The Project Gutenberg EBook of Lichtenstein, by Wilhelm Hauff #5 in our series by Wilhelm Hauff Copyright laws are changing all over the world. Be sure to check the copyright laws for your country before downloading or redistributing this or any other Project Gutenberg eBook. This header should be the first thing seen when viewing this Project Gutenberg file. Please do not remove it. Do not change or edit the header without written permission. Please read the "legal small print," and other information about the eBook and Project Gutenberg at the bottom of this file. Included is important information about your specific rights and restrictions in how the file may be used. 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Das erstere dieser Gebirge schliesst, von Nordost nach Sueden in verschiedener Breite sich ausdehnend, in einer langen Bergkette dieses Land ein, der Schwarzwald aber zieht sich von den Quellen der Donau bis hinueber an den Rhein und bildet mit seinen schwaerzlichen Tannenwaeldern einen dunklen Hintergrund fuer die schoene, fruchtbare, weinreiche Landschaft, die, vom Neckar durchstroemt, an seinem Fusse sich ausbreitet und Wuerttemberg heisst. Dieses Land schritt aus geringem, dunklem Anfang unter mancherlei Kaempfen siegend zu seiner jetzigen Stellung unter den Nachbarstaaten hervor. Es erregt dies umso groessere Bewunderung wenn man die Zeit bedenkt, in welcher sein Name zuerst aus dem Dunkel tritt; jene Zeit, wo maechtige Grenznachbarn, wie die Stauffen, die Herzoge von Teck, die Grafen von Zollern, um seine Wiege gelagert waren; wenn man die inneren und aeusseren Stuerme bedenkt, die es durchzogen und oft selbst seinen Namen aus den Annalen der Geschichte zu vertilgen drohten. Gab es doch sogar eine Zeit, wo der Stamm seiner Beherrscher auf ewig aus den Hallen ihrer Vaeter verdraengt schien, wo sein ungluecklicher Herzog aus seinen Grenzen fliehen und in drueckender Verbannung leben musste, wo fremde Herren in seinen Burgen hausten, fremde Soeldner das Land bewachten und wenig fehlte, dass Wuerttemberg aufhoerte zu sein, jene bluehenden Fluren zerrissen und eine Beute fuer viele oder eine Provinz des Hauses Oesterreich wurden. Unter den vielen Sagen, die von ihrem Land und der Geschichte ihrer Vaeter im Mund der Schwaben leben, ist wohl keine von so hohem romantischem Interesse wie die, welche sich an die Kaempfe der eben erwaehnten Zeit, an das wunderbare Schicksal jenes ungluecklichen Fuersten Ulrich knuepft. Das Jahr 1519, in welches unsere Sage faellt, hat ueber ihn entschieden, denn es ist der Anfang seines langen Unglueckes. Doch darf die Nachwelt sagen, es war der Anfang seines Glueckes. War ja doch jene lange Verbannung ein laeuterndes Feuer, woraus er weise und kraeftiger als je hervorging. Es war der Anfang seines Glueckes, denn seine spaeteren Regentenjahre wird jeder Wuerttemberger segnen, der die religioese Umwaelzung, die dieser Fuerst in seinem Vaterland bewerkstelligte, fuer ein Glueck ansieht. In jenem Jahr war alles auf die Spitze gestellt. Der Aufruhr des Armen Konrad war sechs Jahre frueher mit Muehe gestillt worden. Doch war das Landvolk hie und da noch schwierig, weil der Herzog dasselbe nicht fuer sich zu gewinnen wusste, seine Amtleute auf ihre eigene Faust arg hausten und Steuern auf Steuern erhoben wurden. Den schwaebischen Bund, eine maechtige Vereinigung von Fuersten, Grafen, Rittern und freien Staedten des Schwaben- und Frankenlandes, hatte er wiederholt beleidigt,hauptsaechlich auch dadurch, dass er sich weigerte, ihm beizutreten So sahen also alle seine Grenznachbarn mit feindlichen Blicken auf sein Tun, als wollten sie nur die Gelegenheit abwarten, ihn fuehlen zu lassen, welch maechtiges Buendnis er verweigert habe. Der Kaiser Maximilian, der damals noch regierte, war ihm auch nicht ganz hold, besonders seit er im Verdacht stand, den Ritter Goetz von Berlichingen unterstuetzt zu haben, um sich an dem Kurfuersten von Mainz zu raechen. Der Herzog von Bayern, ein maechtiger Nachbar, dazu sein Schwager, war ihm abgeneigt, weil Ulrich mit der Herzogin Sabina nicht zum besten lebte. Zu allem diesem kam, um sein Verderben zu beschleunigen, die Ermordung eines fraenkischen Ritters, der an seinem Hof lebte. Glaubwuerdige Chronisten sagen, das Verhaeltnis des Johann von Hutten zu Sabina sei nicht so gewesen, wie es der Herzog gerne sah. Daher griff ihn der Herzog auf einer Jagd an, warf ihm seine Untreue vor, forderte ihn auf, sich seines Lebens zu erwehren, und stach ihn nieder. Die Huttischen, hauptsaechlich Ulrich von Hutten, erhoben ihre Stimmen wider ihn, und in ganz Deutschland erscholl ihr Klage- und Rachegeschrei. Auch die Herzogin, die durch stolzes, zaenkisches Wesen Ulrich schon als Braut aufgebracht und ihm keine gute Ehe bereitet hatte, trat jetzt als Gegnerin auf, entfloh mit Hilfe Dietrichs von Spaet, und sie und ihre Brueder traten als Klaeger und bittere Feinde bei dem Kaiser auf. Es wurden Vertraege geschlossen und nicht gehalten, es wurden Friedensvorschlaege angeboten und wieder verworfen, die Not um den Herzog wuchs von Monat zu Monat, und dennoch beugte sich sein Sinn nicht, denn er meinte, recht getan zu haben Der Kaiser starb in dieser Zeit. Er war ein Herr, der Ulrich trotz der vielen Klagen Milde bewiesen hatte. An ihm starb dem Herzog ein unparteiischer Richter, den er in diesen Bedraengnissen so gut haette brauchen koennen, denn das Unglueck kam jetzt schnell. Man feierte das Leichenfest des Kaisers zu Stuttgart in der Burg, als dem Herzog die Kunde kam, dass Reutlingen, eine Reichsstadt, die in seinem Gebiet lag, seinen Waldvogt auf Achalm erschlagen habe. Diese Staedter hatten ihn schon oft empfindlich beleidigt, sie waren ihm verhasst und sollten jetzt seine Rache fuehlen. Schnell zum Zorn gereizt, wie er war, warf er sich aufs Pferd, liess die Laermtrommeln durch das Land toenen, belagerte die Stadt und nahm sie ein Der Herzog liess sich von ihr huldigen, und die Reichsstadt war wuerttembergisch. Aber jetzt erhob sich der schwaebische Bund mit Macht, denn diese Stadt war ein Glied desselben gewesen So schwer es auch sonst hielt, diese Fuersten, Grafen und Staedte aufzubieten, so zoegerten sie doch hier nicht, sondern hielten zusammen, denn der Hass ist ein fester Kitt. Umsonst waren Ulrichs schriftliche Verteidigungen. Das Bundesheer sammelte sich bei Ulm und drohte mit einem Einfall. So war also im Jahr 1519 alles auf die Spitze gestellt. Konnte der Herzog das Feld behaupten, so behielt er recht, und es war nicht zu zweifeln, dass er dann grossen Anhang bekommen wuerde. Gelang es dem Bund, den Herzog aus dem Feld zu schlagen, dann wehe ihm. Wo so vieles zu raechen war, durfte er keine Schonung erwarten Die Blicke Deutschlands hingen bange am Erfolg dieses Kampfes, sie suchten begierig durch den Vorhang des Schicksals zu dringen und zu erspaehen, was die kuenftigen Tage bringen werden, ob Wuerttemberg gesiegt, ob der Bund den Wahlplatz behauptet habe. Wir rollen diesen Vorhang auf, wir lassen Bild an Bild vorueberziehen, moege das Auge nicht zu frueh ermuedet sich davon abwenden. Kapitel 1 Nach den ersten trueben Tagen des Maerz 1519 war endlich am zwoelften ein recht freundlicher Morgen ueber der Reichsstadt Ulm aufgegangen. Die engen, kalten Strassen mit ihren hohen, dunklen Giebelhaeusern hatte der schoene Morgen heller als sonst beleuchtet und ihnen einen Glanz, eine Freundlichkeit gegeben, die zu dem heutigen festlichen Ansehen der Stadt gar trefflich passte. Die grosse Herdbruckergasse-- sie fuehrt vom Donautor an das Rathaus--stand an diesem Morgen gedraengt voll Menschen, die sich Kopf an Kopf wie eine Mauer an den beiden Seiten der Haeuser hinzogen, nur einen engen Raum in der Mitte der Gasse uebriglassend. Ein dumpfes Gemurmel gespannter Erwartung lief durch die Reihen und brach nur in ein kurzes Gelaechter aus, wenn etwa die alten, strengen Stadtwaechter eine huebsche Dirne, die sich zu vorlaut in den freigelassenen Raum gedraengt hatte, etwas unsanft mit dem Ende ihrer langen Hellebarde zurueckdraengten, oder wenn ein Schalk sich den Spass machte: "Sie kommen! Sie kommen!" rief, alles lange Haelse machte und schaute, bis es sich zeigte, dass man sich wieder getaeuscht habe. Noch dichter aber war das Gedraenge da, wo die Herdbruckergasse auf den Platz vor dem Rathaus einbiegt. Dort hatten sich die Zuenfte aufgestellt. Die Schiffergilde mit ihren Altmeistern an der Spitze, die Weber, die Zimmerer, die Brauer mit ihren Fahnen und Gewerbezeichen, sie alle waren im Sonntagswams und wohlbewaffnet zahlreich dort versammelt. Bot aber schon die Menge hier unten einen froehlichen, festlichen Anblick dar, so war dies noch mehr der Fall mit den hohen Haeusern der Strasse selbst. Bis an die Giebeldaecher waren alle Fenster voll geputzter Frauen und Maedchen, um welche sich die gruenen Tannen- und Taxuszweige, die bunten Teppiche und Tuecher, mit welchen die Seiten geschmueckt waren, wie Rahmen um liebliche Gemaelde zogen. Das anmutigste Bild gewaehrte wohl ein Erkerfenster am Hause des Herrn Hans von Besserer. Dort standen zwei Maedchen, so verschieden an Gesicht, Gestalt und Kleidung, und doch beide von so ausgezeichneter Schoenheit, dass, wer sie von der Strasse betrachtete, eine Weile zweifelhaft war, welcher er wohl den Vorzug geben moechte. Beide schienen nicht ueber achtzehn Jahre alt zu sein. Die eine, groessere, war zart gebaut, reiches, braunes Haar zog sich um eine freie Stirn, die gewoelbten Bogen ihrer dunklen Brauen, das ruhige, blaue Auge, der feingeschnittene Mund, die zarten Farben der Wangen-- sie gaben ein Bild, das unter unseren heutigen Damen fuer sehr anziehend gelten wuerde, das aber in jenen Zeiten, wo noch hoeheren Farben, volleren Formen der Apfel zuerkannt wurde, nur durch seine gebietende Wuerde neben der anderen Schoenen sich geltend machen konnte. Diese, kleiner und in reichlicherer Fuelle als ihre Nachbarin, war eines jener unbesorgten, immer heiteren Wesen, welche wohl wissen, dass sie gefallen. Ihr hellblondes Haar war nach damaliger Sitte der Ulmer Damen in viele Loeckchen und Zoepfchen geschlungen und zum Teil unter ein weisses Haeubchen voll kleiner, kuenstlicher Faeltchen gesteckt. Das runde frische Gesichtchen war in immerwaehrender Bewegung, noch rastloser glitten die lebhaften Augen ueber die Menge hin, und der laechelnde Mund, der alle Augenblicke die schoenen Zaehne sehen liess, zeigte deutlich, dass es unter den vielerlei abenteuerlichen Gruppen und Gestalten nicht an Gegenstaenden fehle, die ihrer froehlichen Laune zur Zielscheibe dienen mussten. Hinter den beiden Maedchen stand ein grosser, bejahrter Mann; seine tiefen, strengen Zuege, seine buschigen Augenbrauen, sein langer duenner, schon ins Graue spielender Bart, selbst sein ganz schwarzer Anzug, der wunderlich gegen die reichen, bunten Farben um ihn her abstach, gaben ihm ein ernstes, beinahe trauriges Aussehen, das kaum ein wenig milder wurde, wenn ein Schimmer von Freundlichkeit, hervorgelockt durch die gluecklichen Einfaelle der Blondine, wie ein Wetterleuchten durch das finstere Gesicht zog. Diese Gruppe, so verschieden in sich durch Farbe und Schattierung, wie durch Charakter und Jahre, zog hin und wieder die Aufmerksamkeit der Untenstehenden auf sich. Manches Auge hing an den schoenen Maedchen, und sie beschaeftigten eine Weile durch ihre ueberraschende Erscheinung jene muessige Menge, die schon ungeduldig zu werden anfing, dass das Schauspiel dessen sie harrte, sich noch immer nicht zeigen wollte. Es ging schon stark gegen Mittag. Die Menge wogte immer ungeduldiger, presste sich staerker, und hin und wieder hatte sich schon einer oder der andere aus den Reihen der ehrsamen Zuenfte auf den Boden gelagert, da toenten drei Schuesse von der Schanze auf dem Lug-ins-Land herueber, die Glocken des Muensters begannen tiefe, volle Akkorde ueber die Stadt hinzurollen, und im Augenblick hatten sich die verworrenen Reihen geordnet. "Sie kommen, Marie, sie kommen!" rief die Blonde im Erkerfenster und schlang ihren Arm um den Leib ihrer Nachbarin, indem sie sich weiter zum Fenster hinausbeugte. Das Haus des Herrn von Besserer bildete die Ecke der vorerwaehnten Strasse, von dem Erker konnte man hinab beinahe bis an das Donautor, und hinueber bis in die Fenster des Rathauses sehen, die Maedchen hatten also ihren Standpunkt trefflich gewaehlt, um das Schauspiel, dessen sie harrten, ganz zu geniessen. Jetzt hoerte man den dumpfen Schall der Pauken, vermischt mit den hohen Klaengen der Zinken und Trompeten, und durch das Tor herein bewegte sich ein langer, glaenzender Zug von Reitern. Die Stadtpauker und Trompeter, die berittene Schar der Ulmer Patriziersoehne war eine allzu taegliche Erscheinung, als dass das Auge lange darauf verweilt haette. Als aber das schwarz und weisse Banner der Stadt, mit dem Reichsadler, als Fahnen und Standarten aller Groessen und Farben, zum Tor hereinschwankten, da dachten die Zuschauer, dass jetzt der rechte Augenblick gekommen sei. Auch unsere Schoenen im Erkerfenster schaerften jetzt ihre Blicke, als man die Menge am unteren Teil der Strasse ehrerbietig die Muetzen abnehmen sah. Auf einem grossen, starkknochigen Rosse nahte ein Mann, dessen kraeftige Haltung, dessen heiteres, frisches Ansehen in sonderbarem Kontrast stand mit der tiefgefurchten Stirn und dem schon ins Graue spielenden Haar und Bart. Er trug einen zugespitzten Hut mit vielen Federn, einen Brustharnisch ueber ein eng anschliessendes, rotes Wams, Beinkleider von Leder, mit Seide ausgeschlitzt, die wohl neu recht huebsch gewesen sein mochten, aber durch Regen und Strapazen eine einfoermige, dunkelbraune Farbe erhalten hatten. Weite, schwere Reiterstiefel schlossen sich unter den Knien an. Seine einzige Waffe, ein ungewoehnlich grosses Schwert mit langem Griff ohne Korb, vollendete das Bild eines gewaltigen, unter Gefahren frueh ergrauten Kriegers. Der einzige Schmuck dieses Mannes war eine lange, goldene Kette von dicken Ringen, fuenfmal um den Hals gelegt, an welcher ein Ehrenpfennig auf die Brust herabhing. "Sagt geschwind, Oheim, wer ist der stattliche Mann, der so jung und alt aussieht?" rief die Blonde, indem sie das Koepfchen ein wenig nach dem schwarzen Herrn, der hinter ihr stand, zurueckbeugte. "Das kann ich dir sagen, Berta", antwortete dieser bedaechtig. "Es ist Georg von Frondsberg, oberster Feldhauptmann des buendischen Fussvolks, ein wackerer Mann, wenn er einer besseren Sache diente!" "Behaltet Eure Bemerkungen fuer Euch, Herr Wuerttemberger", entgegnete ihm die Kleine, indem sie laechelnd mit dem Finger drohte, "Ihr wisst, dass die Ulmer Maedchen gut buendisch sind!" Der Oheim aber, ohne sich irremachen zu lassen, fuhr fort: "Jener dort auf dem Schimmel ist Truchsess Waldburg, der Feldleutnant, dem auch etwas von unserem Wuerttemberg wohl anstaende. Dort hinter ihm kommen die Bundesobersten. Weiss Gott, sie sehen aus wie Woelfe, die nach Beute gehen." "Pfui! Verwitterte Gestalten!" bemerkte Berta. "Ob es wohl auch der Muehe wert war, Baeschen Marie, dass wir uns so putzten? Aber siehe da, wer ist der junge, schwarze Reiter auf dem Braunen? Sieh nur das bleiche Gesicht und die feurigen, schwarzen Augen! Auf seinem Schild steht: 'Ich hab's gewagt'." "Das ist der Ritter Ulrich von Hutten", erwiderte der Alte, "dem Gott seine Schmaehworte gegen unsern Herzog verzeihen wolle. Kinder, das ist ein gelehrter, frommer Herr. Er ist zwar des Herzogs bitterster Feind, aber ich sage so. Denn was wahr ist, muss wahr bleiben!" "Und siehe, da sind Sickingens Farben, wahrhaftig, da ist er selbst. Schaut hin, Maedchen, das ist Franz von Sickingen Sie sagen, er fuehre tausend Reiter ins Feld. Der ist's mit dem blanken Harnisch und