The Project Gutenberg EBook of Miss Sara Sampson, by Gotthold Ephraim Lessing #6 in our series by Gotthold Ephraim Lessing Copyright laws are changing all over the world. Be sure to check the copyright laws for your country before downloading or redistributing this or any other Project Gutenberg eBook. This header should be the first thing seen when viewing this Project Gutenberg file. Please do not remove it. Do not change or edit the header without written permission. Please read the "legal small print," and other information about the eBook and Project Gutenberg at the bottom of this file. Included is important information about your specific rights and restrictions in how the file may be used. 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Das Projekt ist unter der Internet-Adresse http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar. Miss Sara Sampson Gotthold Ephraim Lessing Ein Trauerspiel in fuenf Aufzuegen Personen: Sir William Sampson Miss Sara, dessen Tochter Mellefont Marwood, Mellefonts alte Geliebte Arabella, ein junges Kind, der Marwood Tochter Waitwell, ein alter Diener des Sampson Norton, Bedienter des Mellefont Betty, Maedchen der Sara Hannah, Maedchen der Marwood Der Gastwirt und einige Nebenpersonen Erster Aufzug Erster Auftritt Der Schauplatz ist ein Saal im Gasthofe. Sir William Sampson und Waitwell treten in Reisekleidern herein. Sir William. Hier meine Tochter? Hier in diesem elenden Wirtshause? Waitwell. Ohne Zweifel hat Mellefont mit Fleiss das allerelendeste im ganzen Staedtchen zu seinem Aufenthalte gewaehlt. Boese Leute suchen immer das Dunkle, weil sie boese Leute sind. Aber was hilft es ihnen, wenn sie sich auch vor der ganzen Welt verbergen koennten? Das Gewissen ist doch mehr als eine ganze uns verklagende Welt.--Ach, Sie weinen schon wieder, schon wieder, Sir!--Sir! Sir William. Lass mich weinen, alter ehrlicher Diener. Oder verdient sie etwa meine Traenen nicht? Waitwell. Ach! sie verdient sie, und wenn es blutige Traenen waeren. Sir William. Nun so lass mich. Waitwell. Das beste, schoenste, unschuldigste Kind, das unter der Sonne gelebt hat, das muss so verfuehrt werden! Ach Sarchen! Sarchen! Ich habe dich aufwachsen sehen; hundertmal habe ich dich als ein Kind auf diesen Armen gehabt; auf diesen meinen Armen habe ich dein Laecheln, dein Lallen bewundert. Aus jeder kindischen Miene strahlte die Morgenroete eines Verstandes, einer Leutseligkeit, einer-- Sir William. O schweig! Zerfleischt nicht das Gegenwaertige mein Herz schon genug? Willst du meine Martern durch die Erinnerung an vergangne Glueckseligkeiten noch hoellischer machen? Aendre deine Sprache, wenn du mir einen Dienst tun willst. Tadle mich; mache mir aus meiner Zaertlichkeit ein Verbrechen; vergroessre das Vergehen meiner Tochter; erfuelle mich, wenn du kannst, mit Abscheu gegen sie; entflamme aufs neue meine Rache gegen ihren verfluchten Verfuehrer; sage, dass Sara nie tugendhaft gewesen, weil sie so leicht aufgehoert hat, es zu sein; sage, dass sie mich nie geliebt, weil sie mich heimlich verlassen hat. Waitwell. Sagte ich das, so wuerde ich eine Luege sagen, eine unverschaemte, boese Luege. Sie koennte mir auf dem Todbette wieder einfallen, und ich alter Boesewicht muesste in Verzweiflung sterben.-- Nein, Sarchen hat ihren Vater geliebt, und gewiss! gewiss! sie liebt ihn noch. Wenn Sie nur davon ueberzeugt sein wollen, Sir, so sehe ich sie heute noch wieder in Ihren Armen. Sir William. Ja, Waitwell, nur davon verlange ich ueberzeugt zu sein. Ich kann sie laenger nicht entbehren; sie ist die Stuetze meines Alters, und wenn sie nicht den traurigen Rest meines Lebens versuessen hilft, wer soll es denn tun? Wenn sie mich noch liebt, so ist ihr Fehler vergessen. Es war der Fehler eines zaertlichen Maedchens, und ihre Flucht war die Wirkung ihrer Reue. Solche Vergehungen sind besser als erzwungene Tugenden--Doch ich fuehle es, Waitwell, ich fuehle es; wenn diese Vergehungen auch wahre Verbrechen, wenn es auch vorsaetzliche Laster waeren: ach! ich wuerde ihr doch vergeben. Ich wuerde doch lieber von einer lasterhaften Tochter als von keiner geliebt sein wollen. Waitwell. Trocknen Sie Ihre Traenen ab, lieber Sir! Ich hoere jemanden kommen. Es wird der Wirt sein, uns zu empfangen. Zweiter Auftritt Der Wirt. Sir William Sampson. Waitwell. Der Wirt. So frueh, meine Herren, so frueh? Willkommen! willkommen, Waitwell! Ihr seid ohne Zweifel die Nacht gefahren? Ist das der Herr, von dem du gestern mit mir gesprochen hast? Waitwell. Ja, er ist es, und ich hoffe, dass du abgeredetermassen-- Der Wirt. Gnaediger Herr, ich bin ganz zu Ihren Diensten. Was liegt mir daran, ob ich es weiss oder nicht, was Sie fuer eine Ursache hierher fuehrt und warum Sie bei mir im Verborgnen sein wollen? Ein Wirt nimmt sein Geld und laesst seine Gaeste machen, was ihnen gutduenkt. Waitwell hat mir zwar gesagt, dass Sie den fremden Herrn, der sich seit einigen Wochen mit seinem jungen Weibchen bei mir aufhaelt, ein wenig beobachten wollen. Aber ich hoffe, dass Sie ihm keinen Verdruss verursachen werden. Sie wuerden mein Haus in einen uebeln Ruf bringen, und gewisse Leute wuerden sich scheuen, bei mir abzutreten. Unsereiner muss von allen Sorten Menschen leben.-- Sir William. Besorget nichts; fuehrt mich nur in das Zimmer, das Waitwell fuer mich bestellt hat. Ich komme aus rechtschaffnen Absichten hierher. Der Wirt. Ich mag Ihre Geheimnisse nicht wissen, gnaediger Herr! Die Neugierde ist mein Fehler gar nicht. Ich haette es, zum Exempel, laengst erfahren koennen, wer der fremde Herr ist, auf den Sie achtgeben wollen; aber ich mag nicht. So viel habe ich wohl herausgebracht, dass er mit dem Frauenzimmer muss durchgegangen sein. Das gute Weibchen, oder was sie ist! sie bleibt den ganzen Tag in ihrer Stube eingeschlossen und weint. Sir William. Und weint? Der Wirt. Ja, und weint--Aber, gnaediger Herr, warum weinen Sie? Das Frauenzimmer muss Ihnen sehr nahegehen. Sie sind doch wohl nicht-- Waitwell. Halt ihn nicht laenger auf. Der Wirt. Kommen Sie. Nur eine Wand wird Sie von dem Frauenzimmer trennen, das Ihnen so nahegeht, und die vielleicht-- Waitwell. Du willst es also mit aller Gewalt wissen, wer-- Der Wirt. Nein, Waitwell, ich mag nichts wissen. Waitwell. Nun, so mache und bringe uns an den gehoerigen Ort, ehe noch das ganze Haus wach wird. Der Wirt. Wollen Sie mir also folgen, gnaediger Herr? (Geht ab.) Dritter Auftritt Der mittlere Vorhang wird aufgezogen. Mellefonts Zimmer. Mellefont und hernach sein Bedienter. Mellefont (unangekleidet in einem Lehnstuhle). Wieder eine Nacht, die ich auf der Folter nicht grausamer haette zubringen koennen!--Norton!-- Ich muss nur machen, dass ich Gesichter zu sehen bekomme. Bliebe ich mit meinen Gedanken laenger allein: sie moechten mich zu weit fuehren.-- He, Norton! Er schlaeft noch. Aber bin ich nicht grausam, dass ich den armen Teufel nicht schlafen lasse? Wie gluecklich ist er!--Doch ich will nicht, dass ein Mensch um mich gluecklich sei.--Norton! Norton (kommend). Mein Herr! Mellefont. Kleide mich an!--O mache mir keine sauern Gesichter! Wenn ich werde laenger schlafen koennen, so erlaube ich dir, dass du auch laenger schlafen darfst. Wenn du von deiner Schuldigkeit nichts wissen willst, so habe wenigstens Mitleiden mit mir. Norton. Mitleiden, mein Herr? Mitleiden mit Ihnen? Ich weiss besser, wo das Mitleiden hingehoert. Mellefont. Und wohin denn? Norton. Ach, lassen Sie sich ankleiden, und fragen Sie mich nichts. Mellefont. Henker! So sollen auch deine Verweise mit meinem Gewissen aufwachen? Ich verstehe dich; ich weiss es, wer dein Mitleiden erschoepft.--Doch, ich lasse ihr und mir Gerechtigkeit widerfahren. Ganz recht; habe kein Mitleiden mit mir. Verfluche mich in deinem Herzen, aber--verfluche auch dich. Norton. Auch mich? Mellefont. Ja; weil du einem Elenden dienest, den die Erde nicht tragen sollte, und weil du dich seiner Verbrechen mit teilhaft gemacht hast. Norton. Ich mich Ihrer Verbrechen teilhaft gemacht? Durch was? Mellefont. Dadurch, dass du dazu geschwiegen. Norton. Vortrefflich! In der Hitze Ihrer Leidenschaften wuerde mir ein Wort den Hals gekostet haben.--Und dazu, als ich Sie kennenlernte, fand ich Sie nicht schon so arg, dass alle Hoffnung zur Bessrung vergebens war? Was fuer ein Leben habe ich Sie nicht von dem ersten Augenblicke an fuehren sehen! In der nichtswuerdigsten Gesellschaft von Spielern und Landstreichern--ich nenne sie, was sie waren, und kehre mich an ihre Titel, Ritter und dergleichen, nicht--in solcher Gesellschaft brachten Sie ein Vermoegen durch, das Ihnen den Weg zu den groessten Ehrenstellen haette bahnen koennen. Und Ihr strafbarer Umgang mit allen Arten von Weibsbildern, besonders der boesen Marwood-- Mellefont. Setze mich, setze mich wieder in diese Lebensart: sie war Tugend in Vergleich meiner itzigen. Ich vertat mein Vermoegen; gut. Die Strafe koemmt nach, und ich werde alles, was der Mangel Hartes und Erniedrigendes hat, zeitig genug empfinden. Ich besuchte lasterhafte Weibsbilder; lass es sein. Ich ward oefter verfuehrt, als ich verfuehrte; und die ich selbst verfuehrte, wollten verfuehrt sein.--Aber--ich hatte noch keine verwahrlosete Tugend auf meiner Seele. Ich hatte noch keine Unschuld in ein unabsehliches Unglueck gestuerzt. Ich hatte noch keine Sara aus dem Hause eines geliebten Vaters entwendet und sie gezwungen, einem Nichtswuerdigen zu folgen, der auf keine Weise mehr sein eigen war. Ich hatte--Wer koemmt schon so frueh zu mir? Vierter Auftritt Betty. Mellefont. Norton. Norton. Es ist Betty. Mellefont. Schon auf, Betty? Was macht dein Fraeulein? Betty. Was macht sie? (Schluchzend.) Es war schon lange nach Mitternacht, da ich sie endlich bewegte, zur Ruhe zu gehen. Sie schlief einige Augenblicke, aber Gott! Gott! was muss das fuer ein Schlaf gewesen sein! Ploetzlich fuhr sie in die Hoehe, sprang auf und fiel mir als eine Unglueckliche in die Arme, die von einem Moerder verfolgt wird. Sie zitterte, und ein kalter Schweiss floss ihr ueber das erblasste Gesicht. Ich wandte alles an, sie zu beruhigen, aber sie hat mir bis an den Morgen nur mit stummen Traenen geantwortet. Endlich hat sie mich einmal ueber das andre an Ihre Tuere geschickt, zu hoeren, ob Sie schon auf waeren. Sie will Sie sprechen. Sie allein koennen sie troesten. Tun Sie es doch, liebster gnaediger Herr, tun Sie es doch. Das Herz muss mir springen, wenn sie sich so zu aengstigen fortfaehrt. Mellefont. Geh, Betty, sage ihr, dass ich den Augenblick bei ihr sein wolle-- Betty. Nein, sie will selbst zu Ihnen kommen. Mellefont. Nun so sage ihr, dass ich sie erwarte--Ach!-- (Betty geht ab.) Fuenfter Auftritt Mellefont. Norton. Norton. Gott, die arme Miss! Mellefont. Wessen Gefuehl willst du durch deine Ausrufung rege machen? Sieh, da laeuft die erste Traene, die ich seit meiner Kindheit geweinet, die Wange herunter!--Eine schlechte Vorbereitung, eine trostsuchende Betruebte zu empfangen. Warum sucht sie ihn auch bei mir?--Doch wo soll sie ihn sonst suchen?--Ich muss mich fassen. (Indem er sich die Augen abtrocknet.) Wo ist die alte Standhaftigkeit, mit der ich ein schoenes Auge konnte weinen sehen? Wo ist die Gabe der Verstellung hin, durch die ich sein und sagen konnte, was ich wollte?--Nun wird sie kommen und wird unwiderstehliche Traenen weinen. Verwirrt, beschaemt werde ich vor ihr stehen; als ein verurteilter Suender werde ich vor ihr stehen. Rate mir doch, was soll ich tun? was soll ich sagen? Norton. Sie sollen tun, was sie verlangen wird. Mellefont. So werde ich eine neue Grausamkeit an ihr begehen. Mit Unrecht tadelt sie die Verzoegerung einer Zeremonie, die itzt ohne unser aeusserstes Verderben in dem Koenigreiche nicht vollzogen werden kann. Norton. So machen Sie denn, dass Sie es verlassen. Warum zaudern wir? Warum vergeht ein Tag, warum vergeht eine Woche nach der andern? Tragen Sie mir es doch auf. Sie sollen morgen sicher eingeschifft sein. Vielleicht, dass ihr der Kummer nicht ganz ueber das Meer folgt; dass sie einen Teil desselben zuruecklaesst, und in einem andern Lande-- Mellefont. Alles das hoffe ich selbst--Still, sie koemmt. Wie schlaegt mir das Herz-- Sechster Auftritt Sara. Mellefont. Norton. Mellefont (indem er ihr entgegengeht). Sie haben eine unruhige Nacht gehabt, liebste Miss-- Sara. Ach, Mellefont, wenn es nichts als eine unruhige Nacht waere-- Mellefont (zum Bedienten). Verlass uns! Norton (im Abgehen). Ich wollte auch nicht dableiben, und wenn mir gleich jeder Augenblick mit Golde bezahlt wuerde. Siebenter Auftritt Sara. Mellefont. Mellefont. Sie sind schwach, liebste Miss. Sie muessen sich setzen. Sara (sie setzt sich). Ich beunruhige Sie sehr frueh; und werden Sie mir es vergeben, dass ich meine Klagen wieder mit dem Morgen anfange? Mellefont. Teuerste Miss, Sie wollen sagen, dass Sie mir es nicht vergeben koennen, weil schon wieder ein Morgen erschienen ist, ohne dass ich Ihren Klagen ein Ende gemacht habe. Sara. Was sollte ich Ihnen nicht vergeben? Sie wissen, was ich Ihnen bereits vergeben habe. Aber die neunte Woche, Mellefont, die neunte Woche faengt heute an, und dieses elende Haus sieht mich noch immer auf eben dem Fusse als den ersten Tag. Mellefont. So zweifeln Sie an meiner Liebe? Sara. Ich, an Ihrer Liebe zweifeln? Nein, ich fuehle mein Unglueck zu sehr, zu sehr, als dass ich mir selbst diese letzte, einzige Versuessung desselben rauben sollte. Mellefont. Wie kann also meine Miss ueber die Verschiebung einer Zeremonie unruhig sein? Sara. Ach, Mellefont, warum muss ich einen andern Begriff von dieser Zeremonie haben?--Geben Sie doch immer der weiblichen Denkungsart etwas nach. Ich stelle mir vor, dass eine naehere Einwilligung des Himmels darin liegt. Umsonst habe ich es nur wieder erst den gestrigen langen Abend versucht, Ihre Begriffe anzunehmen und die Zweifel aus meiner Brust zu verbannen, die Sie, itzt nicht das erstemal, fuer Fruechte meines Misstrauens angesehen haben. Ich stritt mit mir selbst; ich war sinnreich genug, meinen Verstand zu betaeuben; aber mein Herz und ein inneres Gefuehl warfen auf einmal das muehsame Gebaeude von Schluessen uebern Haufen. Mitten aus dem Schlafe weckten mich strafende Stimmen, mit welchen sich meine Phantasie, mich zu quaelen, verband. Was fuer Bilder, was fuer schreckliche Bilder schwaermten um mich herum! Ich wollte sie gern fuer Traeume halten-- Mellefont. Wie? Meine vernuenftige Sara sollte sie fuer etwas mehr halten? Traeume, liebste Miss, Traeume!--Wie ungluecklich ist der Mensch! Fand sein Schoepfer in dem Reiche der Wirklichkeit nicht Qualen fuer ihn genug? Musste er, sie zu vermehren, auch ein noch weiteres Reich von Einbildungen in ihm schaffen? Sara. Klagen Sie den Himmel nicht an! Er hat die Einbildungen in unserer Gewalt gelassen. Sie richten sich nach unsern Taten, und wenn diese unsern Pflichten und der Tugend gemaess sind, so dienen die sie begleitenden Einbildungen zur Vermehrung unserer Ruhe und unseres Vergnuegens. Eine einzige Handlung, Mellefont, ein einziger Segen, der von einem Friedensboten im Namen der ewigen Guete auf uns gelegt wird, kann meine zerruettete Phantasie wieder heilen. Stehen Sie noch an, mir zuliebe dasjenige einige Tage eher zu tun, was Sie doch einmal tun werden? Erbarmen Sie sich meiner, und ueberlegen Sie, dass, wenn Sie mich auch dadurch nur von Qualen der Einbildung befreien, diese eingebildete Qualen doch Qualen und fuer die, die sie empfindet, wirkliche Qualen sind.--Ach, koennte ich Ihnen nur halb so lebhaft die Schrecken meiner vorigen Nacht erzaehlen, als ich sie gefuehlt habe!