The Project Gutenberg EBook of Effi Briest, by Theodor Fontane Copyright laws are changing all over the world. Be sure to check the copyright laws for your country before downloading or redistributing this or any other Project Gutenberg eBook. This header should be the first thing seen when viewing this Project Gutenberg file. Please do not remove it. Do not change or edit the header without written permission. Please read the "legal small print," and other information about the eBook and Project Gutenberg at the bottom of this file. Included is important information about your specific rights and restrictions in how the file may be used. 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Effi Briest Theodor Fontane Erstes Kapitel In Front des schon seit Kurfuerst Georg Wilhelm von der Familie von Briest bewohnten Herrenhauses zu Hohen-Cremmen fiel heller Sonnenschein auf die mittagsstille Dorfstrasse, waehrend nach der Park- und Gartenseite hin ein rechtwinklig angebauter Seitenfluegel einen breiten Schatten erst auf einen weiss und gruen quadrierten Fliesengang und dann ueber diesen hinaus auf ein grosses, in seiner Mitte mit einer Sonnenuhr und an seinem Rande mit Canna indica und Rhabarberstauden besetzten Rondell warf. Einige zwanzig Schritte weiter, in Richtung und Lage genau dem Seitenfluegel entsprechend, lief eine ganz in kleinblaettrigem Efeu stehende, nur an einer Stelle von einer kleinen weissgestrichenen Eisentuer unterbrochene Kirchhofsmauer, hinter der der Hohen-Cremmener Schindelturm mit seinem blitzenden, weil neuerdings erst wieder vergoldeten Wetterhahn aufragte. Fronthaus, Seitenfluegel und Kirchhofsmauer bildeten ein einen kleinen Ziergarten umschliessendes Hufeisen, an dessen offener Seite man eines Teiches mit Wassersteg und angekettetem Boot und dicht daneben einer Schaukel gewahr wurde, deren horizontal gelegtes Brett zu Haeupten und Fuessen an je zwei Stricken hing - die Pfosten der Balkenlage schon etwas schief stehend. Zwischen Teich und Rondell aber und die Schaukel halb versteckend standen ein paar maechtige alte Platanen. Auch die Front des Herrenhauses - eine mit Aloekuebeln und ein paar Gartenstuehlen besetzte Rampe - gewaehrte bei bewoelktem Himmel einen angenehmen und zugleich allerlei Zerstreuung bietenden Aufenthalt; an Tagen aber, wo die Sonne niederbrannte, wurde die Gartenseite ganz entschieden bevorzugt, besonders von Frau und Tochter des Hauses, die denn auch heute wieder auf dem im vollen Schatten liegenden Fliesengange sassen, in ihrem Ruecken ein paar offene, von wildem Wein umrankte Fenster, neben sich eine vorspringende kleine Treppe, deren vier Steinstufen vom Garten aus in das Hochparterre des Seitenfluegels hinauffuehrten. Beide, Mutter und Tochter, waren fleissig bei der Arbeit, die der Herstellung eines aus Einzelquadraten zusammenzusetzenden Altarteppichs galt; ungezaehlte Wollstraehnen und Seidendocken lagen auf einem grossen, runden Tisch bunt durcheinander, dazwischen, noch vom Lunch her, ein paar Dessertteller und eine mit grossen schoenen Stachelbeeren gefuellte Majolikaschale. Rasch und sicher ging die Wollnadel der Damen hin und her, aber waehrend die Mutter kein Auge von der Arbeit liess, legte die Tochter, die den Rufnamen Effi fuehrte, von Zeit zu Zeit die Nadel nieder und erhob sich, um unter allerlei kunstgerechten Beugungen und Streckungen den ganzen Kursus der Heil- und Zimmergymnastik durchzumachen. Es war ersichtlich, dass sie sich diesen absichtlich ein wenig ins Komische gezogenen Uebungen mit ganz besonderer Liebe hingab, und wenn sie dann so dastand und, langsam die Arme hebend, die Handflaechen hoch ueber dem Kopf zusammenlegte, so sah auch wohl die Mama von ihrer Handarbeit auf, aber immer nur fluechtig und verstohlen, weil sie nicht zeigen wollte, wie entzueckend sie ihr eigenes Kind finde, zu welcher Regung muetterlichen Stolzes sie voll berechtigt war. Effi trug ein blau und weiss gestreiftes, halb kittelartiges Leinwandkleid, dem erst ein fest zusammengezogener, bronzefarbener Lederguertel die Taille gab; der Hals war frei, und ueber Schulter und Nacken fiel ein breiter Matrosenkragen. In allem, was sie tat, paarten sich Uebermut und Grazie, waehrend ihre lachenden braunen Augen eine grosse, natuerliche Klugheit und viel Lebenslust und Herzensguete verrieten. Man nannte sie die "Kleine", was sie sich nur gefallen lassen musste, weil die schoene, schlanke Mama noch um eine Handbreit hoeher war. Eben hatte sich Effi wieder erhoben, um abwechselnd nach links und rechts ihre turnerischen Drehungen zu machen, als die von ihrer Stickerei gerade wieder aufblickende Mama ihr zurief: "Effi, eigentlich haettest du doch wohl Kunstreiterin werden muessen. Immer am Trapez, immer Tochter der Luft. Ich glaube beinah, dass du so was moechtest." "Vielleicht, Mama. Aber wenn es so waere, wer waere schuld? Von wem hab ich es? Doch nur von dir. Oder meinst du, von Papa? Da musst du nun selber lachen. Und dann, warum steckst du mich in diesen Haenger, in diesen Jungenkittel? Mitunter denk ich, ich komme noch wieder in kurze Kleider. Und wenn ich die erst wiederhabe, dann knicks ich auch wieder wie ein Backfisch, und wenn dann die Rathenower herueberkommen, setze ich mich auf Oberst Goetzes Schoss und reite hopp, hopp. Warum auch nicht? Drei Viertel ist er Onkel und nur ein Viertel Courmacher. Du bist schuld. Warum kriege ich keine Staatskleider? Warum machst du keine Dame aus mir?" "Moechtest du's?" "Nein." Und dabei lief sie auf die Mama zu und umarmte sie stuermisch und kuesste sie. "Nicht so wild, Effi, nicht so leidenschaftlich. Ich beunruhige mich immer, wenn ich dich so sehe ..." Und die Mama schien ernstlich willens, in Aeusserung ihrer Sorgen und Aengste fortzufahren. Aber sie kam nicht weit damit, weil in ebendiesem Augenblick drei junge Maedchen aus der kleinen, in der Kirchhofsmauer angebrachten Eisentuer in den Garten eintraten und einen Kiesweg entlang auf das Rondell und die Sonnenuhr zuschritten. Alle drei gruessten mit ihren Sonnenschirmen zu Effi herueber und eilten dann auf Frau von Briest zu, um dieser die Hand zu kuessen. Diese tat rasch ein paar Fragen und lud dann die Maedchen ein, ihnen oder doch wenigstens Effi auf eine halbe Stunde Gesellschaft zu leisten. "Ich habe ohnehin noch zu tun, und junges Volk ist am liebsten unter sich. Gehabt euch wohl." Und dabei stieg sie die vom Garten in den Seitenfluegel fuehrende Steintreppe hinauf. Und da war nun die Jugend wirklich allein. Zwei der jungen Maedchen - kleine, rundliche Persoenchen, zu deren krausem, rotblondem Haar ihre Sommersprossen und ihre gute Laune ganz vorzueglich passten - waren Toechter des auf Hansa, Skandinavien und Fritz Reuter eingeschworenen Kantors Jahnke, der denn auch, unter Anlehnung an seinen mecklenburgischen Landsmann und Lieblingsdichter und nach dem Vorbilde von Mining und Lining, seinen eigenen Zwillingen die Namen Bertha und Hertha gegeben hatte. Die dritte junge Dame war Hulda Niemeyer, Pastor Niemeyers einziges Kind; sie war damenhafter als die beiden anderen, dafuer aber langweilig und eingebildet, eine lymphatische Blondine, mit etwas vorspringenden, bloeden Augen, die trotzdem bestaendig nach was zu suchen schienen, weshalb denn auch Klitzing von den Husaren gesagt hatte: "Sieht sie nicht aus, als erwarte sie jeden Augenblick den Engel Gabriel?" Effi fand, dass der etwas kritische Klitzing nur zu sehr recht habe, vermied es aber trotzdem, einen Unterschied zwischen den drei Freundinnen zu machen. Am wenigsten war ihr in diesem Augenblick danach zu Sinn, und waehrend sie die Arme auf den Tisch stemmte, sagte sie: "Diese langweilige Stickerei. Gott sei Dank, dass ihr da seid." "Aber deine Mama haben wir vertrieben", sagte Hulda. "Nicht doch. Wie sie euch schon sagte, sie waere doch gegangen; sie erwartet naemlich Besuch, einen alten Freund aus ihren Maedchentagen her, von dem ich euch nachher erzaehlen muss, eine Liebesgeschichte mit Held und Heldin und zuletzt mit Entsagung. Ihr werdet Augen machen und euch wundern. Uebrigens habe ich Mamas alten Freund schon drueben in Schwantikow gesehen; er ist Landrat, gute Figur und sehr maennlich." "Das ist die Hauptsache", sagte Hertha. "Freilich ist das die Hauptsache, 'Weiber weiblich, Maenner maennlich' - das ist, wie ihr wisst, einer von Papas Lieblingssaetzen. Und nun helft mir erst Ordnung schaffen auf dem Tisch hier, sonst gibt es wieder eine Strafpredigt." Im Nu waren die Docken in den Korb gepackt, und als alle wieder sassen, sagte Hulda: "Nun aber, Effi, nun ist es Zeit, nun die Liebesgeschichte mit Entsagung. Oder ist es nicht so schlimm?" "Eine Geschichte mit Entsagung ist nie schlimm. Aber ehe Hertha nicht von den Stachelbeeren genommen, eher kann ich nicht anfangen - sie laesst ja kein Auge davon. Uebrigens nimm, soviel du willst, wir koennen ja hinterher neue pfluecken; nur wirf die Schalen weit weg oder noch besser, lege sie hier auf die Zeitungsbeilage, wir machen dann eine Tuete daraus und schaffen alles beiseite. Mama kann es nicht leiden, wenn die Schlusen so ueberall herumliegen, und sagt immer, man koenne dabei ausgleiten und ein Bein brechen." "Glaub ich nicht", sagte Hertha, waehrend sie den Stachelbeeren fleissig zusprach. "Ich auch nicht", bestaetigte Effi. "Denkt doch mal nach, ich falle jeden Tag wenigstens zwei-, dreimal, und noch ist mir nichts gebrochen. Was ein richtiges Bein ist, das bricht nicht so leicht, meines gewiss nicht und deines auch nicht, Hertha. Was meinst du, Hulda?" "Man soll sein Schicksal nicht versuchen; Hochmut kommt vor dem Fall." "Immer Gouvernante; du bist doch die geborene alte Jungfer." "Und hoffe mich doch noch zu verheiraten. Und vielleicht eher als du." "Meinetwegen. Denkst du, dass ich darauf warte? Das fehlte noch. Uebrigens, ich kriege schon einen und vielleicht bald. Da ist mir nicht bange. Neulich erst hat mir der kleine Ventivegni von drueben gesagt: 'Fraeulein Effi, was gilt die Wette, wir sind hier noch in diesem Jahre zu Polterabend und Hochzeit.'" "Und was sagtest du da?" "'Wohl moeglich', sagte ich, 'wohl moeglich; Hulda ist die Aelteste und kann sich jeden Tag verheiraten.' Aber er wollte davon nichts wissen und sagte: 'Nein, bei einer anderen jungen Dame, die geradeso bruenett ist, wie Fraeulein Hulda blond ist.' Und dabei sah er mich ganz ernsthaft an... Aber ich komme vom Hundertsten aufs Tausendste und vergesse die Geschichte." "Ja, du brichst immer wieder ab; am Ende willst du nicht." "Oh, ich will schon, aber freilich, ich breche immer wieder ab, weil es alles ein bisschen sonderbar ist, ja beinah romantisch." "Aber du sagtest doch, er sei Landrat." "Allerdings, Landrat. Und er heisst Geert von Innstetten, Baron von Innstetten." Alle drei lachten. "Warum lacht ihr?" sagte Effi pikiert. "Was soll das heissen?" "Ach, Effi, wir wollen dich ja nicht beleidigen und auch den Baron nicht. Innstetten, sagtest du? Und Geert? So heisst doch hier kein Mensch. Freilich, die adeligen Namen haben oft so was Komisches." "Ja, meine Liebe, das haben sie. Dafuer sind es eben Adelige. Die duerfen sich das goennen, und je weiter zurueck, ich meine der Zeit nach, desto mehr duerfen sie sich's goennen. Aber davon versteht ihr nichts, was ihr mir nicht uebelnehmen duerft. Wir bleiben doch gute Freunde. Geert von Innstetten also und Baron. Er ist geradeso alt wie Mama, auf den Tag." "Und wie alt ist denn eigentlich deine Mama?" "Achtunddreissig." "Ein schoenes Alter." "Ist es auch, namentlich wenn man noch so aussieht wie die Mama. Sie ist doch eigentlich eine schoene Frau, findet ihr nicht auch? Und wie sie alles so weg hat, immer so sicher und dabei so fein und nie unpassend wie Papa. Wenn ich ein junger Leutnant waere, so wuerd ich mich in die Mama verlieben." "Aber Effi, wie kannst du nur so was sagen", sagte Hulda. "Das ist ja gegen das vierte Gebot." "Unsinn. Wie kann das gegen das vierte Gebot sein? Ich glaube, Mama wuerde sich freuen, wenn sie wuesste, dass ich so was gesagt habe." "Kann schon sein", unterbrach hierauf Hertha. "Aber nun endlich die Geschichte." "Nun, gib dich zufrieden, ich fange schon an ... Also Baron Innstetten! Als er noch keine zwanzig war, stand er drueben bei den Rathenowern und verkehrte viel auf den Guetern hier herum, und am liebsten war er in Schwantikow drueben bei meinem Grossvater Belling. Natuerlich war es nicht des Grossvaters wegen, dass er so oft drueben war, und wenn die Mama davon erzaehlt, so kann jeder leicht sehen, um wen es eigentlich war. Und ich glaube, es war auch gegenseitig." "Und wie kam es nachher?" "Nun, es kam, wie's kommen musste, wie's immer kommt. Er war ja noch viel zu jung, und als mein Papa sich einfand, der schon Ritterschaftsrat war und Hohen-Cremmen hatte, da war kein langes Besinnen mehr, und sie nahm ihn und wurde Frau von Briest ... Und das andere, was sonst noch kam, nun, das wisst ihr ... das andere bin ich." "Ja, das andere bist du, Effi", sagte Bertha. "Gott sei Dank; wir haetten dich nicht, wenn es anders gekommen waere. Und nun sage, was tat Innstetten, was wurde aus ihm? Das Leben hat er sich nicht genommen, sonst koenntet ihr ihn heute nicht erwarten." "Nein, das Leben hat er sich nicht genommen. Aber ein bisschen war es doch so was." "Hat er einen Versuch gemacht?" "Auch das nicht. Aber er mochte doch nicht laenger hier in der Naehe bleiben, und das ganze Soldatenleben ueberhaupt muss ihm damals wie verleidet gewesen sein. Es war ja auch Friedenszeit. Kurz und gut, er nahm den Abschied und fing an, Juristerei zu studieren, wie Papa sagt, mit einem 'wahren Biereifer'; nur als der Siebziger Krieg kam, trat er wieder ein, aber bei den Perlebergern statt bei seinem alten Regiment, und hat auch das Kreuz. Natuerlich, denn er ist sehr schneidig. Und gleich nach dem Kriege sass er wieder bei seinen Akten, und es heisst, Bismarck halte grosse Stuecke von ihm und auch der Kaiser, und so kam es denn, dass er Landrat wurde, Landrat im Kessiner Kreise." "Was ist Kessin? Ich kenne hier kein Kessin." "Nein, hier in unserer Gegend liegt es nicht; es liegt eine huebsche Strecke von hier fort in Pommern, in Hinterpommern sogar, was aber nichts sagen will, weil es ein Badeort ist (alles da herum ist Badeort), und die Ferienreise, die Baron Innstetten jetzt macht, ist eigentlich eine Vetternreise oder doch etwas Aehnliches. Er will hier alte Freundschaft und Verwandtschaft wiedersehen." "Hat er denn hier Verwandte?" "Ja und nein, wie man's nehmen will. Innstettens gibt es hier nicht, gibt es, glaub ich, ueberhaupt nicht mehr. Aber er hat hier entfernte Vettern von der Mutter Seite her, und vor allem hat er wohl Schwantikow und das Bellingsche Haus wiedersehen wollen, an das ihn so viele Erinnerungen knuepfen. Da war er denn vorgestern drueben, und heute will er hier in Hohen-Cremmen sein." "Und was sagt dein Vater dazu?" "Gar nichts. Der ist nicht so. Und dann kennt er ja doch die Mama. Er neckt sie bloss." In diesem Augenblick schlug es Mittag, und ehe es noch ausgeschlagen, erschien Wilke, das alte Briestsche Haus- und Familienfaktotum, um an Fraeulein Effi zu bestellen: Die gnaedige Frau liesse bitten, dass das gnaedige Fraeulein zu rechter Zeit auch Toilette mache; gleich nach eins wuerde der Herr Baron wohl vorfahren. Und waehrend Wilke dies noch vermeldete, begann er auch schon auf dem Arbeitstisch der Damen abzuraeumen und griff dabei zunaechst nach dem Zeitungsblatt, auf dem die Stachelbeerschalen lagen. "Nein, Wilke, nicht so; das mit den Schlusen, das ist unsere Sache... Hertha, du musst nun die Tuete machen und einen Stein hineintun, dass alles besser versinken kann. Und dann wollen wir in einem langen Trauerzug aufbrechen und die Tuete auf offener See begraben." Wilke schmunzelte. Is doch ein Daus, unser Fraeulein, so etwa gingen seine Gedanken. Effi aber, waehrend sie die Tuete mitten auf die rasch zusammengeraffte Tischdecke legte, sagte: "Nun fassen wir alle