The Project Gutenberg EBook of Der Nachsommer, by Adalbert Stifter #2 in our series by Adalbert Stifter Copyright laws are changing all over the world. Be sure to check the copyright laws for your country before downloading or redistributing this or any other Project Gutenberg eBook. This header should be the first thing seen when viewing this Project Gutenberg file. Please do not remove it. Do not change or edit the header without written permission. Please read the "legal small print," and other information about the eBook and Project Gutenberg at the bottom of this file. Included is important information about your specific rights and restrictions in how the file may be used. 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Der Nachsommer Eine Erzaehlung von Adalbert Stifter Inhalt: Die Haeuslichkeit Der Wanderer Die Einkehr Die Beherbergung Der Abschied Der Besuch Die Begegnung Die Erweiterung Die Annaeherung Der Einblick Das Fest Der Bund Die Entfaltung Das Vertrauen Die Mitteilung Der Rueckblick Der Abschluss Die Haeuslichkeit Mein Vater war ein Kaufmann. Er bewohnte einen Teil des ersten Stockwerkes eines maessig grossen Hauses in der Stadt, in welchem er zur Miete war. In demselben Hause hatte er auch das Verkaufsgewoelbe, die Schreibstube nebst den Warenbehaeltern und anderen Dingen, die er zu dem Betriebe seines Geschaeftes bedurfte. In dem ersten Stockwerke wohnte ausser uns nur noch eine Familie, die aus zwei alten Leuten bestand, einem Manne und seiner Frau, welche alle Jahre ein oder zwei Male bei uns speisten, und zu denen wir und die zu uns kamen, wenn ein Fest oder ein Tag einfiel, an dem man sich Besuche zu machen oder Glueck zu wuenschen pflegte. Mein Vater hatte zwei Kinder, mich, den erstgeborenen Sohn, und eine Tochter, welche zwei Jahre juenger war als ich. Wir hatten in der Wohnung jedes ein Zimmerchen, in welchem wir uns unseren Geschaeften, die uns schon in der Kindheit regelmaessig aufgelegt wurden, widmen mussten, und in welchem wir schliefen. Die Mutter sah da nach und erlaubte uns zuweilen, dass wir in ihrem Wohnzimmer sein und uns mit Spielen ergoetzen durften. Der Vater war die meiste Zeit in dem Verkaufsgewoelbe und in der Schreibstube. Um zwoelf Uhr kam er herauf, und es wurde in dem Speisezimmer gespeiset. Die Diener des Vaters speisten an unserem Tische mit Vater und Mutter, die zwei Maegde und der Magazinsknecht hatten in dem Gesindezimmer einen Tisch fuer sich. Wir Kinder bekamen einfache Speisen, der Vater und die Mutter hatten zuweilen einen Braten und jedesmal ein Glas guten Weines. Die Handelsdiener bekamen auch von dem Braten und ein Glas desselben Weines. Anfangs hatte der Vater nur einen Buchfuehrer und zwei Diener, spaeter hatte er viere. In der Wohnung war ein Zimmer, welches ziemlich gross war. In demselben standen breite, flache Kaesten von feinem Glanze und eingelegter Arbeit. Sie hatten vorne Glastafeln, hinter den Glastafeln gruenen Seidenstoff, und waren mit Buechern angefuellt. Der Vater hatte darum die gruenen Seidenvorhaenge, weil er es nicht leiden konnte, dass die Aufschriften der Buecher, die gewoehnlich mit goldenen Buchstaben auf dem Ruecken derselben standen, hinter dem Glase von allen Leuten gelesen werden konnten, gleichsam als wolle er mit den Buechern prahlen, die er habe. Vor diesen Kaesten stand er gerne und oefter, wenn er sich nach Tische oder zu einer andern Zeit einen Augenblick abkargen konnte, machte die Fluegel eines Kastens auf, sah die Buecher an, nahm eines oder das andere heraus, blickte hinein, und stellte es wieder an seinen Platz. An Abenden, von denen er selten einen ausser Hause zubrachte, ausser wenn er in Stadtgeschaeften abwesend war oder mit der Mutter ein Schauspiel besuchte, was er zuweilen und gerne tat, sass er haeufig eine Stunde, oefter aber auch zwei oder gar darueber, an einem kunstreich geschnitzten alten Tische, der im Buecherzimmer auf einem ebenfalls altertuemlichen Teppiche stand, und las. Da durfte man ihn nicht stoeren, und niemand durfte durch das Buecherzimmer gehen. Dann kam er heraus und sagte, jetzt koenne man zum Abendessen gehen, bei dem die Handelsdiener nicht zugegen waren, und das nur in der Mutter und in unserer Gegenwart eingenommen wurde. Bei diesem Abendessen sprach er sehr gerne zu uns Kindern und erzaehlte uns allerlei Dinge, mitunter auch scherzhafte Geschichten und Maerchen. Das Buch, in dem er gelesen hatte, stellte er genau immer wieder in den Schrein, aus dem er es genommen hatte, und wenn man gleich nach seinem Heraustritte in das Buecherzimmer ging, konnte man nicht im geringsten wahrnehmen, dass eben jemand hier gewesen sei und gelesen habe. Ueberhaupt durfte bei dem Vater kein Zimmer die Spuren des unmittelbaren Gebrauches zeigen, sondern musste immer aufgeraeumt sein, als waere es ein Prunkzimmer. Es sollte dafuer aber aussprechen, zu was es besonders bestimmt sei. Die gemischten Zimmer, wie er sich ausdrueckte, die mehreres zugleich sein koennen, Schlafzimmer, Spielzimmer und dergleichen, konnte er nicht leiden. Jedes Ding und jeder Mensch, pflegte er zu sagen, koenne nur eines sein, dieses aber muss er ganz sein. Dieser Zug strenger Genauigkeit praegte sich uns ein und liess uns auf die Befehle der Eltern achten, wenn wir sie auch nicht verstanden. So zum Beispiele durften nicht einmal wir Kinder das Schlafzimmer der Eltern betreten. Eine alte Magd war mit Ordnung und Aufraeumung desselben betraut. In den Zimmern hingen hie und da Bilder, und es standen in manchen Geraete, die aus alten Zeiten stammten und an denen wunderliche Gestalten ausgeschnitten waren, oder in welchen sich aus verschiedenen Hoelzern eingelegte Laubwerke und Kreise und Linien befanden. Der Vater hatte auch einen Kasten, in welchem Muenzen waren, von denen er uns zuweilen einige zeigte. Da befanden sich vorzueglich schoene Taler, auf welchen geharnischte Maenner standen oder die Angesichter mit unendlich vielen Locken zeigten, dann waren einige aus sehr alten Zeiten mit wunderschoenen Koepfen von Juenglingen oder Frauen, und eine mit einem Manne, der Fluegel an den Fuessen hatte. Er besass auch Steine, in welche Dinge geschnitten waren. Er hielt diese Steine sehr hoch und sagte, sie stammen aus dem kunstgeuebtesten Volke alter Zeiten, nehmlich aus dem alten Griechenlande her. Manchmal zeigte er sie Freunden; diese standen lange an dem Kaestchen derselben, hielten den einen oder den andern in ihren Haenden und sprachen darueber. Zuweilen kamen Menschen zu uns, aber nicht oft. Manches Mal wurden Kinder zu uns eingeladen, mit denen wir spielen durften, und oefter gingen wir auch mit den Eltern zu Leuten, welche Kinder hatten, und uns Spiele veranstalteten. Den Unterricht erhielten wir in dem Hause von Lehrern, und dieser Unterricht und die sogenannten Arbeitsstunden, in denen von uns Kindern das verrichtet werden musste, was uns als Geschaeft aufgetragen war, bildeten den regelmaessigen Verlauf der Zeit, von welchem nicht abgewichen werden durfte. Die Mutter war eine freundliche Frau, die uns Kinder ungemein liebte, und die weit eher ein Abweichen von dem angegebenen Zeitenlaufe zugunsten einer Lust gestattet haette, wenn sie nicht von der Furcht vor dem Vater davon abgehalten worden waere. Sie ging in dem Hause emsig herum, besorgte alles, ordnete alles, liess aus der obgenannten Furcht keine Ausnahme zu und war uns ein ebenso ehrwuerdiges Bildnis des Guten wie der Vater, von welchem Bildnisse gar nichts abgeaendert werden konnte. Zu Hause hatte sie gewoehnlich sehr einfache Kleider an. Nur zuweilen, wenn sie mit dem Vater irgend wohin gehen musste, tat sie ihre stattlichen seidenen Kleider an und nahm ihren Schmuck, dass wir meinten, sie sei wie eine Fee, welche in unsern Bilderbuechern abgebildet war. Dabei fiel uns auf, dass sie immer ganz einfache, obwohl sehr glaenzende Steine hatte, und dass ihr der Vater nie die geschnittenen umhing, von denen er doch sagte, dass sie so schoene Gestalten in sich haetten. Da wir Kinder noch sehr jung waren, brachte die Mutter den Sommer immer mit uns auf dem Lande zu. Der Vater konnte uns nicht Gesellschaft leisten, weil ihn seine Geschaefte in der Stadt festhielten; aber an jedem Sonntage und an jedem Festtage kam er, blieb den ganzen Tag bei uns und liess sich von uns beherbergen. Im Laufe der Woche besuchten wir ihn einmal, bisweilen auch zweimal in der Stadt, in welchem Falle er uns dann bewirtete und beherbergte. Dies hoerte endlich auf, anfaenglich weil der Vater aelter wurde und die Mutter, die er sehr verehrte, nicht mehr leicht entbehren konnte; spaeter aber aus dem Grunde, weil es ihm gelungen war, in der Vorstadt ein Haus mit einem Garten zu erwerben, wo wir freie Luft geniessen, uns bewegen und gleichsam das ganze Jahr hindurch auf dem Lande wohnen konnten. Die Erwerbung des Vorstadthauses war eine grosse Freude. Es wurde nun von dem alten, finstern Stadthause in das freundliche und geraeumige der Vorstadt gezogen. Der Vater hatte es vorher im allgemeinen zusammen richten lassen, und selbst, da wir schon darin wohnten, waren noch immer in verschiedenen Raeumen desselben Handwerksleute beschaeftigt. Das Haus war nur fuer unsere Familie bestimmt. Es wohnten nur noch unsere Handlungsdiener in demselben und gleichsam als Pfoertner und Gaertner ein aeltlicher Mann mit seiner Frau und seiner Tochter. In diesem Hause richtete sich der Vater ein viel groesseres Zimmer zum Buecherzimmer ein, als er in der Stadtwohnung gehabt hatte, auch bestimmte er ein eigenes Zimmer zum Bilderzimmer; denn in der Stadt mussten die Bilder wegen Mangels an Raum in verschiedenen Zimmern zerstreut sein. Die Waende dieses neuen Bilderzimmers wurden mit dunkelrotbraunen Tapeten ueberzogen, von denen sich die Goldrahmen sehr schoen abhoben. Der Fussboden war mit einem mattfarbigen Teppiche belegt, damit er die Farben der Bilder nicht beirre. Der Vater hatte sich eine Staffelei aus braunem Holze machen lassen, und diese stand in dem Zimmer, damit man bald das eine, bald das andere Bild darauf stellen und es genau in dem rechten Lichte betrachten konnte. Fuer die alten geschnitzten und eingelegten Geraete wurde auch ein eigenes Zimmer hergerichtet. Der Vater hatte einmal aus dem Gebirge eine Zimmerdecke mitgebracht, welche aus Lindenholz und aus dem Holze der Zirbelkiefer geschnitzt war. Diese Decke liess er zusammen legen und liess sie mit einigen Zutaten versehen, die man nicht merkte, so dass sie als Decke in dieses Zimmer passte. Das freute uns Kinder sehr, und wir sassen nun doppelt gerne in dem alten Zimmer, wenn uns an Abenden der Vater und die Mutter dahin fuehrten, und arbeiteten dort etwas, und liessen uns von den Zeiten erzaehlen, in denen solche Sachen gemacht worden sind. Am Ende eines hoelzernen Ganges, der in dem ersten Geschosse des Hauses gegen den Garten hinaus lief, liess er ein glaesernes Stuebchen machen, das heisst, ein Stuebchen, dessen zwei Waende, die gegen den Garten schauten, aus lauter Glastafeln bestanden; denn die Hinterwaende waren Holz. In dieses Stuebchen tat er alte Waffen aus verschiedenen Zeiten und mit verschiedenen Gestalten. Er liess an den Staeben, in die das Glas gefuegt war, viel Efeu aus dem Garten herauswachsen, auch im Innern liess er Efeu an dem Gerippe ranken, dass derselbe um die alten Waffen rauschte, wenn einzelne Glastafeln geoeffnet wurden, und der Wind durch dieselben herein zog. Eine grosse hoelzerne Keule, welche in dem Stuebchen war und welche mit graeulichen Naegeln prangte, nannte er Morgenstern, was uns Kindern gar nicht einleuchten wollte, da der Morgenstern viel schoener war. Noch war ein Zimmerchen, das er mit kunstreich abgenaehten rotseidenen Stoffen, die er gekauft hatte, ueberziehen liess. Sonst aber wusste man noch nicht, was in das Zimmer kommen wuerde. In dem Garten war Zwergobst, es waren Gemuese- und Blumenbeete, und an dem Ende desselben, von dem man auf die Berge sehen konnte, welche die Stadt in einer Entfernung von einer halben Meile in einem grossen Bogen umgeben, befanden sich hohe Baeume und Grasplaetze. Das alte Gewaechshaus hatte der Vater teils ausbessern, teils durch einen Zubau vergroessern lassen. Sonst hatte das Haus auch noch einen grossen Hof, der gegen den Garten zu offen war, in dem wir, wenn das Gartengras nass war, spielen durften, und gegen welchen die Fenster der Kueche, in der die Mutter sich viel befand, und der Vorratskammern herab sahen. Der Vater ging taeglich morgens in die Stadt in sein Verkaufsgewoelbe und in seine Schreibstube. Die Handelsdiener mussten der Ordnung halber mit ihm gehen. Um zwoelf Uhr kam er zum Speisen so wie auch jene Diener, welche nicht eben die Reihe traf, waehrend der Speisestunde in dem Verkaufsgewoelbe zu wachen. Nachmittag ging er groesstenteils auch wieder in die Stadt. Die Sonntage und die Festtage brachte er mit uns zu. Von der Stadt wurden nun viel oefter Leute mit ihren Kindern zu uns geladen, da wir mehr Raum hatten, und wir durften im Hofe oder in dem Garten uns ergoetzen. Die Lehrer kamen zu uns jetzt in die Vorstadt, wie sie sonst in der Stadt zu uns gekommen waren. Der Vater, welcher durch das viele Sitzen an dem Schreibtische sich eine Krankheit zuzuziehen drohte, goennte sich nur auf das Andringen der Mutter taeglich eine freie Zeit, welche er dazu verwendete, Bewegung zu machen. In dieser Zeit ging er zuweilen in eine Gemaeldegalerie oder zu einem Freunde, bei welchem er ein Bild sehen konnte, oder er liess sich bei einem Fremden einfuehren, bei dem Merkwuerdigkeiten zu treffen waren. An schoenen Sommerfesttagen fuhren wir auch zuweilen ins Freie und brachten den Tag in einem Dorfe oder auf einem Berge zu. Die Mutter, welche ueber die Erwerbung des Vorstadthauses ausserordentlich erfreut war, widmete sich mit gesteigerter Taetigkeit dem Hauswesen. Alle Samstage prangte das Linnen "weiss wie Kirschenbluete" auf dem Aufhaengeplatze im Garten, und Zimmer fuer Zimmer musste unter ihrer Aufsicht gereinigt werden, ausser denen, in welchen die Kostbarkeiten des Vaters waren, deren Abstaeubung und Reinigung immer unter seinen Augen vor sich gehen musste. Das Obst, die Blumen und die Gemuese des Gartens besorgte sie mit dem Vater gemeinschaftlich. Sie bekam einen Ruf in der Umgebung, dass Nachbarinnen kamen und von ihr Dienstboten verlangten, die in unserem Hause gelernt haetten. Als wir nach und nach heran wuchsen, wurden wir immer mehr in den Umgang der Eltern gezogen; der Vater zeigte uns seine Bilder und erklaerte uns manches in denselben. Er sagte, dass er nur alte habe, die einen gewissen Wert besitzen, den man immer haben koenne, wenn man einmal genoetigt sein sollte, die Bilder zu verkaufen. Er zeigte uns, wenn wir spazieren gingen, die Wirkungen von Licht und Schatten, er nannte uns die Farben, welche sich an den Gegenstaenden befanden, und erklaerte uns die Linien, welche Bewegung verursachten, in welcher Bewegung doch wieder eine Ruhe herrsche, und Ruhe in Bewegung sei die Bedingung eines jeden Kunstwerkes. Er sprach mit uns auch von seinen Buechern. Er erzaehlte uns, dass manche da seien, in welchen das enthalten waere, was sich mit dem menschlichen Geschlechte seit seinem Beginne bis auf unsere Zeiten zugetragen habe, dass da die Geschichten von Maennern und Frauen erzaehlt werden, die einmal sehr beruehmt gewesen seien und vor langer Zeit, oft vor mehr als tausend Jahren gelebt haben. Er sagte, dass in anderen das enthalten sei, was die Menschen in vielen Jahren von der Welt und anderen Dingen, von ihrer Einrichtung und Beschaffenheit in Erfahrung gebracht haetten. In manchen sei zwar nicht enthalten, was geschehen sei, oder wie sich manches befinde, sondern was die Menschen sich gedacht haben, was sich haette zutragen koennen, oder was sie fuer Meinungen ueber irdische und ueberirdische Dinge hegen. In dieser Zeit starb ein Grossoheim von der Seite der Mutter. Die Mutter erbte den Schmuck seiner vor ihm gestorbenen Frau, wir Kinder aber sein uebriges Vermoegen. Der