The Project Gutenberg EBook of Klein Zaches, genannt Zinnober, by E. T. A. Hoffmann Copyright laws are changing all over the world. Be sure to check the copyright laws for your country before downloading or redistributing this or any other Project Gutenberg eBook. This header should be the first thing seen when viewing this Project Gutenberg file. Please do not remove it. Do not change or edit the header without written permission. Please read the "legal small print," and other information about the eBook and Project Gutenberg at the bottom of this file. Included is important information about your specific rights and restrictions in how the file may be used. 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Zweites Kapitel: Von der unbekannten Voelkerschaft, die der Gelehrte Ptolomaeus Philadelphus auf seinen Reisen entdeckte. - Die Universitaet Kerepes. - Wie dem Studenten Fabian ein Paar Reitstiefel um den Kopf flogen und der Professor Mosch Terpin den Studenten Balthasar zum Tee einlud. Drittes Kapitel: Wie Fabian nicht wusste, was er sagen sollte. - Candida und Jungfrauen, die nicht Fische essen duerfen. - Mosch Terpins literarischer Tee. - Der junge Prinz. Viertes Kapitel: Wie der italienische Geiger Sbiocca den Herrn Zinnober in den Kontrabass zu werfen drohte, und der Referendarius Pulcher nicht zu auswaertigen Angelegenheiten gelangen konnte. - Von Maut-Offizianten und zurueckbehaltenen Wundern fuers Haus. - Balthasars Bezauberung durch einen Stockknopf. Fuenftes Kapitel: Wie Fuerst Barsanuph Leipziger Lerchen und Danziger Goldwasser fruehstueckte, einen Butterfleck auf die Kasimirhose bekam und den Geheimen Sekretaer Zinnober zum Geheimen Spezialrat erhob. - Die Bilderbuecher des Doktors Prosper Alpanus. - Wie ein Portier den Studenten Fabian in den Finger biss, dieser ein Schleppkleid trug und deshalb verhoehnt wurde. - Balthasars Flucht. Sechstes Kapitel: Wie der Geheime Spezialrat Zinnober in seinem Garten frisiert wurde und im Grase ein Taubad nahm. - Der Orden des gruengefleckten Tigers. - Gluecklicher Einfall eines Theaterschneiders. - Wie das Fraeulein von Rosenschoen sich mit Kaffee begoss und Prosper Alpanus ihr seine Freundschaft versicherte. Siebentes Kapitel: Wie der Professor Mosch Terpin im fuerstlichen Weinkeller die Natur erforschte. - Mycetes Belzebub. - Verzweiflung des Studenten Balthasar. - Vorteilhafter Einfluss eines wohleingerichteten Landhauses auf das haeusliche Glueck. - Wie Prosper Alpanus dem Balthasar eine schildkroetene Dose ueberreichte und davonritt. Achtes Kapitel: Wie Fabian seiner langen Rockschoesse halber fuer einen Sektierer und Tumultuanten gehalten wurde. - Wie Fuerst Barsanuph hinter den Kaminschirm trat und den Generaldirektor der natuerlichen Angelegenheiten kassierte. - Zinnobers Flucht aus Mosch Terpins Hause. - Wie Mosch Terpin auf einem Sommervogel ausreiten und Kaiser werden wollte, dann aber zu Bette ging. Neuntes Kapitel: Verlegenheit eines treuen Kammerdieners. - Wie die alte Liese eine Rebellion anzettelte und der Minister Zinnober auf der Flucht ausglitschte. - Auf welche merkwuerdige Weise der Leibarzt des Fuersten Zinnobers jaehen Tod erklaerte. - Wie Fuerst Barsanuph sich betruebte, Zwiebeln ass, und wie Zinnobers Verlust unersetzlich blieb. Letztes Kapitel: Wehmuetige Bitten des Autors. - Wie der Professor Mosch Terpin sich beruhigte und Candida niemals verdriesslich werden konnte. - Wie ein Goldkaefer dem Doktor Prosper Alpanus etwas ins Ohr summte, dieser Abschied nahm und Balthasar eine glueckliche Ehe fuehrte. Erstes Kapitel Der kleine Wechselbalg. - Dringende Gefahr einer Pfarrersnase. - Wie Fuerst Paphnutius in seinem Lande die Aufklaerung einfuehrte und die Fee Rosabelverde in ein Fraeuleinstift kam. Unfern eines anmutigen Dorfes, hart am Wege, lag auf dem von der Sonnenglut erhitzten Boden hingestreckt ein armes zerlumptes Bauerweib. Vom Hunger gequaelt, vor Durst lechzend, ganz verschmachtet, war die Unglueckliche unter der Last des im Korbe hoch aufgetuermten duerren Holzes, das sie im Walde unter den Baeumen und Straeuchern muehsam aufgelesen, niedergesunken, und da sie kaum zu atmen vermochte, glaubte sie nicht anders, als dass sie nun wohl sterben, so sich aber ihr trostloses Elend auf einmal enden werde. Doch gewann sie bald so viel Kraft, die Stricke, womit sie den Holzkorb auf ihrem Ruecken befestigt, loszunesteln und sich langsam heraufzuschieben auf einen Grasfleck, der gerade in der Naehe stand. Da brach sie nun aus in laute Klagen: "Muss," jammerte sie, "muss mich und meinen armen Mann allein denn alle Not und alles Elend treffen? Sind wir denn nicht im ganzen Dorfe die einzigen, die aller Arbeit, alles sauer vergessenen Schweisses ungeachtet in steter Armut bleiben und kaum so viel erwerben, um unsern Hunger zu stillen? - Vor drei Jahren, als mein Mann beim Umgraben unseres Gartens die Goldstuecke in der Erde fand, ja, da glaubten wir, das Glueck sei endlich eingekehrt bei uns und nun kaemen die guten Tage; aber was geschah! - Diebe stahlen das Geld, Haus und Scheune brannten uns ueber dem Kopfe weg, das Getreide auf dem Acker zerschlug der Hagel, und um das Mass unseres Herzeleids vollzumachen bis ueber den Rand, strafte uns der Himmel noch mit diesem kleinen Wechselbalg, den ich zu Schand' und Spott des ganzen Dorfs gebar. - Zu St.-Laurenztag ist nun der Junge drittehalb Jahre gewesen und kann auf seinen Spinnenbeinchen nicht stehen, nicht gehen und knurrt und miaut, statt zu reden, wie eine Katze. Und dabei frisst die unselige Missgeburt wie der staerkste Knabe von wenigstens acht Jahren, ohne dass es ihm im mindesten was anschlaegt. Gott erbarme sich ueber ihn und ueber uns, dass wir den Jungen grossfuettern muessen uns selbst zur Qual und groesserer Not; denn essen und trinken immer mehr und mehr wird der kleine Daeumling wohl, aber arbeiten sein Lebetage nicht! Nein, nein, das ist mehr als ein Mensch aushalten kann auf dieser Erde! - Ach koennt' ich nur sterben - nur sterben!" Und damit fing die Arme an zu weinen und zu schluchzen, bis sie endlich, vom Schmerz uebermannt, ganz entkraeftet einschlief. - Mit Recht konnte das Weib ueber den abscheulichen Wechselbalg klagen, den sie vor drittehalb Jahren geboren. Das, was man auf den ersten Blick sehr gut fuer ein seltsam verknorpeltes Stueckchen Holz haette ansehen koennen, war naemlich ein kaum zwei Spannen hoher, missgestalteter Junge, der von dem Korbe, wo er querueber gelegen, heruntergekrochen, sich jetzt knurrend im Grase waelzte. Der Kopf stak dem Dinge tief zwischen den Schultern, die Stelle des Rueckens vertrat ein kuerbisaehnlicher Auswuchs, und gleich unter der Brust hingen die haselgertduennen Beinchen herab, dass der Junge aussah wie ein gespalteter Rettich. Vom Gesicht konnte ein stumpfes Auge nicht viel entdecken, schaerfer hinblickend, wurde man aber wohl die lange spitze Nase, die aus schwarzen struppigen Haaren hervorstarrte, und ein Paar kleine, schwarz funkelnde Aeuglein gewahr, die, zumal bei den uebrigens ganz alten, eingefurchten Zuegen des Gesichts, ein klein Alraeunchen kundzutun schienen. - Als nun, wie gesagt, das Weib ueber ihren Gram in tiefen Schlaf gesunken war und ihr Soehnlein sich dicht an sie herangewaelzt hatte, begab es sich, dass das Fraeulein von Rosenschoen, Dame des nahegelegenen Stifts, von einem Spaziergange heimkehrend, des Weges daherwandelte. Sie blieb stehen und wurde, da sie von Natur fromm und mitleidig, bei dem Anblick des Elends, der sich ihr darbot, sehr geruehrt. "O du gerechter Himmel," fing sie an, "wieviel Jammer und Not gibt es doch auf dieser Erde! - Das unglueckliche Weib! - Ich weiss, dass sie kaum das liebe Leben hat, da arbeitet sie ueber ihre Kraefte und ist vor Hunger und Kummer hingesunken! - Wie fuehle ich jetzt erst recht empfindlich meine Armut und Ohnmacht! Ach, koennt' ich doch nur helfen, wie ich wollte! - Doch das, was mir noch uebrig blieb, die wenigen Gaben, die das feindselige Verhaengnis mir nicht zu rauben, nicht zu zerstoeren vermochte, die mir noch zu Gebote stehen, die will ich kraeftig und getreu nuetzen, um dem Leidwesen zu steuern. Geld, haette ich auch darueber zu gebieten, wuerde dir gar nichts helfen, arme Frau, sondern deinen Zustand vielleicht noch gar verschlimmern. Dir und deinem Mann, euch beiden ist nun einmal Reichtum nicht beschert, und wem Reichtum nicht beschert ist, dem verschwinden die Goldstuecke aus der Tasche, er weiss selbst nicht wie, er hat davon nichts als grossen Verdruss und wird, je mehr Geld ihm zustroemt, nur desto aermer. Aber ich weiss es, mehr als alle Armut, als alle Not, nagt an deinem Herzen, dass du jenes kleine Untierchen gebarst, das sich wie eine boese unheimliche Last an dich haengt, die du durch das Leben tragen musst. - Gross - schoen - stark - verstaendig, ja, das alles kann der Junge nun einmal nicht werden, aber es ist ihm vielleicht noch auf andere Weise zu helfen." - Damit setzte sich das Fraeulein nieder ins Gras und nahm den Kleinen auf den Schoss. Das boese Alraeunchen straeubte und spreizte sich, knurrte und wollte das Fraeulein in den Finger beissen, _die_ sprach aber: "Ruhig, ruhig, kleiner Maikaefer!" und strich leise und linde mit der flachen Hand ihm ueber den Kopf von der Stirn herueber bis in den Nacken. Allmaehlich glaettete sich waehrend des Streichelns das struppige Haar des Kleinen aus, bis es gescheitelt, an der Stirne fest anliegend, in huebschen weichen Locken hinabwallte auf die hohen Schultern und den Kuerbisruecken. Der Kleine war immer ruhiger geworden und endlich fest eingeschlafen. Da legte ihn das Fraeulein Rosenschoen behutsam dicht neben der Mutter hin ins Gras, besprengte diese mit einem geistigen Wasser aus dem Riechflaeschchen, das sie aus der Tasche gezogen, und entfernte sich dann schnellen Schrittes. Als die Frau bald darauf erwachte, fuehlte sie sich auf wunderbare Weise erquickt und gestaerkt. Es war ihr, als habe sie eine tuechtige Mahlzeit gehalten und einen guten Schluck Wein getrunken. "Ei," rief sie aus, "wie ist mir doch in dem bisschen Schlaf so viel Trost, so viel Munterkeit gekommen! - Aber die Sonne ist schon bald herab hinter den Bergen, nun fort nach Hause!" - Damit wollte sie den Korb aufpacken, vermisste aber, als sie hineinsah, den Kleinen, der in demselben Augenblick sich aus dem Grase aufrichtete und weinerlich quaekte. Als nun die Mutter sich nach ihm umschaute, schlug sie vor Erstaunen die Haende zusammen und rief - "Zaches - Klein Zaches, wer hat dir denn unterdessen die Haare so schoen gekaemmt! - Zaches - Klein Zaches, wie huebsch wuerden dir die Locken kleiden, wenn du nicht solch ein abscheulich garstiger Junge waerst! - Nun, komm nur, komm! - hinein in den Korb!" Sie wollte ihn fassen und quer ueber das Holz legen, da strampelte aber Klein Zaches mit den Beinen, grinste die Mutter an und miaute sehr vernehmlich: "Ich mag nicht!" - "Zaches! - Klein Zaches!" schrie die Frau ganz ausser sich, "wer hat dich denn unterdessen reden gelehrt? Nun! wenn du solch schoen gekaemmte Haare hast, wenn du so artig redest, so wirst du auch wohl laufen koennen." Die Frau huckte den Korb auf den Ruecken, Klein Zaches hing sich an ihre Schuerze, und so ging es fort nach dem Dorfe. Sie mussten bei dem Pfarrhause vorueber, da begab es sich, dass der Pfarrer mit seinem juengsten Knaben, einem bildschoenen goldlockigen Jungen von drei Jahren, in seiner Haustuere stand. Als der nun die Frau mit dem schweren Holzkorbe und mit Klein Zaches, der an ihrer Schuerze baumelte, daherkommen sah, rief er ihr entgegen: "Guten Abend, Frau Liese, wie geht es Euch - Ihr habt ja eine gar zu schwere Buerde geladen, Ihr koennt ja kaum mehr fort, kommt her, ruht Euch ein wenig aus auf dieser Bank vor meiner Tuere, meine Magd soll Euch einen frischen Trunk reichen!" - Frau Liese liess sich das nicht zweimal sagen, sie setzte ihren Korb ab und wollte eben den Mund oeffnen, um dem ehrwuerdigen Herrn all ihren Jammer, ihre Not zu klagen, als Klein Zaches bei der raschen Wendung der Mutter das Gleichgewicht verlor und dem Pfarrer vor die Fuesse flog. Der bueckte sich rasch nieder und hob den Kleinen auf, indem er sprach: "Ei, Frau Liese, Frau Liese, was habt Ihr da fuer einen bildschoenen allerliebsten Knaben! Das ist ja ein wahrer Segen des Himmels, ein solch wunderbar schoenes Kind zu besitzen." Und damit nahm er den Kleinen in die Arme und liebkoste ihn und schien es gar nicht zu bemerken, dass der unartige Daeumling gar haesslich knurrte und mauzte und den ehrwuerdigen Herrn sogar in die Nase beissen wollte. Aber Frau Liese stand ganz verbluefft vor dem Geistlichen und schaute ihn an mit aufgerissenen starren Augen und wusste gar nicht, was sie denken sollte. "Ach, lieber Herr Pfarrer," begann sie endlich mit weinerlicher Stimme, "ein Mann Gottes, wie Sie, treibt doch wohl nicht seinen Spott mit einem armen ungluecklichen Weibe, das der Himmel, mag er selbst wissen warum, mit diesem abscheulichen Wechselbalge gestraft hat!" "Was spricht," erwiderte der Geistliche sehr ernst, "was spricht Sie da fuer tolles Zeug, liebe Frau! von Spott - Wechselbalg - Strafe des Himmels - ich verstehe Sie gar nicht und weiss nur, dass Sie ganz verblendet sein muss, wenn Sie Ihren huebschen Knaben nicht recht herzlich liebt. - Kuesse mich, artiger kleiner Mann!" - Der Pfarrer herzte den Kleinen, aber Zaches knurrte: "Ich mag nicht!" und schnappte aufs neue nach des Geistlichen Nase. - "Seht die arge Bestie!" rief Liese erschrocken; aber in dem Augenblick sprach der Knabe des Pfarrers: "Ach, lieber Vater, du bist so gut, du tust so schoen mit den Kindern, die muessen wohl alle dich recht herzlich lieb haben!" "O hoert doch nur," rief der Pfarrer, indem ihm die Augen vor Freude glaenzten, "O hoert doch nur, Frau Liese, den huebschen verstaendigen Knaben, Euren lieben Zaches, dem Ihr so uebelwollt. Ich merk' es schon, Ihr werdet Euch nimmermehr was aus dem Knaben machen, sei er auch noch so huebsch und verstaendig. Hoert, Frau Liese, ueberlasst mir Euer hoffnungsvolles Kind zur Pflege und Erziehung. Bei Eurer drueckenden Armut ist Euch der Knabe nur eine Last, und mir macht es Freude, ihn zu erziehen wie meinen eignen Sohn!" - Liese konnte vor Erstaunen gar nicht zu sich selbst kommen, ein Mal ueber das andere rief sie: "Aber, lieber Herr Pfarrer - lieber Herr Pfarrer, ist denn das wirklich Ihr Ernst, dass Sie die kleine Ungestalt zu sich nehmen und erziehen und mich von der Not befreien wollen, die ich mit dem Wechselbalg habe?" - Doch, je mehr die Frau die abscheuliche Haesslichkeit ihres Alraeunchens dem Pfarrer vorhielt, desto eifriger behauptete dieser, dass sie in ihrer tollen Verblendung gar nicht verdiene, vom Himmel mit dem herrlichen Geschenk eines solchen Wunderknaben gesegnet zu sein, bis er zuletzt ganz zornig mit Klein Zaches auf dem Arm hineinlief in das Haus und die Tuere von innen verriegelte. Da stand nun Frau Liese wie versteinert vor des Pfarrers Haustuere und wusste gar nicht, was sie von dem allem denken sollte. "Was um aller Welt willen," sprach sie zu sich selbst, "ist denn mit unserm wuerdigen Herrn Pfarrer geschehen, dass er in meinen Klein Zaches so ganz und gar vernarrt ist und den einfaeltigen Knirps fuer einen huebschen, verstaendigen Knaben haelt? - Nun! helfe Gott dem lieben Herrn, er hat mir die Last von den Schultern genommen und sie sich selbst aufgeladen, mag er nun zusehen, wie er sie traegt! - Hei! wie leicht geworden ist nun der Holzkorb, da Klein Zaches nicht mehr darauf sitzt und mit ihm die schwerste Sorge!" - Damit schritt Frau Liese, den Holzkorb auf dem Ruecken, lustig und guter Dinge fort ihres Weges! - - Wollte ich auch zurzeit noch gaenzlich darueber schweigen, du wuerdest, guenstiger Leser, dennoch wohl ahnen, dass es mit dem Stiftsfraeulein von Rosenschoen, oder wie sie sich sonst nannte, Rosengruenschoen, eine ganz besondere Bewandtnis haben muesse. Denn nichts anders war es wohl, als