Project Gutenberg's Wie Wiselis Weg gefunden wird Erzahlung, by Johanna Spyri #3 in our series by Johanna Spyri Copyright laws are changing all over the world. Be sure to check the copyright laws for your country before downloading or redistributing this or any other Project Gutenberg eBook. This header should be the first thing seen when viewing this Project Gutenberg file. Please do not remove it. Do not change or edit the header without written permission. Please read the "legal small print," and other information about the eBook and Project Gutenberg at the bottom of this file. Included is important information about your specific rights and restrictions in how the file may be used. 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We are releasing two versions of this Etext, one in 7-bit format, known as Plain Vanilla ASCII, which can be sent via plain email-- and one in 8-bit format, which includes higher order characters-- which requires a binary transfer, or sent as email attachment and may require more specialized programs to display the accents. This is the 7-bit version. This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE. That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/. Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE" zur Verfuegung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar. Wie Wiselis Weg gefunden wird Erzaehlung Johanna Spyri 1. Kapitel (Auf dem Schlittenweg) Draussen vor der Stadt Bern liegt ein Doerflein an einem Berghang. Ich kann hier nicht sagen, wie es heisst, aber ich will es ein wenig beschreiben. Wer dann dahinkommt, der kann es gleich erkennen. Oben auf der Anhoehe steht ein einzelnes Haus mit einem Garten daran, voll schoener Blumen von allen Arten. Das gehoert dem Oberst Ritter und heisst Auf dem Hang,. Von da geht es hinunter. Dann stehen auf einem kleinen, ebenen Platz die Kirche und daneben das Pfarrhaus. Dort hat die Frau des Obersten als Pfarrerstochter ihre froehliche Kindheit verlebt. Etwas weiter unten kommen das Schulhaus und noch einige Haeuser, und dann steht links am Weg noch ein Haeuschen ganz allein. Davor liegt auch ein Gaertchen mit ein paar Rosen und ein paar Nelken und ein paar Resedastoeckchen, daneben aber sind Beete mit Zichorien und Spinat bepflanzt, mit einer niederen Hecke von Johannisbeerstraeuchern umgeben. Alles ist da immer in bester Ordnung und kein Unkraut zu sehen. Dann geht der Weg wieder bergab den ganzen langen Hang hinunter bis auf die grosse Strasse, die an der Aare entlang ins Land hinausfuehrt. Dieser ganze lange Hang bildete zur Winterszeit den herrlichsten Schlittenweg, der weit und breit zu finden war. Zehn Minuten lang konnte man da auf dem Schlitten sitzen bleiben, ohne abzusteigen. Denn war man vom Haus des Obersten an bei diesem ersten, steilen Absatz einmal recht in Fahrt gekommen, so gingen die Schlitten vorwaerts ohne Nachhilfe bis hinunter auf die Aarestrasse. Diese unvergleichliche Schlittenbahn machte auch das Lebensglueck einer grossen Schar von Kindern aus, die alle, sobald nur die alte Schulstubentuer sich oeffnete, herausstuerzten, ihre Schlitten vom Haufen rissen, den sie im Vorhof bildeten, und mit Windeseile zum Schlittenweg rannten, wo die Stunden verflogen, man wusste nicht, wie. Denn unten am Berg war man immer so schnell und beim Hinaufsteigen dachte man so eifrig ans naechste Hinunterfahren, dass man rasch wieder oben war. So brach immer zum grossen Schrecken der Kinder die Nacht viel zu frueh herein, denn dies war die Zeit, da fast alle nach Hause gehen mussten. Da folgte dann gewoehnlich noch ein ziemlich stuermisches Ende, denn da wollte man schnell noch einmal fahren und dann noch einmal und dann nur noch ein einziges Mal. Und so musste dann alles noch in groesster Eile zugehen, das Aufsitzen und das Abfahren und wieder die Rueckkehr den Berg hinauf. Da war auch ein Gesetz errichtet worden, dass keiner hinunterfahren sollte, waehrend die anderen hinaufstiegen, sondern hintereinander sollten alle abfahren und miteinander alle zurueckkehren, damit kein Gedraenge und Schlittenverwickelungen entstehen koennten. Manchmal aber gab es doch allerlei ungesetzliche Verwirrungen, besonders auf diesen drangvollen Schlussfahrten, da dann keiner zuletzt sein und etwa noch zu kurz kommen wollte. So war es auch an einem hellen Januarabend, da vor Kaelte die Schlittenbahn laut knisterte unter den Fuessen der Kinder und der Schnee nebenan auf den Feldern so hart gefroren war, dass man haette darauf fahren koennen wie auf einer festen Strasse. Die Kinder aber waren alle gluehend rot und heiss dazu, denn eben waren sie im angestrengten Lauf den ganzen Berg hinaufgelaufen und hatten ihre Schlitten nachgezogen. Und nun wurden die Schlitten rasch gewendet, die Kinder stuerzten sich darauf, denn es hatte Eile. Drueben stand schon hell der Mond am Himmel, und die Betglocke hatte auch schon gelaeutet. Die Buben hatten aber alle gerufen: "Noch einmal! Noch einmal!" Und die Maedchen waren einverstanden. Aber beim Aufsitzen gab es eine Verwirrung und einen grossen Laerm. Drei Buben wollten durchaus auf demselben Platz mit ihren Schlitten stehen, und keiner wollte auch nur einen Zentimeter zurueckweichen und spaeter abfahren. So drueckten sie einander auf die Seite hin, und der breite Chaeppi wurde von den beiden anderen so gegen den Rand des Weges hin gestossen, dass er ganz in den Schnee hineinsank mit seinem schweren Schlitten und fuehlte, dass er unter ihm stecken blieb. Eine grosse Wut ergriff ihn bei dem Gedanken, dass die anderen nun abfahren wuerden. Er schaute um sich. Da fiel sein Blick auf ein kleines, schmales Maedchen, das neben ihm im Schnee stand. Es war ganz bleich und hielt beide Arme in seine Schuerze gewickelt, um es waermer zu haben. Aber es zitterte doch vor Frost an seinem ganzen duennen Koerperchen. Das schien dem Chaeppi ein passendes Wesen zu sein um seine Wut daran auszulassen. "Kannst du einem nicht aus dem Weg gehen, du lumpiges Ding? Du brauchst nicht hier zu stehen, du hast ja nicht einmal einen Schlitten. Wart nur, ich will dir schon aus dem Weg helfen." Damit stiess der Chaeppi seinen Stiefel in den Schnee hinein, um dem Kind eine Schneewolke entgegenzuwerfen. Es floh zurueck, so dass es bis an die Knie in den Schnee sank, und sagte schuechtern: "Ich wollte nur zusehen." Der Chaeppi stiess eben seinen Stiefel noch einmal in den Schnee, als ihn von hinten eine so erschuetternde Ohrfeige traf, dass er fast vom Schlitten fiel. "Wart du!" rief er ausser sich vor Erbitterung, denn sein Ohr sauste, wie es noch kaum je gesaust hatte. Mit geballter Hand drehte er sich um, seinen Feind zu treffen. Da stand einer hinter ihm, der hatte eben seinen Schlitten zum Abfahren zurecht gestellt. Er schaute nun ganz ruhig auf den Chaeppi nieder und sagte: "Probier's!" Es war Chaeppis Klassengenosse, der elfjaehrige Otto Ritter, der oefter mit dem Chaeppi kleine Meinungsverschiedenheiten auszutragen hatte. Otto war ein schlanker, aufgeschossener Junge, lange nicht so breit wie der Chaeppi. Aber dieser hatte schon mehr als einmal erfahren, dass Otto eine merkwuerdige Gewandtheit in Haenden und Fuessen besass, gegen die der Chaeppi sich nicht zu helfen wusste. Er schlug nicht zu, aber die geballte Hand hielt er immer noch hoch, und wuterfuellt rief er: "Lass du mich gehen, ich habe nichts mit dir zu tun!" "Aber ich mit dir", entgegnete Otto kriegerisch. "Was brauchst du das Wiseli dorthinein zu jagen und es noch mit Schnee zu ueberschuetten? Ich habe es gesehen, du Feigling. Faellt ueber ein kleines Kind her, das sich nicht wehren kann!" Damit kehrte er veraechtlich dem Chaeppi den Ruecken und wandte sich dem Schneefeld zu, wo das bleiche Wiseli noch immer stand und zitterte. "Komm heraus aus dem Schnee, Wiseli", sagte Otto mit Beschuetzermiene. "Siehst du, du klapperst ja vor Frost. Hast du wirklich gar keinen Schlitten, und hast du nur zusehen muessen? Da, nimm meinen und fahr einmal hinunter, schnell, siehst du, da fahren sie schon." Das bleiche, schuechterne Wiseli wusste gar nicht, wie ihm geschah. Zwei-, dreimal hatte es zugeschaut, wie eines nach dem andern auf seinem Schlitten sass, und gedacht: Wenn ich nur ein einziges Mal ganz hinten aufsitzen duerfte. Nun sollte es allein hinunterfahren duerfen und dazu auf dem allerschoensten Schlitten mit dem Loewenkopf vorn, der immer allen anderen zuvorkam, weil er so leicht und hoch mit Eisen beschlagen war. Vor lauter Glueck stand Wiseli ganz unschluessig da und schaute nach dem Chaeppi, ob er es nicht vielleicht zu pruegeln gedenke zur Strafe fuer sein Glueck. Aber der sass jetzt ganz abgekuehlt da, so als waere gar nichts geschehen. Und Otto stand so schutzverheissend daneben, dass das Wiseli seinen Mut zusammennahm, um sein Glueck zu erfassen. Es setzte sich wirklich auf den schoenen Schlitten, und da nun Otto mahnte: "Schnell, Wiseli, fahr ab", so gehorchte es, und hinunter ging's wie vom Wind getragen. In der kuerzesten Zeit hoerte Otto die ganze Gesellschaft wieder herankeuchen, und er rief der Kleinen entgegen: "Wiseli, bleib unter den Vordersten und sitz gleich noch einmal auf und fahr zu! Nachher muessen wir gehen." Das glueckliche Wiseli setzte sich noch einmal hin und genoss noch einmal die langersehnte Freude. Dann brachte es den Schlitten zurueck und dankte ganz schuechtern seinem Wohltaeter und rannte eilig davon. Otto fuehlte sich sehr befriedigt. "Wo ist das Miezi?" rief er in die Gesellschaft hinein, die sich allmaehlich zerstreute. "Da ist es", ertoente eine froehliche Kinderstimme, und aus dem Knaeuel heraus trat ein rundes, kleines Maedchen, das der Bruder Otto als kraeftiger Schutzmann bei der Hand fasste und nun mit ihm zum vaeterlichen Haus lief. Denn es war heute spaet geworden. Die erlaubte Zeit des Schlittenfahrens war lange ueberschritten. 2. Kapitel (Daheim, wo's gut ist) Als Otto und seine Schwester durch den langen, steinernen Hausflur hereinstuermten, trat die alte Trine aus einer Tuer und hielt ihr Licht in die Hoehe, um besser zu sehen, was dahergetrappelt kam. "So, endlich!" sagte sie, halb zankend, halb wohlgefaellig. "Die Mutter hat schon nach euch gefragt, aber da war kein Bein zu sehen. Und acht Uhr hat's geschlagen--vor wer weiss wie langer Zeit." Die alte Trine war schon Magd in der Familie gewesen, als die Mutter der beiden Kinder zur Welt kam. So hatte sie grosse Rechte im Haus und fuehlte sich durchaus als Familienmitglied, eigentlich als Oberhaupt, denn an Alter und Erfahrung war sie die erste. Die alte Trine war vernarrt in beide Kinder ihrer Herrschaft und sehr stolz auf alle ihre Anlagen und Eigenschaften. Das liess sie aber nicht merken, sondern sprach immer in entruestetem Ton mit ihnen, denn das fand sie erzieherisch. "Schuhe aus, Pantoffeln an!" rief sie jetzt. Der Befehl wurde aber gleich darauf von ihr selbst vollzogen, denn sofort kniete sie vor Otto hin, der sich auf einem Sessel niedergelassen hatte, und zog ihm die nassen Schuhe aus. Die kleine Schwester stand inzwischen mitten in der Stube und ruehrte sich nicht, was sonst nicht ihre Art war, so dass die alte Trine waehrend ihrer Arbeit ein paarmal hinueberschielte. Jetzt war Otto geruestet, und Miezchen sollte auf dem Sessel sitzen. Aber es stand noch auf demselben Platz. "Nun, wollen wir warten, bis es Sommer wird, dann trocknen die Schuhe von selbst", sagte die Trine. "Pst! pst! Trine, ich habe etwas gehoert. Wer ist in der grossen Stube?" fragte Miezchen und hob den Zeigefinger. "Alles Leute mit trockenen Schuhen, und andere kommen nicht hinein. Jetzt setz dich", mahnte Trine. Aber anstatt zu sitzen, sprang Miezchen hoch und rief: "Jetzt habe ich's wieder gehoert, so lacht der Onkel Max." "Was?" schrie Otto und war mit einem Satz bei der Tuer. "Wart! wart!" schrie Miezchen nach und wollte gleich mit zur Tuer hinaus. Aber jetzt wurde es abgefasst und auf den StuhI gesetzt, die alte Trine hatte jedoch einen schweren Stand mit den zappelnden Fuesschen. Doch gelang die Arbeit, und nun stuerzte Miezchen zur Tuer hinaus und hinueber in die grosse Stube und direkt auf den Onkel Max los, der richtig dort im Lehnstuhl sass. Da war nun ein grosser Freudenlaerm und ein Gruessen und ein Willkommenrufen in allen Toenen, und in das Lachen der Kinder stimmte der Onkel Max mit ein. Es dauerte einige Zeit, bis sich der Tumult etwas gelegt hatte und die Festfreude einen ruhigen Charakter annahm. Denn ein Fest fuer die Kinder war der Besuch des Onkels jedesmal und aus triftigen Gruenden. Der Onkel Max war ihr besonderer Freund. Er war fast immer auf Reisen und kam nur alle paar Monate einmal zu Besuch. Dann gab er sich aber mit den Kindern ab, als gehoerten sie ihm selber an. Und was er fuer wunderbar herrliche Sachen in allen Taschen fuer sie brachte, das war mit nichts zu vergleichen, denn es war alles ganz fremdartig und zauberhaft. Der Onkel Max war ein Naturforscher und reiste in allen Winkeln der Erde umher. Und aus jedem brachte er etwas Eigentuemliches mit. Endlich sass die Gesellschaft geordnet um den Tisch herum, und die dampfende Schuessel brachte voellige Besaenftigung in die aufgeregten Gemueter. Denn von der Schlittenbahn wurde immer ein richtiger Appetit mitgebracht. "So", sagte der Papa und blickte ueber den Tisch hinueber, wo an der Seite der Mutter das Toechterchen fleissig arbeitete. "So, so, heute hat also das Miezchen keine Hand fuer seinen Papa, noch habe ich keinen Gruss bekommen. Und jetzt ist keine Zeit mehr dazu." Etwas zerknirscht schaute das Miezchen von seinem Teller auf und sagte: "Aber Papa, aber ich habe es nicht mit Absicht getan, und jetzt will ich gleich..." Und damit stiess sie mit grosser Anstrengung den Sessel zurueck. Aber der Papa rief: "Nein, nein, jetzt nur keine Ruhestoerung! Da gib die Hand ueber den Tisch hin, das uebrige wollen wir dann nachholen. So ist's recht, Miezchen." "Wie hat man eigentlich das Kind getauft, Marie? Ich war zwar auch dabei, aber ich habe keine Ahnung, welcher Name in der Kirche ausgesprochen wurde, Miezchen doch nicht?" sagte der Onkel lachend. "Du warst wirklich dabei, Max", entgegnete seine Schwester, "da du der Pate des Kindes bist. Es erhielt damals den Namen Marie. Sein Papa machte daraus ein Miezchen, und Otto hat den Namen noch recht unnuetz vervielfaeltigt." "O nein, Mama, wirklich nicht unnuetz", rief Otto ernsthaft. "Siehst du, Onkel, das geht nach ganz bestimmten Regeln. Wenn das kleine Ding ordentlich und sanftmuetig ist, dann nenne ich es Miezchen. Das geschieht aber selten, und im gewoehnlichen Leben nenne ich es daher Miezi. Wird es aber boese, dann sieht es ganz aus wie ein kleiner wilder Kater und muss Miez genannt werden, der Miez." "Ja, ja, Otto", toente es nun zurueck, "und wenn du boese wirst, dann siehst du ganz aus wie ein--wie ein..." "Wie ein Mann", ergaenzte Otto, und da dem Miezchen eben kein Vergleich einfiel, so arbeitete es jetzt um so emsiger an seinem Brei herum. Der Onkel lachte laut auf. "Das Miezchen hat recht", rief er, "es ist besser, sich um seine Geschaefte zu kuemmern, als auf Schmaehungen zu antworten." "Aber, Kinder", setzte er nach einer Weile hinzu, "nun bin ich fast ein Jahr nicht hier gewesen, und ihr habt mir noch gar nichts erzaehlt. Was habt ihr denn inzwischen alles erlebt?" Die neuesten Ereignisse erfuellten zunaechst den Sinn der Kinder. So wurde gleich mit grosser Lebhaftigkeit, meistens im Chor, die eben erlebte Geschichte erzaehlt, wie der Chaeppi das Wiseli behandelt hatte, wie es fror und im Schnee stand und keinen Schlitten hatte und endlich doch noch zu zwei Fahrten kam. "So ist's recht, Otto", sagte der Papa. "Du musst deinem Namen Ehre machen, fuer die Wehrlosen und Verfolgten musst du dich immer einsetzen. Wer ist das Wiseli?" "Du kannst das Kind und seine Mutter kaum kennen", sagte die