der roten Feder." "Aber sagt mir, Oheim", fragte Berta weiter, "welches ist denn Goetz von Berlichingen, von dem uns Vetter Kraft so viel erzaehlt. Er ist ein gewaltiger Mann und hat eine Faust von Eisen. Reitet er nicht mit den Staedten?" "Goetz und die Staedter nenne nie in einem Atem", sprach der Alte mit Ernst. "Er haelt zu Wuerttemberg." Ein grosser Teil des Zuges war waehrend dieses Gespraeches am Fenster voruebergezogen, und mit Verwunderung hatte Berta bemerkt, wie gleichgueltig und teilnahmslos ihre Base Marie hinabschaute. Es war zwar sonst des Maedchens Art, sinnend, zuweilen wohl auch traeumerisch auszusehen, aber heute, bei einem so glaenzenden Aufzug, so ganz ohne Teilnahme zu sein, deuchte ihr ein grosses Unrecht. Sie wollte sie eben zur Rede stellen, als ein Geraeusch von der Strasse her ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. Ein maechtiges Ross baeumte sich in der Mitte der Strasse unter ihrem Fenster, wahrscheinlich scheu gemacht durch die flatternden Fahnen der Zuenfte. Sein hoch zurueckgeworfener Kopf verdeckte den Reiter, so dass nur die wehenden Federn des Baretts sichtbar waren; aber die Gewandtheit und Kraft, mit welcher er das Pferd herunterriss und zum Stehen brachte, liess einen jungen mutigen Reiter ahnen. Das lange hellbraune Haar war ihm von der Anstrengung ueber das Gesicht herabgefallen. Als er es zurueckschlug, traf sein Blick das Erkerfenster. "Nun, dies ist doch einmal ein huebscher Herr", fluesterte die Blonde ihrer Nachbarin zu, so heimlich, so leise, als fuerchte sie, von dem schoenen Reiter gehoert zu werden, "und wie er artig und hoeflich ist! Sieh nur, er hat uns gegruesst, ohne uns zu kennen." Aber das stille Baeschen Marie schien der Kleinen nicht viel Aufmerksamkeit zu schenken. Ein gluehendes Rot zog ueber die zarten Wangen. Ja, wer die ernste Jungfrau gesehen haette, wie sie so kalt auf den Zug hinabsah, haette wohl nie geahnt, dass so viel holde Freundlichkeit um diesen Mund, so viel Liebe in diesem sinnenden Auge wohnen koennte, als in jenem Augenblick sichtbar wurde, wo sie durch ein leichtes Neigen des Hauptes den Gruss des jungen Ritters erwiderte. Der kleinen Schwaetzerin war unsere fluechtige, aber wahre Bemerkung ueber den Anblick des schoenen Mannes voellig entgangen. "Nur schnell, Oheim!" rief sie und zog den alten Herrn am Mantel. "Wer ist dieser in der hellblauen Binde mit Silber? Nun?" "Liebes Kind!" antwortete der Oheim. "Den habe ich in meinem Leben nicht gesehen Seinen Farben nach steht er in keinem besonderen Dienst, sondern reitet wohl auf seine eigene Faust gegen meinen Herzog und Herrn, wie so viele Hungerleider, die sich an unseren Toepfen laben wollen." "Mit Euch ist doch nichts anzufangen", sagte die Kleine und wandte sich unmutig ab. "Die alten und gelehrten Herren kennt Ihr alle auf hundert Schritte und weiter. Wenn man aber einmal nach einem huebschen, hoeflichen Junker fragt, wisst Ihr nichts. Du bist auch so, Marie, machtest Augen auf den Zug hinunter, als ob es eine Prozession an Fronleichnam waere; ich wette, Du hast das Schoenste von allem nicht gesehen und hattest noch den alten Frondsberg im Kopf, als ganz andere Leute vorbeiritten!" Der Zug hatte sich waehrend dieser Strafrede Bertas vor dem Rathaus aufgestellt; die buendische Reiterei, die noch vorueberzog, hatte wenig Interesse mehr fuer die beiden Maedchen. Als daher die Herren abgesessen und zum Imbiss ins Rathaus gezogen waren, als die Zuenfte ihre Glieder aufloesten und das Volk sich zu verlaufen begann, zogen auch sie sich vom Fenster zurueck. Berta schien nicht ganz zufrieden zu sein. Ihre Neugier war nur halb befriedigt. Sie huetete sich uebrigens wohl, vor dem alten, ernsten Oheim etwas merken zu lassen. Als aber dieser das Gemach verliess, wandte sie sich an ihre Base, die noch immer traeumend am Fenster stand: "Nein, wie einen doch so etwas peinigen kann! Ich wollte viel darum geben, wenn ich wuesste, wie er heisst. Dass Du aber auch gar keine Augen hast, Marie! Ich stiess Dich doch an, als er gruesste. Siehe, hellbraune Haare, recht lang und glatt, freundliche dunkle Augen, das ganze Gesicht ein wenig braeunlich, aber huebsch, sehr huebsch. Ein Baertchen ueber dem Mund, nein! ich sage Dir--wie Du jetzt nur wieder gleich rot werden kannst!" fuhr die Blonde in ihrem Eifer fort. "Als ob zwei Maedchen, wenn sie allein sind, nicht von dem schoenen Mund eines jungen Herrn sprechen duerften. Dies geschieht oft bei uns. Aber freilich, bei Deiner seligen Frau Muhme in Tuebingen und bei Deinem ernsten Vater in Lichtenstein kamen solche Sachen nicht zur Sprache, und ich sehe schon, Baeschen Marie traeumt wieder, und ich muss mir ein Ulmer Stadtkind suchen, wenn ich auch nur ein klein wenig schwatzen will." Marie antwortete nur durch ein Laecheln, das wir vielleicht etwas schelmisch gefunden haetten. Berta aber nahm den grossen Schluesselbund vom Haken an der Tuer, sang sich ein Liedchen und ging, um noch einiges zum Mittagessen zu ruesten. Denn wenn man ihr auch etwas zu grosse Neugierde vorwerfen konnte, so war sie doch eine zu gute Haushaelterin, als dass sie ueber der fluechtigen Erscheinung des hoeflichen Reiters das Gemuese und den Nachtisch vergessen haette. Sie huepfte hinaus und liess ihre Base allein bei ihren Gedanken. Und auch wir stoeren sie nicht, wenn sie jetzt die schoenen Bilder der Erinnerung durchgeht, die jene Erscheinung mit einem Mal aus dem tiefen, treuen Herzen hervorgerufen hatte, wenn sie jener Zeit gedenkt, wo ein fluechtiger Blick von ihm, ein Druck seiner Hand, ihre Tage erhellte, wenn sie jener Naechte gedenkt, wo sie im stillen Kaemmerlein, unbelauscht von der seligen Muhme, jene Schaerpe flocht, deren freudige Farben sie heute aus ihren niedergeschlagenen Augen sich fragt, ob Baeschen Berta den suessen Mund des Geliebten richtig beschrieben habe? Kapitel 2 Der festliche Aufzug, den wir auf den letzten Blaettern beschrieben haben, galt den Haeuptern und Obersten des schwaebischen Bundes, der an diesem Tag, auf seinem Marsch von Augsburg, wo er sich versammelt hatte, in Ulm einzog. Der Leser kennt aus der Einleitung die Lage der Dinge. Herzog Ulrich von Wuerttemberg hatte durch die Unbeugsamkeit, mit welcher er trotzte, durch die allzu heftigen Ausbrueche seines Zornes und seiner Rache, durch die Kuehnheit, mit welcher er, der einzelne, so vielen verbuendeten Fuersten und Herren die Stirne bot, zuletzt noch durch die ploetzliche Einnahme der Reichsstadt Reutlingen den bittersten Hass des Bundes auf sich gezogen. Der Krieg war unvermeidlich; denn es stand nicht zu erwarten, dass man, so weit gegangen, friedliche Vorschlaege tun werde. Hinzu kamen noch die besonderen Ruecksichten, die jeden leiteten. Der Herzog von Bayern, um seiner Schwester Sabina Genugtuung zu verschaffen, die Schar der Huttischen, um ihren Stammesvetter zu raechen, ungluecklichen Dietrich von Spaet und seine Gesellen, um ihre Schmach in Wuerttembergs Unglueck abzuwaschen die Staedte und Staedtchen, um Reutlingen wieder gut buendisch zu machen, sie alle hatten ihre Banner entrollt und sich mit blutigen Gedanken und luestern nach gewisser Beute eingestellt. Bei weitem friedlicher und froehlicher waren bei diesem Einzug die Gesinnungen Georgs von Sturmfeder, jenes "artigen Reiters", der Bertas Neugierde in so hohem Grad erweckt, dessen unerwartete Erscheinung Mariens Wangen mit so tiefem Rot gefaerbt hatte. Wusste er doch kaum selbst, wie er zu diesem Feldzug kam, da er, obgleich den Waffen nicht fremd, doch nicht zunaechst fuer das Waffenwerk bestimmt war. Aus einem armen, aber angesehenen Stamm Frankens entsprossen, war er, frueh verwaist, von einem Bruder seines Vaters erzogen worden. Schon damals hatte man angefangen, gelehrte Bildung als einen Schmuck des Adels zu schaetzen. Daher waehlte sein Oheim fuer ihn diese Laufbahn. Die Sage erzaehlt nicht, ob er auf der hohen Schule in Tuebingen die damals in ihrem ersten Erbluehen war, in den Wissenschaften viel getan. Es kam nur die Nachricht bis auf uns, dass er einem Fraeulein von Lichtenstein, die bei einer Muhme in jener Musenstadt lebte, waermere Teilnahme schenkte als den Lehrstuehlen der beruehmtesten Doktoren. Man erzaehlt sich auch, dass das Fraeulein mit ernstem, beinahe maennlichem Geist alle Kuenste, womit andere ihr Herz bestuermten, gering geachtet habe. Zwar kannte man schon damals alle jene Kriegslisten, ein hartes Herz zu erobern und die Juenger der alten Tubinga hatten ihren Ovid vielleicht besser studiert als die heutigen. Es sollen aber weder naechtliche Liebesklagen noch fuerchterliche Schlachten und Kaempfe um ihren Besitz die Jungfrau erweicht haben. Nur einem gelang es, dieses Herz fuer sich zu gewinnen, und dieser eine war Georg. Sie haben zwar, wie es stille Liebe zu tun pflegt, niemand gesagt, wann und wo ihnen der erste Strahl des Verstaendnisses aufging, und wir sind weit entfernt, uns in dieses suesse Geheimnis der ersten Liebe eindraengen zu wollen, oder gar Dinge zu erzaehlen, die wir geschichtlich nicht belegen koennen. Doch koennen wir mit Grund annehmen, dass sie schon bis zu jenem Grad der Liebe gediehen waren, wo man, gedraengt von aeusseren Verhaeltnissen, gleichsam als Trost fuer das Scheiden, ewige Treue schwoert. Denn als die Muhme in Tuebingen das Zeitliche gesegnet und Herr von Lichtenstein sein Toechterlein zu sich holen liess, um sie nach Ulm, wo ihm eine Schwester verheiratet war, zu weiterer Ausbildung zu schicken, da merkte Rose, Mariens alte Zofe, dass so heisse Traenen und die Sehnsucht, mit welcher Marie noch einmal und immer wieder aus der Saenfte zuruecksah, nicht den bergigen Strassen denen sie Valet sagen musste, allein gelte. Bald darauf langte auch ein Sendschreiben an Georg an, worin ihm sein Oheim die Frage beibrachte, ob er jetzt, nach vier Jahren, noch nicht gelehrt genug sei? Dieser Ruf kam ihm erwuenscht. Seit Mariens Abreise waren ihm die Lehrstuehle der gelehrten Doktoren, die finstere Huegelstadt, ja selbst das liebliche Tal des Neckars verhasst geworden Mit neuer Kraft erfrischte ihn die kalte Luft, die ihm von den Bergen entgegenstroemte, als er an einem schoenen Morgen des Februar aus den Toren Tuebingens seiner Heimat entgegenritt. Wie die Sehnen seiner Arme in dem frischen Morgen sich straffer anzogen, wie die Muskeln seiner Faust kraeftiger in den Zuegel fassten, so erhob sich auch seine Seele zu frischem heiterem Mut. So war die Stimmung Georgs von Sturmfeder, als er durch den Schoenbuchwald seiner Heimat zuzog. Zwar brachte ihn dieser Weg dem Liebchen nicht naeher, zwar konnte er nichts sein nennen, als das Ross, dass er eben ritt, und die Burg seiner Vaeter, von welcher der Volkswitz sang: Ein Haus auf drei Stuetzen, Wer vorn hereinkommt, Kann hinten nicht sitzen. Aber er wusste, dass dem festen Willen hundert Wege offenstehen, um zum Ziel zu gelangen, und der alte Spruch des Roemers: _Fortes fortuna juvat_ hatte ihn noch nie belogen. Wirklich schienen auch seine Wuensche nach einer taetigen Laufbahn bald in Erfuellung zu gehen. Der Herzog von Wuerttemberg hatte Reutlingen, das ihn beleidigt hatte, aus einer Reichsstadt zur Landstadt gemacht, und es war kein Zweifel an einem Krieg. Der Erfolg schien aber damals sehr ungewiss. Der schwaebische Bund, wenn er auch erfahrenere Feldherren und geuebtere Soldaten zaehlte, hatte doch durch Uneinigkeit sich in allen Kriegen selbst geschadet. Ulrich auf seiner Seite, hatte vierzehntausend Schweizer, tapfere, kampfgeuebte Maenner geworben, aus seinem eigenen Land konnte er, wenn auch minder geuebte, doch zahlreiche und tuechtige Truppen ziehen, und so stand die Waage im Februar 1519 noch ziemlich gleich. Wo alles um ihn her Partei nahm, glaubte Georg nicht muessig bleiben zu duerfen. Ein Krieg war ihm erwuenscht. Es war eine Laufbahn, die ihn seinem Ziel, um Marie wuerdig freien zu koennen, bald nahebringen konnte. Zwar zog ihn sein Herz weder zu der einen noch zu der anderen Partei. Vom Herzog sprach man im Land schlecht, des Bundes Absichten schienen nicht die reinsten. Als aber durch Geld und Klagen der Huttischen und durch die Aussicht auf reiche Beute bestochen, achtzehn Grafen und Herren, deren Besitzungen an sein Guetchen grenzten, auf einmal dem Herzog ihre Dienste aufsagten, da schien es ihn zum Bund zu ziehen. Den Ausschlag gab die Nachricht, dass der alte Lichtenstein sich mit seiner Tochter in Ulm befinde. Auf jener Seite, wo Marie war, durfte er nicht fehlen, und so bot er dem Bund seine Dienste an. Die fraenkische Ritterschaft, unter Anfuehrung Ludwigs von Hutten, zog sich am Anfang des Maerz gegen Augsburg hin, um sich dort mit Ludwig von Bayern und den uebrigen Bundesgliedern zu vereinigen. Bald hatte sich das Heer gesammelt, und ihr Weg glich einem Triumphzug, je naeher sie dem Gebiet ihres Feindes kamen. Herzog Ulrich war bei Blaubeuren, der aeussersten Stadt seines Landes gegen Ulm und Bayern hin, gelagert. In Ulm sollte jetzt noch einmal zuvor im grossen Kriegsrat der Feldzug besprochen werden, und dann hoffte man in kurzer Zeit die Wuerttemberger zur entscheidenden Schlacht zu noetigen. An friedliche Unterhandlungen wurde, da man so weit gegangen war, nicht mehr gedacht, Krieg war die Losung und Sieg der Gedanke des Heeres, als ein frischer Morgenwind ihnen die Gruesse des schweren Geschuetzes von den Waellen der Stadt entgegentrug, als das Gelaeute aller Glocken zum Willkomm vom andern Ufer der Donau heruebertoente. Wohl schlug auch Georgs Herz hoeher bei dem Gedanken an seine erste Waffenprobe, Aber wer je in aehnlicher Lage sich befand, wird ihn nicht tadeln, dass auch friedlichere Gedanken in seiner Seele aufzogen und ihn Kampf und Sieg vergessen liessen. Als zuerst, noch in weiter Ferne, das kolossale Muenster aus dem Nebel auftauchte, als nachher der verhuellende Dunstschleier herabfiel und die Stadt mit ihren dunklen Backsteinmauern, mit ihren hohen Tortuermen sich vor seinen Blicken ausbreitete, da kamen alle Zweifel, die er frueher tief in die Brust zurueckgedraengt hatte, schwerer als je ueber ihn 'Schliessen jene Mauern auch die Geliebte ein? Hat nicht ihr Vater, seinem Herzog treu, vielleicht in die feindlichen Scharen sich gestellt, und darf der, dessen ganze Hoffnung darauf beruht, den Vater zu gewinnen, darf er sich jenem gegenueberstellen, ohne sein ganzes Glueck zu vernichten? Und ist der Vater auf feindlicher Seite, kann Marie moeglicherweise noch in jenen Mauern sein? Und wenn alles gut waere, wenn unter der festlichen Menge, die sich zum Anblick des einziehenden Heeres draengt, auch Marie auf ihn herabschaut, hat sie auch die Treue noch bewahrt, die sie geschworen?' Doch der letzte Gedanke machte bald einer freudigeren Gewissheit Raum; denn wenn sich auch alles Unglueck gegen ihn verschwor, Mariens Treue, er wusste es, war unwandelbar. Mutig drueckte er die Schaerpe, die sie ihm gegeben, an seine Brust, und als jetzt die Ulmer Reiterei sich an den Zug anschloss, als die Zinken und Trompeten ihre mutigen Weisen anstimmten, da kehrte seine alte Freude wieder, stolzer hob er sich im Sattel, kuehner rueckte er das Barett in die Stirn, und als der Zug in die festlich geschmueckten Strassen einbog, musterte sein scharfes Auge alle Fenster der hohen Haeuser, um sie zu erspaehen. Da gewahrte er sie, wie sie ernst und sinnend auf das froehliche Gewuehl hinabsah, er glaubte zu erkennen, wie ihre Gedanken in weiter Ferne den suchten, der ihr so nahe war; schnell drueckte er seinem Pferd die Sporen in die Seiten, dass es sich hoch aufbaeumte und das Pflaster von seinem Hufschlag ertoente. Aber als sie sich zu ihm herabwandte, als Auge dem Auge begegnete, als ihr freudiges Erroeten dem Gluecklichen sagte, dass er erkannt und noch immer geliebt sei, da