Elise Polko – Czinka

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»Huzdra Cziganny!«
»Spiel auf, Zigeuner!«

In Wien, der schönen glänzenden Kaiserstadt, lebte vor etwa sechszig Jahren ein junger eleganter Cavalier, der sich durch seinen Reichthum und seine Unabhängigkeit (Eltern und Geschwister waren ihm gestorben) mit leichter Mühe, ohne sonderliches Zuthun gar viele Freunde und Freundinnen erworben. Sie ermüdeten nicht ihm immer und immer zu wiederholen, daß er ohne alle Frage nicht nur der liebenswürdigste Wirth, der angenehmste Gesellschafter, der kühnste Reiter und beste Tänzer, sondern auch der geistvollste und eleganteste Cavalier zehn Meilen in der Runde sei, und seltsamer Weise hörte Graf Alfred diese Versicherungen, so oft sie ihm auch zu Ohren kamen, mit demselben Vergnügen an. Er glaubte seinen Freunden auf’s Wort, und mit solcher festen Ueberzeugung der Wahrheit ihrer Behauptungen ließ sichs ganz angenehm leben. Der allgemeine Liebling war daher stets heiterer Laune, hielt offene Tafel, gab reizende kleine Feste und half, wo man ihn um Hülfe ansprach. Die Gesellschaften, die er in seinem mit vollendetem Geschmack eingerichteten Hause veranstaltete, wurden von den vornehmsten Frauen besucht, da eine alte Tante des Grafen, die verwitwete Marquise d’Anville, bei solchen Gelegenheiten die Honneurs auf die feinste Weise zu machen pflegte. Freilich munkelte man auch von manchen andern üppigern Gelagen, bei denen keine Marquise präsidirte, bei denen man aber dennoch nicht minder schöne Gestalten, nicht minder werthvolle Diamanten und Spitzen zu bewundern fand als bei jenen Soupers und Bällen der vornehmen Aristokratie.

Trotz diesen Extravaganzen war der junge Graf durchaus kein Roué, er lebte eigentlich nur äußerlich wie ein vornehmer Cavalier. In seinem Herzen achtete er die Frauen hoch, denn eine engelgleiche Mutter hatte seine Kindheit gehütet und eine zärtlich geliebte, früh verklärte, Zwillingsschwester stand noch wie eine Heilige vor den Augen seiner Seele. Im Grunde war ihm, wie er seinen vertrauten Freunden gestand, der Frauenumgang zu unbequem, er liebte ein lustiges Zechgelage unter Männern weit mehr als jene fantastisch-wilden »gemischten« Feste und die reizendsten Frauen vermochten ihn kaum eine flüchtige Stunde zu fesseln. Wunderliche Geräthschaften verschollener Zeiten, alte Waffen und seltene Blumen interessirten ihn mehr als menschliche Gestalten, eine Eigenthümlichkeit, die er von seinem Vater geerbt, und er reiste viel eher Stunden weit, um eine alte ausgegrabene Vase zu sehen, als daß er um einer hübschen Frau Willen einen Weg von wenigen Minuten gemacht hätte. Tropische Gewächse, und vorzüglich die so mannigfach und seltsam geformten Cacteen waren es denen er eine besondere Zärtlichkeit widmete, seine Wohnzimmer glichen Treibhäusern, und je wunderlicher die Form der Pflanze, je brennender die Farbe der Blüthen, desto leidenschaftlicher liebte er sie.

Seine Freunde baten ihn im Scherze oft inständig sich nicht dermaleinst mit einer Blumenfee zu verheirathen, und Diners und Soupers von Sonnenstaub und Thautropfen zu veranstalten, und warnten ihn ganz besonders dringend vor der gluthäugigen Purpurblüthe des Cactus speciosissimus, welches seltsame Gewächs sein bevorzugter Liebling war. Er pflegte darauf heiter lachend zu antworten, daß er jedenfalls dermaleinst nur eine Frau heimzuführen gedenke, deren Blick ihn an jene geliebte Blume erinnere.

Daß sich der Graf Alfred bis zu seinem neunundzwanzigsten Jahre nicht verheirathete, fand Jeder, wenn auch vielleicht nicht Jede, cavaliermäßig, als man aber seinen dreißigsten Namenstag mit einem lucullischen Mahle feierte, wagten sich schon einige schüchterne Trinksprüche hervor mit deutlichen Anspielungen auf eine junge reizende Hausfrau. Sie veranlaßten manches Erröthen, manchen schmachtenden Augenaufschlag, manches kokette Fächerspiel. Diese Mahnungen wurden mit jedem Jahre lauter und dringlicher, und glichen bei der Feier der dreiunddreißigjährigen Wiederkehr des ominösen Tages fast einer Bestürmung. Da erhob sich endlich der Graf und erklärte, daß er noch in diesem Jahre sein Möglichstes zu thun bereit sei, um den Wunsch seiner Gäste zu erfüllen. Er versicherte feierlich daß er Alles aufbieten werde den Speisezettel des künftigen Festdiners mit einem neuen Gerichte, freilich nur einem Schaugerichte zu vermehren: mit einer schönen Wirthin nämlich.

Unter der anwesenden unverheiratheten Damenwelt brachte diese, einem Versprechen gleiche, Erklärung eine nicht geringe Aufregung hervor und Jede sah sich schon im Geiste dort oben an jenem Ende der Tafel, geschmückt mit Brillanten und Blumen, in weißem schimmerndem Atlas, eingerahmt von hohen silbernen Vasen, bestrahlt vom Lichterglanz des vielarmigen Kronenleuchters. Graf Alfred hielt nämlich alle seine Diners auch zur Frühlingszeit, wie eben jetzt, bei Kerzenlicht.

Es war dies eigentlich ebensowohl eine Beleidigung als eine Galanterie, dem schönen Geschlecht gegenüber. Er behauptete, daß keine vornehme Dame über sechszehn Jahre hinaus, keine Aristokratin der Kaiserstadt wenigstens, die Beleuchtung durch Sonnenstrahlen zu ertragen vermöchte ohne bedenkliche Beeinträchtigung ihrer Reize, und er liebte nun einmal, wie bei den Blumen, vor Allem die Frische in der Erscheinung einer Frau. Keine der Damen seiner Bekanntschaft konnte sich übrigens einer besondern Bevorzugung von ihm rühmen, er war leider liebenswürdig und aufmerksam gegen Jede. Er vergaß keinen Namenstag seiner zahlreichen Freundinnen und knauserte nie mit den Blumen seiner Treibhäuser und seines Gartens. Hatte er auf einem Balle mit der blonden Comtesse Delphine zwei Mal getanzt (die seit ihrer Bekanntschaft mit ihm sehr oft rothe Blumen und rothe Schleifen trug), und dagegen das stolze Freifräulein Melanie zu Tische geführt, so bat er bei der nächsten Gelegenheit sicher die hübsche Comtesse um den »beneidenswerthen« Platz an ihrer Seite, und ließ sich beim Tanze von den Augen der dunkellockigen Melanie heldenmüthig verbrennen. Kein Kaufmann konnte gewissenhafter seine Waare seinen verschiedenen Kunden zuertheilen und abwiegen, als Graf Alfred seine Aufmerksamkeiten, und selbst seine genauesten Freunde hatten keine auf irgend eine derartige Bevorzugung gegründete Vermuthung, welche Erscheinung aus der Reihe der aristokratischen Schönheiten den Platz als Wirthin beim nächsten Diner einnehmen dürfte.

Schon kurze Zeit nach diesem Feste schien jedoch Graf Alfred sein öffentlich gegebenes Versprechen ernstlich zu bereuen, er zeigte sich unruhig, ungleich in seiner Stimmung, verlor seine gute Laune, vernachlässigte seine Blumen, wurde bleich und einsiedlerisch und die Aerzte, so wie seine erschreckten Freunde, riethen ihm dringend und einstimmig zu reisen. Gar mancher bot sich ihm sogar in rührender Opferwilligkeit zum Reisegefährten an, was jedoch der Graf dankend ablehnte. Niemand wußte, ob er wirklich den Rath, den man ihm ertheilt, befolgen werde – als eines Tages die Fenster seines Hauses sich mit grauer Leinwand verhangen zeigten und Abschiedskarten mit der zierlichen Krone und dem Namen »Alfred Graf Saldern« sich in schönen weißen Händen befanden und eben so schöne Augen nachdenklich das bedeutungsvolle »p. p. c.« betrachteten. – Der elegante Cavalier war entflohen. Der sonst so glänzend geschmückte Portier stand in einem unscheinbaren Rocke gähnend in der Thür, der Gärtner lief mit Blumentöpfen aus den Zimmern in das Treibhaus, im Hofe klopften Diener langsam und pfeifend Teppiche aus, die Orangerie des Balcons war verschwunden – es blieb kein Zweifel: Graf Saldern war abgereist – aber wohin wußte Niemand.


Ein warmer Junitag neigte sich seinem Ende zu als der bequeme Reisewagen des Grafen Alfred durch den vielgerühmten Bakonyer Wald rollte in der Richtung nach Raab. Die Sonne blitzte noch durch die Zweige der Bäume und huschte über das Moos, Kräuter und Gräser dufteten, Vögel zwitscherten ihr Abendlied, Bienen taumelten schwer beladen durch die Luft – aufgescheuchtes Wild lief über den Weg, blieb wohl auch in geringer Entfernung keck zwischen den Gebüschen stehen und schaute mit großen glänzenden Augen herüber, – man hörte die Räder des Wagens kaum im tiefen Moose rollen. Der Kutscher hielt die Zügel lässig, der Diener nickte auf seinem schwankenden Sitze und der Graf selber hatte sich noch nie in seinem Leben so wohl gefühlt als eben jetzt. Es war aber nicht ein blos körperliches Wohlsein, auch über sein Herz kam es wie ein Hauch süßer Freude und köstlichen Friedens. Eine wonnevolle Müdigkeit ergriff ihn, er blinzelte schläfrig zwischen den Wimpern hervor und athmete in langen und immer längeren Zügen die berauschende Waldluft ein. Es war ihm zu Sinne als sei er in jenen verzauberten Wald gerathen, von dem ihm die Mutter so oft in seiner Kindheit erzählt, und er müsse nun fahren und fahren und könne doch nimmermehr an’s Ende kommen. Aber dieser Gedanke erfüllte ihn nicht mit Furcht wie damals, als er an den Knien der Mutter seinen kleinen Kopf verbarg, er hätte vielmehr immer und immer weiter rollen mögen, an den uralten Baumstämmen vorüber, die ihre Wipfel hoch über seinem Haupte rauschend gegeneinander neigten in die endlose grüne Dämmerung hinein. Die Erinnerung an die prunkende Kaiserstadt, die er verlassen, lag wie ein ferner Traum hinter ihm und nebelhaft wandelten die Gestalten seiner Freunde an ihm vorüber. Er fühlte sich so jung, so kräftig, so lebensfrisch wie noch nie, und doch hätte er sich um die Welt jetzt nicht wieder in jenes Leben hineinstürzen mögen, das er so eben verlassen.

Es geschehen trotz aller Zweifel noch Wunder an uns und Lebenselexire werden trotz aller medicinischen und andern Aufklärung noch täglich gebraut und getrunken. Die Mutter Natur, diese uralte Zauberin, die sich glücklicherweise nicht verbrennen läßt, braut sie aus den einfachsten Mitteln für ihre eigensinnigen störrischen Kinder. Ein Wald, eine Bergwiese, ein Schweizersee, das Alpglühen vollbringen an den verstocktesten Herzen die größten Wunder, – Ketten und Schlacken fallen ab, die Seele athmet Genesungsluft, das Herz verliert seine Runzeln und schaut wieder mit Kinderaugen und Kinderglauben in die schöne reiche Welt hinaus. – Wie lange der Graf in dem köstlichen Eichenwalde umhergefahren – er wußte es nicht, er richtete sich nur rasch auf, als der Kutscher plötzlich die Pferde anhielt und sagte:

»Wir haben uns verirrt, der Weg hat hier ein Ende!«

Der arme Schelm sah leichenblaß aus, denn er kannte die Heftigkeit seines Herrn. Zu seiner großen Verwunderung sprang dieser aber heiter aus dem Wagen und anwortete:

»Wartet nur hier auf mich, ich werde den Weg suchen und Franz soll auch bleiben, ich will allein gehen!«

Und eine lustige Melodie pfeifend schlug er den ersten schmalen Fußweg ein, der vor ihm lag. Wie köstlich ließ sich’s hier wandern in dem Purpurschein, der jetzt den Wald durchzitterte. Leichter war er nie über die glänzenden Parquets der Tanzsääle Wiens geschritten. Da war es ihm mit einem Male als trüge der Wind die abgerissenen Klänge einer fremdartigen Musik zu ihm. Unwillkürlich blieb er stehen und lauschte. – Dann folgte er rascher der Richtung, aus welcher die Töne ihm zuströmten. Immer deutlicher, zusammenhängender schlug es an sein Ohr, endlich unterschied er eine wunderliche wilde Tanzweise im Zweivierteltact. Weiter schreitend lösten sich die Töne von Violinen, Violen, einer Clarinette und Cymbal aus dem Chaos.

