The Project Gutenberg EBook of Fabeln und Erzaehlungen by Christian Fuerchtegott Gellert Copyright laws are changing all over the world. Be sure to check the copyright laws for your country before downloading or redistributing this or any other Project Gutenberg eBook. This header should be the first thing seen when viewing this Project Gutenberg file. Please do not remove it. Do not change or edit the header without written permission. Please read the "legal small print," and other information about the eBook and Project Gutenberg at the bottom of this file. Included is important information about your specific rights and restrictions in how the file may be used. You can also find out about how to make a donation to Project Gutenberg, and how to get involved. **Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts** **eBooks Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971** *****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!***** Title: Fabeln und Erzaehlungen Author: Christian Fuerchtegott Gellert Release Date: November, 2005 [EBook #9335] [Yes, we are more than one year ahead of schedule] [This file was first posted on September 24, 2003] Edition: 10 Language: German Character set encoding: ISO-8859-1 *** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK FABELN UND ERZAEHLUNGEN *** Produced by Delphine Lettau; the book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE" zur Verfügung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar. Fabeln und Erzählungen Christian Fürchtegott Gellert Inhalt (Alphabetisch sortiert): Alcest Amynt Calliste Chloris Cleant Cotill Damokles Damötas und Phyllis Das Füllen Das Gespenst Das Heupferd, oder der Grashüpfer Das Hospital Das junge Mädchen Das Kartenhaus Das Kutschpferd Das Land der Hinkenden Das neue Ehepaar Das Pferd und der Esel Das Pferd und die Bremse Das Schicksal Das Testament Das Unglück der Weiber Das Vermächtnis Der Affe Der arme Greis Der arme Schiffer Der Arme und der Reiche Der baronisierte Bürger Der Bauer und sein Sohn Der beherzte Entschluß Der betrübte Witwer Der Bettler Der Blinde und der Lahme Der erhörte Liebhaber Der Freier Der Freigeist Der Fuchs und die Elster Der glücklich gewordene Ehemann Der glückliche Dichter Der Greis Der grüne Esel Der gute Rat Der gütige Besuch Der Hund Der junge Drescher Der junge Gelehrte Der junge Prinz Der Jüngling Der Kandidat Der Knabe Der Kranke Der Kuckuck Der Lügner Der Maler Der Polyhistor Der Prozeß Der Reisende Der Schatz Der Selbstmord Der sterbende Vater Der süße Traum Der Tanzbär Der Tartarfürst Der Tod der Fliege und der Mücke Der unsterbliche Autor Der Wuchrer Der wunderbare Traum Der zärtliche Mann Der Zeisig Die Bauern und der Amtmann Die beiden Hunde Die beiden Knaben Die beiden Mädchen Die beiden Schwalben Die beiden Wächter Die Betschwester Die Biene und die Henne Die Ente Die Fliege Die Frau und der Geist Die Geschichte von dem Hute Die glückliche Ehe Die Guttat Die junge Ente Die kranke Frau Die Mißgeburt Die Nachtigall und der Kuckuck Die Nachtigall und die Lerche Die Reise Die schlauen Mädchen Die Spinne Die Verschwiegenheit Die Widersprecherin Die zärtliche Frau Elpin Emil Epiktet Erast Herodes und Herodias Inkle und Yariko Lisette Monime Philinde Selinde Semnon und das Orakel Till Alcest Alcest, den mancher Kummer drückte, Der, weil er sich nicht zu dem Laster schickte, Noch sich vor reichen Toren bückte, Bei Fleiß und Kunst sich elend sah, Stund neulich traurig auf. Freund, geht dir dies nicht nah, Daß viele Kluge darben müssen, Bloß weil sie mehr als andre wissen, Und, zu Betrug und List zu blind, Zu groß zu Prahlerei und Wind, Nicht knechtisch gnug zu Schmeichlern sind? O Freund, bedaure doch Alcesten, Ihn, den itzt schwere Sorgen preßten; Ihn, der von einem Buch beschämt zum andern schlich, Und doch dem Kummer nicht entwich; Ihn, der sich laut durch manchen Trostgrund lehrte, Und doch sein Herz viel lauter seufzen hörte; Der herzhaft zu sich selber sprach: Gott lebt, Gott herrscht und hört dein Ach; Er hört, so groß er ist, der jungen Raben Flehen; Drum ist er nicht zu groß, auch dir mit beizustehen; Und der, indem er dieses sprach, Doch noch im Herzen rief: Wie wird dirs künftig gehen? Der beste Trostgrund blieb noch schwach; Denn welch bekümmert Herz besiegt man gleich mit Gründen? Es fühlt der starken Gründe Kraft, Und flieht zurück in seine Leidenschaft, Um jener Macht nicht zu empfinden. Alcest beschloß zu seinem Freund zu gehn, Den er zween Tage nicht gesehn. Er, sprach er, ist es wert, und fing schon an zu gehn, Daß ich zu ihm mit meinem Kummer eile, Und meinen Kummer mit ihm teile; In Damons Arm, wenn Damon mit mir spricht, Wird die Geduld, die sonst so schwere Pflicht, Mir lange so beschwerlich nicht. Er eilt mit sehnsuchtsvollem Herzen, Wie nach dem Arzt ein Siecher, der sonst schleicht, In Hoffnung schneller geht, und hoffend seine Schmerzen Nicht fühlt, noch merkt, wie sehr er keucht, Bis er des Arztes Haus erreicht. In diesem brennenden Verlangen, Den treuen Damon zu umfangen, Tritt er ins Haus und eilt die Treppe schnell hinauf. Der Vorsaal wimmelte von Leuten, Alcest erschrickt. "Gott! was soll das bedeuten?" Er tritt herein; und seht, man bahrt den Damon auf. Er kehrte von dem toten Freunde Nach einem letzten Kuß zurück. Die Sorgen, seiner Ruhe Feinde, Entwichen in dem Augenblick. Was, sprach er, will ich mich denn quälen? Kann mich der Tod so bald entseelen, Was nützt mir alles Glück der Welt? Um froh zu sterben, will ich leben. Der Herr, der alles Fleisch erhält, Wird mir, soviel ich brauche, geben. Ihm wert zu sein, der Tugend nachzustreben, Dies sei mein Kummer auf der Welt! Amynt Amynt, der sich in großer Not befand, Und, wenn er nicht die Hütte meiden wollte, Die hart verpfändet war, zehn Taler schaffen sollte, Bat einen reichen Mann, in dessen Dienst er stand, Doch dieses Mal sein Herz vor ihm nicht zu verschließen; Und ihm zehn Taler vorzuschießen. Der Reiche ging des Armen Bitten ein. Denn gleich aufs erste Wort? Ach nein! Er ließ ihm Zeit, erst Tränen zu vergießen; Er ließ ihn lange trostlos stehn, Und oft um Gottes Willen flehn, Und zweimal nach der Türe gehn. Er warf ihm erst mit manchem harten Fluche Die Armut vor, und schlug hierauf Ihm in dem dicken Rechnungsbuche Die Menge böser Schuldner auf, Und fuhr ihn, denn dafür war er ein reicher Mann, Bei jeder Post gebietrisch schnaubend an. Dann fing er an sich zu entschließen, Dem redlichen Amynt, der ihm die Handschrift gab, Auf sechs Prozent zehn Taler vorzuschießen, Und dies Prozent zog er gleich ab. Indem daß noch der Reiche zählte: So trat sein Handwerksmann herein Und bat, weils ihm an Gelde fehlte, Er sollte doch so gütig sein Und ihm den kleinen Rest bezahlen. "Ihr kriegt itzt nichts!" fuhr ihn der Schuldherr an; Allein der arme Handwerksmann Bat ihn zu wiederholten Malen, Ihm die paar Taler auszuzahlen. Der Reiche, dem der Mann zu lange stehenblieb, Fuhr endlich auf: "Geht fort, Ihr Schelm, Ihr Dieb!" "Ein Schelm? Dies wäre mir nicht lieb. Ich werde gehn und Sie verklagen; Amynt dort hats gehört."--Und eilends ging der Mann. "Amynt!" fing drauf der Wuchrer an, "Wenn sie Euch vor Gerichte fragen: So könnt Ihr ja mir zu Gefallen sagen, Ihr hättet nichts gehört. Ich will auch dankbar sein; Und Euch, statt zehn, gleich zwanzig Taler leihn. Denn diesen Schimpf, den er von mir erlitten, Ihm auf dem Rathaus abzubitten, Dies würde mir ein ewger Vorwurf sein. Kurz, wollet Ihr mich nicht, als ein Zeuge, kränken: So will ich Euch die zwanzig Taler schenken: So kommt Ihr gleich aus aller Eurer Not." "Herr", sprach Amynt, "ich habe seit zween Tagen Für meine Kinder nicht satt Brot. Sie werden über Hunger klagen, Sobald sie mich nur wiedersehn. Es wird mir an die Seele gehn. Die Schuldner werden mich aus meiner Hütte jagen; Allein ich wills mit Gott ertragen. Streicht Euer Geld, das Ihr mir bietet, ein, Und lernt von mir die Pflicht, gewissenhaft zu sein." Calliste O Leser! stelle dir mit zärtlichem Gemüte Einmal die größte Schönheit vor, Auf deren Stirn der Frühling lächelnd blühte, Um deren Herz sich längst ein edelmütig Chor Entzückter Jünglinge bemühte, Die stell itzt deinem Geiste dar, Und fühl es recht, wie schön sie war. Die, deren Schicksal ich erzähle, Calliste, groß durch ihren Stand, Und edler noch durch ihre Seele, Ließ, weil sie sich nicht wohl befand, Und weil der Doktor ihr den Aderlaß befohlen, Des Königs ersten Wundarzt holen. Er, dieser so berühmte Mann, Der schmachtend ingeheim Callistens Reiz verehrte, Weil ihm ihr hoher Stand ein größer Glück verwehrte, Nahm die Gelegenheit mit tausend Freuden an. Er kam. O wär er nie gekommen! Er nimmt den weißen Arm, und streift ihn ängstlich auf, Und forscht, von Lieb und Ahndung eingenommen, Mit Zittern nach der Adern Lauf, Und streift in trunkner Angst den Arm noch vielmal auf. Callistens Freundin sieht ihn zagen, Und sagts ihr (heimlich sagt sies ihr). "O", spricht sie: "Lassen Sie den Herrn nur ruhig schlagen, Und schlüg er zweimal fehl: so werd ich doch nichts sagen, Ich weiß, er meint es gut mit mir." Der Arzt sprach noch: "Das wollen wir nicht hoffen!" Und schlug, und rief: "O unglückselger Schlag! Ich habe ja den Puls getroffen!" Und taumelte, bis er daniederlag. Sie, noch für den besorgt (kann man was Edlers denken?), Der so gefährlich sie verletzt, Verbot ihm oft, sich nicht um sie zu kränken, Und blieb zween Tage lang bei allem Schmerz gesetzt. Doch dies war nur geringes Leiden. Die Ärzte sahn nunmehr die tödliche Gefahr, Und wurden grausam eins, den Arm ihr abzuschneiden, Weil sonsten keine Rettung war. Und ohne sich darüber zu beklagen, Reicht sie den Arm, den schönen Arm, schon dar, Und bittet nur, den ja um Rat zu fragen, Der schuld an diesem Unglück war. So ward der Schönen denn das Leben Für den Verlust des Arms gegeben? So war das Leben denn für so viel Schmerz der Lohn? Sieh nur den Doktor an, sein Schrecken sagt dirs schon. Er sieht den Brand, und spricht mit bangem Ton: "Sie können länger nicht, als noch drei Tage leben!" O Gott, wie kurz ist diese Frist! Ihr Ärzte, helft ihr doch, wenn ihr zu helfen ist! Auch hier blieb noch das große Herz gelassen. "So", sprach sie, "sterb ich denn? Wohlan! Er ist nicht schuld, Er würde gern für mich erblassen. Gott hats verhängt; Gott ehr ich durch Geduld, Und bin bereit, den Augenblick zu sterben" (Der Wundarzt trat indem herein); "Sie aber", fuhr sie fort, "setz ich hiemit zum Erben Von allen meinen Gütern ein, Sie möchten sonst unglücklich sein." Sie sprachs, und schlief großmütig ein. Chloris Aus Eifersucht des Lebens satt, Warf Chloris sich betrübt auf ihre Lagerstatt; Und ihren Buhler recht zu kränken, Der einen Blick nach Sylvien getan, Rief sie die Venus brünstig an, Ihr einen leichten Tod zu schenken. Vielleicht war dies Gebet so eifrig nicht gemeint. Verliebt und jung zu sein, und um den Tod zu flehen, Wem dies nicht widersprechend scheint, Der muß die Liebe schlecht verstehen. Doch mitten in der größten Pein Sieht Chloris ihren Freund geputzt ins Zimmer treten, Und plötzlich hört sie auf zu beten, Und wünscht nicht mehr entseelt zu sein. Er sagt ihr tausend Schmeicheleien, Er seufzt, er fleht, er schwört, er küßt. O Chloris! laß dichs nicht gereuen, Daß du noch nicht gestorben bist; Dein Damon schwört, dich ewig treu zu lieben, Wie könntest du ihn doch durch deinen Tod betrüben! Der meisten Schönen Zorn gleicht ihrer Zärtlichkeit, Sie dauern beide kurze Zeit: Und Chloris ließ sich bald versöhnt von dem umfangen, Den sie vor kurzem noch des Hasses würdig fand. Sie klopft ihn auf die braunen Wangen, Und streichelt ihn mit buhlerischer Hand. Doch schnell erstarren ihre Hände. Wie, Venus! Nähert sich ihr Ende? Sie fällt in sanfter Ohnmacht hin; Ein kleiner Schnabel wird aus ihrem kleinen Kinn; Zu Flügeln werden ihre Hände; Ihr Busen wird mit einem Kropf verbaut; Und Federn überziehn die Haut. Ists möglich, daß ich dieses glaube? Ja! Chloris wird zu einer Taube. Wie zittert ihr Geliebter nicht! Hier sieht er seine Schöne fliegen. Sie fliegt ihm dreimal ums Gesicht, Als wollte sie sich noch durch einen Kuß vergnügen. Worzu sie sonst die Neigung angetrieben, Das scheint sie auch, als Taube, noch zu lieben. Das Putzen war ihr Zeitvertreib. O seht, wie putzt sie ihren Leib! Sie rupft die Federn aus, um sich recht glatt zu machen; Sie fliegt ans Waschfaß hin, tut, was sie sonst getan; Fängt Hals und Brust zu baden an. Wie schön hör ich die Taube lachen! Fragt nicht, was sie zu lachen macht! Sie hat, als Chloris, schon oft über nichts gelacht. Itzt naht sie sich dem großen Spiegel, Vor dem sie manchen Tag in Mienen sich geübt, Besieht den weißen Hals, bewundert ihre Flügel, Und fängt schon an, in sich verliebt, Mit jüngferlichem Stolz sich kostbar zu gebärden. Ach Götter! ruft ihr Freund betrübt, Laßt diese Taube doch zur Chloris wieder werden. Umsonst, spricht Venus, ist dein Flehn; Zur Taube schicket sie sich schön, Und niemals werd ich ihr die Menschheit wiedergeben. Sie hat geseufzt, gebuhlt, gelacht, Sich stets geputzt, und nie gedacht; Als Taube kann sie recht nach ihrer Neigung leben. O wenn sich nur die Göttin nicht entschließt, Die Schönen alle zu verwandeln, Die ebenso, wie Chloris, handeln! Man sagt, daß sie es willens ist. Ach, Göttin, ach! wie zahlreich wird auf Erden Alsdann das Volk der Tauben werden! Mit einer Frau wird man zu Bette gehn, Und früh auf seiner Brust ein Täubchen sitzen sehn. Mich dauert im voraus manch reizendes Gesicht. O liebe Venus, tu es nicht! Cleant Cleant, ein lieber Advokat, Der, wie es ihm nach seinem Eid gebührte, Der Unterdrückten Sache führte, Und manchen armen Schelm vom Galgen und vom Rad Durch seinen Witz losprozessierte, Half, weil man ihn um seinen Beistand bat, Die Unschuld zweener Diebe retten, Und brachte sie, weil er geschickt verfuhr, Bald von der Marter zu dem Schwur, Und durch den Schwur aus ihren Ketten. Das arme Volk! Da sieht mans nun, Wie man der Welt kann Unrecht tun! Denn wär er nicht so treu die Sache durchgegangen: So hätte man das arme Paar, Das seiner Tat fast überwiesen war, In aller Unschuld aufgehangen. Itzt waren sie nun beide frei, Und dankten ihrem Advokaten Auf ihren Knien für seine Treu, Und zahlten ihm, was die Gebühren taten, Und gaben ihm, von Dankbarkeit gerührt, Ob er gleich nicht zu wenig liquidiert, Noch einen Beutel mit Dukaten; Und schwuren ihm bei ihrer Ehrlichkeit, Wenn beßre Zeiten kommen sollten, Daß sie für diesen Dienst, durch den er sie befreit, Ihn reichlicher belohnen wollten. Allein die Nacht war vor der Tür. Sie sahn nun, daß sie nicht nach Hause kommen könnten; Drum gab der Advokat den redlichen Klienten Aus Dankbarkeit ein Nachtquartier, Weil sie so gut bezahlet hatten. Dies kam den Herren gut zustatten; Denn sie bedienten sich der Nacht, Und knebelten den lieben Wirt im Bette, Und stahlen das, was sie gebracht, Und suchten fleißig nach, ob er nichts weiter hätte. Drauf gingen sie zu ihm vors Bette, Und nahmen höflich gute Nacht. Cotill Cotill, der, wie es vielen geht, Nicht wußte, was er machen sollte, Und doch nicht müßig bleiben wollte; Denn müßig gehn, wenn mans nicht recht versteht, Ist schwerer, als man denken sollte; Cotill ging also vor die Stadt, Und machte sich etwas zu schaffen. Er ging, und schlug im Gehen oft ein Rad. "O", schrie man, "seht den jungen Laffen, Der den Verstand verloren hat! Er macht die Hände gar zu Füßen. Ihr Kinder, zischt den Narren aus!" Allein Cotill ließ sich dies alles nicht verdrüßen. Kurz, es gefiel ihm so, er ging vors Tor hinaus. Man mochte, was man wollte, sagen, Er fuhr doch fort, im Gehn sein Rad zu schlagen. "Der Teufel! Seht, das war ein rechtes Rad!" Fing endlich einer an zu fluchen. "Ich möcht es doch bald selbst versuchen." Er sagt es kaum, als ers schon