Heinrich Zschokke – Der König von Akim

An den abendlichen Küsten Afrika’s breitet sich unter der heißen Sonne, aber im Schatten von Mangobäumen, Palmen, Cedern, Wunderbäumen und Gummiwäldern, ein weites Land aus. Man nennt es Guinea. Die schwarzen Ureinwohner desselben, die Neger, lebten darin von jeher, und heut noch, unter verschiedenen Königen, und gaben ihren Reichen verschiedene Namen. Die Europäer aber, die weit klüger sind, bekümmerten sich, als sie das Land zum erstenmal sahen, wenig um die Geographie der Mohren, sondern machten sich auf der Stelle eine neue. Guinea, das Land, wo sie den Goldstaub zu ihren Guineen fanden, teilten sie auf der Stelle in neue Bezirke, und gaben denselben Namen nach den Gegenständen ihrer Habsucht, die dort Befriedigung suchte. So stehen die Namen noch heutiges Tages in den europäischen Karten von Afrika, z. B. Pfefferküste, Elfenbeinküste, Sklavenküste, Goldküste u. s. w. Die krämernden Europäer hätten aus der ganzen Welt gern eine Krämerbude gemacht, und jeden Weltteil zu einer Wand ihres Kramladens, wo sie die Länder der Menschen wie Schubladen und Warenkisten ansehen könnten.

Einen großen Teil der Goldküste füllt das Königreich Akim aus. Es liegt zum Glück aber wohl ein halbes Hundert Meilen vom Seeufer. Daher konnten es die frommen und weisen Europäer nicht so schnell verwüsten und elend machen.

Inzwischen hatte der König von Akim, Namens Frempung, von der Erscheinung der weißen Seeungeheuer gehört. So nannten die unwissenden Neger sehr unverschämt uns liebenswürdige Europäer. Sie, die bekanntlich kohlschwarz sind, und statt unsers langen braunen, schwarzen oder goldnen Haares nur krauses, wolliges Haar à la Titus tragen, nannten uns Seeungeheuer! – Das ist aber der Zauber der Gewohnheit. Für die schwarzen Herren und Damen in Guinea ist nichts in der Welt so anmutig, als eine feine, samtene Haut, dunkel wie Ebenholz. Man weiß ja, wenn die reisenden Engländer, Adanson oder Mungo Park, durch afrikanische Dörfer wanderten, wo man noch die europäische Grazie nicht zu bewundern Gelegenheit gehabt hatte, daß die Kinder der Neger mit entsetzlichem Geheul und Schrecken auf den Gassen beim Anblick der weißhäutigen Reisenden davon rannten. Die Weiber des Maurenkönigs Ali, die den Mungo Park auch gern gesehen hätten – denn die Frauen und Mädchen in Afrika sind sehr neugierig – ließen nicht nach zu bitten und zu quälen, bis ihnen Ali den Engländer vorstellte. Ali stellte sonst seinen Schönen nicht gern hübsche Männer vor; aber ihnen das weiße Seeungeheuer zu zeigen, machte ihm keine Eifersucht. Er bat sie nur, sich auf das Schauerlichste gefaßt zu machen, und nicht allzusehr zu erschrecken. Und doch, als die niedlichen schwarzen Mädchen den reisenden Engländer erblickten, waren einige nahe daran, in Ohnmacht zu fallen, gewiß aber nicht vor Entzücken. Denn auch die Herzhaftesten, so oft sie sich dem Herrn Mungo Park näher machen wollten, wurden immer von einem unüberwindlichen Grausen überrascht und zurückgedrängt. Wie würde es nun nicht erst werden, wenn eine unserer reizenden, blauäugigen Blondinen in den Palast eines Monarchen der Neger träte? Ein Mädchen mit dicken Goldlocken, wie gekräuselte oder geflochtene Sonnenstrahlen, mit einer Stirn, mit einem Nacken, Hals und Busen, weiß wie frisch gefallener Schnee; mit Wangen, wie Rosenglut; mit Händen und Armen, wie Alabaster, vom zarten blauen Geäder schattiert? – Hilf Himmel! Dies Mädchen, welches man bei uns ohne Umstände zu den Engeln zählen möchte, für das sich unsere Siegwarte und Werther totschössen, auf welches Kling- und Klanggedichte zu Dutzenden und Hunderten gereimt würden – ich wette, die Neger ließen sich beim Anblick dieser Lilien- und Rosenfrische nicht ausreden, man habe dem armen Kinde bei lebendigem Leibe die Haut abgezogen.

Zu dergleichen Hautabziehereien glauben uns die Neger in ihrer Unwissenheit übrigens sehr fähig. Denn Einige halten uns geradezu für Menschenfresser, und geben uns in ihrer ungebildeten Sprache einen Namen, der auf Deutsch ungefähr so viel wie fleischfressender Teufel heißt. Ich kann mir aber wohl erklären, woher dieser abscheuliche Name gekommen sein mag. Wenn nämlich die aus dem Innern Afrika’s auf die Europäerschiffe geschleppten schwarzen Sklaven untersucht wurden, ob sie gesund, und welchen Preis sie wert wären: so mochten die armen Unwissenden sich natürlich wundern, daß man ihnen alle Glieder durchtastete und befühlte, was nach ihren rohen Begriffen für höchst schamlos gelten konnte, und allenfalls einem Metzger beim Viehkauf erlaubt war. Folglich blieben sie im Wahn, man habe sie gekauft, um sie zu schlachten und zu verzehren.

Um die Wahrheit zu sagen, müssen wir jedoch aber auch gestehen, daß wir Europäer ehemals die schwarzen Leute auch nicht für rechte eigentliche Menschen hielten, sondern für eine Art Tier, das zwischen Affen- und dem Menschengeschlechte stehe. Unsere großen Gelehrten bewiesen uns schwarz auf weiß in ihren unsterblichen Werken, mit Kupferstichen verziert, daß die Schwarzen, schon wegen ihres Knochenbaues, weit weniger Verstand hätten, als wir andern ehrlichen Leute. Seit aber Neger und Negermädchen recht artige Gedichte machten, die feinsten Berechnungen vollendeten, Predigten hielten, in europäischen Diensten Feldherren europäischer Truppen wurden, ja auf der Insel Haiti Republiken und Königreiche einrichteten, wo sie Schulen, Fabriken, Schiffswerften, Kanonengießereien und sogar Verfassungen und Gesetze haben, die sich mancher gescheite Mann sogar in manches europäische Ländchen hineinwünschen möchte, ja, seitdem hat sich die Meinung vom Verstand der Neger etwas geändert, und die großen Gelehrten mit ihren unsterblichen Werken sehen seitdem etwas unverständig aus.

Ich habe aber den König von Akim vergessen. Von ihm und seiner ersten Zusammenkunft mit europäischen Gesichtern wollte ich erzählen.

Wie gesagt, der König hatte von den weißen Seeungeheuern gehört, die über das Meer gekommen und aus einem großen hölzernen Kasten ans Ufer gekrochen wären. Reisende, welche diese Geschöpfe mit eigenen Augen gesehen hatten, behaupteten: die Ungeheuer hätten auffallende Ähnlichkeit mit Menschen, gingen aufrecht auf zwei Beinen, und hätten eine Stimme, mit der sie allerlei Töne machten, die vermuten ließen, daß sie sich dadurch, gleich andern Tieren, verständlich zu machen wüßten. Sie wären aber unter einander nicht Alle gleichgestaltet, auch nicht Alle von gleicher Farbe; zwar im Gesicht von ekelhafter Weiße, aber am Leibe meistens bunt und zottig, Einige blau, Einige grün, Einige rot und so weiter. Wieder andere Reisende versicherten und beschworen, die ans Land gekrochenen Seegeschöpfe wären keine Menschen, sondern eine Art Seeteufel. Mehrere derselben hätten unter der Nase lange Haare. Sie tränken am liebsten ein Wasser, das kein Mensch genießen könne; denn wenige Tropfen davon in den Mund genommen, verursachten ein Brennen, wie Feuer. Auch hätten sie Keulen aus der Tiefe des Meeres mitgebracht, in welchen der Blitz und Donner läge. Richteten sie die Keule gegen einen Vogel in der Luft, so stürze der Vogel, wie von einem Pfeile getroffen, auf das Blitzen und Krachen der Keule tot zu Boden.

Der König von Akim, ein sehr verständiger und einsichtsvoller Herr, war über alle diese Anzeigen sehr verwundert. Vieles davon glaubte er nicht und hielt es für Lüge. Indessen wiederholten sich die Nachrichten. Sein Erstaunen erreichte den höchsten Grad, als endlich ein rechtschaffener und wegen seiner Verständigkeit geschätzter Mann seines Reiches von einer Reise zurückkam, die derselbe in Handelsgeschäften an der Küste gemacht hatte. Auch dieser hatte die Meergeburten mit eigenen Augen gesehen, und er erklärte vor dem Könige, seinem Herrn, da er berufen worden war: er halte bestimmt jene Wesen für Menschen aus einer andern Welt. Den Beweis führte er, sehr einleuchtend, mit folgenden von ihm selbst sehr sorgfältig beobachteten Tatsachen:

»Es gibt an der Küste Einige unsers Geschlechts, welche die Sprache jener Figuren gelernt haben, und sogar mit ihnen reden können. Diese Erfahrung hat man noch nie an andern Tieren machen können; folglich müssen es Menschen sein. Ob sie von Gott aber Vernunft in dem Maße erhalten haben, wie wir, das weiß ich nicht; doch bezweifle ich’s beinahe. Denn sie können zwar zuweilen sehr vernünftig scheinen, aber häufig tun sie das Gegenteil. Ihre größte Lust ist, von dem brennenden Wasser zu trinken; darauf werden sie ganz närrisch, lachen und schreien, taumeln und können nicht aufrecht stehen, umarmen, schlagen und verwunden sich, hüpfen und springen, bis sie in Schlaf verfallen. Wenn sie erwachen, scheinen sie wieder verständig zu sein.