Darüber war er aber sehr lange gegangen, – endlich überfluthete es ihn wahrhaft mit Tonwellen und zugleich wandte sich der Weg, die Büsche traten zurück, als ob ein grüner Vorhang zerrisse, und Graf Alfred blieb wie erstarrt stehen. Er befand sich vor einem großen freien Platze mitten im Walde. Kaum zwanzig Schritte von ihm hatten ungarische Zigeuner ihr Lager aufgeschlagen. Auf der andern Seite sah man durch eine Lichtung die Umrisse der wunderschönen Cisterzienserabtei bei Zircz im Abendroth schimmern. Kleine Zelte waren aufgeschlagen, ein lustiges Feuer brannte in der Mitte, um das sich einige alte Frauen gesammelt hatten. Nackte braune Kinder, schön geformt wie antike Statuen von Bronce, haschten sich unter den Bäumen, Männer lagen und standen müssig umher und hörten der Musik des Zigeunerorchesters schweigend zu. Die zwölf Musikanten selbst saßen in einem Halbkreise. Sechs von ihnen spielten erste und zweite Geige, zwei die Viola, Einer eine Baßgeige, ein Anderer eine Art von Cello und die beiden Letzten Clarinette und Cymbal. Junge Männer und Mädchen knieten und kauerten am Boden, der kecken Musik lauschend und dem Tanz eines jungen Mädchens zuschauend, das eben in die Mitte des Kreises getreten war, und anfing nach dem Tacte der Musik sich hin und her zu bewegen.

Als der Graf jetzt die Tanzende anschaute, fiel ihm plötzlich seine Lieblingsblume ein, die glühende leuchtende Purpurblüthe der Cactus speciosissimus, und es war ihm als ginge das warme rothe Licht, das jetzt die ganze lebensvolle Gruppe überstrahlte, von dieser einen zarten Gestalt aus. Die Kleine war wohl kaum fünfzehn Jahr alt und reizend gewachsen. Sie trug einen scharlachrothen kurzen Rock und rothe Stiefeln an den kleinen Füßen. Den schlanken Oberkörper umschloß ein blendend weißes faltiges Hemd, das unter dem Halse mit einer Schnur zusammengezogen war. Ein Korallenkreuz hing an einem schwarzen Bande auf ihrer Brust. Eine lose Jacke, die vorn offen war, mit kurzgeschnittenen weiten Aermeln trug sie noch über dem Hemde. Ihr Haar fiel in schweren schwarzen Flechten fast bis zu ihren Knien herab, und an die Enden der Zöpfe hatte sie rothe Schleifen gebunden. Um beide Handgelenke der zarten, aber tadellos geformten Arme trug sie schmale silberne Ringe. Ihr feines, leicht gebräuntes Gesicht mit den köstlich frischen Lippen, lachte wie das Gesicht der glücklichen sorglosen Jugend lacht. Sie hob die Augen und blickte in das Grün der Bäume oder gerade in den Himmel hinein, wer konnte das wissen? Das waren Augen! Ja, von ihnen mußte jener Lichtstrom ausgehen in dem die ganze köstliche Gestalt schwamm, und auf- und niedertauchte, es konnte nicht anders sein! Das war ein Leuchten, Glühen, Schmachten, Funkeln, Drohen und Lächeln dieser zwei großen schwarzen Sterne! – Jenem lautlosen Zuschauer, der Jahre lang ungeblendet in die Augen der berühmtesten Schönheiten der üppigen Kaiserstadt geschaut, kam ein Schwindel an, eine seltsame Angst und Seligkeit zugleich den Augen der kleinen Zigeunerin gegenüber. Und dazu die kleinen beweglichen Füße, dieser von Jugendlust und Jugendkraft geschwellte und getragene Körper! Was war dieser lebensvolle Tanz gegen jenes seltsame Schlürfen und Drehen, gegen jenes Hüpfen und Rasen in den Tanzsälen des großen Wien? Und dies junge, von Luft und Sonne gebräunte Angesicht konnte sich den vollen Sonnenstrahlen aussetzen und wurde nur schöner je heller es beleuchtet. Ein Schauer des Entzückens durchrieselte den Grafen, als endlich die tanzende Kleine mit dem Ausdruck höchster kecker Lust jenen bedeutungsvollen Zigeunerruf: »jah!« herausjubelte, den ebenso das höchste Leid als die höchste Freude von den Lippen gleiten läßt, – und dann mit einem kühnen Sprunge ihren Tanz schloß. Als das Orchester nun mit einem vollen kurzen Accord abbrach, da war es aber dem Grafen plötzlich als sei er im Theater an der Burg und habe eben die schönsten Tänzerinnen gesehen. – Der grüne Wald wurde zur täuschend gemalten Coulisse, die stattlichen, seltsam gekleideten Männer, mit den langen schmalen Schnurrbärten und schwarzen, glatt herabhängenden Haaren, zu trefflich costümirten Choristen, die üppigen, nachlässig verhüllten Frauengestalten zu koketten Choristinnen, die nackten Kinder, das Feuer, die kochenden brodelnden alten Weiber zu meisterhafter Staffage, – Graf Alfred klatschte mit dem Feuer eines echten Balletenthusiasten in die Hände und rief:

»Brava, Brava!«

Da geschah es fast wie in jenen Märchen von den Elfentänzen, wenn die Elfenkönigin plötzlich einen unberufenen Lauscher entdeckte: wie ein Wirbelwind fuhr es über das ganze Zigeunerlager hin und die Scene veränderte sich rascher wie auf einem Pariser Theater. Die Frauen drängten sich hinter die Männer, die Kinder hingen sich an ihre Mütter, die Hexen des Feuers kauerten sich nieder wie zum Sprunge bereite Katzen, die Musikanten hörten auf zu spielen und nahmen eine trotzig drohende Haltung an und wohl hundert flammende Augen richteten sich plötzlich auf den Grafen. Die kleine Tänzerin allein war ruhig geblieben und blickte neugierig zu dem kühnen Fremden hin. Ein dunkler hochgewachsener Knabe, die Geige im Arm, war aber dicht an sie heran getreten in einer so herausfordernden Haltung, so schutz- und kampfbereit, daß der Graf sich eines Lächelns nicht erwehren konnte.

Da wendete sich die Kleine an ihn und fragte in gebrochenem Deutsch mit gerunzelter Stirn:

»Was willst Du hier?«

»Dich bewundern!« antwortete er und sah sie mit seinen hübschen blauen Augen leidenschaftlich an.

Jede Frau, sie gehöre welchem Volke und Stande sie auch wolle, unterscheidet mit einem Blicke die wahrhafte Bewunderung ihres Selbst von leichtem Wohlgefallen und tändelndem Spiel und ist niemals unempfindlich gegen dieselbe. Die junge Zigeunerin nahm daher auch die Hand des Grafen und sagte freundlich:

»Kommt mit mir und bleibt bei uns eine Weile. Seid ohne Sorge, Czinka wird Euch schützen!«

Sie rief ihren Gefährten einige ungarische Worte zu, und führte dann ruhig ihren neuen Bewunderer mitten in den Kreis.

Es war auch kaum eine Stunde vergangen, da saß der Graf wie ein echter Czigàny unter ihnen, plauderte mit den Männern, die sich mit deutscher Zunge einigermaßen verständlich zu machen wußten, scherzte mit den Frauen, sah dabei die schöne Czinka an, die ihm gegenüber saß neben dem finsterblickenden Knaben, und sprach dem großen Becher mit jenem süßen Tranke, den die Weiber trefflich zu bereiten verstanden, tapfer zu. Erst als die Nacht hereinbrach, dachte er wieder an seinen Wagen und an den armen wartenden Kutscher. Zögernd brach er auf und bat um einen Führer, um ihn an den Wagen und dann auf den Weg nach Zircz zu bringen, welcher Ort kaum eine halbe Stunde entfernt sein konnte.

»Anthony mag mitgehen!« sagte da Czinka gebietend und wandte sich zu jenem dunkellockigen Burschen mit der Geige, der noch nicht von ihrer Seite gewichen. Er stand auf, nickte gleichgültig, hing seine Geige an den nächsten Baum, und warf seinen Mantel um die Schultern.

»Wie lange bleibt und lagert Ihr hier an dieser Stelle?« fragte ihn der Graf.

»So lange es uns gefällt,« lautete die kurze Antwort des Burschen.

»Ich möchte Euch noch oft besuchen,« sagte der Graf zur schönen Czinka gewendet, »wenn Ihr es erlauben wolltet.«

Sie neigte freundlich gewährend mit stolzer Grazie den zierlichen Kopf. Dann nahm Alfred Saldern Abschied von den Vornehmsten der Bande und folgte seinem Führer, der eine Fackel angezündet hatte.

Das war ein seltsamer Spaziergang! Mit der Behendigkeit einer Schlange schlüpfte der Knabe voraus durch die Gebüsche, und sprang über Wurzeln und Baumstämme, über Gräben und Bäche, ohne sich zu kümmern ob der Fremde folgte.

Der elegante Cavalier hatte die größte Mühe nachzukommen und blieb überall hängen. Aber das ganze Abenteuer und die seltsame Waldfahrt hatten ihn in eine ungewöhnlich glänzende Laune versetzt und so ließ er sich denn Alles ohne ein Wort des Aergers gefallen.

Nur einmal mußte er athemlos inne halten, er konnte nicht weiter, rief seinen Führer zurück und gebot ihm eine kleine Weile zu warten.

Der Knabe gehorchte und setzte sich mit einem spöttischen Auflachen unfern von dem Erschöpften nieder. Sein seltsames unschönes Gesicht sah in der Fackelbeleuchtung fast koboldartig aus.

»Seid Ihr unter den Musikanten?« fragte der Graf, indem er sich eine Cigarrette anzündete. »Es ist mir als hätte ich Euch im Orchester gesehen als die kleine Czinka tanzte.«

»Ich spiele die Geige,« antwortete der Knabe mürrisch.

»Wie heißt Ihr?«

»Anthony Czermak.«

»Liebt Ihr die Musik?«

»Wie meint Ihr das?«

»Nun – ob Ihr gern Tänze spielt?«

»Wenn die Czinka tanzt – sonst spiele ich lieber Lieder.«

»Habt Ihr die Czinka lieber oder Eure Geige?«

»Wenn Ihr so fragen könnt, so wißt Ihr nichts von einer Geige,« antwortete der Knabe verächtlich. »Mir ist meine Geige lieber als zehn Czinkas.«

Damit stand er trotzig auf und ging weiter. Wie ein Irrlicht huschte er hin und her und den Grafen überkam oft ein unheimliches Gefühl wenn er ihn so auftauchen und verschwinden sah zwischen dem dunklen Grün. Plötzlich verlöschte die Fackel und aus dem Dunkel heraus kicherte wie aus weiter Ferne der Knabe:

»Versuchts noch zehn Schritte weiter – da steht Euer Wagen, Eurem Kutscher habe ich gesagt wie er fahren soll, um nach Zircz zu kommen!«

Dann rauschte Etwas durch die Büsche, streifte hart an ihm vorbei, ein spöttisches Gelächter wurde laut und Graf Alfred stand im tiefsten Dunkel. Mit einem derben Fluch rief er den Namen seines Dieners, der denn auch in geringer Entfernung antwortete und nach einiger Mühe und nachdem er über verschiedene Wurzeln gestolpert, an verschiedene Bäume gerannt, wobei er immer ein leises boshaftes Kichern zu hören glaubte, athmete er wie von einem bösen Traume befreit auf, als er wieder in seinem Wagen saß. Nach der Weisung, die in der That der Kobold Anthony dem Kutscher gegeben, rollte er nun auch auf der Straße nach Zircz fort, und noch vor Mitternacht erreichte er glücklich das Städtchen.


