The Project Gutenberg EBook of Man Kann Nie Wissen, by George Bernard Shaw Copyright laws are changing all over the world. Be sure to check the copyright laws for your country before downloading or redistributing this or any other Project Gutenberg eBook. This header should be the first thing seen when viewing this Project Gutenberg file. Please do not remove it. Do not change or edit the header without written permission. Please read the "legal small print," and other information about the eBook and Project Gutenberg at the bottom of this file. Included is important information about your specific rights and restrictions in how the file may be used. 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Man Kann Nie Wissen (Komödie in vier Akten) George Bernard Shaw Übersetzung von Siegfried Trabisch Die erste deutsche Ausgabe dieser Komödie führte den Titel "Der verlorene Vater".--Die Hauptperson heißt im Original nicht Fergu McNaughtan, sondern Fergus Crampton. Shaw, der Hauptmann sehr verehrt, wollte die festumrissene Vorstellung, die wir mit dem Namen Crampton verbinden, nicht stören und änderte ihn in McNaughtan um, womit zugleich die Übertragung eines Wortwitzes möglich wurde, der im Original eine Rolle spielt. Anmerkung des Übersetzers. PERSONEN Frau Clandon Gloria } Dolly } ihre Kinder Philip } Dr. Valentine, Zahnarzt Fergus McNaughtan McComas, Rechtsanwalt Justizrat Bohun Ein Kellner Ein Stubenmädchen Ein Kellnerjunge Ein Koch Ort: Ein englisches Seebad. Zeit: 1896. ERSTER AKT (An einem schönen Augustmorgen des Jahres 1896 im Operationszimmer eines Zahnarztes. Es ist nicht das übliche winzige Londoner Loch, sondern das beste Zimmer einer möblierten Wohnung an der Strandpromenade in einem vornehmen Seebad. Der Operationsstuhl mit Gasschlauch und Zylinder steht zwischen der Mitte des Zimmers und einer der Ecken. Wenn man durch das dem Stuhl gegenüberliegende Fenster in das Zimmer hineinsieht, erblickt man den Kamin in der Mitte der dem Beschauer gegenüberstehenden Wand. Links eine Tür. Über dem Kaminsims befindet sich ein Diplom in einem Rahmen. Vor dem Kamin steht ein breiter schwarzlederner Sessel, rechts in der Ecke ein sauberer Schemel und eine Bank mit Schraubstock, Werkzeugen, einem Mörser und einem Stößel darauf. In der Nähe dieser Bank befindet sich ein dünnes peitschenartiges Gerät, das mit einem Ständer, einem Pedal und einer übertrieben großen Kurbel versehen ist. Da man dieses Marterwerkzeug als Zahnbohrer erkennt, blickt man schaudernd nach links, wo man ein anderes Fenster, darunter einen Schreibtisch mit Löscher und Mappe sieht. Vor dem Schreibtisch ein Stuhl. In seiner Nähe, gegen die Türe zu, ein lederüberzogenes Sofa. Die gegenüberliegende rechtsseitige Wand wird hauptsächlich von einem langen Büchergestell eingenommen. Der Operationsstuhl steht dem Beschauer dicht gegenüber; in handlicher Nähe links davon befindet sich der Instrumentenschrank. Man bemerkt, daß die zahnärztliche Einrichtung samt Apparaten neu ist. Die mit einem Muster von Girlanden und Urnen geschmückten Tapeten im Geschmack eines Leichenbestatters, der Teppich mit seiner symmetrischen Zeichnung von reichen, kohlkopfartigen Blumensträußen, der gläserne Gaskronleuchter mit Prismen, die ebenfalls prismengeschmückten, vergoldeten, blauen Armleuchter in den Ecken des Kaminsimses und die Goldbronzeuhr unter einem Glassturz zwischen ihnen, deren Nutzlosigkeit durch eine billige amerikanische Uhr betont wird, die respektlos daneben gestellt ist und jetzt auf zwölf Uhr mittags zeigt: alles das vereinigt sich mit dem schwarzen Marmor, der dem Kamin das Ansehen einer Familiengruft en miniature gibt, um Kaufmannsanständigkeit im Anfang der Regierung der Königin Viktoria, den Glauben ans Geld, Bibelfetischismus, Furcht vor der Hölle, die immer im Kampf mit der Furcht vor der Armut liegt, instinktives Entsetzen vor dem leidenschaftlichen Charakter der Kunst, der Liebe und der römisch-katholischen Kirche, und im allgemeinen die ersten Früchte der Geldherrschaft in den Anfängen der industriellen Revolution anzudeuten.) (Nicht das Leiseste von diesen Traditionen liegt über den zwei Personen, die jetzt gerade im Zimmer sind. Die eine davon, eine sehr hübsche, sehr kleine Dame, deren winzige Figur mit der elegantesten Lebhaftigkeit gekleidet ist, gehört einer späteren Generation an: sie ist kaum achtzehn Jahre alt. Dieses liebe kleine Geschöpf gehört offenbar weder zu dem Zimmer, noch auch zu dem Lande; denn seine Gesichtsfarbe, obgleich sehr zart, ist von einer heißeren Sonne als der Englands gebräunt worden; aber trotzdem besteht für einen sehr feinen Beobachter ein Zusammenhang zwischen der jungen Dame und England. Sie hält nämlich ein Wasserglas in der Hand, und auf ihrem winzigen, energisch geschnittenen Mund wie auf ihren eigentümlich geschweiften Augenbrauen bemerkt man eine sich rasch verziehende Wolke spartanischer Hartnäckigkeit. Wenn man die kleinste Gewissenslinie zwischen ihren Augenbrauen entdecken könnte, würde ein Pietist wohl die schwache Hoffnung hegen, in ihr ein Schaf im Wolfspelz zu finden--ihr Kleid ist nämlich verwünscht hübsch--aber sowie die Wolke flieht, ist ihre Stirnlinie so vollkommen frei von jedem Sündenbewußtsein wie die eines Kätzchens.) (Der Zahnarzt, der sie mit der Selbstzufriedenbeit des erfolgreichen Operateurs betrachtet, ist ein junger Mann von ungefähr dreißig Jahren. Er macht nicht sehr den Eindruck eines Arbeitsmenschen: unter der geschäftsmäßigen Art und Weise des neuetablierten Zahnarztes, der auf der Suche nach Patienten ist, bemerkt man die leichtsinnige Liebenswürdigkeit des noch unverheirateten, auf der Suche nach lustigen Abenteuern befindlichen jungen Mannes von Welt. Er ist nicht ohne Ernst im Benehmen, aber seine straff gespannten Nasenflügel stempeln diesen zum Ernste eines Humoristen. Seine Augen sind klar, flink, von skeptisch mäßiger Größe und doch ein wenig wagelustig; seine Stirn ist prächtig, hinter ihr ist viel Raum; seine Nase und sein Kinn sind kavaliermäßig hübsch. Im ganzen ein anziehender, beachtenswerter Anfänger, dessen Aussichten ein Geschäftsmann ziemlich günstig einschätzen würde.) (Die junge Dame ihm das Glas reichend:) Danke schön. (Trotz ihrer mattgelben Hautfarbe spricht sie ohne den geringsten fremden Akzent.) (Der Zahnarzt setzt es auf den Rand des Instrumentenschrankes:) Das war mein erster Zahn! (Die junge Dame entsetzt:) Ihr erster?!... Wollen Sie damit sagen, daß Sie an mir angefangen haben, zu praktizieren? (Der Zahnarzt.) Jeder Zahnarzt muß einmal mit jemandem den Anfang machen. (Die junge Dame.) Jawohl, mit jemandem im Spital--aber nicht mit Leuten, die bezahlen. (Der Zahnarzt lachend:) Oh, das Spital zählt natürlich nicht!... Ich meinte nur: mein erster Zahn in meiner Privatpraxis.--Warum wollten Sie kein Lachgas haben? (Die junge Dame.) Weil Sie mir sagten, daß das noch fünf Schilling extra kostete. (Der Zahnarzt unangenehm berührt:) Oh, sagen Sie das nicht! Da hab' ich das Gefühl, als hätte ich Ihnen wegen der fünf Schillinge weh getan. (Die junge Dame mit kühler Dreistigkeit:) Nun, das haben Sie auch. (Sie steht auf:) Warum auch nicht?... Es ist Ihr Beruf, den Leuten weh zu tun. (Es macht ihm Spaß, in dieser Weise behandelt zu werden, und er kichert heimlich, während er fortfährt, seine Instrumente zu reinigen und wieder wegzulegen. Sie schüttelt ihr Kleid zurecht, blickt sich neugierig um und gebt an das Fenster.) Sie haben aber wirklich eine schöne Aussicht auf das Meer von diesen Zimmern aus! --Sind sie teuer? (Der Zahnarzt.) Ja. (Die junge Dame.) Ihnen gehört aber nicht das ganze Haus? (Der Zahnarzt.) Nein. (Die junge Dame kippt den Stuhl, der vor dem Schreibtisch steht, um und betrachtet ihn kritisch, während sie ihn auf einem Fuß herumwirbelt:) Ihre Einrichtung ist aber nicht die allermodernste; nicht wahr? (Der Zahnarzt.) Sie gehört dem Hausherrn. (Die junge Dame.) Gehört ihm dieser hübsche bequeme Rollstuhl auch? (Sie zeigt auf den Operationsstuhl.) (Der Zahnarzt.) Nein, den habe ich gemietet. (Die junge Dame geringschätzig:) Das habe ich mir gedacht! (Sie blickt umher, um noch mehr Schlüsse ziehen zu können:) Sie sind wohl noch nicht lange hier? (Der Zahnarzt.) Seit sechs Wochen.--Wünschen Sie sonst noch etwas zu wissen? (Die junge Dame, an der die Anspielung verloren gebt:) Haben Sie Familie? (Der Zahnarzt.) Ich bin unverheiratet. (Die junge Dame.) Selbstverständlich. Das sieht man.--Ich meine Schwestern... eine Mutter... und sowas. (Der Zahnarzt.) Nicht hier am Ort. (Die junge Dame.) Hm... Wenn Sie sechs Wochen hier sind und mein Zahn der erste war, dann kann Ihre Praxis nicht sehr groß sein? (Der Zahnarzt.) Bis jetzt nicht. (Er schließt den Schrank, nachdem er alles in Ordnung gebracht hat.) (Die junge Dame.) Nun denn, Glück auf! (Sie nimmt ihre Börse aus der Tasche:) Fünf Schillinge macht es, sagten Sie, nicht wahr? (Der Zahnarzt.) Fünf Schillinge. (Die junge Dame nimmt ein Fünf-Schilling-Stück heraus:) Rechnen Sie für jede Operation fünf Schillinge? (Der Zahnarzt.) Ja. (Die junge Dame.) Warum? (Der Zahnarzt.) Das ist mein System. Ich bin eben, was man einen Fünf-Schilling-Zahnarzt nennt. (Die junge Dame.) Wie nett!--Hier! (Sie hält das Silberstück in die Höhe:) Ein hübsches neues Fünf-Schilling-Stück--Ihre erste Einnahme! Machen Sie mit dem Instrument, mit dem Sie den Leuten die Zähne anbohren, da ein Loch hinein und tragen Sie's an Ihrer Uhrkette. (Der Zahnarzt.) Danke sehr. (Das Stubenmädchen erscheint an der Tür:) Der Bruder der jungen Dame. (Die hübsche Miniaturausgabe eines Mannes, augenscheinlich der Zwillingsbruder der jungen Dame, tritt lebhaft ein. Er trägt einen terrakottfarbenen Kaschmiranzug; der elegant geschnittene Rock ist mit brauner Seide gefüttert. In der Hand hält er einen braunen Zylinder und dazu passende, loh*braune Handschuhe. Er hat die mattgelbe Gesichtsfarbe seiner Schwester und ist nach demselben kleinen Maßstabe gebaut wie sie. Aber er ist elastisch, muskulös und von entschlossenen Bewegungen und hat eine unerwartet tiefe und schneidige Sprechwiese. Er besitzt vollendete Manieren und einen vollendeten persönlichen Stil, um den ihn ein doppelt so alter Mann beneiden könnte. Anmut und Selbstbeherrschung sind ihm Ehrensache, und obgleich dies, richtig betrachtet, nur die moderne Art knabenhafter Verlegenheit ist, so ist doch die Wirkung seines Wesens auf ältere Leute verblüffend und wäre bei einem weniger für sich einnehmenden jungen Menschen unerträglich. Er ist die Schlagfertigkeit selbst und hat im Augenblick seines Eintretens eine Frage bereit:) (Der junge Mann.) Komme ich noch zu rechter Zeit? (Die junge Dame.) Nein, es ist schon alles vorüber. (Der junge Mann.) Hast du geheult? (Die junge Dame.) Oh, fürchterlich! Herr Doktor Valentine--mein Bruder Phil. Phil: das ist Herr Dr. Valentine, unser neuer Zahnarzt. (Dr. Valentine und Philip verneigen sich voreinander. Sie fährt in einem Atem fort:) Er ist erst seit sechs Wochen hier und ist Junggeselle. Das Haus gehört ihm nicht, und die Einrichtung gehört seinem Hausherrn, aber die nötigen Gegenstände für seinen Beruf hat er gemietet. Er hat meinen Zahn wundervoll auf den ersten Ruck herausgekriegt. Und wir sind sehr gute Freunde. (Philip.) Du hast wohl eine Menge Fragen gestellt, was? (Die junge Dame als ob sie unfähig wäre, das zu tun:) O nein! (Philip.) Das freut mich. (Zu Dr. Valentine:) Sehr liebenswürdig von Ihnen, nichts gegen uns zu haben, Herr Doktor. Wir sind nämlich noch nie in England gewesen, und unsere Mutter hat uns darauf vorbereitet, daß die Leute uns hier einfach nicht ertragen würden.--Kommen Sie, frühstücken Sie mit uns. (Dr. Valentine erschreckt über das Tempo, in dem ihre Bekanntschaft fortschreitet, ringt nach Atem, aber er hat keine Gelegenheit zu sprechen, da die Unterhaltung der Zwillinge reißend und andauernd ist.) (Die junge Dame.) O ja, sagen Sie zu, Herr Doktor! (Philip.) Im Marine-Hotel um halb zwei. (Die junge Dame.) Wir werden dann Mama erzählen können, daß ein achtbarer Engländer versprochen hat, mit uns zu frühstücken. (Philip.) Kein Wort mehr, Herr Doktor; Sie werden kommen! (Dr. Valentine.) Kein Wort mehr?... Ich habe überhaupt noch kein Wort gesagt... Darf ich fragen, mit wem ich eigentlich die Ehre habe?... Es ist mir wirklich ganz unmöglich, mit zwei mir vollständig Unbekannten im Marine-Hotel zu frühstücken. (Die junge Dame vorlaut:) Ach, was für ein Unsinn!... Ein Patient in sechs Wochen! Kann Ihnen doch ganz einerlei sein? (Philip gesetzt:) Nein, Dolly: meine Menschenkenntnis bestätigt Herrn Doktor Valentines Ansicht; er hat recht.--Erlauben Sie, daß ich Ihnen Fräulein Dorothea Clandon, gewöhnlich Dolly genannt; vorstelle. (Dr. Valentine verneigt sich vor Dolly. Sie nickt ihm zu.) Ich bin Philip Clandon--wir sind aus Madeira--aber trotzdem bis jetzt ganz achtbare Leute. (Dr. Valentine.) Clandon?... Sind Sie verwandt mit-- (Dolly mit einem unerwarteten Verzweiflungsschrei:) ja, wir sind's! (Dr. Valentine erstaunt:) Verzeihen Sie-- (Dolly.) Ja, ja, wir sind es!... Alles ist zu Ende, Phil! Man weiß alles über uns in England! (Zu Dr. Valentine:) Oh, Sie können sich nicht vorstellen, wie entsetzlich es ist, mit einer berühmten Persönlichkeit verwandt zu sein und nirgends um seiner selbst willen geschätzt zu werden. (Dr. Valentine.) Aber entschuldigen Sie: der Herr, an den ich dachte, ist durchaus nicht berühmt. (Dolly ihn anstarrend:) Der Herr?... (Philip ist auch erstaunt.) (Dr. Valentine.) Ja. Ich wollte Sie fragen, ob Sie zufällig die Tochter des Herrn Densmore Clandon aus Newbury Hall sind. (Dolly ausdruckslos:) Nein. (Philip.) Na, Dolly, woher weißt du das? (Dolly aufgeheitert:) Oh, ich vergaß, natürlich--vielleicht bin ich's! (Dr. Valentine.) Wissen Sie das nicht? (Philip.) Ganz und gar nicht. (Dolly.) Ein kluges Kind-- (Philip sie kurz unterbrechend:) Sch! (Dr. Valentine fährt bei diesem Laut ängstlich zusammen. Obwohl er kurz ist, klingt er doch so, als ob ein Stück Seidenzeug durch einen Blitz entzweigeschnitten würde. Er ist das Resultat langer Übung und soll Dollys Indiskretion verhindern.) Die Sache ist die, Herr Doktor: wir sind die Kinder der berühmten Frau Lanfrey Clandon, einer Schriftstellerin von großem Ruf--in Madeira. Kein Haushalt ist vollkommen ohne ihre Werke. Wir sind nach England gekommen, um diese Werke los zu werden. Sie heißen "Abhandlungen für das zwanzigste Jahrhundert". (Dolly.) Die Küche des zwanzigsten Jahrhunderts!-- (Philip.) Das Glaubensbekenntnis des zwanzigsten Jahrhunderts-- (Dolly.) Die Kleidung des zwanzigsten Jahrhunderts-- (Philip.) Das Betragen des zwanzigsten Jahrhunderts-- (Dolly.) Die Kinder des zwanzigsten Jahrhunderts-- (Philip.) Die Eltern des zwanzigsten Jahrhunderts-- (Dolly.) Geheftet einen halben Dollar-- (Philip.) Oder auf Leinwand aufgezogen, zum häufigen Familiengebrauch, zwei Dollar. In keinem Hause sollten diese Werke fehlen.--Lesen Sie sie, Herr Doktor; sie werden Ihre Seele veredeln. (Dolly.) Aber nicht, solange wir hier sind, wenn ich bitten darf. (Philip.) Richtig! Wir ziehen Leute mit unveredelten Seelen vor. Unsere eigene Seele befindet sich nämlich in dieser frischen und unverdorbenen Verfassung. (Dr. Valentine zweifelhaft:) Hm! (Dolly ahmt ihn fragend nach:) Hm...?