The Project Gutenberg EBook of Der Weinhueter, by Paul Heyse Copyright laws are changing all over the world. Be sure to check the copyright laws for your country before downloading or redistributing this or any other Project Gutenberg eBook. This header should be the first thing seen when viewing this Project Gutenberg file. Please do not remove it. Do not change or edit the header without written permission. Please read the "legal small print," and other information about the eBook and Project Gutenberg at the bottom of this file. Included is important information about your specific rights and restrictions in how the file may be used. 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This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE. That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/. Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE" zur Verfuegung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar. Der Weinhueter Paul Heyse (1862-63) Im September eines Jahres, dessen Stadt- und Dorfgeschichten aus Menschengedenken schon entschwunden sind, sass um die schwuele Mittagszeit ein junger Bursch mitten in dem wuchernden Rebenwald, der, dicht an die Stadt Meran herantretend, die Suedabhaenge des Kuechelberges bedeckt. Die uebermannshohen Laubengaenge, in denen hier der Wein gezogen wird, waren mit dem Segen dieses Jahres so beladen, dass ein dunkelgruenes Zwielicht durch die langen lautlosen Gassen schwebte, zugleich eine traege stockende Glut, in der kein Luftzug Wellen schlug. Kaum wo die kleinen Felstreppen zwischen den einzelnen Weinguetern schroff bergan laufen, spuerte man, dass man ins Freie auftauchte. Denn das Meer von Siedeglut, das in dem weiten Talkessel wogte, schlug hier doppelt schwer ueber dem unbeschuetzten Haupte zusammen. Auch sah man selten einen Menschen des Weges wandern. Nur zahllose Eidechsen liefen feuerfest treppauf treppab und raschelten durch das zaehe Efeugestruepp, das die Grundmauern der Rebenaecker reichlich umrankt. Die dunkelblauen Trauben mit den grossen dickschaligen Beeren hingen dichtgedraengt oben an der Woelbung der Laubengitter, und ein seltsam perlender Ton ward in der tiefen Mittagsstille dann und wann hoerbar, als kreise vernehmlich der Saft und koche am Sonnenfeuer in dem edlen Gewaechs. Der Bursch aber, der in halber Hoehe des Berges einsam unter den Reben sass, schien fuer diese geheimnisvolle Naturstimmung taub und ganz seinen eignen duestern Gedanken hingegeben. Er trug die uralte abenteuerliche Tracht der Weinhueter oder "Saltner", die lederne Joppe, aermellos, mit breiten Achselklappen, an denen ueber den Hemdsaermeln die ledernen Manschetten durch schmale Riemen oder silberne Kettchen festgehalten werden, Kniehosen und Hosentraeger ebenfalls von Leder und mit dem breiten, daumdicken Gurt umguertet, auf dem in weisser Stickerei der Namenszug des Eigners steht, die weissen Stutzenstruempfe mit durchbrochenem Muster, um den Hals allerlei Zierat von Kettchen, Eber- und Murmeltierzaehnen. Aber die Hauptstuecke seiner Amtstracht lagen neben ihm im Grase: der hohe dreieckige Trutzhut, ueber und ueber mit Hahnen- und Pfauenfedern, Fuchs- und Eichhornschwaenzen verbraemt, keine kleine Last zur Zeit der Traubenreife, und die lange wuchtige Hellebarde, mit der die Saltner ihrer drohenden Erscheinung Nachdruck zu verleihen wissen, wenn ein unbefugter Eindringling in ihr Gebiet nicht gutwillig das Pfandgeld erlegen will. Tag und Nacht, ohne Abloesung, ohne Sonntagsruhe und Kirchgang, um einen maessigen Lohn durchstreifen diese "lebendigen Vogelscheuchen" jeder das ihm zugewiesene Revier, von der Mitte des Juli, wo die ersten Beeren suess werden, bis die letzte Traube in die Kelter gewandert ist. Ihr saurer Dienst in Hitze und Naesse, obdachlos bis auf den kuemmerlichen Schutz ihres Maisstrohschuppens, ist dennoch ein Ehrenamt, zu dem nur die rechtschaffensten Burschen ausersehen werden. Auch haben die gelinden sternklaren Naechte in der freien Hoehe, waehrend in den Haeusern die Tagesschwuele kaum je verdampft, ihren Reiz, und die Besitzer der Weingueter lassen sich's angelegen sein, die Waechter mit Wein und Speisen reichlich zu versorgen, um sie bei Kraeften und guter Laune zu erhalten. Es schien jedoch dieses Mittel bei dem finstern Burschen, dem wir uns genaehert haben, nicht anzuschlagen. Er hatte den Krug mit rotem Wein, das Brot und die grossen Schnitte geraeucherten Fleisches, die ihm eben erst zur Mittagskost ein kleiner Knabe heraufgeschleppt hatte, unberuehrt neben sich stehen auf dem platten Stein, der seinen Tisch vorstellte. Eine sehr kleine geschnitzte Pfeife mit silbernem Kettchen war ihm schon lange ausgegangen, und truebsinnig verbiss er die Zaehne in das weiche Holz. Er mochte etwa dreiundzwanzig Jahre alt sein, der Bart krauste sich leicht um Kinn und Wangen, die scharfen Zuege des Gesichts deuteten auf fruehe Leidenschaften; die Stirn aber war, nach der Landessitte, von den Haaren verhaengt, die, frueh schon dicht ueber den Augenbrauen abgeschnitten, sich in einzelne Locken gewoehnt hatten und um Schlaefe und Nacken ebenfalls gelockt herabhingen. Das gab dem Kopf alle Jugendfrische zurueck, die ihm die Schatten unter den dunklen Augen zu nehmen drohten. Ein langsamer Schritt, der sich unten auf dem Fusssteige naeherte, machte, dass er ploetzlich aufstarrte, den Hut aufsetzte und die Hellebarde ergriff. Man konnte jetzt sehen, dass sein Wuchs hinter dem landueblichen etwas zurueckgeblieben war, immer noch stattlich genug und durch das schoenste Ebenmass der gewoelbten Brust und der straffen Schenkel auffallend auf den ersten Blick. Nur der Kopf schien fast zu klein geraten und Haende und Fuesse gar mit einem Weibe ausgetauscht. Geraeuschlos glitt die schmiegsame Gestalt unter den Gewoelbgittern entlang, ohne auch nur eine Traube zu streifen, und spaehte vom naechsten Felsenvorsprung hinunter auf den Weg. Eine schmale, schwarzroeckige Figur mit hohem, sehr abgetragenem Filzhut kam die breite Gasse zwischen Weinberg und Wiese dahergewandelt, im Schatten der Weidenbaeume, ein offnes Buch in den gefalteten Haenden, ueber das hinaus der Blick zufrieden und unbegehrlich nach den schoenen Trauben schweifte. Auch ohne den langen Rock, der fast zu den Knoecheln der schwarzen Struempfe herabreichte, haette jeder in dem bedaechtigen Spaziergaenger alsbald die geistliche Person erkannt, und zwar an einigen der liebenswuerdigsten Zuege, die der grossen und mannigfaltigen Gattung unter gewissen Himmelsstrichen eigen sind. Damals war der heftige Parteienhader zu Gunsten der Glaubenseinheit in dem gelobten Lande Tirol, wo die Milch des Glaubens und der Honig des Aberglaubens so lauter fliessen, noch eine unerhoerte Sache, und selbst die Hauptstadt des alten Burggrafenamts Meran, in der vorzeiten mancherlei Regungen eines neuen Geistes unliebsam die Ruhe gestoert hatten, war wieder in tiefen Frieden zurueckgesunken. Also hatten die Diener der Kirche keine Ursach, ihren Hirtenstab als Waffe zu schwingen, und konnten mit aller Gemuetsruhe die idyllischen Tugenden ihres Standes pflegen. Damals begegnete man nicht selten jenen bescheidenen geistlichen Gesichtern, auf denen eine gewisse Verlegenheit ueber ihre eigene Wuerde deutlich zu lesen war, eine stete Sorge, der Majestaet des lieben Gottes, dessen Kleid sie trugen, nichts zu vergeben, und doch ihren ungeweihten Mitgeschoepfen nicht allzu unnahbar feierlich gegenueberzustehn. Der freundliche kleine Herr im schaebigen Hut war nun auch freilich keines der hohen Kirchenlichter, sondern nur ein Hilfspriester an der Pfarrkirche von Meran, der taeglich um zehn Uhr eine Messe zu lesen hatte und dafuer, ausser einem Stuebchen in der Laubengasse und einigen andern Emolumenten, einen Gulden taeglicher Einkuenfte besass. Das Volk, das ihn seines milden Gemuetes wegen sehr in Ehren hielt und naechst den Kapuzinern ihm das groesste Vertrauen zuwendete, nannte ihn nicht anders als den "Zehnuhrmesser" und bewies ihm auf mannigfache Art seine Gunst. Es war kein Haus weit und breit, wo, wenn er ansprach, nicht der Weinkrug und irgend ein Imbiss auf den Tisch gestellt wurde, so dass es dem wackeren Mann gelungen war, im Laufe der Zeit zwar nicht die natuerliche Hagerkeit seines Wuchses zu verbessern, aber wenigstens der Wuerde seiner Erscheinung durch ein schuechternes Baeuchlein aufzuhelfen. Dasselbe nahm sich, da es sich mit dem uebrigen Zuschnitt der Figur nur um Gotteswillen vertrug, fuer ein profaneres Auge spasshaft aus, wie es schief und aengstlich unter dem duennen Rocke festgeknoepft sass. Aber zu dem bescheidenen Ausdruck des Gesichts stimmte die verlegentliche Buerde ganz wohl, und es fiel keinem seiner Beichtkinder ein, diesen Spaetling der Natur zu belaecheln. Auch wusste niemand dem Herrn Zehnuhrmesser eine Unmaessigkeit nachzusagen, es sei denn etwa im Almosenspenden. Denn dass man allerorten sich beeilte, ihn mit dem Besten aus dem eigenen Weinberg zu bewirten, lag zum Teil an dem Rufe, dessen er genoss, als sei viele Stunden weit keine weltliche oder geistliche Zunge besser imstande, die Guete des Weins zu schaetzen, seine Dauerhaftigkeit zu bestimmen, und in Faellen, wo ihm durch ein kleines Mittelchen aufzuhelfen war, das richtige anzugeben. "Eine Weinzunge haben wie der Zehnuhrmesser", war noch geraume Zeit das Ehrenvollste, was man von einem Kenner zu ruehmen wusste. Unter den mancherlei Gaben und Tugenden unseres Ehrenmannes war aber der Mut nicht eben die staerkste. Seine Nerven, obwohl er aus einer Bauernfamilie im Passeier stammte, die zu Hofers Kriegen manchen tapfern Schuetzen geliefert hatte, liessen seine leicht erschuetterte Seele bei jeder unversehenen Probe im Stich, ausser wo es eine fremde Seele zu retten oder sonst eine hohe Gewissenspflicht zu erfuellen galt. Auch dann zog er es vor, seiner moralischen Kraft erst mit einer physischen Staerkung nachzuhelfen, und sorgte dafuer, dass ein maessiges Faesschen voll weissem Terlaner, dem er am meisten begeisternde Wirkungen zuschrieb, im Keller seines Hauses niemals ganz versiegte. Heute nun, da er von einem Krankenbesuch im Dorf Algund ohne Labung zurueckkehren musste, war er keiner starken Pruefung gewachsen und erschrak aufs heftigste, als ploetzlich dicht neben ihm eine dunkle Gestalt hoch von der Weinbergsmauer herabsprang und auf ihn zustuerzend seine Hand ergriff. Gelobt sei Jesus Christus! sagte er, am ganzen Leibe zitternd. In Ewigkeit! antwortete der Bursch. Du bist's, Andree, mein Sohn? Hab' ich doch gemeint, der boese Feind komme mir mit Macht ueber den Hals, der ja im Weinberge des Herrn herumschleicht, zu sehen, wen er verschlinge. Nun, nun, wenn man so in Gedanken und Meditationen schwebt, kann's einem schon begegnen, dass euer Hut einem wie das Hoernerhaupt des Leibhaftigen vorkommt. Bist also hier, Andree? Das ist ja wohl dein eigener Grund und Boden, den du huetest, ich meine, deiner Mutter? Des Burschen Augen wurden finsterer, und das Blut stieg ihm ins Gesicht. Da sei Gott vor, sagte er, dass ich den Fuss setzte in die Gueter meiner Mutter. Seit sie mir zu Lichtmess den Schlag ins Gesicht gegeben hat, weil sie meint', ich haette Feuer im Stadel angelegt, bin ich nimmer ihr Sohn und betrete ihre Schwelle weder bei Tag noch bei Nacht. Der geistliche Herr besann sich jetzt erst, dass er einen wunden Fleck beruehrt hatte. Er schuettelte ernsthaft und mitleidig den Kopf und sagte: Ei, Andree, du sprichst, wie es keinem guten Christen geziemt. Hat nicht unser Herr am Kreuz seinen blutigen Feinden verziehen, und ein Sohn sollt' es seiner Mutter nachtragen, wenn sie ihn auch ungerecht gezuechtigt hat? Ich weiss wohl, dass es dir hart ankommen mag, und dass jenes Mal, wo die Mutter sich vergessen hat, nicht das erste Mal war. Aber sieben mal siebenzigmal sollen wir verzeihen, Andree. Hast du das schon vergessen seit der Kinderlehre? Nein, Hochwuerden, erwiderte der Juengling fest. Ich hab' mir's auch angelobt, an jenen Tag nimmer zu denken und kann's ueber mich bringen, solang ich vom Hause fernbleibe. Aber wenn ich zurueckkaeme, wuerde mich die Mutter selbst daran mahnen, weil sie mich hasst und nur darauf sinnt, wie sie mich plagen und tratzen mag. Sie wird mir auch mein Erbe entziehen im Testament, selbiges weiss ich gewiss, und frage nicht viel danach. Ich werd' auch ohne das nicht verkommen, und goenn' es wohl meiner Schwester. Aber geschieden sind wir, und da kann keiner was dazu tun. Ich hab' mich beim Steirer verdungen, drueben in Gratsch, als Grossknecht, und heuer mach' ich den Saltner und hab' mein Auskommen, ohne einen Kreuzer von Haus. Aber die Mutter koennte mir sieben Boten schicken und mich mit vier Rossen zurueckholen wollen, ich ginge nicht. Es hat alles einmal ein End'. Der kleine Priester sah nachdenklich vor sich hin und schien der Meinung, dass es geratener sei, die Dinge gehen zu lassen, anstatt noch weiter mit geistlicher Mahnung einzugreifen. Er betrachtete jetzt mit kundigen Augen die Reben oben ueber der Mauer und sagte: Der Steirer hat wohlgetan, statt der Bratreben, die sonst hier standen, die Hertlinger anzupflanzen. Sie sind noch jung, aber im naechsten Jahr werden sie das Doppelte tragen. Die stehen nur hier am Rande, erwiderte der Bursch. Droben ist meist roter Farnatsch und einiges von Geissaugen dazwischen. Was er drueben hat, unterhalb Dorf Tirol, sind rote Ferseilen, aber er wird sie heuer ausnehmen und Setzlinge pflanzen, denn sie haben sich schier zu Tod getragen. Auf wieviel Uhren rechnet ihr beilaeufig? Einhundertundvierzig bis--siebenzig immerhin. Wie steht dir das Saltnern an, Andree? Es mag hart werden auf die, Laenge. Ha, es passiert, Hochwuerden. Noch spuer' ich's nicht in den Gliedern. Hast auch bei Nacht fein die Augen offen? Die meinigen wohl. Aber sind nur zwei, und ich muesst' ein Dutzend haben, um allerorten zugleich nachzuschauen. Die Weissroecke fangen wieder an, bei Nacht herumzufuragieren; die Weinbeeren sind ihnen grad saftig genug, um ihr Kommissbrot anzufeuchten. Und es kommen ihrer immer viele auf einmal, aber einzeln, und wenn wir einen fassen, haben indes die andern das Feld frei, und es hilft uns nichts, vorm Hauptmann ist doch kein Recht zu erlangen. Die Stadt sollte sich beklagen. Ja die Stadt! Da muessten wir Zeugen und Beweise schaffen. Aber wer will's beschwoeren, wenn wir am Morgen ganze Strecken lang die besten Trauben gestohlen und links und rechts die Reben wie ein Unkraut mit dem Saebel zerhauen finden aus Wuestheit und Schadenfreude, dass das nur die Soldaten getan haben koennen? Fassen wir einen am Kragen, so weiss er so wenig von Weinbeeren wie's Kind im Mutterleib. Da bleibt nichts, als ihn auf eigene Faust Spiessruten laufen zu lassen, dass er's Wiederkommen vergisst. Den naechsten aber, den haengen wir, mein Eid! an den Beinen auf, da mag er bis an den lichten Morgen in der Luft exerzieren. Es sind arme Teufel, Andree, und die Versuchung ist gross. Ihr solltet's menschlich mit ihnen machen. Machen sie's denn nicht wie die Bestien? Da seht, Hochwuerden--und er wies auf eine Rebe, die glatt mitten durchgeschnitten war, dass das Laub schon welk und gelb an den Ranken hing--das Herz blutet einem, so ein gesundes, friedliches Gewaechs, das nur auf der Welt ist, um seinem Herrn das Fass zu fuellen, von den Hundsfoettern verheert zu sehen, aus purer Niedertracht, uns zum Possen. Find' ich einen einmal beim Werk, so gnad' ihm Gott! Er schuettelte, in der Richtung nach der Stadt, drohend die Hellebarde und bohrte sie darin heftig in den Sand. Der geistliche Herr schrak leicht zusammen, vergass aber seiner Wuerde nicht und sagte: Ich will mit dem Hauptmann sprechen, heute noch, dass er strenger drauf sieht, nach dem Zapfenstreich keinen Mann aus der Kaserne zu lassen. Du aber bezaehme deine Hitze, mein Sohn, und bedenke, dass du hier im Dienste der Obrigkeit stehest und das Gericht ihr ueberlassen sollst. Behuet dich Gott, Andree. Ich gehe heute wohl auf Goyen hinauf, zum Hirzer. Hast mir was aufzutragen an den Franz oder die Rosina? Einen Gruss etwa? Nein, Hochwuerden. 