigen Ämtern wieder zu wählen.« Jetzt wich die Schüchternheit von der Versammlung. Die Beifallsrufe bekamen einen fast animalischen Charakter. Es wurde geschrieen, geklatscht und getrampelt. Edgar Allan beugte sich zu Paul Seebeck und flüsterte ihm zu: »Sehen Sie, wie sie bei dem Gedanken aufleben, wieder unter die Peitsche zu kommen. Wie ein Alp hat die Vorstellung auf ihnen gelastet, daß sie frei wären.« Paul Seebeck seufzte und schwieg. Endlich war es Jakob Silberland gelungen, mit seiner Glocke den Lärm zu übertönen. Sein Gesicht strahlte vor Freude und Stolz. »Ich bitte diejenigen aufzustehen, die gegen den Vorschlag sind«, sagte er lächelnd. Und ebenfalls heiter lächelnd blieb die Versammlung sitzen. Auf einen Wink von Jakob Silberland kamen Paul Seebeck, Edgar Allan, Otto Meyer und Herr von Rochow wieder auf das Podium. Paul Seebeck begann mit niedergeschlagenen Augen zu sprechen: »Im Namen der anderen Herren danke ich Ihnen für Ihr Vertrauen. Die von dem Vorsitzenden vorgeschlagene und von Ihnen angenommene Geschäftsordnung bestimmt als nächsten Punkt die Vorlegung der bis jetzt bestehenden Gesetze samt unseren Vorschlägen. – Da wir der Lage der Dinge nach nicht nötig haben, uns mit dem fraglichen Materiale erst bekannt zu machen, können wir das jetzt gleich erledigen und brauchen keine spätere Versammlung dazu.« Jakob Silberland reichte ihm einige Papiere. Paul Seebeck blätterte etwas in ihnen und sah dann auf: »Ich will mir erlauben, das folgende Exposé vorzulesen, das wir sieben Gründer gemeinsam ausgearbeitet haben. Ich bitte, Änderungsvorschläge sofort vorzubringen, damit das, was unwidersprochen bleibt, als genehmigt angesehen werden kann. Ich möchte mir vorbehalten, in einigen Vorträgen oder in anderer Form die Gesetze vom rein-menschlichen Standpunkte aus zu erläutern – hier mögen sie rein praktisch angesehen werden.« Er schwieg einen Augenblick; dann hob er ein Blatt in die Höhe und las: »Die Gesetze der Gemeinschaft auf der Schildkröteninsel. – Erstens: Die Schildkröteninsel ist ein Teil des deutschen Kolonialbesitzes. Der jeweilige Vorsteher der Gemeinschaft auf der Schildkröteninsel ist in seiner Eigenschaft als Reichskommissar dem Staatssekretariat der Kolonien des Deutschen Reiches verantwortlich. »Es ist dies nur eine Formsache«, erläuterte er aufblickend, »unter der selbstverständlichen Voraussetzung, daß der jeweilige Reichskommissar nichts gegen die Interessen des deutschen Reiches unternimmt, hat er ja – vom Reiche aus – unbeschränkte Vollmacht. Zweitens: Nach einjährigem Aufenthalte erhält jeder Ansiedler und jede Ansiedlerin über einundzwanzig Jahre volles Bürgerrecht. Drittens: Die Versammlung aller Bürger erläßt alle Gesetze, besetzt Ämter, bestimmt Ausgaben und Einnahmen der Gemeinschaft; sie faßt alle Beschlüsse mit einfacher Stimmenmehrheit. Viertens: Der Gemeinschaft gehören folgende Dinge, die nie Privatbesitz werden können: der Grund und Boden mit Gebäuden, Gärten, Straßenanlagen, Wasser und Mineralien, dazu der Tierbestand der Irenenbucht. Häuser und Gärten, die dem Privatgebrauche bestimmt sind, werden verpachtet, wobei die jährliche Pacht zehn Prozent von den Bau- und Anlagekosten beträgt. Die Instandhaltung erfolgt auf Kosten der Gemeinschaft. Die Pacht ist unkündbar, solange der Pächter seinen Verpflichtungen nachkommt. Fünftens: Alle Beamten und Arbeiter der Gemeinschaft beziehen ein jährliches Gehalt von