The Project Gutenberg EBook of Grosse und Kleine Welt, by Honore De Balzac Copyright laws are changing all over the world. Be sure to check the copyright laws for your country before downloading or redistributing this or any other Project Gutenberg eBook. This header should be the first thing seen when viewing this Project Gutenberg file. Please do not remove it. Do not change or edit the header without written permission. Please read the "legal small print," and other information about the eBook and Project Gutenberg at the bottom of this file. Included is important information about your specific rights and restrictions in how the file may be used. You can also find out about how to make a donation to Project Gutenberg, and how to get involved. **Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts** **eBooks Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971** *****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!***** Title: Grosse und Kleine Welt Author: Honore De Balzac Release Date: September, 2005 [EBook #8803] [Yes, we are more than one year ahead of schedule] [This file was first posted on August 10, 2003] Edition: 10 Language: German Character set encoding: ISO Latin-1 *** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK GROSSE UND KLEINE WELT *** Produced by Charles Aldorondo, Tiffany Vergon, Charlie Kirschner and the Online Distributed Proofreading Team. HONORE DE BALZAC GROSSE UND KLEINE WELT MIT HOLZSCHNITTEN VON DAUMIER UND GAVARNI PIERRE GRASSOU Wer als ernsthafter Betrachter die Kunstausstellungen, die nach der Revolution von 1830 stattfanden, besucht hat, wird sich beim Anschauen der endlosen, ueberhaeuften Galerien kaum eines Gefuehls des Unbehagens und der Langeweile, vielleicht sogar der Trauer haben erwehren koennen. Seit 1830 gibt es keinen "Salon" mehr. Der Louvre ist ein zweites Mal erstuermt worden durch die Kuenstler; und sie haben es verstanden, sich dort zu behaupten. Die Zulassung zum "Salon" bedeutete ehemals fuer den kleinen Kreis, der in Frage kam, bereits eine hohe Auszeichnung, und ueber die bedeutendsten der etwa zweihundert Bilder, die ausgewaehlt worden, entspann sich beim Publikum und bei der Kritik ein leidenschaftlicher Widerstreit der Meinungen. Die Ueberfuelle der Gemaelde, vor die sich heute der Besucher gestellt sieht, erschoepft seine Aufmerksamkeit, und die Ausstellung wird geschlossen, bevor er aus der Menge das wenige Gute ausfindig gemacht hat. Statt eines Ritterspiels haben wir einen Volksjahrmarkt, statt eines kuenstlerischen Ereignisses ein lautes Warenhaus, statt sorgfaeltiger Auslese--alles. Was ist die Folge? In der Menge verliert sich das Genie. Der Katalog ist zu einem dicken Buch angewachsen, in dem mancher Name auch dadurch nicht bekannter wird, dass zehn oder zwoelf ausgestellte Bilder dahinter aufgefuehrt sind. Unter allen aber am unbekanntesten ist vielleicht derjenige des Malers Pierre Grassou aus Fougeres, den man in der Kuenstlerwelt einfach Fougeres nennt. Fougeres wohnte 1832 im vierten Stockwerk eines jener hohen, schmalen Haeuser der Rue de Navarin, die aussehen wie der Obelisk von Luxor. Sie besitzen einen Hausflur, eine enge, duestere, halsbrecherische Wendeltreppe, in jedem Stock nicht mehr als drei Fenster und einen Hof, der nicht mehr als ein viereckiger Schacht ist. Ueber den drei oder vier Raeumen, die Grassou von Fougeres bewohnte, lag ein Atelier, dessen Fenster auf Montmartre hinausgingen. Die Waende waren rot gestrichen, der Boden braun gewaechst, auf jedem Stuhl lag ein gesticktes Deckchen, das altmodische Sofa war sauber wie das im Schlafzimmer einer Kraemerin. Alles liess auf das wohlgeordnete Dasein eines gesetzten Buergers von engem Horizont schliessen. Das Atelier enthielt ausserdem eine Kommode zum Aufbewahren der Malgeraete, einen Fruehstueckstisch, einen Schreibtisch und einen grossen Ofen, ferner die zum Malen erforderlichen Gegenstaende. Alles dies war sauber und in guter Ordnung. Eines Tages zu Anfang Dezember, dieses fuer den Portraetisten besonders guenstigen Monats, war Pierre Grassou fruehzeitig aufgestanden, hatte den Ofen angezuendet, die Palette hergerichtet, und wartete nun, dass die Scheiben des Atelierfensters auftauen wuerden, um das Tageslicht ungehindert einzulassen. Unterdessen verzehrte er gedankenlos sein Fruehstueck, ein in Milch getunktes Hoernchen. Da klang von der Treppe her ein wohlbekannter Schritt. Als der Maler eben mit der Arbeit beginnen wollte, ueberraschte ihn Elias Magus, Bilderhaendler und Leinwandwucherer. "Wie gehts, alter Halunke?" begruesste ihn Grassou. Elias nahm ihm seine Gemaelde ab, das Stueck fuer zweibis dreihundert Francs. Sie liebten es, im Verkehr mit einander sich des sogenannten Kuenstlertons zu bedienen. "Schlechte Geschaefte," sagte Elias. "Ihr Kuenstler stellt unverschaemte Forderungen. Wenn Ihr fuer sechs Sous Farbe auf die Leinwand klext, verlangt Ihr gleich zweihundert Francs dafuer. Aber Sie, Fougeres, sind ein anstaendiger Kerl. Darum lasse ich Ihnen auch etwas Gutes zukommen." "Timeo Danaos et dona ferentes," sagte Fougeres; "verstehen Sie lateinisch?" "Nein." "Nun, das heisst soviel, als dass die Griechen den Trojanern nichts anboten, ohne selbst einen Profit dabei zu haben. Und so wirds wohl auch heute noch sein, Herr Odysseus-Magus!" Diese Worte waren eine Musterwendung des unter den Malern gebraeuchlichen Atelierstils, den Fougeres, wie man sieht, vollkommen beherrschte. "Ich verlange doch nicht, dass Sie mir Ihre Bilder umsonst geben sollen! Sie sind ein ehrenwerter Kuenstler." "Nun--und?" "Also kurzum: Ich bringe Ihnen einen Vater, eine Mutter und eine Tochter." "Alle drei auf einen Schlag?" "Meiner Treu, ja! Sie wollen sich portraetieren lassen. Diese Spiessbuerger, die sich fuer Kunst begeistern, haben es noch nie gewagt, ein Atelier zu betreten. Uebrigens hat die Tochter eine Mitgift von hunderttausend Francs zu erwarten. Malen Sie die Leute nur ruhig. Vielleicht werden es einmal Ihre Familienbilder." Dieser alte Klotz von Mensch, Elias Magus genannt, unterbrach sich hier mit einem so heiseren Lachen, dass der Maler erschrak. Es war ihm, als haette der Teufel selbst diese Worte vom Heiraten gesprochen. "Fuenfhundert Francs sind fuer jedes Portraet gezahlt. Sie koennen also drei Bilder machen." "Natuerlich, mit Freuden!" rief Fougeres. "Und sollten Sie die Tochter heiraten, so erinnern Sie sich hoffentlich meiner." "Ich heiraten!?" rief Pierre Grassou. "Wo ich gewohnt bin, ganz allein schlafen zu gehen und mit der Morgensonne aufzustehen? Ich, der sein Leben geregelt hat...." "Hunderttausend Francs," sagte Magus, "und ein entzueckendes Maedchen, mit Goldton wie ein echter Tizian." "Was fuer Leute sind es?" "Der Alte war Kaufmann. Jetzt ist er Kunstliebhaber und Besitzer eines Landhauses in Ville d'Avray mit zehn--bis zwoelftausend Pfund Rente." "Und worin bestand sein Handel?" "In Flaschen." "Beim Himmel, hoeren Sie auf! Mir ist, als hoerte ich schon Pfropfen knallen...." "Darf ich die Leute herbringen?" "Drei Portraets.... Ich werde sie in den 'Salon' schicken.... Ich werde ins Fach des Portraetisten uebergehen. Nun denn, in Gottes Namen!" Der alte Elias entfernte sich, um die Familie Vervelle zu verstaendigen. Werfen wir inzwischen einen Blick auf die Vergangenheit Pierre Grassous de Fougeres, um ermessen zu koennen, von welcher Bedeutung ein solcher Auftrag fuer ihn sein konnte und welchen Eindruck das Ehepaar Vervelle mit seiner einzigen Tochter auf ihn machen musste. Bei Servin, der in der Kuenstlerwelt den Ruf als Meister des Stiftes genoss, hatte Fougeres zeichnen gelernt und war dann als Schueler zu Schinner gegangen, um von ihm in das Geheimnis seiner wunderbaren Farben eingeweiht zu werden. Aber der Meister gab seinem Schueler nichts von diesem Geheimnis preis--Pierre entlockte ihm nichts. Hierauf besuchte er das Atelier Sommervieux, um die Gesetze der Komposition zu studieren, aber sie blieben ihm ein versiegeltes Buch. Er ging zu Granet und Drolling, um ihnen die Technik ihrer effektvollen Interieurs abzusehen, doch vergebens, auch ihnen war nichts zu entreissen. Endlich beschloss Fougeres seine Studienzeit bei Duval-Lecamus. Sein stilles, gemaessigtes Wesen wurde in den Ateliers zur Zielscheibe des Spottes, doch entwaffnete seine Bescheidenheit und ruehrende Geduld bald die Kameraden. Bei den Lehrern fand er wenig Sympathie; sie bevorzugten das exzentrische, uebermuetige, spruehende Temperament, oder aber den ernsten, grueblerischen Charakter, der das Zeichen des Genies ist; bei Fougeres fanden sie nichts als Mittelmaessigkeit. Sein Aeusseres entsprach seinem Namen, er war fett und plump, mittelgross von Gestalt und von blasser Gesichtsfarbe. Er hatte schwarze Haare, braune Augen, lange Ohren, eine aufwaerts gebogene Nase und einen breiten Mund. Keinem dieser Merkmale seines gesunden aber ausdruckslosen Gesichtes verlieh sein mildes, leidendes, resigniertes Wesen irgendwie eine besondere Bedeutung. Ihn beunruhigte weder das leidenschaftliche Draengen des Blutes, noch die Uebermacht der Gedanken, noch die maechtige Begeisterung, die das Zeichen der genialen Kuenstler sind. Geboren, ein ehrenwerter Buerger zu sein, war dieser junge Mann nach Paris gekommen, um hier bei einem Farbenhaendler Gehilfe zu werden; aber in seiner bretonischen Hartnaeckigkeit hatte er es sich in den Kopf gesetzt, Maler zu werden, Gott mag wissen, was er aushielt, wie er es zuwege brachte, sich durch seine Studienjahre durchzudarben. Er durchlitt die Entbehrungen der Grossen, die das Unglueck verfolgt und die wie wilde Tiere von der Meute der Mittelmaessigkeit und der Neider verfolgt werden. Kaum meinte er auf eigenen Fuessen stehen zu koennen, so nahm er ein Atelier in der Rue des Martyrs und fing an, zu arbeiten. Im Jahre 1819 trat er mit seinem ersten Werk an die Oeffentlichkeit. Das der Jury zur Ausstellung im Louvre eingereichte Gemaelde stellte eine Bauernhochzeit dar und war eine wohlgelungene Nachahmung des bekannten Bildes von Greuze. Es wurde zurueckgewiesen. Fougeres, als er diese enttaeuschende Mitteilung erhielt, tobte nicht, wie es die Grossen tun, verfiel auch nicht einer jener epileptischen Anwandlungen, die so haeufig mit einer Herausforderung des Direktors oder des Sekretaers der Ausstellung oder mit blutduerstigen Drohungen enden. Nichts von alledem geschah, sondern Fougeres nahm seelenruhig seine Leinwand zurueck, bedeckte sie mit seinem Taschentuch und trug sie wieder in sein Atelier zurueck. Aber er schwur es sich zu, ein grosser Kuenstler zu werden. Das Bild stellte er auf eine Staffelei und begab sich zu seinem frueheren Lehrer Schinner, einem Maler von ausserordentlichem Talent, einem weichen und geduldigen Menschen, dem die letzte Ausstellung des "Salons" seinen Erfolg garantiert hatte. Grassou bat ihn, er moege das zurueckgewiesene Werk seiner Kritik unterziehen. Der grosse Maler kam sofort von seiner Arbeit weg. Kaum hatte er das Bild mit einem Blick gestreift, drueckte er dem armen Fougeres die Hand: "Guter Junge, du hast ein Herz von Gold, man darf dich nicht hintergehen. Also hoere: du hast alles gehalten, was du als Schueler versprachst. Mein lieber Fougeres, statt dass man etwas Derartiges zusammenpinselt, tut man besser, den andern nicht Farbe und Leinwand zu stehlen. Sattle um, solange es noch Zeit ist! Zieh dir eine Schlafmuetze ueber und kriech um neun Uhr ins Bett. Morgen aber, gegen zehn, gehst du zu irgend einem Bureau und suchst dir einen Posten. Von der Kunst aber lass die Finger!" "Mein Freund," sagte Fougeres, "mein Werk ist bereits verurteilt worden, und ich bat dich nicht, es zu tadeln, sondern mir die Gruende fuer seine Ablehnung auseinanderzusetzen." "Nun also: du hast keine Farbe, du malst alles grau und tot, du siehst die Natur durch einen Schleier. In der Zeichnung bist du grob und ungeschickt, in der Komposition kopierst du Greuze, den zu verbessern du nicht berufen bist." Als Schinner die Fehler des Bildes aufzaehlte, bemerkte er in den Zuegen des jungen Malers den Ausdruck einer so tiefen Traurigkeit, dass er ihn zum Mittagessen einlud und ihn zu troesten suchte. Am naechsten Tage sass Fougeres schon um sieben in der Fruehe vor der Staffelei und pinselte an seinem verworfenen Bilde herum. Er vertiefte die Farben, beseitigte die von Schinner geruegten Maengel und arbeitete die Koepfe besser heraus. Als ihn die Korrekturarbeit anwiderte, trug er das Bild zu Elias Magus. Dieser Herr Magus war ein hollaendisch- belgischer Flame, und in dieser Mischung lag wohl die dreifache Vorbedingung fuer das, was er geworden war: geizig und reich. Von Bordeaux nach Paris gekommen, eroeffnete er auf dem Boulevard Bonne- Nouvelle eine Gemaeldehandlung. Das erste Bild, das Pierre ihm brachte, betrachtete er sehr genau; dann zahlte er ihm fuenfzehn Francs dafuer. Fougeres, der von der Palette leben musste, und, wie es die Jahreszeit brachte, Brot und Nuesse oder Brot und Milch oder Brot und Kirschen oder Brot und Kaese verzehrte, laechelte und meinte: "Fuenfzehn Francs verdienen und tausend Francs verbrauchen, damit kann man es weit bringen." Elias Magus zuckte die Achseln. Er nagte an den Fingernaegeln und dachte, dass er das Bild auch schon fuer hundert Sous haette erhandeln koennen. Jeden Morgen spazierte Fougeres nun von der Rue des Martyrs nach dem Boulevard Bonnes-Nouvelle hinab und mischte sich der Gemaeldehandlung gegenueber unter die Passanten. Seine Augen hingen an dem Bilde, das aber selten einmal die Aufmerksamkeit eines Voruebergehenden auf sich lenkte. Aber eines Morgens, gegen Ende der Woche, war das Bild verschwunden. Fougeres schlenderte die Strasse zurueck, ging auf die andere Seite hinueber und schritt gerade auf den Laden zu, indem er tat, als fuehre ein Zufall ihn des Weges. Der Haendler stand auf der Schwelle. "Nun, haben Sie mein Bild verkauft?" "Nein," sagte Magus, "ich lasse einen Rahmen darum machen, damit ich es einem anbieten kann, der glaubt, er verstehe etwas von Bildern." Fougeres wagte nicht mehr, sich auf dem Boulevard zu zeigen. Er arbeitete an einem neuen Gemaelde. Mit der Unermuedlichkeit eines Mannes plagte er sich zwei Monate lang wie ein Galeerensklave. Eines Tages ging er, fast ohne es zu wollen, wieder zum Laden des Magus. Das Bild war nicht mehr da. "Ich habe Ihr Bild verkauft," sagte der Haendler. "Zu welchem Preise?" "Ich habe meine Unkosten eingebracht und noch eine Kleinigkeit daran verdient. Malen Sie mir flaemische Interieurs, eine Anatomiestudie, eine Landschaft. Ich werde sie Ihnen abkaufen," sagte Magus. Fougeres waere dem Alten am liebsten um den Hals gefallen. Er blickte zu ihm wie zu einem Vater auf. Freude im Herzen, kehrte er heim. Also hatte der grosse Schinner sich doch in ihm getaeuscht. Noch gab es in dieser Riesenstadt Herzen, die in gleichem Takt mit seinem eigenen schlugen. Man erkannte und schaetzte seine Begabung. Dieser arme Bursche von siebenundzwanzig Jahren besass die Einfalt eines sechzehnjaehrigen Juenglings. Jedem andern wuerde die diabolische Miene des Elias Magus aufgefallen sein. Das Beben der Bartspitzen, die Haltung des Kopfes waeren ihm nicht entgangen. Wie ein Schueler, der eine Dame begleiten darf, stolzierte Fougeres mit freudestrahlendem Gesicht durch die Strassen. Er begegnete seinem ehemaligen Mitschueler Josef Bridau, einem vom Unglueck verfolgten, vielversprechenden Talente. Da Bridau, wie er erklaerte, noch ein paar Sous in der Tasche hatte, nahm er Fougeres mit in die Oper. Aber Fougeres sah nichts von dem Ballet, hoerte nichts von der Musik; er entwarf Bilder, er malte. Noch waehrend der Vorstellung verabschiedete er sich von seinem Freunde und eilte nach Hause. Er fing an, beim Schein der Lampe zu skizzieren, erfand dreissig Bilder voll von Reminiszenzen und hielt sich fuer ein Genie. Gleich am andern Morgen kaufte er Farben und Leinwand in allen Groessen. Brot und Kaese stellte er auf den Tisch, fuellte den Krug mit frischem Wasser und haeufte Brennholz auf. Dann ging er an die Arbeit. Er hatte einige Modelle, und Magus lieh ihm ein paar