Johanna Spyri – Wie Wiselis Weg gefunden wird

1. Kapitel (Auf dem Schlittenweg)

Draußen vor der Stadt Bern liegt ein Dörflein an einem Berghang. Ich kann hier nicht sagen, wie es heißt, aber ich will es ein wenig beschreiben. Wer dann dahinkommt, der kann es gleich erkennen. Oben auf der Anhöhe steht ein einzelnes Haus mit einem Garten daran, voll schöner Blumen von allen Arten. Das gehört dem Oberst Ritter und heißt Auf dem Hang,. Von da geht es hinunter. Dann stehen auf einem kleinen, ebenen Platz die Kirche und daneben das Pfarrhaus. Dort hat die Frau des Obersten als Pfarrerstochter ihre fröhliche Kindheit verlebt.

Etwas weiter unten kommen das Schulhaus und noch einige Häuser, und dann steht links am Weg noch ein Häuschen ganz allein. Davor liegt auch ein Gärtchen mit ein paar Rosen und ein paar Nelken und ein paar Resedastöckchen, daneben aber sind Beete mit Zichorien und Spinat bepflanzt, mit einer niederen Hecke von Johannisbeersträuchern umgeben. Alles ist da immer in bester Ordnung und kein Unkraut zu sehen. Dann geht der Weg wieder bergab den ganzen langen Hang hinunter bis auf die große Straße, die an der Aare entlang ins Land hinausführt.

Dieser ganze lange Hang bildete zur Winterszeit den herrlichsten Schlittenweg, der weit und breit zu finden war. Zehn Minuten lang konnte man da auf dem Schlitten sitzen bleiben, ohne abzusteigen. Denn war man vom Haus des Obersten an bei diesem ersten, steilen Absatz einmal recht in Fahrt gekommen, so gingen die Schlitten vorwärts ohne Nachhilfe bis hinunter auf die Aarestraße.

Diese unvergleichliche Schlittenbahn machte auch das Lebensglück einer großen Schar von Kindern aus, die alle, sobald nur die alte Schulstubentür sich öffnete, herausstürzten, ihre Schlitten vom Haufen rissen, den sie im Vorhof bildeten, und mit Windeseile zum Schlittenweg rannten, wo die Stunden verflogen, man wußte nicht, wie. Denn unten am Berg war man immer so schnell und beim Hinaufsteigen dachte man so eifrig ans nächste Hinunterfahren, daß man rasch wieder oben war.

So brach immer zum großen Schrecken der Kinder die Nacht viel zu früh herein, denn dies war die Zeit, da fast alle nach Hause gehen mußten. Da folgte dann gewöhnlich noch ein ziemlich stürmisches Ende, denn da wollte man schnell noch einmal fahren und dann noch einmal und dann nur noch ein einziges Mal. Und so mußte dann alles noch in größter Eile zugehen, das Aufsitzen und das Abfahren und wieder die Rückkehr den Berg hinauf. Da war auch ein Gesetz errichtet worden, daß keiner hinunterfahren sollte, während die anderen hinaufstiegen, sondern hintereinander sollten alle abfahren und miteinander alle zurückkehren, damit kein Gedränge und Schlittenverwickelungen entstehen könnten. Manchmal aber gab es doch allerlei ungesetzliche Verwirrungen, besonders auf diesen drangvollen Schlußfahrten, da dann keiner zuletzt sein und etwa noch zu kurz kommen wollte.

So war es auch an einem hellen Januarabend, da vor Kälte die Schlittenbahn laut knisterte unter den Füßen der Kinder und der Schnee nebenan auf den Feldern so hart gefroren war, daß man hätte darauf fahren können wie auf einer festen Straße. Die Kinder aber waren alle glühend rot und heiß dazu, denn eben waren sie im angestrengten Lauf den ganzen Berg hinaufgelaufen und hatten ihre Schlitten nachgezogen. Und nun wurden die Schlitten rasch gewendet, die Kinder stürzten sich darauf, denn es hatte Eile. Drüben stand schon hell der Mond am Himmel, und die Betglocke hatte auch schon geläutet.

Die Buben hatten aber alle gerufen: “Noch einmal! Noch einmal!” Und die Mädchen waren einverstanden. Aber beim Aufsitzen gab es eine Verwirrung und einen großen Lärm. Drei Buben wollten durchaus auf demselben Platz mit ihren Schlitten stehen, und keiner wollte auch nur einen Zentimeter zurückweichen und später abfahren. So drückten sie einander auf die Seite hin, und der breite Chäppi wurde von den beiden anderen so gegen den Rand des Weges hin gestoßen, daß er ganz in den Schnee hineinsank mit seinem schweren Schlitten und fühlte, daß er unter ihm stecken blieb.

Eine große Wut ergriff ihn bei dem Gedanken, daß die anderen nun abfahren würden. Er schaute um sich. Da fiel sein Blick auf ein kleines, schmales Mädchen, das neben ihm im Schnee stand. Es war ganz bleich und hielt beide Arme in seine Schürze gewickelt, um es wärmer zu haben. Aber es zitterte doch vor Frost an seinem ganzen dünnen Körperchen. Das schien dem Chäppi ein passendes Wesen zu sein um seine Wut daran auszulassen.

“Kannst du einem nicht aus dem Weg gehen, du lumpiges Ding? Du brauchst nicht hier zu stehen, du hast ja nicht einmal einen Schlitten. Wart nur, ich will dir schon aus dem Weg helfen.” Damit stieß der Chäppi seinen Stiefel in den Schnee hinein, um dem Kind eine Schneewolke entgegenzuwerfen.

Es floh zurück, so daß es bis an die Knie in den Schnee sank, und sagte schüchtern: “Ich wollte nur zusehen.”

Der Chäppi stieß eben seinen Stiefel noch einmal in den Schnee, als ihn von hinten eine so erschütternde Ohrfeige traf, daß er fast vom Schlitten fiel. “Wart du!” rief er außer sich vor Erbitterung, denn sein Ohr sauste, wie es noch kaum je gesaust hatte. Mit geballter Hand drehte er sich um, seinen Feind zu treffen.

Da stand einer hinter ihm, der hatte eben seinen Schlitten zum Abfahren zurecht gestellt. Er schaute nun ganz ruhig auf den Chäppi nieder und sagte: “Probier’s!” Es war Chäppis Klassengenosse, der elfjährige Otto Ritter, der öfter mit dem Chäppi kleine Meinungsverschiedenheiten auszutragen hatte. Otto war ein schlanker, aufgeschossener Junge, lange nicht so breit wie der Chäppi. Aber dieser hatte schon mehr als einmal erfahren, daß Otto eine merkwürdige Gewandtheit in Händen und Füßen besaß, gegen die der Chäppi sich nicht zu helfen wußte.

Er schlug nicht zu, aber die geballte Hand hielt er immer noch hoch, und wuterfüllt rief er: “Laß du mich gehen, ich habe nichts mit dir zu tun!”

“Aber ich mit dir”, entgegnete Otto kriegerisch. “Was brauchst du das Wiseli dorthinein zu jagen und es noch mit Schnee zu überschütten? Ich habe es gesehen, du Feigling. Fällt über ein kleines Kind her, das sich nicht wehren kann!” Damit kehrte er verächtlich dem Chäppi den Rücken und wandte sich dem Schneefeld zu, wo das bleiche Wiseli noch immer stand und zitterte. “Komm heraus aus dem Schnee, Wiseli”, sagte Otto mit Beschützermiene. “Siehst du, du klapperst ja vor Frost. Hast du wirklich gar keinen Schlitten, und hast du nur zusehen müssen? Da, nimm meinen und fahr einmal hinunter, schnell, siehst du, da fahren sie schon.”

Das bleiche, schüchterne Wiseli wußte gar nicht, wie ihm geschah. Zwei-, dreimal hatte es zugeschaut, wie eines nach dem andern auf seinem Schlitten saß, und gedacht: Wenn ich nur ein einziges Mal ganz hinten aufsitzen dürfte. Nun sollte es allein hinunterfahren dürfen und dazu auf dem allerschönsten Schlitten mit dem Löwenkopf vorn, der immer allen anderen zuvorkam, weil er so leicht und hoch mit Eisen beschlagen war.

Vor lauter Glück stand Wiseli ganz unschlüssig da und schaute nach dem Chäppi, ob er es nicht vielleicht zu prügeln gedenke zur Strafe für sein Glück. Aber der saß jetzt ganz abgekühlt da, so als wäre gar nichts geschehen. Und Otto stand so schutzverheißend daneben, daß das Wiseli seinen Mut zusammennahm, um sein Glück zu erfassen. Es setzte sich wirklich auf den schönen Schlitten, und da nun Otto mahnte: “Schnell, Wiseli, fahr ab”, so gehorchte es, und hinunter ging’s wie vom Wind getragen.

In der kürzesten Zeit hörte Otto die ganze Gesellschaft wieder herankeuchen, und er rief der Kleinen entgegen: “Wiseli, bleib unter den Vordersten und sitz gleich noch einmal auf und fahr zu! Nachher müssen wir gehen.” Das glückliche Wiseli setzte sich noch einmal hin und genoß noch einmal die langersehnte Freude. Dann brachte es den Schlitten zurück und dankte ganz schüchtern seinem Wohltäter und rannte eilig davon.

Otto fühlte sich sehr befriedigt. “Wo ist das Miezi?” rief er in die Gesellschaft hinein, die sich allmählich zerstreute.

“Da ist es”, ertönte eine fröhliche Kinderstimme, und aus dem Knäuel heraus trat ein rundes, kleines Mädchen, das der Bruder Otto als kräftiger Schutzmann bei der Hand faßte und nun mit ihm zum väterlichen Haus lief. Denn es war heute spät geworden. Die erlaubte Zeit des Schlittenfahrens war lange überschritten.

2. Kapitel (Daheim, wo’s gut ist)

Als Otto und seine Schwester durch den langen, steinernen Hausflur hereinstürmten, trat die alte Trine aus einer Tür und hielt ihr Licht in die Höhe, um besser zu sehen, was dahergetrappelt kam. “So, endlich!” sagte sie, halb zankend, halb wohlgefällig. “Die Mutter hat schon nach euch gefragt, aber da war kein Bein zu sehen. Und acht Uhr hat’s geschlagen—vor wer weiß wie langer Zeit.” Die alte Trine war schon Magd in der Familie gewesen, als die Mutter der beiden Kinder zur Welt kam. So hatte sie große Rechte im Haus und fühlte sich durchaus als Familienmitglied, eigentlich als Oberhaupt, denn an Alter und Erfahrung war sie die erste. Die alte Trine war vernarrt in beide Kinder ihrer Herrschaft und sehr stolz auf alle ihre Anlagen und Eigenschaften. Das ließ sie aber nicht merken, sondern sprach immer in entrüstetem Ton mit ihnen, denn das fand sie erzieherisch.

“Schuhe aus, Pantoffeln an!” rief sie jetzt. Der Befehl wurde aber gleich darauf von ihr selbst vollzogen, denn sofort kniete sie vor Otto hin, der sich auf einem Sessel niedergelassen hatte, und zog ihm die nassen Schuhe aus. Die kleine Schwester stand inzwischen mitten in der Stube und rührte sich nicht, was sonst nicht ihre Art war, so daß die alte Trine während ihrer Arbeit ein paarmal hinüberschielte. Jetzt war Otto gerüstet, und Miezchen sollte auf dem Sessel sitzen. Aber es stand noch auf demselben Platz.

“Nun, wollen wir warten, bis es Sommer wird, dann trocknen die
Schuhe von selbst”, sagte die Trine.

“Pst! pst! Trine, ich habe etwas gehört. Wer ist in der großen
Stube?” fragte Miezchen und hob den Zeigefinger.

“Alles Leute mit trockenen Schuhen, und andere kommen nicht hinein.
Jetzt setz dich”, mahnte Trine.

Aber anstatt zu sitzen, sprang Miezchen hoch und rief: “Jetzt habe ich’s wieder gehört, so lacht der Onkel Max.”

“Was?” schrie Otto und war mit einem Satz bei der Tür.

“Wart! wart!” schrie Miezchen nach und wollte gleich mit zur Tür hinaus. Aber jetzt wurde es abgefaßt und auf den StuhI gesetzt, die alte Trine hatte jedoch einen schweren Stand mit den zappelnden Füßchen. Doch gelang die Arbeit, und nun stürzte Miezchen zur Tür hinaus und hinüber in die große Stube und direkt auf den Onkel Max los, der richtig dort im Lehnstuhl saß.

Da war nun ein großer Freudenlärm und ein Grüßen und ein Willkommenrufen in allen Tönen, und in das Lachen der Kinder stimmte der Onkel Max mit ein. Es dauerte einige Zeit, bis sich der Tumult etwas gelegt hatte und die Festfreude einen ruhigen Charakter annahm. Denn ein Fest für die Kinder war der Besuch des Onkels jedesmal und aus triftigen Gründen. Der Onkel Max war ihr besonderer Freund. Er war fast immer auf Reisen und kam nur alle paar Monate einmal zu Besuch. Dann gab er sich aber mit den Kindern ab, als gehörten sie ihm selber an. Und was er für wunderbar herrliche Sachen in allen Taschen für sie brachte, das war mit nichts zu vergleichen, denn es war alles ganz fremdartig und zauberhaft. Der Onkel Max war ein Naturforscher und reiste in allen Winkeln der Erde umher. Und aus jedem brachte er etwas Eigentümliches mit.

Endlich saß die Gesellschaft geordnet um den Tisch herum, und die dampfende Schüssel brachte völlige Besänftigung in die aufgeregten Gemüter. Denn von der Schlittenbahn wurde immer ein richtiger Appetit mitgebracht. “So”, sagte der Papa und blickte über den Tisch hinüber, wo an der Seite der Mutter das Töchterchen fleißig arbeitete. “So, so, heute hat also das Miezchen keine Hand für seinen Papa, noch habe ich keinen Gruß bekommen. Und jetzt ist keine Zeit mehr dazu.”

Etwas zerknirscht schaute das Miezchen von seinem Teller auf und sagte: “Aber Papa, aber ich habe es nicht mit Absicht getan, und jetzt will ich gleich…” Und damit stieß sie mit großer Anstrengung den Sessel zurück.

Aber der Papa rief: “Nein, nein, jetzt nur keine Ruhestörung! Da gib die Hand über den Tisch hin, das übrige wollen wir dann nachholen. So ist’s recht, Miezchen.”

“Wie hat man eigentlich das Kind getauft, Marie? Ich war zwar auch dabei, aber ich habe keine Ahnung, welcher Name in der Kirche ausgesprochen wurde, Miezchen doch nicht?” sagte der Onkel lachend.

“Du warst wirklich dabei, Max”, entgegnete seine Schwester, “da du der Pate des Kindes bist. Es erhielt damals den Namen Marie. Sein Papa machte daraus ein Miezchen, und Otto hat den Namen noch recht unnütz vervielfältigt.”

“O nein, Mama, wirklich nicht unnütz”, rief Otto ernsthaft. “Siehst du, Onkel, das geht nach ganz bestimmten Regeln. Wenn das kleine Ding ordentlich und sanftmütig ist, dann nenne ich es Miezchen. Das geschieht aber selten, und im gewöhnlichen Leben nenne ich es daher Miezi. Wird es aber böse, dann sieht es ganz aus wie ein kleiner wilder Kater und muß Miez genannt werden, der Miez.”

“Ja, ja, Otto”, tönte es nun zurück, “und wenn du böse wirst, dann siehst du ganz aus wie ein—wie ein…”

“Wie ein Mann”, ergänzte Otto, und da dem Miezchen eben kein
Vergleich einfiel, so arbeitete es jetzt um so emsiger an seinem
Brei herum.

Der Onkel lachte laut auf. “Das Miezchen hat recht”, rief er, “es ist besser, sich um seine Geschäfte zu kümmern, als auf Schmähungen zu antworten.” “Aber, Kinder”, setzte er nach einer Weile hinzu, “nun bin ich fast ein Jahr nicht hier gewesen, und ihr habt mir noch gar nichts erzählt. Was habt ihr denn inzwischen alles erlebt?”

Die neuesten Ereignisse erfüllten zunächst den Sinn der Kinder. So wurde gleich mit großer Lebhaftigkeit, meistens im Chor, die eben erlebte Geschichte erzählt, wie der Chäppi das Wiseli behandelt hatte, wie es fror und im Schnee stand und keinen Schlitten hatte und endlich doch noch zu zwei Fahrten kam.

“So ist’s recht, Otto”, sagte der Papa. “Du mußt deinem Namen Ehre machen, für die Wehrlosen und Verfolgten mußt du dich immer einsetzen. Wer ist das Wiseli?”

“Du kannst das Kind und seine Mutter kaum kennen”, sagte die Mama, zu ihrem Mann gewandt. “Aber der Onkel Max kennt Wiselis Mutter recht gut. Du kannst dich doch noch auf den mageren Leineweber besinnen, Max, der unser Nachbar war. Er hatte ein einziges Kind mit großen braunen Augen, das oft bei uns im Pfarrhaus war und so schön singen konnte. Erinnerst du dich?”

Bevor aber die weiteren Erinnerungen besprochen wurden, steckte die alte Trine ihren Kopf zur Tür herein und rief: “Der Schreiner Andres möchte gern der Frau Oberst einen Bericht abgeben, wenn er nicht stört.” Diese harmlosen Worte verursachten große Verwirrung in der Gesellschaft. Die Mutter legte den Servierlöffel, mit dem sie soeben dem Onkel entgegenkommen wollte, beiseite und sagte eilig: “Entschuldigt mich!” Rasch ging sie hinaus. Otto sprang so stürmisch auf, daß er seinen Stuhl umwarf und dann selbst darüber stürzte, als er davonlaufen wollte. Das Miezchen hatte ähnliche Taten vor, aber der Onkel hatte seine ersten Bewegungen zum Aufruhr gesehen und hielt es nun mit beiden Armen fest. Aber es zappelte jämmerlich und schrie: “Laß los, Onkel, laß los. Im Ernst, ich muß gehen.”

“Wohin denn, Miezchen?”

“Zum Schreiner Andres. Laß schnell los! Hilf mir, Papa.”

“Wenn du mir sagst, was du vom Schreiner Andres willst, so lasse ich dich los.”

“Das Schaf hat nur noch zwei Beine und keinen Schwanz, und nur der Schreiner Andres kann ihm helfen. Jetzt laß los.” Nun stürmte auch das Miezchen fort. Die Herren schauten einander an, und Onkel Max brach in Gelächter aus und rief: “Wer ist denn der Schreiner Andres, um den deine ganze Familie sich zu reißen scheint ?”

“Das mußt du besser wissen als ich”, entgegnete der Oberst. “Es wird wohl ein Jugendfreund von dir sein und das Fieber der Verehrung wird auch dich noch ergreifen. Es muß in eurer Familie sein, bei uns hat es die Mutter verbreitet. Ich kann dir so viel sagen, daß der Schreiner Andres der Grundstein meines Hauses ist, auf dem alles feststeht. Und sicher werde alles auseinanderbrechen, sollte das Haus diesen Halt verlieren. Der Schreiner Andres ist hier Rat, Trost, Heil und Hilfe in der Bedrängnis. Will meine Frau ein Hausgerät haben, von dem sie gar nicht weiß, wie es aussehen soll und wozu man es braucht—der Schreiner Andres erfindet es und fertigt es an. Bricht Feuers- oder Wassersnot in der Küche oder im Waschhaus aus, der Schreiner Andres greift in die Elemente und bringt das Feuer ins Stocken und das Wasser in Fluß. Macht mein Sohn einen recht dummen Streich, der Schreiner Andres bringt alles wieder in Ordnung. Schmeißt meine Tochter das sämtliche Hausgerät entzwei, der Schreiner Andres leimt es wieder zusammen. So ist der Schreiner Andres die stützende Säule meines Hauses, und wenn diese zusammenbrechen würde, so gingen wir alle in Trümmer.”

Die Mutter war inzwischen wieder eingetreten, und ihr zuliebe schilderte der Vater die Verdienste des Schreiners Andres sehr eingehend. Onkel Max lachte schallend.

“Lacht ihr nur! Lacht ihr nur!” sagte die Mutter. “Ich weiß schon, was ich an dem Schreiner Andres habe.”

“Und ich auch”, bemerkte der Vater mit spöttischem Lächeln.

“Und ich auch!” behauptete das Miezchen herzhaft.

“Und ich auch!” sagte Otto seufzend, dem der Knöchel noch von seinem Sturz über den Stuhl hin weh tat.

“So, nun sind wir alle einer Meinung”, bemerkte die Mutter, “nun können die Kinder in Frieden zu Bett gehen.”

Auf diese Anzeige hin drohte dem Frieden gleich eine Störung. Aber es half nichts, die alte Trine stand schon vor der Tür und achtete darauf, daß die Hausordnung nicht überschritten wurde. Die Kinder mußten sich verabschieden, und gleich nachher verschwand die Mutter auch noch einmal, denn die Kinder schliefen nicht ein, ohne daß die Mutter zum Nachtgebet an ihre Betten gekommen war.

Als nun alles still und ruhig war, kam die Mutter wieder zu den
Herren zurück und setzte sich gemütlich hin.

“Endlich”, sagte da der Oberst aufatmend, als habe er eine harte
Schlacht hinter sich. “Siehst du, Max, erst gehört meine Frau dem
Schreiner Andres, dann ihren Kindern und dann ihrem Mann, wenn noch
etwas übrigbleibt.”

“Und siehst du, Max”, sagte die Mutter lachend, “wenn mein Mann noch so spottet—er mag unseren guten Schreiner Andres gerade so gern wie wir alle. Gestehe es nur ein, Otto! Eben hat mir Andres auch für dich noch einen Auftrag übergeben, er hat seine jährliche Summe gebracht und bittet um deine Hilfe.”

“Das ist wahr”, sagte der Oberst, “einen ordentlicheren, fleißigeren, zuverlässigeren Mann kenne ich nicht. Dem würde ich Weib und Kind und Hab und Gut und alles anvertrauen wie keinem anderen. Das ist der ehrlichste Mann in unserer ganzen Gemeinde und noch weit darüber hinaus.”

“Jetzt siehst du, Max”, sagte die Frau lachend, “ich konnte doch nicht mehr sagen.”

Ihr Bruder lachte mit über den Eifer, in den der Oberst unversehens gefallen war. Dann entgegnete er: “Nun habt ihr mir alle so viel von eurem Wundermann vorerzählt, daß ich wirklich wissen möchte, woher er stammt und wie er aussieht. Habe ich ihn denn noch nicht hier gesehen?”

“Ach, du hast ihn ja so gut gekannt, Max”, entgegnete seine Schwester. “Du mußt dich noch an den Andres erinnern, mit dem wir zur Schule gingen. Weißt du denn nicht mehr, wie zwei Brüder zusammen in derselben Klasse mit dir waren? Der ältere war damals schon ein rechter Taugenichts. Er war nicht dumm, aber tat nichts und blieb darum stecken und kam dann mit dem viel jüngeren Bruder in eine Klasse zusammen, in der du auch warst. Du mußt dich gewiß erinnern, er hieß Jörg und hatte ganz schwarzes, steifes Haar. Er bewarf uns, wo er konnte, mit irgend etwas, mit unreifen Äpfeln und Birnen und dann mit Schneebällen, und rief uns überall nach: ‘Aristokratenbrut!'”