fünftausend Mark und werden auf mindestens ein Jahr angestellt. Sechstens: Schule, Krankenpflege, Alters- und Arbeitsunfähigkeitsunterstützung ist Sache der Gemeinschaft. Siebentens: Jeder Bürger hat das unbeschränkbare Recht der freien Meinungsäußerung. – Achtens –« Er hielt einen Augenblick inne und sah auf die Versammlung, die sich ganz still verhielt. Dann legte er die Papiere auf den Tisch und sagte: »Heute muß ein Schritt von großer Bedeutung unternommen werden. Bis jetzt sind wir alle Beamte gewesen; von heute ab ist es weder notwendig, noch wünschenswert. Wir brauchen vorläufig nur etwa ein Drittel der bisherigen Arbeitskräfte für den Dienst in der Gemeinschaft; die anderen zwei Drittel können sich jetzt freie Berufe ergreifen. Diejenigen, die auf ein weiteres Jahr im Dienste der Gemeinschaft stehen wollen, können sich später bei unserem Schriftführer, Herrn Otto Meyer, melden.« Er sah mit leuchtenden Augen geradeaus: »Ich bin kein Freund der Phrase. Aber ich darf wohl sagen, daß der heutige Tag in der Geschichte der Menschheit unvergeßlich bleiben kann. Helfen Sie mir dazu.« Und die Verhandlungen nahmen ihren Fortgang. Am Abend desselben Tages standen die sieben Gründer auf dem Balkon von Paul Seebecks Haus und sahen auf die Stadt hinunter. Wie leuchtende Perlenschnüre zogen sich die Reihen der Straßenlaternen durch das samtne Dunkel und zeigten hier deutlich, dort verschwommen die Silhouetten der Häuser. Und diese wiederum warfen aus ihren Fenstern einige scharfe und harte Lichtbündel in die Nacht. »Unsere Gründung«, sagte Herr von Rochow und bewegte wie segnend die Arme, »unser großes Kind, das wir geboren haben, und das so traut und doch wieder so fremd dort unter uns liegt. Ein eigener, lebendiger Körper.« »Und was sind wir in diesem Körper?« fragte Paul Seebeck, die Arme über der Brust verschränkt haltend. »Doch wohl das Gehirn«, sagte Nechlidow ruhig. »Und eben so fremd dem Körper, wie das Gehirn dem menschlichen Körper, der seine eigenen Wege geht, ohne sich um sein Gehirn zu kümmern«, fügte Edgar Allan hinzu. Melchior griff sich mit der Linken an die Stirn. »Der Körper lebt nach eigenen Gesetzen, kümmert sich nicht um das Gehirn, und die Menschheit ein Körper, ein lebendiger Körper, mit eigener Seele«, murmelte er. »Da liegt es ja!« schrie er auf. Otto Meyer schlug ihn begütigend auf die Schulter: »Nehmen Sie die Sache nur mit Ruhe. Sie brauchen die Welträtsel noch nicht heute abend zu lösen. Lassen Sie sich noch einige Tage Zeit. Die übrige Menschheit hat ja einige Tausend Jahre über sie nachgedacht, ohne sie zu lösen.« Melchior sah dem Spötter ins Gesicht. Am ganzen Leibe vor Erregung zitternd, sagte er: »Nicht die Welträtsel; aber das Problem des Menschen. Ich sehe jetzt, wo es liegt, sehe es klarer und klarer.« Gabriele, jetzt brauche ich Sie. Helfen Sie mir, die Menschen zur Freiheit zu erziehen. Sie wollen das Bewußtsein der Freiheit haben, aber wagen nicht, sie zu gebrauchen. Ich glaubte, die Elite der Menschen hier zu versammeln; ich sah die starken, freien Gesichter, die kühnen, rücksichtslosen Augen – und setzt man sie zusammen, wärmen sie sich wie eine Herde Schafe aneinander. Und wir sieben stehen draußen, unverstanden und unverstehend. Kommen Sie, die Mutter, kommen Sie und seien Sie ein Bindeglied zwischen uns und jenen, zwischen unserem Werke und unseren Gedanken. Seebeck. Trotz des Regens war Paul Seebeck in seinem Motorboote zur »Prinzessin Irene« hinausgefahren, um Frau von Zeuthen noch am Deck zu begrüßen. Im Rauchsalon des Dampfers erwartete sie ihn mit ihren Kindern. Alle drei waren schon im Mantel. Als sie sich begrüßt und eine halbe Stunde zusammen geplaudert hatten, sagte Frau von Zeuthen: »Ich habe Ihnen wieder einen Menschen mitgebracht. Seien Sie lieb zu ihm, dann wird er wertvoll für Sie und Ihr Werk sein. – Felix, bitte Herrn de la Rouvière herzukommen.