war es um die Besinnung des guten Georg geschehen; willenlos folgte er dem Zug vor das Rathaus, und es haette nicht viel gefehlt, so haette ihn seine Sehnsucht alle Ruecksichten vergessen lassen und ihn unwiderstehlich zu dem Eckhaus mit dem Erker hingezogen. Schon hatte er die ersten Schritte nach jener Seite getan, als er sich von kraeftiger Hand am Arm angefasst fuehlte. "Was treibt Ihr, Junker?" rief ihm eine tiefe, wohlbekannte Stimme ins Ohr. "Dort hinauf geht es die Rathaustreppe. Wie? Ich glaube, Ihr schwindelt; waere auch kein Wunder, denn das Fruehstueck war gar zu mager. Seid getrost, Freundchen, und kommt. Die Ulmer fuehren gute Weine, wir wollen Euch mit altem Remstaler anstreichen." Wenn auch der Fall aus seinem Freudenhimmel, in welchem er einige Minuten geschwebt hatte, auf dem Rathausplatz in Ulm etwas unsanft war, so wusste er doch dem alten Herrn von Breitenstein, seinem naechsten Grenznachbarn in Franken, Dank, dass er ihn aus seinen Traeumen aufgeschuettelt und von einem uebereilten Schritt zurueckgehalten hatte. Er nahm daher freundlich den Arm des alten Herrn und folgte mit ihm den uebrigen Rittern und Herren, die sich von dem scharfen Morgenritt an der guten Mittagskost, die ihnen die freie Reichsstadt vorgesetzt hatte, wieder erholen wollten. Kapitel 3 Der Saal des Rathauses, wohin die Angekommenen gefuehrt wurden, bildete ein grosses, laengliches Viereck. Die Waende und die zu der Groesse des Saales unverhaeltnismaessig niedere Decke waren mit einem Getaefel von braunem Holz ausgelegt, unzaehlige Fenster mit runden Scheiben, worauf die Wappen der edlen Geschlechter von Ulm mit brennenden Farben gemalt waren, zogen sich an der einen Seite hin, die gegenueberstehende Wand fuellten Gemaelde beruehmter Buergermeister und Ratsherren der Stadt, die beinahe alle in der gleichen Stellung, die Linke in die Huefte, die Rechte auf einen reich behaengten Tisch gestuetzt, ernst und feierlich auf die Gaeste ihrer Enkel herabsahen. Diese draengten sich in verworrenen Gruppen um die Tafel her, die, in Form eines Hufeisens aufgestellt, beinahe die ganze Weite des Saales einnahm. Der Rat und die Patrizier, die heute im Namen der Stadt die Honneurs machen sollten, stachen in ihren zierlichen Festkleidern mit den steifen schneeweissen Halskrausen wunderlich ab gegen ihre bestaubten Gaeste, die, in Lederwerk und Eisenblech gehuellt, oft gar unsanft an die seidenen Maentelein und samtenen Gewaender streiften. Man hatte bis jetzt noch auf den Herzog von Bayern gewartet, der einige Tage vorher eingetroffen, zu dem glaenzenden Mittagsmahl zugesagt hatte; als aber sein Kammerdiener seine Entschuldigung brachte, gaben die Trompeter das ersehnte Zeichen, und alles draengte so ungestuem zur Tafel, dass nicht einmal die gastfreundliche Ordnung des Rates, der je zwischen zwei Gaeste einen Ulmer setzen wollte, gehoerig beobachtet wurde. Breitenstein hatte Georg auf einen Sitz niedergezogen, den er ihm als einen ganz vorzueglichen anpries. "Ich haette Euch", sagte der alte Herr, "zu den Gewaltigen da oben, zu Frondsberg, Sickingen, Hutten und Waldburg setzen koennen, aber in solcher Gesellschaft kann man den Hunger nicht mit gehoeriger Ruhe stillen Ich haette Euch ferner zu den Nuernbergern und Augsburgern fuehren koennen, dort unten, wo der gebratene Pfau steht--weiss Gott, sie haben keinen ueblen Platz--, aber ich weiss, dass Euch die Staedter nicht recht behagen, darum habe ich Euch hierher gesetzt. Schaut Euch hier um, ob dies nicht ein trefflicher Platz ist? Die Gesichter umher kennen wir nicht, also braucht man nicht viel zu schwatzen. Rechts haben wir den geraeucherten Schweins-kopf mit der Zitrone im Maul, links eine prachtvolle Forelle, die sich vor Vergnuegen in den Schwanz beisst, und vor uns diesen Rehziemer, so fett und zart wie auf der ganzen Tafel keiner mehr zu finden ist." Georg dankte ihm, dass er mit so viel Umsicht fuer ihn gesorgt habe, und betrachtete zugleich fluechtig seine Umgebung. Sein Nachbar rechts war ein junger, zierlicher Herr von etwa fuenfundzwanzig bis dreissig Jahren Das frischgekaemmte Haar, duftend von wohlriechenden Salben, der kleine Bart, der erst vor einer Stunde mit warmem Zaenglein gekraeuselt sein mochte, liessen Georg, noch ehe ihn die Mundart davon ueberzeugte, in ihm einen Ulmer Herrn erraten Der junge Herr, als er sah, dass er von seinem Nachbar bemerkt wurde, bewies sich sehr zuvorkommend, indem er Georgs Becher aus einer grossen silbernen Kanne fuellte, auf glueckliche Ankunft und gute Nachbarschaft mit ihm anstiess, und auch die besten Bissen von den unzaehligen Rehen, Hasen, Schweinen, Fasanen und wilden Enten, die auf silbernen Platten umherstanden, dem Fremdling auf den Teller legte. Doch diesen konnte weder seines Nachbarn zuvorkommende Gefaelligkeit noch Breitensteins ungemeiner Appetit zum Essen reizen Er war noch zu sehr beschaeftigt mit dem geliebten Bild, das sich ihm beim Einzug gezeigt hatte, als dass er die Ermunterungen seiner Nachbarn befolgt haette. Gedankenvoll sah er in den Becher, den er noch immer in der Hand hielt, und glaubte, wenn die Blaeschen des alten Weines zersprangen und in Kreisen verschwebten, das Bild der Geliebten aus dem goldenen Boden des Bechers auftauchen zu sehen. Es war kein Wunder, dass der gesellige Herr zu seiner Rechten, als er sah, wie sein Gast, den Becher in der Hand, jede Speise verschmaehe, ihn fuer einen unverbesserlichen Zechbruder hielt. Das feurige Auge, das unverwandt in den Becher sah, der laechelnde Mund des in seinen Traeumen versunkenen Juenglings schienen ihm einen jener echten Weinkenner anzuzeigen, die auf feingeuebter Zunge den Gehalt des edlen Trankes lange zu pruefen pflegen. Um der Ermahnung des wohledlen Rates, den Gaesten das Mahl so angenehm als moeglich zu machen, gehoerig nachzukommen, suchte er auf der entdeckten schwachen Seite dem jungen Mann beizukommen. Er schenkte sich seinen Becher wieder voll und begann: "Nicht wahr, Herr Nachbar, das Weinchen hat Feuer und einen feinen Geschmack? Freilich ist es kein Wuerzburger, wie Ihr in Franken ihn gewohnt sein werdet, aber es ist echter Ellfinger aus dem Ratskeller und immer seine achtzig Jahre alt." Verwundert ueber diese Anrede, setzte Georg den Becher nieder und antwortete mit einem kurzen "Ja, ja!--", der Nachbar liess aber den einmal aufgenommenen Faden nicht so bald wieder fallen. "Es scheint", fuhr er fort, "als munde er Euch doch nicht ganz; aber da weiss ich Rat. Heda! Gebt eine Kanne Uhlbacher hierher!--Versucht einmal diesen, der waechst zunaechst an des Wuerttembergers Schloss; in diesem muesst Ihr mir Bescheid tun: Kurzen Krieg, grossen Sieg!" Georg, dem dieses Gespraech nicht recht zusagte, suchte seinen Nachbar auf einen anderen Weg zu bringen, der ihn zu anziehenderen Nachrichten fuehren konnte. "Ihr habt", sprach er, "schoene Maedchen hier in Ulm, wenigstens bei unserem Einzug glaubte ich deren viele zu bemerken." "Weiss Gott", entgegnete der Ulmer, "man koennte damit pflastern." "Das waere vielleicht so uebel nicht", fuhr Georg fort, "denn das Pflaster Eurer Strassen ist herzlich schlecht. Aber sagt mir, wer wohnt dort in dem Eckhaus mit dem Erker; wenn ich nicht irre, schauten dort zwei feine Jungfrauen heraus, als wir einritten." "Habt Ihr diese auch schon bemerkt?" lachte jener. "Wahrhaftig, Ihr habt ein scharfes Auge und seid ein Kenner. Das sind meine lieben Basen muetterlicherseits, die kleine Blonde ist eine Besserer, die andere ein Fraeulein von Lichtenstein, eine Wuerttembergerin, die auf Besuch dort ist." Georg dankte im stillen dem Himmel, der ihn gleich mit einem so nahen Verwandten Mariens zusammenfuehrte. Er beschloss, den Zufall zu benuetzen, und wandte sich, so freundlich er nur konnte, zu seinem Nachbar: "Ihr habt ein paar huebsche Muehmchen, Herr von Besserer..." "Dietrich von Kraft nenne ich mich", fiel jener ein, "Schreiber des grossen Rates." "Ein Paar schoene Kinder, Herr von Kraft; und Ihr besucht sie wohl recht oft?" "Jawohl", antwortete der Schreiber des grossen Rates, "besonders seit die Lichtenstein im Haus ist. Zwar will mein Baeschen Berta etwas eifersuechtig werden, denn im Vertrauen gesagt, wir waren vorher ein Herz und eine Seele, aber ich tue, als merke ich es nicht, und stehe mit Marien um so besser." Diese Nachricht mochte nicht so gar angenehm in Georgs Ohren klingen, denn er presste die Lippen zusammen und seine Wangen faerbten sich dunkler. "Ja, lacht nur", fuhr der Ratsschreiber fort, dem der Geist des Weines zu Kopf stieg, "wenn Ihr wuesstet, wie sie sich beide um mich reissen.--Zwar--die Lichtenstein hat eine verdammte Art, freundlich zu sein; sie tut so vornehm und ernst, dass man nicht recht wagt, in ihrer Gegenwart Spass zu machen, noch weniger laesst sie ein wenig mit sich schaekern wie Berta; aber gerade das kommt mir so wunderhuebsch vor, dass ich elfmal wiederkomme, wenn sie mich auch zehnmal fortgeschickt hat. Das macht aber", murmelte er nachdenklicher vor sich hin, "weil der gestrenge Herr Vater da ist, vor dem scheut sie sich; lasst nur den einmal ueber der Ulmer Markung sein, so soll sie schon kirre werden." Georg wollte sich nach dem Vater noch weiter erkundigen, als sonderbare Stimmen ihn unterbrachen Schon vorher hatte er mitten durch das Geraeusch der Speisenden diese Stimmen zu hoeren geglaubt, wie sie in schleppendem, einfoermigem Ton ein paar kurze Saetze hersagten, ohne zu verstehen, was es war. Jetzt hoerte er dieselben Stimmen ganz in der Naehe, und bald bemerkte er, welchen Inhalts ihre eintoenigen Saetze waren Es gehoerte naemlich in den guten alten Zeiten, besonders in Reichsstaedten, zum Ton, dass der Hausvater und seine Frau, wenn sie Gaeste geladen hatten, gegen die Mitte der Tafel aufstanden und bei jedem einzelnen umhergingen, mit einem herkoemmlichen Spruechlein zum Essen und Trinken zu noetigen. Diese Sitte war in Ulm so stehend geworden, dass der hohe Rat beschloss, auch an diesem Mahl keine Ausnahme zu machen, sondern einen Hausvater samt Hausfrau aufzustellen, um diese Pflicht zu ueben. Die Wahl fiel auf den Buergermeister und den aeltesten Ratsherrn. Sie hatten schon zwei Seiten der Tafel "noetigend" umgangen, kein Wunder, dass ihre Stimmen durch die grosse Anstrengung endlich rauh und heiser geworden waren, und ihre freundschaftliche Aufmunterung wie eine Drohung klang. Eine rauhe Stimme toente in Georgs Ohr: "Warum esset Ihr denn nicht, warum trinket Ihr denn nicht?" Erschrocken wandte sich der Gefragte um und sah einen starken, grossen Mann mit rotem Gesicht; aber ehe er noch auf die schrecklichen Toene antworten konnte, begann an seiner anderen Seite ein kleiner Mann mit einer hohen duennen Stimme: "So esset doch und trinket satt, Was der Magistrat Euch vorgesetzt hat." "Hab' ich's doch schon lange gedacht, dass es so kommen wuerde", fiel der alte Breitenstein ein, indem er ein wenig von der Anstrengung, mit welcher er den Rehziemer bearbeitet hatte, ausruhte. "Da sitzt er und schwatzt, statt die koestlichen Braten zu geniessen, die uns die Herren in so reichlicher Fuelle vorgesetzt haben." "Mit Verlaub", unterbrach ihn Dietrich von Kraft, "der junge Herr isst nichts. Er ist ein Zechbruder und trefflicher Weinschmecker; hab' ich's nicht gleich weg gehabt, dass er gerne zu tief ins Glas guckt? Darum tadle ihn keiner, wenn er sich lieber an den Uhlbacher haelt." Georg wusste gar nicht, wie er zu dieser sonderbaren Schutzrede kam; er war im Begriff, sich zu entschuldigen, als ihn ein neuer Anblick ueberraschte. Breitenstein hatte sich jetzt des Schweinskopfes mit der Zitrone im Maul erbarmt, hatte die Zitrone geschickt aus dem Rachen des Tieres operiert, und begann mit grossem Behagen und geuebter Hand die weitere Sektion vorzunehmen, da trat der Buergermeister auch zu ihm, und eben, als er an einem guten Bissen kaute, hub er an: "Warum esset Ihr denn nicht, warum trinket Ihr denn nicht?" Dieser sah den Noetigenden mit starren Blicken an, zum Reden hatten seine Sprachorgane keine Zeit. Er nickte daher mit dem Haupt und deutete auf die Reste des Rehziemers; der kleine Mann mit der Fistelstimme liess sich aber nicht irremachen, sondern sprach freundlichst: "So esset doch und trinket satt, Was der Magistrat Euch vorgesetzt hat." So war es nun in den "guten alten Zeiten"! Man konnte sich wenigstens nicht beklagen, nur zu einem Schauessen geladen worden zu sein. Bald aber bekam die Tafel eine andere Gestalt. Die grossen Schuesseln und Platten wurden abgetragen und geraeumigere Humpen, groessere Kannen, gefuellt mit edlem Wein, aufgesetzt. Die Umtraenke und das in Schwaben schon damals sehr haeufige Zutrinken begann, und nicht lange, so aeusserte auch der Wein seine Wirkungen, und so fuellte Gelaechter, Gesang, Zanken und der dumpfe Klang der silbernen und zinnernen Becher den Saal. Nur am oberen Ende der Tafel herrschte anstaendigere, ruhigere Froehlichkeit. Dort sassen Georg von Frondsberg, der alte Ludwig Hutten, Waldburg Truchsess, Franz von Sickingen und noch andere aeltliche, gesetzte Herren. Dorthin wandte jetzt auch der Bundeshauptmann Hans von Breitenstein, nachdem er sich genugsam gesaettigt hatte, seine Blicke und sprach zu Georg: "Das Laermen um uns her will mir gar nicht behagen; wie waere es, wenn ich Euch jetzt dem Frondsberger vorstellte, wie Ihr in den letzten Tagen gewuenscht habt?" Georg, dessen Wunsch schon lange war, dem Kriegsobersten bekannt zu werden, stand freudig auf, um dem alten Freund zu folgen. Wir werden ihn nicht tadeln, dass sein Herz bei diesem Gang aengstlicher pochte, seine Wangen sich hoeher faerbten, seine Schritte, je naeher er kam, ungewisser und zoegernder wurden. Wen haben nicht in seiner Jugend, wenn er einem glaenzenden ruhmbekraenzten Vorbild nahte, aehnliche Gefuehle bestuermt? Wem sank da nicht sein eigenes Ich zur Unbedeutendheit zusammen, waehrend der Gefeierte zum Riesen wuchs? Georg von Frondsberg galt schon damals als einer der beruehmtesten Feldherren seiner Zeit. Italien, Frankreich und Deutschland erzaehlten von seinen Siegen, und die Kriegskunst wird ihn ewig in ihren Annalen nennen, denn er war der Stifter und Gruender eines geordneten, in Reihen und Gliedern fechtenden Fussvolkes. Zu ihm fuehrte Breitenstein den Juengling, "Wen bringt Ihr uns da, Hans?" rief Georg von Frondsberg, indem er den hochgewachsenen schoenen jungen Mann mit Teilnahme betrachtete. "Seht ihn Euch einmal recht an, werter Herr", antwortete Breitenstein, "ob Euch nicht einfaellt, in welches Haus er gehoeren mag?" Aufmerksamer betrachtete ihn der Feldhauptmann, auch der alte Truchsess von Waldburg wandte pruefend sein Auge herueber, Georg war schuechtern und bloede vor diese Maenner getreten; aber sei es, dass die freundliche, zutrauliche Weise Frondsbergs ihm Mut machte, sei es, dass er fuehlte, wie wichtig der Augenblick fuer ihn sei, er bekaempfte die Scham, den Blicken so vieler beruehmter Maenner ausgesetzt zu sein, und sah ihnen entschlossen und mutig ins Gesicht. "Jetzt, an diesem Blick erkenne ich Dich", sagte Frondsberg und bot ihm die Hand "Du bist ein Sturmfeder?" "Georg Sturmfeder", antwortete der junge Mann, "mein Vater war Burkhard Sturmfeder, er fiel, wie man mir sagte, in Italien an Eurer Seite." "Er war ein tapferer Mann", sprach der Feldhauptmann, dessen Auge immer noch sinnend auf Georgs Zuegen ruhte, "an manchem warmen Schlachttag hat er treu zu mir gehalten; wahrlich, sie haben ihn allzu frueh eingescharrt! Und Du", setzte er hinzu, "Du hast Dich eingestellt, um seiner Spur zu folgen? Was treibt Dich schon so frueh aus dem Nest und bist kaum fluegge?" "Ich weiss schon", unterbrach ihn Waldburg mit rauher, unangenehmer Stimme, "das Voegelein will sich ein paar Floeckchen Wolle suchen, um