's ist immer noch beim alten zwischen dem Bauern und mir. Er will nichts von uns wissen, so frag' ich ihm nichts nach. Die andern sind ganz rechtschaffen, moecht' ihnen beim Vater keinen Verdruss machen, indem ich sie gruessen liess'. Aber wenn Ihr etwa meiner Schwester begegnet--nein, auch der sagt nichts, es war nur ein Einfall. Rasch, wie um seine Verwirrung zu verbergen, bueckte er sich nach der Hand des Priesters, kuesste sie ehrerbietig und schwang sich an dem langen Hellebardenschaft auf die Mauer zurueck, wo er sogleich hinter dichtem Rebenlaub verschwand. Kopfschuettelnd setzte der Zehnuhrmesser seinen Weg fort, und das Gespraech mit dem Juengling beschaeftigte sein menschenfreundliches Gemuet noch eine geraume Zeit. Aber die lange, taegliche Uebung einer ausgebreiteten Seelsorge und die geistliche Pflicht, das Oel der Geduld in eigene und fremde Stuerme zu traeufeln, hatten den schaerfsten Stachel des Mitgefuehls bereits abgestumpft. Es ahnte ihm nicht von fern, wie es jetzt im Innern des Burschen aussah, der oben bei seiner Maishuette lag, das Gesicht gegen den Felsboden gedrueckt, als wollte er sich bei lebendigem Leibe in den Schoss der Mutter Erde vergraben, um vor einem uebergrossen Kummer Zuflucht zu finden, Eine volle Stunde mochte er so gelegen haben, zuletzt durch einen mitleidigen Halbschlaf von seinen hilflosen Gedanken erloest, als ein helles Lachen, das unten am Weg erscholl, ihn jaehlings erweckte. Einen Augenblick lag er still, sich zu besinnen, ob er's nicht etwa getraeumt habe. Aber eine helle Stimme drang zu ihm herauf und dasselbe unschuldig trillernde und girrende Maedchenlachen, das sich von fern fast wie der Gesang eines Vogels ausnahm. Im Nu war der Juengling aufgesprungen und an ein Lugloch gestuerzt, das den Blick hinunter freiliess. Auf dem naemlichen Weg unter den Weiden, den der geistliche Herr vorhin gewandelt war, kam, diesmal aber von der Stadtseite, ein Maedchen, das nicht ueber siebzehn Jahr sein konnte, blond, eher klein als gross, in der dunklen, schwerfaelligen Landestracht. Aber die Bewegungen der zierlichen Gestalt, so langsam und behaglich sie einherschritt, waren so leicht und anmutig, dass jedes Auge ihr unwillkuerlich folgen musste. Sie hatte die Haende ruhig ineinandergelegt, wie es die Art der Maedchen hier zu Lande ist, wenn sie nichts zu tragen haben. Der runde Kopf aber blieb keinen Augenblick still auf dem schlanken Nacken, sondern wendete sich wie bei einem Vogel rastlos nach allen Seiten, am haeufigsten freilich zu ihrem Begleiter, ueber dessen scherzhafte Reden sie bestaendig in ein neues Lachen ausbrach. Das war ein gewandter, ruehriger Gesell, dem die leinene Soldatenjacke, die enganschliessenden blauen Hosen und die schiefe blaue Kappe ohne Schirm nicht uebel standen. Sein dunkles Gesicht und die schwarzen Augen verrieten das welsche Blut. Auch hatte er grosse Muehe, sich dem Maedchen in seinem gebrochenen Deutsch verstaendlich zu machen. Aber schon der Klang seiner verstuemmelten und verwelschten Worte schien sie hoechlich zu belustigen. Mehrmals warf er forschende Blicke in der Gegend umher. Einen Bauern, der ein Kalb mit Hilfe seines Hundes nach dem naechsten Dorfe trieb, liess er mit absichtlichem Zoegern vorankommen, und jetzt, da derselbe um die Ecke des Weges verschwunden war, ruestete er sich offenbar, mit dem Maedchen etwas handgreiflicher anzubinden, als sein spaehendes Auge ploetzlich die drohende Gestalt des Weinhueters entdeckte, der aus der Oeffnung des Weinganges herausgetreten war und mit erhobener Waffe, noch sprachlos, hinunterwinkte. Der Welsche stand unschluessig still. Auch das Maedchen hermmte den gleichmuetigen Schritt und sah hinauf. Guten Nachmittag, Andree! rief sie ohne jede Verlegenheit. Es ist mein Bruder, setzte sie, zu dem Soldaten gewendet, hinzu. Macht, dass Ihr fortkommt; er versteht keinen Spass. Der Soldat schien den wohlgemeinten Rat vollkommen zu wuerdigen, aber durch die Entfernung seines Feindes sich einstweilen noch sicher zu fuehlen. Nix Furcht, Fralla, sagte er; ihm geben Kreizer a comprar tabacco; dann still sein, gut Freund.-Er griff in die Tasche und holte eben seine geringe Barschaft heraus, als er die donnernde Stimme des Burschen droben vernahm: Zurueck, Soldat, oder der Spiess fliegt dir an den Kopf, dass du bei Nacht und Tag das Wiederkommen vergisst. Der Welsche stand wie angewurzelt und mass den Weinhueter mit einem wuetenden Blick. Deutsche Baer! murmelte er zwischen den Zaehnen. Maledetto!--Aber noch konnte er sich nicht entschliessen, umzukehren und sich vor den Augen seiner Schoenen in so nachteiligem Licht zu zeigen. Diese stand, offenbar durch seine heftigen und ohnmaechtigen Gebaerden ergoetzt, gelassen neben ihm und lachte ohne jede Schonung. Aber dem Burschen oben erschien der Auftritt nichts weniger als lustig. In raschen Saetzen sprang er, durch schmale Oeffnungen der Lauben sich windend, den Abhang hinab, und ehe der Welsche sich besinnen konnte, sahen zwei funkelnde Augen unter dem wehenden Trutzhut ihm in das entfaerbte Gesicht. Hast du Ohren, Kamerad? herrschte der Zorngluehende ihn an. Weisst nicht, dass der Weg hier fuer deinesgleichen verboten ist? Soll ich dir die Jacke vom Leibe reissen, um ein Pfand zu behalten, welscher Fuchs? Hast wohl Weinbeeren vergessen zu Nacht, und kommst nun zur Marend, sie zu holen? Den Augenblick scher dich heim, oder-Die Hand weg! knirschte der Welsche, da er sich ungestuem gepackt und geschuettelt fluehlte. Haett' ich mein' sdegena-Wurm! rief der Juengling. Bring nur deinen Degen mit das naechste Mal, und dein Gewehr dazu; es waer' doch ein Pfand, das der Mueh' verlohnte. Aber nun beim Kreuz! fort mit dir, oder ich spiesse dich auf wie einen Frosch, und werfe dich in deinen Kasernenhof zurueck, dass du das letzte Stossgebet nimmer zu Ende beten sollst. Damit schleuderte er den langen Gesellen einige Schritte weit fort, dass er, ueber einen Stein strauchelnd, in die Knie fiel. Im Augenblick war er wieder auf den Fuessen, und mit beiden Faeusten wie ein Weib gegen den Feind drohend und eine Flut von welschen Fluechen hervorsprudelnd, wich er der Gewalt und trollte hinkend und oft zurueckblickend im Schutz der Weiden dem nahen Stadttor zu. Du hast's ihm aber arg gemacht, Andree, sagte die Blonde, indem sie dem geschlagenen Galan ganz kaltbluetig nachblickte. Er hat so g'spassiges Zeug geredt, dass ich immer hab' lachen muessen. Warum bist du gleich so wild worden? Der Bruder gab keine Antwort, seine Gedanken waren noch bei seinem Zorn. 's ist noch nicht aus zwischen uns! sagte er vor sich hin. Er kommt mir schon wieder; meinetwegen! so heb' ich's ihm auf.--Moidi, fuhr er fort, ploetzlich zu dem Maedchen gewendet, und du, immer noch das alte Lied? Wer mir aufspielt, dem tanz' ich? Schaemst du dich nicht, so einem tueckischen Teufel das Wort zu goennen und neben ihm her zu gehen? Wenn dir jeder recht ist, der dich lachen macht, so bleib weg von mir. Denn du weisst wohl, das Lachen ist rar bei mir, wie der Schnee zu Pfingsten. Das Maedchen war still geworden und sah mit zerstreutem Blick vor sich hin. Sie strich sich mit beiden flachen Haenden ueber das Haar, das von allen Seiten glatt ueber den Kopf zurueckgekaemmt und im Nacken mit einem grossen runden Kamm festgesteckt war, und ihr sehr zartgefaerbtes Gesicht roetete sich vor Verlegenheit. Andree, sagte sie endlich, ohne ihn anzusehen, soll ich wieder gehn? Nein, bleib! erwiderte er kurz. Bist du meinethalben gekommen? Freilich, sagte sie eifrig, und wagte es jetzt erst, seinem Blick zu begegnen. Es ist ja schon eine Woche her, dass ich nicht habe abkommen koennen. Du laesst dich ja nimmer sehen. Die Mutter war eingeschlafen, es war so heiss in der Kueche, da hab' ich gedacht, ich will einen Sprung hinaus tun, zu schauen, wie dir's geht. Und da, einen halben Weck hab' ich dir mitgebracht; der Hirzerfranz hat ihn mir gekauft, am Sonntag gestern, nach der Kirch'. Ich mag ihn nimmer, er ist soviel suess. Der Hirzerfranz? Was hat der dir zu schenken? Wenn's sein Vater wuesste, es gaebe einen Teufelslaerm. Hat er dich etwa auch zu lachen gemacht? Der? Dem lacht's nur in der Tasche, wenn er mit seinen Gulden klappert. Auch war meine Mutter dabei, weisst wohl; wen die anschaut, dem vergeht der Spass, wie den Maeusen, wenn sie die Katze spueren. Mich wundert's selbst, dass ich noch lustig sein kann. Aber ich waer' laengst gestorben ohne das Lachen, so grauslich ist mir's manches Mal, mit ihr allein droben in der Huette. Sie schwiegen eine Weile.--Magst du den Wecken nicht? sagte das Maedchen. So leg' ich ihn da auf die Bank, er kommt schon nicht um. Aber da sind noch ein paar Feigen, von unserm Baum droben, die reifsten. Ich hab' sie fuer dich abgebrochen. Da! sie sind gut in der Hitze! Ich dank' dir, Moidi, erwiderte er. Komm, wir wollen sie zusammen essen, droben im Schatten. Er schritt voran die Weinbergsstufen hinauf, und sie folgte ihm, allerlei plaudernd, worauf er die Antwort schuldig blieb. Auf seinem alten Platz unter dem Rebendach warf er sich nieder, und sie setzte sich neben ihn auf den breiten Stein und noetigte ihn, die Feigen zu kosten. Mit der Zeit, da keine neue Stoerung kam, schien ihm wohl zu werden. Ein leichter Wind machte sich auf und trug den Schall einer fernen Muehle an der Etsch und das Geraeusch der Passer bis zu ihnen herauf, dann und wann auch einen Knall von den Schuetzen, die im Schiessstande drueben nach der Scheibe schossen. Die Zeit wurde ihnen nicht lang. Er noetigte sie, von seinem Wein zu trinken, was sie bald wieder in die alte lustige Laune brachte. Auch die Heimlichkeit des schattigen Verstecks reizte ihren Mutwillen, und er, der einsilbig, aber nicht mehr unmutig, sie gewaehren liess, verwandte kein Auge von ihr. Endlich setzte sie sich gar den schweren Saltnerhut auf, nahm den Spiess in die Hand und ging mit grossen Schritten die Laubengasse hinauf und hinunter, mit der Linken die beiden Fuchsschwaenze unter dem Kinn zusammenhaltend, dass ihr Gesicht ganz davon eingerahmt war. Andree, sagte sie, mich sollten sie schon fuerchten, mein' ich, und wenn die Mutter nicht waer', kaem' ich alle Nacht zu dir und machte den Saltner, waehrend du dich hinlegtest, ein paar Stunden zu schlafen. Ich wollt' die Spitzbuben, die Soldaten, schon in Respekt halten, gelt? Der Juengling lachte zum erstenmal. Als sie sah, dass sie das Eis seines Truebsinns gebrochen hatte, kam sie rasch zu ihm, setzte Hut und Hellebarde beiseit und sagte, dicht neben ihm im Grase kauernd: Nun schau, Andree, tausendmal huebscher bist du, wenn du auch einmal lachst wie andre Buben, als so alleweil Falten in die Stirn ziehst und dreinschaust wie unser Herr Christus am Kreuz. Bist du nicht ein junger, lebfrischer Bub und brauchst dich von niemand in den Sack stecken zu lassen? Mit der Mutter--ja, das ist freilich eine leide Geschicht', aber du hast doch keine Schuld daran, das wissen alle Leut', und um mich brauchst du dich auch nicht zu graemen, ich komm' zu dir, sooft ich kann, und vor mir darf die Mutter kein boes Wort auf dich sagen, wenn sie mich nicht zur Tuer hinaustreiben will, das weiss sie wohl. Was hast also, dass du alleweil den Kopf haengst und mir selber so finstre Augen machst, als waer' ich nicht deine liebe Schwester, sondern eine Feindin? Und wenn gar ein andrer Bub mir ein Woertel sagt, so ist gleich Feuer im Dach. Sag, moechtest du eine Nonne aus mir machen, oder dass ich bei der Mutter ihr Lebtag die Hennendirn abgeben und eine steinalte Jungfer werden soll? Sie war ihm waehrend dieser Worte zutraulich nahe gerueckt und hatte den Arm leicht um seinen Nacken gelegt. Aber wie wenn ein Gespenst ihn angefasst haette, fuhr er auf und schuettelte ihre Liebkosung ab. Seine Brust arbeitete schwer. Lass mich, keuchte er heftig hervor, ruehr mich nicht an, frag mich nichts, geh fort von mir, so weit du kannst, und komm nie wieder! Er war aufgesprungen, als wollte er fliehen, aber er konnte sich nicht von der Stelle ruehren. Er musste sie ansehen, wie sie, versteinert, im Grase kniete, die Haende im Schoss gefaltet, mit einem Blick, der ihm ins Herz schnitt. Die Augen schienen groesser geworden, der halbgeoeffnete Mund in einem schmerzlichen Aufschrei erstarrt, die feinen Nasenfluegel bebten. Es war nicht das erste Mal, dass dieses Gesicht ihn an dem Kinde entsetzte. Ja zuweilen mitten in ihrem Lachen, das ueberhaupt oft kindisch klang, ward sie von ploetzlichem Schrecken ueberfallen und fuer eine Zeitlang wie von einem verstoerenden Krampf entgeistert, der sich dann mehr oder minder heftig zu loesen pflegte. Er selbst hatte sich bisher nicht vorzuwerfen, einen solchen Auftritt verursacht zu haben. Vielmehr rief man ihn, um den boesen Geist zu bannen, und es pflegte ihm ohne Muehe zu gelingen. Als er sie aber jetzt in dieser atemlosen Ohnmacht knien sah, durch seine Schuld, war ihm einen Augenblick selbst die Besinnung gelaehmt. Er schlug sich vor die Stirn und stoehnte tief auf. Dann bueckte er sich zu ihr herab, fasste ihre Haende, die eiskalt geworden waren, und sah ihr dicht in die Augen. Ich bin's, Maria, sagte er instaendig; der Andree ist's; sieh mich an, hoere mich, verzeih mir, ich bin ein Rasender, aber es ist vorbei; lass auch du es gut sein und verzeih mir's, du weisst nicht, wie mir ist, sonst haettest du Mitleiden. Mit seinen heissen Haenden drueckte er die ihrigen, und ebenfalls niedergekniet, dicht ihr gegenueber, wartete er mit leidenschaftlicher Angst, dass das Leben in ihren Zuegen wieder aufglimmen moechte. Aber noch blieb die Starrheit maechtig ueber ihr, keine Wimper zuckte, kaum fuehlte er einen Hauch aus ihrem Munde gehen, und die weit offenen Augen schienen ihn durch und durch zu blicken wie leere Luft. Da setzten mit tiefem Klang die Glocken der Pfarrkirche ein zum Vespergelaeut und loesten den Bann, langsam, aber wohltaetig. Sie seufzte schwer aus der Brust, die Augenlider schlossen sich erst, dann, als sie sich wieder oeffneten und die erwachende Seele sich der Welt und ihrer selbst besann, quollen grosse Traenen hervor, und an seine Schulter gelehnt weinte sie, ohne ein Wort hervorzubringen, die Erschuetterung aus. Er hielt sie ebenfalls stumm, mit aufatmendem Herzen an sich gedrueckt und horchte auf den wogenden Ton des Gelaeuts, verworrene Gebete bei sich selbst hersagend. Als die Glocken ausgeklungen hatten, griff er nach dem Krug und reichte ihn ihr. Sie naeherte ihm die Lippen, wie eine Kranke, die das Gefaess nicht selbst zu halten sich getraut, und trank einen langen Zug. Dann schloss sie die Augen, ohne sie zu trocknen, und schlief neben ihm ein, immer noch auf den Knien und die Haende unbeweglich gefaltet. Als er sie nach einer Weile ruhig atmen hoerte, hob er sie auf und legte sie bequem auf den abhaengigen Boden nieder, seine Jacke unter ihren Kopf schiebend, ohne dass sie erwacht waere. Er selbst, nach einem raschen Umblick in seinem Revier, lagerte sich neben ihr, den Kopf in die Hand gestuetzt, und starrte ihr in das schlafende Gesicht, das nun ganz friedlich wie aus heiteren Traeumen laechelte. Wenn ein Blatt sich bewegte und dann das Licht fluechtig auf ihrer Stirn spielte, seufzte sie wohl noch leise nach. Aber ihr war wohl, waehrend es in ihm von dunklen Schmerzen und schweren Entschluessen gewaltsam gaerte und jeder Blick in diese friedlichen Zuege ihm neue Nahrung fuer seine Qualen eintrug. Welch ein raetselvolles Schicksal umgab diese Geschwister?