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Elise Polko – Elizabeth

Kein Dorfgeschichtenschreiber hätte eine hübschere Lage für die Heimath seiner Lieblingsgestalten erfinden können als die Lage der beiden Dörfer M. und N. Die niedern Häuser mit den rothen Dächern standen in dem Schatten von Obstbäumen, im Vordergrunde breiteten sich fette Wiesen und Kornfelder aus, im Hintergrunde zeigte sich ein frischer Laubwald, dem die dunkleren Parthien, kleine Tannengruppen, auch nicht fehlten, und den Horizont begrenzte jene malerische Bergreihe, die sich längs dem Rheinufer zwischen St. Goar und Bingen hinzieht. Jedes Dorf hatte einen schlanken Kirchthurm, auf dem einen schimmerte ein Kreuzlein, auf dem andern blitzte ein Wetterhahn. Die Kirchthüre in N. stand allezeit weit offen und trug die Inschrift: »Kommt her zu mir Alle, die ihr müheselig seid und beladen – ich will euch erquicken.« Ueber der Kirchthüre des andern Dorfes stand keine Inschrift, und der alte Küster, der zugleich Schullehrer war, schloß sie nur des Sonntags auf, oder zu Trauungen und Kindtaufen. In jener offenen Kirche waren buntgemalte Fenster, die einen warmen lieblichen Schein warfen auf die dunkelbraunen geschnitzten Betstühle und die Steine des Bodens; auf dem sinnig geschmückten Altar standen im Sommer frische Blumen, in silbernen Gefäßen, um das Crucifix, und brennende Kerzen, und inmitten der Kirche hatte man eine lebensgroße heilige Mutter aufgestellt, mit dem Jesuskind im Arme, in einem blauen Mantel, dessen Saum mit silbernen Sternen gestickt war. Die ewige Ampel schimmerte sanft, und graue Weihrauchwolken zitterten wie Nebelschleier durch den geweihten Raum. Kühl und würzig war die Luft in dem Kirchlein, denn die liebe Sonne kam durch die weit offene Thür mit den frommen Betern zugleich herein.

In der viel größeren Sonntagskirche waren die Wände recht hübsch weiß getüncht. Den Mittelraum füllten lange Reihen von braunen Holzbänken, mit braunen Holzwänden davor, die einen vorspringenden Rand hatten um die Gesangbücher darauf zu legen. An diesen Holzwänden, sowie an der Rücklehne der Bänke, waren viele grüne, rothe und blaue Schilder angebracht, worauf mit Goldschrift verschiedene Namen standen. Auf solche Schildplätze durfte sich Sonntags kein anderes Menschenkind setzen als jenes, so den Namen trug der darauf zu lesen war. – Der Altar hatte eine verblichene grüne Tuchdecke auf der die Bibel lag, zwischen zwei Leuchtern deren Kerzen niemals brannten. An der Wand hinter dem Altar war ein großes Bild eingefügt, Gott der Herr, strenges Gericht haltend über die Guten und die Bösen, und die Schafe sondernd von den Böcken. Der unbekannte Maler hatte am Ende des Bildes, mit bedeutendem Farbenaufwand, den leibhaftigen Bösen mit Hörnern, Ofengabel und ellenlangem Schwanz dargestellt, wie er eben mit frohem Grinsen seines feuerspeienden Rachens einige verstoßene Seelen aufspießt. Diese höllische Fratze hatte schon manche fromme Beterin in ihrer Andacht gestört, und sogar manche zu frühe Entbindung veranlaßt. – Die hohen trüben Fenster waren theilweise verhangen mit grauleinenem Zeuge, damit die andächtige Gemeinde nicht von den zudringlichen Sonnenstrahlen verhindert wurde den Herrn Pfarrer auf der Kanzel zu sehen.

Mit einem Worte – das eine Dorf war katholisch, das andere protestantisch, und das hätte man schon allein den Pfarrhäusern anmerken können. In dem protestantischen Pfarrhause in M. standen allezeit die Hausthür und die Hinterthür, die in den Hof und in den Garten führte, gegen einander offen, was einen argen Zug gab, in dem aber verschiedene muntere Knaben und Mägdlein aufwuchsen. Der hübsche Garten, in dem viel Gemüse gedieh, hing die ganze Woche voll Kinderwäsche, bunte Gardinen verhüllten die Fenster, und an den Sonnabenden pflegte der Herr Pastor, bei leidlich gutem Wetter, immer seine Predigt auf dem Spazierwege oder in der Fliederlaube zu memoriren, weil das ganze Haus sodann unter Wasser stand. –

Des andern Pfarrhauses breite dunkelgrüne Thür war immer wohl verschlossen, wer Einlaß begehrte, mußte an ein Seitenpförtchen klopfen, das man im grünen Weinlaube kaum sah. Blendend weiße Gardinen bauschten sich an den hellen Scheiben, sanft singende Vögel hingen in zierlichen Käfigen vor den Fenstern. Im Gärtchen, das so niedlich aussah, daß man es hätte gleich in einem Salon als Zierrath aufstellen mögen, blühten die schönsten Blumen in jeder Jahreszeit, der wohleingerichtete Küchengarten lag versteckt hinter üppigem Strauchwerk, in dem Hof und Hühnerstall sich umzusehen, war eine Lust, und das Taubenhaus sah einem hübschen Pavillon gleich. – Die freundliche alte Schwester des Pfarrherrn trug zwar nur Kattunkleider und weiße, eng anschließende Hauben, sie sah aber doch allezeit aus, wie die Leute im Dorfe meinten, wie eine »Weihnachtspuppe.«

Daß sich »die Herrn Collegen« von M. und N. niemals anders als mit einem sehr steifen Kopfnicken grüßten, und die Frau Pastorin und die »alte Mamsell« gar nicht, verstand sich von selbst. Die M’sche Pfarre war ausgezeichnet, aber der »Herr Pastor« sagte oft zu seiner Frau, daß er mit der Hälfte der Einnahmen zufrieden sein würde, wenn er die Katholiken nicht zu Nachbarn hätte. – Er war sonst, wenigstens nach seiner eignen Meinung, äußerst »tolerant,« nur gegen die »Katholiken« und gegen »Juden« spürte er eine kleine Abneigung, ähnlich jener, die er empfand, wenn ihm seine Frau einmal gelbe Rüben auf den Tisch brachte. – Wäre N. zehn Meilen von M. belegen gewesen, keinen katholikenfreundlicheren Mann hätte man sich denken können als den Pastor Müller. So aber kaufte man im Pfarrhause zu M. keiner Bäuerin aus N. etwas ab, auf strengen Befehl des Hausherrn, was der Pastorin oft schwer genug wurde, und jeder kleine Liebeshandel zwischen einem M’schen und N’schen Pfarrkinde wurde um so strenger vom Pastor getilgt, als der katholische Pfarrherr gegen dergleichen »Verirrungen,« wie er diese Verhältnisse mit seinem feinen Lächeln zu nennen pflegte, ziemlich nachsichtig war.

Der Herr Pastor richtete sogar seine Spaziergänge nie nach der Seite von N., weil er es nicht ertragen konnte, an Marienbildern, Kreuzen und Heiligen vorbei zu passiren. Sein steter Kummer war, daß die Post, die damals von Köln nach Frankfurt ging, zuerst durch N. kommen und anhalten mußte, während der Pfarrherr von N. ohne Neid es geschehen ließ, daß der Schwager auf dem Rückwege seine Pferde in M. fütterte. Weder gemeinsames Glück, nämlich reiche Ernten, noch gemeinsames Unglück, Mißwachs oder Hagelschaden, noch die alles gleichmachende Zeit vermochten hier die Verhältnisse zu ändern, und bewahrte man auch nach Außen hin einen gewissen Schein von Verträglichkeit, predigte man auch von den Kanzeln gewissenhaft das »liebet eure Feinde,« so hatte wenigstens der Herr Pastor seine »grillenhaften Stunden,« in denen er darüber nachsann, warum wohl der Herr nur in »grauen Zeiten« Schwefel und Pech vom Himmel regnen ließ – natürlich auf jene, die es verdienten! –

Als der Herr Pastor älter und in Folge des ewigen Zuges und vielen Scheuerns gar sehr von der Gicht geplagt wurde, bewilligte man ihm auf seine Bitte einen jungen Helfer, den er zu sich in’s Haus nahm. Gottfried Berger, ein Theologe wie ihn empfindsame Seelen malen, nämlich »Johannesartig« mit blauen Augen und blondem Haar, war der hinterlassene Sohn der verstorbenen Schwester des Pastors. Er verstand sich trefflich in Onkel und Tante zu finden, und es wurde bald ein Lieblingsgedanke des Kränkelnden, sich diesen Neffen als Nachfolger und – Schwiegersohn dermaleinst in M. zu denken. Hatte er auch zur Zeit an dem jungen Manne noch vieles auszusetzen, vornehmlich daß er den Pfarrherrn von N. viel zu freundlich grüßte, auch seine Spaziergänge in jener von ihm stets vermiedenen Richtung machte und dergl. mehr, so hoffte er ihn doch durch seine unausgesetzten Ermahnungen auch in dieser Hinsicht auf den »allein richtigen« Weg zu leiten.


Die Nachmittagspredigt in der M’schen Kirche war vorüber. – Der junge Berger, der sie gehalten, ging eben langsam über den Kirchhof weg nach dem Pfarrhause. Einige alte Frauen verloren sich, die Gesangbücher in den Händen, zwischen den Gräbern, die Männer schritten grüßend an ihm vorüber. Kinder liefen ihm entgegen und boten ihm große Sträuße von Hollunder und Goldregen. Freundlich dankend nahm er sie und drückte sein Gesicht tief in die Blumen. Als er in den Hausflur trat, sagte die Magd, daß ihn der Herr Pastor bitten lasse, zu ihm in die Laube zu kommen, der Kaffeetisch sei allda aufgestellt. Er nickte und ging hinauf in seine Stube, sich umzukleiden.

Die Laube lag auf einer Anhöhe an dem äußersten Ende des langen Gartens. Im Sommer war sie recht dicht, fast kühl, denn die große Linde, die davor stand, stritt sich tagtäglich mit den Sonnenstrahlen herum, denen sie durchaus den Eintritt wehren wollte. Jetzt hingen nur einige grüne frische Ranken lose über das Gitterwerk, und die Linde selbst stand da, mit ihren jungen Blättern, wie unter einem durchsichtigen grünen Schleier, zitterte in der Frühlingssonne und dachte nicht daran Schatten zu geben. Auf die gelbliche Damastserviette auf dem Tisch fielen helle Lichter und zuckten hin und her.

Der alte Pastor saß in einem bequemen Sessel, den rechten etwas gichtischen Fuß auf einer gepolsterten Bank ruhen lassend. Es war ein hübsch geschnittener Kopf, von schlichtem Haar umgeben mit einigen Härten um Mund und Augen und einer eisernen Stirn. – Die Pastorin war einst schön gewesen, der bitterste Nachruhm für eine Frau, und sehr verwöhnt, als einziges Kind eines reichen Kaufmanns. Ihr Vater machte einen bösen Bankerott und erschoß sich nachher; die Mutter starb vor Schreck und Gram, und die kaum zwanzigjährige Armgard war froh, eine Gouvernantenstelle in einem gräflichen Hause zu erhalten.

Dort umgab sie doch wenigstens jener gewohnte Glanz und Comfort, den sie allein »Leben« nannte. Die Unlenksamkeit ihrer Zöglinge, die Zudringlichkeit des Herrn Grafen, und die Eifersucht der launenhaften Gräfin machten ihr aber im Laufe der Zeit das Dasein im Hause so schwer, daß sie – den Heirathsantrag des Gutspastors annahm, der jeden Abend mit den gräflichen Herrschaften Whist zu spielen pflegte. Gleich nach der Hochzeit erhielt Müller die Pfarrstelle in M., um die er sich insgeheim schon lange beworben, und siedelte mit seiner jungen Frau dahin über.

Ihre Ehe war wie tausend Ehen, wo eben beide Theile nur an das denken, was sie dem Andern geben, nie an das, was sie empfangen. – Armgard fühlte sich noch als die einzige gefeierte Tochter des reichen Bankiers, und Eberhard Müller fand es höchst anerkennenswerth daß ein wohlsituirter Pastor eine arme Gouvernante, »vom Fleck weg« zur Frau Pastorin erhoben. Die junge Frau versuchte Anfangs das schlichte Pfarrhaus umzumodeln in Erinnerung früherer Zeiten. Wunderlicher Flitterkram wurde hie und da aufgestellt, der in keinem Zusammenhange stand mit der übrigen Einrichtung; sie selbst trug sich ziemlich auffallend und schleifte die seidenen Kleider zum Staunen der Gemeinde durch das Dorf. Wer hätte sich getraut an solche vornehme Pastorsfrau ein fragendes oder bittendes Wort zu richten! Eine Weile schaute der Pastor anscheinend geduldig zu. Als aber das erste Kind da war und das Tauffest vorüber, gab es einmal eine ernste Scene im Pfarrhause. Acht Tage lang sah die Magd die Pastorin mit verweinten Augen herumgehen, – nachher verschwand ein Zierrath nach dem andern, der Flitterputz dazu, – statt der langen seidenen, trug sie jetzt kattunene oder wollene Kleider ohne Schleppen, und an die Stelle der dünnen Zeugstiefelchen traten derbe Lederschuhe. – Fünf Kinder wurden im Laufe der Jahre im Pfarrhause geboren, und vier kleine Särge standen zu verschiedenen Zeiten in der Gartenstube. Da gab es Leid genug und Thränen, und in diesem Jammer näherten sich denn auch die Herzen der Gatten mehr als sie es je in der Freude gethan.

Ein einziges, das jüngste Kind wurde groß, es zählte jetzt volle 17 Jahre und führte den Namen Elisabeth. Der Pastor hatte zwar Anfangs viel gegen diesen Namen, er klang ihm zu katholisch, aber er war doch im Laufe der Zeit etwas nachgiebiger geworden gegen die Wünsche seiner Frau, und so wurde die Kleine endlich nach ihrer verstorbenen Großmutter mütterlicherseits, Elisabeth getauft. – Das Mädchen wuchs auf, nicht nur als ein einziges, sondern auch als ein allein übrig gebliebenes Kind, bewacht und gehütet Tag und Nacht. Sie war beider Eltern Abgott, obgleich immer der Vater die Mutter, und diese wieder den Vater beschuldigte der kleinen Elisabeth zu viel Willen zu lassen. Jedes bewachte heimlich das Andere und freute sich über jeden sogenannten »Streich« in Betreff der Verwöhnung des Kindes, um ihn zu notiren und gelegentlich, bei irgend einem Angriff, als Vertheidigungswaffe zu gebrauchen.

So pflegte der Pastor als größten Beweis einer mütterlichen Schwäche zu erzählen, daß seine Frau lächelnd zugesehen, wie die Kleine ein Pastellbildchen – die schöne Armgard im Costüm einer Schäferin darstellend – so lange mit einem feuchten Schwamme bearbeitet, bis von den Farben keine Spur mehr vorhanden. Die Pastorin entschuldigte sich zwar damit, daß Elisabeth eben die Masern gehabt und der Arzt ihr befohlen, das Kind weder zu reizen, noch zum Weinen zu bringen, – ihr Mann lachte aber immer etwas spöttisch dazu. – Als Gottfried Berger später in’s Haus zog, hatte ihm jedoch die Pastorin am ersten Abend gleich so viele Anekdoten von umgeworfenen Dintenfässern und zerrissenen Predigten vorgetragen, für welche Verbrechen das Töchterchen völlig straflos davon gekommen sei, daß dem jungen Kandidaten der Kopf schwindelte.

Mit jedem Jahre gestalteten sich die Träume der Pastorin in Bezug auf des Kindes Zukunft farbenreicher. Tausend Hoffnungen hingen an diesem jugendlichen Haupt. Sie verbarg aber dergleichen auf Goldgrund gemalte Bilder sehr sorgfältig vor den Augen ihres Mannes. Durch Elisabeth und mit ihr sollte ja ein neuer Tag kommen, der Tochter wünschte sie jenes reiche Leben, das sie selbst einst gelebt, – in der Tochter Glück gedachte sie sich zu sonnen. Elisabeth sollte keine Dorfpastorin werden, sie wenigstens durfte nicht in dieser Einsamkeit zwischen Rüben, Kartoffeln und Kornfeldern verblühen. Wie das freilich zu verhindern überließ die Pastorin zunächst einigen Jugendfreunden, mit denen sie noch korrespondirte, und – der Zeit. Das Kind war ja noch so jung! –

Eben trat der Kandidat in die Laube. »Haben Sie Elisabeth nicht gesehen?« fragte die Pastorin. Sie nannte vorsätzlich den Neffen ihres Mannes, trotz aller Einreden, »Sie«. – »Sie war nicht in der Kirche!« antwortete der junge Mann und zog einen Holzstuhl an die Seite seines Onkels. »Soll ich mich nach ihr umsehen?« – »O nein! Das große Kind geht nicht mehr verloren – es ist mir nur um den Kaffee zu thun. Er wird kalt.«

»War unser Gotteshaus voll?« fragte der Pastor. – »Nicht sonderlich. Ein Dutzend alter Frauen, kaum eine Handvoll Männer, ein paar Wöchnerinnen, die den ersten Kirchgang hielten – das war alles.« – »Das alberne Volk wird der Prozession nachgezogen sein. Heut haben sie ja wieder da Drüben so etwas. Ich weiß nicht, was für ein Fest es ist! – Wollte nur die Linde endlich einmal grün und voll werden, damit ich doch nicht auch von hier aus die Kirchthurmspitze sähe! – Nicht genug, daß mir diese Nachbarschaft die Pfarre verleidet und die Gemeinde verdirbt – sie verkümmert mir sogar meinen harmlosen Platz in der Laube.« –

Gottfried sah schweigend in seine Tasse.

»Ich begreife nicht, daß Du Dich nicht mehr über Deine leere Kirche ärgerst,« fuhr der Pastor fort. »Aber das soll und muß aufhören! Morgen in der Betstunde werde ich ein strenges Verbot erlassen. Wer sich untersteht –,« – »Da ist Elisabeth!« rief jetzt die Mutter mit froher Stimme dazwischen.

Den gelben Kiesweg herab, der zur Laube führte, kam schnellen Schrittes ein junges Mädchen in einem hellen Sommerkleide. Ein kleines Tuch von dunkelblauer Farbe hing ihr über dem Arm, den runden gelben Strohhut hatte sie abgenommen. Ein schönes etwas sonnenverbrannntes Gesicht lachte Allen einen Willkommen zu. »Wo warst Du so lange?« rief ihr der Vater in einem gereizten Tone entgegen; das abgebrochene Gespräch hatte ihn sehr verstimmt.

»Gleich zeige ich Dir’s,« antwortete sie geheimnißvoll und fröhlich zugleich. Dann befreite sie ihre Hände von der Last von verschiedenen Dingen, die sie auf den Tisch legte: – Blumen, Papierblätter, ein Buch, Zeichenstifte, Hut und Tuch. Jetzt erst schob sie die schweren braunen Flechten zurück, die sie noch immer wie in ihrer Kinderzeit um den Kopf geschlungen trug und die sich vom raschen Gange etwas in die Stirn gesenkt hatten. Ohne die Aufforderung der Mutter in Betreff des Kaffees und Kuchens zu beachten, rollte sie ein größeres Papierblatt auf. »Gottfried soll’s zuerst sehn! Bitte, komm hieher, da ist das beste Licht.«

Ihre dunkeln Augen lachten ihn an; Gottfried war im Augenblick an ihrer Seite, etwas linkisch zwar und befangen wie immer, aber so schnell als möglich. Kaum hatte er aber einen Blick auf die Zeichnung geworfen, als er blaß wurde und ängstlich flüsterte: »zeige das jetzt nicht – nur heute nicht!« – Sie sah ihn erstaunt an, rollte jedoch langsam das Blatt zusammen und legte es bei Seite.

