Friedrich Engels – Revolution und Konterrevolution in Deutschland

I. [Deutschland am Vorabend der Revolution]

Der erste Akt des revolutionären Dramas auf dem europäischen Kontinent ist zu Ende. Die “Mächte der Vergangenheit” vor dem Sturm von 1848 sind wieder die “Mächte der Gegenwart”, und die mehr oder weniger populären Regenten, Triumvirn, Diktatoren, alle mit ihrem Gefolge von Abgeordneten, Zivilkommissaren, Militärkommissaren, Präfekten, Richtern, Generalen, Offizieren und Soldaten, sind an fremde Küsten verschlagen und “über See verschickt”, nach England oder Amerika, um dort neue Regierungen “in partibus infidelium”, europäische Komitees, Zentralkomitees, nationale Komitees zu bilden und ihr Kommen in Proklamationen anzukündigen, nicht minder feierlich als die eines weniger imaginären Potentaten.

Eine schwerere Niederlage als die, welche die Revolutionspartei – oder besser die Revolutionsparteien – auf dem Kontinent an allen Punkten der Kampflinie erlitten, ist kaum vorstellbar. Doch was will das besagen? Umfaßte nicht das Ringen des britischen Bürgertums um die soziale und politische Vorherrschaft achtundvierzig, das des französischen Bürgertums vierzig Jahre beispielloser Kämpfe? Und waren sie ihrem Triumph nicht gerade dann am nächsten, als die wiederhergestellte Monarchie sich fester im Sattel wähnte denn je? Die Zeiten jenes Aberglaubens, der Revolutionen auf die Bösartigkeit einer Handvoll Agitatoren zurückführt, sind längst vorüber. Alle Welt weiß heutzutage, daß jeder revolutionären Erschütterung ein gesellschaftliches Bedürfnis zugrunde liegen muß, dessen Befriedigung durch überlebte Einrichtungen verhindert wird. Das Bedürfnis mag noch nicht so dringend, so allgemein empfunden werden, um einen unmittelbaren Erfolg zu sichern; aber jeder Versuch einer gewaltsamen Unterdrückung wird es nur immer stärker hervortreten lassen, bis es seine Fesseln zerbricht. Sind wir also einmal geschlagen, so haben wir nichts anderes zu tun, als wieder von vorn anzufangen. Und die wahrscheinlich nur sehr kurze Ruhepause, die uns zwischen dem Schluß des ersten und dem Anfang des zweiten Aktes der Bewegung vergönnt ist, gibt uns zum Glück die Zeit für ein sehr notwendiges Stück Arbeit: für die Untersuchung der Ursachen, die unweigerlich sowohl zu der letzten Erhebung wie zu ihrem Mißerfolg führten; Ursachen, die nicht in den zufälligen Bestrebungen, Talenten, Fehlern, Irrtümern oder Verrätereien einiger Führer zu suchen sind, sondern in dem allgemeinen gesellschaftlichen Zustand und in den Lebensbedingungen einer jeden, von Erschütterungen betroffenen Nation. Daß die plötzlichen Bewegungen des Februar und März 1848 nicht das Werk Einzelner waren, sondern der spontane, unwiderstehliche Ausdruck nationaler Bedürfnisse, die mehr oder weniger klar verstanden, aber sehr deutlich empfunden wurden von einer ganzen Anzahl von Klassen in allen Ländern – das ist eine allgemein anerkannte Tatsache; wenn man aber nach den Ursachen der Erfolge der Konterrevolution forscht, so erhält man von allen Seiten die bequeme Antwort, Herr X oder Bürger Y habe das Volk “verraten”. Diese Antwort mag zutreffen oder auch nicht, je nach den Umständen, aber unter keinen Umständen erklärt sie auch nur das Geringste, ja sie macht nicht einmal verständlich, wie es kam, daß das “Volk” sich derart verraten ließ. Und wie jämmerlich sind die Aussichten einer politischen Partei, deren ganzes politisches Inventar in der Kenntnis der einen Tatsache besteht, daß dem Bürger Soundso nicht zu trauen ist.

Überdies ist es vom historischen Standpunkt aus von größter Bedeutung, daß sowohl die Ursachen der revolutionären Erschütterung wie die ihrer Unterdrückung untersucht und dargestellt werden. All die kleinlichen persönlichen Zänkereien und Beschuldigungen, all die einander widersprechenden Behauptungen, Marrast oder Ledru-Rollin oder Louis Blanc oder ein anderes Mitglied der Provisorischen Regierung oder alle zusammen hätten die Revolution mitten in die Klippen hineingesteuert, an denen sie scheiterte – welches Interesse können sie bieten, welches Licht auf die Ereignisse werfen für einen Amerikaner oder Engländer, der all diese verschiedenen Bewegungen aus einer Entfernung beobachtete, die zu groß ist, um ihn Einzelheiten der Vorgänge unterscheiden zu lassen? Kein vernünftiger Mensch wird jemals glauben, daß elf Männer, zumeist von recht mittelmäßiger Begabung im Guten wie im Bösen, imstande seien, im Verlauf von drei Monaten eine Nation von sechsunddreißig Millionen zugrunde zu richten, es sei denn, diese sechsunddreißig Millionen waren sich über den einzuschlagenden Weg genauso im unklaren wie jene elf. Aber wie es kam, daß diese sechsunddreißig Millionen, obwohl sie zum Teil im ungewissen herumtappten, auf einmal berufen waren, nach eigenem Gutdünken zu entscheiden, welcher Weg beschritten werden sollte, wie sie sodann in die Irre gerieten und ihre alten Führer vorübergehend wieder die Führung erlangen durften – das ist gerade die Frage.

Wenn wir also versuchen, den Lesern der “Tribune” die Ursachen auseinanderzusetzen, die mit Notwendigkeit die Revolution von 1848 hervorriefen und ebenso unvermeidlich zu ihrer zeitweiligen Unterdrückung in den Jahren 1849 und 1850 führten, so darf man von uns nicht erwarten, daß wir eine vollständige Geschichte der Ereignisse geben, wie sie sich in Deutschland abgespielt haben. Spätere Ereignisse und das Urteil der Nachwelt werden entscheiden, was von dieser verworrenen Masse scheinbar zufälliger, zusammenhangloser und nicht miteinander vereinbarer Tatsachen bestimmt ist, in die Weltgeschichte einzugehen. Die Zeit für eine solche Aufgabe ist noch nicht gekommen; wir müssen uns in den Grenzen des Möglichen halten und uns zufriedengeben, wenn es uns gelingt, vernunftgemäße, auf unleugbaren Fakten beruhende Ursachen zu finden, die die wichtigsten Ereignisse, die entscheidenden Wendepunkte jener Bewegung erklären und uns Aufschluß über die Richtung geben, in die der nächste, vielleicht gar nicht so ferne Ausbruch das deutsche Volk lenken wird.

Zunächst, welches war der Zustand Deutschlands bei Ausbruch der Revolution?

Die Zusammensetzung der verschiedenen Klassen des Volkes, die die Grundlage eines jeden politischen Organismus bilden, war in Deutschland komplizierter als in irgend einem anderen Lande. Während in England und Frankreich eine mächtige, reiche, in großen Städten und namentlich in der Hauptstadt konzentrierte Bourgeoisie den Feudalismus völlig vernichtet oder wenigstens, wie in dem erstgenannten Lande, auf einige wenige, bedeutungslose äußere Formen reduziert hatte, war dem Feudaladel in Deutschland ein großer Teil seiner alten Privilegien erhalten geblieben. Fast überall herrschte noch das System des feudalen Grundbesitzes. Die Grundherren hatten sogar die Gerichtsbarkeit über ihren Gutsbezirk behalten. Obzwar ihrer politischen Vorrechte, des Rechtes, die Fürsten zu kontrollieren beraubt, hatten sie doch fast ihre ganzen mittelalterlichen Hoheitsrechte über die Bauernschaft ihrer Länder sowie die Steuerfreiheit bewahrt. Der Feudalismus war in manchen Gegenden mehr in Blüte als in anderen, aber außer auf dem linken Rheinufer war er nirgends völlig beseitigt. Dieser seinerzeit außerordentlich zahlreiche und zum Teil sehr reiche Feudaladel galt offiziell als der erste “Stand” im Lande. Er stellte die höheren Staatsbeamten, er besetzte fast ausschließlich die Offiziersstellen in der Armee.

Die Bourgeoisie Deutschlands war bei weitem nicht so reich und konzentriert wie die Frankreichs oder Englands. Die alten Manufakturen Deutschlands waren durch das Aufkommen der Dampfkraft und durch die sich rasch ausbreitende Vorherrschaft der englischen Industrie zugrunde gerichtet worden; die modernsten Industrien, die, unter dem napoleonischen Kontinentalsystem ins Leben gerufen, in anderen Teilen des Landes errichtet worden waren, boten keinen Ausgleich für den Verlust der alten und reichten nicht aus, um einen Kreis an der Industrie Interessierter zu bilden, der stark genug gewesen wäre, Regierungen, die jede Anhäufung nichtadeligen Reichtums und nichtadeliger Macht argwöhnisch gegenüberstanden, zur Rücksicht auf ihre Bedürfnisse zu zwingen. Während Frankreich seine Seidenindustrie siegreich über fünfzig Revolutions- und Kriegsjahre hinwegbrachte, büßte Deutschland im gleichen Zeitraum fast seine ganze alte Leinenindustrie ein. Überdies waren die deutschen Industriebezirke dünn gesät und weit verstreut, sie lagen tief im Innern des Landes, benutzen für ihre Ein- und Ausfuhr vorwiegend ausländische, holländische oder belgische Häfen und hatten daher wenig oder gar keine gemeinsame Interessen mit den großen Hafenstädten an der Nord- und Ostsee; vor allem aber waren sie außerstande, große Industrie- und Handelszentren zu bilden wie Paris und Lyon, London und Manchester. Die Rückständigkeit der deutschen Industrie hatte mannigfaltige Ursachen, aber zwei werden schon zu ihrer Erklärung genügen: die ungünstige geographische Lage des Landes, seine Entfernung vom Atlantischen Ozean, der zur großen Heerstraße des Welthandels geworden war, sowie die ständigen Kriege, in die Deutschland verwickelt war und die vom sechzehnten Jahrhundert an bis auf den heutigen Tag auf seinem Boden ausgefochten wurden. Diese zahlenmäßige Schwäche und namentlich ihre geringe Konzentration machten es der deutschen Bourgeoisie unmöglich, jene politische Machtkonzentration zu erringen, deren sich die englische Bourgeoisie seit 1688 erfreut und die die französische Bourgeoisie 1789 erobert hat. Und doch war in Deutschland der Reichtum und mit dem Reichtum die politische Bedeutung der Bourgeoisie seit 1815 in ständigem Wachstum begriffen. Die Regierungen waren gezwungen, wenn auch widerwillig, wenigstens ihren unmittelbaren materiellen Interessen Rechnung zu tragen. Man kann sogar mit Recht sagen, daß von 1815 bis 1830 und von 1832 bis 1840 jedes Stückchen an politischem Einfluß, das der Bourgeoisie in den Verfassungen der kleineren Staaten eingeräumt worden war und ihr in den erwähnten beiden Perioden politischer Reaktion wieder entrissen wurde – daß jedes derartige Stückchen durch eine Konzession praktischerer Art aufgewogen wurde. Jede politische Niederlage der Bourgeoisie zog einen Sieg auf dem Gebiet der Handelsgesetzgebung nach sich. Und sicherlich war der preußische Schutzzolltarif von 1818 und die Gründung des Zollvereins für die deutschen Kaufleute und Fabrikherren ein gut Teil mehr wert als das zweifelhafte Recht, in der Kammer des einen oder anderen Doudezstaats Ministern, die über solche Abstimmungen nur lachten, ihr Mißtrauen auszusprechen. So gelangte die Bourgeoisie mit wachsendem Reichtum und zunehmender Ausdehnung ihres Handels bald zu einem Stadium, wo sie sich in der Entfaltung ihrer wichtigsten Interessen durch die politische Verfassung des Landes gehemmt sah: durch dessen kunterbunte Zersplitterung unter sechsunddreißig Fürsten mit gegensätzlichen Bestrebungen und Launen; durch die feudalen Fesseln, die die Landwirtschaft und die mit ihr verbundenen Gewerbe beengten; durch die aufdringliche Überwachung, der eine unwissende, anmaßende Bürokratie alle ihre Geschäfte unterzog. Gleichzeitig führten die Ausdehnung und Festigung des Zollvereins, die allgemeine Einführung der Dampfkraft in den Verkehr, die wachsende Konkurrenz auf dem inneren Markt zur gegenseitigen Annäherung der kommerziellen Klassen der verschiedenen Staaten und Provinzen, zur Angleichung ihrer Interessen und Zentralisation ihrer Kraft. Die natürliche Folge war der Übergang aller dieser Elemente ins Lager der liberalen Opposition und der siegreiche Ausgang des ersten ernstlichen Kampfes der deutschen Bourgeoisie um politische Macht. Diesen Umschwung kann man von 1840 datieren, von dem Zeitpunkt, zu dem die preußische Bourgeoisie an die Spitze der Bewegung der deutschen Bourgeoisie trat. Wir werden auf diese Bewegung der liberalen Opposition von 1840 bis 1847 noch später zurückkommen.

Die große Masse der Nation, die weder dem Adel noch der Bourgeoisie angehörte, bestand in den Städten aus der Klasse der Kleinbürger und der Arbeiterschaft, auf dem Lande aus der Bauernschaft.

Die Klasse der Handwerker und Kleinhändler ist in Deutschland außerordentlich zahlreich, eine Folge des Umstands, daß die großen Kapitalisten und Industriellen als Klasse in ihrer Entwicklung gehemmt waren. In den größeren Städten bildete sie beinahe die Mehrheit der Bevölkerung, in den kleineren überwiegt sie völlig, da es dort an reicheren Mitbewerbern um den maßgebenden Einfluß fehlt. Dieses Kleinbürgertum, in jedem modernen Staat und bei allen modernen Revolutionen von höchster Bedeutung, ist besonders wichtig in Deutschland, wo es bei den jüngsten Kämpfen meist eine entscheidende Rolle gespielt hat. Seine Zwischenstellung zwischen der Klasse der größeren Kapitalisten, Kaufleute und Industriellen, der eigentlichen Bourgeoisie, und dem Proletariat oder der Arbeiterklasse ist für seinen Charakter bestimmend. Es strebt nach der Stellung der Bourgeoisie, aber das geringste Mißgeschick schleudert die Angehörigen des Kleinbürgertums hinab in die Reihen des Proletariats. In monarchischen und feudalen Ländern bedarf das Kleinbürgertum, um existieren zu können, der Kundschaft des Hofes und des Adels; der Verlust dieser Kundschaft würde es zu einem großen teil zugrunde richten. In kleineren Städten bildet häufig eine Garnison, eine Kreisregierung, ein Gerichtshof und deren ganzer Anhang die Grundlage seines Wohlstands; entzieht man sie ihm, so ist es um die Krämer, Schneider, Schuhmacher, Schreiner geschehen. Das ewige Hin- und Hergerissensein zwischen der Hoffnung, in die Reihen der wohlhabenderen Klasse aufzusteigen, und der Furcht, auf das Niveau der Proletarier oder gar des Paupers hinabgedrückt zu werden; zwischen der Hoffnung, seine Interessen durch Eroberung eines Anteils an der Leitung der Staatsgeschäfte zu fördern, und der Furcht, durch ungelegene Opposition den Zorn einer Regierung zu erregen, von der seine Existenz völlig abhängt, da sie die Macht hat, ihm die besten Kunden zu entziehen; die Geringfügigkeit eines Besitzes, dessen Unsicherheit im umgekehrten Verhältnis steht zur Größe – all dies macht das Kleinbürgertum äußerst wankelmütig in seinen Anschauungen. Demütig und kriecherisch unterwürfig unter einer starken feudalen oder monarchischen Regierung, wendet es sich dem Liberalismus zu, wenn die Bourgeoisie im Aufstieg ist; sobald die Bourgeoisie ihre eigene Herrschaft gesichert hat, wird es von heftigen demokratischen Anwandlungen befallen, versinkt aber jämmerlich in Furcht und Zagen, sobald die Klasse unter ihm, das Proletariat, eine selbständige Bewegung wagt. Wir werden im weiteren sehen, wie das deutsche Kleinbürgertum abwechselnd aus dem einen dieser Stadien ins andere übergeht.

Die Arbeiterklasse Deutschlands ist in ihrer gesellschaftlichen und politischen Entwicklung ebenso weit hinter der Englands und Frankreichs zurück wie die deutsche Bourgeoisie hinter der Bourgeoisie jener Länder. Wie der Herr, so der Knecht. Die Entwicklung der Existenzbedingungen für ein zahlreiches, starkes, konzentriertes und intelligentes Proletariat geht Hand in Hand mit der Entwicklung der Existenzbedingungen für eine zahlreiche, wohlhabende, konzentrierte und mächtige Bourgeoisie. Die Arbeiterbewegung selbst ist niemals unabhängig, sie trägt niemals ausschließlich proletarischen Charakter, solange nicht alle die verschiedenen Teile der Bourgeoisie, namentlich ihr fortschrittlichster Teil, die großen Fabrikherren, die politische Macht erobert und den Staat ihren Bedürfnissen entsprechen umgestaltet haben. Dann ist der Augenblick gekommen, wo der unvermeidliche Konflikt zwischen Fabrikherren und Lohnarbeitern in drohende Nähe rückt und nicht länger hinausgeschoben werden kann, der Augenblick, wo sich die Arbeiterklasse nicht länger mit trügerischen Hoffnungen und niemals erfüllbaren Versprechungen abspeisen läßt, wo endlich das große Problem des neunzehnten Jahrhunderts, die Aufhebung des Proletariats, mit voller Klarheit und in seinem wahren Lichte in den Vordergrund rückt. Nun wurde aber in Deutschland die große Masse der Arbeiterklasse nicht von jenen Industrien beschäftigt, von denen Großbritannien so prachtvolle Exemplare aufweist, sondern von kleinen Handwerksmeistern, deren ganze Arbeitsweise lediglich ein Überbleibsel aus dem Mittelalter ist. Und wie zwischen einem großen Baumwoll-Lord und einem kleinen Flickschuster oder Schneidermeister ein himmelweiter Unterschied besteht, genau so weit voraus sind die aufgeweckten Fabrikarbeiter eines modernen Babylon der Industrie den schüchternen Schneider- und Schreinergesellen eines kleinen Landstädtchens, dessen Lebensverhältnisse und Arbeitsmethoden sich von denen ihrer Zunftgenossen vor fünfhundert Jahren nur wenig unterscheiden. Die natürlichen Begleiterscheinungen des allgemeinen Fehlens moderner Lebensverhältnisse und moderner industrieller Produktionsweisen war ein fast ebenso allgemeines Fehlen moderner Ideen, und daher ist es nicht verwunderlich, wenn ein großer Teil der arbeitenden Klassen bei Ausbruch der Revolution den Ruf nach sofortiger Wiederherstellung der Zünfte und der mittelalterlichen privilegierten Handwerksinnungen erhob. Zwar bildete sich unter dem Einfluß der Industriebezirke, wo das moderne Produktionssystem vorherrschte, und infolge der Möglichkeiten gegenseitigen Verkehrs und geistiger Entwicklung, die das Wanderleben zahlreicher Arbeiter mit sich brachte, ein starker Kern von Elementen, deren Ideen über die Emanzipation ihrer Klasse bedeutend klarer waren und mit der praktischen Wirklichkeit und der historischen Notwendigkeit weit besser in Einklang standen, aber sie bildeten nur eine kleine Minderheit. Wenn die aktive Bewegung der Bourgeoisie von 1840 datiert werden kann, so nimmt die der Arbeiterklasse ihren Anfang mit den Erhebungen der schlesischen und böhmischen Fabrikarbeiter im Jahre 1844, und wir werden bald Gelegenheit haben, einen Überblick zu gewinnen über die verschiedenen Stadien, die diese Bewegung durchlief.

Schließlich gab es noch eine große Klasse der kleinen Landwirte, die Bauernschaft, die mit ihrem Anhang von Landarbeitern die große Mehrheit des ganzen Volkes darstellt. Aber diese Klasse zerfiel wieder in verschiedene Schichten. Da waren, erstens, die wohlhabenderen Landwirte, die in Deutschland als Groß- oder Mittelbauern bezeichnet werden, die Eigentümer mehr oder weniger umfangreicher Wirtschaften sind und von denen jeder über die Dienste mehrerer Landarbeiter verfügt. Für diese Klasse, die zwischen den steuerfreien feudalen Grundherren einerseits, den Kleinbauern und Landarbeitern andererseits stand, war aus leicht begreiflichen Gründen ein Bündnis mit der antifeudalen städtischen Bourgeoisie die natürlichste Politik, dann gab es, zweitens die freien Kleinbauern, die im Rheinland vorherrschten, wo der Feudalismus den wuchtigen Schlägen der großen französischen Revolution erlegen war. Ähnliche unabhängige Kleinbauern gab es auch da und dort in anderen Provinzen, wo es ihnen gelungen war, die feudalen Lasten, die ehedem auf ihren Grundstücken ruhten, mit Geld abzulösen. Diese Klasse war jedoch nur dem Namen nach eine Klasse von freien Bauern, da ihre Wirtschaft gewöhnlich in so hohem Grade und unter so drückenden Bedingungen mit Hypotheken belastet war, daß nicht der Bauer, sondern der Wucherer, der das Geld vorgestreckt, der wirkliche Eigentümer des Landes war. Drittens, die feudalen Hintersassen, die nicht leicht von ihrem Stück Land vertrieben werden konnten, die aber eine ewige Pacht zu entrichten oder auf ewig eine gewisse Menge Arbeit für den Grundherrn zu leisten hatten. Endlich die Landarbeiter, deren Lage auf vielen großen Gütern genau die gleiche war wie die derselben Klasse in England und die ausnahmslos als arme, unterernährte Sklaven ihrer Herrn lebten und starben. Die drei letztgenannten Klassen der Landbevölkerung, die freien Kleinbauern, die feudalen Hintersassen und die Landarbeiter, hatten sich vor der Revolution über Politik nie viel Kopfzerbrechen gemacht; aber es ist ohne weiteres klar, daß dieses Ereignis ihnen einen neuen Weg voll der glänzendsten Aussichten eröffnen mußte. Ihnen allen bot die Revolution Vorteile, und war die Bewegung erst einmal ordentlich im Gange, so stand zu erwarten, daß sich ihr der Reihe nach alle anschließen würden. Gleichzeitig ist aber ebenso klar und durch die Geschichte aller modernen Länder gleichermaßen bestätigt, daß die Landbevölkerung niemals selbständig eine erfolgreiche Bewegung zustande bringen kann; denn sie ist über ein zu großes Gebiet verstreut, und hält es schwer, unter einem erheblicheren Teil eine Verständigung zu erzielen; den Anstoß muß ihr die Initiative der aufgeweckteren und beweglicheren Bevölkerung geben, die in den Städten konzentriert ist.

Die vorstehende gedrängte Skizze der wichtigsten Klassen, aus denen sich bei Ausbruch der jüngsten Bewegung die deutsche Nation zusammensetzte, wird bereits genügen, um den Mangel an äußerem Zusammenhang und innerer Übereinstimmung sowie die offensichtlichen Widersprüche, die dieser Bewegung das Gepräge gaben, zu einem großen Teil zu erklären. Wenn so verschiedenartige, so gegensätzliche, so merkwürdig sich durchkreuzende Interessen heftig aufeinanderprallen; wenn diese sich gegenseitig bekämpfenden Interessen in jedem Bezirk, in jeder Provinz verschieden gemischt sind, wenn es vor allem kein großes Zentrum im Land gibt, kein London, kein Paris, dessen Entscheidung so viel Gewicht hat, daß nicht der gleiche Zwist in jeder Gegend immer wieder von neuem durchgefochten zu werden braucht: was kann man dann anders erwarten, als daß der Kampf sich in eine Menge unzusammenhängender Einzelkämpfe auflöst, in denen ungeheuer viel Blut, Energie und Kapital aufgewendet wird und die trotz alledem ohne ein entscheidendes Ergebnis bleiben?

Die politische Zerstückelung Deutschlands in drei Dutzend mehr oder weniger bedeutende Fürstentümer erklärt sich gleichfalls aus der Vielfalt und Verworrenheit der Elemente, aus denen sich die Nation zusammensetzt und die wiederum in jeder Gegend verschieden sind. Wo es keine Gemeinsamkeit der Interessen gibt, da kann es auch keine Gemeinsamkeit der Ziele, geschweige des Handelns geben. Der Deutsche Bund ist allerdings auf ewige Zeit für unauflösbar erklärt worden; und doch haben der Bund und sein Organ, der Bundestag, niemals die deutsche Einheit repräsentiert. Das Höchstmaß von Zentralisation, zu dem man es in Deutschland je gebracht hat, war die Gründung des Zollvereins; dadurch sahen sich auch die Staaten an der Nordsee gezwungen, eine eigene Zollvereinigung zu bilden, während Österreich sich auch weiterhin hinter seiner besonderen Zollmauer verschanzte. Deutschland konnte zufrieden sein, daß es für alle praktischen Zwecke nur mehr in drei selbständige Mächte zerfiel, statt wie vorher in sechsunddreißig. An der aus dem Jahr 1814 stammenden unumschränkte Oberhoheit des russischen Zaren änderte sich dadurch natürlich nichts.

Nachdem wir einleitend diese Schlußfolgerungen aus unsern Prämissen gezogen, werden wir zunächst untersuchen, wie die erwähnten verschiedenen Klassen des deutschen Volkes eine nach der andren in Bewegung kamen und welchen Charakter die Bewegung nach dem Ausbruch der französischen Revolution von 1848 annahm.

London, September 1851
II. [Der preußische Staat]

Die politische Bewegung der Mittelklasse oder Bourgeoisie in Deutschland kann vom Jahre 1840 datiert werden. Ihr gingen Anzeichen voraus, die zeigten, daß die kapitalbesitzende und industrielle Klasse dieses Landes zu einem Zustand heranreifte, der ihr nicht länger gestattete, den Druck eines halbfeudalen, halbbürokratischen monarchischen Regimes apathisch und passiv hinzunehmen. Die kleineren deutschen Fürsten gewährten einer nach dem anderen Verfassungen von mehr oder weniger liberalem Charakter, teils um sich größere Unabhängigkeit gegenüber der Vormachtstellung Österreichs und Preußens oder gegenüber dem Einfluß des Adels in ihren eigenen Staaten zu sichern, teils um die zusammenhanglosen Provinzen, die der Wiener Kongreß unter ihrer Herrschaft vereinigt hatte, zu einem einheitlichen Ganzen zusammenzufassen. Sie konnten das tun, ohne selbst Gefahr zu laufen; denn wenn der Bundestag, diese Marionette in den Händen Österreichs und Preußens, ihre Unabhängigkeit als souveräne Fürsten anzutasten versuchte, konnten sie sicher sein, daß ihren Widerstand gegen jedes diktatorische Eingreifen die öffentliche Meinung und die Kammern unterstützen würden; und wenn umgekehrt die Kammern zu stark wurden, konnten sie ohne weiteres über die Macht des Bundestages verfügen, um jede Opposition zu brechen. Die verfassungsmäßigen Einrichtungen in Bayern, Württemberg, Baden oder Hannover konnten unter solchen Umständen keinen ernstlichen Kampf um die politische Macht hervorrufen, und daher hielt sich die deutsche Bourgeoisie in ihrer großen Mehrheit von dem kleinlichen Gezänk in den Parlamenten der Kleinstaaten fern, denn sie wußte sehr wohl, daß ohne grundlegende Änderungen in der Politik und Verfassung der beiden deutschen Großmächte alle Kämpfe und Siege von zweitrangiger Bedeutung zwecklos sein würden. Gleichzeitig kam aber in diesen kleinen Parlamenten eine Art liberaler Advokaten auf, die berufsmäßig Opposition machten: die Rotteck, Welcker, Römer, Jordan, Stüve, Eisenmann, jene großen “Volksmänner”, die nach zwanzig Jahren mehr oder minder lärmender, immer aber erfolgloser Opposition durch die revolutionäre Sturmflut von 1848 auf den Gipfel der Macht getragen, sich, nachdem sie dort ihre völlige Unfähigkeit und Nichtigkeit gezeigt, rasch wieder ins Nichts zurückgeschleudert sahen. Diese ersten Exemplare von Geschäftspolitikern und Berufsoppositionellen in Deutschland gewöhnten das deutsche Ohr durch ihre Reden und Schriften an die Sprache des Konstitutionalismus und verkündeten durch ihre bloße Existenz das Nahen einer Zeit, in der die Bourgeoisie die politischen Phrasen, mit denen diese geschwätzigen Advokaten und Professoren um sich zu werfen pflegten, ohne ihren ursprünglichen Sinn groß zu verstehen, aufgreifen und ihnen damit ihre eigentliche Bedeutung zurückgeben würde.

Auch die deutsche Literatur konnte sich dem Einfluß der politischen Erregung nicht entziehen, in die ganz Europa durch die Ereignisse des Jahres 1830 versetzt worden war. Ein grobschlächtiger Konstitutionalismus und ein noch gröberer Republikanismus wurden von fast allen Schriftstellern jener Zeit gepredigt. Immer mehr wurde es zur Gewohnheit, besonders unter den minderwertigen Literaten, den Mangel an Geist in ihren Werken durch politische Anspielungen wettzumachen, die bestimmt Aufsehen erregten. Gedichte, Romane, Rezensionen, Dramen, kurz, die ganze literarische Produktion strotzte nur so von dem, was man “Tendenz” nannte, das heißt von mehr oder weniger schüchternen Äußerungen oppositioneller Gesinnung. Um die in Deutschland nach 1830 herrschende Verwirrung der Ideen vollständig zu machen, vermengten sich mit diesen Elementen politischer Opposition halbverdaute Universitätserinnerungen an die deutsche Philosophie und mißverstandene Brocken von französischem Sozialismus, namentlich Saint-Simonismus, und die Clique von Schriftstellern, die sich des langen und breiten über dieses heterogene Konglomerat von Ideen erging, nannte sich anmaßend Junges Deutschland oder die Moderne Schule. Sie haben seither ihre Jugendsünden bereut, aber ihren Stil nicht verbessert.

Endlich hatte sich auch die deutsche Philosophie, dieses komplizierteste, gleichzeitig aber auch zuverlässigste Thermometer der Entwicklung des deutschen Geistes, auf die Seite der deutschen Bourgeoisie gestellt, als nämlich Hegel in seiner “Philosophie des Rechts” die konstitutionelle Monarchie als die höchste, vollkommenste Regierungsform bezeichnete. Mit anderen Worten, er kündigte den bevorstehenden Aufstieg der deutschen Bourgeoisie zur politischen Macht an. Nach seinem Tode blieb seine Schule dabei nicht stehen. Während der fortgeschrittenere Teil seiner Anhänger einerseits jeden religiösen Glauben der Feuerprobe einer strengen Kritik unterzog und das altehrwürdige Gebäude des Christentums bis auf die Grundfesten erschütterte, entwickelte er andererseits politische Auffassungen, wie sie kühner bisher deutsche Ohren noch nie zu hören bekommen, und versuchte, das Andenken an die Helden der ersten französischen Revolution wieder zu Ehren zu bringen. Wenn aber die abstruse philosophische Sprache, in die diese Ideen gekleidet waren, den Geist des Autors wie den des Lesers umnebelte, so blendete sie nicht minder die Augen des Zensors, und so kam es, das die Junghegelianer sich einer Pressefreiheit erfreuten, wie kein anderer Zweig der Literatur sie kannte.

Somit war klar, das in der öffentlichen Meinung in Deutschland eine große Wandlung im Gange war. Nach und nach schloß sich die große Mehrheit jener Klassen, die dank ihrer Bildung oder Lebensstellung auch unter einer absoluten Monarchie die Möglichkeit hatten, einiges an politischen Kenntnissen zu erwerben und sich eine einigermaßen selbständige politische Meinung zu bilden, zu einer einzigen, machtvollen Phalanx der Opposition gegen die bestehende Ordnung zusammen. Und wenn man über die Langsamkeit der politischen Entwicklung in Deutschland urteilt, darf man keinesfalls die Schwierigkeiten außer Betracht lassen, sich über eine beliebige Frage richtige Informationen zu verschaffen in einem Lande, wo die Nachrichtenquellen der Kontrolle der Regierung unterstehen und wo nirgends, von der Dorf- oder Sonntagsschule bis zur Zeitung oder Universität, etwas gesagt, gelehrt, gedruckt oder veröffentlicht wird ohne die vorherige Genehmigung der Regierung. Nehmen wir z. B. Wien. Die Bevölkerung Wiens, die an Gewerbefleiß und Arbeitsfertigkeit vielleicht hinter keiner anderen in Deutschland zurücksteht, die an Geist, Mut und revolutionärer Energie sich jeder anderen weit überlegen erwiesen, kannte sich dennoch in ihren wirklichen Interessen weniger aus und beging während der Revolution mehr Fehler als irgendeine andere, und daran war größtenteils die fast völlige Unwissenheit in bezug auf die allereinfachsten politischen Fragen schuld, in der die Metternich-Regierung sie zu halten vermochte.

Es bedarf keiner weiteren Erklärung, warum unter einem solchen System die politische Information das fast ausschließliche Monopol solcher Gesellschaftsklassen war, die es sich leisten konnten, ihre Einschmuggelung in das Land zu bezahlen, ganz besonders aber jener deren Interessen durch die bestehenden Verhältnisse am schwersten betroffen wurden, nämlich der industriellen und kommerziellen Klassen. Sie waren daher die ersten, die sich als Masse gegen den Fortbestand eines mehr oder minder verhüllten Absolutismus zusammenschlossen, und von dem Augenblick ihres Übergangs in die Reihen der Opposition muß man den Beginn der wirklich revolutionären Bewegung in Deutschland rechnen.

Als Zeitpunkt der offen proklamierten Opposition der deutschen Bourgeoisie kann man das Jahr 1840 betrachten, das Todesjahr des Vorgängers des jetzigen Königs von Preußen, des letzten damals überlebenden Gründers der Heiligen Allianz von 1815. Vom neuen König war bekannt, daß er kein Freund der vorwiegend bürokratischen Militärmonarchie seines Vaters sei. Was die französische Bourgeoisie von der Thronbesteigung Ludwigs XVI. erwartet hatte, das erhoffte sich die deutsche Bourgeoisie bis zu einem gewissen Grade von Friedrich Wilhelm IV. von Preußen. Man war sich auf allen Seiten darüber einig, daß das alte System überlebt und bankrott sei, daß es aufgegeben werden müsse, und was man unter dem alten König schweigend ertragen, wurde jetzt laut als unerträglich proklamiert.