Mama, zu ihrem Mann gewandt. "Aber der Onkel Max kennt Wiselis Mutter recht gut. Du kannst dich doch noch auf den mageren Leineweber besinnen, Max, der unser Nachbar war. Er hatte ein einziges Kind mit grossen braunen Augen, das oft bei uns im Pfarrhaus war und so schoen singen konnte. Erinnerst du dich?" Bevor aber die weiteren Erinnerungen besprochen wurden, steckte die alte Trine ihren Kopf zur Tuer herein und rief: "Der Schreiner Andres moechte gern der Frau Oberst einen Bericht abgeben, wenn er nicht stoert." Diese harmlosen Worte verursachten grosse Verwirrung in der Gesellschaft. Die Mutter legte den Servierloeffel, mit dem sie soeben dem Onkel entgegenkommen wollte, beiseite und sagte eilig: "Entschuldigt mich!" Rasch ging sie hinaus. Otto sprang so stuermisch auf, dass er seinen Stuhl umwarf und dann selbst darueber stuerzte, als er davonlaufen wollte. Das Miezchen hatte aehnliche Taten vor, aber der Onkel hatte seine ersten Bewegungen zum Aufruhr gesehen und hielt es nun mit beiden Armen fest. Aber es zappelte jaemmerlich und schrie: "Lass los, Onkel, lass los. Im Ernst, ich muss gehen." "Wohin denn, Miezchen?" "Zum Schreiner Andres. Lass schnell los! Hilf mir, Papa." "Wenn du mir sagst, was du vom Schreiner Andres willst, so lasse ich dich los." "Das Schaf hat nur noch zwei Beine und keinen Schwanz, und nur der Schreiner Andres kann ihm helfen. Jetzt lass los." Nun stuermte auch das Miezchen fort. Die Herren schauten einander an, und Onkel Max brach in Gelaechter aus und rief: "Wer ist denn der Schreiner Andres, um den deine ganze Familie sich zu reissen scheint ?" "Das musst du besser wissen als ich", entgegnete der Oberst. "Es wird wohl ein Jugendfreund von dir sein und das Fieber der Verehrung wird auch dich noch ergreifen. Es muss in eurer Familie sein, bei uns hat es die Mutter verbreitet. Ich kann dir so viel sagen, dass der Schreiner Andres der Grundstein meines Hauses ist, auf dem alles feststeht. Und sicher werde alles auseinanderbrechen, sollte das Haus diesen Halt verlieren. Der Schreiner Andres ist hier Rat, Trost, Heil und Hilfe in der Bedraengnis. Will meine Frau ein Hausgeraet haben, von dem sie gar nicht weiss, wie es aussehen soll und wozu man es braucht--der Schreiner Andres erfindet es und fertigt es an. Bricht Feuers- oder Wassersnot in der Kueche oder im Waschhaus aus, der Schreiner Andres greift in die Elemente und bringt das Feuer ins Stocken und das Wasser in Fluss. Macht mein Sohn einen recht dummen Streich, der Schreiner Andres bringt alles wieder in Ordnung. Schmeisst meine Tochter das saemtliche Hausgeraet entzwei, der Schreiner Andres leimt es wieder zusammen. So ist der Schreiner Andres die stuetzende Saeule meines Hauses, und wenn diese zusammenbrechen wuerde, so gingen wir alle in Truemmer." Die Mutter war inzwischen wieder eingetreten, und ihr zuliebe schilderte der Vater die Verdienste des Schreiners Andres sehr eingehend. Onkel Max lachte schallend. "Lacht ihr nur! Lacht ihr nur!" sagte die Mutter. "Ich weiss schon, was ich an dem Schreiner Andres habe." "Und ich auch", bemerkte der Vater mit spoettischem Laecheln. "Und ich auch!" behauptete das Miezchen herzhaft. "Und ich auch!" sagte Otto seufzend, dem der Knoechel noch von seinem Sturz ueber den Stuhl hin weh tat. "So, nun sind wir alle einer Meinung", bemerkte die Mutter, "nun koennen die Kinder in Frieden zu Bett gehen." Auf diese Anzeige hin drohte dem Frieden gleich eine Stoerung. Aber es half nichts, die alte Trine stand schon vor der Tuer und achtete darauf, dass die Hausordnung nicht ueberschritten wurde. Die Kinder mussten sich verabschieden, und gleich nachher verschwand die Mutter auch noch einmal, denn die Kinder schliefen nicht ein, ohne dass die Mutter zum Nachtgebet an ihre Betten gekommen war. Als nun alles still und ruhig war, kam die Mutter wieder zu den Herren zurueck und setzte sich gemuetlich hin. "Endlich", sagte da der Oberst aufatmend, als habe er eine harte Schlacht hinter sich. "Siehst du, Max, erst gehoert meine Frau dem Schreiner Andres, dann ihren Kindern und dann ihrem Mann, wenn noch etwas uebrigbleibt." "Und siehst du, Max", sagte die Mutter lachend, "wenn mein Mann noch so spottet--er mag unseren guten Schreiner Andres gerade so gern wie wir alle. Gestehe es nur ein, Otto! Eben hat mir Andres auch fuer dich noch einen Auftrag uebergeben, er hat seine jaehrliche Summe gebracht und bittet um deine Hilfe." "Das ist wahr", sagte der Oberst, "einen ordentlicheren, fleissigeren, zuverlaessigeren Mann kenne ich nicht. Dem wuerde ich Weib und Kind und Hab und Gut und alles anvertrauen wie keinem anderen. Das ist der ehrlichste Mann in unserer ganzen Gemeinde und noch weit darueber hinaus." "Jetzt siehst du, Max", sagte die Frau lachend, "ich konnte doch nicht mehr sagen." Ihr Bruder lachte mit ueber den Eifer, in den der Oberst unversehens gefallen war. Dann entgegnete er: "Nun habt ihr mir alle so viel von eurem Wundermann vorerzaehlt, dass ich wirklich wissen moechte, woher er stammt und wie er aussieht. Habe ich ihn denn noch nicht hier gesehen?" "Ach, du hast ihn ja so gut gekannt, Max", entgegnete seine Schwester. "Du musst dich noch an den Andres erinnern, mit dem wir zur Schule gingen. Weisst du denn nicht mehr, wie zwei Brueder zusammen in derselben Klasse mit dir waren? Der aeltere war damals schon ein rechter Taugenichts. Er war nicht dumm, aber tat nichts und blieb darum stecken und kam dann mit dem viel juengeren Bruder in eine Klasse zusammen, in der du auch warst. Du musst dich gewiss erinnern, er hiess Joerg und hatte ganz schwarzes, steifes Haar. Er bewarf uns, wo er konnte, mit irgend etwas, mit unreifen Aepfeln und Birnen und dann mit Schneebaellen, und rief uns ueberall nach: 'Aristokratenbrut!'" "Oh, der!" rief Onkel Max lachend, "ja, nun weiss ich auf einmal alles. Richtig, 'Aristokratenbrut' rief er uns bestaendig nach. Ich moechte nur wissen, wie ihm das Wort in den Sinn kam. Er war ein widerwaertiger Kerl. Da sah ich ihn einmal einen viel kleineren Jungen ganz unbarmherzig durchpruegeln. Dem half ich aber, dafuer rief er mir mindestens zwoelfmal nach: 'Aristokratenbrut!' Ach, nun weiss ich auch auf einmal, wer der andere war. Das war der magere, kleine Andres, sein Bruder, das ist gewiss euer Andres. Und dann ist das auch der Andres mit den Veilchen, nicht wahr, Marie? Oh, jetzt verstehe ich schon die dicke Freundschaft." Onkel Max lachte aufs neue auf. "Was fuer Veilchen? Das muss ich wissen", fiel der Oberst ein. "Oh, die Geschichte ist mir auf einmal vor Augen, als waere sie gestern geschehen", sagte der Onkel ganz angeregt von seinen Erinnerungen. "Die muss ich dir erzaehlen, Otto. Du weisst vielleicht durch deine Frau, dass wir hier im Dorf in jenen gluecklichen Zeiten unserer Kindheit einen alten Schullehrer hatten, der fand, dass alle Maengel der Schulkinder aus ihnen heraus- und alle Faehigkeiten und guten Eigenschaften in sie hineingepruegelt werden koennten. So war er gezwungen, sehr viel zu pruegeln, um den einen oder andern guten Zweck zu erreichen, manchmal auch beide auf einmal. Einmal nun war ihm der magere Andres unter die Hand gekommen. Dem schlug er nun so kraeftig seine wohlgemeinte Ermahnung auf den Ruecken, dass der Andres laut aufschrie. In diesem Augenblick stand meine kleine Schwester, die kuerzlich in die Schule eingetreten war und sich noch nicht so recht in die dort herrschenden Gebraeuche eingelebt hatte, ploetzlich auf von ihrem Sitz in der ersten Bank. Sie lief eilig zur Tuer. Der Schullehrer hielt inne mit seiner Arbeit und rief ihr nach: 'Wohin laeufst du?' Marie kehrte sich um. Die hellen Traenen liefen ihr ueber die Backen, und sie sagte ganz aufrichtig: 'Ich will heimgehen und es dem Papa sagen.' 'Wart, ich will dir!' rief jetzt der Schullehrer ueberrascht und stuerzte vom Andres weg auf die kleine Marie los. Die pruegelte er aber nicht, er nahm sie nur beim Arm und setzte sie ziemlich fest auf ihren Platz hin. Dann sagte er noch einmal: 'Wart, ich will dir!' Damit war aber alles abgetan. Auch der Andres wurde in Ruhe gelassen, und so nahm alles einen friedlichen Ausgang. Aber die Traenen, die meine Schwester fuer den Andres vergossen hatte, und ihr Einschreiten gegen den Tyrannen wurden nicht vergessen. Von dem Tag an lag jeden Morgen ein Strauss Veilchen auf ihrem Platz und durchduftete den ganzen Schulraum. Und nachher kam noch ein anmutigerer Duft von dem Platz her, denn da lagen grosse Erdbeerstraeusse mit den praechtigsten dunkelroten Beeren, wie sie sonst nirgends zu sehen waren. Und so ging es das ganze Jahr durch immerfort. Wie sich dann aber die Freundschaft zu dem erstaunlich hohen Grad entwickelt hat, wo sie nun angelangt ist, das muss meine Schwester wissen und uns mitteilen." Der Oberst hatte seine Freude an der Geschichte der Traenen und der Veilchen und forderte seine Frau auf, weiter zu erzaehlen. Sie sagte lachend: "Erdbeeren und Veilchen bluehen deiner Ansicht nach das ganze Jahr durch, Max. Das ist aber nicht ganz so. Aber der gute Andres wurde wirklich das ganze Jahr durch nicht muede, mir irgend etwas Erfreuliches aus Feld und Wald zu suchen und an meinen Platz zu legen, solange wir miteinander zur Schule gingen. Er trat dann lange vor mir aus und kam in die Lehre zu einem Schreiner in der Stadt. Er kam aber oft nach Hause, ich verlor ihn nie ganz aus den Augen. Und als mein Mann dieses Gut kaufte und wir uns eben verheiratet hatten, handelte es sich darum, dass Andres sich etwas ankaufen und sich selbstaendig niederlassen wollte. Er hatte seine Eltern verloren und stand ganz allein, aber als tuechtiger Arbeiter da. Er hatte seine Augen auf das Haeuschen mit dem sauberen kleinen Garten dort unterhalb der Kirche gerichtet, konnte es aber nicht ankaufen, da der Verkaeufer sofort bares Geld haben wollte und Andres erst etwas verdienen musste. Aber wir kannten ihn und seine Arbeit. Mein Mann kaufte das Guetchen an fuer ihn, und er hat es keinen Augenblick zu bereuen gehabt." "Nein, wahrhaftig nicht", fiel der Oberst ein. "Der brave Andres hat laengst sein Gut vollstaendig abgezahlt, und seither bringt er mir jedes Jahr um diese Zeit eine ganz huebsche Summe, den Gewinn seiner Jahresarbeit. Die lege ich ihm gut an. Er ist jetzt schon ein wohlhabender Mann, und nun nimmt sein Besitztum jaehrlich sehr zu. Er kann sein Haeuschen noch zu einem grossen Haus machen, der brave Andres. Es ist nur schade, dass er wie ein Einsiedler lebt und darum sein erarbeitetes Gut gar nicht geniessen kann." "Hat er denn keine Frau und keine Familie? Und wo ist der bitterboese Joerg schliesslich hingekommen?" fragte Onkel Max weiter. "Nein, er hat gar niemanden", antwortete die Schwester. "Er lebt voellig allein, wirklich wie ein Einsiedler. Er hat eine lange, traurige Geschichte erlebt, die ich mit angesehen habe und die ihm gewiss alle Lust genommen hat, je eine Frau zu suchen. Der Bruder Joerg ist hier einige Jahre herumgestrolcht. Er hat nie gearbeitet, sondern gehofft, durch furchtbares Schimpfen auf alle diejenigen, die keine Lumpen waren wie er, endlich doch noch sein Glueck zu machen. Und als ihm dies nicht gelang, auch der gute Andres ihm endlich nicht mehr aus seinen Schulden und allem Boesen heraushelfen konnte und auch nicht mehr wollte, da ist er verschwunden. Wohin, hat man nie recht gewusst. Jedermann war froh, dass er fort war." "Was war denn die traurige Geschichte, Marie?" fragte der Bruder. "Die muss ich auch noch wissen." "Und ich auch", sagte der Oberst und zuendete zu der Erzaehlung vergnueglich eine neue Zigarre an. "Aber Otto", bemerkte die Frau Oberst, "dir habe ich dieses Erlebnis wohl schon sechsmal erzaehlt." "So?" entgegnete ruhig der Oberst. "Es gefaellt mir, wie es scheint." "So fang an!" ermunterte der Onkel. "Du musst dich noch an das Kind erinnern koennen, Max", begann seine Schwester, "von dem ich heute abend schon einmal gesprochen habe, das ganz in unserer Naehe wohnte. Es gehoerte dem bleichen, mageren Leineweber, den wir immer sein Weberschifflein hin- und herwerfen hoerten, wenn wir in unserem Garten standen. Das Kind sah zart und nett aus und hatte grosse, lustig glaenzende Augen und so schoene braune Haare. Es hiess Aloise." "In meinem Leben habe ich keine Aloise gekannt", warf Onkel Max ein. "Oh, ich weiss schon, warum", fuhr seine Schwester fort. "Wir nannten sie auch nie so, besonders du nicht. Wisi nannten wir sie, zum Schrecken unserer seligen Mama. Weisst du denn nicht mehr, wie oft du selbst sagtest, wenn wir am Klavier Lieder singen wollten mit Mama und es so leise toente: 'Man muss das Wisi holen, sonst geht's nicht'?" Jetzt stieg die Erinnerung mit einemmal in Onkel Max' Gedaechtnis auf. Er lachte auf und rief: "Oh, das ist's, das Wisi, ja gewiss, das Wisi kenne ich. Ich sehe es deutlich vor Augen mit dem lustigen Gesicht, wie es am Klavier stand und so tapfer darauflos sang. Ich mochte es gern, das Wisi. Es war auch nett anzusehen. Das ist wahr. Die gute Mutter hatte immer einen Schreckensanfall, wenn ich 'Wisi' sagte. Ich habe aber nie gewusst, wie das Wisi eigentlich hiess." "Freilich hast du das gewusst", bemerkte die Schwester, "denn jedesmal sagte die Mama, es sei eine Barbarei, aus dem schoenen Namen Aloise ein Wisi zu machen." "Das habe ich wohl jedesmal ueberhoert", meinte Onkel Max. "Aber wo ist denn das Wisi hingekommen?" "Du weisst, es war in derselben Klasse mit mir in der Schule, wir sind miteinander von Klasse zu Klasse gestiegen bis hinauf zur sechsten. Da kann ich mich ganz gut erinnern, wie alle diese Jahre durch der Andres als treuster Freund und Beschuetzer dem Wisi zur Seite stand in Freud und Leid. Und es konnte den Freund gut brauchen. Meistens, wenn es zur Schule kam und die Tafel mit Rechnungen bedeckt bringen sollte wie wir anderen auch, da stand nicht eine Zahl darauf. Es legte sie aber mit dem lustigsten Gesicht auf die Schulbank hin, und im folgenden Augenblick stand alles darauf, was darauf stehen sollte. Denn der Andres hatte schnell die Tafel genommen und die Rechnungen darauf gesetzt. Oft geschah es auch, dass Wisi in seiner raschen Weise mit dem Ellbogen eine Scheibe eingeschlagen hatte in der Schulstube, oder es hatte im Garten an des Schulmeisters Pflaumenbaum geschuettelt. Und wenn dann Gericht ueber diese Untaten gehalten wurde, dann blieb regelmaessig alles auf dem Andres sitzen. Nicht dass er von jemand angeklagt wurde, sondern er selbst sagte gleich halblaut, er meine, er habe die Scheibe zerdrueckt. Und er glaube auch, er habe an dem Pflaumenbaum geruettelt, und so bekam er die Strafe. Wir Kinder wussten immer ganz gut, wie es war. Aber wir liessen es so gehen. Wir waren so gewoehnt daran, dass es so sei, und dann hatten wir alle das lustige Wisi so gern, dass wir's ihm immer goennten, wenn es ungestraft davonkam. Und Aepfel und Birnen und Nuesse hatte Wisi immer alle Taschen voll, die kamen alle vom Andres. Denn was er nur hatte und erlangen konnte, das stecke er alles dem Wisi in den Schulsack. Ich dachte manchmal darueber nach, wie es denn sein koenne, dass der stille Andres gerade das allerlustigste und aufgeweckteste Kind der ganzen Schule am liebsten habe. Und dann sann ich darueber nach, ob es nun auch gerade den stillen Andres besonders gern habe. Es war wohl immer freundlich zu ihm, aber so war es auch mit den anderen. Und als ich einmal ernstlich unsere Mama fragte, wie das wohl sei, da schuettelte sie ein wenig den Kopf und sagte: 'Ich fuerchte, ich fuerchte, diese artige Aloise ist ein wenig leichtsinnig und kann noch in eine schwere Schule kommen.' Diese Worte gaben mir viel zu denken und kamen mir immer wieder in den Sinn." Die Frau Oberst sah laechelnd vor sich hin. "Als wir dann zusammen in den Religionsunterricht gingen, da kam Wisi regelmaessig am Sonntagabend zu uns herueber, und wir sangen