vier an, jeder an einem Zipfel, und singen was Trauriges." "Ja, das sagst du wohl, Effi. Aber was sollen wir denn singen?" "Irgendwas; es ist ganz gleich, es muss nur einen Reim auf 'u' haben; 'u' ist immer Trauervokal. Also singen wir: Flut, Flut, Mach alles wieder gut ..." Und waehrend Effi diese Litanei feierlich anstimmte, setzten sich alle vier auf den Steg hin in Bewegung, stiegen in das dort angekettelte Boot und liessen von diesem aus die mit einem Kiesel beschwerte Tuete langsam in den Teich niedergleiten. "Hertha, nun ist deine Schuld versenkt", sagte Effi, "wobei mir uebrigens einfaellt, so vom Boot aus sollen frueher auch arme, unglueckliche Frauen versenkt worden sein, natuerlich wegen Untreue." "Aber doch nicht hier." "Nein, nicht hier", lachte Effi, "hier kommt sowas nicht vor. Aber in Konstantinopel, und du musst ja, wie mir eben einfaellt, auch davon wissen, so gut wie ich, du bist ja mit dabeigewesen, als uns Kandidat Holzapfel in der Geographiestunde davon erzaehlte." "Ja", sagte Hulda, "der erzaehlte immer so was. Aber so was vergisst man doch wieder." "Ich nicht. Ich behalte so was." Zweites Kapitel Sie sprachen noch eine Weile so weiter, wobei sie sich ihrer gemeinschaftlichen Schulstunden und einer ganzen Reihe Holzapfelscher Unpassendheiten mit Empoerung und Behagen erinnerten. Ja, man konnte sich nicht genug tun damit, bis Hulda mit einem Male sagte: "Nun aber ist es hoechste Zeit, Effi; du siehst ja aus, ja, wie sag ich nur, du siehst ja aus, wie wenn du vom Kirschenpfluecken kaemst, alles zerknittert und zerknautscht; das Leinenzeug macht immer so viele Falten, und der grosse weisse Klappkragen ... ja, wahrhaftig, jetzt hab ich es, du siehst aus wie ein Schiffsjunge." "Midshipman, wenn ich bitten darf. Etwas muss ich doch von meinem Adel haben. Uebrigens, Midshipman oder Schiffsjunge, Papa hat mir erst neulich wieder einen Mastbaum versprochen, hier dicht neben der Schaukel, mit Rahen und einer Strickleiter. Wahrhaftig, das sollte mir gefallen, und den Wimpel oben selbst anzumachen, das liess' ich mir nicht nehmen. Und du, Hulda, du kaemst dann von der anderen Seite her herauf, und oben in der Luft wollten wir hurra rufen und uns einen Kuss geben. Alle Wetter, das sollte schmecken." "'Alle Wetter ...', wie das nun wieder klingt ... Du sprichst wirklich wie ein Midshipman. Ich werde mich aber hueten, dir nachzuklettern, ich bin nicht so waghalsig. Jahnke hat ganz recht, wenn er immer sagt, du haettest zuviel von dem Bellingschen in dir, von deiner Mama her. Ich bin bloss ein Pastorskind." "Ach, geh mir. Stille Wasser sind tief. Weisst du noch, wie du damals, als Vetter Briest als Kadett hier war, aber doch schon gross genug, wie du damals auf dem Scheunendach entlangrutschtest. Und warum? Nun, ich will es nicht verraten. Aber kommt, wir wollen uns schaukeln, auf jeder Seite zwei; reissen wird es ja wohl nicht, oder wenn ihr nicht Lust habt, denn ihr macht wieder lange Gesichter, dann wollen wir Anschlag spielen. Eine Viertelstunde hab ich noch. Ich mag noch nicht hineingehen, und alles bloss, um einem Landrat guten Tag zu sagen, noch dazu einem Landrat aus Hinterpommern. Altlich ist er auch, er koennte ja beinah mein Vater sein, und wenn er wirklich in einer Seestadt wohnt, Kessin soll ja so was sein, nun, da muss ich ihm in diesem Matrosenkostuem eigentlich am besten gefallen und muss ihm beinah wie eine grosse Aufmerksamkeit vorkommen. Fuersten, wenn sie wen empfangen, soviel weiss ich von meinem Papa her, legen auch immer die Uniform aus der Gegend des anderen an. Also nun nicht aengstlich ... rasch, rasch, ich fliege aus, und neben der Bank hier ist frei." Hulda wollte noch ein paar Einschraenkungen machen, aber Effi war schon den naechsten Kiesweg hinauf, links hin, rechts hin, bis sie mit einem Male verschwunden war. "Effi, das gilt nicht; wo bist du? Wir spielen nicht Versteck, wir spielen Anschlag", und unter diesen und aehnlichen Vorwuerfen eilten die Freundinnen ihr nach, weit ueber das Rondell und die beiden seitwaerts stehenden Platanen hinaus, bis die Verschwundene mit einem Male aus ihrem Versteck hervorbrach und muehelos, weil sie schon im Ruecken ihrer Verfolger war, mit "eins, zwei, drei" den Freiplatz neben der Bank erreichte. "Wo warst du?" "Hinter den Rhabarberstauden; die haben so grosse Blaetter, noch groesser als ein Feigenblatt ..." "Pfui ..." "Nein, pfui fuer euch, weil ihr verspielt habt. Hulda, mit ihren grossen Augen, sah wieder nichts, immer ungeschickt." Und dabei flog Effi von neuem ueber das Rondell hin, auf den Teich zu, vielleicht weil sie vorhatte, sich erst hinter einer dort aufwachsenden dichten Haselnusshecke zu verstecken, um dann, von dieser aus, mit einem weiten Umweg um Kirchhof und Fronthaus, wieder bis an den Seitenfluegel und seinen Freiplatz zu kommen. Alles war gut berechnet; aber freilich, ehe sie noch halb um den Teich herum war, hoerte sie schon vom Hause her ihren Namen rufen und sah, waehrend sie sich umwandte, die Mama, die, von der Steintreppe her, mit ihrem Taschentuch winkte. Noch einen Augenblick, und Effi stand vor ihr. "Nun bist du doch noch in deinem Kittel, und der Besuch ist da. Nie haeltst du Zeit." "Ich halte schon Zeit, aber der Besuch hat nicht Zeit gehalten. Es ist noch nicht eins; noch lange nicht", und sich nach den Zwillingen hin umwendend (Hulda war noch weiter zurueck), rief sie diesen zu: "Spielt nur weiter; ich bin gleich wieder da." Schon im naechsten Augenblick trat Effi mit der Mama in den grossen Gartensaal, der fast den ganzen Raum des Seitenfluegels fuellte. "Mama, du darfst mich nicht schelten. Es ist wirklich erst halb. Warum kommt er so frueh? Kavaliere kommen nicht zu spaet, aber noch weniger zu frueh." Frau von Briest war in sichtlicher Verlegenheit; Effi aber schmiegte sich liebkosend an sie und sagte: "Verzeih, ich will mich nun eilen; du weisst, ich kann auch rasch sein, und in fuenf Minuten ist Aschenputtel in eine Prinzessin verwandelt. So lange kann er warten oder mit dem Papa plaudern." Und der Mama zunickend, wollte sie leichten Fusses eine kleine eiserne Stiege hinauf, die aus dem Saal in den Oberstock hinauffuehrte. Frau von Briest aber, die unter Umstaenden auch unkonventionell sein konnte, hielt ploetzlich die schon forteilende Effi zurueck, warf einen Blick auf das jugendlich reizende Geschoepf, das, noch erhitzt von der Aufregung des Spiels, wie ein Bild frischesten Lebens vor ihr stand, und sagte beinahe vertraulich: "Es ist am Ende das beste, du bleibst, wie du bist. Ja, bleibe so. Du siehst gerade sehr gut aus. Und wenn es auch nicht waere, du siehst so unvorbereitet aus, so gar nicht zurechtgemacht, und darauf kommt es in diesem Augenblick an. Ich muss dir naemlich sagen, meine suesse Effi ...", und sie nahm ihres Kindes beide Haende, "... ich muss dir naemlich sagen ..." "Aber Mama, was hast du nur? Mir wird ja ganz angst und bange." "... Ich muss dir naemlich sagen, Effi, dass Baron Innstetten eben um deine Hand angehalten hat." "Um meine Hand angehalten? Und im Ernst?" "Es ist keine Sache, um einen Scherz daraus zu machen. Du hast ihn vorgestern gesehen, und ich glaube, er hat dir auch gut gefallen. Er ist freilich aelter als du, was alles in allem ein Glueck ist, dazu ein Mann von Charakter, von Stellung und guten Sitten, und wenn du nicht nein sagst, was ich mir von meiner klugen Effi kaum denken kann, so stehst du mit zwanzig Jahren da, wo andere mit vierzig stehen. Du wirst deine Mama weit ueberholen." Effi schwieg und suchte nach einer Antwort. Aber ehe sie diese finden konnte, hoerte sie schon des Vaters Stimme von dem angrenzenden, noch im Fronthause gelegenen Hinterzimmer her, und gleich danach ueberschritt Ritterschaftsrat von Briest, ein wohlkonservierter Fuenfziger von ausgesprochener Bonhomie, die Gartensalonschwelle - mit ihm Baron Innstetten, schlank, bruenett und von militaerischer Haltung. Effi, als sie seiner ansichtig wurde, kam in ein nervoeses Zittern; aber nicht auf lange, denn im selben Augenblick fast, wo sich Innstetten unter freundlicher Verneigung ihr naeherte, wurden an dem mittleren der weit offenstehenden und von wildem Wein halb ueberwachsenen Fenster die rotblonden Koepfe der Zwillinge sichtbar, und Hertha, die Ausgelassenste, rief in den Saal hinein: "Effi, komm." Dann duckte sie sich, und beide Schwestern sprangen von der Banklehne, darauf sie gestanden, wieder in den Garten hinab, und man hoerte nur noch ihr leises Kichern und Lachen. Drittes Kapitel Noch an demselben Tage hatte sich Baron Innstetten mit Effi Briest verlobt. Der joviale Brautvater, der sich nicht leicht in seiner Feierlichkeitsrolle zurechtfand, hatte bei dem Verlobungsmahl, das folgte, das junge Paar leben lassen, was auf Frau von Briest, die dabei der nun um kaum achtzehn Jahre zurueckliegenden Zeit gedenken mochte, nicht ohne herzbeweglichen Eindruck geblieben war. Aber nicht auf lange; sie hatte es nicht sein koennen, nun war es statt ihrer die Tochter - alles in allem ebensogut oder vielleicht noch besser. Denn mit Briest liess sich leben, trotzdem er ein wenig prosaisch war und dann und wann einen kleinen frivolen Zug hatte. Gegen Ende der Tafel, das Eis wurde schon herumgereicht, nahm der alte Ritterschaftsrat noch einmal das Wort, um in einer zweiten Ansprache das allgemeine Familien-Du zu proponieren. Er umarmte dabei Innstetten und gab ihm einen Kuss auf die linke Backe. Hiermit war aber die Sache fuer ihn noch nicht abgeschlossen, vielmehr fuhr er fort, ausser dem "Du" zugleich intimere Namen und Titel fuer den Hausverkehr zu empfehlen, eine Art Gemuetlichkeitsrangliste aufzustellen, natuerlich unter Wahrung berechtigter, weil wohlerworbener Eigentuemlichkeiten. Fuer seine Frau, so hiess es, wuerde der Fortbestand von "Mama" (denn es gaebe auch junge Mamas) wohl das beste sein, waehrend er fuer seine Person, unter Verzicht auf den Ehrentitel "Papa", das einfache Briest entschieden bevorzugen muesse, schon weil es so huebsch kurz sei. Und was nun die Kinder angehe - bei welchem Wort er sich, Aug in Auge mit dem nur etwa um ein Dutzend Jahre juengeren Innstetten, einen Ruck geben musste -, nun, so sei Effi eben Effi und Geert Geert. Geert, wenn er nicht irre, habe die Bedeutung von einem schlank aufgeschossenen Stamm, und Effi sei dann also der Efeu, der sich darumzuranken habe. Das Brautpaar sah sich bei diesen Worten etwas verlegen an. Effi zugleich mit einem Ausdruck kindlicher Heiterkeit, Frau von Briest aber sagte: "Briest, sprich, was du willst, und formuliere deine Toaste nach Gefallen, nur poetische Bilder, wenn ich bitten darf, lass beiseite, das liegt jenseits deiner Sphaere." Zurechtweisende Worte, die bei Briest mehr Zustimmung als Ablehnung gefunden hatten. "Es ist moeglich, dass du recht hast, Luise." Gleich nach Aufhebung der Tafel beurlaubte sich Effi, um einen Besuch drueben bei Pastors zu machen. Unterwegs sagte sie sich: "Ich glaube, Hulda wird sich aergern. Nun bin ich ihr doch zuvorgekommen - sie war immer zu eitel und eingebildet." Aber Effi traf es mit ihrer Erwartung nicht ganz; Hulda, durchaus Haltung bewahrend, benahm sich sehr gut und ueberliess die Bezeugung von Unmut und Aerger ihrer Mutter, der Frau Pastorin, die denn auch sehr sonderbare Bemerkungen machte. "Ja, ja, so geht es. Natuerlich. Wenn's die Mutter nicht sein konnte, muss es die Tochter Sein. Das kennt man. Alte Familien halten immer zusammen, und wo was is, da kommt was dazu." Der alte Niemeyer kam in arge Verlegenheit ueber diese fortgesetzten Spitzen Redensarten ohne Bildung und Anstand und beklagte mal wieder, eine Wirtschafterin geheiratet zu haben. Von Pastors ging Effi natuerlich auch zu Kantor Jahnkes; die Zwillinge hatten schon nach ihr ausgeschaut und empfingen sie im Vorgarten. "Nun, Effi", sagte Hertha, waehrend alle drei zwischen den rechts und links bluehenden Studentenblumen auf und ab schritten, "nun, Effi, wie ist dir eigentlich?" "Wie mir ist? Oh, ganz gut. Wir nennen uns auch schon du und bei Vornamen. Er heisst naemlich Geert, was ich euch, wie mir einfaellt, auch schon gesagt habe." "Ja, das hast du. Mir ist aber doch so bange dabei. Ist es denn auch der Richtige?" "Gewiss ist es der Richtige. Das verstehst du nicht, Hertha. Jeder ist der Richtige. Natuerlich muss er von Adel sein und eine Stellung haben und gut aussehen." "Gott, Effi, wie du nur sprichst. Sonst sprachst du doch ganz anders." "Ja, sonst." "Und bist du auch schon ganz gluecklich?" "Wenn man zwei Stunden verlobt ist, ist man immer ganz gluecklich. Wenigstens denk ich es mir so." "Und ist es dir denn gar nicht, ja, wie sag ich nur, ein bisschen genant?" "Ja, ein bisschen genant ist es mir, aber doch nicht sehr. Und ich denke, ich werde darueber wegkommen." Nach diesem im Pfarr- und Kantorhause gemachten Besuche, der keine halbe Stunde gedauert hatte, war Effi wieder nach drueben zurueckgekehrt, wo man auf der Gartenveranda eben den Kaffee nehmen wollte. Schwiegervater und Schwiegersohn gingen auf dem Kieswege zwischen den zwei Platanen auf und ab. Briest sprach von dem Schwierigen einer landraetlichen Stellung; sie sei ihm verschiedentlich angetragen worden, aber er habe jedesmal gedankt. "So nach meinem eigenen Willen schalten und walten zu koennen ist mir immer das liebste gewesen, jedenfalls lieber - Pardon, Innstetten -, als so die Blicke bestaendig nach oben richten zu muessen. Man hat dann bloss immer Sinn und Merk fuer hohe und hoechste Vorgesetzte. Das ist nichts fuer mich. Hier leb ich so freiweg und freue mich ueber jedes gruene Blatt und ueber den wilden Wein, der da drueben in die Fenster waechst." Er sprach noch mehr dergleichen, allerhand Antibeamtliches, und entschuldigte sich von Zeit zu Zeit mit einem kurzen, verschiedentlich wiederkehrenden "Pardon, Innstetten". Dieser nickte mechanisch zustimmend, war aber eigentlich wenig bei der Sache, sah vielmehr wie gebannt immer aufs neue nach dem drueben am Fenster rankenden wilden Wein hinueber, von dem Briest eben gesprochen, und waehrend er dem nachhing, war es ihm, als saeh' er wieder die rotblonden Maedchenkoepfe zwischen den Weinranken und hoere dabei den uebermuetigen Zuruf: "Effi, komm." Er glaubte nicht an Zeichen und aehnliches, im Gegenteil, wies alles Aberglaeubische weit zurueck. Aber er konnte trotzdem von den zwei Worten nicht los, und waehrend Briest immer weiterperorierte, war es ihm bestaendig, als waere der kleine Hergang doch mehr als ein blosser Zufall gewesen. Innstetten, der nur einen kurzen Urlaub genommen, war schon am folgenden Tag wieder abgereist, nachdem er versprochen, jeden Tag schreiben zu wollen. "Ja, das musst du", hatte Effi gesagt, ein Wort, das ihr von Herzen kam, da sie seit Jahren nichts Schoeneres kannte als beispielsweise den Empfang vieler Geburtstagsbriefe. Jeder musste ihr zu diesem Tag schreiben. In den Brief eingestreute Wendungen, etwa wie "Gertrud und Klara senden Dir mit mir ihre herzlichsten Glueckwuensche", waren verpoent; Gertrud und Klara, wenn sie Freundinnen sein wollten, hatten dafuer zu Sorgen, dass ein Brief mit selbstaendiger Marke dalaege, womoeglich - denn ihr Geburtstag fiel noch in die Reisezeit mit einer fremden, aus der Schweiz oder Karlsbad. Innstetten, wie versprochen, schrieb wirklich jeden Tag; was aber den Empfang seiner Briefe ganz besonders angenehm machte, war der Umstand, dass er allwoechentlich nur einmal einen ganz kleinen Antwortbrief erwartete. Den erhielt er dann auch, voll reizend nichtigen und ihn jedesmal entzueckenden Inhalts. Was es von ernsteren Dingen zu besprechen gab, das verhandelte Frau von Briest mit ihrem Schwiegersohn: Festsetzungen wegen der Hochzeit, Ausstattungs- und Wirtschaftseinrichtungsfragen. Innstetten, schon an die drei Jahre im Amt, war in seinem Kessiner Hause nicht glaenzend, aber doch sehr standesgemaess eingerichtet, und es empfahl sich, in der Korrespondenz mit ihm ein Bild von allem, was da war, zu gewinnen, um