Vater legte es als unser natuerlicher Vormund unter muendelgemaesser Sicherheit an und tat alle Jahre die Zinsen dazu. Endlich waren wir so weit herangewachsen, dass der gewoehnliche Unterricht, den wir bisher genossen hatten, nach und nach aufhoeren musste. Zuerst traten diejenigen Lehrer ab, die uns in den Anfangsgruenden der Kenntnisse unterwiesen hatten, die man heutzutage fuer alle Menschen fuer notwendig haelt, dann verminderten sich auch die, welche uns in den Gegenstaenden Unterricht gegeben hatten, die man Kindern beibringen laesst, welche zu den gebildeteren oder ausgezeichneteren Staenden gehoeren sollen. Die Schwester musste nebst einigen Faechern, in denen sie sich noch weiter ausbilden sollte, nach und nach in die Haeuslichkeit eingefuehrt werden und die wichtigsten Dinge derselben erlernen, dass sie einmal wuerdig in die Fussstapfen der Mutter treten koennte. Ich trieb noch, nachdem ich die Faecher erlernt hatte, die man in unseren Schulen als Vorkenntnisse und Vorbereitungen zu den sogenannten Brotkenntnissen betrachtet, einzelne Zweige fort, die schwieriger waren und in denen eine Nachhilfe nicht entbehrt werden konnte. Endlich trat in Bezug auf mich die Frage heran, was denn in der Zukunft mit mir zu geschehen habe, und da tat der Vater etwas, was ihm von vielen Leuten sehr uebel genommen wurde. Er bestimmte mich nehmlich zu einem Wissenschafter im Allgemeinen. Ich hatte bisher sehr fleissig gelernt und jeden neuen Gegenstand, der von den Lehrern vorgenommen wurde, mit grossem Eifer ergriffen, so dass, wenn die Frage war, wie ich in einem Unterrichtszweige genuegt habe, das Urteil der Lehrer immer auf grosses Lob lautete. Ich hatte den angedeuteten Lebensberuf von dem Vater selber verlangt und er dem Verlangten zugestimmt. Ich hatte ihn verlangt, weil mich ein gewisser Drang meines Herzens dazu trieb. Das sah ich wohl trotz meiner Jugend schon ein, dass ich nicht alle Wissenschaften wuerde erlernen koennen; aber was und wie viel ich lernen wuerde, das war mir eben so unbestimmt, als mein Gefuehl unbestimmt war, welches mich zu diesen Dingen trieb. Mir schwebte auch nicht ein besonderer Nutzen vor, den ich durch mein Bestreben erreichen wollte, sondern es war mir nur, als muesste ich so tun, als liege etwas innerlich Gueltiges und Wichtiges in der Zukunft. Was ich aber im Einzelnen beginnen und an welchem Ende ich die Sache anfassen sollte, das wusste weder ich, noch wussten es die Meinigen. Ich hatte nicht die geringste Vorliebe fuer das eine oder das andere Fach, sondern es schienen alle anstrebenswert, und ich hatte keinen Anhaltspunkt, aus dem ich haette schliessen koennen, dass ich zu irgend einem Gegenstande eine hervorragende Faehigkeit besaesse, sondern es erschienen mir alle nicht unueberwindlich. Auch meine Angehoerigen konnten kein Merkmal finden, aus dem sie einen ausschliesslichen Beruf fuer eine Sache in mir haetten wahrnehmen koennen. Nicht die Ungeheuerlichkeit, welche in diesem Beginnen lag, war es, was die Leute meinem Vater uebelnahmen, sondern sie sagten, er haette mir einen Stand, der der buergerlichen Gesellschaft nuetzlich ist, befehlen sollen, damit ich demselben meine Zeit und mein Leben widme, und einmal mit dem Bewusstsein scheiden koenne, meine Schuldigkeit getan zu haben. Gegen diesen Einwurf sagte mein Vater, der Mensch sei nicht zuerst der menschlichen Gesellschaft wegen da, sondern seiner selbst willen. Und wenn jeder seiner selbst willen auf die beste Art da sei, so sei er es auch fuer die menschliche Gesellschaft. Wen Gott zum besten Maler auf dieser Welt geschaffen haette, der wuerde der Menschheit einen schlechten Dienst tun, wenn er etwa ein Gerichtsmann werden wollte: wenn er der groesste Maler wird, so tut er auch der Welt den groessten Dienst, wozu ihn Gott erschaffen hat. Dies zeige sich immer durch einen innern Drang an, der einen zu einem Dinge fuehrt, und dem man folgen soll. Wie koennte man denn sonst auch wissen, wozu man auf der Erde bestimmt ist, ob zum Kuenstler, zum Feldherrn, zum Richter, wenn nicht ein Geist da waere, der es sagt, und der zu den Dingen fuehrt, in denen man sein Glueck und seine Befriedigung findet. Gott lenkt es schon so, dass die Gaben gehoerig verteilt sind, so dass jede Arbeit getan wird, die auf der Erde zu tun ist, und dass nicht eine Zeit eintritt, in der alle Menschen Baumeister sind. In diesen Gaben liegen dann auch schon die gesellschaftlichen, und bei grossen Kuenstlern, Rechtsgelehrten, Staatsmaennern sei auch immer die Billigkeit, Milde, Gerechtigkeit und Vaterlandsliebe. Und aus solchen Maennern, welche ihren innern Zug am weitesten ausgebildet, seien auch in Zeiten der Gefahr am oeftesten die Helfer und Retter ihres Vaterlandes hervorgegangen. Es gibt solche, die sagen, sie seien zum Wohle der Menschheit Kaufleute, Aerzte, Staatsdiener geworden; aber in den meisten Faellen ist es nicht wahr. Wenn nicht der innere Beruf sie dahin gezogen hat, so verbergen sie durch ihre Aussage nur einen schlechteren Grund, nehmlich dass sie den Stand als ein Mittel betrachteten, sich Geld und Gut und Lebensunterhalt zu erwerben. Oft sind sie auch, ohne weiter ueber eine Wahl mit sich zu Rate zu gehen, in den Stand geraten oder durch Umstaende in ihn gestossen worden und nehmen das Wohl der Menschheit in den Mund, das sie bezweckt haetten, um nicht ihre Schwaeche zu gestehen. Dann ist noch eine eigene Gattung, welche immer von dem oeffentlichen Wohle spricht. Das sind die, welche mit ihren eigenen Angelegenheiten in Unordnung sind. Sie geraten stets in Noete, haben stets Aerger und Unannehmlichkeiten, und zwar aus ihrem eigenen Leichtsinne; und da liegt es ihnen als Ausweg neben der Hand, den oeffentlichen Zustaenden ihre Lage schuld zu geben und zu sagen, sie waeren eigentlich recht auf das Vaterland bedacht, und sie wuerden alles am besten in demselben einrichten. Aber wenn wirklich die Lage koemmt, dass das Vaterland sie beruft, so geht es dem Vaterlande, wie es frueher ihren eigenen Angelegenheiten gegangen ist. In Zeiten der Verirrung sind diese Menschen die selbstsuechtigsten und oft auch grausamsten. Es ist aber auch kein Zweifel. dass es solche gibt, denen Gott den Gesellschaftstrieb und die Gesellschaftsgaben in besonderem Masse verliehen hat. Diese widmen sich aus innerem Antriebe den Angelegenheiten der Menschen, erlernen sie auch am sichersten, finden Freude in den Anordnungen und opfern oft ihr Leben fuer ihren Beruf. Aber in der Zeit, in der sie ihr Leben opfern, sei sie lange oder sei sie ein Augenblick, empfinden sie Freude, und diese koemmt, weil sie ihrem innern Andrange nachgegeben haben. Gott hat uns auch nicht bei unseren Handlungen den Nutzen als Zweck vorgezeichnet, weder den Nutzen fuer uns noch fuer andere, sondern er hat der Ausuebung der Tugend einen eigenen Reiz und eine eigene Schoenheit gegeben, welchen Dingen die edlen Gemueter nachstreben. Wer Gutes tut, weil das Gegenteil dem menschlichen Geschlechte schaedlich ist, der steht auf der Leiter der sittlichen Wesen schon ziemlich tief. Dieser muesste zur Suende greifen, sobald sie dem menschlichen Geschlechte oder ihm Nutzen bringt. Solche Menschen sind es auch, denen alle Mittel gelten, und die fuer das Vaterland, fuer ihre Familie und fuer sich selber das Schlechte tun. Solche hat man zu Zeiten, wo sie im Grossen wirkten, Staatsmaenner geheissen, sie sind aber nur Afterstaatsmaenner, und der augenblickliche Nutzen, den sie erzielten, ist ein Afternutzen gewesen und hat sich in den Tagen des Gerichtes als boeses Verhaengnis erwiesen. Dass bei dem Vater kein Eigennutz herrschte, beweist der Umstand, dass er im Rate der Stadt ein oeffentliches Amt unentgeltlich verwaltete, dass er oefter die ganze Nacht in diesem Amte arbeitete, und dass er bei oeffentlichen Dingen immer mit bedeutenden Summen an der Spitze stand. Er sagte, man solle mich nur gehen lassen, es werde sich aus dem Unbestimmten schon entwickeln, wozu ich taugen werde, und welche Rolle ich auf der Welt einzunehmen haette. Ich musste meine koerperlichen Uebungen fortsetzen. Schon als sehr kleine Kinder mussten wir so viele koerperliche Bewegungen machen, als nur moeglich war. Das war einer der Hauptgruende, weshalb wir im Sommer auf dem Lande wohnten, und der Garten, welcher bei dem Vorstadthause war, war einer der Hauptbeweggruende, weshalb der Vater das Haus kaufte. Man liess uns als kleine Kinder gewoehnlich so viel gehen und laufen, als wir selber wollten, und machte nur ein Ende, wenn wir selber aus Muedigkeit ruhten. Es hatte in der Stadt sich eine Anstalt entwickelt, in welcher nach einer gewissen Ordnung Leibesbewegungen vorgenommen werden sollten, um alle Teile des Koerpers nach Beduerfnis zu ueben, und ihrer naturgemaessen Entfaltung entgegen zu fuehren. Diese Anstalt durfte ich besuchen, nachdem der Vater den Rat erfahrener Maenner eingeholt und sich selber durch den Augenschein von den Dingen ueberzeugt hatte, die da vorgenommen wurden. Fuer Maedchen bestand damals eine solche Anstalt nicht, daher liess der Vater fuer die Schwester in einem Zimmer unserer Wohnung so viele Vorrichtungen machen, als er und unser Hausarzt, der ein Beguenstiger dieser Dinge war, fuer notwendig erachteten, und die Schwester musste sich den Uebungen unterziehen, die durch die Vorrichtungen moeglich waren. Durch die Erwerbung des Vorstadthauses wurde die Sache noch mehr erleichtert. Nicht nur hatten wir mehr Raum im Innern des Hauses, um alle Vorrichtungen zu Koerperuebungen in besserem und ausgedehnterem Masse anlegen zu koennen. sondern es war auch der Hofraum und der Garten da, in denen an sich koerperliche Uebungen vorgenommen werden konnten und die auch weitere Anlagen moeglich machten. Dass wir diese Sachen sehr gerne taten, begreift sich aus der Feurigkeit und Beweglichkeit der Jugend von selber. Wir hatten schon in der Kindheit schwimmen gelernt und gingen im Sommer fast taeglich, selbst da wir in der Vorstadt wohnten, von wo aus der Weg weiter war, in die Anstalt, in welcher man schwimmen konnte. Selbst fuer Maedchen waren damals schon eigene Schwimmanstalten errichtet. Auch ausserdem machten wir gerne weite Wege, besonders im Sommer. Wenn wir im Freien ausser der Stadt waren, erlaubten die Eltern, dass ich mit der Schwester einen besonderen Umgang halten durfte. Wir uebten uns da im Zuruecklegen bedeutender Wege oder in Besteigung eines Berges. Dann kamen wir wieder an den Ort zurueck, an welchem uns die Eltern erwarteten. Anfangs ging meistens ein Diener mit uns, spaeter aber, da wir erwachsen waren, liess man uns allein gehen. Um besser und mit mehr Bequemlichkeit fuer die Eltern an jede beliebige Stelle des Landes ausserhalb der Stadt gelangen zu koennen, schaffte der Vater in der Folge zwei Pferde an, und der Knecht, der bisher Gaertner und gelegentlich unser Aufseher gewesen war, wurde jetzt auch Kutscher. In einer Reitschule, in welcher zu verschiedenen Zeiten Knaben und Maedchen lernen konnten, hatten wir reiten gelernt und hatten spaeter unsere bestimmten Wochentage, an denen wir uns zu gewissen Stunden im Reiten ueben konnten. Im Garten hatte ich Gelegenheit, nach einem Ziele zu springen, auf schmalen Planken zu gehen, auf Vorrichtungen zu klettern und mit steinernen Scheiben nach einem Ziele oder nach groesstmoeglicher Entfernung zu werfen. Die Schwester, so sehr sie von der Umgebung als Fraeulein behandelt wurde, liebte es doch sehr, bei sogenannten groeberen haeuslichen Arbeiten zuzugreifen, um zu zeigen, dass sie diese Dinge nicht nur verstehe, sondern an Kraft auch die noch uebertreffe, welche von Kindheit an bei diesen Arbeiten gewesen sind. Die Eltern legten ihr bei diesem Beginnen nicht nur keine Hindernisse in den Weg, sondern billigten es sogar. Ausserdem trieb sie noch das Lesen ihrer Buecher, machte Musik, besonders auf dem Klaviere und auf der Harfe, zu der sie auch sang, und malte mit Wasserfarben. Als ich den letzten Lehrer verlor, der mich in Sprachen unterrichtet hatte, als ich in denjenigen wissenschaftlichen Zweigen, in welchen man einen laengeren Unterricht fuer noetig gehalten hatte, weil sie schwieriger oder wichtiger waren, solche Fortschritte gemacht hatte, dass man einen Lehrer nicht mehr fuer notwendig erachtete, entstand die Frage, wie es in Bezug auf meine erwaehlte wissenschaftliche Laufbahn zu halten sei, ob man da einen gewissen Plan entwerfen und zu dessen Ausfuehrung Lehrer annehmen sollte. Ich bat, man moechte mir gar keinen Lehrer mehr nehmen, ich wuerde die Sachen schon selber zu betreiben suchen. Der Vater ging auf meinen Wunsch ein, und ich war nun sehr freudig, keinen Lehrer mehr zu haben und auf mich allein angewiesen zu sein. Ich fragte Maenner um Rat, welche einen grossen wissenschaftlichen Namen hatten und gewoehnlich an der einen oder der andern Anstalt der Stadt beschaeftigt waren. Ich naeherte mich ihnen nur, wenn es ohne Verletzung der Bescheidenheit geschehen konnte. Da es meistens nur eine Anfrage war, die ich in Bezug auf mein Lernen an solche Maenner stellte, und da ich mich nicht in ihren Umgang draengte, so nahmen sie meine Annaeherung nicht uebel, und die Antwort war immer sehr freundlich und liebevoll. Auch waren unter den Maennern, die gelegentlich in unser Haus kamen, manche, die in gelehrten Dingen bewandert waren. Auch an diese wandte ich mich. Meistens betrafen die Anfragen Buecher und die Folge, in welcher sie vorgenommen werden sollten. Ich trieb Anfangs jene Zweige fort, in denen ich schon Unterricht erhalten hatte, weil man sie zu jener Zeit eben als Grundlage einer allgemeinen menschlichen Bildung betrachtete, nur suchte ich zum Teile mehr Ordnung in dieselben zu bringen, als bisher befolgt worden war, zum Teile suchte ich mich auch in jenem Fache auszudehnen, das mir mehr zuzusagen begann. Auf diese Weise geschah es, dass in dem Ganzen doch noch eine ziemliche Ordnung herrschte, da bei der Unbestimmtheit des ganzen Unternehmens die Gefahr sehr nahe war, in die verschiedensten Dinge zersplittert und in die kleinsten Kleinlichkeiten verschlagen zu werden. In Bezug auf die Faecher, die ich eben angefangen hatte, besuchte ich auch Anstalten in unserer Stadt, die ihnen foerderlich werden konnten: Buechersammlungen, Sammlungen von Werkzeugen und namentlich Orte, wo Versuche gemacht wurden, die ich wegen meiner Unreifheit und wegen Mangels an Gelegenheit und Werkzeugen nie haette ausfuehren koennen. Was ich an Buechern und ueberhaupt an Lehrmitteln brauchte, schaffte der Vater bereitwillig an. Ich war sehr eifrig und gab mich manchem einmal ergriffenen Gegenstande mit all der entzuendeten Lust hin, die der Jugend bei Lieblingsdingen eigen zu sein pflegt. Obwohl ich bei meinen Besuchen der oeffentlichen Anstalten zu koerperlicher oder geistiger Entwicklung, ferner bei den Besuchen, welche Leute bei uns oder welche wir bei ihnen machten, sehr viele junge Leute kennen gelernt hatte, so war ich doch nie dahin gekommen, so ausschliesslich auf blosse Vergnuegungen und noch dazu oft unbedeutende erpicht zu sein, wie ich es bei der groessten Zahl der jungen Leute gesehen hatte. Die Vergnuegungen, die in unserem Hause vorkamen, wenn wir Leute zum Besuche bei uns hatten, waren auch immer ernsterer Art. Ich lernte auch viele aeltere Menschen kennen; aber ich achtete damals weniger darauf, weil es bei der Jugend Sitte ist, sich mit lebhafter Beteiligung mehr an die anzuschliessen, die ihnen an Jahren naeher stehen, und das, was an aelteren Leuten befindlich ist, zu uebersehen. Als ich achtzehn Jahre alt war, gab mir der Vater einen Teil meines Eigentums aus der Erbschaft vom Grossoheime zur Verwaltung. Ich hatte bis dahin kein Geld zu regelmaessiger Gebarung gehabt, sondern wenn ich irgend etwas brauchte, kaufte es der Vater, und zu Dingen von minderem Belange gab mir der Vater das Geld, damit ich sie selber kaufe. Auch zu Vergnuegungen bekam ich gelegentlich kleine Betraege. Von nun an aber, sagte der Vater, werde er mir am ersten Tage eines jeden