tat. "Nun", sprach er, "seh ich wohl, wieviel man Vorteil hat. Es ist ganz hübsch um so ein Rad, Denn man erspart sich viele Schritte. Der Mann ist nicht so dumm, der es erfunden hat." Den Tag darauf kam schon der dritte, Und tat es nach. Die Zahl vermehrte sich. In kurzem sprach man schon gelinder; Man fragte stark nach dem Erfinder, Und lobt ihn endlich öffentlich. ---- Nimm alles vor, es sei so toll es will. Heiß anfangs närrisch wie Cotill; Dein Beifall ist drum nicht verloren. Sei nur beherzt, und spare keinen Fleiß, Ein Tor findt allemal noch einen größern Toren, Der seinen Wert zu schätzen weiß. Damokles Gaubt nicht, daß bei dem größten Glücke Ein Wütrich jemals glücklich ist. Er zittert in dem Augenblicke, Da er der Hoheit Frucht genießt. Bei aller Herrlichkeit stört ihn des Todes Schrecken, Und läßt ihn nichts, als teures Elend, schmecken. ---- Als den Tyrannen Dionys Ein Schmeichler einstens glücklich pries, Und aus dem Glanz der äußerlichen Ehre, Aus reichem Überfluß an Volk und Gold erwies, Daß sein Tyrann unendlich glücklich wäre; Als dies Damokles einst getan; Fing Dionys zu diesem Schmeichler an: "So sehr mein Glück dich eingenommen, So kennst du es doch unvollkommen; Doch schmecktest du es selbst, wie würde dichs erfreun! Willst du einmal an meiner Stelle sein?" "Von Herzen gern!" fällt ihm Damokles ein. Ein goldner Stuhl wird schnell für ihn herbeigebracht. Er sitzt, und sieht auf beiden Seiten Der Hohen größte Herrlichkeiten, Die Stolz und Wollust ausgedacht. Von Purpur prangen alle Wände, Gold schmückt die Tafel aus, im Golde perlt der Wein. Ein Wink! so eilen zwanzig Hände, Des hohen Winkes wert zu sein. Ein Wort! so fliegt die Menge schöner Knaben, Und sucht den Ruhm, dies Wort vollstreckt zu haben. Von Wollust süß berauscht, von Herrlichkeit entzückt, Schätzt sich Damokles für beglückt. "O Hoheit!" ruft er aus, "könnt ich dich ewig schmecken!" Doch ach! was nimmt er plötzlich wahr? Ein scharfes Schwert an einem Pferdehaar, Das an der Decke hängt, erfüllt sein Herz mit Schrecken; Er sieht die drohende Gefahr Nah über seinem Haupte schweben. Der Glückliche fängt an zu beben; Er sieht nicht mehr auf seines Zimmers Pracht, Nicht auf den Wein, der aus dem Golde lacht; Er langt nicht mehr nach den schmackhaften Speisen, Er hört nicht mehr der Sänger sanfte Weisen. "Ach!" fängt er zitternd an zu schrein, "Laß mich, o Dionys, nicht länger glücklich sein!" Damötas und Phyllis Damötas war schon lange Zeit Der jungen Phyllis nachgegangen; Noch konnte seine Zärtlichkeit Nicht einen Kuß von ihr erlangen. Er bat, er gab sich alle Müh; Doch seine Spröde hört ihn nie. Er sprach: "Zwei Bänder geb ich dir. Auch soll kein Warten mich verdrüßen, Versprich nur, schöne Phyllis, mir, Mich diesen Sommer noch zu küssen." Sie sieht sie an, er hofft sein Glück, Sie lobt sie, und gibt sie zurück. Er bot ein Lamm, noch zwei darauf, Dann zehn, dann alle seine Herden. So viel? Dies ist ein teurer Kauf. Nun wird sie doch gewonnen werden. Doch nichts nahm unsre Phyllis ein; Mit finstrer Stirne sprach sie: "Nein!" "Wie?" rief Damötas ganz erhitzt, "So willst du ewig widerstreben? Gut, ich verbiete dir anitzt, Mir jemals einen Kuß zu geben." "O!" rief sie, "fürchte nichts von mir, Ich bin dir ewig gut dafür." Die Spröde lacht; der Schäfer geht, Schleicht ungeküßt zu seinen Schafen. Am andern Morgen war Damöt Bei seinen Herden eingeschlafen; Er schlief, und im Vorübergehn Blieb Phyllis bei dem Schäfer stehn. Wie rot, spricht Phyllis, ist sein Mund! Bald dürft ich mich zu was entschließen. O täte nicht sein böser Hund, Ich müßte diesen Schäfer küssen. Sie geht, doch da sie gehen will, So steht sie vor Verlangen still. Sie sieht sich dreimal schüchtern um, Und sucht die Zeugen, die sie scheute; Sie macht den Hund mit Streicheln stumm, Und lockt ihn freundlich auf die Seite; Sie sinnt, bis daß sie, ganz verzagt, Sich noch zween Schritte näher wagt. Hier steht nunmehr das gute Kind; Allein sie kann sich nicht entschließen; Doch nein, itzt bückt sie sich geschwind, Und wagts, Damöten sanft zu küssen. Sie gibt ihm drauf noch einen Blick, Und kehrt nach ihrer Flur zurück. Wie süße muß ein Kuß nicht sein! Denn Phyllis kömmt noch einmal wieder, Scheint minder sich, als erst, zu scheun, Und läßt sich bei dem Schäfer nieder; Sie küßt, und nimmt sich nicht in acht; Sie küßt ihn, und Damöt erwacht. "O!" fing Damöt halb schlafend an, "Mißgönnst du mir die sanfte Stunde?" "Dir", sprach sie, "hab ich nichts getan, Ich spielte nur mit deinem Hunde; Und überhaupt, es steht nicht fein, Ein Schäfer und stets schläfrig sein. Jedoch, was gibst du mir, Damöt? So sollst du mich zum Scherze küssen." "Nun", sprach der Schäfer, "ists zu spät, Du wirst an mich bezahlen müssen." Drauf gab die gute Schäferin Um einen Kuß zehn Küsse hin. Das Füllen Ein Füllen, das die schwere Bürde Des stolzen Reuters nie gefühlt, Den blanken Zaum für eine Würde Der zugerittnen Pferde hielt; Dies Füllen lief nach allen Pferden, Worauf es einen Mann erblickt, Und wünschte, bald ein Roß zu werden, Das Sattel, Zaum und Reuter schmückt. Wie selten kennt die Ehrbegierde Das Glück, das sie zu wünschen pflegt! Das Reutzeug, die gewünschte Zierde, Wird diesem Füllen aufgelegt. Man führt es streichelnd hin und wider, Daß es den Zwang gewohnen soll; Stolz geht das Füllen auf und nieder, Und stolz gefällt sichs selber wohl. Es kam mit prächtigen Gebärden Zurück in den verlaßnen Stand, Und machte wiehernd allen Pferden Sein neu erhaltnes Glück bekannt. Ach! sprach es zu dem nächsten Gaule, Mich lobten alle, die mich sahn; Ein roter Zaum lief aus dem Maule Die schwarzen Mähnen stolz hinan. Allein wie gings am andern Tage? Das Füllen kam betrübt zurück, Und schwitzend sprach es: Welche Plage Ist nicht mein eingebildet Glück! Zwar dient der Zaum mich auszuputzen; Doch darum ward er nicht gemacht. Er ist zu meines Reuters Nutzen Und meiner Sklaverei erdacht. ---- Was wünscht man sich bei jungen Tagen? Ein Glück, das in die Augen fällt; Das Glück, ein prächtig Amt zu tragen, Das keiner doch zu spät erhält. Man eilt vergnügt, es zu erreichen, Und, seiner Freiheit ungetreu, Eilt man nach stolzen Ehrenzeichen, Und desto tiefrer Sklaverei. Das Gespenst Ein Hauswirt, wie man mir erzählt, Ward lange Zeit durch ein Gespenst gequält. Er ließ, des Geists sich zu erwehren, Sich heimlich das Verbannen lehren; Doch kraftlos blieb der Zauberspruch. Der Geist entsetzte sich vor keinen Charakteren, Und gab, in einem weißen Tuch, Ihm alle Nächte den Besuch. Ein Dichter zog in dieses Haus. Der Wirt, der bei der Nacht nicht gern allein gewesen, Bat sich des Dichters Zuspruch aus, Und ließ sich seine Verse lesen. Der Dichter las ein frostig Trauerspiel, Das, wo nicht seinem Wirt, doch ihm sehr wohl gefiel. Der Geist, den nur der Wirt, doch nicht der Dichter sah, Erschien, und hörte zu; es fing ihn an zu schauern; Er konnt es länger nicht, als einen Auftritt, dauern: Denn, eh der andre kam, so war er nicht mehr da. Der Wirt, von Hoffnung eingenommen, Ließ gleich die andre Nacht den Dichter wiederkommen. Der Dichter las, der Geist erschien; Doch ohne lange zu verziehn. Gut! sprach der Wirt bei sich, dich will ich bald verjagen; Kannst du die Verse nicht vertragen? Die dritte Nacht blieb unser Wirt allein. Sobald es zwölfe schlug, ließ das Gespenst sich blicken. Johann! fing drauf der Wirt gewaltig an zu schrein, Der Dichter (lauft geschwind!) soll von der Güte sein, Und mir sein Trauerspiel auf eine Stunde schicken. Der Geist erschrak, und winkte mit der Hand, Der Diener sollte ja nicht gehen. Und kurz, der weiße Geist verschwand, Und ließ sich niemals wieder sehen. ---- Ein jeder, der dies Wunder liest, Zieh sich daraus die gute Lehre, Daß kein Gedicht so elend ist, Daß nicht zu etwas nützlich wäre. Und wenn sich ein Gespenst vor schlechten Versen scheut! So kann uns dies zum großen Troste dienen. Gesetzt, daß sie zu unsrer Zeit Auch legionenweis erschienen: So wird, um sich von allen zu befrein, An Versen doch kein Mangel sein. Das Heupferd, oder der Grashüpfer Ein Wagen Heu, den Veltens Hand Zu hoch gebäumt, und schlecht bespannt, Konnt endlich von den matten Pferden Nicht weiter fortgezogen werden. Des Fuhrmanns Macht- und Sittenspruch, Ein zehnmals wiederholter Fluch, War eben, wie der Peitsche Schlagen, Zu schwach bei diesem schweren Wagen. Ein Heupferd, das bei der Gefahr Zuoberst auf dem Wiesbaum war, Sprang drauf herab, und sprach mit Lachen: "Ich wills dem Viehe leichter machen." Drauf ward der Wagen fortgerückt. "Ei", rief das Heupferd ganz entzückt, "Du, Fuhrmann, wirst an mich gedenken; Fahr fort! den Dank will ich dir schenken." Das Hospital Elmire war zur Witwe worden, Und nahm sich vor, nicht mehr zu frein. Allein sie war noch jung; was macht man ganz allein? Ich dächte doch, sie könnte wieder frein. Der Witwenstand ist ein betrübter Orden. Elmire sahs und schritt zur zweiten Wahl. Allein sie war das erste Mal Nicht gar zu wohl verwahret worden. Denn leider sind die Zeiten so betrübt, Daß es viel böse Männer gibt. Elmire tat daher ein feierlich Gelübd, Indem sie sich zur zweiten Ehe schickte: Sie wollte, wenn es ihr mit ihrem Manne glückte, Ein Hospital für fromme Männer baun; Denn sie war reich. Und kurz, sie ließ sich wieder traun. O welche Lust erfolgt oft nach dem Leide! Das war ein Mann, ein allerliebster Mann! Fromm wie ein Kind, gefällig wie die Freude, Und der auf nichts, als ihr Vergnügen sann. Wie hätte sie sich ihn denn besser wünschen mögen? Sie ließ geschwind den Grund zum Hospitale legen. Vier Wochen strichen hin. Nun war der Grund gelegt. Und bald wird man das erste Stockwerk sehen; Doch nein, Elmire kömmt, und heißt, vom Zorn bewegt, Die Mäurer auseinandergehen. Wie! Sollt es nicht mehr gut in ihrer Ehe stehen? Das kann nicht möglich sein, sie sind ja kaum getraut. Nun kurz und gut, es ward nicht fortgebaut. Und ungefähr nach einem halben Jahre Lag dieser Mann auch auf der Bahre. Der liebe Mann! Die Frau schwört Stein und Bein, Ihr lebelang nicht mehr zu frein; Und doch war sie nach zweiundfunfzig Wochen (Der Bau muß ja vollendet sein!) Bereits das dritte Mal versprochen. O, das war erst ein würdiger Gemahl! Verständig, zärtlich und verbindlich, Nicht eigensinnig, nicht empfindlich; Er bat da nur, wo jener mild befahl; Die Blicke seiner Frau erfüllt er als Befehle. Kurz, beide waren recht ein Herz und eine Seele. Die gute Frau! Ich gönn ihr diesen Mann. Allein sie wollte doch nicht trauen. Sie fing nicht gleich, wie ehmals, an zu bauen. Ich lobe sie darum, und hätt es selbst getan. Der Henker mag den Männern trauen, Wenn man so leicht zweimal sich irren kann. Sie fand nunmehr nach einem halben Jahre Den Gatten noch so liebenswert, Als an dem Tag, da er, gefragt vor dem Altare, Ihr durch ein seufzend Ja sein zärtlich Herz erklärt. Der Bau wird fortgesetzt. Ich seh Elmiren kommen. Wie freundlich sieht sie diesmal aus! "Ach Meister, fördert doch das Haus! Warum habt Ihrs denn angenommen? Ich geb Euch ja das Geld voraus. Laßt doch noch mehr Gesellen kommen!" Ei, das geht gut! Ich kann mich nicht genug erfreun. Das muß ein rechter Ehmann sein! Die Mäurer fördern sich, und binnen vierzehn Tagen Sieht man das erste Stockwerk stehn. Und nun läßt sich Elmire wieder sehn. Man siehts ihr an, sie hat etwas zu sagen, Vielleicht sah sie die Mäurer müßig stehn; Denn leider pflegts so herzugehn. Vielleicht hat man am Bau etwas versehn? Das sollte mich doch selbst verdrüßen. Itzt öffnet sie den Mund. Nun wird sichs zeigen müssen. "Ach", fängt sie heftig an zu schrein: "Hört auf, und reißt den Plunder ein! Ich lasse keinen Stein mehr tragen. Wofür verbaut ich denn mein Geld? Für Männer, die die Weiber plagen? Denn andre gibts nicht auf der Welt." Die böse Frau! Man sollte sie verklagen. Das junge Mädchen Ein junger Mensch sprach einen wackern Mann Durch einen guten Freund um seine Tochter an. Der Alte, der sein Kind noch nicht versprechen wollte, War dennoch ungemein erfreut, Und bat den Freund mit vieler Höflichkeit, Daß er bei ihm zu Tische bleiben sollte. Die Tochter, ob sich gleich der Vater sehr verstellt, Errät die Sache bald. Was? fängt sie an zu schließen, Ein fremder Herr, den man zu Tische gleich behält, Was bringt doch der? Ich solls nicht wissen; Allein umsonst bückt er sich nicht so tief vor mir. Ist auch der gute Freund wohl meinetwegen hier? Der Fremde hofft, es soll ihm noch gelingen, Und wagt es bei dem Glase Wein, Das Wort für seinen Freund noch einmal anzubringen. "Mein Herr!" fiel ihm der Vater ein, "O denken Sie doch nicht, daß ich zu hart verfahre: Mein Kind kann wirklich noch nicht frein, Sie ist zu jung, sie ist erst vierzehn Jahre." Indem er dies noch sprach, trat Fickchen selbst herein, Und trug ein Essen auf. "Was?" fing sie an zu schrein, "Was sagten Sie, Papa? Sie haben sich versprochen. Ich sollt erst vierzehn Jahre sein? Nein, vierzehn Jahr und sieben Wochen." Ließ sie der Vater denn nicht frein? Das weiß ich nicht; doch nein, ich wills nur sagen; Denn unter denen, die mich fragen, Da könnten wohl selbst junge Mädchen sein; Die zu beruhigen, will ichs aufrichtig sagen: Der Vater schämte sich und ließ die Tochter frein. Das Kartenhaus Das Kind greift nach den bunten Karten, Ein Haus zu bauen, fällt ihm ein. Es baut, und kann es kaum erwarten, Bis dieses Haus wird fertig sein. Nun steht der Bau. O welche Freude! Doch ach! ein ungefährer Stoß Erschüttert plötzlich das Gebäude, Und alle Bänder reißen los. Die Mutter kann im Lomberspielen, Wenn sie den letzten Satz verspielt, Kaum so viel banges Schrecken fühlen, Als ihr bestürztes Kind itzt fühlt. Doch wer wird gleich den Mut verlieren? Das Kind entschließt sich sehnsuchtsvoll, Ein neues Lustschloß aufzuführen, Das dem zerstörten gleichen soll. Die Sehnsucht muß den Schmerz besiegen, Das erste Haus steht wieder da. Wie lebhaft war des Kinds Vergnügen, Als es sein Haus von neuem sah! Nun will ich mich wohl besser hüten, Damit mein Haus nicht mehr zerbricht. "Tisch!" ruft das Kind, "laß dir gebieten, Und stehe fest, und wackle nicht!" Das Haus bleibt unerschüttert stehen, Das Kind hört auf, sich zu erfreun; Es wünscht, es wieder neu zu sehen, Und reißt es bald mit Willen ein. ---- Schilt nicht den Unbestand der Güter, Du siehst dein eigen Herz nicht ein; Veränderlich sind die Gemüter, So mußten auch die Dinge sein. Bei Gütern, die wir stets genießen, Wird das Vergnügen endlich matt; Und würden sie uns nicht entrissen, Wo fänd ein neu Vergnügen statt? Das Kutschpferd Ein Kutschpferd sah den Gaul den Pflug im Acker ziehn, Und wieherte mit Stolz auf ihn. "Wenn", sprach es, und fing an, die Schenkel schön zu heben, "Wenn kannst du dir ein solches Ansehn geben? Und wenn bewundert dich die Welt?" "Schweig", rief der Gaul, "und laß mich ruhig pflügen, Denn baute nicht mein Fleiß das Feld, Wo würdest du den Haber kriegen, Der deiner Schenkel Stolz erhält?" ---- Die ihr die Niedern so verachtet, Vornehme Müßiggänger, wißt, Daß selbst der Stolz, mit dem ihr sie betrachtet, Daß euer Vorzug selbst, aus dem ihr sie verachtet, Auf ihren Fleiß gegründet ist. Ist der, der sich und euch durch seine Hand ernährt, Nichts Bessers als Verachtung wert? Gesetzt, du hättest beßre Sitten: So ist der Vorzug doch nicht dein. Denn stammtest du aus ihren Hütten: So hättest du auch ihre Sitten. Und was du bist, und mehr, das würden sie auch sein, Wenn sie wie du erzogen wären. Dich kann die Welt sehr leicht, ihn aber nicht entbehren. Das Land der Hinkenden Vorzeiten gabs ein kleines Land, Worin man keinen Menschen fand, Der nicht gestottert, wenn er redte, Nicht, wenn er ging, gehinket hätte; Denn beides hielt man für galant. Ein Fremder sah den Übelstand; Hier, dacht er, wird man dich im Gehn bewundern müssen; Und ging einher mit steifen Füßen. Er ging, ein jeder sah