die geheimnisvolle Wirkung ihres Kopfstreichelns und Haarausglaettens, dass Klein Zaches von dem gutmuetigen Pfarrer fuer ein schoenes und kluges Kind angesehn und gleich wie sein eignes aufgenommen wurde. Du koenntest, lieber Leser, aber doch, trotz deines vortrefflichen Scharfsinns, in falsche Vermutungen geraten oder gar zum grossen Nachteil der Geschichte viele Blaetter ueberschlagen, um nur gleich mehr von dem mystischen Stiftsfraeulein zu erfahren; besser ist es daher wohl, ich erzaehle dir gleich alles, was ich selbst von der wuerdigen Dame weiss. Fraeulein von Rosenschoen war von grosser Gestalt, edlem majestaetischen Wuchs und etwas stolzem, gebietendem Wesen. Ihr Gesicht, musste man es gleich vollendet schoen nennen, machte, zumal wenn sie wie gewoehnlich in starrem Ernst vor sich hinschaute, einen seltsamen, beinahe unheimlichen Eindruck, was vorzueglich einem ganz besondern fremden Zuge zwischen den Augenbrauen zuzuschreiben, von dem man durchaus nicht recht wusste, ob ein Stiftsfraeulein dergleichen wirklich auf der Stirne tragen koenne. Dabei lag aber auch oft, vorzueglich zur Rosenzeit bei heiterm schoenen Wetter, so viel Huld und Anmut in ihrem Blick, dass jeder sich von suessem unwiderstehlichen Zauber befangen fuehlte. Als ich die Gnaedige zum ersten- und letztenmal zu schauen das Vergnuegen hatte, war sie dem Ansehen nach eine Frau in der hoechsten, vollendetsten Bluete ihrer Jahre, auf der hoechsten Spitze des Wendepunktes, und ich meinte, dass mir grosses Glueck beschieden, die Dame noch eben auf dieser Spitze zu erblicken und ueber ihre wunderbare Schoenheit gewissermassen zu erschrecken, welches sich dann sehr bald nicht mehr wuerde zutragen koennen. Ich war im Irrtum. Die aeltesten Leute im Dorf versicherten, dass sie das gnaedige Fraeulein gekannt haetten schon so lange als sie daechten, und dass die Dame niemals anders ausgesehen habe, nicht aelter, nicht juenger, nicht haesslicher, nicht huebscher als eben jetzt. Die Zeit schien also keine Macht zu haben ueber sie, und schon dieses konnte manchem verwunderlich vorkommen. Aber noch manches andere trat hinzu, worueber sich jeder, ueberlegte er es recht ernstlich, ebensosehr wundern, ja zuletzt aus der Verwunderung, in die er verstrickt, gar nicht herauskommen musste. Fuers erste offenbarte sich ganz deutlich bei dem Fraeulein die Verwandtschaft mit den Blumen, deren Namen sie trug. Denn nicht allein, dass kein Mensch auf Erden solche herrliche tausendblaettrige Rosen zu ziehen vermochte, als sie, so spriessten auch aus dem schlechtesten duerresten Dorn, den sie in die Erde steckte, jene Blumen in der hoechsten Fuelle und Pracht hervor. Dann war es gewiss, dass sie auf einsamen Spaziergaengen im Walde laute Gespraeche fuehrte mit wunderbaren Stimmen, die aus den Baeumen, aus den Bueschen, aus den Quellen und Baechen zu toenen schienen. Ja, ein junger Jaegersmann hatte sie belauscht, wie sie einmal mitten im dicksten Gehoelz stand und seltsame Voegel mit buntem glaenzenden Gefieder, die gar nicht im Lande heimisch, sie umflatterten und liebkosten und in lustigem Singen und Zwitschern ihr allerlei froehliche Dinge zu erzaehlen schienen, worueber sie lachte und sich freute. Daher kam es denn auch, dass Fraeulein von Rosenschoen zu jener Zeit, als sie in das Stift gekommen, bald die Aufmerksamkeit aller Leute in der Gegend anregte. Ihre Aufnahme in das Fraeuleinstift hatte der Fuerst befohlen; der Baron Praetextatus von Mondschein, Besitzer des Gutes, in dessen Naehe jenes Stift lag, dem er als Verweser vorstand, konnte daher nichts dagegen einwenden, ungeachtet ihn die entsetzlichsten Zweifel quaelten. Vergebens war naemlich sein Muehen geblieben, in Rixners Turnierbuch und andern Chroniken die Familie Rosengruenschoen aufzufinden. Mit Recht zweifelte er aus diesem Grunde an der Stiftsfaehigkeit des Fraeuleins, die keinen Stammbaum mit zweiunddreissig Ahnen aufzuweisen hatte, und bat sie zuletzt ganz zerknirscht, die hellen Traenen in den Augen, doch sich um des Himmels willen wenigstens nicht Rosengruenschoen, sondern Rosenschoen zu nennen, denn in diesem Namen sei doch noch einiger Verstand und ein Ahnherr moeglich. - Sie tat ihm das zu Gefallen. - Vielleicht aeusserte sich des gekraenkten Praetextatus Groll gegen das ahnenlose Fraeulein auf diese - jene Weise und gab zuerst Anlass zu der boesen Nachrede, die sich immer mehr und mehr im Dorfe verbreitete. Zu jenen zauberhaften Unterhaltungen im Walde, die indessen sonst nichts auf sich hatten, kamen naemlich allerlei bedenkliche Umstaende, die von Mund zu Mund gingen und des Fraeuleins eigentliches Wesen in gar zweideutiges Licht stellten. Mutter Anne, des Schulzen Frau, behauptete keck, dass, wenn das Fraeulein stark zum Fenster heraus niese, allemal die Milch im ganzen Dorfe sauer wuerde. Kaum hatte sich dies aber bestaetigt, als sich das Schreckliche begab. Schulmeisters Michel hatte in der Stiftskueche gebratene Kartoffeln genascht und war von dem Fraeulein darueber betroffen worden, die ihm laechelnd mit dem Finger drohte. Da war dem Jungen das Maul offen stehen geblieben, gerade als haett' er eine gebratene brennende Kartoffel darin sitzen immerdar, und er musste fortan einen Hut mit vorstehender breiter Krempe tragen, weil es sonst dem Armen ins Maul geregnet haette. Bald schien es gewiss zu sein, dass das Fraeulein sich darauf verstand, Feuer und Wasser zu besprechen, Sturm und Hagelwolken zusammenzutreiben, Weichselzoepfe zu flechten etc., und niemand zweifelte an der Aussage des Schafhirten, der zur Mitternachtsstunde mit Schauer und Entsetzen gesehen haben wollte, wie das Fraeulein auf einem Besen brausend durch die Luefte fuhr, vor ihr her ein ungeheurer Hirschkaefer, zwischen dessen Hoernern blaue Flammen hoch aufleuchteten! - Nun kam alles in Aufruhr, man wollte der Hexe zu Leibe, und die Dorfgerichte beschlossen nichts Geringeres, als das Fraeulein aus dem Stift zu holen und sie ins Wasser zu werfen, damit sie die gewoehnliche Hexenprobe bestehe. Der Baron Praetextatus liess alles geschehen und sprach laechelnd zu sich selbst: "So geht es simplen Leuten ohne Ahnen, die nicht von solch altem guten Herkommen sind, wie der Mondschein." Das Fraeulein, unterrichtet von dem bedrohlichen Unwesen, fluechtete nach der Residenz, und bald darauf erhielt der Baron Praetextatus einen Kabinettsbefehl vom Fuersten des Landes, mittelst dessen ihm bekannt gemacht, dass es keine Hexen gaebe, und befohlen wurde, die Dorfgerichte fuer die naseweise Gier, Schwimmkuenste eines Stiftsfraeuleins zu schauen, in den Turm werfen, den uebrigen Bauern und ihren Weibern aber andeuten zu lassen, bei empfindlicher Leibesstrafe von dem Fraeulein Rosenschoen nicht schlecht zu denken. Sie gingen in sich, fuerchteten sich vor der angedrohten Strafe und dachten fortan gut von dem Fraeulein, welches fuer beide, fuer das Dorf und fuer die Dame Rosenschoen, die erspriesslichsten Folgen hatte. In dem Kabinett des Fuersten wusste man recht gut, dass das Fraeulein von Rosenschoen niemand anders war, als die sonst beruehmte weltbekannte Fee Rosabelverde. Es hatte mit der Sache folgende Bewandtnis: Auf der ganzen weiten Erde war wohl sonst kaum ein anmutigeres Land zu finden, als das kleine Fuerstentum, worin das Gut des Baron Praetextatus von Mondschein lag, worin das Fraeulein von Rosenschoen hauste, kurz, worin sich das alles begab, was ich dir, geliebter Leser, des breiteren zu erzaehlen eben im Begriff stehe. Von einem hohen Gebirge umschlossen, glich das Laendchen mit seinen gruenen, duftenden Waeldern, mit seinen blumigen Auen, mit seinen rauschenden Stroemen und lustig plaetschernden Springquellen, zumal da es gar keine Staedte, sondern nur freundliche Doerfer und hin und wieder einzeln stehende Palaeste darin gab, einem wunderbar herrlichen Garten, in dem die Bewohner wie zu ihrer Lust wandelten, frei von jeder drueckenden Buerde des Lebens. Jeder wusste, dass Fuerst Demetrius das Land beherrsche; niemand merkte indessen das mindeste von der Regierung, und alle waren damit gar wohl zufrieden. Personen, die die volle Freiheit in all ihrem Beginnen, eine schoene Gegend, ein mildes Klima liebten, konnten ihren Aufenthalt gar nicht besser waehlen als in dem Fuerstentum, und so geschah es denn, dass unter andern auch verschiedene vortreffliche Feen von der guten Art, denen Waerme und Freiheit bekanntlich ueber alles geht, sich dort angesiedelt hatten. Ihnen mocht' es zuzuschreiben sein, dass sich beinahe in jedem Dorfe, vorzueglich aber in den Waeldern sehr oft die angenehmsten Wunder begaben und dass jeder, von dem Entzuecken, von der Wonne dieser Wunder ganz umflossen, voellig an das Wunderbare glaubte und, ohne es selbst zu wissen, eben deshalb ein froher, mithin guter Staatsbuerger blieb. Die guten Feen, die sich in freier Willkuer ganz dschinnistanisch eingerichtet, haetten dem vortrefflichen Demetrius gern ein ewiges Leben bereitet. Das stand indessen nicht in ihrer Macht. Demetrius starb, und ihm folgte der junge Paphnutius in der Regierung. Paphnutius hatte schon zu Lebzeiten seines Herrn Vaters einen stillen innerlichen Gram darueber genaehrt, dass Volk und Staat nach seiner Meinung auf die heilloseste Weise vernachlaessigt, verwahrlost wurde. Er beschloss zu regieren und ernannte sofort seinen Kammerdiener Andres, der ihm einmal, als er im Wirtshause hinter den Bergen seine Boerse liegen lassen, sechs Dukaten geborgt und dadurch aus grosser Not gerissen hatte, zum ersten Minister des Reichs. "Ich will regieren, mein Guter!" rief ihm Paphnutius zu. Andres las in den Blicken seines Herrn, was in ihm vorging, warf sich ihm zu Fuessen und sprach feierlich: "Sire! die grosse Stunde hat geschlagen! - durch Sie steigt schimmernd ein Reich aus maechtigem Chaos empor! - Sire! hier fleht der treueste Vasall, tausend Stimmen des armen ungluecklichen Volks in Brust und Kehle! - Sire! - fuehren Sie die Aufklaerung ein!" - Paphnutius fuehlte sich durch und durch erschuettert von dem erhabenen Gedanken seines Ministers. Er hob ihn auf, riss ihn stuermisch an seine Brust und sprach schluchzend: "Minister - Andres - ich bin dir sechs Dukaten schuldig - noch mehr - mein Glueck - mein Reich! - o treuer, gescheuter Diener!" - Paphnutius wollte sofort ein Edikt mit grossen Buchstaben drucken und an allen Ecken anschlagen lassen, dass von Stund' an die Aufklaerung eingefuehrt sei und ein jeder sich darnach zu achten habe. "Bester Sire!" rief indessen Andres, "bester Sire! so geht es nicht!" - "Wie geht es denn, mein Guter?" sprach Paphnutius, nahm seinen Minister beim Knopfloch und zog ihn hinein in das Kabinett, dessen Tuere er abschloss. "Sehen Sie," begann Andres, als er seinem Fuersten gegenueber auf einem kleinen Taburett Platz genommen, "sehen Sie, gnaedigster Herr! - die Wirkung Ihres fuerstlichen Edikts wegen der Aufklaerung wuerde vielleicht verstoert werden auf haessliche Weise, wenn wir nicht damit eine Massregel verbinden, die zwar hart scheint, die indessen die Klugheit gebietet. - Ehe wir mit der Aufklaerung vorschreiten, d. h. ehe wir die Waelder umhauen, den Strom schiffbar machen, Kartoffeln anbauen, die Dorfschulen verbessern, Akazien und Pappeln anpflanzen, die Jugend ihr Morgen- und Abendlied zweistimmig absingen, Chausseen anlegen und die Kuhpocken einimpfen lassen, ist es noetig, alle Leute von gefaehrlichen Gesinnungen, die keiner Vernunft Gehoer geben und das Volk durch lauter Albernheiten verfuehren, aus dem Staate zu verbannen - Sie haben Tausendundeine Nacht gelesen, bester Fuerst, denn ich weiss, dass Ihr durchlauchtig seliger Herr Papa, dem der Himmel eine sanfte Ruhe im Grabe schenken moege, dergleichen fatale Buecher liebte und Ihnen, als Sie sich noch der Steckenpferde bedienten und vergoldete Pfefferkuchen verzehrten, in die Haende gab. Nun also! - Aus jenem voellig konfusen Buche werden Sie, gnaedigster Herr, wohl die sogenannten Feen kennen, gewiss aber nicht ahnen, dass sich verschiedene von diesen gefaehrlichen Personen in Ihrem eignen lieben Lande hier ganz in der Naehe Ihres Palastes angesiedelt haben und allerlei Unfug treiben." "Wie? - was sagt Er? - Andres! Minister! - Feen! - hier in meinem Lande?" - So rief Fuerst, indem er ganz erblasst in die Stuhllehne zuruecksank. - "Ruhig, mein gnaedigster Herr," fuhr Andres fort, "ruhig koennen wir bleiben, sobald wir mit Klugheit gegen jene Feinde der Aufklaerung zu Felde ziehen. Ja! - Feinde der Aufklaerung nenne ich sie, denn nur sie sind, die Guete Ihres seligen Herrn Papas missbrauchend, daran schuld, dass der liebe Staat noch in gaenzlicher Finsternis darniederliegt. Sie treiben ein gefaehrliches Gewerbe mit dem Wunderbaren und scheuen sich nicht, unter dem Namen Poesie ein heimliches Gift zu verbreiten, das die Leute ganz unfaehig macht zum Dienste in der Aufklaerung. Dann haben sie solche unleidliche polizeiwidrige Gewohnheiten, dass sie schon deshalb in keinem kultivierten Staate geduldet werden duerften. So z.B. entbloeden sich die Frechen nicht, sowie es ihnen einfaellt, in den Lueften spazieren zu fahren mit vorgespannten Tauben, Schwaenen, ja sogar gefluegelten Pferden. Nun frage ich aber, gnaedigster Herr, verlohnt es sich der Muehe, einen gescheuten Akzisetarif zu entwerfen und einzufuehren, wenn es Leute im Staate gibt, die imstande sind, jedem leichtsinnigen Buerger unversteuerte Waren in den Schornstein zu werfen, wie sie nur wollen? - Darum, gnaedigster Herr, - sowie die Aufklaerung angekuendigt wird, fort mit den Feen! - Ihre Palaeste werden umzingelt von der Polizei, man nimmt ihnen ihre gefaehrliche Habe und schafft sie als Vagabonden fort nach ihrem Vaterlande, welches, wie Sie, gnaedigster Herr, aus Tausendundeiner Nacht wissen werden, das Laendchen Dschinnistan ist." "Gehen Posten nach diesem Lande, Andres?" so fragte der Fuerst. "Zurzeit nicht," erwiderte Andres, "aber vielleicht laesst sich nach eingefuehrter Aufklaerung eine Journaliere dorthin mit Nutzen einrichten." - "Aber Andres," fuhr der Fuerst fort, "wird man unser Verfahren gegen die Feen nicht hart finden? - Wird das verwoehnte Volk nicht murren?" - "Auch dafuer," sprach Andres, "auch dafuer weiss ich ein Mittel. Nicht alle Feen, gnaedigster Herr, wollen wir fortschicken nach Dschinnistan, sondern einige im Lande behalten, sie aber nicht allein aller Mittel berauben, der Aufklaerung schaedlich zu werden, sondern auch zweckdienliche Mittel anwenden, sie zu nuetzlichen Mitgliedern des aufgeklaerten Staats umzuschaffen. Wollen sie sich nicht auf solide Heiraten einlassen, so moegen sie unter strenger Aufsicht irgendein nuetzliches Geschaeft treiben, Socken stricken fuer die Armee, wenn es Krieg gibt, oder sonst. Geben Sie acht, gnaedigster Herr, die Leute werden sehr bald an die Feen, wenn sie unter ihnen wandeln, gar nicht mehr glauben, und das ist das beste. So gibt sich alles etwanige Murren von selbst. - Was uebrigens die Utensilien der Feen betrifft, so fallen sie der fuerstlichen Schatzkammer heim, die Tauben und Schwaene werden als koestliche Braten in die fuerstliche Kueche geliefert, mit den gefluegelten Pferden kann man aber auch Versuche machen, sie zu kultivieren und zu bilden zu nuetzlichen Bestien, indem man ihnen die Fluegel abschneidet und sie zur Stallfuetterung gibt, die wir doch hoffentlich zugleich mit der Aufklaerung einfuehren werden." - Paphnutius war mit allen Vorschlaegen seines Ministers auf das hoechste zufrieden, und schon andern Tages wurde ausgefuehrt, was beschlossen war. An allen Ecken prangte das Edikt wegen der eingefuehrten Aufklaerung, und zu gleicher Zeit brach die Polizei in die Palaeste der Feen, nahm ihr ganzes Eigentum in Beschlag und fuehrte sie gefangen fort. Mag der Himmel wissen, wie es sich begab, dass die Fee Rosabelverde die einzige von allen war, die wenige Stunden vorher, ehe die Aufklaerung hereinbrach, Wind davon bekam und die Zeit nutzte, ihre Schwaene in Freiheit zu setzen, ihre magischen