The Project Gutenberg EBook of Heidis Lehr- und Wanderjahre, by Johanna Spyri #3 in our series by Johanna Spyri Copyright laws are changing all over the world. Be sure to check the copyright laws for your country before downloading or redistributing this or any other Project Gutenberg eBook. This header should be the first thing seen when viewing this Project Gutenberg file. Please do not remove it. Do not change or edit the header without written permission. Please read the "legal small print," and other information about the eBook and Project Gutenberg at the bottom of this file. Included is important information about your specific rights and restrictions in how the file may be used. 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We are releasing two versions of this Etext, one in 7-bit format, known as Plain Vanilla ASCII, which can be sent via plain email-- and one in 8-bit format, which includes higher order characters-- which requires a binary transfer, or sent as email attachment and may require more specialized programs to display the accents. This is the 7-bit version. This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE. That project is reachable at the web site http://gutenberg2000.de. Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE" zur Verfuegung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse http://gutenberg2000.de erreichbar. Heidis Lehr- und Wanderjahre Johanna Spyri Inhalt 1 Zum Alm-Oehi hinauf 2 Beim Grossvater 3 Auf der Weide 4 Bei der Grossmutter 5 Es kommt ein Besuch und dann noch einer, der mehr Folgen hat 6 Ein neues Kapitel und lauter neue Dinge 7 Fraeulein Rottenmeier hat einen unruhigen Tag 8 Im Hause Sesemann geht's unruhig zu 9 Der Hausherr hoert allerlei in seinem Hause, das er noch nicht gehoert hat 10 Eine Grossmama 11 Heidi nimmt auf einer Seite zu und auf der anderen ab 12 Im Hause Sesemann spukt's 13 Am Sommerabend die Alm hinan 14 Am Sonntag, wenn's laeutet Zum Alm-Oehi hinauf Vom freundlichen Dorfe Maienfeld fuehrt ein Fussweg durch gruene, baumreiche Fluren bis zum Fusse der Hoehen, die von dieser Seite gross und ernst auf das Tal herniederschauen. Wo der Fussweg anfaengt, beginnt bald Heideland mit dem kurzen Gras und den kraeftigen Bergkraeutern dem Kommenden entgegenzuduften, denn der Fussweg geht steil und direkt zu den Alpen hinauf. Auf diesem schmalen Bergpfade stieg am hellen, sonnigen Junimorgen ein grosses, kraeftig aussehendes Maedchen dieses Berglandes hinan, ein Kind an der Hand fuehrend, dessen Wangen so gluehend waren, dass sie selbst die sonnverbrannte, voellig braune Haut des Kindes flammend rot durchleuchteten. Es war auch kein Wunder: Das Kind war trotz der heissen Junisonne so verpackt, als haette es sich eines bitteren Frostes zu erwehren. Das kleine Maedchen mochte kaum fuenf Jahre zaehlen; was aber seine natuerliche Gestalt war, konnte man nicht ersehen, denn es hatte sichtlich zwei, wenn nicht drei Kleider uebereinander angezogen und drueberhin ein grosses, rotes Baumwolltuch um und um gebunden, so dass die kleine Person eine voellig formlose Figur darstellte, die, in zwei schwere, mit Naegeln beschlagene Bergschuhe gesteckt, sich heiss und muehsam den Berg hinaufarbeitete. Eine Stunde vom Tal aufwaerts mochten die beiden gestiegen sein, als sie zu dem Weiler kamen, der auf halber Hoehe der Alm liegt und 'im Doerfli' heisst. Hier wurden die Wandernden fast von jedem Hause aus angerufen, einmal vom Fenster, einmal von einer Haustuer und einmal vom Wege her, denn das Maedchen war in seinem Heimatort angelangt. Es machte aber nirgends Halt, sondern erwiderte alle zugerufenen Gruesse und Fragen im Vorbeigehen, ohne still zu stehen, bis es am Ende des Weilers bei dem letzten der zerstreuten Haeuschen angelangt war. Hier rief es aus einer Tuer: "Wart einen Augenblick, Dete, ich komme mit, wenn du weiter hinaufgehst." Die Angeredete stand still; sofort machte sich das Kind von ihrer Hand los und setzte sich auf den Boden. "Bist du muede, Heidi?", fragte die Begleiterin. "Nein, es ist mir heiss", entgegnete das Kind. "Wir sind jetzt gleich oben, du musst dich nur noch ein wenig anstrengen und grosse Schritte nehmen, dann sind wir in einer Stunde oben", ermunterte die Gefaehrtin. Jetzt trat eine breite gutmuetig aussehende Frau aus der Tuer und gesellte sich zu den beiden. Das Kind war aufgestanden und wanderte nun hinter den zwei alten Bekannten her, die sofort in ein lebhaftes Gespraech gerieten ueber allerlei Bewohner des 'Doerfli' und vieler umherliegender Behausungen. "Aber wohin willst du eigentlich mit dem Kinde, Dete?", fragte jetzt die neu Hinzugekommene. "Es wird wohl deiner Schwester Kind sein, das hinterlassene." "Das ist es", erwiderte Dete, "ich will mit ihm hinauf zum Oehi, es muss dort bleiben." "Was, beim Alm-Oehi soll das Kind bleiben? Du bist, denk ich, nicht recht bei Verstand, Dete! Wie kannst du so etwas tun! Der Alte wird dich aber schon heimschicken mit deinem Vorhaben!" "Das kann er nicht, er ist der Grossvater, er muss etwas tun, ich habe das Kind bis jetzt gehabt, und das kann ich dir schon sagen, Barbel, dass ich einen Platz, wie ich ihn jetzt haben kann, nicht dahinten lasse um des Kindes willen; jetzt soll der Grossvater das Seinige tun." "Ja, wenn der waere wie andere Leute, dann schon", bestaetigte die kleine Barbel eifrig; "aber du kennst ja den. Was wird der mit einem Kinde anfangen und dann noch einem so kleinen! Das haelt's nicht aus bei ihm! Aber wo willst du denn hin?" "Nach Frankfurt", erklaerte Dete, "da bekomm ich einen extraguten Dienst. Die Herrschaft war schon im vorigen Sommer unten im Bad, ich habe ihre Zimmer auf meinem Gang gehabt und sie besorgt, und schon damals wollten sie mich mitnehmen, aber ich konnte nicht fortkommen, und jetzt sind sie wieder da und wollen mich mitnehmen, und ich will auch gehen, da kannst du sicher sein." "Ich moechte nicht das Kind sein!", rief die Barbel mit abwehrender Gebaerde aus. "Es weiss ja kein Mensch, was mit dem Alten da oben ist! Mit keinem Menschen will er etwas zu tun haben, jahraus, jahrein setzt er keinen Fuss in eine Kirche, und wenn er mit seinem dicken Stock im Jahr einmal herunterkommt, so weicht ihm alles aus und muss sich vor ihm fuerchten. Mit seinen dicken grauen Augenbrauen und dem furchtbaren Bart sieht er auch aus wie ein alter Heide und Indianer, dass man froh ist, wenn man ihm nicht allein begegnet." "Und wenn auch", sagte Dete trotzig, "er ist der Grossvater und muss fuer das Kind sorgen, er wird ihm wohl nichts tun, sonst hat er's zu verantworten, nicht ich." "Ich moechte nur wissen", sagte die Barbel forschend, "was der Alte auf dem Gewissen hat, dass er solche Augen macht und so mutterseelenallein da droben auf der Alm bleibt und sich fast nie blicken laesst. Man sagt allerhand von ihm; du weisst doch gewiss auch etwas davon, von deiner Schwester, nicht, Dete?" "Freilich, aber ich rede nicht; wenn er's hoerte, so kaeme ich schoen an!" Aber die Barbel haette schon lange gern gewusst, wie es sich mit dem Alm-Oehi verhalte, dass er so menschenfeindlich aussehe und da oben ganz allein wohne und die Leute immer so mit halben Worten von ihm redeten, als fuerchteten sie sich, gegen ihn zu sein, und wollten doch nicht fuer ihn sein. Auch wusste die Barbel gar nicht, warum der Alte von allen Leuten im Doerfli der Alm-Oehi genannt wurde, er konnte doch nicht der wirkliche Oheim von den saemtlichen Bewohnern sein; da aber alle ihn so nannten, tat sie es auch und nannte den Alten nie anders als Oehi, was die Aussprache der Gegend fuer Oheim ist. Die Barbel hatte sich erst vor kurzer Zeit nach dem Doerfli hinauf verheiratet, vorher hatte sie unten im Praettigau gewohnt, und so war sie noch nicht so ganz bekannt mit allen Erlebnissen und besonderen Persoenlichkeiten aller Zeiten vom Doerfli und der Umgegend. Die Dete, ihre gute Bekannte, war dagegen vom Doerfli gebuertig und hatte da gelebt mit ihrer Mutter bis vor einem Jahr; da war diese gestorben, und die Dete war nach dem Bade Ragaz hinuebergezogen, wo sie im grossen Hotel als Zimmermaedchen einen guten Verdienst fand. Sie war auch an diesem Morgen mit dem Kinde von Ragaz hergekommen; bis Maienfeld hatte sie auf einem Heuwagen fahren koennen, auf dem ein Bekannter von ihr heimfuhr und sie und das Kind mitnahm. --Die Barbel wollte also diesmal die gute Gelegenheit, etwas zu vernehmen, nicht unbenutzt vorbeigehen lassen; sie fasste vertraulich die Dete am Arm und sagte: "Von dir kann man doch vernehmen, was wahr ist und was die Leute darueber hinaus sagen; du weisst, denk ich, die ganze Geschichte. Sag mir jetzt ein wenig, was mit dem Alten ist und ob der immer so gefuerchtet und ein solcher Menschenhasser war." "Ob er immer so war, kann ich, denk ich, nicht praezis wissen, ich bin jetzt sechsundzwanzig und er sicher siebzig Jahr alt; so hab ich ihn nicht gesehen, wie er jung war, das wirst du nicht erwarten. Wenn ich aber wuesste, dass es nachher nicht im ganzen Praettigau herumkaeme, so koennte ich dir schon allerhand erzaehlen von ihm; meine Mutter war aus dem Domleschg und er auch." "A bah, Dete, was meinst denn?", gab die Barbel ein wenig beleidigt zurueck; "es geht nicht so streng mit dem Schwatzen im Praettigau, und dann kann ich schon etwas fuer mich behalten, wenn es sein muss. Erzaehl mir's jetzt, es muss dich nicht gereuen." "Ja nu, so will ich, aber halt Wort!", mahnte die Dete. Erst sah sie sich aber um, ob das Kind nicht zu nah sei und alles anhoere, was sie sagen wollte; aber das Kind war gar nicht zu sehen, es musste schon seit einiger Zeit den beiden Begleiterinnen nicht mehr gefolgt sein, diese hatten es aber im Eifer der Unterhaltung nicht bemerkt. Dete stand still und schaute sich ueberall um. Der Fussweg machte einige Kruemmungen, doch konnte man ihn fast bis zum Doerfli hinunter uebersehen, es war aber niemand darauf sichtbar. "Jetzt seh ich's", erklaerte die Barbel; "siehst du dort?", und sie wies mit dem Zeigefinger weitab vom Bergpfad. "Es klettert die Abhaenge hinauf mit dem Geissenpeter und seinen Geissen. Warum der heut so spaet hinauffaehrt mit seinen Tieren? Es ist aber gerad recht, er kann nun zu dem Kinde sehen, und du kannst mir umso besser erzaehlen." "Mit dem Nach-ihm-Sehen muss sich der Peter nicht anstrengen", bemerkte die Dete; "es ist nicht dumm fuer seine fuenf Jahre, es tut seine Augen auf und sieht, was vorgeht, das hab ich schon bemerkt an ihm, und es wird ihm einmal zugut kommen, denn der Alte hat gar nichts mehr als seine zwei Geissen und die Almhuette." "Hat er denn einmal mehr gehabt?", fragte die Barbel. "Der? Ja, das denk ich, dass er einmal mehr gehabt hat", entgegnete eifrig die Dete; "eins der schoensten Bauerngueter im Domleschg hat er gehabt. Er war der aeltere Sohn und hatte nur noch einen Bruder, der war still und ordentlich. Aber der Aeltere wollte nichts tun, als den Herrn spielen und im Lande herumfahren und mit boesem Volk zu tun haben, das niemand kannte. Den ganzen Hof hat er verspielt und verzecht, und wie es herauskam, da sind sein Vater und seine Mutter hintereinander gestorben vor lauter Gram, und der Bruder, der nun auch am Bettelstab war, ist vor Verdruss in die Welt hinaus, es weiss kein Mensch wohin, und der Oehi selber, als er nichts mehr hatte als einen boesen Namen, ist auch verschwunden. Erst wusste niemand wohin, dann vernahm man, er sei unter das Militaer gegangen nach Neapel, und dann hoerte man nichts mehr von ihm zwoelf oder fuenfzehn Jahre lang. Dann auf einmal erschien er wieder im Domleschg mit einem halb erwachsenen Buben und wollte diesen in der Verwandtschaft unterzubringen suchen. Aber es schlossen sich alle Tueren vor ihm, und keiner wollte mehr etwas von ihm wissen. Das erbitterte ihn sehr; er sagte, ins Domleschg setze er keinen Fuss mehr, und dann kam er hierher ins Doerfli und lebte da mit dem Buben. Die Frau muss eine Buendnerin gewesen sein, die er dort unten getroffen und dann bald wieder verloren hatte. Er musste noch etwas Geld haben, denn er liess den Buben, den Tobias, ein Handwerk erlernen, Zimmermann, und der war ein ordentlicher Mensch und wohlgelitten bei allen Leuten im Doerfli. Aber dem Alten traute keiner, man sagte auch, er sei von Neapel desertiert, es waere ihm sonst schlimm gegangen, denn er habe einen erschlagen, natuerlich nicht im Krieg, verstehst du, sondern beim Raufhandel. Wir anerkannten aber die Verwandtschaft, da meiner Mutter Grossmutter mit seiner Grossmutter Geschwisterkind gewesen war. So nannten wir ihn Oehi, und da wir fast mit allen Leuten im Doerfli wieder verwandt sind vom Vater her, so nannten ihn diese alle auch Oehi, und seit er dann auf die Alm hinaufgezogen war, hiess er eben nur noch der 'Alm-Oehi'." "Aber wie ist es dann mit dem Tobias gegangen?", fragte gespannt die Barbel. "Wart nur, das kommt schon, ich kann nicht alles auf einmal sagen", erklaerte Dete. "Also der Tobias war in der Lehre draussen in Mels, und sowie er fertig war, kam er heim ins Doerfli und nahm meine Schwester zur Frau, die Adelheid, denn sie hatten sich schon immer gern gehabt, und auch wie sie nun verheiratet waren, konnten sie's sehr gut zusammen. Aber es ging nicht lange. Schon zwei Jahre nachher, wie er an einem Hausbau mithalf, fiel ein Balken auf ihn herunter und schlug ihn tot. Und wie man den Mann so entstellt nach Hause brachte, da fiel die Adelheid vor Schrecken und Leid in ein heftiges Fieber und konnte sich nicht mehr erholen, sie war sonst nicht sehr kraeftig und hatte manchmal so eigene Zustaende gehabt, dass man nicht recht wusste, schlief sie oder war sie wach. Nur ein paar Wochen, nachdem der Tobias tot war, begrub man auch die Adelheid. Da sprachen alle Leute weit und breit von dem traurigen Schicksal der beiden, und leise und laut sagten sie, das sei die Strafe, die der Oehi verdient habe fuer sein gottloses Leben, und ihm selbst wurde es gesagt und auch der Herr Pfarrer redete ihm ins Gewissen, er sollte doch jetzt Busse tun, aber er wurde nur immer grimmiger und verstockter und redete mit niemandem mehr, es ging ihm auch jeder aus dem Wege. Auf einmal hiess es, der Oehi sei auf die Alm hinaufgezogen und komme gar nicht mehr herunter, und seither ist er dort und lebt mit Gott und Menschen im Unfrieden. Das kleine Kind der Adelheid nahmen wir zu uns, die Mutter und ich; es war ein Jahr alt. Wie nun im letzten Sommer die Mutter starb und ich im Bad drunten etwas verdienen wollte, nahm ich es mit und gab es der alten Ursel oben im Pfaefferserdorf in die Kost. Ich konnte auch im Winter im Bad bleiben, es gab allerhand Arbeit, weil ich zu naehen und flicken verstehe, und frueh im Fruehling kam die Herrschaft aus Frankfurt wieder, die ich voriges Jahr bedient hatte und die mich mitnehmen will; uebermorgen reisen wir ab, und der Dienst ist gut, das kann ich dir sagen." "Und dem Alten da droben willst du nun das Kind uebergeben? Es nimmt mich nur wunder, was du denkst, Dete", sagte die Barbel vorwurfsvoll. "Was meinst du denn?", gab Dete zurueck. "Ich habe das Meinige an dem Kinde getan, und was sollte ich denn mit ihm machen? Ich denke, ich kann eines, das erst fuenf Jahre alt wird, nicht mit nach Frankfurt nehmen. Aber wohin gehst du eigentlich, Barbel, wir sind ja schon halbwegs auf der Alm?" "Ich bin auch gleich da, wo ich hinmuss", entgegnete die Barbel; "ich habe mit der Geissenpeterin zu reden, sie spinnt mir im Winter. So leb wohl, Dete, mit Glueck!" Dete reichte der Begleiterin die Hand und blieb stehen, waehrend diese der kleinen, dunkelbraunen Almhuette zuging, die einige Schritte seitwaerts vom Pfad in einer Mulde stand, wo sie vor dem Bergwind ziemlich geschuetzt war. Die Huette stand auf der halben Hoehe der Alm, vom Doerfli aus gerechnet, und dass sie in einer kleinen Vertiefung des Berges stand, war gut, denn sie sah so baufaellig und verfallen aus, dass es auch so noch ein gefaehrliches