« Felix sprang hinaus. Paul Seebeck erhob sich und blieb erwartungsvoll stehen. Unwillkürlich zuckte er aber zusammen, als er Herrn de la Rouvière sah, denn dieser war ein Krüppel. Er war nicht größer wie ein achtjähriger Knabe und hatte auch das Gesicht eines solchen. Seine Beine waren dick und kurz, seine Arme und die schwarzbehaarten Hände aber wohl noch größer, als die eines erwachsenen Mannes. Er blieb bescheiden im Türrahmen stehen. Frau von Zeuthen sagte: »Seine Vorfahren hat der Pöbel aus Frankreich vertrieben, und derselbe Pöbel machte dem Urenkel das Leben in Deutschland unmöglich. Nur hat er sich andere Waffen gewählt, die aber nicht weniger verletzen. Bei Ihnen sucht er eine Heimat, Seebeck!« Seebeck trat auf ihn zu und reichte ihm die Hand, die der Krüppel fast schmerzhaft fest drückte: »Seien Sie hier willkommen«, sagte er herzlich und sah ihm gerade ins Gesicht. Aber sein Lächeln erstarrte, als er in de la Rouvières Augen blickte. Sie schienen ihm plötzlich einen fast tierischen Ausdruck von Hunger zu bekommen. Aber im nächsten Augenblicke war dieser Ausdruck verschwunden, und der Krüppel stand wieder so bescheiden wie vorher da. Im Augenblick vermochte Paul Seebeck nicht mehr mit ihm zu sprechen; er wandte sich daher an Frau von Zeuthen, die zusammen mit ihren Kindern etwas in den Hintergrund getreten war, und sagte: »Darf ich Ihnen ein Amt anbieten, Gabriele? Ich kann doch wohl voraussetzen, daß Sie sich auch in äußerem Sinne nützlich machen wollen?« Frau von Zeuthen trat lächelnd heran: »Ich habe noch nie in meinem Leben ein Amt verwaltet. Vielleicht kann ich es hier. Wozu wollen Sie mich denn machen?« »Zur Archivarin«, sagte Paul Seebeck. »Bis jetzt hat die Sekretärin, die ich mir habe geben lassen, auch das Archiv verwaltet. Aber die Arbeit wird ihr zu viel, und außerdem paßt sie nicht recht dazu.« Gabriele dachte einen Augenblick nach; dann sagte sie: »Ich danke Ihnen und freue mich auf diese Arbeit. Ich kann jetzt nur unklar sehen, worin sie besteht, und die Dame wird mich erst in die Einzelheiten einführen müssen. Ich stelle es mir schön vor, im stillen Zimmer zu sitzen und das unbegreiflich große und bunte Leben durch die festen Formen zu ahnen, in denen es sich grob und kalt niedergeschlagen hat.« Paul Seebeck nickte ihr zu. Dann wandte er sich an Herrn de la Rouvière: »Und wie denken Sie sich Ihre Zukunft hier? Wünschen Sie einen freien Beruf zu ergreifen, oder denken Sie an ein Amt?« »Darf ich meine Zukunft nicht in Ihre Hände legen, Herr Seebeck?« antwortete der Krüppel und sah ihn treu und gut an. »Wenn Sie mir soviel Vertrauen schenken wollen«, erwiderte Paul Seebeck und sah ihm gerade ins Gesicht. »Aber was soll ich machen, Paul?