nichts Unnuetzes anzuschaffen. Schliesslich, als Frau von Briest ueber all diese Dinge genugsam unterrichtet war, wurde seitens Mutter und Tochter eine Reise nach Berlin beschlossen, um, wie Briest sich ausdrueckte, den "Trousseau" fuer Prinzessin Effi zusammenzukaufen. Effi freute sich sehr auf den Aufenthalt in Berlin, um so mehr, als der Vater darein gewilligt hatte, im Hotel du Nord Wohnung zu nehmen. Was es koste, koenne ja von der Ausstattung abgezogen werden; Innstetten habe ohnehin alles. Effi ganz im Gegensatz zu der solche "Mesquinerien" ein fuer allemal sich verbittenden Mama - hatte dem Vater, ohne jede Sorge darum, ob er's scherz- oder ernsthaft gemeint hatte, freudig zugestimmt und beschaeftigte sich in ihren Gedanken viel, viel mehr mit dem Eindruck, den sie beide, Mutter und Tochter, bei ihrem Erscheinen an der Table d'hote machen wuerden, als mit Spinn und Mencke, Goschenhofer und aehnlichen Firmen, die vorlaeufig notiert worden waren. Und diesen ihren heiteren Phantasien entsprach denn auch ihre Haltung, als die grosse Berliner Woche nun wirklich da war. Vetter Briest vom Alexanderregiment, ein ungemein ausgelassener junger Leutnant, der die "Fliegenden Blaetter" hielt und ueber die besten Witze Buch fuehrte, stellte sich den Damen fuer jede dienstfreie Stunde zur Verfuegung, und so sassen sie denn mit ihm bei Kranzler am Eckfenster oder zu statthafter Zeit auch wohl im Cafe Bauer und fuhren nachmittags in den Zoologischen Garten, um da die Giraffen zu sehen, von denen Vetter Briest, der uebrigens Dagobert hiess, mit Vorliebe behauptete, sie saehen aus wie adlige alte Jungfern. Jeder Tag verlief programmaessig, und am dritten oder vierten Tag gingen sie, wie vorgeschrieben, in die Nationalgalerie, weil Vetter Dagobert seiner Cousine die "Insel der Seligen" zeigen wollte. Fraeulein Cousine stehe zwar auf dem Punkte, sich zu verheiraten, es sei aber doch vielleicht gut, die "Insel der Seligen" schon vorher kennengelernt zu haben. Die Tante gab ihm einen Schlag mit dem Faecher, begleitete diesen Schlag aber mit einem so gnaedigen Blick, dass er keine Veranlassung hatte, den Ton zu aendern. Es waren himmlische Tage fuer alle drei, nicht zum wenigsten fuer den Vetter, der so wundervoll zu chaperonnieren und kleine Differenzen immer rasch auszugleichen verstand. An solchen Meinungsverschiedenheiten zwischen Mutter und Tochter war nun, wie das so geht, all die Zeit ueber kein Mangel, aber sie traten gluecklicherweise nie bei den zu machenden Einkaeufen hervor. Ob man von einer Sache sechs oder drei Dutzend erstand, Effi war mit allem gleichmaessig einverstanden, und wenn dann auf dem Heimweg von dem Preis der eben eingekauften Gegenstaende gesprochen wurde, so verwechselte sie regelmaessig die Zahlen. Frau von Briest, sonst so kritisch, auch ihrem eigenen geliebten Kinde gegenueber, nahm dies anscheinend mangelnde Interesse nicht nur von der leichten Seite, sondern erkannte sogar einen Vorzug darin. Alle diese Dinge, so sagte sie sich, bedeuten Effi nicht viel. Effi ist anspruchslos; sie lebt in ihren Vorstellungen und Traeumen, und wenn die Prinzessin Friedrich Karl vorueberfaehrt und sie von ihrem Wagen aus freundlich gruesst, so gilt ihr das mehr als eine ganze Truhe voll Weisszeug. Das alles war auch richtig, aber doch nur halb. An dem Besitze mehr oder weniger alltaeglicher Dinge lag Effi nicht viel, aber wenn sie mit der Mama die Linden hinauf- und hinunterging und nach Musterung der schoensten Schaufenster in den Demuthschen Laden eintrat, um fuer die gleich nach der Hochzeit geplante italienische Reise allerlei Einkaeufe zu machen, so zeigte sich ihr wahrer Charakter. Nur das Eleganteste gefiel ihr, und wenn sie das Beste nicht haben konnte, so verzichtete sie auf das Zweitbeste, weil ihr dies Zweite nun nichts mehr bedeutete. Ja, sie konnte verzichten, darin hatte die Mama recht, und in diesem Verzichtenkoennen lag etwas von Anspruchslosigkeit; wenn es aber ausnahmsweise mal wirklich etwas zu besitzen galt, so musste dies immer was ganz Apartes sein. Und darin war sie anspruchsvoll. Viertes Kapitel Vetter Dagobert war am Bahnhof, als die Damen ihre Rueckreise nach Hohen-Cremmen antraten. Es waren glueckliche Tage gewesen, vor allem auch darin, dass man nicht unter unbequemer und beinahe unstandesgemaesser Verwandtschaft gelitten hatte. "Fuer Tante Therese", so hatte Effi gleich nach der Ankunft gesagt, "muessen wir diesmal inkognito bleiben. Es geht nicht, dass sie hier ins Hotel kommt. Entweder Hotel du Nord oder Tante Therese; beides zusammen passt nicht." Die Mama hatte sich schliesslich einverstanden damit erklaert, ja, dem Liebling zur Besiegelung des Einverstaendnisses einen Kuss auf die Stirn gegeben. Mit Vetter Dagobert war das natuerlich etwas ganz anderes gewesen, der hatte nicht bloss den Gardepli, der hatte vor allem auch mit Hilfe jener eigentuemlich guten Laune, wie sie bei den Alexanderoffizieren beinahe traditionell geworden, sowohl Mutter wie Tochter von Anfang an anzuregen und aufzuheitern gewusst, und diese gute Stimmung dauerte bis zuletzt. "Dagobert", so hiess es noch beim Abschied, "du kommst also zu meinem Polterabend, und natuerlich mit Cortege. Denn nach den Auffuehrungen (aber kommt mir nicht mit Dienstmann oder Mausefallenhaendler) ist Ball. Und du musst bedenken, mein erster grosser Ball ist vielleicht auch mein letzter. Unter sechs Kameraden - natuerlich beste Taenzer - wird gar nicht angenommen. Und mit dem Fruehzug koennt ihr wieder zurueck." Der Vetter versprach alles, und so trennte man sich. Gegen Mittag trafen beide Damen an ihrer havellaendischen Bahnstation ein, mitten im Luch, und fuhren in einer halben Stunde nach Hohen-Cremmen hinueber. Briest war sehr froh, Frau und Tochter wieder zu Hause zu haben, und stellte Fragen ueber Fragen, deren Beantwortung er meist nicht abwartete. Statt dessen erging er sich in Mitteilung dessen, was er inzwischen erlebt. "Ihr habt mir da vorhin von der Nationalgalerie gesprochen und von der 'Insel der Seligen' - nun, wir haben hier, waehrend ihr fort wart, auch so was gehabt: unser Inspektor Pink und die Gaertnersfrau. Natuerlich habe ich Pink entlassen muessen, uebrigens ungern. Es ist sehr fatal, dass solche Geschichten fast immer in die Erntezeit fallen. Und Pink war sonst ein ungewoehnlich tuechtiger Mann, hier leider am unrechten Fleck. Aber lassen wir das; Wilke wird schon unruhig." Bei Tische hoerte Briest besser zu; das gute Einvernehmen mit dem Vetter, von dem ihm viel erzaehlt wurde, hatte seinen Beifall, weniger das Verhalten gegen Tante Therese. Man sah aber deutlich, dass er inmitten seiner Missbilligung sich eigentlich darueber freute; denn ein kleiner Schabernack entsprach ganz seinem Geschmack, und Tante Therese war wirklich eine laecherliche Figur. Er hob sein Glas und stiess mit Frau und Tochter an. Auch als nach Tisch einzelne der huebschesten Einkaeufe von ihm ausgepackt und seiner Beurteilung unterbreitet wurden, verriet er viel Interesse, das selbst noch anhielt oder wenigstens nicht ganz hinstarb, als er die Rechnung ueberflog. "Etwas teuer, oder sagen wir lieber sehr teuer; indessen es tut nichts. Es hat alles so viel Schick, ich moechte sagen so viel Animierendes, dass ich deutlich fuehle, wenn du mir solchen Koffer und solche Reisedecke zu Weihnachten schenkst, so sind wir zu Ostern auch in Rom und machen nach achtzehn Jahren unsere Hochzeitsreise. Was meinst du, Luise? Wollen wir nachexerzieren? Spaet kommt ihr, doch ihr kommt." Frau von Briest machte eine Handbewegung, wie wenn sie sagen wollte: "Unverbesserlich", und ueberliess ihn im uebrigen seiner eigenen Beschaemung, die aber nicht gross war. Ende August war da, der Hochzeitstag (3. Oktober) rueckte naeher, und sowohl im Herrenhause wie in der Pfarre und Schule war man unausgesetzt bei den Vorbereitungen zum Polterabend. Jahnke, getreu seiner Fritz-Reuter-Passion, hatte sich's als etwas besonders "Sinniges" ausgedacht, Bertha und Hertha als Lining und Mining auftreten zu lassen, natuerlich plattdeutsch, waehrend Hulda das Kaethchen von Heilbronn in der Holunderbaumszene darstellen sollte, Leutnant Engelbrecht von den Husaren als Wetter vom Strahl. Niemeyer, der sich den Vater der Idee nennen durfte, hatte keinen Augenblick gesaeumt, auch die versaeumte Nutzanwendung auf Innstetten und Effi hinzuzudichten. Er selbst war mit seiner Arbeit zufrieden und hoerte, gleich nach der Leseprobe, von allen Beteiligten viel Freundliches darueber, freilich mit Ausnahme seines Patronatsherrn und alten Freundes Briest, der, als er die Mischung von Kleist und Niemeyer mit angehoert hatte, lebhaft protestierte, wenn auch keineswegs aus literarischen Gruenden. "Hoher Herr und immer wieder Hoher Herr - was soll das? Das leitet in die Irre, das verschiebt alles. Innstetten, unbestritten, ist ein famoses Menschenexemplar, Mann von Charakter und Schneid, aber die Briests - verzeih den Berolinismus, Luise-, die Briests sind schliesslich auch nicht von schlechten Eltern. Wir sind doch nun mal eine historische Familie, lass mich hinzufuegen Gott sei Dank, und die Innstettens sind es nicht; die Innstettens sind bloss alt, meinetwegen Uradel, aber was heisst Uradel? Ich will nicht, dass eine Briest oder doch mindestens eine Polterabendfigur, in der jeder das Widerspiel unserer Effi erkennen muss - ich will nicht, dass eine Briest mittelbar oder unmittelbar in einem fort von 'Hoher Herr' spricht. Da muesste denn doch Innstetten wenigstens ein verkappter Hohenzoller sein, es gibt ja dergleichen. Das ist er aber nicht, und so kann ich nur wiederholen, es verschiebt die Situation." Und wirklich, Briest hielt mit besonderer Zaehigkeit eine ganze Zeitlang an dieser Anschauung fest. Erst nach der zweiten Probe, wo das "Kaethchen", schon halb im Kostuem, ein sehr eng anliegendes Sammetmieder trug, liess er sich - der es auch sonst nicht an Huldigungen gegen Hulda fehlen liess - zu der Bemerkung hinreissen, das Kaethchen liege sehr gut da, welche Wendung einer Waffenstreckung ziemlich gleichkam oder doch zu solcher hinueberleitete. Dass alle diese Dinge vor Effi geheimgehalten wurden, braucht nicht erst gesagt zu werden. Bei mehr Neugier auf seiten dieser letzteren waere das nun freilich ganz unmoeglich gewesen, aber Effi hatte so wenig Verlangen, in die Vorbereitungen und geplanten Ueberraschungen einzudringen, dass sie der Mama mit allem Nachdruck erklaerte, sie koenne es abwarten, und Wenn diese dann zweifelte, so schloss Effi mit der wiederholten Versicherung: Es waere wirklich so, die Mama koenne es glauben. Und warum auch nicht? Es sei ja doch alles nur Theaterauffuehrung und huebscher und poetischer als "Aschenbroedel", das sie noch am letzten Abend in Berlin gesehen haette, huebscher und poetischer koenne es ja doch nicht Sein. Da haette sie wirklich selber mitspielen moegen, wenn auch nur, um dem laecherlichen Pensionslehrer einen Kreidestrich auf den Ruecken zu machen. "Und wie reizend im letzten Akt 'Aschenbroedels Erwachen als Prinzessin' oder wenigstens als Graefin; wirklich, es war ganz wie ein Maerchen." In dieser Weise sprach sie oft, war meist ausgelassener als vordem und aergerte sich bloss ueber das bestaendige Tuscheln und Geheimtun der Freundinnen. "Ich wollte, sie haetten sich weniger wichtig und waeren mehr fuer mich da. Nachher bleiben sie doch bloss stecken, und ich muss mich um sie aengstigen und mich schaemen, dass es meine Freundinnen sind." So gingen Effis Spottreden, und es war ganz unverkennbar, dass sie sich um Polterabend und Hochzeit nicht allzusehr kuemmerte. Frau von Briest hatte so ihre Gedanken darueber, aber zu Sorgen kam es nicht, weil sich Effi, was doch ein gutes Zeichen war, ziemlich viel mit ihrer Zukunft beschaeftigte und sich, phantasiereich wie sie war, viertelstundenlang in Schilderungen ihres Kessiner Lebens erging, Schilderungen, in denen sich nebenher und sehr zur Erheiterung der Mama eine merkwuerdige Vorstellung von Hinterpommern aussprach oder vielleicht auch, mit kluger Berechnung, aussprechen sollte. Sie gefiel sich naemlich darin, Kessin als einen halbsibirischen Ort aufzufassen, wo Eis und Schnee nie recht aufhoerten. "Heute hat Goschenhofer das letzte geschickt", sagte Frau von Briest, als sie wie gewoehnlich in Front des Seitenfluegels mit Effi am Arbeitstisch sass, auf dem die Leinen- und Waeschevorraete bestaendig wuchsen, waehrend der Zeitungen, die bloss Platz wegnahmen, immer weniger wurden. "Ich hoffe, du hast nun alles, Effi. Wenn du aber noch kleine Wuensche hegst, so musst du sie jetzt aussprechen, womoeglich in dieser Stunde noch. Papa hat den Raps vorteilhaft verkauft und ist ungewoehnlich guter Laune." "Ungewoehnlich? Er ist immer in guter Laune." "In ungewoehnlich guter Laune", wiederholte die Mama. "Und sie muss genutzt werden. Sprich also. Mehrmals, als wir noch in Berlin waren, war es mir, als ob du doch nach dem einen oder anderen noch ein ganz besonderes Verlangen gehabt haettest." "Ja, liebe Mama, was soll ich da sagen. Eigentlich habe ich ja alles, was man braucht, ich meine, was man hier braucht. Aber da mir's nun mal bestimmt ist, so hoch noerdlich zu kommen ... ich bemerke, dass ich nichts dagegen habe, im Gegenteil, ich freue mich darauf, auf die Nordlichter und auf den helleren Glanz der Sterne ... da mir's nun mal so bestimmt ist, so haette ich wohl gern einen Pelz gehabt." "Aber Effi, Kind, das ist doch alles bloss leere Torheit. Du kommst ja nicht nach Petersburg oder nach Archangel." "Nein; aber ich bin doch auf dem Wege dahin..." "Gewiss, Kind. Auf dem Wege dahin bist du; aber was heisst das? Wenn du von hier nach Nauen faehrst, bist du auch auf dem Wege nach Russland. Im uebrigen, wenn du's wuenschst, so sollst du einen Pelz haben. Nur das lass mich im voraus sagen, ich rate dir davon ab. Ein Pelz ist fuer aeltere Personen, selbst deine alte Mama ist noch zu jung dafuer, und wenn du mit deinen siebzehn Jahren in Nerz oder Marder auftrittst, so glauben die Kessiner, es sei eine Maskerade." Das war am 2. September, dass sie so sprachen, ein Gespraech, das sich wohl fortgesetzt haette, wenn nicht gerade Sedantag gewesen waere. So aber wurden sie durch Trommel- und Pfeifenklang unterbrochen, und Effi, die schon vorher von dem beabsichtigten Aufzuge gehoert, aber es wieder vergessen hatte, stuerzte mit einem Male von dem gemeinschaftlichen Arbeitstisch fort und an Rondell und Teich vorueber auf einen kleinen, an die Kirchhofsmauer angebauten Balkon zu, zu dem sechs Stufen, nicht viel breiter als Leitersprossen, hinauffuehrten. Im Nu war sie oben, und richtig, da kam auch schon die ganze Schuljugend heran, Jahnke gravitaetisch am rechten Fluegel, waehrend ein kleiner Tambourmajor, weit voran, an der Spitze des Zuges marschierte, mit einem Gesichtsausdruck, als ob ihm oblaege, die Schlacht bei Sedan noch einmal zu schlagen. Effi winkte mit dem Taschentuch, und der Begruesste versaeumte nicht, mit seinem blanken Kugelstock zu salutieren. Eine Woche spaeter sassen Mutter und Tochter wieder am alten Fleck, auch wieder mit ihrer Arbeit beschaeftigt. Es war ein wunderschoener Tag; der in einem zierlichen Beet um die Sonnenuhr herum stehende Heliotrop bluehte noch, und die leise Brise, die ging, trug den Duft davon zu ihnen herueber. "Ach, wie wohl ich mich fuehle", sagte Effi, "so wohl und so gluecklich; ich kann mir den Himmel nicht schoener denken. Und am Ende, wer weiss, ob sie im Himmel so wundervollen Heliotrop haben." "Aber Effi, so darfst du nicht sprechen; das hast du von deinem Vater, dem nichts heilig ist und der neulich sogar sagte, Niemeyer saehe aus wie Lot. Unerhoert. Und was soll es nur heissen? Erstlich weiss er nicht, wie Lot ausgesehen hat, und zweitens ist es eine grenzenlose Ruecksichtslosigkeit gegen Hulda. Ein Glueck, dass Niemeyer nur die einzige Tochter hat, dadurch faellt es eigentlich in sich zusammen. In einem freilich hat er nur zu recht gehabt, in