Auch haben sie Sinn für den Tanz. Ich habe bemerkt, daß, wenn Einer unter ihnen mit einem haarigen Stecken über ein hohles Holz streicht, über das man kleine, zusammengedrehte und gedörrte Därme von Tieren gespannt hat, die Andern bei dem Gezirpe, das von den gestrichenen Därmen entsteht, ein Zucken in den Füßen bekommen, Andere mit abgemessenen Schritten umhergehen, Andere mit hüpfenden Schritten rechts und links fahren.

Ferner habe ich bemerkt, daß sie eine Art bezauberten Zettel haben, mit denen sie sich viel zu schaffen machen. Es setzen sich zwei, drei bis vier Personen zusammen, nehmen die buntgemalten Zettel, die alle gleich groß sind, mischen sie durch einander und verteilen sie unter sich. Dann starrt Jeder die Blättlein an und wendet kein Auge davon. Plötzlich äußert der Zauber seine Wirkung. Denn einige werden sehr ernsthaft und finster; Andere lachen mit abscheulicher Schadenfreude; Andere strahlen vor Vergnügen, als wäre ihnen viel Heil widerfahren; Andere sehen finster und traurig, Manche zuletzt so verzweifelnd aus, als wäre ihnen das Liebste in der Welt gestorben.

Ich läugne nicht, zuweilen kam es mir auch vor, als hätten diese Wildmenschen eine Art Religion, was man doch sonst nicht bei Tieren bemerkt. Ihre gottesdienstlichen Gebräuche sind aber, wie man leicht denken kann, sehr albern und roh. Man sieht da Einen, der am Leibe zwar schwarz, übrigens aber gestaltet ist, wie die Andern. Den umringen Alle. Dann fangen sie an insgesamt mit lauter Stimme zu heulen, was viel Ähnliches mit unserm Gesang hat. Haben sie sich müde geschrien und schweigen sie, so redet der Schwarze wohl eine Stunde lang ganz allein, zeigt viel auf die Wolken, ficht mit den Händen hitzig umher, als ermuntere er sie zur Schlacht, und schreit dabei so heftig, als wenn alle taub wären. Die übrigen Leute sitzen, knien oder stehen umher. Einige scheinen aufmerksam auf das Geschrei des Schwarzen zu horchen; Andere plaudern leise; Andere schlafen sehr fest; Andere weinen, Andere verdrehen die Augen stark im Kopfe, als müßten sie auf der Stelle den Geist aufgeben. Wie der Schwarze zu erzählen aufhört, sind Alle wieder munter, fangen ihr gesangartiges Geschrei von neuem an, und gehen Einer um den Andern zum Schwarzen, der ihnen etwas zu essen und zu trinken gibt.«

Der König von Akim schüttelte den Kopf, wie man bei sonderbaren oder unglaublichen Dingen, die man doch nicht ganz und gar wegläugnen kann, wohl zu tun pflegt. Seine Neugier war aufs höchste gespannt, eines der seltsamen Meergeschöpfe, wo möglich lebendig, zu sehen. Denn was man ihm alles gemeldet hatte, war voller Widersprüche.

Er berief seine erfahrensten und kenntnisreichsten Diener und Räte zu sich, ihre Meinung zu vernehmen. Einige der Ältesten unter denselben sprachen: »Frempung, du gewaltiger König und großer Held, hüte dich, eine jener Mißgeburten der Natur in unser glückliches Land einzuführen. Denn mit Recht fürchten wir, Unglück davon zu erleben. Wäre es nicht der Stärke deiner Vorfahren, unserer Könige, wäre es nicht deiner eigenen Macht ein Leichtes gewesen, das Reich Akim bis an die Grenzen der bewohnten Erde auszudehnen? Aber unsere Nation hütete sich wohl, ihr Gebiet bis an das große, unendliche Salzwasser zu erweitern, welches Gott den Ungeheuern zur Wohnung anwies. Möge dort die Sonne jeden Abend hinabsteigen, um sich zu reinigen und zu stärken, auf daß sie am Morgen kräftiger hinter den blauen Bergen emporsteigen könne: für uns ist dort kein Glück. Denn die Sonne schwängert das große Salzwasser mit ihrem Feuer. Von dort her gehen die Gewitter in finstern Wolken, die verwüstenden Stürme hervor, die Donner und Feuerflammen der Regenzeit. Von dort her sind auch jene menschenartigen Ungeheuer hervorgegangen, welche in ihren Keulen den Blitz tragen und in Wassergestalt feurige Glut saufen.«

So sprachen die Ältesten von den Räten. Aber die Jüngern derselben, so neugierig wie der König selbst, meinten: es gezieme doch einem Könige und seinem Rate, Alles, was erscheine, genau zu untersuchen, ob es etwas Schädliches oder Heilsames sei, um das Volk darüber belehren zu können. Vor allen Dingen käme es darauf an, daß man sich erst überzeugen müsse, ob jene Auswürflinge des großen Salzwassers in der Tat Menschen wären.

Wie es gewöhnlich in Europa an den Höfen geht, so ging es auch am Hofe zu Akim. – Frempung erzählte, was im geheimen Rate vorgefallen war, seiner Geliebten, einer niedlichen, kaum fünfzehnjährigen Mandingo. Diese ward nun auf der Stelle von der heftigsten Begierde geplagt, die wunderlichen Dinge aus dem Salzwasser zu beaugenscheinigen. Sie bat den König aufs schmeichelhafteste, davon kommen zu lassen.

Nach der Beschreibung, welche man uns von dieser jungen Mandingo gegeben hat, muß sie eine wahre Neger-Venus gewesen sein. Die Farbe ihrer Haut war eine Mischung von Ebenholz und Rosen. Durch ihr klares und durchsichtiges Schwarz schimmerte ein süßes Rot, wie ein Morgenrot in finsterer Nacht, oder ein mildes Wetterleuchten durch düsteres Gewölk. Ihre großen, schönen Augen strahlten Liebe und Zärtlichkeit; ihr kleiner Mund, der beim leisesten Lächeln ein Paar Reihen glänzendweißer Zähne, wie zwei helle Perlenreihen, zeigte, schien nur Wollust zu atmen. Man denke sich dazu einen niedlichen, kleinen, eirund geformten Kopf, einen geraden, schönen Hals, die feinsten Umrisse der Schultern, des Rückens, des zart gewölbten Busens, und man wird es begreiflich finden, daß der König von Akim lieber gestorben wäre, als daß er die Bitte der liebenswürdigen Mandingo unerhört gelassen hätte. Also schickte er von seinen tapfersten Kriegern eine ausgewählte Gesandtschaft zur Meeresküste, um die Söhne des Meeres, wenn sie wahrhafte mit Vernunft begabte Sterbliche wären, einzuladen, einen der Ihrigen an seinen Hof zu senden, oder, wenn es sich zeigen würde, daß es nur noch unbekannte Tiere wären, eins derselben lebendig einzufangen.

Die Gesandtschaft reisete ab, und fand die Europäer an der Küste in einem Dorfe freundlich und friedselig bei den dortigen Negern. In der Ferne sah man auf dem Meere ein großes Schiff mit vielen Masten und Wimpeln. Es waren Dänen, die da gekommen waren, an der Goldküste im Königreich Akra eine Niederlassung für den Handel neu blühend zu machen. Diese hörten mit Vergnügen, daß ein König im Innern Afrika’s wünsche, mit ihnen Bekanntschaft anzuknüpfen. Ihrer Einbildungskraft spiegelten sich sogleich tausend angenehme Möglichkeiten vor, Goldstaub, Gummi, Elfenbein, Diamanten, auch andere Schätze, und Sklaven dazu, in Fülle zu bekommen. Der Herr Buchhalter Kamp ward demnach ausersehen, in Begleitung der Gesandtschaft, nebst einem Dolmetsch, nach Akim zu reisen.

Er gelangte ohne Schwierigkeit zur Hauptstadt Frempungs, und schon den Tag nach seiner Ankunft sollte er die Ehre haben, dem Monarchen vorgestellt zu werden. Der Herr Buchhalter Kamp, ein ehrbarer, verständiger Mann, kleidete sich aufs beste und ging.

Frempung, umringt von seinen Vornehmen allen, erwartete ihn schon, auf seinem Kissen sitzend, nicht ohne Herzklopfen. Links und rechts standen an den Seiten des Audienzsaals über hundert hübsche Negerinnen, begierig, das Ding aus dem Salzwasser zu sehen. Endlich kam es herein. Als man den Herrn Buchhalter Kamp erblickte, in zierlichem Rock, seidenen Strümpfen, schwarzen Schuhen mit silbernen Schnallen, auf dem Kopfe eine weißgepuderte Zopfperücke – überfiel Alle ein Schauder. Zwar Jeder hatte sich vorher schon eine abenteuerliche Vorstellung von dem kleinen Ungeheuer gemacht, aber so etwas Mißgestaltetes hatte sich Niemand vorgestellt. Jeder und jede von den schlanken Negern und Negerinnen glaubte nämlich ganz treuherzig, Rock, Weste, Hosen und Strümpfe wären von Gott erschaffene Teile des buchhalterlichen Leibes, und ungefähr so, wie bei andern Tieren Fell und Feder, angewachsen.

