The Project Gutenberg EBook of Das Kaethchen von Heilbronn, by Heinrich von Kleist Copyright laws are changing all over the world. Be sure to check the copyright laws for your country before downloading or redistributing this or any other Project Gutenberg eBook. This header should be the first thing seen when viewing this Project Gutenberg file. Please do not remove it. Do not change or edit the header without written permission. Please read the "legal small print," and other information about the eBook and Project Gutenberg at the bottom of this file. Included is important information about your specific rights and restrictions in how the file may be used. You can also find out about how to make a donation to Project Gutenberg, and how to get involved. **Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts** **eBooks Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971** *****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!***** Title: Das Kaethchen von Heilbronn Author: Heinrich von Kleist Release Date: October, 2004 [EBook #6646] [Yes, we are more than one year ahead of schedule] [This file was first posted on January 9, 2003] Edition: 10 Language: German Character set encoding: ASCII *** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, DAS KAETHCHEN VON HEILBRONN *** Thanks are given to Delphine Lettau for finding a huge collection of ancient German books in London. This Etext is in German. We are releasing two versions of this Etext, one in 7-bit format, known as Plain Vanilla ASCII, which can be sent via plain email-- and one in 8-bit format, which includes higher order characters-- which requires a binary transfer, or sent as email attachment and may require more specialized programs to display the accents. This is the 7-bit version. This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE. That project is reachable at the web site http://gutenberg2000.de. Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE" zur Verfügung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse http://gutenberg2000.de erreichbar. Das Kaethchen von Heilbronn (oder die Feuerprobe) Heinrich von Kleist Ein grosses historisches Ritterschauspiel Personen: Der Kaiser Gebhardt, Erzbischof von Worms Friedrich Wetter, Graf vom Strahl Graefin Helena, seine Mutter Eleonore, ihre Nichte Ritter Flammberg, des Grafen Vasall Gottschalk, sein Knecht Brigitte, Haushaelterin im graeflichen Schloss Kunigunde von Thurneck Rosalie, ihre Kammerzofe Sybille, deren Stiefmutter Theobald Friedeborn, Waffenschmied aus Heilbronn Kaethchen, seine Tochter Gottfried Friedeborn, ihr Braeutigam Maximilian, Burggraf von Freiburg Georg von Waldstaetten, sein Freund Ritter Schauermann und Ritter Wetzlaf, seine Vasallen Der Rheingraf vom Stein, Verlobter Kunigundens Friedrich von Herrnstadt und Eginhardt von der Wart, seine Freunde Graf Otto von der Fluehe, Wenzel von Nachtheim und Hans von Baerenklau, Raete des Kaisers und Richter des heimlichen Gerichts Jakob Pech, ein Gastwirt Drei Herren von Thurneck Kunigundens alte Tanten Ein Koehlerjunge Ein Nachtwaechter Mehrere Ritter Ein Herold, zwei Koehler, Bedienten, Boten, Haescher, Knechte und Volk Die Handlung spielt in Schwaben Erster Akt Szene: Eine unterirdische Hoehle, mit den Insignien des Vehmgerichts, von einer Lampe erleuchtet. Erster Auftritt Graf Otto von der Fluehe als Vorsitzer, Wenzel von Nachtheim, Hans von Baerenklau als Beisassen, mehrere Grafen, Ritter und Herren, saemtlich vermummt, Haescher mit Fackeln usw.--Theobald Friedeborn, Buerger aus Heilbronn, als Klaeger, Graf Wetter vom Strahl als Beklagter, stehen vor den Schranken. Graf Otto (steht auf). Wir, Richter des hohen, heimlichen Gerichts, die wir, die irdischen Schergen Gottes, Vorlaeufer der gefluegelten Heere, die er in seinen Wolken mustert, den Frevel aufsuchen, da, wo er, in der Hoehle der Brust, gleich einem Molche verkrochen, vom Arm weltlicher Gerechtigkeit nicht aufgefunden werden kann: wir rufen dich, Theobald Friedeborn, ehrsamer und vielbekannter Waffenschmied aus Heilbronn auf, deine Klage anzubringen gegen Friedrich, Graf Wetter vom Strahle; denn dort, auf den ersten Ruf der heiligen Vehme, von des Vehmherolds Hand dreimal, mit dem Griff des Gerichtsschwerts, an die Tore seiner Burg, deinem Gesuch gemaess, ist er erschienen, und fragt, was du willst? (Er setzt sich.) Theobald Friedeborn. Ihr hohen, heiligen und geheimnisvollen Herren! Haette er, auf den ich klage, sich bei mir ausruesten lassen--setzet in Silber, von Kopf bis zu Fuss, oder in schwarzen Stahl, Schienen, Schnallen und Ringe von Gold; und haette nachher, wenn ich gesprochen: Herr, bezahlt mich! geantwortet: Theobald! Was willst du? Ich bin dir nichts schuldig; oder waere er vor die Schranken meiner Obrigkeit getreten, und haette meine Ehre, mit der Zunge der Schlangen--oder waere er aus dem Dunkel mitternaechtlicher Waelder herausgebrochen und haette mein Leben, mit Schwert und Dolch, angegriffen: so wahr mir Gott helfe! ich glaube, ich haette nicht vor euch geklagt. Ich erlitt, in drei und funfzig Jahren, da ich lebe, so viel Unrecht, dass meiner Seele Gefuehl nun gegen seinen Stachel wie gepanzert ist; und waehrend ich Waffen schmiede, fuer andere, die die Muecken stechen, sag ich selbst zum Skorpion: fort mit dir! und lass ihn fahren. Friedrich, Graf Wetter vom Strahl, hat mir mein Kind verfuehrt, meine Katharine. Nehmt ihn, ihr irdischen Schergen Gottes, und ueberliefert ihn allen geharnischten Scharen, die an den Pforten der Hoelle stehen und ihre glutroten Spiesse schwenken: ich klage ihn schaendlicher Zauberei, aller Kuenste der schwarzen Nacht und der Verbruederung mit dem Satan an! Graf Otto. Meister Theobald von Heilbronn! Erwaege wohl, was du sagst. Du bringst vor, der Graf vom Strahl, uns vielfaeltig und von guter Hand bekannt, habe dir dein Kind verfuehrt. Du klagst ihn, hoff ich, der Zauberei nicht an, weil er deines Kindes Herz von dir abwendig gemacht? Weil er ein Maedchen, voll rascher Einbildungen, mit einer Frage, wer sie sei? oder wohl gar mit dem blossen Schein seiner roten Wangen, unter dem Helmsturz hervorgluehend, oder mit irgend einer andern Kunst des hellen Mittags ausgeuebt auf jedem Jahrmarkt, fuer sich gewonnen hat? Theobald. Es ist wahr, ihr Herren, ich sah ihn nicht zur Nachtzeit, an Mooren und schilfreichen Gestaden, oder wo sonst des Menschen Fuss selten erscheint, umherwandeln und mit den Irrlichtern Verkehr treiben. Ich fand ihn nicht auf den Spitzen der Gebirge, den Zauberstab in der Hand, das unsichtbare Reich der Luft abmessen, oder in unterirdischen Hoehlen, die kein Strahl erhellt, Beschwoerungsformeln aus dem Staub heraufmurmeln. Ich sah den Satan und die Scharen, deren Verbruederten ich ihn nannte, mit Hoernern, Schwaenzen und Klauen, wie sie zu Heilbronn, ueber dem Altar abgebildet sind, an seiner Seite nicht. Wenn ihr mich gleichwohl reden lassen wollt, so denke ich es durch eine schlichte Erzaehlung dessen, was sich zugetragen, dahin zu bringen, dass ihr aufbrecht, und ruft: unsrer sind dreizehn und der vierzehnte ist der Teufel! zu den Tueren rennt und den Wald, der diese Hoehle umgibt, auf dreihundert Schritte im Umkreis, mit euren Taftmaenteln und Federhueten besaeet. Graf Otto. Nun, du alter, wilder Klaeger! so rede! Theobald. Zuvoerderst muesst ihr wissen, ihr Herren, dass mein Kaethchen Ostern, die nun verflossen, funfzehn Jahre alt war; gesund an Leib und Seele, wie die ersten Menschen, die geboren worden sein moegen; ein Kind recht nach der Lust Gottes, das heraufging aus der Wuesten, am stillen Feierabend meines Lebens, wie ein gerader Rauch von Myrrhen und Wachholdern! Ein Wesen von zarterer, frommerer und lieberer Art muesst ihr euch nicht denken, und kaemt ihr, auf Fluegeln der Einbildung, zu den lieben, kleinen Engeln, die, mit hellen Augen, aus den Wolken, unter Gottes Haenden und Fuessen hervorgucken. Ging sie in ihrem buergerlichen Schmuck ueber die Strasse, den Strohhut auf, von gelbem Lack erglaenzend, das schwarzsamtene Leibchen, das ihre Brust umschloss, mit feinen Silberkettlein behaengt: so lief es fluesternd von allen Fenstern herab: das ist das Kaethchen von Heilbronn; das Kaethchen von Heilbronn, ihr Herren, als ob der Himmel von Schwaben sie erzeugt, und von seinem Kuss geschwaengert, die Stadt, die unter ihm liegt, sie geboren haette. Vettern und Basen, mit welchen die Verwandtschaft, seit drei Menschengeschlechtern, vergessen worden war, nannten sie, auf Kindtaufen und Hochzeiten, ihr liebes Muehmchen, ihr liebes Baeschen; der ganze Markt, auf dem wir wohnten, erschien an ihrem Namenstage, und bedraengte sich und wetteiferte sie zu beschenken; wer sie nur einmal, gesehen und einen Gruss im Voruebergehen von ihr empfangen hatte, schloss sie acht folgende Tage lang, als ob sie ihn gebessert haette, in sein Gebet ein. Eigentuemerin eines Landguts, das ihr der Grossvater, mit Ausschluss meiner, als einem Goldkinde, dem er sich liebreich bezeigen wollte, vermacht hatte, war sie schon unabhaengig von mir, eine der wohlhabendsten Buergerinnen der Stadt. Fuenf Soehne wackerer Buerger, bis in den Tod von ihrem Werte geruehrt, hatten nun schon um sie angehalten; die Ritter, die durch die Stadt zogen, weinten, dass sie kein Fraeulein war; ach, und waere sie eines gewesen, das Morgenland waere aufgebrochen, und haette Perlen und Edelgesteine, von Mohren getragen, zu ihren Fuessen gelegt. Aber sowohl ihre, als meine Seele, bewahrte der Himmel vor Stolz; und weil Gottfried Friedeborn, der junge Landmann, dessen Gueter das ihrige umgrenzen, sie zum Weibe begehrte, und sie auf meine Frage: Katharine, willt du ihn? antwortete: Vater! Dein Wille sei meiner; so sagte ich: der Herr segne euch! und weinte und jauchzte, und beschloss, Ostern, die kommen, sie nun zur Kirche zu bringen.--So war sie, ihr Herren, bevor sie mir dieser entfuehrte. Graf Otto. Nun? Und wodurch entfuehrte er sie dir? Durch welche Mittel hat er sie dir und dem Pfade, auf welchen du sie gefuehrt hattest, wieder entrissen? Theobald. Durch welche Mittel?--Ihr Herren, wenn ich das sagen koennte, so begriffen es diese fuenf Sinne, und so staend ich nicht vor euch und klagte auf alle, mir unbegreiflichen, Greuel der Hoelle. Was soll ich vorbringen, wenn ihr mich fragt, durch welche Mittel? Hat er sie am Brunnen getroffen, wenn sie Wasser schoepfte, und gesagt: Lieb Maedel, wer bist du? hat er sich an den Pfeiler gestellt, wenn sie aus der Mette kam, und gefragt: Lieb Maedel, wo wohnst du? hat er sich, bei naechtlicher Weile, an ihr Fenster geschlichen, und, indem er ihr einen Halsschmuck umgehaengt, gesagt: Lieb Maedel, wo ruhst du? Ihr hochheiligen Herren, damit war sie nicht zu gewinnen! Den Judaskuss erriet unser Heiland nicht rascher, als sie solche Kuenste. Nicht mit Augen, seit sie geboren ward, hat sie ihn gesehen; ihren Ruecken, und das Mal darauf, das sie von ihrer seligen Mutter erbte, kannte sie besser, als ihn. (Er weint.) Graf Otto (nach einer Pause). Und gleichwohl, wenn er sie verfuehrt hat, du wunderlicher Alter, so muss es wann und irgendwo geschehen sein? Theobald. Heiligen Abend vor Pfingsten, da er auf fuenf Minuten in meine Werkstatt kam, um sich, wie er sagte, eine Eisenschiene, die ihm zwischen Schulter und Brust losgegangen war, wieder zusammenheften zu lassen, Wenzel. Was! Hans. Am hellen Mittag? Wenzel. Da er auf fuenf Minuten in deine Werkstatt kam, um sich eine Brustschiene anheften zu lassen? (Pause.) Graf Otto. Fasse dich, Alter, und erzaehle den Hergang. Theobald (indem er sich die Augen trocknet). Es mochte ohngefaehr eilf Uhr morgens sein, als er, mit einem Tross Reisiger, vor mein Haus sprengte, rasselnd, der Erzgepanzerte, vom Pferd stieg, und in meine Werkstatt trat: das Haupt tief herab neigt' er, um mit den Reiherbueschen, die ihm vom Helm niederwankten, durch die Tuer zu kommen. Meister, schau her, spricht er: dem Pfalzgrafen, der eure Waelle niederreissen will, zieh ich entgegen; die Lust, ihn zu treffen, sprengt mir die Schienen; nimm Eisen und Draht, ohne dass ich mich zu entkleiden brauche, und heft sie mir wieder zusammen. Herr! sag ich: wenn Euch die Brust so die Ruestung zerschmeisst, so laesst der Pfalzgraf unsere Waelle ganz; noetig ihn auf einen Sessel, in des Zimmers Mitte nieder, und: Wein! ruf ich in die Tuere, und vom frischgeraeucherten Schinken, zum Imbiss! und setz einen Schemel, mit Werkzeugen versehn, vor ihn, um ihm die Schiene wieder herzustellen. Und waehrend draussen noch der Streithengst wiehert, und, mit den Pferden der Knechte, den Grund zerstampft, dass der Staub, als waer ein Cherub vom Himmel niedergefahren, emporquoll: oeffnet langsam, ein grosses, flaches Silbergeschirr auf dem Kopf tragend, auf welchem Flaschen, Glaeser und der Imbiss gestellt waren, das Maedchen die Tuere und tritt ein. Nun seht, wenn mir Gott der Herr aus Wolken erschiene, so wuerd ich mich ohngefaehr so fassen, wie sie. Geschirr und Becher und Imbiss, da sie den Ritter erblickt, laesst sie fallen; und leichenbleich, mit Haenden, wie zur Anbetung verschraenkt, den Boden mit Brust und Scheiteln kuessend, stuerzt sie vor ihm nieder, als ob sie ein Blitz nieder geschmettert haette! Und da ich sage: Herr meines Lebens! Was fehlt dem Kind? und sie aufhebe: schlingt sie, wie ein Taschenmesser zusammenfallend, den Arm um mich, das Antlitz flammend auf ihn gerichtet, als ob sie eine Erscheinung haette. Der Graf vom Strahl, indem er ihre Hand nimmt, fragt: wes ist das Kind? Gesellen und Maegde stroemen herbei und jammern: hilf Himmel! Was ist dem Juengferlein widerfahren; doch da sie sich, mit einigen schuechternen Blicken auf sein Antlitz, erholt, so denk ich, der Anfall ist wohl auch vorueber, und gehe, mit Pfriemen und Nadeln, an mein Geschaeft. Drauf sag ich: Wohlauf, Herr Ritter! Nun moegt Ihr den Pfalzgrafen treffen; die Schiene ist eingerenkt, das Herz wird sie Euch nicht mehr zersprengen. Der Graf steht auf; er schaut das Maedchen, das ihm bis an die Brusthoehle ragt, vom Wirbel zur Sohle, gedankenvoll an, und beugt sich, und kuesst ihr die Stirn und spricht: der Herr segne dich, und behuete dich, und schenke dir seinen Frieden, Amen! Und da wir an das Fenster treten: schmeisst sich das Maedchen, in dem Augenblick, da er den Streithengst besteigt, dreissig Fuss hoch, mit aufgehobenen Haenden, auf das Pflaster der Strasse nieder: gleich einer Verlorenen, die ihrer fuenf Sinne beraubt ist! Und bricht sich beide Lenden, ihr heiligen Herren, beide zarten Lendchen, dicht ueber des Knierunds elfenbeinernem Bau; und ich, alter, bejammernswuerdiger Narr, der mein versinkendes Leben auf sie stuetzen wollte, muss sie, auf meinen Schultern, wie zu Grabe tragen; indessen er dort, den Gott verdamme! zu Pferd, unter dem Volk, das herbeistroemt, herueberruft von hinten, was vorgefallen sei!--Hier liegt sie nun, auf dem Todbett, in der Glut des hitzigen Fiebers, sechs endlose Wochen, ohne sich zu regen. Keinen Laut bringt sie hervor; auch nicht der Wahnsinn, dieser Dietrich aller Herzen, eroeffnet das ihrige; kein Mensch vermag das Geheimnis, das in ihr waltet, ihr zu entlocken. Und prueft, da sie sich ein wenig erholt hat, den Schritt, und schnuert ihr Buendel, und tritt, beim Strahl der Morgensonne, in die Tuer: wohin? fragt sie die Magd; zum Grafen Wetter vom Strahl, antwortet sie, und verschwindet. Wenzel. Es ist nicht moeglich! Hans. Verschwindet? Wenzel. Und laesst alles hinter sich zurueck? Hans. Eigentum, Heimat und den Braeutigam, dem sie verlobt war? Wenzel. Und begehrt auch deines Segens nicht einmal? Theobald. Verschwindet, ihr Herren--Verlaesst mich und alles, woran Pflicht, Gewohnheit und Natur sie knuepften--Kuesst mir die Augen, die schlummernden, und verschwindet; ich wollte, sie haette sie mir zugedrueckt. Wenzel. Beim Himmel! Ein seltsamer Vorfall.