--Phil, er zieht Leute vor, deren Seelen veredelt sind. (Philip.) Wenn das der Fall ist, müssen wir ihn mit dem andern Familienglied bekannt machen, mit der "Frau des zwanzigsten Jahrhunderts", unserer Schwester Gloria! (Dolly dithyrambisch:) Dem Meisterwerk der Schöpfung! (Philip.) Der Tochter der Wissenschaft! (Dolly.) Dem Stolz Madeiras! (Philip.) Dem Inbegriff der Schönheit! (Dolly wird plötzlich prosaisch:) Unsinn, keinen Teint! (Dr. Valentine verzweifelt:) Darf ich endlich auch ein Wort sagen? (Philip höflich:) Entschuldigen Sie--bitte. (Dolly sehr liebenswürdig:) Verzeihen Sie. (Dr. Valentine versucht, väterlich zu ihnen zu sein:) Ich muß euch jungen Leuten wirklich einen Wink geben. (Dolly bricht wieder aus:) Na, das ist wirklich gut! Wie alt sind Sie? (Philip.) Über dreißig. (Dolly.) Nein. (Philip zuversichtlich:) Doch! (Dolly emphatisch:) Siebenundzwanzig! (Philip unerschütterlich:) Dreiunddreißig! (Dolly.) Unsinn! (Philip zu Dr. Valentine:) Ich wende mich an Sie, Herr Doktor! (Dr. Valentine sich verwahrend:) Nein wirklich--(Er ergibt sich:) Einunddreißig. (Philip zu Dolly:) Du hast also unrecht gehabt! (Dolly.) Du auch! (Philip plötzlich gewissenhaft:) Wir vergessen unsere gute Erziehung, Dolly. (Dolly reuig:) Ja, das tun wir. (Philip sich entschuldigend:) Wir haben Sie unterbrochen, Herr Doktor. (Dolly.) Ich glaube, Sie waren eben im Begriff, unsere Seele zu veredeln. (Dr. Valentine.) Tatsache ist, daß Ihr-- (Philip ihm zuvorkommend:) Unser Aussehen?... (Dolly.) Unsere Manieren?... (Dr. Valentine ad misericordiam:) Ich beschwöre Sie, lassen Sie mich sprechen! (Dolly.) Die alte Geschichte--wir reden zu viel! (Philip.) Das tun wir. Schweigen wir alle beide! (Er setzt sich auf den Arm des Operationsstuhles.) (Dolly.) Mm! (Sie setzt sich auf den Stuhl vor dem Schreibtisch und hält ihre Lippen mit den Fingerspitzen zu.) (Dr. Valentine.) Danke. (Er holt den Schemel von der Bank in der Ecke, stellt ihn zwischen sie und setzt sich mit einer richterlichen Miene. Sie beobachten ihn mit größtem Ernst. Er wendet sich zuerst an Dolly: ) Darf ich Sie vor allem fragen, ob Sie schon jemals in einem englischen Seebad gewesen sind? (Sie schüttelt langsam und feierlich den Kopf. Er wendet sich zu Phil, der auch rasch und ausdrucksvoll seinen Kopf schüttelt.) Das habe ich mir gedacht!... Nun, Herr Clandon, unsere Bekanntschaft ist erst von kurzer Dauer, aber von großer Redseligkeit gewesen, und ich habe genug beobachtet, um überzeugt zu sein, daß Sie beide keine Ahnung haben, was das Leben in einem englischen Seebade bedeutet. Glauben Sie mir, es kommt weder auf die Manieren noch auf das Aussehen an... was das betrifft, genießen wir eine in Madeira unbekannte Freiheit. (Dolly schüttelt heftig den Kopf.) O ja, das dürfen Sie mir glauben. Lord de Crescis Schwester radelt in Kniehosen, und die Pastorsfrau tritt für Reformkleider ein und trägt hygienische Schuhe. (Dolly blickt verstohlen nach ihren eigenen Schuhen. Dr. Valentine bemerkt das und fügt flink hinzu:) Nein, das ist nicht die Art Schuh, die ich meine. (Dollys Schuh verschwindet.) Wir machen uns nicht viel aus Kleidern und Manieren in England, weil wir, als Volk, weder gut gekleidet sind noch Manieren haben. Aber--und nun frage ich Sie: Nehmen Sie's mir nicht übel, wenn ich aufrichtig bin? (Sie nicken.) Ich danke.--Nun, eins müssen Sie in einem englischen, Seebad haben, bevor irgend jemand sich mit Ihnen sehen lassen darf--und das ist ein Vater... ein lebendiger oder ein toter. (Er sieht sie abwechselnd mit Nachdruck an. Sie begegnen seinen Blicken wie Märtyrer.) Muß ich annehmen, daß Sie diesen unumgänglich nötigen Bestandteil Ihrer gesellschaftlichen Ausrüstung außer acht gelassen haben? (Sie stimmen ihm durch melancholisches Kopfnicken zu.) Dann muß ich Ihnen leider sagen, falls Sie die Absicht haben, längere Zeit hierzubleiben, daß es mir unmöglich sein wird, Ihre liebenswürdige Einladung zum Frühstück anzunehmen. (Er erheht sich, als ob er nun Schluß machen wollte, und setzt den Schemel wieder an die Wand.) (Philip erheht sich mit ernster Höflichkeit:) Komm, Dolly! (Er reicht ihr den Arm.) (Dolly.) Adieu. (Sie gehen zusammen mit vollendeter Würde zur Tür.) (Dr. Valentine von Gewissensbissen überwältigt:) O bleiben Sie--bleiben Sie! (Sie bleiben stehen und wenden sich Arm in Arm um.) Ich komme mir wirklich wie ein vollkommener Tölpel vor. (Dolly.) Daran ist Ihr Gewissen schuld, nicht wir. (Dr. Valentine energisch, läßt allen Anspruch auf berufsmäßige Manieren beiseite:) Mein Gewissen?... Mein Gewissen hat mich zugrunde gerichtet.--Hören Sie mich an!... Ich habe mich schon zweimal in verschiedenen Teilen Englands als achtbarer praktischer Arzt niedergelassen. Beide Male bin ich gewissenhaft gewesen und habe meinen Patienten statt dessen, was sie hören wollten, immer die nackte Wahrheit gesagt. Die Folge davon war mein Ruin.--Nun habe ich mich hier als Zahnarzt niedergelassen--als Fünf-Schilling-Zahnarzt, und habe ein für allemal mit dem Gewissen abgeschlossen; dies hier ist meine letzte Hoffnung. Ich habe mein letztes Goldstück für den Umzug ausgegeben und habe noch keinen Schilling Miete bezahlt. Ich esse und trinke auf Kredit, mein Hausherr ist reich wie ein Jude und hart wie Stahl. In sechs Wochen habe ich fünf Schillinge verdient. Wenn ich um Haaresbreite vom geraden Wege der strengsten Achtbarkeit abweiche, so bin ich verloren.--Ist es unter solchen Umständen recht und billig, mich zum Frühstück einzuladen, wenn Sie ihren eigenen Vater nicht kennen? (Dolly.) Na, schließlich ist unser Großvater Stiftsherr der Lincoln-Kathedrale.-- (Dr. Valentine wie ein Schiffbrüchiger, der ein Segel am Horizont sieht:) Was? Sie haben einen Großvater? (Dolly.) Nur einen. (Dr. Valentine.) Meine lieben guten jungen Freunde, um des Himmels willen, ja warum habt ihr mir das denn nicht gleich gesagt?... Ein Stiftsherr der Lincoln-Kathedrale! Das bringt natürlich alles in Ordnung!--Entschuldigen Sie mich einen Augenblick; ich will nur meinen Rock wechseln. (Er ist mit einem Satz an der Türe und verschwindet. Dolly und Philip starren ihm erst nach, dann starren sie einander an. Da sie ohne Publikum sind, sinken sie sofort in sich zusammen und werden Alltagsmenschen.) (Philip stößt Dollys Arm fort und gebt übellaunig zum Operationsstuhl: ) Dieser elende bankerotte Zahnschlosser tut so, als ob es für uns eine Ehre wäre, ihm ein Frühstück zu bezahlen! Wahrscheinlich seit Monaten sein erstes anständiges Essen! (Er gibt dem Stuhl einen Stoß, als ob der Dr. Valentine wäre.) (Dolly.) Das ist doch zu stark! Ich kann das nicht länger ertragen, Phil! Hier in England fragt einen jeder Mensch sofort, ob man einen Vater hat oder nicht. (Philip.) Ich will es auch nicht länger ertragen. Mama muß uns sagen, wer er war! (Dolly.) Oder wer er ist! Vielleicht lebt er noch. (Philip.) Das will ich nicht hoffen. Kein lebender Mensch soll sich mir als Vater aufspielen! (Dolly.) Vielleicht hat er aber eine Menge Geld?! (Philip.) Das bezweifle ich. Meine Menschenkenntnis sagt mir, daß er seine liebe volle Familie nicht so leicht los geworden wäre, wenn er eine Menge Geld besessen hätte... Immerhin, trachten wir, die Dinge im günstigsten Licht zu sehn. Verlaß dich darauf, er ist tot! (Er geht an den Kamin, bleibt mit dem Rücken gegen das Feuer stehen und streckt sich. Das Stubenmädchen erscheint. Die Zwillinge strahlen gleich wieder in ihrem früheren Glanz, als sie sich beobachtet wissen.) (Das Stübenmadchen.) Zwei Damen fragen nach Ihnen, gnädiges Fräulein. Ich glaube, die Frau Mutter und das Fräulein Schwester. (Frau Clandon und Gloria treten ein. Frau Clandon ist eine Dame zwischen vierzig und fünfzig, mit einer leichten Neigung zu sanftem, seßhaftem Fett und einem ansehnlichen Rest von Schönheit--letzterem nicht um so weniger darum, als sie offenbar der alten Frauensitte gefolgt ist, d.h. nach der ehelichen Verbindung keine Ansprüche in dieser Beziehung mehr erhoben hat. Man könnte sie fast verdächtigen, zu Hause eine Haube zu tragen. Sie trägt sich mit Kunst und gut, wie es Frauen als ein Teil guter Manieren von Tanz- und Anstandslehrern gelehrt wurde, bevor diese durch den modernen künstlerischen Kultus von Schönheit und Gesundheit verdrängt wurden. Ihr flachsblondes, von Silberfäden durchzogenes Haar ist gewellt, in der Mitte gescheitelt, geflochten und hinten zu einem Knoten gewunden. Gute Beobachter eines gewissen Alters können daraus schließen, daß Frau Clandon in ihrer Mädchenzeit genügend Individualität und guten Geschmack besessen hat, um sich der seither vergessenen Mode des Chignons energisch zu widersetzen. In Kürze: sie ist in Kleidern und Manieren für ihr Alter auffallend unmodern, aber sie gehört in das Vordertreffen ihrer eigenen Zeit (etwa 1860-80), in einer eifersüchtig betonenden Haltung des Charakters und Verstandes und darin, daß sie eher eine Frau mit kultivierten Interessen als mit leidenschaftlich entwickelten persönlichen Neigungen ist. Ihre Stimme und die Art, sich zu geben, sind durchaus freundlich und menschlich. Sie gibt sich gewissenhaft den gelegentlichen Liebkosungen hin, durch die ihre Kinder ihr ihre Achtung bezeugen, jedoch machen Kundgebungen persönlichen Gefühls sie heimlich verlegen. In ihr lebt mehr menschenfreundliches als menschliches Gefühl; sie begt starke Gefühle, was soziale Fragen und Grundsätze, nicht aber was Menschen betrifft; nur kann man beobachten, daß diese ihre Verständigkeit und außerordentliche Zurückhaltung im Persönlichen, die ihre Beziehungen zu Gloria und Phil nicht anders erscheinen lassen, als es die zwischen ihr und den Kindern irgendeiner anderen Frau sein könnten, in Dollys Fall nicht standhält;--obgleich fast jedes Wort, das sie an diese richtet, notwendig ein Protest gegen irgendeinen Bruch des Dekorums ist, so ist doch die Zärtlichkeit in ihrer Stimme hier unverkennbar, und es ist nicht überraschend, daß eine jahrelang so geartete Kundgebung Dolly rettungslos verzogen hat.) (Gloria hat die Zwanzig kaum überschritten, ist aber eine viel furchterregendere Dame als ihre Mutter. Sie ist die Verkörperung geistigen Hochmuts. Ihrem heftigen, unduldsamen, berrschsüchtigen Charakter hält bloß die Unerfahrenheit ihrer Jugend die Wage, und gegen ihren Willen wird er in Zucht gehalten durch die fortgesetzte Gefahr, von ihren jüngeren leichtlebigeren Geschwistern lächerlich gemacht zu werden. Im Gegensatz zu ihrer Mutter ist sie ganz Leidenschaft, und der Kampf zwischen ihrer Leidenschaft, ihrem hartnäckigen Stolz und ihrer übertriebenen Feinheit hat eine eisige Kälte des Betragens zur Folge. Bei einer häßlichen Frau würde das alles abstoßend wirken; aber Gloria ist eine anziehende Frau. Ihr tief kastanienbraunes Haar, ihre olivenfarbene Haut, ihre langen Wimpern, die grauen beschatteten Augen, die oft wie Sterne glänzen, zart geschweifte, volle Lippen und eine volle, geschmeidige, jedoch muskelkräftige Gestalt sprechen in hochmütiger Freimütigkeit zu Einbildungskraft und Sinnen. Man könnte sie für ein sehr gefährliches Mädchen halten, wenn Glorias sittlicher Eifer nicht auch in einer sehr edlen Stirn zum Ausdruck käme. Ihr tailor-made Kleid aus safranbraunem Tuch erscheint von rückwärts gesehen konventionell, aber eine Bluse von meergrüner Seide hebt das Konventionelle der Kleidung mit einem Schlage auf und unterscheidet sie sofort--so wie die Zwillinge--von den gewöhnlichen modernen Strandmenschen.) (Frau Clandon macht ein paar Schritte vorwärts und blickt umher, um zu sehen, wer da ist. Gloria, die es absichtlich vermeidet, den Zwillingen irgendein Interesse für sie zu zeigen, geht an das Fenster und blickt, in Gedanken versunken, ins Weite.--Das Stubenmädchen, anstatt sich zurückzuziehen, schließt die Tür und wartet davor.) (Frau Clandon.) Na, Kinder!... Hast du noch Zahnschmerzen, Dolly? (Dolly.) Geheilt! Gott sei Dank. Ich hab' ihn mir herausziehen lassen. (Sie setzt sich auf die Stufe des Operationsstuhls. Frau Clandon nimmt den Sessel, der vor dem Schreibtisch steht.) (Philip mischt sich vom Kamin aus gravitätisch ins Gespräch:) Und der Zahnarzt, ein erstklassiger Fachmann von größtem Ruf, wird mit uns frühstücken. (Frau Clandon sieht sich ängstlich nach dem Stubenmädchen um:) Phil! (Das Stubenmädchen.) Verzeihen Sie, gnädige Frau, ich warte auf den Herrn Doktor. Ich habe ihm etwas auszurichten. (Dolly.) Von wem? (Frau Clandon verdrießlich:) Dolly! (Dolly faßt ihre Lippen mit den Fingerspitzen und unterdrückt einen kleinen Heiterkeitsausbruch.) (Das Stubenmädchen.) Bloß vom Hausherrn, gnädiges Fräulein. (Dr. Valentine kommt in einem blauen Serge-Anzug, mit einem Strohhut in der Hand, in bester Laune zurück, ganz atemlos infolge der Eile, mit der er sich umgezogen hat. Gloria wendet sich vom Fenster ab und mustert ihn mit kalter Aufmerksamkeit.) (Philip.) Erlauben Sie, daß ich Sie bekannt mache, Herr Doktor.--Meine Mutter, Frau Lanfrey Clandon. (Frau Clandon verneigt sich, Dr. Valentine verneigt sich, selbstbewußt und der Situation gewachsen.) Meine Schwester Gloria. (Gloria verneigt sich mit kalter Würde und setzt sich auf das Sofa. Dr. Valentine verliebt sich auf den ersten Blick und ist entsetzlich verwirrt. Er dreht seinen Hut nervös zwischen den Fingern und macht Gloria eine schüchterne Verbeugung.) (Frau Clandon.) Ich höre, daß wir das Vergnügen haben werden, Sie heute zum Frühstück bei uns zu sehen, Herr Doktor? (Dr. Valentine.) Ich danke--ich--wenn Sie gestatten--ich meine, wenn Sie so liebenswürdig sein wollen--(Zum Stubenmädchen verdrossen:) Was ist los? (Das Stubenmädchen.) Der Hausherr wünscht Sie zu sprechen, bevor Sie ausgehen, Herr Doktor. (Dr. Valentine.) Sagen Sie ihm, daß ich mit vier Patienten beschäftigt bin. (Die Clandons sehen überrascht aus, mit Ausnahme von Philip, der unerschütterlich ruhig bleibt.) Aber wenn er etwa zwei Minuten warten wollte, so würde ich hinunterkommen und ihn einen Augenblick sprechen. (Er verläßt sich darauf, daß sie die Situation begreift.) Sagen Sie ihm, daß ich zu tun habe, aber daß ich mit ihm zu sprechen wünsche. (Das Stubenmädchen bestätigend:) Jawohl, Herr Doktor. (Sie gebt ab.) (Frau Clandon im Begriff aufzustehen:) Ich fürchte, wir halten Sie auf. (Dr. Valentine.) Durchaus nicht, durchaus nicht! Ihre Anwesenheit wird hier von größtem Vorteil für mich sein. Ich bin nämlich seit sechs Wochen die Miete schuldig und habe bis zum heutigen Tage keinen einzigen Patienten gehabt. Meine Unterredung mit dem Hausherrn wird nun infolge des sichtlichen Aufschwungs meines Geschäftes viel besser ablaufen. (Dolly ärgerlich:) O wie gräßlich langweilig von Ihnen, das alles auszuplaudern! Und wir haben gerade eben behauptet, daß Sie ein hochangesehener Fachmann allerersten Ranges sind. (Frau Clandon entsetzt:) O Dolly! Dolly! wie kannst du so grob sein! (Zu Dr. Valentine:) Bitte, entschuldigen Sie meine Kinder, diese Barbaren, Herr Doktor! (Dr. Valentine.) O bitte, bitte, ich bin schon an sie gewöhnt.