Unter dieser Voraussetzung machte Herr Kamp in seinem dänischen Bratenrocke nun freilich neben den nackten, schlankgeformten, kräftigen Negergestalten ungefähr einen eben so komischen Abstich, wie ein französischer Tanzmeister neben der reizenden Götterbildung eines Apollino; oder wie ein Friedrich der Große, mit dreieckigem großen Hut, Soldatenrock mit Aufschlägen, verschrumpften Hosen, und Stiefeln über die Knie, nebst einem Achilles; oder wie ein kurzer, dicker, kleinhutiger Napoleon in Infanterie-Uniform neben der edeln Haltung eines Alexander.

Dem Hofe von Akim aber verging bald das Lachen, wozu einige hübsche Mädchen, besonders die schöne Mandingo, anfangs gute Lust hatten. Denn das Ding aus dem Salzwasser ging geradezu auf den König los, dem dabei nicht ganz wohl zu Mute ward.

Der ehrliche dänische Buchhalter, welcher in Europa für einen Mann gegolten, der sich auch auf gute Lebensart zu verstehen wisse, wollte hier am Hofe eines großen afrikanischen Königs nicht im guten Ruf zurückkommen. Sobald er noch zehn Schritte vom Monarchen entfernt war, verbeugte er sich höflich, indem er einen langen Kratzfuß machte. Der König aber verstand das Manöver aus der französischen Tanzschule ganz unrecht. Wie er sah, daß sich das Ding aus dem Salzwasser so bückte und mit dem einen Fuße hinten ausfuhr, glaubte er, er wolle einen Satz machen und ihm auf den Kopf springen. Denn schon wie Herr Kamp hereingetreten war und sich links und rechts umgesehen hatte, war vom Könige der Zopf an der Perücke wahrgenommen worden. Frempung schloß daraus sogleich, das Geschöpf müsse zu einer unbekannten großen Gattung langgeschwänzter Affen gehören. So wie also Herr Kamp die oben gemeldete Bewegung machte, streckte sich der König blitzschnell lang auf die Erde, in der Hoffnung, daß der Sprung des Buchhalters über ihn hinweggehen würde. Auch rief er seine Krieger zur Hilfe.

Der Däne mutmaßte gleich, daß hier ein unglückliches Mißverständnis obwalte. Er wandte sich an den Dolmetsch, erfuhr des Königs Besorgnis, und erwiderte untertänigst, daß das nur eine europäische Ehrenbezeugung habe sein sollen. Frempung, froh, mit dem Schrecken davon gekommen zu sein, befahl sehr ernst, ihm fortan mit dergleichen Ehrenbezeugungen vom Leibe zu bleiben.

Der Gesandte wollte nun die wiederhergestellte Ruhe benutzen, im Namen des königlich-dänischen Gouverneurs von Christiansborg die Wünsche der Kolonie zur Anknüpfung beiderseitig ersprießlicher Handelsverbindungen vorzutragen. Er hatte sich zu dem Ende auch einen Kasten mit allerlei Geschenken für den König in den Audienzsaal nachbringen lassen. Ehe er aber die Geschenke überreichte, begann er eine wohlstudierte Rede, deren Inhalt der Dolmetsch nachher in die Negersprache übersetzen sollte. Er nahm dazu eine feierliche Miene an, und hob an mit vielem Anstand von der Herrlichkeit und Macht Seiner dänischen Majestät zu reden.

Er ward aber in seiner Oration auf eine sehr ärgerliche Weise unterbrochen. Während nämlich der ganze Hofstaat das wunderliche Ding aus dem Salzwasser aufmerksam betrachtete, und das unverständliche Gequackel desselben hörte, fiel einem der Ratsherren des Königs von Akim ein, zu versuchen, ob das Ding auch ernsthaft beißen könne, und was von dieser Seite zu befürchten sei. Er nahm also einen langen weißen hölzernen Stab, und hielt ihn gegen den Mund des beredsamen Buchhalters. Als dieser sich dadurch nicht stören ließ, war der Ratsherr, welcher ein guter Naturforscher sein mochte, schon dreister, zuckte mit dem Stab her und hin, und sagte, um ihn zum Beißen zu reizen: »Gnrr! Gnrr!« Ja, da Herr Kamp im Preise der Hoheit seines Monarchen den Mund einmal zu weit öffnete, steckte ihm Jener den Stab ins Maul.

Diese Ungezogenheit brachte ihn ganz aus dem Texte. Doch faßte er sich und sagte zum Dolmetsch: er möge nun dem Könige kurz erklären, was er vorgetragen. Der König aber hörte darauf nicht, sondern weil er nun gesehen hatte, daß das Ungeheuer gar nicht bissig, sondern sehr zahm sei, ging er selbst zu ihm heran und befühlte ihn, oder vielmehr die Kleider. Am meisten erregte der Zopf der Perücke sein und des ganzen Hofstaats Verwunderung. Denn der ganze Hof glaubte, dies sei ein der Mißgestalt im Nacken festgewachsener langer Schwanz, wie er andern Tieren sonst über dem Gesäße angewachsen sei. Der Dolmetsch mochte versichern, wie er wollte, der Schwanz sei nicht festgewachsen, sondern könne samt dem Haarputze abgenommen werden: Niemand glaubte ihm. Der König begehrte endlich, der Fremde solle den Versuch machen und sich enthaaren, wenn er könne.

Die Zumutung kam dem dänischen Gesandten äußerst sonderbar vor und machte ihn fast verdrießlich. Er besann sich einen Augenblick, was zu tun sei, und nahm eine Prise. Mit Erstaunen beobachtete der Hofstaat, wie das Ding aus dem Salzwasser eine kleine Büchse öffnete, sehr pathetisch Staub daraus zwischen die Finger nahm und sich denselben in die Nasenlöcher stopfte. Der ganze Hof erhob ein unmäßiges Gelächter; besonders die hübschen Negerinnen konnten gar nicht aufhören zu lachen. Sie fanden das ungemein possierlich an dem langgeschwänzten Affen, und hätten viel darum gegeben, wenn er das noch einmal gemacht hätte.

Der Herr Buchhalter, dem es gar nicht in Sinn kam, daß diese Naturkinder über einen Akt seiner europäischen Kultur lachen möchten, hatte inzwischen überlegt und gefunden, daß sich zuweilen Gesandte an fremden Höfen viele Schurigeleien gefallen lassen müßten, um die Absichten der hohen Kommittenten zu erreichen. Er verstand sich demnach zu dem Punkt, welchen man in Betreff der Perücke von ihm verlangt hatte.

Wie er mit dem Daumen und Zeigefinger nun die gepuderte Haarwulst von oben ergriff und lüftete, entstand Todesstille im ganzen Saal. Alle standen mit weit aufgerissenen Augen erwartungsvoll da, und sahen das Unmöglich-Geschienene. Das Haar ließ vom Haupt und der lange Schwanz vom Nacken. Durch den Saal scholl ein »Ah!« der höchsten Verwunderung.

Wie aber der Buchhalter nun mit der einen Hälfte zwischen den Schultern sich rings umsah, und folglich bewies, daß er noch lebendig sei, erscholl abermals ein Gelächter, ein so heftiges, anhaltendes, gellendes, dergleichen wohl in Afrika noch niemals erhört war.

Der König, welchen dies Schauspiel sehr belustigte, ließ das wunderbare Ungetüm aus dem Salzwasser inständig bitten, sich auch noch die andere Hälfte des Kopfes, auch Arme und Beine abzunehmen. Denn Frempung hielt nun Alles für möglich. Der ehrsame Buchhalter geriet bei diesem Ansinnen in große Verlegenheit, besonders als er bemerkte, man halte ihn wirklich für kein vernünftiges Geschöpf Gottes, sondern für eine höchst merkwürdige Tierart. Bei so bewandten Umständen durfte er gar nicht einmal hoffen, einen Handelstraktat negoziieren zu können.

Er gab sich demnach alle Mühe, darzutun, daß er allerdings ein Mitglied des menschlichen Geschlechts sei; daß er, mit Ausnahme der Farbe und der Haare, vollkommen gestaltet sei, wie ein Neger; daß er wohl Kleider, mit denen sein Körper bedeckt wäre, aber nicht seine köstlichen, vom Schöpfer empfangenen Gliedmaßen ablegen könne.

Frempung schien noch zu zweifeln. Er verlangte, Herr Kamp solle, den Beweis vollständig zu leisten, die Kleider ablegen und in menschlicher Gestalt erscheinen. Kamp schickte sich in die Zeit, schlug es aber rund ab, sich in Gegenwart von mehr denn hundert hübschen Frauenzimmern auszukleiden; das sei ein Verstoß gegen alle gute Lebensart. Die Negerinnen konnten das nicht begreifen, und waren recht böse, daß er sie nicht zu Zeugen des Kunststücks machen wollte, sich, wie eine alte Schlange, die Haut vom Leibe zu streifen. Wenn er ein wahrhafter Mensch wäre, meinten sie, sollte er nicht scheu sein. Es wäre vielmehr höchst lächerlich, daß er kein Bedenken trüge, sich ihnen zu zeigen, wie er gar nicht beschaffen sei; hingegen von guter Lebensart rede, und Einwendungen mache, sich zu zeigen, wie er in der Tat gestaltet sei, da er denn doch schwerlich anders sein würde, als sie und die andern Personen im Saal.

Herr Kamp aber, der darin viel zu viel Zartgefühl und feinen Ton hatte, lehnte die Zumutungen der unschuldigen und treuherzigen schwarzen Schönen in den verbindlichsten Ausdrücken beharrlich ab. – Frempung also entschied. Ein Wink, und die Frauenzimmer entfernten sich.