« sagte Hedwig und ergriff einschmeichelnd seine Hand. »Du? Ich glaube, wir werden dich als Kindergärtnerin brauchen können; unser Erziehungswesen liegt überhaupt recht im argen und muß erst gründlich organisiert werden«, fügte er, zu Frau von Zeuthen gewandt, erläuternd hinzu. Dann sah er sich nach Felix um; aber dieser sagte nichts, starrte ihn aber mit seinen großen, glänzenden Augen unverwandt an. Frau von Zeuthen brach das sekundenlange Schweigen: »Wie steht’s aber um die Dienstboten?« »Dafür haben wir gesorgt; die jungen Leute zwischen sechzehn und einundzwanzig sind verpflichtet, sich irgendwie nützlich zu machen. Unsere jungen Damen sind Dienstmädchen, Krankenpflegerinnen oder Kinderfräuleins, die Jungen sind Laufburschen oder Hilfsarbeiter. Dafür bekommen sie etwas Taschengeld. Sie sehen, wir haben auch unsere allgemeine Wehrpflicht. Dispens wird nur erteilt, wenn Lust und Begabung zu selbständiger Tätigkeit vorliegt.« »Und was machen Sie mit Ihren Verbrechern, Seebeck?« fragte Frau von Zeuthen wieder. »Verbrechen sind noch nicht vorgekommen und werden wohl auch nie vorkommen. Einige geringfügige Übertretungen haben wir mit Geldstrafen belegt. – Dagegen haben wir »bürgerliche Rechtsstreitigkeiten«, wie Otto Meyer sich ausdrückt, in überraschend großer Anzahl, und da standen wir vor einer Schwierigkeit. Es war eine starke Stimmung vorhanden, ein Gesetzbuch auszuarbeiten, oder wenigstens einen unserer Juristen als Richter einzusetzen. Ich wollte natürlich nicht ein starres, eiskaltes Gesetzbuch in unser flutendes Leben werfen, und ebensowenig einen unserer, in ihrem Fach trotz allem verknöcherten Juristen anstellen. Schließlich setzte ich durch, daß die Monatsversammlungen alle Streitigkeiten durch Beschluß entscheiden.« Frau von Zeuthen nickte und schwieg. Dann fragte sie: »Wo sollen wir eigentlich wohnen?« »Oh, dafür habe ich gesorgt,« antwortete Paul Seebeck schnell. »Ich habe Ihnen ein fünfzimmriges Haus reservieren lassen; wenn es Ihnen nicht gefällt, baue ich Ihnen ein anderes. Ich erlaubte mir, die ordnungsgemäße Reihe etwas zu durchbrechen«, fügte er lächelnd hinzu. Frau von Zeuthen drohte scherzend mit dem Finger: »Ihr Prinzip haben Sie durchbrochen? Diese Schandtat hätte ich Ihnen nicht zugetraut.« »Durfte ich Ihretwegen nicht eine Ausnahme machen?« gab Paul Seebeck zurück. »Aber was werden die andern dazu sagen?« »Die andern? Ach Gott, Gabriele, die Verwaltung bringt es mit sich, daß wir so viele Dinge selbständig machen müssen – nachträglich wird dann alles gut geheißen.« »Aber doch nicht, wenn Sie die grundlegenden Prinzipien verletzen.« »Doch nur den Buchstaben, nicht den Sinn. – Ich scheue mich nicht ein Prinzip zu verletzen, wenn ich mir dadurch endlose Umwege spare und auf kürzerem Wege gerade das Ziel, den Sinn jenes Prinzips erfülle.« »Aber betreten Sie damit nicht einen gefährlichen Boden? Wäre es nicht vielleicht doch besser, jene Umwege zu machen?« »Nicht so lange ich so genau weiß, was ich will, und so klar mein Ziel vor Augen sehe. – Und hier liegt die Sache ja so klar: Ihre Mitarbeit ist für uns alle so ungeheuer wichtig, daß es meine Pflicht ist, Ihnen so schnell wie möglich volle Arbeitsmöglichkeit zu schaffen. Ob Fischer Petersen einige Wochen länger in der Baracke leben muß, erscheint mir, dagegen gehalten, als von geringerer Bedeutung.« »Wenn aber Fischer Petersen sein Recht verlangt?« »Wenn er es doch täte, Gabriele! Helfen Sie mir, ihn dazu zu erziehen! Und auch Sie, Herr de la Rouvière, müssen mir dazu helfen.