ihn an, Und alle lachten, die ihn sahn, Und jeder blieb vor Lachen stehen, Und schrie: Lehrt doch den Fremden gehen! Der Fremde hielts für seine Pflicht, Den Vorwurf von sich abzulehnen. Ihr, rief er, hinkt; ich aber nicht; Den Gang müßt ihr euch abgewöhnen! Der Lärmen wird noch mehr vermehrt, Da man den Fremden sprechen hört. Er stammelt nicht; genug zur Schande! Man spottet sein im ganzen Lande. ---- Gewohnheit macht den Fehler schön, Den wir von Jugend auf gesehn. Vergebens wirds ein Kluger wagen, Und, daß wir töricht sind, uns sagen. Wir selber halten ihn dafür, Bloß, weil er klüger ist, als wir. Das neue Ehepaar Nach so viel bittern Hindernissen, Nach so viel ängstlicher Gefahr, Als jemals noch ein zärtlich Paar Hat dulden und beweinen müssen, Ließ endlich doch die Zeit mein Paar das Glück genießen, Das, wenns ein Lohn der Tugend ist, Sie durch Beständigkeit zehnfach verdienet hatten. Sie, die sich, hart bedroht, als Liebende geküßt, Die küßten sich nunmehr erlaubt als Ehegatten, Nachdem sie neidscher Freunde List Und strenger Eltern Zorn liebreich besänftigt hatten. Wer war, nach langer Jahre Müh, Nun glücklicher als er und sie? Denn, was man liebt, geliebt besitzen können; In einem treuen Arm sich seines Lebens freun, Ist, Menschen, dies kein Glück zu nennen: So muß gar keins auf Erden sein. Hier wett ich wohl, daß mancher heimlich spricht: Der gute Mensch versteht es nicht. Denn wär die Lieb ein Glück, was könnte mir denn fehlen, Da ein erlesnes Weib in meinen Armen liegt? Ist sie nicht reich und schön? Doch bin ich nicht vergnügt, Ich glaub es, lieber Freund; allein sich so vermählen, Wie viele tun, das heißt nicht lieben, nein. Das heißt, mit weit getrennten Seelen Ein Leib in einem Hause sein. Ein unverhofftes Glück begegnet unsern beiden. Wie weinen sie vor Zärtlichkeit! Der arme Mann soll itzt auf kurze Zeit Von seiner teuren Gattin scheiden, Weil ihn ein naher Freund in einer fernen Stadt Zum Erben eingesetzet hat. Von heißen Lippen losgerissen, Und doch entbrannt, sich länger noch zu küssen, Sprach eines, was das andre sprach, Dem andern immer stammelnd nach, Ein Lebewohl, ein seufzend Ach. Er stieg nunmehr ins Schiff (wie oft sah er zurücke!), Und Doris blieb am Ufer stehn, Um ihrem Damon, ihrem Glücke, Noch lange schmachtend nachzusehn. "O Himmel!" hört ich sie noch an dem Ufer flehn, "Bring meinen Mann gesund zurücke!" Das Schiff bringt ihn an seinen Ort. Er schreibt mit jeder Post: "Bald, Doris, werd ich kommen." Kaum hat er auch sein Gut noch in Besitz genommen: So eilt er schon zu Schiffe wieder fort, Und schreibt, damit sie nichts von seiner Ankunft wüßte, Daß, wider sein gegebnes Wort, Er noch acht Tage warten müßte, Eh er sie wiedersah und küßte. Die junge Frau, die, wenn die Sonn entwich, Aus ihrem von der See nicht fernen Hause schlich, Und gern am Ufer sich verweilte Ging itzund an der Freundin Hand, Mit der sie stets ihr Herze teilte, An den ihr angenehmen Strand. Sie redten. Und wovon? Errätst du dies noch nicht, Wovon ein treues Weib, die schmachtend wartet, spricht: So bist du auch nicht wert, den Inhalt zu erfahren. Nein, nein, verschweig es, mein Gedicht, Wie zärtlich Doris' Wünsche waren! Das Herz wird dem, der liebt, sie selber offenbaren, Und für die andern schreib ich nicht. Indem daß Doris noch mit manchem frohen Ach Von ihres Gatten Ankunft redte, Und von dem Gastgebote sprach, Das sie sich ausgesonnen hätte; Indem sie noch von ihrer Erbschaft redte, Und, wenn sie den Entwurf von ihrem Glück gemacht, Sich oft in dem Entwurfe störte, Und den, der sie im Testament bedacht, Mit dankerfüllten Tränen ehrte; Indem sie zum voraus die Armen speisen ließ, Und mütterlich den Waisen sich erwies, Der Kranken Herz mit Stärkungen erquickte, Und den Gefangnen Hülfe schickte; Indem sie dies im Geist von ihrer Erbschaft tat Und, in ihr Glück vertieft, ans Ufer näher trat, Fing ihre Freundin an: "Was schwimmt dort auf dem Meere? Ein Kästchen? Wie? wenns voll Juwelen wäre? Ach Doris! wäre das nicht schön? Allein ich sag es dir, ich habs zuerst gesehn, Und kömmt es an den Strand geschwommen: So ist das Glück des Schiffbruchs mein; Doch du wirst ja bald niederkommen, Und das versteht sich schon, ich muß Gevatter sein, Dann bind ich dir drei Schnuren Perlen ein." Die junge Frau belohnte Scherz mit Scherze. "Es nähert sich", fing jene wieder an; Doch wie erschraken sie, als sie zu ihrem Schmerze Fern einen Leichnam schwimmen sahn. "Wer weiß", sprach Doris, welcher schon Die Tränen in den Augen stunden, "Wer weiß, ist der, der hier sein Grab gefunden, Nicht grauer Eltern einzger Sohn? Wer weiß, mit welcher trunknen Freude Itzt die verlebten Alten beide, Ihn zu empfangen, fertig stehn? Und sich im Geist erfreun, die Braut ihm anzubieten, Die sie für ihn erwählt, und treulich für ihn hüten. Gott geb es nicht, daß sie den Anblick sehn. Wer weiß, ward nicht durch seinen Tod Der treusten Frau ein lieber Mann entrissen, Die bald ihr eignes Weh, bald ihrer Kinder Not In Armut wird beweinen müssen? Wer weiß, wievielmal er betränt, Eh er noch starb, das arme Weib erwähnt? Doch, Freundin, komm von der betrübten Stelle, Damit mein Herz nicht länger zittern darf." Dies sagte sie sind ging, als eben eine Welle Den Toten an das Ufer warf. Die Freundin sah ihn an, und schrie mit Ungestüm: "Mein Vetter!" und fiel neben ihm. Auf dies Geschrei kam Doris wieder, Der lieben Freundin beizustehn. Ach, Doris, ach! was wirst du sehn? Sie sieht, und fällt auf ihren Gatten nieder, Und stirbt an seiner starren Brust. Indes erwacht die Freundin wieder, Und zeigt der Nachbarschaft den doppelten Verlust. Hier bebte der, den man nie zittern sehn, Und dem, der nie geweint, floß Wehmut vom Gesichte, Und niemand fragte, was geschehn. Der Anblick selbst erzählte die Geschichte. ---- Beweint, ihr mitleidsvollen Seelen, Die traurigste Begebenheit Elend gewordner Zärtlichkeit, Und schmeckt das Glück, um andre sich zu quälen. Laßt uns die Unschuld oft im größten Unglück sehn, Und leidet mit bei fremden Schmerzen; Dies Mitleid heiligt unsre Herzen, Und heißt die Menschenlieb in uns ihr Haupt erhöhn. Die Tugend bleibt uns noch im Unglück selber schön. Das Pferd und der Esel Ein Pferd, dem Geist und Mut recht aus den Augen sahn, Ging, stolz auf sich und seinen Mann, Und stieß (wie leicht ist nicht ein falscher Schritt getan!) Vor großem Feuer einmal an. Ein träger Esel sahs und lachte. "Wer", sprach er, "würd es mir verzeihn, Wenn ich dergleichen Fehler machte? Ich geh den ganzen Tag, und stoß an keinen Stein." "Schweig", rief das Pferd, "du bist zu meinem Unbedachte, Zu meinen Fehlern viel zu klein." Das Pferd und die Bremse Ein Gaul, der Schmuck von weißen Pferden, Von Schenkeln leicht, schön von Gestalt, Und, wie ein Mensch, stolz in Gebärden, Trug seinen Herrn durch einen Wald; Als mitten in dem stolzen Gange Ihm eine Brems entgegenzog, Und durstig auf die nasse Stange An seinem blanken Zaume flog. Sie leckte von dem weißen Schaume, Der heficht am Gebisse floß. "Geschmeiße!" sprach das wilde Roß, "Du scheust dich nicht vor meinem Zaume? Wo bleibt die Ehrfurcht gegen mich? Wie? Darfst du wohl ein Pferd erbittern? Ich schüttle nur: so mußt du zittern." Es schüttelte; die Bremse wich. Allein sie suchte sich zu rächen; Sie flog ihm nach, um ihn zu stechen, Und stach den Schimmel in das Maul. Das Pferd erschrak, und blieb vor Schrecken In Wurzeln mit dem Eisen stecken. Und brach ein Bein; hier lag der stolze Gaul. ---- Auf sich den Haß der Niedern laden, Dies stürzet oft den größten Mann. Wer dir, als Freund, nicht nützen kann, Kann allemal, als Feind, dir schaden. Das Schicksal O Mensch! Was strebst du doch, den Ratschluß zu ergründen, Nach welchem Gott die Welt regiert? Mit endlicher Vernunft willst du die Absicht finden, Die der Unendliche bei seiner Schickung führt? Du siehst bei Dingen, die geschehen, Nie das Vergangne recht, und auch die Folge nicht, Und hoffest doch, den Grund zu sehen, Warum das, was geschah, geschieht? Die Vorsicht ist gerecht in allen ihren Schlüssen. Dies siehst du freilich nicht bei allen Fällen ein; Doch wolltest du den Grund von jeder Schickung wissen: So müßtest du, was Gott ist, sein. Begnüge dich, die Absicht zu verehren, Die du zu sehn zu blöd am Geiste bist; Und laß dich hier ein jüdisch Beispiel lehren, Daß das, was Gott verhängt, aus weisen Gründen fließt, Und, wenn dirs grausam scheint, gerechtes Schicksal ist. ---- Als Moses einst vor Gott auf einem Berge trat, Und ihn von jenem ewgen Rat, Der unser Schicksal lenkt, um größre Kenntnis bat: So ward ihm ein Befehl, er sollte von den Höhen, Worauf er stund, hinab ins Ebne sehen. Hier floß ein klarer Quell. Ein reisender Soldat Stieg bei dem Quell von seinem Pferde, Und trank. Kaum war der Reuter fort. So lief ein Knabe von der Herde Nach einem Trunk an diesen Ort. Er fand den Geldsack bei der Quelle, Der jenem hier entfiel, er nahm ihn, und entwich; Worauf nach eben dieser Stelle Ein Greis gebückt an seinem Stabe schlich. Er trank, und setzte sich, um auszuruhen, nieder; Sein schweres Haupt sank zitternd in das Gras, Bis es im Schlaf des Alters Last vergaß. Indessen kam der Reuter wieder, Bedrohte diesen Greis mit wildem Ungestüm, Und forderte sein Geld von ihm. Der Alte schwört, er habe nichts gefunden, Der Alte fleht und weint, der Reuter flucht und droht, Und sticht zuletzt, mit vielen Wunden, Den armen Alten wütend tot. Als Moses dieses sah, fiel er betrübt zur Erden; Doch eine Stimme rief: "Hier kannst du innewerden, Wie in der Welt sich alles billig fügt. Denn wiß: Es hat der Greis, der itzt im Blute liegt, Des Knabens Vater einst erschlagen, Der den verlornen Raub zuvor davongetragen." Das Testament Philemon, der bei großen Schätzen Ein edelmütig Herz besaß, Und, andrer Mängel zu ersetzen, Den eignen Vorteil gern vergaß: Philemon konnte doch dem Neide nicht entgehen, So willig er auch war, den Neidern beizustehen. Zween Nachbarn haßten ihn, zween Nachbarn ruhten nie, Aufs schimpflichste von ihm zu sprechen. Warum? Er war beglückt, und glücklicher, als sie. Ist dies nicht schon ein groß Verbrechen? Die Freunde rieten ihm, sich für den Schimpf zu rächen. "Nein", sprach er, "laßt sie neidisch schmähn, Sie werden schon nach meinem Tode sehn, Wieviel sie recht gehabt, ein Glück mir nicht zu gönnen, Das wenig Menschen nützen können." Er stirbt. Man findt sein Testament, Und liest: "Ich will, daß einst, nach meinem Sterben, Mein hinterlaßnes Gut die beiden Nachbarn erben, Weil sie dies Gut mir nicht gegönnt." So mancher Freund verwünscht dies Testament. "Wie? Konnt ich ihn nicht auch beneiden? Mir gibt er nichts, und alles diesen beiden?" Die beiden Nachbarn sehn vergnügt Den Sinn des Testaments vollführen. Denn damals wußte man nicht recht zu prozessieren, Sonst hätten beide nichts gekriegt. So aber kriegten sie das völlige Vermögen. Wie rühmten sie den Selgen nicht! Er war die Großmut selbst, er war der Zeiten Licht, Und alles dies des Testamentes wegen, Denn eh er starb, war ers noch nicht. Sind unsre Nachbarn nun beglückt? Vielleicht. Wir wollen Achtung geben. Der eine Nachbar weiht entzückt Dem reichen Kasten Ruh und Leben. Er hütet ihn mit karger Hand, Und wacht, wenn andre schnarchend liegen, Und wünscht mit Tränen sich Verstand, Die schlauen Diebe zu betrügen; Springt oft, durch böse Träum erschreckt, Als ob man ihn bestohlen hätte, Mit schnellen Füßen aus dem Bette, Und sucht den Ort, wo er den Schatz versteckt. Er martert sich mit tausend Sorgen, Sein vieles Geld vermehrt zu sehn, Und nimmt aus Geiz sich vor, die Hälfte zu verborgen, Und läßt den, den er rief, doch leer zurücke gehn. Arm hatt er sich noch satt gegessen; Reich hungert er, bei halbem Essen, Und schnitt das Brot, das er den Seinen gab, Mit Klagen über Gott, und über Teurung, ab, Und ward, mit jedem neuen Tage, Der Seinen Last und seine Plage. Der andre Nachbar lachte sein. "Der Torheit", sprach er, "will ich wehren; Was ich geerbt, will ich verzehren, Und mich des Segens recht erfreun." Er hielt sein Wort und sah, in wenig Jahren, Sein vieles Geld in fremder Hand; Durch Gassen, wo er sonst stolz auf und ab gefahren, Schlich itzt sein Fuß ganz unbekannt. "Ach!" sprach er zu dem andern Erben, "Philemon hat es wohl gedacht, Daß uns der Reichtum wird verderben, Drum hat er uns sein Gut vermacht. Du hungerst karg, ich hab es durchgebracht. Wir waren wert, den Reichtum zu besitzen, Denn keiner wußt ihn recht zu nützen." Das Unglück der Weiber In eine Stadt, mich deucht, sie lag in Griechenland, Drang einst der Feind, von Wut entbrannt, Und wollte, weil die Stadt mit Sturm erobert worden, Die Bürger, in der Raserei, Bis auf den letzten Mann ermorden. O Himmel! welch ein Angstgeschrei Erregten nicht der Weiber blasse Scharen. Man stelle sich nur vor, wenn tausend Weiber schrein, Was muß das für ein Lärmen sein! Ich zittre schon, wenn zwei nur schrein. Sie liefen mit zerstreuten Haaren, Mit Augen, die von Tränen rot, Mit Händen, die zerrungen waren, Und warfen schon, vor Angst halbtot, Sich vor den Feldherrn der Barbaren, Und flehten in gemeiner Not Ihn insgesamt um ihrer Männer Leben. So hats von Tausenden nicht eine Frau gegeben, Die sich gewünscht, des Mannes los zu sein? Von Tausenden nicht eine? Nein. Nun, das ist viel; da muß, bei meinem Leben! Noch gute Zeit gewesen sein. So hart, als auch der Feldherr war: So konnt er doch dem zauberischen Flehen Der Weiber nicht ganz widerstehen. Denn welchen Mann, er sei auch zehnmal ein Barbar, Weiß nicht ein Weib durch Tränen zu bewegen? Mein ganzes Herz fängt sich hier an zu regen. Ich hätte nicht der General sein mögen, Vor dem der Weiber Schar so kläglich sich vereint; Ich hätte wie ein Kind geweint, Und ohne Geld den Männern gleich das Leben, Und jeder Frau zu ihrer Ruh Den Mann, und einen noch dazu, Wenn sies von mir verlangt, gegeben. Allein so gar gelind war dieser Feldherr nicht. "Ihr Schönen!" fängt er an und spricht. Ihr Schönen? Dieses glaub ich nicht. Ein harter General wird nicht so liebreich sprechen. Was willst du dir den Kopf zerbrechen? Genug! Er hats gesagt. Ein alter General Hat, dächt ich, doch wohl wissen können, Daß man die Weiber allemal, Sie sein es oder nicht, kann "meine Schönen" nennen. "Ihr Schönen", sprach der General, "Ich schenk euch eurer Männer Leben; Doch jede muß für den Gemahl Mir gleich ihr ganz Geschmeide geben. Und die ein Stück zurückbehält, Verliert den Mann vor diesem Zelt." Wie? Fingen nicht die Weiber an zu beben? Ihr ganz Geschmeide hinzugeben? Den ganzen Schmuck für einen Mann? Gewiß, der General war dennoch ein Tyrann. Was halfs, daß er "Ihr Schönen!" sagte, Da er die Schönen doch so plagte? Doch weit gefehlt, daß auch nur eine zagte: So holten sie vielmehr mit Freuden ihren Schmuck. Dem General war dies noch nicht genug. Er ließ nicht eh nach ihren Männern schicken, Als bis sie einen Eid getan (Der General war selbst ein Ehemann), Bis, sag ich, sie den Eid getan, Den Männern nie die Wohltat vorzurücken, Noch einen neuen Schmuck den Männern abzudrücken. Drauf kriegte jede Frau den Mann. O welche Wollust! Welch Entzücken! Vergebens wünsch ichs auszudrücken, Mit welcher Brünstigkeit die Frau den Mann umfing! Mit was für sehnsuchtsvollen Blicken Ihr Aug an seinem Auge hing! Der Feind verließ die Stadt. Die Weiber blieben stehen, Um ihren Feinden nachzusehen; Alsdann flog jede froh mit ihrem Mann ins Haus. Ist die Geschichte denn nun aus? Noch nicht, mein Freund. Nach wenig Tagen Entfiel den Weibern aller Mut. Sie grämten sich, und durftens doch nicht sagen. Wer wirds, den Eid zu brechen, wagen? Genug, der Kummer trat ins Blut. Sie legten sich; drauf starben in zehn Tagen, Des Lebens müd und satt, neunhundert an der Zahl. Der alte böse General! Das Vermächtnis Oront, der in der Welt das große Glück erlebt, Das Fürsten