Monats eine bestimmte Summe auszahlen, ich solle darueber ein Buch fuehren, er werde diese Auszahlungen bei der Verwaltung meines Gesammtvermoegens, welche Verwaltung ihm noch immer zustehe, in Abrechnung bringen, und sein Buch und das meinige muessten stimmen. Er gab mir einen Zettel, auf welchem der Kreis dessen aufgezeichnet war, was ich von nun an mit meinen monatlichen Einkuenften zu bestreiten haette. Er werde mir nie mehr von seinem Gelde einen Gegenstand kaufen, der in den verzeichneten Kreis gehoere. Ich muesse puenktlich verfahren und haushaelterisch sein; denn er werde mir auch nie und nicht einmal unter den dringendsten Bedingungen einen Vorschuss geben. Wenn ich zu seiner Zufriedenheit eine Zeit hindurch gewirtschaftet haette, dann werde er meinen Kreis wieder erweitern, und er werde nach billigstem Ermessen sehen, in welcher Zeit er mir auch vor der erreichten gesetzlichen Muendigkeit meine Angelegenheiten ganz in die Haende werde geben koennen. Der Wanderer Ich verfuhr mit der Rente, welche mir der Vater ausgesetzt hatte, gut. Daher wurde nach einiger Zeit mein Kreis erweitert, wie es der Vater versprochen hatte. Ich sollte von nun an nicht bloss nur einen Teil meiner Beduerfnisse von dem zugewiesenen Einkommen decken, sondern alle. Deshalb wurde meine Rente vergroessert. Der Vater zahlte sie mir von nun an auch nicht mehr monatlich, sondern vierteljaehrlich aus, um mich an groessere Zeitabschnitte zu gewoehnen. Sie mir halbjaehrlich oder gar nach ganzen Jahren einzuhaendigen wollte er nicht wagen, damit ich doch nicht etwa in Unordnungen geriete. Er gab mir nicht die ganzen Zinsen von der Erbschaft des Grossoheims, sondern nur einen Teil, den andern Teil legte er zu der Hauptsumme, so dass mein Eigentum wuchs, wenn ich auch von meiner Rente nichts eruebrigte. Als Beschraenkung blieb die Einrichtung, dass ich in dem Hause meiner Eltern wohnen und an ihrem Tische speisen musste. Es ward dafuer ein Preis festgesetzt, den ich alle Vierteljahre zu entrichten hatte. Jedes andere Beduerfnis, Kleider, Buecher, Geraete oder was es immer war, durfte ich nach meinem Ermessen und nach meiner Einsicht befriedigen. Die Schwester erhielt auch Befugnisse in Hinsicht ihres Teiles der Erbschaft des Grossoheims, in so weit sie sich fuer ein Maedchen schickten. Wir waren ueber diese Einrichtung sehr erfreut und beschlossen, nach dem Wunsche und dem Willen der Eltern zu verfahren, um ihnen Freude zu machen. Ich ging, nachdem ich in den verschiedenen Zweigen der Kenntnisse, die ich zuletzt mit meinen Lehrern betrieben hatte und welche als allgemein notwendige Kenntnisse fuer einen gebildeten Menschen gelten, nach mehreren Richtungen gearbeitet hatte, auf die Mathematik ueber. Man hatte mir immer gesagt, sie sei die schwerste und herrlichste Wissenschaft, sie sei die Grundlage zu allen uebrigen, in ihr sei alles wahr, und was man aus ihr habe, sei ein bleibendes Besitztum fuer das ganze Leben. Ich kaufte mir die Buecher, die man mir riet, um von den Vorkenntnissen, die ich bereits hatte, ausgehen und zu dem Hoeheren immer weiter streben zu koennen. Ich kaufte mir eine sehr grosse Schiefertafel, um auf ihr meine Arbeiten ausfuehren zu koennen. So sass ich nun in manchen Stunden, die zum Erlernen von Kenntnissen bestimmt waren, an meinem Tische und rechnete. Ich ging den Gaengen der Maenner nach, welche die Gestaltungen dieser Wissenschaft nach und nach erfunden hatten und von diesen Gestaltungen zu immer weiteren gefuehrt worden waren. Ich setzte mir bestimmte Zeitraeume fest, in welchen ich vom Weitergehen abliess, um das bis dahin Errungene wiederholen und meinem Gedaechtnisse einpraegen zu koennen, ehe ich zu ferneren Teilen vorwaerts schritt. Die Buecher, welche ich nach und nach durchnehmen wollte, hatte ich in der Ordnung auf einem Buecherbrett aufgestellt. Ich war nach einer verhaeltnismaessigen Zeit in ziemlich schwierige Abteilungen des hoeheren Gebietes dieser Wissenschaft vorgerueckt. Der Vater erlaubte mir endlich, zuweilen im Sommer eine Zeit hindurch entfernt von den Eltern auf irgend einem Punkte des Landes zu wohnen. Zum ersten Aufenthalte dieser Art wurde das Landhaus eines Freundes meines Vaters nicht gar ferne von der Stadt erwaehlt. Ich erhielt ein Zimmerchen in dem obersten Teile des Hauses, dessen Fenster auf die nahen Weinberge und zwischen ihren Senkungen durch auf die entfernten Gebirge gingen. Die Frau des Hauses gab mir in sehr kurzen Zwischenzeiten immer erneuerte schneeweisse Fenstervorhaenge. Sehr oft kamen die Eltern heraus, besuchten mich und brachten den Tag auf dem Lande zu. Sehr oft ging ich auch zu ihnen in die Stadt und blieb manchmal sogar ueber Nacht in ihrem Hause. Der zweite Aufenthalt im naechst darauf folgenden Sommer war viel weiter von der Stadt entfernt in dem Hause eines Landmanns. Man hat haeufig in den Haeusern unserer Landleute, in welchen alle Wohnstuben und andere Raeumlichkeiten ebenerdig sind, doch noch ein Geschoss ueber diesen Raeumlichkeiten, in welchem sich ein oder mehrere Gemaecher befinden. Unter diesen Gemaechern ist auch die sogenannte obere Stube. Haeufig ist sie bloss das einzige Gemach des ersten Geschosses. Die obere Stube ist gewissermassen das Prunkzimmer. In ihr stehen die schoeneren Betten des Hauses, gewoehnlich zwei, in ihr stehen die Schreine mit den schoenen Kleidern, in ihr haengen die Scheiben- und Jagdgewehre des Mannes, wenn er dergleichen hat, so wie die Preise, die er im Schiessen etwa schon gewonnen, in ihr sind die schoeneren Geschirre der Frau, besonders wenn sie Kruege aus Zinn oder etwas aus Porzellan hat, und in ihr sind auch die besseren Bilder des Hauses und sonstige Zierden, zum Beispiel ein schoenes Jesuskindlein aus Wachs, welches in weissem feinem Flaume liegt. In einer solchen oberen Stube des Hauses eines Landmanns wohnte ich. Das Haus war so weit von der Stadt entfernt, dass ich die Eltern nur ein einziges Mal mit Benutzung des Postwagens besuchen konnte, sie aber gar nie zu mir kamen. Dieser Aufenthalt brachte Veraenderungen in mir hervor. Weil ich mit den Meinigen nicht zusammen kommen konnte, so lebte die Sehnsucht nach Mitteilung viel staerker in mir, als wenn ich zu Hause gewesen waere und sie jeden Augenblick haette befriedigen koennen. Ich schritt also zu ausfuehrlichen Briefen und Berichten. Ich hatte bisher immer aus Buechern gelernt, deren ich mir bereits eine ziemliche Menge in meine Buecherkaesten von meinem Gelde gekauft hatte; aber ich hatte mich nie geuebt, etwas selber in groesserem Zusammenhange zusammen zu stellen. Jetzt musste ich es tun, ich tat es gerne, und freute mich, nach und nach die Gabe der Darstellung und Erzaehlung in mir wachsen zu fuehlen. Ich schritt zu immer zusammengesetzteren und geordneteren Schilderungen. Auch eine andere Veraenderung trat ein. Ich war schon als Knabe ein grosser Freund der Wirklichkeit der Dinge gewesen, wie sie sich so in der Schoepfung oder in dem geregelten Gange des menschlichen Lebens darstellte. Dies war oft eine grosse Unannehmlichkeit fuer meine Umgebung gewesen. Ich fragte unaufhoerlich um die Namen der Dinge, um ihr Herkommen und ihren Gebrauch und konnte mich nicht beruhigen, wenn die Antwort eine hinausschiebende war. Auch konnte ich es nicht leiden, wenn man einen Gegenstand zu etwas Anderem machte, als er war. Besonders kraenkte es mich, wenn er, wie ich meinte, durch seine Veraenderung schlechter wurde. Es machte mir Kummer, als man einmal einen alten Baum des Gartens faellte und ihn in lauter Kloetze zerlegte. Die Kloetze waren nun kein Baum mehr, und da sie morsch waren, konnte man keinen Schemel, keinen Tisch, kein Kreuz, kein Pferd daraus schnitzen. Als ich einmal das offene Land kennen gelernt und Fichten und Tannen auf den Bergen stehen gesehen hatte, taten mir jederzeit die Bretter leid, aus denen etwas in unserem Hause verfertigt wurde, weil sie einmal solche Fichten und Tannen gewesen waren. Ich fragte den Vater, wenn wir durch die Stadt gingen, wer die grosse Kirche des heiligen Stephan gebaut habe, warum sie nur einen Turm habe, warum dieser so spitzig sei, warum die Kirche so schwarz sei, wem dieses oder jenes Haus gehoere, warum es so gross sei, weshalb sich an einem andern Hause immer zwei Fenster neben einander befaenden und in einem weiteren Hause zwei steinerne Maenner das Sims des Haustores tragen. Der Vater beantwortete solche Fragen je nach seinem Wissen. Bei einigen aeusserte er nur Mutmassungen, bei anderen sagte er, er wisse es nicht. Wenn wir auf das Land kamen, wollte ich alle Gewaechse und Steine kennen und fragte um die Namen der Landleute und der Hunde. Der Vater pflegte zu sagen, ich muesste einmal ein Beschreiber der Dinge werden oder ein Kuenstler, welcher aus Stoffen Gegenstaende fertigt, an denen er so Anteil nimmt, oder wenigstens ein Gelehrter, der die Merkmale und Beschaffenheiten der Sachen erforscht. Diese Eigenschaft nun fuehrte mich, da ich auf dem Lande wohnte, in eine besondere Richtung. Ich legte die Mathematik weg und widmete mich der Betrachtung meiner Umgebungen. Ich fing an, bei allen Vorkommnissen des Hauses, in dem ich wohnte, zuzusehen. Ich lernte nach und nach alle Werkzeuge und ihre Bestimmungen kennen. Ich ging mit den Arbeitern auf die Felder, auf die Wiesen und in die Waelder und arbeitete gelegentlich selber mit. Ich lernte in kurzer Zeit auf diese Weise die Behandlung und Gewinnung aller Bodenerzeugnisse des Landstriches, auf dem ich wohnte, kennen. Auch ihre erste laendliche Verarbeitung zu Kunsterzeugnissen suchte ich in Erfahrung zu bringen. Ich lernte die Bereitung des Weines aus Trauben kennen, des Garnes und der Leinwand aus Flachs, der Butter und des Kaeses aus der Milch, des Mehles und Brotes aus dem Getreide. Ich merkte mir die Namen, womit die Landleute ihre Dinge benannten, und lernte bald die Merkmale kennen, aus denen man die Guete oder den geringeren Wert der Bodenerzeugnisse oder ihre naechsten Umwandlungen beurteilen konnte. Selbst in Gespraeche, wie man dieses oder jenes auf eine vielleicht zweckmaessigere Weise hervorbringen koennte, liess ich mich ein, fand aber da einen hartnaeckigen Widerstand. Als ich diese Hervorbringung der ersten Erzeugnisse in jenem Striche des Landes, in welchem ich mich aufhielt, kennen gelernt hatte, ging ich zu den Gegenstaenden des Gewerbfleisses ueber. Nicht weit von meiner Wohnung war ein weites flaches Tal, das von einem Wasser durchstroemt war, welches sich durch seine gleichbleibende Reichhaltigkeit und dadurch, dass es im Winter nicht leicht zufror, besonders zum Treiben von Werken eignete. In dem Tale waren daher mehrere Fabriken zerstreut. Sie gehoerten meistens zu ansehnlichen Handelshaeusern. Die Eigentuemer lebten in der Stadt und besuchten zuweilen ihre Werke, die von einem Verwalter oder Geschaeftsleiter versehen wurden. Ich besuchte nach und nach alle diese Fabriken und unterrichtete mich ueber die Erzeugnisse, welche da hervorgebracht wurden. Ich suchte den Hergang kennen zu lernen, durch welchen der Stoff in die Fabrik geliefert wurde, durch welchen er in die erste Umwandlung, von dieser in die zweite und so durch alle Stufen gefuehrt wurde, bis er als letztes Erzeugnis der Fabrik hervorging. Ich lernte hier die Guete der einlangenden Rohstoffe kennen und wurde auf die Merkmale aufmerksam gemacht, aus denen auf eine vorzuegliche Beschaffenheit der endlich in der Fabrik fertig gewordenen Erzeugnisse geschlossen werden konnte. Ich lernte auch die Mittel und Wege kennen, durch welche die Umwandlungen, die die Stoffe nach und nach zu erleiden hatten, bewirkt wurden. Die Maschinen, welche hiezu groesstenteils verwendet wurden, waren mir durch meine bereits erworbenen Vorkenntnisse in ihren allgemeinen Einrichtungen schon bekannt. Es war mir daher nicht schwer, ihre besonderen Wirkungen zu den einzelnen Zwecken, die hier erreicht werden sollten, einsehen zu lernen. Ich ging durch die Gefaelligkeit der dabei Angestellten alle Teile durch, bis ich das Ganze so vor mir hatte und zusammen begreifen konnte, als haette ich es als Zeichnung auf dem Papier liegen, wie ich ja bisher alle Einrichtungen solcher Art nur aus Zeichnungen kennen zu lernen Gelegenheit hatte. In spaeterer Zeit begann ich, die Naturgeschichte zu betreiben. Ich fing bei der Pflanzenkunde an. Ich suchte zuerst zu ergruenden, welche Pflanzen sich in der Gegend befaenden, in welcher ich mich aufhielt. Zu diesem Zwecke ging ich nach allen Richtungen aus und bestrebte mich, die Standorte und die Lebensweise der verschiedenen Gewaechse kennen zu lernen und alle Gattungen zu sammeln. Welche ich mit mir tragen konnte und welche nur einiger Massen aufzubewahren waren, nahm ich mit in meine Wohnung. Von solchen, die ich nicht von dem Orte bringen konnte, wozu besonders die Baeume gehoerten, machte ich mir Beschreibungen, welche ich zu der Sammlung einlegte. Bei diesen Beschreibungen, die ich immer nach allen sich mir darbietenden Eigenschaften der Pflanzen machte, zeigte sich mir die Erfahrung, dass nach meiner Beschreibung andere Pflanzen in eine Gruppe zusammen gehoerten, als welche von den Pflanzenkundigen als zusammengehoerig aufgefuehrt wurden. Ich bemerkte, dass von den Pflanzenlehrern die Einteilungen der Pflanzen nur nach einem oder einigen Merkmalen, zum Beispiele nach den Samenblaettern oder nach den Bluetenteilen, gemacht wurden, und dass da Pflanzen in einer Gruppe beisammen stehen, welche in ihrer ganzen Gestalt und in ihren meisten Eigenschaften sehr verschieden sind. Ich behielt die herkoemmlichen Einteilungen bei und hatte aber auch meine Beschreibungen daneben. In diesen Beschreibungen standen die Pflanzen nach sinnfaelligen Linien und, wenn ich mich so ausdruecken duerfte, nach ihrer Baufuehrung beisammen. Bei den Mineralien, welche ich mir sammelte, geriet ich beinahe in dieselbe Lage. Ich hatte mir schon seit meiner Kinderzeit manche Stuecke zu erwerben gesucht. Fast immer waren dieselben aus anderen Sammlungen gekauft oder geschenkt worden. Sie waren schon Sammlungsstuecke, hatten meistens das Papierstueckchen mit ihrem Namen auf sich aufgeklebt. Auch waren sie womoeglich immer im Kristallzustande. Das System von Mohs hatte einmal grosses Aufsehen gemacht; ich war durch meine mathematischen Arbeiten darauf gefuehrt worden, hatte es kennen und lieben gelernt. Allein da ich jetzt meine Mineralien in der Gegend meines Aufenthaltes suchte und zusammen trug, fand ich sie weit oefter in unkristallisirtem Zustande als in kristallisirtem, und sie zeigten da allerlei Eigenschaften fuer die Sinne, die sie dort nicht haben. Das Kristallisiren der Stoffe, welches das System von Mohs voraussetzt, kam mir wieder wie ein Bluehen vor, und die Stoffe standen nach diesen Blueten beisammen. Ich konnte nicht lassen, auch hier neben den Einteilungen, die gebraeuchlich waren, mir ebenfalls meine Beschreibungen zu machen. Ungefaehr eine Meile von unserer Stadt liegt gegen Sonnenuntergang hin eine Reihe von schoenen Huegeln. Diese Huegel setzen sich in Stufenfolgen und nur hie und da von etwas groesseren Ebenen unterbrochen immer weiter nach Sonnenuntergang fort, bis sie endlich in hoeher gelegenes, noch huegligeres Land, das sogenannte Oberland, uebergehen. In der Naehe der Stadt sind die Huegel mehrfach von Landhaeusern besetzt und mit Gaerten und Anlagen geschmueckt, in weiterer Entfernung werden sie laendlicher. Sie tragen Weinreben oder Felder auf ihren Seiten, auch Wiesen sind zu treffen, und die Gipfel oder auch manche Rueckenstrecken sind mit laubigen, mehr busch- als baumartigen Waeldern besetzt. Die Baeche und sonstigen Gewaesser sind nicht gar haeufig, und oft traf ich im Sommer zwischen den Huegeln, wenn mich Durst oder Zufall hinab fuehrte, das ausgetrocknete, mit weissen Steinen gefuellte Bett eines Baches. In diesem Huegellande war mein Aufenthalt, und in demselben rueckte ich immer weiter gegen Sonnenuntergang vor. Ich streifte weit und breit herum und war oft mehrere Tage von meiner Wohnung