« »Fräulein Erhardt«, meldete das Dienstmädchen, und Frau von Zeuthen erhob sich vom Divan, auf dem sie in halb liegender Stellung ein Buch gelesen hatte. Ein dunkellockiges Mädchen mit schwarzen, träumerischen Augen trat ein. Sie trug ein loses Reformkleid, das den Hals frei ließ. Unter dem Arme hatte sie eine schwarze dicke Aktenmappe, die einen ungraziösen Widerspruch zu der lieblichen Erscheinung des Mädchens darstellte. »Gnädige Frau«, sagte sie und sank halb in die Knie. Frau von Zeuthen war auf sie zugetreten, hatte sie bei der Hand ergriffen und fragte erstaunt: »Sind Sie wirklich Herrn Seebecks Privatsekretärin?« »Gewiß«, antwortete Fräulein Erhardt. »Schon seit drei Monaten.« Frau von Zeuthen nahm ihr die Aktenmappe ab und legte diese auf einen Tisch. Dann bat sie Fräulein Erhardt, im tiefen Ledersessel Platz zu nehmen, setzte sich selbst auf den Divan und lehnte sich halb zurück. »Erzählen Sie«, sagte sie dann. »Ich habe nicht viel zu erzählen, gnädige Frau«, sagte Fräulein Erhardt. »Wie manche andere kam ich mit vielen unklaren Erwartungen und Hoffnungen hierher. In den ersten Tagen fühlte ich mich recht unglücklich hier in all der Geschäftigkeit und wußte gar nicht, was ich selbst beginnen sollte. Da verlangte Herr Seebeck von der Gemeinschaft eine Privatsekretärin – die anderen Herren hatten schon längst irgendwelche Hilfe bekommen – und ich meldete mich zu der Stellung. Das ist alles, gnädige Frau«, sagte sie und strich ihr Kleid glatt. »Und wie war es in Ihrer Stellung?« fragte Frau von Zeuthen. Über Fräulein Erhardts bleiches Gesicht glitt etwas Farbe. Sie sagte lebhaft: »Es ist wunderschön, mit Herrn Seebeck zusammenzuarbeiten. Nur verlangt er von den anderen Menschen ebensoviel wie von sich selbst. Und so viel Wissen und Arbeitskraft hat doch kein anderer Mensch.« Die Tür wurde aufgerissen, und naß und zerzaust stürmte Felix herein. »Weißt du Mutter, was Paul Herrn de la Rouvière vorgeschlagen hat? Er soll hier eine Zeitung gründen und außerdem die Protokolle der Versammlungen führen.« »Schön, schön mein Junge«, sagte sie aufstehend. Erst jetzt gewahrte Felix Fräulein Erhardt, die gleichfalls aufgestanden und etwas zurückgetreten war. Er wurde glühend rot im Gesicht. Frau von Zeuthen legte ihm den Arm um die Schulter und führte ihn Fräulein Erhardt zu. »Mein Sohn Felix«, sagte sie. Felix verbeugte sich ungeschickt und reichte Fräulein Erhardt die Hand, die jene einen Augenblick lang festhielt. »Entschuldigen Sie, ich hatte Sie nicht gesehen«, sagte er. Fräulein Erhardt schüttelte langsam den Kopf: »Das tut nichts«, sagte sie und sah Felix mit ihren großen, schwarzen Augen an. Frau von Zeuthen sah die Beiden aufmerksam an; dann wandte sie sich dem Tisch zu, auf den sie die Aktenmappe gelegt hatte, und sagte: »Willst du etwas bei uns bleiben, mein Junge? Fräulein Erhardt und ich haben allerlei zu besprechen, was dich wohl auch interessiert. Sie will mich in meinen neuen Beruf als Reichsarchivarin einführen.« »Bleiben Sie doch, Herr von Zeuthen«, sagte Fräulein Erhardt bittend, und Felix setzte sich bescheiden in eine Ecke. Fräulein Erhardt aber öffnete die Aktenmappe und erklärte Frau von Zeuthen, wie sie das Archiv bisher verwaltet hatte. In der nächsten Sitzung der Vorsteherschaft brachte Paul Seebeck auch die Schulfrage zur Sprache und legte einen Schulplan vor, den er gemeinsam mit Frau von Zeuthen ausgearbeitet hatte. Die anderen fanden nur wenig daran auszusetzen, und bald hatte der Plan die Form gefunden, in der er der Gemeinschaft vorgelegt werden sollte. Als