das alte Nest zu flicken!" Diese rohe Anspielung auf die verfallene Burg seiner Ahnen jagte eine hohe Glut auf die Wangen des Juenglings. Er hatte sich nie seiner Duerftigkeit geschaemt, aber dieses Wort klang so hoehnend, dass er sich zum ersten Mal dem reichen Spoetter gegenueber recht arm fuehlte. Da fiel sein Blick ueber Truchsess Waldburg hin durch die Scheiben auf jenes wohlbekannte Erkerfenster; er glaubte Mariens Gestalt zu erblicken, und sein alter Mut kehrte wieder. "Ein jeder Kampf hat seinen Preis, Herr Ritter", sagte er, "ich habe dem Bund Kopf und Arm angetragen; was mich dazu treibt, kann Euch gleichgueltig sein." "Nun, nun!" erwiderte jener. "Wie es mit dem Arm aussieht, werden wir sehen, im Kopf muss es aber nicht so ganz hell sein, da Ihr aus Spass gleich Ernst macht." Der gereizte Juengling wollte wieder etwas darauf erwidern, Frondsberg aber nahm ihn freundlich bei der Hand: "Ganz wie Dein Vater, lieber Junge; nun, Du willst zeitlich zu einer Nessel werden. Und wir werden Leute brauchen, denen das Herz am rechten Fleck sitzt. Dass Du dann nicht der letzte bist, darfst Du gewiss sein." Diese wenigen Worte aus dem Mund eines durch Tapferkeit und Kriegskunst unter seinen Zeitgenossen hochberuehmten Mannes uebten so besaenftigende Gewalt ueber Georg, dass er die Antwort, die ihm auf der Zunge schwebte, zurueckdraengte und sich schweigend von der Tafel in ein Fenster zurueckzog, teils um die Obersten nicht weiter zu stoeren, teils um sich genauer zu ueberzeugen, ob die fluechtige Erscheinung, die er vorhin gesehen, wirklich Marie gewesen sei. Als Georg die Tafel verlassen hatte, wandte sich Frondsberg zu Waldburg: "Das ist nicht die Art, Herr Truchsess, wie man tuechtige Gesellen fuer unsere Sache gewinnt; ich wette, er ging nicht mit halb so viel Eifer fuer die Sache von uns, als er zu uns brachte." "Muesst Ihr dem jungen Laffen auch noch das Wort reden?" fuhr jener auf. "Was braucht es da? Er soll einen Spass von seinem Obern ertragen lernen." "Mit Verlaub", fiel ihm Breitenstein ins Wort, "das ist kein Spass, sich ueber unverschuldete Armut lustig zu machen; ich weiss aber wohl, Ihr seid seinem Vater noch nie gruen gewesen." "Und", fuhr Frondsberg fort, "sein Oberer seid Ihr ganz und gar noch nicht. Er hat dem Bund noch keinen Eid geleistet; also kann er noch immer hinreiten, wohin er will; und wenn er auch unter Euren eigenen Fahnen diente, so moechte ich Euch doch nicht raten, ihn zu haenseln, er sieht mir nicht danach aus, als ob er sich viel gefallen liesse!" Sprachlos vor Zorn ueber den Widerspruch, den er nie ertragen konnte, blickte Truchsess den einen und den andern an, mit so wutvollen Blicken, dass sich Ludwig von Hutten schnell ins Mittel schlug, um noch aergeren Streit zu verhueten "Lasst doch die alten Geschichten!" rief er. "Ueberhaupt waere es gut, die Tafel wuerde aufgehoben. Es dunkelt draussen schon stark und der Wein wird zu maechtig. Dietrich Spaet hat schon zweimal des Wuerttembergers Tod ausgebracht, und die Franken dort unten sind nur noch nicht einig, ob man seine Schloesser niederbrennen oder verteilen soll." "Lasst sie immer", lachte Waldburg bitter, "die Herren duerfen ja heute machen, was sie wollen, Frondsberg wird ihnen doch das Wort reden." "Nein", antwortete Ludwig Hutten, "wenn einer von so etwas reden darf, bin ich es, als der Blutraecher meines Sohnes; aber ehe noch der Krieg erklaert ist, muessen solche Reden unterbleiben. Mein Vetter Ulrich spricht mir auch zu heftig mit den Italienern ueber den Moench von Wittenberg, und er verschwatzt sich zu sehr, wenn er in Zorn geraet. Lasst uns aufbrechen." Frondsberg und Sickingen stimmten ihm bei, sie standen auf, und als die naechsten um sie her ihrem Beispiel folgten, war der Aufbruch allgemein. Kapitel 4 Georg hatte in dem Fenster, wohin er sich zurueckgezogen hatte, nicht so entfernt gestanden, dass er nicht jedes Wort der Streitenden gehoert haette. Er freute sich der warmen Teilnahme, mit welcher Frondsberg sich des unberuehmten, verwaisten Juenglings angenommen hatte, zugleich aber konnte er sich nicht verbergen, dass sein erster Schritt in die kriegerische Laufbahn ihm einen maechtigen, erbitterten Feind zugezogen hatte. Der Truchsess war zu bekannt im Heer wegen seines unbeugsamen Stolzes, als dass Georg haette glauben duerfen, Huttens vermittelnde und besaenftigende Worte haetten jede Erinnerung an diesen Streit verloescht, und dass Maenner von Gewicht, wie Waldburg, in solchen Faellen der vielleicht unschuldigen Ursache ihres Zornes die Schuld nicht erlassen, war ihm aus manchen Fallen wohl bekannt. Ein leichter Schlag auf seine Schulter unterbrach seine Gedanken, und er sah, als er sich umwandte, seinen freundlichen Nebensitzer, den Schreiber des grossen Rates, vor sich. "Ich wette, Ihr habt Euch noch nach keinem Quartier umgesehen", sprach Dietrich von Kraft, "und es moechte Euch auch jetzt etwas schwer werden, denn es ist bereits dunkel, und die Stadt ist ueberfuellt." Georg gestand, dass er noch nicht daran gedacht habe, er hoffe aber, in einer der oeffentlichen Herbergen noch ein Plaetzchen zu bekommen. "Darauf moechte ich doch nicht so sicher bauen", entgegnete jener, "und gesetzt, Ihr faendet auch in einer solchen Schenke einen Winkel, so duerft Ihr doch sicherlich darauf rechnen, dass Ihr schlecht genug bedient seid. Aber wenn Euch meine Wohnung nicht zu gering scheint, so steht sie Euch mit Freude offen." Der gute Ratsschreiber sprach mit so viel Herzlichkeit, dass Georg nicht Anstand nahm, sein Anerbieten anzunehmen, obgleich er beinahe fuerchtete, die gastfreundliche Einladung moechte seinen Wirt gereuen, wenn die gute Laune zugleich mit den Duensten des Weines verflogen sein werde. Jener aber schien ueber die Bereitwilligkeit seines Gastes hoch erfreut; er nahm mit einem herzlichen Handschlag seinen Arm und fuehrte ihn aus dem Saal. Der Platz vor dem Rathaus bot indes einen ganz eigenen Anblick dar. Die Tage waren noch kurz, und die Abenddaemmerung war waehrend der Tafel unbemerkt hereingebrochen, man hatte daher Fackeln und Windlichter angezuendet; ihr dunkelroter Schein erhellte den grossen Raum nur sparsam und spielte in zitternden Reflexen an den Fenstern der gegenueberstehenden Haeuser und auf den blanken Helmen und Brustharnischen der Ritter. Wildes Rufen nach Pferden und Knechten scholl aus der Halle des Rathauses, das Klirren der nachschleppenden Schwerter, das Hin- und Herrennen der vielen Menschen mischte sich in das Gebell der Hunde, in das Wiehern und Stampfen der ungeduldigen Rosse, eine Szene, die mehr einem in der Nacht vom Feind ueberfallenen Posten, als dem Aufbruch von einem friedlichen Mahl glich. Ueberrascht blieb Georg unter der Halle stehen. Der Anblick so vieler froehlicher Gesichter, der kraeftigen Gestalten, die in jugendlichem Mut ansprengten, kuehne Reiterkuenste uebten und dann singend und jubelnd in kleinen Haufen abzogen und in der Nacht verschwanden. Unwillkuerlich streifte sein Auge nach jener Seite hin, wo er seinen Kampfpreis wusste. Er sah dort viele Leute an den Fenstern stehen, aber der schwaerzliche Rauch der Fackeln, der wie eine Wolke ueber den Platz hinzog, verhuellte die Gegenstaende wie mit einem Schleier und liess sie nur wie ungewisse Schatten sehen; unbefriedigt wandte er sein Auge ab. "So ist auch meine Zukunft", sagte er zu sich, "das Jetzt ist hell, aber wie dunkel, wie ungewiss das Ziel!" Sein freundlicher Wirt riss ihn aus diesem duesteren Sinnen mit der Frage, wo seine Knechte mit seinen Pferden seien? Wenn der Platz, worauf sie standen, heller erleuchtet gewesen waere, so haette vielleicht der gute Kraft eine fluechtige, aber brennende Roete, die bei dieser Frage ueber Georgs Wangen zog, bemerken koennen. "Ein junger Kriegsmann", antwortete er schnell gefasst, "muss sich so viel als moeglich selbst zu helfen wissen, daher habe ich keine Diener bei mir. Mein Pferd aber habe ich Breitensteins Knechten uebergeben." Der Ratsschreiber lobte im Weiterschreiten die Strenge des jungen Mannes gegen sich selbst, gestand aber, dass er, wenn er einmal zu Feld ziehe, den Dienst nicht so streng lernen werde. Ein Blick auf sein zierlich geordnetes Haar und den fein gekraeuselten Bart ueberzeugten Georg, dass sein Begleiter aus voller Seele spreche, und die zierliche bequeme Wohnung, in welcher sie bald darauf anlangten, widersprach diesem Glauben nicht. Das Hauswesen des Herrn von Kraft war eine sogenannte Junggesellenwirtschaft, denn Herrn Dietrichs Eltern waren laengst abgeschieden, als er in das Mannesalter und zugleich in seinen Posten beim grossen Rat eintrat. Er wuerde sich vielleicht laengst um eine Genossin seiner Herrlichkeit umgesehen haben, wenn nicht die Anmut des Junggesellenlebens, der nicht zu verachtende Vorteil, von allen jungen Damen der Stadt als eine gute Partie angesehen und honoriert zu werden, vor allem aber, wie man sich ins Ohr fluesterte, die entschiedene Abneigung, die seine alte Amme und Haushaelterin vor einer jungen Gebieterin hegte, ihn immer von diesem Schritt abgehalten haette. Herr Dietrich hatte ein grosses Haus, nicht weit vom Muenster, einen schoenen Garten am Michelsberg, sein Hausgeraet war im besten Stand, die grossen eichenen Kasten voll des koestlichsten Linnenzeuges, das die Kraftinnen und ihre Zofen seit vielen Generationen in den langen Winterabenden zusammengesponnen hatten; die eiserne Truhe im Schlafzimmer enthielt eine erkleckliche Anzahl von Goldgulden, Herr Dietrich selbst war ein huebscher, solider Herr, ging immer geschniegelt und gebuegelt, mit gesetztem, anstaendigem Gang in den Rat, hatte einen guten Haus- und Ratsverstand; war aus einer alten Familie: war es ein Wunder, wenn die ganze Stadt sein Leben pries und jedes huebsche Ulmer Stadtkind sich gluecklich geschaetzt haette, in diesen bequem ausstaffierten Ehehimmel zu kommen? Georg kamen uebrigens diese Verhaeltnisse bei naeherer Besichtigung nichts weniger als lockend vor. Die einzigen Hausgenossen des Ratsschreibers waren ein alter, grauer Diener, zwei grosse Katzen und die unfoermig dicke Amme. Diese vier Geschoepfe starrten den Gast mit grossen, bedenklichen Augen an, die ihm bewiesen, wie ungewohnt ihnen ein solcher Zuwachs der Haushaltung sei. Die Katzen umgingen ihn schnurrend, mit gekruemmten Ruecken, die Amme schob unmnutig an der ungeheuren Buckelhaube von Golddraht und fragte, ob sie fuer zwei Personen das Abendessen zurichten solle? Als sie aber nicht nur ihre Frage bestaetigen hoerte, sondern auch den Auftrag (man war ungewiss, war es Bitte oder Befehl) bekam, das Eckzimmer im zweiten Stock fuer den Gast zuzuruesten, da schien ihre Geduld erschoepft; sie liess einen wuetenden Blick auf ihren jungen Gebieter schiessen und verliess mit ihrem Schluesselbund rasselnd das Gemach. Der graue Diener hatte indessen einen Tisch und zwei grosse Armstuehle an den ungeheuren Ofen gerueckt; den Tisch besetzte er mit einem schwarzen Kasten, stellte zu beiden Seiten desselben ein Licht und einen silbernen Becher mit Wein, und entfernte sich dann, nachdem er einige leise Worte mit seinem Herrn gewechselt hatte. Herr Dietrich lud seinen Gast ein, an seiner gewoehnlichen Abendunterhaltung teilzunehmen. Er oeffnete den schwarzen Kasten, es war ein Brettspiel. Georg graute vor dieser Unterhaltung seines Gastfreundes, als er ihm erzaehlte, dass er seit seinem zehnten Jahr alle Abende mit der Amme an diesem Spiel sich ergoetze. Wie oede, wie unheimlich kam ihm das ganze Haus vor. Das Rennen und Laufen der Amme hatte doch noch an Leben und Bewegung erinnert, jetzt aber lag Grabesstille ueber den weiten Gaengen und Gemaechern, nur zuweilen vom Knistern der Lichter, vom Ticken des Holzwurmes im schwaerzlichen Getaefel und dem eintoenigen Rollen der Wuerfel unterbrochen. Das Spiel hatte nie etwas Anziehendes fuer ihn gehabt, seine Gedanken waren auch fern davon, und die tiefe Melancholie der oeden Gemaecher und der Gedanke, nur wenige Strassen von ihr entfernt, doch den langersehnten Anblick der Geliebten entbehren zu muessen, breitete duestere Schatten ueber seine Seele. Nur die ungeheuchelte Freude Herrn Dietrichs, beinahe alle Spiele zu gewinnen, die seinem gutmuetigen Gesicht etwas Angenehmes verlieh entschaedigte ihn fuer den Verlust der langsam hinschleichenden Stunden. Mit dem Schlag der achten Stunde fuehrte Dietrich seinen Gast zum Abendbrot, das die Amme, trotz ihres Unmutes, trefflich bereitet hatte, denn sie wollte der Ehre des Kraftschen Hauses nichts vergeben. Hier oeffnete auch der Ratsschreiber wieder die Schleusen seiner Beredsamkeit, indem er seinem Gast das Mahl durch Gespraech zu wuerzen suchte. Aber umsonst spaehte dieser, ob er nicht von seinem schoenen Muehmchen reden werde; nur eine Ausbeute bekam er: Kraft zaehlte unter den wuerttembergischen Rittern, die in Ulm anwesend seien, auch den Ritter von Lichtenstein auf. Doch schon dieses Wort erweckte dankbare Gefuehle gegen die Wendung seines Schicksals in ihm. Jetzt erst freute er sich, einer Partei beigetreten zu sein, die ihm sonst ausser den beruehmten Namen, die sie an der Spitze trug, ziemlich gleichgueltig war. So aber hatte auch ihr Vater sich an dem Sammelplatz des Heeres eingefunden, und durfte er auch nicht hoffen, dass ihm das Glueck vergoennen werde, an der Seite des teuren Mannes zu fechten, so trug er doch die Gewissheit in der Brust, ihm beweisen zu koennen, dass Georg von Sturmfeder nicht der letzte Kaempfer im Heer sei. Der Hausherr fuehrte ihn nach aufgehobener Tafel in sein Schlafgemach und schied von ihm mit einem herzlichen Glueckwunsch fuer seine Ruhe. Georg besah sich das Gemach, zog die Gardinen vor und liess die Bilder des vergangenen Tages an seiner Seele vorueberziehen. Geordnet und freundlich kamen sie anfangs vorueber, dann aber verwirrten sie sich, in buntem Gedraenge fuehrten sie seine Seele in das Reich der Traeume, und nur ein teures Bild ging ihm heller auf, es war das Bild der Geliebten. Kapitel 5 Georg wurde am andern Morgen durch ein bescheidenes Pochen an seiner Tuer erweckt. Er schlug die Vorhaenge seines Bettes zurueck und sah, dass die Sonne schon ziemlich hoch stehe. Es wurde wieder stark und staerker gepocht, und sein freundlicher Wirt, schon voellig im Putz, trat ein. Nach den ersten Erkundigungen, wie sein Gast geschlafen habe, kam Herr Dietrich gleich auf die Ursache seines fruehen Besuches. Der grosse Rat hatte gestern abend noch beschlossen, die Ankunft der Bundesgenossen auch durch einen Tanz zu feiern, der am heutigen Abend auf dem Rathaus abgehalten werden sollte. Ihm, als dem Ratsschreiber, kam es zu, alles anzuordnen, was zu dieser Festlichkeit gehoerte, er musste die Stadtpfeifer bestellen, die ersten Familien feierlich und im Namen des Rates dazu einladen, er musste vor allem zu seinen lieben Muehmchen eilen, um ihnen dieses seltene Glueck zu verkuendigen. Er erzaehlte dies alles mit wichtiger Miene seinem Gast und versicherte ihm, dass er vor dem Drang der Geschaefte nicht wisse, wo ihm der Kopf stehe. Doch Georg hatte nur fuer eines Sinn; er durfte hoffen, Marie zu sehen und zu sprechen, und darum haette er gerne Herrn Dietrich fuer seine gute Botschaft an das freudig pochende Herz gedrueckt. "Ich sehe es Euch an", sagte dieser, "die Nachricht macht Euch Freude, und die Tanzlust leuchtet Euch schon aus den Augen. Doch Ihr sollt ein Paar Taenzerinnen haben, wie Ihr sie nur wuenschen koennt; mit meinen Baeschen sollt Ihr mir tanzen, denn ich bin ihr Fuehrer bei solchen Gelegenheiten und werde es schon zu machen wissen, dass Ihr und kein anderer zuerst sie aufziehen sollt; und wie werden sie sich freuen, wenn ich ihnen einen so flinken Taenzer verspreche!" Damit wuenschte er seinem Gast einen guten Morgen und