--Wir muessen, um es aufzuhellen, um viele Jahre zurueck, in eine Zeit, da die Mutter, die mit so seltsamer Feindschaft zwischen ihnen stand, nicht viel aelter war als das blonde Kind, das dort oben unter den Reben schlaeft, freilich in allem uebrigen ihr volles Widerspiel. Die Grosseltern der blonden Moidi besassen droben auf dem Kuechelberg ein schlichtes Bauernhaus, das aber schoen nach allen Seiten in die Taeler hinuntersah, links ins Passeier, rechts ins Vintschgau hinein, geradeaus ueber die Stadt Meran weg in die breite Niederung der Etsch bis zu den Bozener Bergen. Der alte Ingram hatte das Anwesen schon von Vorvaetern ererbt, und die liebliche Lage war ihm freilich als Zugabe wert, mehr aber die ausgedehnten Weingueter, die sich nach allen Seiten daranschlossen und ihm wohl zustatten kamen, seine vielen Kinder zu ernaehren. Von denen war die juengste, Maria, oder nach dem Landesausdruck "Moidi", ein wahres Sorgenkind, waehrend von den uebrigen im Guten oder Schlimmen nichts Sonderliches zu berichten waere. Diese juengste jedoch, nicht allein, dass sie die Haesslichste war, und eher einer Alraune als einem Meraner Landkinde aehnlich, die meist sauber und wohlgebildet heranwachsen, betrug sich zudem von klein auf so ungehoerig, dass sie viel Schlaege und wenig gute Worte von der Mutter erlebte, und auch der Vater, der ein maessiger und am Hergebrachten haengender Mann war, sich mehr und mehr dieser juengsten zu schaemen begann. Mit der Zeit hoerten die Schlaege auf, da es deutlich war, dass sie das Uebel nur mehrten, und es sich nicht obenein verkennen liess, selbst fuer ein Bauernauge, es sei nicht alles in Ordnung in diesem armseligen Kopf. Der Pfarrer hatte sie zwar genau befragt und ihre Verkehrtheiten nur aus den verwilderten Trieben eines eitlen und schwachen Herzens herleiten wollen; und wirklich liess sich ihrem Verstand, wenn man nicht sorgfaeltiger zusah, kein Sprung oder Sparren nachweisen; denn sie verstand, sobald man sie katechisierte, sich klug zusammenzunehmen und selbst ihre offenbaren Narrheiten halb und halb zu beschoenigen. Von diesen nun war die aergste eine ganz unzweckmaessige und mitleidswuerdige Putzsucht, mit der sie, wo sie ging und stand, recht geflissentlich aller Augen auf ihre ohnehin schon auffallende Haesslichkeit lenkte. Das trug ihr eine Menge der boesesten Spottnamen ein, und die es am besten mit ihr meinten, nannten sie den "schwarzen Pfau", oder die "wueste Moidi" schlechtweg, ihre eigenen Brueder aber nur "die Schwarze"; denn sie war nicht nur von sehr dunkler Gesichtsfarbe und dichten, buschigen Augenbrauen, sondern auch ihr Haar krauste sich durch ein merkwuerdiges Naturspiel wie das der Negerinnen und straeubte sich beharrlich gegen Kamm und Flechtenbaender. Ob der Koenig aus Mohrenland unter den heiligen Dreien auf einem Bilde, das die Mutter einmal in Bozen gesehen, diese befremdliche Spielart auf dem Gewissen habe, wie einige behaupteten, lassen wir dahingestellt. Tatsache war, dass die "wueste Moidi", anstatt ihr Schicksal mit leidlicher Miene zu ertragen, auf die laecherlichsten Mittel verfiel, ihm abzuhelfen und durch allerlei Putz und Tand, mit dem sie sich, ganz gegen den Brauch, behaengte, ihre Person ansehnlicher und liebenswuerdiger zu machen. Was sie irgend an Geld zusammenbringen konnte, nicht immer auf die redlichste Weise, verwandte sie eilig dazu, sich bunte Baender oder gemachte Blumen zu verschaffen, mit denen sie ihr wolliges Haar durchflocht und so, zum grossen Aergernis der Alten und Gespoett der jungen, zuweilen selbst am Sonntag in der Kirche erschien, ungeachtet ihr die Mutter, sooft sie ihr so begegnete, den Putz zornig abriss und sie mit Hunger und Schlaegen dafuer buessen liess. Ein wenig besserte sich dieser traurige Hang, als sie in die reiferen Jahre kam und sich das Gefuehl fuer den Spott der jungen Burschen in ihr schaerfte. Zum Unglueck aber loeste eine noch unheilvollere Torheit jene erste kindische ab, und sie liess ihr, freilich mit besserer Entschuldigung, noch haltloser den Zuegel schiessen. Sie warf naemlich ihre Augen unter den vielen Burschen, die mit ihren Bruedern verkehrten, gerade auf den schoensten, der sie von frueh an mit der unverhohlensten Abneigung behandelt hatte. Das war an Leib und Seele ein Bursch vom guten alten Meraner Schlag, ein etwas traeges Gemuet in einem starken, herrlich gebildeten Koerper, ein eifriger Kirchgaenger, kundiger Weinbauer, der wenig Worte machte und Gedanken nur fuer den Hausbedarf spann, am wenigsten aber mit unnuetzen Liebschaften Zeit und Geld vertat, da es ueberhaupt in diesen romantischen Taelern im Punkte der Liebe und Ehe meist kaltbluetiger und geschaeftsmaessiger zugeht, als fluechtige Reisende sich traeumen lassen. Damals, als die schwarze Moidi sich in ihn vergaffte, lebte sein Vater noch, der Aloys Hirzer, der eines der alten Herrenschloesser unterm lfinger, auf einer Hoehe ueber der Stadt frei gelegen, von dem verschuldeten letzten Stammherrn gekauft hatte, um dort seine Weinbauernwirtschaft mitten unter den feudalen Truemmern in grossem Stile zu errichten. Ausser dem Sohne, Joseph, hatte er noch eine Tochter, die in Innsbruck bei einem Paten feinere Erziehung genoss und sich zur Lehrerin auszubilden dachte, als der Vater ploetzlich das Zeitliche segnete, und der Bruder sie nun heimkommen liess, um ihm die neue Einrichtung zu erleichtern. Es war ein sanftes, blasses, schoenaeugiges Maedchen, aelter als der Joseph, ihr Bruder. Dessen Kameraden, von denen wohl mancher ein Geluesten trug, sich ein Stueck Burgland anzuheiraten, wagten sich an die Anna nicht heran, die ihnen zu fein und leise war und bald fast im Geruch der Heiligkeit stand, denn sie war in allen Kirchen und allen Huetten der Kranken und Duerftigen zu finden und ging an keinem Kinde vorbei, ohne es auf den Arm zu nehmen, ihm ein Bildchen zu schenken oder seine Gebetlein hersagen zu lassen. Der Bruder war sehr wohl mit ihr zufrieden, da sie sein Haus, die Gemaecher naemlich, die noch in wohnbarem Stande waren, geraeuschlos in Ordnung hielt. Er hatte sich von jeher aufs beste mit ihr vertragen. Da er ein guter und durch Herzenswallungen nicht leicht zu verwirrender Rechner war, schien es ihm zweckmaessig, dass seine Schwester ledig blieb. Wenn er auf dem Balkon stand, der wie ein Schwalbennest an der grauen Burgmauer klebte, und in seiner Bauerntracht, der rotaufgeschlagenen Lodenjoppe, den breiten schwarzen Hut mit roter Schnur auf dem Kopf, die gebraeunten Haende unter die geschlitzten Hosentraeger gesteckt, hinaussah ins weite Land, verwellte sein Blick mit Befriedigung auf den kleinen Klostertuermen, die hie und da ihr Kreuz aus dem Duft erhoben, und er gedachte gern daran, dass die frueheren, adligen Burgherren dort ihre unversorgten Soehne und Toechter untergebracht hatten. Es waere ihm nicht ungelegen gewesen, wenn seine Schwester ebenfalls vor den Gefahren und Anfechtungen der Welt eine beschauliche Zuflucht gesucht haette. Da sie aber hiezu keine Lust bezeigte, auch fuers erste noch im Hause voellig noetig war, nahm er einstweilen mit dem Abglanz ihres Heiligenscheins, der auch auf ihn herueberstrahlte, vorlieb und war nicht wenig stolz, wenn geistliche Herren, der Schwester wegen, fleissig auf Goyen vorsprachen und bei einem Glase roten Weins ueber die Angelegenheiten der Kirche erbauliche Reden fuehrten. An seine eigene eheliche Zukunft dachte er nur gelegentlich, wenn von einer reichen Erbtochter einmal die Rede war, auch darin ohne hitzige und haessliche Habsucht, mit einem stillen Pflichtgefuehl, dass es ihm wohl zukomme, das vaeterliche Gut durch einen schoenen runden Zuwachs zu mehren. Da er, wie gesagt, einer der schmucksten Burschen der Gegend war, trug er die ruhige Zuversicht mit sich herum, dass es ihm gar nicht fehlen koenne, wenn er ueberhaupt Ernst mache. Auch nahm er anfangs die unverhohlenen Gunstbeweise der schwarzen Moidi nur mit einer wuerdevollen Geringschaetzung hin. Auf die Laenge aber, als das Gerede lauter und stachliger wurde, als er sich an keinem Markt, Kirchtag oder bei sonst einer oeffentlichen Gelegenheit sehen lassen konnte, ohne mit seiner Eroberung gehaenselt zu werden, stieg ihm der Aerger ernstlich zu Kopf, und er hielt es fuer passend, durch die veraechtlichsten Scherze sich die zudringliche Liebeswerbung vom Halse zu schaffen. Manchem andern waere dieselbe vielleicht mitleidswuerdig erschienen; denn sie aeusserte sich nur in der ruehrenden Hartnaeckigkeit, mit der die Augen des Maedchens, sobald der Bursch ihr begegnete, wie durch eine Naturgewalt bezwungen an seinem regelmaessigen, rot und weissen Gesichte hingen und ihm ueberallhin folgten, unbekuemmert um den Zorn, der statt jedes Zeichens von Gegenliebe seine Zuege verfinsterte. Selbst in der Kirche, wenn er hinter ihr stand, wusste sie's einzurichten, dass sie wenigstens das halbe Gesicht nach ihm umkehrte, und sie war dann so sehr in ihre bewundernde Andacht versunken, dass sie alles andere darueber vergass. Wer die einfachen und kuehlen Sitten des Volkes und die ehrbare Gleichgueltigkeit, mit der die Geschlechter sich hier begegnen, bedenkt, wird das grosse Aergernis begreifen, das ein solches Betragen erweckt. Auch waren die meisten ganz ueberzeugt, die Moidi sei nur halb bei ihren Sinnen, und man muesse sie gewaehren lassen, da man sie doch nicht fueglich vom Kirchgang zurueckhalten koenne, ohne den boesen Geistern noch groessere Macht ueber sie einzuraeumen. Die jungen Burschen aber dachten minder christlich und hiessen sie einfach mannstoll, und da sich auch die Maedchen von ihr zurueckzogen, war die schon von der Natur Gezeichnete desto auffallender, wenn sie einsam und ohne Gesellin den Kuechelberg herab in die Messe ging, mit den durchdringenden Augen weit voraus unter den versammelten Maennern am Kirchplatz nach ihrem Erkorenen suchend. Dann geschah es wohl, besonders nach der Vesper, wo schon der Wein in den Koepfen den Ton angab, dass einer der Hartherzigsten die schoene Passeirer Altjungfernklage zu singen anfing: Was muss ich armes Madl anheben, Dass ich grad' einmal bekomm' ein'n Mann? Die Buben, die tun kein' Achtung mehr geben, Vor mir lauft ein jeder darvon. Jetzt ist mir nimmer wohl, Weiss nit, was ich tun soll, Dass ich halt nur grad' einen erlang'! Und wenn der Refrain des Gelaechters ein wenig verschollen war, die zweite Strophe: Fuenfundzwanzigmal bin ich schon kirchfahrtengangen, Nuechtern, und han mir nicht z' essen getraut. Han gemeint bei Gott die Gnad' zu erlangen, Dass ich dies Jahr moecht' werden a Braut. Jetzt--und ist alles nichts; Die Fastnacht ist auch schon fuer-- Ach, ich arme verlassene Haut! Der Joseph, wenn er sich auch zu vornehm hielt, um mit einzustimmen, hoerte doch mit sichtbarer Befriedigung zu und hoffte, dieses singende Gassenlaufen wuerde der armen Tollen die verliebten Grillen austreiben. Sie aber schien, sobald sie ihn nur sah, so voellig taub zu sein, dass sie das Schimpflied weder hoerte, noch sich zu Gemuete zog. Auch fuer die erbitterten Scheltreden ihrer Brueder war sie ganz unempfindlich, erwiderte kein Wort, aenderte aber um kein Haar ihr Betragen, und selbst das scharfe Vermahnen des Pfarrers, dem etwas davon zu Ohren gekommen, vermochte so wenig ueber diesen seltsamen Zustand, wie beim Eisen das Abraten hilft, wenn der Magnet ihm nahe kommt. Da uebernahm es endlich eine mitleidige unter den Maedchen, der Moidi den Kopf zurechtzusetzen. Sie hinterbrachte ihr--wahr oder zweckmaessig erfunden, wissen wir nicht--, dass der Hirzersepp gesagt habe: Wenn's ihm drum zu tun waere, schwarze Pudel in die Wiege zu bekommen, wuerde er die Moidi heiraten.--Die Predigt ueber diesen kurzen und buendigen Text scheint eindringlich genug gewesen zu sein. Denn seit dem Tage war "die Schwarze" wie verwandelt, liess sich nirgend sehen, stahl sich vor Tagesgrauen in die Fruehmesse, wo sie im hintersten Winkel der Kirche kniete, und wenn droben auf dem Berg ein Bursch ihr begegnete, wandte sie das Gesicht ab und schwieg auf alle Anrede. Die Putzsucht war vollends verschwunden. Das Schlechteste und Groebste trug sie am liebsten, und ihre krausen Haare flogen, wochenlang ohne Pflege, ihr um die Schlaefen, dass sie fast unheimlich anzuschauen war und niemand mit ihr zu tun haben mochte. Im uebrigen tat sie ihre harte Arbeit ohne Murren, und so waren die Eltern wohl mit ihr zufrieden und liessen sie in allem gewaehren. Der Winter ging so hin. Als im Fruehling die Wiesen zu gruenen anfingen, kam sie eines Tages zum Vater und bat um seine Erlaubnis, auf eine Alpe ziehen zu duerfen, die hoechste und einsamste im Passeier. Der Vater, der von allen noch die klarste Ahnung ihres unseligen Gemuetszustandes hatte, willigte unbedenklich ein, und so war einen Sommer lang die schwarze Moidi voellig verschollen. Desto heftiger erstaunte alle Welt, als im Herbst die Herden von den Bergen heimkamen und das Geruecht mit ihnen ging: des alten Ingram Tochter habe einen Buben mitgebracht, ein so sauberes, bluehweisses und rosenfarbenes Kind, als nur jemals sich ohne Vater beholfen habe, mit schwarzen, aber gar nicht mohrenhaften Haerlein, ein wahrer Staatsbub. Auch sei die Moidi, trotz der Schande, ganz wohlvergnuegt, habe die Schlaege, mit denen die Mutter sie empfangen, ohne Klage hingenommen, dem Vater aber auf das haerteste Verhoer nicht beichten wollen, wer der Schuldige sei. In dem Schuppen, wohin die Mutter sie verstossen, damit sie den Schimpf nicht vor Augen haette, habe die Tochter sich darauf, so gut es ging, einen warmen Winkel fuer ihr Kind zurechtgemacht und sei Tag und Nacht nicht von ihm wegzubringen. Wem dies alles, zumal die geruehmte Schoenheit des Knaben, unglaublich schien, der hatte am naechsten Sonntag Gelegenheit, sich von der Wahrheit des Geruechts zu ueberzeugen. Denn am hellen Tage kam die Vielgeschmaehte vom Kuechelberg herab, das Kind wie im Triumph in den Armen in ihre besten Linnen und Tuecher gewickelt, und trug es mit herausforderndem Mutterstolz zur Taufe. Wenn einer sich ihr naeherte und neugierig nach dem kleinen Weltwunder schielte, stand sie sogleich still, schlug den alten Flor zurueck, der das schlafende Gesichtlein bedeckte, und sagte fast spoettisch: Gelt, moechst den schwarzen Pudel anschauen? Da, es ist nix Rares daran. Wo sollt's auch herkommen?--und dann lachte sie mit grosser Selbstgefaelligkeit in sich hinein, wenn der Beschauer, von der Zierlichkeit des Kindes ueberrascht, nichts zu sagen wusste, und setzte noch hinzu: 's ist halt nur ein schwarzer Pudel; man sollt' ihn in die Passer werfen, das waere das gescheitest'!