The Project Gutenberg EBook of Mitteilungen aus den Memoiren des Satan V2 by Wilhelm Hauff (#7 in our series by Wilhelm Hauff) Copyright laws are changing all over the world. Be sure to check the copyright laws for your country before downloading or redistributing this or any other Project Gutenberg eBook. This header should be the first thing seen when viewing this Project Gutenberg file. Please do not remove it. Do not change or edit the header without written permission. Please read the "legal small print," and other information about the eBook and Project Gutenberg at the bottom of this file. Included is important information about your specific rights and restrictions in how the file may be used. 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Angenehm ist es dem Herausgeber, wenn die Leser des ersten sich darueber gewundert, am angenehmsten, wenn sie sich darueber geaergert haben; es zeigt dies eine gewisse Vorliebe fuer die schriftstellerischen Versuche des Satan, die nicht nur ihm, sondern auch seinem Herausgeber und Uebersetzer erwuenscht sein muss. Die Schuld dieser Verspaetung liegt aber weder in der zu heissen Temperatur des letzten Spaetsommers, noch in der strengen Kaelte des Winters, weder im Mangel an Zeit oder Stoff, noch in politischen Hindernissen; die einzige Ursache ist ein sonderbarer Prozess, in welchen der Herausgeber verwickelt wurde und vor dessen Beendigung er diesen zweiten Teil nicht folgen lassen wollte. Kaum war naemlich der erste Teil dieser Memoiren in die Welt versandt und mit einigen Posaunenstoessen in den verschiedenen Zeitungen begleitet worden, als ploetzlich in allen diesen Blaettern zu lesen war eine W a r n u n g v o r B e t r u g "Die bei Fr. Franckh in Stuttgart herausgekommenen Memoiren des Satan sind nicht von dem im Alten und Neuen Testament bekannten und durch seine Schriften: Elixiere des Teufels, Bekenntnisse des Teufels, als Schriftsteller beruehmten Teufel, sondern gaenzlich, falsch und unecht, was hiemit dem Publikum zur Kenntnis gebracht wird." Ich gestehe, ich aergerte mich nicht wenig ueber diese Zeilen, die von niemand unterschrieben waren. Ich war meiner Sache so gewiss, hatte das Manuskript von niemand anders als dem Satan selbst erhalten, und nun, nach vielen Muehen und Sorgen, nachdem ich mich an den infernalischen Chiffern beinahe blind gelesen, soll ein solcher anonymer Totschlaeger ueber mich herfallen, meine literarische Ehre aus der Ferne totschlagen und besagte Memoiren fuer unecht erklaeren? Waehrend ich noch mit mir zu Rate ging, was wohl auf eine solche Beschuldigung des B e t r u g e s zu antworten sei, werde ich vor die Gerichte zitiert und in Kenntnis gesetzt, dass ich einer Namensfaelschung, eines literarischen Diebstahls angeklagt sei, und zwar--vom Teufel selbst, der gegenwaertig als Geheimer Hofrat in persischen Diensten lebe. Er behauptete naemlich, ich habe seinen Namen Satan missbraucht, um ihm eine miserable Scharteke, die er nie geschrieben, unterzuschieben; ich habe seinen literarischen Ruhm benuetzt, um diesem schlechten Buechlein einen schnellen und eintraeglichen Abgang zu verschaffen; kurz, er verlange nicht nur, dass ich zur Strafe gezogen, sondern auch, dass ich angehalten werde, ihm Schadenersatz zu geben, "dieweil ihm ein Vorteil durch diesen Kniff entzogen worden". Ich verstehe so wenig von juridischen Streitigkeiten, dass mir frueher schon den Name Klage oder Prozess Herzklopfen verursachte; man kann sich also wohl denken, wie mir bei diesen schrecklichen Worten zu Mute ward. Ich ging niedergedonnert heim und schloss mich in mein Kaemmerlein, um ueber diesen Vorfall nachzudenken. Es war mir kein Zweifel, dass es hier drei Faelle geben koenne. Entweder hatte mir der Teufel selbst das Manuskript gegeben, um mich nachher als Klaeger recht zu aengstigen und auf meine Kosten zu lachen; oder irgendein boeser Mensch hatte mir die Komoedie in Mainz vorgespielt, um das Manuskript in meine Haende zu bringen, und der Teufel selbst trat jetzt als erbitterter Klaeger auf; oder drittens, das Manuskript kam wirklich vom Teufel, und ein muessiger Kopf wollte jetzt den Satan spielen und mich in seinem Namen verklagen. Ich ging zu einem beruehmten Rechtsgelehrten und trug ihm den Fall vor. Er meinte, es sei allerdings ein fataler Handel, besonders weil ich keine Beweise beibringen koenne, dass das Manuskript von dem echten Teufel abstamme, doch er wolle das Seinige tun und aus der bedeutenden Anzahl von Buechern, die seit Justinians _Corpus juris_ bis auf das neue birmanische Strafgesetzbuch ueber solche Faelle geschrieben worden seien, einiges nachlesen. Das juridische Stiergefecht nahm jetzt foermlich seinen Anfang. Es wurde, wie es bei solchen Faellen herkoemmlich ist, so viel darueber geschrieben, dass auf jeden Bogen der Memoiren des Satan ein Ries Akten kam, und nachdem die Sache ein Vierteljahr anhaengig war, wurde sogar auf Unrechtskosten eine neue Aktenkammer fuer diesen Prozess eingeraeumt; ueber der Tuere stand mit grossen Buchstaben: "Acta in Sachen des persischen G. H. R. T e u f e l s gegen _Dr._ H----f, betreffend die Memoiren des Satan." Ein sehr guenstiger Umstand fuer mich war der, dass ich auf dem Titel nicht "Memoiren des Teufels", sondern "des Satan" gesagt hatte. Die Juristen waren mit sich ganz einig, dass der Name T e u f e l in Deutschland sein F a m i l i e n n a m e sei, ich habe also wenigstens diesen nicht zur Faelschung gebraucht; Satan hingegen sei nur ein angenommener, willkuerlicher; denn niemand im Staate sei berechtigt, zwei Namen zu fuehren. Ich fing an, aus diesem Umstand guenstigere Hoffnungen zu schoepfen; aber nur zu bald sollte ich die bittere Erfahrung machen, was es heisse, den Gerichten anheimzufallen. Das Referat in Sachen des _et cetera_ war naemlich dem beruehmten Justizrat Wackerbart in die Haende gefallen, einem Manne, der schon bei Daempfung einiger grossen Revolutionen ungemeine Talente bewiesen hatte und neuerdings sogar dazu verwendet wurde, bedeutende Unruhen in einem Gymnasium zu schlichten. Stand nicht zu erwarten, dass ein solcher beruehmter Jurist meine Sache nur als eine _cause celebre_ ansehen und sie also handhaben werde, dass sie, gleichviel wem von beiden Recht, ihm am meisten Ruhm einbraechte? Hierzu kam noch der Titel und Rang meines Gegners; Wackerbart hatte seit einiger Zeit angefangen, sich an hoehere Zirkel anzuschliessen; musste ihm da ein so wichtiger Mann, wie ein persischer Geheimer Hofrat, nicht mehr gelten als ich Armer? Es ging, wie ich vorausgesehen hatte. Ich verlor meine Sache gegen den Teufel. Strafe, Schadenersatz, aller moegliche Unsinn wurde auf mich gewaelzt; ich wunderte mich, dass man mich nicht einige Wochen ins Gefaengnis sperrte oder gar haengte. Man hatte hauptsaechlich folgendes gegen mich in Anwendung gebracht: E n t s c h e i d u n g s = G r u e n d e zu dem vor dem Kriminalgericht Klein=Justheim, unter dem 4. Dezember 1825 gefaellten Erkenntnis in der Untersuchungssache gegen den _Dr_. .....f w e g e n B e t r u g e s. 1. Es ist durch das Zugestaendnis des Angeklagten erhoben, dass er keine Beweise beizubringen weiss, dass die von ihm herausgegebenen Memoiren des Satan wirklich von dem bekannten echten Teufel, so gegenwaertig als Geheimer Hofrat in persischen Diensten lebt, herruehren. Ferner hat der Angeschuldigte .....f zugegeben, dass die in oeffentlichen Blaettern darueber enthaltene Ankuendigung mit seinem Wissen gegeben sei. 2. Die letztgedachte Ankuendigung ist also abgefasst, dass hieraus die Absicht des Verfassers, die Lesewelt glauben zu machen, dass "die Memoiren des Satan" von dem wahren, im Alten und Neuen Testament bekannten und neuerdings als Schriftsteller beliebten Teufel geschrieben seien, nur allzu deutlich hervorleuchten tut. 3. Durch diese Verfahrungsart hat sich der Angeklagte .....f eines Betruges, alldieweilen solcher im allgemeinen in jedweder aus impermissen Kommodum fuer sich oder Schaden anderer gerichteten unrechtlichen Taeuschung anderer, entweder, indem man falsche Tatsachen mitteilt oder wahre dito nicht angibt--besteht; oder, um uns naeher auszudruecken, da hier die Sprache v o n e i n e r W a r e u n d g e d r u c k t e m B u c h ist--einer F a e l s c h u n g schuldig gemacht; denn durch den Titel "Memoiren des Satan" und die Anpreisung des Buches wurde der Lesewelt falsch vorgespiegelt, dass das Buch ausdruecklich von dem unter dem Namen Satan bekannten, k. persischen Geheimen Hofrat Teufel verfasst sei, was beim Verkauf des Werkes verursachte, dass es schneller und in groesserer Quantitaet abging, als wenn das Buechlein unter dem Namen des Herrn ....f, so dem Publiko noch gar nicht bekannt ist, erschienen waere, und wodurch die, so es kauften, in ihrer schoenen Erwartung, ein echtes Werk des Teufels in Haenden zu haben, schnoede betrogen wurden. 4. Wenn der Herr _Dr_. .....f, um sich zu entschuldigen, dagegen einwendet, dass der Name Satan in Deutschland nur ein angenommener sei, worauf der Teufel, wie man ihn gewoehnlich nennt, keinen Anspruch zu machen habe, so bemerken wir Kriminalleute von Klein=Justheim sehr richtig, dass sich .....f auf den Gebrauch jenes angenommenen, uebrigens bekanntermassen den Teufel sehr wohl bezeichnenden Namens nicht beschraenkt, sondern in dem Werke selbst ueberall durchblicken laesst, namentlich in der Einleitung, dass der Verfasser derjenige Teufel oder Satan sei, welcher dem Publiko, besonders dem Frauenzimmer, wie auch denen Gelehrten durch fruehere Opera, z. B. die Elixiere des Teufels _et cetera_ ruehmlichst bekannt ist, wodurch wohl ebenfalls niemand anderes gemeint ist als der Geheime Hofrat Teufel. 5. Man muss lachen ueber die Behauptung des Inkulpaten, dass das in Frage stehende Opuskulum, wie auch nicht destoweniger seine Anzeige, eigentlich eine Satire auf den Teufel und jegliche Teufelei jetziger Zeit sei! Denn diese Entschuldigung wird durch den Inhalt der Schrift selbst widerlegt; ja, jeder Leser von Vernunft muss das auch wohl eher fuer eine etwas geringe Nachaeffung der Teufeleien als fuer--eine Satire auf dieselben erkennen. Waere aber auch, was wir Juristen nicht einzusehen vermoegen, das Werk dennoch eine Satire, so ist durchaus kein guenstiger Umstand fuer .....f zu ziehen, weil derjenige Kaeufer, der etwas E c h t e s, vom Teufel Verfasstes kaufen wollte, erst nach dem Kauf entdecken konnte, dass er betrogen sei. 6. Ausser der voellig rechtswidrigen Taeuschung der Lesewelt, Leihbibliotheken _et cetera_, ist in der vorliegenden Defraudation auch ein Verbrechen gegen den begangen, dessen Name oder Firma missbraucht worden, naemlich und spezialiter gegen den Geheimen Hofrat Teufel, welcher sowohl als Gelehrter und Schriftsteller, als von wegen des Honorars seiner uebrigen Schriften sehr dabei interessiert ist, dass nicht das Geschreibsel anderer als von ihm niedergeschrieben, wie auch erdacht, angezeigt und verkauft werde. 7. Wenn endlich der Angeklagte behauptet, dass er das Buch arglos herausgegeben, ohne das Klein=Justheimer Recht hierueber zu kennen, dass ihn auch bei der Faelschung durchaus keine gewinnsuechtigen Absichten geleitet haetten, so ist uns dies gleichgueltig und haben nicht darauf Ruecksicht zu nehmen; denn Faelschung ist Faelschung, sei es, ob man englische Teppiche nachahmt und als echt verkauft, aber Buecher schreibt unter falschem Namen; ist alles nur verkaeufliche Ware und kann den Begriff des Vergehens nicht aendern, weil immer noch die Taeuschung und Anschmierung der Kaeufer restiert und zwar ebenfalls nichts destominder auch alsdann, wenn die Memoiren des Satan gleichen Wert mit den uebrigen Buechern des Teufels haetten (was wir Klein=Justheimer uebrigens bezweifeln, da jener Geheimer Hofrat ist), weil dem Ebengedachten schon das Unterschieben eines fremden Machwerkes unter seinem Namen ein Schaden in juridischem Sinne sein tut. Es ist daher, wie man getan hat, erkannt worden usw. usw. (Gez.) Praesident und Raete des Kriminalgerichts zu Klein=Justheim. Hast du, geneigter Leser, nie die beruehmten Nuernberger Gliedermaenner gesehen, so, kunstreich aus Holz geschnitzelt, ihre Gliedlein nach jedem Druck bewegen? Hast du wohl selbst in deiner Jugend mit solchem Maennlein gespielt und allerlei Kurzweil mit ihm getrieben und probiert, ob es nicht schoener waere, wenn er z. B. das Gesicht im Nacken truege und den Ruecken hinunterschaue, oder ob es nicht vernuenftiger waere, wenn ihm die Beine ein wenig umgedreht wuerden, dass er vor= und rueckwaerts spaziere, wie man es haben wolle? Das hast du wohl versucht in den Tagen deiner Kindheit, und es war ein unschuldiges Spiel; denn dem Gliedermann war es gleichgueltig, ob ihm die Beine ueber die Schulter herueberkamen oder nicht, ob er den Ruecken herabschaute oder vorwaerts; er laechelte so dumm wie zuvor; denn er hatte ja kein Gefuehl, und es tat ihm nicht weh im Herzen; denn auch dieses war ja aus Holz geschnitzelt und wahrscheinlich aus Lindenholz. Aber selbst ein solcher Gliedermann sein zu muessen in den taeppischen Haenden der Klein=Justheimer Kriminalen! Sie renkten und drehten mir die Glieder, setzten mir den Kopf so oder so, wie es ihnen gefaellig, oder auch nach Vorschrift des Justinian, drehten und wendeten mein Recht, bis der Kadaver vor ihnen lag auf dem gruenen Sessionstisch, wie sie ihn haben wollten, mit verrenkten Gliedern, und sie nun anatomisch aufnotieren konnten, was fuer Fehler und Kuriosa an ihm zu bewerfen, naemlich, dass er das Gesicht im Nacken, die Fuesse einwaerts, die Arme verschraenkt _et cetera_ trage, ganz gegen alle Ordnung und Recht. Ware, Ware! nannten sie deine Memoiren, o Satan, Ware! Als wuerde dergleichen nach der Elle aus dem Gehirn hervorgehaspelt, wie es jener Schwarzkuenstler und Eskamoteur getan, der Baender verschluckte und sie herauszog, Elle um Elle aus dem Rachen. Warenfaelschung, Einschwaerzen, Defraudation, o welch herrliche Begriffe, um zu definieren, was man will! Und rechtswidrige Taeuschung des Publikums? Wer hat denn darueber geklagt? Wer ist aufgestanden unter den Tausenden und hat Zeter geschrien, weil er gefunden, dass das Buechlein nicht von dem Schwarzen selbst herruehre, dass er den Missetaeter bestraft wissen wolle fuer diese rechtswidrige Taeuschung? O Klein=Justheim, wie weit bist du noch zurueck hinter England und Frankreich, dass du nicht einmal einsehen kannst, Werke des Geistes seien kein nachgemachter Rum oder Arrak und gehoeren durchaus nicht vor deine Schranken. Traurig musterte ich das Manuskript des zweiten Teiles, der nun fuer mich und das Publikum verloren war; ich dachte nach ueber das Hohngelaechter der Welt, wenn der erste nur ein Torso, ein schlechtes abgerissenes Stueck, verachtet auf den Schranken der Leihbibliotheken sitze, truebselig auf die hohe Versammlung der Romane und Novellen allerart herabschaue und ihnen ihre abgenuetzten Gewaender beneide, die den grossen Furor, welchen sie in der Welt machen, beurkunden, wie er seine andere Haelfte, seinen Nebenmann, den zweiten, herbeiwuensche, um verbunden mit ihm schoene Damen und Herren zu besuchen, was ihm jetzt, als einem Invaliden, beinahe unmoeglich war. Da wurde mir eines Morgens ein Brief ueberbracht, dessen Aufschrift mir bekannte Zuege verriet. Ich riss ihn auf und las: "Wohlgeborener, sehr verehrter Herr! Durch den Oberjustizrat Hammel, der vor einigen Tagen das Zeitliche gesegnet und an mein Hoflager kam, erfuhr ich zu meinem grossen Aerger die miserablen Machinationen, die gegen Euch gemacht wurden. Bildet Euch nicht ein, dass sie von mir herruehren. Mit grossem Vergnuegen denke ich noch immer an unser Zusammentreffen in den drei Reichskronen zu Mainz, und in meiner jetzigen Zurueckgezogenheit und bei meinen vielen Geschaeften im Norden komme ich selten dazu, eine deutsche Literaturzeitung zu lesen; aber einige Rezensenten, welche ich sprach, versichern mich, mit welchem