--Wäre es unbescheiden, wenn ich Sie bitten würde, fünf Minuten zu warten, während ich unten meinen Hausherrn abfertige? (Dolly.) Aber beeilen Sie sich, wir sind hungrig! (Frau Clandon wieder protestierend:) Aber liebe Dolly! (Dr. Valentine zu Dolly:) Gut, gut! (Zu Frau Clandon:) Besten Dank. Sie sind sehr gütig--ich werde nicht lange ausbleiben. (Während er abgeht, wirft er einen raschen Blick auf Gloria. Sie betrachtet ihn sehr ernst. Er wird sehr verlegen.) Ich--äh--äh--ja--ich danke--ich danke Ihnen... (Es gelingt ihm endlich, sich aus dem Zimmer zu drücken, aber sein Abgang ist bemitleidenswert.) (Philip.) Habt ihr gesehen? (Auf Gloria zeigend:) Liebe auf den ersten Blick. Du kannst seinen Skalp deiner Sammlung einreihen, Gloria. (Frau Clandon.) Scht! scht... ich bitte dich, Phil! Er kann es gehört haben! (Philip.) Ach, der nicht--! (sich zu einer Szene vorbereitend:) Und nun gib acht, Mama. (Er nimmt den Schemel, der neben der) (Bank steht, und setzt sich majestätisch in die Mitte des Zimmers, die vorhergegangene Demonstration Valentines kopierend.) (Dolly fühlt, daß ihr Platz auf der Stufe des Operationsstuhles nicht der Würde dieses Anlasses entspricht; sie erhebt sich und schaut wichtig und entschlossen drein. Sie geht an das Fenster und lehnt sich mit dem Rücken gegen die Kante des Schreibtisches, ihre Hände hinter sich auf den Tisch legend.) (Frau Clandon betrachtet beide, verwundert, was da kommen wird.) (Gloria wird aufmerksam.) (Philip streckt sich, legt die Handknöchel symmetrisch auf die Knie und trägt seinen Fall vor:) Dolly und ich, wir haben letzthin mancherlei besprochen, und infolge meiner Menschenkenntnis glaube ich nicht, glauben wir nicht, daß du... (er spricht sehr pointiert, mit Pausen zwischen den Worten:) die Tatsache in ihrer ganzen Tragweite erfaßt hast... (Dolly setzt sich mit einem Satz auf den Tisch:)... daß wir erwachsen sind! (Frau Clandon.) Wirklich?... In welcher Beziehung habe ich euch Anlaß zu Klagen gegeben? (Philip.) Nun, wir fangen an zu fühlen, daß es gewisse Dinge gibt, über die du uns etwas mehr ins Vertrauen ziehen könntest. (Frau Clandon erhebt sich.) Die ganze Sanftmut ihres Alters ist plötzlich fort, und eine merkwürdig harte, würdevolle, aber verbissene, vornehme, jedoch unerschütterliche Aufregung, die Art der alten Vorkämpferin der Frauenbewegung, überkommt sie:) Phil, nimm dich in acht! Vergiß nicht, was ich dich immer gelehrt habe! Es gibt zwei Arten des Familienlebens, Phil, und deine Menschenkenntnis erstreckt sich vorläufig nur auf die eine. (Rhetorisch:) Die Art, die du kennst, ist auf gegenseitige Achtung gegründet, auf der Anerkennung des Rechtes eines jeden Mitglieds des Hauses, auf Unabhängigkeit und Selbstbestimmung (ihre Betonung des Wortes "Selbstbestimmung" ist bedeutsam:) in seinen persönlichen Angelegenheiten. Und weil du dieses Recht immer genossen hast, scheint es dir so selbstverständlich, daß du es nicht mehr schätzest;--aber (mit beißender Schärfe:) es gibt noch eine andere Art des Familienlebens. Ein Leben, in dem Ehemänner die Briefe ihrer Frauen öffnen und von ihnen Rechenschaft für jeden Pfennig ihrer Ausgaben und jeden Augenblick ihrer Zeit verlangen, ein Familienleben, in welchem Frauen dasselbe von ihren Kindern fordern! Ein Familienleben, in welchem kein Zimmer abgeschlossen und keine Stunde heilig ist, in welchem Pflicht, Gehorsam, Liebe, Heim, Sittlichkeit und Religion verabscheuenswerte Tyrannen sind und das Dasein eine vulgäre Kette von Strafen und Lügen bedeutet, von Zwang und Unterdrückung, Eifersucht, Argwohn und gegenseitigem Beschuldigen--oh! Ich kann es dir nicht beschreiben: zu deinem Glück weißt du nichts davon. (Sie setzt sich und holt Atem. (Gloria hat mit glänzenden Augen zugehört und teilt den ganzen Unwillen ihrer Mutter.) (Dolly ganz unempfänglich für Rhetorik:) Siehe "Die Eltern des zwanzigsten Jahrhunderts", Kapitel über Freiheit, passim. (Frau Clandon berührt liebevoll ihre Schulter, selbst durch ein Spottwort von ihr besänftigt:) Meine liebe Dolly, wenn du nur wüßtest, wie froh ich bin, daß dir das alles nur einen Scherz bedeutet, so bitter ernst es mir auch ist. (Wendet sich etwas entschlossener zu Philip:) Phil, ich frage dich niemals nach deinen Privatangelegenheiten; du wirst dir doch nicht einfallen lassen, mich nach den meinigen zu fragen--wie? (Philip.) Ich glaube, wir sind es uns selbst schuldig, zu erklären, daß die Frage, die wir an dich richten wollen, ebensosehr unsere Angelegenheit wie die deine ist. (Dolly.) Überdies kann's nicht gut sein, daß jemand eine Menge Fragen in seinem Innern verschlossen herumtragen soll. Das hast du getan, Mama! Aber schau, wie entsetzlich es dafür aus mir hervorbricht. (Frau Clandon.) Ich sehe, ihr müßt eure Frage stellen. Also tut es. (Dolly) und (Philip gleichzeitig:) Wer--(Sie halten inne.) (Philip.) Nun aber, Dolly! Soll ich diese Angelegenheit führen oder du? (Dolly.) Du. (Philip.) Dann halte deinen Mund. (Dolly tut das in des Wortes buchstäblicher Bedeutung:) Der Fall ist einfach folgender: Als der Zahnschlosser-- (Frau Clandon protestierend:) Phil! (Philip.) Zahnarzt ist ein häßliches Wort. Der Mann des Goldes und des Elfenbeins fragte uns also, ob wir die Kinder des Herrn Densmore Clandon aus Newbury Hall wären. Gemäß deinen, in der Abhandlung über das Betragen im zwanzigsten Jahrhundert, ausgesprochenen Lehren und deinen uns wiederholt persönlich erteilten Ermahnungen, die Zahl unserer unnötigen Lügen zu beschränken, haben wir wahrheitsgetreu geantwortet, daß wir es nicht wüßten. (Dolly.) Das wußten wir auch nicht! (Philip.) Sch! Die Folge davon war, daß der Gummiarchitekt bezüglich der Annahme unserer Einladung große Schwierigkeiten machte, obgleich ich bezweifle, daß er in den letzten vierzehn Tagen etwas anderes genossen hat als Tee und Butterbrot.--Nun bin ich aber dank meiner Menschenkenntnis zu der Überzeugung gelangt, daß wir einen Vater gehabt haben müssen und daß du wahrscheinlich weißt, wer das war. (Frau Clandon, deren Erregung wiederkehrt:) Halt, Phil! Dein Vater bedeutet weder etwas für dich noch für mich. (Heftig:) Das genügt! (Die Zwillinge schweigen, sind aber nicht befriedigt. Sie machen lange Gesichter.) (Gloria, die dem Streit aufmerksam zugehört hat, mengt sich plötzlich ein. Vortretend:) Mutter, wir haben ein Recht zu wissen, wer unser Vater ist! (Frau Clandon erhebt sich und wendet sich zu ihr:) Gloria! "Wir?" Wer ist "wir"? (Gloria, entschlossen:) Wir drei. (Ihr Ton ist nicht mißzuverstehen, sie setzt zum ersten Male ihre Entschlossenheit der ihrer Mutter feindlich entgegen. Die Zwillinge treten sofort zum Feinde über.) (Frau Clandon verletzt:) "Wir" pflegte sonst in deinem Munde "du und ich" zu bedeuten, Gloria. (Philip erhebt sich entschlossen und setzt den Schemel beiseite:) Wir tun dir weh--also lassen wir's sein. Wir dachten nicht, daß es dich so unangenehm berühren könnte. Ich will es nicht wissen. (Dolly den Tisch verlassend:) Ich schon gar nicht.--Oh, schau nicht so traurig drein, Mama! (Sie blickt ärgerlich auf Gloria.) (Frau Clandon führt ihr Taschentuch rasch an die Augen und setzt sich wieder:) Ich danke dir, Liebling. Ich danke dir, Phil. (Gloria unerbittlich:) Es ist unser gutes Recht, das zu erfahren, Mutter! (Frau Clandon entrüstet:) Ah! Du bestehst also darauf! (Gloria.) Sollen wir es nie erfahren? (Dolly.) O Gloria--nicht doch! Das ist unmenschlich! (Gloria mit ruhigem Hohn:) Was hat man davon, wenn man schwach ist? Du hörst, was hier mit diesem Herrn geschehen ist, Mutter. Ganz dasselbe ist auch mir widerfahren. /* (Frau Clandon) Was meinst du? (Dolly) }(alle zusammen:) O erzähle! (Philip) Was ist dir passiert? */ (Gloria.) Oh, nichts von Belang! (Sie wendet sich ab und geht an den Armstuhl vor dem Kamin, in den sie sich, fast mit dem Rücken gegen die andern, niederläßt. Da alle erwartungsvoll schweigen, fügt sie, über die Schulter sprechend, mit gemachter Gleichgültigkeit hinzu:) An Bord des Schiffes hat mir der erste Offizier die Ehre erwiesen, um meine Hand anzuhalten. (Dolly.) Nein, um meine Hand! (Frau Clandon.) Der erste Offizier?... Ist das dein Ernst, Gloria?--Was hast du ihm geantwortet? (Sich verbessernd:) Entschuldige, ich bin nicht berechtigt, danach zu fragen. (Gloria.) Die Antwort war ziemlich einfach: ein Mädchen, das nicht einmal weiß, wer sein Vater ist, kann einen solchen Antrag nicht annehmen. (Frau Clandon.) Du wolltest ihn doch sicherlich auch nicht annehmen? (Gloria wendet sich ein wenig um und erhebt ihre Stimme:) Nein. Aber gesetzt den Fall, ich hätte Lust gehabt-- (Philip.) Hat diese Schwierigkeit dich auch abgehalten, Dolly? (Dolly.) Nein. Ich habe seinen Antrag angenommen. /* (Gloria) Was? (Frau Clandon) }(alle zugleich rufen:) Dolly! (Philip) Na, ich muß sagen! */ (Dolly naiv:) Er sah so blödsinnig aus! (Frau Clandon.) Aber warum hast du das getan, Dolly? (Dolly.) Aus Spaß wahrscheinlich. Er mußte meinem Finger für den Ehering Maß nehmen. Du hättest das auch getan. (Frau Clandon.) Nein, Dolly, das hätte ich nicht! Tatsächlich hat mir der erste Offizier einen Heiratsantrag gemacht; aber ich habe ihm gesagt, er möge sich derlei Scherze für Frauen aufheben, die jung genug wären, daran Spaß zu haben... Er scheint meinen Rat befolgt zu haben. (Sie erhebt sich und geht an den Kamin:) Gloria, ich bedauere, daß du mich für schwach hältst. Aber ich kann dir nicht sagen, was du verlangst. Ihr seid alle zu jung. (Philip.) Das ist ein überraschendes Außerachtlassen der Prinzipien des zwanzigsten Jahrhunderts. (Dolly zitierend:) "Beantworte alle Fragen deiner Kinder und beantworte sie aufrichtig, sobald sie alt genug sind, sie zu stellen. "--Siehe "Die Mutterpflichten im zwanzigsten Jahrhundert"-- (Philip.) Seite eins-- (Dolly.) Kapitel eins (Philip.) Satz eins. (Frau Clandon.) Liebe Kinder, ich habe nicht gesagt, daß ihr zu jung seid, um es zu erfahren--ich sagte, ihr wäret zu jung, um von mir ins Vertrauen gezogen zu werden.--Ihr seid sehr begabte Kinder--alle-- aber es freut mich um euretwillen, daß ihr noch sehr unerfahren seid und daher auch sehr teilnahmslos. Ich aber habe Erfahrungen gesammelt, über die ich nur mit Leuten sprechen könnte, die durchgemacht haben, was ich durchgemacht habe. Ich hoffe, daß ihr euch für solche Mitteilungen nie eignen werdet. Aber ich will dafür sorgen, daß ihr alles, was ihr wissen möchtet, erfahren sollt.--Genügt euch das? (Philip.) Ein neuer Vorwurf, Dolly! (Dolly:) Wir sind teilnahmslos! (Gloria lehnt sich in ihrem Stuhl vor und sieht ernst zu ihrer Mutter auf:) Mutter, so hab' ich's nicht gemeint; teilnahmslos wollt' ich nicht sein. (Frau Clandon zärtlich:) Gewiß nicht, mein Herz.--Glaubst du, daß ich dich nicht verstehe? (Gloria sich erhebend:) Aber Mutter-- (Frau Clandon etwas zurückweichend:) Ja?... (Gloria hartnäckig:) Es ist Unsinn, zu behaupten, daß unser Vater uns nichts angehe. (Frau Clandon zu plötzlichem Entschluß herausgefordert:) Erinnerst du dich an deinen Vater? (Gloria nachdenklich, als wenn die Erinnerung eine zärtliche wäre:) Ich weiß es nicht bestimmt... ich glaube. (Frau Clandon grimmig:) Du weißt es nicht bestimmt? (Gloria.) Nein. (Frau Clandon mit ruhiger Festigkeit:) Gloria, wenn ich dich jemals geschlagen hätte, (Gloria weicht zurück, Philip und Dolly sind unangenehm berührt; alle drei starren sie empört an, während sie schonungslos fortfährt:)--absichtlich geschlagen--ganz klar bewußt--in der Absicht, dir weh zu tun--mit einer eigens für diesen Zweck gekauften Peitsche... glaubst du, daß du dich daran erinnern würdest? (Gloria stößt einen Ruf beleidigter Abwehr aus:) Oh! (Frau Clandon:) Das würde deine letzte Erinnerung an deinen Vater gewesen sein, wenn ich euch nicht von ihm fortgenommen hätte. Ich habe ihn eurem Leben ferngehalten: haltet ihr ihn nun dem meinen fern, indem ihr nie wieder in meiner Gegenwart von ihm redet. (Gloria bedeckt einen Augenblick schaudernd ihr Gesicht mit den Händen. Da sie jemanden vor der Tür hört, wendet sie sich ab und tut so, als wäre sie damit beschäftigt, die Namen der Bücher im Bücherschrank zu besehen.) (Frau Clandon setzt sich auf das Sofa.) (Dr. Valentine kehrt zurück:) Ich hoffe, ich habe Sie nicht allzu lange warten lassen. Mein Hausherr ist wirklich ein außergewöhnlicher Kerl! (Dolly lebhaft:) Oh, erzählen Sie uns das!--Auf wie lange hat er Ihnen die Zahlungsfrist verlängert? (Frau Clandon außer sich über ihres Kindes Manieren:) Dolly! Dolly! Liebe Dolly! Gewöhne dir doch das Fragen ab! (Dolly verstellt demütig:) O bitte, verzeihen Sie... Aber Sie werden es uns erzählen--nicht wahr, Herr Doktor? (Dr. Valentine.) Die Miete will er gar nicht haben. Er hat sich an einer brasilianischen Nuß einen Zahn gebrochen und mich gebeten, ihn zu untersuchen und dann mit ihm zu frühstücken. (Dolly.) So rufen Sie ihn herein und ziehen Sie ihm den Zahn gleich aus; dann wollen wir ihn auch zum Frühstück mitnehmen! Sagen Sie dem Mädchen, sie soll ihn heraufholen. (Sie läuft zur Glocke und klingelt energisch. Dann wendet sie sich mit plötzlichem Bedenken zu Dr. Valentine und fügt hinzu:) Ich nehme an, daß er ein angesehener Mann ist... wirklich angesehen? (Dr. Valentine.) Sicherlich! Nicht wie ich. (Dolly.) Ganz gewiß? (Frau Clandon ringt schwach nach Atem, aber ihre Kraft zum Protestieren ist erschöpft.) (Dr. Valentine.) Ganz gewiß! (Dolly.) Dann los--bringen Sie ihn herauf! (Dr. Valentine blickt zögernd auf Frau Clandon:) Ohne Zweifel würde er entzückt sein, wenn--wenn-- (Frau Clandon erhebt sich und sieht auf die Uhr:) Ich würde mich sehr freuen, Ihren Freund kennen zu lernen, wenn Sie ihn zum Kommen bewegen können. Aber ich kann jetzt nicht auf ihn warten; ich habe um dreiviertel eins im Hotel eine Verabredung mit einem alten Freund, den ich achtzehn Jahre lang--seit ich England verließ--nicht gesehen habe. --Wollen Sie mich also entschuldigen, bitte? (Dr. Valentine.) Gewiß, Frau Clandon. (Gloria.) Soll ich mitkommen? (Frau Clandon.) Nein, mein Kind. Ich will allein sein. (Sie geht ab, sichtlich noch ziemlich erregt. Dr. Valentine öffnet ihr die Tür und folgt ihr.) (Philip bedeutungsvoll zu Dolly:) Hm hm... (Dolly bedeutungsvoll zu Philip:) Aha! (Das Stubenmädchen hat dem Glockenzeichen Folge geleistet:) Führen Sie den alten Herrn herauf. (Das Stubenmädchen verblüfft:) Gnädiges Fräulein? (Dolly.) Den alten Herrn mit den Zahnschmerzen. (Philip.) Den Hausherrn! (Das Stubenmädchen.) Herrn McNaughtan? (Philip.) Heißt er McNaughtan? (Dolly zu Philip:) Das klingt rheumatisch, nicht wahr? (Philip.) Wahrscheinlich hat er Gichtknoten. (Dolly über die Schulter zum Stubenmädchen:) Führen Sie Herrn Gichtknoten herauf. (Das Stubenmädchen verbessernd:) Herrn McNaughtan, gnädiges Fräulein. (Ab.) (Dolly wiederholt den Namen wie eine Lektion:) McNaughtan--McNaughtan--McNaughtan--McNaughtan... (Sie setzt sich nachdenklich an den Schreibtisch:) Ich muß diesen Namen lernen, oder der Himmel weiß, wie ich ihn nennen werde. (Gloria.) Phil, kannst du an diese entsetzliche Mitteilung glauben, die uns die Mutter eben über unsern Vater gemacht hat? (Philip.) Oh, es gibt viele Menschen solchen Schlages. Der alte Chamico pflegte seine Frau und seine Töchter mit einer Pferdepeitsche durchzubleuen. (Dolly verachtungvoll:) Ja, ein Portugiese! (Philip.) Menschen, die Tiere sind, haben immer viel Ähnlichkeit, ob es nun Portugiesen oder Engländer sind, Dolly. Verlaß dich auf meine Menschenkenntnis. (Er nimmt seine Stellung auf dem Kaminteppich mit einem verantwortlichen altklugen Aussehen wieder ein.) (Gloria mit bekümmertem Gewissen:) Ich glaube nicht, daß wir jemals unser altes Rätselspiel "wer mag unser Vater sein" wieder spielen werden.--Dolly, tut's dir um deinen Vater leid--den Vater mit dem vielen Geld? (Dolly.) Und du, wie steht es mit deinem Vater, dem einsamen alten Mann, mit dem zärtlichen kummervollen Herzen? Der ist dir nun auch durch die Binsen gegangen, wie es scheint. (Philip.) Es steht außer Zweifel, daß der alte Herr ein zerplatzter Aberglauben ist. (Man hört Dr. Valentine vor der Tür mit jemandem sprechen:) Aber still--er kommt! (Gloria nervös:) Wer? (Dolly.) Gichtknoten. (Philip.) Sch! Aufgepaßt! (Sie nehmen ihre besten Manieren zusammen.) (Philip setzt mit leiser Stimme zu Gloria hinzu:) Wenn er fein genugist, daß man ihn zum Frühstück einladen kann, nick' ich Dolly zu; und wenn sie dir zunickt, lad ihn sofort ein. (Dr. Valentine kehrt mit seinem Hausherrn zurück. Herr Fergus McNaughtan ist ein Mann von ungefähr sechzig Jahren, groß, abgehärtet und sehnig, mit einem furchtbar hartnäckigen, übellaunigen, habgierigen Mund und einer gebieterisch streitsüchtigen Stimme. Dabei ist er ungemein nervös und empfindlich, was man an seiner dünnen, durchsichtigen Haut und an seinen schmalen Fingern erkennen kann. Seine daraus folgende Fähigkeit, unter der Unbeliebtheit, die sein Temperament und seine Halsstarrigkeit über ihn bringen, stark zu leiden, kommt in seinen ernsten, schmerzlichen Augen zum Ausdruck, in dem klagenden Ton seiner Stimme, einem schmerzlichen Mangel an Vertrauen auf das Willkommen, das man ihm bieten wird, und in einer fortgesetzten, aber nicht sehr erfolgreichen Bemühung, seine angeboren unhöflichen Manieren zu verbessern und seine Empfindlichkeit abzustreifen. Seine kühn geschweiften Brauen und seine Stirn verraten deutlich einen befähigten Menschen; ein Zeichen beschränkter Geldmittel oder geschäftlichen Mißkredits ist an ihm nicht bemerkbar. Er ist gut gekleidet und könnte auf den ersten Blick für den wohlhabenden Chef einer von einer alten Familie der Geschäftsaristokratie ererbten Firma gehalten werden. Sein marineblaue Rock ist nicht nach dem üblichen modernen Muster; es ist nicht gerade ein Lotsenrock, aber der Zuschnitt seines Anzugs, die großen Knöpfe und breiten Aufschläge würden besser auf eine Schiffswerft als in ein Kontor passen. Er hat Gefallen an Dr. Valentine gefunden, der sich aus seiner Vierschrötigkeit nichts macht und ihn mit einer respektlosen Menschlichkeit behandelt, für die er Dr. Valentine heimlich dankbar ist.) (Dr. Valentine.) Darf ich die Herrschaften bekannt machen?