Der Herr Buchhalter hielt nun Wort, und zog sich aus. Der König betrachtete die Operation mit wachsendem Erstaunen. Zuletzt sah er statt des Ungeheuers einen weißen Menschen vor sich stehen. Mit Furcht und Grausen betastete er eins um das andere von dessen Gliedern: sah immer mit einer Art Ekel oder Widerwillen dessen Hautfarbe an, und brach zuletzt in die Worte aus: »Es ist wahr, ein Mensch bist du. Aber du bist weiß, wie der Teufel.«

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Novalis – Allmächtiger Geist, Urquell aller Wesen

Allmächtiger Geist, Urquell aller Wesen,
Zeus, Oramazes, Brama, Jehova;
Vorm ersten Äon bist du schon gewesen
Und nach dem letzten bist du auch noch da.
Du rufst aus ödem Dunkel Licht und Helle,
Aus wildem Chaos ein Elysium,
Du winkst und sieh! ein Tempe wird zur Hölle
Und eine Sonne hüllet Nacht ringsum.

Aus deinem Mund fließt Leben und Gedeihen
In diesen Baum und in den Sirius
Und Nahrung streust du Myriaden Reihen
Geschöpfen aus und freudigen Genuß.
Ein Kind ruft seinen Vater an um Speise,
Ward es auch gleich schon tausend Tage satt,
Wenn ihm der Vater gleich den Trunk und Speise
Auch ungebeten stets gegeben hat.

Warum soll ich, ich Kind, dich Vater nimmer
Um Nahrung flehn, die du mir so schon gabst?
Für Seel und Leib, um hoher Wahrheit Schimmer
Mit dem du nur geweihte Männer labst?
Gib mir, Geist, Schöpfer, hohe Ruh der Seelen
In Freud und Glück beim bodenlosen Schmerz
Und Weisheit immer echtes Gold zu wählen
Und Fülle der Empfindung in das Herz.

Gib mir der Herzensgüte, die bei allen
Was zweien Brüder trifft, das Herz erregt;
Sanft seiner Freude Ausbruch nachzuhallen
Und mitzuweinen, wenn ihn Drangsal schlägt.
Die Edle stählt den Mann, der ihre Ehre
Gemordet, überall mit Schlangensinn;
Der sie bedrückt mit seines Hasses Schwere;
Von des Verderbens Schlund zurückzuziehn.

Die duldsam ihn lehrt Torheit immer
Zu tragen, die der Welt Tyrannin ist
Die ach so gerne nur bei schwachem Schimmer
Vor lautrer Weisheit Menschentand vergißt.
Die mir nicht heißt den Bruder zu verachten
Dem einen andern Glauben du verliehn,
Den redlichen Bramin mir mehr zu achten
Gebeut, als einen finstern Augustin.

Gib mir, daß ich mit sanfter Lieb umfange
Hienieden jede deine Kreatur.
Und stummer Dank Erquickter mir die Wange
Mehr kühlt als Lenzeswehen der Natur.
Zuletzt fleh ich dich noch um Trank und Speise
Für jeden Lebenstag notdürftig an;
Und daß ich oft nach schlaff einfältger Weise
Am Busen der Natur dir danken kann.

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Richard Wagner – Vorwort zu “Oper und Drama”

Ein Freund teilte mir mit, daß ich mit dem bisherigen Ausspruche meiner Ansichten über die Kunst bei vielen weniger dadurch Ärgernis erregt hätte, daß ich den Grund der Unfruchtbarkeit unseres jetzigen Kunstschaffens aufzudecken mich bemühte, als dadurch, daß ich die Bedingungen künftiger Fruchtbarkeit desselben zu bezeichnen strebte. Nichts kann unsere Zustände treffender charakterisieren als diese gemachte Wahrnehmung. Wir fühlen alle, daß wir nicht das Rechte tun, und stellen dies somit auch nicht in Abrede, wenn es uns deutlich gesagt wird; nur wenn uns gezeigt wird, wie wir das Rechte tun könnten und daß dieses Rechte keineswegs etwas Menschenunmögliches, sondern ein sehr wohl Mögliches, und in Zukunft sogar Notwendiges sei, fühlen wir uns verletzt, weil uns dann, müßten wir jene Möglichkeit einräumen, der entschuldigende Grund für das Beharren in unfruchtbaren Zuständen benommen wäre; denn uns ist wohl so viel Ehrgefühl anerzogen, nicht träge und feig erscheinen zu wollen, wohl aber mangelt es uns an dem natürlichen Stachel der Ehre zu Tätigkeit und Mut. – Auch dies Ärgernis werde ich durch die vorliegende Schrift wieder hervorrufen müssen, und zwar um so mehr, als ich mich bemühe, in ihr nicht nur allgemeinhin – wie es in meinem »Kunstwerke der Zukunft« geschah –, sondern mit genauem Eingehen auf das Besondere die Möglichkeit und Notwendigkeit eines gedeihlicheren Kunstschaffens im Gebiete der Dichtkunst und Musik nachzuweisen.

Fast muß ich aber fürchten, daß ein anderes Ärgernis diesmal überwiegen werde, und zwar das, was ich in der Darlegung der Unwürdigkeit unserer modernen Opernzustände gebe. Viele, die es selbst gut mit mir meinen, werden es nicht begreifen können, wie ich es vor mir selbst vermochte, eine berühmte Persönlichkeit unserer heutigen Opernkomponistenwelt auf das schonungsloseste anzugreifen, und dies in der Stellung als Opernkomponist, in der ich selbst mich befinde und den Vorwurf des unbezähmtesten Neides leicht auf mich ziehen müßte.

Ich leugne nicht, daß ich lange mit mir gekämpft habe, ehe ich mich zu dem, was ich tat, und wie ich es tat, entschloß. Ich habe alles, was in diesem Angriffe enthalten war, jede Wendung des zu Sagenden, jeden Ausdruck, nach der Abfassung ruhig überlesen und genau erwogen, ob ich es so der Öffentlichkeit übergeben sollte – bis ich mich endlich davon überzeugte, daß ich – bei meiner haarscharf bestimmten Ansicht von der wichtigen Sache, um die es sich handelt – nur feig und unwürdig selbstbesorgt sein würde, wenn ich mich über jene glänzendste Erscheinung der modernen Opernkompositionswelt nicht gerade so ausspräche, als ich es tat. Was ich von ihr sage, darüber ist unter den meisten ehrlichen Künstlern längst kein Zweifel mehr: nicht aber der versteckte Groll, sondern eine offen erklärte und bestimmt motivierte Feindschaft ist fruchtbar; denn sie bringt die nötige Erschütterung hervor, die die Elemente reinigt, das Lautere vom Unlauteren sondert, und sichtet, was zu sichten ist. Nicht aber diese Feindschaft bloß um ihrer selbst willen zu erheben war meine Absicht, sondern ich mußte sie erheben, da ich nach meinen bisher nur allgemeinhin ausgesprochenen Ansichten jetzt noch die Notwendigkeit fühlte, mich genau und bestimmt im Besonderen kundzugeben; denn es liegt mir daran, nicht nur anzuregen, sondern mich auch vollkommen verständlich zu machen. Um mich verständlich zu machen, mußte ich auf die bezeichnendsten Erscheinungen unserer Kunst mit dem Finger hinweisen; diesen Finger konnte ich aber nicht wieder einziehen und mit der geballten Faust in die Tasche stecken, sobald diejenige Erscheinung sich zeigte, an der sich uns ein notwendig zu lösender Irrtum in der Kunst am ersichtlichsten darstellt, und die, je glänzender sie sich zeigt, desto mehr das befangene Auge blendet, das vollkommen klar sehen muß, wenn es nicht vollständig erblinden soll. Wäre ich somit in der einzigen Rücksicht für diese eine Persönlichkeit befangen geblieben, so konnte ich die vorliegende Arbeit, zu der ich mich, meiner Überzeugung nach, verpflichtet fühlte, entweder gar nicht unternehmen, oder ich mußte ihre Wirkung absichtlich verstümmeln; denn ich hätte das Ersichtlichste und für das genaue Ersehen Notwendigste mit Bewußtsein verhüllen müssen.

Welches nun auch das Urteil über meine Arbeit sein werde, eines wird ein jeder, auch der Feindgesinnteste, zugestehen müssen, und das ist der Ernst meiner Absicht. Wem ich diesen Ernst durch das Umfassende meiner Darstellung mitzuteilen vermag, der wird mich für jenen Angriff nicht nur entschuldigen, sondern er wird auch begreifen, daß ich ihn weder aus Leichtsinn, noch weniger aber aus Neid unternommen habe; er wird mich auch darin rechtfertigen, daß ich bei der Darstellung des Widerlichen in unseren Kunsterscheinungen den Ernst vorübergehend mit der Heiterkeit der Ironie vertauschte, die uns ja einzig den Anblick des Widerwärtigen erträglich machen kann, während sie auf der anderen Seite immer noch am mindesten verletzt.

Selbst von jener künstlerischen Persönlichkeit hatte ich aber nur die Seite anzugreifen, mit der sie unseren öffentlichen Kunstzuständen zugekehrt ist: erst nachdem ich sie mir nur von dieser Seite her vor die Augen stellte, vermochte ich meinem Blicke, wie es hier nötig war, gänzlich die andere Seite zu verbergen mit der sie Beziehungen zugekehrt steht, in denen auch ich einst mit ihr mich berührte, die von der künstlerischen Öffentlichkeit aber so vollkommen abgewandt liegen, daß sie nicht vor diese zu ziehen sind – selbst wenn es mich fast dazu drängte, zu gestehen, wie auch ich mich einst irrte – ein Geständnis, das ich gern und unumwunden leiste, sobald ich mir meines Irrtums bewußt geworden bin.