Rosenstoecke und andere Kostbarkeiten beiseite zu schaffen. Sie wusste naemlich auch, dass sie dazu erkoren war, im Lande zu bleiben, worin sie sich, wiewohl mit grossem Widerwillen, fuegte. Ueberhaupt konnten es weder Paphnutius noch Andres begreifen, warum die Feen, die nach Dschinnistan transportiert wurden, eine solche uebertriebene Freude aeusserten und ein Mal ueber das andere versicherten, dass ihnen an aller Habe, die sie zuruecklassen muessen, nicht das mindeste gelegen. "Am Ende," sprach Paphnutius entruestet, "am Ende ist Dschinnistan ein viel huebscherer Staat wie der meinige, und sie lachen mich aus mitsamt meinem Edikt und meiner Aufklaerung, die jetzt erst recht gedeihen soll!" - Der Geograph sollte mit dem Historiker des Reichs ueber das Land umstaendlich berichten. Beide stimmten darin ueberein, dass Dschinnistan ein erbaermliches Land sei, ohne Kultur, Aufklaerung, Gelehrsamkeit, Akazien und Kuhpocken, eigentlich auch gar nicht existiere. Schlimmeres koenne aber einem Menschen oder einem ganzen Lande wohl nicht begegnen, als gar nicht zu existieren. Paphnutius fuehlte sich beruhigt. Als der schoene blumige Hain, in dem der verlassene Palast der Fee Rosabelverde lag, umgehauen wurde, und beispielshalber Paphnutius selbst saemtlichen Bauerluemmeln im naechsten Dorfe die Kuhpocken eingeimpft hatte, passte die Fee dem Fuersten in dem Walde auf, durch den er mit dem Minister Andres nach seinem Schloss zurueckkehren wollte. Da trieb sie ihn mit allerlei Redensarten, vorzueglich aber mit einigen unheimlichen Kuntstueckchen, die sie vor der Polizei geborgen, dermassen in die Enge, dass er sie um des Himmels willen bat, doch mit einer Stelle des einzigen und daher besten Fraeuleinstifts im ganzen Lande vorliebzunehmen, wo sie, ohne sich an das Aufklaerungsedikt zu kehren, schalten und walten koenne nach Belieben. Die Fee Rosabelverde nahm den Vorschlag an und kam auf diese Weise in das Fraeuleinstift, wo sie sich, wie schon erzaehlt worden, das Fraeulein von Rosengruenschoen, dann aber, auf dringendes Bitten des Baron Praetextatus von Mondschein, das Fraeulein von Rosenschoen nannte. Zweites Kapitel Von der unbekannten Voelkerschaft, die der Gelehrte Ptolomaeus Philadelphus auf seinen Reisen entdeckte. - Die Universitaet Kerepes. - Wie dem Studenten Fabian ein Paar Reitstiefel um den Kopf flogen und der Professor Mosch Terpin den Studenten Balthasar zum Tee einlud. In den vertrauten Briefen, die der weltberuehmte Gelehrte Ptolomaeus Philadelphus an seinen Freund Rufin schrieb, als er sich auf weiten Reisen befand, ist folgende merkwuerdige Stelle enthalten: "Du weisst, mein lieber Rufin, dass ich nichts in der Welt so fuerchte und scheue, als die brennenden Sonnenstrahlen des Tages, welche die Kraefte meines Koerpers aufzehren und meinen Geist dermassen abspannen und ermatten, dass alle Gedanken in ein verworrenes Bild zusammenfliessen und ich vergebens darnach ringe, auch nur irgendeine deutliche Gestaltung in meiner Seele zu erfassen. Ich pflege daher in dieser heissen Jahreszeit des Tages zu ruhen, nachts aber meine Reise fortzusetzen, und so befand ich mich dann auch in voriger Nacht auf der Reise. Mein Fuhrmann hatte sich in der dicken Finsternis von dem rechten, bequemen Wege verirrt und war unversehens auf die Chaussee geraten. Ungeachtet ich aber durch die harten Stoesse, die es hier gab, in dem Wagen hin und her geschleudert wurde, so dass mein Kopf voller Beulen einem mit Walnuessen gefuellten Sack nicht unaehnlich war, erwachte ich doch aus dem tiefen Schlafe, in den ich versunken, nicht eher, bis ich mit einem entsetzlichen Ruck aus dem Wagen heraus auf den harten Boden stuerzte. Die Sonne schien mir hell ins Gesicht, und durch den Schlagbaum, der dicht vor mir stand, gewahrte ich die hohen Tuerme einer ansehnlichen Stadt. Der Fuhrmann lamentierte sehr, da nicht allein die Deichsel, sondern auch ein Hinterrad des Wagens an dem grossen Stein, der mitten auf der Chaussee lag, gebrochen, und schien sich wenig oder gar nicht um mich zu kuemmern. Ich hielt, wie es dem Weisen ziemt, meinen Zorn zurueck und rief dem Kerl bloss sanftmuetig zu, er sei ein verfluchter Schlingel, er moege bedenken, dass Ptolomaeus Philadelphus, der beruehmteste Gelehrte seiner Zeit, auf dem St- saesse, und Deichsel Deichsel und Rad Rad sein lassen. Du kennst, mein lieber Rufin, die Gewalt, die ich ueber das menschliche Herz uebe, und so geschah es denn auch, dass der Fuhrmann augenblicklich aufhoerte zu lamentieren und mir mit Huelfe des Chausseeinnehmers, vor dessen Haeuslein sich der Unfall begeben, auf die Beine half. Ich hatte zum Glueck keinen sonderlichen Schaden gelitten und war imstande, langsam auf der Strasse fortzuwandeln, waehrend der Fuhrmann den zerbrochenen Wagen muehsam nachschleppte. Unfern des Tors der Stadt, die ich in blauer Ferne gesehen, begegneten mir nun aber viele Leute von solch wunderlichem Wesen und in solch seltsamer Kleidung, dass ich mir die Augen rieb, um zu erforschen, ob ich wirklich wache oder ob nicht vielleicht ein toller neckhafter Traum mich eben in ein fremdes fabelhaftes Land versetze. - Diese Leute, die ich mit Recht fuer Bewohner der Stadt, aus deren Tor ich sie kommen sah, halten durfte, trugen lange, sehr weite Hosen, nach Art der Japaneser zugeschnitten, von koestlichem Zeuge, Samt, Manchester, feinem Tuch oder auch wohl bunt durchwirkter Leinwand, mit Tressen oder huebschen Baendern und Schnueren reichlich besetzt, dazu kleine Kinderroecklein, kaum den Unterleib bedeckend, meistens von sonnenheller Farbe, nur wenige gingen schwarz. Die Haare hingen ungekaemmt in natuerlicher Wildheit auf Schultern und Ruecken herab, und auf dem Kopf sass ein kleines seltsames Muetzchen. Manche hatten den Hals ganz entbloesst nach der Weise der Tuerken und Neugriechen, andere dagegen trugen um Hals und Brust ein Stueckchen weisse Leinwand, beinahe einem Hemdekragen aehnlich, wie Du, geliebter Rufin, sie auf den Bildern unserer Vorfahren gesehen haben wirst. Ungeachtet diese Leute saemtlich sehr jung zu sein schienen, war doch ihre Sprache tief und rauh, jede ihrer Bewegungen ungelenk, und mancher hatte einen schmalen Schatten unter der Nase, als sitze dort ein Stutzbaertchen. Aus den Hinterteilen der kleinen Roecke mancher ragte ein langes Rohr hervor, an dem grosse seidene Quasten baumelten. Andere hatten diese Roehre hervorgezogen und kleine - groessere - manchmal auch sehr grosse wunderlich geformte Koepfe unten daran befestigt, aus denen sie, oben durch ein ganz spitz zulaufendes Roehrchen hineinblasend, auf geschickte Weise kuenstliche Dampfwolken aufsteigen zu lassen wussten. Andre trugen breite blitzende Schwerter in den Haenden, als wollten sie dem Feinde entgegenziehen; noch andere hatten kleine Behaeltnisse von Leder oder Blech umgehaengt oder ueber den Ruecken geschnallt. Du kannst denken, lieber Rufin, dass ich, der ich durch sorgliches Betrachten jeder mir neuen Erscheinung mein Wissen zu bereichern suche, stillstand und mein Auge fest auf die seltsamen Leute heftete. Da versammelten sie sich um mich her, schrien ganz gewaltig: 'Philister - Philister!' - und schlugen eine entsetzliche Lache auf. - Das verdross mich. Denn, geliebter Rufin, gibt es fuer einen grossen Gelehrten etwas Kraenkenderes, als fuer einen von dem Volke gehalten zu werden, das vor vielen tausend Jahren mittelst eines Eselkinnbackens erschlagen wurde? - Ich nahm mich zusammen in der mir angebornen Wuerde und sprach laut zu dem sonderbaren Volk um mich her, dass ich hoffe, mich in einem zivilisierten Staat zu befinden, und dass ich mich an Polizei und Gerichtshoefe wenden wuerde, um die mir zugefuegte Unbill zu raechen. Da brummten sie alle; auch die, die bisher noch nicht gedampft, zogen die dazu bestimmten Maschinen aus der Tasche, und alle bliesen mir die dicken Dampfwolken ins Gesicht, welche, wie ich nun erst merkte, ganz unertraeglich stanken und meine Sinne betaeubten. Dann spachen sie eine Art Fluch ueber mich aus, dessen Worte ich ihrer Graesslichkeit halber Dir, geliebter Rufin, gar nicht wiederholen mag. Nur mit tiefem Grausen kann ich selbst daran denken. Endlich verliessen sie mich unter lautem Hohngelaechter, und mir war's, als wenn das Wort: Hetzpeitsche in den Lueften verhalle! - Mein Fuhrmann, der alles mit angehoert, mit angesehen, rang die Haende und sprach: 'Ach mein lieber Herr! nun das geschehen ist, was geschah, so gehen Sie beileibe nicht in jene Stadt hinein! Kein Hund, wie man zu sagen pflegt, wuerde ein Stueck Brot von Ihnen nehmen und stete Gefahr Sie bedrohen, geprue-' Ich liess den Wackern nicht ausreden, sondern wandte meine Schritte so schnell, als es nur gehen mochte, nach dem naechsten Dorfe. In dem einsamen Kaemmerlein des einzigen Wirtshauses dieses Dorfes sitze ich und schreibe Dir, mein geliebter Rufin, dieses alles! - Soviel es moeglich ist, werde ich Nachrichten einziehen von dem fremden barbarischen Volke, das in jener Stadt hauset. Von ihren Sitten - Gebraeuchen - von ihrer Sprache u.s.w. habe ich mir schon manches hoechst Seltsame erzaehlen lassen und werde Dir getreulich alles mitteilen etc. etc." Du gewahrst, o mein geliebter Leser, dass man ein grosser Gelehrter und doch mit sehr gewoehnlichen Erscheinungen im Leben unbekannt sein, und doch ueber Weltbekanntes in die wunderlichsten Traeume geraten kann. Ptolomaeus Philadelphus hatte studiert und kannte nicht einmal Studenten und wusste nicht einmal, dass er in dem Dorfe Hoch-Jakobsheim sass, das bekanntlich dicht bei der beruehmten Universitaet Kerepes liegt, als er seinem Freunde von einer Begebenheit schrieb, die sich in seinem Kopfe zum seltsamsten Abenteuer umgeformt hatte. Der gute Ptolomaeus erschrak, als er Studenten begegnete, die froehlich und guter Dinge ueber Land zogen zu ihrer Lust. Welche Angst haette ihn ueberfallen, waere er eine Stunde frueher in Kerepes angekommen, und haette ihn der Zufall vor das Haus des Professors der Naturkunde Mosch Terpin gefuehrt! - Hunderte von Studenten haetten, aus dem Hause herausstroemend, ihn umringt, laermend disputierend etc., und noch wunderliche Traeume waeren ihm in den Kopf gekommen ueber diesem Gewirr, ueber diesem Getreibe. Die Kollegia Mosch Terpins wurden naemlich in ganz Kerepes am haeufigsten besucht. Er war, wie gesagt, Professor der Naturkunde, er erklaerte, wie es regnet, donnert, blitzt, warum die Sonne scheint bei Tage und der Mond des Nachts, wie und warum das Gras waechst etc., so dass jedes Kind es begreifen musste. Er hatte die ganze Natur in ein kleines niedliches Kompendium zusammengefasst, so dass er sie bequem nach Gefallen handhaben und daraus fuer jede Frage die Antwort wie aus einem Schubkasten herausziehen konnte. Seinen Ruf begruendete er zuerst dadurch, als er es nach vielen physikalischen Versuchen gluecklich herausgebracht hatte, dass die Finsternis hauptsaechlich von Mangel an Licht herruehre. Dies, sowie, dass er eben jene physikalischen Versuche mit vieler Gewandtheit in nette Kunststueckchen umzusetzen wusste und gar ergoetzlichen Hokuspokus trieb, verschaffte ihm den unglaublichen Zulauf. - Erlaube, mein guenstiger Leser, dass, da du da viel besser wie der beruehmte Gelehrte Ptolomaeus Philadelphus Studenten kennst, da du nichts von seiner traeumerischen Furchtsamkeit weist, ich dich nun nach Kerepes fuehre vor das Haus des Professors Mosch Terpin, als er eben sein Kollegium beendet. Einer unter den herausstroemenden Studenten fesselt sogleich deine Aufmerksamkeit. Du gewahrst einen wohlgestalteten Juengling von drei- bis vierundzwanzig Jahren, aus dessen dunkel leuchtenden Augen ein innerer reger, herrlicher Geist mit beredten Worten spricht. Beinahe keck wuerde sein Blick zu nennen sein, wenn nicht die schwaermerische Trauer, wie sie auf dem ganzen blassen Antlitz liegt, einem Schleier gleich die brennenden Strahlen verhuellte. Sein Rock von schwarzem feinen Tuch, mit gerissenem Samt besetzt, ist beinahe nach altteutscher Art zugeschnitten, wozu der zierliche blendendweisse Spitzenkragen, sowie das Samtbarett, das auf den schoenen kastanienbraunen Locken sitzt, ganz gut passt. Gar huebsch steht ihm diese Tracht deshalb, weil er seinem ganzen Wesen, seinem Anstande in Gang und Stellung, seiner bedeutungsvollen Gesichtsbildung nach wirklich einer schoenen frommen Vorzeit anzugehoeren scheint und man daher nicht eben an die Ziererei denken mag, wie sie in kleinlichem Nachaeffen missverstandener Vorbilder in ebenso missverstandenen Anspruechen der Gegenwart oft an der Tagesordnung ist. Dieser junge Mann, der dir, geliebter Leser, auf den ersten Blick so wohlgefaellt, ist niemand anders als der Student Balthasar, anstaendiger, vermoegender Leute Kind, fromm - verstaendig - fleissig - von dem ich dir, o mein Leser, in der merkwuerdigen Geschichte, die ich aufzuschreiben unternommen, gar vieles zu erzaehlen gedenke. - Ernst, in Gedanken vertieft, wie es seine Art war, wandelte Balthasar aus dem Kollegium des Professors Mosch Terpin dem Tore zu, um sich, statt auf den Fechtboden, in das anmutige Waeldchen zu begeben, das kaum ein paar hundert Schritte von Kerepes liegt. Sein Freund Fabian, ein huebscher Bursche von muntrem Ansehen und ebensolcher Gesinnung, rannte ihm nach und ereilte ihn dicht vor dem Tore. "Balthasar!" - rief nun Fabian laut, "Balthasar, nun, willst du wieder heraus in den Wald und wie ein melancholischer Philister einsam umherirren, waehrend tuechtige Burschen sich wacker ueben in der edlen Fechtkunst! - Ich bitte dich, Balthasar, lass doch endlich ab von deinem naerrischen, unheimlichen Treiben und sei wieder recht munter und froh, wie du es sonst wohl warst. Komm! - wir wollen uns in ein paar Gaengen versuchen, und willst du denn noch heraus, so lauf' ich wohl mit dir." "Du meinst es gut," erwiderte Balthasar, "du meinst es gut, Fabian, und deswegen will ich nicht mit dir grollen, dass du mir manchmal auf Steg und Weg nachlaeufst wie ein Besessener und mich um manche Lust bringst, von der du keinen Begriff hast. Du gehoerst nun einmal zu den seltsamen Leuten, die jeden, den sie einsam wandeln sehn, fuer einen melancholischen Narren halten und ihn auf ihre Weise handhaben und kurieren wollen, wie jener Hofschranz den wuerdigen Prinzen Hamlet, der dem Maennlein dann, als er versicherte, sich nicht auf das Floetenblasen zu verstehen, eine tuechtige Lehre gab. Damit will ich dich, lieber Fabian, nun zwar verschonen, uebrigens dich aber recht herzlich bitten, dass du dir zu deiner edlen Fechterei mit Rapier und Hieber einen andern Kumpan suchen und mich ruhig meinen Weg fortwandeln lassen moegest." "Nein, nein," rief Fabian lachend, "so entkommst du mir nicht, mein teurer Freund! - Willst du mit mir nicht auf den Fechtboden, so gehe ich mit dir heraus in das Waeldchen. Es ist die Pflicht des treuen Freundes, dich in deinem Truebsinn aufzuheitern. Komm nur, lieber Balthasar, komm nur, wenn du es denn nicht anders haben willst." Damit fasste er den Freund unter den Arm und schritt ruestig mit ihm von dannen. Balthasar biss in stillem Ingrimm die Zaehne zusammen und beharrte in finsterm Schweigen, waehrend Fabian in einem Zuge Lustiges und Lustiges erzaehlte. Es lief viel Albernes mit unter, welches immer zu geschehen pflegt beim lustigen Erzaehlen in einem Zuge. Als sie nun endlich in die kuehlen Schatten des duftenden Waldes traten, als die Buesche wie in sehnsuechtigen Seufzern fluesterten, als die wunderbaren Melodien der rauschenden Baeche, die Lieder des Waldgefluegels fernhin toenten und den Widerhall weckten, der ihnen aus den Bergen antwortete, da stand Balthasar ploetzlich still und rief, indem er die Arme weit ausbreitete, als woll' er Baum und Gebuesch liebend umfangen: "O, nun ist mir wieder wohl! - unbeschreiblich wohl!" - Fabian schaute den Freund etwas verbluefft an, wie einer, der nicht klug werden kann aus des andern Rede, der gar nicht weiss, was er damit anfangen soll. Da fasste Balthasar