Aber wenn Ludwig XVI., “Louis le Désiré”, ein einfacher anspruchsloser Trottel gewesen, seiner eigenen Nichtigkeit halb bewußt, ohne feste Ideen, in der Hauptsache gelenkt von den Gewohnheiten, die er während seiner Erziehung erworben, war “Friedrich Wilhelm le Désiré” ganz anderer Art. Während er sein französisches Vorbild an Charakterschwäche zweifellos übertraf, mangelte es ihm weder an Prätentionen noch an Ideen. Auf Dilettantenart hatte er sich mit den Anfangsgründen der meisten Wissenschaften vertraut gemacht und hielt sich daher für gelehrt genug, um über jede Frage das entscheidende Urteil abzugeben. Er war überzeugt, ein Redner ersten Ranges zu sein, und sicherlich gab es keinen Handlungsreisenden in Berlin, der es an langatmiger Fülle vermeintlichen Witzes und Zungenfertigkeit mit ihm aufnehmen konnte. Und vor allem, er hatte seine Ideen. Er haßte und verachtete das bürokratische Element der preußischen Monarchie, aber nur, weil alle seine Sympathien dem feudalen Element gehörten. Als einer der Gründer und Hauptmitarbeiter des “Berliner politischen Wochenblatts”, der sogenannten Historischen Schule (einer Schule, die von den Ideen Bonalds, de Maistres und anderer literarischer Vertreter der ersten Generation der französischen Legitimisten zehrte), war er bestrebt, die beherrschende soziale Stellung des Adels so vollständig als möglich wiederherzustellen. Der König, der erste Edelmann seines Reiches, umgeben in erster Linie von einem glanzvollen Hofstaat mächtiger Vasallen, Fürsten Herzöge und Grafen, in der zweiten Linie von einem zahlreichen, begüterten niederen Adel, nach Gutdünken herrschend über seine getreuen Bürger und Bauern und auf diese Weise das Haupt einer vollständigen Hierarchie sozialer Abstufungen oder Kasten, deren jede sich ihrer besonderen Privilegien erfreuen und von allen anderen durch die fast unübersteigbare Schranke der Geburt oder einer unabänderlich festgelegten sozialen Stellung getrennt sein sollte, wobei alle diese Kasten oder “Reichsstände” einander an Macht und Einfluß so trefflich die Waage zu halten hätten, daß dem König volle Handlungsfreiheit verbliebe – das war das beau idéal, das Friedrich Wilhelm IV. zu verwirklichen sich vorgenommen und das er gegenwärtig erneut zu verwirklichen strebt.

Es dauerte einige Zeit, bis die in theoretischen Fragen nicht sonderlich beschlagene preußische Bourgeoisie hinter den wirklichen Sinn der Absichten ihres Königs kam. Was sie aber sehr bald herausfand, war die Tatsache, daß er zu Dingen entschlossen war, die ihren Wünschen schnurstracks entgegengesetzt waren. Kaum war das Mundwerk des neuen Königs durch den Tod seines Vaters entfesselt, da fing er auch schon an, seine Absichten in Reden sonder Zahl kundzutun, und jede seiner Reden, jede seiner Handlungen war dazu angetan, ihm die Sympathien der Bourgeoisie noch mehr zu entfremden. Das hätte ihm wenig verschlagen, hätte es nicht einige harte, beunruhigende Tatsachen gegeben, die ihn in seinen poetischen Träumen störten. Ach, warum versteht sich die Romantik so schlecht aufs Rechnen, und warum macht der Feudalismus seit Don Quijote immer die Rechnung ohne den Wirt? Friedrich Wilhelm IV. hatte zu viel von jener Verachtung für bares Geld an sich, die seit jeher das vornehmste Erbe der Söhne der Kreuzfahrer gewesen ist. Er fand bei seiner Thronbesteigung ein wenn auch knauserig eingerichtetes, so doch kostspieliges Regierungssystem und einen mäßig gefüllten Staatsschatz vor. Innerhalb zweier Jahre war jede Spur eines Überschusses für höfische Feste, königliche Reisen, reiche Schenkungen, Unterstützungen an hungernde und lungernde, gierige und schmierige Adelige usw. vertan, und die regelmäßigen Steuereingänge reichten nicht mehr für die Bedürfnisse des Hofes noch die des Staates. Und so befand sich Seine Majestät sehr bald in der Klemme zwischen einem gähnenden Defizit auf der einen und einem Gesetz aus dem Jahre 1820 auf der anderen Seite, das jede neue Anleihe und jede Erhöhung der bestehenden Steuern ohne Zustimmung der “künftigen Volksvertretung” für ungesetzlich erklärte. Diese Volksvertretung existierte nicht; der neue König war noch weniger als selbst sein Vater geneigt, sie zu schaffen, und wenn er es gewesen wäre, so wußte er, daß die öffentliche Meinung seit seinem Regierungsantritt sich erstaunlich gewandelt hatte.

In der Tat, die Bourgeoisie, die zum Teil erwartet hatte, der neue König werde sofort eine Verfassung gewähren, Pressefreiheit proklamieren, Schwurgerichte einführen usw. usf., kurz, sich selbst an die Spitze jener friedlichen Revolution stellen, die sie brauchte, um die politische Macht zu erlangen – die Bourgeoisie hatte ihren Irrtum erkannt und sich wütend gegen den König gewandt. In der Rheinprovinz und mehr oder minder in ganz Preußen war sie so erbittert, daß sie sich in der Ermangelung genügender eigener Leute, die fähig waren, sie in der Presse zu vertreten, bis zu einem Bündnis mit jener extremen philosophischen Richtung verstieg, von der wir oben gesprochen. Die Frucht dieses Bündnisses war die “Rheinische Zeitung” in Köln, ein Blatt, das nach fünfzehnmonatigem Bestehen unterdrückt wurde, von dem man aber den Beginn des modernen Zeitungswesens datieren kann. Das war im Jahre 1842.

Der arme König, dessen geschäftliche Schwierigkeiten die schärfste Satire auf seine mittelalterlichen Neigungen waren, fand sehr bald heraus, daß er nicht weiter regieren könne, wenn er sich nicht zu einem geringfügigen Zugeständnis an die allgemeine laute Forderung nach jener “Volksvertretung” verstand, die als letzter Rest der längst vergessenen Versprechungen von 1813 und 1815 in dem Gesetz von 1820 Ausdruck gefunden hatte. Diesem lästigen Gesetz zu genügen, indem er die ständischen Ausschüsse der Provinziallandtage zusammenberief, hielt er für den annehmbarsten Weg. Die Einrichtung der Provinziallandtage stammte aus dem Jahre 1823. Sie waren in allen acht Provinzen des Königreiches zusammengesetzt: 1. aus dem Hochadel, den ehemals regierenden Häusern des deutschen Reiches, deren Häupter von Geburt Mitglieder des Landtages waren; 2. aus den Vertretern der Ritterschaft oder des niederen Adels; 3. aus Vertretern der Städte und 4. aus Abgeordneten der Bauernschaft oder der Klasse der kleinen Landwirte. Das Ganze war so eingerichtet, daß in jeder Provinz die beiden Gruppen des Adels immer die Mehrheit im Landtag hatten. Jeder dieser acht Provinziallandtage wählte einen Ausschuß, und diese acht Ausschüsse wurden nun nach Berlin berufen, um eine Volksvertretung zu bilden, die die so heiß begehrte Anleihe bewilligen sollte. Man erklärte, die Staatskasse sei gefüllt und die Anleihe werde nicht zur Deckung laufender Ausgaben benötigt, sondern für den Bau einer Staatseisenbahn. Doch die Vereinigten Ausschüsse antworteten dem König mit einer glatten Ablehnung, indem sie erklärten, sie seien nicht befugt als Vertreter des Volkes zu handeln, und sie forderten Seine Majestät auf, das Versprechen einer Repräsentativverfassung einzulösen, das sein Vater gegeben, als er der Hilfe des Volkes gegen Napoleon bedurfte.

Die Tagung der Vereinigten Ausschüsse bewies, daß der oppositionelle Geist sich nicht mehr auf die Bourgeoisie beschränkte. Ein Teil der Bauernschaft hatte sich ihr angeschlossen und viele Adlige, die auf ihren eigenen Gütern selbst Großwirtschaft betrieben und mit Getreide, Wolle, Spiritus und Flachs handelten, hatten sich gleichfalls gegen die Regierung und für die Repräsentativverfassung ausgesprochen, da auch sie Garantien gegen den Absolutismus, die Bürokratie und die Restauration des Feudalsystems brauchten. Der Plan des Königs war völlig gescheitert; er hatte kein Geld bekommen und den Einfluß der Opposition gestärkt. Die folgende Tagung der Provinziallandtage selbst verlief noch unglücklicher für den König. Alle forderten sie Reformen, Erfüllung der Versprechungen von 1813 und 1815, eine Verfassung und Pressefreiheit; die diesbezüglichen Resolutionen einiger von ihnen führten eine recht respektlose Sprache, und die übellaunigen Antworten des aufgebrachten Königs machten den Schaden noch größer.

Mittlerweile steigerten sich die finanziellen Schwierigkeiten der Regierung immer mehr. Durch widerrechtliche Verwendung von Mitteln, die für verschiedene öffentliche Einrichtungen bestimmt waren, und durch betrügerische Manipulationen mit der “Seehandlung”, einem kommerziellen Unternehmen, das auf Rechnung und Gefahr des Staates spekulierte und Handel trieb und für ihn seit langem als Geldmakler tätig war, gelang es eine Zeitlang, den Schein zu wahren; vermehrte Emissionen von staatlichem Papiergeld lieferten gleichfalls einige Mittel; und alles in allem wurde das Geheimnis recht gut gehütet. Aber diese Kunstgriffe waren bald alle erschöpft. Jetzt versuchte man es mit einem anderen Plan: der Gründung einer Bank, deren Kapital teils der Staat, teils private Aktionäre aufbringen sollten; die oberste Leitung sollte in den Händen des Staates liegen, um so der Regierung die Möglichkeit zu verschaffen, der Bank hohe Beträge zu entziehen und so die gleichen betrügerischen Manipulationen zu wiederholen, die mit der “Seehandlung” nicht länger möglich waren. Aber natürlich waren keine Kapitalisten zu finden, die ihr Geld unter solchen Bedingungen hergeben wollten; die Statuten der Bank mußten geändert und das Eigentum der Aktionäre gegen Übergriffe des Finanzministers gesichert werden, ehe Aktien gezeichnet wurden. Nachdem dieser Plan gescheitert war, blieb somit nichts anderes übrig, als es mit einer Anleihe zu versuchen – wenn Kapitalisten zu finden waren, die ihr Geld herliehen, ohne die Bewilligung und Garantie jener geheimnisvollen “künftigen Volksvertretung” zu verlangen. Man wandte sich an Rothschild, und der erklärte, wenn diese “Volksvertretung” die Anleihe garantiere, übernehme er sie auf der Stelle; wenn nicht, wolle er mit dem Geschäft nichts zu tun haben.

So war jede Hoffnung, Geld zu erhalten, geschwunden, und es bestand keine Möglichkeit, der fatalen “Volksvertretung” zu entrinnen. Rothschilds Absage wurde im Herbst 1846 bekannt, und im Februar des nächsten Jahres berief der König alle acht Provinziallandtage nach Berlin, um aus ihnen einen “Vereinigten Landtag” zu bilden. Dieser Landtag sollte die Aufgabe bewältigen, die in dem Gesetz von 1820 für den Notfall vorgesehen war; er sollte Anleihen und erhöhte Steuern bewilligen, darüber hinaus aber keine Rechte haben. An der Gesetzgebung im allgemeinen sollte er nur beratend mitwirken; zusammentreten sollte er nicht in regelmäßigen Zeitabständen, sondern nur, wenn der König es für gut befand; diskutieren sollte er nur über Fragen, die ihm die Regierung vorzulegen geruhte. Natürlich waren die Mitglieder von der ihnen zugedachten Rolle wenig erbaut. Sie wiederholten die Wünsche, die sie bereits auf den Tagungen der Provinziallandtage bekanntgegeben hatten; ihre Beziehungen mit der Regierung spitzten sich bald heftig zu, und als man von ihnen die wieder mit der angeblichen Notwendigkeit von Eisenbahnbauten begründete Anleihe forderte, lehnten sie die Bewilligung abermals ab.

Diese Abstimmung bereitete ihrer Tagung bald ein Ende. Immer mehr erbittert, schickte sie der König mit einem Tadel nach Hause, blieb aber nach wie vor ohne Geld. Und in der Tat hatte er alle Ursache, über seine Lage beunruhigt zu sein, wenn er sah, daß die liberale Partei, die unter Führung der Bourgeoisie stand, einen großen Teil des niederen Adels und alle die vielen Unzufriedenen umfaßte, die sich in den verschiedenen Teilen der unteren Schichten angesammelt -, daß diese liberale Partei entschlossen war, ihre Forderungen durchzusetzen. Vergeblich hatte der König in seiner Eröffnungsrede erklärt, er werde niemals eine Verfassung im modernen Sinne des Wortes gewähren; die liberale Partei bestand auf einer solchen modernen, antifeudalen Repräsentativverfassung mit allen ihren Konsequenzen: Pressefreiheit, Schwurgerichte usw. Und bevor sie die nicht erhielt – nicht einen Groschen würde sie bewilligen. Eines war klar: lange konnten die Dinge so nicht weitergehen; entweder mußte eine der beiden Seiten nachgeben, oder es mußte zum Bruch, zum blutigen Kampfe kommen. Und die Bourgeoisie wußte, daß sie am Vorabend einer blutigen Revolution stand, und sie bereitete sich darauf vor. Sie war auf jede erdenkliche Weise bemüht, sich die Unterstützung der Arbeiterklasse in den Städten und der Bauernschaft auf dem Lande zu verschaffen, und bekanntlich gab es gegen Ende des Jahres 1847 kaum einen einzigen namhaften Politiker aus der Bourgeoisie, de sich nicht als “Sozialist” ausgab, um sich die Sympathien des Proletariats zu sichern. Wir werden diese “Sozialisten” bald am Werke sehen.

Der Eifer, mit dem sich die tonangebende Bourgeoisie wenigstens äußerlich den Anschein des Sozialismus gab, war die Folge einer großen Veränderung, die in der arbeitenden Klasse Deutschlands vor sich gegangen war. Ein Teil der deutschen Arbeiter hatte seit 1840 auf Wanderschaft in Frankreich und der Schweiz mehr oder minder die noch recht groben sozialistischen und kommunistischen Ideen in sich aufgenommen, die damals unter den französischen Arbeitern im Schwange waren. Die zunehmende Beachtung, die derlei Ideen seit 1840 in Frankreich gezollt wurde, brachten Sozialismus und Kommunismus auch in Deutschland in Mode, und schon ab 1843 waren alle Zeitungen voll von Erörterungen über soziale Fragen. Sehr bald bildete sich in Deutschland eine Schule von Sozialisten, die sich mehr durch die Unklarheit als durch die Neuheit ihrer Ideen auszeichnete. Ihre Tätigkeit bestand hauptsächlich darin, die Lehren von Fourier, Saint-Simon und anderen Franzosen in die abstruse Sprache der deutschen Philosophie zu übertragen. Die Schule der deutschen Kommunisten, die grundverschieden ist von dieser Schule, bildete sich ungefähr um dieselbe Zeit.

1844 kam es zu den Aufständen der schlesischen Weber, gefolgt von der Erhebung der Kattundrucker in Prag. Diese Unruhen, die blutig unterdrückt wurden, Erhebungen von Arbeitern, die sich nicht gegen die Regierung, sondern gegen die Unternehmer richteten, machten tiefen Eindruck und gaben der sozialistischen und kommunistischen Propaganda unter den Arbeitern neuen Antrieb. Die gleiche Wirkung hatten die Brotkrawalle im Hungerjahr 1847. Kurz, ebenso wie die konstitutionelle Opposition die große Masse der besitzenden Klasse (mit Ausnahme der großen feudalen Grundbesitzer) um ihr Banner scharte, so erwartete die Arbeiterklasse der größeren Städte ihre Befreiung von den sozialistischen und kommunistischen Lehren, obgleich man ihr unter der Herrschaft der damaligen Pressegesetze nur sehr wenig darüber vermitteln konnte. Sonderlich klare Vorstellungen über ihre Ziele durfte man von den Arbeitern nicht erwarten; sie wußten nur, daß das Programm der konstitutionellen Bourgeoisie nicht alles enthielt, was sie brauchten, und daß ihre Bedürfnisse in dem konstitutionellen Ideenkreis überhaupt nicht enthalten waren.

Eine besondere republikanische Partei gab es damals nicht in Deutschland. Die Leute waren entweder konstitutionelle Monarchisten oder mehr oder weniger ausgesprochene Sozialisten oder Kommunisten.

Unter solchen Voraussetzungen mußte der geringste Zusammenstoß zu einer großen Revolution führen. Während der höhere Adel und die älteren Beamten und Offiziere die einzig sichere Stütze der bestehenden Ordnung bildeten; während der niedere Adel, die industrielle und kommerzielle Bourgeoisie, die Universitäten, die Lehrer jeglichen Ausbildungsgrades und selbst die unteren Ränge der Bürokratie und der Offiziere sich alle gegen die Regierung zusammenschlossen; während hinter ihnen die unzufriedenen Massen der Bauernschaft und der Proletarier der großen Städte standen, die zwar vorläufig noch die liberale Opposition unterstützten, aber bereits befremdliche Andeutungen laut werden ließen von der Absicht, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen; während die Bourgeoisie bereit war, die Regierung zu stürzen, und das Proletariat Vorbereitungen traf, im weiteren Verlauf die Bourgeoisie zu stürzen – während alledem verfolgte die Regierung halsstarrig einen Kurs, der zu einem Zusammenstoß führen mußte. Deutschland befand sich zu Beginn des Jahres 1848 am Vorabend einer Revolution, und diese Revolution wäre bestimmt gekommen, auch wenn ihr Ausbruch nicht durch die französische Februarrevolution beschleunigt worden wäre.

Welche Wirkung diese Pariser Revolution auf Deutschland hatte, werden wir in unserem nächsten Artikel sehen.

London, September 1851
III. [Die übrigen deutschen Staaten]

In unserem letzten Artikel haben wir uns fast ausschließlich auf jenen Staat beschränkt, der während der Jahre 1840 bis 1848 die weitaus größte Bedeutung für die Bewegung in Deutschland hatte, nämlich auf Preußen. Wir müssen jetzt aber einen raschen Blick auf die übrigen deutschen Staaten während des gleichen Zeitraums werfen.

Die Kleinstaaten waren seit den revolutionären Bewegungen von 1830 vollständig unter die Diktatur des Bundestages, d.h. Österreichs und Preußens, geraten. Die verschiedenen Verfassungen, die ebensosehr zum Schutz vor den Diktaten der größeren Staaten erlassen worden waren wie zu dem Zweck, die Popularität ihrer fürstlichen Urheber zu sichern und den durch den Wiener Kongreß ohne jeglichen leitenden Grundgedanken bunt zusammengewürfelten Provinzen ein einheitliches Gepräge zu geben – diese Verfassungen hatten sich, so illusorisch sie auch waren, in den unruhigen Zeiten von 1830 und 1831 doch als eine Gefahr für die Autorität der kleinen Fürsten selbst erwiesen. Sie wurden so gut wie vernichtet; was man bestehen ließ, führte kaum noch ein Schattendasein, und es gehörte die geschwätzige Selbstgefälligkeit eines Welcker, Rotteck und Dahlmann dazu, um sich einzubilden, die mit entwürdigender Kriecherei vermischte untertänige Opposition, die sie in den ohnmächtigen Kammern der Kleinstaaten an den Tag legen durften, könne überhaupt Ergebnisse zeitigen.

Der energischere Teil der Bourgeoisie in diesen Kleinstaaten gab sehr bald nach 1840 alle Hoffnungen auf, die er früher auf die Entfaltung eines parlamentarischen Regimes in diesen Anhängseln Österreichs und Preußens gesetzt. Kaum hatten die preußische Bourgeoisie und die mit ihr verbündeten Klassen sich ernstlich entschlossen gezeigt, für ein parlamentarisches Regime in Preußen zu kämpfen, da überließ man ihnen auch schon die Führung der konstitutionellen Bewegung im ganzen nicht-österreichischen Deutschland. Es ist eine jetzt wohl kaum bestrittene Tatsache, daß der Kern jener mitteldeutschen Konstitutionalisten, die später aus der Frankfurter Nationalversammlung ausschieden und nach dem Ort, wo sie ihre Separatsitzungen abhielten, die Gothaer genannt wurden, lange vor 1848 einen Plan erwog, den sie 1849 mit geringen Abänderungen den Vertretern ganz Deutschlands vorlegten. Sie beabsichtigten den völligen Ausschluß Österreichs aus dem Deutschen Bund, die Gründung eines neuen Bundes unter dem Schutz Preußens mit einem neuen Grundgesetz und mit einem Bundesparlament sowie der Einverleibung der unbedeutenden Staaten in die größeren. Das alles sollte durchgeführt werden, sobald Preußen in die Reihe der konstitutionellen Monarchien eintrat, die Pressefreiheit herstellte, zu einer von Rußland und Österreich unabhängigen Politik überging und so den Konstitutionalisten der kleineren Staaten die Möglichkeit verschaffte, eine wirkliche Kontrolle über ihre Regierungen auszuüben. Der Erfinder dieses Planes war Professor Gervinus aus Heidelberg (Baden). Die Emanzipation der preußischen Bourgeoisie sollte also das Signal sein für die Emanzipation der Bourgeoisie in ganz Deutschland und für den Abschluß eines Schutz- und Trotzbündnisses gegen Rußland wie gegen Österreich; denn Österreich wurde, wie wir gleich sehen werden, als ein ganz barbarisches Land betrachtet, über das man nur sehr wenig wußte, und dieses Wenige war nicht eben schmeichelhaft für seine Bewohner; Österreich galt daher nicht als wesentlicher Bestandteil Deutschlands.

Die anderen Gesellschaftsklassen in den kleineren Staaten traten, die einen schneller, die anderen langsamer, in die Fußstapfen ihrer Klassengenossen in Preußen. Die Kleinbürger wurden immer unzufriedener mit ihren Regierungen, mit dem Anwachsen der Steuerlast, mit der Beschränkung jener politischen Scheinrechte, mit denen sie so stolz taten, wenn sie sich mit den “Sklaven des Despotismus” in Österreich und Preußen verglichen; aber einstweilen fehlte ihrer Opposition noch jeder bestimmte Inhalt, der ihr das Gepräge einer sich von dem Konstitutionalismus der bürgerlichen Oberschicht unterschiedenen selbständigen Partei verleihen konnte. Auch in der Bauernschaft war die Unzufriedenheit im Ansteigen, aber bekanntlich bringt dieser Teil des Volkes in ruhigen, friedlichen Zeiten seine Interessen niemals zu Geltung und tritt niemals als selbständige Klasse auf, außer in Ländern, wo das allgemeine Wahlrecht besteht. Die Handwerker und Fabrikarbeiter in den Städten begannen, vom “Gift” des Sozialismus und Kommunismus verseucht zu werden; da es aber außerhalb Preußens nur wenige einigermaßen bedeutende Städte und noch weniger Fabrikbezirke gab, machte die Bewegung dieser Klasse infolge Mangels an Aktions- und Propagandazentren äußerst langsame Fortschritte in den kleineren Staaten.

Sowohl in Preußen wie in den kleineren Staaten erzeugten die Schwierigkeiten, die der Entfaltung einer politischen Opposition im Wege standen, eine Art religiöser Opposition in Gestalt der Parallelbewegungen des Deutschkatholizismus und der Freien Gemeinden. Die Geschichte liefert uns zahlreiche Beispiele, daß in Ländern, die sich der Segnungen einer Staatskirche erfreuen und in denen die politische Diskussion geknebelt ist, die gefährliche profane Opposition gegen die weltliche Macht sich unter der Maske eines höhere Weihe tragenden und anscheinend selbstloseren Kampfes gegen die Knechtung des Geistes verbirgt. So manche Regierung, die keinerlei Erörterung ihrer Handlungen duldet, wird sich gründlich überlegen, bevor sie Märtyrer schafft und den religiösen Fanatismus weckt. So galten 1845 in allen deutschen Staaten entweder die römisch-katholische oder die protestantische Religion oder beide als wesentlicher Bestandteil des im Lande herrschenden Rechts. Und ebenso bildete in allen diesen Staaten der Klerus der anerkannten Konfession oder Konfessionen einen wesentlichen Bestandteil des bürokratischen Regierungsapparats. Ein Angriff auf die protestantische oder katholische Orthodoxie, ein Angriff auf das Pfaffentum bedeutete also einen versteckten Angriff auf die Regierung selbst. Was die Deutschkatholiken anbelangt, so war schon ihre bloße Existenz ein Angriff auf die katholischen Regierungen in Deutschland, besonders auf die Österreichs und Bayerns; und so wurde es von diesen Regierungen auch aufgefaßt. Die Freigemeindler, protestantische Dissidenten, die eine gewisse Ähnlichkeit mit den englischen und amerikanischen Unitariern aufweisen, machten keinen Hehl aus ihrer Gegnerschaft gegen die klerikalen, streng orthodoxen Tendenzen des Königs von Preußen und seines Günstlings, des Kultusministers Eichhorn. Die beiden neuen Sekten, die vorübergehend rasche Verbreitung fanden, die eine in katholischen, die andere in protestantischen Gegenden, unterschieden sich nur durch ihren Ursprung; was ihre Lehren betrifft, so stimmten sie in dem wichtigsten Punkt überein: daß jede dogmatische Festlegung vom Übel sei. Dieser Mangel an Bestimmtheit bildete den Kern ihres Wesens; sie behaupteten, sie bauten jenen großen Tempel, unter dessen Dach sich alle Deutschen zusammenfinden könnten; sie repräsentierten also in religiöser Form eine andere politische Idee jener Tage, die Idee der deutschen Einheit, und konnten doch selbst nie untereinander einig werden.

Die Idee der deutschen Einheit, die die eben erwähnten Sekten wenigstens auf religiösem Gebiet zu verwirklichen suchten, indem sie eine gemeinsame Religion für alle Deutschen erfanden, die eigens auf ihre Bedürfnisse, ihre Gewohnheiten und ihren Geschmack zugeschnitten war – diese Idee war in der Tat weit verbreitet, besonders in den kleineren Staaten. Seitdem Napoleon den Zerfall des Deutschen Reiches herbeigeführt, war der Ruf nach Vereinigung all der disjecta membra Deutschlands der allgemeinste Ausdruck der Unzufriedenheit mit der bestehenden Ordnung gewesen, und zwar am meisten in den kleineren Staaten, wo der Aufwand für den Hof, die Staatsverwaltung, das Heer, kurz, das ganze tote Gewicht der Besteuerung in direktem Verhältnis zur Kleinheit und Ohnmacht des Staates wuchs. Wie diese deutsche Einheit aber in der Wirklichkeit aussehen sollte, das war eine Frage, über die die Meinungen der Parteien auseinandergingen. Die Bourgeoisie, die keine gefährlichen revolutionären Erschütterungen wünschte, wäre mit einer Lösung zufrieden gewesen, die sie, wie wir gesehen, für “praktikabel” hielt, nämlich mit einem Bund, der mit Ausnahme Österreichs ganz Deutschland umfaßte, unter der Vorherrschaft eines konstitutionell regierten Preußen; und sicher konnte man damals nicht mehr erreichen, ohne bedrohliche Stürme heraufzubeschwören. Das Kleinbürgertum und die Bauernschaft, soweit sich letztere überhaupt um dergleichen Dinge kümmerte, gelangten nie zu einer Definition jener deutschen Einheit, die sie so laut forderten; einige wenige Träumer, in ihrer Mehrzahl feudalistische Reaktionäre, erhofften die Wiedererrichtung des Deutschen Reiches; ein paar unwissende soi-disant Radikale, voller Bewunderung für die Einrichtungen der Schweiz, mit denen sie noch nicht jene praktische Bekanntschaft gemacht, die ihnen später so lächerlich die Augen öffnete, erklärten sich für die föderative Republik; und nur die extremste Partei wagte es damals, für die eine und unteilbare deutsche Republik einzutreten. So war die deutsche Einheit selbst eine Frage, die Uneinigkeit, Zwietracht und unter Umständen sogar Bürgerkrieg in ihrem Schoß barg.

Kurz zusammengefaßt war dies der Zustand Preußens und der kleineren deutschen Staaten zu Ende des Jahres 1847: Die Bourgeoisie, im Bewußtsein ihrer Kraft, war entschlossen, nicht länger die Fesseln zu tragen, mit denen ein feudaler und bürokratischer Despotismus ihre kommerziellen Geschäfte, ihre industrielle Leistungsfähigkeit, ihr gemeinsames Handeln als Klasse einengte; ein Teil der adligen Grundherren war so weit zu reinen Warenproduzenten geworden, daß sie die gleichen Interessen wie die Bourgeoisie hatten und mit ihr gemeinsame Sache machten; das Kleinbürgertum war unzufrieden, murrte über die Steuern, über die Hindernisse, die seiner gewerblichen Tätigkeit in den Weg gelegt wurden, hatte aber kein bestimmtes Reformprogramm, das seine Stellung in Staat und Gesellschaft zu sichern imstande war; die Bauernschaft war hier bedrückt durch feudale Lasten, durch Geldverleiher, Wucherer und Advokaten; das arbeitende Volk in den Städten, ebenfalls erfaßt von der allgemeinen Unzufriedenheit, haßte gleichermaßen die Regierung wie die großen industriellen Kapitalisten und war immer mehr durch sozialistische und kommunistische Ideen angesteckt; kurz eine heterogene oppositionelle Masse, getrieben von den verschiedensten Interessen, aber mehr oder minder unter Führung der Bourgeoisie, in deren vorderster Reihe wiederum die preußische Bourgeoisie, namentlich die der Rheinprovinz marschierte. Auf der anderen Seite Regierungen, die in vieler Hinsicht uneinig waren, voll Mißtrauen gegeneinander, besonders aber gegenüber Preußen, auf dessen Schutz sie doch angewiesen waren; in Preußen eine Regierung, aufgegeben von der öffentlichen Meinung, aufgegeben sogar von einem Teil des Adels, gestützt auf ein Heer und eine Bürokratie, die von Tag zu Tag mehr mit den Ideen der oppositionellen Bourgeoisie verseucht und von ihrem Einfluß erfaßt wurde – eine Regierung zu alledem, ohne einen Pfennig Geld im buchstäblichen Sinne des Wortes und nicht in der Lage, auch nur einen Groschen zur Deckung ihres wachsenden Defizits aufzutreiben ohne sich auf Gnade und Ungnade der oppositionellen Bourgeoisie auszuliefern. Wo hätte sich die Bourgeoisie jemals in einer glänzenderen Position befunden in ihrem Kampf um die Macht gegen die bestehende Regierung?

London, September 1851
IV. [Österreich]

Wir müssen uns jetzt mit Österreich befassen, jenem Land, das bis zum März 1848 für andere Völker fast ebensosehr ein Buch mit sieben Siegeln war wie China vor dem letzten Kriege mit England.

Natürlich können wir uns hier nur mit Deutschösterreich befassen. Die Angelegenheiten der Österreicher polnischen, ungarischen oder italienischen Ursprungs gehören nicht zu unserem Thema, und soweit sie seit 1848 das Schicksal der Deutschösterreicher beeinflußt haben, werden wir später darauf zu sprechen kommen müssen.

Die Regierung des Fürsten Metternich drehte sich um zwei Angelpunkte: erstens suchte sie jede einzelne der verschiedenen Nationen, die unter österreichischer Herrschaft standen, durch alle übrigen Nationen, die sich in der gleichen Lage befanden, in Schach zu halten; zweitens, und das war immer das Grundprinzip absoluter Monarchien, stützte sie sich auf zwei Klassen, die feudalen Grundherren und die Börsenfürsten; gleichzeitig aber spielte sie den Einfluß und die Macht dieser beiden Klassen so gegeneinander aus, daß die Regierung selbst volle Handlungsfreiheit behielt. Die adligen Grundherren, deren ganzes Einkommen aus den verschiedensten feudalen Revenuen bestand, konnte nicht umhin, eine Regierung zu unterstützen, die ihren einzigen Schutz gegen jene niedergetretene Klasse von Leibeigenen bildete, von deren Ausplünderung sie lebten; und wenn die weniger begüterten Adligen, wie 1846 in Galizien, sich einmal zur Opposition gegen die Regierung aufrafften, ließ Metternich sehr rasch ebendiese Leibeigenen gegen sie los, die auf jeden Fall die Gelegenheit benützten, um an ihren nächsten Unterdrückern furchtbare Rache zu üben. Die großkapitalistischen Börsenspekulanten waren ihrerseits durch die Riesenbeträge, die der Staat ihnen schuldete, an die Regierung Metternich gekettet. Österreich, das 1815 seine volle Macht wiedererlangte, das 1820 die absolute Monarchie in Italien wiederhergestellt hatte und seitdem aufrechterhielt, das sich durch den Bankrott von 1810 eines Teils seiner Verbindlichkeiten entledigt hatte, war nach Abschluß des Friedens auf den großen europäischen Geldmärkten sehr bald wieder kreditfähig geworden und hatte in dem Maße, wie sein Kredit stieg, neue Schulden aufgenommen. So hatten alle großen Geldmänner Europas erhebliche Teile ihres Kapitals in österreichischen Staatspapieren angelegt; sie waren daher alle an der Aufrechterhaltung des Kredits dieses Landes interessiert, und da die Aufrechterhaltung des österreichischen Staatskredits immer neue Anleihen erforderte, sahen sie sich gezwungen, von Zeit zu Zeit neues Kapital vorzustrecken, um das Vertrauen in jene Schuldverschreibungen aufrechtzuerhalten, für die sie bereits Geld vorgeschossen hatten. Der lange Frieden nach 1815 und die anscheinende Unmöglichkeit, ein tausend Jahre altes Reich wie Österreich umzustürzen, steigerten den Kredit der Metternich-Regierung in erstaunlichem Maße und machten sie sogar unabhängig von der Gunst der Wiener Bankiers und Börsenspekulanten; denn solange Metternich reichlich Geld in Frankfurt und Amsterdam bekommen konnte, hatte er natürlich die Genugtuung, die österreichischen Kapitalisten zu seinen Füßen zu sehen. Übrigens waren sie auch in jeder anderen Hinsicht in seiner Gewalt; die großen Profite, die Bankiers, Börsenspekulanten und Staatslieferanten immer aus einer absoluten Monarchie zu ziehen verstehen, wurden wettgemacht durch die fast unumschränkte Gewalt der Regierung über ihre Person und ihr Vermögen; daher war von dieser Seite auch nicht die leiseste Spur einer Opposition zu erwarten. So war Metternich der Unterstützung der beiden mächtigsten, einflußreichsten Klassen des Reiches sicher, und obendrein verfügte er über eine Armee und eine Bürokratie, wie sie für die Zwecke des Absolutismus nicht besser geeignet sein konnten. Die Beamten und Offiziere in österreichischen Diensten sind eine Gattung für sich; ihre Väter haben schon dem Kaiser gedient, und ihre Söhne werden dergleichen tun; sie gehören keiner der mannigfaltigen Nationen an, die unter den Fittichen des Doppeladlers versammelt sind; sie werden und wurden von jeher von einem Ende des Reiches ans andere versetzt, von Polen nach Italien, von Deutschland nach Transsylvanien; sie verachteten gleichermaßen jedes Individuum, ob Ungar, Pole, Deutscher, Rumäne, Italiener, Kroate, sie haben keine Nationalität, oder vielmehr: sie allein bilden die wirkliche österreichische Nation. Es ist klar, welch geschmeidiges und zur gleicher Zeit machtvolles Instrument eine solche zivile und militärische Hierarchie in den Händen eines intelligenten, energischen Staatsob erhaupts bilden mußte.