die Arbeit beendet war, bat Paul Seebeck die anderen Herren, bei ihm zum Abendessen zu bleiben und teilte gleichzeitig mit, daß er auch Frau von Zeuthen, Nechlidow und Melchior eingeladen hätte. Bei Tisch fragte Frau von Zeuthen nach dem Schicksale des Entwurfs, und Paul Seebeck machte sie mit den geringfügigen Änderungen bekannt. »Es ist doch fast eine Vergewaltigung«, sagte Edgar Allan plötzlich, »daß man so einem armen Wurme tausend Dinge beibringt, auf die es von selbst nie verfallen wäre – lauter fertige, geprägte Begriffe, ein fertiges Weltbild, eine fertige Sprache. Nichts darf sich das Kind selber bilden, muß alles das gläubig hinnehmen, was die früheren Generationen ihm vorgekaut haben.« »Na, wissen Sie was«, sagte Otto Meyer. »Wollen Sie die Kinder gleich nach der Geburt in die Wüste schicken, um sich Sprache und Bildung ganz aus eigener Kraft zu bauen? Ich glaube, Sie würden zu Ihrer Überraschung einige entzückende Orang-Utans vorfinden.« Aber Edgar Allan hatte sich in seinem Gedanken festgebissen und ließ sich nicht beirren. Sein Mund verzog sich nur ein wenig spöttisch, als er Melchiors heißes Gesicht sah. Er wandte sich Otto Meyer zu und sagte ungewöhnlich lebhaft: »Doch nicht, Herr Referendar. Die Kinder würden doch eine gewisse Disposition im Gehirn von ihren kultivierten Eltern mitbekommen haben, die sie eben doch auf eine etwas höhere Stufe als den Orang-Utan stellen würde.« »Aha!« sagte Otto Meyer. »Da setzen Sie aber die kultivierten Eltern voraus. Seien Sie jetzt aber etwas radikaler in Ihren Gedanken und setzen Sie den Fall, daß alle Kinder von Weltbeginn an in die Wüste geschickt worden wären. Dann hätten sie keine kultivierten Eltern, mithin hätten die Kinder eben auch nicht jene Kultur-Disposition im Gehirn, wären also doch reine Orang-Utans.« Edgar Allan lehnte sich in seinem Stuhle zurück und legte Messer und Gabel hin. »Sie wollen mich aufs Glatteis führen, Herr Referendar, und sprechen dabei nur meinen Gedanken aus.« Jetzt hielten alle mit dem Essen ein. Ganz leise klirrte es, als die Eßgeräte auf die Teller und Messerbänke gelegt wurden. Edgar Allan sah sich im Kreise um und sagte lächelnd: »Ich weiß wirklich nicht, ob mein Gedanke eine so ungeteilte Aufmerksamkeit verdient. Er ist nicht viel mehr als ein logisches Experiment, doch scheint er mir wert zu sein, zu Ende gedacht zu werden. – Sehen Sie, meine Herren, und Sie, gnädige Frau, die so liebenswürdig sind, zuzuhören. Ich meine folgendes: eine gewisse Disposition zur Weiterentwicklung muß schon im Menschenaffen gelegen haben, der unser aller Stammvater ist, und zwar schon lange vor der Sprache, mithin vor Logik, geformten Begriffen und Möglichkeit einer Fortentwicklung anders als durch die Vererbung jener Kulturdisposition. Die Entwicklung ging ungeheuer langsam, aber sie schritt fort. Da kommt mit der Sprache ein ganz neues Element herein, ein völlig unnatürliches: die Erfahrungen werden nicht nur durch Vererbung jener Kulturdisposition den folgenden Geschlechtern überliefert, sondern in rein abstrakter Form, sie werden gesagt, und das Kind lernt sie als etwas zunächst Fremdes, ihm unnatürlich Hohes. Und so geht das weiter. Mit Hilfe der Sprache bekommen die Begriffe ein eigenes Leben, eine selbsttätige Existenz, und immer größer wird die Kluft zwischen dem natürlichen Menschen, der ja auch immer mit einer, eine Nuance höheren, Kulturdisposition geboren wird, und dem, zu dem die Sprache mit allen ihren Anhängseln uns macht. Wenn wir unseren Kindern weder Sprache noch sonst etwas mitgeben würden, als nur unsere Kulturdisposition, würden sie kurz gesagt harmonische und glückliche Menschen sein und nicht jenen Zwist zwischen dem eigenen und dem angelernten Ich in sich tragen, der uns alle verzehrt.