ermahnte ihn, wenn er ausgehe, sein Haus zu merken und das Mittagessen nicht zu versaeumen. Herr Dietrich hatte als sehr naher Verwandter schon frueh am Tag Zutritt im Hause des Herrn von Besserer, besonders heute, da ihn seine vielen Geschaefte bei diesem Morgenbesuch entschuldigten. Er fand die Maedchen noch beim Fruehstueck. "Ich sehe Dir es an, Vetter", begann Berta, "Du moechtest gar zu gerne von unserer Suppe kosten, weil Dir Deine Amme heute einen Kinderbrei vorgesetzt hat; aber schlage Dir diese Gedanken nur gleich aus dem Sinn; Du hast Strafe verdient und musst fasten--." "Ach, wie wir so sehnlich auf Euch gewartet haben", unterbrach sie Marie. "Jawohl", fiel ihr Berta in die Rede, "aber bilde Dir nur nicht ein, dass wir eigentlich Dich erwarteten; nein, ganz allein Deine Neuigkeiten." Der Ratsschreiber war schon gewohnt, von Berta so empfangen zu werden, er wollte daher, um sie zu versoehnen, dass er nicht gestern abend noch ihre Neugierde befriedigt habe, seine Nachrichten in desto laengerem Strom geben; aber Berta unterbrach ihn. "Wir kennen", sagte sie, "Deine breiten Erzaehlungen, und haben auch das meiste vom Erker aus selbst mit angesehen; von Eurem Trinkgelage, wo es arg genug hergegangen sein soll, will ich auch nichts wissen, darum antworte mir auf meine Frage." Sie stellte sich mit komischem Ernst vor ihn hin und fuhr fort: "Dietrich von Kraft, Schreiber eines wohledlen Rates, habt Ihr unter den Buendischen keinen jungen, ueberaus hoeflichen Herrn gesehen, mit langem, hellbraunem Haar, einem Gesicht, nicht so milchweiss wie das Eure, aber doch nicht minder huebsch, kleinem Bart, nicht so zierlich wie der Eure, aber dennoch schoener, hellblauer Schaerpe mit Silber..." "Ach, das ist kein anderer als mein Gast!" rief Herr Dietrich. "Er ritt einen grossen Braunen, trug ein blaues Wams, an den Schultern geschlitzt und mit Hellblau ausgelegt?" "Ja, ja, nur weiter!" rief Berta. "Wir haben unsere eigenen Ursachen, uns nach ihm zu erkundigen." Marie stand auf und suchte ihr Naehzeug in dem Kasten, indem sie beiden den Ruecken zukehrte; aber die Roete, die alle Augenblicke auf ihren Wangen wechselte, liess ahnen, dass sie kein Wort von Herrn Dietrichs Erzaehlung verlor. "Nun, das ist Georg von Sturmfeder", fuhr der Ratsschreiber fort, "ein schoener, lieber Junge. Sonderbar, auch Ihr seid ihm gleich beim Einzug aufgefallen."--und nun erzaehlte er, was am Gastmahl vorgegangen sei, wie ihm der hohe Wuchs, das Gebietende und Anziehende in des Juenglings Mienen gleich anfangs aufgefallen, wie ihn der Zufall zu seinem Nachbar gemacht, wie er ihn immer lieber gewonnen und endlich in sein Haus gefuehrt habe. "Nun, das ist schoen von Dir, Vetter", sagte Berta, als er geendet hatte, und reichte ihm freundlich die Hand, "ich glaube, es ist das erste Mal, dass Du es wagst, Gaeste zu haben. Aber das Gesicht der alten Sabine haette ich sehen moegen, als Junker Dieter so spaet noch einen Gast brachte." "Oh, sie war wie der Lindwurm gegen St. Georg; aber als ich ihr ganz unverbluemt zu verstehen gab, es koenne wohl geschehen, dass ich bald eine meiner schoenen Basen heimfuehren wuerde..." "Ach, geh doch!" entgegnete Berta, indem sie ihm hocherroetend ihre Hand entreissen wollte; aber Herr Dietrich, dem sein Muehmchen noch nie so huebsch als in diesem Augenblick geschienen hatte, drueckte die weiche Hand fester, und Mariens ernsteres Bild verlor von Sekunde zu Sekunde an Gehalt, und die Waagschale der froehlichen Berta, die jetzt in holder Verschaemtheit vor ihm sass, stieg hoch in den Augen des gluecklichen Ratsschreibers. Doch nun fiel ihm der Grund seines Besuches wieder ein, den er waehrend des Gespraeches ganz vergessen hatte. Berta sprang mit einem Schrei der Freude auf, als ihr der Vetter die Nachricht von dem Abendtanz mitteilte. "Marie, Marie", rief sie in hellen Toenen, dass die Gerufene bestuerzt herbeieilte. "Marie, ein Abendtanz auf dem Rathaus!" rief die beglueckte Berta. Auch diese schien freudig ueberrascht von dieser Nachricht. "Wann? Kommen auch die Fremden dazu?" waren ihre schnellen Fragen, indem ein hohes Rot ihre Wangen faerbte, und aus dem ernsten Auge, das die kaum geweinten Traenen nicht verbergen konnte, ein Strahl der Freude drang. Berta und der Vetter waren erstaunt ueber den schnellen Wechsel von Schmerz und Freude, und der letztere konnte die Bemerkung nicht unterdruecken, dass Marie eine leidenschaftliche Taenzerin sein muesse. Doch wir glauben, er habe sich hierin nicht weniger geirrt, als wenn er Georg fuer einen Weinkenner hielt. Als der Ratsschreiber sah, dass er jetzt, wo die Maedchen sich in eine wichtige Beratung ueber ihren Anzug verwickelten, eine ueberfluessige Rolle spiele, empfahl er sich, um seinen wichtigeren Geschaeften nachzugehen. Er beeilte sich, seine Anordnungen zu treffen, und die hohen Gaeste und die angesehensten Haeuser zu laden. Ueberall erschien er als ein Bote des Heils, denn wie die Sage erzaehlt, ist die Freude am Tanzen nicht erst heute ueber die Maedchen gekommen. Doch nicht seine Anordnungen allein waren dem Ratsschreiber gelungen, er hatte nebenbei auch manche geheime Nachricht erspaeht, die bis jetzt nur der engere Ausschuss des Rates mit den Bundesobersten teilte. Zufrieden mit dem Erfolg seiner vielen Geschaefte kam er gegen Mittag nach Hause, und sein erster Gang war, nach seinem Gast zu sehen. Er traf ihn bei einer sonderbaren Arbeit. Georg hatte lange in einem schoengeschriebenen Chronikbuch, das er in seinem Zimmer gefunden hatte, geblaettert. Die reinlich gemalten Bilder, womit die Anfangsbuchstaben der Kapitel unterlegt waren, die Triumphzuege und Schlachtenstuecke, welche mit kuehnen Zuegen entworfen, mit besonderem Fleiss ausgemalt, hin und wieder den Text unterbrachen, unterhielten ihn geraume Zeit. Dann fing er an, erfuellt von den kriegerischen Bildern, die er angeschaut hatte, seinen Helm und Harnisch und das vom Vater ererbte Schwert zu reinigen und blank zu machen, indem er zum grossem Aergernis der Frau Sabine bald lustige, bald ernstere Weisen dazu sang. So traf ihn sein Gastfreund. Schon unten an der Treppe hatte er die angenehme Stimme des Singenden vernommen Er konnte sich nicht enthalten, noch einige Zeit an der Tuer zu lauschen, ehe er den Gesang unterbrach. Der Saenger begann von neuem: "Kaum gedacht, War der Lust ein End' gemacht, Gestern noch auf stolzen Rossen, Heute durch die Brust geschossen, Morgen in das kuehle Grab. Doch was ist Aller Erden Freud' und Luest'! Prahlst du gleich mit deinen Wangen, Die wie Milch und Purpur prangen, Sieh', die Rosen welken all'. Darum still Geb' ich mich, wie Gott es will: Und wird die Trompete blasen, Und muss ich mein Leben lassen, Stirbt ein braver Reitersmann." "Wahrlich, Ihr habt eine schoene Stimme", sagte Herr von Kraft, als er in das Gemach eintrat. "Aber warum singt Ihr so traurige Lieder? Ich kann mich zwar nicht mit Euch messen, aber was ich singe, muss froehlich sein, wie es einem jungen Mann von achtundzwanzig geziemt." Georg legte sein Schwert auf die Seite und bot seinem Gastfreund die Hand "Ihr moegt recht haben", sagte er, "was Euch betrifft. Aber wenn man zu Feld reitet, wie wir, da hat ein solches Lied grosse Gewalt und Trost, denn es gibt auch dem Tod eine milde Seite." "Nun, das ist ja gerade, was ich meine", entgegnete der Schreiber des grossen Rats. "Wozu soll man das auch noch in schoenen Verslein besingen, was leider nur zu gewiss nicht ausbleibt? Man soll den Teufel nicht an die Wand malen, sonst kommt er, sagt ein Sprichwort. Uebrigens hat es damit keine Not, wie jetzt die Sachen stehen." "Wie? Ist der Krieg nicht entschieden?" fragte Georg neugierig. "Hat der Wuerttemberger Bedingungen angenommen?" "Dem macht man gar keine mehr", antwortete Dietrich mit wegwerfender Miene. "Er ist die laengste Zeit Herzog gewesen, jetzt kommt das Regieren auch einmal an uns. Ich will Euch etwas sagen", setzte er wichtig und geheimnisvoll hinzu, "aber bis jetzt bleibt es noch unter uns. Die Hand darauf. Ihr meint, der Herzog habe 14000 Schweizer? Sie sind wie weggeblasen. Der Bote, den wir nach Zuerich und Bern geschickt haben, ist zurueck. Was von Schweizern bei Blaubeuren und auf der Alb liegt--muss nach Haus." "Nach Haus zurueck?" rief Georg erstaunt. "Haben die Schweizer selbst Krieg?" "Nein", war die Antwort, "sie haben tiefen Frieden, aber kein Geld. Glaubt mir, ehe acht Tage ins Land kommen, sind schon Boten da, die das ganze Heer nach Haus zurueckrufen." "Und werden sie gehen?" unterbrach ihn der Juengling. "Sie sind auf ihre eigene Faust dem Herzog zu Hilfe gezogen, wer kann ihnen gebieten, seine Fahnen zu verlassen?" "Das weiss man schon zu machen. Glaubt Ihr denn, wenn an die Schweizer der Ruf kommt, bei Verlust ihrer Gueter und bei Leib und Lebensstrafe nach Haus zu eilen, sie werden bleiben? Ulrich hat zu wenig Geld, um sie zu halten, denn auf Versprechungen dienen sie nicht." "Aber ist dies auch ehrlich gehandelt?" bemerkte Georg. "Heisst das nicht dem Feind, der in ehrlicher Fehde mit uns lebt, die Waffen stehlen und ihn dann ueberfallen?" "In der Politica, wie wir es nennen", gab der Ratsschreiber zur Antwort und schien sich dem unerfahrenen Kriegsmann gegenueber kein geringes Ansehen geben zu wollen, "in der Politica wird die Ehrlichkeit hoechstens zum Schein angewandt. So werden die Schweizer z.B. dem Herzog erklaeren, dass sie sich ein Gewissen daraus machen, ihre Leute gegen die freien Staedte dienen zu lassen. Aber die Wahrheit ist, dass wir dem grossen Baeren mehr Goldgulden in die Tatze druecken als der Herzog." "Nun, und wenn die Schweizer auch noch abziehen", sagte Georg, "so hat doch Wuerttemberg noch Leute genug, um keinen Hund ueber die Alb zu lassen." "Auch dafuer wird gesorgt", fuhr der Schreiber in seiner Erlaeuterung fort, "wir schicken einen Brief an die Staende von Wuerttemberg und ermahnen sie, das unleidliche Regiment ihres Herzogs zu bedenken, demselben keinen Beistand zu tun, sondern dem Bund zuzuziehen." "Wie?" rief Georg mit Entsetzen "Das hiesse ja den Herzog um sein Land betruegen. Wollt Ihr ihn denn zwingen, der Regierung zu entsagen und sein schoenes Wuerttemberg mit dem Ruecken anzusehen?" "Und Ihr habt bisher geglaubt, man wolle nichts weiter als etwa Reutlingen wieder zur Reichsstadt machen? Wovon soll denn Hutten seine 42 Gesellen und ihre Diener besolden? Wovon denn Sickingen seine tausend Reiter und zwoelftausend zu Fuss, wenn er nicht ein huebsches Stueckchen Land damit erkaempft? Und meint Ihr, der Herzog von Bayern wolle nicht auch sein Teil? Und wir? Unsere Markung grenzt zunaechst an Wuerttemberg--." "Aber die Fuersten Deutschlands", unterbrach ihn Georg ungeduldig, "meint Ihr, sie werden es ruhig mit ansehen, dass Ihr ein schoenes Land in kleine Fetzen reisst? Der Kaiser, wird er es dulden, dass Ihr einen Herzog aus dem Land jagt?" Auch dafuer wusste Herr Dietrich Rat. "Es ist kein Zweifel, dass Karl seinem Vater als Kaiser folgt. Ihm selbst bieten wir das Land zur Obervormundschaft an, und wenn Oesterreich seinen Mantel darauf deckt, wer kann dagegen sein? Doch, seht nicht so duester aus. Wenn Euch nach Krieg geluestet, dazu kann Rat werden. Der Adel haelt noch zum Herzog, und an seinen Schloessern wird sich noch mancher die Zaehne einbrechen. Wir verschwatzen uebrigens das Mittagsmahl. Kommt bald nach, dass wir erfahren, was Frau Sabina uns gekocht hat." Damit verliess der Schreiber des grossen Rates von Ulm so stolzen Schrittes, als waere er selbst schon Obervormund von Wuerttemberg, das Zimmer seines Gastes. Georg sandte ihm nicht die freundlichsten Blicke nach. Zuernend schob er seinen Helm, den er noch vor einer Stunde mit so freudigem Mut zu seinem ersten Kampf geschmueckt hatte, in die Ecke. Mit Wehmut betrachtete er sein altes Schwert, diesen treuen Stahl, den sein Vater in manchem guten Streit gefuehrt, den er sterbend seinem verwaisten Knaben als einziges Erbe vom Schlachtfeld gesandt hatte. "Ficht ehrlich!" war das Symbol das der Waffenschmied in die schoene Klinge gegraben hatte, und er sollte sie fuer eine Sache fuehren, die ihre Ungerechtigkeit an der Stirn trug? Wo er der Kriegskunst erfahrener Maenner, der Tapferkeit des einzelnen die Entscheidung zutraute, da sollten geheime Raenke, die Politica, wie Herr Dietrich sich ausdrueckte, entscheiden? Wo ihn der froehliche Glanz der Waffen, die Aussicht auf Ruhm gelockt hatte, da sollte er nur den habgierigen Plaenen dieser Menschen dienen? Ein altes Fuerstenhaus, dem seine Ahnen gerne gedient hatten, sollte er von diesen Spiessbuergern vertreiben sehen? Unertraeglich wollte ihm auch der Gedanke scheinen, von diesem Kraft sich belehren lassen zu muessen. Doch dem Unmut ueber seinen gutmuetigen Wirt konnte er nicht lange Raum geben, wenn er bedachte, dass ja jene Plaene nicht in seinem Kopf gewachsen seien und dass Menschen, wie dieser politische Ratsschreiber, wenn sie einmal ein Geheimnis, einen grossen Gedanken in Erfahrung gebracht haben, ihn hegen und pflegen wie ihren eigenen; dass sie sich mit dem adoptierten Kind bruesten, als waere es Minerva, aus ihrem eigenen harten Kopf entsprungen. Mit milderen Gedanken kam er zu seinem Gastfreund, als man ihn zu Tisch rief. Ja, die ganze Ansicht der Dinge wurde ihm nach einigen Stunden bei weitem ertraeglicher, als er sich erinnerte, dass ja auch Mariens Vater dieser Partei folge. Es war ihm, als moechte die Sache doch nicht so schwarz sein, welcher Maenner wie Frondsberg ihre Dienste geliehen. Kapitel 6 Man blies schon laengst zum ersten Tanz auf, als Georg von Sturmfeder in den Rathaussaal eintrat. Seine Blicke schweiften durch die Reihen der Tanzenden, und endlich trafen sie Marien. Sie tanzte mit einem jungen, fraenkischen Ritter seiner Bekanntschaft, schien aber der eifrigen Rede, die er an sie richtete, kein Gehoer zu geben. Ihr Auge suchte den Boden, ihre Miene konnte Ernst, beinahe Trauer ausdruecken; ganz anders als die uebrigen Fraeulein, die in der wahren Tanzseligkeit schwimmend, ein Ohr der Musik, das andere dem Taenzer liehen, und die freundlichen Augen bald ihren Bekannten, um den Beifall in ihren Mienen zu lesen, bald ihren Taenzern zuwandten, um zu pruefen, ob ihre Aufmerksamkeit auch ganz gewiss auf sie gerichtet sei. In gehaltenen Toenen hielten jetzt die Zinken und Trompeten und endeten; Herr Dietrich Kraft hatte seinen Gastfreund bemerkt und kam, ihn, wie er versprochen, zu seinen Muhmen zu fuehren. Er fluesterte ihm zu, dass er selbst schon fuer den naechsten Tanz mit Baeschen Berta versagt sei, doch habe er soeben um Mariens Hand fuer seinen Gast geworben. Beide Maedchen waren auf die Erscheinung des ihnen so interessanten Fremden vorbereitet gewesen, und dennoch bedeckte die Erinnerung dessen, was sie ueber ihn gesprochen, Bertas angenehme Zuege mit hoher Glut, und die Verwirrung, in welche sie sein Anblick versetzte, liess sie nicht bemerken, welches Entzuecken ihm aus Mariens Auge entgegenstrahlte, wie sie bebte, wie sie muehsam nach Atem suchte, wie ihr selbst die Sprache ihre Dienste zu versagen schien. "Da bringe ich Euch Herrn Georg von Sturmfeder, meinen lieben Gast", begann der Ratsschreiber, "der um die Gunst bittet, mit Euch zu tanzen." "Wenn ich nicht schon diesen Tanz meinem Vetter zugesagt haette", antwortete Berta, schneller gefasst als ihre Base, "so solltet Ihr ihn haben, aber Marie ist noch frei, die wird mit Euch tanzen." "So seid Ihr noch nicht versagt, Fraeulein von Lichtenstein?" fragte Georg, indem er sich zu der Geliebten wandte. "Ich bin an Euch versagt", antwortete Marie. So hoerte er denn zum ersten Mal wieder diese Stimme, die ihn so oft mit den suessesten Namen genannt hatte; er sah in diese treuen Augen, die ihn noch immer so hold anblickten wie vormals. Die Trompeten schmetterten in den Saal; der Oberfeldleutnant Waldburg Truchsess, dem man den zweiten Tanz gegeben hatte, schritt mit seiner Taenzerin vor, die Fackeltraeger folgten, die Paare ordneten sich, und auch Georg ergriff Mariens Hand und schloss sich an. Jetzt suchten ihre Blicke nicht mehr den Boden, sie hingen an denen des Geliebten; und dennoch wollte es ihm scheinen, als mache sie dieses Wiedersehen nicht so gluecklich wie ihn, denn noch immer lag eine duestere Wolke von Schwermut oder Trauer um ihre Stirn. Sie sah sich um, ob Dietrich und Berta, das naechste Paar nach ihnen, nicht allzu nahe seien.