-Theobald. Seit jenem Tage folgt sie ihm nun, gleich einer Metze, in blinder Ergebung, von Ort zu Ort; gefuehrt am Strahl seines Angesichts, fuenfdraehtig, wie einen Tau, um ihre Seele gelegt; auf nackten, jedem Kiesel ausgesetzten, Fuessen, das kurze Roeckchen, das ihre Huefte deckt, im Winde flatternd, nichts als den Strohhut auf, sie gegen der Sonne Stich, oder den Grimm empoerter Witterung zu schuetzen. Wohin sein Fuss, im Lauf seiner Abenteuer, sich wendet: durch den Dampf der Kluefte, durch die Wueste, die der Mittag versengt, durch die Nacht verwachsener Waelder: wie ein Hund, der von seines Herren Schweiss gekostet, schreitet sie hinter ihm her; und die gewohnt war, auf weichen Kissen zu ruhen, und das Knoetlein spuerte, in des Bettuchs Faden, das ihre Hand unachtsam darin eingesponnen hatte: die liegt jetzt, einer Magd gleich, in seinen Staellen, und sinkt, wenn die Nacht koemmt, ermuedet auf die Streu nieder, die seinen stolzen Rossen untergeworfen wird. Graf Otto. Graf Wetter vom Strahl! Ist dies gegruendet? Der Graf vom Strahl. Wahr ists, ihr Herren; sie geht auf der Spur, die hinter mir zurueckbleibt. Wenn ich mich umsehe, erblick ich zwei Dinge: meinen Schatten und sie. Graf Otto. Und wie erklaert Ihr Euch diesen sonderbaren Umstand? Der Graf vom Strahl. Ihr unbekannten Herren der Vehme! Wenn der Teufel sein Spiel mit ihr treibt, so braucht er mich dabei, wie der Affe die Pfoten der Katze; ein Schelm will ich sein, holt er den Nusskern fuer mich. Wollt ihr meinem Wort schlechthin, wies die heilige Schrift vorschreibt, glauben: ja, ja, nein, nein; gut! Wo nicht, so will ich nach Worms, und den Kaiser bitten, dass er den Theobald ordiniere. Hier werf ich ihm vorlaeufig meinen Handschuh hin! Graf Otto. Ihr sollt hier Rede stehn, auf unsre Frage! Womit rechtfertigt Ihr, dass sie unter Eurem Dache schlaeft? Sie, die in das Haus hingehoert, wo sie geboren und erzogen ward? Der Graf vom Strahl. Ich war, es moegen ohngefaehr zwoelf Wochen sein, auf einer Reise, die mich nach Strassburg fuehrte, ermuedet, in der Mittagshitze, an einer Felswand, eingeschlafen--nicht im Traum gedacht ich des Maedchens mehr, das in Heilbronn aus dem Fenster gestuerzt war--da liegt sie mir, wie ich erwache, gleich einer Rose, entschlummert zu Fuessen; als ob sie vom Himmel herabgeschneit waere! Und da ich zu den Knechten, die im Grase herumliegen, sage: Ei, was der Teufel! Das ist ja das Kaethchen von Heilbronn! schlaegt sie die Augen auf, und bindet sich das Huetlein zusammen, das ihr schlafend vom Haupt herabgerutscht war. Katharine! ruf ich: Maedel! Wo koemmst auch her? Auf funfzehn Meilen von Heilbronn, fernab am Gestade des Rheins? "Hab ein Geschaeft, gestrenger Herr", antwortet sie, "das mich gen Strassburg fuehrt; schauert mich im Wald so einsam zu wandern, und schlug mich zu Euch." Drauf lass ich ihr zur Erfrischung reichen, was mir Gottschalk, der Knecht, mit sich fuehrt, und erkundige mich: wie der Sturz abgelaufen; auch, was der Vater macht? Und was sie in Strassburg zu erschaffen denke? Doch da sie nicht freiherzig mit der Sprache herausrueckt: was auch gehts dich an, denk ich; ding ihr einen Boten, der sie durch den Wald fuehre, schwing mich auf den Rappen, und reite ab. Abends, in der Herberg, an der Strassburger Strass, will ich mich eben zur Ruh niederlegen: da kommt Gottschalk, der Knecht, und spricht: das Maedchen sei unten und begehre in meinen Staellen zu uebernachten. Bei den Pferden? frag ich. Ich sage: wenns ihr weich genug ist, mich wirds nicht druecken. Und fuege noch, indem ich mich im Bett wende, hinzu: magst ihr wohl eine Streu unterlegen, Gottschalk, und sorgen, dass ihr nichts widerfahre. Drauf, wandert sie, kommenden Tages frueher aufgebrochen, als ich, wieder auf der Heerstrasse, und lagert sich wieder in meinen Staellen, und lagert sich Nacht fuer Nacht, so wie mir der Streifzug fortschreitet, darin, als ob sie zu meinem Tross gehoerte. Nun litt ich das, ihr Herren, um jenes grauen, unwirschen Alten willen, der mich jetzt darum straft; denn der Gottschalk, in seiner Wunderlichkeit, hatte das Maedchen lieb gewonnen, und pflegte ihrer, in der Tat, als seiner Tochter; fuehrt dich die Reise einst, dacht ich, durch Heilbronn, so wird der Alte dirs danken. Doch da sie sich auch in Strassburg, in der erzbischoeflichen Burg, wieder bei mir einfindet, und ich gleichwohl spuere, dass sie nichts im Orte erschafft. denn mir hatte sie sich ganz und gar geweiht, und wusch und flickte, als ob es sonst am Rhein nicht zu haben waere: so trete ich eines Tages, da ich sie auf der Stallschwelle finde, zu ihr und frage: was fuer ein Geschaeft sie in Strassburg betreibe? Ei, spricht sie, gestrenger Herr, und eine Roete, dass ich denke, ihre Schuerze wird angehen, flammt ueber ihr Antlitz empor: "was fragt Ihr doch? Ihr wissts ja!"--Holla! denk ich, steht es so mit dir? und sende einen Boten flugs nach Heilbronn, dem Vater zu, mit folgender Meldung: das Kaethchen sei bei mir; ich huetete seiner; in kurzem koenne er es, vom Schlosse zu Strahl, wohin ich es zurueckbringen wuerde, abholen. Graf Otto. Nun? Und hierauf? Wenzel. Der Alte holte die Jungfrau nicht ab? Der Graf vom Strahl. Drauf, da er am zwanzigsten Tage, um sie abzuholen, bei mir erscheint, und ich ihn in meiner Vaeter Saal fuehre: erschau ich mit Befremden, dass er, beim Eintritt in die Tuer, die Hand in den Weihkessel steckt, und mich mit dem Wasser, das darin befindlich ist, besprengt. Ich arglos, wie ich von Natur bin, noetge ihn auf einen Stuhl nieder; erzaehle ihm, mit Offenherzigkeit, alles, was vorgefallen; eroeffne ihm auch, in meiner Teilnahme, die Mittel, wie er die Sache, seinen Wuenschen gemaess, wieder ins Geleis ruecken koenne; und troeste ihn und fuehr ihn, um ihm das Maedchen zu uebergeben, in den Stall hinunter, wo sie steht, und mir eine Waffe von Rost saeubert. So wie er in die Tuer tritt, und die Arme mit traenenvollen Augen oeffnet, sie zu empfangen, stuerzt mir das Maedchen leichenbleich zu Fuessen, alle Heiligen anrufend, dass ich sie vor ihm schuetze. Gleich einer Salzsaeule steht er, bei diesem Anblick, da; und ehe ich mich noch gefasst habe, spricht er schon, das entsetzensvolle Antlitz auf mich gerichtet: das ist der leibhaftige Satan! und schmeisst mir den Hut, den er in der Hand haelt, ins Gesicht, als wollt er ein Greuelbild verschwinden machen, und laeuft, als setzte die ganze Hoelle ihm nach, nach Heilbronn zurueck. Graf Otto. Du wunderlicher Alter! Was hast du fuer Einbildungen? Wenzel. Was war in dem Verfahren des Ritters, das Tadel verdient? Kann er dafuer, wenn sich das Herz deines toerichten Maedchens ihm zuwendet? Hans. Was ist in diesem ganzen Vorfall, das ihn anklagt? Theobald. Was ihn anklagt? O du--Mensch, entsetzlicher, als Worte fassen, und der Gedanke ermisst: stehst du nicht rein da, als haetten die Cherubim sich entkleidet, und ihren Glanz dir, funkelnd wie Mailicht, um die Seele gelegt!--Musst ich vor dem Menschen nicht erbeben, der die Natur, in dem reinsten Herzen, das je geschaffen ward, dergestalt umgekehrt hat, dass sie vor dem Vater, zu ihr gekommen, seiner Liebe Brust ihren Lippen zu reichen, kreideweissen Antlitzes entweicht, wie vor dem Wolfe, der sie zerreissen will? Nun denn, so walte, Hekate, Fuerstin des Zaubers, moorduftige Koenigin der Nacht! Sprosst, ihr daemonischen Kraefte, die die menschliche Satzung sonst auszujaeten bemueht war, blueht auf, unter dem Atem der Hexen, und schosst zu Waeldern empor, dass die Wipfel sich zerschlagen, und die Pflanze des Himmels, die am Boden keimt, verwese; rinnt, ihr Saefte der Hoelle, troepfelnd aus Staemmen und Stielen gezogen, fallt, wie ein Katarakt, ins Land, dass der erstickende Pestqualm zu den Wolken empordampft; fliesst und ergiesst euch durch alle Roehren des Lebens, und schwemmt, in allgemeiner Suendflut, Unschuld und Tugend hinweg! Graf Otto. Hat er ihr Gift eingefloesst? Wenzel. Meinst du, dass er ihr verzauberte Traenke gereicht? Hans. Opiate, die des Menschen Herz, der sie geniesst, mit geheimnisvoller Gewalt umstricken? Theobald. Gift? Opiate? Ihr hohen Herren, was fragt ihr mich? Ich habe die Flaschen nicht gepfropft, von welchen er ihr, an der Wand des Felsens, zur Erfrischung reichte; ich stand nicht dabei, als sie in der Herberge, Nacht fuer Nacht, in seinen Staellen schlief. Wie soll ich wissen, ob er ihr Gift eingefloesst? habt neun Monate Geduld; alsdann sollt ihr sehen, wies ihrem jungen Leibe bekommen ist. Der Graf vom Strahl. Der alte Esel, der! Dem entgegn' ich nichts, als meinen Namen! Ruft sie herein; und wenn sie ein Wort sagt, auch nur von fern duftend, wie diese Gedanken, so nennt mich den Grafen von der stinkenden Pfuetze, oder wie es sonst eurem gerechten Unwillen beliebt. Zweiter Auftritt Kaethchen mit verbundenen Augen, gefuehrt von zwei Haeschern.--Die Haescher nehmen ihr das Tuch ab, und gehen wieder fort.--Die Vorigen. Kaethchen (sieht sich in der Versammlung um, und beugt, da sie den Grafen erblickt, ein Knie vor ihm). Mein hoher Herr! Der Graf vom Strahl. Was willst du? Kaethchen. Vor meinen Richter hat man mich gerufen. Der Graf vom Strahl. Dein Richter bin nicht ich. Steh auf, dort sitzt er; Hier steh ich, ein Verklagter, so wie du. Kaethchen. Mein hoher Herr! Du spottest. Der Graf vom Strahl. Nein! Du hoerst! Was neigst du mir dein Angesicht in Staub? Ein Zaubrer bin ich, und gestand es schon Und lass, aus jedem Band, das ich dir wirkte, Jetzt deine junge Seele los. (Er erhebt sie.) Graf Otto. Hier Jungfrau, wenns beliebt; hier ist die Schranke! Hans. Hier sitzen deine Richter! Kaethchen (sieht sich um). Ihr versucht mich. Wenzel. Hier tritt heran! Hier sollst du Rede stehn. Kaethchen (stellt sich neben den Grafen vom Strahl, und sieht die Richter an). Graf Otto. Nun? Wenzel. Wirds? Hans. Wirst du gefaellig dich bemuehn? Graf Otto. Wirst dem Gebot dich deiner Richter fuegen? Kaethchen (fuer sich). Sie rufen mich Wenzel. Nun, ja! Hans. Was sagte sie? Graf Otto (befremdet). Ihr Herrn, was fehlt dem sonderbaren Wesen? (Sie sehen sich an.) Kaethchen (fuer sich). Vermummt von Kopf zu Fuessen sitzen sie, Wie das Gericht, am juengsten Tage, da! Der Graf vom Strahl (sie aufweckend). Du wunderliche Maid! Was traeumst, was treibst du? Du stehst hier vor dem heimlichen Gericht! Auf jene boese Kunst bin ich verklagt, Mit der ich mir, du weisst, dein Herz gewann, Geh hin, und melde jetzo, was geschehn! Kaethchen (sieht ihn an und legt ihre Haende auf die Brust). - Du quaelst mich grausam, dass ich weinen moechte! Belehre deine Magd, mein edler Herr, Wie soll ich mich in diesem Falle fassen? Graf Otto (ungeduldig). Belehren--was! Hans. Bei Gott! Ist es erhoert? Der Graf vom Strahl (mit noch milder Strenge). Du sollst sogleich vor jene Schranke treten, Und Rede stehn, auf was man fragen wird! Kaethchen. Nein! sprich! Du bist verklagt? Der Graf vom Strahl. Du hoerst. Kaethchen. Und jene Maenner dort sind deine Richter? Der Graf vom Strahl. So ists. Kaethchen (zur Schranke tretend). Ihr wuerdgen Herrn, wer ihr auch sein moegt dort, Steht gleich vom Richtstuhl auf und raeumt ihn diesem! Denn, beim lebendgen Gott, ich sag es euch, Rein, wie sein Harnisch ist sein Herz, und eures Verglichen ihm, und meins, wie eure Maentel. Wenn hier gesuendigt ward, ist er der Richter, Und ihr sollt zitternd vor der Schranke stehn! Graf Otto. Du, Naerrin, juengst der Nabelschnur entlaufen, Woher kommt die prophetsche Kunde dir? Welch ein Apostel hat dir das vertraut? Theobald. Seht die Unselige! Kaethchen (da sie den Vater erblickt, auf ihn zugehend). Mein teurer Vater! (Sie will seine Hand ergreifen.) Theobald (streng). Dort ist der Ort jetzt wo du hingehoerst! Kaethchen. Weis mich nicht von dir. (Sie lasst seine Hand und kuesst sie.) Theobald.--Kennst du das Haar noch wieder, Das deine Flucht mir juengsthin grau gefaerbt? Kaethchen. Kein Tag verging, dass ich nicht einmal dachte, Wie seine Locken fallen. Sei geduldig, Und gib dich nicht unmaessgem Grame preis: Wenn Freude Locken wieder dunkeln kann So sollst du wieder wie ein Juengling bluehn. Graf Otto. Ihr Haescher dort! ergreift sie! bringt sie her! Theobald. Geh hin, wo man dich ruft. Kaethchen (zu den Richtern, da sich ihr die Haescher naehern). Was wollt ihr mir? Wenzel. Saht ihr ein Kind, so stoerrig je, als dies? Graf Otto (da sie vor der Schranke steht). Du sollst hier Antwort geben, kurz und buendig, Auf unsre Fragen! Denn wir, von unserem Gewissen eingesetzt, sind deine Richter Und an der Strafe, wenn du freveltest Wirds deine uebermuetge Seele fuehlen. Kaethchen. Sprecht ihr verehrten Herrn; was wollt ihr wissen? Graf Otto. Warum, als Friedrich Graf vom Strahl erschien, In deines Vaters Haus, bist du zu Fuessen Wie man vor Gott tut, nieder ihm gestuerzt? Warum warfst du, als er von dannen ritt' Dich aus dem Fenster sinnlos auf die Strasse, Und folgtest ihm, da kaum dein Bein vernarbt, Von Ort zu Ort, durch Nacht und Graus und Nebel, Wohin sein Ross den Fusstritt wendete? Kaethchen (hochrot zum Grafen). Das soll ich hier vor diesen Maennern sagen? Der Graf vom Strahl. Die Naerrin, die verwuenschte, sinnverwirrte, Was fragt sie mich? Ists nicht an jener Maenner Gebot, die Sache darzutun, genug? Kaethchen (in Staub niederfallend). Nimm mir, o Herr, das Leben, wenn ich fehlte! Was in des Busens stillem Reich geschehn, Und Gott nicht straft, das braucht kein Mensch zu wissen; Den nenn ich grausam, der mich darum fragt! Wenn du es wissen willst, wohlan, so rede, Denn dir liegt meine Seele offen da! Hans. Ward, seit die Welt steht, so etwas erlebt? Wenzel. Im Staub liegt sie vor ihm-Hans. Gestuerzt auf Knieen-Wenzel. Wie wir vor dem Erloeser hingestreckt! Der Graf vom Strahl (zu den Richtern). Ihr wuerdgen Herrn, ihr rechnet, hoff ich, mir Nicht dieses Maedchens Torheit an! Dass sie Ein Wahn betoert, ist klar, wenn euer Sinn Auch gleich, wie meiner, noch nicht einsieht, welcher? Erlaubt ihr mir, so frag ich sie darum: Ihr moegt, aus meinen Wendungen entnehmen, Ob meine Seele schuldig ist, ob nicht? Graf Otto (ihn forschend ansehend). Es sei! Versuchts einmal, Herr Graf, und fragt sie. Der Graf vom Strahl (wendet sich zu Kaethchen, die noch immer auf Knieen liegt). Willt den geheimsten der Gedanken mir, Kathrina, der dir irgend, fass mich wohl, Im Winkel wo des Herzens schlummert, geben? Kaethchen. Das ganze Herz, o Herr, dir, willt du es, So bist du sicher des, was darin wohnt. Der Graf vom Strahl. Was ists, mit einem Wort, mir rund gesagt, Das dich aus deines Vaters Hause trieb? Was fesselt dich an meine Schritte an? Kaethchen. Mein hoher Herr! Da fragst du mich zuviel. Und laeg ich so, wie ich vor dir jetzt liege, Vor meinem eigenen Bewusstsein da: Auf einem goldnen Richtstuhl lass es thronen, Und alle Schrecken des Gewissens ihm, In Flammenruestungen, zur Seite stehn; So spraeche jeglicher Gedanke noch, Auf das, was du gefragt: ich weiss es nicht. Der Graf vom Strahl. Du luegst mir, Jungfrau? Willst mein Wissen taeuschen? Mir, der doch das Gefuehl dir ganz umstrickt; Mir, dessen Blick du da liegst, wie die Rose, Die ihren jungen Kelch dem Licht erschloss?--Was hab ich dir einmal, du weisst, getan? Was ist an Leib und Seel dir widerfahren? Kaethchen. Wo? Der Graf vom Strahl. Da oder dort. Kaethchen. Wann? Der Graf vom Strahl. Juengst oder frueherhin. Kaethchen. Hilf mir, mein hoher Herr. Der Graf vom Strahl. Ja, ich dir helfen, Du wunderliches Ding.