Eifer Ihr meine Memoiren herausgegeben habt und dass das Publikum meine Bemuehungen zu schaetzen wisse. Der Prozess, den man Euch an den Hals warf, kam mir daher um so unerwarteter. Glaubet mir, es ist nichts als ein schlechter Kunstgriff, um mich nicht als Schriftsteller aufkommen zu lassen, weil ich ein wenig ueber ihre Universitaeten schimpfte und die aesthetischen Tees, und Euch wollen sie nebenbei auch druecken. Lasset Euch dies nicht kuemmern, Wertester; gebet immer den zweiten Teil heraus, im Notfall koennet Ihr gegenwaertige Schreiben jedermann lesen lassen, namentlich den Wackerbart; saget ihm, wenn er meine Handschrift nicht kenne, so kenne ich um so besser die seinige. Ich kenne diese Leutchen, sie sind Raubritter und Korsaren, die jeden beruehmten Prozess, der ihnen in die Haende faellt, fuer g u t e P r i s e erklaeren, und wenn sie ihn festhaben in den Krallen, so lange deuteln und drehen, bis sie ihn dahin entscheiden koennen, wo er ihnen am meisten Ruhm nebst etzlichem Golde eintraegt. Was war bei Euch von beidem zu erheben? Ihr, ein armseliger Doktor der Philosophie und Magister der brotlosen Kuenste, was seid Ihr gegen einen persischen Geheimen Hofrat? Denket also, die Sache sei ganz natuerlich zugegangen, und graemet Euch nicht darueber. Was den persischen Geheimen Hofrat betrifft, der meine Rolle uebernommen hat, so will ich bei Gelegenheit ein Wort mit ihm sprechen. Hier lege ich Euch noch ein kleines Manuskriptchen bei, ich habe es in den letzten Pfingstfeiertagen in Frankfurt aufgeschrieben, es ist im ganzen ein Scherz und hat nicht viel zu bedeuten; doch schaltet Ihr es im zweiten Teile ein; es gibt vielleicht doch Leute, die sich dabei freundschaftlich meiner erinnern. Gehabt Euch wohl; in der Hoffnung, Eure persoenliche Bekanntschaft bald zu erneuern, bin ich Euer wohlaffektionierter Freund, d e r S a t a n." Man kann sich leicht denken, wie sehr mich dieser Brief freute. Ich lief sogleich damit zu dem wackern Mann, der meine Sache gefuehrt hatte; ich zeigte ihm den Brief, ich erklaerte ihm, appellieren zu wollen an ein hoeheres Gericht und den Originalbrief beizulegen. Er zuckte die Achseln und sprach: "Lieber, sie wohnen zusammen in e i n e r Hausmiete, die Kriminalen; ob Ihr um eine Treppe hoeher steigen wollet, aus dem Entresol in die Beletage zu den Vornehmeren, das ist einerlei; Ihr fallet nur um so tiefer, wenn sie Euch durchfallen lassen. Doch an mir soll es nicht fehlen." So sprach er und focht fuer mich mit erneuerten Kraeften; doch--was half es? Sie stimmten ab, erklaerten den persischen fuer den echten, alleinigen Teufel, der allein das Recht habe, Teufeleien zu schreiben, und der Prozess ging auch in der Beletage verloren. Da fasste mich ein gluehender Grimm; ich beschloss, und wenn es mich den Kopf kosten sollte, doch den zweiten Teil herauszugeben, ich nahm das Manuskript unter den Arm, raffte mich auf und----erwachte. Freundlich strahlte die Fruehlingssonne in mein enges Stuebchen, die Lerchen sangen vor dem Fenster, und die Bluetenzweige winkten herein, mich aufzumachen und den Morgen zu begruessen. Verschwunden war der boese Traum von Prozessen, Justizraeten, Klein=Justheim und alles, was mir Gram und Aerger bereitete, verschwunden, spurlos verschwunden. Ich sprang auf von meinem Lager, ich erinnerte mich, den Abend zuvor bei einigen Glaesern guten Weins ueber einen aehnlichen Prozess mit Freunden gesprochen zu haben; da war mir nun im Traume alles so erschienen, als haette ich selbst den Prozess gehabt, als waere ich selbst verurteilt worden von Kriminalrichtern und Klein=Justheimer Schoeppen. Ich laechelte ueber mich selbst. Wie pries ich mich gluecklich, in einem Lande zu wohnen, wo dergleichen juridische Exzesse gar nicht vorkommen, wo die Justiz sich nicht in Dinge mischt, die ihr fremd sind, wo es keine Wackerbarte gibt, die einen solchen Fund fuer gute Prise erklaeren, das Recht zum Gliedermann machen und drauflos hantieren und drehen, ob es biege oder breche, wo man Erzeugnisse des Geistes nicht als Ware handhabt und Satire versteht und zu wuerdigen weiss, wo man weder auf den Titel eines persischen Geheimen Hofrats, noch auf irgend dergleichen Ruecksicht nimmt. So dachte ich, pries mich gluecklich und verlachte meinen komischen Prozesstraum. Doch wie staunte ich, als ich hintrat zu meinem Arbeitstisch! Nein, es war keine Taeuschung, da lag er ja, der Brief des Satans, wie ich ihn im Traume gelesen, da lag das Manuskript, das er mir im Brief verheissen. Ich traute meinen Sinnen kaum, ich las, ich las wieder, und immer wurde mir der Zusammenhang unbegreiflicher. Doch ich konnte ja nicht anders, ich musste seinen Wink befolgen und seinen "Besuch in Frankfurt" dem zweiten Teile einverleiben. Ich gestehe, ich tat es ungern. Ich hatte schon zu diesem Teile alles geordnet; es fand sich darin eine Skizze, die nicht ohne Interesse zu lesen war, ich meine die Szene, wie er mit Napoleon eine Nacht in einer Huette von Malojarosslawez zubrachte und wie von jenen Augenblicken an so vieles auf geheimnisvolle Weise sich gestaltet im Leben jenes Mannes, dem selbst der Teufel Achtung zollen musste. vielleicht--weil er ihm nicht beikommen konnte, doch--vielleicht ist es moeglich, dieses merkwuerdige Aktenstueck dem Publikum an einem andern Orte mitzuteilen. Noch war ich mit Durchsicht und Ordnen der Papiere beschaeftigt, da wurde die Tuere aufgerissen, und mein Freund Moritz stuerzte ins Zimmer. "Weisst du schon?" rief er. "Er hat ihn verloren." "Wer? Was hat man verloren?" "Nun, von was wir gestern sprachen, den Prozess gegen Clauren meine ich, wegen des M a n n e s i m M o n d e!" "Wie? Ist es moeglich!" entgegnete ich, an meinen Traum denkend. "Unser Freund, der Kandidatus Bemperlein? Den Prozess?" "Du kannst dich drauf verlassen; soeben komme ich vom Museum, der Verleger sagte es mir, soeben wurde ihm das Urteil publiziert." "Aber wie konnte dies doch geschehen, Moritz? War er etwa auch in Klein=Justheim anhaengig?" "Klein=Justheim? Du fabelst, Freund!" erwiderte der Freund, indem er besorgt meine Hand ergriff. "Was willst du nur mit Klein=Justheim, wo gibt es denn einen solchen Ort?" "Ach," sagte ich beschaemt, "du hast recht; ich dachte an--meinen Traum." * * * * * MEIN BESUCH IN FRANKFURT. 1. WEN DER SATAN AN DER _TABLE D'HOTE_ IM WEISSEN SCHWAN SAH. Kommt man um die Zeit des Pfingstfestes nach Frankfurt, so sollte man meinen, es gebe keine heiligere Stadt in der Christenheit; denn sie feiern daselbst nicht, wie z. B. in Bayern eineinhalb oder, wie im Kalender vorgeschrieben, zwei Festtage, sondern sie rechnen vier Feiertage; die Juden haben deren sogar fuenf; denn sie fangen in Bornheim ihre heiligen Uebungen schon am Samstag an, und der Bundestag hat sogar acht bis zehn. Diese Festtage gelten aber in dieser Stadt weniger den wunderbaren Sprachkuensten der Apostel als mir. Was die beruehmtesten Mystiker am Pfingstfeste morgens den guten Leutchen ans Herz gelegt, was die immensesten Rationalisten mit moralischer Salbung verkuendet hatten, das war so gut als in den Wind gesprochen. Die Fragen: "Ob man am Montag oder am Dienstag, am zweiten oder dritten Feiertag ins W a e l d c h e n gehen, ob es nicht anstaendiger waere, ins Wilhelmsbad zu fahren, ob man am vierten Feiertag nach Bornheim oder ins Vauxhall gehen sollte, oder beides," diese Fragen scheinen bei weitem wichtiger als jene, die doch fuer andaechtige Feiertagsleute viel naeher lag: "Ob die Apostel damals auch Englisch und Plattdeutsch verstanden haben?" Muss ein so aufgeweckter Sinn den Teufel nicht erfreun, der an solchen Tagen mehr Seelen fuer sich gewinnt als das ganze Judenquartier in einer guten Boersenstunde Gulden? Auch diesmal wieder kam ich zu Pfingsten nach Frankfurt. Leuten, die, von einem beruehmten Belletristen verwoehnt, alles bis auf kleinste Detail wissen wollen, diene zur Nachricht, dass ich im Weissen Schwanen auf Nr. 45 recht gut wohnte, an der grossen _Table d'hote_ in angenehmer Gesellschaft trefflich speiste; den Kuechenzettel moegen sie sich uebrigens von dem Oberkellner ausbitten. Schon in der ersten Stunde bemerkte ich ein Seufzen und Stoehnen, das aus dem Zimmer nebenan zu dringen schien. Ich trat naeher, ich hoerte deutlich, wie man auf gut deutsch fluchte und tobte, dann Rechnungen und Bilanzen, die sich in viele Tausende beliefen, nachzaehlte, und dann wieder wimmerte und weinte wie ein Kind, das seiner Aufgabe fuer die Schule nicht maechtig ist. Teilnehmend, wie ich bin, schellte ich nach dem Kellner und fragte ihn, wer der Herr sei, der nebenan so ueberaus klaeglich sich gebaerde? "Nun," antwortete er, "das ist der stille Herr." "Der stille Herr? Lieber Freund, das gibt mir noch wenig Aufschluss. Wer ist er denn?" "Wir nennen ihn hier im Schwan den stillen Herrn oder auch den Seufzer; er ist ein Kaufmann aus Dessau, nennt sich sonst Zwerner und wohnt schon seit vierzehn Tagen hier." "Was tut er denn hier? Ist ihm ein Unglueck zugestossen, dass er gar so klaeglich winselt?" "Ja, das weiss ich nicht," erwiderte er, "aber seit dem zweiten Tag, dass er hier ist, ist sein einziges Geschaeft, dass er zwischen zwoelf und ein Uhr in der neuen Judenstrasse auf= und abgeht, und dann kommt er zu Tisch, spricht nichts, isst nichts, und den ganzen Tag ueber jammert er ganz stille und trinkt Kapwein." "Nun, das ist keine schlimme Eigenschaft," sagte ich, "setzen Sie mich doch heute mittag in seine Naehe." Der Kellner versprach es, und ich lauschte wieder auf meinen Nachbar. "Den zwoelften Mai," hoerte ich ihn stoehnen, "Metalliques 83 3/4, oesterreichische Staatsobligationen 87 3/8, Rothschildische Lotterielose, der Teufel hat sie erfunden und gemacht! 132, preussische Staatsschuldscheine 81! O Rebekka! Rebekka! Wo will das hinaus! 81! Die Preussen! Ist denn gar keine Barmherzigkeit im Himmel?" So ging es eine Zeitlang fort; bald hoerte ich ihn ein Glas Kapwein zu sich nehmen und ganz behaglich mit der Zunge dazu schnalzen; bald jammerte er wieder in den klaeglichsten Toenen und mischte die Konsols, die Rothschildschen Unverzinslichen und seine Rebekka auf herzbrechende Weise untereinander. Endlich wurde er ruhiger. Ich hoerte ihn sein Zimmer verlassen und den Gang hinabgehen; es war wohl die Stunde, in welcher er durch die neue Judenstrasse promenierte. Der Kellner hatte Wort gehalten. Er wies, als ich in den Speisesaal trat, auf einen Stuhl: "Setzen sich der Herr Doktor nur dorthin," fluesterte er, "zu Ihrer Rechten sitzt der Seufzer." Ich setzte mich, ich betrachtete ihn von der Seite. Wie man sich taeuschen kann! Ich hatte einen jungen Mann von melancholischem, gespenstischem Aussehen erwartet, wie man sie heutzutage in grossen Staedten und Romanen trifft, etwas bleichschmachtend und fein wie Eduard, von der Verfasserin der Ourika, oder von schwaechlichem, beinahe liederlichem Anblick wie einige Schopenhauersche oder Pichlersche Helden. Aber gerade das Gegenteil; ich fand einen untersetzten, runden jungen Mann mit frischen, wohlgenaehrten Wangen und roten Lippen, der aber die trueben Augen beinahe immer niederschlug und um den huebschen Mund einen weinerlichen Zug hatte, welcher zu diesem frischen Gesicht nicht recht passte. Ich versuchte, waehrend ich ihm allerlei treffliche Speisen anbot, einigemal mit ihm ins Gespraech zu kommen, aber immer vergeblich; er antwortete nur durch eine Verbeugung, begleitet von einem halbunterdrueckten Seufzer. In solchen Augenblicken schlug er dann wohl die Augen auf, doch nicht, um auf mich zu blicken; er warf nur einen scheuen, finstern Blick geradeaus und sah dann wieder seufzend auf seinen Teller. Ich folgte einem dieser Blicke und glaubte zu bemerken, dass sie einem Herrn gelten mussten, der uns gegenueber sass und schon zuvor meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte. Er war gerade das Gegenteil von meinem Nachbar rechts. Seine schon etwas kahle, gefurchte Stirne, sein braeunliches, eingeschnurrtes Gesicht, seine schmalen Wangen, seine spitze, weit hervortretende Nase deuteten darauf hin, dass er die fuenfundvierzig Jaehrchen, der er haben mochte, etwas s c h n e l l verlebt habe. Den auffallendsten Kontrast mit diesen verwitterten, von Leidenschaften durchwuehlten Zuegen bildete ein ruhiges, suessliches Laecheln, das immer um seinen Mund schwebte, die zierliche Bewegung seiner Arme und seines Koerperchens, wie auch seine sehr jugendliche und modische Kleidung. Es sassen etwa fuenf oder sechs junge Damen an der Tafel, und nach den zaertlichen Blicken, die er jeder zusandte, dem suessen Laecheln, womit er seine Blicke begleitete, zu urteilen, musste er mit allen in genauen Verhaeltnissen stehen. Dieser Herr hatte, wenn er mit der abgestorbenen, knoechernen Hand einen Spargel zum Munde fuehrte und suesslich dazu laechelte, die groesste Aehnlichkeit mit einem rasierten Kaninchen, waehrend mein Nachbar rechts wie ein melancholischer Frosch anzusehen war. Warum uebrigens der Seufzer das Kaninchen mit so finstern Augen mass, konnte ich nicht erraten. Endlich, als die Blicke meines Nachbars duesterer und laenger als gewoehnlich auf jenem ruhten, fing das Kaninchen an, die Schultern und Arme grazioes hin und her zu drehen, den Ruecken auf kuenstliche Art auszudehnen und das spitzige Koepfchen nach uns herueber zu drehen; mit suessem Laecheln fragte er: "Noch immer so duester, mein lieber Monsieur Zwerner? Etwa gar eifersuechtig auf meine Wenigkeit?" An dem zarten Lispeln, an der kuenstlichen Art, das r wie gr auszusprechen, glaubte ich in ihm einen jener adeligen Salonmenschen zu erkennen, die von einer feinen, leisen Sprache Profession machen. Und so war es; denn mein Nachbar antwortete: "Eifersuechtig, Herr Graf?