Am nächsten Tage besuchte Graf Alfred das Zigeunerlager wieder und so noch viele Tage, nur daß er sich Abends nie wieder von jenem trotzigen Burschen, sondern von seinem eigenen Diener zurückgeleiten ließ nach seinem Wagen, der ihn stets am Ausgange des Waldes erwartete. Schon beim dritten seiner Besuche nahm er allerlei Geschenke für die Frauen mit, die er von Raab sich kommen ließ, glänzenden Tand, der mit noch glänzenderen Augen empfangen wurde. Für die schöne Czinka brachte er zwei Korallenschnuren, die sie eben lächelnd um ihre Arme zu schlingen sich anschickte, als Anthony, der kleine Geiger, plötzlich herbeisprang, die Ketten aus des Mädchens Händen riß und mit den Worten: »Czinka trägt nur die silbernen Ringe ihrer Großmutter!« die Perlen ins Moos streute.

Da sprang die Kleine mit einem Ruf des Zornes auf – stampfte mit dem Fuße und blitzte den Frevler mit einem Blick an, der den Grafen erschreckte und entzückte. Dann drehte sie ihm langsam fast königlich stolz den Rücken ohne ein Wort zu reden, machte aber auch keine Bewegung die Korallen aufzuheben. – Allein sie erlaubte ihrem fremden Bewunderer den ganzen Abend an ihrer Seite zu sitzen und mit ihr zu plaudern.

Als der Graf endlich den Heimweg antrat, streifte er an dem kleinen Geiger vorüber, der einsam auf einem umgestürzten Baumstamm saß. Die nackten Füße hatte er über einander geschlagen, den Kopf auf den linken Arm gestützt, seine Geige lag neben ihm im Grase. Sein Gesicht war todtenblaß und der Ausdruck um Lippen und Augen ein so verzweifelter, daß Alfred Saldern erschrak. Unwillkürlich blieb er neben dem Knaben stehen in der Absicht ihn anzureden. Aber wie vor dem plötzlichen Anblick einer giftigen Schlange fuhr Anthony Czermak da empor, raffte seine Geige auf und war in zwei Sprüngen verschwunden.

Wenige Tage später sah man nicht nur zwei herrliche Korallenbänder an den Armen Czinka’s, sondern sie trug auch eine Korallenkette um ihren Hals. An demselben Abend als Alfred Saldern sie der kleinen Zigeunerin in den Schoß warf, tanzte sie freiwillig vor dem Grafen. Aber Anthony Czermak spielte nicht mit, wie damals. Er warf seine Geige gleich nach den ersten Tacten zu Boden und lief in den Wald.

Ungarische Zigeunermusik! Wer sie je einmal hörte in ihrer melancholischen Wildheit, in ihrer hinreißenden Gluth, ihrem fremdartigen Reiz und wunderbaren Rhythmus, der vergißt sie so wenig wie man eine Masurka, oder einen jener zauberischen traurigen Walzer des Chopin vergißt, wo die Lust mit dem Leid zum Tanz antritt. – Beide Musikarten rufen ähnliche Empfindungen hervor: unsagbare Traurigkeit, die sich gleich darauf in rasende Lust verwandeln möchte, Wohlgefühl wie es den Gefangenen beim Anblick einer Schwalbe durchbebt, und zitternde Seligkeit wie beim Hauche des Wortes: »Ich liebe Dich!« Diese häufigen Synkopen, punktirten Achtel, entgegengesetzten rhythmischen Bewegungen reißen uns in einen Wirbel von Leidenschaft hinein, und die harmonischen kecken Licenzen in Bezug auf Octav und Quintenfortschreitungen, die unvorbereitete Anwendung von Septimen und Nonenaccorden, die seltsamen Halte und Figurirungen auf der Dominante, wirken fast wie der Genuß des Champagners in toller Gesellschaft, wenn wir eben für immer von der Geliebten Abschied genommen. –

Alfred Saldern fühlte sich von einem Taumel befangen, seit er unter und mit diesem seltsamen Völkchen der Zigeuner lebte, gegen dessen täglich wachsende Macht er sich so vergebens wehrte, wie ein des Schwimmens Unkundiger gegen die Gewalt der Wellen. Ein neuer Tag ging allmählich vor den Augen seiner Seele auf und die Sonne dieses Tages hieß: Czinka.

Czinka’s fremdartige Schönheit, ihr schillerndes seltsames, halb scheues, halb zuthunliches Wesen bestrickte ihn täglich mehr. Sie verkehrte fast mit ihm wie eine junge Schwester mit einem ältern Bruder verkehrt, dessen Liebe sie verwöhnt, indem sie allen Launen nachgab. Sein Herz fühlte sich von einem Feuer ergriffen das ihn mehr entzückte als marterte, und seine Seele träumte am Tage davon wie es doch eigentlich das Beste und Kurzweiligste sei, eine Zeit lang Zigeuner zu werden, und mit dieser kecken Bande schöner Frauen und fröhlicher Männer, frei und ungebunden in der schönen Gotteswelt umherzuziehen. In den Nächten träumte er aber noch viel seltsamere Dinge, an die er mit wachen Augen kaum zu denken wagte: er sah sich selbst nämlich wieder in Wien in seinem eleganten Hause. – Seine Blumen dufteten ihm entgegen, der Speisesaal war mit Guirlanden geschmückt, auf der gedeckten Tafel schimmerten kostbare Geräthe, – aber es brannten keine Kerzen, wie sonst bei den glänzenden Festen im Saldern’schen Hause, – die Vorhänge waren nicht geschlossen, die Sonnenstrahlen hielten ungehindert Musterung über die Schaar der versammelten Gäste. Und oben an der Tafel saß der Festgeber – und ihm zur Seite – – sein Weib: – die lebendig gewordene fremde, leuchtende Purpurblüthe des Cactus speciosissimus, Czinka, die reizende Zigeunerin.


Das ungewöhnliche Musiktalent des wunderlichen Anthony Czermak erregte selbst die Aufmerksamkeit des vielbeschäftigten Grafen. Unwillkürlich mußte er lauschen, sogar mitten im Gespräch mit dem jungen Mädchen, wenn der Knabe, was jetzt öfter geschah, auf seiner Geige seine phantastischen Stücke vortrug. Die übrigen Musikanten ruhten dann aus, die Frauen zogen die spielenden Kinder auf ihre Knie, die Männer lagerten sich im Kreise, und so schwebte der großartige Ton seiner Geige wie ein Vogel über alle Häupter dahin. Aber es war dieser Ton keine fröhlich himmelan steigende Lerche, sondern eine Nachtigall, die ihr Lied in die dunklen Gebüsche trägt, oder ein sterbender Schwan, der seine Todesseufzer mit dem Gemurmel der Wellen mischt. Einmal, bei einer besonders elegischen Melodie, welche unter allerlei selbstgeschaffenen wilden Verzierungen und Wendungen immer wieder, wie ein blasser Mond durch zerrissene Gewitterwolken, auftauchte, bemerkte Alfred Saldern eine besondere Traurigkeit auf den Gesichtern aller Hörer. Er selbst neigte sich seltsam bewegt zu der schönen Czinka und fragte sie um die Bedeutung jener Melodie.

»Das ist die siralmas nota – die weinende Melodie« sagte sie ernst, »die uralte Klage der Zigeuner um ihr verlorenes Reich.« Und als Anthony geendet rief sie ihm zu: »spiele jetzt die Rakoczy Nota!« Der Ton ihrer Stimme war zwar herrisch, aber ihre Augen baten.

Der junge Geiger streifte das junge Mädchen einen Moment mit einem halb wilden, halb zärtlichen Blick, dann ließ er ein rührendes Adagio, dem ein feuriges Allegro folgte, über die Saiten seiner Geige ziehen. Als er nun geendet, kam er zu Czinka, neigte sich zu ihr und fragte:

»Wirst Du nun auch wieder einmal mit mir singen?«

Sie schlug die Augen nieder und nickte kaum merklich mit dem Kopfe. Da flog ein Lächeln über sein dunkles Gesicht wie ein Sonnenstrahl über die braune Haide. Und nach einem köstlichen Ritornell fiel Czinka mit ihrer schwachen, aber süßen Stimme ein und sang mit der Geige um die Wette ein wehmüthiges Lied im Vierachteltact in sehr langsamem Tempo. Fremd und ergreifend war der Accent der leichten Tacttheile des zweiten und vierten Achtels, den der Geiger mit voller Gewalt unterstützte. Die Textesworte verstand der Graf nicht, die leidenschaftliche klagende Melodie traf aber mächtig sein Herz.

»Wie heißt das Lied?« fragte er am Schlusse die Sängerin.

»Ich will versuchen es Euch zu übersetzen,« antwortete Czinka. »Es ist meine Lieblingsnota, die Worte und die Melodie hat Anthony gemacht:

»O meine müden Füße, ihr müßt tanzen
In bunten Schuhen
Und möchtet lieber tief
Im Boden ruhen.
»O meine armen Augen, ihr müßt blitzen
Im Strahl der Kerzen
Und möchtet im Dunkel lieber
Schlafen von euren Schmerzen.«

»Was kann ich Euch schenken?« fragte der Graf an diesem Abende freundlich den jungen Geiger. »Bis zur Stunde haben sie Alle von mir irgend eine kleine Gabe angenommen, nur Ihr allein nicht! Meint Ihr, es sei mir entgangen, wie Ihr die silberne Kette, die ich Euch durch Czinka überreichen ließ, zerrissen und von Euch weggeschleudert? Erlaubt mir doch endlich Euch zu zeigen wie wohl mir Euer Spiel gefällt!«

»Nun, so schenkt mir den kleinen Dolch, den Ihr immer mit Euch führt!« antwortete Anthony nach kurzem Besinnen.

Alfred zog die zierliche Waffe aus ihrem Futterale und überreichte sie nach kurzem Zaudern dem Geiger. »Laßt uns nun auch Freunde sein,« sagte er.

Die Augen des Knaben blitzten. Er prüfte die feine Klinge und musterte mit Wohlgefallen den zierlich ausgelegten Griff. Dann schob er die Waffe in die lederne Scheide und verbarg sie an seiner Brust. Mit heiterem Lächeln dankte er nun dem Grafen und war von Stund an minder scheu und fremd zu ihm, aber wahrhaft zutraulich wurde er dennoch keinen Augenblick, so viele Mühe sich auch Alfred Saldern gab seine Zuneigung zu erwerben.


Tage und Wochen vergingen – das Leben des Grafen glich einem phantastischen Märchen, und er verspürte zuweilen den Drang sich an Nase und Ohren zu zupfen, um zu erproben ob er wirklich wache. – Jene nächtlichen Träume, in denen er die schöne Czinka in seinem eleganten Hause in Wien sah, träumte er jetzt auch sogar am Tage: immer unabweisbarer tauchte der Gedanke in ihm auf, dies köstlich frische Kind als sein Weib heimzuführen. Zerflossen waren alle Bedenken, verstummt die widerstreitenden Stimmen in seiner Brust; die Stimme der Liebe hatte sie alle zur Ruhe gebracht. Das leidenschaftliche Verlangen nach dem Besitze eines Etwas das er nicht, wie sonst Alles was ihm gefiel, durch die Macht seines Reichthums zu erkaufen vermochte, entzückte ihn, – er schwelgte in diesem neuen Gefühl und empfand zu Zeiten kaum die Sehnsucht sich durch ein entscheidendes Wort aus diesem, für ihn so neuen, köstlichen Zustand zu erlösen. Ob Czinka seine Empfindungen ahnte? Er wagte es nicht zu hoffen. Sie war und blieb unbefangen gegen ihn wie ein Kind. Seine Geschenke hatte sie mit harmloser Mädchenfreude entgegengenommen, seinen Erzählungen von der großen Kaiserstadt, von seinem Palaste, von den Genüssen des Reichthums mit glühenden Wangen und leuchtenden Blicken gelauscht, wenn aber Anthony Czermak seine Geige stimmte, schnellte sie doch empor, wurde zerstreut und unachtsam, und spielte er in seiner kecken wilden Manier gar den ersten Tact irgend eines Tanzes, so hatte Alfred das Gefühl als ob diese Töne Czinka von einem offenen Grabe, worin man ihr Liebstes so eben versenkt, wegzulocken vermöchten. Fast mit einem Schauer sah er zu, wie sie dann auf und dahin flog: ihr Busen wogte, ihre Füße berührten kaum den Boden, ihre Augen lachten und die leichte Gestalt schwebte dahin, als sei eben die Bewegung des Tanzes ihr einziges Element. Ließ sie endlich mit dem letzten Strich der Geige des braunen Knaben die Arme sinken und warf sich in’s Gras, halberschöpft, halb selig von der eben genossenen Lust, da hätte der Graf sein Leben und seine Habe ihr zu Füßen werfen mögen und doch war es ihm, als könne er dreister der stolzesten Herzogin in Wien einen Heirathsantrag machen, als zu dieser kleinen Zigeunerin von Liebe reden.