--und lachte wieder auf eine so wunderliche Art, dass es schien, als habe der Muttersegen ihren armen Verstand nicht eben verbessert. Selten wohl ist eine Taufe in Meran unter so grossem Zulauf vonstatten gegangen. Als aber der Pfarrer nach den Taufpaten fragte, fand es sich, dass die Moidi diesen wichtigen Punkt gaenzlich uebersehen hatte. Niemand meldete sich auf die Frage, wer etwa in der versammelten Gemeinde dem Kinde diesen Liebesdienst erweisen wolle; denn es draengte sich keiner zu einem naeheren Verhaeltnis mit der Mutter, und die Grosseltern, der Schande auszuweichen, waren ein paar Stunden weit weg nach Lana zur Kirche gegangen. Da erhob sich endlich die zu allen Opfern der Naechstenliebe Bereite, die Tochter des alten Hirzer, die im vordersten Kirchstuhl kniete, trat an den Taufstein heran und nahm der Moidi das Kind aus den Armen. Diese Loesung des bedenklichen Knotens erschien allen als die einfachste, da die Hirzers-Ann mit dem ueberfliessenden Gnadenschatz ihres frommen Wandels der armen Suenderin am fueglichsten zu Hilfe kommen konnte. Und so wurde der Knabe, weil der Mesner, ebenfalls aushelfend, seinen Namen hergab, Andree getauft und mit grossem Gefolge von der glueckstrahlenden Mutter wieder durch die Stadt getragen, hinauf in den elenden Schuppen, wo er in der Nachbarschaft der Haustiere seine ersten Blicke in die Welt tun sollte. Es dauerte nicht lange, so sprach kein Mensch mehr von diesen immerhin denkwuerdigen Ereignissen, zumal da die Moidi sich nirgend sehen liess, nur fuer das Kind lebte und all ihre frueheren Narrheiten in die eine Leidenschaft der zaertlichsten Affenliebe versammelt zu haben schien. Denn wie frueher ihre eigene Person, so putzte und behing sie jetzt den kleinen Andree mit allem, was ihr irgend dazu dienlich schien. Man konnte sie droben auf einem schattigen Fleck stundenlang sitzen sehen, Kraenze windend fuer das Kind und aus alten bunten Seidentuechern seltsame Kleider fuer ihn zurechtstoppelnd, mit denen sie ihn wie eine Puppe aufschmueckte und stolz jedem Voruebergehenden zeigte. Da dies Treiben zwar auffallend, aber doch unschuldig war, liess man sie gewaehren. Nur der Joseph Hirzer legte den groessten Abscheu gegen sie an den Tag und verbot der Anna aufs strengste, mit ihrem Patenkinde irgendwelchen Verkehr zu pflegen. Die Moidi schien wenig danach zu fragen. Als ein Jahr darauf ihr einst so schmerzlich Geliebter sich mit einer steinreichen Bauerntochter aus Algund verheiratete, blieb sie ganz kalt und gab nicht das geringste Zeichen von Herzweh. Die ganze Vergangenheit bis zur Stunde, wo der Knabe auf die Welt kam, war aus ihrem Gedaechnis wie weggewischt, und auch von dem geheimnisvollen namenlosen Vater sprach sie nie, schien auch keinen Versuch zu machen, ihm Kunde von sich und dem Kinde zu geben. Da geschah es, dass erst ihre Eltern und dann die Brueder, einer nach dem andern, im Lauf eines Jahres hingerafft wurden von einer Seuche, die viele Opfer in diesen Taelern forderte. Nun war auf einen Schlag das Schicksal der schwarzen Moidi verwandelt. Denn wenn sie bei Lebzeiten der Geschwister zwar immerhin keine Armut zu fuerchten hatte, so war sie jetzt durch den Alleinbesitz des Hauses und der ansehnlichen Weingueter zu einer reichen Partie geworden; schade nur, dass die Mitgift ihrer dunklen Haut und der noch dunkleren ersten Liebschaft manchen Waehlerischen abschrecken musste. Aber der praktische Trieb, der hier im Volke maechtig ist, kam ihr dennoch zu Hilfe; ja sie hatte nicht einmal noetig, bei dem Freier, der sich ihr antrug, auch ihrerseits ein Auge zuzudruecken. Es war ein ganz schmucker Bauernsohn aus dem Dorfe Tirol, das unfern der beruehmten Feste gleichen Namens am Ende des Kuechelberges liegt wo die Wand der Muttspitze steil in die Hoehe steigt. Sein Vater hatte ihm zugeredet, und obwohl der Sohn nicht von den schnellsten Begriffen war, so war doch die ganze wichtige Sache mit wenigen Worten ins reine gebracht. So auch bei der Moidi. Sie schien es ganz in der Ordnung zu finden, dass auch sie jetzt, trotz allem Vorangegangenen, an die Reihe kam. Sie scherzte waehrend der Werbung mit dem kleinen Andree, der schon im vierten Jahre war und den fremden Burschen mit scheuen und trotzigen Augen betrachtete. Als aber dieser, wie ihm seine Mutter geraten hatte, eine grosse Tuete mit Zuckerwerk aus der Tasche zog und dem Kinde reichte, war das letzte Bedenken der Moidi besiegt. Zwar bei einem Vergleich mit dem Hirzerjoseph musste des Wolfharts Franz den kuerzeren ziehen. Sein flaches, rundes, behagliches Gesicht, mit weissblonden Haaren eingerahmt, erinnerte stark an die Madonnenbilder, die, wie durch die Schablone gemalt, an Haeusern, Torwegen und vollends in den Kirchen zahlreich uns begegnen. Aber die Moidi besass Schwarz genug, um in seine uebermaessige Helle Schatten zu werfen, und schien nicht zum wenigsten gerade durch die Werbung des Blonden sich geehrt zu fuehlen. Nach dem raschen, durchaus geschaeftsmaessigen Gang, den diese Dinge hier nehmen, zog der Franz schon vier Wochen spaeter als junger Ehemann in das Haus seiner Neuvermaehlten auf dem Kuechelberg, und damit war zum zweitenmal das wiedererwachte Gerede ueber die Schicksale der schwarzen Moidi verstummt und verschallt. Nicht fuer allzu lange Zeit. Ueber Jahr und Tag entspross dieser Ehe ein Maedchen, das nicht minder als damals der kleine Andree den teilnehmenden Nachbarn zu reden gab. Es war das leibhaftige Ebenbild des Vaters, schoen weiss und rot, mit schlichtem blondem Haar, der Mutter in keinem Zuge aehnlich, als dass sich frueh Anwandlungen einer phantastischen Gemuetsart, einer leicht beweglichen Einbildungskraft und weiblicher Eitelkeit an ihr zeigten, nur weniger ausschweifend als bei der Mutter und durch die grosse Anmut ihrer kleinen Person ins Liebenswuerdige gemildert, aber immerhin gefaehrlich, da es dem Kinde an einer festen Hand fehlte, die seinen Leichtsinn gezuegelt und die schoenen Wucherblumen aus der jungen Seele sorgsam ausgereutet haette. Denn kaum konnte die kleine Maria die ersten kindischen Schmeichelkuenste spielen lassen, so stahl sie der Mutter das Herz so vollstaendig, dass sie dem aelteren Bruder selbst das Pflichtteil der Barmherzigkeit mit entwendete. Er, der frueher der Abgott seiner Mutter gewesen, war nun auf einmal nicht allein ihrer Gleichgueltigkeit, sondern einer entschiedenen Abneigung, die sich mit den Jahren zu offenem Hasse steigerte, wehrlos preisgegeben. Es half nicht viel, dass der gutmuetige Pflegevater sich des Knaben annahm. Ja selbst, als die kleine Schwester heranwuchs und sich mit stuermischer Zaertlichkeit an den Bruder anschloss, vermochte sie, die sonst alles durchsetzte, den Widergeist der Mutter nicht zu bezaehmen. Vielmehr schien gerade ihre Fuersprache den unnatuerlichen Hass zu schueren, da sich nun eine Art von Eifersucht hinzugesellte, eine harte und boese Missgunst auf die liebliche Vertraulichkeit, mit der die Kleine dem ploetzlich Verstossenen begegnete. So viel freilich war durch das Dazwischenstehen der kleinen Maria dem armen Knaben gewonnen, dass er vor leiblicher Misshandlung geschuetzt wurde. Denn das erste Mal, wo sich die entartete Mutter an ihrem einstigen Liebling taetlich vergriff, war auch das letzte. Damals zuerst wurde die Kleine von jenem seltsamen Nervenkrampf befallen, von dem wir im Beginn unserer Erzaehlung ein Beispiel erlebt haben. Zum Glueck war der Vater zu Hause, um die widersinnigen Heilversuche zu hindern, mit denen die erschrockene Mutter auf das Kind einstuermte. Es gelang dem Bruder, durch sanftes Streichen mit seinen zitternden Haenden die Starrheit zu bezwingen, bis ihm das Kind schluchzend um den Hals fiel und endlich schlafend von ihm in die Bettkammer getragen werden konnte. Seit diesem Vorfall, dem bei anderen jaehen Anlaessen aehnliche folgten, erhob die alte Moidi bis zu jenem verhaengnisvollen Tage der Trennung nicht wieder die Hand gegen den Sohn. Ihre Abneigung wurde aber nur finsterer und gewaltsamer, weil sie nicht mehr in heftigen Szenen sich Luft zu machen wagte. Sie schien das Dasein des Knaben voellig verleugnen zu wollen, um sich einzig dem Maedchen zu widmen. Fuer diese war sie unermuedlich, Aerzte und Kraeuterwelber zu Rat zu ziehen, Wallfahrten zu machen, Messen lesen zu lassen und durch die schrankenlose Nachgiebigkeit ihr womoeglich jeden Anstoss aus dem Wege zu raeumen. Der schwache und weichmuetige Vater liess alles geschehen. Es war ihm nicht wohl in seinem Hause. Aber die Stadt lag ja so nahe zu seinen Fuessen, dass er die gruenen Buesche vor den Schenktueren bis herauf winken sah. So heiligte er gewissenhaft die zahlreichen Bauernfeiertage, von denen der tirolische Kalender ueber und ueber rot wird, und erzaehlte jedem, der es hoeren wollte, mit ahnenstolzer Gemuetsruhe, dass drei aus seiner Familie in den letzten fuenfzig Jahren am Delirium gestorben seien, was nicht die schlimmste Todesart sei. Seinem Weibe war er laengst gleichgueltig. Sie liebte niemand auf der Welt als das blonde Kind. Auch wurde sie dem Verkehr mit Nachbarn und Verwandten mehr und mehr entfremdet, da ihre unnatuerlichen Schrullen den Leuten vollends ein Grauen erweckten. Das Haus lag einsam auf dem nackten Felsgrunde, ganz abseits von der Strasse, die sich um den Kuechelberg hinauf nach Dorf Tirol windet. Niemand sprach sie im Voruebergehen an; zu niemand ging sie; in der Kirche, die sie vor Tage besuchte, blieb der Platz neben ihr leer. Es war unter solchen Umstaenden nicht zu verwundern, dass der Joseph Hirzer jede Annaeherung an die Moidi und ihr Haus von Jahr zu Jahr standhafter vermied, seiner Schwester unerbittlich den Weg abschnitt, wenn ihr Gewissen sie antrieb, sich nach ihrem Taufpaten umzusehen, und seinen eigenen Kindern, die mit Andree und der blonden Moidi in der Schule zusammentrafen, aufs strengste verbot, zu Hause von ihnen zu erzaehlen. Er selbst war in allen Stuecken maechtig emporgekommen, galt fuer einen der wackersten Haushaelter, eifrigsten Weinzuechter und rechtschaffensten Ehrenmaenner, waehrend seine Schwester in gleicher Weise zunahm an Gnade bei Gott und den Menschen, zumal sie ihr ganzes Vermoegen im Testament an Kirchen und Kloester vermacht hatte, wofuer die Priester ihr verhiessen, dass sie unfehlbar "von Mund auf in den Himmel kommen wuerde". Ihr Bruder hatte da wohl nicht einreden duerfen. Sein Sohn und die drei stattlichen Toechter waren auch ohne jede Erbschaft von der Tante hinlaenglich versorgt durch die bluehenden weiten Gueter beider Eltern. Und als ihre Mutter, die Erbin von Algund, noch in guten Jahren starb, trat die Tante Anna an ihre Stelle und sorgte durch liebevolle Pflege dafuer, dass ihres Bruders Kinder auch ohne jedes klingende Vermaechtnis sie in gutem Andenken behalten mussten. Die Kinder aber, obwohl sie den Vater fuerchteten, konnten ihm doch nicht so blindlings gehorchen, dass sie auch in der Schule zu Meran dem Andree und seiner Schwester ausgewichen waeren. Moidi, mit ihrem leichten, lachlustigen Sinn, kam ihnen, wie allen, die sich ihr freundlich zeigten, ganz ungebunden entgegen; Andree duldete sie wenigstens, da er von der Tante Anna, seiner Pate, wusste, dass sie so heilig sei und nur der Mutter wegen sich nicht um ihn bekuemmern duerfe. Im uebrigen war er ein schweigsamer, sinnender, leicht aufbrausender Knabe, der am liebsten sein Wesen fuer sich hatte und frueh eine ganz befremdliche Eifersucht auf die Schwester an den Tag legte. Es war ihm am wohlsten an Feiertagen, wenn sie droben in der luftigen Einsamkeit ohne fremde Kinder den ganzen Tag beisammen blieben und die Kleine sich fuer niemand putzte als fuer ihn allein. Sie hatten unter einem ueberhangenden Felsstueck, wo wilde Beeren in Fuelle wuchsen und die rauhe Wand dicht mit Efeu verkleidet war, ihre Einsiedelei errichtet, mit vielen wichtig behueteten und nur von den Eidechsen ausgespuerten Verstecken fuer ihre kindischen Siebensachen. lm Hochsommer, wenn das Rebenlaub bis an den Fuss ihres Schlupfwinkeis wucherte, sassen sie da halbe Tage lang, und die Kleine reihte unermuedlich mit spitzer Nadel die blanken gelben Maiskoerner auf lange Faeden, woraus ein lustiges Geschmeide entstand. Waren die. Ketten fertig, so kniete der Bruder vor Moidi hin und schlang ihr den Schmuck in kuenstlichen Ringen um Stirne, Hals und Arme. Dabei hatten sie allerlei konfuse, andaechtige Vorstellungen, und die Geschmueckte fuehlte eine dunkle Wonne, sich angeschaut und bewundert zu wissen, wohl gar etwas vom Heiligenschein um ihren toerichten Kindskopf zu tragen. Der Bub war noch feierlicher, und wehe dem, der in solchem Augenblick dazu gekommen waere und seine Huldigung gestoert haette. Der Schwester selbst nahm er es jedesmal uebel, wenn sie ploetzlich zu lachen anfing und aus Uebermut und Langeweile die gelben Kettchen zerriss, dass die Koerner eilfertig den Berg hinabrollten, und sie sich nach einem andern Spiel umsehen mussten. Die ersten Jahre liess sie die Mutter bei all ihren Heimlichkeiten und vertrauten Schleich- und Schlupfwegen ungestoert. Als aber der Andree groesser wurde und mit seinem scharfen Auge und seinen fragenden Mienen immer verwundener und vorwurfsvoller ihrem Hass gegenueberstand, suchte sie ihn der Kleinen durch allerlei boese Reden und schwarze Verdaechtigungen zu verleiden und ergriff jede Gelegenheit, die Kinder zu trennen, mit gehaessiger Schadenfreude. Sie lag ihrem Manne sogar an, den unnuetzen Buben, der doch keine Lust am Arbeiten habe, zu dem Zehnuhrmesscr zu tun, dass der ihm Unterricht gebe und einen Geistlichen aus ihm mache. Da der Knabe einen aufgeweckten Verstand und grossen lerneifer in der Schule gezeigt hatte, leuchtete der Plan beiden Maennern ein, und Andree zog in die Stadt hinunter zu dem geistlichen Herrn. Er war sehr still und traurig beim Abschiede von der Kleinen, die aber lachte und von der Trennung nichts begriff.--Der Hilfspriester wohnte unten in der langen Laubengasse Merans, die ihren Namen hat von den zwei Reihen steinerner Arkaden, in welche die Sonne keinen Zugang findet. Die schmalen Haeuser mit winkligen engen Hoefen und duesteren Treppenfluren, meist uralt und die wenigsten sauber gehalten, haben eine betraechtliche Tiefe, und an die Hintergebaeude stossen nach Norden zu weite Weingaerten, bis an den Fuss des Kuechelberges, nach Sueden oeffnen sie sich gegen die Stadtmauer. Hier sind hellere Raeume, und man blickt aus den Fenstern auf die Wassermauer und ueber den Fluss hinweg ins breite Etschtal hinaus. Auch das bescheidene Quartier des Hilfspriesters genoss diesen Vorzug. Aber der Knabe, an die freie Luft oben auf der Hoehe gewoehnt, schien sich dennoch ein Gefangener. Ja, er haette wohl gern seine sonnige Dachkammer mit einem finsteren Nordfensterchen vertauscht, von dem aus er den Berg und die kleine Felshoehle oben ueber den letzten Reben, den Ort seiner Kinderspiele, haette sehen koennen. Er verstummte noch mehr als sonst, trotz alles Zuredens seines freundlichen Lehrmeisters. Das Lernen war ihm ploetzlich verleidet; er ass wenig und schlief schlecht, so dass er in vier Wochen blass und hohlaeugig wurde. Und eines Tags kam er zu seinem Lehrer und erklaerte ihm, er werde sterben, wenn man ihn laenger in der Stadt halte. Den Namen seiner Schwester hatte er nie genannt. Aber es war dem mitleidigen Seelsorger klar, dass ihn ein brennendes Heimweh nach ihr nage, und bestuerzt uebernahm er es, der Mutter die Notwendigkeit der Rueckkehr vorzustellen. Die Alte wuetete und schalt und wollte nichts davon hoeren. Am Abend desselben Tages aber klopfte der Knabe drohen in der Huette wieder an, und nach einem leidenschaftlichen Auftritt, der wieder mit einem Krampfanfall der kleinen Marie endigte, ergab sich die Mutter in das Unabaenderliche, unter der Bedingung, dass der entlaufene Student dem Vater Knechtsdienste tun und sein Lager in einem Winkel des Schuppens hinter dem Hause aufschlagen musste. Die Kleine war sehr gluecklich, ihn wieder zu haben, und er selbst schien um diesen Preis keine Entbehrung und Zuruecksetzung zu hart zu finden. Er war nun anstellig zu allem, was ihm der Pflegevater auftrug, arbeitete in den Weinbergen, liess sich willig ueber Land schicken und sah die Mutter nur bei den Mahlzeiten, wo zwischen beiden nie ein Wort gewechselt wurde. Da er kein Geld erhielt und an Kleidern nur das Notduerftigste, blieb er von den anderen Burschen seines Alters, von den Schenken und Kegelbahnen ein fuer allemal weg und schien nichts daran zu entbehren. Denn an den Feiertagen pflegte er mit der Schwester nach wie vor lange Stunden hindurch zusammenzusitzen, und obwohl beide heranwuchsen, er ein kraeftiger Juengling wurde und sie laengst den Burschen ein Ziel mancher zaghafteren oder dreisteren Werbung, war ihr Verkehr doch noch ein kindischer, ihr Gespraech ein toerichtes Geplauder. Sie tat, was sie nur wusste und konnte, sein hartes Leben zu erleichtern, brachte ihm von allem, was sie etwa an guten Bissen von der Mutter erhielt oder, da sie naeschig war, sich in der Stadt kaufte, seinen bruederlichen Anteil, und wenn er jenes verschmaehte, nahm er doch ihre eigenen Gaben mit sichtbarer Freude. Oft nach einem schweren Arbeitstag, besonders in der Zeit der Lese, wenn die Sonntagssonne in seinem fensterlosen Schuppen ihn nicht zu wecken vermochte, schlich sie zu ihm hinein und sass im Dunkeln neben seiner Streu, die nur durch ein schlechtes