The Project Gutenberg EBook of Nachtstuecke, by E.T.A. Hoffmann Copyright laws are changing all over the world. Be sure to check the copyright laws for your country before downloading or redistributing this or any other Project Gutenberg eBook. This header should be the first thing seen when viewing this Project Gutenberg file. Please do not remove it. Do not change or edit the header without written permission. Please read the "legal small print," and other information about the eBook and Project Gutenberg at the bottom of this file. Included is important information about your specific rights and restrictions in how the file may be used. You can also find out about how to make a donation to Project Gutenberg, and how to get involved. **Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts** **eBooks Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971** *****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!***** Title: Nachtstuecke Author: E.T.A. Hoffmann Release Date: August, 2004 [EBook #6341] [Yes, we are more than one year ahead of schedule] [This file was first posted on November 28, 2002] Edition: 10 Language: German Character set encoding: ASCII *** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, NACHTSTUECKE *** This text has been derived from HTML files at "Projekt Gutenberg - DE" (http://www.gutenberg2000.de/etahoff/nachtst.htm), prepared by Gerd Bouillon (gerd.bouillon@t-online.de), (reuter@abc.de), and Gunter Hille (hille@abc.de). Nachtstuecke Erzaehlungen von E.T.A. Hoffmann Erster Teil Der Sandmann Ignaz Denner Die Jesuitenkirche in G. Das Sanctus Zweiter Teil Das oede Haus Das Majorat Das Geluebde Das steinerne Herz Erster Teil Der Sandmann Nathanael an Lothar Gewiss seid Ihr alle voll Unruhe, dass ich so lange - lange nicht geschrieben. Mutter zuernt wohl, und Clara mag glauben, ich lebe hier in Saus und Braus und vergesse mein holdes Engelsbild, so tief mir in Herz und Sinn eingepraegt, ganz und gar. - Dem ist aber nicht so; taeglich und stuendlich gedenke ich Eurer aller und in suessen Traeumen geht meines holden Claerchens freundliche Gestalt vorueber und laechelt mich mit ihren hellen Augen so anmutig an, wie sie wohl pflegte, wenn ich zu Euch hineintrat. - Ach wie vermochte ich denn Euch zu schreiben, in der zerrissenen Stimmung des Geistes, die mir bisher alle Gedanken verstoerte! - Etwas Entsetzliches ist in mein Leben getreten! - Dunkle Ahnungen eines graesslichen mir drohenden Geschicks breiten sich wie schwarze Wolkenschatten ueber mich aus, undurchdringlich jedem freundlichen Sonnenstrahl. - Nun soll ich Dir sagen, was mir widerfuhr. Ich muss es, das sehe ich ein, aber nur es denkend, lacht es wie toll aus mir heraus. - Ach mein herzlieber Lothar! wie fange ich es denn an, Dich nur einigermassen empfinden zu lassen, dass das, was mir vor einigen Tagen geschah, denn wirklich mein Leben so feindlich zerstoeren konnte! Waerst Du nur hier, so koenntest Du selbst schauen; aber jetzt haeltst Du mich gewiss fuer einen aberwitzigen Geisterseher. - Kurz und gut, das Entsetzliche, was mir geschah, dessen toedlichen Eindruck zu vermeiden ich mich vergebens bemuehe, besteht in nichts anderm, als dass vor einigen Tagen, naemlich am 30. Oktober mittags um 12 Uhr, ein Wetterglashaendler in meine Stube trat und mir seine Ware anbot. Ich kaufte nichts und drohte, ihn die Treppe herabzuwerfen, worauf er aber von selbst fortging. Du ahnest, dass nur ganz eigne, tief in mein Leben eingreifende Beziehungen diesem Vorfall Bedeutung geben koennen, ja, dass wohl die Person jenes unglueckseligen Kraemers gar feindlich auf mich wirken muss. So ist es in der Tat. Mit aller Kraft fasse ich mich zusammen, um ruhig und geduldig Dir aus meiner fruehern Jugendzeit so viel zu erzaehlen, dass Deinem regen Sinn alles klar und deutlich in leuchtenden Bildern aufgehen wird. Indem ich anfangen will, hoere ich Dich lachen und Clara sagen: "Das sind ja rechte Kindereien!" - Lacht, ich bitte Euch, lacht mich recht herzlich aus! - ich bitt Euch sehr! - Aber Gott im Himmel! die Haare straeuben sich mir und es ist, als flehe ich Euch an, mich auszulachen, in wahnsinniger Verzweiflung, wie Franz Moor den Daniel. - Nun fort zur Sache! Ausser dem Mittagsessen sahen wir, ich und mein Geschwister, tagueber den Vater wenig. Er mochte mit seinem Dienst viel beschaeftigt sein. Nach dem Abendessen, das alter Sitte gemaess schon um sieben Uhr aufgetragen wurde, gingen wir alle, die Mutter mit uns, in des Vaters Arbeitszimmer und setzten uns um einen runden Tisch. Der Vater rauchte Tabak und trank ein grosses Glas Bier dazu. Oft erzaehlte er uns viele wunderbare Geschichten und geriet darueber so in Eifer, dass ihm die Pfeife immer ausging, die ich, ihm brennend Papier hinhaltend, wieder anzuenden musste, welches mir denn ein Hauptspass war. Oft gab er uns aber Bilderbuecher in die Haende, sass stumm und starr in seinem Lehnstuhl und blies starke Dampfwolken von sich, dass wir alle wie im Nebel schwammen. An solchen Abenden war die Mutter sehr traurig und kaum schlug die Uhr neun, so sprach sie: "Nun Kinder! - zu Bette! zu Bette! der Sandmann kommt, ich merk es schon." Wirklich hoerte ich dann jedesmal etwas schweren langsamen Tritts die Treppe heraufpoltern; das musste der Sandmann sein. Einmal war mir jenes dumpfe Treten und Poltern besonders graulich; ich frug die Mutter, indem sie uns fortfuehrte: "Ei Mama! wer ist denn der boese Sandmann, der uns immer von Papa forttreibt? - wie sieht er denn aus?" - "Es gibt keinen Sandmann, mein liebes Kind", erwiderte die Mutter: "wenn ich sage, der Sandmann kommt, so will das nur heissen, ihr seid schlaefrig und koennt die Augen nicht offen behalten, als haette man euch Sand hineingestreut." - Der Mutter Antwort befriedigte mich nicht, ja in meinem kindischen Gemuet entfaltete sich deutlich der Gedanke, dass die Mutter den Sandmann nur verleugne, damit wir uns vor ihm nicht fuerchten sollten, ich hoerte ihn ja immer die Treppe heraufkommen. Voll Neugierde, Naeheres von diesem Sandmann und seiner Beziehung auf uns Kinder zu erfahren, frug ich endlich die alte Frau, die meine juengste Schwester wartete: was denn das fuer ein Mann sei, der Sandmann? "Ei Thanelchen", erwiderte diese, "weisst du das noch nicht? Das ist ein boeser Mann, der kommt zu den Kindern, wenn sie nicht zu Bett gehen wollen und wirft ihnen Haendevoll Sand in die Augen, dass sie blutig zum Kopf herausspringen, die wirft er dann in den Sack und traegt sie in den Halbmond zur Atzung fuer seine Kinderchen; die sitzen dort im Nest und haben krumme Schnaebel, wie die Eulen, damit picken sie der unartigen Menschenkindlein Augen auf." - Graesslich malte sich nun im Innern mir das Bild des grausamen Sandmanns aus; sowie es abends die Treppe heraufpolterte, zitterte ich vor Angst und Entsetzen. Nichts als den unter Traenen hergestotterten Ruf. "Der Sandmann! der Sandmann! " konnte die Mutter aus mir herausbringen. Ich lief darauf in das Schlafzimmer, und wohl die ganze Nacht ueber quaelte mich die fuerchterliche Erscheinung des Sandmanns. - Schon alt genug war ich geworden, um einzusehen, dass das mit dem Sandmann und seinem Kindernest im Halbmonde, so wie es mir die Wartefrau erzaehlt hatte, wohl nicht ganz seine Richtigkeit haben koenne; indessen blieb mir der Sandmann ein fuerchterliches Gespenst, und Grauen - Entsetzen ergriff mich, wenn ich ihn nicht allein die Treppe heraufkommen, sondern auch meines Vaters Stubentuer heftig aufreissen und hineintreten hoerte. Manchmal blieb er lange weg, dann kam er oefter hintereinander. Jahrelang dauerte das, und nicht gewoehnen konnte ich mich an den unheimlichen Spuk, nicht bleicher wurde in mir das Bild des grausigen Sandmanns. Sein Umgang mit dem Vater fing an meine Fantasie immer mehr und mehr zu beschaeftigen: den Vater darum zu befragen hielt mich eine unueberwindliche Scheu zurueck, aber selbst - selbst das Geheimnis zu erforschen, den fabelhaften Sandmann zu sehen, dazu keimte mit den Jahren immer mehr die Lust in mir empor. Der Sandmann hatte mich auf die Bahn des Wunderbaren, Abenteuerlichen gebracht, das so schon leicht im kindlichen Gemuet sich einnistet. Nichts war mir lieber, als schauerliche Geschichten von Kobolten, Hexen, Daeumlingen usw. zu hoeren oder zu lesen; aber obenan stand immer der Sandmann, den ich in den seltsamsten, abscheulichsten Gestalten ueberall auf Tische, Schraenke und Waende mit Kreide, Kohle, hinzeichnete. Als ich zehn Jahre alt geworden, wies mich die Mutter aus der Kinderstube in ein Kaemmerchen, das auf dem Korridor unfern von meines Vaters Zimmer lag. Noch immer mussten wir uns, wenn auf den Schlag neun Uhr sich jener Unbekannte im Hause hoeren liess, schnell entfernen. In meinem Kaemmerchen vernahm ich, wie er bei dem Vater hineintrat und bald darauf war es mir dann, als verbreite sich im Hause ein feiner seltsam riechender Dampf. Immer hoeher mit der Neugierde wuchs der Mut, auf irgend eine Weise des Sandmanns Bekanntschaft zu machen. Oft schlich ich schnell aus dem Kaemmerchen auf den Korridor, wenn die Mutter voruebergegangen, aber nichts konnte ich erlauschen, denn immer war der Sandmann schon zur Tuere hinein, wenn ich den Platz erreicht hatte, wo er mir sichtbar werden musste. Endlich von unwiderstehlichem Drange getrieben, beschloss ich, im Zimmer des Vaters selbst mich zu verbergen und den Sandmann zu erwarten. An des Vaters Schweigen, an der Mutter Traurigkeit merkte ich eines Abends, dass der Sandmann kommen werde; ich schuetzte daher grosse Muedigkeit vor, verliess schon vor neun Uhr das Zimmer und verbarg mich dicht neben der Tuere in einen Schlupfwinkel. Die Haustuer knarrte, durch den Flur ging es, langsamen, schweren, droehnenden Schrittes nach der Treppe. Die Mutter eilte mit dem Geschwister mir vorueber. Leise - leise oeffnete ich des Vaters Stubentuer. Er sass, wie gewoehnlich, stumm und starr den Ruecken der Tuere zugekehrt, er bemerkte mich nicht, schnell war ich hinein und hinter der Gardine, die einem gleich neben der Tuere stehenden offnen Schrank, worin meines Vaters Kleider hingen, vorgezogen war. - Naeher - immer naeher droehnten die Tritte - es hustete und scharrte und brummte seltsam draussen. Das Herz bebte mir vor Angst und Erwartung. - Dicht, dicht vor der Tuere ein scharfer Tritt - ein heftiger Schlag auf die Klinke, die Tuer springt rasselnd auf! - Mit Gewalt mich ermannend gucke ich behutsam hervor. Der Sandmann steht mitten in der Stube vor meinem Vater, der helle Schein der Lichter brennt ihm ins Gesicht! - Der Sandmann, der fuerchterliche Sandmann ist der alte Advokat Coppelius, der manchmal bei uns zu Mittage isst! Aber die graesslichste Gestalt haette mir nicht tieferes Entsetzen erregen koennen, als eben dieser Coppelius. - Denke Dir einen grossen breitschultrigen Mann mit einem unfoermlich dicken Kopf, erdgelbem Gesicht, buschigten grauen Augenbrauen, unter denen ein Paar gruenliche Katzenaugen stechend hervorfunkeln, grosser, starker ueber die Oberlippe gezogener Nase. Das schiefe Maul verzieht sich oft zum haemischen Lachen; dann werden auf den Backen ein paar dunkelrote Flecke sichtbar und ein seltsam zischender Ton faehrt durch die zusammengekniffenen Zaehne. Coppelius erschien immer in einem altmodisch zugeschnittenen aschgrauen Rocke, eben solcher Weste und gleichen Beinkleidern, aber dazu schwarze Struempfe und Schuhe mit kleinen Steinschnallen. Die kleine Peruecke reichte kaum bis ueber den Kopfwirbel heraus, die Kleblocken standen hoch ueber den grossen roten Ohren und ein breiter verschlossener Haarbeutel starrte von dem Nacken weg, so dass man die silberne Schnalle sah, die die gefaeltelte Halsbinde schloss. Die ganze Figur war ueberhaupt widrig und abscheulich; aber vor allem waren uns Kindern seine grossen knotigten, haarigten Faeuste zuwider, so dass wir, was er damit beruehrte, nicht mehr mochten. Das hatte er bemerkt und nun war es seine Freude, irgend ein Stueckchen Kuchen, oder eine suesse Frucht, die uns die gute Mutter heimlich auf den Teller gelegt, unter diesem, oder jenem Vorwande zu beruehren, dass wir, helle Traenen in den Augen, die Naescherei, der wir uns erfreuen sollten, nicht mehr geniessen mochten vor Ekel und Abscheu. Ebenso machte er es, wenn uns an Feiertagen der Vater ein klein Glaeschen suessen Weins eingeschenkt hatte. Dann fuhr er schnell mit der Faust herueber, oder brachte wohl gar das Glas an die blauen Lippen und lachte recht teuflisch, wenn wir unsern Aerger nur leise schluchzend aeussern durften. Er pflegte uns nur immer die kleinen Bestien zu nennen; wir durften, war er zugegen, keinen Laut von uns geben und verwuenschten den haesslichen, feindlichen Mann, der uns recht mit Bedacht und Absicht auch die kleinste Freude verdarb. Die Mutter schien ebenso, wie wir, den widerwaertigen Coppelius zu hassen; denn so wie er sich zeigte, war ihr Frohsinn, ihr heiteres unbefangenes Wesen umgewandelt in traurigen, duestern Ernst. Der Vater betrug sich gegen ihn, als sei er ein hoeheres Wesen, dessen Unarten man dulden und das man auf jede Weise bei guter Laune erhalten muesse. Er durfte nur leise andeuten und Lieblingsgerichte wurden gekocht und seltene Weine kredenzt. Als ich nun diesen Coppelius sah, ging es grausig und entsetzlich in meiner Seele auf, dass ja niemand anders, als er, der Sandmann sein koenne, aber der Sandmann war mir nicht mehr jener Popanz aus dem Ammenmaerchen, der dem Eulennest im Halbmonde Kinderaugen zur Atzung holt - nein! - ein haesslicher gespenstischer Unhold, der ueberall, wo er einschreitet, Jammer - Not - zeitliches, ewiges Verderben bringt. Ich war fest gezaubert. Auf die Gefahr entdeckt, und, wie ich deutlich dachte, hart gestraft zu werden, blieb ich stehen, den Kopf lauschend durch die Gardine hervorgestreckt. Mein Vater empfing den Coppelius feierlich. "Auf! - zum Werk", rief dieser mit heiserer, schnurrender Stimme und warf den Rock ab. Der Vater zog still und finster seinen Schlafrock aus und beide kleideten sich in lange schwarze Kittel. Wo sie die hernahmen, hatte ich uebersehen. Der Vater oeffnete die Fluegeltuer eines Wandschranks; aber ich sah, dass das, was ich solange dafuer gehalten, kein Wandschrank, sondern vielmehr eine schwarze Hoehlung war, in der ein kleiner Herd stand. Coppelius trat hinzu und eine blaue Flamme knisterte auf dem Herde empor. Allerlei seltsames Geraete stand umher. Ach Gott! - wie sich nun mein alter Vater zum Feuer herabbueckte, da sah er ganz anders aus. Ein graesslicher krampfhafter Schmerz schien seine sanften ehrlichen Zuege zum haesslichen widerwaertigen Teufelsbilde verzogen zu haben. Er sah dem Coppelius aehnlich. Dieser schwang die glutrote Zange und holte damit hellblinkende Massen aus dem dicken Qualm, die er dann emsig haemmerte. Mir war es als wuerden Menschengesichter ringsumher sichtbar, aber ohne Augen - scheussliche, tiefe schwarze Hoehlen statt ihrer. "Augen her, Augen her!" rief Coppelius mit dumpfer droehnender Stimme. Ich kreischte auf von wildem Entsetzen gewaltig erfasst und stuerzte aus meinem Versteck heraus auf den Boden. Da ergriff mich Coppelius, "kleine Bestie! - kleine Bestie!" meckerte er zaehnfletschend! - riss mich auf und warf mich auf den Herd, dass die Flamme mein Haar zu sengen begann: "Nun haben wir Augen - Augen - ein schoen Paar Kinderaugen." So fluesterte Coppelius, und griff mit den Faeusten glutrote Koerner aus der Flamme, die er mir in die Augen streuen wollte. Da hob mein Vater flehend die Haende empor und rief. "Meister! Meister! lass meinem Nathanael die Augen - lass sie ihm!" Coppelius lachte gellend auf und rief. "Mag denn der Junge die Augen behalten und sein Pensum flennen in der Welt; aber nun wollen wir doch den Mechanismus der Haende und der Fuesse recht observieren." Und damit fasste er mich gewaltig, dass die Gelenke knackten, und schrob mir die Haende ab und die Fuesse und setzte sie bald hier, bald dort wieder ein. "'s steht doch ueberall nicht recht! 