Knoblauchhaus

Kleinkram


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[[Datei:Chodowiecki Basedow Tafel 56 c Z.jpg|mini|Werkstatt eines Drahtziehers bzw. Nadlers, um 1770]]
 
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Der Name des Hauses geht auf die Berliner Kaufmannsfamilie Knoblauch zurück. Deren Ursprünge lassen sich lückenhaft bis ins 14.&nbsp;Jahrhundert zurückverfolgen. Die Familie hatte ihren ursprünglichen Sitz in den [[Oberungarn|oberungarischen]] Städten [[Košice|Kaschau]] und [[Bratislava|Pressburg]]. Michael Knoblauch, das früheste bekannte Mitglied der Familie, muss bereits Ende des 14.&nbsp;Jahrhunderts das hohe Amt eines Stadtrates von Kaschau bekleidet haben. Ein vorläufiger wirtschaftlicher „Durchbruch“ gelang Johann Heinrich Knoblauch im 17.&nbsp;Jahrhundert. Mit seiner Tätigkeit als [[Drahtzieher (Beruf)|Drahtzieher]] brachte er es in Pressburg zu großem Wohlstand. Die Zugehörigkeit zur evangelischen Minderheit setzte die Familie jedoch politisch zunehmend unter Druck, denn nach dem gescheiterten protestantischen [[Aufstand von Franz II. Rákóczi|Aufstand unter Fürst Franz&nbsp;II. Rákóczi]] trieben die [[Habsburg]]er die [[Rekatholisierung]] in Ungarn entschieden voran. Johann Heinrich Knoblauch entschloss sich zur Flucht. Der Glaubensflüchtling ließ sich in [[Heegermühle]] nieder, wo er in einem [[Messingwerk Finow|Messingwerk]] angestellt wurde.<ref>Azra Charbonnier: ”Carl Heinrich Eduard Knoblauch. 1801–1865. Architekt des Bürgertums”, Deutscher Kunstverlag, München/Berlin 2007, S.&nbsp;11.</ref> Die Niederlassung der Familie in Berlin sollte erst unter dem Enkel erfolgen: Zunächst, im Jahr 1738, wurde Johann Christian Knoblauch (1723–1790) Lehrling bei dem Nadlermeister<ref> Anmerkung: Der Nadler war ein Handwerksberuf, der sich auf die Bearbeitung von Drähten spezialisiert hatte. Er stellte Näh-, und Stecknadeln, aber auch Haken, Ösen, Stifte, Schnallen, Kämme, Siebe, Käfige und Fenstergitter her, vgl. hierzu Herbert Aagard, ”Nadler”, In Reinhold Reith (Hg.), ”Lexikon des alten Handwerks Vom späten Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert”, München 1991, S. 172-176, hier S. 172.</ref> Göricke. Während der Lehre eignete er sich Fähigkeiten bei der Herstellung und dem Verkauf von [[Karabinerhaken]], Ösen, Ketten und Korkadendrähte an. Auf diese Erzeugnisse war die preußische Armee [[Friedrich II. (Preußen)|Friedrichs&nbsp;II.]] angewiesen. Nach dem Erwerb des Berliner Bürgerrechts 1750 machte sich Johann Christoph Knoblauch als Nadlermeister selbstständig. Der Bedarf des [[Preußische Armee|preußischen Heere]]s verschaffte ihm eine stetige Einnahmequelle. Mitten im [[Siebenjähriger Krieg|Siebenjährigen Krieg]] folgte 1759 der Kauf eines Grundstücks, auf dem sich heute das Knoblauchhaus befindet.<ref>Azra Charbonnier: ”Carl Heinrich Eduard Knoblauch. 1801–1865. Architekt des Bürgertums”, Deutscher Kunstverlag, München/Berlin 2007, S.&nbsp;11. und Kurator Jan Mende: ”Das Knoblauchhaus Berlin: Alltag im Biedermeier”, Verlag M, Berlin 2013, S.&nbsp;33–35.</ref>
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Der Name des Hauses geht auf die Berliner Kaufmannsfamilie Knoblauch zurück. Deren Ursprünge lassen sich lückenhaft bis ins 14.&nbsp;Jahrhundert zurückverfolgen. Die Familie hatte ihren ursprünglichen Sitz in den [[Oberungarn|oberungarischen]] Städten [[Košice|Kaschau]] und [[Bratislava|Pressburg]]. Michael Knoblauch, das früheste bekannte Mitglied der Familie, muss bereits Ende des 14.&nbsp;Jahrhunderts das hohe Amt eines Stadtrates von Kaschau bekleidet haben. Ein vorläufiger wirtschaftlicher „Durchbruch“ gelang Johann Heinrich Knoblauch im 17.&nbsp;Jahrhundert. Mit seiner Tätigkeit als [[Drahtzieher (Beruf)|Drahtzieher]] brachte er es in Pressburg zu großem Wohlstand. Die Zugehörigkeit zur evangelischen Minderheit setzte die Familie jedoch politisch zunehmend unter Druck, denn nach dem gescheiterten protestantischen [[Aufstand von Franz II. Rákóczi|Aufstand unter Fürst Franz&nbsp;II. Rákóczi]] trieben die [[Habsburg]]er die [[Rekatholisierung]] in Ungarn entschieden voran. Johann Heinrich Knoblauch entschloss sich zur Flucht. Der Glaubensflüchtling ließ sich in [[Heegermühle]] nieder, wo er in einem [[Messingwerk Finow|Messingwerk]] angestellt wurde.<ref>Azra Charbonnier: ”Carl Heinrich Eduard Knoblauch. 1801–1865. Architekt des Bürgertums”, Deutscher Kunstverlag, München/Berlin 2007, S.&nbsp;11.</ref> Die Niederlassung der Familie in Berlin sollte erst unter dem Enkel erfolgen: Zunächst, im Jahr 1738, wurde Johann Christian Knoblauch (1723–1790) Lehrling bei dem Nadlermeister<ref> Anmerkung: Der Nadler war ein Handwerksberuf, der sich auf die Bearbeitung von Drähten spezialisiert hatte. Er stellte Näh-, und Stecknadeln, aber auch Haken, Ösen, Stifte, Schnallen, Kämme, Siebe, Käfige und Fenstergitter her, vgl. hierzu Herbert Aagard, ”Nadler”, in: Reinhold Reith (Hrsg.), ”Lexikon des alten Handwerks Vom späten Mittelalter bis ins 20.&nbsp;Jahrhundert”, München 1991, S.&nbsp;172–176, hier S.&nbsp;172.</ref> Göricke. Während der Lehre eignete er sich Fähigkeiten bei der Herstellung und dem Verkauf von [[Karabinerhaken]], Ösen, Ketten und Korkadendrähte an. Auf diese Erzeugnisse war die preußische Armee [[Friedrich II. (Preußen)|Friedrichs&nbsp;II.]] angewiesen. Nach dem Erwerb des Berliner Bürgerrechts 1750 machte sich Johann Christoph Knoblauch als Nadlermeister selbstständig. Der Bedarf des [[Preußische Armee|preußischen Heeres]] verschaffte ihm eine stetige Einnahmequelle. Mitten im [[Siebenjähriger Krieg|Siebenjährigen Krieg]] folgte 1759 der Kauf eines Grundstücks, auf dem sich heute das Knoblauchhaus befindet.<ref>Azra Charbonnier: ”Carl Heinrich Eduard Knoblauch. 1801–1865. Architekt des Bürgertums”, Deutscher Kunstverlag, München/Berlin 2007, S.&nbsp;11. und Kurator Jan Mende: ”Das Knoblauchhaus Berlin: Alltag im Biedermeier”, Verlag M, Berlin 2013, S.&nbsp;33–35.</ref>
  