Laken und eine Pferdedecke zu einem Bette wurde. Sie hatte ihren Spass, wenn er im Dunkeln nicht begriff, dass sie bei ihm war, und ihre Hand, die ihm in den Haaren zauste, schlaftrunken abzuwehren suchte, als komme ihm etwa eine Feldmaus zu nahe. Wachte er dann auf, so hoerte er ihr helles Lachen neben sich und lag nun wohl noch eine Weile in verstelltem Schlaf, um ihre Neckereien. laenger zu erleiden. Sie tat es nicht anders, als dass er sie zur Kirche begleiten musste, wo er dann von den Burschen, die sich ihr naeherten und die sie zu verscheuchen gar keine Lust bezeigte, manchen eifersuechtigen Stich ins Herz empfing. Hier begegnete er auch oft seiner Patin, der Tante Anna, und haette sich ihr, da sie ihn stets mit einem stillen und freundlichen Auge gruesste, gern genaehert. Aber der Joseph Hirzer, der dann Wache hielt, liess durch sein starres Anblicken deutlich erkennen, dass er sich jede Annaeherung des vaterlosen Burschen verbitte. Und so blieb es auch zwischen den Kindern bei einem gelegentlichen Gruss, obwohl die Moidi oefters dem Bruder mit Lachen erzaehlte, dass die Rosina, des Hirzers juengste Tochter, die nach der Verheiratung ihrer beiden Schwestern noch allein im Hause blieb, wieder einen so langen Blick nach ihm getan habe und sicherlich in ihn verliebt sei. Jedesmal, wenn hiervon die Rede zwischen ihnen kam, oder eine Hochzeit das Tagesgespraech war, wurde der Juengling doppelt nachdenklich und brach eilig ab. Ihm selbst schienen alle Maedchen eher unbequem und alle Liebesscherzreden ein Abscheu zu sein. Ob er darueber nachdachte, jemals ein eigenes Hauswesen zu gruenden, war nicht zu entraetseln. Aber mit einem seltsamen Ausdruck tiefer Angst sah er der Schwester ins Gesicht, sooft deren leichtsinnige Gedanken bei ihrer Zukunft verweilten und eine Trennung von ihm ihr als eine Moeglichkeit erschien, die doch wohl zu verwinden waere. Du bist ein Kind, sagte er dann. Wer darf dich heiraten? Die Maenner sind alle schlecht und Ehstand ist Wehstand. Du sollst bei mir bleiben, ich will schon fuer dich schaffen und dir ein gutes Leben machen. Was schwatzest du von anderen? Eh' mir einer gut genug ist fuer dich, muss die Passer den Ifinger hinanfliessen. Sie lachte zu solchen Reden und liess sie sich gefallen, weil sie ihr schmeichelten. Auch schien keine ernste Neigung in ihrem leichten Sinn wurzeln zu koennen. Die Mutter tat das ihrige, Freier, die sich von ferne blicken liessen, zurueckzuschrecken. Und so blieb durch viele Jahre droben auf dem Kuechelberg die wunderliche Gesellschaft beisammen, und keine Aenderung war abzusehen. Da erlag eines Tages der Mann dem Einflusse jenes Sterns, der schon seinen wuerdigen Vorfahren zu Grabe geleuchtet hatte. Er starb im Saeuferwahnsinn. Von dem Tage an war das eifrigste Bestreben der Witwe darauf gerichtet, den Sohn aus dem Hause zu schaffen. Eine naehere Schilderung jenes boesen wilden Auftrittes, der ihr zum Ziele verhalf, wird uns gern erlassen werden. Die Geschwister trennten sich; die blonde Moidi hatte keinen Mut, dem Bruder zuzureden, sich einer zweiten Misshandlung auszusetzen. Geh nur, sagte sie. Es ist besser so. Ich verlass' dich schon nicht. Du weisst ja, ich mach' mit ihr, was ich will, und wenn sie mir das Tuerl versperrt, spring' ich zum Fenster hinaus und lauf zu dir. Auch hielt sie Wort. Aber was half's ihm, dass keine Woche verging, wo sie ihn nicht aufsuchte, ungerechnet ihr Wiedersehen an den Sonntagen? Taeglich, stuendlich war er ihre Naehe gewohnt gewesen. Jenes kindische Heimweh, das ihn vom Zehnuhrmesser fortgetrieben hatte, wuchs ihm oft genug, wenn er nach heisser Arbeit unter den Kastanienzweigen sass, so unbezwinglich ueber den Kopf, dass er den schroffen Abhang des Berges dicht ueber dem Dorfe Gratsch hinanstuermte, um nur vor Schlafengehen noch das Dach des Haeuschens zu sehen, oder gar etwas, das dem Maedchen selber glich. Auch geschah es mehr als einmal, zumal an Feiertagen, wenn sie an den verabredeten Ort nicht kam, dass er in fiebernder Eifersucht die Wege nach ihrem Hause bewachte, ob etwa ein Besuch sie zurueckhalte. Er lag dann foermlich im Hinterhalt. Kam ein Bursch vorbei, bergab schreitend, so stellte er sich schlafend, um seine Mienen auszukundschaften. Ihm war unselig dabei zu Mut. Eine Ahnung daemmerte in ihm auf, dies alles sei nicht recht und loeblich. Warum goennte er der Schwester nicht, was allen Maedchen zukam, Freiheit in Wuenschen und Neigungen? Mit heisser Angst jagte er diese Gedanken von dannen, die immer zudringlicher zurueckkamen. Freilich ihr Vater war nicht der seine. Aber waren sie darum weniger Geschwister? Oft genug kam es ihm auch, dass er fort muesse, dass es ihm draussen leichter ums Herz werden wuerde. Was stand ihm auch im Wege? Was hielt ihn? Hier nicht besser als in der weiten Welt musste er sich hart durchs Leben schlagen. Und wer weiss, er konnte wohl seinen Vater draussen antreffen; es war in aller Weise das ratsamste, die Luft zu veraendern. Wenn er nur zum ersten Schritt die Kraft erschwungen haette! Von neuem waelzte er diese Gedanken, als er heut unter den Reben bei der Schlafenden sass und das Spiel des Sonnenstrahls auf ihrer Stirn bewachte. Die Erschuetterung, von der sie nun erquicklich und erinnerungslos ausruhte, zitterte ihm noch durch alle Adern, und der Anblick ihrer unschuldigen Ruhe mehrte nur seine Verwirrung. Er suchte in sich nach dem Mut, jetzt ein feierliches Geluebde zu tun, das ihn forttriebe von hier, wo die natuerlichsten Bande sich so unheilvoll verstrickt hatten. Neben ihr begriff er nur zu gut, wie noetig es sei, zu fliehen. Aber wenn er darin wieder allein war, fuehlte er, dass es unmoeglich sei. Er ruehrte die Schlafende nicht an, er hatte seit seinen Kinderjahren nicht mehr gewagt, ihren roten lachlustigen Mund zu kuessen. Aber die Scheu, mit der er sie betrachtete, war mit einer dumpfen, leidenschaftlichen Qual gemischt, und ihr leichter Atem, der sein Gesicht streifte, trieb ihm das Blut heftig zum Herzen. Es ward schon abendlicher draussen, denn der Marlinger Berg im Westen verbirgt die Sonne frueh. Die Schlaeferin erinnerte sich jetzt, richtete sich im Grase auf und sah mit grossen Augen umher. Als sie den Bruder neben sich erblickte, lachte sie ihn freundlich an. Wie lange hab' ich geschlafen? sagte sie verwundert. Wie kam es denn, dass ich mich hier niedergelegt hab'? Es war heiss, sagte er. Nun aber geh nach Haus, Moidi. Ich muss drueben nachschauen, ob alles in Ordnung ist. Sie stand auf und gab ihm die Hand. Gute Nacht, Andree, sagte sie hastig, denn eine Erinnerung an das Vorgefallene stieg dunkel in ihr auf. Uebermorgen ist Sonntag. Du kommst doch in die Kirche? Nein, Moidi. Du weisst ja, dass ich auf dem Posten bleiben muss, solang' ich den Saltner mache. Es ist wahr, erwiderte sie nachdenklich. Ich komm' aber schon wieder zu dir. Gute Nacht! Er kaempfte mit sich, ob er sie bitten solle, nicht mehr zu kommen. Aber ehe er sich entschliessen konnte, war sie schon auf und davon. Am Ausgang der Laube stand er und sah ihr nach, wie sie behende das steile Treppchen hinanstieg. Der lange hundertfaltige Rock bewegte sich zierlich um ihre Knoechel, bei jedem Schritt wie ein Faecher die Falten oeffnend und wieder zusammenschlagend. Von oben winkte sie noch einmal zurueck mit der Hand. Er gruesste nicht hinauf; das Gelaender zitterte, an dem er angelehnt stand, und ein Seufzer, den er lange verhalten hatte, befreite ihm doch nicht seine beklommene Brust. In diesem Augenblick hoerte er einen raschen Maennerschritt von unten heraufkommen und erkannte einen seiner Kameraden, einen langbaertigen starken Burschen, ebenfalls mit dem Trutzhut ausgeruestet, statt der Hellebarde eine grosse Fichtenkeule in der rauhen Faust, deren wuchtiges Ende er lustig winkend schwang. Andree! sagte er, als er ihm nahe genug war, wie ist's auf die Nacht? Soll ich mit dir wachen? Du hast mit dem Welschen zu tun gehabt, hab's wohl gemerkt. Und sei gewiss, er schenkt dir's nicht und bringt auch wohl Verstaerkung mit. Schau, da hab' ich was, um den Hunden den Spass zu versalzen!--und er zog aus der Brusttasche seiner Lederjoppe eine kleine Pistole und liess den Hahn knacken. Ich dank', Koebele, erwiderte Andree. Der Welsche ist feige wie die Suende. Allein kommt er einmal nicht, und wenn's ein ganzer Haufen ist, sind wir zwei doch zu schwach gegen sie. Ich gebe dann das Zeichen, und du magst's den andern sagen, dass sie fein aufpassen. Das Ding da--er wies auf die Taschenpistole--lass aber in Frieden. Bei der Dunkelheit hat's keinen Schick, und du verpuffst bloss das Kraut. Fassen wir einen, so taugt ihm die Jacke voll Schlaege besser als so ein Loch in der Haut, das er nachher vorweisen kann gegen uns. Wie du meinst, gab der Bursch zur Antwort. Es ist halt nur auf alle Faelle. Ich wollt' aber, sie kaemen. Sie haben eine schoene Rechnung bei mir auf der Kerbe, und der Hans ist auch ganz fuchtig auf die Halunken. Einmal muessen wir's ihnen eintraenken. Andree schwieg, und der Baertige stieg mit einem kurzen Gruss wieder hinab. Man war schon gewohnt, den Verschlossenen gewaehren zu lassen und sich ihm nicht aufzudraengen. Nun war die Sonne hinter den Berg gegangen, aber noch Stunden waehrte es, bis die Nacht die Herrschaft gewann. Denn zur Rechten hoch aus dem Vintschgau zustroemend und drueben bis an den Guertel des Ifinger hinab waltete noch die Tageshelle, und ein blaeulicher Duft woelkte sich ueber dem Flusse hin, hie und da von einem Sonnenstreifen durchschossen, der hinter der Bergwand sich in die Taeler hereinstahl. Die Hirten trieben unten in den Wiesen ihre Herden zusammen, und alle Wege zu den Doerfern hinauf belebten sich mit schoenen falben Kuehen, die ueber Tag an den Baechen unten geweidet hatten. Im Sueden aber die Trientiner Berge und die schoene, kuehn hereinblickende Mendelspitz verschleierten sich unter den feuchten Duensten, die der Schirokko ins Tal heraufwehte. Spaet erst kam ein schmales Stueck des Mondes hervor, warf einen unsicheren Blick in die stille Tiefe und verschwand alsbald hinter der schweren Feuchte, die sich traege an den Bergen hintrieb. Das letzte Geraeusch in der Stadt, wo der Feierabend fruehzeitig eintritt, das letzte Gelaeut von den Tuermen hueben und drueben verklang. Nur die raschen Bergwaesser rauschten, und von ferne summte der Suedwind daher, trieb den Staub am Wege in leichten Wirbeln auf und raschelte durch die Blaetter des vergangenen Herbstes. Auch das ward still, als es gegen elf Uhr ging, und nun hing die regungslose schwarze Nacht, ohne Sterne, ohne einen Hauch, feucht und warm ueber der Erde und goss ihren Schlaftau auf die tausend Augen. Die Weinhueter schliefen nicht, und sie wussten warum. Es war nicht die erste mondlose Nacht, in der freche Diebe Einbruch in die Rebengaenge versucht und schweren Schaden veruebt hatten. Oben bei seiner Maisstrohhuette sass Andree, rauchte aus der kleinen Pfeife und griff im Dunkeln oefters nach dem Kruge, den sein Herr ihm auf die Nacht frisch hatte fuellen lassen. Die schweren Regentropfen, die einzeln durch das Blaetterdach auf ihn eindrangen, fuehlte er kaum in seinen dichten Haaren. Er horchte aber unverwandt nach der Stadt hin, und als es elf geschlagen, hob er sich leise empor und schlich an eine Stelle dicht ueber der Strasse, wo die Laube durch grobe Kuerbisblaetter und ein vortretendes Maeuerchen zu einem Spaehewinkel ausgebaut war. Hier duckte er sich hinter die Steine, die Hellebarde bequem zur Hand, und zuendete eine neue Pfeife an. Sein Blut war viel ruhiger als ueber Tag. Es tat ihm wohl, dass er zu tun bekam, dass er seine heisse Unruhe an einer Gefahr austoben konnte. Denn dass der Welsche die Nacht nicht vorueberlassen wuerde, ohne Rache zu versuchen, stand ihm fest. Aber der Feind liess sich Zeit; er schien die Waechter sicher machen zu wollen. Man hoerte die Mitternacht vorn Turm schlagen, und noch regte sich nichts. Einer der Saltner, der das Nachbargut huetete, strich bei seiner Runde an Andree vorbei. Heut kommen sie nicht, sagte er. Ich geh' hinauf in die Huetten. Passiert was, so brauchst nur pfeifen. Gute Nacht! murmelte Andree. Es war ihm lieb, dass der Kamerad zu schlafen vorzog. Er haette am liebsten ganz allein Mann an Mann mit dem Welschen zu tun gehabt. Wieder eine halbe Stunde verging, da horchte ploetzlich der Einsame hoch auf. Unfern von ihm, wo ein Bauernhof zwischen den Weinguetern sich an den Berg lehnte, erscholl ein gewaltiges Bruellen, und gleich darauf stuermte unter heftigem Krachen zersplitternder Gelaenderstaebe eine dunkle Masse heran, die nichts Menschlichem glich. Der Lauschende sprang auf seine Fuesse, das Herz klopfte ihm, unwillkuerlich schlug er ein Kreuz. Stufen und Mauerwerk trennten ihn von der Laube drueben, im Nu stand er auf dem Rande der Brustwehr und spaehte, auf die Hellebarde gestuetzt, atemlos in das nachbarliche Revier, aus dem der Laerm erscholl. Es kam naeher und naeher, ein Geheul wie von einem angeschossenen Tier in der Wildnis, das wuetend den Jaeger sucht. Und jetzt donnerte es drueben dumpf gegen die Mauer, die Steine wichen aus den Fugen, stuerzten prasselnd die Stufen hinab, und nach stuerzte durch die Bresche, sich ueberschlagend im Fall, das raetselhafte Ungetuem mit solcher Gewalt in den Treppenhohlweg hinunter, dass die Mauer, auf der Andree stand, wie von einem Erdbeben erschwankte. Sofort wurde alles still, nur ein schwaches Gestoehn drang zu den Ohren des Lauschenden aus der Tiefe herauf, wo die schwere Masse zusammengestuerzt war. Der Bursch war nicht mehr im Zweifel darueber, dass es eine von den Kuehen des Nachbarn sei, deren Stall an den Rebengarten grenzte. Ein grimmiger Verdacht loderte in ihm auf. Er pfiff zweimal gellend auf den Fingern, sprang dann hinab und schwang sich ueber die Mauer auf die Strasse. Das gestuerzte Tier lag am Rande des Weges halb zwischen den Steinen eingeklemmt und schlug mit den Beinen um sich, die Hoerner in den Boden einwuehlend. Doch schien es von der Qual befreit, die es vorhin durch die Lauben gehetzt hatte; es stiess nur dann und wann ein dumpfes Bruellen aus, als wollte es Hilfe herbeilocken, und war zahm und geduldig, als Andree herantrat. Drei oder vier von den anderen Burschen kamen jetzt von verschiedenen Seiten herbei, sie wechselten heftige halblaute Reden, ehe sie Anstalten machten, dem Tier wieder auf die Beine zu helfen. Andree schwieg und spaehte am Boden umher. Ploetzlich hob er mit dem Eisen seiner Waffe etwas Glimmendes vom Boden auf. Es ist richtig! sagte er, ich dachte mir's gleich und roch es, wie ich herunterkam. 