Darinwohnen sein musste, wenn der Foehnwind so maechtig ueber die Berge strich, dass alles an der Huette klapperte, Tueren und Fenster, und alle die morschen Balken zitterten und krachten. Haette die Huette an solchen Tagen oben auf der Alm gestanden, sie waere unverzueglich ins Tal hinabgeweht worden. Hier wohnte der Geissenpeter, der elfjaehrige Bube, der jeden Morgen unten im Doerfli die Geissen holte, um sie hoch auf die Alm hinaufzutreiben, um sie da die kurzen kraeftigen Kraeuter fressen zu lassen bis zum Abend; dann sprang der Peter mit den leichtfuessigen Tierchen wieder herunter, tat, im Doerfli angekommen, einen schrillen Pfiff durch die Finger, und jeder Besitzer holte seine Geiss auf dem Platz. Meistens kamen kleine Buben und Maedchen, denn die friedlichen Geissen waren nicht zu fuerchten, und das war denn den ganzen Sommer durch die einzige Zeit am Tage, da der Peter mit seinesgleichen verkehrte; sonst lebte er nur mit den Geissen. Er hatte zwar daheim seine Mutter und die blinde Grossmutter; aber da er immer am Morgen sehr frueh fortmusste und am Abend vom Doerfli spaet heimkam, weil er sich da noch so lange als moeglich mit den Kindern unterhalten musste, so verbrachte er daheim nur gerade so viel Zeit, um am Morgen seine Milch und Brot und am Abend ebendasselbe hinunterzuschlucken und dann sich aufs Ohr zu legen und zu schlafen. Sein Vater, der auch schon der Geissenpeter genannt worden war, weil er in frueheren Jahren in demselben Berufe gestanden hatte, war vor einigen Jahren beim Holzfaellen verunglueckt. Seine Mutter, die zwar Brigitte hiess, wurde von jedermann um des Zusammenhangs willen die Geissenpeterin genannt, und die blinde Grossmutter kannten weit und breit Alt und Jung nur unter dem Namen Grossmutter. Die Dete hatte wohl zehn Minuten gewartet und sich nach allen Seiten umgesehen, ob die Kinder mit den Geissen noch nirgends zu sehen seien; als dies aber nicht der Fall war, so stieg sie noch ein wenig hoeher, wo sie besser die ganze Alm bis hinunter uebersehen konnte, und guckte nun von hier aus bald dahin, bald dorthin mit Zeichen grosser Ungeduld auf dem Gesicht und in den Bewegungen. Unterdessen rueckten die Kinder auf einem grossen Umwege heran, denn der Peter wusste viele Stellen, wo allerhand Gutes an Straeuchern und Gebueschen fuer seine Geissen zu nagen war; darum machte er mit seiner Herde vielerlei Wendungen auf dem Wege. Erst war das Kind muehsam nachgeklettert, in seiner schweren Ruestung vor Hitze und Unbequemlichkeit keuchend und alle Kraefte anstrengend. Es sagte kein Wort, blickte aber unverwandt bald auf den Peter, der mit seinen nackten Fuessen und leichten Hoeschen ohne alle Muehe hin und her sprang, bald auf die Geissen, die mit den duennen, schlanken Beinchen noch leichter ueber Busch und Stein und steile Abhaenge hinaufkletterten. Auf einmal setzte das Kind sich auf den Boden nieder, zog mit grosser Schnelligkeit Schuhe und Struempfe aus, stand wieder auf, zog sein rotes, dickes Halstuch weg, machte sein Roeckchen auf, zog es schnell aus und hatte gleich noch eins auszuhaekeln, denn die Base Dete hatte ihm das Sonntagskleidchen ueber das Alltagszeug angezogen, um der Kuerze willen, damit niemand es tragen muesse. Blitzschnell war auch das Alltagsroecklein weg, und nun stand das Kind im leichten Unterroeckchen, die blossen Arme aus den kurzen Hemdaermelchen vergnueglich in die Luft hinausstreckend. Dann legte es schoen alles auf ein Haeufchen, und nun sprang und kletterte es hinter den Geissen und neben dem Peter her, so leicht als nur eines aus der ganzen Gesellschaft. Der Peter hatte nicht Acht gegeben, was das Kind mache, als es zurueckgeblieben war. Wie es nun in der neuen Bekleidung nachgesprungen kam, zog er lustig grinsend das ganze Gesicht auseinander und schaute zurueck, und wie er unten das Haeuflein Kleider liegen sah, ging sein Gesicht noch ein wenig mehr auseinander, und sein Mund kam fast von einem Ohr bis zum anderen; er sagte aber nichts. Wie nun das Kind sich so frei und leicht fuehlte, fing es ein Gespraech mit dem Peter an, und er fing auch an zu reden und musste auf vielerlei antworten, denn das Kind wollte wissen, wie viele Geissen er habe und wohin er mit ihnen gehe und was er dort tue, wo er hinkomme. So langten endlich die Kinder samt den Geissen oben bei der Huette an und kamen der Base Dete zu Gesicht. Kaum aber hatte diese die herankletternde Gesellschaft erblickt, als sie laut aufschrie: "Heidi, was machst du? Wie siehst du aus? Wo hast du deinen Rock und den zweiten und das Halstuch? Und ganz neue Schuhe habe ich dir gekauft auf den Berg und dir neue Struempfe gemacht, und alles fort! Alles fort! Heidi, was machst du, wo hast du alles?" Das Kind zeigte ruhig den Berg hinunter und sagte: "Dort!" Die Base folgte seinem Finger. Richtig, dort lag etwas und obenauf war ein roter Punkt, das musste das Halstuch sein. "Du Unglueckstropf!", rief die Base in grosser Aufregung. "Was kommt dir denn in den Sinn, warum hast du alles ausgezogen? Was soll das sein?" "Ich brauch es nicht", sagte das Kind und sah gar nicht reuevoll aus ueber seine Tat. "Ach du unglueckseliges, vernunftloses Heidi, hast du denn auch noch gar keine Begriffe?", jammerte und schalt die Base weiter. "Wer sollte nun wieder da hinunter, es ist ja eine halbe Stunde! Komm, Peter, lauf du mir schnell zurueck und hol das Zeug, komm schnell und steh nicht dort und glotze mich an, als waerst du am Boden festgenagelt." "Ich bin schon zu spaet", sagte Peter langsam und blieb, ohne sich zu ruehren, auf demselben Fleck stehen, von dem aus er, beide Haende in die Taschen gesteckt, dem Schreckensausbruch der Base zugehoert hatte. "Du stehst ja doch nur und reissest deine Augen auf und kommst, denk ich, nicht weit auf die Art!", rief ihm die Base Dete zu. "Komm her, du musst etwas Schoenes haben, siehst du?" Sie hielt ihm ein neues Fuenferchen hin, das glaenzte ihm in die Augen. Ploetzlich sprang er auf und davon auf dem geradesten Weg die Alm hinunter und kam in ungeheuren Saetzen in kurzer Zeit bei dem Haeuflein Kleider an, packte sie auf und erschien damit so schnell, dass ihn die Base ruehmen musste und ihm sogleich sein Fuenfrappenstueck ueberreichte. Peter steckte es schnell tief in seine Tasche, und sein Gesicht glaenzte und lachte in voller Breite, denn ein solcher Schatz wurde ihm nicht oft zuteil. "Du kannst mir das Zeug noch tragen bis zum Oehi hinauf, du gehst ja auch den Weg", sagte die Base Dete jetzt, indem sie sich anschickte, den steilen Abhang zu erklimmen, der gleich hinter der Huette des Geissenpeter emporragte. Willig uebernahm dieser den Auftrag und folgte der Voranschreitenden auf dem Fusse nach, den linken Arm um sein Buendel geschlungen, in der Rechten die Geissenrute schwingend. Das Heidi und die Geissen huepften und sprangen froehlich neben ihm her. So gelangte der Zug nach drei Viertelstunden auf die Almhoehe, wo frei auf dem Vorsprung des Berges die Huette des alten Oehi stand, allen Winden ausgesetzt, aber auch jedem Sonnenblick zugaenglich und mit der vollen Aussicht weit ins Tal hinab. Hinter der Huette standen drei alte Tannen mit dichten, langen, unbeschnittenen Aesten. Weiter hinten ging es nochmals bergan bis hoch hinauf in die alten, grauen Felsen, erst noch ueber schoene, kraeuterreiche Hoehen, dann in steiniges Gestruepp und endlich zu den kahlen, steilen Felsen hinan. An die Huette festgemacht, der Talseite zu, hatte sich der Oehi eine Bank gezimmert. Hier sass er, eine Pfeife im Mund, beide Haende auf seine Knie gelegt, und schaute ruhig zu, wie die Kinder, die Geissen und die Base Dete herankletterten, denn die Letztere war nach und nach von den anderen ueberholt worden. Heidi war zuerst oben; es ging geradeaus auf den Alten zu, streckte ihm die Hand entgegen und sagte: "Guten Abend, Grossvater!" "So, so, wie ist das gemeint?", fragte der Alte barsch, gab dem Kinde kurz die Hand und schaute es mit einem langen, durchdringenden Blick an, unter seinen buschigen Augenbrauen hervor. Heidi gab den langen Blick ausdauernd zurueck, ohne nur einmal mit den Augen zu zwinkern, denn der Grossvater mit dem langen Bart und den dichten, grauen Augenbrauen, die in der Mitte zusammengewachsen waren und aussahen wie eine Art Gestraeuch, war so verwunderlich anzusehen, dass Heidi ihn recht betrachten musste. Unterdessen war auch die Base herangekommen samt dem Peter, der eine Welle stille stand und zusah, was sich da ereigne. "Ich wuensche Euch guten Tag, Oehi", sagte die Dete hinzutretend, "und hier bring ich Euch das Kind vom Tobias und der Adelheid. Ihr werdet es wohl nicht mehr kennen, denn seit es jaehrig war, habt Ihr es nie mehr gesehen." "So, was muss das Kind bei mir?", fragte der Alte kurz; "und du dort", rief er dem Peter zu, "du kannst gehen mit deinen Geissen, du bist nicht zu frueh; nimm meine mit!" Der Peter gehorchte sofort und verschwand, denn der Oehi hatte ihn angeschaut, dass er schon genug davon hatte. "Es muss eben bei Euch bleiben, Oehi", gab die Dete auf seine Frage zurueck. "Ich habe, denk ich, das Meinige an ihm getan die vier Jahre durch, es wird jetzt wohl an Euch sein, das Eurige auch einmal zu tun." "So", sagte der Alte und warf einen blitzenden Blick auf die Dete. "Und wenn nun das Kind anfaengt, dir nachzuflennen und zu winseln, wie kleine Unvernuenftige tun, was muss ich dann mit ihm anfangen?" "Das ist dann Eure Sache", warf die Dete zurueck, "ich meine fast, es habe mir auch kein Mensch gesagt, wie ich es mit dem Kleinen anzufangen habe, als es mir auf den Haenden lag, ein einziges Jaehrchen alt, und ich schon fuer mich und die Mutter genug zu tun hatte. Jetzt muss ich meinem Verdienst nach, und Ihr seid der Naechste am Kind; wenn Ihr's nicht haben koennt, so macht mit ihm, was Ihr wollt, dann habt Ihr's zu verantworten, wenn's verdirbt, und Ihr werdet wohl nicht noetig haben, noch etwas aufzuladen." Die Dete hatte kein recht gutes Gewissen bei der Sache, darum war sie so hitzig geworden und hatte mehr gesagt, als sie im Sinn gehabt hatte. Bei ihren letzten Worten war der Oehi aufgestanden; er schaute sie so an, dass sie einige Schritte zurueckwich; dann streckte er den Arm aus und sagte befehlend: "Mach, dass du hinunterkommst, wo du heraufgekommen bist, und zeig dich nicht so bald wieder!" Das liess sich die Dete nicht zweimal sagen. "So lebt wohl, und du auch, Heidi", sagte sie schnell und lief den Berg hinunter in einem Trab bis ins Doerfli hinab, denn die innere Aufregung trieb sie vorwaerts wie eine wirksame Dampfkraft. Im Doerfli wurde sie diesmal noch viel mehr angerufen, denn es wunderte die Leute, wo das Kind sei; sie kannten ja alle die Dete genau und wussten, wem das Kind gehoerte und alles, was mit ihm vorgegangen war. Als es nun aus allen Tueren und Fenstern toente: "Wo ist das Kind? Dete, wo hast du das Kind gelassen?", rief sie immer unwilliger zurueck: "Droben beim Alm-Oehi! Nun, beim Alm-Oehi, ihr hoert's ja!" Sie wurde aber so massleidig, weil die Frauen von allen Seiten ihr zuriefen: "Wie kannst du so etwas tun!", und: "Das arme Troepfli!", und: "So ein kleines Hilfloses da droben lassen!", und dann wieder und wieder: "Das arme Troepfli!" Die Dete lief, so schnell sie konnte, weiter und war froh, als sie nichts mehr hoerte, denn es war ihr nicht wohl bei der Sache; ihre Mutter hatte ihr beim Sterben das Kind noch uebergeben. Aber sie sagte sich zur Beruhigung, sie koenne dann ja eher wieder etwas fuer das Kind tun, wenn sie nun viel Geld verdiene, und so war sie sehr froh, dass sie bald weit von allen Leuten, die ihr dreinredeten, weg- und zu einem schoenen Verdienst kommen konnte. Beim Grossvater Nachdem die Dete verschwunden war, hatte der Oehi sich wieder auf die Bank hingesetzt und blies nun grosse Wolken aus seiner Pfeife; dabei starrte er auf den Boden und sagte kein Wort. Derweilen schaute das Heidi vergnueglich um sich, entdeckte den Geissenstall, der an die Huette angebaut war, und guckte hinein. Es war nichts drin. Das Kind setzte seine Untersuchungen fort und kam hinter die Huette zu den alten Tannen. Da blies der Wind durch die Aeste so stark, dass es sauste und brauste oben in den Wipfeln. Heidi blieb stehen und hoerte zu. Als es ein wenig stiller wurde, ging das Kind um die kommende Ecke der Huette herum und kam vorn wieder zum Grossvater zurueck. Als es diesen noch in derselben Stellung erblickte, wie es ihn verlassen hatte, stellte es sich vor ihn hin, legte die Haende auf den Ruecken und betrachtete ihn. Der Grossvater schaute auf. "Was willst du jetzt tun?", fragte er, als das Kind immer noch unbeweglich vor ihm stand. "Ich will sehen, was du drinnen hast, in der Huette", sagte Heidi. "So komm!", und der Grossvater stand auf und ging voran in die Huette hinein. "Nimm dort dein Buendel Kleider noch mit", befahl er im Hereintreten. "Das brauch ich nicht mehr", erklaerte Heidi. Der Alte kehrte sich um und schaute durchdringend auf das Kind, dessen schwarze Augen gluehten in Erwartung der Dinge, die da drinnen sein konnten. "Es kann ihm nicht an Verstand fehlen", sagte er halblaut. "Warum brauchst du's nicht mehr?", setzte er laut hinzu. "Ich will am liebsten gehen wie die Geissen, die haben ganz leichte Beinchen." "So, das kannst du, aber hol das Zeug", befahl der Grossvater, "es kommt in den Kasten." Heidi gehorchte. Jetzt machte der Alte die Tuer auf und Heidi trat hinter ihm her in einen ziemlich grossen Raum ein, es war der Umfang der ganzen Huette. Da stand ein Tisch und ein Stuhl daran; in einer Ecke war des Grossvaters Schlaflager, in einer anderen hing der grosse Kessel ueber dem Herd; auf der anderen Seite war eine grosse Tuer in der Wand, die machte der Grossvater auf, es war der Schrank. Da hingen seine Kleider drin und auf einem Gestell lagen ein paar Hemden, Struempfe und Tuecher und auf einem anderen einige Teller und Tassen und Glaeser und auf dem obersten ein rundes Brot und geraeuchertes Fleisch und Kaese, denn in dem Kasten war alles enthalten, was der Alm-Oehi besass und zu seinem Lebensunterhalt gebrauchte. Wie er nun den Schrank aufgemacht hatte, kam das Heidi schnell heran und stiess sein Zeug hinein, so weit hinter des Grossvaters Kleider als moeglich, damit es nicht so leicht wieder zu finden sei. Nun sah es sich aufmerksam um in dem Raum und sagte dann: "Wo muss ich schlafen, Grossvater?" "Wo du willst", gab dieser zur Antwort. Das war dem Heidi eben recht. Nun fuhr es in alle Winkel hinein und schaute jedes Plaetzchen aus, wo am schoensten zu schlafen waere. In der Ecke vorueber des Grossvaters Lagerstaette war eine kleine Leiter aufgerichtet; Heidi kletterte hinauf und langte auf dem Heuboden an. Da lag ein frischer, duftender Heuhaufen oben, und durch eine runde Luke sah man weit ins Tal hinab. "Hier will ich schlafen", rief Heidi hinunter, "hier ist's schoen! Komm und sieh einmal, wie schoen es hier ist, Grossvater!" "Weiss schon", toente es von unten herauf. "Ich mache jetzt das Bett!", rief das Kind wieder, indem es oben geschaeftig hin und her fuhr; "aber du musst heraufkommen und mir ein Leintuch mitbringen, denn auf ein Bett kommt auch ein Leintuch, und darauf liegt man." "So, so", sagte unten der Grossvater, und nach einer Weile ging er an den Schrank und kramte ein wenig darin herum; dann zog er unter seinen Hemden ein langes, grobes Tuch hervor, das musste so etwas sein wie ein Leintuch. Er kam damit die Leiter herauf. Da war auf dem Heuboden ein ganz artiges Bettlein zugerichtet; oben, wo der Kopf liegen musste, war das Heu hoch aufgeschichtet, und das Gesicht kam so zu liegen, dass es gerade auf das offene, runde Loch traf. "Das ist recht gemacht", sagte der Grossvater, "jetzt wird das Tuch kommen, aber wart noch"--damit nahm er einen guten Wisch Heu von dem Haufen und machte das Lager doppelt so dick, damit der harte Boden nicht durchgefuehlt werden konnte--; "so, jetzt komm her damit." Heidi