--Herr McNaughtan--Fräulein Dorothea Clandon--Herr Philip Clandon--Fräulein Gloria Clandon. (McNaughtan steht da und verbeugt sich nervös. Sie verbeugen sich alle:) Nehmen Sie Platz, Herr McNaughtan. (Dolly auf den Operationsstuhl zeigend:) Das ist der bequemste Stuhl, Herr--McNaughtan. (McNaughtan.) Ich danke. Aber will nicht das gnädige Fräulein da sitzen--? (Er zeigt auf Gloria, die neben dem Stuhl steht.) (Gloria.) Ich danke Ihnen, Herr McNaughtan. Wir wollen gerade gehn. (Dr. Valentine weist ihn mit gutmütiger Entschiedenheit nach dem Stuhl: ) Setzen Sie sich--setzen Sie sich. Sie sind müde. (McNaughtan.) Na, da ich weitaus der Älteste unter den Anwesenden bin, darf ich vielleicht--(Er beendigt den Satz, indem er sich mit etwas gichtischer Gebärde in den Operationsstuhl setzt. Inzwischen nickt Philip, der ihn während seines Ganges durch das Zimmer kritisch studiert hat, Dolly zu, und Dolly nickt Gloria zu.) (Gloria.) Wenn wir recht verstanden haben, sind wir schuld, daß Herr Dr. Valentine nicht mit Ihnen frühstückt; da wir ihn mithaben wollen. Meine Mutter wird sich nur sehr freuen, wenn Sie auch mitkommen. (McNaughtan, nachdem er sie einen Augenblick ernst betrachtet hat, dankbar:) Ich danke Ihnen, ich werde mit Vergnügen erscheinen. /* (Gloria) (murmeln:) Ich danke Ihnen sehr für... (Dolly) } (höflich: ) Es freut uns außerordentlich, daß... (Philip) Wir sind wirklich entzückt, Ihre... */ (Die Unterhaltung stockt. Gloria und Dolly blicken erst einander und dann Dr. Valentine und Philip an. Die beiden Männer, der Lage nicht gewachsen, sehen von ihnen fort, einander in die Augen und sind augenscheinlich dadurch so verwirrt, daß sie wieder zurückschauen und den Augen von Gloria und Dolly begegnen. So sucht einer das Auge des andern der Reihe nach, und sie sehen alle auf nichts und sind total verlegen. McNaughtan sieht sich um und wartet auf die andern, bevor er beginnt. Das Stillschweigen fängt an, unerträglich zu werden.) (Dolly plötzlich, um die Unterhaltung aufrechtzuerhalten:) Wie alt sind Sie, Herr McNaughtan? (Gloria schnell:) Ich fürchte, wir müssen eilen, Herr Doktor.--Es bleibt also dabei, daß wir uns um halb zwei Uhr im Marinehotel treffen. (Sie geht zur Tür, Philip folgt ihr, Dr. Valentine geht an den Glockenzug.) (Dr. Valentine.) Punkt halb zwei. (Er klingelt:) Vielen Dank. (Er begleitet Gloria und Philip zur Tür und geht mit ihnen hinaus.) (Dolly, die sich inzwischen zu McNaughtan hingeschlichen hat:) Lassen Sie sich Lachgas geben--das kostet noch fünf Schillinge extra, aber die Sache ist es wert. (McNaughtan belustigt:) Ausgezeichnet! (Sie ernster betrachtend:) Sie wollen also wissen, wie alt ich bin--wirklich? Ich bin siebenundfünfzig. (Dolly mit Überzeugung:) Sie sehen auch so alt aus. (McNaughtan grimmig:) Jawohl, das ist wahrscheinlich der Fall. (Dolly.) Warum sehen Sie mich so forschend an? Ist etwas an mir nicht in Ordnung? (Sie befühlt ihren Hut, ob er in Ordnung ist.) (McNaughtan.) Sie erinnern mich an wen. (Dolly.) An wen? (McNaughtan.) Nun--Sie haben eine merkwürdige Ähnlichkeit mit meiner Mutter. (Dolly ungläubig:) Mit Ihrer Mutter?!... Meinen Sie nicht vielleicht mit Ihrer Tochter? (McNaughtan bricht plötzlich haßerfüllt aus:) Nein--verlassen Sie sich darauf, daß ich nicht meine Tochter meine! (Dolly teilnahmsvoll:) Tut Ihnen der Zahn sehr weh? (McNaughtan.) Nein, nein--es ist nichts. Ein Anfall von Erinnerungen, nicht von Zahnschmerzen, Fräulein Clandon. (Dolly.) Heraus damit! "Wurzelnden Gram ausreuten dem Gedächtnis"[*]--mit Lachgas, fünf Schillinge extra. [Footnote *: MacBeth, 5. Akt, 3. Szene (Schlegel und Tieck).] (McNaughtan rachsüchtig:) Nein, kein Schmerz. Eine Beleidigung, die mir einst zugefügt wurde! Ich kann Beleidigungen nicht vergessen--und ich will sie nicht vergessen! (Sein Gesicht legt sich in unversöhnliche Falten.) (Dolly McNaughtans Ausdruck kritisch betrachtend:) Ich glaube nicht, daß wir Sie werden leiden mögen, wenn Sie über erlittenem Unrecht brüten. (Philip der unbeobachtet wieder eingetreten ist und sich hinter Dolly geschlichen hat:) Meine Schwester meint es ehrlich, Herr McNaughtan, aber sie ist indiskret.--Nun, Dolly, fort! (Er geht mit ihr zur Tür.) (Dolly in einem vollkommen hörbaren Flüsterton:) Er behauptet, daß er erst siebenundfünfzig ist--er hält mich für das Ebenbild seiner Mutter--er haßt seine Tochter--und... (Sie wird durch die Rückkehr Dr. Valentines unterbrochen.) (Dr. Valentine.) Fräulein Clandon ist schon voraus. (Philip.) Vergessen Sie nicht--Punkt halb zwei. (Dolly.) Bitte, lassen Sie Herrn McNaughtan so viel Zähne übrig, daß er mit uns essen kann. (Sie gehen ab.) (Dr. Valentine kommt herab zu seiner Instrumentenlade und öffnet sie.) (McNaughtan.) Das ist ein verzogenes Kind, Herr Doktor! Das richtige Früchtchen der modernen Erziehung! Als ich im Alter dieser jungen Dame war, hatte ich immer die letzte Tracht Prügel frisch in der Erinnerung, um mich gute Manieren zu lehren. (Dr. Valentine nimmt Zahnspiegel und Sonde von der seiner Lade gegenüber befestigten Platte:) Wie gefiel Ihnen ihre Schwester? (McNaughtan.) Die war Ihnen lieber, nicht wahr! * * * * * (Dr. Valentine überschwenglich:) Sie hat mich ergriffen, als ein Wesen--(Er besinnt sich und fügt prosaisch hinzu:) Doch das hat nichts mit dem Geschäft zu tun. (Er stellt sich hinter McNaugthans rechte Schulter und nimmt seinen berufsmäßigen Ton an:) Aufmachen, bitte. (McNaughtan öffnet den Mund.) (Dr. Valentine steckt den Spiegel hinein und untersucht seine Zähne:) Hm!... Na, den haben Sie nett abgebrochen--wie schade! So ein prächtiges Gebiß zu ruinieren!--Warum knacken Sie damit Nüsse auf? (Er zieht den Spiegel zurück und tritt vor, um mit McNaugthan zu sprechen.) (McNaughtan.) Ich habe immer mit den Zähnen Nüsse geknackt--wozu hat man sie denn? (Entschieden:) Das richtige Mittel, seine Zähne in gutem Zustand zu erhalten, besteht darin, daß man sie an Knochen und Nüssen genügend abnützt und sie täglich mit Seife putzt--mit gewöhnlicher Schmierseife! (Dr. Valentine.) Seife?... Warum mit Seife? (McNaughtan.) Als Junge fing ich damit an, weil man mich dazu anhielt, und seitdem hab' ich's immer getan. Und ich hab' in meinem ganzen Leben keine Zahnschmerzen gehabt! (Dr. Valentine.) Finden Sie das nicht ziemlich ekelhaft? (McNaughtan.) Ich habe gefunden, daß die meisten Dinge, die mir gut getan haben, ekelhaft waren; aber ich wurde angelernt, mich damit abzufinden, und man sorgte dafür, daß ich mich damit abfand. Jetzt bin ich daran gewöhnt;--wahrhaftig, ich liebe den Geschmack, wenn die Seife wirklich gut ist. (Dr. Valentine macht gegen seine Absicht eine Grimasse:) Sie scheinen sehr sorgfältig erzogen worden zu sein, Herr McNaughtan. (McNaughtan grimmig:) Jedenfalls bin ich nicht verzogen worden! (Dr. Valentine lächelt vor sich hin:) Sind Sie dessen ganz sicher? (McNaughtan.) Wie meinen Sie das? (Dr. Valentine.) Nun, Ihre Zähne sind gut--ich gebe es zu; aber ich habe in manchem Mund, der mit sich sehr nachsichtig umging, ebenso gute gesehn. (Er geht an den Rand der Lade und vertauscht die Sonde mit einer andern.) (McNaugthan.) Es kommt nicht auf die Zähne an, sondern auf den Charakter. (Dr. Valentine versöhnlich:) Oh! Auf den Charakter--ich verstehe. (Er nimmt die Behandlung wieder auf:) Etwas weiter, bitte--hm!... Der da wird heraus müssen--er ist nicht mehr zu retten. (Er zieht die Sonde zurück und tritt wieder seitwärts an den Stuhl, um zu plaudern:) Fürchten Sie sich nicht, Sie werden gar nichts fühlen; ich werde Ihnen Lachgas geben. (McNaughtan.) Unsinn, Mensch! Ich brauche kein Lachgas! Heraus damit! Zu meiner Zeit hat man den Leuten beigebracht, notwendige Schmerzen zu ertragen. (Dr. Valentine.) Oh! Wenn Sie Schmerzen gern mögen--schön. Ich werde Ihnen so weh tun, wie Sie nur wollen--ohne für den günstigen Einfluß auf Ihren Charakter irgendeinen Preisaufschlag zu verlangen. (McNaughtan erhebt sich und starrt ihn an:) Junger Mann, Sie schulden mir sechs Wochen Miete! (Dr. Valentine.) Richtig. (McNaughtan.) Können Sie mich bezahlen? (Dr. Valentine.) Nein. (McNaughtan zufrieden mit seinem Vorteil:) Das habe ich mir gedacht. --Wann, glauben Sie, werden Sie zahlungsfähig sein, da Sie nichts Besseres wissen, als sich über Ihre Patienten lustig zu machen? (Er setzt sich wieder.) (Dr. Valentine.) Mein lieber Herr McNaughtan. Meine Patienten haben nicht alle ihren Charakter an Schmierseife gebildet. (McNaughtan packt ihn plötzlich am Arm, während Dr. Valentine sich wieder nach der Lade wendet:) Desto schlimmer für sie! Ich sage Ihnen, Sie verstehen meinen Charakter nicht! Wenn ich all meine Zähne entbehren könnte ich würde sie mir, einen nach dem andern, von Ihnen ziehen lassen, um Ihnen zu zeigen, was ein tüchtiger, abgehärteter Mann aushalten kann, wenn er sich einmal dazu entschlossen hat. (Er nickt Dr. Valentine zu, um diese Erklärung zu bekräftigen, und läßt ihn los.) (Dr. Valentine, dessen sorglose Scherzhaftigkeit sich gar nicht stören läßt:) Und Sie wollen noch mehr abgehärtet werden, nicht wahr? (McNaughtan.) Ja. (Dr. Valentine schlendert fort zur Glocke:) Für mich sind Sie als Hausherr--schon abgehärtet genug. (McNaughtan quittiert diesen Scherz mit einem Brummen grimmigen Humors.) (Dr. Valentine klingelt und fragt in heiterer, beiläufiger Weise, während er auf die Antwort wartet:) Warum haben Sie nie geheiratet, Herr McNaughtan? Eine Frau und Kinder würden Ihnen Ihre Abhärtung schon ein wenig ausgetrieben haben. (McNaughtan mit unerwarteter Wildheit:) Was zum Teufel geht Sie das an?! (Das Stubenmädchen erscheint an der Tür.) (Dr. Valentine höflich:) Bitte, etwas warmes Wasser. (Sie zieht sich zurück, und Dr. Valentine geht wieder an die Lade, durch McNaughtans Grobheit durchaus nicht aus dem Konzept gebracht. Er setzt die Unterhaltung fort, während er eine Zange aussucht und sie sich zur Hand legt, zusammen mit einem Sperrholz und einem Trinkglas:) Sie fragten eben, was zum Teufel mich das angeht... Nun, ich habe vor, mich selbst zu verheiraten. (McNaughtan mit brummiger Ironie:) Natürlich, Mensch--natürlich! Wenn ein junger Mann auf den letzten Heller heruntergekommen ist und in vierundzwanzig Stunden von seinem Hausherrn gepfändet werden soll, dann heiratet er. Das habe ich schon öfter beobachtet.--Gut, heiraten Sie und werden Sie unglücklich! (Dr. Valentine.) Oh, gehen Sie, was wissen Sie davon? (McNaughtan.) Ich bin kein Junggeselle! (Dr. Valentine.) Dann gibt es also eine Frau McNaughtan? (McNaughtan zusammenzuckend, mit einem Gefühl des Unwillens:) Ja--der Teufel soll sie holen! (Dr. Valentine unerschütterlich:) Hm!... Am Ende sind Sie auch Vater, nicht nur Ehemann, Herr McNaughtan? (McNaughtan.) Drei Kinder! (Dr. Valentine höflich:) Der Teufel soll sie holen--was? (McNaughtan eifersüchtig:) Nein, Herr: die Kinder gehören mir so gut wie ihr. (Das Stubenmädchen bringt einen Krug heißes Wasser herein.) (Dr. Valentine.) Danke. (Er nimmt ihr den Krug ab und bringt ihn an den Stuhl; dann fährt er in dem gleichen nachlässigen Ton fort:) Ich möchte wirklich gern Ihre Familie kennen lernen, Herr McNaughtan. (Er gießt etwas warmes Wasser in das Trinkglas.) (Das Stubenmädchen geht hinaus.) (McNaughtan.) Ich bedaure, Sie nicht vorstellen zu können. Ich bin so glücklich, nicht zu wissen, wo sie alle sind, und ich bin's zufrieden, solange sie mir nicht in den Weg kommen. (Dr. Valentine tut mit einer Bewegung seiner Augenbrauen und Schultern die leise an den Glasrand klirrende Zange in das Glas heißen Wassers.) (McNaughtan.) Meinetwegen brauchen Sie das Dings da nicht zu wärmen; ich habe keine Angst vor dem kalten Stahl. (Dr. Valentine beugt sich vor, um den Gasschlauch und den Zylinder neben dem Stuhl in Ordnung zu bringen:) Was ist das für ein schweres Ding? (Dr. Valentine.) O nichts! Ich setze bloß meinen Fuß darauf, wenn ich den nötigen Stützpunkt für einen kräftigen Zug bekommen will. (McNaughtan sieht gegen seinen Willen beunruhigt aus.) (Dr. Valentine steht aufrecht neben ihm und setzt das Glas mit der Zange in Bereitschaft. Er fährt fort mit herausfordernder Gleichgültigkeit zu plaudern:) Sie raten mir also, mich nicht zu verheiraten, Herr McNaughtan? (Er bückt sich, um die Kurbel an den Apparat zu befestigen, durch die der Stuhl gehoben und gesenkt werden kann.) (McNaughtan reizbar:) Ich rate Ihnen, mir den Zahn nun zu ziehen und endlich aufzuhören, mich an meine Frau zu erinnern! Vorwärts, Herr! (Er klammert sich an lit Stuhllehnen und stählt sich.) (Dr. Valentine setzt ab, die Hand auf der Kurbel, siebt ihn an und sagt:) Um wie viel wollen Sie wetten, daß ich den Zahn herauskriege, ohne daß Sie es spüren? (McNaughtan.) Um Ihre sechswöchige Miete, mein Junge! Mich foppen Sie nicht! (Dr. Valentine nimmt die Wette mit Freude an und dreht die Kurbel kräftig hinauf, so daß der Sessel steigt:) Abgemacht! Sind Sie bereit? (McNaughtan, der beunruhigt über sein plötzliches Gehobenwerden die Stuhllehnen losgelassen hat, kreuzt die Arme, setzt sich steif aufrecht und bereitet sich auf das Schlimmste vor. Dr. Valentine läßt den Rücken des Stuhles plötzlich zu einem stumpfen Winkel hinab.) (McNaughtan packt mit festem Griff die Stuhllehnen, während er zurückfällt:) Au! Nehmen Sie sich in acht, Mensch! Ich bin ganz wehrlos in dieser La-- (Dr. Valentine hält ihm mit dem Sperrholz geschickt den Mund offen und erfaßt das Mundstück des Gasschlauchs:) Sie werden gleich noch wehrloser sein! (Er preßt das Mundstück über McNaughtans Mund und Nase und lehnt sich dabei über McNaugthans Brust so zurück, daß er ihm Kopf und Schultern gut in den Stuhl niederhalten kann.) (McNaughtan stößt einen unartikulierten Laut in das Mundstück aus und versucht, Dr. Valentine zu packen, den er sich gegenüber glaubt. Nach einem Augenblick greifen seine Arme ins Leere, senken sich und fallen herab. Er ist vollständig bewußtlos.) (Dr. Valentine wirft mit einem Ausdruck nachdenklichen Triumphes das Mundstück rasch beiseite, nimmt die Zange geschickt aus dem Glas und der Vorbang fällt.) ZWEITER AKT (Die Terrasse des Marinehotels--eine viereckige gepflasterte Planform, die in der Sonne funkelt und auf der Seeseite von einer Brustwehr aus schweren Stützpfeilern eingefaßt ist, die wie schwerfällige Ölkrüge aussehen und eine breite steinerne Mauerkappe tragen.) (Der Oberkellner des Etablissements, der damit beschäftigt ist, auf einem Frühstückstisch Servietten zu ordnen, wendet dem Meere den Rücken zu und hat das Hotel zu seiner Rechten; zu seiner Linken, in der Ecke, befindet sich in der Nähe des