's ist eins ihrer Bubenstuecke. Da seht! Er hielt ihnen ein Stueck Zunder hin, das trotz der Feuchte immer noch fortbrannte. Schandvolk! brauste er auf. Sie haben's der unschuldigen Kreatur ins Ohr gesteckt, um sie rasend zu machen. Waere sie nicht zu Fall gekommen, so haett' sich's durchgebrannt, bis ins Hirn, und sie waer' jetzt fuer den Schindanger reif. So hat sich's herausgeschuettelt, und der Bauer kann von Glueck sagen. Haett' ich den Buben, heiliges Kreuz--! Der Koebele knackte am Hahn seiner Pistole. Willst du mit mir kommen, Andree? Nein. Lass das Ding da in Ruh, gab der Bursch finster zur Antwort. Macht, dass ihr die Kuh wieder zum Stehen bringt und schafft, sie heim. Ich will allein gehen. Er sprang mit grossen Saetzen geraeuschlos durch die Weiden gegenueber und ueber das Wiesen- und Sumpfland; eine wilde Kampflust gluehte in ihm, die alle seine Sinne schaerfte. Der Regen fiel jetzt gleichmaessig und mit starkem Rauschen herab, und der Wind sauste staerker. Dennoch hoerte Andree, als er dem Stadttor naeher kam, ferne Schritte unter den Weiden und sah jetzt auch, weit voraus, zwei fliehende Gestalten und erkannte mit kaum verhaltenem Jauchzen die weissen Jacken der verhassten Feinde. Kaum hundert Schritte noch, so hatten sie das Tor erreicht. Aber sie kamen langsam von der Stelle. Der eine--er war jetzt nahe genug, es deutlich zu unterscheiden--hinkte muehsam am Arme seines Kameraden hin. Das Tier mochte sich mit seinen scharfen Hoernern zur Wehr gesetzt haben. Sie sprachen im Gehen von ihrer Untat, der Hinkende lachte eben mit einer Stimme, die dem Raecher vom Morgen her nur zu gut bekannt war. Aber das Lachen ward jaehlings zu einem Schrei des Entsetzens. Denn von einem wuetenden Schlag der Hellebarde getroffen, stuerzte der Elende in die Knie und winselte um Pardon. Ein neuer Stoss streckte ihn stumm zu Boden. Sein Geselle, der ihm beispringen wollte, wurde von zwei staehlernen Faeusten gepackt, ein wildes Ringen begann in der Finsternis, keiner sprach ein Wort, nur die Zaehne der erbitterten Gegner knirschten, und sie starrten einander dicht ins Weisse der Augen. Da sah der Soldat seinen Vorteil und draengte den Feind dicht an den Rand des Grabens, dass ihm der Fuss auf dem schluepfrigen Boden ausglitt und er ruecklings niedertaumelte. Ehe er sich wieder aufgerafft hatte, war der Weissrock entsprungen, und Andree stand einsam neben dem regungslos daliegenden Welschen, der auf alles Rufen und Ruetteln kein Lebenszeichen mehr von sich gab. Er ist hin! sagte der Bursch laut fuer sich, da ihm die leblose Masse wieder aus den Armen glitt. Bei dem Ton seiner eigenen Worte schauderte er unwillkuerlich zusammen. Sein ganzes elendes Leben stand ihm ploetzlich vor der Seele. Nicht der Totschlag war es, der ihm so grauenvoll aufs Gewissen fiel. Sie waren als ruchlose Raeuber bei naechtlicher Weile eingebrochen, und was sie traf, war gerechte Rache fuer ihre Heimtuecke. Wenn der andere Weissrock, der entflohene, der ihm voellig fremd war, so vor ihm dagelegen haette mit zerschelltem Hinterhaupt, das Gesicht in die Lache seines eigenen Blutes gedrueckt, waer' es dem trotzigen Burschen wohl schwerlich nahegegangen. Aber dass es dieser sein musste, den er gehasst hatte, gehasst, weil die Moidi ihm freundlich gewesen war--seine Schwester--!--Das Blut schien ihm zu Eisklumpen zu gerinnen, wie er es jetzt zum erstenmal mit unbarmherziger Klarheit vor sich stehen sah, sein fluchwuerdiges Schicksal. Mit Rache- und Blutgedanken hatte er am Wege gelauert den ganzen Tag und die halbe Nacht. Was war ihm der Frevel an den Rebstoecken und dem unschuldigen Tier? Einen ganz anderen Frevel hatte er zu raechen: dass dieser verwegene Gesell mit dem Maedchen schoen getan, dass das Maedchen ueber seine Reden gelacht, dass sie ihn gegen den Zorn des Bruders jetzt so verteidigt hatte. Darum hatte er buessen muessen, darum lag er jetzt so still in seinem Blut, und der vor ihm stand, war kein Hueter des Gesetzes, sondern ein Moerder, geaechtet von seinem eigenen Gewissen. Der Koebele kam jetzt heran, und sein Schritt schreckte den hoffnungslos Bruetenden auf. Er sprach kein Wort auf alles, was der andere redete und rannte. Er bedeutete ihm mit stummen Gebaerden, dass sie den Toten aufheben und in das Kapuzinerkloster tragen wollten, das hart am Tor von Meran ueber die Mauer blickt. Erst dort an der Klosterpforte, als sie ihre Last auf der Schwelle abluden, sagte er dumpf: Zieh an der Glocke, Koebele, und wart, bis sie aufmachen. Kannst ihnen sagen, dass ich's getan hab'. Und behuet dich Gott; mich wirst nimmer wiedersehen.--Damit wandte er sich kurz ab und verschwand in der dunklen Strasse. Es war ihm eilig mit dem, was er vorhatte, doch konnte er nur langsam seine Glieder weiterschleppen, so schwer laehmten ihn seine Gedanken. Als er die finstern Bogengaenge der "langen Lauben" betrat, wo er vor dem Regen geschuetzt war, setzte er sich auf einen der Steinsitze und lehnte das schwere Haupt gegen den Pfeiler. Hier sass ueber Tag das alte Muetterchen, das auf seinem Kohlenofen Kastanien briet. Die Erde war noch mit Schalen bestreut, die unter Andrees schweren Naegelschuhen krachten. Wie oft hatte er hier seinen Hunger gestillt, wenn er zu stolz gewesen war, die eigene Mutter um Essen zu bitten! Und dort, wenige Haeuser aufwaerts, war der Laden des Zuckerbaeckers, dem die Moidi ihre Sparkreuzer hinzutragen pflegte. Er sah noch deutlich das grosse Herz von Biskuit, das erste Naschwerk, das sie sich selber gekauft. Sie hatte es mit ihm teilen wollen und, da er's ausschlug, in die Passer geworfen, obwohl sie es sehr gern gegessen haette; denn sie weinte, als sie es getan hatte. Noch jetzt, da er an diese kindischen Traenen zurueckdachte, fuehlte er eine triumphierende Freude, dass er so viel Gewalt ueber ihr leichtsinniges, trotziges Herzchen gehabt hatte, und in demselben Augenblicke erschrak er ueber diese seine Freude. Er sprang verstoert wieder auf und tappte sich vorwaerts in dem oeden Hallengang, bis er an das Haus kam, wo der Zehnuhrmesser wohnte. Die Haustuer war unverschlossen, der Flur mit der morschen winkligen Treppe so dunkel, dass jeder fremde Eindringling Gefahr lief, den Hals zu brechen. Andree stieg auf den Zehen hinauf, er kannte jede Stufe. Die Fledermaeuse schwirrten auf, als er oben unters Dach trat, wo der geistliche Herr sein Quartier hatte. Da stand er eine Weile an der Tuer und horchte, ob er ihn drinnen im Schlaf atmen hoerte. Darin entschloss er sich einzutreten. Das Zimmer aber war leer; auch in der anstossenden Kammer, wo er selbst als Knabe gehaust hatte, fand er ihn nicht. Und als ob er sich jetzt erst recht von Gott und Menschen verlassen fuehlte, setzte er sich auf das unberuehrte Bett und dachte von neuem an all die Jahre zurueck und bruetete ueber finsteren Entschluessen. Die grosse Katze, die Haushaelterin des Zehnuhrmessers, schlich sacht heran, denn sie hatte ihn wohl erkannt, und knurrte schmeichelnd um ihn herum. Jetzt sprang sie ihm auf den Schoss und rieb ihren weichen Ruecken gegen seine Brust. Da stuerzten ihm die Traenen mit Gewalt aus den Augen, und er begrub das Gesicht in das seidene Fell des alten Lieblings. Als er sich so erleichtert hatte, hob er das Tier sanft von den Knien herab, richtete sich auf und tastete die schwanke Stiege wieder hinunter. Denn draussen schlug es ein Uhr, und er durfte nicht zaudern, wenn er sein Vorhaben ungehindert ins Werk setzen wollte. Er schlug den Weg ein, den sein geistlicher Freund am Morgen hatte gehen wollen, nach dem Schloss hinauf, wo der Hirzer wohnte. Der Zehnuhrmesser war dort besonders gern gesehen; er mochte sich droben in geistlichen Gespraechen mit der Tante Anna oder bei einer Weinprobe verspaetet haben und ueber Nacht geblieben sein. Wenigstens wuerden sie dort wissen, wohin er sich gewendet habe. So durchschritt der Fluechtling mit freierem Fusse die Laubengasse und das Passeirer Tor und betrat den steinernen Steg ueber die wilde Passer. Der Regen rieselte jetzt weicher herab, das Gewoelk wurde luftiger, und der Wind kam lebhaft aus Nordost und klaerte schon ein Stueck des Himmels, dass schwache Mondstrahlen in die schaeumenden Wellen der Felsschlucht fielen. Da zur Linken den Berg hinauf, eine Viertelstunde Wegs, und er haette in das Fenster spaehen koennen, hinter dem seine Schwester schlief. Und hier ueber die steinerne Brustwehr hinab--ein letztes Gebet und ein rascher Sprung--und er waere aller irdischen Qual entrueckt gewesen. Aber als ob ihm vor beiden Versuchungen gleich sehr graute, schritt er nun hastiger ueber die hallenden Steinplatten der Bruecke und trocknete sich den Schweiss von der Stirn, als er drueben die Abhaenge von Obermais betrat. Die Saltner riefen ihn an, als er durch Gassen und Fusspfade hinaufstieg. Er wechselte das Zeichen mit ihnen, stand aber nicht Rede auf weitere Fragen. Immer ungeduldiger sah er zu der Hoehe auf, von der die alte Burg herniederwinkte, ein schwarzer, unfoermlicher Steinhaufen, um den die Kastanienwipfel rauschten und ringsum durch die Weingaerten die Baeche zu Tale flossen. Dieses Weges war Andree nicht mehr gegangen seit seinem siebenten Jahr, wo er einmal die Kinder des Hirzers droben aufgesucht hatte, im stillen danach verlangend, seine sanfte, blasse, schoenaeugige Pate zu sehen, die Tante Anna. Damals hatte ihn der Bauer mit unholden Worten vom Hofe weggescholten und ihm verboten, sich je wieder blicken zu lassen. Knirschend war er gegangen, und nichts haette ihn vermocht, die Schwelle wieder zu betreten. Aber die Not, in der er war, liess ihn all den alten Hader vergessen. Erst wie er droben war, nach muehseligen Irrwegen ueber die Felsen, fiel es ihm aufs Herz, dass er in dem Gewinkel des alten Baues nicht Bescheid wusste, und er stand einen Augenblick ratlos unter dem Bogentor, das in den untern Hof einfuehrt. Er sah wohl die schmale Holzstiege, die unter freiem Himmel an der verfallenen Mauer klebte und die man hinaufstieg, um in die noch wohnlich erhaltenen Gemaecher zu gelangen. Wenn er die feindseligen Maenner umsonst weckte und den geistlichen Herrn nicht fand, in welchem Lichte musste er dastehen, und was sollte er ihnen sagen, den naechtlichen Besuch zu entschuldigen? Sein Kopf war so wuest und leer, dass er Muehe hatte, sich alles zurechtzulegen. Und fast waere er wieder umgekehrt, wenn nicht das Geheul des Haushundes, der droben auf der Stiege in einem Loch der Mauer geschlafen hatte, ihn aus aller Verlegenheit gezogen haette. Denn kaum hatte der alte Waechter, der mit den Jahren zu traege geworden war, sich von der Stelle zu ruehren, aber in seinem leisen Schlaf jeden fremden Schritt im Hofe vernahm, ein paar Minuten lang verdrossen vor sich hin gebellt, so oeffnete sich dicht neben seinem Lager die kleine Tuer, und eine weibliche Gestalt erschien oben auf der Treppe. Andree hoerte, wie sie mit dem Hunde sprach und ihm seine unruhigen Traeume verwies und den Laerm, der die Tante Anna nicht schlafen lasse. Rosine! rief er hinauf. Das Maedchen erschrak und trat in die Tuer zurueck. Einen Augenblick horchte sie, auch der Hund schwieg. Als zum zweitenmal ihr Name gerufen wurde, trat sie spaehend an das Stiegengelaender vor. Wer ist drunten? rief sie mit zitternder Stimme. Bist du's, Andree? Ich bin's, gab der Juengling zur Antwort. Ist der Zehnuhrmesser droben im Haus? Sie schien die Frage ueberhoert zu haben. Im Nu war sie in das Haus zurueckgesprungen und liess ihn in zorniger Ungeduld drunten harren. Rosine! rief er ueberlaut, dass die Truemmerwoelbungen widerhallten. Da trat sie schon wieder heraus, ein Tuch uebergeworfen, und huschte an dem Hunde vorbei, die steile Treppe hinab. Andree! Ist's moeglich? fluesterte sie, hastig auf ihn zueilend. Was suchst du hier zu dieser Zeit? Ist was passiert, mit der Moidi, oder-Den Zehnuhrmesser such' ich, unterbrach er sie. Sag, ob er oben ist, oder wo ich ihn finden kann. Er ist droben, antwortete sie rasch. Komm hinauf. Ich bring' dich zu ihm, der Vater schlaeft fest, niemand soll's wissen als die Tante. Auch die nicht, herrschte der Bursch. Ich habe keine Zeit uebrig. Gut, dass du bei der Hand warst. Ich war drauf und dran umzukehren. Sie stiegen die Treppen hinauf, der Hund winselte unwirsch, aber liess sie unangefochten eintreten. Ich hab' von dir getraeumt, grad' eh' du kamst, sagte das Maedchen, waehrend sie in der Kueche, dicht neben dem Hausgang, ein Laempchen anzuendete. Es war schrecklich. Du lagst tot auf der Wassermauer; sie hatten dich aus der Passer gezogen und wollten dich wieder zum Leben bringen, und ich stand dabei und sagte immerfort: Lasst ihn doch, es hilft ja alles nichts! Und dabei wurde ich selber eiskalt uebern ganzen Leib und erschrak vor meiner eigenen Stimme, aber ich musste immer wieder sagen: Es hilft alles nichts, er ist tot--und da bellte der Hund, und nun stehst du lebendig neben mir, Andree, Gott sei gelobt! Traum kann Wahrheit werden, murmelte er zwischen den Zaehnen, aber er wollte sie nicht noch mehr aengstigen und setzte laut hinzu: Ich lebe noch, Rosine, aber ich muss fort von hier, du wirst bald genug hoeren, warum. Und diese Nacht noch muss ich gehn, sobald ich den hochwuerdigen Herrn gesprochen habe. Das Maedchen liess die Lampe aus der Hand gleiten, dass das Oel auf den Herd floss. Ihr feines blasses Gesicht roetete sich heftig, und die schoenen braunen Augen blickten verstoert auf, als haetten sie ein Gespenst gesehn. Fort willst du? sagte sie. Ist es moeglich, Andree? Die Moidi willst du verlassen und uns alle, und wann wirst du wiederkommen? Was ist denn geschehen? Hat die Mutter wieder-Schweig von der Mutter, fiel er ihr hastig ins Wort. Frag nicht weiter, es kommt alles an den Tag. Und jetzt sag, wo der geistliche Herr schlaeft. Ich habe keine Minute uebrig. Sie nahm das Laempchen mit demuetigem Stillschweigen vom Herd und ging ihm voran, durch den reinlichen Flur, von dessen weissgetuenchten Waenden ein paar uralte braune Heiligenfiguren, die der Tuencher geschont hatte, aus traurigen langgeschlitzten Augen auf sie herabsahen. Eine enge Steintreppe lief hinauf zu den oberen Raeumen; alles war durchduftet von dem Geruch schoener reifer Aepfel, die droben im Winkel aufgeschichtet lagen. Eine alte Wanduhr tickte mit hartem Pendelschlag, und die Maeuse liefen, durch die nahenden Schritte aufgeschreckt, kollernd und rappelnd in ihre Schlupfloecher zurueck. Hier! sagte das Maedchen, auf eine grosse altertuemliche Tuer zeigend. Sie gab dem Juengling die Lampe in die Hand und blieb draussen im Hausgang stehn, bis er eingetreten war. Einen Augenblick fuehlte sie sich versucht, das Ohr ans Schluesselloch zu legen. Darin schuettelte sie traurig den Kopf und schlich die Stufen wieder hinab in die oede Kueche, zu warten, bis er wiederkaeme. Er aber stand droben eine ganze Weile in dem ungeheuren, rings mit dunklem Holz ausgetaefelten Saal, wo in einer Nische dem geistlichen Herrn ein Bett bereitet war, und konnte sich nicht entschliessen, den friedlich Schlafenden zu wecken. Zum erstenmal fuehlte er es dunkel, dass sein teurer Lehrer und Seelsorger nicht die Macht hatte, Stuerme zu beschwichtigen, wie sie in seinem Gemuete tobten. Eine dunkle Angst, mit seinem beladenen Gewissen an eine sichere Stelle zu fluechten, hatte ihn hierher getrieben. Aber der Frieden, der auf diesem ruhig atmenden, leicht geroeteten Gesichte lag, war nicht fuer ihn. Wozu sollte er seine Notklagen, da niemand ihm helfen konnte. Er zog schon den Fuss zurueck, um die Halle sacht, wie er gekommen war, wieder zu verlassen, als der Schlafende, von der Flamme des Laempchens beunruhigt, eine Bewegung machte und mit noch geschlossenen Augen vor sich hin sagte: Der heurige wird gut, aber der ferndige war besser. Schau nur fleissig zu, Andree; der rote Farnatsch-Hochwuerdiger Herr, sagte der Bursch mit erhobener Stimme; ich bin hier und bitt' um Entschuldigung, wenn ich Ihre Nachtruh' stoere. Aber ich moecht' doch nicht weggehen, ohne Abschied von Ihnen zu nehmen. Erschrocken fuhr der Traeumende in die Hoehe und starrte mit weit aufgerissenen Augen den naechtlichen Besucher an. Himmlische Barmherzigkeit! rief er, was ist geschehen? Andree--bist du's wirklich, hier oben auf Schloss Goyen, bei nachtschlafender Zeit, und mit einem Gesicht, mehr tot als lebendig? 