-- Von Weinen und Klagen, meinen einzigen Beschaeftigungen, ermuedet, sank ich mit halb geschlossenen Augenlidern auf das Bett zurueck. Die Natur wollte sich einen Augenblick erholen, neue Traenen zu sammeln. Aber noch schlief ich nicht ganz, als ich mich auf einmal an dem schroffsten Teile des schrecklichsten Felsen sahe. Sie gingen vor mir her, und ich folgte Ihnen mit schwankenden aengstlichen Schritten, die dann und wann ein Blick staerkte, welchen Sie auf mich zurueckwarfen. Schnell hoerte ich hinter mir ein freundliches Rufen, welches mir stillzustehen befahl. Es war der Ton meines Vaters--Ich Elende! kann ich denn nichts von ihm vergessen? Ach! wo ihm sein Gedaechtnis ebenso grausame Dienste leistet; wo er auch mich nicht vergessen kann!-- Doch er hat mich vergessen. Trost! grausamer Trost fuer seine Sara!-- Hoeren Sie nur, Mellefont; indem ich mich nach dieser bekannten Stimme umsehen wollte, gleitete mein Fuss; ich wankte und sollte eben in den Abgrund herabstuerzen, als ich mich, noch zur rechten Zeit, von einer mir aehnlichen Person zurueckgehalten fuehlte. Schon wollte ich ihr den feurigsten Dank abstatten, als sie einen Dolch aus dem Busen zog. Ich rettete dich, schrie sie, um dich zu verderben! Sie holte mit der bewaffneten Hand aus--und ach! ich erwachte mit dem Stiche. Wachend fuehlte ich noch alles, was ein toedlicher Stich Schmerzhaftes haben kann; ohne das zu empfinden, was er Angenehmes haben muss: das Ende der Pein in dem Ende des Lebens hoffen zu duerfen. Mellefont. Ach! liebste Sara, ich verspreche Ihnen das Ende Ihrer Pein ohne das Ende Ihres Lebens, welches gewiss auch das Ende des meinigen sein wuerde. Vergessen Sie das schreckliche Gewebe eines sinnlosen Traumes. Sara. Die Kraft, es vergessen zu koennen, erwarte ich von Ihnen. Es sei Liebe oder Verfuehrung, es sei Glueck oder Unglueck, das mich Ihnen in die Arme geworfen hat, ich bin in meinem Herzen die Ihrige und werde es ewig sein. Aber noch bin ich es nicht vor den Augen jenes Richters, der die geringsten Uebertretungen seiner Ordnung zu strafen gedrohet hat-- Mellefont. So falle denn alle Strafe auf mich allein! Sara. Was kann auf Sie fallen, das mich nicht treffen sollte?--Legen Sie aber mein dringendes Anhalten nicht falsch aus. Ein andres Frauenzimmer, das durch einen gleichen Fehltritt sich ihrer Ehre verlustig gemacht haette, wuerde vielleicht durch ein gesetzmaessiges Band nichts als einen Teil derselben wiederzuerlangen suchen. Ich, Mellefont, denke darauf nicht, weil ich in der Welt weiter von keiner Ehre wissen will als von der Ehre, Sie zu lieben. ich will mit Ihnen nicht um der Welt willen, ich will mit Ihnen um meiner selbst willen verbunden sein. Und wenn ich es bin, so will ich gern die Schmach auf mich nehmen, als ob ich es nicht waere. Sie sollen mich, wenn Sie nicht wollen, fuer Ihre Gattin nicht erklaeren duerfen; Sie sollen mich erklaeren koennen, fuer was Sie wollen. Ich will Ihren Namen nicht fuehren; Sie sollen unsere Verbindung so geheimhalten, als Sie es fuer gut befinden; und ich will derselben ewig unwert sein, wenn ich mir in den Sinn kommen lasse, einen andern Vorteil als die Beruhigung meines Gewissens daraus zu ziehen. Mellefont. Halten Sie ein, Miss, oder ich muss vor Ihren Augen des Todes sein. Wie elend bin ich, dass ich nicht das Herz habe, Sie noch elender zu machen!--Bedenken Sie, dass Sie sich meiner Fuehrung ueberlassen haben; bedenken Sie, dass ich schuldig bin, fuer uns weiter hinauszusehen, und dass ich itzt gegen Ihre Klagen taub sein muss, wenn ich Sie nicht, in der ganzen Folge Ihres Lebens, noch schmerzhaftere Klagen will fuehren hoeren. Haben Sie es denn vergessen, was ich Ihnen zu meiner Rechtfertigung schon oft vorgestellt? Sara. Ich habe es nicht vergessen, Mellefont. Sie wollen vorher ein gewisses Vermaechtnis retten.--Sie wollen vorher zeitliche Gueter retten und mich vielleicht ewige darueber verscherzen lassen. Mellefont. Ach Sara, wenn Ihnen alle zeitliche Gueter so gewiss waeren, als Ihrer Tugend die ewigen sind-- Sara. Meiner Tugend? Nennen Sie mir dieses Wort nicht!--Sonst klang es mir suesse, aber itzt schallt mir ein schrecklicher Donner darin! Mellefont. Wie? muss der, welcher tugendhaft sein soll, keinen Fehler begangen haben? Hat ein einziger so unselige Wirkungen, dass er eine ganze Reihe unstraeflicher Jahre vernichten kann? So ist kein Mensch tugendhaft; so ist die Tugend ein Gespenst, das in der Luft zerfliesset, wenn man es am festesten umarmt zu haben glaubt; so hat kein weises Wesen unsere Pflichten nach unsern Kraeften abgemessen; so ist die Lust, uns strafen zu koennen, der erste Zweck unsers Daseins; so ist--ich erschrecke vor allen den graesslichen Folgerungen, in welche Sie Ihre Kleinmut verwickeln muss! Nein, Miss, Sie sind noch die tugendhafte Sara, die Sie vor meiner ungluecklichen Bekanntschaft waren. Wenn Sie sich selbst mit so grausamen Augen ansehen, mit was fuer Augen muessen Sie mich betrachten! Sara. Mit den Augen der Liebe, Mellefont. Mellefont. So bitte ich Sie denn um dieser Liebe, um dieser grossmuetigen, alle meine Unwuerdigkeit uebersehenden Liebe willen, zu Ihren Fuessen bitte ich Sie: beruhigen Sie sich. Haben Sie nur noch einige Tage Geduld. Sara. Einige Tage! Wie ist ein Tag schon so lang! Mellefont. Verwuenschtes Vermaechtnis! Verdammter Unsinn eines sterbenden Vetters, der mir sein Vermoegen nur mit der Bedingung lassen wollte, einer Anverwandtin die Hand zu geben, die mich ebensosehr hasst als ich sie! Euch, unmenschliche Tyrannen unserer freien Neigungen, Euch werde alle das Unglueck, alle die Suende zugerechnet, zu welchen uns Euer Zwang bringet!--Und wenn ich ihrer nur entuebriget sein koennte, dieser schimpflichen Erbschaft! Solange mein vaeterliches Vermoegen zu meiner Unterhaltung hinreichte, habe ich sie allezeit verschmaehet und sie nicht einmal gewuerdiget, mich darueber zu erklaeren. Aber itzt, itzt, da ich alle Schaetze der Welt nur darum besitzen moechte, um sie zu den Fuessen meiner Sara legen zu koennen, itzt, da ich wenigstens darauf denken muss, sie ihrem Stande gemaess in der Welt erscheinen zu lassen, itzt muss ich meine Zuflucht dahin nehmen. Sara. Mit der es Ihnen zuletzt doch wohl noch fehlschlaegt. Mellefont. Sie vermuten immer das Schlimmste.--Nein; das Frauenzimmer, die es mit betrifft, ist nicht ungeneigt, eine Art von Vergleich einzugehen. Das Vermoegen soll geteilt werden; und da sie es nicht ganz mit mir geniessen kann, so ist sie es zufrieden, dass ich mit der Haelfte meine Freiheit von ihr erkaufen darf. Ich erwarte alle Stunden die letzten Nachrichten in dieser Sache, deren Verzoegerung allein unsern hiesigen Aufenthalt so langwierig gemacht hat. Sobald ich sie bekommen habe, wollen wir keinen Augenblick laenger hier verweilen. Wir wollen sogleich, liebste Miss, nach Frankreich uebergehen, wo Sie neue Freunde finden sollen, die sich itzt schon auf das Vergnuegen, Sie zu sehen und Sie zu lieben, freuen. Und diese neuen Freunde sollen die Zeugen unserer Verbindung sein-- Sara. Diese sollen die Zeugen unserer Verbindung sein?--Grausamer! so soll diese Verbindung nicht in meinem Vaterlande geschehen? So soll ich mein Vaterland als eine Verbrecherin verlassen? Und als eine solche, glauben Sie, wuerde ich Mut genug haben, mich der See zu vertrauen? Dessen Herz muss ruhiger oder muss ruchloser sein als meines, welcher nur einen Augenblick zwischen sich und dem Verderben mit Gleichgueltigkeit nichts als ein schwankendes Brett sehen kann. In jeder Welle, die an unser Schiff schluege, wuerde mir der Tod entgegenrauschen; jeder Wind wuerde mir von den vaeterlichen Kuesten Verwuenschungen nachbrausen, und der kleinste Sturm wuerde mich ein Blutgericht ueber mein Haupt zu sein duenken.--Nein, Mellefont, so ein Barbar koennen Sie gegen mich nicht sein. Wenn ich noch das Ende Ihres Vergleichs erlebe, so muss es Ihnen auf einen Tag nicht ankommen, den wir hier laenger zubringen. Es muss dieses der Tag sein, an dem Sie mich die Martern aller hier verweinten Tage vergessen lehren. Es muss dieses der heilige Tag sein--Ach! welcher wird es denn endlich sein? Mellefont. Aber ueberlegen Sie denn nicht, Miss, dass unserer Verbindung hier diejenige Feier fehlen wuerde, die wir ihr zu geben schuldig sind? Sara. Eine heilige Handlung wird durch das Feierliche nicht kraeftiger. Mellefont. Allein-- Sara. Ich erstaune. Sie wollen doch wohl nicht auf einem so nichtigen Vorwande bestehen? O Mellefont, Mellefont! wenn ich mir es nicht zum unverbruechlichsten Gesetze gemacht haette, niemals an der Aufrichtigkeit Ihrer Liebe zu zweifeln, so wuerde mir dieser Umstand-- Doch schon zuviel; es moechte scheinen, als haette ich eben itzt daran gezweifelt. Mellefont. Der erste Augenblick Ihres Zweifels muesse der letzte meines Lebens sein! Ach, Sara, womit habe ich es verdient, dass Sie mir auch nur die Moeglichkeit desselben voraussehen lassen? Es ist wahr, die Gestaendnisse, die ich Ihnen von meinen ehemaligen Ausschweifungen abzulegen kein Bedenken getragen habe, koennen mir keine Ehre machen: aber Vertrauen sollten sie mir doch erwecken. Eine buhlerische Marwood fuehrte mich in ihren Stricken, weil ich das fuer sie empfand, was so oft fuer Liebe gehalten wird und es doch so selten ist. Ich wuerde noch ihre schimpflichen Fesseln tragen, haette sich nicht der Himmel meiner erbarmt, der vielleicht mein Herz nicht fuer ganz unwuerdig erkannte, von bessern Flammen zu brennen. Sie, liebste Sara, sehen und alle Marwoods vergessen, war eins. Aber wie teuer kam es Ihnen zu stehen, mich aus solchen Haenden zu erhalten! Ich war mit dem Laster zu vertraut geworden, und Sie kannten es zu wenig-- Sara. Lassen Sie uns nicht mehr daran gedenken-- Achter Auftritt Norton. Mellefont. Sara. Mellefont. Was willst du? Norton. Ich stand eben vor dem Hause, als mir ein Bedienter diesen Brief in die Hand gab. Die Aufschrift ist an Sie, mein Herr. Mellefont. An mich? Wer weiss hier meinen Namen? (Indem er den Brief betrachtet.) Himmel! Sara. Sie erschrecken? Mellefont. Aber ohne Ursache, Miss, wie ich nun wohl sehe. Ich irrte mich in der Hand. Sara. Moechte doch der Inhalt Ihnen so angenehm sein, als Sie es wuenschen koennen. Mellefont. Ich vermute, dass er sehr gleichgueltig sein wird. Sara. Man braucht sich weniger Zwang anzutun, wenn man allein ist. Erlauben Sie, dass ich mich wieder in mein Zimmer begebe. Mellefont. Sie machen sich also wohl Gedanken? Sara. Ich mache mir keine, Mellefont. Mellefont (indem er sie bis an die Szene begleitet). Ich werde den Augenblick bei Ihnen sein, liebste Miss. Neunter Auftritt Mellefont. Norton. Mellefont (der den Brief noch ansieht). Gerechter Gott! Norton. Weh Ihnen, wenn er nichts als gerecht ist! Mellefont. Kann es moeglich sein? Ich sehe diese verruchte Hand wieder und erstarre nicht vor Schrecken? Ist sie's? Ist sie es nicht? Was zweifle ich noch? Sie ist's! Ah, Freund, ein Brief von der Marwood! Welche Furie, welcher Satan hat ihr meinen Aufenthalt verraten? Was will sie noch von mir?--Geh, mache sogleich Anstalt, dass wir von hier wegkommen.--Doch verzieh! Vielleicht ist es nicht noetig; vielleicht haben meine veraechtlichen Abschiedsbriefe die Marwood nur aufgebracht, mir mit gleicher Verachtung zu begegnen. Hier! erbrich den Brief; lies ihn. Ich zittere, es selbst zu tun. Norton (er liest). "Es wird so gut sein, als ob ich Ihnen den laengsten Brief geschrieben haette, Mellefont, wenn Sie den Namen, den Sie am Ende der Seite finden werden, nur einer kleinen Betrachtung wuerdigen wollen--" Mellefont. Verflucht sei ihr Name! Dass ich ihn nie gehoert haette! Dass er aus dem Buche der Lebendigen vertilgt wuerde! Norton (liest weiter). "Die Muehe, Sie auszuforschen, hat mir die Liebe, welche mir forschen half, versuesst." Mellefont. Die Liebe? Frevlerin! Du entheiligest Namen, die nur der Tugend geweiht sind! Norton (faehrt fort). "Sie hat noch mehr getan--" Mellefont. Ich bebe-- Norton. "Sie hat mich Ihnen nachgebracht--" Mellefont. Verraeter, was liest du? (Er reisst ihm den Brief aus der Hand und liest selbst.) "Sie hat mich Ihnen--nachgebracht.--Ich bin hier; und es stehet bei Ihnen--ob Sie meinen Besuch erwarten--oder mir mit dem Ihrigen--zuvorkommen wollen. Marwood."--Was fuer ein Donnerschlag! Sie ist hier?--Wo ist sie? Diese Frechheit soll sie mit dem Leben buessen. Norton. Mit dem Leben? Es wird ihr einen Blick kosten, und Sie liegen wieder zu ihren Fuessen. Bedenken Sie, was Sie tun! Sie muessen sie nicht sprechen, oder das Unglueck Ihrer armen Miss ist vollkommen. Mellefont. Ich Ungluecklicher!--Nein, ich muss sie sprechen. Sie wuerde mich bis in dem Zimmer der Sara suchen und alle ihre Wut gegen diese Unschuldige auslassen. Norton. Aber, mein Herr-- Mellefont. Sage nichts!--Lass sehen, (indem er in den Brief sieht) ob sie ihre Wohnung angezeigt hat. Hier ist sie. Komm, fuehre mich. (Sie gehen ab.) (Ende des ersten Aufzugs.) Zweiter Aufzug Erster Auftritt Der Schauplatz stellt das Zimmer der Marwood vor, in einem andern Gasthofe. Marwood im Neglige. Hannah. Marwood. Belford hat den Brief doch richtig eingehaendiget, Hannah? Hannah. Richtig. Marwood. Ihm selbst? Hannah. Seinem Bedienten. Marwood. Kaum kann ich es erwarten, was er fuer Wirkung haben wird.-- Scheine ich dir nicht ein wenig unruhig, Hannah? Ich hin es auch.-- Der Verraeter! Doch gemach! Zornig muss ich durchaus nicht werden. Nachsicht, Liebe, Bitten sind die einzigen Waffen, die ich wider ihn brauchen darf, wo ich anders seine schwache Seite recht kenne. Hannah. Wenn er sich aber dagegen verhaerten sollte?-- Marwood. Wenn er sich dagegen verhaerten sollte? So werde ich nicht zuernen--ich werde rasen. Ich fuehle es, Hannah; und wollte es lieber schon itzt. Hannah. Fassen Sie sich ja. Er kann vielleicht den Augenblick kommen. Marwood. Wo er nur gar koemmt! Wo er sich nur nicht entschlossen hat, mich festes Fusses bei sich zu erwarten!--Aber weisst du, Hannah, worauf ich noch meine meiste Hoffnung gruende, den Ungetreuen von dem neuen Gegenstande seiner Liebe abzuziehen? Auf unsere Bella. Hannah. Es ist wahr; sie ist sein kleiner Abgott; und der Einfall, sie mitzunehmen, haette nicht gluecklicher sein koennen. Marwood. Wenn sein Herz auch gegen die Sprache einer alten Liebe taub ist, so wird ihm doch die Sprache des Bluts vernehmlich sein. Er riss das Kind vor einiger Zeit aus meinen Armen, unter dem Vorwande, ihm eine Art von Erziehung geben zu lassen, die es bei mir nicht haben koenne. Ich habe es von der Dame, die es unter ihrer Aufsicht hatte, itzt nicht anders als durch List wiederbekommen koennen; er hatte auf mehr als ein Jahr vorausbezahlt und noch den Tag vor seiner Flucht ausdruecklich befohlen, eine gewisse Marwood, die vielleicht kommen und sich fuer die Mutter des Kindes ausgeben wuerde, durchaus nicht vorzulassen. Aus diesem Befehle erkenne ich den Unterschied, den er zwischen uns beiden macht. Arabellen sieht er als einen kostbaren Teil seiner selbst an und mich als eine Elende, die ihn mit allen ihren Reizen, bis zum Ueberdrusse, gesaettiget hat. Hannah. Welcher Undank! Marwood. Ach Hannah, nichts zieht den Undank so unausbleiblich nach sich als Gefaelligkeiten, fuer die kein Dank zu gross waere. Warum habe ich sie ihm erzeigt, diese unseligen Gefaelligkeiten? Haette ich es nicht voraussehen sollen, dass sie ihren Wert nicht immer bei ihm behalten koennten? Dass ihr Wert auf der Schwierigkeit des Genusses beruhe und dass er mit derjenigen Anmut verschwinden muesse, welche die Hand der Zeit unmerklich, aber gewiss, aus unsern Gesichtern verloescht? Hannah. O, Madam, von dieser gefaehrlichen Hand haben Sie noch lange nichts zu befuerchten. Ich finde, dass Ihre Schoenheit den Punkt ihrer praechtigsten Bluete so wenig ueberschritten hat, dass sie vielmehr erst darauf losgeht und Ihnen alle Tage neue Herzen fesseln wuerde, wenn Sie ihr nur Vollmacht dazu geben wollten. Marwood. Schweig, Hannah! Du schmeichelst mir bei einer Gelegenheit, die mir alle Schmeichelei verdaechtig macht. Es ist Unsinn, von neuen Eroberungen zu sprechen, wenn man nicht einmal Kraefte genug hat, sich im Besitze der schon gemachten zu erhalten. Zweiter Auftritt Ein Bedienter. Marwood. Hannah. Der Bediente. Madam, man will die Ehre haben, mit Ihnen zu sprechen. Marwood. Wer? Der Bediente. Ich vermute, dass es ebender Herr ist, an welchen der vorige Brief ueberschrieben war. Wenigstens ist der Bediente bei ihm, der mir ihn abgenommen hat. Marwood. Mellefont!