Eines Tages jedoch, der Abend dunkelte bereits, saß er mit ihr auf einem kleinen freien Platze unfern des Lagers unter einer großen Eiche. Die Musikbande war schon am Morgen fortgezogen, um zu dem Hochzeitfeste eines reichen Bauern aufzuspielen, mehrere der Männer und Frauen hatten sie begleitet. Es war still im Zigeunerlager. Das Feuer schimmerte durch die Büsche, das Lärmen und Lachen der spielenden Kinder drang gedämpft herüber. Czinka war ungewöhnlich ernst. Alfred Saldern saß stumm an ihrer Seite. Als die Sonne sank, brach das junge Mädchen plötzlich in Thränen aus und sagte:

»Um diese Stunde, heute vor fünf Jahren, starb meine Mutter und ließ mich allein. Den Vater habe ich nie gekannt, der starb ehe ich geboren war!« Nach diesen Worten küßte sie ein kleines Kreuz, das sie am Halse trug. »Ich möchte so gern wieder einmal in meiner Kirche beten,« fuhr sie dann gedankenvoll fort, »nehmt mich doch einmal mit nach Zircz! Die Andern lassen mich nicht allein fort und sind keine guten Katholiken! – Wenn die Mutter noch lebte, wäre ich auch wohl nicht mehr hier unter ihnen! Wir wollten damals nach Raab ziehen oder vielleicht gar in’s österreichische Land mit dem Anthony, damit er tüchtig Geige spielen lerne und ein großer Musikant werde. Armer Anthony!«

»Beklagt ihn nicht, Czinka, für ihn ließe sich noch Hülfe finden – noch ist es Zeit, ich will ihn mit nach Wien nehmen, wir haben dort hochberühmte Meister bei denen er Tüchtiges lernen könnte.«

Sie fuhr empor mit leuchtenden Augen. »O wie gut Ihr seid!« rief sie freudig und faßte seine Hände. »Wollt Ihr das wirklich? – Dann ginge ja die böse Weissagung der Czinka Panna, meiner Großmutter, nimmermehr in Erfüllung! – Habt Ihr niemals von jener vielgefeierten Zigeunerin und Quartettspielerin reden hören? Nun seht, sie starb an dem Tage meiner Geburt. Aber man brachte mich an ihr Bette und da legte sie ihre kalten Hände auf mein Haupt und murmelte: »Armes Kind! Du wirst leben müssen ohne die berauschende Musik unseres Volkes und wenn eines Tages der größte Geiger unsers Stammes die siralmas nota vor Dir spielt, wird es – in Deiner Todesstunde sein!« Wenn nun aber der Anthony Czermak wirklich ein großer Geiger wird, so werde ich ihn alle Tage spielen hören, denn er wird mir oft genug die siralmas nota geigen wenn ich erst seine Frau bin.«

»Ihr des Anthony Frau?«

»Ja, so wollte es die Mutter, um die Prophezeiung der Großmutter zu nichte zu machen. Sie liebte den Anthony, der auch schon längst keine Eltern mehr hat, und Anthony liebt mich sehr!«

»Und Ihr, Czinka – Ihr selbst – redet doch – möchtet Ihr denn solch eines wandernden Zigeuners Weib werden?«

Sie sah ihn erstaunt an, des leidenschaftlichen Tones wegen, in dem er geredet. Er war so bleich geworden daß sie erschrak und eine Bewegung machte sich zu erheben. Mit Heftigkeit aber schlang er seinen Arm um ihren schlanken Leib, zog sie zu sich nieder und rief:

»Nicht eher weicht Ihr, Czinka, als bis ich Euch Alles gesagt!« Und als sie bebend es geschehen ließ daß er ihren Kopf an seine Brust lehnte, da redete er mit leisen glühenden Worten von seiner unbesiegbaren Liebe zu ihr, zu der wilden Rose, die da so dicht an seinem Herzen blühte und strahlte. Was er ihr sagte und versprach – sein Kopf wußte nichts davon, sein Herz allein redete. – Lange währte es auch nicht – dann kam die Endfrage, die er aber mit fester, fast feierlicher Stimme aussprach: »Czinka, wollt Ihr mein Weib werden und mir in meine Heimath folgen?«

Er schwieg wie von einer schweren Last befreit, und lehnte mit dem Ausdruck der Erschöpfung seinen Kopf an den Stamm des Baumes, dessen Zweige sie Beide beschattete.

Da richtete sie sich langsam aus seinen Armen auf, sah ihn traurig an und antwortete mit langsamem Kopfschütteln nur das eine Wort: »Nein!« aber so ruhig, so unabweisbar, daß er fühlte, wie keine Bitten und Klagen diesen Laut in ein »Ja« zu verwandeln vermöchten. – Ein unendlicher Schmerz zog durch seine Seele. Schweigend senkte er die Stirn. – Was kümmerte es ihn zu wissen, was sie zu diesem »Nein« getrieben? Wozu noch ein Auseinanderreißen der Wunde, die er empfangen? Er sah sie noch einmal an, wie sie in ihrer sinnverwirrenden fremdartigen Schönheit vor ihm saß, die Fleisch gewordene Blüthe des Cactus speciosissimus – dann riß er ihre Hände an seine Lippen und sagte einfach:

»Lebt wohl, Czinka!«

Da neigte sie ihr liebliches Haupt herab und küßte ihn leicht wie ein Hauch auf die Stirn. »Lebt wohl!« flüsterte auch sie. Aber plötzlich fuhr sie empor und wurde todtenbleich. »Hörtet Ihr nicht einen Seufzer, wie das Todesächzen eines getroffenen Rehs?« fragte sie leise und ängstlich.

Er schüttelte den Kopf und stand auf. Wirre Töne, Rufen und Lachen, klangen vom Lager her.

»Sie sind wiedergekommen!« sagte Czinka tiefaufseufzend. »Anthony sucht mich gewiß!« Dann legte sie ihre Hand auf den Arm Alfreds und flüsterte: »Jetzt weiß ich, daß ihr den Anthony nicht mit nach Wien nehmen könnt, – aber ich danke Euch doch daß Ihr es gewollt! Vergeßt mich und ihn, ich bitte Euch!«

Sie verschwand im Gebüsch. Er blieb noch einen Augenblick in tiefen Gedanken stehen, dann schlug er einen Seitenweg ein, der ihn zu seinem Wagen leitete.

In Zircz angekommen, befahl er seine Sachen sogleich zu packen und fuhr in derselben Nacht noch nach Raab. Dort blieb er einige Tage, trieb sich ruhelos umher und schwankte stündlich zwischen Abreisen und Bleiben. Die Festungsmauern beengten ihn, die düstern Straßen erhöhten seine Schwermuth, nur in dem Stadtviertel der Juden und Zigeuner, und in dem herrlichen alten Dom athmete er auf. Stunden lang konnte er in den schlechten Schenken sitzen und die Gestalten der ungarischen Zigeuner anstarren, die dort zechten, scherzten und ihr wildes Wesen trieben. Nur wenn irgend Einer der Bande seine Geige stimmte, üppige Frauengestalten aus den Winkeln auftauchten und der Wirth die Bänke zusammenrückte, um die niedere schmale Stube in einen Tanzsaal zu verwandeln, floh er, aber die tolle Musik, das Jauchzen und Stampfen folgte ihm bis an das Portal des ernsten Gotteshauses, allwo erst der böse Spuk wich. Wie viele Tage er in Raab verträumt – er hatte sie nicht gezählt – eines Abends aber stand Alfred Saldern an dem Fenster des Gasthauses mit dem festen Entschlusse, am nächsten Morgen nach Wien abzureisen. Der Regen schlug an die Scheiben, der Wind heulte, im Hofe irrten Laternen umher, – auf den Straßen war es stille, – auf Flur und Treppen nicht minder, obgleich es noch früh am Abend war. Die Lampe brannte düster auf dem Tische, gespenstische Schatten zuckten an den Wänden auf und nieder. Ein unsagbares Heimweh überkam den Verlassenen – aber kein Heimweh nach seinem in all seiner Pracht doch öden Hause in Wien, oder nach den Gestalten der Genossen seiner rauschenden Freuden, nein, eine verzehrende Sehnsucht nach der längst gestorbenen Mutter, nach der längst begrabenen Schwester, – ja nach dem kaum gekannten Vater, und in tiefer Wehmuth legte er seine Stirn in die Hände und fühlte Thränen – seltene Gäste – in seinen Augen. Da klopfte es rasch an die Stubenthür, sein Diener trat ein und meldete einen Knaben, der nach ihm gefragt. Zerstreut winkte der Graf ihn einzulassen. Er blickte kaum auf, in seine Erinnerungen versenkt, als die schlanke Gestalt eintrat – er zuckte erst mit einem Schrei empor als eine kleine Hand, deren Pulsschlag ihn sympathisch berührte, die seine erfaßte. Hastig wandte er sich nun und erkannte, trotz der entstellenden Tracht, trotz des verschnittenen Haars – Czinka, das geliebteste Geschöpf der Erde. Mit einem Laut des Entzückens riß er sie an seine Brust, er sah nicht wie bleich sie war und wie sie zitterte.

»Hier bin ich,« sagte sie mit leidenschaftlichem Trotze, »ich will Dein Weib werden – vergiß, daß ich Dir einst »nein« gesagt, aber Eins mußt Du mir zuvor versprechen: Du mußt ihn mir suchen helfen, den Anthony. Er ist in derselben Nacht da Du uns verlassen, mit seiner Geige entflohen, hinaus in die weite Welt! Niemand wird und kann mir suchen helfen als Du, Du allein! Und wir werden ihn finden – nicht wahr?«


Der Namenstag des Grafen Alfred rückte heran und noch wußte Niemand, wo der wunderliche Flüchtling sich umhertrieb. Manche glaubten ihn auf seinem schönen Gute in der Steyermark, Andere in Italien, wieder Andere wollten gehört haben, daß er sich am Rhein niedergelassen, und Alle bedauerten den Ausfall des sonst allezeit so glanzvollen Festes, als plötzlich die Einladungen für diesen Tag in gewohnter Weise ergingen, die fast ein Jahr lang verschlossenen Fenster und Thore des Saldern’schen Palastes sich öffneten, und bald in ihrem sonstigen Schmuck an Blumen und kostbaren Umhängen wiederum strahlten. Neugierige Freunde eilten herbei, aber der alte Haushofmeister wies einen Jeden ab mit der ruhigen Bemerkung, sein Herr sei noch bis zur Stunde nicht zurückgekehrt. Mit welcher Spannung man endlich am bestimmten Tage die prächtigen Raume des Festgebers betrat, läßt sich denken.

»Ob er wohl jenes Versprechen halten wird, das er vor einem Jahre der Versammlung gegeben, ob er sich verlobte auf seiner langen Reise, oder ob er irgend einer der geladenen Schönen öffentlich Herz und Hand anzubieten gedenkt?« diese Fragen beschäftigten die meisten der Gäste. Treppen, Flur und Vorzimmer waren ungewöhnlich glänzend decorirt, aber im Empfangzimmer wurden Viele unangenehm überrascht: Tageshelle statt des gewohnten Kerzenlichts strömte ihnen entgegen; doch verschwand diese kleine fatale Empfindung bald bei dem überaus liebenswürdigen Empfang des Grafen, der dies Mal seine Gäste mit dem Ausdrucke wahrer Freude begrüßte, und jedem Einzelnen zu verstehen zu geben sich sichtlich mühte, wie sehr angenehm ihm gerade seine Erscheinung sei. Jeder und Jede sagte sich: »so freundlich lächelte er noch nie, so verbindliche Worte hörte ich noch nie von ihm!« Die Stimmung der Versammlung war deshalb sofort eine heitere, trotz aller Spannung. Als der Speisesaal geöffnet wurde, der auch im vollsten Tagesglanze strahlte, bewunderte man die geschmackvoll aufgehäufte Pracht der Geräthe und seltenen Blumen. Der Hausherr führte seine Tante zur Tafel, die alte Marquise d’Anville, die aber dies Mal ihre starre Miene abgelegt und mit schlauem Lächeln um sich schaute; ihm zur Rechten saß die schöne Gräfin Delphine – der Platz auf seiner linken Seite blieb ganz frei – ein leerer rother Sammetsessel stand dort und statt des Couverts erblickte man eine silberne Vase von herrlicher Arbeit, aus der ein selten schönes Exemplar des Cactus speciosissimus seine feurigen Blüthen durch den Saal leuchten ließ. Das Diner war glänzend, doch wollte die Unterhaltung, trotz der Lebhaftigkeit des Wirthes und der ungewöhnlichen Redseligkeit der alten Marquise, nicht recht in Fluß kommen, sie stockte öfter als der gute Ton es erlaubt, die Erwartung und Ungeduld der Gäste wuchs zusehends, man flüsterte unverhohlen mit einander, die Blicke der Männer wurden immer zerstreuter, das Lächeln der Frauen immer gezwungener. Endlich wurde das Desert aufgetragen, der feurige Cliquot löste die Zungen, der erste Toast auf den Hausherrn flog durch den Saal. Da erhob der Graf dankend sein Glas, ließ seine stolzen blauen Augen heiter über die Versammlung wandern, und sagte mit heller Stimme:

»Ich kam nur zurück von meiner Reise um meinen liebenswürdigen Gästen ein Versprechen zu halten, das ich Ihnen vor einem Jahre an eben dieser Stelle gegeben. Darf ich also bitten die Gläser auf das Wohl meiner Hausfrau zu füllen?« Stürmischer Beifallsruf war die Antwort. Als der Jubel verhallt, verlangte man einstimmig die schöne Wirthin zu sehen. »Dieser leere Sessel ist für die Königin dieses Hauses bestimmt, wie Sie Alle wohl schon längst vermuthet, ich hoffe, sie weigert sich nicht ihn einzunehmen!« sagte nun Alfred und erhob sich.