all und jedem, was er ueber 'Lots Frau', unsere gute Frau Pastorin, sagte, die uns denn auch wirklich wieder mit ihrer Torheit und Anmassung den ganzen Sedantag ruinierte. Wobei mir uebrigens einfaellt, dass wir, als Jahnke mit der Schule vorbeikam, in unserem Gespraech unterbrochen wurden - wenigstens kann ich mir nicht denken, dass der Pelz, von dem du damals sprachst, dein einziger Wunsch gewesen sein sollte. Lass mich also wissen, Schatz, was du noch weiter auf dem Herzen hast." "Nichts, Mama." "Wirklich nichts?" "Nein, wirklich nichts; ganz im Ernst ... Wenn es aber doch am Ende was sein sollte ..." "Nun ..." "... so muesste es ein japanischer Bettschirm sein, schwarz und goldene Voegel darauf, alle mit einem langen Kranichschnabel ... Und dann vielleicht noch eine Ampel fuer unser Schlafzimmer, mit rotem Schein." Frau von Briest schwieg. "Nun siehst du, Mama, du schweigst und siehst aus, als ob ich etwas besonders Unpassendes gesagt haette." "Nein, Effi, nichts Unpassendes. Und vor deiner Mutter nun schon gewiss nicht. Denn ich kenne dich ja. Du bist eine phantastische kleine Person, malst dir mit Vorliebe Zukunftsbilder aus, und je farbenreicher sie sind, desto schoener und begehrlicher erscheinen sie dir. Ich sah das so recht, als wir die Reisesachen kauften. Und nun denkst du dir's ganz wundervoll, einen Bettschirm mit allerhand fabelhaftem Getier zu haben, alles im Halblicht einer roten Ampel. Es kommt dir vor wie ein Maerchen, und du moechtest eine Prinzessin sein." Effi nahm die Hand der Mama und kuesste sie. "Ja, Mama, so bin ich." "Ja, so bist du. Ich weiss es wohl. Aber meine liebe Effi, wir muessen vorsichtig im Leben sein, und zumal wir Frauen. Und wenn du nun nach Kessin kommst, einem kleinen Ort, wo nachts kaum eine Laterne brennt, so lacht man ueber dergleichen. Und wenn man bloss lachte. Die, die dir ungewogen sind, und solche gibt es immer, sprechen von schlechter Erziehung, und manche sagen auch wohl noch Schlimmeres." "Also nichts Japanisches und auch keine Ampel. Aber ich bekenne dir, ich hatte es mir so schoen und poetisch gedacht, alles in einem roten Schimmer zu sehen." Frau von Briest war bewegt. Sie stand auf und kuesste Effi. "Du bist ein Kind. Schoen und poetisch. Das sind so Vorstellungen. Die Wirklichkeit ist anders, und oft ist es gut, dass es statt Licht und Schimmer ein Dunkel gibt." Effi schien antworten zu wollen, aber in diesem Augenblick kam Wilke und brachte Briefe. Der eine war aus Kessin von Innstetten. "Ach, von Geert", sagte Effi, und waehrend sie den Brief beiseite steckte, fuhr sie in ruhigem Ton fort: "Aber das wirst du doch gestatten, dass ich den Fluegel schraeg in die Stube stelle. Daran liegt mir mehr als an einem Kamin, den mir Geert versprochen hat. Und das Bild von dir, das stell ich dann auf eine Staffelei; ganz ohne dich kann ich nicht sein. Ach, wie werd ich mich nach euch sehnen, vielleicht auf der Reise schon und dann in Kessin ganz gewiss. Es soll ja keine Garnison haben, nicht einmal einen Stabsarzt, und ein Glueck, dass es wenigstens ein Badeort ist. Vetter Briest, und daran will ich mich aufrichten, dessen Mutter und Schwester immer nach Warnemuende gehen - nun, ich sehe doch wirklich nicht ein, warum der die lieben Verwandten nicht auch einmal nach Kessin hin dirigieren sollte. Dirigieren, das klingt ohnehin so nach Generalstab, worauf er, glaub ich, ambiert. Und dann kommt er natuerlich mit und wohnt bei uns. Uebrigens haben die Kessiner, wie mir neulich erst wer erzaehlt hat, ein ziemlich grosses Dampfschiff, das zweimal die Woche nach Schweden hinueberfaehrt. Und auf dem Schiff ist dann Ball (sie haben da natuerlich auch Musik), und er tanzt sehr gut ..." "Wer?" "Nun, Dagobert." "Ich dachte, du meintest Innstetten. Aber jedenfalls ist es an der Zeit, endlich zu wissen, was er schreibt ... Du hast ja den Brief noch in der Tasche." "Richtig. Den haett ich fast vergessen." Und sie oeffnete den Brief und ueberflog ihn. "Nun, Effi, kein Wort? Du strahlst nicht und lachst nicht einmal, und er schreibt doch immer so heiter und unterhaltlich und gar nicht vaeterlich weise." "Das wuerde ich mir auch verbitten. Er hat sein Alter, und ich habe meine Jugend. Und ich wuerde ihm mit den Fingern drohen und ihm sagen: 'Geert, ueberlege, was besser ist.'" "Und dann wuerde er dir antworten: 'Was du hast, Effi, das ist das Bessere.' Denn er ist nicht nur ein Mann der feinsten Formen, er ist auch gerecht und verstaendig und weiss recht gut, was Jugend bedeutet. Er sagt sich das immer und stimmt sich auf das Jugendliche hin, und wenn er in der Ehe so bleibt, so werdet ihr eine Musterehe fuehren." "Ja, das glaube ich auch, Mama. Aber kannst du dir vorstellen, und ich schaeme mich fast, es zu sagen, ich bin nicht so sehr fuer das, was man eine Musterehe nennt." "Das sieht dir aehnlich. Und nun sage mir, wofuer bist du denn eigentlich?" "Ich bin... nun, ich bin fuer gleich und gleich und natuerlich auch fuer Zaertlichkeit und Liebe. Und wenn es Zaertlichkeit und Liebe nicht sein koennen, weil Liebe, wie Papa sagt, doch nur ein Papperlapapp ist (was ich aber nicht glaube), nun, dann bin ich fuer Reichtum und ein vornehmes Haus, ein ganz vornehmes, wo Prinz Friedrich Karl zur Jagd kommt, auf Elchwild oder Auerhahn, oder wo der alte Kaiser vorfaehrt und fuer jede Dame, auch fuer die jungen, ein gnaediges Wort hat. Und wenn wir dann in Berlin sind, dann bin ich fuer Hofball und Galaoper, immer dicht neben der grossen Mittelloge." "Sagst du das so bloss aus Uebermut und Laune?" "Nein, Mama, das ist mein voelliger Ernst. Liebe kommt zuerst, aber gleich hinterher kommt Glanz und Ehre, und dann kommt Zerstreuung - ja, Zerstreuung, immer was Neues, immer was, dass ich lachen oder weinen muss. Was ich nicht aushalten kann, ist Langeweile." "Wie bist du da nur mit uns fertig geworden?" "Ach, Mama, wie du nur so was sagen kannst. Freilich, wenn im Winter die liebe Verwandtschaft vorgefahren kommt und sechs Stunden bleibt oder wohl auch noch laenger, und Tante Gundel und Tante Olga mich mustern und mich naseweis finden - und Tante Gundel hat es mir auch mal gesagt -, ja, da macht sich's mitunter nicht sehr huebsch, das muss ich zugeben. Aber sonst bin ich hier immer gluecklich gewesen, so gluecklich." Und waehrend sie das sagte, warf sie sich heftig weinend vor der Mama auf die Knie und kuesste ihre beiden Haende. "Steh auf, Effi. Das sind so Stimmungen, die ueber einen kommen, wenn man so jung ist wie du und vor der Hochzeit steht und vor dem Ungewissen. Aber nun lies mir den Brief vor, wenn er nicht was ganz Besonderes enthaelt oder vielleicht Geheimnisse." "Geheimnisse", lachte Effi und sprang in ploetzlich veraenderter Stimmung wieder auf. "Geheimnisse! Ja, er nimmt immer einen Anlauf, aber das meiste koennte ich auf dem Schulzenamt anschlagen lassen, da, wo immer die landraetlichen Verordnungen stehen. Nun, Geert ist ja auch Landrat." "Lies, lies." "Liebe Effi! ... So faengt es naemlich immer an, und manchmal nennt er mich auch seine 'kleine Eva'." "Lies, lies ... Du sollst ja lesen." "Also: Liebe Effi! Je naeher wir unsrem Hochzeitstage kommen, je sparsamer werden Deine Briefe. Wenn die Post kommt, suche ich immer zuerst nach Deiner Handschrift, aber wie Du weisst (und ich hab es ja auch nicht anders gewollt), in der Regel vergeblich. Im Hause sind jetzt die Handwerker, die die Zimmer, freilich nur wenige, fuer Dein Kommen herrichten sollen. Das Beste wird wohl erst geschehen, wenn wir auf der Reise sind. Tapezierer Madelung, der alles liefert, ist ein Original, von dem ich Dir mit naechstem erzaehle, vor allem aber, wie gluecklich ich bin ueber Dich, ueber meine suesse kleine Effi. Mir brennt hier der Boden unter den Fuessen, und dabei wird es in unserer guten Stadt immer stiller und einsamer. Der letzte Badegast ist gestern abgereist; er badete zuletzt bei neun Grad, und die Badewaerter waren immer froh, wenn er wieder heil heraus war. Denn sie fuerchteten einen Schlaganfall, was dann das Bad in Misskredit bringt, als ob die Wellen hier schlimmer waeren als woanders. Ich juble, wenn ich denke, dass ich in vier Wochen schon mit Dir von der Piazzetta aus nach dem Lido fahre oder nach Murano hin, wo sie Glasperlen machen und schoenen Schmuck. Und der schoenste sei fuer Dich. Viele Gruesse den Eltern und den zaertlichsten Kuss Dir von Deinem Geert." Effi faltete den Brief wieder zusammen, um ihn in das Kuvert zu stecken. "Das ist ein sehr huebscher Brief", sagte Frau von Briest, "und dass er in allem das richtige Mass haelt, das ist ein Vorzug mehr." "Ja, das rechte Mass, das haelt er." "Meine liebe Effi, lass mich eine Frage tun; wuenschtest du, dass der Brief nicht das richtige Mass hielte, wuenschtest du, dass er zaertlicher waere, vielleicht ueberschwenglich zaertlich?" "Nein, nein, Mama. Wahr und wahrhaftig nicht, das wuensche ich nicht. Da ist es doch besser so." "Da ist es doch besser so. Wie das nun wieder klingt. Du bist so sonderbar. Und dass du vorhin weintest. Hast du was auf deinem Herzen? Noch ist es Zeit. Liebst du Geert nicht?" "Warum soll ich ihn nicht lieben? Ich liebe Hulda, und ich liebe Bertha, und ich liebe Hertha. Und ich liebe auch den alten Niemeyer. Und dass ich euch liebe, davon spreche ich gar nicht erst. Ich liebe alle, die's gut mit mir meinen und guetig gegen mich sind und mich verwoehnen. Und Geert wird mich auch wohl verwoehnen. Natuerlich auf seine Art. Er will mir ja schon Schmuck schenken in Venedig. Er hat keine Ahnung davon, dass ich mir nichts aus Schmuck mache. Ich klettere lieber, und ich schaukle mich lieber, und am liebsten immer in der Furcht, dass es irgendwo reissen oder brechen und ich niederstuerzen koennte. Den Kopf wird es ja nicht gleich kosten." "Und liebst du vielleicht auch deinen Vetter Briest?" "Ja, sehr. Der erheitert mich immer." "Und haettest du Vetter Briest heiraten moegen?" "Heiraten? Um Gottes willen nicht. Er ist ja noch ein halber Junge. Geert ist ein Mann, ein schoener Mann, ein Mann, mit dem ich Staat machen kann und aus dem was wird in der Welt. Wo denkst du hin, Mama." "Nun, das ist recht, Effi, das freut mich. Aber du hast noch was auf der Seele." "Vielleicht." "Nun, sprich." "Sieh, Mama, dass er aelter ist als ich, das schadet nichts, das ist vielleicht recht gut: Er ist ja doch nicht alt und ist gesund und frisch und so soldatisch und so schneidig. Und ich koennte beinah sagen, ich waere ganz und gar fuer ihn, wenn er nur ... ja, wenn er nur ein bisschen anders waere." "Wie denn, Effi?" "Ja, wie. Nun, du darfst mich nicht auslachen. Es ist etwas, was ich erst ganz vor kurzem aufgehorcht habe, drueben im Pastorhause. Wir sprachen da von Innstetten, und mit einem Male zog der alte Niemeyer seine Stirn in Falten, aber in Respekts- und Bewunderungsfalten, und sagte: 'Ja, der Baron! Das ist ein Mann von Charakter, ein Mann von Prinzipien.'" "Das ist er auch, Effi." "Gewiss. Und ich glaube, Niemeyer sagte nachher sogar, er sei auch ein Mann von Grundsaetzen. Und das ist, glaub ich, noch etwas mehr. Ach, und ich... ich habe keine. Sieh, Mama, da liegt etwas, was mich quaelt und aengstigt. Er ist so lieb und gut gegen mich und so nachsichtig, aber ... ich fuerchte mich vor ihm." Fuenftes Kapitel Die Hohen-Cremmer Festtage lagen zurueck; alles war abgereist, auch das junge Paar, noch am Abend des Hochzeitstages. Der Polterabend hatte jeden zufriedengestellt, besonders die Mitspielenden, und Hulda war dabei das Entzuecken aller jungen Offiziere gewesen, sowohl der Rathenower Husaren wie der etwas kritischer gestimmten Kameraden vom Alexanderregiment. Ja, alles war gut und glatt verlaufen, fast ueber Erwarten. Nur Bertha und Hertha hatten so heftig geschluchzt, dass Jahnkes plattdeutsche Verse so gut wie verlorengegangen waren. Aber auch das hatte wenig geschadet. Einige feine Kenner waren sogar der Meinung gewesen, das sei das Wahre; Steckenbleiben und Schluchzen und Unverstaendlichkeit - in diesem Zeichen (und nun gar, wenn es so huebsche rotblonde Krauskoepfe waeren) werde immer am entschiedensten gesiegt. Eines ganz besonderen Triumphes hatte sich Vetter Briest in seiner selbstgedichteten Rolle ruehmen duerfen. Er war als Demuthscher Kommis erschienen, der in Erfahrung gebracht, die junge Braut habe vor, gleich nach der Hochzeit nach Italien zu reisen, weshalb er einen Reisekoffer abliefern wolle. Dieser Koffer entpuppte sich natuerlich als eine Riesenbonbonniere von Hoevel. Bis um drei Uhr war getanzt worden, bei welcher Gelegenheit der sich mehr und mehr in eine hoechste Champagnerstimmung hineinredende alte Briest allerlei Bemerkungen ueber den an manchen Hoefen immer noch ueblichen Fackeltanz und die merkwuerdige Sitte des Strumpfbandaustanzens gemacht hatte, Bemerkungen, die nicht abschliessen wollten und, sich immer mehr steigernd, am Ende so weit gingen, dass ihnen durchaus ein Riegel vorgeschoben werden musste. "Nimm dich zusammen, Briest", war ihm in ziemlich ernstem Ton von seiner Frau zugefluestert worden; "du stehst hier nicht, um Zweideutigkeiten zu sagen, sondern um die Honneurs des Hauses zu machen. Wir haben eben eine Hochzeit und nicht eine Jagdpartie." Worauf Briest geantwortet, er saehe darin keinen so grossen Unterschied; uebrigens sei er gluecklich. Auch der Hochzeitstag selbst war gut verlaufen. Niemeyer hatte vorzueglich gesprochen, und einer der alten Berliner Herren, der halb und halb zur Hofgesellschaft gehoerte, hatte sich auf dem Rueckweg von der Kirche zum Hochzeitshaus dahin geaeussert, es sei doch merkwuerdig, wie reich gesaet in einem Staate wie der unsrige die Talente seien. "Ich sehe darin einen Triumph unserer Schulen und vielleicht mehr noch unserer Philosophie. Wenn ich bedenke, dass dieser Niemeyer, ein alter Dorfpastor, der anfangs aussah wie ein Hospitalit ... ja, Freund, sagen Sie selbst, hat er nicht gesprochen wie ein Hofprediger? Dieser Takt und diese Kunst der Antithese, ganz wie Koegel, und an Gefuehl ihm noch ueber. Koegel ist zu kalt. Freilich, ein Mann in seiner Stellung muss kalt sein. Woran scheitert man denn im Leben ueberhaupt? Immer nur an der Waerme." Der noch unverheiratete, aber wohl eben deshalb zum vierten Male in einem "Verhaeltnis" stehende Wuerdentraeger, an den sich diese Worte gerichtet hatten, stimmte selbstverstaendlich zu. "Nur zu wahr, lieber Freund", sagte er. "Zuviel Waerme! ... ganz vorzueglich ... Uebrigens muss ich Ihnen nachher eine Geschichte erzaehlen." Der Tag nach der Hochzeit war ein heller Oktobertag. Die Morgensonne blinkte; trotzdem war es schon herbstlich frisch, und Briest, der eben gemeinschaftlich mit seiner Frau das Fruehstueck genommen, erhob sich von seinem Platz und stellte sich, beide Haende auf dem Ruecken, gegen das mehr und mehr verglimmende Kaminfeuer. Frau von Briest, eine Handarbeit in Haenden, rueckte gleichfalls naeher an den Kamin und sagte zu Wilke, der gerade eintrat, um den Fruehstueckstisch abzuraeumen: "Und nun, Wilke, wenn Sie drin im Saal, aber das geht vor, alles in Ordnung haben, dann sorgen Sie, dass die Torten nach drueben kommen, die Nusstorte zu Pastors und die Schuessel mit kleinen Kuchen zu Jahnkes. Und nehmen Sie sich mit den Glaesern in acht. Ich meine die duenngeschliffenen." Briest war schon bei der dritten Zigarette, sah sehr wohl aus und erklaerte, nichts bekomme einem so gut wie eine Hochzeit, natuerlich die eigene ausgenommen. "Ich weiss nicht, Briest, wie du zu solcher Bemerkung kommst. Mir war ganz neu, dass du darunter gelitten haben willst. Ich wuesste auch nicht warum." "Luise, du bist eine Spielverderberin. Aber ich nehme nichts uebel, auch nicht einmal so was. Im uebrigen, was wollen wir von uns sprechen, die wir nicht einmal eine Hochzeitsreise gemacht haben. Dein Vater war dagegen. Aber Effi macht nun eine Hochzeitsreise. Beneidenswert. Mit dem Zehnuhrzug ab. Sie muessen jetzt schon bei Regensburg sein, und ich nehme an, dass er ihr - selbstverstaendlich ohne