Gewaender. Nach zwei Monaten vollkommener Zurueckgezogenheit hatte der Bretone vier Gemaelde vollendet. Wieder bat er Schinner um sein Urteil und lud auch Josef Bridau dazu ein. Die beiden Maler bezeichneten die Bilder als treue Kopien der Hollaendischen Landschaften und der Interieurs von Metsu, waehrend das vierte eine missratene Nachbildung von Rembrandts Anatomie sei. "Nichts als Nachahmungen," sagte Schinner; "Fougeres wird es schwerlich dazu bringen, etwas Eigenes zu geben." "Du solltest etwas anderes tun als Bilder malen," sagte Bridau. "Was denn?" fragte Fougeres. "Wirf Dich auf die Literatur," sagte Bridau. Fougeres liess den Kopf haengen wie ein Schaf im Regen. Dennoch liess er sich einige technische Winke geben und arbeitete danach noch an seinen Bildern, bevor er sie zu Elias brachte. Dieser zahlte ihm fuenfundzwanzig Francs fuer das Stueck. Fougeres verdiente dabei nichts, verlor aber auch nichts, denn er lebte sehr anspruchslos. Wieder nahm er nun seine Spaziergaenge auf, um das Schicksal seiner Bilder zu verfolgen. Da hatte er eine merkwuerdige Halluzination: seine so klar und genau gemalten Bilder, die von der Haltbarkeit des Eisenblechs und glaenzend wie Porzellan waren, schienen wie von einem grauen Nebel ueberzogen; sie glichen alten Gemaelden. Elias war ausgegangen, und so konnte sich Fougeres keine Erklaerung dieses Phaenomens einholen. Er dachte, es muesse eine Taeuschung sein. Er kehrte heim und fing von neuem an, alte Bilder zu malen. Nach sieben Jahren unermuedlicher, eifriger Arbeit brachte Fougeres es so weit, dass er ertraegliche Bilder komponieren und ausfuehren konnte. Er leistete etwas Mittelmaessiges, wie viele andere Maler auch. Elias kaufte und verkaufte alle diese Bilder des armen Bretonen, der jaehrlich muehsam hundert Louis verdiente, waehrend er kaum zwoelfhundert Francs verbrauchte. Bei der Ausstellung des Jahres 1829 wurden Leon de Lora, Schinner und Bridau, die von grossem Einfluss waren und an der Spitze der kuenstlerischen Bewegung standen, so ergriffen von der Beharrlichkeit und der Armut ihres einstigen Kameraden, dass sie eines seiner Bilder zum grossen Salon der Ausstellung zuliessen. Dies Gemaelde zeigte einen jungen Straefling, dem die Haare geschoren wurden. Er sass zwischen einem Priester und einem jungen und einem alten Weibe, die weinten, waehrend ein Schreiber ein gestempeltes Schriftstueck las. Unberuehrt standen auf einem schmutzigen Tische Speisen; zwischen den Gitterstaeben eines hochgelegenen Fensters fiel das erste Tageslicht herein. Ein Etwas in diesem Bilde musste die Buerger erschauern lassen--und sie erschauerten. Unverkennbar war Fougeres von Gerard Dous bekanntem Meisterwerk beeinflusst worden; er hatte die Gruppe im Gemaelde "Die wassersuechtige Frau" zum Fenster gedreht, statt sie von vorne zu zeigen und die Sterbende durch den Verurteilten ersetzt; es war dasselbe fahle Gesicht, derselbe Blick, derselbe Aufschrei zu Gott. Statt des flaemischen Arztes hatte er den schwarzgekleideten Schreiber mit seiner kalten Amtsmiene hingemalt, und dem Maedchen auf dem Bilde Gerard Dous ein greises Weib zugesellt. Beherrscht wurde die Gruppe von dem brutal gleichgueltigen Gesicht des Henkers. Das Plagiat war raffiniert ausgefuehrt, und niemand erkannte es als solches. Der Katalog vermerkte: "No. 510. Grassou de Fougeres, Pierre, 2 Rue de Navarin. Toilette eines im Jahre 1809 zum Tode verurteilten Verbrechers". Trotz seiner Talentlosigkeit wurde dem Bilde ein beispielloser Erfolg zuteil; erinnerte es doch an den Fall der Heizer von Mortagne. Das Publikum sammelte sich. Tag fuer Tag vor dem Bilde, das die Sensation von Paris bildete. Auch Karl X. blieb davor stehen. Madame, der man von dem kuemmerlichen Dasein des Bretonen erzaehlt hatte, begeisterte sich fuer ihn. Der Herzog von Orleans bemuehte sich um das Gemaelde. Von Praelaten hoerte Madame la Dauphine, dass das Bild eine gute Moral enthalte, und es war in der Tat von sympathischen religioesen Gedanken erfuellt. Monseigneur le Dauphin bewunderte, wie der Staub auf den Mauersteinen gemalt sei, worin er uebrigens irrte, denn Fougeres hatte durch gruenliche Reflexe die schimmlige Feuchtigkeit der Waende andeuten wollen. Madame erwarb das Bild fuer tausend Francs, und der Dauphin erteilte dem Kuenstler den Auftrag auf ein zweites, aehnliches. Fougeres, dessen Vater 1799 fuer die Sache des Koenigs gefochten hatte, wurde von Karl X. durch Verleihung des Ehrenkreuzes ausgezeichnet, waehrend Josef Bridau, der grosse Kuenstler, leer ausging. Der Minister des Innern uebertrug Fougeres die Ausfuehrung zweier Kirchengemaelde. Somit bedeutete diese Ausstellung des Salon fuer Pierre Grassou Reichtum, Ruhm und Zukunft. Schoepfer sein, heisst am langsamen Feuer schmoren; nachahmen, das heisst leben! Eine Goldquelle hatte sich Grassou eroeffnet. In seinem skrupellosen Missbrauch der Kunst war er wieder einmal ein Beispiel dafuer, dass die ueberwaeltigende Mehrheit der Unfaehigen in unseren Tagen ueberall das Aufkommen der wahrhaft Begabten erschwert und einen erbarmungslosen Kampf gegen das wirkliche Talent fuehrt. Fougeres wunderte sich selbst ueber seinen Erfolg, und seine Bescheidenheit und Schlichtheit liessen Neid und Missgunst verstummen. Ausserdem hatte er alle Grassous, die schon ihr Glueck gemacht hatten, auf seiner Seite, mehr aber noch jene, die darauf hofften. Einige waren von der Willenskraft dieses Mannes, den nichts hatte niederwerfen koennen, begeistert und sagten: "Man muss seinen Willen zur Kunst anerkennen! Grassou hat sein Glueck nicht gestohlen; der arme Kerl hat sich zehn Jahre lang hart darum geschunden!" Alle Glueckwuensche, die dem Maler dargebracht wurden, klangen aus in diesem Ausruf: "Der arme Kerl!" Vom Mitleid wird ja ebensoviel Mittelmaessigkeit erhoben, als vom Neid Groesse und Bedeutung gestuerzt. Die Zeitungen hatten in ihren Kritiken nicht mit bitterer Schaerfe gespart, aber Fougeres schluckte sie, ebenso wie die verbessernden Ratschlaege seiner Kameraden, mit Engelsgeduld hinunter. Nachdem er sich nun im Besitz von fuenfzehntausend Francs sah, die sauer genug verdient worden waren, richtete er sich in der Rue de Navarin seine Wohnung und sein Atelier ein und gab sich an das vom Dauphin in Auftrag gegebene Gemaelde. Auch die vom Ministerium bestellten beiden Kirchenbilder lieferte er so genau am festgesetzten Termin ab, dass der Minister ebenso wie seine Kasse von der unerwarteten Puenktlichkeit des Kuenstlers aufs hoechste ueberrascht und in Verlegenheit gebracht wurde. Allein den ordnungsliebenden Leuten ist das Glueck wohlgesonnen. Haette Grassou mit der Ablieferung gesaeumt, so waere er wohl infolge der Julirevolution niemals bezahlt worden. Mit siebenunddreissig Jahren hatte Fougeres fuer Elias Magus nahezu zweihundert Bilder fabriziert. Sie blieben zwar gaenzlich unbekannt, aber er war zufrieden damit, und diese Arbeit hatte sein Schaffen so zum Handwerk gemacht, dass die Kuenstler die Achseln zuckten. Die Buerger liebten ihn. Die Freunde schaetzten Fougeres wegen seines biederen und mitfuehlenden Wesens, wegen seiner Freundlichkeit und Anhaenglichkeit. Waehrend sie seine Palette missachteten, achteten sie doch den Mann, der sie hielt. "Ein Jammer, dass Fougeres dem Laster des Malens verfallen ist," sagten die Freunde untereinander. Trotz seiner Talentlosigkeit war Grassou ein schaetzenswerter Berater, wie es auch in der Literatur Leute gibt, die selbst kein brauchbares Buch zustandebringen, aber einen guten Blick fuer die Fehler anderer Werke haben. Dennoch war zwischen dieser Art literarischer Kritik und der Fougeres ein Unterschied; Grassou war im hoechsten Grade empfaenglich fuer das Schoene, er war dankbar dafuer, und so kamen seine Ratschlaege aus einem aufrichtigen Empfinden, dem man wirklich vertrauen durfte. Seit der Julirevolution schickte Fougeres zu jeder Ausstellung ein Dutzend Bilder, von denen vier oder fuenf durch die Jury zugelassen wurden. Der Maler lebte aeusserst bescheiden und hielt sich zur Bedienung nur eine Haushaelterin. Seine einzige Unterhaltung fand er in Besuchen bei seinen Freunden, im Anschauen von Kunstsammlungen und hin und wieder in einer kleinen Reise, die ihn aber nie ueber die Grenzen Frankreichs hinausfuehrte. Er beabsichtigte aber, sich demnaechst in der Schweiz neue Anregung zu holen. Unser Kuenstler war ein durchaus einwandfreier Staatsbuerger, der seiner Wehrpflicht genuegte, sich zu den Musterungen einstellte und seine Steuern ebenso wie seine Miete mit peinlicher Puenktlichkeit entrichtete. Da sein Leben in Arbeit und Sorgen aufgegangen war, hatte er keine Zeit gefunden, an die Liebe zu denken. Dem armen Junggesellen kam es auch garnicht in den Sinn, sein einsames Leben aufzugeben, und da er nicht wusste, wie er sein Geld nutzbringend anlegen koenne, brachte er jeweils die Ersparnisse des Quartals zu seinem Notar Cardot. Als die Summe auf tausend Taler angewachsen war, legte dieser sie als erste Hypothek an. Der Maler wartete auf den gluecklichen Augenblick, wo seine Papiere die imposante Summe von zweitausend Francs Rente abwerfen wuerden, um sich das otium cum dignitate des Kuenstlers zu geben und Bilder zu malen, oh, wirkliche, vollendete Kunstwerke. Seine Zukunft, seinen Traum von Glueck, seiner Hoffnungen Superlativ--wollt ihr ihn hoeren? Mitglied des Instituts werden und die Rosette der Offiziere der Ehrenlegion erwerben. Seite an Seite mit Schinner und Leon de Lora sitzen, frueher als Bridau. Eine Rosette im Knopfloch tragen! Welcher Traum!--Welch kleiner Geist, der nur an diese Dinge denkt!... Als Fougeres Schritte aus der Treppe vernahm, fuhr er sich durch das Haar, knoepfte seine flaschengruene Sammetweste zu und war nicht wenig entsetzt, als er gleich darauf ein Gesicht vor sich sah, das man in der Sprache der Ateliers treffend "Melone" nennt. Diese Frucht sass auf einem mit blauem Tuch bekleideten und mit einem Gehaenge klingender Berlocks geschmueckten Kuerbis, dem zwei Steckrueben, die man nur irrtuemlicherweise als Beine bezeichnen konnte, zum Gehen dienten. Die Melone schnaufte wie ein Walross. Ein echter Kuenstler haette den hiermit charakterisierten kleinen Flaschenhaendler unverzueglich vor die Tuer gesetzt, mit dem Bedauern, dass er leider kein Gemuese male. Fougeres aber sah sich seine Kundschaft erst, ohne eine Miene zu verziehen, an, denn im Vorhemd des Herrn Vervelle prangte ein Diamant von tausend Talern Wert. Der Blick, den hierauf Fougeres dem Magus zuwarf, bedeutete etwa: "Ein feister Brocken!", waehrend Herr Vervelle die Stirn runzelte. Der Ehrenmann fuehrte noch zwei andere Gemuesesorten in Gestalt seiner Frau und seiner Tochter mit sich. Die Gattin glich mit ihrem mahagonifarbenen Gesicht einer auf unfoermlichen Fuessen stehenden Kokosnuss, die nur mit einem Kopf gekroent und von einem Guertel eingeschnuert war. Sie trug ein gelbes Kleid mit schwarzen Streifen. Ihre geschwollenen Haende staken kokett in unvorstellbaren Fausthandschuhen, die einem Korporal haetten gehoeren koennen. Ihren riesigen Hut ueberfluteten maechtige Straussenfedern, und ihre runden massigen Schultern waren mit Spitzen geschmueckt. Dergestalt war die elfenhafte Erscheinung der Kokosnuss. Die Fuesse, die man treffender als Wurzelkloetze bezeichnen wuerde, quollen in sechs Wuelsten ueber die Lackschuhe hervor. Wie waren sie nur in die Schuhe hineingekommen?! Man weiss es nicht. Ihr folgte ein junger, gruen-gelber Spargel, dessen kleinen Kopf eine von Schleifchen gehaltene, rueben-rote Lockenfrisur zierte. Sie hatte spindelduerre Arme, einen leidlich weissen Teint, der mit Sommersprossen uebersaet war, grosse Unschuldsaugen mit fahlen Wimpern, fast gar keine Augenbrauen, einen Florentiner Strohhut, den zuechtig zwei von weissen Satinlitzen eingefasste Rosetten garnierten, die roten Haende der Tugend und die Fuesse der Mutter. Aus der beglueckten Miene, mit der diese drei Wesen in dem Atelier des Malers Umschau hielten, verriet sich ihre ehrfuerchtige Begeisterung fuer die Kunst. "Sie also werden uns malen, mein Herr?" fragte der wuerdige Vater. "Ja, mein Herr!" anwortete Grassou. "Vervelle, er hat das Ehrenkreuz!" fluesterte die Frau ihrem Manne zu, als der Maler ihnen den Ruecken zuwandte. "Glaubst du, ich wuerde unsere Bilder von einem Maler ohne Auszeichnung malen lassen?" sagte der gewesene Flaschenhaendler. Elias Magus verabschiedete sich von der Familie Vervelle und ging. Grassou begleitete ihn zur Treppe. "Das war auch nur Ihnen moeglich, solche Kugeln aufzufangen," sagte er. "Hunderttausend Francs Mitgift!" sagte Magus. "Ja, aber was fuer eine Familie!" "Dreihunderttausend Francs spaeteres Erbteil, ein Haus in der Rue Boucherat und ein Landhaus in Ville d'Avray. Sie waeren fuer Lebenszeit versorgt," sagte Elias. Dieser Gedanke durchzuckte Grassous Gehirn wie die Morgensonne seine Mansarde. Waehrend er dem Vater des jungen Maedchens behilflich war, die richtige Stellung zum Portraetieren einzunehmen, erfreute er sich an dem gutmuetigen Ausdruck dieses Mannes und bewunderte die violetten Farbtoene dieses Gesichts. Mutter und Tochter flatterten um den Maler herum und beobachteten voller Entzuecken seine Vorbereitungen; er erschien ihnen wie ein Gott. Fougeres gefiel sich in dieser Bewunderung. Das goldne Kalb strahlte sein phantastisches Licht ueber diese Familie. "Sie muessen unheimliche Summen verdienen, nicht wahr?" sagte die Mutter. "Aber Sie geben das Geld wahrscheinlich ebenso schnell, wie Sie es verdienen, wieder aus." "Nein, gnaedige Frau," erwiderte der Maler, "ich gebe es nicht aus, denn ich wuesste nicht, wozu. Mein Notar arbeitet mit dem Gelde und fuehrt Buch darueber; und sobald ich es ihm gegeben habe, denke ich nicht mehr daran." "Ich habe mir sagen lassen," rief Papa Vervelle, "Ihr Kuenstler waeret wie die Siebe." "Wer ist Ihr Notar, wenn es erlaubt ist?" fragte Frau Vervelle. "Oh, ein guter Kerl, der runde Cardot." "Aber nein, wie komisch!" lachte Vervelle. "Cardot ist auch unser Notar." "Sie duerfen sich nicht bewegen," sagte der Maler. "Aber so bleibe doch ruhig," rief die Gattin. "Du wirst schuld sein, wenn der Herr einen Fehler macht. Du solltest ihn nur bei der Arbeit sehen, so wuerdest Du verstehen...." "Ach Gott! Warum habt Ihr mich nicht im Malen unterrichten lassen!" sagte Fraeulein Vervelle zu den Eltern. "Virginie," rief die Mutter, "es gibt gewisse Dinge, die ein junges Maedchen nicht kennen darf. Bist Du erst einmal verheiratet--gut! Aber bis dahin gib Dich zufrieden." Diese erste Sitzung genuegte, um den ehrenwerten Kuenstler mit der Familie Vervelle schon recht befreundet werden zu lassen. In zwei Tagen sollten die Vervelles wiederkommen. Vater und Mutter liessen Virginie auf dem Heimweg ein wenig vorausgehen, aber trotz der Entfernung erlauschte sie folgende Worte, die ihre Neugier erweckten: "Ein dekorierter Mann ... siebenunddreissig Jahre ... ein Kuenstler mit Auftraegen, dessen Geld von unserm Notar verwaltet wird ... wie waere es, wenn wir Cardot zu Rate zoegen? Ha! Madame de Fougeres waere nicht uebel!... Er sieht nicht aus wie ein uebler Mensch.... Du meinst, besser ein Grosshaendler? Aber bei einem Kaufmann kannst Du, wenn er sich nicht bereits vom Geschaeft zurueckgezogen hat, nie wissen, wie es Deiner Tochter ergehen wird. Ein sparsamer Kuenstler dagegen ... ausserdem lieben wir die Kunst ... kurz und gut...." Waehrend die Familie Vervelle ihre Eindruecke ueber den Maler austauschte, bildete sich auch Fougeres seinerseits sein Urteil ueber die drei. Aber das Atelier war ihm zu eng und still dazu. Er begab sich auf die Strasse und musterte die rothaarigen Frauen unter den Voruebergehenden, wobei er die seltsamsten Schlussfolgerungen zog: Gold sei das schoenste der Metalle, und die gelbe Farbe kennzeichne das Gold, die Roemer liebten Frauen mit goldrotem Haar und er fuehle wie ein Roemer ... und dergleichen mehr. Welcher Mann kuemmert sich, nach zwei Jahren der Ehe noch um die Haarfarbe seiner Frau? Schoenheit vergeht, aber die Haesslichkeit besteht. Geld ist der halbe Weg zum Glueck. Als der Maler abends zur Ruhe ging, fand er Virginie Vervelle bereits entzueckend. Als die drei Vervelles zur zweiten Sitzung das Atelier betraten, empfing der Maler sie mit einem liebenswuerdigen Laecheln. Der Schelm hatte heute seinem Bart besondere Aufmerksamkeit gewidmet; seine Waesche war bluetenweiss; anmutig hatte er sein Haar geordnet, und er trug eine sehr kleidsame Hose und puterrote Hausschuhe. Sein Gruss wurde von der Familie ebenfalls mit einem gewinnenden Laecheln beantwortet. Virginie, die so rot wurde wie ihr Haar, senkte die Augen und wandte den Kopf ab, als versenke sie sich in die Studien. Pierre Grassou war von diesen kleinen Zierereien entzueckt; er fand Virginie grazioes und gluecklicherweise weder ihrem Vater noch ihrer Mutter aehnlich. Waehrend der Sitzung entspann sich eine angeregte Unterhaltung zwischen der Familie und dem Maler, der so kuehn war, den Vater Vervelle geistvoll zu finden. Die Vervelles nahmen mit ihren Schmeichelworten das Herz des Kuenstlers im Sturm. Er schenkte Virginie eine seiner Skizzen und der Mutter eine Studie. "Umsonst?" fragten sie. Pierre Grassou musste lachen. "Sie duerfen Ihre Bilder nicht so wegschenken," sagte Vervelle, "das ist doch so gut wie bares Geld."