Richard Dehmel – Glockenklänge an Bismarck

am Tage seiner Amtsenthebung, 20. März 1890

Glocken, Glocken, wir
Mund der Macht,
oft wehklagten wir dem Donner,
oft frohlockten wir dem Flammensturm;
heut, Volk, frohlocken,
heut, Bismarck, klagen wir
dumpf Euch! aber
immer, Glocken,
dröhnt aus unserm
Mund die Macht.

Immer hungrig,
tief auf nach Opfern
stöhnt der Mund der Macht.
Doch auch immer
öffnet weit zu. hohen Jubellauten
dann den Mund die dunkle Mutter;
denn noch immer
zeugt sich, zeugt sich Opfer dann
unerschöpflich jung die Kraft der Macht.

Nur ein Hauch,
kommt und rührt der Lockruf
der erhabnen Mutter
die Erkornen.
Und empor, sturmgleich,
ihrem Schooß zu,
folgen sie gebannt und wachsen
zu den Wolken,
folgen sie und wankend
bebt der Boden; und sie fallen.

Einem Schooß entsprungen,
einem Muttergrunde,
rollt der Strom und
quoll der Glutblock,
der erkaltend – seht! – den Stromlauf, staut.
Hingetümt, schroff,
stolz im Wege der empörten Flut,
starr thront das Lavahaupt,
lagert die gewaltige Sohle:
seht starrer immer,
nur gewaltiger noch
von der Wucht der Brandung
eingebohrt dem Grund, der beide schuf.
Aber aufgebäumt nun:
wuchtiger prallt, wühlt, kocht der junge Strom,
seht, wuchtiger immer,
und es wankt die Sohle,
wankt das starre
alte Haupt,
das zur Macht die Kraft der Stromflut
stauend hob.

Horcht! Dumpfhin krachen,
hochauf rauschen
jäh verworrne Jubelklagelaute.
Horcht in Ehrfurcht:
heut gefallen,
weicht der Macht ein Opferzeuge.

Ruhe, ruhe,
Bismarck, graue Klippe du!
rolle, rolle,
Volk, du aufgewühlte junge Stromflut!
bald versprüht
eurer keuchenden Umarmung
dumpfe Wut,
ausgerungner Opferkampf.
Denn auch Er, der heute
übers alte Haupt dir, du Gestürzter,
hoch hinweg im Zollern-Stolz geschäumt ist:
ja, ein Schaum nur sprüht er,
der die Stromflut,
die empörte junge Stromflut krönt.

Doch wohin, wohin nun – fragst du schwer –
stürzt die Flut, die jäh verworrne Flut?!

Lausche, du Erlauchter,
der du selbst mit Kronen spieltest,
selbst dem Lockruf der erhabnen Mutter folgtest,
der du mit umwölkter Stirne
nun im abendstummen Park die dunkeln
Lebensbäume siehst
vom schwachesten Lufthauch schwanken:
lausche nur den fernen Glocken,
Sohn der dunkeln,
immer jungen,
nimmer satten Mutter Du:
der Macht! –