Konnte ich mich nun hierbei vor meinem Gewissen rechtfertigen, so hatte ich die Einwürfe der Klugheit um so weniger zu beachten, als ich mir vollkommen darüber klar sein muß, daß ich von da an, wo ich in meinen künstlerischen Arbeiten die Richtung einschlug, die ich mit dem vorliegenden Buche als Schriftsteller vertrete, vor unseren öffentlichen Kunstzuständen in die Ächtung verfiel, in der ich mich heute politisch und künstlerisch zugleich befinde, und aus der ich ganz gewiß nicht als einzelner erlöst werden kann. –

Aber ein ganz anderer Vorwurf könnte mir noch von denen gemacht werden, die das, was ich angreife, in seiner Nichtigkeit für so ausgemacht halten, daß es sich nicht der Mühe eines so umständlichen Angriffes verlohne. Diese haben durchaus unrecht. Was sie wissen, wissen nur wenige; was diese wenigen aber wissen, das wollen wiederum die meisten von ihnen nicht wissen. Das Gefährlichste ist die Halbheit, die überall ausgebreitet ist, jedes Kunstschaffen und jedes Urteil befangen hält. Ich mußte mich aber im Besonderen scharf und bestimmt auch nach dieser Seite hin aussprechen, weil es mir eben nicht sowohl an dem Angriffe lag, als an dem Nachweise der künstlerischen Möglichkeiten, die sich deutlich erst darstellen können, wenn wir auf einen Boden treten, von dem die Halbheit gänzlich verjagt ist. Wer aber die künstlerische Erscheinung, die heutzutage den öffentlichen Geschmack beherrscht, für eine zufällige, zu übersehende, hält, der ist im Grunde ganz in demselben Irrtume befangen, aus welchem jene Erscheinung in Wahrheit sich herleitet – und dies eben zu zeigen, war die nächste Absicht meiner vorliegenden Arbeit, deren weitere Absicht von denen gar nicht gefaßt werden kann, die sich zuvor nicht über die Natur jenes Irrtumes vollständig aufgeklärt haben.

Hoffnung, so verstanden zu werden, wie ich es wünsche, habe ich nur bei denen, die den Mut haben, jedes Vorurteil zu brechen. Möge sie mir bei vielen erfüllt werden!

 

Zürich, im Januar 1851

Richard Wagner

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Achim von Arnim – Ritt im Mondschein

Briefgedicht an Bettina Brentano (1820)

Herz zum Herzen ist nicht weit
Unter lichten Sternen,
Und das Aug´,von Tau geweiht,
Blickt zu lieben Fernen;
Unterm Hufschlag klingt die Welt,
Und die Himmel schweigen,
Zwischen beiden mir gesellt
Will der Mond sich zeigen.

Zeigt sich heut in roter Glut
An dem Erdenrande,
Gleich als ob mit heißem Blut
Er auf Erden lande,
Doch nun flieht er scheu empor,
Glänzt in reinem Lichte,
Und ich scheue mich auch vor
Seinem Angesichte.

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Ernst Moritz Arndt – Prinzessin Svanvithe

Du hast wohl von der Sage gehört, daß hier bei Garz, wo jetzt der Wall über dem See ist, vor vielen tausend Jahren ein großes und schönes Heidenschloß gewesen ist mit herrlichen Häusern und Kirchen, worin sie ihre Götzen gehabt und angebetet haben. Dieses Schloß haben vor langer, langer Zeit die Christen eingenommen, alle Helden totgeschlagen und ihre Kirchen umgeworfen und die Götzen, die darin standen, mit Feuer verbrannt; und nun ist nichts mehr übrig von all der großen Herrlichkeit als der alte Wall und einige Leuschen, welche die Leute sich erzählen, besonders von dem Mann mit Helm und Panzer angetan, der auf dem weißen Schimmel oft über die Stadt und den See hinreitet. Einige, die ihn nächtlich gesehen haben, erzählen, es sei der alte König des Schlosses, und er habe eine güldene Krone auf. Das ist aber alles nichts. Daß es aber um Weihnachten und Johannis in der Nacht aus dem See klingt, als wenn Glocken in den Kirchen geläutet werden, das ist wahr, und viele Leute haben es gehört, und auch mein Vater. Das ist eine Kirche, die in den See versunken ist, andere sagen, es ist der alte Götzentempel. Das glaub’ ich aber nicht; denn was sollten die Helden an christlichen Festtagen läuten? Aber das Klingen und Läuten im See ist dir gar nichts gegen das, was im Wall vorgeht, und davon will ich dir eine Geschichte erzählen. Da sitzt eine wunderschöne Prinzessin mit zu Felde geschlagenen Haaren und weinenden Augen und wartet auf den, der sie erlösen soll; und dies ist eine sehr traurige Geschichte.

In jener alten Zeit, als das Garzer Heidenschloß von den Christen belagert ward und die drinnen in großen Nöten waren, weil sie sehr gedrängt wurden, als schon manche Türme niedergeworfen waren und sie auch nicht recht mehr zu leben hatten und die armen Leute in der Stadt hin und wieder schon vor Hunger starben, da war drinnen ein alter, eisgrauer Mann, der Vater des Königs, der auf Rügen regierte. Dieser alte Mann war so alt, daß er nicht recht mehr hören und sehen konnte; aber es war doch seine Lust, unter dem Golde und unter den Edelsteinen und Diamanten zu kramen, welche er und seine Vorfahren im Reiche gesammelt hatten und welche tief unter der Erde in einem schönen, aus eitel Marmelsteinen und Kristallen gebauten Saale verwahrt wurden. Davon waren dort ganz große Haufen aufgeschüttet, viel größere als die Roggen- und Gerstenhaufen, die auf deines Vaters Kornboden aufgeschüttet sind. Als nun das Schloß zu Garz von den Christen in der Belagerung so geängstet ward und viele der tapfersten Männer und auch der König, des alten Mannes Sohn, in dem Streite auf den Wällen und vor den Toren der Stadt erschlagen waren, da wich der Alte nicht mehr aus der marmornen Kammer, sondern lag Tag und Nacht darin und hatte die Türen und Treppen, die dahin führten, dicht vermauern lassen; er aber wußte noch einen kleinen heimlichen Gang, der unter der Erde weglief, viele hundert Stufen tiefer als das Schloß, und jenseits des Sees einen Ausgang hatte, den kein Mensch wußte als er, und wo er hinausschlüpfen und sich draußen bei den Menschen Speise und Trank kaufen konnte. Als nun das Schloß von den Christen erobert und zerstört ward und die Männer und Frauen im Schlosse getötet und alle Häuser und Kirchen verbrannt wurden, daß kein Stein auf dem andern blieb, da fielen die Türme und Mauern übereinander, und die Türe der Goldkammer ward gar verschüttet; auch blieb kein Mensch lebendig, der wußte, wo der tote König seine Schätze gehabt hatte. Der alte König aber saß drunten bei seinen Haufen Goldes und hatte seinen heimlichen Gang offen und hat noch viele hundert Jahre gelebt, nachdem das Schloß zerstört war; denn sie sagen, die Menschen, welche sich zu sehr an Silber und Gold hängen, können vom Leben nicht erlöst werden und sterben nicht, wenn sie Gott auch noch so sehr um den Tod bitten. So lebte der alte, eisgraue Mann noch viele, viele Jahre und mußte sein Gold bewachen, bis er ganz dürr und trocken ward wie ein Totengerippe. Da ist er denn gestorben und auch zur Strafe verwandelt worden und muß nun als ein schwarzer magerer Hund unter den Goldhaufen liegen und sie bewachen, wenn einer kommt und den Schatz holen will. Des Nachts aber zwischen zwölf und ein Uhr, wann die Gespensterstunde ist, muß er noch immer rundgehen als ein altes graues Männlein mit einer schwarzen Pudelmütze auf dem Kopf und einem weißen Stock in der Hand. So haben die Leute ihn oft gesehen im Garzer Holze am Wege nach Poseritz; auch geht er zuweilen um den Kirchhof herum. Denn da sollen vor alters Heidengräber gewesen sein, und die Helden haben immer viel Silber und Gold mit sich in die Erde genommen. Das will er holen, darum schleicht er dort, kann es aber nicht kriegen, denn er darf die geweihte Erde nicht berühren. Das ist aber seine Strafe, daß er so rundlaufen muß, wann andere Leute in den Betten und Gräbern schlafen, weil er so geizig gewesen ist.

Nun begab es sich lange nach diesen Tagen, daß in Bergen ein König von Rügen wohnte, der hatte eine wunderschöne Tochter, die hieß Svanvithe; und sie war die schönste Prinzessin weit und breit, und es kamen Könige und Fürsten und Prinzen aus allen Landen, die um die schöne Prinzessin warben. Und der König, ihr Herr Vater, wußte sich kaum zu lassen vor allen den Freiern und hatte zuletzt nicht Häuser genug, daß er die Fremden beherbergte, noch Ställe, wohin sie und ihre Knappen und Staller ihre Pferde zögen; auch gebrach es fast an Hafer im Lande und Raum für alle die Kutscher und Diener, die mit ihnen kamen, und war Rügen so voll von Menschen, als es nie gewesen seit jenen Tagen. Und der König wäre froh gewesen, wenn die Prinzessin sich einen Mann genommen hätte und die übrigen Freier weggereist wären. Das läßt sich aber bei den Königen nicht so leicht machen als bei andern Leuten, und muß da alles mit vieler Zierlichkeit und Langsamkeit hergehen. Die Prinzessin, nachdem sie wohl ein ganzes halbes Jahr in ihrer einsamen Kammer geblieben war und keinen Menschen gesehen, auch kein Sterbenswort gesagt hatte, fand endlich einen Prinzen, der ihr wohl gefiel, und den sie gern zum Mann haben wollte, und der Prinz gefiel auch dem alten Könige, daß er ihn gern als Eidam wollte. Und sie hatten einander Ringe geschenkt, und war große Freude im ganzen Lande, daß die schöne Svanvithe Hochzeit halten sollte, und hatten alle Schneider und Schuster die Fülle zu tun, die schönen Kleider und Schuhe zu machen, die zur Hochzeit getragen werden sollten. Der verlobte Prinz aber und Svanvithens Bräutigam hieß Herr Peter von Dänemarken und war ein über die Maßen feiner und stattlicher Mann, daß seinesgleichen wenige gesehen wurden.