--Auf S i e in keinem Fall." Graf Rebs--so hoerte ich ihn spaeter nennen--faltete sein Maeulchen zu einem feinen Laecheln, drueckte die Augen halb zu, bog die Spitznase auf komische Weise seitwaerts, strich mit der Hand ueber sein langes, knoechernes Kinn und kicherte: "Das ist schoen von Ihnen, lieber Monsieur Zwerner; also gar nicht eifersuechtig? Und doch habe ich die schoene Rebekka erst gestern abend noch in ihrer Loge gesprochen. Ha, ha! Sie standen im Parterre und schauten mit melancholischen Blicken herauf. Darf ich Sie um jenes Ragout bitten, mein Herr?" "Ich war allerdings im Theater, habe aber nur vorwaerts aufs Theater und nicht rueckwaerts gesehen, am wenigsten mit melancholischen Blicken." "Herr Oberkellner," lispelte der Graf, "Sie haben die Trueffeln gespart. Aber nein! Monsieur Zwerner, wie man sich taeuschen kann! Ich haette auf Ehre geglaubt, Sie schauten herauf in die Loge mit melancholischen Blicken. Auch Rebekka mochte es bemerken und Fraeulein von Rothschild; denn als ich auf Sie hinabwies--Kellner, ich trinke heute lieber roten Ingelheimer, ein Flaeschchen--ja, wollte ich sagen-- das ist mir nun waehrend des Ingelheimers gaenzlich entfallen; so geht es, wenn man so viel zu denken hat." Meinem Nachbar mochte das unverzeihlich schlechte Gedaechtnis des Grafen nicht behagen; obgleich er vorhin das Kaninchen ziemlich barsch abgewiesen hatte, so schien ihm doch dieser Punkt zu interessant, als dass er nicht weiter geforscht haette. "Nun, auch Fraeulein von Rothschild hat bemerkt, dass ich melancholisch hinaussah?" fragte er, indem er seine bitteren Zuege durch eine Zutat von Laecheln zu versuessen suchte; "freilich, diese hat ein scharfes Gesicht durch die Lorgnette--". "Richtig, das war es," erwiderte Rebs, "das war es; ja, als ich auf Sie hinabwies und Rebeckchen Ihre Leiden anschaulich machte, schlug sie mich mit ihrem Jocofaecher auf die Hand und nannte mich einen Schalk." Mein Nachbar wurde wieder finster, seine roten Wangen roeteten sich noch mehr, und die ansehnliche Breite seines Gesichtes erweiterte sich noch durch wilden Trotz, der in ihm wuetete. Er zog den Kopf tief in die Schultern und blitzte das Kaninchen hin und wieder mit einem grimmigen Blicke an. Er hatte nie so grosse Aehnlichkeit mit einem angenehmen Froschjuengling, der an einem warmen Juniabend trauernd auf dem Teichel sitzt, als in diesem Augenblicke. Graf Rebs bemerkte dies. Mit angenehmer Herablassung, wobei er das r noch mehr schnurren liess als zuvor, sprach er: "Werter Monsieur Zwerner, Sie duerfen aus dem Schlag mit dem Jocofaecher keine argen Folgerungen ziehen. Es ist nur eine _facon de parler_ unter Leuten von gutem Ton. Wegen meiner duerfen Sie ruhig sein. Zwar solange man jung ist," fuhr er fort, indem er den Halskragen hoeher heraufzog und schalkhaft daraus hervorsah, wie das Kaninchen aus dem Busch, "zwar so lange man jung ist, macht man sich hie und da ein Spaesschen. Aber ein ganz anderer Gegenstand fesselt mich jetzt, Liebster! Haben Sie schon die Nichte des englischen Botschafters gesehen, die seit drei Tagen hier in Frankfurt ist?" "Nein," antwortete mein Nachbar, leichter atmend. "O, ein delizioeses Kind! Augenbrauen wie, wie--wie mein Rock hier, einen Mund zum Kuessen und in dem schoenen Gesicht so etwas Pikantes, ich moechte sagen so viel englische Rasse. Nun, wir sind hier unter uns; ich kann Sie versichern, es ist auffallend, aber wahr, ich sollte es nicht sagen, es beschaemt mich, aber auf Ehre, Sie koennen sich darauf verlassen, obgleich es ein ganz komischer Fall ist, uebrigens hoffe ich, mich auf Ihre Diskretion verlassen zu koennen, nein, es ist wirklich auffallend, in drei Tagen ..." "Nun, so bitte ich Sie doch um Gottes willen, Herr Graf, was wollen Sie denn sagen?" Es war ein eigener Genuss, das Kaninchen in diesem Augenblicke anzusehen. Ein Gedanke schien ihn zu kitzeln; denn er kniff die Aeuglein zu, sein Kinn verlaengerte sich, seine Nase bog sich abwaerts nach den Lippen, und sein Mund war nur noch eine duenne, zarte Linie; dazu arbeitete er mit dem zierlich gekruemmten Ruecken und den Schulterblaettern, als wolle er anfangen zu fliegen, und mit den abgelebten Knoecheln seiner Finger fuhr er auf dem Tisch umher. Noch einmal musste der Seufzer ihn ermuntern, sein Geheimnis preiszugeben, bis er endlich hervorbrachte: "Sie ist in mich verliebt! Sie staunen; ich kann es Ihnen nicht uebelnehmen; auch mir wollte es anfangs sonderbar beduenken, in so kurzer Zeit; aber ich habe meine sicheren Kennzeichen, und auch andere haben es bemerkt." "Sie Gluecklicher!" rief der Seufzer nicht ohne Ironie. "Wo Sie nur hintippen, schlagen Ihnen Herzen entgegen; uebrigens rate ich, diese Englaenderin ernstlicher zu verfolgen; bedenken Sie, eine so solide Partie--" "Merke schon, merke schon," entgegnete Rebs mit schlauem Laecheln, "es ist Ihnen um Rebekka, Sie wollen, ich solle dort gaenzlich aus dem Felde ziehen. Solide Partie! Sie werden doch nicht meinen, dass ich schon heiraten will? Gott bewahre mich! Aber wegen Rebeckchen duerfen Sie ruhig sein; ich ziehe mich gaenzlich zurueck. Und sollte vielleicht eine voruebergehende Neigung in dem Maedchen--Sie verstehen mich schon-- das wird sich bald geben; ich glaube nicht, dass sie mich ernstlich geliebt hat." "Ich glaube auch nicht," entgegnete der Seufzer mit einem Ton, in welchem sich bittere Ironie mit Grimm mischte. Die Gesellschaft stand auf, wir folgten. Graf Rebs taenzelte laechelnd zu den Damen, welchen er waehrend der Tafel so zaertliche Blicke zugeworfen; ich aber folgte dem ungluecklichen Seufzer. * * * * * 2. TROST FUER LIEBENDE. "Was war doch dies fuer ein sonderbarer Herr?" fragte ich meinen Nachbar, indem ich mich dicht an ihn anschloss. "Findet er wirklich bei den Damen so sehr Beifall, oder ist er ein wenig verrueckt?" "Ein Geck ist er, ein Narr!" rief der Seufzende, indem er mit dem Kopf aus den Schultern herausfuhr und die Arme umherwarf. "Ein alter Junggeselle von fuenfundvierzig, und spielt noch den ersten Liebhaber. Eitel, toericht, glaubt, jede Dame, die er aus seinen kleinen Aeuglein anblinzelt, sei in ihn verliebt, draengt sich ueberall an und ein--" "Nun, da spielt dieser Graf Rebs eine laecherliche Rolle in der Gesellschaft, da wird er wohl ueberall verhoehnt und abgewiesen?" "Ja, wenn die Damen daechten, wie Sie, wertgeschaetzter Herr! Aber so laecherlich dieser Gnome ist, so toericht er sich ueberall gebaerdet, so-- oh--Rebekka! der Teufel hat die Weiberherzen gemacht." "Ei, ei," sagte ich, indem ich schnell Nr. 45 aufschloss und den Verzweifelnden hineinschob, "ei! lieber Herr Zwerner, wer wird so arge Beschuldigungen ausstossen? Und auf Fraeulein Rebekka--setzen Sie sich doch gefaelligst aufs Sofa--auf das Fraeulein sollte er auch Eindruck gemacht haben, dieser Gliedermann?" "Ach, nicht er, nicht er. Sie sieht, dass er laecherlich ist und geckenhaft, und doch kokettiert sie mit ihm. Nicht mit ihm, sondern mit seinem Titel. Es schmeichelt ihr, einen Grafen in ihrer Loge zu sehen oder auf der Promenade von ihm begruesst zu werden; vielleicht, wenn sie eine Christin waere, haette sie einen solidern Geschmack." "Wie, das Fraeulein ist eine Juedin?" "Ja, es ist ein Judenfraeulein. Ihr Vater ist der reiche Simon in der neuen Judenstrasse. Das grosse gelbe Haus neben dem Herrn von Rothschild, und eine Million hat er, das ist ausgemacht." "Sie haben einen soliden Geschmack. Und wie ich aus dem Gespraech des Grafen bemerkt habe, koennen Sie sich einige Hoffnung machen?" "Ja," erwiderte er aergerlich, "wenn nicht der Satan das Papierwesen erfunden haette. So stehe ich immer zwischen Tuere und Angel. Glaube ich heute einen festen Preis, ein sicheres Vermoegen zu haben, um vor Herrn Simon zu treten und sagen zu koennen: 'Herr, wir wollen ein kleines Geschaeft machen miteinander; ich bin das Haus Zwerner u. Komp. aus Dessau, stehe so und so, wollen Sie mir Ihre Tochter geben?' Glaube ich nun so sprechen zu koennen, so laesst auf einmal der Teufel die Metalliques um zwei, drei Prozent steigen, ich verliere, und meinem Schwiegerpapa, der daran gewinnt, steigt der Kamm um so viele Prozente hoeher, und an eine Verbindung ist dann nicht mehr zu denken." "Aber kann denn nicht der Fall eintreten, dass S i e gewinnen?" "Ja, und dann bin ich so schlecht beraten wie zuvor. Herr Simon ist von der Gegenpartei. Gewinne ich nun durch das Sinken dieser oder jener Papiere, so verliert er ebensoviel, und dann ist nichts mit ihm anzufangen; denn er ist ein ausgemachter Narr und reif fuer das Tollhaus, wenn er verliert. Ach, und aus Rebeckchen, so gut sie sonst ist, guckt auf allen Seiten der juedische Geldteufel heraus." "Wie, sollte es moeglich sein, eine junge Dame sollte so sehr nach Geld sehen?" "Da kennen Sie die Maedchen, wie sie heutzutage sind, schlecht," erwiderte er seufzend. "Titel oder Geld, Geld oder Titel, das ist es, was sie wollen. Koennen sie sich durch einen Leutnant zur gnaedigen Frau machen lassen, so ist er ihnen eben recht, hat ein Mann wie ich Geld, so wiegt dies den Adel zur Not auf, weil derselbe gewoehnlich keines hat." "Nun, ich denke aber, das Haus Zwerner u. Komp. in Dessau hat Geld; woher also Ihr Zweifel an der Liebe des Fraeuleins?" "Ja, ja!" sagte er etwas freundlicher, "wir haben Geld, und so viel, um immer mit Anstand um eine Tochter des Herrn Simon zu freien; aber Sie kennen die Frankfurter Maedchen nicht; werter Herr! Ist von einem angenehmen, liebenswuerdigen jungen Manne die Rede, so fragen sie: Wie steht er? Steht er nun nicht nach allen Boersenregeln solid, so ist er in ihren Augen ein Subjekt, an das man nicht denken muss." "Und Rebekka denkt auch so?" "Wie soll sie andere Empfindungen kennen lernen in der neuen Judenstrasse? Ach, ihre Neigung zu mir wechselt nach dem Cours der Boersenhalle! Man weiss hier, dass ich mich verfuehren liess, viele Metalliques und preussische Staatsschuldscheine zu kaufen. Mein Interesse geht mit dem der hohen Maechte und mit dem Wohl Griechenlands Hand in Hand. Verliert die Pforte, so gewinne ich und werde ein reicher Mann. Gewinnt der Grosstuerke und sein Reis=Effendi, so bin ich um zwanzigtausend Kaisergulden aermer und nicht wehr wuerdig, um sie zu freien. Das weiss nun das liebenswuerdige Geschoepf gar wohl, und ihr Herz ist geteilt zwischen mir und dem Vater. Bald moechte sie gerne, dass die Pforte das Ultimatum annehme, um mein Glueck zu foerdern; bald denkt sie wieder, wieviel ihr Vater durch diese Spekulation des Herrn von Metternich verlieren koennte, und wuenscht dem Effendi soviel Verstand als moeglich. Ich Ungluecklicher!" "Aber, lieben Sie denn wirklich dieses edle Geschoepf?" fragte ich. Traenen traten ihm in die Augen, ein tiefer Seufzer stahl sich aus seiner Brust. "Wie sollte ich sie nicht lieben?" antwortete er. "Bedenken Sie, fuenfzigtausend Taler Mitgift, und nach des Vaters Tod eine halbe Million, und wenn Gott den Israelchen zu sich nimmt, eine ganze. Und dabei ist sie vernuenftig und liebenswuerdig, hat so was Feines, Zartes, Orientalisches; ein schwarzes Auge voll Glut, eine kuehn geschwungene Nase, frische Lippen; der Teint, wie ich ihn liebe, etwas dunkel und dennoch roetlich. Ha! und eine Figur! Herr! Wie sollte man solches Geschoepf nicht lieben?" "Und haben Sie keinen Rival als den Gnomen, den Grafen Rebs?" "O, einige Judenjuenglinge, bedeutende Haeuser, buhlen um sie, aber ihr Sinn steht nach einem soliden Christen. Sie weiss, dass bei uns alles nobler und freier geht als bei ihrem Volk, und schaemt sich, in guter Gesellschaft fuer eine Juedin zu gelten. Daher hat sie sich auch den Frankfurter Dialekt ganz abgewoehnt und spricht Preussisch. Sie sollten hoeren, wie schoen es klingt, wenn sie sagt: 'Isssst es moeglich?' oder: 'Es jinge wohl, aber es jeht nich.'" Der Seufzer gefiel mir. Es ist ein eigenes, sonderbares Volk, diese jungen Herren vom Handelsstand. Sie bilden sich hinter ihrem Ladentisch eine eigene Welt von Ideen, die sie aus den trefflichsten Romanen der Leihbibliotheken sammeln. Sie sehen die Menschen, die Gesellschaft nie, es sei denn, wenn sie abends durch die Promenade gehen, oder Sonntags, gekleidet wie Herren _comme il faut_, auf Kirchweihen oder sonstigen Plaetzen sich amuesieren. Reisen sie hernach, so dreht sich ihr Ideengang um ihre Musterkarte und die schoene Wirtin der naechsten Station, welche ihnen von einem Kameraden und Vorgaenger empfohlen ist, oder um die Kellnerin des letzten Nachtlagers, die, wie sie glauben, noch lange um den schoenen, wohlgewachsenen jungen Mann weinen wird. Sie haben irgendwo gelesen oder gehoert, dass der Handelsstand gegenwaertig viel zu bedeuten habe; drum sprechen sie mit Ehrfurcht von sich und ihrem Wesen, und nie habe ich gefunden, dass einer von sich sagte: "Kaufmann oder Baenderkraemer", sondern: "Ich reise in Geschaeften des Hauses Baeuerlein oder Zwierlein", und fragt man, in welchen Artikeln, so kann man unter zehn auf neun rechnen, sie ganz bescheiden antworten zu hoeren: "Knoepfe, Haften und Haken, Tabak, Schnupf= und Rauch=, und dergleichen bedeutende Artikel." Haben sie nun gar im Staedtchen ihrer Heimat ein Schaetzchen zurueckgelassen, so darf man darauf rechnen, sie werden, wenn von Liebe die Rede ist, ihre sehr interessante Geschichte erzaehlen, wie sie Fraeulein Jettchen beim Mondschein kennen gelernt haben, sie werden die Brieftasche oeffnen und unter hundert Empfehlungsbriefen, Annoncen von Gasthoefen usw. ein Seidenpapier hervorziehen, das ein Proebchen Haar von der Stirne der Geliebten enthaelt. Glueckliche Nomaden! Ihr allein seid noch heutzutage die fahrenden Ritter der Christenheit. Und wenn es euch auch nicht zukoemmt, mit eingelegter Lanze _a la_ Don Quichotte eurer Jungfrauen Schoenheit zu verteidigen, so richtet ihr doch in jeder Kneipe nicht weniger Verwuestung an, wie jener mannhafte Ritter, und seid ueberdies meist euer eigener Sancho Pansa an der Tafel. Eine solche liebenswuerdige Erziehung, aus Kontorspekulationen, Romanen, Mondscheinliebe und Handelsreisen zusammengesetzt, schien nun auch mein Nachbar Seufzer genossen zu haben. Nur etwas fehlte ihm, er war zu ehrlich. Wie leicht waere es fuer einen Mann von Zweimalhunderttausend gewesen, Kuriere nicht von H o e c h s t oder von L a n g e n, sondern von W i e n, sogar mit a u t h e n t i s c h e n Nachrichten kommen zu lassen, um seinem Gluecke aufzuhelfen. Ist denn auf der Erde nicht alles um Geld feil? Und wenn Rothschild mit Geld etwas machen kann, warum sollte es ein anderer nicht auch koennen, wenn sein Geld ebensogut ist als das des grossen Makkabaeers? Zwar e i n solcher Sperling wagt keinen Sommer. E i n e solche Handelsseele mehr oder weniger mein, kann mir nicht nuetzen. Doch die Nuancen ergoetzen mich, jenes bunte Farbenspiel, bis ein solcher Hecht ins Netz geht, und darum beschloss ich, ihm zu nuetzen, ihn zu fangen. "Ich bin," sagte ich zu ihm, "ich bin selbst einigermassen Papierspekulant; daher werden Sie mir vergeben, wenn ich Ihre bisherigen Verfahrungsarten etwas sonderbar finde." "Wie meinen Sie das?" fragte er verwundert. "Als ich in Dessau war, liess ich mir nicht jeden Posttag den Kurszettel schicken? Und hier, gehe ich nicht jeden Tag in die Boersenhalle? Gehe ich nicht jeden Tag in die neue Judenstrasse, um das Neueste zu erfragen?" "Das ist es nicht, was ich meine. Ein Genie wie Sie, Herr Zwerner (er verbeugte sich laechelnd), das heisst, ein Mann mit diesen Mitteln, der etwas wagen will, muss s e l b s t eingreifen in den Lauf der Zeiten." "Aber mein Gott," rief er verwunderungsvoll, "das kann ja jetzt niemand als der Rothschild, der Reis=Effendi und der Herr von Metternich. Wie meinen Sie denn?" "UEber Ihr Glueck, Sie geben es selbst zu, kann ein einziger Tag, eine einzige Stunde entscheiden. Zum Beispiel, wenn die Pforte das Ultimatum verwirft, die Nachricht schnell hierher kommt, kann eine Krisis sich bilden, die Sie stuerzt. Ebenso im Gegenteil koennen Sie durch eine solche Nachricht sehr gewinnen, weil dann Ihre Papiere steigen?" "Gewiss, gewiss," seufzte er. "Aber ich sehe nur noch nicht recht ein--" "Nur Geduld. Wer gibt nun diese Nachricht, wer bekommt sie? Das Ministerium in Wien oder ein guter Freund, der sehr nahe hingehorcht und dem g r o s s e n P o r t i e r ein Stueck Geld in die Hand gedrueckt hat, laesst noch in der Nacht einen Kurier aufsitzen. Der reitet und faehrt und fliegt nach Frankfort und bringt die Depesche--wem?" "Ach, dem Gluecklichsten, dem Vornehmsten!" "Nein, dem, der am besten zahlt. Einen solchen Kurier kann ich Ihnen um Geld auch verschaffen, ich habe Konnexionen in Wien. Man kann dort mancherlei erfahren, ohne gerade der oesterreichische Beobachter zu sein. Kurz, wir lassen einen Brief mit der Nachricht einer wichtigen Krisis, eines bedeutenden Vorfalles kommen--" "Etwa, der Sultan habe einen Schlag bekommen, oder der Kaiser von Russland sei ploetzlich--" "Nichts davon, das ist zu wahrscheinlich, als dass es die Leute glauben! Unwahrscheinliches, Ueberraschendes muss auf der Boerse wirken!"