»Nun? Wirst Du mir Dein Meisterwerk diesmal vorenthalten wollen?« fragte der Pastor. – »Es ist noch nicht ganz fertig.« – »Gieb her, ich will es sehn, ob fertig oder nicht!« sagte der Vater heftig. – Elisabeth zögerte. Die Mutter setzte ängstlich die Tasse aus den Händen. – Einem bestimmten Befehl des Vaters ungehorsam zu sein, das hatte die Tochter noch nie gewagt. Das Mädchen streckte auch jetzt mechanisch die Hand aus, um das verhängnißvolle Blatt zu ergreifen. Allein Gottfried kam ihr zuvor. Schnell wie ein Blitz hatte er das Papier aufgenommen und in viele kleine Stücke zerrissen, die nun der Wind nach allen Seiten davontrug.

Diese ungewöhnliche Handlung und rasche That eines sonst so scheuen stillen Mannes, machte in dem kleinen Kreise einen verschiedenen Eindruck. Das Gesicht des Pastors wurde sehr roth. – – »Was fällt Dir ein, Neffe,« rief er halb verwundert halb zornig. »Hast Du nicht gehört, daß ich die Zeichnung sehen wollte?« – »Sie war aber nicht des Ansehens werth!« lautete die ruhige Antwort. – »Nun, das wäre doch die erste schlechte Zeichnung die Elisabeth gemacht!« sagte da die Mutter gereizt. – »Sie war auch nicht schlecht!« murmelte jetzt das junge Mädchen und warf dem Vetter einen trotzigen Blick zu. »Du hattest wenigstens kein Recht sie zu zerreißen.« – »Du wirst eine bessere Zeichnung machen, Elisabeth!« antwortete er begütigend. – »O gewiß nicht! In meinem ganzen Leben habe ich noch niemals mit solcher Lust gezeichnet wie diesmal.«

»Und was war’s, was Dich so gefangen nahm?« fragte der Vater milder und streckte den Arm aus, um die Tochter näher zu sich hinzuziehen. Die Zuversicht des verzogenen Kindes erwachte wieder in Elisabeth. Sie näherte sich dem Vater, legte ihre Hand auf seine Schulter und sagte mit heiterem Lächeln: »ich hatte die Prozession gezeichnet, wie sie vor dem Allerheiligsten auf den Knieen lag.«

Wie von einem Dolchstich getroffen sprang der Pastor auf. »Also mein eigenes Kind macht solche Dinge mit?« rief er bebend vor Zorn. »Und das muß ich erleben? Ich?« – Er schritt mühsam athmend auf und ab. – Keiner regte sich. – Da fragte die weiche Stimme des jungen Mädchens bebend: »War das denn ein Unrecht, daß ich Betende zeichnete? Ich habe sie ja nicht gestört, sondern kniete mitten unter ihnen, Vater!« –

Niemand antwortete. – Der Pastor preßte, gewaltsam nach Fassung ringend, die Lippen zusammen – wandte sich dann plötzlich um und schritt dem Hause zu.

– »Sie haben das Beste des Kindes gewollt, Gottfried,« sagte die Pastorin freundlicher als gewöhnlich, indem sie die Tassen zusammenräumte; »ich sehe das jetzt ein. Ihre Schuld war es nicht, daß der Versuch, das Kind aufmerksam zu machen, mißlang. Du hast Deinem Vetter den trotzigen Blick von vorhin abzubitten, Elisabeth!«

»Ich mag mich lieber schelten lassen vom Vater, als zusehn wie man mir meine Zeichnungen zerreißt,« antwortete sie mehr traurig als trotzig. »Daß es der Gottfried gut meinte, sehe ich ein.« – Dabei nahm sie aber ihren Hut und ihr Zeichenbuch und ging den Kiesweg hinab, schlug dann einen Seitenweg ein und stand nun vor der niedern Kirchhofmauer. Sie setzte sich auf den Rand des Gemäuers und sah hinüber in den stillen Garten der Todten, und wohl kein Lebender hätte jene Fragen beantworten können, von denen eben jetzt dies junge heftig schlagende Herz übervoll war.


Dies anscheinend unbedeutende Ereigniß hatte gewichtigere Folgen als Elisabeth träumte. – Von jenem Tage an durfte sie nämlich nicht mehr allein spazieren gehen. Der Vater erlaubte ihr nur im Garten, auf dem Kirchhofe oder im Hause zu zeichnen, ihre Spaziergänge unternahm sie fortan nur in seiner Begleitung und ohne ihr Zeichenbuch. Alle jene Heiligenbilder, die sie so gern in ihren kleinen Landschaftsskizzen anzubringen pflegte, wurden auf Befehl des Vaters daraus verbannt, selbst kein einfaches Kreuzlein am Wege duldete seine strenge Kritik mehr. Alles, was nur im Entferntesten an den Katholicismus erinnern konnte, sollte auf das Bestimmteste vermieden werden. Er hatte mit seiner Tochter nicht ein Wort über jenen Vorfall mit der Zeichnung geredet, ihr jedoch einfach gesagt, daß er selbst fernerhin ihr Begleiter sein werde auf ihren, sonst so zwanglosen, Spaziergängen.

Anfangs fühlte Elisabeth in dieser Neuerung einen unerträglichen Zwang, bald aber fügte sie sich in das Unabänderliche, und kurze Zeit darauf war sie wieder das heitere, lebensfrohe Mädchen das sie bisher gewesen. Auch ihr Verhältniß zu ihrem Vetter behielt nur wenige Tage lang eine eigenthümliche Spannung, dann warf sie ihm wieder, wie zuvor, ihren Blumenstrauß in’s offene Fenster, wenn sie Morgens aus dem Garten kam, und quälte sich redlich, um keine Schelte von ihm zu bekommen, mit ihren französischen Aufgaben. Auch zeichnete sie ihn wieder, zu ihrer Uebung, wie schon hundertmal wenn er mit dem Vater Schach spielte, im Profil, en face und Dreiviertel, und übte geduldig jeden Tag vierhändige Kirchenlieder mit ihm.

So ging ein Tag nach dem andern hin, die Morgen, Mittage und Abende sahen sich gleich wie ein Ei dem andern. Und dennoch fühlte Elisabeth nie Langeweile oder irgend eine Sehnsucht nach Abwechslung. Zuweilen hätte sie wohl gern einmal andere Bücher gehabt, als Friederike Bremer’s Werke und Schiller’s Geschichte des dreißigjährigen Krieges, – seine Dramen gab ihr der Vater nicht – und die verschiedenen Reisebeschreibungen, aus denen Vetter Gottfried Abends vorzulesen pflegte, machten sie oft gewaltig müde, es schlief sich aber auch um so besser darauf. Zudem drängte ein sonniger Tag oder eine Partie in den Wald diese Wünsche wieder für eine Weile in den Hintergrund. – Freilich standen dafür andere auf, wie z. B. das Verlangen jene alte Kapelle auf der buschigen Anhöhe einmal zu besuchen, wo ein wunderthätiges Marienbild stand, welchen Ort zu betreten ihr der Vater jedoch schon vor Jahren ein- für allemal streng untersagt.

Seltsam, seitdem jene Geschichte mit der Zeichnung vorgefallen, war eben dieser halb vergessene Wunsch plötzlich in ihr mit fast ungestümer Lebhaftigkeit wieder erwacht. – Sie träumte sogar die Nacht von jener stillen Kapelle mit den bunten Scheiben, und von den vielen Herzen von Wachs, die man der Maria geschenkt, wie ihr ein kleines Mädchen aus N., der sie einmal verstohlen einen Maiblumenstrauß abgekauft, erzählt hatte. – Mit der Mutter wagte sie schon eher über diesen Herzenswunsch zu reden – aber helfen konnte ihr die Pastorin auch nicht, sie ehrte in allen Dingen, die sich auf Religion bezogen, ihren Mann sehr, und bemühte sich nach Kräften der Tochter dies »tolle Verlangen«, wie sie es nannte, aus dem Kopfe zu bringen. – Dabei schien sie aber in der letzten Zeit häufiger denn je mit ihren fernen Freunden zu korrespondiren, und die eigenthümliche, halb frohe, halb sorgenvolle Art, mit der sie zuweilen ihre Tochter anblickte, gab dem ruhig beobachtenden Kandidaten viel zu denken.

Da kam eines Tages, Niemand schien sich dessen zu versehen, Besuch ins stille Pfarrhaus, nämlich ein entfernter Verwandter der Pastorin. Herr von Plessow, der Direktor der Malerakademie in F., war auf einer Badereise begriffen und sprach für wenige Stunden in M. ein, um die »liebe Cousine« zu begrüßen. Beide hatten einander viel zu fragen, sich so vieler Dinge und Personen zu erinnern daß es beinahe nicht dazu gekommen wäre, Elisabeth’s Skizzenbuch zu durchblättern, nach welchem der »Herr Cousin« doch sogleich gefragt. – Der ältliche freundliche Herr fand sehr viel Wohlgefallen an den artigen Bilderchen, noch größeres aber an der Zeichnerin selber und sagte endlich, im Beisein des Pastors, sehr ernsthaft: »ich möchte Dich wohl mit nach F. nehmen, Elisabeth, wenn ich aus dem Bade komme, – aus Dir kann eine tüchtige Malerin werden. Ueberlege Dir die Sache und schreibe mir nach T., wenn Du willst daß ich Dich abholen soll. Ein halbes Jahr lang unter einem tüchtigen Lehrer und Du würdest Bedeutendes leisten!« –

Ein Wort zu guter oder böser Stunde ist ein Samenkorn, – und der Wind weht selten es auf einen steinigen Boden. Es fällt in warmes Erdreich – es schießt auf – gepflegt in stillen Nächten, getränkt von heimlichen Thränen, und wächst empor, oft eine üppige Giftpflanze – oft ein Rosenstrauch voll Dornen und süßen Knospen – oft eine »blaue Blume,« jene mährchenhafte Blüthe, die demjenigen, der sie einmal erblickt, nie zu stillende Sehnsucht bringt.

Die Worte des Direktors aus F. ließen in dem Herzen des jungen Mädchens jene blaue Blume erwachsen. Eine leise Sehnsucht beschlich sie urplötzlich nach einem Etwas, das sie nicht hatte. – Sie vermochte selbst mit ihrer Mutter nicht darüber zu reden, – sie saß in tiefen Gedanken vor ihrem Zeichenbrettchen, – keine ihrer kleinen Schöpfungen wollte ihr mehr gefallen – und es geschah ihr nicht selten daß sie mitten im Zeichnen unlustig den Stift von sich warf und das angefangene Blatt zerriß. Es begab sich auch, daß sie in der Nacht erwachte und lange, lange schlaflos da lag, und mit ihren Gedanken weit wegflog über den Garten des Pfarrhauses – weit über Hügel und Wälder fort – »wohin – ach wohin?« – Nur einmal, auf einem Spaziergange mit dem Vater, gab sie ihren Gedanken Worte. Sie hatte sich einen Feldblumenstrauß gepflückt. Plötzlich blieb sie stehen, legte ihre Hand auf den Arm des Vaters und sagte, bebend vor Erregung: »Sieh, wenn ich diese Blumen da malen könnte, wie ich sie so vor mir sehe in ihren sanften köstlichen Farben, – ich glaube, ich wäre das glücklichste Geschöpf der Welt!« – Der Pastor lächelte über den Ausdruck strahlender Freude in ihrem Gesicht, antwortete aber nichts.

An einem Sonnabend Abend lehnte sie wieder, wie so oft, an der Kirchhofmauer und schaute hinüber auf die Gräber der Geschwister. Der Pastor ging in seinem Studirzimmer auf und ab, bei geöffnetem Fenster seine Predigt memorirend, denn die Stube war in der Sommerwärme diesmal schon vollständig getrocknet. Die Pastorin stand auf einer kleinen Leiter an dem Pfirsichspalier und pflückte behutsam die ersten reifen Frühpfirsiche. Der Kandidat Berger kam eben von seinem Abendspaziergang zurück. Er trug einen Strauß von Waldblumen in der Hand, blieb erst einen Augenblick bei der »Frau Tante« stehn, ging dann weiter und setzte sich nahe zu dem jungen Mädchen auf die niedrige Mauer. Er reichte ihr den Strauß hin wie immer, sie nahm ihn freundlich nickend wie immer. – Eine Weile sah sie gedankenvoll in die Blumen, dann wandte sie sich plötzlich gegen ihn und sagte mit halberstickter Stimme und schnellem Athem: »ich kann es nicht mehr aushalten hier!« – –

In sprachlosem Erstaunen starrte er sie an. Ihr Gesicht war wie mit Purpur übergossen, ihre Augen standen voll Thränen. »Ja ja, es ist so!« fuhr sie fort und trat ihm näher, »ich weiß es jetzt ganz genau und Dir kann ich’s auch zuerst sagen. Ich will nach F. und Malerin werden. In vier Wochen kommt der Direktor wieder hier durch und ich – werde mit ihm gehn!« – »Aber mein Gott, welch ein Gedanke!« – »Und Du mußt mir helfen ihn auszuführen, Du mußt mir beistehen die Eltern zu bereden mich auf ein Jahr, – auf ein halbes vielleicht nur, – von sich zu lassen.« – »Ich, Elisabeth?« – »Eben Du. Warst Du nicht allezeit gut zu mir? Seit Du jene Zeichnung zerrissen habe ich das erst gewußt, aber nun vergesse ich’s auch nimmermehr.« – »Aber es ist ja ganz unmöglich daß Du fortgehen kannst von hier!«

»Warum denn? Die Mutter braucht mich nicht so nöthig, sie liebt es gar nicht wenn man ihr im Hause hilft. Und der Vater – wird mit Dir fortan spazieren gehen, bis ich wiederkomme. Du wirst der Einzige sein der mehr Last und Arbeit davon haben wird daß ich gehe, denn ich werde Dir allerlei Aufträge hinterlassen. Du mußt die Vögel füttern und nach meinen Blumen sehn und jede Woche einmal meine Epheuwand abwaschen. Daß Du die Eltern aufheitern mußt, versteht sich ganz von selbst.« – »Ich soll den Eltern rathen, Dich fortzulassen?« wiederholte er noch einmal wie im Traume. »Nein, Elisabeth, das thue ich nicht – das kann ich nicht!« setzte er fast heftig hinzu und richtete sich hoch auf.

Mehr betrübt als erstaunt über seine Weigerung hatte sie langsam ihre Hände zusammengelegt und sah ihn stumm und bittend an. – Es gibt Momente, in denen uns das Bild eines Menschen, wie er eben vor uns steht, plötzlich gleichsam in’s Herz gepreßt wird. Die Seele nimmt ein Photographie-Portrait auf, und dies Portrait ist unverwischbar, wir sehen fortan diese Gestalt nur so wie sie uns in jenem Augenblick erschien, und weder Trennung, noch Alter vermag einen Zug in solchem Bilde zu verändern.

Wenn der junge Kandidat von dieser Stunde an des Mädchens gedachte, so sah er sie in einem blaßrothen weiten Sommerkleide, eine Epheuranke um die Flechten geschlungen, eine verwelkte Rose im Gürtel, das kleine seidene Tuch, das sie eben vom Halse genommen, spielend um das Handgelenk geschlungen, mit dem wunderbaren Ausdruck von Sehnsucht und Erwartung in dem blühenden Gesicht, die Augen auf ihn gerichtet, deren lange dunkle Wimpern ihrem Aufschlag einen so eigenthümlichen Zauber gaben.

Da er nicht antwortete, so fragte sie noch einmal, aber ungeduldiger: »Und warum nicht?« Da zuckte es über sein Gesicht – sein Athem stockte – die Lippen öffneten sich – –

»Herr Neffe, wollen Sie mir den Korb heraufreichen? Elisabeth, der Vater verlangt nach einer neuen Pfeife!« rief die Pastorin. – Der junge Mann fuhr auf, wandte sich mechanisch und schritt auf das Spalier zu. – Elisabeth folgte gedankenvoll.


An demselben Abend, vor Schlafengehen, fiel die Tochter der Mutter um den Hals, und bat sie ihr zu erlauben das Anerbieten des Direktors aus F. anzunehmen. »Ich möchte gar zu gern eine Malerin werden!« sagte sie aufgeregt.

Die Pastorin war hocherfreut, obgleich nicht erstaunt – sie hatte ihre Tochter seit des »Cousins« Weggang wohl beobachtet und diese Bitte erwartet. Ihre Gedanken nahmen aber sofort einen hohen Flug. Sie sah für Elisabeth eine Zeit des Glanzes voraus wie sie sie selbst kaum einst erlebt. Wie groß war F., wie lebendig und interessant mußte das Haus des Cousins sein, besonders seit er sich zum zweiten Mal verheirathet! – Wie entscheidend konnte dieser Besuch für die Zukunft Elisabeth’s werden! – Von alledem sagte sie aber kein Wort, sie küßte nur ihr Kind und meinte: »ich kann mir wohl denken, wie sehr Dich’s verlangen mag eine ordentliche Malerin zu werden. Deine arme Mutter könnte Dich ja doch nicht weiter bringen im Zeichnen, Du hast sie schon längst überholt, und Du kannst nun viel zu viel um es liegen zu lassen. Als meinen Vater das Unglück traf, sollte ich eben auf Porzellan malen lernen – wer weiß, zu was mir das genützt haben würde! Laß mich mit dem Vater reden – und rede Du nicht eher mit ihm über Deinen Wunsch, als bis ich Dir einen Wink gebe.« –

Wie es die Beiden in den nächsten Tagen angefangen, den Pastor zu bereden – wer konnte es sagen? – Gewiß war nur, daß genau eine Woche nach jenem Gespräch zwei Wäscherinnen und zwei Schneiderinnen im Pfarrhause beschäftigt waren, und daß wenige Tage darauf noch eine Büglerin zu Hülfe genommen werden mußte. –

Die Pastorin aber nahm eines Morgens ihre Tochter mit herauf in eine abgelegene Kammer, schloß dort eine große Truhe auf, und zog vor den staunenden Augen des Kindes allerlei Schätze an’s Tageslicht. Da kam ein hellblaues Taffetkleid zum Vorschein und ein dunkelgrünes, ein weißes gesticktes Mousselinkleid mit rosenrothen Schleifen, und ein buntschillerndes Seidengewand. Auch wunderliche Echarpen und Umhängsel, die ebenso unmodern aussahen wie die Kleider, zu denen sie getragen worden waren. Elisabeth jubelte aber über Alles. Sie hätte diese Ueberbleibsel aus der so oft beseufzten und betrauerten Glanzzeit ihrer Mutter am liebsten gleich so angezogen, trotz der bauschigen Falten, puffigen Aermel und kurzen Taillen, hätte es die Pastorin gelitten.