seine Hand und rief voll Entzuecken: "Nicht wahr, Bruder, nun geht dir auch das Herz auf, nun begreifst du auch das selige Geheimnis der Waldeinsamkeit?" - "Ich verstehe dich nicht ganz, lieber Bruder," erwiderte Fabian, "aber wenn du meinst, dass dir ein Spaziergang hier im Walde wohl tut, so bin ich voellig deiner Meinung. Gehe ich nicht auch gern spazieren, zumal in guter Gesellschaft, in der man ein vernuenftiges lehrreiches Gespraech fuehren kann? - Z.B. ist es wohl eine wahre Lust, mit unserm Professor Mosch Terpin ueber Land zu gehen. Der kennt jedes Pflaenzchen, jedes Graeschen und weiss, wie es heisst mit Namen und in welche Klasse es gehoert, und versteht sich auf Wind und Wetter -" "Halt ein," rief Balthasar, "ich bitte dich, halt ein! - Du beruehrst etwas, das mich toll machen koennte, gaeb' es sonst keinen Trost dafuer. Die Art, wie der Professor ueber die Natur spricht, zerreisst mein Inneres. Oder vielmehr, mich fasst dabei ein unheimliches Grauen, als saeh' ich den Wahnsinnigen, der in geckenhafter Narrheit Koenig und Herrscher ein selbst gedrehtes Strohpueppchen liebkost, waehnend, die koenigliche Braut zu umhalsen! Seine sogenannten Experimente kommen mir vor wie eine abscheuliche Verhoehnung des goettlichen Wesens, dessen Atem uns in der Natur anweht und in unserm innersten Gemuet die tiefsten heiligsten Ahnungen aufregt. Oft gerat' ich in Versuchung, ihm seine Glaeser, seine Phiolen, seinen ganzen Kram zu zerschmeissen, daecht' ich nicht daran, dass der Affe ja nicht ablaesst mit dem Feuer zu spielen, bis er sich die Pfoten verbrennt. - Sieh, Fabian, diese Gefuehle aengstigen mich, pressen mir das Herz zusammen in Mosch Terpins Vorlesungen, und wohl mag ich euch dann tiefsinniger und menschenscheuer vorkommen als jemals. Mir ist dann zumute, als wollten die Haeuser ueber meinem Kopf zusammenstuerzen, eine unbeschreibliche Angst treibt mich heraus aus der Stadt. Aber hier, hier erfuellt bald mein Gemuet eine suesse Ruhe. Auf den blumigen Rasen gelagert, schaue ich herauf in das weite Blaue des Himmels, und ueber mir, ueber den jubelnden Wald hinweg ziehen die goldnen Wolken wie herrliche Traeume aus einer fernen Welt voll seliger Freuden! - O mein Fabian, dann erhebt sich aus meiner eignen Brust ein wunderbarer Geist, und ich vernehm' es, wie er in geheimnisvollen Worten spricht mit den Bueschen - mit den Baeumen, mit den Wogen des Waldbachs, und nicht vermag ich die Wonne zu nennen, die dann in suessem wehmuetigen Bangen mein ganzes Wesen durchstroemt!" - "Ei," rief Fabian, "ei, das ist nun wieder das alte ewige Lied von Wehmut und Wonne und sprechenden Baeumen und Waldbaechen. Alle deine Verse strotzen von diesen artigen Dingen, die ganz passabel ins Ohr fallen und mit Nutzen verbraucht werden, sobald man nichts weiter dahinter sucht. - Aber sage mir, mein vortrefflichster Melancholikus, wenn dich Mosch Terpins Vorlesungen in der Tat so entsetzlich kraenken und aergern, sage mir nur, warum in aller Welt du in jede hineinlaeufst, warum du keine einzige versaeumst und dann freilich jedesmal stumm und starr mit geschlossen Augen dasitzest wie ein Traeumender?" - "Frage mich," erwiderte Balthasar, indem er die Augen niederschlug, "frage mich darum nicht, lieber Freund! - Eine unbekannte Gewalt zieht mich jeden Morgen hinein in Mosch Terpins Haus. Ich fuehle im voraus meine Qualen, und doch kann ich nicht widerstehen, ein dunkles Verhaengnis reisst mich fort!" - "Ha - ha," - lachte Fabian hell auf, "ha ha ha - wie fein - wie poetisch, wie mystisch! Die unbekannte Gewalt, die dich hineinzieht in Mosch Terpins Haus, liegt in den dunkelblauen Augen der schoenen Candida! - Dass du bis ueber die Ohren verliebt bist in des Professors niedliches Toechterlein, das wissen wir alle laengst, und darum halten wir dir deine Fantasterei, dein naerrisches Wesen zugute. Mit Verliebten ist es nun nicht anders. Du befindest dich im ersten Stadium der Liebeskrankheit und musst in spaeten Juenglingsjahren dich zu all den seltsamen Possen bequemen, die wir, ich und viele andere, dem Himmel sei es gedankt! ohne ein grosses zuschauendes Publikum auf der Schule durchmachten. Aber glaube mir, mein suesses Herz -" Fabian hatte indessen seinen Freund Balthasar wieder beim Arme gefasst und war mit ihm rasch weitergeschritten. Eben jetzt traten sie heraus aus dem Dickicht auf den breiten Weg, der mitten durch den Wald fuehrte. Da gewahrte Fabian, wie aus der Ferne ein Pferd ohne Reiter, in eine Staubwolke gehuellt, herantrabte. - "Hei, hei!" rief er, sich in seiner Rede unterbrechend, "hei, hei, da ist eine verfluchte Schindmaehre durchgegangen und hat ihren Reiter abgesetzt - die muessen wir fangen und nachher den Reiter suchen im Walde." Damit stellte er sich mitten in den Weg. Naeher und naeher kam das Pferd, da war es, als wenn von beiden Seiten ein Paar Reitstiefel in der Luft auf und nieder baumelten und auf dem Sattel etwas Schwarzes sich rege und bewege. Dicht vor Fabian erschallte ein langes gellendes Prrr - Prrr - und in demselben Augenblick flogen ihm auch ein Paar Reitstiefel um den Kopf, und ein kleines seltsames, schwarzes Ding kugelte hin, ihm zwischen die Beine. Mauerstill stand das grosse Pferd und beschnueffelte mit lang vorgestrecktem Halse sein winziges Herrlein, das sich im Sande waelzte und endlich muehsam auf die Beine richtete. Dem kleinen Knirps steckte der Kopf tief zwischen den hohen Schultern, er war mit seinem Auswuchs auf Brust und Ruecken, mit seinem kurzen Leibe und seinen hohen Spinnenbeinchen anzusehen wie ein auf eine Gabel gespiesster Apfel, dem man ein Fratzengesicht eingeschnitten. Als nun Fabian dies seltsame kleine Ungetuem vor sich stehen sah, brach er in ein lautes Gelaechter aus. Aber der Kleine drueckte sich das Barettlein, das er vom Boden aufgerafft, trotzig in die Augen und fragte, indem er Fabian mit wilden Blicken durchbohrte, in rauhem, tief heiserem Ton: "Ist dies der rechte Weg nach Kerepes?" - "Ja, mein Herr!" antwortete Balthasar mild und ernst und reichte dem Kleinen die Stiefel hin, die er zusammengesucht hatte. Alles Muehen des Kleinen, die Stiefel anzuziehen, blieb vergebens, er stuelpte einmal uebers andere um und waelzte sich stoehnend im Sande. Balthasar stellte beide Stiefel aufrecht zusammen, hob den Kleinen sanft in die Hoehe und steckte, ihn ebenso niederlassend, beide Fuesschen in die zu schwere und weite Futterale. Mit stolzem Wesen, die eine Hand in die Seite gestemmt, die andere ans Barett gelegt, rief der Kleine: "Gratias, mein Herr!" und schritt nach dem Pferde hin, dessen Zuegel er fasste. Alle Versuche, den Steigbuegel zu erreichen oder hinaufzuklimmen auf das grosse Tier, blieben indessen vergebens. Balthasar, immer ernst und mild, trat hinzu und hob den Kleinen in den Steigbuegel. Er mochte sich wohl einen zu starken Schwung gegeben haben, denn in demselben Augenblick, als er oben sass, lag er auf der andern Seite auch wieder unten. "Nicht so hitzig, allerliebster Mosje!" rief Fabian, indem er aufs neue in ein schallendes Gelaechter ausbrach. "Der Teufel ist Ihr allerliebster Mosje," schrie der Kleine ganz erbost, indem er sich den Sand von den Kleidern klopfte, "ich bin Studiosus, und wenn Sie desgleichen sind, so ist es Tusch, dass Sie mir wie ein Hasenfuss ins Gesicht lachen, und Sie muessen sich morgen in Kerepes mit mir schlagen!" "Donner," rief Fabian immerfort lachend, "Donner, das ist mal ein tuechtiger Bursche, ein Allerweltskerl, was Courage betrifft und echten Komment". Und damit hob er den Kleinen, alles Zappelns und Straeubens ungeachtet, in die Hoehe und setzte ihn aufs Pferd, das sofort mit seinem Herrlein lustig wiehernd davontrabte. - Fabian hielt sich beide Seiten, er wollte vor Lachen ersticken. - "Es ist grausam," sprach Balthasar, "einen Menschen auszulachen, den die Natur auf solche entsetzliche Weise verwahrlost hat, wie den kleinen Reiter dort. Ist er wirklich Student, so musst du dich mit ihm schlagen, und zwar, laeuft's auch sonst gegen alle akademische Sitte, auf Pistolen, da er weder Rapier noch Hieber zu fuehren vermag." - "Wie ernst," sprach Fabian, "wie ernst, wie truebselig du das alles wieder nimmst, mein lieber Freund Balthasar. Nie ist's mir eingefallen, eine Missgeburt auszulachen. Aber sage mir, darf solch ein knorpliger Daeumling sich auf ein Pferd setzen, ueber dessen Hals er nicht wegzuschauen vermag? Darf er die Fuesslein in solch verrucht weite Stiefeln stecken? darf er eine knapp anschliessende Kurtka mit tausend Schnueren und Troddeln und Quasten, darf er solch ein verwunderliches Samtbarett tragen? darf er solch ein hochmuetiges, trotziges Wesen annehmen? darf er sich solche barbarische heisere Laute abzwingen? - Darf er das alles, frage ich, ohne mit Recht als eingefleischter Hasenfuss ausgelacht zu werden? - Aber ich muss hinein, ich muss den Rumor mit anschauen, den es geben wird, wenn der ritterliche Studiosus einzieht auf seinem stolzen Rosse! Mit dir ist doch heute einmal nichts anzufangen! - Gehab' dich wohl!" - Spornstreichs rannte Fabian durch den Wald nach der Stadt zurueck. - Balthasar verliess den offenen Weg und verlor sich in das dichteste Gebuesch, da sank er hin auf einen Moossitz, erfasst, ja ueberwaeltigt von den bittersten Gefuehlen. Wohl mocht' es sein, dass er die holde Candida wirklich liebte, aber er hatte diese Liebe wie ein tiefes, zartes Geheimnis in dem Innersten seiner Seele vor allen Menschen, ja vor sich selbst verschlossen. Als nun Fabian so ohne Hehl, so leichtsinnig darueber sprach, war es ihm, als rissen rohe Haende in frechem Uebermut die Schleier von dem Heiligenbilde herab, die zu beruehren er nicht gewagt, als muesse nun die Heilige auf ihn selbst ewig zuernen. Ja, Fabians Worte schienen ihm eine abscheuliche Verhoehnung seines ganzen Wesens, seiner suessesten Traeume. "Also," rief er in Uebermass seines Unmuts aus, "also fuer einen verliebten Gecken haeltst du mich, Fabian! - fuer einen Narren, der in Mosch Terpins Vorlesungen laeuft, um wenigstens eine Stunde hindurch mit der schoenen Candida unter einem Dache zu sein, der in dem Walde einsam umherstreift, um auf elende Verse zu sinnen an die Geliebte und sie noch erbaermlicher aufzuschreiben, der die Baeume verdirbt, alberne Namenszuege in ihre glatten Rinden einschneidend, der in Gegenwart des Maedchens kein gescheutes Wort zu Markte bringt, sondern nur seufzt und aechzt und weinerliche Gesichter schneidet, als litt' er an Kraempfen, der verwelkte Blumen, die sie am Busen trug, oder gar den Handschuh, den sie verlor, auf der blossen Brust traegt - kurz, der tausend kindische Torheiten begeht! - Und darum, Fabian, neckst du mich, und darum lachen mich wohl alle Burschen aus, und darum bin ich samt der innern Welt, die mir aufgegangen, vielleicht ein Gegenstand der Verspottung. - Und die holde - liebliche herrliche Candida -" Als er diesen Namen aussprach, fuhr es ihm durchs Herz wie ein gluehender Dolchstich! - Ach! - eine innere Stimme fluesterte ihm in dem Augenblick sehr vernehmlich zu, dass er ja nur eben Candidas wegen in Mosch Terpins Haus gehe, dass er Verse mache an die Geliebte, dass er ihre Namen einschneide in das Laubholz, dass er in ihrer Gegenwart verstumme, seufze, aechze, dass er verwelkte Blumen, die sie verlor, auf der Brust trage, dass er mithin ja wirklich in alle Torheiten verfalle, wie sie ihm Fabian nur vorruecken koenne. - Erst jetzt fuehlte er es recht, wie unaussprechlich er die schoene Candida liebe, aber auch zugleich, dass seltsam genug sich die reinste innigste Liebe im aeussern Leben etwas geckenhaft gestalte, welches wohl der tiefen Ironie zuzurechnen, die die Natur in alles menschliche Treiben gelegt. Er mochte recht haben, ganz unrecht war es indessen, dass er sich darueber sehr zu aergern begann. Traeume, die ihn sonst umfingen, waren verloren, die Stimmen des Waldes klangen ihm wie Hohn und Spott, er rannte zurueck nach Kerepes. "Herr Balthasar - mon cher Balthasar" - rief es ihn an. Er schlug den Blick auf und blieb festgezaubert stehen, denn ihm entgegen kam der Professor Mosch Terpin, der seine Tochter Candida am Arme fuehrte. Candida begruesste den zur Bildsaeule Erstarrten mit der heitern freundlichen Unbefangenheit, die ihr eigen. "Balthasar, mon cher Balthasar," rief der Professor, "Sie sind in der Tat der fleissigste, mir der liebste von meinen Zuhoerern! - O mein Bester, ich merk' es Ihnen an, Sie lieben die Natur mit all ihren Wundern, wie ich, der ich einen wahren Narren daran gefressen! - Gewiss wieder botanisiert in unserm Waeldchen! - Was Erspriessliches gefunden? - Nun! - lassen Sie uns naehere Bekanntschaft machen. - Besuchen Sie mich - jederzeit willkommen - Koennen zusammen experimentieren - Haben Sie schon meine Luftpumpe gesehen? - Nun! - mon cher - morgen abend versammelt sich ein freundschaftlicher Zirkel in meinem Hause, welcher Tee mit Butterbrot konsumieren und sich in angenehmen Gespraechen erlustigen wird, vermehren Sie ihn durch Ihre werte Person - Sie werden einen sehr anziehenden jungen Mann kennen lernen, der mir ganz besonders empfohlen - Bon soir, mon cher - Guten Abend, Vortrefflicher - a revoir - Auf Wiedersehen! - Sie kommen doch morgen in die Vorlesung? - Nun - mon cher, Adieu!" - Ohne Balthasars Antwort abzuwarten, schritt der Professor Mosch Terpin mit seiner Tochter von dannen. Balthasar hatte in seiner Bestuerzung nicht gewagt, die Augen aufzuschlagen, aber Candidas Blicke brannten hinein in seine Brust, er fuehlte den Hauch ihres Atems, und suesse Schauer durchbebten sein innerstes Wesen. Entnommen war ihm aller Unmut, er schaute voll Entzuecken der holden Candida nach, bis sie in den Laubgaengen verschwand. Dann kehrte er langsam in den Wald zurueck, um herrlicher zu traeumen als jemals. Drittes Kapitel Wie Fabian nicht wusste, was er sagen sollte. - Candida und Jungfrauen, die nicht Fische essen duerfen. - Mosch Terpins literarischer Tee. - Der junge Prinz. Fabian gedachte, als er den Richtsteig quer durch den Wald lief, dem kleinen wunderlichen Knirps, der vor ihm davongetrabt, doch wohl noch zuvorzukommen. Er hatte sich geirrt, denn aus dem Gebuesch heraustretend, gewahrte er ganz in der Ferne, wie noch ein anderer stattlicher Reiter sich zu dem Kleinen gesellte und wie nun beide in das Tor von Kerepes hineinritten. - "Hm!" sprach Fabian zu sich selbst, "ist der Nussknacker auf seinem grossen Pferde auch schon vor mir angelangt, so komme ich doch noch zeitig genug zu dem Spektakel, den es geben wird bei seiner Ankunft. Ist das seltsame Ding wirklich ein Studiosus, so weiset man nach dem 'Gefluegelten Ross' und haelt er dort an mit seinem gellenden _Prr_ - _Prr!