abwesend. Ich ging die einsamen Pfade, welche zwischen den Feldern oder Weingelaenden hinliefen und sich von Dorf zu Dorf, von Ort zu Ort zogen und manche Meilen, ja Tagereisen in sich begriffen. Ich ging auf den abgelegenen Waldpfaden, die in Stammholz oder Gebueschen verborgen waren und nicht selten im Laubwerk, Gras oder Gestrippe spurlos endeten. Ich durchwanderte oft auch ohne Pfad Wiesen, Wald und sonstige Landflaechen, um die Gegenstaende zu finden, welche ich suchte. Dass wenige von unseren Stadtbewohnern auf solche Wege kommen, ist begreiflich, da sie nur kurze Zeit zu dem Genusse des Landlebens sich goennen koennen und in derselben auf den breiten herkoemmlichen Strassen des Landvergnuegens bleiben und von anderen Pfaden nichts wissen. An der Mittagseite war das ganze Huegelland viele Meilen lang von Hochgebirge gesaeumt. Auf einer Stelle der Basteien unserer Stadt kann man zwischen Haeusern und Baeumen ein Fleckchen Blau von diesem Gebirge sehen. Ich ging oft auf jene Bastei, sah oft dieses kleine blaue Fleckchen und dachte nichts weiter als: das ist das Gebirge. Selbst da ich von dem Hause meines ersten Sommeraufenthaltes einen Teil des Hochgebirges erblickte, achtete ich nicht weiter darauf. Jetzt sah ich zuweilen mit Vergnuegen von einer Anhoehe oder von dem Gipfel eines Huegels ganze Strecken der blauen Kette, welche in immer undeutlicheren Gliedern ferner und ferner dahin lief. Oft, wenn ich durch wildes Gestrippe ploetzlich auf einen freien Abriss kam und mir die Abendroete entgegen schlug, weithin das Land in Duft und roten Rauch legend, so setzte ich mich nieder, liess das Feuerwerk vor mir verglimmen, und es kamen allerlei Gefuehle in mein Herz. Wenn ich wieder in das Haus der Meinigen zurueckkehrte, wurde ich recht freudig empfangen, und die Mutter gewoehnte sich an meine Abwesenheiten, da ich stets gereifter von ihnen zurueck kam. Sie und die Schwester halfen mir nicht selten, die Sachen, die ich mitbrachte, aus ihren Behaeltnissen auspacken, damit ich sie in den Raeumen, die hiezu bestimmt waren, ordnen konnte. So war endlich die Zeit gekommen, in welcher es der Vater fuer geraten fand, mir die ganze Rente der Erbschaft des Grossoheims zu freier Verfuegung zu uebertragen. Er sagte, ich koenne mit diesem Einkommen verfahren, wie es mir beliebe, nur muesste ich damit ausreichen. Er werde mir auf keine Weise aus dem Seinigen etwas beitragen, noch mir je Vorschuesse machen, da meine Jahreseinnahme so reichlich sei, dass sie meine jetzigen Beduerfnisse, selbst wenn sie noch um Vieles groesser wuerden, nicht nur hinlaenglich decke, sondern dass sie selbst auch manche Vergnuegungen bestreiten koenne, und dass doch noch etwas uebrig bleiben duerfte. Es liege somit in meiner Hand, fuer die Zukunft, die etwa groessere Ausgaben bringen koennte, mir auch eine groessere Einnahme zu sichern. Meine Wohnung und meinen Tisch duerfe ich nicht mehr, wenn ich nicht wolle, in dem Hause der Eltern nehmen, sondern wo ich immer wollte. Das Stammvermoegen selber werde er an dem Orte, an welchem es sich bisher befand, liegen lassen. Er fuegte bei, er werde mir dasselbe, sobald ich das vierundzwanzigste Jahr erreicht habe, einhaendigen. Dann koenne ich es nach meinem eigenen Ermessen verwalten. "Ich rate dir aber", fuhr er fort, "dann nicht nach einer groesseren Rente zu geizen, weil eine solche meistens nur mit einer groesseren Unsicherheit des Stammvermoegens zu erzielen ist. Sei immer deines Grundvermoegens sicher und mache die dadurch entstehende kleinere Rente durch Maessigkeit groesser. Solltest du den Rat deines Vaters einholen wollen, so wird dir derselbe nie entzogen werden. Wenn ich sterbe oder freiwillig aus den Geschaeften zurueck trete, so werdet ihr beide auch noch von mir eine Vermehrung eures Eigentums erhalten. Wie gross dieselbe sein wird, kann ich noch nicht sagen, ich bemuehe mich, durch Vorsicht und durch gut gegruendete Geschaeftsfuehrung sie so gross als moeglich und auch so sicher als moeglich zu machen; aber alle stehen wir in der Hand des Herrn, und er kann durch Ereignisse, welche kein Menschenauge vorher sehen kann, meine Vermoegensumstaende bedeutend veraendern. Darum sei weise und gebare mit dem Deinigen, wie du bisher zu meiner und zur Befriedigung deiner Mutter getan hast." Ich war geruehrt ueber die Handlungsweise meines Vaters und dankte ihm von ganzem Herzen. Ich sagte, dass ich mich stets bestreben werde, seinem Vertrauen zu entsprechen, dass ich ihn instaendig um seinen Rat bitte, und dass ich in Vermoegensangelegenheiten wie in anderen nie gegen ihn handeln, und dass ich auch nicht den kleinsten Schritt tun wolle, ohne nach diesem Rat zu verlangen. Eine Wohnung ausser dem Hause zu beziehen, solange ich in unserer Stadt lebe, waere mir sehr schmerzlich, und ich bitte, in dem Hause meiner Eltern und an ihrem Tische bleiben zu duerfen, solange Gott nicht selber durch irgend eine Schickung eine Aenderung herbei fuehre. Der Vater und die Mutter waren ueber diese Worte erfreut. Die Mutter sagte, dass sie mir zu meiner bisherigen Wohnung, die mir doch als einem nunmehr selbstaendigen Manne besonders bei meinen jetzigen Verhaeltnissen zu klein werden duerfte, noch einige Raeumlichkeiten zugeben wolle, ohne dass darum der Preis unverhaeltnismaessig wachse. Ich war natuerlicher Weise mit Allem einverstanden. Ich musste gleich mit der Mutter gehen und die mir zugedachte Vergroesserung der Wohnung besehen. Ich dankte ihr fuer ihre Sorgfalt. Schon in den naechsten Tagen richtete ich mich in der neuen Wohnung ein. Den Winter benutzte ich zum Teile mit Vorbereitungen, um im naechsten Sommer wieder grosse Wanderungen machen zu koennen. Ich hatte mir vorgenommen, nun endlich einmal das Hochgebirge zu besuchen, und in ihm so weit herum zu gehen, als es mir zusagen wuerde. Als der Sommer gekommen war, fuhr ich von der Stadt auf dem kuerzesten Wege in das Gebirge. Von dem Orte meiner Ankunft aus wollte ich dann in ihm laengs seiner Richtung von Sonnenaufgang nach Sonnenuntergang zu Fusse fort wandern. Ich begab mich sofort auf meinen Weg. Ich ging den Taelern entlang, selbst wenn sie voll meiner Richtung abwichen und allerlei Windungen verfolgten. Ich suchte nach solchen Abschweifungen immer meinen Hauptweg wieder zu gewinnen. Ich stieg auch auf Bergjoche und ging auf der entgegengesetzten Seite wieder in das Tal hinab. Ich erklomm manchen Gipfel und suchte von ihm die Gegend zu sehen und auch schon die Richtung zu erspaehen, in welcher ich in naechster Zeit vordringen wuerde. Im Ganzen hielt ich mich stets, soweit es anging, nach dem Hauptzuge des Gebirges und wich von der Wasserscheide so wenig als moeglich ab. In einem Tale an einem sehr klaren Wasser sah ich einmal einen toten Hirsch. Er war gejagt worden, eine Kugel hatte seine Seite getroffen, und er mochte das frische Wasser gesucht haben, um seinen Schmerz zu kuehlen. Er war aber an dem Wasser gestorben. Jetzt lag er an demselben so, dass sein Haupt in den Sand gebettet war und seine Vorderfuesse in die reine Flut ragten. Ringsum war kein lebendiges Wesen zu sehen. Das Tier gefiel mir so, dass ich seine Schoenheit bewunderte und mit ihm grosses Mitleid empfand. Sein Auge war noch kaum gebrochen, es glaenzte noch in einem schmerzlichen Glanze, und dasselbe, so wie das Antlitz, das mir fast sprechend erschien, war gleichsam ein Vorwurf gegen seine Moerder. Ich griff den Hirsch an, er war noch nicht kalt. Als ich eine Weile bei dem toten Tiere gestanden war, hoerte ich Laute in den Waeldern des Gebirges, die wie Jauchzen und wie Heulen von Hunden klangen. Diese Laute kamen naeher, waren deutlich zu erkennen, und bald sprang ein Paar schoener Hunde ueber den Bach, denen noch einige folgten. Sie naeherten sich mir. Als sie aber den fremden Mann bei dem Wilde sahen, blieben einige in der Entfernung stehen und bellten heftig gegen mich, waehrend andere heulend weite Kreise um mich zogen, in ihnen dahin flogen und in Eilfertigkeit sich an Steinen ueberschlugen und ueberstuerzten. Nach geraumer Zeit kamen auch Maenner mit Schiessgewehren. Als sich diese dem Hirsche genaehert hatten und neben mir standen, kamen auch die Hunde herzu, hatten vor mir keine Scheu mehr, beschnupperten mich und bewegten sich und zitterten um das Wild herum. Ich entfernte mich, nachdem die Jaeger auf dem Schauplatze erschienen waren, sehr bald von ihm. Bisher hatte ich keine Tiere zu meinen Bestrebungen in der Naturgeschichte aufgesucht, obwohl ich die Beschreibungen derselben eifrig gelesen und gelernt hatte. Diese Vernachlaessigung der leiblichen wirklichen Gestalt war bei mir so weit gegangen, dass ich, selbst da ich einen Teil des Sommers schon auf dem Lande zubrachte, noch immer die Merkmale von Ziegen, Schafen, Kuehen aus meinen Abbildungen nicht nach den Gestalten suchte, die vor mir wandelten. Ich schlug jetzt einen andern Weg ein. Der Hirsch, den ich gesehen hatte, schwebte mir immer vor den Augen. Er war ein edler gefallner Held und war ein reines Wesen. Auch die Hunde, seine Feinde, erschienen mir berechtigt wie in ihrem Berufe. Die schlanken springenden und gleichsam geschnellten Gestalten blieben mir ebenfalls vor den Augen. Nur die Menschen, welche das Tier geschossen hatten, waren mir widerwaertig, da sie daraus gleichsam ein Fest gemacht hatten. Ich fing von der Stunde an, Tiere so aufzusuchen und zu betrachten, wie ich bisher Steine und Pflanzen aufgesucht und betrachtet hatte. Sowohl jetzt, da ich noch in dem Gebirge war, als auch spaeter zu Hause und bei meinen weiteren Wanderungen betrachtete ich Tiere und suchte ihre wesentlichen Merkmale sowohl an ihrem Leibe als auch an ihrer Lebensart und Bestimmung zu ergruenden. Ich schrieb das, was ich gesehen hatte, auf und verglich es mit den Beschreibungen und Einteilungen, die ich in meinen Buechern fand. Da geschah es wieder, dass ich mit diesen Buechern in Zwiespalt geriet, weil es meinen Augen widerstrebte, Tiere nach Zehen oder anderen Dingen in einer Abteilung beisammen zu sehen, die in ihrem Baue nach meiner Meinung ganz verschieden waren. Ich stellte daher nicht wissenschaftlich, aber zu meinem Gebrauche eine andere Einteilung zusammen. Einen besonderen Zweck, den ich bei dem Besuche des Gebirges befolgen wollte, hatte ich dieses erste Mal nicht, ausser was sich zufaellig fand. Ich war nur im Allgemeinen in das Gebirge gegangen, um es zu sehen. Als daher dieser erste Drang etwas gesaettigt war, begab ich mich auf dem naechsten Wege in das flache Land hinaus und fuhr auf diesem wieder nach Hause. Allein der kommende Sommer lockte mich abermals in das Gebirge. Hatte ich das erste Mal nur im Allgemeinen geschaut, und waren die Eindruecke wirkend auf mich heran gekommen, so ging ich jetzt schon mehr in das Einzelne, ich war meiner schon mehr Herr und richtete die Betrachtung auf besondere Dinge. Viele von ihnen draengten sich an meine Seele. Ich sass auf einem Steine und sah die breiten Schattenflaechen und die scharfen, oft gleichsam mit einem Messer in sie geschnittenen Lichter. Ich dachte nach, weshalb die Schatten hier so blau seien und die Lichter so kraeftig und das Gruen so feurig und die Waesser so blitzend. Mir fielen die Bilder meines Vaters ein, auf denen Berge gemalt waren, und mir wurde es, als haette ich sie mitnehmen sollen, um vergleichen zu koennen. Ich blieb in kleinen Ortschaften zuweilen laenger und betrachtete die Menschen, ihr taegliches Gewerbe, ihr Fuehlen, ihr Reden, Denken und Singen. Ich lernte die Zither kennen, betrachtete sie, untersuchte sie und hoerte auf ihr spielen und zu ihr singen. Sie erschien mir als ein Gegenstand, der nur allein in die Berge gehoert und mit den Bergen Eins ist. Die Wolken, ihre Bildung, ihr Anhaengen an die Bergwaende, ihr Suchen der Bergspitzen so wie die Verhaeltnisse des Nebels und seine Neigung zu den Bergen waren mir wunderbare Erscheinungen. Ich bestieg in diesem Sommer auch einige hohe Stellen, ich liess mich von den Fuehrern nicht bloss auf das Eis der Gletscher geleiten, welches mich sehr anregte und zur Betrachtung aufforderte, sondern bestieg auch mit ihrer Hilfe die hoechsten Zinnen der Berge. Ich sah die Ueberreste einer alten, untergegangenen Welt in den Marmoren, die in dem Gebirge vorkommen und die man in manchen Taelern zu schleifen versteht. Ich suchte besondere Arten aufzufinden und sendete sie nach Hause. Den schoenen Enzian hatte ich im frueheren Sommer schon der Schwester in meinen Pflanzenbuechern gebracht, jetzt brachte ich ihr auch Alpenrosen und Edelweiss. Von der Zirbelkiefer und dem Knieholze nahm ich die zierlichen Fruechte. So verging die Zeit, und so kam ich bereichert nach Hause. Ich ging von nun an jeden Sommer in das Gebirge. Wenn ich von den Zimmern meiner Wohnung in dem Hause meiner Eltern nach einem dort verbrachten Winter gegen den Himmel blickte und nicht mehr so oft an demselben die grauen Wolken und den Nebel sah, sondern oefter schon die blauen und heiteren Luefte, wenn diese durch ihre Farbe schon gleichsam ihre groessere Weichheit ankuendigten, wenn auf den Mauern und Schornsteinen und Ziegeldaechern, die ich nach vielen Richtungen uebersehen konnte, schon immer kraeftigere Tafeln von Sonnenschein lagen, kein Schnee sich mehr blicken liess und an den Baeumen unseres Gartens die Knospen schwollen: so mahnte es mich bereits in das Freie. Um diesem Drange nur vorlaeufig zu genuegen, ging ich gerne aus der Stadt und erquickte mich an der offenen Weite der Wiesen, der Felder, der Weinberge. Wenn aber die Baeume bluehten und das erste Laub sich entwickelte, ging ich schon dem Blau der Berge zu, wenngleich ihre Waende noch von mannigfaltigem Schnee erglaenzten. Ich erwaehlte mir nach und nach verschiedene Gegenden, an denen ich mich aufhielt, um sie genau kennen zu lernen und zu geniessen. Mein Vater hatte gegen diese Reisen nichts, auch war er mit der Art, wie ich mit meinem Einkommen gebarte, sehr zufrieden. Es blieb nehmlich in jedem Jahre ein Erkleckliches ueber, was zu dem Grundvermoegen getan werden konnte. Ich spuerte desohngeachtet in meiner Lebensweise keinen Abgang. Ich strebte nach Dingen, die meine Freude waren und wenig kosteten, weit weniger als die Vergnuegungen, denen meine Bekannten sich hingaben. Ich hatte in Kleidern, Speise und Trank die groesste Einfachheit, weil es meiner Natur so zusagte, weil wir zur Maessigkeit erzogen waren und weil diese Gegenstaende, wenn ich ihnen grosse Aufmerksamkeit haette schenken sollen, mich von meinen Lieblingsbestrebungen abgelenkt haetten. So ging alles gut, Vater und Mutter freuten sich ueber meine Ordnung, und ich freute mich ueber ihre Freude. Da verfiel ich eines Tages auf das Zeichnen. Ich koennte mir ja meine Naturgegenstaende, dachte ich, eben so gut zeichnen als beschreiben, und die Zeichnung sei am Ende noch sogar besser als die Beschreibung. Ich erstaunte, weshalb ich denn nicht sogleich auf den Gedanken geraten sei. Ich hatte wohl frueher immer gezeichnet, aber mit mathematischen Linien, welche nach Rechnungsgesetzen entstanden, Flaechen und Koerper in der Messkunst darstellten und mit Zirkel und Richtscheit gemacht worden waren. Ich wusste wohl recht gut, dass man mit Linien alle moeglichen Koerper darstellen koenne, und hatte es an den Bildern meines Vaters vollfuehrt gesehen: aber ich hatte nicht weiter darueber gedacht, da ich in einer andern Richtung beschaeftigt war. Es musste diese Vernachlaessigung von einer Eigenschaft in mir herruehren, die ich in einem hohen Grade besass und die man mir zum Vorwurfe machte. Wenn ich nehmlich mit einem Gegenstande eifrig beschaeftigt war, so vergass ich darueber manchen andern, der vielleicht groessere Bedeutung hatte. Sie sagten, das sei einseitig, ja es sei sogar Mangel an Gefuehl. Ich fing mein Zeichnen mit Pflanzen an, mit Blaettern, mit Stielen, mit Zweigen. Es war Anfangs die Aehnlichkeit nicht sehr gross, und die Vollkommenheit der Zeichnung liess viel zu wuenschen uebrig, wie ich spaeter erkannte. Aber es