In kurzer Zeit aber waren alle diese Kleider durch die Hände der Nadelkünstlerinnen in die prächtigsten Toiletten umgewandelt worden, so meinten wenigstens Mutter und Tochter, – und mit wahrem Stolz packte die Pastorin eigenhändig die Koffer ihres Kindes, ehe noch die bejahende Antwort des Direktors auf die feierliche Anfrage des Pastors eingelaufen war. Elisabeth stand dabei und reichte ihr jedes Stück mit kindlicher Freude hin. – Das war eine anmuthige Arbeit. Zuletzt war aber alles fertig – Schneiderinnen, Wäscherinnen und Büglerin verschwanden, und es gab endlich nichts mehr zu thun als – auf den aus dem Bade Heimkehrenden zu warten. – Seine Antwort war längst da – er beabsichtigte, im Laufe der nächsten Woche in M. einzutreffen. »Es wartet sich doch gar schwer,« meinte Elisabeth. Sie hatte nirgends mehr Rast noch Ruh, selbst nicht auf der Kirchhofmauer. – Die vierhändigen Kirchenlieder spielte sie längst nicht mehr, sie hielt keinen Takt, und der Vater wurde ungeduldig beim Zuhören, sie las auch nicht, – höchstens zeichnete sie dann und wann ein wenig. Am liebsten ließ sie sich von der Mutter von dem Leben und Treiben in F. erzählen, wie es die Pastorin, als sie noch die schöne Amgard Albert war, kennen gelernt.

Gottfried Berger ließ sich jetzt selten sehen, auch Abends zog er sich unter dem Vorwand dringender Studien in sein Zimmer zurück. Man vermißte ihn auch wenig oder gar nicht, denn Elisabeths Abreise war das fesselnde und unerschöpfliche Thema aller Gespräche. Der Pastor erinnerte sich dabei eines alten Universitätsfreundes nach dem Andern, der in F. leben mußte, und denen er sein Kind zu empfehlen gedachte. Der alte Herr hatte übrigens von jeher für das Zeichentalent seines Kindes eine Art von Bewunderung gefühlt, er war stolz auf seine Tochter, und seit jenem Besuche des Cousins war ihm selber der Gedanke gekommen, daß ja sogar die Bibel gebot: »Du sollst dein Licht leuchten lassen vor den Leuten.« Die Idee, sein Kind sei vielleicht dazu bestimmt eine große Malerin zu werden, beschäftigte ihn lebhaft, so daß er sehr bald fest überzeugt war, es bedürfe nur eines Winteraufenthalts in der Stadt, um aus ihr mindestens eine zweite Angelika Kaufmann zu machen. Er blickte so recht eigentlich in Bezug auf Elisabeth in einen »goldenen Kelch« – wie das Volk so poetisch zu sagen pflegt – und in der Tiefe dieses Kelchs lag – eine Perle, ihr Talent, zwar ein Talent, an dessen Ausbildung er auch seinen Antheil zu haben glaubte. Hatte er doch dem Kinde erlaubt alle seine Papiere vollzukritzeln, selbst die Ränder seiner Predigt-Manuscripte! Brachte er ihr doch jedes leere Blatt, das er von eingegangenen Briefen abgeschnitten, und ließ ihr endlich gar ein Zeichenbrett zimmern! –

Obgleich ihm die Trennung von Elisabeth nahe ging, so war es ihm doch äußerst angenehm, sie dann in einer so protestantischen Stadt zu wissen wie eben F. – Es war ihm lieb, sie aus der Nähe der Marien- und Heiligenbilder, der Prozessionen und Kapellen für eine Weile verbannen zu können. Das Kind stand in einem gefährlichen Alter: – eben 17 Jahre alt! »Und was sie da drüben machen sieht sich mit siebzehnjährigen Augen ganz anders an als mit siebzigjährigen!« meinte er.

Als der Direktor der Malerakademie wirklich da war und der Wagen endlich vor der Thür stand, der Elisabeth, und ihren neuen Beschützer fortbringen sollte, da wurde ihr junges Herz mit einemmale centnerschwer. – Während die Andern beim Frühstück saßen, ging sie noch einmal wie im Traume durch’s Haus, vom Boden bis zum Keller, öffnete alle Thüren und schaute hinein, besonders lange aber in des Vaters Studierzimmer, allwo die blaue Rauchwolke nimmer wich, die über dem Schreibtisch hing, und wo die vielen gottesgelehrten Männer unter Glas und Rahmen so grämlich dreinschauten, als hätten sie wenig Freude gehabt im Leben. Sie ging auch in die große düstere Küche, wo die alte, sonst so rauhe und zänkische Magd hinter dem Küchenschrank in Thränen zerfloß, weil die »Mamsell Lieschen« fort wollte. Im Gange draußen begegnete ihr die große schwarze Katze, die sonst nimmermehr ihr Liebling war, heute aber lockte sie das Thier und strich ihm sogar schmeichelnd über den Rücken. Draußen auf dem Hofe warf sie dem alten Kettenhunde, der nur noch bellen, nicht mehr beißen konnte, ihr Frühbrödchen zu, trat an ihn heran, nahm seinen rauhen Kopf in ihre Hände, und drückte ihre Wange einmal gegen ihn. Dann ging sie nach der Kirchhofmauer und winkte den Gräbern der Geschwister den Abschiedsgruß zu.

Als sie auf dem Rückwege an der Laube vorüber kam, trat ihr Gottfried entgegen und sagte: »laß mich hier Dir Lebewohl sagen, Elisabeth!« Er sah sehr blaß aus, und die Hand, die er ihr gab, war eiskalt. – »Mache mir doch nicht mit Gewalt das Herz noch schwerer,« antwortete sie; »ich komme ja aus dem Abschiednehmen nicht heraus. Laß es doch in Einem hingehen, lieber Gottfried!«

Stumm ging er an ihrer Seite weiter – denn sie war nicht stehen geblieben. Mild und lieblich bat sie nach einer Weile: »sorge gut für die Eltern!« – Er gab keine Antwort, sondern fragte nur nach einer Pause gepreßt: »wirst Du oft schreiben?« – »So oft ich kann!« – »Wird auch ein Gruß in Deinen Briefen sein für mich?« – »Tausend für einen!« versicherte sie. »Aber weißt Du, ich könnte Dir wohl französisch schreiben, das wäre eine gar gute Uebung – und Du antwortetest mir dann auch so und schriebst mir was ich für Fehler gemacht. – Willst Du?« – Er nickte.

Sie waren bis an das Ende des Kiesweges gekommen. »So leb denn wohl!« brach er plötzlich hervor und die Thränen stürzten aus seinen Augen. – »Aber Gottfried! – Sei doch vernünftig!« bat sie – und seltsam – ihre weiche Stimmung verschwand plötzlich, als sie seine Thränen sah. – »Wenn Du Dich wunderst, daß ich weinen kann, so weißt Du auch nicht –« – »Was denn?« – »Wie unsagbar lieb Du mir bist!« – »Lieber guter Gottfried, ich weiß ja Alles – aber trotzdem sehe ich nicht ein warum Du weinst, wenn ich auf ein paar Monate weggehe, um etwas zu lernen was mich glücklich machen wird!« Sie hatte sehr ruhig gesprochen. – Er sah sie schmerzlich lächelnd an. »Glücklich machen wird!« wiederholte er. »Ja, so glücklich, daß Du – uns (mich hatte er sagen wollen) darüber vergißt!« – »Das thue ich nimmermehr! Da, meine Hand darauf,« sagte sie rasch und innig. »Und nun auf Wiedersehen im nächsten Frühling.«

Sie pflückte eine volle Rose von dem Bäumchen, an dem sie eben standen, und gab sie ihm. Aber als er die Blume ergriff und an sich zog, fielen die rothen Blätter auf den Boden. – Elisabeth sah es nicht mehr – sie hatte sich abgewandt und ging – sich ohne noch einmal umzuschauen, dem Hause zu.

Als aber eine Stunde später das junge Mädchen den Abschiedskuß und die Segensworte des Vaters empfing, weinte sie. – »Geh fleißig in unsere Kirche und berichte mir ausführlich über die Predigten meiner Collegen,« sagte der Pastor noch zum Schluß. »Geh nur fremdem Gottesdienst aus dem Wege, wenn Dir an meinem Segen noch etwas gelegen, – und meide sogar den Umgang mit Andersgläubigen. Enthalte Dich aller religiösen Gespräche und verschließe Deine Ohren vor den Worten der Spötter.« – »Vater, so hübsch wie Heute ist mir unser Pfarrhaus noch nie vorgekommen!« sagte sie als er sie an den Wagen führte. – »So ist’s recht!« antwortete er leise. »Du sollst es auch lieb haben! Komm Du nur bald und gern wieder. – Es ist ja Deine eigentliche Heimath, denn so der Herr will, sollst Du Dein Lebenlang hier bleiben, aber nicht etwa als altes Jüngferlein, sondern als junge hübsche Pastorsfrau! – Der Gottfried würde dermaleinst ein prächtiger Ehemann werden! Nur gar zu gut, fürchte ich, für Dich, kleiner Trotzkopf!« – Sie sah ihn überrascht an und blieb einen Augenblick stehen. Die Farbe wich von ihren Wangen. Dann aber lachte sie, wie ein junges Mädchen lacht das man eben geneckt, und meinte: »ja, der wäre wahrlich zu gut!«

Die Mutter, die mit dem Cousin vorausgegangen und bis jetzt sehr gefaßt gewesen, zerfloß nun doch in Thränen und ließ ihr Kind sehr schwer aus den Armen. Aber mitten im Schluchzen, als der Wagen schon sich in Bewegung setzen wollte, rief sie ihr noch zu: »merke es Dir, Elisabeth, das Blaue nur für Abendgesellschaften, das Grüne kannst Du aber jeden Sonntag anziehen! – Die gelbe Echarpe –!« Die Pferde zogen an – ein Winken herüber und hinüber – und Alles war vorbei.

Eine Weile nachher hatte Elisabeth schon die Heimath im Rücken und lachte recht herzlich über die lustigen Geschichten, die der »Herr Onkel,« denn so nannte sie ihn jetzt, ihr von seinen ersten Portraitversuchen erzählte. Zur selbigen Zeit ging der Pastor, von einer seltsamen Unruhe befallen, in seinem Studierzimmer auf und ab, und ließ ein über das andere mal seine Pfeife ausgehn – und in dem kleinen Schlafstübchen saß die Mutter auf dem verlassenen Lager der Tochter und weinte sich satt. – Aber draußen in der Fliederlaube saß Einer – der keine Thränen mehr hatte in seinem Leid.


Der Sommer und Herbst waren vorüber, am ersten November empfing Frau von Plessow wieder, und die Empfangsabende in ihrem Hause waren eben so besucht als amüsant, wie besonders die junge Welt behauptete. – Die verschiedensten Stände fanden dort ihre Vertreter, und wenn auch die Zahl der jungen Mädchen, denen man erlaubte in diesem Salon erschienen, nur klein war, so traf man desto mehr hübsche Frauen dort, mit denen sich’s ja ohnehin nach der Ansicht der jungen Elegants, ungleich »bequemer« verkehrt.

Die hübsche Enfilade von fünf Zimmern war glänzend erleuchtet, die Einrichtung zeigte Comfort und feinen Kunstgeschmack. – Große Tische mit prächtigen Mappen und Büchern, davor bequeme Fauteuils und kleine Ottomanen, im Mittelsalon ein aufgeschlagener Flügel, halbversteckte Büffets mit Erfrischungen, und einer leise auftretenden Bedienung, – nirgends betäubend duftende Blumen, überall verschleierte Kugellampen, deren Licht für den Teint so vorteilhaft, überall Winkel zum Plaudern, und in keiner Ecke jene lästigen Nippes, die nur aufgestellt sind um angestoßen zu werden.

Die Räume waren schon ziemlich gefüllt von jungen und alten Künstlern, einigen wenigen Uniformen und ungewöhnlich vielen Frauen in glänzenden Toiletten.

Zu einer heitern Gruppe in der Nähe einer sehr schönen, kleinen Copie der Diana aus dem Louvre, in Marmor ausgeführt, die künstlerisch zwischen dunklem Grün aufgestellt war, trat jetzt der Hausherr. »Ich habe Dir einen angenehmen Gast anzukündigen, liebe Amélie,« sagte er zu einer zarten Frau in blaßblauen Tafft und langen blonden Locken, offenbar eine der elegantesten Erscheinungen im Salon; »Paul Albano ist von Griechenland zurückgekehrt, seit vorgestern, und wird sich selbst und einige seiner Skizzen diesen Abend wieder hier einführen.« – »Albano zurück?« rief Frau von Plessow ungewöhnlich lebhaft, und ihre aristokratisch bleiche Wangen überflog ein verrätherisches Roth. »Ich glaubte er würde den Winter über in Athen bleiben!« – »Wer weiß, welcher Magnet ihn zurückzog,« antwortete Plessow gleichgültig. »Er hat freilich zu Vielen den Hof gemacht, als daß man an eine »Einzige« glauben könnte der solche Macht über den Schmetterling verliehen.«

»Deßhalb also der ungewöhnlich reiche Damenflor!« flüsterte ein bekannter sarkastischer Portraitmaler dem Hausherrn ins Ohr. »Die Kunde seiner Rückkehr hatte sich im Fluge heut in dem guten F. verbreitet. – Welche Macht ist nun ausgerückt den gefährlichen Feind zu bekämpfen.« – »Oder sich besiegen zu lassen!« lachte Plessow. »Seine Skizzen sind mir aber viel werth,« setzte er laut hinzu; »geistvoll und glühend ist alles was aus seinem Pinsel fließt. – Nicht so Amélie?« – Frau von Plessow, anscheinend sehr vertieft in ein Gespräch mit ihrer Nachbarin, der alten Gräfin Darschau, über die Eleganz der Hofmäntel, antwortete nachlässig: »meinst Du die Skizzenblätter Albano’s, cher ami? Sie sind allerdings hübsch, aber zu unruhig und phanthastisch für meinen Geschmack. Wie könnten sie auch anders sein da der, der sie schafft –« – »Du hast nun einmal ein kleines Vorurtheil gegen ihn,« unterbrach Plessow die Rede seiner Frau, die in demselben Augenblick in vollendeter Haltung einigen ankommenden Gästen entgegen ging.

Man ging und stand umher, man empfing und theilte Huldigungen aus wie immer. – Die Frau vom Hause war sehr umringt – aber man wollte bemerken daß sie zerstreut war, und mehr als einmal sah man, daß ihre Augen sich auf die Thür richteten mit dem Ausdruck einer gewissen Unruhe. – Auch weigerte sie sich heut ihre graziösen Mazurka’s und Notturno’s zu spielen, mit denen sie sonst zu brilliren liebte.

»Da ist Albano,« sagte plötzlich ein junger Mann in ihrer Nähe und trat zur Seite. Wieder flog jenes feine Roth über Frau von Plessow’s Wangen, – einen Augenblick nachher begrüßte sie aber mit vollkommener Ruhe einen jungen Mann, der rasch durch den Salon geschritten war und ihr jetzt gegenüber stand. – Es war in der That der bekannte und vielgesprochene Landschaftsmaler, dessen Talent selbst in den allerhöchsten Kreisen die schmeichelhafteste Aufnahme gefunden, dessen reizende Skizzenblätter zu kennen zum guten Ton gehörte. Er hatte ein halbes Jahr in Griechenland verträumt, und war so plötzlich zurückgekehrt wie er aufgebrochen. Die Frauen beteten ihn an, nicht obgleich, sondern grade weil er sie unbarmherzig behandelte. Ihn wirklich zu fesseln war noch Keiner gelungen, – an Versuchen dazu ließen es wenige fehlen.

Kurz vor seiner Abreise bezeichnete das Gerücht Frau von Plessow selbst als den ausschließlichen Gegenstand seiner flüchtigen Huldigungen. Seine Flucht gab aber damals kaum mehr Stoff zur Unterhaltung als eben jetzt seine unerwartete Rückkehr. – Unbarmherzige Augen waren von allen Seiten auf die Wirthin gerichtet, feine Ohren lauschten auf jedes ihrer Worte. Frau von Plessow war aber Weltdame genug um das zu wissen. – Vollkommen unbefangen rief sie dem Ankommenden scherzend entgegen: »willkommen im Winterquartier! Nicht wahr, unsere Kamine haben auch ihren Reiz?« – »Sagen Sie lieber, unsere Oefen, gnädige Frau!« antwortete er eben so und küßte ihre Hand. An dem Blick der über ihr Gesicht glitt, an dem conventionellen Lächeln das sie ihm zurückgab, konnte Niemand etwas aussetzen. Auch der übliche Handkuß konnte nicht flüchtiger ausgeführt werden. – »Weßhalb schon zurück, Unstäter?« fragte hinzutretend Plessow, dem Maler die Hand schüttelnd.

»Ich fror!« lautete die einfache Antwort. – Man lachte – eine halbe Stunde verging mit verschiedenen Begrüßungen, – endlich sah man, wie der junge Mann sich an der Seite der Frau vom Hause niederließ. Die Comtesse Feldern, die sich nur zögernd hinweg begab um, wie sie boshaft gegen einen Freund bemerkte, »das Pärchen nicht zu stören,« wollte gehört haben, daß Albano ein »Endlich!« geseufzt. – In Wahrheit sagte er aber in demselben Augenblick, in elegantem Französisch: »nun erzählen Sie mir, angebetete Freundin, wie man hier gelebt hat.«

Ehe sie zu antworten vermochte, kam ein junges Mädchen in einem etwas engen, etwas verblichenen, etwas unmodernen blauen Seidenkleide hastig zu ihr und fragte, nach flüchtiger Verbeugung vor dem Fremden, sichtlich freudig erregt: »liebe Frau Tante, erlauben Sie, daß heute getanzt wird? Herr von Winter will Tänze spielen, wir sind sechs Paare.« – Sie sah so ernsthaft bittend Frau von Plessow an, als hinge Leben und Seligkeit von ihrer Gewährung ab. – Mit einem ungeduldigen Wink der Hand sagte die schöne Frau: »mais mon Dieu – tanzt so viel ihr wollt! Nur erhitzen Sie sich nicht noch mehr – das echauffement ist für Sie nicht vortheilhaft.« – Aber das junge Mädchen war schon verschwunden, ehe sie die zweite Hälfte des Satzes völlig beendet, und mit einem Spottlächeln wandte sich Frau von Plessow wieder zu ihrem Nachbar. – Der aber war aufgestanden und folgte verwundert mit den Augen jener jugendlichen Erscheinung. Dann neigte er sich zu seiner Dame und fragte lebhaft: »Wer war denn dies wunderlich angezogene, reizende Mädchen das Sie »Tante« zu nennen das Glück hat? Sie erzählten mir nie zuvor von dem Dasein einer Nichte.«

»Ich würde auch in Verlegenheit gerathen sein, solch einen Ausbund von Uneleganz als zu mir gehörig präsentiren zu müssen. Die Kleine gehört zur Verwandtschaft meines Mannes. Sie heißt Elisabeth Müller und ist ein Gänseblümchen vom Lande, abgepflückt aus dem Garten einer schlichten Pfarre durch Plessow’s Hand. – Er wird sich freuen, daß Sie seinen Geschmack theilen. Die Kleine soll Malerin werden. Sie ist übrigens, glaube ich, ein gutes Kind. Seit September oder Ende August ist sie hier. – Wünschen Sie noch weitere Details?« – Sie sah ihn spottend an und lachte. Sie wußte, daß sie doppelt reizend war wenn sie lachte. – Albano setzte sich wieder.