_ - und wirft die Reitstiefel voran und sich selbst nach und tut, wenn die Bursche lachen, wild und trotzig - nun! dann ist das tolle Possenspiel fertig!" - Als Fabian nun die Stadt erreicht, glaubte er in den Strassen, auf dem Wege nach dem "Gefluegelten Ross" lauter lachenden Gesichtern zu begegnen. Dem war aber nicht so. Alle Leute gingen ruhig und ernst vorueber. Ebenso ernsthaft spazierten auf dem Platz vor dem "Gefluegelten Ross" mehrere Akademiker, die sich dort versammelt, miteinander sprechend, auf und nieder. Fabian war ueberzeugt, dass der Kleine wenigstens hier nicht angekommen sein muesse, da gewahrte er, einen Blick ins Tor des Gasthauses werfend, dass soeben das sehr kennbare Pferd des Kleinen nach dem Stall gefuehrt wurde. Auf den ersten besten seiner Bekannten sprang er nun los und fragte, ob denn nicht ein ganz seltsamer wunderlicher Knirps herangetrabt sei. - Der, den Fabian fragte, wusste ebensowenig etwas davon als die uebrigen, denen Fabian nun erzaehlte, was sich mit ihm und dem Daeumling, der ein Student sein wollen, begeben. Alle lachten sehr, versicherten indessen, dass ein solches Ding, wie das, was er beschreibe, keineswegs angelangt. Wohl waeren aber vor kaum zehn Minuten zwei sehr stattliche Reiter auf schoenen Pferden im Gasthause zum "Gefluegelten Ross" abgestiegen. "Sass der eine von ihnen auf dem Pferde, das eben nach dem Stall gefuehrt wurde?" so fragte Fabian. "Allerdings," erwiderte einer, "allerdings. Der, der auf jenem Pferde sass, war von etwas kleiner Statur, aber von zierlichem Koerperbau, angenehmen Gesichtszuegen und hatte die schoensten Lockenhaare, die man sehen kann. Dabei zeigte er sich als den vortrefflichsten Reiter, denn er schwang sich mit einer Behendigkeit, mit einem Anstande vom Pferde herab, wie der erste Stallmeister unseres Fuersten." - "Und," rief Fabian, "und verlor nicht die Reitstiefel und kugelte euch nicht vor die Fuesse?" - "Gott behuete," erwiderten alle einstimmig, "Gott behuete! - was denkst du Bruder! solch ein tuechtiger Reiter wie der Kleine!" - Fabian wusste gar nicht, was er sagen sollte. Da kam Balthasar die Strasse herab. Auf den stuerzte Fabian los, zog ihn heran und erzaehlte, wie der kleine Knirps, der ihnen vor dem Tor begegnet und vom Pferde herabgefallen, hier eben angekommen sei und von allen fuer einen schoenen Mann von zierlichem Gliederbau und fuer den vortrefflichsten Reiter gehalten werde. "Du siehst," erwiderte Balthasar ernst und gelassen, "du siehst, lieber Bruder Fabian, dass nicht alle so wie du ueber unglueckliche, von der Natur verwahrloste Menschen lieblos spottend herfallen." - "Aber du mein Himmel," fiel ihm Fabian ins Wort, "hier ist ja gar nicht von Spott und Lieblosigkeit die Rede, sondern nur davon, ob ein drei Fuss hohes Kerlein, der einem Rettich gar nicht unaehnlich, ein schoener zierlicher Mann zu nennen?" - Balthasar musste, was Wuchs und Ansehen des kleinen Studenten betraf, Fabians Aussage bestaetigen. Die andern versicherten, dass der kleine Reiter ein huebscher zierlicher Mann sei, wogegen Fabian und Balthasar fortwaehrend behaupteten, sie haetten nie einen scheusslicheren Daeumling erblickt. Dabei blieb es, und alle gingen voll Verwunderung auseinander. Der spaete Abend brach ein, die beiden Freunde begaben sich zusammen nach ihrer Wohnung. Da fuhr es dem Balthasar, selbst wusste er nicht wie, heraus, dass er dem Professor Mosch Terpin begegnet, der ihn auf den folgenden Abend zu sich geladen. "Ei, du gluecklicher," rief Fabian, "ei, du uebergluecklicher Mensch! - da wirst du dein Liebchen, die huebsche Mamsell Candida, sehen, hoeren, sprechen!" - Balthasar, aufs neue tief verletzt, riss sich los von Fabian und wollte fort. Doch besann er sich, blieb stehen und sprach, seinen Verdruss mit Gewalt niederkaempfend: "Du magst recht haben, lieber Bruder, dass du mich fuer einen albernen verliebten Gecken haeltst, ich bin es vielleicht wirklich. Aber diese Albernheit ist eine tiefe schmerzhafte Wunde, die meinem Gemuet geschlagen, und die, auf unvorsichtige Weise beruehrt, im heftigeren Weh mich zu allerlei Tollheit aufreizen koennte. Darum, Bruder, wenn du mich wirklich lieb hast, so nenne mir nicht mehr den Namen Candida!" - "Du nimmst," erwiderte Fabian, "du nimmst, mein lieber Freund Balthasar, die Sache wieder entsetzlich tragisch, und anders laesst sich das auch in deinem Zustande nicht erwarten. Aber um mit dir nicht in allerlei haesslichen Zwiespalt zu geraten, verspreche ich, dass der Name Candida nicht eher ueber meine Lippen kommen soll, bis du selbst mir Gelegenheit dazu gibst. Nur so viel erlaube mir heute noch zu sagen, dass ich allerlei Verdruss vorausgehe, in den dich dein Verliebtsein stuerzen wird. Candida ist ein gar huebsches herrliches Maegdlein, aber zu deiner melancholischen, schwaermerischen Gemuetsart passt sie ganz und gar nicht. Wirst du naeher mit ihr bekannt, so wird ihr unbefangenes heitres Wesen dir Mangel an Poesie, die du ueberall vermissest, scheinen. Du wirst in allerlei wunderliche Traeumereien geraten, und das Ganze wird mit entsetzlichem eingebildeten Weh und genuegender Verzweiflung tumultuarisch enden. - Uebrigens bin ich ebenso wie du auf morgen zu unserm Professor eingeladen, der uns mit sehr schoenen Experimenten unterhalten wird! - Nun gute Nacht, fabelhafter Traeumer! Schlafe, wenn du schlafen kannst vor solch wichtigem Tage wie der morgende!" Damit verliess Fabian den Freund, der in tiefes Nachdenken versunken. - Fabian mochte nicht ohne Grund allerlei pathetische Ungluecksmomente voraussehen, die sich mit Candida und Balthasar wohl zutragen konnten; denn beider Wesen und Gemuetsart schien in der Tat Anlass genug dazu zu geben. Candida war, jeder musste das eingestehen, ein bildhuebsches Maedchen, mit recht ins Herz hinein strahlenden Augen und etwas aufgeworfenen Rosenlippen. Ob ihre uebrigens schoenen Haare, die sie in wunderlichen Flechten gar fantastisch aufzunesteln wusste, mehr blond oder mehr braun zu nennen, habe ich vergessen, nur erinnere ich mich sehr gut der seltsamen Eigenschaft, dass sie immer dunkler und dunkler wurden, je laenger man sie anschaute. Von schlankem hohen Wuchs, leichter Bewegung, war das Maedchen, zumal in lebenslustiger Umgebung, die Huld, die Anmut selbst, und man uebersah es bei so vielem koerperlichen Reiz sehr gern, dass Hand und Fuss vielleicht kleiner und zierlicher haetten gebaut sein koennen. Dabei hatte Candida Goethes "Wilhelm Meister", Schillers Gedichte und Fouques "Zauberring" gelesen und beinahe alles, was darin enthalten, wieder vergessen; spielte ganz passabel das Pianoforte, sang sogar zuweilen dazu; tanzte die neuesten Francaisen und Gavotten und schrieb die Waschzettel mit einer feinen leserlichen Hand. Wollte man durchaus an dem lieben Maedchen etwas aussetzen, so war es vielleicht, dass sie etwas zu tief sprach, sich zu fest einschnuerte, sich zu lange ueber einen neuen Hut freute und zuviel Kuchen zum Tee verzehrte. Ueberschwenglichen Dichtern war freilich noch vieles andere an der huebschen Candida nicht recht, aber was verlangen die auch alles. Fuers erste wollen sie, dass das Fraeulein ueber alles, was sie von sich verlauten lassen, in ein somnambueles Entzuecken gerate, tief seufze, die Augen verdrehe, gelegentlich auch wohl was weniges ohnmaechtle oder gar zurzeit erblinde als hoechste Stufe der weiblichsten Weiblichkeit. Dann muss besagtes Fraeulein des Dichters Lieder singen nach der Melodie, die ihm (dem Fraeulein) selbst aus dem Herzen gestroemt, augenblicklich aber davon krank werden und selbst auch wohl Verse machen, sich aber sehr schaemen, wenn es herauskommt, ungeachtet die Dame dem Dichter ihre Verse, auf sehr feinem wohlriechenden Papier mit zarten Buchstaben geschrieben, selbst in die Haende spielte, der dann auch seinerseits vor Entzuecken darueber erkrankt, welches ihm gar nicht zu verdenken ist. Es gibt poetische Aszetiker, die noch weiter gehen und es aller weiblichen Zartheit entgegen finden, dass ein Maedchen lachen, essen und trinken und sich zierlich nach der Mode kleiden sollte. Sie gleichen beinahe dem heiligen Hieronymus, der den Jungfrauen verbietet Ohrgehaenge zu tragen und Fische zu essen. Sie sollen, so gebietet der Heilige, nur etwas zubereitetes Gras geniessen, bestaendig hungrig sein, ohne es zu fuehlen, sich in grobe, schlecht genaehte Kleider huellen, die ihren Wuchs verbergen, vorzueglich aber eine Person zur Gefaehrtin waehlen, die ernsthaft, bleich, traurig und etwas schmutzig ist! - Candida war durch und durch ein heitres unbefangenes Wesen, deshalb ging ihr nichts ueber ein Gespraech, das sich auf den leichten luftigen Schwingen des unverfaenglichsten Humors bewegte. Sie lachte recht herzlich ueber alles Drollige; sie seufzte nie, als wenn Regenwetter ihr den gehofften Spaziergang verdarb oder, aller Vorsicht ungeachtet, der neue Shawl einen Fleck bekommen hatte. Dabei blickte, gab es wirklichen Anlass dazu, ein tiefes inniges Gefuehl hindurch, das nie in schale Empfindelei ausarten durfte, und so mochte mir und dir, geliebter Leser, die wir nicht zu den Ueberschwenglichen gehoeren, das Maedchen eben ganz recht sein. Sehr leicht konnte es mit Balthasar sich anders verhalten! - Doch bald muss es sich ja wohl zeigen, inwiefern der prosaische Fabian richtig prophezeit hatte oder nicht! - Dass Balthasar vor lauter Unruhe, vor unbeschreiblichem suessen Bangen die ganze Nacht hindurch nicht schlafen konnte: was war natuerlicher als das. Ganz erfuellt von dem Bilde der Geliebten, setzte er sich hin an den Tisch und schrieb eine ziemliche Anzahl artiger wohlklingender Verse nieder, die in einer mystischen Erzaehlung von der Liebe der Nachtigall zur Purpurrose seinen Zustand schilderten. Die wollt' er mitnehmen in Mosch Terpins literarischen Tee und damit losfahren auf Candidas unbewahrtes Herz, wenn und wie es nur moeglich. Fabian laechelte ein wenig, als er, der Verabredung gemaess, zur bestimmten Stunde kam, um seinen Freund Balthasar abzuholen, und ihn zierlicher geputzt fand, als er ihn jemals gesehen. Er hatte einen gezackten Kragen von den feinsten Bruessler Kanten umgetan, sein kurzes Kleid mit geschlitzten Aermeln war von gerissenem Samt. Und dazu trug er franzoesische Stiefeln mit hohen spitzen Absaetzen und silbernen Fransen, einen englischen Hut vom feinsten Kastor und daenische Handschuhe. So war er ganz deutsch gekleidet, und der Anzug stand ihm ueber alle Massen gut, zumal er sein Haar schoen kraeuseln lassen und das kleine Stutzbaertchen wohl aufgekaemmt hatte. Das Herz bebte dem Balthasar vor Entzuecken, als in Mosch Terpins Hause Candida ihm entgegentrat, ganz in der Tracht der altdeutschen Jungfrau, freundlich, anmutig in Blick und Wort, im ganzen Wesen, wie man sie immer zu sehen gewohnt. "Mein holdseligstes Fraeulein!" seufzte Balthasar aus dem Innersten auf, als Candida, die suesse Candida selbst, eine Tasse dampfenden Tee ihm darbot. Candida schaute ihn aber an mit leuchtenden Augen und sprach: "Hier ist Rum und Maraschino, Zwieback und Pumpernickel, lieber Herr Balthasar, greifen Sie doch nur gefaelligst zu nach Ihrem Belieben!" Statt aber auf Rum und Maraschino, Zwieback oder Pumpernickel zu schauen oder gar zuzugreifen, konnte der begeisterte Balthasar den Blick voll schmerzlicher Wehmut der innigsten Liebe nicht abwenden von der holden Jungfrau und rang nach Worten, die aus tiefster Seele aussprechen sollten, was er eben empfand. Da fasste ihn aber der Professor der Aesthetik, ein grosser baumstarker Mann, mit gewaltiger Faust von hinten, drehte ihn herum, dass er mehr Teewasser auf den Boden verschuettete, als eben schicklich, und rief mit donnernder Stimme: "Bester Lukas Kranach, saufen Sie nicht das schnoede Wasser, Sie verderben sich den deutschen Magen total - dort im andern Zimmer hat unser tapfere Mosch eine Batterie der schoensten Flaschen mit edlem Rheinwein aufgepflanzt, die wollen wir sofort spielen lassen!" - Er schleppte den ungluecklichen Juengling fort. Doch aus dem Nebenzimmer trat ihnen der Professor Mosch Terpin entgegen, ein kleines, sehr seltsames Maennlein an der Hand fuehrend und laut rufend: "Hier, meine Damen und Herren, stelle ich Ihnen einen mit den seltensten Eigenschaften hochbegabten Juengling vor, dem es nicht schwer fallen wird, sich Ihr Wohlwollen, Ihre Achtung zu erwerben. Es ist der junge Herr Zinnober, der erst gestern auf unsere Universitaet gekommen und die Rechte zu studieren gedenkt!" - Fabian und Balthasar erkannten auf den ersten Blick den kleinen wunderlichen Knirps, der vor dem Tore ihnen entgegengesprengt und vom Pferde gestuerzt war. "Soll ich," sprach Fabian leise zu Balthasar, "soll ich denn noch das Alraeunchen herausfordern auf Blasrohr oder Schusterpfriem? Anderer Waffen kann ich mich doch nicht bedienen wider diesen furchtbaren Gegner." "Schaeme dich," erwiderte Balthasar, "schaeme dich, dass du den verwahrlosten Mann verspottest, der, wie du hoerst, die seltensten Eigenschaften besitzt und _so_ durch geistigen Wert das ersetzt, was die Natur ihm an koerperlichen Vorzuegen versagte." Dann wandte er sich zum Kleinen und sprach: "Ich hoffe nicht, bester Herr Zinnober, dass Ihr gestriger Fall vom Pferde etwa schlimme Folgen gehabt haben wird?" Zinnober hob sich aber, indem er einen kleinen Stock, den er in der Hand trug, hinten unterstemmte, auf den Fussspitzen in die Hoehe, so dass er dem Balthasar beinahe bis an den Guertel reichte, warf den Kopf in den Nacken, schaute mit wildfunkelnden Augen herauf und sprach in seltsam schnurrendem Basston: "Ich weiss nicht, was Sie wollen, wovon Sie sprechen, mein Herr! Vom Pferde gefallen? - _ich_ vom Pferde gefallen? - Sie wissen wahrscheinlich nicht, dass ich der beste Reiter bin, den es geben kann, dass ich niemals vom Pferde falle, dass ich als Freiwilliger unter den Kuerassieren den Feldzug mitgemacht und Offizieren und Gemeinen Unterricht gab im Reiten auf der Manege! - hm hm - vom Pferde fallen - ich vom Pferde fallen!" - Damit wollte er sich rasch umwenden, der Stock, auf den er sich gestuetzt, glitt aber aus, und der Kleine torkelte um und um, dem Balthasar vor die Fuesse. Balthasar griff herab nach dem Kleinen, ihm aufzuhelfen, und beruehrte dabei unversehens sein Haupt. Da stiess der Kleine einen gellenden Schrei aus, dass es im ganzen Saal widerhallte und die Gaeste erschrocken auffuhren von ihren Sitzen. Man umringte den Balthasar und fragte durcheinander, warum er denn um des Himmels willen so entsetzlich geschrieen. "Nehmen Sie es nicht uebel, bester Herr Balthasar," sprach der Professor Mosch Terpin, "aber das war ein etwas wunderlicher Spass. Denn wahrscheinlich wollten Sie uns doch glauben machen, es trete hier jemand einer Katze auf den Schwanz!" "Katze Katze - weg mit der Katze!" rief eine nervenschwache Dame und fiel sofort in Ohnmacht, und mit dem Geschrei: "Katze - Katze" - rannten ein paar alte Herren, die an derselben Idiosynkrasie litten, zur Tuere hinaus. Candida, die ihr ganzes Riechflaeschchen auf die ohnmaechtige Dame ausgegossen, sprach leise zu Balthasar: "Aber was richten Sie auch fuer Unheil an mit Ihrem haesslichen gellenden Miau, lieber Herr Balthasar!" Dieser wusste gar nicht, wie ihm geschah. Glutrot im ganzen Gesicht vor Unwillen und Scham, vermochte er kein Wort herauszubringen, nicht zu sagen, dass es ja der kleine Herr Zinnober und nicht _er_ gewesen, der so entsetzlich gemauzt. Der Professor Mosch Terpin sah des Juenglings schlimme Verlegenheit. Er nahte sich ihm freundlich und sprach: "Nun, nun, lieber Herr Balthasar, sein Sie doch nur ruhig. Ich habe wohl alles bemerkt. Sich zur Erde bueckend, auf allen Vieren huepfend, ahmten Sie den gemisshandelten grimmigen Kater herrlich nach. Ich liebe sonst sehr dergleichen naturhistorische Spiele, doch hier im literarischen Tee" - "Aber," platzte Balthasar heraus, "aber, vortrefflichster Herr Professor, ich war es ja nicht." - "Schon gut - schon gut," fiel ihm der Professor in die Rede. Candida trat zu ihnen. "Troeste mir," sprach der Professor zu dieser, "troeste mir doch den guten Balthasar, der ganz betreten ist ueber alles Unheil, was geschehen." Der gutmuetigen Candida tat der arme Balthasar, der ganz verwirrt mit niedergesenktem Blick vor ihr stand, herzlich leid. Sie reichte ihm die Hand und lispelte mit anmutigem Laecheln: "Es sind aber auch recht komische Leute, die sich so entsetzlich vor Katzen fuerchten." Balthasar drueckte Candidas Hand mit Inbrunst an die Lippen. Candida liess den seelenvollen Blick ihrer Himmelsaugen auf ihm ruhen. Er war verzueckt in den hoechsten Himmel und dachte nicht mehr an Zinnober und Katzengeschrei. - Der Tumult war vorueber, die Ruhe wieder hergestellt. Am Teetisch sass die nervenschwache Dame und genoss mehreren Zwieback, den sie in Rum tunkte, versichernd, an dergleichen erlabe sich das von feindlicher Macht bedrohte Gemuet, und dem jaehen Schreck folge sehnsuechtig Hoffen! - Auch die beiden alten Herren, denen draussen wirklich ein fluechtiger Kater zwischen die Beine gelaufen, kehrten beruhigt zurueck und suchten, wie mehrere andere, den Spieltisch. Balthasar, Fabian, der Professor der Aesthetik, mehrere junge Leute setzten sich zu den Frauen. Herr Zinnober hatte sich indessen eine