Meeres die Flucht von Stufen, die hinunter zum Strand führen. Wenn er vor sich die Terrasse hinunterblickt, sieht er gegenüber, etwas zu seiner Linken, einen Herrn in mittleren Jahren, der auf einem eisengitternen Stuhle an einem kleinen eisernen Tische sitzt, auf dem sich eine von drei Wespen umschwirrte Zuckerdose befindet. Er liest den "Standard" und hat seinen Schirm aufgespannt, um sich gegen die Augustsonne zu schützen, die--es ist noch nicht ein Uhr nachmittag--seine ausgestreckten Beine röstet. Ihm gegenüber, auf der Hotelseite der Terrasse, steht eine Gartenbank von der gewöhnlichen Strandpromenadenform. Besucher treten durch einen Eingang in der Mitte der Fassade ins Hotel, wohin man über ein paar Stufen gelangt, die sich auf einem breiten, erhöhten, gepflasterten Viereck erheben. Näher an der Brüstung ist ein geheimer Weg in die Küche durch ein kleines Gitterportal maskiert. Der Tisch, an dem der Kellner sich beschäftigt, ist sehr lang. Er steht quer über der Terrasse und ist mit fünf Gedecken versehen; vor jedem Gedeck steht ein Stuhl, und zwar befinden sich zwei Stühle auf jeder Längsseite und ein Stuhl an der dem Hotel zugewandten Schmalseite. Gegen die Brustwehr lehnt ein zweiter, als Büfett eingerichteter Tisch, von dem aus serviert werden soll.) (Der Kellner ist in seiner Art ein bemerkenswerter Mensch. Ein zarter alter Mann mit weißen Haaren und sanften Augen, jedoch so freudig und zufrieden, daß in seiner ermutigenden Gegenwart Ehrgeiz sich als Gemeinheit gerügt fühlt und Einbildungskraft als Verrat an dem überströmenden Reichtum und Interesse der Wirklichkeit. Er hat jenen gewissen Ausdruck, der Menschen eigen ist, die in ihrem Beruf hervorragend sind und die, im Bewußtsein der Nichtigkeit des Erfolges, von Neid unberührt bleiben.) (Der Herr an dem eisernen Tischchen ist nicht für den Strand gekleidet. Er trägt seinen Londoner Gehrock und Handschuhe; sein hoher Zylinder steht auf dem Tisch neben der Zuckerdose. Die vortreffliche Verfassung und Qualität dieser Kleidung, der goldgeränderte Zwicker, mit dem er den "Standard" liest und die "Times", die an seinem Ellbogen über der Ortszeitung liegt--alles weist auf seine Achtbarkeit hin. Er ist ungefähr fünfzig Jahre alt, glatt rasiert und kurzgeschoren. Seine Mundwinkel sind absichtlich herabgezogen, als hätte er sie im Verdacht, hinaufschnellen zu wollen, und wäre entschlossen, ihnen den Willen nicht zu lassen. Er hat große, weite Ohren, Augen von der Farbe des Stockfisches und eine energische Stirn, die er resolut offen trägt, als wenn er, wiederum, in seiner Jugend beschlossen hätte, wahrheitsliebend, großmütig, unbestechlich zu bleiben, es ihm aber niemals gelungen wäre, diese geistige Gewöhnung automatisch und unbewußt zu machen. Trotzdem macht er durchaus keinen lächerlichen Eindruck; kein Zeichen der Dummheit oder Willensschwäche ist an ihm bemerkbar;--im Gegenteil, er würde dem Anblick nach überall für einen Menschen von mehr als durchschnittlichen geschäftlichen Fähigkeiten und geschäftlicher Verantwortung gehalten werden. Augenblicklich genießt er das Wetter und das Meer zu sehr, um die Geduld zu verlieren; aber er hat alles Neue in seinen Zeitungen durchgelesen und ist gegenwärtig auf die Inserate angewiesen, die aber nicht interessant genug sind, ihn für die Dauer zu fesseln.) (Der Herr gähnt und verzichtet auf die Zeitung als ungenießbar:) Kellner! (Der Kellner.) Bitte? (Er nähert sich ihm.) (Der Herr.) Wissen Sie ganz bestimmt, daß Frau Clandon vor dem Frühstück zurückkommt? (Der Kellner.) Ganz bestimmt. Sie erwartet den Herrn um dreiviertel auf Eins. (Der Herr, den des Kellners Stimme sofort besänftigt, sieht ihn mit einem lässigen Lächeln an. Der Kellner hat eine ruhige, sanfte, melodische Stimme, die seinen alltäglichsten Bemerkungen ein sympathisches Interesse verleiht; er spricht mit dem süßesten Anstand, ohne seine H's zu verschlucken oder sie zu verlegen, oder in irgendeine andere Vulgarität zu verfallen. Der Kellner sieht nach der Uhr und fährt fort:) Es ist noch nicht so viel, nicht? Erst zwölf Uhr dreiundvierzig... nur noch zwei Minuten muß sich der Herr gedulden.-- Schöner Morgen, nicht wahr? (Der Herr.) Ja. Sehr frisch im Vergleich zu London. (Der Kellner.) Ja. Das sagen alle unsere Gäste.--Eine sehr angenehme Familie, die von Frau Clandon. (Der Herr.) Sie mögen sie? (Der Kellner.) Ja. Sie haben ein sehr unbefangenes, einnehmendes Betragen--wahrhaftig, sehr einnehmend. Namentlich die junge Dame und der junge Herr. (Der Herr.) Fräulein Dorothea und Herr Philip wahrscheinlich. (Der Kellner.) Jawohl. Die junge Dame sagt immer, wenn sie mir einen Befehl erteilt oder so etwas: "Sie wissen, William, daß wir Ihretwegen in dieses Hotel gekommen sind, weil wir gehört haben, was für ein vollendeter Kellner Sie sind." Der junge Herr sagt mir immer, daß ich ihn sehr an seinen Herrn Vater erinnere, (der Herr fährt auf bei diesen Worten:) und daß er von mir erwartet, daß ich mich gegen ihn auch wie ein Vater benehmen werde. (Mit beruhigendem sonnigem Tonfall: ) Oh, so liebenswürdig... wirklich, sehr höflich und freundlich sind sie! (Der Herr.) Sie sollen seinem Vater ähnlich sein! (Er lacht über diese Idee.) (Der Kellner.) Oh, wir dürfen nicht zu ernst nehmen, was die Herrschaften sagen. Wenn es wahr wäre, so würde die junge Dame die Ähnlichkeit natürlich auch bemerkt haben. (Der Herr.) Hat sie das nicht? (Der Kellner.) Nein. Sie fand, ich hätte mit der Shakespear-Büste in der Stratford-Kirche Ähnlichkeit; deshalb nennt sie mich auch "William"--mein richtiger Name ist Walter. (Er wendet sich um, will nach dem Tisch zurückgeben und erblickt Frau Clandon, die über die Stufen vom Strand her die Terrasse heraufkommt.) Da ist Frau Clandon. (Zu Frau Clandon, in einem bescheiden vertraulichen Tone:) Ein Herr ist da, der Sie sprechen will, gnädige Frau. (Frau Clandon.) Es werden noch zwei Herren mit uns frühstücken, William. (Der Kellner.) Sehr wohl, gnädige Frau. Danke schön, gnädige Frau. (Er zieht sich in das Hotel zurück.) (Frau Clandon kommt nach vorn und sieht sich nach ihrem Besucher um, geht aber an dem Herrn vorbei, ohne irgendein Zeichen des Erkennens zu geben.) (Der Herr sieht verschmitzt nach ihr unter dem Schirm hervor:) Erkennen Sie mich nicht? (Frau Clandon sieht ihn scharf und ungläubig an:) Sind Sie Finch McComas? (McComas.) Können Sie das nicht raten? (Er schließt den Schirm, stellt ihn zur Seite, pflanzt sich mit den Händen in den Hüften lustig vor ihr auf und laßt sich betrachten.) (Frau Clandon.) Mir scheint, Sie sind es wirklich! (Sie reicht ihm die Hand. Der Händedruck, der folgt, ist der alter Freunde nach einer Langen Trennung:) Wo ist Ihr Bart? (McComas komisch feierlich:) Würden Sie einen Anwalt mit einem Bart beschäftigen? (Frau Clandon zeigt auf den Zylinder, der auf dem Tischchen steht:) Ist das Ihr Hut? (McComas.) Würden Sie einen Anwalt mit einem Sombrero beschäftigen? (Frau Clandon.) Ich habe Sie während der ganzen achtzehn Jahre in Gedanken mit einem Bart und einem großen, runden Hut vor mir gesehen. (Sie setzt sich auf die Gartenbank. McComas nimmt seinen Platz wieder ein.) Gehen Sie noch immer zu den Versammlungen der philosophischen Gesellschaft? (McComas ernst:) Ich besuche keine Versammlungen mehr. (Frau Clandon.) Finch, ich merke, was mit Ihnen vorgegangen ist! Sie sind respektabel geworden! (McComas.) Und Sie nicht? (Frau Clandon.) Nicht im geringsten. (McComas.) Sie halten noch immer an Ihren alten Ansichten fest? (Frau Clandon.) Fester denn je. (McComas.) Was Sie sagen!... Und sind Sie noch immer bereit, öffentlich zu sprechen, trotz Ihres Geschlechts? (Frau Clandon nickt. ) Halten Sie sogar noch immer an der Ansicht fest, eine verheiratete Frau sei berechtigt, ihr eigenes Vermögen von dem ihres Gatten zu trennen? (Frau Clandon nickt wieder.) Sind Sie noch immer Vorkämpferin für die Lehre Darwins von der Abstammung der Arten und für John Stuart Mills Schrift über die Freiheit? (Sie nickt.) Lesen Sie noch immer Huxley, Tyndall und George Eliot? (Sie nickt dreimal.) Und verlangen Sie noch immer für die Frauen so gut wie für die Männer den Zutritt zur Universität, die Ausübung aller Gewerbe und das parlamentarische Wahlrecht? (Frau Clandon energisch:) Jawohl. Ich bin nicht um Haares Breite davon abgewichen, und ich habe Gloria dazu erzogen, mein Werk dort fortzusetzen, wo ich es abgebrochen habe.--Das ist es auch, was mich nach England zurückgeführt hat. Ich fühlte, daß ich kein Recht hatte, meine Tochter lebend in Madeira zu begraben--mein Sankt Helena, Finch! --Sie wird wohl ausgezischt werden, wie ich es wurde--aber sie ist darauf vorbereitet. (McComas.) Ausgezischt?... Meine liebe gute Frau Clandon, heutzutage könnte Gloria mit allen diesen Ansichten sogar einen Erzbischof heiraten.--Sie haben mir eben vorgeworfen, daß ich respektabel geworden bin. Sie haben sich geirrt--ich halte an unsern alten Meinungen fest, ebenso wie damals--ich gehe nicht in die Kirche, und ich tue nicht so, als ob ich es täte. Ich bekenne, was ich bin: ein radikaler Philosoph, der für Freiheit und für die Rechte des Individuums eintritt, wie mein Meister Herbert Spencer es mich gelehrt hat. Werde ich ausgezischt?... Nein! Ich werde nachsichtig belächelt, wie ein altmodischer Kauz! Ich bin vollständig erledigt, weil ich mich geweigert habe, das Knie vor dem Sozialismus zu beugen. (Frau Clandon entsetzt:) Sozialismus! (McComas.) Ja, Sozialismus--vor Ablauf eines Monats wird Fräulein Gloria bis über die Ohren drin sein, wenn Sie sie hier loslassen. (Frau Clandon mit Emphase:) Aber ich kann ihr beweisen, daß der Sozialismus ein Trugschluß ist! (McComas pathetisch:) Dadurch, daß ich es bewies, habe ich alle meine Schüler verloren, Frau Clandon. Nehmen Sie sich in acht, lassen Sie Gloria ihren eigenen Weg gehen. (Etwas bitter:) Wir sind altmodisch geworden, die Welt denkt, wir seien hinter ihr zurückgeblieben! Es gibt nur noch einen einzigen Ort in England, wo Ihre Anschauungen für vorgeschritten gelten würden. (Frau Clandon spöttisch und nicht überzeugt:) Die Kirche vielleicht? (McComas.) Nein, das Theater.--Und jetzt zur Sache. Warum haben Sie mich hierher kommen lassen? (Frau Clandon.) Nun, zum Teil, weil ich Sie wiedersehen wollte. (McComas mit gutmütiger Ironie:) Danke! (Frau Clandon.) Und zum Teil, weil ich möchte, daß Sie den Kindern alles erklären. Sie wissen nichts. Und jetzt, wo wir nach England zurückgekehrt sind, ist es unmöglich, sie noch länger im unklaren zu lassen. (Aufgeregt:) Finch, ich kann mich nicht dazu entschließen, es ihnen zu sagen... ich--(Sie wird durch die Zwillinge und Gloria unterbrochen. Dolly kommt hastig die Stufen heraufgestürzt, im Wettlauf mit Philip, der ein schreckliches Tempo mit einer ungestörten Korrektheit des Betragens verbindet, die ihn jedoch das Rennen kostet. Dolly erreicht ihre Mutter zuerst und stößt durch die Heftigkeit ihrer Ankunft die Gartenbank beinahe über den Haufen.) (Dolly atmenlos:) Es ist alles in Ordnung, Mama! Der Zahnarzt kommt, und seinen alten Hausherrn bringt er mit! (Frau Clandon.) Liebe Dolly, siehst du Herrn McComas nicht? (McComas erhebt sich lächelnd.) (Dolly mit langem Gesicht, das offensichtlich die größte Enttäuschung ausdrückt:) Der?!... Wo sind die wallenden Locken? (Philip sekundiert ihr warm:) Und wo der Bart?!--Der Mantel?--Das poetische Aussehen?! (Dolly.) Oh, Herr McComas! Sie haben sich ganz und gar verdorben! Warum haben Sie nicht gewartet, bis wir Sie gesehen haben?! (McComas verdutzt, aber seinen Humor zusammennehmend, um sich der schwierigen Lage gewachsen zu zeigen:) Weil für einen Rechtsanwalt achtzehn Jahre eine zu lange Zeit ist, um sich da nicht die Haare schneiden zu lassen. (Gloria auf der andern Seite von McComas:) Guten Tag, Herr McComas. (Er wendet sich um, und sie ergreift seine Hand und drückt sie, mit einem geraden, aufrichtigen Blick in seine Augen:) Wir freuen uns, Sie endlich zu sehen. (McComas.) Fräulein Gloria, nicht wahr? (Gloria lächelt zustimmend und zieht ihre Hand mit einem letzten Druck zurück. Sie tritt hinter die Gartenbank und neigt sich über die Lehne neben Frau Clandon:) Und dieser junge Herr? (Philip.) Ich wurde in einer verhältnismäßig prosaischen Laune getauft. Ich heiße-- (Dolly ergänzt sein Zitat für ihn, deklamatorisch:) "Ich heiße Norval, auf den Grampianhügeln"... (Philip ernsthaft deklamierend:) "mein Vater weidet seine Herde, nur ein Schäfer"--[*] [Footnote *: Norval ist der Sohn eines alten Bauern im Trauerspiel "Douglas" von John Horne (1724-1808).] (Frau Clandon unterbrechend:) Meine lieben Kinder, seid nicht so albern!--Alles erscheint ihnen hier so neuartig, Finch, daß sie in der tollsten Laune sind. Sie halten jeden Engländer, dem sie begegnen, für einen Witz. (Dolly.) Ja, das ist er auch! Wir können nichts dafür! (Philip.) Meine Menschenkenntnis ist recht ausgedehnt, Herr McComas; aber es ist mir unmöglich, die Bewohner dieser Insel ernst zu nehmen. (McComas.) Ich vermute, Sie sind der junge Herr Philip? (Er bietet ihm die Hand.) (Philip nimmt McComas' Hand und betrachtet ihn feierlich:) Ich war der junge Philip--das war ich durch viele Jahre. Genau so wie Sie einmal der junge Finch gewesen sind. (Er schüttelt ihm einmal die Hand; dann läßt er sie fallen und ruft gedankenvoll aus:) Wie sonderbar ist es doch, so auf seine Knabenzeit zurückzublicken! (McComas starrt ihn an, durchaus nicht erfreut.)* (Dolly zu Frau Clandon:) Hat Finch schon was zu trinken bekommen? (Frau Clandon abwehrend:) Liebes Kind, Herr McComas wird mit uns frühstücken. (Dolly.) Hast du sieben Gedecke bestellt? Vergiß nur nicht den alten Herrn! (Frau Clandon.) Ich habe ihn nicht vergessen, mein Kind. Wie heißt er? (Dolly.) Gichtknoten.--Er wird um halb zwei hier sein. (Zu McComas:) Sind wir so, wie Sie sich uns vorgestellt haben? (Frau Clandon ernst, sogar etwas gebieterisch:) Dolly, Herr McComas hat euch etwas Ernsteres mitzuteilen als das.--Kinder: ich habe meinen alten Freund gebeten, die Frage, die ihr heute morgen an mich gerichtet habt, zu beantworten. Er ist sowohl der Freund eures Vaters als auch der meine, und er wird euch die Geschichte meines Ehelebens besser erzählen, als ich es könnte.--Gloria, bist du nun zufrieden? (Gloria ernst und aufmerksam:) Herr McComas ist sehr gütig. (McComas nervös:) Durchaus nicht, mein Fräulein, durchaus nicht. Doch das kommt ziemlich plötzlich... ich bin kaum darauf vorbereitet-- (Dolly argwöhnisch:) Oh! wir wollen auch gar nichts Vorbereitetes hören. (Philip ihn ermunternd:) Sagen Sie uns die Wahrheit. (Dolly nachdrünklich:) Die nackte Wahrheit! (McComas gereizt:) Ich hoffe, Sie haben die Absicht, ernst zu nehmen, was ich zu sagen habe? (Philip mit tiefem Ernst:) Ich hoffe, daß es das verdient, Herr McComas. Meine Menschenkenntnis lehrt mich, niemals zuviel zu erwarten. (Frau Clandon abwehrend:) Phil-- (Philip.) Ja Mutter, schon gut. Entschuldigen Sie, Herr McComas, stoßen Sie sich nicht an uns. (Dolly versöhnlich:) Wir meinen es gut. (Philip.) Schweigen wir beide! (Dolly hält ihre Lippen fest. McComas nimmt einen Stuhl vom Frühstückstisch, setzt ihn zwischen den kleinen Tisch und die Gartenbank, so daß Dolly zu seiner Rechten und Philip zu seiner Linken zu stehen kommt. Er setzt sich mit der Miene eines Mannes, der im Begrift steht, eine lange Auseinandersetzung zu beginnen. Die Clandons beobachten ihn erwartungsvoll.) (McComas.) Hm!--Ihr Vater-- (Dolly.) Wie alt ist er? (Philip.) Sch! (Frau Clandon sanft:) Liebe Dolly, wir wollen Herrn McComas nicht unterbrechen. (McComas mit Nachdruck:) Ich danke Ihnen, Frau Clandon--ich danke! (Zu Dolly:) Ihr Vater ist siebenundfünfzig Jahre alt. (Dolly mit einem Satz, überrascht und aufgeregt:) Siebenundfünfzig?!... Wo lebt er? (Frau Clandon zurechtweisend:) Dolly! Dolly! (McComas sie unterbrechend:) Lassen Sie mich dies beantworten, Frau Clandon. Die Antwort wird Sie sehr überraschen.