--(Er haelt inne.) Besinnst du dich auf nichts? Kaethchen (sieht vor sich nieder). Der Graf vom Strahl. Was fuer ein Ort, wo du mich je gesehen, Ist dir im Geist, vor andern, gegenwaertig. Kaethchen. Der Rhein ist mir vor allen gegenwaertig. Der Graf vom Strahl. Ganz recht. Da eben wars. Das wollt ich wissen. Der Felsen am Gestad des Rheins, wo wir Zusammen ruhten, in der Mittagshitze. - Und du gedenkst nicht, was dir da geschehn? Kaethchen. Nein, mein verehrter Herr. Der Graf vom Strahl. Nicht? Nicht? - Was reicht ich deiner Lippe zur Erfrischung? Kaethchen. Du sandtest, weil ich deines Weins verschmaehte, Den Gottschalk, deinen treuen Knecht, und liessest Ihn einen Trunk mir, aus der Grotte schoepfen. Der Graf vom Strahl. Ich aber nahm dich bei der Hand, und reichte Sonst deiner Lippe--nicht? Was stockst du da? Kaethchen. Wann? Der Graf vom Strahl. Eben damals. Kaethchen. Nein, mein hoher Herr. Der Graf vom Strahl. Jedoch nachher. Kaethchen. In Strassburg? Der Graf vom Strahl. Oder frueher. Kaethchen. Du hast mich niemals bei der Hand genommen. Der Graf vom Strahl. Kathrina! Kaethchen (erroetend). Ach vergib mir; in Heilbronn! Der Graf vom Strahl. Wann? Kaethchen. Als der Vater dir am Harnisch wirkte. Der Graf vom Strahl. Und sonst nicht? Kaethchen. Nein, mein hoher Herr. Der Graf vom Strahl. Kathrina! Kaethchen. Mich bei der Hand? Der Graf vom Strahl. Ja, oder sonst, was weiss ich. Kaethchen (besinnt sich). In Strassburg einst, erinnr' ich mich, beim Kinn. Der Graf vom Strahl. Wann? Kaethchen. Als ich auf der Schwelle sass und weinte, Und dir auf was du sprachst, nicht Rede stand. Der Graf vom Strahl. Warum nicht standst du Red? Kaethchen. Ich schaemte mich. Der Graf vom Strahl. Du schaemtest dich? Ganz recht. Auf meinen Antrag. Du wardst glutrot bis an den Hals hinab. Welch einen Antrag macht ich dir? Kaethchen. Der Vater, Der wuerd, sprachst du, daheim im Schwabenland, Um mich sich haermen, und befragtest mich, Ob ich mit Pferden, die du senden wolltest, Nicht nach Heilbronn zu ihm zurueck begehrte? Der Graf vom Strahl (kalt). Davon ist nicht die Rede!--Nun, wo auch, Wo hab ich sonst im Leben dich getroffen? - Ich hab im Stall zuweilen dich besucht. Kaethchen. Nein, mein verehrter Herr. Der Graf vom Strahl. Nicht? Katharina! Kaethchen. Du hast mich niemals in dem Stall besucht, Und noch viel wen'ger ruehrtest du mich an. Der Graf vom Strahl. Was? Niemals? Kaethchen. Nein, mein hoher Herr. Der Graf vom Strahl. Kathrina! Kaethchen (mit Affekt). Niemals, mein hochverehrter Herr, niemals. Der Graf vom Strahl. Nun seht, bei meiner Treu, die Luegnerin! Kaethchen. Ich will nicht selig sein, ich will verderben, Wenn du mich je--! Der Graf vom Strahl (mit dem Schein der Heftigkeit.) Da schwoert sie und verflucht Sich, die leichtfertge Dirne, noch und meint, Gott werd es ihrem jungen Blut vergeben! - Was ist geschehn, fuenf Tag von hier, am Abend, In meinem Stall, als es schon dunkelte, Und ich den Gottschalk hiess, sich zu entfernen? Kaethchen. O! Jesus! Ich bedacht es nicht!--Im Stall zu Strahl, da hast du mich besucht. Der Graf vom Strahl. Nun denn! Da ists heraus? Da hat sie nun Der Seelen Seligkeit sich weggeschworen! Im Stall zu Strahl, da hab ich sie besucht! (Kaethchen weint.) (Pause.) Graf Otto. Ihr quaelt das Kind zu sehr. Theobald (naehert sich ihr geruehrt). Komm, meine Tochter. (Er will sie an seine Brust heben.) Kaethchen. Lass, lass! Wenzel. Das nenn ich menschlich nicht verfahren. Graf Otto. Zuletzt ist nichts im Stall zu Strahl geschehen. Der Graf vom Strahl (sieht sie an). Bei Gott, ihr Herrn, wenn ihr des Glaubens seid: Ich bins! Befehlt, so gehn wir aus einander. Graf Otto. Ihr sollt das Kind befragen, ist die Meinung, Nicht mit barbarischem Triumph verhoehnen. Seis, dass Natur Euch solche Macht verliehen: Geuebt wie Ihrs tut, ist sie hassenswuerdger, Als selbst die Hoellenkunst, der man Euch zeiht. Der Graf vom Strahl (erhebt das Kaethchen vom Boden). Ihr Herrn, was ich getan, das tat ich nur, Sie mit Triumph hier vor euch zu erheben! Statt meiner--(Auf den Boden hinzeigend.) steht mein Handschuh vor Gericht! Glaubt ihr von Schuld sie rein, wie sie es ist, Wohl, so erlaubt denn, dass sie sich entferne. Wenzel. Es scheint Ihr habt viel Gruende, das zu wuenschen? Der Graf vom Strahl. Ich? Gruend? Entscheidende! Ihr wollt sie, hoff ich, Nicht mit barbarschem Uebermut verhoehnen? Wenzel (mit Bedeutung). Wir wuenschen doch, erlaubt Ihrs, noch zu hoeren, Was in dem Stall damals zu Strahl geschehn. Der Graf vom Strahl. Das wollt ihr Herrn noch--? Wenzel. Allerdings! Der Graf vom Strahl (glutrot, indem er sich zum Kaethchen wendet). Knie nieder! (Kaethchen laesst sich auf Knieen vor ihm nieder.) Graf Otto. Ihr seid sehr dreist, Herr Friedrich Graf vom Strahl! Der Graf vom Strahl (zum Kaethchen). So! Recht! Mir gibst du Antwort und sonst keinem. Hans. Erlaubt! Wir werden sie-Der Graf vom Strahl (ebenso). Du ruehrst dich nicht! Hier soll dich keiner richten, als nur der, Dem deine Seele frei sich unterwirft. Wenzel. Herr Graf, man wird hier Mittel-Der Graf vom Strahl (mit unterdrueckter Heftigkeit) Ich sage, nein! Der Teufel soll mich holen, zwingt ihr sie!--Was wollt ihr wissen, ihr verehrten Herrn? Hans (auffahrend). Beim Himmel! Wenzel. Solch ein Trotz soll--! Hans. He! Die Haescher! Graf Otto (halblaut). Lasst, Freunde, lasst! Vergesst nicht, wer er ist. Erster Richter. Er hat nicht eben, drueckt Verschuldung ihn, Mit List sie ueberhoert. Zweiter Richter. Das sag ich auch! Man kann ihm das Geschaeft wohl ueberlassen. Graf Otto (zum Grafen vom Strahl). Befragt sie, was geschehn, fuenf Tag von hier, Im Stall zu Strahl, als es schon dunkelte, Und ihr den Gottschalk hiesst, sich zu entfernen? Der Graf vom Strahl (zum Kaethchen). Was ist geschehn, fuenf Tag von hier, am Abend, Im Stall zu Strahl, als es schon dunkelte, Und ich den Gottschalk hiess, sich zu entfernen? Kaethchen. Mein hoher Herr! Vergib mir, wenn ich fehlte; Jetzt leg ich alles, Punkt fuer Punkt, dir dar. Der Graf vom Strahl. Gut.--Da beruehrt ich dich und zwar--nicht? Freilich! Das schon gestandst du? Kaethchen. Ja, mein verehrter Herr. Der Graf vom Strahl. Nun? Kaethchen. Mein verehrter Herr? Der Graf vom Strahl. Was will ich wissen? Kaethchen. Was du willst wissen? Der Graf vom Strahl. Heraus damit! Was stockst du? Ich nahm, und herzte dich, und kuesste dich, Und schlug den Arm dir--? Kaethchen. Nein, mein hoher Herr. Der Graf vom Strahl. Was sonst? Kaethchen. Du stiessest mich mit Fuessen von dir. Der Graf vom Strahl. Mit Fuessen? Nein! Das tu ich keinem Hund. Warum? Weshalb? Was hattst du mir getan? Kaethchen. Weil ich dem Vater, der voll Huld und Guete, Gekommen war, mit Pferden, mich zu holen, Den Ruecken, voller Schrecken, wendete, Und mit der Bitte, mich vor ihm zu schuetzen, Im Staub vor dir bewusstlos nieder sank. Der Graf vom Strahl. Da haett ich dich mit Fuessen weggestossen? Kaethchen. Ja, mein verehrter Herr. Der Graf vom Strahl. Ei, Possen, was! Das war nur Schelmerei, des Vaters wegen. Du bliebst doch nach wie vor im Schloss zu Strahl. Kaethchen. Nein, mein verehrter Herr. Der Graf vom Strahl. Nicht? Wo auch sonst? Kaethchen. Als du die Peitsche, flammenden Gesichts, Herab vom Riegel nahmst, ging ich hinaus, Vor das bemooste Tor, und lagerte Mich draussen, am zerfallnen Mauernring Wo in suessduftenden Holunderbueschen Ein Zeisig zwitschernd sich das Nest gebaut. Der Graf vom Strahl. Hier aber jagt ich dich mit Hunden weg? Kaethchen. Nein, mein verehrter Herr. Der Graf vom Strahl. Und als du wichst, Verfolgt vom Hundgeklaff, von meiner Grenze, Rief ich den Nachbar auf, dich zu verfolgen? Kaethchen. Nein, mein verehrter Herr! Was sprichst du da? Der Graf vom Strahl. Nicht? Nicht?--Das werden diese Herren tadeln. Kaethchen. Du kuemmerst dich um diese Herren nicht. Du sandtest Gottschalk mir am dritten Tage, Dass er mir sag: dein liebes Kaethchen waer ich; Vernuenftig aber moecht ich sein, und gehn. Der Graf vom Strahl. Und was entgegnetest du dem? Kaethchen. Ich sagte, Den Zeisig littest du, den zwitschernden, In den suessduftenden Holunderbueschen: Moechtst denn das Kaethchen von Heilbronn auch leiden. Der Graf vom Strahl (erhebt das Kaethchen). Nun dann, so nehmt sie hin, ihr Herrn der Vehme, Und macht mit ihr und mir jetzt, was ihr wollt. (Pause.) Graf Otto (unwillig). Der aberwitzge Traeumer, unbekannt Mit dem gemeinen Zauber der Natur!--Wenn euer Urteil reif, wie meins, ihr Herrn, Geh ich zum Schluss, und lass die Stimmen sammeln. Wenzel. Zum Schluss! Hans. Die Stimmen! Alle. Sammelt sie! Ein Richter. Der Narr, der! Der Fall ist klar. Es ist hier nichts zu richten. Graf Otto. Vehmherold, nimm den Helm und sammle sie. (Vehmherold sammelt die Kugeln und bringt den Helm, worin sie liegen, dem Grafen.) Graf Otto (steht auf). Herr Friedrich Wetter Graf vom Strahl, du bist Einstimmig von der Vehme losgesprochen, Und dir dort, Theobald, dir geb ich auf, Nicht fuerder mit der Klage zu erscheinen, Bis du kannst bessere Beweise bringen. (Zu den Richtern.) Steht auf, ihr Herrn! die Sitzung ist geschlossen. (Die Richter erheben sich.) Theobald. Ihr hochverehrten Herrn, ihr sprecht ihn schuldlos? Gott sagt ihr, hat die Welt aus nichts gemacht; Und er, der sie durch nichts und wieder nichts Vernichtet, in das erste Chaos stuerzt, Der sollte nicht der leidge Satan sein? Graf Otto. Schweig, alter, grauer Tor! Wir sind nicht da, Dir die verrueckten Sinnen einzurenken. Vehmhaescher, an dein Amt! Blend ihm die Augen, Und fuehr ihn wieder auf das Feld hinaus. Theobald. Was! Auf das Feld? Mich hilflos greisen Alten? Und dies mein einzig liebes Kind,--? Graf Otto. Herr Graf, Das ueberlaesst die Vehme Euch! Ihr zeigtet Von der Gewalt, die Ihr hier uebt, so manche Besondre Probe uns; lasst uns noch eine, Die groesseste, bevor wir scheiden, sehn, Und gebt sie ihrem alten Vater wieder. Der Graf vom Strahl. Ihr Herren, was ich tun kann, soll geschehn. --Jungfrau! Kaethchen. Mein hoher Herr! Der Graf vom Strahl. Du liebst mich? Kaethchen. Herzlich! Der Graf vom Strahl. So tu mir was zu Lieb. Kaethchen. Was willst du? Sprich. Der Graf vom Strahl. Verfolg mich nicht. Geh nach Heilbronn zurueck. --Willst du das tun? Kaethchen. Ich hab es dir versprochen. (Sie faellt in Ohnmacht.) Theobald (empfaengt sie). Mein Kind! Mein Einziges! Hilf, Gott im Himmel! Der Graf vom Strahl (wendet sich). Dein Tuch her, Haescher! (Er verbindet sich die Augen.) Theobald. O verflucht sei, Mordschaunder Basiliskengeist! Musst ich Auch diese Probe deiner Kunst noch sehn? Graf Otto (vom Richtstuhl herabsteigend). Was ist geschehn, ihr Herrn? Wenzel. Sie sank zu Boden. (Sie betrachten sie.) Der Graf vom Strahl (zu den Haeschern). Fuehrt mich hinweg! Theobald. Der Hoelle zu, du Satan! Lass ihre schlangenhaargen Pfoertner dich An ihrem Eingang, Zauberer, ergreifen, Und dich zehntausend Klafter tiefer noch, Als ihre wildsten Flammen lodern, schleudern! Graf Otto. Schweig Alter, schweig! Theobald (weint). Mein Kind! Mein Kaethchen! Kaethchen. Ach! Wenzel (freudig). Sie schlaegt die Augen auf! Hans. Sie wird sich fassen. Graf Otto. Bringt in des Pfoertners Wohnung sie! Hinweg! (Alle ab.) Zweiter Akt Szene: Wald vor der Hoehle des heimlichen Gerichts. Erster Auftritt Der Graf vom Strahl (tritt auf, mit verbundenen Augen, gefuehrt von zwei Haeschern, die ihm die Augen aufbinden, und alsdann in die Hoehle zurueckkehren--Er wirft sich auf den Boden nieder und weint). Nun will ich hier, wie ein Schaefer liegen und klagen. Die Sonne scheint noch roetlich durch die Staemme, auf welchen die Wipfel des Waldes ruhn; und wenn ich, nach einer kurzen Viertelstunde, sobald sie hinter den Huegel gesunken ist, aufsitze, und mich im Blachfelde, wo der Weg eben ist, ein wenig daran halte, so komme ich noch nach Schloss Wetterstrahl, ehe die Lichter darin erloschen sind. Ich will mir einbilden, meine Pferde dort unten, wo die Quelle rieselt, waeren Schafe und Ziegen, die an dem Felsen kletterten, und an Graesern und bittern Gestraeuchen rissen; ein leichtes weisses linnenes Zeug bedeckte mich, mit roten Baendern zusammengebunden, und um mich her flatterte eine Schar muntrer Winde, um die Seufzer, die meiner, von Gram sehr gepressten, Brust entquillen, gradaus zu der guten Goetter Ohr empor zu tragen. Wirklich und wahrhaftig! Ich will meine Muttersprache durchblaettern, und das ganze, reiche Kapitel, das diese Ueberschrift fuehrt: Empfindung, dergestalt pluendern, dass kein Reimschmied mehr, auf eine neue Art, soll sagen koennen: ich bin betruebt. Alles, was die Wehmut Ruehrendes hat, will ich aufbieten, Lust und in den Tod gehende Betruebnis sollen sich abwechseln, und meine Stimme, wie einen schoenen Taenzer, durch alle Beugungen hindurch fuehren, die die Seele bezaubern; und wenn die Baeume nicht in der Tat bewegt werden, und ihren milden Tau, als ob es geregnet haette, herabtraeufeln lassen, so sind sie von Holz, und alles, was uns die Dichter von ihnen sagen, ein blosses liebliches Maerchen. O du--wie nenn ich dich? Kaethchen! Warum kann ich dich nicht mein nennen? Kaethchen, Maedchen, Kaethchen! Warum kann ich dich nicht mein nennen? Warum kann ich dich nicht aufheben, und in das duftende Himmelbett tragen, das mir die Mutter, daheim im Prunkgemach, aufgerichtet hat? Kaethchen, Kaethchen, Kaethchen! Du, deren junge Seele, als sie heut nackt vor mir stand, von wolluestiger Schoenheit gaenzlich triefte, wie die mit Oelen gesalbte Braut eines Perserkoenigs, wenn sie, auf alle Teppiche niederregnend, in sein Gemach gefuehrt wird! Kaethchen, Maedchen, Kaethchen! Warum kann ich es nicht? Du Schoenere, als ich singen kann, ich will eine eigene Kunst erfinden, und dich weinen. Alle Phiolen der Empfindung, himmlische und irdische, will ich eroeffnen, und eine solche Mischung von Traenen, einen Erguss so eigentuemlicher Art, so heilig zugleich und ueppig, zusammenschuetten, dass jeder Mensch gleich, an dessen Hals ich sie weine, sagen soll: sie fliessen dem Kaethchen von Heilbronn!--Ihr grauen, baertigen Alten, was wollt ihr? Warum verlasst ihr eure goldnen Rahmen, ihr Bilder meiner geharnischten Vaeter, die meinen Ruestsaal bevoelkern, und tretet, in unruhiger Versammlung, hier um mich herum, eure ehrwuerdigen Locken schuettelnd? Nein, nein, nein! Zum Weibe, wenn ich sie gleich liebe, begehr ich sie nicht; eurem stolzen Reigen will ich mich anschliessen: das war beschlossne Sache, noch ehe ihr kamt. Dich aber, Winfried, der ihn fuehrt, du Erster meines Namens, Goettlicher mit der Scheitel des Zeus, dich frag ich, ob die Mutter meines Geschlechts war, wie diese: von jeder frommen Tugend strahlender, makelloser an Leib und Seele, mit jedem Liebreiz geschmueckter, als sie? O Winfried! Grauer Alter! Ich kuesse dir die Hand, und danke dir, dass ich bin; doch haettest du sie an die staehlerne Brust gedrueckt, du haettest ein Geschlecht von Koenigen erzeugt, und Wetter vom Strahl hiesse jedes Gebot auf Erden! Ich weiss, dass ich mich fassen und diese Wunde vernarben werde: denn welche Wunde vernarbte nicht der Mensch? Doch wenn ich jemals ein Weib finde, Kaethchen, dir gleich: so will ich die Laender durchreisen, und die Sprachen der Welt lernen, und Gott preisen in jeder Zunge, die geredet wird.