Was die übrigen Klassen der Bevölkerung betrifft, so kümmerte sich Metternich, ganz im Geiste eines Staatsmanns des ancien régime, wenig um ihre Unterstützung. Ihnen gegenüber kannte er nur eine Politik: soviel wie möglich in Form von Steuern aus ihnen herauszupressen und sie gleichzeitig ruhig zu halten. Die Handels- und Industriebourgeoisie entwickelte sich in Österreich nur langsam. Der Donauhandel war verhältnismäßig unbedeutend; das Land besaß nur einen Seehafen, Triest, und der Handel dieses Hafens war sehr beschränkt. Die Fabrikanten erfreuten sich weitgehenden Schutzes, der in den meisten Fällen bis zum völligen Ausschluß jeglicher ausländischen Konkurrenz ging; aber diese Vorzugsstellung war ihnen hauptsächlich im Hinblick auf die Steigerung ihrer Zahlungsfähigkeit beim Steueramt eingeräumt worden und wurde weitgehend aufgewogen durch Beschränkungen der Industrie im Innern, durch Privilegien der Zünfte und anderer feudaler Korporationen, die ängstlich aufrechterhalten wurden, solange sie nicht den Zwecken und Absichten der Regierung im Wege standen. Die kleinen Handwerker waren eingezwängt in die engen Schranken dieser mittelalterlichen Zünfte, die eine ewige Fehde zwischen den verschiedenen Gewerbezweigen um ihre Privilegien in Gange hielten und den Mitgliedern dieser Zwangsvereinigungen eine Art erblicher Stabilität verliehen, indem sie Angehörigen der Arbeiterklasse die Möglichkeit sozialen Aufstiegs fast völlig versperrten. Die Bauern und Arbeitern endlich wurden als bloße Steuerobjekte behandelt, und man kümmerte sich nur um sie, um sie möglichst an die Lebensbedingungen zu fesseln, unter denen sie existierten und unter denen bereits ihre Väter existiert hatten. Zu diesem Zweck wurde jede alt eingewurzelte Autorität in gleicher Weise hochgehalten wie die Autorität des Staates: die Autorität des Grundherren über den kleinen Pächter, des Fabrikanten über den Fabrikarbeiter, des kleinen Handwerksmeisters über den Gesellen und Lehrjungen, des Vaters über den Sohn wurde von der Regierung allenthalben strengstens gewahrt, und jede Art von Unbotmäßigkeit ebenso geahndet wie eine Gesetzesübertretung, mit dem Universalwerkzeug der österreichischen Justiz – dem Stock.

Schließlich, um alle diese Bemühungen zur Schaffung einer künstlichen Stabilität in ein allumfassendes System zu bringen, wurde die dem Volke erlaubte geistige Nahrung mit der peinlichsten Sorgfalt ausgewählt und ihm so spärlich wie möglich zugeteilt. Die Erziehung lag überall in den Händen der katholischen Geistlichkeit, deren Oberhäupter genauso wie die großen feudalen Grundherren an der Erhaltung des bestehenden Systems aufs stärkste interessiert waren. Die Universitäten waren so organisiert, daß sie nur Spezialisten hervorbringen konnten, die allenfalls auf einzelnen Sondergebieten der Wissenschaft sich hervortun mochten, daß sie aber auf keinen Fall jene freisinnige Allgemeinbildung vermitteln konnten, die man sonst von Universitäten erwartet. Zeitungen gab es überhaupt nicht, außer in Ungarn, und die ungarischen Blätter waren in allen anderen Teilen der Monarchie verboten. Was die Literatur im allgemeinen anbelangt, so hatte sich ihr Bereich im Laufe eines Jahrhunderts nicht erweitert; nach dem Tode Josephs II. wurden ihr sogar wieder engere Grenzen gesteckt. Und überall an der Grenze, wo immer die österreichischen Staaten an ein zivilisiertes Land stießen, war in Verbindung mit dem Kordon von Zollbeamten ein Kordon von Literaturzensoren errichtet, die kein ausländisches Buch, keine ausländische Zeitung nach Österreich hineinließen, bevor sein Inhalt nicht zwei- oder dreimal gründlich geprüft und völlig frei selbst von der leisesten Befleckung durch den verruchten Geist des Jahrhunderts befunden worden war.

Ungefähr dreißig Jahre lang, von 1815 an, wirkte dieses System mit erstaunlichem Erfolg. Österreich blieb für Europa beinah unbekannt, und ebensowenig kannte man Europa in Österreich. Der gesellschaftliche Stand der einzelnen Klassen der Bevölkerung und der Bevölkerung in ihrer Gesamtheit hatte scheinbar nicht die geringste Veränderung erfahren. Was auch an Feindseligkeit zwischen den Klassen vorhanden sein mochte – und das Vorhandensein dieser Feindseligkeit war eine der Hauptbedingungen des Metternichschen Systems, das sie sogar förderte, indem es die höheren Klassen als Werkzeug jeder drückenden staatlichen Maßnahme benutzte und so den Haß auf sie ablenkte -, wie sehr das Volk auch die unteren Staatsbeamten hassen mochte: mit der Zentralregierung war man alles in allem nicht unzufrieden. Der Kaiser wurde angebetet, und die Tatsachen schienen dem alten Franz I. recht zu geben, wenn er seine eigenen Zweifel an der Dauerhaftigkeit des Systems selbstgefällig einschränkte: “Immerhin, mich und den Metternich halt’s noch aus.”

Und doch ging unter der Oberfläche eine langsame Bewegung vor sich, die alle Bemühungen Metternichs zuschanden machte. Der Reichtum und Einfluß der Industrie- und Handelsbourgeoisie nahmen zu. Die Einführung von Maschinen und Dampfkraft in der Industrie wälzte in Österreich, wie überall, die alten Verhältnisse und Lebensbedingungen ganzer Gesellschaftsklassen vollständig um; sie befreite die Leibeigenen, sie verwandelte die Kleinbauern in Fabrikarbeiter; sie untergrub die alten feudalen Handwerkerzünfte und raubte vielen von ihnen jede Möglichkeit des Weiterbestehens. Die neue kommerzielle und industrielle Bevölkerung geriet überall in Widerspruch mit den alten feudalen Einrichtungen. Die Bourgeoisie wurde durch ihre Geschäfte immer häufiger zu Reisen ins Ausland veranlaßt und brachte von dort manch märchenhafte Kunde von zivilisierten Ländern mit, die jenseits der kaiserlichen Zollschranken lagen; und schließlich beschleunigte der Bau von Eisenbahnen die industrielle wie die geistige Entwicklung. Zudem gab es im österreichischen Staatsgefüge selbst einen gefährlichen Bestandteil: die ungarische Feudalverfassung mit ihren parlamentarischen Verhandlungen und ihren Kämpfen der verarmten, oppositionellen Masse des Adels gegen die Regierung und deren Verbündete, die Magnaten. Preßburg, der Sitz des Reichstags, lag dicht vor den Toren Wiens. Alle diese Elemente trugen dazu bei, in der städtischen Bourgeoisie einen Geist, wenn auch nicht gerade der Opposition – denn eine Opposition war noch nicht möglich -, so doch der Unzufriedenheit zu erzeugen, einen allgemeinen Wunsch nach Reformen mehr administrativer als konstitutioneller Art. Und genau wie in Preußen schloß sich ein Teil der Bürokratie der Bourgeoisie an. In dieser erblichen Beamtenkaste waren die Traditionen Josephs II. noch unvergessen; die gebildeteren Regierungsbeamten, die bisweilen selbst mit der Möglichkeit imaginärer Reformen kokettierten, gaben dem fortschrittlichen, aufgeklärten Despotismus jenes Kaisers entschieden den Vorzug vor dem “väterlichen” Despotismus Metternichs. Ein Teil des ärmeren Adels schlug sich gleichfalls auf die Seite der Bourgeoisie, und was die unteren Klassen der Bevölkerung anbetrifft, die immer reichlich Grund zur Unzufriedenheit mit den höheren Klassen, wo nicht mit der Regierung gehabt hatten, so konnten sie in den meisten Fällen nicht umhin, sich den Reformwünschen der Bourgeoisie anzuschließen.

Ungefähr um diese Zeit, um 1843 oder 1844, entfaltete sich in Deutschland ein besonderer Literaturzweig, der diesen Veränderungen entsprach. Einige österreichische Literaten, Romanschriftsteller, Literaturkritiker, schlechte Poeten, durchweg recht mäßig begabt, aber mit jener spezifischen Betriebsamkeit ausgestattet, die der jüdischen Rasse eigen ist, ließen sich in Leipzig und anderen deutschen Städten außerhalb Österreichs nieder und veröffentlichten hier, außer der Reichweite Metternichs, eine Anzahl Bücher und Flugschriften über österreichische Fragen. Sie und ihre Verlager machten damit ein reißendes Geschäft. Ganz Deutschland war begierig, in die Geheimnisse der Politik von Europäisch-China eingeweiht zu werden; und noch neugieriger waren die Österreicher selbst, die diese Veröffentlichungen auf dem Wege über den im großen betriebenen Schmuggel an der böhmischen Grenze erhielten. Natürlich waren die Geheimnisse, die in diesen Veröffentlichungen verraten wurden, nicht von großer Bedeutung, und die Reformpläne, die ihre wohlmeinenden Verfasser ausbrüteten, trugen den Stempel einer an politische Jungfräulichkeit grenzenden Harmlosigkeit. Eine Verfassung und Pressefreiheit für Österreich galten als unerreichbar; administrative Reformen, Erweiterungen der Rechte der Provinziallandtage, Zulassung ausländischer Bücher und Zeitungen und Milderungen der Zensur – weiter gingen die untertänigst ergebenen Wünsche dieser braven Österreicher kaum.

Auf jeden Fall trug das immer sinnlosere Unterfangen, den literarischen Verkehr Österreichs mit dem übrigen Deutschland, und durch Deutschland mit der übrigen Welt, zu verhindern, viel zur Bildung einer regierungsfeindlichen öffentlichen Meinung bei und machte einem Teil der Österreicher wenigstens etwas an politischer Information zugänglich. So wurde gegen Ende des Jahres 1847 Österreich wenn auch in geringerem Maße, von jener politischen und politisch-religiösen Agitation erfaßt, die damals in ganz Deutschland überhandnahm, und wenn sie sich in Österreich auch weniger geräuschvoll entwickelte, so fand sie doch genügend revolutionäre Elemente vor, auf die sie wirken konnte. Da war der Bauer, Leibeigener oder Zinsbauer, zu Boden gedrückt durch die Abgaben, die der Grundherr oder die Regierung aus ihm herauspreßte; dann der Fabrikarbeiter, den der Polizeistock zwang, sich zu jeglicher Bedingung abzurackern, die der Fabrikant festzusetzen beliebte; dann der Handwerksgeselle, dem die Zunftgesetze jede Aussicht versperrten, sich in seinem Gewerbe jemals selbständig zu machen; dann der Kaufmann, der in seinem Geschäft auf Schritt und Tritt über sinnlose Vorschriften stolperte; dann der Fabrikant, in stetem Konflikt mit den eifersüchtig über ihre Privilegien wachenden Handwerkerzünften oder mit gierigen Beamten, die in alles ihre Nase steckten; dann der Lehrer, der Gelehrte, der gebildetere Beamte, alle in vergeblichem Kampf mit einem unwissenden, anmaßenden Pfaffentum oder mit stupiden, herrschsüchtigen Vorgesetzten. Kurz, es gab keine einzige Klasse, die zufrieden gewesen wäre; denn die kleinen Zugeständnisse, zu denen sich die Regierung hin und wieder gezwungen sah, gingen nicht auf deren eigene Kosten – das wäre über die Kräfte der Staatskasse gegangen -, sondern auf Kosten des Hochadels und des Klerus; und was die großen Bankiers und Besitzer von Staatspapieren anbelangt, so waren die jüngsten Ereignisse in Italien, die wachsende Opposition des ungarischen Reichstags, der ungewohnte Geist der Unzufriedenheit und der Schrei nach Reformen, der im ganzen Reiche laut wurde, nicht dazu angetan, ihr Vertrauen in die Solidität und Zahlungsfähigkeit des österreichischen Kaiserreichs zu stärken.

So reifte auch in Österreich langsam, aber sicher ein gewaltiger Umschwung heran, als plötzlich in Frankreich ein Ereignis eintrat, das nunmehr den drohenden Sturm sogleich entfesselte und die Behauptung des alten Franz Lügen strafte, zu seinen und zu Metternichs Lebzeiten werde der Bau schon noch halten.

London, September 1851
V. [Der Wiener Märzaufstand]

Am 24.Februar 1848 wurde Louis-Philippe aus Paris verjagt und die französische Republik ausgerufen. Am folgenden 13.März brach das Volk von Wien die Macht des Fürsten Metternich und zwang ihn zu schimpflicher Flucht aus dem Lande. Am 18.März griff das Volk von Berlin zu den Waffen und erlebte nach einem erbitterten, achtzehnstündigen Kampf die Genugtuung, daß der König vor ihm kapitulierte. Um dieselbe Zeit kam es auch in den Hauptstädten der kleineren Staaten Deutschlands zu mehr oder minder heftigen Ausbrüchen, und zwar überall mit dem gleichen Ergebnis. Wenn das deutsche Volk seine erste Revolution auch nicht bis zum Ende durchgeführt hat, so hat es die revolutionäre Bahn doch wenigstens wirklich betreten.

Auf die Einzelheiten der verschiedenen Erhebungen können wir hier nicht eingehen; was wir klarzulegen haben, ist ihr Charakter und die Stellung, die die verschiedenen Klassen der Bevölkerung ihnen gegenüber einnahmen.

Die Revolution in Wien wurde von einer, man kann sagen, fast einmütigen Bevölkerung gemacht. Die Bourgeoisie – mit Ausnahme der Bankiers und der Börsenspekulanten -, das Kleinbürgertum, die gesamte Arbeiterschaft erhoben sich gleichzeitig wie ein Mann gegen die Regierung, die von allen verabscheut, eine Regierung, die so allgemein verhaßt war, daß die kleine Minderheit von Adligen und Geldfürsten, die sie unterstützt hatte, gleich beim ersten Ansturm von der Bildfläche verschwand. Die Bourgeoisie war von Metternich in einer derartigen politischen Unwissenheit gehalten worden, daß die Nachrichten aus Paris über die Herrschaft von Anarchie, Sozialismus und Terror und über bevorstehende Kämpfe der Kapitalistenklasse und der Arbeiterklasse völlig unverständlich für sie blieben. In ihrer politischen Unschuld vermochte sie aus diesen Nachrichten entweder überhaupt nicht schlau zu werden, oder hielten sie für teuflische Erfindungen Metternichs, um sie durch Angst zum Gehorsam zu bringen. Zudem hatte sie noch niemals gesehen, daß die Arbeiter als Klasse handelten oder sich für ihre eigenen, besonderen Klasseninteressen erhoben. Auf Grund ihrer bisherigen Erfahrungen konnte sie sich nicht vorstellen, daß es zwischen Klassen, die eben in so herzlicher Eintracht eine allen verhaßte Regierung gestürzt hatten, zu Differenzen kommen könnte. Sie sah, daß das arbeitende Volk mit ihr in allen Punkten einig war: in der Frage einer Verfassung, der Schwurgerichte, der Pressefreiheit usw. Sie war daher, zum mindestens im März 1848, mit Leib und Seele bei der Bewegung, und die Bewegung ihrerseits erhob die Bourgeoisie – wenigstens in der Theorie – sogleich zur herrschenden Klasse im Staate.

Aber es ist das Schicksal aller Revolutionen, daß dies Bündnis verschiedener Klassen, das bis zu einem gewissen Grade immer die notwendige Voraussetzung jeder Revolution ist, nicht von langer Dauer sein kann. Kaum ist der Sieg über den gemeinsamen Feind errungen, da beginnen die Sieger sich in verschiedene Lager zu scheiden und die Waffen gegeneinander zu kehren. Gerade die rasche, heftige Entwicklung des Klassenantagonismus macht in alten, komplizierten gesellschaftlichen Organismen die Revolution zu einer so mächtigen Triebkraft des sozialen und politischen Fortschritts; gerade das unaufhörliche, schnelle Emporschießen neuer Parteien, die nacheinander an der Macht sind, läßt eine Nation in Zeiten so heftiger Erschütterungen in fünf Jahren weiter vorankommen als unter normalen Verhältnissen in einem Jahrhundert.

Die Revolution in Wien machte die Bourgeoisie theoretisch zur herrschenden Klasse; das heißt, die der Regierung abgerungenen Zugeständnisse hätten, einmal in der Praxis angewandt und eine Zeitlang aufrecht erhalten, die Herrschaft der Bourgeoisie unbedingt sichergestellt. Aber in Wirklichkeit war die Herrschaft dieser Klasse keineswegs fest begründet. Durch die Schaffung einer Nationalgarde, die der Bourgeoisie und dem Kleinbürgertum Waffen in die Hand gab, erlangte diese Klasse zwar Macht und Einfluß; durch die Einsetzung eines “Sicherheitsausschusses”, einer Art revolutionärer, niemandem verantwortlicher Regierung, in der die Bourgeoisie das entscheidende Wort hatte, gelangte sie an die Spitze der Macht. Aber gleichzeitig wurde auch ein Teil der Arbeiter bewaffnet; sie und die Studenten hatten die Hauptlast des Kampfes getragen, soweit es einen Kampf überhaupt gegeben hatte; und die Studenten, an die 4000 Mann stark, gut bewaffnet und weit besser diszipliniert als die Nationalgarde, bildeten den Kern, die eigentliche Stärke der revolutionären Streitmacht, und sie waren keineswegs gewillt, bloß Werkzeug in den Händen des Sicherheitsauschusses zu sein. Wenn sie ihn auch anerkannten, ja sogar seine begeisterten Verteidiger waren, so stellten sie doch eine Art selbständiger, ziemlich turbulenter Truppe dar, die in der “Aula” ihre eigenen Beratungen abhielt, eine Mittelstellung zwischen der Bourgeoisie und der Arbeiterklasse einnahm, durch ständige Unruhe dafür sorgte, daß die Dinge nicht wieder in den alten, gemächlichen Trott des Alltags zurückfielen und oftmals dem Sicherheitsausschuß ihre Beschlüsse aufzwang. Die Arbeiter wiederum, die fast sämtlich Lohn und Brot verloren hatten, mußten auf Staatskosten mit öffentlichen Arbeiten beschäftigt werden, und die Mittel für diesen Zweck hatte natürlich der Geldbeutel der Steuerzahler oder die Kasse der Stadt Wien aufzubringen. Das alles mußte für die Wiener Geschäftsleute recht unangenehm werden. Die Fabrikanten der Stadt, auf den Bedarf der reichen aristokratischen Hofhaltungen eines großen Landes berechnet, waren durch die Revolution, infolge der Flucht der Aristokratie und des Hofes, naturgemäß völlig lahmgelegt; der Handel lag darnieder, und die Unruhe, die Erregung, die von den Studenten und Arbeitern unausgesetzt geschürt wurde, war gewiß nicht das geeignete Mittel, um “das Vertrauen wiederherzustellen”, wie die Redensart lautete. So entwickelte sich sehr bald ein ziemlich kühles Verhältnis zwischen der Bourgeoisie auf der einen, den turbulenten Studenten und Arbeitern auf der anderen Seite; und wenn diese Kühle sich längere Zeit nicht zu offener Feindschaft auswuchs, so nur darum, weil das Ministerium, und namentlich der Hof, in ihrer Ungeduld, die alten Zustände wiederherzustellen, immer wieder den Argwohn und die stürmische Regsamkeit der entschiedeneren revolutionären Gruppen rechtfertigten und sogar vor den Augen der Bourgeoisie immer wieder das Schreckgespenst des alten Metternichschen Despotismus heraufbeschworen. So kam es am 15. und dann wieder am 26.Mai zu neuen Erhebungen aller Klassen in Wien, weil die Regierung versucht hatte, einige der neuerrungenen Freiheiten anzutasten oder zu untergraben, und bei jeder dieser Gelegenheiten wurde das Bündnis zwischen der Nationalgarde – d.h. der bewaffneten Bourgeoisie -, den Studenten und den Arbeitern nochmals für einige Zeit gefestigt.

Was die anderen Klassen der Bevölkerung anbelangt, so waren die Aristokratie und die großen Geldleute verschwunden, und die Bauernschaft war allenthalben emsig am Werke, den Feudalismus mit Haut und Haaren auszurotten. Mit Rücksicht auf den Krieg in Italien und auf die Sorgen, die Wien und Ungarn dem Hofe bereiteten, ließ man die Bauern frei gewähren, und daher gelang ihnen das Werk ihrer Befreiung in Österreich besser als in irgendeinem anderen Teil Deutschlands. Der österreichische Reichstag brauchte kurz darauf nur die Schritte zu bestätigen, die die Bauernschaft praktisch unternommen, und was die Regierung des Fürsten Schwarzenberg sonst auch wiederherzustellen imstande sein mag, so wird es doch niemals in ihrer Macht stehen, die feudale Knechtschaft der Bauern wieder einzuführen. Und wenn Österreich augenblicklich wieder verhältnismäßig ruhig, sogar stark ist, so hauptsächlich deshalb, weil die große Mehrheit des Volkes, die Bauern, durch die Revolution wirklich etwas gewonnen hat und weil, was immer die wiederhergestellte Regierung auch sonst beseitigt hat, diese handgreiflichen materiellen Vorteile die die Bauern errangen, bisher unangetastet geblieben sind.

London, Oktober 1851
VI. [Der Berliner Aufstand]

Der zweite Brennpunkt der revolutionären Bewegung war Berlin. Und nach dem, was wir aus unseren früheren Artikeln dargelegt haben, wird es nicht überraschen, daß diese Bewegung dort keinesfalls jene einmütige Unterstützung fast aller Klassen fand, von der sie in Wien begleitet war. In Preußen war die Bourgeoisie bereits in wirkliche Kämpfe mit der Regierung verwickelt gewesen; das Ergebnis des “Vereinigten Landtage” war ein offener Bruch, eine Bourgeoisierevolution war im Anzug, und diese Revolution hätte, wenigstens zu Anfang, genauso einmütig sein können wie die in Wien, wenn es nicht die Pariser Februarrevolution gegeben hätte. Dieses Ereignis überstürzte die ganze Entwicklung, obwohl es sich unter einem völlig anderen Banner vollzog als jenes, unter dem die preußische Bourgeoisie sich zur Kampfansage an ihre Regierung anschickte. Durch die Februarrevolution wurde in Frankreich gerade die Regierungsform vernichtet, die die preußische Bourgeoisie in ihrem eigenen Lande eben errichten wollte. Die Februarrevolution kündigte sich an als eine Revolution der Arbeiterklasse gegen die Bourgeoisie; sie proklamierte den Sturz der bürgerlichen Regierung und die Emanzipation des Arbeiters. Nun hatte aber die preußische Bourgeoisie in letzter Zeit gerade genug an Unruhen der Arbeiterklasse im eigenen Lande gehabt. Nachdem der erste Schreck über die schlesischen Unruhen überstanden war, hatte sie sogar versucht, diese Bewegung in eine Richtung zu lenken, die ihr selbst zum Vorteil war; aber ein heilsamer Schrecken vor dem revolutionären Sozialismus und Kommunismus war ihr geblieben; und als sie daher an der Spitze der Regierung in Paris Männer sah, die sie als die gefährlichsten Feinde von Eigentum, Ordnung, Religion, Familie und der sonstigen Penaten des modernen Bourgeois betrachtete, kühlte sich ihre eigene revolutionäre Glut sofort erheblich ab. Sie wußte, daß es den Augenblick zu nutzen galt und daß sie ohne die Unterstützung der Arbeitermassen unterliegen werde; und dennoch ließ ihr Mut sie im Stich. Deshalb stellte sie sich bei den ersten vereinzelten Erhebungen in der Provinz auf seiten der Regierung, bemühte sich, das Volk in Berlin ruhig zu halten, das sich fünf Tage lang in dichten Massen vor dem königlichen Schlosse drängte, um die Neuigkeiten zu erörtern und Änderungen in der Regierung zu verlangen; und als der König schließlich, auf die Nachricht vom Sturze Metternichs hin, einige geringe Zugeständnisse machte, betrachtete die Bourgeoisie die Revolution für beendet und beeilte sich, Seiner Majestät für die Erfüllung aller Wünsche seines Volkes zu danken. Aber dann folgte der Angriff des Militärs auf die Menge, die Barrikaden, der Kampf und die Niederlage des Königtums. Jetzt bekam alles ein anderes Gesicht. Gerade die Arbeiterklasse, die die Bourgeoisie im Hintergrunde zu halten bestrebt gewesen, war in den Vordergrund gedrängt worden, sie hatte gekämpft und gesiegt und gelangte mit einem Schlag zum Bewußtsein der eigenen Kraft. Beschränkungen des Wahlrechts, der Pressefreiheit, des Rechts, Geschworener zu sein, des Versammlungsrechts – Beschränkungen, die der Bourgeoisie sehr angenehm gewesen wären, weil sie nur solche Klassen betrafen, die unter ihr standen – waren jetzt nicht länger möglich. Es drohte die Gefahr einer Wiederholung der Pariser Szenen der “Anarchie”. Angesichts dieser Gefahr verschwanden alle früheren Zwistigkeiten. Dem siegreichen Arbeiter gegenüber, mochte er auch noch gar keine eigenen Forderungen aufgestellt haben, verbanden sich die Freunde mit ihren langjährigen Feinden, und das Bündnis zwischen der Bourgeoisie und den Anhängern des gestürzten Systems wurde noch auf den Barrikaden von Berlin geschlossen. Die notwendigen Zugeständnisse, aber nicht mehr als unvermeidlich, sollten gemacht, ein Ministerium aus den Führern der Opposition im Vereinigten Landtag gebildet werden, und zum Dank für seine Verdienste um die Rettung der Krone sollte ihm der Beistand aller Stützen des alten Regimes, des Feudaladels, der Bürokratie, des Heeres zuteil werden. Das waren die Bedingungen, unter denen die Herren Camphausen und Hansemann die Kabinettsbildung übernahmen.

So groß war die Furcht der neuen Minister vor den erregten Massen, daß in ihren Augen jedes Mittel recht war, wenn es nur dahin zielte, die erschütterten Grundlagen der Autorität zu festigen. Diese armen, betrogenen Wichte glaubten, jede Gefahr einer Wiederaufrichtung des alten Systems sei vorüber, und daher setzten sie den ganzen alten Staatsapparat in Bewegung, um die “Ordnung” wiederherzustellen. Nicht ein einziger Bürokrat oder Offizier wurde entlassen, nicht die leiseste Änderung im alten bürokratischen Verwaltungssystem vorgenommen. Diese trefflichen konstitutionellen verantwortlichen Minister setzten sogar jene Beamten wieder in ihre Stellen ein, die das Volk in der ersten Hitze des revolutionären Eifers wegen früherer bürokratisch anmaßender Handlungen davongejagt. Nichts wurde in Preußen geändert außer der Person der Minister; selbst der Beamtenstab der verschiedenen Ministerien blieb unangetastet, und der ganzen Meute der konstitutionellen Postenjäger, die den Chor der frischgebackenen Staatslenker gebildet und auf ihren Anteil an Macht und Würden gerechnet, wurde bedeutet zu warten, bis die Wiederherstellung gefestigter Zustände Veränderungen im Beamtenpersonal gestatte, die im Augenblick nicht ungefährlich seien.

Der König, der nach dem Aufstand vom 18. März völlig zusammengebrochen war, kam sehr bald dahinter, daß er für diese “liberalen” Minister ebenso notwendig war wie sie für ihn. Der Thron war von dem Aufstand verschont geblieben; der Thron verblieb als einzige Schranke gegen die “Anarchie”; die liberale Bourgeoisie und ihre Führer, die jetzt in der Regierung saßen, hatten daher alle Ursache, das beste Einvernehmen mit der Krone zu wahren. Der König und seine nächste Umgebung, die reaktionäre Kamarilla, hatten das bald entdeckt und nutzten diesen Umstand, um das Vorgehen des Ministeriums selbst bei jenen winzigen Reformen zu hemmen, zu denen es zeitweise einen Anlauf nahm.

Die erste Sorge des Ministeriums ging dahin, den jüngsten, gewaltsam erzwungenen Veränderungen eine Art gesetzlichen Anstrichs zu geben. Ohne Rücksicht auf den Widerspruch im ganzen Volke wurde der Vereinigte Landtag einberufen, um als das gesetz- und verfassungsmäßige Organ des Volkes ein neues Wahlgesetz für die Wahl einer Versammlung zu beschließen, die mit der Krone eine neue Verfassung vereinbaren sollte. Die Wahlen sollten indirekt sein, dergestalt, daß die Masse der Wähler eine Anzahl Wahlmänner wählte, die dann ihrerseits die Abgeordneten zu wählen hätten. Trotz aller Opposition fand dies indirekte Wahlsystem Annahme. Der Vereinigte Landtag wurde dann um eine Anleihe von fünfundzwanzig Millionen Taler angegangen, die gegen den Widerspruch der Volkspartei gleichfalls bewilligt wurde.

Dank diesem Vorgehen des Ministeriums nahm die Volkspartei, oder wie sie sich jetzt nannte, die demokratische Partei, einen außerordentlich raschen Aufschwung. Diese Partei, die unter der Führung der Klasse der Handwerker und Kleinhändler stand und zu Beginn der Revolution auch die große Mehrheit der Arbeiter um ihr Banner scharte, forderte das allgemeine und direkte Wahlrecht nach französischem Muster, eine einzige gesetzgebende Versammlung und völlige, offene Anerkennung der Revolution vom 18. März als Grundlage des neuen Regierungssystems. Ihr gemäßigter Flügel wollte sich mit einer auf diese Weise “demokratisierten” Monarchie zufriedengeben, der fortgeschrittenere forderte als Endziel die Errichtung der Republik. Beide waren sich darin einig, daß sie die Deutsche Nationalversammlung in Frankfurt als höchste Gewalt des Landes anerkannten, während die Konstitutionalisten und Reaktionäre vor der Souveränität dieser Körperschaft, die sie als eine durch und durch revolutionäre hinstellten, einen heftigen Abscheu zur Schau trugen.

Die selbständige Bewegung der Arbeiterklasse hatte durch die Revolution eine zeitweise Unterbrechung erfahren. Die unmittelbaren Bedürfnisse und Umstände der Bewegung gestatteten es nicht, auch nur eine der besonderen Forderungen der proletarischen Partei in den Vordergrund zu stellen. In der Tat, solange der Boden für ein selbständiges Vorgehen der Arbeiter nicht geebnet, solange das allgemeine, direkte Wahlrecht nicht eingeführt war, solange noch die 36 größeren und kleineren Staaten bestanden, durch die Deutschland in zahllose Gebietsfetzen zerrissen wurde – was blieb da der proletarischen Partei anders übrig, als die für sie hochwichtige Bewegung in Paris aufmerksam zu verfolgen und gemeinsam mit dem Kleinbürgertum um jene Rechte zu kämpfen, die ihr später ermöglichen würden, ihre eigene Schlacht zu schlagen?

Es gab somit nur drei Punkte, in denen sich die proletarische Partei in ihrem politischen Auftreten von der Partei der Kleinbürger oder, richtiger ausgedrückt, von der sogenannten demokratischen Partei wesentlich unterschied: erstens, die verschiedene Beurteilung der Vorgänge in Frankreich, insofern nämlich die Demokraten die Partei der äußersten Linken in Paris angriffen, während die proletarischen Revolutionäre sie verteidigten; zweitens, das Eintreten für die Notwendigkeit der Errichtung der einen, unteilbaren deutschen Republik, während selbst die Allerradikalsten unter den Demokraten nur nach einer föderativen Republik zu seufzen wagten; und drittens, jene bei jeder Gelegenheit bewiesene revolutionäre Kühnheit und Aktionsbereitschaft, die einer vom Kleinbürgertum geführten und hauptsächlich aus Kleinbürgern zusammengesetzten Partei immer fehlen wird.

Der proletarischen, der wirklich revolutionären Partei gelang es nur sehr allmählich, die Masse der Arbeiter dem Einfluß der Demokraten zu entziehen, deren Anhängsel sie zu Beginn der Revolution bildeten. Aber die Unentschlossenheit, Schwäche und Feigheit der demokratischen Führer taten zu gegebener Zeit das ihrige, und man kann heute sagen: eines der wichtigsten Ergebnisse der Erschütterungen der letzten Jahre besteht darin, daß sich die Arbeiterklasse überall, wo sie in einigermaßen beträchtlichen Massen konzentriert ist, völlig von jenem demokratischen Einfluß freigemacht hat, der sie in den Jahren 1848 und 1849 zu einer endlosen Reihe von Fehlern und Mißgeschicken geführt hat. Doch wir greifen besser nicht vor; die Ereignisse dieser beiden Jahre werden uns reichlich Gelegenheit geben, die demokratischen Herrschaften am Werke zu sehen.