-- "Also etwa, der Fuerst von M. sei ein Tuerke geworden, habe dem Islam geschworen?" "Ich sage Ihnen ja, nichts Wahrscheinliches. Nein, geradezu, die Pforte habe das Ultimatum angenommen. Bekommen Sie nun diese Nachricht mit allem moeglichen geheimnisvollen Wesen, lassen Sie den Kurier sogleich ein paar Stationen weiter reisen, lassen Sie den Brief einige Geheimniskraemer lesen, gehen kurze Zeit darauf in die Boersenhalle, so kann es nicht fehlen, Sie sind ein wichtiger Mann und setzen Ihre Papiere mit Gewinn ab." "Aber, lieber Herr," erwiderte der Kaufmann von Dessau klaeglich, "das waere ja denn doch erlogen, wie man zu sagen pflegt, eine Suende fuer einen rechtlichen Mann; bedenken Sie, ein Kaufmann muss im Geruch von Ehrlichkeit stehen, will er Kredit haben." "Ehrlichkeit, Possen! Geld, Geld, das ist es, wonach er riechen muss, und nicht nach Ehrlichkeit. Und was nennen Sie am Ende Ehrlichkeit? Ob Sie Ihre Kunden bei einem Pfund Kaffee betruegen, ob Sie einem alten Weibe ihr Lot Schnupftabak zu leicht wiegen, oder ob Sie dasselbe Experiment im grossen vornehmen, das ist am Ende dasselbe." "Ei, verzeihen Sie, da muss ich denn doch bitten; an der Prise, die das Weib zu wenig bekommt, stirbt sie nicht, wie man zu sagen pflegt; aber wenn ich einen solchen Kurier kommen lasse, so kann er durch seine falsche Nachricht ein Nachrichter der ganzen Boerse werden; viele Haeuser koennen fallieren, andere wanken und den Kredit verlieren, und das waere dann meine Schuld!" "So, mein Herr?" sagte ich mit mitleidigem Laecheln zu der schwachen Seele. "So, Sie schaemen sich nicht, die Moral, das Herrlichste, was man auf Erden hat, so zu verhunzen? Also wegen der Folgen wollen Sie nicht? Nicht vor dem Beginnen an sich, als einem unmoralischen, beben Sie zurueck? Wer den Anfang einer Tat nicht scheut, darf auch ihr Ende nicht scheuen, ohne fuer eine kleine Seele zu gelten. Oder glauben Sie, eine Rebekka koenne man dadurch verdienen, dass man im Weissen Schwanen wohnt und seufzt, dass man zur Tafel geht und mit dem Kaninchen, dem Grafen Rebs, grollt?" "Aber, mein Herr," rief der Seufzer etwas pikiert, "ich weiss gar nicht, was Sie mir, als einem ganz Fremden, fuer eine Teilnahme erzeigen; ich weiss gar nicht, wie ich das nehmen soll?" "Mein Herr, das haben Sie sich selbst zuzuschreiben; Sie haben mir Ihre Lage entdeckt und mich gleichsam um Rat gefragt; daher meine Antwort. Uebrigens bin ich ein Mann, der reist, um ueberall das Treffliche und Erhabene kennen zu lernen. In Ihnen glaubte ich gleich auf den ersten Anblick solches gefunden zu haben;--" "Bitte recht sehr, eine so ganz gewoehnliche Physiognomie wie die meine--" "Das koennen Sie nicht so beurteilen wie ein anderer; auf Ihrer Stirne thront etwas Freies, Mutiges, um Ihren Mund weht ein anziehender Geist--" "Finden Sie das wirklich?" rief er, indem er laechelnd meine Hand fasste und verstohlen nach dem Spiegel blickte. "Es ist wahr, man hat mir schon dergleichen gesagt, und in Stuttgart hat man mich sogar versichert, ich sei dem beruehmten Dannecker auf der Strasse aufgefallen, und er sei eigens deswegen einigemal in den Koenig von England gekommen, um von mir etwas fuer seinen Johannes abzusehen." "Nun sehen Sie, wie muss es nun einen Mann, wie ich bin, ueberraschen, so wenig Mut, so wenig Entschluss hinter dieser freien Stirne, diesem mutigen Auge zu finden!" "Ach, Sie nehmen es auch zu strenge; ich habe ja Ihren Vorschlag durchaus nicht verworfen, nur einiges Bedenken, einige kleine Zweifel stiegen in mir auf, und--nun Sie haben wahrlich nicht unrecht, ich fuehle einen gewissen Mut, eine gewisse Freiheit in mir, es ist ein gewisses Etwas, ja--so gut es ein anderer tun kann, will ich es auch versuchen. Es sei, wie Sie sagten, ich will es daranruecken und einen Kurier kommen lassen; wir wollen die Metalliques steigern!" * * * * * 3. EIN SCHABBES IN BORNHEIM. Der einzige Zweifel, der den seufzenden Dessauer noch quaelte, war die Furcht, den Vater seiner Geliebten in bedeutenden Verlust zu stuerzen, wenn er seine Operation nach meinem Plane einrichte. Doch auch dafuer wusste ich ein gutes, sehr einfaches Mittel. Er musste den Herrn Simon in der neuen Judenstrasse auf seine Seite bringen, musste ihm bedeutende Winke von der nahenden Krisis geben; entweder nahm dann der Jude an dem ganzen Unternehmen unbewusst teil und gewann zugleich mit dem Dessauer, oder er war wenigstens gewarnt und musste einige Achtung vor dem Manne bekommen, der so genau die politischen Wendungen zu berechnen wusste, der seine Kombinationen so geschickt zu machen verstand. Dem Kaufmann leuchtete dies ein. Er kam von selbst auf den Gedanken, noch an diesem Tage mit dem alten Simon zu sprechen und lud mich ein, mit ihm nach B o r n h e i m zu fahren, wo der Schabbes heute die noble Welt des alten Judenquartiers, der neuen Judenstrasse, ueberhaupt alle Staemme Israels versammelt habe. Wir fuhren hinaus, der Seufzer schien ein ganz anderer Mensch geworden zu sein. Sein truebseliges Gesicht leuchtete freundlich vom Glanze der Hoffnung, sein Auge hob sich freier, um seine Stirn, seinen Mund war jede Melancholie verschwunden, sein grosser, runder Kopf steckte nicht mehr zwischen den Schultern, er trug ihn freier, erhabener, als wollte er sagen: "Seht, ihr Frankfurter und Bornheimer, ich bin es, das Haus Zwerner und Komp. aus Dessau, naechstens eine bedeutende Person an der Boerse, und, wenn es gut geht, Braeutigam der schoenen Rebekka Simon in der neuen Judenstrasse!" Aus dem Garten des Goldenen Loewen in Bornheim toenten uns die zitternden Klaenge von Harfen und Gitarren und das Geigen verstimmter Violinen entgegen; das Volk Gottes liess sich vormusizieren im Freien, wie einst ihr Koenig Saul, wenn er uebler Laune war. Wir traten ein; da sassen sie, die Soehne und Toechter Abrahams, Isaaks und Jakobs, mit funkelnden Augen, kuehn gebogenen Nasen, fein geschnittenen Gesichtern, wie aus einer Form gepraegt, da sassen sie vergnuegt und froehlich plaudernd und tranken Champagner, aus saurem Wein, Zucker und Mineralwasser zubereitet, da sassen sie in malerischen Gruppen unter den Baeumen, und der Garten war anzuschauen, als waere er das gelobte Land Kanaan, das der Prophet vom Berge gesehen und seinem Volke verheissen hatte. Wie sich doch die Zeiten aendern durch die Aufklaerung und das Geld! Es waren dies dieselben Menschen, die noch vor dreissig Jahren keinen Fuss auf den breiten Weg der Promenade setzen durften, sondern bescheiden den Nebenweg gingen; dieselben, die den Hut abziehen mussten, wenn man ihnen zurief: "Jude, sei artig, mach' dein Kompliment!" Dieselben, die von dem Buergermeister und dem hohen Rat der freien Stadt Frankfurt jede Nacht eingepfercht wurden in ihr schmutziges Quartier. Und wie so ganz anders waren sie jetzt anzuschauen! Ueberladen mit Putz und koestlichen Steinen sassen die Frauen und Judenfraeulein; die Maenner, konnten sie auch nicht die spitzigen Ellbogen und die vorgebogenen Knie ihres Volkes verleugnen, suchten sie auch umsonst den ruhigen, soliden Anstand eines Kaufherrn von der Zeile oder der Million zu kopieren, die Maenner hatten sich sonntaeglich und schoen angetan, liessen schwere, goldene Ketten ueber die Brust und den Magen herabhaengen, streckten alle zehn Finger, mit blitzenden Solitaers besteckt, von sich, als wollten sie zu verstehen geben: Ist das nicht was ganz Solides? Sind wir nicht das auserwaehlte Volk? Wer hat denn alles Geld, gemuenzt und in Barren, als wir? Wem ist Gott und Welt, Kaiser und Koenig schuldig, wem anders als uns? "Dort sitzt sie, die Taube von Juda, dort sitzt sie, die Gazelle des Morgens," rief der Seufzer in poetischer Ekstase und zerrte mich am Arm; "schauen Sie dort, unter dem Zelt von hoelzernem Gitterwerk. Der mit dem runden Leib, der langen Nase und den grauen Loeckchen am Ohr ist der Vater, Herr Simon aus der neuen Judenstrasse, die dicke Frau rechts mit den schwarzseidenen Locken und dem rotbraunen Gesicht ist die Tante; eine fatale Verwandtschaft, aber man weiss sich in Zukunft zu separieren nach und nach." "Aber wo ist denn die Gazelle, die Taube? Ich sehe sie noch nicht--" "Geduld! Noch bedeckt die neidische Wolke, die Tante, das Gestirn des Aufgangs; fassen wir ein Herz, treten wir naeher. Doch eben faellt mir bei, ich muss Sie vorstellen; wie nenne ich Sie, mein lieber Freund und Ratgeber?" "Ich bin der k. k. Legationsrat Schmaelzchen aus Wien," gab ich ihm zur Antwort, "reise in Geschaeften meines Hofes nach Mainz." "Ah," rief er, nachdem er schon bei dem kaiserlich koeniglich an den Hut gegriffen hatte, "Le--Legationsrat, wirklicher, und nicht bloss Titular ums liebe Geld? Das freut mich, dero werte Bekanntschaft zu machen. Haette es mir gleich vorstellen koennen, Sie haben einen gar tiefen Blick in die Staatsaffaeren. Wahrhaftig, haette es Ihnen gleich ansehen koennen; haben so etwas Diplomatisches, Kabinettsmaessiges in dero Visage." "Bitte, bitte, keine Komplimente. Gehn wir zum Juden, ich hoffe Ihnen nuetzlich sein zu koennen." Wir traten zu dem Zelt aus hoelzernem Gitterwerk. Mein Begleiter erroetete tiefer, je naeher er trat; seine Wangen liefen vom Hellroten ins Dunkelrote, von da ins blaeulich Schattierte an, und als wir vor dem Herrn Simon standen, war er anzusehen wie eine schoene dunkelrote Herzkirsche. Die Tante, "das neidische Gewoelk", erhob sich, und nun ward auch das Gestirn des Morgens sichtbar. Das Schickselchen, die Kalle, ich meine Rebekka, des Juden Tochter, war nicht uebel.--Sie hatte, um mich wie Graf Rebs auszudruecken, viel Rasse, und ihre Augen konnten den Seufzer wohl bis auf Herz durchbrennen, obgleich er zur Vorsicht und aus Eleganz drei Westen angetan hatte. Nachdem mich mein Freund, der als solides Haus aus Dessau bei der Familie wohl gelitten schien, vorgestellt hatte, machte er sich an die Taube von Juda und ueberliess es mir, den alten Simon zu unterhalten. Mein Titel schien ihm einigen Respekt eingefloesst zu haben. "Haben da ein schoenes Fach erwaehlt, Herr von Schmaelzlein," bemerkte er wohlgefaellig laechelnd; "habe immer eine Inklination fuer die Diplomatik gehabt, aber die Verhaeltnisse wollten es nicht, dass ich ein Gesandter oder dergleichen wurde. Man weiss da gleich alles aus der ersten Hand! Man kann viel komplizieren und dergleichen; was liessen sich da fuer Geschaefte machen!" "Sie haben recht, mein Herr! Man lernt da die verwickeltsten Verhaeltnisse kennen. Allein aber schauen's, das Ding hat auch seinen Haken. Man weiss oft eigentlich zu viel, es geht einem wie ein Rad im Kopf umher." Der Jude rueckte naeher. Mit einem Wiener Diplomaten, mochte er denken, nehme ich es auch noch auf. "Zeviel?" sagte er. "Ich fuer meinen Teil kann nie zeviel wissen. Was die Papiere betrifft, da kann ein Fingerzeig, ein halber, ein Viertelsgedanke oft mehr tun, als eine lange Rede im Frankfurter Museum. Nu, S i e stehen solide in Wien, Ihr Staat ist ein gemachtes Haus trotz einem; was Herr von M. auf dem Flageolett vorpfeift, das singen die Staren nach." "Die Staren vielleicht, aber nicht die Zaren!" "Gut, _tres bien, bon_! Gut gegeben, hi! hi! hi! _a propos_, wissen Sie Neues aus daher?" Er rueckte mir noch naeher und wurde verfaenglicher. "Herr Simon," sagte ich mit Artigkeit ausweichend, "Sie wissen, es gibt Faelle--" "Wie?" rief er erschrocken. "Gotts Wunder! Neue Fallissements, waas! Ist nicht die Krisis vom letzten Winter schon ein Strafgericht des Herrn gewesen? Waas?" "Um Jottes willen, Papa!" schrie Rebekka, indem sie den Arm des zaertlichen Seufzers zurueckstiess und aufsprang. "Doch kein Unglueck? Mein Jott! Doch nich hier in Frankfort?" "Beruhigen Sie sich doch, gnaediges Fraeulein, ich sprach mit Ihrem Herrn Papa ueber Politik und rechnete einige Faelle auf, und er hat mich holter nicht recht verstanden." Sie presste mit einem zaertlichen, hinsterbenden Blick auf den erschrockenen Dessauer ihre Hand auf das Herz und atmete tief. "Nee! was ich erschrocken bin jeworden, da machen Sie sich keenen Bejriff von!" lispelte sie. "Mein Herz pocht schrecklich! Na, erzaehlen Sie man weiter; was sachte der Graf? Sie haetten ins Parterre jestanden und waeren melancholisch jewesen?" Das Gefluester der Liebenden wurde leiser und leiser; die Blicke des Seufzers wurden feuriger, er zog, als "das Gewoelke" ein wenig im Garten auf und ab ging, die niedliche Hand der Juedin an die Lippen und gestand ihr, wenn ich anders recht gehoert habe, dass naechstens die Metalliques und die .... um drei Prozente steigen wuerden. "Herr von Schmaelzlein," sagte der Alte, nachdem er einigen koscheren Wein zu sich genommen hatte, "Sie haben mir da einen Schreck in den Leib gejagt, den ich nie vergesse. Fallen, Faelle, wie kann man auch nur dies Wort in Gesellschaft aussprechen? Nun, Sie wollten sagen--?" "Es gibt Affaeren," fuhr ich fort, "wo der Diplomat schweigen muss. Ueber das Naehere meiner Sendung z. B. werden Sie selbst mich nicht befragen wollen; nur so viel kann ich Ihnen, aber, mein Herr Simon, im engsten Vertrauen--" "Der Gott meiner Vaeter tue mir dies und das," rief er feierlich, "so ich nur meinem Nachbar oder seinem Weib oder seinem Sohn oder seiner Tochter das Geringste--" "Schon gut! Ich traue auf Ihre Diskretion; kurz, so viel kann ich Ihnen sagen, dass naechstens eine bedeutende Krisis eintreten wird; g a n z zu allernaechst. F u e r oder g e g e n wen darf ich nicht sagen, doch Herr von Zwerner--" "V o n Zwerner?" "Nun, ich nenne ihn so, man weiss ja nicht, was geschieht; an ihn war ich besonders empfohlen vom Fuersten, und ich glaube, wenn ich anders richtig schliesse, er muss in den naechsten Tagen Kuriere aus Wien bekommen." "Der Zwerner? Ei, ei! Wer haette das gedacht! Zwar ich sagte immer, hinter dem steckt etwas; geht so tiefsinnig, kalkulierend umher, hat wahrscheinlich nicht umsonst so unsinnig viele Metalliques gekauft. Ei, sehe doch einer! Haelt sich Kuriere mit Wien! Und wenn man fragen darf, es handelt sich wohl um das Ultimatum mit der Pforte?" "Ja." "Ei darf man fragen? Wie ist es ausgefallen? Hat er eingewilligt, der Effendi? Hat er?" "Mein Herr Simon, ich bitte--" "O, ich verstehe, ich verstehe, Sie wollen es nicht sagen, aus Politik, aus Politik, aber er hat, er hat?" "Trauen Sie auf nichts, ich w a r n e Sie, auf keine Nachricht trauen Sie, als auf authentische. Der Herr dort weiss vielleicht mancherlei und hat nicht das drueckende Stillschweigen eines Diplomaten zu beobachten." "Ei, haette ich das in meinem Leben gedacht, Kuriere von Wien, und der Zwerner aus Dessau; zwar er ist ein solides Haus, das ist keine Frage, aber denn doch nicht so ausserordentlich. Ob sich wohl was mit ihm machen liesse?" setzte er tiefer nachsinnend hinzu, indem er seine Nase herunter gegen den Mund bog und das lange Kinn aufwaerts drueckte, dass sich diese beiden reichen Glieder begegneten und kuessten. Das war der Moment, wo er anbeissen musste, denn er nagte schon am Koeder. Ich gab dem Seufzer aus Dessau einen Wink, sich dem Papa zu naehern, und nahm seinen Platz bei der Gazelle des Morgenlandes ein. * * * * * 4. DAS GEBILDETE JUDENFRAEULEIN. Wie war sie grazioes, das heisst geziert, wie war sie artig, naemlich honett, wie war sie naiv, andere haetten es luestern genannt. "Ich liebe die Tiplomattiker," sagte sie unter anderem mit feinem Laecheln und vielsagendem Blick. "Es is so etwas Feines, Jewandtes in ihren Manieren. Man sieht ihnen den Mann von jutem Jeschmack schon von die Ferne an, und wie angenehm riechen sie nach _Eau de Portugal_!" "O gewiss, auch nach _Fleur d'Orange_ und dergleichen. Wie nehmen sich denn die hiesigen Diplomaten? Kommen sie viel unter die Leute?" "Nun, sehen Sie, wie das nun jeht, die aelteren Herren haben sechs bis sieben Monate Ferien und reisen umher. Die juengeren aber, die indessen hier bleiben und die Geschaefte treiben, sie muessen Paesse visieren, sie muessen Zeitungen lesen, ob nichts Verfaengliches drein is, sie muessen das Papier ordentlich zusammenlegen fuer die Sitzungen. Nun, was nun solche junge Herren Tiblomen sind, das sein janz scharmante Leute, wohnen in die _Chambres garnies_, essen an die _Tables d'hote_, jehen auf die Promenade schoen ausstaffiert _comme il faut_, haben zwar gewoehnlich kein Jeld nich, aber desto mehr Ansehen." "Da haben Sie einen herrlichen Schal umgelegt, mein Fraeulein, ist er wohl echt?" "Ah, jehen Sie doch! Meinen Sie, ich werde etwas anderes anziehen, als was nicht janz echt ist? Der Schal hat mir jekostet achthundert Gulden, die ich in die Rothschildischen Los gewunnen. Und sehen Sie, dieses Kollier hier kostet sechzehnhundert Gulden und dieser Ring zweitausend. Ja, man jeht sehr echt in Frankfort, das heisst, Leute von den jutem Ton, wie unsereine." "Ach, was haben Sie doch fuer eine schoene, gebildete Sprache, mein Fraeulein! Wurden Sie etwa in Berlin erzogen?" "Finden Sie das och?" erwiderte sie anmutig laechelnd. "Ja, man hat mir schon oft das Kompliment vorjemacht. Nee, in Berlin