wurde immer besser, da ich eifrig war und vom Versuchen nicht abliess. Die frueher in meine Pflanzenbuecher eingelegten Pflanzen, wie sorgsam sie auch vorbereitet waren, verloren nach und nach nicht bloss die Farbe, sondern auch die Gestalt, und erinnerten nicht mehr entfernt an ihre urspruengliche Beschaffenheit. Die gezeichneten Pflanzen dagegen bewahrten wenigstens die Gestalt, nicht zu gedenken, dass es Pflanzen gibt, die wegen ihrer Beschaffenheit, und selbst solche, die wegen ihrer Groesse in ein Pflanzenbuch nicht gelegt werden koennen, wie zum Beispiele Pilze oder Baeume. Diese konnten in einer Zeichnung sehr wohl aufbewahrt werden. Die blossen Zeichnungen aber genuegten mir nach und nach auch nicht mehr, weil die Farbe fehlte, die bei den Pflanzen, besonders bei den Blueten, eine Hauptsache ist. Ich begann daher, meine Abbildungen mit Farben zu versehen und nicht eher zu ruhen, als bis die Aehnlichkeit mit den Urbildern erschien und immer groesser zu werden versprach. Nach den Pflanzen nahm ich auch andere Gegenstaende vor, deren Farbe etwas Auffallendes und Fassliches hatte. Ich geriet auf die Falter und suchte mehrere nachzubilden. Die Farben von minder hervorragenden Gegenstaenden, die zwar unscheinbar, aber doch bedeutsam sind, wie die der Gesteine im unkristallischen Zustande, kamen spaeter an die Reihe, und ich lernte ihre Reize nach und nach wuerdigen. Da ich nun einmal zeichnete und die Dinge deshalb doch viel genauer betrachten musste, und da das Zeichnen und meine jetzige Bestrebungen mich doch nicht ganz ausfuellten, kam ich auch noch auf eine andere, viel weiter gehende Richtung. Ich habe schon gesagt, dass ich gerne auf hohe Berge stieg und von ihnen aus die Gegenden betrachtete. Da stellten sich nun dem geuebteren Auge die bildsamen Gestalten der Erde in viel eindringlicheren Merkmalen dar und fassten sich uebersichtlicher in grossen Teilen zusammen. Da oeffnete sich dem Gemuete und der Seele der Reiz des Entstehens dieser Gebilde, ihrer Falten und ihrer Erhebungen, ihres Dahinstreichens und Abweichens von einer Richtung, ihres Zusammenstrebens gegen einen Hauptpunkt und ihrer Zerstreuungen in die Flaeche. Es kam ein altes Bild, das ich einmal in einem Buche gelesen und wieder vergessen hatte, in meine Erinnerung. Wenn das Wasser in unendlich kleinen Troepfchen, die kaum durch ein Vergroesserungsglas ersichtlich sind, aus dem Dunste der Luft sich auf die Tafeln unserer Fenster absetzt, und die Kaelte dazu koemmt, die noetig ist, so entsteht die Decke von Faeden, Sternen, Wedeln, Palmen und Blumen, die wir gefrorene Fenster heissen. Alle diese Dinge stellen sich zu einem Ganzen zusammen, und die Strahlen, die Taeler, die Ruecken, die Knoten des Eises sind durch ein Vergroesserungsglas angesehen bewunderungswuerdig. Eben so stellt sich von sehr hohen Bergen aus gesehen die niedriger liegende Gestaltung der Erde dar. Sie muss aus einem erstarrenden Stoffe entstanden sein und streckt ihre Faecher und Palmen in grossartigem Massstabe aus. Der Berg selber, auf dem ich stehe, ist der weisse, helle und sehr glaenzende Punkt, den wir in der Mitte der zarten Gewebe unserer gefrorenen Fenster sehen. Die Palmenraender der gefrorenen Fenstertafeln werden durch Abbroecklung wegen des Luftzuges oder durch Schmelzung wegen der Waerme lueckenhaft und unterbrochen. An den Gebirgszuegen geschehen Zerstoerungen durch Verwitterung in Folge des Einflusses des Wassers, der Luft, der Waerme und der Kaelte. Nur braucht die Zerstoerung der Eisnadeln an den Fenstern kuerzere Zeit als der Nadeln der Gebirge. Die Betrachtung der unter mir liegenden Erde, der ich oft mehrere Stunden widmete, erhob mein Herz zu hoeherer Bewegung, und es erschien mir als ein wuerdiges Bestreben, ja als ein Bestreben, zu dem alle meine bisherigen Bemuehungen nur Vorarbeiten gewesen waren, dem Entstehen dieser Erdoberflaeche nachzuspueren und durch Sammlung vieler kleiner Tatsachen an den verschiedensten Stellen sich in das grosse und erhabene Ganze auszubreiten, das sich unsern Blicken darstellt, wenn wir von Hochpunkt zu Hochpunkt auf unserer Erde reisen und sie endlich alle erfuellt haben und keine Bildung dem Auge mehr zu untersuchen bleibt als die Weite und die Woelbung des Meeres. Ich begann, durch diese Gefuehle und Betrachtungen angeregt, gleichsam als Schlussstein oder Zusammenfassung aller meiner bisherigen Arbeiten die Wissenschaft der Bildung der Erdoberflaeche und dadurch vielleicht der Bildung der Erde selber zu betreiben. Nebstdem, dass ich gelegentlich von hohen Stellen aus die Gestaltung der Erdoberflaeche genau zeichnete, gleichsam als waere sie durch einen Spiegel gesehen worden, schaffte ich mir die vorzueglichsten Werke an, welche ueber diese Wissenschaft handeln, machte mich mit den Vorrichtungen, die man braucht, bekannt, so wie mit der Art ihrer Benuetzung. Ich betrieb nun diesen Gegenstand mit fortgesetztem Eifer und mit einer strengen Ordnung. Dabei lernte ich auch nach und nach den Himmel kennen, die Gestaltung seiner Erscheinungen und die Verhaeltnisse seines Wetters. Meine Besuche der Berge hatten nun fast ausschliesslich diesen Zweck zu ihrem Inhalte. Die Einkehr Eines Tages ging ich von dem Hochgebirge gegen das Huegelland hinaus. Ich wollte nehmlich von einem Gebirgszuge in einen andern uebersiedeln und meinen Weg dahin durch einen Teil des offenen Landes nehmen. Jedermann kennt die Vorberge, mit welchen das Hochgebirge gleichsam wie mit einem Uebergange gegen das flachere Land auslaeuft. Mit Laub- oder Nadelwald bedeckt ziehen sie in angenehmer Faerbung dahin, lassen hie und da das blaue Haupt eines Hochberges ueber sich sehen, sind hie und da von einer leuchtenden Wiese unterbrochen, fuehren alle Waesser, die das Gebirge liefert und die gegen das Land hinaus gehen, zwischen sich, zeigen manches Gebaeude und manches Kirchlein und strecken sich nach allen Richtungen, in denen das Gebirge sich abniedert, gegen die bebauteren und bewohnteren Teile hinaus. Als ich von dem Hange dieser Berge herab ging und eine freiere Umsicht gewann, erblickte ich gegen Untergang hin die sanften Wolken eines Gewitters, das sich sachte zu bilden begann und den Himmel umschleierte. Ich schritt ruestig fort und beobachtete das Zunehmen und Wachsen der Bewoelkung. Als ich ziemlich weit hinaus gekommen war und mich in einem Teile des Landes befand, wo sanfte Huegel mit maessigen Flaechen wechseln, Meierhoefe zerstreut sind, der Obstbau gleichsam in Waeldern sich durch das Land zieht, zwischen dem dunkeln Laube die Kirchtuerme schimmern, in den Talfurchen die Baeche rauschen und ueberall wegen der groesseren Weitung, die das Land gibt, das blaue, gezackte Band der Hochgebirge zu erblicken ist, musste ich auf eine Einkehr denken; denn das Dorf, in welchem ich Rast halten wollte, war kaum mehr zu erreichen. Das Gewitter war so weit gediehen, dass es in einer Stunde und bei beguenstigenden Umstaenden wohl noch frueher ausbrechen konnte. Vor mir hatte ich das Dorf Rohrberg, dessen Kirchturm von der Sonne scharf beschienen ueber Kirschen- und Weidenbaeumen hervor sah. Es lag nur ganz wenig abseits von der Strasse. Naeher waren zwei Meierhoefe, deren jeder in einer maessigen Entfernung von der Strasse in Wiesen und Feldern prangte. Auch war ein Haus auf einem Huegel, das weder ein Bauerhaus noch irgend ein Wirtschaftsgebaeude eines Buergers zu sein schien, sondern eher dem Landhause eines Staedters glich. Ich hatte schon frueher wiederholt, wenn ich durch die Gegend kam, das Haus betrachtet, aber ich hatte mich nie naeher um dasselbe bekuemmert. Jetzt fiel es mir um so mehr auf, weil es der naechste Unterkunftsplatz von meinem Standorte aus war und weil es mehr Bequemlichkeit als die Meierhoefe zu geben versprach. Dazu gesellte sich ein eigentuemlicher Reiz. Es war, da schon ein grosser Teil des Landes, mit Ausnahme des Rohrberger Kirchturmes, im Schatten lag, noch hell beleuchtet und sah mit einladendem schimmerndem Weiss in das Grau und Blau der Landschaft hinaus. Ich beschloss also, in diesem Hause eine Unterkunft zu suchen. Ich forschte dem zu Folge nach einem Wege, der von der Strasse auf den Huegel des Hauses hinauffuehren sollte. Nach meiner Kenntnis des Landesgebrauches war es mir nicht schwer, den mit einem Zaune und mit Gebuesch besaeumten Weg, der von der Landstrasse ab hinauf ging, zu finden. Ich schritt auf demselben empor und kam, wie ich richtig vermutet hatte, vor das Haus. Es war noch immer von der Sonne hell beschienen. Allein da ich naeher vor dasselbe trat, hatte ich einen bewunderungswuerdigen Anblick. Das Haus war ueber und ueber mit Rosen bedeckt, und wie es in jenem fruchtbaren huegligen Lande ist, dass, wenn einmal etwas blueht, gleich alles mit einander blueht, so war es auch hier: die Rosen schienen sich das Wort gegeben zu haben, alle zur selben Zeit aufzubrechen, um das Haus in einen Ueberwurf der reizendsten Farbe und in eine Wolke der suessesten Gerueche zu huellen. Wenn ich sage, das Haus sei ueber und ueber mit Rosen bedeckt gewesen, so ist das nicht so wortgetreu zu nehmen. Das Haus hatte zwei ziemlich hohe Geschosse. Die Wand des Erdgeschosses war bis zu den Fenstern des oberen Geschosses mit den Rosen bedeckt. Der uebrige Teil bis zu dem Dache war frei, und er war das leuchtende weisse Band, welches in die Landschaft hinaus geschaut und mich gewissermassen herauf gelockt hatte. Die Rosen waren an einem Gitterwerke, das sich vor der Wand des Hauses befand, befestigt. Sie bestanden aus lauter Baeumchen. Es waren winzige darunter, deren Blaetter gleich ueber der Erde begannen, dann hoehere, deren Staemmchen ueber die ersten empor ragten, und so fort, bis die letzten mit ihren Zweigen in die Fenster des oberen Geschosses hinein sahen. Die Pflanzen waren so verteilt und gehegt, dass nirgends eine Luecke entstand und dass die Wand des Hauses, soweit sie reichten, vollkommen von ihnen bedeckt war. Ich hatte eine Vorrichtung dieser Art in einem so grossen Massstabe noch nie gesehen. Es waren zudem fast alle Rosengattungen da, die ich kannte, und einige, die ich noch nicht kannte. Die Farben gingen von dem reinen Weiss der weissen Rosen durch das gelbliche und roetliche Weiss der Uebergangsrosen in das zarte Rot und in den Purpur und in das blaeuliche und schwaerzliche Rot der roten Rosen ueber. Die Gestalten und der Bau wechselten in eben demselben Masse. Die Pflanzen waren nicht etwa nach Farben eingeteilt, sondern die Ruecksicht der Anpflanzung schien nur die zu sein, dass in der Rosenwand keine Unterbrechung statt finden moege. Die Farben bluehten daher in einem Gemische durch einander. Auch das Gruen der Blaetter fiel mir auf. Es war sehr rein gehalten, und kein bei Rosen oefter als bei andern Pflanzen vorkommender Uebelstand der gruenen Blaetter und keine der haeufigen Krankheiten kam mir zu Gesichte. Kein verdorrtes oder durch Raupen zerfressenes oder durch ihr Spinnen verkruemmtes Blatt war zu erblicken. Selbst das bei Rosen so gerne sich einnistende Ungeziefer fehlte. Ganz entwickelt und in ihren verschiedenen Abstufungen des Gruens prangend standen die Blaetter hervor. Sie gaben mit den Farben der Blumen gemischt einen wunderlichen Ueberzug des Hauses. Die Sonne, die noch immer gleichsam einzig auf dieses Haus schien, gab den Rosen und den gruenen Blaettern derselben gleichsam goldene und feurige Farben. Nachdem ich eine Weile mein Vorhaben vergessend vor diesen Blumen gestanden war, ermahnte ich mich und dachte an das Weitere. Ich sah mich nach einem Eingange des Hauses um. Allein ich erblickte keinen. Die ganze ziemlich lange Wand desselben hatte keine Tuer und kein Tor. Auch durch keinen Weg war der Eingang zu dem Hause bemerkbar gemacht; denn der ganze Platz vor demselben war ein reiner, durch den Rechen wohlgeordneter Sandplatz. Derselbe schnitt sich durch ein Rasenband und eine Hecke von den angrenzenden, hinter meinem Ruecken liegenden Feldern ab. Zu beiden Seiten des Hauses in der Richtung seiner Laenge setzten sich Gaerten fort, die durch ein hohes, eisernes, gruen angestrichenes Gitter von dem Sandplatze getrennt waren. In diesen Gittern musste also der Eingang sein. Und so war es auch. In dem Gitter, welches dem den Huegel heranfuehrenden Wege zunaechst lag, entdeckte ich die Tuer oder eigentlich zwei Fluegel einer Tuer, die dem Gitter so eingefuegt waren, dass sie von demselben bei dem ersten Anblicke nicht unterschieden werden konnten. In den Tueren waren die zwei messingenen Schlossgriffe und an der Seite des einen Fluegels ein Glockengriff. Ich sah zuerst ein wenig durch das Gitter in den Garten. Der Sandplatz setzte sich hinter dem Gitter fort, nur war er besaeumt mit bluehenden Gebueschen und unterbrochen mit hohen Obstbaeumen, welche Schatten gaben. In dem Schatten standen Tische und Stuehle; es war aber kein Mensch bei ihnen gegenwaertig. Der Garten erstreckte sich rueckwaerts um das Haus herum und schien mir bedeutend weit in die Tiefe zu gehen. Ich versuchte zuerst die Tuergriffe, aber sie oeffneten nicht. Dann nahm ich meine Zuflucht zu dem Glockengriffe und laeutete. Auf den Klang der Glocke kam ein Mann hinter den Gebueschen des Gartens gegen mich hervor. Als er an der innern Seite des Gitters vor mir stand, sah ich, dass es ein Mann mit schneeweissen Haaren war, die er nicht bedeckt hatte. Sonst war er unscheinbar und hatte eine Art Hausjacke an, oder wie man das Ding nennen soll, das ihm ueberall enge anlag und fast bis auf die Knie herabreichte. Er sah mich einen Augenblick an, da er zu mir herangekommen war, und sagte dann: "Was wollt ihr, lieber Herr?" "Es ist ein Gewitter im Anzuge", antwortete ich, "und es wird in Kurzem ueber diese Gegend kommen. Ich bin ein Wandersmann, wie ihr an meinem Raenzchen seht, und bitte daher, dass mir in diesem Hause so lange ein Obdach gegeben werde, bis der Regen, oder wenigstens der schwerere, vorueber ist." "Das Gewitter wird nicht zum Ausbruche kommen", sagte der Mann. "Es wird keine Stunde dauern, dass es koemmt", entgegnete ich, "ich bin mit diesen Gebirgen sehr wohl bekannt und verstehe mich auch auf die Wolken und Gewitter derselben ein wenig." "Ich bin aber mit dem Platze, auf welchem wir stehen, aller Wahrscheinlichkeit nach weit laenger bekannt als ihr mit dem Gebirge, da ich viel aelter bin als ihr", antwortete er, "ich kenne auch seine Wolken und Gewitter und weiss, dass heute auf dieses Haus, diesen Garten und diese Gegend kein Regen niederfallen wird." "Wir wollen nicht lange darueber Meinungen hegen, ob ein Gewitter dieses Haus netzen wird oder nicht", sagte ich; "wenn ihr Anstand nehmet, mir dieses Gittertor zu oeffnen, so habet die Guete und ruft den Herrn des Hauses herbei." "Ich bin der Herr des Hauses." Auf dieses Wort sah ich mir den Mann etwas naeher an. Sein Angesicht zeigte zwar auch auf ein vorgeruecktes Alter, aber es schien mir juenger als die Haare und gehoerte ueberhaupt zu jenen freundlichen, wohlgefaerbten, nicht durch das Fett der vorgerueckten Jahre entstellten Angesichtern, von denen man nie weiss, wie alt sie sind. Hierauf sagte ich: "Nun muss ich wohl um Verzeihung bitten, dass ich so zudringlich gewesen bin, ohne weiteres auf die Sitte des Landes zu bauen. Wenn eure Behauptung, dass kein Gewitter kommen werde, einer Ablehnung gleich sein soll, werde ich mich augenblicklich entfernen. Denkt nicht, dass ich als junger Mann den Regen so scheue; es ist mir zwar nicht so angenehm, durchnaesst zu werden als trocken zu bleiben, es ist mir aber auch nicht so unangenehm, dass ich deshalb jemandem zur Last fallen sollte. Ich bin oft von dem Regen getroffen worden, und es liegt nichts daran, wenn ich auch heute getroffen werde." "Das sind eigentlich zwei Fragen", antwortete der Mann, "und ich muss auf beide etwas entgegnen. Das Erste ist, dass ihr in Naturdingen eine Unrichtigkeit gesagt habet, was vielleicht daher koemmt, dass ihr die Verhaeltnisse dieser Gegend zu wenig kennt oder auf die Vorkommnisse der Natur nicht genug