--Geschwind, fuehre ihn herauf! (Der Bediente geht ab.) Ach, Hannah, nun ist er da! Wie soll ich ihn empfangen? Was soll ich sagen? Welche Miene soll ich annehmen? Ist diese ruhig genug? Sieh doch! Hannah. Nichts weniger als ruhig. Marwood. Aber diese? Hannah. Geben Sie ihr noch mehr Anmut. Marwood. Etwa so? Hannah. Zu traurig! Marwood. Sollte mir dieses Laecheln lassen? Hannah. Vollkommen! Aber nur freier--Er koemmt. Dritter Auftritt Mellefont. Marwood. Hannah. Mellefont (der mit einer wilden Stellung hereintritt). Ha! Marwood-- Marwood (die ihm mit offnen Armen laechelnd entgegenrennt). Ach Mellefont-- Mellefont (beiseite). Die Moerderin, was fuer ein Blick! Marwood. Ich muss Sie umarmen, treuloser, lieber Fluechtling!--Teilen Sie doch meine Freude!--Warum entreissen Sie sich meinen Liebkosungen? Mellefont. Marwood, ich vermutete, dass Sie mich anders empfangen wuerden. Marwood. Warum anders? Mit mehr Liebe vielleicht? mit mehr Entzuecken? Ach, ich Unglueckliche, dass ich weniger ausdruecken kann, als ich fuehle!--Sehen Sie, Mellefont, sehen Sie, dass auch die Freude ihre Traenen hat? Hier rollen sie, diese Kinder der suessesten Wollust!-- Aber ach, verlorne Traenen! seine Hand trocknet euch nicht ab. Mellefont. Marwood, die Zeit ist vorbei, da mich solche Reden bezaubert haetten. Sie muessen itzt in einem andern Tone mit mir sprechen. Ich komme her, Ihre letzten Vorwuerfe anzuhoeren und darauf zu antworten. Marwood. Vorwuerfe? Was haette ich Ihnen fuer Vorwuerfe zu machen, Mellefont? Keine. Mellefont. So haetten Sie, sollt' ich meinen, Ihren Weg ersparen koennen. Marwood. Liebste wunderliche Seele, warum wollen Sie mich nun mit Gewalt zwingen, einer Kleinigkeit zu gedenken, die ich Ihnen in ebendem Augenblicke vergab, in welchem ich sie erfuhr? Eine kurze Untreue, die mir Ihre Galanterie, aber nicht Ihr Herz spielet, verdient diese Vorwuerfe? Kommen Sie, lassen Sie uns darueber scherzen. Mellefont. Sie irren sich; mein Herz hat mehr Anteil daran, als es jemals an allen unsern Liebeshaendeln gehabt hat, auf die ich itzt nicht ohne Abscheu zuruecksehen kann. Marwood. Ihr Herz, Mellefont, ist ein gutes Naerrchen. Es laesst sich alles bereden, was Ihrer Einbildung ihm zu bereden einfaellt. Glauben Sie mir doch, ich kenne es besser als Sie. Wenn es nicht das beste, das getreuste Herz waere, wuerde ich mir wohl so viel Muehe geben, es zu behalten? Mellefont. Zu behalten? Sie haben es niemals besessen, sage ich Ihnen. Marwood. Und ich sage Ihnen, ich besitze es im Grunde noch. Mellefont. Marwood, wenn ich wuesste, dass Sie auch nur noch eine Faser davon besaessen, so wollte ich es mir selbst, hier vor Ihren Augen, aus meinem Leibe reissen. Marwood. Sie wuerden sehen, dass Sie meines zugleich herausrissen. Und dann, dann wuerden diese herausgerissenen Herzen endlich zu der Vereinigung gelangen, die sie so oft auf unsern Lippen gesucht haben. Mellefont (beiseite). Was fuer eine Schlange! Hier wird das beste sein zu fliehen.--Sagen Sie mir es nur kurz, Marwood, warum Sie mir nachgekommen sind? Was Sie noch von mir verlangen? Aber sagen Sie es nur ohne dieses Laecheln, ohne diesen Blick, aus welchem mich eine ganze Hoelle von Verfuehrung schreckt. Marwood (vertraulich). Hoere nur, mein lieber Mellefont; ich merke wohl, wie es itzt mir dir steht. Deine Begierden und dein Geschmack sind itzt deine Tyrannen. Lass es gut sein; man muss sie austoben lassen. Sich ihnen widersetzen, ist Torheit. Sie werden am sichersten eingeschlaefert und endlich gar ueberwunden, wenn man ihnen freies Feld laesst. Sie reiben sich selbst auf. Kannst du mir nachsagen, kleiner Flattergeist, dass ich jemals eifersuechtig gewesen waere, wenn staerkere Reize als die meinigen dich mir auf eine Zeitlang abspenstig machten? Ich goennte dir ja allezeit diese Veraenderung, bei der ich immer mehr gewann als verlor. Du kehrtest mit neuem Feuer, mit neuer Inbrunst in meine Arme zurueck, in die ich dich nur als in leichte Bande und nie als in schwere Fesseln schloss. Bin ich nicht oft selbst deine Vertraute gewesen, wenn du mir auch schon nichts zu vertrauen hattest als die Gunstbezeigungen, die du mir entwandtest, um sie gegen andre zu verschwenden? Warum glaubst du denn, dass ich itzt einen Eigensinn gegen dich zu zeigen anfangen wuerde, zu welchem ich nun eben berechtiget zu sein aufhoere, oder--vielleicht schon aufgehoert habe? Wenn deine Hitze gegen das schoene Landmaedchen noch nicht verraucht ist; wenn du noch in dem ersten Fieber deiner Liebe gegen sie bist; wenn du ihren Genuss noch nicht entbehren kannst: wer hindert dich denn, ihr so lange ergeben zu sein, als du es fuer gut befindest? Musst du deswegen so unbesonnene Anschlaege machen und mit ihr aus dem Reiche fliehen wollen? Mellefont. Marwood, Sie reden vollkommen Ihrem Charakter gemaess, dessen Haesslichkeit ich nie so gekannt habe, als seitdem ich in dem Umgange mit einer tugendhaften Freundin die Liebe von der Wollust unterscheiden gelernt. Marwood. Ei sieh doch! Deine neue Gebieterin ist also wohl gar ein Maedchen von schoenen sittlichen Empfindungen? Ihr Mannspersonen muesst doch selbst nicht wissen, was ihr wollt . Bald sind es die schluepfrigsten Reden, die buhlerhaftesten Scherze, die euch an uns gefallen; und bald entzuecken wir euch, wenn wir nichts als Tugend reden und alle sieben Weisen auf unserer Zunge zu haben scheinen. Das Schlimmste aber ist, dass ihr das eine sowohl als das andre ueberdruessig werdet. Wir moegen naerrisch oder vernuenftig, weltlich oder geistlich gesinnet sein: wir verlieren unsere Muehe, euch bestaendig zu machen, einmal wie das andre. Du wirst an deine schoene Heilige die Reihe Zeit genug kommen lassen. Soll ich wohl einen kleinen Ueberschlag machen? Nun eben bist du im heftigsten Paroxysmo mit ihr; und diesem geh ich noch zwei, aufs laengste drei Tage. Hierauf wird eine ziemlich geruhige Liebe folgen; der geb ich acht Tage. Die andern acht Tage wirst du nur gelegentlich an diese Liebe denken. Die dritten wirst du dich daran erinnern lassen; und wann du dieses Erinnern satt hast, so wirst du dich zu der aeussersten Gleichgueltigkeit so schnell gebracht sehen, dass ich kaum die vierten acht Tage auf diese letzte Veraenderung rechnen darf--Das waere nun ungefaehr ein Monat. Und diesen Monat, Mellefont, will ich dir noch mit dem groessten Vergnuegen nachsehen; nur wirst du erlauben, dass ich dich nicht aus dem Gesichte verlieren darf. Mellefont. Vergebens, Marwood, suchen Sie alle Waffen hervor, mit welchen Sie sich erinnern, gegen mich sonst gluecklich gewesen zu sein. Ein tugendhafter Entschluss sichert mich gegen Ihre Zaertlichkeit und gegen Ihren Witz. Gleichwohl will ich mich beiden nicht laenger aussetzen. Ich gehe und habe Ihnen weiter nichts mehr zu sagen, als dass Sie mich in wenig Tagen auf eine Art sollen gebunden wissen, die Ihnen alle Hoffnung auf meine Rueckkehr in Ihre lasterhafte Sklaverei vernichten wird. Meine Rechtfertigung werden Sie genugsam aus dem Briefe ersehen haben, den ich Ihnen vor meiner Abreise zustellen lassen. Marwood. Gut, dass Sie dieses Briefes gedenken. Sagen Sie mir, von wem hatten Sie ihn schreiben lassen? Mellefont. Hatte ich ihn nicht selbst geschrieben? Marwood. Unmoeglich! Den Anfang desselben, in welchem Sie mir ich weiss nicht was fuer Summen vorrechneten, die Sie mit mir wollen verschwendet haben, musste ein Gastwirt, sowie den uebrigen theologischen Rest ein Quaeker geschrieben haben. Demungeachtet will ich Ihnen itzt ernstlich darauf antworten. Was den vornehmsten Punkt anbelangt, so wissen Sie wohl, dass alle die Geschenke, welche Sie mir gemacht haben, noch da sind. Ich habe Ihre Bankozettel, Ihre Juwelen nie als mein Eigentum angesehen und itzt alles mitgebracht, um es wieder in diejenigen Haende zu liefern, die mir es anvertrauet hatten. Mellefont. Behalten Sie alles, Marwood. Marwood. Ich will nichts davon behalten. Was haette ich ohne Ihre Person fuer ein Recht darauf? Wenn Sie mich auch nicht mehr lieben, so muessen Sie mir doch die Gerechtigkeit widerfahren lassen und mich fuer keine von den feilen Buhlerinnen halten, denen es gleichviel ist, von wessen Beute sie sich bereichern. Kommen Sie nur, Mellefont, Sie sollen den Augenblick wieder so reich sein, als Sie vielleicht ohne meine Bekanntschaft geblieben waeren; und vielleicht auch nicht. Mellefont. Welcher Geist, der mein Verderben geschworen hat, redet itzt aus Ihnen! Eine wolluestige Marwood denkt so edel nicht. Marwood. Nennen Sie das edel? Ich nenne es weiter nichts als billig. Nein, mein Herr, nein; ich verlange nicht, dass Sie mir diese Wiedererstattung als etwas Besonders anrechnen sollen. Sie kostet mich nichts; und auch den geringsten Dank, den Sie mir dafuer sagen wollten, wuerde ich fuer eine Beschimpfung halten, weil er doch keinen andern Sinn als diesen haben koennte: "Marwood, ich hielt Euch fuer eine niedertraechtige Betruegerin; ich bedanke Mich, dass Ihr es wenigstens gegen mich nicht sein wollt." Mellefont. Genug, Madam, genug! Ich fliehe, weil mich mein Unstern in einen Streit von Grossmut zu verwickeln drohet, in welchem ich am ungernsten unterliegen moechte. Marwood. Fliehen Sie nur; aber nehmen Sie auch alles mit, was Ihr Andenken bei mir erneuern koennte. Arm, verachtet, ohne Ehre und ohne Freunde, will ich es alsdann noch einmal wagen, Ihr Erbarmen rege zu machen. Ich will Ihnen in der ungluecklichen Marwood nichts als eine Elende zeigen, die Geschlecht, Ansehen, Tugend und Gewissen fuer Sie aufgeopfert hat. Ich will Sie an den ersten Tag erinnern, da Sie mich sahen und liebten; an den ersten Tag, da auch ich Sie sahe und liebte; an das erste stammelnde, schamhafte Bekenntnis, das Sie mir zu meinen Fuessen von Ihrer Liebe ablegten; an die erste Versicherung von Gegenliebe, die Sie mir auspressten; an die zaertlichen Blicke, an die feurigen Umarmungen, die darauf folgten; an das beredte Stillschweigen, wenn wir mit beschaeftigten Sinnen einer des andern geheimste Regungen errieten und in den schmachtenden Augen die verborgensten Gedanken der Seele lasen; an das zitternde Erwarten der nahenden Wollust; an die Trunkenheit ihrer Freuden; an das suesse Erstarren nach der Fuelle des Genusses, in welchem sich die ermatteten Geister zu neuen Entzueckungen erholten. An alles dieses will ich Sie erinnern und dann Ihre Knie umfassen und nicht aufhoeren, um das einzige Geschenk zu bitten, das Sie mir nicht versagen koennen und ich, ohne zu erroeten, annehmen darf,-- um den Tod von Ihren Haenden. Mellefont. Grausame! noch wollte ich selbst mein Leben fuer Sie hingeben. Fordern Sie es; fordern Sie es; nur auf meine Liebe machen Sie weiter keinen Anspruch. Ich muss Sie verlassen, Marwood, oder mich zu einem Abscheu der ganzen Natur machen. Ich bin schon strafbar, dass ich nur hier stehe und Sie anhoere. Leben Sie wohl! leben Sie wohl! Marwood (die ihn zurueckhaelt). Sie muessen mich verlassen? Und was wollen Sie denn, das aus mir werde? So wie ich itzt bin, bin ich Ihr Geschoepf; tun Sie also, was einem Schoepfer zukoemmt; er darf die Hand von seinem Werke nicht eher abziehn, als bis er es gaenzlich vernichten will.--Ach, Hannah, ich sehe wohl, meine Bitten allein sind zu schwach. Geh, bringe meinen Vorsprecher her, der mir vielleicht itzt auf einmal mehr wiedergeben wird, als er von mir erhalten hat. (Hannah geht ab.) Mellefont. Was fuer einen Vorsprecher, Marwood? Marwood. Ach, einen Vorsprecher, dessen Sie mich nur allzugern beraubet haetten. Die Natur wird seine Klagen auf einem kuerzern Wege zu Ihrem Herzen bringen-- Mellefont. Ich erschrecke. Sie werden doch nicht-- Vierter Auftritt Arabella. Hannah. Mellefont. Marwood. Mellefont. Was seh ich? Sie ist es!--Marwood, wie haben Sie sich unterstehen koennen-- Marwood. Soll ich umsonst Mutter sein?--Komm, meine Bella, komm; sieh hier deinen Beschuetzer wieder, deinen Freund, deinen--Ach! das Herz mag es ihm sagen, was er noch mehr als dein Beschuetzer, als dein Freund sein kann. Mellefont (mit abgewandtem Gesichte). Gott! wie wird es mir hier ergehen? Arabella (indem sie ihm furchtsam naeher tritt). Ach, mein Herr! Sind Sie es? Sind Sie unser Mellefont?--Nein doch, Madam, er ist es nicht.- -Wuerde er mich nicht ansehen, wenn er es waere? Wuerde er mich nicht in seine Arme schliessen? Er hat es ja sonst getan. Ich unglueckliches Kind! Womit haette ich ihn denn erzuernt, diesen Mann, diesen liebsten Mann, der mir erlaubte, mich seine Tochter zu nennen? Marwood. Sie schweigen, Mellefont? Sie goennen der Unschuldigen keinen Blick? Mellefont. Ach!-- Arabella. Er seufzet ja, Madam. Was fehlt ihm? Koennen wir ihm nicht helfen? Ich nicht? Sie auch nicht? So lassen Sie uns doch mit ihm seufzen.--Ach, nun sieht er mich an!--Nein, er sieht wieder weg! Er sieht gen Himmel! Was wuenscht er? Was bittet er vom Himmel? Moechte er ihm doch alles gewaehren, wenn er mir auch alles dafuer versagte! Marwood. Geh, mein Kind, geh; fall ihm zu Fuessen. Er will uns verlassen; er will uns auf ewig verlassen. Arabella (die vor ihm niederfaellt). Hier liege ich schon. Sie uns verlassen? Sie uns auf ewig verlassen? War es nicht schon eine kleine Ewigkeit, die wir Sie jetzt vermisst haben? Wir sollen Sie wieder vermissen? Sie haben ja so oft gesagt, dass Sie uns liebten. Verlaesst man denn die, die man liebt? So muss ich Sie wohl nicht lieben; denn ich wuenschte, Sie nie zu verlassen. Nie, und will Sie auch nie verlassen. Marwood. Ich will dir bitten helfen, mein Kind; hilf nur auch mir-- Nun, Mellefont, sehen Sie auch mich zu Ihren Fuessen-- Mellefont (haelt sie zurueck, indem sie sich niederwerfen will). Marwood, gefaehrliche Marwood--Und auch du, meine liebste Bella (hebt sie auf), auch du bist wider deinen Mellefont? Arabella. Ich wider Sie? Marwood. Was beschliessen Sie, Mellefont? Mellefont. Was ich nicht sollte, Marwood; was ich nicht sollte. Marwood (die ihn umarmt). Ach, ich weiss es ja, dass die Redlichkeit Ihres Herzens allezeit ueber den Eigensinn Ihrer Begierden gesiegt hat. Mellefont. Bestuermen Sie mich nicht weiter. Ich bin schon, was Sie aus mir machen wollen: ein Meineidiger, ein Verfuehrer, ein Raeuber, ein Moerder. Marwood. Itzt werden Sie es einige Tage in Ihrer Einbildung sein, und hernach werden Sie erkennen, dass ich Sie abgehalten habe, es wirklich zu werden. Machen Sie nur, und kehren Sie wieder mit uns zurueck. Arabella (schmeichelnd). O ja! tun Sie dieses. Mellefont. Mit euch zurueckkehren? Kann ich denn? Marwood. Nichts ist leichter, wenn Sie nur wollen. Mellefont. Und meine Miss-- Marwood. Und Ihre Miss mag sehen, wo sie bleibt!