's gut so wie es war! - Der Alte hat's verstanden!" So zischte und lispelte Coppelius; aber alles um mich her wurde schwarz und finster, ein jaeher Krampf durchzuckte Nerv und Gebein - ich fuehlte nichts mehr. Ein sanfter warmer Hauch glitt ueber mein Gesicht, ich erwachte wie aus dem Todesschlaf, die Mutter hatte sich ueber mich hingebeugt. "Ist der Sandmann noch da?" stammelte ich. "Nein, mein liebes Kind, der ist lange, lange fort, der tut dir keinen Schaden!" - So sprach die Mutter und kuesste und herzte den wiedergewonnenen Liebling. Was soll ich Dich ermueden, mein herzlieber Lothar! was soll ich so weitlaeufig einzelnes hererzaehlen, da noch so vieles zu sagen uebrig bleibt? Genug! - ich war bei der Lauscherei entdeckt, und von Coppelius gemisshandelt worden. Angst und Schrecken hatten mir ein hitziges Fieber zugezogen, an dem ich mehrere Wochen krank lag. "Ist der Sandmann noch da?" - Das war mein erstes gesundes Wort und das Zeichen meiner Genesung, meiner Rettung. - Nur noch den schrecklichsten Moment meiner Jugendjahre darf ich Dir erzaehlen; dann wirst Du ueberzeugt sein, dass es nicht meiner Augen Bloedigkeit ist, wenn mir nun alles farblos erscheint, sondern, dass ein dunkles Verhaengnis wirklich einen trueben Wolkenschleier ueber mein Leben gehaengt hat, den ich vielleicht nur sterbend zerreisse. Coppelius liess sich nicht mehr sehen, es hiess, er habe die Stadt verlassen. Ein Jahr mochte vergangen sein, als wir der alten unveraenderten Sitte gemaess abends an dem runden Tische sassen. Der Vater war sehr heiter und erzaehlte viel Ergoetzliches von den Reisen, die er in seiner Jugend gemacht. Da hoerten wir, als es neune schlug, ploetzlich die Haustuer in den Angeln knarren und langsame eisenschwere Schritte droehnten durch den Hausflur die Treppe herauf. "Das ist Coppelius", sagte meine Mutter erblassend. "Ja! - es ist Coppelius", wiederholte der Vater mit matter gebrochener Stimme. Die Traenen stuerzten der Mutter aus den Augen. "Aber Vater, Vater!" rief sie, "muss es denn so sein?" - "Zum letzten Male!" erwiderte dieser, "zum letzten Male kommt er zu mir, ich verspreche es dir. Geh nur, geh mit den Kindern! - Geht - geht zu Bette! Gute Nacht!" Mir war es, als sei ich in schweren kalten Stein eingepresst - mein Atem stockte! - Die Mutter ergriff mich beim Arm als ich unbeweglich stehen blieb: "Komm Nathanael, komme nur!" Ich liess mich fortfuehren, ich trat in meine Kammer. "Sei ruhig, sei ruhig, lege dich ins Bette! - schlafe - schlafe", rief mir die Mutter nach; aber von unbeschreiblicher innerer Angst und Unruhe gequaelt, konnte ich kein Auge zutun. Der verhasste abscheuliche Coppelius stand vor mir mit funkelnden Augen und lachte mich haemisch an, vergebens trachtete ich sein Bild los zu werden. Es mochte wohl schon Mitternacht sein, als ein entsetzlicher Schlag geschah, wie wenn ein Geschuetz losgefeuert wuerde. Das ganze Haus erdroehnte, es rasselte und rauschte bei meiner Tuere vorueber, die Haustuere wurde klirrend zugeworfen. "Das ist Coppelius!" rief ich entsetzt und sprang aus dem Bette. Da kreischte es auf in schneidendem trostlosen Jammer, fort stuerzte ich nach des Vaters Zimmer, die Tuere stand offen, erstickender Dampf quoll mir entgegen, das Dienstmaedchen schrie: "Ach, der Herr! - der Herr!" - Vor dem dampfenden Herde auf dem Boden lag mein Vater tot mit schwarz verbranntem graesslich verzerrtem Gesicht, um ihn herum heulten und winselten die Schwestern - die Mutter ohnmaechtig daneben! - "Coppelius, verruchter Satan, du hast den Vater erschlagen!" - So schrie ich auf, mir vergingen die Sinne. Als man zwei Tage darauf meinen Vater in den Sarg legte, waren seine Gesichtszuege wieder mild und sanft geworden, wie sie im Leben waren. Troestend ging es in meiner Seele auf, dass sein Bund mit dem teuflischen Coppelius ihn nicht ins ewige Verderben gestuerzt haben koenne. Die Explosion hatte die Nachbarn geweckt, der Vorfall wurde ruchtbar und kam vor die Obrigkeit, welche den Coppelius zur Verantwortung vorfordern wollte. Der war aber spurlos vom Orte verschwunden. Wenn ich Dir nun sage, mein herzlieber Freund! dass jener Wetterglashaendler eben der verruchte Coppelius war, so wirst Du mir es nicht verargen, dass ich die feindliche Erscheinung als schweres Unheil bringend deute. Er war anders gekleidet, aber Coppelius' Figur und Gesichtszuege sind zu tief in mein Innerstes eingepraegt, als dass hier ein Irrtum moeglich sein sollte. Zudem hat Coppelius nicht einmal seinen Namen geaendert. Er gibt sich hier, wie ich hoere, fuer einen piemontesischen Mechanikus aus, und nennt sich Giuseppe Coppola. Ich bin entschlossen es mit ihm aufzunehmen und des Vaters Tod zu raechen, mag es denn nun gehen wie es will. Der Mutter erzaehle nichts von dem Erscheinen des graesslichen Unholds - Gruesse meine liebe holde Clara, ich schreibe ihr in ruhigerer Gemuetsstimmung. Lebe wohl etc. etc. Clara an Nathanael Wahr ist es, dass Du recht lange mir nicht geschrieben hast, aber dennoch glaube ich, dass Du mich in Sinn und Gedanken traegst. Denn meiner gedachtest Du wohl recht lebhaft, als Du Deinen letzten Brief an Bruder Lothar absenden wolltest und die Aufschrift, statt an ihn an mich richtetest. Freudig erbrach ich den Brief und wurde den Irrtum erst bei den Worten inne: "Ach mein herzlieber Lothar!" - Nun haette ich nicht weiter lesen, sondern den Brief dem Bruder geben sollen. Aber, hast Du mir auch sonst manchmal in kindischer Neckerei vorgeworfen, ich haette solch ruhiges, weiblich besonnenes Gemuet, dass ich wie jene Frau, drohe das Haus den Einsturz, noch vor schneller Flucht ganz geschwinde einen falschen Kniff in der Fenstergardine glattstreichen wuerde, so darf ich doch wohl kaum versichern, dass Deines Briefes Anfang mich tief erschuetterte. Ich konnte kaum atmen, es flimmerte mir vor den Augen. - Ach, mein herzgeliebter Nathanael! was konnte so Entsetzliches in Dein Leben getreten sein! Trennung von Dir, Dich niemals wiedersehen, der Gedanke durchfuhr meine Brust wie ein gluehender Dolchstich. - Ich las und las! - Deine Schilderung des widerwaertigen Coppelius ist graesslich. Erst jetzt vernahm ich, wie Dein guter alter Vater solch entsetzlichen, gewaltsamen Todes starb. Bruder Lothar, dem ich sein Eigentum zustellte, suchte mich zu beruhigen, aber es gelang ihm schlecht. Der fatale Wetterglashaendler Giuseppe Coppola verfolgte mich auf Schritt und Tritt und beinahe schaeme ich mich, es zu gestehen, dass er selbst meinen gesunden, sonst so ruhigen Schlaf in allerlei wunderlichen Traumgebilden zerstoeren konnte. Doch bald, schon den andern Tag, hatte sich alles anders in mir gestaltet. Sei mir nur nicht boese, mein Inniggeliebter, wenn Lothar Dir etwa sagen moechte, dass ich trotz Deiner seltsamen Ahnung, Coppelius werde Dir etwas Boeses antun, ganz heitern unbefangenen Sinnes bin, wie immer. Geradeheraus will ich es Dir nur gestehen, dass, wie ich meine, alles Entsetzliche und Schreckliche, wovon Du sprichst, nur in Deinem Innern vorging, die wahre wirkliche Aussenwelt aber daran wohl wenig teilhatte. Widerwaertig genug mag der alte Coppelius gewesen sein, aber dass er Kinder hasste, das brachte in Euch Kindern wahren Abscheu gegen ihn hervor. Natuerlich verknuepfte sich nun in Deinem kindischen Gemuet der schreckliche Sandmann aus dem Ammenmaerchen mit dem alten Coppelius, der Dir, glaubtest Du auch nicht an den Sandmann, ein gespenstischer, Kindern vorzueglich gefaehrlicher, Unhold blieb. Das unheimliche Treiben mit Deinem Vater zur Nachtzeit war wohl nichts anders, als dass beide insgeheim alchymistische Versuche machten, womit die Mutter nicht zufrieden sein konnte, da gewiss viel Geld unnuetz verschleudert und obendrein, wie es immer mit solchen Laboranten der Fall sein soll, des Vaters Gemuet ganz von dem truegerischen Drange nach hoher Weisheit erfuellt, der Familie abwendig gemacht wurde. Der Vater hat wohl gewiss durch eigne Unvorsichtigkeit seinen Tod herbeigefuehrt, und Coppelius ist nicht schuld daran: Glaubst Du, dass ich den erfahrnen Nachbar Apotheker gestern frug, ob wohl bei chemischen Versuchen eine solche augenblicklich toetende Explosion moeglich sei? Der sagte: "Ei allerdings" und beschrieb mir nach seiner Art gar weitlaeufig und umstaendlich, wie das zugehen koenne, und nannte dabei so viel sonderbar klingende Namen, die ich gar nicht zu behalten vermochte. - Nun wirst Du wohl unwillig werden ueber Deine Clara, Du wirst sagen: "In dies kalte Gemuet dringt kein Strahl des Geheimnisvollen, das den Menschen oft mit unsichtbaren Armen umfasst; sie erschaut nur die bunte Oberflaeche der Welt und freut sich, wie das kindische Kind ueber die goldgleissende Frucht, in deren Innern toedliches Gift verborgen." Ach mein herzgeliebter Nathanael! glaubst Du denn nicht, dass auch in heitern - unbefangenen - sorglosen Gemuetern die Ahnung wohnen koenne von einer dunklen Macht, die feindlich uns in unserm eignen Selbst zu verderben strebt? - Aber verzeih es mir, wenn ich einfaeltig Maedchen mich unterfange, auf irgend eine Weise Dir anzudeuten, was ich eigentlich von solchem Kampfe im Innern glaube. - Ich finde wohl gar am Ende nicht die rechten Worte und Du lachst mich aus, nicht, weil ich was Dummes meine, sondern weil ich mich so ungeschickt anstelle, es zu sagen. Gibt es eine dunkle Macht, die so recht feindlich und verraeterisch einen Faden in unser Inneres legt, woran sie uns dann festpackt und fortzieht auf einem gefahrvollen verderblichen Wege, den wir sonst nicht betreten haben wuerden - gibt es eine solche Macht, so muss sie in uns sich, wie wir selbst gestalten, ja unser Selbst werden; denn nur _so_ glauben wir an sie und raeumen ihr den Platz ein, dessen sie bedarf, um jenes geheime Werk zu vollbringen. Haben wir festen, durch das heitre Leben gestaerkten, Sinn genug, um fremdes feindliches Einwirken als solches stets zu erkennen und den Weg, in den uns Neigung und Beruf geschoben, ruhigen Schrittes zu verfolgen, so geht wohl jene unheimliche Macht unter in dem vergeblichen Ringen nach der Gestaltung, die unser eignes Spiegelbild sein sollte. Es ist auch gewiss, fuegt Lothar hinzu, dass die dunkle psychische Macht, haben wir uns durch uns selbst ihr hingegeben, oft fremde Gestalten, die die Aussenwelt uns in den Weg wirft, in unser Inneres hineinzieht, so, dass wir selbst nur den Geist entzuenden, der, wie wir in wunderlicher Taeuschung glauben, aus jener Gestalt spricht. Es ist das Phantom unseres eigenen Ichs, dessen innige Verwandtschaft und dessen tiefe Einwirkung auf unser Gemuet uns in die Hoelle wirft, oder in den Himmel verzueckt. - Du merkst, mein herzlieber Nathanael! dass wir, ich und Bruder Lothar uns recht ueber die Materie von dunklen Maechten und Gewalten ausgesprochen haben, die mir nun, nachdem ich nicht ohne Muehe das Hauptsaechlichste aufgeschrieben, ordentlich tiefsinnig vorkommt. Lothars letzte Worte verstehe ich nicht ganz, ich ahne nur, was er meint, und doch ist es mir, als sei alles sehr wahr. Ich bitte Dich, schlage Dir den haesslichen Advokaten Coppelius und den Wetterglasmann Giuseppe Coppola ganz aus dem Sinn. Sei ueberzeugt, dass diese fremden Gestalten nichts ueber Dich vermoegen; nur der Glaube an ihre feindliche Gewalt kann sie Dir in der Tat feindlich machen. Spraeche nicht aus jeder Zeile Deines Briefes die tiefste Aufregung Deines Gemuets, schmerzte mich nicht Dein Zustand recht in innerster Seele, wahrhaftig, ich koennte ueber den Advokaten Sandmann und den Wetterglashaendler Coppelius scherzen. Sei heiter - heiter! - Ich habe mir vorgenommen, bei Dir zu erscheinen, wie Dein Schutzgeist, und den haesslichen Coppola, sollte er es sich etwa beikommen lassen, Dir im Traum beschwerlich zu fallen, mit lautem Lachen fortzubannen. Ganz und gar nicht fuerchte ich mich vor ihm und vor seinen garstigen Faeusten, er soll mir weder als Advokat eine Naescherei, noch als Sandmann die Augen verderben. Ewig, mein herzinnigstgeliebter Nathanael etc. etc. etc. Nathanael an Lothar Sehr unlieb ist es mir, dass Clara neulich den Brief an Dich aus, freilich durch meine Zerstreutheit veranlagtem, Irrtum erbrach und las. Sie hat mir einen sehr tiefsinnigen philosophischen Brief geschrieben, worin sie ausfuehrlich beweiset, dass Coppelius und Coppola nur in meinem Innern existieren und Phantome meines Ichs sind, die augenblicklich zerstaeuben, wenn ich sie als solche erkenne. In der Tat, man sollte gar nicht glauben, dass der Geist, der aus solch hellen holdlaechelnden Kindesaugen, oft wie ein lieblicher suesser Traum, hervorleuchtet, so gar verstaendig, so magistermaessig distinguieren koenne. Sie beruft sich auf Dich. Ihr habt ueber mich gesprochen. Du liesest ihr wohl logische Kollegia, damit sie alles fein sichten und sondern lerne. - Lass das bleiben! - Uebrigens ist es wohl gewiss, dass der Wetterglashaendler Giuseppe Coppola keinesweges der alte Advokat Coppelius ist. Ich hoere bei dem erst neuerdings angekommenen Professor der Physik, der, wie jener beruehmte Naturforscher, Spalanzani heisst und italienischer Abkunft ist, Kollegia. Der kennt den Coppola schon seit vielen Jahren und ueberdem hoert man es auch seiner Aussprache an, dass er wirklich Piemonteser ist. Coppelius war ein Deutscher, aber wie mich duenkt, kein ehrlicher. Ganz beruhigt bin ich nicht. Haltet Ihr, Du und Clara, mich immerhin fuer einen duestern Traeumer, aber nicht los kann ich den Eindruck werden, den Coppelius' verfluchtes Gesicht auf mich macht. Ich bin froh, dass er fort ist aus der Stadt, wie mir Spalanzani sagt. Dieser Professor ist ein wunderlicher Kauz. Ein kleiner rundlicher Mann, das Gesicht mit starken Backenknochen, feiner Nase, aufgeworfenen Lippen, kleinen stechenden Augen. Doch besser, als in jeder Beschreibung, siehst Du ihn, wenn Du den Cagliostro, wie er von Chodowiecki in irgend einem Berlinischen Taschenkalender steht, anschauest. - So sieht Spalanzani aus. - Neulich steige ich die Treppe herauf und nehme wahr, dass die sonst einer Glastuere dicht vorgezogene Gardine zur Seite einen kleinen Spalt laesst. Selbst weiss ich nicht, wie ich dazu kam, neugierig durchzublicken. Ein hohes, sehr schlank im reinsten Ebenmass gewachsenes, herrlich gekleidetes Frauenzimmer sass im Zimmer vor einem kleinen Tisch, auf den sie beide Aerme, die Haende zusammengefaltet, gelegt hatte. Sie sass der Tuere gegenueber, so, dass ich ihr engelschoenes Gesicht ganz erblickte. Sie schien mich nicht zu bemerken, und ueberhaupt hatten ihre Augen etwas Starres, beinahe moecht ich sagen, keine Sehkraft, es war mir so, als schliefe sie mit offnen Augen. Mir wurde ganz unheimlich und deshalb schlich ich leise fort ins Auditorium, das daneben gelegen. Nachher erfuhr ich, dass die Gestalt, die ich gesehen, Spalanzanis Tochter, Olimpia war, die er sonderbarer und schlechter Weise einsperrt, so, dass durchaus kein Mensch in ihre Naehe kommen darf. - Am Ende hat es eine Bewandtnis mit ihr, sie ist vielleicht bloedsinnig oder sonst. - Weshalb schreibe ich Dir aber das alles? Besser und ausfuehrlicher haette ich Dir das muendlich erzaehlen koennen. Wisse naemlich, dass ich ueber vierzehn Tage bei Euch bin. Ich muss mein suesses liebes Engelsbild, meine Clara, wiedersehen. Weggehaucht wird dann die Verstimmung sein, die sich (ich muss das gestehen) nach dem fatalen verstaendigen Briefe meiner bemeistern wollte. Deshalb schreibe ich auch heute nicht an sie. Tausend Gruesse etc. etc. etc. Seltsamer und wunderlicher kann nichts erfunden werden, als dasjenige ist, was sich mit meinem armen Freunde, dem jungen Studenten Nathanael, zugetragen, und was ich dir, guenstiger Leser! zu erzaehlen unternommen. Hast du, Geneigtester! wohl jemals etwas erlebt, das deine Brust, Sinn und Gedanken ganz und gar erfuellte, alles andere daraus verdraengend? Es gaerte und kochte in dir, zur siedenden Glut entzuendet sprang das Blut durch die Adern und faerbte hoeher deine Wangen. Dein Blick war so seltsam als wolle er Gestalten, keinem andern Auge sichtbar, im leeren Raum erfassen und die Rede zerfloss in dunkle Seufzer. Da frugen dich die Freunde: "Wie ist Ihnen, Verehrter? - Was haben Sie, Teurer?" Und nun wolltest du das innere Gebilde mit allen gluehenden Farben und Schatten und Lichtern aussprechen und muehtest