Die Bauernschaft hatte in Preußen, genau wie in Österreich – nur weniger energisch, da hier der Feudalismus alles in allem nicht ganz so schwer auf ihr lastete -, die Revolution dazu benutzt, sich mit einem Schlage aller feudalen Fesseln zu entledigen. Hier aber wandte sich die Bourgeoisie, aus den oben angeführten Gründen, sofort gegen die Bauernschaft, ihren ältesten, unentbehrlichsten Verbündeten. Die Demokraten, denen die sogenannten Angriffe auf das Privateigentum den gleichen Schrecken einjagten wie der Bourgeoisie, ließen sie ebenfalls im Stich; so kam es, daß nach einer Emanzipation von drei Monaten, nach blutigen Kämpfen und militärischen Exekutionen, insbesondere in Schlesien, der Feudalismus durch die gestern noch antifeudale Bourgeoisie wiederhergestellt wurde. Damit hat sie sich selbst aufs schärfste verurteilt. Niemals im Lauf der Geschichte hat eine Partei an ihrem besten Bundesgenossen, ja an sich selbst, einen solchen Verrat verübt, und was dieser Bourgeosiepartei an erniedrigenden Demütigungen noch bevorstehen mag, sie hat sie schon durch diese eine Tat vollauf verdient.

London, Oktober 1851
VII. [Die Frankfurter Nationalversammlung]

Wie unseren Lesern vielleicht noch erinnerlich ist, haben wir in den sechs bisherigen Artikeln die revolutionäre Bewegung in Deutschland bis zu den zwei großen Siegen verfolgt, die das Volk am 13. März in Wien und am 18. März in Berlin davon trug. Wir haben gesehen, daß in Österreich wie in Preußen konstitutionelle Regierungen errichtet und daß liberale, d.h. bourgeoise Grundsätze als Richtschnur der ganzen künftigen Politik verkündet wurden; und der einzige merkliche Unterschied zwischen den beiden großen Brennpunkten der Bewegung bestand darin, daß in Preußen die liberale Bourgeoisie in Person zweier reicher Kaufleute, der Herren Camphausen und Hansemann, unmittelbar die Zügel der Macht ergriff, während in Österreich, wo die Bourgeoisie politisch weit weniger geschult war, die liberale Bürokratie in die Ämter einzog und beteuerte, die Macht als Treuhänder der Bourgeoisie auszuüben. Wir haben weiter gesehen, wie die Parteien und Gesellschaftsklassen, die bis dahin durch die Opposition gegen das alte Regime alle geeint gewesen, sich nach dem Siege oder sogar noch während des Kampfes entzweiten und wie dieselbe liberale Bourgeoisie, die allein aus dem Sieg Nutzen zog, sofort gegen ihre Verbündeten von gestern Front machte, eine feindliche Haltung gegen jede weiter fortgeschrittene Klasse oder Partei einnahm und mit den besiegten feudalen und bürokratischen Mächten ein Bündnis schloß. In der Tat war schon bei Beginn des revolutionären Dramas deutlich erkennbar, daß die liberale Bourgeoisie sich gegen die besiegten, aber nicht vernichteten feudalen und bürokratischen Parteien nur behaupten konnte, wenn sie sich auf die im Volk wurzelnden radikaleren Parteien stützte, und daß sie gegen den Ansturm dieser fortgeschritteneren Massen gleichermaßen auf die Unterstützung des Feudaladels und der Bürokratie angewiesen war. Daraus ergab sich deutlich genug, daß die Bourgeoisie in Österreich und Preußen nicht genügend Kraft besaß, um sich an der Macht zu halten und die Staatseinrichtungen entsprechend ihren Bedürfnissen und Auffassungen umzugestalten. Das liberale Bourgeoisieministerium war nur eine Zwischenstation, von dem aus das Land, je nach der Wendung, die die Dinge nehmen würden, entweder zu der höheren Stufe der einheitlichen Republik vorwärtsschreiten oder in das alte klerikal-feudale und bürokratische Regime zurückfallen mußte. Auf alle Fälle war die eigentliche Entscheidungsschlacht erst noch zu schlagen; die Märzereignisse hatten den Kampf nur eingeleitet.

Da Österreich und Preußen die beiden führenden deutschen Staaten waren, wäre jeder entscheidende revolutionäre Sieg in Wien oder Berlin für ganz Deutschland von entscheidender Bedeutung gewesen. Und soweit die Ereignisse des März 1848 in diesen beiden Städten gediehen, waren sie für den Verlauf der Dinge in ganz Deutschland entscheidend. Man brauchte daher auf die Vorgänge, die sich in den kleineren Staaten abspielten, gar nicht einzugehen, und wir könnten uns sehr wohl ausschließlich auf die Betrachtung der österreichischen und preußischen Angelegenheiten beschränken, wenn das Vorhandensein dieser kleineren Staaten nicht der Anlaß zur Bildung einer Körperschaft gewesen wäre, die durch die bloße Tatsache ihres Bestehens der schlagendste Beweis für die anomale Lage in Deutschland und für die Unvollständigkeit der jüngsten Revolution war – einer Körperschaft, so abnorm, so lächerlich schon durch die Stellung, die sie einnahm, und dabei so erfüllt von ihrer eigenen Wichtigkeit, daß die Geschichte höchstwahrscheinlich nie ein Gegenstück dazu liefern wird. Diese Körperschaft war die sogenannte Deutsche Nationalversammlung in Frankfurt am Main.

Nach den Siegen des Volkes in Wien und Berlin verstand es sich von selbst, daß eine Repräsentativversammlung für ganz Deutschland zusammentreten müsse. Diese Körperschaft wurde also gewählt und trat in Frankfurt neben dem alten Bundestag zusammen. Von der Deutschen Nationalversammlung erwartete das Volk, sie werde alle strittigen Fragen lösen und als höchste gesetzgebende Gewalt des ganzen Deutschen Bundes tätig sein. Dabei hatte aber der Bundestag, der sie einberufen, ihre Befugnisse in keiner Weise festgelegt. Niemand wußte, ob ihre Beschlüsse Gesetzeskraft haben oder der Bestätigung durch den Bundestag und die einzelnen Regierungen unterliegen sollten. In dieser verworrenen Lage hätte die Versammlung, wenn sie auch nur einen Funken von Energie besessen, den Bundestag – die bei weitem unpopulärste Körperschaft in Deutschland – ohne weiteres auflösen, nach Hause schicken und durch eine aus ihrer eigenen Mitte gewählten Regierung ersetzen müssen. Sie hätte sich zum einzig gesetzlichen Ausdruck des souveränen Willens des deutschen Volkes erklären und damit jedem ihrer Beschlüsse Gesetzeskraft verleihen müssen. Sie hätte sich vor allem eine organisierte bewaffnete Macht im Lande verschaffen müssen, stark genug, um jeden Widerstand seitens der Regierungen zu brechen. Und das alles war leicht, sehr leicht in jenem Anfangsstadium der Revolution. Aber das hieß viel zuviel erwarten von einer Versammlung, die sich in ihrer Mehrheit aus liberalen Advokaten und doktrinären Professoren zusammensetzte, einer Versammlung, die zwar den Anspruch erhob, die Blüte des deutschen Geistes und deutscher Wissenschaft zu verkörpern, die aber in Wirklichkeit nichts anderes war als die Bühne, auf der alte, längst überlebte politische Figuren ihre unfreiwillige Lächerlichkeit und ihre Impotenz im Denken wie im Handeln vor den Augen ganz Deutschlands zur Schau stellten. Diese Versammlung alter Weiber hatte vom ersten Tag ihres Bestehens mehr Angst vor der geringsten Volksbewegung als vor sämtlichen reaktionären Komplotten sämtlicher deutscher Regierungen zusammengenommen. Sie hielt ihre Beratungen unter den Augen des Bundestages ab, ja, sie bettelte förmlich um die Bestätigung ihrer Beschlüsse durch den Bundestag, denn ihre ersten Beschlüsse mußten durch diese verhaßte Körperschaft verkündet werden. Statt ihre eigene Souveränität zu behaupten, ging sie der Erörterung derart gefährlicher Fragen geflissentlich aus dem Wege. Statt sich mit einer Volkswehr zu umgeben, ging sie über alle gewalttätigen Übergriffe der Regierungen hinweg zur Tagesordnung über. Mainz wurde vor ihrer Nase in Belagerungszustand versetzt und die Bevölkerung der Stadt entwaffnet, aber die Nationalversammlung rührte sich nicht. Später wählte sie den Erzherzog Johann von Österreich zum deutschen Reichsverweser und erklärte, alle ihre Beschlüsse sollten Gesetzeskraft haben; dann aber wurde der Erzherzog Johann in seine neue Würde erst eingesetzt, nachdem die Zustimmung aller Regierungen eingeholt worden war, und die Einsetzung erfolgte nicht durch die Nationalversammlung, sondern durch den Bundestag; und was die Gesetzeskraft der von der Versammlung gefaßten Beschlüsse betrifft, so wurde dieser Punkt von den größeren Regierungen niemals anerkannt und von der Nationalversammlung selbst nie nachdrücklich geltend gemacht; er blieb daher in der Schwebe. So erlebten wir das seltsame Schauspiel einer Versammlung, die den Anspruch erhob, die einzig gesetzliche Vertretung einer großen souveränen Nation zu sein, die aber gleichwohl nie den Willen oder die Kraft besaß, die Anerkennung ihrer Ansprüche zu erzwingen. Die Debatten dieser Körperschaft blieben ohne das geringste Ergebnis; sie waren nicht einmal von theoretischem Wert, da sie nur die abgedroschensten Gemeinplätze veralteter philosophischer und juristischer Schulen wiederkäuten; es gab keinen Satz, der in dieser Versammlung gesprochen oder vielmehr hergestammelt wurde, der nicht unendlich oft und tausendmal besser längst gedruckt gewesen.

So beließ die vorgeblich neue deutsche Zentralgewalt alles beim alten. Weit davon entfernt, die lang ersehnte deutsche Einheit herbeizuführen, entthronte sie nicht einmal die allerunbedeutendsten Fürsten, die Deutschland beherrschten; sie unternahm nichts, um ein festeres einigendes Band zwischen den einzelnen Ländern zu knüpfen; sie rührte keinen Finger, um die Zollschranken niederzureißen, die Hannover von Preußen und Preußen von Österreich trennten; sie machte nicht einmal den leisesten Versuch, die lästigen Gebühren abzuschaffen, die allenthalben in Preußen die Binnenschiffahrt behindern. Aber je weniger die Versammlung leistete, desto voller nahm sie den Mund. Sie schuf eine deutsche Flotte – auf dem Papier; sie annektierte Polen und Schleswig; sie ließ Deutschösterreich gegen Italien Krieg führen, während sie den Italienern verbot, den Österreichern in ihre sicheren Schlupfwinkel in Deutschland zu folgen; sie ließ die Französische Republik hoch- und nochmals hochleben und empfing Abgesandte aus Ungarn, die sicher mit weit verworreneren Vorstellungen über Deutschland heimkehrten, als sie bei ihrer Ankunft gehabt.

Diese Versammlung war zu Beginn der Revolution das Schreckgespenst aller deutschen Regierungen gewesen. Sie hatten mit ausgesprochen diktatorischem, revolutionärem Vorgehen der Versammlung gerechnet – gerade wegen der großen Unbestimmtheit, in der man die Befugnisse hatte belassen müssen. Die Regierungen spannen daher ein weitreichendes Netz von Intrigen, um den Einfluß dieser gefürchteten Körperschaft zu schwächen; es stellte sich jedoch heraus, daß sie mehr Glück als Verstand hatten, denn die Nationalversammlung besorgte die Geschäfte der Regierungen besser, als sie sie selbst hätten besorgen können. Zu den Intrigen gehörte vor allem die Einberufung lokaler gesetzgebender Versammlungen, und so beriefen denn nicht nur die kleineren Staaten Parlamente ein, sondern auch Österreich und Preußen ließen verfassunggebende Versammlungen zusammentreten. Wie im Frankfurter Abgeordnetenhaus hatten auch in diesen die liberale Bourgeoisie oder die mit ihr im Bunde stehenden liberalen Advokaten und Bürokraten die Mehrheit, und die Dinge nahmen überall so ziemlich die gleiche Wendung – mit dem einzigen Unterschied, daß die Deutsche Nationalversammlung das Parlament eines imaginären Landes war, da sie die Aufgabe, deren Erfüllung doch ihre erste Lebensbedingung war, nämlich die Schaffung eines geeinten Deutschlands, von sich gewiesen hatte, und daß sie die imaginären Maßnahmen einer von ihr selbst geschaffenen imaginären Regierung diskutierte, die nie verwirklicht werden sollten, und imaginäre Beschlüsse faßte, um die sich kein Mensch kümmerte. In Österreich und Preußen dagegen waren die konstituierenden Körperschaften wenigstens wirkliche Parlamente, die wirkliche Regierungen stürzten und einsetzten und mindestens eine Zeitlang den Fürsten, mit denen Sie im Kampfe lagen, ihre Beschlüsse aufzwangen. Auch sie waren feige, und es fehlte ihnen der Weitblick für revolutionäre Beschlüsse; auch sie verrieten das Volk und legten die Macht wieder zurück in die Hände des feudalen, bürokratischen und militärischen Despotismus. Aber sie waren dabei wenigstens gezwungen, praktische Fragen von unmittelbarem Interesse zu erörtern und auf der Erde zu leben mit den anderen Menschen, während die Frankfurter Schwätzer niemals glücklicher waren, als wenn sie “im Luftreich des Traums” umherschwirren konnten. Daher bildeten die Verhandlungen der Wiener und Berliner verfassunggebenden Versammlungen einen wichtigen Abschnitt der deutschen Revolutionsgeschichte, während die gequälten Ergüsse des Frankfurter Narrenkollegiums nur für Sammler literarischer und antiquarischer Kuriositäten Interesse bieten.

Das deutsche Volk, tief durchdrungen von der Notwendigkeit, mit der schädlichen territorialen Zerrissenheit aufzuräumen, die die Gesamtkraft der Nation zersplitterte und wirkungslos machte, erwartete von der Frankfurter Nationalversammlung eine Zeitlang wenigstens den Anbruch einer neuen Ära. Aber das kindische Gebaren dieser Gesellschaft von Neunmalweisen kühlte die Begeisterung der Nation rasch ab. Die schmachvollen Vorgänge anläßlich des Waffenstillstandes von Malmö (September 1848) führten zu einem Entrüstungssturm des Volkes gegen eine Körperschaft, von der man erhofft hatte, sie werde der Nation freies Feld für ihre Betätigung schaffen, und die statt dessen, getrieben von einer Feigheit ohnegleichen, nur die Grundlagen, auf denen das jetzige konterrevolutionäre System sich erhebt, in alter Festigkeit wiederhergestellt hat.

London, Januar 1852
VIII. [Polen, Tschechen und Deutsche]

Aus den Darlegungen in den bisherigen Artikeln ist bereits klar ersichtlich, daß es in Deutschland, wenn der Revolution vom März 1848 nicht eine neue folgte, unvermeidlich wieder zu den alten Zustände kommen mußte. Die geschichtliche Erscheinung, auf die wir einiges Licht zu werfen versuchen, ist jedoch so komplizierter Natur, daß die späteren Ereignisse ohne Berücksichtigung dessen, was man die auswärtigen Beziehungen der deutschen Revolution nennen kann, nicht vollständig verständlich sind. Und diese auswärtigen Beziehungen waren ebenso verwickelter Natur wie die inneren Angelegenheiten.

Die ganze östliche Hälfte Deutschlands bis zur Elbe, zur Saale und zum Böhmerwald ist bekanntlich im Verlauf der letzten tausend Jahre den slawischen Stämmen, die dort eingedrungen waren, wieder abgerungen wurden. Der größere Teil dieser Gebiete wurde so gründlich germanisiert, daß die slawische Nationalität und Sprache dort seit mehreren Jahrhunderten völlig verschwunden sind; und wenn man von einigen ganz isolierten Resten absieht, die alles in allem nicht einmal hunderttausend Seelen umfassen (Kassuben in Pommern, Wenden oder Sorben in der Lausitz), so sind ihre Bewohner in jeder Beziehung Deutsche. Anders verhält es sich aber längs der ganzen Grenze des ehemaligen Polens und in den Ländern tschechischen Sprache, in Böhmen und Mähren. Hier sind die beiden Nationalitäten in jedem Bezirk gemischt, wobei die Städte in der Regel mehr oder weniger deutsch sind; auf dem platten Lande herrschen die slawischen Elemente vor, aber auch dort wird es infolge des ständigen Vordringens des deutschen Einflusses allmählich zersetzt und zurückgedrängt.

Dieser Stand der Dinge findet in folgendem seine Erklärung. Seit der Zeit Karls des Großen haben sich die Deutschen mit der größten Ausdauer und Beharrlichkeit um die Eroberung, Kolonisation oder zum mindestens Zivilisierung des östlichen Europas bemüht. Die Eroberungen des Feudaladels zwischen Elbe und Oder und die feudalen Kolonien der kriegerischen Ritterorden in Preußen und Livland legten nur das Fundament für ein weit umfassenderes, wirksameres System der Germanisierung durch das kommerzielle und industrielle Bürgertum, das in Deutschland wie im übrigen Westeuropa seit dem 15. Jahrhundert zu sozialer und politischer Bedeutung aufstieg. Die Slawen, namentlich die Westslawen (Polen und Tschechen), sind im wesentlichen ein Volk von Ackerbauern; Handel und Industrie standen bei ihnen niemals in besonderem Ansehen. Daraus ergab sich, daß mit dem Anwachsen der Bevölkerung und dem Entstehen von Städten in diesen Gegenden die Herstellung aller Industrieartikel in die Hände deutscher Einwanderer fiel und daß der Austausch dieser Waren gegen landwirtschaftliche Erzeugnisse das ausschließliche Monopol der Juden wurde, die, wenn sie überhaupt zu einer Nationalität gehören, in diesen Ländern sicher eher Deutsche als Slawen sind. Das war, wenn auch in geringerem Grade, im ganzen Osten Europas der Fall. Der Handwerker, der kleine Krämer, der kleine Fabrikant ist in Petersburg, in Budapest, in Jassy und selbst in Konstantinopel bis auf den heutigen Tag ein Deutscher, während der Geldverleiher, der Schankwirt, der Hausierer – eine sehr wichtige Persönlichkeit in jenen dünn bevölkerten Gebieten – in den allermeisten Fällen ein Jude ist, dessen Muttersprache ein schauderhaft verdorbenes Deutsch ist. Die Bedeutung des deutschen Elementes in den slawischen Grenzgebieten, die mit dem Wachstum der Städte, des Handels und der Industrie zunahm, steigerte sich noch, als es sich zeigte, daß fast alles, was zur geistigen Kultur gehört, aus Deutschland eingeführt werden mußte; nach dem deutschen Kaufmann und Handwerker begann der deutsche Geistliche, der deutsche Schulmeister, der deutsche Gelehrte sich auf slawischen Boden niederzulassen. Schließlich kamen der eherne Schritt erobernder Armeen und der behutsame wohlüberlegte Griff der Diplomatie nicht immer nach der langsamen, aber sicher fortschreitenden Entnationalisierung, die die soziale Entwicklung mit sich brachte, sondern sie gingen ihr oftmals voraus. So wurden große Teile von Westpreußen und Posen seit der ersten Teilung Polens germanisiert, indem man Land aus Staatsdomänen an deutsche Kolonisten verkaufte oder verlieh, deutsche Kapitalisten bei der Errichtung von Fabriken usw. in jenen Landstrichen unterstützte und sehr oft auch äußerst despotische Maßnahmen gegen die polnischen Bewohner des Landes ergriff.

Auf diese Weise hat sich die Grenzlinie zwischen der deutschen und der polnischen Nationalität in den letzten siebzig Jahren völlig verschoben. Da mit der Revolution von 1848 die unterdrückten Nationen sofort den Anspruch auf selbständige Existenz und auf das Recht erhoben, ihre eigenen Angelegenheiten selbst zu regeln, war es ganz natürlich, daß die Polen ohne weiteres die Wiederherstellung ihres Staates innerhalb der Grenzen der alten polnischen Republik vor 1772 forderten. Zwar war diese Grenze als Trennungslinie zwischen der deutschen und polnischen Nationalität schon zu jener Zeit überholt und entsprach ihr mit fortschreitender Germanisierung von Jahr zu Jahr immer weniger; aber nun hatten die Deutschen eine solche Begeisterung für die Wiederherstellung Polens an den Tag gelegt, daß sie erwarten mußten, man werde als ersten Beweis für die Echtheit ihrer Sympathien den Verzicht auf ihren Anteil an der Beute verlangen. Andererseits mußte man sich fragen, sollten ganze Landstriche, hauptsächlich von Deutschen bewohnt, sollten große, völlig deutsche Städte einem Volk überlassen werden, das bisher noch nicht bewiesen hatte, daß es fähig sei, sich über einen auf bäuerlicher Leibeigenschaft beruhenden Feudalzustand hinaus zu entwickeln? Die Frage war verwickelt genug. Die einzig mögliche Lösung lag in einem Kriege mit Rußland. Dadurch wäre die Frage der Abgrenzung zwischen den verschiedenen revolutionierten Nationen untereinander zu einer sekundären geworden gegenüber der Aufgabe, erst eine gesicherte Grenze gegen den gemeinsamen Feind zu schaffen. Hätten die Polen ausgedehnte Gebiete im Osten erhalten, so hätten sie über den Westen eher ein vernünftiges Wort mit sich reden lassen, und Riga und Mitau wären ihnen schließlich ebenso wichtig erschienen wie Danzig und Elbing. Die radikale Partei in Deutschland, die einen Krieg mit Rußland im Interesse der Bewegung auf dem Kontinent für notwendig hielt und glaubte, daß die nationale Wiederherstellung auch nur eines Teils von Polen unbedingt zu einem solchen Krieg führen würde, unterstützte daher die Polen; die regierende liberale Bourgeoisiepartei dagegen sah klar voraus, daß ein nationaler Krieg gegen Rußland zu ihrem Sturze führen mußte, da er Männer von größerer Tatkraft und Entschlossenheit ans Ruder bringen würde, heuchelte deshalb Enthusiasmus für die Erweiterung des Bereichs der deutschen Nation und erklärte Preußisch-Polen, den Hauptsitz der polnischen revolutionären Bewegung, zum integrierenden Bestandteil des kommenden deutschen Reiches. Die den Polen in der Erregung der ersten Tage gegebenen Versprechungen wurden schmählich gebrochen. Die mit Zustimmung der Regierung aufgestellten polnischen Streitkräfte wurden zerstreut und durch preußische Artillerie niederkartätscht, und bereits im April 1848, binnen sechs Wochen nach der Revolution in Berlin, war die polnische Bewegung niedergeschlagen und die alte nationale Feindschaft zwischen Polen und Deutschen zu neuem Leben erweckt. Dieser ungeheure, unschätzbare Dienst wurde dem russischen Selbstherrscher von den liberalen Kaufleuten auf dem Ministersessel, Camphausen und Hansemann, erwiesen. Dazu kommt noch, daß diese Polenkampagne der erste Schritt war, um jene preußische Armee zu reorganisieren und ihr das Selbstvertrauen wiederzugeben, die später die liberale Partei zum Teufel jagte und die Bewegung zu Boden schlug, an deren Zustandekommen die Herren Camphausen und Hansemann so viel Mühe gewendet. “Womit sie gesündigt, damit sollen sie geplagt werden.” Das war das Schicksal aller Emporkömmlinge von 1848 und 1849, von Ledru-Rollin bis Chargarnier und von Camphausen bis hinunter zu Haynau.

Die Nationalitätenfrage rief noch einen weiteren Kampf in Böhmen hervor. Dieses Land, bewohnt von zwei Millionen Deutschen und drei Millionen Slawen tschechischer Zunge, schaute auf große historische Ereignisse zurück, die fast alle mit der früheren Vorherrschaft der Tschechen zusammenhingen. Seit den Hussitenkriegen im fünfzehnten Jahrhundert ist aber die Kraft dieses Zweiges der slawischen Völkerfamilie gebrochen. Die Gebiete tschechischer Sprache waren auseinandergerissen, ein Teil bildete das Königreich Böhmen, ein anderes das Fürstentum Mähren; ein dritter, das karpatische Bergland der Slowaken, gehörte zu Ungarn. Die Mähren und Slowaken hatten längst jede Spur nationalen Empfindens und nationaler Lebenskraft verloren, obgleich sie ihre Sprache größtenteils bewahrten. In Böhmen selbst hatte das deutsche Element große Fortschritte gemacht; sogar in der Hauptstadt, in Prag, hielten sich die beiden Nationalitäten so ziemlich die Waage, und allenthalben befanden sich Kapital, Handel, Industrie und geistige Kultur in den Händen der Deutschen. Der Hauptkämpe der tschechischen Nationalität, Professor Palacký, ist selbst nur ein übergeschnappter deutscher Gelehrter, der bis auf den heutigen Tag die tschechische Sprache nicht korrekt und ohne fremden Akzent sprechen kann. Aber wie das häufig der Fall ist, machte die im Absterben begriffene tschechische Nationalität – im Absterben nach allen bekannten Tatsachen ihrer Geschichte in den letzten vierhundert Jahren – 1848 eine letzte Anstrengung, ihre frühere Lebenskraft wiederzuerlangen, eine Anstrengung, deren Scheitern, unabhängig von allen revolutionären Erwägungen, beweisen sollte, daß Böhmen künftig nur mehr als Bestandteils Deutschlands existieren könne, wenn auch ein Teil seiner Bewohner noch auf Jahrhunderte hinaus fortfahren mag, eine nichtdeutsche Sprache zu sprechen.

London, Februar 1852
IX. [Der Panslawismus – Der Krieg in Schleswig-Holstein]

Böhmen und Kroatien (ein anderes losgerissenes Glied der slawischen Völkerfamilie, mit dem die Ungarn so zu Werke gingen wie die Deutschen mit Böhmen) waren die Heimat jener Erscheinung, die man auf dem europäischen Kontinent “Panslawismus” nennt. Weder Böhmen noch Kroatien waren stark genug, um als Nation eine selbständige Existenz führen zu können. Die eine wie die andere Nationalität, nach und nach durch die Wirkung geschichtlicher Ursachen untergraben, die unvermeidlich zu ihrer Aufsaugung durch kraftvollere Stämme führen, konnte nur dann hoffen, wieder eine gewisse Selbständigkeit zu erlangen, wenn sie sich mit andern slawischen Völkern verband. Es gab zweiundzwanzig Millionen Polen, fünfundvierzig Millionen Russen, acht Millionen Serben und Bulgaren; warum also nicht eine mächtige Konföderation aus den achtzig Millionen Slawen bilden und die Eindringlinge vom heiligen slawischen Boden vertreiben oder sie vernichten – den Türken, den Ungarn und vor allem den verhaßten, aber unentbehrlichen “Njemez”, den Deutschen? So wurde in den Studierstuben einer Handvoll slawischer Dilettanten der Geschichtswissenschaft jene lächerliche, antihistorische Bewegung aufgezogen, eine Bewegung, die sich kein geringeres Ziel setzte als die Unterjochung des zivilisierten Westens durch den barbarischen Osten, der Stadt durch das flache Land, des Handels, der Industrie und des Geisteslebens durch den primitiven Ackerbau slawischer Leibeigener. Aber hinter dieser lächerlichen Theorie stand die furchtbare Wirklichkeit des russischen Reiches, jenes Reiches, das mit jedem seiner Schritte den Anspruch erhebt, ganz Europa als Domäne der slawischen Rasse, insbesondere des einzig kraftvollen Teils dieser Rasse, der Russen, zu betrachten; jenes Reiche, das trotz zweier Hauptstädte wie Petersburg und Moskau solange nicht seinen Schwerpunkt gefunden hat, bis nicht die “Stadt des Zaren” (Konstantinopel, auf russisch Zarigrad – Zarenstadt), die jedem russischen Bauern als seine wahre religiöse und nationale Hauptstadt gilt, tatsächlich die Residenz seines Kaisers geworden ist; jenes Reiches, das bei jedem Krieg, den es im Lauf der letzten 150 Jahre begonnen, nie Gebiet verloren, sondern immer gewonnen hat. Und man weiß in Mitteleuropa recht gut, durch welche Intrigen die russische Politik das neu in Mode gekommene System des Panslawismus gefördert, ein System, wie es passender für seine Zwecke gar nicht erfunden werden konnte. Die böhmischen und kroatischen Panslawisten arbeiteten also im direkten Interesse Rußlands, die einen bewußt, die andern, ohne es zu wissen; sie verrieten die Sache der Revolution für den Schemen eine Nationalität, die bestenfalls das Schicksal der polnischen Nationalität unter russischer Herrschaft geteilt hätte. Zur Ehre der Polen muß indessen gesagt werden, das sie niemals ernstlich in die panslawistische Falle gingen, und wenn einige wenige Aristokraten wütende Panslawisten wurden, so wußten sie, daß sie unter dem russischen Joch weniger zu verlieren hatten als durch eine Revolte ihrer eigenen hörigen Bauern.

Die Böhmen und Kroaten riefen nun einen allgemeinen Slawenkongreß nach Prag zur Vorbereitung einer allumfassenden slawischen Allianz. Dieser Kongreß hätte auch ohne das Eingreifen des österreichischen Militärs einen entschiedenen Mißerfolg erlitten. Die einzelnen slawischen Sprachen unterscheiden sich voneinander ebenso stark wie das Englische, das Deutsche und das Schwedische, und als die Versammlungen eröffnet wurden, fehlte es an einer gemeinsamen slawischen Sprache, in der die Redner sich verständigen konnten. Man versuchte es mit dem Französischen, aber die Mehrzahl kam damit nicht zurecht, und so waren die armen slawischen Enthusiasten, deren einziges gemeinsames Empfinden der gemeinsame Haß gegen die Deutschen war, schließlich gezwungen, sich der verhaßten deutschen Sprache zu bedienen, weil sie die einzige war, die alle verstanden! Gerade damals versammelte sich aber in Prag noch ein anderer Slawenkongreß in der Gestalt galizischer Ulanen, kroatischer und slowakischer Grenadiere, böhmischer Kanoniere und Kürassiere, und dieser reale, bewaffnete slawische Kongreß unter dem Kommando von Windischgrätz jagte in weniger als vierundzwanzig Stunden die Begründer einer imaginären slawischen Oberherrschaft zur Stadt hinaus und zerstreute sie in alle Winde.

Die böhmischen, dalmatinischen und ein Teil der polnischen Abgeordneten (die Aristokratie) im österreichischen verfassunggebenden Reichstag führten in dieser Versammlung einen systematischen Kampf gegen das deutsche Element. Die Deutschen und ein Teil der Polen (der verarmte Adel) waren in der Versammlung die Hauptvertreter des revolutionären Fortschritts; die Masse der slawischen Abgeordneten, die gegen sie auftraten, begnügten sich jedoch nicht damit, auf diese Weise die reaktionäre Tendenz ihrer ganzen Bewegung zu zeigen, sondern waren tief genug gesunken, um mit der gleichen österreichischen Regierung, die ihre Versammlung in Prag auseinanderjagte, zu intrigieren und zu konspirieren. Auch sie erhielten für dieses schmähliche Verhalten ihren Lohn; nachdem sie sich während des Oktoberaufstandes 1848, der ihnen schließlich die Mehrheit im Reichstag verschaffte, auf die Seite der Regierung gestellt, wurde der nunmehr fast ausschließlich slawische Reichstag ebenso durch österreichische Soldaten auseinandergetrieben wie der Prager Kongreß, und den Panslawisten wurde mit dem Kerker gedroht, falls sie sich nochmals rühren sollten. Und sie haben nur das eine erreicht, das die slawische Nationalität jetzt überall durch österreichische Zentralisation untergraben wird, ein Ergebnis, das sie ihrem eigenen Fanatismus und ihrer eigenen Blindheit zu danken haben.

Wären die Grenzen zwischen Ungarn und Deutschland irgendwie problematisch gewesen, so wäre bestimmt auch dort ein Streit entstanden. Aber zum Glück gab es dazu keinen Vorwand, und da die Interessen der beiden Nationen eng miteinander verknüpft waren, kämpften sie gegen die gleichen Feinde, nämlich die österreichische Regierung und den panslawistischen Fanatismus. Ihr gutes Einvernehmen wurde nicht einen Augenblick getrübt. Dagegen verwickelte die Revolution in Italien wenigstens einen Teil Deutschlands in einen für beide Seiten mörderischen Krieg, und als Beweis dafür, wie weit es dem Metternichschen System gelungen war, die Entwicklung des politischen Denkens allgemein hintanzuhalten, muß hier festgestellt werden, daß im Verlauf der ersten sechs Monate des Jahres 1848 die gleichen Männer, die in Wien auf die Barrikaden gestiegen, voll Begeisterung zu der Armee eilten, die gegen die italienischen Patrioten kämpfte. Diese bedauerliche Ideenverwirrung war indessen nicht von langer Dauer.

Endlich gab es noch den Krieg mit Dänemark wegen Schleswig und Holstein. Diese Länder, der Nationalität, Sprache und Neigung nach unzweifelhaft deutsch, sind auch aus militärischen, maritimen und kommerziellen Gründen für Deutschland notwendig. Ihre Bewohner haben während der letzten drei Jahre einen harten Kampf gegen das Eindringen der Dänen geführt. Überdies war nach den Staatsverträgen das Recht auf ihrer Seite. Die Märzrevolution brachte sie in offene Kollision mit den Dänen, und Deutschland unterstützte sie. Aber während in Polen, in Italien, in Böhmen und später in Ungarn die militärischen Operationen mit dem größten Nachdruck betrieben wurden, ließ man die Truppen in diesem Kriege, dem einzigen, der populär, dem einzigen, der wenigstens zum Teil revolutionär war, geflissentlich hin und her marschieren und nahm die Einmischung auswärtiger Diplomatie hin, was nach manchem heldenmütigen Gefecht zu einem höchst kläglichen Ende führte. Die deutschen Regierungen übten an der schleswig-holsteinischen revolutionären Armee bei jeder Gelegenheit Verrat und ließen sie, wenn sie verstreut oder geteilt war, absichtlich von den Dänen zersprengen. Mit den deutschen Freiwilligenkorps verfuhr man in gleicher Weise.