zusammen am Klavier Choraele. Daran hatte es damals sehr grosse Freude, es konnte alle die schoenen Lieder auswendig und sang sie mit heller Stimme. Wir hatten auch unsere Freude an den Abenden, Mama und ich, und auch darueber, dass Wisi so gern in den Unterricht ging und ihn sich wirklich zu Herzen nahm. Es war nun ein grosses Maedchen geworden und sah recht gut aus. Seine lustigen Augen hatte es noch, und wenn es auch nie so kraeftig aussah wie die Bauernmaedchen im Dorf, so hatte es doch eine bluehende Gesichtsfarbe und war netter als sie alle. Damals war der Andres noch in der Stadt als Lehrjunge, er kam aber immer ueber den Sonntag heim. Dann kam er auch jedesmal zu uns ins Pfarrhaus, und am liebsten sprach er dann immer mit mir von den vergangenen Tagen der Schule. Und dann kamen wir immer bald auf das Wisi zu sprechen. Das kam so im Zusammenhang, und schliesslich sprachen wir dann nur noch von ihm. Dem Andres ging ganz das Herz und der Mund auf bei diesen Erinnerungen, und waehrend alle Welt laengst das Wisi nie anders also so genannt hatte, nannte er es unwandelbar das 'Wiseli'. Und das kam dann so ganz eigen zaertlich heraus. Da kam auch ein Sonntag, als das Wisi und ich noch nicht achtzehn Jahre alt waren. Gegen Abend trat er bei uns ein und sah ganz rosig aus. Und als wir nun mit Mama zusammensassen, da sagte Wisi, es sei gekommen, uns mitzuteilen, dass es sich mit dem jungen Fabrikarbeiter versprochen habe, der seit kurzer Zeit im Dorfe wohnte. Sie koennten gleich heiraten, da er eine gute Anstellung habe unten in der Fabrik, und so haetten sie denn schon alles festgesetzt, dass sie gleich in zwoelf Tagen zusammenkommen koennten. Ich war so erstaunt und so traurig, dass ich kein Wort sagen konnte. Eine Zeitlang sagte die Mutter auch nichts, sie sah ganz bekuemmert aus. Dann aber sprach sie ernstlich mit dem Wisi und stellte ihm vor, wie leichtsinnig es sei, dass es sich so schnell mit dem Fabrikarbeiter eingelassen habe. Es kenne ihn ja kaum, und da sei doch ein anderer, der ihm Jahre lang nachgegangen sei und ihm gezeigt habe, wie lieb er es habe. Und zuletzt fragte sie es dringend, ob denn nicht alles noch rueckgaengig gemacht werden oder doch eine gute Zeitlang hinausgeschoben werden koenne. Es koenne noch bei seinem Vater bleiben, es sei ja noch so jung. Da fing Wisi zu weinen an und sagte, es habe ganz bestimmt sein Wort gegeben, alles sei eingerichtet auf die Zeit und dem Vater sei's recht. Nun sagte die Mutter nichts mehr, aber das arme Wisi weinte immer aerger. Da nahm sie es bei der Hand und zog es zum Klavier hin, an den Platz, wo es immer stand, wenn wir zusammen sangen. Sie sagte in ihrem freundlichen Ton zu ihm: 'Trockne nun deine Traenen, wir wollen noch einmal zusammen singen.' Dann schlug sie uns das Lied auf, und wir sangen zusammen: ('Befiehl du deine Wege, Und was dein Herze kraenkt, Der allertreusten Pflege Des, der den Himmel lenkt.) ('Der Wolken, Luft und Winden Gibt Wege, Lauf und Bahn, Der wird auch Wege finden, Wo dein Fuss gehen kann.') Wisi ging dann wieder getroestet von uns, die Mutter hatte ihm noch einige freundliche Worte gesagt. Aber mich hatte die Sache recht traurig gemacht. Ich hatte ein ganz bestimmtes Gefuehl, dass das arme Wisi seine frohen Tage nun hinter sich hatte, und dann tat mir der Andres unsaeglich leid. Was wuerde der sagen? Er sagte aber nie etwas, gar kein Wort, aber ein paar Jahre lang ging er herum wie ein Schatten und war noch stiller geworden als vorher. Ich habe auch seither nie mehr sein stillfroehliches Gesicht gesehen, wie er es damals doch oft gezeigt hat." "Der arme Kerl!" rief Onkel Max aus. "Hat er denn keine andere Frau genommen?" "Ach, nein, Max", entgegnete seine Schwester ein wenig strafend, "wie konnte er denn, wie kannst du so etwas sagen. Er ist ja die Treue selbst." "Das konnte ich ja nicht wissen, liebe Schwester", erwiderte der Bruder beguetigend. "Ich konnte doch nicht voraussehen, dass dein vielseitig begabter Freund nun auch noch die Unwandelbarkeit an sich traegt. Aber das Wisi, erzaehl weiter von ihm. Ich hoffe wirklich, das lustige Wisi ist nicht ungluecklich geworden, es wuerde mir leid tun." "Ich merke schon, Max", sagte die Schwester, "dass du es heimlich mit dem Wisi haeltst und kein Mitleid hast mit dem treuen Andres, dem es doch fast das Herz abgedrueckt hat, dass das Wisi fuer ihn verloren war." "Doch, doch", versicherte der Onkel, "ich kann ihm nachfuehlen, wie ungluecklich er war. Aber weiter, wie ging's mit dem Wisi? Es hat doch seine lustigen Augen nicht verweint?" "Doch, ich glaube schon", fuhr die Schwester fort. "Ich habe Wisi nicht mehr oft gesehen, es hatte viel zu tun. Ich glaube, der Mann war nicht eben boese, aber er hatte etwas Rohes, er konnte so grob und unfreundlich sein, auch mit seinen kleinen Kindern. Wisi hatte gewiss wenig Freude mehr. Es hatte mehrere nette Kinder, aber sie waren alle sehr zart, es verlor sie wieder eins nach dem andern. Fuenf hatte es begraben muessen, nur ein einziges ist ihm geblieben, ein feines, zartes Geschoepfchen, ein kleines Wiseli. Es ist nicht viel groesser als unser Miezchen und ist doch gut drei Jahre aelter. Wisis Gesundheit hatte durch das alles so gelitten, dass man deutlich sehen konnte, was kommen wuerde. Und nun ist es auch da, eine schnelle Auszehrung rafft ihr Leben hin. Ich fuerchte, es ist gar keine Hoffnung mehr." "Nein!" rief Onkel Max erschrocken aus. "Das kann doch nicht sein, ist's wirklich wahr? Kann man da nichts machen, Marie? Wir wollen doch gleich nachsehen, vielleicht ist noch zu helfen." "Ach nein, da ist nicht mehr zu helfen", sagte die Schwester traurig. "Da war ueberhaupt nicht mehr zu helfen. Wisi war fuer all die Arbeit und Anstrengung viel zu zart." "Und was macht nun der Mann?" fragte Onkel Max. "Ach, den habe ich ja ganz vergessen, das hatte das kranke Wisi auch noch durchzumachen. Es wird nun bald ein Jahr sein, da wurde ihm in der Fabrik der eine Arm und das Bein so zerschlagen, dass man ihn halbtot nachhause brachte. Danach konnte er nicht mehr arbeiten. Er muss kein besonders geduldiger Kranker gewesen sein. Wisi hatte ihn nun auch noch zu verpflegen zu allem andern. Er starb dann ungefaehr ein halbes Jahr nach dem Unfall. Seither lebt Wisi allein mit dem Kind." "Und so blieb von allem gar nichts mehr uebrig als ein kleines Wiseli? Was macht man damit? Aber nein, so traurig wird's doch nicht kommen muessen. Das Wisi kann noch gesund werden und alles noch kommen, wie es haette sein sollen von Anfang an." "Nein, nein, dazu ist es zu spaet", entgegnete die Schwester sehr bestimmt. "Das arme Wisi hat seinen Leichtsinn schwer buessen muessen. Aber jetzt ist es spaet geworden." Und fast erschrocken stand sie auf, denn ueber dem Gespraech war die Mitternachtsstunde voruebergegangen. Seit einiger Zeit schon war der Oberst ganz still geworden, er hatte sich in seinen Lehnstuhl zurueckgelegt und war fest eingeschlafen. Onkel Max hatte zwar keinen Schlaf, denn mit der Erzaehlung von dem armen Wisi waren ihm alle Jugenderinnerungen so lebendig aufgestiegen, dass er noch eine Menge von Dingen und Persoenlichkeiten besprechen wollte. Aber seine Schwester war unerbittlich, sie hielt die Lampe in der Hand und draengte zum Aufbruch. So half denn nichts. Um aber nicht allein die unwillkommene Stoerung zu tragen, weckte er seinen Schwager mit einem so gewaltigen Ruck an seinem Stuhl, dass der Oberst mit einem Schrecken emporschoss, als sei eine feindliche Bombe auf ihn gefahren. Aber sein Schwager klopfte ihm friedlich auf die Schulter und sagte: "Es war nur eine leise Mahnung von seiten deiner Frau, dass wir uns zurueckziehen moechten." Der Rueckzug wurde dann vollzogen, und bald stand das Haus auf der Hoehe ganz still im Mondschein da. Und unten am Berg stand eins, da sollte es auch bald still werden. Jetzt brannte noch ein schwaches Laempchen drinnen und warf seinen matten Schimmer durch das schmale Schubfenster in die monderhellte Nacht hinaus. 3. Kapitel (Auch noch daheim) Um die gleiche Zeit, da die Kinder des Obersten nach Hause gingen, rannte das kleine Wiseli aus allen Kraeften den Berg hinunter. Denn es wusste, dass es laenger fortgeblieben war, als die Mutter erwartete, und das tat es sonst nicht. Aber heute war sein Glueck so gross gewesen, dass es einen Augenblick das Heimgehen vergessen hatte. Jetzt lief es um so schneller und waere fast in einen Mann hineingerannt, der eben aus der Tuer des Haeuschens trat, als es hineinstuermen wollte. Er ging ihm aber ganz leise aus dem Weg, und das Wiseli sprang vorwaerts in die Stube hinein und auf die Mutter zu, die auf einem kleinen Stuhl am Fenster sass und zu Wiselis Erstaunen noch kein Licht angezuendet hatte. "Mutter, bist du boese, dass ich so lang ausgeblieben bin?" rief es und umarmte sie. "Nein, nein, Wiseli", antwortete sie freundlich. "Aber ich bin froh, dass du da bist." Jetzt fing das Wiseli der Mutter von seinem grossen Erlebnis zu erzaehlen an, wie gut der Otto zu ihm gewesen war und wie es zweimal mit dem allerschoensten Schlitten hatte den Berg hinunterfahren koennen. Als es dann mit seiner Erzaehlung fertig war und die Mutter noch immer so still dasass, fiel ihm erst ein, dass sie das sonst nicht tat. Es fragte verwundert: "Aber warum hast du noch kein Licht, Mutter?" "Ich bin so muede heute abend, Wiseli", antwortete sie. "Ich konnte nicht aufstehen und Licht machen. Hol das Laempchen herein und bring mir einen Schluck Wasser mit, ich habe so grossen Durst." Wiseli lief in die Kueche und kam bald zurueck, in der einen Hand das Licht und in der andern eine Flasche, in der ein roter Saft schimmerte, so hell und einladend, dass die durstende Kranke erfreut ausrief: "Was bringst du mir Schoenes, Wiseli?" "Ich weiss nicht", sagte das Kind, "es stand auf dem Kuechentisch, sieh, wie es funkelt." Die Mutter nahm die Flasche in die Hand und roch daran. "Oh", sagte sie, "wie frische Himbeeren aus dem Wald, gib mir schnell ein wenig Wasser dazu, Wiseli." Das Kind goss roten Saft in ein Glas und fuellte es mit Wasser, und mit durstigen Zuegen trank die Mutter den erquickenden Beerensaft. "Oh, wie das erfrischte" sagte sie und uebergab das leere Glas dem Kind. "Stell es weg, Wiseli, aber nicht weit. Mir ist, ich koennte alles austrinken, so durstig bin ich. Wer hat mir denn diese Flasche gebracht? Gewiss die Trine, es kommt von der Frau Oberst." "War denn die Trine bei dir in der Stube, Mutter?" fragte das Kind. "Nein." "Dann ist es nicht die Trine, das weiss ich", sagte das Wiseli bestimmt. "Sie geht jedesmal in die Stube, wenn sie etwas bringt. Aber der Schreiner Andres war ja bei dir, hat er dies nicht mitgebracht?" "Ach was, Wiseli", fiel die Mutter ganz lebhaft ein. "Was sagst du denn. Der Schreiner Andres war nie bei mir, was faellt dir denn ein?" "Er war sicher, sicher, ganz bestimmt hier drinnen", beteuerte Wiseli. "Gerade, als ich hereinkam, trat er so schnell aus der Tuer, dass ich fast gegen ihn rannte. Hast du denn nichts gehoert?" Die Mutter war eine Zeit lang ganz still, dann sagte sie: "Ich habe schon gehoert, dass jemand leise die Kuechentuer aufmachte. Erst meinte ich, du seist es, und--es ist wahr, erst nachher hoerte ich dich hereinrennen. Bist du sicher, Wiseli, dass es der Schreiner Andres war, der zu unserer Tuer herauskam?" Wiseli war seiner Sache sicher. Es konnte so genau der Mutter sagen, wie der Rock und die Kappe vom Schreiner Andres aussahen und wie er erschrocken war, als es so mit einemmal an ihn heranrannte, dass die Mutter auch davon ueberzeugt wurde. Sie sagte wie fuer sich: "Dann war es der Andres, er hat gewusst, was mir so gut tun koennte." "Jetzt faellt mir noch etwas ein, Mutter", rief auf einmal das Wiseli ganz erregt aus. "Jetzt weiss ich gewiss, wer einmal den grossen Topf Honig in die Kueche gestellt hat, von dem du so gern gegessen hast, und vor ein paar Tagen die Apfelkuchen. Weisst du, Mutter, du wolltest durch die Trine danken lassen, als sie dir etwas Suppe brachte, und sie sagte, sie wisse von all dem nichts. Das hat sicher alles der Schreiner Andres heimlich in die Kueche gestellt." "Das glaube ich auch", sagte die Mutter und wischte sich ueber die Augen. "Es ist ja nichts Trauriges", sagte Wiseli ein wenig erschrocken, als sie die Mutter immer wieder ueber die Augen wischen sah. "Du musst ihm einmal danken, Wiseli, ich kann es nicht mehr. Sag es ihm einmal, ich lasse ihm danken fuer alles Gute. Er hat es so gut mit mir gemeint. Komm, setz dich ein wenig zu mir", fuhr sie leise fort. "Gib mir auch noch einmal zu trinken, und dann komm und sag mir das Verslein, was ich dich gelehrt habe." Wiseli holte noch einmal Wasser und goss von dem frischen Saft hinein, und die Mutter trank noch einmal begierig davon. Dann legte sie muede ihren Kopf auf das niedere Gesims am Fenster und winkte das Wiseli zu sich. Es fand aber, da liege die Mutter zu hart, holte ein Kissen aus ihrem Bett herbei und legte es sorgfaeltig unter den Kopf. Dann setzte es sich dicht neben sie auf den Schemel und hielt ihre Hand fest in den seinigen. Und wie sie gewuenscht hatte, sagte es nun andaechtig sein Verslein auf. ("Befiehl du deine Wege, Und was dein Herze kraenkt, Der allertreusten Pflege Des, der den Himmel lenkt.) ("Der Wolken, Luft und Winden Gibt Wege Lauf und Bahn, Der wird auch Wege finden, Wo dein Fuss gehen kann.") Als Wiseli zu Ende war, sah es, dass die Mutter am Einschlafen war. Sie sagte nur noch leise: "Denk daran, Wiseli! Und wenn du einmal keinen Weg mehr vor dir siehst und es dir ganz schwer wird, dann denk in deinem Herzen: ("Er wird auch Wege finden, Wo dein Fuss gehen kann.") Nun legte die Mutter sich muede hin und schlief ein, und Wiseli wollte sie nicht wecken. Es legte sich maeuschenstill an sie heran, und bald schlief es auch ganz fest. So brannte die kleine, matte Lampe in dem stillen Stuebchen fort, immer matter, bis sie von selbst erlosch und das Haeuschen dunkel dastand auf dem hellen Mondscheinplatz. Als am folgenden Morgen die Nachbarin um das Haus herum zum Brunnen ging, schaute sie durch das niedere Fenster in das Stuebchen hinein, wie sie immer im Vorbeigehen tat. Da sah sie, wie Wiselis Mutter auf dem Kissen schlief und wie das Kind daneben stand und weinte. Das kam ihr so sonderbar vor, sie musste nachsehen, was da geschehen sei. Sie machte ein wenig die Tuer auf und fragte: "Was hast du, Wiseli? Ist die Mutter kraenker geworden?" Wiseli schluchzte zum Erbarmen und stammelte: "Ich--weiss nicht, was die Mutter hat." Das arme Kind ahnte, was mit der Mutter war, aber es konnte ja nicht begreifen, dass es sie verloren hatte. Sie war ja noch da, aber sie war entschlafen fuer das ganze Erdenleben. Sie hoerte nicht mehr, wie ihr Wiseli nach ihr rief. Die Nachbarin trat zu dem Kissen am Fenster und schaute die schlafende Frau an. Dann trat sie erschrocken zurueck und sagte: "Geh schnell, Wiseli, lauf und hol deinen Onkel, er soll auf der Stelle herkommen. Du hast ja sonst niemanden, und es muss sich jemand um alles kuemmern. Lauf, ich will warten, bis du wieder kommst." Das Kind lief davon, aber es konnte nicht lange so weiter laufen. Sein Herz war so schwer und alle seine Glieder zitterten so sehr, dass Wiseli sich ploetzlich mitten auf dem Weg hinsetzen und laut weinen musste. Denn jetzt wurde es ihm immer deutlicher bewusst, dass die Mutter nicht mehr erwachen werde. Es stand dann wieder auf und lief weiter, aber zu weinen konnte es nicht mehr aufhoeren, denn in seinem Herzen wurde der Jammer immer groesser. Am Buchenrain, eine Viertelstunde von der Kirche entfernt, stand das Haus des Onkels, wo Wiseli jetzt eben ankam und weinend unter die Tuer trat. Die Tante stand in der Kueche und fragte kurz: "Was ist mit dir?" Wiseli sagte halblaut unter Schluchzen, die Nachbarin habe es geschickt, der Onkel