dich ab, Worte zu finden, um nur anzufangen. Aber es war dir, als muesstest du nun gleich im ersten Wort alles Wunderbare, Herrliche, Entsetzliche, Lustige, Grauenhafte, das sich zugetragen, recht zusammengreifen, so dass es, wie ein elektrischer Schlag, alle treffe. Doch jedes Wort, alles was Rede vermag, schien dir farblos und frostig und tot. Du suchst und suchst, und stotterst und stammelst, und die nuechternen Fragen der Freunde schlagen, wie eisige Windeshauche, hinein in deine innere Glut, bis sie verloeschen will. Hattest du aber, wie ein kecker Maler, erst mit einigen verwegenen Strichen, den Umriss deines innern Bildes hingeworfen, so trugst du mit leichter Muehe immer gluehender und gluehender die Farben auf und das lebendige Gewuehl mannigfacher Gestalten riss die Freunde fort und sie sahen, wie du, sich selbst mitten im Bilde, das aus deinem Gemuet hervorgegangen! - Mich hat, wie ich es dir, geneigter Leser! gestehen muss, eigentlich niemand nach der Geschichte des jungen Nathanael gefragt; du weisst ja aber wohl, dass ich zu dem wunderlichen Geschlechte der Autoren gehoere, denen, tragen sie etwas so in sich, wie ich es vorhin beschrieben, so zumute wird, als frage jeder, der in ihre Naehe kommt und nebenher auch wohl noch die ganze Welt: "Was ist es denn? Erzaehlen Sie Liebster?" - So trieb es mich denn gar gewaltig, von Nathanaels verhaengnisvollem Leben zu dir zu sprechen. Das Wunderbare, Seltsame davon erfuellte meine ganze Seele, aber eben deshalb und weil ich dich, o mein Leser! gleich geneigt machen musste, Wunderliches zu ertragen, welches nichts Geringes ist, quaelte ich mich ab, Nathanaels Geschichte, bedeutend - originell, ergreifend, anzufangen: "Es war einmal" - der schoenste Anfang jeder Erzaehlung, zu nuechtern! - "In der kleinen Provinzialstadt S. lebte" - etwas besser, wenigstens ausholend zum Klimax. - Oder gleich medias in res: "'Scher er sich zum Teufel', rief, Wut und Entsetzen im wilden Blick, der Student Nathanael, als der Wetterglashaendler Giuseppe Coppola" - Das hatte ich in der Tat schon aufgeschrieben, als ich in dem wilden Blick des Studenten Nathanael etwas Possierliches zu verspueren glaubte; die Geschichte ist aber gar nicht spasshaft. Mir kam keine Rede in den Sinn, die nur im mindesten etwas von dem Farbenglanz des innern Bildes abzuspiegeln schien. Ich beschloss gar nicht anzufangen. Nimm, geneigter Leser! die drei Briefe, welche Freund Lothar mir guetigst mitteilte, fuer den Umriss des Gebildes, in das ich nun erzaehlend immer mehr und mehr Farbe hineinzutragen mich bemuehen werde. Vielleicht gelingt es mir, manche Gestalt, wie ein guter Portraetmaler, so aufzufassen, dass du es aehnlich findest, ohne das Original zu kennen, ja dass es dir ist, als haettest du die Person recht oft schon mit leibhaftigen Augen gesehen. Vielleicht wirst du, o mein Leser! dann glauben, dass nichts wunderlicher und toller sei, als das wirkliche Leben und dass dieses der Dichter doch nur, wie in eines matt geschliffnen Spiegels dunklem Widerschein, auffassen koenne. Damit klarer werde, was gleich anfangs zu wissen noetig, ist jenen Briefen noch hinzuzufuegen, dass bald darauf, als Nathanaels Vater gestorben, Clara und Lothar, Kinder eines weitlaeuftigen Verwandten, der ebenfalls gestorben und sie verwaist nachgelassen, von Nathanaels Mutter ins Haus genommen wurden. Clara und Nathanael fassten eine heftige Zuneigung zueinander, wogegen kein Mensch auf Erden etwas einzuwenden hatte; sie waren daher Verlobte, als Nathanael den Ort verliess um seine Studien in G. - fortzusetzen. Da ist er nun in seinem letzten Brief und hoert Kollegia bei dem beruehmten Professor Physices, Spalanzani. Nun koennte ich getrost in der Erzaehlung fortfahren; aber in dem Augenblick steht Claras Bild so lebendig mir vor Augen, dass ich nicht wegschauen kann, so wie es immer geschah, wenn sie mich holdlaechelnd anblickte. - Fuer schoen konnte Clara keinesweges gelten; das meinten alle, die sich von Amtswegen auf Schoenheit verstehen. Doch lobten die Architekten die reinen Verhaeltnisse ihres Wuchses, die Maler fanden Nacken, Schultern und Brust beinahe zu keusch geformt, verliebten sich dagegen saemtlich in das wunderbare Magdalenenhaar und faselten ueberhaupt viel von Battonischem Kolorit. Einer von ihnen, ein wirklicher Fantast, verglich aber hoechstseltsamer Weise Claras Augen mit einem See von Ruisdael, in dem sich des wolkenlosen Himmels reines Azur, Wald- und Blumenflur, der reichen Landschaft ganzes buntes, heitres Leben spiegelt. Dichter und Meister gingen aber weiter und sprachen: "Was See - was Spiegel! - Koennen wir denn das Maedchen anschauen, ohne dass uns aus ihrem Blick wunderbare himmlische Gesaenge und Klaenge entgegenstrahlen, die in unser Innerstes dringen, dass da alles wach und rege wird? Singen wir selbst dann nichts wahrhaft Gescheutes, so ist ueberhaupt nicht viel an uns und das lesen wir denn auch deutlich in dem um Claras Lippen schwebenden feinen Laecheln, wenn wir uns unterfangen, ihr etwas vorzuquinkelieren, das so tun will als sei es Gesang, unerachtet nur einzelne Toene verworren durcheinander springen." Es war dem so. Clara hatte die lebenskraeftige Fantasie des heitern unbefangenen, kindischen Kindes, ein tiefes weiblich zartes Gemuet, einen gar hellen scharf sichtenden Verstand. Die Nebler und Schwebler hatten bei ihr boeses Spiel; denn ohne zu viel zu reden, was ueberhaupt in Claras schweigsamer Natur nicht lag, sagte ihnen der helle Blick, und jenes feine ironische Laecheln: Lieben Freunde! wie moeget ihr mir denn zumuten, dass ich eure verfliessende Schattengebilde fuer wahre Gestalten ansehen soll, mit Leben und Regung? - Clara wurde deshalb von vielen kalt, gefuehllos, prosaisch gescholten; aber andere, die das Leben in klarer Tiefe aufgefasst, liebten ungemein das gemuetvolle, verstaendige, kindliche Maedchen, doch keiner so sehr, als Nathanael, der sich in Wissenschaft und Kunst kraeftig und heiter bewegte. Clara hing an dem Geliebten mit ganzer Seele; die ersten Wolkenschatten zogen durch ihr Leben, als er sich von ihr trennte. Mit welchem Entzuecken flog sie in seine Arme, als er nun, wie er im letzten Briefe an Lothar es verheissen, wirklich in seiner Vaterstadt ins Zimmer der Mutter eintrat. Es geschah so wie Nathanael geglaubt; denn in dem Augenblick, als er Clara wiedersah, dachte er weder an den Advokaten Coppelius, noch an Claras verstaendigen Brief, jede Verstimmung war verschwunden. Recht hatte aber Nathanael doch, als er seinem Freunde Lothar schrieb, dass des widerwaertigen Wetterglashaendlers Coppola Gestalt recht feindlich in sein Leben getreten sei. Alle fuehlten das, da Nathanael gleich in den ersten Tagen in seinem ganzen Wesen durchaus veraendert sich zeigte. Er versank in duestre Traeumereien, und trieb es bald so seltsam, wie man es niemals von ihm gewohnt gewesen. Alles, das ganze Leben war ihm Traum und Ahnung geworden; immer sprach er davon, wie jeder Mensch, sich frei waehnend, nur dunklen Maechten zum grausamen Spiel diene, vergeblich lehne man sich dagegen auf, demuetig muesse man sich dem fuegen, was das Schicksal verhaengt habe. Er ging so weit, zu behaupten, dass es toericht sei, wenn man glaube, in Kunst und Wissenschaft nach selbsttaetiger Willkuer zu schaffen; denn die Begeisterung, in der man nur zu schaffen faehig sei, komme nicht aus dem eignen Innern, sondern sei das Einwirken irgend eines ausser uns selbst liegenden hoeheren Prinzips. Der verstaendigen Clara war diese mystische Schwaermerei im hoechsten Grade zuwider, doch schien es vergebens, sich auf Widerlegung einzulassen. Nur dann, wenn Nathanael bewies, dass Coppelius das boese Prinzip sei, was ihn in dem Augenblick erfasst habe, als er hinter dem Vorhange lauschte, und dass dieser widerwaertige _Daemon_ auf entsetzliche Weise ihr Liebesglueck stoeren werde, da wurde Clara sehr ernst und sprach: "Ja Nathanael! du hast recht, Coppelius ist ein boeses feindliches Prinzip, er kann Entsetzliches wirken, wie eine teuflische Macht, die sichtbarlich in das Leben trat, aber nur dann, wenn du ihn nicht aus Sinn und Gedanken verbannst. Solange du an ihn glaubst, _ist_ er auch und wirkt, nur dein Glaube ist seine Macht." - Nathanael, ganz erzuernt, dass Clara die Existenz des _Daemons_ nur in seinem eignen Innern statuiere, wollte dann hervorruecken mit der ganzen mystischen Lehre von Teufeln und grausen Maechten, Clara brach aber verdruesslich ab, indem sie irgend etwas Gleichgueltiges dazwischen schob, zu Nathanaels nicht geringem Aerger. _Der_ dachte, kalten unempfaenglichen Gemuetern verschliessen sich solche tiefe Geheimnisse, ohne sich deutlich bewusst zu sein, dass er Clara eben zu solchen untergeordneten Naturen zaehle, weshalb er nicht abliess mit Versuchen, sie in jene Geheimnisse einzuweihen. Am fruehen Morgen, wenn Clara das Fruehstueck bereiten half, stand er bei ihr und las ihr aus allerlei mystischen Buechern vor, dass Clara bat: "Aber lieber Nathanael, wenn ich _dich_ nun das boese Prinzip schelten wollte, das feindlich auf meinen Kaffee wirkt? - Denn, wenn ich, wie du es willst, alles stehen und liegen lassen und dir, indem du liesest, in die Augen schauen soll, so laeuft mir der Kaffee ins Feuer und ihr bekommt alle kein Fruehstueck!" - Nathanael klappte das Buch heftig zu und rannte voll Unmut fort in sein Zimmer. Sonst hatte er eine besondere Staerke in anmutigen, lebendigen Erzaehlungen, die er aufschrieb, und die Clara mit dem innigsten Vergnuegen anhoerte, jetzt waren seine Dichtungen duester, unverstaendlich, gestaltlos, so dass, wenn Clara schonend es auch nicht sagte, er doch wohl fuehlte, wie wenig sie davon angesprochen wurde. Nichts war fuer Clara toetender, als das Langweilige; in Blick und Rede sprach sich dann ihre nicht zu besiegende geistige Schlaefrigkeit aus. Nathanaels Dichtungen waren in der Tat sehr langweilig. Sein Verdruss ueber Claras kaltes prosaisches Gemuet stieg hoeher, Clara konnte ihren Unmut ueber Nathanaels dunkle, duestere, langweilige Mystik nicht ueberwinden, und so entfernten beide im Innern sich immer mehr voneinander, ohne es selbst zu bemerken. Die Gestalt des haesslichen Coppelius war, wie Nathanael selbst es sich gestehen musste, in seiner Fantasie erbleicht und es kostete ihm oft Muehe, ihn in seinen Dichtungen, wo er als grauser Schicksalspopanz auftrat, recht lebendig zu kolorieren. Es kam ihm endlich ein, jene duestre Ahnung, dass Coppelius sein Liebesglueck stoeren werde, zum Gegenstande eines Gedichts zu machen. Er stellte sich und Clara dar, in treuer Liebe verbunden, aber dann und wann war es, als griffe eine schwarze Faust in ihr Leben und risse irgend eine Freude heraus, die ihnen aufgegangen. Endlich, als sie schon am Traualtar stehen, erscheint der entsetzliche Coppelius und beruehrt Claras holde Augen; die springen in Nathanaels Brust wie blutige Funken sengend und brennend, Coppelius fasst ihn und wirft ihn in einen flammenden Feuerkreis, der sich dreht mit der Schnelligkeit des Sturmes und ihn sausend und brausend fortreisst. Es ist ein Tosen, als wenn der Orkan grimmig hineinpeitscht in die schaeumenden Meereswellen, die sich wie schwarze, weisshauptige Riesen emporbaeumen in wuetendem Kampfe. Aber durch dies wilde Tosen hoert er Claras Stimme: "Kannst du mich denn nicht erschauen? Coppelius hat dich getaeuscht, das waren ja nicht meine Augen, die so in deiner Brust brannten, das waren ja gluehende Tropfen deines eignen Herzbluts - ich habe ja meine Augen, sieh mich doch nur an!" - Nathanael denkt: Das ist Clara, und ich bin ihr eigen ewiglich. - Da ist es, als fasst der Gedanke gewaltig in den Feuerkreis hinein, dass er stehen bleibt, und im schwarzen Abgrund verrauscht dumpf das Getoese. Nathanael blickt in Claras Augen; aber es ist der Tod, der mit Claras Augen ihn freundlich anschaut. Waehrend Nathanael dies dichtete, war er sehr ruhig und besonnen, er feilte und besserte an jeder Zeile und da er sich dem metrischen Zwange unterworfen, ruhte er nicht, bis alles rein und wohlklingend sich fuegte. Als er jedoch nun endlich fertig worden, und das Gedicht fuer sich laut las, da fasste ihn Grausen und wildes Entsetzen und er schrie auf. "Wessen grauenvolle Stimme ist das?" - Bald schien ihm jedoch das Ganze wieder nur eine sehr gelungene Dichtung, und es war ihm, als muesse Claras kaltes Gemuet dadurch entzuendet werden, wiewohl er nicht deutlich dachte, wozu denn Clara entzuendet, und wozu es denn nun eigentlich fuehren solle, sie mit den grauenvollen Bildern zu aengstigen, die ein entsetzliches, ihre Liebe zerstoerendes Geschick weissagten. Sie, Nathanael und Clara, sassen in der Mutter kleinem Garten, Clara war sehr heiter, weil Nathanael sie seit drei Tagen, in denen er an jener Dichtung schrieb, nicht mit seinen Traeumen und Ahnungen geplagt hatte. Auch Nathanael sprach lebhaft und froh von lustigen Dingen wie sonst, so, dass Clara sagte: "Nun erst habe ich dich ganz wieder, siehst du es wohl, wie wir den haesslichen Coppelius vertrieben haben?" Da fiel dem Nathanael erst ein, dass er ja die Dichtung in der Tasche trage, die er habe vorlesen wollen. Er zog auch sogleich die Blaetter hervor und fing an zu lesen: Clara, etwas Langweiliges wie gewoehnlich vermutend und sich darein ergebend, fing an, ruhig zu stricken. Aber so wie immer schwaerzer und schwaerzer das duestre Gewoelk aufstieg, liess sie den Strickstrumpf sinken und blickte starr dem Nathanael ins Auge. _Den_ riss seine Dichtung unaufhaltsam fort, hochrot faerbte seine Wangen die innere Glut, Traenen quollen ihm aus den Augen. - Endlich hatte er geschlossen, er stoehnte in tiefer Ermattung - er fasste Claras Hand und seufzte wie aufgeloest in trostlosem Jammer: "Ach! - Clara - Clara!" - Clara drueckte ihn sanft an ihren Busen und sagte leise, aber sehr langsam und ernst: "Nathanael - mein herzlieber Nathanael! - wirf das tolle - unsinnige - wahnsinnige Maerchen ins Feuer." Da sprang Nathanael entruestet auf und rief, Clara von sich stossend: "Du lebloses, verdammtes Automat!" Er rannte fort, bittre Traenen vergoss die tief verletzte Clara: "Ach er hat mich niemals geliebt, denn er versteht mich nicht", schluchzte sie laut. - Lothar trat in die Laube; Clara musste ihm erzaehlen was vorgefallen; er liebte seine Schwester mit ganzer Seele, jedes Wort ihrer Anklage fiel wie ein Funke in sein Inneres, so, dass der Unmut, den er wider den traeumerischen Nathanael lange im Herzen getragen, sich entzuendete zum wilden Zorn. Er lief zu Nathanael, er warf ihm das unsinnige Betragen gegen die geliebte Schwester in harten Worten vor, die der aufbrausende Nathanael ebenso erwiderte. Ein fantastischer, wahnsinniger Geck wurde mit einem miserablen, gemeinen Alltagsmenschen erwidert. Der Zweikampf war unvermeidlich. Sie beschlossen, sich am folgenden Morgen hinter dem Garten nach dortiger akademischer Sitte mit scharfgeschliffenen Stossrapieren zu schlagen. Stumm und finster schlichen sie umher, Clara hatte den heftigen Streit gehoert und gesehen, dass der Fechtmeister in der Daemmerung die Rapiere brachte. Sie ahnte was geschehen sollte. Auf dem Kampfplatz angekommen hatten Lothar und Nathanael soeben duesterschweigend die Roecke abgeworfen, blutduerstige Kampflust im brennenden Auge wollten sie gegeneinander ausfallen, als Clara durch die Gartentuer herbeistuerzte. Schluchzend rief sie laut: "Ihr wilden entsetzlichen Menschen! - stosst mich nur gleich nieder, ehe ihr euch anfallt; denn wie soll ich denn laenger leben auf der Welt, wenn der Geliebte den Bruder, oder wenn der Bruder den Geliebten ermordet hat!" - Lothar liess die Waffe sinken und sah schweigend zur Erde nieder, aber in Nathanaels Innern ging in herzzerreissender Wehmut alle Liebe wieder auf, wie er sie jemals in der herrlichen Jugendzeit schoensten Tagen fuer die holde Clara empfunden. Das Mordgewehr entfiel seiner Hand, er stuerzte zu Claras Fuessen. "Kannst du mir denn jemals verzeihen, du meine einzige, meine herzgeliebte Clara! - Kannst du mir verzeihen, mein herzlieber Bruder Lothar!" - Lothar wurde geruehrt von des Freundes tiefem Schmerz; unter