“Oh, der!” rief Onkel Max lachend, “ja, nun weiß ich auf einmal alles. Richtig, ‘Aristokratenbrut’ rief er uns beständig nach. Ich möchte nur wissen, wie ihm das Wort in den Sinn kam. Er war ein widerwärtiger Kerl. Da sah ich ihn einmal einen viel kleineren Jungen ganz unbarmherzig durchprügeln. Dem half ich aber, dafür rief er mir mindestens zwölfmal nach: ‘Aristokratenbrut!’ Ach, nun weiß ich auch auf einmal, wer der andere war. Das war der magere, kleine Andres, sein Bruder, das ist gewiß euer Andres. Und dann ist das auch der Andres mit den Veilchen, nicht wahr, Marie? Oh, jetzt verstehe ich schon die dicke Freundschaft.” Onkel Max lachte aufs neue auf.

“Was für Veilchen? Das muß ich wissen”, fiel der Oberst ein.

“Oh, die Geschichte ist mir auf einmal vor Augen, als wäre sie gestern geschehen”, sagte der Onkel ganz angeregt von seinen Erinnerungen. “Die muß ich dir erzählen, Otto. Du weißt vielleicht durch deine Frau, daß wir hier im Dorf in jenen glücklichen Zeiten unserer Kindheit einen alten Schullehrer hatten, der fand, daß alle Mängel der Schulkinder aus ihnen heraus- und alle Fähigkeiten und guten Eigenschaften in sie hineingeprügelt werden könnten. So war er gezwungen, sehr viel zu prügeln, um den einen oder andern guten Zweck zu erreichen, manchmal auch beide auf einmal. Einmal nun war ihm der magere Andres unter die Hand gekommen. Dem schlug er nun so kräftig seine wohlgemeinte Ermahnung auf den Rücken, daß der Andres laut aufschrie. In diesem Augenblick stand meine kleine Schwester, die kürzlich in die Schule eingetreten war und sich noch nicht so recht in die dort herrschenden Gebräuche eingelebt hatte, plötzlich auf von ihrem Sitz in der ersten Bank. Sie lief eilig zur Tür. Der Schullehrer hielt inne mit seiner Arbeit und rief ihr nach: ‘Wohin läufst du?’ Marie kehrte sich um. Die hellen Tränen liefen ihr über die Backen, und sie sagte ganz aufrichtig: ‘Ich will heimgehen und es dem Papa sagen.’ ‘Wart, ich will dir!’ rief jetzt der Schullehrer überrascht und stürzte vom Andres weg auf die kleine Marie los. Die prügelte er aber nicht, er nahm sie nur beim Arm und setzte sie ziemlich fest auf ihren Platz hin. Dann sagte er noch einmal: ‘Wart, ich will dir!’ Damit war aber alles abgetan. Auch der Andres wurde in Ruhe gelassen, und so nahm alles einen friedlichen Ausgang. Aber die Tränen, die meine Schwester für den Andres vergossen hatte, und ihr Einschreiten gegen den Tyrannen wurden nicht vergessen. Von dem Tag an lag jeden Morgen ein Strauß Veilchen auf ihrem Platz und durchduftete den ganzen Schulraum. Und nachher kam noch ein anmutigerer Duft von dem Platz her, denn da lagen große Erdbeersträuße mit den prächtigsten dunkelroten Beeren, wie sie sonst nirgends zu sehen waren. Und so ging es das ganze Jahr durch immerfort. Wie sich dann aber die Freundschaft zu dem erstaunlich hohen Grad entwickelt hat, wo sie nun angelangt ist, das muß meine Schwester wissen und uns mitteilen.”

Der Oberst hatte seine Freude an der Geschichte der Tränen und der
Veilchen und forderte seine Frau auf, weiter zu erzählen.

Sie sagte lachend: “Erdbeeren und Veilchen blühen deiner Ansicht nach das ganze Jahr durch, Max. Das ist aber nicht ganz so. Aber der gute Andres wurde wirklich das ganze Jahr durch nicht müde, mir irgend etwas Erfreuliches aus Feld und Wald zu suchen und an meinen Platz zu legen, solange wir miteinander zur Schule gingen. Er trat dann lange vor mir aus und kam in die Lehre zu einem Schreiner in der Stadt. Er kam aber oft nach Hause, ich verlor ihn nie ganz aus den Augen. Und als mein Mann dieses Gut kaufte und wir uns eben verheiratet hatten, handelte es sich darum, daß Andres sich etwas ankaufen und sich selbständig niederlassen wollte. Er hatte seine Eltern verloren und stand ganz allein, aber als tüchtiger Arbeiter da. Er hatte seine Augen auf das Häuschen mit dem sauberen kleinen Garten dort unterhalb der Kirche gerichtet, konnte es aber nicht ankaufen, da der Verkäufer sofort bares Geld haben wollte und Andres erst etwas verdienen mußte. Aber wir kannten ihn und seine Arbeit. Mein Mann kaufte das Gütchen an für ihn, und er hat es keinen Augenblick zu bereuen gehabt.”

“Nein, wahrhaftig nicht”, fiel der Oberst ein. “Der brave Andres hat längst sein Gut vollständig abgezahlt, und seither bringt er mir jedes Jahr um diese Zeit eine ganz hübsche Summe, den Gewinn seiner Jahresarbeit. Die lege ich ihm gut an. Er ist jetzt schon ein wohlhabender Mann, und nun nimmt sein Besitztum jährlich sehr zu. Er kann sein Häuschen noch zu einem großen Haus machen, der brave Andres. Es ist nur schade, daß er wie ein Einsiedler lebt und darum sein erarbeitetes Gut gar nicht genießen kann.”

“Hat er denn keine Frau und keine Familie? Und wo ist der bitterböse Jörg schließlich hingekommen?” fragte Onkel Max weiter.

“Nein, er hat gar niemanden”, antwortete die Schwester. “Er lebt völlig allein, wirklich wie ein Einsiedler. Er hat eine lange, traurige Geschichte erlebt, die ich mit angesehen habe und die ihm gewiß alle Lust genommen hat, je eine Frau zu suchen. Der Bruder Jörg ist hier einige Jahre herumgestrolcht. Er hat nie gearbeitet, sondern gehofft, durch furchtbares Schimpfen auf alle diejenigen, die keine Lumpen waren wie er, endlich doch noch sein Glück zu machen. Und als ihm dies nicht gelang, auch der gute Andres ihm endlich nicht mehr aus seinen Schulden und allem Bösen heraushelfen konnte und auch nicht mehr wollte, da ist er verschwunden. Wohin, hat man nie recht gewußt. Jedermann war froh, daß er fort war.”

“Was war denn die traurige Geschichte, Marie?” fragte der Bruder.
“Die muß ich auch noch wissen.”

“Und ich auch”, sagte der Oberst und zündete zu der Erzählung vergnüglich eine neue Zigarre an.

“Aber Otto”, bemerkte die Frau Oberst, “dir habe ich dieses
Erlebnis wohl schon sechsmal erzählt.”

“So?” entgegnete ruhig der Oberst. “Es gefällt mir, wie es scheint.”

“So fang an!” ermunterte der Onkel.

“Du mußt dich noch an das Kind erinnern können, Max”, begann seine Schwester, “von dem ich heute abend schon einmal gesprochen habe, das ganz in unserer Nähe wohnte. Es gehörte dem bleichen, mageren Leineweber, den wir immer sein Weberschifflein hin- und herwerfen hörten, wenn wir in unserem Garten standen. Das Kind sah zart und nett aus und hatte große, lustig glänzende Augen und so schöne braune Haare. Es hieß Aloise.”

“In meinem Leben habe ich keine Aloise gekannt”, warf Onkel Max ein.

“Oh, ich weiß schon, warum”, fuhr seine Schwester fort. “Wir nannten sie auch nie so, besonders du nicht. Wisi nannten wir sie, zum Schrecken unserer seligen Mama. Weißt du denn nicht mehr, wie oft du selbst sagtest, wenn wir am Klavier Lieder singen wollten mit Mama und es so leise tönte: ‘Man muß das Wisi holen, sonst geht’s nicht’?”

Jetzt stieg die Erinnerung mit einemmal in Onkel Max’ Gedächtnis auf. Er lachte auf und rief: “Oh, das ist’s, das Wisi, ja gewiß, das Wisi kenne ich. Ich sehe es deutlich vor Augen mit dem lustigen Gesicht, wie es am Klavier stand und so tapfer darauflos sang. Ich mochte es gern, das Wisi. Es war auch nett anzusehen. Das ist wahr. Die gute Mutter hatte immer einen Schreckensanfall, wenn ich ‘Wisi’ sagte. Ich habe aber nie gewußt, wie das Wisi eigentlich hieß.”

“Freilich hast du das gewußt”, bemerkte die Schwester, “denn jedesmal sagte die Mama, es sei eine Barbarei, aus dem schönen Namen Aloise ein Wisi zu machen.”

“Das habe ich wohl jedesmal überhört”, meinte Onkel Max. “Aber wo ist denn das Wisi hingekommen?”

“Du weißt, es war in derselben Klasse mit mir in der Schule, wir sind miteinander von Klasse zu Klasse gestiegen bis hinauf zur sechsten. Da kann ich mich ganz gut erinnern, wie alle diese Jahre durch der Andres als treuster Freund und Beschützer dem Wisi zur Seite stand in Freud und Leid. Und es konnte den Freund gut brauchen. Meistens, wenn es zur Schule kam und die Tafel mit Rechnungen bedeckt bringen sollte wie wir anderen auch, da stand nicht eine Zahl darauf. Es legte sie aber mit dem lustigsten Gesicht auf die Schulbank hin, und im folgenden Augenblick stand alles darauf, was darauf stehen sollte. Denn der Andres hatte schnell die Tafel genommen und die Rechnungen darauf gesetzt. Oft geschah es auch, daß Wisi in seiner raschen Weise mit dem Ellbogen eine Scheibe eingeschlagen hatte in der Schulstube, oder es hatte im Garten an des Schulmeisters Pflaumenbaum geschüttelt. Und wenn dann Gericht über diese Untaten gehalten wurde, dann blieb regelmäßig alles auf dem Andres sitzen. Nicht daß er von jemand angeklagt wurde, sondern er selbst sagte gleich halblaut, er meine, er habe die Scheibe zerdrückt. Und er glaube auch, er habe an dem Pflaumenbaum gerüttelt, und so bekam er die Strafe. Wir Kinder wußten immer ganz gut, wie es war. Aber wir ließen es so gehen. Wir waren so gewöhnt daran, daß es so sei, und dann hatten wir alle das lustige Wisi so gern, daß wir’s ihm immer gönnten, wenn es ungestraft davonkam. Und Äpfel und Birnen und Nüsse hatte Wisi immer alle Taschen voll, die kamen alle vom Andres. Denn was er nur hatte und erlangen konnte, das stecke er alles dem Wisi in den Schulsack. Ich dachte manchmal darüber nach, wie es denn sein könne, daß der stille Andres gerade das allerlustigste und aufgeweckteste Kind der ganzen Schule am liebsten habe. Und dann sann ich darüber nach, ob es nun auch gerade den stillen Andres besonders gern habe. Es war wohl immer freundlich zu ihm, aber so war es auch mit den anderen. Und als ich einmal ernstlich unsere Mama fragte, wie das wohl sei, da schüttelte sie ein wenig den Kopf und sagte: ‘Ich fürchte, ich fürchte, diese artige Aloise ist ein wenig leichtsinnig und kann noch in eine schwere Schule kommen.’ Diese Worte gaben mir viel zu denken und kamen mir immer wieder in den Sinn.”

Die Frau Oberst sah lächelnd vor sich hin. “Als wir dann zusammen in den Religionsunterricht gingen, da kam Wisi regelmäßig am Sonntagabend zu uns herüber, und wir sangen zusammen am Klavier Choräle. Daran hatte es damals sehr große Freude, es konnte alle die schönen Lieder auswendig und sang sie mit heller Stimme. Wir hatten auch unsere Freude an den Abenden, Mama und ich, und auch darüber, daß Wisi so gern in den Unterricht ging und ihn sich wirklich zu Herzen nahm. Es war nun ein großes Mädchen geworden und sah recht gut aus. Seine lustigen Augen hatte es noch, und wenn es auch nie so kräftig aussah wie die Bauernmädchen im Dorf, so hatte es doch eine blühende Gesichtsfarbe und war netter als sie alle. Damals war der Andres noch in der Stadt als Lehrjunge, er kam aber immer über den Sonntag heim. Dann kam er auch jedesmal zu uns ins Pfarrhaus, und am liebsten sprach er dann immer mit mir von den vergangenen Tagen der Schule. Und dann kamen wir immer bald auf das Wisi zu sprechen. Das kam so im Zusammenhang, und schließlich sprachen wir dann nur noch von ihm. Dem Andres ging ganz das Herz und der Mund auf bei diesen Erinnerungen, und während alle Welt längst das Wisi nie anders also so genannt hatte, nannte er es unwandelbar das ‘Wiseli’. Und das kam dann so ganz eigen zärtlich heraus.

Da kam auch ein Sonntag, als das Wisi und ich noch nicht achtzehn Jahre alt waren. Gegen Abend trat er bei uns ein und sah ganz rosig aus. Und als wir nun mit Mama zusammensaßen, da sagte Wisi, es sei gekommen, uns mitzuteilen, daß es sich mit dem jungen Fabrikarbeiter versprochen habe, der seit kurzer Zeit im Dorfe wohnte. Sie könnten gleich heiraten, da er eine gute Anstellung habe unten in der Fabrik, und so hätten sie denn schon alles festgesetzt, daß sie gleich in zwölf Tagen zusammenkommen könnten. Ich war so erstaunt und so traurig, daß ich kein Wort sagen konnte. Eine Zeitlang sagte die Mutter auch nichts, sie sah ganz bekümmert aus. Dann aber sprach sie ernstlich mit dem Wisi und stellte ihm vor, wie leichtsinnig es sei, daß es sich so schnell mit dem Fabrikarbeiter eingelassen habe. Es kenne ihn ja kaum, und da sei doch ein anderer, der ihm Jahre lang nachgegangen sei und ihm gezeigt habe, wie lieb er es habe. Und zuletzt fragte sie es dringend, ob denn nicht alles noch rückgängig gemacht werden oder doch eine gute Zeitlang hinausgeschoben werden könne. Es könne noch bei seinem Vater bleiben, es sei ja noch so jung. Da fing Wisi zu weinen an und sagte, es habe ganz bestimmt sein Wort gegeben, alles sei eingerichtet auf die Zeit und dem Vater sei’s recht. Nun sagte die Mutter nichts mehr, aber das arme Wisi weinte immer ärger. Da nahm sie es bei der Hand und zog es zum Klavier hin, an den Platz, wo es immer stand, wenn wir zusammen sangen. Sie sagte in ihrem freundlichen Ton zu ihm: ‘Trockne nun deine Tränen, wir wollen noch einmal zusammen singen.’ Dann schlug sie uns das Lied auf, und wir sangen zusammen:

(‘Befiehl du deine Wege,
Und was dein Herze kränkt,
Der allertreusten Pflege
Des, der den Himmel lenkt.)

(‘Der Wolken, Luft und Winden
Gibt Wege, Lauf und Bahn,
Der wird auch Wege finden,
Wo dein Fuß gehen kann.’)

Wisi ging dann wieder getröstet von uns, die Mutter hatte ihm noch einige freundliche Worte gesagt.

Aber mich hatte die Sache recht traurig gemacht. Ich hatte ein ganz bestimmtes Gefühl, daß das arme Wisi seine frohen Tage nun hinter sich hatte, und dann tat mir der Andres unsäglich leid. Was würde der sagen? Er sagte aber nie etwas, gar kein Wort, aber ein paar Jahre lang ging er herum wie ein Schatten und war noch stiller geworden als vorher. Ich habe auch seither nie mehr sein stillfröhliches Gesicht gesehen, wie er es damals doch oft gezeigt hat.”

“Der arme Kerl!” rief Onkel Max aus. “Hat er denn keine andere
Frau genommen?”

“Ach, nein, Max”, entgegnete seine Schwester ein wenig strafend, “wie konnte er denn, wie kannst du so etwas sagen. Er ist ja die Treue selbst.”

“Das konnte ich ja nicht wissen, liebe Schwester”, erwiderte der Bruder begütigend. “Ich konnte doch nicht voraussehen, daß dein vielseitig begabter Freund nun auch noch die Unwandelbarkeit an sich trägt. Aber das Wisi, erzähl weiter von ihm. Ich hoffe wirklich, das lustige Wisi ist nicht unglücklich geworden, es würde mir leid tun.”

“Ich merke schon, Max”, sagte die Schwester, “daß du es heimlich mit dem Wisi hältst und kein Mitleid hast mit dem treuen Andres, dem es doch fast das Herz abgedrückt hat, daß das Wisi für ihn verloren war.”

“Doch, doch”, versicherte der Onkel, “ich kann ihm nachfühlen, wie unglücklich er war. Aber weiter, wie ging’s mit dem Wisi? Es hat doch seine lustigen Augen nicht verweint?”

“Doch, ich glaube schon”, fuhr die Schwester fort. “Ich habe Wisi nicht mehr oft gesehen, es hatte viel zu tun. Ich glaube, der Mann war nicht eben böse, aber er hatte etwas Rohes, er konnte so grob und unfreundlich sein, auch mit seinen kleinen Kindern. Wisi hatte gewiß wenig Freude mehr. Es hatte mehrere nette Kinder, aber sie waren alle sehr zart, es verlor sie wieder eins nach dem andern. Fünf hatte es begraben müssen, nur ein einziges ist ihm geblieben, ein feines, zartes Geschöpfchen, ein kleines Wiseli. Es ist nicht viel größer als unser Miezchen und ist doch gut drei Jahre älter. Wisis Gesundheit hatte durch das alles so gelitten, daß man deutlich sehen konnte, was kommen würde. Und nun ist es auch da, eine schnelle Auszehrung rafft ihr Leben hin. Ich fürchte, es ist gar keine Hoffnung mehr.”

“Nein!” rief Onkel Max erschrocken aus. “Das kann doch nicht sein, ist’s wirklich wahr? Kann man da nichts machen, Marie? Wir wollen doch gleich nachsehen, vielleicht ist noch zu helfen.”

“Ach nein, da ist nicht mehr zu helfen”, sagte die Schwester traurig. “Da war überhaupt nicht mehr zu helfen. Wisi war für all die Arbeit und Anstrengung viel zu zart.”

“Und was macht nun der Mann?” fragte Onkel Max.

“Ach, den habe ich ja ganz vergessen, das hatte das kranke Wisi auch noch durchzumachen. Es wird nun bald ein Jahr sein, da wurde ihm in der Fabrik der eine Arm und das Bein so zerschlagen, daß man ihn halbtot nachhause brachte. Danach konnte er nicht mehr arbeiten. Er muß kein besonders geduldiger Kranker gewesen sein. Wisi hatte ihn nun auch noch zu verpflegen zu allem andern. Er starb dann ungefähr ein halbes Jahr nach dem Unfall. Seither lebt Wisi allein mit dem Kind.”

“Und so blieb von allem gar nichts mehr übrig als ein kleines Wiseli? Was macht man damit? Aber nein, so traurig wird’s doch nicht kommen müssen. Das Wisi kann noch gesund werden und alles noch kommen, wie es hätte sein sollen von Anfang an.”

“Nein, nein, dazu ist es zu spät”, entgegnete die Schwester sehr bestimmt. “Das arme Wisi hat seinen Leichtsinn schwer büßen müssen. Aber jetzt ist es spät geworden.” Und fast erschrocken stand sie auf, denn über dem Gespräch war die Mitternachtsstunde vorübergegangen.

Seit einiger Zeit schon war der Oberst ganz still geworden, er hatte sich in seinen Lehnstuhl zurückgelegt und war fest eingeschlafen. Onkel Max hatte zwar keinen Schlaf, denn mit der Erzählung von dem armen Wisi waren ihm alle Jugenderinnerungen so lebendig aufgestiegen, daß er noch eine Menge von Dingen und Persönlichkeiten besprechen wollte. Aber seine Schwester war unerbittlich, sie hielt die Lampe in der Hand und drängte zum Aufbruch.

So half denn nichts. Um aber nicht allein die unwillkommene Störung zu tragen, weckte er seinen Schwager mit einem so gewaltigen Ruck an seinem Stuhl, daß der Oberst mit einem Schrecken emporschoß, als sei eine feindliche Bombe auf ihn gefahren. Aber sein Schwager klopfte ihm friedlich auf die Schulter und sagte: “Es war nur eine leise Mahnung von seiten deiner Frau, daß wir uns zurückziehen möchten.” Der Rückzug wurde dann vollzogen, und bald stand das Haus auf der Höhe ganz still im Mondschein da. Und unten am Berg stand eins, da sollte es auch bald still werden. Jetzt brannte noch ein schwaches Lämpchen drinnen und warf seinen matten Schimmer durch das schmale Schubfenster in die monderhellte Nacht hinaus.

3. Kapitel (Auch noch daheim)

Um die gleiche Zeit, da die Kinder des Obersten nach Hause gingen, rannte das kleine Wiseli aus allen Kräften den Berg hinunter. Denn es wußte, daß es länger fortgeblieben war, als die Mutter erwartete, und das tat es sonst nicht. Aber heute war sein Glück so groß gewesen, daß es einen Augenblick das Heimgehen vergessen hatte. Jetzt lief es um so schneller und wäre fast in einen Mann hineingerannt, der eben aus der Tür des Häuschens trat, als es hineinstürmen wollte. Er ging ihm aber ganz leise aus dem Weg, und das Wiseli sprang vorwärts in die Stube hinein und auf die Mutter zu, die auf einem kleinen Stuhl am Fenster saß und zu Wiselis Erstaunen noch kein Licht angezündet hatte.

“Mutter, bist du böse, daß ich so lang ausgeblieben bin?” rief es und umarmte sie.

“Nein, nein, Wiseli”, antwortete sie freundlich. “Aber ich bin froh, daß du da bist.”

Jetzt fing das Wiseli der Mutter von seinem großen Erlebnis zu erzählen an, wie gut der Otto zu ihm gewesen war und wie es zweimal mit dem allerschönsten Schlitten hatte den Berg hinunterfahren können. Als es dann mit seiner Erzählung fertig war und die Mutter noch immer so still dasaß, fiel ihm erst ein, daß sie das sonst nicht tat. Es fragte verwundert: “Aber warum hast du noch kein Licht, Mutter?”

“Ich bin so müde heute abend, Wiseli”, antwortete sie. “Ich konnte nicht aufstehen und Licht machen. Hol das Lämpchen herein und bring mir einen Schluck Wasser mit, ich habe so großen Durst.”

Wiseli lief in die Küche und kam bald zurück, in der einen Hand das Licht und in der andern eine Flasche, in der ein roter Saft schimmerte, so hell und einladend, daß die durstende Kranke erfreut ausrief: “Was bringst du mir Schönes, Wiseli?”

“Ich weiß nicht”, sagte das Kind, “es stand auf dem Küchentisch, sieh, wie es funkelt.”

Die Mutter nahm die Flasche in die Hand und roch daran. “Oh”, sagte sie, “wie frische Himbeeren aus dem Wald, gib mir schnell ein wenig Wasser dazu, Wiseli.”

Das Kind goß roten Saft in ein Glas und füllte es mit Wasser, und mit durstigen Zügen trank die Mutter den erquickenden Beerensaft. “Oh, wie das erfrischte” sagte sie und übergab das leere Glas dem Kind. “Stell es weg, Wiseli, aber nicht weit. Mir ist, ich könnte alles austrinken, so durstig bin ich. Wer hat mir denn diese Flasche gebracht? Gewiß die Trine, es kommt von der Frau Oberst.”

“War denn die Trine bei dir in der Stube, Mutter?” fragte das Kind.