--Sie waren fern. "Ach, Georg", begann sie, "welch ungluecklicher Stern hat Dich in dieses Heer gefuehrt?" "Du warst dieser Stern, Marie", sagte er, "Dich habe ich auf dieser Seite geahnt, und wie gluecklich bin ich, dass ich Dich fand! Kannst Du mich tadeln, dass ich die gelehrten Buecher beiseite legte und Kriegsdienste nahm? Ich habe ja kein Erbe als das Schwert meines Vaters; aber mit diesem Gut will ich wuchern, dass der deinige sehen soll, dass seine Tochter keinen Unwuerdigen liebt." "Ach Gott! Du hast doch dem Bund noch nicht zugesagt?" unterbrach sie ihn. "Aengstige Dich doch nicht so, mein Liebchen, ich habe noch nicht voellig zugesagt; aber es muss naechster Tage geschehen. Willst Du denn Deinem Georg nicht auch ein wenig Kriegsruhm goennen? Warum magst Du um mich so bange sein? Dein Vater ist alt und zieht ja doch auch mit uns." "Ach, mein Vater, mein Vater!" klagte Marie. "Er ist ja--doch brich ab, Georg, brich ab--Berta belauscht uns; aber ich muss Dich morgen sprechen, ich muss, und sollte es meine Seligkeit kosten. Ach! Wenn ich nur wuesste wie?" "Was aengstigt Dich denn nur so?" fragte Georg, dem es unbegreiflich war, wie Marie, statt sich der Freude des Wiedersehens hinzugeben, nur an die Gefahren dachte, denen er entgegengehe? "Du stellst Dir die Gefahren groesser vor, als sie sind", fluesterte er ihr troestend zu. "Denke an nichts, als dass wir uns jetzt wieder haben, dass ich Deine Hand druecken darf, dass Auge in Auge sieht wie sonst. Geniesse jetzt die Augenblicke, sei heiter!" "Heiter? Oh, diese Zeiten sind vorbei, Georg! Hoere und sei standhaft--mein Vater ist nicht buendisch!" "Jesus Maria! Was sagst Du?" rief der Juengling und beugte sich, als habe er das Wort des Ungluecks nicht gehoert, herab zu Marien. "Oh sag, ist denn Dein Vater nicht hier in Ulm?" Sie hatte sich staerker geglaubt; sie konnte nicht mehr sprechen; bei dem ersten Laut waeren ihre Traenen unaufhaltsam geflossen; sie antwortete nur durch einen Druck der Hand und ging mit gesenktem Haupt, nach Kraft suchend, ihren Schmerz zu bekaempfen, neben Georg her. Endlich siegte der starke Geist dieses Maedchens ueber die Schwaeche ihrer Natur, die einem so grossen, tiefen Kummer beinahe erlegen waere. "Mein Vater", fluesterte sie, "ist Herzog Ulrichs waermster Freund, und sobald der Krieg entschieden ist, fuehrt er mich heim auf den Lichtenstein!" Betaeubt wirbelten jetzt die Trommeln, in volleren Toenen schmetterten die Trompeten, sie begruessten den Truchsess, der eben an dem Musikchor vorueberzog, er warf ihnen, wie es Sitte war, einige Silberstuecke zu, und von neuem erhob sich ihr betaeubender Jubel. Das leise Gespraech der Liebenden verstummte vor der rauhen Gewalt dieser Toene, aber ihr Auge hatte sich in diesem Schiffbruch ihrer Liebe um so mehr zu sagen, und sie bemerkten nicht einmal, wie ein Gefluester ueber sie im Saal erging, das sie als das schoenste Paar pries. Aber nur zu wohl hatte Berta diese Bemerkungen der Menge gehoert. Sie war zu gutmuetig, als dass Neid darueber in ihre Seele gekommen waere, aber sie setzte sich doch im Geist an Mariens Platz, und fand, dass man vielleicht das Paar nicht minder schoen gefunden haette. Auch das Gespraech, das zwischen den beiden begonnen hatte, fiel ihr auf. Die ernste Base, die selten oder nie mit einem Mann lange sprach, schien mehr und angelegentlicher zu reden als ihr Taenzer. Die Musik hinderte sie zu verstehen, was gesprochen wurde; die Neugierde wurde in ihr rege, sie zog ihren Taenzer naeher an das vordere Paar, um ein wenig zu lauschen; aber war es Zufall oder Absicht, das Gespraech verstummte, als sie naeherkam, oder wurde so leise gefuehrt, dass sie nichts davon verstand. Ihr Interesse an dem schoenen jungen Mann wuchs mit diesen Hindernissen; noch nie war ihr der gute Vetter Kraft so laestig geworden als in diesen Augenblicken; denn die zierlichen Redensarten, womit er ihr Herz zu umspinnen gedachte, hinderten sie, jene genauer zu beobachten. Sie war froh, als endlich der Tanz endete. Denn sie durfte hoffen, dass der naechste an des jungen Ritters Seite desto angenehmer fuer sie sein werde. Sie taeuschte sich nicht in ihrer Hoffnung, Georg kam, sie um den naechsten Tanz zu bitten, der auch sogleich begann, und sie huepfte froehlich an seiner Seite in die Reihen. Aber es war nicht mehr derselbe, der vorhin mit Marien so freundlich gesprochen hatte. Verstoert, einsilbig, in tiefe Gedanken versunken, war der junge Mann an ihrer Seite, und es war nur zu sichtbar, dass er sich immer erst wieder sammeln musste, wenn er eine ihrer Fragen beantworten sollte. War dies jener "hoefliche Ritter", welcher sie, ohne dass sie sich je gesehen hatten, so freundlich gruesste? War es derselbe, welcher so heiter, so froehlich war, als ihn Vetter Kraft zu ihnen fuehrte? Derselbe, der mit Marien so eifrig sich unterredet hatte? Oder sollte diese--? Ja, es war klar, Marie hatte ihm besser gefallen, ach! vielleicht weil sie die erste war, die mit ihm getanzt. Je weniger Berta gewohnt war, sich der ernsten Marie nachgesetzt zu sehen, um so mehr befremdete sie dieser Sieg ihrer Base, um so mehr glaubte sie sich beeifern zu muessen, ihren Rang, ihre Gaben geltend zu machen Sie setzte daher mit ihrer heiteren Geschwaetzigkeit das Gespraech ueber den bevorstehenden Krieg, das sie mit Muehe angesponnen hatte, fort, als sie nach Beendigung des Tanzes zu Marien und dem Ratsschreiber traten. "Nun, und der wievielte Feldzug ist es denn, Herr von Sturmfeder, dem Ihr jetzt beiwohnt?" "Es ist mein erster", antwortete dieser kurz angebunden, denn er war unmutig darueber, dass jene ihn noch immer im Gespraech halte, da er mit Marie so gerne gesprochen haette. "Euer erster?" entgegnete Berta verwundert, "Ihr wollt mir etwas weismachen, da habt Ihr ja schon eine maechtige Narbe auf der Stirn." "Die bekam ich auf der hohen Schule", antwortete Georg. "Wie? Ihr seid ein Gelehrter?" fragte jene eifrig weiter. "Nun, und da seid Ihr gewiss recht weit weg gewesen; etwa in Padua oder Bologna, oder gar bei den Ketzern in Wittenberg." "Nicht so weit, als Ihr meint", entgegnete er, indem er sich zu Marien wandte, "ich war in Tuebingen." "In Tuebingen", rief Berta voll Verwunderung. Wie ein Blitz erhellte dies einzige Wort alles, was ihr bisher dunkel war, und ein Blick auf Marien, die mit niedergeschlagenen Augen, mit der Roete der Scham auf den Wangen, vor ihm stand, ueberzeugte sie, dass die lange Reihe von Schluessen, die sich an jenes Wort anschlossen, ihren nur zu sicheren Grund hatten. Jetzt war ihr auf einmal klar, warum sie der artige Ritter begruesst, warum Marie geweint, die ihn gewiss gerne auf der feindlichen Seite gesehen haette, warum er so viel mit jener gesprochen, warum er bei ihr selbst so einsilbig war. Es war keine Frage, sie kannten sich, sie mussten sich laengst gekannt haben. Beschaemung war das erste Gefuehl, das bei dieser Entdeckung Bertas Herz bestuermte; sie erroetete vor sich selbst, wenn sie sich gestand, nach der Aufmerksamkeit eines Mannes gestrebt zu haben, dessen Seele ein ganz anderer Gegenstand beschaeftige. Unmut ueber Mariens Heimlichkeit verfinsterte ihre Zuege. Sie suchte Entschuldigung fuer ihr eigenes Betragen, und fand sie nur in der Falschheit ihrer Base. Haette diese ihr gestanden, in welchem Verhaeltnis sie zu dem jungen Mann stehe, sie haette ihr nie ihre Teilnahme an ihm gezeigt; er waere ihr dann, meinte sie, hoechst gleichgueltig geblieben, sie haette nie diese Beschaemung erfahren. Berta hat an diesem Abend den ungluecklichen jungen Mann keines Blickes mehr gewuerdigt, was ihm uebrigens ueber dem groesseren Schmerz, der seine Seele beschaeftigte, voellig entging. Sein Unglueck wollte es auch, dass er nie mehr Gelegenheit fand, Marien wieder allein und ungestoert zu sprechen, der Abendtanz ging zu Ende, ohne dass er ueber Mariens Schicksal und ueber die Gesinnungen ihres Vaters gewisser wurde, und Marie fand kaum noch auf der Treppe Gelegenheit, ihm zuzufluestern, er moechte morgen in der Stadt bleiben, weil sie vielleicht irgendeine Gelegenheit finden wuerde, ihn zu sprechen. Verstimmt kamen die beiden Schoenen nach Hause. Berta hatte auf alle Fragen Mariens kurze Antwort gegeben, und auch diese, sei es, dass sie ahnte, was in ihrer Freundin vorgehe, sei es, weil sie selbst ein grosser Schmerz beschaeftigte, war nach und nach immer duesterer, einsilbiger geworden. Aber auf beiden lastete die Stoerung ihres bisherigen freundschaftlichen Verhaeltnisses erst recht schwer, als sie ernst und schweigend in ihr Gemach traten. Sie hatten sich bisher alle jene kleinen Dienste geleistet, welche junge Maedchen nur zu noch engerer Freundschaft verbinden. Wie ganz anders war es heute! Berta hatte die silberne Nadel aus dem reichen blonden Haar gezogen, dass es in langen Ringellocken ueber den schoenen Nacken herabstroemte. Sie versuchte, es unter das Nachthaeubchen zu stecken; ungewohnt, diese Arbeit ohne Mariens Hilfe zu verrichten, kam sie nicht damit zu Rande, aber zu stolz, ihrer Feindin, wie sie Marien in ihrem Sinn nannte, ihre Verlegenheit merken zu lassen, warf sie das Haeubchen in die Ecke und ergriff ein Tuch, um es um das Haar zu winden. Schweigend nahm Marie das verworfene Haeubchen wieder auf und trat hinzu, das Haar ihrer Base nach gewohnter Weise zu ordnen und aufzubinden. "Hinweg, Du Falsche!" rief die erzuernte Berta, indem sie die hilfreiche Hand zurueckstiess. "Berta; hab' ich dies um Dich verdient?" sprach Marie mit Ruhe und Sanftmut. "Oh wenn Du wuesstest, wie ungluecklich ich bin, Du wuerdest sanfter gegen mich sein!" "Ungluecklich?" lachte jene laut auf, "ungluecklich! Vielleicht, weil der artige Herr nur einmal mit Dir tanzte?" "Du bist recht hart, Berta", antwortete Marie, "Du bist boese auf mich und sagst mir nicht einmal warum?" "So? Du willst also nicht wissen, dass Du mich betrogen hast? Nicht wissen, wie mich Deine Heimlichkeiten dem Spott und der Beschaemung aussetzten? Ich haette nie geglaubt, dass Du so schlecht, so falsch, an mir handeln wuerdest!" Von neuem erwachte in Berta das kraenkende Gefuehl, sich hintangesetzt zu sehen Ihre Traenen stroemten, sie legte die heisse Stirn in die Hand, und die reichen Locken flossen ueber ihr zusammen und verhuellten die Weinende. Traenen sind die Zeichen milderen Schmerzes. Marie kannte diese Traenen und fuhr mit mehr Vertrauen fort: "Berta! Du schiltst meine Heimlichkeit. Ich sehe, Du hast erraten, was ich nie von selbst sagen konnte. Setze Dich selbst in meine Lage. Ach, Du selbst, so heiter und offen Du bist, Du selbst haettest mir Dein Geheimnis nicht vertrauen koennen. Aber jetzt ist es ja aus. Du weisst, was meine Lippen auszusprechen sich scheuten. Ich liebe ihn, ja ich werde geliebt, und nicht erst von gestern her. Willst Du mich hoeren? Darf ich Dir alles sagen?" Bertas Traenen flossen noch immer. Sie antwortete nicht auf jene Fragen, aber Marie hob an zu erzaehlen, wie sie Georg im Haus der seligen Muhme kennengelernt habe. Wie sie ihm gut gewesen, lange ehe er ihr seine Liebe gestanden Alle jene schoene Erinnerungen lebten in ihr auf, mit gluehenden Wangen, mit strahlendem Auge fuehrte sie die Vergangenheit herauf. Sie erzaehlte von so mancher schoenen Stunde, vom Schwur ihrer Treue, von ihrem Abschied "Und jetzt", fuhr sie mit wehmuetigem Laecheln fort, "jetzt hat ihn dieser unglueckliche Krieg auf diese Seite gefuehrt. Er hoert, wir seien hier in Ulm, er glaubt nicht anders, als mein Vater sei dem Bund beigetreten, er hofft, mich durch sein Schwert zu verdienen, denn er ist arm, recht arm! Oh Berta, Du kennst meinen Vater. Er ist so gut, aber auch so streng, wenn etwas seiner Meinung widerspricht. Wird er einem Mann seine Tochter geben, der sein Schwert gegen Wuerttemberg gezogen hat? Siehe, das waren meine Traenen! Ach, ich wollte Dir so oft sagen, warum sie fliessen, aber eine unbesiegbare Scham schloss meine Lippen. Kannst Du mir noch zuernen? Muss ich mit dein Geliebten auch die Freundin verlieren?" Auch Mariens Traenen flossen und Berta fuehlte den eigenen Schmerz von dem groesseren Kummer der Freundin besiegt. Sie umarmte Marien schweigend und weinte mit ihr. "In den naechsten Tagen", fuhr diese fort, "will mein Vater Ulm verlassen, und ich muss ihm folgen. Aber noch einmal muss ich Georg sprechen, nur ein Viertelstuendchen. Berta, Du kannst gewiss Gelegenheit geben. Nur ein ganz kleines Viertelstuendchen!" "Du willst ihn doch nicht der guten Sache abwendig machen?" fragte Berta. "Was nennst Du die gute Sache?" antwortete Marie. "Des Herzogs Sache ist vielleicht nicht minder gut als die Eure. Du sprichst so, weil Ihr buendisch seid. Ich bin eine Wuerttembergerin, und mein Vater ist seinem Herzog treu. Doch sollen wir Maedchen ueber den Krieg entscheiden? Lass uns lieber auf Mittel sinnen, ihn noch einmal zu sehen." Berta hatte ueber der Teilnahme, mit welcher sie der Geschichte ihrer Base zugehoert hatte, ganz vergessen, dass sie ihr jemals gram gewesen war. Sie war ueberdies fuer alles Geheimnisvolle eingenommen, daher kamen ihr diese Mitteilungen erwuenscht. Sie fuehlte, wie wichtig und ehrenvoll der Posten einer Vertrauten sei, und gab sich daher alle moegliche Muehe, dem liebenden Paar mit ihrem Scharfsinn zu dienen. "Ich hab's gefunden", rief sie endlich aus, "wir laden ihn geradezu in den Garten." "In den Garten?" fragte Marie schuechtern und unglaeubig, "und durch wen?" "Sein Wirt, der gute Vetter Dietrich, muss ihn selbst bringen", antwortete sie, "das ist herrlich, und dieser darf auch kein Woertchen davon merken, lass' nur mich dafuer sorgen." Marie, entschlossen und stark bei grossen Dingen, zitterte doch bei diesem gewagten Schritt. Aber ihre mutige, froehliche Base wusste ihr alle Bedenklichkeiten auszureden, und mit erneuerter Hoffnung, und befreit von der Last des Geheimnisses, umarmten sich die Maedchen, ehe sie sich zur Ruhe legten. Kapitel 7 Sinnend und traurig sass Georg am Mittag nach dem festlichen Abend in seinem Gemach. Er hatte Breitenstein besucht und wenig Troestliches fuer seine Hoffnungen erfahren. Der Kriegsrat hatte sich an diesem Morgen versammelt, und unwiderruflich war der Krieg beschlossen worden. Zwoelf Edelknaben waren, die Absagebriefe des Herzogs von Bayern, der Ritterschaft und gesamten Staedte an ihre Lanzen geheftet, zum Goegglinger Tor hinausgejagt, um die Feindesbotschaft dem Wuerttemberger nach Blaubeuren zu bringen. Auf den Strassen rief man einander froehlich diese Nachricht zu, und die Freude, dass es jetzt endlich ins Feld gehen werde, stand deutlich auf allen Gesichtern geschrieben. Nur einen traf diese Kunde wie das schreckliche Machtwort seines Schicksals. Der Gram trieb ihn aus dem Kreis der froehlichen Gesellen, die jetzt den Weinstuben zuzogen, um in lautem Jubel das Geburtsfest des Krieges zu begehen und das Los kuenftiger Siege im Wuerfelspiel zu belauschen. Ach! Ihm waren ja schon die Wuerfel gefallen! Ein blutiges Schlachtfeld dehnte sich zwischen ihm und seiner Liebe aus, sie war ihm auf lange, vielleicht auf ewig verloren. Eilige Tritte, welche die Treppe heraufstuermten, weckten