tausend Traenen umarmten sich die drei versoehnten Menschen und schwuren, nicht voneinander zu lassen in steter Liebe und Treue. Dem Nathanael war es zumute, als sei eine schwere Last, die ihn zu Boden gedrueckt, von ihm abgewaelzt, ja als habe er, Widerstand leistend der finstern Macht, die ihn befangen, sein ganzes Sein, dem Vernichtung drohte, gerettet. Noch drei selige Tage verlebte er bei den Lieben, dann kehrte er zurueck nach G., wo er noch ein Jahr zu bleiben, dann aber auf immer nach seiner Vaterstadt zurueckzukehren gedachte. Der Mutter war alles, was sich auf Coppelius bezog, verschwiegen worden; denn man wusste, dass sie nicht ohne Entsetzen an ihn denken konnte, weil sie, wie Nathanael, ihm den Tod ihres Mannes schuld gab. Wie erstaunte Nathanael, als er in seine Wohnung wollte und sah, dass das ganze Haus niedergebrannt war, so dass aus dem Schutthaufen nur die nackten Feuermauern hervorragten. Unerachtet das Feuer in dem Laboratorium des Apothekers, der im untern Stocke wohnte, ausgebrochen war, das Haus daher von unten herauf gebrannt hatte, so war es doch den kuehnen, ruestigen Freunden gelungen, noch zu rechter Zeit in Nathanaels im obern Stock gelegenes Zimmer zu dringen, und Buecher, Manuskripte, Instrumente zu retten. Alles hatten sie unversehrt in ein anderes Haus getragen, und dort ein Zimmer in Beschlag genommen, welches Nathanael nun sogleich bezog. Nicht sonderlich achtete er darauf, dass er dem Professor Spalanzani gegenueber wohnte, und ebensowenig schien es ihm etwas Besonderes, als er bemerkte, dass er aus seinem Fenster gerade hinein in das Zimmer blickte, wo oft Olimpia einsam sass, so, dass er ihre Figur deutlich erkennen konnte, wiewohl die Zuege des Gesichts undeutlich und verworren blieben. Wohl fiel es ihm endlich auf, dass Olimpia oft stundenlang in derselben Stellung, wie er sie einst durch die Glastuere entdeckte, ohne irgend eine Beschaeftigung an einem kleinen Tische sass und dass sie offenbar unverwandten Blickes nach ihm herueberschaute; er musste sich auch selbst gestehen, dass er nie einen schoeneren Wuchs gesehen; indessen, Clara im Herzen, blieb ihm die steife, starre Olimpia hoechst gleichgueltig und nur zuweilen sah er fluechtig ueber sein Kompendium herueber nach der schoenen Bildsaeule, das war alles. - Eben schrieb er an Clara, als es leise an die Tuere klopfte; sie oeffnete sich auf seinen Zuruf und Coppolas widerwaertiges Gesicht sah hinein. Nathanael fuehlte sich im Innersten erbeben; eingedenk dessen, was ihm Spalanzani ueber den Landsmann Coppola gesagt und was er auch ruecksichts des Sandmanns Coppelius der Geliebten so heilig versprochen, schaemte er sich aber selbst seiner kindischen Gespensterfurcht, nahm sich mit aller Gewalt zusammen und sprach so sanft und gelassen, als moeglich: "Ich kaufe kein Wetterglas, mein lieber Freund! gehen Sie nur!" Da trat aber Coppola vollends in die Stube und sprach mit heiserem Ton, indem sich das weite Maul zum haesslichen Lachen verzog und die kleinen Augen unter den grauen langen Wimpern stechend hervorfunkelten: "Ei, nix Wetterglas, nix Wetterglas! - hab auch skoene Oke - skoene Oke!" - Entsetzt rief Nathanael: "Toller Mensch, wie kannst du Augen haben? - Augen - Augen? -" Aber in dem Augenblick hatte Coppola seine Wetterglaeser beiseite gesetzt, griff in die weiten Rocktaschen und holte Lorgnetten und Brillen heraus, die er auf den Tisch legte. - "Nu - Nu - Brill - Brill auf der Nas su setze, das sein meine Oke - skoene Oke!" - Und damit holte er immer mehr und mehr Brillen heraus, so, dass es auf dem ganzen Tisch seltsam zu flimmern und zu funkeln begann. Tausend Augen blickten und zuckten krampfhaft und starrten auf zum Nathanael; aber er konnte nicht wegschauen von dem Tisch, und immer mehr Brillen legte Coppola hin, und immer wilder und wilder sprangen flammende Blicke durcheinander und schossen ihre blutrote Strahlen in Nathanaels Brust. Uebermannt von tollem Entsetzen schrie er auf.- "Halt ein! halt ein, fuerchterlicher Mensch!" - Er hatte Coppola, der eben in die Tasche griff, um noch mehr Brillen herauszubringen, unerachtet schon der ganze Tisch ueberdeckt war, beim Arm festgepackt. Coppola machte sich mit heiserem widrigen Lachen sanft los und mit den Worten: "Ah! - nix fuer Sie - aber hier skoene Glas" - hatte er alle Brillen zusammengerafft, eingesteckt und aus der Seitentasche des Rocks eine Menge grosser und kleiner Perspektive hervorgeholt. Sowie die Brillen fort waren, wurde Nathanael ganz ruhig und an Clara denkend sah er wohl ein, dass der entsetzliche Spuk nur aus seinem Innern hervorgegangen, sowie dass Coppola ein hoechst ehrlicher Mechanikus und Optikus, keineswegs aber Coppelii verfluchter Doppeltgaenger und Revenant sein koenne. Zudem hatten alle Glaeser, die Coppola nun auf den Tisch gelegt, gar nichts Besonderes, am wenigsten so etwas Gespenstisches wie die Brillen und, um alles wieder gutzumachen, beschloss Nathanael dem Coppola jetzt wirklich etwas abzukaufen. Er ergriff ein kleines sehr sauber gearbeitetes Taschenperspektiv und sah, um es zu pruefen, durch das Fenster. Noch im Leben war ihm kein Glas vorgekommen, das die Gegenstaende so rein, scharf und deutlich dicht vor die Augen rueckte. Unwillkuerlich sah er hinein in Spalanzanis Zimmer; Olimpia sass, wie gewoehnlich, vor dem kleinen Tisch, die Arme darauf gelegt, die Haende gefaltet. - Nun erschaute Nathanael erst Olimpias wunderschoen geformtes Gesicht. Nur die Augen schienen ihm gar seltsam starr und tot. Doch wie er immer schaerfer und schaerfer durch das Glas hinschaute, war es, als gingen in Olimpias Augen feuchte Mondesstrahlen auf. Es schien, als wenn nun erst die Sehkraft entzuendet wuerde; immer lebendiger und lebendiger flammten die Blicke. Nathanael lag wie festgezaubert im Fenster, immer fort und fort die himmlisch-schoene Olimpia betrachtend. Ein Raeuspern und Scharren weckte ihn, wie aus tiefem Traum. Coppola stand hinter ihm: "Tre Zechini - drei Dukat" - Nathanael hatte den Optikus rein vergessen, rasch zahlte er das Verlangte. "Nick so? - skoene Glas - skoene Glas!" frug Coppola mit seiner widerwaertigen heisern Stimme und dem haemischen Laecheln. "Ja ja, ja!" erwiderte Nathanael verdriesslich. "Adieu, lieber Freund!" - Coppola verliess nicht ohne viele seltsame Seitenblicke auf Nathanael, das Zimmer. Er hoerte ihn auf der Treppe laut lachen. "Nun ja", meinte Nathanael, "er lacht mich aus, weil ich ihm das kleine Perspektiv gewiss viel zu teuer bezahlt habe - zu teuer bezahlt!" - Indem er diese Worte leise sprach, war es, als halle ein tiefer Todesseufzer grauenvoll durch das Zimmer, Nathanaels Atem stockte vor innerer Angst. - Er hatte ja aber selbst so aufgeseufzt, das merkte er wohl. "Clara", sprach er zu sich selber, "hat wohl recht, dass sie mich fuer einen abgeschmackten Geisterseher haelt; aber naerrisch ist es doch - ach wohl mehr, als naerrisch, dass mich der dumme Gedanke, ich haette das Glas dem Coppola zu teuer bezahlt, noch jetzt so sonderbar aengstigt; den Grund davon sehe ich gar nicht ein." - Jetzt setzte er sich hin, um den Brief an Clara zu enden, aber ein Blick durchs Fenster ueberzeugte ihn, dass Olimpia noch dasaesse und im Augenblick, wie von unwiderstehlicher Gewalt getrieben, sprang er auf, ergriff Coppolas Perspektiv und konnte nicht los von Olimpias verfuehrerischem Anblick, bis ihn Freund und Bruder Siegmund abrief ins Kollegium bei dem Professor Spalanzani. Die Gardine vor dem verhaengnisvollen Zimmer war dicht zugezogen, er konnte Olimpia ebensowenig hier, als die beiden folgenden Tage hindurch in ihrem Zimmer, entdecken, unerachtet er kaum das Fenster verliess und fortwaehrend durch Coppolas Perspektiv hinueberschaute. Am dritten Tage wurden sogar die Fenster verhaengt. Ganz verzweifelt und getrieben von Sehnsucht und gluehendem Verlangen lief er hinaus vors Tor. Olimpias Gestalt schwebte vor ihm her in den Lueften und trat aus dem Gebuesch, und guckte ihn an mit grossen strahlenden Augen, aus dem hellen Bach. Claras Bild war ganz aus seinem Innern gewichen, er dachte nichts, als Olimpia und klagte ganz laut und weinerlich: "Ach du mein hoher herrlicher Liebesstern, bist du mir denn nur aufgegangen, um gleich wieder zu verschwinden, und mich zu lassen in finstrer hoffnungsloser Nacht?" Als er zurueckkehren wollte in seine Wohnung, wurde er in Spalanzanis Hause ein geraeuschvolles Treiben gewahr. Die Tueren standen offen, man trug allerlei Geraete hinein, die Fenster des ersten Stocks waren ausgehoben, geschaeftige Maegde kehrten und staeubten mit grossen Haarbesen hin- und herfahrend, inwendig klopften und haemmerten Tischler und Tapezierer. Nathanael blieb in vollem Erstaunen auf der Strasse stehen; da trat Siegmund lachend zu ihm und sprach: "Nun, was sagst du zu unserem alten Spalanzani?" Nathanael versicherte, dass er gar nichts sagen koenne, da er durchaus nichts vom Professor wisse, vielmehr mit grosser Verwunderung wahrnehme, wie in dem stillen duestern Hause ein tolles Treiben und Wirtschaften losgegangen; da erfuhr er denn von Siegmund, dass Spalanzani morgen ein grosses Fest geben wolle, Konzert und Ball, und dass die halbe Universitaet eingeladen sei. Allgemein verbreite man, dass Spalanzani seine Tochter Olimpia, die er so lange jedem menschlichen Auge recht aengstlich entzogen, zum erstenmal erscheinen lassen werde. Nathanael fand eine Einladungskarte und ging mit hochklopfendem Herzen zur bestimmten Stunde, als schon die Wagen rollten und die Lichter in den geschmueckten Saelen schimmerten, zum Professor. Die Gesellschaft war zahlreich und glaenzend. Olimpia erschien sehr reich und geschmackvoll gekleidet. Man musste ihr schoengeformtes Gesicht, ihren Wuchs bewundern. Der etwas seltsam eingebogene Ruecken, die wespenartige Duenne des Leibes schien von zu starkem Einschnueren bewirkt zu sein. In Schritt und Stellung hatte sie etwas Abgemessenes und Steifes, das manchem unangenehm auffiel; man schrieb es dem Zwange zu, den ihr die Gesellschaft auflegte. Das Konzert begann. Olimpia spielte den Fluegel mit grosser Fertigkeit und trug ebenso eine Bravour-Arie mit heller, beinahe schneidender Glasglockenstimme vor. Nathanael war ganz entzueckt; er stand in der hintersten Reihe und konnte im blendenden Kerzenlicht Olimpias Zuege nicht ganz erkennen. Ganz unvermerkt nahm er deshalb Coppolas Glas hervor und schaute hin nach der schoenen Olimpia. Ach! - da wurde er gewahr, wie sie voll Sehnsucht nach ihm heruebersah, wie jeder Ton erst deutlich aufging in dem Liebesblick, der zuendend sein Inneres durchdrang. Die kuenstlichen Rouladen schienen dem Nathanael das Himmelsjauchzen des in Liebe verklaerten Gemuets, und als nun endlich nach der Kadenz der lange Trillo recht schmetternd durch den Saal gellte, konnte er wie von gluehenden Aermen ploetzlich erfasst sich nicht mehr halten, er musste vor Schmerz und Entzuecken laut aufschreien: "Olimpia!" - Alle sahen sich um nach ihm, manche lachten. Der Domorganist schnitt aber noch ein finstreres Gesicht, als vorher und sagte bloss: "Nun nun!" - Das Konzert war zu Ende, der Ball fing an. "Mit ihr zu tanzen! - mit ihr!" das war nun dem Nathanael das Ziel aller Wuensche, alles Strebens; aber wie sich erheben zu dem Mut, sie, die Koenigin des Festes, aufzufordern? Doch! - er selbst wusste nicht wie es geschah, dass er, als schon der Tanz angefangen, dicht neben Olimpia stand, die noch nicht aufgefordert worden, und dass er, kaum vermoegend einige Worte zu stammeln, ihre Hand ergriff. Eiskalt war Olimpias Hand, er fuehlte sich durchbebt von grausigem Todesfrost, er starrte Olimpia ins Auge, das strahlte ihm voll Liebe und Sehnsucht entgegen und in dem Augenblick war es auch, als fingen an in der kalten Hand Pulse zu schlagen und des Lebensblutes Stroeme zu gluehen. Und auch in Nathanaels Innerm gluehte hoeher auf die Liebeslust, er umschlang die schoene Olimpia und durchflog mit ihr die Reihen. - Er glaubte sonst recht taktmaessig getanzt zu haben, aber an der ganz eignen rhythmischen Festigkeit, womit Olimpia tanzte und die ihn oft ordentlich aus der Haltung brachte, merkte er bald, wie sehr ihm der Takt gemangelt. Er wollte jedoch mit keinem andern Frauenzimmer mehr tanzen und haette jeden, der sich Olimpia naeherte, um sie aufzufordern, nur gleich ermorden moegen. Doch nur zweimal geschah dies, zu seinem Erstaunen blieb darauf Olimpia bei jedem Tanze sitzen und er ermangelte nicht, immer wieder sie aufzuziehen. Haette Nathanael ausser der schoenen Olimpia noch etwas andres zu sehen vermocht, so waere allerlei fataler Zank und Streit unvermeidlich gewesen; denn offenbar ging das halbleise, muehsam unterdrueckte Gelaechter, was sich in diesem und jenem Winkel unter den jungen Leuten erhob, auf die schoene Olimpia, die sie mit ganz kuriosen Blicken verfolgten, man konnte gar nicht wissen, warum? Durch den Tanz und durch den reichlich genossenen Wein erhitzt, hatte Nathanael alle ihm sonst eigne Scheu abgelegt. Er sass neben Olimpia, ihre Hand in der seinigen und sprach hochentflammt und begeistert von seiner Liebe in Worten, die keiner verstand, weder er, noch Olimpia. Doch diese vielleicht; denn sie sah ihm unverrueckt ins Auge und seufzte einmal uebers andere: "Ach - Ach - Ach!" - worauf denn Nathanael also sprach: "O du herrliche, himmlische Frau! - du Strahl aus dem verheissenen Jenseits der Liebe - du tiefes Gemuet, in dem sich mein ganzes Sein spiegelt" und noch mehr dergleichen, aber Olimpia seufzte bloss immer wieder: "Ach, Ach!" - Der Professor Spalanzani ging einigemal bei den Gluecklichen vorueber und laechelte sie ganz seltsam zufrieden an. Dem Nathanael schien es, unerachtet er sich in einer ganz andern Welt befand, mit einemmal, als wuerd es hienieden beim Professor Spalanzani merklich finster; er schaute um sich und wurde zu seinem nicht geringen Schreck gewahr, dass eben die zwei letzten Lichter in dem leeren Saal herniederbrennen und ausgehen wollten. Laengst hatten Musik und Tanz aufgehoert. "Trennung, Trennung", schrie er ganz wild und verzweifelt, er kuesste Olimpias Hand, er neigte sich zu ihrem Munde, eiskalte Lippen begegneten seinen gluehenden! - So wie, als er Olimpias kalte Hand beruehrte, fuehlte er sich von innerem Grausen erfasst, die Legende von der toten Braut ging ihm ploetzlich durch den Sinn; aber fest hatte ihn Olimpia an sich gedrueckt, und in dem Kuss schienen die Lippen zum Leben zu erwarmen. - Der Professor Spalanzani schritt langsam durch den leeren Saal, seine Schritte klangen hohl wieder und seine Figur, von flackernden Schlagschatten umspielt, hatte ein grauliches gespenstisches Ansehen. "Liebst du mich - liebst du mich Olimpia? - Nur dies Wort! - Liebst du mich?" So fluesterte Nathanael, aber Olimpia seufzte, indem sie aufstand, nur: "Ach - Ach!" - "Ja du mein holder, herrlicher Liebesstern", sprach Nathanael, "bist mir aufgegangen und wirst leuchten, wirst verklaeren mein Inneres immerdar!" - "Ach, ach!" replizierte Olimpia fortschreitend. Nathanael folgte ihr, sie standen vor dem Professor. "Sie haben sich ausserordentlich lebhaft mit meiner Tochter unterhalten", sprach dieser laechelnd: "Nun, nun, lieber Herr Nathanael, finden Sie Geschmack daran, mit dem bloeden Maedchen zu konvergieren, so sollen mir Ihre Besuche willkommen sein." - Einen ganzen hellen strahlenden Himmel in der Brust schied Nathanael von dannen. Spalanzanis Fest war der Gegenstand des Gespraechs in den folgenden Tagen. Unerachtet der Professor alles getan hatte, recht splendid zu erscheinen, so wussten doch die lustigen Koepfe von allerlei Unschicklichem und Sonderbarem zu erzaehlen, das sich begeben, und vorzueglich fiel man ueber die todstarre, stumme Olimpia her, der man, ihres schoenen Aeussern unerachtet, totalen Stumpfsinn andichten und darin die Ursache finden wollte, warum Spalanzani sie so lange verborgen gehalten. Nathanael vernahm das nicht ohne innern Grimm, indessen schwieg er; denn, dachte er, wuerde es wohl verlohnen, diesen Burschen zu beweisen, dass eben ihr eigner Stumpfsinn es ist, der sie Olimpias tiefes herrliches Gemuet zu erkennen hindert? "Tu mir den