»Erlauben Sie mir diese »Details,« für jetzt wenigstens, ausreichend zu nennen. – Wie schön kleidet Sie dies schelmische Lachen! – Das Lachen einer Frau ist doch tausendmal bestrickender als ihre Thränen. Ich möchte Sie nie weinen sehen, gnädige Frau!« – »Eine kluge Frau gönnt Euch wahrhaftig solchen Triumph auch nicht so leicht. Denn ein Triumph ist es ja nun doch einmal für einen Mann eine Frau zu Thränen zu bringen! Eine kluge Frau weint daher im Stillen.« – »Vielleicht nur weil sie weiß daß wir es ihren Augen dennoch später ansehen, und daß wir »Augen, die sich im Weinen übten,« um so heftiger lieben. Nur die Thränen selbst zu sehen lieben wir nicht – das wirkliche Weinen macht häßlich!« – »Mich dünkt, niemand verdiene weniger daß eine Frau um seinetwillen häßlich werde, als eben Paul Albano.« – »Sie mögen Recht haben. Ich verlange es aber auch von Keiner – und doch müßte es schön sein wenn eine Frau –.« – »Bitte, nur keine Ihrer alten Paradoxen! Ich vergesse sonst daß Sie sechs Monate fern waren, und also als ein eben Zurückgekehrter noch einigen Anspruch auf Nachsicht haben.« – »Sechs Monate, 15 Tage, 13 Stunden, gnädige Frau – ich rechne besser! – Aber – sagen Sie mir doch, wie lange soll denn jene Kleine in dem seltsamen Kleide bei Ihnen bleiben?« – »So lange wahrscheinlich, bis sie ein wenig pinseln gelernt. Mag sie – mich genirt sie nicht – sie hat ihre eignen kleinen Zimmer und erscheint, außer zum Diner und Souper, nur wenn ich sie rufen lasse.«

Eben trat Plessow heran. »Wollen Sie ein allerliebstes Genrebild sehen, Albano?« fragte er. »Werfen Sie einen Blick in den Tanzsaal dort. Es ist eine wahre Herzenserquickung Elisabeth tanzen zu sehen. Könnte ich ihr diese Freude am Leben doch erhalten!« Albano erhob sich sofort und bot der Frau vom Hause den Arm um sie in den Salon zuführen, wo die jungen Leute tanzten. Aber sie lehnte kühl ab, und trat rasch zu einer Gruppe von Damen, die sich um ein Album gesammelt hatten.

»Mein Gott wie schön ist dies Mädchen!« murmelte Albano, die Tanzende mit glühenden Blicken verfolgend, »wahrhaft leuchtend schön in ihrer Freude!« – »Und wie lieblich sind diese ungeschulten Bewegungen!« fügte Plessow hinzu.

Eben stand sie unfern von ihnen still. Sie bemerkte ihren »Herrn Onkel« und in überwallender Lebhaftigkeit ihm die Hand hinreichend, sagte sie so recht aus tiefster Seele: »ach ich bin so vergnügt! Wie schön ist’s doch zu tanzen! Ich hätte es nimmer gedacht!« Aus dem Ton der Stimme klang der innere Jubel durch, ihre wunderschönen Augen, mit den Wimpern einer Murillo’schen Madonna, strahlten vor Glück, ihr reizender Mund lachte, und ihre junge Gestalt erschien wie getragen von Lust und Freude. – Albano beneidete plötzlich ihren Tänzer, er, der seit Jahren schon den Blasirten gespielt auf allen Bällen. Er bat Herrn von Plessow ihn seiner Nichte vorzustellen. – »Hatte das meine Frau nicht schon gethan?« fragte der verwundert indem er ihn zu Elisabeth führte. »Herr Albano kann jetzt Deinen Onkel ein wenig ablösen bei Dir, liebes Kind, und Dein Zeichnen und Malen überwachen. Er ist unser erster Landschaftszeichner. Du mußt ihn aber recht freundlich bitten daß er Dir helfe, er ist gewohnt gebeten zu werden,« setzte er scherzend hinzu.

Ein Schatten von Ernst flog plötzlich über die Stirn des jungen Mädchens. »Dazu hätte ich nicht den Muth, Herr Onkel,« antwortete sie. »Sie wissen, wie verzagt ich geworden bin mit meinem Zeichnen! Ich habe nie geträumt daß man soviel dabei zu lernen hätte. – Ach, ich kann ja noch gar nichts, und niemand wird so viel Geduld haben mit mir als Sie!« – »Sie erlauben, daß wir darüber zu einer andern Zeit ausführlicher reden,« sagte Albano verbindlich. »Morgen z. B., wenn ich meine Mappe bringe. Jetzt aber möchte ich Sie nur bitten den nächsten Tanz mit mir zu tanzen.« – »O! ich bin schon für den ganzen Abend versagt!« entgegnete sie plötzlich wieder in heller Freude aufleuchtend, mit einem triumphirenden allerliebsten Lächeln.

»Nun, dann muß ich eine Extratour haben!« bat er, sich zuerst vor ihr, dann vor ihrem Tänzer verneigend. Ueber und über erglühend nahm sie seine Hand. Wie lange hatte er nicht getanzt. In diesem Augenblicke dachte er daran, aber er empfand zugleich ein süßes Behagen, eine Wiederkehr längst entschwundener jugendlicher Lebenslust, als er seinen Arm um ihre schlanke Taille legte und ihre kleine, rasch pulsirende, Hand in der seinen fühlte. Wie leicht flog sich’s mit diesem Kinde! Wie flüchtig berührt ein siebzehnjähriger Fuß den Boden! – Wie anmuthig waren die Bewegungen seiner jungen Tänzerin die noch nie den glatten Boden eines Tanzsaals betreten, ja die noch kein französischer Tanzmeister geschult!

Albano hatte früher für einen der besten Tänzer gegolten, er mühte sich in diesem Augenblick diesen Ruhm aufzufrischen, und als er seine Tänzerin an ihren Platz zurückgeführt, begriff er nicht warum er dem angenehmen Reiz des Tanzes so lange entsagt. »Sie tanzen gut!« sagte sie und sah mit ihrem Kinderlächeln dankend zu ihm auf. – Dies naive Lob entzückte ihn so daß er den Rest des Abends im Tanzsaal verbrachte, abwechselnd zuschauend oder mit Elisabeth plaudernd. Als die jungen Leute endlich aufhörten zu tanzen, und die jungen Damen sich um Elisabeth drängten – sie war ja die Nichte des Hauses wo man sich so gut amüsirte, und viel zu unelegant um ihnen zu schaden – da verschwand Albano.

»Modernisiren Sie doch Ihre artige Verwandte ein wenig, Liebe!« sagte die Gräfin Darschau bittersüß scherzend, als eben Albano zu Frau von Plessow herantrat um sich zu verabschieden. »Geben Sie ihr ein wenig Unterricht in jener Kunst, in der Sie unser aller Meisterin sind, – die böse Welt könnte sonst auf den Gedanken gerathen Sie fürchteten eine Nebenbuhlerin!« – »Unsere Darschau hat Recht!« setzte die überschlanke Comtesse Feldern hinzu. »Etwas mehr Stoff für das Kind, liebe Plessow – – mein Gott, das blaue Taffetfähnchen ist ja kaum vier Ellen weit!« – »Und dennoch ist Fräulein Elisabeth ganz unbeschreiblich reizend!« Mit diesen neckisch hingeworfenen Worten, und einer tiefen Verbeugung vor der Dame des Hauses, entfernte sich Albano.

Elisabeth konnte an diesem Abend lange nicht einschlafen vor lauter Freude. Zwar hatte die »Frau Tante« sie ungewöhnlich unfreundlich entlassen zur guten Nacht, und sie ein tolles Landmädchen gescholten, – es war aber doch schön hier. – Sie hätte nie gedacht, daß solche »soiréen« so angenehm wären. Köstlich lebte sich’s in diesen schimmernden Räumen, unter diesen liebenswürdigen Menschen, die ja alle ein Lächeln für sie hatten. An all dieser Freundlichkeit hatte gewiß auch das schöne hellblaue Taffetkleid der guten Mutter seinen Theil – wie hübsch sah es doch aus am Abend! – Sie sah sich noch einmal aufmerksam im Spiegel an. »Wenn die Mutter mich gesehen hätte!« seufzte sie. »Die beiden Fräulein Warburg fanden es freilich nicht genug ausgeschnitten, sie meinten, die Schultern dürften nie bedeckt sein, das mache eine schlechte Figur. Und Alle trugen ein Blumenbouquet vor der Brust, das möchte ich wohl auch künftig tragen. Aber es könnte Flecken geben auf der schönen Seide. Wie habe ich das Kleid lieb – wie köstlich tanzte sich’s in dem Kleide, aber am Besten doch mit – – mit wie hieß er doch?«

Seinen Namen hatte sie vergessen, aber seine Augen nicht. Schönere hatte sie nie gesehen! – Und sie träumte von diesen Augen und der Tanzmusik und dem blauen Kleide die ganze Nacht.


Am nächsten Tage, – Elisabeth saß in ihrem Stübchen und arbeitete an den Zeichenvorlagen die ihr Herr von Plessow gegeben, – rief man sie hinab in das Boudoir der »gnädigen Frau.« – Albano war da mit seinen neuen Skizzen. Das junge Mädchen begrüßte ihn erröthend und nahm an dem Tische Platz, worauf man die kostbaren Blätter gelegt. – Frau von Plessow, im Sammetsessel lehnend, in ihrem dunkelblauen Atlaskleide und coquettem Häubchen, wandte sich nur wenig nach ihr um und sagte vornehm nachlässig, indem sie mit ihrem goldenen Lorgnon spielte: »Berühren Sie diese Blätter nicht, Elisabeth – Sie verstehen nicht mit dergleichen Dingen umzugehen!«

Eine Purpurgluth überströmte das junge Gesicht. Albano, der in diesem Augenblick zu ihr herübersah, begriff nicht wie er sie gestern so bezaubernd gefunden. Wie übermäßig frisch sah sie aus, und wie unmodern war sie angezogen! – Dies abscheulich grüne Wollkleid mit dem schwarzen Moireegürtel, und diese dichten weißen Aermel mit den unächten Spitzen an dem Handgelenk! Und dazu eine stehende kleine Halskrause von einem dunkellila Bande zusammengehalten! – Quel horreur! – Wie konnten nur die Hände so ausgezeichnet hübsch aussehen, die aus solchen Aermeln hervorsahen? – Er wunderte sich aber auch als er das offenbar gekränkte Mädchen jetzt so freundlich sagen hörte: »Sie irren, Frau Tante! Der Vater hat eine große Kupferstichsammlung, und ich weiß gar wohl, wie behutsam man dergleichen berühren muß!«

Albano reichte ihr ein Blatt hin und sagte: »ich bin nicht so ängstlich mit meinen kleinen Skizzen, mein Fräulein.« – Sie lächelte wieder und sah plötzlich in diesem Lächeln so hübsch aus, wie man in einem »abscheulichen grünen Wollkleide« nur aussehen kann. – Allein sie blieb still, während die Andern sehr viel und lebhaft von »Tönen – Tinten – Lichteffekten und Uebergängen« redeten, aber ihre ganze Seele war in ihren Augen, indem sie diese reizenden Farbenskizzen anblickte. – Als man das letzte Blatt in die Mappe gelegt, saß sie seinen Augenblick wie in tiefe Gedanken verloren, dann schlug sie plötzlich die Hände vor’s Gesicht und Thränen drangen zwischen ihren Fingern hervor, während die junge Brust sich von unterdrücktem Schluchzen hob.

»Was soll diese Kinderei?« fragte unwillig Frau von Plessow, während ihr Mann einige mitleidige Worte an die Weinende richtete. – »Ach!« sagte Elisabeth nach einer Pause mit der Stimme eines tieftrauernden Kindes dem man sein liebstes Spielzeug zertreten, »als ich diese Bilder sah, da wurde es mir erst klar, daß ich – doch nie eine rechte und ordentliche Malerin werden kann!« – »Liebe Kleine,« lachte die schöne Frau, »das hätte ich Ihnen schon früher sagen können. Eine Malerin wird nicht aus einer Jeden die ein bischen zeichnen kann, – und wenn auch vielleicht eine Malerin, doch sicher noch keine Künstlerin.« – »Die Tante scherzt,« sagte Herr von Plessow sehr mild; »Du zeichnest ganz artig und machst tüchtige Fortschritte. Mit den Farben hast Du es ja noch gar nicht versucht. Die Meister fallen nicht mehr vom Himmel, sie müssen sehr langsam zu Meistern werden.« – »Darf ich Herrn Albano bitten daß er einmal meine Skizzenbücher und Zeichnungen durchsieht?« fragte Elisabeth plötzlich sich aufrichtend. »Er soll mir sagen, ob ich – noch länger hier bleiben oder – nach Hause gehen soll. Ich weiß, er wird aufrichtig sein!« – »Hier meine Hand darauf!« antwortete Albano rasch, den diese Scene seltsam berührt hatte. »Lassen Sie mich Ihre Zeichnungen sehn und vertrauen Sie mir!« – Das junge Mädchen verließ das Zimmer. »Er wird aufrichtig sein?! – Pauvre enfant!« flüsterte Frau von Plessow mit einem Seitenblick auf den Maler. –

Es war ein ziemlich dickes Buch und mehrere einzelne Blätter, das Elisabeth brachte. Ehe jedoch Albano einen Blick darauf warf, sagte er: »Aber ich gebe mein unumwundenes Urtheil nur unter einer Bedingung, mein Fräulein. Sie dürfen mir nämlich durchaus nicht böse werden, wenn es nicht nach Ihren Wünschen ausfällt.« – Sie schüttelte, blässer werdend, den Kopf und verließ dann mit ihren Blicken sein Gesicht nicht mehr. – Während er langsam Blatt für Blatt umschlug, wechselte sie oft die Farbe und athmete schnell.

Endlich klappte der Maler das Buch zu und sagte lächelnd: »wenn Sie mir versprechen wollen, eine gehorsame Schülerin zu sein – so möchte ich wohl Herrn von Plessow um die Erlaubniß bitten, ihn einigemal in der Woche bei seinem Unterricht unterstützen zu dürfen. Ich weiß, wie beschränkt seine Zeit ist!« – Elisabeth unterdrückte einen Freudenschrei – aber sie ließ ihre seligen Augen leuchten. »Erlauben Sie es auch, lieber Herr Onkel?« fragte sie dann, und als Herr von Plessow lachend sagte: »ich muß mich sogar bei ihm bedanken für solch großmüthiges Anerbieten!« – da neigte sie mit dem Ausdruck reizendster Demuth ihre Lippen auf die Hand der »gnädigen Frau« und bat: »nicht wahr, auch Sie werden es erlauben?«

»Wie wunderbar hübsch sie jetzt ist!« dachte Albano, während Frau von Plessow kalt ihre Hand zurückzog und in gezwungen scherzhaftem Tone sagte: »Meine Erlaubniß ist überflüssig – ich selbst möchte vielmehr um Erlaubniß bitten, in diesen Unterrichtsstunden als Zuschauerin figuriren zu dürfen, ma chère. Wer weiß, vielleicht nehme ich selbst noch den Pinsel in die Hand und wetteifere mit Ihnen!« – Die Sache war abgemacht. – Man betrachtete noch einmal die Skizze mit der Akropolis, plauderte, kritisirte – Albano erzählte – der kleine Zwischenfall schien vergessen.


»Der Gottfried hat wieder einen Brief mitgebracht von Elisabeth!« rief die Pastorin durch die halbgeöffnete Thür in ihres Mannes Studierstube. – »Endlich! Sie ließ diesmal lange warten!« – »Nun wir haben heut den 12. März und der letzte Brief war vom 1. Februar. Du vergißt immer, wie viel die Kleine mit ihrem Zeichnen zu thun hat.« – »Gieb nur schnell das Schreiben her.« – »Die Aufschrift ist an mich, Väterchen. Ich muß zuerst lesen. Komm Du lieber in die Wohnstube hinunter, da will ich Euch vorlesen. Hier treibt mir der Tabaksqualm ohnehin das Wasser in die Augen. Und der Gottfried möchte doch auch gern zuhören.« – »Gut, so laß uns gehn.«

Während er aber langsam hinter der Voraneilenden die knarrende Treppe hinabstieg, murmelte er doch ärgerlich: »daß sie diese Tabaksempfindelei nicht ablegen kann! Qualm! Als ob je aus einer einzelnen Pfeife ein Qualm aufsteigen könnte!« –

Der Pastor und dessen junger Substitut mußten sich jedoch noch lange gedulden und schritten, in zwar sehr einsilbigen, aber doch kirchlichen Gesprächen auf und nieder. Die Mutter mußte ja erst den Brief allein lesen, ganz allein, dann wurde ein Weilchen geweint, nachher kamen verschiedene Ausrufe und endlich las sie dann, oft unterbrochen von eigenen und fremden Bemerkungen, folgenden Brief:

»Geliebte Mutter! – Böse mußt Du mir nicht sein, und auch der Vater darf’s nicht, daß ich so lange nicht geschrieben – ich hab’s selber bis zu dieser Stunde nicht gewußt daß es so viele Tage her war. Es fiel mir nur auf, daß Frau von Plessow mich heute fragte, ob ich nicht daran denken wolle meine Kleider und Hüte für das Frühjahr zurecht machen zu lassen. Da erfuhr ich denn erst, welches Datum wir schreiben. In der Stadt merkt man ja den Frühling nicht, wie Ihr ihn merkt da draußen. Am 12. ist ja Gottfrieds Geburtstag – wenn ich Zeit habe, schreibe ich ihm eine französische Gratulation unter den Brief.

»Recht viel habe ich zu thun, liebe Mutter, und doch, wenn ich am Abend zu Bette gehe, bin ich oft recht traurig, denn es kommt mir dann vor, als ob ich nichts gethan. Eine ganze große Mappe voll Zeichnungen habe ich, die ich Euch einst mitbringen werde, aber es stehen nicht wie sonst Bäume, Felsstücke, Wasserfälle, sondern Arme, Beine, Füße und Köpfe darauf. Albano behauptet ich hätte mehr Talent zum Porträt als zur Landschaft. Ich habe nämlich seinen Kopf aus dem Gedächtniß nachgezeichnet, und den fand er in meiner Mappe. Selbst Frau von Plessow fand ihn ähnlich und hat ihn in ihr Album gelegt. Er ist aber auch so leicht zu treffen, die Linien sind alle so schön und regelmäßig. Ich freue mich eigentlich, daß ich Porträtirtalent haben soll, es ist so hübsch ein liebes Gesicht so festzuhalten. Euch Alle will ich zeichnen, Dich, liebe Mutter, in der Blondenhaube mit den breiten Bandschleifen, die Du immer des Sonntags trägst, den Vater im Sammetkäppchen und mit der Pfeife, und den Gottfried? – Ja, wie zeichne ich den gleich? – Am besten wohl über ein Buch geneigt, die Augen tief niedergeschlagen, wie ich ihn immer Abends beim Vorlesen sah. – Auch Brigitte wird gezeichnet im Sonntagsputz, die Katze auf dem Schooße.