's ist mir auch danach zu Mut, Hochwuerden, erwiderte der Juengling. Ich muss mich fortmachen, wie Kain, ich habe einen Menschen erschlagen und keine Ruhe mehr auf Erden. Andree! rief der entsetzte Hoerer. Du hast--Das Wort erstarb ihm auf der Zunge; mit entgeistertem Gesicht sass er im Bette da und faltete mechanisch die Haende ueber der rotgewuerfelten Decke. Der Juengling erzaehlte mit scharfer Kuerze, wie sich alles zugetragen. Von der Schwester sagte er kein Wort. Er schloss damit, dass er nun zunaechst in einem Kloster Zuflucht suchen wolle und den hochwuerdigen Herrn bitte, ihm eine Empfehlung mitzugeben, dass man ihn nicht abwiese, wenn er ohne allen Ausweis anklopfte. Dann schwieg er und wartete mit Ungeduld, was sein Seelsorger dazu sagen wuerde. Der aber starrte in tiefen Gedanken vor sich hin. Das geht nicht an, mein Sohn, sagte er endlich mit bekuemmerter Miene. Die Gerichte werden deine Auslieferung verlangen, und da du noch keine Weihen erhalten hast, wirst du wieder zurueckgebracht werden. Und was koennen sie dir auch so Schlimmes antun? Du warst nicht der Angreifer und hast im Finstern zugeschlagen, und die arme Seele des schaendlichen Raeubers kann dich nicht verklagen vor Gottes Thron. Also mein' ich, du gehst ruhig aufs Amt und machst Anzeige und wartest ab, was das Gericht dazu sagt. Denk, wenn du landfluechtig wuerdest, was sollt' deine Schwester anfangen, die keine Stuetze hat als dich, wenn die Mutter die Augen schliesst. Die Glut schoss dem Juengling ins Gesicht, und er wandte sich ab. Es ist einmal nicht zu aendern, sagte er dumpf. Hier bleiben, Rede stehen, bestraft und bedauert werden? Lieber gleich in die Hoelle fahren, --Gott verzeih' mir die Suende! Wenn Sie mir nicht beistehen wollen, Hochwuerden, so sag' ich behuet' Gott! und geh' meiner Wege. 's ist was--fuhr er zoegernder fort--, was ich Ihnen nicht sagen kann, das stoesst mich fort von hier, dass mir ist, als muesst' ich grad' ersticken, wenn ich zwischen diesen Bergen noch laenger Odem holen sollt'. Und wenn auch alles glatt abginge beim Amt, ich bliebe doch nicht, ich ginge ins Kloster sowieso, da's unser Herrgott verboten hat, sich selbst aus der Welt zu helfen, was ich freilich am liebsten taet'. Aber irgendwo muss ich hin, wo ich fuer alle und jedermann wie tot und begraben bin und auch ganz vergesse, dass noch Menschen auf der Welt sind. Dann kann ich's vielleicht aushalten, sonst nicht, so wahr ich hier vor Ihnen stehe. Der Priester zog die duennen Augenbrauen mit einem lauschenden Ausdruck von Wichtigkeit in die Hoehe und wiegte den Kopf hin und her. Was sind das fuer secreta mysteria? sagte er missbilligend. Auch deinem Beichtvater willst du's nicht sagen? Dem wohl, erwiderte der Juengling ausweichend und immer tiefer erroetend. Aber erst wenn ich im Kloster bin. Und darum bitt' ich instaendig, Hochwuerden, dass Sie mir zur Ruhe verhelfen und mich nicht ohne Empfehlung gehen lassen. Mag's drum sein, armer Sohn, sagte der kleine Priester mitleidig. Du hast frueher einen guten Anfang gemacht in den geistlichen Studien, und ich meine, vom Latein wird dir noch einiges haengengeblieben sein. Ich will dich an den Pater Benediktus empfehlen--und er nannte ihm den Namen eines hoch im Vintschgau gelegenen Kapuzinerklosters, das wegen seiner rauhen Luft wenig besucht ward--dem sage einen Gruss von mir, und morgen will ich einen Brief nachschicken, der ihm deine Lage auseinandersetzt. Und so befehle ich dich einstweilen in den heiligen Schutz unsers Herrn Jesus und seiner gnadenreichen Mutter, und wenn dir's ums Herz ist, Andree, deine heimlichen Noete auszuschuetten, so weisst du, dass du mir schreiben kannst und jederzeit eine willige Fuersorge und Teilnahme bei mir finden wirst. Gott sei mit dir, mein Sohn! Er gab ihm in sichtbarer Bewegung die Hand, die der Juengling statt aller Antwort ehrfurchtsvoll an seine Lippen drueckte. Dann ging er mit erleichtertem Herzen hinweg und zog die schwere Tuer sacht hinter sich zu. Aber so leise er den gewoelbten Gang hinunterschritt--denn er scheute sich, obwohl er sonst keine Menschenfurcht kannte, dem alten Bauern zu begegnen--, unten horchten doch zwei klopfende Herzen auf seinen Tritt, eine schmale, blasse Hand oeffnete die Tuer einer Kammer, die neben der Kueche lag, und ein zartes, fruehgealtertes Gesicht spaehte dem Lichtschein entgegen, der ueber die enge Steintreppe herunterfiel. Die Tante Anna war aufgewacht, da sie das Maedchen am Herde hantieren hoerte, und hatte sie zu sich hereingerufen. Er will niemand sehen als den hochwuerdigen Herrn, hatte die Rosine gesagt.--Mich wird er schon sehen muessen, war die leise, aber nachdrueckliche Antwort gewesen. Und dann hatte sich die Tante mit Hilfe der Nichte in Eile angekleidet und, ohne weiter ein Wort zu sprechen, auf dem Lehnstuhl am Bett gewartet, bis der spaete Gast die Stufen herabkaeme. Sie hatten kein Licht in dem engen Gemach als den schwachen Schein des Mondes, der durch die kleinen Scheiben hereindrang. Das Kruzifix ueber dem Bett, der Betschemel in der Ecke, das saubere Geraet, das an den Waenden herumstand, alles hatte eine wehmuetige Heimlichkeit, wie sie eine alte Jungfer um ihr Tun und Wesen zu verbreiten pflegt, wenn sie mit allen Lebenshoffnungen abgeschlossen hat. Diese Kammer hatte manche Traene fallen sehen und manches heisse Gebet fluestern hoeren. Und die Rosine sah auch jetzt, dass sich die stillen Lippen der Tante bewegten, und wagte nicht, ihre andaechtigen Gedanken zu stoeren. Da erklang droben der Schritt; die Betende stand auf und trat in die Tuer. Andree! rief sie leise in den Flur hinaus. Der Juengling blieb unschluessig an der Treppe stehen. Es trieb ihn, ohne Aufenthalt seine naechtliche Wanderung anzutreten, und doch konnte er nicht mit einem fluechtigen Gruss voruebereilen, zumal da er diese stillen, liebevollen Augen nie im Leben wiederzusehen dachte. Ihr seid wach, Pate, sagte er endlich. Ich bat die Rosine doch-Ich bin voll selbst aufgewacht, antwortete sie. Aber komm herein, Andree--und sie zog ihn in die Kammer? Und jetzt sage mir, was du vorhast, und was geschehen ist, dass du zu dieser Stunde hier heraufkommst. Bist du nicht auch Saltner unten am Kuechelberg, und wie kommt's, dass du deinen Posten verlassen hast? Sie hatte seine Hand gefasst und diese Worte hastig an ihn hingesprochen, als wollte sie eine innere Angst zur Ruhe sprechen. Er sah truebsinnig zu Boden und ueberlegte, wie viel er ihr vertrauen sollte. Seit Jahren hatte er nicht mehr ein Wort mit ihr gewechselt, aber viel an sie gedacht und sehnlich gewuenscht, sie einmal allein zu treffen und ihr recht von Herzen zu sagen, wie er an ihr haenge, und wie es ihm bitter sei, sie vermeiden zu sollen. Und jetzt fuehlte er, wenn er sein heimliches Leiden irgend einem Menschen vertrauen koennte, so waere es niemand als sie. Aber die Rosine stand am Fenster, und die Zeit draengte, und ueberdies--was sollte es helfen? Auch diese Heilige hatte keine Macht, ihm den Frieden wiederzugeben. Pate, sagte er, der hochwuerdige Herr wird Euch morgen alles erzaehlen, um was ich ans der Gegend fort muss. Ich war ein elender Mensch von Geburt an, ohne Vater und Mutter, ohne Glueck und Stern. Es ist das beste, dass ich der Welt absterbe, ehe ich auch ein schlechter Mensch geworden bin. Und darum will ich in ein Kloster gehen, und es ist mir lieb, dass ich Euch noch vorher gesehen habe; denn ich habe allezeit eine grosse Liebe und Verehrung zu Euch gefuehlt, und der Himmel weiss, es stuende wohl besser um mich, wenn ich Euch oefter haette sehen und sprechen duerfen. Denn bei Euch ist mir allein auf der ganzen Welt friedfertig und stille zu Mut gewesen, und ich dank' Euch, Pate, dass Ihr mich damals, da ich ein hilfloses Kind war, aus der heiligen Taufe gehoben habt, und bitte, dass Ihr fuer mich beten wollt auch in Zukunft, damit sich der Herrgott meiner erbarme. Denn wahrlich, ich habe es noetig. Damit drueckte er ihre Haende und wollte mit einem Behuet' Euch Gott! aus der Kammer. Aber die Alte hielt ihn zurueck und sagte: Ins Kloster? Und ich soll dich nimmer wiedersehen? Ich muss alles wissen, Andree. Geh hinaus, Rosine; hol ihm auch ein Glas Wein, er ist ganz blass und kalt wie der Tod. Heilige Mutter Gottes, was ist geschehen? Schickt die Rosine nicht weg, Pate, erwiderte er aengstlich, denn er fuehlte, wenn er mit der Alten allein bliebe, wuerde sie ihm das innerste Herz auf die Zunge locken, so viel vermochte ueber ihn die sanfte Stimme und das grosse schmerzliche Auge. Seid mir nicht boese, fuhr er fort, aber Ihr koennt nichts aendern, und wenn ich denken muesste, dass ich auch Euch das Herz schwer gemacht haette mit meiner Truebsal, wuerde ich noch elender sein. Aber wenn Ihr mir was Liebes tun wollt, legt mir die Hand aufs Haupt und gebt mir Euren Segen mit, weil es ein Abschied ist fuer die Ewigkeit. Er warf sich vor ihr auf die Knie, und sie tat, um was er sie gebeten hatte. Dann hob sie ihn auf, und wie sie ihm mit Traenen in das blasse Gesicht sah, hielt sie sich nicht zurueck, zog ihn fest in ihre Arme und kuesste ihn lange und heiss auf Mund und Augen, dass auch er wie ein Kind in Schluchzen ausbrach. Sie standen eine geraumie Weile in dieser inbruenstigen Trauer, und ueber der Wohltat, sich so zu halten und zu haben, vergass die Alte ganz, was kommen sollte, und der Juengling, was hinter ihm lag. Pate, sagte er endlich, ich werd's nie vergessen, wie gut Ihr zu mir gewesen. Vergesst auch Ihr mich nicht, und so sei's genug. Die Haehne kraehen bald. Ich darf nicht weilen. Andree, mein armes Kind! hauchte die Alte und sank in den Sessel zurueck, als er ueber die Schwelle schritt. Ploetzlich fuhr sie auf, ein Gedanke schoss ihr durch den Sinn, sie rief seinen Namen, als haette sie ihm noch etwas mit auf den Weg zu geben; dann fiel ihr Blick auf das Kruzifix ueber dem Bett, sie stand still, wie ploetzlich vor einer drohenden Gefahr zurueckbebend, schuettelte traurig den Kopf und ging mit mueden Schritten ans Fenster, um durch die Nacht zu spaehen, ob sie seinen Weg verfolgen koennte. Ins Kloster! sprach sie vor sich hin. Barmherziger Gott, dein Wille geschehe! Draussen unter der Haustuer im Dunkeln stand die Rosine, die vorhin aus der Kammer geschlichen war. Andree, sagte sie, als der Bursch sich ihr naeherte, du bist ja ohne Hut und in der Saltnerjacke. Ich habe dir ein Gewand von meinem Bruder geholt und einen alten Hut von ihm. Er ist in Innsbruck und braucht's nimmer. Der Juengling griff hastig nach der Lodenjoppe und vertauschte sein Lederwams dagegen. Ich dank' dir, Rosel, sagte er. Auch du bist gut, du bist wie die Tante. Denk fein an mich, wenn ich fort bin. Die Sachen da schick' ich bald einmal zurueck. Das Maedchen schwieg, bis sie ihre ausbrechenden Traenen wieder bezwungen hatte. Weiss es die Moidi? sagte sie endlich. Nein. Du kannst es ihr sagen, Rosel. Gruess sie noch ein letztes Mal und dann--gute Nacht fuer immer, Rosel! Und er schritt, ihre zitternde Hand fluechtig beruehrend, die Freitreppe an der Mauer hinunter, eilte ueber den duesteren Hof und verschwand in der lautlosen Nacht, die nun klar und abgekuehlt ueber Bergen und Schluchten stand und einen heiteren Morgen ankuendigte. In aller Fruehe sah man den Zehnuhrmesser eilfertig von Schloss Goyen heruntersteigen, die Rosine mit ihm, die der Tante Anna ueber das blutige Abenteuer der Nacht naehere Nachrichten und der Moidi den letzten Gruss des Entflohenen bringen sollte. Sie fanden unten in Meran keine geringe Aufregung, das Landvolk stand auf der Strasse beisammen und wechselte feindselige Reden gegen die Soldaten, und Andrees Name war auf aller Lippen. Wo sich eine Uniform blicken liess, wurde das Gespraech leiser, aber die Blicke wilder und die Faeuste drohend geballt. Der kleine Mann des Friedens setzte seinen Weg mit wachsender Bekuemmernis fort. Aber sein Gesicht heiterte sich wieder auf, als er bei den Kapuzinern hoerte, dass der Welsche nicht tot sei, vielmehr nach stundenlanger Ohnmacht Augen und Lippen wieder geoeffnet habe, und dass der Arzt alle Hoffnung gebe, ihn naechstens wieder marschfertig auf die Beine zu stellen. Auch der Bescheid, den er auf der Kommandantur erhielt, war befriedigend. Man war dort sehr geneigt, die Sache niederzuschlagen, falls der Fluechtling sich einstweilen im Kloster still verhalten oder gar Profess tun wuerde. Eine schaerfere Mannszucht sollte die Wiederkehr aehnlicher boeser Haendel verhueten. Der Spiessgesell des Welschen sass im Arrest; der Bauer, dem das Weingut verwuestet war, sollte entschaedigt werden. Und so liess sich alles troestlich und versoehnlich an, und der sorgenvolle Menschenfreund konnte der Tante Anna gute Zeitung schicken und zwei schoene und erbauliche Briefe ins Vintschgau hinauf entsenden, den einen an seinen Freund, den Prior, den andern an sein Beichtkind, dem er ernstlich ins Gewissen sprach, falls er sich mit schwerer Suende belastet fuehle, nicht zu saeumen, sondern dem geistlichen Freunde seiner Jugend in einem umgehenden Schreiben offene Beichte abzulegen. Ein solches Schreiben aber blieb nicht nur in naechster Zeit, sondern alle Wochen und Monate hindurch beharrlich aus. Vom Prior freilich lief bald darauf eine freundschaftliche Antwort ein, des Inhalts, dass der Andree Ingram richtig eingetroffen, auch bereits in die Laienkutte gesteckt sei, da er seinen Entschluss, im Kloster zu leben und zu sterben, auf die dringendste Art wiederholt ausgesprochen habe. Ein spaeterer Brief, erst um Weihnachten geschrieben, erwaehnte nur kurz, dass sich der Noviz Andreas zu aller Zufriedenheit auffuehrte, schweigsam und bescheiden seinen Dienst tue und in den Stunden der Musse in den Klosterbuechern studiere, zu einem Schreiben an die Seinigen aber nicht zu bewegen sei. Von einem gebeichteten Geheimnis stand natuerlich in dem geistlichen Briefe nichts zu lesen. Ueber diese Zeitung schuettelte der kleine Hilfspriester nachdenklich den Kopf, die Tante Anna schloss sich einen ganzen Tag in ihre Kammer ein, um ungestoert unter Fasten und Gebet das Seelenheil ihres Patenkindes dem Himmel zu empfehlen, Rosine ging mit geroeteten Augen und abwesenden Gedanken im Hause herum, selbst die Mutter, die schwarze Moidi, verriet, dass sie eine menschliche Regung fuehlte und sich im stillen ueber ihre Haerte und Bosheit gegen den armen Ausgestossenen anklagte. Nur die Schwester selbst, die doch am meisten an ihm verlor, schien am wenigsten um sein Schicksal bekuemmert zu sein. Sie behauptete, es sei ihr zum Totlachen, wenn sie sich den Andree in der Kutte mit geschorener Platte vorstellen solle. Auch koenne sie's nicht glauben, dass er wirklich im Kloster hause. Er habe gar keine geistliche Gemuetsart, und das alles sei nur ausgedacht, um dem Militaergericht Sand in die Augen zu streuen. Er werde drohen im Vintschgau sitzen, Gemsen schiessen und neuen Wein trinken, und eines schoenen Tages wieder zum Vorschein kommen, ohne langen Kapuzinerbart und so weltlich, als er gegangen sei. Der Weihnachtsbrief des Priors machte sie zuerst stutzig. Drei Tage lang ging sie herum, ohne zu lachen, und setzte sich endlich hin, dem Bruder einen Brief zu schreiben, der voller Possen war, aber zum Schluss die ernsthafte Mahnung enthielt, bald wiederzukommen, da sie es "sehr notwendig nach ihm habe". Sie zeigte den Brief der Rosine, mit der sie jetzt oefter zusammenkam; denn seit der Andree ins Kloster gegangen, hatte der Bauer auf Goyen nichts mehr einzuwenden gegen den Verkehr seiner Kinder mit dem einsamen Maedchen, das ihm ganz gleichgueltig war. Rosine las den Brief stillschweigend und legte ihn wieder hin. Er war ihr lange nicht herzlich genug. Wenn er darauf nicht kommt, sagte die Moidi, so muss er einen Schatz haben, droben in den Vintschgerbergen.--Wo denkst du hin? erwiderte die andere. Der Bote von Algund hat ihn selbst in der Kutte gesehen.--Moidi wurde blass. Wenn's wirklich waere, ich graemte mich halbtot, sagte sie. Dann waere niemand dran schuld als--die Mutter, wollte sie sagen; aber sie schwieg. Denn sie hoerte die Alte im Nebenzimmer husten und stoehnen, da sie von einem jaehen Fall auf dem Glatteis schwer daniederlag. Es waren boese Tage, und jede Nacht kam das Fieber und lockte wilde, wunderliche Reden aus ihr heraus, ueber denen ihr Kind gluecklicherweise einzuschlafen pflegte. Der Zehnuhrmesser sprach fleissig vor, auch die Tante Anna stieg, da es sich auf das Fruehjahr verschlimmerte, einige Male den Kuechelberg hinauf. Dann ging ihr Neffe, der Hirzerfranz, der wieder von Innsbruck zurueckgekehrt war, bis an die Tuer des kleinen Hauses mit, und waehrend sich die Alten drinnen besprachen, fuehrte er in der ueblichen Weise ansehnlicher junger Burschen einen nachlaessigen Diskurs mit der blonden Moidi, die viel dabei zu lachen fand, obwohl alles von seiner Seite ganz ernstlich gemeint war. Moidi, sagte die Rosine eines Tages zu ihr, ist's wahr, dass du mit dem Franz im reinen bist? Er sagt's, und ich wuerde es ja gewiss wuenschen, aber ich weiss nicht, ich kann es nicht glauben.