hatte das Leintuch schnell zuhanden genommen, konnte es aber fast nicht tragen, so schwer war's; aber das war sehr gut, denn durch das feste Zeug konnten die spitzen Heuhalme nicht durchstechen. Jetzt breiteten die beiden miteinander das Tuch ueber das Heu, und wo es zu breit und zu lang war, stopfte Heidi die Enden eilfertig unter das Lager. Nun sah es recht gut und reinlich aus, und Heidi stellte sich davor und betrachtete es nachdenklich. "Wir haben noch etwas vergessen, Grossvater", sagte es dann. "Was denn?", fragte er. "Eine Decke; denn wenn man ins Bett geht, kriecht man zwischen das Leintuch und die Decke hinein." "So, meinst du? Wenn ich aber keine habe?", sagte der Alte. "Oh, dann ist's gleich, Grossvater", beruhigte Heidi, "dann nimmt man wieder Heu zur Decke", und eilfertig wollte es gleich wieder an den Heustock gehen, aber der Grossvater wehrte es ihm. "Wart einen Augenblick", sagte er, stieg die Leiter hinab und ging an sein Lager hin. Dann kam er wieder und legte einen grossen, schweren, leinenen Sack auf den Boden. "Ist das nicht besser als Heu?", fragte er. Heidi zog aus Leibeskraeften an dem Sacke hin und her, um ihn auseinander zu legen, aber die kleinen Haende konnten das schwere Zeug nicht bewaeltigen. Der Grossvater half, und wie es nun ausgebreitet auf dem Bette lag, da sah alles sehr gut und haltbar aus, und Heidi stand staunend vor seinem neuen Lager und sagte: "Das ist eine praechtige Decke und das ganze Bett! Jetzt wollt ich, es waere schon Nacht, so koennte ich hineinliegen." "Ich meine, wir koennten erst einmal etwas essen", sagte der Grossvater, "oder was meinst du?" Heidi hatte ueber dem Eifer des Bettens alles andere vergessen; nun ihm aber der Gedanke ans Essen kam, stieg ein grosser Hunger in ihm auf, denn es hatte auch heute noch gar nichts bekommen als frueh am Morgen sein Stueck Brot und ein paar Schlucke duennen Kaffees, und nachher hatte es die lange Reise gemacht. So sagte Heidi ganz zustimmend: "Ja, ich mein es auch." "So geh hinunter, wenn wir denn einig sind", sagte der Alte und folgte dem Kind auf dem Fuss nach. Dann ging er zum Kessel hin, schob den grossen weg und drehte den kleinen heran, der an der Kette hing, setzte sich auf den hoelzernen Dreifuss mit dem runden Sitz davor hin und blies ein helles Feuer an. Im Kessel fing es an zu sieden, und unten hielt der Alte an einer langen Eisengabel ein grosses Stueck Kaese ueber das Feuer und drehte es hin und her, bis es auf allen Seiten goldgelb war. Heidi hatte mit gespannter Aufmerksamkeit zugesehen; jetzt musste ihm etwas Neues in den Sinn gekommen sein; auf einmal sprang es weg und an den Schrank und von da hin und her. Jetzt kam der Grossvater mit einem Topf und dem Kaesebraten an der Gabel zum Tisch heran; da lag schon das runde Brot darauf und zwei Teller und zwei Messer, alles schoen geordnet, denn das Heidi hatte alles im Schrank gut wahrgenommen und wusste, dass man das alles nun gleich zum Essen brauchen werde. "So, das ist recht, dass du selbst etwas ausdenkst", sagte der Grossvater und legte den Braten auf das Brot als Unterlage; "aber es fehlt noch etwas auf dem Tisch." Heidi sah, wie einladend es aus dem Topf hervordampfte, und sprang schnell wieder an den Schrank. Da stand aber nur ein einziges Schuesselchen. Heidi war nicht lang in Verlegenheit, dort hinten standen zwei Glaeser; augenblicklich kam das Kind zurueck und stellte Schuesselchen und Glas auf den Tisch. "Recht so; du weisst dir zu helfen; aber wo willst du sitzen?" Auf dem einzigen Stuhl sass der Grossvater selbst. Heidi schoss pfeilschnell zum Herd hin, brachte den kleinen Dreifuss zurueck und setzte sich drauf. "Einen Sitz hast du wenigstens, das ist wahr, nur ein wenig weit unten", sagte der Grossvater; "aber von meinem Stuhl waerst auch zu kurz, auf den Tisch zu langen; jetzt musst aber einmal etwas haben, so komm!" Damit stand er auf, fuellte das Schuesselchen mit Milch, stellte es auf den Stuhl und rueckte den ganz nah an den Dreifuss hin, so dass das Heidi nun einen Tisch vor sich hatte. Der Grossvater legte ein grosses Stueck Brot und ein Stueck von dem goldenen Kaese darauf und sagte: "Jetzt iss!" Er selbst setzte sich nun auf die Ecke des Tisches und begann sein Mittagsmahl. Heidi ergriff sein Schuesselchen und trank und trank ohne Aufenthalt, denn der ganze Durst seiner langen Reise war ihm wieder aufgestiegen. Jetzt tat es einen langen Atemzug--denn im Eifer des Trinkens hatte es lange den Atem nicht holen koennen--und stellte sein Schuesselchen hin. "Gefaellt dir die Milch?", fragte der Grossvater. "Ich habe noch gar nie so gute Milch getrunken", antwortete Heidi. "So musst du mehr haben", und der Grossvater fuellte das Schuesselchen noch einmal bis oben hin und stellte es vor das Kind, das vergnueglich in sein Brot biss, nachdem es von dem weichen Kaese darauf gestrichen, denn der war, so gebraten, weich wie Butter, und das schmeckte ganz kraeftig zusammen, und zwischendurch trank es seine Milch und sah sehr vergnueglich aus. Als nun das Essen zu Ende war, ging der Grossvater in den Geissenstall hinaus und hatte da allerhand in Ordnung zu bringen, und Heidi sah ihm aufmerksam zu, wie er erst mit dem Besen saeuberte, dann frische Streu legte, dass die Tierchen darauf schlafen konnten; wie er dann nach dem Schoepfchen ging nebenan und hier runde Stoecke zurechtschnitt und an einem Brett herumhackte und Loecher hineinbohrte und dann die runden Stoecke hineinsteckte und aufstellte; da war es auf einmal ein Stuhl, wie der vom Grossvater, nur viel hoeher, und Heidi staunte das Werk an, sprachlos vor Verwunderung. "Was ist das, Heidi?", fragte der Grossvater. "Das ist mein Stuhl, weil er so hoch ist; auf einmal war er fertig", sagte das Kind, noch in tiefem Erstaunen und Bewunderung. "Es weiss, was es sieht, es hat die Augen am rechten Ort", bemerkte der Grossvater vor sich hin, als er nun um die Huette herumging und hier einen Nagel einschlug und dort einen und dann an der Tuer etwas zu befestigen hatte und so mit Hammer und Naegeln und Holzstuecken von einem Ort zum anderen wanderte und immer etwas ausbesserte oder wegschlug, je nach dem Beduerfnis. Heidi ging Schritt fuer Schritt hinter ihm her und schaute ihm unverwandt mit der groessten Aufmerksamkeit zu, und alles, was da vorging, war ihm sehr kurzweilig anzusehen. So kam der Abend heran. Es fing staerker an zu rauschen in den alten Tannen, ein maechtiger Wind fuhr daher und sauste und brauste durch die dichten Wipfel. Das toente dem Heidi so schoen in die Ohren und ins Herz hinein, dass es ganz froehlich darueber wurde und huepfte und sprang unter den Tannen umher, als haette es eine unerhoerte Freude erlebt. Der Grossvater stand unter der Schopftuer und schaute dem Kind zu. Jetzt ertoente ein schriller Pfiff. Heidi hielt an in seinen Spruengen, der Grossvater trat heraus. Von oben herunter kam es gesprungen, Geiss um Geiss, wie eine Jagd, und mittendrin der Peter. Mit einem Freudenruf schoss Heidi mitten in das Rudel hinein und begruesste die alten Freunde von heute Morgen einen um den anderen. Bei der Huette angekommen, stand alles still, und aus der Herde heraus kamen zwei schoene, schlanke Geissen, eine weisse und eine braune, auf den Grossvater zu und leckten seine Haende, denn er hielt ein wenig Salz darin, wie er jeden Abend zum Empfang seiner zwei Tierlein tat. Der Peter verschwand mit seiner Schar. Heidi streichelte zaertlich die eine und dann die andere von den Geissen und sprang um sie herum, um sie von der anderen Seite auch zu streicheln, und war ganz Glueck und Freude ueber die Tierchen. "Sind sie unser, Grossvater? Sind sie beide unser? Kommen sie in den Stall? Bleiben sie immer bei uns?", so fragte Heidi hintereinander in seinem Vergnuegen, und der Grossvater konnte kaum sein stetiges "Ja, ja!" zwischen die eine und die andere Frage hineinbringen. Als die Geissen ihr Salz aufgeleckt hatten, sagte der Alte: "Geh und hol dein Schuesselchen heraus und das Brot." Heidi gehorchte und kam gleich wieder. Nun melkte der Grossvater gleich von der Weissen das Schuesselchen voll und schnitt ein Stueck Brot ab und sagte: "Nun iss und dann geh hinauf und schlaf! Die Base Dete hat noch ein Buendelchen abgelegt fuer dich, da seien Hemdlein und so etwas darin, das liegt unten im Kasten, wenn du's brauchst; ich muss nun mit den Geissen hinein, so schlaf wohl!" "Gut Nacht, Grossvater! Gut Nacht--wie heissen sie, Grossvater, wie heissen sie?", rief das Kind und lief dem verschwindenden Alten und den Geissen nach. "Die Weisse heisst Schwaenli und die Braune Baerli", gab der Grossvater zurueck. "Gut Nacht, Schwaenli, gut Nacht, Baerli!", rief nun Heidi noch mit Macht, denn eben verschwanden beide in den Stall hinein. Nun setzte sich Heidi noch auf die Bank und ass sein Brot und trank seine Milch; aber der starke Wind wehte es fast von seinem Sitz herunter; so machte es schnell fertig, ging dann hinein und stieg zu seinem Bett hinauf, in dem es auch gleich nachher so fest und herrlich schlief, als nur einer im schoensten Fuerstenbett schlafen konnte. Nicht lange nachher, noch eh es voellig dunkel war, legte auch der Grossvater sich auf sein Lager, denn am Morgen war er immer schon mit der Sonne wieder draussen, und die kam sehr frueh ueber die Berge hereingestiegen in dieser Sommerszeit. In der Nacht kam der Wind so gewaltig, dass bei seinen Stoessen die ganze Huette erzitterte und es in allen Balken krachte; durch den Schornstein heulte und aechzte es wie Jammerstimmen, und in den alten Tannen draussen tobte es mit solcher Wut, dass hier und da ein Ast niederkrachte. Mitten in der Nacht stand der Grossvater auf und sagte halblaut vor sich hin: "Es wird sich wohl fuerchten." Er stieg die Leiter hinauf und trat an Heidis Lager heran. Der Mond draussen stand einmal hell leuchtend am Himmel, dann fuhren wieder die jagenden Wolken darueber hin und alles wurde dunkel. Jetzt kam der Mondschein eben leuchtend durch die runde Oeffnung herein und fiel gerade auf Heidis Lager. Es hatte sich feuerrote Backen erschlafen unter seiner schweren Decke, und ruhig und friedlich lag es auf seinem runden Aermchen und traeumte von etwas Erfreulichem, denn sein Gesichtchen sah ganz wohlgemut aus. Der Grossvater schaute so lange auf das friedlich schlafende Kind, bis der Mond wieder hinter die Wolken trat und es dunkel wurde, dann kehrte er auf sein Lager zurueck. Auf der Weide Heidi erwachte am fruehen Morgen an einem lauten Pfiff, und als es die Augen aufschlug, kam ein goldener Schein durch das runde Loch hereingeflossen auf sein Lager und auf das Heu daneben, dass alles golden leuchtete ringsherum. Heidi schaute erstaunt um sich und wusste durchaus nicht, wo es war. Aber nun hoerte es draussen des Grossvaters tiefe Stimme, und jetzt kam ihm alles in den Sinn: Woher es gekommen war und dass es nun auf der Alm beim Grossvater sei, nicht mehr bei der alten Ursel, die fast nichts mehr hoerte und meistens fror, so dass sie immer am Kuechenfenster oder am Stubenofen gesessen hatte, wo dann auch Heidi hatte verweilen muessen oder doch ganz in der Naehe, damit die Alte sehen konnte, wo es war, weil sie es nicht hoeren konnte. Da war es dem Heidi manchmal zu eng drinnen, und es waere lieber hinausgelaufen. So war es sehr froh, als es in der neuen Behausung erwachte und sich erinnerte, wie viel Neues es gestern gesehen hatte und was es heute wieder alles sehen koennte, vor allem das Schwaenli und das Baerli. Heidi sprang eilig aus seinem Bett und hatte in wenig Minuten alles wieder angelegt, was es gestern getragen hatte, denn es war sehr wenig. Nun stieg es die Leiter hinunter und sprang vor die Huette hinaus. Da stand schon der Geissenpeter mit seiner Schar, und der Grossvater brachte eben Schwaenli und Baerli aus dem Stall herbei, dass sie sich der Gesellschaft anschlossen. Heidi lief ihm entgegen, um ihm und den Geissen guten Tag zu sagen. "Willst mit auf die Weide?", fragte der Grossvater. Das war dem Heidi eben recht, es huepfte hoch auf vor Freude. "Aber erst waschen und sauber sein, sonst lacht einen die Sonne aus, wenn sie so schoen glaenzt da droben und sieht, dass du schwarz bist; sieh, dort ist's fuer dich gerichtet." Der Grossvater zeigte auf einen grossen Zuber voll Wasser, der vor der Tuer in der Sonne stand. Heidi sprang hin und patschte und rieb, bis es ganz glaenzend war. Unterdessen ging der Grossvater in die Huette hinein und rief dem Peter zu: "Komm hierher, Geissengeneral, und bring deinen Habersack mit." Verwundert folgte Peter dem Ruf und streckte sein Saecklein hin, in dem er sein mageres Mittagessen bei sich trug. "Mach auf", befahl der Alte und steckte nun ein grosses Stueck Brot und ein ebenso grosses Stueck Kaese hinein. Der Peter machte vor Erstaunen seine runden Augen so weit auf als nur moeglich, denn die beiden Stuecke waren wohl doppelt so gross wie die zwei, die er als eignes Mittagsmahl drinnen hatte. "So, nun kommt noch das Schuesselchen hinein", fuhr der Oehi fort, "denn das Kind kann nicht trinken wie du, nur so von der Geiss weg, es kennt das nicht. Du melkst ihm zwei Schuesselchen voll zu Mittag, denn das Kind geht mit dir und bleibt bei dir, bis du wieder herunterkommst; gib Acht, dass es nicht ueber die Felsen hinunterfaellt, hoerst du?"-- Nun kam Heidi hereingelaufen. "Kann mich die Sonne jetzt nicht auslachen, Grossvater?", fragte es angelegentlich. Es hatte sich mit dem groben Tuch, das der Grossvater neben dem Wasserzuber aufgehaengt hatte, Gesicht, Hals und Arme in seinem Schrecken vor der Sonne so erstaunlich gerieben, dass es krebsrot vor dem Grossvater stand. Er lachte ein wenig. "Nein, nun hat sie nichts zu lachen", bestaetigte er. "Aber weisst was? Am Abend, wenn du heimkommst, da gehst du noch ganz hinein in den Zuber, wie ein Fisch; denn wenn man geht wie die Geissen, da bekommt man schwarze Fuesse. Jetzt koennt ihr ausziehen." Nun ging es lustig die Alm hinan. Der Wind hatte in der Nacht das letzte Woelkchen weggeblasen; dunkelblau schaute der Himmel von allen Seiten hernieder, und mittendrauf stand die leuchtende Sonne und schimmerte auf die gruene Alp, und alle die blauen und gelben Bluemchen darauf machten ihre Kelche auf und schauten ihr froehlich entgegen. Heidi sprang hierhin und dorthin und jauchzte vor Freude, denn da waren ganze Trueppchen feiner, roter Himmelsschluesselchen beieinander, und dort schimmerte es ganz blau von den schoenen Enzianen, und ueberall lachten und nickten die zartblaetterigen, goldenen Cystusroeschen in der Sonne. Vor Entzuecken ueber all die flimmernden winkenden Bluemchen vergass Heidi sogar die Geissen und auch den Peter. Es sprang ganze Strecken voran und dann auf die Seite, denn dort funkelte es rot und da gelb und lockte Heidi auf alle Seiten. Und ueberall brach Heidi ganze Scharen von den Blumen und packte sie in sein Schuerzchen ein, denn es wollte sie alle mit heimnehmen und ins Heu stecken in seiner Schlafkammer, dass es dort werde wie hier draussen. --So hatte der Peter heut nach allen Seiten zu gucken, und seine kugelrunden Augen, die nicht besonders schnell hin und her gingen, hatten mehr Arbeit, als der Peter gut bewaeltigen konnte, denn die Geissen machten es wie das Heidi: Sie liefen auch dahin und dorthin, und er musste ueberallhin pfeifen und rufen und seine Rute schwingen, um wieder alle die Verlaufenen zusammenzutreiben. "Wo bist du schon wieder, Heidi?", rief er jetzt mit ziemlich grimmiger Stimme. "Da", toente es von irgendwoher zurueck. Sehen konnte Peter niemand, denn Heidi sass am Boden hinter einem Huegelchen, das dicht mit duftenden Pruenellen besaet war; da war die ganze Luft umher so mit Wohlgeruch erfuellt, dass Heidi noch nie so Liebliches eingeatmet hatte. Es setzte sich in die Blumen hinein und zog den Duft in vollen Zuegen ein. "Komm nach!", rief der Peter wieder. "Du musst nicht ueber die Felsen hinunterfallen, der