Fussbank herangerueckt und war mittelst derselben auf das Sofa gestiegen, wo er nun in der Mitte zwischen zwei Frauen sass und stolze funkelnde Blicke um sich warf. Balthasar glaubte, dass der rechte Augenblick gekommen, mit seinem Gedicht von der Liebe der Nachtigall zur Purpurrose hervorzuruecken. Er aeusserte daher mit der gehoerigen Verschaemtheit, wie sie bei jungen Dichtern im Brauch ist, dass er, duerfe er nicht fuerchten, Ueberdruss und Langeweile zu erregen, duerfe er auf guetige Nachsicht der geehrten Versammlung hoffen, es wagen wolle, ein Gedicht, das juengste Erzeugnis seiner Muse, vorzulesen. Da die Frauen schon hinlaenglich ueber alles verhandelt, was sich Neues in der Stadt zugetragen, die Maedchen den letzten Ball bei dem Praesidenten gehoerig durchgesprochen und sogar ueber die Normalform der neuesten Huete einig worden, da die Maenner unter zwei Stunden nicht auf weitere Speis- und Traenkung rechnen durften, so wurde Balthasar einstimmig aufgefordert, der Gesellschaft ja den herrlichen Genuss nicht vorzuenthalten. Balthasar zog das sauber geschriebene Manuskript hervor und las. Sein eignes Werk, das in der Tat aus wahrhaftem Dichtergemuet mit voller Kraft, mit regem Leben hervorgestroemt, begeisterte ihn mehr und mehr. Sein Vortrag, immer leidenschaftlicher steigend, verriet die innere Glut des liebenden Herzens. Er bebte vor Entzuecken, als leise Seufzer - manches leise Ach - der Frauen, mancher Ausruf der Maenner: "Herrlich - vortrefflich - goettlich!" ihn ueberzeugten, dass sein Gedicht alle hinriss. Endlich hatte er geendet. Da riefen alle: "Welch ein Gedicht! - welche Gedanken - welche Fantasie - was fuer schoene Verse - welcher Wohlklang - Dank - Dank Ihnen, bester Herr Zinnober, fuer den goettlichen Genuss" - "Was? wie?" rief Balthasar; aber niemand achtete auf ihn, sondern stuerzte auf Zinnober zu, der sich auf dem Sofa blaehte wie ein kleiner Puter und mit widriger Stimme schnarchte: "Bitte recht sehr - bitte recht sehr - muessen so vorlieb nehmen! - ist eine Kleinigkeit, die ich erst vorige Nacht aufschrieb in aller Eil'!" - Aber der Professor der Aesthetik schrie: "Vortrefflicher - goettlicher Zinnober! Herzensfreund, ausser mir bist du der erste Dichter, den es jetzt gibt auf Erden! - Komm an meine Brust, schoene Seele!" - Damit riss er den Kleinen vom Sofa auf in die Hoehe und herzte und kuesste ihn. Zinnober betrug sich dabei sehr ungebaerdig. Er arbeitete mit den kleinen Beinchen auf des Professors dickem Bauch herum und quaekte: "Lass mich los - lass mich los - es tut mir weh - weh - weh ich kratz' dir die Augen aus - ich beiss' dir die Nase entzwei!" - "Nein," rief der Professor, indem er den Kleinen niedersetzte auf den Sofa, "nein, holder Freund, keine zu weit getriebene Bescheidenheit!" - Mosch Terpin war nun auch vom Spieltisch herangetreten, der nahm Zinnobers Haendchen, drueckte es und sprach sehr ernst: "Vortrefflich, junger Mann! - nicht zuviel, nein, nicht genug sprach man mir von dem hohen Genius, der Sie beseelt." "Wer ist's," rief nun wieder der Professor der Aesthetik in voller Begeisterung aus, "wer ist's von euch Jungfrauen, der dem herrlichen Zinnober sein Gedicht, das das innigste Gefuehl der reinsten Liebe ausspricht, lohnt durch einen Kuss?" Da stand Candida auf, nahete sich, volle Glut auf den Wangen, dem Kleinen, kniete nieder und kuesste ihn auf den garstigen Mund mit blauen Lippen. "Ja," schrie nun Balthasar, wie vom Wahnsinn ploetzlich erfasst, "ja, Zinnober - goettlicher Zinnober, du hast das tiefsinnige Gedicht gemacht von der Nachtigall und der Purpurrose, dir gebuehrt der herrliche Lohn, den du erhalten!" - Und damit riss er den Fabian ins Nebenzimmer hinein und sprach: "Tu mir den Gefallen und schaue mich recht fest an und dann sage mir offen und ehrlich, ob ich der Student Balthasar bin oder nicht, ob du wirklich Fabian bist, ob wir in Mosch Terpins Hause sind, ob wir im Traume liegen - ob wir naerrisch sind - zupfe mich an der Nase oder ruettle mich zusammen, damit ich nur erwache aus diesem verfluchten Spuk!" - "Wie magst," erwiderte Fabian, "wie magst du dich denn nur so toll gebaerden aus purer heller Eifersucht, weil Candida den Kleinen kuesste. Gestehen musst du doch selbst, dass das Gedicht, welches der Kleine vorlas, in der Tat vortrefflich war." - "Fabian," rief Balthasar mit dem Ausdruck des tiefsten Erstaunens, "was sprichst du denn?" "Nun ja," fuhr Fabian fort, "nun ja, das Gedicht des Kleinen war vortrefflich, und gegoennt hab' ich ihm Candidas Kuss. - Ueberhaupt scheint hinter dem seltsamen Maennlein allerlei zu stecken, das mehr wert ist als eine schoene Gestalt. Aber was auch selbst seine Figur betrifft, so kommt er mir jetzt nichts weniger als so abscheulich vor wie anfangs. Beim Ablesen des Gedichts verschoenerte die innere Begeisterung seine Gesichtszuege, so dass er mir oft ein anmutiger wohlgewachsener Juengling zu sein schien, ungeachtet er doch kaum ueber den Tisch hervorragte. Gib deine unnuetze Eifersucht auf, befreunde dich als Dichter mit dem Dichter!" "Was," schrie Balthasar voll Zorn, "was? - noch befreunden mit dem verfluchten Wechselbalge, den ich erwuergen moechte mit diesen Faeusten?" "So," sprach Fabian, "so verschliessest du dich denn aller Vernunft. Doch lass uns in den Saal zurueckkehren, wo sich etwas Neues begeben muss, da ich laute Beifallsrufe vernehme." Mechanisch folgte Balthasar dem Freunde in den Saal. Als sie eintraten, stand der Professor Mosch Terpin allein in der Mitte, die Instrumente noch in der Hand, womit er irgendein physikalisches Experiment gemacht, starres Staunen im Gesicht. Die ganze Gesellschaft hatte sich um den kleinen Zinnober gesammelt, der, den Stock untergestemmt, auf den Fussspitzen dastand und mit stolzem Blick den Beifall einnahm, der ihm von allen Seiten zustroemte. Man wandte sich wieder zum Professor, der ein anderes sehr artiges Kunststueckchen machte. Kaum war es fertig, als wiederum alle, den Kleinen umringend, riefen: "Herrlich - vortrefflich, lieber Herr Zinnober!" - Endlich sprang auch Mosch Terpin zu dem Kleinen hin und rief zehnmal staerker als die uebrigen: "Herrlich - vortrefflich, lieber Herr Zinnober!" Es befand sich in der Gesellschaft der junge Fuerst Gregor, der auf der Universitaet studierte. Der Fuerst war von der anmutigsten Gestalt, die man nur sehen konnte, und dabei war sein Betragen so edel und ungezwungen, dass sich die hohe Abkunft, die Gewohnheit, sich in den vornehmsten Kreisen zu bewegen, darin deutlich aussprach. Fuerst Gregor war es nun, der gar nicht von Zinnober wich und ihn als den herrlichsten Dichter, den geschicktesten Physiker ueber alle Massen lobte. Seltsam war die Gruppe, die beide, zusammenstehend, bildeten. Gegen den herrlich gestalteten Gregor stach gar wunderlich das winzige Maennlein ab, das mit hoch emporgereckter Nase sich kaum auf den duennen Beinchen zu erhalten vermochte. Alle Blicke der Frauen waren hingerichtet, aber nicht auf den Fuersten, sondern auf den Kleinen, der, sich auf den Fussspitzen hebend, immer wieder herabsank und so hinauf und hinunter wankte wie ein Cartesianisches Teufelchen. Der Professor Mosch Terpin trat zu Balthasar und sprach: "Was sagen Sie zu meinem Schuetzling, zu meinem lieben Zinnober? Viel steckt hinter dem Mann, und nun ich ihn so recht anschaue, ahne ich wohl die eigentliche Bewandtnis, die es mit ihm haben mag. Der Prediger, der ihn erzogen und mir empfohlen hat, drueckt sich ueber seine Abkunft sehr geheimnisvoll aus. Betrachten Sie aber nur den edlen Anstand, sein vornehmes, ungezwungenes Betragen. Er ist gewiss von fuerstlichem Gebluet, vielleicht gar ein Koenigssohn!" - In dem Augenblick wurde gemeldet, das Mahl sei angerichtet. Zinnober torkelte ungeschickt hin zur Candida, ergriff taeppisch ihre Hand und fuehrte sie nach dem Speisesaal. In voller Wut rannte der unglueckliche Balthasar durch die finstre Nacht, durch Sturmwind und Regen fort, nach Hause. Viertes Kapitel Wie der italienische Geiger Sbiocca den Herrn Zinnober in den Kontrabass zu werfen drohte, und der Referendarius Pulcher nicht zu auswaertigen Angelegenheiten gelangen konnte. - Von Maut-Offizianten und zurueckbehaltenen Wundern fuers Haus. - Balthasars Bezauberung durch einen Stockknopf. Auf einem hervorragenden bemoosten Gestein im einsamsten Walde sass Balthasar und schaute gedankenvoll hinab in die Tiefe, in der ein Bach schaeumend fortbrauste zwischen Felsstuecken und dicht verwachsenem Gestruepp. Dunkle Wolken zogen daher und tauchten nieder hinter den Bergen; das Rauschen der Baeume, der Gewaesser ertoente wie ein dumpfes Winseln, und dazwischen kreischten Raubvoegel, die aus dem finstern Dickicht aufstiegen in den weiten Himmelsraum und sich nachschwangen dem fliehenden Gewoelk. - Dem Balthasar war, als vernehme er in den wunderbaren Stimmen des Waldes die trostlose Klage der Natur, als muesse er selbst untergehen in dieser Klage, als sei sein ganzes Sein nur das Gefuehl des tiefsten unverwindlichsten Schmerzes. Das Herz wollte ihm springen vor Wehmut, und indem haeufige Traenen aus seinen Augen troepfelten, war es, als blickten die Geister des Waldstroms zu ihm herauf und streckten schneeweisse Arme empor aus den Wellen, ihn hinabzuziehen in den kuehlen Grund. Da schwebte aus weiter Ferne durch die Luefte daher heller froehlicher Hoernerklang und legte sich troestend an seine Brust, und die Sehnsucht erwachte in ihm und mit ihr suesses Hoffen. Er sah umher, und indem die Hoerner forttoenten, duenkten ihm die gruenen Schatten des Waldes nicht mehr so traurig, nicht mehr so klagend das Rauschen des Windes, das Fluestern der Gebuesche. Er kam zu Worten. "Nein," rief er aus, indem er aufsprang von seinem Sitz und mit leuchtendem Blick in die Ferne schaute, "nein, noch verschwand nicht alle Hoffnung! - Nur zu gewiss ist es, dass irgendein duestres Geheimnis, irgendein boeser Zauber verstoerend in mein Leben getreten ist, aber ich breche diesen Zauber, und sollt' ich darueber untergehen! Als ich endlich hingerissen, uebermannt von dem Gefuehl, das meine Brust zersprengen wollte, der holden, suessen Candida meine Liebe gestand, las ich denn nicht in ihren Blicken, fuehlte ich nicht an dem Druck ihrer Hand meine Seligkeit? - Aber sowie das verdammte kleine Ungetuem sich sehen laesst, ist ihm alle Liebe zugewandt. An ihr, der vermaledeiten Missgeburt, haengen Candidas Augen, und sehnsuechtige Seufzer entfliehen ihrer Brust, wenn der taeppische Junge sich ihr naehert oder gar ihre Hand beruehrt. - Es muss mit ihm irgendeine geheimnisvolle Bewandtnis haben, und sollt' ich an alberne Ammenmaerchen glauben, ich wuerde behaupten, der Junge sei verhext und koenne es, wie man zu sagen pflegt, den Leuten antun. Ist es nicht toll, dass alle ueber das missgestaltete, durch und durch verwahrloste Maennlein spotten und lachen und dann wieder, tritt der Kleine dazwischen, ihn als den verstaendigsten, gelehrtesten, ja wohlgestaltetsten Herrn Studiosum ausschreien, der sich eben unter uns befindet? - Was sage ich! geht es mir nicht beinahe selbst so, kommt es mir nicht auch oft vor, als sei Zinnober gescheut und huebsch? - Nur in Candidas Gegenwart hat der Zauber keine Macht ueber mich, da ist und bleibt Herr Zinnober ein dummes, abscheuliches Alraeunchen. - Doch! - ich stemme mich entgegen der feindlichen Macht, eine dunkle Ahnung ruht tief in meinem Innern, irgend etwas Unerwartetes werde mir die Waffe in die Hand geben wider den boesen Unhold!" - Balthasar suchte den Rueckweg nach Kerepes. In einem Baumgange fortwandernd, bemerkte er auf der Landstrasse einen kleinen bepackten Reisewagen, aus dem ihm jemand mit einem weissen Tuch freundlich zuwinkte. Er trat heran und erkannte Herrn Vincenzo Sbiocca, weltberuehmten Virtuosen auf der Geige, den er wegen seines vortrefflichen ausdrucksvollen Spiels ueber alle Massen hochschaetzte und bei dem er schon seit zwei Jahren Unterricht genommen. "Gut," rief Sbiocca, indem er aus dem Wagen sprang, "gut, mein lieber Herr Balthasar, mein teurer Freund und Schueler, gut, dass ich Sie hier noch treffe, um von Ihnen herzlichen Abschied nehmen zu koennen." "Wie," sprach Balthasar, "wie Herr Sbiocca, Sie verlassen doch nicht Kerepes, wo alles Sie ehrt und achtet, wo keiner Sie missen mag?" "Ja," erwiderte Sbiocca, indem ihm alle Glut des innern Zorns ins Gesicht trat, "ja, Herr Balthasar, ich verlasse einen Ort, in dem die Leute saemtlich naerrisch sind, der einem grossen Irrenhause gleicht. - Sie waren gestern nicht in meinem Konzert, da Sie ueber Land gegangen, sonst haetten Sie mir beistehen koennen gegen das rasende Volk, dem ich unterlegen." "Was ist geschehen, um tausend Himmels willen, was ist geschehen?" rief Balthasar. "Ich spiele," fuhr Sbiocca fort, "das schwierigste Konzert von Viotti. Es ist mein Stolz, meine Freude. Sie haben es von mir gehoert, es hat Sie nie unbegeistert gelassen. Gestern war ich, wohl mag ich es sagen, ganz vorzueglich bei guter Laune - anima mein' ich, heitren Geistes - spirito alato mein' ich. Kein Violinspieler auf der ganzen weiten Erde, Viotti selbst haette mir nicht nachgespielt. Als ich geendet, bricht der Beifall mit aller Wut los - furore mein' ich, wie ich erwartet. Geige unter dem Arm trete ich vor, mich hoeflichst zu bedanken. - Aber! was muss ich sehen, was muss ich hoeren! - Alles, ohne mich nur im mindesten zu beachten, draengt sich nach einer Ecke des Saals und schreit: 'Bravo - bravissimo, goettlicher Zinnober! - welch ein Spiel - welche Haltung, welcher Ausdruck, welche Fertigkeit!' - Ich renne hin, draenge mich durch! - da steht ein drei Spannen hoher verwachsener Kerl und schnarrt mit widriger Stimme: 'Bitte, bitte, recht sehr, habe gespielt, wie es in meinen Kraeften stand, bin freilich nunmehr der staerkste Violinist in Europa und den uebrigen bekannten Weltteilen.' 