drein war ich nie, ich bin hier erzogen worden; aber es macht, ich lese viel und bilde auf diese Art meinen Jeist und mein Orkan aus." "Was lesen Sie, wenn man fragen darf?" "Nu, Bellettres, Buecher von die schoene Jeister. Ich bin abonniert bei Herrn Doering in der Sandjasse, naechst der Weissen Schlange, und der verproviantiert mich mit Almanachs und Romancher." "Lesen Sie Goethe, Schiller, Tieck und dergleichen?" "Nee, das tu ich nich. Diese Herren machen schlechte Jeschaefte in Frankfort. Es will sie keen Mensch, sie sind zu studiert, nich natuerlich jenug. Nee, den Joethe lese ich nie wieder! Das is was Langweiliges. Und seine Wahlverwandtschaften! Ich werde rot, wenn ich nur daran denke. Wissen Sie, die Szene in der Nacht, wo der Baron zu die Baronin,--ach, man kann's jar nicht sagen, und jedes stellt sich vor--" "Ich erinnere mich, ich erinnere mich. Aber es liegt gerade in diesem Gedanken eine erstaunliche Tiefe--ein Chaos von Moeglichkeiten--" "Nu, kurz, den mag ich nicht; aber wer mein Liebling ist, das is der Clauren. Nee, dieses Leben, diese Farben, dieses Studium des Herzens und namentlich des weiblichen Jemuets, ach, es is etwas Herrliches. Und dabei so natuerlich! Wenn mir die andern alle vorkommen wie schwere vierhaendige Sonaten mit tiefen Basspartien, mit zierlichen Solos, mit Trillern, die kein Mensch nich verstehen und spielen kann, so wie der Mozart, der Haydn, so kommt mir der Clauren akkerat so vor wie ein anjenehmer Walzer, wie ein Hopswalzer oder Galopp. Ach, das Tanzen kommt einem in die Beene, wenn man ihn liest. Es ist etwas Herrliches!" "Fahren Sie fort, wie gerne hoere ich Ihnen zu. Auch ich liebe diesen Schriftsteller ueber alles. Diese andern, besonders ein Schiller, wie wenig hat er fuer das Vergnuegen der Menschheit getan. Man sollte meinen, er wolle moralische Vorlesungen halten. Er ist, um mich eines andern Gleichnisses zu bedienen, schwerer, dicker Burgunder, der mehr melancholisch als heiter macht. Aber dieser Clauren! Er kommt mir vor wie Champagner und zwar wie unechter, den man aus Birnen zubereitet. Der echte verdunstet gleich; aber dieser unechte, setzt er auch im Grunde viele Hefen an, so 'bruesselt' er doch mit allerliebsten tanzenden Blaeschen auf und ab eine Stunde lang, er berauscht, er macht die Sinne rege, er ist der wahre Lebenswein." "O sehen Sie, da kann ich Ihnen ja gleich unsern Clauren vormachen mit Bornheimer Champagner. Man nimmt fremden Wein, so etwa die Haelfte, jiesst Mineralwasser dazu, und nun jeben Sie acht. Ich werfe Zucker in das Janse, und unser Clauren ist fertig. Sehen Sie, wie es siedet, wie es sprudelt und bruesselt, wie anjenehm schmeckt es nich und ist ein wohlfeiles Jetraenke. Nee, ich muss sagen, er ist mein Liebling. Und das Anjenehmste is das, man kann ihn so lesen, ohne viel dabei zu denken, man erlebt es eigentlich, es is, meine ich, mehr der Koerper, der ins Buch schaut, als der Jeist. Und wie angenehm laesst es sich dabei einschlafen!" "Ich glaube gar, ihr seid in einem gelehrten Gespraech begriffen," rief lachend der alte Jude, indem er, den Dessauer an der Hand, zu uns trat. "Nicht wahr, Herr Legationsrat, ich habe da ein gelehrtes Ding zur Tochter? Sie spricht auch wie ein Buch und liest den ganzen Tag." "Nun, und Sie, Papa, und Herr Zwerner haben wohl tiefe Handelsjeheimnisse abjemacht? Darf man auch davon hoeren. Wie werden sie in der naechsten Woche stehen, die Metalliques? Recht hoch? Hab' ich es erraten?" "Stille, Kind, stille! Kein Wort davon! Muss alles geheim gehalten werden! Muss einen grossen Schlag geben. Ist ein Goldmaennchen, der Herr von Zwerner. Setzen Sie sich zu ihr hin und klaeren ihr alles auf. Sie ist auf diesem Punkt ein verstaendiges Kind und weiss zu rechnen, die Rebeckchen." Was schlich denn jetzt durch das Gras? Was huepfte auf zierlichen Beinchen heran? Was laechelte schon von weitem so freundlich nach der Kalle des Herrn Simon? War es nicht das Graefchen Rebs, das alte, freundliche Kaninchen, das in alle Damen verliebt ist und alle bezaubert? Er war es, er kam hereingeschwaenzelt. Er schnaufte und aechzte, als er heran war, und doch konnte er auch in dem Zustand hoechster Erschoepfung, in welchem er zu sein schien, sein liebliches suesses Laecheln nicht unterdruecken. Er warf sich ermattet neben Rebekka in einen Sessel, streckte die duennen Beinchen, so mit zierlichen Spoernchen zum Spazierengehen beschlagen, heftete den matten, sterbenden Blick auf die schoene Juedin und sprach: "Habe die Ehre, vergnuegten Abend zu wuenschen. Ich sterbe, mit mir geht's aus!" "Mein Jott! Herr Israels! Graf Rebs, was haben Sie doch? Ihre Wangen sind ja janz einjeschnurrt, Ihre Augen bleiben stehen. Er antwortet nich! Herr Tiplomat, _Eau de Cologne_! Haben Sie keines bei sich in die Tasche?" So rief das schoene Judenkind und beschaeftigte sich um den Ohnmaechtigen mit zarter Sorgfalt. Da ich keine _Eau de Cologne_ bei mir trug, so begann sie etwas weniges verzweifeln zu wollen und verlangte von dem Dessauer, er solle ihm Tabaksrauch in die Nase blasen. Doch der Vater wusste bessern Rat: "Da geht einer," rief er freudig, "da geht ein charmanter junger Herr, ist in Kondition nicht weit von uns, der traegt bestaendig etzliches Koelner Wasser in seiner Rocktasche!" Wie ein Pfeil schoss er auf den jungen Mann zu und war, als er ihm mit schrecklichen Gebaerden das _Eau de Cologne_= Flaeschchen abforderte, anzusehen wie Sir John Falstaff, als er die Kraemer beraubt. Maria Farinas Lebenstropfen brachten das arme Kaninchen wieder zu sich. Er schlug die Augen auf, seufzte tief und laechelte. "Mich gehorsamst zu bedanken," lispelte er mit zitternder Stimme, "fuer die guetigst geleistete Hilfe. War mir aber recht elend zu Mut; fast als haette ich mehr Bier getrunken als dienlich." "Sind Sie oft solchen Zufaellen unterworfen?" fragte Rebekka, ihn etwas missfaellig betrachtend. "Mitnichten und im Gegenteil," erwiderte er, indem er den Ruecken zierlich wendete und drehte, mit den Schultern ueber die Brust herausfuhr und mannhaft mit den Spoernchen klirrte. "Mitnichten, habe sonst eine ueberaus starke Konstitution. Aber der dicke Pfarrer, der dicke Pfarrer...." Die Juden schwiegen, und Rebekka schlug die Augen nieder, wie immer, wenn von christlichen Pfarrern oder Zeremonien oder auch von Schweinefleisch in ihrer Naehe gesprochen wurde. Der Seufzer aber, dem die Erscheinung des Grafen etwas laestig schien, fragte ihn ziemlich boshaft, ob er etwa im Goldenen Brunnen gewesen, sich allda etwas betrunken und nachher mit dem ehrsamen Pastor Muenster Streit und kirchlichen Skandal angefangen nach seiner Gewohnheit. "Nach meiner Gewohnheit?" rief das Kaninchen erschrocken. "Ich ein Unruhstifter oder Saeufer, ich in dem Goldenen Brunnen, ich, der ich nur die allernobelsten Hotels, den Pariser und den Englischen Hof, den Weidenbusch, in welchem ich logiere, und den Weissen Schwan mit meinem Besuch beehre? Nein, er ist mir begegnet, der Pfarrer, und als er an mir vorbeiging, sah er mich mit schrecklichen Augen an und sagte: 'Das ist auch so ein S t e i n d e s A n s t o s s e s, auch so ein Mystiker.' 'Herr Pfarrer," sagte ich, 'guten Abend, aber ein Mystiker bin ich nicht und will auch fuer keinen gelten, am wenigsten oeffentlich, auf der Chaussee nach Bornheim.' 'Sie wollen keiner sein?' antwortete er, indem er naeher auf mich zutrat, so dass sein Bauch und das Cachet seiner Uhr mir gerade auf die Brust zu sitzen kamen und mich heftig drueckte. "Wollen keiner sein? Warum kommen Sie denn nicht mehr ins Museum? Warum haben Sie an oeffentlichen Wirtstafeln, im Pariser, Weiden= und anderen Hoefen geschimpft ueber mich, dass ich ein gewisses Gedicht von Langbein in besagter Gesellschaft vorgelesen?' Es ist wahr, ich hatte mich ziemlich stark darueber ausgesprochen, aber nicht aus Mystizismus, sondern weil ich glaubte, es koenne zarte Damenohren und weiche Gemueter unangenehm beruehren, jenes Gedicht. Aber er nahm keine Entschuldigung an. Ich schluepfte ihm unter dem Bauch weg und wollte schnell weiter gehen; aber er setzte mir mit weiten Schritten nach, ging neben mir her und beschuldigte mich, seinem Gegenpart, dem mystischen Pfarrer, zu einer reichen Frau verholfen zu haben; er behauptete auch, dass ich mich jeden Morgen statt des Fruehstuecks magnetisieren lasse, und dergleichen. Und erst hier an der Gartentuere liess er mit einer muerrischen Reverenz von mir ab." "Aber was hat denn dies alles zu bedeuten?" fragte ich. "Halten denn die Pfarrer hier auf der Landstrasse Kirche, wie es Sitte war zur Zeit der Apostel?" "In Frankfurt," belehrte mich der Kaufmann aus Dessau, "in Frankfurt ist gegenwaertig ein grosser Krieg zwischen den Pfarrern, und ihre Parteien befehden sich ebenfalls. Mystiker und Rationalisten schelten sie sich hin und her, der eine wirft dem andern vor, er predige nur Moral, der andere entgegnet, sein Gegner rede tiefen Unsinn. Nicht nur in den Kirchen, auf den Kanzeln, sondern auch in den Weinhaeusern und Trinkstuben, auf Chausseen und in Kasinos wird gekaempft; und so konnte es leicht geschehen, dass der Herr Graf einem Eiferer der Vernunft in die Haende fiel.--Doch wie? Herr Graf, wenn ich nicht irre, so faehrt dort der Lord und seine Nichte. Nicht so? Und sie halten vor dem Garten, sie steigen aus?" "Ah, sie hat mich bemerkt," rief das Kaninchen sehr freundlich, "sie schaut schon herueber und wedelt, wenn ich nicht irre, mit dem Taschentuch mir zu. Verzeihen allerseits, dass ich mich entferne. Miss Mary hat ein Auge auf mich geworfen, und Sie wissen selbst, bei solchen Affaeren--" Er schluepfte unter diesen Worten aus dem Zelt und eilte mit zierlichen Spruenglein zu der Gartenpforte, wo er in dem Drang seines Herzens die junge Dame auf den glacierten Handschuh kuesste. Es mochte ihr uebrigens dieses Zeichen seiner Verehrung ueberaus komisch vorkommen; denn ihr Lachen drang bis zu uns herueber, und mit tiefem Bass begleitete sie der Lord, indem er dem Kaninchen das Pfoetchen schuettelte. Das Gewoelk, die Tante Simon, kam jetzt zurueck und beklagte sich, dass es schon etwas kuehl werde. Der Jude liess daher seinen schoenen Wagen vorfahren und verliess mit den Seinigen den Garten. Der Seufzer hatte das Glueck, Rebeckchen in den Wagen heben zu duerfen, und kam mit ganz verklaertem Gesicht zurueck. Sie hatte ihm unter der Tuere noch die Hand gedrueckt und gestanden, dass sie sich diesen Nachmittag janz fuertrefflich amuesiert habe, und der Alte hatte ihn eingeladen, morgen und alle Tage den Abend in seinem Hause zuzubringen. * * * * * 5. DER KURIER AUS WIEN KOMMT AN. Ich koennte dir, geneigter Leser meiner Memoiren, vieles Ergoetzliche und Interessante erzaehlen, was ich in der freien Stadt Frankfurt erlebte. Nicht von frueheren Zeiten her, wo ich oft hinter den Stuehlen der Kurfuersten stand und den Kaiser waehlen half, wo ich so oft unter guten Freunden im Roemer und beim Roemer sass, wenn das neue Haupt des vielgliedrigen Leibes, Deutsches Reich genannt, mit der Krone geschmueckt worden war. Nein, von den heutigen Tagen koennte ich dir viel erzaehlen, von dem tiefen, geheimnisvollen Wesen der Diplomatie, von dem herrlichen Junitag, in welchem es niemals Abend oder Nacht wird, ich meine den deutschen Bundestag; von dem herrlichen Treiben und Bluehen des Mystizismus und wie ich das Feuer anschuerte zwischen seinen Anhaengern und den Rationalisten, und wie es im Wirtshaus zum Goldenen Brunnen einigemal zu bedeutenden Raufereien kam zwischen beiden Parteien, das heisst--nur mit schneidenden Zungen und stechenden Blicken. Ich koennte dir erzaehlen, wie ich in einem Institut, woselbst man junge Fraeulein fuer die Welt zustutzt, nuetzlichen Unterricht gab im Gitarrespielen und andern Kleinigkeiten, so eine junge Dame kennen muss, wenn sie in die Welt tritt. Ich koennte dir erzaehlen von jener Strasse, Million genannt, wo meine speziellsten Freunde wohnen, deren der geringste ueber Millionen gebietet. Doch ich schweige von diesem allem, weil ich mir vorgenommen, dir einen kleinen Abriss zu geben von der Art, wie ich den ehrlichen, seufzenden Sohn Merkurs aus Dessau zu einem Teufelskind machte. Der erste Schritt vom ehrlichen Mann zum schlechten oder Betrueger ist an sich klein und dennoch bedeutend, weil man leicht, sozusagen, in Schuss kommt und unaufhaltsam bergab, bergab geht, anfangs im Trott, nachher im Galopp. Mein guter Seufzer hatte sein bedeutendes Vermoegen mit einem ehrlichen Gemuet geerbt. Er ging in seinen Geschaeften den geraden, ehrlichen Weg, nicht, weil er ihm angenehmer war, sondern weil er es unbequem finden mochte, Winkelzuege und Umwege zu machen. Es ist dies die Ehrbarkeit, die Tugend, die nie auf der Probe war und daher ein negativer Begriff, ein Nichts, auf jeden Fall keine Tugend ist. Nicht der Geldgewinn, er ist ziemlich zufrieden mit seinem Los, sondern die Liebe zu der schoenen Kalle des alten Simon macht ihn straucheln, oder vielmehr, wie Gelegenheit Diebe macht, die suesse Art, wie ich es ihm eingab. Jetzt ist er, um das Kind beim rechten Namen zu nennen, aus dem ehrlichen Mann ein Betrueger geworden. Er wird, weil es ihm diesmal leicht wird, zu betruegen, das naechste Mal aehnliches versuchen. Das Gewissen, die Ehrlichkeit, die Ruhe, die Selbstzufriedenheit ist ja doch schon zum Teufel; warum soll er sich also genieren? Der grosse Gewinn fuer mich liegt aber darin, dass die ersten Versuche des ehrlichen Mannes, ein Betrueger zu werden, gewoehnlich gut ausfallen und zur Wiederholung locken. Denn wer mit mir Geschaefte macht, kann, solange es tunlich ist, darauf rechnen, sie mit Glueck zu machen, und unglueckliche Spekulanten, von denen die Sage geht, dass sie sich erhaengt oder ersaeuft haben, hatten durch Reue und Selbstanklage den Kopf verloren, hatten mir zu wenig vertraut, und nicht ich war es, der sie verliess; sie hatten sich selbst verlassen. Doch, wo gerate ich hin? Habe ich mich von dem dicken Pfarrer anstecken lassen, zu moralisieren? Ist es denn mein Zweck, mit psychologischen Abhandlungen meine Leser zu ermueden oder sogar abzuschrecken? Oder wie, liess ich mich etwa von den Winken einiger gelehrten Leute verfuehren, die behaupten, es liege zu wenig psychologische Teufelei oder teuflische Psychologie in meinen Memoiren, ich sei fuer einen deutschen Schriftsteller, als welchen ich mich im Leipziger Messkatalogus einregistrieren lassen, nicht gruendlich genug? Der Teufel soll es holen! moechte ich mir selbst zurufen. Sobald man vom Wege abgeht, geraet man immer mehr auf Abwege, so auch im Niederschreiben von Memoiren. Ich werde kurz sein. Ich hatte durch meine dienenden Kleinen erfahren, welche Gedanken der Reis=Effendi in einer Privatunterredung mit Herrn von Minciaky ueber das russische Ultimatum geaeussert. Ja, um redlich zu sein, ich hatte selbst grossen Anteil an jener Wendung der Dinge, weil mir dadurch das sogenannte Gleichgewicht etwas aus die Spitze gerueckt zu werden schien und mehr Leben in das schlummernde Europa kommen konnte, das von Revolutionen und andern lustigen Artikeln nur t r a e u m t und im S c h l a f e s p r i c h t. Ich hatte diese Nachricht frueher vernommen, als sie selbst nur nach Petersburg kommen konnte, und in meiner Hand lag es, die Papiere steigen oder fallen zu machen. Der Vater der schoenen Rebekka hatte in den letzten Tagen auf meinen Rat und seine eigene Einsicht hin seine Papiere so umgesetzt, dass er beim geringsten Steigen der----auf grossen Gewinn zaehlen konnte. Grosse Spannung herrschte in dem Hause des Herrn Simon in der neuen Judenstrasse. Der Alte versicherte, seine Gebeine erzittern, so oft er ansetze, einen wichtigen Brief zu schreiben. Die Tante, "das neidische Gewoelk", mochte ahnen, was vorging, und schlich truebe und aechzend im Hause umher. Die Kalle war die mutigste von allen. Zwar war auch sie in einiger Bewegung; denn sie las nicht mehr, weder in Clauren, noch