 
=== Familiengeschichte ab dem Bau des Hauses ===
 
=== Familiengeschichte ab dem Bau des Hauses ===
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[[Datei:B-NikKnoblauch.JPG|mini|Knoblauchhaus und Umgebung]]
 
[[Datei:B-NikKnoblauch.JPG|mini|Knoblauchhaus und Umgebung]]
Die Lage des Grundstückes im vornehmen Nikolaiviertel bezeugte den sozialen Aufstieg der Familie. In direkter Nachbarschaft standen die Häuser von Höflingen, Beamten und Händlern. Diesem Umfeld entsprechend ließ Johann Christian Knoblauch das Vorgängergebäude, ein [[Fachwerkhaus]], abtragen. An dessen Stelle errichtete er das heutige dreigeschossige Gebäude.<ref>Azra Charbonnier: ”Carl Heinrich Eduard Knoblauch. 1801–1865. Architekt des Bürgertums”, Deutscher Kunstverlag, München/Berlin 2007, S.&nbsp;11.</ref> Um 1780 stieg Johann Christian Knoblauch in das vom preußischen König geförderte Textilgewerbe ein. Im Erdgeschoss des Knoblauchhauses eröffnete er einen Laden für Seiden- und Tuchwaren. Der älteste Sohn Christian Ludwig Knoblauch wurde zu den in Europa führenden Textilmanufakturen geschickt, von wo aus er Wissen über die aktuellen französischen Modetrends sammeln sollte. Die Tochter heiratete in die einflussreiche Seidenhändlerfamilie Keibel ein. Der zweitälteste Sohn Carl Friedrich Knoblauch befasste sich auf seiner mehrjährigen Reise mit der Herstellung von Seidenbändern, dem zukünftig bedeutendsten Wirtschaftszweig der Familie. Im Jahr 1790 starb das Familienoberhaupt Johann Christian Knoblauch. Damit ging das Knoblauchhaus in den Besitz von Carl Friedrich Knoblauch (1765–1813) über, denn der ältere Bruder Christian Ludwig Knoblauch schuf eine eigenständige Seitenlinie der Familie mit Sitz in [[Frankfurt am Main]].<ref>Azra Charbonnier: ”Carl Heinrich Eduard Knoblauch. 1801–1865. Architekt des Bürgertums”, Deutscher Kunstverlag, München/Berlin 2007, S.&nbsp;12. und Kurator Jan Mende: ”Das Knoblauchhaus Berlin: Alltag im Biedermeier”, Verlag M, Berlin 2013, S.&nbsp;35.</ref>  
 