“Nein.”

“Dann ist es nicht die Trine, das weiß ich”, sagte das Wiseli bestimmt. “Sie geht jedesmal in die Stube, wenn sie etwas bringt. Aber der Schreiner Andres war ja bei dir, hat er dies nicht mitgebracht?”

“Ach was, Wiseli”, fiel die Mutter ganz lebhaft ein. “Was sagst du denn. Der Schreiner Andres war nie bei mir, was fällt dir denn ein?”

“Er war sicher, sicher, ganz bestimmt hier drinnen”, beteuerte Wiseli. “Gerade, als ich hereinkam, trat er so schnell aus der Tür, daß ich fast gegen ihn rannte. Hast du denn nichts gehört?”

Die Mutter war eine Zeit lang ganz still, dann sagte sie: “Ich habe schon gehört, daß jemand leise die Küchentür aufmachte. Erst meinte ich, du seist es, und—es ist wahr, erst nachher hörte ich dich hereinrennen. Bist du sicher, Wiseli, daß es der Schreiner Andres war, der zu unserer Tür herauskam?”

Wiseli war seiner Sache sicher. Es konnte so genau der Mutter sagen, wie der Rock und die Kappe vom Schreiner Andres aussahen und wie er erschrocken war, als es so mit einemmal an ihn heranrannte, daß die Mutter auch davon überzeugt wurde. Sie sagte wie für sich: “Dann war es der Andres, er hat gewußt, was mir so gut tun könnte.”

“Jetzt fällt mir noch etwas ein, Mutter”, rief auf einmal das Wiseli ganz erregt aus. “Jetzt weiß ich gewiß, wer einmal den großen Topf Honig in die Küche gestellt hat, von dem du so gern gegessen hast, und vor ein paar Tagen die Apfelkuchen. Weißt du, Mutter, du wolltest durch die Trine danken lassen, als sie dir etwas Suppe brachte, und sie sagte, sie wisse von all dem nichts. Das hat sicher alles der Schreiner Andres heimlich in die Küche gestellt.”

“Das glaube ich auch”, sagte die Mutter und wischte sich über die
Augen.

“Es ist ja nichts Trauriges”, sagte Wiseli ein wenig erschrocken, als sie die Mutter immer wieder über die Augen wischen sah.

“Du mußt ihm einmal danken, Wiseli, ich kann es nicht mehr. Sag es ihm einmal, ich lasse ihm danken für alles Gute. Er hat es so gut mit mir gemeint. Komm, setz dich ein wenig zu mir”, fuhr sie leise fort. “Gib mir auch noch einmal zu trinken, und dann komm und sag mir das Verslein, was ich dich gelehrt habe.”

Wiseli holte noch einmal Wasser und goß von dem frischen Saft hinein, und die Mutter trank noch einmal begierig davon. Dann legte sie müde ihren Kopf auf das niedere Gesims am Fenster und winkte das Wiseli zu sich. Es fand aber, da liege die Mutter zu hart, holte ein Kissen aus ihrem Bett herbei und legte es sorgfältig unter den Kopf. Dann setzte es sich dicht neben sie auf den Schemel und hielt ihre Hand fest in den seinigen. Und wie sie gewünscht hatte, sagte es nun andächtig sein Verslein auf.

(“Befiehl du deine Wege,
Und was dein Herze kränkt,
Der allertreusten Pflege
Des, der den Himmel lenkt.)

(“Der Wolken, Luft und Winden
Gibt Wege Lauf und Bahn,
Der wird auch Wege finden,
Wo dein Fuß gehen kann.”)

Als Wiseli zu Ende war, sah es, daß die Mutter am Einschlafen war. Sie sagte nur noch leise: “Denk daran, Wiseli! Und wenn du einmal keinen Weg mehr vor dir siehst und es dir ganz schwer wird, dann denk in deinem Herzen:

(“Er wird auch Wege finden,
Wo dein Fuß gehen kann.”)

Nun legte die Mutter sich müde hin und schlief ein, und Wiseli wollte sie nicht wecken. Es legte sich mäuschenstill an sie heran, und bald schlief es auch ganz fest. So brannte die kleine, matte Lampe in dem stillen Stübchen fort, immer matter, bis sie von selbst erlosch und das Häuschen dunkel dastand auf dem hellen Mondscheinplatz.

Als am folgenden Morgen die Nachbarin um das Haus herum zum Brunnen ging, schaute sie durch das niedere Fenster in das Stübchen hinein, wie sie immer im Vorbeigehen tat. Da sah sie, wie Wiselis Mutter auf dem Kissen schlief und wie das Kind daneben stand und weinte. Das kam ihr so sonderbar vor, sie mußte nachsehen, was da geschehen sei. Sie machte ein wenig die Tür auf und fragte: “Was hast du, Wiseli? Ist die Mutter kränker geworden?”

Wiseli schluchzte zum Erbarmen und stammelte: “Ich—weiß nicht, was die Mutter hat.”

Das arme Kind ahnte, was mit der Mutter war, aber es konnte ja nicht begreifen, daß es sie verloren hatte. Sie war ja noch da, aber sie war entschlafen für das ganze Erdenleben. Sie hörte nicht mehr, wie ihr Wiseli nach ihr rief. Die Nachbarin trat zu dem Kissen am Fenster und schaute die schlafende Frau an. Dann trat sie erschrocken zurück und sagte: “Geh schnell, Wiseli, lauf und hol deinen Onkel, er soll auf der Stelle herkommen. Du hast ja sonst niemanden, und es muß sich jemand um alles kümmern. Lauf, ich will warten, bis du wieder kommst.”

Das Kind lief davon, aber es konnte nicht lange so weiter laufen. Sein Herz war so schwer und alle seine Glieder zitterten so sehr, daß Wiseli sich plötzlich mitten auf dem Weg hinsetzen und laut weinen mußte. Denn jetzt wurde es ihm immer deutlicher bewußt, daß die Mutter nicht mehr erwachen werde. Es stand dann wieder auf und lief weiter, aber zu weinen konnte es nicht mehr aufhören, denn in seinem Herzen wurde der Jammer immer größer.

Am Buchenrain, eine Viertelstunde von der Kirche entfernt, stand das Haus des Onkels, wo Wiseli jetzt eben ankam und weinend unter die Tür trat. Die Tante stand in der Küche und fragte kurz: “Was ist mit dir?”

Wiseli sagte halblaut unter Schluchzen, die Nachbarin habe es geschickt, der Onkel möge schnell zur Mutter kommen.

Die Tante sah das Kind an, sie mochte denken, es sei schlimm mit der Mutter. Denn weniger mürrisch, als sie sonst redete, erklärte sie: “Ich will es ihm sagen, geh nur wieder heim, er ist jetzt nicht da.”

Da kehrte Wiseli wieder um und lief zurück. Die Nachbarin stand vor der Tür, drinnen hatte sie nicht warten wollen, es war ihr zu unheimlich. Aber das Wiseli schlich hinein und setzte sich ganz nahe zur Mutter, so wie es nachts neben ihr gesessen hatte. Da saß es ganz still und weinte, und von Zeit zu Zeit sagte es halblaut: “Mutter!”

Sie gab keine Antwort mehr. Da beugte Wiseli sich zu ihr und sagte: “Mutter, du hörst mich, wenn du jetzt schon im Himmel bist und ich dich nicht mehr hören kann.”

So saß das Wiseli noch neben seiner Mutter und hielt sie fest, als schon die Mittagszeit vorüber war. Da trat der Onkel in das Stübchen, schaute sich ein wenig darin um und rief dann die Nachbarin herein. “Sie müssen die Frau hier zurecht machen, Sie wissen schon, wie ich meine”, sagte er, “so daß alles fertig ist zum Wegholen. Dann nehmen Sie den Schlüssel an sich, daß da nichts wegkommt.” Dann wandte er sich zu Wiseli und sagte: “Wo sind deine Kleider, Kleines? Such sie zusammen und pack sie in ein Bündelchen, dann gehen wir.”

“Wohin gehen wir denn?” fragte Wiseli zaghaft.

“Heim gehen wir”, war die Antwort, “an den Buchenrain, da kannst du bei uns sein. Du hast niemanden mehr auf der Welt als deinen Onkel.”

Das Wiseli erschrak. Zum Buchenrain sollte es gehen und da daheim sein. Es hatte von jeher eine große Furcht vor der Tante gehabt und jedesmal eine Zeitlang vor der Tür gewartet, wenn es dem Onkel etwas hatte berichten müssen, aus lauter Angst, die Tante würde mit ihm schimpfen. Dann war der älteste Sohn da, der gewalttätige Chäppi, und dann kamen noch der Hans und der Rudi, die warfen allen Kindern Steine nach. Bei denen sollte es nun daheim sein.

Das Wiseli stand bleich und unbeweglich vor Schrecken da. “Du mußt dich nicht fürchten, Kleines”, sagte der Onkel freundlich. “Es sind zwar mehr Leute bei uns im Haus als hier, aber das ist um so lustiger für dich.”

Wiseli legte still seine Sachen zusammen in ein Tuch und knöpfte je zwei Zipfel davon kreuzweis ineinander. Dann band es sein Tüchlein um den Kopf und stand fertig da.

“So”, sagte der Onkel, “nun gehen wir.” Er schritt zur Tür.

Auf einmal schluchzte Wiseli laut auf. “Dann muß ja die Mutter ganz allein sein.” Es war wieder zu ihr hingelaufen und hielt sie fest.

Der Onkel stand ein wenig verblüfft da. Er wußte nicht recht, wie er dem Kinde erklären sollte, wie es mit seiner Mutter sei, wenn es das nicht von selbst begriff. Denn Erklären war nicht seine Sache, das hatte er nie probiert. Er sagte also: “Komm jetzt, komm! Ein Kleines, wie du eins bist, muß folgen. Komm und mach nur kein Geschrei, das hilft gar nichts.”

Wiseli würgte sein Schluchzen hinunter und folgte lautlos dem Onkel zur Tür. Nur einmal sah es noch zurück und sagte ganz leise: “Behüte dich Gott, Mutter!”

Dann wanderte es mit seinem Bündelchen am Arm aus dem kleinen Haus, wo es daheim gewesen war. Eben als die beiden miteinander querfeldein gingen, kam von oben herunter die Trine, einen gedeckten Korb am Arm. Noch stand die Nachbarin unter der Tür und schaute dem Onkel und dem Kind nach. Die Trine trat auf sie zu und sagte: “Heute bringe ich der kranken Frau was Gutes, aber ein wenig spät. Wir haben den Herrn Onkel zum Besuch, da wird es immer spät.”

“Und wenn Sie auch am Morgen früh gekommen wären, so wären Sie zu spät gekommen heute. Sie ist in der Nacht gestorben.”

“Ist das wirklich wahr?” rief die Trine erschrocken aus. “Ach, du mein Gott, was wird meine Frau sagen.” Damit kehrte die Trine um und lief ihren Weg zurück.

Die Nachbarin trat in das stille Stübchen und machte Wiselis Mutter so zurecht, wie sie in ihrem letzten Bett liegen mußte.

4. Kapitel (Beim Onkel)

Als das Wiseli mit dem Onkel in das Haus am Buchenrain trat, da kamen die drei Buben aus der Scheune gestürzt und liefen hinter den beiden her in die Stube. Alle drei starrten das Wiseli an. Aus der Küche kam die Tante herein und schaute das Wiseli ebenfalls an, als wenn sie es noch nie gesehen hätte.

Der Onkel setzte sich hinter den Tisch und sagte: “Ich meine, man könnte etwas essen. Das Kleine hat, denke ich, heute noch wenig gehabt. Komm, setz dich”, sagte er, zu Wiseli gewandt, das immer noch auf demselben Fleck stand, sein Bündelchen in der Hand. Es gehorchte. Jetzt holte die Tante Most und Käse und legte das große Schwarzbrot auf den Tisch. Der Onkel schnitt ein tüchtiges Stück ab und legte eine Scheibe Käse darauf, dann schob er es vor das Kind hin. “Da, iß, Kleines, du wirst Hunger haben.”

“Nein, ich danke”, sagte Wiseli leise. Es hätte keinen Bissen hinunterschlucken können, denn Leid und Angst und Weh schnürten ihm so den Hals zu, daß es kaum atmen konnte.

Die Buben standen immer noch da und starrten es an. “Mußt dich nicht fürchten”, sagte der Onkel ermunternd, “iß nur zu.” Aber das Wiseli saß unbeweglich da und rührte sein Brot nicht an. Die Tante war bis jetzt auch stehengeblieben und hatte das Kind angeschaut von oben bis unten, mit beiden Armen in die Seite gestemmt. “Wenn’s dir nicht recht ist, so kannst du’s bleiben lassen”, sagte sie nun, drehte sich um und ging wieder in die Küche.

Als der Onkel sich gestärkt hatte, stand er auf und sagte: “Nimm’s in die Tasche, nachher hast du sicher Hunger. Mußt dich nur nicht fürchten.” Damit ging er auch in die Küche hinaus. Wiseli wollte gehorchen und das Käsebrot in die Tasche stecken, aber diese war viel zu klein. Es legte das Brot wieder auf den Tisch.

“Ich will dir schon helfen”, sagte Chäppi, schnappte das Brot vom Tisch weg und wollte abbeißen. Es flog aber in die Luft, denn der Hans hatte von unten herauf Chäppis Hand einen tüchtigen Stoß gegeben, damit ihm die Beute entfalle und er sie erwische. In dem Augenblick aber huschte der Rudi schnell auf den Boden und haschte den Fang weg. Jetzt stürzten die beiden Größeren auf ihn, und einer fiel über den anderen her. Und nun gab es ein Schlagen und Raufen und Lärmen und Heulen, daß es dem Wiseli angst und bange wurde.

Der Vater öffnete wieder die Küchentür und rief: “Was ist los?”

Da schrien die drei Buben am Boden alle durcheinander.

“Das Wiseli wollte nichts”

“Das Wiseli hatte keinen Hunger!”

“Weil das Wiseli keins wollte!”

Da rief der Vater noch lauter: “Wenn das nicht aufhört da drinnen, so will ich mit dem Lederriemen kommen!” Dann schlug er die Tür wieder zu. Das ‘da drinnen’; hörte aber noch nicht auf, sondern als die Tür zu war, ging’s erst recht los. Denn der Hans hatte entdeckt, daß es das wirksamste Mittel sei, den Feind zu erschrecken, ihm in die Haare zu fahren, was die anderen sogleich auch begriffen. Und so rissen sie nun alle drei jeder mit beiden Händen an den Haaren eines anderen und schrien dazu fürchterlich.

In der Küche saß die Tante auf einem Schemel und schälte Kartoffeln.
Als ihr Mann die Stubentür wieder geschlossen hatte, fragte sie:
“Was hast du mit dem Kind vor? Warum hast du es gleich mit
heimgenommen?”

“Es wird, denke ich, bei jemandem sein müssen. Ich bin der Patenonkel und andere Verwandte hat es keine mehr. Und du kannst es ja schon brauchen. Das Wiseli kann dir im Haushalt helfen. Du sagst ja immer, die Buben machen dir viel Arbeit.”

“Das wird eine schöne Hilfe sein. Du kannst ja hören, wie es zugeht drinnen in der ersten Viertelstunde schon, daß es da ist.”

“Das habe ich schon manchmal gehört, schon bevor das Kleine da war.
Es hat, denke ich, nicht viel damit zu tun”, sagte der Onkel ruhig.

“So”, entgegnete die Tante eifrig, “hast du denn nicht gehört, daß sie alle miteinander etwas von dem Wiseli riefen?”

“Sie schreien doch immer”, meinte der Onkel. “Mit der Kleinen wirst du, denke ich, noch fertig werden. Sie ist kein bösartiges Kind, das habe ich schon gemerkt. Sie kann auch folgen, besser als die Buben.”

Das war der Tante fast zu viel. “Ich meine, es sei nicht nötig, daß man es jetzt schon gegen die Buben aufhetzt”, sagte sie und riß die Häute immer schneller von den Kartoffeln. “Und dann möchte ich nur wissen, wo das Kind schlafen soll.”

Der Onkel schob ein paarmal die Kappe auf seinem Kopf hin und her, dann sagte er ruhig: “Man kann nicht alles an einem Tag machen. Es wird wohl bis jetzt in einem Bett geschlafen haben, denke ich, und das wird es wieder bekommen. Morgen will ich dann zum Pfarrer gehen. Heute kann es auf der Ofenbank schlafen, da ist’s ja warm. Dann kann man einen Vorschlag machen, wo es in unsere Kammer hineingeht. Da kann man sein Bett hineinschieben.”

“Ich habe mein Lebtag nie gehört, daß man zuerst das Kind bringt und dann acht Tage nachher das Bett, das dazu gehört. Und dann möchte ich auch wissen, wer das bezahlen muß, wenn man noch bauen soll, um des Kindes willen.”

“Wenn uns die Gemeinde das Kleine zuerkennt, so muß sie uns auch etwas für den Unterhalt geben”, erklärte der Onkel. “Ich nehme es dann noch immer billiger an, als ein anderer es tun würde. Es fühlt sich auch am wohlsten bei uns.”

Mit dieser Überzeugung ging der Onkel in den Stall hinaus und rief noch zurück, der Chäppi soll ihm nachkommen. Es war schwierig für die Tante, sich Gehör zu verschaffen drinnen in der Stube, als sie den Auftrag ausrichten wollte. Da rauften und schrien die drei noch immer. “Es wundert mich nur, daß du so zusiehst und kein Wort zum Frieden sagst.” rief die Tante dem Wiseli zu, das sich scheu an die Wand drückte und sich kaum zu rühren wagte.

Nun wurde der Chäppi in den Stall geschickt, und die beiden anderen liefen ihm nach. “Kannst du stricken?” fragte dann die Tante das Wiseli. Es sagte schüchtern ja, Strümpfe könne es stricken. “So nimm die”, sagte die Tante und nahm aus dem Schrank einen großen braunen Strumpf heraus mit einem Garn, fast so dick wie Wiselis Finger. “Du bist am Fuß, gib acht, daß er nicht zu kurz wird, er ist für den Onkel.”

Nun ging sie wieder in die Küche, und Wiseli setzte sich auf die Ofenbank und mußte den langen Strumpf auf seinem Schoß zusammenhalten. Der war so schwer, daß er ihm ganz die Hände herunterzog, wenn er hing, so daß es die Nadeln nicht führen konnte. Es hatte aber kaum recht angefangen mit seiner Arbeit, als die Tante wieder hereinkam. “Du kannst jetzt herauskommen in die Küche”, sagte sie. “Du kannst sehen, wie ich alles mache, so kannst du mir an die Hand gehen nach und nach.”

Wiseli gehorchte und sah draußen der Tante zu, soviel es konnte. Aber immer schossen ihm wieder die Tränen in die Augen, und dann sah es nichts mehr. Denn es mußte denken, wie es gewesen war, wenn es der Mutter nachlief in die Küche, und wie sie mit ihm redete und es immer wieder streichelte. Es fühlte aber, daß es nicht weinen dürfe, und schluckte und schluckte, daß es fast meinte, es werde erwürgt. Die Tante sagte ein paarmal: “Gib acht! So weißt du’s nachher.”

So ging es eine gute Zeitlang, dann hörte man ein lautes Gestampfe auf dem Hausgang. “Mach schnell die Tür auf, sie kommen”, sagte die Tante. Denn der Lärm kam vom Onkel und den Buben her, die draußen den Schnee von den Schuhen stampften. Wiseli machte die Tür zu Stube auf, und die Tante hob eine große Pfanne vom Feuer und lief damit in die Stube hinein, wo sie den ganzen Haufen gebratener Kartoffeln auf den Schiefertafeltisch schüttete. Dann rannte sie zurück, brachte ein großes Becken voll saurer Milch herein und sagte: “Leg auf den Tisch, was in der Schublade liegt, so können sie essen.”

Wiseli zog schnell die Schublade auf, da lagen fünf Löffel und fünf
Messer, die legte es hin, und nun war der Abendtisch fertig. Der
Onkel und die Buben waren hereingekommen und saßen gleich auf den
Bänken am Tisch den Fenstern entlang. Unten am Tisch stand ein
Stuhl, darauf hin wies nun der Onkel und sagte: “Es kann, denke ich,
dort sitzen, oder nicht?”

“Freilich”, sagte die Tante, die auch einen Stuhl für sich bereit hatte, auf der Seite gegen die Küche zu. Sie saß aber nur eine Sekunde darauf still, dann lief sie wieder in die Küche, kam zurück und setzte sich geschwind wieder zu einem Löffel voll Milch nieder. Dann lief sie von neuem hinaus. Es wußte niemand, warum das so sein mußte, denn das Kochen war ja beendet. Aber es war immer so, und wenn der Onkel einmal sagte: “Sitz doch und iß einmal”, so kam sie erst recht in Eile und sagte, sie habe nicht Zeit, so lange zu sitzen, und draußen werde wohl jemand nachsehen müssen. Als sie jetzt zum zweitenmal hereingeschossen kam und eilig eine Kartoffel schälte, fiel ihr Wiselis Untätigkeit auf, das neben ihr saß, die Hände in den Schoß gelegt. “Warum ißt du nicht?” fuhr sie es an.

“Es hat keinen Löffel”, sagte Rudi, der auf der anderen Seite neben ihm saß und schon lange den Grund herausgefunden hatte, warum jemand an einem Tisch sitzen kann, ohne zu essen, solange noch etwas da ist.

“Ja so”, sagte die Tante. “Wem wäre es aber auch in den Sinn gekommen, daß man auf einmal sechs Löffel haben muß? Man brauchte ja immer nur fünf, und ein Messer wird auch sein müssen. Warum kannst du aber auch nichts sagen? Du wirst wohl wissen, daß man zum Essen einen Löffel braucht.” Diese Worte waren an das Wiseli gerichtet.

Es schaute die Tante scheu an und sagte leise: “Es ist gleich, ich brauche keinen, ich habe keinen Hunger.”

“Warum nicht?” fragte die Tante. “Bist du’s anders gewöhnt? Ich habe nicht im Sinn, was zu ändern.”

“Es ist wohl besser, wenn man das Kleine zuerst ein wenig in Ruhe läßt. Man muß ihm keine Angst machen”, sagte der Onkel beschwichtigend. “Es wird schon besser werden.”

Nun ließ man das Wiseli in Ruhe, die anderen aßen weiter. Das Kind saß unbeweglich dabei, bis endlich der Vater aufstand, noch einmal die Pelzkappe vom Nagel nahm und nach der Stallaterne suchte, denn der Fleck sei krank geworden, da mußte er noch einmal hinaus. Der Tisch war schnell wieder in Ordnung. Die Kartoffelschalen wurden mit den Händen in das leere Milchbecken heruntergewischt, dann die Schiefertafel abgewaschen, und als die Tante damit fertig war, sagte sie zu Wiseli: “Du hast gesehen, wie ich’s mache, das kannst du von nun an tun.”

Jetzt setzte sich der Chäppi wieder hinter den Tisch. Er hatte seinen Griffel und sein Rechenbuch geholt und machte Anstalten, seine Rechnungsaufgaben vor sich auf den Tisch zu schreiben. Erst starrte er aber eine Weile auf das Wiseli hin, das seinen braunen Strumpf wieder vorgenommen hatte, aber sehr hilflos dasaß, denn es konnte keine Masche sehen in seinem Winkel. Und sich an den Tisch zu setzen, auf dem die trübe Öllampe stand, wagte es nicht.

“Du wirst auch etwas tun können”, rief auf einmal Chäppi erbost zu ihm hinüber, “du bist nicht das Geschickteste in der Schule.”