Gefallen, Bruder", sprach eines Tages Siegmund, "tu mir den Gefallen und sage, wie es dir gescheuten Kerl moeglich war, dich in das Wachsgesicht, in die Holzpuppe da drueben zu vergaffen?" Nathanael wollte zornig auffahren, doch schnell besann er sich und erwiderte: "Sage _du_ mir Siegmund, wie deinem, sonst alles Schoene klar auffassenden Blick, deinem regen Sinn, Olimpias himmlischer Liebreiz entgehen konnte? Doch eben deshalb habe ich, Dank sei es dem Geschick, dich nicht zum Nebenbuhler; denn sonst muesste einer von uns blutend fallen." Siegmund merkte wohl, wie es mit dem Freunde stand, lenkte geschickt ein, und fuegte, nachdem er geaeussert, dass in der Liebe niemals ueber den Gegenstand zu richten sei, hinzu: "Wunderlich ist es doch, dass viele von uns ueber Olimpia ziemlich gleich urteilen. Sie ist uns - nimm es nicht uebel, Bruder! - auf seltsame Weise starr und seelenlos erschienen. Ihr Wuchs ist regelmaessig, so wie ihr Gesicht, das ist wahr! - Sie koennte fuer schoen gelten, wenn ihr Blick nicht so ganz ohne Lebensstrahl, ich moechte sagen, ohne Sehkraft waere. Ihr Schritt ist sonderbar abgemessen, jede Bewegung scheint durch den Gang eines aufgezogenen Raederwerks bedingt. Ihr Spiel, ihr Singen hat den unangenehm richtigen geistlosen Takt der singenden Maschine und ebenso ist ihr Tanz. Uns ist diese Olimpia ganz unheimlich geworden, wir mochten nichts mit ihr zu schaffen haben, es war uns als tue sie nur so wie ein lebendiges Wesen und doch habe es mit ihr eine eigne Bewandtnis." - Nathanael gab sich dem bittern Gefuehl, das ihn bei diesen Worten Siegmunds ergreifen wollte, durchaus nicht hin, er wurde Herr seines Unmuts und sagte bloss sehr ernst: "Wohl mag euch, ihr kalten prosaischen Menschen, Olimpia unheimlich sein. Nur dem poetischen Gemuet entfaltet sich das gleich organisierte! - Nur _mir_ ging ihr Liebesblick auf und durchstrahlte Sinn und Gedanken, nur in Olimpias Liebe finde ich mein Selbst wieder. Euch mag es nicht recht sein, dass sie nicht in platter Konversation faselt, wie die andern flachen Gemueter. Sie spricht wenig Worte, das ist wahr; aber diese wenigen Worte erscheinen als echte Hieroglyphe der innern Welt voll Liebe und hoher Erkenntnis des geistigen Lebens in der Anschauung des ewigen Jenseits. Doch fuer alles das habt ihr keinen Sinn und alles sind verlorne Worte." - "Behuete dich Gott, Herr Bruder", sagte Siegmund sehr sanft, beinahe wehmuetig, "aber mir scheint es, du seist auf boesem Wege. Auf mich kannst du rechnen, wenn alles - Nein, ich mag nichts weiter sagen! -" Dem Nathanael war es ploetzlich, als meine der kalte prosaische Siegmund es sehr treu mit ihm, er schuettelte daher die ihm dargebotene Hand recht herzlich. Nathanael hatte rein vergessen, dass es eine Clara in der Welt gebe, die er sonst geliebt; - die Mutter - Lothar - alle waren aus seinem Gedaechtnis entschwunden, er lebte nur fuer Olimpia, bei der er taeglich stundenlang sass und von seiner Liebe, von zum Leben ergluehter Sympathie, von psychischer Wahlverwandtschaft fantasierte, welches alles Olimpia mit grosser Andacht anhoerte. Aus dem tiefsten Grunde des Schreibpults holte Nathanael alles hervor, was er jemals geschrieben. Gedichte, Fantasien, Visionen, Romane, Erzaehlungen, das wurde taeglich vermehrt mit allerlei ins Blaue fliegenden Sonetten, Stanzen, Kanzonen, und das alles las er der Olimpia stundenlang hintereinander vor, ohne zu ermueden. Aber auch noch nie hatte er eine solche herrliche Zuhoererin gehabt. Sie stickte und strickte nicht, sie sah nicht durchs Fenster, sie fuetterte keinen Vogel, sie spielte mit keinem Schosshuendchen, mit keiner Lieblingskatze, sie drehte keine Papierschnitzchen, oder sonst etwas in der Hand, sie durfte kein Gaehnen durch einen leisen erzwungenen Husten bezwingen - kurz! - stundenlang sah sie mit starrem Blick unverwandt dem Geliebten ins Auge, ohne sich zu ruecken und zu bewegen und immer gluehender, immer lebendiger wurde dieser Blick. Nur wenn Nathanael endlich aufstand und ihr die Hand, auch wohl den Mund kuesste, sagte sie: "Ach, Ach!" - dann aber: "Gute Nacht, mein Lieber!" - "O du herrliches, du tiefes Gemuet", rief Nathanael auf seiner Stube: "nur von dir, von dir allein werd ich ganz verstanden." Er erbebte vor innerm Entzuecken, wenn er bedachte, welch wunderbarer Zusammenklang sich in seinem und Olimpias Gemuet taeglich mehr offenbare; denn es schien ihm, als habe Olimpia ueber seine Werke, ueber seine Dichtergabe ueberhaupt recht tief aus seinem Innern gesprochen, ja als habe die Stimme aus seinem Innern selbst herausgetoent. Das musste denn wohl auch sein; denn mehr Worte als vorhin erwaehnt, sprach Olimpia niemals. Erinnerte sich aber auch Nathanael in hellen nuechternen Augenblicken, z.B. morgens gleich nach dem Erwachen, wirklich an Olimpias gaenzliche Passivitaet und Wortkargheit, so sprach er doch: "Was sind Worte - Worte! - Der Blick ihres himmlischen Auges sagt mehr als jede Sprache hienieden. Vermag denn ueberhaupt ein Kind des Himmels sich einzuschichten in den engen Kreis, den ein klaegliches irdisches Beduerfnis gezogen?" - Professor Spalanzani schien hocherfreut ueber das Verhaeltnis seiner Tochter mit Nathanael; er gab diesem allerlei unzweideutige Zeichen seines Wohlwollens und als es Nathanael endlich wagte von ferne auf eine Verbindung mit Olimpia anzuspielen, laechelte dieser mit dem ganzen Gesicht und meinte: er werde seiner Tochter voellig freie Wahl lassen. - Ermutigt durch diese Worte, brennendes Verlangen im Herzen, beschloss Nathanael, gleich am folgenden Tage Olimpia anzusehen, dass sie das unumwunden in deutlichen Worten ausspreche, was laengst ihr holder Liebesblick ihm gesagt, dass sie sein eigen immerdar sein wolle. Er suchte nach dem Ringe, den ihm beim Abschiede die Mutter geschenkt, um ihn Olimpia als Symbol seiner Hingebung, seines mit ihr aufkeimenden, bluehenden Lebens darzureichen. Claras, Lothars Briefe fielen ihm dabei in die Haende; gleichgueltig warf er sie beiseite, fand den Ring, steckte ihn ein und rannte herueber zu Olimpia. Schon auf der Treppe, auf dem Flur, vernahm er ein wunderliches Getoese; es schien aus Spalanzanis Studierzimmer herauszuschallen. - Ein Stampfen - ein Klirren - ein Stossen - Schlagen gegen die Tuer, dazwischen Flueche und Verwuenschungen. Lass los - lass los - Infamer - Verruchter! - Darum Leib und Leben daran gesetzt? - ha ha ha ha! - so haben wir nicht gewettet - ich, ich hab die Augen gemacht - ich das Raederwerk - dummer Teufel mit deinem Raederwerk - verfluchter Hund von einfaeltigem Uhrmacher - fort mit dir - Satan - halt - Peipendreher - teuflische Bestie! - halt - fort - lass los! - Es waren Spalanzanis und des graesslichen Coppelius Stimmen, die so durcheinander schwirrten und tobten. Hinein stuerzte Nathanael von namenloser Angst ergriffen. Der Professor hatte eine weibliche Figur bei den Schultern gepackt, der Italiener Coppola bei den Fuessen, die zerrten und zogen sie hin und her, streitend in voller Wut um den Besitz. Voll tiefen Entsetzens prallte Nathanael zurueck, als er die Figur fuer Olimpia erkannte; aufflammend in wildem Zorn wollte er den Wuetenden die Geliebte entreissen, aber in dem Augenblick wand Coppola sich mit Riesenkraft drehend die Figur dem Professor aus den Haenden und versetzte ihm mit der Figur selbst einen fuerchterlichen Schlag, dass er ruecklings ueber den Tisch, auf dem Phiolen, Retorten, Flaschen, glaeserne Zylinder standen, taumelte und hinstuerzte; alles Geraet klirrte in tausend Scherben zusammen. Nun warf Coppola die Figur ueber die Schulter und rannte mit fuerchterlich gellendem Gelaechter rasch fort die Treppe herab, so dass die haesslich herunterhaengenden Fuesse der Figur auf den Stufen hoelzern klapperten und droehnten. - Erstarrt stand Nathanael - nur zu deutlich hatte er gesehen, Olimpias toderbleichtes Wachsgesicht hatte keine Augen, statt ihrer schwarze Hoehlen; sie war eine leblose Puppe. Spalanzani waelzte sich auf der Erde, Glasscherben hatten ihm Kopf, Brust und Arm zerschnitten, wie aus Springquellen stroemte das Blut empor. Aber er raffte seine Kraefte zusammen. - "Ihm nach - ihm nach, was zauderst du? - Coppelius - Coppelius, mein bestes Automat hat er mir geraubt - Zwanzig Jahre daran gearbeitet - Leib und Leben daran gesetzt - das Raederwerk - Sprache - Gang - mein - die Augen - die Augen dir gestohlen. - Verdammter - Verfluchter - ihm nach - hol mir Olimpia - da hast du die Augen! -" Nun sah Nathanael, wie ein Paar blutige Augen auf dem Boden liegend ihn anstarrten, die ergriff Spalanzani mit der unverletzten Hand und warf sie nach ihm, dass sie seine Brust trafen. - Da packte ihn der Wahnsinn mit gluehenden Krallen und fuhr in sein Inneres hinein Sinn und Gedanken zerreissend. "Hui - hui - hui! - _Feuerkreis_ - _Feuerkreis_! dreh dich _Feuerkreis_ - lustig - lustig! - Holzpueppchen hui schoen Holzpueppchen dreh dich -" damit warf er sich auf den Professor und drueckte ihm die Kehle zu. Er haette ihn erwuergt, aber das Getoese hatte viele Menschen herbeigelockt, die drangen ein, rissen den wuetenden Nathanael auf und retteten so den Professor, der gleich verbunden wurde. Siegmund, so stark er war, vermochte nicht den Rasenden zu baendigen; der schrie mit fuerchterlicher Stimme immerfort: "Holzpueppchen dreh dich" und schlug um sich mit geballten Faeusten. Endlich gelang es der vereinten Kraft mehrerer, ihn zu ueberwaeltigen, indem sie ihn zu Boden warfen und banden. Seine Worte gingen unter in entsetzlichem tierischen Gebruell. So in graesslicher Raserei tobend wurde er nach dem Tollhause gebracht. Ehe ich, guenstiger Leser! dir zu erzaehlen fortfahre, was sich weiter mit dem ungluecklichen Nathanael zugetragen, kann ich dir, solltest du einigen Anteil an dem geschickten Mechanikus und Automat-Fabrikanten Spalanzani nehmen, versichern, dass er von seinen Wunden voellig geheilt wurde. Er musste indes die Universitaet verlassen, weil Nathanaels Geschichte Aufsehen erregt hatte und es allgemein fuer gaenzlich unerlaubten Betrug gehalten wurde, vernuenftigen Teezirkeln (Olimpia hatte sie mit Glueck besucht) statt der lebendigen Person eine Holzpuppe einzuschwaerzen. Juristen nannten es sogar einen feinen und um so haerter zu bestrafenden Betrug, als er gegen das Publikum gerichtet und so schlau angelegt worden, dass kein Mensch (ganz kluge Studenten ausgenommen) es gemerkt habe, unerachtet jetzt alle weise tun und sich auf allerlei Tatsachen berufen wollten, die ihnen verdaechtig vorgekommen. Diese letzteren brachten aber eigentlich nichts Gescheutes zutage. Denn konnte z.B. wohl irgend jemanden verdaechtig vorgekommen sein, dass nach der Aussage eines eleganten Teeisten Olimpia gegen alle Sitte oefter genieset, als gegaehnt hatte? Ersteres, meinte der Elegant, sei das Selbstaufziehen des verborgenen Triebwerks gewesen, merklich habe es dabei geknarrt usw. Der Professor der Poesie und Beredsamkeit nahm eine Prise, klappte die Dose zu, raeusperte sich und sprach feierlich: "Hochzuverehrende Herren und Damen! merken Sie denn nicht, wo der Hase im Pfeffer liegt? Das Ganze ist eine Allegorie - eine fortgefuehrte Metapher! - Sie verstehen mich! - Sapienti sat!" Aber viele hochzuverehrende Herren beruhigten sich nicht dabei; die Geschichte mit dem Automat hatte tief in ihrer Seele Wurzel gefasst und es schlich sich in der Tat abscheuliches Misstrauen gegen menschliche Figuren ein. Um nun ganz ueberzeugt zu werden, dass man keine Holzpuppe liebe, wurde von mehrern Liebhabern verlangt, dass die Geliebte etwas taktlos singe und tanze, dass sie beim Vorlesen sticke, stricke, mit dem Moepschen spiele usw. vor allen Dingen aber, dass sie nicht bloss hoere, sondern auch manchmal in der Art spreche, dass dies Sprechen wirklich ein Denken und Empfinden voraussetze. Das Liebesbuendnis vieler wurde fester und dabei anmutiger, andere dagegen gingen leise auseinander. "Man kann wahrhaftig nicht dafuer stehen", sagte dieser und jener. In den Tees wurde unglaublich gegaehnt und niemals genieset, um jedem Verdacht zu begegnen. - Spalanzani musste, wie gesagt, fort, um der Kriminaluntersuchung wegen [des] der menschlichen Gesellschaft betrueglicherweise eingeschobenen Automats zu entgehen. Coppola war auch verschwunden. Nathanael erwachte wie aus schwerem, fuerchterlichem Traum, er schlug die Augen auf und fuehlte wie ein unbeschreibliches Wonnegefuehl mit sanfter himmlischer Waerme ihn durchstroemte. Er lag in seinem Zimmer in des Vaters Hause auf dem Bette, Clara hatte sich ueber ihn hingebeugt und unfern standen die Mutter und Lothar. "Endlich, endlich, o mein herzlieber Nathanael - nun bist du genesen von schwerer Krankheit - nun bist du wieder mein!" - So sprach Clara recht aus tiefer Seele und fasste den Nathanael in ihre Arme. Aber dem quollen vor lauter Wehmut und Entzuecken die hellen gluehenden Traenen aus den Augen und er stoehnte tief auf. "Meine - meine Clara!" - Siegmund, der getreulich ausgeharrt bei dem Freunde in grosser Not, trat herein. Nathanael reichte ihm die Hand: "Du treuer Bruder hast mich doch nicht verlassen." - Jede Spur des Wahnsinns war verschwunden, bald erkraeftigte sich Nathanael in der sorglichen Pflege der Mutter, der Geliebten, der Freunde. Das Glueck war unterdessen in das Haus eingekehrt; denn ein alter karger Oheim, von dem niemand etwas gehofft, war gestorben und hatte der Mutter nebst einem nicht unbedeutenden Vermoegen ein Guetchen in einer angenehmen Gegend unfern der Stadt hinterlassen. Dort wollten sie hinziehen, die Mutter, Nathanael mit seiner Clara, die er nun zu heiraten gedachte, und Lothar. Nathanael war milder, kindlicher geworden, als er je gewesen und erkannte nun erst recht Claras himmlisch reines, herrliches Gemuet. Niemand erinnerte ihn auch nur durch den leisesten Anklang an die Vergangenheit. Nur, als Siegmund von ihm schied, sprach Nathanael: "Bei Gott Bruder! ich war auf schlimmen Wege, aber zu rechter Zeit leitete mich ein Engel auf den lichten Pfad! - Ach es war ja Clara! -" Siegmund liess ihn nicht weiter reden, aus Besorgnis, tief verletzende Erinnerungen moechten ihm zu hell und flammend aufgehen. - Es war an der Zeit, dass die vier gluecklichen Menschen nach dem Guetchen ziehen wollten. Zur Mittagsstunde gingen sie durch die Strassen der Stadt. Sie hatten manches eingekauft, der hohe Ratsturm warf seinen Riesenschatten ueber den Markt. "Ei!" sagte Clara: "steigen wir doch noch einmal herauf und schauen in das ferne Gebirge hinein!" Gesagt, getan! Beide, Nathanael und Clara, stiegen herauf, die Mutter ging mit der Dienstmagd nach Hause, und Lothar, nicht geneigt, die vielen Stufen zu erklettern, wollte unten warten. Da standen die beiden Liebenden Arm in Arm auf der hoechsten Galerie des Turmes und schauten hinein in die duftigen Waldungen, hinter denen das blaue Gebirge, wie eine Riesenstadt, sich erhob. "Sieh doch den sonderbaren kleinen grauen Busch, der ordentlich auf uns los zu schreiten scheint", frug Clara. - Nathanael fasste mechanisch nach der Seitentasche; er fand Coppolas Perspektiv, er schaute seitwaerts - Clara stand vor dem Glase! - Da zuckte es krampfhaft in seinen Pulsen und Adern - totenbleich starrte er Clara an, aber bald gluehten und spruehten Feuerstroeme durch die rollenden Augen, graesslich bruellte er auf, wie ein gehetztes Tier; dann sprang er hoch in die Luefte und grausig dazwischen lachend schrie er in schneidendem Ton: "Holzpueppchen dreh dich - Holzpueppchen dreh dich" - und mit gewaltiger Kraft fasste er Clara und wollte sie herabschleudern, aber Clara krallte sich in verzweifelnder Todesangst fest an das Gelaender. Lothar hoerte den Rasenden toben, er hoerte Claras Angstgeschrei, graessliche Ahnung durchflog ihn, er rannte herauf, die Tuer der zweiten Treppe war verschlossen - staerker hallte Claras Jammergeschrei. Unsinnig vor Wut und Angst stiess er gegen die Tuer, die endlich aufsprang - Matter und matter wurden nun Claras Laute: "Huelfe - rettet - rettet -" so erstarb die Stimme in den Lueften. "Sie ist hin - ermordet von dem Rasenden", so schrie Lothar. Auch die Tuer zur Galerie war zugeschlagen. - Die Verzweiflung