oft den Hirten lassen müssen, Das Glück, von einem Freund sich treu geliebt zu wissen; Oront, der sich dies Glück, so arm er war, erstrebt, Ward krank. Sein kluger Arzt sah aus verschiednen Fällen, Daß keine Rettung möglich war, Eröffnete dem Kranken die Gefahr, Und hieß ihn bald sein Haus bestellen. Oront, der sich nunmehr dem Irdischen entziehn, Und frei im Geist den Tod erwarten wollte, Bat, daß man seinen Freund ihm eiligst rufen sollte. Sein Freund, sein Pylades, erschien. "Ach!" sprach Oront, nach zärtlichem Umfassen, "Ich sterb, und was mir Gott verliehn, Will ich, mein Freund, dir hinterlassen: Dir laß ich meinen Sohn, ihn redlich zu erziehn, Und meine Frau, sie zu ernähren: Denn du verdienst, daß sie dir angehören." Der Affe Ein Affe sah ein Paar geschickte Knaben Im Brett einmal die Dame ziehn, Und sah auf jeden Platz, den sie dem Steine gaben, Mit einer Achtsamkeit, die stolz zu sagen schien, Als könnt er selbst die Dame ziehn. Er legte bald sein Mißvergnügen, Bald seinen Beifall an den Tag; Er schüttelte den Kopf itzt bei des einen Zügen, Und billigte darauf des andern seinen Schlag. Der eine, der gern siegen wollte, Sann einmal lange nach, um recht geschickt zu ziehn; Der Affe stieß darauf an ihn Und nickte, daß er machen sollte. "Doch welchen Stein soll ich denn ziehn, Wenn dus so gut verstehst?" sprach der erzürnte Knabe. "Den, jenen oder diesen da, Auf welchem ich den Finger habe?" Der Affe lächelte, daß er sich fragen sah, Und sprach zu jedem Stein mit einem Nicken: Ja. ---- Um deren Weisheit zu ergründen, Die tun, als ob sie das, was du verstehst, verstanden: So frage sie um Rat. Sind sie mit ihrem Ja Bei deinen Fragen hurtig da: So kannst du mathematisch schließen, Daß sie nicht das geringste wissen. Der arme Greis Um das Rhinozeros zu sehn (Erzählte mir mein Freund), beschloß ich auszugehn. Ich ging vors Tor mit meinem halben Gulden, Und vor mir ging ein reicher, reicher Mann, Der, seiner Miene nach, die eingelaufnen Schulden, Nebst dem, was er damit die Messe durch gewann, Und was er, wenns ihm glücken sollte, Durch den Gewinst nun noch gewinnen wollte, In schweren Ziffern übersann. Herr Orgon ging vor mir. Ich geb ihm diesen Namen, Weil ich den seinen noch nicht weiß. Er ging; doch eh wir noch zu unserm Tiere kamen: Begegnet uns ein alter schwacher Greis, Für den, auch wenn er uns um nichts gebeten hätte, Sein zitternd Haupt, das nur halb seine war, Sein ehrlich fromm Gesicht, sein heilig graues Haar Mit mehr als Rednerkünsten redte. "Ach", sprach er, "ach, erbarmt Euch mein! Ich habe nichts, um meinen Durst zu stillen. Ich will Euch künftig gern nicht mehr beschwerlich sein; Denn Gott wird wohl bald meinen Wunsch erfüllen, Und mich durch meinen Tod erfreun. O lieber Gott! laß ihn nicht ferne sein." So sprach der Greis; allein was sprach der Reiche? "Ihr seid ein so bejahrter Mann, Ihr seid schon eine halbe Leiche, Und sprecht mich noch um Geld zum Trinken an? Ihr unverschämter alter Mann! Müßt Ihr denn noch erst Branntwein trinken, Um taumelnd in das Grab zu sinken? Wer in der Jugend spart, der darbt im Alter nicht."-- Drauf ging der Geizhals fort. Ein Strom schamhafter Zähren Floß von des Alten Angesicht. "O Gott! du weißts." Mehr sprach er nicht. Ich konnte mich der Wehmut kaum erwehren, Weil ich etwas mitleidig bin. Ich gab ihm in der Angst den halben Gulden hin, Für welchen ich die Neugier stillen wollte, Und ging, damit er mich nicht weinen sehen sollte. Allein er rufte mich zurück. "Ach!" sprach er mit noch nassem Blick, "Ihr werdet Euch vergriffen haben, Es ist ein gar zu großes Stück. Ich bring Euch nicht darum, gebt mir so viel zurück, Als ich bedarf, um mich durch etwas Bier zu laben!" "Ihr", sprach ich, "sollt es alles haben, Ich seh, daß Ihrs verdient; trinkt etwas Wein dafür. Doch, armer Greis, wo wohnet Ihr?" Er sagte mir das Haus.--Ich ging am andern Tage Nach diesem Greis, der mir so redlich schien, Und tat im Gehn schon manche Frag an ihn. Allein, indem ich nach ihm frage, War er seit einer Stunde tot. Die Mien auf seinem Sterbebette War noch die redliche, mit der er gestern redte. Ein Psalmbuch und ein wenig Brot Lag neben ihm auf seinem harten Bette. O, wenn der Geizhals doch den Greis gesehen hätte, Mit dem er so unchristlich redte! Und der vielleicht ihn itzt bei Gott verklagt, Daß er vor seinem Tod ihm einen Trunk versagt. So sprach mein Freund und bat, die Müh auf mich zu nehmen, Und öffentlich den Geizhals zu beschämen. Wiewohl ein Mann, der sich zu keiner Pflicht Als für das Geld versteht, der schämt sich ewig nicht. Der arme Schiffer Ein armer Schiffer stak in Schulden, Und klagte dem Philet sein Leid. "Herr", sprach er, "leiht mir hundert Gulden; Allein zu Eurer Sicherheit Hab ich kein ander Pfand als meine Redlichkeit. Indessen leiht mir aus Erbarmen Die hundert Gulden auf ein Jahr." Philet, ein Retter in Gefahr, Ein Vater vieler hundert Armen, Zählt ihm das Geld mit Freuden dar. "Hier", spricht er, "nimm es hin und brauch es ohne Sorgen; Ich freue mich, daß ich dir dienen kann; Du bist ein ordentlicher Mann, Dem muß man ohne Handschrift borgen." Ein Jahr, und noch ein Jahr verstreicht; Kein Schiffer läßt sich wieder sehen. Wie? Sollt er auch Phileten hintergehen; Und ein Betrüger sein? Vielleicht. Doch nein! Hier kömmt der Schiffer gleich. "Herr!" fängt er an, "erfreuet Euch, Ich bin aus allen meinen Schulden; Und seht, hier sind zweihundert Gulden, Die ich durch Euer Geld gewann. Ich bitt Euch herzlich, nehmt sie an; Ihr seid ein gar zu wackrer Mann." "O", spricht Philet, "ich kann mich nicht besinnen, Daß ich dir jemals Geld geliehn. Hier ist mein Rechnungsbuch, ich wills zu Rate ziehn; Allein ich weiß es schon, du stehest nicht darinnen." Der Schiffer sieht ihn an, und schweigt betroffen still, Und kränkt sich, daß Philet das Geld nicht nehmen will. Er läuft, und kömmt mit voller Hand zurücke. "Hier", spricht er, "ist der Rest von meinem ganzen Glücke, Noch hundert Gulden! Nehmt sie hin, Und laßt mir nur das Lob, daß ich erkenntlich bin. Ich bin vergnügt, ich habe keine Schulden; Dies Glücke dank ich Euch allein; Und wollt Ihr ja recht gütig sein. So leiht mir wieder funfzig Gulden." "Hier", spricht Philet, "hier ist dein Geld, Behalte deinen ganzen Segen: Ein Mann, der Treu und Glauben hält, Verdient ihn seiner Treue wegen. Sei du mein Freund. Das Geld ist dein; Es sind nicht mehr als hundert Gulden mein, Die sollen deinen Kindern sein." ---- Mensch! mache dich verdient um andrer Wohlergehen; Denn was ist göttlicher, als wenn du liebreich bist! Und mit Vergnügen eilst, dem Nächsten beizustehen, Der, wenn er Großmut sieht, großmütig dankbar ist! Der Arme und der Reiche Aret, ein tugendhafter Mann, Dem nichts, als Geld und Güter fehlten, Rief, als ihn einst die Schulden quälten, Das Glück um seinen Beistand an. Das Glück, das seine liebsten Gaben Sonst immer für die Leute spart, Die von den Gütern beßrer Art Nicht gar zuviel bekommen haben, Entschloß sich dennoch auf sein Flehn, Dem wackern Manne beizustehn, Und ließ ihn in verborgnen Gründen Aus Geiz verscharrte Schätze finden. Er sieht darauf in kurzer Zeit Von seinen Schuldnern sich befreit; Doch ist ihm wohl die Not benommen, Da, statt der Schuldner, Schmeichler kommen? Sooft er trinkt, sooft er ißt, Kömmt einer, der ihn durstig küßt, Nach seinem Wohlsein ängstlich fraget, Und ihn mit Höflichkeit und List, Mit Loben und Bewundern plaget, Und doch durch alles nichts, als daß ihn hungert, saget. "O Glücke!" rief Aret, "soll eins von beiden sein; Kann alle Klugheit nicht von Schmeichlern mich befrein: So will ich mich von Schuldnern lieber hassen, Als mich von Schmeichlern lieben lassen. Vor jenen kann man doch zuweilen sicher sein; Doch diese Brut schleicht sich zu allen Zeiten ein." Der baronisierte Bürger Des kargen Vaters stolzer Sohn Ward, nach des Vaters Tod, Herr einer Million, Und für sein Geld in kurzer Zeit Baron. Er nahm sich vor, ein großer Mann zu werden, Und ahmte, wenn ihm gleich der innre Wert gebrach, Doch die gebietrischen Gebärden Der Großen zuversichtlich nach. Bald wünscht er sich des Staatsmanns Ehre, Vertraut mit Fürsten umzugehn; Bald wünscht er sich das Glück, dereinst vor einem Heere Mit Lorbeern des Eugens zu stehn. Kurz, er blieb ungewiß, wo er mehr Ansehn hätte, Ob in dem Feld, ob in dem Kabinette. Indessen war er doch Baron; Und sein Verdienst, die Million, Ließ sich zu alles Volks Entzücken, In Läufern und Heiducken blicken. Er nahm die halbe Stadt in Sold, Bedeckte sich und sein Gefolg mit Gold, Und brüstete sich mehr in seiner Staatskarosse, Als die daran gespannten Rosse. Er war der Schmeichler Mäzenat. Ein Geck, der ihm gebückt um seine Gnade bat, Und alles, was sein Stolz begonnte, Recht unverschämt bewundern konnte, Der kam sogleich in jener Freunde Zahl, In der man mit ihm aß, ihn lobt, und ihn bestahl, Und, wenn man ihn betrog, zugleich in überredte, Daß er des Argus Augen hätte. Was braucht es mehr als Stolz und Unverstand, Um Millionen durchzubringen? Unsichrer ist kein Schatz als in des Jünglings Hand, Den Wollust, Pracht und Stolz zu ihren Diensten zwingen. Der Herr Baron vergaß bei seinem großen Schatz Den Staatsmann und den Held, ward sinnreich im Verschwenden, Und sah in kurzer Zeit sein Gut in fremden Händen; Starb arm und unberühmt. Kurz, er bewies den Satz, Daß Eltern ihre Kinder hassen, Wofern sie ihnen nichts als Reichtum hinterlassen. Der Bauer und sein Sohn Ein guter dummer Bauerknabe, Den Junker Hans einst mit auf Reisen nahm, Und der, trotz seinem Herrn, mit einer guten Gabe, Recht dreist zu lügen, wiederkam, Ging, kurz nach der vollbrachten Reise, Mit seinem Vater über Land. Fritz, der im Gehn recht Zeit zum Lügen fand, Log auf die unverschämtste Weise. Zu seinem Unglück kam ein großer Hund gerannt. "Ja, Vater", rief der unverschämte Knabe, "Ihr mögt mirs glauben oder nicht: So sag ich Euchs, und jedem ins Gesicht, Daß ich einst einen Hund bei--Haag gesehen habe, Hart an dem Weg, wo man nach Frankreich fährt, Der--ja, ich bin nicht ehrenwert, Wenn er nicht größer war als Euer größtes Pferd." "Das", sprach der Vater, "nimmt mich wunder; Wiewohl ein jeder Ort läßt Wunderdinge sehn. Wir, zum Exempel, gehn itzunder, Und werden keine Stunde gehn: So wirst du eine Brücke sehn (Wir müssen selbst darüber gehn), Die hat dir manchen schon betrogen (Denn überhaupt solls dort nicht gar zu richtig sein); Auf dieser Brücke liegt ein Stein, An den stößt man, wenn man denselben Tag gelogen, Und fällt, und bricht sogleich das Bein." Der Bub erschrak, sobald er dies vernommen. "Ach", sprach er, "lauft doch nicht so sehr. Doch wieder auf den Hund zu kommen, Wie groß sagt ich, daß er gewesen wär? Wie Euer großes Pferd? Dazu will viel gehören. Der Hund, itzt fällt mirs ein, war erst ein halbes Jahr; Allein das wollt ich wohl beschwören, Daß er so groß, als mancher Ochse, war." Sie gingen noch ein gutes Stücke; Doch Fritzen schlug das Herz. Wie konnt es anders sein? Denn niemand bricht doch gern ein Bein. Er sah nunmehr die richterische Brücke, Und fühlte schon den Beinbruch halb. "Ja, Vater", fing er an, "der Hund, von dem ich redte, War groß, und wenn ich ihn auch was vergrößert hätte: So war er doch viel größer als ein Kalb." Die Brücke kömmt. Fritz! Fritz! wie wird dirs gehen! Der Vater geht voran; doch Fritz hält ihn geschwind. "Ach Vater!", spricht er, "seid kein Kind, Und glaubt, daß ich dergleichen Hund gesehen. Denn kurz und gut, eh wir darüber gehen, Der Hund war nur so groß, wie alle Hunde sind." ---- Du mußt es nicht gleich übelnehmen, Wenn hie und da ein Geck zu lügen sich erkühnt. Lüg auch, und mehr als er, und such ihn zu beschämen: So machst du dich um ihn und um die Welt verdient. Der beherzte Entschluß Ein guter ehrlicher Soldat, Der (denn was tut man nicht, wenn man getrunken hat?) Im Trunke seinen Wirt erschlagen, Ward itzt hinausgeführt, für seine Missetat Den Lohn durchs Schwert davonzutragen. Er sah wohl aus, und wer ihn sah, Bedauerte sein schmählich Ende, Und wünschte, daß er noch beim König Gnade fände. Besonders ging sein schweres Ende Auch einer alten Jungfer nah. Auf einmal fühlte sie die Triebe Des Mitleids und der Menschenliebe, Und fühlte sie nur mehr, je mehr sie auf ihn sah. "Ach Himmel! ists nicht ewig schade? Der schöne lange Mensch! Was für ein fein Gesicht, Und was für Augen hat er nicht! Seht doch den Bart! Ist das nicht eine Wade! Die Straf ist in der Tat zu groß. Wer kann sich denn im Trunke zähmen? Ich bitt ihn frei; ich will ihn nehmen." Sie lief, und schrie, und bat ihn los, Indem Johann schon niederkniete. "Johann", fing drauf der Richter an, "Es findet sich ein redliches Gemüte, Dies Weibsbild hier verlangst dich zum Mann, Und wenn du sie verlangst: so schenk ich dir das Leben." ---- Johann erschrak und sah die Jungfer an; Sie trat hinzu, ihn aufzuheben. "Ja", sprach er, "Euer Dienst ist groß; Allein es wird mir nicht viel fehlen, Ihr werdet mich dafür zeitlebens quälen. Ich seh Euchs an; was will ich lange wählen? Haut zu! So komm ich doch der Qual auf einmal los." Der betrübte Witwer In Poitou (ich will mit Fleiß die Gegend nennen, Damit sich die befragen können, Die, wenn ein kleiner Umstand fehlt, Schon zweifeln, ob man wahr erzählt), In Poitou ließ einst ein Mann sein Weib begraben; Allein man merk es wohl, man ist in Poitou; Da geht es, wenn sie Leichen haben, So prächtig wie bei uns nicht zu. Man kleidet sie geschwind mit leinen Sterberöcken, Und trägt den Sarg, ohn ihn erst zuzudecken, An den für ihn bestimmten Ort. So trug man auch den offnen Sarg itzt fort; Doch was geschieht, indem sie ihn so tragen? Der Leichenweg ging dicht an einer Hecke hin; Hier ritzt ein Dorn die tote Frau ins Kinn. Auf einmal fängt sie an, die Augen aufzuschlagen, Und ruft: "Wohin wollt ihr mich tragen?" Hier, deucht mich, hör ich viele fragen, Wie kam die gute Frau zurück? Hielt es der Mann auch für ein Glück, Die Hälfte wiederzubekommen, Die ihm der Tod zuvor genommen? Wie mag ihm wohl gewesen sein? Das letzte wird man gleich erfahren. Nach weniger als sieben Jahren Büßt sie das zweite Mal ihr junges Leben ein. Der Mann gab ihr vom neuen das Geleite, Und ging gesetzt an seiner Gattin Seite, Wie alle harte Bauersleute. Allein sobald er nur die Hecke wieder sah: So wies er erst, wieviel sein Herz empfände. Er rung mit Tränen beide Hände. "Ach", rief er aus, "da war es, da! Kommt ja der Hecke nicht zu nah!" Der Bettler Ein Bettler kam mit bloßem Degen In eines reichen Mannes Haus, Und bat sich, wie die Bettler pflegen, Nur eine kleine Wohltat aus. "Ich", sprach er, "kenn Ihr christlich Herze; Sie sorgen gern für andrer Heil, Und nehmen mit gerechtem Schmerze An Ihres Nächsten Elend teil. Ich weiß, mein Flehn wird Sie bewegen! Sie sehn, ich fordre nichts mit Unbescheidenheit; Nein, ich verlasse mich (hier wies er ihm den Degen) Allein auf Ihre Gütigkeit." ---- Dies ist die Art lobgieriger Skribenten, Wenn sie um unsern Beifall flehn; Sie geben uns mit vielen Komplimenten Die harte Fordrung zu verstehn. Der Autor will den Beifall nicht erpressen; Nein, er verläßt sich bloß auf unsre Billigkeit; Doch, daß wir diese nicht vergessen: So zeigt er uns zu gleicher Zeit In beiden Händen Krieg und Streit. Der Blinde und der Lahme Von ungefähr muß einen Blinden, Ein Lahmer auf der Straße finden, Und jener hofft schon freudenvoll, Daß ihn der andre leiten soll. "Dir", spricht der Lahme, "beizustehen? Ich armer Mann kann selbst nicht gehen; Doch scheints, daß du zu einer Last Noch sehr gesunde Schultern hast. Entschließe dich, mich fortzutragen: So will ich dir die Stege sagen: So wird dein starker Fuß mein Bein, Mein helles Auge deines sein." Der Lahme hängt, mit seinen Krücken, Sich auf des Blinden breiten Rücken. Vereint wirkt also dieses Paar, Was einzeln keinem möglich