Die schöne Delphine warf schnell einen schmachtenden Blick in den gegenüber hängenden Spiegel: das weiße, theure Spitzenkleid, in Paris gemacht, saß vortrefflich, der blaßrothe Atlas des Unterkleides schimmerte wie Morgenroth durch die köstlichen Kanten, die Rose an der linken Seite der langen Locken hätte freilich noch etwas tiefer, mehr wie herabgesunken, stecken können, die dumme Margot verstand doch gar Nichts! Das Freifräulein Melanie aber, das dem Grafen gegenüber saß, warf ihm zu derselben Zeit einen kecken Blick zu und lachte, – sie wußte nämlich genau daß sie nie hübscher war, als wenn sie lachte. Beide Damen knüpften jedoch ein eifriges Gespräch an mit ihren Nachbarn, denn sie hörten, daß der Graf seinen Sessel rückte und – man mußte ja die Ueberraschte spielen, wenn man ihn plötzlich vor sich sah! Allein sie sprachen und sprachen – was sie redeten, wußten weder sie selber noch verstanden es ihre Nachbarn, – es dauerte auch allzu lange! Endlich mußten doch Beide ein wenig zur Seite blinzeln und da sahen sie – wie die Sammetportière eines Seitencabinets zurückgeschlagen wurde, und der Graf auf dessen Schwelle erschien. – Aber an der Hand führte er eine Frau, die er zu jenem leeren Sammetsessel geleitete und mit den einfachen Worten: »Czinka, Gräfin von Saldern,« jetzt der Versammlung vorstellte. Die neue Gräfin verneigte sich mit der schüchternen Grazie eines Kindes, und nahm den Platz an der linken Seite ihres Gemahls neben der alten Marquise ein, die sie mit mütterlicher Zärtlichkeit empfing. »Da meine Frau als Ungarin unsere deutsche Sprache nur mangelhaft versteht und kaum redet, so sieht sie sich für heute zu ihrem Bedauern noch genöthigt auf das Vergnügen der Unterhaltung mit meinen Freunden zu verzichten,« sagte der Graf noch, dann knüpfte er sofort mit seiner schönen, fast zu Stein erstarrten Nachbarin so unbefangen ein Gespräch an, als gäbe es keine Gräfin Saldern in der Welt und die stolze Delphine war Weltdame genug, um scheinbar heiter auf seine Unterhaltung einzugehen. Dann und wann wandte sich jedoch Alfred Saldern mit einem sonnigen Blick und Lächeln zu seiner jungen Frau, ihr einige leise Worte zuflüsternd, die sie eben so leise und mit einem lieblichen Erröthen beantwortete. Redete er nicht mit ihr, und gönnte die Marquise d’Anville ihr Ruhe, so saß sie ernst und gedankenvoll da und betrachtete mit dem Staunen eines jungen Mädchens das zum ersten Mal den Ballsaal betritt, jene glänzenden Gestalten der Gäste, die sich um die Tafel reihten. Aber überall begegnete ihr Blick dem Ausdruck so lebhafter Bewunderung und Neugier, daß sie endlich ihre dunklen traurigen Augen senkte, und nicht anders wieder erhob als um ihren Gemahl anzusehen, oder jene stolze Purpurblüthe in der silbernen Vase vor ihrem Sitze. – Die junge Gräfin trug ein Kleid von kostbarem indischen Mousselin, mit Spitzen reich verziert, der zarte Hals, die feinen Schultern und Arme schimmerten durch den klaren Stoff doppelt reizend. Die Aermel waren mit Korallenagraffen zurückgenommen, eine Kette von Korallen mit einem prachtvollen Schloß schlang sich um ihren Hals, eine andere um die zierlichen Handgelenke. In dem schwarzen lockigen, kurzverschnittenen Haar trug sie einen Kranz von Granatblüthen. Ihr Gesicht, leicht angehaucht von einem köstlich feinen Bronceton, war bezaubernd in seinen Linien und in dem Ausdruck einer sanften Melancholie. Die Lippen strahlten in köstlicher Frische, und es war nicht möglich sich schönere Augen mit vollkommnerer Zeichnung von Brauen und Wimpern zu denken, so behaupteten wenigstens alle männlichen Gäste des Grafen, während die Frauen den Augen der Gräfin Saldern wenigstens in so fern Gerechtigkeit widerfahren ließen, als sich eine Jede gestand, sie seien, ihre eigenen Augen natürlich ausgenommen, die »hübschesten« im Saale. – Zu diesem glänzenden Vorzug der jungen Frau kam aber noch ein Jugendschein, eine Frische, die in den Herzen der sämmtlichen Schönheiten der Tafelrunde die heißeste Sehnsucht erweckten nach – dem verbannten Kerzenlicht, die Herzen der Männer dagegen in lebhafte Bewegung versetzte. Das war der wirkliche Frühling der sechszehn Jahre der auf dieser Stirn, auf diesen Wangen seinen Siegerthron aufgeschlagen, jener reiche Frühling mit seinem üppigen Grün, seinen Knospen und Verheißungen, seinem Duft und Schimmer. – Ein sechszehnjähriges liebliches Mädchen ist ja eine wilde Rose im Walde, eine Siebzehnjährige eine Moosrosenknospe, die Achtzehnjährige die Moosrose selbst – – die Neunzehnjährige aber schon meist – – eine Theerose – – zuweilen reizend zart, schmachtend – – und Theerose bleibt sie dann bis – – – die Liebe kommt, sie in eine Centifolie zu verwandeln und sie vor dem bittern Loose zu schützen eine – Klatschrose zu werden. –

Als die Tafel aufgehoben war und die Gäste sich zurückgezogen hatten, entließ die junge Frau die glänzende Versammlung mit so vollendeter Haltung, daß Niemand laut gewagt hätte – wenigstens an demselben Tage noch nicht – – die überraschende Wahl des Grafen zu bekritteln. –


»O meine müden Augen,
Ihr müßt blitzen
Im Schein der Kerzen
Und möchtet doch im Dunkeln
Schlafen von euren Schmerzen.«

Jahre waren hingegangen. Aus der sechszehnjährigen wilden Rose war eine bleiche vornehme Theerose geworden, Czinka Saldern trat als sechsundzwanzigjährige Frau so sicher auf, in der großen Welt, als hätte sie sich von Kindheit an in derselben bewegt. Man bewunderte die junge Frau, man machte ihr den Hof, sie war eine gefeierte Erscheinung wo sie sich zeigte, und die Eigenthümlichkeit ihres Wesens und das Fremdartige ihrer Schönheit rechtfertigte diese Bewunderung vollkommen. Ihre Gestalt war noch immer schlank und zierlich, aber von vollendeten Formen, ihr Gesicht mit dem Ausdrucke geduldiger Trauer um den Mund, und den Augen voll verschleierter Leidenschaft war hinreißender denn je. Sie lernte die deutsche Sprache nie vollkommen und schien sie auch nicht gern zu reden; dieser Mangel und ein unbezwinglicher, fast trotziger Stolz, allen Huldigungen gegenüber, erwarben ihr den Namen die »fremde Königin.« Als eine auffallende Seltsamkeit bezeichnete man ihre Abneigung gegen den Tanz. Niemand konnte sie bewegen auf den Bällen einen Fuß zu heben zu irgend einem Walzer oder Galopp. Sie saß dann ruhig und träumerisch auf der Estrade und schaute zu.

»Solche Musik macht mich nicht tanzen, sie schläfert mich ein,« sagte sie einmal.

Eine zweite Eigenthümlichkeit nannte man ihre unbezwingliche Reiselust. In jedem Frühjahr wurde sie nämlich von einer Unruhe und Sehnsucht nach der Ferne befallen, die nicht eher endete als bis sie in den Reisewagen stieg. Man tadelte den Grafen, daß er alljährlich immer wieder diesen kostspieligen Launen nachgab, den größten Theil des Jahres mit seiner Frau auf Reisen zubrachte und Europa nach allen Richtungen hin durchstreifte. Wie ein Kind froh, lachend und strahlend nahm sie allezeit Abschied, und müde und bleich kehrte sie zurück. Allmählich munkelte man deshalb auch, daß der Graf doch vielleicht nicht ganz glücklich sei, und bemerkte mit weisen Mienen, wie es doch wohl nimmer rathsam sein könne sich eine »Curiosität« als sein Weib heimzuführen. Der Graf selbst gab durch sein Wesen durchaus keinen Grund zu dergleichen Bemerkungen, er erschien alle Zeit heiter und angeregt, arrangirte und besuchte Feste wie sonst, begegnete seiner Gemahlin mit der ausgezeichnetsten Aufmerksamkeit, hatte nur Augen für sie, schien es aber doch nicht zu sehen, daß die junge Frau, trotz ihres Lächelns, einer welken Blume glich oder einer an Heimweh Erkrankten. Wie man aber in Wien, der unvergleichlichen Kaiserstadt, sich nach irgend etwas zu sehnen vermochte das Draußen lag, das begriff eben Niemand.

War aber Czinka wirklich heimwehkrank? – Sie wußte es selbst nicht. Sie fühlte nur, daß sie gern sterben würde wenn sie noch einmal den Wald von Zircz über ihrem Haupte rauschen, und Anthony Czermaks Geige dazu hätte spielen hören dürfen. Der böse Anthony – wo war er nur, und warum war er davon gelaufen? Tagtäglich dachte sie ja an ihn und alljährlich suchte sie ihn mit einer Angst und Hast, die sie krank machte, – und bis zur Stunde hatte sie noch keine Spur von ihm gefunden. Wie gut doch Graf Alfred war – er hatte ihn so treulich suchen helfen – er hatte sein Versprechen gehalten! – Und wenn sie den Flüchtling endlich wirklich finden würde? Was dann? – Sie kam nicht weiter mit ihren Gedanken – sie dachte nur daran, daß er dann alle die wilden köstlichen Melodien spielen und sie – tanzen dürfe. O, tanzen, nur noch einmal tanzen nach seiner Geige, – das war die heimliche glühende Sehnsucht ihres Herzens. Wie oft verschloß sie sich in ihrem Schlafzimmer und öffnete einen schmalen unscheinbaren Schrein, der zu Häupten ihres Bettes stand, zog dort zwischen einem Bündel von Kleidern ein Paar kleine rothe Schuhe hervor, und legte sie an. Dann hob sie ihr schleppendes Seidenkleid ein wenig und sah lächelnd wie ein Kind auf ihre Füße, stampfte wohl auch einmal den Boden und stellte sich auf die Spitzen und schwankte, wie eine vom Winde bewegte Blüthe, hin und her. Nach einer Weile zog sie die rothen Schuhe aber langsam wieder aus, drückte sie an die Lippen und schluchzte bitterlich. Dann verschloß sie ihre Kleinodien sorgsam wieder und ihre gewöhnliche stolze Haltung annehmend, verrieth, wenn sie die Thür öffnete, kein Zug ihres Gesichts jene heimlichen Thränen.

Im elften Jahre seiner Ehe, gegen das Frühjahr hin, sah sich der Graf genöthigt, seine Frau auf einige Wochen zu verlassen, um nach Steyermark abzureisen. Auf seinem schönen Besitzthum dort, das ihm der Bruder seiner Mutter hinterlassen, war Feuer ausgebrochen, ein Theil der Wohngebäude zerstört worden, und der Gutsverwalter bat dringend um den Rath und das Erscheinen seines Herrn. Gleich nach des Grafen Rückkunft wollte dann das Paar eine längstbesprochene Reise nach Spanien antreten. Alfred trennte sich schweren Herzens von Czinka, es war ja die erste größere Trennung von ihr, und als er sie an einem kalten trüben Märzmorgen zum Abschied in seinen Armen hielt, lag das Vorgefühl eines ungeheuren Wehs auf seiner Brust.