  
Carl Friedrich Knoblauch konnte den wirtschaftlichen Erfolg der Familie fortführen. Ihm gehörten eine Seidenbandmanufaktur am [[Mühlendamm (Berlin)|Mühlendamm]], die er 1789 gegründet hatte, und eine Seidenbandhandlung im Knoblauchhaus. Er war auch im [[Verlagssystem|Verlagswesen]] tätig, d. h. er stellte Berliner Webern von ihm aufgekaufte Stoffe zur Verfügung. Im Gegenzug erhielt er deren Fertigprodukte und verkaufte diese weiter, beispielsweise auf der Leipziger oder Frankfurter Messe. Zum kleineren Teil importierte er Seidenbänder aus Frankreich und der Schweiz. Im Jahr 1806 ließ er die Barockfassade des Knoblauchhauses mit einem Ranken[[Fries|fries]] am Obergeschoss [[Klassizismus|klassizistisch]] umgestalten. Politisch positionierte sich Carl Friedrich im Gegensatz zu seinem Sohn [[Carl Friedrich Wilhelm Knoblauch|Carl Friedrich Wilhelm]] napoleonfreundlich. Dies trug zu Spannungen innerhalb der Familie bei. Nach dem Ende von Napoleons [[Russlandfeldzug 1812|Russlandfeldzug]] 1813 kümmerte sich Carl Friedrich um die Einquartierung und Verpflegung der französischen Soldaten. Vermutlich infizierte er sich hierbei mit [[Typhus]] und verstarb daran kurze Zeit später.<ref>Azra Charbonnier: ”Carl Heinrich Eduard Knoblauch. 1801–1865. Architekt des Bürgertums”, Deutscher Kunstverlag, München/Berlin 2007, S.&nbsp;12-13. Kurator Jan Mende: ”Das Knoblauchhaus Berlin: Alltag im Biedermeier”, Verlag M, Berlin 2013, S.&nbsp;37.</ref>  
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Die Lage des Grundstücks im vornehmen Nikolaiviertel bezeugte den sozialen Aufstieg der Familie. In direkter Nachbarschaft standen die Häuser von Höflingen, Beamten und Händlern. Diesem Umfeld entsprechend ließ Johann Christian Knoblauch das Vorgängergebäude, ein [[Fachwerkhaus]], abtragen. An dessen Stelle errichtete er das heutige dreigeschossige Gebäude.<ref>Azra Charbonnier: ”Carl Heinrich Eduard Knoblauch. 1801–1865. Architekt des Bürgertums”, Deutscher Kunstverlag, München/Berlin 2007, S.&nbsp;11.</ref> Um 1780 stieg Johann Christian Knoblauch in das vom preußischen König geförderte Textilgewerbe ein. Im Erdgeschoss des Knoblauchhauses eröffnete er einen Laden für Seiden- und Tuchwaren. Der älteste Sohn Christian Ludwig Knoblauch wurde zu den in Europa führenden Textilmanufakturen geschickt, von wo aus er Wissen über die aktuellen französischen Modetrends sammeln sollte. Die Tochter heiratete in die einflussreiche Seidenhändlerfamilie Keibel ein. Der zweitälteste Sohn Carl Friedrich Knoblauch befasste sich auf seiner mehrjährigen Reise mit der Herstellung von Seidenbändern, dem zukünftig bedeutendsten Wirtschaftszweig der Familie. Im Jahr 1790 starb das Familienoberhaupt Johann Christian Knoblauch. Damit ging das Knoblauchhaus in den Besitz von Carl Friedrich Knoblauch (1765–1813) über, denn der ältere Bruder Christian Ludwig Knoblauch schuf eine eigenständige Seitenlinie der Familie mit Sitz in [[Frankfurt am Main]].<ref>Azra Charbonnier: ”Carl Heinrich Eduard Knoblauch. 1801–1865. Architekt des Bürgertums”, Deutscher Kunstverlag, München/Berlin 2007, S.&nbsp;12. und Kurator Jan Mende: ”Das Knoblauchhaus Berlin: Alltag im Biedermeier”, Verlag M, Berlin 2013, S.&nbsp;35.</ref>  
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Carl Friedrich Knoblauch konnte den wirtschaftlichen Erfolg der Familie fortführen. Ihm gehörten eine Seidenbandmanufaktur am [[Mühlendamm (Berlin)|Mühlendamm]], die er 1789 gegründet hatte, und eine Seidenbandhandlung im Knoblauchhaus. Er war auch im [[Verlagssystem|Verlagswesen]] tätig, d.&nbsp;h. er stellte Berliner [[Weber]]n von ihm aufgekaufte Stoffe zur Verfügung. Im Gegenzug erhielt er deren Fertigprodukte und verkaufte diese weiter, beispielsweise auf der [[Leipziger Messe|Leipziger]] oder [[Messe Frankfurt|Frankfurter Messe]]. Zum kleineren Teil importierte er Seidenbänder aus [[Frankreich]] und der [[Schweiz]]. Im Jahr 1806 ließ er die Barockfassade des Knoblauchhauses mit einem Ranken[[fries]] am Obergeschoss [[Klassizismus|klassizistisch]] umgestalten. Politisch positionierte sich Carl Friedrich Knoblauch im Gegensatz zu seinem Sohn [[Carl Friedrich Wilhelm Knoblauch|Carl Friedrich Wilhelm]] napoleonfreundlich. Dies trug zu Spannungen innerhalb der Familie bei. Nach dem Ende von [[Napoleon]]s [[Russlandfeldzug 1812|Russlandfeldzug]] im Jahr 1813 kümmerte sich Knoblauch um die Einquartierung und Verpflegung der französischen Soldaten. Vermutlich infizierte er sich hierbei mit [[Typhus]] und verstarb daran kurze Zeit später.<ref>Azra Charbonnier: ”Carl Heinrich Eduard Knoblauch. 1801–1865. Architekt des Bürgertums”, Deutscher Kunstverlag, München/Berlin 2007, S.&nbsp;12-13. Kurator Jan Mende: ”Das Knoblauchhaus Berlin: Alltag im Biedermeier”, Verlag M, Berlin 2013, S.&nbsp;37.</ref>  
  