Wiseli wußte nicht, was es sagen sollte, es war ja gar nicht in der Schule gewesen heute und es wußte nicht, was zu tun war. Es war ja überhaupt ganz aus aller Ordnung und Fassung. “Wenn ich rechnen muß, so mußt du auch, oder dann tu ich’s auch nicht”, rief der Chäppi wieder. Wiseli hielt sich mäuschenstill. “So, dann ist’s recht”, fuhr Chäppi lärmend fort, “so tu ich keinen Strich mehr an der Arbeit.” Damit warf er seinen Griffel weg.

“So, so, dann tu ich auch nichts”, rief der Hans aus und steckte ganz erleichtert sein Einmaleins wieder in den Schulsack, denn das Lernen war ihm das Bitterste, das er kannte.

“Ich will es schon dem Lehrer sagen, wer an allem schuld ist”, fing Chäppi wieder an, “du kannst dann nur sehen, wie es dir geht.” So hätte Chäppi wohl noch eine Zeitlang seinem bösen Wesen Luft gemacht, wenn nicht der Vater schon aus dem Stall zurückgekommen wäre. Er trug zwei große, leere Futtersäcke auf der Schulter herein und kam damit auf den Tisch zu.

“Mach Platz”, sagte er zu Chäppi, der beide Ellbogen auf den Tisch gestemmt hielt und den Kopf in die Hände stützte. Dann breitete er die Säcke aus, faltete sie zusammen, noch einmal und noch einmal. Danach ging er zur Ofenbank und legte das Paket darauf hin. “So”, sagte er befriedigt, “das ist gut. Und wo hast du dein Bündelchen, Kleines?”

Wiseli holte es aus einer Ecke hervor, wo es bis jetzt gelegen hatte, und schaute mit Erstaunen zu, wie der Onkel das Bündelchen am oberen Ende des Pakets auf die Ofenbank hin drückte, daß es nicht so ganz kugelrund bleibe.

“So, da kannst du schlafen”, sagte er nun zu Wiseli. “Frieren mußt du nicht, der Ofen ist heiß, und auf das Bündelchen kannst du den Kopf legen. So liegst du wie im Bett. Und mit euch dreien ist’s auch Zeit. Rasch ins Bett!” Damit nahm er die Öllampe vom Tisch und ging zur Küche, die drei Buben stampften hinter ihm her. Bei der Tür wandte er sich noch einmal um und sagte: “Schlaf gut. Mußt nicht mehr nachdenken heute, denn es kommt dann schon besser.”

Dann ging er hinaus. Nun kam die Tante noch einmal herein mit einem Öllämpchen in der Hand und betrachtete das Lager. “Kannst du liegen da?” fragte sie. “Du hast es ja warm hier am Ofen, manches hat kein Bett und muß dazu erst noch frieren. Es kann dir auch noch so gehen, sei du nur froh, daß du einstweilen unter einem guten Dach bist. Gute Nacht!”

“Gute Nacht!” sagte Wiseli leise. Die Tante hatte es aber jedenfalls nicht gehört, denn sie war schon halb draußen, als sie gute Nacht wünschte, und hatte die Tür gleich hinter sich zugemacht. Jetzt saß Wiseli da in der dunklen Stube, alles war auf einmal ganz still ringsum, es hörte keinen Ton mehr. Der Mond schien ein wenig durch das eine Fenster herein, so daß Wiseli wieder erkennen konnte, wo die Ofenbank war, worauf es schlafen sollte. Es ging nun gleich hin und setzte sich auf sein Lager.

Zum erstenmal heute, seit es die Mutter verlassen hatte, war es nun allein und konnte sich besinnen. Die ganze Zeit bis jetzt war es in einer steten Spannung gewesen, denn alles hatte ihm Angst und Furcht eingeflößt, was es gesehen und gehört hatte, seit es von der Mutter weg war. Und noch hatte es gar nicht weiter gedacht, nur von einem Augenblick auf den anderen sich gefürchtet. Nun saß es da, zum erstenmal in seinem Leben ohne die Mutter, und ganz klar und deutlich kam ihm nun der Gedanke, daß es sie nie mehr sehen werde, daß es nie mehr mit ihr reden und sie hören könnte. Jetzt kam auf einmal ein solches Gefühl der Verlassenheit über das Wiseli, daß es ihm gerade vorkam, als sei es mutterseelenallein und verloren auf der Welt und gar kein Mensch kümmere sich mehr um es, und so müsse es nun ganz allein und im Dunkeln bleiben und umkommen.

Und über das Wiseli kam ein solches Elend, daß es den Kopf auf sein Bündelchen drückte, ganz bitterlich zu weinen anfing und trostlos sagte: “Mutter, kannst du mich nicht hören? Mutter, hörst du mich nicht?”

Aber die Mutter hatte dem Wiseli oft gesagt, wenn es einem Menschen schlimm gehe und er leiden müsse, dann sei er froh, daß er zum lieben Gott im Himmel schreien könne. Der höre ihn immer an und wolle ihm gern helfen, wenn gar keine Menschen ihm mehr zuhören wollen oder helfen können. Das kam dem Wiseli in den Sinn, und es richtete sich wieder auf und stieß schluchzend hervor: “Ach, lieber Gott im Himmel, hilf mir auch. Es ist mir so angst, und die Mutter hört mich nicht mehr!” Und so betete es zwei- oder dreimal, und dann wurde es ein wenig stiller und ruhiger. Es fühlte sich getröstet, da doch der liebe Gott im Himmel noch da war, zu dem es eben gerufen hatte. So war es doch nicht ganz, ganz allein.

Jetzt erinnerte es sich auch an die Worte, die ihm die Mutter ganz zuletzt noch gesagt hatte: “Wenn du einmal keinen Weg mehr vor dir siehst und es dir ganz schwer wird…” So war es jetzt schon gekommen, und doch hatte es noch nicht gewußt, wie das kommen konnte, als die Mutter so sagte. Dann, hatte sie gesagt, solle es daran denken, wie es heiße in seinem Lied:

(“Er wird auch Wege finden,
Wo dein Fuß gehen kann.”)

Jetzt verstand auch Wiseli mit einemmal, was die Worte bedeuteten, die es vorher nur so hingesagt hatte, denn es hatte noch nie Angst gehabt. Aber jetzt war es ja geradeso, daß es gar keinen Weg mehr vor sich sah und dachte, mit ihm sei es ganz aus. Denn vor ihm stand gar nichts mehr als ein großer Schrecken vor jedem Augenblick im Haus des Onkels. Es kam aber jetzt ein rechter Trost in sein Herz, wie es wieder und wieder so sagte:

(“Er wird auch Wege finden,
Wo dein Fuß gehen kann.”)

So hatte Wiseli noch gar nie empfunden, was es sei, einen lieben Gott im Himmel zu haben, zu dem man rufen kann, wenn man sonst von niemanden mehr gehört wird. Nie bis jetzt hatte es gewußt, wie gut das tun kann. Es faltete jetzt ganz still seine Hände und fing sein Lied von vorn an, denn es wollte so gern noch etwas mehr vor dem lieben Gott sagen und zu ihm beten. Es sagte auch jedes Wort mit seinem ganzen Herzen, wie nie zuvor:

(“Befiehl du deine Wege,
Und was dein Herze kränkt,
Der allertreusten Pflege
Des, der den Himmel lenkt.)

(Der Wolken, Luft und Winden
Gibt Wege, Lauf und Bahn,
Er wird auch Wege finden,
Wo dein Fuß gehen kann.”)

Es war eine beruhigende Zuversicht ins Herz des Kindes gefallen. Nachdem es mit Vertrauen die letzten Worte noch einmal gesagt hatte, legte es seinen Kopf wieder auf das Bündelchen und schlief augenblicklich ein.

Jetzt träumte das Wiseli, es sehe einen schönen, weißen Weg vor sich, ganz trocken und hell von der Sonne beschienen, der ging zwischen lauter roten Nelken und Rosen durch und war so verlockend anzusehn, daß man gleich hätte darauf hüpfen und springen mögen. Und neben dem Wiseli stand seine Mutter und hielt es liebevoll bei der Hand, wie immer, und dabei zeigte sie auf den Weg hin und sagte: “Sieh, Wiseli, das ist dein Weg! Habe ich nicht zu dir gesagt:

(“Er wird auch Wege finden,
Wo dein Fuß gehen kann?”)

Und das Wiseli war sehr glücklich in seinem Traum, und auf seinem
Bündelchen schlief es so gut, als läge es in einem weichen Bett.

5. Kapitel (Wie es weitergeht und Sommer wird)

Als die alte Trine mit dem Bericht auf den Berghang zurückkam, daß Wiselis Mutter gestorben und das Kind soeben von seinem Patenonkel geholt worden sei, entstand ein großer Aufruhr im Haus. Die Mutter klagte, daß sie den Besuch bei der Kranken nicht mehr gemacht hatte, den sie zu machen sich schon seit einigen Tagen bestimmt vorgenommen hatte. Aber sie hatte keine Ahnung gehabt, daß das Ende der armen Frau so nahe sein konnte.

Otto lief aufgeregt im Zimmer auf und ab und rief immer wieder: “Es ist eine Ungerechtigkeit! Es ist eine Ungerechtigkeit! Aber wenn er ihm etwas zuleide tut, dann kann er nachher nur seine Rippen zählen, wie manche davon noch ganz ist!”

“Wen meinst du denn eigentlich, Otto, von wem sprichst du?” unterbrach die Mutter den Sohn.

“Vom Chäppi”, erwiderte er. “Was kann er dem Wiseli alles tun, wenn es mit ihm zusammen wohnen muß! Das ist eine Ungerechtigkeit! Aber er soll es nur probieren…” Hier wurde Otto wieder unterbrochen, denn ein wiederholtes, heftiges Stampfen übertönte seine Stimme.

“Was machst du für ein hirnerschütterndes Gerumpel, du Miez hinter dem Ofen!” rief er aus, indem sich seine Aufregung nun nach dieser Seite wandte. Miezchen kam hinter dem Ofen hervor und stampfte noch einmal mit großer Gewalt auf den Boden, denn es war bemüht, seine Füße wieder in die völlig nassen Stiefel hinein zu zwingen, die ihm die alte Trine vor kurzer Zeit mit der größten Mühe ausgezogen hatte.

Die Arbeit war sehr schwierig, und feuerrot vor Anstrengung keuchte Miezchen hervor: “Kein Mensch kann in diese Stiefel hineinkommen ohne Stampfen.”

“Und warum müssen denn die Stiefel wieder an die Füße, da ich sie gerade eben heruntergezogen habe, damit sie nicht mehr dran sind?” rief die Trine, die noch im Zimmer stand.

“Ich gehe zum Buchenrain und hole auf der Stelle das Wiseli zu uns, es kann mein Bett haben”, erklärte das Miezchen entschlossen.

Ebenso entschlossen kam jetzt die alte Trine auf das Miezchen zugeschritten, hob es in die Höhe, setzte es fest auf einen Stuhl und zog mit einem Ruck den halb angezwängten Stiefel wieder weg. Aber sie beschwichtigte das zappelnde Kind, indem sie zustimmend sagte: “Schon recht! Schon recht! Aber ich will’s schon für dich besorgen, du brauchst nicht zwei Paar Strümpfe und zwei Paar Schuhe dafür naßzumachen. Dein Bett kannst du schon hergeben, du kannst dann in die Rumpelkammer hinaufziehen zum Schlafen, da ist Platz genug.”

Aber das Miezchen hatte ganz andere Gedanken. Es hatte entdeckt, daß es sich plötzlich von einem großen und täglich wiederkehrenden Ungemach befreien könne, und nahm sich fest vor, es zu tun. Jeden Abend nämlich, gerade wenn Miezchen im besten Zug der Unterhaltung war, erklang auf einmal der Befehl, ins Bett zu gehen. Hierauf erfolgten jedesmal große innere, häufig auch äußere Kämpfe, die waren peinlich und dazu noch nutzlos. Wenn es nun sein Bett an das Wiseli verschenkt hatte, so war mit einemmal allem abgeholfen, denn da war keins mehr vorhanden, und Miezchen konnte für immer aufbleiben.

Diese Aussicht beglückte das Miezchen so sehr, daß alle seine Gedanken darauf gerichtet waren und es erst gar nicht bemerkte, wie die schlaue Trine nur darauf bedacht war, ohne Kampf der nassen Stiefel habhaft zu werden, ihr aber gar nicht einfiel, das Wiseli zu holen. Als sie nun befriedigt mit ihren Stiefeln davonging und Miezchen die Täuschung entdeckte, fing es so mörderisch zu schreien an, daß Otto sich beide Ohren zuhalten und die Mutter ernstlich einschreiten mußte.

Sie versprach dann dem Miezchen, die Sache mit dem Papa besprechen zu wollen, sobald er erst wieder zuhause sein würde. Denn er war an dem Morgen dieses Tages mit Onkel Max abgereist, um einen lange verabredeten Besuch bei einem alten Freund zu machen. So wurden denn endlich die Ruhe und der Friede im Haus wiederhergestellt.

Erst nach vier Tagen kamen die Herren von ihrem Ausflug zurück, und die Mutter hielt Wort. Noch am Abend seiner Rückkehr besprach sie mit dem Vater den Tod von Wiselis Mutter und seine neue Unterkunft. Und es wurde gleich beschlossen, der Vater sollte am folgenden Tag hingehen, um sich mit dem Herrn Pfarrer zu beraten, was für Wiseli getan werden könnte.

Dies wurde ausgeführt, und der Oberst brachte die Nachricht, daß am vergangenen Sonntag, zwei Tage vorher, der Gemeindevorstand die Sache schon geordnet hatte, wie sie nun bleiben würde. Wiseli sollte ein Unterkommen haben, und da seine Mutter nichts hinterlassen hatte, mußte die Gemeinde für das Kind sorgen, bis es selbst sein Brot verdienen konnte. Nun hatte der Patenonkel sich gleich angeboten, das Kind für eine geringe Summe bei sich zu behalten. Er war als rechtschaffener Mensch bekannt, und da seine Forderung so billig war, wurde ihm das Kind vom Vorstand sehr bereitwillig zuerkannt. Und so war es denn fest und unabänderlich, daß Wiselis neue Heimat das Haus des Onkels geworden war.

“Es ist eigentlich gut so”, sagte der Oberst zu seiner Frau. “Das Kind ist wohlversorgt. Was hätte man auch mit ihm machen wollen ? Es ist ja noch viel zu klein, um irgendwo angestellt zu werden, und alle elternlosen Kinder kannst du doch nicht ins Haus nehmen. Da müßtest du ein Waisenhaus gründen.”

Seine Frau war ein wenig bestürzt über die Nachricht, daß schon alles festgesetzt sei. Sie hatte gehofft, es würde sich noch eine andere Unterkunft für das Kind finden. Denn das zarte Wiseli in dem Haus zu wissen, wo es viel Roheit hören und fühlen mußte, tat ihr sehr leid. Doch hätte auch sie keinen Rat gewußt, und nun war auch weiter nichts mehr zu tun, als die Sache hinzunehmen und sich ab und zu um das Kind zu kümmern.

Als am Morgen darauf Otto und Miezchen hörten, wie es mit Wiseli stehe, da brach freilich noch einmal ein Sturm los. Otto erklärte, Wiseli ginge es nun so wie Daniel in der Löwengrube, und probierte dabei seine Faust auf dem Tisch—offenbar mit dem heimlichen Wunsch, sie so auf Chäppis Rücken niedersausen zu lassen. Das Miezchen lärmte und heulte ein wenig, teils aus Mitleid für Wiseli, teils für sich selbst und seine vereitelten Hoffnungen auf ein glückliches Entrinnen aus der täglichen Betthaft. Aber auch diese Aufregung legte sich wie jede andere, und die Tage gingen wieder ihren gewohnten Gang.

Inzwischen hatte Wiseli nach und nach sich ein wenig eingelebt im Haus des Onkels. Sein Bett war angekommen. Es schlief nicht mehr auf der Ofenbank, sondern, wie der Onkel gesagt hatte, in einem Verschlag in dem schmalen Gang zwischen der Kammer des Ehepaars und derjenigen der Buben. In dem Verschlag hatten gerade sein Bett Platz und eine kleine Kiste, worin seine Kleider lagen und auf die es steigen mußte, um in sein Bett zu kommen, denn da war sonst gar kein Raum mehr. Um sich morgens zu waschen, mußte es an den Brunnen gehen, und wenn es kalt war, so sagte die Tante, das könne es bleiben lassen und sich dann an einem anderen Tag waschen, wenn es wärmer sei. Aber daran war Wiseli nicht gewöhnt. Seine Mutter hatte es gelehrt, sich recht sauber zu halten, und Wiseli wollte lieber frieren als so ausschauen, wie es die Mutter ungern sehen würde.

Daheim war es anders gewesen, wenn es am Morgen bei der Mutter in der Stube sich hatte fertig machen können und sie dabei immer so freundliche Worte mit ihm geredet hatte, dann den Kaffee auf den Tisch stellte und sie beide nebeneinander saßen, wenn es fröhlich sein Brot aß, ehe es zur Schule gehen mußte. Das war jetzt ganz anders, und alles war so anders, sein ganzes Leben vom Morgen bis zum Abend so anders, daß oft beim Erinnern an die Mutter und an die Tage, die es bei ihr verbracht hatte, dem Wiseli das Wasser in die Augen schoß. Und es schnürte ihm so das Herz zusammen, daß es meinte, es könne nicht mehr weiterleben.

Aber es wehrte sich tapfer, denn der Onkel sah es ungern, wenn es weinte, oder traurig war. Und die Tante schimpfte dann mehr als je, sie konnte es gar nicht leiden.

Am liebsten war Wiseli der Augenblick, da es von allen weg allein in seinen Verschlag steigen und so recht an die Mutter denken und sein Lied sagen konnte. Da kam ein großer Trost in sein Herz. Es dachte dann an seinen schönen Traum und war ganz sicher, daß der liebe Gott ihm einen Weg suche, so wie ihn die Mutter gezeigt hatte. Manchmal überlegte es auch, wie viele Menschen auf der Welt leben, für die der liebe Gott zu sorgen und Wege bereit zu machen hat. Und dann stieg ihm der Zweifel auf, ob er es vielleicht vergesse über all den vielen. Aber da kam ihm gleich der gute Trost ins Herz, daß ja die Mutter droben im Himmel sei und gewiß den lieben Gott bitten würde, seinen Weg nicht zu vergessen.

Das machte das Wiseli dann ganz zuversichtlich und froh, und es wurde nie mehr so unglücklich wie am ersten Abend auf der Ofenbank. Jeden Abend schlief es mit der frohen Zuversicht im Herzen ein:

(“Er wird auch Wege finden
Wo dein Fuß gehen kann.”)

So verging der Winter, und der sonnige Frühling kam. Die Bäume wurden grün, und alle Wiesen standen voller Schlüsselblumen und weißer Anemonen. Und im Wald rief lustig der Kuckuck, und schöne, warme Lüfte zogen durch das Land und machten alle Herzen fröhlich, so daß jeder wieder gern leben mochte.

Auch Wiselis Herz erfreuten die Blumen und der Sonnenschein, wenn es am Morgen in die Schule ging und nachher wieder zum Buchenrain zurückkehrte. Sonst blieb ihm keine Zeit, sich daran zu erfreuen, denn es mußte nun hart arbeiten. Jeder Augenblick, der neben der Schule übrigblieb, mußte zu irgendeiner Arbeit benutzt werden. Und manchen halben Tag der Woche mußte es daheim bleiben und durfte nicht zur Schule gehen, weil da viel Nötigeres zu tun war, wie der Onkel und hauptsächlich die Tante sagten.

Die Frühlingsarbeiten hatten im Feld begonnen, und im Garten war allerhand zu tun. Da mußte es mithelfen, und wenn die Tante draußen war, mußte es kochen und nachher das Geschirr abwaschen, den Trog für die Schweinchen zurecht machen und in die Scheune hinübertragen. Neben alledem mußten die Hemden und Hosen der Buben geflickt werden, und noch so vieles war zu tun, daß Wiseli nie wußte, wie es fertig werden sollte. Den ganzen Tag durch hieß es an allen Ecken, wo es Arbeit gab: “Das kann das Kind machen, es hat ja sonst nichts zu tun.” Dem Wiseli wurde es manchmal ganz schwindlig, weil es gar nicht wußte, wo anfangen und wie alles zu Ende bringen. Es wußte auch, wenn es mit dem Kartoffelsamen zum Acker rannte, wo der Onkel schaufelte, würde die Tante sicher schimpfen, daß es nicht zuvor in der Küche Feuer fürs Abendessen gemacht hatte. Und machte Wiseli zuvor das Feuer an, so zankte wieder der Chäppi, daß es nicht zuerst das Loch in seinem Jackenärmel hatte flicken können. Er hatte es ihm ja schon lang gesagt, und jedes rief ihm zu: “Warum machst du denn das nicht? Du hast ja sonst nichts zu tun!”

So war Wiseli ganz froh, wenn es in die Schule gehen konnte, da hatte es doch eine Zeitlang Ruhe und wußte, was es tun mußte. Und dazu war das auch der Ort, wo es noch freundliche Worte hörte. Denn in jeder Pause oder nach dem Unterricht kam der Otto zu Wiseli, redete freundlich mit ihm und brachte immer wieder eine Einladung von seiner Mutter, daß es etwa am Sonntagabend zu ihnen komme. Sie wollten dann zusammen spielen. Das konnte nun Wiseli nie ausführen, denn am Sonntag mußte es den Kaffee machen, und die Tante erlaubte ihm nicht, fortzugehen an dem einzigen Tag, da es ihr etwas helfen könne, wie sie sagte. Aber es tat doch dem Wiseli sehr wohl, daß Otto es immer wieder einlud, und allein schon, daß er freundlich mit ihm sprach wie sonst niemand.

Noch einen Grund hatte Wiseli, warum es gern zur Schule ging. Es mußte jedesmal an dem sauberen Gärtchen vom Schreiner Andres vorbeigehen, da schaute es so gern hinein und paßte da an der niederen Hecke immer und immer wieder die Gelegenheit ab, den Schreiner Andres zu sehen. Denn es hatte ihm ja noch etwas von der Mutter auszurichten, das hatte es nicht vergessen. Aber in das Haus hineinzugehen, dazu war Wiseli zu schüchtern. Es kannte den Mann auch zu wenig, um einen solchen Schritt zu tun. Auch hatte es eine eigene Art von Scheu vor ihm, weil er so still war und es nur immer, wo es ihn traf, freundlich angesehen, aber fast nie etwas zu ihm gesagt hatte. Seit dem Tod der Mutter hatte Wiseli den Schreiner Andres nie mehr gesehen, wie oft es auch an der Hecke gestanden und nach ihm ausgeschaut hatte.

Mai und Juni waren vorbei, und die langen Sommertage waren gekommen, da es auf dem Feld immer mehr Arbeit gibt. Es war heiß geworden. Das merkte auch das Wiseli, wenn es vom Onkel hinausgerufen wurde und mit einem großen, schweren Rechen das Heu zusammenbringen oder mit der breiten Holzgabel wieder auseinanderwerfen mußte, damit es an der Sonne trockne.

Oft mußte es so den ganzen Tag draußen helfen, und am Abend war es dann so müde, daß es seine Arme kaum mehr bewegen konnte. Das hätte es aber nicht geachtet, denn es dachte, das müsse so sein. Aber wenn es dann etwa am Abend einen Augenblick still saß, dann rief ihm der Chäppi gleich zu: “Du wirst so gut Rechnungen zu machen haben wie ich. Du meinst, du müssest nichts tun, und in der Schule kannst du ja nie etwas.”