-- Bei der dritten Sitzung erzaehlte Papa Vervelle von einer schoenen Gemaeldegalerie, die er sich in seinem Landhaus in Ville d'Avray zugelegt habe. Sie enthalte Werke von Rubens, Gerard Dou, Mieris, Terborch, Rembrandt, Paul Potter, einen Tizian und anderes. "Herr Vervelle hat sich eine Torheit geleistet," sagte Frau Vervelle sehr wichtig, "er besitzt fuer hunderttausend Francs Bilder."--"Ich bin eben Kunstliebhaber," sagte der ehemalige Flaschenhaendler. Als der Maler das Portraet der Frau Vervelle begann, nachdem das ihres Gatten nahezu vollendet war, fand die Bewunderung der Familie kein Ende. Der Notar hatte von dem Maler eine geradezu glaenzende Schilderung gegeben: Pierre Grassou war in seinen Augen der ehrenwerteste Mann der Welt, einer der bestsituierten Kuenstler, der sich bis jetzt sechsunddreissigtausend Francs zusammengespart habe; die Tage des Elends seien fuer ihn vorbei, er habe eine Jahreseinnahme von zehntausend Francs; alles in allem, es sei ausgeschlossen, dass er eine Frau ungluecklich machen werde. Diese Schlussbemerkung fiel entscheidend in die Wagschale. Die Vervelles unterhielten ihre Freunde nur noch mit Gespraechen ueber den beruehmten Fougeres. An dem Tage, da Fougeres das Bild Virginiens in Angriff nahm, galt er schon als der zukuenftige Schwiegersohn der Familie. Die drei Vervelles bluehten und gediehen in der Atmosphaere dieses Ateliers, das sie nun schon als eine ihrer Residenzen ansahen. Eine unerklaerliche Anziehungskraft ging von diesem sauberen, freundlich geordneten Raum auf sie aus. Abyssus, abyssum--der Buerger zieht den Buerger an. Als die Sitzung zu Ende ging, erzitterte die Treppe unter heraufstuermenden schweren Schritten. Die Tuere wurde aufgerissen und Josef Bridau trat ein. Er war erhitzt und aufgeregt, seine Haare wehten, sein dicker Schaedel gluehte. Wie Blitze flogen seine Blicke umher und er wirbelte alles im Atelier durcheinander, um sich dann ploetzlich an Grassou zu wenden, waehrend er versuchte, den ueber den Bauch zusammengezogenen Rock zuzuknoepfen, was nicht gelang, da von dem betreffenden Knopf nur noch der leere Stoffueberzug vorhanden war. "Das Holz ist teuer," sagte er zu Grassou. "Ah!" "Die Glaeubiger sind hinter mir her.... Aber sag, malst Du dies Zeug da?" "So schweig doch!" "Ach so! Ja!" Familie Vervelle fuehlte sich durch das ungewoehnliche Auftreten dieses Menschen im tiefsten verletzt. Ihre natuerliche Roete steigerte sich ins Kirschfarbene und endlich zu flammendem Purpur. "Allerdings, so etwas bringt was ein!" begann Bridau wieder. "Hast Du Geld?" "Brauchst Du viel?" "Fuenfhundert.... Ich bin einem Bluthund von Wucherer in die Finger gefallen. Wenn so eine Bestie einmal zugepackt hat, so laesst sie nicht locker, bis sie den Bissen geschluckt hat. Welche Rasse!" "Ich werde Dir ein paar Zeilen an meinen Notar mitgeben...." "Was, Du hast einen Notar?" "Ja!" "Nun, dann weiss ich doch wenigstens, warum Du die Wangen mit Rosentoenen malst, die einen Parfuemeur begeistern wuerden." Grassou konnte es nicht verhindern, dass er erroetete. Virginie verzog das Gesicht. "Warum haeltst Du Dich nicht an die Natur?" fuhr der grosse Maler fort. "Das Fraeulein ist rot--nun also, ist denn das so schlimm? In der Kunst ist alles schoen. Tu Zinnober auf Deine Palette und belebe die Wangen damit. Pinsele getrost die kleinen braunen Tuepfelchen hin und gib dem Ganzen etwas mehr Fettglanz. Willst Du mehr Geist haben als die Natur?" "Hier...." sagte Fougeres, "Du kannst mich ja solange vertreten, waehrend ich schreibe." Vervelle schob seinen Kugelkoerper leise an den Tisch heran und beugte sich zum Ohr des Malers herab. "Dieser Brausekopf wird aber doch alles verderben!" fluesterte der besorgte Kaufmann. "Wenn er das Bild Ihrer Virginie malte," erwiderte Fougeres entruestet, "so wuerde es tausendmal besser als meine Arbeit." Auf diese Auskunft hin zog Vervelle sich vorsichtig wieder zurueck und begab sich an die Seite seiner Frau, die ueber diesen Berserker einfach sprachlos war und sich nur hoechst beunruhigt darueber zeigte, dass er an dem Portraet ihrer Tochter herumwerkelte. "So--halte Dich an diese Angaben," sagte Bridau, als er die Palette gegen das Schreiben eintauschte. "Ich danke Dir nicht weiter! Nun kann ich doch nach Chateau d'Arthey zurueckkehren, wo ich einen Speisesaal auszufuehren habe; Leon de Lora macht die Tuerfuellungen. Wahre Meisterwerke! Du solltest uns einmal besuchen!" Er ging ohne Gruss; er hatte von dem Anblick Virginies genug bekommen. "Wer ist denn dieser Mensch?" fragte Madame Vervelle.--"Ein grosser Kuenstler," antwortete Grassou. Nach einer Minute des Schweigens fragte Virginie: "Sind Sie auch sicher, dass er an meinem Bilde nichts verdorben hat? Er hat mich erschreckt!" "Er hat es verbessert," antwortete Grassou.--"Wenn dieser ein grosser Kuenstler ist," sagte Madame Vervelle, "so muss ich doch sagen, dass ich die grossen Kuenstler Ihrer Art vorziehe."--"Aber Mama, Herr Grassou ist doch ein viel groesserer Maler; er malt mich in ganzer Figur," plapperte Virginie. Diese braven Leute fuehlten sich durch die Allueren des Genies vor den Kopf gestossen.-- Es war im Spaetsommer, als Vervelle sich ein Herz fasste und den Maler zum naechsten Sonntag auf sein Landhaus einlud. "Ich weiss ja," sagte er bescheiden, "dass wir Buergersleute einem Kuenstler nicht viel Anziehendes bieten koennen. Die Kuenstler brauchen Anregung, Schaugepraenge und eine Umgebung geistvoller Personen. Bei mir werden Sie nichts finden als einen guten Wein; ich hoffe aber auch, dass meine Gemaeldegalerie Ihnen hilft, die Langeweile zu verscheuchen, die einen Kuenstler wie Sie unter so einfachen Leuten befallen koennte." Es entzueckte den armen Pierre Grassou, der so wenig an Lobeserhebungen gewoehnt war, sich so gefeiert zu sehen. Dieser guetige Mensch, dieser kaum mittelmaessige Kuenstler, dies goldene Herz, diese treue Seele, dieser miserable Zeichner und brave Junge, den der koenigliche Orden der Ehrenlegion zierte, warf sich in Gala, um die letzten schoenen Tage des Jahres in Ville d'Avray zu geniessen. Er fuhr bescheiden im Omnibus. Das Schloesschen des ehemaligen Flaschenhaendlers, das auf der Hoehe von Ville d'Avray, dem schoensten Punkt der Ortschaft, mitten in einem fuenf Morgen grossen Park lag, erregte Grassous hoechste Bewunderung. Virginie heiraten, hiess also, eines Tages Besitzer dieser schoenen Villa werden! Von den Vervelles wurde er mit so begeisterter Freude, Liebenswuerdigkeit und ungeschickter Herzlichkeit aufgenommen, dass er sich beschaemt fuehlte. Es war ein Tag des Triumphes fuer ihn. In den zu Ehren des hohen Besuches sorgfaeltig geharkten Wegen fuehrte man seine Zukunftsplaene spazieren. Sogar die Baeume sahen aus, als ob sie gekaemmt worden waeren. Die Rasenplaetze waren frisch gemaeht. Durch die reine Landluft schwebten verheissungsvoll wunderbare Kuechengerueche herueber. Alles im Hause schien sich zuzufluestern: "Wir haben einen grossen Kuenstler zu Gast!" Papa Vervelle kugelte wie ein Apfel durch seinen Park, die Tochter schlaengelte sich wie ein Aal daher, und die Mutter folgte mit wichtigtuerischer Miene hinterdrein. Unermuedlich beschaeftigten die drei Leute sich ohne Unterbrechung sieben Stunden lang um ihren Gast. Auf das Diner, das sich in seiner koestlichen Reichhaltigkeit sehr in die Laenge zog, folgte der grosse Coup des Tages, die Besichtigung der Galerie. Drei Nachbarn, ehemalige Kaufleute, ein Erbonkel, den man zu Ehren des grossen Kuenstlers eingeladen hatte, ein altes Fraeulein Vervelle und die Gastgeber selbst folgten dem Maler in die Galerie. Sie waren alle begierig, sein Urteil ueber die beruehmte Sammlung des kleinen Papa Vervelle zu hoeren und ueber den fabelhaften Wert der Bilder Gewissheit zu erlangen. Es schien, dass der Flaschenhaendler mit Koenig Louis Philipp und den Galerien von Versailles hatte wetteifern wollen. An den kostbaren Rahmen waren kleine Taefelchen angebracht, die auf goldenem Grund schwarze Aufschriften trugen. Sie lauteten: "Rubens, Tanz der Faune und Nymphen."--"Rembrandt, Inneres eines Anatomiesaales.--Dr. Tromp mit seinen Schuelern." Die Galerie wurde durch Lampen erhellt, die besondere Beleuchtungseffekte erzielen sollten. Sie enthielt hundertfuenfzig alte, verstaubte Gemaelde. Vor einigen hingen gruene Vorhaenge, die man in Gegenwart der jungen Leute geschlossen liess. Der Kuenstler stand da, die Arme verschraenkt und mit offenem Munde; er war sprachlos: in dieser Galerie fand er die Haelfte seiner eigenen Bilder wieder. Rubens, Paul Potter, Mieris, Gerard Dou,--zwanzig der groessten Meister waren Werke seiner Hand. "Mein Gott! Was fehlt Ihnen? Wie bleich Sie geworden sind! Schnell ein Glas Wasser, Kind!" rief Mutter Vervelle. Der Maler zog Papa Vervelle am Rockknopf in einen Winkel der Galerie, unter dem Vorwand, einen Murillo betrachten zu wollen; die Bilder der Spanier waren damals in Mode. "Sagen Sie, haben Sie diese Gemaelde bei Elias Magus erstanden?" --"Ja, lauter Originale!" "Unter uns gesagt, zu welchem Preise hat er Ihnen diejenigen verkauft, die ich Ihnen jetzt bezeichnen werde?" Sie machten nebeneinander einen Rundgang durch den Raum. Die Gaeste waren entzueckt davon, mit welchem Ernst der Kuenstler sich an der Seite seines Gastgebers dem Studium der Meisterwerke hingab. "Dreitausend Francs!" sagte Vervelle mit fluesternder Stimme, als sie vor dem letzten Bilde angelangt waren, "aber ich gab ihm viertausend dafuer."--"Einen Tizian fuer viertausend Francs?" sagte der Maler mit erhobener Stimme; "aber das waere ja geschenkt!"--"Wie ich Ihnen sagte. Ich besitze hier fuer zusammen hunderttausend Taler Bilder!" rief Vervelle. "Alle diese Bilder habe ich gemalt," sagte Pierre Grassou ihm ins Ohr, "und ich habe fuer alle zusammen nicht mehr als zehntausend Francs bekommen." "Beweisen Sie mir das," sagte der Flaschenhaendler, "und ich werde die Mitgift meiner Tochter verdoppeln, denn dann sind Sie ja Rubens, Rembrandt, Terborch, Tizian in einer Person!" "Und unser Magus ist ein hoechst talentierter Bilderhaendler!" meinte der Maler, der nun endlich begriff, warum seine Bilder im Laden des Elias ein so merkwuerdiges Aussehen bekamen und weshalb der Alte immer so sonderbare Motive von ihm verlangt hatte. Wollte man nun annehmen, dass Herr von Fougeres--auf diesen Namen bestand seine Familie--bei seinen Bewunderern an Hochachtung eingebuesst haette, so irrte man darin. Sein Ansehen stieg ueber alles Mass. Die Portraets der Familie Vervelle fuehrte der Glueckliche aber nun unentgeltlich aus und brachte sie seinem Schwiegervater, seiner Schwiegermutter und seiner jungen Gattin als Geschenk dar.... Pierre Grassou, der heute bei keiner Ausstellung fehlt, gilt in der Welt der Kleinbuerger als ein guter Portraetmaler. Er hat ein Einkommen von zwoelfhundert Francs im Jahre und bekleckst fuer fuenfhundert Francs Leinwand. Seine Frau hat eine jaehrliche Rente von sechstausend Francs als Mitgift bekommen und die Eheleute wohnen im Hause der Schwieger- eltern. Die Vervelles und die Grassous verstehen sich ganz ausgezeichnet miteinander; sie halten sich eine gemeinsame Equipage und sind die gluecklichsten Menschen von der Welt. Wo Pierre Grassou in buergerlicher Sphaere eine Gesellschaft besucht, wird er als der groesste Kuenstler seiner Zeit gefeiert. Von der Barriere du Trone bis zur Rue du Temple wird kein Familienbild in Auftrag gegeben, das nicht dieser grosse Maler ausfuehrt und sich mit mindestens fuenfhundert Francs bezahlen laesst. Fragt man die Buerger, warum sie gerade ihm den Vorzug geben, so antworten sie: "Man mag sagen, was man will, er ist ein Mann, der im Jahre seine zwanzig- tausend Francs zum Notar bringt!" Da Grassou sich bei den Aufstaenden am 12 Mai trefflich gehalten hatte, wurde er zum Offizier der Ehrenlegion ernannt. Er ist Bataillonschef der Nationalgarde. Es blieb nicht aus, dass das Museum von Versailles einem so ausgezeichneten Staatsbuerger ein Schlachtengemaelde in Auftrag gab. Fougeres trug seine Freude vor ganz Paris zur Schau und erzaehlte seinen ehemaligen Kameraden, die ihm begegneten, mit gleichgueltiger Miene: "Der Koenig hat ein Schlachtengemaelde bei mir bestellt." Frau von Fougeres, die ihren Gatten mit zwei Kindern beschenkt hat, betet ihn an. Ein ausgezeichneter Gatte und guter Vater ist dieser Maler, aber er kann nicht den schmerzlichen Gedanken verwinden, dass die Kuenstler sich ueber ihn lustig machen, sein Name in den Ateliers nur als abschreckendes Beispiel genannt wird, die Presse sich nicht mit seinen Werken beschaeftigt. Doch er arbeitet unentwegt weiter und hegt die Hoffnung, dass man ihn in die Akademie aufnehmen werde. Und, ein Akt herzerfreuender Rache, den beruehmten Malern kauft er, wenn sie in Geldverlegenheit sind, ihre Bilder ab. Auf diese Weise tauscht er die elenden Schinken der Galerie in Ville d'Avray aus gegen wirkliche Meisterwerke, die nicht von ihm stammen. DIE BOeRSE Es gibt eine koestliche Stunde fuer Herzen, die sich leicht oeffnen, fuer frische Herzen, die stets jung und zaertlich bleiben, und diese Stunde, die unbestimmteste und veraenderlichste von allen, aus denen ein Tag besteht, beginnt in dem Augenblick, wo es noch nicht Nacht und nicht mehr Tag ist. Die Abenddaemmerung wirft ihre matten Faerbungen und wunderlichen Beleuchtungen auf alle Gegenstaende, und suesse Traeumereien entstehen dann, waehrend Licht und Dunkelheit miteinander kaempfen. Das Schweigen, das fast stets waehrend dieses an Inspirationen reichen Augenblickes herrscht, macht ihn besonders den Dichtern, Malern und Bildhauern teuer. Sie sammeln sich, treten ein wenig von ihren Werken zurueck, und da sie nicht mehr daran arbeiten koennen, so beurteilen sie sie und berauschen sich mit Wonne an ihren Schoepfungen, deren ganze Schoenheit sich vor dem inneren Auge ihres Genius entfaltet. Derjenige, der noch nie waehrend dieses Augenblicks in poetische Traeumereien versunken neben einem Freunde sass, wird nur schwer die unnennbaren Wohltaten desselben begreifen. Infolge des Halbdunkels verschwindet der materielle Trug, den die Kunst anwendet, um an die Wirklichkeit des Lebens glauben zu machen. Der Schatten wird dann Schatten, Licht ist Licht, das Fleisch wird lebendig, die Augen leuchten, Blut fliesst durch die Adern und die Gewaender der gemalten Figuren scheinen zu rauschen. Die Einbildungskraft kommt auf wundersame Weise zu Hilfe, um an die Natuerlichkeit der Einzelheiten glauben zu machen; man sieht nur noch die Schoenheit des Werks, und wenn es sich um ein Gemaelde handelt, so scheint es uns, als ob die dargestellten Personen redeten und sich bewegten. Despotisch herrscht in dieser Stunde die Illusion; sie erhebt sich mit der Nacht. Und ist sie fuer den Verstand nicht eine Art von Nacht, an die wir so gern glauben? Die Illusion hat dann Schwingen, sie fuehrt den Geist in die Welt der