moege schnell zur Mutter kommen. Die Tante sah das Kind an, sie mochte denken, es sei schlimm mit der Mutter. Denn weniger muerrisch, als sie sonst redete, erklaerte sie: "Ich will es ihm sagen, geh nur wieder heim, er ist jetzt nicht da." Da kehrte Wiseli wieder um und lief zurueck. Die Nachbarin stand vor der Tuer, drinnen hatte sie nicht warten wollen, es war ihr zu unheimlich. Aber das Wiseli schlich hinein und setzte sich ganz nahe zur Mutter, so wie es nachts neben ihr gesessen hatte. Da sass es ganz still und weinte, und von Zeit zu Zeit sagte es halblaut: "Mutter!" Sie gab keine Antwort mehr. Da beugte Wiseli sich zu ihr und sagte: "Mutter, du hoerst mich, wenn du jetzt schon im Himmel bist und ich dich nicht mehr hoeren kann." So sass das Wiseli noch neben seiner Mutter und hielt sie fest, als schon die Mittagszeit vorueber war. Da trat der Onkel in das Stuebchen, schaute sich ein wenig darin um und rief dann die Nachbarin herein. "Sie muessen die Frau hier zurecht machen, Sie wissen schon, wie ich meine", sagte er, "so dass alles fertig ist zum Wegholen. Dann nehmen Sie den Schluessel an sich, dass da nichts wegkommt." Dann wandte er sich zu Wiseli und sagte: "Wo sind deine Kleider, Kleines? Such sie zusammen und pack sie in ein Buendelchen, dann gehen wir." "Wohin gehen wir denn?" fragte Wiseli zaghaft. "Heim gehen wir", war die Antwort, "an den Buchenrain, da kannst du bei uns sein. Du hast niemanden mehr auf der Welt als deinen Onkel." Das Wiseli erschrak. Zum Buchenrain sollte es gehen und da daheim sein. Es hatte von jeher eine grosse Furcht vor der Tante gehabt und jedesmal eine Zeitlang vor der Tuer gewartet, wenn es dem Onkel etwas hatte berichten muessen, aus lauter Angst, die Tante wuerde mit ihm schimpfen. Dann war der aelteste Sohn da, der gewalttaetige Chaeppi, und dann kamen noch der Hans und der Rudi, die warfen allen Kindern Steine nach. Bei denen sollte es nun daheim sein. Das Wiseli stand bleich und unbeweglich vor Schrecken da. "Du musst dich nicht fuerchten, Kleines", sagte der Onkel freundlich. "Es sind zwar mehr Leute bei uns im Haus als hier, aber das ist um so lustiger fuer dich." Wiseli legte still seine Sachen zusammen in ein Tuch und knoepfte je zwei Zipfel davon kreuzweis ineinander. Dann band es sein Tuechlein um den Kopf und stand fertig da. "So", sagte der Onkel, "nun gehen wir." Er schritt zur Tuer. Auf einmal schluchzte Wiseli laut auf. "Dann muss ja die Mutter ganz allein sein." Es war wieder zu ihr hingelaufen und hielt sie fest. Der Onkel stand ein wenig verbluefft da. Er wusste nicht recht, wie er dem Kinde erklaeren sollte, wie es mit seiner Mutter sei, wenn es das nicht von selbst begriff. Denn Erklaeren war nicht seine Sache, das hatte er nie probiert. Er sagte also: "Komm jetzt, komm! Ein Kleines, wie du eins bist, muss folgen. Komm und mach nur kein Geschrei, das hilft gar nichts." Wiseli wuergte sein Schluchzen hinunter und folgte lautlos dem Onkel zur Tuer. Nur einmal sah es noch zurueck und sagte ganz leise: "Behuete dich Gott, Mutter!" Dann wanderte es mit seinem Buendelchen am Arm aus dem kleinen Haus, wo es daheim gewesen war. Eben als die beiden miteinander querfeldein gingen, kam von oben herunter die Trine, einen gedeckten Korb am Arm. Noch stand die Nachbarin unter der Tuer und schaute dem Onkel und dem Kind nach. Die Trine trat auf sie zu und sagte: "Heute bringe ich der kranken Frau was Gutes, aber ein wenig spaet. Wir haben den Herrn Onkel zum Besuch, da wird es immer spaet." "Und wenn Sie auch am Morgen frueh gekommen waeren, so waeren Sie zu spaet gekommen heute. Sie ist in der Nacht gestorben." "Ist das wirklich wahr?" rief die Trine erschrocken aus. "Ach, du mein Gott, was wird meine Frau sagen." Damit kehrte die Trine um und lief ihren Weg zurueck. Die Nachbarin trat in das stille Stuebchen und machte Wiselis Mutter so zurecht, wie sie in ihrem letzten Bett liegen musste. 4. Kapitel (Beim Onkel) Als das Wiseli mit dem Onkel in das Haus am Buchenrain trat, da kamen die drei Buben aus der Scheune gestuerzt und liefen hinter den beiden her in die Stube. Alle drei starrten das Wiseli an. Aus der Kueche kam die Tante herein und schaute das Wiseli ebenfalls an, als wenn sie es noch nie gesehen haette. Der Onkel setzte sich hinter den Tisch und sagte: "Ich meine, man koennte etwas essen. Das Kleine hat, denke ich, heute noch wenig gehabt. Komm, setz dich", sagte er, zu Wiseli gewandt, das immer noch auf demselben Fleck stand, sein Buendelchen in der Hand. Es gehorchte. Jetzt holte die Tante Most und Kaese und legte das grosse Schwarzbrot auf den Tisch. Der Onkel schnitt ein tuechtiges Stueck ab und legte eine Scheibe Kaese darauf, dann schob er es vor das Kind hin. "Da, iss, Kleines, du wirst Hunger haben." "Nein, ich danke", sagte Wiseli leise. Es haette keinen Bissen hinunterschlucken koennen, denn Leid und Angst und Weh schnuerten ihm so den Hals zu, dass es kaum atmen konnte. Die Buben standen immer noch da und starrten es an. "Musst dich nicht fuerchten", sagte der Onkel ermunternd, "iss nur zu." Aber das Wiseli sass unbeweglich da und ruehrte sein Brot nicht an. Die Tante war bis jetzt auch stehengeblieben und hatte das Kind angeschaut von oben bis unten, mit beiden Armen in die Seite gestemmt. "Wenn's dir nicht recht ist, so kannst du's bleiben lassen", sagte sie nun, drehte sich um und ging wieder in die Kueche. Als der Onkel sich gestaerkt hatte, stand er auf und sagte: "Nimm's in die Tasche, nachher hast du sicher Hunger. Musst dich nur nicht fuerchten." Damit ging er auch in die Kueche hinaus. Wiseli wollte gehorchen und das Kaesebrot in die Tasche stecken, aber diese war viel zu klein. Es legte das Brot wieder auf den Tisch. "Ich will dir schon helfen", sagte Chaeppi, schnappte das Brot vom Tisch weg und wollte abbeissen. Es flog aber in die Luft, denn der Hans hatte von unten herauf Chaeppis Hand einen tuechtigen Stoss gegeben, damit ihm die Beute entfalle und er sie erwische. In dem Augenblick aber huschte der Rudi schnell auf den Boden und haschte den Fang weg. Jetzt stuerzten die beiden Groesseren auf ihn, und einer fiel ueber den anderen her. Und nun gab es ein Schlagen und Raufen und Laermen und Heulen, dass es dem Wiseli angst und bange wurde. Der Vater oeffnete wieder die Kuechentuer und rief: "Was ist los?" Da schrien die drei Buben am Boden alle durcheinander. "Das Wiseli wollte nichts" "Das Wiseli hatte keinen Hunger!" "Weil das Wiseli keins wollte!" Da rief der Vater noch lauter: "Wenn das nicht aufhoert da drinnen, so will ich mit dem Lederriemen kommen!" Dann schlug er die Tuer wieder zu. Das 'da drinnen'; hoerte aber noch nicht auf, sondern als die Tuer zu war, ging's erst recht los. Denn der Hans hatte entdeckt, dass es das wirksamste Mittel sei, den Feind zu erschrecken, ihm in die Haare zu fahren, was die anderen sogleich auch begriffen. Und so rissen sie nun alle drei jeder mit beiden Haenden an den Haaren eines anderen und schrien dazu fuerchterlich. In der Kueche sass die Tante auf einem Schemel und schaelte Kartoffeln. Als ihr Mann die Stubentuer wieder geschlossen hatte, fragte sie: "Was hast du mit dem Kind vor? Warum hast du es gleich mit heimgenommen?" "Es wird, denke ich, bei jemandem sein muessen. Ich bin der Patenonkel und andere Verwandte hat es keine mehr. Und du kannst es ja schon brauchen. Das Wiseli kann dir im Haushalt helfen. Du sagst ja immer, die Buben machen dir viel Arbeit." "Das wird eine schoene Hilfe sein. Du kannst ja hoeren, wie es zugeht drinnen in der ersten Viertelstunde schon, dass es da ist." "Das habe ich schon manchmal gehoert, schon bevor das Kleine da war. Es hat, denke ich, nicht viel damit zu tun", sagte der Onkel ruhig. "So", entgegnete die Tante eifrig, "hast du denn nicht gehoert, dass sie alle miteinander etwas von dem Wiseli riefen?" "Sie schreien doch immer", meinte der Onkel. "Mit der Kleinen wirst du, denke ich, noch fertig werden. Sie ist kein boesartiges Kind, das habe ich schon gemerkt. Sie kann auch folgen, besser als die Buben." Das war der Tante fast zu viel. "Ich meine, es sei nicht noetig, dass man es jetzt schon gegen die Buben aufhetzt", sagte sie und riss die Haeute immer schneller von den Kartoffeln. "Und dann moechte ich nur wissen, wo das Kind schlafen soll." Der Onkel schob ein paarmal die Kappe auf seinem Kopf hin und her, dann sagte er ruhig: "Man kann nicht alles an einem Tag machen. Es wird wohl bis jetzt in einem Bett geschlafen haben, denke ich, und das wird es wieder bekommen. Morgen will ich dann zum Pfarrer gehen. Heute kann es auf der Ofenbank schlafen, da ist's ja warm. Dann kann man einen Vorschlag machen, wo es in unsere Kammer hineingeht. Da kann man sein Bett hineinschieben." "Ich habe mein Lebtag nie gehoert, dass man zuerst das Kind bringt und dann acht Tage nachher das Bett, das dazu gehoert. Und dann moechte ich auch wissen, wer das bezahlen muss, wenn man noch bauen soll, um des Kindes willen." "Wenn uns die Gemeinde das Kleine zuerkennt, so muss sie uns auch etwas fuer den Unterhalt geben", erklaerte der Onkel. "Ich nehme es dann noch immer billiger an, als ein anderer es tun wuerde. Es fuehlt sich auch am wohlsten bei uns." Mit dieser Ueberzeugung ging der Onkel in den Stall hinaus und rief noch zurueck, der Chaeppi soll ihm nachkommen. Es war schwierig fuer die Tante, sich Gehoer zu verschaffen drinnen in der Stube, als sie den Auftrag ausrichten wollte. Da rauften und schrien die drei noch immer. "Es wundert mich nur, dass du so zusiehst und kein Wort zum Frieden sagst." rief die Tante dem Wiseli zu, das sich scheu an die Wand drueckte und sich kaum zu ruehren wagte. Nun wurde der Chaeppi in den Stall geschickt, und die beiden anderen liefen ihm nach. "Kannst du stricken?" fragte dann die Tante das Wiseli. Es sagte schuechtern ja, Struempfe koenne es stricken. "So nimm die", sagte die Tante und nahm aus dem Schrank einen grossen braunen Strumpf heraus mit einem Garn, fast so dick wie Wiselis Finger. "Du bist am Fuss, gib acht, dass er nicht zu kurz wird, er ist fuer den Onkel." Nun ging sie wieder in die Kueche, und Wiseli setzte sich auf die Ofenbank und musste den langen Strumpf auf seinem Schoss zusammenhalten. Der war so schwer, dass er ihm ganz die Haende herunterzog, wenn er hing, so dass es die Nadeln nicht fuehren konnte. Es hatte aber kaum recht angefangen mit seiner Arbeit, als die Tante wieder hereinkam. "Du kannst jetzt herauskommen in die Kueche", sagte sie. "Du kannst sehen, wie ich alles mache, so kannst du mir an die Hand gehen nach und nach." Wiseli gehorchte und sah draussen der Tante zu, soviel es konnte. Aber immer schossen ihm wieder die Traenen in die Augen, und dann sah es nichts mehr. Denn es musste denken, wie es gewesen war, wenn es der Mutter nachlief in die Kueche, und wie sie mit ihm redete und es immer wieder streichelte. Es fuehlte aber, dass es nicht weinen duerfe, und schluckte und schluckte, dass es fast meinte, es werde erwuergt. Die Tante sagte ein paarmal: "Gib acht! So weisst du's nachher." So ging es eine gute Zeitlang, dann hoerte man ein lautes Gestampfe auf dem Hausgang. "Mach schnell die Tuer auf, sie kommen", sagte die Tante. Denn der Laerm kam vom Onkel und den Buben her, die draussen den Schnee von den Schuhen stampften. Wiseli machte die Tuer zu Stube auf, und die Tante hob eine grosse Pfanne vom Feuer und lief damit in die Stube hinein, wo sie den ganzen Haufen gebratener Kartoffeln auf den Schiefertafeltisch schuettete. Dann rannte sie zurueck, brachte ein grosses Becken voll saurer Milch herein und sagte: "Leg auf den Tisch, was in der Schublade liegt, so koennen sie essen." Wiseli zog schnell die Schublade auf, da lagen fuenf Loeffel und fuenf Messer, die legte es hin, und nun war der Abendtisch fertig. Der Onkel und die Buben waren hereingekommen und sassen gleich auf den Baenken am Tisch den Fenstern entlang. Unten am Tisch stand ein Stuhl, darauf hin wies nun der Onkel und sagte: "Es kann, denke ich, dort sitzen, oder nicht?" "Freilich", sagte die Tante, die auch einen Stuhl fuer sich bereit hatte, auf der Seite gegen die Kueche zu. Sie sass aber nur eine Sekunde darauf still, dann lief sie wieder in die Kueche, kam zurueck und setzte sich geschwind wieder zu einem Loeffel voll Milch nieder. Dann lief sie von neuem hinaus. Es wusste niemand, warum das so sein musste, denn das Kochen war ja beendet. Aber es war immer so, und wenn der Onkel einmal sagte: "Sitz doch und iss einmal", so kam sie erst recht in Eile und sagte, sie habe nicht Zeit, so lange zu sitzen, und draussen werde wohl jemand nachsehen muessen. Als sie jetzt zum zweitenmal hereingeschossen kam und eilig eine Kartoffel schaelte, fiel ihr Wiselis Untaetigkeit auf, das neben ihr sass, die Haende in den Schoss gelegt. "Warum isst du nicht?" fuhr sie es an. "Es hat keinen Loeffel", sagte Rudi, der auf der anderen Seite neben ihm sass und schon lange den Grund herausgefunden hatte, warum jemand an einem Tisch sitzen kann, ohne zu essen, solange noch etwas da ist. "Ja so", sagte die Tante. "Wem waere es aber auch in den Sinn gekommen, dass man auf einmal sechs Loeffel haben muss? Man brauchte ja immer nur fuenf, und ein Messer wird auch sein muessen. Warum kannst du aber auch nichts sagen? Du wirst wohl wissen, dass man zum Essen einen Loeffel braucht." Diese Worte waren an das Wiseli gerichtet. Es schaute die Tante scheu an und sagte leise: "Es ist gleich, ich brauche keinen, ich habe keinen Hunger." "Warum nicht?" fragte die Tante. "Bist du's anders gewoehnt? Ich habe nicht im Sinn, was zu aendern." "Es ist wohl besser, wenn man das Kleine zuerst ein wenig in Ruhe laesst. Man muss ihm keine Angst machen", sagte der Onkel beschwichtigend. "Es wird schon besser werden." Nun liess man das Wiseli in Ruhe, die anderen assen weiter. Das Kind sass unbeweglich dabei, bis endlich der Vater aufstand, noch einmal die Pelzkappe vom Nagel nahm und nach der Stallaterne suchte, denn der Fleck sei krank geworden, da musste er noch einmal hinaus. Der Tisch war schnell wieder in Ordnung. Die Kartoffelschalen wurden mit den Haenden in das leere Milchbecken heruntergewischt, dann die Schiefertafel abgewaschen, und als die Tante damit fertig war, sagte sie zu Wiseli: "Du hast gesehen, wie ich's mache, das kannst du von nun an tun." Jetzt setzte sich der Chaeppi wieder hinter den Tisch. Er hatte seinen Griffel und sein Rechenbuch geholt und machte Anstalten, seine Rechnungsaufgaben vor sich auf den Tisch zu schreiben. Erst starrte er aber eine Weile auf das Wiseli hin, das seinen braunen Strumpf wieder vorgenommen hatte, aber sehr hilflos dasass, denn es konnte keine Masche sehen in seinem Winkel. Und sich an den Tisch zu setzen, auf dem die truebe Oellampe stand, wagte es nicht. "Du wirst auch etwas tun koennen", rief auf einmal Chaeppi erbost zu ihm hinueber, "du bist nicht das Geschickteste in der Schule." Wiseli wusste nicht, was es sagen sollte, es war ja gar nicht in der Schule gewesen heute und es wusste nicht, was zu tun war. Es war ja ueberhaupt ganz aus aller Ordnung und Fassung. "Wenn ich rechnen muss, so musst du auch, oder dann tu ich's auch nicht", rief der Chaeppi wieder. Wiseli hielt sich maeuschenstill. "So, dann ist's recht", fuhr Chaeppi laermend fort, "so tu ich keinen Strich mehr an der Arbeit." Damit warf er seinen Griffel weg. "So, so, dann tu ich auch nichts", rief der Hans aus und steckte ganz erleichtert sein Einmaleins wieder in den Schulsack, denn das Lernen war ihm das Bitterste, das er kannte. "Ich will es schon dem Lehrer sagen, wer an allem schuld ist", fing Chaeppi wieder an, "du kannst dann nur sehen, wie es dir geht." So haette Chaeppi wohl noch eine Zeitlang seinem boesen Wesen Luft gemacht, wenn nicht der Vater schon aus dem Stall zurueckgekommen waere. Er trug zwei