--Gottschalk! Zweiter Auftritt Gottschalk. Der Graf vom Strahl. Gottschalk (draussen). Heda! Herr Graf vom Strahl! Der Graf vom Strahl. Was gibts? Gottschalk. Was zum Henker! Ein Bote ist angekommen von Eurer Mutter. Der Graf vom Strahl. Ein Bote? Gottschalk. Gestreckten Laufs, keuchend, mit verhaengtem Zuegel; mein Seel, wenn Euer Schloss ein eiserner Bogen und er ein Pfeil gewesen waere, er haette nicht rascher herangeschossen werden koennen. Der Graf vom Strahl. Was hat er mir zu sagen? Gottschalk. He! Ritter Franz! Dritter Auftritt Ritter Flammberg tritt auf. Die Vorigen. Der Graf vom Strahl. Flammberg!--Was fuehrt dich so eilig zu mir her? Flammberg. Gnaedigster Herr! Eurer Mutter, der Graefin, Gebot; sie befahl mir den besten Renner zu nehmen, und Euch entgegen zu reiten! Der Graf vom Strahl. Nun? Und was bringst du mir? Flammberg. Krieg, bei meinem Eid, Krieg! Ein Aufgebot zu neuer Fehde, warm, wie sie es eben von des Herolds Lippen empfangen hat. Der Graf vom Strahl (betreten). Wessen?--Doch nicht des Burggrafen, mit dem ich eben den Frieden abschloss? (Er setzt sich den Helm auf.) Flammberg. Des Rheingrafen, des Junkers vom Stein, der unten am weinumbluehten Neckar seinen Sitz hat. Der Graf vom Strahl. Des Rheingrafen!--Was hab ich mit dem Rheingrafen zu schaffen, Flammberg? Flammberg. Mein Seel! Was hattet Ihr mit dem Burggrafen zu schaffen? Und was wollte so mancher andere von Euch, ehe Ihr mit dem Burggrafen zu schaffen kriegtet? Wenn Ihr den kleinen griechischen Feuerfunken nicht austretet, der diese Kriege veranlasst, so sollt Ihr noch das ganze Schwabengebirge wider Euch auflodern sehen, und die Alpen und den Hundsrueck obenein. Der Graf vom Strahl. Es ist nicht moeglich! Fraeulein Kunigunde-Flammberg. Der Rheingraf fordert, im Namen Fraeulein Kunigundens von Thurneck, den Wiederkauf Eurer Herrschaft Stauffen; jener drei Staedtlein und siebzehn Doerfer und Vorwerker, Eurem Vorfahren Otto, von Peter, dem ihrigen, unter der besagten Klausel, kaeuflich abgetreten; grade so, wie dies der Burggraf von Freiburg, und, in frueheren Zeiten schon ihre Vettern, in ihrem Namen getan haben. Der Graf vom Strahl (steht auf). Die rasende Megaere! Ist das nicht der dritte Reichsritter, den sie mir, einem Hund gleich, auf den Hals hetzt, um mir diese Landschaft abzujagen! Ich glaube, das ganze Reich frisst ihr aus der Hand. Kleopatra fand einen, und als der sich den Kopf zerschellt hatte, schauten die anderen; doch ihr dient alles, was eine Ribbe weniger hat, als sie, und fuer jeden einzelnen, den ich ihr zerzaust zuruecksende, stehen zehn andere wider mich auf.--Was fuehrt' er fuer Gruende an? Flammberg. Wer? Der Herold? Der Graf vom Strahl. Was fuehrt' er fuer Gruende an? Flammberg. Ei, gestrenger Herr, da haett er ja rot werden muessen. Der Graf vom Strahl. Er sprach von Peter von Thurneck--nicht? Und von der Landschaft ungueltigem Verkauf? Flammberg. Allerdings. Und von den schwaebischen Gesetzen; mischte Pflicht und Gewissen, bei jedem dritten Wort, in die Rede, und rief Gott zum Zeugen an, dass nichts als die reinsten Absichten seinen Herrn, den Rheingrafen, vermoechten, des Fraeuleins Sache zu ergreifen. Der Graf vom Strahl. Aber die roten Wangen der Dame behielt er fuer sich? Flammberg. Davon hat er kein Wort gesagt. Der Graf vom Strahl. Dass sie die Pocken kriegte! Ich wollte, ich koennte den Nachttau in Eimern auffassen, und ueber ihren weissen Hals ausgiessen! Ihr kleines verwuenschtes Gesicht ist der letzte Grund aller dieser Kriege wider mich; und so lange ich den Maerzschnee nicht vergiften kann, mit welchem sie sich waescht, hab ich auch vor den Rittern des Landes keine Ruhe. Aber Geduld nur!--Wo haelt sie sich jetzt auf? Flammberg. Auf der Burg zum Stein, wo ihr schon seit drei Tagen Prunkgelage gefeiert werden, dass die Feste des Himmels erkracht, und Sonne, Mond und Sterne nicht mehr angesehen werden. Der Burggraf, den sie verabschiedet hat, soll Rache kochen, und wenn Ihr einen Boten an ihn absendet, so zweifl' ich nicht, er zieht mit Euch gegen den Rheingrafen zu Felde. Der Graf vom Strahl. Wohlan! Fuehrt mir die Pferde vor, ich will reiten.--Ich habe dieser jungen Aufwieglerin versprochen, wenn sie die Waffen ihres kleinen schelmischen Angesichts nicht ruhen liesse wider mich, so wuerd ich ihr einen Possen zu spielen wissen, dass sie es ewig in einer Scheide tragen sollte; und so wahr ich diese Rechte aufhebe, ich halte Wort!--Folgt mir, meine Freunde! (Alle ab.) Szene: Koehlerhuette im Gebirg. Nacht, Donner und Blitz. Vierter Auftritt Burggraf von Freiburg und Georg von Waldstaetten treten auf. Freiburg (in die Szene rufend). Hebt sie vom Pferd herunter!--(Blitz und Donnerschlag.)--Ei, so schlag ein wo du willst; nur nicht auf die Scheitel, belegt mit Kreide, meiner lieben Braut, der Kunigunde von Thurneck! Eine Stimme (ausserhalb). He! Wo seid Ihr? Freiburg. Hier! Georg. Habt Ihr jemals eine solche Nacht erlebt? Freiburg. Das giesst vom Himmel herab, Wipfel und Bergspitzen ersaeufend, als ob eine zweite Suendflut heranbraeche.--Hebt sie vom Pferd herunter! Eine Stimme (ausserhalb). Sie ruehrt sich nicht. Eine andere. Sie liegt, wie tot, zu des Pferdes Fuessen da. Freiburg. Ei, Possen! Das tut sie bloss, um ihre falschen Zaehne nicht zu verlieren. Sagt ihr, ich waere der Burggraf von Freiburg und die echten, die sie im Mund haette, haette ich gezaehlt.--So! bringt sie her. (Ritter Schauermann erscheint, das Fraeulein von Thurneck auf der Schulter tragend.) Georg. Dort ist eine Koehlerhuette. Fuenfter Auftritt Ritter Schauermann mit dem Fraeulein, Ritter Wetzlaf und die Reisigen des Burggrafen. Zwei Koehler. Die Vorigen. Freiburg (an die Koehlerhuette klopfend). Heda! Der erste Koehler (drinnen). Wer klopfet? Freiburg. Frag nicht' du Schlingel, und mach auf. Der zweite Koehler (ebenso). Holla! Nicht eher bis ich den Schluessel umgekehrt habe. Wird doch der Kaiser nicht vor der Tuer sein? Freiburg. Halunke! Wenn nicht der, doch einer, der hier regiert, und den Szepter gleich vom Ast brechen wird, ums dir zu zeigen. Der erste Koehler (auftretend, eine Laterne in der Hand). Wer seid ihr? Was wollt ihr? Freiburg. Ein Rittersmann bin ich; und diese Dame, die hier todkrank herangetragen wird, das ist-Schauermann (von hinten). Das Licht weg! Wetzlaf. Schmeisst ihm die Laterne aus der Hand! Freiburg (indem er ihm die Laterne wegnimmt). Spitzbube! Du willst hier leuchten? Der erste Koehler. Ihr Herren, ich will hoffen, der groesseste unter euch bin ich! Warum nehmt ihr mir die Laterne weg? Der zweite Koehler. Wer seid ihr? Und was wollt ihr? Freiburg. Rittersleute, du Flegel, hab ich dir schon gesagt! Georg. Wir sind reisende Ritter, ihr guten Leute, die das Unwetter ueberrascht hat. Freiburg (unterbricht ihn). Kriegsmaenner, die von Jerusalem kommen, und in ihre Heimat ziehen; und jene Dame dort, die herangetragen wird, von Kopf zu Fuss in einem Mantel eingewickelt, das ist-(Ein Gewitterschlag.) Der erste Koehler. Ei, so plaerr du, dass die Wolken reissen!--Von Jerusalem, sagt ihr? Der zweite Koehler. Man kann vor dem breitmaeuligen Donner kein Wort verstehen. Freiburg. Von Jerusalem, ja. Der zweite Koehler. Und das Weibsen, das herangetragen wird--? Georg (auf den Burggrafen zeigend). Das ist des Herren kranke Schwester, ihr ehrlichen Leute, und begehrt-Freiburg (unterbricht ihn). Das ist jenes Schwester, du Schuft, und meine Gemahlin; todkrank, wie du siehst, von Schlossen und Hagel halb erschlagen, so dass sie kein Wort vorbringen kann: die begehrt eines Platzes in deiner Huette, bis das Ungewitter vorueber und der Tag angebrochen ist. Der erste Koehler. Die begehrt einen Platz in meiner Huette? Georg. Ja, ihr guten Koehler; bis das Gewitter vorueber ist, und wir unsre Reise fortsetzen koennen. Der zweite Koehler. Mein Seel, da habt ihr Worte gesagt, die waren den Lungenodem nicht wert, womit ihr sie ausgestossen. Der erste Koehler. Isaak! Freiburg. Du willst das tun? Der zweite Koehler. Des Kaisers Hunden, ihr Herrn, wenn sie vor meiner Tuer darum heulten.--Isaak! Schlingel! hoerst nicht? Junge (in der Huette). Hei sag ich. Was gibts? Der zweite Koehler. Das Stroh schuettle auf, Schlingel, und die Decken drueberhin; ein krank Weibsen wird kommen und Platz nehmen, in der Huetten! Hoerst du? Freiburg. Wer spricht drin? Der erste Koehler. Ei, ein Flachskopf von zehn Jahren, der uns an die Hand geht. Freiburg. Gut.--Tritt heran, Schauermann! hier ist ein Knebel losgegangen. Schauermann. Wo? Freiburg. Gleichviel!--In den Winkel mit ihr hin, dort!--Wenn der Tag anbricht, werd ich dich rufen. (Schauermann traegt das Fraeulein in die Huette.) Sechster Auftritt Die Vorigen ohne Schauermann und das Fraeulein. Freiburg. Nun, Georg, alle Saiten des Jubels schlag ich an: wir haben sie; wir haben diese Kunigunde von Thurneck! So wahr ich nach meinem Vater getauft bin, nicht um den ganzen Himmel, um den meine Jugend gebetet hat, geb ich die Lust weg, die mir beschert ist, wenn der morgende Tag anbricht!--Warum kamst du nicht frueher von Waldstaetten herab? Georg. Weil du mich nicht frueher rufen liessest. Freiburg. O, Georg! Du haettest sie sehen sollen, wie sie daher geritten kam, einer Fabel gleich, von den Rittern des Landes umringt, gleich einer Sonne, unter ihren Planeten! Wars nicht, als ob sie zu den Kieseln sagte, die unter ihr Funken spruehten: ihr muesst mir schmelzen, wenn ihr mich seht? Thalestris, die Koenigin der Amazonen, als sie herabzog vom Kaukasus, Alexander den Grossen zu bitten, dass er sie kuesse: sie war nicht reizender und goettlicher, als sie. Georg. Wo fingst du sie? Freiburg. Fuenf Stunden, Georg, fuenf Stunden von der Steinburg, wo ihr der Rheingraf, durch drei Tage, schallende Jubelfeste gefeiert hatte. Die Ritter, die sie begleiteten, hatten sie kaum verlassen, da werf ich ihren Vetter Isidor, der bei ihr geblieben war, in den Sand, und auf den Rappen mit ihr, und auf und davon. Georg. Aber, Max! Max! Was hast du--? Freiburg. Ich will dir sagen, Freund-Georg. Was bereitest du dir, mit allen diesen ungeheuren Anstalten, vor? Freiburg. Lieber! Guter! Wunderlicher! Honig von Hybla, fuer diese vom Durst der Rache zu Holz vertrocknete Brust. Warum soll dies wesenlose Bild laenger, einer olympischen Goettin gleich, auf dem Fussgestell prangen, die Hallen der christlichen Kirchen von uns und unsersgleichen entvoelkernd? Lieber angefasst, und auf den Schutt hinaus, das Oberste zu unterst, damit mit Augen erschaut wird, dass kein Gott in ihm wohnt. Georg. Aber in aller Welt, sag mir, was ists, das dich mit so rasendem Hass gegen sie erfuellt? Freiburg. O Georg! Der Mensch wirft alles, was er sein nennt, in eine Pfuetze, aber kein Gefuehl. Georg, ich liebte sie, und sie war dessen nicht wert. Ich liebte sie und ward verschmaeht, Georg; und sie war meiner Liebe nicht wert. Ich will dir was sagen--Aber es macht mich blass, wenn ich daran denke. Georg! Georg! Wenn die Teufel um eine Erfindung verlegen sind: so muessen sie einen Hahn fragen der sich vergebens um eine Henne gedreht hat, und hinterher sieht, dass sie, vom Aussatz zerfressen, zu seinem Spasse nicht taugt. Georg. Du wirst keine unritterliche Rache an ihr ausueben? Freiburg. Nein; Gott behuet mich! Keinem Knecht mut ich zu, sie an ihr zu vollziehn.--Ich bringe sie nach der Steinburg zum Rheingrafen zurueck, wo ich nichts tun will, als ihr das Halstuch abnehmen: das soll meine ganze Rache sein! Georg. Was! Das Halstuch abnehmen? Freiburg. Ja Georg; und das Volk zusammen rufen. Georg. Nun, und wenn das geschehn ist, da willst du--? Freiburg. Ei, da will ich ueber sie philosophieren. Da will ich euch einen metaphysischen Satz ueber sie geben, wie Platon, und meinen Satz nachher erlaeutern, wie der lustige Diogenes getan. Der Mensch ist--Aber still: (Er horcht.) Georg. Nun! der Mensch ist?-Freiburg. Der Mensch ist, nach Platon, ein zweibeinigtes ungefiedertes Tier; du weisst, wie Diogenes dies bewiesen; einen Hahn, glaub ich, rupft' er, und warf ihn unter das Volk.--Und diese Kunigunde, Freund, diese Kunigunde von Thurneck, die ist nach mir--Aber still! So wahr ich ein Mann bin: dort steigt jemand vom Pferd! Siebenter Auftritt Der Graf vom Strahl und Ritter Flammberg treten auf. Nachher Gottschalk.--Die Vorigen. Der Graf vom Strahl (an die Huette klopfend). Heda! Ihr wackern Koehlersleute! Flammberg. Das ist eine Nacht, die Woelfe in den Klueften um ein Unterkommen anzusprechen. Der Graf vom Strahl. Ists erlaubt, einzutreten? Freiburg (ihm in den Weg). Erlaubt, ihr Herrn! Wer ihr auch sein moegt dort-Georg. Ihr koennt hier nicht einkehren. Der Graf vom Strahl. Nicht? Warum nicht? Freiburg. Weil kein Raum drin ist, weder fuer euch noch fuer uns. Meine Frau liegt darin todkrank, den einzigen Winkel der leer ist mit ihrer Bedienung erfuellend: ihr werdet sie nicht daraus vertreiben wollen. Der Graf vom Strahl. Nein, bei meinem Eid! Viel mehr wuensche ich, dass sie sich bald darin erholen moege.--Gottschalk! Flammberg. So muessen wir beim Gastwirt zum blauen Himmel uebernachten. Der Graf vom Strahl. Gottschalk sag ich! Gottschalk (draussen). Hier! Der Graf vom Strahl. Schaff die Decken her! Wir wollen uns hier ein Lager bereiten, unter den Zweigen. (Gottschalk und der Koehlerjunge treten auf.) Gottschalk (indem er ihnen die Decken bringt). Das weiss der Teufel, was das hier fuer eine Wirtschaft ist. Der Junge sagt, drinnen waere ein geharnischter Mann, der ein Fraeulein bewachte: das laege geknebelt und mit verstopftem Munde da, wie ein Kalb, das man zur Schlachtbank bringen will. Der Graf vom Strahl. Was sagst du? Ein Fraeulein? Geknebelt und mit verstopftem Munde?--Wer hat dir das gesagt? Flammberg. Jung! Woher weisst du das? Koehlerjunge (erschrocken). St!--Um aller Heiligen willen! Ihr Herren, was macht ihr? Der Graf vom Strahl. Komm her. Koehlerjunge. Ich sage: St! Flammberg. Jung! Wer hat dir das gesagt? So sprich. Koehlerjunge (heimlich nachdem er sich umgesehen). Habs geschaut, ihr Herren. Lag auf dem Stroh, als sie sie hineintrugen, und sprachen, sie sei krank. Kehrt ihr die Lampe zu und erschaut, dass sie gesund war, und Wangen hatt als wie unsre Lore. Und wimmert' und druckt' mir die Haend und blinzelte, und sprach so vernehmlich, wie ein kluger Hund: mach mich los, lieb Buebel, mach mich los! dass ichs mit Augen hoert und mit den Fingern verstand. Der Graf vom Strahl. Jung, du flachskoepfiger; so tus! Flammberg. Was saeumst du? Was machst du? Der Graf vom Strahl. Bind sie los und schick sie her! Koehlerjunge (schuechtern). St! sag ich.--Ich wollt, dass ihr zu Fischen wuerdet!--Da erheben sich ihrer drei schon und kommen her, und sehen, was es gibt? (Er blaest seine Laterne aus.) Der Graf vom Strahl. Nichts, du wackrer Junge, nichts. Flammberg. Sie haben nichts davon gehoert. Der Graf vom Strahl. Sie wechseln bloss um des Regens willen ihre Plaetze. Koehlerjunge (sieht sich um). Wollt ihr mich schuetzen? Der Graf vom Strahl. Ja, so wahr ich ein Ritter bin; das will ich. Flammberg. Darauf kannst du dich verlassen. Koehlerjunge. Wohlan! Ich wills dem Vater sagen.--Schaut was ich tue, und ob ich in die Huette gehe, oder nicht? (Er spricht mit den Alten, die hinten am Feuer stehen, und verliert sich nachher in die Huette.) Flammberg. Sind das solche Kauze? Beelzebubs-Ritter, deren Ordensmantel die Nacht ist? Eheleute, auf der Landstrasse mit Stricken und Banden an einander getraut? Der Graf vom Strahl. Krank, sagten sie! Flammberg. Todkrank, und dankten fuer alle Huelfe! Gottschalk. Nun wart! Wir wollen sie scheiden. (Pause.) Schauermann (in der Huette). He! holla! Die Bestie! Der Graf vom Strahl. Auf, Flammberg; erhebe dich! (Sie stehen auf.) Freiburg. Was gibts? (Die Partei des Burggrafen erhebt sich.) Schauermann. Ich bin angebunden,! Ich bin angebunden! (Das Fraeulein erscheint.) Freiburg. Ihr Goetter! Was erblick ich? Achter Auftritt Fraeulein Kunigunde von Thurneck im Reisekleide, mit entfesselten Haaren.