auszusteigen - die Hauptkunstschaetze der Walhalla herzaehlt. Innstetten ist ein vorzueglicher Kerl, aber er hat so was von einem Kunstfex, und Effi, Gott, unsere arme Effi, ist ein Naturkind. Ich fuerchte, dass er sie mit seinem Kunstenthusiasmus etwas quaelen wird." "Jeder quaelt seine Frau. Und Kunstenthusiasmus ist noch lange nicht das Schlimmste." "Nein, gewiss nicht; jedenfalls wollen wir darueber nicht streiten; es ist ein weites Feld. Und dann sind auch die Menschen so verschieden. Du, nun ja, du haettest dazu getaugt. Ueberhaupt haettest du besser zu Innstetten gepasst als Effi. Schade, nun ist es zu spaet." "Ueberaus galant, abgesehen davon, dass es nicht passt. Unter allen Umstaenden aber, was gewesen ist, ist gewesen. Jetzt ist er mein Schwiegersohn, und es kann zu nichts fuehren, immer auf Jugendlichkeiten zurueckzuweisen." "Ich habe dich nur in eine animierte Stimmung bringen wollen." "Sehr guetig. Uebrigens nicht noetig. Ich bin in animierter Stimmung." "Und auch in guter?" "Ich kann es fast sagen. Aber du darfst sie nicht verderben. Nun, was hast du noch? Ich sehe, dass du was auf dem Herzen hast." "Gefiel dir Effi? Gefiel dir die ganze Geschichte? Sie war so sonderbar, halb wie ein Kind, und dann wieder sehr selbstbewusst und durchaus nicht so bescheiden, wie sie's solchem Manne gegenueber sein muesste. Das kann doch nur so zusammenhaengen, dass sie noch nicht recht weiss, was sie an ihm hat. Oder ist es einfach, dass sie ihn nicht recht liebt? Das waere schlimm. Denn bei all seinen Vorzuegen, er ist nicht der Mann, sich diese Liebe mit leichter Manier zu gewinnen." Frau von Briest schwieg und zaehlte die Stiche auf dem Kanevas. Endlich sagte sie: "Was du da sagst, Briest, ist das Gescheiteste, was ich seit drei Tagen von dir gehoert habe, deine Rede bei Tisch mit eingerechnet. Ich habe auch so meine Bedenken gehabt. Aber ich glaube, wir koennen uns beruhigen." "Hat sie dir ihr Herz ausgeschuettet?" "So moecht ich es nicht nennen. Sie hat wohl das Beduerfnis zu sprechen, aber sie hat nicht das Beduerfnis, sich so recht von Herzen auszusprechen, und macht vieles in sich selber ab; sie ist mitteilsam und verschlossen zugleich, beinah versteckt; ueberhaupt ein ganz eigenes Gemisch." "Ich bin ganz deiner Meinung. Aber wenn sie dir nichts gesagt hat, woher weisst du's?" "Ich sagte nur, sie habe mir nicht ihr Herz ausgeschuettet. Solche Generalbeichte, so alles von der Seele herunter, das liegt nicht in ihr. Es fuhr alles bloss ruckweise und ploetzlich aus ihr heraus, und dann war es wieder vorueber. Aber gerade weil es so ungewollt und wie von ungefaehr aus ihrer Seele kam, deshalb war es mir so wichtig." "Und wann war es denn und bei welcher Gelegenheit?" "Es werden jetzt gerade drei Wochen sein, und wir sassen im Garten, mit allerhand Ausstattungsdingen, grossen und kleinen, beschaeftigt, als Wilke einen Brief von Innstetten brachte. Sie steckte ihn zu sich, und ich musste sie eine Viertelstunde spaeter erst erinnern, dass sie ja einen Brief habe. Dann las sie ihn, aber verzog kaum eine Miene. Ich bekenne dir, dass mir bang ums Herz dabei wurde, so bang, dass ich gern eine Gewissheit haben wollte, so viel, wie man in diesen Dingen haben kann." "Sehr wahr, sehr wahr." "Was meinst du damit?" "Nun, ich meine nur ... Aber das ist ja ganz gleich. Sprich nur weiter; ich bin ganz Ohr." "Ich fragte also rundheraus, wie's stuende, und weil ich bei ihrem eigenen Charakter einen feierlichen Ton vermeiden und alles so leicht wie moeglich, ja beinah scherzhaft nehmen wollte, so warf ich die Frage hin, ob sie vielleicht den Vetter Briest, der ihr in Berlin sehr stark den Hof gemacht hatte, ob sie den vielleicht lieber heiraten wuerde ..." "Und?" "Da haettest du sie sehen sollen. Ihre naechste Antwort war ein schnippisches Lachen. Der Vetter sei doch eigentlich nur ein grosser Kadett in Leutnantsuniform. Und einen Kadetten koenne sie nicht einmal lieben, geschweige heiraten. Und dann sprach sie von Innstetten, der ihr mit einem Male der Traeger aller maennlichen Tugenden war." "Und wie erklaerst du dir das?" "Ganz einfach. So geweckt und temperamentvoll und beinahe leidenschaftlich sie ist, oder vielleicht auch, weil sie es ist, sie gehoert nicht zu denen, die so recht eigentlich auf Liebe gestellt sind, wenigstens nicht auf das, was den Namen ehrlich verdient. Sie redet zwar davon, sogar mit Nachdruck und einem gewissen Ueberzeugungston, aber doch nur, weil sie irgendwo gelesen hat, Liebe sei nun mal das Hoechste, das Schoenste, das Herrlichste. Vielleicht hat sie's auch bloss von der sentimentalen Person, der Hulda, gehoert und spricht es ihr nach. Aber sie empfindet nicht viel dabei. Wohl moeglich, dass es alles mal kommt, Gott verhuete es, aber noch ist es nicht da." "Und was ist da? Was hat sie?" "Sie hat nach meinem und auch nach ihrem eigenen Zeugnis zweierlei: Vergnuegungssucht und Ehrgeiz. "Nun, das kann passieren. Da bin ich beruhigt." "Ich nicht. Innstetten ist ein Karrieremacher - von Streber will ich nicht sprechen, das ist er auch nicht, dazu ist er zu wirklich vornehm -, also Karrieremacher, und das wird Effis Ehrgeiz befriedigen." "Nun also. Das ist doch gut." "Ja, das ist gut! Aber es ist erst die Haelfte. Ihr Ehrgeiz wird befriedigt werden, aber ob auch ihr Hang nach Spiel und Abenteuer? Ich bezweifle. Fuer die stuendliche kleine Zerstreuung und Anregung, fuer alles, was die Langeweile bekaempft, diese Todfeindin einer geistreichen kleinen Person, dafuer wird Innstetten sehr schlecht sorgen. Er wird sie nicht in einer geistigen Ode lassen, dazu ist er zu klug und zu weltmaennisch, aber er wird sie auch nicht sonderlich amuesieren. Und was das Schlimmste ist, er wird sich nicht einmal recht mit der Frage beschaeftigen, wie das wohl anzufangen sei. Das wird eine Weile so gehen, ohne viel Schaden anzurichten, aber zuletzt wird sie's merken, und dann wird es sie beleidigen. Und dann weiss ich nicht, was geschieht. Denn so weich und nachgiebig sie ist, sie hat auch was Rabiates und laesst es auf alles ankommen." In diesem Augenblick trat Wilke vom Saal her ein und meldete, dass er alles nachgezaehlt und alles vollzaehlig gefunden habe; nur von den feinen Weinglaesern sei eins zerbrochen, aber schon gestern, als das Hoch ausgebracht wurde - Fraeulein Hulda habe mit Leutnant Nienkerken zu scharf angestossen. "Versteht sich, von alter Zeit her immer im Schlaf, und unterm Holunderbaum ist es natuerlich nicht besser geworden. Eine alberne Person, und ich begreife Nienkerken nicht." "Ich begreife ihn vollkommen." "Er kann sie doch nicht heiraten." "Nein." "Also zu was?" "Ein weites Feld, Luise." Dies war am Tage nach der Hochzeit. Drei Tage spaeter kam eine kleine gekritzelte Karte aus Muenchen, die Namen alle nur mit zwei Buchstaben angedeutet. "Liebe Mama! Heute vormittag die Pinakothek besucht. Geert wollte auch noch nach dem andern hinueber, das ich hier nicht nenne, weil ich wegen der Rechtschreibung in Zweifel bin, und fragen mag ich ihn nicht. Er ist uebrigens engelsgut gegen mich und erklaert mir alles. Ueberhaupt alles sehr schoen, aber anstrengend. In Italien wird es wohl nachlassen und besser werden. Wir wohnen in den 'Vier Jahreszeiten', was Geert veranlasste, mir zu sagen, draussen sei Herbst, aber er habe in mir den Fruehling. Ich finde es sehr sinnig. Er ist ueberhaupt sehr aufmerksam. Freilich, ich muss es auch sein, namentlich wenn er was sagt oder erklaert. Er weiss uebrigens alles so gut, dass er nicht einmal nachzuschlagen braucht. Mit Entzuecken spricht er von Euch, namentlich von Mama. Hulda findet er etwas zierig; aber der alte Niemeyer hat es ihm ganz angetan. Tausend Gruesse von Eurer ganz berauschten, aber auch etwas mueden Effi." Solche Karten trafen nun taeglich ein, aus Innsbruck, aus Verona, aus Vicenza, aus Padua, eine jede fing an: "Wir haben heute vormittag die hiesige beruehmte Galerie besucht", oder wenn es nicht die Galerie war, so war es eine Arena oder irgendeine Kirche "Santa Maria" mit einem Zunamen. Aus Padua kam, zugleich mit der Karte, noch ein wirklicher Brief. "Gestern waren wir in Vicenza. Vicenza muss man sehen wegen des Palladio; Geert sagte mir, dass in ihm alles Moderne wurzele. Natuerlich nur in bezug auf Baukunst. Hier in Padua (wo wir heute frueh ankamen) sprach er im Hotelwagen etliche Male vor sich hin: 'Er liegt in Padua begraben', und war ueberrascht, als er von mir vernahm, dass ich diese Worte noch nie gehoert haette. Schliesslich aber sagte er, es sei eigentlich ganz gut und ein Vorzug, dass ich nichts davon wuesste. Er ist ueberhaupt sehr gerecht. Und vor allem ist er engelsgut gegen mich und gar nicht ueberheblich und auch gar nicht alt. Ich habe noch immer das Ziehen in den Fuessen, und das Nachschlagen und das lange Stehen vor den Bildern strengt mich an. Aber es muss ja sein. Ich freue mich sehr auf Venedig. Da bleiben wir fuenf Tage, ja vielleicht eine ganze Woche. Geert hat mir schon von den Tauben auf dem Markusplatz vorgeschwaermt, und dass man sich da Tueten mit Erbsen kauft und dann die schoenen Tiere damit fuettert. Es soll Bilder geben, die das darstellen, schoene blonde Maedchen, 'ein Typus wie Hulda', sagte er. Wobei mir denn auch die Jahnkeschen Maedchen einfallen. Ach, ich gaebe was drum, wenn ich mit ihnen auf unserem Hof auf einer Wagendeichsel sitzen und unsere Tauben fuettern koennte. Die Pfauentaube mit dem starken Kropf duerft ihr aber nicht schlachten, die will ich noch wiedersehen. Ach, es ist so schoen hier. Es soll auch das Schoenste sein. Eure glueckliche, aber etwas muede Effi." Frau von Briest, als sie den Brief vorgelesen hatte, sagte: "Das arme Kind. Sie hat Sehnsucht." "Ja", sagte Briest, "sie hat Sehnsucht. Diese verwuenschte Reiserei ..." "Warum sagst du das jetzt? Du haettest es ja hindern koennen. Aber das ist so deine Art, hinterher den Weisen zu spielen. Wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist, decken die Ratsherren den Brunnen zu." "Ach, Luise, komme mir doch nicht mit solchen Geschichten. Effi ist unser Kind, aber seit dem 3. Oktober ist sie Baronin Innstetten. Und wenn ihr Mann, unser Herr Schwiegersohn, eine Hochzeitsreise machen und bei der Gelegenheit jede Galerie neu katalogisieren will, so kann ich ihn daran nicht hindern. Das ist eben das, was man sich verheiraten nennt." "Also jetzt gibst du das zu. Mir gegenueber hast du's immer bestritten, immer bestritten, dass die Frau in einer Zwangslage sei." "Ja, Luise, das hab ich. Aber wozu das jetzt. Das ist wirklich ein zu weites Feld." Sechstes Kapitel Mitte November - sie waren bis Capri und Sorrent gekommen - lief Innstettens Urlaub ab, und es entsprach seinem Charakter und seinen Gewohnheiten, genau Zeit und Stunde zu halten. Am 14. frueh traf er denn auch mit dem Kurierzug in Berlin ein, wo Vetter Briest ihn und die Cousine begruesste und vorschlug, die zwei bis zum Abgang des Stettiner Zuges noch zur Verfuegung bleibenden Stunden zum Besuch des St.-Privat-Panoramas zu benutzen und diesem Panoramabesuch ein kleines Gabelfruehstueck folgen zu lassen. Beides wurde dankbar akzeptiert. Um Mittag war man wieder auf dem Bahnhof und nahm hier, nachdem, wie herkoemmlich, die gluecklicherweise nie ernst gemeinte Aufforderung, "doch auch mal herueberzukommen", ebenso von Effi wie von Innstetten ausgesprochen worden war, unter herzlichem Haendeschuetteln Abschied voneinander. Noch als der Zug sich schon in Bewegung setzte, gruesste Effi vom Coupe aus. Dann machte sie sich's bequem und schloss die Augen; nur von Zeit zu Zeit richtete sie sich wieder auf und reichte Innstetten die Hand. Es war eine angenehme Fahrt, und puenktlich erreichte der Zug den Bahnhof Klein-Tantow, von dem aus eine Chaussee nach dem noch zwei Meilen entfernten Kessin hinueberfuehrte. Bei Sommerzeit, namentlich waehrend der Bademonate, benutzte man statt der Chaussee lieber den Wasserweg und fuhr auf einem alten Raddampfer das Fluesschen Kessine, dem Kessin selbst seinen Namen verdankte, hinunter; am 1. Oktober aber stellte der "Phoenix", von dem seit langem vergeblich gewuenscht wurde, dass er in einer passagierfreien Stunde sich seines Namens entsinnen und verbrennen moege, regelmaessig seine Fahrten ein, weshalb denn auch Innstetten bereits von Stettin aus an seinen Kutscher Kruse telegrafiert hatte: "Fuenf Uhr Bahnhof Klein-Tantow. Bei gutem Wetter offener Wagen." Und nun war gutes Wetter, und Kruse hielt in offenem Gefaehrt am Bahnhof und begruesste die Ankommenden mit dem vorschriftsmaessigen Anstand eines herrschaftlichen Kutschers. "Nun, Kruse, alles in Ordnung?" "Zu Befehl, Herr Landrat." "Dann, Effi, bitte, steig ein." Und waehrend Effi dem nachkam und einer von den Bahnhofsleuten einen kleinen Handkoffer vorn beim Kutscher unterbrachte, gab Innstetten Weisung, den Rest des Gepaecks mit dem Omnibus nachzuschicken. Gleich danach nahm auch er seinen Platz, bat, sich Populaer machend, einen der Umstehenden um Feuer und rief Kruse zu: "Nun vorwaerts, Kruse." Und ueber die Schienenweg, die vielgleisig an der Uebergangsstelle lagen, ging es in Schraeglinie den Bahndamm hinunter und gleich danach an einem schon an der Chaussee gelegenen Gasthaus vorueber, das den Namen "Zum Fuersten Bismarck" fuehrte. Denn an ebendieser Stelle gabelte der Weg und zweigte, wie rechts nach Kessin, so links nach Varzin hin ab. Vor dem Gasthof stand ein mittelgrosser, breitschultriger Mann in Pelz und Pelzmuetze, welch letztere er, als der Herr Landrat vorueberfuhr, mit vieler Wuerde vom Haupte nahm. "Wer war denn das?" sagte Effi, die durch alles, was sie sah, aufs hoechste interessiert und schon deshalb bei bester Laune war. "Er sah ja aus wie ein Starost, wobei ich freilich bekennen muss, nie einen Starosten gesehen zu haben." "Was auch nicht schadet, Effi Du hast es trotzdem sehr gut getroffen. Er sieht wirklich aus wie ein Starost und ist auch so was. Er ist naemlich ein halber Pole, heisst Golchowski, und wenn wir hier Wahl haben oder eine Jagd, dann ist er obenauf. Eigentlich ein ganz unsicherer Passagier, dem ich nicht ueber den Weg traue und der wohl viel auf dem Gewissen hat. Er spielt sich aber auf den Loyalen hin aus, und wenn die Varziner Herrschaften hier vorueberkommen, moechte er sich am liebsten vor den Wagen werfen. Ich weiss, dass er dem Fuersten auch widerlich ist. Aber was hilft's? Wir duerfen es nicht mit ihm verderben, weil wir ihn brauchen. Er hat hier die ganze Gegend in der Tasche und versteht die Wahlmache wie kein anderer, gilt auch fuer wohlhabend. Dabei leiht er auf Wucher, was sonst die Polen nicht tun; in der Regel das Gegenteil." "Er sah aber gut aus." "Ja, gut aussehen tut er. Gut aussehen tun die meisten hier. Ein huebscher Schlag Menschen. Aber das ist auch das Beste, was man von ihnen sagen kann. Eure maerkischen Leute sehen unscheinbarer aus und verdriesslicher, und in ihrer Haltung sind sie weniger respektvoll, eigentlich gar nicht, aber ihr Ja ist Ja und Nein ist Nein, und man kann sich auf sie verlassen. Hier ist alles unsicher." "Warum sagst du mir das? Ich muss nun doch hier mit ihnen leben." "Du nicht, du wirst nicht viel von ihnen hoeren und sehen. Denn Stadt und Land sind hier sehr verschieden, und du wirst nur unsere Staedter kennenlernen, unsere guten Kessiner." "Unsere guten Kessiner. Ist es Spott, oder sind wie wirklich so gut?" "Dass sie wirklich gut sind, will ich nicht gerade behaupten, aber sie sind doch anders als die andern; ja, sie haben gar keine Aehnlichkeit mit der Landbevoelkerung hier." "Und wie kommt das?" "Weil es eben ganz andere Menschen sind, ihrer Abstammung nach und ihren Beziehungen nach. Was du hier landeinwaerts findest, das sind sogenannte Kaschuben, von denen du vielleicht gehoert hast, slawische Leute, die hier schon tausend Jahre sitzen und wahrscheinlich noch viel laenger. Alles aber, was hier an der Kueste hin in den kleinen See- und Handelsstaedten wohnt, das sind von weither Eingewanderte, die