Aber während so der deutsche Name auf allen Seiten nichts als Haß erntete, rieben sich die deutschen konstitutionellen und liberalen Regierungen vergnügt die Hände. Es war ihnen gelungen, die Bewegung in Polen und Böhmen niederzuwerfen. Überall hatten sie die alten nationalen Gegensätze zu neuem Leben erweckt, die solange einem guten Einvernehmen und gemeinsamen Vorgehen von Deutschen, Polen und Italienern im Wege gestanden. Sie hatten das Volk an Bürgerkrieg und militärische Unterdrückung gewöhnt. Die preußische Armee hatte in Polen, die österreichische in Prag ihr Selbstvertrauen wiedergefunden; und während die von Patriotismus überströmende revolutionäre, aber kurzsichtige Jugend (die “patriotische Überkraft”, wie Heine sie nannte) nach Schleswig und in die Lombardei gelenkt wurde, damit sie unter den Kartätschen des Feindes verblutete, gab man der regulären Armee, dem wirklichen Werkzeug in der Hand sowohl Preußens wie auch Österreichs, durch Siege über das Ausland Gelegenheit sich bei der Öffentlichkeit wieder in Gunst zu setzten. Wir wiederholen jedoch: Kaum hatten diese Armeen, von den Liberalen neu gestärkt, um gegen die fortgeschrittenere Partei eingesetzt zu werden, ihr Selbstvertrauen und ihre Disziplin einigermaßen wiedererlangt, da wendeten sie sich gegen die Liberalen und verhalfen den Männern des alten Systems wieder zu Macht. Als Radetzky in seinem Lager jenseits der Etsch die ersten Befehle der “verantwortlichen Minister” in Wien erhielt, rief er aus: “Wer sind diese Minister? Sie sind nicht die österreichische Regierung. Österreich existiert jetzt nur mehr in meinem Lager; ich und meine Armee, wir sind Österreich; wenn wir erst die Italiener geschlagen haben, werden wir das Reich für den Kaiser zurückerobern!” Und der alte Radetzky hatte recht -nur die schwachköpfigen “verantwortlichen” Minister in Wien achteten nicht auf ihn.

London, Februar 1852
X. [Der Pariser Aufstand -Die Frankfurter Nationalversammlung]

Schon Anfang April 1848 war die revolutionäre Flut auf dem ganzen europäischen Kontinent eingedämmt durch das Bündnis, das jene Gesellschaftsklassen, die aus den ersten Siegen Nutzen gezogen, sofort mit den Besiegten eingingen. In Frankreich hatte sich das Kleinbürgertum und der republikanische Teil der Bourgeoisie mit der monarchistischen Bourgeoisie gegen das Proletariat zusammengetan; in Deutschland und Italien hatte die siegreiche Bourgeoisie eifrig für die Unterstützung des Feudaladels, der staatlichen Bürokratie und der Armee gegen die Masse des Volkes und der Kleinbürger geworben. Gar bald bekamen die vereinigten konservativen und konterrevolutionären Parteien wieder Oberwasser. In England gestaltete sich eine zur Unzeit abgehaltene, schlecht vorbereitete Volkskundgebung (10.April) zu einer vollständigen und entscheidenden Niederlage der Bewegungspartei. In Frankreich wurden zwei ähnliche Bewegungen (am 16.April und am 15.Mai) gleichfalls niedergeschlagen. In Italien erlangte König Bomba am 15.Mai mit einem einzigen Schlage wieder die alte Macht. In Deutschland festigten sich die verschiedenen neuen Bourgeoisieregierungen und ihre konstituierenden Versammlungen, und wenn der ereignisreiche 15.Mai in Wien zu einem Sieg des Volkes führte, so war das ein Geschehnis von bloß untergeordneter Bedeutung, das als das letzte erfolgreiche Aufflackern der Volksenergie betrachtet werden kann. In Ungarn schien die Bewegung in das ruhige Fahrwasser völliger Gesetzlichkeit einzulenken, und die polnische Bewegung wurde, wie wir in unserem letzten Artikel gesehen, durch preußische Bajonette im Keime erstickt. Aber noch war die Wendung, die die Dinge schließlich nehmen sollten, in keiner Weise entschieden, und jeder Zollbreit Boden, den die revolutionären Parteien in den verschiedenen Ländern verloren, war für sie nur ein Ansporn, ihre Reihen immer enger zu schließen zum entscheidenden Kampf.

Der entscheidende Kampf rückte näher. Er konnte nur in Frankreich ausgefochten werden; denn solange England an dem revolutionären Ringen nicht teilnahm und Deutschland zersplittert blieb, war Frankreich dank seiner nationalen Unabhängigkeit, seiner Zivilisation und Zentralisierung das einzige Land, das den Ländern ringsum den Anstoß zu einer gewaltigen Erschütterung geben konnte. Als daher am 23.Juni 1848 das blutige Ringen in Paris begann, als jedes neue Telegramm, jede neue Post vor den Augen Europas immer klarer die Tatsache enthüllte, daß dieser Kampf zwischen der Masse des arbeitenden Volkes einerseits und allen übrigen, von der Armee unterstützen Klassen der Pariser Bevölkerung andererseits, geführt wurde, als sich der Kampf mehrere Tage hinzog, mit einer Erbitterung, die in der Geschichte des modernen Bürgerkrieges ohnegleichen ist, jedoch ohne erkennbaren Vorteil für die eine oder die andere Seite – da war jedermann klar, daß dies die große Entscheidungsschlacht war, die, wenn der Aufstand siegte, den ganzen Kontinent mit erneuten Revolutionen überfluten, wenn er aber unterlag, zum mindestens vorübergehend zur Wiederaufrichtung des konterrevolutionären Regimes führen mußte.

Die Proletarier von Paris wurden geschlagen, dezimiert, zerschmettert, dermaßen, daß sie sich von dem Schlag bis heute noch nicht wieder erholt haben. Und sofort erhoben in ganz Europa die neuen und alten Konservativen und Konterrevolutionäre das Haupt mit einer Frechheit, die zeigte, wie gut sie die Bedeutung der Ereignisse verstanden. Überall fiel man über die Presse her, das Vereins- und Versammlungsrecht wurde geschmälert, jeder unbedeutende Vorfall in irgendeiner kleinen Provinzstadt zum Vorwand genommen, das Volk zu entwaffnen, den Belagerungszustand zu verhängen, die Truppen in den neuen Manövern und Kunstgriffen zu drillen, die Cavaignac gelehrt. Zudem war zum erstenmal seit dem Februar beweisen, daß es ein Irrtum war, eine Volkserhebung in einer großen Stadt für unbesiegbar zu halten; die Ehre der Armee war wiederhergestellt; die Truppen, die bisher in jedem Straßenkampf von Bedeutung den kürzeren gezogen, gewannen wieder Zuversicht, auch dieser Art des Kampfes gewachsen zu sein.

Vor dieser Niederlage der ouvriers von Paris an kann man die ersten entschiedenen Schritte und bestimmten Pläne der alten feudal-bürokratischen Partei in Deutschland datieren, sich sogar ihres augenblicklichen Verbündeten, der Bourgeoisie zu entledigen und in Deutschland wieder den Zustand herzustellen, in dem es sich vor den Märzereignissen befand. Die Armee war wieder die entscheidende Macht im Staate, und die Armee gehörte nicht der Bourgeoisie, sondern eben jener Partei. Selbst in Preußen, wo vor 1848 bei einem Teil der Offiziere der unteren Rangstufen eine beträchtliche Neigung für ein konstitutionelles Regime beobachtet worden war, führte die durch die Revolution in die Armee hineingetragene Unordnung diese räsonierenden jungen Leute zu strammer Unterordnung zurück; sobald sich der einfache Soldat ein wenig Freiheit gegenüber den Offizieren herausnahm, schwand bei ihnen sofort jeder Zweifel an der Notwendigkeit von Disziplin und stummen Gehorsam. Die besiegten Adligen und Bürokraten begannen jetzt zu erkennen, welchen Weg sie einschlagen mußten; die Armee, stärker geeint denn je, mit gehobenem Selbstgefühl infolge des Sieges über kleinere Aufstände und in Kriegen mit anderen Ländern, eifersüchtig auf den großen Erfolg, den das französische Militär soeben errungen – diese Armee brauchte man nur ständig in kleine Konflikte mit dem Volke zu bringen, und sie konnte, war nur der entscheidende Augenblick erst einmal gekommen, mit einem großen Schlage die Revolutionäre zermalmen und mit den Anmaßungen der bürgerlichen Parlamentarier Schluß machen. Und der geeignete Augenblick für einen solchen Schlag kam bald genug.

Wir übergehen die zuweilen merkwürdigen, meist aber langweiligen parlamentarischen Verhandlungen und lokalen Kämpfe, die in Deutschland die verschiedenen Parteien während des Sommers beschäftigten. Es genüge zu sagen, daß die Verfechter der Interessen der Bourgeoisie, trotz zahlreicher parlamentarischer Triumphe, von denen nicht ein einziger zu irgendeinem praktischen Ergebnis führte, im allgemeinen fühlten, daß ihre Stellung zwischen den extremen Parteien von Tag zu Tag unhaltbarer wurde und daß sie sich daher gezwungen sahen, heute ein Bündnis mit den Reaktionären zu suchen und morgen um die Gunst der beim Volke beliebteren Parteien zu buhlen. Dieses ständige Schwanken gab ihrem Ansehen in der öffentlichen Meinung vollends den Rest, und bei der Wendung, die die Dinge nahmen, kam die Verachtung, der sie verfielen, für den Augenblick hauptsächlich den Bürokraten und den Anhängern des Feudalismus zugute.

Zu Beginn des Herbstes war die Stellung der verschiedenen Parteien zueinander so gereizt und kritisch geworden, daß eine Entscheidungsschlacht nicht mehr zu vermeiden war. Das erste Treffen in diesem Krieg zwischen den demokratischen und revolutionären Massen und der Armee fand in Frankfurt statt. Obwohl nur von untergeordneter Bedeutung, brachte es doch den Truppen den ersten bemerkenswerten Vorteil gegenüber den Aufständischen und hatte eine große moralische Wirkung. Der von der Frankfurter Nationalversammlung eingesetzten Scheinregierung war von Preußen aus sehr durchsichtigen Gründen erlaubt worden, einen Waffenstillstand mit Dänemark zu schließen, der nicht nur die Deutschen in Schleswig der dänischen Rache preisgab, sondern auch die mehr oder weniger revolutionären Grundsätze, die bei dem dänischen Krieg nach allgemeiner Ansicht eine maßgebende Rolle spielten, völlig verleugnete. Dieser Waffenstillstand wurde von der Frankfurter Versammlung mit einer Mehrheit von zwei oder drei Stimmen abgelehnt. Die Abstimmung hatte eine Scheinkrise des Ministeriums zur Folge, aber drei Tage später kam die Versammlung auf ihren Beschluß zurück und ließ sich tatsächlich dazu bringen, ihn umzustoßen und den Waffenstillstand zu billigen. Dieses schmachvolle Verhalten erregte im Volk Empörung. Barrikaden wurden errichtet, aber es waren bereits genügend Truppen nach Frankfurt beordert worden, und nach sechsstündigem Kampf war die Erhebung niedergeschlagen. Im Zusammenhang mit diesem Ereignis fanden in anderen Teilen Deutschlands (Baden, Köln) ähnliche, wenn auch weniger bedeutende Bewegungen statt, die aber gleichfalls niedergeschlagen wurden.

Dieses Vorgefecht brachte der konterrevolutionären Partei den einen großen Vorteil, daß jetzt die einzige Regierung, die – wenigstens dem Anschein nach – ausschließlich aus Volkswahlen hervorgegangen war, die Reichsregierung zu Frankfurt, ebenso wie die Nationalversammlung, in den Augen des Volkes erledigt war. Diese Regierung und diese Versammlung waren gezwungen gewesen, gegenüber der Kundgebung des Volkswillens an die Bajonette der Truppen zu appellieren. Sie waren kompromittiert, und so gering das Ansehen auch war, auf das sie bisher Anspruch erheben konnten, diese Verleugnung ihres Ursprungs, diese Abhängigkeit von den volksfeindlichen Regierungen und deren Truppen machten fortan den Reichsverweser, seine Minister und seine Abgeordneten vollends zu Nullen. Wir werden bald sehen, wie zuerst Österreich, dann Preußen und schließlich auch die kleineren Staaten jede Verfügung, jedes Ansuchen, jede Abordnung dieser Gesellschaft impotenter Träumer, die bei ihnen vorsprach, mit Verachtung behandelten.

Wir kommen jetzt zu dem großen Gegenstück der französischen Junischlacht in Deutschland, jenem Ereignis, das für Deutschland ebenso entscheiden war, wie der Kampf des Pariser Proletariats es für Frankreich gewesen: Wir meinen die revolutionäre Erhebung und darauffolgende Erstürmung Wiens im Oktober 1848. Dieser Kampf ist aber von solcher Bedeutung und die Erklärung der verschiedenen Umstände, die für seinen Ausgang in erster Linie mitbestimmend waren, wird soviel Raum der “Tribune” in Anspruch nehmen, daß wir genötigt sind, sie in einem besonderen Brief zu behandeln.

London, Februar 1852
XI. [Der Wiener Oktoberaufstand]

Wir kommen jetzt zu jenen entscheidenden Ereignissen, die in Deutschland das revolutionäre Gegenstück zum Pariser Juniaufstand bilden und mit einem Schlag entscheidend zugunsten der konterrevolutionären Partei in die Waagschale fielen – zum Wiener Auftand vom Oktober 1848.

Wir haben gesehen, welche Stellung die verschiedenen Klassen in Wien nach dem Siege vom 12.März einnahmen. Wir haben ferner gesehen, wie die Bewegung in Deutschösterreich mit den Vorgängen in den nichtdeutschen Gebieten Österreichs verflochten und durch sie gehemmt war. Wir brauchen also nur noch kurz einen Blick auf die Ursachen zu werfen, die zu dieser letzten und gewaltigsten Erhebung in Deutschösterreich führten.

Der Hochadel und die Börsen-Bourgeoisie, die inoffiziell die Hauptstützen des Metternichschen Regimes gewesen, waren sogar nach den Märzereignissen noch fähig, ihren maßgebenden Einfluß auf die Regierung zu behaupten, nicht nur dank dem Hof, der Armee und der Bürokratie, sondern mehr noch infolge der tödlichen Angst vor der “Anarchie”, die in der Bourgeoisie reißend um sich griff. Sehr bald wagten diese Kreise einige Fühler auszustrecken in Gestalt eines Pressegesetzes, einer unbeschreiblich aristokratischen Verfassung und eines Wahlgesetzes, das auf der alten Einteilung in “Stände” beruhte. Das sogenannte konstitutionelle Ministerium, das aus halbliberalen, ängstlichen, unfähigen Bürokraten bestand, wagte am 14.Mai sogar einen direkten Angriff auf die revolutionären Organisationen der Massen, indem es das Zentralkomitee der Delegierten der Nationalgarde und der Akademischen Legion auflöste, eine Körperschaft, die ausdrücklich zu dem Zweck gebildet worden war, die Regierung zu überwachen und im Notfall die Kräfte des Volkes gegen sie aufzurufen. Dieses Vorgehen führte jedoch nur zur Erhebung vom 15.Mai, durch die die Regierung gezwungen wurde, das Komitee anzuerkennen, die Verfassung und das Wahlgesetz zu widerrufen und einen auf Grund des allgemeinen Wahlrechts gewählten konstituierenden Reichstag mit der Ausarbeitung des Entwurfs eines neuen Staatsgrundgesetzes zu betrauen. All das wurde am folgenden Tag durch eine kaiserliche Proklamation bestätigt. Aber die reaktionäre Partei, die gleichfalls ihre Vertreter im Ministerium hatte, brachte es bald zuwege, ihre “liberalen” Kollegen zu einem neuen Angriff auf die Errungenschaften des Volkes zu veranlassen. Die Akademische Legion, die Hochburg der Bewegungspartei, war gerade als Zentrum unausgesetzter Agitation den gemäßigteren Wiener Bürgern besonders zuwider geworden; am 26. wurde sie durch ministerielle Verfügung aufgelöst. Vielleicht wäre dieser Streich geglückt, wenn man die Ausführung einem Teil der Nationalgarde allein übertragen hätte; aber die Regierung, die auch dieser nicht traute, bot Militär auf; daraufhin schwenkte die Nationalgarde sofort gegen die Regierung ein, machte mit der Akademischen Legion gemeinsame Sache und vereitelte so den ministeriellen Plan.

Mittlerweile hatte jedoch der Kaiser mit seinem Hof am 16.Mai Wien verlassen und in Innsbruck Zuflucht genommen. Hier, inmitten der bigotten Tiroler, deren Loyalität angesichts der Gefahr eines Einfalls der sardinisch-lombardischen Armee in ihr Land erneut aufflammte, gestützt auf die Nähe der Truppen Radetzkys, in deren Schußbereich Innsbruck lag, hier fand die konterrevolutionäre Partei ein Asyl, von dem aus sie unkontrolliert, unbeobachtet und ungefährdet ihre zersprengten Kräfte sammeln und wiederherstellen und von neuem das Netz ihrer Verschwörungen über das ganze Land spinnen konnte. Mit Radetzky, Jellachich und Windischgrätz sowie mit zuverlässigen Leuten innerhalb der administrativen Hierarchie der verschiedenen Provinzen wurden die Verbindungen wiederaufgenommen, mit den Führern der Slawen Ränke geschmiedet. Auf diese Weise wurde eine wirkliche Macht geschaffen, die der konterrevolutionären Kamarilla zur Verfügung stand, während man den machtlosen Wiener Ministern gestattete, ihre kurzlebige, schwache Popularität in ständigen Reibereien mit den revolutionären Massen und in den Debatten der demnächst zusammentretenden konstituierenden Versammlung abzunützen. So war die Taktik, die Bewegung in der Hauptstadt eine Zeit sich selbst zu überlassen, eine Taktik, die in einem zentralisierten und homogenen Lande wie Frankreich unbedingt dazu geführt hätte, daß die Bewegungspartei allmächtig geworden wäre, hier in Österreich, diesem Mischmasch heterogener politischer Kräfte, eines der Mittel, die unfehlbar die Reaktion wieder in den Sattel verhelfen mußten.

Die Wiener Bourgeoisie, die sich einredete, nach drei aufeinanderfolgenden Niederlagen und angesichts einer auf dem allgemeinen Wahlrecht beruhenden konstituierenden Versammlung sei der Hof als Gegner nicht mehr zu fürchten, verfiel mehr und mehr jener müden Gleichgültigkeit und jener ewigen Sehnsucht nach Ruhe und Ordnung, die diese Klasse nach heftigen, mit Störungen des Geschäftsgangs verbundenen Erschütterungen noch überall befallen hat. Die Industrie der österreichischen Hauptstadt beschränkt sich fast ausschließlich auf Luxusartikel, nach denen seit der Revolution und der Flucht des Hofes naturgemäß nur sehr geringe Nachfrage bestand. Der Ruf nach Rückkehr zu einem geordneten Regierungssystem und nach Rückkehr des Hofes – beides Dinge, von denen man eine geschäftliche Wiederbelebung erwartete -, dieser Ruf wurde jetzt allgemein in der Bourgeoisie. Der Zusammentritt der konstituierenden Versammlung im Juli wurde jubelnd begrüßt als das Ende der revolutionären Ära, ebenso die Rückkehr des Hofes, der sich nach den Siegen Radetzkys in Italien und nach Bildung des reaktionären Ministeriums Doblhoff stark genug fühlte, dem Ansturm des Volkes zu trotzen, und der in Wien gleichzeitig notwendig war, um seine Intrigen mit der slawischen Mehrheit des Reichstages zum Abschluß zu bringen. Während der konstituierende Reichstag die Gesetze über die Befreiung der Bauernschaft von den Fesseln des Feudalismus und der Leistung von Frondiensten für den Adel beriet, brachte der Hof ein Meisterstück zuwege. Man bewog den Kaiser, am 19.August eine Truppenschau über die Nationalgarde abzunehmen; die kaiserliche Familie, der Hofstaat, die Generalität überboten einander in Schmeicheleien an die Adresse der bewaffneten Bürger, denen der Stolz, sich derart öffentlich als eine der ausschlaggebenden Mächte des Staates anerkannt zu sehen, schon berauschend zu Kopfe gestiegen war; aber unmittelbar darauf erschien mit der Unterschrift des Herrn Schwarzer, des einzigen populären Ministers im Kabinett, ein Erlaß, der den Arbeitslosen die bisher gewährte staatliche Unterstützung entzog. Der Trick hatte Erfolg. Die Arbeiter veranstalteten eine Demonstration; die Bourgeois von der Nationalgarde erklärten sich für den Erlaß des Ministers; sie wurden auf die “Anarchisten” losgelassen, fielen wie Tiger über die unbewaffneten, keinen Widerstand leistenden Arbeiter her und richteten am 23.August ein großes Blutbad unter ihnen an. So wurde die Einheit und Macht der revolutionären Kräfte zerschlagen; der Klassenkampf zwischen Bourgeoisie und Proletariat war auch in Wien blutig zum Ausdruck gekommen, und die konterrevolutionäre Kamarilla sah den Tag herannahen, an dem sie es wagen konnte, zu ihrem großen Schlag auszuholen.

Die ungarischen Angelegenheiten gaben ihr bald Gelegenheit, offen zu verkünden, nach welchen Grundsätzen sie vorzugehen gedachte. Am 5.Oktober erklärte ein kaiserlicher Erlaß in der “Wiener Zeitung” – ein Erlaß, der von keinem der verantwortlichen Minister für Ungarn gegengezeichnet war – den ungarischen Reichstag für aufgelöst und ernannte den Banus Jellachich von Kroatien zum Zivil- und Militärgouverneur von Ungarn – Jellachich, den Führer der südslawischen Reaktion, einen Mann, der sich mit den gesetzlichen Gewalten Ungarns im Kriegszustand befand. Gleichzeitig erhielten die Truppen in Wien den Befehl zum Abmarsch und zur Vereinigung mit der Armee, die Jallachichs Autorität gewaltsam durchsetzen sollte. Damit ließ man aber den Pferdefuß allzu deutlich sehen; jedermann in Wien fühlte, daß Krieg gegen Ungarn Krieg gegen das Prinzip einer konstitutionellen Regierung bedeutete, ein Prinzip, das durch den erwähnten Erlaß mit Füßen getreten worden war, denn der Kaiser hatte versucht, ohne Gegenzeichnung eines verantwortlichen Ministers Verordnungen mit Gesetzeskraft zu erlassen. Das Volk, die Akademische Legion, die Wiener Nationalgarde erhoben sich am 6.Oktober in Massen und widersetzten sich dem Ausmarsch der Truppen. Einige Grenadiere gingen zum Volke über. Ein kurzer Kampf entspann sich zwischen den bewaffneten Kräften des Volkes und den Truppen. Der Kriegsminister Latour wurde vom Volke erschlagen, und am Abend war das Volk Sieger. Inzwischen war der Banus Jellachich, bei Stuhlweißenburg von Perczel geschlagen, auf deutschösterreichisches Gebiet unweit Wien geflüchtet. Die Wiener Truppen, die ihm zur Hilfe eilen sollten, nahmen jetzt eine ausgesprochen feindliche, abwehrbereite Stellung ihm gegenüber ein, und der Kaiser mitsamt dem Hof war wieder geflüchtet, diesmal nach Olmütz, auf halbslawisches Gebiet.

In Olmütz befand sich der Hof indessen in einer ganz anderen Lage als seinerzeit in Innsbruck. Umgeben von den slawischen Abgeordneten der Konstituante, die scharenweise nach Olmütz eilten, und von slawischen Enthusiasten aus allen Teilen der Monarchie, war er jetzt imstande, ohne weiteres den Feldzug gegen die Revolution zu eröffnen. Dieser Feldzug sollte in ihren Augen ein Krieg für die Wiederaufrichtung des Slawentums werden, ein Vernichtungskrieg gegen die beiden Eindringlinge in das von ihnen als slawisch betrachtete Gebiet, gegen die Deutschen und die Magyaren. Windischgrätz, der Eroberer von Prag, jetzt der Befehlshaber der Armee, die man rings um Wien konzentrierte, wurde mit einemmal zum slawischen Nationalhelden. Und seine Armee wurde rasch von überallher zusammengezogen. Aus Böhmen, Mähren, der Steiermark, Oberösterreich und Italien marschierte Regiment auf Regiment in Richtung Wien, um sich mit den Truppen Jellachichs und der früheren Garnison der Hauptstadt zu vereinigen. So waren gegen Ende Oktober über 60000 Mann zusammengezogen, die bald begannen, die Kaiserstadt von allen Seiten einzuschließen, bis sie am 30.Oktober so weit vorgedrungen waren, daß sie den entscheidenden Angriff wagen konnten.

In Wien herrschten unterdessen Verwirrung und Ratlosigkeit. Die Bourgeoisie war nach dem Sieg alsbald wieder von ihrem alten Mißtrauen gegen die “anarchische” Arbeiterklasse verfallen. Die Arbeiter, die die ihnen sechs Wochen zuvor von den bewaffneten Krämern zuteil gewordene Behandlung so wenig vergessen hatten wie die unstete, schwankende Politik des Bürgertums überhaupt, wollten diesem die Verteidigung der Stadt nicht anvertrauen und verlangten Waffen und eine eigene militärische Organisation. Die Akademische Legion, die darauf brannte, gegen den kaiserlichen Despotismus zu kämpfen, war völlig außerstande, den tieferen Sinn der Entfremdung zwischen den beiden Klassen zu verstehen oder die Erfordernisse der Lage sonst zu begreifen. Verwirrung herrschte in den Köpfen des Volkes, Verwirrung in den führenden Kreisen. Der Rest des Reichstags – deutsche Deputierte und ein paar Slawen, die, von einigen revolutionären polnischen Abgeordneten abgesehen, für ihre Freunde in Olmütz Spitzeldienste leisteten – tagte in Permanenz; aber statt eine entschiedene Haltung einzunehmen, vertrödelten sie ihre ganze Zeit mit nutzlosen Debatten über die Möglichkeit eines Widerstandes gegen die kaiserliche Armee, ohne die Grenzen der konstitutionellen Formen zu überschreiten. Der Sicherheitsausschuß, zusammengesetzt aus Abgeordneten fast aller Organisationen des Volkes von Wien, war wohl zum Widerstand entschlossen, stand aber unter der Herrschaft einer Mehrheit von Pfahlbürgern und Kleinkrämern, die ihn nie zu konsequent entschlossenem, tatkräftigem Handeln kommen ließen. Der Ausschuß der Akademischen Legion faßte heroische Beschlüsse, war aber völlig unfähig, die Führung zu übernehmen. Die Arbeiter, mit Mißtrauen betrachtet, ohne Waffen, ohne Organisation, der Geistesknechtung des alten Regimes kaum entronnen, eben erst erwachend, nicht zum Bewußtsein, sondern zum rein instinktiven Erfassen ihrer gesellschaftlichen Lage und der sich daraus ergebenden politischen Haltung, konnten sich nur durch laute Demonstrationen Gehör verschaffen; man durfte von ihnen nicht erwarten, sie würden die Schwierigkeiten des Augenblicks meistern. Aber sie waren – wie überall in Deutschland während der Revolution – bereit, bis zum äußersten zu kämpfen, sobald sie nur Waffen erhielten.

So standen die Dinge in Wien. Draußen die reorganisierte österreichische Armee, berauscht von den Siegen Radetzkys in Italien, sechzig- bis siebzigtausend Mann, gut bewaffnet, gut organisiert, und wenn die Führung auch nicht viel taugte, so doch immerhin mit Führern versehen. Drinnen Verwirrung, Klassenspaltung, Desorganisation; eine Nationalgarde, von der ein Teil entschlossen war, überhaupt nicht zu kämpfen, während ein anderer Teil noch zu keinem Entschluß gekommen und nur der kleinste Teil zum Handeln bereit war; eine proletarische Masse, stark an der Zahl, aber ohne Führer, ohne jede politische Schulung, ebenso leicht geneigt zur Panik wie zu beinah grundlosen Wutausbrüchen, eine Beute jedes falschen Gerüchts, das ausgestreut wurde, durchaus bereit zu kämpfen, doch ohne Waffen, wenigstens zu Beginn, und auch später, als man sie schließlich zum Kampf führte, nur unvollständig bewaffnet und fast gar nicht organisiert; ein hilfloser Reichstag, der noch über theoretische Haarspaltereien diskutierte, als ihm schon fast das Dach über dem Kopfe brannte, ein leitender Ausschuß ohne innere Triebkraft und Energie. Alles war anders geworden seit den Tagen des März und Mai, als im Lager der Konterrevolution völlige Verwirrung herrschte und nur eine einzige organisierte Macht bestand: die von der Revolution geschaffene. Über den Ausgang eines solchen Kampfes konnte es kaum einen Zweifel geben, und wenn es doch noch einen gab, so wurde er behoben durch die Ereignisse des 30. und 31.Oktober und des 1.November.

London. März 1852
XII. [Die Erstürmung Wiens – Der Verrat an Wien]

Als die konzentrierte Armee unter Windischgrätz schließlich zum Angriff auf Wien überging, waren die Kräfte, die zur Verteidigung Wiens verfügbar waren, gänzlich unzureichend für diesen Zweck. Von der Nationalgarde konnte nur ein Teil auf die Schanzen gebracht werden. Allerdings hatte man zuletzt in aller Eile eine proletarische Garde gebildet; aber da der Versuch, auf diese Weise den zahlreichsten, mutigsten, tatkräftigsten Teil der Bevölkerung heranzuziehen viel zu spät kam, war sie mit dem Gebrauch der Waffen und mit den allerersten Anfängen der Disziplin zu wenig vertraut, um erfolgreich Widerstand zu leisten. So war die Akademische Legion, 3000 bis 4000 Mann stark, gut einexerziert und bis zu einem gewissen Grade diszipliniert, tapfer und voll Enthusiasmus, vom militärischen Standpunkt aus die einzige Streitmacht, die mit Aussicht auf Erfolg eingesetzt werden konnte. Doch was war sie, zusammen mit den paar verläßlichen Nationalgarden und mit der wirren Masse bewaffneter Proletarier, gegenüber der an Zahl weit überlegenen regulären Armee Windischgrätz, gar nicht zu reden von den räuberischen Horden Jellachichs, die durch die ganze Art ihrer Gepflogenheiten für einen Kampf von Haus zu Haus, von Gasse zu Gasse wie geschaffen waren? Und was hatten die Aufständischen, abgesehen von ein paar alten, abgenutzten, schlecht bespannten und schlecht bedienten Geschützen, der zahlreichen, vorzüglich ausgerüsteten Artillerie entgegenzusetzen, von der Windischgrätz so rücksichtslos Gebrauch machte?

Je näher die Gefahr heranzog, um so größer wurde die Verwirrung in Wien. Der Reichstag konnte sich bis zum letzten Augenblick nicht dazu aufraffen, die ungarische Armee Perczels zu Hilfe zu rufen, die wenige Meilen entfernt unterhalb der Hauptstadt lagerte. Der Sicherheitsausschuß faßte einander widersprechende Beschlüsse, denn er ließ sich gleich den bewaffneten Massen des Volkes von dem Auf und Nieder der wogenden Flut von Gerüchten und Gegengerüchten treiben. Nur in einem Punkte waren sich alle einig: daß das Eigentum respektiert erden müsse, und das in einem für solche Zeiten geradezu lächerlichen Maße. Zur endgültigen Ausarbeitung eines Verteidigungsplanes geschah sehr wenig. Bem, der einzige Mann am Ort, der – wenn überhaupt jemand – Wien hätte retten können, war ein damals in Wien fast unbekannter Fremdling, von Geburt Slawe; er gab die Sache auf, erdrückt vom allgemeinen Mißtrauen. Hätte er ausgeharrt, so wäre er vielleicht als Verräter gelyncht worden. Messenhausen, der die aufständischen Streitkräfte befehligte, mehr ein Romanschreiber als ein auch nur subalterner Offizier, war der Aufgabe in keiner Weise gewachsen; und doch hatte die Volkspartei nach acht Monaten revolutionärer Kämpfe keinen Militär von größeren Fähigkeiten hervorgebracht oder für sich gewonnen als ihn. Unter solchen Bedingungen begann der Kampf. Wenn man berücksichtigt, daß ihre Verteidigungsmittel völlig unzureichend waren, daß militärische Kenntnisse und militärische Organisation bei den Mannschaften vollständig fehlten, so leisteten die Wiener heldenmütig Widerstand. An vielen Stellen wurde der Befehl, den Bem noch als Kommandant erteilt hatte, buchstäblich ausgeführt, “den Posten bis auf den letzten Mann zu verteidigen”. Aber die Übermacht war zu groß. In den langen, breiten Straßen, die die Hauptverkehrsadern der Vorstädte bilden, wurde eine Barrikade nach der anderen von der kaiserlichen Artillerie hiweggefegt, und am Abend des zweiten Kampftages fiel die Häuserreihe am Glacis der Altstadt in die Hände der Kroaten. Ein schwacher, ungeordneter Angriff der ungarischen Armee hatte eine vollständige Niederlage erlitten, und während eines Waffenstillstandes, als einige Abteilungen in der Altstadt kapitulierten, andere unschlüssig waren und Verwirrung verbreiteten, während die Reste der Akademischen Legion neue Verschanzungen aushoben, drangen die Kaiserlichen ein und nahmen in dem allgemeinen Durcheinander die Altstadt.

Die unmittelbaren Folgen dieses Sieges, die Grausamkeiten und standrechtlichen Erschießungen, die unerhörten Greuel und Schandtaten der auf Wien losgelassenen slawischen Horden sind so bekannt, daß sie hier nicht in ihren Einzelheiten geschildert werden brauchen. Die weiteren Folgen, die völlig neue Wendung, die die deutschen Angelegenheiten durch die Niederlage der Revolution in Wien erfuhren, werden wir später zu behandeln haben. Hier haben wir nur noch zwei Punkte zu betrachten, die mit der Erstürmung Wiens in Zusammenhang stehen. Die Bevölkerung dieser Hauptstadt hatte zwei Bundesgenossen: die Ungarn und das deutsche Volk. Wo waren sie in der Stunde der Prüfung?