Phantasien, in eine Welt, die fruchtbar an wolluestigen Launen ist, und in welcher der Kuenstler ganz und gar die wirkliche Welt vergisst, die Vergangenheit, die Zukunft, sogar sein Elend. In dieser magischen Stunde war es, als ein junger Maler, ein talentvoller Mann, der in der Kunst nur die Kunst selbst erblickte, die Doppelleiter bestiegen hatte, deren er sich bediente, um ein grosses und hohes Gemaelde zu entwerfen, das bereits zu einem grossen Teile vollendet war. Er beurteilte sich jetzt selbst, bewunderte sich aufrichtig, ueberliess sich dem Strome seiner Gedanken und versank in eine jener Ueberlegungen, die das Herz entzuecken und erheben, die ihm schmeicheln und es troesten. Seine Traeumerei dauerte ohne Zweifel lange Zeit; die Nacht erschien, und sei es nun, dass er von seiner Leiter herabsteigen wollte, sei es, dass er eine unvorsichtige Bewegung machte, indem er sich auf ebener Erde glaubte, denn das Ereignis erlaubte ihm nicht, sich genau an die Ursachen seines Ungluecks zu erinnern.... Er fiel. Sein Kopf schlug gegen einen Sessel, so dass er das Bewusstsein verlor und eine Zeit lang regungslos liegen blieb. Wie lange er in diesem bewusstlosen Zustande verblieb, konnte er selbst nicht angeben. Eine sanfte Stimme erweckte ihn aus der Betaeubung, in die er versunken war. Als er die Augen aufschlug, drang ein so lebhaftes Licht durch die Lider, dass er sie sogleich wieder schliessen musste. Nun vernahm er durch den Schleier hindurch, der seine Sinne gewissermassen umhuellte, das Gespraech zweier weiblichen Personen, und fuehlte jugendliche schuechterne Haende sein Haupt betasten. Als er dann sein Bewusstsein vollkommen wiedergewonnen, vermochte er beim Schein einer altmodischen Lampe das wonnigste Koepfchen eines jungen Maedchens zu unterscheiden, das er je gesehen hatte, einen von jenen Koepfen, die man oft fuer eine Laune des Pinsels halten moechte, der aber fuer ihn sein schoenes Ideal ploetzlich verwirklichte, denn jeder Kuenstler hat ein Ideal, und daher eben entspringt sein Talent. Das Antlitz der Unbekannten gehoerte gewissermassen zu dem feinen und zarten Typus der Schule von Prudhon und besass ueberdies jene phantastische Poesie, mit der Girodet seine Gestalten bekleidet hat. Die Frische der Schlaefen, die Regelmaessigkeit der Brauen, die Reinheit der Linien, die in allen Zuegen dieser Physiognomie kraeftig ausgepraegte Jungfraeulichkeit machten gewissermassen eine vollendete Schoepfung aus dem jungen Maedchen. Es hatte einen schlanken und geschmeidigen Wuchs, hatte zarte Formen. Die einfache und saubere Kleidung deutete weder auf Reichtum noch auf Armut. Als der junge Maler die Besinnung wiedererlangt hatte, drueckte er seine Bewunderung durch einen Blick der Ueberraschung aus und stotterte verlegene Worte des Dankes. Er fand seine Stirn mit einem Taschentuch umwunden und erkannte trotz des Geruchs, der den Malerwerkstaetten eigen ist, den starken Duft des Aethers, der ohne Zweifel angewandt war, um ihn aus seiner Ohnmacht zu wecken. Dann bemerkte er endlich auch noch eine alte Dame, die den Marquisen des Ancien Regime glich, die eine Lampe hielt und der jungen Dame Ratschlaege gab. "Mein Herr," antwortete das junge Maedchen auf eine der Fragen, die der Maler an sie richtete, waehrend seine Gedanken noch von dem Falle verwirrt waren, "meine Mutter und ich, wir hoerten den dumpfen Fall eines Koerpers in Ihrem Zimmer und glaubten darauf, ein Seufzen zu unterscheiden; die schreckliche Stille, die darauf folgte, veranlasste uns, zu Ihnen herauf zu eilen. Wir fanden den Schluessel in der Tuer und erlaubten uns, einzutreten, worauf wir Sie bewegungslos auf der Erde liegen sahen. Im ersten Augenblick fuerchteten wir fuer ihr Leben. Meine Mutter holte sogleich alles, was fuer eine Kompresse und zu Ihrer Wiederbelebung noetig war. Sie sind an der Stirn verletzt ... hier ... fuehlen Sie's?" "Ja ... jetzt ..." sagte er. "O! es hat nichts zu sagen ..." versetzte die alte Mutter. "Ihr Kopf ist zum Glueck auf die Gliederpuppe gefallen." "Ich fuehle mich schon wieder besser," antwortete der Maler, "und bedarf nur eines Wagens, um nach meiner Wohnung zurueckzukehren. Die Tuerschliesserin wird mir einen besorgen...." Er wollte seinen Dank gegen die beiden Unbekannten wiederholen, wurde aber bei jedem Worte von der alten Dame unterbrochen, die zu ihm sagte: "Mein Herr, vergessen Sie nicht, morgen Blutegel anzusetzen oder sich schroepfen zu lassen.... Trinken Sie einige Tassen Arnikatee...." Das junge Maedchen schwieg. Es betrachtete auf verstohlene Weise den Maler und die Gemaelde der Werkstaette; in seiner Haltung und seinen Blicken lag eine vollkommene Schicklichkeit. Seine Neugierde glich nur der Zerstreuung, und seine Augen schienen jenen Anteil auszudruecken, den das weibliche Geschlecht an jedem Ungluecklichen nimmt. Die beiden Unbekannten schienen die Werke des Malers zu vergessen, waehrend sie in Gegenwart des leidenden Malers waren, und als er sie hinsichtlich seiner Lage ermutigt hatte, gingen sie, indem sie sich nach manchem noch mit einer sanften Besorgnis erkundigten, die jedoch fern von jeder Vertraulichkeit blieb. Sie richteten keine unbescheidenen Fragen an ihn und suchten nicht, in ihm den Wunsch zu erwecken, seine Retterinnen kennen zu lernen. In allen ihren Handlungen lag eine seltene Natuerlichkeit, ein guter Geschmack, und wenn auch ihr edles und einfaches Benehmen fuer den Augenblick wenig Wirkung auf den Maler hervorbrachte, so ueberraschte es ihn doch lebhaft, als er sich hinterher die Einzelheiten dieses Auftritts in sein Gedaechtnis zurueckrief. Als die alte Dame in das Stockwerk hinabgestiegen war, das sich unter der Werkstaette des Malers befand, sagte sie mit sanfter Stimme: "Adelaide, Du hast die Tuer offen gelassen." "Um mir zu Hilfe zu kommen!" antwortete der Maler mit einem Laecheln des Danks. "Meine Mutter! Sie sind zuletzt unten gewesen!..." entgegnete das junge Maedchen erroetend. "Sollen wir Sie hinunter begleiten?..." fragte die Mutter den Maler, "die Treppe ist sehr dunkel!" "Ich danke Ihnen, meine Damen ... ich fuehle mich vollkommen besser." "Halten Sie sich ja an dem Gelaender fest!" Die beiden Damen blieben auf dem Absatz der Treppe stehen, leuchteten dem jungen Manne und lauschten auf das Geraeusch seiner Schritte. Um zu begreifen, wie ueberraschend und unerwartet dieser ganze Auftritt fuer den Maler sein musste, duerfen wir nur bemerken, dass er erst seit wenigen Tagen seine Werkstatt in einen Dachraum dieses Hauses verlegt hatte, das in dem dunkelsten, engsten und kotigsten Teile der Rue de Suresne lag, unweit der Magdalenenkirche, und ebenfalls unfern seiner Wohnung, die sich in der Rue des Champs-Elysees befand. Die Beruehmtheit, die ihm sein Talent erworben und aus ihm einen der beliebtesten Kuenstler gemacht hatte, liess ihn seine fruehere Armut vergessen und so kannte er die Not allmaehlich nicht mehr. Statt daher fern in einer jener entlegenen Werkstaetten in der Naehe der Barrieren zu arbeiten, deren maessige Miete vordem im Verhaeltnis zu der Maessigkeit seines Verdienstes stand, hatte er einem Wunsche genuegt, der mit jedem Tage bei ihm wach geworden war, und die naeher gelegene Werkstatt gemietet, die ihm weitere Wege ersparte und somit einen Verlust der Zeit, die fuer ihn jetzt kostbarer geworden war als je. Niemand in der Welt wuerde mehr Teilnahme eingefloesst haben, als Hippolyt Schinner, wenn er sich dazu haette verstehen koennen, sich zu erkennen zu geben; allein er offenbarte nicht gern die Geheimnisse seines Lebens. Er war der Abgott einer armen Mutter, die sich selbst die haertesten Entbehrungen aufgelegt hatte, um ihn erziehen zu koennen. Jungfer Schinner, die Tochter eines Bauern im Elsass, war nie verheiratet gewesen. Ihr empfindsames Herz war grausam geknickt durch einen reichen Mann, der in der Liebe nicht sehr zartfuehlend war. Der Tag, an dem sie als junges Maedchen und in dem ganzen Glanze ihrer Schoenheit auf Kosten ihres Herzens und ihrer schoensten Illusion jene Entzauberung erlitt, die uns so langsam erreicht und doch auch so schnell, da wir stets erst so spaet als moeglich an das Boese glauben wollen, wie uns das Boese immer noch zu schnell zu kommen scheint, jener Tag war demnach fuer sie ein ganzes Jahrhundert des Nachdenkens, sowie zugleich der Tag der frommen Gedanken und der Entsagung. Sie verschmaehte die Almosen dessen, der sie betrogen hatte, entsagte der Welt und machte sich einen Ruhm aus ihrem Fehltritt. Sie widmete sich ganz und gar nur der muetterlichen Liebe und verlangte von dieser, waehrend sie allen weltlichen Genuessen entsagte, die geheimen Wonnen eines ruhigen und ungekannten Lebens. Sie lebte von ihrer Arbeit und haeufte sich einen Schatz auf in ihrem Sohne. Ein Tag, eine Stunde vergalt ihr daher spaeter die langen und langsamen Opfer ihrer Armut. Bei der letzten Ausstellung hatte ihr Sohn, Hippolyt Schinner, das Kreuz der Ehrenlegion erhalten, und die Zeitungen, die einmuetig das unbekannte Talent feierten, ergingen sich noch immer in aufrichtigen Lobspruechen. Die Kuenstler selbst erkannten in Schinner einen Meister, und seine Gemaelde wurden mit Gold aufgewogen. In seinem fuenfundzwanzigsten Jahre hatte Hippolyt Schinner, dem seine Mutter eine weibliche Seele, eine grosse Zartheit der Organe und unendliche Reichtuemer des Herzens vererbt hatte, besser denn je seine Stellung in der Welt erkannt. Er wollte seiner Mutter alle die Freuden erstatten, deren sie so lange Zeit entbehrte, lebte daher nur fuer sie und hoffte, durch seinen Ruhm und seinen Reichtum auch sie gluecklich, reich und angesehen zu machen. Schinner hatte seine Freunde unter den achtenswertesten und ausgezeichnetsten Maennern gewaehlt; er war peinlich in der Wahl seiner Bekannten und wollte durch diese seine Stellung noch mehr erhoehen, die ohnedies schon durch sein Talent eine hohe war. Die hartnaeckige Arbeit, der er sich von seiner Jugend an weihte, hatte ihm den schoenen Glauben erhalten, der die ersten Tage des Lebens schmueckt, indem sie ihn zwang, in der Einsamkeit zu bleiben, bei dieser Mutter der grossen Gedanken. Sein reifender Geist verkannte das tausendfaeltige Schamgefuehl nicht, das aus einem junge Manne ein besonderes Wesen macht, dessen Herz reich ist an Glueckseligkeiten, an Poesien und jungfraeulichen Hoffnungen, ein Wesen, das schwach erscheint in den Augen stumpfsinniger Menschen, aber tief ist, weil es einfach ist. Er besass jenes sanfte und hoefliche Benehmen, das die Herzen gewinnt und selbst die bezaubert, von denen es nicht begriffen wird. Er war schoen gewachsen und seine Stimme hatte einen silberreinen Ton. Sah man ihn, so fuehlte man sich zu ihm hingezogen durch eine jener moralischen Anziehungskraefte, die unsere allwissenden Psychologen gluecklicherweise noch nicht zu erklaeren verstehen; sie haetten in derselben vielleicht eine Erscheinung des Galvanismus erkannt oder das Spiel irgend eines Fluidums; denn wir moechten ja jetzt selbst unsere Gefuehle durch elektrische oder magnetische Stroemungen erklaeren. Diese Einzelheiten machen vielleicht den Maennern von kuehnem Charakter mit wohlbestellten Halsbinden begreiflich, warum Hippolyt Schinner nicht eine Frage inbezug auf die beiden Damen, deren gutes Herz er kennen gelernt hatte, an die Tuersteherin richtete, waehrend der Mann derselben nach dem Ende der Rue de la Madelaine geeilt war, um einen Wagen zu holen. Obgleich er nur mit Ja und Nein auf die bei einer solchen Gelegenheit natuerlichen Fragen antwortete, die die Tuersteherin im Hinblick auf seinen Unfall und auf die Hilfeleistung der Mieterinnen im vierten Stock an ihn richtete, so konnte er dieselbe doch nicht verhindern, dem Instinkt der Tuersteher zu folgen, und sie erzaehlte ihm nun nach ihrer Weise, was sie von den beiden Unbekannten wusste. "Ach!" sagte sie, "das ist ohne Zweifel Fraeulein Leseigneur mit ihrer Mutter gewesen! Sie wohnen hier seit vier Jahren und wir wissen immer noch nicht, was sie treiben. Nur des Morgens, bis Mittag etwa, erscheint eine alte Aufwaerterin, die halb taub ist und stumm wie eine Wand, um sie zu bedienen; abends kommen dann zwei oder drei alte Herren, die ebenfalls Orden tragen, wie Sie, mein Herr. Der eine hat eine Kutsche, Bediente und gegen fuenfzigtausend Livres Rente. Oft bleiben die alten Herren bis spaet in die Nacht. Uebrigens sind sie recht ruhige Mietleute, wie Sie, mein Herr; aber sparsam; o, ich sage Ihnen, sie leben gleichsam von Nichts!... Wenn ein Brief kommt, so bezahlen sie ihn auf der Stelle. Wunderlich ist es, mein Herr, dass die Mutter anders heisst als die Tochter.... Ach! wenn sie in die Tuilerien gehen, so ueberstrahlt das Fraeulein alle andern jungen Damen, die jungen Herren laufen ihr bis vor das Haus nach, sie aber schlaegt ihnen die Tuer vor der Nase zu. Na, der Hauseigentuemer wuerde aber auch nicht dulden...." Der Wagen war jetzt angekommen; Hippolyt hoerte nicht weiter auf die alte Schwaetzerin, sondern fuhr sogleich nach Hause. Seine Mutter, der er seinen Ungluecksfall erzaehlte, verband nochmals die Wunde an der Stirn und erlaubte ihm am folgenden Tage nicht, in seine Werkstatt zu gehen. Sie rief einen Arzt herbei; verschiedene Vorschriften wurden von demselben gegeben und Hippolyt blieb zwei Tage zu Hause. Waehrenddessen rief ihm seine unbeschaeftigte Einbildungskraft die Einzelheiten des Auftrittes ins Gedaechtnis zurueck, der sich nach seiner Ohnmacht vor seinen Augen zugetragen hatte. Die Zuege des jungen Maedchens schwebten dabei haeufig an seinen Blicken vorueber und dann sah er das gewelkte Antlitz der Mutter, oder fuehlte noch Adelaidens sanfte Haende. Manchmal erinnerte er sich an eine Bewegung oder einen Blick des Maedchens, das er anfangs unbeachtet gelassen hatte, deren Erinnerung ihm aber jetzt eine seltene Anmut enthuellte; ein andermal erinnerte er sich an eine Stellung oder an den Klang ihrer melodischen Stimme; die Erinnerung verschoenerte die geringsten Zufaelligkeiten aus diesem Abschnitt seines Lebens. Als er am dritten Tage fruehzeitig nach seiner Werkstatt eilte, waren nicht seine begonnenen Gemaelde, sondern der Besuch, den er bei seinen Nachbarinnen abstatten musste, der wahre Grund seiner Eile. In dem Augenblicke, in dem sich eine Liebe aus ihrem Keime entwickelt, werden wir von unerklaerlichen Wonnen ergriffen. Das wissen alle, die je geliebt haben. Mancher Leser wird daher begreifen, weshalb der Maler so langsam die Stufen zum vierten Stock hinanstieg, weshalb sein Herz so schnell und heftig schlug, als er die braune Tuer der bescheidenen Wohnung erblickte, in der er Fraeulein Leseigneur wusste. Dieses Maedchen, das den Namen seiner Mutter nicht fuehrte, hatte tausend Sympathien in dem Herzen des jungen Malers erweckt. Er glaubte, eine Aehnlichkeit zwischen ihrer Lage und der seinigen zu finden, und stattete sie mit allen Leiden seins eigenen Ursprungs aus. Er arbeitet und ueberliess sich dabei wonnigen Gedanken der Liebe, machte in einer Absicht, die er sich selbst nicht besonders zu erklaeren wusste, viel Geraeusch, gleichsam als wolle er die beiden Damen dadurch zwingen, ebenso an ihn zu denken, wie er an sie dachte. Er blieb sehr lange in seiner Werkstatt, speiste dort und begab sich dann gegen sieben Uhr zu seinen Nachbarinnen. Selten haben uns die Sittenschilderer durch ihre Erzaehlungen oder Schriften in das wahrhaft merkwuerdige Innere eines gewissen Pariser Daseins eingeweiht, in das Geheimnis jener Wohnungen naemlich, aus denen so elegante Toiletten, so strahlende Damen hervorgehen, die, reich nach aussen, zuhause allenthalben die Zeichen eines zweifelhaften Vermoegens erblicken lassen. Wenn wir hier das Gemaelde einer solchen Haeuslichkeit mit raschen Pinselstrichen entwerfen, so beschuldige man die Erzaehlung nicht etwa der Breite; denn diese Beschreibung bildet gewissermassen ein wichtiges Glied der Erzaehlung. Der Anblick der Wohnung, die die beiden Damen innehatten, erzeugte einen bedeutenden Einfluss auf Hippolyt Schinners Gefuehle und Hoffnungen. Zunaechst zwingt uns die geschichtliche Wahrheit zu dem Bekenntnis, dass