gab ihm Riesenkraft, er sprengte die Tuer aus den Angeln. Gott im Himmel - Clara schwebte von dem rasenden Nathanael erfasst ueber der Galerie in den Lueften - nur mit einer Hand hatte sie noch die Eisenstaebe umklammert. Rasch wie der Blitz erfasste Lothar die Schwester, zog sie hinein, und schlug im demselben Augenblick mit geballter Faust dem Wuetenden ins Gesicht, dass er zurueckprallte und die Todesbeute fallen liess. Lothar rannte herab, die ohnmaechtige Schwester in den Armen. - Sie war gerettet. - Nun raste Nathanael herum auf der Galerie und sprang hoch in die Luefte und schrie "_Feuerkreis_ dreh dich - _Feuerkreis_ dreh dich" - Die Menschen liefen auf das wilde Geschrei zusammen; unter ihnen ragte riesengross der Advokat Coppelius hervor, der eben in die Stadt gekommen und gerades Weges nach dem Markt geschritten war. Man wollte herauf, um sich des Rasenden zu bemaechtigen, da lachte Coppelius sprechend: "Ha ha - wartet nur, der kommt schon herunter von selbst", und schaute wie die uebrigen hinauf. Nathanael blieb ploetzlich wie erstarrt stehen, er bueckte sich herab, wurde den Coppelius gewahr und mit dem gellenden Schrei: "Ha! Skoene Oke - Skoene Oke", sprang er ueber das Gelaender. Als Nathanael mit zerschmettertem Kopf auf dem, Steinpflaster lag, war Coppelius im Gewuehl verschwunden. Nach mehreren Jahren will man in einer entfernten Gegend Clara gesehen haben, wie sie mit einem freundlichen Mann, Hand in Hand vor der Tuere eines schoenen Landhauses sass und vor ihr zwei muntre Knaben spielten. Es waere daraus zu schliessen, dass Clara das ruhige haeusliche Glueck noch fand, das ihrem heitern lebenslustigen Sinn zusagte und das ihr der im Innern zerrissene Nathanael niemals haette gewaehren koennen. Ignaz Denner Vor alter laengst verflossner Zeit lebte in einem wilden einsamen Forst des Fuldaischen Gebiets ein wackrer Jaegersmann, Andres mit Namen. Er war sonst Leibjaeger des Herrn Grafen Aloys von Vach gewesen, den er auf weiten Reisen durch das schoene Welschland begleitet, und einmal, als sie auf den unsichern Wegen in dem Koenigreich Neapel von Strassenraeubern angefallen wurden, durch seine Klugheit und Tapferkeit aus grosser Lebensgefahr gerettet hatte. In dem Wirtshause zu Neapel, wo sie eingekehrt waren, befand sich ein armes, bildschoenes Maedchen, die von dem Hauswirt, der sie als eine Waise aufgenommen, gar hart behandelt und zu den niedrigsten Arbeiten in Hof und Kueche gebraucht wurde. Andres suchte sie, so gut er sich ihr verstaendlich machen konnte, mit trostreichen Worten aufzurichten, und das Maedchen fasste solche Liebe zu ihm, dass sie sich nicht mehr von ihm trennen, sondern mitziehen wollte nach dem kalten Deutschland. Der Graf von Vach, geruehrt von Andres' Bitten und Giorginas Traenen, erlaubte, dass sie sich zu dem geliebten Andres auf den Kutschbock setzen, und so die beschwerliche Reise machen durfte. Schon ehe sie ueber die Grenzen von Italien hinausgekommen, liess sich Andres mit seiner Giorgina trauen und als sie dann nun endlich zurueckgekehrt waren auf die Gueter des Grafen von Vach, glaubte dieser den treuen Diener recht zu belohnen, da er ihn zu seinem Revierjaeger ernannte. Mit seiner Giorgina und einem alten Knecht zog er in den einsamen rauhen Wald, den er schuetzen sollte wider die Freijaeger und Holzdiebe. Statt des geholten Wohlstandes, den ihm der Graf von Vach verheissen, fuehrte er aber ein beschwerliches, muehseliges, duerftiges Leben und geriet bald in Kummer und Elend. Der kleine Lohn an barem Geld, den er von dem Grafen erhielt, reichte kaum hin, sich und seine Giorgina zu kleiden; die geringen Gefaelle, die ihm bei Holzverkaeufen zukamen, waren selten und ungewiss und den Garten, auf dessen Bebauung und Benutzung er angewiesen, verwuesteten oft die Woelfe und die wilden Schweine, er mochte mit seinem Knecht auf der Hut sein, wie er wollte, so dass bisweilen in einer Nacht die letzte Hoffnung des Lebensunterhalts vereitelt ward. Dabei war sein Leben stets bedroht von den Holzdieben und Freischuetzen. Jeder Lockung widerstand er als ein wackrer frommer Mann, der lieber darben, als ungerechtes Gut an sich bringen wollte und verwaltete sein Amt getreulich und tapfer, deshalb stellten sie ihm nach auf gefaehrliche Weise, und nur seine treuen Doggen schuetzten ihn vor naechtlichem Ueberfall des Raubgesindels. Giorgina, des Klimas und der Lebensweise in dem wilden Forst ganz ungewohnt, welkte zusehends hin. Ihre braeunliche Gesichtsfarbe verwandelte sich in fahles Gelb, ihre lebhaften blitzenden Augen wurden duester, und ihr voller, ueppiger Wuchs magerte mit jedem Tage mehr ab. Oft erwachte sie in mondheller Nacht. Schuesse krachten in der Ferne durch den Wald, die Doggen heulten, leise erhob sich der Mann vom Lager und schlich mit dem Knecht murmelnd hinaus in den Forst. Dann betete sie inbruenstig zu Gott und zu den Heiligen, dass sie und ihr treuer Mann errettet werden moechten aus dieser schrecklichen Einoede und aus der steten Todesgefahr. Die Geburt eines Knaben warf Giorgina endlich auf das Krankenlager, und immer schwaecher und schwaecher werdend, sah sie ihr Ende vor Augen. Dumpf in sich hinbruetend, schlich der unglueckliche Andres umher; alles Glueck war mit der Krankheit seines Weibes von ihm gewichen. Wie neckendes, gespenstisches Wesen guckte das Wild aus den Bueschen; sowie er sein Gewehr abdrueckte, war es verstoben in der Luft. Er konnte kein Tier mehr treffen und nur sein Knecht, ein geuebter Schuetze, beschaffte das Wild, welches er dem Grafen von Vach zu liefern gehalten war. Einst sass er an Giorginas Bette, den starren Blick auf das geliebte Weib gerichtet, die ermattet zum Tode kaum mehr atmete. In dumpfem, lautlosem Schmerz hatte er ihre Hand gefasst und hoerte nicht das Aechzen des Knaben, der nahrungslos verschmachten wollte. Der Knecht ging schon am fruehen Morgen nach Fulda, um fuer das letzte Ersparnis einige Erquickung fuer die Kranke herbeizuschaffen. Kein menschliches troestendes Wesen war weit und breit zu finden, nur der Sturm heulte in schneidenden Toenen des entsetzlichen Jammers durch die schwarzen Tannen und die Doggen winselten, wie in trostloser Klage, um den ungluecklichen Herrn. Da hoerte Andres auf einmal es vor dem Hause daherschreiten, wie menschliche Fusstritte. Er glaubte, es waere der zurueckkehrende Knecht, unerachtet er ihn nicht so frueh erwarten konnte, aber die Hunde sprangen heraus und bellten heftig. Es musste ein Fremder sein. Andres ging selbst vor die Tuer: da trat ihm ein langer, hagerer Mann entgegen, in grauem Mantel, die Reisemuetze tief ins Gesicht gedrueckt. "Ei", sagte der Fremde: "wie bin ich doch hier im Walde so irre gegangen! Der Sturm tobt von den Bergen herab, wir bekommen ein schrecklich Wetter. Moechtet Ihr nicht erlauben, lieber Herr! dass ich in Euer Haus eintreten und mich von dem beschwerlichen Wege erholen und erquicken duerfte zur weitern Reise?" - "Ach Herr", erwiderte der betruebte Andres, "Ihr kommt in ein Haus der Not und des Elends und ausser dem Stuhl, auf dem Ihr ausruhen koennt, vermag ich kaum Euch irgend eine Erquickung anzubieten; meinem armen kranken Weibe mangelt es selbst daran, und mein Knecht, den ich nach Fulda geschickt, wird erst am spaeten Abend etwas zur Labung herbeibringen." Unter diesen Worten waren sie in die Stube getreten. Der Fremde legte seine Reisemuetze und seinen Mantel ab, unter dem er ein Felleisen und ein Kistchen trug. Er zog auch ein Stilett und ein paar Terzerole hervor, die er auf den Tisch legte. Andres war an Giorginas Bett getreten, sie lag in bewusstlosem Zustande. Der Fremde trat ebenfalls hinzu, schaute die Kranke lange mit scharfen, bedaechtigen Blicken an und ergriff ihre Hand, den Puls sorglich erforschend. Als nun Andres voll Verzweiflung ausrief: "Ach Gott, nun stirbt sie wohl!" da sagte der Fremde: "Mit nichten, lieber Freund! seid ganz ruhig. Euerm Weibe fehlt nichts als kraeftige, gute Nahrung, und vor der Hand wird ihr ein Mittel, das zugleich reizt und staerkt, die besten Dienste tun. Ich bin zwar kein Arzt, sondern vielmehr ein Kaufmann, allein doch in der Arzneiwissenschaft nicht unerfahren, und besitze aus uralter Zeit her manches Arcanum, welches ich mit mir fuehre und auch wohl verkaufe." Damit oeffnete der Fremde sein Kistchen, holte eine Phiole heraus, troepfelte von dem ganz dunkelroten Liquor etwas auf Zucker und gab es der Kranken. Dann holte er aus dem Felleisen eine kleine geschliffene Flasche koestlichen Rheinweins und floesste der Kranken ein paar Loeffel voll ein. Den Knaben, befahl er, nur dicht an der Mutter Brust gelehnt ins Bette zu legen und beide der Ruhe zu ueberlassen. Dem Andres war es zumute, als sei ein Heiliger herabgestiegen in die Einoede, ihm Trost und Huelfe zu bringen. Anfangs hatte ihn der stechende, falsche Blick des Fremden abgeschreckt, jetzt wurde er durch die sorgliche Teilnahme, durch die augenscheinliche Huelfe, die er der armen Giorgina leistete, zu ihm hingezogen. Er erzaehlte dem Fremden unverhohlen, wie er eben durch die Gnade, die ihm sein Herr, der Graf von Vach, angedeihen lassen wollen, in Not und Elend geraten sei und wie er wohl Zeit seines Lebens nicht aus drueckender Armut und Duerftigkeit kommen werde. Der Fremde troestete ihn dagegen und meinte, wie oft ein unverhofftes Glueck dem Hoffnungslosesten alle Gueter des Lebens bringe, und dass man wohl etwas wagen muesse, das Glueck selbst sich dienstbar zu machen. "Ach lieber Herr!" erwiderte Andres, "ich vertraue Gott und der Fuersprache der Heiligen, zu denen wir, ich und mein treues Weib, jeden Tag mit Inbrunst beten. Was soll ich denn tun, um mir Geld und Gut zu verschaffen? Ist es mir nach Gottes Weisheit nicht beschieden, so waere es ja suendlich, darnach zu trachten; soll ich aber noch in dieser Welt zu Guetern gelangen, welches ich meines armen Weibes halber wuensche, die ihr schoenes Vaterland verlassen, um mir in diese wilde Einoede zu folgen, so kommt es wohl, ohne dass ich Leib und Leben wage um schnoedes, weltliches Gut." Der Fremde laechelte bei diesen Reden des frommen Andres auf ganz seltsame Weise und war im Begriff, etwas zu erwidern, als Giorgina mit einem tiefen Seufzer aus dem Schlaf, in den sie versunken, erwachte. Sie fuehlte sich wunderbarlich gestaerkt; auch der Knabe laechelte hold und lieblich an ihrer Brust. Andres war ausser sich vor Freude, er weinte, er betete, er jubelte durch das Haus. Der Knecht war indessen zurueckgekommen und bereitete, so gut er es vermochte, von den mitgebrachten Lebensmitteln das Mahl, an dem nun der Fremde teilnehmen sollte. Der Fremde kochte selbst eine Kraftsuppe fuer Giorgina, und man sah, dass er allerlei Gewuerz und andere Ingredienzien hineinwarf, die er bei sich getragen. Es war spaeter Abend worden, der Fremde musste daher bei dem Andres uebernachten, und er bat, dass man ihm in derselben Stube, wo Andres und Giorgina schliefen, ein Strohlager bereiten moege. Das geschah. Andres, den die Besorgnis um Giorgina nicht schlafen liess, bemerkte, wie der Fremde beinahe bei jedem staerkeren Atemzuge Giorginas auffuhr, wie er stuendlich aufstand, leise sich ihrem Bette naeherte, ihren Puls erforschte und ihr Arznei eintroepfelte. Als der Morgen angebrochen, war Giorgina wieder zusehends besser geworden. Andres dankte dem Fremden, den er seinen Schutzengel nannte, aus der Fuelle seines Herzens. Auch Giorgina aeusserte, wie ihn wohl, auf ihr inbruenstiges Gebet, Gott selbst gesendet habe zu ihrer Rettung. Dem Fremden schienen diese lebhaften Ausbrueche des Danks in gewisser Art beschwerlich zu fallen; er war sichtlich verlegen und aeusserte ein Mal ueber das andere, wie er ja ein Unmensch sein muesse, wenn er nicht der Kranken mit seiner Kenntnis und den Arzneimitteln, die er bei sich fuehre, habe beistehen sollen. Uebrigens sei nicht Andres, sondern er zum Dank verpflichtet, da man ihn, der Not unerachtet, die im Hause herrsche, so gastlich aufgenommen, und er wolle auch keineswegs diese Pflicht unerfuellt lassen. Er zog einen wohlgefuellten Beutel hervor und nahm einige Goldstuecke heraus, die er dem Andres hinreichte. "Ei Herr", sagte Andres, "wie und wofuer sollte ich denn so vieles Geld von Euch annehmen? Euch in meinem Hause zu beherbergen, da Ihr Euch in dem wilden weitlaeufigen Forst verirrt hattet, das war ja Christenpflicht, und duenkte Euch das irgend eines Dankes wert, so habt Ihr mich ja ueberreich, ja mehr, als ich es nur mit Worten sagen mag, dadurch belohnt, dass Ihr als ein weiser kunsterfahrner Mann mein liebes Weib vom augenscheinlichen Tode rettetet. Ach Herr! was Ihr an mir getan, werde ich Euch ewiglich nicht vergessen, und Gott moege es mir verleihen, dass ich die edle Tat Euch mit meinem Leben und Blut lohnen koenne." Bei diesen Worten des wackern Andres fuhr es wie ein rascher funkelnder Blitz aus den Augen des Fremden. "Ihr muesst, braver Mann", sprach er, "durchaus das Geld annehmen. Ihr seid das schon Euerm Weibe schuldig, der Ihr damit bessere Nahrungsmittel und Pflege verschaffen koennt; denn dieser bedarf sie nunmehro, um nicht wieder in ihren vorigen Zustand zurueckzufallen, und Euerm Knaben Nahrung geben zu koennen." - "Ach Herr", erwiderte Andres, "verzeiht es, aber eine innere Stimme sagt mir, dass ich Euer unverdientes Geld nicht nehmen darf. Diese innere Stimme, der ich, wie der hoehern Eingebung meines Schutzheiligen, immer vertraut, hat mich bisher sicher durch das Leben gefuehrt und mich beschuetzt vor allen Gefahren des Leibes und der Seele. Wollt Ihr grossmuetig handeln und an mir Armen ein uebriges tun, so lasst mir ein Flaeschlein von Eurer wundervollen Arznei zurueck, damit durch ihre Kraft mein Weib ganz genese." Giorgina richtete sich im Bette auf, und der schmerzvolle wehmuetige Blick, den sie auf Andres warf, schien ihn anzusehen, diesmal nicht so strenge auf sein inneres Widerstreben zu achten, sondern die Gabe des mildtaetigen Mannes anzunehmen. Der Fremde bemerkte das und sprach: "Nun wenn Ihr denn durchaus mein Geld nicht annehmen wollt, so schenke ich es Euerm lieben Weibe, die meinen guten Willen, Euch aus der bittern Not zu retten, nicht verschmaehen wird." Damit griff er noch einmal in den Beutel, und sich der Giorgina naehernd, gab er ihr wohl noch einmal so viel Geld, als er vorhin dem Andres angeboten hatte. Giorgina sah das schoene funkelnde Gold mit vor Freude leuchtenden Augen, sie konnte kein Wort des Danks herausbringen, die hellen Traenen schossen ihr die Wangen herab. Der Fremde wandte sich schnell von ihr weg, und sprach zu Andres: "Seht, lieber Mann! Ihr koennet meine Gabe getrost annehmen, da ich nur etwas von grossem Ueberfluss Euch mitteile. Gestehen will ich Euch, dass ich das nicht bin, was ich scheine. Nach meiner schlichten Kleidung, und da ich wie ein duerftiger wandernder Kraemer zu Fuss reise, glaubt Ihr gewiss, dass ich arm bin und mich nur kuemmerlich von kleinem Verdienst auf Messen und Jahrmaerkten naehre: ich muss Euch jedoch sagen, dass ich durch gluecklichen Handel mit den trefflichsten Kleinodien, den ich seit vielen Jahren treibe, ein sehr reicher Mann geworden, und nur die einfache Lebensweise aus alter Gewohnheit beibehalten habe. In diesem kleinen Felleisen und dem Kistchen bewahre ich Juwelen und koestliche, zum Teil noch im grauen Altertum geschnittene Steine, welche viele, viele Tausende wert sind. Ich habe diesmal in Frankfurt sehr glueckliche Geschaefte gemacht, so dass das wohl noch lange nicht der hundertste Teil des Gewinns sein mag, was ich Euerm lieben Weibe schenkte. Ueberdem gebe ich Euch das Geld keineswegs umsonst, sondern verlange von Euch dafuer allerlei Gefaelligkeiten. Ich wollte, wie gewoehnlich, von Frankfurt nach Kassel gehen und kam von Schluechtern aus vom richtigen Wege ab. Indessen habe ich gefunden, dass der Weg durch diesen Forst, den sonst die Reisenden scheuen, gerade fuer einen Fussgaenger recht anmutig ist, weshalb ich denn kuenftig auf gleicher Reise immer diese Strasse einschlagen und bei Euch einsprechen will. Ihr werdet daher mich jaehrlich zweimal bei Euch eintreffen sehen; naemlich zu Ostern, wenn