»Du fragst gewiß, wann das geschehen wird, Mütterchen. Freilich noch nicht so bald als wir dachten, aber doch, so Gott will, bestimmt im nächsten Herbst. Wer hätte geglaubt, daß so sehr viel zu lernen sei! – Zu den Farben bin ich noch gar nicht gekommen! – Ich begreife nicht, daß Albano nicht die Geduld mit mir verliert. Aber er ist eben so unendlich gut – ich könnte mir keinen bessern Lehrer wünschen. – Im Sommer wollen mich Plessow’s mit auf ihr Gut nehmen, da will ich aber doch ganz heimlich wieder Baumschlag und Landschaft studieren. Ein kleines Atelier soll ich dort haben, und mich malen zu lehren, hat mir der Onkel versprochen. Das sind wunderschöne Aussichten. Und Stoff zu Porträts werde ich genug finden, denn es soll immer sehr viel Besuch dort sein. – Obgleich man sagt, daß man mit dem Porträtiren sich viel Geld verdienen könne, so möchte ich doch lieber – arm bleiben, wenn ich dafür nur einen kleinen Theil so warm, so leicht, so lebendig skizziren könnte wie Albano. Ach! wenn ich Euch einmal ein Stückchen Landschaft von ihm zeigen könnte!

»Ein recht unruhig Leben haben wir hier – ich möchte manchmal davonlaufen vor all den Besuchenden. Sitze ich in meinem Stübchen, so schickt Frau von Plessow wohl zehnmal im Vormittag herauf, bald soll ich eine neue Mantille, die mir der Herr Onkel gekauft, anprobiren, bald mir vom Schneider Maß nehmen lassen zu einem neuen Kleide, das mir Frau von Plessow schenkt, bald muß ich mit ihr in die Läden fahren, bald mich einigen Fremden vorstellen lassen. Deine lieben Kleider, gute Mutter, und die langen Shawls habe ich aber nicht etwa aufgetragen, behüte mich der Himmel, ich soll sie nur jetzt eine Weile liegen lassen, Frau von Plessow hat einen so wunderlichen Geschmack.

»Um sie nicht böse zu machen, ziehe ich die Sachen an, die sie mir giebt, aber will ich mich einmal recht nach meinem Sinne putzen und vergnügt sein, so schließe ich meine Thür zu und ziehe eines der Kleider an die Du mir gegeben. Besonders lieb habe ich das blaßblaue Seidenkleid – ich trug es ja an meinem ersten Tanzabend! – Weißt Du, wann ich nur ganz allein bin, liebe Mutter? – Nach Tische, von 3–4, zuweilen sogar bis 5. Dann aber fahren wir aus, und Abends besucht Frau von Plessow Gesellschaften oder das Theater, und ich spiele mit dem Herr Onkel und zwei seiner alten Schwestern Whist, oder wir bleiben ganz einsam und spielen Schach.

Auf einen Ball wollten mich Plessow’s zuweilen mitnehmen, aber ich habe ja dem guten Vater versprochen niemals in öffentlichen Sälen zu tanzen, und werde mein Versprechen auch gewissenhaft halten. Aber schön mag’s dort sein, Albano erzählt mir oft davon, und wenn Frau von Plessow so strahlend hervorschaute aus einer Wolke von leichten und glänzenden Stoffen, Blumen und Perlen, da – nun, Dir darf ich’s ja leise in’s Ohr sagen, Mütterchen, da wurde ich so traurig, wie wohl Aschenbrödel gewesen sein mag, wenn sie ihre Stiefschwestern zum Balle schmückte. Wenn dann der Wagen fortgefahren war und ich so allein saß – lauschte ich doch heimlich, ob nicht aus irgend einem Winkel eine gute Fee hervortreten würde, ein Gewand von Silberstoff für mich in der Hand tragend. – Im Theater sehe ich immer nur, wie ich’s ja gleichfalls dem Vater versprochen, lauter ernste Stücke. Wie im Traume bin ich wenn der Vorhang aufgegangen, und es ist mir, als lebte ich wirklich mit denen, die da auf- und niedergehen vor mir, und hätte auch ein Wörtchen darein zu reden. Wenn Albano in der Plessow’schen Loge nicht immer hinter mir säße und mich mit ruhigen Worten und Erklärungen zur rechten Zeit aufweckte, wer weiß welchen Unsinn ich begehen würde. – Nur das Weinen kann ich nicht unterdrücken; neulich in der Maria Stuart stürzten mir die Thränen unaufhaltsam aus den Augen. Es war mir, als fühlte ich mein Herz in Stücke brechen, wie sie von dem treulosen Leicester scheidet. Sie hat ihn nämlich noch lieb, Mutter, Du kannst mir’s glauben, ich fühlte das. Ich war nur froh, daß sie bald ausgelitten hatte, – der Gang zum Tode kann ihr nicht schwer geworden sein – das Leben wäre ja doch viel schwerer gewesen. – Warum hat uns Gottfried niemals Maria Stuart vorgelesen?

»Liebe, liebe Mutter, schreibe mir nur bald und erzähle mir recht von Euch. Knurrt der alte Caro noch immer so, wenn Gottfried vorübergeht? –

»Wie mir’s nur sein wird, wenn ich wieder einmal in der Laube sitze oder an der Mauer lehne, wo ich auf den Kirchhof sah! – Nun, zu Deinem Geburtstag im Oktober bin ich wieder bei Euch. Liebe Mutter, ich kann dem Gottfried nicht mehr besonders gratuliren, thu Du’s recht von Herzen für mich. Albano wird gleich hier sein, und ich muß hinuntergehen um Papier und Stifte zurecht zu legen. Lebe wohl, Du Liebe, Gute! Ich denke oft daran, wie einsam es Dir sein mag in unserm stillen Dorfe, da Du ja auch weißt wie bunt und schön sich’s in der Stadt lebt. –

»Wie viel werde ich Euch zu erzählen haben, wenn ich heimkehre! Der Gottfried braucht dann nicht vorzulesen, den ganzen Winter lang nicht. – Ich grüße Euch alle und umarme Dich und den Vater in Gedanken viel hundert tausendmal. – Elisabeth.

»Nachschrift. – Ich gehe auch alle Sonntage in die Kirche, aber der alte Konsistorialrath hat keine Zähne mehr, und da können nur die ihn verstehn, die dicht unter der Kanzel, oder ihr gerade gegenüber sitzen. Sie haben hier auch auf allen Bänken Schilder mit Namen, wie bei uns, auch klappert der Küster gerade so hart mit dem Klingelbeutel wie in unserer Kirche. Aber viele geputzte Damen gehen hin, und die Herren stehen in den Gängen umher und gucken sich keck frei die verschiedenen Gesichter an. – Ich bin recht traurig immer auf dem Heimwege, daß ich nie dort von Herzen andächtig sein kann. Wenn mir der Vater nur nicht böse wird deßhalb!« –

Mit strahlenden Augen reichte die Mutter den Brief dem Vater hin. »Sie ist da wie Kind im Hause,« sagte sie freudig, »sie hat ein gutes Leben dort!« – »Und wird als tüchtige Malerin zurückkommen,« meinte der Pastor, nahm die Brille aus dem Futteral und setzte sich behaglich an das Fenster, um die Epistel noch einmal zu lesen. »Ich wundere mich nur,« murmelte er zwischen dem Lesen, »daß sie gar nichts von meinen alten Universitätsfreunden schreibt, für die sie doch dicke Briefe mitgenommen – von dem muntern Fritsche, ehemaligem Calculator, und vom dicken Senf, der uns immer Predigten hielt und nun Nachmittags-Prediger an der F. Frauenkirche ist, so viel ich weiß.«

»Elisabeth lebt in einem gar vornehmen Hause,« fiel hier Gottfried Berger ein, und seine sonst so sanfte Stimme klang so bitter und verändert, daß beide Eltern aufsahen. Er stand abgewendet von ihnen an dem Fenster und trommelte leise an die Scheiben. – »Sie haben ganz recht! Ich glaube nicht, daß eine Frau wie die Plessow, mit Calculatoren und Nachmittags-Predigern verkehrt!« sagte die Pastorin kühl. – »Nun, ein Nachmittags-Prediger ist doch immer ein Prediger, und wer steht denn höher in der menschlichen Gesellschaft als ein geweihter Diener des Herrn?« rief der Pastor, sich hoch aufrichtend mit allem Stolz jenes souveränen Herrschers, dem die Macht gegeben »zu binden und zu lösen.« – »Wer höher steht?« wiederholte der junge Kandidat und wandte langsam sein bleiches Gesicht dem Fragenden zu. »Hier in M. freilich niemand, lieber Onkel; in großen Städten aber gilt jeder Pinsel mehr heut zu Tage.« –

»Herr Kandidat – die Kinder mit dem Geburtstagsstrauß sind draußen!« meldete Brigitte. »Sie haben aber gewaltig schmutzige Klumpen (Holzschuhe) an; in die Wohnstube kann ich sie nicht lassen, die ist gestern erst gewaschen.« – »Sie mögen in meine Stube kommen!« antwortete Gottfried und verließ das Zimmer.

Draußen begrüßte ihn eine kleine Schaar mit Händedrücken und frohem Gemurmel. Das größte Mädchen trug einen Strauß von Tannenreisern und Märzveilchen in der Hand. Er nickte ihnen freundlich zu und schloß seine Stube auf. Nach kurzem Kampf mit Brigitten, die ihnen gewaltsam die beschmutzte Fußbekleidung abnahm, drängte sich die kleine Schaar in Strümpfen nach. – Der junge Mann hörte geduldig allerlei stockende Glückwünsche an, versprach den Ueberbringern für nächsten Sonntag einen Kuchen, und die Kinder gingen vergnügt wieder weg.

Da saß er nun allein, – den Strauß von Tannenzweigen in den Händen, in tiefe Gedanken versunken. Der starke Duft des winterlichen Grüns durchzog die kleine Stube. Das Feuer im Ofen warf seinen flackernden Schein auf den Fußboden, der mit weißem Sand, von Brigittens kunstfertiger Hand in allerlei Schlangenwindungen, bestreut war, Regentropfen schlugen an die Scheiben, Frühlingswinde fuhren draußen durch die kahlen Bäume – er hörte es nicht. – Seine geistigen Augen sahen eben jetzt einen hellen Sommertag – die Rosen blühten und die Linde – ein warmer Abendschein lag auf dem stillen Garten. Er sah sich auf dem Rande jener Mauer, welche die Gräber abgrenzte von den Blumenbeeten, und – den breiten Kiesweg hinab kam eine schöne junge Gestalt in einem blaßrothen leichten Kleide, eine Epheuranke um die schweren braunen Flechten geschlungen, eine verwelkte Rose im Gürtel.

»Zum Nachtessen, Herr Kandidat!« rief die harte Stimme Brigittens ins Stübchen. – Hatte er denn so lange geträumt? –


Jedes Geschöpf hienieden hat seinen Sonnentag – jedes Menschenherz seinen Frühling. Aber wie ein nordischer Frühling verschieden ist von dem Lenz des Südens, so sind auch die Frühlinge der Herzen verschieden. Wie viele liegen im Norden – in wie wenigen glüht die Wärme des Südens! – Wohl aber, – tausendmal wohl jenen Wenigen! Für sie ist aller Blüthenreichthum da, aller Glanz, alles Licht, wie in jenen gesegneten Ländern des ewig blauen Himmels, und vernichten auch furchtbare Erdstöße oft mit einem Schlage die ganze Herrlichkeit – ist es nicht besser, neidenswerther, einen Tag lang überreich gewesen zu sein – als sich mondenlang zu begnügen mit einer Handvoll kargen Grüns, blasser Blumen, spärlicher Sonnenstrahlen? –

Ueber Elisabeths Herz hing der Himmel des Südens – es war, als sei sie beschenkt worden mit all jener Wärme, die sowohl der Natur des Vaters, wie dem Wesen der Mutter fehlte – und in diesem jungen Herzen blühte eben der erste köstliche Frühling. – Es war Sonnenschein da und Blumenpracht und Lerchenjubel und Nachtigallenklage: – ein junges Herz liebte mit aller Kraft, aller Gläubigkeit und aller Sorglosigkeit einer ersten Liebe. –

Seit drei Monden waren sie alle auf dem reizenden Plessow’schen Gute, zwei Stunden von der Stadt gelegen, – seit drei Monaten fand das junge Mädchen einen Tag schöner als den andern, seit drei Monaten lebte sie mit Albano unter einem Dache und sah ihn täglich. – Sie war freilich niemals allein mit ihm, – er redete kaum zehn Worte mit ihr, und sie sah ihm auch oft mit stiller Trauer nach, wenn er an der Seite der Frau vom Hause seine regelmäßigen Spazierritte unternahm. Denn wie vortheilhaft erschien die zierliche Gestalt der eleganten Reiterin, wie keck saß der braune Hut mit Feder und Schleier auf den blonden Locken, und wie schön war Albano zu Pferde! – Recht lange währten diese Ausflüge, meinte Elisabeth, und so gut sie dem »Herrn Onkel« war, der dann immer mit ihr spazieren ging, oder auf der Terrasse saß und ihre Zeichnungen korrigirte, so hätte sie es – sie wußte nicht recht warum – doch lieber gehabt, wenn er sie ganz allein gelassen. – O, sie war so gern allein! – Es ließ sich so köstlich – an ihn denken. –

Ob er sie wieder liebte, daran dachte sie lange nicht; sie hatte genug an ihre eigene Liebe zu denken. Später – es war an einem schönen Sommerabend, viele Fremde waren da, und sie hatte viel hin und wider zu gehn und für Jeden zu sorgen – da hatte er ihr wohl klar gezeigt, daß auch er sie liebe. – Man war nämlich ein wenig in den nahen Wald gegangen – Frau von Plessow am Arm des schönen Grafen Reinberg voraus, hinter ihnen verschiedene Paare, der »Herr Onkel« war mit einigen gichtischen alten Herren zurückgeblieben. Wer war da plötzlich an die einsam nachschlendernde Elisabeth herangetreten? Wer hatte ihr da einen Waldblumenstrauß gepflückt und Grashalmenkränze im Weiterwandeln für sie gebunden? Und als sie auch ihm einmal die Halme zum Kranz gehalten und ihm gesagt, daß er sich nun etwas Ernstes, Großes wünschen könne, da hatte er leise geantwortet: »ich wünsche mir nur Eines für mein Leben – wollen Sie’s wissen, Elisabeth?« – Aber von einer süßen Angst ergriffen, hatte sie da den Kopf schütteln und dann langsam die Augen zu ihm aufschlagen müssen. – Da war sie denn seinen Augen begegnet, die ihre Seele an sich gezogen mit unwiderstehlicher Gewalt – und es war über sie gekommen wie Seligkeit und Entsetzen zugleich, und sie hätte in den Wald hineinlaufen mögen, so weit als ihre Füße sie getragen. – Und doch war sie nicht entflohen, sie hatte vielmehr ihren Arm in den seinen gelegt, und so waren sie neben einander schweigend hergegangen, bis sie die Gesellschaft erreicht.

Das war Alles gewesen – aber dieser Waldgang erschien in ihren schönsten Träumen – an dieser Erinnerung hing sie mit Seele und Gedanken. – In dieser zauberschönen Zeit bemerkte sie nicht, daß Frau von Plessow immer kälter und härter gegen sie wurde, – sie lebte eben in einer andern Atmosphäre. Keiner Wolke aus der Alltagswelt gelang es, ihren Himmel zu trüben. – Nie war sie lieblicher gewesen, nie heiterer, nie hatte sie von allen, die das Plessow’sche Haus besuchten, größere Aufmerksamkeit erfahren. Wäre sie kein armes Predigerstöchterlein gewesen – viele hätten ihr zu Füßen gelegen, viele hätten um ihre Gunst geworben, viele hätten es für ein Glück gehalten, eine so reizende junge Braut zu erringen! – So aber – unsere Geschichte spielt in der Neuzeit, – war »die Kleine« vor allen Dingen nicht reich, zweitens hatte sie einen abscheulich plebejischen Namen, drittens sprach sie nicht Englisch, und viertens war sie durchaus nicht musikalisch. – Sie war also, nach Ansicht der heirathsfähigen Männer, eine Null im Plessow’schen Salon, freilich hübsch genug »pour passer le temps mit der Kleinen.« –

Während dessen träumte aber im stillen Pfarrhaus von M. eine Mutter wunderbare Träume vom einem vierspännigen Wagen mit gräflichem Wappen am Schlage – von einer strahlenden Braut im weißen Spitzenkleide, die in der Dorfkirche getraut wurde, um gleich darauf mit ihrem jungen Ehegemahl eine Reise nach Italien anzutreten, von Koffern, Hutschachteln, Kisten u. s. w.

Albano war sehr gewissenhaft in seinen Unterrichtsstunden, alles Neue reizte ihn. Regelmäßig jeden Vormittag verbrachte er bei den beiden Frauen, mit der Einen plaudernd – die Andere unterweisend. – Elisabeth war eine talentvolle Schülerin und unermüdlich fleißig. Die Welt der Farben, in die sie jetzt die Hand des Geliebten einführte, entzückte sie. Es war ihr, als schmölzen sie alle zusammen zu einem prächtigen Farbenbogen, einem strahlenden Bande, dazu bestimmt ihre Herzen fester aneinander zu ziehen. – Ueber das erste, nach der Natur gemalte Bouquet jubelte sie, um in der nächsten Stunde traurig die unerreichbare Wärme, den unnachahmlichen Schmelz der wirklichen Blumen mit ihren gemalten zu vergleichen. – Und dennoch sagte ihr Albano: »Sie könnten eine der ersten Blumenmalerinnen werden – aber dann müßten Sie auch einen andern bessern Lehrer haben, ich verstehe nichts davon. Wenn wir wieder in die Stadt kommen, muß S. Ihnen Unterricht geben.« – Sie hörte schweigend zu; aber seit jenem Tage wurde sie lässiger im Malen der Blumen und fing, zu seiner Ueberraschung, an sich in Aquarell-Landschaften zu versuchen. Auch hierin zeigte sie Talent, auch hierin machte sie Fortschritte – Albano war ja ihr Lehrer.

Einmal hörte sie von ihm den Ausspruch: »Frauen sollten nur Blumen malen lernen, wenn sie den Pinsel in die Hand nehmen, sie würden sicher sein uns auf diesem Felde allezeit zu besiegen. – Eine Frau, die historische Bilder und Landschaften schaffen will, erreicht im besten Falle nur dasselbe, was eine Frau erreicht, die – einen Roman schreibt. – Wir Männer bilden uns nämlich doch immer ein es tausendmal besser zu verstehn als sie. Und nicht ganz mit Unrecht! – Ein ächter Mann wird übrigens in unserer Zeit ebenso selten Blumenmaler, wie eine kräftige Feder sich herabläßt Lilien- und Rosenmärchen zu schreiben.« –

Zwei Tage nachher brachte sie ihrem Lehrmeister eine wilde Rose in Wasserfarben, halb vom Stengel gebrochen, einen Thautropfen auf den Blättern, mit einer so reizenden Grazie und Wärme gemalt, daß er sie bat, ihm das Blatt zu schenken. – Wie stolz und freudeglühend sah sie zu, als er es in seine Mappe legte! –

Die erste Liebe eines reinen jungen Mädchenherzens ist doch das unschuldigste, lieblichste, traurigste Ding der Welt, – ein Strahl, der dem Gegenstand den er trifft, erst Farben, Glanz und Wärme verleiht. – Und wie der Sonnenstrahl zerfallenes Gemäuer, zerbröckelte Felsen, die alltäglichsten und ärmlichsten Dinge rosig verklärt, – so die erste Mädchenliebe die unbedeutendsten Gestalten. – Ein ächtes Mädchenherz liebt es eben zu malen und zu schmücken, und je mehr graue Flächen vorliegen, desto freudiger geht es an die Arbeit und malt und malt, bis die wirkliche Erscheinung jenem reizenden Fantasiebilde, wie es jede junge Seele mit sich herumträgt, täuschend ähnlich sieht. – Nur Schwärmer reden von einem unwiderstehlichen Zuge der Seele zur Seele in solcher Zeit. – Hand auf’s Herz – die feurigsten reinsten Mädchenherzen lieben fast immer zuerst um Nichts. –

In einem flüchtigen Beobachter wäre wohl kaum noch ein Zweifel aufgestiegen daß Elisabeth und Albano sich liebten. Das junge Mädchen verrieth sich zwar nur durch ihr strahlendes Erröthen, durch ihr freudiges Aufleuchten, wenn er sich zu ihr wandte, durch ihre Begeisterung, wenn von seinen Bildern gesprochen wurde; Albano dagegen zeigte bei jeder Gelegenheit die lebhafteste Theilnahme an ihrem Sein und Wesen, und seine wirklich schönen dunklen Augen hingen an der jungen Gestalt mit sichtlichem Entzücken.