« – Nach einer kurzen Pause fuhr er fort: »Stellen Sie sich einen Eskimo vor, den man aus Grönland nach Berlin gebracht hat, und der sich dort im Laufe einiger Monate akklimatisiert hat. Er trägt unsere Kleidung, benimmt sich korrekt, aber trotz alles angelernten Anstandes, den das Milieu ihm aufdrängt, in dem er sich gezwungenermaßen befindet, gehen seine Gedanken und Triebe ganz andere, viel primitivere, brutalere Wege. Er spielt dauernd Theater. Statt der rauhen Prosa, die ihm natürlich wäre, muß er unausgesetzt hohe Verse sprechen und diese mit einstudierten Gesten und Mienen begleiten. Der gute Mann hat im Laufe einiger Monate oder Jahre eine Entwicklung, die naturgemäß Tausende von Jahren gebraucht hätte, überspringen müssen, und seine ganze Existenz wird zu einer einzigen Lüge. Seien wir einmal ehrlich: ist das nicht ganz genau unsere Lage? – Ich überlasse Ihnen, die Parallele zwischen der Eingewöhnung des Eskimos in unsere Kultur und unserer Erziehung zu ziehen.« Minutenlanges Schweigen folgte. Dann ergriff Herr von Rochow das Wort: »Ich finde Ihren Gedanken wundervoll und unwiderleglich. Und doch, sehe ich die Sache von einer anderen Seite an, komme ich zu einem ganz anderen Resultat. Wenn ich mir nämlich einfach den jetzigen Menschen und seine Sprache vorstelle, würde ich sagen, daß Sprache und Begriffe nicht mit ihm Schritt gehalten haben, sondern zurückgeblieben sind und tatsächlich nicht das auszudrücken vermögen, was wir denken und fühlen. Und doch finde ich Ihre Gedanken unwiderleglich.« Er schwieg; Edgar Allan sah sich im Kreise um, als erwartete er weitere Meinungsäußerungen. Sein Blick blieb an Melchior haften, der ihn mit aufgerissenen Augen und offenem Munde anstarrte. Jakob Silberland räusperte sich und sagte: »Wie sonderbar. Vor einigen Jahren, als wir sieben noch ganz allein hier auf der Insel waren, führten wir ein Gespräch über Staatsformen im Verhältnis zum Menschen. Und auch dort stießen wir auf denselben Widerspruch, daß sie sowohl als fortgeschritten, wie auch als zurückgeblieben in bezug auf den Menschen angesehen werden könnten.« »Seltsam, daß derselbe Widerspruch heute in ganz anderem Zusammenhange wieder auftaucht. Ach, ich entsinne mich deutlich jenes Gespräches«, sagte Herr von Rochow. »Na, das Problem ist doch ganz dasselbe«, sagte Otto Meyer. »Formen, die die Menschen im Zusammenspiele schaffen, in ihrem Verhältnisse zum einzelnen Menschen. Apropos »Problem«, Herr Melchior, haben Sie es gelöst?« Aber Melchior hörte ihn nicht. Edgar Allan ergriff wieder das Wort: »Ich finde etwas Niederdrückendes darin, daß die Arbeit des Einzelnen durch diese geistigen Verkehrsmittel zum Allgemeingut werden. Jeder Idiot schmarotzt an uns, saugt unsere Gedanken aus, verwässert sie bis zur Karrikatur – siehe die christliche Kirche im Verhältnis zu ihrem Gründer – und ist dann stolz auf seine Eigenschaft als Kulturmensch. Ich sehe darin eine Ungerechtigkeit.