Oehi hat's verboten." "Wo sind die Felsen?", fragte Heidi zurueck, bewegte sich aber nicht von der Stelle, denn der suesse Duft stroemte mit jedem Windhauch dem Kinde lieblicher entgegen. "Dort oben, ganz oben, wir haben noch weit, drum komm jetzt! Und oben am hoechsten sitzt der alte Raubvogel und kraechzt." Das half. Augenblicklich sprang Heidi in die Hoehe und rannte mit seiner Schuerze voller Blumen dem Peter zu. "Jetzt hast genug", sagte dieser, als sie wieder zusammen weiterkletterten; "sonst bleibst du immer stecken, und wenn du alle nimmst, hat's morgen keine mehr." Der letzte Grund leuchtete Heidi ein, und dann hatte es die Schuerze schon so angefuellt, dass da wenig Platz mehr gewesen waere, und morgen mussten auch noch da sein. So zog es nun mit dem Peter weiter, und die Geissen gingen nun alle geregelter, denn sie rochen die guten Kraeuter von dem hohen Weideplatz schon von fern und strebten nun ohne Aufenthalt dahin. Der Weideplatz, wo Peter gewoehnlich Halt machte mit seinen Geissen und sein Quartier fuer den Tag aufschlug, lag am Fusse der hohen Felsen, die, erst noch von Gebuesch und Tannen bedeckt, zuletzt ganz kahl und schroff zum Himmel hinaufragen. An der einen Seite der Alp ziehen sich Felsenkluefte weit hinunter und der Grossvater hatte Recht, davor zu warnen. Als nun dieser Punkt der Hoehe erreicht war, nahm Peter seinen Sack ab und legte ihn sorgfaeltig in eine kleine Vertiefung des Bodens hinein, denn der Wind kam manchmal in starken Stoessen dahergefahren, und den kannte Peter und wollte seine kostbare Habe nicht den Berg hinunterrollen sehen; dann streckte er sich lang und breit auf den sonnigen Weideboden hin, denn er musste sich nun von der Anstrengung des Steigens erholen. Heidi hatte unterdessen sein Schuerzchen losgemacht und schoen fest zusammengerollt mit den Blumen darin zum Proviantsack in die Vertiefung hineingelegt, und nun setzte es sich neben den ausgestreckten Peter hin und schaute um sich. Das Tal lag weit unten im vollen Morgenglanz; vor sich sah Heidi ein grosses, weites Schneefeld sich erheben, hoch in den dunkelblauen Himmel hinauf, und links davon stand eine ungeheure Felsenmasse, und zu jeder Seite derselben ragte ein hoher Felsenturm kahl und zackig in die Blaeue hinauf und schaute von dort oben ganz ernsthaft auf das Heidi nieder. Das Kind sass maeuschenstill da und schaute ringsum, und weit umher war eine grosse, tiefe Stille; nur ganz sanft und leise ging der Wind ueber die zarten, blauen Glockenbluemchen und die goldnen, strahlenden Cystusroeschen, die ueberall herumstanden auf ihren duennen Staengelchen und leise und froehlich hin und her nickten. Der Peter war entschlafen nach seiner Anstrengung, und die Geissen kletterten oben an den Bueschen umher. Dem Heidi war es so schoen zumute, wie in seinem Leben noch nie. Es trank das goldene Sonnenlicht, die frischen Luefte, den zarten Blumenduft in sich ein und begehrte gar nichts mehr, als so dazubleiben immerzu. So verging eine gute Zeit und Heidi hatte so oft und so lange zu den hohen Bergstoecken drueben aufgeschaut, dass es nun war, als haetten sie alle auch Gesichter bekommen und schauten ganz bekannt zu ihm hernieder, so wie gute Freunde. Jetzt hoerte Heidi ueber sich ein lautes, scharfes Geschrei und Kraechzen ertoenen, und wie es aufschaute, kreiste ueber ihm ein so grosser Vogel, wie es nie in seinem Leben gesehen hatte, mit weit ausgebreiteten Schwingen in der Luft umher, und in grossen Bogen kehrte er immer wieder zurueck und kraechzte laut und durchdringend ueber Heidis Kopf. "Peter! Peter! Erwache!", rief Heidi laut. "Sich, der Raubvogel ist da, sieh! Sieh!" Peter erhob sich auf den Ruf und schaute mit Heidi dem Vogel nach, der sich nun hoeher und hoeher hinaufschwang ins Himmelsblau und endlich ueber grauen Felsen verschwand. "Wo ist er jetzt hin?", fragte Heidi, das mit gespannter Aufmerksamkeit den Vogel verfolgt hatte. "Heim ins Nest", war Peters Antwort. "Ist er dort oben daheim? Oh, wie schoen so hoch oben! Warum schreit er so?", fragte Heidi weiter. "Weil er muss", erklaerte Peter. "Wir wollen doch dort hinaufklettern und sehen, wo er daheim ist", schlug Heidi vor. "Oh! oh! oh!", brach der Peter aus, jeden Ausruf mit verstaerkter Missbilligung hervorstossend; "wenn keine Geiss mehr dorthin kann und der Oehi gesagt hat, du duerfest nicht ueber die Felsen hinunterfallen." Jetzt begann der Peter mit einem Mal ein so gewaltiges Pfeifen und Rufen anzustimmen, dass Heidi gar nicht wusste, was begegnen sollte; aber die Geissen mussten die Toene verstehen, denn eine nach der anderen kam heruntergesprungen, und nun war die ganze Schar auf der gruenen Halde versammelt, die einen fortnagend an den wuerzigen Halmen, die anderen hin und her rennend und die Dritten ein wenig gegeneinander stossend mit ihren Hoernern zum Zeitvertreib. Heidi war aufgesprungen und rannte mitten unter den Geissen umher, denn das war ihm ein neuer, unbeschreiblich vergnueglicher Anblick, wie die Tierlein durcheinander sprangen und sich lustig machten, und Heidi sprang von einem zum anderen und machte mit jedem ganz persoenliche Bekanntschaft, denn jedes war eine ganz besondere Erscheinung fuer sich und hatte seine eigenen Manieren. Unterdessen hatte Peter den Sack herbeigeholt und alle vier Stuecke, die drin waren, schoen auf den Boden hingelegt in ein Viereck, die grossen Stuecke auf Heidis Seite und die kleinen auf die seinige hin, denn er wusste genau, wie er sie erhalten hatte. Dann nahm er das Schuesselchen und melkte schoene, frische Milch hinein vom Schwaenli und stellte das Schuesselchen mitten ins Viereck. Dann rief er Heidi herbei, musste aber laenger rufen als nach den Geissen, denn das Kind war so in Eifer und Freude ueber die mannigfaltigen Spruenge und Erlustigungen seiner neuen Spielkameraden, dass es nichts sah und nichts hoerte ausser diesen. Aber Peter wusste sich verstaendlich zu machen, er rief, dass es bis in die Felsen hinaufdroehnte, und nun erschien Heidi und die gedeckte Tafel sah so einladend aus, dass es um sie herumhuepfte vor Wohlgefallen. "Hoer auf zu hopsen, es ist Zeit zum Essen", sagte Peter, "jetzt sitz und fang an." Heidi setzte sich hin. "Ist die Milch mein?", fragte es, nochmals das schoene Viereck und den Hauptpunkt in der Mitte mit Wohlgefallen betrachtend. "Ja", erwiderte Peter, "und die zwei grossen Stuecke zum Essen sind auch dein, und wenn du ausgetrunken hast, bekommst du noch ein Schuesselchen vom Schwaenli und dann komm ich." "Und von wem bekommst du die Milch?", wollte Heidi wissen. "Von meiner Geiss, von der Schnecke. Fang einmal zu essen an", mahnte Peter wieder. Heidi fing bei seiner Milch an, und sowie es sein leeres Schuesselchen hinstellte, stand Peter auf und holte ein zweites herbei. Dazu brach Heidi ein Stueck von seinem Brot ab, und das ganze uebrige Stueck, das immer noch groesser war, als Peters eigenes Stueck gewesen, das nun schon samt Zubehoer fast zu Ende war, reichte es diesem hinueber mit dem ganzen grossen Brocken Kaese und sagte: "Das kannst du haben, ich habe nun genug." Peter schaute das Heidi mit sprachloser Verwunderung an, denn noch nie in seinem Leben haette er so sagen und etwas weggeben koennen. Er zoegerte noch ein wenig, denn er konnte nicht recht glauben, dass es dem Heidi ernst sei; aber dieses hielt erst fest seine Stuecke hin, und da Peter nicht zugriff, legte sie es ihm aufs Knie. Nun sah er, dass es ernst gemeint sei; er erfasste sein Geschenk, nickte in Dank und Zustimmung und hielt nun ein so reichliches Mittagsmahl wie noch nie in seinem Leben als Geissbub. Heidi schaute derweilen nach den Geissen aus. "Wie heissen sie alle, Peter?", fragte es. Das wusste dieser nun ganz genau und konnte es umso besser in seinem Kopf behalten, da er daneben wenig darin aufzubewahren hatte. Er fing also an und nannte ohne Anstoss eine nach der anderen, immer je mit dem Finger die betreffende bezeichnend. Heidi hoerte mit gespannter Aufmerksamkeit der Unterweisung zu, und es waehrte gar nicht lange, so konnte es sie alle voneinander unterscheiden und jede bei ihrem Namen nennen, denn es hatte eine jede ihre Besonderheiten, die einem gleich im Sinne bleiben mussten; man musste nur allen genau zusehen, und das tat Heidi. Da war der grosse Tuerk mit den starken Hoernern, der wollte mit diesen immer gegen alle anderen stossen, und die meisten liefen davon, wenn er kam, und wollten nichts von dem groben Kameraden wissen. Nur der kecke Distelfink, das schlanke, behaende Geisschen, wich ihm nicht aus, sondern rannte von sich aus manchmal drei-, viermal hintereinander so rasch und tuechtig gegen ihn an, dass der grosse Tuerk oefters ganz erstaunt dastand und nicht mehr angriff, denn der Distelfink stand ganz kriegslustig vor ihm und hatte scharfe Hoernchen. Da war das kleine, weisse Schneehoeppli, das immer so eindringlich und flehentlich meckerte, dass Heidi schon mehrmals zu ihm hingelaufen war und es troestend beim Kopf genommen hatte. Auch jetzt sprang das Kind wieder hin, denn die junge, jammernde Stimme hatte eben wieder flehentlich gerufen. Heidi legte seinen Arm um den Hals des Geissleins und fragte ganz teilnehmend: "Was hast du, Schneehoeppli? Warum rufst du so um Hilfe?" Das Geisslein schmiegte sich nahe und vertrauensvoll an Heidi an und war jetzt ganz still. Peter rief von seinem Sitz aus, mit einigen Unterbrechungen, denn er hatte immer noch zu beissen und zu schlucken: "Es tut so, weil die Alte nicht mehr mitkommt, sie haben sie verkauft nach Maienfeld vorgestern, nun kommt sie nicht mehr auf die Alm." "Wer ist die Alte?", fragte Heidi zurueck. "Pah, seine Mutter", war die Antwort. "Wo ist die Grossmutter?", rief Heidi wieder. "Hat keine." "Und der Grossvater?" "Hat keinen." "Du armes Schneehoeppli du", sagte Heidi und drueckte das Tierlein zaertlich an sich. "Aber jammere jetzt nur nicht mehr so; siehst du, ich komme nun jeden Tag mit dir, dann bist du nicht mehr so verlassen, und wenn dir etwas fehlt, kannst du nur zu mir kommen." Das Schneehoeppli rieb ganz vergnuegt seinen Kopf an Heidis Schulter und meckerte nicht mehr klaeglich. Unterdessen hatte Peter sein Mittagsmahl beendet und kam nun auch wieder zu seiner Herde und zu Heidi heran, das schon wieder allerlei Betrachtungen angestellt hatte. Weitaus die zwei schoensten und saubersten Geissen der ganzen Schar waren Schwaenli und Baerli, die sich auch mit einer gewissen Vornehmheit betrugen, meistens ihre eigenen Wege gingen und besonders dem zudringlichen Tuerk abweisend und veraechtlich begegneten.-- Die Tierchen hatten nun wieder begonnen, nach den Bueschen hinaufzuklettern, und jedes hatte seine eigene Weise dabei, die einen leichtfertig ueber alles weg huepfend, die anderen bedaechtlich die guten Kraeutlein suchend unterwegs, der Tuerk hier und da seine Angriffe probierend. Schwaenli und Baerli kletterten huebsch und leicht hinan und fanden oben sogleich die schoensten Buesche, stellten sich geschickt daran auf und nagten sie zierlich ab. Heidi stand mit den Haenden auf dem Ruecken und schaute dem allen mit der groessten Aufmerksamkeit zu. "Peter", bemerkte es jetzt zu dem wieder auf dem Boden Liegenden, "die schoensten von allen sind das Schwaenli und das Baerli." "Weiss schon", war die Antwort. "Der Alm-Oehi putzt und waescht sie und gibt ihnen Salz und hat den schoensten Stall." Aber auf einmal sprang Peter auf und setzte in grossen Spruengen den Geissen nach, und das Heidi lief hintendrein; da musste etwas begegnet sein, es konnte da nicht zurueckbleiben. Der Peter sprang durch den Geissenrudel durch der Seite der Alm zu, wo die Felsen schroff und kahl weit hinabstiegen und ein unbesonnenes Geisslein, wenn es dorthin ging, leicht hinunterstuerzen und alle Beine brechen konnte. Er hatte gesehen, wie der vorwitzige Distelfink nach jener Seite hin gehuepft war, und kam noch gerade recht, denn eben sprang das Geisslein dem Rande des Abgrundes zu. Peter wollte es eben packen, da stuerzte er auf den Boden und konnte nur noch im Sturze ein Bein des Tierleins erwischen und es daran festhalten. Der Distelfink meckerte voller Zorn und Ueberraschung, dass er so am Bein festgehalten und am Fortsetzen seines froehlichen Streifzuges gehindert war, und strebte eigensinnig vorwaerts. Der Peter schrie nach Heidi, dass es ihm beistehe, denn er konnte nicht aufstehen und riss dem Distelfink fast das Bein aus. Heidi war schon da und erkannte gleich die schlimme Lage der beiden. Es riss schnell einige wohlduftende Kraeuter aus dem Boden und hielt sie dem Distelfink unter die Nase und sagte beguetigend: "Komm, komm, Distelfink, du musst auch vernuenftig sein! Sieh, da kannst du hinabfallen und ein Bein brechen, das tut dir furchtbar weh." Das Geisslein hatte sich schnell umgewandt und dem Heidi vergnueglich die Kraeuter aus der Hand gefressen. Derweilen war der Peter auf seine Fuesse gekommen und hatte den Distelfink an der Schnur erfasst, an welcher sein Gloeckchen um den Hals gebunden war, und Heidi erfasste diese von der anderen Seite, und so fuehrten die beiden den Ausreisser zu der friedlich weidenden Herde zurueck. Als ihn aber Peter hier in Sicherheit hatte, erhob er seine Rute und wollte ihn zur Strafe tuechtig durchpruegeln, und der Distelfink wich scheu zurueck, denn er merkte, was begegnen sollte. Aber Heidi schrie laut auf: "Nein, Peter, nein, du musst ihn nicht schlagen, sieh, wie er sich fuerchtet!" "Er verdient's", schnurrte Peter und wollte zuschlagen. Aber Heidi fiel ihm in den Arm und rief ganz entruestet: "Du darfst ihm nichts tun, es tut ihm weh, lass ihn los!" Peter schaute erstaunt auf das gebietende Heidi, dessen schwarze Augen ihn so anfunkelten, dass er unwillkuerlich seine Rute niederhielt. "So kann er gehen, wenn du mir morgen wieder von deinem Kaese gibst", sagte dann der Peter nachgebend, denn eine Entschaedigung wollte er haben fuer den Schrecken. "Allen kannst du haben, das ganze Stueck morgen und alle Tage, ich brauche ihn gar nicht", sagte Heidi zustimmend, "und Brot gebe ich dir auch ganz viel, wie heute; aber dann darfst du den Distelfink nie, gar nie schlagen und auch das Schneehoeppli nie und gar keine Geiss." "Es ist mir gleich", bemerkte Peter, und das war bei ihm soviel als eine Zusage. Jetzt liess er den Schuldigen los, und der froehliche Distelfink sprang in hohen Spruengen auf und davon in die Herde hinein.