--Die Vorigen. Kunigunde (wirft sich vor dem Grafen vom Strahl nieder). Mein Retter! Wer Ihr immer seid! Nehmt einer Vielfach geschmaehten und geschaendeten Jungfrau Euch an! Wenn Euer ritterlicher Eid Den Schutz der Unschuld Euch empfiehlt: hier liegt sie In Staub gestreckt, die jetzt ihn von Euch fordert! Freiburg. Reisst sie hinweg, ihr Maenner! Georg (ihn zurueckhaltend). Max! hoer mich an. Freiburg. Reisst sie hinweg, sag ich; lasst sie nicht reden! Der Graf vom Strahl. Halt dort ihr Herrn! Was wollt ihr! Freiburg. Was wir wollen? Mein Weib will ich, zum Henker!--Auf! ergreift sie! Kunigunde. Dein Weib? Du Luegnerherz! Der Graf vom Strahl (streng). Beruehr sie nicht! Wenn du von dieser Dame was verlangst, So sagst dus mir! Denn mir gehoert sie jetzt, Weil sie sich meinem Schutze anvertraut. (Er erhebt sie.) Freiburg. Wer bist du, Uebermuetiger, dass du Dich zwischen zwei Vermaehlte draengst? Wer gibt Das Recht dir, mir die Gattin zu verweigern? Kunigunde. Die Gattin? Boesewicht! Das bin ich nicht! Der Graf vom Strahl. Und wer bist du, Nichtswuerdiger, dass du Sie deine Gattin sagst, verfluchter Bube, Dass du sie dein nennst, geiler Maedchenraeuber, Die Jungfrau, dir vom Teufel in der Hoelle, Mit Knebeln und mit Banden angetraut? Freiburg. Wie? Was? Wer? Georg. Max, ich bitte dich. Der Graf vom Strahl. Wer bist du? Freiburg. Ihr Herrn, ihr irrt euch sehr-Der Graf vom Strahl. Wer bist du, frag ich? Freiburg. Ihr Herren, wenn ihr glaubt, dass ich-Der Graf vom Strahl. Schafft Licht her! Freiburg. Dies Weib hier, das ich mitgebracht, das ist-Der Graf vom Strahl. Ich sage Licht herbeigeschafft! (Gottschalk und die Koehler kommen mit Fackeln und Feuerhaken.) Freiburg. Ich bin-Georg (heimlich). Ein Rasender bist du! Fort! Gleich hinweg! Willst du auf ewig nicht dein Wappen schaenden. Der Graf vom Strahl. So, meine wackern Koehler; leuchtet mir! (Freiburg schliesst sein Visier.) Der Graf vom Strahl. Wer bist du jetzt, frag ich? Oeffn' das Visier. Freiburg. Ihr Herrn, ich bin-Der Graf vom Strahl. Oeffn' das Visier. Freiburg. Ihr hoert. Der Graf vom Strahl. Meinst du, leichtfertger Bube, ungestraft Die Antwort mir zu weigern, wie ich dir? (Er reisst ihm den Helm vom Haupt, der Burggraf taumelt.) Schauermann. Schmeisst den Verwegenen doch gleich zu Boden! Wetzlaf. Auf! Zieht! Freiburg. Du Rasender, welch eine Tat! (Er erhebt sich, zieht und haut nach dem Grafen; der weicht aus.) Der Graf vom Strahl. Du wehrst dich mir, du Afterbraeutigam? (Er haut ihn nieder.) So fahr zur Hoelle hin, woher du kamst, Und feire deine Flitterwochen drin! Wetzlaf. Entsetzen! Schaut! Er stuerzt, er wankt, er faellt! Flammberg (dringt vor). Auf jetzt, ihr Freunde! Schauermann. Fort! Entflieht! Flammberg. Schlagt drein! Jagt das Gesindel voellig in die Flucht! (Die Burggraeflichen entweichen; niemand bleibt als Georg, der ueber den Burggrafen beschaeftigt ist.) Der Graf vom Strahl (zum Burggrafen). Freiburg! Was seh ich? Ihr allmaechtgen Goetter! Du bists? Kunigunde (unterdrueckt). Der undankbare Hoellenfuchs! Der Graf vom Strahl. Was galt dir diese Jungfrau, du Unsel'ger? Was wolltest du mit ihr? Georg.--Er kann nicht reden. Blut fuellt, vom Scheitel quellend, ihm den Mund. Kunigunde. Lasst ihn ersticken drin! Der Graf vom Strahl. Ein Traum erscheint mirs! Ein Mensch wie der, so wacker sonst, und gut. - Kommt ihm zu Huelf, ihr Leute! Flammberg. Auf! Greift an! Und tragt ihn dort in jener Huette Raum. Kunigunde. Ins Grab! Die Schaufeln her! Er sei gewesen! Der Graf vom Strahl. Beruhigt Euch!--Wie er darnieder liegt, Wird er auch unbeerdigt Euch nicht schaden. Kunigunde. Ich bitt um Wasser! Der Graf vom Strahl. Fuehlt Ihr Euch nicht wohl? Kunigunde. Nichts, nichts--Es ist--Wer hilft?--Ist hier kein Sitz? - Weh mir! (Sie wankt.) Der Graf vom Strahl. Ihr Himmlischen! He! Gottschalk! hilf! Gottschalk. Die Fackeln her! Kunigunde. Lasst, lasst! Der Graf vom Strahl (hat sie auf einen Sitz gefuehrt). Es geht vorueber? Kunigunde. Das Licht kehrt meinen trueben Augen wieder.-Der Graf vom Strahl. Was wars, das so urploetzlich Euch ergriff? Kunigunde. Ach, mein grossmuetger Retter und Befreier, Wie nenn ich das? Welch ein entsetzensvoller, Unmenschlicher Frevel war mir zugedacht? Denk ich, was ohne Euch, vielleicht schon jetzt, Mir widerfuhr, hebt sich mein Haar empor, Und meiner Glieder jegliches erstarrt. Der Graf vom Strahl. Wer seid Ihr? Sprecht! Was ist Euch widerfahren? Kunigunde. O Seligkeit, Euch dies jetzt zu entdecken! Die Tat, die Euer Arm vollbracht, ist keiner Unwuerdigen geschehen; Kunigunde, Freifrau von Thurneck, bin ich, dass Ihrs wisst; Das suesse Leben, das Ihr mir erhieltet, Wird, ausser mir, in Thurneck, dankbar noch Ein ganz Geschlecht Euch von Verwandten lohnen. Der Graf vom Strahl. Ihr seid?--Es ist nicht moeglich? Kunigunde Von Thurneck?-Kunigunde. Ja, so sagt ich! Was erstaunt Ihr? Der Graf vom Strahl (steht auf). Nun denn, bei meinem Eid, es tut mir leid, So kamt Ihr aus dem Regen in die Traufe: Denn ich bin Friedrich Wetter Graf vom Strahl! Kunigunde. Was! Euer Name?--Der Name meines Retters?-Der Graf vom Strahl. Ist Friedrich Strahl, Ihr hoerts. Es tut mir leid, Dass ich Euch keinen bessern nennen kann. Kunigunde (steht auf). Ihr Himmlischen! Wie prueft ihr dieses Herz? Gottschalk (heimlich). Die Thurneck? hoert ich recht? Flammberg (erstaunt). Bei Gott! Sie ists! (Pause.) Kunigunde. Es sei. Es soll mir das Gefuehl, das hier In diesem Busen sich entflammt, nicht stoeren. Ich will nichts denken, fuehlen will ich nichts, Als Unschuld, Ehre, Leben, Rettung--Schutz Vor diesem Wolf, der hier am Boden liegt.--Komm her, du lieber, goldner Knabe, du, Der mich befreit, nimm diesen Ring von mir, Es ist jetzt alles, was ich geben kann: Einst lohn ich wuerdiger, du junger Held, Die Tat dir, die mein Band geloest, die mutige, Die mich vor Schmach bewahrt, die mich errettet, Die Tat, die mich zur Seligen gemacht! (Sie wendet sich zum Grafen.) Euch, mein Gebieter--Euer nenn ich alles, Was mein ist! Sprecht! Was habt Ihr ueber mich beschlossen? In Eurer Macht bin ich; was muss geschehn? Muss ich nach Eurem Rittersitz Euch folgen? Der Graf vom Strahl (nicht ohne Verlegenheit). Mein Fraeulein--es ist nicht eben allzuweit. Wenn Ihr ein Pferd besteigt, so koennt Ihr bei Der Graefin, meiner Mutter, uebernachten. Kunigunde. Fuehrt mir das Pferd vor! Der Graf vom Strahl (nach einer Pause). Ihr vergebt mir, Wenn die Verhaeltnisse, in welchen wir-Kunigunde. Nichts, nichts! Ich bitt Euch sehr! Beschaemt mich nicht! In Eure Kerker klaglos wuerd ich wandern. Der Graf vom Strahl. In meinen Kerker! Was! Ihr ueberzeugt Euch-Kunigunde (unterbricht ihn). Drueckt mich mit Eurer Grossmut nicht zu Boden!--Ich bitt um Eure Hand! Der Graf vom Strahl. He! Fackeln! Leuchtet! (Ab.) Neunter Auftritt Szene: Schloss Wetterstrahl. Ein Gemach in der Burg. Kunigunde, in einem halb vollendeten, romantischen Anzuge, tritt auf, und setzt sich vor einer Toilette nieder. Hinter ihr Rosalie und die alte Brigitte. Rosalie (zu Brigitten). Hier, Muetterchen, setz dich! Der Graf vom Strahl hat sich bei meinem Fraeulein anmelden lassen; sie laesst sich nur noch die Haare von mir zurecht legen, und mag gern dein Geschwaetz hoeren. Brigitte (die sich gesetzt). Also Ihr seid Fraeulein Kunigunde von Thurneck? Kunigunde. Ja Muetterchen; das bin ich. Brigitte. Und nennt Euch eine Tochter des Kaisers? Kunigunde. Des Kaisers? Nein; wer sagt dir das? Der jetzt lebende Kaiser ist mir fremd; die Urenkelin eines der vorigen Kaiser bin ich, die in verflossenen Jahrhunderten, auf dem deutschen Thron sassen. Brigitte. O Herr! Es ist nicht moeglich? Die Urenkeltochter-Kunigunde. Nun ja! Rosalie. Hab ich es dir nicht gesagt? Brigitte. Nun, bei meiner Treu, so kann ich mich ins Grab legen: der Traum des Grafen vom Strahl ist aus! Kunigunde. Welch ein Traum? Rosalie. Hoert nur, hoert! Es ist die wunderlichste Geschichte von der Welt!--Aber sei buendig, Muetterchen, und spare den Eingang; denn die Zeit, wie ich dir schon gesagt, ist kurz. Brigitte. Der Graf war gegen das Ende des vorletzten Jahres, nach einer seltsamen Schwermut, von welcher kein Mensch die Ursache ergruenden konnte, erkrankt; matt lag er da, mit glutrotem Antlitz und phantasierte; die Aerzte, die ihre Mittel erschoepft hatten, sprachen, er sei nicht zu retten. Alles, was in seinem Herzen verschlossen war, lag nun, im Wahnsinn des Fiebers, auf seiner Zunge: er scheide gern, sprach er, von hinnen; das Maedchen, das faehig waere, ihn zu lieben, sei nicht vorhanden; Leben aber ohne Liebe sei Tod; die Welt nannt er ein Grab, und das Grab eine Wiege, und meinte, er wuerde nun erst geboren werden.--Drei hintereinander folgende Naechte, waehrend welcher seine Mutter nicht von seinem Bette wich, erzaehlte er ihr, ihm sei ein Engel erschienen und habe ihm zugerufen: Vertraue, vertraue, vertraue! Auf der Graefin Frage: ob sein Herz sich, durch diesen Zuruf des Himmlischen, nicht gestaerkt fuehle? antwortete er: "Gestaerkt? Nein!"--und mit einem Seufzer setzte er hinzu: "doch! doch, Mutter! Wenn ich sie werde gesehen haben!"--Die Graefin fragt: und wirst du sie sehen? "Gewiss!" antwortet er. Wann? fragt sie. Wo?--"In der Silvesternacht, wenn das neue Jahr eintritt; da wird er mich zu ihr fuehren." Wer? fragt sie, Lieber; zu wem? "Der Engel", spricht er, "zu meinem Maedchen"--wendet sich und schlaeft ein. Kunigunde. Geschwaetz! Rosalie. Hoert sie nur weiter.--Nun? Brigitte. Drauf in der Silvesternacht, in dem Augenblick, da eben das Jahr wechselt, hebt er sich halb vom Lager empor, starrt, als ob er eine Erscheinung haette, ins Zimmer hinein, und, indem er mit der Hand zeigt: "Mutter! Mutter! Mutter!" spricht er. Was gibts? fragt sie. "Dort! Dort!" Wo? "Geschwind!" spricht er.--Was?--"Den Helm! Den Harnisch! Das Schwert!"--Wo willst du hin? fragt die Mutter. "Zu ihr", spricht er, "zu ihr. So! so! so!" und sinkt zurueck; "Ade, Mutter ade!" streckt alle Glieder von sich, und liegt wie tot. Kunigunde. Tot? Rosalie. Tot, ja! Kunigunde. Sie meint, einem Toten gleich. Rosalie. Sie sagt, tot! Stoert sie nicht.--Nun? Brigitte. Wir horchten an seiner Brust: es war so still darin, wie in einer leeren Kammer. Eine Feder ward ihm vorgehalten, seinen Atem zu pruefen: sie ruehrte sich nicht. Der Arzt meinte in der Tat, sein Geist habe ihn verlassen; rief ihm aengstlich seinen Namen ins Ohr; reizt' ihn, um ihn zu erwecken, mit Geruechen; reizt' ihn mit Stiften und Nadeln, riss ihm ein Haar aus, dass sich das Blut zeigte; vergebens: er bewegte kein Glied und lag, wie tot. Kunigunde. Nun? Darauf? Brigitte. Darauf, nachdem er einen Zeitraum so gelegen, faehrt er auf, kehrt sich, mit dem Ausdruck der Betruebnis, der Wand zu, und spricht: "Ach! Nun bringen sie die Lichter! Nun ist sie mir wieder verschwunden!"--gleichsam, als ob er durch den Glanz derselben verscheucht wuerde.--Und da die Graefin sich ueber ihn neigt und ihn an ihre Brust hebt und spricht: Mein Friedrich! Wo warst du? "Bei ihr", versetzt er, mit freudiger Stimme; "bei ihr, die mich liebt! bei der Braut, die mir der Himmel bestimmt hat! Geh, Mutter geh, und lass nun in allen Kirchen fuer mich beten: denn nun wuensch ich zu leben." Kunigunde. Und bessert sich wirklich? Rosalie. Das eben ist das Wunder. Brigitte. Bessert sich, mein Fraeulein, bessert sich, in der Tat; erholt sich, von Stund an, gewinnt, wie durch himmlischen Balsam geheilt, seine Kraefte wieder, und ehe der Mond sich erneut, ist er so gesund wie zuvor. Kunigunde. Und erzaehlte?--Was erzaehlte er nun? Brigitte. Ach, und erzaehlte, und fand kein Ende zu erzaehlen: wie der Engel ihn, bei der Hand, durch die Nacht geleitet; wie er sanft des Maedchens Schlafkaemmerlein eroeffnet, und alle Waende mit seinem Glanz erleuchtend, zu ihr eingetreten sei; wie es dagelegen, das holde Kind, mit nichts, als dem Hemdchen angetan, und die Augen bei seinem Anblick gross aufgemacht, und gerufen habe, mit einer Stimme, die das Erstaunen beklemmt. "Mariane!" welches jemand gewesen sein muesse, der in der Nebenkammer geschlafen; wie sie darauf, vom Purpur der Freude ueber und ueber schimmernd, aus dem Bette gestiegen, und sich auf Knieen vor ihm niedergelassen, das Haupt gesenkt, und: mein hoher Herr! gelispelt; wie der Engel ihm darauf, dass es eine Kaisertochter sei, gesagt, und ihm ein Mal gezeigt, das dem Kindlein roetlich auf dem Nacken verzeichnet war,--wie er, von unendlichem Entzuecken durchbebt, sie eben beim Kinn gefasst, um ihr ins Antlitz zu schauen: und wie die unselige Magd nun, die Mariane, mit Licht gekommen, und die ganze Erscheinung bei ihrem Eintritt wieder verschwunden sei. Kunigunde. Und nun meinst du, diese Kaisertochter sei ich? Brigitte. Wer sonst? Rosalie. Das sag ich auch. Brigitte. Die ganze Strahlburg, bei Eurem Einzug, als sie erfuhr, wer Ihr seid, schlug die Haende ueber den Kopf zusammen und rief: sie ists! Rosalie. Es fehlte nichts, als dass die Glocken ihre Zungen geloest, und gerufen haetten: ja, ja, ja! Kunigunde (steht auf). Ich danke dir, Muetterchen, fuer deine Erzaehlung. Inzwischen nimm diese Ohrringe zum Andenken, und entferne dich. (Brigitte ab.) Zehnter Auftritt Kunigunde und Rosalie. Kunigunde (nachdem sie sich im Spiegel betrachtet, geht gedankenlos ans Fenster und oeffnet es.--Pause.) Hast du mir alles dort zurecht gelegt, Was ich dem Grafen zugedacht, Rosalie? Urkunden, Briefe, Zeugnisse? Rosalie (am Tisch zurueck geblieben). Hier sind sie. In diesem Einschlag liegen sie beisammen. Kunigunde. Gib mir doch--(Sie nimmt eine Leimrute, die draussen befestigt ist, herein.) Rosalie. Was, mein Fraeulein? Kunigunde (lebhaft). Schau, o Maedchen! Ist dies die Spur von einem Fittich nicht? Rosalie (indem sie zu ihr geht). Was habt ihr da? Kunigunde. Leimruten, die, ich weiss Nicht wer? an diesem Fenster aufgestellt!--Sieh, hat hier nicht ein Fittich schon gestreift? Rosalie. Gewiss! Da ist die Spur. Was wars? Ein Zeisig? Kunigunde. Ein Finkenhaehnchen wars, das ich vergebens Den ganzen Morgen schon herangelockt. Rosalie. Seht nur dies Federchen. Das liess er stecken! Kunigunde (gedankenvoll). Gib mir doch-Rosalie. Was, mein Fraeulein? Die Papiere? Kunigunde (lacht und schlaegt sie). Schelmin!--Die Hirse will ich, die dort steht. (Rosalie lacht, und geht und holt die Hirse.) Eilfter Auftritt Ein Bedienter tritt auf. Die Vorigen. Der Bediente. Graf Wetter vom Strahl, und die Graefin seine Mutter! Kunigunde (wirft alles aus der Hand). Rasch! Mit den Sachen weg. Rosalie. Gleich, gleich! (Sie macht die Toilette zu und geht ab.) Kunigunde. Sie werden mir willkommen sein. Zwoelfter Auftritt Graefin Helena, der Graf vom Strahl treten auf. Fraeulein Kunigunde. Kunigunde (ihnen entgegen). Verehrungswuerdge! Meines Retters Mutter, Wem dank ich, welchem Umstand, das Vergnuegen, Dass ihr mir Euer Antlitz schenkt, dass Ihr Vergoennt, die teuren Haende Euch zu kuessen? Graefin. Mein Fraeulein, Ihr demuetigt mich. Ich kam, Um Eure Stirn zu kuessen, und zu fragen, Wie Ihr in meinem Hause Euch befindet? Kunigunde. Sehr wohl. Ich fand hier alles, was ich brauchte. Ich hatte nichts von Eurer Huld verdient, Und Ihr besorgtet mich, gleich einer Tochter. Wenn irgend etwas mir die Ruhe stoerte So war es dies beschaemende Gefuehl; Doch ich bedurfte nur den Augenblick, Um diesen Streit in meiner Brust zu loesen. (Sie wendet sich zum Grafen.) Wie stehts mit Eurer linken Hand, Graf Friedrich? Der Graf vom Strahl. Mit meiner Hand? mein Fraeulein! Diese Frage, Ist mir empfindlicher als ihre Wunde! Der Sattel wars, sonst nichts, an dem ich mich Unachtsam stiess, Euch hier vom Pferde hebend. Graefin. Ward sie verwundet?