--Er lebt hier, an diesem Ort. (Frau Clandon erhebt sich sehr böse, setzt sich aber wieder sprachlos nieder. Gloria beobachtet sie ganz starr.) (Dolly mit Überzeugung:) Ich wußte es!... Phil--Gichtknoten ist unser Vater! (McComas.) Gichtknoten--?! (Dolly) Oder McNaughty... oder sonst wie--was weiß ich! Er sagte mir, ich sähe seiner Mutter ähnlich; ich wußte es ja, daß er seine Tochter meinte. (Philip sehr ernst:) Herr McComas: ich möchte Ihre Gefühle auf jede mögliche Art berücksichtigen--aber ich warne Sie! Wenn Sie den langen Arm des Zufalls derart verlängern, daß Sie mir einreden wollen, der hier lebende Herr McNaughtan sei mein Vater, so weigere ich mich, auf Ihre Auskünfte auch noch einen Augenblick weiter einzugehen. (McComas.) Und warum, wenn ich bitten darf? (Philip.) Weil ich diesen Herrn gesehen habe und er gänzlich ungeeignet ist, mein Vater, oder Dollys Vater, oder Glorias Vater, oder der Mann meiner Mutter zu sein! (McComas.) Oh, wirklich?--So. Dann muß ich Ihnen sagen--ob Sie es nun gern hören oder nicht--: er ist tatsächlich Ihr Vater und der Vater Ihrer Schwester und Frau Clandons Gatte.--Nun, was sagen Sie dazu? (Dolly weinerlich:) Sie brauchen nicht so böse zu sein! Gichtknoten ist ja nicht Ihr Vater! (Philip.) Herr McComas, Ihr Benehmen ist herzlos. Sie finden hier eine Familie, die den unsagbaren Frieden und die Annehmlichkeit genießt, verwaist zu sein--wir haben niemals das Antlitz eines Verwandten gesehen--niemals ein Band anerkannt, mit Ausnahme des Bandes einer frei gewählten Freundschaft--und jetzt wollen Sie einen Mann in die intimste Verwandtschaft mit uns hineinstoßen, den wir nicht kennen.... (Dolly heftig:) Einen entsetzlichen alten Mann! (Vorwurfsvoll:) Und Sie fingen an, als ob Sie einen ganz netten Vater für uns hätten! (McComas ärgerlich:) Woher wissen Sie, daß er nicht nett ist? Und welches Recht haben Sie, sich Ihren eigenen Vater zu wählen? (Seine Stimme erhebend:) Ich muß Ihnen sagen, Fräulein Clandon, daß Sie zu jung sind, um-- (Dolly unterbricht ihn plötzlich mit Heftigkeit:) Still! Das hab' ich ja ganz vergessen... hat er Geld? (McComas.) Er hat sehr viel Geld. (Dolly entzückt:) Oh, was habe ich immer gesagt, Phil? (Philip.) Dolly, wir haben den alten Mann vielleicht zu schnell verurteilt.--Fahren Sie fort, Herr McComas. (McComas.) Ich werde nicht fortfahren, junger Herr. Ich bin zu empört, zu verletzt dazu. (Frau Clandon kämpft mit ihrem Zorn:) Finch, können Sie die ganze Sachlage mit allen Folgen überblicken? Wissen Sie, daß meine Kinder diesen Mann zum Frühstück eingeladen haben und daß er in einigen Augenblicken hier sein wird? (McComas ganz außer sich:) Was!... Meinen Sie--soll ich wirklich annehmen--ist es... (Philip nachdrücklich:) Ruhig Blut, Finch! Denken Sie darüber langsam und sorgfältig nach.--Er kommt--kommt zum Frühstück. (Gloria.) Wer von uns soll ihm die Wahrheit sagen? Habt ihr darüber nachgedacht? (Frau Clandon.) Finch, Sie müssen es ihm sagen! (Dolly.) Oh, Finch ist ganz unbrauchbar, um so was zu sagen! Schau doch, was er damit angerichtet hat, daß er es uns gesagt hat! (McComas.) Man hat mich nicht zu Worte kommen lassen. Ich protestiere. (Dolly ergreift schmeichlerisch seinen Arm:) Lieber Finch, nicht böse sein! (Frau Clandon.) Gloria, wir wollen hineingehen; er kann jeden Augenblick kommen! (Gloria stolz:) Rühr' dich nicht vom Fleck, Mutter. Ich werde mich auch nicht rühren. Wir dürfen nicht davonlaufen. (Frau Clandon sie zurechtweisend:) Mein Kind, so können wir nicht zu Tisch gehen. Wir kommen gleich wieder. Wir müssen kein Heldentum posieren. (Gloria zuckt zusammen und geht stumm ins Hotel:) Komm, Dolly! (Als sie sich der Hoteltüre nähert, kommt ihr der Kellner daraus entgegen. Er trägt ein Servierbrett, auf dem sich Teller für die zwei hinzugekommenen Gedecke befinden.) (Der Kellner.) Sind die Herren schon da, gnädige Frau? (Frau Clandon.) Es kommen noch zwei. Sie werden gleich da sein. (Sie geht ins Hotel. Der Kellner geht mit seinem Geschirr an den Serviertisch.) (Philip.) Ich habe eine Idee--Herr McComas. Die Mitteilung, die Sie zu machen haben, erfordert doch einen Mann von unendlich viel Takt, nicht wahr? (McComas.) Es gehört sicherlich Takt dazu. (Philip.) Dolly, wessen Takt ist dir erst heute morgen aufgefallen? (Dolly ergreift die Idee mit Begeisterung:) O ja! ich weiß, wen du meinst! William! (Philip.) Das ist der Mann! (Rufend:) William! (Der Kellner.) Zu Befehl, junger Herr. (McComas entsetzt:) Der Kellner?!... Nein! Nein! Das kann ich nicht zugeben, ich-- (Der Kellner taucht zwischen Philip und McComas auf:) Ich stehe zu Diensten. (McComas setzt sich außer Fassung. Sein Gesicht wird aschfahl, und seine Augen werden bewegungs--und ausdruckslos. Er setzt sich total verdutzt.) (Philip.) William, erinnern Sie sich an meine Bitte, mich als Ihren Sohn zu betrachten? (Der Kellner mit respektvoller Nachsicht:) Gewiß, junger Herr?--Alles, womit ich Ihnen dienen kann. (Philip.) William: Ihre Karriere als mein Vater hat kaum begonnen, und schon ist ein Rivale auf der Bildfläche aufgetaucht. (Der Kellner.) Ihr wirklicher Vater, junger Herr? Nun, das war früher oder später zu erwarten, nicht wahr? (Er wendet sich mit einem glücklichen Lächeln zu McComas:) Sind Sie es, gnädiger Herr? (McComas kommt durch seine Entrüstung wieder zu Kräften:) Nein, ganz gewiß nicht, Gott sei Dank! Meine Kinder wissen, wie sie sich zu benehmen haben! (Philip.) Nein, William, dieser Herr hätte nur mein Vater werden können! Um ein Haar wäre er's geworden. Er hat um meine Mutter angehalten, aber sie hat ihm einen Korb gegeben. (McComas beleidigt:) Ich muß doch bitten--Wahrhaftig, diese Frechheit-- (Philip.) Sch!--Infolgedessen ist er nur unser Anwalt geworden. --Kennen Sie einen gewissen McNaughtan in dieser Stadt? (Der Kellner.) Der schieläugige McNaughtan, junger Herr, vom krummen Knüttel--meinen Sie den? (Philip.) Das weiß ich nicht!--Finch, hält er ein Wirtshaus? (McC omas erhebt sich empört:) Nein, nein, nein! Ihr Vater, Herr, ist ein sehr bekannter Schiffsrheder, einer der angesehensten Männer der Stadt! (Der Kellner, auf den das Eindruck gemacht hat:) Oh, verzeihen Sie, gnädiger Herr--ein Sohn des Herrn McNaughtan--meine Güte! (Philip.) Herr McNaughtan wird mit uns frühstücken. (Der Kellner verlegen:) Zu Befehl, junger Herr. (Diplomatisch:) Er frühstückt für gewöhnlich wohl nicht mit seiner Familie? (Philip nachdenklich:) William--er weiß nicht, daß wir seine Familie sind. Er hat uns seit achtzehn Jahren nicht gesehen--er wird uns nicht erkennen. (Um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, setzt sich Philip mit einem Sprung auf den Eisentisch und beobachtet den Kellner mit zusammengekniffenen Lippen und baumelnden Beinen.) (Dolly.) Wir wollen, daß Sie ihm diese Neuigkeit mitteilen, William! (Der Kellner.) Aber ich sollte meinen, daß er's errät, wenn er Ihre Mutter sieht, gnädiges Fräulein? (Philip starrt den Kellner hingerissen an; seine Beine stellen ihre Bewegung ein.) (Dolly verwirrt:) Daran habe ich nicht gedacht! (Philip.) Ich auch nicht! (Er verläßt den Tisch und wendet sich vorwurfsvoll zu McComas:) Sie auch nicht! (Dolly.) Und Sie wollen ein Anwalt sein? (Philip.) Finch, Ihre berufliche Unzulänglichkeit ist erschreckend! --William, Ihr Scharfsinn beschämt uns alle. (Dolly.) Sie sind wirklich Shakespear sehr ähnlich, William! (Der Kellner.) Aber nein! Es ist nicht der Rede wert, gnädiges Fräulein... ich schätze mich glücklich, junger Herr. (Er gebt bescheiden zum Frühstückstisch zurück und legt die beiden hinzugekommenen Gedecke auf, das eine an die Schmalseite in der Nähe der Stufen und das andere so, daß noch ein drittes hinzukommen kann an der von der Balustrade am weitesten entfernten Seite.) (Philip ergreift plötzlich McComas' Arm und führt ihn gegen das Hotel zu:) Finch, kommen Sie und waschen Sie sich die Hände. (McComas.) Ich bin überaus ungehalten und verletzt, Herr Clandon-- (Philip ihn unterbrechend:) Sie werden sich schon an uns gewöhnen. Komm, Dolly! (McComas schüttelt ihn ab und geht ins Hotel. Philip folgt ihm mit unerschütterlicher Gemütsruhe.) (Dolly, die ihnen folgt, wendet sich einen Augenblick auf den Stufen um:) Halten Sie Ihre fünf Sinne beisammen, William--es wird drunter und drüber gehen! (Der Kellner.) Zu Befehl, Sie können sich auf mich verlassen, gnädiges Fräulein. (Dolly geht ins Hotel.) (Dr. Valentine kommt leichten Fußes die Stufen vom Strand herauf, McNaughtan folgt ihm störrisch. Dr. Valentine hat einen Spazierstock, McNaughtan trägt--entweder weil er alt ist und friert, oder um seinen unmodernen Seemannsanzug zu verbergen--einen leichten Überzieher. Er bleibt vor dem Stuhl, den McComas eben verlassen hat, in der Mitte der Terrasse stehen, stützt die Hand auf die Lehne und gibt sich so ein bißchen Kraft.) (McNaughtan.) Die vielen Stufen machen mich schwindlig. (Er fährt sich mit der Hand über die Stirn:) Ich habe dieses höllische Gas noch immer im Leibe. (Er setzt sich in den Eisenstuhl, so daß er seine Ellbogen auf den kleinen Tisch aufstützen und den Kopf in die Hände stützen kann. Er erholt sich bald und beginnt seinen Überrock aufzuknöpfen. Inzwischen fragt Dr. Valentine den Kellner aus.) (Dr. Valentine.) Kellner! (Der Kellner tritt vor zwischen die beiden Gäste:) Zu Befehl? (Dr. Valentine.) Ist Frau Lanfrey Clandon zu Hause? (Der Kellner mit einem süßen Lächeln des Willkommens:) Zu dienen, Herr Doktor, wir erwarten Sie. Dies ist der bestellte Tisch. Frau Clandon wird gleich da sein.--Die junge Dame und der junge Herr haben soeben von ihrem Freunde gesprochen. (Dr. Valentine.) Wirklich? (Der Kellner sanft melodisch:) Zu Befehl. Die jungen Herrschaften sind sehr ausgelassen--eine spaßhafte Ader sozusagen, gnädiger Herr. (Rasch zu McNaughtan, der sich erhoben hat, um seinen Überrock abzulegen:) Verzeihen Euer Gnaden--gestatten Sie... (Er hilft ihm den Überrock ausziehen und nimmt ihn an sich:) Ich danke sehr. (McNaughtan setzt sich wieder, und der Kellner nimmt die unterbrochene Melodie wieder auf:) Des jungen Herrn letzter Witz ist, daß Sie sein Vater sind, gnädiger Herr. (McNaughtan.) Was?! (Der Kellner.) Nur ein Spaß, Euer Gnaden--sein Lieblingsspaß. Gestern sollte ich sein Vater sein--heute, als er erfuhr, daß Sie kommen würden, gnädiger Herr, versuchte er sofort mir einzureden, daß Sie sein Vater wären--sein lang verlorener Vater. Achtzehn Jahre lang hat er Sie nicht gesehen--sagt er. (McNaughtan verblüfft:) Achtzehn Jahre?... (Der Kellner.) Zu Befehl. (Mit sanfter Schlauheit:) Aber ich war seinen Späßen gewachsen, gnädiger Herr. Ich sah, wie ihm die Idee kam, als er hier stand und über einen neuen Scherz nachdachte, den er sich mit mir machen könnte.--Ja, gnädiger Herr, das ist so seine Art. Sehr vergnügt, liebenswürdig, sehr frei und sehr umgänglich--wahrhaftig, gnädiger Herr! (Verändert wieder seinen Rhythmus, um zu Dr. Valentine, der seinen Stock in eine Ecke der Garunbank lehnt, zu sagen:) Darf ich so frei sein?... (Er nimmt Dr. Valentines Stock.) Danke schön. (Dr. Valentine geht an den Tisch und studiert das Menü.) (Der Kellner wendet sich wieder zu McNaughtan und fährt in seinem Liede fort:) Sogar der Herr Anwalt ist auf den Scherz eingegangen, obgleich ich sozusagen im Vertrauen mit ihm über den jungen Herrn gesprochen hatte... Ja, ich versichere Ihnen, Sie würden nicht glauben, wozu die ehrenwertesten Berufsmenschen Londons auf einem Ausflug, wenn die Meerluft sie anbläst, imstande sind! (McNaughtan.) Oh, sie haben also einen Anwalt bei sich? (Der Kellner.) Ja, der Familienanwalt, gnädiger Herr. Ein Herr McComas. (Er geht mit Rock und Stock zum Hoteleingang, glücklicherweise ohne zu ahnen, welchen bombenartigen Eindruck er mit diesem Namen auf McNaughtan gemacht hat.) (McNaughtan erhebt sich in wütender Erregung:) McComas! (Ruft:) Dr. Valentine! (Ruft grimmiger:) Dr. Valentine! (Dr. Valentine wendet sich um.) Das ist eine Falle, eine Verschwörung! Das ist meine Familie--meine Kinder--mein Satan von Weib! (Dr. Valentine kalt:) Was Sie nicht sagen! Ein interessantes Zusammentreffen. (Er geht wieder daran, das Menü zu studieren.) (McNaughtan.) Zusammentreffen?... Es wird nicht stattfinden! Lassen Sie mich fort! (Ruft den Kellner an:) Geben Sie mir meinen Überzieher! (Der Kellner.) Ja, gnädiger Herr! (Er kehrt um, lehnt Dr. Valentines Stock vorsichtig an den Frühstückstisch, schüttelt den Überzieher behutsam und hält ihn McNaughtan zum Anziehen hin.) Ich scheine dem jungen Herrn unrecht getan zu haben--ist es so, gnädiger Herr? (McNaughtan.) Rrrh! (Er hält inne, im Begriff in die Armel au schlüpfen, und wendet sich mit plötzlichem Argwohn zu Dr. Valentine:) Doktor, Sie sind im Einverständnis! Das haben Sie angestiftet! Sie-- (Dr. Valentine entschieden:) Unsinn! (Er wirft das Menü fort, geht um den Tisch herum an die Balustrade und sieht gleichgültig hinaus.) (McNaughtan ärgerlich:) Was zum Teufel--(McComas kommt aus dem Hotel, Philip und Dolly folgen ihm. Er wankt bei McNaughtans Anblick einen Moment zurück.) (Der Kellner unterbricht McNaughtan sanft:) Fassung, gnädiger Herr! Hier kommen sie. (Er ergreift Dr. Valentines Stock und eilt, den Rock über seinen Arm werfend, ins Hotel.) (McComas zieht die Mundwinkel entschlossen herab, geht auf McNaughtan zu, der zurückweicht und mit den Händen auf dem Rücken ihn böse anstarrt. McComas sieht mit offenerer Stirn denn je McNaughtan an, mit der Majestät eines fleckenlosen Gewissens.) (Der Kellner flüstert Philip während seines Abgangs zu:) Ich hab' es ihm beigebracht, junger Herr. (Philip.) Unschätzbarer William! (Er tritt vor, an den Tisch.) (Dolly leise zum Kellner:) Wie hat er's aufgenommen? (Der Kellner leise zu ihr:) Erst war er erschrocken, gnädiges Fräulein--dann aber in sein Schicksal ergeben... wirklich sehr ergeben. (Er geht mit Stock und Rock in das Hotel.) (McComas hat McNaughtan durch sein Anstarren aus der Fassung gebracht: ) Da wären Sie also, Herr McNaughtan! (McNaughtan.) Ja, da bin ich--in einer Falle gefangen--in einer ganz gemeinen Falle!