»Sei heiter, Czinka,« bat er, »zerstreue Dich und schließe Dich nicht ab – in vier Wochen spätestens bin ich bei Dir und dann, – Du weißt es ja, dann suchen wir ihn wieder! Und dies Mal vielleicht nicht umsonst.«

Sie sah ihn gerührt an: »Wie gut Du bist!« antwortete sie leise, »tausend Mal besser als der Anthony! Gott segne Dich, Alfred. Ich wollte, Du bliebest hier!«

Er küßte sie noch einmal zärtlich, der Wagen fuhr vor, er ging – sie neigte sich aus dem Fenster und winkte ihm noch einen letzten Gruß nach. Der Wagen rollte dahin. – Als die Gräfin dann die großen Räume durchschritt, um sich wieder in ihr Boudoir zu begeben, strömte plötzlich das Gefühl der Verlassenheit wie ein Eishauch durch alle ihre Glieder. Sie eilte, angstvoll und erschreckt wie ein Kind das sich im Dunkeln befindet, die Treppen hinauf, warf sich in ihrem reizenden Gemach auf den Divan und weinte bitterlich.


Die einzige Freude und angenehmste Zerstreuung der Gräfin seit längerer Zeit und insbesondere nach der Entfernung des Grafen, war der Besuch des Ballets. Sie zog jene Stunden im Theater der glänzendsten Gesellschaft vor, und an jedem Balletabend stand das elegante Cabriolet der Gräfin vor der Thür des Saldernschen Hauses und man konnte später die schöne Frau, meistens in Weiß gekleidet, welche Farbe sie am Liebsten trug, in Begleitung der Marquise in ihrer Loge erscheinen sehen, aus deren dunkelrothem Hintergrund sich der seltsam fesselnde Kopf wundervoll abhob. Kaum vierzehn Tage nach der Abreise Alfreds war ein neues Ballet angekündigt, und beim Beginn der Vorstellung saß Czinka Saldern einsam in ihrer Loge, mit jenem schweren träumerischen Blick und jener nachlässigen Haltung, die ihre Feindinnen verdammten, die aber ihre Anbeter entzückte. Den Theaterzettel hatte sie spielend zusammengerollt zwischen ihren zierlichen Fingern, sie wußte nicht was er ankündigte, das Lesen war so mühsam! Die Marquise d’Anville hütete heute eines kleinen Unwohlseins halber das Zimmer. Das Theater erschien ungewöhnlich gefüllt. Die Logennachbarin der schönen Frau, die alte Herzogin M., erzählte ihr daß heute eine ausgezeichnete Musikbande spielen werde. Der Vorhang flog auf – die Gräfin zuckte zusammen. Alles Blut drängte sich nach ihrem Herzen. – Die Decoration stellte ein Zigeunerlager vor. Das Feuer brannte, Männer und Frauen lagerten im Kreise, spielende Kinder liefen umher, der Mond stand über dem Walde. Da tönte der erste Accord einer fremden Musik – er übertönte einen schwachen Aufschrei, der sonst wohl großes Aufsehen gemacht haben würde, denn er kam aus dem Munde der schönen gefeierten Gräfin Saldern. – Das war ja eine wirkliche Zigeunerbande, die da spielte! Czinka glaubte zu träumen. Das war ja jener hüpfende, hinreißende Tact, das waren jene leidenschaftlich zuckenden Syncopen, der unregelmäßige Herzschlag der punktirten Achtel, die wie Blitze niederfahrenden unvorbereiteten Septimen und Nonen, und endlich diese Halte auf der Dominante, gleich wie stockender Athem bei dem Worte: »ich liebe Dich!« – Sie starrte in wilder Erregung auf die Bühne. Zwölf junge Zigeuner zogen paarweise herein und gruppirten sich malerisch. Aber wer war jener seltsame, schlanke, hochgewachsene Geiger mit der finstern Stirn und den todestraurigen Augen, der jetzt einige Schritte vortrat und ein Geigensolo begann dem das ganze Haus wie von einem Zauber befangen lauschte? – Niemand wußte es, denn sein Name stand nicht auf dem Zettel. Und doch kannte ihn Eine, Eine nannte heimlich seinen Namen, Eine hing an seinen Zügen mit leuchtenden Augen, – aber diese Eine allein regte keine Hand als das ganze Haus in Jubel ausbrach als der Geiger geendet. Man war entzückt, fast verwirrt von der seltsamen Schönheit dieses Spiels. Die Wiener hatten noch keinem der berühmtesten Geigenvirtuosen so toll zugejauchzt wie jetzt diesem braunen unbekannten Zigeuner. Endlich als sich der Sturm gelegt, begann das Ballet, die steif geschnürten gezierten Zigeunerdamen des Balletcorps erschienen nämlich, und begannen einen kunstvollen Tanz nach der plötzlich voll losbrechenden Zigeunermusik. – Da glitt die Gräfin geräuschlos aus der Loge – da lief sie, in ihren leichten Mantel gewickelt, in den feinen Atlasschuhen pfeilgeschwind durch die Straßen nach Hause, da schlich sie wie eine Diebin die Treppe der Dienerschaft hinauf, in ihr Schlafzimmer, da zog sie jenen geheimnißvollen Schrein hervor, schloß ihn auf, warf ihre Kleider ab in fieberhafter Hast, – und schlich nach Verlauf von kaum einer Viertelstunde tief vermummt wieder fort, an dem Kammermädchen und dem Portier vorüber, die zu tief in ihrer Unterhaltung begriffen waren, als daß sie jene vorüberhuschende Gestalt bemerken konnten. – Im Theater war eben der erste Theil des Ballets vorüber, lebhafter Beifall lohnte den erschöpften Ballerinas. Plötzlich verstummte aber der Jubel, denn eine neue Ueberraschung enthüllte sich. – Durch die Reihen der Tänzerinnen brach sich eine schlanke Frauengestalt Bahn. Sie trug einen kurzen rothen Rock mit seltsamen goldenen Zeichen gestickt, ein eng anschließendes Mieder, kleine rothe Schuhe und silberne Ringe an den Handgelenken. Ihr Haar hing in schweren Flechten herab. Wie schön war sie! Wie fremdartig schön! Und doch meinten Viele dies Antlitz schon einmal gesehen zu haben! Aber wo? – Sie warf einen Feuerblick auf den Geiger und rief: »Huzdra Czigány!« (Spiel auf, Zigeuner!) – Da fuhr es wie ein Blitzstrahl durch die Gestalt des Mannes, seine Lippen wurden aschfarben, seine Augen traten aus ihren Höhlen, er regte sich nicht – wie zu Stein erstarrt stand er da. Aber sie trat dicht an ihn heran – jetzt selber so bleich wie er, – und sagte mit der Miene einer Königin: »Huzdra, Anthony Czermak!« Ihr Blick der nicht von ihm ließ, belebte allmählich die dunkle Statue. Wie im Traume erhob der Zigeuner seine Geige und spielte. Was er spielte – in Worten ließ sichs nicht fassen, noch mit Worten bezeichnen: wie gewitterschwüle Wolken zog es über die Häupter der Hörer hin, wie ein glühendheißer Sommerabend voll schweren betäubenden Blumendufts und Wetterleuchten. Im weiten Saale regte sich Niemand. Keiner war da der solches Geigenspiel je gehört. Wer konnte sagen, wo die gewaltigste Schönheit: im Ton, in der Bogenführung, in der Composition? – Und zu diesem hinreißenden Spiel tanzte die fremde Tänzerin wie man noch Keine hatte tanzen sehen. Das war der Tanz wie er zu diesem Spiel gehörte – oder war das Spiel für diesen Tanz gemacht? – Die reizende keusche Beweglichkeit der Glieder – der tolle Jubel und die schmerzliche Lust dieses Tanzes entzückte und erschütterte jedes Herz: – wie Waldesrauschen zog es durch das Haus, wie Elfenmärchen von der todtbringenden Königin zitterte es durch den Saal – wie ein Traum lag es auf Aller Augen. – Die Menge kam erst wieder zur Besinnung als die Zaubergeige längst verstummt war. Das Zigeunerorchester fiel nun rauschend ein. Die Ballettänzerinnen sprangen höher und kunstvoller denn je – die Gestalten des Vorgeigers aber und seiner Tänzerin waren verschwunden!


Im dem kleinen zierlichen Gartenhause des Saldern’schen Gartens lag Anthony Czermak zu den Füßen Czinka’s, eine kleine Lampe brannte auf dem Tische, die Läden der Fenster waren geschlossen. Die Gräfin trug aber nicht mehr jenes Zigeunercostüm, das sie während des tollen Tanzes getragen, sie hatte sich in ein weites dunkles Hauskleid gehüllt und einen Mantel fröstelnd um die Schultern geschlagen. Sie sah sehr bleich und erschöpft aus, und ihre Augen hingen voll leidenschaftlicher Trauer an der Gestalt des Geigers, der vor ihr kniete. Langsam strich sie ihm mit der schlanken Hand das lockige Haar aus der Stirn:

»Du siehst so fremd und wild aus,« sagte sie in weichem Ungarisch träumerisch.

»Sage lieber verloren und untergegangen,« antwortete er düster.

»Daß Du mich verloren ist ja Deine Schuld, – Du hast es selbst gestanden, Anthony!«

»Ich konnte nicht mehr an Dich glauben als ich Dich an jenem Abend Stirn an Stirn mit ihm sah, – aber ich wunderte mich, daß ich Euch Beide nicht niederstieß damals.«

»Es wäre vielleicht besser gewesen für uns Alle.«

»Wie Du das traurig sagst – wie Du traurig blickst, Czinka, und wir haben uns doch wieder gefunden, wir sind doch wieder bei einander, Du wirst mir folgen und alles Leid wird vergessen sein!«

»Ich gehe nicht heimlich von ihm fort, ich wiederhole es Dir – er ist zu gut! Es würde ihm das Herz brechen!«

»Mag es doch – hast Du nicht das meinige tausendfach gebrochen?«

»Aber Du hast es so gewollt in blinder Eifersucht und Du hattest einen Trost: Deine Geigeer hat keinen Trost wenn ich ihn verlasse.«

Er schwieg eine Weile und sah finster zu Boden. Dann fragte er hart:

»Und wann willst Du kommen?«

»Wenn ich ihm Alles gestanden – wenn er wieder bei mir ist.«

»Laß mich rechnen: – in etwa vierzehn Tagen wird er zurückkehren. Dann wirst Du in der Stunde des Wiedersehens noch mit ihm reden, hörst Du?« Sie neigte bejahend das Haupt. »Ich erwarte Dich dann hier an dieser Stelle, oder einen Brief von Dir,« fuhr er fort, »der mir die Stunde unserer Vereinigung angiebt. – Du wirst mich nicht warten lassen Czinka, ich weiß es!«

Er stand auf.

»Ich werde kommen,« flüsterte sie, »ich werde ihm in der ersten Stunde unseres Beisammenseins Alles, Alles sagen, Anthony, und er wird mich freigeben, – und sollte ich zögern aus Muthlosigkeit oder aus Mitleid, so komm mit Deiner Geige unter mein Fenster und rufe mich, – Deiner Geige muß ich folgen ohne Wahl. Du bist ein Dämon mit Deinem Spiel! Ich glaube, es risse mich in die Hölle!«

»Ich hätte vielleicht wie die Engel im Himmel geigen gelernt wenn Du bei mir geblieben.«

»Sprich nicht so, Du thust mir weh, sag’ mir lieber wer Dich so spielen lehrte?«

»Mein verzweifeltes zertretenes Herz!«

»Armer Anthony!«

»Laß mich – reiche mir nicht die Hand hin – das sieht aus wie ein Almosen! Ich will kein Almosen, ich will Dich – Dich mit Leib und Seele – geh weg mit Deiner Hand und laß Deinen mitleidsvollen Blick von mir! – Hier küsse dies Amulet auf meiner Brust, Czinka, – Du weißt, daß Deine Mutter es mir umgehängt, als sie mich zu Deinem künftigen Schützer bestimmte, und daß Deine berühmte Großmutter, die weise Czinka Panna, es getragen, küsse es, sage ich und schwöre, daß Du kommen willst!«

Sie berührte den aus einem Stein geschnittenen Stern und schwur.

»So leb’ denn wohl, Du geliebte Verlorene! Auf Wiedersehen Czinka, auf Wiedersehen, zu einem Leben voll toller Lust!« Er neigte sich, nahm ihr bleiches Antlitz zwischen seine beiden Hände, sah sie mit einem verzehrenden Blicke an und murmelte: »Ich erwarte Dich, Gräfin Czinka Saldern! O, Du bist noch schön genug um die Geliebte Anthony Czermaks zu werden!«

Dann ließ er sie los und ging in die Nacht hinaus.