war. ---- Du hast das nicht, was andre haben, Und andern mangeln deine Gaben; Aus dieser Unvollkommenheit Entspringet die Geselligkeit. Wenn jenem nicht die Gabe fehlte, Die die Natur für mich erwählte: So würd er nur für sich allein, Und nicht für mich bekümmert sein. Beschwer die Götter nicht mit Klagen! Der Vorteil, den sie dir versagen, Und jenem schenken, wird gemein, Wir dürfen nur gesellig sein. Der erhörte Liebhaber Der größte Fehler in der Liebe, O Jüngling, ist die Furchtsamkeit. Was helfen dir die süßen Triebe Bei einer stummen Schüchternheit? Du liebst, und willst es doch nicht wagen. Es deiner Schönen zu gestehn; Was deine Lippen ihr nicht sagen, Soll sie in deinen Augen sehn. Im stillen trägst du deinem Kinde Das Herz mit Ehrerbietung an, Und wünschest, daß sie das empfinde, Was doch dein Mund nicht sagen kann. Du hörst nicht auf, sie hochzuachten, Und ehrst sie durch Bescheidenheit; Sie fühlt, und läßt dich dennoch schmachten. Und wartet auf Beständigkeit. Sie läßt dich in den Augen lesen, Wieviel dir dieser Vorzug nützt; Erst liebt sie dein bescheidnes Wesen, Und endlich den, der es besitzt. Ein Jahr verfliegt; o lacht des Blöden, Was hat er denn für seine Müh? Er darf mit ihr von Liebe reden, Und wagt den ersten Kuß auf sie. Ein Jahr! Und noch kein größres Glücke? In Wahrheit! das ist lächerlich. Warum rief er, beim ersten Blicke, Nicht gleich! "Mein Kind, ich liebe dich!" Da lob ich euch, ihr jungen Helden, Ihr wißt von keiner langen Pein; Ihr laßt euch bei der Schönen melden, Ihr kommt, und seht, und nehmt sie ein. Und euren Mut recht zu beseelen, Den ihr bei eurer Liebe fühlt: So will ich euch den Sieg erzählen, Den einst Jesmin sehr schnell erhielt. ---- Ein junger Mensch, der gütigst wollte, Daß jedes schöne Kind die Ehre haben sollte, Von ihm geliebt, von ihm geküßt zu sein; Jesmin, sah Sylvien, das heißt, sie nahm ihn ein. Er sah sie in dem Fenster liegen, Ward schnell besiegt, und schwor, sie wieder zu besiegen. Die halbe Nacht verstrich, daß mein Jesmin nicht schlief; Er sann auf einen Liebesbrief, Schlug die Romane nach, und trug die hellsten Flammen In einen Brief aus zwanzigen zusammen. Der Brief ward fortgeschickt, und für sein bares Geld Ward auch der Brief getreu bestellt. Allein die Antwort will nicht kommen. Jesmin, vom Kummer eingenommen, Ergreift das Briefpapier, und schreibet noch einmal. Er klagt der Schönen seine Qual, Er redt von strengen Liebeskerzen, Von Augensonnen, heiß an Pein, Von Tigermilch, von diamantnen Herzen, Und von der Hoffnung Nordlichtschein, Und schwört, weil Sylvia durch nichts erweicht geworden, Sich, bei Gelegenheit, aus Liebe zu ermorden. Getrost, Jesmin! versiegle deinen Brief. So wie das Siegelwachs am Lichte niederlief: So wird der Schönen Herz, eh Nacht und Tag verfließen, Von deines Briefes Glut erweicht, zerschmelzen müssen. Der Brief wird fortgeschickt, und richtig überbracht. Jesmin tut manch Gebet an Venus' kleinen Knaben; Doch folgt die Antwort nicht. Wer hätte das gedacht! Das Mädchen muß ein Herz von Stahl und Eisen haben; Doch welcher Baum fällt auf den ersten Hieb? Ich zweifle nicht, die Schöne hat ihn lieb, Und ihre Sprödigkeit ist ein verstelltes Wesen, Um nur von ihm mehr Briefe noch zu lesen. Wie könnte sie dem heißen Flehn Und, da sie ihn unlängst geputzt gesehn, Der reichen Weste widerstehn? Ich weiß noch einen Rat, und dieser Rat wird glücken. Durch Verse kann man sehr entzücken, In Versen, mein Jesmin, in Versen schreib an sie; Siegst du durch Verse nicht, Jesmin! so siegst du nie. Er folgt. O wünscht mit mir, daß ihm die Reime fließen! Seht, welch ein feurig Lied Jesmin zur Welt gebar! Was konnte man auch anders schließen. Da seine Prosa schon so hoch und feurig war? Kaum hatte Sylvia das Heldenlied gelesen: So kam auch schon ein Gegenbrief. Man stellte sich vor, wie froh Jesmin gewesen, Wie froh Jesmin der Magd entgegenlief! Die schlaue Magd grüßt ihn galant. Er steht und hält den Brief entzückt in seiner Hand, Und brennet vor Begier, den Inhalt bald zu wissen, Und kann vor Zärtlichkeit sich dennoch nicht entschließen, Das kleine Siegel abzuziehn; Er drückt den Brief an sich, er drückt und küsset ihn. Die Magd kriegt ein Pistol, und schwört, ihm treu zu bleiben. Allein was stund in diesem Schreiben, Als es Jesmin froh auseinanderschlug? Kein Wörtchen mehr als dies: "Mein Herr, Sie sind nicht klug!" Der Freier Ein Freier bat einst einen Freund, Ihm doch ein Mädchen vorzuschlagen. "Ich will dir zwei", versetzte jener, "sagen, Dann wähle die, die sich für dich zu schicken scheint. Die erste hat, nebst einem Rittersitze, Ein recht bezauberndes Gesicht, Liebt den Geschmack, spricht mit dem feinsten Witze, Und schreibt die Sprachen, die sie spricht. Sie spielt den Flügel schön, und kann vortrefflich singen Und malet so geschickt, als es die Kunst begehrt. Und in der Wirtschaft selbst gibt sie gemeinen Dingen Durch ihre Sorgfalt einen Wert. Allein bei aller Kunst und allen ihren Gaben Hat sie kein gutes Herz. Die andre sieht nicht schön, Wird wenig im Vermögen haben, Und von den Künsten nichts, die jene kann, verstehn; Doch bei Verstand und einem stillen Reize, Der, ohne daß sies sieht, gefällt, Besitzt sie, frei von Stolz und Geize, Das beste Herze von der Welt. Was tätst du wohl, wenn dich die erste haben wollte?" "Ach", fing der Freier an, "wenn dies geschehen sollte: So spräch ich zu der ersten nein, Um dadurch bald der andern wert zu sein." Der Freigeist Ihr, die ihr nach der Tugend strebet; Ihr, die ihr dem gehorsam seid, Was die Vernunft und was die Schrift gebeut, Ein Freigeist lacht euch aus, daß ihr so sklavisch lebet. Was sucht ihr? fragt er euch; nicht die Zufriedenheit? Ists möglich, sich so zu betrügen? Um euch vergnügt zu sehn, raubt ihr euch das Vergnügen? Ihr sucht die Ruh, und findt sie in der Last, Haßt, was ihr liebt, und liebet, war ihr haßt. Habt ihr Vernunft? Ich zweifle fast. Die Freiheit in der Tugend finden, Das heißt, um frei zu sein, sich erst an Ketten binden. Dringt durch des Aberglaubens Nacht, Die euch zu finstern Köpfen macht; Folgt der Natur, genießt, was sie euch schenket; Sucht nichts, als was ihr wünscht; flieht nichts, als was euch kränket; Denkt frei, und lebet, wie ihr denket, Und gebt nicht auf die Toren acht. Der Pöbel ist der größte Hauf auf Erden, Von diesem reißt euch los. Er weiß nicht, was er glaubt, Hält seinen Trieb für unerlaubt, Und sieht nicht, daß er sich sein Glück aus Milzsucht raubt; Sonst würd er nicht so abergläubisch werden. Drum faßt den kurzen Unterricht: Was viele glauben, glaubet nicht. Sie glauben es aus Trägheit, nichts zu prüfen; Doch ein Vernünftiger dringt in der Wahrheit Tiefen. Was ist die Schrift? Was lehret sie? Ein traurig Leben, reich an Müh, Und Rätsel, die wir aufzuschließen, Erst der Vernunft entsagen müssen. Was ist das mächtige Gewissen? Ein Ding, das die Erziehung schafft, Ein heilig Erbteil aller Blöden; Doch die, die wissen, was sie reden, Empfinden nichts von seiner Kraft. Folgt der Natur! Sie ruft; was kann sie anders wollen, Als daß wir ihr gehorchen sollen? Die Furcht erdachte Recht und Pflicht, Und schuf den Himmel und die Hölle. Setzt die Vernunft an ihre Stelle, Was seht ihr da? Den Himmel und die Hölle? O nein, ein weibisches Gedicht. Laßt doch der Welt ihr kindisches Geschwätze. Was jeden ruhig macht, ist jedes sein Gesetze. Mehr glaubt und braucht ein Kluger nicht. Dies war der Witz, mit dem in seinem Leben Ein Freigeist sein System erwies; Die Tugend von dem Throne stieß, Um nur sein Laster drauf zu heben. Sein böses Herz war ihm Vernunft und Gott, Und der am Kreuze starb, war oft des Frechen Spott. Sein Ende kam. Und der, der nie gezittert, Ward plötzlich durch den Tod erschüttert. Das Schrecken einer Ewigkeit, Ein Richter, der als Gott ihm fluchte, Ein Abgrund, welcher ihn schon zu verschlingen suchte, Zerstörte das System tollkühner Sicherheit. Und der, der sonst mit seinen hohen Lehren Der ganzen Welt zu widerstehn gewagt, Fing an, der Magd geduldig zuzuhören, Und ließ von seiner frommen Magd, Zu der er tausendmal "du christlich Tier" gesagt, Sich widerlegen und bekehren. So stark sind eines Freigeists Lehren! Der Fuchs und die Elster Zur Elster sprach der Fuchs: "O, wenn ich fragen mag, Was sprichst du doch den ganzen Tag? Du sprichst wohl von besondern Dingen?" "Die Wahrheit", rief sie, "breit ich aus. Was keines weiß herauszubringen, Bring ich durch meinen Fleiß heraus, Vorn Adler bis zur Fledermaus." "Dürft ich", versetzt der Fuchs, "mit Bitten dich beschweren: So wünscht ich mir, etwas von deiner Kunst zu hören." So wie ein weiser Arzt, der auf der Bühne steht, Und seine Künste rühmt, bald vor, bald rückwärts geht, Ein seidnes Schnupftuch nimmt, sich räuspert, und dann spricht: So lief die Elster auch den Ast bald auf, bald nieder, Und strich an einem Zweig den Schnabel hin und wider, Und macht ein sehr gelehrt Gesicht. Drauf fängt sie ernsthaft an, und spricht: "Ich diene gern mit meinen Gaben, Denn ich behalte nichts für mich. Nicht wahr, Sie denken doch, daß Sie vier Füße haben? Allein, Herr Fuchs, Sie irren sich. Nur zugehört! Sie werdens finden, Denn ich beweis es gleich mit Gründen. Ihr Fuß bewegt sich, wenn er geht, Und er bewegt sich nicht, solang er stillesteht; Doch merken Sie, was ich itzt sagen werde, Denn dieses ist es noch nicht ganz. Sooft Ihr Fuß nur geht, so geht er auf der Erde. Betrachten Sie nun Ihren Schwanz. Sie sehen, wenn Ihr Fuß sich reget, Daß auch Ihr Schwanz sich mit beweget; Itzt ist Ihr Fuß bald hier, bald dort, Und so geht auch Ihr Schwanz mit auf der Erde fort, Sooft Sie nach den Hühnern reisen. Daraus zieh ich nunmehr den Schluß: Ihr Schwanz, das sei Ihr fünfter Fuß; Und dies, Herr Fuchs, war zu beweisen." ---- Ja, dieses hat uns noch gefehlt! Wie freu ich mich, daß es bei Tieren Auch große Geister gibt, die alles demonstrieren! Mir hats der Fuchs für ganz gewiß erzählt. "Je minder sie verstehn", sprach dieses schlaue Vieh, "Um desto mehr beweisen sie." Der glücklich gewordene Ehemann Frontin liebt Hannchen bis zum Sterben; Denn Hannchen war ein schönes Kind. Allein je reizender die losen Mädchen sind, Um desto weniger kann man ihr Herz erwerben. Frontin erfuhr es wohl. Drei Jahre liebt er sie; Allein umsonst war alle Müh. Was tat er endlich? Er verreiste, Und ging (was kann wohl Ärgers sein?), Ging, sag ich, mit dem bösen Geiste Ein Bündnis an dem Blocksberg ein; Ein Bündnis, daß er ihm zwei Jahre dienen wollte, Wofern er Hannchen noch zur Frau bekommen sollte. Sie werden hurtig eins, und schließen ihren Kauf; Der böse Geist gibt ihm die Hand darauf. Und ob er gleich die Welt sehr oft belogen, Und Doktor Faustus selbst betrogen: So hielt er doch sein Wort genau. Frontin war Hannchens Mann, und sie ward seine Frau. Doch eh vier Wochen sich verlieren: So fängt Frontin schon an, den Schwarzen zu zitieren. "Ach", spricht er, da der Geist erscheint, "Ach, darf ich, lieber böser Feind, Noch einer Bitte mich erkühnen? Ich habe dir gelobt, für Hannchen, meine Frau, Zwei Jahre, wie du weißt, zu dienen, Und dies erfüllt ich auch genau; Doch willst du mir mein Hannchen wieder nehmen: So soll mein Dienst ein Jahr verlängert sein." Der Böse will sich nicht bequemen, Drauf geht Frontin die Frist noch zweimal ein; Denn, sprach er bei sich selbst, so arg du immer bist: So weiß ich doch, daß Hannchen ärger ist. Der glückliche Dichter Ein Dichter, der bei Hofe war-- Bei Hofe? Was? Bei Hofe gar? Wie kam er denn zu dieser Ehre? Ich wüßte nicht, was ein Poet, Ein Mensch, der nichts vom Recht und Staat versteht, Was der bei Hofe nötig wäre? Was ein Poet bei Hofe nötig ist? Ja, Freund, du hast wohl recht zu fragen. Mich ärgerts, daß August zween Dichter gern vertragen, Die man doch itzt kaum in den Schulen liest. Was ists denn nun mit zehn Racinen Und Molièren? Nichts! Gar nichts! Der eine macht, Daß man bei Hofe weint, der andre, daß man lacht. Das heißt dem Staate trefflich dienen, Dadurch wird ja kein Groschen eingebracht. Doch auf die Sache selbst zu kommen. Ein Dichter, den der Hof in seine Gunst genommen, Schlief einst bei Tag im Louvre ein.-- Wieso? War er berauscht? Das kann wohl möglich sein. Man hat in Frankreich guten Wein. Und Dichter sollen insgemein Von Wahrheit, Liebe, Witz und Wein Sehr gute Freund und Kenner sein. Ich mag die Welt nicht Lügen strafen, Drum sag ich weder ja noch nein. Gnug, der Poet war eingeschlafen, Und war nicht schön, das man wohl merken muß; Doch gab die Königin, den Schlaf ihm zu versüßen, Ihm im Vorbeigehn einen Kuß. "Was", rief ein Prinz, "den blassen Mund zu küssen?" "Blaß", sprach die Königin, "blaß ist er, das ist wahr; Doch sagt der Mann mit seinem blassen Munde Mehr Schönes oft in einer Stunde Als Sie, mein Prinz, durchs ganze Jahr." Der Greis Von einem Greise will ich singen, Der neunzig Jahr die Welt gesehn. Und wird mir itzt kein Lied gelingen: So wird es ewig nicht geschehn. Von einem Greise will ich dichten, Und melden, was durch ihn geschah, Und singen, was ich in Geschichten, Von ihm, von diesem Greise, sah. Singt, Dichter, mit entbranntem Triebe, Singt euch berühmt an Lieb und Wein! Ich laß euch allen Wein und Liebe, Der Greis nur soll mein Loblied sein. Singt von Beschützern ganzer Staaten, Verewigt euch und ihre Müh! Ich singe nicht von Heldentaten, Der Greis sei meine Poesie. O Ruhm, dring in der Nachwelt Ohren, Du Ruhm, den sich mein Greis erwarb! Hört, Zeiten, hörts! Er ward geboren, Er lebte, nahm ein Weib, und starb. Der grüne Esel Wie oft weiß nicht ein Narr durch töricht Unternehmen Viel tausend Toren zu beschämen! Neran, ein kluger Narr, färbt einen Esel grün, Am Leibe grün, rot an den Beinen, Fängt an, mit ihm die Gassen durchzuziehn; Er zieht, und jung und alt erscheinen. Welch Wunder! rief die ganze Stadt, Ein Esel, zeisiggrün! der rote Füße hat! Das muß die Chronik einst den Enkeln noch erzählen, Was es zu unsrer Zeit für Wunderdinge gab! Die Gassen wimmelten von Millionen Seelen; Man hebt die Fenster aus, man deckt die Dächer ab; Denn alles will den grünen Esel sehn, Und alle konnten doch nicht mit dem Esel gehn. Man lief die beiden ersten Tage Dem Esel mit Bewundrung nach. Der Kranke selbst vergaß der Krankheit Plage, Wenn man vom grünen Esel sprach. Die Kinder in den Schlaf zu bringen, Sang keine Wärterin mehr von dem schwarzen Schaf; Vom grünen Esel hört man singen, Und so gerät das Kind in Schlaf. Drei Tage waren kaum vergangen: So war es um den Wert des armen Tiers geschehn. Das Volk bezeigte kein Verlangen, Den grünen Esel mehr zu sehn. Und so bewundernswert er anfangs allen schien: So dacht itzt doch kein Mensch mit einer Silb an ihn. ---- Ein Ding mag noch so närrisch sein, Es sei nur neu: so nimmts den Pöbel ein. Er sieht, und er erstaunt. Kein Kluger darf ihm wehren. Drauf kömmt die Zeit, und denkt an ihre Pflicht; Denn sie versteht die Kunst, die Narren zu bekehren, Sie mögen wollen oder nicht. Der gute Rat Ein junger Mensch, der sich vermählen wollte, Und dem man manchen Vorschlag tat, Bat einen Greis um einen guten Rat, Was für ein Weib er nehmen sollte? "Freund", sprach der Greis, "das weiß ich nicht. So gut man wählt, kann man sich doch betrügen. Sucht Ihr ein Weib bloß zum Vergnügen: So wählet Euch ein schön Gesicht; Doch liegt Euch mehr an Renten und am Staate, Als am verliebten Zeitvertreib: So dien ich Euch mit einem andere Rate, Bemüht Euch um ein reiches Weib; Doch strebt Ihr durch die Frau nach einem hohen Range, Nun so vergeßt, daß beßre Mädchen sind, Wählt eines großen Mannes Kind, Und untersucht die Wahl nicht lange; Doch wollt Ihr mehr für Eure Seele wählen, Als für die Sinnen und den Leib: So wagts, um Euch nach Wunsche zu vermählen, Und wählt Euch ein gelehrtes Weib." Hier schwieg der Alte lachend still. "Ach", sprach der junge Mensch, "das will ich