in verschiedenen Almanachs, sogar das Modejournal wollte sie nicht ansehen; sie spielte auch nicht mehr auf der Harfe, aber doch trug sie das Koepfchen noch so hoch wie zuvor und ermutigte durch manche Rede die zagenden Bundestruppen. Der Seufzer war gaenzlich von Verstand gekommen. Bald war er tiefsinnig und zweifelte an seinem Glueck, besonders in der Naehe der schoenen Juedin, wenn er sich die Hoehe seiner Seligkeit, den Besitz der lieblichen Kalle dachte. Dann war er wieder ausgelassen froehlich und sprach allerlei verwirrtes Zeug, wie er ein Millionaer zu werden gedenke, wie und wo er sich ein Haus bauen wolle, und was dergleichen ueberschwengliche Gedanken mehr waren; der Kalle aber fluesterte er ins Ohr, dass er sich wolle adeln lassen und sie zur gnaedigen Frau Baronesse von Zwerner zu Zwernersheim machen, welcher Ort noch auf der Landkarte auszumitteln waere. Endlich, es war am dritten Frankfurter Pfingstfeiertag, und die Maedchen und Frauen spazierten schon scharenweise hinaus an den Main, um sich uebersetzen zu lassen nach dem Waeldchen, und die Maenner riefen ihnen nach, nur einstweilen alles zuzuruesten daselbst, weil sie nur noch auf die Boerse gingen und bald nachkaemen, indem heute nichts Bedeutendes vorkomme, und auch die alte Baubo, die schnoede Hexe, zog hinaus, doch diesmal nicht auf dem Mutterschwein, sondern in einem eleganten Wagen. Sie hatte ihre schoenen Stieftoechter bei sich und nickte mir freundlich zu, als wollte sie sagen: "Dich kenne ich wohl, Satan, obgleich du jetzt in schwarzem Frack und seidenen Struempfen einherzuwandeln beliebst und meiner Elise, dem allerliebsten Kind, praktische Gitarrestunden gibst, dich kenne ich wohl; komm aber nur hinaus ins Waeldchen, da sprechen wir wohl wieder ein Wort zusammen." Da fuhr sie hin, die gute Alte, eine der ersten Palastdamen meiner Grossmutter und sehr angesehen in Frankfurt und auf dem Brocken in der Walpurgisnacht, da fuhr sie hin und viele tausend und wieder tausend fromme Frankfurter Seelen ihr nach, die alle das Gebot in feinem Herzen trugen: "Du sollst den Feiertag heiligen und an Pfingsten auch den dritten und vierten." Jetzt war es Zeit, zu operieren. Den Tag zuvor hatte man sich allgemein mit dem Geruecht getragen, dass die Pforte das Ultimatum nicht annehmen werde, und man erwartete von heute nichts Besonderes. Da jagte um elf Uhr ein Kurier durch das Tor, ganz mit Schweiss und Staub bedeckt; er sprengte, greulich auf dem Posthorn blasend, durch die Strasse, Million genannt, und in einem Umweg durchs neue Judenquartier; die Leute rissen die Fenster auf und fuhren mit den Koepfen heraus, um zu schauen nach dem schrecklichen Trompeten= und Strassenlaerm. "Wo kuemmt Er haer? Wo will Er hin?" riefen sie. "In Weissen Schwan," schrie er, "ich habe den Weg verfehlt, wo geht's in Weissen Schwan?" "Der Herr is wohl ae Korrier?" "Freilich, nur schnell," rief er und zog einen Brief mit grossem Siegel aus der Tasche, "das koemmt von Wien und ist an den Herrn Zwerner aus Dessau im Weissen Schwan." "Da an der Ecke gehts rechts, dann die Strasse links, dann koemmt Er auf die Zeile, da reitet Er bis an die Hauptwache, und von dort ists nimmer weit." So riefen sie, schauten ihm nach, wie er mit der Peitsche knallend davonjagte und besprachen sich dann ueber die Strasse hinueber, was wohl die Depesche aus Wien enthalten moechte. Der Kurier war aber niemand anders als einer meiner dienstbaren Geister, in die Uniform eines hessischen Postillons gekleidet. * * * * * 6. DER REIS=EFFENDI UND DER TEUFEL IN DER BOERSENHALLE. Im Briefe stand mit duerren Worten, dass der Reis=Effendi dem Herrn v. Minciaky die vertrauliche, jedoch halb offizielle Mitteilung gemacht habe, dass die Pforte das Ultimatum, soweit es Russland betreffe, annehmen werde. Der Seufzer bekam nun die noetige Instruktion, was er zu tun hatte. Er fuhr mit dem Briefe sogleich zu Papa Simon und mit diesem zu Herrn v. R-------, dem Papst der Boerse, dem sichtbaren Oberhaupt der unsichtbaren papierenen Kirche. Dieser pruefte die Depesche genau. Er selbst hatte schon zu oft aehnliche Mittel angewendet, Pariser Kuriere aus Mainz, und Wiener aus Aschaffenburg kommen lassen, als dass er so leicht konnte hintergangen werden. Er liess daher ein Licht bringen und pruefte zuerst Geruch und Fluessigkeit des Siegellacks. "Gott's Wunder!" sprach er, bedaechtlich riechend, "Gott's Wunder! das ist echtes Kaisersiegellack, wie es nur in Wien selbst zubereitet wird und was Eingeweihte zu solchen Depeschen zu verwenden pflegen." Dann betrachtete er genau das Kuvert des Briefes und fand darauf die gedruckten Zeichen jeder Poststation von Wien bis Frankfurt, und keins fehlte. Er verglich sodann diese Zeichen mit der Liste der Postzeichen, die er zur Hand hatte, und--sie waren richtig. Hatte er zuvor den Herrn Zwerner, Handelsmann aus Dessau, als ein kleines Paarmalhunderttausendguldenmaennchen so obenhin behandelt, wie der Loewe das Huendchen, so wuchs Letzt seine Achtung mit unglaublicher Schnelle. Er haette zwar am liebsten selbst den Kurier bekommen, samt der inhaltsschweren Depesche, doch, da dies nicht mehr zu aendern war, machte er gute Miene zum boesen Spiel, dankte, dass man ihn sogleich von der wichtigen Nachricht avertiert habe und berechnete dabei, welche Summe dem Dessauer diese Nachricht gekostet haben koennte, indem er annahm, dieser Kaufmann muesse die Preise, die er in Wien fuer solche Winke bezahle, ueberboten haben. Es war Boersenzeit, er selbst fuhr mit auf die Boersenhalle. B o e r s e n h a l l e! Unter diesem Namen stellt sich wohl der Fremde, der diese Einrichtung noch nie gesehen, ein weitlaeufiges Gebaeude vor, wie es der Stadt Frankfurt wuerdig waere, mit weiten Saelen, Seitengaengen, schoenen Portalen und dergleichen. Wie wundert er sich aber und laechelt, wenn er in diese Boersenhalle tritt! Man stelle sich einen ziemlich kleinen, gepflasterten Hof, von unansehnlichen Gebaeuden eingeschlossen, vor, wo man mit Bequemlichkeit Pferde striegeln, Wagen reinigen, waschen, Huehner und Gaense fuettern und dergleichen solide haeusliche Hantierungen verrichten koennte. Statt des ehrwuerdigen Truthahns, statt der geschwaetzigen Huehner und Gaense, statt des Stallknechts mit dem Besen in der Faust, statt der Kuechendame, die hier ihren Salat waescht--sieht man hier zwischen zwoelf und ein Uhr mittags ein buntes Gedraenge. Maenner mit dunkelgefaerbten, markierten Gesichtern, mit schwarzen Baerten und lauernden Augen, mit kuehngebogenen Nasen und breiten Maeulern, mit schmutzigen Hemden und unsauberer Kleidung schleichen mit gebogenen, schlotternden Knien und spitzigen Ellbogen, den Hut tief in, den Nacken zurueckgedrueckt, umher und fragen einander: "Nu, wie stehen se heute?" Du wandelst staunend durch dieses Gewuehl und fuehlst einen kleinen unbehaglichen Schauer, wenn dich eine der unsauberen Gestalten im Voruebergehen anstreift. Du begreifst zwar, dass du dich unter den Kindern Israels befindest; aber zu welchem Zweck treiben sie sich hier unter freiem Himmel in einem Huehnerhof umher? Endlich wirst du eine Tafel, etwa wie ein Wirtshausschild anzusehen, gewahr. Dort steht mit goldenen Buchstaben deutlich zu lesen: "Boersenhalle." Also in der Boersenhalle der freien Stadt Frankfurt befindest du dich. Du hoerst heute ein sonderbares Gemunkel und Gefluester. Die Leute gehen staunend umher, mehr mit Blicken als mit Worten fragend: "Ae Korrier aus Wien?" "Gott's Wunder!" "Wer hat'n gekriecht?" "Ae Fremder, der Zwerner von Dessau." "Wie? Kaner von unsere Lait? Nicht der Rothschild, der grausse Baron, nicht der Bethmann? Auch nicht der Metzler? Waas?" "Was hat'r gebracht, der Korrier! Abraham, wie stehen se?" "Wie werden se stehen! Wer kann's wissen, solange der Zwerner aus Dessau nicht ist auf der Boersenhalle!" "Levi! hat er's Oltemat'm angenommen, der Reis=Effendi? Hat er, oder hat er nicht? Wie werden se stehen?" "Ich hab's genug, 's is a viertel auf Eins, und noch will keiner verkaufen, aus Schrecke vor die Korrier. Waer' nur der Zwerner aus Dessau da! Auch der Rothschild bleibt so lang aus und der Simon von die neue Strasse. Wirst sehen, 's wird geben ae grausse Operation! Der Herr wird verstockt haben das Herz des Effendi, dass er hat nicht angenomme das Oltematum von dem Moskeviter?" "Bethmannische Obligationen will man nicht kaufen, sind gefallen um Vertelpurzent!" "Wie steht's mit die Metalliques? Wie verkauft sie der Metzler? Wie stehen se, Abraham? Tu mer de Gefallen und sag', die Metalliques, wie stehen se?" "Ass ich der sag, ich weiss nicht, wo mer steht der Kopf, weiss heut keiner, wer is Koch oder Keller? Ass ich nicht kann riechen, wie se stehen, die Mettaliques!" Ploetzlich entsteht ein Geraeusch, ein Gedraenge nach der Tuere zu. Ein Wagen ist vorgefahren, die Leute stehen auf den Zehen, machen lange Haelse, um die Mienen der Kommenden zu sehen. Drei Maenner arbeiten sich durch die Menge und stellen sich ernst und gravitaetisch an ihren Platz zur Seite, wie es wohlloeblicherweise auf anderen Boersen der Brauch ist, wo nur die Maekler umherlaufen und sich draengen. Es war der grosse Baron, der an der Seite stand, zu seiner Rechten das Gestirn des Tages, der Kaufmann Zwerner aus Dessau, jetzt nicht mehr Seufzer zu nennen; denn sein Herz schien zu jubilieren und allerlei verliebte Streiche ausfuehren zu wollen, waehrend er doch die Sinne bedaechtlich und gesetzt beisammen behalten musste, um sich nicht zu verrechnen. Zur Linken stand der Jude Simon, angetan mit seinem Sabbather Rock und einer schneeweissen Halsbinde, mit feierlicher, hochzeitlicher Miene, so dass sein Volk gleich sah, es muesse was ganz Ausserordentliches sich zugetragen haben. Jetzt nahten die Kaeufer und Verkaeufer und fragten nach den Preisen. Sie wurden bleich, sie sanken in die Knie und schlichen zitternd umher. Sie lamentierten schrecklich mit den Armen, sie steckten die Finger in den Mund, sie fluchten ebraeisch und syrisch auf den Christen, der sich einen Kurier kommen lassen, auf den Vater, welcher den Kurier gezeugt, auf das Pferd, welches das Pferd des Kuriers zur Welt gebracht, auf seinen Kopf, auf seine vier Fuesse, kurz auf alles, selbst auf Sonne, Mond und Sterne und auf Frankfurt und die Boersenhalle. Jetzt merkte man, warum der schlaue Simon seine Papiere in den letzten Tagen umgesetzt habe; jetzt konnte man sich den Tiefsinn des Kaufmanns aus Dessau erklaeren! "Das Ultimatum ist angenommen," scholl es durch den Hof, "der Reis=Effendi hat zugesagt," hallte es durch die Ecken; und obgleich die drei wichtigen Maenner nur entfernt auf ihren Brief anspielten, nur einige naehere Umstaende angaben, nichts Bestimmtes aussprachen, so stiegen doch die oesterreichischen, die rothschildischen und wenige andere Papiere, von welchen durch Zwerners und des alten Simons Sorge gerade nicht sehr viele auf dem Platz waren, in Zeit von einer halben Stunde um vier und ein halbes Prozent. Mehrere Haeuser, die sich nicht vorgesehen hatten, fingen an zu wanken, eines lag schon halb und halb und hatte es nur seiner nahen Seitenverwandtschaft mit dem regierenden (Boersen=) Hause zu verdanken, dass ihm noch einige Stuetzen untergeschoben wurden. Als man um ein Uhr auseinanderging, lautete der Kurszettel der Frankfurter Boersenhalle: Metalliques 87 5/8. Bethmaennische 75 1/2. Rothschildische Lose 132. Preussische Staatsschuldscheine 84. An den uebrigen war nichts geaendert worden. * * * * * 7. DIE VERLOBUNG. Dieses kleine Boersengemetzel entschied ueber das Schicksal des Seufzers aus Dessau. In den zwei naechsten Tagen wirkte er durch die grosse Menge Metalliques, die er in Haenden hatte, maechtig auf den Gang bei Geschaefte, und als einige Tage nachher Herr von Rothschild Privatmitteilungen aus Wien erhielt, wodurch seine Nachrichten vollkommen bestaetigt werden, da draengte sich alles um den hoffnungsvollen, spekulativen Juengling, um den genialen Kopf, der auf unglaubliche Weise die Umstaende habe berechnen koennen. Seine Zurueckgezogenheit zuvor galt nun fuer tiefes Studium der Politik, seine Schuechternheit, sein geckenhaftes Stoehnen und Seufzen fuer Tiefsinn, und jedes Haus haette ihm freudig eine Tochter gegeben, um mit diesem sublimen Kopf sich naeher zu verbinden. Da aber die Polygamie in Frankfurt derzeit noch nicht foermlich sanktioniert ist und das Herz des Dessauers an Rebekka hing, so schlug er mit grosser Tapferkeit alle Stuerme ab, die aus den Verschanzungen in der Zeile, aus den Trancheen der Million, selbst aus den Salons bei neuen Mainzer Strasse mit gluehenden Liebesblicken und Stueckseufzern auf ihn gemacht wurden. Der alte Herr Simon, konnte sich auch der Dessauer in Hinsicht auf Geld und Gluecksgueter ihm nicht gleichstellen, rechnete es sich dennoch zur besonderen Ehre, einen so erleuchteten Schwiegersohn zu bekommen. Ja, er sah es als eine glueckliche Spekulation an, ihn durch Rebekka gefangen zu haben. Er sah ihn als eine prophetische Spekulationsmaschine an, die ihn in kurzer Zeit zum reichsten Manne Europas machen musste; denn, wenn er immer mit seinem Schwiegersohn zugleich kaufte oder verkaufte, glaubte er nie fehlen zu koennen. Fraeulein Rebekka ging ohne vieles Straeuben in die Bedingungen ein, die ihr der Zaertliche auferlegte; da er eine gewisse Abneigung verspuerte, ein Jude zu werden, so hielt er es fuer notwendig, dass sie sich taufen lasse. Sie nahm schon folgenden Tages insgeheim Unterricht bei dem Herrn Pastor Stein und gab dafuer auf einige Zeit ihre Klavierstunden auf, wobei, wie sie behauptete, noch etwas Erkleckliches profitiert wuerde, da sie dem Klaviermeister einen Taler fuer die Stunde hatte bezahlen muessen. Sie selbst legte dafuer dem Dessauer die Bedingung auf, dass er sich fuer einige hundert Gulden in den Adelsstand erheben lassen und in dem "joettlichen Frankfort" leben muesse. Er ging darauf freudig ein und ueberliess mir dieses diplomatische Geschaeft. Um nun auch von mir zu reden, so traf puenktlich ein, was ich vorausgesehen hatte. Der Seufzer beschwichtigte fuers erste sein Gewissen, das ihm allerlei vorwerfen mochte, z. B. dass das ganze Geschaeft unehrlich und nicht ohne Hilfe des Teufels habe zustande kommen koennen. Sobald er mit dieser Beschwichtigung fertig war, war auch seine Dankbarkeit verschwunden. Weil ihn alles als den sublimsten Kopf, den scharfsinnigsten Denker pries, glaubte er ohne Zaudern selbst daran, wurde aufgeblasen, sah mich ueber die Achsel an und erinnerte sich meiner sehr guetig als eines Menschen, mit welchem er im Weissen Schwan einigemal zu Mittag gespeist habe. Was mich uebrigens am meisten freute, war, dass er die Strafe seines Undankes in sich und seinen Verhaeltnissen trug. Es war vorauszusehen, dass seine prophetische Kraft, sein spekulativer Geist sich nicht lange halten konnten. Missglueckten nur erst einige Spekulationen, die er, auf sein blindes Glueck und seinen noch blinderen Verstand trauend, unternahm, verlor er erst einmal fuenfzig= oder hunderttausend und zog seinen Schwiegerpapa in gleiche Verluste, so fing die Hoelle fuer ihn schon auf Erden an. Rebeckchen, das liebe Kind, sah auch nicht aus, als wollte sie mit dem neuen Glauben auch einen neuen Menschen anziehen. War sie erst "Gnaedige Frau von Zwerner", so war zu erwarten, dass die Liebesintrigen sich haeufen wuerden; junge wohlriechende Diplomaten, alte Suender, wie Graf Rebs, fremde Majors mit glaenzenden Uniformen waren dann willkommen in ihrer Loge und zu Hause, und der Dessauer hatte das Vergnuegen, zuzuschauen. Und wie wird dieser sanfte Engel Rebekka sich gestalten zur Furie, wenn die spekulative Kraft ihres Eheherrn nachlaesst und damit zugleich sein Vermoegen, wenn man das glaenzende Hotel in der Zeile, die Loge im ersten Rang, die Equipage und die hungernden Liebhaber samt der koestlichen Tafel aufgeben, wenn man nach Dessau ziehen muss in den alten Laden des Hauses Zwerner