der Besitzer des Hauses zu jenen Leuten gehoerte, die einen tiefen Abscheu gegen alle Ausbesserungen und Verschoenerungen hegen, zu jenen Maennern, die ihre Stellung als Pariser Hauseigentuemer gleichsam als einen Stand betrachten, der in der grossen Kette der moralischen Spezies zwischen den Geizhaelsen und Wucherern die gerechte Mitte einnimmt. Optimisten durch Berechnung, sind sie saemtlich dem System des Status quo des Herrn von Metternich treu. Spricht man davon, eine Tuer, irgend eine Bekleidung sei zu veraendern oder auch nur die notwendigste Ausbesserung vorzunehmen, so beginnen ihre Augen sich zu trueben, ihre Galle kommt in Aufregung und sie baeumen sich, gleich erschreckten Pferden. Hat der Wind einige Ziegeln von ihren Daechern herabgeworfen, so werden sie krank und vermeiden fuer einige Zeit den Besuch des Theaters oder Bierhauses, um das wieder zu ersparen, was die Ausbesserung kostet. Hippolyt hatte bei Gelegenheit einiger Ausbesserungen und Verschoenerungen, die in seiner Werkstatt vorzunehmen waren, die Gratisvorstellung einer komischen Szene von seinem Hauswirte bekommen und wunderte sich daher nicht ueber die schwarzen und fetten Toene, ueber die oeligen Faerbungen, ueber die Flecken und das andere widerwaertige Zubehoer, das sich an dem Holzwerk der Wohnung zeigte. Diese Merkmale der Armut sind in den Augen eines Kuenstlers nicht ohne Poesie. Fraeulein Leseigneur oeffnete selbst die Tuer. Als sie den jungen Maler sah, begruesste sie ihn, wandte sich aber mit jener Pariser Gewandtheit und jener durch den Stolz verliebenen Geistesgegenwart um, die Glastuere eines Verschlages zu schliessen, durch die Hippolyt zum Trocknen aufgehaengte Waesche haette sehen koennen, sowie auch ein altes Gurtenbett, ein Kohlenbecken, Kohlen, Plaetteisen und all jenes Geraet, das in kleinen Wirtschaften stets zur Hand ist. Vorhaenge von Musselin, die vor den Glasscheiben der Tuer angebracht waren, verhinderten nun jeden Einblick in dieses "Kapernaum", wie man jetzt in der Sprache von Paris solche Arten von Wirtschafts und Vorratskammern nennt; diese hier wurde durch kleine Fenster erhellt, die auf einen benachbarten Hof fuehrten. Mit jenem grausamen und schnellen Beobachtungsblick, der den Kuenstlern eigen ist, erkannte Hippolyt die Bestimmung, die Moebel und den Zustand dieses ersten Raumes, der in zwei Abteilungen geschieden war. Der bessere Teil, der zu gleicher Zeit als Vorzimmer und Speisesaal diente, war mit einer alten, rosenfarbenen Papiertapete beklebt, deren Flecken und Loecher ziemlich sorgfaeltig unter Bildern versteckt waren, von deren Rahmen das Gold laengst geschwunden. In der Mitte dieses Zimmers stand ein Tisch von altertuemlicher Form und mit abgenutzten Raendern. Die Stuehle zeigten einige Spuren verschwundenen Glanzes; allein der rote Maroquin des Sitzes und die vergoldeten Naegel hatten ebensoviele Wunden, wie die alten Sergeanten des Kaiserreiches. Ueberdies befanden sich in diesem Zimmer noch manche Gegenstaende, die man nur in solchen Wirtschaften antrifft, die man mit Amphibien vergleichen koennte, indem sie halb an den Glanz und halb an das Elend grenzen. So erblickte Hippolyt zum Beispiel ein sehr schoenes Perspektiv, das ueber dem kleinen gruenlichen Spiegel hing, der den Kamin zierte. Um dieses wunderliche Mobiliar vollstaendig zu machen, stand zwischen dem Kamin und dem Verschlag noch ein schlechtes Buffet, das nach Acajou-art angestrichen war, obgleich das Acajou von allen Hoelzern dasjenige ist, dessen Nachahmung am wenigsten gelingt. Der rote und glatte Fussboden, die schlechten kleinen Teppiche, die vor den Stuehlen lagen, die Sauberkeit der Moebel, das alles zeugte jedoch von jener Aufmerksamkeit, die den Altertuemern einen falschen Glanz verleiht, und deren Gebrechlichkeit, Alter und Abgenutztheit nur noch mehr hervorhebt. Es herrschte in diesem Zimmer ein unbeschreiblicher Geruch, der notwendig von den Ausduenstungen des "Kapernaum" in Verbindung mit den Geruechen des Speisezimmers und der Treppe entstehen musste, abschon ein Fenster halb geoeffnet war. Die Luft von der Strasse bewegte die Vorhaenge von Perkal, die mit einer solchen Sorgfalt vorgesteckt waren, dass sie die Fensterbekleidung den Blicken entzogen, denn an dieser hatten alle frueheren Bewohner des Zimmers durch verschiedene Inkrustationen, gewissermassen haeusliche Freskogemaelde, Beweise ihres Daseins zurueckgelassen. Adelaide oeffnete rasch die Tuer des anderen Zimmers und fuehrte den Maler mit einer gewissen Freude hinein. Hippolyt hatte einst bei seiner Mutter dieselben Zeichen der Armut kennen gelernt, und als er sie jetzt mit jener eigentuemlichen Lebhaftigkeit, die die ersten Eindruecke unseres Gedaechtnisses charakterisiert, wahrnahm, erschlossen sich ihm weit mehr als jedem andern die Einzelheiten dieses Lebens. Er erkannte hier die Dinge seiner Kindheit wieder und empfand weder Verachtung gegen diese versteckte Armut, noch Stolz auf den Luxus, mit dem er neuerdings seine Mutter umgeben hatte.--"Nun, mein Herr, ich hoffe, dass Sie die Folgen Ihres Sturzes ueberwunden haben!..." sagte die alte Mutter zu ihm, waehrend sie sich aus einem altertuemlichen Armsessel erhob, der neben dem Kamin stand, und ihm einen Stuhl herbeizog. "Vollkommen, meine Dame, und ich komme, Ihnen fuer die Sorgfalt, die Sie mir bewiesen haben, meinen Dank zu sagen, besonders dem Fraeulein, das meinen Fall gehoert hat...." Hippolyt sprach diese Worte mit jener anmutigen Befangenheit aus, die durch die erste Verwirrung der wahren Liebe hervorgerufen wird, und blickte zugleich das junge Maedchen an; Adelaide zuendete eben eine Schirmlampe an, um einen grossen kupfernen Leuchter entfernen zu koennen, der bisher gebrannt hatte. Sie verneigte sich leicht und trug dann den kupfernen Leuchter in das Vorzimmer, stellte die Schirmlampe auf den Kamin und nahm darauf neben ihrer Mutter, etwas hinter dem Maler, Platz, um ihn nach Gefallen betrachten zu koennen. Ueber dem Kamine befand sich ein grosser Spiegel, und da Hippolyt fast fortwaehrend seine Augen nach demselben richtete, um Adelaide darin ansehen zu koennen, so diente jene kleine Maedchenlist nur dazu, beide abwechselnd in Verlegenheit zu bringen. Waehrend Hippolyt mit Frau Leseigneur sprach, denn er erteilte auch ihr diesen Namen, pruefte er den Salon, aber auf dezente und verstohlene Weise. Der Herd das Kamins war voll Asche, und auf den Eisenstaeben lagen zwei Feuerbraende, die kaum noch glimmten. Gluecklicherweise lag ein alter und vielfach geflickter Teppich, der abgenutzt war wie der Rock eines Invaliden, auf dem Fussboden und machte gegen dessen Kaelte unempfindlich. Die Waende waren mit einer Tapete bekleidet, die gelbe Zeichnungen auf roetlichem Grunde auswies. In der Mitte der Wand, den Fenstern gegenueber, bemerkte Hippolyt die Spalten einer Tapetentuer, die wahrscheinlich nach einem Alkoven fuehrte, in dem Frau Leseigneur schlief. Ein Kanapee war vor diese geheime Tuer gestellt, verhehlte sie aber nur unvollkommen. Dem Kamine gegenueber sah man eine sehr schoene Komode von Acajou, deren Verzierung es weder an Reichtum noch an gutem Geschmack fehlte. Darueber hing ein Bild, das einen hoeheren Offizier darstellte, doch vermochte der Maler bei der geringen Beleuchtung die Waffengattung nicht zu unterscheiden, der jener angehoerte. Uebrigens war es auch eine schreckliche Kleckserei, die mehr chinesischen als Pariser Ursprungs zu sein schien. Die Vorhaenge der Fenster waren von roter Seide, aber verblichen, wie die Ueberzuege der Stuehle. Auf dem Marmor der Kommode stand ein kostbares Tablett von gruenem Malachit, das ein Dutzend bemalter Kaffeetassen trug, und auf dem Kamine eine Pendeluhr, darauf ein Krieger ein Viergespann fuehrte. Die Kerzen der Leuchter, die zu beiden Seiten der Uhr standen, waren durch den Rauch vergilbt. Die beiden Ecken des Kaminsimses trugen eine Vase von Porzellan mit einem Strauss kuenstlicher Blumen, die mit Moos geschmueckt und voll Staub waren. In der Mitte des Zimmers bemerkte Hippolyt einen aufgeklappten Spieltisch mit neuen Karten. Fuer den Beobachter lag etwas Trostloses in dem Anblick dieses Elends, das sich hinter einem gewissen Glanz zu verstecken suchte, wie eine alte Frau hinter den Spitzen der Haube und der Fuelle falscher Locken die Runzeln ihres Antlitzes zu verbergen bemueht ist. Jeder verstaendige Mann haette sich bei diesem Anblick in einem Dilema befunden: entweder sind diese beiden Frauen die Rechtschaffenheit selbst, oder sie leben von Intrigen und vom Spiel. Wenn aber ein junger und unschuldiger Mann, wie Hippolyt, Adelaide sah, so musste er an die vollkommenste Unschuld glauben und den Maengeln des Mobiliars die ehrenvollsten Ursachen unterlegen. "Meine Tochter," sagte die alte Dame zu dem jungen Maedchen, "mich friert, heize ein wenig ein und gib mir meinen Schal." Adelaide ging in eine Kammer, die an das Wohnzimmer stiess, und in der sie ohne Zweifel schlief. Als sie zurueckkehrte, uebergab sie ihrer Mutter einen Schal von Kaschmir, der, als er noch neu war, fuer eine Koenigin nicht zu schlecht gewesen sein mochte. Hippolyt erinnerte sich nicht, je so reiche Farben, ein so vollendetes Muster gesehen zu haben, wie in diesem schoenen Gewebe, allein der Schal war nun alt, hatte seine Frische verloren, war voll geschickt eingesetzter Flicken und harmonierte vollkommen mit dem uebrigen Geraet. Frau Leseigneur huellte sich kunstvoll hinein und in einer Art, die bewies, dass sie wirklich friere. Das junge Maedchen eilte darauf schnell in das "Kapernaum" und kehrte mit einer Hand voll Spaene zurueck, die sie in den Kamin warf, um die erloschenen Braende wieder anzufachen. Es wuerde eine schwierige Aufgabe sein, die Unterhaltung wiederzugeben, die zwischen den drei Personen stattfand. Geleitet durch jenen Takt, den man fast stets durch Leiden erlangt, unter denen man von Kindheit an geseufzt hat, erlaubte sich Hippolyt nicht die geringste Bemerkung bezueglich der Lage seiner beiden Nachbarinnen, waehrend er allenthalben die Kennzeichen einer grossen und schlecht verhehlten Duerftigkeit erblickte. Auch die einfachste Frage wuerde unbescheiden gewesen sein und haette nur einem alten Freunde verziehen werden koennen. Dennoch wurde der Maler sehr von diesem verborgenen Elend geruehrt, sein edelmuetiges Herz litt darunter; aber er wusste, dass auch das freundschaftlichste Mitleid beleidigend sein kann, und fand sich daher durch den Missklang beengt, der zwischen seinen Gedanken und seinen Worten bestand. Die beiden Damen errieten gar leicht die geheime Verlegenheit, die durch einen ersten Besuch veranlasst wird, vielleicht, weil sie dieselbe mitfuehlen und die Natur ihres Geistes ihnen tausend Hilfsquellen gewaehrt, um jene Verlegenheit aufzuheben. Adelaide und ihre Mutter fragten den jungen Mann nach dem materiellen Verfahren seiner Kunst und nach seinen Studien, indem sie ihn allmaehlich zum Sprechen aufzumuntern suchten. Die Nichtigkeit ihrer von Wohlwollen beseelten Unterhaltung fuehrte ohne Zwang dahin, dass er Bemerkungen und Reflexionen machte, die die Beschaffenheit seiner Sitten und seiner Seele verrieten. Die alte Dame mochte einmal schoen gewesen sein, allein ein geheimer Kummer hatte ihr Antlitz vor der Zeit welken lassen, so dass ihr nur noch die hervorspringenden Zuege, die Umrisse, kurz, das Skelett einer Physiognomie uebrig geblieben war, deren Gesamtheit auf eine grosse Feinheit deutete, waehrend besonders das Spiel der Augen viel Anmut und jenen Ausdruck zeigte, der den Damen des alten franzoesischen Hofes eigentuemlich ist, und den man durch Worte nicht zu beschreiben vermag. Allein die Gesamtheit dieser feinen und hervortretenden Zuege konnte ebensogut schlechte Gesinnung verraten, weibliche List und Schlauheit, selbst einen hohen Grad der Verdorbenheit vermuten lassen, als die Zartheit einer schoenen Seele offenbaren. Der gewoehnliche Beobachter geraet vor weiblichen Gesichtern oft in Verlegenheit und weiss die Offenheit von der Verstellung, das Talent der Intrige von der Herzlichkeit nicht zu unterscheiden. Man muss die fast unmerklichen Nuancen zu erraten wissen. Es ist bald eine mehr oder weniger gekruemmte Linie, bald ein mehr oder weniger ausgehoehltes Gruebchen, eine mehr oder weniger gewoelbte oder hervorspringende Biegung, die man zu wuerdigen suchen muss; die Augen allein koennen uns das entdecken lassen, was ein jeder zu verstecken sucht, und die Wissenschaft des Beobachters liegt in der schnellen Wahrnehmungskraft seines Blickes. Es ging demnach mit dem Antlitz der alten Dame wie mit der Wohnung, die sie innehatte; es schien ebenso schwierig zu durchblikken, ob dieses Elend Laster berge oder eine hohe Rechtschaffenheit, sowie es schwierig war, zu erkennen, ob Adelaidens Mutter eine alte Kokette sei, gewoehnt, alles zu erwaegen, alles zu berechnen, alles zu verkaufen, oder ein liebendes und schwaches Weib, voll Anmut und Zartgefuehl. In jenem Alter, in dem Hippolyt Schinner stand, glaubt man aber am liebsten an das Gute, und er glaubte daher gewissermassen den angenehmen und bescheidenen Duft der Tugend einzuatmen, indem er Adelaides Stirn sah und in ihre Augen blickte, die voll Herz und Geist waren. Waehrend der Unterhaltung ergriff er die Gelegenheit, von den Portraets im allgemeinen zu sprechen, um dann zu dem schrecklichen Pastellgemaelde uebergehen zu koennen, von dem die Farben groesstenteils abgefallen waren. "Sie lieben diese Malerei wohl wegen der Aehnlichkeit, meine Damen, denn die Zeichnung selbst ist schauderhaft ..." sagte er mit einem Blick auf Adelaide. "Es ist in Kalkutta gemalt, und zwar in grosser Eile!" antwortete die Mutter mit bewegter Stimme. Dann betrachtete sie die formlose Skizze mit jener tiefen Versunkenheit, die die ploetzliche Erinnerung an ein Glueck verraet, das wohltuend fuer das Herz gewesen ist, wie der Tau des Morgens fuer die Blumen des Sommers. Zugleich lagen aber in dem Ausdruck, den die Zuege der alten Dame zeigten, die Spuren einer tiefen Trauer; wenigstens glaubte sich der Maler die Haltung und das Aussehen seiner Nachbarin so erklaeren zu muessen. Er setzte sich neben sie und sagte mit freundschaftlicher Stimme: "Meine Dame, noch kurze Zeit, und die Farben dieses Pastellbildes werden verschwunden sein. Das Portraet wird bald nur noch in Ihrer Erinnerung bestehen, und wo Sie geliebte Zuege erblickten, werden andere nichts mehr wahrnehmen koennen. Wollen Sie mir erlauben, dieses Bild auf die Leinwand zu uebertragen? So wird es dauerhafter sein, als auf Papier.... Gewaehren Sie mir, als ihrem Nachbar, die Gunst, Ihnen diesen Dienst zu leisten. Es gibt Stunden, waehrend deren ein Kuenstler sich gern von seinen grossen Kompositionen erholt und dagegen eine einfachere Arbeit vornimmt. Es wird eine Zerstreuung fuer mich sein, dieses Bild zu malen." Die alte Dame wurde lebhaft bewegt durch diese Worte, und Adelaide warf dem Maler einen jener verstohlenen Blicke zu, in denen sich das ganze Herz widerzuspiegeln scheint. Hippolyt wollte auf irgendeine Weise mit seinen beiden Nachbarinnen in Verbindung treten und das Recht erlangen, an ihrem Leben teilzunehmen. Das einzige aber, was er tun konnte, war jenes Anerbieten; es befriedigte seinen Kuenstlerstolz und hatte nichts Verletzendes fuer die beiden Damen.