Da, als alles in lieblicher Hoffnung und Liebe grünete und blühete und die ganze Insel in Freuden stand und nur noch ein paar Tage bis zur Hochzeit waren, kam der Teufel und säete sein Unkraut aus, und die Luft ward in Traurigkeit verwandelt. Es war nämlich allda an des Königs Hofe auch ein Prinz aus Polen, ein hinterlistiger und schlechter Herr, sonst schön und ritterlich an Gestalt und Gebärde. Dieser hatte manches Jahr um die Prinzessin gefreit und sie geplagt Tag und Nacht; sie hatte aber immer nein gesagt, denn sie mochte ihn nicht leiden. Als dieser polnische Prinz nun sah, daß es wirklich eine Hochzeit werden sollte und daß Herr Peter von Dänemarken zum Treuliebsten der schönen Svanvithe erkoren war, sann er in seinem bösen Herzen auf arge Tücke und wußte es durch seine Künste so zu stellen, daß der König und alle Menschen glaubten, Svanvithe sei keine züchtige Prinzessin und habe manche Nächte bei dem polnischen Prinzen geschlafen. Das glaubte auch Herr Peter und reiste plötzlich weg; und der polnische Prinz war zuerst weggereist, und alle Könige und Prinzen reisten weg. Und das Schloß des Königs in Bergen stand wüst und leer da, und alle Freude war mit weggezogen und alle Geiger und Pfeifer und alles Saitenspiel, die sich auf Turniere und Feste gerüstet hatten. Und die Schande der armen Prinzessin klang über das ganze Land; ja in Schweden und Dänemark und Polen hörten sie es, wie die Hochzeit sich zerschlagen hatte. Sie aber war gewiß unschuldig und rein wie ein Kind, das aus dem Mutterleibe kommt, und war es nichts als die greuliche Bosheit des verruchten polnischen Prinzen, den sie als Freier verschmäht hatte.

So ging es der armen Svanvithe, und der König, ihr Vater, war einige Tage nach diesen Geschichten wie von Sinnen und wußte nicht von sich, und ihm war so zumute, daß er sich hätte ein Leid antun können von wegen seiner Tochter und von wegen des Schimpfes, den sie auf das ganze königliche Haus gebracht hatte. Und als er sich besann und wieder zu sich kam und die ganze Schande bedachte, worein er geraten war durch seine Tochter, da ergrimmte er in seinem Herzen, und er ließ die schöne Svanvithe holen und schlug sie hart und zerraufte ihr Haar und stieß sie dann von sich und befahl seinen Dienern, daß sie sie hinausführten in ein verborgenes Gemach, daß seine Augen sie nimmer wiedersähen. Darauf ließ er in einen mit dichten Mauern eingeschlossenen und mit dunklen Bäumen beschatteten Garten hinter seinem Schlosse einen düstern Turm bauen, wo weder Sonne noch Mond hineinschien, da sperrte er die Prinzessin ein. Der Turm, den er hatte bauen lassen, war aber fest und dicht und hatte nur ein einziges kleines Loch in der Türe, wodurch ein wenig Licht hineinfiel und wodurch der Prinzessin die Speise gereicht ward. Es war auch weder Bett noch Tisch oder Bank in dem traurigen Gefängnis; auf harter Erde mußte die liegen, die sonst auf Sammet und Seiden geschlafen hatte, und barfuß mußte die gehen, die sonst in goldenen Schuhen geprangt hatte. Und Svanvithe hätte sterben müssen vor Jammer, wenn sie nicht gewußt hätte, daß sie unschuldig war, und wenn sie nicht zu Gott hätte beten können. Sie aber war ein sehr junges Kind, als sie eingesperrt ward, erst sechzehn Jahre alt, schön wie eine Rose und schlank und weiß wie eine Lilie, und die Menschen, die sie liebhatten, nannten sie nicht anders als des Königs Lilienstengelein. Und dieses süße Lilienstengelein sollte so jämmerlich verwelken in der kalten und einsamen Finsternis.

Und sie hatte wohl drei Jahre so gesessen zwischen den kalten Steinen, und auch der alte König war nicht mehr froh gewesen seit jenem Tage, als der polnische Prinz sie in die große Schande gebracht hatte, sondern sein Kopf war schneeweiß geworden vor Gram wie der Kopf einer Taube; aber vor den Leuten gebärdete er sich stolz und aufgerichtet und tat, als wenn seine Tochter tot und lange begraben wäre. Sie aber saß von der Welt ungewußt in ihrem Elende und tröstete sich allein Gottes und dachte, daß er ihre Unschuld wohl einmal an den Tag bringen würde. Weil sie aber in ihren einsamen Trauerstunden Zeit genug hatte, hin und her zu denken, so fiel ihr die Sache ein von dem Königsschatze unter dem Garzer Walle, die sie in ihrer Kindheit oft gehört hatte, und sie gedachte damit ihre Unschuld, und daß der polnische Prinz sie unter einem falschen Schein schändlich belogen hatte, sonnenklar zu beweisen. Und als darauf ihr Wächter kam und ihr die Speise durch das Loch reichte, sprach sie zu ihm: »Lieber Wächter, gehe zu dem Könige, meinem und deinem Herrn, und sage ihm, daß seine arme einzige Tochter ihn nur noch ein einziges Mal zu sehen und zu sprechen wünscht in ihrem Leben und daß er ihr diese letzte Gunst nicht versagen mag.«

Und der Wächter sagte ja und lief und dachte bei sich: »Wenn der alte König ihre Bitte nur erhört!« Denn es jammerte ihn die arme Prinzessin unaussprechlich, und sie jammerte alle Menschen; denn sie war immer freundlich gewesen gegen jedermann, auch hatten die meisten von Anfang an geglaubt, daß sie fälschlich verklagt war und daß der polnische Prinz einen argen Lügenschein auf sie gebracht hatte; denn sie hatte sich immer aller Zucht und Jungfräulichkeit beflissen vor jedermann.

Und als ihr Wächter vor den König trat und ihm die Bitte der Prinzessin anbrachte, da war der alte Herr sehr zornig und schalt ihn und drohete ihm, ihn selbst in den Turm zu werfen, wenn er den Namen der Prinzessin vor ihm je wieder über seine Lippen laufen lasse. Und der erschrockene Wächter ging weg. Der König aber legte sich hin und schlief ein. Da soll er einen wunderbaren Traum gehabt haben, den kein Mensch zu deuten verstanden hat, und er ist früh erwacht und sehr unruhig gewesen und hat viel an seine Tochter denken müssen, bis er zuletzt befohlen hat, daß man sie aus dem Turm heraufbrächte und vor ihn führte.

Als Svanvithe nun vor den König trat, war sie bleich und mager, auch waren ihre Kleider und Schuhe schon abgerissen, und sie stand fast nackt und barfuß da und sah einer Bettlertochter ähnlicher als einer Königstochter. Und der alte König ist bei ihrem Anblick blaß geworden vor Jammer wie der Kalk an der Wand, aber sonst hat er sich nichts merken lassen. Und Svanvithe hat sich vor ihm verneigt und also zu ihm gesprochen:

»Mein König und Herr! Ich erscheine nur als eine arme Sünderin vor dir, als eine, die an der göttlichen Gnade und an dem Lichte des Himmels kein Recht mehr haben soll. Also hast du mich von deinem Angesicht verstoßen und von allem Lebendigen weggesperrt. Ich beteure aber vor dir und vor Gott, daß ich unschuldig leide und daß der polnische Prinz aus eitel Tücke und Arglist all den schlimmen Schein auf mich gebracht hat. Und nun hat Gott, der sich mein erbarmen will, mir einen Gedanken ins Herz gegeben, wodurch ich meine unbefleckte Jungfrauschaft beweisen und dich und mich und dein ganzes Reich zu Reichtum und Ehren bringen kann. Du weißt, es geht die Sage, unter dem alten Schloßwalle zu Garz, wo unsere heidnischen Ahnen weiland gewohnt haben, liege ein reicher Schatz vergraben. Diese Sage, die mir in meiner Kindheit oft erzählt ist, meldet ferner, dieser Schatz könne nur von einer Prinzessin gehoben werden, die von jenen alten Königen herstamme und noch eine reine Jungfrau sei: wenn nämlich diese den Mut habe, in der Johannisnacht zwischen zwölf und ein Uhr nackt und einsam diesen Wall zu ersteigen und darauf rückwärts so lange hin und her zu treten, bis es ihr gelinge, die Stelle zu treffen, wo die Tore und Treppen verschüttet sind, die zu der Schatzkammer hinabführen. Sobald sie diese mit ihren Füßen berühre, werde es sich unter ihr öffnen, und sie werde sanft heruntersinken mitten in das Gold und könne sich von den Herrlichkeiten dann auslesen, was sie wolle, und bei Sonnenaufgang wieder herausgehen. Was sie aber nicht tragen könne, werde der alte Geist, der den Schatz bewacht, nebst seinen Gehilfen nachtragen. Hierauf habe ich nun meine Hoffnung eines neuen Glückes gestellt, ob es mir etwa aufblühen wolle; laß mich denn, Herr König, mit Gott diese Probe machen. Ich bin ja doch einer Toten gleich, und ob ich hier begraben bin oder dort begraben werde, kann dir einerlei sein.«