-- Mellefont. Ha! barbarische Marwood, diese Rede liess mich bis auf den Grund Ihres Herzens sehen--Und ich Verruchter gehe doch nicht wieder in mich? Marwood. Wenn Sie bis auf den Grund meines Herzens gesehen haetten, so wuerden Sie entdeckt haben, dass es mehr wahres Erbarmen gegen Ihre Miss fuehlt als Sie selbst. Ich sage, wahres Erbarmen: denn das Ihre ist ein eigennuetziges, weichherziges Erbarmen. Sie haben ueberhaupt diesen Liebeshandel viel zu weit getrieben. Dass Sie, als ein Mann, der bei einem langen Umgange mit unserm Geschlechte in der Kunst zu verfuehren ausgelernt hatte, gegen ein so junges Frauenzimmer sich Ihre Ueberlegenheit an Verstellung und Erfahrung zunutze machten und nicht eher ruhten, als bis Sie Ihren Zweck erreichten: das moechte noch hingehen; Sie koennen sich mit der Heftigkeit Ihrer Leidenschaft entschuldigen. Allein, dass Sie einem alten Vater sein einziges Kind raubten; dass Sie einem rechtschaffnen Greise die wenigen Schritte zu seinem Grabe noch so schwer und bitter machten; dass Sie Ihrer Lust wegen die staerksten Banden der Natur trennten: das, Mellefont, das koennen Sie nicht verantworten. Machen Sie also Ihren Fehler wieder gut, soweit es moeglich ist, ihn gutzumachen. Geben Sie dem weinenden Alter seine Stuetze wieder, und schicken Sie eine leichtglaeubige Tochter in ihr Haus zurueck, das Sie deswegen, weil Sie es beschimpft haben, nicht auch oede machen muessen. Mellefont. Das fehlte noch, dass Sie auch mein Gewissen wider mich zu Hilfe riefen! Aber gesetzt, es waere billig, was Sie sagen; muesste ich nicht eine eiserne Stirne haben, wenn ich es der ungluecklichen Miss selbst vorschlagen sollte? Marwood. Nunmehr will ich es Ihnen gestehen, dass ich schon im voraus bedacht gewesen bin, Ihnen diese Verwirrung zu ersparen. Sobald ich Ihren Aufenthalt erfuhr, habe ich auch dem alten Sampson unter der Hand Nachricht davon geben lassen. Er ist vor Freuden darueber ganz ausser sich gewesen und hat sich sogleich auf den Weg machen wollen. Ich wundre mich, dass er noch nicht hier ist. Mellefont. Was sagen Sie? Marwood. Erwarten Sie nur ruhig seine Ankunft und lassen sich gegen die Miss nichts merken. Ich will Sie selbst jetzt nicht laenger aufhalten. Gehen Sie wieder zu ihr; sie moechte Verdacht bekommen. Doch versprach ich mir, Sie heute noch einmal zu sehen. Mellefont. O Marwood, mit was fuer Gesinnungen kam ich zu Ihnen und mit welchen muss ich Sie verlassen! Einen Kuss, meine liebe Bella-- Arabella. Der war fuer Sie; aber nun einen fuer mich. Kommen Sie nur ja bald wieder; ich bitte. (Mellefont geht ab.) Fuenfter Auftritt Marwood. Arabella. Hannah. Marwood (nachdem sie tief Atem geholt). Sieg! Hannah! aber ein saurer Sieg!--Gib mir einen Stuhl; ich fuehle mich ganz abgemattet-- (Sie setzt sich.) Eben war es die hoechste Zeit, als er sich ergab; noch einen Augenblick haette er anstehen duerfen, so wuerde ich ihm eine ganz andre Marwood gezeigt haben. Hannah. Ach, Madam, was sind Sie fuer eine Frau! Den moechte ich doch sehn, der Ihnen widerstehen koennte. Marwood. Er hat mir schon zu lange widerstanden. Und gewiss, gewiss, ich will es ihm nicht vergeben, dass ich ihm fast zu Fusse gefallen waere. Arabella. O nein! Sie muessen ihm alles vergeben. Er ist ja so gut, so gut-- Marwood. Schweig, kleine Naerrin! Hannah. Auf welcher Seite wussten Sie ihn nicht zu fassen! Aber nichts, glaube ich, ruehrte ihn mehr als die Uneigennuetzigkeit, mit welcher Sie sich erboten, alle von ihm erhaltenen Geschenke zurueckzugeben. Marwood. Ich glaube es auch. Ha! ha! (Veraechtlich.) Hannah. Warum lachen Sie, Madam? Wenn es nicht Ihr Ernst war, so wagten Sie in der Tat sehr viel. Gesetzt, er haette Sie bei Ihrem Worte gefasst? Marwood. O geh! man muss wissen, wen man vor sich hat. Hannah. Nun, das gesteh ich! Aber auch Sie, meine schoene Bella, haben Ihre Sache vortrefflich gemacht; vortrefflich! Arabella. Warum das? Konnte ich sie denn anders machen? Ich hatte ihn ja so lange nicht gesehen. Sie sind doch nicht boese, Madam, dass ich ihn so lieb habe? Ich habe Sie so lieb wie ihn; ebenso lieb. Marwood. Schon gut; dasmal will ich dir verzeihen, dass du mich nicht lieber hast als ihn. Arabella. Dasmal? (Schluchzend.) Marwood. Du weinst ja wohl gar? Warum denn? Arabella. Ach nein! ich weine nicht. Werden Sie nur nicht ungehalten. Ich will Sie ja gern alle beide so lieb, so lieb haben, dass ich unmoeglich weder Sie noch ihn lieber haben kann. Marwood. Je nun ja! Arabella. Ich bin recht ungluecklich-- Marwood. Sei doch nur stille--Aber was ist das? Sechster Auftritt Mellefont. Marwood. Arabella. Hannah. Marwood. Warum kommen Sie schon wieder, Mellefont? (Sie steht auf.) Mellefont (hitzig,). Weil ich mehr nicht als einige Augenblicke noetig hatte, wieder zu mir selbst zu kommen. Marwood. Nun? Mellefont. Ich war betaeubt, Marwood, aber nicht bewegt. Sie haben alle Ihre Muehe verloren; eine andre Luft als diese ansteckende Luft Ihres Zimmers gab mir Mut und Kraefte wieder, meinen Fuss aus dieser gefaehrlichen Schlinge noch zeitig genug zu ziehen. Waren mir Nichtswuerdigem die Raenke einer Marwood noch nicht bekannt genug? Marwood (hastig). Was ist das wieder fuer eine Sprache? Mellefont. Die Sprache der Wahrheit und des Unwillens. Marwood. Nur gemach, Mellefont, oder auch ich werde diese Sprache sprechen. Mellefont. Ich komme nur zurueck, Sie keinen Augenblick laenger in einem Irrtume von mir stecken zu lassen, der mich, selbst in Ihren Augen, veraechtlich machen muss. Arabella (furchtsam). Ach! Hannah-- Mellefont. Sehen Sie mich nur so wuetend an, als Sie wollen. Je wuetender, je besser. War es moeglich, dass ich zwischen einer Marwood und einer Sara nur einen Augenblick unentschluessig bleiben konnte? Und dass ich mich fast fuer die erstere entschlossen haette? Arabella. Ach Mellefont!-- Mellefont. Zittern Sie nicht, Bella. Auch fuer Sie bin ich mit zurueckgekommen. Geben Sie mir die Hand, und folgen Sie mir nur getrost. Marwood (die beide zurueckhaelt). Wem soll sie folgen, Verraeter? Mellefont. Ihrem Vater. Marwood. Geh, Elender; und lern erst ihre Mutter kennen. Mellefont. Ich kenne sie. Sie ist die Schande ihres Geschlechts-- Marwood. Fuehre sie weg, Hannah! Mellefont. Bleiben Sie, Bella. (Indem er sie zurueckhalten will.) Marwood. Nur keine Gewalt, Mellefont, oder-- (Hannah und Arabella geben ab.) Siebenter Auftritt Mellefont. Marwood. Marwood. Nun sind wir allein. Nun sagen Sie es noch einmal, ob Sie fest entschlossen sind, mich einer jungen Naerrin aufzuopfern? Mellefont (bitter). Aufzuopfern? Sie machen, dass ich mich hier erinnere, dass den alten Goettern auch sehr unreine Tiere geopfert wurden. Marwood (spoettisch). Druecken Sie sich ohne so gelehrte Anspielungen aus. Mellefont. So sage ich ihnen, dass ich fest entschlossen bin, nie wieder ohne die schrecklichsten Verwuenschungen an Sie zu denken. Wer sind Sie? und wer ist Sara? Sie sind eine wolluestige, eigennuetzige, schaendliche Buhlerin, die sich itzt kaum mehr muss erinnern koennen, einmal unschuldig gewesen zu sein. Ich habe mir mit Ihnen nichts vorzuwerfen, als dass ich dasjenige genossen, was Sie ohne mich vielleicht die ganze Welt haetten geniessen lassen. Sie haben mich gesucht, nicht ich Sie; und wenn ich nunmehr weiss, wer Marwood ist, so koemmt mir diese Kenntnis teuer genug zu stehen. Sie kostet mir mein Vermoegen, meine Ehre, mein Glueck-- Marwood. Und so wollte ich, dass sie dir auch deine Seligkeit kosten muesste! Ungeheuer! Ist der Teufel aerger als du, der schwache Menschen zu Verbrechen reizet und sie dieser Verbrechen wegen, die sein Werk sind, hernach selbst anklagt? Was geht dich meine Unschuld an, wann und wie ich sie verloren habe? Habe ich dir meine Tugend nicht preisgeben koennen, so habe ich doch meinen guten Namen fuer dich in die Schanze geschlagen. Jene ist nichts kostbarer als dieser. Was sage ich? kostbarer? Sie ist ohne ihn ein albernes Hirngespinst, das weder ruhig noch gluecklich macht. Er allein gibt ihr noch einigen Wert und kann vollkommen ohne sie bestehen. Mochte ich doch sein, wer ich wollte, ehe ich dich, Scheusal, kennenlernte; genug, dass ich in den Augen der Welt fuer ein Frauenzimmer ohne Tadel galt. Durch dich nur hat sie es erfahren, dass ich es nicht sei; durch meine Bereitwilligkeit bloss, dein Herz, wie ich damals glaubte, ohne deine Hand anzunehmen. Mellefont. Eben diese Bereitwilligkeit verdammt dich, Niedertraechtige. Marwood. Erinnerst du dich aber, welchen nichtswuerdigen Kunstgriffen du sie zu verdanken hattest? Ward ich nicht von dir beredt, dass du dich in keine oeffentliche Verbindung einlassen koenntest, ohne einer Erbschaft verlustig zu werden, deren Genuss du mit niemand als mit mir teilen wolltest? Ist es nun Zeit, ihrer zu entsagen? Und ihrer fuer eine andre als fuer mich zu entsagen? Mellefont. Es ist mir eine wahre Wollust, Ihnen melden zu koennen, dass diese Schwierigkeit nunmehr bald wird gehoben sein. Begnuegen Sie sich also nur, mich um mein vaeterliches Erbteil gebracht zu haben, und lassen mich ein weit geringeres mit einer wuerdigern Gattin geniessen. Marwood. Ha! nun seh ich's, was dich eigentlich so trotzig macht. Wohl, ich will kein Wort mehr verlieren. Es sei darum! Rechne darauf, dass ich alles anwenden will, dich zu vergessen. Und das erste, was ich in dieser Absicht tun werde, soll dieses sein--Du wirst mich verstehen! Zittre fuer deine Bella! Ihr Leben soll das Andenken meiner verachteten Liebe auf die Nachwelt nicht bringen; meine Grausamkeit soll es tun. Sieh in mir eine neue Medea! Mellefont (erschrocken). Marwood-- Marwood. Oder wenn du noch eine grausamere Mutter weisst, so sieh sie gedoppelt in mir! Gift und Dolch sollen mich raechen. Doch nein, Gift und Dolch sind zu barmherzige Werkzeuge! Sie wuerden dein und mein Kind zu bald toeten. Ich will es nicht gestorben sehen; sterben will ich es sehen! Durch langsame Martern will ich in seinem Gesichte jeden aehnlichen Zug, den es von dir hat, sich verstellen, verzerren und verschwinden sehen. Ich will mit begieriger Hand Glied von Glied, Ader von Ader, Nerve von Nerve loesen und das Kleinste derselben auch da noch nicht aufhoeren zu schneiden und zu brennen, wenn es schon nichts mehr sein wird als ein empfindungsloses Aas. Ich--ich werde wenigstens dabei empfinden, wie suess die Rache sei! Mellefont. Sie rasen, Marwood-- Marwood. Du erinnerst mich, dass ich nicht gegen den Rechten rase. Der Vater muss voran! Er muss schon in jener Welt sein, wenn der Geist seiner Tochter unter tausend Seufzern ihm nachzieht.--(Sie geht mit einem Dolche, den sie aus dem Busen reisst, auf ihn los.) Drum stirb, Verraeter! Mellefont (der ihr in den Arm faellt und den Dolch entreisst). Unsinniges Weibsbild!--Was hindert mich nun, den Stahl wider dich zu kehren? Doch lebe, und deine Strafe muesse einer ehrlosen Hand aufgehoben sein! Marwood (mit gerungenen Haenden). Himmel, was habe ich getan? Mellefont-- Mellefont. Deine Reue soll mich nicht hintergehen! Ich weiss es doch wohl, was dich reuet; nicht dass du den Stoss tun wollen, sondern dass du ihn nicht tun koennen. Marwood. Geben Sie mir ihn wieder, den verirrten Stahl! geben Sie mir ihn wieder! und Sie sollen es gleich sehen, fuer wen er geschliffen ward. Fuer diese Brust allein, die schon laengst einem Herzen zu enge ist, das eher dem Leben als Ihrer Liebe entsagen will. Mellefont. Hannah!-- Marwood. Was wollen Sie tun, Mellefont? Achter Auftritt Hannah (erschrocken). Marwood. Mellefont. Mellefont. Hast du es gehoert, Hannah, welche Furie deine Gebieterin ist? Wisse, dass ich Arabellen von deinen Haenden fodern werde. Hannah. Ach Madam, wie sind Sie ausser sich! Mellefont. Ich will das unschuldige Kind bald in voellige Sicherheit bringen. Die Gerechtigkeit wird einer so grausamen Mutter die moerdrischen Haende schon zu binden wissen. (Er will gehen.) Marwood. Wohin, Mellefont? Ist es zu verwundern, dass die Heftigkeit meines Schmerzes mich des Verstandes nicht maechtig liess? Wer bringt mich zu so unnatuerlichen Ausschweifungen? Sind Sie es nicht selbst? Wo kann Bella sicherer sein als bei mir? Mein Mund tobet wider sie, und mein Herz bleibt doch immer das Herz einer Mutter. Ach, Mellefont! vergessen Sie meine Raserei und denken zu ihrer Entschuldigung nur an die Ursache derselben. Mellefont. Es ist nur ein Mittel, welches mich bewegen kann, sie zu vergessen. Marwood. Welches? Mellefont. Wenn Sie den Augenblick nach London zurueckkehren. Arabellen will ich in einer andern Begleitung wieder dahin bringen lassen. Sie muessen durchaus ferner mit ihr nichts zu tun haben. Marwood. Gut, ich lasse mir alles gefallen; aber eine einzige Bitte gewaehren Sie mir noch. Lassen Sie mich Ihre Sara wenigstens einmal sehen. Mellefont. Und wozu? Marwood. Um in ihren Blicken mein ganzes kuenftiges Schicksal zu lesen. Ich will selbst urteilen, ob sie einer Untreue, wie Sie an mir begehen, wuerdig ist; und ob ich Hoffnung haben kann, wenigstens einmal einen Anteil an Ihrer Liebe wiederzubekommen. Mellefont. Nichtige Hoffnung! Marwood. Wer ist so grausam, dass er einer Elenden auch nicht einmal die Hoffnung goennen wollte? Ich will mich ihr nicht als Marwood, sondern als eine Anverwandte von Ihnen zeigen. Melden Sie mich bei ihr als eine solche; Sie sollen bei meinem Besuche zugegen sein, und ich verspreche Ihnen bei allem, was heilig ist, ihr nicht das geringste Anstoessige zu sagen. Schlagen Sie mir meine Bitte nicht ab; denn sonst moechte ich vielleicht alles anwenden, in meiner wahren Gestalt vor ihr zu erscheinen. Mellefont. Diese Bitte, Marwood (nachdem er einen Augenblick nachgedacht)--koennte ich Ihnen gewaehren. Wollen Sie aber auch alsdann gewiss diesen Ort verlassen? Marwood. Gewiss; ja, ich verspreche Ihnen noch mehr; ich will Sie, wo nur noch einige Moeglichkeit ist, von dem Ueberfalle ihres Vaters befreien. Mellefont. Dieses haben Sie nicht noetig. Ich hoffe, dass er auch mich in die Verzeihung mit einschliessen wird, die er seiner Tochter widerfahren laesst. Will er aber dieser nicht verzeihen, so werde ich auch wissen, wie ich ihm begegnen soll.--Ich gehe, Sie bei meiner Miss zu melden. Nur halten Sie Wort, Marwood! (Geht ab.) Marwood. Ach, Hannah! dass unsere Kraefte nicht so gross sind als unsere Wut! Komm, hilf mich ankleiden. Ich gebe mein Vorhaben nicht auf. Wenn ich ihn nur erst sicher gemacht habe. Komm! (Ende des zweiten Aufzugs.) Dritter Aufzug Erster Auftritt Ein Saal im erstern Gasthofe. Sir William Sampson. Waitwell. Sir William. Hier, Waitwell, bringt ihr diesen Brief. Es ist der Brief eines zaertlichen Vaters, der sich ueber nichts als ueber ihre Abwesenheit beklaget. Sag ihr, dass ich dich damit vorweggeschickt und dass ich nur noch ihre Antwort erwarten wolle, ehe ich selbst kaeme, sie wieder in meine Arme zu schliessen. Waitwell. Ich glaube, Sie tun recht wohl, dass Sie Ihre Zusammenkunft auf diese Art vorbereiten. Sir William. Ich werde ihrer Gesinnungen dadurch gewiss und mache ihr Gelegenheit, alles, was ihr die Reue Klaegliches und Erroetendes eingeben koennte, schon ausgeschuettet zu haben, ehe sie muendlich mit mir spricht. Es wird ihr in einem Briefe weniger Verwirrung und mir vielleicht weniger Traenen kosten. Waitwell. Darf ich aber fragen, Sir, was Sie in Ansehung Mellefonts beschlossen haben? Sir William. Ach! Waitwell, wenn ich ihn von dem Geliebten meiner Tochter trennen koennte, so wuerde ich etwas sehr Hartes wider ihn beschliessen. Aber da dieses nicht angeht, so siehst du wohl, dass er gegen meinen Unwillen gesichert ist. Ich habe selbst den groessten Fehler bei diesem Ungluecke begangen. Ohne mich wuerde Sara diesen gefaehrlichen Mann nicht haben kennenlernen. Ich verstattete ihm wegen einer Verbindlichkeit, die ich gegen ihn zu haben glaubte, einen allzu freien Zutritt in meinem Hause. Es war natuerlich, dass ihm die dankbare Aufmerksamkeit, die ich fuer ihn bezeigte, auch die Achtung meiner Tochter zuziehen musste. Und es war ebenso natuerlich, dass sich ein Mensch von seiner Denkungsart durch diese Achtung verleiten liess, sie zu etwas Hoeherm zu treiben. Er hatte Geschicklichkeit genug gehabt, sie in Liebe zu verwandeln, ehe ich noch das Geringste merkte und ehe ich noch Zeit hatte, mich nach seiner uebrigen Lebensart zu erkundigen. Das Unglueck war geschehen, und ich haette wohlgetan, wenn ich ihnen nur gleich alles vergeben haette. Ich wollte unerbittlich gegen ihn sein und ueberlegte nicht, dass ich es gegen ihn nicht allein sein koennte. Wenn ich meine zu spaete Strenge erspart haette, so wuerde ich wenigstens ihre Flucht verhindert haben.