ich von Frankfurt nach Kassel wandere, und im spaeten Herbst, wenn ich von der Leipziger Michaelismesse nach Frankfurt und von dort nach der Schweiz und wohl auch nach Welschland gehe. Dann sollt Ihr mich fuer gute Bezahlung - einen - zwei auch wohl drei Tage bei Euch beherbergen und das ist die erste Gefaelligkeit, um die ich Euch ersuche. Ferner bitte ich Euch, dieses kleine Kistchen, worin Waren sind, die ich in Kassel nicht brauche, und das mir beim Wandern hinderlich ist, zu behalten, bis ich kuenftigen Herbst wieder bei Euch einspreche. Nicht verhehlen will ich, dass die Waren viele Tausende wert sind, aber ich mag Euch deshalb doch kaum groessere Sorglichkeit empfehlen, da ich nach der Treue und Froemmigkeit, die Ihr an den Tag legt, Euch zutraue, dass Ihr auch das Geringste, was ich Euch zurueckliesse, sorgfaeltig aufbewahren wuerdet; zumal werdet Ihr das bei Sachen von solch grossem Werte, als die sind, welche in dem Kistchen verschlossen, sicherlich tun. Seht, das ist der zweite Dienst, den ich von Euch fordere. Das Dritte, was ich verlange, wird Euch wohl am schwersten fallen, unerachtet es mir jetzt am noetigsten tut. Ihr sollt Euer liebes Weib nur auf diesen Tag verlassen und mich aus dem Forst bis auf die Strasse nach Hirschfeld geleiten, wo ich bei Bekannten einsprechen und dann meine Reise nach Kassel fortsetzen will. Denn ausser dem, dass ich des Weges im Forst nicht recht kundig bin und mich daher zum zweitenmal verirren koennte, ohne von einem so wackern Mann, wie Ihr es seid, aufgenommen zu werden, ist es auch in der Gegend nicht recht geheuer. Euch als einem Jaegersmann aus der Gegend wird man nichts anhaben, aber ich, als einsamer Wanderer, koennte wohl gefaehrdet werden. Man sprach in Frankfurt davon, dass eine Raeuberbande, die sonst die Gegend von Schaffhausen unsicher machte und sich bis nach Strassburg herauf ausdehnte, nunmehr sich ins Fuldaische geworfen haben soll, da die von Leipzig nach Frankfurt reisenden Kaufleute ihnen reicheren Gewinst versprachen, als sie dort finden konnten. Wie leicht waer es moeglich, dass sie mich schon von Frankfurt aus als reichen Juwelenhaendler kennten. Hab ich also ja durch die Rettung Eures Weibes Dank verdient, so koennt Ihr mich dadurch reichlich lohnen, dass Ihr aus diesem Forste mich auf Weg und Steg leitet." Andres war mit Freuden bereit, alles zu erfuellen, was man von ihm verlangte, und machte sich gleich, wie es der Fremde wuenschte, zur Wanderung fertig, indem er seine Jaegeruniform anzog, seine Doppelbuechse und seinen tuechtigen Hirschfaenger umschnallte und dem Knecht befahl, zwei von den Doggen anzukuppeln. Der Fremde hatte unterdessen das Kistchen geoeffnet und die praechtigsten Geschmeide, Halsketten - Ohrringe - Spangen herausgenommen, die er auf Giorginas Bette ausbreitete, so dass sie ihre Verwunderung und Freude gar nicht bergen konnte. Als nun aber der Fremde sie aufforderte, doch eine der schoensten Halsketten umzuhaengen, die reichen Spangen auf ihre wunderschoen geformten Aerme zu streifen, und ihr dann einen kleinen Taschenspiegel vorhielt, worin sie sich nach Herzenslust beschauen konnte, so dass sie in kindischer Lust aufjauchzte, da sagte Andres zu dem Fremden: "Ach lieber Herr! wie moeget Ihr doch in meinem armen Weibe solche Luesternheit erregen, dass sie sich mit Dingen putzt, die ihr nimmermehr zukommen, und auch gar nicht anstehen. Nehmt mir es nicht uebel, Herr! aber die einfache rote Korallenschnur, die meine Giorgina um den Hals gehaengt hatte, als ich sie zum erstenmal in Neapel sah, ist mir tausendmal lieber, als das funkelnde blitzende Geschmeide, das mir recht eitel und truegerisch vorkommt." - "Ihr seid auch gar zu strenge", erwiderte der Fremde hoehnisch laechelnd, "dass Ihr Euerm Weibe nicht einmal in ihrer Krankheit die unschuldige Freude lassen wollt, sich mit meinen schoenen Geschmeiden herauszuputzen, die keineswegs truegerisch, sondern wahrhaft echt sind. Wisst Ihr denn nicht, dass eben den Weibern solche Dinge rechte Freude verursachen? Und was Ihr da sagt, dass solcher Prunk Eurer Giorgina nicht zukomme, so muss ich das Gegenteil behaupten. Euer Weib ist huebsch genug, sich so herauszuputzen und Ihr wisst ja nicht, ob sie nicht einmal auch noch reich genug sein wird, dergleichen Schmuck selbst zu besitzen und zu tragen." Andres sprach mit sehr ernstem nachdruecklichen Ton: "Ich bitte Euch, Herr! fuehrt nicht solche geheimnisvolle verfaengliche Reden! Wollt Ihr denn mein armes Weib betoeren, dass sie von eitlem Geluest nach solchem weltlichen Prunk und Staat nur drueckender unsere Armut fuehle und um alle Lebensruhe, um alle Heiterkeit gebracht werde? Packt nur Eure schoene Sachen ein, lieber Herr! ich will sie Euch treulich bewahren, bis Ihr zurueckkommt. Aber sagt mir nun, wenn, wie es der Himmel verhueten moege! Euch unterdessen ein Unglueck zustossen sollte, so dass Ihr nicht mehr zurueckkehrtet in mein Haus, wohin soll ich dann das Kistchen abliefern, und wie lange soll ich auf Euch warten, ehe ich die Juwelen _dem_ einhaendige, den Ihr mir nennen werdet, so wie ich Euch jetzt um Euern Namen bitte?" - "Ich heisse", erwiderte der Fremde, "Ignaz Denner, und bin, wie Ihr schon wisset, Kauf- und Handelsmann. Ich habe weder Weib, noch Kinder, und meine Verwandte wohnen im Walliser Lande. _Die_ kann ich aber keineswegs lieben und achten, da sie sich, als ich noch arm und beduerftig war, um mich gar nicht gekuemmert haben. Sollte ich in drei Jahren mich nicht sehen lassen, so behaltet das Kistchen ruhig an Euch und, da ich wohl weiss, dass beide, Ihr und Giorgina, Euch straeuben werdet, das reiche Vermaechtnis von mir anzunehmen, so schenke ich in jenem Fall das Kaestchen mit Kleinodien Euerm Knaben, dem ich, wenn Ihr ihn firmeln lasst, den Namen Ignatius beizugeben bitte." Andres wusste in der Tat nicht, was er aus der seltenen Freigebigkeit und Grossmut des fremden Mannes machen sollte. Er stand ganz verstummt vor ihm, indes Giorgina ihm fuer seinen guten Willen dankte und versicherte, zu Gott und den Heiligen fleissig beten zu wollen, dass sie ihn auf seinen weiten beschwerlichen Reisen beschuetzen und ihn stets gluecklich in ihr Haus zurueckfuehren moechten. Der Fremde laechelte, so wie es seine Art war, auf seltsame Weise und meinte, dass wohl das Gebet einer schoenen Frau mehr Kraft haben moege, als das seinige. Das Beten wolle er daher ihr ueberlassen und uebrigens seinem kraeftigen abgehaerteten Koerper und seinen guten Waffen vertrauen. Dem frommen Andres missfiel diese Aeusserung des Fremden hoechlich; indessen verschwieg er das, was er darauf zu erwidern schon im Begriff stand, und trieb vielmehr den Fremden an, jetzt die Wanderung durch den Forst zu beginnen, da er sonst erst in spaeter Nacht in sein Haus zurueckkehren und seine Giorgina in Furcht und Angst setzen wuerde. Der Fremde sagte beim Abschied noch Giorginen: dass er ausdruecklich ihr erlaube, sich, wenn es ihr Vergnuegen mache, mit seinen Geschmeiden zu schmuecken, da es ihr ja ohnedies in diesem einsamen wilden Forst an jeder Belustigung mangle. Giorgina erroetete vor innerm Vergnuegen, da sie freilich die ihrer Nation eigne Lust an glaenzendem Staat und vorzueglich an kostbaren Steinen nicht unterdruecken konnte. - Nun schritten Denner und Andres rasch vorwaerts durch den finstern oeden Wald. In dem dicksten Gebuesch schnupperten die Doggen umher und klafften, den Herrn mit klugen beredten Augen anschauend. "Hier ist es nicht geheuer", sprach Andres, spannte den Hahn seiner Buechse und schritt mit den Hunden bedaechtig vor dem fremden Kaufmann her. Oft war es ihm, als rausche es in den Baeumen und bald erblickte er in der Ferne finstre Gestalten, die gleich wieder in dem Gebuesch verschwanden. Er wollte seine Doggen loskuppeln. "Tut das nicht, lieber Mann!" rief Denner, "denn ich kann Euch versichern, dass wir nicht das mindeste zu fuerchten haben." Kaum hatte er diese Worte gesprochen, als nur wenige Schritte von ihnen ein grosser schwarzer Kerl mit struppigen Haaren und grossem Knebelbart, eine Buechse in der Hand, aus dem Gebuesch heraustrat. Andres machte sich schussfertig; "schiesst nicht, schiesst nicht!" rief Denner; der schwarze Kerl nickte ihm freundlich zu und verlor sich in den Baeumen. Endlich waren sie aus dem Walde heraus, auf der lebhaften Landstrasse. "Nun danke ich Euch herzlich fuer Euer Geleite", sprach Denner; "kehrt nur jetzt in Eure Wohnung zurueck; sollten Euch wieder solche Gestalten aufstossen, wie wir sie gesehen, so zieht ruhig Eure Strasse fort, ohne Euch darum zu kuemmern. Tut, als wenn Ihr gar nichts bemerktet, behaltet Eure Doggen am Strick, Ihr werdet ohne alle Gefahr Eure Wohnung erreichen." Andres wusste nicht, was er von dem allen und von dem wunderlichen Kaufmann denken sollte, der, wie ein Geisterbeschwoerer, den Feind zu bannen und von sich abzuhalten schien. Er konnte nicht begreifen, warum er denn erst sich habe durch den Wald geleiten lassen. Getrost schritt Andres durch den Forst zurueck, es stiess ihm durchaus nichts Verdaechtiges auf und er kam wohlbehalten in sein Haus, wo ihm seine Giorgina, die sich munter und kraeftig aus dem Bette gemacht, voll Freude in die Arme fiel. Durch die Freigebigkeit des fremden Kaufmanns bekam die kleine Haushaltung des Andres eine ganz andere Gestalt. Kaum war naemlich Giorgina ganz genesen, als er mit ihr nach Fulda ging und ausser den noetigsten Beduerfnissen noch manches Stueck einkaufte, das ihrer haeuslichen Einrichtung abging und wodurch diese das Ansehen eines gewissen Wohlstandes erhielt. Dazu kam, dass seit dem Besuch des Fremden die Freijaeger und Holzdiebe aus der Gegend gebannt schienen, und Andres seinem Posten ruhig vorstehen konnte. Auch sein Jagdglueck war wiedergekehrt, so dass er, wie sonst, beinahe niemals einen Fehlschuss tat. Der Fremde stellte sich zu Michaelis wieder ein und blieb drei Tage. Der hartnaeckigen Weigerung der Wirtsleute unerachtet war er doch wieder so freigebig, wie das erstemal. Er versicherte, es sei nun einmal seine Absicht, sie in Wohlstand zu versetzen, und so sich selbst das Absteigequartier im Walde freundlicher und angenehmer zu machen. Nun konnte die bildhuebsche Giorgina sich besser kleiden; sie gestand dem Andres, dass sie der Fremde mit einer zierlich gearbeiteten goldnen Nadel, wie sie die Maedchen und Weiber in mancher Gegend Italiens durch das in Zoepfen zusammengeflochtene aufgewirbelte Haar zu stecken pflegen, beschenkt habe. Andres zog ein finstres Gesicht, aber in dem Augenblick war Giorgina zur Tuer herausgesprungen und nicht lange dauerte es, so kehrte sie zurueck ganz so gekleidet und geschmueckt, wie Andres sie in Neapel gesehen hatte. Die schoene goldne Nadel prangte in dem schwarzen Haar, in das sie mit malerischem Sinn bunte Blumen geflochten, und Andres musste sich nun selbst gestehen, dass der Fremde sein Geschenk recht sinnig gewaehlt hatte, um seine Giorgina wahrhaft zu erfreuen. Andres aeusserte dies unverhohlen und Giorgina meinte, dass der Fremde wohl ihr Schutzengel sei, der sie aus der tiefsten Duerftigkeit zum Wohlstande erhebe, und dass sie gar nicht begreife, wie Andres so wortkarg, so verschlossen gegen den Fremden und ueberhaupt so traurig, so in sich gekehrt, bleiben koenne. "Ach, liebes Herzensweib!" sprach Andres, "die innere Stimme, welche mir damals so laut sagte, dass ich durchaus nichts von dem Fremden annehmen duerfe, die schweigt bis jetzt keineswegs. Ich werde oft von innern Vorwuerfen gemartert; es ist mir, als ob mit dem Gelde des Fremden unrechtes Gut in mein Haus gekommen sei und deshalb kann mich nichts recht freuen, was dafuer angeschafft wurde. Ich kann mich jetzt wohl oefter mit einer kraeftigen Speise, mit einem Glase Wein erlaben; glaube mir aber, liebe Giorgina! war einmal ein guter Holzverkauf vorgefallen und hatte mir der liebe Gott ein paar ehrlich verdiente Groschen mehr beschert, als gewoehnlich, dann schmeckte mir ein Glas geringen Weins viel besser, als jetzt der gute Wein, den der Fremde uns mitbringt. Ich kann mich mit diesem sonderbaren Kaufmann durchaus nicht befreunden, ja es ist mir in seiner Gegenwart oft ganz unheimlich zumute. Hast du wohl bemerkt, liebe Giorgina! dass er niemanden fest anzuschauen vermag? Und dabei blitzt es zuweilen aus seinen tiefliegenden kleinen Augen so sonderbar heraus, und dann kann er bei unsern schlichten Reden oft so - buebisch moecht ich sagen, lachen, dass es mich eiskalt ueberlaeuft. - Ach, moechten nur nicht meine innern Gedanken wahr werden, aber oft ist es mir, als liege allerlei schwarzes Unheil im Hintergrunde, das nun der Fremde mit einemmal hervorrufen werde, nachdem er uns in seinen kuenstlichen Schlingen gefangen." Giorgina suchte ihrem Mann die schwarzen Vorstellungen auszureden, indem sie versicherte, wie sie oft in ihrem Vaterlande und vorzueglich bei ihren Pflegeeltern im Wirtshause, Personen kennen gelernt, deren Aeusseres noch viel widriger gewesen sei, unerachtet es am Ende grundgute Menschen waren. Andres schien getroestet, im Innern beschloss er aber auf der Hut zu sein. Der Fremde sprach bei Andres wieder ein, als sein Knabe, ein wunderschoenes Kind, ganz der Mutter Ebenbild, gerade neun Monate alt geworden. Es war Giorginas Namenstag; sie hatte den Kleinen fremdartig und sonderbar herausgeputzt, sich selbst in ihre liebe neapolitanische Tracht geworfen und ein besseres Mahl, als gewoehnlich, bereitet, wozu der Fremde eine Flasche koestlichen Weins aus dem Felleisen hergab. Als sie nun froehlich bei Tische sassen und der kleine Knabe mit solch wunderbar verstaendigen Augen umherblickte, hub der Fremde an: "Euer Kind verspricht in der Tat mit seinem besondern Wesen schon jetzt recht viel und es ist schade, dass ihr nicht imstande sein werdet, es gehoerig zu erziehen. Ich haette euch wohl einen Vorschlag zu tun, ihr werdet ihn aber verwerfen wollen, unerachtet ihr bedenken moechtet, dass er nur euer Glueck, euern Wohlstand bezweckt. Ihr wisst, dass ich reich und ohne Kinder bin, ich fuehle eine ganz besondere Liebe und Zuneigung zu euerm Knaben - Gebt mir ihn! - Ich bringe ihn nach Strassburg, wo er von einer Freundin von mir, einer alten ehrbaren Frau, auf das beste erzogen werden und mir sowie euch grosse Freude machen soll. Ihr werdet mit euerm Kinde einer grossen Last frei; doch muesst ihr euern Entschluss schnell fassen, da ich genoetigt bin, noch heute abend abzureisen. Auf meinen Armen trage ich das Kind bis in das naechste Dorf; dort nehme ich dann ein Fuhrwerk." Bei diesen Worten des Fremden riss Giorgina das Kind, das er auf seinen Knien geschaukelt hatte, hastig fort und drueckte es an ihren Busen, indem ihr die Traenen in die Augen traten. "Seht, lieber Herr!" sprach Andres, "wie meine Frau Euch auf Euern Vorschlag antwortet, und ebenso bin auch ich gesinnt. Eure Absicht mag recht gut sein; aber wie moeget Ihr doch uns das Liebste rauben wollen, das wir auf Erden besitzen? wie moeget Ihr doch das eine Last nennen, was unser Leben aufheitern wuerde, waeren wir auch noch in der tiefsten Duerftigkeit, aus der uns Eure Guete gerissen? Seht, lieber Herr! Ihr sagtet selbst, dass Ihr ohne Frau und ohne Kinder waeret; Euch ist daher wohl die Seligkeit fremd, die gleichsam aus der Glorie des offnen Himmelreichs herabstroemt auf Mann und Weib bei der Geburt eines Kindes. Es ist ja die reinste Liebe und Himmelswonne selbst, von der die Eltern erfuellt werden, wenn sie ihr Kind schauen, das stumm und still an der Mutter Brust liegend, doch mit gar beredten Zungen von ihrer Liebe, von ihrem hoechsten Lebensglueck spricht. - Nein, lieber Herr! so gross auch die Wohltaten sind, die Ihr uns erzeigt habt, so wiegen sie doch lange nicht das auf, was uns unser Kind wert ist; denn wo gaebe es Schaetze der Welt, die diesem Besitz gleichzustellen? Scheltet uns daher nicht undankbar, lieber Herr! dass wir Euch Euer Ansinnen so ganz und gar abschlagen. Waeret Ihr selbst Vater, so beduerfte es weiter gar keiner Entschuldigung fuer uns." - "Nun, nun", erwiderte der Fremde, indem er finster seitwaerts blickte, "ich glaubte Euch wohlzutun, indem ich Euern Sohn reich