-- So war unvermerkt der Tag vergangen, und schon war die Sonne im Begriff, weit drueben hinter den Bergen hinabzugehen. Heidi sass wieder am Boden und schaute ganz still auf die Blaugloeckchen und die Cystusroeschen, die im goldenen Abendschein leuchteten, und alles Gras wurde wie golden angehaucht und die Felsen droben fingen an zu schimmern und zu funkeln, und auf einmal sprang Heidi auf und schrie: "Peter! Peter! Es brennt! Es brennt! Alle Berge brennen und der grosse Schnee drueben brennt und der Himmel. O sieh! Sieh! Der hohe Felsenberg ist ganz gluehend! Oh, der schoene, feurige Schnee! Peter, sieh auf, sieh, das Feuer ist auch beim Raubvogel! Sieh doch die Felsen! Sieh die Tannen! Alles, alles ist im Feuer!" "Es war immer so", sagte jetzt der Peter gemuetlich und schaelte an seiner Rute fort, "aber es ist kein Feuer." "Was ist es denn?", rief Heidi und sprang hierhin und dorthin, dass es ueberallhin sehe, denn es konnte gar nicht genug bekommen, so schoen war's auf allen Seiten. "Was ist es, Peter, was ist es?", rief Heidi wieder. "Es kommt von selbst so", erklaerte Peter. "O sieh, sieh", rief Heidi in grosser Aufregung, "auf einmal werden sie rosenrot! Sieh den mit dem Schnee und den mit den hohen, spitzigen Felsen! Wie heissen sie, Peter?" "Berge heissen nicht", erwiderte dieser. "O wie schoen, sieh den rosenroten Schnee! Oh, und an den Felsen oben sind viele, viele Rosen! Oh, nun werden sie grau! Oh! Oh! Nun ist alles ausgeloescht! Nun ist alles aus, Peter!" Und Heidi setzte sich auf den Boden und sah so verstoert aus, als ginge wirklich alles zu Ende. "Es ist morgen wieder so", erklaerte Peter. "Steh auf, nun muessen wir heim." Die Geissen wurden herbeigepfiffen und--gerufen und die Heimfahrt angetreten. "Ist's alle Tage wieder so, alle Tage, wenn wir auf der Weide sind?", fragte Heidi, begierig nach einer bejahenden Versicherung horchend, als es nun neben dem Peter die Alm hinunterstieg. "Meistens", gab dieser zur Antwort. "Aber gewiss morgen wieder?", wollte es noch wissen. "Ja, ja, morgen schon!", versicherte Peter. Nun war Heidi wieder froh und es hatte so viele Eindruecke in sich aufgenommen und so viele Dinge gingen ihm im Sinn herum, dass es nun ganz stillschwieg, bis es bei der Almhuette ankam und den Grossvater unter den Tannen sitzen sah, wo er auch eine Bank angebracht hatte und am Abend seine Geissen erwartete, die von dieser Seite herunterkaemen. Heidi sprang gleich auf ihn zu und Schwaenli und Baerli hinter ihm drein, denn die Geissen kannten ihren Herrn und ihren Stall. Der Peter rief dem Heidi nach: "Komm dann morgen wieder! Gute Nacht!" Denn es war ihm sehr daran gelegen, dass das Heidi wiederkomme. Da rannte das Heidi schnell wieder zurueck und gab dem Peter die Hand und versicherte ihm, dass es wieder mitkomme, und dann sprang es mitten in die davonziehende Herde hinein und fasste noch einmal das Schneehoeppli um den Hals und sagte vertraulich: "Schlaf wohl, Schneehoeppli, und denk dran, dass ich morgen wiederkomme und dass du nie mehr so jaemmerlich meckern musst." Das Schneehoeppli schaute ganz freundlich und dankbar zu Heidi auf und sprang dann froehlich der Herde nach. Heidi kam unter die Tannen zurueck. "O Grossvater, das war so schoen!", rief es, noch bevor es bei ihm war. "Das Feuer und die Rosen am Felsen und die blauen und gelben Blumen, und sieh, was ich hier bringe!" Und damit schuettete Heidi seinen ganzen Blumenreichtum aus dem gefalteten Schuerzchen vor den Grossvater hin. Aber wie sahen die armen Bluemchen aus! Heidi erkannte sie nicht mehr. Es war alles wie Heu, und kein einziges Kelchlein stand mehr offen. "O Grossvater, was haben sie?", rief Heidi ganz erschrocken aus. "So waren sie nicht, warum sehen sie so aus?" "Die wollen draussen stehen in der Sonne und nicht ins Schuerzchen hinein", sagte der Grossvater. "Dann will ich gar keine mehr mitnehmen. Aber, Grossvater, warum hat der Raubvogel so gekraechzt?", fragte Heidi nun angelegentlich. "Jetzt gehst du ins Wasser und ich in den Stall und hole Milch, und nachher kommen wir hinein zusammen in die Huette und essen zu Nacht, dann sag ich dir's." So wurde getan, und wie nun spaeter Heidi auf seinem hohen Stuhl sass vor seinem Milchschuesselchen und der Grossvater neben ihm, da kam das Kind gleich wieder mit seiner Frage: "Warum kraechzt der Raubvogel so und schreit immer so herunter, Grossvater?" "Der hoehnt die Leute aus dort unten, dass sie so viele zusammensitzen in den Doerfern und einander boes machen. Da hoehnt er hinunter: 'Wuerdet ihr auseinander gehen und jedes seinen Weg und auf eine Hoehe steigen wie ich, so waer's euch wohler!'" Der Grossvater sagte diese Worte fast wild, so dass dem Heidi das Gekraechz des Raubvogels dadurch noch eindruecklicher wurde in der Erinnerung. "Warum haben die Berge keinen Namen, Grossvater?", fragte Heidi wieder. "Die haben Namen", erwiderte dieser, "und wenn du mir einen so beschreiben kannst, dass ich ihn kenne, so sage ich dir, wie er heisst." Nun beschrieb Heidi den Felsenberg mit den zwei hohen Tuermen genau so, wie es ihn gesehen hatte, und der Grossvater sagte wohlgefaellig: "Recht so, den kenn ich, der heisst Falknis. Hast du noch einen gesehen?" Nun beschrieb Heidi den Berg mit dem grossen Schneefeld, auf dem der ganze Schnee im Feuer gestanden hatte und dann rosenrot geworden war und dann auf einmal ganz bleich und erloschen dastand. "Den erkenn ich auch", sagte der Grossvater, "das ist die Schesaplana; so hat es dir gefallen auf der Weide?" Nun erzaehlte Heidi alles vom ganzen Tage, wie schoen es gewesen, und besonders von dem Feuer am Abend, und nun sollte der Grossvater auch sagen, woher es gekommen war, denn der Peter haette nichts davon gewusst. "Siehst du", erklaerte der Grossvater, "das macht die Sonne, wenn sie den Bergen gute Nacht sagt, dann wirft sie ihnen noch ihre schoensten Strahlen zu, dass sie sie nicht vergessen, bis sie am Morgen wiederkommt." Das gefiel dem Heidi und es konnte fast nicht erwarten, dass wieder ein Tag komme, da es hinaufkonnte auf die Weide und wieder sehen, wie die Sonne den Bergen gute Nacht sagte. Aber erst musste es nun schlafen gehen, und es schlief auch die ganze Nacht herrlich auf seinem Heulager, und traeumte von lauter schimmernden Bergen und roten Rosen darauf und mittendrin das Schneehoeppli in froehlichen Spruengen. Bei der Grossmutter Am andern Morgen kam wieder die helle Sonne, und dann kam der Peter und die Geissen, und wieder zogen sie alle miteinander nach der Weide hinauf, und so ging es Tag fuer Tag, und Heidi wurde bei diesem Weideleben ganz gebraeunt und so kraeftig und gesund, dass ihm gar nie etwas fehlte, und so froh und gluecklich lebte Heidi von einem Tag zum anderen, wie nur die lustigen Voegelein leben auf allen Baeumen im gruenen Wald. Wie es nun Herbst wurde und der Wind lauter zu sausen anfing ueber die Berge hin, dann sagte etwa der Grossvater: "Heut bleibst du da, Heidi; ein Kleines, wie du bist, kann der Wind mit einem Ruck ueber alle Felsen ins Tal hinabwehen." Wenn aber das am Morgen der Peter vernahm, sah er sehr ungluecklich aus, denn er sah lauter Missgeschick vor sich: Einmal wusste er vor Langeweile nun gar nicht mehr, was anfangen, wenn Heidi nicht bei ihm war; dann kam er um sein reichliches Mittagsmahl, und dann waren die Geissen so stoerrig an diesen Tagen, dass er die doppelte Muehe mit ihnen hatte; denn die waren nun auch so an Heidis Gesellschaft gewoehnt, dass sie nicht vorwaerts wollten, wenn es nicht dabei war, und auf alle Seiten rannten. Heidi wurde niemals ungluecklich, denn es sah immer irgendetwas Erfreuliches vor sich. Am liebsten ging es schon mit Hirt und Geissen auf die Weide zu den Blumen und zum Raubvogel hinauf, wo so mannigfaltige Dinge zu erleben waren mit all den verschieden gearteten Geissen; aber auch das Haemmern und Saegen und Zimmern des Grossvaters war sehr unterhaltend fuer Heidi; und traf es sich, dass er gerade die schoenen runden Geisskaeschen zubereitete, wenn es daheim bleiben musste, so war das ein ganz besonderes Vergnuegen, dieser merkwuerdigen Taetigkeit zuzuschauen, wobei der Grossvater beide Arme bloss machte und damit in dem grossen Kessel herumruehrte. Aber vor allem anziehend war fuer das Heidi an solchen Windtagen das Wogen und Rauschen in den drei alten Tannen hinter der Huette. Da musste es immer von Zeit zu Zeit hinlaufen von allem anderen weg, was es auch sein mochte, denn so schoen und wunderbar war gar nichts wie dieses tiefe, geheimnisvolle Tosen in den Wipfeln da droben; da stand Heidi unten und lauschte hinauf und konnte niemals genug bekommen, zu sehen und zu hoeren, wie das wehte und wogte und rauschte in den Baeumen mit grosser Macht. Jetzt gab die Sonne nicht mehr heiss wie im Sommer, und Heidi suchte seine Struempfe und Schuhe hervor und auch den Rock, denn nun wurde es immer frischer, und wenn das Heidi unter den Tannen stand, wurde es durchblasen wie ein duennes Blaettlein, aber es lief doch immer wieder hin und konnte nicht in der Huette bleiben, wenn es das Windeswehen vernahm. Dann wurde es kalt, und der Peter hauchte in die Haende, wenn er frueh am Morgen heraufkam, aber nicht lange; denn auf einmal fiel ueber Nacht ein tiefer Schnee, und am Morgen war die ganze Alm schneeweiss und kein einziges gruenes Blaettlein mehr zu sehen ringsum und um. Da kam der Geissenpeter nicht mehr mit seiner Herde, und Heidi schaute ganz verwundert durch das kleine Fenster, denn nun fing es wieder zu schneien an, und die dicken Flocken fielen fort und fort, bis der Schnee so hoch wurde, dass er bis ans Fenster hinaufreichte, und dann noch hoeher, dass man das Fenster gar nicht mehr aufmachen konnte und man ganz verpackt war in dem Haeuschen. Das kam dem Heidi so lustig vor, dass es immer von einem Fenster zum anderen rannte, um zu sehen, wie es denn noch werden wollte und ob der Schnee noch die ganze Huette zudecken wollte, dass man muesste ein Licht anzuenden am hellen Tag. Es kam aber nicht so weit, und am anderen Tag ging der Grossvater hinaus--denn nun schneite es nicht mehr--und schaufelte ums ganze Haus herum und warf grosse, grosse Schneehaufen aufeinander, dass es war wie hier ein Berg und dort ein Berg und dort ein Berg um die Huette herum; aber nun waren die Fenster wieder frei und auch die Tuer, und das war gut, denn als am Nachmittag Heidi und der Grossvater am Feuer sassen, jedes auf seinem Dreifuss--denn der Grossvater hatte laengst auch einen fuer das Kind gezimmert--, da polterte auf einmal etwas heran und schlug immerzu gegen die Holzschwelle und machte endlich die Tuer auf. Es war der Geissenpeter; er hatte aber nicht aus Unart so gegen die Tuer gepoltert, sondern um seinen Schnee von den Schuhen abzuschlagen, die hoch hinauf davon bedeckt waren; eigentlich der ganze Peter war von Schnee bedeckt, denn er hatte sich durch die hohen Schichten so durchkaempfen muessen, dass ganze Massen an ihm haengen geblieben und auf ihm festgefroren waren, denn es war sehr kalt. Aber er hatte nicht nachgegeben, denn er wollte zu Heidi hinauf, er hatte es jetzt acht Tage lang nicht gesehen. "Guten Abend", sagte er im Eintreten, stellte sich gleich so nah als moeglich ans Feuer heran und sagte weiter nichts mehr; aber sein ganzes Gesicht lachte vor Vergnuegen, dass er da war. Heidi schaute ihn sehr verwundert an, denn nun er so nah am Feuer war, fing es ueberall an ihm zu tauen an, so dass der ganze Peter anzusehen war wie ein gelinder Wasserfall. "Nun, General, wie steht's?", sagte jetzt der Grossvater. "Nun bist du ohne Armee und musst am Griffel nagen." "Warum muss er am Griffel nagen, Grossvater?", fragte Heidi sogleich mit Wissbegierde. "Im Winter muss er in die Schule gehen", erklaerte der Grossvater; "da lernt man lesen und schreiben, und das geht manchmal schwer, da hilft's ein wenig nach, wenn man am Griffel nagt; ist's nicht wahr, General?" "Ja, 's ist wahr", bestaetigte Peter. Jetzt war Heidis Teilnahme an der Sache wach geworden und es hatte sehr viele Fragen ueber die Schule und alles, was da begegnete und zu hoeren und zu sehen war, an den Peter zu richten, und da immer viel Zeit verfloss ueber einer Unterhaltung, an der Peter teilnehmen musste, so konnte er derweilen schoen trocknen von oben bis unten. Es war immer eine grosse Anstrengung fuer ihn, seine Vorstellungen in die Worte zu bringen, die bedeuteten, was er meinte; aber diesmal hatte er's besonders streng, denn kaum hatte er eine Antwort zustande gebracht, so hatte ihm Heidi schon wieder zwei oder drei unerwartete Fragen zugeworfen und meistens solche, die einen ganzen Satz als Antwort erforderten. Der Grossvater hatte sich ganz still verhalten waehrend dieser Unterhaltung, aber es hatte ihm oefter ganz lustig um die Mundwinkel gezuckt, was ein Zeichen war, dass er zuhoerte. "So, General, nun warst du im Feuer und brauchst Staerkung, komm, halt mit!" Damit stand der Grossvater auf und holte das Abendessen aus dem Schrank hervor, und Heidi rueckte die Stuehle zum Tisch. Unterdessen war auch eine Bank an die Wand gezimmert worden vom Grossvater; nun er nicht mehr allein war, hatte er da und dort allerlei Sitze zu zweien eingerichtet, denn Heidi hatte die Art, dass es sich ueberall nah zum Grossvater hielt, wo er ging und stand und sass. So hatten sie alle drei gut Platz zum Sitzen und der Peter tat seine runden Augen ganz weit auf, als er sah, welch ein maechtiges Stueck von dem schoenen getrockneten Fleisch der Alm-Oehi ihm auf seine dicke Brotschnitte legte. So gut hatte es der Peter lange nicht gehabt. Als nun das vergnuegte Mahl zu Ende war, fing es an zu dunkeln, und Peter schickte sich zur Heimkehr an. Als er nun "Gute Nacht" und "Dank Euch Gott" gesagt hatte und schon unter der Tuer war, kehrte er sich noch einmal um und sagte: "Am Sonntag komm ich wieder, heut ueber acht Tag, und du solltest auch einmal zur Grossmutter kommen, hat sie gesagt." Das war ein ganz neuer Gedanke fuer Heidi, dass es zu jemandem gehen sollte, aber er fasste auf der Stelle Boden bei ihm, und gleich am folgenden Morgen war sein Erstes, dass es erklaerte: "Grossvater, jetzt muss ich gewiss zu der Grossmutter hinunter, sie erwartet mich. " "Es hat zu viel Schnee", erwiderte der Grossvater abwehrend. Aber das Vorhaben sass fest in Heidis Sinn, denn die Grossmutter hatte es ja sagen lassen; so musste es sein. So verging kein Tag mehr, an dem das Kind nicht fuenf- und sechsmal sagte: "Grossvater, jetzt muss ich gewiss gehen, die Grossmutter wartet ja immer auf mich." Am vierten Tag, als es draussen knisterte und knarrte vor Kaelte bei jedem Schritt und die ganze grosse Schneedecke ringsum hart gefroren war, aber eine schoene Sonne ins Fenster guckte, gerade auf Heidis hohen Stuhl hin, wo es am Mittagsmahl sass, da begann es wieder sein Spruechlein: "Heut muss ich aber gewiss zur Grossmutter gehen, es waehrt ihr sonst zu lange." Da stand der Grossvater auf vom Mittagstisch, stieg auf den Heuboden hinauf, brachte den dicken Sack herunter, der Heidis Bettdecke war, und sagte: "So komm!" In grosser Freude huepfte das Kind ihm nach in die glitzernde Schneewelt hinaus. In den alten Tannen war es nun ganz still und auf allen Aesten lag der weisse Schnee und in dem Sonnenschein schimmerte und funkelte es ueberall von den Baeumen in solcher Pracht, dass Heidi hoch aufsprang vor Entzuecken und ein Mal uebers andere ausrief: "Komm heraus, Grossvater, komm heraus! Es ist lauter Silber und Gold an den Tannen!" Denn der Grossvater war in den Schopf hineingegangen und kam nun heraus mit einem breiten Stossschlitten: Da war vorn eine Stange angebracht, und von dem flachen Sitz konnte man die Fuesse nach vorn hinunterhalten und gegen den Schneeboden stemmen und der Fahrt die Weisung geben. Hier setzte sich der Grossvater hin, nachdem er erst die Tannen ringsum mit Heidi hatte beschauen muessen, nahm das Kind auf seinen Schoss, wickelte es um und um in den Sack ein, damit es huebsch warm bleibe, und drueckte es fest mit dem linken Arm an sich, denn das war noetig bei der kommenden Fahrt. Dann umfasste er mit der rechten Hand die Stange und gab einen Ruck mit beiden Fuessen. Da schoss der Schlitten davon die Alm hinab mit einer solchen Schnelligkeit, dass das Heidi meinte, es fliege in der Luft wie ein Vogel, und laut aufjauchzte. Auf einmal stand der Schlitten still, gerade bei der Huette vom Geissenpeter. Der Grossvater stellte das Kind auf den Boden, wickelte es aus seiner Decke heraus und sagte: "So, nun geh hinein, und wenn es anfaengt dunkel zu werden, dann komm wieder heraus und mach dich auf den Weg." Dann kehrte er um mit seinem Schlitten und zog ihn den Berg hinauf. Heidi machte die Tuer auf und kam in einen kleinen Raum hinein, da sah es schwarz aus, und ein Herd war da und einige Schuesselchen auf einem Gestell, das war die kleine Kueche; dann kam gleich wieder eine Tuer, die machte Heidi wieder auf und kam in eine enge Stube hinein, denn das Ganze war nicht eine Sennhuette, wie beim Grossvater, wo ein einziger, grosser Raum war und oben ein Heuboden, sondern es war ein kleines, uraltes Haeuschen, wo alles eng war und schmal und duerftig. Als Heidi in das Stuebchen trat, stand es gleich vor dem Tisch, daran sass eine Frau und flickte an Peters Wams, denn dieses erkannte Heidi sogleich. In der Ecke sass ein altes, gekruemmtes Muetterchen und spann. Heidi wusste gleich, woran es war; es ging geradaus auf das Spinnrad zu und