Wir haben gesehen, daß sich die Wiener mit der ganzen Hochherzigkeit eines eben befreiten Volkes für eine Sache erhoben hatten, die, wenn auch in letzter Instanz ihre eigene, doch zunächst und vor allem die Sache der Ungarn war. Ehe sie duldeten, daß die österreichischen Truppen gegen Ungarn marschierten, wollten sie sich ihrem ersten und furchtbarsten Ansturm lieber selbst aussetzen. Und während sie so edelmütig ihre Verbündeten unterstützten, trieben die Ungarn Jellachich, gegen den sie erfolgreich gekämpft, in Richtung Wien und verstärkten so die Kräfte, die diese Stadt angreifen sollten. Unter diesen Umständen war es zweifellos Ungarns Pflicht, ohne Zögern und mit allen verfügbaren Kräften nicht dem Wiener Reichstag, nicht dem Sicherheitsausschuß oder sonst einer Körperschaft in Wien, sondern der Wiener Revolution zu Hilfe zu kommen. Und selbst wenn Ungarn vergessen haben sollte, daß Wien die erste Schlacht Ungarns geschlagen, so durfte es der eigenen Sicherheit wegen nicht vergessen, daß Wien der einzige Vorposten der ungarischen Unabhängigkeit war und daß nach einem Fall von Wien nichts den Vormarsch der kaiserlichen Truppen gegen Ungarn aufhalten konnte. Nun ist uns aber sehr wohl bekannt, was die Ungarn alles zur Rechtfertigung ihrer Untätigkeit während der Einschließung und Erstürmung Wiens vorbringen können und vorgebracht haben: die Unzulänglichkeit ihrer eigenen Streitkräfte, die Weigerung des Reichstags und aller übrigen offiziellen Körperschaften in Wien, sie herbeizurufen, die Notwendigkeit, auf dem Boden der Verfassung zu bleiben und Komplikationen mit der deutschen Zentralgewalt zu vermeiden. Was aber die Unzulänglichkeit der ungarischen Armee betrifft, so steht fest, daß in den ersten Tagen nach Ausbruch der Revolution in Wien und nach dem Eintreffen Jellachichs keinerlei reguläre Truppen nötig gewesen wären, da die österreichische reguläre Armee noch lange nicht zusammengezogen war, und daß eine kühne, rücksichtslose Ausnutzung des Anfangserfolges über Jellachich, sei es auch nur mit dem Landsturm, der bei Stuhlweißenburg gefochten, genügt hätte, um die Verbindung mit den Wienern herzustellen und jede Konzentration einer österreichischen Armee um ein halbes Jahr hinauszuschieben. Im Krieg, und besonders im revolutionären Krieg, ist Schnelligkeit des Handelns, bis ein entscheidender Erfolg errungen, die oberste Regel, und wir tragen keine Bedenken zu sagen, daß Perczel aus rein militärischen Gründen nicht hätte haltmachen dürfen, ehe die Verbindung mit den Wienern hergestellt war. Wohl war einige Gefahr damit verbunden, aber wer hat je eine Schlacht gewonnen, ohne etwas zu wage? Und hatte das Volk von Wien denn nichts gewagt, als es sich selbst – eine Bevölkerung von 400000 Menschen – die Streitkräfte auf den Hals zog, die zur Niederwerfung von 12 Millionen Ungarn ausmarschieren sollten? Der militärische Fehler, der darin bestand, zu warten bis sich die Österreicher vereinigt hatten, und das schwächliche Scheinmanöver bei Schwechat zu unternehmen, das verdientermaßen mit einer unrühmlichen Niederlage endete – dieser militärische Fehler brachte sicher größere Gefahren mit sich als ein entschlossener Vormarsch auf Wien gegen die zügellosen Horden Jellachichs.

Aber, wendet man ein, ein solcher Vorstoß der Ungarn, ohne Wissen und Willen irgendeiner offiziellen Körperschaft, wäre eine Verletzung deutschen Gebiets gewesen, hätte Verwicklungen mit der Zentralgewalt in Frankfurt heraufbeschworen und vor allem eine Abkehr von der gesetzlichen und konstitutionellen Politik bedeutet, in der die Stärke der ungarischen Sache begründet läge. Aber die offiziellen Körperschaften Wiens waren doch Nullen! War es der Reichstag, waren es die demokratischen Ausschüsse, die sich für Ungarn erhoben hatten, oder war es das Volk von Wien, und nur das Volk allein, das zum Gewehr gegriffen, um den ersten Anprall im Kampfe um Ungarns Unabhängigkeit aufzufangen? Es galt nicht, diese oder jene offizielle Körperschaft in Wien aufrechtzuerhalten – alle diese Körperschaften konnten und mußten mit dem Fortschritt der revolutionären Entwicklung sehr bald beseitigt werden -, sondern es handelte sich einzig und allein um den Aufschwung der revolutionären Bewegung, den ununterbrochenen Fortschritt der Volksaktion selbst, und das allein konnte Ungarn vor dem Einmarsch des Feindes retten. Welche Formen diese revolutionäre Bewegung später annehmen mochte, das war die Sache der Wiener und nicht der Ungarn, solange Wien und ganz Deutschösterreich im Kampf gegen den gemeinsamen Feind weiterhin ihre Verbündeten waren. Aber es fragt sich, ob man in diesem hartnäckigen Verlangen der ungarischen Regierung nach einer sozusagen gesetzlichen Ermächtigung nicht das erste Anzeichen jenes Bestrebens zu erblicken hat, sich in ihrem Verhalten hinter einer recht zweifelhaften Gesetzlichkeit zu verschanzen, die, wenn sie Ungarn auch nicht gerettet hat, so doch immerhin in einem späteren Zeitpunkt bei einem englischen Bourgeoisiepublikum eine ausgezeichnete Wirkung erzielte.

Was den Vorwand möglicher Konflikte mit der deutschen Zentralgewalt in Frankfurt anbelangt, so ist er völlig gegenstandslos. Die Frankfurter Machthaber waren durch den Sieg der Konterrevolution in Wien de facto schon gestürzt, sie wären ebenso gestürzt worden, wenn die Revolution dort die Unterstützung gefunden hätte, die sie brauchte um ihre Feinde zu besiegen. Und schließlich mag das gewichtige Argument, daß Ungarn den gesetzlichen und konstitutionellen Boden nicht verlasen durfte, vielleicht auf englische Freihändler Eindruck machen, aber vor dem Richterstuhl der Geschichte wird er nimmer bestehen. Angenommen, das Volk von Wien hätte sich am 13. März und 6. Oktober ängstlich in den Grenzen “gesetzlicher und konstitutioneller” Mittel gehalten, was wäre dann aus der “gesetzlichen und konstitutionellen” Bewegung und all den glorreichen Kämpfen geworden, die Ungarn zum erstenmal die Aufmerksamkeit der zivilisierten Welt verschafften? Gerade der gesetzliche und konstitutionelle Boden, auf dem sich die Ungarn 1848 und 1849 angeblich bewegten, wurde für sie durch die äußerst ungesetzliche und verfassungswidrige Wiener Volkserhebung vom 13.März erkämpft. Wie beabsichtigen hier nicht, die Geschichte der ungarischen Revolution zu erörtern, aber angebracht erscheint uns die Bemerkung, daß es nicht den geringsten Nutzen bringt, sich ausdrücklich nur gesetzlicher Mittel zu bedienen gegenüber einem Feinde, der solche Bedenken nur verachtet, und daß überdies ohne diesen ewigen Vorwand der Gesetzlichkeit, den Görgey sich zu eigen machte und gegen die Regierung ausspielte, weder die Ergebenheit der Görgeyschen Armee für ihren Feldherren noch die schmähliche Katastrophe von Világos möglich gewesen wären. Und als die Ungarn schließlich, um die Ehre zu retten, gegen Ende Oktober 1848 über die Leitha setzten – war das nicht ebenso ungesetzlich, wie es ein sofortiger entschlossener Angriff gewesen wäre?

Man weiß, daß wir gegen Ungarn keine unfreundlichen Gefühle hegen. Wir haben zu Ungarn während des Kampfes gestanden; wir dürfen wohl sagen, daß unsere Zeitung, die “Neue Rheinische Zeitung”, mehr als irgend eine andere getan hat, Ungarns Sache in Deutschland populär zu machen, indem sie das Wesen des Kampfes zwischen den Magyaren und den Slawen erklärte und den ungarischen Krieg in einer Reihe von Artikeln verfolgte, denen die Anerkennung zuteil wurde, in fast jedem späteren Buch über den Gegenstand plagiiert zu werden, die Arbeiten von gebürtigen Ungarn und “Augenzeugen” nicht ausgenommen. Auch jetzt noch betrachten wir Ungarn als notwendigen und natürlichen Bundesgenossen Deutschlands bei jeder künftigen Erschütterung auf dem Kontinent. Wir sind jedoch streng genug gegen unsere eigenen Landsleute gewesen, um ein Recht zu haben, auch über unsere Nachbarn ein offenes Wort zu sprechen; überdies, wenn wir hier die Tatsachen mit der Unparteilichkeit der Geschichtsschreibung registrieren, müssen wir erklären, daß in diesem besonderen Fall die hochherzige Kühnheit des Volkes von Wien nicht nur weit edler, sondern auch viel weitblickender war als die ängstliche Vorsicht der ungarischen Regierung. Und als Deutschem sei es mir ferner erlaubt zu sagen, daß wir alle die glanzvollen Siege und ruhmreichen Schlachten des ungarischen Feldzuges nicht eintauschen möchten für die spontane, isolierte Erhebung und den heldenhaften Widerstand des Volks von Wien, unserer Landsleute, wodurch Ungarn Zeit gewann, die Armee aufzustellen, die so große Dinge vollbringen konnte.

Der zweite Bundesgenosse Wiens war das deutsche Volk. Aber dieses war überall in den gleichen Kampf verwickelt wie die Wiener. Frankfurt, Baden, Köln waren soeben besiegt und entwaffnet worden. In Berlin und Breslau stand das Volk der Armee in offener Feindschaft gegenüber und erwartete täglich den Ausbruch des Kampfes. So stand es allerorts in den lokalen Zentren der Bewegung. Überall waren Fragen in der Schwebe, die nur mit Waffengewalt entschieden werden konnten, und jetzt wurden zum erstenmal die unheilvollen Folgen des Fortbestehens der alten Zerrissenheit und Dezentralisation Deutschlands aufs schwerste fühlbar. Die verschiedenen Fragen waren in jedem Staat, in jeder Provinz, in jeder Stadt im Grunde genommen dieselben; aber sie tauchten überall unter verschiedenen Formen und Vorwänden auf und hatten überall verschiedene Reifegrade erreicht. So kam es, daß man zwar allerorts fühlte, von welch entscheidender Wichtigkeit die Wiener Ereignisse waren, daß aber gleichwohl nirgends ein wuchtiger Schlag geführt werden konnte, von dem sich erwarten ließ, daß er den Wienern Hilfe bringen oder ein Ablenkungsmanöver zu ihren Gunsten sein werde; und so blieb ihnen keine andere Hilfe als das Parlament und die Zentralgewalt in Frankfurt. Von allen Seiten wurden sie angefleht; aber was taten sie?

Das Frankfurter Parlament und der Bastard, der es als Folge seines blutschänderischen Verkehrs mit dem alten Bundestag in die Welt gesetzt, die sogenannte Zentralgewalt, machten sich die Wiener Vorgänge zunutze, um ihre eigene völlige Nichtigkeit an den Tag zu legen. Diese verächtlicher Versammlung hatte, wie wir gesehen, längst ihre Jungfernschaft preisgegeben und begann bei all ihrer Jugend bereits grauhaarig zu werden und sich alle Schliche geschwätziger, pseudodiplomatischer Prostitution anzueignen. Von den Träumen, von den Illusionen über deutsche Wiedergeburt, Macht und Einheit, die sie anfangs erfüllten, war nichts geblieben als eine Anzahl bombastischer teutscher Phrasen, die bei jeder Gelegenheit aufgetischt wurden, und der feste Glaube eines jeden Abgeordneten an seine eigene Wichtigkeit und an die Leichtgläubigkeit des Publikums. Die ursprüngliche Naivität war verflogen; die Vertreter des deutschen Volkes waren praktische Männer geworden, das heißt, sie hatten herausgefunden, daß ihre Stellung als Schiedsrichter über das Schicksal Deutschlands um so sicherer sei, je weniger sie taten und je mehr sie schwätzten. Nicht etwa, daß sie ihre Verhandlungen für überflüssig hielten; ganz im Gegenteil. Aber sie waren dahinter gekommen, daß alle wirklich großen Fragen für sie verbotenes Gebiet waren, dem sie sich am besten fernhielten, und gleich einem Konzilium byzantinischer Doktoren des oströmischen Kaiserreichs diskutierten sie daher mit einer Wichtigtuerei und Ausdauer, würdig des Schicksals, das sie schließlich ereilte, theoretische Dogmen, die in allen Teilen der zivilisierten Welt längst erledigt sind, oder nur mit der Lupe wahrnehmbare praktische Fragen, die nie zu einem praktischen Ergebnis führten. Da die Nationalversammlung somit eine Art Lancasterschule zur gegenseitigen Belehrung ihrer Mitglieder war und darum für sie sehr wichtig, war sie überzeugt, sie leiste sogar mehr, als das deutsche Volk von ihr zu erwarten das Recht habe, und sie betrachtete jeden als Landesverräter, der die Unverschämtheit besaß, ihr zuzumuten, sie solle zu einem Ergebnis gelangen.

Als der Aufstand in Wien losbrach, gab es darüber einen Haufen Interpellationen, Debatten, Motionen und Amendements, die natürlich zu nichts führten. Die Zentralgewalt sollte einschreiten. Sie sandte zwei Kommissare nach Wien, Welcker, den ehemaligen Liberalen, und Mosle. Die Fahrten Don Quijotes und Sancho Pansas sind Stoff zu einer Odyssee, verglichen mit den Heldentaten und wundersamen Abenteuern dieser zwei irrfahrenden Ritter der deutschen Einheit. Zu feige, nach Wien zu gehen, ließen sie sich von Windischgrätz anschnauzen, von dem idiotischen Kaiser anglotzen und von dem Minister Stadion aufs unverschämteste foppen. Ihre Depeschen und Berichte sind vielleicht der einzige Teil der Frankfurter Protokolle, der in der deutschen Literatur einen ständigen Platz finden wird; sie sind ein wahres Musterexemplar der satirischen Romanze und ein ewiges Denkmal der Schande für die Frankfurter Nationalversammlung und ihre Regierung.

Auch die Linke der Nationalversammlung hatte zwei Kommissare nach Wien geschickt, um dort ihre Autorität zur Geltung zu bringen, die Herren Fröbel und Robert Blum. Als die Lage bedrohlich wurde, gelangte Blum zu der richtigen Erkenntnis, daß hier die Entscheidungsschlacht der deutschen Revolution zum Austrag kommen werde, und entschloß sich ohne zögern, sein Leben für die Sache einzusetzen. Fröbel dagegen war der Meinung, es sei seine Pflicht, sich für die wichtigen Aufgaben seines Frankfurter Postens zu erhalten. Blum galt als einer der besten Redner der Frankfurter Versammlung; sicher war er der populärste. Den Anforderungen einer erfahrenen parlamentarischen Versammlung hätte seine Beredsamkeit nicht standgehalten; er liebte zu sehr den seichten Pathos eines deutschen Dissidentenpredigers, und seinen Argumenten fehlte es an philosophischer Schärfe wie an Kenntnis der praktischen Wirklichkeit. Politisch gehörte er zur “gemäßigten Demokratie”, einer ziemlich unbestimmten Richtung, die sich aber gerade wegen dieses Mangels an Bestimmtheit ihrer Prinzipen großer Beliebtheit erfreute. Bei alledem war Blum jedoch seinem ganzen Wesen nach durch und durch ein Plebejer, wenn auch mit einem gewissen Schliff, und in entscheidenden Augenblicken gewannen sein plebejischer Instinkt und seine plebejische Energie die Oberhand über die Unbestimmtheit und daher Unentschiedenheit seiner politischen Meinung und Einsicht. In solchen Augenblicken erhob er sich weit über das gewöhnliche Maß seiner Fähigkeiten.

So sah er in Wien auf den ersten Blick, daß hier und nicht in den Debatten in Frankfurt mit ihrem vergeblichen Streben nach Eleganz die Entscheidung über das Schicksal seines Landes fallen müsse. Sofort faßte er seinen Entschluß, gab jeden Gedanken an Rückzug auf, übernahm ein Kommando in der revolutionären Armee und legte eine außerordentliche Kaltblütigkeit und Festigkeit an den Tag. Im war es zu danken, daß die Einnahme der Stadt geraume Zeit verzögert wurde, er war es, der eine ihrer Seiten gegen den Angreifer sicherte, indem er die Taborbrücke über die Donau in Brand steckte. Allgemein bekannt ist, wie er nach der Erstürmung verhaftet, vor ein Kriegsgericht gestellt und erschossen wurde. Er starb wie ein Held. Die Frankfurter Nationalversammlung aber, obwohl starr vor Entsetzen, machte doch nach außen gute Mine zu dem blutigen Schimpf. Eine Resolution wurde gefaßt, die durch den sanften Ton und die diplomatische Zurückhaltung ihrer Sprache eher eine Verunglimpfung des Grabes des gemordeten Märtyrers war als ein Verdammungsurteil über Österreich. Aber man durfte ja nicht erwarten, diese verächtliche Versammlung werde über die Ermordung eines ihrer Mitglieder empört sein, zumal es sich ja um einen Führer der Linken handelte.

London, März 1852
XIII. [Die preußische konstituierende Versammlung – die Frankfurter Nationalversammlung]

Am 1.November fiel Wien, und am 9. desselben Monats zeigte die Auflösung der konstituierenden Versammlung in Berlin, wie sehr dies Ereignis sofort den Mut und die Kraft der konterrevolutionären Partei in ganz Deutschland gehoben hatte.

Die Ereignisse des Sommers 1848 in Preußen sind bald erzählt. Die konstituierende Versammlung, oder richtiger “die Versammlung, die gewählt war, um mit der Krone eine Verfassung zu vereinbaren”, und ihre aus Vertretern der Bourgeoisie bestehende Mehrheit hatten sich längst um jede Achtung der Öffentlichkeit gebracht, weil sie sich aus Angst vor dem energischeren Teil der Bevölkerung zu allen Intrigen des Hofes hergaben. Sie hatten die verhaßten feudalen Vorrechte bestätigt oder vielmehr wiederhergestellt und so die Freiheit und die Interessen der Bauernschaft verraten. Sie hatten sich weder als fähig erwiesen, einen Verfassungsentwurf auszuarbeiten, noch die Gesetzgebung überhaupt zu verbessern. Sie hatten sich fast ausschließlich mit theoretischen Haarspaltereien befaßt, bloßen Formalitäten und Fragen der konstitutionellen Etikette. Die Versammlung war tatsächlich mehr eine Schule des parlamentarischen savoir-vivre für ihre Mitglieder als eine Körperschaft, der das Volk Interesse entgegen bringen konnte. Überdies waren die großen Gruppen ziemlich gleich stark, und fast immer gaben die wankelmütigen Abgeordneten des Zentrums den Ausschlag, deren Schwankungen von rechts nach links und umgekehrt erst den Sturz des Ministeriums Camphausen, dann des Ministeriums Auerswald-Hansemann herbeiführten. Aber während so die Liberalen, hier wie überall sonst, den günstigen Augenblick ungenutzt verstreichen ließen, sammelte der Hof die Kräfte wieder, auf die er sich im Adel und bei dem zurückgebliebensten Teil der Landbevölkerung wie auch in der Armee und der Bürokratie stützen konnte. Nach dem Sturze Hansemanns wurde ein Ministerium von Bürokraten und Offizieren gebildet, lauter eingefleischte Reaktionären, das aber zum Schein den Wünschen des Parlaments nachgab; und die Versammlung, die nach dem bequemen Grundsatz verfuhr, nur auf die “Maßnahmen und nicht auf Männer” komme es an, ließ sich tatsächlich derart übertölpeln, daß sie dieses Ministerium mit Beifall begrüßte, während sie natürlich kein Auge für die Konzentration und Organisierung der konterrevolutionären Kräfte hatte, die dies selbe Ministerium recht offen betrieb. Als schließlich der Fall von Wien das Signal gegeben, entließ der König seine Minister und ersetzte sie durch “Männer der Tat” unter Führung des jetzigen Ministerpräsidenten, des Herrn Manteuffel. Da wurde sich die traumversunkene Versammlung auf einmal der Gefahr bewußt; sie sprach dem Kabinett ihr Mißtrauen aus, was sofort durch einen Erlaß beantwortet wurde, der den Sitz der Versammlung von Berlin, wo sie im Fall eines Konflikts auf die Unterstützung der Massen zählen konnte, nach Brandenburg verlegte, einer kleinen Provinzstadt, die völlig von der Regierung abhing. Die Versammlung erklärte jedoch, sie könne ohne ihr Einverständnis weder vertagt noch verlegt, noch aufgelöst werden. Mittlerweile rückte General Wrangel an der Spitze von etwa 40000 Mann in Berlin ein. In einer Zusammenkunft der städtischen Behörden und der Offiziere der Bürgerwehr wurde beschlossen, von Widerstand abzusehen. Und nun, nachdem die Versammlung und die liberale Bourgeoisie, aus der sie hervorgegangen, den vereinigten Kräften der Reaktion gestattet hatte, alle wichtigen Posten zu besetzen und ihren Händen fast jede Verteidigungsmöglichkeit zu entwinden, begann jene grandiose Komödie des “passiven Widerstandes im Rahmen der Gesetze”, die sie zu einer glorreichen Nachahmung des Beispiels von Hampden und der ersten Maßnahmen der Amerikaner im Unabhängigkeitskrieg zu gestalten dachte. Über Berlin wurde der Belagerungszustand verhängt – und Berlin blieb ruhig; die Bürgerwehr wurde von der Regierung aufgelöst – und ihre Waffen wurden mit der größten Pünktlichkeit abgeliefert. Die Versammlung wurde vierzehn Tage lang von einem Sitzungssaal zum anderen gejagt und überall durch Militär auseinandergetrieben – und die Mitglieder der Versammlung beschworen die Bürger, Ruhe zu bewahren. Von der Regierung zuletzt für aufgelöst erklärt, beschloß die Versammlung, die Steuererhebung für ungesetzlich zu erklären, und dann zerstreuten sich ihre Mitgli eder über das ganze Land, um die Steuerverweigerung zu organisieren. Aber sie mußten entdecken, daß sie sich in der Wahl ihrer Mittel kläglich vergriffen hatten. Nach einigen bewegten Wochen, denen strenge Maßnahmen der Regierung gegen die Opposition folgten, gab man allgemein den Gedanken auf, einer praktisch abgestorbenen Versammlung zuliebe, die nicht einmal den Mut zur Selbstverteidigung aufgebracht, die Steuern zu verweigern.

Ob es Anfang November 1848 bereits zu spät war, den bewaffneten Widerstand zu versuchen, oder ob ein Teil der Armee, wäre er auf ernstliche Gegenwehr gestoßen, sich auf die Seite der Versammlung geschlagen und so die Sache zu ihren Gunsten entschieden hätte, ist eine Frage, die wohl für immer ungelöst bleiben wird. Aber in der Revolution wie im Kriege ist es immer notwendig, dem Feind die Spitze zu bieten, und wer angreift ist im Vorteil; und in der Revolution wie im Krieg ist es unbedingt notwendig, im entscheidenden Augenblick alles zu wagen, wie die Chancen auch stehen mögen. Es gibt keine einzige erfolgreiche Revolution in der Geschichte, die nicht die Richtigkeit dieser Axiome beweist. Für die preußische Revolution war nun aber im November 1848 der entscheidende Augenblick gekommen; die Versammlung, die offiziell an der Spitze der ganzen revolutionären Bewegung stand, bot dem Feind jedoch nicht die Stirn, sondern wich bei jedem feindlichen Vorstoß zurück; noch weniger ging sie zum Angriff über – zog sie doch vor, sich nicht einmal zu verteidigen; und als der entscheidende Augenblick gekommen, als Wrangel an der Spitze von 40000 Mann an die Tore Berlins pochte, da fand er nicht jede Straße mit Barrikaden verrammelt, jedes Fenster in eine Schießscharte verwandelt, wie er und alle seine Offiziere bestimmt erwartet hatten, sondern er fand die Tore offen und auf den Straßen als einziges Hindernis friedliche Berliner Bürger, die sich köstlich über den Streich belustigten, den sie Wrangel dadurch gespielt, daß sie sich, an Händen und Füßen gebunden, den erstaunten Soldaten auslieferten. Allerdings hätten Versammlung und Volk im Falle des Widerstandes geschlagen werden können, Berlin konnte bombardiert werden, und viele Hunderte wären dabei vielleicht ums Leben gekommen, ohne den schließlichen Sieg der Königspartei zu verhindern. Aber das war kein Grund, ohne weiteres die Waffen zu strecken. Eine Niederlage nach schwerem Kampf ist eine Tatsache von ebenso großer revolutionärer Bedeutung wie ein leicht errungener Sieg. Die Niederlagen von Paris im Juni 1848 und von Wien im Oktober haben zur Revolutionierung der Bevölkerung dieser beiden Städte sicher weit mehr beigetragen als die Siege von Februar und März. Die Versammlung und das Volk von Berlin hätten wahrscheinlich das Schicksal jener beiden Städte geteilt; aber sie wären ruhmvoll unterlegen und hätten in den Herzen der Überlebenden das Verlangen nach Rache hinterlassen, das in revolutionären Zeiten eine der stärksten Triebfedern zu energischem, leidenschaftlichem Handeln bildet. Bei jedem Kampf ist es selbstverständlich, daß derjenige, der den Handschuh aufnimmt, Gefahr läuft, geschlagen zu werden; aber ist das ein Grund, sich geschlagen zu geben und das Joch auf sich zu nehmen, ohne das Schwert gezogen zu haben?

Wer in einer Revolution eine entscheidende Stellung befehligt und sie dem Feind übergibt, statt ihn zu zwingen, einen Sturm auf sie zu wagen, verdient unter allen Umständen, als Verräter behandelt zu werden.

Der gleiche Erlaß des Königs von Preußen, der die konstituierende Versammlung auflöste, verkündete auch eine neue Verfassung, die auf dem von einem Ausschuß der Versammlung ausgearbeiteten Entwurf beruhte, wobei jedoch in manchen Punkten die Befugnisse der Krone erweitert, in anderen Fällen die des Parlamentes in Frage gestellt wurden. Diese Verfassung sah zwei Kammern vor, die demnächst zusammentreten sollten, um die Verfassung zu revidieren und zu bestätigen.

Wir brauchen kaum zu fragen, wo die deutsche Nationalversammlung während des “legalen und friedlichen” Kampfes der preußischen Konstitutionalisten war. Sie war, wie gewöhnlich, in Frankfurt damit beschäftigt, höchst zahme Resolutionen gegen das Vorgehen der preußischen Regierung zu fassen und das “imposante Schauspiel des passiven, gesetzlichen, einmütigen Widerstandes eines ganzen Volkes gegen brutale Gewalt” zu bewundern. Die Zentralregierung sandte Kommissare nach Berlin, die zwischen dem Ministerium und der Versammlung vermitteln sollten; aber sie fanden dasselbe Schicksal wie ihre Vorgänger in Olmütz und wurden höflich hinauskomplimentiert. Die Linke der Nationalversammlung, d.h. die sogenannte radikale Partei, entsandte ebenfalls Kommissare; aber nachdem sie sich von der völligen Hilflosigkeit der Berliner Versammlung gebührend überzeugt und ihrerseits ebenso große Hilflosigkeit an den Tag gelegt hatten, kehrten sie nach Frankfurt zurück, um über den Stand der Dinge zu berichten und die bewundernswert friedliche Haltung der Berliner zu bezeugen. Ja, noch mehr! Als Herr Bassermann, einer der Kommissare der Zentralregierung, berichtete, die jüngsten scharfen Maßnahmen des preußischen Ministeriums seien nicht unbegründet, da man in letzter Zeit allerhand verwegen aussehende Gestalten in den Straßen Berlins habe herumstrolchen sehen, wie sie immer am Vorabend anarchischer Bewegungen auftauchten (und die seitdem den Namen “Bassermannsche Gestalten” erhalten haben), da erhoben sich in allem Ernst jene würdigen Abgeordneten der Linken und entschiedenen Verfechter der revolutionären Belange, um zu beschwören und zu bezeugen, daß dem nicht so sei! So hatte sich im Verlaufe zweier Monate die völlige Unfähigkeit der Frankfurter Versammlung klar erwiesen. Schärfer konnte nicht mehr bewiesen werden, daß diese Körperschaft ihrer Aufgabe nicht im geringsten gewachsen war, ja, daß sie nicht im entferntesten einen Begriff davon hatte, was in Wirklichkeit ihre Aufgabe war. Die Tatsache, daß die Entscheidung über das Schicksal der Revolution in Wien und Berlin fiel, daß in diesen beiden Hauptstädten die wichtigsten Lebensfragen erledigt wurden, ohne das man von der Existenz der Frankfurter Versammlung auch nur die leiseste Notiz nahm – diese Tatsache allein genügt, um festzustellen, daß diese Körperschaft ein bloßer Debattierklub war, bestehend aus einer Ansammlung leichtgläubiger Tröpfe, die sich von den Regierungen als parlamentarische Marionetten mißbrauchen ließen, um zur Belustigung der Krämer und Handwerker kleiner Staaten und Städte ein Schauspiel zu geben, solange man es für angezeigt hielt, die Aufmerksamkeit dieser Herrschaften abzulenken. Wie lange man das für angezeigt hielt, werden wir bald sehen. Aber es ist eine bemerkenswerte Tatsache, daß unter all den “hervorragenden” Männern dieser Versammlung nicht ein einziger war, der auch nur die geringste Ahnung von der Rolle hatte, die man sie zu spielen zwang, und daß bis auf den heutigen Tag Exmitglieder des Frankfurter Klubs unwandelbar ganz eigengeartete Organe für das Erfassen geschichtlicher Vorgänge haben.

London, März 1852
XIV. [Die Wiederherstellung der Ordnung – Reichstag und Kammern]

Die ersten Monate des Jahres 1849 wurden von der österreichischen und preußischen Regierung dazu benutzt, die im Oktober und November des Vorjahres errungenen Vorteile weiter zu verfolgen. Der österreichische Reichstag hatte seit der Einnahme Wiens ein reines Schattendasein in dem kleinen mährischen Landstädtchen Kremsier geführt. Hier widerfuhr den slawischen Abgeordneten, die mitsamt ihren Wählern hauptsächlich dazu beigetragen hatten, die österreichische Regierung aus ihrer tiefen Erniedrigung wieder emporzuheben, eine einzigartige Züchtigung für ihren Verrat an der europäischen Revolution. Kaum hatte die Regierung ihre Kraft wiedererlangt, da begann sie den Reichstag und sein slawische Mehrheit mit der größten Verachtung zu behandeln, und als nach den ersten Erfolgen der kaiserlichen Waffen eine rasche Beendigung des Kriegs in Ungarn zu erwarten stand, wurde der Reichstag am 4.März aufgelöst und seine Abgeordneten mit Waffengewalt auseinandergetrieben. Jetzt erkannten die Slawen endlich, daß man sie zum Narren gehalten, und jetzt erhob sich der Ruf: Auf nach Frankfurt, laßt uns dort die Opposition weiterbetreiben, die uns hier unmöglich gemacht wird! Aber jetzt war es zu spät, und die bloße Tatsache, daß sie keine andere Wahl mehr hatten, als sich still zu verhalten oder in die machtlose Frankfurter Versammlung einzutreten – diese Tatsache allein bewies zur Genüge ihre völlige Hilflosigkeit.

So endeten für jetzt und höchstwahrscheinlich für immer die Versuche der Slawen Deutschlands, wieder zu nationaler Selbständigkeit zu gelangen. Zersplitterte Reste zahlreicher Nationen, deren Nationalität und politische Lebenskraft längst erloschen waren und die sich daher seit beinah einem Jahrhundert gezwungen sahen, den Spuren einer stärkeren Nation zu folgen, die sie überwunden, wie die Walliser in England, die Basken in Spanien, die Niederbretonen in Frankreich und in jüngster Zeit die spanischen und französischen Kreolen in den neuerdings von den Angloamerikanern besetzten Teilen Nordamerikas – diese sterbenden Völkerstämme, die Böhmen, Kärntner, Dalmatiner usw., hatten versucht, sich die allgemeine Verwirrung des Jahres 1848 zunutze zu machen, um den politischen Status quo wiederherzustellen, der A.D. 800 bestanden. Die Geschichte eines Jahrtausends müßte ihnen gezeigt haben, daß ein solcher Rückschritt nicht möglich war; daß wenn das ganze Gebiet östlich der Elbe und der Saale einstmals von miteinander verwandten slawischen Völkerschaften besiedelt gewesen, diese Tatsache nur die geschichtliche Tendenz und die physische und intellektuelle Fähigkeit der deutschen Nation bewies, ihre alten östlichen Nachbarn zu unterwerfen, aufzusaugen und sie zu assimilieren; daß diese absorbierende Tendenz der Deutschen stets eines der mächtigsten Mittel gewesen und noch ist, wodurch die westeuropäische Zivilisation in Osteuropa verbreitet wurde; daß diese Tendenz erst dann aufhören konnte, als der Prozeß der Germanisierung auf die Grenze starker, geschlossener, ungebrochener Nationen stieß, die imstande waren, ein selbständiges nationales Leben zu führen wie die Ungarn und in gewissem Grade die Polen; und daß es deshalb das natürliche unvermeidliche Schicksal dieser sterbenden Nationen war, diesen Prozeß der Auflösung und Aufsaugung durch ihre stärkeren Nachbarn sich vollenden zu lassen. Das ist allerdings keine sehr schmeichelhafte Aussicht für den nationalen Ehrgeiz der panslawistischen Schwärmer, die es fertiggebracht, einen Teil der Böhmen und Südslawen in Bewegung zu setzen, aber können sie erwarten, die Geschichte werde um tausend Jahre zurückschreiten, einigen schwindsüchtigen Völkerschaften zuliebe, die auf den von ihnen bewohnten Gebieten überall mitten unter Deutschen und in deutscher Umgebung, die seit fast undenklichen Zeiten für jede Äußerung kulturellen Lebens keine andere Sprache haben als die deutsche und denen die erste Bedingung nationaler Existenz fehlen: größere Bevölkerung und Geschlossenheit des Gebiets? Daher prallte die panslawistische Welle, unter der sich überall in den slawischen Gegenden Deutschlands und Ungarns das Streben nach Wiederherstellung der Unabhängigkeit all dieser ungezählten kleinen Nationen verbarg, überall mit der revolutionären Bewegung Europas zusammen; und mochten die Slawen auch vorgeben, für die Freiheit zu kämpfen, so waren sie doch (mit Ausnahme des demokratischen Teils der Polen) unwandelbar auf seiten des Despotismus und der Reaktion zu finden. So war es in Deutschland, so war es in Ungarn und hier und da sogar auch in der Türkei. Verräter an der Sache des Volkes, Helfershelfer und Hauptstützen des Ränkespiels der österreichischen Regierung, brachten sie sich durch ihr Verhalten bei allen revolutionären Nationen in Acht und Bann. Und obwohl die Masse des Volkes sich nirgends an dem kleinlichen Gezänk über Nationalitäten beteiligte, das die panslawistischen Führer anzettelten, schon aus dem einfachen Grunde, weil es zu unwissend war, wird es doch für immer unvergessen bleiben, daß in Prag, einer halbdeutschen Stadt, Scharen slawischer Fanatiker jubelnd den Ruf aufnahmen: “Lieber die russische Knute als die deutsche Freiheit!” Nachdem ihre erste Anstrengung 1848 nutzlos verpufft war und nach der Lehre, die ihnen die österreichische Regierung erteilte, ist kaum anzunehmen, daß sie bei späterer Gelegenheit einen neuen Versuch unternehmen. Aber wenn sie noch einmal versuchen sollten, sich unter ähnlichen Vorwänden mit den Mächten der Konterrevolution zu verbinden, so ist die Pflich t Deutschlands klar. Kein Land, das sich im Zustand der Revolution und im Krieg mit dem Ausland befindet kann eine Vendée innerhalb des Landes dulden.