Das tat dem Wiseli weh, denn es hätte gern fleißig alles gelernt und wäre gern regelmäßig zur Schule gegangen, damit es alles gut begreifen und erlernen könnte. Und es wußte recht gut, daß es fast überall zurück war. Es mußte ja so oft unterbrechen und hatte dann gar keinen Zusammenhang, wußte auch gar nicht, was für Aufgaben zu machen waren.

Wenn es dann ohne Hausarbeiten in die Schule kam und dazu ungeschickt antwortete und vieles gar nicht wußte, schämte es sich sehr—besonders, wenn der Lehrer ihm dann vor allen Kindern sagte: “Das hätte ich von dir nicht erwartet, Wiseli, du warst immer am klügsten.” Dann meinte es oft, es müsse in den Boden sinken vor Scham, und nachher weinte es auf dem ganzen Heimweg.

Aber dem Chäppi durfte es nicht antworten, es wisse ja nicht, was zu machen sei. Sonst schimpfte und lärmte er so lange, bis die Tante hereinkam und auf Chäppis Anklagen hin dem Wiseli erst recht seine Nachlässigkeit vorwarf. Dann unterdrückte das Kind manchmal seine Tränen, und erst nachher auf seinem Kissen durfte es ihnen freien Lauf lassen. Und sie kamen dann auch recht heiß und schwer, denn es war ihm so, als hätten der liebe Gott und die Mutter es ganz vergessen und kein Mensch auf der Welt kümmere sich um sein Leben.

In seinem Kummer konnte es oft lange sein Trostlied nicht sagen. Es kam aber zu keiner Ruhe und konnte nie einschlafen, bis es die Worte wieder recht zusammengefunden und sie mit Andacht hatte sagen können, wenn ihm auch die frohe Zuversicht nicht recht im Herzen aufgehen wollte.

So war das Wiseli auch eingeschlafen an einem schönen Juliabend, und am Morgen darauf stand es zaghaft unten am Tisch, als die Buben zur Schule aufbrachen. Es wagte nicht zu fragen, ob es auch gehen dürfe, denn die Tante schien keine Zeit zu einer Antwort zu haben und der Onkel hatte das Haus schon verlassen.

Jetzt liefen die Buben davon. Wiseli schaute ihnen nach durch das offene Fenster, wo sie zwischen den hohen Wiesenblumen hinsprangen und über ihren Köpfen die weißen Schmetterlinge in der Morgensonne umherflogen. Die Tante hatte eine große Wäsche vorbereitet. Mußte es wohl diese Woche am Waschtrog zubringen? Richtig, sie rief schon nach ihm aus der Küche. Jetzt rief auch der Onkel nach Wiseli. Er stand am Brunnen und sah es am Fenster. “Mach, mach, Wiseli, es ist Zeit, die Buben sind ja weit voraus. Das Heu ist drinnen, mach, daß du in die Schule kommst!”

Das ließ sich Wiseli nicht zweimal sagen. Wie ein Blitz erfaßte es seinen Schulsack und lief zur Tür hinaus.

“Sag dem Lehrer”, rief der Onkel ihm nach, “du wurdest jetzt eine Zeitlang nicht fehlen. Er soll’s nicht so genau nehmen, wir haben viel mit dem Heu zu tun gehabt.”

Wiseli lief glücklich davon. So mußte es sich nicht an den Waschtrog stellen, es durfte die ganze Woche in die Schule gehen. Wie war es schön ringsum! Von allen Bäumen pfiffen die Vögel, und das Gras duftete, und in der Sonne leuchteten die roten Margeriten und die gelben Butterblumen. Wiseli konnte nicht stehenbleiben, es war keine Zeit dazu. Aber es fühlte, wie schön die Landschaft war, und lief voller Freuden mittendurch.

Am selben Abend, als eben alle Kinder aus der dumpfen Schulstube in den sonnigen Abendschein hinausstürmen wollten, rief der Lehrer in den Tumult hinein: “Wer hat in dieser Woche Ordnungsdienst?”

“Der Otto, der Otto!” rief die ganze Schar und stürmte davon.

“Otto”, sagte der Lehrer in ernstem Ton, “gestern ist hier nicht aufgeräumt worden. Einmal will ich dir verzeihen. Aber laß mich das nicht zweimal sehen, sonst müßte ich dich bestrafen.

Otto schaute einen Augenblick auf all die Nußschalen und Papierfetzen und Apfelschnitze, die am Boden herumlagen und aufgelesen sein sollten. Dann wandte er eilig den Kopf weg und lief ebenfalls hinaus, denn der Lehrer war auch schon durch seine Tür verschwunden. Draußen stand Otto auf dem sonnigen Platz, schaute in den goldenen Abend hinaus und dachte: Jetzt könnte ich heimgehen, und dann kriegte ich die Kappe voll Kirschen. Und dann könnte ich auf dem Braunen ins Feld hinausreiten, wenn der Knecht das Heu holt, und nun soll ich drinnen auf dem Boden Papierfetzen zusammenlesen?

Und Otto wurde durch seine Gedanken so aufgeregt, daß er ganz grimmig vor sich hin sagte: “Ich wollte, es käme gerade jetzt der jüngste Tag, und das Schulhaus und alles miteinander flöge in tausend Stücken in die Luft.” Es blieb aber ringsum still und ruhig, und von dem alles beendenden Erdbeben waren keine Anzeichen da. Da kehrte sich endlich Otto wieder der Schultür zu, mit zornigem Gesicht, denn er wußte ja, in den sauren Apfel mußte nun gebissen werden. Oder morgen folgte die erniedrigende Strafe des Nachsitzens.

Er trat ein, aber beim ersten Schritt blieb er verwundert stehen. Völlig aufgeräumt lag die Schulstube vor ihm, keine Fetzchen und kein Stäubchen nirgends mehr zu sehen. Die Fenster standen offen, und die Abendluft strömte in die geputzte Stube hinein.

In dem Augenblick trat der Lehrer aus seinem Zimmer und schaute überrascht um sich und auf den Otto, der mit großen Augen dastand. Dann ging er zu dem Jungen und sagte ermunternd: “Du darfst wirklich dein Werk anstaunen, das hätte ich dir nicht zugetraut. Du bist ein guter Schüler, aber im Aufräumen hat du heute alle übertroffen, was sonst bei dir nicht der Fall war.” Damit ging der Lehrer fort, und als sich Otto noch mit einem letzten Blick überzeugt hatte, daß er die Wirklichkeit vor sich sah, sprang er vor Freude in zwei Sätzen die Treppe hinunter und über den Platz weg. Er stürmte den Berghang hinauf, und erst als er der Mutter das wunderbare Ereignis mitteilte, fing er an zu überlegen, wie es sich zugetragen haben könnte.

“Aus Versehen wird wohl keiner für dich aufgeräumt haben”, sagte die Mutter. “Hast du etwa einen guten Freund, der sich so edelmütig für dich aufopfert? Denk doch einmal nach, wie es sein könnte.”

“Ich weiß es”, sagte Miezchen entschieden, das eifrig zugehört hatte.

“Wer war es denn?” rief Otto, teils neugierig, teils ungläubig.

“Der Mauserhans”, erklärte Miezchen mit voller Überzeugung, “weil du ihm vor einem Jahr einen Apfel gegeben hast.”

“Ja, oder der Wilhelm Tell, weil ich ihm den seinigen nicht genommen habe vor ein paar Jahren. Das wäre wohl ebenso wahrscheinlich, du Wunder von einem Miez.” Damit rannte Otto davon, denn jetzt war’s höchste Zeit, wenn er den Ritt ins Heu nicht versäumen wollte.

Inzwischen sprang das Wiseli mit vergnügtem Herzen den Berg hinunter, vorbei an Schreiner Andres’ Gärtchen. Dann machte es aber plötzlich kehrt und lief wieder zurück, denn es hatte im Vorbeilaufen so schöne, rote Nelken gesehen in dem Garten, die mußte es noch einmal ansehen, wenn es auch schon ein wenig spät war. Es dachte: Den Buben komme ich doch nach, die machen erst auf allen Wegen noch Kugelschieben.

Die Nelken leuchteten in der Abendsonne so schön und dufteten so herrlich über die niedere Hecke herüber dem Wiseli zu, daß es fast nicht mehr von der Stelle fort wollte, so gut gefiel es ihm da. Da trat auf einmal der Schreiner Andres aus seiner Tür heraus in das Gärtchen und kam auf das Wiseli zu. Er gab ihm die Hand über die Hecke und er sagte freundlich. “Willst du eine Nelke, Wiseli?”

“Ja, gern”, antwortete es, “und dann sollte ich Ihnen auch noch etwas ausrichten von der Mutter.”

“Von der Mutter?” fragte der Schreiner Andres erstaunt und ließ die
Nelken aus der Hand fallen, die er eben abgebrochen hatte.

Wiseli sprang um die Hecke herum und las sie auf. Dann sah es zu dem Mann auf, der ganz still dastand, und sagte: “Ja, noch zu allerletzte als die Mutter sonst nichts mehr mochte, hat sie von dem guten Saft getrunken, den Sie in die Küche gestellt haben. Und er hat ihr so gut geschmeckt, und dann hat sie mir aufgetragen, ich soll Ihnen sagen, sie danke Ihnen vielmal dafür und auch noch für alles Gute. Und sie sagte noch: ‘Er hat es gut mit mir gemeint’.” Jetzt sah Wiseli, wie dem Schreiner Andres große Tränen über die Wangen hinunterliefen. Er wollte etwas sagen, aber es kam nichts heraus. Dann drückte er dem Wiseli fest die Hand, wandte sich ab und ging ins Haus hinein.

Das Wiseli stand ganz verwundert da. Kein Mensch hatte um seine Mutter geweint, und es selbst hatte nur weinen dürfen, wenn es niemand sah. Denn der Onkel wollte ja kein Geschrei, hatte er gesagt, und vor der Tante durfte es noch weniger weinen. Und nun war auf einmal jemand da, dem kamen die Tränen, weil es etwas von der Mutter gesagt hatte. Dem Wiseli wurde es so zumute, als wäre der Schreiner Andres sein liebster Freund auf der Welt, und es faßte eine große Liebe zu ihm. Jetzt rannte es mit seinen Nelken davon und war wie der Blitz am Buchenrain angelangt. Und das war gut, denn eben sah es, wie die beiden Buben dem Haus zuliefen, und es durfte um alles nicht nach ihnen daheim ankommen.

An diesem Abend betete Wiseli mit so frohem Herzen, daß es gar nicht begriff, wie es gestern so verzagt hatte sein können und gar keine Zuversicht und Freude gehabt hatte, sein Lied zu sagen. Der liebe Gott hatte es gewiß nicht vergessen, das wollte es nicht mehr denken. Heute hatte er ihm ja so viel Freude bereitet, und beim Einschlafen sah Wiseli noch das gute Gesicht des Schreiner Andres vor sich mit den Tränen darauf.

Am folgenden Tag, es war nun Mittwoch, erlebte Otto die gleiche Überraschung wie am Tag vorher, denn er hatte sich nicht enthalten können, mit den andern aus der Schulstube hinauszurennen im ersten Augenblick der Befreiung. Als er dann an seine Arbeit gehen wollte und die Tür aufmachte—da war schon alles getan und die Stube in bester Ordnung.

Nun fing aber die Sache an, seine Neugierde zu erregen. Auch war er dem unbekannten Wohltäter so dankbar, daß es ihn drängte, das auszusprechen. Am Donnerstag wollte er aufpassen, wie die Sache zugehe.

Als nun die Schulstunden zu Ende waren und alles fortlief, stand Otto einen Augenblick nachdenklich an seinem Platz. Er wußte nicht recht, wo er am besten dem Wohltäter auflauern konnte. Aber mit einemmal faßte ihn eine Schar rüstiger Kerle, seine Klassengenossen, an allen Ecken an, und die Stimmen riefen durcheinander: “Komm heraus! Heraus mit dir! Wir machen Räuber, du bist der Anführer.”

Otto wehrte sich ein wenig. “Ich muß ja diese Woche Ordnung machen”, rief er.

“Ach, was”, erwiderten sie, “wegen einer Viertelstunde. Komm!”

Otto ließ sich fortreißen, in der Stille verließ er sich schon ein wenig auf seinen unbekannten Freund, der ihn vor der Strafe schützen würde. Er fand es unbeschreiblich angenehm, eine solche Fürsorge im Rücken zu haben. Aus der Viertelstunde wurde auch mehr als eine Stunde, und Otto wäre verloren gewesen. Er lief keuchend zur Schulstube zurück, um sich seinem Schicksal zu stellen, und stieß dabei die Tür mit solchem Gepolter auf, daß der Lehrer augenblicklich aus seiner Stube ins Lehrzimmer trat.

“Was hast du gewollt, Otto?” fragte der Lehrer.

“Nur noch einmal nachsehen”, stotterte Otto, “ob auch sicher alles in Ordnung sei.”

“Musterhaft”, bemerkte der Lehrer. “Dein Eifer ist löblich, aber die Türen dabei halb einzuschlagen, ist nicht notwendig.”

Otto ging gutgelaunt davon. Am Freitag war er entschlossen, den
Fleck nicht zu räumen, bis er im klaren war, denn da kam für ihn
nur noch der Samstagmorgen. Da wurde freilich immer noch groß
Ordnung gemacht.

“Otto”, rief der Lehrer, als am Freitag die Glocke vier Uhr schlug, “trag mir schnell das Zettelchen zum Herrn Pfarrer, er gibt dir Bücher zurück. In fünf Minuten bist du wieder da zum Aufräumen.”

Das war Otto nicht ganz recht, aber er mußte gehen. Außerdem konnte er ja gleich wieder da sein. In wenig Sprüngen war er im Pfarrhaus.

Der Herr Pfarrer unterhielt sich noch mit jemandem. Die Frau Pfarrerin rief Otto in den Garten hinaus, er mußte ihr berichten, wie es der Mama gehe und dem Papa und dem Miezchen und dem Onkel Max und den Verwandten in Deutschland. Und dann kam der Herr Pfarrer, und Otto mußte erklären, wie er zu dem Auftrag gekommen war und was ihm der Lehrer sonst noch gesagt habe. Endlich hatte dann Otto seine Bücher erhalten, und pfeilschnell war er drüben, riß die Tür der Schulstube auf—alles in Ordnung, alles still, kein menschliches Wesen zu sehen.

Nun habe ich mich die ganze Woche nicht ein einziges Mal nach den grausigen Fetzen bücken müssen, dachte Otto befriedigt. Aber wer hat die schreckliche Arbeit getan, ohne daß er mußte? Das wollte er nun um jeden Preis wissen.

Am Samstag waren die Schulstunden um elf Uhr zu Ende. Otto ließ alle Kinder hinausgehen, und als nun die Schulstube leer war, trat er vor die Tür hinaus, schloß sie zu und lehnte sich mit dem Rücken daran. So mußte er doch gewiß sehen, ob da jemand hineingehen würde, denn damit wollte er lieber beginnen als mit der schweren Arbeit. Er stand und stand—es kam niemand. Er hörte die Uhr halb zwölf schlagen—es kam niemand. Am Nachmittag stand aber ein Ausflug bevor, es sollte heute früh zu Mittag gegessen werden. Er sollte so schnell wie möglich zuhause sein. Er mußte also hinein an die Arbeit, es grauste ihm. Er öffnete die Tür—da—Otto riß noch mehr als das erstemal die Augen auf—wirklich, es war alles getan, schöner als je.

Dem Otto wurde es ganz eigentümlich zumute. Ob da irgendwelche Geister ihre Hände im Spiel hatten? Ganz leise, wie nie sonst, schlich er zur Tür hinaus. Gerade in diesem Augenblick kam ebenso leise etwas aus des Lehrers Küche geschlichen, und auf einmal stand das Wiseli ganz nahe vor ihm. Beide fuhren zusammen vor Schrecken, und das Wiseli wurde so rot, als hätte es der Otto bei einem Unrecht erwischt. Jetzt ging ihm ein Licht auf.

“Sicher hast du das für mich gemacht die ganze Woche lang, Wiseli”, rief er aus. “Das tut doch gewiß sonst kein Mensch, wenn er nicht muß.”

“Ich habe es aber so gern getan”, gab Wiseli zur Antwort.

“Nein, nein, das mußt du nicht sagen, Wiseli. So etwas kann kein
Mensch auf der Welt gern tun”, sagte Otto überzeugt,

“Doch—gewiß”, versicherte Wiseli, “ich habe die ganze Zeitlang mich immer auf den Abend gefreut, wenn ich es wieder tun durfte, und während ich aufräumte, habe ich mich erst recht immerzu gefreut, weil ich immer gedacht habe: jetzt kommt der Otto und findet alles fertig und ist froh.”

“Aber wie bist du denn darauf gekommen, daß du das für mich tun wolltest?” fragte Otto verwundert.

“Ich wußte schon, daß du es nicht gern tust, und ich habe schon immer gedacht, wenn ich nur einmal dem Otto etwas geben könnte, wie du mir den Schlitten, weißt du noch? Aber ich hatte nie etwas.”

“Das ist viel mehr wert, als einen Schlitten leihen, was du für mich jetzt getan hast. Das will ich dir auch nicht vergessen, Wiseli.” Und Otto gab ihm ganz gerührt die Hand. Wiselis Augen leuchteten vor Freude wie lange nicht mehr. Aber nun wollte Otto noch wissen, wie es denn wieder in die Stube hineingekommen sei, da er doch gewartet hatte, bis alle Kinder draußen waren.

“Oh, ich bin gar nicht hinausgegangen”, sagte Wiseli. “Ich verbarg mich schnell hinter dem Kasten, ich dachte, du gehst schon noch ein wenig hinaus wie jeden Tag vorher.”

“Aber wie konntest du immer hinaus, ohne daß ich dich sah?” wollte
Otto noch wissen.

“Wenn du mit den anderen herumliefst, konnte ich schon hinaus. Ich paßte schon auf. Und gestern und heute, als ich nicht sicher war, ging ich durch die Stube des Lehrers und fragte die Frau Lehrerin, ob sie etwas für mich zu tun habe Sie gibt mir manchmal einen Auftrag auszurichten, und dann ging ich durch die Küche fort. Gestern war ich gerade hinter der Küchentür, als du in die Schulstube ranntest.”

Jetzt kannte Otto die ganze Geistergeschichte. Er gab dem Wiseli noch einmal die Hand. “Danke, Wiseli”, sagte er herzlich. Und dann lief eins da hinaus, das andere dort hinaus, und beide waren froh und zufrieden.

6. Kapitel (Das Alte und auch etwas Neues)

Der Sommer war vergangen, und auch die schönen Herbsttage waren zu
Ende. Es wurde kühl und nebelig am Abend, und in den feuchten
Wiesen fraßen die Kühe das letzte Gras ab. Hier und da flackerten
auf den Wiesen kleine Feuer auf, denn die Hirtenbuben brieten
Kartoffeln und wärmten sich die Hände,

An einem solchen nebelgrauen Abend kam Otto aus der Schule heim und erklärte seiner Mutter, er müsse nachsehen, was das Wiseli mache. Denn seit den Herbstferien war es noch nicht in die Schule gekommen, acht Tage lang nicht. Otto steckte seine Vesperäpfel zu sich und lief davon. Am Buchenrain angekommen, sah er den Rudi vor der Haustür am Boden sitzen und von einem Haufen Birnen, die neben ihm lagen, eine nach der anderen zerreißen.

“Wo ist das Wiseli?” fragte Otto.

“Draußen”, war die Antwort.

“Wo draußen?”

“Auf der Wiese.”

“Auf welcher Wiese?”

“Ich weiß nicht.” Und Rudi kaute weiter an seinen Birnen.

“Du stirbst einmal nicht am Gescheitsein”, bemerkte Otto und ging auf gut Glück zur großen Wiese, die sich vom Haus bis gegen den Wald hinaufzog. Jetzt entdeckte er drei schwarze Punkte unter einem Birnbaum und ging darauf zu. Richtig, da bückte sich Wiseli, um die Birnen zusammenzulesen. Dort saß der Chäppi rittlings auf seinem Birnenkorb, und zuhinterst lag der Hans rücklings über den vollen Korb hin und schaukelte sich so darauf, daß der Korb jeden Augenblick umzustürzen drohte. Chäppi sah ihm zu und lachte.

Als Wiseli den Otto herankommen sah, leuchtete sein Gesicht auf. “Guten Abend, Wiseli”, rief er von weitem, “warum bist du so lange nicht in die Schule gekommen?”

Wiseli streckte erfreut dem Otto die Hand entgegen. “Wir haben so viel zu tun, darum durfte ich nicht kommen”, sagte es. “Sieh nur, wie viel Birnen es gibt! Ich muß vom Morgen bis zum Abend auflesen, soviel ich nur kann.”

“Du hast ja ganz nasse Schuhe und Strümpfe”, erwiderte Otto. “Hier ist’s nicht gemütlich. Frierst du nicht, wenn du so naß bist?”

“Ich fröstle nur manchmal ein wenig, sonst ist es mir eher heiß vom Auflesen.” In diesem Augenblick gab der Hans seinem Korb einen solchen Ruck, daß alles übereinander auf den Boden hinrollte. Der Hans, der Korb und alle Birnen, die fuhren nach allen Richtungen hin.

“Oh, oh!” sagte Wiseli kläglich. “Nun muß man die alle wieder zusammenlesen.”

“Und die auch”, rief Chäppi und lachte, als die Birne, die er geworfen hatte, das Wiseli an der Schläfe traf, daß es ganz bleich wurde und ihm vor Schmerz das Wasser in die Augen schoß.

Kaum hatte Otto das gesehen, als er auf den Chäppi losfuhr, ihn samt seinem Korb umwarf und ihn fest im Genick packte. “Hör auf, ich muß ersticken”, gurgelte der Chäppi. Jetzt lachte er nicht mehr.

“Du sollst daran denken, daß du es mit mir zu tun hast, wenn du so mit dem Wiseli umgehst”, rief Otto zornig. “Hast du genug? Willst du daran denken?”

“Ja, ja, laß nur los!” bat Chäppi, mürbe gemacht.

Nun ließ Otto los. “Jetzt hast du’s gespürt”, sagte er; “wenn du dem Wiseli noch einmal etwas zuleide tust, so packe ich dich so, daß du noch einen Schrecken hast davon, wenn du siebzig Jahre alt bist. Auf Wiedersehen, Wiseli.” Damit drehte sich Otto um und ging mit seinem Zorn nachhause.

Hier suchte er gleich seine Mutter auf und erzählte ihr empört, daß das Wiseli eine solche Behandlung erdulden müsse. Er war auch ganz entschlossen, auf der Stelle zum Herrn Pfarrer zu gehen und den Onkel und seine ganze Familie anzuklagen, damit man ihnen das Wiseli entreiße.

Die Mutter hörte zu, bis Otto sich ein wenig beruhigt hatte, dann sagte sie: “Lieber Junge, das würde gar nichts nutzen, das Kind würde man dem Onkel nicht wegnehmen, nur ihn reizen, wenn er so etwas hörte. Er meint es selbst nicht böse mit dem Kind, und es ist kein genügender Grund da, ihm Wiseli wegzunehmen. Ich weiß, daß das arme Kind jetzt ein hartes Brot ißt. Ich habe es auch nicht vergessen, ich schaue immer danach aus, ob mir der liebe Gott nicht einen Weg zeigt, wie dem Kind geholfen werden könnte. Die Sache liegt mir auch am Herzen, das kannst du glauben, Otto. Wenn du inzwischen das Wiseli schützen und den groben Chäppi ein wenig zähmen kannst, ohne selbst dabei grob zu werden, so bin ich ganz damit einverstanden.”