sagte: "Guten Tag, Grossmutter, jetzt komme ich zu dir; hast du gedacht, es waehre lang, bis ich komme?" Die Grossmutter erhob den Kopf und suchte die Hand, die gegen sie ausgestreckt war, und als sie diese erfasst hatte, befuehlte sie dieselbe erst eine Weile nachdenklich in der ihrigen, dann sagte sie: "Bist du das Kind droben beim Alm-Oehi, bist du das Heidi?" "Ja, ja", bestaetigte das Kind, "jetzt gerade bin ich mit dem Grossvater im Schlitten heruntergefahren." "Wie ist das moeglich! Du hast ja eine so warme Hand! Sag, Brigitte, ist der Alm-Oehi selber mit dem Kind heruntergekommen?" Peters Mutter, die Brigitte, die am Tisch geflickt hatte, war aufgestanden und betrachtete nun mit Neugierde das Kind von oben bis unten; dann sagte sie: "Ich weiss nicht, Mutter, ob der Oehi selber heruntergekommen ist mit ihm; es ist nicht glaublich, das Kind wird's nicht recht wissen." Aber das Heidi sah die Frau sehr bestimmt an und gar nicht, als sei es im Ungewissen, und sagte: "Ich weiss ganz gut, wer mich in die Bettdecke gewickelt hat und mit mir heruntergeschlittelt ist; das ist der Grossvater." "Es muss doch etwas daran sein, was der Peter so gesagt hat den Sommer durch vom Alm-Oehi, wenn wir dachten, er wisse es nicht recht", sagte die Grossmutter; "wer haette freilich auch glauben koennen, dass so etwas moeglich sei; ich dachte, das Kind lebte keine drei Wochen da oben. Wie sieht es auch aus, Brigitte!" Diese hatte das Kind unterdessen so von allen Seiten angesehen, dass sie nun wohl berichten konnte, wie es aussah. "Es ist so fein gegliedert, wie die Adelheid war", gab sie zur Antwort; "aber es hat die schwarzen Augen und das krause Haar, wie es der Tobias hatte und auch der Alte droben; ich glaube, es sieht den zweien gleich." Unterdessen war Heidi muessig geblieben; es hatte ringsum geguckt und alles genau betrachtet, was da zu sehen war. Jetzt sagte es: "Sieh, Grossmutter, dort schlaegt es einen Laden immer hin und her, und der Grossvater wuerde auf der Stelle einen Nagel einschlagen, dass er wieder fest haelt, sonst schlaegt er auch einmal eine Scheibe ein; sieh, sieh, wie er tut!" "Ach, du gutes Kind", sagte die Grossmutter, "sehen kann ich es nicht, aber hoeren kann ich es wohl und noch viel mehr, nicht nur den Laden; da kracht und klappert es ueberall, wenn der Wind kommt, und er kann ueberall hereinblasen; es haelt nichts mehr zusammen, und in der Nacht, wenn sie beide schlafen, ist es mir manchmal so angst und bang, es falle alles ueber uns zusammen und schlage uns alle drei tot; ach, und da ist kein Mensch, der etwas ausbessern koennte an der Huette, der Peter versteht's nicht." "Aber warum kannst du denn nicht sehen, wie der Laden tut, Grossmutter? Sieh jetzt wieder, dort, gerade dort." Und Heidi zeigte die Stelle deutlich mit dem Finger. "Ach Kind, ich kann ja gar nichts sehen, gar nichts, nicht nur den Laden nicht", klagte die Grossmutter. "Aber wenn ich hinausgehe und den Laden ganz aufmache, dass es recht hell wird, kannst du dann sehen, Grossmutter?" "Nein, nein, auch dann nicht, es kann mir niemand mehr hell machen." "Aber wenn du hinausgehst in den ganz weissen Schnee, dann wird es dir gewiss hell; komm nur mit mir, Grossmutter, ich will dir's zeigen." Heidi nahm die Grossmutter bei der Hand und wollte sie fortziehen, denn es fing an, ihm ganz aengstlich zumute zu werden, dass es ihr nirgends hell wurde. "Lass mich nur sitzen, du gutes Kind; es bleibt doch dunkel bei mir, auch im Schnee und in der Helle, sie dringt nicht mehr in meine Augen." "Aber dann doch im Sommer, Grossmutter", sagte Heidi, immer aengstlicher nach einem guten Ausweg suchend; "weisst, wenn dann wieder die Sonne ganz heiss herunterbrennt und dann 'gute Nacht' sagt und die Berge alle feuerrot schimmern und alle gelben Bluemlein glitzern, dann wird es dir wieder schoen hell?" "Ach, Kind, ich kann sie nie mehr sehen, die feurigen Berge und die goldenen Bluemlein droben, es wird mir nie mehr hell auf Erden, nie mehr." Jetzt brach Heidi in lautes Weinen aus. Voller Jammer schluchzte es fortwaehrend: "Wer kann dir denn wieder hell machen? Kann es niemand? Kann es gar niemand?" Die Grossmutter suchte nun das Kind zu troesten, aber es gelang ihr nicht so bald. Heidi weinte fast nie; wenn es aber einmal anfing, dann konnte es auch fast nicht mehr aus der Betruebnis herauskommen. Die Grossmutter hatte schon allerhand probiert, um das Kind zu beschwichtigen, denn es ging ihr zu Herzen, dass es so jaemmerlich schluchzen musste. Jetzt sagte sie: "Komm, du gutes Heidi, komm hier heran, ich will dir etwas sagen. Siehst du, wenn man nichts sehen kann, dann hoert man so gern ein freundliches Wort, und ich hoere es gern, wenn du redest; komm, setz dich da nahe zu mir und erzaehl mir etwas, was du machst da droben und was der Grossvater macht, ich habe ihn frueher gut gekannt; aber jetzt hab ich seit manchem Jahr nichts mehr gehoert von ihm als durch den Peter, aber der sagt nicht viel." Jetzt kam dem Heidi ein neuer Gedanke; es wischte rasch seine Traenen weg und sagte troestlich: "Wart nur, Grossmutter, ich will alles dem Grossvater sagen, er macht dir schon wieder hell und macht, dass die Huette nicht zusammenfaellt, er kann alles wieder in Ordnung machen." Die Grossmutter schwieg stille, und nun fing Heidi an, ihr mit grosser Lebendigkeit zu erzaehlen von seinem Leben mit dem Grossvater und von den Tagen auf der Weide und von dem jetzigen Winterleben mit dem Grossvater, was er alles aus Holz machen koenne, Baenke und Stuehle und schoene Krippen, wo man fuer das Schwaenli und Baerli das Heu hineinlegen koennte, und einen neuen grossen Wassertrog zum Baden im Sommer, und ein neues Milchschuesselchen und Loeffel, und Heidi wurde immer eifriger im Beschreiben all der schoenen Sachen, die so auf einmal aus einem Stueck Holz herauskommen, und wie es dann neben dem Grossvater stehe und ihm zuschaue und wie es das alles auch einmal machen wolle. Die Grossmutter hoerte mit grosser Aufmerksamkeit zu, und von Zeit zu Zeit sagte sie dazwischen: "Hoerst du's auch, Brigitte? Hoerst du, was es vom Oehi sagt?" Mit einem Mal wurde die Erzaehlung unterbrochen durch ein grosses Gepolter an der Tuer, und herein stampfte der Peter, blieb aber sogleich stille stehen und sperrte seine runden Augen ganz erstaunlich weit auf, als er das Heidi erblickte, und schnitt die allerfreundlichste Grimasse, als es ihm sogleich zurief: "Guten Abend, Peter!" "Ist denn das moeglich, dass der schon aus der Schule kommt", rief die Grossmutter ganz verwundert aus. "So geschwind ist mir seit manchem Jahr kein Nachmittag vergangen! Guten Abend, Peterli, wie geht es mit dem Lesen?" "Gleich", gab der Peter zur Antwort. "So, so", sagte die Grossmutter ein wenig seufzend, "ich habe gedacht, es gaebe vielleicht eine Aenderung auf die Zeit, wenn du dann zwoelf Jahre alt wirst gegen den Hornung hin." "Warum muss es eine Aenderung geben, Grossmutter?", fragte Heidi gleich mit Interesse. "Ich meine nur, dass er es etwa noch haette lernen koennen", sagte die Grossmutter, "das Lesen mein ich. Ich habe dort oben auf dem Gestell ein altes Gebetbuch, da sind schoene Lieder drin, die habe ich so lange nicht mehr gehoert, und im Gedaechtnis habe ich sie auch nicht mehr; da habe ich gehofft, wenn der Peterli nun lesen lerne, so koenne er mir etwa ein gutes Lied lesen; aber er kann es nicht lernen, es ist ihm zu schwer." "Ich denke, ich muss Licht machen, es wird ja schon ganz dunkel", sagte jetzt Peters Mutter, die immer emsig am Wams fortgeflickt hatte; "der Nachmittag ist mir auch vergangen, ohne dass ich's merkte." Nun sprang Heidi von seinem Stuehlchen auf, streckte eilig seine Hand aus und sagte: "Gut Nacht, Grossmutter, ich muss auf der Stelle heim, wenn es dunkel wird", und hintereinander bot es dem Peter und seiner Mutter die Hand und ging der Tuer zu. Aber die Grossmutter rief besorgt: "Wart, wart, Heidi; so allein musst du nicht fort, der Peter muss mit dir, hoerst du? Und gib Acht auf das Kind, Peterli, dass es nicht umfaellt, und steh nicht still mit ihm, dass es nicht friert, hoerst du? Hat es auch ein dickes Halstuch an?" "Ich habe gar kein Halstuch an", rief Heidi zurueck, "aber ich will schon nicht frieren"; damit war es zur Tuer hinaus und huschte so behend weiter, dass der Peter kaum nachkam. Aber die Grossmutter rief jammernd: "Lauf ihm nach, Brigitte, lauf, das Kind muss ja erfrieren, so bei der Nacht, nimm mein Halstuch mit, lauf schnell!" Die Brigitte gehorchte. Die Kinder hatten aber kaum ein paar Schritte den Berg hinan getan, so sahen sie von oben herunter den Grossvater kommen, und mit wenigen ruestigen Schritten stand er vor ihnen. "Recht so, Heidi, Wort gehalten!", sagte er, packte das Kind wieder fest in seine Decke ein, nahm es auf seinen Arm und stieg den Berg hinauf. Eben hatte die Brigitte noch gesehen, wie der Alte das Kind wohl verpackt auf seinen Arm genommen und den Rueckweg angetreten hatte. Sie trat mit dem Peter wieder in die Huette ein und erzaehlte der Grossmutter mit Verwunderung, was sie gesehen hatte. Auch diese musste sich sehr verwundern und ein Mal ueber das andere sagen: "Gott Lob und Dank, dass er so ist mit dem Kind, Gott Lob und Dank! Wenn er es nur auch wieder zu mir laesst, das Kind hat mir so wohl gemacht! Was hat es fuer ein gutes Herz und wie kann es so kurzweilig erzaehlen!" Und immer wieder freute sich die Grossmutter, und bis sie ins Bett ging, sagte sie immer wieder: "Wenn es nur auch wiederkommt! Jetzt habe ich doch noch etwas auf der Welt, auf das ich mich freuen kann!" Und die Brigitte stimmte jedes Mal ein, wenn die Grossmutter wieder dasselbe sagte, und auch der Peter nickte jedes Mal zustimmend mit dem Kopf und zog seinen Mund weit auseinander vor Vergnueglichkeit und sagte: "Hab's schon gewusst." Unterdessen redete das Heidi in seinem Sack drinnen immerzu an den Grossvater heran; da die Stimme aber nicht durch den achtfachen Umschlag dringen konnte und er daher kein Wort verstand, sagte er: "Wart ein wenig, bis wir daheim sind, dann sag's." Sobald er nun, oben angekommen, in seine Huette eingetreten war und Heidi aus seiner Huelle herausgeschaelt hatte, sagte es: "Grossvater, morgen muessen wir den Hammer und die grossen Naegel mitnehmen und den Laden festschlagen bei der Grossmutter und sonst noch viele Naegel einschlagen, denn es kracht und klappert alles bei ihr." "Muessen wir? So, das muessen wir? Wer hat dir das gesagt?", fragte der Grossvater. "Das hat mir kein Mensch gesagt, ich weiss es sonst", entgegnete Heidi, "denn es haelt alles nicht mehr fest und es ist der Grossmutter angst und bang, wenn sie nicht schlafen kann und es so tut, und sie denkt: 'Jetzt faellt alles ein und gerade auf unsere Koepfe'; und der Grossmutter kann man gar nicht mehr hell machen, sie weiss gar nicht, wie man es koennte, aber du kannst es schon, Grossvater; denk nur, wie traurig es ist, wenn sie immer im Dunkeln ist und es ihr dann noch angst und bang ist und es kann ihr kein Mensch helfen als du! Morgen wollen wir gehen und ihr helfen; gelt, Grossvater, wir wollen?" Heidi hatte sich an den Grossvater angeklammert und schaute mit zweifellosem Vertrauen zu ihm auf. Der Alte schaute eine kleine Welle auf das Kind nieder, dann sagte er: "Ja, Heidi, wir wollen machen, dass es nicht mehr so klappert bei der Grossmutter, das koennen wir; morgen tun wir's." Nun huepfte das Kind vor Freude im ganzen Huettenraum herum und rief ein Mal ums andere: "Morgen tun wir's! Morgen tun wir's!" Der Grossvater hielt Wort. Am folgenden Nachmittag wurde dieselbe Schlittenfahrt ausgefuehrt. Wie am vorhergehenden Tag stellte der Alte das Kind vor der Tuer der Geissenpeter-Huette nieder und sagte: "Nun geh hinein, und wenn's Nacht wird, komm wieder." Dann legte er den Sack auf den Schlitten und ging um das Haeuschen herum. Kaum hatte Heidi die Tuer aufgemacht und war in die Stube hineingesprungen, so rief schon die Grossmutter aus der Ecke: "Da kommt das Kind! Das ist das Kind!", und liess vor Freude den Faden los und das Raedchen stehen und streckte beide Haende nach dem Kinde aus. Heidi lief zu ihr, rueckte gleich das niedere Stuehlchen ganz nahe an sie heran, setzte sich darauf und hatte der Grossmutter schon wieder eine grosse Menge von Dingen zu erzaehlen und von ihr zu erfragen. Aber auf einmal ertoenten so gewaltige Schlaege an das Haus, dass die Grossmutter vor Schrecken so zusammenfuhr, dass sie fast das Spinnrad umwarf, und zitternd ausrief: "Ach du mein Gott, jetzt kommt's, es faellt alles zusammen!" Aber Heidi hielt sie fest um den Arm und sagte troestend: "Nein, nein, Grossmutter, erschrick du nur nicht, das ist der Grossvater mit dem Hammer, jetzt macht er alles fest, dass es dir nicht mehr angst und bang wird." "Ach, ist auch das moeglich! Ist auch so etwas moeglich! So hat uns doch der liebe Gott nicht ganz vergessen!", rief die Grossmutter aus. "Hast du's gehoert, Brigitte, was es ist, hoerst du's? Wahrhaftig, es ist ein Hammer! Geh hinaus, Brigitte, und wenn es der Alm-Oehi ist, so sag ihm, er soll doch dann auch einen Augenblick hereinkommen, dass ich ihm auch danken kann." Die Brigitte ging hinaus. Eben schlug der Alm-Oehi mit grosser Gewalt neue Kloben in die Mauer; Brigitte trat an ihn heran und sagte: "Ich wuensche Euch guten Abend, Oehi, und die Mutter auch, und wir haben Euch zu danken, dass Ihr uns einen solchen Dienst tut, und die Mutter moechte Euch noch gern eigens danken drinnen; sicher, es haette uns das nicht gerad einer getan, wir wollen Euch auch dran denken, denn sicher--" "Macht's kurz", unterbrach sie der Alte hier; "was Ihr vom Alm-Oehi haltet, weiss ich schon. Geht nur wieder hinein; wo's fehlt, find ich selber." Brigitte gehorchte sogleich, denn der Oehi hatte eine Art, der man sich nicht leicht widersetzte. Er klopfte und haemmerte um das ganze Haeuschen herum, stieg dann das schmale Treppchen hinauf bis unter das Dach, haemmerte weiter und weiter, bis er auch den letzten Nagel eingeschlagen, den er mitgebracht hatte. Unterdessen war auch schon die Dunkelheit hereingebrochen, und kaum war er heruntergestiegen und hatte seinen Schlitten hinter dem Geissenstall hervorgezogen, als auch schon Heidi aus der Tuer trat und vom Grossvater wie gestern verpackt auf den Arm genommen und der Schlitten nachgezogen wurde, denn allein da drauf sitzend, waere die ganze Umhuellung vom Heidi abgefallen, und es waere fast oder ganz erfroren. Das wusste der Grossvater wohl und hielt das Kind ganz warm in seinem Arm. So ging der Winter dahin. In das freudlose Leben der blinden Grossmutter war nach langen Jahren eine Freude gefallen und ihre Tage waren nicht mehr lang und dunkel, einer wie der andere, denn nun hatte sie immer etwas in Aussicht, nach dem sie verlangen konnte. Vom fruehen Morgen an lauschte sie auch schon auf den trippelnden Schritt, und ging dann die Tuer auf und das Kind kam wirklich dahergesprungen, dann rief sie jedes Mal in lauter Freude: "Gottlob! Da kommt's wieder!" Und Heidi setzte sich zu ihr und plauderte und erzaehlte so lustig von allem, was es wusste, dass es der Grossmutter ganz wohl machte und ihr die Stunden dahingingen, sie merkte es nicht, und kein einziges Mal fragte sie mehr so wie frueher: "Brigitte, ist der Tag noch nicht um?", sondern jedes Mal, wenn Heidi die Tuer hinter sich schloss, sagte sie: "Wie war doch der Nachmittag so kurz; ist es nicht wahr, Brigitte?" Und diese sagte: "Doch sicher, es ist mir, wir haben erst die Teller vom Essen weggestellt." Und die Grossmutter sagte wieder: "Wenn mir nur der Herrgott das Kind erhaelt und dem Alm-Oehi den guten Willen! Sieht es auch gesund aus, Brigitte?" Und jedes Mal erwiderte diese: "Es sieht aus wie ein Erdbeerapfel." Heidi hatte auch eine grosse Anhaenglichkeit an die alte Grossmutter, und wenn es ihm wieder in den Sinn kam, dass ihr gar niemand, auch der Grossvater nicht mehr hell machen konnte, ueberkam