ihn aus seinem Brueten. Der Ratsschreiber steckte den Kopf in die Tuer. "Glueck auf, Junker!" rief er, "jetzt hebt der Tanz erst recht an. Aber ihr wisst es vielleicht noch gar nicht? Der Krieg ist angekuendigt, schon vor einer Stunde sind unsere Absageboten ausgeritten." "Ich weiss es", antwortete sein finsterer Gast. "Nun und huepft Euch das Herz nicht freier? Habt Ihr auch gehoert-- nein, das koennt Ihr nicht wissen", fuhr Dietrich fort, indem er zutraulich naeher zu ihm trat, "dass die Schweizer bereits abziehen?" "Wie, sie ziehen?" unterbrach ihn Georg. "Also hat der Krieg schon ein Ende?" "Das moechte ich nicht gerade behaupten", fuhr der Ratsschreiber bedenklich fort, "der Herzog von Wuerttemberg ist noch ein junger, mutiger Herr und hat noch Ritter und Dienstleute genug. Zwar wird er wohl keine offene Feldschlacht mehr wagen, aber er hat feste Staedte und Burgen. Da ist einmal der Hellenstein und darin Stephan von Lichow, ein Mann wie Eisen. Da ist Goeppingen, das Philipp von Rechberg auch nicht auf den ersten Stueckschuss ergeben wird. Da ist Schorndorf, Rothenberg und Asberg, da ist vor allem Tuebingen, das er tuechtig befestigt hat. Es wird noch mancher ins Gras beissen, bis Ihr Eure Rosse im Neckar traenkt." "Nun, nun!" fuhr er fort, als er sah, dass seine Nachrichten die finstere Stirn seines schweigenden Gastes nicht aufheitern konnten. "Wenn Ihr diese kriegerischen Botschaften nicht freundlich aufnehmt, so schenkt Ihr vielleicht einem friedlicheren Auftrag ein geneigtes Ohr. Sagt einmal, habt Ihr nicht irgendwo eine Base?" "Base? Ja, warum fragt Ihr?" "Nun seht, jetzt erst verstehe ich die verwirrten Reden, die vorhin Berta vorbrachte. Als ich aus dem Rathaus kam, winkte sie mir hinauf und befahl mir, meinen Gast heute nachmittag in ihren Garten an der Donau zu fuehren. Marie habe Euch etwas sehr Wichtiges an Eure Base, die sie sehr gut kenne, aufzutragen. Ihr muesst mir schon den Gefallen tun, mitzugehen. Solche Geheimnisse und Auftraege sind zwar gewoehnlich nicht weit her, und ich wollte wetten, sie geben Euch ein Muesterlein fuer den Webstuhl oder eine Probe seiner Wolle, oder ein tiefes Geheimnis der Kochkunst, oder gar ein paar Koernlein von einer seltenen Blume mit, denn Marie ist eine grosse Gaertnerin--doch wenn Ihr gestern an dem Maedchen Gefallen gefunden habt, geht Ihr wohl gerne mit." Mitten in dem schmerzlichen Gedanken an die Scheidestunde musste Georg ueber die List der Maedchen lachen. Freundlich bot er dem guten Boten die Hand und schickte sich an, ihn in den Garten zu begleiten. Dieser lag an der Donau, ungefaehr zweitausend Schritte unter der Bruecke. Er war nicht gross, zeugte aber von Sorgfalt und Fleiss. Die schoenen Obstbaeume waren zwar noch nicht belaubt, und die in wunderlichen Formen abgestochenen Beete hatten noch keine Blumen, aber ein langer Taxusgang, der an dem Ufer des Flusses sich hinzog und in einer geraeumigen Laube endete, gab durch sein helles Gruen einen lebhaften Anblick und hinlaenglichen Schutz gegen die einem weissen Hals und schoenen Armen so gefaehrlichen Strahlen der Maerzsonne. Dort, auf dem breiten, bequemen Steinsitz, wo die Luecken der Laube eine freie Aussicht die Donau hinauf und hinab gewaehrten, hatten die Maedchen unter mancherlei Gespraechen der jungen Maenner geharrt. Marie sass traurig in sich gekehrt. Sie hatte den schoenen Arm auf eine Luecke der Laube aufgestuetzt und das von Gram und Traenen muede Koepfchen in die Hand gelegt. Ihr dunkles, glaenzendes Haar hob die Blaesse ihres Teints um so mehr heraus, als stiller Kummer ihre Wangen gebleicht, und schlaflose Naechte dem lieblichen blauen Auge seinen sonst so ueberraschenden Glanz geraubt und ihm einen matteren, vielleicht nur um so anziehenderen Schimmer von Melancholie gegeben hatten. Das vollendete Bild froehlichen Lebens, sass die frische, runde, rosige Berta neben ihr. Wie ihre gelblichen Locken mit Mariens dunkeln Haaren, ihr rundes, frisches Gesichtchen mit den ovalen, schaerferen Formen ihrer Base, wie ihre freundlichen, beweglichen, hellbraunen Augen in auffallendem Kontrast standen mit dem sinnenden, geistvollen Blick Mariens, so wurde auch jede ihrer raschen lebhaften Bewegungen zum Gegensatz gegen jene stille Trauer. Berta schien ihre rosigste Laune hervorgeholt zu haben, um ihre Base zu troesten, oder doch ihren grossen Schmerz zu zerstreuen. Sie erzaehlte und schwatzte, sie lachte und ahmte die Gebaerde und Sprache vieler Leute nach, sie versuchte alle jene tausend kleinen Kuenste, womit die Natur ihre froehliche Tochter ausstattete. Aber wir glauben, dass sie wenig ausrichtete, denn nur hie und da glitt ein wehmuetiges, schnell verschwebendes Laecheln ueber Mariens feine Zuege hin. Endlich ging die Gartenpforte auf. Maennertritte toenten den Gang herauf und die Maedchen standen auf, die Erwarteten zu empfangen. "Herr von Sturmfeder", begann Berta nach den ersten Begruessungen, "verzeiht doch, dass ich es wagte, Euch in meines Vaters Garten einzuladen. Aber meine Base Marie wuenscht, Euch Auftraege an eine Freundin zu geben.--Nun, und dass wir andern nicht zu kurz kommen", setzte sie zu Herrn Kraft gewandt hinzu, "so wollen wir eins plaudern und den Abendtanz von gestern mustern." Damit ergriff sie ihres Vetters Hand und zog ihn mit sich den Gang hinab. Georg hatte sich zu Marie auf die Bank gesetzt. Sie lehnte sich an seine Brust und weinte heftig. Die suessesten Worte, die er ihr zufluesterte, vermochten nicht, ihre Traenen zu stillen "Marie", sagte er, "Du warst ja sonst so stark, wie kannst Du nun gerade jetzt allen Glauben an ein besseres Geschick, alle Hoffnung aufgeben?" "Hoffnung?" fragte sie wehmuetig, "mit unserer Hoffnung, mit unserem Glueck ist es fuer ewig aus." "Sieh", antwortete Georg, "eben dies kann ich nicht glauben, ich trage die Gewissheit unserer Liebe in mir so innig, so tief, und ich sollte jemals glauben, dass sie untergehen koenne?" "Du hoffst noch? So hoere mich ganz an. Ich muss Dir ein tiefes Geheimnis sagen, an dem das Leben meines Vaters haengt. Mein Vater ist so sehr ein bitterer Feind des Bundes, als er ein Freund des Herzogs ist. Er ist nicht nur deswegen hier, um sein Kind abzuholen. Nein, er sucht die Plaene des Bundes zu erforschen und mit Geld und Rede zu verwirren. Und glaubst Du, ein so bitterer Gegner des Bundes werde seine einzige Tochter einem Juengling geben, der durch unser Verderben sich emporzuschwingen sucht? Einem, der sich an Menschen anschliesst, die kein Recht, sondern nur Raub suchen?" "Dein Eifer fuehrt Dich zu weit, Marie", unterbrach sie der Juengling, "Du musst wissen, dass mancher Ehrenmann in diesem Heer dient!" "Und wenn dies waere", fuhr jene eifrig fort, "so sind sie betrogen und verfuehrt, wie auch Du betrogen bist." "Wer sagt Dir dies so gewiss?" entgegnete Georg, welcher erroetete, die Partei, die er ergriffen, von einem Maedchen so erniedrigt zu sehen, obgleich er ahnte, dass sie so unrecht nicht habe. "Wer sagt Dir dies so gewiss? Kann nicht Dein Vater auch verblendet und betrogen sein? Wie mag er nur mit so vielem Eifer die Sache dieses stolzen, herrschsuechtigen Mannes fuehren, der seine Edlen ermordet, der seine Buerger in den Staub tritt, der an seiner Tafel das Mark des Landes verprasst und seine Bauern verschmachten laesst?" "Ja, so schildern ihn seine Feinde", antwortete Marie, "so spricht man von ihm in diesem Heer; aber frage dort unten an den Ufern des Neckars, ob sie ihren angestammten Fuersten nicht lieben, wenn gleich seine Hand zuweilen schwer auf ihnen ruht. Frage jene Maenner, die mit ihm ausgezogen sind, ob sie nicht freudig ihr Blut fuer den Enkel Eberhards geben, ehe sie diesem stolzen Herzog von Bayern, diesen raeuberischen Edlen, diesen Staedtern ihr Land abtreten." Georg schwieg eine Zeitlang nachdenklich. "Aber wie entschuldigen denn diese warmen Verteidiger den Mord des Hutten?" fragte er. "Ihr sprecht immer von Eurer Ehre", antwortete Marie, "und wollt nicht leiden, dass ein Herzog seine Ehre verteidige? Hutten ist nicht meuchelmoerderisch gefallen, wie seine Anhaenger in alle Welt ausgeschrieen haben, sondern im ehrlichen Kampf, worin der Herzog selbst sein Leben einsetzte. Ich will nicht alles verteidigen, was er tat. Aber man soll nur auch bedenken dass ein junger Herr, wie der Herzog, von schlechten Raeten umgeben, nicht immer weise handeln kann Aber er ist gewiss gut, und wenn Du wusstest, wie mild, wie leutselig er sein kann!" "Es fehlt nur noch, dass Du ihn auch noch den schoenen Herzog nennst", sagte Georg bitter laechelnd "Du wirst reichen Ersatz finden fuer den armen Georg, wenn er es der Muehe wert haelt, mein Bild aus Deinem Herzen zu verdraengen." "Wahrlich, dieser kleinlichen Eifersucht habe ich Dich nicht fuer faehig gehalten", antwortete Marie, indem sie sich mit Traenen des Unmuts, im Gefuehl gekraenkter Wuerde, abwandte. "Glaubst Du denn das Herz eines Maedchens koenne nicht auch warm fuer die Sache ihres Vaterlandes schlagen?" "Sei mir nicht boese", bat Georg, der mit Reue und Beschaemung einsah wie ungerecht er sei, "gewiss, es war nur Scherz!" "Und kannst Du scherzen wo es unser ganzes Lebensglueck gilt?" entgegnete Marie. "Morgen will der Vater Ulm verlassen, weil der Krieg entschieden ist! Wir sehen uns vielleicht lange, lange nicht mehr, und Du magst scherzen? Ach, wenn Du gesehen haettest, wie ich so manche Nacht mit heissen Traenen zu Gott flehte, er moege Dein Herz hinueber auf unsere Seite lenken, er moege uns vor dem Unglueck bewahren, auf ewig getrennt zu sein, gewiss Du koenntest nicht so grausam scherzen!" "Er hat es nicht zum Heil gelenkt", antwortete Georg, duester vor sich hinblickend. "Und sollte es nicht noch moeglich sein?" sprach Marie, indem sie seine Hand fasste und mit dem Ausdruck bittender Zaertlichkeit, mit der gewinnenden Sanftmut eines Engels ihm ins Auge sah. "Sollte es nicht noch moeglich sein? Komm mit uns, Georg, wie gerne wird der Vater einen jungen Streiter seinem Herzog zufuehren! Ein Schwert wiegt viel in solchen Zeiten, sagte er oft, er wird es Dir hoch anschlagen, wenn Du ihm folgst, an seiner Seite wirst Du kaempfen, mein Herz wird dann nicht zerrissen nicht geteilt sein zwischen jenseits und diesseits. Mein Gebet, wenn es um Glueck und Sieg fleht, wird nicht zitternd zwischen beiden Heeren irren!" "Halt ein!" rief der Juengling und bedeckte seine Augen, denn der Sieg der Ueberzeugung strahlte aus ihren Blicken, die Gewalt der Wahrheit hatte sich auf ihren suessen Lippen gelagert. "Willst Du mich bereden, ein Ueberlaeufer zu werden? Gestern zog ich mit dem Heer ein, heute wird der Krieg erklaert und morgen soll ich zu dem Herzog hinueberreiten? Kann Dir meine Ehre so gleichgueltig sein?" "Die Ehre?" fragte Marie und Traenen entstuerzten ihrem Auge. "Sie ist Dir also teuerer als Deine Liebe? Wie anders klang es, als mir Georg ewige Treue schwur. Wohlan! Sei gluecklicher mit ihr als mit mir! Aber moege Dir, wenn Dich der Herzog von Bayern auf dem Schlachtfeld zum Ritter schlaegt, weil Du in unsern Fluren am schrecklichsten gewuetet, wenn er Dir ein Ehrenkettlein umhaengt, weil Du Wuerttembergs Burgen am tapfersten gebrochen, moege Dir der Gedanke Deine Freude nicht trueben, dass Du ein Herz brachst, das Dich so treu, so zaertlich liebte!" "Geliebte!" antwortete Georg, dessen Brust widerstreitende Gefuehle zerrissen, "Dein Schmerz laesst Dich nicht sehen wie ungerecht Du bist. Doch es sei; damit Du siehst, dass ich den Ruhm, der mir so freundlich winkte, der Liebe zum Opfer zu bringen weiss, so hoere mich: Hinueber zu Euch darf ich nicht. Aber ablassen will ich von dem Bund, moege kaempfen und siegen wer da will--mein Kampf und Sieg war ein Traum, er ist zu Ende!" Marie sandte einen Blick des Dankes zum Himmel und belohnte die Worte des jungen Mannes mit suessem Lohn "Oh, glaube mir", sagte sie, "ich fuehle, wie viel Dich dieses Opfer kosten muss. Aber sieh mir nicht so traurig an Dein Schwert hinunter. Wer frueh entsagt, der erntet schoen sagt mein Vater; es muss uns doch auch einmal die Sonne des Glueckes scheinen. Jetzt kann ich getrost von Dir scheiden, denn wie auch der Krieg enden mag, Du kannst ja frei vor meinen Vater treten, und wie wird er sich freuen, wenn ich ihm sage, welch' schweres Opfer Du gebracht hast!" Bertas helle Stimme, die der Freundin ein Zeichen gab, dass der Ratsschreiber nicht mehr zurueckzuhalten sei, schreckte die Liebenden auf. Schnell trocknete Marie die Spuren ihrer Traenen und trat mit Georg aus der Laube. "Vetter Kraft will aufbrechen", sagte Berta, "er fragt, ob der Junker ihn begleiten wolle?" "Ich muss wohl, wenn ich den Weg nach Hause nicht verfehlen soll", antwortete Georg. So teuer ihm die letzten Augenblicke vor einer langen Trennung von Marie gewesen waeren, so kannte er doch die strenge Sitte dieser Zeit zu gut, als dass er ohne den Vetter, als Landfremder, bei den Maedchen geblieben waere. Schweigend gingen sie den Garten hinab, nur Herr Dieterich fuehrte das Wort, indem er in wohlgesetzten Worten seinen Jammer beschrieb, dass seine Base morgen schon Ulm verlassen werde. Aber Berta mochte in Georgs Augen gelesen haben, dass ihm noch etwas zu wuenschen uebrigbleibe, wobei der uneingeweihte Zeuge ueberfluessig war. Sie zog den Vetter an ihre Seite und befragte ihn so eifrig ueber eine Pflanze, die gerade zu seinen Fuessen mit ihren ersten Blaettern aus der Erde sprosste, dass er nicht Zeit hatte, zu beobachten, was hinter seinem Ruecken vorging. Schnell benuetzte Georg diesen Augenblick, Marien noch einmal an sein Herz zu ziehen, aber das Rauschen von Mariens schwerem seidenem Gewand, Georgs klirrendes Schwert weckten den Ratsschreiber aus seinen botanischen Betrachtungen Er sah sich um, und oh Wunder! Er erblickte die ernste, zuechtige Base in den Armen seines Gastes. "Das war wohl ein Gruss an die liebe Base in Franken?" fragte er, nachdem er sich von seinem Erstaunen erholt hatte. "Nein, Herr Ratsschreiber", antwortete Georg, "es war ein Gruss an mich selbst, und zwar von der, die ich einst heimzufuehren gedenke. Ihr habt doch nichts dagegen, Vetter?" "Gott bewahre! Ich gratuliere von Herzen", antwortete Herr Dietrich, der von dem ernsten Blick des jungen Kriegsmannes und von Mariens Traenen etwas eingeschuechtert wurde. "Aber der tausend, das heiss' ich _veni, vidi, vici_. Ich scherwenzte schon ein Vierteljahr um die Schoene und habe mich kaum eines Blickes erfreuen koennen Und heute muss ich nun gar den Marder selbst herausfuehren, der mir das Taeubchen vor dem Mund wegstiehlt." "Verzeih den Scherz, Vetter, den wir uns mit Dir machten", fiel ihm Berta ins Wort, "sei vernuenftig und lass Dir die Sache erklaeren." Sie sagte ihm, was er zu wissen brauchte, um gegen Mariens Vater zu schweigen Durch die freundlichen Blicke Bertas besaenftigt, versprach er zu schweigen unter der Bedingung, setzte er schalkhaft hinzu, dass sie etwa auch einen solchen Gruss an ihn bestelle. Kapitel 8 Ulm glich in den naechsten Tagen einem grossen Lager. Statt der friedlichen Landleute, der geschaeftigen Buerger, die sonst ehrbaren und ruhigen Schrittes ihrem Gewerbe nach durch die Strassen gingen, sah man ueberall nur wunderliche Gestalten mit Sturmhauben und Eisenhueten, mit Lanzen, Armbruesten und schweren Buechsen. Statt der Ratsherren in ihrer einfachen schwarzen Tracht, zogen stolze Ritter mit wehenden Helmbueschen, ganz mit Stahl bedeckt, begleitet von einer grossen Schar bewaffneter Dienstleute, ueber die Plaetze und Maerkte. Noch lebhafter war dies kriegerische Bild vor den Toren der Stadt; auf einem Anger an der Donau uebte Sickingen seine Reiterei, auf einem grossen Blachfeld gegen Soeslingen hin pflegte Frondsberg sein Fussvolk zu tummeln. An einem schoenen Morgen, etwa