--Davon weiss ich nichts. Kunigunde. Es fand sich, als wir dieses Schloss erreichten, Dass ihr, in hellen Tropfen, Blut entfloss. Der Graf vom Strahl. Die Hand selbst, seht Ihr, hat es schon vergessen. Wenns Freiburg war, dem ich im Kampf um Euch, Dies Blut gezahlt, so kann ich wirklich sagen: Schlecht war der Preis, um den er Euch verkauft. Kunigunde. Ihr denkt von seinem Werte so--nicht ich. (Indem sie sich zur Mutter wendet.) - Doch wie? Wollt Ihr Euch, Gnaedigste, nicht setzen? (Sie holt einen Stuhl, der Graf bringt die andern. Sie lassen sich saemtlich nieder.) Graefin. Wie denkt Ihr, ueber Eure Zukunft, Fraeulein? Habt Ihr die Lag, in die das Schicksal Euch Versetzt, bereits erwogen? Wisst Ihr schon, Wie Euer Herz darin sich fassen wird? Kunigunde (bewegt). Verehrungswuerdige und gnaedge Graefin, Die Tage, die mir zugemessen, denk ich In Preis und Dank, in immer gluehender Erinnrung des, was juengst fuer mich geschehn, In unausloeschlicher Verehrung Eurer, Und Eures Hauses, bis auf den letzten Odem, Der meine Brust bewegt, wenns mir vergoennt ist, In Thurneck bei den Meinen hinzubringen. (Sie weint.) Graefin. Wann denkt Ihr zu den Euren aufzubrechen? Kunigunde. Ich wuensche--weil die Tanten mich erwarten, - Wenns sein kann, morgen,--oder mindestens--In diesen Tagen, abgefuehrt zu werden. Graefin. Bedenkt ihr auch, was dem entgegen steht? Kunigunde. Nichts mehr, erlauchte Frau, wenn Ihr mir nur Vergoennt, mich offen vor Euch zu erklaeren. (Sie kuesst ihr die Hand; steht auf und holt die Papiere.) Nehmt dies von meiner Hand, Herr Graf vom Strahl. Der Graf vom Strahl (steht auf). Mein Fraeulein! Kann ich wissen, was es ist? Kunigunde. Die Dokumente sinds, den Streit betreffend, Um Eure Herrschaft Stauffen, die Papiere Auf die ich meinen Anspruch gruendete. Der Graf vom Strahl. Mein Fraeulein, Ihr beschaemt mich, in der Tat! Wenn dieses Heft, wie Ihr zu glauben scheint, Ein Recht begruendet: weichen will ich Euch, Und wenn es meine letzte Huette gaelte! Kunigunde. Nehmt, nehmt, Herr Graf vom Strahl! Die Briefe sind Zweideutig, seh ich ein, der Wiederkauf, Zu dem sie mich berechtigen, verjaehrt; Doch waer mein Recht so klar auch, wie die Sonne, Nicht gegen Euch mehr kann ichs geltend machen. Der Graf vom Strahl. Niemals, mein Fraeulein, niemals, in der Tat! Mit Freuden nehm ich, wollt Ihr mir ihn schenken, Von Euch den Frieden an; doch, wenn auch nur Der Zweifel eines Rechts auf Stauffen Euer, Das Dokument nicht, das ihn Euch belegt! Bringt Eure Sache vor, bei Kaiser und bei Reich, Und das Gesetz entscheide, wer sich irrte. Kunigunde (zur Graefin). Befreit denn Ihr, verehrungswuerdge Graefin, Von diesen leidgen Dokumenten mich, Die mir in Haenden brennen, widerwaertig Zu dem Gefuehl, das mir erregt ist, stimmen, Und mir auf Gottes weiter Welt zu nichts mehr, Lebt ich auch neunzig Jahre, helfen koennen. Graefin (steht gleichfalls auf). Mein teures Fraeulein! Eure Dankbarkeit Fuehrt Euch zu weit. Ihr koennt, was Eurer ganzen Familie angehoert, in einer fluechtigen Bewegung nicht, die Euch ergriff, veraeussern. Nehmt meines Sohnes Vorschlag an und lasst In Wetzlar die Papiere untersuchen; Versichert Euch, Ihr werdet wert uns bleiben, Man mag auch dort entscheiden, wie man wolle. Kunigunde (mit Affekt). Nun denn, der Anspruch war mein Eigentum! Ich brauche keinen Vetter zu befragen, Und meinem Sohn vererb ich einst mein Herz! Die Herrn in Wetzlar mag ich nicht bemuehn: Hier diese rasche Brust entscheidet so! (Sie zerreisst die Papiere und laesst sie fallen.) Graefin. Mein liebes, junges, unbesonnes Kind, Was habt Ihr da getan?--Kommt her, Weils doch geschehen ist, dass ich Euch kuesse. (Sie umarmt sie.) Kunigunde. Ich will dass dem Gefuehl, das mir entflammt, Im Busen ist, nichts fuerder widerspreche! Ich will, die Scheidewand soll niedersinken, Die zwischen mir und meinem Retter steht! Ich will mein ganzes Leben ungestoert, Durchatmen, ihn zu preisen, ihn zu lieben. Graefin (geruehrt). Gut, gut, mein Toechterchen. Es ist schon gut, Ihr seid zu sehr erschuettert. Der Graf vom Strahl.--Ich will wuenschen, Dass diese Tat Euch nie gereuen moege. (Pause.) Kunigunde (trocknet sich die Augen). Wann darf ich nun nach Thurneck wiederkehren? Graefin. Gleich! Wann Ihr wollt! Mein Sohn selbst wird Euch fuehren! Kunigunde. So seis--auf morgen denn! Graefin. Gut! Ihr begehrt es. Obschon ich gern Euch laenger bei mir saehe. Doch heut bei Tisch noch macht Ihr uns die Freude? Kunigunde (verneigt sich). Wenn ich mein Herz kann sammeln, wart ich auf. (Ab.) Dreizehnter Auftritt Graefin Helena. Der Graf vom Strahl. Der Graf vom Strahl. So wahr, als ich ein Mann bin, die begehr ich Zur Frau! Graefin. Nun, nun, nun, nun! Der Graf vom Strahl. Was, Nicht? Du willst, dass ich mir eine waehlen soll; Doch die nicht? Diese nicht? Die nicht? Was willst du? Graefin. Ich sagte nicht, dass sie mir ganz missfaellt. Der Graf vom Strahl. Ich will auch nicht, dass heut noch Hochzeit sei--Sie ist vom Stamm der alten saechsschen Kaiser. Graefin. Und der Silvesternachttraum spricht fuer sie? Nicht? Meinst du nicht? Der Graf vom Strahl. Was soll ichs bergen: ja! Graefin. Lass uns die Sach ein wenig ueberlegen. (Ab.) Dritter Akt Szene: Gebirg und Wald. Eine Einsiedelei. Erster Auftritt Theobald und Gottfried Friedeborn fuehren das Kaethchen von einem Felsen herab. Theobald. Nimm dich in acht, mein liebes Kaethchen; der Gebirgspfad, siehst du, hat eine Spalte. Setze deinen Fuss hier auf diesen Stein, der ein wenig mit Moos bewachsen ist; wenn ich wuesste, wo eine Rose waere, so wollte ich es dir sagen.--So! Gottfried. Doch hast wohl Gott, Kaethchen, nichts von der Reise anvertraut, die du heut zu tun willens warst?--Ich glaubte, an dem Kreuzweg, wo das Marienbild steht, wuerden zwei Engel kommen, Juenglinge, von hoher Gestalt, mit schneeweissen Fittichen an den Schultern, und sagen. Ade, Theobald! Ade, Gottfried! Kehrt zurueck, von wo ihr gekommen seid; wir werden das Kaethchen jetzt auf seinem Wege zu Gott weiter fuehren.--Doch es war nichts; wir mussten dich ganz bis ans Kloster herbringen. Theobald. Die Eichen sind so still, die auf den Bergen verstreut sind: man hoert den Specht, der daran pickt. Ich glaube, sie wissen, dass Kaethchen angekommen ist, und lauschen auf das, was sie denkt. Wenn ich mich doch in die Welt aufloesen koennte, um es zu erfahren. Harfenklang muss nicht lieblicher sein, als ihr Gefuehl; es wuerde Israel hinweggelockt von David und seinen Zungen neue Psalter gelehrt haben.--Mein liebes Kaethchen? Kaethchen. Mein lieber Vater! Theobald. Sprich ein Wort. Kaethchen. Sind wir am Ziele? Theobald. Wir sinds. Dort in jenem freundlichen Gebaeude, das mit seinen Tuermen zwischen die Felsen geklemmt ist, sind die stillen Zellen der frommen Augustinermoenche; und hier, der geheiligte Ort, wo sie beten. Kaethchen. Ich fuehle mich matt. Theobald. Wir wollen uns setzen. Komm, gib mir deine Hand, dass ich dich stuetze. Hier vor diesem Gitter ist eine Ruhebank, mit kurzem und dichtem Gras bewachsen: schau her, das angenehmste Plaetzchen, das ich jemals sah. (Sie setzen sich.) Gottfried. Wie befindest du dich? Kaethchen. Sehr wohl. Theobald. Du scheinst doch blass, und deine Stirne ist voll Schweiss? (Pause.) Gottfried. Sonst warst du so ruestig, konntest meilenweit wandern, durch Wald und Feld, und brauchtest nichts, als einen Stein, und das Buendel das du auf der Schulter trugst, zum Pfuehl, um dich wieder herzustellen; und heut bist du so erschoepft, dass es scheint, als ob alle Betten, in welchen die Kaiserin ruht, dich nicht wieder auf die Beine bringen wuerden. Theobald. Willst du mit etwas erquickt sein. Gottfried. Soll ich gehen und dir einen Trunk Wasser schoepfen? Theobald. Oder suchen wo dir eine Frucht blueht? Gottfried. Sprich, mein liebes Kaethchen! Kaethchen. Ich danke dir, lieber Vater. Theobald. Du dankst uns. Gottfried. Du verschmaehst alles. Theobald. Du begehrst nichts, als dass ich ein Ende mache: hingehe und dem Prior Hatto,--meinem alten Freund, sage: der alte Theobald sei da, der sein einzig liebes Kind begraben wolle. Kaethchen. Mein lieber Vater! Theobald. Nun gut. Es soll geschehn. Doch bevor wir die entscheidenden Schritte tun, die nicht mehr zurueck zu nehmen sind, will ich dir noch etwas sagen. Ich will dir sagen, was Gottfried und mir eingefallen ist, auf dem Wege hierher, und was, wie uns scheint, ins Werk zu richten notwendig ist, bevor wir den Prior in dieser Sache sprechen.--Willst du es wissen? Kaethchen. Rede! Theobald. Nun wohlan, so merk auf, und pruefe dein Herz wohl!--Du willst in das Kloster der Ursulinerinnen gehen, das tief im einsamen kieferreichen Gebirge seinen Sitz hat. Die Welt, der liebliche Schauplatz des Lebens, reizt dich nicht mehr; Gottes Antlitz, in Abgezogenheit und Froemmigkeit angeschaut, soll dir Vater, Hochzeit, Kind, und der Kuss kleiner bluehender Enkel sein. Kaethchen. Ja, mein lieber Vater. Theobald (nach einer kurzen Pause). Wie waers, wenn du auf ein paar Wochen, da die Witterung noch schoen ist, zu dem Gemaeuer zurueckkehrtest, und dir die Sache ein wenig ueberlegtest? Kaethchen. Wie? Theobald. Wenn du wieder hingingst, mein ich, nach der Strahlburg, unter den Holunderstrauch, wo sich der Zeisig das Nest gebaut hat, am Hang des Felsens, du weisst, von wo das Schloss, im Sonnenstrahl funkelnd, ueber die Gauen des Landes herniederschaut? Kaethchen. Nein, mein lieber Vater! Theobald. Warum nicht? Kaethchen. Der Graf, mein Herr, hat es mir verboten. Theobald. Er hat es dir verboten. Gut. Und was er dir verboten hat, das darfst du nicht tun. Doch wie, wenn ich hinginge und ihn baete, dass er es erlaubte? Kaethchen. Wie? Was sagst du? Theobald. Wenn ich ihn ersuchte, dir das Plaetzchen, wo dir so wohl ist, zu goennen, und mir die Freiheit wuerde, dich daselbst mit dem, was du zur Notdurft brauchst, freundlich auszustatten? Kaethchen. Nein, mein lieber Vater. Theobald. Warum nicht? Kaethchen (beklemmt). Das wuerdest du nicht tun; und wenn du es taetest, so wuerde es der Graf nicht erlauben; und wenn der Graf es erlaubte, so wuerd ich doch von seiner Erlaubnis keinen Gebrauch machen. Theobald. Kaethchen! Mein liebes Kaethchen! Ich will es tun. Ich will mich so vor ihm niederlegen, wie ich es jetzt vor dir tue, und sprechen: mein hoher Herr! erlaubt, dass das Kaethchen unter dem Himmel, der ueber Eure Burg gespannt ist, wohne; reitet Ihr aus, so vergoennt, dass sie Euch von fern, auf einen Pfeilschuss, folge, und raeumt ihr, wenn die Nacht koemmt, ein Plaetzchen auf dem Stroh ein, das Euren stolzen Rossen untergeschuettet wird. Es ist besser, als dass sie vor Gram vergehe. Kaethchen (indem sie sich gleichfalls vor ihm niederlegt). Gott im hoechsten Himmel; du vernichtest mich! Du legst mir deine Worte kreuzweis, wie Messer, in die Brust! Ich will jetzt nicht mehr ins Kloster gehen, nach Heilbronn will ich mit dir zurueckkehren, ich will den Grafen vergessen, und, wen du willst, heiraten; muesst auch ein Grab mir, von acht Ellen Tiefe, das Brautbett sein. Theobald (der aufgestanden ist und sie aufhebt). Bist du mir boes, Kaethchen? Kaethchen. Nein, nein! Was faellt dir ein? Theobald. Ich will dich ins Kloster bringen! Kaethchen. Nimmer und nimmermehr! Weder auf die Strahlburg, noch ins Kloster!--Schaff mir nur jetzt, bei dem Prior, ein Nachtlager, dass ich mein Haupt niederlege, und mich erhole; mit Tagesanbruch, wenn es sein kann gehen wir zurueck. (Sie weint.) Gottfried. Was hast du gemacht, Alter? Theobald. Ach! Ich habe sie gekraenkt! Gottfried (klingelt). Prior Hatto ist zu Hause? Pfoertner (oeffnet). Gelobt sei Jesus Christus! Theobald. In Ewigkeit, Amen! Gottfried. Vielleicht besinnt sie sich! Theobald. Komm, meine Tochter! (Alle ab.) Szene: Eine Herberge. Zweiter Auftritt Der Rheingraf vom Stein und Friedrich von Herrnstadt treten auf, ihnen folgt: Jakob Pech, der Gastwirt. Gefolge von Knechten. Rheingraf (zu dem Gefolge). Lasst die Pferde absatteln! Stellt Wachen aus, auf dreihundert Schritt um die Herberge, und lasst jeden ein, niemand aus! Fuettert und bleibt in den Staellen, und zeigt euch, so wenig es sein kann; wenn Eginhardt mit Kundschaft aus der Thurneck zurueckkommt, geh ich euch meine weitern Befehle. (Das Gefolge ab.) Wer wohnt hier? Jakob Pech. Halten zu Gnaden, ich und meine Frau, gestrenger Herr. Rheingraf. Und hier? Jakob Pech. Vieh. Rheingraf. Wie? Jakob Pech. Vieh.--Eine Sau mit ihrem Wurf, halten zu Gnaden; es ist ein Schweinstall, von Latten draussen angebaut. Rheingraf. Gut.--Wer wohnt hier? Jakob Pech. Wo? Rheingraf. Hinter dieser dritten Tuer? Jakob Pech. Niemand, halten zu Gnaden. Rheingraf. Niemand? Jakob Pech. Niemand gestrenger Herr, gewiss und wahrhaftig. Oder vielmehr jedermann. Es geht wieder aufs offne Feld hinaus. Rheingraf. Gut.--Wie heissest du? Jakob Pech. Jakob Pech. Rheingraf. Tritt ab, Jakob Pech.-(Der Gastwirt ab.) Rheingraf. Ich will mich hier, wie die Spinne, zusammen knaeueln, dass ich aussehe, wie ein Haeuflein argloser Staub; und wenn sie im Netz sitzt, diese Kunigunde, ueber sie herfahren--den Stachel der Rache tief eindruecken in ihre treulose Brust: toeten, toeten, toeten, und ihr Gerippe, als das Monument einer Erzbuhlerin, in dem Gebaelke der Steinburg aufbewahren! Friedrich. Ruhig, ruhig Albrecht! Eginhardt, den du nach Thurneck gesandt hast, ist noch, mit der Bestaetigung dessen, was du argwohnst, nicht zurueck. Rheingraf. Da hast du recht, Freund; Eginhardt ist noch nicht zurueck. Zwar in dem Zettel, den mir die Buebin schrieb, steht: ihre Empfehlung voran; es sei nicht noetig, dass ich mich fuerder um sie bemuehe; Stauffen sei ihr von dem Grafen vom Strahl, auf dem Wege freundlicher Vermittlung, abgetreten. Bei meiner unsterblichen Seele, hat dies irgend einen Zusammenhang, der rechtschaffen ist: so will ich es hinunterschlucken, und die Kriegsruestung, die ich fuer sie gemacht, wieder auseinander gehen lassen. Doch wenn Eginhardt kommt und mir sagt, was mir das Geruechte schon gesteckt, dass sie ihm mit ihrer Hand verlobt ist: so will ich meine Artigkeit, wie ein Taschenmesser, zusammenlegen, und ihr die Kriegskosten wieder abjagen: muesst ich sie umkehren, und ihr den Betrag hellerweise aus den Taschen herausschuetteln. Dritter Auftritt Eginhardt von der Wart tritt auf. Die Vorigen. Rheingraf. Nun, Freund, alle Gruesse treuer Bruederschaft ueber dich! --Wie stehts auf dem Schlosse zu Thurneck? Eginhardt. Freunde, es ist alles, wie der Ruf uns erzaehlt! Sie gehen mit vollen Segeln auf dem Ozean der Liebe, und ehe der Mond sich erneut, sind sie in den Hafen der Ehe eingelaufen. Rheingraf. Der Blitz soll ihre Masten zersplittern, ehe sie ihn erreichen! Friedrich. Sie sind miteinander verlobt? Eginhardt. Mit duerren Worten, glaub ich, nein; doch wenn Blicke reden, Mienen schreiben und Haendedruecke siegeln koennen, so sind die Ehepakten fertig. Rheingraf. Wie ist es mit der Schenkung von Stauffen zugegangen? Das erzaehle! Friedrich. Wann machte er ihr das Geschenk? Eginhardt. Ei! Vorgestern, am Morgen ihres Geburtstags, da die Vettern ihr ein glaenzendes Fest in der Thurneck bereitet hatten. Die Sonne schien kaum roetlich auf ihr Lager: da findet sie das Dokument schon auf der Decke liegen; das Dokument, versteht mich, in ein Briefchen des verliebten Grafen eingewickelt, mit der Versicherung, dass es ihr Brautgeschenk sei, wenn sie sich entschliessen koenne, ihm ihre Hand zu geben. Rheingraf. Sie nahm es? Natuerlich! Sie stellte sich vor den Spiegel, knixte, und nahm es? Eginhardt. Das Dokument? Allerdings. Friedrich. Aber die Hand, die dagegen gefordert ward? Eginhardt. O die verweigerte sie nicht. Friedrich. Was! Nicht? Eginhardt. Nein. Gott behuete! Wann haette sie je einem Freier ihre Hand verweigert? Rheingraf. Aber sie haelt, wenn die Glocke geht, nicht Wort? Eginhardt. Danach habt Ihr mich nicht gefragt. Rheingraf. Wie beantwortete sie den Brief? Eginhardt. Sie sei so geruehrt, dass ihre Augen, wie zwei Quellen, niedertraeufelten, und ihre Schrift ertraenkten;--die Sprache, an die sie sich wenden muesse, ihr Gefuehl auszudruecken, sei ein Bettler.