--Frau Leseigneur nahm das Anerbieten an. "Es scheint mir," sagte Hippolyt, "als ob die Uniform auf einen Marineoffizier deutete?" "Ja," antwortete sie, "es ist die Uniform der Schiffskapitaene. Herr von Rouville, mein Mann, starb in Batavia an den Folgen einer Wunde, die er in einem Gefecht mit einem englischen Schiffe erhielt, dem er an Asiens Kuesten begegnete. Er befehligte eine Fregatte von sechzig Kanonen, waehrend die Revenge ein Schiff mit sechsundneunzig Kanonen war. Der Kampf war demnach sehr ungleich, aber Herr von Rouville verteidigte sich so mutig, dass er sich bis zum Eintritt der Nacht halten konnte, worauf er seinem Feind durch die Flucht entging. Als ich nach Frankreich zurueckkehrte, war Bonaparte nicht mehr im Besitz der Macht, und man verweigerte mir eine Pension. Als ich abermals um eine solche nachsuchte, entgegnete mir der Minister mit Haerte, dass der Baron von Rouville noch leben und ohne Zweifel Kontreadmiral sein wuerde, wenn er emigriert waere. Ich haette jene demuetigenden Schritte gar nicht getan, haette ich nicht um meiner armen Adelaide willen sie zu tun muessen geglaubt, und waere ich nicht von meinen Freunden dazu veranlasst worden. Was mich betrifft, so widerstrebte es mir stets, meine Hand auszustrecken und mich dabei auf einen Schmerz zu berufen, der einer Gattin weder Kraft noch Worte lassen kann. Ich hasse diesen Geldlohn fuer untadelhaft vergossenes Blut...." "Meine Mutter, diese Erinnerung erschuettert Dich...." Nach dieser Bemerkung ihrer Tochter neigte die Baronin von Rouville ihr Haupt und schwieg. "Mein Herr," sagte das junge Maedchen zu Hippolyt, "ich glaubte, die Arbeiten der Maler seien im allgemeinen wenig geraeuschvoll.... Sie scheinen aber...." Schinner erroetete bei diesen Worten und laechelte; Adelaide endete aber ihre Bemerkung nicht und ersparte ihm eine Luege, indem sie sich bei dem Rollen einer Kutsche, die vor der Tuere anhielt, rasch erhob. Sie ging in ihre Kammer und kehrte sogleich mit zwei vergoldeten Leuchtern zurueck, deren Kerzen sie schnell anzuendete. Die Lampe stellte sie darauf in das Vorzimmer und oeffnete sofort die Tuer, ohne erst zu warten, dass die Klingel gezogen werde. Hippolyt hoerte darauf einen Kuss empfangen und erwidern, und empfand einen peinlichen Schmerz. Der junge Mann erwartete mit Ungeduld den zu erblicken, der Adelaide so vertraulich behandelte; allein die Angekommenen unterhielten sich erst leise mit dem jungen Maedchen. Das Gespraech kam ihm zu lang vor. Endlich erschien sie wieder, und ihr folgten zwei Manner, deren Anzug, Physiognomie und Aussehen eine ganze Geschichte enthielten. Der erstere mochte etwa sechzig Jahre alt sein und trug eines jener Kleider, die unter der Regierung Ludwig XVIII. erfunden wurden, und in denen der Schneider, der die Unsterblichkeit verdiente, das schwierigste Kleidungsproblem geloest hatte. Dieser Meister verstand sich gewiss auf die Kunst der Uebergaenge, da jene so politisch bewegte Zeit ueberhaupt eine Zeit der Uebergaenge war. Jedesmal aber muessen wir demjenigen ein seltenes Verdienst zuerkennen, der seine Zeit zu beurteilen versteht. Jenes Gewand, an dessen Schnitt sich noch mancher in unserer Zeit erinnert, war weder buergerlich noch militaerisch, konnte aber nach dem Beduerfnis abwechselnd fuer buergerlich und fuer militaerisch gelten. Lilien waren auf die Umschlaege der beiden Schoesse gestickt, die vergoldeten Knoepfe waren gleichfalls mit Lilien geschmueckt, und auf den Schultern erblickte man Knoepfe, um die Epauletten zu befestigen. Hose und Rock des Greises waren von koenigsblauem Tuche, und in dem Knopfloch erblickte man ein Ludwigskreuz. Das entbloesste Haupt des Greises war gepudert, und in der Hand trug er einen dreieckigen Hut. Uebrigens schien er noch so ruestig wie ein Fuenfziger und sich einer kraeftigen Gesundheit zu erfreuen. Seine Zuege deuteten gleichzeitig auf den gesetzten und offenen Charakter der alten Emigranten und auf die freien und leichten Sitten, auf die heitern und sorglosen Leidenschaften jener Musketiere, die vordem in den Jahrbuechern der Galanterie so beruehmt waren. Seine Bewegungen, sein Benehmen deuteten darauf, dass er den Anspruechen seiner Jugend noch nicht entsagt habe und entschlossen sei, weder von seinem Royalismus abzulassen, noch von seiner Religion und seiner Neigung zu Liebeshaendeln. Ihm folgte eine ganz phantastische Gestalt, die man in den Vordergrund des Gemaeldes heben muesste, um sie richtig zu schildern, die jedoch nur eine Nebenrolle spielt. Man denke sich eine trockene und hagere Person, ebenso gekleidet wie ersterer, aber gewissermassen nur als dessen Widerschein, oder, wenn man lieber will, als dessen Schatten auftretend. Der Rock, der bei jenem neu war, erschien bei diesem abgenutzt, der Puder in den Haaren weniger weiss, die goldenen Lilien weniger glaenzend, der Verstand schwaecher, das Leben dem Endziel naeher gerueckt. Kurz, er verwirklichte auf bewundernswuerdige Weise Rivarols witzigen Ausspruch in Bezug auf Champcenetz: "Er ist mein Mondschein!" Er war nur Doppelgaenger des andern, aber blass und arm, und zwischen beiden war ein Unterschied, wie zwischen dem ersten und dem letzten Abzuge einer Lithographie. Dieser stumme Greis war ein Geheimnis fuer den Maler und blieb auch ein solches, denn er sprach nicht und niemand sprach von ihm. War er ein Freund, ein armer Verwandter, ein Mann, der bei dem alten Stutzer blieb, wie ein Gesellschaftsfraeulein bei einer alten Dame? War er ein Mittelding zwischen Hund, Papagei und Freund? Hatte er das Vermoegen oder auch nur das Leben seines Wohltaeters gerettet? War er der Trim eines neuen Kapitaen Toby? An anderen Orten, als bei der Baronin von Rouville erregte er stets Neugierde, ohne sie je zu befriedigen. Der Mann, der von den beiden Ruinen am besten erhalten war, ging hoeflich auf die Baronin von Rouville zu, kuesste ihre Hand und setzte sich an ihre Seite; der andere begruesste dieselbe und setzte sich dann neben sein Vorbild. Adelaide stuetzte ihre Ellenbogen auf die Rueckenlehne des Stuhles, den der alte Edelmann eingenommen hatte, und ahmte so, ohne es zu wissen, die Stellung nach, die Guerin auf seinem beruehmten Gemaelde der Schwester Dido's gegeben hat. Die Vertraulichkeit des Edelmanns war die eines Bruders, und er nahm sich gewisse Freiheiten gegen Adelaide heraus, die dem jungen Maedchen fuer den Augenblick zu missfallen schienen. "Nun, Du schmollst wohl mit mir?" fragte er. Dann warf er waehrend seines weiteren Gespraechs auf Hippolyt Schinner jene schlauen und feinen Seitenblicke, die echt diplomatische Blicke sind, und deren Ausdruck stets eine kluge Besorgnis verraet. "Sie sehen hier unsern Nachbarn," sagte die alte Dame, indem sie auf Hippolyt Schinner deutete. "Der Herr ist ein bekannter Maler, dessen Namen Ihnen trotz Ihrer Gleichgueltigkeit gegen die Kuenste bekannt sein muss." Der Edelmann erkannte die Bosheit seiner alten Freundin darin, dass sie den Namen verschwieg, und begruesste den jungen Mann. "Gewiss!" sagte er, "ich habe schon viel von Ihren Gemaelden sprechen gehoert.... Das Talent hat schoene Vorrechte, mein Herr," fuhr er dann fort, waehrend er auf Hippolyts rotes Band blickte, "und diese Auszeichnung, die wir durch unser Blut und lange Dienstzeit erwerben muessen, erlangen Sie schon in der Jugend.... Allein die Arten des Ruhms sind Schwestern." Der Edelmann fasste dabei an sein Kreuz des heiligen Ludwig. Hippolyt stotterte einige Worte des Danks und schwieg dann wieder, indem er sich begnuegte, mit einer stets wachsenden Begeisterung den schoenen jungfraeulichen Kopf zu betrachten, der ihn entzueckte. Bald versenkte er sich ganz und gar in diese Betrachtung und vergass das tiefe Elend, das durch die Wohnung angedeutet wurde, denn fuer ihn war Adelaides Antlitz von einer leuchtenden Atmosphaere umgeben. Er antwortete kurz auf die Fragen, die an ihn gerichtet wurden und die er gluecklicherweise hoerte, denn es ist eine eigentuemliche Faehigkeit unseres Geistes, dass er sich bisweilen gewissermassen verdoppeln kann. Wem ist es nicht schon vorgekommen, dass er in ein angenehmes oder trauriges Nachdenken versunken, die Stimme seines Innern hoerte und doch zu gleicher Zeit an einer Unterhaltung teilnahm oder ein Buch las? Es ist das ein wundersamer Dualismus, der oft dazu beitraegt, dass wir die Langweiligen mit mehr Geduld ertragen. Seine Hoffnung erfuellte ihn mit tausend Gedanken an das Glueck, und er wollte nichts beobachten, was ihn umgab, denn er hatte noch ein kindliches und vertrauensvolles Herz. Nach Verlauf einiger Zeit bemerkte er, dass die alte Dame und ihre Tochter mit dem alten Edelmann spielten. Der Trabant des Letzteren blieb seinem Stande als Schatten treu, stand hinter seinem Freunde, betrachtete dessen Spiel und antwortete auf die stummen Fragen, die der Spieler an ihn richtete, durch billigende Winke, die nur eine Wiederholung der fragenden Bewegung seiner doppelgaengerischen Verkoerperung waren. "Ich verliere immer...!" sagte der Edelmann. "Sie werfen falsch ab...!" anwortete die Baronin von Rouville. "Seit drei Monaten habe ich Ihnen nicht eine einzige Partie abgewinnen koennen..." sagte er. "Haben Sie die Ass?" fragte die alte Dame. "Ja," antwortete er. "Soll ich Ihnen einen Rat geben?" fragte Adelaide. "Nein, nein...! Bleib mir gegenueber! Palsambleu! Ich verloere zu viel, wenn ich dich nicht mehr vor mir saehe." Endlich war das Spiel beendet, der Edelmann zog seine Boerse und warf zwei Louisdor auf den Tisch, waehrend er nicht ohne einigen Unwillen sagte: "Vierzig Franken! Gerade zwei Louis...! Ha! Teufel! Es ist elf Uhr...!" "Es ist elf Uhr...!" wiederholte die stumme Person mit einem Blick auf Hippolyt Schinner. Der junge Mann hoerte diese Worte etwas deutlicher als alle uebrigen und dachte, dass es Zeit sei, sich zu entfernen. Er kehrte nun in die Welt der gewoehnlichen Ideen zurueck und fand einige Gemeinplaetze, um wieder das Wort nehmen zu koennen, begruesste die Baronin, ihre Tochter, die beiden Unbekannten und ging, waehrend er nur an das erste Glueck der wahren Liebe dachte, ohne dass er sich die kleinen Ereignisse zu erklaeren suchte, die waehrend dieses Abends unter seinen Augen vorgegangen waren. Am folgenden Tage fuehlte der junge Maler die heisseste Sehnsucht, Adelaide wiederzusehen, und waere er seiner Leidenschaft gefolgt, so haette er schon um 6 Uhr morgens, als er nach seiner Werkstatt eilte, seine Nachbarinnen besucht. Er besass indes noch Vernunft genug, um den Nachmittag zu erwarten; sobald er aber glaubte, bei Frau von Rouville eintreten zu duerfen, eilte er die Treppe hinab, klingelte unter lautem Herzpochen und bat Fraeulein Leseigneur, die ihm die Tuer oeffnete, schuechtern um das Bild des Barons von Rouville, waehrend er erroetete, wie ein junges Maedchen. "Treten Sie doch ein!..." sagte Adelaide zu ihm, die ohne Zweifel Hippolyt bereits die Treppe von seiner Werkstatt herabkommen gehoert und ihm entgegengeeilt war. Der Maler folgte ihr, beschaemt, ausser Fassung, ohne zu wissen, was er sagen sollte, vollkommen verwirrt durch das Glueck, Adelaide zu sehen, das Rauschen ihres Gewandes zu hoeren, nachdem er den ganzen Morgen gewuenscht hatte, in ihrer Naehe zu sein, nachdem er sich hundertmal erhoben hatte, um hinabzueilen.... Das Herz besitzt die wunderbare Macht, auch den unbedeutendsten Dingen einen ausserordentlichen Wert zu verleihen. Welche Freude ist es nicht fuer einen Reisenden, ein Kraut, ein unbekanntes Blatt zu finden, nachdem er sein ganzes Leben an eine solche Nachforschung gewagt hat! Ebenso verhaelt es sich mit den Nichtigkeiten in der Liebe! Die alte Dame war nicht in dem Salon. Als das junge Maedchen mit dem Maler allein war, brachte es einen Stuhl, um das Bild herabzunehmen; als es aber bemerkte, dass es auf die Kommode treten muesse, um das Bild von dem Nagel abzuhaengen, wandte es sich an Hippolyt und sagte erroetend: "Ich bin nicht gross genug.... Haetten Sie vielleicht die Guete?" Ein Gefuehl der Scham, das sich im Ausdruck der Zuege und im Ton der Stimme Adelaidens verriet, war der wahre Grund ihrer Bitte; Hippolyt begriff sie und warf ihr einen jener verstaendigen Blicke zu, die die suesseste Sprache der Liebe sind. Adelaide sah, dass sie von dem Maler verstanden sei und schlug daher ihre Augen mit einer Bewegung des Stolzes nieder, dessen Geheimnis allein die jungen Maedchen besitzen. Der Maler fand kein Wort zu sagen, war fast eingeschuechtert und nahm das Gemaelde herab, um es mit ernsten Blicken am Fenster zu betrachten. Dann ging er, ohne etwas anderes zu Fraeulein Leseigneur zu sagen, als: "Ich werde es Ihnen bald wiederbringen." Beide hatten waehrend dieses fluechtigen Augenblicks eine von jenen lebhaften Herzensregungen gefuehlt, deren Wirkung auf den Geist mit jener Bewegung verglichen werden kann, die ein Stein hervorbringt, den man in einen See wirft, die suessesten Gedanken entstehen und folgen einander, endlos, vielfach, ohne Ziel, und das Herz, ebenso erregt wie jene kreisfoermigen Wellen, die sich noch lange auf der Oberflaeche des Wassers zeigen und saemtlich von dem Punkte ausgehen, wo der Stein hineingeworfen ist. Hippolyt Schinner kehrte mit dem Bilde in seine Werkstatt zurueck. Dass eine Leinwand bereits auf der Staffelei lag, dass die Palette bereits mit Farben bedeckt war, dass er die Pinsel gereinigt, zurechtgelegt, und das richtige Tageslicht gewaehlt hatte, brauchen wir wohl nicht erst zu sagen. Bis zur Essenszeit arbeitete er an dem Bilde mit jenem Eifer, den die Kuenstler bei allen ihren Launen beweisen. Abends besuchte er wieder die Baronin von Rouville und blieb von neun bis elf Uhr; ausser eine Abwechslung in den Gegenstaenden der Unterhaltung, glich dieser Abend in allem dem vorhergehenden. Die beiden alten Herren erschienen wieder zu derselben Stunde; es wurde abermals Pikett gespielt, dieselben Redensarten wurden von den Spielern ausgesprochen; selbst die verlorene Summe war die naemliche; nur war Hippolyt etwas kuehner und wagte mit dem jungen Maedchen zu plaudern. So vergingen acht Tage, waehrend deren die Gefuehle des Malers und Adelaidens jene wonnigen und suessen Umbildungen erfuhren, durch die die Herzen zu einem vollkommenen Verstaendnis gefuehrt werden. Der Blick, mit dem Adelaide den Maler empfing, wurde von Tag zu Tag inniger, vertrauensvoller, heiterer und offenherziger, ihre Stimme, ihr Benehmen nahm etwas Vertrauliches und Inniges an. Beide lachten, plauderten, teilten sich ihre Gedanken mit und sprachen ueber sich selbst mit der Unschuld zweier Kinder, die in einem Tage mit ihrer Bekanntschaft soweit gediehen, als haetten sie einander seit drei Jahren gekannt. Hippolyt spielte Pikett, aber wie der Greis verlor auch er fast alle Partien. Ohne sich noch ihre Liebe gestanden zu haben, wussten die beiden Liebenden schon, dass sie einander angehoerten. Hippolyt hatte mit Glueck eine gewisse Macht ueber seine schuechterne Freundin erlangt und manche Zugestaendnisse waren ihm durch Adelaide gemacht, die furchtsam und ergeben war, und durch jenes falsche Schmollen getaeuscht wurde, dessen Geheimnis auch der am wenigsten gewandte Liebhaber, die kindlichste Jungfrau besitzt und fortwaehrend anwendet, gleich wie verhaetschelte Kinder die Macht missbrauchen, die ihnen die Liebe ihrer Muetter verleiht. Jene Vertraulichkeit zwischen dem Edelmanne und Adelaide hoerte infolgedessen auf. Das junge Maedchen hatte natuerlicherweise die Traurigkeit des Malers erraten und alle die Gedanken, die in den Falten seiner Stirn verborgen waren oder sich verrieten durch den kurzen Ton der wenigen Worte, die er sprach, wenn der Greis ohne Umstaende Adelaidens Haende oder Hals kuesste. Fraeulein Leseigneur verlangte auch ihrerseits von ihrem Liebhaber eine strenge Rechenschaft ueber seine geringsten Handlungen. Sie war so ungluecklich, so besorgt, wenn Hippolyt nicht kam; sie verstand so allerliebst zu zanken, dass der Maler seine Freunde nicht mehr besuchte und alle anderen Gesellschaften vermied. Adelaide liess die dem weiblichen Geschlecht angeborene Eifersucht durchblicken, als sie erfuhr, dass Hippolyt, wenn er sich um elf Uhr von Frau von Rouville entfernte, bisweilen noch in den glaenzendsten Salons von Paris Besuche abstattete. Anfangs gab sie vor, dass diese Lebensart fuer die Gesundheit nachteilig sei; dann fand sie Gelegenheit, ihm mit jener tiefen Ueberzeugung, der der Ton, das Benehmen und der Blick einer geliebten Person soviel Gewalt verleihen, zu sagen, "dass ein Mann, der verpflichtet sei, zwischen so vielen Frauen seine Zeit und die Anmut seines Geistes zu zersplittern, keiner wahrhaft innigen Zuneigung faehig sei". Nun wurde Hippolyt sowohl durch den Despotismus der Leidenschaft, wie durch die Anforderungen des liebenden jungen Maedchens veranlasst, nur in dieser kleinen Wohnung zu leben, in der ihm alles gefiel. Kurz, nie gab es eine