ja nicht wissen: Ich frage, welches Weib ich werde wählen müssen, Wenn ich zufrieden leben will? Und wenn ich, ohne mich zu grämen--" "O", fiel der Greis ihm ein, "da müßt Ihr keine nehmen!" Der gütige Besuch Ein offner Kopf, ein muntrer Geist, Kurz, einer von den feinen Leuten, Die ihr Beruf zu Neuigkeiten Nie denken, ewig reden heißt; Die mit Gewalt es haben wollen, Daß Kluge närrisch werden sollen; Ein solcher Schwätzer trat herein, Dem Dichter den Besuch zu geben. "O", rief er, "welch ein traurig Leben! Wie? Schlafen Sie denn nicht bei Ihren Büchern ein? So sind Sie denn so ganz allein, Und müssen gar vor Langerweile lesen? Ich dacht es wohl, drum kam ich so geschwind." "Ich bin", sprach der Poet, "noch nie allein gewesen, Als seit der Zeit, da Sie zugegen sind." Der Hund Phylax, der so manche Nacht Haus und Hof getreu bewacht, Und oft ganzen Diebesbanden Durch sein Bellen widerstanden; Phylax, dem Lips Tullian, Der doch gut zu stehlen wußte, Selber zweimal weichen mußte; Diesen fiel ein Fieber an. Alle Nachbarn gaben Rat. Krummholzöl und Mithridat Mußte sich der Hund bequemen, Wider Willen einzunehmen. Selbst des Nachbar Gastwirts Müh, Der vordem in fremden Landen, Als ein Doktor, ausgestanden, War vergebens bei dem Vieh. Kaum erscholl die schlimme Post, Als von ihrer Mittagskost, Alle Brüder und Bekannten, Phylax zu besuchen, rannten. Pantelon, sein bester Freund, Leckt ihm an dem heißen Munde. O, erseufzt er, bittre Stunde! O! wer hätte das gemeint? "Ach!" rief Phylax, "Pantelon! Ists nicht wahr, ich sterbe schon? Hätt ich nur nichts eingenommen, Wär ich wohl davongekommen. Sterb ich Ärmster so geschwind: O! so kannst du sicher schreien, Daß die vielen Arzeneien Meines Todes Quelle sind. Wie zufrieden schlief ich ein! Sollt ich nur so manches Bein, Das ich mir verscharren müssen, Vor dem Tode noch genießen. Dieses macht mich kummervoll, Daß ich diesen Schatz vergessen, Nicht vor meinem Ende fressen, Auch nicht mit mir nehmen soll. Liebst du mich, und bist du treu: O! so hole sie herbei; Eines wirst du bei den Linden, An dem Gartentore finden; Eines, lieber Pantelon, Hab ich nur noch gestern morgen In dem Winterreis verborgen; Aber friß mir nichts davon." Pantelon war fortgerannt, Brachte treulich, was er fand; Phylax roch, bei schwachem Mute, Noch den Dunst von seinem Gute. Endlich, da sein Auge bricht, Spricht er: "Laß mir alles liegen! Sterb ich, so sollst du es kriegen; Aber, Bruder, eher nicht. Sollt ich nur so glücklich sein, Und das schöne Schinkenbein, Das ich--doch ich mags nicht sagen, Wo ich dieses hingetragen. Werd ich wiederum gesund: Will ich dir, bei meinem Leben, Auch die beste Hälfte geben; Ja du sollst--" Hier starb der Hund. ---- Der Geizhals bleibt im Tode karg; Zween Blicke wirft er auf den Sarg, Und tausend wirft er mit Entsetzen Nach den mit Angst verwahrten Schätzen. O schwere Last der Eitelkeit! Um schlecht zu leben, schwer zu sterben, Sucht man sich Güter zu erwerben; Verdient ein solches Glück wohl Neid? Der junge Drescher Dem Drescher, der im weichen Gras Vor seinem Topf, mit Milch und schwarzem Brote, saß, Dem wollte seine Milch nicht schmecken. Er fing verdrießlich an, sich in das Gras zu strecken, Dacht ängstlich seinem Schicksal nach, Und dehnte sich dreimal, und sprach: Du bist ein schlechter Kerl, du hast kein eignes Dach, Und mußt dich Tag vor Tag mit deinem Flegel plagen. Du tätst ja gern mit deinem Schatze schön; Allein, du Narr, mußt in der Scheune stehn, Und kannst nach langen vierzehn Tagen Kaum einmal in die Schenke gehn, Und einen Krug mit Bier und deine Mieke sehn. Du bist noch jung, und kannst hübsch lesen und hübsch schreiben, Und wolltest stets ein Drescher bleiben? Des Schulzens Tochter ist dir gut, Ist reich und kann sich hübsch gebärden: So nimm sie doch. Du kannst, mein Blut! Wohl mit der Zeit noch Schulze werden. Alsdann ißt du dein Stücke Fleisch in Ruh, Und trinkst dein gutes Bier dazu, Und hast gleich nach dem Pfarr die Ehre-- O wenn ich doch schon Schulze wäre! Indem Hanns noch so sprach, kam seine Schöne her. Sie tat, als käme sie nur so von ungefähr; Allein sie kam mit Fleiß, weil sie ihn sprechen wollte, Und er verwegen sein, und sie recht herzen sollte. Denn Mädchen, wenn sie gleich das Dorf erzogen hat, Sind wie die Mädchen in der Stadt. Hanns zieht die Schöne sanft zu sich ins Grüne nieder, Lobt ihren neuen Latz, schielt öfters auf ihr Mieder, Fast wie ein junger Herr. Nur mit dem Unterscheid, Er hatte mehr Schamhaftigkeit. Kurz, er fing an, sie recht verliebt zu küssen, Bat um ihr Herz, und trug ihr Herz davon, Und ward, wie viele noch auf diesem Dorfe wissen, Des reichen Schulzen Schwiegersohn. Kaum hatt er sie, so ward der Alte schon Durch schnellen Tod der Welt und seinem Dorf entrissen. Wen wird man nun Herr Schulze grüßen? Wen anders, als den Schwiegersohn? Er eilt ins Amt, kömmt bald und freudig wieder, Und wirft sich auf die Bank, als Schulz im Dorfe, nieder. So wie ein durch den Fleiß vollendeter Student, Nach einem glücklichen Examen, Sich selbst vor trunkner Lust nicht kennt, Wenn ihn die Magd in seiner Schöne Namen, Nach einem tiefen Kompliment, Das erstemal Herr Doktor nennt: So wußt auch Hanns vor großer Freude Nicht, wo er Händ und Füße ließ, Als ihn Schulmeisters Adelheide Das erstemal Herr Schulze hieß. Wie glücklich pries er sich in seiner Ehrenstelle! Er aß sein Fleisch, und tat den Gästen oft Bescheid. Allein es kamen mit der Zeit Auch viel unangenehme Fälle. Denn welches Amt ist wohl davon befreit? Nach einer nicht gar langen Zeit Warf sich Herr Hanns verdrießlich auf die Stelle, Auf der er sich sein Glück erfreit, Und oft gewünscht: Wenn ich doch Schulze wäre! Ich, fing er zu sich selber an, Ich habe Haus, und Hof, und Ehre, Und bin mit alledem doch ein geplagter Mann. Bald soll ich von der Bauern Leben Im Amte Red und Antwort geben, Da fährt mich denn der Amtmann an, Und heißt mich einen dummen Mann. Bald quälen mich die teuflischen Soldaten, Und fluchen mir die Ohren voll. Bald weiß ich mir bei den Mandaten, Bald in Quatembern nicht zu raten, Die ich dem Landknecht schaffen soll. Die Bauern brummen, wenn ich strafe, Und straf ich nicht: so lachen sie mich aus. Sonst störte mich kein Mensch im Schlafe, Itzt pocht mich jeder Narr heraus, Und, wenn es niemand tut, so hunzt die Frau mich aus. O wäre mirs nur keine Schande, Ich griffe nach dem ersten Stande, Und stürb als Drescher auf dem Lande. ---- Wer weiß, ob mancher Große nicht Im Herzen wie der Schulze spricht? Wer weiß, wie viele sonst zu Fuße ruhig waren, Die itzund mißvergnügt in stolzen Kutschen fahren? Wer weiß, ob manches Herz nicht viel zufriedner schlug, Eh es der Fürsten Gunst an einem Bande trug? O lernt, ihr unzufriednen Kleinen, Daß ihr die Ruh nicht durch den Stand gewinnt! Lernt doch, daß die am mindsten glücklich sind, Die euch am meisten glücklich scheinen! Der junge Gelehrte Ein junger Mensch, der viel studierte, Und, wie die Eltern ganz wohl sahn, Was Großes schon im Schilde führte, Sprach einen Greis um solche Schriften an, Die stark und sinnreich denken lehrten, Mit einem Wort, die zum Geschmack gehörten. Der Alte ward von Herzen froh, Und lobt ihm den Homer, den Plato, Cicero, Und hundert mehr aus alt und neuer Zeit, Die mit den heilgen Lorbeerkränzen Der Dichtkunst und Wohlredenheit, Umleuchtet von der Ewigkeit, Den Jünglingen entgegenglänzen. "O", hub der junge Mensch mit stolzem Lächeln an: "Ich habe sie fast alle durchgelesen; Allein"--"Nun gut", sprach der gelehrte Mann, "Sind sie nach Seinem Sinn gewesen: So muß Er sie noch zweimal lesen; Doch sind sie Ihm nicht gut genug gewesen: So sag Ers ja den Klugen nicht, Denn sonst erraten sie, woran es Ihm gebricht, Und heißen Ihn die Zeitung lesen." Der junge Prinz Ein junger Prinz, der sich des Oheims Gunst empfohlen, Bekam von ihm zweihundert Stück Pistolen Mit der Ermunterung, damit wohl umzugehn. Er ließ nach einger Zeit sich wieder vor ihm sehn. Indem daß nun der Oheim mit ihm redte: So fragt er ihn zu gleicher Zeit, Ob er das letzte Geld wohl angewendet hätte? "Hier", sprach der junge Prinz erfreut, "Hier hab ich meine ganze Kasse; An den zweihunderten fehlt nicht ein einzig Stück." Der Oheim nahm den Augenblick Das Geld, und warf es auf die Gasse. "Lernt, Prinz", fing drauf der Oheim an, "Die Kunst, das Geld nutzbarer anzuwenden; Ein Prinz hat darum viel in Händen, Damit er vielen dienen kann." Der Jüngling Ein Jüngling, welcher viel von einer Stadt gehört, In der der Segen wohnen sollte, Entschloß sich, daß er da sich niederlassen wollte. Dort, sprach er oft, sei dir dein Glück beschert. Er nahm die Reise vor, und sah schon mit Vergnügen Die liebe Stadt auf einem Berge liegen. Gottlob! fing unser Jüngling an, Daß ich die Stadt schon sehen kann; Allein der Berg ist steil. O, wär er schon erstiegen! Ein fruchtbar Tal stieß an des Berges Fuß. Die größte Menge schöner Früchte Fiel unserm Jüngling ins Gesichte. O, dacht er, weil ich doch sehr lange steigen muß: So will ich, meinen Durst zu stillen, Den Reisesack mit solchen Früchten fällen. Er aß, und fand die Frucht vortrefflich vom Geschmack, Und füllte seinen Reisesack. Er stieg den Berg hinan, und fiel den Augenblick Beladen in das Tal zurück. "O Freund!" rief einer von den Höhen, "Der Weg zu uns ist nicht so leicht zu gehen. Der Berg ist steil, und mühsam jeder Schritt. Und du nimmst dir noch eine Bürde mit? Vergiß das Obst, das du zu dir genommen, Sonst wirst du nicht auf diesen Gipfel kommen. Steig leer, und steig beherzt, und gib dir alle Müh; Denn unser Glück verdienet sie." Er stieg, und sah empor, wie weit er steigen müßte. Ach Himmel! ach, es war noch weit. Er ruht und aß zu gleicher Zeit Von seiner Frucht, damit er sich die Müh versüßte. Er sah bald in das Tal, und bald den Berg hinan; Hier traf er Schwierigkeit und dort Vergnügen an. Er sinnt. Ja ja, er mag es überlegen. Steig, sagt ihm sein Verstand, bemüh dich um dein Glück. Nein, sprach sein Herz, kehr in das Tal zurück; Du steigst sonst über dein Vermögen. Ruh etwas aus, und iß dich satt, Und warte, bis dein Fuß die rechten Kräfte hat. Dies tat er auch. Er pflegte sich im Tale, Entschloß sich oft zu gehn, und schien sich stets zu matt. Das erste Hindernis galt auch die andern Male. Kurz, er vergaß sein Glück, und kam nie in die Stadt. ---- Dem Jüngling gleichen viele Christen. Sie wagen auf der Bahn der Tugend einen Schritt, Und sehn darauf nach ihren Lüsten, Und nehmen ihre Lüste mit. Beschwert mit diesen Hindernissen, Weicht bald ihr träger Geist zurück. Und, auf ein sinnlich Glück beflissen, Vergessen sie die Müh um ein unendlich Glück. Der Kandidat Ein Kandidat, der gern befördert werden wollte, Lag einem sehr berühmten Mann, Der viel vermocht, inständig an, Daß er sein Glück ihm machen sollte, Und reichte, weil ein Platz im Ratstuhl offen war, Dem Gönner eine Bittschrift dar. Der Gönner las sie durch, und las sie mit Vergnügen. "Es kränkt mich", fing er an, und nahm ihn bei der Hand, "Daß ich Sie eher nicht gekannt. Ich lieb und ehre den Verstand. Sie sollen dieses Amt vor allen andern kriegen." Er sprach darauf mit ihm, und was der Jüngling sprach, Verriet den besten Geist, geschaffen zum Studieren, Zum größten Amte nicht zu schwach, Und wert, die andern zu regieren. "Ach!" sprach der Gönner ganz erfreut, "Nun kenn ich Sie; das Amt ist Ihre", Und in der größten Freundlichkeit Ging er mit ihm bis vor die Türe. Hier bot der Jüngling ihm ein großes Goldstück an, Um sichrer noch zu gehn. "Nein", sprach der wackre Mann, "Nunmehr soll dieses Amt nicht Ihre; Denn wer Geschenke gibt, nimmt sie auch wieder an; Ihr Herz ist schlecht." Hier griff er nach der Türe. Der Knabe Ein Knabe, der den fleißigen Papa, Oft nach den Sternen gucken sah, Wollt auch den Himmel kennenlernen. Er blieb steif vor dem Sehrohr stehn, Und sah begierig nach den Sternen; Allein er konnte nicht viel sehn. "Was heißt es denn", sprach drauf der Knabe, "Daß ich fast nichts erkennen kann? Ha, ha, nun fällt mirs ein, was ich vergessen habe; Mein Vater fängt es anders an, Er blinzt zuweilen zu, das hab ich nicht getan. O bin ich nicht ein dummer Knabe! Schon gut! Nun weiß ich, was ich tu." Und hurtig hielt er sich die Augen beide zu, Und sah durchs Sehrohr nach den Sternen. Der Narr! Was sah er denn? Das alles, was du siehst, Wenn du, um durch die Schrift Gott deutlich sehn zu lernen, Dir die Vernunft vorher entziehst. Der Kranke Ein Mann, den lange schon die Gliederkrankheit plagte, Tat alles, was man ihm nur sagte, Und konnte doch von seiner Pein Auf keine Weise sich befrein. Ein altes Weib, der er sein Elend klagte, Schlug ihm geheimnisvoll ein magisch Mittel vor. "Ihr müßt Euch", zischt sie ihm ins Ohr, "Auf eines Frommen Grab bei früher Sonne setzen, Und Euch mit dem gefallnen Tau Dreimal die Hand, dreimal den Schenkel netzen; Es hilft, gedenkt an eine Frau." Der Kranke tat, was ihm die Alte sagte; Denn sagt, was tut man nicht, ein Übel los zu sein? Er ging zum Kirchhof hin, und zwar, sobald es tagte, Und trat an einen Leichenstein, Und las: "Wer dieser Mann gewesen, Läßt, Wandrer, dich sein Grabmal lesen: Er war das Wunder seiner Zeit, Das Muster wahrer Frömmigkeit; Und, daß man viel mit wenig Worten sagt, Er ists, den Kirch und Schul, und Stadt und Land beklagt." Hier setzt sich der Geplagte nieder, Benetzt die halb gelähmten Glieder; Doch ohne Wirkung bleibt die Kur, Sein Gliederschmerz vermehrt sich nur. Er greift betrübt nach seinem Stabe, Schleicht von des frommen Mannes Grabe, Und setzt sich auf das nächste Grab, Dem keine Schrift ein Denkmal gab; Hier nahm sein Schmerz allmählich ab. Er braucht sogleich sein Mittel wieder; Schnell lebten die gelähmten Glieder, Und, ohne Schmerz und ohne Stab, Verließ er dieses fromme Grab. "Ach", rief er, "läßt kein Stein mich lesen, Wer dieser fromme Mann gewesen?" Der Küster kam von ungefähr herbei; Den fragt der Mann, wer hier begraben sei? Der Küster läßt sich lange fragen, Als könnt ers ohne Scheu nicht sagen. "Ach!" hub er endlich seufzend an: "Verzeih mirs Gott! es war ein Mann, Dem, weil er Ketzereien glaubte, Man kaum ein ehrlich Grab erlaubte; Ein Mann, der lose Künste trieb, Komödien und Verse schrieb; Er war, wie ich mit Recht behaupte, Ein Neuling und ein Bösewicht." "Nein!" sprach der Mann, "das war er nicht, So gottlos ihn die Leute schalten; Doch jener dort, den ihr für fromm gehalten, Von dem sein Grab so rühmlich spricht, Der war gewiß ein Bösewicht." Der Kuckuck Der Kuckuck sprach mit einem Star, Der aus der Stadt entflohen war. "Was spricht man", fing er an zu schreien, "Was spricht man in der Stadt von unsern Melodeien? Was spricht man von der Nachtigall?" "Die ganze Stadt lobt ihre Lieder." "Und von der Lerche?" rief er wieder. "Die halbe Stadt lobt ihrer Stimme Schall." "Und von der Amsel?" fuhr er fort. "Auch diese lobt man hier und dort." "Ich muß dich doch noch etwas fragen: Was", rief er, "spricht man denn von mir?" "Das", sprach der Star, "das weiß ich nicht zu sagen; Denn keine Seele redt von dir." "So will ich", fuhr er fort, "mich an dem Undank rächen, Und ewig von mir selber sprechen." Der Lügner Ihr Meister in der Kunst zu lügen, Rühmt euren Witz, schlau zu betrügen, Soviel ihr uns davon erzählt: So wett ich doch, daß euch die rechte List noch fehlt. Ein schlechter Mensch, ihr werdet lachen, Wird euch den Vorzug streitig machen. ---- In London saß ein böser Bube Nebst einem andern auf den Tod. Ein Anatomikus trat in die Kerkerstube, Und tat auf seinen Leib dem einen ein Gebot.