Sie hatte die Gebärde, als wolle sie noch mehr sagen; aber bei diesen Worten stockte sie und konnte nicht mehr, sondern schluchzete und weinte bitterlich. Der König aber winkte dem Wächter leise zu, der sie hereingeführt hatte, und alsbald kamen Frauen und Dienerinnen herbei und trugen sie hinaus von dem Könige weg in ein Seitengemach. Und nicht lange, so ward der Wächter wieder zu dem Könige gerufen, und er brachte ihr Speise und Trank, daß sie sich stärkte und erquickte, und zugleich die Botschaft, daß der König ihr die gebetene mitternächtliche Fahrt erlaube. Bald trugen Dienerinnen ihr ein Bad herein nebst zierlichen Kleidern, daß sie sich bedecken konnte, denn sie war fast nackend. Und sie lebte nun wieder in Freuden, obgleich sie ganz einsam saß und gegen niemand den Mund auftat – auch den Dienern und Dienerinnen war das Sprechen zu ihr verboten, sie wußten auch nicht, wer sie war, noch wie sie in das Schloß gekommen, denn von denen, die sie kannten, ward niemand zu ihr gelassen denn allein der Wächter, der ihr immer die Speise gebracht hatte im Turme. Und ihre Schöne fing wieder an aufzublühen, wie blaß und elend sie auch aus dem Turm gekommen war; und alle, die sie sahen, entsetzten sich über ihre Huld und Lieblichkeit, und sie deuchte ihnen fast einem Engel gleich, der vom Himmel in das Schloß gekommen sei.

Und als vierzig Tage vergangen waren und der Tag vor Johannis da war, da ging sie zu dem Könige, ihrem Vater, ins Gemach und sagte ihm Lebewohl. Und der alte Herr neigte noch einmal wieder seinen weißen Kopf über sie und weinte sehr, und sie sank vor ihm hin und umfaßte seine Knie und weinte noch mehr. Und darauf ging sie hinaus und verkleidete sich so, daß niemand sie für eine Prinzessin gehalten hätte, und trat ihre Reise an. Die Reise war aber nicht weit von Bergen nach Garz, und sie ging in der Tracht eines Reiterbuben einher. Und in der Nacht, als es vom Garzer Kirchturm zwölf geschlagen hatte, betrat sie einsam den Wall, tat ihre Kleider von sich, also daß sie da stand, wie Gott sie erschaffen hatte, und nahm eine Johannisrute in die Hand, womit sie hinter sich schlug. Und so tappte sie stumm und rücklings fort, wie es geschehen mußte. Und nicht lange war sie geschritten, so tat sich die Erde unter ihren Füßen auf, und sie fiel sanft hinunter, und es war ihr, als würde sie in einem Traum hinabgewiegt; und sie fiel hinab in ein gar großes und schönes und von tausend Lichtern und Lampen erleuchtetes Gemach, dessen Wände von Marmor und diamantenen Spiegeln blitzten und dessen Boden ganz mit Gold und Silber und Edelsteinen beschüttet war, daß man kaum darauf gehen konnte. Sie aber sank so weich auf einen Goldhaufen herab, daß es ihr gar nicht weh tat. Und sie besah sich alle die blitzende Herrlichkeit in dem weiten Saale, wo die Schätze und Kostbarkeiten ihrer Ahnherren von vielen Jahrhunderten gesammelt und aufgehängt waren; und da sah sie in der hintersten Ecke in einem goldenen Lehnstuhl das kleine graue Männchen sitzen, das ihr freundlich zunickte, als wolle es mit der Urenkelin sprechen. Sie aber sprach kein Wort zu ihm, sondern winkte ihm nur leise mit der Hand. Und auf ihren Wink hob der Geist sich hinweg und verschwand, und statt seiner kam eine lange Schar prächtig gekleideter Diener und Dienerinnen, welche sich in stummer Ehrfurcht hinter sie stellten, als erwarteten sie, was die Herrin befehlen würde. Svanvithe aber säumte nicht lange, bedenkend, wie kurz die Mittsommersnacht ist, und sie nahm die Fülle der Edelsteine und Diamanten und winkte den Dienern und Dienerinnen hinter ihr, daß sie ebenso täten; auch diese füllten Hände und Taschen und Zipfel und Geren der Kleider mit Gold und edlen Steinen und kostbaren Geschirren. Und noch ein Wink, und die lange Reihe wandelte, und die Prinzessin schritt voran der Treppe zu, als wenn sie herausgehen wollte; jene aber folgten ihr. Und schon hatte sie viele Stufen vollendet und sah schon das dämmernde Morgenlicht und hörte schon den Lerchengesang und den Hahnenkrei, die den Tag verkündeten – da ward es ihr bange, ob die Diener und Dienerinnen ihr auch nachträten mit den Schätzen. Und sie sah sich um, und was erblickte sie? Sie sah den kleinen grauen Mann sich plötzlich in einen großen schwarzen Hund verwandeln, der mit, feurigem Rachen und funkelnden Augen gegen sie hinaufsprang. Und sie entsetzte sich sehr und rief: »Oh Herr je!« Und als sie das Wort ausgeschrien hatte, da schlug die Tür über ihr mit lautem Knalle zu, und die Treppe versank, und die Diener und Dienerinnen verschwanden, und alle Lichter des Saales erloschen, und sie war wieder unten am Boden und konnte nicht heraus. Der alte König aber, da sie nicht wiederkam, grämte sich sehr; denn er dachte, sie sei entweder umgekommen bei dem Hinabsteigen zu dem Schatze durch die Tücke der bösen Geister, die unter der Erde ihre Gewalt haben, oder sie habe sich der Sache überhaupt nicht unterstanden und laufe nun wie eine arme, verlassene Streunerin durch die Welt. Und er lebte nur noch wenige Wochen nach ihrem Verschwinden; dann starb er und ward begraben.

Der Prinzessin Svanvithe war dieses Unglück aber geschehen, weil sie sich umgesehen hatte, als sie weggehen wollte, und weil sie gesprochen hatte. Denn über die Unterirdischen hat man keine Gewalt, wenn man sich umsieht oder spricht, sondern es gerät dann fast immer unglücklich, wovon man viele Beispiele und Geschichten weiß.

Und es waren viele Jahre vergangen, vielleicht hundert Jahre und mehr, und alle die Menschen waren gestorben und begraben, welche zu der Zeit des alten Königs und der schönen Svanvithe gelebt hatten, und schon ward hie und da von ihnen erzählt wie von einem alten, alten, längst verschollenen Märchen; da hörte man hin und wieder, die Prinzessin lebe noch und sitze unter dem Garzer Wall in der Schatzkammer und müsse nun mit dem alten, grauen Urgroßvater die Schätze hüten helfen. Und kein Mensch weiß zu sagen, wie dies hier oben bekannt geworden ist. Vielleicht hat der kleine graue Mann, der zuzeiten rundgeht, es einem verraten, oder es hat es auch einer der hellsichtigen Menschen gesehen, die an hohen Festtagen in besonderen Stunden geboren sind und die das Gras und das Gold in der Erde wachsen sehen und mit ihren Augen durch die dicksten Berge und Mauern dringen können. Und es war viel erschollen von der Geschichte und von dem wundersamen Versinken der Prinzessin unter die Erde, und daß sie in der dunkeln Kammer sitze und noch lebe und einmal erlöst werden solle. Sie kann aber, sagen sie, erlöst werden, wenn einer es wagt, auf dieselbe Weise, wie sie einst in der Johannisnacht getan hat, in die verbotene Schatzkammer hinabzufallen. Dieser muß sich dann dreimal vor ihr verneigen, ihr einen Kuß geben, sie an die Hand fassen und sie still herausführen; denn kein Wort darf er beileibe nicht sprechen. Wer sie herausbringt, der wird mit ihr in Herrlichkeit und in Freuden leben und so viele Schätze haben, daß er sich ein Königreich kaufen kann. Darin wird er dann fünfzig Jahre als König auf dem Throne sitzen und sie als seine Königin neben ihm, und werden gar liebliche Kinder zeugen; der kleine graue Spuk wird dann aber auf immer verschwinden, wann sie ihm die Schätze weggehoben haben. Nun hat es wohl so kühne und verwegene Prinzen und schöne Knaben gegeben, die mit der Johannisrute in der Hand zu ihr hinabgekommen sind; aber sie haben es immer in etwas versehen, und die Prinzessin ist noch nicht erlöst. Ja, wenn das ein so leichtes Ding wäre, wieviele würden Lust haben, eine so schöne Prinzessin zu freien und Könige zu werden! Die Leute erzählen aber, der greuliche schwarze Hund ist an allem schuld; keiner hat es mit ihm aushalten können, sondern wenn sie ihn sehen, so müssen sie aufschreien, und dann schlägt die Türe zu, und die Treppe versinkt, und alles ist wieder vorbei.