und gluecklich machte. Seid ihr nicht damit zufrieden, so ist davon weiter nicht die Rede." - Giorgina kuesste und herzte den Knaben, als sei er aus grosser Gefahr errettet, und ihr wiedergegeben worden. Der Fremde strebte sichtlich wieder unbefangen und heiter zu scheinen; man merkte es indessen doch nur zu deutlich, wie sehr ihn die Weigerung seiner Wirtsleute, ihm den Knaben zu geben, verdrossen hatte. Statt, wie er gesagt, noch denselben Abend fortzureisen, blieb er wieder drei Tage, in welchen er jedoch nicht so, wie sonst bei Giorgina verweilte, sondern mit Andres auf die Jagd zog und sich bei dieser Gelegenheit viel von dem Grafen Aloys von Vach erzaehlen liess. Als in der Folge Ignaz Denner wieder bei seinem Freunde Andres einsprach, dachte er nicht mehr an seinen Plan, den Knaben mit sich zu nehmen. Er war nach seiner Art freundlich wie vorher, und fuhr fort, Giorgina reichlich zu beschenken, die er noch ueberdem wiederholt aufforderte, so oft sie Lust habe sich mit den Juwelen aus dem Kistchen, das er Andres in Verwahrung gegeben, zu schmuecken, welches sie auch wohl dann und wann heimlich tat. Oft wollte Denner, wie sonst, mit dem Knaben spielen; dieser straeubte sich aber und weinte, durchaus mochte er nicht mehr zu dem Fremden gehen, als wisse er etwas von dem feindlichen Anschlag, ihn seinen Eltern zu entfuehren. - Zwei Jahre hindurch hatte der Fremde nun auf seinen Wanderungen den Andres besucht, und Zeit und Gewohnheit hatten die Scheu, das Misstrauen wider Denner endlich ueberwunden, so dass Andres seinen Wohlstand ruhig und heiter genoss. Im Herbst des dritten Jahres, als die Zeit, in der Denner gewoehnlich einzusprechen pflegte, schon vorueber war, pochte es in einer stuermischen Nacht hart an Andres' Tuer, und mehrere rauhe Stimmen riefen seinen Namen. Erschrocken sprang er aus dem Bette; als er aber zum Fenster herausfrug, wer ihn in finstrer Nacht so stoere und wie er gleich seine Doggen loslassen werde, um solche ungebetene Gaeste wegzuhetzen, da sagte einer, er moege nur aufmachen, ein Freund sei da, und Andres erkannte Denners Stimme. Als er nun mit dem Licht in der Hand die Haustuer oeffnete, trat ihm Denner allein entgegen. Andres aeusserte, wie es ihm vorgekommen, als ob mehrere Stimmen seinen Namen gerufen haetten; Denner meinte dagegen, dass den Andres das Heulen des Windes getaeuscht haben muesse. Als sie in die Stube traten, erstaunte Andres nicht wenig, als er den Denner naeher betrachtete und seinen ganz veraenderten Anzug gewahr wurde. Statt der grauen schlichten Kleidung und des Mantels trug er ein dunkelrotes Wams und einen breiten ledernen Gurt, in dem ein Stilett und vier Pistolen staken; ausserdem war er noch mit einem Saebel bewaffnet, selbst das Gesicht schien veraendert, indem auf der sonst glatten Stirn nun buschichte Augenbrauen lagen und ein starker schwarzer Bart sich ueber Lippe und Wangen zog. "Andres!" sprach Denner, indem er ihn mit seinen funkelnden Augen anblitzte, "Andres! als ich vor beinahe drei Jahren dein Weib vom Tode errettet hatte, da wuenschtest du, dass Gott es dir verleihen moege, mir die dir erzeigte Wohltat mit deinem Blut und Leben lohnen zu koennen. Dein Wunsch ist erfuellt; denn es ist nunmehr der Augenblick gekommen, in dem du mir deine Dankbarkeit, deine Treue beweisen kannst. Kleide dich an; nimm deine Buechse und komme mit mir, nur wenige Schritte von deiner Wohnung sollst du das uebrige erfahren." Andres wusste nicht, was er von Denners Zumutung halten sollte; der Worte, die er ihm vorhielt, indessen wohl eingedenk, versicherte er, wie er bereit sei, alles nur moegliche fuer ihn zu unternehmen, sobald es nicht der Rechtschaffenheit, Tugend und Religion zuwiderlaufe. "Darueber kannst du ganz ruhig sein", rief Denner, indem er ihm laechelnd auf die Schulter klopfte; und da er bemerkte, dass Giorgina aufgesprungen war, und vor Angst zitternd und bebend ihren Mann umklammerte, nahm er sie bei den Armen und sprach, sie sanft zurueckziehend: "Lasst Euern Mann nur immer mit mir ziehen, in wenigen Stunden ist er wieder gesund bei Euch, und bringt Euch vielleicht was Schoenes mit. Hab ich es denn jemals boese mit euch gemeint? Habe ich selbst dann, wenn ihr mich verkanntet, nicht immer euch Gutes erzeigt? Wahrhaftig, ihr seid recht besondere misstrauische Leute." Andres zauderte noch immer sich anzukleiden, da wandte Denner sich zu ihm und sprach mit zornigem Blick: "Ich hoffe du wirst deine Zusage halten, denn es gilt nunmehr, das zu beweisen mit der Tat, was du gesprochen!" Schnell war nun Andres angekleidet, und indem er mit Denner zur Tuere herausschritt, sprach er noch einmal: "Alles, lieber Herr! will ich fuer Euch tun, doch etwas Unrechtes werdet Ihr wohl von mir nicht fordern, da ich auch das Kleinste, was wider mein Gewissen liefe, nicht vollbringen wuerde." Denner antwortete nichts, sondern schritt rasch vorwaerts. Sie waren durch das Dickicht gedrungen bis auf einen ziemlich geraeumigen Rasenplatz; da pfiff Denner dreimal, dass der Ton ringsumher aus den schaurigen Klueften widerhallte und ueberall in den Bueschen flackerten Windlichter auf und es rauschte und klirrte in den dunklen Gaengen, bis sich schwarze graessliche Gestalten gespenstisch hervordraengten und den Denner im Kreise umringten. Einer aus dem Kreise trat hervor und sprach auf Andres hindeutend: "Das ist ja wohl unser neuer Geselle, nicht wahr Hauptmann?" - "Ja", antwortete Denner, "ich hab ihn aus dem Bette geholt, er soll sein Probestueck machen, es kann nun gleich vorwaerts gehen." Andres erwachte bei diesen Worten wie aus dumpfer Betaeubung, kalter Schweiss stand ihm auf der Stirne; aber er ermannte sich und rief heftig: "Was, du schaendlicher Betrueger, fuer einen Kaufmann gabst du dich aus, und treibst ein hoellisches verruchtes Gewerbe, und bist ein verworfener Raeuber? Nimmermehr will ich dein Geselle sein und teilnehmen an deinen Schandtaten, zu denen du mich, wie der Satan selbst, auf kuenstliche haemische Weise verlocken wolltest? - Lass mich gleich fort, du frevelicher Boesewicht, und raeume mit deiner Rotte dies Gebiet, sonst verrate ich deine Schlupfwinkel der Obrigkeit, und du bekommst den Lohn fuer deine Schandtaten; denn nun weiss ich es wohl, dass du selbst der schwarze Ignaz bist, der mit seiner Bande an der Grenze gehauset und geraubt, und gemordet hat. - Gleich lasse mich fort, ich will dich nie mehr schauen." Denner lachte laut auf. "Was, du feiger Bube?" sprach er: "du unterstehst dich, mir zu trotzen, dich meinem Willen, meinem Machtwort entziehen zu wollen? Bist du nicht laengst schon unser Geselle? lebst du nicht schon seit beinahe drei Jahren von unserm Gelde? schmueckt sich dein Weib nicht mit unserm Raube? Nun stehst du unter uns und willst nicht arbeiten dafuer was du genossen? Folgst du uns nun nicht, zeigst du dich nicht gleich als unsern ruestigen Kumpan, so lasse ich dich gebunden in unsere Hoehle werfen und meine Gesellen ziehen nach deiner Wohnung, zuenden sie an und ermorden dein Weib und deinen Knaben. Doch ich werde wohl diese Massregel, die nur eine Folge deiner Halsstarrigkeit sein wuerde, nicht ergreifen duerfen. Nun! - waehle! - es ist Zeit, wir muessen fort!" - Andres sah nun wohl ein, dass die mindeste Weigerung seiner geliebten Giorgina und dem Knaben das Leben kosten wuerde; den verraeterischen buebischen Denner im Innern zur Hoelle verfluchend, beschloss er daher, in seinen Willen sich scheinbar zu fuegen, rein von Diebstahl und Mord zu bleiben und das tiefere Eindringen in die Schlupfwinkel der Bande nur dazu zu benutzen, bei der ersten guenstigen Gelegenheit ihre Aufhebung und Einziehung zu bewirken. Nach diesem im stillen gefassten Entschluss erklaerte er dem Denner, wie trotz seines innern Widerstrebens doch die Dankbarkeit fuer Giorginas Rettung ihn verpflichte, etwas zu wagen, und er wolle daher die Expedition mitmachen, wobei er nur bitte, ihn als einen Neuling, soviel moeglich mit dem taetigen Anteil daran zu verschonen. Denner lobte seinen Entschluss, indem er hinzufuegte, wie er keineswegs verlange, dass er foermlich zur Bande uebertreten solle, vielmehr muesse er Revierjaeger bleiben; denn so waere er ihm und der Bande schon jetzt von grossem Nutzen gewesen, was denn auch kuenftig der Fall sein wuerde. Es war auf nichts Geringeres abgesehen, als die Wohnung eines reichen Pachters, die von dem Dorfe abgelegen, unfern dem Walde, stand, zu ueberfallen und auszupluendern. Man wusste, dass der Pachter ausser dem vielen Gelde und den Kostbarkeiten, die er besass, eben jetzt fuer verkauftes Getreide eine sehr bedeutende Summe eingenommen hatte, die er bei sich bewahrte und um so mehr versprachen sich die Raeuber einen reichen Fang. Die Windlichter wurden ausgeloescht und still zogen die Raeuber durch die engen Schleichwege, bis sie dicht an dem Gebaeude standen, welches einige von der Bande umringten. Andere dagegen stiegen ueber die Mauer, und sprengten von innen das Hoftor; einige wurden auf Wache ausgestellt, und unter diesen befand sich Andres. Bald hoerte er, wie die Raeuber die Tueren erbrachen und ins Haus stuermten, er vernahm ihr Fluchen, ihr Geschrei, das Geheul der Gemisshandelten. Es fiel ein Schuss; der Pachter, ein beherzter Mann, mochte sich zur Wehre setzen - dann wurde es stiller - aufgesprengte Schloesser klirrten, Raeuber schleppten Kisten zum Hoftor heraus. Einer von des Pachters Leuten musste in der Finsternis entwischt und ins Dorf gerannt sein; denn auf einmal toente die Sturmglocke durch die Nacht, und bald darauf stroemten Haufen mit hellauflodernden Lichtern die Strasse herauf nach der Pachterwohnung. Nun fiel Schuss auf Schuss, die Raeuber sammelten sich im Hofe und streckten alles nieder, was sich der Mauer naeherte. Sie hatten ihre Windfackeln angezuendet. Andres, der auf einer Anhoehe stand, konnte alles uebersehen. Mit Entsetzen erblickte er unter den Bauern, Jaeger in der Liverei seines Herrn, des Grafen von Vach! - Was sollte er tun? - Sich zu ihnen zu begeben, war unmoeglich, nur die schnellste Flucht konnte ihn retten; aber wie festgezaubert stand er da hinstarrend in den Pachterhof, wo das Gefecht immer moerderischer wurde; denn durch eine kleine Pforte an der andern Seite waren die Vachschen Jaeger gedrungen und mit den Raeubern handgemein geworden. Die Raeuber mussten zurueck, sie draengten sich fechtend durch das Tor nach der Gegend hin, wo Andres stand. Er sah Dennern, der unaufhoerlich lud und schoss und niemals fehlte. Ein junger reichgekleideten Mann, von Vachschen Jaegern umgeben, schien den Anfuehrer zu machen; auf ihn legte Denner an, aber noch ehe er abdrueckte, stuerzte er von einer Kugel getroffen mit einem dumpfen Schrei nieder. Die Raeuber flohen - schon stuerzten die Vachschen Jaeger herbei, da sprang, wie von unwiderstehlicher Macht getrieben, Andres herbei und rettete Dennern, den er, stark wie er war, auf die Schultern warf und schnell forteilte. Ohne verfolgt zu werden, erreichte er gluecklich den Wald. Nur einzelne Schuesse fielen hin und wieder und bald wurde es ganz still; ein Zeichen, dass es den Raeubern, die nicht verwundet auf dem Platze liegen geblieben, geglueckt war, in den Wald zu entkommen und dass es den Jaegern und Bauern nicht ratsam schien, in das Dickicht einzubrechen. "Setze mich nur nieder, Andres! " sprach Denner, "ich bin in den Fuss verwundet und verdammt, dass ich umstuerzte, denn, unerachtet mich die Wunde sehr schmerzt, glaub ich doch nicht einmal, dass sie bedeutend ist." Andres tat es, Denner holte eine kleine Phiole aus der Tasche und als er sie oeffnete, strahlte ein helles Licht heraus, bei dem Andres die Wunde genau untersuchen konnte: Denner hatte recht; nur ein starker Streifschuss hatte den rechten Fuss getroffen, der stark blutete. Andres verband die Wunde mit seinem Schnupftuch, Denner liess seine Pfeife ertoenen, aus der Ferne wurde geantwortet und nun bat er den Andres, ihn sachte den schmalen Waldweg heraufzufuehren, denn bald wuerden sie an Ort und Stelle sein. Wirklich dauerte es auch nicht lange, so sahen sie den Schein von Windlichtern durch das dunkle Gebuesch brechen und hatten jenen Rasenplatz erreicht, von dem sie ausgegangen und wo sie die uebriggebliebenen Raeuber bereits versammelt fanden. Alle jauchzten vor Freude auf, als Denner unter sie trat und ruehmten den Andres, der, tief in sich gekehrt, kein Wort vorzubringen vermochte. Es fand sich, dass ueber die Haelfte der Bande tot, oder hart verwundet auf dem Platze liegen geblieben war; indessen hatten einige von den Raeubern, die dazu bestimmt waren, den Raub in Sicherheit zu bringen, mitten im Gefecht wirklich mehrere Kisten mit kostbarem Geraet, sowie eine ansehnliche Summe Geld, fortzuschaffen gewusst, so dass, unerachtet das Unternehmen schlimm ausgegangen, doch die Beute ansehnlich blieb. Als nun das Noetige besprochen, wandte sich Denner, den man unterdessen ordentlich verbunden hatte, und der kaum irgend einen Schmerz mehr zu fuehlen schien, zu Andres und sprach: "Ich habe dein Weib vom Tode errettet, du hast mich in dieser Nacht der Gefangenschaft entzogen und mich folglich auch von dem mir gewissen Tode befreit, wir sind quitt! du kannst in deine Wohnung zurueckkehren. In den naechsten Tagen, vielleicht schon morgen, verlassen wir die Gegend; du magst daher ganz ruhig darueber sein, dass wir dir Aehnliches, so wie heute, zumuten werden. Du bist ja so ein gottesfuerchtiger Narr und uns nicht brauchbar. Es ist indessen billig, dass du teil am heutigen Raube nehmest und ueberdem fuer meine Rettung belohnt werdest. Nimm daher diesen Beutel mit Gold und behalte mich in gutem Andenken; denn uebers Jahr hoffe ich bei dir einzusprechen." - "Gott der Herr soll mich behueten", erwiderte Andres heftig, "dass ich auch nur einen Pfennig von Eurem schaendlichen Raube nehmen sollte. Habt Ihr mich doch nur durch die abscheulichsten Drohungen gezwungen mitzugehen, welches ich ewiglich bereuen werde. Wohl mag es Suende gewesen sein, dass ich dich, du schaendlicher Boesewicht! der gerechten Strafe entzogen habe; aber Gott im Himmel mag es mir nach seiner Langmut verzeihen. Es war, als flehe in dem Augenblick meine Giorgina um dein Leben, da du das ihrige errettet, und ich konnte nicht anders, als dass ich dich mit Gefahr meines Lebens und meiner Ehre, ja das Wohl und Weh meines Weibes und meines Kindes aufs Spiel setzend, der Gefahr entriss. Denn sprich, was waere aus mir, wenn man mich verwundet, ja was waere aus meinem armen Weibe, meinem Knaben geworden, wenn man mich erschlagen unter deiner verruchten Moerderbande gefunden haette? - Aber sei ueberzeugt, dass, wenn du die Gegend nicht verlaessest, wenn nur ein einziger hier geschehener Raub, oder Mord mir kund wird, ich augenblicklich nach Fulda gehe und der Obrigkeit deine Schlupfwinkel verrate." - Die Raeuber wollten ueber den Andres herfallen, um ihn fuer seine Reden zu zuechtigen; Denner verbot es ihnen jedoch, indem er sagte: "Lasst doch den albernen Kerl schwatzen, was tut das uns? - Andres", fuhr Denner fort, "du bist in meiner Gewalt, so wie dein Weib und dein Knabe. Du sowohl, als diese, sollen aber ungefaehrdet bleiben, wenn du mir versprichst, dich ruhig in deiner Wohnung zu halten und ueber deine Mitwissenschaft von dem Vorfall dieser Nacht gaenzlich zu schweigen. Das letzte rate ich dir um so mehr, als meine Rache dich furchtbar treffen und ueberdem die Obrigkeit dir selbst wohl deine Huelfe bei der Tat, sowie, dass du schon lange von meinem Reichtum genossest, nicht so hingehen lassen wuerde. Dagegen verspreche ich dir noch einmal, dass ich die Gegend gaenzlich raeumen will und wenigstens von mir und meiner Bande hier kein Unternehmen mehr ausgefuehrt werden soll." Nachdem Andres notgedrungen diese Bedingungen des Raeuberhauptmanns eingegangen war und feierlich versprochen hatte zu schweigen, wurde er von zwei Raeubern durch wildverwachsne Fusssteige auf den breiten Waldweg gefuehrt und es war laengst heller Morgen worden, als er in sein Haus trat und die vor Sorge und Angst totenbleiche Giorgina umarmte. Er sagte ihr nur im allgemeinen, dass sich ihm Denner als