es immer wieder eine grosse Betruebnis; aber die Grossmutter sagte ihm immer wieder, dass sie am wenigsten davon leide, wenn es bei ihr sei, und Heidi kam auch an jedem schoenen Wintertag heruntergefahren auf seinem Schlitten. Der Grossvater hatte, ohne weitere Worte, so fortgefahren, hatte jedes Mal den Hammer und allerlei andere Sachen mit aufgeladen und manchen Nachmittag durch an dem Geissenpeter- Haeuschen herumgeklopft. Das hatte aber auch seine gute Wirkung; es krachte und klapperte nicht mehr die ganzen Naechte durch, und die Grossmutter sagte, so habe sie manchen Winter lang nicht mehr schlafen koennen, das wolle sie auch dem Oehi nie vergessen. Es kommt ein Besuch und dann noch einer, der mehr Folgen hat Schnell war der Winter und noch schneller der froehliche Sommer darauf vergangen, und ein neuer Winter neigte sich schon wieder dem Ende zu. Heidi war gluecklich und froh wie die Voeglein des Himmels und freute sich jeden Tag mehr auf die herannahenden Fruehlingstage, da der warme Foehn durch die Tannen brausen und den Schnee wegfegen wuerde und dann die helle Sonne die blauen und gelben Bluemlein hervorlocken und die Tage der Weide kommen wuerden, die fuer Heidi das Schoenste mit sich brachten, was es auf Erden geben konnte. Heidi stand nun in seinem achten Jahre; es hatte vom Grossvater allerlei Kunstgriffe erlernt: Mit den Geissen wusste es so gut umzugehen als nur einer, und Schwaenli und Baerli liefen ihm nach wie treue Huendlein und meckerten gleich laut vor Freude, wenn sie nur seine Stimme hoerten. In diesem Winter hatte Peter schon zweimal vom Schullehrer im Doerfli den Bericht gebracht, der Alm-Oehi solle das Kind, das bei ihm sei, nun in die Schule schicken, es habe schon mehr als das Alter und haette schon im letzten Winter kommen sollen. Der Oehi hatte beide Male dem Schullehrer sagen lassen, wenn er etwas mit ihm wolle, so sei er daheim, das Kind schicke er nicht in die Schule. Diesen Bericht hatte der Peter richtig ueberbracht. Als die Maerzsonne den Schnee an den Abhaengen geschmolzen hatte und ueberall die weissen Schneegloeckchen hervorguckten im Tal und auf der Alm die Tannen ihre Schneelast abgeschuettelt hatten und die Aeste wieder lustig wehten, da rannte Heidi vor Wonne immer hin und her von der Haustuer zum Geissenstall und von da unter die Tannen und dann wieder hinein zum Grossvater, um ihm zu berichten, wie viel groesser das Stueck gruener Boden unter den Baeumen wieder geworden sei, und gleich nachher kam es wieder nachzusehen, denn es konnte nicht erwarten, dass alles wieder gruen wurde und der ganze schoene Sommer mit Gruen und Blumen wieder auf die Alm gezogen kam. Als Heidi so am sonnigen Maerzmorgen hin und her rannte und jetzt wohl zum zehnten Mal ueber die Tuerschwelle sprang, waere es vor Schrecken fast rueckwaerts wieder hineingefallen, denn auf einmal stand es vor einem schwarzen alten Herrn, der es ganz ernsthaft anblickte. Als er aber seinen Schrecken sah, sagte er freundlich: "Du musst nicht erschrecken vor mir, die Kinder sind mir lieb. Gib mir die Hand! Du wirst das Heidi sein; wo ist der Grossvater?" "Er sitzt am Tisch und schnitzt runde Loeffel von Holz", erklaerte Heidi und machte nun die Tuer wieder auf. Es war der alte Herr Pfarrer aus dem Doerfli, der den Oehi vor Jahren gut gekannt hatte, als er noch unten wohnte und sein Nachbar war. Er trat in die Huette ein, ging auf den Alten zu, der sich ueber sein Schnitzwerk hinbeugte, und sagte: "Guten Morgen, Nachbar." Verwundert schaute dieser in die Hoehe, stand dann auf und entgegnete: "Guten Morgen dem Herrn Pfarrer." Dann stellte er seinen Stuhl vor den Herrn hin und fuhr fort: "Wenn der Herr Pfarrer einen Holzsitz nicht scheut, hier ist einer." Der Herr Pfarrer setzte sich. "Ich habe Euch lange nicht gesehen, Nachbar", sagte er dann. "Ich den Herrn Pfarrer auch nicht", war die Antwort. "Ich komme heut, um etwas mit Euch zu besprechen", fing der Herr Pfarrer wieder an; "ich denke, Ihr koennt schon wissen, was meine Angelegenheit ist, worueber ich mich mit Euch verstaendigen und hoeren will, was Ihr im Sinne habt." Der Herr Pfarrer schwieg und schaute auf Heidi, das an der Tuer stand und die neue Erscheinung aufmerksam betrachtete. "Heidi, geh zu den Geissen", sagte der Grossvater. "Kannst ein wenig Salz mitnehmen und bei ihnen bleiben, bis ich auch komme." Heidi verschwand sofort. "Das Kind haette schon vor dem Jahr und noch sicherer diesen Winter die Schule besuchen sollen", sagte nun der Herr Pfarrer; "der Lehrer hat Euch mahnen lassen, Ihr habt keine Antwort darauf gegeben; was habt Ihr mit dem Kind im Sinn, Nachbar?" "Ich habe im Sinn, es nicht in die Schule zu schicken", war die Antwort. Verwundert schaute der Herr Pfarrer auf den Alten, der mit gekreuzten Armen auf seiner Bank sass und gar nicht nachgiebig aussah. "Was wollt Ihr aus dem Kinde machen?", fragte jetzt der Herr Pfarrer. "Nichts, es waechst und gedeiht mit den Geissen und den Voegeln; bei denen ist es ihm wohl und es lernt nichts Boeses von ihnen." "Aber das Kind ist keine Geiss und kein Vogel, es ist ein Menschenkind. Wenn es nichts Boeses lernt von diesen seinen Kameraden, so lernt es auch sonst nichts von ihnen; es soll aber etwas lernen, und die Zeit dazu ist da. Ich bin gekommen, es Euch zeitig zu sagen, Nachbar, damit Ihr Euch besinnen und einrichten koennt den Sommer durch. Dies war der letzte Winter, den das Kind so ohne allen Unterricht zugebracht hat; naechsten Winter kommt es zur Schule, und zwar jeden Tag." "Ich tu's nicht, Herr Pfarrer", sagte der Alte unentwegt. "Meint Ihr denn wirklich, es gebe kein Mittel, Euch zur Vernunft zu bringen, wenn Ihr so eigensinnig bei Eurem unvernuenftigen Tun beharren wollt?", sagte der Herr Pfarrer jetzt ein wenig eifrig. "Ihr seid weit in der Welt herumgekommen und habt viel gesehen und vieles lernen koennen, ich haette Euch mehr Einsicht zugetraut, Nachbar." "So", sagte jetzt der Alte und seine Stimme verriet, dass es auch in seinem Innern nicht mehr so ganz ruhig war; "und meint denn der Herr Pfarrer, ich werde wirklich im naechsten Winter am eisigen Morgen durch Sturm und Schnee ein zartgliedriges Kind den Berg hinunterschicken, zwei Stunden weit, und zur Nacht wieder heraufkommen lassen, wenn's manchmal tobt und tut, dass unsereiner fast in Wind und Schnee ersticken muesste, und dann ein Kind wie dieses? Und vielleicht kann sich der Herr Pfarrer auch noch der Mutter erinnern, der Adelheid; sie war mondsuechtig und hatte Zufaelle, soll das Kind auch so etwas holen mit der Anstrengung? Es soll mir einer kommen und mich zwingen wollen! Ich gehe vor alle Gerichte mit ihm, und dann wollen wir sehen, wer mich zwingt!" "Ihr habt ganz Recht, Nachbar", sagte der Herr Pfarrer mit Freundlichkeit; "es waere nicht moeglich, das Kind von hier aus zur Schule zu schicken. Aber ich kann sehen, das Kind ist Euch lieb; tut um seinetwillen etwas, das Ihr schon lange haettet tun sollen, kommt wieder ins Doerfli herunter und lebt wieder mit den Menschen. Was ist das fuer ein Leben hier oben, allein und verbittert gegen Gott und Menschen! Wenn Euch einmal etwas zustossen wuerde hier oben, wer wuerde Euch beistehen? Ich kann auch gar nicht begreifen, dass Ihr den Winter durch nicht halb erfriert in Eurer Huette, und wie das zarte Kind es nur aushalten kann!" "Das Kind hat junges Blut und eine gute Decke, das moechte ich dem Herrn Pfarrer sagen, und dann noch eins: Ich weiss, wo es Holz gibt, und auch, wann die gute Zeit ist, es zu holen; der Herr Pfarrer darf in meinen Schopf hineingehen, es ist etwas drin, in meiner Huette geht das Feuer nie aus den Winter durch. Was der Herr Pfarrer mit dem Herunterkommen meint, ist nicht fuer mich; die Menschen da unten verachten mich und ich sie auch, wir bleiben voneinander, so ist's beiden wohl." "Nein, nein, es ist Euch nicht wohl; ich weiss, was Euch fehlt", sagte der Herr Pfarrer mit herzlichem Ton. "Mit der Verachtung der Menschen dort unten ist es so schlimm nicht. Glaubt mir, Nachbar: Sucht Frieden mit Eurem Gott zu machen, bittet um seine Verzeihung, wo Ihr sie noetig habt, und dann kommt und seht, wie anders Euch die Menschen ansehen und wie wohl es Euch noch werden kann." Der Herr Pfarrer war aufgestanden, er hielt dem Alten die Hand hin und sagte nochmals mit Herzlichkeit: "Ich zaehle darauf, Nachbar, im naechsten Winter seid Ihr wieder unten bei uns und wir sind die alten, guten Nachbarn. Es wuerde mir grossen Kummer machen, wenn ein Zwang gegen Euch muesste angewandt werden; gebt mir jetzt die Hand darauf, dass ihr herunterkommt und wieder unter uns leben wollt, ausgesoehnt mit Gott und den Menschen." Der Alm-Oehi gab dem Herrn Pfarrer die Hand und sagte fest und bestimmt: "Der Herr Pfarrer meint es recht mit mir; aber was er erwartet, das tu ich nicht, ich sag es sicher und ohne Wandel: Das Kind schick ich nicht, und herunter komm ich nicht." "So helf Euch Gott!", sagte der Herr Pfarrer und ging traurig zur Tuer hinaus und den Berg hinunter. Der Alm-Oehi war verstimmt. Als Heidi am Nachmittag sagte: "Jetzt wollen wir zur Grossmutter", erwiderte er kurz: "Heut nicht." Den ganzen Tag sprach er nicht mehr, und am folgenden Morgen, als Heidi fragte: "Gehen wir heut zur Grossmutter?", war er noch gleich kurz von Worten wie im Ton und sagte nur: "Wollen sehen." Aber noch bevor die Schuesselchen vom Mittagessen weggestellt waren, trat schon wieder ein Besuch zur Tuer herein, es war die Base Dete. Sie hatte einen schoenen Hut auf dem Kopf mit einer Feder darauf und ein Kleid, das alles mitfegte, was am Boden lag, und in der Sennhuette lag da allerlei, das nicht an ein Kleid gehoerte. Der Oehi schaute sie an von oben bis unten und sagte kein Wort. Aber die Base Dete hatte im Sinn, ein sehr freundliches Gespraech zu fuehren, denn sie fing an zu ruehmen und sagte, das Heidi sehe so gut aus, sie habe es fast nicht mehr gekannt und man koenne schon sehen, dass es ihm nicht schlecht gegangen sei beim Grossvater. Sie habe aber gewiss auch immer darauf gedacht, es ihm wieder abzunehmen, denn sie habe ja schon begreifen koennen, dass ihm das Kleine im Weg sein muesse, aber in jenem Augenblick habe sie es ja nirgends sonst hintun koennen; seitdem aber habe sie Tag und Nacht nachgesonnen, wo sie das Kind etwa unterbringen koennte, und deswegen komme sie auch heute, denn auf einmal habe sie etwas vernommen, da koenne das Heidi zu einem solchen Glueck kommen, dass sie es gar nicht habe glauben wollen. Dann sei sie aber auf der Stelle der Sache nachgegangen, und nun koenne sie sagen, es sei alles so gut wie in Richtigkeit, das Heidi komme zu einem Glueck wie unter Hunderttausenden nicht eines. Furchtbar reiche Verwandte von ihrer Herrschaft, die fast im schoensten Haus in ganz Frankfurt wohnen, die haben ein einziges Toechterlein, das muesse immer im Rollstuhl sitzen, denn es sei auf einer Seite lahm und sonst nicht gesund, und so sei es fast immer allein und muesse auch allen Unterricht allein nehmen bei einem Lehrer, und das sei ihm so langweilig, und auch sonst haette es gern eine Gespielin im Haus, und da haben sie so davon geredet bei ihrer Herrschaft, und wenn man nur so ein Kind finden koennte, wie die Dame beschrieb, die in dem Haus die Wirtschaft fuehrte, denn ihre Herrschaft habe viel Mitgefuehl und moechte dem kranken Toechterlein eine gute Gespielin goennen. Die Wirtschaftsdame hatte nun gesagt, sie wolle so ein recht unverdorbenes, so ein eigenartiges, das nicht sei wie alle, die man so alle Tage sehe. Da habe sie selbst denn auf der Stelle an das Heidi gedacht und sei gleich hingelaufen und habe der Dame alles so beschrieben vom Heidi und so von seinem Charakter, und die Dame habe sogleich zugesagt. Nun koenne gar kein Mensch wissen, was dem Heidi alles an Glueck und Wohlfahrt bevorstehe, denn wenn es dann einmal dort sei und die Leute es gern moegen und es etwa mit dem eigenen Toechterchen etwas geben sollte-- man koenne ja nie wissen, es sei doch so schwaechlich--, und wenn eben die Leute doch nicht ohne ein Kind bleiben wollten, so koennte ja das unerhoerteste Glueck-- "Bist du bald fertig?", unterbrach hier der Oehi, der bis dahin kein Wort dazwischengeredet hatte. "Pah", gab die Dete zurueck und warf den Kopf auf, "Ihr tut gerade, wie wenn ich Euch das ordinaerste Zeug gesagt haette, und ist doch durchs ganze Praettigau auf und ab nicht einer, der nicht Gott im Himmel dankte, wenn ich ihm die Nachricht braechte, die ich Euch gebracht habe." "Bring sie, wem du willst, ich will nichts davon", sagte der Oehi trocken. Aber jetzt fuhr die Dete auf wie eine Rakete und rief: "Ja, wenn Ihr es so meint, dann will ich Euch denn schon auch sagen, wie ich es meine: Das Kind ist jetzt acht Jahre alt und kann nichts und weiss nichts, und Ihr wollt es nichts lernen lassen; Ihr wollt es in keine Schule und in keine Kirche schicken, das haben sie mir gesagt unten im Doerfli, und es ist meiner einzigen Schwester Kind; ich hab es zu verantworten, wie's mit ihm geht, und wenn ein Kind ein Glueck erlangen kann wie jetzt das Heidi, so kann ihm nur einer davor sein, dem es um alle Leute gleich ist und der keinem etwas Gutes wuenscht. Aber ich gebe nicht nach, das sag ich Euch, und die Leute habe ich alle fuer mich, es ist kein Einziger unten im Doerfli, der nicht mir hilft und gegen Euch ist, und wenn Ihr's etwa wollt vor Gericht kommen lassen, so besinnt Euch wohl, Oehi; es gibt noch Sachen, die Euch dann koennten aufgewaermt werden, die Ihr nicht gern hoertet, denn wenn man's einmal mit dem Gericht zu tun hat, so wird noch manches aufgespuert, an das keiner mehr denkt." "Schweig!", donnerte der Oehi heraus, und seine Augen flammten wie Feuer. "Nimm's und verdirb's! Komm mir nie mehr vor Augen mit ihm, ich will's nie sehen mit dem Federhut auf dem Kopf und Worten im Mund wie dich heut!" Der Oehi ging mit grossen Schritten zur Tuer hinaus. "Du hast den Grossvater boes gemacht", sagte Heidi und blitzte mit seinen schwarzen Augen die Base wenig freundlich an. "Er wird schon wieder gut, komm jetzt", draengte die Base; "wo sind deine Kleider?" "Ich komme nicht", sagte Heidi. "Was sagst du?", fuhr die Base auf; dann aenderte sie den Ton ein wenig und fuhr halb freundlich, halb aergerlich weiter: "Komm, komm, du verstehst's nicht besser, du wirst es so gut haben, wie du gar nicht weisst." Dann ging sie an den Schrank, nahm Heidis Sachen hervor und packte sie zusammen: "So, komm jetzt, nimm dort dein Huetchen, es sieht nicht schoen aus, aber es ist gleich fuer einmal, setz es auf und mach, dass wir fortkommen." "Ich komme nicht", wiederholte Heidi. "Sei doch nicht so dumm und stoerrig wie eine Geiss; denen hast du's abgesehen. Begreif doch nur, jetzt ist der Grossvater boes, du hast's ja gehoert, dass er gesagt hat, wir sollen ihm nicht mehr vor Augen kommen, er will es nun haben, dass du mit mir gehst, und jetzt musst du ihn nicht noch boeser machen. Du weisst gar nicht, wie schoen es ist in Frankfurt und was du alles sehen wirst, und gefaellt es dir dann nicht, so kannst du wieder heimgehen; bis dahin ist der Grossvater dann wieder gut." "Kann ich gerad wieder umkehren und heimkommen heut Abend?", fragte Heidi. "Ach was, komm jetzt! Ich sag dir's ja, du kannst wieder heim, wann du willst. Heut gehen wir bis nach Maienfeld hinunter und morgen frueh sitzen wir in der Eisenbahn, mit der bist du nachher im Augenblick wieder daheim, das geht wie geflogen." Die Base Dete hatte das Buendelchen Kleider auf den Arm und Heidi an die Hand genommen; so gingen sie den Berg hinunter. Da es noch nicht Weidezeit war, ging der Peter noch zur Schule ins Doerfli hinunter, oder sollte doch dahin gehen; aber er machte hier und da einen Tag Ferien, denn er dachte, es nuetze nichts, dahin zu gehen, das Lesen brauche man auch nicht, und ein wenig herumfahren und grosse Ruten suchen nuetze etwas, denn diese koenne man brauchen. So kam