--Sind das meine Kinder? (Philip mit tödlicher Höflichkeit:) Ist das unser Vater, Herr McComas? (McComas.) Ja--es--(Er verliert selbst die Fassung und hält inne.) (Dolly förmlich:) Es freut mich sehr, Ihnen wieder zu begegnen. (Sie kommt nachlässig hinter dem Tisch hervor und tauscht unterwegs mit Dr. Valentine ein Lächeln und ein Wort des Grußes.) (Philip.) Erlauben Sie mir, meine erste Pflicht dem Gaste gegenüber zu erfüllen und Ihren Wein zu bestellen. (Er nimmt die Weinkarte vom Tisch; seine höfliche Aufmerksamkeit und Dollys achtlose Gleichgültigkeit belassen McNaughtan auf dem Standpunkt der zufälligen Bekanntschaft, die sie am Morgen beim Zahnarzt gemacht haben. Diese Erkenntnis berührt den Vater mit so heftiger Qual, daß er über und über zittert. Seine Stirn wird feucht, und er starrt seinen Sohn schweigend an. Dieser ist sich seiner eigenen Gefühllosigkeit genug bewußt, um sich seines Humors und seiner Gewandtheit außerordentlich zu freuen. Er fährt freundlich fort.) Finch, darf ich für den alten respektablen Familienanwalt irgendeinen alten verstaubten Portwein bestellen? (McComas bestimmt:) Nur Apollinaris--ich will lieber nichts Erhitzendes nehmen. (Er wendet sich nach der andern Seite der Terrasse, wie ein Mann, der eine Versuchung von sich gewiesen hat.) (Philip.) Doktor--? (Dr. Valentine.) Würde Lagerbier zu gemein gefunden werden? (Philip.) Wahrscheinlich. Bestellen wir welches. Dolly trinkt es auch. (Wendet sich zu McNaughtan mit heiterer Höflichkeit:) Nun, Herr McNaughtan, was dürfen wir Ihnen bestellen? (McNaughtan.) Was soll das heißen, Junge? (Philip.) Junge?... (Sehr feierlich:) Wessen Schuld ist es, daß ich ein Junge bin? (McNaughtan reißt ihm die Weinkarte grob aus der Hand und tut unschlüssig so, als ob er sie lese. Philip überläßt sie ihm mit vollendeter Höflichkeit.) (Dolly über McNaughtans Schulter blickend:) Der Whisky steht auf der vorletzten Seite. (McNaughtan.) Laß mich zufrieden, Kind. (Dolly.) Kind?... Nein, nein, das geht nicht! Sie können mich "Dolly" nennen, wenn Sie wollen; aber Sie dürfen nicht "Kind" zu mir sagen! (Sie hängt sich in Philip ein, und die beiden stehen vor McNaughtan und betrachten ihn wie einen exzentrischen Fremden.) (McNaughtan wischt sich die Stirn in Schmerz und Wut und dennoch sogar durch ihr Spielen mit ihm erleichtert:) McComas, ha! Das wird ein--ein nettes Frühstück werden! (McComas kleinmütig:) Ich sehe nicht ein, aus welchem Grunde es nicht nett werden sollte. (Er blickt äußerst trübe drein.) (Philip.) Das Gesicht von Finch ist schon allein ein Festessen. (Frau Clandon und Gloria treten aus dem Hotel. Frau Clandon nähert sich mit mutiger Selbstbeherrschung und mit deutlich zur Schau getragenem würdigem Benehmen. Sie hält auf der obersten Stufe inne, um Dr. Valentine anzureden, der ihr gerade in den Weg kommt; Gloria bleibt auch stehen und betrachtet McNaughtan mit einem gewissen Widerwillen.) (Frau Clandon.) Es freut mich, Sie wiederzusehen, Herr Doktor. (Er lächelt. Sie geht weiter und steht McNaughtan gegenüber in der Absicht, ihn mit vollständiger Selbstbeherrschung anzusprechen; aber sein Anblick erschüttert sie. Sie hält plötzlich inne und sagt ängstlich, mit einem Anflug von Gewissensnot in der Stimme:) Fergus, du hast dich sehr verändert. (McNaughtan grimmig:) Das will ich meinen! Ein Mann verändert sich in achtzehn Jahren. (Frau Clandon verwirrt:) So...so habe ich's nich gemeint. Ich hoffe, du bist gesund. (McNaughtan.) Ich danke.--Nein! nicht meine Gesundheit; mein Glück, da steckt die Veränderung, die du meinst, nicht wahr? (Plötzlich ausbrechend:) Sehen Sie sie an, McComas--sehen Sie sie an und--(Halb lachend, halb schluchzend:) und sehen Sie mich an! (Philip.) Sch! (Er zeigt auf den Hoteleingang, wo der Kellner eben erschienen ist:) Still! Haltung vor William! (Dolly berührt McNaughtans Arm warnend:) Hm! (Der Kellner geht an den Serviertisch und winkt nach dem Kücheneingang, aus dem ein Kellnerjunge mit Suppentellern beraustritt, ein Koch mit weißer Schürze und Kappe folgt ihm mit der Suppenschüssel. Der Kellnerjunge bleibt und serviert, der Koch geht hinaus und kommt von Zeit zu Zeit, die Gänge auftragend, wieder herein. Er tranchiert, aber er serviert nicht. Der Kellner tritt an das in der Nähe der Stufen gelegene Ende des Frühstückstisches.) (Frau Clandon, nachdem sich alle vor dem Tisch vereinigt haben:) Ich glaube, die Herrschaften sind einander heute alle schon begegnet... doch nein, entschuldigen Sie. (Vorstellend:) Herr Dr. Valentine--Herr Rechtsanwalt McComas. (Sie geht an das Ende des Tisches, das dem Hotel zunächst ist.) Fergus, willst du dich obenan setzen--bitte. (McNaughtan) Ha! (bitter:) Obenan! (Der Kellner hält ihm den Stuhl mit harmloser Ermutigung hin:) Hier, ich bitte. (McNaughtan fügt sich und nimmt Platz.) (Der Kellner.) Danke schön. (Frau Clandon.) Herr Doktor, wollen Sie hier Platz nehmen--(Sie weist auf den Stuhl in der Nähe der Balustrade:) neben Gloria. (Dr. Valentine und Gloria nehmen ihre Plätze ein, Gloria neben McNaughtan und Dr. Valentine neben Frau Clandon.) Finch, Sie muß ich auf diese Seite setzen, zwischen Dolly und Phil. Wehren Sie sich, so gut Sie können. (Die drei nehmen die übriggebliebene Seite des Tisches ein; Dolly sitzt neben ihrer Mutter, Philip neben seinem Vater und McComas zwischen ihnen. Die Suppe wird aufgetragen.) (Der Kellner zu McNaughtan:) Bouillon oder Suppe? (McNaughtan zu Frau Clandon:) Spricht in dieser Familie niemand ein Tischgebet? (Philip ihn schnell unterbrechend:) Sehen wir erst einmal zu, was wir zu essen und zu trinken bekommen werden.--William! (Der Kellner.) Zu Befehl? (er gleitet leise um den Tisch herum an Philips linke Seite; auf dem Wege flüstert er dem Kellnerjungen zu:) Suppe! (Philip.) Zwei kleine Lager für uns Kinder, wie gewöhnlich, und ein großes für diesen Herrn (er zeigt auf Dr. Valentine), eine große Flasche Apollinaris für Herrn McComas. (Der Kellner.) Zu dienen. (Dolly.) Nehmen Sie etwas Whisky dazu, Finch? (McComas entrüstet:) Nein, nein, ich danke! (Philip.) Nummer vierhundertdreizehn, wie immer für meine Mutter und Fräulein Gloria, und--(wendet sich fragend zu McNaughtan:) was nehmen Sie? (McNaughtan mürrisch und im Begriff, beleidigend zu antworten:) Ich-- (Der Kellner honigsüß dazwischentretend:) Es ist schon gut, junger Herr. Wir wissen hier, was Herr McNaughtan liebt. (Er geht ins Hotel.) (Philip seinen Vater ernst betrachtend:) Sie haben also die schlechte Gewohnheit, Wirtshäuser zu besuchen! (Der Koch, dem ein Kellner mit übereinandergetürmten heißen Tellern folgt, bringt den Fisch aus der Küche und beginnt, ihn auf dem Serviertisch zu zerlegen.) (McNaughtan.) Du hast deine Lektion von deiner Mutter gut gelernt. (Frau Clandon.) Phil! bedenke gefälligst, daß deine Scherze Leute, die nicht daran gewöhnt sind, auf-* zubringen imstande sind und daß dein Vater heute unser Gast ist. (McNaughtan bitter:) Ja, ein Gast an der Spitze meines eigenen Tisches! (Die Suppenteller werden weggenommen.) (Dolly teilnahmsvoll:) Ja, das ist peinlich, nicht wahr? Aber uns ist es ebenso peinlich. (Philip.) Sch! Wir sind beide taktlos. (Zu McNaughtan:) Wir meinen es gut, Herr McNaughtan, aber wir sind noch nicht sehr geübt in unseren Rollen als Kinder. (Der Kellner kommt aus dem Hotel mit den Getränken:) William, kommen Sie und stellen Sie das gute Einvernehmen wieder her. (Der Kellner ermunternd:) Mit größtem Vergnügen, junger Herr. (Setzt die Getränke vor:) Ihr kleines Lager; (zu McNaughtan:) Ihr Whisky und Soda, (zu McComas:) Ihr Apollinaris; (zu Dolly:) ein kleines Lager, (zu Frau Clandon, Wein einschenkend.) vierhundertdreizehn, gnädige Frau; (zu Dr. Valentine:) Ihr großes Lager; (zu Gloria:) vierhundertdreizehn, gnädiges Fräulein. (Dolly trinkend:) Auf das Wohl der Familie! (Philip trinkend:) Auf Heim und Herd! (Der Fisch wird herumgereicht.) (McComas mit einem sichtlich erzwungenen Versuch, Familiengemütlichkeit anzuregen:) Na, nun geht's ja eigentlich doch ganz gut. (Dolly kritisierend:) Eigentlich...? Warum "eigentlich", Finch? (McNaughtan sarkastisch:) Er meint, daß es trotz eures Vaters Anwesenheit doch ganz gut geht.--Habe ich Sie richtig verstanden, Herr McComas? (McComas aus dem Text gebracht:) Nein, nein--ich habe nur "eigentlich" gesagt, um den Satz abzurunden. Ich--ich-- (Der Kellner taktvoll:) Turbot? (McComas überaus dankbar für die Unterbrechung:) Bitte, Kellner, bitte. (Der Kellner halblaut:) Bitte, bitte. (Er geht an den Serviertisch zurück.) (McNaughtan zu Philip:) Hast du schon an die Wahl einen Berufes gedacht? (Philip.) Ich sehe mich danach um.--William! (Der Kellner.) Zu Befehl? (Philip.) Was glauben Sie: wie lange müßte ich in die Lehre gehen, um ein wirklich tüchtiger Kellner zu werden? (Der Kellner.) Das kann nicht gelernt werden, junger Herr. Das liegt im Charakter. (Vertraulich zu Dr. Valentine, der etwas zu suchen scheint:) Brot für das gnädige Fräulein?... Hier, bitte. (Er reicht Gloria Brot und fährt im bisherigen Tonfall wieder fort:) Sehr wenige sind dazu geboren, junger Herr! (Philip.) Sie haben wohl nicht selbst so etwas wie einen Sohn--was? (Der Kellner.) Jawohl, junger Herr. O ja. (Zu Gloria, seine Stimme wieder senkend:) Noch etwas Fisch, gnädiges Fräulein? Sie dürften sich nicht viel aus Braten machen zum Frühstück. (Gloria.) Nein, ich danke. (Die Fischteller werden weggenommen.) (Dolly.) Ist Ihr Sohn ebenfalls Kellner, William? (Der Kellner bedient Gloria mit Geflügel:) O nein, gnädiges Fräulein. Dafür ist er zu heftig. Er ist vor den Schranken tätig. (McComas gönnerhaft:) Schenkkellner--was? (Der Kellner mit einem Anflug von Melancholie; als wenn er sich an eine durch die Zeit gelinderte Enttäuschung erinnerte:) Nein, gnädiger Herr--andere Schranken, Gerichtsschranken. Ihr Gewerbe, Herr Rechtsanwalt. Königlicher Anwalt. (McComas verlegen:) Oh, entschuldigen Sie. (Der Kellner.) Es hat nichts zu bedeuten, gnädiger Herr. Ein sehr begreiflicher Irrtum!--Ich habe schon manchmal gewünscht, es wäre ein Schenkkellner aus ihm geworden! Dann hätte er mir nicht halb so lange auf der Tasche gelegen. (Beiseite zu Dr. Valentine, der wieder etwas zu suchen scheint:) Hier ist das Salz, Herr Doktor. (Fährt wieder fort:) Ja, ich mußte ihn bis zu seinem siebenunddreißigsten Jahr erhalten. Aber jetzt geht es ihm gut--recht zufriedenstellend, wirklich! Er plaidiert nicht unter fünfzig Guineen. (McComas.) Das ist die Demokratie, McNaughtan, die moderne Demokratie! (Der Kellner ruhig:) Nein, nicht die Demokratie, bloß Erziehung, gnädiger Herr--Stipendien, Cambridge, Sidney-Sussex Collegium, gnädiger Herr. (Dolly sieht ihn am Armel; er neigt sich zu ihr, und sie flüstert ihm etwas ins Ohr:) Ingwerbier im Steinkrug, gnädiges Fräulein? Sofort! (Zu McComas:) Für ihn war es ein Glück, er hatte nie Lust zu wirklicher Arbeit. (Er geht ins Hotel und läßt die Gesellschaft etwas übermannt von dem vornehmen Stande seines Sohnes zurück.) (Dr. Valentine.) Wer von uns darf es wagen, diesem Manne noch einen Befehl zu erteilen? (Dolly.) Ich hoffe, er nimmt es mir nicht übel, daß ich ihn um Ingwerbier geschickt habe. (McNaughtan halsstarrig:) Solange er Kellner ist, ist Aufwarten sein Geschäft! Wenn ihr ihn behandelt hättet, wie ein Kellner behandelt werden soll, so würde er geschwiegen haben. (Dolly.) Das wäre jammerschade gewesen! Vielleicht gibt er uns eine Empfehlung an seinen Sohn, der könnte uns doch in die Londoner Gesellschaft einführen. (Der Kellner erscheint wieder mit dem Ingwerbier.) (McNaughtan brummt wütend:) Londoner Gesellschaft,... Londoner Gesellschaft!... Du passest in gar keine Gesellschaft, Kind! (Dolly ihren Gleichmut verlierend:) Wissen Sie, Herr McNaughtan, wenn Sie glauben-- (Der Kellner leise an ihrer Seite.) Ingwerbier, gnädiges Fräulein. (Dolly abgelenkt, findet ihre gute Laune nach einem tiefen Atemzug wieder und entgegnet sanft:) Ich danke Ihnen, *lieber* William. Sie sind gerade im rechten Augenblick gekommen. (Sie trinkt.) (McComas, macht eine neuerliche Anstrengung, die Unterhaltung in leidenschaftslose Bahnen zu lenken:) Gestatten Sie, daß ich das Thema wechsle, Fräulein Clandon: welches ist die Landesreligion Madeiras? (Gloria.) Ich glaube, die portugiesische Religion. Ich habe nie danach gefragt. (Dolly.) Zur Fastenzeit kommen die Diener und knien vor der Herrschaft nieder und beichten alles, was sie begangen haben, und die Herrschaften müssen so tun, als ob sie ihnen verziehen.--Geschieht das auch in England, William? (Der Kellner.) Für gewöhnlich nicht, gnädiges Fräulein. Vielleicht in einigen Teilen Englands; aber ich habe noch nichts davon gehört. (Er fängt einen Blick der Frau Clandon auf, als der Kellnerjunge ihr die Salatschüssel reicht.) Sie wollen ihn unangemacht, gnädige Frau?--Ja, ja, ich habe welchen für Sie. (Zu seinem jungen Kollegen, ihn anweisend, Gloria zu bedienen:) Hier herüber, Joe. (Er nimmt eine Extraportion Salat vom Serviertisch und setzt sie neben Frau Clandons Teller. Während er das tut, bemerkt er, daß Dolly ein saures Gesicht macht.) Nur etwas Brunnenkresse ist irrtümlicherweise hineingekommen, gnädiges Fräulein. (Er nimmt ihr den Salat fort:) Entschuldigen Sie. (Zum Kellnerjungen, ihn anweisend, Dolly noch einmal zu bedienen:) Joe! (nimmt das frühere Thema wieder auf:) Die meisten sind Mitglieder der anglikanischen Kirche, gnädiges Fräulein. (Dolly.) Mitglieder der anglikanischen Kirche? Wie hoch ist der Jahresbeitrag? (McNaughtan springt zum allgemeinen Entsetzen empört auf:) Sie sehen, wie meine Kinder erzogen worden sind... da sehen Sie es... Sie hören es! Ich rufe Sie alle zu Zeugen auf--(Er wird unverständlich und ist im Begriff, mit der Faust auf den Tisch zu schlagen, ohne die Folgen zu berücksichtigen, als der Kellner ihm rücksichtsvoll den Teller fortnimmt.) (Frau Clandon fest:) Setze dich, Fergus. Es ist gar kein Anlaß zu diesem Auftritt. Du mußt bedenken, daß Dolly hier wie eine Ausländerin ist.--Bitte, setze dich! (McNaughtan unwillig nachgebend:) Ich bin im Zweifel, ob ich mich noch an diesen Tisch setzen soll, wo ich all das mit anhören muß. Ich bin wirklich im Zweifel. (Der Kellner.) Käse, gnädiger Herr?... Oder wünschen Sie eine kalte süße Speise? (McNaughtan verwirrt:) Was?... O Käse--Käse! (Dolly.) Bringen Sie Zigaretten, William. (Der Kellner.) Hier, gnädiges Fräulein. (Er nimmt eine Zigarettenschachtel vom Serviertisch und setzt sie neben Dolly, die eine auswählt und sich zu rauchen anschickt. Dann gebt er an den Serviertisch zurück, um Wachshölzer zu holen.) (McNaughtan starrt Dolly entsetzt an:) Sie raucht?!... (Dolly am Ende ihrer Geduld:) Wahrhaftig, Herr McNaughtan, ich fürchte, ich verderbe Ihnen das Essen; ich werde meine Zigarette am Strand rauchen. (Sie verläßt plötzlich den Tisch und läuft ärgerlich die Stufen hinunter. Der Kellner will ihr die Wachshölzer geben, aber sie ist fort, bevor er sie erreichen kann.) (McNaughtan wütend:) Margarete, rufe das Mädel zurück!... rufe sie zurück, sag' ich! (McComas versucht Frieden zu stiften:) Gehen Sie, McNaughtan, machen Sie sich nichts daraus! Sie ist die Tochter ihres Vaters, weiter nichts. (Frau Clandon mit tiefem Groll:) Das hoffe ich nicht, Finch. (Sie erhebt sich. Alle erheben sich ein wenig.) Herr Doktor, nicht wahr, Sie entschuldigen mich? Ich fürchte, Dolly ist über diesen Vorfall ganz außer sich, ich muß zu ihr gehen. (McNaughtan.) Um ihre Partei gegen mich zu ergreifen--was?! (Frau Clandon ihn ignorierend:) Gloria, willst du mich bei Tisch, so lange Ich fort bin, vertreten, liebes Kind? (Sie geht auf die Stufen zu. McNaughtans Augen folgen ihr mit bitterem Haß; die übrigen beobachten sie in verlegenem Schweigen und fühlen sich von dem Zwischenfall sehr peinlich berührt.) (Der Kellner hält Frau Clandon am Rande der Stufen auf und bietet ihr eine Schachtel Wachsbölzer an:) Die junge Dame hat die Streichhölzer vergessen, gnädige Frau. Wenn Sie so gütig sein wollten, gnädige Frau-- (Frau Clandon nimmt, durch den Zauber seiner süßen und ermunternden Stimme überrascht, den Ton dankbarer Höflichkeit an:) Ich danke Ihnen sehr. (Sie nimmt die Wachshölzer und geht hinab an den Strand.) (Der Kellner zieht seinen Gehilfen durch die Küchentür mit sich ins Hotel und überläßt die Gesellschaft sich selbst.) (McNaughtan sich in seinen Stuhl zurückwerfend:) Eine Mutter nach Ihrem Geschmack, McComas! Eine Mutter nach Ihrem Geschmack! (Gloria standhaft:) Ja--eine gute Mutter! (McNaughtan.) Und ein schlechter Vater--das meinst du doch, was? (Dr. Valentine erhebt sich entrüstet und wendet sich zu Gloria:) Fräulein Clandon, ich-- (McNaughtan wendet sich zu ihm:) Dieses Mädchen heißt McNaughtan, Herr Doktor--nicht Clandon! Wollen Sie sich meiner Familie in den Beleidigungen meiner Person anschließen? (Dr. Valentine ihn nicht beachtend:) Ich bin außer mir, Fräulein Clandon! Es ist meine Schuld--ich habe ihn hergebracht--ich bin für ihn verantwortlich, und ich schäme mich für ihn! (McNaughtan.) Was meinen Sie damit? (Gloria erhebt sich; kalt:) Es ist nichts geschehen, Herr Doktor.