grosse, leere Futtersaecke auf der Schulter herein und kam damit auf den Tisch zu. "Mach Platz", sagte er zu Chaeppi, der beide Ellbogen auf den Tisch gestemmt hielt und den Kopf in die Haende stuetzte. Dann breitete er die Saecke aus, faltete sie zusammen, noch einmal und noch einmal. Danach ging er zur Ofenbank und legte das Paket darauf hin. "So", sagte er befriedigt, "das ist gut. Und wo hast du dein Buendelchen, Kleines?" Wiseli holte es aus einer Ecke hervor, wo es bis jetzt gelegen hatte, und schaute mit Erstaunen zu, wie der Onkel das Buendelchen am oberen Ende des Pakets auf die Ofenbank hin drueckte, dass es nicht so ganz kugelrund bleibe. "So, da kannst du schlafen", sagte er nun zu Wiseli. "Frieren musst du nicht, der Ofen ist heiss, und auf das Buendelchen kannst du den Kopf legen. So liegst du wie im Bett. Und mit euch dreien ist's auch Zeit. Rasch ins Bett!" Damit nahm er die Oellampe vom Tisch und ging zur Kueche, die drei Buben stampften hinter ihm her. Bei der Tuer wandte er sich noch einmal um und sagte: "Schlaf gut. Musst nicht mehr nachdenken heute, denn es kommt dann schon besser." Dann ging er hinaus. Nun kam die Tante noch einmal herein mit einem Oellaempchen in der Hand und betrachtete das Lager. "Kannst du liegen da?" fragte sie. "Du hast es ja warm hier am Ofen, manches hat kein Bett und muss dazu erst noch frieren. Es kann dir auch noch so gehen, sei du nur froh, dass du einstweilen unter einem guten Dach bist. Gute Nacht!" "Gute Nacht!" sagte Wiseli leise. Die Tante hatte es aber jedenfalls nicht gehoert, denn sie war schon halb draussen, als sie gute Nacht wuenschte, und hatte die Tuer gleich hinter sich zugemacht. Jetzt sass Wiseli da in der dunklen Stube, alles war auf einmal ganz still ringsum, es hoerte keinen Ton mehr. Der Mond schien ein wenig durch das eine Fenster herein, so dass Wiseli wieder erkennen konnte, wo die Ofenbank war, worauf es schlafen sollte. Es ging nun gleich hin und setzte sich auf sein Lager. Zum erstenmal heute, seit es die Mutter verlassen hatte, war es nun allein und konnte sich besinnen. Die ganze Zeit bis jetzt war es in einer steten Spannung gewesen, denn alles hatte ihm Angst und Furcht eingefloesst, was es gesehen und gehoert hatte, seit es von der Mutter weg war. Und noch hatte es gar nicht weiter gedacht, nur von einem Augenblick auf den anderen sich gefuerchtet. Nun sass es da, zum erstenmal in seinem Leben ohne die Mutter, und ganz klar und deutlich kam ihm nun der Gedanke, dass es sie nie mehr sehen werde, dass es nie mehr mit ihr reden und sie hoeren koennte. Jetzt kam auf einmal ein solches Gefuehl der Verlassenheit ueber das Wiseli, dass es ihm gerade vorkam, als sei es mutterseelenallein und verloren auf der Welt und gar kein Mensch kuemmere sich mehr um es, und so muesse es nun ganz allein und im Dunkeln bleiben und umkommen. Und ueber das Wiseli kam ein solches Elend, dass es den Kopf auf sein Buendelchen drueckte, ganz bitterlich zu weinen anfing und trostlos sagte: "Mutter, kannst du mich nicht hoeren? Mutter, hoerst du mich nicht?" Aber die Mutter hatte dem Wiseli oft gesagt, wenn es einem Menschen schlimm gehe und er leiden muesse, dann sei er froh, dass er zum lieben Gott im Himmel schreien koenne. Der hoere ihn immer an und wolle ihm gern helfen, wenn gar keine Menschen ihm mehr zuhoeren wollen oder helfen koennen. Das kam dem Wiseli in den Sinn, und es richtete sich wieder auf und stiess schluchzend hervor: "Ach, lieber Gott im Himmel, hilf mir auch. Es ist mir so angst, und die Mutter hoert mich nicht mehr!" Und so betete es zwei- oder dreimal, und dann wurde es ein wenig stiller und ruhiger. Es fuehlte sich getroestet, da doch der liebe Gott im Himmel noch da war, zu dem es eben gerufen hatte. So war es doch nicht ganz, ganz allein. Jetzt erinnerte es sich auch an die Worte, die ihm die Mutter ganz zuletzt noch gesagt hatte: "Wenn du einmal keinen Weg mehr vor dir siehst und es dir ganz schwer wird..." So war es jetzt schon gekommen, und doch hatte es noch nicht gewusst, wie das kommen konnte, als die Mutter so sagte. Dann, hatte sie gesagt, solle es daran denken, wie es heisse in seinem Lied: ("Er wird auch Wege finden, Wo dein Fuss gehen kann.") Jetzt verstand auch Wiseli mit einemmal, was die Worte bedeuteten, die es vorher nur so hingesagt hatte, denn es hatte noch nie Angst gehabt. Aber jetzt war es ja geradeso, dass es gar keinen Weg mehr vor sich sah und dachte, mit ihm sei es ganz aus. Denn vor ihm stand gar nichts mehr als ein grosser Schrecken vor jedem Augenblick im Haus des Onkels. Es kam aber jetzt ein rechter Trost in sein Herz, wie es wieder und wieder so sagte: ("Er wird auch Wege finden, Wo dein Fuss gehen kann.") So hatte Wiseli noch gar nie empfunden, was es sei, einen lieben Gott im Himmel zu haben, zu dem man rufen kann, wenn man sonst von niemanden mehr gehoert wird. Nie bis jetzt hatte es gewusst, wie gut das tun kann. Es faltete jetzt ganz still seine Haende und fing sein Lied von vorn an, denn es wollte so gern noch etwas mehr vor dem lieben Gott sagen und zu ihm beten. Es sagte auch jedes Wort mit seinem ganzen Herzen, wie nie zuvor: ("Befiehl du deine Wege, Und was dein Herze kraenkt, Der allertreusten Pflege Des, der den Himmel lenkt.) (Der Wolken, Luft und Winden Gibt Wege, Lauf und Bahn, Er wird auch Wege finden, Wo dein Fuss gehen kann.") Es war eine beruhigende Zuversicht ins Herz des Kindes gefallen. Nachdem es mit Vertrauen die letzten Worte noch einmal gesagt hatte, legte es seinen Kopf wieder auf das Buendelchen und schlief augenblicklich ein. Jetzt traeumte das Wiseli, es sehe einen schoenen, weissen Weg vor sich, ganz trocken und hell von der Sonne beschienen, der ging zwischen lauter roten Nelken und Rosen durch und war so verlockend anzusehn, dass man gleich haette darauf huepfen und springen moegen. Und neben dem Wiseli stand seine Mutter und hielt es liebevoll bei der Hand, wie immer, und dabei zeigte sie auf den Weg hin und sagte: "Sieh, Wiseli, das ist dein Weg! Habe ich nicht zu dir gesagt: ("Er wird auch Wege finden, Wo dein Fuss gehen kann?") Und das Wiseli war sehr gluecklich in seinem Traum, und auf seinem Buendelchen schlief es so gut, als laege es in einem weichen Bett. 5. Kapitel (Wie es weitergeht und Sommer wird) Als die alte Trine mit dem Bericht auf den Berghang zurueckkam, dass Wiselis Mutter gestorben und das Kind soeben von seinem Patenonkel geholt worden sei, entstand ein grosser Aufruhr im Haus. Die Mutter klagte, dass sie den Besuch bei der Kranken nicht mehr gemacht hatte, den sie zu machen sich schon seit einigen Tagen bestimmt vorgenommen hatte. Aber sie hatte keine Ahnung gehabt, dass das Ende der armen Frau so nahe sein konnte. Otto lief aufgeregt im Zimmer auf und ab und rief immer wieder: "Es ist eine Ungerechtigkeit! Es ist eine Ungerechtigkeit! Aber wenn er ihm etwas zuleide tut, dann kann er nachher nur seine Rippen zaehlen, wie manche davon noch ganz ist!" "Wen meinst du denn eigentlich, Otto, von wem sprichst du?" unterbrach die Mutter den Sohn. "Vom Chaeppi", erwiderte er. "Was kann er dem Wiseli alles tun, wenn es mit ihm zusammen wohnen muss! Das ist eine Ungerechtigkeit! Aber er soll es nur probieren..." Hier wurde Otto wieder unterbrochen, denn ein wiederholtes, heftiges Stampfen uebertoente seine Stimme. "Was machst du fuer ein hirnerschuetterndes Gerumpel, du Miez hinter dem Ofen!" rief er aus, indem sich seine Aufregung nun nach dieser Seite wandte. Miezchen kam hinter dem Ofen hervor und stampfte noch einmal mit grosser Gewalt auf den Boden, denn es war bemueht, seine Fuesse wieder in die voellig nassen Stiefel hinein zu zwingen, die ihm die alte Trine vor kurzer Zeit mit der groessten Muehe ausgezogen hatte. Die Arbeit war sehr schwierig, und feuerrot vor Anstrengung keuchte Miezchen hervor: "Kein Mensch kann in diese Stiefel hineinkommen ohne Stampfen." "Und warum muessen denn die Stiefel wieder an die Fuesse, da ich sie gerade eben heruntergezogen habe, damit sie nicht mehr dran sind?" rief die Trine, die noch im Zimmer stand. "Ich gehe zum Buchenrain und hole auf der Stelle das Wiseli zu uns, es kann mein Bett haben", erklaerte das Miezchen entschlossen. Ebenso entschlossen kam jetzt die alte Trine auf das Miezchen zugeschritten, hob es in die Hoehe, setzte es fest auf einen Stuhl und zog mit einem Ruck den halb angezwaengten Stiefel wieder weg. Aber sie beschwichtigte das zappelnde Kind, indem sie zustimmend sagte: "Schon recht! Schon recht! Aber ich will's schon fuer dich besorgen, du brauchst nicht zwei Paar Struempfe und zwei Paar Schuhe dafuer nasszumachen. Dein Bett kannst du schon hergeben, du kannst dann in die Rumpelkammer hinaufziehen zum Schlafen, da ist Platz genug." Aber das Miezchen hatte ganz andere Gedanken. Es hatte entdeckt, dass es sich ploetzlich von einem grossen und taeglich wiederkehrenden Ungemach befreien koenne, und nahm sich fest vor, es zu tun. Jeden Abend naemlich, gerade wenn Miezchen im besten Zug der Unterhaltung war, erklang auf einmal der Befehl, ins Bett zu gehen. Hierauf erfolgten jedesmal grosse innere, haeufig auch aeussere Kaempfe, die waren peinlich und dazu noch nutzlos. Wenn es nun sein Bett an das Wiseli verschenkt hatte, so war mit einemmal allem abgeholfen, denn da war keins mehr vorhanden, und Miezchen konnte fuer immer aufbleiben. Diese Aussicht beglueckte das Miezchen so sehr, dass alle seine Gedanken darauf gerichtet waren und es erst gar nicht bemerkte, wie die schlaue Trine nur darauf bedacht war, ohne Kampf der nassen Stiefel habhaft zu werden, ihr aber gar nicht einfiel, das Wiseli zu holen. Als sie nun befriedigt mit ihren Stiefeln davonging und Miezchen die Taeuschung entdeckte, fing es so moerderisch zu schreien an, dass Otto sich beide Ohren zuhalten und die Mutter ernstlich einschreiten musste. Sie versprach dann dem Miezchen, die Sache mit dem Papa besprechen zu wollen, sobald er erst wieder zuhause sein wuerde. Denn er war an dem Morgen dieses Tages mit Onkel Max abgereist, um einen lange verabredeten Besuch bei einem alten Freund zu machen. So wurden denn endlich die Ruhe und der Friede im Haus wiederhergestellt. Erst nach vier Tagen kamen die Herren von ihrem Ausflug zurueck, und die Mutter hielt Wort. Noch am Abend seiner Rueckkehr besprach sie mit dem Vater den Tod von Wiselis Mutter und seine neue Unterkunft. Und es wurde gleich beschlossen, der Vater sollte am folgenden Tag hingehen, um sich mit dem Herrn Pfarrer zu beraten, was fuer Wiseli getan werden koennte. Dies wurde ausgefuehrt, und der Oberst brachte die Nachricht, dass am vergangenen Sonntag, zwei Tage vorher, der Gemeindevorstand die Sache schon geordnet hatte, wie sie nun bleiben wuerde. Wiseli sollte ein Unterkommen haben, und da seine Mutter nichts hinterlassen hatte, musste die Gemeinde fuer das Kind sorgen, bis es selbst sein Brot verdienen konnte. Nun hatte der Patenonkel sich gleich angeboten, das Kind fuer eine geringe Summe bei sich zu behalten. Er war als rechtschaffener Mensch bekannt, und da seine Forderung so billig war, wurde ihm das Kind vom Vorstand sehr bereitwillig zuerkannt. Und so war es denn fest und unabaenderlich, dass Wiselis neue Heimat das Haus des Onkels geworden war. "Es ist eigentlich gut so", sagte der Oberst zu seiner Frau. "Das Kind ist wohlversorgt. Was haette man auch mit ihm machen wollen ? Es ist ja noch viel zu klein, um irgendwo angestellt zu werden, und alle elternlosen Kinder kannst du doch nicht ins Haus nehmen. Da muesstest du ein Waisenhaus gruenden." Seine Frau war ein wenig bestuerzt ueber die Nachricht, dass schon alles festgesetzt sei. Sie hatte gehofft, es wuerde sich noch eine andere Unterkunft fuer das Kind finden. Denn das zarte Wiseli in dem Haus zu wissen, wo es viel Roheit hoeren und fuehlen musste, tat ihr sehr leid. Doch haette auch sie keinen Rat gewusst, und nun war auch weiter nichts mehr zu tun, als die Sache hinzunehmen und sich ab und zu um das Kind zu kuemmern. Als am Morgen darauf Otto und Miezchen hoerten, wie es mit Wiseli stehe, da brach freilich noch einmal ein Sturm los. Otto erklaerte, Wiseli ginge es nun so wie Daniel in der Loewengrube, und probierte dabei seine Faust auf dem Tisch--offenbar mit dem heimlichen Wunsch, sie so auf Chaeppis Ruecken niedersausen zu lassen. Das Miezchen laermte und heulte ein wenig, teils aus Mitleid fuer Wiseli, teils fuer sich selbst und seine vereitelten Hoffnungen auf ein glueckliches Entrinnen aus der taeglichen Betthaft. Aber auch diese Aufregung legte sich wie jede andere, und die Tage gingen wieder ihren gewohnten Gang. Inzwischen hatte Wiseli nach und nach sich ein wenig eingelebt im Haus des Onkels. Sein Bett war angekommen. Es schlief nicht mehr auf der Ofenbank, sondern, wie der Onkel gesagt hatte, in einem Verschlag in dem schmalen Gang zwischen der Kammer des Ehepaars und derjenigen der Buben. In dem Verschlag hatten gerade sein Bett Platz und eine kleine Kiste, worin seine Kleider lagen und auf die es steigen musste, um in sein Bett zu kommen, denn da war sonst gar kein Raum mehr. Um sich morgens zu waschen, musste es an den Brunnen gehen, und wenn es kalt war, so sagte die Tante, das koenne es bleiben lassen und sich dann an einem anderen Tag waschen, wenn es waermer sei. Aber daran war Wiseli nicht gewoehnt. Seine Mutter hatte es gelehrt, sich recht sauber zu halten, und Wiseli wollte lieber frieren als so ausschauen, wie es die Mutter ungern sehen wuerde. Daheim war es anders gewesen, wenn es am Morgen bei der Mutter in der Stube sich hatte fertig machen koennen und sie dabei immer so freundliche Worte mit ihm geredet hatte, dann den Kaffee auf den Tisch stellte und sie beide nebeneinander sassen, wenn es froehlich sein Brot ass, ehe es zur Schule gehen musste. Das war jetzt ganz anders, und alles war so anders, sein ganzes Leben vom Morgen bis zum Abend so anders, dass oft beim Erinnern an die Mutter und an die Tage, die es bei ihr verbracht hatte, dem Wiseli das Wasser in die Augen schoss. Und es schnuerte ihm so das Herz zusammen, dass es meinte, es koenne nicht mehr weiterleben. Aber es wehrte sich tapfer, denn der Onkel sah es ungern, wenn es weinte, oder traurig war. Und die Tante schimpfte dann mehr als je, sie konnte es gar nicht leiden. Am liebsten war Wiseli der Augenblick, da es von allen weg allein in seinen Verschlag steigen und so recht an die Mutter denken und sein Lied sagen konnte. Da kam ein grosser Trost in sein Herz. Es dachte dann an seinen schoenen Traum und war ganz sicher, dass der liebe Gott ihm einen Weg suche, so wie ihn die Mutter gezeigt hatte. Manchmal ueberlegte es auch, wie viele Menschen auf der Welt leben, fuer die der liebe Gott zu sorgen und Wege bereit zu machen hat. Und dann stieg ihm der Zweifel auf, ob er es vielleicht vergesse ueber all den vielen. Aber da kam ihm gleich der gute Trost ins Herz, dass ja die Mutter droben im Himmel sei und gewiss den lieben Gott bitten wuerde, seinen Weg nicht zu vergessen. Das machte das Wiseli dann ganz zuversichtlich und froh, und es wurde nie mehr so ungluecklich wie am ersten Abend auf der Ofenbank. Jeden Abend schlief es mit der frohen Zuversicht im Herzen ein: ("Er wird auch Wege finden Wo dein Fuss gehen kann.") So verging der Winter, und der sonnige Fruehling kam. Die Baeume wurden gruen, und alle Wiesen standen voller Schluesselblumen und weisser Anemonen. Und im Wald rief lustig der Kuckuck, und schoene, warme Luefte zogen durch das Land und machten alle Herzen froehlich, so dass jeder wieder gern leben mochte. Auch Wiselis Herz erfreuten die Blumen und der Sonnenschein, wenn es am Morgen in die Schule ging und nachher wieder zum Buchenrain zurueckkehrte. Sonst blieb ihm keine Zeit, sich daran zu erfreuen, denn es musste nun hart arbeiten. Jeder Augenblick, der neben der Schule