Otto beruhigte sich bei dem Gedanken, daß die Mutter nach einem anderen Weg für das Wiseli ausschaute. Er selber dachte alle möglichen Rettungswege aus, aber alle führten in die Luft hinauf und hatten keinen Boden. Und er sah ein, daß das Wiseli darauf nicht gehen konnte. Als er dann zu Weihnachten seine Wünsche aufschreiben durfte, da schrieb er ganz verzweifelt mit ungeheuren Buchstaben, so als müßte man sie vom Himmel herunter lesen können, auf sein Papier: ‘Ich wünsche, daß das Christkind das Wiseli befreit.’

Nun war der kalte Januar wieder da, und der Schlittenweg war so prächtig glatt und fest, daß die Kinder gar nicht genug bekommen konnten, die herrliche Bahn zu benutzen. Es kam auch eine helle Mondnacht nach der anderen, und Otto hatte auf einmal den Einfall, am allerschönsten müßte das Schlittenfahren im Mondschein sein. Die ganze Gesellschaft sollte sich am Abend um sieben Uhr zusammenfinden und die Mondscheinfahrten ausführen, denn es war der Tag des Vollmonds. Da mußte es prächtig werden.

Mit Jubel wurde der Vorschlag angenommen, und die Schlittbahngenossen trennten sich gegen fünf Uhr wie gewöhnlich, da die Nacht einbrach, um sich um sieben Uhr wieder zusammenzufinden.

Weniger Anklang fand der Vorschlag bei Ottos Mutter, als er ihr mitgeteilt wurde. Sie ließ sich gar nicht von der Begeisterung hinreißen, mit der die Kinder beide auf einmal und in den lautesten Tönen ihr das Wundervolle dieser Unternehmung schilderten. Sie hielt ihnen die Kälte des späten Abends vor, die Unsicherheit der Fahrten bei dem ungewissen Licht und alle Gefahren, die besonders das Miezchen bedrohen könnten.

Aber die Einwände blieben wirkungslos, und Miezchen bettelte inständig, als hinge seine einzige Lebensfreude an dieser Schlittenfahrt. Otto versprach auch, er wurde auf Miezchen aufpassen und immer in seiner nächsten Nähe bleiben.

Endlich willigte die Mutter ein. Mit großem Jubel und wohlverpackt zogen die Kinder ein paar Stunden nachher in die helle Nacht hinaus. Es ging alles ganz nach Wunsch, die Schlittenbahn war unvergleichlich, und das Geheimnisvolle der dunklen Stellen, wo der Mondschein nicht hinfiel, erhöhte den Reiz der Unternehmung. Eine Menge Kinder hatte sich eingefunden, alle waren in der fröhlichsten Stimmung.

Otto ließ sie alle vorausfahren, dann kam er, und zuletzt mußte das
Miezchen kommen, damit ihm keiner in den Rücken fahren konnte. So
hatte es Otto eingerichtet, er konnte sich dabei auch immer von
Zeit zu Zeit mit einem Blick vergewissern, ob Miezchen nachkomme.

Als nun alles so gut ging, fiel einem der Buben ein, nun müßte einmal der ganze Zug anhängen, nämlich ein Schlitten an den anderen gebunden werden. So wollte man hinunterfahren, das müßte im Mondenschein ein ganz besonderer Spaß werden. Unter großem Lärm und allgemeiner Zustimmung ging man gleich ans Werk.

Für Miezchen fand Otto die Fahrt doch ein wenig gefährlich, denn manchmal gab es dabei einen großartigen Umsturz sämtlicher Schlitten und Kinder. Das konnte er für das kleine Wesen nicht riskieren. Er ließ seinen Schlitten zuletzt anbinden, der Miezchens aber wurde freigelassen. So fuhr es, wie immer, hinter dem Bruder her. Nur konnte er jetzt nicht, wie sonst, seinen Schlitten langsamer fahren lassen, wenn Miezchen zurückblieb, denn er war in der Gewalt des Zuges. Jetzt ging es los, und die lange, lange Kette sauste die glatte Bahn hinunter.

Mit einemmal hörte Otto ein furchtbares Geschrei, und er kannte die Stimme. Es war Miezchens Stimme. Was war da geschehen? Otto hatte keine Wahl, er mußte die Lustpartie zu Ende machen, wie groß auch sein Schrecken war. Aber kaum unten angelangt, riß er sein Schlittenseil los und rannte den Berg hinauf. Alle anderen liefen hinter ihm drein, denn fast alle hatten das Geschrei vernommen und wollten auch sehen, was los war. An der halben Höhe des Berges stand das Miezchen neben seinem Schlitten, schrie aus Leibeskräften und weinte. Atemlos stürzte Otto heran und rief: “Was hast du? Was hast du?”

“Er hat mich—er hat mich—er hat mich”, stieß Miezchen schluchzend hervor und kam nicht weiter vor Aufregung.

“Was hat er? Wer denn? Wo? Wer?” rief Otto.

“Der Mann dort, der Mann, er hat mich—er hat mich totschlagen wollen und hat mir—und hat mir—furchtbare Worte nachgerufen.” So viel kam endlich heraus unter immer neuem Geschrei.

“So sei doch nur still jetzt, Miezchen, tu doch nicht so. Er hat dich ja doch nicht totgeschlagen. Hat er dich denn wirklich geschlagen?” fragte Otto ganz zahm, denn er hatte Angst.

“Nein. Aber er wollte, mit einem Stecken—so hat er ihn gehoben und gesagt: ‘Wart du!’ Und ganz furchtbare Worte hat er mir nachgerufen.”

“So hat er dir eigentlich gar nichts getan”, sagte Otto und atmete beruhigt auf.

“Aber er hat ja—er hat ja—und ihr wart alle schon weit fort, und ich war ganz allein.” Und vor Mitleid mit sich selbst brach Miezchen noch einmal in lautes Weinen aus.

“Bscht! Bscht!” beschwichtigte Otto. “Sei doch still jetzt, ich gehe nun nicht mehr von dir weg, und der Mann kommt nicht mehr. Und wenn du nun gleich ganz still sein willst, so gebe ich dir den roten Zuckerhahn vom Christbaum.”

Das wirkte. Mit einemmal trocknete Miezchen seine Tränen und gab keinen Laut mehr von sich. Denn den großen roten Zuckerhahn vom Christbaum zu bekommen, war Miezchens allergrößter Wunsch gewesen. Er war aber bei der Teilung auf Ottos Teil gefallen, und Miezchen hatte den Verlust nie verschmerzen können. Wie nun alles in Ordnung war und die Kinder den Berg hinaufstiegen, wurde besprochen, was es für ein Mann gewesen sein könne, der das Miezchen habe totschlagen wollen.

“Ach was, totschlagen”, rief Otto dazwischen. “Ich habe schon lange gemerkt, wer es war. Wir haben ja im Herunterfahren den großen Mann mit dem dicken Stock auch angetroffen, er mußte unseren Schlitten ausweichen, in den Schnee hinein. Das machte ihn böse, und als er dann hintennach das Miezi allein antraf, hat er es ein wenig erschreckt und seinen Zorn an ihm ausgelassen.”

Diese Erklärung fand allgemeine Zustimmung. Das war ja so natürlich, daß jedes meinte, es sei ihm selber so in den Sinn gekommen. So wurde die Sache vergessen und lustig drauflos gerodelt. Endlich aber mußte auch dieses Vergnügen ein Ende nehmen, denn es hatte längst acht Uhr geschlagen, die Zeit, da aufgebrochen werden sollte.

Auf dem Heimweg schärfte der Otto dem Miezchen ein, zuhause nichts zu erzählen von dem Vorfall, sonst könnte die Mutter Angst bekommen. Und dann dürften sie nie mehr im Mondschein Schlitten fahren. Den Zuckerhahn würde Miezchen gleich bekommen, aber es müsse versprechen, nichts zu erzählen.

Miezchen versprach hoch und heilig, kein Wort zu sagen. Die Spuren seiner Tränen waren auch längst verschwunden und konnten nichts mehr verraten.

Längst schon schliefen Otto und Miezchen auf ihren Kissen, und der rote Zuckerhahn spazierte durch Miezchens Träume und erfüllte sein Herz mit einer so großen Freude, daß es im Schlaf lächelte. Da klopfte es unten an die Haustür, so laut, daß der Oberst und seine Frau vom Tisch auffuhren, an dem sie eben gemütlich gesessen und sich über ihre Kinder unterhalten hatten. Und die alte Trine rief in strafendem Ton zum Fenster hinaus: “Was ist das für eine Manier!”

“Es ist ein großes Unglück geschehen”, tönte es von unten herauf.
“Der Herr Oberst soll doch herunterkommen, sie haben den Schreiner
Andres tot gefunden.”

Damit lief der Bote wieder davon. Der Oberst und seine Frau hatten genug gehört, denn auch sie waren zum offenen Fenster gegangen. Augenblicklich warf der Oberst seinen Mantel um und lief zum Haus des Schreiners. Als er in die Stube trat, fand er schon eine Menge Leute da. Man hatte den Friedensrichter und Gemeindeamtmann geholt, und eine Schar Neugieriger und Teilnehmender war mit ihnen gekommen. Andres lag am Boden in einer Blutlache und gab kein Lebenszeichen von sich. Der Oberst trat näher.

“Ist denn jemand zum Doktor gelaufen?” fragte er.

Es war niemand dorthin gegangen. Da sei ja doch nichts mehr zu machen, meinten die Leute.

“Lauf, was du kannst, zum Doktor”, befahl der Oberst einem Burschen. “Sag ihm, ich lasse ihn bitten, er soll auf der Stelle kommen.” Dann half er selbst den Andres vom Boden aufheben und in die Kammer hinein auf sein Bett legen. Erst jetzt trat der Oberst an die schwatzenden Leute heran, um zu hören, wie der Vorfall sich zugetragen hatte, ob jemand etwas Näheres wisse.

Der Müllerssohn trat vor und erzählte, er sei vor einer halben Stunde vorbeigekommen, und da er noch Licht gesehen habe in des Schreiners Stube, habe er im Vorbeigehen schnell fragen wollen, ob seine Aussteuersachen auch rechtzeitig fertig werden. Er habe die Tür der Stube offen stehend, den Andres tot im Blut liegend am Boden gefunden. Der Matten-Joggi, der dabeistand, habe ihm lachend ein Goldstück entgegengestreckt, als er hereingetreten sei. Er habe dann den Leuten zugerufen, daß der Gemeindeamtmann kommen solle.

Der Matten-Joggi, der so hieß, weil er unten in der ‘Matte’, im Tal wohnte, war ein schwachsinniger Mensch, der davon lebte, daß ihn die Bauern mithelfen ließen. Er schleppte Steine und Sand, las Obst auf oder machte im Winter Holzbündelchen. Daß er Böses getan hätte, hatte man bis jetzt nicht gehört. Der Müllerssohn hatte ihm gesagt, er solle da bleiben, bis auch der Präsident noch da sein werde. So stand Joggi noch immer in einer Ecke, hielt seine Hand fest zugeklemmt und lachte halblaut.

Jetzt trat der Doktor in die Stube und hinter ihm her auch noch der Präsident. Der Gemeindevorstand stellte sich nun mitten ins Zimmer und verhörte die Leute. Der Doktor ging sofort in die Kammer hinein, und der Oberst folgte ihm. Der Doktor untersuchte genau den unbeweglichen Körper.

“Da haben wir’s”, rief er plötzlich aus, “hier auf den Hinterkopf ist Andres geschlagen worden, da ist eine große Wunde.”

“Aber er ist doch nicht tot, Doktor, was sagst du?”

“Nein, er atmet ganz leise, aber er ist böse dran.”

Nun brauchte der Doktor Wasser und Schwämme und Weißzeug und noch vieles. Die Leute draußen liefen alle durcheinander und suchten und rissen alles von der Wand und aus dem Küchenkasten und brachten Haufen von Sachen in die Kammer hinein, aber nichts von dem, das der Doktor brauchte.

“Da muß eine Frau her, die Verstand hat und weiß, was ein Kranker nötig hat”, rief der Doktor ungeduldig. Alle schrien durcheinander. Aber wenn einer eine wußte, so rief ein anderer: “Die kann nicht kommen.”

“Einer soll auf den Hang laufen”, befahl der Oberst. “Meine Frau soll mir die Trine herunterschicken!” Sofort lief ein Mann davon,

“Deine Frau wird dir aber nicht danken”, sagte der Doktor, “denn ich lasse die Pflegerin drei bis vier Tage und Nächte nicht vom Bett weg.”

“Keine Sorge”, entgegnete der Oberst, “für den Andres gäbe meine
Frau alles her, nicht nur die alte Trine.”

Keuchend und beladen kam die Trine an, viel schneller, als man hatte hoffen können. Denn sie stand schon lange mit einem großen Korb am Arm bereit, und die Frau Oberst stand neben ihr und lauschte, ob einer gelaufen komme. Sie hatte nicht annehmen können, daß der Andres wirklich tot sei, und hatte überlegt, was man brauchen könnte, um ihm wieder auf die Beine zu helfen. So hatte sie Schwamm und Verbandzeug, Wein und Öl und warme Flanelle in einen Korb gepackt, und Trine mußte nur hinunterlaufen, als der Bote kam. Der Doktor war sehr zufrieden.

“Alles fort jetzt, gute Nacht, Oberst, und mach, daß die ganze
Bande zum Haus hinauskommt!” rief er und. schloß die Tür zu,
nachdem der Oberst hinausgetreten war. Der Gemeinderat war noch am
Beratschlagen. Da aber der Oberst erklärte, nun müsse alles das
Haus verlassen, faßten die Männer den Beschluß, vorläufig müsse der
Joggi eingesperrt werden. Dann wollte man weitersehen.

Also mußten zwei Männer den Joggi in die Mitte nehmen, damit er nicht davonlief, und ihn so zum Armenhaus bringen und in eine Kammer sperren. Der Joggi ging aber ganz willig davon und lachte, und von Zeit zu Zeit guckte er vergnügt in seine Faust hinein.

Gleich am anderen Morgen ging die Frau Oberst voller Sorge zum Häuschen des Andres hinunter. Trine kam leise aus der Kammer und brachte die frohe Nachricht, Andres sei gegen Morgen schon ein wenig zum Bewußtsein gekommen. Auch der Doktor sei schon dagewesen und habe den Kranken über Erwarten gut angetroffen. Ihr aber habe er eingeschärft, daß sie keinen Menschen in die Kammer hineinlasse, Andres dürfe auch noch kein Wort reden, wenn er auch wollte, nicht. Nur der Doktor und die Wärterin sollen vor seine Augen kommen, erklärte die Trine in großem Amtseifer. Damit war die Frau Oberst einverstanden, und erfreut kehrte sie mit ihren Nachrichten nach Hause zurück.

So vergingen acht Tage. Jeden Morgen ging die Frau Oberst zum Haus des Kranken, um genau Bericht zu bekommen und zu hören, ob etwas fehle, das dann schnell herbeigeschafft werden mußte. Otto und Miezchen mußten jeden Tag aufs neue besänftigt werden, daß sie ihren kranken Freund noch nicht besuchen durften. Aber da war immer noch keine Erlaubnis vom Doktor. Die Trine war noch unentbehrlich, wurde auch täglich vom Doktor gelobt für ihre sorgfältige Pflege.

Nach Ablauf der acht Tage schlug der Doktor seinem Freund, dem Oberst, vor, nun einmal den Kranken zu besuchen, zu der Zeit, da er selbst dort sein würde. Denn jetzt war der Augenblick gekommen, da Andres wieder reden durfte. Und der Doktor wollte ihn in Gegenwart des Obersten darüber befragen, was er selbst von dem unglücklichen Vorfall wisse.

Andres freute sich, als er dem Herrn Oberst die Hand drücken durfte. Er hatte ja schon lange bemerkt, woher ihm alles Gute und alle Sorgfalt für seine Genesung kam. Dann besann er sich, so gut er konnte, um die Fragen der beiden Herren zu beantworten. Er wußte aber nur folgendes zu sagen: Er hatte seine Summe beisammen, die er jährlich dem Herrn Oberst zur Verwahrung brachte. Diese wollte er noch einmal überzählen, um seiner Sache sicher zu sein. Er hatte sich am späteren Abend hingesetzt, den Rücken gegen die Fenster und die Tür gekehrt. Mitten im Zählen hörte er jemanden hereinkommen. Ehe er aber aufgeschaut hatte, fiel ein furchtbarer Schlag auf seinen Kopf. Von da an wußte er nichts mehr.

Also hatte Andres Geld auf dem Tisch liegen gehabt. Davon war aber gar nichts mehr gesehen worden, nur das einzige Stück in Joggis Hand. Wo könnte denn das andere Geld hingekommen sein, wenn wirklich Joggi der Übeltäter war? Als Andres vernahm, wie der Joggi gefunden worden und nun eingesperrt sei, wurde er ganz unruhig.

“Sie sollen ihn doch gehen lassen, den armen Joggi”, sagte er. “Der tut ja keinem Kind etwas zuleide, der hat mich nicht geschlagen.”

Andres hatte aber auch gegen keinen anderen Menschen den leisesten
Verdacht. Er habe keine Feinde, sagte er, und kenne keinen
Menschen, der ihm so etwas hätte antun wollen.

“Es kann auch ein Fremder gewesen sein”, bemerkte der Doktor, der die niedrigen Fenster ansah. “Wenn Sie da beim hellen Licht Geld auf dem Tisch liegen haben und zählen, so kann das von außen jeder sehen und Lust zum Teilen bekommen.”

“Ich habe nie an so etwas gedacht, es war immer alles offen,” sagte der Andres gelassen.

“Es ist gut, daß Sie noch etwas im Trockenen haben, Andres”, bemerkte der Oberst. “Lassen Sie sich das nicht zu Herzen gehen. Das wichtigste ist, daß Sie wieder gesund werden.”

“Gewiß, Herr Oberst”, erwiderte Andres und schüttelte ihm die Hand. “Ich habe nur zu danken. Der liebe Gott hat mir ja sonst schon viel mehr gegeben, als ich brauche.”

Die Herren verließen den friedlichen Andres, und vor der Tür sagte der Doktor: “Dem ist wohler als dem anderen, der ihn zusammenschlagen wollte.”

Vom Joggi wurde eine traurige Geschichte erzählt, die alle Buben in der Schule beschäftigte und in große Teilnahme versetzte. Auch Otto brachte sie nach Hause und mußte sie jeden Tag ein paarmal wiederholen, denn jedesmal, wenn er daran dachte, machte sie ihm aufs neue großen Eindruck.

Als man den Joggi an dem Abend lachend ins Armenhaus gebracht hatte, da war er aufgefordert worden, sein Goldstück an einen seiner Führer abzugeben, den Sohn des Friedensrichters. Joggi aber klemmte seine Faust noch besser zusammen und wollte nichts hergeben. Aber die beiden waren stärker als er. Sie rissen ihm mit Gewalt die Faust auf. Und der Friedensrichterssohn, der von dem Joggi manchen Kratzer während der Arbeit erhalten hatte, sagte, als er das Goldstück endlich in der Hand hielt: “So, jetzt wart nur, Joggi, du wirst schon deinen Lohn bekommen. Wart nur, bis sie kommen, sie werden dir’s dann schon zeigen.”

Da hatte der Joggi angefangen furchtbar zu schreien und zu jammern, denn er glaubte, er werde geköpft. Und seither aß er nicht und trank nicht und stöhnte und jammerte fortwährend, denn die Furcht und Angst vor dem Köpfen verfolgte ihn ständig. Schon zweimal waren der Präsident und der Gemeindeamtmann bei ihm gewesen und hatten ihm gesagt, er soll nur alles sagen, was er getan habe, er werde nicht geköpft.

Er wußte nichts zu sagen, als daß er beim Andres ins Fenster geschaut habe, und der sei am Boden gelegen. Er sei zu ihm hineingegangen und habe ihn ein wenig gestoßen, da sei er tot gewesen. Da habe er etwas glänzen gesehen in einer Ecke und habe es geholt, und dann sei der Müllerssohn gekommen und dann noch viele. Hatte der Joggi so viel erzählt, so fing er wieder zu stöhnen an und hörte nicht mehr auf.

7. Kapitel (Wie es dem Kranken und jemand anderem besserging)

Seit dem Tag, da der Oberst den Andres besucht hatte, blieb seine Frau auch nicht mehr draußen in der Stube, wenn sie kam, um nach dem Kranken zu sehen. Täglich ging sie nun zu ihm hinein, setzte sich eine Weile an sein Bett zu einer gemütlichen kleinen Unterhaltung und freute sich jedesmal über die Fortschritte der Genesung. Zweimal schon waren auch Otto und Miezchen dagewesen und hatten ihrem Freund Stärkungen mitgebracht.

Andres sagte ganz gerührt zu der Trine, wenn selbst ein König krank wäre, man könnte ihm nicht mehr Teilnahme zeigen. Der Doktor war sehr zufrieden mit Andres, und als er einmal beim Herauskommen auf den eintretenden Oberst traf, sagte er zu ihm: “Es geht Andres schon viel besser. Deine Frau kann nun ihre Trine wieder heimnehmen, die hat gute Dienste geleistet. Nur sollte ab und zu jemand kommen. Der arme, verlassene Kerl muß doch essen und hat keine Frau und kein Kind. Vielleicht weiß deine Frau Rat.”

Der Oberst richtete den Auftrag aus, und am folgenden Morgen sagte seine Frau, als sie den Andres besuchte: “Jetzt muß ich etwas mit Ihnen besprechen, Andres. Ist es Ihnen recht?”

“Gewiß, gewiß, mehr als recht”, erwiderte er und stützte seinen
Kopf auf den Ellbogen.

“Ich will nun die Trine wieder heimkommen lassen, weil es Ihnen schon so gut geht”, fing sie an.

“Ach, Frau Oberst, glauben Sie mir”, fiel der Andres ein, “ich wollte sie jeden Tag heimschicken. Ich weiß ja, daß sie Ihnen fehlt.”

“Ich hätte sie nicht hereingelassen, wenn sie Ihnen gefolgt hätte”, fuhr die Frau Oberst fort. “Aber jetzt ist es anders, da der Doktor sie entläßt. Er sagte aber, was ich auch längst dachte. Jemand sollte noch für ein paar Wochen Ihr Essen kochen oder es bei mir holen und allerlei kleine Hilfsleistungen ausführen. Ich habe nun gedacht, Andres, Sie könnten für diese Zeit das Wiseli aufnehmen.”

Kaum hatte der Andres den Namen aussprechen gehört, als er von seinem Ellbogen auf und in die Höhe schoß.

“Nein, nein, Frau Oberst, nein, sicher nicht”, rief er und wurde ganz rot vor Anstrengung. “So etwas können Sie nicht denken. Ich sollte hier drinnen im Bett liegen, und draußen in der Küche sollte das schwache Kind für mich arbeiten! Ach, um Himmels willen, wie dürfte ich noch an seine Mutter unter der Erde denken, wie würde sie mich ansehen, wenn sie so etwas wüßte! Nein, nein, Frau Oberst, meiner Lebtag nicht, lieber nicht essen, lieber nicht mehr aufkommen—als so etwas.”