Auf die Verfassung, die der Kaiser gleichzeitig mit der Auflösung des Reichstags erließ, brauchen wir nicht zurückzukommen, denn sie ist praktisch niemals wirksam geworden und ist jetzt bereits völlig beseitigt. Der Absolutismus ist in Österreich seit dem 4.März 1849 in jeder Beziehung vollständig wiederhergestellt.

In Preußen traten im Februar die Kammern zusammen, um die vom König erlassene neue Verfassung zu revidieren und zu bestätigen. Sie tagten etwa sechs Wochen, unterwürfig und demütig genug in ihrem Verhalten gegenüber der Regierung, aber doch nicht ganz so gefügig, wie der König und seine Minister sie haben wollten. Deshalb wurden sie auch bei der ersten passenden Angelegenheit aufgelöst.

Damit war man fürs erste in Österreich wie in Preußen der Fesseln der parlamentarischen Kontrolle ledig. Die beiden Regierungen konzentrierten jetzt die gesamte Macht bei sich allein und konnten sie überall einsetzen, wo sie gerade gebraucht wurde, Österreich gegen Ungarn und Italien, Preußen gegen Deutschland. Denn auch Preußen rüstete zu einem Feldzug, durch den die “Ordnung” in den kleineren Staaten wiederhergestellt werden sollte.

Nachdem jetzt in den beiden großen Mittelpunkten der Bewegung in Deutschland, in Wien und Berlin, die Konterevolution wieder das Heft in der Hand hatte, blieben nur die kleineren Staaten, in denen der Kampf noch nicht entschieden war, obgleich sich die Waage auch dort immer mehr zuungunsten der Revolution senkte. Diese kleineren Staaten hatten, wie schon bemerkt, einen gemeinsamen Mittelpunkt in der Frankfurter Nationalversammlung gefunden. Nun war aber diese sogenannte Nationalversammlung, mochte auch ihr reaktionärer Charakter längst so offenkundig sein, daß das Volk in Frankfurt selbst die Waffen gegen sie erhob, ihrem Ursprung nach doch mehr oder weniger revolutionärer Natur. Sie hatte im Januar eine abnorme, revolutionäre Stellung eingenommen. Ihre Zuständigkeit war niemals abgegrenzt wurden, und schließlich hatte sie sich zu dem – von den größeren Staaten allerdings niemals anerkannten – Entschluß aufgerafft, ihren Beschlüssen Gesetzeskraft zu verleihen. Unter diesen Umständen, und da die konstitutionell-monarchistische Partei infolge des Wiedererstarkens des Absolutismus ihre Stellung völlig verändert sah, ist es nicht verwunderlich, daß die liberale monarchistische Bourgeoisie fast in ganz Deutschland ihre letzte Hoffnung auf die Mehrheit dieser Versammlung setzte, ebenso wie das Kleinbürgertum, der Kern der demokratischen Partei, in seiner wachsenden Bedrängnis sich um jene Minderheit der gleichen Körperschaft scharte, die in der Tat die letzte geschlossene parlamentarische Phalanx der Demokratie darstellte. Auf der anderen Seite erkannten die größeren Regierungen und besonders die preußische immer mehr die Unvereinbarkeit einer solchen regelwidrigen, aus Wahlen hervorgegangenen Körperschaft mit dem wiederhergestellten monarchischen System in Deutschland, und wenn sie nicht sofort ihre Auflösung erzwangen, so nur darum, weil die Zeit dazu noch nicht gekommen war und weil Preußen sie zunächst noch zur Förderung seiner eigenen ehrgeizigen Pläne ausnutzen wollte.

Inzwischen verfiel diese klägliche Versammlung selbst in immer größere Verwirrung. Ihre Deputationen und Kommissare waren in Wien wie in Berlin mit der größten Verachtung behandelt, eines ihrer Mitglieder, trotz seiner parlamentarischen Immunität, in Wien als gemeiner Rebell hingerichtet worden. Ihre Erlasse wurden nirgends beachtet; wenn die größeren Staaten sie überhaupt zur Kenntnis nahmen, so nur in Protestnoten, die der Versammlung das Recht abstritten, Gesetze anzunehmen und Beschlüsse zu fassen, die für ihre Regierungen bindend seien. Das Vertretungsorgan der Versammlung, die Zentrale Exekutivgewalt, war mit fast allen Kabinetten Deutschlands in diplomatische Händel verwickelt, und trotz aller ihrer Bemühungen konnten werde die Versammlung noch die Zentralregierung Österreich oder Preußen dazu bringen, ihre Absichten, Pläne und Forderungen endgültig darzulegen. Endlich begann die Versammlung wenigstens klar zu erkennen, daß sie sich alle Macht hatte entgleiten lassen, daß sie Österreich und Preußen auf Gnade und Ungnade ausgeliefert war und daß sie, wenn sie überhaupt eine Reichsverfassung für Deutschland zustande bringen wollte, sofort und allen Ernstes an diese Aufgabe herangehen mußte. Und viele ihrer schwankenden Mitglieder erkannten jetzt ebenfalls klar, daß sie von den Regierungen gründlich zum Narren gehalten worden waren. Aber was konnten sie bei ihrer Ohnmacht jetzt noch tun? Der einzige Schritt, der sie noch retten konnte, war der schleunige, entschiedene Übergang in das Lager des Volkes, obgleich der Erfolg selbst dieses Schrittes mehr als zweifelhaft geworden; und bei alledem, wo waren in diesem hilflosen Haufen unentschlossener, kurzsichtiger, aufgeblasener Geschöpfe, die, wenn der ewige Lärm widerspruchsvoller Gerüchte und diplomatischer Noten sie völlig betäubte, ihren einzigen Trost und Halt in der endlos wiederholten Versicherung suchten, daß sie die besten, die größten, die weisesten Männer des Landes seien, die allein Deutschland retten könnten; – wo waren, fragten wir, unter diesen Jammergestalten, die ein einziges Jahr parlamentarischen Lebens zu völligen Idioten gemacht, wo waren da die Männer, die einen raschen, kraftvollen Entschluß fassen, geschweige den tatkräftig und konsequent handeln konnten?

Endlich ließ die österreichische Regierung die Maske fallen. In ihrer Verfassung vom 4.März erklärte sie Österreich zur unteilbaren Monarchie mit gemeinsamem Finanz- und Zollsystem und gemeinsamem Heerwesen, um so alle trennenden Schranken zwischen den deutschen und nichtdeutschen Provinzen zu beseitigen. Diese Erklärung stand im schroffen Widerspruch zu Resolutionen und Artikeln der künftigen Reichsverfassung, die von der Frankfurter Versammlung bereits angenommen worden waren. Das war der Fehdehandschuh, den ihr Österreich hinwarf, und der armen Versammlung blieb keine andere Wahl, als ihn aufzunehmen. Sie tat dies mit einiger Prahlerei, was Österreich im Bewußtsein seiner Macht und der völligen Bedeutungslosigkeit der Versammlung ruhig hingehen lassen konnte. Und diese Vertretung des deutschen Volkes, wie diese köstliche Versammlung sich selbst betitelte, wußte, um sich für diesen Schimpf an Österreich zu rächen, nicht besseres zu tun, als sich, an Händen und Füßen gebunden, der preußischen Regierung zu Füßen zu werfen. So unglaublich es auch scheinen mag, sie beugte das Knie vor denselben Ministern, die sie als verfassungswidrig und volksfeindlich gebrandmarkt und auf deren Entlassung sie vergeblich gedrungen. Die Einzelheiten dieser schmachvollen Verhandlungen und die tragikomischen Ereignisse, die ihnen folgten, werden der Gegenstand unseres nächsten Briefes bilden.

London, April 1852
XV. [Preußens Triumph]

Wir kommen jetzt zu dem letzten Kapitel in der Geschichte der deutschen Revolution: dem Konflikt der Nationalversammlung mit den Regierungen der verschiedenen Staaten, namentlich Preußens, der Erhebung von Süd- und Westdeutschland und ihrer schließlichen Niederwerfung durch Preußen.

Wir haben bereits die Frankfurter Nationalversammlung an der Arbeit gesehen. Wir haben gesehen, wie sie von Österreich mit Fußtritten traktiert, von Preußen beschimpft, wie ihr von den kleineren Staaten der Gehorsam verweigert, wie sie zum Narren gehalten wurde von ihrer eigenen ohnmächtigen Zentral”regierung”, die sich wiederum von allen und jedem Fürsten an der Nase herumführen ließ. Zuletzt nahmen die Dinge jedoch eine für diese schwächliche, schwankende, abgeschmackte gesetzgebende Versammlung bedrohliche Gestalt an. Wohl oder übel mußte sie sich zu dem Schlusse bequemen, daß der “erhabene Gedanke der deutschen Einheit in seiner Verwirklichung bedroht sei”, was nicht mehr und nicht weniger bedeutete, als daß die Frankfurter Versammlung mit allem, was sie getan und noch tun wollte, sich höchstwahrscheinlich in blauen Dunst auflösen würde. Deshalb machte sie sich allen Ernstes an die Arbeit, um so schnell wie möglich ihr großes Werk zu vollenden, die “Reichsverfassung”.

Dabei ergab sich jedoch eine Schwierigkeit. Welcher Art sollte die Exekutivgewalt sein? Ein Vollzugsausschuß? Nein, daß hieße, dachten sie in ihrer Weisheit, Deutschland zur Republik zu machen. Ein “Präsident”? Das wäre auf das gleiche hinausgelaufen. Also mußte man die alte Kaiserwürde wieder hervorkramen. Aber – da natürlich ein Fürst Kaiser werden sollte – wer sollte es sein? Natürlich keiner der dii minorum gentium von Reuß-Greiz-Schleiz-Lobenstein-Ebersdorf bis Bayern; weder Österreich noch Preußen hätten sich das bieten lassen. Nur Österreich oder Preußen konnten es sein. Aber wer von den beiden? Kein Zweifel, wären die sonstigen Umstände günstiger gewesen, die erhaben Versammlung säße noch heute beisammen und diskutierte über dieses wichtige Dilemma, ohne zu einem Entschluß kommen zu können, hätte nicht die österreichische Regierung den gordischen Knoten durchhauen und ihr die Mühe erspart.

Österreich wußte sehr wohl, daß von dem Augenblick, in dem es vor Europa wieder als der Herr aller seiner Provinzen, als starke europäische Großmacht auftreten konnte, schon allein das Gesetz der politischen Schwerkraft den Rest Deutschlands in seinen Machtbereich ziehen würde, ohne daß es dazu der Autorität bedurfte, die ihm eine von der Frankfurter Nationalversammlung zugesprochene Kaiserkrone verleihen konnte. Österreich war viel stärker, viel freier in seinen Bewegungen, seit es die machtlose deutsche Kaiserkrone abgeschüttelt – eine Krone, die seiner eigenen selbständigen Politik hinderlich war, ohne seiner Macht innerhalb wie außerhalb Deutschlands auch nur ein Jota hinzuzufügen. Und gesetzt den Fall, daß Österreich sich aus Italien und Ungarn zurückziehen müßte, dann wäre es auch um seine Macht in Deutschland geschehen, und es könnte niemals wieder den Anspruch auf eine Krone erheben, die ihm entglitten, als es sich im Vollbesitz seiner Macht befand. Daher erklärte sich Österreich sofort gegen jede Restauration des Kaisertums und verlangte rundheraus die Wiederherstellung des Deutschen Bundestags als der einzigen deutschen Zentralregierung, die in den Verträgen von 1815 erwähnt und anerkannt war, und am 4.März 1849 erließ es jene Verfassung, die nichts anderes bezweckte, als Österreich zu einer unteilbaren, zentralisierten selbständigen Monarchie zu erklären, völlig getrennt sogar von jenem Deutschland, das die Frankfurter Versammlung wieder aufrichten wollte.

Diese offene Kriegserklärung ließ den Frankfurter Neunmalweisen in der Tat keine andere Wahl, als Österreich aus Deutschland auszuschließen und aus dem Rest dieses Landes eine Art lower empire, ein “Kleindeutschland” zu schaffen, dessen ziemlich schäbiger Kaisermantel Seiner Majestät, dem König von Preußen, um die Schultern gelegt werden sollte. Das war, wie man sich erinnern wird, die Wiederbelebung eines alten Plans, den einige sechs oder sieben Jahre vorher eine Gesellschaft süd- und mitteldeutscher liberaler Doktrinäre ausgeheckt, die in den entwürdigenden Umständen, unter denen man jetzt ihre alte Schrulle als “neuesten Schachzug” zur Rettung des Vaterlandes wieder hervorholte, eine Fügung Gottes erblickten.

Die Versammlung brachte also im Februar und März 1849 die Debatte über die Reichsverfassung samt Grundrechten und Reichswahlgesetz zum Abschluß, jedoch nicht ohne sich in sehr vielen Punkten zu den widersprechensten Konzessionen genötigt zu sehen – heute an die konservative oder, richtiger, reaktionäre Partei, morgen an die radikaleren Gruppen der Versammlung. Es war eine offenkundige Tatsache, daß die Führung der Versammlung, die früher in den Händen der Rechten und des rechten Zentrums (der Konservativen und der Reaktionäre) gelegen, allmählich, wenn auch nur langsam, auf die Linke des Hauses, auf die Demokraten, überging. Die ziemlich fragwürdige Stellung der österreichischen Abgeordneten in einer Versammlung, die ihr Heimatland aus Deutschland ausgeschlossen hatte, in der sie aber gleichwohl auch weiterhin sitzen und abstimmen sollten, begünstigte diese Verschiebung ihres Gleichgewichts; daher befanden sich das linke Zentrum und die Linke mit Hilfe der Österreichischen Stimmen schon seit Ende Februar sehr häufig in der Mehrheit, während an anderen Tagen die konservative Gruppe der Österreicher ganz plötzlich spaßeshalber mit der Rechten stimmte und dadurch den Ausschlag wieder zugunsten der anderen Seite gab. Sie wollte die Versammlung durch diese jähen soubresauts in Verruf bringen, was jedoch ganz unnötig war, da die Masse des Volkes von der völligen Hohlheit und Nichtigkeit all dessen, was von Frankfurt kam, längst überzeugt war. Welcher Art die Verfassung war, die mittlerweile bei solchem Hin- und Herspringen zustande gekommen, kann man sich leicht vorstellen.

Die Linke der Versammlung – diese Elite und dieser Stolz des revolutionären Deutschlands, wofür sie sich selber hielt – war förmlich berauscht von den paar armseligen Erfolgen, die sie davongetragen, dank dem Wohlwollen oder, richtiger, Übelwollen einer Handvoll österreichischer Politiker, die auf Veranlassung und im Interesse des österreichischen Despotismus handelten. Jedesmal, wenn die Frankfurter Versammlung einem Vorschlag, der auch nur im entferntesten an ihre eigenen keineswegs klar umrissenen Grundsätze erinnerte, in homöopathisch verdünnter Form eine Art Sanktion erteilte, verkündeten diese Demokraten, sie hätten Vaterland und Volk gerettet. Diese armseligen Schwachköpfe waren im ganzen Verlauf ihres meist recht obskuren Lebens so wenig an so etwas wie einen Erfolg gewöhnt, daß sie tatsächlich glaubten, ihre lumpigen Amendements, die mit zwei oder drei Stimmen Mehrheit durchkamen, würden das Antlitz Europas verändern. Seit Beginn ihrer parlamentarischen Laufbahn waren sie mehr als jede andere Fraktion der Versammlung von jener unheilbaren Krankheit, dem parlamentarischen Kretinismus, verseucht, einem Leiden, das seine unglücklichen Opfer mit der erhabenen Überzeugung erfüllt, daß die ganze Welt, deren Vergangenheit und deren Zukunft, durch die Stimmenmehrheit gerade jener Vertretungskörperschaft gelenkt und bestimmt wird, die die Ehre hat, sie zu ihren Mitgliedern zu zählen, und daß alles und jedes, was es außerhalb der Mauern ihres Hauses gibt – Kriege, Revolutionen, Eisenbahnbauten, die Kolonisierung ganz neuer Kontinente, kalifornische Goldfunde, zentralamerikanische Kanäle, russische Armeen und was sonst vielleicht noch Anspruch erheben kann, die Geschicke der Menschheit zu beeinflussen -, daß all das nichts ist im Vergleich mit jenen unermeßlich wichtigen Ereignissen, die mit der ausnahmslos bedeutungsvollen Frage zusammenhängen, der das hohe Haus gerade seine Aufmerksamkeit widmet. Dadurch, daß es der demokratischen Partei der Versammlung gelang, ein paar ihrer Zauberformeln in die “Reichsverfassung” einzuschmuggeln, ergab sich zunächst die Verpflichtung, sich für die Verfassung einzusetzen, obwohl sie in jedem wesentlichen Punkt ihren eigenen, oft verkündeten Grundsätzen direkt ins Gesicht schlug; und als diese Zwitterschöpfung schließlich von ihren Haupturhebern aufgegeben und den Demokraten vermacht wurde, nahmen diese die Erbschaft an und hielten wacker fest an dieser monarchischen Verfassung, auch wenn sie in Gegensatz geriet zu allen, die jetzt ihre eigenen republikanischen Grundsätze verkündeten.

Man muß jedoch zugeben, daß dieser Widerspruch nur ein scheinbarer war. Der unbestimmte, widerspruchsvolle, unausgereifte Charakter der Reichsverfassung spiegelte getreu die unreifen, verworrenen, einander widersprechenden politischen Ideen dieser Herrn Demokraten wider. Und wenn ihre eigenen Reden und Schriften – soweit sie schreiben konnten – das nicht genügend beweisen, ihre Handlungen würden diesen Beweis erbringen; denn unter vernünftigen Menschen versteht es sich von selbst, daß man einen Menschen nicht nach seinen Worten, sondern nach seinen Taten beurteilt, nicht danach, was er vorgibt zu sein, sondern danach, was er tut und was er wirklich ist; und die Taten dieser Helden der deutschen Demokratie sprechen, wie wir des weiteren noch sehen werden, laut genug für sich. Indessen, die Reichsverfassung mit all ihrem Drum und Dran wurde schließlich angenommen; und am 28.März wurde der König von Preußen mit 290 Stimmen bei 248 Enthaltungen und in Abwesenheit von etwa 200 Abgeordneten zum Kaiser von Deutschland (minus Österreich) gewählt. Die Ironie der Geschichte war vollständig: die Kaiserposse, die Friedrich Wilhelm IV. in den Straßen des erstaunten Berlin drei Tage nach der Revolution vom 18.März 1848 in einem Zustand aufführte, der anderswo unter das Trunkenheitsgesetz fiele – diese widerliche Posse erhielt genau ein Jahr später die Sanktion der Versammlung, die angeblich ganz Deutschland vertrat. Das war also das Ergebnis der deutschen Revolution!
XVI. [Die Nationalversammlung und die Regierungen]

Nachdem die Frankfurter Nationalversammlung den König von Preußen zum Kaiser von Deutschland (minus Österreich) erkoren, sandte sie eine Abordnung nach Berlin, um ihm die Krone anzubieten, und vertagte sich dann. Am 3.April empfing Friedrich Wilhelm die Abgeordneten. Er erklärte ihnen, daß er zwar das Recht des Vorrangs vor allen anderen Fürsten Deutschlands, den ihm der Beschluß der Volksvertreter verliehen, anerkenne, daß er aber die Kaiserkrone nicht anzunehmen vermöge, solange er nicht sicher sei, ob seine Oberhoheit und die Reichsverfassung, die ihm jene Rechte übertrage, von den übrigen Fürsten anerkannt würden. Es sei Sache der deutschen Regierungen, fügte er hinzu, zu prüfen, ob diese Verfassung von ihnen gutgeheißen werden könne. Auf jeden Fall, schloß er, ob Kaiser oder nicht, werde man ihn immer bereit finden, sein Schwert gegen jeden äußeren und inneren Feind zu ziehen. Wir werden bald sehen, wie er dieses Versprechen in einer Art und Weise hielt, die die Nationalversammlung einigermaßen verblüffte.

Die Frankfurter Neunmalweisen kamen nach tiefgründiger diplomatischer Untersuchung zu guter letzt zu dem Schluß, diese Antwort komme einer Ablehnung der Krone gleich. Sie beschlossen daher (am 12.April), die Reichsverfassung sei Landesgesetz und müsse aufrechterhalten werden; und da sie sich gar keinen Rat wußten, wählten sie einen Dreißigerausschuß, der einen Vorschlag ausarbeiten sollte, wie die Verfassung durchgeführt werden könnte.

Dieser Beschluß löste den Konflikt aus, der jetzt zwischen der Frankfurter Versammlung und den deutschen Regierungen ausbrach.

Die Bourgeoisie und namentlich das Kleinbürgertum hatten sich ganz plötzlich für die neue Frankfurter Verfassung erklärt. Sie konnten den Augenblick nicht mehr erwarten, der “die Revolution abschließen” sollte. In Österreich und Preußen war die Revolution vorläufig durch das Eingreifen der bewaffneten Macht zum Abschluß gelangt. Die erwähnten Klassen hätten eine weniger gewaltsame Methode der Durchführung dieser Operation vorgezogen, aber es blieb ihnen keine andere Wahl; die Sache war geschehen, und sie mußten sich damit zufrieden geben, ein Entschluß, den sie sogleich faßten und höchst heroisch durchführten. In den kleineren Staaten, wo die Dinge verhältnismäßig glatt vor sich gegangen waren, waren diese Klassen längst in jene äußerlich blendende, aber ergebnislose, weil machtlose parlamentarische Agitation zurückgefallen, die ihrem Wesen so trefflich entsprach. Betrachtete man also die verschiedenen deutschen Staaten jeden für sich, so schienen sie die neue, endgültige Form erlangt zu haben, von der man annahm, sie werde fortan das Einlenken in den Pfad friedlicher konstitutioneller Entwicklung ermöglichen. Nur eine Frage war offen geblieben, die Frage der neuen politischen Organisation des deutschen Bundes. Und die Lösung dieser Frage, der einzigen, die noch Gefahren zu bergen schien, hielt man für unverzüglich notwendig. Daher der Druck, den die Bourgeoisie auf die Frankfurter Versammlung ausübte, um sie zu bewegen, die Verfassung so schnell wie möglich fertigzustellen; daher die Entschlossenheit der oberen wie der unteren Schichten der Bourgeoisie, diese Verfassung, ob gut oder schlecht, anzunehmen und für sie einzutreten, um unverzüglich geordnete Zustände zu schaffen. Von allem Anfang an also entsprach die Agitation für die Reichsverfassung reaktionären Gefühlen und ging von jenen Klassen aus, die der Revolution seit langem überdrüssig waren.

Die Sache hatte aber noch eine andere Seite. Die ersten, grundlegenden Prinzipien der künftigen deutschen Verfassung waren in den ersten Monaten des Frühjahrs und Sommers 1848 beschlossen worden, zu einer Zeit, als die Volksbewegung noch in vollem Gange war. Die zu jener Zeit gefaßten Beschlüsse, die damals freilich ganz reaktionär waren, erschienen jetzt, nach den Willkürakten der österreichischen und preußischen Regierung, außerordentlich liberal, ja demokratisch. Der Vergleichsmaßstab war ein anderer geworden. Die Frankfurter Versammlung konnte, ohne moralisch Selbstmord zu begehen, diese einmal beschlossenen Bestimmungen nicht streichen und die Reichsverfassung nach dem Muster jener Verfassungen gestalten, die die Regierungen Österreichs und Preußens mit dem Schwert in der Hand diktiert hatten. Überdies hatte sich, wie wir gesehen, die Mehrheit in der Nationalversammlung verschoben, und der Einfluß der liberalen und demokratischen Partei war im Ansteigen. Die Reichsverfassung zeichnete sich also nicht nur dadurch aus, daß sich ihr Ursprung ausschließlich vom Volke herleitete, sondern sie war auch bei all ihren Widersprüchen gleichzeitig noch die liberalste Verfassung in ganz Deutschland. Ihr größter Fehler war, daß sie bloß ein Stück Papier war, ohne jede Macht, ihren Bestimmungen Geltung zu verschaffen.

Unter diesen Umständen war es ganz natürlich, daß die sogenannte demokratische Partei, daß heißt die Klasse des Kleinbürgertums, sich an die Reichsverfassung klammerte. Diese Klasse war in ihren Forderungen immer fortschrittlicher gewesen als die liberale monarchistisch-konstitutionelle Bourgeoisie; sie war kühner aufgetreten, hatte nicht selten mit bewaffnetem Widerstand gedroht und mit Versprechungen um sich geworfen, Gut und Blut im Kampf für die Freiheit zu opfern; sie hatte aber schon vielfach bewiesen, daß sie in der Stunde der Gefahr nirgends zu finden war und das ihr niemals wohler zumute war als am Tage nach einer entscheidenden Niederlage, wenn zwar alles verloren war, sie aber wenigstens den Trost hatte zu wissen, die Sache war jetzt so oder so erledigt. Während somit die Zustimmung der großen Bankiers, Fabrikanten und Kaufleute reservierten Charakter trug, mehr in der Art einer einfachen Demonstration zugunsten der Frankfurter Verfassung, tat die Klasse unmittelbar unter ihnen, unsere wackeren demokratischen Kleinbürger, gar großartig und verkündete wie gewöhnlich, sie werde eher ihren letzten Blutstropfen vergießen, als die Reichsverfassung fallenzulassen.

Unterstützt von diesen beiden Parteien, den Bourgeois, die für die konstitutionelle Monarchie waren, und den mehr oder weniger demokratischen Kleinbürgern, gewann die Agitation für die sofortige Einführung der Reichsverfassung rasch an Boden und fand ihren stärksten Ausdruck in den Parlamenten der einzelnen Staaten. Die Kammern in Preußen, Hannover, Sachsen, Baden und Württemberg erklärten sich für sie. Der Kampf zwischen den Regierungen und der Frankfurter Versammlung nahm rasch bedrohliche Gestalt an.

Die Regierungen handelten indessen rasch. Die preußischen Kammern wurden aufgelöst, was in Widerspruch zur Verfassung stand, da sie die preußische Verfassung zu revidieren und bestätigen hatten; in Berlin kam es zu Krawallen, die von der Regierung absichtlich provoziert wurden; und am nächsten Tag, am 28.April, erließ das preußische Ministerium eine Zirkularnote, in der die Reichsverfassung als ein höchst anarchisches und revolutionäres Dokument hingestellt wurde, das die deutschen Regierungen umgestalten und reinigen müßten. Preußen bestritt also rundheraus jene souveräne verfassunggebende Gewalt, deren sich die weisen Männer von Frankfurt immer gerühmt, für die sie aber nie feste Grundlagen geschaffen hatten. So wurde denn ein Kongreß von Fürsten, der alte Bundestag in neuer Form, berufen, der über die bereits als Gesetz verkündete Verfassung zu Gericht sitzen sollte. Und zur gleichen Zeit konzentrierte Preußen Truppen bei Kreuznach, drei Tagesmärsche von Frankfurt entfernt, und forderte die kleineren Staaten auf, seinem Beispiel zu folgen und ebenfalls ihre Kammern aufzulösen, sobald diese sich für die Frankfurter Versammlung erklärten. Dieses Beispiel wurde von Hannover und Sachsen schleunigst befolgt.

Eine Entscheidung des Kampfes durch Waffengewalt war offensichtlich unvermeidlich geworden. Die Feindseligkeit der Regierungen, die Gärung im Volke kamen von Tag zu Tag heftiger zum Ausdruck. Überall wurde das Militär von den demokratischen Bürgern bearbeitet, in Süddeutschland mit großem Erfolg. Überall wurden große Massenversammlungen abgehalten, auf denen beschlossen wurde, für die Reichsverfassung und die Nationalversammlung einzutreten, nötigenfalls durch Waffengewalt. In Köln fand zu dem gleichen Zweck eine Versammlung von Abgeordneten aller Gemeinderäte Rheinpreußens statt. In der Pfalz, im Bergischen, in Fulda, in Nürnberg, im Odenwald kamen die Bauern in hellen Scharen zusammen und ließen sich von der Begeisterung mitreißen. Um dieselbe Zeit löste sich die französische Konstituante auf, und die Vorbereitungen zur Neuwahl gingen unter heftiger Erregung vor sich, während an der östlichen Grenze Deutschlands die Ungarn innerhalb eines Monats durch eine Reihe glänzender Siege die Hochflut der österreichischen Invasion von der Theiß an die Leitha zurückgedrängt hatten und man täglich erwartete, sie würden Wien im Sturme nehmen. Weil aber die Phantasie des Volkes so von allen Seiten aufs höchste erregt und die aggressive Politik der Regierung mit jedem Tage bestimmtere Gestalt annahm, war ein gewaltsamer Zusammenstoß unvermeidlich, und nur feige Schwachköpfigkeit konnte sich einreden, der Konflikt könne auf friedlichem Wege beigelegt werden. Aber diese feige Schwachköpfigkeit war in der Frankfurter Versammlung ausgiebigst vertreten.

London, Juli 1852
XVII. [Der Aufstand]

Der unvermeidliche Konflikt zwischen der Frankfurter Nationalversammlung und den Regierungen der deutschen Staaten brach in den ersten Maitagen 1849 endlich in offene Feindseligkeiten aus. Die österreichischen Abgeordneten, von ihrer Regierung abberufen, hatten die Versammlung bereits verlassen und waren nach Hause gefahren, mit Ausnahme einiger Mitglieder der Linken oder der demokratischen Partei. Die konservativen Mitglieder, die merkten, welche Wendung die Dinge zu nehmen drohten, zogen sich in ihrer überwiegenden Mehrheit sogar schon zurück, noch ehe sie von ihren betreffenden Regierungen dazu aufgefordert wurden. Ganz abgesehen von den Gründen, die, wie in unseren früheren Artikeln dargelegt, den Einfluß der Linken stärkten, genügte somit die bloße Tatsache, daß die Mitglieder der Rechten von ihren Posten desertierten, um die frühere Minderheit in die Mehrheit der Versammlung zu verwandeln. Die neue Mehrheit, die sich früher ein solches Glück nicht einmal im Traum hätte einfallen lassen, hatte ihre Oppositionsstellung dazu benutzt, gegen die Schwäche, die Unentschlossenheit, die Lässigkeit der alten Mehrheit und ihres Reichsverwesers große Reden zu führen. Jetzt war sie auf einmal dazu berufen, an die Stelle der alten Mehrheit zu treten. Sie sollte jetzt zeigen, was sie leisten könne. Natürlich, ihre Herrschaft konnte nur die Herrschaft der Energie, Entschlossenheit und Tatkraft sein. Sie, die Elite Deutschlands würde bald imstande sein, den senilen Reichsverweser und seine schwankenden Minister vorwärtszutreiben, und falls das nicht möglich sein sollte, würden sie – daran konnte kein Zweifel sein – kraft des souveränen Rechts des Volkes jene unfähige Regierung absetzen und durch eine energische, unermüdliche Exekutivgewalt ersetzen, die Deutschlands Rettung gewährleisten würde. Arme Teufel! Ihre Regierung – wenn von Regierung die Rede sein kann, wo niemand gehorcht – fiel noch lächerlicher aus als selbst die ihrer Vorgänger.

Die neue Mehrheit erklärte, trotz aller Hindernisse müsse die Reichsverfassung durchgeführt werden, und zwar sofort; am nächsten 15.Juli solle das Volk die Abgeordneten zum neuen Reichstag wählen, und dieser solle darauf am 15.August in Frankfurt zusammentreten. Das war nun aber eine offene Kriegserklärung an jene Regierungen, die die Reichsverfassung nicht anerkannt hatten, darunter in erster Reihe Preußen, Österreich und Bayern, die mehr als Dreiviertel der Bevölkerung Deutschlands umfaßten – eine Kriegserklärung, die von ihnen eiligst aufgenommen wurde. Auch Preußen und Bayern beriefen jetzt die Abgeordneten ab, die von ihren Gebieten nach Frankfurt entsandt worden waren, und beschleunigten ihre militärischen Vorbereitungen gegen die Nationalversammlung. Auf der anderen Seite nahmen (außerhalb des Paramentes) die Demonstrationen der demokratischen Partei zugunsten der Reichsverfassung und der Nationalversammlung einen immer stürmischeren und gewaltsameren Charakter an, und die Masse des arbeitenden Volkes, geführt von den Männern der extremsten Partei, war bereit zu den Waffen zu greifen für eine Sache, die, wenn sie auch nicht ihre eigene war, ihnen wenigstens eine Möglichkeit gab, ihren Zielen durch die Säuberung Deutschlands von seinem alten monarchischen Ballast etwas näher zukommen. So standen sich Volk und Regierung überall mit äußerster Erbitterung gegenüber, der Ausbruch war unvermeidlich; die Mine war geladen, und ein Funke genügte, um sie zur Explosion zu bringen. Die Auflösung der Kammern in Sachsen, die Einberufung der Landwehr in Preußen, der offene Widerstand der Regierungen gegen die Reichsverfassung waren solche Funken; sie fielen, und im Nu stand das ganze Land in Flammen. In Dresden bemächtigte sich das Volk am 4.Mai siegreich der Stadt und verjagte den König, während sämtliche umliegende Bezirke den Aufständischen Verstärkungen sandten. Im Rheinland und in Westfalen weigerte sich die Landwehr auszumarschieren, besetzte die Zeughäuser und bewaffnete sich zum Schutz der Reichsverfassung. In der Pfalz bemächtigte sich das Volk der bayrischen Regierungsbeamten und der öffentlichen Gelder und setzte einen Verteidigungsausschuß ein, der die Provinz unter den Schutz der Nationalversammlung stellte. In Württemberg zwang das Volk den König, die Reichsverfassung anzuerkennen; und in Baden zwang die Armee im Verein mit dem Volk den Großherzog zur Flucht und errichtete eine provisorische Regierung. In anderen Teilen Deutschlands wartete das Volk nur auf das entscheidende Zeichen der Nationalversammlung, um zu den Waffen zu eilen und sich ihr zur Verfügung zu stellen.