--Da bin ich nun, Waitwell! Ich muss sie selbst zurueckholen und mich noch gluecklich schaetzen, wenn ich aus dem Verfuehrer nur meinen Sohn machen kann. Denn wer weiss, ob er seine Marwoods und seine uebrigen Kreaturen eines Maedchens wegen wird aufgeben wollen, das seinen Begierden nichts mehr zu verlangen uebriggelassen hat und die fesselnden Kuenste einer Buhlerin so wenig versteht? Waitwell. Nun, Sir, das ist wohl nicht moeglich, dass ein Mensch so gar boese sein koennte.-- Sir William. Der Zweifel, guter Waitwell, macht deiner Tugend Ehre. Aber warum ist es gleichwohl wahr, dass sich die Grenzen der menschlichen Bosheit noch viel weiter erstrecken?--Geh nur jetzt und tue, was ich dir gesagt habe. Gib auf alle ihre Mienen acht, wenn sie meinen Brief lesen wird. In der kurzen Entfernung von der Tugend kann sie die Verstellung noch nicht gelernt haben, zu deren Larven nur das eingewurzelte Laster seine Zuflucht nimmt. Du wirst ihre ganze Seele in ihrem Gesichte lesen. Lass dir ja keinen Zug entgehen, der etwa eine Gleichgueltigkeit gegen mich, eine Verschmaehung ihres Vaters, anzeigen koennte. Denn wenn du diese unglueckliche Entdeckung machen solltest und wenn sie mich nicht mehr liebt: so hoffe ich, dass ich mich endlich werde ueberwinden koennen, sie ihrem Schicksale zu ueberlassen. Ich hoffe es, Waitwell--Ach! wenn nur hier kein Herz schluege, das dieser Hoffnung widerspricht. (Sie gehen beide auf verschiedenen Seiten ab.) Zweiter Auftritt Das Zimmer der Sara. Miss Sara. Mellefont. Mellefont. Ich habe unrecht getan, liebste Miss, dass ich Sie wegen des vorigen Briefes in einer kleinen Unruhe liess. Sara. Nein doch, Mellefont; ich bin deswegen ganz und gar nicht unruhig gewesen. Koennten Sie mich denn nicht lieben, wenn Sie gleich noch Geheimnisse vor mir haetten? Mellefont. Sie glauben also doch, dass es ein Geheimnis gewesen sei? Sara. Aber keines, das mich angeht. Und das muss mir genug sein. Mellefont. Sie sind allzu gefaellig. Doch erlauben Sie mir, dass ich Ihnen dieses Geheimnis gleichwohl entdecke. Es waren einige Zeilen von einer Anverwandten, die meinen hiesigen Aufenthalt erfahren hat. Sie geht auf ihrer Reise nach London hier durch und will mich sprechen. Sie hat zugleich um die Ehre ersucht, Ihnen ihre Aufwartung machen zu duerfen. Sara. Es wird mir allezeit angenehm sein, Mellefont, die wuerdigen Personen Ihrer Familie kennenzulernen. Aber ueberlegen Sie es selbst, ob ich schon, ohne zu erroeten, einer derselben unter die Augen sehen darf. Mellefont. Ohne zu erroeten? Und worueber? Darueber, dass Sie mich lieben? Es ist wahr, Miss, Sie haetten Ihre Liebe einem Edlern, einem Reichern schenken koennen. Sie muessen sich schaemen, dass Sie Ihr Herz nur um ein Herz haben geben wollen und dass Sie bei diesem Tausche Ihr Glueck so weit aus den Augen gesetzt. Sara. Sie werden es selbst wissen, wie falsch Sie meine Worte erklaeren. Mellefont. Erlauben Sie, Miss; wenn ich sie falsch erklaere, so koennen sie gar keine Bedeutung haben. Sara. Wie heisst Ihre Anverwandte? Mellefont. Es ist--Lady Solmes. Sie werden den Namen von mir schon gehoert haben. Sara. Ich kann mich nicht erinnern. Mellefont. Darf ich bitten, dass Sie ihren Besuch annehmen wollen? Sara. Bitten, Mellefont? Sie koennen mir es ja befehlen. Mellefont. Was fuer ein Wort!--Nein, Miss, sie soll das Glueck nicht haben, Sie zu sehen. Sie wird es bedauern; aber sie muss es sich gefallen lassen. Miss Sara hat ihre Ursachen, die ich, auch ohne sie zu wissen, verehre. Sara. Mein Gott! wie schnell sind Sie, Mellefont! Ich werde die Lady erwarten und mich der Ehre ihres Besuchs, soviel moeglich, wuerdig zu erzeigen suchen. Sind Sie zufrieden? Mellefont. Ach, Miss, lassen Sie mich meinen Ehrgeiz gestehen. Ich moechte gern gegen die ganze Welt mit Ihnen prahlen. Und wenn ich auf den Besitz einer solchen Person nicht eitel waere, so wuerde ich mir selbst vorwerfen, dass ich den Wert derselben nicht zu schaetzen wuesste. Ich gehe und bringe die Lady sogleich zu Ihnen. (Gehet ab.) Sara (allein). Wenn es nur keine von den stolzen Weibern ist, die, voll von ihrer Tugend, ueber alle Schwachheiten erhaben zu sein glauben. Sie machen uns mit einem einzigen veraechtlichen Blicke den Prozess, und ein zweideutiges Achselzucken ist das ganze Mitleiden, das wir ihnen zu verdienen scheinen. Dritter Auftritt Waitwell. Sara. Betty (zwischen der Szene). Nur hier herein, wenn Er selbst mit ihr sprechen muss. Sara (die sich umsieht). Wer muss selbst mit mir sprechen?--Wen seh ich? Ist es moeglich? Waitwell, dich? Waitwell. Was fuer ein gluecklicher Mann bin ich, dass ich endlich unsere Miss Sara wiedersehe! Sara. Gott! was bringst du? Ich hoer es schon, ich hoer es schon, du bringst mir die Nachricht von dem Tode meines Vaters! Er ist hin, der vortrefflichste Mann, der beste Vater! Er ist hin, und ich, ich bin die Elende, die seinen Tod beschleuniget hat. Waitwell. Ach! Miss-- Sara. Sage mir, geschwind sage mir, dass die letzten Augenblicke seines Lebens ihm durch mein Andenken nicht schwerer wurden; dass er mich vergessen hatte; dass er ebenso ruhig starb, als er sich sonst in meinen Armen zu sterben versprach; dass er sich meiner auch nicht einmal in seinem letzten Gebete erinnerte-- Waitwell. Hoeren Sie doch auf, sich mit so falschen Vorstellungen zu plagen! Er lebt ja noch, Ihr Vater; er lebt ja noch, der rechtschaffne Sir William. Sara. Lebt er noch? Ist es wahr, lebt er noch? Oh! dass er noch lange leben und gluecklich leben moege! Oh! dass ihm Gott die Haelfte meiner Jahre zulegen wolle! Die Haelfte?--Ich Undankbare, wenn ich ihm nicht mit allen, soviel mir deren bestimmt sind, auch nur einige Augenblicke zu erkaufen bereit bin! Aber nun sage mir wenigstens, Waitwell, dass es ihm nicht hart faellt, ohne mich zu leben; dass es ihm leicht geworden ist, eine Tochter aufzugeben, die ihre Tugend so leicht aufgeben koennen; dass ihn meine Flucht erzuernet, aber nicht gekraenkt hat; dass er mich verwuenschet, aber nicht bedauert. Waitwell. Ach, Sir William ist noch immer der zaertliche Vater, so wie sein Sarchen noch immer die zaertliche Tochter ist, die sie beide gewesen sind. Sara. Was sagst du? Du bist ein Bote des Ungluecks, des schrecklichsten Ungluecks unter allen, die mir meine feindselige Einbildung jemals vorgestellet hat! Er ist noch der zaertliche Vater? So liebt er mich ja noch? So muss er mich ja beklagen? Nein, nein, das tut er nicht; das kann er nicht tun! Siehst du denn nicht, wie unendlich jeder Seufzer, den er um mich verloere, meine Verbrechen vergroessern wuerde? Muesste mir nicht die Gerechtigkeit des Himmels jede seiner Traenen, die ich ihm auspresste, so anrechnen, als ob ich bei jeder derselben mein Laster und meinen Undank wiederholte? Ich erstarre ueber diesen Gedanken. Traenen koste ich ihm? Traenen? Und es sind andre Traenen als Traenen der Freude?--Widersprich mir doch, Waitwell! Aufs hoechste hat er einige leichte Regungen des Bluts fuer mich gefuehlet; einige von den geschwind ueberhin gehenden Regungen, welche die kleinste Anstrengung der Vernunft besaenftiget. Zu Traenen hat er es nicht kommen lassen. Nicht wahr, Waitwell, zu Traenen hat er es nicht kommen lassen? Waitwell (indem er sich die Augen wischt). Nein, Miss, dazu hat er es nicht kommen lassen. Sara. Ach! dein Mund sagt nein; und deine eignen Traenen sagen ja. Waitwell. Nehmen Sie diesen Brief, Miss; er ist von ihm selbst. Sara. Von wem? von meinem Vater? an mich? Waitwell. Ja, nehmen Sie ihn nur; Sie werden mehr daraus sehen koennen, als ich zu sagen vermag. Er haette einem andern als mir dieses Geschaeft auftragen sollen. Ich versprach mir Freude davon; aber Sie verwandeln mir diese Freude in Betruebnis. Sara. Gib nur, ehrlicher Waitwell!--Doch nein, ich will ihn nicht eher nehmen, als bis du mir sagst, was ungefaehr darin enthalten ist. Waitwell. Was kann darin enthalten sein? Liebe und Vergebung. Sara. Liebe? Vergebung? Waitwell. Und vielleicht ein aufrichtiges Bedauern, dass er die Rechte der vaeterlichen Gewalt gegen ein Kind brauchen wollen, fuer welches nur die Vorrechte der vaeterlichen Huld sind. Sara. So behalte nur deinen grausamen Brief! Waitwell. Grausamen? fuerchten Sie nichts; Sie erhalten voellige Freiheit ueber Ihr Herz und Ihre Hand. Sara. Und das ist es eben, was ich fuerchte. Einen Vater, wie ihn, zu betrueben: dazu habe ich noch den Mut gehabt. Allein ihn durch eben diese Betruebnis, ihn durch seine Liebe, der ich entsagt, dahin gebracht zu sehen, dass er sich alles gefallen laesst, wozu mich eine unglueckliche Leidenschaft verleitet: das, Waitwell, das wuerde ich nicht ausstehen. Wenn sein Brief alles enthielte, was ein aufgebrachter Vater in solchem Falle Heftiges und Hartes vorbringen kann, so wuerde ich ihn zwar mit Schaudern lesen, aber ich wuerde ihn doch lesen koennen. Ich wuerde gegen seinen Zorn noch einen Schatten von Verteidigung aufzubringen wissen, um ihn durch diese Verteidigung, wo moeglich, noch zorniger zu machen. Meine Beruhigung waere alsdann diese, dass bei einem gewaltsamen Zorne kein wehmuetiger Gram Raum haben koenne und dass sich jener endlich gluecklich in eine bittere Verachtung gegen mich verwandeln werde. Wen man aber verachtet, um den bekuemmert man sich nicht mehr. Mein Vater waere wieder ruhig, und ich duerfte mir nicht vorwerfen, ihn auf immer ungluecklich gemacht zu haben. Waitwell. Ach! Miss, Sie werden sich diesen Vorwurf noch weniger machen duerfen, wenn Sie jetzt seine Liebe wieder ergreifen, die ja alles vergessen will. Sara. Du irrst dich, Waitwell. Sein sehnliches Verlangen nach mir verfuehrt ihn vielleicht, zu allem ja zu sagen. Kaum aber wuerde dieses Verlangen ein wenig beruhiget sein, so wuerde er sich seiner Schwaeche wegen vor sich selbst schaemen. Ein finsterer Unwille wuerde sich seiner bemeistern, und er wuerde mich nie ansehen koennen, ohne mich heimlich anzuklagen, wieviel ich ihm abzutrotzen mich unterstanden habe. Ja, wenn es in meinem Vermoegen stuende, ihm bei der aeussersten Gewalt, die er sich meinetwegen antut, das Bitterste zu ersparen; wenn in dem Augenblicke, da er mir alles erlauben wollte, ich ihm alles aufopfern koennte: so waere es ganz etwas anders. Ich wollte den Brief mit Vergnuegen von deinen Haenden nehmen, die Staerke der vaeterlichen Liebe darin bewundern und, ohne sie zu missbrauchen, mich als eine reuende und gehorsame Tochter zu seinen Fuessen werfen. Aber kann ich das? Ich wuerde es tun muessen, was er mir erlaubte, ohne mich daran zu kehren, wie teuer ihm diese Erlaubnis zu stehen komme. Und wenn ich dann am vergnuegtesten darueber sein wollte, wuerde es mir ploetzlich einfallen, dass er mein Vergnuegen aeusserlich nur zu teilen scheine und in sich selbst vielleicht seufze; kurz, dass er mich mit Entsagung seiner eignen Glueckseligkeit gluecklich gemacht habe--Und es auf diese Art zu sein wuenschen, trauest du mir das wohl zu, Waitwell? Waitwell. Gewiss, ich weiss nicht, was ich hierauf antworten soll. Sara. Es ist nichts darauf zu antworten. Bringe deinen Brief also nur wieder zurueck. Wenn mein Vater durch mich ungluecklich sein muss, so will ich selbst auch ungluecklich bleiben. Ganz allein ohne ihn ungluecklich zu sein, das ist es, was ich jetzt stuendlich von dem Himmel bitte; gluecklich aber ohne ihn ganz allein zu sein, davon will ich durchaus nichts wissen. Waitwell (etwas beiseite). Ich glaube wahrhaftig, ich werde das gute Kind hintergehen muessen, damit es den Brief doch nur lieset. Sara. Was sprichst du da fuer dich? Waitwell. Ich sage mir selbst, dass ich einen sehr ungeschickten Einfall gehabt haette, Sie, Miss, zur Lesung des Briefes desto geschwinder zu vermoegen. Sara. Wieso? Waitwell. Ich konnte so weit nicht denken. Sie ueberlegen freilich alles genauer, als es unsereiner kann. Ich wollte Sie nicht erschrecken; der Brief ist vielleicht nur allzu hart; und wenn ich gesagt habe, dass nichts als Liebe und Vergebung darin enthalten sei, so haette ich sagen sollen, dass ich nichts als dieses darin enthalten zu sein wuenschte. Sara. Ist das wahr?--Nun, so gib mir ihn her. Ich will ihn lesen. Wenn man den Zorn eines Vaters ungluecklicherweise verdient hat, so muss man wenigstens gegen diesen vaeterlichen Zorn so viel Achtung haben, dass er ihn nach allen Gefallen gegen uns auslassen kann. Ihn zu vereiteln suchen, heisst Beleidigungen mit Geringschaetzung haeufen. Ich werde ihn nach aller seiner Staerke empfinden. Du siehst, ich zittre schon--Aber ich soll auch zittern; und ich will lieber zittern als weinen.--(Sie erbricht den Brief.) Nun ist er erbrochen! Ich bebe-- Aber was seh ich? (Sie lieset.) "Einzige, geliebteste Tochter!"--Ha! du alter Betrueger, ist das die Anrede eines zornigen Vaters? Geh, weiter werde ich nicht lesen-- Waitwell. Ach, Miss, verzeihen Sie doch einem alten Knechte. Ja gewiss, ich glaube, es ist in meinem Leben das erstemal, dass ich mit Vorsatz betrogen habe. Wer einmal betruegt, Miss, und aus einer so guten Absicht betruegt, der ist ja deswegen noch kein alter Betrueger. Das geht mir nahe, Miss. Ich weiss wohl, die gute Absicht entschuldigt nicht immer; aber was konnte ich denn tun? Einem so guten Vater seinen Brief ungelesen wiederzubringen? Das kann ich nimmermehr. Eher will ich gehen, soweit mich meine alten Beine tragen, und ihm nie wieder vor die Augen kommen. Sara. Wie? auch du willst ihn verlassen? Waitwell. Werde ich denn nicht muessen, wenn Sie den Brief nicht lesen? Lesen Sie ihn doch immer. Lassen Sie doch immer den ersten vorsaetzlichen Betrug, den ich mir vorzuwerfen habe, nicht ohne gute Wirkung bleiben. Sie werden ihn desto eher vergessen, und ich werde mir ihn desto eher vergeben koennen. Ich bin ein gemeiner, einfaeltiger Mann, der Ihnen Ihre Ursachen, warum Sie den Brief nicht lesen koennen oder wollen, freilich so muss gelten lassen. Ob sie wahr sind, weiss ich nicht; aber so recht natuerlich scheinen sie mir wenigstens nicht. Ich daechte nun so, Miss: ein Vater, daechte ich, ist doch immer ein Vater; und ein Kind kann wohl einmal fehlen, es bleibt deswegen doch ein gutes Kind. Wenn der Vater den Fehler verzeiht, so kann ja das Kind sich wohl wieder so auffuehren, dass er auch gar nicht mehr daran denken darf. Und wer erinnert sich denn gern an etwas, wovon er lieber wuenscht, es waere gar nicht geschehen? Es ist, Miss, als ob Sie nur immer an Ihren Fehler daechten und glaubten, es waere genug, wenn Sie den in Ihrer Einbildung vergroesserten und sich selbst mit solchen vergroesserten Vorstellungen marterten. Aber ich sollte meinen, Sie muessten auch daran denken, wie Sie das, was geschehen ist, wiedergutmachten. Und wie wollen Sie es denn wiedergutmachen, wenn Sie sich selbst alle Gelegenheit dazu benehmen? Kann es Ihnen denn sauer werden, den andern Schritt zu tun, wenn so ein lieber Vater schon den ersten getan hat? Sara. Was fuer Schwerter gehen aus deinem einfaeltigen Munde in mein Herz!