* Doch Niklas schwor, daß ihn der Teufel holen sollte, Eh er für diesen Preis dem Arzt sich lassen wollte. "Herr", schrie der andre Delinquent, "Sagt, wie Ihr um den Kerl so lange handeln könnt? Laßt seinen magern Leib den Raben. Seht, wie gesund ich bin, wie fett! Ihr sollt mich haben. Und wißt Ihr, was Ihr geben sollt? Ich will es billig mit Euch machen: Drei Gulden. Bin ich tot: so schneidet, wie Ihr wollt, Ich will von keinem Schnitt erwachen." Kaum hat er noch das Geld empfangen: So rief der witzge Delinquent: "Gelogen! Herr, seht zu, wie Ihr mich kriegen könnt! Ich werd in Ketten aufgehangen." Der Maler Ein kluger Maler in Athen, Der minder, weil man ihn bezahlte, Als, weil er Ehre suchte, malte, Ließ einen Kenner einst den Mars im Bilde sehn, Und bat sich seine Meinung aus. Der Kenner sagt ihm frei heraus, Daß ihm das Bild nicht ganz gefallen wollte, Und daß es, um recht schön zu sein, Weit minder Kunst verraten sollte. Der Maler wandte vieles ein: Der Kenner stritt mit ihm aus Gründen, Und konnt ihn doch nicht überwinden. Gleich trat ein junger Geck herein, Und nahm das Bild in Augenschein. "O", rief er, bei dem ersten Blicke, "Ihr Götter, welch ein Meisterstücke! Ach welcher Fuß! O wie geschickt Sind nicht die Nägel ausgedrückt! Mars lebt durchaus in diesem Bilde. Wie viele Kunst, wie viele Pracht, Ist in dem Helm, und in dem Schilde, Und in der Rüstung angebracht!" Der Maler ward beschämt gerühret, Und sah den Kenner kläglich an. "Nun", sprach er, "bin ich überführet! Ihr habt mir nicht zuviel getan." Der junge Geck war kaum hinaus: So strich er seinen Kriegsgott aus. ---- Wenn deine Schrift dem Kenner nicht gefällt; So ist es schon ein böses Zeichen; Doch wenn sie gar des Narren Lob erhält: So ist es Zeit, sie auszustreichen. Der Polyhistor An jenem Fluß, zu dem wir alle müssen, Es mag uns noch so sehr verdrüßen, An jenem Fluß kam einst ein hochgelehrter Mann, Bestäubt von seinen Büchern, an, Und eilte zu des Charons Kahn. "Willkommen!" fing der Fährmann an, Indem er sich aufs Ruder lehnte, Und bei dem Wort Willkommen herzlich gähnte, "Wer seid Ihr denn, mein lieber Mann?" "Ein Polyhistor", sprach der Schatten, "Für den die Schulen Ehrfurcht hatten--" Indem er noch vor Charons Kahn Von seinen Sprachen sprach, von nichts als Stümpern redte, Und von Quartanten schrie, die er geschrieben hätte, Kam noch ein andrer Schatten an, Mit einer demutsvollen Miene. "Und wer seid Ihr, auch ein gelehrter Mann?" "Ich zweifle sehr", sprach er, "ob ich den Ruhm verdiene. Ich habe nichts als mich studiert. Nichts als mein Herz, das mich so oft verführt, Des Tiefe sucht ich zu ergründen, Um meine Ruh und andrer Ruh zu finden; Allein soviel ich immer nachgedacht, Und so bekannt ich mich mit der Vernunft gemacht: So hab ichs doch nicht weit gebracht, Wie mich viel Fehler überzeugen." Der Polyhistor hörts und lacht, Und eilt, um in den Kahn zuallererst zu steigen. "Zurück!" rief Charon ziemlich hart, "Ich muß zuerst den Klugen überfahren, Kaum einer kömmt in hundert Jahren; Allein an Leuten Eurer Art, Die stolze Polyhistor waren, Hab ich mich schon bald lahm gefahren." Der Prozeß Ja, Prozesse müssen sein! Gesetzt, sie wären nicht auf Erden, Wie könnt alsdann das Mein und Dein Bestimmet und entschieden werden? Das Streiten lehrt uns die Natur. Drum, Bruder, recht' und streite nur. Du siehst, man will dich übertäuben; Doch gib nicht nach, setz alles auf, Und laß dem Handel seinen Lauf; Denn Recht muß doch Recht bleiben. "Was sprecht Ihr, Nachbar? Dieser Rain, Der sollte, meint Ihr, Euer sein? Nein, er gehört zu meinen Hufen." "Nicht doch, Gevatter, nicht, Ihr irrt; Ich will Euch zwanzig Zeugen rufen, Von denen jeder sagen wird, Daß lange vor der Schwedenzeit--" "Gevatter, Ihr seid nicht gescheit! Versteht Ihr mich? Ich will Euchs lehren, Daß Rain und Gras mir zugehören. Ich will nicht eher sanfte ruhn; Das Recht, das soll den Ausspruch tun." So saget Kunz, schlägt in die Hand, Und rückt den spitzen Hut die Quere. "Ja, eh ich diesen Rain entbehre, So meid ich lieber Gut und Land." Der Zorn bringt ihn zu schnellen Schritten, Er eilet nach der nahen Stadt. Allein, Herr Glimpf, sein Advokat, War kurz zuvor ins Amt geritten. Er läuft, und holt Herrn Glimpfen ein. Wie, sprecht ihr, kann das möglich sein? Kunz war zu Fuß, und Glimpf zu Pferde. So glaubt ihr, daß ich lügen werde? Ich bitt euch, stellt das Reden ein, Sonst werd ich, diesen Schimpf zu rächen, Gleich selber mit Herrn Glimpfen sprechen. Ich sag es noch einmal, Kunz holt Herr Glimpfen ein, Greift in den Zaum, und grüßt Herr Glimpfen. "Herr!" fängt er ganz erbittert an, "Mein Nachbar, der infame Mann, Der Schelm, ich will ihn zwar nicht schimpfen; Der, denkt nur, spricht, der schmale Rain, Der zwischen unsern Feldern lieget, Der, spricht der Narr, der wäre sein. Allein den will ich sehn, der mich darum betrüget. Herr", fuhr er fort, "Herr, meine beste Kuh, Sechs Scheffel Haber noch dazu! (Hier wieherte das Pferd vor Freuden.) O dient mir wider ihn, und helft die Sach entscheiden." "Kein Mensch", versetzt Herr Glimpf, "dient freudiger als ich. Der Nachbar hat nichts einzuwenden, Ihr habt das größte Recht in Händen; Aus Euren Reden zeigt es sich. Genug, verklagt den Ungestümen! Ich will mich zwar nicht selber rühmen, Dies tut kein ehrlicher Jurist; Doch dieses könnt Ihr leicht erfahren, Ob ein Prozeß, seit zwanzig Jahren, Von mir verloren worden ist? Ich will Euch Eure Sache führen, Ein Wort, ein Mann! Ihr sollt sie nicht verlieren." Glimpf reutet fort. "Herr", ruft ihm Kunz noch nach, "Ich halte, was ich Euch versprach." Wie hitzig wird der Streit getrieben! Manch Ries Papier wird vollgeschrieben. Das halbe Dorf muß in das Amt; Man eilt, die Zeugen abzuhören, Und fünfundzwanzig müssen schwören, Und diese schwören insgesamt, Daß, wie die alte Nachricht lehrte, Der Rain ihm gar nicht zugehörte. Ei, Kunz, das Ding geht ziemlich schlecht! Ich weiß zwar wenig von dem Rechte; Doch im Vertraun geredt, ich dächte, Du hättest nicht das größte Recht. Manch widrig Urteil kömmt; doch laßt es widrig klingen! Glimpf muntert den Klienten auf: "Laßt dem Prozesse seinen Lauf, Ich schwör Euch, endlich durchzudringen, Doch-- "Herr, ich hör es schon; ich will das Geld gleich bringen." Kunz borgt manch Kapital. Fünf Jahre währt der Streit; Allein, warum so lange Zeit? Dies, Leser, kann ich dir nicht sagen, Du mußt die Rechtsgelehrten fragen. Ein letztes Urteil kömmt. O seht doch, Kunz gewinnt! Er hat zwar viel dabei gelitten; Allein was tuts, daß Haus und Hof verstritten, Und Haus und Hof schon angeschlagen sind? Genug, daß er den Rain gewinnt. "O", ruft er, "lernt von mir, den Streit aufs höchste treiben, Ihr seht ja, Recht muß doch Recht bleiben!" Der Reisende Ein Wandrer bat den Gott der Götter, Den Zeus, bei ungestümem Wetter, Um stille Luft und Sonnenschein. Umsonst! Zeus läßt sich nicht bewegen; Der Himmel stürmt mit Wind und Regen, Denn stürmisch sollt es heute sein. Der Wandrer setzt mit bittrer Klage, Daß Zeus mit Fleiß die Menschen plage, Die saure Reise mühsam fort. Sooft ein neuer Sturmwind wütet, Und schnell ihm stillzustehn gebietet: Sooft ertönt ein Lästerwort. Ein naher Wald soll ihn beschirmen; Er eilt, dem Regen und den Stürmen In diesem Holze zu entgehn; Doch eh der Wald ihn aufgenommen: So sieht er einen Räuber kommen, Und bleibt vor Furcht im Regen stehn. Der Räuber greift nach seinem Bogen, Den schon die Nässe schlaff gezogen; Er zielt, und faßt den Pilger wohl; Doch Wind und Regen sind zuwider; Der Pfeil fällt matt vor dem danieder, Dem er das Herz durchbohren soll. "O Tor!" läßt Zeus sich zornig hören, "Wird dich der nahe Pfeil nun lehren, Ob ich dem Sturm zu viel erlaubt? Hätt ich dir Sonnenschein gegeben, So hätte dir der Pfeil das Leben, Das dir der Sturm erhielt, geraubt." Der Schatz Ein kranker Vater rief den Sohn. "Sohn!" sprach er, "um dich zu versorgen, Hab ich vor langer Zeit einst einen Schatz verborgen; Er liegt--" Hier starb der Vater schon. Wer war bestürzter als der Sohn? "Ein Schatz! (So waren seine Worte.) Ein Schatz! Allein an welchem Orte? Wo find ich ihn?" Er schickt nach Leuten aus, Die Schätze sollen graben können, Durchbricht der Scheuern harte Tennen, Durchgräbt den Garten und das Haus, Und gräbt doch keinen Schatz heraus. Nach viel vergeblichem Bemühen Heißt er die Fremden wieder ziehen, Sucht selber in dem Hause nach, Durchsucht des Vaters Schlafgemach, Und findt mit leichter Müh (wie groß war sein Vergnügen!) Ihn unter einer Diele liegen. ---- Vielleicht, daß mancher eh die Wahrheit finden sollte, Wenn er mit mindrer Müh die Wahrheit suchen wollte. Und mancher hätte sie wohl zeitiger entdeckt, Wofern er nicht geglaubt, sie wäre tief versteckt. Verborgen ist sie wohl; allein nicht so verborgen, Daß du der finstern Schriften Wust, Um sie zu sehn, mit tausend Sorgen, Bis auf den Grund durchwühlen mußt. Verlaß dich nicht auf fremde Müh, Such selbst, such aufmerksam, such oft: du findest sie. Die Wahrheit, lieber Freund, die alle nötig haben, Die uns, als Menschen, glücklich macht, Ward von der weisen Hand, die sie uns zugedacht, Nur leicht verdeckt; nicht tief vergraben. Der Selbstmord O Jüngling, lern aus der Geschichte, Die dich vielleicht zu Tränen zwingt, Was für bejammernswerte Früchte Die Liebe zu den Schönen bringt! Ein Beispiel wohlgezogner Jugend, Des alten Vaters Trost und Stab, Ein Jüngling, der durch frühe Tugend Zur größten Hoffnung Anlaß gab; Den zwang die Macht der schönen Triebe, Climenen zärtlich nachzugehn. Er seufzt, er bat um Gegenliebe; Allein vergebens war sein Flehn. Fußfällig klagt er ihr sein Leiden. Umsonst! Climene heißt ihn fliehn. Ja, schreit er, ja, ich will dich meiden, Ich will mich ewig dir entziehn. Er reißt den Degen aus der Scheide, Und--o was kann verwegner sein! Kurz, er besieht die Spitz und Schneide, Und steckt ihn langsam wieder ein. Der sterbende Vater Ein Vater hinterließ zween Erben, Christophen, der war klug, und Görgen, der war dumm. Sein Ende kam, und kurz vor seinem Sterben Sah er sich ganz betrübt nach seinem Christoph um. "Sohn", fing er an, "mich quält ein trauriger Gedanke: Du hast Verstand, wie wird dirs künftig gehn? Hör an, ich hab in meinem Schranke Ein Kästchen mit Juwelen stehn, Die sollen dein. Nimm sie, mein Sohn, Und gib dem Bruder nichts davon." Der Sohn erschrak und stutzte lange. "Ach Vater", hub er an, "wenn ich so viel empfange, Wie kömmt alsdann mein Bruder fort?" "Er?" fiel der Vater ihm ins Wort, "Für Görgen ist mir gar nicht bange, Der kömmt gewiß durch seine Dummheit fort." Der süße Traum Mit Träumen, die uns schön betrügen, Erfreut den Timon einst die Nacht; Im Schlaf erlebt er das Vergnügen, An das er wachend kaum gedacht. Er sieht, aus seines Bettes Mitte Steigt schnell ein großer Schatz herauf. Und schnell baut er aus seiner Hütte Im Schlafe schon ein Lustschloß auf. Sein Vorsaal wimmelt von Klienten, Und, unbekleidet am Kamin, Läßt er, die ihn vordem kaum nennten, In Ehrfurcht itzt auf sich verziehn. Die Schöne, die ihn oft im Wachen Durch ihre Sprödigkeit betrübt, Muß Timons Glück vollkommen machen; Denn träumend sieht er sich geliebt. Er sieht von Doris sich umfangen, Und ruft, als dies ihm träumt, vergnügt; Er lallt: "O Doris, mein Verlangen! Hat Timon endlich dich besiegt?" Sein Schlafgeselle hört ihn lallen; Er hört, daß ihn ein Traum verführt, Und tut ihm liebreich den Gefallen, Und macht, daß sich sein Traum verliert. "Freund", ruft er, "laß dich nicht betrügen, Es ist ein Traum, ermuntre dich!" "O böser Freund, um welch Vergnügen", Klagt Timon ängstlich, "bringst du mich! Du machest, daß mein Traum verschwindet; Warum entziehst du mir die Lust? Genug, ich hielt sie für gegründet, Weil ich den Irrtum nicht gewußt." ---- Oft quält ihr uns, ihr Wahrheitsfreunde, Mit eurer Dienstbeflissenheit; Oft seid ihr unsrer Ruhe Feinde, Indem ihr unsre Lehrer seid. Wer heißt euch uns den Irrtum rauben, Den unser Herz mit Lust besitzt? Und der, so heftig wir ihn glauben, Uns dennoch minder schadt, als nützt? Der wird die halbe Welt bekriegen, Wer allen Wahn der Welt entzieht. Die meisten Arten von Vergnügen Entstehen, weil man dunkel sieht. Was denkt der Held bei seinen Schlachten? Er denkt, er sei der größte Held. Gönnt ihm die Lust, sich hochzuachten, Damit ihm nicht der Mut entfällt. Geht, fragt: Was denkt wohl Adelheide? Sie denkt, mein Mann liebt mich getreu. Sie irrt; doch gönnt ihr ihre Freude, Und laßt das arme Weib dabei. Was glaubt der Ehemann von Lisetten? Er glaubt, daß sie die Keuschheit ist. Er irrt; ich wollte selber wetten; Doch schweigt, wenn ihr es besser wißt. Was denkt der Philosoph im Schreiben? Mich liest der Hof, mich ehrt die Stadt! Er irrt; doch laßt ihn irrig bleiben, Damit er Lust zum Denken hat. Durchsucht der Menschen ganzes Leben: Was treibt zu großen Taten an? Was pflegt uns Ruh und Trost zu geben? Sehr oft ein Traum, ein süßer Wahn. Genug, daß wir dabei empfinden! Es sei auch tausendmal ein Schein! Sollt aller Irrtum ganz verschwinden: So wär es schlimm, ein Mensch zu sein. Der Tanzbär Ein Bär, der lange Zeit sein Brot ertanzen müssen, Entrann, und wählte sich den ersten Aufenthalt. Die Bären grüßten ihn mit brüderlichen Küssen, Und brummten freudig durch den Wald. Und wo ein Bär den andern sah: So hieß es: Petz ist wieder da! Der Bär erzählte drauf, was er in fremden Landen Für Abenteuer ausgestanden, Was er gesehn, gehört, getan! Und fing, da er vom Tanzen redte, Als ging er noch an seiner Kette, Auf polnisch schön zu tanzen an. Die Brüder, die ihn tanzen sahn, Bewunderten die Wendung seiner Glieder, Und gleich versuchten es die Brüder; Allein anstatt, wie er, zu gehn: So konnten sie kaum aufrecht stehn, Und mancher fiel die Länge lang danieder. Um desto mehr ließ sich der Tänzer sehn; Doch seine Kunst verdroß den ganzen Haufen. Fort, schrien alle, fort mit dir! Du Narr willst klüger sein, als wir? Man zwang den Petz, davonzulaufen. ---- Sei nicht geschickt, man wird dich wenig hassen, Weil dir dann jeder ähnlich ist; Doch je geschickter du vor vielen andern bist; Je mehr nimm dich in acht, dich prahlend sehn zu lassen. Wahr ists, man wird auf kurze Zeit Von deinen Künsten rühmlich sprechen; Doch traue nicht, bald folgt der Neid, Und macht aus der Geschicklichkeit Ein unvergebliches Verbrechen. Der Tartarfürst Ein Tartarfürst, von dem man in Geschichten preist, Daß er, als Prinz, Europa durchgereist, Befahl, weil er sein Volk galanter machen wollte, Daß kein vornehmes Weib ihr Kind selbst stillen sollte. Die wilden Damen lachten nur; Sie nährten nach wie vor ihr Kind mit ihren Brüsten, Und glaubten; daß sie der Natur Und ihren Müttern folgen müßten. Der Chan fing an, sich zu entrüsten, Gab ein sehr scharf Mandat, und schwur, Daß jede Frau vom Stande sterben sollte, Die für ihr Kind nicht Ammen halten wollte. Und weil sie sich gezwungen sahn: So nahmen sie denn Ammen an. Allein sie konnten sich des Triebs nicht lang erwehren, Ihr eigen Blut an ihrer Brust zu nähren. Die meisten fingen an, dem Chan den Tod zu schwören. Einst, als der Tartarfürst sich ganz allein befand, Kam, mit dem Degen in der Hand, Ein vornehm Weib auf ihn gerannt, Und sprach, von edlem Grimm entbrannt: "Hör auf, mein Kind mir abzudrängen, Sonst bin ich hier, dich umzubringen! Ich säug es selbst, und säug es mir zur Lust, Deswegen hab ich diese Brust. In dieser Pflicht, mein Kind daran zu nehmen, Soll mich, o Fürst, kein Tier beschämen." Der gute Tartarfürst erschrak, Und unterließ, um nicht sein Leben zu verlieren, Den europäischen Geschmack In seinen Horden einzuführen. Der Tod der Fliege und der Mücke Der Tod der Fliege heißt mich dichten; Der Tod der Mücke heischt mein Lied. Und kläglich will ich dir berichten, Wie jene starb, und die verschied. Sie setzte sich, die junge Fliege, Voll Mut auf einen Becher Wein; Entschloß sich, tat drei gute Züge, Und sank vor Lust ins Glas hinein. Die Mücke sah die Freundin liegen. "Dies Grabmal", sprach sie, "will ich scheun. Am Lichte will ich mich vergnügen, Und nicht an einem Becher Wein." Allein, verblendet von dem Scheine, Ging sie