Die Oberstin hatte ihn ganz ruhig zu Ende reden lassen. Jetzt, als er sich auf sein Kissen zurücklegte, sagte sie besänftigend: “Es ist nicht so schlimm, was ich ausgedacht habe, Andres. Überlegen Sie doch einmal. Sie wissen ja, wo das Wiseli versorgt ist. Meinen Sie, es habe dort nichts zu tun oder nur besonders leichte Arbeit? Recht tüchtig muß es heran und bekommt so wenig freundliche Worte dazu. Würden Sie ihm etwa auch keine geben? Wissen Sie, was Wiselis Mutter tun würde, wenn sie jetzt neben uns stände? Mit Tränen würde sie Ihnen danken, wenn Sie das Kind jetzt in Ihr Haus nehmen würden, wo es gute Tage hätte. Das weiß ich, und Sie sollten sehen, wie gern es Ihnen helfen würde.”

Jetzt mußte dem Andres auf einmal alles anders vorkommen. Er wischte sich die Augen, dann sagte er: “Ach, ach! Wie könnte ich aber zu dem Kind kommen? Sie geben es gewiß nicht weg, und dann müßte man ja doch auch wissen, ob es wollte.”

“Es ist jetzt schon gut, kümmern Sie sich nicht weiter darum,
Andres”, sagte die Frau Oberst fröhlich und stand von ihrem Sessel
auf. “Ich will nun selbst sehen, wie’s geht, denn mir liegt die
Sache nach allen Seiten hin am Herzen.”

Damit nahm sie Abschied von Andres. Als sie aber schon unter der
Tür war, rief er ihr ängstlich nach: “Aber nur, wenn es will, das
Wiseli, nur, wenn es will—bitte, Frau Oberst!”

Sie versprach noch einmal, das Kind sollte nur freiwillig zu ihm kommen oder dann gar nicht, und verließ das Haus. Sie ging aber nicht den Berg hinauf, sondern hinunter zum Buchenrain, denn sie wollte gleich versuchen, das Wiseli dahin zu bringen, wo sie es so gern haben wollte.

Am Buchenrain angekommen, traf die Frau Oberst gerade mit dem Patenonkel zusammen, als er ins Haus gehen wollte. Er begrüßte sie, ein wenig erstaunt über den Besuch, und sie teilte ihm gleich beim Eintreten in die Stube mit, warum sie gekommen sei und wie sehr sie hoffe, keinen abschlägigen Bescheid zu bekommen. Denn es liege ihr viel daran, daß das Wiseli die Pflege zu Ende führen könne. Da die Tante in der Küche die Unterhaltung hörte, kam sie auch herein und war noch erstaunter als ihr Mann, den Besuch vorzufinden.

Er erklärte ihr, warum die Frau Oberst gekommen sei, und sie meinte gleich, das sei schon nichts, von dem Kind werde niemand eine besondere Hilfe erwarten. Da sagte aber der Mann, was recht sei, müsse man gelten lassen. Das Wiseli könne helfen, wo es sei, es sei sehr tüchtig. Er würde das Kind nicht einmal gern weggehen lassen, es sei folgsam und gelehrig. So für vierzehn Tage wollte er nichts dagegen haben, daß es den Andres ein wenig verpflege. Bis dahin werde er wohl wieder auf sein, daß es heim könne. Denn länger könnte es dann nicht fort sein, dann komme schon so allerhand Arbeit, denn da müsse man sich schon auf den Frühling vorbereiten.

“Ja, ja”, fügte die Frau hinzu, “ich habe nicht vor, immer wieder von vorn mit ihm anzufangen. Jetzt habe ich ihm alles mit Mühe gezeigt, das kann es nun anwenden. Der Andres soll nur selber ein Kind anlernen, wenn er eins braucht.”

“Ja, wegen vierzehn Tagen”, sagte der Mann beschwichtigend, “da wollen wir auch nichts sagen. Man muß einander schon einen Gefallen tun.”

“Ich danke Ihnen”, sagte nun die Frau Oberst und stand auf. “Der
Andres wird Ihnen gewiß auch recht dankbar sein. Kann ich das
Wiseli gleich mit mir nehmen?”

Die Tante meinte, es werde nicht so stark pressieren. Aber der Mann fand es am besten so. Je schneller Wiseli gehe, desto früher sei es wieder da, meinte er. Denn er bestand auf den vierzehn Tagen. Wiseli wurde herbeigerufen, und der Onkel sagte ihm, es solle schnell sein Bündelchen Kleider zusammenpacken, weiter nichts. Wiseli gehorchte. Fragen durfte es nicht, warum. Seit es sein Bündelchen in das Haus gebracht hatte, war gerade ein Jahr vergangen. Es war nichts Neues hinzugekommen als sein schwarzes Röcklein, das hatte es an. Es war aber nun abgetragen und hing wie ein Fetzchen an dem Kind herab. Und Wiseli schaute ein wenig scheu die Frau Oberst an, als es nun mit seinem leichten Bündelchen dastand.

Sie verstand den schüchternen Blick und sagte: “Komm nur, Wiseli, wir gehen nicht weit, es geht schon so.”

Dann nahm sie schnell Abschied von den Leuten, und als Wiseli dem Onkel die Hand gab, sagte er: “Du kommst bald wieder heim, du brauchst dich nicht groß zu verabschieden.”

Schweigend und sehr verwundert ging das Wiseli hinter der Frau Oberst her, die rasch über den beschneiten Feldweg schritt, so als befürchtete sie, man könnte sie samt dem Wiseli wieder zurückholen. Als aber der Buchenrain nicht mehr zu sehen war, drehte sie sich um und bleib stehen.

“Wiseli”, sagte sie freundlich, “kennst du den Schreiner Andres?”

“Ja, freilich”, antwortete Wiseli, und seine Augen leuchteten auf, als es den Namen hörte. Die Frau Oberst war erstaunt.

“Er ist krank”, fuhr sie fort. “Willst du ihn ein wenig verpflegen und etwa vierzehn Tage bei ihm bleiben?”

Mehr als Wiselis schnelle und kurze Antwort: “Ja, gern!” sagte der Frau Oberst sein Gesicht. Das wurde ganz von Freudenröte übergossen. Die Frau Oberst sah das gern. Doch mußte sie sich wundern, daß Wiseli eine so besondere Freude zeigte. Denn sie wußte nichts von seinem Erlebnis mit dem Andres, aber das Wiseli hatte es nie vergessen.

Sie gingen nun wieder weiter. Aber nach einer Weile fügte die Frau
Oberst noch hinzu: “Du mußt es dann dem Schreiner Andres sagen, daß
du so gern zu ihm gekommen bist, Wiseli. Er glaubt es sonst nicht.
Vergiß es nicht.”

“Nein, nein”, versicherte das Kind, “ich denke schon daran.”

Nun waren sie bei dem Haus angekommen. Hier hielt es die Frau Oberst für richtig, das Wiseli seinen Weg allein machen zu lassen. Denn nach allem, was sie bemerkt hatte, mußte es ihm nicht schwer werden, ihn zu finden. Sie verabschiedete das Kind an der Ecke und sagte ihm, am Morgen werde sie wieder herunterkommen und sehen, wie es ihm in dem neuen Haushalt gehe. Und wenn der Schreiner Andres etwas brauche, das nicht da sei, so solle es zu ihr kommen.

Wiseli ging nun zuversichtlich durch das Gärtchen und machte die Haustür auf. Es wußte, daß der Andres drinnen in der Kammer hinter der Stube liege. So trat es leise in die Stube ein. Darin war niemand, aber es war schön aufgeräumt, noch von der alten Trine her. Wiseli schaute alles gut an, wie es sein müsse.

An der Wand hinten in der Stube stand ein Bett. Der Vorhang davor war fast zugezogen, aber Wiseli konnte doch sehen, wie schön und sauber es aussah, und es fragte sich, wer da schlafe. Jetzt klopfte es leise an die Kammertür, und auf den Ruf des Andres trat es ein und blieb ein wenig scheu an der Tür stehen. Andres richtete sich auf in seinem Bett.

“Ach, ach”, sagte er, halb erfreut und halb erschrocken, “bist du es, Wiseli? Komm, gib mir die Hand.” Wiseli gehorchte. “Bist du auch nicht ungern zu mir gekommen?”

“Nein, nein”, antwortete Wiseli.

Aber der Schreiner Andres war noch nicht beruhigt.

“Ich meine nur, Wiseli”, fuhr er wieder fort, “du wärst vielleicht lieber nicht gekommen. Aber die Frau Oberst ist so gut, und du hast ihr vielleicht einen Gefallen tun wollen.”

“Nein, nein”, versicherte Wiseli noch einmal, “sie hat gar nicht gesagt, daß es ihr ein Gefallen sei. Sie hat mich gefragt, ob ich gehen wolle, und ich wäre auf der ganzen Welt nirgends so gern hingegangen wie zu Ihnen.”

Diese Worte mußten den Andres ganz beruhigt haben. Er fragte nichts mehr, er legte seinen Kopf auf sein Kissen zurück und schaute stumm das Wiseli an. Dann mußte er sich auf einmal umdrehen und immer wieder über seine Augen wischen.

“Was muß ich jetzt tun?” fragte Wiseli, als er sich immer noch nicht umkehrte.

Jetzt wandte er sich zu dem Kind und sagte freundlich: “Ich weiß es gewiß nicht. Wiseli, tu du nur, was du willst, wenn du nur ein wenig bei mir bleiben willst.”

Wiseli wußte gar nicht, wie ihm geschah. Seit es die Stimme seiner Mutter zum letztenmal hörte, hatte niemand mehr so zu ihm geredet. Es war gerade, als spüre es die Liebe seiner Mutter wieder in Andres’ Worten. Es mußte mit beiden Händen seine Hand nehmen, so wie es oft die Hand der Mutter gefaßt hatte. Und so stand es eine Weile an dem Bett, und es war so glücklich, daß es gar nichts sagen konnte. Aber es dachte: Jetzt weiß es die Mutter auch und ist froh.

Gerade so dachte der Andres: “Jetzt weiß es die Mutter auch und ist froh.”

Dann sagte das Wiseli: “Jetzt muß ich Ihnen gewiß etwas kochen, es ist schon über Mittag. Was muß ich kochen?”

“Koch du nur, was du willst”, sagte der Andres. Aber dem Wiseli war es darum zu tun, es dem Kranken recht zu machen. Und es fragte so lange hin und her, bis es gemerkt hatte, was er essen müsse— eine gute Suppe und ein Stück von dem Fleisch, das im Kasten war. Und dann bestand er darauf, das Wiseli müsse noch einen Milchbrei für sich kochen.

Es wußte recht gut Bescheid in der Küche, denn es hatte wirklich etwas gelernt bei der Tante, wenn auch unter harten Worten. Das konnte es nun gut brauchen. So hatte es in kurzer Zeit alles bereit gemacht, und der Kranke wünschte, daß es ein Tischchen an sein Bett rücke und neben ihm sitze zum Essen, damit er es auch sehen könne und wisse, daß es noch da sei. Ein so vergnügtes Mittagsmahl hatte Wiseli lange nicht genossen, und auch der Schreiner Andres nicht.

Als sie damit zu Ende waren, stand das Kind auf. Aber Andres sah das nicht gern und sagte: “Wohin willst du, Wiseli? Willst du nicht noch ein wenig dableiben, oder wird es dir ein bißchen langweilig bei mir?”

“Nein, gewiß nicht”, versicherte Wiseli. “Aber nach dem Essen muß man immer abwaschen und alles wieder sauber auf das Gestell hinaufräumen.”

“Ich weiß schon, wie man’s macht”, gestand Andres. “Ich habe gedacht, heute nur, so zum erstenmal, könntest du ja nur alles zusammenstellen und dann etwa morgen auf einmal aufwaschen.”

“Wenn aber die Frau Oberst das sähe, so müßte ich mich fast zu Tode schämen.” Und Wiseli machte ein ganz ernsthaftes Gesicht zu seiner Versicherung.

“Ja. Ja, du hast recht”, beschwichtigte Andres das Kind. “Mach nur alles, wie du meinst, und geradeso, wie es dir recht ist.”

Nun ging das Wiseli an seine Arbeit und putzte und räumte und ordnete, daß alles glänzte in der Küche. Dann stand es einen Augenblick still, schaute ringsum und sagte ganz befriedigt: “So, nun kann die Frau Oberst kommen.”

Dann ging es wieder in die Stube hinein und warf einen fröhlichen Blick auf das schöne, große Bett hinter dem Vorhang, denn der Schreiner Andres hatte ihm gesagt, da müsse es schlafen. Der kleine Kasten in der Ecke gehöre auch ihm, da könne es seine Sachen hineinräumen. Es legte nun die Sachen aus seinem Bündelchen alle ordentlich hinein, das war auch sehr bald getan, denn es war wenig darin. Und nun ging es in die Kammer und setzte sich voller Freude wieder an das Bett des Kranken, der schon lange nach der Tür geschaut hatte, ob es noch nicht komme.

Kaum war Wiseli wieder an dem Bett, so fragte es: “Haben Sie auch einen Strumpf, an dem ich stricken kann?”

“Nein, nein”, antwortete Andres, “du hast ja jetzt gearbeitet, und wir wollen nun ein wenig vergnügt zusammen reden, über allerlei.”

Aber Wiseli war gut geschult worden—zuerst in unvergeßlicher Freundlichkeit von der Mutter und dann von der Tante mit Worten, die auch nicht vergessen wurden, vor lauter Furcht, sie wieder zu hören. Es sagte ganz überzeugt: “Ich darf nicht nur so dasitzen, weil es doch nicht Sonntag ist. Aber ich kann reden und gleichzeitig an dem Strumpf stricken.”

Das gefiel dem Andres nun auch wieder, und er ermunterte das Wiseli von neuem, nur immer zu tun, was es meine. Und einen Strumpf könne es auch holen, wenn es wolle, er habe aber keinen. Nun holte Wiseli den seinigen und setzte sich damit wieder an das Bett hin. Und es hatte recht gehabt, es konnte gut reden und stricken gleichzeitig.

Der Schreiner Andres hatte aber auch gleich ein Gespräch angefangen, das dem Wiseli das allerwillkommenste war. Er hatte gleich von der Mutter zu reden begonnen, und Wiseli hatte so gern geantwortet, denn noch nie und mit keinem Menschen hatte es von seiner Mutter reden können. Und es dachte doch immer an sie und alles, was es mit ihr erlebt hatte. Nun wollte der Schreiner Andres so gern von allem wissen, immer noch mehr, und das Wiseli erzählte fort und fort, als könne es nicht mehr aufhören. Und der Andres hörte gespannt zu.

In dieser Weise verging nun dem Wiseli ein Tag nach dem anderen. Für jeden geringsten Dienst, den es leistete, dankte ihm der Andres, als ob es ihm die größte Wohltat erwiesen hätte. Und was es nur tat, gefiel dem guten Mann, und er mußte es loben dafür. Er wurde in wenigen Tagen so frisch und munter bei der Pflege, daß er aufstehen wollte. Der Doktor war ganz erstaunt, wie gut es ihm ging und wie fröhlich der Schreiner Andres auf einmal aussah. Er saß nun den ganzen Tag am Fenster, wo die Sonne hinkam, und schaute dem Wiseli nach auf Schritt und Tritt, so als ob er es gar nie genug sehen könnte—wie es einen Kasten aufmachte und dann wieder zu, wie ihm unter den Händen alles sauber und ordentlich wurde, wie er es vorher nie gesehen hatte.

Das Wiseli aber war glücklich in dem stillen Häuschen, da es nur liebevolle Worte hörte, und unter den freundlichen Augen, die es immerfort begleiteten. Es durfte gar nicht daran denken, wie bald die vierzehn Tage zu Ende sein würden und es wieder zum Buchenrain zurückkehren mußte.

8. Kapitel (Es geschieht etwas Unerwartetes)

In dem Haus auf dem Hang wurde viel vom Schreiner Andres und dem Wiseli gesprochen. Jeden Morgen ging die Frau Oberst nachsehen, wie es dem Kranken gehe, und jedesmal brachte sie wieder einen erfreulicheren Bericht nach Hause.

Das versetzte alle in die freudigste Stimmung. Otto und Miezchen machten einen Plan, wie ein großes Genesungsfest gefeiert werden müßte in Schreiner Andres Stube, aber noch bevor Wiseli zum Buchenrain zurückkehrte. Das sollte eine Hauptfreude und für Andres und Wiseli eine große Überraschung werden.

Es mußte aber noch ein Fest gefeiert werden vorher, denn heute war der Geburtstag des Vaters und schon am frühen Morgen hatten allerlei von Otto und Miezchen erfundene Feierlichkeiten stattgefunden. Doch der Hauptmoment des Tages war jetzt gekommen, beim Mittagessen. Ganz feierlich hatten Otto und Miezchen sich schon hingesetzt in großer Erwartung all der Dinge, die da kommen sollten.

Nun erschienen auch Vater und Mutter, und die frohe Mahlzeit nahm ihren Anfang. Nachdem das erste Gericht vergnüglich verzehrt worden war, erschien eine zugedeckte Schüssel. Das war das Geburtstagsgericht. Der Deckel wurde aufgehoben, und ein prächtiger Blumenkohl stand da, so frisch, als hätte man ihn eben im Garten geholt.

“Das ist ja eine prächtige Blume”, sagte der Vater, “die muß man loben. Aber eigentlich”, fuhr er etwas enttäuscht fort, “suchte ich etwas anderes unter dem Deckel, Artischocken suchte ich. Kann man die nicht auch finden irgendwo, wie Blumenkohl? Du weißt, liebe Marie, ich schaue an gedeckten Tischen immer nur nach Artischocken aus.”

Mit einemmal schrie das Miezchen: “Eben! Eben! Geradeso hat er gerufen—zweimal, furchtbar, und so hat er den Stecken aufgehoben und so.” Und Miezchen fuhr ganz aufgeregt mit ihren Armen in der Luft herum. Aber urplötzlich schwieg sie und fuhr schnell herunter mit ihren Armen bis unter den Tisch und war ganz blutrot geworden. Und ihr gegenüber saß Otto und warf ihr zornige Blicke zu.

“Was ist das für eine seltsame Verherrlichung meines Geburtstags?” fragte der Vater erstaunt. “Über den Tisch hin schreit meine Tochter, als wollte man sie umbringen, und unter dem Tisch versetzt mir mein Sohn so entsetzliche Stiefelstöße, daß ich blaue Flecken bekomme. Ich möchte wissen, Otto, wo du diese angenehme Unterhaltung gelernt hast.”

Jetzt war die Reihe an Otto, feuerrot zu werden bis unter die Haare hinauf. Er hatte dem Miezchen unter dem Tisch einige deutliche Mahnungen geben wollen, daß es schweigen solle, hatte aber den unrechten Platz getroffen und mit seinem Stiefel das Bein des Vaters bearbeitet. Das hatte Otto nun entdeckt. Er konnte nicht mehr aufschauen.

“Nun, Miezchen”, fing der Vater wieder an, “was ist denn aus deiner
Räubergeschichte geworden? Du kamst ja gar nicht zu Ende. Also—
‘Artischocke’ hat der furchtbare Mann dich genannt und
den Stecken erhoben, und dann?”

“Dann, dann”, stotterte Miezchen kleinlaut, denn es hatte begriffen, daß es auf einmal alles verraten hatte und daß der Otto den Zuckerhahn zurückfordern würde, “dann hat er mich doch nicht totgeschlagen.”

“So, das war nett von ihm”, sagte der Vater lachend. “Und dann weiter?”

“Dann weiter gar nichts mehr”, wimmerte Miezchen.

“So, so, die Geschichte nimmt also ein fröhliches Ende. Der
Stecken bleibt in der Luft, und Miezchen geht als kleine
Artischocke nach Hause. Jetzt wollen wir gleich anstoßen auf alle
wohlgeratenen Artischocken und auf Schreiner Andres’ Gesundheit!”

Damit erhob der Vater sein Glas, und die Tischgesellschaft stimmte ein. Es standen aber alle ein wenig still vom Tisch auf, denn in jedem waren allerlei Gedanken aufgestiegen. Nur der Vater blieb gelassen, setzte sich zu seiner Zeitung und steckte eine Zigarre an.

Otto schlich ins andere Zimmer hinüber, drückte sich in eine Ecke und dachte darüber nach, wie es sein werde, wenn alle anderen wieder im Mondschein rodeln würden und er nie mehr dabei sein dürfte. Denn er wußte, daß die Mutter dies von nun an verbieten würde.

Miezchen kroch ins Schlafzimmer hinein, kauerte sich neben dem Bett auf das Schemelchen nieder, nahm den roten Zuckerhahn auf den Schoß und war sehr traurig, daß es ihn zum letztenmal sehen sollte.

Die Mutter blieb eine Zeitlang nachdenklich am Fenster stehen. Ihre Gedanken mußten sie immer mehr und aufregender beschäftigen, denn jetzt fing sie an im Zimmer hin und her zu gehen. Und plötzlich verließ sie es und lief hierhin und dahin, suchte nach dem Miezchen. Sie fand es endlich hinter seinem Bett auf dem Schemel, in seine traurigen Betrachtungen versunken.

“Miezchen”, sagte die Mutter, “jetzt erzähl mir, wo und wann ein
Mann dir drohte und was er dir nachgerufen hat.”

Miezchen erzählte, was es wußte, es kann aber nicht viel mehr heraus, als es schon gesagt hatte: Nachgerufen hatte ihm der Mann das Wort, das der Papa am Tisch gesagt hatte, behauptete es. Die Mutter kehrte in das Zimmer zurück, wo der Vater saß, ging zu ihm und sagte in erregtem Ton: “Ich muß es dir wirklich sagen, es kommt mir immer wahrscheinlicher vor.”

Der Oberst legte seine Zeitung weg und schaute erstaunt seine Frau an.

“Siehst du”, fuhr sie fort, “die Szene am Tisch hat mich auf einen Gedanken gebracht, und je mehr ich ihn verfolge, je fester gestaltet er sich vor meinen Augen.”

“Setz dich doch und erzähl mir, was du meinst”, sagte der Oberst, ganz neugierig geworden.

Seine Frau setzte sich neben ihn hin und fuhr fort: “Du hast Miezchens Aufregung gesehen, sie war sichtlich erschreckt worden von dem Mann, von dem sie sprach. Es war nicht Spaß gewesen. Darum ist es klar, daß er das Kind nicht ‘Artischocke’ genannt hat. Wird er es nicht viel eher ‘Aristokratin’ oder ‘Aristokratenbrut’ genannt haben? Du weißt, wer uns früher diesen Titel nachrief, meinem Bruder und mir. Diesen Augenblick habe ich von Miezchen gehört, daß der Vorfall sich an dem Abend ereignet hatte, als Kinder im Mondschein auf der Schlittenbahn waren. Am selben Abend wurde Andres halb erschlagen gefunden. Seit Jahren war der unheimliche Jörg verschwunden. Und im ersten Augenblick, da man wieder Spuren von ihm hat, wird sein Bruder überfallen, dem kein anderer je etwas zuleide getan hat als er. Gibt dir das nicht auch zu denken?”

“Da könnte was dran sein”, entgegnete der Oberst nachdenklich. “Da muß ich sofort etwas unternehmen.”

Er stand auf, rief nach seinem Knecht, und wenige Minuten später fuhr er im scharfen Trab zur Stadt hinunter. Von da an fuhr der Oberst jeden Tag einmal in die Stadt, um zu hören, ob Berichte eingegangen seien. Am vierten Tag, als er am Abend nach Hause kam und seine Frau noch an Miezchens Bett saß, ließ er sie schnell rufen, denn er hatte ihr etwas Wichtiges zu erzählen.