So sitzt denn die arme Svanvithe da in aller ihrer Unschuld und muß da unten frieren und das kalte Gold hüten, und Gott weiß, wann sie erlöst werden wird. Sie sitzt da über Goldhaufen gebeugt; ihr langes Haar hängt ihr über die Schultern herab, und sie weint unaufhörlich. Schon sitzen sechs junge Gesellen um sie herum, die auch mithüten müssen. Das sind die, denen die Erlösung nicht gelungen ist. Wem es aber gelingt, der heiratet die Prinzessin und bekommt den ganzen Schatz und befreit zugleich die andern armen Gefangenen. Sie sagen, der letzte ist vor zwanzig Jahren darin versunken, ein Schuhmachergesell, der Jochim Fritz hieß. Das war ein junges, schönes Blut und ging immer viel auf dem Wall spazieren. Der ist mit einem Male verschwunden, und keiner hat gewußt, wo er gestoben und geflogen war, und seine Eltern und Freunde haben ihn in der ganzen Welt suchen lassen, aber nicht gefunden! Er mag nun auch wohl dasitzen bei den andern.

 

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Ernst Moritz Arndt – Geschichte von den sieben bunten Mäusen

Vor langer, langer Zeit wohnte in Puddemin ein Bauer, der hatte eine schöne und fromme Frau, die fleißig betete und alle Sonntage und Festtage zur Kirche ging, auch den Armen, die vor ihre Türe kamen, gern gab. Es war überhaupt eine freundliche und mitleidige Seele und im ganzen Dorfe und Kirchspiele von allen Leuten geliebt. Nie hat man ein hartes Wort von ihr gehört, noch ist ein Fluch und Schwur oder andere Ungebühr je aus ihrem Munde gegangen. Diese Frau hatte sieben Kinder, lauter kleine Dirnen, von welchen die älteste zwölf und die jüngste zwei Jahr alt war: hübsche, lustige Dingelchen. Diese gingen alle übereins gekleidet, mit bunten Röckchen und bunten Schürzen und roten Mützchen; Schuhe aber und Strümpfe hatten sie nicht an, denn das hätte zuviel gekostet, sondern gingen barfuß. Die Mutter hielt sie nett und reinlich, wusch und kämmte sie morgens früh und abends spät, wann sie aufstanden und zu Bett gingen, lehrte sie lesen und singen und erzog sie in aller Freundlichkeit und Gottesfurcht. Wann sie auf dem Felde was zu tun hatte oder weit ausgehen mußte, stellte sie die älteste, welche Barbara hieß, über die andern; diese mußte auf sie sehen, ihnen was erzählen, auch wohl etwas vorlesen. Nun begab es sich einmal, daß ein hoher Festtag war (ich glaube, es war der Karfreitag), da ging die Bauerfrau mit ihrem Manne zur Kirche und sagte den Kindern, sie sollten hübsch artig sein; der Barbara aber und den nächst älteren gab sie ein paar Lieder auf aus dem Gesangbuche, die sie auswendig lernen sollten. So ging sie weg. Barbara und die andern Kinder waren anfangs auch recht artig; die älteren nahmen die Bücher und lasen, und die kleinsten saßen still auf dem Boden und spielten. Als sie so saßen, da erblickte das eine Kind etwas hinter dem Ofen und rief: »O seht! Seht! Was ist das für ein schöner und weißer Beutel!« Es war aber ein Beutel mit Nüssen und Aepfeln, den die Mutter des Morgens da hingehängt hatte und den sie des Nachmittags einem ihrer kleinen Paten bringen wollte. Die meisten Kinder sprangen nun alsbald auf und guckten danach, und auch Barbara, die älteste, stand auf und guckte mit. Und die Kinder flüsterten und sprachen dies und das über den schönen Beutel und was wohl darin sein möchte. Und es gelüstete sie so sehr, es zu wissen, und da riß eines den Beutel von dem Nagel, und Barbara öffnete die Schnur, womit er zugebunden war, und es fielen Aepfel und Nüsse heraus. Und als die Kinder die Aepfel und Nüsse auf dem Boden hinrollen sahen, vergaßen sie alles, und daß es Festtag war, und was die Mutter ihnen befohlen und aufgegeben hatte; sie setzten sich hin und schmausten Aepfel und knackten Nüsse und aßen alles rein auf. Als nun Vater und Mutter um den Mittag aus der Kirche zu Hause kamen, sah die Mutter die Nußschalen auf dem Boden liegen, und sie schaute nach dem Beutel und fand ihn nicht. Da erzürnte sie sich und ward böse zum ersten Male in ihrem Leben und schalt die Kinder sehr und rief: »Der Blitz! Ich wollte, daß ihr Mausemärten alle zu Mäusen würdet!« Der Schwur war aber eine große Sünde, besonders weil es ein so heiliger und hoher Festtag war; sonst hätte Gott es der Bäuerin wohl vergeben, weil sie doch so fromm und gottesfürchtig war. Kaum hatte die Frau das schlimme Wort aus ihrem Munde gehen lassen, so waren alle die sieben niedlichen Kinderchen weg, als hätte sie ein Wind weggeblasen, und sieben bunte Mäuse liefen in der Stube herum mit roten Köpfchen, wie die Röcke und Mützen der Kinder gewesen waren. Und Vater und Mutter erschraken so sehr, daß sie hätten zu Stein werden mögen. Da kam der Knecht herein und öffnete die Türe, und die sieben bunten Mäuse liefen alle zugleich hinaus und über die Flur auf den Hof hin; sie liefen aber sehr geschwind. Und als die Frau das sah, konnte sie sich nicht halten, denn es war ihr im Herzen, als wären die Mäuse ihre Kinder gewesen; und sie stürzte sich aus der Türe hinaus und mußte den Mäusen nachlaufen.

Die sieben bunten Mäuse aber liefen den Weg entlang aus dem Dorfe heraus, immer sporenstreichs; und so liefen sie über das Puddeminer Feld und das Günzer Feld und das Schoritzer Feld und durch die Krewe und die Dumsevitzer Koppel. Und die Mutter lief ihnen außer Atem nach und konnte weder schreien noch weinen und wußte nicht mehr, was sie tat. So liefen die Mäuse über das Dumsevitzer Feld hin und in einen kleinen Busch hinein, wo einige hohe Eichen standen und in der Mitte ein spiegelhellen Teich war. Und der Busch steht noch da mit seinen Eichen und heißt der Mäusewinkel. Und als sie in den Busch kamen und an den Teich im Busche, da standen sie alle sieben still und guckten sich um, und die Bauerfrau stand dicht bei ihnen. Es war aber, als wenn sie ihr Adje sagen wollten. Denn als sie die Frau so ein Weilchen angeguckt hatten, plump! und alle sieben sprangen zugleich ins Wasser und schwammen nicht, sondern gingen gleich unter in der Tiefe. Es war aber der helle Mittag, als dies geschah. Und die Mutter blieb stehen, wo sie stand, und rührte keine Hand und keinen Fuß mehr, sie war auch kein Mensch mehr. Sie ward stracks zu einem Stein, und der Stein liegt noch da, wo sie stand und die Mäuslein verschwinden sah; und das ist dieser große runde Stein, an welchem wir sitzen. Und nun höre mal, was nach diesem geschehen ist und noch alle Nacht geschieht! Glocke zwölf, wann alles schläft und still ist und die Geister rundwandeln, da kommen die sieben bunten Mäuse aus dem Wasser heraus und tanzen eine ganze ausgeschlagene Stunde, bis es eins schlägt, um den Stein herum. Und sie sagen, dann klingt der Stein, als wenn er sprechen könnte. Und das ist die einzige Zeit, wo die Kinder und die Mutter sich verstehen können und voneinander wissen; die übrige Zeit sind sie wie tot. Dann singen die Mäuse einen Gesang, den ich dir sagen will, und der bedeutet ihre Veränderung, oder daß sie wieder in Menschen verwandelt werden können. Und dies ist der Gesang:

Herut! herut!
Du junge Brut!
Din Brüdegam schall kamen;
Se hebben di
Doch gar to früh
Din junges Leben namen.

Sitt de recht up’n Steen,
Wat he Flesch un Been,
Und wi gan mit dem Kranze:
Säven Junggesell’n
Uns führen schäl’n
Juchhe! to’m Hochtidsdanze.

Und nun will ich dir sagen von dem Gesange, was er bedeutet. Die Mäuse tanzen nun wohl schon tausend Jahre und länger um den Stein, wann es die Mitternacht ist, und der Stein liegt ebensolange. Es geht aber die Sage, daß sie einmal wieder verwandelt werden sollen, und das kann durch Gottes Gnade nur auf folgende Weise geschehen:

Es muß eine Frau sein gerade so alt, als die Bäuerin war, da sie aus der Kirche kam, und diese muß sieben Söhne haben gerade so alt, als die sieben kleinen Mädchen waren. Sind sie eine Minute älter oder jünger, so geht es nicht mehr. Diese Frau muß an einem Karfreitage gerade um die Mittagszeit, als die Frau zu Stein ward, mit ihren sieben Söhnen in den Busch kommen und sich auf den Stein setzen. Und wenn sie sich auf den Stein setzt, so wird der Stein lebendig und wird wieder in einen Menschen verwandelt, und dann steht die Bauerfrau wieder da, leibhaftig und in eben den Kleidern, die sie getragen, als sie den Mäusen nachgelaufen zu diesem Mausewinkel. Und die sieben bunten Mäuse werden wieder zu sieben kleinen Mädchen in bunten Röcken und mit roten Mützen auf dem Kopf. Und jedes kleine Mädchen geht zu dem kleinen Knaben hin, der sein Alter hat, und sie werden Braut und Bräutigam. Und wann sie groß werden, so halten sie Hochzeit an einem Tage und tanzen ihre Kränze ab. Und es sollen die schönsten Jungfrauen werden auf der ganzen Insel, sagen die Leute, und auch die glücklichsten und reichsten, denn alle diese Güter und Höfe hier umher sollen ihnen gehören. Aber ach, du lieber Gott, wann werden sie verwandelt werden?

 

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We are not Charlie and we will never be.