Zwei Tage später erhielt die Gräfin die entsetzliche Nachricht, daß ihr Gemahl todtkrank in einem kleinen Dorfe an der Grenze von Tyrol daniederliege. Auf der Rückreise begriffen war er mit dem Wagen umgeworfen und schwer verletzt in das Haus des menschenfreundlichen Caplans in B. getragen worden. »Eilen Sie,« schrieb der würdige Geistliche an die Gräfin, »dem Sterbenden den letzten Trost ihrer Gegenwart zu bringen, er nennt Ihren Namen mit dem Ausdruck innigster Sehnsucht.«

Czinka war fast gelähmt vor Schreck und Trauer. Sie ließ sogleich das Nöthigste packen und reiste wenige Stunden nach Ankunft der Schreckensbotschaft in Begleitung ihres Hausarztes nach dem Orte des Unglücks ab. Nach beschwerlicher, unausgesetzter Fahrt von mehreren Tagen, kam sie gegen Abend in dem lieblichen B. an. Sie ließ sich ohne Aufenthalt in’s Pfarrhaus führen. Es lag wenige Schritte vom Dorfe entfernt in einem reizenden Garten, und sah aus wie eine Stätte des Friedens, wie ein Zufluchtsort für müde Wanderer. Der schöne Greis, der ihr grüßend auf der Schwelle entgegentrat, erschien ihr wie ein gottgeweihter Bote der Genesung. Sie streckte ihm beide Hände entgegen und brach in Thränen aus, unfähig zu fragen oder seinen Gruß zu erwiedern.

»Er lebt noch,« war sein erstes ernst-mildes Wort.

Erschöpft sank sie nun auf eine kleine Bank im Hausflur und faltete die Hände. Die Schwester des Caplans trat jetzt aus einer Seitenthür, eine freundliche Gestalt mit dem Antlitz einer barmherzigen Schwester, und führte die Fremde in ein kleines zierliches Zimmer.

»Ruhen Sie eine Stunde hier,« bat sie sanft, auf das blendende Bett zeigend, »Sie brauchen Kraft seinen Anblick zu ertragen – der Odem ist noch in ihm, aber noch ist die Besinnung nicht wiedergekehrt!«

Czinka’s Augen füllten sich von Neuem mit heißen Thränen, dann aber warf sie ihre Reiseumhüllungen ab und sagte entschlossen:

»Wie könnte ich ruhen, ohne ihn gesehen zu haben! Ich bitte, führt mich sogleich zu ihm!«

Niemand versuchte sie zurückzuhalten. Mit bebenden Knien trat die junge Frau in das enge halbdunkle Krankenzimmer. Da lag er, der sie in der Fülle der Gesundheit und Kraft verlassen, bleich und regungslos, das Gesicht entstellt und verzerrt von tausend Schmerzen, das Haupt in Tücher geschlagen und den linken gebrochenen Arm in den Schienen des Verbandes. Czinka’s Herz bebte vor Schmerz. Sie neigte sich über ihn, sie nannte seinen Namen, – er regte sich nicht – nur zuweilen öffnete er müde und schwer die Augen, aber der Blick blieb glanzlos und starr.

»Ich bleibe bei ihm bis zum letzten Athemzuge,« sagte jetzt die Gräfin und sank, im innersten Wesen gebrochen, an dem Lager des Kranken auf einen Schemel.


Tage und Wochen vergingen. Die Gräfin richtete sich in dem einfachen Pfarrhause ein, der Arzt mußte sich’s gefallen lassen in der kleinen Dorfschenke zu leben. Der Zustand des Kranken änderte sich wenig. Ein zweiter Arzt war aus der naheliegenden größern Stadt verschrieben worden, auch er schüttelte den Kopf und gab wenig Hoffnung, sprach von Gehirnerschütterung und Rückenmarksverletzung, und prophezeihte im günstigsten Falle bleibenden Blödsinn. Seine traurige Weissagung schien sich in der That erfüllen zu wollen, denn die Körperkräfte des Kranken fingen an sich zu heben, Schlaf und Appetit stellten sich wieder ein, von Tag zu Tag besserte sich sein Aussehen, nur das Bewußtsein blieb erloschen. Mit tiefem Schmerze geleitete ihn nach Monaten Czinka zum ersten Male wieder in den kleinen Garten, er erfreute sich an der Rosenpracht wie ein unmündiges Kind sich an den Lichtern des Weihnachtsbaumes freut, er griff nach den Blumen, um sie entzückt zu betrachten und dann nach einer Weile seufzend wieder fallen zu lassen. – Sanft und geduldig war und blieb er gegen seine Pflegerin, aber mit unendlichem Weh mußte Czinka gewahren, daß er die Schwester des Pfarrherrn mit nicht minderer Freude begrüßte als sie selbst, und ihr oft den Namen Czinka gab, während er sie Therese nannte. Die Vergangenheit schien für ihn auf ewig in die Nacht der Vergessenheit versunken, die Gegenwart kaum mehr als ein Traum, eine Zukunft war für ihn gar nicht da. Nur in den Abendstunden, wo auch das Unglück geschehen, überfiel den Kranken eine seltsame Unruhe, er sprach dann von seiner Abreise, rief den Namen seines Weibes mit zärtlichster Sehnsucht, und konnte nur beruhigt werden wenn Czinka ihn in ihre Arme nahm und seinen Kopf an ihre Brust lehnte. Dann saß er still Stunden lang, bis er endlich heiter lächelnd sagte:

»So – nun laß mich schlafen gehen!«

Sie sagte ihm gute Nacht, und bei diesem Scheiden sah er sie zuweilen noch mit einem Blicke an, der sie bis ins Innerste erbeben ließ: es leuchtete ja ein Etwas wie durch einen Schleier ihr aus diesen Augen entgegen, – eine ringende Seele die ihre fesselnden Bande zu lösen sich mühte. In heißem Gebet sank sie dann in ihrer Kammer auf die Knie und rief:

»Hilf ihm, hilf ihm, heilige Jungfrau!«

Czinka’s Leben war jetzt völlig ausgefüllt von einer unablässigen Sorge und Pflege. Wie eine Mutter um ihr hülfbedürftiges Kind, so waltete sie um ihren Gatten. Sie trug dunkle, fast nonnenhafte Gewänder, und wer sie so schaffen und aus- und eingehen sah in dem Zimmer des Genesenden, oder ihr begegnete, wie sie ihn stützte und leitete, der hätte sie für eine jener edlen Gestalten aus dem gesegneten Orden der barmherzigen Schwestern halten müssen, die wie verkleidete Engel Gottes allezeit da zu finden sind, wo Noth und Elend ihre Seufzer zum Himmel schicken. – Schlummerte Alfred, so saß sie bei der schlichten Therese und plauderte mit ihr, oder begleitete auch wohl den würdigen Pfarrherrn auf seinen kurzen Spaziergängen, oder in die Hütten seiner Beichtkinder. – Trotz dieser, aus strenger Pflichterfüllung erwachsenden Thätigkeit, fühlte sie sich nicht ruhig und zufrieden. Der Gedanke an Anthony, der sie erwartete, der ihr vielleicht zum zweiten Male fluchte, quälte sie oft bis zur Verzweifelung. – Sie konnte ihm keine Nachricht von sich geben – sie wußte ja nicht, wohin er sich gewendet. Die furchtbare Angst daß er kommen möchte um sie hier – hier an dieser Stelle zu mahnen, ihr gegebenes Versprechen zu halten, fiel oft mit vernichtender Schwere auf ihre Seele. Was band sie auch noch an Alfred? Fühlte er einen Schmerz, wenn sie jetzt von ihm ging? – Hatte sie eine Entschuldigung, der Leidenschaft Anthony’s gegenüber, wenn er jetzt käme und verlangte sie solle ihm zur Stelle folgen? – Sie mußte sich gestehen, daß sie keine hatte – aber dies Bewußtsein brachte ihr seltsamer Weise eine namenlose Qual. Tausendmal versuchte sie sich ein Leben an der Seite Dessen auszumalen, den ihre geliebte todte Mutter ihr einst als Gatten bestimmt – Tausendmal gedachte sie schaudernd der dunklen Prophezeihung der Großmutter – – vergebens, – ein einziger Blick auf ihren Gatten, der mit gedankenlosem Lächeln einen Blumenstrauß zerpflückte, – oder leise vor sich hin den Namen Czinka rief, genügte um in ihrem Herzen den Wunsch hervorzurufen bei ihm zu bleiben, bis sein Auge sich auf ewig schlösse. – – Mit fast fieberhafter Angst widersetzte sie sich dem Andringen der Aerzte, die Rückreise mit dem Grafen anzutreten, sie fürchtete Wien, sie fürchtete die größere Möglichkeit einer Begegnung mit Anthony. – Aber der Herbst kam, der Körperzustand des Kranken war fast der eines völlig Gesunden, täglich wiederholten die Aerzte ihren Rath, den Grafen nach Wien zurückzuschaffen, und als man der Gräfin endlich zu verstehen gab, daß man eine leise Hoffnung auf Wiederherstellung an die Rückkehr in bekannte Räume knüpfe, – da sah sie alle ihre Weigerungsgründe erschöpft, und mit stiller Verzweiflung gab sie eines Tages selbst den Befehl, die Reisewagen zu packen. – Der Abend, der dem gefürchteten Abschiede von diesem Friedensasyl voranging, war ungewöhnlich rauh und traurig. Der Kaplan hatte das Haus verlassen, um einem Sterbenden die letzte Labe zu reichen, seine Schwester Therese trug einer armen Wöchnerin die Abendsuppe hin, die beiden Diener packten, Czinka saß einsam neben dem Grafen, der, wie gewöhnlich ihre Hand in der seinen haltend, seinen Kopf an ihre Schulter lehnte. – Regen und Wind schlugen an die Fenster, die alten Kastanienbäume seufzten und ächzten, Raben flogen mit scharfen Geschrei um das Haus und die Lampe flackerte in der Zugluft bald hell auf, bald sank sie wie erlöschend zusammen. Im Ofen brannte ein kleines Feuer, denn es wehte schon wie Winterhauch durch die Räume, und bei dem scharfen Knistern des feuchten Holzes zuckte der Kranke oft schreckhaft zusammen. – Czinka war mit ihren Gedanken weit, weit weggezogen. Sie sah sich in dem Walde von Zircz – aber es war heller Frühling und junges Grün wohin sie schaute. Und sie saß auf dem moosigen Boden und Alfred Saldern saß neben ihr und wand schöne lange Ketten von geschliffenen Korallen um ihre Arme. – Ihre Augen leuchteten auf in der Erinnerung an dies reizende Geschenk! – Da griff plötzlich eine schlanke braune Hand über ihre Schulter weg nach dem rothen Schmucke: Anthony zerriß mit häßlichem Lachen die Ketten und die glänzenden Perlen rollten wie Blutstropfen in das Gras. Wie böse war sie ihm da gewesen! Und wie bald hatte sie dennoch Alles vergessen beim ersten Tone seiner seltsamen Geige. Dieser Ton – wahrlich er konnte Todte erwecken – – und Engel abtrünnig machen!

Czinka war es jetzt als hörte sie den unbeschreiblichen Ton von Czermaks Geige ganz deutlich in weiter Ferne, – ach, sie träumte ja – träumen ließ sichs gut von Anthony Czermak – er durfte nur nicht in Wirklichkeit da sein mit seinen wilden Feueraugen und seiner verzehrenden Leidenschaft! Horch – da spielte er die Rackoczy Nota – wie süß ist’s doch so deutlich zu träumen! – Langsam und deutlich zog sie daher jene köstliche Melodie, mitten durch das Heulen des Sturmes! – Aber da – ewige Barmherzigkeit – da richtete sich Alfred Saldern heftig in ihren Armen auf und rief fieberhaft erregt: »Czinka, hörst Du nicht – es ist Anthony, der da spielt! Rufe ihn herein, mein Kind, freue Dich – wir haben ihn endlich gefunden!« – Nach diesen Worten sank er ohnmächtig zurück. –

Fast zwölf Stunden dauerte die Ohnmacht des Grafen, und während dieser ganzen Zeit des bangen Harrens lag Czinka fast ununterbrochen auf den Knien neben seinem Lager. Sie schien in eine nicht minder gefährliche Apathie verfallen zu sein als der Kranke selbst, – sie gab keine Antwort auf die dringenden Fragen der Aerzte und regte keine Hand zu irgend einer Hülfsleistung für den Ohnmächtigen. Nur wenn man Miene machte sie sanft aufzuheben, und ihr zuredete Ruhe zu suchen, fuhr sie wild empor und barg, heftig den Kopf schüttelnd, wie ein geängstigtes Kind ihr Gesicht in das Kissen des Lagers, auf dem ihr Gemahl ruhte. In der neunten Morgenstunde des folgenden Tages schlug der Graf die Augen auf. Czinka schrie auf: – ein Blick seligsten Erkennens war in ihre arme zagende Seele gefallen! – Der Kranke legte einen Augenblick die Hand auf die Stirn, dann sagte er ruhig:

»Ich bitte, mich eine Stunde mit der Gräfin allein zu lassen.«

Alle entfernten sich. »Wir haben ihn gerettet!« riefen die beiden Schüler Aesculaps triumphirend, und schüttelten einander die Hände.