--Eben das kann ich nicht aushalten, dass er den ersten Schritt tun muss. Und was willst du denn? Tut er denn nur den ersten Schritt? Er muss sie alle tun: ich kann ihm keinen entgegentun. So weit ich mich von ihm entfernet, so weit muss er sich zu mir herablassen. Wenn er mir vergibt, so muss er mein ganzes Verbrechen vergeben und sich noch dazu gefallen lassen, die Folgen desselben vor seinen Augen fortdauern zu sehen. Ist das von einem Vater zu verlangen? Waitwell. Ich weiss nicht, Miss, ob ich dieses so recht verstehe. Aber mich deucht, Sie wollen sagen, er muesse Ihnen gar zu viel vergeben, und weil ihm das nicht anders als sehr sauer werden koenne, so machten Sie sich ein Gewissen, seine Vergebung anzunehmen. Wenn Sie das meinen, so sagen Sie mir doch, ist denn nicht das Vergeben fuer ein gutes Herz ein Vergnuegen? Ich bin in meinem Leben so gluecklich nicht gewesen, dass ich dieses Vergnuegen oft empfunden haette. Aber der wenigen Male, die ich es empfunden habe, erinnere ich mich noch immer gern. Ich fuehlte so etwas Sanftes, so etwas Beruhigendes, so etwas Himmlisches dabei, dass ich mich nicht entbrechen konnte, an die grosse, unueberschwengliche Seligkeit Gottes zu denken, dessen ganze Erhaltungen der elenden Menschen ein immerwaehrendes Vergeben ist. Ich wuenschte mir, alle Augenblicke verzeihen zu koennen, und schaemte mich, dass ich nur solche Kleinigkeiten zu verzeihen hatte. Recht schmerzhafte Beleidigungen, recht toedliche Kraenkungen zu vergeben, sagt' ich zu mir selbst, muss eine Wollust sein, in der die ganze Seele zerfliesst--Und nun, Miss, wollen Sie denn so eine grosse Wollust Ihrem Vater nicht goennen? Sara. Ach!--Rede weiter, Waitwell, rede weiter! Waitwell. Ich weiss wohl, es gibt eine Art von Leuten, die nichts ungerner als Vergebung annehmen, und zwar, weil sie keine zu erzeigen gelernt haben. Es sind stolze, unbiegsam Leute, die durchaus nicht gestehen wollen, dass sie unrecht getan. Aber von der Art, Miss, sind Sie nicht. Sie haben das liebreichste und zaertlichste Herz, das die beste Ihres Geschlechts nur haben kann. Ihren Fehler bekennen Sie auch. Woran liegt es denn nun also noch?--Doch verzeihen Sie mir nur, Miss, ich bin ein alter Plauderer und haette es gleich merken sollen, dass Ihr Weigern nur eine ruehmliche Besorgnis, nur eine tugendhafte Schuechternheit sei. Leute, die eine grosse Wohltat gleich ohne Bedenken annehmen koennen, sind der Wohltat selten wuerdig. Die sie am meisten verdienen, haben auch immer das meiste Misstrauen gegen sich selbst. Doch muss das Misstrauen nicht ueber sein Ziel getrieben werden. Sara. Lieber alter Vater, ich glaube, du hast mich ueberredet. Waitwell. Ach Gott! wenn ich so gluecklich gewesen bin, so muss mir ein guter Geist haben reden helfen. Aber nein, Miss, meine Reden haben dabei nichts getan, als dass sie Ihnen Zeit gelassen, selbst nachzudenken und sich von einer so froehlichen Bestuerzung zu erholen.-- Nicht wahr, nun werden Sie den Brief lesen? Oh! lesen Sie ihn doch gleich! Sara. Ich will es tun, Waitwell.--Welche Bisse, welche Schmerzen werde ich fuehlen! Waitwell. Schmerzen, Miss, aber angenehme Schmerzen. Sara. Sei still! (Sie faengt an, fuer sich zu lesen.) Waitwell (beiseite). Oh! wenn er sie selbst sehen sollte! Sara (nachdem sie einige Augenblicke gelesen). Ach, Waitwell, was fuer ein Vater! Er nennt meine Flucht eine Abwesenheit. Wieviel straeflicher wird sie durch dieses gelinde Wort! (Sie lieset weiter und unterbricht sich wieder.) Hoere doch! er schmeichelt sich, ich wuerde ihn noch lieben. Er schmeichelt sich! (Lieset und unterbricht sich.) Er bittet mich--Er bittet mich? Ein Vater seine Tochter? seine strafbare Tochter? Und was bittet er mich denn?--(Lieset fuer sich.) Er bittet mich, seine uebereilte Strenge zu vergessen und ihn mit meiner Entfernung nicht laenger zu strafen. Uebereilte Strenge!--Zu strafen!--(Lieset wieder und unterbricht sich.) Noch mehr! Nun dankt er mir gar, und dankt mir, dass ich ihm Gelegenheit gegeben, den ganzen Umfang der vaeterlichen Liebe kennenzulernen. Unselige Gelegenheit! Wenn er doch nur auch sagte, dass sie ihm zugleich den ganzen Umfang des kindlichen Ungehorsams habe kennenlernen! (Sie lieset wieder.) Nein, er sagt es nicht! Er gedenkt meines Verbrechens nicht mit einem Buchstaben. (Sie faehrt weiter fort, fuer sich zu lesen.) Er will kommen und seine Kinder selbst zurueckholen. Seine Kinder, Waitwell! Das geht ueber alles!--Hab ich auch recht gelesen? (Sie lieset wieder fuer sich.)--Ich moechte vergehen! Er sagt, derjenige verdiene nur allzuwohl sein Sohn zu sein, ohne welchen er keine Tochter haben koenne. --Oh! haette er sie nie gehabt, diese unglueckliche Tochter!--Geh, Waitwell, lass mich allein! Er verlangt eine Antwort, und ich will sie sogleich machen. Frag in einer Stunde wieder nach. Ich danke dir unterdessen fuer deine Muehe. Du bist ein rechtschaffner Mann. Es sind wenig Diener die Freunde ihrer Herren! Waitwell. Beschaemen Sie mich nicht, Miss. Wenn alle Herren Sir Williams waeren, so muessten die Diener Unmenschen sein, wenn sie nicht ihr Leben fuer sie lassen wollten. (Geht ab.) Vierter Auftritt Sara (sie setzet sich zum Schreiben nieder). Wenn man mir es vor Jahr und Tag gesagt haette, dass ich auf einen solchen Brief wuerde antworten muessen! Und unter solchen Umstaenden!--Ja, die Feder hab ich in der Hand.--Weiss ich aber auch schon, was ich schreiben soll? Was ich denke; was ich empfinde.--Und was denkt man denn, wenn sich in einem Augenblicke tausend Gedanken durchkreuzen? Und was empfindet man denn, wenn das Herz vor lauter Empfinden in einer tiefen Betaeubung liegt?-- Ich muss doch schreiben--Ich fuehre ja die Feder nicht das erstemal. Nachdem sie mir schon so manche kleine Dienste der Hoeflichkeit und Freundschaft abstatten helfen, sollte mir ihre Hilfe wohl bei dem wichtigsten Dienste entstehen?--(Sie denkt ein wenig nach und schreibt darauf einige Zeilen.) Das soll der Anfang sein? Ein sehr frostiger Anfang. Und werde ich denn bei seiner Liebe anfangen wollen? Ich muss bei meinem Verbrechen anfangen. (Sie streicht aus und schreibt anders.) Dass ich mich ja nicht zu obenhin davon ausdruecke!--Das Schaemen kann ueberall an seiner rechten Stelle sein, nur bei dem Bekenntnisse unserer Fehler nicht. Ich darf mich nicht fuerchten, in Uebertreibungen zu geraten, wenn ich auch schon die graesslichsten Zuege anwende.--Ach! warum muss ich nun gestoert werden? Fuenfter Auftritt Marwood. Mellefont. Sara. Mellefont. Liebste Miss, ich habe die Ehre, Ihnen Lady Solmes vorzustellen, welche eine von denen Personen in meiner Familie ist, welchen ich mich am meisten verpflichtet erkenne. Marwood. Ich muss um Vergebung bitten, Miss, dass ich so frei bin, mich mit meinen eignen Augen von dem Gluecke eines Vetters zu ueberfuehren, dem ich das vollkommenste Frauenzimmer wuenschen wuerde, wenn mich nicht gleich der erste Anblick ueberzeugt haette, dass er es in Ihnen bereits gefunden habe. Sara. Sie erzeigen mir allzuviel Ehre, Lady. Eine Schmeichelei wie diese wuerde mich zu allen Zeiten beschaemt haben; itzt aber sollte ich sie fast fuer einen versteckten Vorwurf annehmen, wenn ich Lady Solmes nicht fuer viel zu grossmuetig hielte, ihre Ueberlegenheit an Tugend und Klugheit eine Unglueckliche fuehlen zu lassen. Marwood (kalt). Ich wuerde untroestlich sein, Miss, wenn Sie mir andre als die freundschaftlichsten Gesinnungen zutrauten.--(Beiseite.) Sie ist schoen! Mellefont. Und waere es denn auch moeglich, Lady, gegen soviel Schoenheit, gegen soviel Bescheidenheit gleichgueltig zu bleiben? Man sagt zwar, dass einem reizenden Frauenzimmer selten von einem andern Gerechtigkeit erwiesen werde: allein dieses ist auf der einen Seite nur von denen, die auf ihre Vorzuege allzu eitel sind, und auf der andern nur von solchen zu verstehen, welche sich selbst keiner Vorzuege bewusst sind. Wie weit sind Sie beide von diesem Falle entfernt!--(Zur Marwood, welche in Gedanken steht.) Ist es nicht wahr, Lady, dass meine Liebe nichts weniger als parteiisch gewesen ist? Ist es nicht wahr, dass ich Ihnen zum Lobe meiner Miss viel, aber noch lange nicht so viel gesagt habe, als Sie selbst finden?--Aber warum so in Gedanken?-- (Sachte zu ihr.) Sie vergessen, wer Sie sein wollen. Marwood. Darf ich es sagen?--Die Bewunderung Ihrer liebsten Miss fuehrte mich auf die Betrachtung ihres Schicksals. Es ging mir nahe, dass sie die Fruechte ihrer Liebe nicht in ihrem Vaterlande geniessen soll. Ich erinnerte mich, dass sie einen Vater und, wie man mir gesagt hat, einen sehr zaertlichen Vater verlassen muesste, um die Ihrige sein zu koennen; und ich konnte mich nicht enthalten, ihre Aussoehnung mit ihm zu wuenschen. Sara. Ach! Lady, wie sehr bin ich Ihnen fuer diesen Wunsch verbunden. Er verdient es, dass ich meine ganze Freude mit Ihnen teile. Sie koennen es noch nicht wissen, Mellefont, dass er erfuellt wurde, ehe Lady die Liebe fuer uns hatte, ihn zu tun. Mellefont. Wie verstehen Sie dieses, Miss? Marwood (beiseite). Was will das sagen? Sara. Eben itzt habe ich einen Brief von meinem Vater erhalten. Waitwell brachte mir ihn. Ach, Mellefont, welch ein Brief! Mellefont. Geschwind reissen Sie mich aus meiner Ungewissheit. Was hab ich zu fuerchten? Was habe ich zu hoffen? Ist er noch der Vater, den wir flohen? Und wenn er es noch ist, wird Sara die Tochter sein, die mich zaertlich genug liebt, um ihn noch weiter zu fliehen? Ach! haette ich Ihnen gefolgt, liebste Miss, so waeren wir jetzt durch ein Band verknuepft, das man aus eigensinnigen Absichten zu trennen wohl unterlassen muesste. In diesem Augenblick empfinde ich alles das Unglueck, das unser entdeckter Aufenthalt fuer mich nach sich ziehen kann. Er wird kommen und Sie aus meinen Armen reissen. Wie hasse ich den Nichtswuerdigen, der uns ihm verraten hat! (Mit einem zornigen Blick gegen die Marwood.) Sara. Liebster Mellefont, wie schmeichelhaft ist diese Ihre Unruhe fuer mich! Und wie gluecklich sind wir beide, dass sie vergebens ist! Lesen Sie hier seinen Brief.--(Gegen die Marwood, indem Mellefont den Brief fuer sich lieset.) Lady, er wird ueber die Liebe meines Vaters erstaunen. Meines Vaters? Ach! er ist nun auch der seinige. Marwood (betroffen). Ist es moeglich? Sara. Jawohl, Lady, haben Sie Ursache, diese Veraenderung zu bewundern. Er vergibt uns alles; wir werden uns nun vor seinen Augen lieben; er erlaubt es uns; er befiehlt es uns.--Wie hat diese Guetigkeit meine ganze Seele durchdrungen!--Nun, Mellefont? (Der ihr den Brief wiedergibt.) Sie schweigen? O nein, diese Traene, die sich aus Ihrem Auge schleicht, sagt weit mehr, als Ihr Mund ausdruecken koennte. Marwood (beiseite). Wie sehr habe ich mir selbst geschadet! Ich Unvorsichtige! Sara. Oh! lassen Sie mich diese Traene von Ihrer Wange kuessen! Mellefont. Ach Miss, warum haben wir so einen goettlichen Mann betrueben muessen? Jawohl, einen goettlichen Mann: denn was ist goettlicher als vergeben?--Haetten wir uns diesen gluecklichen Ausgang nur als moeglich vorstellen koennen: gewiss, so wollten wir ihn jetzt so gewaltsamen Mitteln nicht zu verdanken haben; wir wollten ihn allein unsern Bitten zu verdanken haben. Welche Glueckseligkeit wartet auf mich! Wie schmerzlich wird mir aber auch die eigne Ueberzeugung sein, dass ich dieser Glueckseligkeit so unwert bin! Marwood (beiseite). Und das muss ich mit anhoeren! Sara. Wie vollkommen rechtfertigen Sie durch solche Gesinnungen meine Liebe gegen Sie. Marwood (beiseite). Was fuer Zwang muss ich mir antun! Sara. Auch Sie, vortreffliche Lady, muessen den Brief meines Vaters lesen. Sie scheinen allzuviel Anteil an unserm Schicksale zu nehmen, als dass Ihnen sein Inhalt gleichgueltig sein koennte. Marwood. Mir gleichgueltig, Miss? (Sie nimmt den Brief.) Sara. Aber, Lady, Sie scheinen noch immer sehr nachdenkend, sehr traurig.-- Marwood. Nachdenkend, Miss, aber nicht traurig. Mellefont (beiseite). Himmel! wo sie sich verraet! Sara. Und warum denn? Marwood. Ich zittere fuer Sie beide. Koennte die unvermutete Guete Ihres Vaters nicht eine Verstellung sein? eine List? Sara. Gewiss nicht, Lady, gewiss nicht. Lesen Sie nur, und Sie werden es selbst gestehen. Die Verstellung bleibt immer kalt, und eine so zaertliche Sprache ist in ihrem Vermoegen nicht. (Marwood lieset fuer sich.) Werden Sie nicht argwoehnisch, Mellefont; ich bitte Sie. Ich stehe Ihnen dafuer, dass mein Vater sich zu keiner List herablassen kann. Er sagt nichts, was er nicht denkt, und Falschheit ist ihm ein unbekanntes Laster. Mellefont. Oh! davon bin ich vollkommen ueberzeugt, liebste Miss.--Man muss der Lady den Verdacht vergeben, weil sie den Mann noch nicht kennt, den er trifft. Sara (indem ihr Marwood den Brief zurueckgibt). Was seh ich, Lady? Sie haben sich entfaerbt? Sie zittern? Was fehlt Ihnen? Mellefont (beiseite). In welcher Angst bin ich! Warum habe ich sie auch hergebracht? Marwood. Es ist nichts, Miss, als ein kleiner Schwindel, welcher voruebergehn wird. Die Nachtluft muss mir auf der Reise nicht bekommen sein. Mellefont. Sie erschrecken mich, Lady--ist es Ihnen nicht gefaellig, frische Luft zu schoepfen? Man erholt sich in einem verschlossnen Zimmer nicht so leicht. Marwood. Wenn Sie meinen, so reichen Sie mir Ihren Arm. Sara. Ich werde Sie begleiten, Lady. Marwood. Ich verbitte diese Hoeflichkeit, Miss. Meine Schwachheit wird ohne Folgen sein. Sara. So hoffe ich denn, Lady bald wiederzusehen. Marwood. Wenn Sie erlauben, Miss-- (Mellefont fuehrt sie ab.) Sara (allein). Die arme Lady!--Sie scheinet die freundschaftlichste Person zwar nicht zu sein; aber muerrisch und stolz scheinet sie doch auch nicht.--Ich bin wieder allein. Kann ich die wenigen Augenblicke, die ich es vielleicht sein werde, zu etwas Besserm als zur Vollendung meiner Antwort anwenden? (Sie will sich niedersetzen, zu schreiben.) Sechster Auftritt Betty. Sara. Betty. Das war ja wohl ein sehr kurzer Besuch. Sara. Ja, Betty. Es ist Lady Solmes; eine Anverwandte meines Mellefont. Es wandelte ihr gaehling eine kleine Schwachheit an. Wo ist sie jetzt? Betty. Mellefont hat sie bis an die Tuere begleitet. Sara. So ist sie ja wohl wieder fort? Betty. Ich vermute es.--Aber je mehr ich Sie ansehe, Miss--Sie muessen mir meine Freiheit verzeihen--, je mehr finde ich Sie veraendert. Es ist etwas Ruhiges, etwas Zufriednes in Ihren Blicken. Lady muss ein sehr angenehmer Besuch oder der alte Mann ein sehr angenehmer Bote gewesen sein. Sara. Das letzte, Betty, das letzte. Er kam von meinem Vater. Was fuer einen zaertlichen Brief will ich dich lesen lassen! Dein gutes Herz hat so oft mit mir geweint, nun soll es sich auch mit mir freuen. Ich werde wieder gluecklich sein und dich fuer deine guten Dienste belohnen koennen. Betty. Was habe ich Ihnen in kurzen neun Wochen fuer Dienste leisten koennen? Sara. Du haettest mir ihrer in meinem ganzen andern Leben nicht mehrere leisten koennen als in diesen neun Wochen. Sie sind vorueber!-- Komm nur itzt, Betty; weil Mellefont vielleicht wieder allein ist, so muss ich ihn noch sprechen. Ich bekomme eben den Einfall, dass es sehr gut sein wuerde, wenn er zugleich mit mir an meinen Vater schriebe, dem seine Danksagung schwerlich unerwartet sein duerfte. Komm! (Sie gehen ab.) Siebenter Auftritt Der Saal. Sir William Sampson. Waitwell. Sir William. Was fuer Balsam, Waitwell, hast du mir durch deine Erzaehlung in mein verwundetes Herz gegossen! Ich lebe wieder neu auf; und ihre herannahende Rueckkehr scheint mich ebensoweit zu meiner Jugend wieder zurueckzubringen, als mich ihre Flucht naeher zu dem Grabe gebracht hatte. Sie liebt mich noch! Was will ich mehr?