« »Nein«, sagte Jakob Silberland, »Sie irren. Sie gehen von einer längst abgetanen Weltanschauung aus. Sie vergessen den springenden Punkt: es gäbe keinen großen Menschen, wenn es nicht ein Milieu gegeben hätte, das ihn zeugte. Die großen Menschen schulden ihre Existenz der Masse, und diese wiederum ihnen. Das ist ein ewiges Wechsel- und Zusammenspiel; eine natürliche Funktion des großen Organismus Menschheit.« »Sie haben viel gelernt, verehrter Herr Doktor Silberland,« sagte Edgar Allan mit leichtem Spotte. »Außer den Begriffsbrillen, die die gütige Menschheit so liebenswürdig ist, uns in den ersten Jahren unserer Kindheit auf unsere Nase zu setzen, haben Sie auch noch einige grüne und blaue und seltsam gestrichelte aus eigener Initiative aufgesetzt. Ich beneide Sie um Ihr geordnetes Weltbild, bezweifle aber doch, daß es sich mit der Wirklichkeit deckt. Wenn ich von dem mir Eingeprägten absehe, wenn ich unbefangen auf die Wirklichkeit sehe – etwas, wozu Sie als gebildeter Mensch überhaupt nicht mehr imstande sind – sehe ich statt unserer fiktiven Ordnung in der Welt nur ein ungeheures, rätselhaftes Chaos. Alle unsere Moralbegriffe, Staatsformen, Sprache, Gedanken sind doch nur ganz schwache, ganz schiefe Reflexe der inneren Entwicklungsgesetze der Menschheit, die wir nicht kennen und nie kennen werden. Denn diese kindlichen Abstraktionen haben nicht nur ein eigenes Leben bekommen und entfernen sich demnach mehr und mehr von den Realitäten, sie werden auch als primär angesehen, und man soll sich nach ihnen richten. Das ist nicht das Problem der Menschheit, aber der Wahnsinn der Menschheit. Und jeder Einzelne von uns hat keine andere Aufgabe, als soviel wie möglich das Gelernte zu vergessen und in die Tiefen des eigenen Ichs herabzusteigen, zu seinem eigenen Wesen, und sich dort über seine Stellung im Chaos zu orientieren. Auf irgend einem, noch so kleinen Gebiete wird er sich Meister wissen, dort seine Arbeit ausführen und die übrige Menschheit ihrem Schicksal überlassen. Wenn jeder so dächte, kämen wir vielleicht wieder in eine gesunde Entwicklung hinein. Wenn wir auf das forzierte Tempo verzichten, was die Menschheit bis jetzt angewendet hat, und uns einige millionenmal langsamer entwickeln, wird vielleicht noch einmal etwas aus den Menschen statt der Schattenwesen, die wir jetzt darstellen. Was meinen Sie, Seebeck?« »Ich finde den Gedankengang sehr interessant. Auch sehr wertvoll. Es ergeben sich aus ihm aber so viele Perspektiven, daß man Zeit braucht, um zu ihm Stellung zu nehmen. So im Augenblicke kann ich es nicht. Ich werde darüber nachdenken.« Jetzt sprang Nechlidow mit einer solchen Heftigkeit auf, daß der Stuhl umfiel, auf dem er gesessen hatte. Er schrie: »Es wird ja immer toller; jetzt ist es aber wirklich genug. Ich wenigstens habe keine Lust mehr, länger an der Komödie mitzuspielen. Wir kamen hierher, um die großen Menschheitsgedanken zu verwirklichen, die große, ruhige Linie auszufüllen. Und was geschieht? Hier ein Kompromißchen und dort ein Kompromißchen; überall Halbheiten, nichts Ganzes. Alles Wankelmütigkeit und Wunsch nach dem behaglichen, ruhigen Fahrwasser, nur um Gotteswillen keinen energischen Schritt. Was ist aus den Idealen geworden, mit denen wir hierherzogen? Phrasen, Worte, Andeutungen, keine Tat, keine Wirklichkeit. Und heute kommt die Krone des Ganzen. Hier im Kreise der Gründer stellt Herr Allan seine logischen Experimente an, die weiter nichts sind, als eine Beschimpfung der menschlichen Vernunft, eine Erniedrigung der Sozietät. Wenn Herr Allan den