der Lust zu eifrig nach; Verbrannte sich die kleinen Beine, Und starb nach einem kurzen Ach. Ihr, die ihr euren Trieb zu nähren, In dem Vergnügen selbst verdarbt, Ruht wohl, und laßt zu euren Ehren Mich sagen, daß ihr menschlich starbt. Der unsterbliche Autor Ein Autor schrieb sehr viele Bände, Und ward das Wunder seiner Zeit; Der Journalisten gütge Hände Verehrten ihm die Ewigkeit. Er sah, vor seinem sanften Ende, Fast alle Werke seiner Hände Das sechste Mal schon aufgelegt, Und sich, mit tiefgelehrtem Blicke, In einer spanischen Perücke Vor jedes Titelblatt geprägt. Er blieb vor Widersprechern sicher, Und schrieb bis an den Tag, da ihn der Tod entseelt; Und das Verzeichnis seiner Bücher, Die kleinen Schriften mitgezählt, Nahm an dem Lebenslauf allein Drei Bogen und drei Seiten ein. Man las nach dieses Mannes Tode Die Schriften mit Bedachtsamkeit; Und seht, das Wunder seiner Zeit Kam in zehn Jahren aus der Mode, Und seine göttliche Methode Hieß eine bange Trockenheit. Der Mann war bloß berühmt gewesen, Weil Stümper ihn gelobt, eh Kenner ihn gelesen. ---- Berühmt zu werden, ist nicht schwer, Man darf nur viel für kleine Geister schreiben; Doch bei der Nachwelt groß zu bleiben, Dazu gehört noch etwas mehr, Als, seicht am Geist, in strenger Lehrart schreiben. Der Wuchrer Ein Wuchrer kam in kurzer Zeit Zu einem gräflichen Vermögen, Nicht durch Betrug und Ungerechtigkeit, Nein, er beschwur es oft, allein durch Gottes Segen. Und um sein dankbar Herz Gott an den Tag zu legen, Und auch vielleicht aus heiligem Vertraun, Gott zur Vergeltung zu bewegen, Ließ er ein Hospital für arme Fromme baun. Indem er nun den Bau zustande brachte, Und vor dem Hause stund, und heimlich überdachte, Wie sehr verdient er sich um Gott und Arme machte, Ging ein verschmitzter Freund vorbei. Der Geizhals, der gern haben wollte, Daß dieser Freund das Haus bewundern sollte, Fragt ihn mit freudigem Geschrei, Obs groß genug für Arme sei? "Warum nicht?" sprach der Freund. "Hier können viel Personen Recht sehr bequem beisammen sein; Doch sollen alle die hier wohnen, Die Ihr habt arm gemacht: so ist es viel zu klein." Der wunderbare Traum Aus einem alten Fabelbuche (Der Titelbogen fehlt daran, Sonst führt ichs meinen Lesern an), Aus dem ich mich Rats zu erholen suche, Wenn ich selbst nichts erfinden kann; Ans diesem alten deutschen Buche, Das mir schon manchen Dienst getan, Will ich mir einen Traum erwählen. Als ich einmal, so fängt mein Autor an, Nach seiner Weise zu erzählen, In einer Kirche saß, so fiel mir jähling ein: Wer mag von so viel tausend Seelen, Die diesen Ort zu ihrer Andacht wählen, Doch wohl die frömmste Seele sein? In den Gedanken schlief ich ein, Und sah im Traum vor mir des Tempels Schutzgeist stehen, "Du", sprach er, "wünschest dir, das frömmste Herz zu sehen?" Und rührte mein Gesicht mit seiner Rechten an. Mir kam, sobald er dies getan, Ein sanfter kalter Schauer an. Und plötzlich sah ich mich in heilgem Glanze stehen. "Fang an", sprach er, "die Kirche durchzugehen. Der, den dein Glanz so rührt, daß er dich dreimal küßt, Der hat das frömmste Herz, das hier zu finden ist." Ich ging, um es recht bald zu wissen, In dem empfangnen Glanz hart vor der Sakristei Einmal, und noch einmal, vorbei, Weil mir es schien, als wolle man mich küssen. Ich wartete noch eine gute Frist, Und ward einmal; allein ganz kalt, geküßt. Ich ging darauf in die Kapellen, In denen ich die frömmsten Mienen fand, Und alles schien sich aufzuhellen, Man lächelte, man tat galant Und küßte mir zur Not die Hand. Drauf ließ ich mich auf einer höhern Bühne Gesichtern, voll von Ernst und tiefer Weisheit, sehn. Ich blieb ein feines Weilchen stehn. Sie sahn mich an, und machten eine Miene, Als ob sie sich an mir schon satt gesehn. Und ungeküßt mußt ich von dannen gehn. Ich stellte mich nun vor die niedern Stände. Hier warfen mir viel weiße Hände, Da einen Kuß, dort einen zu. Ich ließ mein Auge lange fragen: Ach, gutes Herz! wo wohnest du? Allein man wollt es nicht, mich zu umarmen, wagen, Und ich ging ganz betrübt auf meinen Schutzgeist zu. Mein traurig Schicksal ihm zu klagen. Indem, daß ich noch durch die Halle schlich, Sah mich, in einem schlechten Kleide, Ein liebes Mädchen an, und seht, sie küßte mich Mit einer plötzlichen und unschuldsvollen Freude. Und eh ich noch von ihr den dritten Kuß erhielt: So fühlt ich schon die selgen Triebe Der Redlichkeit und Menschenliebe So stark in mir, als ich sie nie gefühlt. Ein Mädchen, rief ich aus, an das die Welt kaum dachte, Besitzt das beste Herz! Ich rief es, und erwachte. Der zärtliche Mann Die ihr so eifersüchtig seid, Und nichts als Unbeständigkeit, Den Männern vorzurücken pfleget! O Weiber, überwindet euch, Lest dies Gedicht und seid zugleich Beschämt, und ewig widerleget. Wir Männer sind es ganz allein, Die einmal nur, doch ewig lieben; Uns ist die Treu ins Blut geschrieben. Beweist es! hör ich alle schrein. Recht gut! Es soll bewiesen sein. ---- Ein liebes Weib ward krank, wovon? Von vieler Galle? Die alte Spötterei! Kein Kluger glaubt sie mehr. Nein, nein, die Weiber siechten alle, Wenn diese Übel schädlich wär. Genug, sie ward sehr krank. Der Mann wendt alles an, Was man von Männern fordern kann; Eilt, ihr zu rechter Zeit die Pulver einzuschütten; Er läßt für seine Frau in allen Kirchen bitten, Und gibt noch mehr dafür, als sonst gebräuchlich war: Und doch vermehrt sich die Gefahr. Er ächzt, er weint und schreit, er will mit ihr verderben. "Ach Engel", spricht die Frau, "stell deine Klagen ein! Ich werde mit Vergnügen sterben, Versprich mir nur, nicht noch einmal zu frein." Er schwört, sich keine mehr zu wählen. "Dein Schatten", ruft er, "soll mich quälen, Wenn mich ein zweites Weib besiegt." Er schwört. Nun stirbt sein Weib vergnügt. Wer kann den Kummer wohl beschreiben, Der unsern Witwer überfällt? Er weiß vor Jammer kaum zu bleiben; Zu eng ist ihm sein Haus, zu klein ist ihm die Welt. Er opfert seiner Frau die allertreusten Klagen, Bleibt ohne Speis und Trank, sucht keine Lagerstatt; Er klagt, und ist des Lebens satt. Indes befiehlt die Zeit, sie in das Grab zu tragen. Man legt der Seligen ihr schwarzes Brautkleid an; Der Witwer tritt betränt an ihren Sarg hinan. "Was?" fängt er plötzlich an zu fluchen, "Was, Henker, was soll dieses sein? Für eine tote Frau ein Brautkleid auszusuchen? Gesetzt, ich wollte wieder frein: So müßt ich ja ein neues machen lassen." Ihr Leute kränkt ihn nicht, geht, holt ein ander Kleid, Und laßt dem armen Witwer Zeit; Er wird sich mit der Zeit schon fassen. Der Zeisig Ein Zeisig wars und eine Nachtigall, Die einst zu gleicher Zeit vor Damons Fenster hingen. Die Nachtigall fing an, ihr göttlich Lied zu singen, Und Damons kleinem Sohn gefiel der süße Schall. "Ach welcher singt von beiden doch so schön? Den Vogel möcht ich wirklich sehn!" Der Vater macht ihm diese Freude, Er nimmt die Vögel gleich herein. "Hier", spricht er, "sind sie alle beide; Doch welcher wird der schöne Sänger sein? Getraust du dich, mir das zu sagen?" Der Sohn läßt sich nicht zweimal fragen, Schnell weist er auf den Zeisig hin: "Der", spricht er, "muß es sein, so wahr ich ehrlich bin. Wie schön und gelb ist sein Gefieder! Drum singt er auch so schöne Lieder; Dem andern sieht mans gleich an seinen Federn an, Daß er nichts Kluges singen kann." ---- Sagt, ob man im gemeinen Leben Nicht oft wie dieser Knabe schließt? Wem Farb und Kleid ein Ansehn geben, Der hat Verstand, so dumm er ist. Stax kömmt, und kaum ist Stax erschienen: So hält man ihn auch schon für klug. Warum? Seht nur auf seine Mienen, Wie vorteilhaft ist jeder Zug! Ein andrer hat zwar viel Geschicke; Doch weil die Miene nichts verspricht: So schließt man, bei dem ersten Blicke, Aus dem Gesicht, aus der Perücke, Daß ihm Verstand und Witz gebricht. Die Bauern und der Amtmann Ein sehr geschickter Kandidat, Der lange schon mit vielem Lobe Die Kanzeln in der Stadt betrat, Tat auf dem Dorfe seine Probe; Allein so gut er sie getan: So stund er doch den Bauern gar nicht an. Nein, der verstorbne Herr, das war ein andrer Mann, Der hatte recht auf seinen Text studieret, Und Gottes Wort, wie sichs gebühret, Bald griechisch, bald ebräisch angeführet, Die Kirchenväter oft zitieret, Die Ketzer stattlich ausschändieret, Und stets so fein schematisieret, Daß er der Bauern Herz gerühret. "Herr Amtmann, wie gesagt, erstatt Er nur Bericht, Wir mögen diesen Herrn nicht haben." "So sagt doch nur, warum denn nicht?" "Er hörts ja wohl, er hat nicht solche Gaben Wie der verstorbne Herr." Der Amtmann widerspricht; Der Suprintend ermahnt. Umsonst, sie hören nicht. Man mag Amphion sein, und Fels und Wald bewegen, Deswegen kann man doch nicht Bauern widerlegen. Kurz, man erstattete Bericht, Weil alle steif auf ihrem Sinn beharrten. Nunmehr kömmt ein Befehl. Ich kann es kaum erwarten, Bis ihn der Amtmann publiziert. Ich wette fast, ihr Bauern, ihr verliert! Man öffnet den Befehl. Und seht, der Landsherr wollte, Daß man dem Kandidat das Priestertum vertraun, Den Bauern Gegenteils es hart verweisen sollte. Der Suprintend fing an die Bauern zu erbaun, Und sprach, so schwierig sie noch schienen, Doch sehr gelind und fromm mit ihnen. "Herr Doktor!" fiel ihm drauf der Amtmann in das Wort, "Wozu soll diese Sanftmut dienen? Ihr Richter, Schöppen und so fort, Hört zu! Ich will mein Amt verwalten. Ihr Ochsen, die ihr alle seid! Euch Flegeln geb ich den Bescheid, Ihr sollt den Herrn zu eurem Pfarrn behalten. Sagts, wollt ihr oder nicht? denn itzt sind wir noch da." Die Bauern lächelten: "Ach ja, Herr Amtmann, ja!" Die beiden Hunde Daß oft die allerbesten Gaben Die wenigsten Bewundrer haben, Und daß der größte Teil der Welt Das Schlechte für das Gute hält; Dies Übel sieht man alle Tage; Allein wie wehrt man dieser Pest? Ich zweifle, daß sich diese Plage Aus unsrer Welt verdringen läßt. Ein einzig Mittel ist auf Erden; Allein es ist unendlich schwer. Die Narren müßten weise werden, Und seht, sie werdens nimmermehr. Nie kennen sie den Wert der Dinge. Ihr Auge schließt, nicht ihr Verstand; Sie loben ewig das Geringe, Weil sie das Gute nie gekannt. ---- Zween Hunde dienten einem Herrn, Der eine von den beiden Tieren, Joli, verstund die Kunst, sich lustig aufzuführen, Und wer ihn sah, vertrug ihn gern. Er holte die verlornen Dinge, Und spielte voller Ungestüm. Man lobte seinen Scherz, belachte seine Sprünge; Seht, hieß es, alles lebt an ihm! Oft biß er mitten in dem Streicheln: So falsch und boshaft war sein Herz; Gleich fing er wieder an zu schmeicheln: Dann hieß sein Biß ein feiner Scherz. Er war verzagt und ungezogen; Doch ob er gleich zur Unzeit bellt und schrie: So blieb ihm doch das ganze Haus gewogen: Er hieß der lustige Joli. Mit ihm vergnügte sich Lisette, Er sprang mit ihr zu Tisch und Bette; Und beide teilten ihre Zeit In Schlaf, in Scherz und Lustbarkeit; Sie aber übertraf ihn weit. Fidel, der andre Hund, war von ganz anderm Wesen. Zum Witze nicht ersehn, zum Scherze nicht erlesen, Sehr ernsthaft von Natur; doch wachsam um das Haus, Ging öfters auf die Jagd mit aus; War treu und herzhaft in Gefahr, Und bellte nicht, als wenn es nötig war. Er stirbt. Man hört ihn kaum erwähnen, Man trägt ihn ungerühmt hinaus. Joli stirbt auch. Da fließen Tränen! Seht, ihn beklagt das ganze Haus. Die ganze Nachbarschaft bezeiget ihren Schmerz. So gilt ein bißchen Witz mehr, als ein gutes Herz! Die beiden Knaben Ein jüngrer und ein ältrer Bube, Die der noch frühe Lenz aus der betrübten Stube Vom Buche zu dem Garten rief, Vielleicht, weil gleich ihr Informator schlief, Gerieten beid an eine Grube, In der der Schnee noch nicht zerlief. "Ach Bruder", sprach der kleine Bube, "Was meinst du, ist das Loch wohl tief? Ich hätte Lust"--"Was? Lust, hineinzuspringen? Du mußt doch ausgelassen sein. Versuch es nicht und spring hinein, Du könntest dich ums Leben bringen. Wir können uns ja sonst noch wohl erfreun, Als daß wir uns und unsern Kleidern schaden, Und kindisch Schnee und Eis durchwaden. Und kömmst du drauf zum Vater naß hinein: So hast dus da erst auszubaden." Doch keine Redekunst nahm unsern Knaben ein. "Wer wird im Schnee denn gleich ersaufen?" Und kurz und gut, er sprang hinein, Und ließ sichs wohl in seiner Grube sein; Doch kaum war er vor Kälte fortgelaufen: So sprang der Philosoph so gut wie er hinein. ---- Dies ist die Kunst der strengen Moralisten. Bekannt mit dem System, und von Grundsätzen voll, Beweisen sie das, was man lassen soll, So froh, als ob sie nichts von den Begierden wüßten. Sie sind von besserm Ton als wir. Sie bändigen ihr Herz durch die Gewalt der Schlüsse. Uns Armen ist die Torheit süße; Doch ihnen ekelt nur dafür. Wir lassen sie, wenn wir sie unternehmen, Aus gutem Herzen andern sehn, Und denken nicht daran, daß wir uns so vergehn. Sie aber, die gelehrt sich aller Torheit schämen, Begehn die Tat, die sie uns übelnehmen, Aus Tugend eher nicht, als bis wir es nicht sehn. Die beiden Mädchen Zwo junge Mädchen hofften beide, Worauf? Gewiß auf einen Mann; Denn dies ist doch die größte Freude, Auf die ein Mädchen hoffen kann. Die jüngste Schwester, Philippine, War nicht unordentlich gebaut; Sie hatt ein rund Gesicht, und eine zarte Haut; Doch eine sehr gezwungne Miene. So fest geschnürt sie immer ging, So viel sie Schmuck ins Ohr, und vor den Busen hing, So schön sie auch ihr Haar zusammenrollte; So ward sie doch bei alledem, Je mehr man sah, daß sie gefallen wollte, Um desto minder angenehm. Die andre Schwester, Caroline, War im Gesichte nicht so zart; Doch frei und reizend in der Miene, Und liebreich mit gelaßner Art. Und wenn man auf den heitern Wangen Gleich kleine Sommerflecken fand: Ward ihrem Reiz doch nichts dadurch entwandt, Und selbst ihr Reiz schien solche zu verlangen. Sie putzte sich nicht mühsam aus, Sie prahlte nicht mit teuren Kostbarkeiten. Ein artig Band, ein frischer Strauß, Die über ihren Ort, den sie erlangt, sich freuten, Und eine nach dem Leib wohl abgemeßne Tracht War Carolinens ganze Pracht. Ein Freier kam; man wies ihm Philippinen; Er sah sie an, erstaunt, und hieß sie schön; Allein sein Herz blieb frei, er wollte wieder gehn. Kaum aber sah er Carolinen: So blieb er vor Entzückung stehn. ---- Im Bilde dieser Frauenzimmer Zeigt sich die Kunst und die Natur; Die erste prahlt mit weit gesuchtem Schimmer, Sie fesselt nicht; sie blendet nur. Die andre sucht durch Einfalt zu gefallen, Läßt sich bescheiden sehn; und so gefällt sie allen. Die beiden Schwalben Zwo Schwalben sangen um die Wette, Und sangen mit dem größten Fleiß; Doch wenn die eine schrie, daß sie den Vorzug hätte, Gab doch die andre sich den Preis. Die Lerche kömmt. Sie soll den Streit entscheiden; Und beide stimmen herzhaft an. "Nun", hieß es: "sprich, wer von uns beiden Am meisterlichsten singen kann?" "Das weiß ich nicht", sprach sie bescheiden, Und sah sie ganz mitleidig an, Und wollte sich nach ihrer Höhe schwingen. Doch nein, sie suchten ihr den Ausspruch abzuzwingen. "So", sprach sie, "will ichs denn gestehn: Die kann so gut wie jene singen; Doch singt, solang ihr wollt, es singt doch keine schön. Hört man das Lied geistreicher Nachtigallen: So kann uns eures nicht gefallen." ---- Ihr mittelmäßigen Skribenten, O wenn wir euch doch friedsam machen könnten! Ihr zankt, wer besser denkt? Laßt keinen Streit entstehn. Wir wollen keinen von euch kränken; Der eine kann so gut wie jener denken; Doch keiner von euch denket schön. Ihr Schwätzer! Zankt nicht um die Gaben Der geistlichen Beredsamkeit. Solange wir Mosheime haben: So sehn wir ohne Schwierigkeit, Daß ihr beredte Kinder seid. Zankt nicht um eure hohen Gaben, Ihr Gründlichen! o bleibt in Ruh. Du demonstrierst wie er, und er so fein wie du; Allein solange wir Leibnize vor uns haben: So hört euch keine Seele zu. O zankt nicht um des Phöbus Gaben, Reimreiche Sänger unsrer Zeit! Ih