--Er habe, auch ohne dieses Opfer, ein ewiges Recht an ihre Dankbarkeit, und es sei, wie mit einem Diamanten, in ihre Brust geschrieben;--kurz, einen Brief voll doppelsinniger Fratzen, der, wie der Schillertaft, zwei Farben spielt, und weder ja sagt, noch nein. Rheingraf. Nun, Freunde; ihre Zauberei geht, mit diesem Kunststueck zu Grabe! Mich betrog sie, und keinen mehr; die Reihe derer, die sie am Narrenseil gefuehrt hat, schliesst mit mir ab.--Wo sind die beiden reitenden Boten? Friedrich (in die Tuer rufend). He! Vierter Auftritt Zwei Boten treten auf. Die Vorigen. Rheingraf (nimmt zwei Briefe aus dem Kollett). Diese beiden Briefe nehmt ihr--diesen du, diesen du; und tragt sie--diesen hier du an den Dominikanerprior Hatto, verstehst du? Ich wuerd Glock sieben gegen Abend kommen, und Absolution in seinem Kloster empfangen. Diesen hier du an Peter Quanz, Haushofmeister in der Burg zu Thurneck; Schlag zwoelf um Mitternacht stuend ich mit meinem Kriegshaufen vor dem Schloss, und braeche ein. Du gehst nicht eher in die Burg, du, bis es finster ist, und laessest dich vor keinem Menschen sehen; verstehst du mich?--Du brauchst das Tageslicht nicht zu scheuen.--Habt ihr mich verstanden? Die Boten. Gut. Rheingraf (nimmt ihnen die Briefe wieder aus der Hand). Die Briefe sind doch nicht verwechselt? Friedrich. Nein, nein. Rheingraf. Nicht?--Himmel und Erde! Eginhardt. Was gibts? Rheingraf. Wer versiegelte sie? Friedrich. Die Briefe? Rheingraf. Ja! Friedrich. Tod und Verderben! Du versiegeltest sie selbst! Rheingraf (gibt den Boten die Briefe wieder). Ganz recht! hier, nehmt! Auf der Muehle, beim Sturzbach, werd ich euch erwarten!--Kommt meine Freunde! (Alle ab.) Fuenfter Auftritt Szene: Thurneck. Ein Zimmer in der Burg. Der Graf vom Strahl sitzt gedankenvoll an einem Tisch, auf welchem zwei Lichter stehen. Er haelt eine Laute in der Hand, und tut einige Griffe darauf. Im Hintergrunde, bei seinen Kleidern und Waffen beschaeftigt, Gottschalk. Stimme (von aussen). Macht auf! Macht auf! Macht auf! Gottschalk. Holla!--Wer ruft? Stimme. Ich, Gottschalk, bins; ich bins, du lieber Gottschalk! Gottschalk. Wer? Stimme. Ich! Gottschalk. Du? Stimme. Ja! Gottschalk. Wer? Stimme. Ich! Der Graf vom Strahl (legt die Laute weg). Die Stimme kenn ich! Gottschalk. Mein Seel! Ich hab sie auch schon wo gehoert. Stimme. Herr Graf vom Strahl! Macht auf! Herr Graf vom Strahl! Der Graf vom Strahl. Bei Gott! Das ist-Gottschalk. Das ist, so wahr ich lebe-Stimme. Das Kaethchen ists! Wer sonst! Das Kaethchen Das kleine Kaethchen von Heilbronn! Der Graf vom Strahl (steht auf). Wie? Was? zum Teufel! Gottschalk (legt alles aus der Hand). Du, Maedel? Was? O Herzensmaedel! Du? (Er oeffnet die Tuer.) Der Graf vom Strahl. Ward, seit die Welt steht, so etwas--? Kaethchen (indem sie eintritt). Ich bins. Gottschalk. Schaut her, bei Gott! Schaut her, sie ist es selbst! Sechster Auftritt Das Kaethchen mit einem Brief. Die Vorigen. Der Graf vom Strahl. Schmeiss sie hinaus. Ich will nichts von ihr wissen. Gottschalk. Was! Hoert ich recht--? Kaethchen. Wo ist der Graf vom Strahl? Der Graf vom Strahl. Schmeiss sie hinaus! Ich will nichts von ihr wissen! Gottschalk (nimmt sie bei der Hand). Wie, gnaediger Herr, vergoennt--! Kaethchen (reicht ihm den Brief). Hier! nehmt, Herr Graf! Der Graf vom Strahl (sich ploetzlich zu ihr wendend). Was willst du hier? Was hast du hier zu suchen? Kaethchen (erschrocken). Nichts!--Gott behuete! Diesen Brief hier bitt ich-Der Graf vom Strahl. Ich will ihn nicht!--Was ist dies fuer ein Brief? Wo kommt er her? Und was enthaelt er mir? Kaethchen. Der Brief hier ist-Der Graf vom Strahl. Ich will davon nichts wissen! Fort! Gib ihn unten in dem Vorsaal ab. Kaethchen. Mein hoher Herr! Lasst bitt ich, Euch bedeuten-Der Graf vom Strahl (wild). Die Dirne, die landstreichend unverschaemte! Ich will nichts von ihr wissen! Hinweg, sag ich! Zurueck nach Heilbronn, wo du hingehoerst! Kaethchen. Herr meines Lebens! Gleich verlass ich Euch! Den Brief nur hier, der Euch sehr wichtig ist, Erniedrigt Euch, von meiner Hand zu nehmen. Der Graf vom Strahl. Ich aber will ihn nicht! Ich mag ihn nicht! Fort! Augenblicks! Hinweg! Kaethchen. Mein hoher Herr! Der Graf vom Strahl (wendet sich). Die Peitsche her! An welchem Nagel haengt sie? Ich will doch sehn, ob ich, vor losen Maedchen, In meinem Haus nicht Ruh mir kann verschaffen. (Er nimmt die Peitsche von der Wand.) Gottschalk. O gnaedger Herr! Was macht Ihr? Was beginnt Ihr? Warum auch wollt Ihr, den nicht sie verfasst, Den Brief, nicht freundlich aus der Hand ihr nehmen? Der Graf vom Strahl. Schweig, alter Esel, du, sag ich. Kaethchen (zu Gottschalk). Lass, lass! Der Graf vom Strahl. In Thurneck bin ich hier, weiss, was ich tue; Ich will den Brief aus ihrer Hand nicht nehmen! - Willst du jetzt gehn? Kaethchen (rasch). Ja, mein verehrter Herr! Der Graf vom Strahl. Wohlan! Gottschalk (halblaut zu Kaethchen da sie zittert). Sei ruhig. Fuerchte nichts. Der Graf vom Strahl. So fern dich!--Am Eingang steht ein Knecht, dem gib den Brief, Und kehr des Weges heim, von wo du kamst. Kaethchen. Gut, gut. Du wirst mich dir gehorsam finden. Peitsch mich nur nicht, bis ich mit Gottschalk sprach.--(Sie kehrt sich zu Gottschalk um.) Nimm du den Brief. Gottschalk. Gib her, mein liebes Kind. Was ist dies fuer ein Brief? Und was enthaelt er? Kaethchen. Der Brief hier ist vom Graf vom Stein, verstehst du? Ein Anschlag, der noch heut vollfuehrt soll werden, Auf Thurneck, diese Burg, darin enthalten, Und auf das schoene Fraeulein Kunigunde, Des Grafen, meines hohen Herren, Braut. Gottschalk. Ein Anschlag auf die Burg? Es ist nicht moeglich! Und vom Graf Stein?--Wie kamst du zu dem Brief? Kaethchen. Der Brief ward Prior Hatto uebergeben, Als ich mit Vater just, durch Gottes Fuegung, In dessen stiller Klause mich befand. Der Prior, der verstand den Inhalt nicht, Und wollt ihn schon dem Boten wiedergeben; Ich aber riss den Brief ihm aus der Hand, Und eilte gleich nach Thurneck her, euch alles Zu melden, in die Harnische zu jagen; Denn heut, Schlag zwoelf um Mitternacht, soll schon Der moerderische Frevel sich vollstrecken. Gottschalk. Wie kam der Prior Hatto zu dem Brief? Kaethchen. Lieber, das weiss ich nicht; es ist gleichviel. Er ist, du siehst, an irgend wen geschrieben, Der hier im Schloss zu Thurneck wohnhaft ist; Was er dem Prior soll, begreift man nicht. Doch dass es mit dem Anschlag richtig ist, Das hab ich selbst gesehn; denn kurz und gut, Der Graf zieht auf die Thurneck schon heran: Ich bin ihm, auf dem Pfad hieher, begegnet. Gottschalk. Du siehst Gespenster, Toechterchen! Kaethchen. Gespenster!--Ich sage, nein! So wahr ich Kaethchen bin! Der Graf liegt draussen vor der Burg, und wer Ein Pferd besteigen will, und um sich schauen, Der kann den ganzen weiten Wald ringsum Erfuellt von seinen Reisigen erblicken! Gottschalk. - Nehmt doch den Brief, Herr Graf, und seht selbst zu. Ich weiss nicht, was ich davon denken soll. Der Graf vom Strahl (legt die Peitsche weg, nimmt den Brief und entfaltet ihn). "Um zwoelf Uhr, wenn das Gloeckchen schlaegt, bin ich Vor Thurneck. Lass die Tore offen sein. Sobald die Flamme zuckt, zieh ich hinein. Auf niemand muenz ich es, als Kunigunden, Und ihren Braeutigam, den Graf vom Strahl: Tu mir zu wissen, Alter, wo sie wohnen." Gottschalk. Ein Hoellenfrevel!--Und die Unterschrift? Der Graf vom Strahl. Das sind drei Kreuze. (Pause.) Wie stark fandst du den Kriegstross, Katharina? Kaethchen. Auf sechzig Mann, mein hoher Herr, bis siebzig. Der Graf vom Strahl. Sahst du ihn selbst den Graf vom Stein? Kaethchen. Ihn nicht. Der Graf vom Strahl. Wer fuehrte seine Mannschaft an? Kaethchen. Zwei Ritter, Mein hochverehrter Herr, die ich nicht kannte. Der Graf vom Strahl. Und jetzt, sagst du, sie laegen vor der Burg? Kaethchen. Ja, mein verehrter Herr. Der Graf vom Strahl. Wie weit von hier? Kaethchen. Auf ein dreitausend Schritt, verstreut im Walde. Der Graf vom Strahl. Rechts, auf der Strasse? Kaethchen. Links, im Foehrengrunde, Wo ueberm Sturzbach sich die Bruecke baut. (Pause.) Gottschalk. Ein Anschlag, greuelhaft, und unerhoert! Der Graf vom Strahl (steckt den Brief ein). Ruf mir sogleich die Herrn von Thurneck her! - Wie hoch ists an der Zeit? Gottschalk. Glock halb auf zwoelf. Der Graf vom Strahl. So ist kein Augenblick mehr zu verlieren. (Er setzt sich den Helm auf.) Gottschalk. Gleich, gleich; ich gehe schon!--Komm, liebes Kaethchen, Dass ich dir das erschoepfte Herz erquicke!--Wie grossen Dank, bei Gott, sind wir dir schuldig? So in der Nacht, durch Wald und Feld und Tal-Der Graf vom Strahl. Hast du mir sonst noch, Jungfrau, was zu sagen? Kaethchen. Nein, mein verehrter Herr. Der Graf vom Strahl.--Was suchst du da? Kaethchen (sich in den Busen fassend). Den Einschlag, der vielleicht dir wichtig ist. Ich glaub, ich hab--? Ich glaub, er ist--? (Sie sieht sich um.) Der Graf vom Strahl. Der Einschlag? Kaethchen. Nein, hier. (Sie nimmt das Kuvert und gibt es dem Grafen.) Der Graf vom Strahl. Gib her! (Er betrachtet das Papier.) Dein Antlitz speit ja Flammen!--Du nimmst dir gleich ein Tuch um, Katharina, Und trinkst nicht ehr, bis du dich abgekuehlt. - Du aber hast keins? Kaethchen. Nein-Der Graf vom Strahl (macht sich die Schaerpe los--wendet sich ploetzlich, und wirft sie auf den Tisch.) So nimm die Schuerze. (Nimmt die Handschuh und zieht sie sich an.) Wenn du zum Vater wieder heim willst kehren, Werd ich, wie sichs von selbst versteht--(Er haelt inne.) Kaethchen. Was wirst du? Der Graf vom Strahl (erblickt die Peitsche). Was macht die Peitsche hier? Gottschalk. Ihr selbst ja nahmt sie! Der Graf vom Strahl (ergrimmt). Hab ich hier Hunde, die zu schmeissen sind? (Er wirft die Peitsche, dass die Scherben niederklirren, durchs Fenster; hierauf zu Kaethchen:) Pferd dir, mein liebes Kind, und Wagen geben, Die sicher nach Heilbronn dich heimgeleiten.--Wann denkst du heim? Kaethchen (zitternd). Gleich, mein verehrter Herr. Der Graf vom Strahl (streichelt ihre Wangen). Gleich nicht! Du kannst im Wirtshaus uebernachten. (Er weint.) - Was glotzt er da? Geh, nimm die Scherben auf! (Gottschalk hebt die Scherben auf. Er nimmt die Schaerpe vom Tisch, und gibt sie Kaethchen.) Da! Wenn du dich gekuehlt, gib mir sie wieder. Kaethchen (sie will seine Hand kuessen). Mein hoher Herr! Der Graf vom Strahl (wendet sich von ihr ab). Leb wohl! Leb wohl! Leb wohl! (Getuemmel und Glockenklang draussen.) Gottschalk. Gott, der Allmaechtige! Kaethchen. Was ist? Was gibts? Gottschalk. Ist das nicht Sturm? Kaethchen. Sturm? Der Graf vom Strahl. Auf! Ihr Herrn von Thurneck! Der Rheingraf, beim Lebendgen, ist schon da! (Alle ab.) Szene: Platz vor dem Schloss. Es ist Nacht. Das Schloss brennt. Sturmgelaeute. Siebenter Auftritt Ein Nachtwaechter (tritt auf und stoesst ins Horn). Feuer! Feuer! Feuer! Erwacht ihr Maenner von Thurneck, ihr Weiber und Kinder des Fleckens erwacht! Werft den Schlaf nieder, der, wie ein Riese, ueber euch liegt; besinnt euch, ersteht und erwacht! Feuer! Der Frevel zog auf Socken durchs Tor! Der Mord steht, mit Pfeil und Bogen, mitten unter euch, und die Verheerung, um ihm zu leuchten, schlaegt ihre Fackel an alle Ecken der Burg! Feuer! Feuer! O dass ich eine Lunge von Erz und ein Wort haette, das sich mehr schreien liesse, als dies: Feuer! Feuer! Feuer! Achter Auftritt Der Graf vom Strahl. Die drei Herren von Thurneck. Gefolge. Der Nachtwaechter. Der Graf vom Strahl. Himmel und Erde! Wer steckte das Schloss in Brand?--Gottschalk! Gottschalk (ausserhalb der Szene). He! Der Graf vom Strahl. Mein Schild, meine Lanze! Ritter von Thurneck. Was ist geschehn? Der Graf vom Strahl. Fragt nicht, nehmt was hier steht, fliegt auf die Waelle, kaempft und schlagt um euch, wie angeschossene Eber! Ritter von Thurneck. Der Rheingraf ist vor den Toren? Der Graf vom Strahl. Vor den Toren, ihr Herrn, und ehe ihr den Riegel vorschiebt, drin: Verraeterei, im Innern des Schlosses, hat sie ihm geoeffnet! Ritter von Thurneck. Der Mordanschlag, der unerhoerte!--Auf! (Ab mit Gefolge.) Der Graf vom Strahl. Gottschalk! Gottschalk (ausserhalb). He! Der Graf vom Strahl. Mein Schwert! Mein Schild! meine Lanze. Neunter Auftritt Das Kaethchen tritt auf. Die Vorigen. Kaethchen (mit Schwert, Schild und Lanze). Hier! Der Graf vom Strahl (indem er das Schwert nimmt und es sich umguertet). Was willst du? Kaethchen. Ich bringe dir die Waffen. Der Graf vom Strahl. Dich rief ich nicht! Kaethchen. Gottschalk rettet. Der Graf vom Strahl. Warum schickt er den Buben nicht?--Du dringst dich schon wieder auf? (Der Nachtwaechter stoesst wieder ins Horn.) Zehnter Auftritt Ritter Flammberg mit Reisigen. Die Vorigen. Flammberg. Ei, so blase du, dass dir die Wangen bersten! Fische und Maulwuerfe wissen, dass Feuer ist, was braucht es deines gotteslaesterlichen Gesangs, um es uns zu verkuendigen? Der Graf vom Strahl. Wer da? Flammberg. Strahlburgische! Der Graf vom Strahl. Flammberg? Flammberg. Er selbst! Der Graf vom Strahl. Tritt heran!--Verweil hier, bis wir erfahren, wo der Kampf tobt! Eilfter Auftritt Die Tanten von Thurneck treten auf. Die Vorigen. Erste Tante. Gott helf uns! Der Graf vom Strahl. Ruhig, ruhig. Zweite Tante. Wir sind verloren! Wir sind gespiesst. Der Graf vom Strahl. Wo ist Fraeulein Kunigunde, eure Nichte? Erste Tante. Das Fraeulein, unsre Nichte? Kunigunde (im Schloss). Helft! Ihr Menschen! Helft! Der Graf vom Strahl. Gott im Himmel! War das nicht ihre Stimme? (Er gibt Schild und Lanze an Kaethchen.) Erste Tante. Sie rief!--Eilt, eilt! Zweite Tante. Dort erscheint sie im Portal! Erste Tante. Geschwind! Um aller Heiligen! Sie wankt, sie faellt! Zweite Tante. Eilt sie zu unterstuetzen! Zwoelfter Auftritt Kunigunde von Thurneck. Die Vorigen. Der Graf vom Strahl (empfaengt sie in seinen Armen). Meine Kunigunde! Kunigunde (schwach). Das Bild, das Ihr mir juengst geschenkt, Graf Friedrich! Das Bild mit dem Futtral! Der Graf vom Strahl. Was solls? Wo ists? Kunigunde. Im Feu'r! Weh mir! Helft! Rettet! Es verbrennt. Der Graf vom Strahl. Lasst, lasst! Habt Ihr mich selbst nicht, Teuerste? Kunigunde. Das Bild mit dem Futtral, Herr Graf vom Strahl! Das Bild mit dem Futtral! Kaethchen (tritt vor). Wo liegts, wo stehts? (Sie gibt Schild und Lanze an Flammberg.) Kunigunde. Im Schreibtisch! Hier, mein Goldkind, ist der Schluessel! (Kaethchen geht.) Der Graf vom Strahl. Hoer, Kaethchen! Kunigunde. Eile! Der Graf vom Strahl. Hoer, mein Kind! Kunigunde. Hinweg! Warum auch stellt Ihr wehrend Euch--? Der Graf vom Strahl. Mein Fraeulein, Ich will zehn andre Bilder Euch statt dessen-Kunigunde (unterbricht ihn). Dies brauch ich, dies; sonst keins!--Was es mir gilt, Ist hier der Ort jetzt nicht, Euch zu erklaeren.