er eben in der Naehe seiner Huette von der Seite her mit sichtlichem Erfolg seiner heutigen Bestrebungen, denn er trug ein ungeheures Buendel langer, dicker Haselruten auf der Achsel. Er stand still und starrte die zwei Entgegenkommenden an, bis sie bei ihm ankamen; dann sagte er: "Wo willst du hin?" "Ich muss nur geschwind nach Frankfurt mit der Base", antwortete Heidi, "aber ich will zuerst noch zur Grossmutter hinein, sie wartet auf mich." "Nein, nein, keine Rede, es ist schon viel zu spaet", sagte die Base eilig und hielt das fortstrebende Heidi fest bei der Hand; "du kannst dann gehen, wenn du wieder heimkommst, komm jetzt!" Damit zog die Base das Heidi fest weiter und liess es nicht mehr los, denn sie fuerchtete, es koenne drinnen dem Kinde wieder in den Sinn kommen, es wolle nicht fort, und die Grossmutter koenne ihm helfen wollen. Der Peter sprang in die Huette hinein und schlug mit seinem ganzen Buendel Ruten so furchtbar auf den Tisch los, dass alles erzitterte und die Grossmutter vor Schrecken vom Spinnrad aufsprang und laut aufjammerte. Der Peter hatte sich Luft machen muessen. "Was ist's denn? Was ist's denn?", rief angstvoll die Grossmutter, und die Mutter, die am Tisch gesessen hatte und fast aufgeflogen war bei dem Knall, sagte in angeborener Langmut: "Was hast, Peterli; warum tust so wuest?" "Weil sie das Heidi mitgenommen hat", erklaerte Peter. "Wer? Wer? Wohin, Peterli, wohin?", fragte die Grossmutter jetzt mit neuer Angst; sie musste aber schnell erraten haben, was vorging, die Tochter hatte ihr ja vor kurzem berichtet, sie habe die Dete gesehen zum Alm-Oehi hinaufgehen. Ganz zitternd vor Eile machte die Grossmutter das Fenster auf und rief flehentlich hinaus: "Dete, Dete, nimm uns das Kind nicht weg! Nimm uns das Heidi nicht!" Die beiden Laufenden hoerten die Stimme, und die Dete mochte wohl ahnen, was sie rief, denn sie fasste das Kind noch fester und lief, was sie konnte. Heidi widerstrebte und sagte: "Die Grossmutter hat gerufen, ich will zu ihr." Aber das wollte die Base gerade nicht und beschwichtigte das Kind, es solle nur schnell kommen jetzt, dass sie nicht noch zu spaet kaemen, sondern dass sie morgen weiterreisen koennten, es koennte ja dann sehen, wie es ihm gefallen werde in Frankfurt, dass es gar nie mehr fortwolle dort; und wenn es doch heim wolle, so koenne es ja gleich gehen und dann erst noch der Grossmutter etwas mit heimbringen, was sie freue. Das war eine Aussicht fuer Heidi, die ihm gefiel. Es fing an zu laufen ohne Widerstreben. "Was kann ich der Grossmutter heimbringen?", fragte es nach einer Welle. "Etwas Gutes", sagte die Base, "so schoene, weiche Weissbroetchen, da wird sie Freud haben daran, sie kann ja doch das harte, schwarze Brot fast nicht mehr essen." "Ja, sie gibt es immer wieder dem Peter und sagt: 'Es ist mir zu hart'; das habe ich selbst gesehen", bestaetigte das Heidi. "So wollen wir geschwind gehen, Base Dete; dann kommen wir vielleicht heut noch nach Frankfurt, dass ich bald wieder da bin mit den Broetchen." Heidi fing nun so zu rennen an, dass die Base mit ihrem Buendel auf dem Arm fast nicht mehr nachkam. Aber sie war sehr froh, dass es so rasch ging, denn nun kamen sie gleich zu den ersten Haeusern vom Doerfli, und da konnte es wieder allerhand Reden und Fragen geben, die das Heidi wieder auf andere Gedanken bringen konnten. So lief sie stracks durch, und das Kind zog dabei noch so stark an ihrer Hand, dass alle Leute es sehen konnten, wie sie um des Kindes willen so pressieren musste. So rief sie auf alle die Fragen und Anrufungen, die ihr aus allen Fenstern und Tueren entgegentoenten, nur immer zurueck: "Ihr seht's ja, ich kann jetzt nicht still stehen, das Kind pressiert und wir haben noch weit." "Nimmst's mit?"--"Laeuft's dem Alm-Oehi fort?"--"Es ist nur ein Wunder, dass es noch am Leben ist!"--"Und dazu noch so rotbackig!" So toente es von allen Seiten, und die Dete war froh, dass sie ohne Verzug durchkam und keinen Bescheid geben musste und auch Heidi kein Wort sagte, sondern nur immer vorwaerts strebte in grossem Eifer. -- Von dem Tage an machte der Alm-Oehi, wenn er herunterkam und durchs Doerfli ging, ein boeseres Gesicht als je zuvor. Er gruesste keinen Menschen und sah mit seinem Kaesereff auf dem Ruecken, mit dem ungeheuren Stock in der Hand und den zusammengezogenen dicken Brauen so drohend aus, dass die Frauen zu den kleinen Kindern sagten: "Gib Acht! Geh dem Alm-Oehi aus dem Weg, er koennte dir noch etwas tun!" Der Alte verkehrte mit keinem Menschen im Doerfli, er ging nur durch und weit ins Tal hinab, wo er seinen Kaese verhandelte und seine Vorraete an Brot und Fleisch einnahm. Wenn er so vorbeigegangen war im Doerfli, dann standen hinter ihm die Leute alle in Trueppchen zusammen, und jeder wusste etwas Besonderes, was er am Alm-Oehi gesehen hatte, wie er immer wilder aussehe und dass er jetzt keinem Menschen mehr auch nur einen Gruss abnehme, und alle kamen darin ueberein, dass es ein grosses Glueck sei, dass das Kind habe entweichen koennen, und man habe auch wohl gesehen, wie es fortgedraengt habe, so, als fuerchte es, der Alte sei schon hinter ihm drein, um es zurueckzuholen. Nur die blinde Grossmutter hielt unverrueckt zum Alm-Oehi, und wer zu ihr heraufkam, um bei ihr spinnen zu lassen oder das Gesponnene zu holen, dem erzaehlte sie es immer wieder, wie gut und sorgfaeltig der Alm-Oehi mit dem Kind gewesen sei und was er an ihr und der Tochter getan habe, wie manchen Nachmittag er an ihrem Haeuschen herumgeflickt, das ohne seine Hilfe gewiss schon zusammengefallen waere. So kamen denn auch diese Berichte ins Doerfli herunter; aber die meisten, die sie vernahmen, sagten dann, die Grossmutter sei vielleicht zu alt zum Begreifen, sie werde es wohl nicht recht verstanden haben, sie werde wohl auch nicht mehr gut hoeren, weil sie nichts mehr sehe. Der Alm-Oehi zeigte sich jetzt nicht mehr bei den Geissenpeters; es war gut, dass er die Huette so fest zusammengenagelt hatte, denn sie blieb fuer lange Zeit ganz unberuehrt. Jetzt begann die blinde Grossmutter ihre Tage wieder mit Seufzen, und nicht einer verstrich, an dem sie nicht klagend sagte: "Ach, mit dem Kind ist alles Gute und alle Freude von uns genommen, und die Tage sind so leer! Wenn ich nur noch einmal das Heidi hoeren koennte, eh ich sterben muss!" Ein neues Kapitel und lauter neue Dinge Im Hause des Herrn Sesemann in Frankfurt lag das kranke Toechterlein, Klara, in dem bequemen Rollstuhl, in welchem es den ganzen Tag sich aufhielt und von einem Zimmer ins andere gestossen wurde. Jetzt sass es im so genannten Studierzimmer, das neben der grossen Essstube lag und wo vielerlei Geraetschaften herumstanden und--lagen, die das Zimmer wohnlich machten und zeigten, dass man hier gewoehnlich sich aufhielt. An dem grossen, schoenen Buecherschrank mit den Glastueren konnte man sehen, woher das Zimmer seinen Namen hatte und dass es wohl der Raum war, wo dem lahmen Toechterchen der taegliche Unterricht erteilt wurde. Klara hatte ein blasses, schmales Gesichtchen, aus dem zwei milde, blaue Augen herausschauten, die in diesem Augenblick auf die grosse Wanduhr gerichtet waren, die heute besonders langsam zu gehen schien, denn Klara, die sonst kaum ungeduldig wurde, sagte jetzt mit ziemlicher Ungeduld in der Stimme: "Ist es denn immer noch nicht Zeit, Fraeulein Rottenmeier?" Die Letztere sass sehr aufrecht an einem kleinen Arbeitstisch und stickte. Sie hatte eine geheimnisvolle Huelle um sich, einen grossen Kragen oder Halbmantel, welcher der Persoenlichkeit einen feierlichen Anstrich verlieh, der noch erhoeht wurde durch eine Art von hoch gebauter Kuppel, die sie auf dem Kopf trug. Fraeulein Rottenmeier war schon seit mehreren Jahren, seitdem die Dame des Hauses gestorben war, im Hause Sesemann, fuehrte die Wirtschaft und hatte die Oberaufsicht ueber das ganze Dienstpersonal. Herr Sesemann war meistens auf Reisen, ueberliess daher dem Fraeulein Rottenmeier das ganze Haus, nur mit der Bedingung, dass sein Toechterlein in allem eine Stimme haben solle und nichts gegen dessen Wunsch geschehen duerfe. Waehrend oben Klara zum zweiten Mal mit Zeichen der Ungeduld Fraeulein Rottenmeier befragte, ob die Zeit noch nicht da sei, da die Erwarteten erscheinen konnten, stand unten vor der Haustuer die Dete mit Heidi an der Hand und fragte den Kutscher Johann, der eben vom Wagen gestiegen war, ob sie wohl Fraeulein Rottenmeier so spaet noch stoeren duerfe. "Das ist nicht meine Sache", brummte der Kutscher; "klingeln Sie den Sebastian herunter, drinnen im Korridor." Dete tat, wie ihr geheissen war, und der Bediente des Hauses kam die Treppe herunter mit grossen, runden Knoepfen auf seinem Aufwaerterrock und fast ebenso grossen runden Augen im Kopfe. "Ich wollte fragen, ob ich um diese Zeit Fraeulein Rottenmeier noch stoeren duerfe", brachte die Dete wieder an. "Das ist nicht meine Sache", gab der Bediente zurueck; "klingeln Sie die Jungfer Tinette herunter an der anderen Klingel", und ohne weitere Auskunft verschwand der Sebastian. Dete klingelte wieder. Jetzt erschien auf der Treppe die Jungfer Tinette mit einem blendend weissen Deckelchen auf der Mitte des Kopfes und einer spoettischen Miene auf dem Gesicht. "Was ist?", fragte sie auf der Treppe, ohne herunterzukommen. Dete wiederholte ihr Gesuch. Jungfer Tinette verschwand, kam aber bald wieder und rief von der Treppe herunter: "Sie sind erwartet!" Jetzt stieg Dete mit Heidi die Treppe hinauf und trat, der Jungfer Tinette folgend, in das Studierzimmer ein. Hier blieb Dete hoeflich an der Tuer stehen, Heidi immer fest an der Hand haltend, denn sie war gar nicht sicher, was dem Kinde etwa begegnen konnte auf diesem so fremden Boden. Fraeulein Rottenmeier erhob sich langsam von ihrem Sitz und kam naeher, um die angekommene Gespielin der Tochter des Hauses zu betrachten. Der Anblick schien sie nicht zu befriedigen. Heidi hatte sein einfaches Baumwollroeckchen an und sein altes, zerdruecktes Strohhuetchen auf dem Kopf. Das Kind guckte sehr harmlos darunter hervor und betrachtete mit unverhehlter Verwunderung den Turmbau auf dem Kopf der Dame. "Wie heissest du?", fragte Fraeulein Rottenmeier, nachdem auch sie einige Minuten lang forschend das Kind angesehen hatte, das kein Auge von ihr verwandte. "Heidi", antwortete es deutlich und mit klangvoller Stimme. "Wie? Wie? Das soll doch wohl kein christlicher Name sein? So bist du doch nicht getauft worden. Welchen Namen hast du in der Taufe erhalten?", fragte Fraeulein Rottenmeier weiter. "Das weiss ich jetzt nicht mehr", entgegnete Heidi. "Ist das eine Antwort!", bemerkte die Dame mit Kopfschuetteln. "Jungfer Dete, ist das Kind einfaeltig oder schnippisch?" "Mit Erlaubnis und wenn es die Dame gestattet, so will ich gern reden fuer das Kind, denn es ist sehr unerfahren", sagte die Dete, nachdem sie dem Heidi heimlich einen kleinen Stoss gegeben hatte fuer die unpassende Antwort. "Es ist aber nicht einfaeltig und auch nicht schnippisch, davon weiss es gar nichts; es meint alles so, wie es redet. Aber es ist heut zum ersten Mal in einem Herrenhaus und kennt die gute Manier nicht; aber es ist willig und nicht ungelehrig, wenn die Dame wollte guetige Nachsicht haben. Es ist Adelheid getauft worden, wie seine Mutter, meine Schwester selig." "Nun wohl, dies ist doch ein Name, den man sagen kann", bemerkte Fraeulein Rottenmeier. "Aber, Jungfer Dete, ich muss Ihnen doch sagen, dass mir das Kind fuer sein Alter sonderbar vorkommt. Ich habe Ihnen mitgeteilt, die Gespielin fuer Fraeulein Klara muesste in ihrem Alter sein, um denselben Unterricht mit ihr zu verfolgen und ueberhaupt ihre Beschaeftigungen zu teilen. Fraeulein Klara hat das zwoelfte Jahr zurueckgelegt; wie alt ist das Kind?" "Mit Erlaubnis der Dame", fing die Dete wieder beredt an, "es war mir eben selber nicht mehr so ganz gegenwaertig, wie alt es sei; es ist wirklich ein wenig juenger, viel trifft es nicht an, ich kann's so ganz genau nicht sagen, es wird so um das zehnte Jahr, oder so noch etwas dazu sein, nehm ich an." "Jetzt bin ich acht, der Grossvater hat's gesagt", erklaerte Heidi. Die Base stiess es wieder an, aber Heidi hatte keine Ahnung, warum, und wurde keineswegs verlegen. "Was, erst acht Jahre alt?", rief Fraeulein Rottenmeier mit einiger Entruestung aus. "Vier Jahre zu wenig! Was soll das geben! Und was hast du denn gelernt? Was hast du fuer Buecher gehabt bei deinem Unterricht?" "Keine", sagte Heidi. "Wie? Was? Wie hast du denn lesen gelernt?", fragte die Dame weiter. "Das hab ich nicht gelernt und der Peter auch nicht", berichtete Heidi. "Barmherzigkeit! Du kannst nicht lesen? Du kannst wirklich nicht lesen!", rief Fraeulein Rottenmeier im hoechsten Schrecken aus. "Ist es die Moeglichkeit, nicht lesen! Was hast du denn aber gelernt?" "Nichts", sagte Heidi der Wahrheit gemaess. "Jungfer Dete", sagte Fraeulein Rottenmeier nach einigen Minuten, in denen sie nach Fassung rang, "es ist alles nicht nach Abrede, wie konnten Sie mir dieses Wesen zufuehren?" Aber die Dete liess sich nicht so bald einschuechtern; sie antwortete herzhaft: "Mit Erlaubnis der Dame, das Kind ist gerade, was ich dachte, dass sie haben wolle; die Dame hat mir beschrieben, wie es sein muesse, so ganz apart und nicht wie die anderen, und so musste ich das Kleine nehmen, denn die Groesseren sind bei uns dann nicht mehr so apart, und ich dachte, dieses passe wie gemacht auf die Beschreibung. Jetzt muss ich aber gehen, denn meine Herrschaft erwartet mich; ich will, wenn's meine Herrschaft erlaubt, bald wieder kommen und nachsehen, wie es geht mit ihm." Mit einem Knicks war die Dete zur Tuer hinaus und die Treppe hinunter mit schnellen Schritten. Fraeulein Rottenmeier stand einen Augenblick noch da, dann lief sie der Dete nach; es war ihr wohl in den Sinn gekommen, dass sie noch eine Menge von Dingen mit der Base besprechen wollte, wenn das Kind wirklich dableiben sollte, und da war es doch nun einmal und, wie sie bemerkte, hatte die Base fest im Sinn, es dazulassen. Heidi stand noch auf demselben Platz an der Tuer, wo es von Anfang an gestanden hatte. Bis dahin hatte Klara von ihrem Sessel aus schweigend allem zugesehen. Jetzt winkte sie Heidi: "Komm hierher!" Heidi trat an den Rollstuhl heran. "Willst du lieber Heidi heissen oder Adelheid?", fragte Klara. "Ich heisse nur Heidi und sonst nichts", war Heidis Antwort. "So will ich dich immer so nennen", sagte Klara; "der Name gefaellt mir fuer dich, ich habe ihn aber nie gehoert, ich habe aber auch nie ein Kind gesehen, das so aussieht wie du. Hast du immer nur so kurzes, krauses Haar gehabt?" "Ja, ich denk's", gab Heidi zur Antwort. "Bist du gern nach Frankfurt gekommen?", fragte Klara weiter. "Nein, aber morgen geh ich dann wieder heim und bringe der Grossmutter weisse Broetchen!", erklaerte Heidi. "Du bist aber ein kurioses Kind!", fuhr jetzt Klara auf. "Man hat dich ja express nach Frankfurt kommen lassen, dass du bei mir bleibest und die Stunden mit mir nehmest, und siehst du, es wird nun ganz lustig, weil du gar nicht lesen kannst, nun kommt etwas ganz Neues in den Stunden vor. Sonst ist es manchmal so schrecklich langweilig und der Morgen will gar nicht zu Ende kommen. Denn siehst du, alle Morgen um zehn Uhr kommt der Herr Kandidat, und dann fangen die Stunden an und dauern bis um zwei Uhr, das ist so lange. Der Herr Kandidat nimmt auch manchmal das Buch ganz nahe ans Gesicht heran, so, als waere er auf einmal ganz kurzsichtig geworden, aber er gaehnt nur furchtbar hinter dem Buch, und Fraeulein Rottenmeier nimmt auch von Zeit zu Zeit ihr grosses Taschentuch hervor und haelt es vor das ganze Gesicht hin, so, als sei sie ganz ergriffen von etwas, das wir lesen; aber ich weiss recht gut, dass sie nur ganz schrecklich gaehnt dahinter, und dann sollte ich auch so stark gaehnen und muss es immer hinunterschlucken, denn wenn ich nur ein einziges Mal herausga