achtet. Diesen Irrtum musste ich berichtigen; denn in Sachen der Natur muss auf Wahrheit gesehen werden. Das Zweite ist, dass, wenn ihr mit oder ohne Gewitter in dieses Haus kommen wollt, und wenn ihr gesonnen seid, seine Gastfreundschaft anzunehmen, ich sehr gerne willfahren werde. Dieses Haus hat schon manchen Gast gehabt und manchen gerne beherbergt, und wie ich an euch sehe, wird es auch euch gerne beherbergen und so lange verpflegen, als ihr es fuer noetig erachten werdet. Darum bitte ich euch, tretet ein." Mit diesen Worten tat er einen Druck am Schlosse des Torfluegels, der Fluegel oeffnete sich, drehte sich mit einer Rolle auf einer halbkreisartigen Eisenschiene und gab mir Raum zum Eintreten. Ich blieb nun einen Augenblick unentschlossen. "Wenn das Gewitter nicht koemmt", sagte ich, "so habe ich im Grunde keine Ursache, hier einzutreten; denn ich bin nur des anziehenden Gewitters willen von der Landstrasse abgewichen und zu diesem Hause heraufgestiegen. Aber verzeiht mir, wenn ich noch einmal die Frage anrege. Ich bin beinahe eine Art Naturforscher und habe mich mehrere Jahre mit Naturdingen, mit Beobachtungen und namentlich mit diesem Gebirge beschaeftigt, und meine Erfahrungen sagen mir, dass heute ueber diese Gegend und dieses Haus ein Gewitter kommen wird." "Nun muesst ihr eigentlich vollends herein gehen", sagte er, "jetzt handelt es sich darum, dass wir gemeinschaftlich abwarten, wer von uns beiden recht hat. Ich bin zwar kein Naturforscher und kann von mir nicht sagen, dass ich mich mit Naturwissenschaften beschaeftigt habe; aber ich habe manches ueber diese Gegenstaende gelesen, habe waehrend meines Lebens mich bemueht, die Dinge zu beobachten und ueber das Gelesene und Gesehene nachzudenken. In Folge dieser Bestrebungen habe ich heute die unzweideutigen Zeichen gesehen, dass die Wolken, welche jetzt noch gegen Sonnenuntergang stehen, welche schon einmal gedonnert haben und von denen ihr veranlasst worden seid, zu mir herauf zu steigen, nicht ueber dieses Haus und ueberhaupt ueber keine Gegend einen Regen bringen werden. Sie werden sich vielleicht, wenn die Sonne tiefer koemmt, verteilen und werden zerstreut am Himmel herum stehen. Abends werden wir etwa einen Wind spueren, und morgen wird gewiss wieder ein schoener Tag sein. Es koennte sich zwar ereignen, dass einige schwere Tropfen fallen oder ein kleiner Spruehregen nieder geht, aber gewiss nicht auf diesen Huegel." "Da die Sache so ist", erwiderte ich, "trete ich gerne ein und harre mit euch gerne der Entscheidung, auf die ich begierig bin." Nach diesen Worten trat ich ein, er schloss das Gitter und sagte, er wolle mein Fuehrer sein. Er fuehrte mich um das Haus herum; denn in der den Rosen entgegengesetzten Seite war die Tuer. Er fuehrte mich durch dieselbe ein, nachdem er sie mit einem Schluessel geoeffnet hatte. Hinter der Tuer erblickte ich einen Gang, welcher mit Amonitenmarmor gepflastert war. "Dieser Eingang", sagte er, "ist eigentlich der Haupteingang; aber da ich mir nicht gerne das Pflaster des Ganges verderben lasse, halte ich ihn immer gesperrt, und die Leute gehen durch eine Tuer in die Zimmer, welche wir finden wuerden, wenn wir noch einmal um die Ecke des Hauses gingen. Des Pflasters willen muss ich euch auch bitten, diese Filzschuhe anzuziehen." Es standen einige Paare gelblicher Filzschuhe gleich innerhalb der Tuer. Niemand konnte mehr als ich von der Notwendigkeit ueberzeugt sein, diesen so edlen und schoenen Marmor zu schonen, der an sich so vortrefflich ist und hier ganz meisterhaft geglaettet war. Ich fuhr daher mit meinen Stiefeln in ein Paar solcher Schuhe, er tat desgleichen, und so gingen wir ueber den glatten Boden. Der Gang, welcher von oben beleuchtet war, fuehrte zu einer braunen getaefelten Tuer. Vor derselben legte er die Filzschuhe ab, verlangte von mir, dass ich dasselbe tue, und, nachdem wir uns auf dem hoelzernen Antritte der Tuer der Filzschuhe entledigt hatten, oeffnete er dieselbe und fuehrte mich in ein Zimmer. Dem Ansehen nach war es ein Speisezimmer; denn in der Mitte desselben stand ein Tisch, an dessen Bauart man sah, dass er vergroessert oder verkleinert werden koenne, je nachdem eine groessere oder kleinere Anzahl von Personen um ihn sitzen sollte. Ausser dem Tische befanden sich nur Stuehle in dem Zimmer und ein Schrein, in welchem die Speisegeraetschaften enthalten sein konnten. "Legt in diesem Zimmer", sagte der Mann, "euern Hut, euern Stock und euer Raenzlein ab, ich werde euch dann in ein anderes Gemach fuehren, in welchem ihr ausruhen koennt." Als er dies gesagt und ich ihm Folge geleistet hatte, trat er zu einer breiten Strohmatte und zu Fussbuersten, die sich am Ausgange des Zimmers befanden, reinigte sich an beiden sehr sorgsam seine Fussbekleidung und lud mich ein, dasselbe zu tun. Ich tat es, und da ich fertig war, oeffnete er die Ausgangstuer, die ebenfalls braun und getaefelt war, und fuehrte mich durch ein Vorgemach in ein Ausruhezimmer, welches an der Seite des Vorgemaches lag. "Dieses Vorgemach", sagte er, "ist der eigentliche Eingang in das Speisezimmer, und man koemmt von der andern Tuer in dasselbe." Das Ausruhezimmer war ein freundliches Gemach und schien recht eigens zum Sitzen und Ruhehalten bestimmt. Es befasste nichts als lauter Tische und Sitze. Auf den Tischen lagen aber nicht, wie es haeufig in unsern Besuchzimmern vorkoemmt, Buecher oder Zeichnungen und dergleichen Dinge, sondern die Tafeln derselben waren unbedeckt und waren ausnehmend gut geglaettet und gereinigt. Sie waren von dunklem Mahagoniholze, das in der Zeit noch mehr nachgedunkelt war. Ein einziges Geraete war da, welches kein Tisch und kein Sitz war, ein Gestelle mit mehreren Faechern, welches Buecher enthielt. An den Waenden hingen Kupferstiche. "Hier koennt ihr ausruhen, wenn ihr vom Gehen muede seid oder ueberhaupt ruhen wollt", sagte der Mann, "ich werde gehen und sorgen, dass man euch etwas zu essen bereitet. Ihr muesst wohl eine Weile allein bleiben. Auf dem Gestelle liegen Buecher, wenn ihr etwa ein wenig in dieselben blicken wollet." Nach diesen Worten entfernte er sich. Ich war in der Tat muede und setzte mich nieder. Als ich sass, konnte ich den Grund einsehen, weshalb der Mann vor dem Eintritte in dieses Zimmer so sehr seine Fussbekleidung gereinigt und mir den Wunsch zu gleicher Reinigung ausgedrueckt hatte. Das Zimmer enthielt nehmlich einen schoen getaefelten Fussboden, wie ich nie einen gleichen gesehen hatte. Es war beinahe ein Teppich aus Holz. Ich konnte das Ding nicht genug bewundern. Man hatte lauter Holzgattungen in ihren natuerlichen Farben zusammengesetzt und sie in ein Ganzes von Zeichnungen gebracht. Da ich von den Geraeten meines Vaters her an solche Dinge gewohnt war und sie etwas zu beurteilen verstand, sah ich ein, dass man alles nach einem in Farben ausgefuehrten Plane gemacht haben musste, welcher Plan mir selber wie ein Meisterstueck erschien. Ich dachte, da duerfe ich ja gar nicht aufstehen und auf der Sache herum gehen, besonders wenn ich die Naegel in Anschlag brachte, mit denen meine Gebirgsstiefel beschlagen waren. Auch hatte ich keine Veranlassung zum Aufstehen, da mir die Ruhe nach einem ziemlich langen Gange sehr angenehm war. Da sass ich nun in dem weissen Hause, zu welchem ich hinauf gestiegen war, um in ihm das Gewitter abzuwarten. Es schien noch immer die Sonne auf das Haus, blickte durch die Fenster dieses Zimmers schief herein und legte lichte Tafeln auf den schoenen Fussboden desselben. Als ich eine Weile gesessen war, bemaechtigte sich meiner eine seltsame Empfindung, welche ich mir Anfangs nicht zu erklaeren vermochte. Es war mir nehmlich, als sitze ich nicht in einem Zimmer, sondern im Freien, und zwar in einem stillen Walde. Ich blickte gegen die Fenster, um mir das Ding zu erklaeren; aber die Fenster erteilten die Erklaerung nicht: ich sah durch sie ein Stueck Himmel, teils rein, teils etwas bewoelkt, und unter dem Himmel sah ich ein Stueck Gartengruen von emporragenden Baeumen, ein Anblick, den ich wohl schon sehr oft gehabt hatte. Ich spuerte eine reine, freie Luft mich umgeben. Die Ursache davon war, dass die Fenster des Zimmers in ihren oberen Teilen offen waren. Diese oberen Teile konnten nicht nach Innen geoeffnet werden, wie das gewoehnlich der Fall ist, sondern waren nur zu verschieben, und zwar so, dass einmal Glas in dem Rahmen vorgeschoben werden konnte, ein anderes Mal ein zarter Flor von weissgrauer Seide. Da ich in dem Zimmer sass, war das Letztere der Fall. Die Luft konnte frei herein stroemen, Fliegen und Staub waren aber ausgeschlossen. Wenn nun gleich die reine Luft eine Mahnung des Freien gab, sah ich doch hierin nicht voellige Erklaerung allein. Ich bemerkte noch etwas anderes. In dem Zimmer, in welchem ich mich befand, hoerte man nicht den geringsten Laut eines bewohnten Hauses, den man doch sonst, es mag im Hause noch so ruhig sein, mehr oder weniger in Zwischenraeumen vernimmt. Diese Art Abwesenheit haeuslichen Geraeusches verbarg allerdings die Nachbarschaft bewohnter Raeume, konnte aber eben so wenig als die freie Luft die Waldempfindung geben. Endlich glaubte ich auf den Grund gekommen zu sein. Ich hoerte nehmlich fast ununterbrochen, bald naeher, bald ferner, bald leiser, bald lauter vermischten Vogelgesang. Ich richtete meine Aufmerksamkeit auf diese Wahrnehmung und erkannte bald, dass der Gesang nicht bloss von Voegeln herruehre, die in der Naehe menschlicher Wohnungen hausen, sondern auch von solchen, deren Stimme und Zwitschern mir nur aus den Waeldern und abgelegenen Bebuschungen bekannt war. Dieses wenig auffallende, mir aus meinem Gebirgsaufenthalte bekannte und von mir in der Tat nicht gleich beachtete Getoen mochte wohl die Hauptursache meiner Taeuschung gewesen sein, obwohl die Stille des Raumes und die reine Luft auch mitgewirkt haben konnten. Da ich nun genauer auf dieses gelegentliche Vogelzwitschern achtete, fand ich wirklich, dass Toene sehr einsamer und immer in tiefen Waeldern wohnender Voegel vorkamen. Es nahm sich dies wunderlich in einem bewohnten und wohleingerichteten Zimmer aus. Da ich aber nun den Grund meiner Empfindung aufgefunden hatte oder aufgefunden zu haben glaubte, war auch ein grosser Teil ihrer Dunkelheit und mithin Annehmlichkeit verschwunden. Wie ich nun so fortwaehrend auf den Vogelgesang merkte, fiel mir sogleich auch etwas anderes ein. Wenn ein Gewitter im Anzuge ist und schwuele Luefte in dem Himmelsraume stocken, schweigen gewoehnlich die Waldvoegel. Ich erinnerte mich, dass ich in solchen Augenblicken oft in den schoensten, dichtesten, entlegensten Waeldern nicht den geringsten Laut gehoert habe, etwa ein einmaliges oder zweimaliges Haemmern des Spechtes ausgenommen oder den kurzen Schrei jenes Geiers, den die Landleute Giessvogel nennen. Aber selbst er schweigt, wenn das Gewitter in unmittelbarer Annaeherung ist. Nur bei den Menschen wohnende Voegel, die das Gewitter fuerchten wie er, oder solche, die im weiten Freien hausen und vielleicht dessen majestaetische Annaeherung bewundern, zeigen sein Bevorstehen an. So habe ich Schwalben vor den dicken Wolken eines heraufsteigenden Gewitters mit ihrem weissen Bauchgefieder kreuzen gesehen und selbst schreien gehoert, und so habe ich Lerchen singend gegen die dunkeln Gewitterwolken aufsteigen gesehen. Das Singen der Waldvoegel erschien mir nun als ein schlimmes Zeichen fuer meine Voraussagung eines Gewitters. Auch fiel mir auf, dass sich noch immer keine Merkmale des Ausbruches zeigten, welchen ich nicht fuer so ferne gehalten hatte, als ich die Landstrasse verliess. Die Sonne schien noch immer auf das Haus, und ihre glaenzenden Lichttafeln lagen noch immer auf dem schoenen Fussboden des Zimmers. Mein Beherberger schien es darauf angelegt zu haben, mich lange allein zu lassen, wahrscheinlich, um mir Raum zur Ruhe und Bequemlichkeit zu geben; denn er kam nicht so bald zurueck, als ich nach seiner Aeusserung erwartet hatte. Als ich eine geraume Weile gesessen war und das Sitzen anfing, mir nicht mehr jene Annehmlichkeit zu gewaehren wie Anfangs, stand ich auf und ging auf den Fussspitzen, um den Boden zu schonen, zu dem Buechergestelle, um die Buecher anzusehen. Es waren aber bloss beinahe lauter Dichter. Ich fand Baende von Herder, Lessing, Goethe, Schiller, Uebersetzungen Shakespeares von Schlegel und Tieck, einen griechischen Odysseus, dann aber auch etwas aus Ritters Erdbeschreibung, aus Johannes Muellers Geschichte der Menschheit und aus Alexander und Wilhelm Humboldt. Ich tat die Dichter bei Seite und nahm Alexander Humboldts Reise in die Aequinoctiallaender, die ich zwar schon kannte, in der ich aber immer gerne las. Ich begab mich mit meinem Buche wieder zu meinem Sitze zurueck. Als ich nicht gar kurze Zeit gelesen hatte, trat mein Beherberger herein. Ich hatte, weil er so lange abwesend war, gedacht, er werde sich etwa auch umgekleidet haben, weil er doch nun einmal einen Gast habe und weil sein Anzug so gar unbedeutend war. Aber er kam in den nehmlichen Kleidern zurueck, in welchen er vor mir an dem Gittertore gestanden war. Er entschuldigte sein Aussenbleiben nicht, sondern sagte, ich moechte, wenn ich ausgeruht haette und es mir genehm waere, zu speisen, ihm in das Speisezimmer folgen, es wuerde dort fuer mich aufgetragen werden. Ich sagte, ausgeruht haette ich schon, aber ich sei nur gekommen, um Unterstand zu bitten, nicht aber auch in anderer Weise, besonders in Hinsicht von Speise und Trank, laestig zu fallen. "Ihr fallt nicht laestig", antwortete der Mann, "ihr muesst etwas zu essen bekommen, besonders da ihr so lange da bleiben muesst, bis sich die Sache wegen des Gewitters entschieden hat. Da schon Mittag vorueber ist, wir aber genau mit der Mittagstunde des Tages zu Mittag essen und von da bis zu dem Abendessen nichts mehr aufgetragen wird, so muss fuer euch, wenn ihr nicht bis Abends warten sollet, besonders aufgetragen werden. Solltet ihr aber sollen zu Mittag gegessen haben und bis Abends warten wollen, so fordert es doch die Ehre des Hauses, dass euch etwas geboten werde, ihr moeget es dann annehmen oder nicht. Folgt mir daher in das Speisezimmer." Ich legte das Buch neben mich auf den Sitz und schickte mich an, zu gehen. Er aber nahm das Buch und legte es auf seinen Platz in dem Buechergestelle. "Verzeiht", sagte er, "es ist bei uns Sitte, dass die Buecher, die auf dem Gestelle sind, damit jemand, der in dem Zimmer wartet oder sich sonst aufhaelt, bei Gelegenheit und nach Wohlgefallen etwas lesen kann, nach dem Gebrauche wieder auf das Gestelle gelegt werden, damit das Zimmer die ihm zugehoerige Gestalt behalte." Hierauf oeffnete er die Tuer und lud mich ein, in das mir bekannte Speisezimmer voraus zu gehen. Als wir in demselben angelangt waren, sah ich, dass in ausgezeichnet schoenen weissen Linnen gedeckt sei, und zwar nur ein Gedecke, dass sich eingemachte Fruechte, Wein, Wasser und Brot auf dem Tische befanden und in einem Gefaesse verkleinertes Eis war, es in den Wein zu tun. Mein Raenzlein und meinen Schwarzdornstock sah ich nicht mehr, mein Hut aber lag noch auf seinem Platze. Mein Begleiter tat aus einer der Taschen seines Kleides ein, wie ich vermutete, silbernes Gloecklein hervor und laeutete. Sofort erschien eine Magd und brachte ein gebratenes Huhn und schoenen rot gesprenkelten Kopfsalat. Mein Gastherr lud mich ein, mich zu setzen und zu essen. Da es so freundlich geboten war, nahm ich es an. Obwohl ich wirklich schon einmal gegessen hatte, so war das vor dem Mittag gewesen, und ich war durch das Wandern wieder hungrig geworden. Ich genoss daher von dem Aufgesetzten. Mein Beherberger setzte sich zu mir, leistete mir Gesellschaft, ass und trank aber nichts. Da ich fertig war und die Essgeraete hingelegt hatte, bot er mir an, wenn ich nicht zu muede sei, mich in den Garten zu fuehren. Ich nahm es an. Er laeutete wieder mit dem Gloecklein, um den Befehl zu geben, dass man abraeume, und fuehrte mich nun nicht durch den Gang, durch