und Komp., wenn die gnaedige Frau herabsinkt aus ihrem geadelten Himmel und zur ehrlichen Kaufmannsfrau wird, wenn man den Gemahl statt mit Papieren, wie es nobel ist und gross, mit Ellenwaren und Baendern, ganz klein und unnobel handeln sieht! Welche Perspektive!! Doch am vierten Pfingstfeiertag 1826 dachte man noch nicht an dergleichen im Hause des Herrn Simon in der neuen Judenstrasse. Da war ein Hin= und Herrennen, ein Laufen, ein Kochen und Backen; es wurde ungemein viel Gaenseschmalz verbraucht, um koscheres Backwerk zu verfertigen; ein Hammel wurde "geschaecht", um koestliche Ragouts zu bereiten. Der geneigte Leser erraet wohl, was vorging in dem gesegneten Hause? Naemlich nichts Geringeres als die Verlobung des trefflichen Paares. Die halbe Stadt war geladen und kam. Hatte denn der alte Simon nicht treffliche alte Weine? Speiste man bei ihm, das Gaensefett abgerechnet, nicht trefflich? Hatte er nicht die schoensten juedischen und christlichen Fraeulein zusammengebeten, um die Gesellschaft zu unterhalten durch geistreiche Spiele und herrlichen Gesang? Auch Graf Rebs, das treffliche Kaninchen, war geladen, und nur das brachte ihn einigermassen in Verlegenheit, dass nicht weniger als zwanzig Frauen und Fraeulein zugegen waren, mit denen er schon in zaertlichen Verhaeltnissen gestanden hatte. Er half sich durch ausdrucksvolle Liebesblicke, die er allenthalben umherwarf, wie auch durch die eigene Behendigkeit seiner Beinchen, auf welchen er ueberall umherhuepfte und jeder Dame zufluesterte, sie allein sei es eigentlich, die sein zartes Herz gefesselt. Die uebergrosse Anstrengung, zwanzig auf einmal zu lieben, da er es sonst nur auf fuenf gebracht hatte, richtete ihn aber dergestalt zugrunde, dass er endlich elendiglich zusammensank und in seinem Wagen nach Hause gebracht werden musste. Die Gesellschaft unterhielt sich ganz angenehm und bewies sich nach Herrn Simons Begriffen sehr gesittet und anstaendig; denn als er am Abend, nachdem alle sich entfernt hatten, mit seiner Tochter Rebekka das Silber ordnete und zaehlte, riefen sie einmuetig und vergnuegt: "Gott's Wunder! Gott's Wunder! Was war das fuer noble Gesellschaft, fuer gesittete Leute! Es fehlt auch nicht e i n Kaffeeloeffelchen; kein Dessertmesserchen oder Zuckerklaemmerchen ist uns abhanden gekommen! Gott's Wunder!" * * * * * DER FESTTAG IM FEGEFEUER. (Fortsetzung.) Am Horizont in diesem Jahr Ist es geblieben, wie es war. M. Claudius. 1. DER JUNGE GARNMACHER FAEHRT FORT, SEINE GESCHICHTE ZU ERZAEHLEN. Das Manuskript, aus welchem wir die infernalischen Memoiren dechiffrieren und ausziehen, faehrt bei jener Stelle, die wir im ersten Teile notgedrungen abbrachen, fort, die Geschichte des jungen deutschen Schneider=Barons zu geben. Er ist aus seiner Vaterstadt Dresden entflohen, er will in die weite Welt, fuers erste aber nach Berlin gehen und erzaehlt, was ihm unterwegs begegnete. "Meine Herren," fuhr der edle junge Mann fort, "als ich mich umsah, stand ein Mann hinter mir, gekleidet wie ein ehrlicher, rechtlicher Buerger; er fragte mich, wohin meine Reise gehe, und behauptete, sein Weg sei beinahe ganz der meinige, ich solle mit ihm reisen. Ich verstand so viel von der Welt, dass ich einsah, es sei weniger auffallend, wenn man einen halberwachsenen Jungen mit einem aelteren Manne gehen sieht, als allein. Der Mann entlockte mir bald die Ursache meiner Reise, meine Schicksale, meine Hoffnungen. Er schien sich sehr zu verwundern, als ich ihm von meinem Onkel, dem Herrn von Garnmacher in der Dorotheenstrasse in Berlin, erzaehlte. 'Euer Onkel ist ja schon seit zwei Monaten tot!' erwiderte er. 'O du armer Junge, seit zwei Monaten tot; es war ein braver Mann, und ich wohnte nicht weit von ihm und kannte ihn gut. Jetzt nagen ihn die Wuermer!' Sie koennen sich leicht meinen Schrecken ueber diese Trauerpost denken, ich weinte lange und hielt mich fuer ungluecklicher als alle Helden; nach und nach aber wusste mich mein Begleiter zu troesten: 'Erinnerst du dich gar nicht, mich gesehen zu haben?' fragte er. Ich sah ihn an, besann mich, verneinte. 'Ei, man hat mich doch in Dresden so viel, gesehen,' fuhr er fort; 'alle Alten und besonders die Jugend stroemte zu mir und meinem jungen Griechen.' Jetzt fiel mir mit einemmal bei, dass ich ihn schon gesehen hatte. Vor wenigen Wochen war nach Dresden ein Mann mit einem jungen ungluecklichen Griechen gekommen; er wohnte in einem Gasthof und liess den jungen Athener fuer Geld sehen, das Geld war zur Erhaltung des Griechen und der Ueberschuss fuer einen Griechenverein bestimmt. Alles stroemte hin, auch mir gab der Vater ein paar Groschen, um den ungluecklichen Knaben sehen zu koennen. Ich bezeugte dem Manne meine Verwunderung, dass er nicht mehr mit dem Griechen reise. 'Er ist mir entlaufen, der Schlingel, und hat mir die Haelfte meiner Kasse und meinen besten Rock gestohlen; er wusste wohl, dass ich ihm nicht nachsetzen konnte; aber wie waere es, mein Soehnchen, wenn du mein Grieche wuerdest?' Ich staunte, ich hielt es nicht fuer moeglich; aber er gestand mir, dass der andere ein ehrlicher Muenchner gewesen sei, den er abgerichtet und kostuemiert habe, weil nun einmal die Leute die griechische Sucht haetten." "Wie?" unterbrach ihn der Englaender. "Selbst in Deutschland nimmt man Anteil an den Schicksalen dieses Volkes? Und doch ist es eigentlich ein deutscher Minister, der es mit der Pforte haelt und die Griechen untergehen laesst." "Wie es nun so geht in meinem lieben Vaterland," antwortete Baron von Garnmacher, des Schneiders Sohn; "was einmal in einem anderen Lande Mode geworden, muss auch zu uns kommen. Das weiss man gar nicht anders. Wie nun vor kurzem die Pargioten ausgetrieben wurden und bald nachher die griechische Nation ihr Joch abschuettelte, da fanden wir dies erstaunlich huebsch, schrieben auf der Stelle viele dicke Buecher darueber und stifteten Hilfsvereine mit sparsamen Kassen. Sogar Philhellenen gab es bei uns, und man sah diese Leute mit grossen Baerten, einen Saebel an der Seite, Pistolen im Guertel, rauchend durch Deutschland ziehen. Wenn man sie fragte: 'Wohin?' so antworteten sie: 'In den heiligen Krieg nach Hellas gegen die Osmanen!' Bat sich nun etwa eine Frau oder ein Mann, der in der alten Geographie nicht sehr erfahren, eine naehere Erklaerung aus, so erfuhr man, dass es nach Griechenland gegen die Tuerken gehe. Da kreuzigten sich die Leute, wuenschten dem Philhellenen einen guten Morgen und fluesterten, wenn er mit droehnenden Schritten einen Fusspfad nach Hellas einschlug: 'Der muss wenig taugen, dass er im Reich keine Anstellung bekommt und bis nach Griechenland laufen muss.'" "Ist's moeglich?" rief der Marquis. "So teilnahmlos sprachen die Deutschen von diesen Maennern?" "Gewiss; es ging mancher hin mit dem schoenen Gefuehl, einer unterdrueckten Sache beizustehen, mancher, um sich Kriegsruhm zu erkaempfen, der nun einmal auf den Billards und in den Garnisonen nicht zu erlangen ist; aber alle barbierte man ueber einen Loeffel, wie mein Vater zu sagen pflegte, und schalt sie Landlaeufer." "Mylord," sagte der Franzose, "es sind doch dumme Leute, diese Deutschen!" "O ja," entgegnete jener mit grosser Ruhe, indem er sein Rumglas gegen das Licht hielt, "zuweilen; aber dennoch sind die Franzosen unertraeglicher, weil sie allen Witz allein haben wollen." Der Marquis lachte und schwieg. Der Baron aber fuhr fort: "Auf diese Sitte der Deutschen hatte jener Mann seinen Plan gebaut, und noch oft muss ich mich wundern, wie richtig sein Kalkuel war. Die Deutschen, dachte er, kommen nicht dazu, etwas fuer einen weit aussehenden Plan, fuer ein fernes Land und dergleichen zu tun; entweder sagen sie: 'Es war ja vorher auch so, lasset der Sache ihren Lauf, wer wird da etwas Neues machen wollen?' oder sie sagen: 'Gut, wir wollen erst einmal sehen, wie die Sache geht, vielleicht laesst sich hernach etwas tun.' Faellt aber etwas in ihrer Naehe vor, koennen sie selbst etwas Seltenes mit eigenen Augen sehen, so lassen sie es sich etwas kosten. Man war dem Griechen frueher oft in mancher kleinen Stadt sehr dankbar, dass er doch wieder eine Materie zum Sprechen herbeigefuehrt habe, eine Seltenheit, welche die Weiber beim Kaffee, die Maenner beim Bier traktieren konnten. Was fuer Aussichten blieben mir uebrig? Mein Onkel war tot, ich hatte nichts gelernt; so schlug ich ein, Grieche zu werden. Jetzt fing ein Unterricht an, bei welchem wir bald so vertraut miteinander werden, dass mir mein Fuehrer sogar Schlaege beibrachte. Er lehrte mich alle Gegenstaende auf neugriechisch nennen, blaeute mir einige Floskeln in dieser Sprache ein, und nachdem ich hinlaenglich instruiert war, schwaerzte er mir Haar und Augenbrauen mit einer Salbe, faerbte mein Gesicht gelblich, und--ich war ein Grieche. Mein Kostuem, besonders das fuer vornehme Praesentationen, war sehr glaenzend, manches sogar von Seide. So zogen wir im Land umher und gewannen viel Geld." "Aber, mein Gott," unterbrach ihn der Franzose, "sagen Sie doch, in Deutschland soll es viele gelehrten Maenner geben, die sogar Griechisch schreiben. Diese muessen es doch auch sprechen koennen; wie haben Sie sich vor diesen durchbringen koennen?" "Nichts leichter als dies, und gerade bei diesen hatte ich meinen groessten Spass; diese Leute schreiben und lesen das Griechische so gut, dass sie vor zweitausend Jahren mit Thucydides haetten korrespondieren koennen, aber mit dem Sprechen will es nicht recht gehen; sie mussten zu Haus immer die Phrasen im Lexikon aufschlagen, wenn sie sprechen wollten; da hatte ich nun, um aus aller Verlegenheit zu kommen, eine herrliche Floskel bereit:----'Mein Herr, das ist nicht griechisch.' Mein Fuehrer unterliess nicht, sogleich, was ich gesagt, dem Publikum ins Deutsche zu uebersetzen, und jene Kathedermaenner kamen gewoehnlich ueber das Laecheln der Menschen dergestalt ausser Fassung, dass sie es nie wieder wagten, Griechisch zu sprechen. So zogen wir laengere Zeit umher, bis endlich in Karlsbad die ganze Komoedie auf einmal aufhoerte. Wir kamen dorthin zur Zeit der Saison und hatten viele Besuche. Unter andern fiel mir besonders ein Herr mit einem Band im Knopfloch auf, der mir grosse Aehnlichkeit mit meinem Vater zu haben schien. Er besuchte uns einigemal, und endlich, denken Sie sich mein Erstaunen, hoere ich, wie man ihn Herr von Garnmacher tituliert. Ich stuerzte zu ihm hin, fragte ihn mit zaertlichen Worten, ob er mein verehrter Herr Onkel sei, und entdeckte ihm auf der Stelle, wie ich eigentlich nicht auf klassischem Boden in Athen, sondern als koeniglich saechsisches Landeskind in Dresden geboren sei. Es war eine ruehrende Erkennungsszene. Das Staunen des Publikums, als der Grieche auf einmal gutes Deutsch sprach, die Verlegenheit meines Oheims, der mit vornehmer Gesellschaft zugegen war und nicht gerne an meinen Vater, den _Marchand tailleur_, erinnert sein wollte, die Wut meines Fuehrers, alles dies kam mir trotz meiner tiefen Ruehrung hoechst komisch vor. Der Fuehrer wurde verhaftet, mein Onkel nahm sich meiner an, liess mir Kleider machen und fuehrte mich nach Berlin. Und dort begann fuer mich eine neue Katastrophe." * * * * * 2. DER BARON WIRD EIN REZENSENT. "Mein Onkel war ein nicht sehr beruehmter Schriftsteller, aber ein beruechtigter, anonymer Kritiker. Er arbeitete an zehn Journalen, und ich wurde anfaenglich dazu verwendet, seine Hahnenfuesse ins Reine zu schreiben. Schon hier lernte ich nach und nach in meines Onkels Geist denken, fasste die gewoehnlichen Wendungen und Ausdruecke auf und bildete mich so zum Rezensenten. Bald kam ich weiter; der herrliche Mann brachte mir die verschiedenen Klassen und Formen der Kritik bei, ueber welche ich uebrigens hinweggehen kann, da sie einen Fremden nicht interessieren." "Nein, nein!" rief der Lord. "Ich habe schon oefters von dieser kritischen Wut Ihrer Landsleute gehoert. Zwar haben auch wir, z. B. in Edinburgh und London, einige Anstalten dieser Art; aber sie werden, hoere ich, in einem ganz anderen Geiste besorgt als die Ihrigen." "Allerdings sind diese Blaetter in meinem Vaterlande eine sonderbare, aber eigentuemliche Erscheinung. Wie in unserer ganzen Literatur immer noch etwas Engbruestiges, Eingezwaengtes zu verspueren ist, wie nicht das, was leicht und gefaellig, sondern was mit einem recht schwerfaelligen, gelehrten Anstrich geschrieben ist, fuer einzig gut und schoen gilt, so haben wir auch eigene Ansichten ueber Beurteilung der Literatur. Es traut sich naemlich nicht leicht ein Mann oder eine Dame in der Gesellschaft ein Urteil ueber ein neues Buch zu, das sich nicht an ein oeffentlich ausgesprochenes anlehnen koennte--man glaubte darin zu viel zu wagen. Daher gibt es viele oeffentliche Stimmen, die um Geld und gute Worte ein kritisches Solo vortragen, in welches dann das Tutti oder der Chorus des Publikums einfaellt." "Aber wie moegen Sie ueber diese Institute spotten, mein Herr Baron?" unterbrach ihn der Lord. "Ich finde das recht huebsch. Man braucht selbst kein Buch als diese oeffentlichen Blaetter zu lesen und kann dann dennoch in der Gesellschaft mitstimmen." "Sie haetten recht, wenn der Geist dieser Institute anders waere. So aber ergreift der, welcher sich nach diesen Blaettern richtet, unbewusst irgend eine Partei und kann, ohne dass er sich dessen versieht, in der Gesellschaft fuer einen Goethianer, Muellnerianer, Vossiden oder Creuzerianer, Schellingianer oder Hegelianer, kurz fuer einen Yaner gelten. Denn das eine Blatt gehoert dieser Partei an und haut und sticht mehr oder minder auf jede andere, ein anderes gehoert diesem oder jenem grossen Buchhaendler. Da muessen nun fuers erste alle seine Verlagsartikel gehoerig gelobt, dann die seiner Feinde grimmig angefallen werden; oft muss man auch ganz diplomatisch zu Werke gehen, es mit keinem ganz verderben, auf beiden Achseln (Dichter=) Wasser tragen und, indem man einem freundlich ein Kompliment macht, hinterruecks heimlich ihm ein Bein unterschlagen." "Aber schaemen sich denn Ihre Gelehrten nicht, auf diese Art die Kritik und Literatur zu handhaben?" fragte der Marquis. "Ich muss gestehen, in Frankreich wuerde man ein solches Wesen verachten." "Ihre politischen Blaetter, mein Herr, machen es nicht besser. Uebrigens sind es nicht gerade die Gelehrten, die dieses Handwerk treiben. Die eigentlichen Gelehrten werden nur zu Kernschuessen und langsamen, gruendlichen Operationen verwandt und mit vier Groschen bezahlt. Leichter, behender sind die Halbgelehrten, die eigentlichen Voltigeurs der Literatur. Sie plaenkeln mit dem Feind, ohne ihn gruendlich und mit Nachdruck anzugreifen; sie richten Schaden in seiner Linie an, sie umschwaermen ihn, sie suchen ihn aus seiner Position zu locken. Auch duerfen sie sich gerade nicht schaemen; denn sie rezensieren anonym, und nur e i n e r unterschreibt seine kritischen Bluturteile mit so kaltem Blute, als wollte er seinen Bruder freundlich zu Gevatter bitten." "Das muss ja ein eigentlicher Matador sein!" rief der Lord laechelnd. "Ein Matador in jedem Sinne des Worts. Auf Spanisch--ein Totschlaeger, denn er hat schon manchen niedergedonnert; und wahrhaftig, er ist der hoechste Trumpf, dieser Matador, und zaehlt fuer zehn, wenn er _Pacat ultimo_ macht. Und bei den literarischen Stiergefechten ist er Matador! Denn er, der Hauptkaempfer ist es, der dem armen gehetzten und gejagten Stier den Todesstoss gibt." "Gestehen Sie, Sie uebertreiben;--Sie haben gewiss einmal den ungluecklichen Gedanken gehabt, etwas zu schreiben, das recht tuechtig vorgenommen wurde, und jetzt zuernen Sie der Kritik?" Der junge Deutsche erroetete. "Es ist wahr, ich habe etwas geschrieben, doch war es nur eine Novelle und leider nicht so bedeutend, dass es waere rezensiert worden; aber nein, ich selbst habe einige Zeit unter meines Onkels Protektion den kritischen kleinen Krieg mitgemacht und kenne diese Affaeren genau. Nun, mein Onkel