Sie setzten sich dann zusammen, und der Oberst teilte seiner Frau mit, was er in der Stadt gehört hatte. Auf seine Aussagen hin hatte die Polizei heimlich nach dem Jörg gesucht, und er war ohne große Mühe gefunden worden. Denn er war ganz sicher, daß kein Mensch ihn gesehen hatte, da er nur nachts in sein Dorf gekommen und gleich wieder verschwunden war.

So war er zunächst nur zur Stadt hinuntergegangen und hatte sich in den Wirtshäusern herumgetrieben. Als er nun festgenommen und verhört wurde, leugnete er zuerst alles. Als er aber hörte, der Oberst Ritter habe schlagende Beweise gegen ihn vorzubringen, da entfiel ihm der Mut. Denn er dachte, der Herr Oberst müsse ihn gesehen haben, sonst wäre es unmöglich, daß er gerade auf ihn gekommen wäre, da er frisch aus neapolitanischen Kriegsdiensten zurückgekommen war. Daß ein einziges Wort, das er einem kleinen Kind zugerufen hatte, ihn hatte verraten können, davon hatte er keine Ahnung.

Er fing dann an, furchtbar auf den Oberst zu schimpfen, und sagte, er habe immer gedacht, diese Aristokratenbrut werde ihn noch ins Unglück bringen. Im weiteren Verhör gestand er dann, er habe seinen Bruder aufsuchen und Geld von ihm leihen wollen. Als er ihn durch das erleuchtete Fenster erblickte, wie er eben eine gute Summe vor sich liegen hatte, da kam ihm der Gedanke, den Andres niederzuschlagen und das Geld zu nehmen. Töten habe er ihn nicht wollen, nur ein wenig bewußtlos machen, damit er ihn nicht kenne. Der größte Teil der Summe wurde noch bei ihm gefunden. Diese wurde ihm abgenommen, und der Jörg wurde ins Gefängnis gesteckt.

Als dieser Vorgang bekannt wurde, gab es eine ungeheure Aufregung im ganzen Dorf, denn eine solche Geschichte war noch nie vorgefallen, seit es bestand. Besonders in der Schule kam alles aus der Ordnung, so sehr interessierten sich alle Schüler für die aufregende Begebenheit. Otto war einige Tage ganz außer Atem, da er beständig da- und dorthin zu laufen hatte, wo noch ein näherer Umstand von der Sache zu hören war.

Am dritten Abend nach der Verbreitung der Nachricht kam er aber so aufgeregt nach Hause gestürzt, daß ihn die Mutter ermahnen mußte, erst einen Augenblick still zu sitzen, da er vor Atemlosigkeit kein Wort hervorbrachte und doch durchaus wieder eine Neuigkeit erzählen wollte. Endlich konnte er sie loswerden. Man hatte den Joggi, der bis dahin eingesperrt geblieben war, herausholen wollen. Aber der arme Tropf fürchtete sich, und nun glaubte er, man hole ihn zum Köpfen ab. Er weigerte sich, die Kammer zu verlassen. Dann hatten zwei Männer ihn mit aller Gewalt herausgeschleppt, er hatte aber so geschrien, daß alle Leute herbeiliefen. Und dann hatte er sich noch mehr gefürchtet, und auf einmal war er davongeschossen wie ein Pfeil und in die nächste Scheune hinein in den hintersten Winkel des Stalles. Da hockte er ganz zusammengesunken mit einem furchtbar erschrockenen Gesicht, und kein Mensch konnte ihn von der Stelle bringen. Schon seit gestern hockte er so da, und der Bauer hatte gesagt, wenn er nicht bald aufstehe, wolle er ihn mit der Heugabel fortbringen.

“Das ist ja eine ganz traurige Geschichte, Kinder”, sagte die Mutter, als Otto fertig erzählt hatte. “Der arme Joggi! Was muß er nun leiden in seiner Angst, die ihm niemand wegnehmen kann, da er nicht versteht, was man ihm erklären könnte. Und der arme, gutmütige Joggi ist ja ganz unschuldig. Ach, Kinder, hättet ihr mir doch gleich das ganze Erlebnis erzählt, als ihr am Abend von der Schlittenbahn kamt. Eure Heimlichtuerei hat nur Unglück gebracht. Könnten wir doch den armen Menschen trösten und wieder fröhlich machen!”

Das Miezchen war ganz weich geworden. “Ich will ihm den roten
Zuckerhahn geben”, sagte es schluchzend.

Auch Otto war ein wenig zerknirscht. Er sagte zwar etwas verächtlich: “Ja, einen Zuckerhahn einem erwachsenen Menschen geben! Behalt du den nur für dich.” Aber dann bat er die Mutter, ihm und Miezchen zu erlauben, dem Joggi etwas zu essen in den Stall zu bringen. Er hatte gar nichts gehabt, seit er dort kauerte, zwei ganze Tage lang.

Das erlaubte die Mutter gern, und es wurde sofort ein Korb geholt und Wurst und Brot und Käse hineingesteckt. Dann gingen die Kinder den Berg hinunter, zum Stall.

Mit einem ganz weißen, erschrockenen Gesicht kauerte der Joggi hinten im Winkel und rührte sich nicht. Die Kinder kamen ein wenig näher. Otto zeigte ihm den offenen Korb und sagte: “Komm hervor, Joggi, das ist alles für dich zum Essen.”

Joggi bewegte sich nicht.

“Komm doch, Joggi”, mahnte Otto weiter. “Siehst du, sonst kommt der Bauer und sticht dich mit der Heugabel hervor.”

Joggi stieß einen entsetzten Ton aus und krümmte sich noch enger zusammen.

Jetzt ging Miezchen vorwärts und kam ganz nahe an den Joggi heran, hielt den Mund an sein Ohr und flüsterte hinein: “Komm du nur mit mir, Joggi, sie dürfen dich nicht köpfen. Der Papa hilft dir schon, und siehst du, das Christkindlein hat dir einen roten Zuckerhahn gebracht.” Und Miezchen nahm ganz heimlich den Zuckerhahn aus seiner Tasche und steckte ihn dem Joggi zu.

Diese heimlichen Trostesworte hatten eine wunderbar wirksame Kraft. Der Joggi schaute das Miezchen an, ganz ohne Schrecken, dann schaute er auf seinen roten Zuckerhahn. Und dann fing er an zu lachen, was er seit vielen Tagen nicht mehr getan hatte. Dann stand er auf, und nun ging Otto voran aus dem Stall, dann kam das Miezchen, und ihm folgte der Joggi auf dem Fuß.

Draußen sagte Otto dem Joggi: “Das kannst du mitnehmen, wir gehen nun heim und du auch, dort hinunter.”

Da schüttelte Joggi den Kopf und stellte sich hinter das Miezchen. So gingen alle drei weiter, den Hang hinauf, voran der Otto, dann Miezchen, dann der Joggi. Die Mutter sah den Zug herankommen, und ihr Herz wurde ganz erleichtert, als sie sah, wie der Joggi hinter dem Miezchen herschritt, den roten Zuckerhahn in der Hand hielt und immerfort vergnüglich lachte.

So traten die drei ins Haus und in die Stube, und hier holte das Miezchen geschäftig einen Stuhl, nahm den Eßkorb zur Hand und winkte dem Joggi, daß er komme. Als er dann am Tisch saß, legte es alles, was im Korb war, vor ihn hin und sagte: “Iß du jetzt nur, Joggi, und iß du nur alles auf und sei nun ganz fröhlich.”

Da lachte der Joggi und aß die beiden großen Würste und das ganze Brot und das ungeheure Stück Käse und dann noch die Krumen. Den roten Zuckerhahn hielt er die ganze Zeit über fest mit seiner linken Hand, schaute ihn an von Zeit zu Zeit und lachte vergnügt, denn Wurst und Brot hatte er wohl auch schon bekommen. Aber einen roten Zuckerhahn hatte ihm in seinem ganzen Leben noch niemand geschenkt.

Endlich ging der Joggi den Hang hinunter. Voller Freude schauten die Mutter, Otto und Miezchen ihm nach. Er hielt seinen Zuckerhahn bald in der einen, bald in der anderen Hand, lachte immerzu und hatte seinen Schrecken ganz vergessen.

Seit drei Tagen hatte die Frau Oberst den Schreiner Andres nicht besucht. Es hatte sich so vieles ereignet in diesen Tagen, daß sie gar nicht begriff, wie die Zeit dahingegangen war. Doch konnte sie ja beruhigt sein, sie wußte, daß der Andres gut verpflegt und dazu auf dem besten Weg der Genesung war.

Ihr Mann hatte gleich am Morgen nach seiner Rückkehr aus der Stadt den Andres besucht, um ihm die Entdeckung und die Festnahme seines Bruders selbst mitzuteilen. Andres hatte ganz ruhig zugehört und dann gesagt: “Er hat es so haben wollen. Es wäre doch besser gewesen, er hätte mich um ein wenig Geld gebeten. Ich hätte es ihm ja gegeben. Aber er hat immer lieber geprügelt als geredet.”

Jetzt trat die Frau Oberst am sonnigen Wintermorgen aus ihrer Tür und stieg fröhlich den Berg hinunter. Denn sie beschäftigte sich in ihrem Innern mit einem Gedanken, der ihr gut gefiel. Als sie die Haustür aufmachte beim Schreiner Andres, kam Wiseli eben aus der Stube heraus. Seine Augen waren ganz aufgeschwollen und hochrot vom Weinen. Es gab der Frau Oberst nur flüchtig die Hand und lief scheu in die Küche hinein, um sich zu verstecken.

So hatte die Frau Oberst das Wiseli noch nie gesehen. Was konnte
da geschehen sein? Sie trat in die Stube. Da saß am sonnigen
Fenster der Andres und sah aus, als sei ein noch nie erlebtes
Unheil über ihn hereingebrochen.

“Was ist denn hier geschehen?” fragte die Frau Oberst und vergaß im
Schrecken guten Tag zu sagen.

“Ach, Frau Oberst”, stöhnte Andres, “ich wollte, das Kind wäre nie in mein Haus gekommen!”

“Was”, rief sie noch erschrockener aus, “das Wiseli? Kann dieses
Kind Ihnen ein Leid angetan haben?”

“Ach, um Himmels willen, nein, Frau Oberst, so meine ich es nicht”, entgegnete Andres aufgeregt. “Aber nun ist das Kind bei mir gewesen und hat mir ein Leben gemacht in meinem Häuschen, wie im Paradies. Und jetzt muß ich das Kind wieder hergeben, und alles wird viel öder und leerer um mich her sein als vorher. Ich kann es nicht aushalten. Sie können sich gar nicht denken, wie lieb mir das Kind ist. Ich kann es nicht aushalten, wenn sie mir’s wegnehmen. Morgen muß es gehen, der Onkel hat schon zweimal den Buben geschickt. Es müsse nun zurückkommen, morgen müsse es sein. Und dann ist noch etwas, das mir fast das Herz zersprengt. Seitdem der Onkel den Buben geschickt hat, ist das Kind ganz still geworden und weint heimlich. Es will es nicht so zeigen, aber man kann’s sehen, es fällt ihm schwer zu gehen. Und morgen muß es sein. Ich übertreibe nicht, Frau Oberst. Aber das kann ich sagen. Alles, was ich seit dreißig Jahren erspart und erarbeitet habe, gäbe ich seinem Onkel, wenn er mir das Kind ließe.”

Die Frau Oberst hatte den aufgeregten Andres zu Ende reden lassen.
Jetzt sagte sie ruhig: “Das würde ich nicht tun an Ihrer Stelle.
Ich würde es ganz anders machen.”

Andres schaute sie fragend an.

“Seht, Andres, so würde ich es machen. Ich würde sagen: ‘All mein wohlverdientes Gut will ich jemandem zurücklassen, der mir lieb ist. Ich will das Wiseli an Kindesstatt annehmen, ich will sein Vater sein, und es soll als mein Kind in meinem Haus bleiben.’ Würde Ihnen das nicht gefallen, Andres?”

Der Andres hatte lautlos zugehört, und seine Augen waren immer größer geworden. Jetzt ergriff er die Hand der Frau Oberst und drückte sie.

“Kann man das wirklich machen? Könnte ich sagen: das Wiseli ist mein Kind, mein eigenes Kind, und niemand hat mehr ein Recht an dem Kind, und kein Mensch kann es mir mehr nehmen?”

“Das können Sie, Andres”, versicherte die Frau Oberst. “Sobald das Wiseli Ihr Kind ist, hat kein Mensch mehr ein Recht auf das Kind. Sie sind der Vater. Und weil ich mir gedacht hatte, Sie könnten den Wunsch haben, das Wiseli zu behalten, so habe ich meinen Mann gebeten, heute nicht fortzugehen, falls Sie etwa zur Stadt in die Kanzlei fahren würden, daß alles bald festgesetzt werde, denn zu Fuß können Sie noch nicht gehen.”

Andres wußte gar nicht, was er tat vor Aufregung und Freude. Er lief dahin und dorthin und suchte den Sonntagsrock. Dann rief er immer wieder: “Ist es auch sicher wahr? Kann’s auch sein?” Dann stand er wieder vor der Frau Oberst und fragte: “Kann es jetzt sein, gleich jetzt, heute noch?”

“Gleich jetzt”, versicherte sie. Doch gab sie nun dem Schreiner Andres die Hand zum Abschied, sie mußte gehen und ihrem Mann mitteilen, daß Andres schon reisefertig sei.

“Sie sollten es dem Wiseli erst am Abend sagen, wenn alles gut eingeleitet ist”, bemerkte die Frau Oberst noch unter der Tür.

“Ja, sicher, sicher”, gab Andres zur Antwort. “Jetzt brächte ich ohnehin kein Wort hervor.”

Als die Tür sich schloß, setzte sich Andres auf seinen Stuhl und zitterte an Händen und Füßen so sehr, daß er meinte, er könne nie mehr aufstehen. So waren ihm die Freude und Aufregung in alle Glieder gefahren. Es dauerte kaum eine halbe Stunde, da kam schon der Wagen des Obersten angefahren und hielt am Gärtchen des Schreiners. Und zu Wiselis unbeschreiblichem Erstaunen stieg der Knecht von seinem Sitz herunter, kam herein, und nach wenigen Minuten sah es, wie er wieder herauskam, den Schreiner Andres mit beiden Armen festhielt und ihm dann in den Wagen half.

Wiseli schaute dem Fuhrwerk nach, als bewege sich etwas Unfaßliches vor seinen Augen, denn der Schreiner Andres hatte kein Wort mehr zu ihm sagen können, nicht einmal, daß er ausfahren werde.

Jetzt ging Wiseli in die Stube hinein und setzte sich ans Fenster, wo sonst der Schreiner Andres saß. Und es konnte nichts anderes mehr denken als nur immerzu: Heute ist der letzte Tag, und morgen muß ich zum Onkel gehen.

Als der Mittag herankam, ging Wiseli in die Küche hinaus und machte zurecht, was der Andres essen sollte. Aber er kam nicht, und es wollte nichts essen, wenn er nicht dabei war. So ging es wieder hinein, und sofort stand der traurige Gedanke wieder vor ihm.

Aber endlich wurde es so müde vom Nachdenken, daß sein Kopf ihm auf die Schulter fiel und es fest einschlief. Aber noch im Schlaf mußte es immer sagen: “Und morgen muß ich zum Onkel gehen.” Und Wiseli sah nicht, wie leise der helle Abendschein in die Stube fiel und einen schönen Tag verkündigte.

Wiseli schreckte hoch, als jemand die Stubentür öffnete. Es war der Schreiner Andres. Das Glück leuchtete ihm aus den Augen wie heller Sonnenschein, so hatte ihn Wiseli noch nie gesehen. Es schaute verwundert zu ihm auf. Jetzt mußte er auf seinen Stuhl sitzen und Atem holen vor Rührung, nicht vor Erschöpfung. Dann rief er mit triumphierender Stimme: “Es ist wahr, Wiseli, es ist alles wirklich wahr! Die Herren haben alle ja gesagt. Du gehörst mir, ich bin dein Vater, sag mir einmal ‘Vater’!”

Wiseli war ganz schneeweiß geworden. Es stand da und starrte den
Andres an, aber es sagte kein Wort und bewegte sich nicht.

“Ja so”, fing Andres wieder an, “du kannst es ja nicht begreifen, es kommt mir alles durcheinander vor Freude. Jetzt will ich von vorn anfangen. Siehst du, Wiseli, jetzt eben habe ich es in der Kanzlei unterschrieben. Du bist jetzt mein Kind, und ich bin dein Vater, und du bleibst hier bei mir für immer und gehst nie mehr zurück zum Onkel. Hier bist du daheim, hier bei mir.”

Jetzt hatte Wiseli alles begriffen. Auf einmal sprang es auf den Andres zu, umfaßte ihn mit beiden Armen und rief: “Vater! Vater!” Der Andres brachte kein Wort mehr hervor und das Wiseli auch nicht, denn es kam so viel zusammen im Herzen und in den Gedanken, daß es ganz überwältigt wurde. Aber mit einemmal war es, als ob ihm ein helles Licht aufginge. Es schaute den Andres mit leuchtenden Augen an und rief. “O Vater, jetzt weiß ich, wie es zugegangen ist und wer uns geholfen hat.”

“So, so, und wer denn, Wiseli?” fragte er.

“Die Mutter!” war die rasche Antwort.

“Die Mutter?” wiederholte Andres, ein wenig erstaunt. “Wie meinst du das, Wiseli?”

Jetzt erzählte das Kind, wie es die Mutter gesehen hatte, ganz deutlich, wie sie es bei der Hand genommen und ihm einen sonnigen Weg gezeigt und gesagt hatte: Sieh, Wiseli, das ist dein Weg.

“Und jetzt, Vater”, fuhr Wiseli eifrig fort, “jetzt ist mir auf einmal in den Sinn gekommen, wie der Weg war, gerade so, wie der draußen im Garten, wenn die Sonne darauf scheint und die Nelken so rot glühen und auf der anderen Seite die Rosen. Und die Mutter hat ihn schon gekannt und hat gewiß das ganze Jahr den lieben Gott gebeten, daß ich auf den Weg kommen dürfe. Sie hat schon gewußt, wie gut ich es bei dir haben würde, wie sonst nirgends auf der ganzen Welt. Das glaubst du jetzt auch, Vater, daß alles so gegangen ist, nicht wahr, seit du weißt, daß die Mutter mir den Weg bei den Nelken gezeigt hat?”

Der gute Andres konnte nichts sagen, die hellen Tränen liefen ihm die Wangen hinunter. Dabei aber lachte ihm eine solche Freude aus den nassen Augen, daß es dem Wiseli nicht bange wurde.

Als er aber endlich etwas sagen wollte, da hörte man nichts davon.
Denn in dem Augenblick wurde mit einem Krach die Tür aufgeschlagen,
und herein sprang mit einem Satz bis mitten in die Stube der Otto.
Dann machte er noch einen großen Sprung über einen Stuhl und rief:
“Juhe, wir haben gewonnen, und das Wiseli ist erlöst!”

Hinter ihm stürzte das Miezchen hervor, rannte gleich auf seinen
Freund los und sagte mit bedeutungsvollem Winken gegen die Tür hin:
“Jetzt, Andres, wirst du gleich sehen, was zum Genesungsfest kommt!”

Und da kam schon der Bäckerjunge herein mit einem so ungeheuren Brett auf dem Kopf, daß er in der Tür steckenblieb und nicht damit weiter konnte. Aber von hinten kam eine kräftige Hand, die hob und schob und stützte das wankende Gebäude, bis es glücklich in der Stube angelangt und auf den Tisch gesetzt war, den es gänzlich bedeckte. Denn Otto und Miezchen hatten Sparbüchsen geopfert und zum Genesungsfest den allergrößten Rahmkuchen machen lassen, den ein Mensch machen könnte. Da er nun zu klein geworden wäre als runder Kuchen, so hatte man ihn viereckig gemacht, so daß er den Ofen ausfüllte von vorn bis hinten und nun den ganzen Tisch bedeckte.

Auf den Boden stellte nun die Trine, die hinter dem Bäckerjungen hilfreich hereingekommen war, ihren großen Korb. Da waren ein schöner Braten darin und Wein dazu, denn die Frau Oberst hatte gesagt, heute habe der Andres gewiß noch keinen Bissen gegessen. Und vielleicht das Wiseli ebenfalls nicht, und so war es auch. Jetzt merkte auch das Wiseli, daß es hungrig war, als es alle die einladenden Sachen vor sich sah.

Nun setzte sich die ganze Gesellschaft an den Tisch, und man konnte gar nicht absehen, wer von allen das fröhlichste Gesicht hatte. Vor allem mußte der Riesenkuchen in der Mitte zerschnitten und die Hälfte auf den Boden gelegt werden, daß man Platz bekam. Nun folgte ein fröhliches Festessen, denn jedem, der an diesem Tisch saß, war sein höchster Wunsch in Erfüllung gegangen.

Als es nun spät geworden war unter all der Freude und man endlich vom Tisch aufstehen mußte, sagte Andres: “Heute habt ihr ein Fest bereitet. Aber am Sonntag will ich auch eins bereiten, dann kommt ihr wieder. Und das soll das Fest des Einstands sein für mein Töchterchen.”

Nun schüttelten sich alle die Hände in der frohen Aussicht auf ein neues herrliches Fest und auf die immerwährende Befriedigung, das Wiseli beim Schreiner Andres zu wissen. In der Tür aber gab Wiseli dem Otto noch einmal die Hand und sagte: “Ich danke dir hunderttausendmal für alles Gute, Otto. Der Chäppi hat mir auch nie mehr etwas an den Kopf geworfen, weil er nicht durfte. Das habe ich nur dir zu danken.”

“Und ich danke dir auch, Wiseli”, entgegnete Otto. “Ich habe gar nie mehr die Fetzen auflesen müssen in der Schule. Das habe ich nur dir zu danken.”

Nun war in dem Stübchen alles still geworden, und der Mondschein kam leise durchs Fenster herein, bei dem der Schreiner Andres saß, während Wiseli abräumte. Dann kam das Kind zu ihm und sagte: “Vater, soll ich dir nicht den Liedervers der Mutter laut vorbeten? Ich habe ihn heute abend immer wieder leise für mich sagen müssen. Den will ich gewiß mein ganzes Leben lang nie vergessen.”

Andres wollte den Vers hören, und Wiseli schaute zu den Sternen auf und sagte tief aus seinem Herzen heraus:

(“Befiehl du deine Wege,
Und was dein Herze kränkt,
Der allertreusten Pflege
Des, der den Himmel lenkt.)

(Der Wolken, Luft und Winden
Gibt Wege, Lauf und Bahn,
Der wird auch Wege finden,
Wo dein Fuß gehen kann.”)

Von diesem Tag an war und blieb das allerglücklichste Haus im ganzen Dorf und im ganzen Land das Häuschen des Schreiners Andres mit dem sonnigen Nelkengarten. Wo seither das Wiseli sich blicken ließ, da waren alle Leute so freundlich mit ihm, daß es nur staunen mußte. Denn vorher hatten sie es nie beachtet, und der Onkel und die Tante gingen nie am Haus vorbei, ohne schnell hereinzukommen, ihm die Hand zu geben und zu sagen, es solle auch zu ihnen kommen.

Über diese Wendung war das Wiseli froh, denn es hatte immer heimlich Angst gehabt beim Gedanken, was der Onkel zu allem sagen werde. So war Wiseli von aller Furcht befreit und war fröhlich. Im stillen aber dachte es: Der Otto und seine Familie waren gut mit mir, als es mir schlechtging und ich niemanden mehr auf der Welt hatte. Aber die anderen Leute sind erst freundlich mit mir geworden, seit es mir gutgeht und ich einen Vater habe. Ich weiß ganz gut, wer es am besten mit mir meint.

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