welchen wir herein gekommen waren, sondern durch einen mit gewoehnlichen Steinen gepflasterten in den Garten. Er hatte jetzt ein kleines Haeubchen von durchbrochener Arbeit auf seinen weissen Haaren, wie man sie gerne Kindern aufsetzt, um ihre Locken gleichsam wie in einem Netze einzufangen. Als wir in das Freie kamen, sah ich, dass, waehrend ich ass, die Sonne auf das Haus zu scheinen aufgehoert hatte, sie war von der Gewitterwand ueberholt worden. Auf dem Garten sowie auf der Gegend lag der warme, trockene Schatten, wie er bei solchen Gelegenheiten immer erscheint. Aber die Gewitterwand hatte sich waehrend meines Aufenthaltes in dem Hause wenig veraendert und gab nicht die Aussicht auf baldigen Ausbruch des Regens. Ein Umblick ueberzeugte mich sogleich, dass der Garten hinter dem Hause sehr gross sei. Es war aber kein Garten, wie man sie gerne hinter und neben den Landhaeusern der Staedter anlegt, nehmlich, dass man unfruchtbare oder hoechstens Zierfruechte tragende Gebuesche und Baeume pflegt und zwischen ihnen Rasen und Sandwege oder einige Blumenhuegel oder Blumenkreise herrichtet, sondern es war ein Garten, der mich an den meiner Eltern bei dem Vorstadthause erinnerte. Es war da eine weitlaeufige Anlage von Obstbaeumen, die aber hinlaenglich Raum liessen, dass fruchtbare oder auch nur zum Bluehen bestimmte Gestraeuche dazwischen stehen konnten und dass Gemuese und Blumen vollstaendig zu gedeihen vermochten. Die Blumen standen teils in eigenen Beeten, teils liefen sie als Einfriedigung hin, teils befanden sie sich auf eigenen Plaetzen, wo sie sich schoen darstellten. Mich empfingen von jeher solche Gaerten mit dem Gefuehle der Haeuslichkeit und Nuetzlichkeit, waehrend die anderen einerseits mit keiner Frucht auf das Haus denken und andererseits wahrhaftig auch kein Wald sind. Was zur Rosenzeit bluehen konnte, bluehte und duftete, und weil eben die schweren Wolken am Himmel standen, so war aller Duft viel eindringender und staerker. Dies deutete doch wieder auf ein Gewitter hin. Nahe bei dem Hause befand sich ein Gewaechshaus. Es zeigte uns aber gegen den Weg, auf dem wir gingen, nicht seine Laenge, sondern seine Breite hin. Auch diese Breite, welche teilweise Gebuesche deckten, war mit Rosen bekleidet und sah aus wie ein Rosenhaeuschen im Kleinen. Wir gingen einen geraeumigen Gang, der mitten durch den Garten lief, entlang. Er war Anfangs eben, zog sich aber dann sachte aufwaerts. Auch im Garten waren die Rosen beinahe herrschend. Entweder stand hie und da auf einem geeigneten Platze ein einzelnes Baeumchen oder es waren Hecken nach gewissen Richtungen angelegt, oder es zeigten sich Abteilungen, wo sie gute Verhaeltnisse zum Gedeihen finden und sich dem Auge angenehm darstellen konnten. Eine Gruppe von sehr dunkeln, fast violetten Rosen war mit einem eigenen zierlichen Gitter umgeben, um sie auszuzeichnen oder zu schuetzen. Alle Blumen waren wie die vor dem Hause besonders rein und klar entwickelt, sogar die verbluehenden erschienen in ihren Blaettern noch kraftvoll und gesund. Ich machte in Einsicht des letzten Umstandes eine Bemerkung. "Habt ihr denn nie eine jener alten Frauen gesehen", sagte mein Begleiter, "die in ihrer Jugend sehr schoen gewesen waren und sich lange kraeftig erhalten haben? Sie gleichen diesen Rosen. Wenn sie selbst schon unzaehlige kleine Falten in ihrem Angesichte haben, so ist doch noch zwischen den Falten die Anmut herrschend und eine sehr schoene, liebe Farbe." Ich antwortete, dass ich das noch nie beobachtet haette, und wir gingen weiter. Es waren ausser den Rosen noch andere Blumen im Garten. Ganze Beete von Aurikeln standen an schattigen Orten. Sie waren wohl laengst verblueht, aber ihre starken gruenen Blaetter zeigten, dass sie in guter Pflege waren. Hie und da stand eine Lilie an einer einsamen Stelle, und voll entwickelte Nelken prangten in Toepfen auf einem eigenen Schragen, an dem Vorrichtungen angebracht waren, die Blumen vor Sonne zu bewahren. Sie waren noch nicht aufgeblueht, aber die Knospen waren weit vorgerueckt und liessen treffliche Blumen ahnen. Es mochten nur die auserwaehlten auf dem Schragen stehen; denn ich sah die Schule dieser Pflanzen, als wir etwas weiter kamen, in langen, weithingehenden Beeten angelegt. Sonst waren die gewoehnlichen Gartenblumen da, teils in Beeten, teils auf kleinen, abgesonderten Plaetzen, teils als Einfassungen. Besonders schien sich auch die Levkoje einer Vorliebe zu erfreuen, denn sie stand in grosser Anzahl und Schoenheit sowie in vielen Arten da. Ihr Duft ging wohltuend durch die Luefte. Selbst in Toepfen sah ich diese Blume gepflegt und an zutraegliche Orte gestellt. Was an Zwiebelgewaechsen, Hyazinthen, Tulpen und dergleichen vorhanden gewesen sein mochte, konnte ich nicht ermessen, da die Zeit dieser Blumen laengst vorueber war. Auch die Zeit der Bluetengestraeuche war vorueber, und sie standen nur mit ihren gruenen Blaettern am Wege oder an ihren Stellen. Die Gemuese nahmen die weiten und groesseren Raeume ein. Zwischen ihnen und an ihren Seiten liefen Anpflanzungen von Erdbeeren. Sie schienen besonders gehegt, waren haeufig aufgebunden und hatten Blechtaefelchen zwischen sich, auf denen die Namen standen. Die Obstbaeume waren durch den ganzen Garten verteilt, wir gingen an vielen vorueber. Auch an ihnen, besonders aber an den zahlreichen Zwergbaeumen, sah ich weisse Taefelchen mit Namen. An manchen Baeumen erblickte ich kleine Kaestchen von Holz, bald an dem Stamme, bald in den Zweigen. In unserem Oberlande gibt man den Staren gerne solche Behaelter, damit sie Ihr Nest in dieselben bauen. Die hier befindlichen Behaeltnisse waren aber anderer Art. Ich wollte fragen, aber in der Folge des Gespraeches vergass ich wieder darauf. Da wir in dem Garten so fortgingen, hoerte ich besonders aus seinem bebuschten Teile wieder die Vogelstimmen, die ich in dem Wartezimmer gehoert hatte, nur hier deutlicher und heller. Auch ein anderer Umstand fiel mir auf, da wir schon einen grossen Teil des Gartens durchwandert hatten; ich bemerkte nehmlich gar keinen Raupenfrass. Waehrend meines Ganges durch das Land hatte ich ihn aber doch gesehen, obwohl er mir, da er nicht ausserordentlich war und keinen Obstmisswachs befuerchten liess, nicht besonders aufgefallen war. Bei der Frische der Belaubung dieses Gartens fiel er mir wieder ein. Ich sah das Laub deshalb naeher an und glaubte zu bemerken, dass es auch vollkommener sei als anderwaerts, das gruene Blatt war groesser und dunkler, es war immer ganz, und die gruenen Kirschen und die kleinen Aepfelchen und Birnchen sahen recht gesund daraus hervor. Ich betrachtete, durch diese Tatsache aufmerksam gemacht, nun auch den Kohl genauer, der nicht weit von unserm Wege stand. An ihm zeigte keine kahle Rippe, dass die Raupe des Weisslings genagt habe. Die Blaetter waren ganz und schoen. Ich nahm mir vor, diese Beobachtung gegen meinen Begleiter gelegentlich zur Sprache zu bringen. Wir waren mittlerweile bis an das Ende der Pflanzungen gelangt, und es begann Rasengrund, der steiler anstieg, Anfangs mit Baeumen besetzt war, weiter oben aber kahl fortlief. Wir stiegen auf ihm empor. Da wir auf eine ziemliche Hoehe gelangt waren und Baeume die Aussicht nicht mehr hinderten, blieb ich ein wenig stehen, um den Himmel zu betrachten. Mein Begleiter hielt ebenfalls an. Das Gewitter stand nicht mehr gegen Sonnenuntergang allein, sondern jetzt ueberall. Wir hoerten auch entfernten Donner, der sich oefter wiederholte. Wir hoerten ihn bald gegen Sonnenuntergang, bald gegen Mittag, bald an Orten, die wir nicht angeben konnten. Mein Mann musste seiner Sache sehr sicher sein; denn ich sah, dass in dem Garten Arbeiter sehr eifrig an den mehreren Ziehbrunnen zogen, um das Wasser in die durch den Garten laufenden Rinnen zu leiten und aus diesen in die Wasserbehaelter. Ich sah auch bereits Arbeiter gehen, ihre Giesskannen in den Wasserbehaeltern fuellen und ihren Inhalt auf die Pflanzenbeete ausstreuen. Ich war sehr begierig auf den Verlauf der Dinge, sagte aber gar nichts, und mein Begleiter schwieg auch. Wir gingen nach kurzem Stillstande auf dem Rasengrunde wieder weiter aufwaerts, und zuletzt ziemlich steil. Endlich hatten wir die hoechste Stelle erreicht und mit ihr auch das Ende des Gartens. Jenseits senkte sich der Boden wieder sanft abwaerts. Auf diesem Platze stand ein sehr grosser Kirschbaum, der groesste Baum des Gartens, vielleicht der groesste Obstbaum der Gegend. Um den Stamm des Baumes lief eine Holzbank, die vier Tischchen nach den vier Weltgegenden vor sich hatte, dass man hier ausruhen, die Gegend besehen oder lesen und schreiben konnte. Man sah an dieser Stelle fast nach allen Richtungen des Himmels. Ich erinnerte mich nun ganz genau, dass ich diesen Baum wohl frueher bei meinen Wanderungen von der Strasse oder von anderen Stellen aus gesehen hatte. Er war wie ein dunkler, ausgezeichneter Punkt erschienen, der die hoechste Stelle der Gegend kroente. Man musste an heiteren Tagen von hier aus die ganze Gebirgskette im Sueden sehen, jetzt aber war nichts davon zu erblicken; denn alles floss in eine einzige Gewittermasse zusammen. Gegen Mitternacht erschien ein freundlicher Hoehenzug, hinter welchem nach meiner Schaetzung das Staedtchen Landegg liegen musste. Wir setzten uns ein wenig auf das Baenklein. Es schien, dass man an diesem Plaetzchen niemals vorueber gehen konnte, ohne sich zu setzen und eine kleine Umschau zu halten; denn das Gras war um den Baum herum abgetreten, dass der kahle Boden hervorsah, wie wenn ein Weg um den Baum ginge. Man musste sich daher gerne an diesem Platze versammeln. Als wir kaum ein Weilchen ausgeruht hatten, sah ich eine Gestalt aus den nicht sehr entfernten Bueschen und Baeumen hervortreten und gegen uns empor gehen. Da sie etwas naeher gekommen war, erkannte ich, dass es ein Gemische von Knabe und Juengling war. Zuweilen haette man meinen koennen, der Ankommende sei ganz ein Juengling, und zuweilen, er sei noch ganz ein Knabe. Er trug ein blau- und weissgestreiftes Leinenzeug als Bekleidung, um den Hals hatte er nichts und auf dem Haupte auch nichts als eine dichte Menge brauner Locken. Da er herzugekommen war, sagte er: "Ich sehe, dass du mit einem fremden Manne beschaeftigt bist, ich werde dich also nicht stoeren und wieder in den Garten hinab gehen." "Tue das", sagte mein Begleiter. Der Knabe machte eine schnelle und leichte Verbeugung gegen mich, wendete sich um und ging in derselben Richtung wieder zurueck, in der er gekommen war. Wie blieben noch sitzen. Am Himmel aenderte sich indessen wenig. Dieselbe Wolkendecke stand da, und wir hoerten denselben Donner. Nur da die Decke dunkler geworden zu sein schien, so wurde jetzt zuweilen auch ein Blitz sichtbar. Nach einer Zeit sagte mein Begleiter. "Eure Reise hat wohl nicht einen Zweck, der durch den Aufenthalt von einigen Stunden oder von einem Tage oder von einigen Tagen gestoert wuerde." "Es ist so, wie ihr gesagt habt", antwortete ich, "mein Zweck ist, soweit meine Kraefte reichen, wissenschaftliche Bestrebungen zu verfolgen und nebenbei, was ich auch nicht fuer unwichtig halte, das Leben in der freien Natur zu geniessen." "Dieses Letzte ist in der Tat auch nicht unwichtig", versetzte mein Nachbar, "und da ihr euren Reisezweck bezeichnet habt, so werdet ihr gewiss einwilligen, wenn ich euch einlade, heute nicht mehr weiter zu reisen, sondern die Nacht in meinem Hause zuzubringen. Wuenschet ihr dann am morgigen Tage und an mehreren darauf folgenden noch bei mir zu verweilen, so steht es nur bei euch, so zu tun." "Ich wollte, wenn das Gewitter auch lange angedauert haette, doch heute noch nach Rohrberg gehen", sagte ich. "Da ihr aber auf eine so freundliche Weise gegen einen unbekannten Reisenden verfahrt, so sage ich gerne zu, die heutige Nacht in eurem Hause zuzubringen und hin euch dafuer dankbar. Was morgen sein wird, darueber kann ich noch nicht entscheiden, weil das Morgen noch nicht da ist." "So haben wir also fuer die kommende Nacht abgeschlossen, wie ich gleich gedacht habe", sagte mein Begleiter, "ihr werdet wohl bemerkt haben, dass euer Raenzlein und euer Wanderstock nicht mehr in dem Speisezimmer waren, als ihr zum Essen dahin kamet." "Ich habe es wirklich bemerkt", antwortete ich. "Ich habe beides in euer Zimmer bringen lassen", sagte er, "weil ich schon vermutete, dass ihr diese Nacht in unserm Hause zubringen wuerdet." Die Beherbergung Nach einer Weile sagte mein Gastfreund: "Da ihr nun meine Nachtherberge angenommen habt, so koennten wir von diesem Baume auch ein wenig in das Freie gehen, dass ihr die Gegend besser kennen lernet. Wenn das Gewitter zum Ausbruche kommen sollte, so kennen wir wohl beide die Anzeichen genug, dass wir rechtzeitig umkehren, um ungefaehrdet das Haus zu erreichen." "So kann es geschehen", sagte ich, und wir standen von dem Baenkchen auf. Einige Schritte hinter dem Kirschbaume war der Garten durch eine starke Planke von der Umgebung getrennt. Als wir zu dieser Planke gekommen waren, zog mein Begleiter einen Schluessel aus der Tasche, oeffnete ein Pfoertchen, wir traten hinaus und er schloss hinter uns das Pfoertchen wieder zu. Hinter dem Garten fingen Felder an, auf denen die verschiedensten Getreide standen. Die Getreide, welche sonst wohl bei dem geringsten Luftzuge zu wanken beginnen mochten, standen ganz stille und pfeilrecht empor, das feine Haar der Aehren, ueber welches unsere Augen streiften, war gleichsam in einem unbeweglichen goldgruenen Schimmer. Zwischen dem Getreide lief ein Fusspfad durch. Derselbe war breit und ziemlich ausgetreten. Er ging den Huegel entlang, nicht steigend und nicht sinkend, so dass er immer auf dem hoechsten Teile der Anhoehe blieb. Auf diesem Pfade gingen wir dahin. Zu beiden Seiten des Weges stand gluehroter Mohn in dem Getreide, und auch er regte die leichten Blaetter nicht. Es war ueberall ein Zirpen der Grillen; aber dieses war gleichsam eine andere Stille und erhoehte die Erwartung, die aller Orten war. Durch die ueber den ganzen Himmel liegende Wolkendecke ging zuweilen ein tiefes Donnern, und ein blasser Blitz lueftete zeitweilig ihr Dunkel. Mein Begleiter ging ruhig neben mir und strich manchmal sachte mit der Hand an den gruenen Aehren des Getreides hin. Er hatte sein Netz von den weissen Haaren abgenommen, hatte es in die Tasche gesteckt und trug sein Haupt unbedeckt in der milden Luft, Unser Weg fuehrte uns zu einer Stelle, auf welcher kein Getreide stand. Es war ein ziemlich grosser Platz, der nur mit sehr kurzem Grase bedeckt war. Auf diesem Platze befand sich wieder eine hoelzerne Bank und eine mittelgrosse Esche. "Ich habe diesen Fleck freigelassen, wie ich ihn von meinen Vorfahren ueberkommen hatte", sagte mein Begleiter, "obwohl er, wenn man ihn urbar machte und den Baum ausgruebe, in einer Reihe von Jahren eine nicht unbedeutende Menge von Getreide gaebe. Die Arbeiter halten hier ihre Mittagsruhe und verzehren hier ihr Mittagsmahl, wenn es ihnen auf das Feld nachgebracht wird. Ich habe die Bank machen lassen, weil ich auch gerne da sitze, waere es auch nur, um den Schnittern zuzuschauen und die Feierlichkeit der Feldarbeiten zu betrachten. Alte Gewohnheiten haben etwas Beruhigendes, sei es auch nur das des Bestehenden und immer Gesehenen. Hier duerfte es aber mehr sein, weshalb die Stelle unbebaut blieb und der Baum auf derselben steht. Der Schatten dieser Esche ist wohl ein sparsamer, aber da er der einzige dieser Gegend ist, wird er gesucht, und die Leute, obwohl sie roh sind, achten gewiss auch auf die Aussicht, die man hier geniesst. Setzt euch nur zu mir nieder und betrachtet das Wenige, was uns heute der verschleierte Himmel goennt." Wir setzten uns auf die Bank unter der Esche, so dass wir gegen Mittag schauten. Ich sah den Garten wie einen gruenen Schoss schraeg unter mir liegen. An seinem Ende sah ich die weisse mitternaechtliche Mauer des Hauses und ueber der weissen Mauer das freundliche rote Dach. Von dem Gewaechshause war nur das