reinere und zugleich heissere Liebe. Von beiden Seiten wurde dasselbe Zutrauen, dasselbe Zartgefuehl gezeigt, so dass diese jungfraeuliche Leidenschaft ohne jene Opfer sich entwickelte, durch die sich viele Leute ihre Liebe zu beweisen suchen. Es bestand zwischen ihnen ein bestaendiger Austausch suesser Gefuehle, und sie wussten nicht, wer dabei mehr gab oder empfing; eine unwillkuerliche Neigung verband ihre Herzen immer enger. Die Fortschritte dieses wahren Gefuehls geschahen so schnell, dass schon zwanzig Tage nach dem Zufall, durch den Hippolyt seine junge Nachbarin kennen gelernt hatte, ihr beiderseitiges Leben ein einziges geworden war. Vom fruehen Morgen an, wenn das junge Maedchen die Schritte des Malers hoerte, konnte es sagen: "Er ist in meiner Naehe!" Wenn Hippolyt um die Zeit des Mittagessens zu seiner Mutter zurueckkehrte, so verfehlte er nie, seine Nachbarinnen zu begruessen, und des Abends erschien er zu der gewoehnlichen Stunde mit einer Puenktlichkeit, wie sie nur ein Liebhaber zeigen kann. Ein Maedchen, das die hoechsten Anforderungen in der Liebe stellt, haette dem jungen Maler nicht den geringsten Vorwurf machen koennen. Adelaide genoss daher ein Glueck ohne Truebung und ohne Grenzen, als sie das Ideal verwirklicht sah, das sich jedes junge Maedchen in ihrem Alter traeumt. Der alte Edelmann erschien jetzt weniger oft, und Hippolyt, der nicht mehr eifersuechtig auf ihn war, ersetzte ihn beim Spiel, aber auch mit stets gleichem Unglueck. Inmitten seines Gluecks dachte er jedoch an die unangenehme Lage der Frau von Rouville, denn er hatte mehr als einen Beweis ihrer Armut erlangt, und vermochte daher einen unangenehmen Gedanken nicht zu verbannen; schon oefter hatte er beim Gehen gedacht: "Wie! Alle Abend zwanzig Franken!?..." Er wagte indes nicht, sich einen so haesslichen Verdacht einzugestehen. Hippolyt verwandte einen ganzen Monat auf die Vollendung des Bildes. Als es beendet, gefirnisst und eingerahmt war, betrachtete er es als eines seiner besten Werke. Die Baronin von Rouville hatte nicht wieder mit ihm darueber gesprochen. War es Sorglosigkeit oder Stolz? Der Maler wollte sich dieses Schweigen nicht erklaeren. Er kam mit Adelaide dahin ueberein, dass er das Bild waehrend der Abwesenheit der Frau von Rouville an seine Stelle haengen wolle. Es wurde dazu der achte Juli gewaehlt, und waehrend eines Spazierganges, den die Mutter taeglich nach den Tuilerien unternahm, begab sich Adelaide allein und zum ersten Male in Hippolyts Werkstatt, unter dem Vorwand, das Bild in der guenstigen Beleuchtung zu sehen, in der es vollendet war. Sie blieb stumm und unbeweglich stehen und versank in eine wonnige Betrachtung, waehrend der alle ihre weiblichen Gefuehle in ein einziges verschmolzen, in die gerechte Bewunderung des geliebten Mannes. Als sich der Maler, beunruhigt durch dieses Schweigen, vorneigte, um dem jungen Maedchen ins Gesicht zu schauen, reichte sie ihm die Hand, ohne ein Wort sagen zu koennen; zwei Traenen rannen aus ihren Augen. Hippolyt ergriff ihre Hand und bedeckte sie mit Kuessen. Einen Augenblick lang betrachteten sie sich schweigend, wollten sich ihre Liebe gestehen und wagten es dennoch nicht. Der Maler hatte Adelaidens Hand in der seinigen behalten und erkannte aus der Gleichheit der Waerme und des Pulsschlages, dass ihre beiden Herzen gleich stark fuer einander schlugen. Das junge Maedchen entfernte sich sanft von Hippolyt und sagte mit einem kindlichen Blick: "Sie werden meine Mutter sehr gluecklich machen!..." "Wie? Nur Ihre Mutter?" fragte er. "Oh!... Ich ... ich bin es schon...." Der Maler senkte seine Blicke und schwieg, erschreckt durch die Heftigkeit der Gefuehle, die diese Worte in seinem Herzen erweckt hatten. Beide begriffen die Gefahr dieses Augenblicks und begaben sich daher hinunter, um das Bild an seinen Platz zu haengen. Hippolyt speiste zum ersten Mal mit der Baronin und ihrer Tochter. Frau von Rouville war so geruehrt, dass sie dem Maler haette um den Hals fallen koennen. Abends erschien der alte Emigrierte, der ehemalige Kamerad des Barons von Rouville, der mit ihm auf bruederlichem Fusse gelebt hatte, und meldete seinen beiden Freundinnen, dass er zum Kontreadmiral ernannt sei, da man ihm seine Landfahrten durch Deutschland und Russland als ebensoviele im Seedienst verlebte Jahre angerechnet habe. Als er das Bild sah, drueckte er mit Herzlichkeit die Hand des Malers und sagte: "Meiner Treu! Obgleich mein alter Leichnam nicht der Muehe wert ist, fuer die Nachwelt aufbewahrt zu werden, so wuerde ich doch fuenfhundert Louisdor geben, wenn ich mich ebenso getreu dargestellt sehen koennte, wie mein alter Rouville!" Bei diesem Vorschlag blickte die Baronin ihren Freund an, laechelte und liess auf ihrem Antlitz den Ausdruck eines Dankgefuehls erscheinen. Hippolyt glaubte zu erraten, dass ihm der alte Admiral den Wert fuer beide Bilder geben wolle, indem er das seinige bezahlte, und antwortete, weil sich sein Kuenstlerstolz, sowie auch vielleicht seine Eifersucht bei diesem Gedanken empoerte: "Mein Herr, wenn ich ueberhaupt Portraets malte, so wuerde ich dieses nicht gemacht haben...." Der Admiral biss sich auf die Lippen und setzte sich an den Spieltisch. Hippolyt blieb der Adelaide, die ihm ebenfalls eine Partie vorschlug, was er auch annahm. Der Maler bemerkte bei Frau von Rouville einen Eifer fuer das Spiel, der ihn ueberraschte. Nie hatte sie so sehr den Wunsch gezeigt, zu gewinnen, und sie gewann. Waehrend dieses Abends beunruhigte ein boeser Verdacht den Maler, stoerte sein Glueck und floesste ihm Misstrauen ein. Frau von Rouville lebte also vom Spiel. Spielte sie nicht in diesem Augenblick, um irgend eine Schuld abzutragen oder durch irgend eine Notwendigkeit gedraengt? Vielleicht hatte sie ihre Miete noch nicht bezahlt? Der Greis schien uebrigens schlau genug zu sein, um sich nicht um nichts und wieder nichts sein Geld abnehmen zu lassen! Welches Interesse konnte den reichen Mann in dieses arme Haus fuehren? Warum war er ehedem so vertraulich gegen Adelaide, und warum hatte er so ploetzlich den Vertraulichkeiten entsagt, die man sich vielfach von ihm gefallen lassen musste?--Diese Gedanken kamen ihm unwillkuerlich in den Sinn und veranlassten ihn, mit neuer Aufmerksamkeit den Greis und die Baronin zu beobachten. Ihre Blicke des Einverstaendnisses, die sie von der Seite auf Adelaide und ihn warfen, missfielen ihm. "Sollte man mich hintergehen?" dachte Hippolyt, und es war das fuer ihn ein schrecklicher, ein verletzender Gedanke, den er trotzdem nicht verscheuchen konnte. Um vielleicht eine Gewissheit zu erlangen, blieb er bis zuletzt. Er hatte hundert Sous verloren und seine Boerse gezogen, um Adelaide zu bezahlen. Doch von seinen peinigenden Gedanken ueberwaeltigt, legte er seine Boerse auf den Tisch. Als er aus seinem Nachdenken wieder erwachte, schaemte er sich ueber sein Schweigen, dachte aber nicht mehr an seine Boerse, sondern erhob sich, antwortete auf eine gleichgueltige Frage, die Frau von Rouville an ihn richtete, und trat ihr naeher, um beim Sprechen ihre alten Zuege besser pruefen zu koennen. Von einer peinigenden Ungewissheit ergriffen, entfernte er sich, doch war er kaum einige Stufen der Treppe hinabgeeilt, als er sich erinnerte, seine Boerse auf dem Tisch liegen gelassen zu haben, und er kehrte zurueck. "Ich habe meine Boerse bei Ihnen vergessen," sagte er zu Adelaide. --"Nein ..." anwortete sie erroetend. "Ich glaubte sie hier zu finden!" Er zeigte bei diesen Worten auf den Spieltisch, schaemte sich aber im Herzen des jungen Maedchens und der Baronin, als er seine Boerse nicht erblickte, und sah die beiden Frauen auf eine so verlegene Weise an, dass diese lachten. Dann erbleichte er und sagte: "Ach, nein, ich habe mich getaeuscht!... Ich habe die Boerse." Er empfahl sich und ging. In einem Abteil der Boerse befanden sich dreihundert Franken in Gold und in dem anderen einige kleine Muenzen. Der Diebstahl war so klar, auf eine so kecke Weise geleugnet, dass Hippolyt keinen Zweifel ueber die Moralitaet seiner Nachbarinnen mehr hegen konnte. Er blieb auf der Treppe stehen, stieg mit Muehe hinab, seine Beine zitterten, Schwindel ergriff ihn, kalter Schweiss trat ihm auf die Stirn, und er fuehlte sich ausserstande, zu gehen und die heftige Aufregung zu ertragen, die der Zusammenbruch aller seiner Hoffnungen in ihm hervorgerufen hatte. Er erinnerte sich jetzt einer Menge von Beobachtungen, die anscheinend geringfuegig waren, aber dennoch den schrecklichen Verdacht bestaerkten, der ihn ergriffen hatte, und ihm die Augen inbezug auf den Charakter und das Leben der beiden Frauen oeffnete. Sie hatten also gewartet, bis das Bild beendet und uebergeben war, ehe sie ihm die Boerse raubten!?... Der Diebstahl erschien noch haesslicher, indem er sich als ein berechneter herausstellte. Der Maler erinnerte sich zu seinem Kummer, dass Adelaide schon seit zwei oder drei Abenden mit maedchenhafter Neugierde die kunstreiche Filetarbeit der abgenutzten seidenen Boerse betrachtet habe; allein wahrscheinlich nur, um sich zu ueberzeugen, wieviel Geld in dem Beutel enthalten sei. Die anscheinend unschuldigen Scherze, die sie dabei machte, bezweckten wahrscheinlich nur, den Augenblick zu erspaehen, wo die Summe gross genug sein wuerde, um eines Diebstahls wert zu sein.--"Der alte Admiral hat vielleicht seine guten Gruende, Adelaide nicht zu heiraten, und die Baronin wird daher versucht haben, mich...." Er wollte eine Vermutung aussprechen, unterbrach sich aber und vollendete seinen Gedanken nicht, da derselbe zudem durch eine ganz richtige Betrachtung widerlegt wurde. "Wenn die Baronin," dachte er naemlich, "mich mit ihrer Tochter haette verheiraten wollen, so wuerde man mich nicht bestohlen haben...." Um nicht ganz aus seinen Illusionen gerissen zu werden, versuchte dann seine Liebe, die bereits so tief eingewurzelt war, in einem Zufall irgend eine Rechtfertigung zu finden. "Meine Boerse kann auf die Erde gefallen sein," dachte er, "sie kann vielleicht auf meinem Stuhle liegen geblieben sein. Ich habe sie vielleicht in meiner Zerstreuung in die Tasche gestickt...." Und er durchsuchte hastig alle seine Taschen, fand aber nirgends die verwuenschte Boerse. Sein grausames Gedaechtnis bestaetigte ihm nur die betruebende Wahrheit. Er sah deutlich seine Boerse auf dem Tische liegen, zweifelte nicht mehr an dem Diebstahl, entschuldigte aber dennoch Adelaide, indem er dachte, dass man Unglueckliche nicht zu schnell richten duerfe, dass ohne Zweifel irgend ein Geheimnis dieser dem Anschein nach ehrlosen Handlung zugrunde liege. Es wollte ihm nicht in den Sinn, dass ein so edles und stolzes Antlitz Luege sein koenne. Dennoch erschien ihm jetzt die armselige Wohnung als vollkommen entbloesst von der Poesie der Liebe, die alles verschoenert; er sah sie jetzt schmutzig, verwohnt, und betrachtete sie als die Darstellung eines Lebens ohne Adel, ohne edle Handlungen, denn unsere Gefuehle sind gewissermassen den Dingen aufgepraegt, die uns umgeben. Am folgenden Morgen erhob er sich, ohne geschlafen zu haben. Der Schmerz seines Herzens, diese schwere moralische Krankheit, hatte furchtbare Fortschritte bei ihm gemacht. Ein getraeumtes Glueck zu verlieren, einer ganzen Zukunft zu entsagen, dies ist ein Leiden, bitterer als jedes andere, das durch den Untergang eines genossenen Gluecks veranlasst wird, wie vollkommen dasselbe auch sein mochte. Die Gedanken, denen sich dann ploetzlich unser Geist ueberlaesst, gleichen einem Meer ohne Ufer, in dem unsere Liebe sich zwar einen Augenblick schwimmend erhalten kann, aber dennoch endlich untergehen und ertrinken muss. Das ist ein schrecklicher Tod: sind nicht die Gefuehle der glaenzendste Teil unseres Lebens? Aus diesem teilweisen Tode entspringen bei gewissen zarten oder starken Konstitutionen die grossen Verheerungen, die durch die Entzauberung durch getaeuschte Hoffnungen und Leidenschaften hervorgebracht werden. So ging es Hippolyt. Am fruehen Morgen ging er aus und wandelte in dem kuehlen Schatten der Tuilerien, waehrend er in seine Gedanken versank und alles in der Welt vergass. Ein Zufall, der gar nichts Ungewoehnliches hatte, liess ihn einen seiner vertrautesten Freunde treffen, der auf dem Kollegium und in der Malschule sein Kamerad gewesen war, mit dem er vertrauter gelebt hatte, als man mit einem Bruder zu leben pflegt. "Was fehlt Dir?" fragte Daniel Vallier, ein junger Bildhauer, der kuerzlich den ersten Preis erlangt hatte und naechstens nach Italien reisen sollte. "Ich bin sehr ungluecklich ..." antwortete Hippolyt ernst. "Nur eine Herzensangelegenheit kann Dich so sehr bekuemmern, denn an Geld, Ruhm und Ansehen fehlt es Dir nicht." Allmaehlich entspann sich ein vertrautes Gespraech, und der Maler gestand seine Liebe. Als Hippolyt von der Rue de Suresne und von einem jungen Maedchen erzaehlte, das in einem vierten Stock wohnte, da rief Daniel mit ungewoehnlicher Heiterkeit aus: "Halt! das ist das junge Maedchen, das ich jeden Morgen in der Assomption sehe und dem ich den Hof mache. Aber, mein Lieber, die kennen wir alle! Ihre Mutter ist eine Baronin! Glaubst Du denn an Baroninnen, die im vierten Stock wohnen?... Brr!... Du bist ein guter Junge, der noch im goldenen Zeitalter lebt!... Wir sehen die alte Mutter alle Tage in dieser Allee; allein sie hat ein Antlitz und eine Haltung, die alles erraten lassen.... Wie! hast Du an der Art, wie sie ihren Strickbeutel haelt, nicht schon erkannt, was sie ist?" Die beiden Freunde lustwandelten lange Zeit, und mehrere junge Maenner, die entweder Daniel oder Hippolyt kannten, gesellten sich zu ihnen. Der Bildhauer erzaehlte ihnen das Abenteuer des Malers, weil er es fuer sehr unwichtig hielt. Nun wurden Bemerkungen vorgebracht, Spoetteleien wurden unschuldig und mit der ganzen Heiterkeit, die Kuenstlern eigen ist, zum besten gegeben. Hippolyt litt furchtbar darunter. Er schaemte sich, als er das Geheimnis seines Herzens so leichtsinnig behandelt, seine Liebe in Fetzen zerrissen sah, als er hoerte, dass man ein junges unbekanntes Maedchen, dessen Leben ihm so bescheiden geschienen hatte, den ruecksichtslosesten Beurteilungen unterwarf, mochten dieselben richtig sein oder falsch. Aus einem Gefuehl des Widerspruchs verlangte er ernstlich von einem jeden Beweis fuer seine Behauptungen; doch gab dies nur Anlass zu neuen Spoettereien. "Aber, mein lieber, hast Du den Shawl der Baronin gesehen?" fragte einer. "Hast Du die Kleine gesehen, wenn sie des Morgens nach der Assomption geht?" fragte ein anderer. "Die Mutter besitzt unter anderen Tugenden auch ein gewisses graues Kleid, das ich als einen Typus betrachte." "Hoere, Hippolyt ..." sagte ein Kupferstecher, "komm um vier Uhr hierher und beobachte ein wenig den Gang der Mutter und der Tochter.... Wenn Du dann noch Zweifel hast ... nun, dann wird im Leben nichts aus Dir.... Du waerest faehig, die Tochter Deiner Tuersteherin zu heiraten." Hippolyt wurde von den widerstreitendsten Gefuehlen ergriffen und verliess seine Freunde. Adelaide erschien ihm ueber alle Anklagen erhaben, und er empfand im Innersten seines Herzens eine gewisse Reue, dass er an der Reinheit eines so schoenen und einfachen jungen Maedchens gezweifelt habe. Er kehrte nach seiner Werkstatt zurueck, ging an der Tuer vor Adelaides Wohnung vorueber und fuehlte einen inneren Schmerz, hinsichtlich dessen sich kein Mann taeuscht. Er liebte Fraeulein von Rouville leidenschaftlich und betete sie selbst jetzt noch an, ungeachtet des Diebstahls seiner Boerse. Seine Liebe war wie die des Chevaliers Desgrieux, der seine Geliebte selbst auf dem Karren, der die verlorenen Weiber in das Gefaengnis faehrt, noch bewunderte und fuer rein hielt. "Warum sollte sie nicht durch meine Liebe das reinste von allen weiblichen Wesen werden!... Warum sollte ich sie dem Unglueck und dem Laster ueberlassen, ohne ihr eine freundschaftliche Hand zu reichen!?..." Diese Aufgabe gefiel ihm, denn die Liebe weiss alles zu benutzen, und nichts lockt einen jungen Mann mehr, als die Aussicht, bei einem jungen Maedchen die Rolle eines