uebrigblieb, musste zu irgendeiner Arbeit benutzt werden. Und manchen halben Tag der Woche musste es daheim bleiben und durfte nicht zur Schule gehen, weil da viel Noetigeres zu tun war, wie der Onkel und hauptsaechlich die Tante sagten. Die Fruehlingsarbeiten hatten im Feld begonnen, und im Garten war allerhand zu tun. Da musste es mithelfen, und wenn die Tante draussen war, musste es kochen und nachher das Geschirr abwaschen, den Trog fuer die Schweinchen zurecht machen und in die Scheune hinuebertragen. Neben alledem mussten die Hemden und Hosen der Buben geflickt werden, und noch so vieles war zu tun, dass Wiseli nie wusste, wie es fertig werden sollte. Den ganzen Tag durch hiess es an allen Ecken, wo es Arbeit gab: "Das kann das Kind machen, es hat ja sonst nichts zu tun." Dem Wiseli wurde es manchmal ganz schwindlig, weil es gar nicht wusste, wo anfangen und wie alles zu Ende bringen. Es wusste auch, wenn es mit dem Kartoffelsamen zum Acker rannte, wo der Onkel schaufelte, wuerde die Tante sicher schimpfen, dass es nicht zuvor in der Kueche Feuer fuers Abendessen gemacht hatte. Und machte Wiseli zuvor das Feuer an, so zankte wieder der Chaeppi, dass es nicht zuerst das Loch in seinem Jackenaermel hatte flicken koennen. Er hatte es ihm ja schon lang gesagt, und jedes rief ihm zu: "Warum machst du denn das nicht? Du hast ja sonst nichts zu tun!" So war Wiseli ganz froh, wenn es in die Schule gehen konnte, da hatte es doch eine Zeitlang Ruhe und wusste, was es tun musste. Und dazu war das auch der Ort, wo es noch freundliche Worte hoerte. Denn in jeder Pause oder nach dem Unterricht kam der Otto zu Wiseli, redete freundlich mit ihm und brachte immer wieder eine Einladung von seiner Mutter, dass es etwa am Sonntagabend zu ihnen komme. Sie wollten dann zusammen spielen. Das konnte nun Wiseli nie ausfuehren, denn am Sonntag musste es den Kaffee machen, und die Tante erlaubte ihm nicht, fortzugehen an dem einzigen Tag, da es ihr etwas helfen koenne, wie sie sagte. Aber es tat doch dem Wiseli sehr wohl, dass Otto es immer wieder einlud, und allein schon, dass er freundlich mit ihm sprach wie sonst niemand. Noch einen Grund hatte Wiseli, warum es gern zur Schule ging. Es musste jedesmal an dem sauberen Gaertchen vom Schreiner Andres vorbeigehen, da schaute es so gern hinein und passte da an der niederen Hecke immer und immer wieder die Gelegenheit ab, den Schreiner Andres zu sehen. Denn es hatte ihm ja noch etwas von der Mutter auszurichten, das hatte es nicht vergessen. Aber in das Haus hineinzugehen, dazu war Wiseli zu schuechtern. Es kannte den Mann auch zu wenig, um einen solchen Schritt zu tun. Auch hatte es eine eigene Art von Scheu vor ihm, weil er so still war und es nur immer, wo es ihn traf, freundlich angesehen, aber fast nie etwas zu ihm gesagt hatte. Seit dem Tod der Mutter hatte Wiseli den Schreiner Andres nie mehr gesehen, wie oft es auch an der Hecke gestanden und nach ihm ausgeschaut hatte. Mai und Juni waren vorbei, und die langen Sommertage waren gekommen, da es auf dem Feld immer mehr Arbeit gibt. Es war heiss geworden. Das merkte auch das Wiseli, wenn es vom Onkel hinausgerufen wurde und mit einem grossen, schweren Rechen das Heu zusammenbringen oder mit der breiten Holzgabel wieder auseinanderwerfen musste, damit es an der Sonne trockne. Oft musste es so den ganzen Tag draussen helfen, und am Abend war es dann so muede, dass es seine Arme kaum mehr bewegen konnte. Das haette es aber nicht geachtet, denn es dachte, das muesse so sein. Aber wenn es dann etwa am Abend einen Augenblick still sass, dann rief ihm der Chaeppi gleich zu: "Du wirst so gut Rechnungen zu machen haben wie ich. Du meinst, du muessest nichts tun, und in der Schule kannst du ja nie etwas." Das tat dem Wiseli weh, denn es haette gern fleissig alles gelernt und waere gern regelmaessig zur Schule gegangen, damit es alles gut begreifen und erlernen koennte. Und es wusste recht gut, dass es fast ueberall zurueck war. Es musste ja so oft unterbrechen und hatte dann gar keinen Zusammenhang, wusste auch gar nicht, was fuer Aufgaben zu machen waren. Wenn es dann ohne Hausarbeiten in die Schule kam und dazu ungeschickt antwortete und vieles gar nicht wusste, schaemte es sich sehr--besonders, wenn der Lehrer ihm dann vor allen Kindern sagte: "Das haette ich von dir nicht erwartet, Wiseli, du warst immer am kluegsten." Dann meinte es oft, es muesse in den Boden sinken vor Scham, und nachher weinte es auf dem ganzen Heimweg. Aber dem Chaeppi durfte es nicht antworten, es wisse ja nicht, was zu machen sei. Sonst schimpfte und laermte er so lange, bis die Tante hereinkam und auf Chaeppis Anklagen hin dem Wiseli erst recht seine Nachlaessigkeit vorwarf. Dann unterdrueckte das Kind manchmal seine Traenen, und erst nachher auf seinem Kissen durfte es ihnen freien Lauf lassen. Und sie kamen dann auch recht heiss und schwer, denn es war ihm so, als haetten der liebe Gott und die Mutter es ganz vergessen und kein Mensch auf der Welt kuemmere sich um sein Leben. In seinem Kummer konnte es oft lange sein Trostlied nicht sagen. Es kam aber zu keiner Ruhe und konnte nie einschlafen, bis es die Worte wieder recht zusammengefunden und sie mit Andacht hatte sagen koennen, wenn ihm auch die frohe Zuversicht nicht recht im Herzen aufgehen wollte. So war das Wiseli auch eingeschlafen an einem schoenen Juliabend, und am Morgen darauf stand es zaghaft unten am Tisch, als die Buben zur Schule aufbrachen. Es wagte nicht zu fragen, ob es auch gehen duerfe, denn die Tante schien keine Zeit zu einer Antwort zu haben und der Onkel hatte das Haus schon verlassen. Jetzt liefen die Buben davon. Wiseli schaute ihnen nach durch das offene Fenster, wo sie zwischen den hohen Wiesenblumen hinsprangen und ueber ihren Koepfen die weissen Schmetterlinge in der Morgensonne umherflogen. Die Tante hatte eine grosse Waesche vorbereitet. Musste es wohl diese Woche am Waschtrog zubringen? Richtig, sie rief schon nach ihm aus der Kueche. Jetzt rief auch der Onkel nach Wiseli. Er stand am Brunnen und sah es am Fenster. "Mach, mach, Wiseli, es ist Zeit, die Buben sind ja weit voraus. Das Heu ist drinnen, mach, dass du in die Schule kommst!" Das liess sich Wiseli nicht zweimal sagen. Wie ein Blitz erfasste es seinen Schulsack und lief zur Tuer hinaus. "Sag dem Lehrer", rief der Onkel ihm nach, "du wurdest jetzt eine Zeitlang nicht fehlen. Er soll's nicht so genau nehmen, wir haben viel mit dem Heu zu tun gehabt." Wiseli lief gluecklich davon. So musste es sich nicht an den Waschtrog stellen, es durfte die ganze Woche in die Schule gehen. Wie war es schoen ringsum! Von allen Baeumen pfiffen die Voegel, und das Gras duftete, und in der Sonne leuchteten die roten Margeriten und die gelben Butterblumen. Wiseli konnte nicht stehenbleiben, es war keine Zeit dazu. Aber es fuehlte, wie schoen die Landschaft war, und lief voller Freuden mittendurch. Am selben Abend, als eben alle Kinder aus der dumpfen Schulstube in den sonnigen Abendschein hinausstuermen wollten, rief der Lehrer in den Tumult hinein: "Wer hat in dieser Woche Ordnungsdienst?" "Der Otto, der Otto!" rief die ganze Schar und stuermte davon. "Otto", sagte der Lehrer in ernstem Ton, "gestern ist hier nicht aufgeraeumt worden. Einmal will ich dir verzeihen. Aber lass mich das nicht zweimal sehen, sonst muesste ich dich bestrafen. Otto schaute einen Augenblick auf all die Nussschalen und Papierfetzen und Apfelschnitze, die am Boden herumlagen und aufgelesen sein sollten. Dann wandte er eilig den Kopf weg und lief ebenfalls hinaus, denn der Lehrer war auch schon durch seine Tuer verschwunden. Draussen stand Otto auf dem sonnigen Platz, schaute in den goldenen Abend hinaus und dachte: Jetzt koennte ich heimgehen, und dann kriegte ich die Kappe voll Kirschen. Und dann koennte ich auf dem Braunen ins Feld hinausreiten, wenn der Knecht das Heu holt, und nun soll ich drinnen auf dem Boden Papierfetzen zusammenlesen? Und Otto wurde durch seine Gedanken so aufgeregt, dass er ganz grimmig vor sich hin sagte: "Ich wollte, es kaeme gerade jetzt der juengste Tag, und das Schulhaus und alles miteinander floege in tausend Stuecken in die Luft." Es blieb aber ringsum still und ruhig, und von dem alles beendenden Erdbeben waren keine Anzeichen da. Da kehrte sich endlich Otto wieder der Schultuer zu, mit zornigem Gesicht, denn er wusste ja, in den sauren Apfel musste nun gebissen werden. Oder morgen folgte die erniedrigende Strafe des Nachsitzens. Er trat ein, aber beim ersten Schritt blieb er verwundert stehen. Voellig aufgeraeumt lag die Schulstube vor ihm, keine Fetzchen und kein Staeubchen nirgends mehr zu sehen. Die Fenster standen offen, und die Abendluft stroemte in die geputzte Stube hinein. In dem Augenblick trat der Lehrer aus seinem Zimmer und schaute ueberrascht um sich und auf den Otto, der mit grossen Augen dastand. Dann ging er zu dem Jungen und sagte ermunternd: "Du darfst wirklich dein Werk anstaunen, das haette ich dir nicht zugetraut. Du bist ein guter Schueler, aber im Aufraeumen hat du heute alle uebertroffen, was sonst bei dir nicht der Fall war." Damit ging der Lehrer fort, und als sich Otto noch mit einem letzten Blick ueberzeugt hatte, dass er die Wirklichkeit vor sich sah, sprang er vor Freude in zwei Saetzen die Treppe hinunter und ueber den Platz weg. Er stuermte den Berghang hinauf, und erst als er der Mutter das wunderbare Ereignis mitteilte, fing er an zu ueberlegen, wie es sich zugetragen haben koennte. "Aus Versehen wird wohl keiner fuer dich aufgeraeumt haben", sagte die Mutter. "Hast du etwa einen guten Freund, der sich so edelmuetig fuer dich aufopfert? Denk doch einmal nach, wie es sein koennte." "Ich weiss es", sagte Miezchen entschieden, das eifrig zugehoert hatte. "Wer war es denn?" rief Otto, teils neugierig, teils unglaeubig. "Der Mauserhans", erklaerte Miezchen mit voller Ueberzeugung, "weil du ihm vor einem Jahr einen Apfel gegeben hast." "Ja, oder der Wilhelm Tell, weil ich ihm den seinigen nicht genommen habe vor ein paar Jahren. Das waere wohl ebenso wahrscheinlich, du Wunder von einem Miez." Damit rannte Otto davon, denn jetzt war's hoechste Zeit, wenn er den Ritt ins Heu nicht versaeumen wollte. Inzwischen sprang das Wiseli mit vergnuegtem Herzen den Berg hinunter, vorbei an Schreiner Andres' Gaertchen. Dann machte es aber ploetzlich kehrt und lief wieder zurueck, denn es hatte im Vorbeilaufen so schoene, rote Nelken gesehen in dem Garten, die musste es noch einmal ansehen, wenn es auch schon ein wenig spaet war. Es dachte: Den Buben komme ich doch nach, die machen erst auf allen Wegen noch Kugelschieben. Die Nelken leuchteten in der Abendsonne so schoen und dufteten so herrlich ueber die niedere Hecke herueber dem Wiseli zu, dass es fast nicht mehr von der Stelle fort wollte, so gut gefiel es ihm da. Da trat auf einmal der Schreiner Andres aus seiner Tuer heraus in das Gaertchen und kam auf das Wiseli zu. Er gab ihm die Hand ueber die Hecke und er sagte freundlich. "Willst du eine Nelke, Wiseli?" "Ja, gern", antwortete es, "und dann sollte ich Ihnen auch noch etwas ausrichten von der Mutter." "Von der Mutter?" fragte der Schreiner Andres erstaunt und liess die Nelken aus der Hand fallen, die er eben abgebrochen hatte. Wiseli sprang um die Hecke herum und las sie auf. Dann sah es zu dem Mann auf, der ganz still dastand, und sagte: "Ja, noch zu allerletzte als die Mutter sonst nichts mehr mochte, hat sie von dem guten Saft getrunken, den Sie in die Kueche gestellt haben. Und er hat ihr so gut geschmeckt, und dann hat sie mir aufgetragen, ich soll Ihnen sagen, sie danke Ihnen vielmal dafuer und auch noch fuer alles Gute. Und sie sagte noch: 'Er hat es gut mit mir gemeint'." Jetzt sah Wiseli, wie dem Schreiner Andres grosse Traenen ueber die Wangen hinunterliefen. Er wollte etwas sagen, aber es kam nichts heraus. Dann drueckte er dem Wiseli fest die Hand, wandte sich ab und ging ins Haus hinein. Das Wiseli stand ganz verwundert da. Kein Mensch hatte um seine Mutter geweint, und es selbst hatte nur weinen duerfen, wenn es niemand sah. Denn der Onkel wollte ja kein Geschrei, hatte er gesagt, und vor der Tante durfte es noch weniger weinen. Und nun war auf einmal jemand da, dem kamen die Traenen, weil es etwas von der Mutter gesagt hatte. Dem Wiseli wurde es so zumute, als waere der Schreiner Andres sein liebster Freund auf der Welt, und es fasste eine grosse Liebe zu ihm. Jetzt rannte es mit seinen Nelken davon und war wie der Blitz am Buchenrain angelangt. Und das war gut, denn eben sah es, wie die beiden Buben dem Haus zuliefen, und es durfte um alles nicht nach ihnen daheim ankommen. An diesem Abend betete Wiseli mit so frohem Herzen, dass es gar nicht begriff, wie es gestern so verzagt hatte sein koennen und gar keine Zuversicht und Freude gehabt hatte, sein Lied zu sagen. Der liebe Gott hatte es gewiss nicht vergessen, das wollte es nicht mehr denken. Heute hatte er ihm ja so viel Freude bereitet, und beim Einschlafen sah Wiseli noch das gute Gesicht des Schreiner Andres vor sich mit den Traenen darauf. Am folgenden Tag, es war nun Mittwoch, erlebte Otto die gleiche Ueberraschung wie am Tag vorher, denn er hatte sich nicht enthalten koennen, mit den andern aus der Schulstube hinauszurennen im ersten Augenblick der Befreiung. Als er dann an seine Arbeit gehen wollte und die Tuer aufmachte--da war schon alles getan und die Stube in bester Ordnung. Nun fing aber die Sache an, seine Neugierde zu erregen. Auch war er dem unbekannten Wohltaeter so dankbar, dass es ihn draengte, das auszusprechen. Am Donnerstag wollte er aufpassen, wie die Sache zugehe. Als nun die Schulstunden zu Ende waren und alles fortlief, stand Otto einen Augenblick nachdenklich an seinem Platz. Er wusste nicht recht, wo er am besten dem Wohltaeter auflauern konnte. Aber mit einemmal fasste ihn eine Schar ruestiger Kerle, seine Klassengenossen, an allen Ecken an, und die Stimmen riefen durcheinander: "Komm heraus! Heraus mit dir! Wir machen Raeuber, du bist der Anfuehrer." Otto wehrte sich ein wenig. "Ich muss ja diese Woche Ordnung machen", rief er. "Ach, was", erwiderten sie, "wegen einer Viertelstunde. Komm!" Otto liess sich fortreissen, in der Stille verliess er sich schon ein wenig auf seinen unbekannten Freund, der ihn vor der Strafe schuetzen wuerde. Er fand es unbeschreiblich angenehm, eine solche Fuersorge im Ruecken zu haben. Aus der Viertelstunde wurde auch mehr als eine Stunde, und Otto waere verloren gewesen. Er lief keuchend zur Schulstube zurueck, um sich seinem Schicksal zu stellen, und stiess dabei die Tuer mit solchem Gepolter auf, dass der Lehrer augenblicklich aus seiner Stube ins Lehrzimmer trat. "Was hast du gewollt, Otto?" fragte der Lehrer. "Nur noch einmal nachsehen", stotterte Otto, "ob auch sicher alles in Ordnung sei." "Musterhaft", bemerkte der Lehrer. "Dein Eifer ist loeblich, aber die Tueren dabei halb einzuschlagen, ist nicht notwendig." Otto ging gutgelaunt davon. Am Freitag war er entschlossen, den Fleck nicht zu raeumen, bis er im klaren war, denn da kam fuer ihn nur noch der Samstagmorgen. Da wurde freilich immer noch gross Ordnung gemacht. "Otto", rief der Lehrer, als am Freitag die Glocke vier Uhr schlug, "trag mir schnell das Zettelchen zum Herrn Pfarrer, er gibt dir Buecher zurueck. In fuenf Minuten bist du wieder da zum Aufraeumen." Das war Otto nicht ganz recht, aber er musste gehen. Ausserdem konnte er ja gleich wieder da sein. In wenig Spruengen war er im Pfarrhaus. Der Herr Pfarrer unterhielt sich noch mit jemandem. Die Frau Pfarrerin rief Otto in den Garten hinaus, er musste ihr berichten, wie es der Mama gehe und dem Papa und dem Miezchen und dem Onkel Max und den Verwandten in Deutschland. Und dann kam der Herr Pfarrer, und Otto musste erklaeren, wie