--Geh ja bald wieder zu ihr, Waitwell. Ich kann den Augenblick nicht erwarten, da ich sie aufs neue in diese Arme schliessen soll, die ich so sehnlich gegen den Tod ausgestreckt hatte. Wie erwuenscht waere er mir in den Augenblicken meines Kummers gewesen! Und wie fuerchterlich wird er mir in meinem neuen Gluecke sein! Ein Alter ist ohne Zweifel zu tadeln, wenn er die Bande, die ihn noch mit der Welt verbinden, so fest wieder zuziehet. Die endliche Trennung wird desto schmerzlicher.--Doch der Gott, der sich jetzt so gnaedig gegen mich erzeigt, wird mir auch diese ueberstehen helfen. Sollte er mir wohl eine Wohltat erweisen, um sie mir zuletzt zu meinem Verderben gereichen zu lassen? Sollte er mir eine Tochter wiedergeben, damit ich ueber seine Abfoderung aus diesem Leben murren muesse? Nein, nein; er schenkt mir sie wieder, um in der letzten Stunde nur um mich selbst besorgt sein zu duerfen. Dank sei dir, ewige Guete! Wie schwach ist der Dank eines sterblichen Mundes! Doch bald, bald werde ich in einer ihm geweihten Ewigkeit ihm wuerdiger danken koennen. Waitwell. Wie herzlich vergnuegt es mich, Sir, Sie vor meinem Ende wieder zufrieden zu wissen! Glauben Sie mir es nur, ich habe fast so viel bei Ihrem Jammer ausgestanden als Sie selbst. Fast so viel; gar so viel nicht: denn der Schmerz eines Vaters mag wohl bei solchen Gelegenheiten unaussprechlich sein. Sir William. Betrachte dich von nun an, mein guter Waitwell, nicht mehr als meinen Diener. Du hast es schon laengst um mich verdient, ein anstaendiger Alter zu geniessen. Ich will dir es auch schaffen, und du sollst es nicht schlechter haben, als ich es noch in der Welt haben werde. Ich will allen Unterschied zwischen uns aufheben; in jener Welt, weisst du wohl, ist er ohnedies aufgehoben.--Nur dasmal sei noch der alte Diener, auf den ich mich nie umsonst verlassen habe. Geh und gib acht, dass du mir ihre Antwort sogleich bringen kannst, als sie fertig ist. Waitwell. Ich gehe, Sir. Aber so ein Gang ist kein Dienst, den ich Ihnen tue. Er ist eine Belohnung, die Sie mir fuer meine Dienste goennen. Ja gewiss, das ist er. (Sie gehen auf verschiedenen Seiten ab.) (Ende des dritten Aufzuges.) Vierter Aufzug Erster Auftritt Mellefonts Zimmer. Mellefont. Sara. Mellefont. Ja, liebste Miss, ja; das will ich tun; das muss ich tun. Sara. Wie vergnuegt machen Sie mich! Mellefont. Ich bin es allein, der das ganze Verbrechen auf sich nehmen muss. Ich allein bin schuldig; ich allein muss um Vergebung bitten. Sara. Nein, Mellefont, nehmen Sie mir den groessern Anteil, den ich an unserm Vergehen habe, nicht. Er ist mir teuer, so strafbar er auch ist: denn er muss Sie ueberzeugt haben, dass ich meinen Mellefont ueber alles in der Welt liebe.--Aber ist es denn gewiss wahr, dass ich nunmehr diese Liebe mit der Liebe gegen meinen Vater verbinden darf? Oder befinde ich mich in einem angenehmen Traume? Wie fuerchte ich mich, ihn zu verlieren und in meinem alten Jammer zu erwachen!--Doch nein, ich bin nicht bloss in einem Traume, ich bin wirklich gluecklicher, als ich jemals zu werden hoffen durfte; gluecklicher, als es vielleicht dieses kurze Leben zulaesst. Vielleicht erscheint mir dieser Strahl von Glueckseligkeit nur darum von ferne und scheinet mir nur darum so schmeichelhaft naeher zu kommen, damit er auf einmal wieder in die dickste Finsternis zerfliesse und mich auf einmal in einer Nacht lasse, deren Schrecklichkeit mir durch diese kurze Erleuchtung erst recht fuehlbar geworden.--Was fuer Ahnungen quaelen mich!--Sind es wirklich Ahnungen, Mellefont, oder sind es gewoehnliche Empfindungen, die von der Erwartung eines unverdienten Gluecks und von der Furcht, es zu verlieren, unzertrennlich sind?--Wie schlaegt mir das Herz, und wie unordentlich schlaegt es! Wie stark itzt, wie geschwind!--Und nun, wie matt, wie bange, wie zitternd!--Itzt eilt es wieder, als ob es die letzten Schlaege waeren, die es gern recht schnell hintereinander tun wolle. Armes Herz! Mellefont. Die Wallungen des Gebluets, welche ploetzliche Ueberraschungen nicht anders als verursachen koennen, werden sich legen, Miss, und das Herz wird seine Verrichtungen ruhiger fortsetzen. Keiner seiner Schlaege zielet auf das Zukuenftige; und wir sind zu tadeln-- verzeihen Sie, liebste Sara--, wenn wir des Bluts mechanische Drueckungen zu fuerchterlichen Propheten machen.--Deswegen aber will ich nichts unterlassen, was Sie selbst zur Besaenftigung dieses kleinen innerlichen Sturms fuer dienlich halten. Ich will sogleich schreiben, und Sir William, hoffe ich, soll mit den Beteurungen meiner Reue, mit den Ausdruecken meines geruehrten Herzens und mit den Angelobungen des zaertlichsten Gehorsams zufrieden sein. Sara. Sir William? Ach Mellefont, fangen Sie doch nun an, sich an einen weit zaertlichern Namen zu gewoehnen. Mein Vater, Ihr Vater, Mellefont-- Mellefont. Nun ja, Miss, unser guetiger, unser bester Vater!--Ich musste sehr jung aufhoeren, diesen suessen Namen zu nennen; sehr jung musste ich den ebenso suessen Namen "Mutter" verlernen-- Sara. Sie haben ihn verlernt, und mir--mir ward es so gut nicht, ihn nur einmal sprechen zu koennen. Mein Leben war ihr Tod.--Gott! ich ward eine Muttermoerderin wider mein Verschulden. Und wie viel fehlte-- wie wenig, wie nichts fehlte--, so waere ich auch eine Vatermoerderin geworden! Aber nicht ohne mein Verschulden; eine vorsaetzliche Vatermoerderin!--Und wer weiss, ob ich es nicht schon bin? Die Jahre, die Tage, die Augenblicke, die er geschwinder zu seinem Ziele koemmt, als er ohne die Betruebnis, die ich ihm verursacht, gekommen waere-- diese hab ich ihm--ich habe sie ihm geraubt. Wenn ihn sein Schicksal auch noch so alt und lebenssatt sterben laesst, so wird mein Gewissen doch nichts gegen den Vorwurf sichern koennen, dass er ohne mich vielleicht noch spaeter gestorben waere. Trauriger Vorwurf, den ich mir ohne Zweifel nicht machen duerfte, wenn eine zaertliche Mutter die Fuehrerin meiner Jugend gewesen waere! Ihre Lehren, ihr Exempel wuerden mein Herz--So zaertlich blicken Sie mich an, Mellefont? Sie haben recht; eine Mutter wuerde mich vielleicht mit lauter Liebe tyrannisiert haben, und ich wuerde Mellefonts nicht sein. Warum wuensche ich mir denn also das, was mir das weisere Schicksal nur aus Guete versagte? Seine Fuegungen sind immer die besten. Lassen Sie uns nur das recht brauchen, was es uns schenkt: einen Vater, der mich noch nie nach einer Mutter seufzen lassen; einen Vater, der auch Sie ungenossene Eltern will vergessen lehren. Welche schmeichelhafte Vorstellung! Ich verliebe mich selbst darein und vergesse es fast, dass in dem Innersten sich noch etwas regt, das ihm keinen Glauben beimessen will.- -Was ist es, dieses rebellische Etwas? Mellefont. Dieses Etwas, liebste Sara, wie Sie schon selbst gesagt haben, ist die natuerliche furchtsam Schwierigkeit, sich in ein grosses Glueck zu finden.--Ach, Ihr Herz machte weniger Bedenken, sich ungluecklich zu glauben, als es jetzt zu seiner eignen Pein macht, sich fuer gluecklich zu halten!--Aber wie dem, der in einer schnellen Kreisbewegung drehend geworden, auch da noch, wenn er schon wieder still sitzt, die aeussern Gegenstaende mit ihm herumzugehen scheinen, so wird auch das Herz, das zu heftig erschuettert worden, nicht auf einmal wieder ruhig. Es bleibt eine zitternde Bebung oft noch lange zurueck, die wir ihrer eignen Abschwaechung ueberlassen muessen. Sara. Ich glaube es, Mellefont, ich glaube es: weil Sie es sagen; weil ich es wuensche.--Aber lassen Sie uns einer den andern nicht laenger aufhalten. Ich will gehen und meinen Brief vollenden. Ich darf doch auch den Ihrigen lesen, wenn ich Ihnen den meinigen werde gezeigt haben? Mellefont. Jedes Wort soll Ihrer Beurteilung unterworfen sein; nur das nicht, was ich zu Ihrer Rettung sagen muss: denn ich weiss es, Sie halten sich nicht fuer so unschuldig, als Sie sind. (Indem er die Sara bis an die Szene begleitet.) Zweiter Auftritt Mellefont (nachdem er einigemal tiefsinnig auf und nieder gegangen). Was fuer ein Raetsel bin ich mir selbst! Wofuer soll ich mich halten? Fuer einen Toren? oder fuer einen Boesewicht?--oder fuer beides?--Herz, was fuer ein Schalk bist du!--Ich liebe den Engel, so ein Teufel ich auch sein mag.--Ich lieb ihn? Ja, gewiss, gewiss, ich lieb ihn. Ich weiss, ich wollte tausend Leben fuer sie aufopfern, fuer sie, die mir ihre Tugend aufgeopfert hat! Ich wollt' es; jetzt gleich ohne Anstand wollt' ich es--Und doch, doch--Ich erschrecke, mir es selbst zu sagen-- Und doch--Wie soll ich es begreifen?--Und doch fuerchte ich mich vor dem Augenblicke, der sie auf ewig vor dem Angesichte der Welt zu der Meinigen machen wird.--Er ist nun nicht zu vermeiden; denn der Vater ist versoehnt. Auch weit hinaus werde ich ihn nicht schieben koennen. Die Verzoegerung desselben hat mir schon schmerzhafte Vorwuerfe genug zugezogen. So schmerzhaft sie aber waren, so waren sie mir doch ertraeglicher als der melancholische Gedanke, auf zeitlebens gefesselt zu sein.--Aber bin ich es denn nicht schon?--Ich bin es freilich, und bin es mit Vergnuegen.--Freilich bin ich schon ihr Gefangener.--Was will ich also?--Das!--Itzt bin ich ein Gefangener, den man auf sein Wort frei herumgehen laesst: das schmeichelt! Warum kann es dabei nicht sein Bewenden haben? Warum muss ich eingeschmiedet werden und auch sogar den elenden Schatten der Freiheit entbehren?--Eingeschmiedet? Nichts anders!--Sara Sampson, meine Geliebte! Wieviel Seligkeiten liegen in diesen Worten! Sara Sampson, meine Ehegattin!--Die Haelfte dieser Seligkeiten ist verschwunden! und die andre Haelfte--wird verschwinden.--Ich Ungeheuer!--Und bei diesen Gesinnungen soll ich an ihren Vater schreiben?--Doch es sind keine Gesinnungen; es sind Einbildungen! Vermaledeite Einbildungen, die mir durch ein zuegelloses Leben so natuerlich geworden! Ich will ihrer los werden, oder--nicht leben. Dritter Auftritt Norton. Mellefont. Mellefont. Du stoerest mich, Norton! Norton. Verzeihen Sie also, mein Herr--(Indem er wieder zurueckgehen will.) Mellefont. Nein, nein, bleib da. Es ist ebensogut, dass du mich stoerest. Was willst du? Norton. Ich habe von Betty eine sehr freudige Neuigkeit gehoert, und ich komme, Ihnen dazu Glueck zu wuenschen. Mellefont. Zur Versoehnung des Vaters doch wohl? Ich danke dir. Norton. Der Himmel will Sie also noch gluecklich machen. Mellefont. Wenn er es will--du siehst, Norton, ich lasse mir Gerechtigkeit widerfahren--, so will er es meinetwegen gewiss nicht. Norton. Nein, wenn Sie dieses erkennen, so will er es auch Ihretwegen. Mellefont. Meiner Sara wegen, einzig und allein meiner Sara wegen. Wollte seine schon geruestete Rache eine ganze suendige Stadt, weniger Gerechten wegen, verschonen, so kann er ja wohl auch einen Verbrecher dulden, wenn eine ihm gefaellige Seele an dem Schicksale desselben Anteil nimmt. Norton. Sie sprechen sehr ernsthaft und ruehrend. Aber drueckt sich die Freude nicht etwas anders aus? Mellefont. Die Freude, Norton? Sie ist nun fuer mich dahin. Norton. Darf ich frei reden? (Indem er ihn scharf ansieht.) Mellefont. Du darfst. Norton. Der Vorwurf, den ich an dem heutigen Morgen von Ihnen hoeren musste, dass ich mich Ihrer Verbrechen teilhaftig gemacht, weil ich dazu geschwiegen, mag mich bei Ihnen entschuldigen, wenn ich von nun an seltner schweige. Mellefont. Nur vergiss nicht, wer du bist. Norton. Ich will es nicht vergessen, dass ich ein Bedienter bin: ein Bedienter, der auch etwas Bessers sein koennte, wenn er, leider! darnach gelebt haette. Ich bin Ihr Bedienter, ja; aber nicht auf dem Fusse, dass ich mich gern mit Ihnen moechte verdammen lassen. Mellefont. Mit mir? Und warum sagst du das itzt? Norton. Weil ich nicht wenig erstaune, Sie anders zu finden, als ich mir vorstellte. Mellefont. Willst du mich nicht wissen lassen, was du dir vorstelltest? Norton. Sie in lauter Entzueckung zu finden. Mellefont. Nur der Poebel wird gleich ausser sich gebracht, wenn ihn das Glueck einmal anlaechelt. Norton. Vielleicht, weil der Poebel noch sein Gefuehl hat, das bei Vornehmern durch tausend unnatuerliche Vorstellungen verderbt und geschwaecht wird. Allein in Ihrem Gesichte ist noch etwas anders als Maessigung zu lesen. Kaltsinn, Unentschlossenheit, Widerwille-- Mellefont. Und wenn auch? Hast du es vergessen, wer noch ausser der Sara hier ist? Die Gegenwart der Marwood-- Norton. Koennte Sie wohl besorgt, aber nicht niedergeschlagen machen.-- Sie beunruhiget etwas anders. Und ich will mich gern geirret haben, wenn Sie es nicht lieber gesehen haetten, der Vater waere noch nicht versoehnt. Die Aussicht in einen Stand, der sich so wenig zu Ihrer Denkungsart schickt-- Mellefont. Norton! Norton! du musst ein erschrecklicher Boesewicht entweder gewesen sein oder noch sein, dass du mich so erraten kannst. Weil du es getroffen hast, so will ich es nicht leugnen. Es ist wahr; so gewiss es ist, dass ich meine Sara ewig lieben werde, so wenig will es mir ein, dass ich sie ewig lieben soll--soll!--Aber besorge nichts; ich will ueber diese naerrische Grille siegen. Oder meinst du nicht, dass es eine Grille ist? Wer heisst mich die Ehe als einen Zwang ansehen? Ich wuensche es mir ja nicht, freier zu sein, als sie mich lassen wird. Norton. Diese Betrachtungen sind sehr gut. Aber Marwood, Marwood wird Ihren alten Vorurteilen zu Hilfe kommen, und ich fuerchte, ich fuerchte-- Mellefont. Was nie geschehen wird. Du sollst sie noch heute nach London zurueckreisen sehen. Da ich dir meine geheimste--Narrheit will ich es nur unterdessen nennen--gestanden habe, so darf ich dir auch nicht verbergen, dass ich die Marwood in solche Furcht gejagt habe, dass sie sich durchaus nach meinem geringsten Winke bequemen muss. Norton. Sie sagen mir etwas Unglaubliches. Mellefont. Sieh, dieses Moerdereisen riss ich ihr aus der Hand (er zeigt ihm den Dolch, den er der Marwood genommen), als sie mir in der schrecklichsten Wut das Herz damit durchstossen wollte. Glaubst du es nun bald, dass ich ihr festen Obstand gehalten habe? Anfangs zwar fehlte es nicht viel, sie haette mir ihre Schlinge wieder um den Hals geworfen. Die Verraeterin hat Arabellen bei sich. Norton. Arabellen? Mellefont. Ich habe es noch nicht untersuchen koennen, durch welche List sie das Kind wieder in ihre Haende bekommen. Genug, der Erfolg fiel fuer sie nicht so aus, als sie es ohne Zweifel gehofft hatte. Norton. Erlauben Sie, dass ich mich ueber Ihre Standhaftigkeit freuen und Ihre Besserung schon fuer halb geborgen halten darf. Allein--da Sie mich doch alles wollen wissen lassen--was hat sie unter dem Namen der Lady Solmes hier gesollt? Mellefont. Sie wollte ihre Nebenbuhlerin mit aller Gewalt sehen. Ich willigte in ihr Verlangen, teils aus Nachsicht, teils aus Uebereilung, teils aus Begierde, sie durch den Anblick der Besten ihres Geschlechts zu demuetigen.--Du schuettelst den Kopf, Norton?-- Norton. Das haette ich nicht gewagt. Mellefont. Gewagt? Eigentlich wagte ich nichts mehr dabei, als ich im Falle der Weigerung gewagt haette. Sie wuerde als Marwood vorzukommen gesucht haben; und das Schlimmste, was bei ihrem unbekannten Besuche zu besorgen steht, ist nichts Schlimmers. Norton. Danken Sie dem Himmel, dass es so ruhig abgelaufen. Mellefont. Es ist noch nicht ganz vorbei, Norton. Es stiess ihr eine kleine Unpaesslichkeit zu, dass sie sich, ohne Abschied zu nehmen, wegbegeben musste. Sie will wiederkommen.--Mag sie doch! Die Wespe, die den Stachel verloren hat (indem er auf den Dolch weiset, den er wieder in den Busen steckt), kann doch weiter nichts als summen. Aber auch das Summen soll ihr teuer werden, wenn sie zu ueberlaestig damit wird.--Hoer ich nicht jemand kommen? Verlass mich, wenn sie es ist.