brachte mir also die verschiedenen Formen und Klassen bei. Die e r s t e war die s a n f t l o b e n d e Rezension. Sie gab nur einige Auszuege aus dem Werk, lobte es als brav und gelungen und ermahnte, auf der betretenen Bahn fortzuschreiten. In diese Klasse fielen junge Schriftsteller, die dem Interesse des Blattes entfernter standen, die man aber fuer sich gewinnen wollte. Hauptsaechlich aber war diese Klasse fuer junge, schriftstellerische Damen." "Wie?" erwiderte der Lord. "Haben Sie deren so viele, dass man eine eigene Klasse fuer sie macht?" "Man zaehlte, als ich noch auf der Oberwelt war, sechsundvierzig juengere und aeltere! Sie sehen, dass man fuer sie schon eine eigene Klasse machen kann, und zwar eine gelinde, weil diese Damen mehr Anbeter und Freunde haben als ein junger Schriftsteller. Die zweite Klasse ist die l o b p o s a u n e n d e. Hier werden entweder die Verlagsartikel des Buchhaendlers, der das Blatt bezahlt, oder die Parteimaenner gelobt. Man preist ihre Namen, man ist geruehrt, man ist gluecklich, dass die Nation einen solchen Mann aufweisen kann. Die d r i t t e Klasse ist dann die n e u t r a l e. Hier werden die Feinde, mit denen man nicht in Streit geraten mag, etwas kuehl und diplomatisch behandelt. Man spricht mehr ueber das Genus ihrer Schrift und ueber ihre Tendenz als ueber sie selbst, und gibt sich Muehe, in recht vielen Worten n i c h t s zu sagen, ungefaehr wie in den Salons, wenn man ueber politische Verhaeltnisse spricht und sich doch mit keinem Wort verraten will. Die v i e r t e Klasse ist die l o b h u d e l n d e. Man sucht entweder einen, indem man ihn scheinbar und mit einem Anstrich von Gerechtigkeit ein wenig tadelt, zu loben, oder umgekehrt, man lobt ihn mit vielem Anstand und bringt ihm einige Stiche bei, die ihn entweder tief verwunden, oder doch laecherlich machen. Die f u e n f t e Klasse ist die g r o b e, e r n s t e; man nimmt eine vornehme Miene an, setzt sich hoch zu Ross und schaut hernieder auf die kleinen Bemuehungen und geringen Fortschritte des Gegners. Man warnt sogar vor ihm und sucht etwas Verstecktes in seinen Schriften zu finden, was zu gefaehrlich ist, als dass man oeffentlich davon sprechen moechte. Diese Klasse macht stillen, aber tiefen Eindruck aufs Publikum. Es ist etwas Mystisches in dieser Art der Kritik, was die Menschen mit Scheu und Beben erfuellt. Die s e c h s t e Klasse ist die T o t s c h l a e g e r k l a s s e. Sie ist eine Art von Schlachtbank; denn hier werden die Opfer des Zornes, der Rache niedergemetzelt ohne Gnade und Barmherzigkeit, sie ist eine Saege= und Stampfmuehle; denn der Mueller schuettet die Ungluecklichen, die ihm ueberantwortet werden, hinein und zerfetzt, zersaegt, zermalmt sie." "Aber wer traegt denn die Schuld von diesem unsinnigen Vertilgungssystem?" fragte Lasulot. "Nun, das Publikum selbst! Wie man frueher an Turnieren und Tierhetzen die Freude hatte, so amuesiert man sich jetzt am kritischen Kriege; es freut die Leute, wenn man die Schriftsteller mit eingelegten Lanzen aufeinander anrennen sieht, und--wenn die Rippen krachen, wenn einer sinkt, klatscht man dem Sieger Beifall zu. Laendlich, sittlich! 'Ein Stier, ein Stier, ruft's, dort und hier!' In Spanien treibt man das in der Wirklichkeit, in Deutschland metaphorisch, und wenn ein paar tuechtige Fleischerhunde einen alten Stier anfallen und sich zu Helden an ihm beissen, wenn der M a t a d o r von der Galerie hinab in den Zirkus springt, Und zieht den Degen, Und faellt verwegen Zur Seite den wuetenden Ochsen an-- da freut sich das liebe Publikum, und von 'Bravo!' schallt die Gegend wider!" "Das ist koestlich!" rief der Englaender; doch war man ungewiss, ob sein Beifall der deutschen Kritik oder dem Rum gelte, den er zu sich nahm. "Und ein solcher Klassenkritikus wurden Sie, Master Garnmacher?" "Mein Onkel war, wie ich Ihnen sagte, fuer mehrere Journale verpachtet; wunderbar war es uebrigens, welches heterogene Interesse er dabei befolgen musste. Er hatte es so weit gebracht, dass er an einem Vormittag ein Buch las und sechs Rezensionen darueber schrieb, und oft traf es sich, dass er alle sechs Klassen ueber einen Gegenstand erschoepfte. Er zuendete dann zuerst dem Schlachtopfer ein kleines, gelindes Lobfeuer aus Zimmetholz an; dann warf er kritischen Weihrauch dazu, dass es grosse Wolken gab, die dem Publikum die Sinne umnebelten und die Augen beizten. Dann daempfte er diese niedlichen Opferflammen zu einer duesteren Glut, blies sie dann mit dem kalten Hauch der vierten Klasse frischer an, warf in der fuenften einen so grossen Holzstoss zu, als die _sancta simplicitas_ in Konstanz dem Huss, und fing dann zum sechsten an, den Ungluecklichen an dieser maechtigen Lohe des Zornes zu braten und zu roesten, bis er ganz schwarz war." "Wie konnte er aber mit gutem Gewissen sechserlei so verschiedene Meinungen ueber e i n e n Gegenstand haben? Das ist ja schaendlich!" "Wie man will. Ich erinnere Sie uebrigens an die liberalen und an die ministeriellen Blaetter Ihres Landes; wenn heute einer Ihrer Publizisten eine Ode an die Freiheit auf der Posaune geblasen hat und ihm morgen der Herr von .... einige Sous mehr bietet, so haelt er eine Schimpfrede gegen die linke Seite, als haette er von je in einem ministeriellen Vorzimmer gelebt." "Aber dann geht er foermlich ueber," bemerkte der Marquis; "aber Ihr Onkel, der Schuft, hatte zu gleicher Zeit sechs Zungen und zwoelf Augen, die Haelfte mehr als der Hoellenhund." "Die Deutschen haben es von jeher in allen mechanischen Kuensten und Handarbeiten weit gebracht," erwiderte mit grosser Ruhe der junge Mann, "so auch in der Kritik. Als mich nun mein Onkel so weit gebracht hatte, dass ich nicht nur ein Buch von dreissig Bogen in zwei Stunden durchlesen, sondern auch den Inhalt einer u n a u f g e s c h n i t t e n e n Schrift auf ein Haar erraten konnte, wenn ich wusste, von welcher Partei sie war, so gebrauchte er mich zur Kritik. 'Ich will dir,' sagte er, 'die erste, zweite, fuenfte und sechste Klasse geben. Die Jugend, wie sie nun einmal heutzutag ist, kann nichts mit Mass tun. Sie lobt entweder ueber alle Grenzen, oder sie schimpft und tadelt unverschaemt. Solche Leute, besonders wenn sie ein recht scharfes Gebiss haben, sind uebrigens oft nicht mit Gold zu bezahlen. Man legt sie an die Kette, bis man sie braucht, und hetzt sie dann mit unglaublichem Erfolg; denn sie sind auf den Mann dressiert trotz der besten Dogge. Zu den Mittelklassen, zu dem Neutralitaetssystem, zu dem verdeckten Tadel, zu dem ruhigen, aber sicheren Hinterhalt gehoert schon mehr als kaltes Blut.' So sprach mein Onkel und uebergab mir die Kraenze der Gnade und das Schwert der Rache. Alle Tage musste ich von frueh acht bis ein Uhr rezensieren. Der Onkel schickte mir ein neues Buch, ich musste es schnell durchlesen und die Hauptstellen bezeichnen. Dann wurden Kritiken von Nr. 1 und 2 entworfen und dem Alten zugeschickt. Nun schrieb er selbst 3 und 4, und war dann noch ein Hauptgericht zu exequieren, so liess er mir sagen: 'Mein lieber Neffe, nur immer Nr. 5 und 6 draufgesetzt; es kann nicht schaden, nimm ihn in Teufels Namen tuechtig durch;' und den ich noch vor einer Stunde mit wahrer Ruehrung bis zum Himmel erhoben, denselben verdammte ich jetzt bis in die Hoelle. Vor Tisch wurden dann die kritischen Arbeiten verglichen, der Onkel tat, wie er zu sagen pflegte, Salz hinzu, um das Gebraeu pikanter zu machen; dann packte ich alles ein und verschickte die heil= und unheilschweren Blaetter an die verschiedenen Journale." "_Goddam_! Habe ich in meinem Leben dergleichen gehoert?" rief der Lord mit wahrem Grauen. "Aber wenn Sie alle Tage nur e i n Buch rezensierten, das macht ja im Jahre 365! Gibt es denn in Ihrem Vaterlande jaehrlich selbst nur ein Dritteil dieser Summe?" "Ha! da kennen Sie unsere gesegnete Literatur schlecht, wenn Sie dies fragen. So viele gibt es in e i n e r Messe, und wir haben jaehrlich zwei. Alle Jahre kann man achtzig Romane, zwanzig gute und vierzig schlechte Lust= und Trauerspiele, hundert schoene und miserable Erzaehlungen, Novellen, Historien, Phantasien usw., dreissig Almanache, fuenfzig Baende lyrischer Gedichte, einige erhabene Heldengedichte in Stanzen oder Hexametern, vierhundert Uebersetzungen, achtzig Kriegsbuecher rechnen, und die Schul=, Lehr=, Katheder=, Professions=, Konfessionsbuecher, die Anweisungen zum frommen Leben, zur Bereitung guten Champagners aus Obst, zur Verlaengerung der Gesundheit, die Betrachtungen ueber die Ewigkeit, und wie man auch ohne Arzt sterben koenne usw. sind nicht zu zaehlen; kurz, man kann in meinem Vaterlande annehmen, dass unter fuenfzig Menschen immer einer Buecher schreibt; hat einer einmal im Messkatalog gestanden, so gibt er das Handwerk vor dem sechzigsten Jahre nicht auf. Sie koennen also leicht berechnen, meine Herren, wie viel bei uns gedruckt wird. Welcher Reichtum der Literatur, welches weite Feld fuer die Kritik!" Der junge Deutsche hatte diese letzten Worte mit einer Ehrfurcht, mit einer Andacht gesprochen, die sogar mir hoechst komisch vorkam; der Lord und der Marquis aber brachen in lautes Lachen aus, und je verwunderter der junge Herr sie ansah, desto mehr schien ihr Lachreiz gesteigert zu werden. "Monsieur de Garnmacker! Nehmen Sie es nicht uebel, dass ich mich von Ihrer Erzaehlung bis zum Lachen hinreissen liess," sagte der Marquis; "aber Ihre Nation, Ihre Literatur, Ihre kritische Manufaktur kam mir unwillkuerlich so komisch vor, dass ich mich nicht enthalten konnte zu lachen. Ihr seid sublime Leute, das muss man euch lassen." "Und der Herr hier hat recht," bemerkte Mylord mit feinem Laecheln. "Alles schreibt in diesem goettlichen Lande, und was das schoenste ist, nicht jeder ueber sein Fach, sondern lieber ueber ein anderes. So fuhr ich einmal auf meiner Grandtour in einem deutschen Laendchen. Der Weg war schlecht, die Pferde womoeglich noch schlechter. Ich liess endlich durch meinen Reisebegleiter, der Deutsch reden konnte, den Postillon fragen, was denn sein Herr, der Postmeister, denke, dass er uns so miserable Pferde vorspanne. Der Postillon antwortete: 'Was das Post= und das Stallwesen anbelangt, so denkt mein Herr nichts." Wir waren verwundert ueber diese Antwort, und mein Begleiter, dem das Gespraech Spass machte, fragte, was sein Herr denn anderes zu denken habe. 'Er schreibt!' war die kurze Antwort des Kerls. 'Wie? Briefverzeichnisse, Postkarten?' 'Ei, behuete!' sagte er, 'Buecher, gelehrte Buecher.' 'Ueber das Postwesen?' fragten wir weiter. 'Nein,' meinte er; 'Verse macht mein Herr, Verse, oft so breit als meine fuenf Finger und so lang als mein Arm!' und klatsch! klatsch! hieb er auf die magern Brueder des Pegasus und trabte mit uns auf dem stossenden Steinweg, dass es uns in der Seele weh tat. '_Goddam_!' sagte mein Begleiter. 'Wenn der Herr Postmeister so schlecht auf dem Hippogryphen sitzt wie sein Schwager auf diesen Kleppern, so wird er holperige Verse zutage foerdern!' Und auf Ehre, meine Herren, ich habe mich auf der naechsten Station erkundigt, dieser Postmeister ist ein Dichter und wie Sie, Mr. Garnmacher, ein grosser Kritiker." "Ich weiss, wen Sie meinen," erwiderte der Deutsche mit etwas unmutiger Miene, "und Ihre Erzaehlung soll wohl ein Stich auf mich sein, weil ich eigentlich auch nicht fuer dieses Gebiet der Literatur erzogen worden. UEbrigens muss ich Ihnen sagen, Mylord, in Ihrem kalten, systematischen, nach Gesetzen aengstlich zugeschnittenen Lande moechte etwas dergleichen auffallen, aber bei uns zu Lande ist das was anderes. Da kann jeder in die Literatur hineinpfuschen, wann und wie er will, und es gibt kein Gesetz, das einem verboete, etwas Miserables drucken zu lassen, wenn er nur einen Verleger findet. Bei den Kritikern und Poeten meines Vaterlandes ist nicht nur in Hinsicht auf die Phantasie die schoene romantische Zeit des Mittelalters; nein, wir sind, und ich rechne mich ohne Scheu dazu, samt und sonders edle Raubritter, die einander die Blumen der Poesie abjagen und in unsere Verliesse schleppen; wir ueben das Faustrecht auf heldenmuetige Weise und halten literarische Wegelagerungen gegen den reich beladenen Kraemer und Juden. Die Poesie ist bei uns eine Gemeindewiese, auf welcher jedes Vieh umherspazieren und Blumen und Gras fressen kann nach Belieben." "Herr von Garnmacker," unterbrach ihn der Marquis de Lasulot, "ich wuerde Ihre Geschichte erstaunlich huebsch und anziehend finden, wenn sie nur nicht so langweilig waere. Wenn Sie so fortmachen, so erzaehlen Sie uns achtundvierzig Stunden in einem fort. Ich schlage daher vor, wir verschieben den Rest und unsere eigenen Lebenslaeufe auf ein andermal und gehen jetzt auf die Hoellenpromenade, um die schoene Welt zu sehen!" "Sie haben recht," sagte der Lord, indem er aufstand und mir ein Sixpencestueck zuwarf, "der Herr von Garnmacher weiss auf unterhaltende Weise einzuschlaefern. Brechen wir auf; ich bin neugierig, ob wohl viele Bekannten aus der Stadt hier sind." "Wie?" rief der junge Deutsche nicht ohne Ueberraschung. "Sie wollen also nicht hoeren, wie ich mich in Berlin bei den Herren vom Muehlendamm zu einem Elegant perfektionierte? Sie wollen nicht hoeren, wie ich einen Liebeshandel mit einer Prinzessin hatte, und auf welche elendigliche Weise ich endlich verstorben bin? O, meine Herren, meine Geschichte faengt jetzt erst an, interessant zu werden." "Sie koennen recht haben," erwiderte ihm der Lord mit vornehmem Laecheln; "aber wir finden, dass uns die Abwechslung mehr Freude macht. Begleiten Sie uns; vielleicht sehen wir einige Figuren aus Ihrem Vaterlande, die Sie uns zeigen koennen." "Nein, wirklich! Ich bin gespannt auf Ihre Geschichte," sagte der Marquis lachend; "aber nur jetzt nicht. Es ist jetzt die Zeit, wo die Welt promeniert, und um keinen Preis, selbst nicht um Ihre interessante Erzaehlung, moechte ich diese Stunde versaeumen. Gehen wir." "Gut," erwiderte der deutsche Stutzer resigniert und ohne beleidigt zu scheinen. "Ich begleite Sie; auch so ist mir Ihre werte Gesellschaft sehr angenehm; denn es ist fuer einen Deutschen immer eine grosse Ehre, sich an einen Franzosen oder gar an einen Englaender anschliessen zu koennen." Lachend gingen die beiden voran, der Baron folgte, und ich veraenderte schnell mein Kostuem, um diese merkwuerdigen Subjekte auf ihren Wanderungen zu verfolgen; denn ich hatte gerade nichts Besseres zu tun. Die Menschen bleiben sich unter jeder Zone gleich--es ist moeglich, dass Klima und Sitten eines anderen Landes eine kleine Veraenderung in manchem hervorbringen; aber lasst nur eine Stunde lang Landsleute zusammen sprechen, der Nationalcharakter wird sich nicht verleugnen, wird mehr und mehr sich wieder hervorheben und deutlicher werden. So kommt es, dass dieser Geburtstag meiner lieben Grossmutter mir Stoff zu tausend Reflexionen gibt; denn selbst im Fegefeuer, wenn diesen Leutchen nur e i n Tag vergoennt ist, findet sich Gleiches zu Gleichem, und es spricht und lacht und geht und liebt wie im Prater, wie auf der Chaussee d'Antin oder im Palais Royal, wie Unter den Linden, oder wie in.... Welchen Anblick gewaehrte diese hoellische Promenade! Die Stutzer aller Jahrhunderte, die Kurtisanen und Merveilleuses aller Zeiten, Theologen aller Konfessionen, Juristen aller Staaten, Finanziers von Paris bis Konstantinopel, von Wien bis London, und sie alle in Streit ueber ihre Angelegenheiten, und sie alle mit dem ewigen Refrain: "Zu unserer Zeit, ja! Zu unserer Zeit war es doch anders!" Aber ach, meine Stutzer kamen zu spaet auf die Promenade, kaum dass noch Baron von Garnmacher einen jungen Dresdener Dichter umarmen und einer Berliner Saengerin sein Vergnuegen ausdruecken konnte, ihre Bekanntschaft hier zu erneuern! Der edle junge Herr hatte durch seine Erzaehlung die Promenadezeit verkuemmert, und die grosse Welt stroemte schon zum Theater. * * * * * 3. DAS THEATER IM