Frau von Plessow selbst war es, die ihren Mann zuerst scherzend aufmerksam machte auf die Vorliebe des Malers für die »kleine Feldblume.« Plessow zuckte nur die Achseln und antwortete: »eine Laune – wie wir sie von ihm gewohnt sind! Elisabeth wird aber vernünftig genug sein, das herauszufühlen. Um ihren verlorenen Frieden wäre es schade. Ich werde auf sie achten!« –

Die Plessow’sche Ehe galt schon mehrere Jahre lang für ein Musterverhältniß in den höheren Kreisen F.s. Der stattliche Fünfziger hatte nach zwölfjährigem Witwerstande seinen Namen und sein Vermögen der armen, aber reizenden Adele Felsen zu Füßen gelegt. Sie brachte ihm zwar kein freies, aber ein dankbares Herz zu – er hatte sie ja aus einer drückenden Lage im Hause hochmüthiger Verwandten erlöst, und eine Jugendliebe zu einem armen Offizier war ohnehin hoffnungslos. – Fast zehn Jahre lang stand sie als anmuthige Wirthin und liebenswürdige Frau dem Hause ihres Mannes vor, der sie schmückte und werth hielt wie ein Lieblingsspielzeug. Er versagte ihr keinen Wunsch, aber sie war auch so artig, nur die billigsten Wünsche zu äußern – die unbilligern höchstens errathen zu lassen. – Die Gesellschaft hatte bis vor einem Jahre über Frau von Plessow nicht mehr zu flüstern gewagt, als sie eben über jede hübsche Frau, die einen ältern Mann geheirathet, zu flüstern gewohnt ist. – Da erschien Albano, der junge elegante Maler, im Plessow’schen Hause – die Scenerie veränderte sich – die Beleuchtung wechselte. – Die Männer spöttelten, die Frauen munkelten, verdammten, kreuzigten – aber nicht, weil hier eine Frau heilige Pflichten zu verletzen schien – sondern nur – weil der schönste Mann F.s den kunstreichsten Netzen sich entzogen hatte, um in den Locken der »kleinen koketten Plessow« hängen zu bleiben! –

Eines Tages – der Herbst kam heran, man redete schon davon in die Stadt zurückzukehren – unternahmen Plessow’s mit einigen ihrer Gäste einen Ausflug nach einer, wenige Stunden vom Gute entfernten Ruine. – Mehrere Damen, unter ihnen Elisabeth, fuhren, – Frau von Plessow und die Männer ritten. Wieder war Albano an ihrer Seite – wieder wehte die braune Feder und der lange Schleier, und stolz lächelnd, mit flüchtigem Kopfnicken und fliegenden Locken, sprengte die graziöse Frau vorüber. – Ein Seufzer flog ihr nach – ein schöner Mädchenkopf unter einem runden Hute neigte sich weit über den Wagenschlag, um ihr nachzusehen. – Als der Wagen aber nach kurzer Fahrt vor dem Wirthshause hielt, trat Albano an den Schlag – und einen Augenblick lang nur zitterte Elisabeths Hand in der des Geliebten – und fühlte einen kurzen heißen Druck, – aber solche Augenblicke werden zu seligen Jahren in der Erinnerung, Dank dem Gotte der uns die Erinnerung gönnte! – Nachdem man eine Erfrischung genommen, bestieg man die romantische Burg, Elisabeth am Arme ihres »Herrn Onkels« war die Letzte im Zuge. – »Erspare mir die steile Bergtreppe, mein Kind,« sagte Herr von Plessow plötzlich, »im Burggarten ist die Aussicht ebenso schön – komm, ich will Dir’s beweisen, auch möchte ich gern mit Dir ein Wort allein reden.«

Sie sah ihn ahnungsvoll an und ließ sich schweigend von ihm führen. – Der Burggarten war groß, romantisch verwildert, und voll poetischer Plätzchen, die einen Blick in das weite Land gestatteten. An Grotten, verfallenen Bassins und eingestürzten Brücken fehlte es nicht, Herr von Plessow zog es aber vor sich auf eine neugezimmerte Bank zu setzen, die der Wirth der naheliegenden Waldschenke für die Besucher der Ruine an einer der lieblichsten Stellen hatte aufführen lassen.

Als Elisabeth neben ihm Platz genommen, sagte er ohne alle Einleitung: »ich habe heute einen Brief von Deinem Vater erhalten. Die Eltern wünschen, daß Du vor dem Winter nach Hause kommst, – die Mutter wird Dir wohl selbst in diesen Tagen schreiben. Der junge Berger will fort. Er hat sich zu einer Pfarrstelle in S. gemeldet und wird bald dort eine Probepredigt halten.« – »Gottfried will den Vater verlassen?« rief Elisabeth und schlug staunend die Hände zusammen. – »Ueberrascht Dich das so sehr?« – »Wie sollte es nicht, Herr Onkel! Und Unrecht ist es auch vom Gottfried!« – »Warum?« – »Nun, er hat mir ja versprochen die Eltern nicht zu verlassen, bis ich heimkomme.« – »Hast Du ihm denn alle Deine Versprechungen so gewissenhaft gehalten, daß Du ihn so streng richtest?« – »Ich habe dem Gottfried im Leben noch nichts versprochen als das Eine: bald möglichst nach M. zu kommen. Sie wissen ja selbst, Herr Onkel, daß ich das nicht halten konnte.«

»Aber – Elisabeth, sieh mich nicht so erschreckt an! – der Vater schreibt ganz so als ob ihr Beiden euch näher anginget, der junge Berger und Du – als ob –« – »Gottfried und ich? Gewiß gehen wir uns nahe an – wir haben uns lieb wie Bruder und Schwester.« – »Nein, Elisabeth – so ist’s nicht! Und wenn Du’s nicht weißt oder nicht wissen willst, so laß mich Dir’s nur rund heraussagen: – Dein Vater will, daß Du den Gottfried heirathest, und der Gottfried will Dich auch zur Frau, – aber jetzt denkt er daß ein Anderer Dich ihm streitig gemacht hat, und da will er denn, nach Art unglücklicher Liebhaber, allsogleich auf und davon gehen.« –

Todtenblaß schaute das Mädchen dem Sprechenden ins Gesicht und ihre Hand zitterte, als sie nach einer Weile die Hand Plessows berührte und mit veränderter Stimme bemerkte: »Herr Onkel, das kann der Vater nicht wollen!« – »Lies den Brief selber, mein Kind! Der Vater ist plötzlich ängstlich geworden um Dich und verlangt Dich heim. – Und wenn Du meinen Rath hören willst, mein Kind – Du weißt, ich habe Dich lieb, sehr lieb sogar – so geh! – Geh, Elisabeth, so lange es noch Zeit ist.« –

Er verstummte, denn Stimmen wurden laut und Fußtritte, die Gesellschaft überraschte die Zurückgebliebenen. Elisabeth steckte den Brief wie im Traume zu sich – sie schrack zusammen, als neben ihr Albano’s Stimme leise, halb scherzend, sagte: »jetzt weiche ich nicht mehr von Ihrer Seite!«

Man streifte durch den Garten. Ein breiter Fahrweg durchschnitt unbarmherzig die schönsten Taxuswände, Fuhrleute und arme Wanderer zogen darüber hin, unbekümmert um die gestürzten steinernen Helden und Göttergestalten, die hart an der Straße, überwuchert von Gras und Kräutern, lagen. – Herbstblätter bedeckten den Weg, den jetzt die elegante Gesellschaft betrat. – Der Himmel hing blau über ihnen, die Sonne schien warm, und fröhliches Lachen klang durch die heitere Luft. Die geschmückten Frauen, leicht über den rauhen Pfad hinschreitend, erschienen so glücklich und anmuthig, die Männer so liebenswürdig – die Unterhaltung war so lebhaft und glänzend, der landschaftliche Hintergrund so reich – es war ein lebendiges Wouvermann’sches Bild in moderner Tracht.

Elisabeth erschien ungewöhnlich lebhaft, sie plauderte hastig mit ihrem Begleiter, aber ihre Wangen glühten, ihre Augen schimmerten feucht. In all dieses Schwirren fröhlicher Menschenstimmen klang jetzt plötzlich ein fremder trauriger Ton – das Glöcklein des Monstranzdieners. – Aus dem Walde hervor schritt ein ehrwürdiger Priester, gefolgt von dem Meßner, der die letzte heilige Labung einem Sterbenden entgegen trug – Alle traten zur Seite – der einzige Katholik unter ihnen – Paul Albano – beugte das Knie. – Aber – war es eine weiße Wolke die neben ihm zur Erde sank in demselben Augenblick? – Er hob die Augen – dicht an seiner Seite kniete Elisabeth am Rande der Straße, die Hände gefaltet – das holdselige Gesicht überströmt von einem verklärenden Schimmer von Andacht und – Liebe. –

Warum sie niedergesunken – sie wußte es nicht; sie betete, weil sie eben ihren Geliebten beten sah; sie warf sich mit ihm, neben ihm in den Staub vor dem Gotte der ihr reines Herz – ihre Liebe kannte; sie hatte in diesem einen überwältigenden Moment alles vergessen, nur das Eine nicht: daß sie neben ihm, mit ihm auf den Knien lag. – Der Priester lächelte gütig, machte das Zeichen des Kreuzes über diese beiden jungen Häupter – und wandelte weiter. – Das Glöcklein verhallte, die ganze Scene ging vorüber wie ein Schattenspiel. –

Elisabeth kam erst wieder zu sich bei dem Klange einer scharfen Frauenstimme, die folgende Worte sagte: »seit wann kniet die Tochter eines protestantischen Geistlichen vor einem katholischen Kaplan? Sie spielen ja recht artig Komödie, Fräulein Müller!« – Frau von Plessow war es, die spöttisch lachend neben Elisabeth stand.

Das junge Mädchen erhob sich. Verwirrt blickte sie umher; sie begegnete überall neugierigen Augen; man flüsterte mit einander – man flüsterte über sie! – Jetzt erst besann sie sich was sie gethan; aber ihre plötzliche Verwirrung, ihr Erröthen und Erblassen galt nicht jener Gesellschaft, der sie unbewußt »eine artige Vorstellung« gegeben – Elisabeth dachte einzig und allein in diesem Moment an ihren Vater. – Was würde er empfunden haben, hätte er sein Kind so gesehen! – Sie fühlte ihr Herz heftig schlagen – sie fühlte, wie eine namenlose Angst herankroch: – sie rang nach Athem. »Komm, mein Kind,« sagte jetzt die gedämpfte Stimme Plessow’s. »Es ist besser, wir fahren nach Hause – Du und ich. – Meinst Du nicht auch Elisabeth?« – »Ja, ja, nach Hause!« wiederholte sie und athmete auf. – Noch einmal wandte sie im Fortgehen den Kopf zurück – Albano stand neben Frau von Plessow, – seine Augen trafen die ihren mit einem tiefen dunklen Blick.

Als sie im Wagen neben ihrem stummen Begleiter saß, wandte sie sich plötzlich gegen ihn und sagte: »ich will aber wirklich nach Hause, Herr Onkel!« – »Du thust wohl daran, mein Kind!« lautete die Antwort. – »Morgen früh will ich fort! Ich muß dem Vater alles sagen!« – »Wußtest Du nicht, daß Albano ein Katholik sei?« – »Nein! Ich sah nur daß er betete und – ich betete mit ihm.« –

»Aber Elisabeth, glaubst Du, der Vater, Dein Vater, würde zugeben, daß Du, sein einziges Kind, eines Katholiken Weib würdest?«

Sie sah ihn erblassend an – ein Ausdruck von so unendlicher Angst breitete sich über das Gesicht, daß Plessow mitleidig seinen Arm um sie schlug und sehr weich sagte: »sei nur ruhig, Elisabeth, ich schreibe selbst an Deinen Vater – es wird schon alles gut werden. Albano hat doch sicher längst mit Dir geredet?« – »Er hat mir nie gesagt daß er mich zu seiner Frau begehre,« antwortete sie, und ihr Auge strahlte wieder, »aber ich weiß ja – daß er mich lieb hat, denn –« – »Was denn?« – »Denn – ich liebe ihn ja so über alle Maßen!« Sie war in diesem Augenblicke wunderschön in ihrer einfachen starken Zuversicht. – »Armes Kind!« murmelte Plessow. –

Sie sprachen nun Beide kein Wort weiter miteinander auf der Rückfahrt, und als sie aus dem Wagen gestiegen, ging Elisabeth sogleich in ihr Zimmer hinauf. – Herr von Plessow hielt sie nur noch einmal zurück, um ihr zu sagen: »Morgen Mittag, sobald ich aus der Stadt komme, sprechen wir weiter mit einander. Bringe Deine Sachen nur einstweilen in Ordnung, vielleicht begleite ich Dich selber nach M. – Mit der Post kannst Du nicht reisen, die fährt des Nachts um zwei Uhr hier vorbei.« –

Die übrige Gesellschaft kam erst mit Dunkelwerden zurück – Elisabeth ließ sich zum Souper entschuldigen, und bald nach neun Uhr zogen sich die verschiedenen Gäste in ihre Gemächer zurück. –

Es war fast zehn Uhr als Elisabeth, inmitten ihrer fast krankhaften Geschäftigkeit, sich plötzlich erinnerte, ihr Skizzenbuch im Salon vergessen zu haben. Es mußte auf dem Klavier liegen, Albano hatte diesen Morgen noch darin geblättert. – Sie nahm ein Licht und ging geräuschlos die teppichbelegten Treppenstufen hinunter. Im Vorzimmer war es leer, die Thür des Salons nur angelehnt, – es war noch Licht da, auch in dem Boudoir der Frau vom Hause, das dicht daran stieß. Das junge Mädchen fand die Mappe und wollte eben wieder den Rückweg antreten, als eine tiefe, ach nur zu sehr geliebte Männerstimme gedämpft, von dem Nebenzimmer her, an ihr Ohr schlug. Sie hörte Albano reden und stand still, keine Macht der Welt hätte sie jetzt dazu gebracht von dieser Stelle zu weichen. Starr, ein schönes Steinbild, das Buch an die Brust gedrückt, den kleinen silbernen Leuchter mit der brennenden Kerze in der Hand, stand sie und lauschte: – er redete ja! – Bleicher als das weiße Kleid, das sie trug, wurden ihre Wangen, ungestüm schlug ihr Herz – aber sie wankte nicht – es war ja seine Stimme! –

»Aber ich will sie nicht länger dulden in meinem Hause – sie ist eine gemeine Kokette!« sagte die bebende Stimme der Frau von Plessow. – »Erlauben Sie mir zu bemerken daß meiner Ansicht nach Elisabeth sich grade in dieser Hinsicht bis jetzt wunderbar ungelehrig gezeigt hat!« – »Wie? Sie wagen es mir gegenüber dies Mädchen in Schutz zu nehmen?« – »Sie bedarf meines Schutzes nicht, meine Gnädige. Wer so rein und blumenhaft wie dieses junge Wesen –.« »Ich verbitte mir alle sentimentalen Phrasen! Sie langweilen mich!« – »Aber um Gotteswillen Ruhe, Adele! Sie sind ja außer sich – Sie sind – – verblendet!« – »O! Sie meinen ich sei eifersüchtig? Lassen Sie mich lachen! Und recht von Herzen! – Nein, Paul, solche Nebenbuhlerin fürchte ich noch nicht!« – »Aber Sie dürften sie vielleicht zu fürchten haben, wenn Sie – Elisabeth beleidigten, wenn Sie das Mädchen zwängen Ihr Haus zu verlassen!« – »Auf diese Drohung hin wage ich es, mein Herr! – Oder hätten Sie vielleicht Lust die kleine Pastorstochter zu heirathen? Eilen Sie – Papa und Mama in M. werden Sie mit offnen Armen aufnehmen. Ein Schwiegersohn ist allzeit willkommen. Gehen Sie – versäumen Sie keine Zeit mein Herr – wer möchte Sie halten?« – »Und wenn ich nun diese Erlaubniß benutzte?« – Ein halb unterdrückter Schrei – der Name »Paul!«, ausgestoßen in Verzweiflung und Zorn, drang in Elisabeths Ohr.

Das junge Mädchen glitt hinweg, geräuschlos wie sie gekommen. –

Als die Postkutsche in der zweiten Morgenstunde langsam heranrollte, stand eine verhüllte Frauengestalt, ein kleines Bündel in der Hand, am Wege, hart am Thore des Plessow’schen Gartens. – »Nach M.« sagte eine schüchterne Stimme. – Der Wagen war leer. – Die Dame stieg ein, die Pferde trabten weiter, und das Geräusch der Räder verlor sich allmählich in der tiefen Stille der Nacht. – –

Elisabeths kleine Dienerin brachte am frühen Morgen dem Herrn des Hauses folgenden Brief:

»Lieber Herr Onkel! – Zürnen Sie mir nicht, daß ich eher abgereist bin als ich wollte. Ich mußte fort, ich würde gestorben sein wenn der Postwagen nicht gekommen wäre. O wäre ich nur schon zu Haus! – Fragen Sie mich aber nie, weßhalb ich so schnell fortlief, schreiben Sie mir auch nie, auch nicht dem Vater – schicken Sie mir nur meine Staffelei und mein Malergeräth. – Ich will wieder fleißig sein, recht fleißig, damit ich es auch verdiene, daß Sie mich lieb haben. – Dank für Ihre Güte – Dank für alles – Gott segne Sie! – Elisabeth.«


Wie still waren die langen Herbstabende in dem Pfarrhause! – Die Schwarzwälder Uhr in der Wohnstube tickte einförmig, der Pastor saß rauchend und sinnend in einem Sessel, die Pastorin strickend auf dem harten Sopha, Gottfried Berger auf einem Strohsessel ihr gegenüber. Zwar lagen zwei Bände »Lebensbeschreibungen berühmter Deutschen« auf dem Tische, zwar fing der Kandidat regelmäßig nach dem Nachtessen an darin zu lesen – er wurde aber sicher, noch ehe er zwei Seiten vollendet, von irgend einem Etwas unterbrochen. Entweder fiel nämlich die Nadel der Frau Pastorin unter den Tisch, und er bückte sich sie aufzuheben, oder die Pfeife des Pastors erlosch, und der Lesende war es der es zuerst bemerkte und einen Fidibus anzündete, und bei solchen Gelegenheiten war man ehe man sich dessen versah, in das allgemeine Lieblingsgespräch vertieft, das sich immer und immer wiederholte und dessen doch niemand müde wurde: man redete über Elisabeth. – Ihre Briefe wurden aus dem Strickkörbchen, wo sie jederzeit lagen, hervorgeholt, und wieder und wieder durchgegangen und hin und her besprochen.