guten Engels spielen zu koennen. Es liegt etwas Romantisches in diesem Unternehmen, das empfindsamen Seelen so sehr gefaellt. Es ist Aufopferung in ihrer erhabensten und anmutigsten Form; es liegt soviel geistige Groesse darin, sich bewusst zu sein, dass man hinreichend liebt, um selbst da noch zu lieben, wo bei anderen die Liebe erlischt und stirbt! Hippolyt begab sich in seine Werkstaette und betrachtete seine Gemaelde, ohne daran zu arbeiten; er erblickte die Gestalten nur durch die Traenen, die ihm in die Augen traten, hielt fortwaehrend seinen Pinsel in der Hand und naeherte sich der Leinwand, beruehrte sie aber nicht. Die Nacht ueberraschte ihn in seinen Traeumereien; er eilte die Treppe hinab, begegnete dem alten Admiral, warf ihm einen finsteren Blick zu, waehrend er ihn begruesste, und eilte hinweg. Es war seine Absicht gewesen, bei seinen Nachbarinnen einzutreten, aber der Anblick von Adelaides Goenner liess ihm das Herz erstarren und ihn seinen Entschluss aufgeben. Er fragte sich zum hundertsten Male, was den alten reichen Mann, der fuenfzigtausend Livres Renten hatte, so unwiderstehlich in jenen vierten Stock ziehe, wo er alle Abende zehn bis zwanzig Franken verlor, und er erriet seinen Zweck. An den folgenden Tagen widmete sich Hippolyt mit allem Eifer seinen Arbeiten, um durch diese und durch die Ablenkung seiner Phantasie auf einen anderen Gegenstand seine Leidenschaft zu bekaempfen. Seine Absicht gelang ihm zur Haelfte; die Arbeiten troesteten ihn, vermochten aber die Erinnerung an so viele glueckliche Stunden, die er neben Adelaide verlebt hatte, nicht zu verbannen. Als er an einem der naechsten Abende seine Werkstatt verliess, fand er die Tuer zu der Wohnung der beiden Damen halb geoeffnet. Eine weibliche Gestalt stand in der Bruestung des Fensters, und er konnte nicht voruebergehen, ohne von Adelaide gesehen zu werden. Er begruesste sie kalt und warf ihr einen gleichgueltigen Blick zu, schloss dann aber von seinem Kummer auf den des jungen Maedchens und fuehlte eine heftige Ruehrung, als er die ganze Bitterkeit erwog, die sein Blick und seine Kaelte in einem liebenden Herzen hervorbringen mussten. Eine Wonne, wie die beiden sie genossen, durch so tiefe Vernachlaessigung, durch so tiefe Verachtung zu kroenen, das war in der Tat ein schreckliches Ende! Vielleicht hatten sie die Boerse wiedergefunden, vielleicht hatte Adelaide an jenem Abend ihren Freund erwartet! Dieser Gedanke, der so einfach und natuerlich war, erweckte bei Hippolyt eine neue Reue, und er fragte sich, ob die Beweise von Zartgefuehl und Anhaenglichkeit, die ihm das Maedchen gegeben hatte, ob die reizenden und liebevollen Plaudereien, die ihn entzueckt hatten, nicht wenigstens eine Frage, eine Rechtfertigung verdienten. Er schaemte sich, eine ganze Woche lang den Wuenschen seines Herzens widerstanden zu haben, betrachtete sich fast als den schuldigen Teil und begab sich noch an demselben Abend zu Frau von Rouville. Sein ganzer Verdacht, alle seine boesen Gedanken entschwanden bei dem Anblick des jungen Maedchens, das bleich und abgehaermt erschien. "Was fehlt Ihnen?" fragte er, nachdem er die Baronin begruesst hatte. Adelaide antwortete ihm nicht, sondern richtete nur einen schwermutsvollen, traurigen und entmutigten Blick auf ihn, der ihm wehe tat. "Sie haben ohne Zweifel viel gearbeitet?" fragte die alte Dame; "Sie haben sich sehr veraendert, und wir sind gewiss die Ursache, weshalb Sie sich jetzt so bestaendig in Ihrer Werkstaette einschliessen. Das fuer uns gemalte Bild hat wahrscheinlich einige Arbeiten verzoegert, die fuer Ihren Ruf von Wichtigkeit sind." Hippolyt freute sich, eine so schoene Entschuldigung seiner Unhoeflichkeit zu finden. "Ja," antwortete er, "ich bin sehr fleissig gewesen, aber ich habe auch viel gelitten...." Bei diesen Worten erhob Adelaide den Kopf und blickte Hippolyt an; ihre Augen drueckten nur noch Sorge aus, aber keinen Vorwurf mehr. "Haben Sie denn gedacht, wir waeren so gleichgueltig gegen Ihr Glueck oder Ihr Unglueck?" fragte die alte Dame. "Ich habe Unrecht gehabt!" versetzte Hippolyt; "aber dennoch gibt es Leiden, die man nicht mitzuteilen wagt, selbst dann nicht, wenn die Freundschaft bereits aelter ist als die unsrige." "Aufrichtigkeit und Staerke der Freundschaft duerfen nicht nach der Dauer der Zeit gemessen werden. Es gibt alte Freunde, von denen der eine nicht einmal eine Traene fuer das Unglueck des andern hat," sagte die Baronin. "Aber was fehlt Ihnen?" wandte sich Hippolyt an Adelaide. "Oh, gar nichts," antwortete die Mutter. "Sie hat einige Naechte bei einer weiblichen Arbeit gesessen und nicht auf mich hoeren wollen, obgleich ich ihr sagte, dass es auf einen Tag mehr oder weniger nicht ankomme." Hippolyt verlor sich abermals in wunderlichen Gedanken. Wenn er diese edlen und ruhigen Zuege betrachtete, so musste er ueber seinen Verdacht erroeten und den Verlust seiner Boerse irgend einem unbekannten Zufall zuschreiben. Dieser Abend war ein koestlicher fuer ihn, und vielleicht auch fuer Adelaide. Es gibt Geheimnisse, die jugendliche Herzen so leicht erraten; das junge Maedchen erriet jedenfalls die Gedanken des Malers. Der Maler dagegen erriet die Gedanken des Maedchens, kehrte liebevoller und freundlicher zu seiner Geliebten zurueck und suchte sich eine stillschweigende Verzeihung zu erwerben. Adelaide genoss dagegen so vollkommene, so suesse Freuden, dass es ihr schien, als habe sie dieselben nicht zu teuer durch das Unglueck erkauft, das ihre Liebe so grausam verletzt hatte. Dieser so aufrichtige Einklang ihrer Herzen, dieses zauberische gegenseitige Verstaendnis wurde dennoch durch eine Bemerkung der Baronin von Rouville gestoert. "Lassen Sie uns ein Spielchen machen," sagte sie zu Hippolyt. Diese Worte erweckten alle Befuerchtungen des jungen Mannes von neuem. Er erroetete, waehrend er Adelaidens Mutter anblickte, bemerkte aber auf ihrem Antlitz nur den Ausdruck einer untruegerischen Herzensguete. Er setzte sich an den Spieltisch, und Adelaide wollte mit ihm in Gemeinschaft spielen, indem sie vorgab, dass er das Pikett nicht verstehe und daher eines Partners beduerfe. Frau von Rouville und ihre Tochter gaben sich waehrend des Spieles Zeichen des Einverstaendnisses, die Hippolyt umsomehr beunruhigten, da er der gewinnende Teil war; zuletzt aber wurden die beiden Liebenden Schuldner der Baronin, und der Maler hob seine Hand empor, um Geld aus seiner Tasche zu nehmen. Da sah er ploetzlich eine Boerse vor sich, die Adelaide dort hingelegt hatte, ohne dass er es bemerkte; sie aber hielt seine alte Boerse in der Hand und nahm Geld daraus, um ihre Mutter zu bezahlen. Hippolyt fuehlte, wie ihm alles Blut zum Herzen stroemte und er nahe daran war, das Bewusstsein zu verlieren. Die neue Boerse, die ihm anstatt der alten gegeben war, enthielt sein Geld; sie war mit Goldperlen durchwirkt, und alles an derselben war ein Beweis von Adelaidens gutem Geschmack. Es war dies ein entzueckender Dank des jungen Maedchens. Es war unmoeglich, auf eine zartere Weise zu erkennen zu geben, dass das Geschenk des Malers nur durch ein Pfand der Zaertlichkeit belohnt werden koenne. Als Hippolyt im Uebermass seines Glueckes seine Augen auf Adelaide und die Baronin richtete, sah er beide vor Freude zittern und befriedigt, dass ihnen ihr Betrug so schoen gelungen war. Nun fand er sich selbst kleinlich, veraechtlich, albern und haette sich strafen moegen; aber ein paar Traenen traten ihm in die Augen, unwiderstehlich zwang ihn sein Herz, sich zu erheben, Adelaide in seine Arme zu nehmen, an seine Brust zu druecken, ihr einen Kuss zu rauben und dann mit der Aufrichtigkeit eines Kuenstlers zu der Baronin zu sagen: "Ich erbitte sie mir zur Gattin". Adelaide warf dem Maler einen halb zuernenden Blick zu, und Frau von Rouville suchte in ihrer Bestuerzung nach einer Antwort, als diese Szene durch ein ploetzliches Klingeln unterbrochen wurde. Der alte Admiral erschien, gefolgt von seinem Schatten und von Frau Schinner. Hippolyts Mutter hatte den Grund des Kummers erraten, den ihr Sohn ihr vergebens zu verbergen suchte, und bei einigen ihrer Freunde Erkundigungen ueber das junge Maedchen, das er liebte, eingezogen. Als sie dann in gerechte Besorgnisse durch die Verleumdungen ueber Adelaide versetzt war, hatte sie dieselben auch dem alten Emigrierten mitgeteilt, der in seinem Zorne sagte, dass er "den Neidhammeln die Ohren abschneiden werde". In seinem Zorneseifer verriet er Frau Schinner dann auch noch, dass er absichtlich beim Spiel verliere, weil der Stolz der Baronin es ihm nicht erlaube, sie auf andere Weise zu unterstuetzen. Als Frau Schinner Frau von Rouville begruesst hatte, blickte diese den Kontreadmiral, Adelaide und Hippolyt an und sagte mit unaussprechlicher Herzensguete: "Nun sind wir also heute abend im Familienkreise." EHELICHER FRIEDEN Unsere Erzaehlung spielt in der Zeit, in der Napoleons vergaengliche Herrschaft den hoechsten Gipfel ihres Glanzes und ihrer Macht erreicht hatte. Es war gegen Ende des Monats November 1809. Der Kanonendonner und das Trompetengeschmetter der beruehmten Schlacht bei Wagram hallte noch im Herzen der oesterreichischen Monarchie wieder. Der Friede war zwischen Frankreich und den Maechten des Festlandes unterzeichnet, Koenige und Fuersten demuetigten sich vor Napoleon, der sich die Freude machte, ganz Europa in seinem Gefolge zu sehen und eine prachtvolle Vorfeier der Macht zu veranstalten, die er spaeter in Dresden entfalten sollte. Die Zeitgenossen behaupten, dass Paris nie schoenere Feste gesehen habe, als jene, die der Vermaehlung Napoleons mit einer Erzherzogin von Oesterreich vorangingen und ihr folgten. Nie hatten sich in den schoensten Tagen der aelteren Monarchie so viele gekroente Haeupter an den Ufern der Seine gedraengt, nie war die franzoesische Aristokratie reicher und glaenzender erschienen als damals. Diamanten waren mit einer solchen Verschwendung in Schmuckstuecken zur Schau getragen, Gold und Silber strahlte von so vielen Uniformen wieder, dass es schien, als waeren alle Reichtuemer des Erdballs in den Salons von Paris angehaeuft worden. Eine allgemeine Trunkenheit hatte sich gewissermassen des ganzen Reiches bemaechtigt, und alle Soldaten, den Herrn nicht ausgenommen, erfreuten sich als Emporkoemmlinge der Schaetze, die eine Million von Kriegern im Auslande zusammengerafft hatte. Einige Damen aus den hoeheren Sphaeren der Gesellschaft trugen damals jene leichten Sitten und jene Lockerung der Moral zur Schau, die ehemals der Regierungszeit Ludwigs XV. den Stempel der Schande aufgedrueckt hatten. Wollten sie den alten Ton der gesunkenen Monarchie nachahmen oder wollten sie das Beispiel befolgen, das gewisse Mitglieder der kaiserlichen Familie gegeben hatten, wie einige Haeupter der Vorstadt Saint-Germain behaupteten, so viel ist gewiss, dass sich alle, Maenner und Frauen, mit einer Unerschrockenheit in den Strudel der Genuesse stuerzten, die an das Ende der Welt haette glauben lassen koennen. Allein es gab damals einen besonderen Grund fuer diese Freisinnigkeit. Die Vorliebe des weiblichen Geschlechts fuer die Krieger war zu einer Art von Wahnsinn geworden. Diese Begeisterung, die den Wuenschen Napoleons zusagte, wurde durch keine Zuegel gehemmt. Der Kaiser liess seinen Armeen selten Ruhe und die vorgeblichen Leidenschaften jener Zeit entwickelten sich daher mit einer ziemlich erklaerlichen Schnelligkeit; die Ehen wurden auf eine so rasche Weise eingegangen, wie das oberste Haupt der Kolbacs, der Dolmans und der Epauletten, von denen die Frauen so sehr entzueckt waren, selbst rasch in seinen Entscheidungen war. Die Herzen waren damals nomadisch, wie die Armeen. Die haeufigen Friedensbrueche, die alle zwischen Europa und Frankreich abgeschlossenen Buendnisse nur als Waffenstillstand erscheinen liessen, fuehrten ebenso haeufige Trennungen zwischen den Kriegern und ihren Gattinnen herbei. In der Zeit von einem ersten bis zu einem fuenften Bulletin der grossen Armee sah sich daher manches Weib als Braut, Gattin, Mutter und Witwe. War es die Aussicht auf eine nahe Witwenschaft, die Aussicht auf Mitgift, oder die Hoffnung, den Glanz eines historischen Namens zu teilen, durch welche die Krieger so verfuehrerische Reize fuer das weibliche Geschlecht erlangten? Wurde das schoene Geschlecht durch die Gewissheit, dass die Toten das Geheimnis der Leidenschaften nicht ausplaudern koennen, zu den Kriegern hingezogen? Oder muss man die Ursache fuer jenen suessen Fanatismus in dem edlen Reize suchen, den der Mut fuer das weibliche Geschlecht besitzt? Vielleicht waren es diese Gruende zusammengenommen, die der kuenftige Geschichtsschreiber der Sitten des Kaiserreichs ohne Zweifel erwaegen muss, vielleicht trugen alle jene Gruende zu dem Leichtsinn bei, mit dem sich die Damen der Liebe und der Ehe ueberlieferten. Wie dem auch sein mochte, es mag hinreichen, dass wir hier bemerken, wie durch den Ruhm und die Lorbeeren so manche Fehler geweckt wurden, wie das weibliche Geschlecht mit Eifer jene kuehnen Abenteurer aufsuchte, die ihm damals als wahre Quellen der Ehre, der Reichtuemer und der Freuden erschienen, und wie damals eine Epaulette in den Augen eines jungen Maedchens einer Hieroglyphe glich, die Glueck und Freiheit bedeutete. Ein Zug, der jene Epoche charakterisiert, war eine gewisse zuegellose Leidenschaft fuer alles Glaenzende. Nie wurden so viele Feuerwerke veranstaltet; zu keiner Zeit hatten die Diamanten einen so hohen Wert erreicht. Die Maenner waren ebenso begierig nach jenen klaren Kieseln wie die Frauen und schmueckten sich mit ihnen, gleich diesen. Vielleicht hatte der Wunsch, die gemachte Beute in der leichtesten Gestalt mit sich fuehren zu koennen, die Juwelen bei der Armee in ein so hohes Ansehen gebracht. Der Mann erschien damals nicht so laecherlich, wie das jetzt der Fall sein wuerde, wenn die Krause seines Hemdes oder die Finger den Blicken schwere Diamanten darboten, und Murat, dieser echte Suedlaender, hatte den Soldaten das Beispiel eines abgeschmackten Luxus gegeben. Der Graf von Gondreville, einer der Luculle jenes erhaltenden Senats, der nichts erhielt, hatte nur darum so lange gezoegert, ein Fest zu Ehren des Friedens zu veranstalten, um desto glaenzender Napoleon den Hof zu machen und alle die Schmeichler zu ueberstrahlen, die ihm zuvorgekommen waren. Die Gesandten aller mit Frankreich befreundeten Maechte, die wichtigsten Persoenlichkeiten des Kaiserreichs, selbst einige Fuersten waren in dem prachtvollen Hotel des reichen Senators versammelt. Wenn der Tanz noch nicht in Schwung kommen wollte, so ruehrte das daher, weil man auf den Kaiser wartete; denn dieser hatte versprochen, dass er erscheinen werde, und haette gewiss sein Wort gehalten, waere nicht an demselben Abende zwischen ihm und Josephine ein Auf tritt vorgefallen, der die Scheidung des gekroenten Gattenpaares voraussehen liess. Die Nachricht von jenem unangenehmen Auftritt war noch nicht bis zu den Ohren der Hofleute gelangt, und auf die Heiterkeit des Festes, das der Graf von Gondreville gab, hatte daher nur der eine Umstand Einfluss, dass Napoleon nicht erschien. Die schoensten Frauen von Paris hatten sich in den geschmueckten Salons eingefunden, um durch die Ueppigkeit ihres Schmuckes und ihrer Schoenheit vor den Augen des Kaisers zu glaenzen. Die auf ihre Reichtuemer stolze Finanzwelt ueberstrahlte die glaenzenden Generaele und hohen Offiziere des Kaiserreichs, die mit Kreuzen der Ehrenlegion und Titeln ueberhaeuft waren; denn solche Feierlichkeiten waren stets Gelegenheit, die von den reichen Familien ergriffen wurden, um ihre Erbinnen den Augen der napoleonischen Praetorianer vorzufuehren, in der Hoffnung, dass diese ihre Titel mit der prachtvollen Ausstattung der Erbinnen verbinden wuerden. Diejenigen Damen, die sich nur hinsichtlich ihrer Schoenheit stark wussten, erschienen ebenfalls, um die Macht ihrer Reize zu versuchen. Es war dort, wie fast ueberall, die Freude nur eine Maske. Die heiteren und lachenden Gesichter, die ruhigen Stirnen verdeckten gehaessige Berechnungen. Die Freundschaft