--Geh, Maedchen geh, schaff Bild mir und Futtral: Mit einem Diamanten lohn ichs dir! Der Graf vom Strahl. Wohlan, so schaffs! Es ist der Toerin recht! Was hatte sie an diesem Ort zu suchen? Kaethchen. Das Zimmer--rechts? Kunigunde. Links, Liebchen; eine Treppe, Dort, wo der Altan, schau, den Eingang ziert! Kaethchen. Im Mittelzimmer? Kunigunde. In dem Mittelzimmer! Du fehlst nicht, lauf; denn die Gefahr ist dringend! Kaethchen. Auf! Auf! Mit Gott! Mit Gott! Ich bring es Euch! (Ab.) Dreizehnter Auftritt Die Vorigen, ohne Kaethchen. Der Graf vom Strahl. Ihr Leut, hier ist ein Beutel Gold fuer den, Der in das Haus ihr folgt! Kunigunde. Warum? Weshalb? Der Graf vom Strahl. Veit Schmidt! Hans, du! Karl Boettiger! Fritz Toepfer! Ist niemand unter euch? Kunigunde. Was faellt Euch ein? Der Graf vom Strahl. Mein Fraeulein, in der Tat, ich muss gestehn-Kunigunde. Welch ein besondrer Eifer glueht Euch an?--Was ist dies fuer ein Kind? Der Graf vom Strahl.--Es ist die Jungfrau, Die heut mit so viel Eifer uns gedient. Kunigunde. Bei Gott, und wenns des Kaisers Tochter waere! - Was fuerchtet Ihr? Das Haus, wenn es gleich brennt, Steht, wie ein Fels, auf dem Gebaelke noch; Sie wird, auf diesem Gang, nicht gleich verderben. Die Treppe war noch unberuehrt vom Strahl; Rauch ist das einzge Uebel, das sie findet. Kaethchen (erscheint in einem brennenden Fenster) Mein Fraeulein! He! Hilf Gott! Der Rauch erstickt mich! - Es ist der rechte Schluessel nicht. Der Graf vom Strahl (zu Kunigunden). Tod und Teufel! Warum regiert Ihr Eure Hand nicht besser? Kunigunde. Der rechte Schluessel nicht? Kaethchen (mit schwacher Stimme). Hilf Gott! Hilf Gott! Der Graf vom Strahl. Komm herab, mein Kind! Kunigunde. Lasst, lasst! Der Graf vom Strahl. Komm herab, sag ich! Was sollst du ohne Schluessel dort? Komm herab! Kunigunde. Lasst einen Augenblick--! Der Graf vom Strahl. Wie? Was, zum Teufel! Kunigunde. Der Schluessel, liebes Herzens-Toechterchen, Haengt, jetzt erinnr' ich michs, am Stift des Spiegels, Der ueberm Putztisch glaenzend eingefugt! Kaethchen. Am Spiegelstift? Der Graf vom Strahl. Beim Gott der Welt! Ich wollte, Er haette nie gelebt, der mich gezeichnet, Und er, der mich gemacht hat, obenein! - So such! Kunigunde. Mein Augenlicht! Am Putztisch, hoerst du? Kaethchen (indem sie das Fenster verlaesst). Wo ist der Putztisch? Voller Rauch ist alles. Der Graf vom Strahl. Such! Kunigunde. An der Wand rechts. Kaethchen (unsichtbar). Rechts? Der Graf vom Strahl. Such, sag ich! Kaethchen (schwach). Hilf Gott! Hilf Gott! Hilf Gott! Der Graf vom Strahl. Ich sage, such!--Verflucht die huendische Dienstfertigkeit! Flammberg. Wenn sie nicht eilt: das Haus stuerzt gleich zusammen! Der Graf vom Strahl. Schafft eine Leiter her! Kunigunde. Wie, mein Geliebter? Der Graf vom Strahl. Schafft eine Leiter her! Ich will hinauf. Kunigunde. Mein teurer Freund! Ihr selber wollt--? Der Graf vom Strahl. Ich bitte! Raeumt mir den Platz! Ich will das Bild Euch schaffen Kunigunde. Harrt einen Augenblick noch, ich beschwoer Euch. Sie bringt es gleich herab. Der Graf vom Strahl. Ich sage, lasst mich!--Putztisch und Spiegel ist, und Nagelstift, Ihr unbekannt, mir nicht; ich finds heraus, Das Bild von Kreid und Oel auf Leinewand, Und brings Euch her, nach Eures Herzens Wunsch. (Vier Knechte bringen eine Feuerleiter.) - Hier! Legt die Leiter an! Erster Knecht (vorn, indem er sich umsieht). Holla! Da hinten! Ein anderer (zum Grafen). Wo? Der Graf vom Strahl. Wo das Fenster offen ist. Die Knechte (heben die Leiter auf). Oha! Der erste (vorn). Blitz! Bleibt zurueck, ihr hinten da! Was macht ihr? Die Leiter ist zu lang! Die anderen (hinten). Das Fenster ein! Das Kreuz des Fensters eingestossen! So! Flammberg (der mit geholfen). Jetzt steht die Leiter fest und ruehrt sich nicht! Der Graf vom Strahl (wirft sein Schwert weg). - Wohlan denn! Kunigunde. Mein Geliebter! Hoert mich an! Der Graf vom Strahl. Ich bin gleich wieder da! (Er setzt einen Fuss auf die Leiter.) Flammberg (aufschreiend). Halt! Gott im Himmel! Kunigunde (eilt erschreckt von der Leiter weg). Was gibts? Die Knechte. Das Haus sinkt! Fort zuruecke! Alle. Heiland der Welt! Da liegts in Schutt und Truemmern! (Das Haus sinkt zusammen, der Graf wendet sich, und drueckt beide Haende vor die Stirne; alles, was auf der Buehne ist, weicht zurueck und wendet sich gleichfalls ab.--Pause.) Vierzehnter Auftritt Kaethchen tritt rasch, mit einer Papierrolle, durch ein grosses Portal, das stehen geblieben ist, auf; hinter ihr ein Cherub in der Gestalt eines Juenglings, von Licht umflossen, blondlockig, Fittiche an den Schultern und einen Palmzweig in der Hand. Kaethchen (so wie sie aus dem Portal ist, kehrt sie sich, und stuerzt vor ihm nieder). Schirmt mich, ihr Himmlischen! Was widerfaehrt mir? Der Cherub (beruehrt ihr Haupt mit der Spitze des Palmenzweigs, und verschwindet). (Pause.) Fuenfzehnter Auftritt Die Vorigen ohne den Cherub. Kunigunde (sieht sich zuerst um). Nun, beim lebendgen Gott, ich glaub, ich traeume!--Mein Freund! Schaut her! Der Graf vom Strahl (vernichtet). Flammberg! (Er stuetzt sich auf seine Schulter.) Kunigunde. Ihr Vettern! Tanten! Herr Graf! so hoert doch an! Der Graf vom Strahl (schiebt sie von sich). Geht, geht!--Ich bitt Euch! Kunigunde. Ihr Toren! Seid ihr Saeulen Salz geworden? Geloest ist alles gluecklich. Der Graf vom Strahl (mit abgewandtem Gesicht). Trostlos mir! Die Erd hat nichts mehr Schoenes. Lasst mich sein. Flammberg (zu den Knechten). Rasch, Brueder, rasch! Ein Knecht. Herbei, mit Harken, Spaten! Ein anderer. Lasst uns den Schutt durchsuchen, ob sie lebt! Kunigunde (scharf). Die alten, baertgen Gecken, die! das Maedchen, Das sie verbrannt zur Feuersasche glauben, Frisch und gesund am Boden liegt sie da, Die Schuerze kichernd vor dem Mund, und lacht! Der Graf vom Strahl (wendet sich). Wo? Kunigunde. Hier! Flammberg. Nein, sprecht! Es ist nicht moeglich. Die Tanten. Das Maedchen waer--? Alle. O Himmel! Schaut! Da liegt sie. Der Graf vom Strahl (tritt zu ihr und betrachtet sie). Nun ueber dich schwebt Gott mit seinen Scharen! (Er erhebt sie vom Boden.) Wo kommst du her? Kaethchen. Weiss nit, mein hoher Herr. Der Graf vom Strahl. Hier stand ein Haus, duenkt mich, und du warst drin. - Nicht? Wars nicht so? Flammberg.--Wo warst du als es sank? Kaethchen. Weiss nit, ihr Herren, was mir widerfahren. (Pause.) Der Graf vom Strahl. Und hat noch obenein das Bild. (Er nimmt ihr die Rolle aus der Hand.) Kunigunde (reisst sie an sich). Wo? Der Graf vom Strahl. Hier. Kunigunde (erblasst). Der Graf vom Strahl. Nicht? Ists das Bild nicht?--Freilich! Die Tanten. Wunderbar! Flammberg. Wer gab dir es? Sag an! Kunigunde (indem sie ihr mit der Rolle einen Streich auf die Backen gibt). Die dumme Trine! Hatt ich ihr nicht gesagt, das Futteral? Der Graf vom Strahl Nun, beim gerechten Gott, das muss ich sagen - Ihr wolltet das Futtral? Kunigunde. Ja und nichts anders! Ihr hattet Euren Namen drauf geschrieben; Er war mir wert, ich hatts ihr eingepraegt. Der Graf vom Strahl. Wahrhaftig, wenn es sonst nichts war-Kunigunde. So? meint Ihr? Das kommt zu pruefen mir zu und nicht Euch. Der Graf vom Strahl. Mein Fraeulein, Eure Guete macht mich stumm. Kunigunde (zu Kaethchen). Warum nahmst dus heraus, aus dem Futteral? Der Graf vom Strahl. Warum nahmst dus heraus, mein Kind? Kaethchen. Das Bild? Der Graf vom Strahl. Ja! Kaethchen. Ich nahm es nicht heraus, mein hoher Herr. Das Bild, halb aufgerollt, im Schreibtischwinkel, Den ich erschloss, lag neben dem Futtral. Kunigunde. Fort!--das Gesicht der Aeffin! Der Graf vom Strahl. Kunigunde!-Kaethchen. Haett ichs hinein erst wieder ordentlich In das Futtral--? Der Graf vom Strahl. Nein, nein, mein liebes Kaethchen! Ich lobe dich, du hast es recht gemacht. Wie konntest du den Wert der Pappe kennen? Kunigunde. Ein Satan leitet' ihr die Hand! Der Graf vom Strahl. Sei ruhig!--Das Fraeulein meint es nicht so boes. --Tritt ab. Kaethchen. Wenn du mich nur nicht schlaegst, mein hoher Herr! (Sie geht zu Flammberg und mischt sich im Hintergrund unter die Knechte.) Sechzehnter Auftritt Die Herren von Thurneck. Die Vorigen. Ritter von Thurneck. Triumph, ihr Herrn! Der Sturm ist abgeschlagen! Der Rheingraf zieht mit blutgem Schaedel heim! Flammberg. Was! Ist er fort? Volk. Heil, Heil! Der Graf vom Strahl. Zu Pferd, zu Pferd! Lasst uns den Sturzbach ungesaeumt erreichen, So schneiden wir die ganze Rotte ab! (Alle ab.) Vierter Akt Szene: Gegend im Gebirg, mit Wasserfaellen und einer Bruecke. Erster Auftritt Der Rheingraf vom Stein, zu Pferd, zieht mit einem Tross Fussvolk ueber die Bruecke. Ihnen folgt der Graf vom Strahl zu Pferd; bald darauf Ritter Flammberg mit Knechten und Reisigen zu Fuss. Zuletzt Gottschalk gleichfalls zu Pferd, neben ihm das Kaethchen. Rheingraf (zu dem Tross). Ueber die Bruecke, Kinder, ueber die Bruecke! Dieser Wetter vom Strahl kracht, wie vom Sturmwind getragen, hinter uns drein; wir muessen die Bruecke abwerfen, oder wir sind alle verloren! (Er reitet ueber die Bruecke.) Knechte des Rheingrafen (folgen ihm). Reisst die Bruecke nieder! (Sie werfen die Bruecke ab.) Der Graf vom Strahl (erscheint in der Szene, sein Pferd tummelnd). Hinweg!--Wollt ihr den Steg unberuehrt lassen? Knechte des Rheingrafen (schiessen mit Pfeilen auf ihn). Hei! Diese Pfeile zur Antwort dir! Der Graf vom Strahl (wendet das Pferd). Meuchelmoerder!--He! Flammberg! Kaethchen (haelt eine Rolle in die Hoehe). Mein hoher Herr! Der Graf vom Strahl (zu Flammberg). Die Schuetzen her! Rheingraf (ueber den Fluss rufend). Auf Wiedersehn, Herr Graf! Wenn Ihr schwimmen koennt, so schwimmt; auf der Steinburg, diesseits der Bruecke, sind wir zu finden. (Ab mit dem Tross.) Der Graf vom Strahl. Habt Dank ihr Herrn! Wenn der Fluss traegt, so sprech ich bei euch ein! (Er reitet hindurch.) Ein Knecht (aus seinem Tross). Halt! zum Henker! nehmt Euch in acht! Kaethchen (am Ufer zurueckbleibend). Herr Graf vom Strahl! Ein anderer Knecht. Schafft Balken und Bretter her! Flammberg. Was! bist du ein Jud? Alle. Setzt hindurch! Setzt hindurch! (Sie folgen ihm.) Der Graf vom Strahl. Folgt! Folgt! Es ist ein Forellenbach, weder breit noch tief! So recht! So recht! Lasst uns das Gesindel voellig in die Pfanne hauen! (Ab mit dem Tross.) Kaethchen. Herr Graf vom Strahl! Herr Graf vom Strahl! Gottschalk (wendet mit dem Pferde um). Ja, was laermst und schreist du?--Was hast du hier im Getuemmel zu suchen? Warum laeufst du hinter uns drein? Kaethchen (haelt sich an einem Stamm). Himmel! Gottschalk (indem er absteigt). Komm! Schuerz und schwinge dich! Ich will das Pferd an die Hand nehmen, und dich hindurch fuehren. Der Graf vom Strahl (hinter der Szene). Gottschalk! Gottschalk. Gleich, gnaediger Herr, gleich! Was befehlt Ihr? Der Graf vom Strahl. Meine Lanze will ich haben! Gottschalk (hilft das Kaethchen in den Steigbuegel). Ich bringe sie schon! Kaethchen. Das Pferd ist scheu. Gottschalk (reisst das Pferd in den Zuegel). Steh, Mordmaehre!--So zieh dir Schuh und Struempfe aus! Kaethchen (setzt sich auf einen Stein). Geschwind! Der Graf vom Strahl (ausserhalb). Gottschalk! Gottschalk. Gleich, gleich! Ich bringe die Lanze schon.--Was hast du denn da in der Hand? Kaethchen (indem sie sich auszieht). Das Futteral, Lieber, das gestern--nun! Gottschalk. Was! Das im Feuer zurueck blieb? Kaethchen. Freilich! Um das ich gescholten ward. Frueh morgens, im Schutt, heut sucht ich nach und durch Gottes Fuegung--nun, so! (Sie zerrt sich am Strumpf.) Gottschalk. Je, was der Teufel! (Er nimmt es ihr aus der Hand.) Und unversehrt, bei meiner Treu, als waers Stein!--Was steckt denn drin? Kaethchen. Ich weiss nicht. Gottschalk (nimmt ein Blatt heraus). "Akte, die Schenkung, Stauffen betreffend, von Friedrich Grafen vom Strahl"--Je, verflucht! Der Graf vom Strahl (draussen). Gottschalk! Gottschalk. Gleich, gnaediger Herr, gleich! Kaethchen (steht auf). Nun bin ich fertig! Gottschalk. Nun, das musst du dem Grafen geben! (Er gibt ihr das Futtral wieder.) Komm, reich mir die Hand, und folg mir! (Er fuehrt sie und das Pferd durch den Bach.) Kaethchen (mit dem ersten Schritt ins Wasser). Ah! Gottschalk. Du musst dich ein wenig schuerzen. Kaethchen. Nun, bei Leibe, schuerzen nicht! (Sie steht still.) Gottschalk. Bis an den Zwickel nur, Kaethchen! Kaethchen. Nein! Lieber such ich mir einen Steg! (Sie kehrt um.) Gottschalk (haelt sie). Bis an den Knoechel nur, Kind! bis an die aeusserste, unterste Kante der Sohle! Kaethchen. Nein, nein, nein, nein; ich bin gleich wieder bei dir! (Sie macht sich los, und laeuft weg.) Gottschalk (kehrt aus dem Bach zurueck, und ruft ihr nach). Kaethchen! Kaethchen! Ich will mich umkehren! Ich will mir die Augen zuhalten! Kaethchen! Es ist kein Steg auf Meilenweite zu finden!--Ei so wollt ich, dass ihr der Guertel platzte! Da laeuft sie am Ufer entlang, der Quelle zu, den weissen schroffen Spitzen der Berge; mein Seel, wenn sich kein Faehrmann ihrer erbarmt, so geht sie verloren! Der Graf vom Strahl (draussen). Gottschalk! Himmel und Erde! Gottschalk! Gottschalk. Ei, so schrei du!--Hier, gnaediger Herr; ich komme schon. (Er leitet sein Pferd muerrisch durch den Bach.--Ab.) Szene: Schloss Wetterstrahl. Platz, dicht mit Baeumen bewachsen, am aeusseren zerfallenen Mauernring der Burg. Vorn ein Holunderstrauch, der eine Art von natuerlicher Laube bildet, worunter von Feldsteinen, mit einer Strohmatte bedeckt, ein Sitz. An den Zweigen sieht man ein Hemdchen und ein Paar Struempfe usw. zum Trocknen aufgehaengt. Zweiter Auftritt Kaethchen liegt und schlaeft. Der Graf vom Strahl tritt auf. Der Graf vom Strahl (indem er das Futteral in den Busen steckt). Gottschalk, der mir dies Futteral gebracht, hat mir gesagt, das Kaethchen waere wieder da. Kunigunde zog eben, weil ihre Burg niedergebrannt ist, in die Tore der meinigen ein; da kommt er und spricht: unter dem Holunderstrauch laege sie wieder da, und schliefe; und bat mich, mit traenenden Augen, ich moechte ihm doch erlauben, sie in den Stall zu nehmen. Ich sagte, bis der alte Vater, der Theobald sich aufgefunden, wuerd ich ihr in der Herberge ein Unterkommen verschaffen; und indessen hab ich mich herabgeschlichen, um einen Entwurf mit ihr auszufuehren.--Ich kann diesem Jammer nicht mehr zusehen. Dies Maedchen, bestimmt, den herrlichsten Buerger von Schwaben zu begluecken, wissen will ich, warum ich verdammt bin, sie einer Metze gleich, mit mir herum zu fuehren; wissen, warum sie hinter mir herschreitet, einem Hunde gleich, durch Feuer und Wasser, mir Elenden, der nichts fuer sich hat, als das Wappen auf seinem Schild. --Es ist mehr, als der blosse sympathetische Zug des Herzens; es ist irgend von der Hoelle angefacht, ein Wahn, der in ihrem Busen sein Spiel treibt. So oft ich sie gefragt habe: Kaethchen! Warum erschrakst du doch so, als du mich zuerst in Heilbronn sahst? hat sie mich immer zerstreut angesehen, und dann geantwortet: Ei, gestrenger Herr! Ihr wissts ja!--Dort ist sie!--Wahrhaftig, wenn ich sie so daliegen sehe, mit roten Backen und verschraenkten Haendchen, so kommt die ganze Empfindung der Weiber ueber mich, und macht meine Traenen fliessen. Ich will gleich sterben, wenn sie mir nicht die Peitsche vergeben hat--ach! was sag ich? wenn sie nicht im Gebet fuer mich, der sie misshandelte, eingeschlafen!--Doch rasch, ehe Gottschalk kommt, und mich stoert. Dreierlei hat er mir gesagt: einmal dass sie einen Schlaf hat, wie ein Murmeltier, zweitens, dass sie, wie ein Jagdhund, immer traeumt, und drittens, dass sie im Schlaf spricht; und auf diese Eigenschaften hin, will ich meinen Versuch gruenden.--Tue ich eine Suende, so mag sie mir Gott verzeihen. (Er laesst sich auf Knieen vor ihr nieder und legt seine beiden Arme sanft um ihren Leib.--Sie macht eine Bewegung als ob sie erwachen wollte, liegt aber gleich wieder still.) Der Graf vom Strahl. Kaethchen! Schlaefst du? Kaethchen.