sich um das kaschubische Hinterland wenig kuemmern, weil sie wenig davon haben und auf etwas ganz anderes angewiesen sind. Worauf sie angewiesen sind, das sind die Gegenden, mit denen sie Handel treiben, und da sie das mit aller Welt tun und mit aller Welt in Verbindung stehen, so findest du zwischen ihnen auch Menschen aus aller Welt Ecken und Enden. Auch in unserem guten Kessin, trotzdem es eigentlich nur ein Nest ist." Aber das ist ja entzueckend, Geert. Du sprichst immer von Nest, und nun finde ich, wenn du nicht uebertrieben hast, eine ganz neue Welt hier. Allerlei Exotisches. Nicht wahr, so was Aehnliches meintest du doch?" Er nickte. "Eine ganz neue Welt, sag ich, vielleicht einen Neger oder einen Tuerken oder vielleicht sogar einen Chinesen." "Auch einen Chinesen. Wie gut du raten kannst. Es ist moeglich, dass wir wirklich noch einen haben, aber jedenfalls haben wir einen gehabt; jetzt ist er tot und auf einem kleinen eingegitterten Stueck Erde begraben, dicht neben dem Kirchhof. Wenn du nicht furchtsam bist, will ich dir bei Gelegenheit mal sein Grab zeigen; es liegt zwischen den Duenen, bloss Strandhafer drumrum und dann und wann ein paar Immortellen, und immer hoert man das Meer. Es ist sehr schoen und sehr schauerlich." "Ja, schauerlich, und ich moechte wohl mehr davon wissen. Aber doch lieber nicht, ich habe dann immer gleich Visionen und Traeume und moechte doch nicht, wenn ich diese Nacht hoffentlich gut schlafe, gleich einen Chinesen an mein Bett treten sehen." "Das wird er auch nicht." "Das wird er auch nicht. Hoer, das klingt ja sonderbar, als ob es doch moeglich waere. Du willst mir Kessin interessant machen, aber du gehst darin ein bisschen weit. Und solche fremde Leute habt ihr viele in Kessin?" "Sehr viele. Die ganze Stadt besteht aus solchen Fremden, aus Menschen, deren Eltern oder Grosseltern noch ganz woanders sassen." "Hoechst merkwuerdig. Bitte, sag mir mehr davon. Aber nicht wieder was Gruseliges. Ein Chinese, find ich, hat immer was Gruseliges." "Ja, das hat er", lachte Geert. "Aber der Rest ist, Gott sei Dank, von ganz anderer Art, lauter manierliche Leute, vielleicht ein bisschen zu sehr Kaufmann, ein bisschen zu sehr auf ihren Vorteil bedacht und mit Wechseln von zweifelhaftem Wert immer bei der Hand. Ja, man muss sich vorsehen mit ihnen. Aber sonst ganz gemuetlich. Und damit du siehst, dass ich dir nichts vorgemacht habe, will ich dir nur so eine kleine Probe geben, so eine Art Register oder Personenverzeichnis." "Ja, Geert, das tu." "Da haben wir beispielsweise keine fuenfzig Schritt von uns, und unsere Gaerten stossen sogar zusammen, den Maschinen- und Baggermeister Macpherson, einen richtigen Schotten und Hochlaender." "Und traegt sich auch noch so?" "Nein, Gott sei Dank nicht, denn es ist ein verhutzeltes Maennchen, auf das weder sein Clan noch Walter Scott besonders stolz sein wuerden. Und dann haben wir in demselben Haus, wo dieser Macpherson wohnt, auch noch einen alten Wundarzt, Beza mit Namen, eigentlich bloss Barbier; der stammt aus Lissabon, gerade daher, wo auch der beruehmte General de Meza herstammt - Meza, Beza, du hoerst die Landesverwandtschaft heraus. Und dann haben wir flussaufwaerts am Bollwerk - das ist naemlich der Kai, wo die Schiffe liegen - einen Goldschmied namens Stedingk, der aus einer alten schwedischen Familie stammt; ja, ich glaube, es gibt sogar Reichsgrafen, die so heissen, und des weiteren, und damit will ich dann vorlaeufig abschliessen, haben wir den guten alten Doktor Hannemann, der natuerlich ein Daene ist und lange in Island war und sogar ein kleines Buch geschrieben hat ueber den letzten Ausbruch des Hekla oder Krabla." "Das ist ja aber grossartig, Geert. Das ist ja wie sechs Romane, damit kann man ja gar nicht fertig werden. Es klingt erst spiessbuergerlich und ist doch hinterher ganz apart. Und dann muesst ihr ja doch auch Menschen haben, schon weil es eine Seestadt ist, die nicht bloss Chirurgen oder Barbiere sind oder sonst dergleichen. Ihr muesst doch auch Kapitaene haben, irgendeinen fliegenden Hollaender oder ..." "Da hast du ganz recht. Wir haben sogar einen Kapitaen, der war Seeraeuber unter den Schwarzflaggen." "Kenn ich nicht. Was sind Schwarzflaggen?" "Das sind Leute weit dahinten in Tonkin und an der Suedsee ... Seit er aber wieder unter Menschen ist, hat er auch wieder die besten Formen und ist ganz unterhaltlich." "Ich wuerde mich aber doch vor ihm fuerchten." "Was du nicht noetig hast, zu keiner Zeit, und auch dann nicht, wenn ich ueber Land bin oder zum Tee beim Fuersten, denn zu allem andern, was wir haben, haben wir ja Gott sei Dank auch Rollo ..." "Rollo?" "Ja, Rollo. Du denkst dabei, vorausgesetzt, dass du bei Niemeyer oder Jahnke von dergleichen gehoert hast, an den Normannenherzog, und unserer hat auch so was. Es ist aber bloss ein Neufundlaender, ein wunderschoenes Tier, das mich liebt und dich auch lieben wird. Denn Rollo ist ein Kenner. Und solange du den um dich hast, so lange bist du sicher und kann nichts an dich heran, kein Lebendiger und kein Toter. Aber sieh mal den Mond da drueben. Ist es nicht schoen?" Effi, die, still in sich versunken, jedes Wort halb aengstlich, halb begierig eingesogen hatte, richtete sich jetzt auf und sah nach rechts hinueber, wo der Mond, unter weissem, aber rasch hinschwindendem Gewoelk, eben aufgegangen war. Kupferfarben stand die grosse Scheibe hinter einem Erlengehoelz und warf ihr Licht auf eine breite Wasserflaeche, die die Kessine hier bildete. Oder vielleicht war es auch schon ein Haff, an dem das Meer draussen seinen Anteil hatte. Effi war wie benommen. "Ja, du hast recht, Geert, wie schoen; aber es hat zugleich so was Unheimliches. In Italien habe ich nie solchen Eindruck gehabt, auch nicht, als wir von Mestre nach Venedig hinueberfuhren. Da war auch Wasser und Sumpf und Mondschein, und ich dachte, die Bruecke wuerde brechen; aber es war nicht so gespenstig. Woran liegt es nur? Ist es doch das Noerdliche?" Innstetten lachte. "Wir sind hier fuenfzehn Meilen noerdlicher als in Hohen-Cremmen, und eh der erste Eisbaer kommt, musst du noch eine Weile warten. Ich glaube, du bist nervoes von der langen Reise und dazu das St.-Privat-Panorama und die Geschichte von dem Chinesen." "Du hast mir ja gar keine erzaehlt." "Nein, ich hab ihn nur eben genannt. Aber ein Chinese ist schon an und fuer sich eine Geschichte ..." "Ja", lachte sie. "Und jedenfalls hast du's bald ueberstanden. Siehst du da vor dir das kleine Haus mit dem Licht? Es ist eine Schmiede. Da biegt der Weg. Und wenn wir die Biegung gemacht haben, dann siehst du schon den Turm von Kessin oder richtiger beide..." "Hat es denn zwei?" "Ja, Kessin nimmt sich auf. Es hat jetzt auch eine katholische Kirche." Eine halbe Stunde spaeter hielt der Wagen an der ganz am entgegengesetzten Ende der Stadt gelegenen landraetlichen Wohnung, einem einfachen, etwas altmodischen Fachwerkhaus, das mit seiner Front auf die nach den Seebaedern hinausfuehrende Hauptstrasse, mit seinem Giebel aber auf ein zwischen der Stadt und den Duenen liegendes Waeldchen, das die "Plantage" hiess, herniederblickte. Dies altmodische Fachwerkhaus war uebrigens nur Innstettens Privatwohnung, nicht das eigentliche Landratsamt, welches letztere, schraeg gegenueber, an der anderen Seite der Strasse lag. Kruse hatte nicht noetig, durch einen dreimaligen Peitschenknips die Ankunft zu vermelden; laengst hatte man von Tuer und Fenstern aus nach den Herrschaften ausgeschaut, und ehe noch der Wagen heran war, waren bereits alle Hausinsassen auf dem die ganze Breite des Buergersteigs einnehmenden Schwellstein versammelt, vorauf Rollo, der im selben Augenblick, wo der Wagen hielt, diesen zu umkreisen begann. Innstetten war zunaechst seiner jungen Frau beim Aussteigen behilflich und ging dann, dieser den Arm reichend, unter freundlichem Gruss an der Dienerschaft vorueber, die nun dem jungen Paar in den mit praechtigen alten Wandschraenken umstandenen Hausflur folgte. Das Hausmaedchen, eine huebsche, nicht mehr ganz jugendliche Person, die ihre stattliche Fuelle fast ebenso gut kleidete wie das zierliche Muetzchen auf dem blonden Haar, war der gnaedigen Frau beim Ablegen von Muff und Mantel behilflich und bueckte sich eben, um ihr auch die mit Pelz gefuetterten Gummistiefel auszuziehen. Aber ehe sie noch dazu kommen konnte, sagte Innstetten: "Es wird das beste sein, ich stelle dir gleich hier unsere gesamte Hausgenossenschaft vor, mit Ausnahme der Frau Kruse, die sich - ich vermute sie wieder bei ihrem unvermeidlichen schwarzen Huhn - nicht gerne sehen laesst." Alles laechelte. "Aber lassen wir Frau Kruse ... Dies hier ist mein alter Friedrich, der schon mit mir auf der Universitaet war ... Nicht wahr, Friedrich, gute Zeiten damals ... Und dies hier ist Johanna, maerkische Landsmaennin von dir, wenn du, was aus Pasewalker Gegend stammt, noch fuer voll gelten lassen willst, und dies ist Christel, der wir mittags und abends unser leibliches Wohl anvertrauen und die zu kochen versteht, das kann ich dir versichern. Und dies hier ist Rollo. Nun, Rollo, wie geht's?" Rollo schien nur auf diese spezielle Ansprache gewartet zu haben, denn im selben Augenblick, wo er seinen Namen hoerte, gab er einen Freudenblaff, richtete sich auf und legte die Pfoten auf seines Herrn Schulter. "Schon gut, Rollo, schon gut. Aber sieh da, das ist die Frau; ich hab ihr von dir erzaehlt und ihr gesagt, dass du ein schoenes Tier seist und sie schuetzen wuerdest." Und nun liess Rollo ab und setzte sich vor Innstetten nieder, zugleich neugierig zu der jungen Frau aufblickend. Und als diese ihm die Hand hinhielt, umschmeichelte er sie. Effi hatte waehrend dieser Vorstellungsszene Zeit gefunden, sich umzuschauen. Sie war wie gebannt von allem, was sie sah, und dabei geblendet von der Fuelle von Licht. In der vorderen Flurhaelfte brannten vier, fuenf Wandleuchter, die Leuchten selbst sehr primitiv, von blossem Weissblech, was aber den Glanz und die Helle nur noch steigerte. Zwei mit roten Schleiern bedeckte Astrallampen, Hochzeitsgeschenk von Niemeyer, standen auf einem zwischen zwei Eichenschraenken angebrachten Klapptisch, in Front davon das Teezeug, dessen Laempchen unter dem Kessel schon angezuendet war. Aber noch viel, viel anderes und zum Teil sehr Sonderbares kam zu dem allen hinzu. Quer ueber den Flur fort liefen drei die Flurdecke in ebenso viele Felder teilende Balken; an dem vordersten hing ein Schiff mit vollen Segeln, hohem Hinterdeck und Kanonenluken, waehrend weiterhin ein riesiger Fisch in der Luft zu schwimmen schien. Effi nahm ihren Schirm, den sie noch in Haenden hielt, und stiess leis an das Ungetuem an, so dass es sich in eine langsam schaukelnde Bewegung setzte. "Was ist das, Geert?" fragte sie. "Das ist ein Haifisch." "Und ganz dahinten das, was aussieht wie eine grosse Zigarre vor einem Tabaksladen?" "Das ist ein junges Krokodil. Aber das kannst du dir alles morgen viel besser und genauer ansehen; jetzt komm und lass uns eine Tasse Tee nehmen. Denn trotz aller Plaids und Decken wirst du gefroren haben. Es war zuletzt empfindlich kalt." Er bot nun Effi den Arm, und waehrend sich die beiden Maedchen zurueckzogen und nur Friedrich und Rollo folgten, trat man, nach links hin, in des Hausherrn Wohn- und Arbeitszimmer ein. Effi war hier aehnlich ueberrascht wie draussen im Flur; aber ehe sie sich darueber aeussern konnte, schlug Innstetten eine Portiere zurueck, hinter der ein zweites, etwas groesseres Zimmer, mit Blick auf Hof und Garten, gelegen war. "Das, Effi, ist nun also dein. Friedrich und Johanna haben es, so gut es ging, nach meinen Anordnungen herrichten muessen. Ich finde es ganz ertraeglich und wuerde mich freuen, wenn es dir auch gefiele." Sie nahm ihren Arm aus dem seinigen und hob sich auf die Fussspitzen, um ihm einen herzlichen Kuss zu geben. "Ich armes kleines Ding, wie du mich verwoehnst. Dieser Fluegel und dieser Teppich, ich glaube gar, es ist ein tuerkischer, und das Bassin mit den Fischchen und dazu der Blumentisch. Verwoehnung, wohin ich sehe." "Ja, meine liebe Effi, das musst du dir nun schon gefallen lassen, dafuer ist man jung und huebsch und liebenswuerdig, was die Kessiner wohl auch schon erfahren haben werden, Gott weiss woher. Denn an dem Blumentisch wenigstens bin ich unschuldig. Friedrich, wo kommt der Blumentisch her?" "Apotheker Gieshuebler ... Es liegt auch eine Karte bei." "Ah, Gieshuebler, Alonzo Gieshuebler", sagte Innstetten und reichte lachend und in beinahe ausgelassener Laune die Karte mit dem etwas fremdartig klingenden Vornamen zu Effi hinueber. "Gieshuebler, von dem hab ich dir zu erzaehlen vergessen - beilaeufig, er fuehrt auch den Doktortitel, hat's aber nicht gern, wenn man ihn dabei nennt, das aergere, so meint er, die richtigen Doktoren bloss, und darin wird er wohl recht haben. Nun, ich denke, du wirst ihn kennenlernen, und zwar bald; er ist unsere beste Nummer hier, Schoengeist und Original und vor allem Seele von Mensch, was doch immer die Hauptsache bleibt. Aber lassen wir das alles und setzen uns und nehmen unsern Tee. Wo soll es sein? Hier bei dir oder drin bei mir? Denn eine weitere Wahl gibt es nicht. Eng und klein ist meine Huette." Sie setzte sich ohne Besinnen auf ein kleines Ecksofa. "Heute bleiben wir hier, heute bist du bei mir zu Gast. Oder lieber so: den Tee regelmaessig bei mir, das Fruehstueck bei dir; dann kommt jeder zu seinem Recht, und ich bin neugierig, wo mir's am besten gefallen wird." "Das ist eine Morgen- und Abendfrage." "Gewiss. Aber wie sie sich stellt, oder richtiger, wie wir uns dazu stellen, das ist es eben." Und sie lachte und schmiegte sich an ihn und wollte ihm die Hand kuessen. "Nein, Effi, um Himmels willen nicht, nicht so. Mir liegt nicht daran, die Respektsperson zu sein, das bin ich fuer die Kessiner. Fuer dich bin ich ..." "Nun was?" "Ach lass. Ich werde mich hueten, es zu sagen." Siebentes Kapitel Es war schon heller Tag, als Effi am andern Morgen erwachte. Sie hatte Muehe, sich zurechtzufinden. Wo war sie? Richtig, in Kessin, im Hause des Landrats von Innstetten, und sie war seine Frau, Baronin Innstetten. Und sich aufrichtend, sah sie sich neugierig um; am Abend vorher war sie zu muede gewesen, um alles, was sie da halb fremdartig, halb altmodisch umgab, genauer in Augenschein zu nehmen. Zwei Saeulen stuetzten den Deckenbalken, und gruene Vorhaenge schlossen den alkovenartigen Schlafraum, in welchem die Betten standen, von dem Rest des Zimmers ab; nur in der Mitte fehlte der Vorhang oder war zurueckgeschlagen, was ihr von ihrem Bett aus eine bequeme Orientierung gestattete. Da, zwischen den zwei Fenstern, stand der schmale, bis hoch hinaufreichende Trumeau, waehrend rechts daneben, und schon an der Flurwand hin, der grosse schwarze Kachelofen aufragte, der noch (soviel hatte sie schon am Abend vorher bemerkt) nach alter Sitte von aussen her geheizt wurde. Sie fuehlte jetzt, wie seine Waerme herueberstroemte. Wie schoen es doch war, im eigenen Hause zu sein; soviel Behagen hatte sie waehrend der ganzen Reise nicht empfunden, nicht einmal in Sorrent. Aber wo war Innstetten? Alles still um sie her, niemand da. Sie hoerte nur den Ticktackschlag einer kleinen Penduele und dann und wann einen dumpfen Ton im Ofen, woraus sie schloss, dass vom Flur her ein paar neue Scheite nachgeschoben wuerden. Allmaehlich entsann sie sich auch, dass Geert am Abend vorher von einer elektrischen Klingel gesprochen hatte, nach der sie dann auch nicht lange mehr zu suchen brauchte; dicht neben ihrem Kissen war der kleine weisse Elfenbeinknopf, auf den sie nun leise drueckte. Gleich danach erschien Johanna. "Gnaedige Frau haben befohlen." "Ach, Johanna, ich glaube, ich habe mich verschlafen. Es muss schon spaet sein." "Eben neun." "Und der Herr ...", es wollte ihr nicht gluecken, so ohne ,weiteres von ihrem "Mann" zu sprechen ..., "der Herr, er muss sehr leise gemacht haben; ich habe nichts