er zu dem Auftrag gekommen war und was ihm der Lehrer sonst noch gesagt habe. Endlich hatte dann Otto seine Buecher erhalten, und pfeilschnell war er drueben, riss die Tuer der Schulstube auf--alles in Ordnung, alles still, kein menschliches Wesen zu sehen. Nun habe ich mich die ganze Woche nicht ein einziges Mal nach den grausigen Fetzen buecken muessen, dachte Otto befriedigt. Aber wer hat die schreckliche Arbeit getan, ohne dass er musste? Das wollte er nun um jeden Preis wissen. Am Samstag waren die Schulstunden um elf Uhr zu Ende. Otto liess alle Kinder hinausgehen, und als nun die Schulstube leer war, trat er vor die Tuer hinaus, schloss sie zu und lehnte sich mit dem Ruecken daran. So musste er doch gewiss sehen, ob da jemand hineingehen wuerde, denn damit wollte er lieber beginnen als mit der schweren Arbeit. Er stand und stand--es kam niemand. Er hoerte die Uhr halb zwoelf schlagen--es kam niemand. Am Nachmittag stand aber ein Ausflug bevor, es sollte heute frueh zu Mittag gegessen werden. Er sollte so schnell wie moeglich zuhause sein. Er musste also hinein an die Arbeit, es grauste ihm. Er oeffnete die Tuer--da--Otto riss noch mehr als das erstemal die Augen auf--wirklich, es war alles getan, schoener als je. Dem Otto wurde es ganz eigentuemlich zumute. Ob da irgendwelche Geister ihre Haende im Spiel hatten? Ganz leise, wie nie sonst, schlich er zur Tuer hinaus. Gerade in diesem Augenblick kam ebenso leise etwas aus des Lehrers Kueche geschlichen, und auf einmal stand das Wiseli ganz nahe vor ihm. Beide fuhren zusammen vor Schrecken, und das Wiseli wurde so rot, als haette es der Otto bei einem Unrecht erwischt. Jetzt ging ihm ein Licht auf. "Sicher hast du das fuer mich gemacht die ganze Woche lang, Wiseli", rief er aus. "Das tut doch gewiss sonst kein Mensch, wenn er nicht muss." "Ich habe es aber so gern getan", gab Wiseli zur Antwort. "Nein, nein, das musst du nicht sagen, Wiseli. So etwas kann kein Mensch auf der Welt gern tun", sagte Otto ueberzeugt, "Doch--gewiss", versicherte Wiseli, "ich habe die ganze Zeitlang mich immer auf den Abend gefreut, wenn ich es wieder tun durfte, und waehrend ich aufraeumte, habe ich mich erst recht immerzu gefreut, weil ich immer gedacht habe: jetzt kommt der Otto und findet alles fertig und ist froh." "Aber wie bist du denn darauf gekommen, dass du das fuer mich tun wolltest?" fragte Otto verwundert. "Ich wusste schon, dass du es nicht gern tust, und ich habe schon immer gedacht, wenn ich nur einmal dem Otto etwas geben koennte, wie du mir den Schlitten, weisst du noch? Aber ich hatte nie etwas." "Das ist viel mehr wert, als einen Schlitten leihen, was du fuer mich jetzt getan hast. Das will ich dir auch nicht vergessen, Wiseli." Und Otto gab ihm ganz geruehrt die Hand. Wiselis Augen leuchteten vor Freude wie lange nicht mehr. Aber nun wollte Otto noch wissen, wie es denn wieder in die Stube hineingekommen sei, da er doch gewartet hatte, bis alle Kinder draussen waren. "Oh, ich bin gar nicht hinausgegangen", sagte Wiseli. "Ich verbarg mich schnell hinter dem Kasten, ich dachte, du gehst schon noch ein wenig hinaus wie jeden Tag vorher." "Aber wie konntest du immer hinaus, ohne dass ich dich sah?" wollte Otto noch wissen. "Wenn du mit den anderen herumliefst, konnte ich schon hinaus. Ich passte schon auf. Und gestern und heute, als ich nicht sicher war, ging ich durch die Stube des Lehrers und fragte die Frau Lehrerin, ob sie etwas fuer mich zu tun habe Sie gibt mir manchmal einen Auftrag auszurichten, und dann ging ich durch die Kueche fort. Gestern war ich gerade hinter der Kuechentuer, als du in die Schulstube ranntest." Jetzt kannte Otto die ganze Geistergeschichte. Er gab dem Wiseli noch einmal die Hand. "Danke, Wiseli", sagte er herzlich. Und dann lief eins da hinaus, das andere dort hinaus, und beide waren froh und zufrieden. 6. Kapitel (Das Alte und auch etwas Neues) Der Sommer war vergangen, und auch die schoenen Herbsttage waren zu Ende. Es wurde kuehl und nebelig am Abend, und in den feuchten Wiesen frassen die Kuehe das letzte Gras ab. Hier und da flackerten auf den Wiesen kleine Feuer auf, denn die Hirtenbuben brieten Kartoffeln und waermten sich die Haende, An einem solchen nebelgrauen Abend kam Otto aus der Schule heim und erklaerte seiner Mutter, er muesse nachsehen, was das Wiseli mache. Denn seit den Herbstferien war es noch nicht in die Schule gekommen, acht Tage lang nicht. Otto steckte seine Vesperaepfel zu sich und lief davon. Am Buchenrain angekommen, sah er den Rudi vor der Haustuer am Boden sitzen und von einem Haufen Birnen, die neben ihm lagen, eine nach der anderen zerreissen. "Wo ist das Wiseli?" fragte Otto. "Draussen", war die Antwort. "Wo draussen?" "Auf der Wiese." "Auf welcher Wiese?" "Ich weiss nicht." Und Rudi kaute weiter an seinen Birnen. "Du stirbst einmal nicht am Gescheitsein", bemerkte Otto und ging auf gut Glueck zur grossen Wiese, die sich vom Haus bis gegen den Wald hinaufzog. Jetzt entdeckte er drei schwarze Punkte unter einem Birnbaum und ging darauf zu. Richtig, da bueckte sich Wiseli, um die Birnen zusammenzulesen. Dort sass der Chaeppi rittlings auf seinem Birnenkorb, und zuhinterst lag der Hans ruecklings ueber den vollen Korb hin und schaukelte sich so darauf, dass der Korb jeden Augenblick umzustuerzen drohte. Chaeppi sah ihm zu und lachte. Als Wiseli den Otto herankommen sah, leuchtete sein Gesicht auf. "Guten Abend, Wiseli", rief er von weitem, "warum bist du so lange nicht in die Schule gekommen?" Wiseli streckte erfreut dem Otto die Hand entgegen. "Wir haben so viel zu tun, darum durfte ich nicht kommen", sagte es. "Sieh nur, wie viel Birnen es gibt! Ich muss vom Morgen bis zum Abend auflesen, soviel ich nur kann." "Du hast ja ganz nasse Schuhe und Struempfe", erwiderte Otto. "Hier ist's nicht gemuetlich. Frierst du nicht, wenn du so nass bist?" "Ich froestle nur manchmal ein wenig, sonst ist es mir eher heiss vom Auflesen." In diesem Augenblick gab der Hans seinem Korb einen solchen Ruck, dass alles uebereinander auf den Boden hinrollte. Der Hans, der Korb und alle Birnen, die fuhren nach allen Richtungen hin. "Oh, oh!" sagte Wiseli klaeglich. "Nun muss man die alle wieder zusammenlesen." "Und die auch", rief Chaeppi und lachte, als die Birne, die er geworfen hatte, das Wiseli an der Schlaefe traf, dass es ganz bleich wurde und ihm vor Schmerz das Wasser in die Augen schoss. Kaum hatte Otto das gesehen, als er auf den Chaeppi losfuhr, ihn samt seinem Korb umwarf und ihn fest im Genick packte. "Hoer auf, ich muss ersticken", gurgelte der Chaeppi. Jetzt lachte er nicht mehr. "Du sollst daran denken, dass du es mit mir zu tun hast, wenn du so mit dem Wiseli umgehst", rief Otto zornig. "Hast du genug? Willst du daran denken?" "Ja, ja, lass nur los!" bat Chaeppi, muerbe gemacht. Nun liess Otto los. "Jetzt hast du's gespuert", sagte er; "wenn du dem Wiseli noch einmal etwas zuleide tust, so packe ich dich so, dass du noch einen Schrecken hast davon, wenn du siebzig Jahre alt bist. Auf Wiedersehen, Wiseli." Damit drehte sich Otto um und ging mit seinem Zorn nachhause. Hier suchte er gleich seine Mutter auf und erzaehlte ihr empoert, dass das Wiseli eine solche Behandlung erdulden muesse. Er war auch ganz entschlossen, auf der Stelle zum Herrn Pfarrer zu gehen und den Onkel und seine ganze Familie anzuklagen, damit man ihnen das Wiseli entreisse. Die Mutter hoerte zu, bis Otto sich ein wenig beruhigt hatte, dann sagte sie: "Lieber Junge, das wuerde gar nichts nutzen, das Kind wuerde man dem Onkel nicht wegnehmen, nur ihn reizen, wenn er so etwas hoerte. Er meint es selbst nicht boese mit dem Kind, und es ist kein genuegender Grund da, ihm Wiseli wegzunehmen. Ich weiss, dass das arme Kind jetzt ein hartes Brot isst. Ich habe es auch nicht vergessen, ich schaue immer danach aus, ob mir der liebe Gott nicht einen Weg zeigt, wie dem Kind geholfen werden koennte. Die Sache liegt mir auch am Herzen, das kannst du glauben, Otto. Wenn du inzwischen das Wiseli schuetzen und den groben Chaeppi ein wenig zaehmen kannst, ohne selbst dabei grob zu werden, so bin ich ganz damit einverstanden." Otto beruhigte sich bei dem Gedanken, dass die Mutter nach einem anderen Weg fuer das Wiseli ausschaute. Er selber dachte alle moeglichen Rettungswege aus, aber alle fuehrten in die Luft hinauf und hatten keinen Boden. Und er sah ein, dass das Wiseli darauf nicht gehen konnte. Als er dann zu Weihnachten seine Wuensche aufschreiben durfte, da schrieb er ganz verzweifelt mit ungeheuren Buchstaben, so als muesste man sie vom Himmel herunter lesen koennen, auf sein Papier: 'Ich wuensche, dass das Christkind das Wiseli befreit.' Nun war der kalte Januar wieder da, und der Schlittenweg war so praechtig glatt und fest, dass die Kinder gar nicht genug bekommen konnten, die herrliche Bahn zu benutzen. Es kam auch eine helle Mondnacht nach der anderen, und Otto hatte auf einmal den Einfall, am allerschoensten muesste das Schlittenfahren im Mondschein sein. Die ganze Gesellschaft sollte sich am Abend um sieben Uhr zusammenfinden und die Mondscheinfahrten ausfuehren, denn es war der Tag des Vollmonds. Da musste es praechtig werden. Mit Jubel wurde der Vorschlag angenommen, und die Schlittbahngenossen trennten sich gegen fuenf Uhr wie gewoehnlich, da die Nacht einbrach, um sich um sieben Uhr wieder zusammenzufinden. Weniger Anklang fand der Vorschlag bei Ottos Mutter, als er ihr mitgeteilt wurde. Sie liess sich gar nicht von der Begeisterung hinreissen, mit der die Kinder beide auf einmal und in den lautesten Toenen ihr das Wundervolle dieser Unternehmung schilderten. Sie hielt ihnen die Kaelte des spaeten Abends vor, die Unsicherheit der Fahrten bei dem ungewissen Licht und alle Gefahren, die besonders das Miezchen bedrohen koennten. Aber die Einwaende blieben wirkungslos, und Miezchen bettelte instaendig, als hinge seine einzige Lebensfreude an dieser Schlittenfahrt. Otto versprach auch, er wurde auf Miezchen aufpassen und immer in seiner naechsten Naehe bleiben. Endlich willigte die Mutter ein. Mit grossem Jubel und wohlverpackt zogen die Kinder ein paar Stunden nachher in die helle Nacht hinaus. Es ging alles ganz nach Wunsch, die Schlittenbahn war unvergleichlich, und das Geheimnisvolle der dunklen Stellen, wo der Mondschein nicht hinfiel, erhoehte den Reiz der Unternehmung. Eine Menge Kinder hatte sich eingefunden, alle waren in der froehlichsten Stimmung. Otto liess sie alle vorausfahren, dann kam er, und zuletzt musste das Miezchen kommen, damit ihm keiner in den Ruecken fahren konnte. So hatte es Otto eingerichtet, er konnte sich dabei auch immer von Zeit zu Zeit mit einem Blick vergewissern, ob Miezchen nachkomme. Als nun alles so gut ging, fiel einem der Buben ein, nun muesste einmal der ganze Zug anhaengen, naemlich ein Schlitten an den anderen gebunden werden. So wollte man hinunterfahren, das muesste im Mondenschein ein ganz besonderer Spass werden. Unter grossem Laerm und allgemeiner Zustimmung ging man gleich ans Werk. Fuer Miezchen fand Otto die Fahrt doch ein wenig gefaehrlich, denn manchmal gab es dabei einen grossartigen Umsturz saemtlicher Schlitten und Kinder. Das konnte er fuer das kleine Wesen nicht riskieren. Er liess seinen Schlitten zuletzt anbinden, der Miezchens aber wurde freigelassen. So fuhr es, wie immer, hinter dem Bruder her. Nur konnte er jetzt nicht, wie sonst, seinen Schlitten langsamer fahren lassen, wenn Miezchen zurueckblieb, denn er war in der Gewalt des Zuges. Jetzt ging es los, und die lange, lange Kette sauste die glatte Bahn hinunter. Mit einemmal hoerte Otto ein furchtbares Geschrei, und er kannte die Stimme. Es war Miezchens Stimme. Was war da geschehen? Otto hatte keine Wahl, er musste die Lustpartie zu Ende machen, wie gross auch sein Schrecken war. Aber kaum unten angelangt, riss er sein Schlittenseil los und rannte den Berg hinauf. Alle anderen liefen hinter ihm drein, denn fast alle hatten das Geschrei vernommen und wollten auch sehen, was los war. An der halben Hoehe des Berges stand das Miezchen neben seinem Schlitten, schrie aus Leibeskraeften und weinte. Atemlos stuerzte Otto heran und rief: "Was hast du? Was hast du?" "Er hat mich--er hat mich--er hat mich", stiess Miezchen schluchzend hervor und kam nicht weiter vor Aufregung. "Was hat er? Wer denn? Wo? Wer?" rief Otto. "Der Mann dort, der Mann, er hat mich--er hat mich totschlagen wollen und hat mir--und hat mir--furchtbare Worte nachgerufen." So viel kam endlich heraus unter immer neuem Geschrei. "So sei doch nur still jetzt, Miezchen, tu doch nicht so. Er hat dich ja doch nicht totgeschlagen. Hat er dich denn wirklich geschlagen?" fragte Otto ganz zahm, denn er hatte Angst. "Nein. Aber er wollte, mit einem Stecken--so hat er ihn gehoben und gesagt: 'Wart du!' Und ganz furchtbare Worte hat er mir nachgerufen." "So hat er dir eigentlich gar nichts getan", sagte Otto und atmete beruhigt auf. "Aber er hat ja--er hat ja--und ihr wart alle schon weit fort, und ich war ganz allein." Und vor Mitleid mit sich selbst brach Miezchen noch einmal in lautes Weinen aus. "Bscht! Bscht!" beschwichtigte Otto. "Sei doch still jetzt, ich gehe nun nicht mehr von dir weg, und der Mann kommt nicht mehr. Und wenn du nun gleich ganz still sein willst, so gebe ich dir den roten Zuckerhahn vom Christbaum." Das wirkte. Mit einemmal trocknete Miezchen seine Traenen und gab keinen Laut mehr von sich. Denn den grossen roten Zuckerhahn vom Christbaum zu bekommen, war Miezchens allergroesster Wunsch gewesen. Er war aber bei der Teilung auf Ottos Teil gefallen, und Miezchen hatte den Verlust nie verschmerzen koennen. Wie nun alles in Ordnung war und die Kinder den Berg hinaufstiegen, wurde besprochen, was es fuer ein Mann gewesen sein koenne, der das Miezchen habe totschlagen wollen. "Ach was, totschlagen", rief Otto dazwischen. "Ich habe schon lange gemerkt, wer es war. Wir haben ja im Herunterfahren den grossen Mann mit dem dicken Stock auch angetroffen, er musste unseren Schlitten ausweichen, in den Schnee hinein. Das machte ihn boese, und als er dann hintennach das Miezi allein antraf, hat er es ein wenig erschreckt und seinen Zorn an ihm ausgelassen." Diese Erklaerung fand allgemeine Zustimmung. Das war ja so natuerlich, dass jedes meinte, es sei ihm selber so in den Sinn gekommen. So wurde die Sache vergessen und lustig drauflos gerodelt. Endlich aber musste auch dieses Vergnuegen ein Ende nehmen, denn es hatte laengst acht Uhr geschlagen, die Zeit, da aufgebrochen werden sollte. Auf dem Heimweg schaerfte der Otto dem Miezchen ein, zuhause nichts zu erzaehlen von dem Vorfall, sonst koennte die Mutter Angst bekommen. Und dann duerften sie nie mehr im Mondschein Schlitten fahren. Den Zuckerhahn wuerde Miezchen gleich bekommen, aber es muesse versprechen, nichts zu erzaehlen. Miezchen versprach hoch und heilig, kein Wort zu sagen. Die Spuren seiner Traenen waren auch laengst verschwunden und konnten nichts mehr verraten. Laengst schon schliefen Otto und Miezchen auf ihren Kissen, und der rote Zuckerhahn spazierte durch Miezchens Traeume und erfuellte sein Herz mit einer so grossen Freude, dass es im Schlaf laechelte. Da klopfte es unten an die Haustuer, so laut, dass der Oberst und seine Frau vom Tisch auffuhren, an dem sie eben gemuetlich gesessen und sich ueber ihre Kinder unterhalten hatten. Und die alte Trine rief in strafendem Ton zum Fenster hinaus: "Was ist das fuer eine Manier!" "Es ist ein grosses Unglueck geschehen", toente es von unten herauf. "Der Herr Oberst soll doch herunterkommen, sie haben den Schreiner Andres tot gefunden." Damit lief der Bote wieder davon. Der Oberst und seine Frau hatten genug gehoert, denn auch sie waren zum offenen Fenster gegangen. Augenblicklich warf der Oberst seinen Mantel um und lief zum