'Tausend Teufel,' schrie ich, 'wer hat denn gespielt, ich oder der Erdwurm da!' - Und als der Kleine immer fortschnarcht: 'Bitte, bitte ergebenst,' will ich auf ihn los und ihn fassen, in die ganze Applikatur greifend. Aber da stuerzen sie auf mich los und reden wahnsinniges Zeug von Neid, Eifersucht und Missgunst. Unterdessen ruft einer: 'Und welche Komposition!' und alle einstimmig rufen hintendrein: 'Und welche Komposition - goettlicher Zinnober! - sublimer Komponist!' Noch aerger als zuvor schrie ich: 'Ist denn alles rasend - besessen? das Konzert war von Viotti, und ich - ich - der weltberuehmte Vincenzo Sbiocca hat es gespielt!' Aber nun packen sie mich fest, sprechen von italienischer Tollheit - rabbia mein' ich, von seltsamen Zufaellen, bringen mich mit Gewalt in ein Nebenzimmer, behandeln mich wie einen Kranken, wie einen Wahnsinnigen. Nicht lange dauert es, so stuerzt Signora Bragazzi hinein und faellt ohnmaechtig nieder. Ihr war es ergangen wie mir. Sowie sie ihre Arie geendet, erdroehnte der Saal von dem: 'Brava - bravissima - Zinnober,' und alle schrien, keine solche Saengerin gaeb' es mehr auf Erden als Zinnober, und der schnarchte wieder sein verfluchtes: 'Bitte - bitte!' - Signora Bragazzi liegt im Fieber und wird baldigst verscheiden; ich meinesteils rette mich durch die Flucht vor dem wahnsinnigen Volke. Leben Sie wohl, bester Herr Balthasar! - Sehn Sie etwa den Signorino Zinnober, so sagen Sie ihm gefaelligst, er moege sich nicht irgendwo in einem Konzert blicken lassen, in dem ich zugegen. Unfehlbar wuerd' ich ihn sonst bei seinen Kaeferbeinchen packen und durchs F-Loch in den Kontrabass schmeissen, da koenne er denn zeit seines Lebens Konzerte spielen und Arien singen, wie er nur Lust haette. Leben Sie wohl, mein geliebter Balthasar, und legen Sie die Violine nicht beiseite!" - Damit umarmte Herr Vincenzo Sbiocca den vor Staunen erstarrten Balthasar und stieg in den Wagen, der schnell davonrollte. "Hab' ich denn nicht recht," sprach Balthasar zu sich selbst, "hab' ich denn nicht recht, das unheimliche Ding, der Zinnober, ist verhext und tut es den Leuten an." - In dem Augenblick rannte ein junger Mensch vorueber, bleich - verstoert, Wahnsinn und Verzweiflung im Antlitz. Dem Balthasar fiel es schwer aufs Herz. Er glaubte in dem Juenglinge einen seiner Freunde erkannt zu haben und sprang ihm daher schnell nach in den Wald. Kaum zwanzig - dreissig Schritte gelaufen, wurde er den Referendarius Pulcher gewahr, der unter einem grossen Baume stehen geblieben und mit himmelwaerts gerichtetem Blick also sprach: "Nein! - nicht laenger dulden diese Schmach! - Alle Hoffnung des Lebens ist dahin! - jede Aussicht nur ins Grab gerichtet - Fahre wohl - Leben - Welt - Hoffnung - Geliebte." - Und damit riss der verzweiflungsvolle Referendarius eine Pistole aus dem Busen und drueckte sie sich an die Stirne. Balthasar stuerzte mit Blitzesschnelle auf ihn zu, schleuderte ihm die Pistole weit weg aus der Hand und rief: "Pulcher! um Gottes willen, was ist dir, was tust du!" Der Referendarius konnte einige Minuten hindurch nicht zu sich selbst kommen. Er war halb ohnmaechtig niedergesunken auf den Rasen; Balthasar hatte sich zu ihm gesetzt und sprach troestende Worte, wie er es nur vermochte, ohne die Ursache von Pulchers Verzweiflung zu wissen. Hundertmal hatte Balthasar gefragt, was dem Referendarius denn Schreckliches geschehen, das den schwarzen Gedanken des Selbstmords in ihm rege gemacht. Da seufzte Pulcher endlich tief auf und begann: "Du kennst, lieber Freund Balthasar, meine bedraengte Lage, du weisst, wie ich all meine Hoffnung auf die Stelle des geheimen Expedienten gesetzt, die bei dem Minister der auswaertigen Angelegenheiten offen; du weisst, mit welchem Eifer, mit welchem Fleiss ich mich darauf vorbereitet. Ich hatte meine Ausarbeitungen eingereicht, die, wie ich zu meiner Freude erfuhr, den vollsten Beifall des Ministers erhalten. Mit welcher Zuversicht stellte ich mich heute vormittag zur muendlichen Pruefung! - Ich fand im Zimmer einen kleinen, missgeschaffenen Kerl, den du wohl unter dem Namen des Herrn Zinnober kennen wirst. Der Legationsrat, dem die Pruefung uebertragen, trat mir freundlich entgegen und sagte mir, zu derselben Stelle, die ich zu erhalten wuensche, habe sich auch Herr Zinnober gemeldet, er werde uns _beide_ daher pruefen. Dann raunte er mir leise ins Ohr: 'Sie haben von Ihrem Mitbewerber nichts zu befuerchten, bester Referendarius, die Arbeiten, die der kleine Zinnober eingereicht, sind erbaermlich!' Die Pruefung begann, keine Frage des Rats liess ich unbeantwortet. Zinnober wusste nichts, gar nichts; statt zu antworten, schnarchte und quaekte er unvernehmliches Zeug, das niemand verstand, fiel auch, indem er ungebaerdig mit den Beinchen strampelte, ein paarmal vom hohen Stuhl herab, so dass ich ihn wieder hinaufheben musste. Mir bebte das Herz vor Vergnuegen; die freundlichen Blicke, die der Rat dem Kleinen zuwarf, hielt ich fuer die bitterste Ironie. - Die Pruefung war beendigt. Wer schildert meinen Schreck, mir war es, als wenn ein jaeher Blitz mich klaftertief hineinschluege in den Boden, als der Rat den Kleinen umarmte, zu ihm sprach: 'Herrlicher Mensch! - welche Kenntnis - welcher Verstand - welcher Scharfsinn!' - dann zu mir: 'Sie haben mich sehr getaeuscht, Herr Referendarius Pulcher - Sie wissen ja gar nichts! Und - nehmen Sie es mir nicht uebel, die Art, wie Sie sich zur Pruefung ermutigt haben moegen, laeuft gegen alle Sitte, gegen allen Anstand! - Sie konnten sich ja gar nicht auf dem Stuhl erhalten, Sie fielen ja herab, und Herr Zinnober musste Sie aufrichten. Diplomatische Personen muessen fein nuechtern sein und besonnen. - Adieu, Herr Referendarius!' - Noch hielt ich alles fuer ein tolles Gaukelspiel. Ich wagte es, ich ging hin zum Minister. Er liess mir heraussagen, wie ich mich unterstehen koenne, ihn noch mit meinem Besuch zu behelligen, nach der Art, wie ich mich in der Pruefung bewiesen - er wisse schon alles! Der Posten, zu dem ich mich gedraengt, sei schon vergeben an Herrn Zinnober! - So hat mir irgendeine hoellische Macht alle Hoffnung geraubt, und ich will ein Leben freiwillig opfern, das dem dunklen Verhaengnis anheimgefallen! Verlass mich!" - "Nimmermehr," rief Balthasar, "erst hoere mich an!" Er erzaehlte nun alles, was er von Zinnober wusste seit seiner ersten Erscheinung vor dem Tor von Kerepes; wie es ihm mit dem Kleinen ergangen im Mosch Terpins Hause; was er eben jetzt von Vincenzo Sbiocca vernommen. "Es ist nur zu gewiss," sprach er dann, "dass allem Beginnen der unseligen Missgeburt irgend etwas Geheimnisvolles zum Grunde liegt, und glaube mir, Freund Pulcher, - ist irgendein hoellischer Zauber im Spiele, so kommt es nur darauf an, ihm mit festem Sinn entgegen zu treten, der Sieg ist gewiss, wenn nur der Mut vorhanden. - Darum nicht verzagt, kein zu rascher Entschluss. Lass uns vereint dem kleinen Hexenkerl zu Leibe gehen!" - "Hexenkerl," rief der Referendarius mit Begeisterung, "ja Hexenkerl, ein ganz verfluchter Hexenkerl ist der Kleine, das ist gewiss! - Doch Bruder Balthasar, was ist uns denn, liegen wir im Traume? - Hexenwesen - Zaubereien - ist es denn damit nicht vorbei seit langer Zeit? Hat denn nicht vor vielen Jahren Fuerst Paphnutius der Grosse die Aufklaerung eingefuehrt und alles tolle Unwesen, alles Unbegreifliche aus dem Lande verbannt, und doch soll noch dergleichen verwuenschte Contrebande sich eingeschlichen haben? - Wetter! das muesste man ja gleich der Polizei anzeigen und den Maut-Offizianten! - Aber nein, nein - nur der Wahnsinn der Leute oder, wie ich beinahe fuerchte, ungeheure Bestechung ist schuld an unserm Unglueck. - Der verwuenschte Zinnober soll unermesslich reich sein. Er stand neulich vor der Muenze, und da zeigten die Leute mit Fingern nach ihm und riefen: 'Seht den kleinen huebschen Papa! - dem gehoert alles blanke Gold, was da drinnen gepraegt wird!'" "Still," erwiderte Balthasar, "still, Freund Referendarius, mit dem Golde zwingt es der Unhold nicht, es ist etwas anderes dahinter! - Wahr, dass Fuerst Paphnutius die Aufklaerung einfuehrte zu Nutz und Frommen seines Volks, seiner Nachkommenschaft, aber manches Wunderbare, Unbegreifliche ist doch noch zurueckgeblieben. Ich meine, man hat noch so fuers Haus einige huebsche Wunder zurueckbehalten. Z.B. noch immer wachsen aus lumpichten Samenkoernern die hoechsten, herrlichsten Baeume, ja sogar die mannigfaltigsten Fruechte und Getreidearten, womit wir uns den Leib stopfen. Erlaubt man ja wohl noch gar den bunten Blumen, den Insekten auf ihren Blaettern und Fluegeln die glaenzendsten Farben, selbst die allerverwunderlichsten Schriftzuege zu tragen, von denen kein Mensch weiss, ob es Oel ist, Guasche oder Aquarellmanier, und kein Teufel von Schreibmeister kann die schmucke Kurrentschrift lesen, geschweige denn nachschreiben! Hoho! Referendarius, ich sage dir, es geht in meinem Innern zuweilen Absonderliches vor! - Ich lege die Pfeife weg und schreite im Zimmer auf und ab, und eine seltsame Stimme fluestert, ich sei selbst ein Wunder, der Zauberer Mikrokosmus hantiere in mir und treibe mich an zu allerlei tollen Streichen! - Aber, Referendarius, dann laufe ich fort und schaue hinein in die Natur und verstehe alles, was die Blumen, die Gewaesser zu mir sprechen, und mich umfaengt selige Himmelslust!" - "Du sprichst im Fieber," rief Pulcher; aber Balthasar, ohne auf ihn zu achten, streckte die Arme aus, wie von inbruenstiger Sehnsucht erfasst, nach der Ferne. "Horche doch nur," rief Balthasar, "horche doch nur, o Referendarius, welche himmlische Musik im Rauschen des Abendwindes durch den Wald ertoent! - Hoerst du wohl, wie die Quellen staerker erheben ihren Gesang? wie die Buesche, die Blumen einfallen mit lieblichen Stimmen?" - Der Referendarius hielt das Ohr hin, um die Musik zu erhorchen, von der Balthasar sprach. "In der Tat," fing er dann an, "in der Tat, es wehen Toene durch den Wald, die die anmutigsten, herrlichsten sind, welche ich in meinem Leben gehoert und die mir tief in die Seele dringen. Doch ist es nicht der Abendwind, nicht die Buesche, nicht die Blumen sind es, die so singen, vielmehr deucht es mir, als wenn jemand in der Ferne die tiefsten Glocken einer Harmonika anstriche." Pulcher hatte recht. Wirklich glichen die vollen, immer staerker und staerker anschwellenden Akkorde, die immer naeher hallten, den Toenen einer Harmonika, deren Groesse und Staerke aber unerhoert sein musste. Als nun die Freunde weiter vorschritten, bot sich ihnen ein Schauspiel dar, so zauberhaft, dass sie vor Erstaunen erstarrt - fest gewurzelt - stehen blieben. In geringer Entfernung fuhr ein Mann langsam durch den Wald, beinahe chinesisch gekleidet, nur trug er ein weitbauschiges Barett mit schoenen Schwungfedern auf dem Haupte. Der Wagen glich einer offenen Muschel von funkelndem Kristall, die beiden hohen Raeder schienen von gleicher Masse. Sowie sie sich drehten, erklangen die herrlichen Harmonikatoene, die die Freunde schon aus der Ferne gehoert. Zwei schneeweisse Einhoerner mit goldenem Geschirr zogen den Wagen, auf dem statt des Fuhrmanns ein Silberfasan sass, die goldnen Leinen im Schnabel haltend. Hintenauf sass ein grosser Goldkaefer, der mit den flimmernden Fluegeln flatternd, dem wunderbaren Mann in der Muschel Kuehlung zuzuwehen schien. Sowie er bei den Freunden vorueberkam, nickte er ihnen freundlich zu. In dem Augenblick fiel aus dem funkelnden Knopf des langen Rohrs, das der Mann in der Hand trug, ein Strahl auf Balthasar, so dass er einen brennenden Stich tief in der Brust fuehlte und mit einem dumpfen Ach! zusammenfuhr. - Der Mann blickte ihn an und laechelte und winkte noch freundlicher als zuvor. Sowie das zauberische Fuhrwerk im dichten Gebuesch verschwand, noch im sanften Nachhallen der Harmonikatoene, fiel Balthasar, ganz ausser sich vor Wonne und Entzuecken, dem Freunde um den Hals und rief: "Referendarius, wir sind gerettet! - jener ist's, der Zinnobers versuchten Zauber bricht!" - "Ich weiss nicht," sprach Pulcher, "ich weiss nicht, wie mir in diesem Augenblick zumute, ob ich wache, ob ich traeume; aber so viel ist gewiss, dass ein unbekanntes Wonnegefuehl mich durchdringt und dass Trost und Hoffnung in meine Seele wiederkehrt." Fuenftes Kapitel Wie Fuerst Barsanuph Leipziger Lerchen und Danziger Goldwasser fruehstueckte, einen Butterfleck auf die Kasimirhose bekam und den Geheimen Sekretaer Zinnober zum Geheimen Spezialrat erhob. - Die Bilderbuecher des Doktors Prosper Alpanus. - Wie ein Portier den Studenten Fabian in den Finger biss, dieser ein Schleppkleid trug und deshalb verhoehnt wurde. - Balthasars Flucht. Es ist nicht laenger zu verhehlen, dass der Minister der auswaertigen Angelegenheiten, bei dem Herr Zinnober als Geheimer Expedient angenommen, ein Abkoemmling jenes Barons Praetextatus von Mondschein war, der den Stammbaum der Fee Rosabelverde in den Turnierbuechern und Chroniken vergebens suchte. Er hiess wie sein Ahnherr Praetextatus von Mondschein, war von der feinsten Bildung, den angenehmsten Sitten, verwechselte niemals das Mich und Mir, das Ihnen und Sie, schrieb seinen Namen mit franzoesischen Lettern sowie ueberhaupt eine leserliche Hand und arbeitete sogar zuweilen selbst, vorzueglich wenn das Wetter schlecht war. Fuerst Barsanuph, ein Nachfolger des grossen Paphnutz, liebte ihn zaertlich, denn er hatte auf jede Frage eine Antwort, spielte in den Erholungsstunden mit dem Fuersten Kegel, verstand sich herrlich aufs Geld-Negoz und suchte in der Gavotte seinesgleichen. Es gab sich, dass der Baron Praetextatus von Mondschein den Fuersten eingeladen hatte zum Fruehstueck auf Leipziger Lerchen und ein Glaeschen Danziger Goldwasser. Als er nun hinkam in Mondscheins Haus, fand er im Vorsaal unter mehreren angenehmen diplomatischen Herren den kleinen Zinnober, der, auf seinem Stock gestemmt, ihn mit seinen Aeugelein anfunkelte und, ohne sich weiter an ihn zu kehren, eine gebratene Lerche ins Maul steckte, die er soeben vom Tische gemaust. Sowie der Fuerst den Kleinen erblickte, laechelte er ihn gnaedig an und sprach zum Minister: "Mondschein! was haben Sie da fuer einen kleinen, huebschen, verstaendigen Mann in Ihrem Hause? - Es ist gewiss derselbe, der die wohl stilisierten und schoen geschriebenen Berichte verfertigt, die ich seit einiger Zeit von Ihnen erhalte?" "Allerdings, gnaedigster Herr," erwiderte Mondschein. "Mir hat das Geschick ihn zugefuehrt als den geistreichsten, geschicktesten Arbeiter in meinem Bureau. Er nennt sich Zinnober, und ich empfehle den jungen herrlichen Mann ganz vorzueglich Ihrer Huld und Gnade, mein bester Fuerst! - Erst seit wenigen Tagen ist er bei mir." "Und ebendeshalb," sprach ein junger huebscher Mann, der sich indessen genaehert, "und ebendeshalb hat, wie Ew. Exzellenz zu bemerken erlauben werden, mein kleiner Kollege noch gar nichts expediert. Die Berichte, die das Glueck hatten, von Ihnen, mein durchlauchtigster Fuerst, mit Wohlgefallen bemerkt zu werden, sind von mir verfasst." "Was wollen Sie!" fuhr der Fuerst ihn zornig an. - Zinnober hatte sich dicht an den Fuersten geschoben und schmatzte, die Lerche verzehrend, vor Gier und Appetit. - Der junge Mensch war es wirklich, der jene Berichte verfasst, aber: "Was wollen Sie," rief der Fuerst, "Sie haben ja noch gar nicht die Feder angeruehrt? - Und dass Sie dicht bei mir gebratene Lerchen verzehren, so dass, wie ich zu meinem grossen Aerger bemerken muss, meine neue Kasimirhose bereits einen Butterfleck bekommen, dass Sie dabei so unbillig schmatzen, ja! - alles das beweiset hinlaenglich Ihre voellige Untauglichkeit zu jeder diplomatischen Laufbahn! - Gehen Sie fein nach Hause und lassen Sie sich nicht wieder vor mir sehen, es sei denn, Sie braechten mir eine nuetzliche Fleckkugel fuer meine Kasimirhose. - Vielleicht wird mir dann wieder gnaedig zumute!" Dann zum Zinnober: "Solche Juenglinge, wie Sie, werter Zinnober, sind eine Zierde des Staats und verdienen ehrenvoll ausgezeichnet zu werden! - Sie sind Geheimer Spezialrat, mein Bester!" - "Danke schoenstens," schnarrte Zinnober, indem er den letzten Bissen hinunterschluckte und sich das Maul wischte mit beiden Haendchen, "danke schoenstens, ich werd' das Ding schon machen, wie es mir zukommt." "Wackres Selbstvertrauen," sprach der Fuerst mit erhobener Stimme, "wackres Selbstvertrauen zeugt von der innern Kraft, die dem wuerdigen Staatsmann inwohnen muss!" - Und auf diesen Spruch nahm der Fuerst ein Schnaepschen Goldwasser, welches der Minister selbst ihm darreichte und das ihm sehr wohl bekam. - Der neue Rat musste Platz nehmen zwischen dem Fuersten und Minister. Er verzehrte unglaublich viel Lerchen und trank Malaga und Goldwasser durcheinander und schnarrte und brummte zwischen den Zaehnen und hantierte, da er kaum mit der spitzen Nase ueber den Tisch reichen konnte, gewaltig mit den Haendchen und Beinchen. Als das Fruehstueck beendigt, riefen beide, der Fuerst und der Minister: "Er ist ein englischer Mensch, dieser Geheime Spezialrat!" - "Du siehst," sprach Fabian zu seinem Freunde Balthasar, "du siehst so froehlich aus, deine Blicke leuchten in besonderen Feuer. - Du fuehlst dich gluecklich? - Ach, Balthasar, du traeumst vielleicht einen schoenen Traum, aber ich muss dich daraus erweckendes ist Freundes Pflicht!" "Was hast du, was ist geschehen?" fragte Balthasar bestuerzt. "Ja," fuhr Fabian fort, "ja! - ich muss es dir sagen! Fasse dich nur, mein Freund! - Bedenke, dass vielleicht kein Unfall in der Welt schmerzlicher trifft und doch leichter zu verwinden ist, als eben dieser! - Candida" - "Um Gott," schrie Balthasar entsetzt, "Candida! - was ist mit Candida? - ist sie hin - ist sie tot?" "Ruhig," sprach Fabian weiter, "ruhig, mein Freund! - nicht tot ist Candida, aber so gut als tot fuer dich! - Wisse, dass der kleine Zinnober Geheimer Spezialrat geworden und so gut als versprochen ist mit der schoenen Candida, die, Gott weiss wie, in ihn ganz vernarrt sein soll." Fabian glaubte, dass Balthasar nun losbrechen werde in ungestueme, verzweiflungsvolle