gehoert." "Das hat er gewiss. Und gnaed'ge Frau werden fest geschlafen haben. Nach der langen Reise ..." "Ja, das hab ich. Und der Herr, ist er immer so frueh auf?" Immer, gnaed'ge Frau. Darin ist er streng; er kann das lange sch1afen nicht leiden, und wenn er drueben in sein Zimmer tritt, da muss der Ofen warm sein, und der Kaffee darf auch nicht auf sich warten lassen." "Da hat er also schon gefruehstueckt?" "Oh, nicht doch, gnaed'ge Frau ... der gnaed'ge Herr..." Effi fuehlte, dass sie die Frage nicht haette tun und die Vermutung, Innstetten koenne nicht auf sie gewartet haben, lieber nicht haette aussprechen sollen. Es lag ihr denn auch daran, diesen ihren Fehler, so gut es ging, wieder auszugleichen, und als sie sich erhoben und vor dem Trumeau Platz genommen hatte, nahm sie das Gespraech wieder auf und sagte: "Der Herr hat uebrigens ganz recht. Immer frueh auf, das war auch Regel in meiner Eltern Haus. Wo die Leute den Morgen verschlafen, da gibt es den ganzen Tag keine Ordnung mehr. Aber der Herr wird es so streng mit mir nicht nehmen; eine ganze Weile hab ich diese Nacht nicht schlafen koennen und habe mich sogar ein wenig geaengstigt." "Was ich hoeren muss, gnaed'ge Frau! Was war es denn?" "Es war ueber mir ein ganz sonderbarer Ton, nicht laut, aber doch sehr eindringlich. Erst klang es, wie wenn lange Schleppenkleider ueber die Diele hinschleiften, und in meiner Erregung war es mir ein paarmal, als ob ich kleine weisse Atlasschuhe saehe. Es war, als tanze man oben, aber ganz leise." Johanna, waehrend das Gespraech so ging, sah ueber die Schulter der jungen Frau fort in den hohen, schmalen Spiegel hinein, um die Mienen Effis besser beobachten zu koennen. Dann sagte sie: "Ja, das ist oben im Saal. Frueher hoerten wir es in der Kueche auch. Aber jetzt hoeren wir es nicht mehr; wir haben uns daran gewoehnt." "Ist es denn etwas Besonderes damit?" "O Gott bewahre, nicht im geringsten. Eine Weile wusste man nicht recht, woher es kaeme, und der Herr Prediger machte ein verlegenes Gesicht, trotzdem Doktor Gieshuebler immer nur darueber lachte. Nun aber wissen wir, dass es die Gardinen sind. Der Saal ist etwas multrig und stockig, und deshalb stehen immer die Fenster auf, wenn nicht gerade Sturm ist. Und da ist denn fast immer ein starker Zug oben und fegt die alten weissen Gardinen, die ausserdem viel zu lang sind, ueber die Dielen hin und her. Das klingt dann so wie seidne Kleider oder auch wie Atlasschuhe, wie die gnaed'ge Frau eben bemerkte." "Natuerlich ist es das. Aber ich begreife nur nicht, warum dann die Gardinen nicht abgenommen werden. Oder man koennte sie ja kuerzer machen. Es ist ein so sonderbares Geraeusch, das einem auf die Nerven faellt. Und nun, Johanna, bitte, geben Sie mir noch das kleine Tuch, und tupfen Sie mir die Stirn. Oder nehmen Sie lieber den Rafraichisseur aus meiner Reisetasche ... Ach, das ist schoen und erfrischt mich. Nun werde ich hinuebergehen. Er ist doch noch da, oder war er schon aus?" "Der gnaed'ge Herr war schon aus, ich glaube, drueben auf dem Amt. Aber seit einer Viertelstunde ist er zurueck. Ich werde Friedrich sagen, dass er das Fruehstueck bringt." Und damit verliess Johanna das Zimmer, waehrend Effi noch einen Blick in den Spiegel tat und dann ueber den Flur fort, der bei der Tagesbeleuchtung viel von seinem Zauber vom Abend vorher eingebuesst hatte, bei Geert eintrat. Dieser sass an seinem Schreibtisch, einem etwas schwerfaelligen Zylinderbuero, das er aber, als Erbstueck aus dem elterlichen Hause, nicht missen mochte. Effi stand hinter ihm und umarmte und kuesste ihn, noch eh euch von seinem Platz erheben konnte. "Schon?" "Schon, sagst du. Natuerlich um mich zu verspotten." Innstetten schuettelte den Kopf. "Wie werd ich das?" Effi fand aber ein Gefallen daran, sich anzuklagen, und wollte von den Versicherungen ihres Mannes, dass sein "schon" ganz aufrichtig gemeint gewesen sei, nichts hoeren. "Du musst von der Reise her wissen, dass ich morgens nie habe warten lassen. Im Laufe des Tages, nun ja, da ist es etwas anderes. Es ist wahr, ich bin nicht sehr puenktlich, aber ich bin keine Langschlaeferin. Darin, denk ich, haben mich die Eltern gut erzogen." "Darin? In allem, meine suesse Effi." "Das sagst du so, weil wir noch in den Flitterwochen sind ... aber nein, wir sind ja schon heraus. Um Himmels willen, Geert, daran habe ich noch gar nicht gedacht, wir sind ja schon ueber sechs Wochen verheiratet, sechs Wochen und einen Tag. Ja, das ist etwas anderes, da nehme ich es nicht mehr als Schmeichelei, da nehme ich es als Wahrheit." In diesem Augenblick trat Friedrich ein und brachte den Kaffee. Der Fruehstueckstisch stand in Schraeglinie vor einem Meinen, rechtwinkligen Sofa, das gerade die eine Ecke des Wohnzimmers ausfuellte. Hier setzten sich beide. "Der Kaffee ist ja vorzueglich", sagte Effi, waehrend sie zugleich das Zimmer und seine Einrichtung musterte. "Das ist noch Hotelkaffee oder wie der bei Bottegone ... erinnerst du dich noch, in Florenz, mit dem Blick auf den Dom. Davor muss ich der Mama schreiben, solchen Kaffee haben wir in Hohen-Cremmen nicht. Ueberhaupt, Geert, ich sehe nun erst, wie vornehm ich mich verheiratet habe. Bei uns konnte alles nur so gerade passieren." "Torheit, Effi. Ich habe nie eine bessere Hausfuehrung gesehen als bei euch." "Und dann, wie du wohnst. Als Papa sich den neuen Gewehrschrank angeschafft und ueber seinem Schreibtisch einen Bueffelkopf und dicht darunter den alten Wrangel angebracht hatte (er war naemlich mal Adjutant bei dem Alten), da dacht er wunder was er getan; aber wenn ich mich hier umsehe, daneben ist unsere ganze Hohen-Cremmener Herrlichkeit ja bloss duerftig und alltaeglich. Ich weiss gar nicht, womit ich das alles vergleichen soll; schon gestern abend, als ich nur so fluechtig darueber hinsah, kamen mir allerhand Gedanken." "Und welche, wenn ich fragen darf?" "Ja, welche. Du darfst aber nicht drueber lachen. Ich habe mal ein Bilderbuch gehabt, wo ein persischer oder indischer Fuerst (denn er trug einen Turban) mit untergeschlagenen Beinen auf einem roten Seidenkissen sass, und in seinem Ruecken war ausserdem noch eine grosse rote Seidenrolle, die links und rechts ganz bauschig zum Vorschein kam, und die Wand hinter dem indischen Fuersten starrte von Schwertern und Dolchen und Parderfellen und Schilden und langen tuerkischen Flinten. Und sieh, ganz so sieht es hier bei dir aus, und wenn du noch die Beine unterschlaegst, ist die Aehnlichkeit vollkommen." "Effi, du bist ein entzueckendes, liebes Geschoepf. Du weisst gar nicht, wie sehr ich's finde und wie gern ich dir in jedem Augenblick zeigen moechte, dass ich's finde." "Nun, dazu ist ja noch vollauf Zeit; ich bin ja erst siebzehn und habe noch nicht vor zu sterben." "Wenigstens nicht vor mir. Freilich, wenn ich dann stuerbe, naehme ich dich am liebsten mit. Ich will dich keinem andern lassen; was meinst du dazu?" "Das muss ich mir doch noch ueberlegen. Oder lieber, lassen wir's ueberhaupt. Ich spreche nicht gern von Tod, ich bin fuer Leben. Und nun sage mir, wie leben wir hier? Du hast mir unterwegs allerlei Sonderbares von Stadt und Land erzaehlt, aber wie wir selber hier leben werden, davon kein Wort. Dass hier alles anders ist als in Hohen-Cremmen und Schwantikow, das seh ich wohl, aber wir muessen doch in dem 'guten Kessin', wie du's immer nennst, auch etwas wie Umgang und Gesellschaft haben koennen. Habt ihr denn Leute von Familie in der Stadt?" "Nein, meine liebe Effi; nach dieser Seite hin gehst du grossen Enttaeuschungen entgegen. In der Naehe haben wir ein paar Adlige, die du kennenlernen wirst, aber hier in der Stadt ist gar nichts." "Gar nichts? Das kann ich nicht glauben. Ihr seid doch bis zu dreitausend Menschen, und unter dreitausend Menschen muss es doch ausser so kleinen Leuten wie Barbier Beza (so hiess er ja wohl) doch auch noch eine Elite geben, Honoratioren oder dergleichen." Innstetten lachte. "Ja, Honoratioren, die gibt es. Aber bei Licht besehen ist es nicht viel damit. Natuerlich haben wir einen Prediger und einen Amtsrichter und einen Rektor und einen Lotsenkommandeur, und von solchen beamteten Leuten findet sich schliesslich wohl ein ganzes Dutzend zusammen, aber die meisten davon: gute Menschen und schlechte Musikanten. Und was dann noch bleibt, das sind bloss Konsuln." "Bloss Konsuln. Ich bitte dich, Geert, wie kannst du nur sagen 'bloss Konsuln'. Das ist doch etwas sehr Hohes und Grosses, und ich moecht beinah sagen Furchtbares. Konsuln, das sind doch die mit dem Rutenbuendel, draus, glaub ich, ein Beil heraussah." "Nicht ganz, Effi Die heissen Liktoren." "Richtig, die heissen Liktoren. Aber Konsuln ist doch auch etwas sehr Vornehmes und Hochgesetzliches. Brutus war doch ein Konsul." "Ja, Brutus war ein Konsul. Aber unsere sind ihm nicht sehr aehnlich und begnuegen sich damit, mit Zucker und Kaffee zu handeln oder eine Kiste mit Apfelsinen aufzubrechen, und verkaufen dir dann das Stueck pro zehn Pfennige." "Nicht moeglich." "Sogar gewiss. Es sind kleine, pfiffige Kaufleute, die, wenn fremdlaendische Schiffe hier einlaufen und in irgendeiner Geschaeftsfrage nicht recht aus noch ein wissen, dann mit ihrem Rat zur Hand sind, und wenn sie diesen Rat gegeben und irgendeinem hollaendischen oder portugiesischen Schiff einen Dienst geleistet haben, so werden sie zuletzt zu beglaubigten Vertretern solcher fremder Staaten, und gerade so viele Botschafter und Gesandte, wie wir in Berlin haben, so viele Konsuln haben wir auch in Kessin, und wenn irgendein Festtag ist, und es gibt hier viele Festtage, dann werden alle Wimpel gehisst, und haben wir gerade eine grelle Morgensonne, so siehst du an solchem Tag ganz Europa von unsern Daechern flaggen und das Sternenbanner und den chinesischen Drachen dazu." "Du bist in einer spoettischen Laune, Geert, und magst auch wohl recht haben. Aber ich, fuer meine kleine Person, muss dir gestehen, dass ich dies alles entzueckend finde und dass unsere havellaendischen Staedte daneben verschwinden. Wenn sie da Kaisers Geburtstag feiern, so flaggt es immer bloss schwarz und weiss und allenfalls ein bisschen rot dazwischen, aber das kann sich doch nicht vergleichen mit der Welt von Flaggen, von der du sprichst. Ueberhaupt, wie ich dir schon sagte, ich finde immer wieder und wieder, es hat alles so was Fremdlaendisches hier, und ich habe noch nichts gehoert und gesehen, was mich nicht in eine gewisse Verwunderung gesetzt haette, gleich gestern abend das merkwuerdige Schiff draussen im Flur und dahinter der Haifisch und das Krokodil und hier dein eigenes Zimmer. Alles so orientalisch, und ich muss es wiederholen, alles wie bei einem indischen Fuersten ..." "Meinetwegen. Ich gratuliere, Fuerstin ..." "Und dann oben der Saal mit seinen langen Gardinen, die ueber die Diele hinfegen." "Aber was weisst du denn von dem Saal, Effi?" "Nichts, als was ich dir eben gesagt habe. Wohl eine Stunde lang, als ich in der Nacht aufwachte, war es mir, als ob ich Schuhe auf der Erde schleifen hoerte und als wuerde getanzt und fast auch wie Musik. Aber alles ganz leise. Und das hab ich dann heute frueh an Johanna erzaehlt, bloss um mich zu entschuldigen, dass ich hinterher so lange geschlafen. Und da sagte sie mir, das sei von den langen Gardinen oben im Saal. Ich denke, wir machen kurzen Prozess damit und schneiden die Gardinen etwas ab oder schliessen wenigstens die Fenster; es wird ohnehin bald stuermisch genug werden. Mitte November ist ja die Zeit." Innstetten sah in einer kleinen Verlegenheit vor sich hin und schien schwankend, ob er auf all das antworten solle. Schliesslich entschied er sich fuer Schweigen. "Du hast ganz recht, Effi, wir wollen die langen Gardinen oben kuerzer machen. Aber es eilt nicht damit, um so weniger, als es nicht sicher ist, ob es hilft. Es kann auch was anderes sein, im Rauchfang oder der Wurm im Holz oder ein Iltis. Wir haben naemlich hier Iltisse. Jedenfalls aber, eh wir Aenderungen vornehmen, musst du dich in unserem Hauswesen erst umsehen, natuerlich unter meiner Fuehrung; in einer Viertelstunde zwingen wir's. Und dann machst du Toilette, nur ein ganz klein wenig, denn eigentlich bist du so am reizendsten - Toilette fuer unseren Freund Gieshuebler; es ist jetzt zehn vorueber, und ich muesste mich sehr in ihm irren, wenn er nicht um elf oder doch spaetestens um die Mittagsstunde hier antreten und dir seinen Respekt devotest zu Fuessen legen sollte. Das ist naemlich die Sprache, drin er sich ergeht. Uebrigens, wie ich dir schon sagte, ein kapitaler Mann, der dein Freund werden wird, wenn ich ihn und dich recht kenne." Achtes Kapitel Elf war es laengst vorueber; aber Gieshuebler hatte sich noch immer nicht sehen lassen. "Ich kann nicht laenger warten", hatte Geert gesagt, den der Dienst abrief. "Wenn Gieshuebler noch erscheint, so sei moeglichst entgegenkommend, dann wird es vorzueglich gehen; er darf nicht verlegen werden; ist er befangen, so kann er kein Wort finden oder sagt die sonderbarsten Dinge; weisst du ihn aber in Zutrauen und gute Laune zu bringen, dann redet er wie ein Buch. Nun, du wirst es schon machen. Erwarte mich nicht vor drei; es gibt drueben allerlei zu tun. Und das mit dem Saal oben wollen wir noch ueberlegen; es wird aber wohl am besten sein, wir lassen es beim alten." Damit ging Innstetten und liess seine junge Frau allein. Diese sass, etwas zurueckgelehnt, in einem lauschigen Winkel am Fenster und stuetzte sich, waehrend sie hinaussah, mit ihrem linken Arm auf ein kleines Seitenbrett, das aus dem Zylinderbuero herausgezogen war. Die Strasse war die Hauptverkehrsstrasse nach dem Strand hin, weshalb denn auch in Sommerzeit ein reges Leben hier herrschte, jetzt aber, um Mitte November, war alles leer und still, und nur ein paar arme Kinder, deren Eltern in etlichen ganz am aeussersten Rand der "Plantage" gelegenen Strohdachhaeusern wohnten, klappten in ihren Holzpantinen an dem Innstettenschen Hause vorueber. Effi empfand aber nichts von dieser Einsamkeit, denn ihre Phantasie war noch immer bei den wunderlichen Dingen, die sie, kurz vorher, waehrend ihrer Umschau haltenden Musterung im Hause gesehen hatte. Diese Musterung hatte mit der Kueche begonnen, deren Herd eine moderne Konstruktion aufwies, waehrend an der Decke hin, und zwar bis in die Maedchenstube hinein, ein elektrischer Draht lief - beides vor kurzem erst hergerichtet. Effi war erfreut gewesen, als ihr Innstetten davon erzaehlt hatte, dann aber waren sie von der Kueche wieder in den Flur zurueck- und von diesem in den Hof hinausgetreten, der in seiner ersten Haelfte nicht viel mehr als ein zwischen zwei Seitenfluegeln hinlaufender ziemlich schmaler Gang war. In diesen Fluegeln war alles untergebracht, was sonst noch zu Haushalt und Wirtschaftsfuehrung gehoerte, rechts Maedchenstube, Bedientenstube, Rollkammer, links eine zwischen Pferdestall und Wagenremise gelegene, von der Familie Kruse bewohnte Kutscherwohnung. Ueber dieser, in einem Verschlag, waren die Huehner einlogiert, und eine Dachklappe ueber dem Pferdestall bildete den Aus- und Einschlupf fuer die Tauben. All dies hatte sich Effi mit vielem Interesse angesehen, aber dies Interesse sah sich doch weit ueberholt, als sie, nach ihrer Rueckkehr vom Hof ins Vorderhaus, unter Innstettens Fuehrung die nach oben fuehrende Treppe hinaufgestiegen war. Diese war schief, baufaellig, dunkel; der Flur dagegen, auf den sie muendete, wirkte beinah heiter, weil er viel Licht und einen guten landschaftlichen Ausblick hatte: nach der einen Seite hin, ueber die Daecher des Stadtrandes und die "Plantage" fort, auf eine hoch auf einer Duene stehende hollaendische Windmuehle, nach der anderen Seite hin auf die Kessine, die hier, unmittelbar vor ihrer Einmuendung, ziemlich breit war und einen stattlichen Eindruck machte. Diesem Eindruck konnte man sich unmoeglich entziehen, und Effi hatte denn auch nicht gesaeumt, ihrer Freude lebhaften Ausdruck zu geben. "Ja, sehr