-- Sie ist es. Geh! (Norton geht ab.) Vierter Auftritt Mellefont. Marwood. Marwood. Sie sehen mich ohne Zweifel sehr ungern wiederkommen. Mellefont. Ich sehe es sehr gern, Marwood, dass Ihre Unpaesslichkeit ohne Folgen gewesen ist. Sie befinden sich doch besser? Marwood. So, so! Mellefont. Sie haben also nicht wohl getan, sich wieder hieher zu bemuehen. Marwood. Ich danke Ihnen, Mellefont, wenn Sie dieses aus Vorsorge fuer mich sagen. Und ich nehme es Ihnen nicht uebel, wenn Sie etwas anders damit meinen. Mellefont. Es ist mir angenehm, Sie so ruhig zu sehen. Marwood. Der Sturm ist vorueber. Vergessen Sie ihn, bitte ich nochmals. Mellefont. Vergessen Sie nur Ihr Versprechen nicht, Marwood, und ich will gern alles vergessen.--Aber, wenn ich wuesste, dass Sie es fuer keine Beleidigung annehmen wollten, so moechte ich wohl fragen-- Marwood. Fragen Sie nur, Mellefont. Sie koennen mich nicht mehr beleidigen.--Was wollten Sie fragen? Mellefont. Wie ihnen meine Miss gefallen habe. Marwood. Die Frage ist natuerlich. Meine Antwort wird so natuerlich nicht scheinen, aber sie ist gleichwohl nichts weniger wahr.--Sie hat mir sehr wohl gefallen. Mellefont. Diese Unparteilichkeit entzueckt mich. Aber waer' es auch moeglich, dass der, welcher die Reize einer Marwood zu schaetzen wusste, eine schlechte Wahl treffen koennte? Marwood. Mit dieser Schmeichelei, Mellefont, wenn es anders eine ist, haetten Sie mich verschonen sollen. Sie will sich mit meinem Vorsatze, Sie zu vergessen, nicht vertragen. Mellefont. Sie wollen doch nicht, dass ich Ihnen diesen Vorsatz durch Grobheiten erleichtern soll? Lassen Sie unsere Trennung nicht von der gemeinen Art sein. Lassen Sie uns miteinander brechen wie Leute von Vernunft, die der Notwendigkeit weichen. Ohne Bitterkeit, ohne Groll und mit Beibehaltung eines Grades von Hochachtung, wie er sich zu unserer ehmaligen Vertraulichkeit schickt. Marwood. Ehmaligen Vertraulichkeit?--Ich will nicht daran erinnert sein. Nichts mehr davon! Was geschehen muss, muss geschehen und es koemmt wenig auf die Art an, mit welcher es geschieht.--Aber ein Wort noch von Arabellen. Sie wollen mir sie nicht lassen? Mellefont. Nein, Marwood. Marwood. Es ist grausam, da Sie ihr Vater nicht bleiben koennen, dass Sie ihr auch die Mutter nehmen wollen. Mellefont. Ich kann ihr Vater bleiben und will es auch bleiben. Marwood. So beweisen Sie es gleich itzt. Mellefont. Wie? Marwood. Erlauben Sie, dass Arabella die Reichtuemer, welche ich von Ihnen in Verwahrung habe, als ihr Vaterteil besitzen darf. Was ihr Mutterteil anbelangt, so wollte ich wohl wuenschen, dass ich ihr ein bessres lassen koennte als die Schande, von mir geboren zu sein. Mellefont. Reden Sie nicht so.--Ich will fuer Arabellen sorgen, ohne ihre Mutter wegen eines anstaendigen Auskommens in Verlegenheit zu setzen. Wenn sie mich vergessen will, so muss sie damit anfangen, dass sie etwas von mir zu besitzen vergisst. Ich habe Verbindlichkeiten gegen sie und werde es nie aus der Acht lassen, dass sie mein wahres Glueck, obschon wider ihren Willen, befoerdert hat. Ja, Marwood, ich danke Ihnen in allem Ernste, dass Sie unsern Aufenthalt einem Vater verrieten, den bloss die Unwissenheit desselben verhinderte, uns nicht eher wieder anzunehmen. Marwood. Martern Sie mich nicht mit einem Danke, den ich niemals habe verdienen wollen. Sir William ist ein zu guter alter Narr: er muss anders denken, als ich an seiner Stelle wuerde gedacht haben. Ich haette der Tochter vergeben, und ihrem Verfuehrer haett' ich-- Mellefont. Marwood!-- Marwood. Es ist wahr; Sie sind es selbst. Ich schweige.--Werde ich der Miss mein Abschiedskompliment bald machen duerfen? Mellefont. Miss Sara wuerde es Ihnen nicht uebelnehmen koennen, wenn Sie auch wegreiseten, ohne sie wiederzusprechen. Marwood. Mellefont, ich spiele meine Rollen nicht gern halb, und ich will, auch unter keinem fremden Namen, fuer ein Frauenzimmer ohne Lebensart gehalten werden. Mellefont. Wenn Ihnen Ihre eigne Ruhe lieb ist, so sollten Sie sich selbst hueten, eine Person nochmals zu sehen, die gewisse Vorstellungen bei Ihnen rege machen muss-- Marwood (spoettisch laechelnd). Sie haben eine bessere Meinung von sich selbst als von mir. Wenn Sie es aber auch glaubten, dass ich Ihrentwegen untroestlich sein muesste, so sollten Sie es doch wenigstens ganz in der Stille glauben.--Miss Sara soll gewisse Vorstellungen bei mir rege machen? Gewisse? O ja--aber keine gewisser als diese, dass das beste Maedchen oft den nichtswuerdigsten Mann lieben kann. Mellefont. Allerliebst, Marwood, allerliebst! Nun sind Sie gleich in der Verfassung, in der ich Sie laengst gern gewuenscht haette: ob es mir gleich, wie ich schon gesagt, fast lieber gewesen waere, wenn wir einige gemeinschaftliche Hochachtung fuer einander haetten behalten koennen. Doch vielleicht findet sich diese noch, wenn nur das gaerende Herz erst ausgebrauset hat.--Erlauben Sie, dass ich Sie einige Augenblicke allein lasse. Ich will Miss Sampson zu Ihnen holen. Fuenfter Auftritt Marwood (indem sie um sich herumsieht). Bin ich allein?--Kann ich unbemerkt einmal Atem schoepfen und die Muskeln des Gesichts in ihre natuerliche Lage fahren lassen?--Ich muss geschwind einmal in allen Mienen die wahre Marwood sein, um den Zwang der Verstellung wieder aushalten zu koennen.--Wie hasse ich dich, niedrige Verstellung! Nicht, weil ich die Aufrichtigkeit liebe, sondern weil du die armseligste Zuflucht der ohnmaechtigen Rachsucht bist. Gewiss wuerde ich mich zu dir nicht herablassen, wenn mir ein Tyrann seine Gewalt oder der Himmel seinen Blitz anvertrauen wollte.--Doch wann du mich nur zu meinem Zwecke bringst!--Der Anfang verspricht es; und Mellefont scheinet noch sichrer werden zu wollen. Wenn mir meine List gelingt, dass ich mit seiner Sara allein sprechen kann: so--ja, so ist es doch noch sehr ungewiss, ob es mir etwas helfen wird. Die Wahrheiten von dem Mellefont werden ihr vielleicht nichts Neues sein; die Verleumdungen wird sie vielleicht nicht glauben und die Drohungen vielleicht verachten. Aber doch soll sie Wahrheit, Verleumdung und Drohungen von mir hoeren. Es waere schlecht, wenn sie in ihrem Gemuete ganz und gar keinen Stachel zurueckliessen.--Still! sie kommen. Ich bin nun nicht mehr Marwood; ich bin eine nichtswuerdige Verstossene, die durch kleine Kunstgriffe die Schande von sich abzuwehren sucht; ein getretner Wurm, der sich kruemmet und dem, der ihn getreten hat, wenigstens die Ferse gern verwunden moechte. Sechster Auftritt Sara. Mellefont. Marwood. Sara. Ich freue mich, Lady, dass meine Unruhe vergebens gewesen ist. Marwood. Ich danke Ihnen, Miss. Der Zufall war zu klein, als dass er Sie haette beunruhigen sollen. Mellefont. Lady will sich Ihnen empfehlen, liebste Sara. Sara. So eilig, Lady? Marwood. Ich kann es fuer die, denen an meiner Gegenwart in London gelegen ist, nicht genug sein. Sara. Sie werden doch heute nicht wieder aufbrechen? Marwood. Morgen mit dem Fruehsten. Mellefont. Morgen mit dem Fruehsten, Lady? Ich glaubte, noch heute. Sara. Unsere Bekanntschaft, Lady, faengt sich sehr im Vorbeigehn an. Ich schmeichle mir, in Zukunft eines naehern Umgangs mit Ihnen gewuerdiget zu werden. Marwood. Ich bitte um Ihre Freundschaft, Miss. Mellefont. Ich stehe Ihnen dafuer, liebste Sara, dass diese Bitte der Lady aufrichtig ist, ob ich Ihnen gleich voraussagen muss, dass Sie einander ohne Zweifel lange nicht wiedersehen werden. Lady wird sich mit uns sehr selten an einem Orte aufhalten koennen-- Marwood (beiseite). Wie fein! Sara. Mellefont, das heisst mir eine sehr angenehme Hoffnung rauben. Marwood. Ich werde am meisten dabei verlieren, glueckliche Miss. Mellefont. Aber in der Tat, Lady, wollen Sie erst morgen frueh wieder fort? Marwood. Vielleicht auch eher. (Beiseite.) Es will noch niemand kommen! Mellefont. Auch wir wollen uns nicht lange mehr hier aufhalten. Nicht wahr, liebste Miss, es wird gut sein, wenn wir unserer Antwort ungesaeumt nachfolgen? Sir William kann unsere Eilfertigkeit nicht uebelnehmen. Siebenter Auftritt Betty. Mellefont. Sara. Marwood. Mellefont. Was willst du, Betty? Betty. Man verlangt Sie unverzueglich zu sprechen. Marwood (beiseite). Ha! nun koemmt es drauf an-- Mellefont. Mich? unverzueglich? Ich werde gleich kommen.--Lady, ist es Ihnen gefaellig, Ihren Besuch abzukuerzen? Sara. Warum das, Mellefont?--Lady wird so guetig sein und bis zu Ihrer Zurueckkunft warten. Marwood. Verzeihen Sie, Miss; ich kenne meinen Vetter Mellefont und will mich lieber mit ihm wegbegeben. Betty. Der Fremde, mein Herr--Er will Sie nur auf ein Wort sprechen. Er sagt, er habe keinen Augenblick zu versaeumen-- Mellefont. Geh nur; ich will gleich bei ihm sein--Ich vermute, Miss, dass es eine endliche Nachricht von dem Vergleiche sein wird, dessen ich gegen Sie gedacht habe. (Betty gehet ab.) Marwood (beiseite). Gute Vermutung! Mellefont. Aber doch, Lady-- Marwood. Wenn Sie es denn befehlen--Miss, so muss ich mich Ihnen-- Sara. Nein doch, Mellefont: Sie werden mir ja das Vergnuegen nicht missgoennen, Lady Solmes so lange unterhalten zu duerfen? Mellefont. Sie wollen es, Miss?-- Sara. Halten Sie sich nicht auf, liebster Mellefont, und kommen Sie nur bald wieder. Aber mit einem freudigern Gesichte, will ich wuenschen! Sie vermuten ohne Zweifel eine unangenehme Nachricht. Lassen Sie sich nichts anfechten; ich bin begieriger, zu sehen, ob Sie allenfalls auf eine gute Art mich einer Erbschaft vorziehen koennen, als ich begierig bin, Sie in dem Besitze derselben zu wissen.-- Mellefont. Ich gehorche. (Warnend.) Lady, ich bin ganz gewiss den Augenblick wieder hier. (Geht ab.) Marwood (beiseite). Gluecklich! Achter Auftritt Sara. Marwood. Sara. Mein guter Mellefont sagt seine Hoeflichkeiten manchmal mit einem ganz falschen Tone. Finden Sie es nicht auch, Lady?-- Marwood. Ohne Zweifel bin ich seiner Art schon allzu gewohnt, als dass ich so etwas bemerken koennte. Sara. Wollen sich Lady nicht setzen? Marwood. Wenn Sie befehlen, Miss--(Beiseite, indem sie sich setzen.) Ich muss diesen Augenblick nicht ungebraucht vorbeistreichen lassen. Sara. Sagen Sie mir, Lady, werde ich nicht das gluecklichste Frauenzimmer mit meinem Mellefont werden? Marwood. Wenn sich Mellefont in sein Glueck zu finden weiss, so wird ihn Miss Sara zu der beneidenswuerdigsten Mannsperson machen. Aber-- Sara. Ein Aber und eine so nachdenkliche Pause, Lady-- Marwood. Ich bin offenherzig, Miss-- Sara. Und dadurch unendlich schaetzbarer-- Marwood. Offenherzig--nicht selten bis zur Unbedachtsamkeit. Mein Aber ist der Beweis davon. Ein sehr unbedaechtiges Aber! Sara. Ich glaube nicht, dass mich Lady durch diese Ausweichung noch unruhiger machen wollen. Es mag wohl eine grausame Barmherzigkeit sein, ein Uebel, das man zeigen koennte, nur argwoehnen zu lassen. Marwood. Nicht doch, Miss; Sie denken bei meinem Aber viel zu viel. Mellefont ist mein Anverwandter-- Sara. Desto wichtiger wird die geringste Einwendung, die Sie wider ihn zu machen haben. Marwood. Aber wenn Mellefont auch mein Bruder waere, so muss ich Ihnen doch sagen, dass ich mich ohne Bedenken einer Person meines Geschlechts gegen ihn annehmen wuerde, wenn ich bemerkte, dass er nicht rechtschaffen genug an ihr handle. Wir Frauenzimmer sollten billig jede Beleidigung, die einer einzigen von uns erwiesen wird, zu Beleidigungen des ganzen Geschlechts und zu einer allgemeinen Sache machen, an der auch die Schwester und Mutter des Schuldigen Anteil zu nehmen sich nicht bedenken muessten. Sara. Diese Anmerkung-- Marwood. Ist schon dann und wann in zweifelhaften Faellen meine Richtschnur gewesen. Sara. Und verspricht mir--Ich zittere-- Marwood. Nein, Miss; wenn Sie zittern wollen--Lassen Sie uns von etwas anderm sprechen-- Sara. Grausame Lady! Marwood. Es tut mir leid, dass ich verkannt werde. Ich wenigstens, wenn ich mich in Gedanken an Miss Sampsons Stelle setze, wuerde jede naehere Nachricht, die man mir von demjenigen geben wollte, mit dessen Schicksale ich das meinige auf ewig zu verbinden bereit waere, als eine Wohltat ansehen. Sara. Was wollen Sie, Lady? Kenne ich meinen Mellefont nicht schon? Glauben Sie mir, ich kenne ihn wie meine eigne Seele. Ich weiss, dass er mich liebt-- Marwood. Und andre-- Sara. Geliebt hat. Auch das weiss ich. Hat er mich lieben sollen, ehe er von mir etwas wusste? Kann ich die einzige zu sein verlangen, die fuer ihn Reize genug gehabt hat? Muss ich mir es nicht selbst gestehen, dass ich mich, ihm zu gefallen, bestrebt habe? Ist er nicht liebenswuerdig genug, dass er bei mehrern dieses Bestreben hat erwecken muessen? Und ist es nicht natuerlich, wenn mancher dieses Bestreben gelungen ist? Marwood. Sie verteidigen ihn mit ebender Hitze und fast mit ebenden Gruenden, mit welchen ich ihn schon oft verteidiget habe. Es ist kein Verbrechen, geliebt haben; noch viel weniger ist es eines, geliebet worden sein. Aber die Flatterhaftigkeit ist ein Verbrechen. Sara. Nicht immer; denn oft, glaube ich, wird sie durch die Gegenstaende der Liebe entschuldiget, die es immer zu bleiben selten verdienen. Marwood. Miss Sampsons Sittenlehre scheinet nicht die strengste zu sein. Sara. Es ist wahr; die, nach der ich diejenigen zu richten pflege, welche es selbst gestehen, dass sie auf Irrwegen gegangen sind, ist die strengste nicht. Sie muss es auch nicht sein. Denn hier koemmt es nicht darauf an, die Schranken zu bestimmen, die uns die Tugend bei der Liebe setzt, sondern bloss darauf, die menschliche Schwachheit zu entschuldigen, wenn sie in diesen Schranken nicht geblieben ist, und die daraus entstehenden Folgen nach den Regeln der Klugheit zu beurteilen. Wenn zum Exempel ein Mellefont eine Marwood liebt und sie endlich verlaesst; so ist dieses Verlassen, in Vergleichung mit der Liebe selbst, etwas sehr Gutes. Es waere ein Unglueck, wenn er eine Lasterhafte deswegen, weil er sie einmal geliebt hat, ewig lieben muesste. Marwood. Aber, Miss, kennen Sie denn diese Marwood, welche Sie so getrost eine Lasterhafte nennen? Sara. Ich kenne sie aus der Beschreibung des Mellefont. Marwood. Des Mellefont? Ist es Ihnen denn nie beigefallen, dass Mellefont in seiner eigenen Sache nichts anders als ein sehr ungueltiger Zeuge sein koenne? Sara.--Nun merke ich es erst, Lady, dass Sie mich auf die Probe stellen wollen. Mellefont wird laecheln, wenn Sie es ihm wiedersagen werden, wie ernsthaft ich mich seiner angenommen. Marwood. Verzeihen Sie, Miss; von dieser Unterredung muss Mellefont nichts wiedererfahren. Sie denken zu edel, als dass Sie, zum Danke fuer eine wohlgemeinte Warnung, eine Anverwandte mit ihm entzweien wollten, die sich nur deswegen wider ihn erklaert, weil sie sein unwuerdiges Verfahren gegen mehr als eine der liebenswuerdigsten Personen unsers Geschlechts so ansieht, als ob sie selbst darunter gelitten haette. Sara. Ich will niemand entzweien, Lady; und ich wuenschte, dass es andre ebensowenig wollten. Marwood. Soll ich Ihnen die Geschichte der Marwood in wenig Worten erzaehlen? Sara. Ich weiss nicht--Aber doch ja, Lady; nur mit dem Beding, dass Sie davon aufhoeren sobald Mellefont zurueckkoemmt. Er moechte denken, ich haette mich aus eignem Triebe darnach erkundiget; und ich wollte nicht gern, dass er mir eine ihm so nachteilige Neubegierde zutrauen koennte. Marwood. Ich wuerde Miss Sampson um gleiche Vorsicht gebeten haben, wenn sie mir nicht zuvorgekommen waere. Er muss es auch nicht argwoehnen koennen, dass Marwood unser Gespraech gewesen ist; und Sie werden so behutsam sein, Ihre Massregeln ganz in der Stille darnach zu nehmen.-- Hoeren Sie nunmehr!--Marwood ist aus einem guten Geschlechte. Sie war eine junge Witwe, als sie Mellefont be