Haus des Schreiners. Als er in die Stube trat, fand er schon eine Menge Leute da. Man hatte den Friedensrichter und Gemeindeamtmann geholt, und eine Schar Neugieriger und Teilnehmender war mit ihnen gekommen. Andres lag am Boden in einer Blutlache und gab kein Lebenszeichen von sich. Der Oberst trat naeher. "Ist denn jemand zum Doktor gelaufen?" fragte er. Es war niemand dorthin gegangen. Da sei ja doch nichts mehr zu machen, meinten die Leute. "Lauf, was du kannst, zum Doktor", befahl der Oberst einem Burschen. "Sag ihm, ich lasse ihn bitten, er soll auf der Stelle kommen." Dann half er selbst den Andres vom Boden aufheben und in die Kammer hinein auf sein Bett legen. Erst jetzt trat der Oberst an die schwatzenden Leute heran, um zu hoeren, wie der Vorfall sich zugetragen hatte, ob jemand etwas Naeheres wisse. Der Muellerssohn trat vor und erzaehlte, er sei vor einer halben Stunde vorbeigekommen, und da er noch Licht gesehen habe in des Schreiners Stube, habe er im Vorbeigehen schnell fragen wollen, ob seine Aussteuersachen auch rechtzeitig fertig werden. Er habe die Tuer der Stube offen stehend, den Andres tot im Blut liegend am Boden gefunden. Der Matten-Joggi, der dabeistand, habe ihm lachend ein Goldstueck entgegengestreckt, als er hereingetreten sei. Er habe dann den Leuten zugerufen, dass der Gemeindeamtmann kommen solle. Der Matten-Joggi, der so hiess, weil er unten in der 'Matte', im Tal wohnte, war ein schwachsinniger Mensch, der davon lebte, dass ihn die Bauern mithelfen liessen. Er schleppte Steine und Sand, las Obst auf oder machte im Winter Holzbuendelchen. Dass er Boeses getan haette, hatte man bis jetzt nicht gehoert. Der Muellerssohn hatte ihm gesagt, er solle da bleiben, bis auch der Praesident noch da sein werde. So stand Joggi noch immer in einer Ecke, hielt seine Hand fest zugeklemmt und lachte halblaut. Jetzt trat der Doktor in die Stube und hinter ihm her auch noch der Praesident. Der Gemeindevorstand stellte sich nun mitten ins Zimmer und verhoerte die Leute. Der Doktor ging sofort in die Kammer hinein, und der Oberst folgte ihm. Der Doktor untersuchte genau den unbeweglichen Koerper. "Da haben wir's", rief er ploetzlich aus, "hier auf den Hinterkopf ist Andres geschlagen worden, da ist eine grosse Wunde." "Aber er ist doch nicht tot, Doktor, was sagst du?" "Nein, er atmet ganz leise, aber er ist boese dran." Nun brauchte der Doktor Wasser und Schwaemme und Weisszeug und noch vieles. Die Leute draussen liefen alle durcheinander und suchten und rissen alles von der Wand und aus dem Kuechenkasten und brachten Haufen von Sachen in die Kammer hinein, aber nichts von dem, das der Doktor brauchte. "Da muss eine Frau her, die Verstand hat und weiss, was ein Kranker noetig hat", rief der Doktor ungeduldig. Alle schrien durcheinander. Aber wenn einer eine wusste, so rief ein anderer: "Die kann nicht kommen." "Einer soll auf den Hang laufen", befahl der Oberst. "Meine Frau soll mir die Trine herunterschicken!" Sofort lief ein Mann davon, "Deine Frau wird dir aber nicht danken", sagte der Doktor, "denn ich lasse die Pflegerin drei bis vier Tage und Naechte nicht vom Bett weg." "Keine Sorge", entgegnete der Oberst, "fuer den Andres gaebe meine Frau alles her, nicht nur die alte Trine." Keuchend und beladen kam die Trine an, viel schneller, als man hatte hoffen koennen. Denn sie stand schon lange mit einem grossen Korb am Arm bereit, und die Frau Oberst stand neben ihr und lauschte, ob einer gelaufen komme. Sie hatte nicht annehmen koennen, dass der Andres wirklich tot sei, und hatte ueberlegt, was man brauchen koennte, um ihm wieder auf die Beine zu helfen. So hatte sie Schwamm und Verbandzeug, Wein und Oel und warme Flanelle in einen Korb gepackt, und Trine musste nur hinunterlaufen, als der Bote kam. Der Doktor war sehr zufrieden. "Alles fort jetzt, gute Nacht, Oberst, und mach, dass die ganze Bande zum Haus hinauskommt!" rief er und. schloss die Tuer zu, nachdem der Oberst hinausgetreten war. Der Gemeinderat war noch am Beratschlagen. Da aber der Oberst erklaerte, nun muesse alles das Haus verlassen, fassten die Maenner den Beschluss, vorlaeufig muesse der Joggi eingesperrt werden. Dann wollte man weitersehen. Also mussten zwei Maenner den Joggi in die Mitte nehmen, damit er nicht davonlief, und ihn so zum Armenhaus bringen und in eine Kammer sperren. Der Joggi ging aber ganz willig davon und lachte, und von Zeit zu Zeit guckte er vergnuegt in seine Faust hinein. Gleich am anderen Morgen ging die Frau Oberst voller Sorge zum Haeuschen des Andres hinunter. Trine kam leise aus der Kammer und brachte die frohe Nachricht, Andres sei gegen Morgen schon ein wenig zum Bewusstsein gekommen. Auch der Doktor sei schon dagewesen und habe den Kranken ueber Erwarten gut angetroffen. Ihr aber habe er eingeschaerft, dass sie keinen Menschen in die Kammer hineinlasse, Andres duerfe auch noch kein Wort reden, wenn er auch wollte, nicht. Nur der Doktor und die Waerterin sollen vor seine Augen kommen, erklaerte die Trine in grossem Amtseifer. Damit war die Frau Oberst einverstanden, und erfreut kehrte sie mit ihren Nachrichten nach Hause zurueck. So vergingen acht Tage. Jeden Morgen ging die Frau Oberst zum Haus des Kranken, um genau Bericht zu bekommen und zu hoeren, ob etwas fehle, das dann schnell herbeigeschafft werden musste. Otto und Miezchen mussten jeden Tag aufs neue besaenftigt werden, dass sie ihren kranken Freund noch nicht besuchen durften. Aber da war immer noch keine Erlaubnis vom Doktor. Die Trine war noch unentbehrlich, wurde auch taeglich vom Doktor gelobt fuer ihre sorgfaeltige Pflege. Nach Ablauf der acht Tage schlug der Doktor seinem Freund, dem Oberst, vor, nun einmal den Kranken zu besuchen, zu der Zeit, da er selbst dort sein wuerde. Denn jetzt war der Augenblick gekommen, da Andres wieder reden durfte. Und der Doktor wollte ihn in Gegenwart des Obersten darueber befragen, was er selbst von dem ungluecklichen Vorfall wisse. Andres freute sich, als er dem Herrn Oberst die Hand druecken durfte. Er hatte ja schon lange bemerkt, woher ihm alles Gute und alle Sorgfalt fuer seine Genesung kam. Dann besann er sich, so gut er konnte, um die Fragen der beiden Herren zu beantworten. Er wusste aber nur folgendes zu sagen: Er hatte seine Summe beisammen, die er jaehrlich dem Herrn Oberst zur Verwahrung brachte. Diese wollte er noch einmal ueberzaehlen, um seiner Sache sicher zu sein. Er hatte sich am spaeteren Abend hingesetzt, den Ruecken gegen die Fenster und die Tuer gekehrt. Mitten im Zaehlen hoerte er jemanden hereinkommen. Ehe er aber aufgeschaut hatte, fiel ein furchtbarer Schlag auf seinen Kopf. Von da an wusste er nichts mehr. Also hatte Andres Geld auf dem Tisch liegen gehabt. Davon war aber gar nichts mehr gesehen worden, nur das einzige Stueck in Joggis Hand. Wo koennte denn das andere Geld hingekommen sein, wenn wirklich Joggi der Uebeltaeter war? Als Andres vernahm, wie der Joggi gefunden worden und nun eingesperrt sei, wurde er ganz unruhig. "Sie sollen ihn doch gehen lassen, den armen Joggi", sagte er. "Der tut ja keinem Kind etwas zuleide, der hat mich nicht geschlagen." Andres hatte aber auch gegen keinen anderen Menschen den leisesten Verdacht. Er habe keine Feinde, sagte er, und kenne keinen Menschen, der ihm so etwas haette antun wollen. "Es kann auch ein Fremder gewesen sein", bemerkte der Doktor, der die niedrigen Fenster ansah. "Wenn Sie da beim hellen Licht Geld auf dem Tisch liegen haben und zaehlen, so kann das von aussen jeder sehen und Lust zum Teilen bekommen." "Ich habe nie an so etwas gedacht, es war immer alles offen," sagte der Andres gelassen. "Es ist gut, dass Sie noch etwas im Trockenen haben, Andres", bemerkte der Oberst. "Lassen Sie sich das nicht zu Herzen gehen. Das wichtigste ist, dass Sie wieder gesund werden." "Gewiss, Herr Oberst", erwiderte Andres und schuettelte ihm die Hand. "Ich habe nur zu danken. Der liebe Gott hat mir ja sonst schon viel mehr gegeben, als ich brauche." Die Herren verliessen den friedlichen Andres, und vor der Tuer sagte der Doktor: "Dem ist wohler als dem anderen, der ihn zusammenschlagen wollte." Vom Joggi wurde eine traurige Geschichte erzaehlt, die alle Buben in der Schule beschaeftigte und in grosse Teilnahme versetzte. Auch Otto brachte sie nach Hause und musste sie jeden Tag ein paarmal wiederholen, denn jedesmal, wenn er daran dachte, machte sie ihm aufs neue grossen Eindruck. Als man den Joggi an dem Abend lachend ins Armenhaus gebracht hatte, da war er aufgefordert worden, sein Goldstueck an einen seiner Fuehrer abzugeben, den Sohn des Friedensrichters. Joggi aber klemmte seine Faust noch besser zusammen und wollte nichts hergeben. Aber die beiden waren staerker als er. Sie rissen ihm mit Gewalt die Faust auf. Und der Friedensrichterssohn, der von dem Joggi manchen Kratzer waehrend der Arbeit erhalten hatte, sagte, als er das Goldstueck endlich in der Hand hielt: "So, jetzt wart nur, Joggi, du wirst schon deinen Lohn bekommen. Wart nur, bis sie kommen, sie werden dir's dann schon zeigen." Da hatte der Joggi angefangen furchtbar zu schreien und zu jammern, denn er glaubte, er werde gekoepft. Und seither ass er nicht und trank nicht und stoehnte und jammerte fortwaehrend, denn die Furcht und Angst vor dem Koepfen verfolgte ihn staendig. Schon zweimal waren der Praesident und der Gemeindeamtmann bei ihm gewesen und hatten ihm gesagt, er soll nur alles sagen, was er getan habe, er werde nicht gekoepft. Er wusste nichts zu sagen, als dass er beim Andres ins Fenster geschaut habe, und der sei am Boden gelegen. Er sei zu ihm hineingegangen und habe ihn ein wenig gestossen, da sei er tot gewesen. Da habe er etwas glaenzen gesehen in einer Ecke und habe es geholt, und dann sei der Muellerssohn gekommen und dann noch viele. Hatte der Joggi so viel erzaehlt, so fing er wieder zu stoehnen an und hoerte nicht mehr auf. 7. Kapitel (Wie es dem Kranken und jemand anderem besserging) Seit dem Tag, da der Oberst den Andres besucht hatte, blieb seine Frau auch nicht mehr draussen in der Stube, wenn sie kam, um nach dem Kranken zu sehen. Taeglich ging sie nun zu ihm hinein, setzte sich eine Weile an sein Bett zu einer gemuetlichen kleinen Unterhaltung und freute sich jedesmal ueber die Fortschritte der Genesung. Zweimal schon waren auch Otto und Miezchen dagewesen und hatten ihrem Freund Staerkungen mitgebracht. Andres sagte ganz geruehrt zu der Trine, wenn selbst ein Koenig krank waere, man koennte ihm nicht mehr Teilnahme zeigen. Der Doktor war sehr zufrieden mit Andres, und als er einmal beim Herauskommen auf den eintretenden Oberst traf, sagte er zu ihm: "Es geht Andres schon viel besser. Deine Frau kann nun ihre Trine wieder heimnehmen, die hat gute Dienste geleistet. Nur sollte ab und zu jemand kommen. Der arme, verlassene Kerl muss doch essen und hat keine Frau und kein Kind. Vielleicht weiss deine Frau Rat." Der Oberst richtete den Auftrag aus, und am folgenden Morgen sagte seine Frau, als sie den Andres besuchte: "Jetzt muss ich etwas mit Ihnen besprechen, Andres. Ist es Ihnen recht?" "Gewiss, gewiss, mehr als recht", erwiderte er und stuetzte seinen Kopf auf den Ellbogen. "Ich will nun die Trine wieder heimkommen lassen, weil es Ihnen schon so gut geht", fing sie an. "Ach, Frau Oberst, glauben Sie mir", fiel der Andres ein, "ich wollte sie jeden Tag heimschicken. Ich weiss ja, dass sie Ihnen fehlt." "Ich haette sie nicht hereingelassen, wenn sie Ihnen gefolgt haette", fuhr die Frau Oberst fort. "Aber jetzt ist es anders, da der Doktor sie entlaesst. Er sagte aber, was ich auch laengst dachte. Jemand sollte noch fuer ein paar Wochen Ihr Essen kochen oder es bei mir holen und allerlei kleine Hilfsleistungen ausfuehren. Ich habe nun gedacht, Andres, Sie koennten fuer diese Zeit das Wiseli aufnehmen." Kaum hatte der Andres den Namen aussprechen gehoert, als er von seinem Ellbogen auf und in die Hoehe schoss. "Nein, nein, Frau Oberst, nein, sicher nicht", rief er und wurde ganz rot vor Anstrengung. "So etwas koennen Sie nicht denken. Ich sollte hier drinnen im Bett liegen, und draussen in der Kueche sollte das schwache Kind fuer mich arbeiten! Ach, um Himmels willen, wie duerfte ich noch an seine Mutter unter der Erde denken, wie wuerde sie mich ansehen, wenn sie so etwas wuesste! Nein, nein, Frau Oberst, meiner Lebtag nicht, lieber nicht essen, lieber nicht mehr aufkommen--als so etwas." Die Oberstin hatte ihn ganz ruhig zu Ende reden lassen. Jetzt, als er sich auf sein Kissen zuruecklegte, sagte sie besaenftigend: "Es ist nicht so schlimm, was ich ausgedacht habe, Andres. Ueberlegen Sie doch einmal. Sie wissen ja, wo das Wiseli versorgt ist. Meinen Sie, es habe dort nichts zu tun oder nur besonders leichte Arbeit? Recht tuechtig muss es heran und bekommt so wenig freundliche Worte dazu. Wuerden Sie ihm etwa auch keine geben? Wissen Sie, was Wiselis Mutter tun wuerde, wenn sie jetzt neben uns staende? Mit Traenen wuerde sie Ihnen danken, wenn Sie das Kind jetzt in Ihr Haus nehmen wuerden, wo es gute Tage haette. Das weiss ich, und Sie sollten sehen, wie gern es Ihnen helfen wuerde." Jetzt musste dem Andres auf einmal alles anders vorkommen. Er wischte sich die Augen, dann sagte er: "Ach, ach! Wie koennte ich aber zu dem Kind kommen? Sie geben es gewiss nicht weg, und dann muesste man ja doch auch wissen, ob es wollte." "Es ist jetzt schon gut, kuemmern Sie sich nicht weiter darum, Andres", sagte die Frau Oberst froehlich und stand von ihrem Sessel auf. "Ich will nun selbst sehen, wie's geht, denn mir liegt die Sache nach allen Seiten hin am Herzen." Damit nahm sie Abschied von Andres. Als sie aber schon unter der Tuer war, rief er ihr aengstlich nach: "Aber nur, wenn es will, das Wiseli, nur, wenn es will--bitte, Frau Oberst!" Sie versprach noch einmal, das Kind sollte nur freiwillig zu ihm kommen oder dann gar nicht, und verliess das Haus. Sie ging aber nicht den Berg hinauf, sondern hinunter zum Buchenrain, denn sie wollte gleich versuchen, das Wiseli dahin zu bringen, wo sie es so gern haben wollte. Am Buchenrain angekommen, traf die Frau Oberst gerade mit dem Patenonkel zusammen, als er ins Haus gehen wollte. Er begruesste sie, ein wenig erstaunt ueber den Besuch, und sie teilte ihm gleich beim Eintreten in die Stube mit, warum sie gekommen sei und wie sehr sie hoffe, keinen abschlaegigen Bescheid zu bekommen. Denn es liege ihr viel daran, dass das Wiseli die Pflege zu Ende fuehren koenne. Da die Tante in der Kueche die Unterhaltung hoerte, kam sie auch herein und war noch erstaunter als ihr Mann, den Besuch vorzufinden. Er erklaerte ihr, warum die Frau Oberst gekommen sei, und sie meinte gleich, das sei schon nichts, von dem Kind werde niemand eine besondere Hilfe erwarten. Da sagte aber der Mann, was recht sei, muesse man gelten lassen. Das Wiseli koenne helfen, wo es sei, es sei sehr tuechtig. Er wuerde das Kind nicht einmal gern weggehen lassen, es sei folgsam und gelehrig. So fuer vierzehn Tage wollte er nichts dagegen haben, dass es den Andres ein wenig verpflege. Bis dahin werde er wohl wieder auf sein, dass es heim koenne. Denn laenger koennte es dann nicht fort sein, dann komme schon so allerhand Arbeit, denn da muesse man sich schon auf den Fruehling vorbereiten. "Ja, ja", fuegte die Frau hinzu, "ich habe nicht vor, immer wieder von vorn mit ihm anzufangen. Jetzt habe ich ihm alles mit Muehe gezeigt, das kann es nun anwenden. Der Andres soll nur selber ein Kind anlernen, wenn er eins braucht." "Ja, wegen vierzehn Tagen", sagte der Mann beschwichtigend, "da wollen wir auch nichts sagen. Man muss einander schon einen Gefallen tun." "Ich danke Ihnen", sagte nun die Frau Oberst und stand auf. "Der Andres wird Ihnen gewiss auch recht dankbar sein. Kann ich das Wiseli gleich mit mir nehmen?" D