schoen, sehr malerisch", hatte Innstetten, ,ohne weiter darauf einzugehen, geantwortet und dann eine mit ihren Fluegeln etwas schief haengende Doppeltuer geoeffnet, die nach rechts hin in den sogenannten Saal fuehrte. Dieser lief durch die ganze Etage; Vorder- und Hinterfenster standen offen, und die mehr erwaehnten langen Gardinen bewegten sich in dem starken Luftzug hin und her. In der Mitte der einen Laengswand sprang ein Kamin vor mit einer grossen Steinplatte, waehrend an der Wand gegenueber ein paar blecherne Leuchter hingen, jeder mit zwei Lichtoeffnungen, ganz so wie unten im Flur, aber alles stumpf und ungepflegt. Effi war einigermassen enttaeuscht, sprach es auch aus und erklaerte, statt des oeden und aermlichen Saals doch lieber die Zimmer an der gegenuebergelegenen Flurseite sehen zu wollen. "Da ist nun eigentlich vollends nichts", hatte Innstetten geantwortet, aber doch die Tueren geoeffnet. Es befanden sich hier vier einfenstrige Zimmer, alle gelb getuencht, gerade wie der Saal und ebenfalls ganz leer. Nur in einem standen drei Binsenstuehle, die durchgesessen waren, und an die Lehne des einen war ein kleines, nur einen halber Finger langes Bildchen geklebt, das einen Chinesen darstellte, blauer Rock mit gelben Pluderhosen und einen flachen Hut auf dem Kopf. Effi sah es und sagte: "Was soll der Chinese?" Innstetten selbst schien von dem Bildchen ueberrascht und versicherte, dass er es nicht wisse. "Das hat Christel angeklebt oder Johanna. Spielerei. Du kannst sehen, es ist aus einer Fibel herausgeschnitten." Effi fand es auch und war nur verwundert, dass Innstetten alles so ernsthaft nahm, als ob es doch etwas sei. Dann hatte sie noch einmal einen Blick in den Saal getan und sich dabei dahin geaeussert, wie es doch eigentlich schade sei, dass das alles leerstehe. "Wir haben unten ja nur drei Zimmer, und wenn uns wer besucht, so wissen wir nicht aus noch ein. Meinst du nicht, dass man aus dem Saal zwei huebsche Fremdenzimmer machen koennte? Das waere so was fuer die Mama; nach hinten heraus koennte sie schlafen und haette den Blick auf den Fluss und die beiden Molen, und vorn haette sie die Stadt und die hollaendische Windmuehle. In Hohen-Cremmen haben wir noch immer bloss eine Bockmuehle. Nun sage, was meinst du dazu? Naechsten Mai wird doch die Mama wohl kommen." Innstetten war mit allem einverstanden gewesen und hatte nur zum Schluss gesagt: "Alles ganz gut. Aber es ist doch am Ende besser, wir logieren die Mama drueben ein, auf dem Landratsamt; die ganze erste Etage steht da leer, geradeso wie hier, und sie ist da noch mehr fuer sich." Das war so das Resultat des ersten Umgangs im Hause gewesen; dann hatte Effi drueben ihre Toilette gemacht, nicht ganz so schnell, wie Innstetten angenommen, und nun sass sie in ihres Gatten Zimmer und beschaeftigte sich in ihren Gedanken abwechselnd mit dem kleinen Chinesen oben und mit Gieshuebler, der noch immer nicht kam. Vor einer Viertelstunde war freilich ein kleiner, schiefschultriger und fast schon so gut wie verwachsener Herr in einem kurzen eleganten Pelzrock und einem hohen, sehr glatt gebuersteten Zylinder an der anderen Seite der Strasse vorbeigegangen und hatte nach ihrem Fenster hinuebergesehen. Aber das konnte Gieshuebler wohl nicht gewesen sein! Nein, dieser schiefschultrige Herr, der zugleich etwas so Distinguiertes hatte, das musste der Herr Gerichtspraesident gewesen sein, und sie entsann sich auch wirklich, in einer Gesellschaft bei Tante Therese mal einen solchen gesehen zu haben, bis ihr mit einem Male einfiel, dass Kessin bloss einen Amtsrichter habe. Waehrend sie diesen Betrachtungen noch nachging, wurde der Gegenstand derselben, der augenscheinlich erst eine Morgen- oder vielleicht auch eine Ermutigungspromenade um die Plantage herum gemacht hatte, wieder sichtbar, und eine Minute spaeter erschien Friedrich, um Apotheker Gieshuebler anzumelden. "Ich lasse sehr bitten." Der armen jungen Frau schlug das Herz, weil es das erste Mal war, dass sie sich als Hausfrau und noch dazu als erste Frau der Stadt zu zeigen hatte. Friedrich half Gieshuebler den Pelzrock ablegen und oeffnete dann wieder die Tuer. Effi reichte dem verlegen Eintretenden die Hand, die dieser mit einem gewissen Ungestuem kuesste. Die junge Frau schien sofort einen grossen Eindruck auf ihn gemacht zu haben. "Mein Mann hat mir bereits gesagt ... Aber ich empfange Sie hier in meines Mannes Zimmer ... er ist drueben auf dem Amt und kann jeden Augenblick zurueck sein ... Darf ich Sie bitten, bei mir eintreten zu wollen?" Gieshuebler folgte der voranschreitenden Effi ins Nebenzimmer, wo diese auf einen der Fauteuils wies, waehrend sie sich selbst ins Sofa setzte. "Dass ich Ihnen sagen koennte, welche Freude Sie mir gestern durch die schoenen Blumen und Ihre Karte gemacht haben. Ich hoerte sofort auf, mich hier als eine Fremde zu fuehlen, und als ich dies Innstetten aussprach, sagte er mir, wir wuerden ueberhaupt gute Freunde sein." "Sagte er so? Der gute Herr Landrat. Ja, der Herr Landrat und Sie, meine gnaedigste Frau, da sind, das bitte ich sagen zu duerfen, zwei liebe Menschen zueinander gekommen. Denn wie Ihr Herr Gemahl ist, das weiss ich, und wie Sie sind, meine gnaedigste Frau, das sehe ich." "Wenn Sie nur nicht mit zu freundlichen Augen sehen. Ich bin so sehr jung. Und Jugend ..." "Ach, meine gnaedigste Frau, sagen Sie nichts gegen die Jugend. Die Jugend, auch in ihren Fehlern ist sie noch schoen und liebenswuerdig, und das Alter, auch in seinen Tugenden taugt es nicht viel. Persoenlich kann ich in dieser Frage freilich nicht mitsprechen, vom Alter wohl, aber von der Jugend nicht, denn ich bin eigentlich nie jung gewesen. Personen meines Schlages sind nie jung. Ich darf wohl sagen, das ist das traurigste von der Sache. Man hat keinen rechten Mut, man hat kein Vertrauen zu sich selbst, man wagt kaum, eine Dame zum Tanz aufzufordern, weil man ihr eine Verlegenheit ersparen will, und so gehen die Jahre hin, und man wird alt, und das Leben war arm und leer." Effi gab ihm die Hand. "Ach, Sie duerfen so was nicht sagen. Wir Frauen sind gar nicht so schlecht." "O nein, gewiss nicht ..." "Und wenn ich mir so zurueckrufe", fuhr Effi fort, "was ich alles erlebt habe ... viel ist es nicht, denn ich bin wenig herausgekommen und habe fast immer auf dem Lande gelebt ... aber wenn ich es mir zurueckrufe, so finde ich doch, dass wir immer das lieben, was liebenswert ist. Und dann sehe ich doch auch gleich, dass Sie anders sind als andere, dafuer haben wir Frauen ein scharfes Auge. Vielleicht ist es auch der Name, der in Ihrem Falle mitwirkt. Das war immer eine Lieblingsbehauptung unseres alten Pastors Niemeyer; der Name, so liebte er zu sagen, besonders der Taufname, habe was geheimnisvoll Bestimmendes, und Alonzo Gieshuebler, so mein ich, schliesst eine ganz neue Welt vor einem auf, ja, fast moecht ich sagen duerfen, Alonzo ist ein romantischer Name, ein Preziosaname." Gieshuebler laechelte mit einem ganz ungemeinen Behagen und fand den Mut, seinen fuer seine Verhaeltnisse viel zu hohen Zylinder, den er bis dahin in der Hand gedreht hatte, beiseite zu stellen. "Ja, meine gnaedigste Frau, da treffen Sie's." "Oh, ich verstehe. Ich habe von den Konsuln gehoert, deren Kessin so viele haben soll, und in dem Hause des spanischen Konsuls hat Ihr Herr Vater mutmasslich die Tochter eines seemaennischen Kapitanos kennengelernt, wie ich annehme, irgendeine schoene Andalusierin. Andalusierinnen sind immer schoen." "Ganz wie Sie vermuten, meine Gnaedigste. Und meine Mutter war wirklich eine schoene Frau, so schlecht es mir persoenlich zusteht, die Beweisfuehrung zu uebernehmen. Aber als Ihr Herr Gemahl vor drei Jahren hierherkam, lebte sie noch und hatte noch ganz die Feueraugen. Er wird es mir bestaetigen. Ich persoenlich bin mehr ins Gieshueblersche geschlagen, Leute von wenig Exterieur, aber sonst leidlich im Stande. Wir sitzen hier schon in der vierten Generation, volle hundert Jahre, und wenn es einen Apothekeradel gaebe..." "So wuerden Sie ihn beanspruchen duerfen. Und ich meinerseits nehme ihn fuer bewiesen an und sogar fuer bewiesen ohne jede Einschraenkung. Uns aus den alten Familien wird das am leichtesten, weil wir, so wenigstens bin ich von meinem Vater und auch von meiner Mutter her erzogen, jede gute Gesinnung, sie komme, woher sie wolle, mit Freudigkeit gelten lassen. Ich bin eine geborene Briest und stamme von dem Briest ab, der am Tag vor der Fehrbelliner Schlacht den Ueberfall von Rathenow ausfuehrte, wovon Sie vielleicht einmal gehoert haben..." "O gewiss, meine Gnaedigste, das ist ja meine Spezialitaet." "Eine Briest also. Und mein Vater, da reichen keine hundert Male, dass er zu mir gesagt hat: Effi (so heisse ich naemlich), Effi hier sitzt es, bloss hier, und als Froben das Pferd tauschte, da war er von Adel, und als Luther sagte, 'hier stehe ich', da war er erst recht von Adel. Und ich denke, Herr Gieshuebler, Innstetten hatte ganz recht, als er mir versicherte, wir wurden gute Freundschaft halten." Gieshuebler haette nun am liebsten gleich eine Liebeserklaerung gemacht und gebeten, dass er als Cid oder irgend sonst ein Campeador fuer sie kaempfen und sterben koenne. Da dies alles aber nicht ging und sein Herz es nicht mehr aushalten konnte, so stand er auf, suchte nach seinem Hut, den er auch gluecklicherweise gleich fand, und zog sich, nach wiederholtem Handkuss, rasch zurueck, ohne weiter ein Wort gesagt zu haben. Neuntes Kapitel So war Effis erster Tag in Kessin gewesen. Innstetten gab ihr noch eine halbe Woche Zeit, sich einzurichten und die verschiedensten Briefe nach Hohen-Cremmen zu schreiben, an die Mama, an Hulda und die Zwillinge; dann aber hatten die Stadtbesuche begonnen, die zum Teil (es regnete gerade so, dass man sich diese Ungewoehnlichkeit schon gestatten konnte) in einer geschlossenen Kutsche gemacht wurden. Als man damit fertig war, kam der Landadel an die Reihe. Das dauerte laenger, da sich bei den meist grossen Entfernungen an jedem Tag nur eine Visite machen liess. Zuerst war man bei den Borckes in Rothenmoor, dann ging es nach Morgnitz, Dabergotz und Kroschentin, wo man bei den Ahlemanns, den Jatzkows und den Grasenabbs den pflichtschuldigen Besuch abstattete. Noch ein paar andere folgten, unter denen auch der alte Baron von Gueldenklee auf Papenhagen war. Der Eindruck, den Effi empfing, war ueberall derselbe: mittelmaessige Menschen von meist zweifelhafter Liebenswuerdigkeit, die, waehrend sie vorgaben, ueber Bismarck und die Kronprinzessin zu sprechen, eigentlich nur Effis Toilette musterten, die von einigen als zu praetentioes fuer eine so jugendliche Dame, von andern als zuwenig dezent fuer eine Dame von gesellschaftlicher Stellung befunden wurde. Man merke doch an allem die Berliner Schule: Sinn fuer Aeusserliches und eine merkwuerdige Verlegenheit und Unsicherheit bei Beruehrung grosser Fragen. In Rothenmoor bei den Borckes und dann auch bei den Familien in Morgnitz und Dabergotz war sie fuer "rationalistisch angekraenkelt", bei den Grasenabbs in Kroschentin aber rundweg fuer eine "Atheistin" erklaert worden. Allerdings hatte die alte Frau von Grasenabb, eine Sueddeutsche (geborene Stiefel von Stiefelstein), einen schwachen Versuch gemacht, Effi wenigstens fuer den Deismus zu retten; Sidonie von Grasenabb aber, eine dreiundvierzigjaehrige alte Jungfer, war barsch dazwischengefahren: "Ich sage dir, Mutter, einfach Atheistin, kein Zollbreit weniger, und dabei bleibt es", worauf die Alte, die sich vor ihrer eigenen Tochter fuerchtete, klueglich geschwiegen hatte. Die ganze Tournee hatte so ziemlich zwei Wochen gedauert, und es war am 2. Dezember, als man zu schon spaeter Stunde von dem letzten dieser Besuche nach Kessin zurueckkehrte. Dieser letzte Besuch hatte den Gueldenklees auf Papenhagen gegolten, bei welcher Gelegenheit Innstetten dem Schicksal nicht entgangen war, mit dem alten Gueldenklee politisieren zu muessen. "Ja, teuerster Landrat, wenn ich so den Wechsel der Zeiten bedenke! Heute vor einem Menschenalter oder ungefaehr so lange, ja, da war auch ein 2. Dezember, und der gute Louis und Napoleonsneffe - wenn er so was war und nicht eigentlich ganz woanders herstammte -, der kartaetschte damals auf die Pariser Kanaille. Na, das mag ihm verziehen sein, fuer so was war er der rechte Mann, und ich halte zu dem Satz: 'Jeder hat es gerade so gut und so schlecht, wie er's verdient.' Aber dass er nachher alle Schaetzung verlor und Anno siebzig so mir nichts, dir nichts auch mit uns anbinden wollte, sehen Sie, Baron, das war, ja wie sag ich, das war eine Insolenz. Es ist ihm aber auch heimgezahlt worden. Unser Alter da oben laesst sich nicht spotten, der steht zu uns." "Ja", sagte Innstetten, der klug genug war, auf solche Philistereien anscheinend ernsthaft einzugehen, "der Held und Eroberer von Saarbruecken wusste nicht, was er tat. Aber Sie duerfen nicht zu streng mit ihm persoenlich abrechnen. Wer ist am Ende Herr in seinem Hause? Niemand. Ich richte mich auch schon darauf ein, die Zuegel der Regierung in andere Haende zu legen, und Louis Napoleon, nun, der war vollends ein Stueck Wachs in den Haenden seiner katholischen Frau, oder sagen wir lieber, seiner jesuitischen Frau." "Wachs in den Haenden seiner Frau, die ihm dann eine Nase drehte. Natuerlich, Innstetten, das war er. Aber damit wollen Sie diese Puppe doch nicht etwa retten? Er ist und bleibt gerichtet. An und fuer sich ist es uebrigens noch gar nicht mal erwiesen", und sein Blick suchte bei diesen Worten etwas aengstlich nach dem Auge seiner Ehehaelfte, "ob nicht Frauenherrschaft eigentlich als ein Vorzug gelten kann; nur freilich, die Frau muss danach sein. Aber wer war diese Frau? Sie war ueberhaupt keine Frau, im guenstigsten Fall war sie eine Dame, das sagt alles; 'Dame' hat beinah immer einen Beigeschmack. Diese Eugenie - ueber deren Verhaeltnis zu dem juedischen Bankier ich hier gern hingehe, denn ich hasse Tugendhochmut - hatte was vom Cafe chantant, und wenn die Stadt, in der sie lebte, das Babel war, so war sie das Weib von Babel. Ich mag mich nicht deutlicher ausdruecken, denn ich weiss", und er verneigte sich gegen Effi, "was ich deutschen Frauen schuldig bin. Um Vergebung, meine Gnaedigste, dass ich diese Dinge vor Ihren Ohren ueberhaupt beruehrt habe." So war die Unterhaltung gegangen, nachdem man vorher von Wahl, Nobiling und Raps gesprochen hatte, und nun sassen Innstetten und Effi wieder daheim und plauderten noch eine halbe Stunde. Die beiden Maedchen im Hause waren schon zu Bett, denn es war nah an Mitternacht. Innstetten, in kurzem Hausrock und Saffianschuhen, ging auf und ab; Effi war noch in ihrer Gesellschaftstoilette; Faecher und Handschuhe lagen neben ihr. "Ja", sagte Innstetten, waehrend er sein Aufundabschreiten im Zimmer unterbrach, "diesen Tag muessten wir nun wohl eigentlich feiern, und ich weiss nur noch nicht, womit. Soll ich dir einen Siegesmarsch vorspielen oder den Haifisch draussen in Bewegung setzen oder dich im Triumph ueber den Flur tragen? Etwas muss doch geschehen, denn du musst wissen, das war nun heute die letzte Visite." "Gott sei Dank war sie's", sagte Effi. "Aber das Gefuehl, dass wir nun Ruhe haben, ist, denk ich, gerade Feier genug. Nur einen Kuss koenntest du mir geben. Aber daran denkst du nicht. Auf dem ganzen weiten Weg nicht geruehrt, frostig wie ein Schneemann. Und immer nur die Zigarre." "Lass, ich werde mich schon bessern und will vorlaeufig nur wissen, wie stehst du zu dieser ganzen Umgangs- und Verkehrsfrage? Fuehlst du dich zu dem einen oder andern hingezogen? Haben die Borckes die Grasenabbs geschlagen oder umgekehrt, oder haeltst du's mit dem alten Gueldenklee? Was er da ueber die Eugenie sagte, machte doch einen sehr edlen und reinen Eindruck." "Ei, sieh, Herr von Innstetten, auch medisant! Ich lerne Sie von einer ganz neuen Seite kennen." "Und wenn's unser Adel nicht tut", fuhr Innstetten fort, ohne sich st