Wochen waren vergangen, seit der letzte Brief ins Pfarrhaus geflogen. Und diese Zeilen waren so jubelvoll gewesen, und doch so kurz, daß der Vater über das theure Porto schalt. Nachher meinte er aber doch das Blättchen habe ihm Freude gebracht, obgleich im Grunde nichts darin gestanden, es sei ihm gewesen, als ob Elisabeth in alter Weise ihm heimlich einen Blumenstrauß ins Studierzimmer gestellt. – Der Mutter Herz hatte im Stillen gejubelt und in ihr Abendgebet jenen Mann eingeschlossen, dessen Namen ihr Kind nicht in diesem letzten Zettelchen genannt. – »Sie wird die Frau eines berühmten Künstlers, der Himmel hat meine Pläne gesegnet. Gott behüte das Plessow’sche Haus.«

An demselben Abend hatte sie eine lange Unterredung mit ihrem Gatten, und als sie sein Studierzimmer verließ, nahm sie die Genugthuung mit hinweg, daß der Pastor, anscheinend wenigstens, von einer seiner Lieblingsideen völlig zurückgekommen sei. Er hatte nämlich am Schlusse jenes wichtigen Gespräches geäußert: »es sei ihm jetzt ganz lieb und recht, daß der Gottfried die Pfarrstelle in S. erhalten und in einem Monat dahin abgehe.« – Seitdem war aber eine Pause eingetreten, die allmählich anfing auf alle zu drücken: – Elisabeth schrieb nicht.

Es war am Abend vor Gottfried Bergers Abgang nach S. – draußen pfiff ein schneidender Herbstwind, der Himmel zeigte sich grau verhangen, die welken Blätter retteten sich in wilder Flucht von den Bäumen, als fürchteten sie noch einen schlimmern Feind als – den Tod. Drinnen in der Wohnstube hatte man schon längst die grüne Schirmlampe angesteckt, auch brannte ein kleines Feuer im Ofen, – die Drei saßen wie immer um den runden Tisch.

»Ob die Postkutsche schon durchgekommen sein mag?« fragte die Pastorin eben. – »Sie wird in zehn Minuten hier sein,« antwortete Berger mit melancholischer Stimme, »ich will hinunter gehn zum Postverwalter, vielleicht ist heute ein Brief da.« – Und er rückte seinen Stuhl, wie jeden Abend, und stand auf um seinen Hut zu nehmen. Da klinkte es an der Hausthür – da kamen Schritte – da klopfte es wie im Fluge an die Stubenthür – eine hohe Mädchengestalt im verhüllenden Mantel und Hute trat ein, ehe Jemand »herein« gerufen, – eine sanfte Stimme sagte: »Vater! Mutter! Gottfried!« – Herr Gott des Himmels – es war das Kind, – es war Elisabeth!

Als Vater und Mutter sie umfaßt hielten, da begriffen Beide nicht daß sie dies Kind so lange entbehren konnten. – Aber als die Mutter ihr den Mantel und den Hut abnahm und der Vater den Schirm von der Lampe abhob, damit der volle Lichtschein das geliebte junge Angesicht treffe, da war es ihnen, als sei das nicht mehr jenes Mädchen, das damals von ihnen gegangen. – Größer war sie geworden, doch blaß – recht sehr blaß – und ihr Lachen war nicht mehr so fröhlich – ihre Stimme klang anders.

»Und Du kommst allein, – und so überraschend, – warum schriebst Du nicht vorher?« fragte die Mutter und küßte sie wieder und wieder. – »Der Gottfried wollte ja fort, und da mußte ich wohl kommen,« antwortete sie scherzend, aber die Augen standen ihr voll Thränen. – »Er geht auch morgen nach S. zur Probepredigt für nächsten Sonntag,« sagte der Vater. Sie sah ihn erstaunt an. »Also wirklich? Auch nicht noch einen Tag sollen wir mehr mit einander plaudern, Gottfried?« – »Willst Du es – so kann ich noch einen Tag bleiben.« – »Ich bitte Dich darum!«

Die Pastorin konnte es diesen Abend kaum erwarten ihr sichtlich ermüdetes Kind in die Schlafkammer zu führen, – sicherlich hatte Elisabeth eine Last froher Mittheilungen auf dem Herzen. Sie sah ja ganz aus wie eine heimliche Braut – so ernst, so gedankenvoll, sie wechselte die Farbe so jählings! –

Endlich waren die Stunden des Hin- und Herfragens, und das Nachtessen, vorüber, – Brigitte hatte in der Freude ihres Herzens den Eierkuchen verbrannt – und Mutter und Tochter waren allein im stillen Kämmerlein. – Die Pastorin stellte den Leuchter auf den Tisch, und nestelte wie sonst ihrem Kinde das Kleid los. Aber Elisabeth sprach und fragte nur gleichgültige Dinge, wenngleich sie sich’s gefallen ließ daß die Mutter, wie vormals, sie auskleidete, ihr das Haar einflocht und das Nachtkleid überwarf. – »Dein Haar ist viel schöner geworden, sieh, ich bringe die Flechten kaum unter das Häubchen!« sagte die Pastorin mit mütterlichem Stolz. »Und wie viel hübscher verstehst Du Dich zu kleiden! Du hast auch gewiß allerlei Schönes mitgebracht. Plessow’s waren ja so gut gegen Dich. Wann kommen Deine Sachen?«

Als ihr Kind den Kopf auf die Kissen gelegt, setzte sich die Mutter auf den Rand des Bettes, und herab sich beugend zu der lang entbehrten jungen Gestalt, flüsterte sie bewegt: »hat meine Tochter auch ihr altes schönes Vertrauen zur Mutter wieder mitgebracht?« – Da schlang Elisabeth ihre beiden Arme um den Nacken der Mutter und brach in ein heißes Weinen aus. Lange lange kam kein Wort über ihre Lippen, das Schluchzen sänftigte sich nur allgemach, und als die Thränen endlich milder flossen, konnte sie nur kaum vernehmbar murmeln: »es ist alles – alles vorbei. Aber bitte, bitte, frage mich nicht – ich muß sterben wenn ich davon reden soll! Es ist vorbei und ich bleibe bei Euch für immer.« – Sie hatte die Hände zusammengepreßt und sah mit dem Ausdruck tiefsten Leides zu ihr auf.

»Ich verspreche es, wenn Du wieder ruhig werden willst,« antwortete die weinende Mutter. – »Nun gute Nacht denn, Mütterchen,« sagte sie mit der Zärtlichkeit früherer Tage, »aber bete, ehe Du gehst, noch einmal mein Kindergebet mit mir. Ich habe es lange nicht mehr gebetet.« Und leise flüsterten nun zwei bewegte Stimmen:

»Müde bin ich, geh’ zur Ruh,
Schließe meine Augen zu,
Vater laß das Auge dein
Ueber meinem Bette sein.
Hab’ ich Unrecht heut gethan,
Sieh’ es lieber Gott nicht an,
Deine Gnad und Christi Blut
Macht ja allen Schaden gut.
Kranken Herzen sende Ruh,
Nasse Augen schließe zu,
Alle Menschen groß und klein
Sollen Dir befohlen sein.«

Die Mutter küßte die Tochter noch einmal und ging. – Ob der liebe Gott wohl diese nassen jungen Augen schloß, in dieser ersten Nacht im Vaterhause?


Seltsame Tage waren es, die nun kamen und gingen im Pfarrhause. Es war scheinbar alles wie sonst und doch alles anders. Zuerst kam der Gottfried schon am zweiten Tage und erklärte, daß er nicht nach S. zur Probepredigt reisen werde. Er gab an, einen Brief erhalten zu haben, der die Aussicht auf Erfolg dort seinerseits zweifelhaft gemacht. Der Pastor und seine Frau sahen ihn zwar zuerst mit großen Augen an, freuten sich aber dann aufrichtig den gewohnten Hausgenossen behalten zu dürfen. Elisabeth reichte ihm stummdankend die Hand.

Sie saß jetzt wieder wie früher mit der Mutter im Wohnstübchen, – Abends versammelte man sich um den runden Tisch, Gottfried las, als ob man gar nichts zu Plaudern hätte, aber es war etwas Fremdes zwischen Allen, das keiner mit Namen zu nennen wußte. Das junge Mädchen trug Kleider von anderm Schnitt, ihr Haar war in anderer Weise geordnet, aus den Schläfen weggestrichen, in Puffen zurückgeschlagen und hinten in einen tiefen Knoten zusammengenommen. Die edlen Linien ihres jugendlichen Profils traten so sehr blendend hervor. Die Rundung ihres Gesichts war aber verschwunden, die Wangen zeigten eine merkliche Verminderung ihrer sonstigen Fülle, und leise Schatten lagen unter den Augen. Das fröhliche Singen durchs Haus, das leichte Springen Trepp ab, Trepp auf, das helle Auflachen – alles war nicht mehr da. Ernst glitt die junge Gestalt durchs Haus und sah man sie die Treppe hinaufsteigen, so meinte man, sie müsse müde sein, sehr müde. – Zu den Poststunden zeigte sie eine gewisse fieberhafte Spannung, die Keinem entging. »Ich erwarte meine Staffelei und mein Malergeräth,« sagte sie dann wie zur Entschuldigung.

Eine Woche war vergangen – da kam Gottfried Berger eines Abends nicht allein von der Post zurück; Männer, die verschiedenes Gepäck trugen, folgten ihm, und Allen voraus eilte ein kleiner starker Herr in einen Mantel gehüllt. Er war schon in der Wohnstube, ehe Berger das Pfarrhaus erreichte.

»Plessow!« rief die Mutter freudig überrascht. Der Pastor stand auf und legte seine Pfeife bei Seite. Aber Plessow beachtete keinen Gruß. »Elisabeth, liebes böses Kind!« rief der Eintretende mit dem heitersten Gesicht, »ich bin Dir nachgelaufen! Nicht nur Deine Sachen mußte ich Dir selbst bringen, sondern auch eine gar gute Nachricht dazu!« – Und damit wollte er sie umarmen, aber sie sah ihn mit weitgeöffneten Augen, ohne sich zu regen an, wurde todtenblaß und sank dann plötzlich zurück. Sie war zum erstenmal in ihrem Leben ohnmächtig geworden.

Das gab denn eine gewaltige Bewegung und viel rathloses Hin- und Herrennen, bis endlich Gottfried das Fenster öffnete, und die Bewußtlose dem frischen Luftstrom entgegentrug. – Sie kam wieder zu sich und streckte auch gleich mit freundlichem Lächeln dem »Herrn Onkel« die Hand entgegen. Er neigte sich zu ihr herab und flüsterte ihr zu: »so sei doch ruhig, wunderliches Kind! Mein Kommen bedeutet das Beste. Ich selbst bin jetzt mit der ganzen Geschichte ausgesöhnt. – Denke Dir, der Schmetterling hat gestern bei mir um Dich angehalten – wirklich angehalten – und ich trage Briefe an Dich und den Vater in der Tasche!«

Da brach ein Freudenstrahl aus ihren Augen, da stand ein siegendes Lächeln auf, in ihrem Angesicht – aber nur einen Moment lang – dann erwiederte sie leise aber fest: »Und Sie sind doch umsonst geschrieben, diese Briefe!« – Er sah sie ungläubig an, – dann bat er den Pastor in scherzhafter Feierlichkeit um eine Unterredung unter vier Augen, überreichte ihm ein Schreiben, drückte Elisabeth einen Brief in die Hand und setzte sich in der Sophaecke zurecht. – Das junge Mädchen verließ sofort das Zimmer.

»Ich denke, wir können diese Unterredung hier abmachen,« sagte der Pastor etwas unruhig. »Vor meiner Frau kann ich kein Geheimniß haben, und vor dem Gottfried da mag ich keins haben, besonders, wenn es unsern gemeinsamen Liebling, die Elisabeth angeht, wie ich vermuthe.« Aber Berger war schon aufgestanden, schützte einen dringenden Krankenbesuch im Dorfe vor, und ging hinaus.


Das Gespräch der Drei währte lange, lange. – Die Mitternachtstunde war vorüber, als sie sich trennten. Die Pastorin geleitete mit rothgeweinten Augen ihren Gast in die Fremdenstube. An der Thür gab Plessow ihr noch die Hand und sagte verdrießlich: »Dein Mann ist ein Starrkopf, wie ich ihn nie gesehn! Heut zu Tage macht kein Mensch mehr einen Unterschied zwischen einem katholischen oder protestantischen Schwiegersohn. Hätte ich eine Tochter, und sie wollte einen Juden oder Türken heirathen – und er wäre brav und das Kind hätte sein Glück in ihm gefunden, – ich sagte Ja. Und ein Prediger will intoleranter sein als wir gewöhnlichen Menschenkinder, die wir dem lieben Herrgott doch lange nicht so nahe stehen? – Er mag sich in Acht nehmen, daß ihm diese Starrköpfigkeit nicht seine Tochter kostet. Ein Mädchenherz ist ein zerbrechlich Ding.« – »Warum habe ich sie je von mir gelassen!« schluchzte die Pastorin.

»Versuche Du Dein Heil mit ihm – wir Beide sind fertig mit einander. Morgen spreche ich noch einmal mit Elisabeth, und dann reise ich ab. Gute Nacht!«

Die tiefbetrübte Mutter schlich noch einmal an Elisabeths Kämmerlein und drückte auf die Klinke. – Die Thür war jedoch abgeschlossen, auf ihr leises Rufen kam keine Antwort. »Gott sei Dank! Sie wenigstens schläft,« dachte sie und ging wieder hinab.

Das junge Mädchen saß aber völlig angekleidet vor einem kleinen Tische, und hatte eben unter tausend, tausend Thränen folgende Zeilen an Paul Albano niedergeschrieben:

»Sie haben mir in Ihrem Briefe gesagt, daß Sie mich liebten, und mich gefragt, ob ich Ihr Weib werden wolle. Vor wenig Wochen hätte mich solch ein Geständniß und solch eine Frage selig gemacht – jetzt machen mich Ihre Worte nur ganz unsagbar traurig. – Vor wenig Wochen glaubte ich ja noch, daß Sie mich liebten wie ich Sie liebte – – das ist nun vorbei. – Ich weiß jetzt daß Sie mir nur geben, was Sie einer Andern genommen, oder – was eine Andere verschmäht, – und die kleine Predigerstochter ist zu ehrlich und zu stolz solche Geschenke anzunehmen. – Fragen Sie nicht woher mir dies traurige Wissen kommt, – ich würde es Ihnen doch nie gestehen, wie ich es wohl keinem Menschen gestehen werde.

»Ob mein Vater seine Einwilligung geben würde zu einer Heirath seines Kindes mit einem Katholiken, weiß ich nicht, – Alle, die ihn kennen zweifeln daran. Wäre Ihre Frage aber vor Wochen gekommen, Albano, Gott weiß es daß meine Liebe stark genug gewesen ihm zu trotzen mit jenem Spruche, der allen Gläubigen gleich heilig sein muß: »Du sollst Vater und Mutter verlassen und Deinem Manne anhangen.« – Jetzt hat meine Liebe eines verloren: – den Muth.

»Leben Sie wohl, Albano! Ich liebe Sie – also glaube ich an ein Wiedersehn, und da ich hier auf Erden nicht Ihr Weib werden sollte, so vergessen Sie nicht, daß ich Sie im Himmel mein nennen will. Leben Sie wohl, tausend, tausendmal, lieber, geliebter Albano! – Elisabeth.«

»Ein Narr mag eine Mädchenliebe begreifen!« murmelte Plessow, als er am andern Tage in dem Wagen saß und nach F. zurückrollte. »Die Kleine ist, seit sie die Luft im Elternhause athmet, wie verwandelt und noch toller als der Alte. – Nun, meintwegen mag sie heirathen wen sie will. Im Grunde gönne ich dem Schmetterling Albano diese Zurückweisung – das Herz bricht ihm nicht darüber! Aus dem Kinde werde ich aber nicht klug. Erst kompromittirt sie sich aus Liebe zu dem Wildfang vor einer ganzen Gesellschaft – kaum eine Woche darauf weist sie den regelrechten Heirathsantrag desselben Mannes zurück, weil – ihr Vater nicht will daß sie die Frau eines Andersgläubigen werde! Und mit welcher Ruhe giebt sie ihm den Abschied! Da glaube einmal Einer noch an die Beständigkeit eines Frauenherzens.«


Von nun an war es stille, sehr stille im Pfarrhause. – Zwar kamen noch einige Briefe aus F. an die Pastorin, nach deren Empfang sie mehrere Tage mit verweinten Augen umherging, – auch an Elisabeth kamen Briefe, die sie aber uneröffnet verbrannte. Gesprochen wurde über den Besuch Plessow’s nie wieder, nach des Mädchens ausdrücklichem Wunsch. Ihre Staffelei hatte sie in dem sogenannten Gartenzimmer aufgestellt und arbeitete unermüdlich fleißig, – aber sie malte nur Blumen, gepflückt auf jenen einsamen Spaziergängen die der Vater ihr jetzt schweigend gestattete. Die Zusammenstellung der einzelnen Blumen und Gräser beschäftigte sie oft Tage lang – sie saß wie in tiefen Träumen verloren zwischen all dem Grün und den Blüthen, die sie gesammelt.

Die Bilder aber die dann entstanden, hätte man nicht »Stillleben,« sondern »Seelenleben« nennen mögen, es mußten dem warmherzigen Beschauer lieblich-wehmüthige Gedanken kommen, beim Anblick dieser Schöpfungen. Aus dem kleinen Stückchen frischen Rasen z. B., auf dem eine Hand voll Feldblumen hingestreut war, standen Märchen auf, und das in einem zerbrochenen Glase geordnete Bouquet Astern, an deren schönster ein todter Falter hing – war ein gemaltes Gedicht.

Vater und Mutter standen oft bewundernd vor ihres Kindes Staffelei – aber Elisabeth nahm nicht mehr wie sonst ihr Lob mit freudigem Erröthen entgegen. Es war überhaupt etwas Fremdes zwischen Eltern und Tochter getreten, für das Niemand einen Namen wußte, und das auch Keiner dem Andern gestehen mochte. – Nur das Verhältniß Elisabeths zu Gottfried gestaltete sich unerwartet freundlich, zur großen Genugthuung des Pastors, der allmählich im Stillen seine alten Lieblingsideen wieder aufnahm. – Sie bat den Vetter zuweilen ihr vorzulesen, sie plauderte mit ihm in den Dämmerstunden, sie zeigte ihm ihre Bilder, sie verkehrte mit ihm recht wie eine zärtliche Schwester mit einem Bruder, von dem sie lange getrennt gewesen. Und er? – Nun er war still wie immer, aber er schien heiterer als seit langer Zeit. Keinen Moment ließ er sie aus den Augen, allezeit bereit für sie zu thun was sie eben von ihm begehren mochte, und nur zuweilen bekümmert daß sie eben so wenig begehrte.