Als die beiden Gatten sich nach einer fast dreistündigen Unterredung erhoben, sagte Alfred Saldern scheinbar ruhig, aber mit dem Ausdruck unendlichen Schmerzes um Mund und Augen:

»Gott segne Dich, daß Du mir Nichts verschwiegen. Wenn er nun kommen wird, so magst Du allein entscheiden zwischen uns. – Ich habe nicht vergessen daß Dich damals nur Anthony’s Flucht in meine Arme trieb. Du hast mir viel gegeben – ich bin nicht undankbar – wenn er kommen wird so merke auf Dein Herz, Czinka, und Du sollst frei sein!« –

Wenige Stunden später reiste das gräfliche Paar ab, aber nicht nach Wien, sondern nach dem kleinen reizenden Gute S. in der Nähe Badens, wo Alfred seine Kinderjahre zugebracht und wo die Gräber seiner Eltern und Schwestern lagen.

Die Gräfin kam krank nach S. Sie erschien hinfällig und doch aufgeregt, reizbar und traurig. Der Arzt empfahl Ruhe. Der Graf verrieth die Sorgfalt eines zärtlichen Bruders. Stunden lang saß er an dem Ruhebette der jungen Frau und bewachte ihren Schlummer. Allein jene tiefe ernste Trauer, die nach jener langen Unterredung mit Czinka über ihn gekommen, wich nicht mehr von ihm und lag wie ein dunkler Schleier über all seinem Thun und Wesen. Sie sah ihn oft verstohlen lange an und wenn sie sich dann von ihm wendete, waren ihre Augen voll Thränen. – Sie lasen jetzt auch öfter zusammen, was sonst nie geschehen, er hatte sich erboten ihr vorzulesen und sie lauschte dem Laute seiner Stimme mit der Achtsamkeit eines Kindes, dem die Mutter Märchen erzählt. – Dagegen redeten sie jetzt weniger denn je mit einander, es war als ob ein unsichtbares Etwas zwischen ihnen stünde und jeden freien Austausch der Gedanken und Empfindungen hemmte. – Nicht das leiseste Zeichen ehelicher Zärtlichkeit erlaubte sich der Graf seiner Frau gegenüber, er küßte ihr nur zuweilen mit der Innigkeit eines Bruders die Hand, streichelte auch wohl einmal ihr Haar – das war Alles. Sie schien scheu und befangen in seiner Gegenwart, und doch war es immer als ob etwas wie Sonnenschein über ihr Gesicht flog, wenn er am Morgen in ihr Zimmer trat. Er ließ sich seine Bücher und sein Lieblingspferd aus Wien kommen, auch einige seiner Blumen, und richtete sich in der herbstlichen Einsamkeit des kleinen Schlosses allmählich ein als wolle er für alle Ewigkeit da bleiben. Auch einige Lieblingsmöbel der Gräfin kamen an, und ihr kleiner Papagei, mit dem man sonst so viele Stunden, träge im Sessel ruhend und mit den schönen Fingern am Käfig hin- und wiederstreifend vertändelt hatte. Der einen Sendung hatte man auch jenen geheimnißvollen Schrein beigefügt, der in Wien alle Zeit zu Häupten des Bettes der Gräfin gestanden. Der Graf ließ ihn in das kleine Schlafgemach Czinka’s tragen. Sie bemerkte es erst am Abend und schrak zusammen. Als sie am nächsten Morgen ihren Gatten wieder sah, und er sie in gewohnter Weise fragte wie sie geschlafen, sagte sie ungewöhnlich lebhaft:

»Bitte, laß den Schrein aus meinem Zimmer wegnehmen – er steht da wie ein Sarg und bringt mich um den Schlaf!«

»Ich glaubte einen geheimen Wunsch von Dir zu erfüllen indem ich ihn kommen ließ,« antwortete er ruhig.

Sie sah ihn traurig an und wendete sich ab. – Am Nachmittage stand der Schrein geöffnet und leer mitten im Salon. Als der Graf von einem kurzen Spazierritte heimkehrend seine Gemahlin dort aufsuchte, lächelte sie ihm entgegen und rief:

»Laß nun den Sarg verbrennen oder mach’ damit was Du willst, ich nahm den Inhalt heraus. Sieh da, was damit geschehen!«

Und ihn zum Kamin führend zeigte sie ihm noch den Rest eines verkohlten rothen Schuhes und einige verglühende Gold- und Silberflittern. – Er zuckte zusammen und sah sie fragend an, da sie aber schwieg, wandte er sich von ihr und ging einige Male heftig bewegt im Zimmer auf und nieder.

»Fühlst Du Dich wohler, Czinka?« fragte er nach einer Pause in ruhigem Ton und sah zu ihr herüber. Wie schön sie ihm erschien in diesem Augenblicke! Sie erinnerte ihn mehr als je an seine Lieblingsblume, die Purpurblüthe des Cactus Speciocissimus. Fremd und dunkel schaute ihr Antlitz aus den faltigen weißen Kleidern hervor, die längst wieder voll und lang gewordenen Flechten hatten sich verschoben und waren auf ihre Schultern herabgeglitten. Wunderbar! Der Blick, den sie jetzt auf ihn heftete, war nicht mehr jener kecke, aufleuchtende der fünfzehnjährigen Tänzerin im Walde von Zircz, er war auch nicht mehr jener sanft traurige einer in das Treibhaus verpflanzten Waldblume, jener Czinka, die den entflohenen Jugendgefährten vergeblich sucht. Es drang jetzt ein Strahl aus diesen wunderbaren Augen in seine Seele, dessen Licht ihn mit einer zagenden Seligkeit erfüllte und ihn leise beten ließ:

»Ich danke Dir, Gott, daß Du dies Weib für eine Weile an meine Brust gebettet!«

»Fühlst Du Dich wohler?« wiederholte er inniger und trat ihr näher.

»O viel, viel wohler!« antwortete sie heiter.

»Sage mir,« und hier griff sie fast scherzend nach seiner herabhängenden Hand und hielt sie fest, »was würdest Du thun, wenn Du mich nicht mehr hättest?«

»Warum quälst Du mich?« fragte er ernst, fast finster.

»Weil ich wissen muß ob Du mich wirklich missen könntest.« Sie ließ seine Hand los und lehnte sich zurück.

»Nun denn, so wisse, daß ich leben würde, wenn ich Dich todt – aber nicht, wenn ich Dich im Besitze eines Andern wüßte.«

Sie hatte die Augen gesenkt und schob ihren kleinen Trauring am Finger hin und her. »Ob Anthony bald kommen wird?« fragte sie plötzlich und sah ihn fest an.

Wie von einem Dolchstich getroffen fuhr er auf. »Du wünschest es – ich weiß das Czinka – aber Du bist mehr als unbarmherzig, daß Du mir es sagst – gerade jetzt es sagst!«

»Alfred, ich sehne mich, daß er komme!« Sie war bei diesen leise gehauchten Worten aufgestanden, hing sich gewaltsam an seinen Arm und blickte ihn mit ihren heißen Augen so leidenschaftlich an, daß es ihn bis ins Innerste durchschauerte.

»Laß ab von mir, Weib!«

»Ich sehne mich, daß er komme – hörst Du es, und weißt Du auch warum? Weil ich ihm jetzt sagen kann, daß ich ihm nicht mehr folgen darf weil ich – Dich liebe, Alfred!« –

Er stieß einen Schrei des Entzückens aus und riß sie an sich. Sie umschlang ihn mit beiden Armen. Da schwirrte ein Geigenton durch die Luft – kam er aus den Wolken – vom Garten herauf – aus dem Seitenzimmer – vom Balcon her? – Der seltsame Laut wiederholte sich – der Ton klang wie aus weiter Ferne – er schwoll leise an und eine langsame schauerlich klagende Melodie zog daher, wie von unseligen Geistern gesungen.

»Das ist Anthony’s Geige!« flüsterte Czinka todtenbleich, »hörst Du, er spielt die Siralmas nota

»Der tolle Geisterspuk soll nun enden!« rief der Graf heftig. »Jetzt ruh’ ich nicht eher bis ich ihn gefunden! Hier an dieser Stelle magst Du zwischen uns Beiden wählen – hier entscheide sich unser Aller Geschick!«

Mit diesen Worten eilte er in das anstoßende Gemach, auf den Balcon, und dann hinaus. Die Töne verstummten. – –

Haus und Garten wurden durchsucht – keine Spur des Geigenspielers fand sich. – Es mochte wohl eine Stunde verflossen sein ehe der Graf, unmuthig und erbittert, in das Gemach seiner Gemahlin zurückkehrte. – Ein furchtbarer Schrei rief die entsetzte Dienerschaft gleich darauf herbei, der Graf Saldern lag besinnungslos ausgestreckt neben der Leiche Czinka’s. – Einen kleinen Dolch fand man bis an den äußerst kunstvoll gezierten Griff in ihrem Herzen.

Welche Hand hatte den sichern Stoß geführt?


Anthony Czermak, der tolle Geiger, wie ihn die Zigeuner selber nannten, tauchte im Jahre 1818 etwa, plötzlich wieder in Pesth auf. Eine Zigeunerbande spielte in dem berühmten Zrynischen Kaffeehause ungarische Weisen, vor einer dichtgedrängten Zuhörermenge. Da stürzte ein halb nackter, wild blickender Bettler herein, entriß dem Vorgeiger seine Geige, setzte den Bogen an und spielte so hinreißend, so dämonisch, so gewaltig, daß ein Beifallssturm losbrach wie er in den Mauern dieses Saales noch nie gebraust. Mit grellem Gelächter warf der Fremde aber die Geige zu Boden und verschwand. – »Das war Anthony Czermak,« ging es von Lippe zu Lippe. Später erschien er, fast spukhaft, bald hier, bald dort, doch nur wo Zigeunerbanden spielten, und überall wirkte sein Bogen zauberhaft. Er erging sich meistens in freien Phantasien, in die er dann ergreifend ungarische Melodien einzuweben pflegte. Zuletzt will man ihn in Prag gesehen haben, wo endlich diese wunderliche und düstere Erscheinung hinter den Mauern eines Klosters verschwunden sein soll. – –

Die Sage von seinem unvergleichlichen Spiel erhielt sich aber bis auf den heutigen Tag, und so berühmt auch wenige Jahre später der deutsche Zigeuner Mattinovich wurde, der mit mangelhafter Bogenführung, und ungeregeltem Fingersatz Zigeunerweisen, sowie Paganinische Etüden hinreißend vortrug und mit selten markigem Tone spielte, so nannten doch Alle, denen je die Geige des Anthony Czermak geklungen, den Mattinovich nur einen Vasallen jenes Zauberers. Die düster leidenschaftlichen Melodien jenes verschollenen Geigers sind noch heute unter den Zigeunerbanden in und um Raab die Lieblingsnoten, und wenn sie erklingen, reißen sie unaufhaltsam die Herzen der Hörer in ein Meer von schmerzlicher Lust und süßem Weh. Erzählte man sich doch, daß eine Melodie Czermaks, die während der Anwesenheit des Königs der Pianisten, Franz Liszt, von der Bande des berühmten Patikarus Ferko, an einem Festabend ihm zu Ehren in Pesth gespielt wurde, den Gefeierten so mächtig ergriffen, daß er zur Stelle ein Clavier herbeitragen ließ, und in tiefer Erregung die Sturmeswellen seines Spiels mit jenen unendlich klagenden Tönen mischte. – War es vielleicht die Melodie zu jenem Liede, das die schöne Czinka einst im Walde von Zircz gesungen?

»O meine müden Füße, ihr müßt tanzen
In bunten Schuhen
Und möchtet lieber tief
Im Boden ruhen.
»O meine müden Augen, ihr müßt blitzen
Im Strahl der Kerzen
Und möchtet lieber im Dunkeln
Schlafen von euren Schmerzen.«