--Warum nicht? sagte die Moidi trutzig und strich sich mit gleichgueltiger Miene die Haare hinters Ohr. Einen muss ich doch einmal nehmen, und der Franz ist so gut wie ein anderer. Aber das letzte Wort ist noch nicht gesprochen, und du weisst, Rosel, ich kann nicht fort von der Mutter. Mir eilt's auch gar nicht, 's ist nur so langweilig auf der Welt, seit der Andree fort ist, und wenn der Franz kommt und mir was Neues erzaehlt, oder auch nur da auf die Bank hinsitzt und mich verliebt anschaut und sich dabei die Nasenspitze fast verbrennt mit dem Pfeifel, hab' ich doch dabei was zu lachen. Die andere hoerte das still mit an. Sie begriff nicht, wie einem die Liebe so lustig vorkommen koenne. Darueber ward es Fruehling, die Wiesen waren laengst wieder gruen, die Kastanienbaeume trugen frische Sprossen, und die Passer rauschte mit so hohen Schneewassern unten am Damm vorbei, dass man den Laerm bis oben in dem kleinen Hause auf dem Kuechelberge donnern hoerte und die letzten Naechte der schwarzen Moidi auch fuer ihre arme Tochter schlaflos vergingen. Sie hatte dem Bruder nicht gemeldet, dass es mit der Mutter truebselig stehe. Sie wusste, er werde doch nicht kommen, und auch die Mutter bezeigte kein Verlangen, ihn vor ihrem Ende noch einmal zu sehen, obwohl sie seinen Namen in ihren Fiebertraeumen oft genug nannte. Ja, er war fast das letzte Wort, das von ihren Lippen kam, als sie in einer stuermischen Aprilnacht nach schwerem Kampfe verschied. Ihrem Kinde graute, mit der Toten die einsame Wohnung zu teilen. Sie drueckte ihr die Augen zu, betete ein paar Vaterunser und den englischen Gruss und schlich dann hinaus mit klopfendem Herzen in die gewitternde Fruehlingsnacht. Da stand sie droben und sah in das weite Etschtal hinaus, wo ueber den hochgehenden Stroemen das wetterleuchtende Nachtgewoelk hinjagte, und fuehlte sich so armselig und allein, dass sie in bitterliches Weinen ausbrach. Ein heftiger Zorn auf Andree ueberkam sie. Er konnte jetzt wohlgeborgen in seiner Klosterzelle sitzen und die hilflose Schwester, die niemand in der Welt lieber hatte als ihn, unter allen Schrecken und Noeten ihres jungen Lebens allein lassen! --Der Regen rauschte staerker herab, und der Wind strich kalt um die freien Berglehnen. Zitternd tappte das verwaiste Maedchen an den Waenden entlang bis in, den Schuppen, wo Andree als Knabe sein Lager gehabt hatte. Da in der Finsternis legte sie sich auf dieselbe Stelle, und wie sie daran dachte, musste sie heftiger weinen und schlief endlich schluchzend, hungrig und in aberglaeubischem Grauen vor der Naehe der toten Mutter auf dem Maisstrohlager ein. Aber sie verschlief mit dem Leichtsinn ihrer achtzehn Jahre alles, was sie quaelte, und als sie spaet am andern Morgen aufwachte, musste sie sich erst besinnen, dass die Mutter wirklich gestorben war. Auch konnte sie, so gern sie es gewollt haette, keine rechte Trauer erschwingen, nur ein unheimliches Gefuehl hielt sie lange zurueck, die Tuer zu oeffnen und das Haus wieder zu betreten. Sie fand aber drinnen den Zehnuhrmesser und ihre Freundin, die Rosine, und war froh, dass ihr alle weitere Sorge abgenommen wurde. Am Tage nach dem Begraebnis sonnte sie sich schon wieder auf der Bank vor dem Hause und lachte hell auf ueber ihre jungen Katzen, die sich mit einem Maiskolben auf dem Boden herumtummelten. Vierzehn Tage spaeter sass sie im leichten Waegelchen neben der Rosel; der Franz auf dem Bock kutschierte; sie fuhren die Vintschgauerstrasse hinauf, und wer ihnen begegnete, stand still, um dem schoenen blonden Maedchen nachzusehen, das in Trauerkleidern dahinfuhr, aber die lustigsten Augen von der Welt in der gruenen Fruehlingslandschaft herumschweifen liess. Erst als sie das alte Kloster droben am Berg liegen sah, auf einem kahlen, dunklen Granitkegel, ringsum nur spaerlicher Baumwuchs, und die Schlucht dahinter schon am fruehen Nachmittag schwarz und schauerlich wie ein Tor der Hoelle, wurde sie still und ernsthaft und sprach kein Wort mehr mit der Rosine, die nicht minder schweigsam zu dem schwalbenumflogenen Glockenturm emporsah. Ein armes Dorf lag unten am Fuss des Abhangs, nicht mehr mit edlen Kastanien, Weingaerten und Feigenbaeumen so lustig umwachsen wie die Doerfer um Meran. Auch das fiel der Moidi aufs Herz. Sie war nie eine Tagereise weit von Hause entfernt gewesen und hatte sich die Welt je weiter weg, je herrlicher vorgestellt. Ganz bloede und traurig stieg sie vom Wagen herab, als sie vor der Tuer der unsaeuberlichen Dorfschenke hielten. Sie mochte nicht erst hinein, sondern trieb die Rosine, sogleich mit ihr den Bergweg hinaufzugehen, um den Bruder noch vor der Nacht zu sprechen. Franz blieb bei den Pferden zurueck. Er war dem Andree schon frueher lieber aus dem Wege gegangen, als dass er ihn gesucht haette. So gingen die Maedchen allein, ihren gleichen, bequemen Bauernschritt, sich an der Hand fassend, aber beide den Kopf gesenkt und ohne ein Wort zu wechseln. Nur als sie dem grauen alten Kloster so nahe gekommen waren, dass sie das Gras sehen konnten, das auf dem Dache wuchs, stand die Moidi ploetzlich still, blickte wie ein furchtsames Kind die kahlen Mauern an und sagte tief atmend: Moechtest du da hausen, Rosel?--Ihre Freundin schuettelte nur den Kopf.--Das Herz wuerde mir's abdruecken, fuhr die andere fort; nichts Gruenes herum, keine Weinrebe, kein Kornfeld. Du wirst sehen, es ist nicht wahr, dass er den Winter ueber hier gewesen ist. Wir finden ihn gar nicht. Wer weiss, wo er steckt in der weiten Welt! Auch darauf erwiderte die Rosine nichts. Sie wusste nur zu gut, dass sie ihn finden wuerden, und fuerchtete sich davor, ohne recht zu wissen, warum. Als sie oben am Klostertor die Glocke laeuteten und den Bruder Pfoertner nach dem Andreas Ingram fragten, nickte der Alte und sah die huebschen Kinder forschend an. Er soll herauskommen, warf die Moidi rasch hin. Es sei ein Bote da von Meran. Aber sagt ihm nicht, wer. Sie setzten sich auf eine steinerne Bank neben der Pforte und warteten. Es ist richtig, Rosel, er ist doch hier; wie er's nur ueberstanden hat! sagte die Schwester. Sie strich sich mit den Haenden ueber die Stirn, die ihr gluehte, und machte sich an ihrem Anzug zu schaffen, um ihre Unruhe zu verbergen. Die Rosine sass still an die Mauer gelehnt, beide Haende im Schoss, die Augen zugedrueckt, als blende sie das Abendrot drueben an den Berggipfeln. Da klang die Pforte wieder, und mit einem Schrei: Andree, gruess dich Gott, ich bin's! stuerzte die Moidi dem Heraustretenden an den Hals. In demselben Augenblick fuhr sie aber erschrocken zurueck. Er war es und war es doch nicht mehr; der eine Winter schien ihn um zehn Jahre gealtert zu haben. Auch blieb er sprachlos vor ihr stehen und sah sie unverwandt mit finstern, angstvollen Augen an, als warte er, dass sie in den Boden versinken moechte wie ein Spukbild, oder er selber aus einem Traume erwachen. Sie hatte sich's wohl spasshaft gedacht, ihn zu necken, wenn sie ihn wirklich in der Kutte saehe. Jetzt war ihr das Weinen naeher als das Lachen. Andree, sagte sie endlich, du schaust mich so wild an. Hab' ich's ungeschickt gemacht, dass ich selber gekommen bin? Da ist auch die Rosel; sagst du ihr nicht einmal "gruess Gott"? Der Franz hat uns gefahren; morgen wollen wir wieder heim, es ist so wuest und traurig hier herum, wie hast du's nur ausgehalten? Freilich, man sieht dir's auch an, ganz hager und blass bist du worden, als haettst du schon einmal unterm Rasen gelegen. Aber es wird schon wieder werden, die Luft ist hier so herb, du musst nun wieder nach Meran kommen, der Zehnuhrmesser will's auch dein Herrn Prior schreiben, das Jahr ist ja noch lang nicht um, und dann wohnst du in unserm Haeusel droben, denn du weisst noch nicht, Andree, die Mutter ist tot. Waehrend sie sprach, hatte sich ihre Beklommenheit wieder geloest und ihre Zuege erheitert, dass es wunderlich war, wie sie das letzte, die Todesnachricht, fast mit lachendem Munde vorbrachte. Er schien sich ebenfalls gesammelt zu haben und sagte jetzt mit seinem alten Ton: Ich danke dir, Moidi, dass du selbst gekommen bist, und dir auch, Rosine. Aber dass die Mutter tot ist, aendert die Sache nicht, und heimkommen und wieder in Meran leben, daran ist kein Gedanke, eher dass ich noch weiter wegkomme, in ein Kloster drueben in Italien, oder gar nach Frankreich hinein. Denn du hast freilich recht, die Luft hier taugt mir nicht. Er sah duester und scheu vor sich hin auf den grauen Felsboden. Andree, fing sie wieder an, du darfst nicht so sprechen, wenn du mich nicht ganz traurig machen willst und boese dazu. Ich hab' gar keine Freud' gehabt ohne dich den ganzen Winter, und jetzt, sobald ich gekonnt hab', hab' ich alles im Stich gelassen und bin zu dir gereist, und nun sprichst du von Weggehen nach fremden Laendern, als wenn ich dich gar nichts anging'. Wenn ich so Reden von dir hoer', koennt' ich fast denken, die Mutter haett' recht gehabt, als sie im Fieber immer vor sich hin redete, du seist gar nicht ihr Kind, sie haett' dich ja nur einer andern abgenommen, um mit einem sauberen Buben Staat zu machen, da sie selber so wuest war. Ja denk, davon konnte sie halbe Stunden lang reden, und wenn ich sehen muss, wie wenig du auf mich haeltst, fang' ich wahrhaftig an zu fuerchten, du waerst gar mein Bruder nicht, weil du so hartherzig zu mir sein kannst. Er war unwillkuerlich einen Schritt zurueckgetreten und starrte sie mit weit aufgerissenen Augen an. Moidi! stammelte er mit schwerer Zunge, ist das wahr? Kannst du's beschwoeren, dass das wahrhaftig der Mutter Reden gewesen sind? Sie suchte seine Hand zu ergreifen und wurde von neuem traurig, als er sie ihr hastig entzog. Er warf einen scheuen Blick auf Rosine, die vor dem Baenkchen stehen geblieben war, um die beiden erst allein sich unterreden zu lassen. Dann sah er wieder die Moidi mit einem Blicke an, der sie zittern machte. Rosel, sagte er jetzt, ich hab' mit der Moidi was zu sprechen, wir sind gleich wieder zurueck.--Damit winkte er der Schwester, dass sie mit ihm gehen solle, schritt eilig um die Ecke der hohen Klostermauer und trat durch eine andere Tuer in einen Krautgarten, wo nur drueben unter den Apfelbaeumen ein dienender Bruder grub und pflanzte. Sein Wesen war ploetzlich verwandelt, sein Gesicht gluehte ueber und ueber, er schien wieder um zehn Jahre verjuengt und schritt ruestig aus, wie damals, als er unter den Weinlauben die Wacht hatte. Jetzt, da sie allein in dein Gaertchen standen, wandte er sich zu ihr um. Moidi, sagte er mit zitternder Stimme, sag das alles noch einmal, was du von der Mutter gehoert hast, alles, und so lieb dir deine Seligkeit ist, tu nichts davon, noch dazu; Tod und Leben haengen daran. Er hatte jetzt ihre Hand ergriffen und drueckte sie fieberhaft. Ich weiss nicht, wie wunderlich du redest, sagte sie gelassen. Was ist es denn, wenn sie es auch gesagt hat? Und gesagt hat sie's freilich, Wort fuer Wort und mehr als einmal. Aber du weisst ja, dass sie einen Hass auf dich hatte. Vielleicht hat sie's nur gesagt, damit du keinen Teil an der Erbschaft bekaemst, weil sie mir alles allein goennte. Vielleicht war's auch nur so ein Geschwaetz, weil sie Reue hatte ueber das Boese, das sie dir ihr Lebtag angetan. Sie hat sich selber einreden wollen, du waerst ein fremdes Kind gewesen, weil sie dich nicht wie ihr eigenes gehalten hat. Was liegt aber daran? Besinne dich, draengte er; hat sie nicht gesagt, wer ihr das Kind uebergeben hat? Ist kein andrer dabei gewesen, als sie's gesagt hat? War's immer im Fieber, oder auch wenn sie nachts aufgewacht ist und geglaubt hat, du schliefest, und sie sprach dann mit sich selbst, wie sie ja auch sonst getan hat, als der Vater noch lebte? Wer dich zu ihr gebracht hat? Nein, davon hat sie nie geredet, erwiderte das Maedchen und suchte sich ernsthaft auf alles zurueckzubesinnen. Aber wart, es faellt mir ein, dass der Zehnuhrmesser einmal an ihrem Bette gesessen ist, als sie grad' wieder so irre sprach, und da ist sie aufgefahren und hat ihre Kleider begehrt, sie wollte zum Herrn Dekan hinunter, zum Gericht, bis an den Kaiser wollte sie gehen, dass es ueberall ausgerufen wuerde, du seiest nicht ihr Sohn. Ich kam aus der Kueche hereingelaufen, da sah ich, wie der hochwuerdige Herr ganz erschrocken bei ihr stand und sie zurueckhielt, und als er mich eintreten sah, hat er sich zu ihr niedergebeugt und ihr lange was ins Ohr gesagt, was ich nicht hab' verstehen koennen; darauf ist sie still geworden. Ob es im Fieber gewesen war oder sonst so in der Einbildung, was kann es dich kuemmern, Andree? Und wenn's wirklich so waere, musst du mich darum nimmer liebhaben? Sind wir nicht doch wie Bruder und Schwester gewesen, seit wir denken koennen, und nun waer's auf einmal aus mit uns beiden? Schau, Andree, ich koennt' mich nit so aendern. Und wenn's der Kaiser selbst ausrufen liesse, wie's die Mutter gewollt hat, du bliebst doch allezeit mein Bruder, und das Haeusel waer' dein und der Weinberg und alles. Zudem, ich werde doch nicht da wohnen bleiben. Denn du musst nur wissen, ich hab' mich mit dem Hirzerfranz versprochen, und auf den Herbst halten wir Hochzeit, und ich wohne dann droben auf Goyen. Du bist doch nicht boes darueber, dass ich dich nicht erst gefragt hab'. Sie wagte ihn nicht anzusehn, als sie das sagte, sie wusste selbst nicht warum, aber es schien ihr in diesem Augenblick wie eine schwere Suende, dass sie dem Franz ihr Wort gegeben, und sie haett' es gern ungeschehen gemacht; denn sie wusste ja, dass er mit ihrem Bruder nicht gut Freund war. Sie stand zitternd und demuetig wie ein Kind, das gescholten zu werden erwartet. Doch als er immer noch schwieg, wurde es ihr nur banger und trauriger ums Herz. Sie haette lieber gescholten sein wollen, und sich dann verteidigen und ihn endlich wieder gut machen. Aber die toedliche Stille zwischen ihnen war ihr schauerlich, und endlich traten ihr die grossen Tropfen in die Augen und rollten ueber das junge Gesicht. Da brach er das Schweigen. Moidi, sagte er, hast du's gern getan, oder haben sie dir so lange zugeredet, ihn zu nehmen, bis du endlich ja gesagt hast? Sie sah schuechtern und immer noch weinend zu ihm auf Ach Andree, sagte sie, verzeih mir's nur. Ich weiss selber nicht, wie es gekommen ist. Sie haben mich nach Goyen hinaufgeholt, als die Mutter tot war, und da hab' ich bei der Rosel geschlafen und war wie 's Kind im Haus. Und die Tante Anna hat auch gesagt, der Franz waer' ein braver Bursch, und wenn ich ihn naehm', waer's fuer alle das beste, zumal da er so unsinnig vernarrt tut, und du warst ja nicht da, dass ich dich haette fragen koennen. Und wenn ich nein gesagt haette, wuerdst du dich daruin gegraemt haben? fragte er hastig. Sie legte ihre Arme um seinen Hals und sah ihn mit ruehrender Heiterkeit und Liebe an. Ich hab'ihn ja nicht so lieb wie dich, sagte sie, und tu' lieber, was du mir sagst, als was er von mir bittet. Nun ist es ein mal so gekommen, Andree, und es gaeb' eine neue Todfeindschaft, wenn ich jetzt kaem' und sagte: Ich mag ihn nicht. Sei nur wieder gut und komm selber herueber, die Tante Anna laesst dich so vielmals schoen gruessen und es verlangte sie sehr, dass du kaemst, sie haett' dir viel zu sagen, und ich mein', so heilig sie ist, waer' sie doch gar froh, wenn du die garstige Kutte wieder auszoegst, in der du gar nimmer wie der schmucke Andree ausschaust, der du ehemals gewesen bist. Tu mir's zulieb', ich hab' doch keine Freud', wenn ich denken muss, du lebst hier so traurig, und wenn dir was zustoesst, Krankheit oder so, bin ich nicht da, fuer dich zu sorgen. Versprich mir's, Andree, dass du we