--Ich fürchte, wir sind alle ein bißchen kindisch gewesen; unsere Zusammenkunft ist mißglückt. Wir wollen sie abbrechen und Schluß machen. (Sie schiebt ihren Stuhl zur Seite und wendet sich den Stufen zu; als sie an McNaughtan vorbeikommt, fügt sie mit nachlässiger Ruhe hinzu:) Adieu, Vater. (Sie geht die Stufen mit kalter, verdrießlicher Gleichgültigkeit hinab.) (Alle blicken ihr nach und bemerken daher die Rückkehr des Kellners nicht, der, mit McNaughtans Rock und Dr. Valentines Stock, mit ein paar Schals, Sonnenschirmen und einem weißen Leinensonnenschirm und einigen Feldstühlen beladen, aus dem Hotel kommt.) (McNaughtan für sich, Gloria mit verzerrtem Gesichtsausdruck nachblickend:) Vater--Vater!... (Er schlägt mit der Faust heftig auf den Tisch:) Jetzt-- (Der Kellner den Überzieher anbietend:) Ich glaube, das ist der Ihre, gnädiger Herr. (McNaughtan starrt ihn an, reißt dann den Überzieher grob an sich und geht längs der Terrasse gegen die Gartenbank zu. Er kämpft mit seinem Rock bei seinen ärgerlichen Bemühungen, ihn anzuziehen. McComas erhebt sich und eilt ihm zu Hilfe. Dann nimmt er seinen Hut und Schirm von dem kleinen Eisentisch und wendet sich den Stufen zu. Inzwischen bietet der Kellner, nachdem er McNaughtan mit unveränderter Süßigkeit für die Abnahme des Überziehers gedankt hat, etwas von seiner Last Philip an.) (Der Kellner.) Die Sonnenschirme für die Damen, junger Herr.--Das Meer blendet heute stark, das ist sehr schädlich für den Teint... Ich werde die Strandstühle selbst hinuntertragen. (Philip.) Sie sind alt, Vater William, aber Sie sind der aufmerksamste Mensch, den ich kenne.--Nein, behalten Sie die Sonnenschirme und geben Sie mir die Strandstühle. (Er nimmt sie.) [Footnote: Zitat aus einem Gedicht von Southey.] (Der Kellner mit schmeichlerischer Dankbarkeit:) Zu gütig, junger Herr. (Philip.) Finch, teilen Sie mit mir. (Er gibt ihm welche.) Kommen Sie! (Sie gehen zusammen die Stufen hinunter.) (Dr. Valentine zum Kellner:) Lassen Sie mich auch etwas hinuntertragen. .. einen von diesen. (Er will ihm einen Sonnenschirm abnehmen.) (Der Kellner diskret:) Der gehört der jüngeren Dame, Herr Doktor. (Dr. Valentine überläßt ihn dem Kellner.) Wenn Sie gestatten wollten, so glaube ich, Sie sollten lieber dies hier nehmen. (Er legt den Sonnenschirm auf McNaughtans Stuhl und zieht aus seiner hinteren Fracktasche ein Buch. Ein Damentaschentuch ist zwischen den Blättern als Lesezeichen eingelegt.) Das ist das Buch, in dem die ältere junge Dame jetzt gerade liest. (Dr. Valentine ergreift es eifrig.) Danke schön. Schopenhauer, wie Sie sehen. (Er nimmt die Sonnenschirme wieder auf.) Ein sehr interessanter Autor, Herr Doktor, namentlich was die Damen betrifft. (Er geht die Stufen hinab.) (Dr. Valentine im Begriff, dem Kellner zu folgen, erinnert sich an McNaughtan und ändert seinen Entschluß. Er geht ziemlich aufgeregt zu McNaughtan:) Nein, wirklich, McNaughtan: schämen Sie sich denn gar nicht? (Mc Naugthan streitsüchtig:) Mich schämen?... Weshalb? (Dr. Valentine.) Weil Sie sich betragen haben wie ein Bär!... Was wird Ihre Tochter von mir denken, daß ich Sie hergebracht habe? (McNaughtan.) Ich habe noch keine Zeit gefunden, darüber nachzusinnen, was meine Tochter von Ihnen denkt. (Dr. Valentine.) Nein, Sie haben nur an sich gedacht! Sie sind ein krankhafter Egoist! (McNaughtan tiefbekümmert:) Sie hat Ihnen ja gesagt, was ich bin--ein Vater--ein seiner Kinder beraubter Vater!--Was sind die Herzen dieser Generation?... Muß ich herkommen nach all den Jahren, um zum ersten Male zu sehen, was aus meinen Kindern geworden ist--ihre Stimmen zu hören!... und soll mich dabei wie ein richtiger Gast benehmen!... platze zufällig in das Frühstück herein--heiße Herr McNaughtan!... Was für ein Recht haben meine Kinder, mit mir so zu sprechen?... Ich bin ihr Vater--leugnen sie es?... Ich bin ein Mann mit allgemein menschlichen Gefühlen!... Habe ich keine Rechte, keine Ansprüche?... Was für Menschen habe ich in all den Jahren um mich gehabt?... Diener, Angestellte, Geschäftsfreunde!... Aber ich habe ihre Achtung genossen--ja ihre Güte!... Würde einer von diesen Leuten so mit mir gesprochen haben, wie dieses Mädchen?... Würde einer von denen über mich gelacht haben, wie dieser Junge die ganze Zeit über mich gelacht hat? (Wild:) Meine eigenen Kinder--Herr McNaughtan! Meine-- (Dr. Valentine.) Aber, aber!... Es sind ja nur Kinder! Das einzige von ihnen, das etwas wert ist, hat Sie "Vater" genannt. (McNaughtan.) Ja, "adieu, Vater"--adieu! O ja! Dies Kind hat sich an mein Herz gewendet--mit einem Dolchstoß. (Dr. Valentine nimmt das sehr übel auf:) Hören Sie, McNaughtan, lassen Sie die in Ruh! Sie hat Sie sehr gut behandelt. Ich habe eine viel schlimmere Stunde beim Frühstück zugebracht als Sie. (McNaughtan.) Sie?... (Dr. Valentine mit wachsender Heftigkeit:) Ja--ich! Ich habe neben ihr gesessen und habe während der ganzen Zeit nicht ein einziges Wort mit ihr gesprochen--nicht ein einziges Wort konnte ich finden--und nicht ein Wort hat sie für mich gehabt! (McNaughtan.) Nun? (Dr. Valentine.) Nun... nun?... (Spricht sehr ernst und immer schneller:) McNaughtan, wissen Sie, was heute mit mir vorgegangen ist?. .. Sie glauben doch nicht, daß ich die Gewohnheit habe, meinen Patienten so mitzuspielen, wie ich Ihnen heute mitgespielt habe? (McNaughtan.) Hoffentlich nicht. (Dr. Valentine.) Der Grund ist, daß ich entweder völlig verrückt bin, oder vielmehr früher nie wirklich im Besitze meines gesunden Menschenverstandes gewesen bin. Jetzt bin ich zu allem fähig--ich bin endlich erwachsen--ich bin ein Mann geworden--und Ihre Tochter ist es, die einen Mann aus mir gemacht hat! (McNaughtan ungläubig:) Sind Sie in meine Tochter verliebt? (Dr. Valentine, seine Worte ergießen sich nun in einem wahren Strom von seinen Lippen:) Verliebt?... Unsinn!... Es ist viel mehr und viel höher als Liebe... es ist Leben, Glaube, Kraft, Gewißheit, Paradies... (McNaughtan unterbricht ihn mit beißendem Hohn:) Unsinn, Mensch! Was haben (Sie), um eine Frau zu unterhalten?... Sie können sie nicht heiraten. (Dr. Valentine.) Wer will sie denn heiraten?... Ich will ihre Hände küssen, ich will zu ihren Füßen knien, ich will für sie leben, ich will für sie sterben... und das soll mir genügen! Sehen Sie ihr Buch an--sehen Sie! (Er küßt das Taschentuch:) Wenn Sie mir Ihr ganzes Geld anböten für diese Gegenstände, die mir als Ausrede dienen, an den Strand hinunterzugehen und mit ihr wieder zu sprechen,--ich würde Ihnen nur ins Gesicht lachen. (Er geht übermütig gegen die Stufen zu, wo er dem vom Strande heraufkommenden Kellner direkt in die Arme läuft. Die beiden bewahren einander vor dem Umfallen, indem sie sich gegenseitig eng um den Leib fassen und sich umschlungen herumdrehen.) (Der Kellner zart:) Sachte, Herr Doktor--sachte! (Dr. Valentine über seine eigene Heftigkeit unangenehm berührt:) Entschuldigen Sie! (Der Kellner.) Bitte, Herr Doktor--bitte. Das ist ganz natürlich in Ihrem Alter.--Das gnädige Fräulein hat mich um ihr Buch heraufgeschickt; dürfte ich mir erlauben, Sie zu bitten, es ihr sofort zu bringen? (Dr. Valentine.) Mit Vergnügen!--Und wollen Sie mir erlauben, Sie mit der sechswöchentlichen Einnahme eines Zahnarztes zu beschenken... (Er bietet ihm Dollys Fünf-Schilling-Stück an.) (Der Kellner, als ob diese Summe seine höchsten Erwartungen überträfe: ) Danke vielmals, Herr Doktor--tausend Dank! (Dr. Valentine stürzt die Stufen hinunter.) Ein sehr übermütiger junger Mann, sehr männlich und gut gewachsen! (McNaughtan in brummiger Herabsetzung:) Und wird sehr schnell ein Vermögen machen--zweifellos! Ich weiß, wieviel seine sechswöchentlichen Einnahmen betragen. (Er geht über die Terrasse an den eisernen Tisch und setzt sich.) (Der Kellner philosophisch:) Ja, gnädiger Herr, man kann nie wissen... Das ist mein Wahlspruch, wenn Sie gütigst verzeihen wollen, daß ich so ein Ding habe. (Der Philosoph wird einen Augenblick vom zart fühlenden Kellner zurückgedrängt:) Sie wissen vielleicht selbst nicht, daß Sie Ihr Getränk noch nicht berührt hatten, als die Gesellschaft aufbrach. (Er nimmt das Glas vom Frühstückstisch und setzt es vor McNaughtan hin.) Ja, gnädiger Herr--man kann nie wissen... Sehen Sie nur meinen Sohn: wer hätte je gedacht, daß er es dahin bringen würde, einen seidenen Talar zu tragen als königlicher Anwalt? Und dennoch verdient er heute nicht weniger als sechzig Pfund bei jedem Prozeß, gnädiger Herr. Was für eine Lehre! (McNaughtan.) Nun, ich hoffe, er ist Ihnen dankbar und weiß, was er Ihnen schuldet. (Der Kellner.) Wir vertragen uns sehr gut--wahrhaftig, sehr gut in Anbetracht der Verschiedenheit unserer Stellungen. (Mit einem zweiten seiner unwiderstehlichen Übergänge:) Ein Stückchen Zucker wird, ohne den Trank merklich zu süßen, die Fadheit des Sodawassers beseitigen. Erlauben Sie, gnädiger Herr. (Er wirft ein Stückchen Zucker in das Glas:) Aber wie ich ihm sage: worin besteht schließlich der Unterschied? Ich muß einen Frack anziehen, wenn ich zeigen will, was ich bin, und er muß eine Perücke und einen Talar anlegen, wenn er zeigen will, was er ist. Wenn mein Einkommen vorwiegend aus Trinkgeldern besteht und ich doch so tun muß, als ob ich nicht darauf aus wäre, so besteht sein Einkommen vorwiegend aus Gebühren, und auch er muß, wie ich wohl verstehe, so tun, als wäre er nicht darauf aus. --Wenn er Geselligkeit liebt und ihn sein Beruf in Berührung mit allen möglichen Gesellschaftsklassen bringt, der meine tut das auch. Wenn es für einen Advokaten nicht günstig ist, der Sohn eines Kellners zu sein, so ist es auch für einen Kellner nicht günstig, der Vater eines Advokaten zu sein. Ich versichere Ihnen, es gibt Leute, die darin eine große Dreistigkeit sehen!--Kann ich Ihnen sonst noch etwas besorgen, gnädiger Herr? (McNaughtan.) Nein, danke. (Gedemütigt und bitter:) Ich hoffe, man wird nichts dagegen einzuwenden haben, daß ich hier noch eine Weile sitzen bleibe. Hier stör' ich jedenfalls nicht die Gesellschaft am Strande. (Der Kellner gerührt:) Es ist sehr gütig von Ihnen, gnädiger Herr, daß Sie tun, als ob Sie nicht wüßten, daß Ihre Anwesenheit hier eine Auszeichnung und eine Ehre für uns alle ist... wirklich sehr gütig! --Je mehr Sie sich hier zu Hause fühlen, desto glücklicher werden wir sein. (McNaughtan mit scharfer Ironie:) Zu Hause! (Der Kellner nachdenklich:) Nun ja, gnädiger Herr, das ist auch Ansichtssache. Ich behaupte immer, der große Vorzug eines Hotels besteht darin, daß es Schutz bietet vor dem Familienleben. (McNaughtan.) Ich habe diesen Segen heute nicht gehabt. (Der Kellner.) Ja, das haben Sie auch nicht--jawohl, weiß Gott! Immer geschieht das, was man nicht erwartet hat, nicht wahr? (Er schüttelt den Kopf:) Man kann nie wissen, gnädiger Herr--man kann nie wissen! (Er geht ins Hotel.) (McNaughtan stützt sein abgehetztes, jammervolles Gesicht mit den hartblickenden Augen in die Hände:) Familie--Familie! (Er legt seine Arme auf den Tisch und neigt den Kopf darauf; aber da er eben jemanden kommen hört, setzt er sich wieder kerzengerade auf. Es ist Gloria, die allein die Stufen heraufkommt, ihren Sonnenschirm und ihr Buch in Händen. McNaughtan sieht sie trotzig an. Die brutale Hartnäckigkeit seines Mundes und die sehnsüchtigen Augen stehen zueinander in pathetischem Widerspruch. Sie geht an das eine Ende der Gartenbank und lehnt sich mit dem Rücken dagegen und sieht auf McNaughtan herab, wie erstaunt über seine Schwäche. Sie ist zu neugierig auf ihn, um kalt zu bleiben, aber das Verwandtschaftverhältniß ist ihr höchst gleichgültig:) Nun?... (Gloria.) Ich möchte Sie einen Augenblick sprechen. (McNaughtan sie fest anblickend:) Wirklich? Das ist überraschend! Du begegnest deinem Vater nach achtzehn Jahren und du hast wahrhaftig den Wunsch, ihn "einen Augenblick" zu sprechen!--Das ist rührend--wahrhaftig! (Er bleibt sitzen, den Kopf in die Hand gestützt, und blickt, in düsteres Nachdenken versunken, hinunter und von ihr fort.)* (Gloria.) Was Sie da sagen, scheint mir alles so unsinnig, so unberechtigt. Was für Gefühle haben Sie von uns erwartet? Was sollen wir für Sie tun? Warum sind Sie gegen uns weniger höflich als andere Leute?... Sie können uns augenscheinlich nicht recht leiden--warum sollten Sie auch?--aber trotzdem sollten wir einander doch begegnen können, ohne zu streiten. (McNaughtan, über dessen Antlitz ein schwerer grauer Schatten streicht: ) Machst du dir klar, daß ich dein Vater bin? (Gloria.) Vollkommen. (McNaughtan.) Begreifst du, was mir als deinem Vater gebührt? (Gloria.) Zum Beispiel--? (McNaughtan erbebt sich, als ob er ein Ungeheuer zu bekämpfen hätte:) Zum Beispiel--... zum Beispiel--?... Pflicht--Liebe--Achtung--Gehorsam! (Gloria gibt ihre sorglose Stellung auf und stellt sich ihm schnell und stolz gegenüber:) Ich gehorche nur meinem Sinn für das Rechte; ich achte nichts, was nicht edel ist! Das ist meine Pflicht. (Sie fügt weniger fest hinzu:) Was Liebe anbelangt, so liegt die nicht in meiner Macht--ich glaube nicht, daß ich genau weiß, was Liebe eigentlich ist. (Sie wendet sich, mit sichtlichem Widerwillen gegen dieses Thema, ab und geht an den Frühstückstisch, zu einem bequemen Stuhl hin, wo sie ihr Buch und ihren Sonnenschirm niederlegt.) (McNaughtan folgt ihr mit den Augen:) Meinst du wirklich, was du sagst? (Gloria wendet sich um; rasch und streng:) Entschuldigen Sie: aber das ist eine unhöfliche Frage. Ich spreche ernst mit Ihnen und ich erwarte auch, daß Sie mich ernst nehmen. (Sie nimmt einen der Stühle, wendet ihn fort vom Tisch und setzt sich etwas müde nieder.) Können Sie diese Dinge nicht kühl und vernünftig besprechen? (McNaughtan.) Kühl und vernünftig?... Nein, das kann ich nicht! Verstehst du? Das kann ich nicht! (Gloria mit Nachdruck:) Nein--das kann ich nicht verstehen. Ich habe keine Sympathie für-- (McNaughtan fährt nervös zusammen:) Halt, sprich nicht weiter! Du weißt nicht, was du tust! Willst du mich toll machen? (Sie runzelt die Stirn, denn sie findet eine solche Laune unerträglich. Er setzt rasch hinzu:) Nein, ich bin nicht zornig--wirklich nicht! Warte, warte--laß mir nur etwas Zeit, mich zu besinnen. (Er steht einen Augenblick da und runzelt die Stirn und ballt die Hände in seiner Aufregung. Dann nimmt er den Stuhl vom Ende des Frühstückstisches und setzt sich neben Gloria. Mit einer rührenden Anstrengung, sanft und geduldig zu sein, sagt er:) Ich glaube, jetzt bin ich so weit. Jedenfalls will ich es versuchen. (Gloria fest:) Sehn Sie: alles geht, wenn man es nur energisch zu Ende denkt. (McNaughtan mit plötzlichem Schreck:) Nein, das tu nicht! Denke nichts--ich will, du sollst fühlen! Das ist das einzige, was uns helfen kann. Höre! Weißt du--aber vor allem--ich vergaß: wie heißt du eigentlich? Ich meine deinen Kosenamen. Sie können dich nicht gut Sophronia nennen. (Gloria mit erstauntem Widerwillen:) Sophronia?...Mein Name ist Gloria. Ich werde immer so genannt. (McNaughtan, dessen Zorn zurückkehrt:) Dein Name ist Sophronia, Mädchen! Du wurdest nach deiner Tante, meiner Schwester, Sophronia getauft! Sie hat dir deine erst Bibel mit deinem Namen darin geschenkt. (Gloria.) Dann hat mir meine Mutter einen neuen Namen gegeben. (McNaughtan ärgerlich:) Sie hatte kein Recht dazu! Ich werde das nicht zugeben! (Gloria.) Sie hatten kein Recht, mir den Namen Ihrer Schwester zu geben. Ich kenne sie nicht einmal. (McNaughtan.) Unsinn! Alles lasse ich mir nicht bieten: das hat seine Grenzen! Ich will das nicht haben--verstehst du? (Gloria erhebt sich; warnend:) Sind Sie entschlossen, in diesem zänkischen Ton fortzufahren? (McNaughtan entsetzt, bittend:) Nein, nein--setze dich! Willst du? (Sie sieht ihn an und läßt ihn in Ungewißheit. Er zwingt sich, den verhaßten Namen auszusprechen:) Gloria! (Sie gibt ihrer Befriedigung mit einer leichten Bewegung der Lippen Ausdruck und setzt sich:) Nun also--d