Klagen und Verwuenschungen. Statt dessen sprach er mit ruhigem Laecheln: "Ist es nichts weiter als das, so gibt es keinen Unfall, der mich betrueben koennte." "Du liebst Candida nicht mehr?" fragte Fabian voll Erstaunen. "Ich liebe," erwiderte Balthasar, "ich liebe das Himmelskind, das herrliche Maedchen mit aller Inbrunst, mit aller Schwaermerei, die nur in eines Juenglings Brust sich entzuenden kann! Und ich weiss - ach ich weiss es, dass Candida mich wieder liebt, dass nur ein verruchter Zauber sie umstrickt haelt, aber bald loese ich die Bande dieses Hexenwesens, bald vernichte ich den Unhold, der die Arme betoert." - Balthasar erzaehlte nun dem Freunde ausfuehrlich von dem wunderbaren Mann, dem er in dem seltsamsten Fuhrwerk im Walde begegnet. Er schloss damit, dass, sowie aus dem Stockknopf des zauberischen Wesens ein Strahl in seine Brust gefunkelt, der feste Gedanken in ihm aufgegangen, dass Zinnober nichts sei als ein Hexenmaennlein, dessen Macht jener Mann vernichten werde. "Aber," rief Fabian, als der Freund geendet, "aber Balthasar, wie kannst du nur auf solches tolles, wunderliches Zeug verfallen? - Der Mann, den du fuer einen Zauberer haeltst, ist niemand anders als der Doktor Prosper Alpanus, der unfern der Stadt auf seinem Landhause wohnt. Wahr ist es, dass die wunderlichsten Geruechte von ihm verbreitet werden, so dass man ihn beinahe fuer einen zweiten Cagliostro halten moechte; aber daran ist er selbst schuld. Er liebt es, sich in mystisches Dunkel zu huellen, den Schein eines mit den tiefsten Geheimnissen der Natur vertrauten Mannes anzunehmen, der unbekannten Kraeften gebietet, und dabei hat er die bizarrsten Einfaelle. So ist zum Beispiel sein Fuhrwerk so seltsam beschaffen, dass ein Mensch, der von lebhafter feuriger Fantasie ist, wie du, mein Freund, wohl dahin gebracht werden kann, alles fuer eine Erscheinung aus irgendeinem tollen Maerchen zu halten. Hoere also! - Sein Kabriolett hat die Form einer Muschel und ist ueber und ueber versilbert, zwischen den Raedern ist eine Drehorgel angebracht, welche, sowie der Wagen faehrt, von selbst spielt. Das, was du fuer einen Silberfasan hieltest, war gewiss sein kleiner weissgekleideter Jockey, so wie du gewiss die Blaetter des ausgespreiteten Sonnenschirms fuer die Fluegeldecken eines Goldkaefers hieltest. Seinen beiden weissen Pferdchen laesst er grosse Hoerner anschrauben, damit es nur recht fabelhaft aussehn soll. Uebrigens ist es richtig, dass der Doktor Alpanus ein schoenes spanisches Rohr traegt mit einem herrlich funkelnden Kristall, der oben darauf sitzt als Knopf und von dessen wunderlicher Wirkung man viel Fabelhaftes erzaehlt oder vielmehr luegt. Den Strahl dieses Kristalls soll naemlich kaum ein Auge ertragen. Verhuellt ihn der Doktor mit einem duennen Schleier und richtet man nun den festen Blick darauf, so soll das Bild der Person, das man in dem innersten Gedanken traegt, ausserhalb wie in einem Hohlspiegel erscheinen." "In der Tat," fiel Balthasar dem Freunde ins Wort, "in der Tat? Erzaehlt man das? - Was spricht man denn wohl noch weiter von dem Herrn Doktor Prosper Alpanus?" "Ach," erwiderte Fabian, "verlange doch nur nicht, dass ich von den tollen Fratzen und Possen viel reden soll. Du weisst ja, dass es noch bis jetzt abenteuerliche Leute gibt, die der gesunden Vernunft entgegen an alle sogenannte Wunder alberner Ammenmaerchen glauben." "Ich will dir gestehen," fuhr Balthasar fort, "dass ich genoetigt bin, mich selbst zu der Partie dieser abenteuerlichen Leute ohne gesunde Vernunft zu schlagen. Versilbertes Holz ist kein glaenzendes durchsichtiges Kristall, eine Drehorgel toent nicht wie eine Harmonika, ein Silberfasan ist kein Jockey und ein Sonnenschirm kein Goldkaefer. Entweder war der wunderbare Mann, dem ich begegnete, nicht der Doktor Prosper Alpanus, von dem du sprichst, oder der Doktor herrscht wirklich ueber die ausserordentlichsten Geheimnisse." "Um," sprach Fabian, "um dich ganz von deinen seltsamen Traeumereien zu heilen, ist es am besten, dass ich dich geradezu hinfuehre zu dem Doktor Prosper Alpanus. Dann wirst du es selbst verspueren, dass der Herr Doktor ein ganz gewoehnlicher Arzt ist und keineswegs spazieren faehrt mit Einhoernern, Silberfasanen und Goldkaefern." "Du sprichst," erwiderte Balthasar, indem ihm die Augen hell auffunkelten, "du sprichst, mein Freund, den innigsten Wunsch meiner Seele aus. - Wir wollen uns nur gleich auf den Weg machen." Bald standen sie vor dem verschlossenen Gattertor des Parks, in dessen Mitte das Landhaus des Doktor Alpanus lag. "Wie kommen wir nur hinein?" sprach Fabian. "Ich denke, wir klopfen," erwiderte Balthasar und fasste den metallenen Kloepfel, der dicht beim Schlosse angebracht war. Sowie er den Kloepfel aufhob, begann ein unterirdisches Murmeln wie ein ferner Donner und schien zu verhallen in der tiefsten Tiefe. Das Gattertor drehte sich langsam auf, sie traten ein und wanderten fort durch einen langen, breiten Baumgang, durch den sie das Landhaus erblickten. "Spuerst du," sprach Fabian, "hier etwas Ausserordentliches, Zauberisches?" "Ich daechte," erwiderte Balthasar, "die Art, wie sich das Gattertor oeffnete, waere doch nicht so ganz gewoehnlich gewesen, und dann weiss ich nicht, wie mich hier alles so wunderbar, so magisch anspricht. - Gibt es denn wohl auf weit und breit solche herrliche Baeume als eben hier in diesem Park? - Ja, mancher Baum, manches Gebuesch scheint ja mit seinen glaenzenden Staemmen und smaragdenen Blaettern einem fremden unbekannten Lande anzugehoeren." - Fabian bemerkte zwei Froesche von ungewoehnlicher Groesse, die schon von dem Gattertor an zu beiden Seiten der Wandelnden mitgehuepft waren. "Schoener Park," rief Fabian, "in dem es solch Ungeziefer gibt!" und bueckte sich nieder, um einen kleinen Stein aufzuheben, mit dem er nach den lustigen Froeschen zu werfen gedachte. Beide sprangen ins Gebuesch und guckten ihn mit glaenzenden menschlichen Augen an. "Wartet, wartet!" rief Fabian, zielte nach dem einen und warf. In dem Augenblick quaekte aber ein kleines haessliches Weib, das am Wege sass: "Grobian! schmeiss' Er nicht ehrliche Leute, die hier im Garten mit saurer Arbeit ihr bisschen Brot verdienen muessen." - "Komm nur, komm," murmelte Balthasar entsetzt, denn er merkte wohl, dass der Frosch sich gestaltet zum alten Weibe. Ein Blick ins Gebuesch ueberzeugte ihn, dass der andere Frosch, jetzt ein kleines Maennlein geworden, sich mit Ausjaeten des Unkrauts beschaeftigte. - Vor dem Landhause befand sich ein grosser schoener Rasenplatz, auf dem die beiden Einhoerner weideten, waehrend die herrlichsten Akkorde in den Lueften erklangen. "Siehst du wohl, hoerst du wohl?" sprach Balthasar. "Ich sehe nichts weiter," erwiderte Fabian, "als zwei kleine Schimmel, die Gras fressen, und was so in den Lueften toent, sind wahrscheinlich aufgehaengte Aeolsharfen." Die herrliche einfache Architektur des maessig grossen, einstoeckigen Landhauses entzueckte den Balthasar. Er zog an der Klingelschnur, sogleich ging die Tuere auf, und ein grosser straussartiger, ganz goldgelb gleissender Vogel stand als Portier vor den Freunden. "Nun seh'," sprach Fabian zu Balthasar, "nun seh' einmal einer die tolle Livree! - Will man auch nachher dem Kerl ein Trinkgeld geben, hat er wohl eine Hand, es in die Westentasche zu schieben?" Und damit wandte er sich zu dem Strauss, packte ihn bei den glaenzenden Flaumfedern, die unter dem Schnabel an der Kehle wie ein reiches Jabot sich aufplusterten, und sprach: "Meld' Er uns bei dem Herrn Doktor, mein scharmanter Freund!" - Der Strauss sagte aber nichts als: _"Quirrrr"_ - und biss den Fabian in den Finger. "Tausend Sapperment," schrie Fabian, "der Kerl ist doch wohl am Ende ein verfluchter Vogel!" In demselben Augenblick ging eine innere Tuere auf, und der Doktor selbst trat den Freunden entgegen. - Ein kleiner duenner, blasser Mann! - Er trug ein kleines samtnes Muetzchen auf dem Haupte, unter dem schoenes Haar in langen Locken hervorstroemte, ein langes erdgelbes indisches Gewand und kleine rote Schnuerstiefelchen, ob mit buntem Pelz oder dem glaenzenden Federbalg eines Vogels besetzt, war nicht zu unterscheiden. Auf seinem Antlitz lag die Ruhe, die Gutmuetigkeit selbst, nur schien es seltsam, dass, wenn man ihn recht nahe, recht scharf anblickte, es war, als schaue aus dem Gesicht noch ein kleineres Gesichtchen wie aus einem glaesernen Gehaeuse heraus. "Ich erblickte," sprach nun leise und etwas gedehnt mit anmutigem Laecheln Prosper Alpanus, "ich erblickte Sie, meine Herrn, aus dem Fenster, ich wusste auch wohl schon frueher, wenigstens was Sie betrifft, lieber Herr Balthasar, dass Sie zu mir kommen wuerden. - Folgen Sie mir gefaelligst!" - Prosper Alpanus fuehrte sie in ein hohes rundes Zimmer, rings umher mit himmelblauen Gardinen behaengt. Das Licht fiel durch ein oben in der Kuppel angebrachtes Fenster herab und warf seine Strahlen auf den glaenzend polierten, von einer Sphinx getragenen Marmortisch, der mitten im Zimmer stand. Sonst war durchaus nichts Ausserordentliches in dem Gemach zu bemerken. "Worin kann ich Ihnen dienen?" fragte Prosper Alpanus. Da fasste sich Balthasar zusammen, erzaehlte, was sich mit dem kleinen Zinnober begeben von seinem ersten Erscheinen in Kerepes an, und schloss mit der Versicherung, wie in ihm der feste Gedanke aufgegangen, dass er, Prosper Alpanus, der wohltaetige Magus sei, der Zinnobers verworfenem, abscheulichem Zauberwerk Einhalt tun werde. Prosper Alpanus blieb schweigend in tiefen Gedanken stehen. Endlich, nachdem wohl ein paar Minuten vergangen, begann er mit ernster Miene und tiefem Ton: "Nach allem, was Sie mir erzaehlt, Balthasar, unterliegt es gar keinem Zweifel, dass es mit dem kleinen Zinnober eine besondere geheimnisvolle Bewandtnis hat. - Aber man muss fuers erste den Feind kennen, den man bekaempfen, die Ursache wissen, deren Wirkung man zerstoeren will. - Es steht zu vermuten, dass der kleine Zinnober nichts anders ist, als ein Wurzelmaennlein. Wir wollen doch gleich nachsehen." Damit zog Prosper Alpanus an einer von den seidenen Schnueren, die rund umher an der Decke des Zimmers herabhingen. Eine Gardine rauschte auseinander, grosse Folianten in ganz vergoldeten Einbaenden wurden sichtbar, und eine zierliche, luftig leichte Treppe von Zedernholz rollte hinab. Prosper Alpanus stieg diese Treppe heran und holte aus der obersten Reihe einen Folianten, den er auf den Marmortisch legte, nachdem er ihn mit einem grossen Bueschel blinkender Pfauenfedern sorgfaeltig abgestaubt. "Dies Werk," sprach er dann, "handelt von den Wurzelmaennern, die saemtlich darin abgebildet; vielleicht finden Sie Ihren feindlichen Zinnober darunter, und dann ist er in unsere Haende geliefert." Als Prosper Alpanus das Buch aufschlug, erblickten die Freunde eine Menge sauber illuminierter Kupfertafeln, die die allerverwunderlichsten missgestaltetsten Maennlein mit den tollsten Fratzengesichtern darstellten, die man nur sehen konnte. Aber sowie Prosper eins dieser Maennlein auf dem Blatt beruehrte, wurd' es lebendig, sprang heraus und gaukelte und huepfte auf dem Marmortisch gar possierlich umher und schnappte mit den Fingerchen und machte mit den krummen Beinchen die allerschoensten Pirouetten und Entrechats und sang dazu Quirr, Quapp, Pirr, Papp, bis es Prosper bei dem Kopfe ergriff und wieder ins Buch legte, wo es sich alsbald ausglaettete und ausplaettete zum bunten Bilde. Auf dieselbe Weise wurden alle Bilder des Buchs durchgesehen, aber so oft schon Balthasar rufen wollte: "Dies ist er, dies ist Zinnober!" so musste er doch, genauer hinblickend, zu seinem Leidwesen wahrnehmen, dass das Maennlein keinesweges Zinnober war. "Das ist doch wunderlich genug," sprach Prosper Alpanus, als das Buch zu Ende. - "Doch," fuhr er fort, "mag Zinnober vielleicht gar ein Erdgeist sein. Sehen wir nach." Damit huepfte er mit seltener Behendigkeit abermals die Zederntreppe herauf, holte einen andern Folianten, staeubte ihn saeuberlich ab, legte ihn auf den Marmortisch und schlug ihn auf, sprechend: "Dies Werk handelt von den Erdgeistern, vielleicht haschen wir den Zinnober in diesem Buche." Die Freunde erblickten wiederum eine Menge sauber illuminierter Kupfertafeln, die abscheulich haessliche braungelbe Unholde darstellten. Und wie sie Prosper Alpanus beruehrte, erhoben sie weinerlich quaekende Klagen und krochen endlich schwerfaellig heraus und waelzten sich knurrend und aechzend auf dem Marmortische herum, bis der Doktor sie wieder hineindrueckte ins Buch. Auch unter diesen hatte Balthasar den Zinnober nicht gefunden. "Wunderlich, hoechst wunderlich," sprach der Doktor und versank in stummes Nachdenken. "Der Kaeferkoenig," fuhr er dann fort, "der Kaeferkoenig kann es nicht sein, denn der ist, wie ich gewiss weiss, eben jetzt anderswo beschaeftigt; Spinnenmarschall auch nicht, denn Spinnenmarschall ist zwar haesslich, aber verstaendig und geschickt, lebt auch von seiner Haende Arbeit, ohne sich andrer Taten anzumassen. - Wunderlich - sehr wunderlich." - Er schwieg wieder einige Minuten, so dass man allerlei wunderbare Stimmen, die bald in einzelnen Lauten, bald in vollen anschwellenden Akkorden ringsumher ertoenten, deutlich vernahm. "Sie haben ueberall und immerfort recht artige Musik, lieber Herr Doktor," sprach Fabian. Prosper Alpanus schien gar nicht auf Fabian zu achten, er fasste nur den Balthasar ins Auge, indem er erst beide Arme nach ihm ausstreckte und dann die Fingerspitzen gegen ihn hin bewegte, als besprenge er ihn mit unsichtbaren Tropfen. Endlich fasste der Doktor Balthasars beide Haende und sprach mit freundlichem Ernst: "Nur die reinste Konsonanz des psychischen Prinzips im Gesetz des Dualismus beguenstigt die Operation, die ich jetzt unternehmen werde. Folgen Sie mir!" - Die Freunde folgten dem Doktor durch mehrere Zimmer, die ausser einigen seltsamen Tieren, die sich mit Lesen - Schreiben - Malen - Tanzen beschaeftigten, eben nichts Merkwuerdiges enthielten, bis sich zwei Fluegeltueren oeffneten, und die Freunde vor einen dichten Vorhang traten, hinter den Prosper Alpanus verschwand und sie in dicker Finsternis liess. Der Vorhang rauschte auseinander, und die Freunde befanden sich in einem, wie es schien, eirunden Saal, in dem ein magisches Helldunkel verbreitet. Es war, betrachtete man die Waende, als verloere sich der Blick in unabsehbare gruene Haine und Blumenauen mit plaetschernden Quellen und Baechen. Der geheimnisvolle Duft eines unbekannten Aroma wallte auf und nieder und schien die suessen Toene der Harmonika hin und her zu tragen. Prosper Alpanus erschien ganz weissgekleidet wie ein Brahmin und stellte in die Mitte des Saals einen grossen runden Kristallspiegel, ueber den er einen Flor warf. "Treten Sie," sprach er dumpf und feierlich, "treten Sie vor diesen Spiegel, Balthasar, richten Sie Ihre festen Gedanken auf Candida - _wollen_ Sie mit ganzer Seele, dass sie sich Ihnen zeige in dem Moment, der jetzt existiert in Raum und Zeit" - Balthasar tat, wie ihm geheissen, indem Prosper Alpanus sich hinter ihn stellte und mit beiden Haenden Kreise um ihn beschrieb. Wenige Sekunden hatte es gedauert, als ein blaeulicher Duft aus dem Spiegel wallte. Candida, die holde Candida erschien in ihrer lieblichen Gestalt mit aller Fuelle des Lebens! Aber neben ihr, dicht neben ihr sass der abscheuliche Zinnober und drueckte ihr die Haende, kuesste sie - Und Candida hielt den Unhold mit einem Arm umschlungen und liebkoste ihn! - Balthasar wollte laut aufschreien, aber Prosper Alpanus fasste ihn bei beiden Schultern hart an, und der Schrei erstickte in der Brust. "Ruhig," sprach Prosper leise, "ruhig Balthasar! - Nehmen Sie dies Rohr und fuehren Sie Streiche gegen den Kleinen, doch ohne sich von der Stelle zu ruehren." Balthasar tat es und gewahrte zu seiner Lust, wie der Kleine sich kruemmte, umstuelpte, sich auf der Erde waelzte! - In der Wut sprang er vorwaerts, da zerrann das Bild i