 
Für das 1813 gestiftete [[Eisernes Kreuz|Eiserne Kreuz]] lieferte die Firma die dazu nötigen Seidenbänder.<ref>Zur Firmengeschichte siehe Jan Mende: ”Berliner Leben im Biedermeier: Knoblauchhaus”, Berlin 2007, S.&nbsp;18–21.</ref> Im Haus der wohlhabenden und mit den Bankiersfamilien Keibel und Franz verschwägerten Familie waren Persönlichkeiten wie [[Wilhelm von Humboldt]], [[Karl Friedrich Schinkel]], [[Christian Friedrich Tieck]], [[Heinrich Friedrich Karl vom und zum Stein|Freiherr vom und zum Stein]] und viele andere Künstler, Schriftsteller oder Techniker gern gesehene Gäste. Die Besitzer des [[Böhmisches Brauhaus|Böhmischen Brauhauses]], [[Armand Knoblauch]] und [[Bernhard Knoblauch]], waren Urenkel des Erbauers des Knoblauchhauses.
 
Für das 1813 gestiftete [[Eisernes Kreuz|Eiserne Kreuz]] lieferte die Firma die dazu nötigen Seidenbänder.<ref>Zur Firmengeschichte siehe Jan Mende: ”Berliner Leben im Biedermeier: Knoblauchhaus”, Berlin 2007, S.&nbsp;18–21.</ref> Im Haus der wohlhabenden und mit den Bankiersfamilien Keibel und Franz verschwägerten Familie waren Persönlichkeiten wie [[Wilhelm von Humboldt]], [[Karl Friedrich Schinkel]], [[Christian Friedrich Tieck]], [[Heinrich Friedrich Karl vom und zum Stein|Freiherr vom und zum Stein]] und viele andere Künstler, Schriftsteller oder Techniker gern gesehene Gäste. Die Besitzer des [[Böhmisches Brauhaus|Böhmischen Brauhauses]], [[Armand Knoblauch]] und [[Bernhard Knoblauch]], waren Urenkel des Erbauers des Knoblauchhauses.