Die Lage der Nationalversammlung war weit günstiger, als nach ihrer unrühmlichen Vergangenheit erwartet werden konnte. Die westliche Hälfte Deutschlands hatte ihretwegen zu den Waffen gegriffen; die Truppen waren überall schwankend; in den kleineren Staaten standen sie der Bewegung zweifellos freundlich gegenüber. Österreich war durch den siegreichen Vormarsch der Ungarn gelähmt, und Rußland, diese Reserve der deutschen Regierungen, spannte alle Kräfte an, um Österreich gegen die Heere der Magyaren zu unterstützen. Es galt nur. Preußen zu bezwingen, und bei den revolutionären Sympathien, die dort vorhanden waren, bestand zweifellos Aussicht, dies Ziel zu erreichen. So hing alles vom Verhalten der Nationalversammlung ab.

Nun ist der Aufstand eine Kunst, genau wie der Krieg oder irgendeine andere Kunst, und gewissen Regeln unterworfen, deren Vernachlässigung zum Verderben der Partei führt, die sich ihrer schuldig macht. Diese Regeln, logische Schlußfolgerungen aus dem Wesen der Parteien und der Verhältnisse, mit denen man in einem solchen Falle zu tun hat, sind so klar und einfach, daß die kurze Erfahrung von 1848 die Deutschen ziemlich bekannt mit ihnen gemacht hat. Erstens darf man nie mit dem Aufstand spielen, wenn man nicht fest entschlossen ist, alle Konsequenzen des Spiels auf sich zu nehmen. Der Aufstand ist eine Rechnung mit höchst unbestimmten Größen, deren Werte sich jeden Tag ändern können; die Kräfte des Gegners haben alle Vorteile der Organisation, der Disziplin und der hergebrachten Autorität auf ihrer Seite; kann man ihnen nicht mit starker Überlegenheit entgegentreten, so ist man geschlagen und vernichtet. Zweitens, hat man einmal den Weg des Aufstands beschritten, so handele man mit der größten Entschlossenheit und ergreife die Offensive. Die Defensive ist der Tod jedes bewaffneten Aufstands; er ist verloren, noch bevor er sich mit dem Feinde gemessen hat. Überrasche deinen Gegner, solange seine Kräfte zerstreut sind, sorge täglich für neue, wenn auch noch so kleine Erfolge; erhalte dir das moralische Übergewicht, das der Anfangserfolg der Erhebung dir verschafft hat; ziehe so die schwankenden Elemente auf deine Seite, die immer dem stärksten Antrieb folgen und sich immer auf die sichere Seite schlagen; zwinge deine Feinde zum Rückzug, noch ehe sie ihre Kräfte gegen dich sammeln können; um mit den Worten Dantons, des größten bisher bekannten Meisters revolutionärer Taktik zu sprechen: de l’audace, de l’audace, encore de l’audace!

Was hatte also die Frankfurter Nationalversammlung zu tun, um dem sichern Verderben zu entgehen, das ihr drohte? Vor allem mußte sie die Situation klar erfassen und sich überzeugen, daß sie keine andere Wahl mehr hatte, als sich entweder bedingungslos den Regierungen zu unterwerfen oder sich rückhaltlos und ohne zu Zaudern auf die Seite des bewaffneten Aufstandes zu stellen. Zweitens mußte sie sich öffentlich zu all den Erhebungen bekennen, die bereits ausgebrochen, überall das Volk aufrufen, die Waffen zur Verteidigung der Vertreter der Nation aufzunehmen und alle Fürsten, Minister und alle anderen für vogelfrei erklären, die es wagen sollten, sich dem souveränen, von seinen Beauftragten vertretenem Volk zu widersetzen. Drittens mußte sie sofort den deutschen Reichsverweser absetzen, eine starke, aktive, rücksichtslose Exekutivgewalt schaffen, aufständische Truppen zu ihrem unmittelbaren Schutz nach Frankfurt rufen und damit zugleich einen gesetzlichen Vorwand für das Umsichgreifen des Aufstands liefern, alle zu ihrer Verfügung stehenden Kräfte zu einem entschlossenen Ganzen zusammenfassen, kurz, rasch und ohne zu Zögern jedes zu Gebote stehende Mittel benützen, um die eigene Stellung zu stärken und die des Gegners zu schwächen.

Von alledem taten die tugendhaften Demokraten in der Frankfurter Versammlung das gerade Gegenteil. Nicht damit zufrieden, den Dingen ihren Lauf zu lassen, gingen diese Biederen so weit, durch ihren Widerstand alle sich vorbereitenden Aufstandsbewegungen zu unterdrücken. Das tat z.B. Herr Karl Vogt in Nürnberg. Sie sahen zu, wie die Aufstände in Sachsen, in Rheinpreußen und in Westfalen niedergeschlagen wurden, ohne ihnen anders beizustehen als durch einen Nachruf, einen sentimentalen Protest gegen die gefühllose Brutalität der preußischen Regierung. Sie unterhielten einen geheimen diplomatischen Verkehr mit den Aufständischen in Süddeutschland, hüteten sich aber, sie durch offene Anerkennung zu unterstützen. Sie wußten, daß der Reichsverweser mit den Regierungen unter einer Decke steckte, und dennoch wandten sie sich an ihn, der sich die ganze Zeit nicht rührte, mit dem Verlangen, den Intrigen dieser Regierungen entgegenzutreten. Die Reichsminister, alte Konservative, machten sich in jeder Sitzung über diese impotente Versammlung lustig, und sie ließ es sich gefallen. Und als Wilhelm Wolff, ein Abgeordneter aus Schlesien und einer der Redakteure der “Neuen Rheinischen Zeitung”, sie aufforderte, den Reichsverweser für vogelfrei zu erklären, den er mit Recht als den ersten und größten Reichsverräter bezeichnete, da wurde er von der einmütigen, tugendhaften Entrüstung dieser demokratischen Revolutionäre niedergebrüllt! Kurz, sie fuhren fort zu parlieren, zu protestieren, zu proklamieren, zu deklarieren, hatten aber nie den Mut oder den Verstand zu handeln. Mittlerweile rückten ihre Feinde, die Truppen der Regierungen, näher und näher, während ihre eigene Exekutivgewalt, der Reichsverweser, eifrig über ihre rasche Beseitigung mit den deutschen Fürsten konspirierte. So verlor diese verächtliche Versammlung selbst die letzte Spur von Ansehen; den Aufständischen, die sich zu ihrem Schutz erhoben hatten, wurde sie völlig gleichgültig, und als sie schließlich, wie wir noch sehen werden, ein schmähliches Ende nahm, verschied sie, ohne das ihr ehrloser Abgang auch nur die mindeste Beachtung gefunden hätte.

London, August 1852
XVIII. [Die Kleinbürger]

In unserem letzten Artikel haben wir gezeigt, wie der Kampf zwischen den deutschen Regierungen auf der einen und dem Frankfurter Parlament auf der anderen Seite schließlich eine solche Heftigkeit erreichte, daß in den ersten Maitagen ein großer Teil Deutschlands sich in offenem Aufstand erhob, erst Dresden, dann die bayrische Pfalz, Teile der preußischen Rheinprovinz und zuletzt Baden.

In allen diesen Fällen bestand der wirklich kämpfende Kern der Aufständischen, jener Kern der zuerst zu den Waffen griff und sich mit den Truppen schlug aus den Arbeitern der Städte. Ein Teil der ärmeren Landbevölkerung, Landarbeiter und Kleinbauern, schloß sich ihnen im allgemeinen nach dem tatsächlichen Ausbruch des Kampfes an. Die Mehrzahl der jungen Männer aller unterhalb der Kapitalistenklasse stehenden Klassen war, wenigstens eine Zeitlang, in den Reihen der aufständischen Truppen zu finden, aber dieser ziemlich bunt zusammengewürfelte Haufen junger Leute lichtete sich sehr bald, als die Dinge eine etwas ernstere Wendung nahmen. Namentlich die Studenten, diese “Vertreter der Intelligenz”, wie sie sich gern selbst bezeichneten waren die ersten, die fahnenflüchtig wurden, soweit sie nicht durch Verleihung des Offiziersrangs, wozu sie natürlich sehr selten eigneten, zurückgehalten wurden.

Die Arbeiterklasse beteiligte sich an diesem Aufstand, wie sie sich an jedem anderen beteiligt hätte, von dem sie erwarten durfte, er werde einige Hindernisse auf ihrem Wege zur politischen Herrschaft und zur sozialen Revolution aus dem Weg räumen oder wenigstens die einflußreicheren, aber weniger mutigen Gesellschaftsklassen in eine entschiedenere revolutionäre Richtung drängen, als sie bisher eingeschlagen. Die Arbeiterklasse griff zu den Waffen in dem vollen Bewußtsein, daß dieser Kampf in seiner unmittelbaren Zielsetzung nicht ihrer eigene Sache gelte; sie befolgte jedoch die für sie allein richtige Taktik, keiner Klasse, die (wie die Bourgeoisie im Jahre 1848) auf ihren Schultern emporgestiegen, die Festigung ihrer Klassenherrschaft zu gestatten, ohne mindestens dem Kampf der Arbeiterklasse für ihre eigenen Interessen freie Bahn zu eröffnen und auf jeden Fall eine Krise herbeizuführen, die entweder die Nation mit unwiderstehlicher Gewalt auf den Weg der Revolution trieb oder aber den vorrevolutionären Status quo soweit wie möglich wiederherstellte und damit eine neue Revolution unvermeidlich machte. In beiden Fällen vertrat die Arbeiterklasse die richtig verstandenen, wahren Interessen der gesamten Nation, indem sie den Verlauf der Revolution möglichst beschleunigte, jener Revolution, die für die veralteten Gesellschaftssysteme des zivilisierten Europas jetzt eine geschichtliche Notwendigkeit geworden ist, bevor sie daran denken können, ihre Kräfte wieder ruhiger und gleichmäßiger zu entfalten.

Die Landbevölkerung, die sich dem Aufstand anschloß, wurde der Revolutionspartei in der Hauptsache teils durch die unverhältnismäßig schweren Steuerlasten, teils durch die drückenden Feudalleistungen in die Arme getrieben. Ohne eigene Initiative, stellte sie ein Anhängsel der anderen Klassen dar, die in den Aufstand getreten, und schwankte zwischen den Arbeitern auf der einen und dem Kleinbürgertum auf der anderen Seite hin und her. Fast in jedem einzelnen Fall entschied ihre besondere soziale Lage, welcher Seite sie sich zuwandte; die Landarbeiter schlossen sich in der Regel den städtischen Arbeitern an; die Kleinbauern waren geneigt, mit den Kleinbürgern Hand in Hand zu gehen.

Diese Klasse der Kleinbürger, auf deren große Bedeutung und Einfluß wir bereits wiederholt hingewiesen, kann als die führende Klasse des Maiaufstands 1849 betrachtet werden. Da diesmal keine der großen Städte Deutschlands unter den Brennpunkten der Bewegung war, gelang es dem Kleinbürgertum, das in Mittel- und Kleinstädten immer vorherrscht, die Führung der Bewegung in die Hand zu bekommen. Überdies haben wir gesehen, daß in diesem Kampf für die Reichsverfassung und die Rechte des deutschen Parlaments die Interessen gerade dieser Klasse auf dem Spiel standen. In jeder der provisorischen Regierungen, die in allen aufständischen Gebieten gebildet wurden, vertrat die Mehrheit diesen Teil des Volkes, und ihre Leistungen können daher mit Recht als Maß dessen genommen werden, wessen das deutsche Kleinbürgertum fähig ist – wie wir sehen werden, zu nichts anderem als dazu, jede Bewegung zugrunde zu richten, die sich seinen Händen anvertraut.

Dem Kleinbürgertum, groß im Prahlen, fehlt die Kraft zur Tat, und es scheut ängstlich vor jedem Wagnis zurück. Der mesquine Charakter seiner Handelsgeschäfte und Kreditoperationen ist hervorragend dazu geeignet, ihm den Stempel mangelnder Tatkraft und Unternehmungslust aufzuprägen; daher ist zu erwarten, daß die gleichen Eigenschaften auch sein politisches Auftreten kennzeichnen. Demgemäß munterte das Kleinbürgertum mit hochtrabenden Worten und prahlerischem Rühmen der Taten, die es verrichten werde, zum Aufstand auf; kaum war der Aufstand, sehr gegen seinen Willen, ausgebrochen, suchte es gierig, die Macht an sich zu reißen, machte aber von dieser Macht nur Gebrauch, um den Erfolg des Aufstands zunichte zu machen. Wo immer ein bewaffneter Zusammenstoß zu einer ernstlichen Krise führte, waren die Kleinbürger entsetzt über die gefahrvolle Lage, in die sie geraten; entsetzt über das Volk, das ihren großsprecherischen Ruf zu den Waffen ernst genommen; entsetzt über die Macht, die ihnen aufgezwungen; entsetzt vor allem über die Folgen der Politik, auf die sie sich notgedrungen eingelassen, für sich selbst, für ihre gesellschaftliche Stellung, für ihren Besitz. Wurde von ihnen nicht erwartet, für die Sache des Aufstands “Gut und Blut” einzusetzen, wie sie zu sagen pflegten? Waren sie nicht gezwungen, amtliche Stellungen im Aufstand einzunehmen und damit im Fall der Niederlage den Verlust ihres Vermögens zu riskieren? Und im Falle des Sieges, waren sie nicht sicher, sogleich aus Amt und Würden gejagt zu werden und durch die siegreichen Proletarier, die die Hauptmasse ihrer Kampftruppe bildeten, ihre ganze Politik umgestoßen zu sehen? In dieser Lage, zwischen zwei Feuern, die sie links und rechts bedrohten, wußte das Kleinbürgertum mit seiner Macht nichts anderes anzufangen, als den Dingen einfach ihren Lauf zu lassen, wobei natürlich auch die geringe Aussicht auf Erfolg, die vielleicht noch bestehen mochte, verlorenging, so daß der Zusammenbruch des Aufstandes unausbleiblich wurde. Seine Taktik oder vielmehr sein Mangel an Taktik war überall gleich, und darum waren die Erhebungen des Mai 1849 in allen Teilen Deutschlands alle über denselben Leisten geschlagen.

In Dresden währte der Kampf in den Straßen der Stadt vier Tage lang. Die Dresdner Kleinbürger, die “Bürgerwehr”, beteiligte sich nicht an den Kämpfen, sondern unterstützten in zahlreichen Fällen die Truppen gegen die Aufständischen. Diese wiederum bestanden fast ausschließlich aus Arbeitern der umliegenden Fabrikbezirke. Sie fanden einen fähigen, kaltblütigen Führer in dem russischen Flüchtling Michail Bakunin, der später in Gefangenschaft geriet und gegenwärtig in den Kasematten von Munkás in Ungarn eingekerkert ist. Durch das Eingreifen einer starken preußischen Truppenmacht wurde dieser Aufstand niedergeschlagen.

In Rheinpreußen kam es nur zu unbedeutenden bewaffneten Kämpfen. Da alle großen Städte Festungen waren, die von Zitadellen beherrscht wurden, konnten die Aufständischen nur einige Scharmützel liefern. Sobald eine genügende Anzahl Truppen zusammengezogen war, war es mit dem bewaffneten Widerstand vorbei.

Mit der Pfalz und mit Baden dagegen fielen den Aufständischen eine reiche, fruchtbare Provinz und ein ganzer Staat in die Hände. Geld, Waffen, Soldaten, Kriegsvorräte, alles stand zur Verfügung. Selbst die Soldaten der regulären Armee schlossen sich den Aufständischen an, ja, in Baden standen sie in ihren vordersten Reihen. In Sachsen und in Rheinpreußen opferten sich die Aufständischen auf, um Zeit für die Organisierung der Bewegung in Süddeutschland zu gewinnen. Niemals hatte eine so günstige Lage für einen provinziellen Teilaufstand bestanden wie hier. Man erwartete eine Revolution in Paris, die Ungarn standen vor den Toren Wiens; in allen Staaten Mitteldeutschlands neigten nicht nur die Volksmassen, sondern auch die Truppen stark auf die Seite des Aufstands und warteten nur auf eine Gelegenheit, um sich ihm offen anzuschließen. Und doch war die Bewegung, einmal in die Hände des Kleinbürgertums geraten, von vornherein zum Scheitern verurteilt. Die kleinbürgerlichen Regenten, namentlich in Baden – an ihrer Spitze Herr Brentano -, vergaßen keinen Augenblick, daß sie durch Usurpierung des Platzes und der Prärogative des “gesetzlichen” Souveräns, des Großherzogs, Hochverrat begingen. Sie setzten sich in ihre Ministersessel mit Schuldbewußtsein im Herzen. Was kann man von solchen Feiglingen erwarten? Nicht nur, daß sie den Aufstand seiner eigenen spontanen Entwicklung überließen, ohne einheitliche Leitung und daher ohne rechte Wirkung, sie taten faktisch alles, was in ihren Kräften stand, um der Bewegung die Spitze abzubrechen, sie zu entmannen und zugrunde zu richten. Und sie taten das mit Erfolg, dank der eifrigen Unterstützung jener Sorte unergründlicher Politiker, der “demokratischen” Helden des Kleinbürgertums, die tatsächlich glaubten, “das Vaterland zu retten”, dieweilen sie sich von einer Handvoll geriebener Leute vom Schlag des Herrn Brentano an der Nase herum führen ließen.

Was die Kämpfe selbst betrifft, so sind militärische Operationen niemals nachlässiger durchgeführt worden als unter dem badischen Oberbefehlshaber Sigel, einem früheren Leutnant der regulären Armee. Alles wurde durcheinandergebracht, jede günstige Gelegenheit wurde versäumt, jeder kostbare Augenblick mit dem Ausspinnen gewaltiger, aber undurchführbarer Pläne vertrödelt, bis, als schließlich der begabte Pole Mieroslawski den Befehl übernahm, die Armee desorganisiert, geschlagen, entmutigt, mangelhaft versorgt einem viermal so starken Feind gegenüberstand, so daß dem neuen Befehlshaber nicht übrigblieb, als bei Waghäusel eine ruhmvolle, aber erfolglose Schlacht zu schlagen, einen geschickten Rückzug durchzuführen, ein letztes aussichtsloses Gefecht unter den Mauern von Rastatt zu liefern und abzudanken. Wie bei jedem Insurrektionskrieg, wo sich die Truppen aus geschulten Soldaten und aus ungeübten Aufgeboten zusammensetzen, gab es in der revolutionären Armee zahlreiche Fälle von Heldenmut und zahlreiche Fälle von unsoldatischer, oftmals unbegreiflicher Panik; aber so unvollkommen diese Armee notwendigerweise auch sein mußte, sie hatte wenigsten die Genugtuung, daß man eine vierfache Überzahl nicht für ausreichend hielt, um sie zu schlagen, und daß der Einsatz von hunderttausend Mann regulärer Truppen in einem Feldzug gegen zwanzigtausend Aufständische militärisch eine so hohe Einschätzung bekundete, wie wenn es sich um einen Kampf mit der alten Garde Napoleons gehandelt hätte.

Im Mai war der Aufstand ausgebrochen, Mitte Juli 1849 war er gänzlich niedergeworfen. Die erste deutsche Revolution war zu Ende.
XIX. [Das Ende des Aufstandes]

Während der Süden und Westen Deutschlands sich in offenem Aufstand befanden und während die Regierungen von der Eröffnung der Feindseligkeiten in Dresden bis zur Übergabe von Rastatt etwas mehr als zehn Wochen brauchten, um dieses letzte Aufflammen der ersten deutschen Revolution zu ersticken, verschwand die Nationalversammlung von der politischen Bühne, ohne daß man ihrem Abgang die geringste Aufmerksamkeit geschenkt hätte.

Wir verließen diese erhabene Körperschaft in Frankfurt, bestürzt über die unverschämten Angriffe der Regierungen auf ihre Würde, über die Ohnmacht und verräterische Sorglosigkeit der von ihr selbst geschaffenen Zentralgewalt, über die Erhebung des Kleinbürgertums zu ihrem Schutze und die der Arbeiterklasse für ein revolutionäres Endziel. Unter ihren Mitgliedern herrschten tiefste Niedergeschlagenheit und Verzweiflung; die Ereignisse hatten mit einem Schlag eine so endgültige und entscheidende Wendung genommen, daß die Illusionen dieser gelahrten Gesetzgeber über ihre wirkliche Macht und Bedeutung binnen weniger Tage völlig zusammengebrochen waren. Die Konservativen hatten sich auf das von ihren Regierungen gegebene Zeichen hin bereits aus einer Körperschaft zurückgezogen, die nur mehr als Herausforderung der gesetzlichen Obrigkeit fortbestehen konnte. Die Liberalen gaben die Sache in völliger Verwirrung verloren und legten gleichfalls ihre Mandate nieder. Die Herren Abgeordneten nahmen zu Hunderten Reißaus. Ursprünglich acht- bis neunhundert an der Zahl, waren sie so rasch zusammengeschmolzen, daß zur Beschlußfähigkeit zunächst die Anwesenheit von hundertfünfzig und wenige Tage später von hundert Mitgliedern für genügend erklärt wurde. Und selbst diese waren schwer zusammenzubringen, obwohl die ganze demokratische Partei dageblieben war.

Der Weg, den diese Überbleibsel eines Parlamentes einzuschlagen hatten, lag klar genug zutage. Sie mußten sich nur offen und entschieden auf die Seite des Aufstands stellen und ihm damit so viel Kraft vermitteln, wie die Gesetzlichkeit ihm verleihen konnte, während sie selbst mit einem Schlag ein Heer zu ihrem eigenen Schutz erhielten. Sie mußten die Zentralgewalt auffordern, alle Feindseligkeiten sofort einzustellen, und wenn diese Gewalt, wie vorauszusehen, das weder konnte noch wollte, so mußten sie diese sofort beseitigen und durch eine andere, energischere Regierung ersetzen. War es nicht möglich, Truppen der Aufständischen nach Frankfurt zu bringen (was im Anfang, als die Regierungen der Einzelstaaten schlecht vorbereitet und noch unschlüssig waren, leicht geschehen konnte), dann hätte sich die Versammlung ihren Sitz ohne weiteres mitten ins Aufstandsgebiet verlegen können. Dies alles, sofort und entschlossen und nicht später als Mitte oder Ende Mai getan, hätte sowohl dem Aufstand wie der Nationalversammlung noch Aussichten auf Erfolg eröffnen können.

Aber solch ein entschiedenes Vorgehen war von den Vertretern der deutschen Spießbürgerherrschaft nicht zu erwarten. Diese strebsamen Staatsmänner waren immer noch nicht von ihren Illusionen befreit. Jene Abgeordneten, die ihren verhängnisvollen Glauben an die Macht und Unverletzlichkeit des Parlamentes verloren hatten, hatten sich bereits auf die Strümpfe gemacht; die Demokraten, die dablieben, waren nicht so leicht dazu zu bringen, die Träume von Macht und Größe aufzugeben, in denen sie zwölf Monate lang geschwelgt. Treu der Methode, die sie bisher befolgt, scheuten sie vor entschiedenem Handeln zurück, bis jede Aussicht auf Erfolg, ja jede Möglichkeit eines Untergangs in Ehren, geschwunden war. Um eine erkünstelte, geschäftige Aktivität zu entfalten, deren reine, mit hohen Ansprüchen gepaarte Ohnmacht nur Mitleid und Spott hervorrufen konnte, richteten sie auch weiterhin Resolutionen, Adressen und Ansuchen an einen Reichsverweser, der sie nicht einmal zur Kenntnis nahm, und an Minister, die offen mit dem Feind paktierten. Und als Wilhelm Wolff, der Abgeordnete für Striegau, einer der Redakteure der “Neuen Rheinischen Zeitung”, der einzige wirklich revolutionär in der ganzen Versammlung, ihnen sagte, wenn es ihnen ernst sei mit ihren Reden, müßten sie dem Geschwätz ein Ende machen und den Reichsverweser, diesen obersten Reichsverräter, sofort für vogelfrei erklären, da brach die ganze zusammengeballte tugendhafte Entrüstung dieser Herren Parlamentarier mit einer Wucht hervor, die sie niemals aufgebracht, wenn die Regierungen sie mit Schimpf und Spott überhäuften. Natürlich – denn Wolffs Vorschlag war das erste vernünftige Wort, das innerhalb der Mauern der Paulskirche gesprochen wurde; natürlich, denn es war gerade das, was getan werden mußte; und eine derart offene Sprache, die so direkt auf das Ziel losging, konnte jener Schar empfindsamer Seelen nur verletzen, bei denen nichts entschieden war als die Unentschiedenheit, und die, zum Handeln zu feige, ein für allemal übereingekommen waren, daß nichts tun gerade das sei, was getan werden müsse. Jedes Wort, das einem Blitze gleich die verblendete, aber beabsichtigte Vernebelung ihrer Hirne erhellte, jeder Fingerzeig, der geeignet war, sie aus dem Labyrinth herauszuführen, in dem sie solange wie möglich zu verweilen sich versteiften, jede klare Auffassung vom wirklichen Stand der Dinge war naturgemäß ein Verbrechen gegen die Majestät dieser souveränen Versammlung.

Bald nachdem die Stellung der Herren Abgeordneten in Frankfurt trotz aller Aufrufe, Resolutionen, Interpellationen und Proklamationen unhaltbar geworden war, zogen sie sich zurück, aber nicht ins Aufstandsgebiet – das wäre ein zu entschiedener Schritt gewesen. Sie gingen nach Stuttgart, wo die württembergische Regierung eine Art abwartender Neutralität wahrte. Hier erklärten sie endlich den Reichsverweser seines Amtes für enthoben und wählten aus ihrer eigenen Mitte eine Regentschaft von fünf Mitgliedern. Diese Regentschaft machte sich schleunigst daran, ein Milizgesetz annehmen zu lassen, das tatsächlich in gebührender Form allen deutschen Regierungen übermittelt wurde.

Sie, die ausgesprochenen Feinde der Nationalversammlung, wurden aufgefordert, Truppen zu deren Verteidigung auszuheben! Weiter wurde – auf dem Papier natürlich – eine Armee zur Verteidigung der Nationalversammlung geschaffen. Divisionen, Brigaden, Regimenter, Batterien, alles war genau geregelt und verordnet. Nichts fehlte als die Wirklichkeit. Denn diese Armee wurde natürlich nie ins Leben gerufen.

Noch ein letztes Mittel bot sich der Nationalversammlung. Aus allen Teilen des Landes entsandte die demokratische Bevölkerung Deputationen, um sich dem Parlament zur Verfügung zu stellen und es zu energischem Handeln anzuspornen. Das Volk, das die Absichten der württembergischen Regierung kannte, beschwor die Nationalversammlung diese Regierung zu offener, aktiver Teilnahme am Aufstand im Nachbarlande zu zwingen. Aber nein! Indem sie nach Stuttgart ging, hatte sich die Nationalversammlung der württembergischen Regierung auf Gnade und Ungnade ausgeliefert. Die Abgeordneten wußten das und drosselten die Bewegung im Volke. Dadurch verloren sie den letzten Rest von Einfluß, der ihnen noch geblieben sein mochte. Sie ernteten die Verachtung, die sie verdienten, und auf Drängen Preußens und des Reichsverwesers machte die württembergische Regierung dem demokratischen Possenspiel ein Ende, indem sie am 18.Juni 1849 den Sitzungssaal des Parlamentes absperrte und die Mitglieder der Regentschaft des Landes verwies.

Sie gingen nunmehr nach Baden, ins Lager des Aufstands; aber dort waren sie jetzt überflüssig: niemand schenkte ihnen Beachtung. Die Regentschaft indessen blieb – im Namen des souveränen deutschen Volkes – eifrig um die Rettung des Vaterlandes bemüht. Sie unternahm einen Versuch, von fremden Mächten anerkannt zu werden, indem Pässe ausstellte für jeden, der gewillt war, sie zu nehmen. Sie erließ Proklamationen und sandte Kommissare aus, um dieselben Gebiete Württembergs zum Aufstand zu bringen, deren aktiven Beistand sie verschmäht hatte, als es noch Zeit gewesen. Natürlich ohne Erfolg. Wir haben gerade einen Originalbericht vor uns, den einer dieser Kommissare, der Abgeordnete für Öls, Herr Rösler, der Regentschaft erstattete und dessen Inhalt recht bezeichnend ist. Es trägt das Datum Stuttgart, den 30.Juni 1849. Nachdem er die Abenteuer eines halben Dutzend dieser Kommissare bei ihrer ergebnislosen Suche nach barem Geld beschrieben, gibt er eine Reihe Entschuldigungen zum besten, weshalb er noch nicht auf seinen Posten gegangen, und ergeht sich dann in gar gewichtigen Betrachtungen über mögliche Differenzen zwischen Preußen, Österreich, Bayern und Württemberg und die möglichen Konsequenzen daraus. Nachdem er sich ausführlich damit beschäftigt, kommt er jedoch zu dem Schlusse, daß die Sache hoffnungslos sei. Danach macht er den Vorschlag, einen Postdienst aus zuverlässigen Männern zur Beförderung von vertraulichen Nachrichten und ein Spionagesystem zur Ausforschung der Absichten des württembergischen Ministeriums und der Truppenbewegungen zu schaffen. Dieser Brief ist nie beim Adressaten angelangt, denn als er geschrieben wurde, war die “Regentschaft” bereits völlig an das “Ministerium des Äußeren”, d.h. nach der Schweiz übergegangen; und während der bedauernswerte Herr Rösler sich noch über die Absichten des furchtbaren Ministeriums eines Königreichs sechsten Ranges den Kopf zerbrach, hatten bereits hunderttausend preußische, bayrische und hessische Soldaten die ganze Sache in der letzten Schlacht unter den Mauern von Rastatt erledigt.

So verschwand das deutsche Parlament und mit ihm die erste und letzte Schöpfung der deutschen Revolution. Seine Einberufung war das erste sichtbare Zeichen gewesen, daß in Deutschland eine Revolution wirklich stattgefunden hatte; und es bestand solange, wie diese erste Revolution des modernen Deutschlands noch nicht zum Abschluß gebracht worden war. Gewählt unter dem Einfluß der Kapitalistenklasse von einer zerstückelten, verstreuten Landbevölkerung, die größtenteils erst aus der Dumpfheit des Feudalismus erwachte, diente dies Parlament dazu, alle die großen, volkstümlichen Namen aus der Zeit von 1820 bis 1848, vereinigt in einer Körperschaft, auf die politische Bühne zu bringen und sie dann völlig zu erledigen. Alle Berühmtheiten des bürgerlichen Liberalismus waren hier versammelt. Die Bourgeoisie erwartete Wunder; sie erntete Schande für sich und ihre Vertreter. Die Klasse der Industrie- und Handelskapitalisten erlitt in Deutschland eine schwerere Niederlage als in irgendeinem anderen Lande; sie wurde zuerst in jedem einzelnen deutschen Staat besiegt, gedemütigt und aus den Ämtern gejagt und dann im zentralen deutschen Parlament aufs Haupt geschlagen, mit Schmähungen überhäuft und verspottet. Der Liberalismus in der Politik, die Herrschaft der Bourgeoisie, gleichviel ob unter monarchischer oder republikanischer Regierungsform, ist fortan in Deutschland unmöglich.

In der letzten Periode seines Bestehens diente das deutsche Parlament dazu, jene Partei, die seit März 1848 an der Spitze der offiziellen Opposition gestanden, mit unauslöschlicher Schmach zu bedecken: die Demokraten, die die Interessen des Kleinbürgertums und eines Teils der Bauernschaft vertraten. Diese Klasse hatte im Mai und Juni die Gelegenheit gehabt, zu zeigen, daß sie imstande sei, eine feste deutsche Regierung zu bilden. Wir haben gesehen, wie sie scheiterte, nicht so sehr infolge der Ungunst der Verhältnisse, als infolge der Feigheit, die sie bei jeder schwierigen Wendung seit Ausbruch der Revolution fortgesetzt zeigte; infolge der Kurzsichtigkeit, Kleinmütigkeit und Unentschlossenheit, die für ihr geschäftliches Gebaren bezeichnend sind und die sie auch in die Politik übertrug. Im März 1849 hatte diese Klasse durch ihr Verhalten das Vertrauen der Arbeiterklasse, der wirklichen Kampftruppe aller europäischen Erhebungen, verloren. Aber noch waren die Aussichten für sie nicht schlecht. Das deutsche Parlament war nach dem Austritt der reaktionäre und der Liberalen vollständig in ihrer Hand. Die Landbevölkerung stand auf ihrer Seite. Zwei Drittel der Truppen der kleineren Staaten, ein Drittel der preußischen Armee, der größere Teil der preußischen Landwehr waren bereit, sich ihr anzuschließen, wenn sie nur entschlossen und mit jener Kühnheit handelte, die sich aus klarer Erkenntnis der Sachlage ergibt. Aber die Politiker, die diese Klasse führten, besaßen nicht mehr Scharfblick als die Scharen der Kleinbürger, die ihnen Gefolgschaft leisteten. Es erwies sich, daß sie sogar noch verblendeter, noch leidenschaftlicher an Illusionen hingen, die sie wider besseres Wissen aufrechterhielten, daß sie noch leichtgläubiger waren und noch unfähiger, den Tatsachen entschlossen ins Auge zu sehen, als selbst die Liberalen. Ihre politische Bedeutung ist gleichfalls unter den Gefrierpunkt gesunken. Aber da sie noch keine Gelegenheit gehabt, ihre abgedroschenen Prinzipien tatsächlich in die Wirklichkeit umzusetzen, hätten sie unter sehr günstigen Umständen vorübergehend wieder aufleben können, wenn ihnen nicht, gleich ihren Kollegen von der “reinen Demokratie” in Frankreich, der coup d’état des Louis Bonaparte auch diese letzte Hoffnung genommen hätte.

Mit der Niederlage des südwestdeutschen Aufstands und dem Auseinanderjagen des deutschen Parlaments findet die Geschichte der ersten deutschen Revolution ihren Abschluß. Wir haben jetzt noch einen letzten Blick auf die siegreichen Partner der konterrevolutionären Allianz zu werfen. Das soll in unserem nächsten Briefe geschehen.

London, 24. September 1852

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