Dach und der Schornstein ersichtlich. Weiter hin gegen Mittag war das Land und das Gebirge kaum zu erkennen wegen des blauen Wolkenschattens und des blauen Wolkenduftes. Gegen Morgen stand der weisse Turm von Rohrberg und gegen Abend war Getreide an Getreide, zuerst auf unserm Huegel, dann jenseits desselben auf dem naechsten Huegel und so fort, so weit die Huegel sichtbar waren. Dazwischen zeigten sich weisse Meierhoefe und andere einzelne Haeuser oder Gruppen von Haeusern. Nach der Sitte des Landes gingen Zeilen von Obstbaeumen zwischen den Getreidefeldern dahin, und in der Naehe von Haeusern oder Doerfern standen diese Baeume dichter, gleichsam wie in Waeldchen, beisammen. Ich fragte meinen Nachbar teils nach den Haeusern, teils nach dein Besitzern der Felder. "Die Felder von dem Kirschbaume gegen Sonnenuntergang hin bis zu der ersten Zeile von Obstbaeumen sind unser", sagte mein Begleiter. "Die wir von dem Kirschbaum bis hieher durchwandert haben, gehoeren auch uns. Sie gehen noch bis zu jenen langen Gebaeuden, die ihr da unten seht, welche unsere Wirtschaftsgebaeude sind. Gegen Mitternacht erstrecken sie sich, wenn ihr umsehen wollt, bis zu jenen Wiesen mit den Erlenbueschen. Die Wiesen gehoeren auch uns und machen dort die Grenze unserer Besitzungen. Im Mittag gehoeren die Felder uns bis zur Einfriedigung von Weissdorn, wo ihr die Strasse verlassen habt. Ihr koennt also sehen, dass ein nicht ganz geringer Teil dieses Huegels von unserm Eigentume bedeckt ist. Wir sind von diesem Eigentume umringt wie von einem Freunde, der nie wankt und nicht die Treue bricht." Mir fiel bei diesen Worten auf, dass er vom Eigentume immer die Ausdruecke uns und unser gebrauchte. Ich dachte, er werde etwa eine Gattin oder auch Kinder einbeziehen. Mir fiel der Knabe ein, den ich im Heraufgehen gesehen hatte, vielleicht ist dieser ein Sohn von ihm. "Der Rest des Huegels ist an drei Meierhoefe verteilt", schloss er seine Rede, "welche unsere naechsten Nachbarn sind. Von den Niederungen an, die um den Huegel liegen, und jenseits welcher das Land wieder aufsteigt, beginnen unsere entfernteren Nachbarn." "Es ist ein gesegnetes, ein von Gott begluecktes Land", sagte ich. "Ihr habt recht gesprochen", erwiderte er, "Land und Halm ist eine Wohltat Gottes. Es ist unglaublich, und der Mensch bedenkt es kaum, welch ein unermesslicher Wert in diesen Graesern ist. Lasst sie einmal von unserem Erdteile verschwinden, und wir verschmachten bei allem unserem sonstigen Reichtume vor Hunger. Wer weiss, ob die heissen Laender nicht so duenn bevoelkert sind und das Wissen und die Kunst nicht so tragen wie die kaelteren, weil sie kein Getreide haben. Wie viel selbst dieser kleine Huegel gibt, wuerdet ihr kaum glauben. Ich habe mir einmal die Muehe genommen, die Flaeche dieses Huegels, soweit sie Getreideland ist, zu messen, um auf der Grundlage der Ertraegnisse unserer Felder und der Ertraegnisfaehigkeit der Felder der Nachbarn, die ich untersuchte, eine Wahrscheinlichkeitsrechnung zu machen, welche Getreidemenge im Durchschnitte jedes Jahr auf diesem Huegel waechst. Ihr wuerdet die Zahlen nicht glauben, und auch ich habe sie mir vorher nicht so gross vorgestellt. Wenn es euch genehm ist, werde ich euch die Arbeit in unserem Hause zeigen. Ich dachte mir damals, das Getreide gehoere auch zu jenen unscheinbaren, nachhaltigen Dingen dieses Lebens wie die Luft. Wir reden von dem Getreide und von der Luft nicht weiter, weil von beiden so viel vorhanden ist und uns beide ueberall umgeben. Die ruhige Verbrauchung und Erzeugung zieht eine unermessliche Kette durch die Menschheit in den Jahrhunderten und Jahrtausenden. Ueberall, wo Voelker mit bestimmten geschichtlichen Zeichnungen auftreten und vernuenftige Staatseinrichtungen haben, finden wir sie schon zugleich mit dem Getreide, und wo der Hirte in lockeren Gesellschaftsbanden, aber vereint mit seiner Herde lebt, da sind es zwar nicht die Getreide, die ihn naehren, aber doch ihre geringeren Verwandten, die Graeser, die sein ebenfalls geringeres Dasein erhalten. - Aber verzeiht, dass ich da so von Graesern und Getreiden rede, es ist natuerlich, da ich da mitten unter ihnen wohne und auf ihren Segen erst in meinem Alter mehr achten lernte." "Ich habe nichts zu verzeihen", erwiderte ich; "denn ich teile eure Ansicht ueber das Getreide vollkommen, wenn ich auch ein Kind der grossen Stadt bin. Ich habe diese Gewaechse viel beachtet, habe darueber gelesen, freilich mehr von dem Standpunkte der Pflanzenkunde, und habe, seit ich einen grossen Teil des Jahres in der freien Natur zubringe, ihre Wichtigkeit immer mehr und mehr einsehen gelernt." "Ihr wuerdet es erst recht", sagte er, "wenn ihr Besitztuemer haettet oder auf euren Besitztuemern euch mit der Pflege dieser Pflanzen besonders abgaebet." "Meine Eltern sind in der Stadt", antwortete ich, "mein Vater treibt die Kaufmannschaft, und ausser einem Garten besitzt weder er noch ich einen liegenden Grund." "Das ist von grosser Bedeutung", erwiderte er, "den Wert dieser Pflanzen kann keiner vollstaendig ermessen, als der sie pflegt." Wir schwiegen nun eine Weile. Ich sah an seinen Wirtschaftsgebaeuden Leute beschaeftigt. Einige gingen an den Toren ab und zu, in haeuslichen Arbeiten begriffen, andere maehten in einer nahen Wiese Gras und ein Teil war bedacht, das im Laufe des Tages getrocknete Heu in hochbeladenen Waegen durch die Tore einzufahren. Ich konnte wegen der grossen Entfernung das Einzelne der Arbeiten nicht unterscheiden, so wie ich die eigentliche Bauart und die naehere Einrichtung der Gebaeude nicht wahrnehmen konnte. "Was ihr von den Haeusern und den Besitzern der Felder gesagt habt, dass ich sie euch nennen soll", fuhr er nach einer Weile fort, "so hat dies seine Schwierigkeit, besonders heute. Man kann zwar von diesem Platze aus die groesste Zahl der Nachbarn erblicken; aber heute, wo der Himmel umschleiert ist, sehen wir nicht nur das Gebirge nicht, sondern es entgeht uns auch mancher weisse Punkt des untern Landes, der Wohnungen bezeichnet, von denen ich sprechen moechte. Anderen Teils sind euch die Leute unbekannt. Ihr solltet eigentlich in der Gegend herumgewandert sein, in ihr gelebt haben, dass sie zu eurem Geiste spraeche und ihr die Bewohner verstuendet. Vielleicht kommt ihr wieder und bleibt laenger bei uns, vielleicht verlaengert ihr euren jetzigen Aufenthalt. Indessen will ich euch im Allgemeinen etwas sagen und von Besonderem hinzufuegen, was euch ansprechen duerfte. Ich besuche auch meiner Nachbarn willen gerne diesen Platz; denn ausserdem, dass hier auf der Hoehe selbst an den schoensten Tagen immer ein kuehler Luftzug geht, ausserdem dass ich hier unter meinen Arbeitern bin, sehe ich von hier aus alle, die mich umgeben, es faellt mir manches von ihnen ein, und ich ermesse, wie ich ihnen nuetzen kann oder wie ueberhaupt das Allgemeine gefoerdert werden moege. Sie sind im Ganzen ungebildete, aber nicht ungelehrige Leute, wenn man sie nach ihrer Art nimmt und nicht vorschnell in eine andere zwingen will. Sie sind dann meist auch gutartig. Ich habe von ihnen manches fuer mein Inneres gewonnen und ihnen manchen aeusseren Vorteil verschafft. Sie ahmen nach, wenn sie etwas durch laengere Erfahrung billigen. Man muss nur nicht ermueden. Oft haben sie mich zuerst verlacht und endlich dann doch nachgeahmt. In Vielem verlachen sie mich noch, und ich ertrage es. Der Weg da durch meine Felder ist ein kuerzerer, und da geht Mancher vorbei, wenn ich auf der Bank sitze, er bleibt stehen, er redet mit mir, ich erteile ihm Rat, und ich lerne aus seinen Worten. Meine Felder sind bereits ertragfaehiger gemacht worden als die ihrigen, das sehen sie, und das ist bei ihnen der haltbarste Grund zu mancher Betrachtung. Nur die Wiese, welche sich hinter unserem Ruecken befindet, tiefer als die Felder liegt und von einem kleinen Bache bewaessert wird, habe ich nicht so verbessern koennen, wie ich wollte; sie ist noch durch die Erlengestraeuche und durch die Erlenstoecke verunstaltet, die sich am Saume des Baechleins befinden und selbst hie und da Sumpfstellen veranlassen; aber ich kann die Sache im Wesentlichen nicht abaendern, weil ich die Erlengestraeuche und Erlenstoecke zu anderen Dingen notwendig brauche." Um meine Frage nach dem Einzelnen seiner Nachbarn zu unterbrechen, die er, wie ich jetzt einsah, nicht beantworten konnte, wenigstens nicht, wie sie gestellt war, fragte ich ihn, ob denn zu seinem Anwesen nicht auch Waldgrund gehoere. "Allerdings", antwortete er, "aber derselbe liegt nicht so nahe, als es der Bequemlichkeit wegen wuenschenswert waere; aber er liegt auch entfernt genug, dass die Schoenheit und Anmut dieses Getreidehuegels nicht gestoert wird. Wenn ihr auf dem Wege nach Rohrberg fortgegangen waeret, statt zu unserem Hause heraufzusteigen, so wuerdet ihr nach einer halben Stunde Wanderns zu eurer Rechten dicht an der Strasse die Ecke eines Buchenwaldes gefunden haben, um welche die Strasse herum geht. Diese Ecke erhebt sich rasch, erweitert sich nach rueckwaerts, wohin man von der Strasse nicht sehen kann, und gehoert einem Walde an, der weit in das Land hinein geht. Man kann von hier aus ein grosses Stueck sehen. Dort links von dem Felde, auf welchem die junge Gerste steht." "Ich kenne den Wald recht gut", sagte ich, "er schlingt sich um eine Hoehe und beruehrt die Strasse nur mit einem Stuecke; aber wenn man ihn betritt, lernt man seine Groesse kennen. Es ist der Alizwald. Er hat maechtige Buchen und Ahorne, die sich unter die Tannen mischen. Die Aliz geht von ihm in die Agger. An der Aliz stehen beiderseits hohe Felsen mit seltenen Kraeutern, und von ihnen geht gegen Mittag ein Streifen Landes mit den allerstaerksten Buchen talwaerts." "Ihr kennt den Wald", sagte er. "Ja", erwiderte ich, "ich bin schon in ihm gewesen. Ich habe dort die groesste Doppelbuche gezeichnet, die ich je gesehen, ich habe Pflanzen und Steine gesammelt und die Felsenlagen betrachtet." "Jener Waldstreifen, der mit den starken Buchen bestanden ist, und noch mehreres Land jenes Waldes gehoert zu diesem Anwesen", sagte mein Beherberger. "Es ist weiter von da gegen Mittag auch ein Bergbuehel unser, auf dem stellenweise die Birke sehr verkrueppelt vorkommt, welche zum Brennen wenig taugt, aber Holz zu feinen Arbeiten gibt." "Ich kenne den Buehel auch", sagte ich, "dort geht der Granit zu Ende, aus dem der ganze mitternaechtliche Teil unseres Landes besteht, und es beginnt gegen Mittag zu nach und nach der Kalk, der endlich in den hoechsten Gebirgen die Landesgrenze an der Mittagseite macht." "Ja, der Buehel ist der suedlichste Granitblock", sagte mein Begleiter, "er uebersetzt sogar die Waesser. Wir koennen hier trotz des Duftes der Wolken hie und da die Grenze sehen, in der sich der Granit abschneidet." "Dort ist die Klamspitze", sagte er, "die noch Granit hat, rechts der Gaisbuehl, dann die Asser, der Losen und zuletzt die Grumhaut, die noch zu sehen ist." Ich stimmte in allem bei. Der Abend kam indessen immer naeher und naeher, und der Nachmittag war bedeutend vorgerueckt. Das Gewitter an dem Himmel war mir aber endlich besonders merkwuerdig geworden. Ich hatte den Ausbruch desselben, als ich den Huegel zu dem weissen Hause empor stieg, um eine Unterkunft zu suchen, in kurzer Zeit erwartet; und nun waren Stunden vergangen und es war noch immer nicht ausgebrochen. Ueber den ganzen Himmel stand es unbeweglich. Die Wolkendecke war an manchen Stellen fast finster geworden und Blitze zuckten aus diesen Stellen bald hoeher, bald tiefer hervor. Der Donner folgte in ruhigem, schwerem Rollen auf diese Blitze; aber in der Wolkendecke zeigte sich kein Zusammensammeln zu einem einzigen Gewitterballen, und es war kein Anschicken zu einem Regen. Ich sagte endlich zu meinem Nachbar, indem ich auf die Maenner zeigte, welche weiter unten in der Niederung, in welcher die Wirtschaftsgebaeude lagen, Gras machten: "Diese scheinen auch auf kein Gewitter und auf kein gewoehnliches Nachregnen fuer den morgigen Tag zu rechnen, weil sie jetzt Gras maehen, das ihnen in der Nacht ein tuechtiger Regen durchnaessen oder morgen eine kraeftige Sonne zu Heu trocknen kann." "Diese wissen gar nichts von dem Wetter", sagte mein Begleiter, "und sie maehen das Gras nur, weil ich es so angeordnet habe." Das waren die einzigen Worte, die er ueber das Wetter gesprochen hatte. Ich veranlasste ihn auch nicht zu mehreren. Wir gingen von diesem Feldersitze, auf dem wir nun schon eine Weile gesessen waren, nicht mehr weiter von dem Hause weg, sondern, nachdem wir uns erhoben hatten, schlug mein Begleiter wieder den Rueckweg ein. Wir gingen auf demselben Wege zurueck, auf dem wir gekommen waren. Die Donner erschallten nun sogar lauter und verkuendeten sich bald an dieser Stelle des Himmels, bald an jener. Als wir wieder in den Garten eingetreten waren, als mein Begleiter das Pfoertchen hinter sich geschlossen hatte, und als wir von dem grossen Kirschbaume bereits abwaerts gingen, sagte er zu mir: "Erlaubt, dass ich nach dem Knaben rufe und ihm etwas befehle." Ich stimmte sogleich zu, und er rief gegen eine Stelle des Gebuesches: "Gustav!" Der Knabe, den ich im Heraufgehen gesehen hatte, kam fast an der nehmlichen Stelle des Gartens zum Vorscheine, an welcher er frueher herausgetreten war. Da er jetzt laenger vor uns stehen blieb, konnte ich ihn genauer betrachten. Sein Angesicht erschien mir sehr rosig und schoen, und besonders einnehmend zeigten sich die grossen schwarzen Augen unter den braunen Locken, die ich schon frueher beobachtet hatte. "Gustav", sagte mein Begleiter, "wenn du noch an deinem Tische oder sonst irgendwo in dem Garten bleiben willst, so erinnere dich an das, was ich dir ueber Gewitter gesagt habe. Da die Wolken ueber den ganzen Himmel stehen, so weiss man nicht, wann ueberhaupt ein Blitz auf die Erde niederfaehrt und an welcher Stelle er sie treffen wird. Darum verweile unter keinem hoeheren Baume. Sonst kannst du hier bleiben, wie du willst. Dieser Herr bleibt heute bei uns, und du wirst zur Abendspeisestunde in dem Speisezimmer eintreffen." "Ja", sagte der Knabe, verneigte sich und ging wieder auf einem Sandwege in die Gestraeuche des Gartens zurueck. "Dieser Knabe ist mein Pflegesohn", sagte mein Begleiter, "er ist gewohnt, zu dieser Tageszeit einen Spaziergang mit mir zu machen, darum kam er, da wir bei dem Kirschbaume sassen, von seinem Arbeitstische, den er im Garten hat, zu uns empor, um mich zu suchen; allein da er sah, dass ein Fremder da sei, ging er wieder an seine Stelle zurueck." Mir, der ich mich an den einfachen, folgerichtigen Ausdruck gewoehnt hatte, fiel es jetzt abermals auf, dass mein Begleiter, der, wenn er von seinen Feldern redete, fast immer den Ausdruck unser gebraucht hatte, nun, da er von seinem Pflegesohne sprach, den Ausdruck mein waehlte, da er doch, wenn er etwa seine Gattin einbezog, jetzt auch das Wort unser gebrauchen sollte. Als wir von dem Rasengrunde hinab gekommen waren und den bepflanzten Garten betreten hatten, gingen wir in ihm auf einem anderen Wege zurueck als auf dem wir herauf gegangen waren. Auf diesem Wege sah ich nun, dass der Besitzer des Gartens auch Weinreben in demselben zog, obwohl das Land der Pflege dieses Gewaechses nicht ganz guenstig ist. Es waren eigene dunkle Mauern aufgefuehrt, an denen die Reben mittelst Holzgittern empor geleitet wurden. Durch andere Mauern wurden die Winde abgehalten. Gegen Mittag allein waren die Stellen offen. So sammelte er die Hitze und gewaehrte Schutz. Auch Pfirsiche zog er auf dieselbe Weise, und aus den Blaettern derselben schloss ich auf sehr edle Gattungen. Wir gingen hier an grossen Linden vorueber, und in ihrer Naehe erblickte ich ein Bienenhaus. Von dem Gewaechshause sah ich auf dem Rueckwege wohl die Laengenseite, konnte aber nichts Naeheres erkennen, weil mein Begleiter den Weg zu ihm nicht einschlug. Ich wollte ihn auch nicht eigens darum ersuchen: ich vermutete, dass er mich zu seiner Familie fuehren wuerde.