drei bis vier Tage, nachdem Marie von Lichtenstein mit ihrem Vater Ulm verlassen hatte, sah man eine ungeheure Menge Menschen aus allen Staenden auf jener Wiese versammelt, um diesen Uebungen Frondsbergs zuzusehen. Sie betrachteten diesen Mann, dem ein so grosser Ruf vorangegangen war, vielleicht nicht mit geringerem Interesse als wir, wenn wir die kaiserlichen oder koeniglichen Soehne des Mars die Dienste eines Feldherrn verrichten sahen. Knuepft sich doch ja gerade an die Person eines ausgezeichneten Fuehrers das Interesse, das dem ganzen Heer gilt, ja, wir meinen oft, die Schlachten, von denen uns die Sage oder die oeffentlichen Blaetter erzaehlen, um so deutlicher zu verstehen, wenn wir uns die Gestalt des Heerfuehrers vor das Auge zurueckrufen koennen. So mochte es wohl auch damals den Bewohnern von Ulm zumute sein, wenn sie ihre engen Strassen verliessen, um den Mann des Tages in seinem Handwerk zu sehen. Die Geschicklichkeit, mit der er sein Fussvolk, das sonst in zerstreuten Haufen gefochten hatte, zu geschlossenen Massen vereinigte; die Schnelligkeit, womit sie sich nach seinem Wink nach allen Seiten schwenkten oder in furchtbare, von Piken und Donnerbuechsen starrende Kreise zusammenzogen; seine maechtige Stimme, die selbst die Trommeln uebertoente, seine erhabene, kriegerische Gestalt, dies alles gewaehrte ein so neues, anziehendes Bild, dass auch die bequemsten Buerger es nicht scheuten, einen langen Vormittag auf dem Anger zu stehen und dieses Schauspiel zu geniessen. Der Feldhauptmann schien an diesem Morgen noch freundlicher und froehlicher zu sein als sonst. Mochte ihn der warme Anteil, den die guten Ulmer an ihm nahmen und der auf allen Gesichtern geschrieben stand, erfreuen; mochte ihm hier aussen an dem schoenen Morgen, unter seinen Waffenuebungen, wohler sein als in den engen kalten Strassen der Stadt--er blickte so freundlich auf die Menge hin, dass jeder glaubte, von ihm besonders beachtet und begruesst zu werden, und der Ausruf: "Ein wackerer Herr, ein braver Ritter!" jedem seiner Schritte folgte. Besonders freundlich schien er immer an einer Stelle zu sein; wenn er voruebersprengte, so durfte man gewiss sein, dass er dort mit dem Schwert oder der Hand heruebergruesste und traulich nickte. Die Hintersten stellten sich auf die Zehen, um den Gegenstand seiner freundlichen Winke zu sehen; die Naeherstehenden sahen sich fragend an und verwunderten sich, denn keiner der versammelten Buerger schien dieser Auszeichnung wuerdig. Als Frondsberg wieder voruebersprengte und die Zeichen seiner Gnade wiederholte, gaben wohl hundert Augen recht genau acht, und es fand sich, dass die Gruesse einem grossen, schlanken, jungen Mann gelten mussten, der in der vordersten Reihe der Zuschauer stand. Das Wams von seinem Tuch mit Seidenschlitzen, die hohen Barettfedern, mit welchen der Morgenwind spielte, sein langes Schwert und eine Feldbinde oder Schaerpe zeichneten ihn auf den ersten Blick vor seinen Nachbarn aus, die minder geschmueckt als er, auch durch untersetztere Figuren und breite Gesichter sich nicht zu ihrem Vorteil von ihm unterschieden. Der Juengling schien aber zum Aergernis der guten Spiessbuerger nicht sehr erfreut ueber die hohe Gnade, die ihm vor ihren Augen zuteil wurde. Schon seine Stellung, das Haupt gesenkt, die Arme ueber die Brust gekreuzt, schien nicht anstaendig genug fuer einen feinen Junker, wenn er von einem alten Kriegshelden gegruesst wurde. Ueberdies erroetete er bei jedem Gruss des Feldhauptmanns, dankte nur durch ein leichtes Neigen und sah ihm mit so duesteren Blicken nach, als gaelte es ein langes Scheiden, und dieser Gruss waere der letzte eines lieben Freundes gewesen. Die Uebungen des Fussvolkes waren zu Ende gegangen, das Volk verlief sich, und auch den jungen Mann, der die unschuldige Ursache zu jenem Streit gewesen war, sah man seine Schritte der Stadt zuwenden; sein Gang war langsam und ungleich, sein Gesicht schien bleicher als sonst, seine Blicke suchten noch immer den Boden oder schweiften mit dem Ausdruck von Sehnsucht oder stillem Gram nach den fernen blauen Bergen, den Grenzmauern von Wuerttemberg. Noch nie hatte sich Georg von Sturmfeder so ungluecklich gefuehlt wie in diesen Stunden. Marie war mit ihrem Vater abgereist; sie hatte ihn noch einmal beschwoeren lassen, seinem Versprechen treu zu sein, und wie ungluecklich machte ihn dieses Versprechen! Wohl hatte es ihn damals nicht geringen Kampf gekostet, es zu geben; aber der betaeubende Schmerz des Abschiedes, der Gram des geliebten Maedchens hatten ihn ueberwunden. Doch jetzt, wo er mit festerem Blick seinen Umgebungen, seiner Zukunft ins Auge sah, wie traurig, wie schwierig erschien ihm seine Lage! Nichts davon zu sagen, dass alle seine goldenen Traeume, alle jene kuehnen Hoffnungen von Ruhm und Ehre mit einem Mal verschwanden; nichts davon zu sagen, dass auch sein Ziel, das so nahe lag, Marien durch Kriegsdienste zu verdienen, ungewiss in die Weite hinausgerueckt war--er sollte auf die Gefahr hin, von Maennern, deren Achtung ihm teuer war, verkannt zu werden, diese Fahnen verlassen, gerade in einem Augenblick, wo man der Entscheidung entgegenging, Von Tag zu Tag, so lange es ihm nur moeglich war, verschob er diese Erklaerung, wo sollte er Gruende, wo Worte hernehmen, vor dem alten, tapferen Degen Breitenstein, seinem vaeterlichen Freund, seinen Abzug zu rechtfertigen? Mit welcher Stirn sollte er vor den edlen Frondsberg treten? Ach, jene freundlichen Gruesse, womit er den Sohn seines tapferen Waffengenossen zu freudigem Kampf aufzumuntern schien, hatten ihn mit tausend Qualen gefoltert. An seiner Seite war sein Vater gefallen, er hatte gehoert, wie der Sterbende den Ruhm seines Namens und ein leuchtendes Beispiel als einziges Erbe dem unmuendigen Knaben zusandte; dieser Mann war es, der ihm jetzt so liebevoll die Schranken oeffnete, und auch ihm musste er in so zweideutigem Licht erscheinen. Er hatte sich unter diesen trueben Gedanken langsam dem Tor der Stadt genaehert, als er sich ploetzlich am Arm ergriffen fuehlte; er sah sich um, ein Mann, dem Anschein nach ein Bauer, stand vor ihm. "Was willst Du?", fragte Georg etwas unwillig, in seinen Gedanken unterbrochen zu werden. "Es kommt darauf an, ob Ihr auch der Rechte seid", antwortete der Mann "Sagt einmal, was gehoert zu Licht und Sturm?" Georg wunderte sich ob der sonderbaren Frage und betrachtete jenen genauer. Er war nicht gross, aber kraeftig; seine Brust war breit, seine Gestalt gedrungen. Das Gesicht, von der Sonne braun gefaerbt, waere flach und unbedeutend gewesen, wenn nicht ein eigener Zug von List und Schlauheit um den Mund und aus den grauen Augen Mut und Verwegenheit geleuchtet haetten. Sein Haar und Bart war dunkelgelb und gerollt; er trug einen langen Dolch am ledernen Gurt, in der einen Hand hielt er eine Axt, in der andern eine runde, niedere Muetze aus Leder. Waehrend Georg diese fluechtigen Bemerkungen machte, wurden auch seine Zuege lauernd beobachtet. "Ihr habt mich vielleicht nicht recht verstanden, Herr Ritter", fuhr jener nach kurzem Stillschweigen fort, "was passt zu Licht und Sturm, dass es zwei gute Namen gibt?" "Feder und Stein!" antwortete der junge Mann, dem es auf einmal klar wurde, was unter jener Frage zu verstehen sei. "Was willst Du damit?" "So seid Ihr Georg von Sturmfeder", sagte jener, "und ich komme von Marien von--" "Um Gottes willen, sei still, Freund, und nenne keinen Namen", fiel Georg ein, "sage schnell, was Du mir bringst." "Ein Brieflein, Junker!" sprach der Bauer, indem er die breiten, schwarzen Knieguertel, womit er seine ledernen Beinkleider umwunden hatte, aufloeste und einen Streifen Pergament hervorzog. Mit hastiger Freude nahm Georg das Pergament; es waren wenige Worte mit glaenzend schwarzer Tinte geschrieben: "Bedenk' Deinen Eid--Flieh bei Zeit. Gott Dein Geleit.--Marie Dein in Ewigkeit." Es liegt ein frommer, zarter Sinn in diesen Worten; und wer sich ein liebendes Herz dazu denkt, wie es mit diesen Zeilen in die Ferne fliegen moechte, ein Auge voll Zaertlichkeit, umflort von einem Schleier stiller Traenen, einen holden Mund, der das Blaettchen noch einmal kuesst, verschaemte Wangen, die bei diesem geheimnisvollen Gruss erroeten, wer dies hinzudenkt, der wird es Georg nicht verargen, dass er einige Augenblicke wie trunken war. Ein freudiger, glaenzender Blick, nach den fernen blauen Bergen hin, dankte der Geliebten fuer ihren troestenden Spruch; und wahrlich, er war auch zu keiner anderen Zeit noetiger gewesen als gerade jetzt, um den gesunkenen Mut des jungen Mannes zu erheben. Wusste er doch, dass ein Wesen, das teuerste, das fuer ihn auf der Erde lebte, ihn nicht verkannte. Der Schluss jener Zeilen erhob sein Herz zur alten Freudigkeit, er bot dem guten Boten die Hand, dankte ihm herzlich und fragte, wie er zu diesen Zeilen gekommen sei. "Dacht' ich's doch", antwortete dieser, "dass das Blaettchen keinen boesen Zauberspruch enthalten muesse; denn das Fraeulein laechelte so gar freundlich, als sie es mir in die rauhe Hand drueckte. Es war vergangenen Mittwoch, als ich nach Blaubeuren kam, wo unser Kriegsvolk stand. Es ist dort in der Klosterkirche ein praechtiger Hochaltar, worauf die Geschichte meines Patrons, des Taeufers Johannes, vorgestellt ist. Vor sieben Jahren, als ich in grosser Not und einem schmaehlichen Ende nahe war, gelobte ich alle Jahre um diese Zeit eine Wallfahrt dahin. So hielt ich es alle Jahre seit der Zeit, da mich der Heilige durch ein Wunder von Henkers Hand errettet hat. Wenn ich nun mein Gebet verrichtet hatte, ging ich allemal zum Herrn Abt, um ihm ein Paar schoene Gaense oder ein Lamm zu bringen, oder was er sonst gerade gerne hat.--Aber ich langweile Euch mit meinem Geschwaetz, Junker?" "Nein, nein, erzaehle nur weiter", antwortete Georg, "komm, setze Dich zu mir auf jene Bank." "Das wuerde sich schoen schicken!" entgegnete der Bote, "wenn ein Bauer an des Junkers Seite sitzen wollte, den der Oberfeldhauptmann vor aller Augen so oft gegruesst hat; erlaubt mir, dass ich mich vor Euch hinstelle." Georg liess sich auf einen Steinsitz am Weg nieder, der Bauer aber fuhr, auf seine Axt gestuetzt, in seiner Erzaehlung fort: "Ich hatte diesmal bei den unruhigen Zeiten wenig Lust zur Wallfahrt, aber 'gebrochener Eid tut Gott leid', heisst es, und so musste ich mein Geluebde vollbringen. Wie ich vom Gebet aufstand, um dem Abt zu bringen, was recht ist, sagte mir einer der Pfaffen, dass ich diesmal nicht zu Seiner Ehrwuerden koenne, weil viele Herren und Ritter dort zu Besuch seien. Ich bestand aber doch darauf, denn der Abt ist ein leutseliger Herr und haette mir's nicht verziehen, wenn ich ihn nicht heimgesucht haette. Wenn Ihr je ins Kloster hinauskommt, so vergesst nicht nach der Treppe zu schauen, die vom Hochaltar zum Dorment fuehrt. Sie geht durch die dicke Mauer, welche die Kirche ans Kloster schliesst, und ist lang und schmal. Dort war es, wo mir das Fraeulein begegnet ist. Es kommt mir naemlich ein feines Weibsbild im Schleier mit Brevier und Rosenkranz die Treppe herab entgegen, ich druecke mich an die Wand, um sie vorbeizulassen, sie aber bleibt stehen und spricht: 'Ei, Hans, woher des Wegs?'" "Woher kennt Euch denn das Fraeulein?" unterbrach ihn Georg, "Meine Schwester ist ihre Amme, und--" "Wie, die alte Rose ist Eure Schwester?" rief der junge Mann "Habt Ihr sie auch gekannt?" fragte der Bote. "Ei, seh doch einer! Aber dass ich weiter sage: Ich hatte meine grosse Freude, sie wiederzusehen, denn ich besuchte meine Schwester haeufig in Lichtenstein und habe das Fraeulein gekannt, als man sie noch in ihres Vaters Schwertkuppel gehen lehrte. Aber ich haette sie kaum wieder erkannt, so gross war sie geworden, und die roten Wangen sind auch weg wie der Schnee am ersten Mai. Ich weiss nicht, wie es ging, aber mich dauerte ihr Anblick in der Seele, und ich musste fragen, was ihr fehle und ob ich ihr nicht etwas helfen koenne? Sie besann sich dann eine Weile und sagte dann: 'Ja, wenn Du verschwiegen waerest, Hans, koenntest Du mir wohl einen grossen Dienst leisten!' Ich sagte zu, und sie bestellte mich nach der Vesper." "Aber wie kommt sie nur in das Kloster?" fragte Georg, "Sonst darf ja doch kein Weiberschuh ueber die Schwelle." "Der Abt ist mit ihrem Vater befreundet, und da so viel Volk in Blaubeuren liegt, so ist sie dort besser aufgehoben, als im Staedtchen, wo es toll genug zugeht. Nach der Vesper, als alles still war, kam sie ganz leise in den Kreuzgang. Ich sprach ihr Mut zu, wie es eben unsereins versteht, da gab sie mir dies Blaettchen und bat mich, Euch aufzusuchen." "Ich danke Dir herzlich, guter Hans", sagte der Juengling. "Aber hat sie Dir sonst nichts an mich aufgetragen?" "Ja", antwortete der Bote, "muendlich hat sie mir noch etwas aufgetragen; Ihr sollt Euch hueten, man habe etwas mit Euch vor." "Mit mir?" rief Georg. "Das hast Du nicht recht gehoert, wer und was soll man mit mir vorhaben?" "Da fragt Ihr mich zu viel", entgegnete jener, "aber wenn ich es sagen darf, so glaube ich, die Buendischen. Das Fraeulein setzte noch hinzu, ihr Vater habe davon gesprochen, und hat nicht der Frondsberg Euch heute zugewinkt und Euch geehrt wie des Kaisers Sohn, dass sich jedermann darob verwunderte? Glaubt nur, es hat allemal etwas zu bedeuten, wenn solch ein Herr so freundlich ist." Georg war ueberrascht von der richtigen Bemerkung des schlichten Bauern, er entsann sich auch, dass Mariens Vater tief in die Geheimnisse der Bundesobersten eingedrungen sei und vielleicht etwas erfahren habe, was sich zunaechst auf ihn beziehe. Aber er mochte sinnen, wie er wollte, so konnte er doch nichts finden, was zu dieser geheimnisvollen Warnung Mariens gepasst haette. Mit Muehe riss er sich aus diesem Gewebe von Vermutungen, indem er den Boten fragte, wie er ihn so schnell gefunden habe? "Dies waere ohne Frondsberg so bald nicht geschehen", antwortete er, "ich sollte Euch bei Herrn Dietrich von Kraft aufsuchen. Wie ich aber die Strasse hereinging, da sah man viel Volk auf den Wiesen. Ich dachte, eine halbe Stunde mache nichts aus, und stellte mich auch hin, um das Fussvolk zu betrachten. Wahrlich, der Frondsberg hat es weit gebracht.--Nun, da war mir's, als hoerte ich nahe bei mir Euren Namen nennen, ich sah mich um, es waren drei alte Maenner, die sprachen von Euch und deuteten auf Euch hin; ich aber merkte mir Eure Gestalt und folgte Euren Schritten, und weil ich meiner Sache doch nicht ganz gewiss war, so gab ich Euch das Raetsel von Sturm und Licht auf." "Das hast Du klug gemacht", sagte Georg laechelnd, "aber komm in mein Haus, dass man Dir etwas zu essen reiche; wann kehrst Du wieder heim?" Hans bedachte sich eine Weile, endlich aber sagte er, indem ein schlaues Laecheln um seinen Mund zog: "Nichts fuer ungut, Junker; aber ich habe dem Fraeulein versprechen muessen, nicht eher von Euch zu weichen, als bis Ihr dem buendischen Heer Valet gesagt habt." "Und dann?" fragte Georg. "Und dann gehe ich stracks nach Lichtenstein und bringe ihr die gute Nachricht von Euch; wie wird sie sich sehnen! Alle Tage steht sie wohl im Gaertchen auf dem Felsen und sieht ins Tal hinab, ob der alte Hans noch nicht komme!" "Die Freude soll ihr bald werden", antwortete Georg, "vielleicht schon morgen, und dann schreibe ich vorher noch ein Briefchen." "Aber greift es doch klug an", sagte der Bote, "das Pergament darf nicht breiter sein, als jenes, das ich brachte. Denn ich muss es wieder im Knieguertel verstecken. Man weiss nicht, was einem in so unruhiger Zeit begegnen kann, und dort sucht es niemand." "Es sei so", antwortete Georg, indem er aufstand. "Fuer jetzt lebe wohl, um Mittag komme zu Herrn von Kraft, nicht weit vom Muenster. Gib Dich fuer meinen Landsmann au