»Die Kinder finden sich endlich,« flüsterte der Pastor einmal seiner Frau zu, »und wenn ich den Gottfried bewegen könnte, sich einstweilen um eine kleine Pfarre zu bewerben und wegzugehn, so hoffe ich das Beste. – Trennung ist allezeit ersprießlich für die Liebe. Elisabeth wird sich in einem Jahre nicht mehr weigern Frau Pastorin zu werden, und wenn ich einmal todt bin entgeht dem Gottfried diese Pfarre nicht. Ihre Zukunft ist nun geordnet – wir werden Freude an dem Mädchen erleben! Sie ist ja auch mein starkgläubiges vernünftiges Kind!«

Das »starkgläubige« Kind war seltsamer Weise nur nicht zu bewegen in die Kirche zu gehn, auch spielte sie nie mehr mit dem Vetter jene vierhändigen geistlichen Lieder, die zu hören dem Vater immer so viel Freude gemacht. – Dagegen hatten manche Leute sie am Marienbilde gesehn, und auch im Gespräche getroffen mit der freundlichen Jungfer Marianne, der alten Schwester des katholischen Pfarrers.


Es geschieht oft, daß ein Stück Leben hinschleicht, Jahre lang, wie ein schwüler Sommertag, daß man immerfort ein Gewitter ahnet und doch noch keine Wolke sieht, von der herab der zerschmetternde Blitzstrahl zucken soll.

So waren im Pfarrhause fast zwei Jahre vergangen. Gottfried Berger war schon seit Monaten wohlbestallter Paster in L., kaum zwei Stunden von M. – Einen anderen sehr steifen und sehr trockenen Kandidatus Theologiä hatte man in seine Stelle geschoben, der mit der Familie in gar keiner Verbindung stand. Die Pastorin kränkelte, Elisabeth lebte malend und still einen Tag wie den andern fort. – Sie ging umher mit ernsten Augen und traurigem Lächeln, und die alte Brigitte pflegte von ihr zu sagen, sie schaue aus wie Jemand, dem man einen kalten schweren Stein auf’s Herz gebunden. Regelmäßig jeden Morgen in der ersten Frühe trat sie ihren Spaziergang an, Winter und Sommer, und kam um acht Uhr wieder heim. –

So war denn wieder einmal ein Frühling gekommen. Die Laube that diesmal ihr Möglichstes, kein Sonnenstrahl vermochte durch die dichten Geisblattranken zu dringen, die Goldregensträuche legten sich noch zum Ueberfluß darüber hin und schmückten den Eingang mit ihren Trauben, der Flieder blühte blau und weiß, und die alte Linde mit ihren hellgrünen Blättern rauschte ganz vernehmlich: »das Leben ist doch schön!« und die Vögel sangen auf dies Thema die kunstvollsten Variationen. Da kam an einem Sonntag-Nachmittag Gottfried Berger von L. herüber und hielt feierlich, und sichtlich tiefbewegt, um Elisabeth an. – Alles Blut wich aus ihren Wangen als er seine Worte an sie richtete – sie waren allein in der Laube. – Hastig und verwirrt dankte sie ihm für seinen Antrag und – wies ihn bestimmt und kurz ab. –

Er schien im ersten Augenblick völlig fassungslos über solche Antwort. Seine Züge verzerrten sich – seine Augen flammten. »Also das meiner langjährigen Liebe?« stammelte er. »Habe ich noch nicht geduldig und lange genug gewartet und geschwiegen? – Beherrscht sie Dich noch unumschränkt die Erinnerung an jenen Mann der Dich so leichten Kaufes aufgab, daß er nicht einmal kam um – Abschied von Dir zu nehmen?«

»Quäle mich nicht!« sagte sie mit bleichen Lippen; »ich bin kaum fertig geworden mit meinem Herzen, und habe zur Noth so viel Frieden gefunden wie ich brauche, um weiter zu leben. – Ich werde aber nie eines Andern Weib, da ich nicht das Weib dessen werden konnte den ich liebte.« – »O ich weiß Alles! Sein Glaube allein trennte Dich nicht von ihm. Er war ein Nichtswürdiger, der Dich nur zur Ehe begehrte weil er seiner Geliebten, einer verheiratheten Frau, überdrüssig war. Hörst Du nun, daß ich Alles weiß? – Und früher als Du selbst es wußtest – und mein Herz allein hat mir das verrathen!« – »Und trotzdem gehöre ich ihm doch!« – »Und trotzdem lasse ich Dich nicht! Das ist auch Liebe, Elisabeth! Jetzt wollen wir sehen, welche Liebe festeren Stand hält, die Deine oder die meine. Die Zeit des Duldens, Harrens und Schweigens ist jetzt für mich vorbei – es ist eine Kampfeslust über mich gekommen, die mir das Blut wild durch die Adern jagt. – Immer und immer werde ich wieder kommen, Dich bitten, Dich quälen mein Weib zu werden – so lange, bis Du gemartert von meiner Treue, gemartert von Deinem armen öden Leben, gemartert von den Bitten Deiner Eltern, die jetzt Beide zu mir stehen, – die Meinige zu werden einwilligst. – Ich weiß, daß Du mir ein krankes Herz zubringst, eine zerquälte Seele, einen müden Leib, – aber ich will mich begnügen Krankenpfleger zu sein. – Sieh, so liebe ich Dich!« –

War das Gottfried, der Stille, Sanfte, der so sprach, so blickte? Einen Zug von Energie hatte die Leidenschaft in dies Johannesgesicht gezeichnet, der es völlig verwandelte. – Er sah jetzt aus wie – ein Mann. – »Ich nehme den Kampf an – auf Leben und Tod!« sagte Elisabeth nach einer Weile fest. »Gut. Wer unterliegt, dem möge Gott helfen.« – Sie trennten sich. –

Von diesem Tage an begann ein Leben voll Qual für Elisabeth. – Die Eltern fingen an, in Anspielungen und Andeutungen, bald in sanfter, bald in gereizter Weise ihr den Wunsch zu erkennen zu geben, sie nun als Gottfrieds Braut zu sehn. – Des Mädchens ruhiger und beharrlicher Weigerung folgten immer dringendere Versuche. Sie waren ebenso erfolglos. – Lange peinliche Ermahnungen des Vaters kamen nun, und thränenreiches Zureden der Mutter. – Elisabeth setzte jedoch dem allen eine abweisende Kälte entgegen, sie ließ sich weder auf Gründe, noch Erklärungen ihrer Weigerung ein, sondern wiederholte nur immer einfach: »ich will nicht heirathen.« Nach und nach wurden dergleichen Scenen heftiger, die Gereiztheit des Vaters, die Thränen der Mutter nahmen überhand, dazu kam jeden Sonntag Gottfried herüber und warb mit Blicken und Worten unermüdlich. – Sie blieb scheinbar ruhig, unbewegt wie ein Fels, den die Wogen umbrausen, aber sie wurde bleich, ihre Augen verloren an Glanz, ihre Gestalt an Fülle. – So schleppte sie ihr Dasein weiter. Halbe Tage lang verweilte sie vor ihrer Staffelei und die übrige Zeit ließ sie sich geduldig quälen. –

Es schien, als ob die Verheirathung der Tochter plötzlich der alleinige Lebenszweck beider Eltern geworden und kein anderes Interesse, außer dieser einen Angelegenheit, mehr ihre Seelen zu beschäftigen vermöchte. Die Mutter quälte allerdings zunächst die Sorge, die Tochter möchte unverheirathet bleiben in dieser Abgeschiedenheit, ein Gedanke, der ihr wie vielen Müttern unerträglich war. Seitdem sie ihre so kühnen Hoffnungen hatte begraben müssen, ängstigte sie sich allen Ernstes um die Zukunft Elisabeths. Zudem fühlte sie eine Art rastloser Unruhe ihr einen Halt zuzuweisen, da sie sich als die Veranlassung zu dem geheimen Herzleid ihres Kindes ansah. Hätte sie das Mädchen ruhig in M. gelassen, sie wäre ja jetzt ohne Zweifel längst Frau Pastorin Berger. An einem eigenen Heerd, an der Brust eines Mannes der sie auf seinen Händen zu tragen verheißen, würde Elisabeth schon wieder froh werden und sich aufrichten, meinte sie. Der Gottfried war ja in der That auch keine schlechte Partie, so jung und schon eine so gute Pfarre und dazu die sichere Anwartschaft auf M.! Und vor allen Dingen liebte er ihr Kind, gewaltig, unermüdlich, das hatte er in Worten und Thaten bewiesen. Elisabeth mußte das endlich einsehen! Ein Tropfen, der immer und immer auf dieselbe Stelle fällt, höhlt ja den härtesten Stein aus: – die Mutterthränen mußten ihre Wirkung thun mit der Zeit. –

Der Vater marterte sein Kind aus ganz andern Gründen. Es handelte sich bei ihm um Erfüllung eines lange gehegten Wunsches, um eine Bitte die er ja, kraft seiner väterlichen Autorität, in einen Befehl hätte verwandeln können, ohne daß es ihm Jemand zu verwehren vermocht. Und seine Tochter stellte sich trotzig ihm, einem Bittenden, gegenüber! Er war an keinerlei offene Widersetzlichkeiten gewöhnt, weder in dem Verhältniß als Familienvater zu den Seinen, noch als Pastor zu seiner Gemeinde. – Die Störrigkeit seines Kindes betrübte ihn nicht, sie empörte ihn. Als er ihr damals mit dürren Worten gesagt daß er niemals in eine gemischte Ehe willigen und selbige segnen werde, war sie doch so ruhig gewesen, wie es sich für eine gehorsame Tochter ziemte. – Und nun? Doch er verzagte keinen Augenblick, er war sich der Mittel bewußt, diesen Trotz zu brechen. – Hatten Nadelstiche doch schon einen Elephanten getödtet – diesem unablässigen Mahnen und Drohen mußte der Teufel des Eigensinns weichen.

Aber er war trotz alledem noch nicht gewichen, als der Herbst kam – und so befahl denn der Pastor eines Tages seinem Kinde, unter Vorhaltung des Spruches: »ehre Vater und Mutter, auf daß Dir’s wohl gehe und Du lange lebest auf Erden,« – am nächsten Sonntage Gottfried Bergers Antrag, falls er denselben wiederholen werde, anzunehmen. –

Elisabeth erwiederte kein Wort – sie ging umher wie sonst, mit ernsten milden Augen – sie blieb nur am Sonnabendmorgen länger als gewöhnlich auf ihrem Spaziergange. Als dann nun am Sonntage Gottfried Berger kam und, in Gegenwart von Vater und Mutter, sie wiederum bat sein Weib werden zu wollen, sah sie ihn kalt an und sagte: »Frage den Vater, ob er eine Ehe einsegnen wolle zwischen mir und Dir! – Seit gestern Morgen gehöre ich nicht mehr zu Euch – seit gestern nahm mich eine Kirche auf, die mir tröstend zurief: »wer viel geliebt, dem wird viel vergeben werden.« – Ich bin Katholikin.« –


Etwa zehn bis zwölf Jahre später sprach man in F. viel von einer Blumenmalerin, deren reizende »Stillleben« ein bedeutendes Aufsehen machten, in den Ausstellungen wie in den Kunsthandlungen. Die kleinen Blumenstücke athmeten eine überwältigende Fülle von trauriger, süßer Poesie. Der Name der Malerin war Elisabeth Müller. – Vorzüglich rühmte man ihre Darstellung verwelkter Blumen. Ueber ihren todten Blättern, geknickten Knospen, sterbenden Rosen, schwebte ein Hauch der Verklärung. – Kleine Skizzen von ihr, in Wasserfarben, wurden sehr gesucht. Elisabeth Müller lebte aber so still und eingezogen in F., daß man dort längst schon ihre Schöpfungen bewunderte, ehe man ahnte, daß die Schöpferin in derselben Stadt wohnte, in der man sich für ihre Bilder so warm begeisterte.

Bei der Comtesse Feldern war »reunion.« Viel Lichterglanz, viel Uniformen, viel blendende Arme und weiße Schultern, viel Blumen und Federn, viel Zuthaten aller Art, wenig Natur, viel hübsche Gesichter, wenig bedeutende, viel nichtssagendes Geplauder, viel versteckte Langweile, viel forcirte Heiterkeit – et voila tout. –

Aber dort, in der Nähe des Kamins, wer war der stattliche Mann mit dem leicht ergrauten Haar und dem schönen Kopfe, mit jener leisen Linie von Lebensüberdruß, die sich an den beiden feinen Mundwinkeln herabzog? Er saß allein und durchblätterte eben mit einem leichten Spottlächeln das Prachtalbum der Gnädigen. Man streifte an dem Einsamen mit besonders freundlichem Gruße vorüber, manche reizende Frau blieb wohl auch neben ihm stehen, einige flüchtige Worte an ihn richtend. Man schien ihn allgemein zu kennen. Es war der berühmte Landschaftsmaler Paul Albano, der erst seit zwei Tagen wieder in F. lebte, nachdem er seit länger als einem Jahrzehnt sich im Orient und Italien umhergetrieben, und bald hier bald dort, sein Künstlerzelt aufgeschlagen.

»Haben Sie das Letzte der Blätter schon eines Blickes gewürdigt?« fragte die sehr alt gewordene Comtesse heranrauschend. – Als er verneinte, schlug sie das Buch ganz auf. Ein Blatt von neuem Datum war sorgfältig angefügt. Man sah einige Feldblumen aus einem Stück Rasen sprießen, unter ihnen ein Vergißmeinnicht das welkend das Haupt neigte. Rings umher blühten Löwenzahn, Schlüsselblumen und Veilchen, frisch und lebendig, trotz des Todes in ihrer Nähe. – Albano stand plötzlich betroffen auf. »Wer hat dies Blatt gemalt?« fragte er hastig und gedämpft.

»Eine gewisse Elisabeth Müller. O, Sie entsinnen sich ihrer gewiß nicht mehr! Sie war mit Plessow’s verwandt und einmal, vor vielen Jahren, eine kurze Zeit im Plessow’schen Hause. Daß Sie die Kleine vergaßen, ist ganz natürlich – Sie waren eben damals etwas angelegentlich mit der guten Plessow beschäftigt. Mais – en passant – war die schöne Adele nicht tausendmal liebenswürdiger in jener Zeit als jetzt, wo sie zum Orden der strengen Betschwestern gehört? – Sie haben sie doch wohl schon auf ihrem Landsitz aufgesucht, den sie weder Sommer noch Winter verläßt? Fanden Sie nicht daß die Arme bedeutend gealtert, und daß Plessow etwas mürrisch geworden?« – »Elisabeth Müller – sagten Sie?« wiederholte Albano wie im Traume, und legte die Hand auf das Herz.

»Mon Dieu! – Sie erinnern sich wirklich ihrer? Dann kommt es daher, weil die Kleine sich damals auf die abscheulichste Weise trug. Unvergeßlich ist mir auch eine hellblaue Seidenfahne, kaum vier Ellen weit.« – »Aber sie lebt wirklich hier – hier in F. und – allein?« – »So viel ich weiß. Aber hübsch ist sie nicht mehr, ich sah sie einmal auf der Straße im Vorüberfahren. Kränklich soll sie sein – irre ich nicht, so sprach man neulich bei der Gräfin Reiner von einer auszehrenden Krankheit. Sie trägt sich aber jetzt weit besser – ziemlich elegant im Schnitt, aber immer in Grau oder Schwarz. Künstlermarotte!«

Albano griff nach seinem Hut. »Entschuldigen Sie mich, gnädige Frau, ich muß fort.« – »Doch nicht etwa um sich der kleinen Müller vorstellen zu lassen?« lachte die Dame. »Sie irren sich in der Zeit, lieber Albano! Sehen Sie, meine Uhr zeigt eben Mitternacht. Warten Sie zwölf Stunden länger!« – »Sie haben recht – ich warte. – Vergessen Sie mein lächerliches Auffahren, aber – erzählen Sie mir noch was man von dieser Elisabeth hier sagt.«

Die Feldern lehnte sich in den dunkeln Fauteuil zurück, winkte Albano zu sich und flüsterte geheimnißvoll: »sie soll katholisch geworden sein – aus Interesse für einen jungen hübschen Kaplan wahrscheinlich, der in der Nähe ihres Heimathdorfes Pfarrer war, dergleichen Geschichten ereignen sich ja häufig. Der Uebertritt führte natürlich einen Bruch herbei mit Papa und Mama. Sie verließ ihre Heimath, Plessow verschaffte ihr hier ein Unterkommen in einer Familie, und veranstaltete zuerst eine kleine Ausstellung ihrer Bilder. Plötzlich verschwand sie wieder und pflegte ihre erkrankte Mutter bis zum Tode, brachte dann einen gichtbrüchigen, halb blinden Vater mit zurück, für den sie mit unermüdlicher Treue gesorgt haben soll, bis vor einem Jahre, wo er endlich starb. Ihre Staffelei stand in seinem Krankenzimmer, und sie verließ den Kranken nur zuweilen in den Abendstunden, um frische Luft zu schöpfen in dem kleinen Garten vor dem Hause. – Sie hat ihm seine Verzeihung nach und nach wirklich abringen müssen, – er soll im Anfang sein Kind entsetzlich gequält haben. Zuletzt starb er in ihren Armen, die Tochter segnend. – Da haben Sie die Geschichte. – Mir erzählte sie vor längerer Zeit die Baronin Eichstädt, die dem Hause der Kleinen gegenüber wohnt und sie sehr protegirt. – Apropos, mein Herr – wollen wir etwa morgen zusammen zur Eichstädt fahren? Sie citirt uns dann vielleicht die Malerin herüber?«

»Ich danke, gnädige Frau. Ich reise wahrscheinlich morgen früh auf einige Tage nach D.« – »Unstäter! Aber Sie sehen recht angegriffen aus, Albano, – ich bitte Sie, nehmen Sie ein Glas Eis.« – »Sie sind sehr gütig – meine Gnädige. Sie erlauben – –«

Er stand auf und verließ den Saal. – Als die Comtesse sich nach einer Weile in den andern Zimmern nach ihm umsah, war er verschwunden. –


In der nächsten Woche hatte man nach langer Dürre wieder einmal einen recht pikanten Unterhaltungsstoff in den Salons von F. Die kleine Blumenmalerin war gestorben, an einem schleichenden Fieber, und hatte sich in einem wunderlichen altmodischen hellblauen Seidenkleide begraben lassen. – Ihrem Sarge folgte der katholische Priester, der tieftrauernde Albano, – und die Wagen vieler Vornehmen. Ihre nachgelassenen Bilder übergab eine alte würdige Frau, die schon seit längerer Zeit bei der Verstorbenen gewohnt, und die man im Hause unter dem Namen »Jungfer Marianne« kannte, dem berühmten Maler im Auftrage der Heimgegangenen. Albano ließ ein kostbares Marmorkreuz an dem Grabe aufstellen, auf dem mit goldenen Lettern nur zu lesen war:

Elisabeth.

Man zerbrach sich die Köpfe über den Zusammenhang des Ganzen. – Es war nur leider Niemand da den man ausfragen konnte; Albano reiste am Tage der Kreuzaufstellung nach Italien, ohne von Jemand Abschied zu nehmen, und ließ nie wieder von sich hören. –

Die alte Marianne fand eine neue Heimath in dem Hause des neuen protestantischen Pastors in M. Er kam selbst, um sie von F. abzuholen. Sie sollte ihm den Haushalt führen, da er unverheirathet war und blieb. Sein Name war Gottfried Berger.

Mit seinem neuen Kollegen in N., denn Elisabeths alter Freund ruhte ja längst schon aus von seiner Arbeit in der kühlen Erde, verkehrte er auf das Freundlichste. – Gottfrieds Lieblingsplatz blieb jene Stelle an der Mauer des Gartens, wo man auf die grünen Gräber des Friedhofes schaute, und zu seiner Grabschrift hatte er sich den Spruch bestellt: »Wer viel liebet, dem wird viel vergeben werden.«

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